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Horst Althaus

Hegel
und
Die heroischen Jahre
der Philosophie

Eine Biographie

Carl Hanser Verlag


ISBN 3-446-16556-8
Alle Rechte vorbehalten
© 1992 Carl Hanser Verlag München Wien
Satz: Friedrich Pustet, Regensburg
Druck und Bindung:
Freiburger Graphische Betriebe, Freiburg
Printed in Germany
Inhalt

Einleitung
11

Erstes Kapitel
Herkunft
23

Zweites Kapitel
Im Tübinger Stift
36

Drittes Kapitel
Zwischen Monarchie und Republik
46

Viertes Kapitel
Hofmeisterjahre
51

Fünftes Kapitel
SchellingsLehrling
59

Sechstes Kapitel
Das Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus
66

Siebentes Kapitel
Jena gegen Tübingen
70

Achtes Kapitel
Hölderlin
77

Neuntes Kapitel
Schelling
82
Zehntes Kapitel
Zwischen Bern und Frankfurt
92

Elftes Kapitel
Theologische Schriften
98

Zwölftes Kapitel
Nachträge zur philosophischen Theologie
108

Dreizehntes Kapitel
Die Stuttgarter Freundin
114

Vierzehntes Kapitel
Hegels Abschied von Frankfurt
120

Fünfzehntes Kapitel
Frankfurter Studien
124

Sechzehntes Kapitel
Der Privatdozent
139

Siebzehntes Kapitel
Bürgerliche Verhältnisse
170

Achtzehntes Kapitel
Differenz mit Schelling
183

Neunzehntes Kapitel
Phänomenologie des Geistes
191
Zwanzigstes Kapitel
Als Journalist in Bamberg
219

Einundzwanzigstes Kapitel
Ankündigung der Wende
232

Zweiundzwanzigstes Kapitel
Im Nürnberger Schulamt
239

Dreiundzwanzigstes Kapitel
Die Ungeheuerlichkeit der Vernunft:
Wissenschaft der Logik
261

Vierundzwanzigstes Kapitel
Die Heidelberger Professur
281

Fünfundzwanzigstes Kapitel
Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften
291

Sechsundzwanzigstes Kapitel
Friedrich Heinrich Jacobi
298

Siebenundzwanzigstes Kapitel
Feudalismus oder Monarchie
305

Achtundzwanzigstes Kapitel
Von Baden nach Preußen
311

Neunundzwanzigstes Kapitel
Der preußische Staatsphilosoph
328
Dreißigstes Kapitel
Rechtsphilosophie
353

Einunddreißigstes Kapitel
Der unerkannte Gegenspieler
368

Zweiunddreißigstes Kapitel
Philosophie der Geschichte
376

Dreiunddreißigstes Kapitel
Die niederländische Reise
402

Vierunddreißigstes Kapitel
Ästhetik
408

Fünfunddreißigstes Kapitel
Die Reise ins Habsburgische
434

Sechsunddreißigstes Kapitel
Geschichte der Philosophie
442

Siebenunddreißigstes Kapitel
Die Reise nach Frankreich. Besuch in Weimar
477

Achtunddreißigstes Kapitel
Naturphilosophie
488

Neununddreißigstes Kapitel
Im Schatten: Das Ende von Ludwig Fischers
trauriger Geschichte
512
Vierzigstes Kapitel
Philosophie der Religion
5J9

Einundvierzigstes Kapitel
Ein politisches Wort letzter Hand:
Über die englische Reform Bill
545

Zweiundvierzigstes Kapitel
Der philosophische Absolutissimus
558

Dreiundvierzigstes Kapitel
Das Ende
576

Vierundvierzigstes Kapitel
Hegel und Hegelianisches
582

Bibliographie
617

Namenregister
641
Einleitung

Der Anteil Hegels an den in unserer Zeit geläufigen


Denkvorstellungen ist auch da, wo er nicht eingestanden
ist, gewaltig und unübersehbar. Ohne die Hegelsche Phi-
losophie und ihre Nachwirkungen wäre der weitere Ab-
lauf der Geschichte ein anderer gewesen.
Aber mit den Nachwirkungen ist das Hegelsche Denken
aus seiner ursprünglichen Umlaufbahn herausgelangt, es
hat in ihnen Umgestaltungen erfahren, die einerseits über
Hegel hinausführten, andererseits hinter Hegel zurück-
blieben, sich jedoch hier wie dort von seinem Kern niemals
haben lösen können.
Es stellt sich darum heute aus der Rückschau, nach
mehr als hundertfünfzig Jahren seit seinem Tode und
dringlicher als zu jeder anderen Zeit, die Frage: Lassen
sich die Nachwirkungen der Hegelschen Philosophie ver-
stehen, ohne auf Hegel selbst zurückzugehen, sie bis auf
ihren Ausgang zurückzuverfolgen?
Eindringen in Hegels Denken bedeutet immer auch
Ansetzen bei den Lebensvorgängen, in denen sich dieses
Denken entwickelt und organisiert hat. Die Einheit von
Sein und Denken gehört zu den großen Einsichten, die
Hegel philosophisch zur Geltung gelangen läßt. Sie ist bei
ihm ein aller Sprache vorausgehendes Erstes, das, was
»gesetzt« ist, was seinen »objektiven Idealismus« von
Kants »subjektivem« unterscheidet. Denken kennt in die-
ser »Setzung« keinen Ruhepunkt. In der unaufhörlichen
Bewegung, in der es sich befindet, gibt es keinen Einlei-
tungsparagraphen und kein Schlußresümee, dafür im-
mer neues Setzen und Verwandlung des Gesetzten, das als
»Begriff« auf die Fahrt ins Ungewisse geschickt wird.
Das bedeutet zugleich Eintreten in ein großes Laby-
rinth, in das, wie es der Streit um Hegel gezeigt hat und
unaufhörlich zeigt, die Hegeldeutung nicht immer hinrei-
chend Licht gebracht hat. Was »Hegelsche Philosophie«
ist, hat sich nie ohne weiteres bestimmen lassen, es muß

11
sich immer erst aufs neue herausstellen. Man braucht hier
nicht an den Streit der hegelschen Schulen zu denken, in
denen sich der Zerfall des »Systems« bereits kurz nach
seinem Tode abzeichnete, ohne daß die »Methode« da-
von betroffen worden wäre, weil zu ihr die antidogmati-
sche Anwendung gehört. Die Hegelsche »Methode« ist
die Methode des großen Gegners jeglichen Dogmatis-
mus.
Es gilt hier und kann immer nur gelten, auf dem Wege
zu Hegel zu sein: ohne die Sicherheit des Erreichens.
Wohl gibt es gewisse Erleichterungen für den Zugang,
nämlich durch die aus Hegels Leben und seiner Lebens-
geschichte herausgewachsenen Vorstellungen, die er auf
ihren »Begriff« zurückführt. Hegels Philosophie ist dabei
keine »Lebensphilosophie« wie die seines späteren Gegen-
spielers Schopenhauer, aber sie hat in ihren »Abstraktio-
nen« doch Lebendiges, Organisches, aus der biographi-
schen Erfahrung Gewonnenes hereingenommen. Hegels
Denken geht aus seiner Natur hervor, es ist ein Denken
»von den Anfängen her«, wie bei den griechischen Natur-
philosophen, wie bei Descartes, Kant, Fichte; es ist mit
dem »Sein« wie mit dem »Nichts« vertraut, es ringt sich
aus der Anlage zur Zerspaltenheit zum »Ganzen« durch,
in das wie auf dem Höhepunkt einer Bewegung tiefe Risse
geschlagen werden und wo die »Idee«, etwa in den histori-
schen Religionen, ihre »Entfremdung« erfährt. Diesem
Dissonieren steht natürlich das große Harmonieregister
der Griechen gegenüber, die Hegel über alle stellt und
denen in der nachgeborenen Gestalt Goethes zu begegnen
er als besonderes Glück und auch als Anstoß zu seiner
Erweckung für das Phänomen der Kunst empfunden hat.
Und dann die große politische Tätergestalt, der er als
Zeitgenosse in Napoleon begegnet, dessen Aufstieg er mit
Bewunderung beiwohnt und an dem, als er ihn unterge-
hen sieht, sich für ihn die Logik der Geschichte ihr Bei-
spiel ausgesucht hat. Hier war jemand aus der Asche der
Revolution aufgestiegen und dann, nachdem er im Na-
men des »Weltgeistes« das zu verrichtende Erneuerungs-
werk vollbracht hat, aus der Geschichte abgetreten. An

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Napoleon hatte der »Weltgeist« ein Exempel dafür statu-
iert, wie das Vorrücken der Geschichte unerläßlich an die
»Leidenschaften« gebunden ist; sie sind in ihrer ganzen
Blindheit so notwendig, um sie in Gang zu setzen, wie die
Opfer, die für ihr Fortschreiten auf der »Schlachtbank
der Geschichte« entrichtet werden müssen: unabhängig
von der Moral, die über die im Namen der historischen
Notwendigkeit begangenen Verbrechen ihren Gerichts-
tag abhält.
Hier kommen wir bis dicht vor den Knotenpunkt für
Auseinanderstrebendes, hier begegnen sich die heute vor-
herrschenden Haupttendenzen des Hegelverständnisses:
Hegel in seiner authentischen Form verstehen zu wollen,
sein Denken an der historisch-kritisch ausgefilterten
Textgestalt zu demonstrieren, die aus den verschiedenen
Federn stammenden Nachschriften seiner Vorlesungen
auf ihre Nähe zu Hegels Vortrag hin zu befragen, Hegels
Philosophie aus sich und von ihren eigenen Voraussetzun-
gen her zu deuten, sie mit sich selbst enden zu lassen; oder
Hegel als den Gipfel der idealistischen Dialektik zu sehen,
die sich in ihm überschlägt und als »auf den Kopf gestell-
tes« Denken die notwendige Voraussetzung dafür ist, im
dialektischen Materialismus »auf die Füße gestellt« zu
werden.
Damit allein ist Hegel natürlich nicht Genüge getan.
Hegel wurde und wird bis heute für die verschiedensten
Thesen in Anspruch genommen. Es gibt einen revolutio-
nären Hegel, den Napoleon-Anhänger, den Anwalt so-
wohl der absoluten wie der aufgeklärten als auch der
konstitutionellen Monarchie, es gibt den Mann des absolut
gesetzten Staats, und zwar des Preußens nicht mehr der
Reform, sondern der Restauration, aber einer solchen mit
liberalen Zwischentönen. Es gibt einen Hegel der Krone,
deren Gewalt er durch die völlige Zerschlagung des Feu-
dalismus gestärkt sehen möchte, es gibt einen Freund der
Stände, der später ihr erbitterter Gegner sein wird. Es gibt
einen Hegel des Volkes. Der Theologe Hegel ist zugleich
Antitheologe. Als württembergischer Lutheraner wagt er
den Weg in die spinozistische Lehre von der Einen Sub-
13
stanz, die Pantheismus und zugleich Atheismus ist, und
entdeckt in der Logik wie in der Natur die Dreieinigkeit
als triadisch-genetisches Entwicklungsprinzip des Geistes.
Der Feind des Christentums in seiner katholisch-mittelal-
terlichen Form, das in der Hostie den Geist denunziert
und mit der Feudalgewalt im Bunde steht, bleibt immer in
Betracht zu ziehen auch wegen der aristotelisch-thomisti-
schen Elemente in seiner Logik.
Wohin man sieht: die Sache ist die Sache selbst und ihr
Widerspruch. Die Logik des Seins liegt immer auch in
ihrer Abstrusität. So ergibt sich der im Hegeischen Den-
ken angelegte Widerspruch aus dem Widerspruch, den
das Sein in sich hat. Nichts wäre, wenn es nicht den
Widerspruch gäbe.
Mit der Lehre vom Widerspruch, die Hegel in seiner
Wissenschaft der Logik von Grund auf entwickelt und die
das Kernstück seiner Dialektik bildet, hat er jenen Ein-
spruchskräften den Boden entzogen, die sein Denken
widerlegbar machen. Die Dialektik geht als »Negation« aus
dem Dampf der Anfechtungen ohne Schaden hervor.
Aber auch das bleibt wie jedes Reden über Hegels
Denken ein Reden in der Verkürzung, denn es reicht kein
Reden über Hegels Denken an ebendieses Denken heran.
Es enthält immer nur den Versuch des Nach-denkens
dessen, was bei Hegel schon vor-gedacht ist, ohne daß
dieser Versuch je voll zum Ziel führen könnte. Hegel hat
zu seiner Zeit die aus der Antike überkommenen Fragen
einer über Jahrtausende hinweg perennierenden Philoso-
phie nach Materie, Geist, Seele, nach Stoff, Form und
Inhalt und ihrer Beziehung zueinander aufgeworfen,
und selbst wenn er keine befriedigende Lösung fand, so
bestätigte sein Denken noch als ein zu »überwindendes«
Denken seine Unerläßlichkeit im Fortschreiten der Ge-
schichte. Im »Weltgeist« hat Hegel schließlich eine zweite
Instanz neben dem ins »Absolute« verwandelten Einen
Gott geschaffen, die nach eigenem Gutdünken befindet,
die trägt, beflügelt, Widerstände beiseite räumt, der sich
nichts entgegenstellen kann, die aber auch die Wendung
einleitet und zu Fall und Untergang führt. Und hier

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Übereinkünfte mit wie auch Trennendes von der »Welt-
seele« kennt!
Ist der Abstand eines deutenden Hegelverständnisses
zu Hegel selbst unüberwindbar, so läßt sich die Frage nach
dem authentischen Hegel nicht abweisen. Sie bleibt immer
akut. In ihr jedenfalls vereinigen sich die gegeneinander-
und auseinanderstrebenden Meinungen über Hegel. Sie
führt zur Grundlage, zu Hegel selbst, in dessen Leben von
den Voraussetzungen seiner Zeit, des geographisch-politi-
schen Raumes, der geschichtlichen Welt her im Einklang
mit seiner Philosophie Denken und Sein zusammenfallen.
Hegel ist Aufklärer, einer der größten innerhalb der
europäischen Bewegung unter diesem Namen, und
ebenso ist er von der Rätselhaftigkeit einer Sphinx. Un-
deutbares, Nichtaufzuschlüsselndes bleiben zurück. Das
wäre bis in die Tiefen der Gespaltenheit seiner Natur
zurückzuverfolgen, für die auch der lebende Hegel im-
mer wieder Zeugnisse gibt und die in seinem Denken
durchschlägt, hier mächtig wird und den fortwährenden
Wechsel von »Vereinigung« und »Entzweiung« hervor-
bringt.
Die Geschichte von Hegels Denken ist also immer aufs
engste mit der Geschichte seines Lebens verbunden. Aber
will man hier eine aufstrebende Linie im Sinne einer
fortschreitenden Entwicklung erkennen, gilt es sich vor-
zusehen. Denn eine solche Linie gibt es nicht. Als philoso-
phischer Schriftsteller hat Hegel nach der Phänomenologie
des Geistes seinen Höhepunkt in der großen Logik erreicht.
Die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften in ihrer
ersten Auflage bedeutet immer auch Anwendung von
System und Methode für den akademischen Unterricht.
Aber man wird nicht sagen können, daß die zweite und die
dritte Auflage der Enzyklopädie ausschließlich Verbesse-
rungen gegenüber der vorausgehenden darstellen. Das
gilt auch für seine Vorlesungen. Hegel beginnt 1816 in
Heidelberg damit, seine Enzyklopädie und seine Geschichte
der Philosophie vorzutragen. Von nun an zieht er mit den
Vorlesungen über Ästhetik, Geschichte der Religion, der
Natur- und Rechtsphilosophie, der Philosophie der Ge-
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schichte bis zum Tode unentwegt seine Bahn. Er setzt im
Stoff fort, bekräftigt, korrigiert aber auch, spitzt zu und
nimmt zurück, er verschärft und schwächt ab. Angesichts
des vollen Zusammenwirkens von »System« und »Me-
thode« geht jede Vorstellung von einer durchgängigen
Entwicklung fehl. Seine staatspolitischen Überzeugungen
hat Hegel zwischen Französischer Revolution, Aufstieg
Napoleons, Untergang des alten »Reichs«, dem Sturz
Napoleons, dem Preußen der Reformen und der Restau-
ration bis zur englischen Reform Bill von 1831 bei gleich-
zeitigem Durchhalten bestimmter Grundüberzeugungen
mehrere Male geändert. Unverkennbar bleibt seine sich
steigernde Anlehnung an den politischen Konservatis-
mus, die ihn zum philosophischen Geschäftsführer des
legitimistischen preußischen Staatsdenkens überhaupt
machte, und daneben jene unheimliche Untergründig-
keit, die die Legitimisten später veranlaßt, Hegel des
»Hochverrats« an jenem von ihnen immer mitgemeinten
Bund von Monarchie und Christentum zu bezichtigen.
Hegel hatte die Sache des Konservatismus und die der mit
ihm verbündeten Religion befestigt und, wenn man alles
zusammennahm, beides durch ihr Befragen schon ins
Wanken gebracht.
Nach dem »Alleszermalmer« Kant, der der Metaphysik
das Vertrauen entzogen hatte, hat Hegel, der sie zusam-
men mit Schelling wieder in ihre Rechte einsetzte, sozusa-
gen unter dem Mantel dieser rehabilitierten Metaphysik
und also mit ihrer Hilfe den historischen Ansprüchen von
Christentum und Monarchie als fest institutionalisierten
Gewalten seiner Zeit die alte Sicherheit endgültig genom-
men. Seit Hegel ist gegen allen möglichen Anschein das
Bewußtsein ihrer Unangefochtenheit unwiederbringlich
dahin. Durch die Vorstellung der Identität von Sein und
Nichtsein im Werden als einem der Hauptsätze seiner
Logik hat der Zweifel darin seinen Einzug gehalten. Eine
Religion, die darauf angewiesen ist, »philosophisch« ge-
rechtfertigt zu werden, hat schon vieles von ihrer urtüm-
lichen Kraft der Anfänge verloren, eine Bewegung oder
ein politischer Täter, auf dem Höhepunkt ihrer Wirksam-

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keit oder ihrer Macht angelangt, wissen gar nicht, wie
schlecht es in Wahrheit um ihre Sache bestellt ist. Wo
Hegel festigt, bereitet sich - in längeren Zeiträumen ge-
dacht - bereits der Einsturz vor. Wo Hegel stürzen läßt,
hilft er den Aufstieg anzubahnen. In richtiger Einschät-
zung der »Methode« haben die dialektischen Materiali-
sten ihre Hoffnungen nicht an Kants Vernunftsethik, an
die jakobinische Menschenrechtslehre Fichtes oder an
den revolutionären Impetus des jungen Schelling ge-
knüpft, sondern allein an den Kronanwalt der restaurier-
ten Monarchie im nachnapoleonischen Preußen. In der
»Methode« sind immer auch die unerläßlichen theoreti-
schen Mittel bereitgestellt, herrschende Systeme außer
Kraft zu denken. Aber für Hegel läßt die »Weltge-
schichte« als »der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit«
bloß ein zeitweiliges Atemholen zu, das Ausruhen ist ein
scheinbares. In Wirklichkeit ist es ein Sammeln der Kräfte
für einen neuen Aufbruch zum prozessierenden Vorrük-
ken des »Weltgeistes«, nicht Vorbereitung zum Eintreten
in ein Endstadium der Geschichte.
Als immer mitwirkend beim Versuch, Hegelschem
Denken Verständnis abzugewinnen, hat der historische
Hintergrund zu gelten, auf dem es ebenso wie das gelebte
Leben erfolgt- im Sinne der von Hegel selbst postulierten
Identität von Denken und Sein. In diesem Zusammen-
hang können die biographischen Tatsachen nicht ausge-
lassen werden, spielen sie eine konstituierende Rolle für
den Aufbau des Systems wie das Verfahren der Methode.
Von solcher Einsicht war bereits Karl Rosenkranz als
Verfasser der ersten Hegel-Biographie geleitet, der noch
als Schüler Hegels dem engeren Freundeskreis um ihn
angehört hatte. Diese persönliche Nähe bot naturgemäß
große Vorteile für die Kenntnis von zu Lebzeiten Hegels
miterfahrenen Ereignissen; was dagegen weiter zurück-
liegt, war dem Auge des Berichterstatters weitgehend
entzogen, so daß hier seine Zuverlässigkeit nachläßt. Für
seine Arbeit an der Lebensdarstellung hat er sich den
Nachlaß nach und nach ins abgelegene Königsberg her-
überschaffen lassen. Von vielen Interna, etwa denen, an
17
deren Bekanntwerden Hegel selbst kein Interesse haben
konnte, weiß Rosenkranz natürlich nichts, jedenfalls nicht
viel zu berichten. Auch die Hegeischen Korrespondenzen
liegen über weite Zeiträume außerhalb seines Gesichts-
kreises. Besondere Bedeutung gibt dem Buch die staats-
konservative Linie seiner Anschauungen als preußischer
Professor auf dem Lehrstuhl Kants und Herbarts, die
denjenigen des späten Hegel ins Moderate abgewandelt
entsprachen.
Anders Rudolf Haym in Hegel und seine Zeit. Mit seinem
Namen verbinden sich Erwartungen des politischen Kon-
stitutionalismus an die Philosophie. Seine Tendenzen, die
zu ihrer Zeit schon als die eines Altliberalen empfunden
wurden, konnten zwangsläufig nicht aus dem Hegeischen
System hervorgehen, das ja mit dem politischen Liberalis-
mus sehr ungnädig verfahren war, sie zeigten indessen
den Weg eines dem demokratischen Bürgertum sich ver-
bunden fühlenden Schriftstellers auf, der in der Frank-
furter Nationalversammlung der Mitte angehörte, als He-
gel-Biograph ausdrücklich auf Rosenkranz aufbaut und
ihn durch die ihm von Hegels Söhnen zur Verfügung
gestellten, oft schwer entzifferbaren Manuskripte mit zu-
sätzlichen Kenntnissen ergänzt. An die Ankündigung des
Vorworts, daß es sich »nicht um eine panegyrische Dar-
stellung des Lebens und der Lehre« Hegels handelt, hat er
sich strikt gehalten und durch den insbesondere gegen
dessen Rechtsphilosophie erhobenen Vorwurf, die »wis-
senschaftlich formulierte Rechtfertigung des Karlsbader
Polizeisystems« zu sein, die Vorstellung von Hegel als
Protagonisten des politischen Rückschritts und der Staats-
vergötterung stützen helfen, was heftige Repliken von
Rosenkranz und auch der Hegelschen Familie auslöste.
Kuno Fischers zweibändiges Werk ist das eines Rechts-
hegelianers der zweiten Generation. Zugleich ist es auf
dem Boden viel breiter ausgeführter lebensgeschichtli-
cher Befunde ein Beispiel für eine ins Positivistische hin-
einreichende Vorurteilslosigkeit des Philosophiehistori-
kers, der seine Arbeit in die Reihe ähnlich angelegter
Bücher über Spinoza, Descartes, Kant, Schelling, Scho-
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penhauer einfügt. Und es ist das Werk eines Mitbeherr-
schers der Universitätsszene des Heidelbergs nach der
Reichsgründung, das seinen Rang als geschlossenste, die
Fakten nach dem damaligen Kenntnisstand zuverlässig
berichtende Hegel-Biographie nicht eingebüßt hat, auf
die keine nachfolgende verzichten kann, auch wenn die
seitdem hinzugekommenen Einzelbeiträge zu den ver-
schiedenen Lebensabschnitten Hegels längst über sie hin-
ausgelangt sind.
An Wilhelm Diltheys Arbeit über Die Jugendjahre Hegels
hat die durch seinen Verfasser entscheidend mitbegrün-
dete geistesgeschichtliche Richtung großen methodischen
Anteil, wobei die Schleiermacherschen Vorstellungen von
der »Psychologie« und in der Weiterführung Hegels ne-
ben »Religion« und »Kunst« die »Weltanschauung« ihre
Rollen zugewiesen bekommen. Der lange anhaltende Sie-
geszug der Dilthey-Schule in den geisteswissenschaftli-
chen Disziplinen insbesondere an den deutschen Univer-
sitäten, der auch in Herman Nohls Herausgeberschaft
von Hegels Berner und Frankfurter Manuskripten wahr-
nehmbar ist, kann zugleich als ein Beweis dafür angese-
hen werden, daß die Hegelsche Naturphilosophie durch
die jedenfalls für Deutschland geltende fast völlige Unter-
drückung des Darwinismus als wissenschaftliche Biologie,
für die sie hätte interessant sein können, weitgehend um
ihre Wirkung gebracht wurde.
Theodor Haerings Hegel — Sein Wollen und Werk ist ein
dem Idealismus in seiner irrationalen Auslegung naheste-
hendes Werk, durch die dem dokumentarischen Material,
so wie es damals vorlag, verpflichtete Arbeitsweise mehr
monographischen als biographischen Charakters. Es ist
eine Entwicklungsgeschichte Hegels, die sein Autor mit
der Phänomenologie des Geistes abbrechen läßt und dies
damit begründet, daß hier und mit der auf ihr fußenden
Wissenschaft der Logik Hegel eigentlich schon abgeschlos-
sen ist - eine Meinung, der Heidegger nicht ganz fern
steht. Gegenüber den vorwärtsweisenden, aus der Aufklä-
rung herüberreichenden Perspektiven in Hegels Denken
mit ihren Wirkungen im 19. und 20. Jahrhundert behaup-
19
tet sich bei Haering der Hang, in die tiefen labyrinthi-
schen Gänge der theologischen und naturmystischen Spe-
kulation einzudringen und von der württembergischen
Geistesgeschichte her Hegel praktisch an Schelling heran-
zurücken.
Hermann Glockners biographischer Hegel-Beitrag in
der Stuttgarter Jubiläums-Ausgabe hat die sehr verbrei-
tete Vorstellung von einer Kant, Fichte, Hegel, Schelling
einschließenden deutschen Philosophie kultiviert, die
zweifellos ihr Recht hat, die aber leicht dem Mißverständ-
nis von einer irgendwie stillschweigend vorauszusetzen-
den oder daraus zu folgernden inneren Einheitlichkeit
Vorschub leistet und dadurch brüskiert wird, daß Hegel
von der idealistischen Linie Kants (und auch Fichtes) aus
die schärfste Kritik Kants geleistet hat, die überhaupt
geleistet worden ist und werden kann.
Arsenij Gulyga - gleichzeitig Biograph Kants und
Schellings — hat mit seiner Hegel-Biographie zum einen
an die Unerläßlichkeit der aus idealistischem Denken
heraus entwickelten »Vorgeschichte« der Aufhebung des
Idealismus erinnert, er hat zum anderen den Ausgang der
Hegeischen Dialektik beim frühen Schelling als dem Ur-
heber einer gemeinsamen Methode gesehen und unter
Berücksichtigung des kulturgeschichtlichen Fortschrei-
tens seiner Darstellung einen marxistischen Annex beige-
geben, der Hegel selbst eine Vorbereiterrolle durch die
dialektische Notwendigkeit einräumt, und zwar im Ein-
vernehmen mit Hegels Verständnis der »Weltgeschichte«,
die ein »Umsonst« nicht kennt.
Eintreten in den Prozeß des Hegeischen Denkens, so
unzulänglich es im einzelnen auch gelingen mag, bedeutet
immer, sich auf den Weg durch die graue Karstlandschaft
des Seins zu machen. Es ist ein Weg, auf dem mit der
»negativen Dialektik« (Adorno) als Mittel ein ins Unend-
liche hinein erfolgendes »objektiviertes Subjektwerden«
mit dem Zusammenfall von »Subjekt-Objekt« als Ziel, und
zwar als »Zusichselbstkommen« des »Geistes« im »absolu-
ten Geist«, stattfindet; eine Spekulation unerhörten Aus-
maßes, aber von Hegel sehr wohl aus den Verhältnissen
20
des eigenen Lebens heraus entwickelt: es sei denn, man
will Denken aus dem Zusammenhang des Lebens über-
haupt herauslösen und zu einer Angelegenheit von To-
tem für Totes machen.
Die Versuche zur Erfassung von Hegels Denken im
Zusammenhang mit seiner Lebensgeschichte, die Abhän-
gigkeit wie die Unabhängigkeit von ihr, sind über einzelne
biographische Abrisse hinausgehend gefördert worden
durch Beiträge vorwiegend monographischen Charakters
zur Stuttgarter, Tübinger, Berner, Frankfurter, Jenenser,
Bamberger, Nürnberger, Heidelberger, Berliner Zeit, des
weiteren die Materialienbände und ihre Ergänzung durch
die Briefedition von Johannes Hoffmeister, Friedhelm
Nicolin und Rolf Flechsig und die der zeitgenössischen
Berichte über Hegel von Günther Nicolin. Hier ist wie bei
der Fortführung der Werkeditionen noch alles in Bewe-
gung, ein Ende — Hegelschem Denken gemäß — außerhalb
jeder Erwägung. Das alles liegt außerhalb des Hegeischen
Denkens in seinem Vollziehen. Und solches Denken läßt
sich nur bei Hegel selbst mitvollziehen.

21
22
Erstes Kapitel
Herkunft

Als Hegel am 27. August 1770 in Stuttgart geboren


wurde, hatte bereits die Landschaft, in der das geschah,
kräftig an seinem künftigen Charakterbild mitgewirkt.
Hegel ist Württemberger und hat sich — auch noch als
späterer preußischer Beamter - als Württemberger ge-
fühlt.
Der Familienüberlieferung nach sind die Hegels Nach-
kommen von Einwanderern aus der Steiermark oder
Kärnten, die um die Mitte des 16.Jahrhunderts als ver-
folgte Protestanten in Württemberg Schutz suchten und
fanden, darunter ein Johann Hegel, von Beruf Kannegie-
ßer, der sich in Großbottwar niederließ und es noch zum
Bürgermeister dieses Städtchens im jetzigen Neckarkreis
brachte. Er gilt als der Stammvater mit zahlreicher in
Württemberg verbreiteter Nachkommenschaft, so der Pa-
stor Hegel, von dem Schiller getauft wurde, so auch
Hegels Vater Georg Ludwig, herzoglicher Rentkammer-
sekretär und späterer Expeditionsrat. Hegels Großvater
war Oberamtmann in Altensteig im Schwarzwald gewe-
sen, Hegels Mutter Maria Magdalena entstammte einer
seit dem 17. Jahrhundert in Stuttgart ansässigen Familie,
aus der Theologen, Juristen, Beamte hervorgegangen
waren und die über den mütterlichen Zweig auf Johannes
Brenz, den Reformator Württembergs, zurückging.
In Württemberg während der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts geboren zu werden bedeutete für einen
jungen Mann mit der Herkunft und den Interessen He-
gels eine hervorstechende Gunst. Württemberg hatte ne-
ben Sachsen und den sächsisch-thüringischen Landesfür-
stentümern im »Reich« das am weitesten entwickelte
Schulsystem. Preußen hinkte damals noch hinterher; als
kärglich besoldete Volksschullehrer standen ihm lediglich
ausgediente Soldaten und Kriegsinvaliden ausreichend
zur Verfügung.
Die klassischen Schullandschaften aber sind Sachsen
23
und Württemberg. Über Meißen, Grimma und Schul-
pforta zieht sich Sachsen seine Beamten heran, vornehm-
lich aber Theologen und Gymnasiallehrer, auf die es im
Staat eigentlich ankommt, Philologen, die, nachdem sie
ihren Homer gelesen haben und einen schönen lateini-
schen Stil schreiben können, mit dem Gefühl scheiden,
hinfort für jedes Amt gerüstet zu sein. Voll ausgebildet ist
schon ein Stipendiatensystem mit zwei Hauptkriterien für
die Auslese, die den »Christenmenschen«, seinen Glauben
und Wandel betreffen sowie dessen Fertigkeit in der
Grammatik der alten Sprachen. Herrscht hier Ordnung,
läßt sich über alles andere reden.
Als Württemberger sind die Schwaben zu Hegels Zeiten
der einzige auf einem geschlossenen staatlichen Territo-
rium lebende protestantische deutsche Volksteil südlich
der Mainlinie, und dies seit 1565, jenem Jahr, in dem nach
langen konfessionellen Kämpfen, aber dann unwiderruf-
lich, der Landtag das Augsburgische Bekenntnis zur allei-
nigen Landesreligion erklärt hatte. Damit unterscheiden
sie sich von den Schwaben des alten Habsburgischen
Besitzes, einem merkwürdigen Gebilde von Herrschaften,
die zum Teil, unzusammenhängend, wie sie waren, nie zu
einer politischen und kulturellen Einheit gefunden hat-
ten. »Osterreichisch-Schwaben« ist zusammen mit Vorarl-
berg und dem Breisgau Vorderösterreich zugehörig und
bis 1752 von Innsbruck, später von Freiburg aus regiert
worden. Diese Region mit ihren mittleren und kleineren
Flächenterritorien an der oberen Donau und im Norden
zählt zu den Nebenländern der Habsburgischen Krone,
sie kennt daneben freie Städte und reichsunmittelbare
Ritterschaften. Aber unter Karl Eugen beginnt man,
Schwaben mehr und mehr mit Württemberg gleichzuset-
zen, weil das Herzogtum mit seinen etwa 500000 Ein-
wohnern als straff zusammengehaltener Staat dieser Zer-
splitterung der außerhalb seiner Grenzen liegenden
schwäbischen Siedlungsgebiete und ihrer vorwiegend ka-
tholischen Bevölkerung neben simultanen (Biberach) und
Diaspora-Gebieten mächtig hervortreten läßt. Dort das
absolutistische Regiment eines Souveräns des 18. Jahr-

24
hunderts mit Teilnahme an der Aufklärung und mit
zentralistischer, pragmatischer, säkularisierter Verwal-
tung, hier Altertümlichkeit des «Reichs« mit starken feu-
dalen Resten, die dem Staat der omnipotenten Monarchie
zähen Widerstand entgegensetzen. Was »Staat«, »Monar-
chie« und »Feudalismus« als historische und politische
Gewalten bedeuten, war in Schwaben, wo sie nebeneinan-
der bestehen und sowohl miteinander als auch gegenein-
ander auftreten, an der Quelle in Erfahrung zu bringen.
Dazu kam in Württemberg eine Landeskirche, die über
alle Regierungswechsel hinweg seit der Reformation ih-
ren Einfluß ungeschmälert beibehielt und das Leben des
Untertans mitunter von der Geburt bis zum Tode sehr
genau kontrollierte.
Nichts zu übereilen ist in Schwaben ein Grundsatz mit
Vorrang. Gut Ding will Weile haben. Man muß erst in die
Jahre kommen, ins »Schwabenalter«, das mit vierzig be-
ginnt, bevor man klug wird. Der Gedanke braucht hier
eine längere Durchlaufzeit, um zur Reife zu gelangen.
Aber er hat dann oft Unerwartetes im Gefolge. Einen
Ausweg auf einfallsreiche Weise schaffen, das ist gute
schwäbische Art, die freilich auch die Umkehrung in die
Groteske des aller Vernünftigkeit spottenden »Schwa-
benstreichs« kennt.
Man darf sich hier vielleicht getrost der Charakterisie-
rung anvertrauen, die Friedrich Theodor Vischer in sei-
ner Streitschrift Dr. Strauß und die Württemberger gibt, für
die er durch seine Herkunft aus dem innersten Kern des
Stammes unbestreitbare Kompetenz mitbringt, wenn er
sie als die »Norddeutschen des Südens« sieht, und zwar
ihrer Konfession wegen. Das galt wohlgemerkt nur für
das Herzogtum, und es galt auch nach Vischer nur mit
Einschränkung; denn was der »Norddeutsche« bei ihnen
findet und nicht als Eigenes besitzt, ist »das süddeutsche
Behagen, das gesunde Phlegma, die frische Genußfähig-
keit, das Konkrete und Kompresse einer fest in sich zu-
sammengehaltenen Gemütswelt; er wird die wesentlich-
sten Elemente des Mittelalters hier finden; wie wird er sich
aber täuschen, wenn er darum meint, ein Naturvolk voll

25
heiterer Illusionen über die wichtigsten Angelegenheiten
des menschlichen Geistes zu treffen! In diesem weichen,
scheinbar behaglichen Elemente wird er auf die skrupulö-
seste Dialektik, auf die tiefsten Zweifel, auf das weiteste
Interesse an den spitzigsten Fragen moderner Bildung,
auf eine melancholische Entsagung, er wird auf so viel
Hamlet und Faust stoßen, daß seine etwaige Lust, sich zu
der erwarteten Naivität ironisch zu verhalten, sich selbst
als Naivität könnte zu stehen kommen.« Vischer nimmt
damit eine vermittelnde Stellung in der von Theodor
Storm und Eduard Mörike geführten Nord-Süd-Debatte
teil, wie sie angesichts des Aufstiegs Preußens als politi-
scher Kraft des deutschen Nordens während der 6oer und
70er Jahre des 19.Jahrhunderts die Korrespondenz
zweier unmittelbar durch ihre Landschaftsdichtung darin
verwickelte Autoren bestimmt. Und Vischer hat auch eine
Erklärung dafür: »Württemberg nahm die Reformation
mit einem Eifer, einer Entschiedenheit auf wie kein süd-
deutscher Staat. Die Religion, die Konfession ist eine
Probe des Menschen, sie geht bis in die Fußspitze ... Man
kann sagen, das Naturell des in unseren Gegenden ange-
siedelten Volksstammes hat eine besondere Empfänglich-
keit für dieses weltgeschichtliche Prinzip in sich getra-
gen ...« Das waren nicht nur Urteile eines bedeutenden
Hegelianers, der Vischer war, sondern gehört schon fast
zur Einführung in die Hegeische Philosophie. Weiter
hören wir: »auf der einen Seite poetischer Tief sinn, auf
der anderen die Kraft und Kühnheit des Zweifels, der
Kritik«. - »Der Schwabe ist lebhaft und flink wie alle
Weintrinker«, zu denen der »Norddeutsche« nicht ge-
hört, und er ist »phlegmatisch«. Vischer warnt ausdrück-
lich davor, das »Simplizissimusartige in uns« für bare
Münze zu nehmen. Ein solcher Eindruck des historischen
Schwaben, von dem bei Vischer die Rede ist, täuscht, er ist
mit dem faustisch-hamletischen Zwiespalt seiner »Doppel-
natur« nicht in Einklang zu bringen: »Es ist etwas Nach-
denkliches, Skrupulöses, Sorgenvolles, ja Tristes, was den
Schwaben auch in seinen Zerstreuungen verfolgt.«
Der Ton, mit dem sich Vischer zugleich auf die Seite der

26
Kritiker Schwaben-Württembergs, des Herzogtums ins-
besondere, auf das es ihm vor allem ankam, schlägt, liegt
woanders. Er hat eine höchst biographische Ursache. Was
Schiller, Hegel, Schelling (und für Vischer auch David
Friedrich Strauß) wurden, sind sie nicht durch Württem-
berg geworden: »Schwaben hat es freilich von jeher ge-
liebt, seine edelsten Kinder zu verleugnen. Es hat Schiller
erzeugt und fortgeschickt, es hat Schelling und Hegel
erzeugt und fortgeschickt.« Alle mit diesem Land und
seinen Bewohnern angestellten Rechnungen gehen nicht
auf: »Will man den Sinn des Württembergers in ein kurzes
Wort zusammenfassen: es ist, was der unlösbare Wider-
spruch scheint, das Moment der Reflexion in sich, des
freien und kritischen Selbstbewußtseins in der Form der
Naivität.«
Es bleibt zu fragen: War diese auf eine hegelsche For-
mel gebrachte Charakterisierung des »Württembergers«
aus der Hegeischen Philosophie, oder war die Hegelsche
Philosophie aus seinem Württembergertum, wie Vischer
es sieht, abgeleitet?
Aber das sind alles nur provisorische Wahrheiten, die
von der Wirklichkeit immer wieder überholt werden.
Schiller hatte das »Schwabenalter« noch längst nicht er-
reicht, als er die Räuber schrieb, und eine Anstrengung,
zum sprachlichen Stil zu finden, läßt sich bei ihm nicht
bemerken. Auch Hölderlin, ein anderer Wortgewaltiger,
bleibt in der Erinnerung als jugendlicher »Hellene« zu-
rück, die selbst das Alter mit seiner Tristesse nicht auslö-
schen kann. Beide, soweit sie auch auseinanderliegen,
sind zugleich immer Prediger, sie haben Botschaften zu
verkünden.
Der Prediger, der in ihnen steckt, wirft sie selbst in ihren
Höhenflügen wieder auf ihre Landschaft zurück, aus der
sie herausgewachsen sind. Denn der Prediger ist im Würt-
tembergischen unangefochtener Archetypus von Stadt
und Land: als Mann der Kanzel und des Talars, der
Schrift und der Schriftauslegung. Das eine ist ans andere
gebunden und schafft die im ganzen Herzogtum ihm
abgenommene Autorität. Vom Allgemeinen kann man

27
leicht zum Einzelnen gelangen, von der herrschenden
Orthodoxie zu den Erweckten im »Land«, den Anhän-
gern eines Bengel, Oetinger und Hahn, den pietistisch
Durchsäuerten, den Theosophen, den Mystikern, den
Spekulierern und Spintisierern, zur Idylle vom ländlichen
Pfarrhaus mit Rosengarten, das leidliches Wohlleben ge-
stattet, dicht beim Kirchturm mit dem Wetterhahn auf
dem Dach.
Württemberg ist ein Land der Städte, aber es gibt mit
Ausnahme der Residenzen Stuttgart und Ludwigsburg
keine strenge Trennung von »Stadt« und »Land«. Das
»Land« beginnt in der »Stadt«, es reicht tief in sie hin-
ein, ist mit seinen ackerbürgerlichen Quartieren bereits
Teil von ihr, kennt in ihren Häuserzeilen die Stallung von
Vieh und die Stapelung von Gerät zum Bewirtschaften
der außerhalb der Wohngebiete liegenden Äcker. Fried-
rich Theodor Vischer nennt 1849 Tübingen noch ein
»schmutziges ödes Dorf«. Durch seine engen Gassen wer-
den Kühe getrieben. Stuttgart ist nicht Dresden, sowenig
wie Lessing Schiller ist, es ist noch weniger Leipzig, das
Goethe zu der Zeit, als Hegel noch nicht geboren war,
bereits wie ein »Klein-Paris« erschien. Aber als Residenz
mit etwa 20 000 Einwohnern bietet es Behaglichkeit durch
seine Parks, Gärten, Promenaden und Geschäfte, die Lä-
den der Hoflieferanten, ein erheblicher Kontrast zum
bäuerlichen Umland. Die Gegend um das neue Schloß,
der nach Cannstatt hin angelegte englische Garten, die
rechtwinkligen Straßenanlagen der Vorstädte und der
Ludwigsburger Residenz sind klassisches 18.Jahrhun-
dert.
Nicht zuletzt durch Schillers Lebensumstände, die ihn
aus Staat und Residenz vertrieben, blieb der Eindruck
vom Württemberg Karl Eugens als einer Zuchtanstalt
unauslöschbar. Die Attribute des Absolutismus mit Will-
kür, Verschwendung, Mätressenwirtschaft der Franziska
von Hohenheim als ihrem Idol und dem Hohenasperg als
Kerker für die Staatsgefangenen fehlten hier nicht. Das
Schicksal des Dichters Schubart, den der Herzog heimtük-
kisch auf württembergisches Territorium gelockt hatte
28
und dort zehn Jahre auf schmählichste Weise gefangen-
hielt, hat das ganze Deutschland des alten »Reichs« em-
pört bis hin zu Friedrich dem Großen, der seine schließ-
liche Freilassung erwirkte. Aber das System wirkt wie
künstlich aufgelegt, es kann in die vorwiegend ländlichen
Lebensvorgänge kaum tiefer eindringen. Die Erinnerung
an das »gute alte Recht« ist nie verlorengegangen. Es
stand für den Feudalismus, den Hegel später unbarmher-
zig bekämpft, aber es stand auch für seine »gemütliche
Seite«, mit der die Stände der absoluten Monarchie Paroli
boten.
Doch es ist gerade der Absolutismus gewesen, der dem
Erziehungswesen in Württemberg modernisierende Im-
pulse verliehen hat gegenüber dem kirchlichen Monopol.
In der Karlsschule sucht der Herzog nicht Nachwuchs für
Kanzel und Schulstube, der in Schwaben seit Jahrhunder-
ten auch ohne ihn kräftig heranwächst, sondern neben
Offizieren Ärzte und Leute für die technischen und admi-
nistrativen Elitekader auszubilden. Und er nimmt sie
überall da, wo er sie findet. Schiller studiert Medizin und
Naturwissenschaften; er hat als Karlsschüler mit der
Theologie nichts mehr im Sinne.
Aber dieser Bildungsrealismus, wie er hier aufkommt,
bleibt dennoch im Württemberg weiterhin eine Sache
zweiten Ranges. Gegen das schwäbische Theologenwesen
wird er sich in der Folge noch lange nicht als gleichrangig
behaupten können. Der Weg, der für den künftigen Got-
tesmann eingeschlagen werden muß, ist der von den
kleinen Seminaren zur Universität Tübingen, auf klassi-
sche Weise der von Maulbronn oder Blaubeuren zum
Tübinger Stift. Wieder, wie in Sachsen, über ein stark
entwickeltes Stipendiatensystem, nur ohne den großen
Anspruch der »Fürstenschule« mit dem vom Namen aus-
gehenden Doppelsinn. Wir begegnen einer landeskirch-
lichen Anstalt ohne weiteren Aufhebens als Erziehungs-
stätte von Seminaristen mit dem Ziel der Ordination zum
beglaubigten Diener des Worts, zum Mann, in dem das
»schwäbische System« seine Erfüllung erfährt!
Das war auch der Weg, der Hegels Vater, dem Sekreta-

29
rius der herzoglichen Rentkammer, für seinen ältesten
Sohn vorschwebte. Der kommt schon mit drei Jahren in
die Deutsche Schule, mit fünf Jahren in die Lateinschule,
aber der Plan, ihn anschließend in eines der württem-
bergischen Vorbereitungsseminare zur Universität zu
schicken, wird fallengelassen. Statt dessen besucht er vom
siebten Jahre an — die Familie war ein Jahr zuvor aus der
eher populären Eberhardstraße in das neue wohlhaben-
dere Viertel der Röderschen Gasse umgezogen — das
Stuttgarter Gymnasium.
Das ist weniger und zugleich mehr. Als Abweichung
vom schwäbischen Schema erster Wahl bedeutet es weni-
ger, aus der Sicht und nach den Regeln der Stuttgarter
Hofgesellschaft bedeutet es mehr, wird auf dem Gymna-
sium illustre doch der Ausbildung hin zu gehobeneren
Verhältnissen Tribut gezollt. Seiner Stellung nach war der
Vater, wenn auch nicht Mann des Hofs, immerhin Mann
der Hofadministration. Aber das Gymnasium war nicht
die erste Schule in Stuttgart. Die besseren Lehrer und die
Zuneigung des Herzogs hatte die Karlsschule, die auch
der Bruder Ludwig besuchte, aber mit ihrer aufs Prakti-
sche eingestellten Richtung für Hegel nicht in Frage kam,
weil er Theologe werden sollte. Für den Eintritt ins länd-
lich gelegene Klosterseminar bestand bei Hegel nicht der-
selbe äußere Zwang wie bei Schelling oder Hölderlin als
jungen Leuten aus kleineren Städten und Ortschaften der
Umgebung.
Der Hegel des Stuttgarter Gymnasiums zeigt sich durch
und durch als Musterschüler, dem die Autorität der Leh-
rer so viel gilt, daß er ihren persönlichen Umgang nach-
drücklich sucht. So insbesondere den seines Klassenleh-
rers Löffler, der dem Achtjährigen eine Shakespeare-
Ausgabe in der Eschenburgschen Übersetzung schenkt
und den er auf Spaziergängen begleitet.
Anerkennung des Amts seiner Legitimität wegen! Da-
hinter steckt für den Schüler Hegel bereits eine erste
Erfahrung mit der »Geschichte«: »Geschichte« als »Welt-
geschichte«, wie er sie sich durch das Kompendium von
Schröckh zu eigen zu machen versucht! Was er an

30
Schröckhs Werk schätzt, trägt er am 27. Juni 1785 in sein
Tagebuch ein: »Er vermeidet den Ekel der vielen Namen
in einer Spezialhistorie, erzählt doch alle Hauptbegeben-
heiten, läßt aber klüglich die vielen Könige, Kriege, wo oft
ein paar Hundert Mann sich herumbalgten, und dgl. ganz
weg .. « Das bedeutet für ihn die Forderung nach einer
»pragmatischen Geschichte«. Was darunter zu verstehen
sei, beantwortet er an gleicher Stelle unter dem l.Juli:
»Eine pragmatische Geschichte ist, glaub' ich, wenn man
nicht bloß Facta erzählt, sondern auch den Charakter
eines berühmten Mannes, einer ganzen Nation, ihre Sit-
ten, Gebräuche, Religion und die verschiedenen Verän-
derungen und Abweichungen dieser Stücke von anderen
Völkern entwickelt; zeigt, was diese oder jene Begebenheit
oder Staatsveränderung für die Verfassung der Nation,
für ihren Charakter u. s. f. für Folgen gehabt...«
Der bei aller Weitläufigkeit doch vor allem humanisti-
schen Richtung der Schule hat der Vater durch Privat-
stunden des Sohnes beim Artillerieoberst Duttenhofer
entgegenzuwirken gesucht, der ihn in Geometrie und
Astronomie zusätzlich unterrichtet und gleichzeitig zur
Feldvermessung auf seinen Gängen mit ins Freie hinaus-
nimmt. Dessen Sohn gehört zum Kreis von Hegels eng-
sten Jugendfreunden. Der Vater ist es auch, dem nach
dem Tode seiner Frau während einer Ruhrepidemie die
häusliche Erziehung der drei Kinder — neben dem zweiten
Sohn Ludwig, der später Offizier wird, noch die Tochter
Christiane — zufällt. Hegel war damals dreizehn Jahre alt
und selbst so krank, daß man an seiner Rettung zweifelte,
aber er genas wieder. Er hat den Verlust der Mutter tief
beklagt und sehr schwer verwunden.
Den Schulpflichten hat sich Hegel mit außerordentli-
cher Sorgfalt unterzogen. Piaton und Sokrates bilden für
ihn natürlich die tägliche Hauptgesellschaft, dazu Homer
und Aristoteles. Von den griechischen Tragödiendich-
tern begeistert ihn neben Euripides besonders Sophokles
mit seiner Antigone; bei den Lateinern Livius und später
Cicero, Longin und Longus, den er übersetzt, ebenso wie
Epiktet; alles hellenistische Autoren der Kaiserzeit. Das
31
Neue Testament gehörte zur frühen Griechisch-Lektüre.
Weil für den württembergischen Gymnasiasten in jedem
Fall das Pfarramt als Lebensziel ins Kalkül gezogen wer-
den muß, kommt das Hebräische noch hinzu, auf das im
Unterrichtsplan der Schule wie für das Griechische zwei
Wochenstunden entfielen. Von der neueren deutschen
Dichtung ist es Goethes Werther, mit dem er neben Les-
sings Nathan und Schillers Fiesko Bekanntschaft macht.
Dasjenige Buch aber, das ihn am meisten gefesselt hat, ist
Sophiens Reise von Memel nach Sachsen von Johann Timo-
theus Hermes, ein Roman in sechs Bänden über die
Abenteuer eines jungen Mädchens zur Zeit des Siebenjäh-
rigen Kriegs und der russischen Besetzung in Ostpreu-
ßen. Darin läßt sich der Verfasser in der Manier Fieldings
und Richardsons mit großer Ausführlichkeit über die
Alltagswirklichkeit aus, in Schilderungen von Szenen aus
dem Volksleben, aus Bürgerstuben, Gasthöfen mit
Köchinnen und Reitknechten, mit Postkutschen, von de-
nen aus die Landstraße betrachtet wird. Hegel kann sich,
wie er als Tagebuchschreiber vermerkt, von diesem Buch,
das zu den meistgelesenen Werken des Jahrhunderts ge-
hört, solange er es in Händen hält, immer nur schwer
trennen. Schopenhauer nimmt das später zum Anlaß, um
zu höhnen: »Mein Leibbuch ist Homer, Hegels Leibbuch
ist Sophiens Reise von Memel nach Sachsen.«
Man braucht hier nicht tiefer zu graben: Die populari-
stische Richtung von Johann Timotheus Hermes hat es
ihm zeitlebens angetan. Mit gleicher Hingabe liest er
Theodor Gottlieb von Hippeis Lebensläufe nach aufsteigen-
der Linie. Sie machen ihn vertraut mit dem, was ihm das
eigene Leben vorenthält. In ihm gilt das Unauffällige, die
Abwesenheit der großen Geste. Das macht er sich auch als
Besucher der Hofkonzerte zur Regel, die ihm, wie er
bemerkt, über ihre eigentlichen Zwecke hinaus diskrete
Gelegenheit »zum Anschauen schöner Mädchen« bieten.
Zwar nimmt er an einem Tanzkurs teil, aber die jungen
Damen müssen, wie die Mutter seines späteren Anhän-
gers Friedrich Theodor Vischer noch zu berichten weiß,
weil sie selbst dazugehört hatte, unter seiner »Unbehol-

32
fenheit« schrecklich gelitten haben. Die Schwester Chri-
stiane hält im gleichen Zusammenhang stichwortartig
fest: »liebt Springen, aber beim Tanzmeister linkisch«.
Es verstand sich von selbst, daß der Schüler des Gymna-
siums illustre an den nachmittäglichen Promenaden im
Residenzstil, die einige seiner Mitschüler sich angelegen
sein ließen, nicht teilnahm. Um so schlimmer fühlt er sich
betroffen, als er in einen Vorgang von außerordentlicher
Peinlichkeit hineingezogen wird. Einige 16—17jährige
Gymnasiasten hatten sich unterstanden, 11- und i2Jäh-
rige Mädchen öffentlich auszuführen und damit sozusa-
gen erste Kavaliersübungen zu veranstalten. Das kann die
Schule nicht hinnehmen. Von den einzelnen Klassen wird
der jeweilige Primus, also auch Hegel, zu einem Konvent
mit den Lehrern bestellt; Verwarnungen werden ausge-
sprochen und für den Wiederholungsfall Konsequenzen
angedroht. Wenn auch selber an den Vorgängen unbetei-
ligt, so war Hegel doch wider Willen auf die Seite der
möglicherweise für künftige Verfehlungen in Frage Kom-
menden geraten. Das kann er als Erfahrung mit nach
Hause nehmen.
Ähnliche Anlässe dazu im täglichen Leben gibt es ge-
nug. Werden entsprechende Erkundungen gemacht, so
bringt er sie nach Möglichkeit gleich mit entsprechenden
Schlußfolgerungen zu Papier. So am 3.Juli 1785: »Auf
dem Rückweg eines Spaziergangs stellten wir, besonders
ich ... den Satz auf: >Jedes Gute hat seine böse Seite< (oft
minder, oft mehr, nach Verhältnis des Guten) und wende-
ten diesen Satz bei jedem Tritt an.«
In seinem Tagebuch hat er es von Anfang an darauf
abgesehen, vernünftige, für sein Alter vielleicht ein wenig
allzu vernünftige Aufzeichnungen einzutragen. Irgend-
eine Beteiligung an einem Streich oder einer Jugendtor-
heit ist ihm nicht nachzuweisen, denn jung ist der Schüler
Hegel eigentlich nie gewesen. Den gefährlichen Seiten,
die gesellschaftliches Leben mit sich bringen kann, begeg-
net er früh durch eine entwaffnende Gutmütigkeit.
Harmlose Kameraderie, Schach und Kartenspiel bei
höchstens ganz geringen Einsätzen! Das ist es, was ihm

33
Freude macht. Wie einige seiner Mitschüler in eine der
mondänen Sozietäten einzutreten, die sich «Doggenge-
sellschaft« oder »Lappländer« nannten, wäre ihm kaum in
den Sinn gekommen. Mädchen sieht man - wenn sie
schön sind - mit Wohlgefallen, aber nur aus der Ferne zu.
Das hält er in den Tagebuchaufzeichnungen als für sich
selbst bestimmtes Geheimwissen fest. Am Sonntag einmal
nicht in die Kirche zu gehen, ist schon eine Kühnheit, die
es verdient, in den abendlichen Niederschriften ange-
führt zu werden. Er kann sogar als lutherischer Christ, um
Vergleiche anzustellen, die katholische Kirche besuchen
mit Lob für die dort gehörte Predigt; aber auch mit
geäußertem erheblichen Unbehagen an der Einrichtung
der Messe: wodurch die Wohlausgewogenheit des »un-
parteiischen« Beurteilers wiederhergestellt ist.
Hier sind schon Grundanschauungen dabei, sich in ihm
auszubilden, die am Bestehenden Anlehnung suchen und
doch schon Abstand zu ihm kennen. Es gilt: mit dem
Bestehenden muß gerechnet werden. Darum: »Ei, Ei!
Schlimme Nachrichten von Hohenheim. Diese Bauern,
das sind verwünschte Leute, haben dem Herzog alle Fen-
ster im Schloß zu Scharnhausen eingeworfen.« So kann er
am 29. Juni 1785 festhalten. Aber ob ein Urteil durchgän-
gig Gültigkeit habe, hatte er einen Tag vorher ernsthaft in
Zweifel gezogen: »Ich machte die Bemerkung, was für
verschiedene Eindrücke einerlei Gegenstände auf ver-
schiedene Personen machen können.« Von dieser frühen
Beobachtung der »Wirklichkeit« sind schon die ersten
Ansätze für das »Einerseits« und »Andererseits« aufge-
nommen. Hier ist jemand dabei, über seine ersten Ein-
drücke und Erfahrungen von Welt und Leben genau
Buch zu führen, sie zu einem großen Fundus zusammen-
zutragen. Ein Sammeln von Tatsachen, das er über Jahre
fortsetzen wird und in dem auch seine Eindrücke und
Erfahrungen in den Rang von Tatsachen rücken!
Die Frage, wer die Abschiedsrede des Jahrgangs über
»den verkümmerten Zustand der Künste und Wissen-
schaften unter den Türken« halten darf, wird von der
Schule auf diplomatische Weise gelöst, indem man sie auf

34
fünf Schüler verteilt. Hegel als Primus ist bei der Feier der
letzte, der die Einhaltung des von ihnen erwarteten jähr-
lich wiederkehrenden Zeremoniells, mit viel Lob für die
Lehrer natürlich, streng beobachtet. Der Vortrag enthält
die entsprechenden stilisierten Elemente der Schulrede.
Aber an einer Stelle bricht denn doch ein unverfälschter
Hegelscher Ton durch, der schwerer wiegt als eine bloße
Demutsgebärde, bei jener Versicherung, »daß wir zum
Teil schon jetzt, für das Vergangene zu spät, es einsehen
lernen, was jede Unachtsamkeit auf die Warnungen unse-
rer Lehrer und Vorgesetzten für nachteilige Folgen
hat...«. Mit anderen Worten: Was wir versäumt haben, ist
für uns dahin, durch eigene Schuld unwiederbringlich
verloren.
Das war der rechte Ton des zerknirschten lutherischen
Sünders mit den niedergeschlagenen Augen, der aber der
Verheißung gewiß sein darf, jetzt vom Tiefpunkt der
Jugend mit ihren Irrungen und Wirrungen jenem Alter
entgegenzugehen, das ihn vor den Untugenden, die er
reumütig bekennen muß, bewahrt. Ein Lobpreis des Al-
ters, in das man gar nicht schnell genug gelangen kann,
dessen Vernünftigkeit man tunlichst vorwegnehmen soll!
Dieses Schuldgeständnis und die daraus gewonnene Ein-
sicht aber waren nicht mehr nur rhetorischer Topos,
sondern spiegelten glaubwürdig das Gefühl eines altklu-
gen jungen Mannes, der hier eigene Erfahrungen aus-
spricht und sich mit einer gleichfalls glaubwürdigen Ein-
sicht verabschiedet: daß es sich in jeder Hinsicht im Würt-
temberg besser leben lasse als in der Türkei. Wofür dem
Herzog wie den Lehrern der höchst verdiente Dank aus-
zusprechen sei!

35
Zweites Kapitel
Im Tübinger Stift

Im Herbst 1788 bezieht Hegel die Universität Tübingen.


Die Matrikel mit seinem Namen nennt den 27. Oktober
und als Fach Theologie. Ein anderes Studium wäre für ihn
nicht in Betracht gekommen. Das hatte für den Absolven-
ten des Stuttgarter Gymnasiums immer festgestanden
und entsprach auch den Vorstellungen des Vaters.
Dem Antritt des Studiums war ein erfolgreiches Gesuch
wegen des Hirschmann-Gomerischen Stipendiums vor-
ausgegangen. Mit dem Stipendium ausgestattet, konnte
Hegel nach erteilter herzoglicher Erlaubnis das Tübinger
Stift beziehen. Das Stift, eine (Gründung von Herzog Ul-
rich, befand sich in dem seit 1547 aufgelösten Augustiner-
kloster und nahm künftige Pfarrer und Gymnasiallehrer
unter den Landeskindern für die Zeit ihrer Ausbildung
auf.
An der Spitze des Stifts stand als Ephorus jener Jakob
Friedrich Abel, der Schillers Lehrer in Stuttgart gewesen
war. Im Hause selbst befand sich die Leitung in den
Händen des Repetenten. Als halbklösterliche Einrichtung
galt darin die Stiftsdisziplin. Belohnungen und Strafen
wurden jeweils vierteljährlich addiert; ihre Summe gab
einen ernst zu nehmenden Maßstab zur Beurteilung des
Zöglings ab. Für Verstöße waren Ahndungen vorgesehen,
sogenannte Garitionen, die von der Ermahnung über den
Entzug des Tafelweins bei den Mahlzeiten (bzw. bei des-
sen schlechter Qualität Einziehung eines dafür angesetz-
ten Geldbetrages) bis zur Einsperrung im Karzer reichten.
Die Universität Tübingen mit ihren knapp 300 Studen-
ten ist zu dieser Zeit von hervorstechender Bedeutungs-
losigkeit, eine Ausbildungsstättc vorwiegend für den
Schul- und Kirchendienst in Württemberg, wohingegen
Mediziner und Juristen die Stuttgarter Karlsschule besu-
chen. Die Aufklärung, die sich auch von Tübingen nicht
hatte fernhalten lassen, ist Aufklärung im Wolffschen
Stadium, während Kant trotz der schon 1781 erschiene-

36
nen Kritik der reinen Vernunft, eher noch als Geheimtip
einiger Vorwitziger gilt. Dazu wird Hegel nicht gehören.
Aber ob Wolff oder Kant, Rousseau oder Herder: auf den
Tübinger Kathedern haben Storr und Schnurrer, Flatt
und Rösler ihre kleinen Herrschaften aufgerichtet. Da
geht es um den Vorrang der Dogmatik gegenüber der
Kirchengeschichte und Exegese oder umgekehrt, um Bi-
belglauben im Licht der Orthodoxie oder des Pietismus.
An diesen unbestrittenen Leuchten ihres Fachs bekommt
Hegel, dem auf dem Stuttgarter Gymnasium die Überle-
genheit »der Griechen« nahegebracht worden war, »Chri-
stentum« als theoretische und angewandte Disziplin de-
monstriert, als Phänomen der »Weltgeschichte«, als neues
Prinzip gegenüber einem alten. Es gibt hier nichts, was
nicht ernst zu nehmen wäre. Ein Mann wie Storr, an den
Hegel sich zeitweilig anschließt, ist sehr wohl in der Lage,
ihm die jüdische Vorstellung der Strafgerechtigkeit und
den Gedanken der Versöhnung in unanfechtbarem pauli-
nisch-lutherischem Verständnis nahezubringen. Unab-
hängig von »Glauben« oder »Nichtglauben« wird in sol-
chen Kathedervorträgen die Bewegung des »objektiven
Geistes« sichtbar, in ihnen kann Hegel als Zuhörer diesen
Übergang vom »Judentum« zum »Christentum« unmit-
telbar miterleben. Zugleich zeigen sie ihm Handwerker
bei der Arbeit, die mit ihren Werkzeugen das »Myste-
rium« wie einen zerlegbaren Mechanismus in seinen Ein-
zelteilen vorführen.
Hegel hat auf den Tübinger akademischen Unterricht
mit seiner gewaltigen Fähigkeit zur Lethargie reagiert.
Lethargie als Glücksfall, als Mittel zum Ertragenkönnen!
Im Hegel der Tübinger Jahre stecken eine eigentümliche
Verschlafenheit und ein Hang, den Dingen ihren Lauf zu
lassen. Das reicht bis in seine zahlreichen Verstöße gegen
die Stiftsdisziplin, die im Jahre 1790 bei ihm auf 18
»Caritioncn« anwachsen; Fernbleiben von den Vorlesun-
gen, Vernachlässigung der Anstaltstracht, Schlafen bis
zum Mittag nach durchzechten Nächten, Fehlen beim
Gebet, was ihm von der Stiftsauf sieht vorgehalten werden
kann. Ein Jahr später landet er wegen verbotswidrigen

37
Ausritts und verspäteter Rückkehr vom Urlaub im Kar-
zer.
Die Beurteilung seiner Sitten zeigt in den Zeugnissen bis
zum Jahre 1791 fallende Tendenz bei gleichbleibendem
Lob von Begabung und Fleiß, obwohl seine häufige Abwe-
senheit von den Lehrstunden sehr wohl vermerkt wurde.
Hier tritt ein eigentümlicher Zug des Stifts zutage, das,
ohne im geringsten permissiv zu sein, doch eher einem
gewissen Gewährenlassen zuneigte. Lin drakonischer
Charakter war den hier üblichen Strafen nicht nachzusa-
gen. Die von Hegel für das Studieren bevorzugten Nächte
werden ihm für sein Fernbleiben zugute gehalten.
Mit Hegel zusammen war Hölderlin ins Stift gekom-
men, gleichaltrig, zum gleichen Jahrgang gehörig. Auch
er dem Fache nach Theologe, aber in seinen Gedanken
unablässig bei den »Griechen« und im »Griechenland«
der »Antike« mit seinen Künsten, seinen Göttern und
seinen Tempeln verweilend, ein junger »Götterbote«, der
seine Kleidung pfleglich behandelt! Hölderlin war übri-
gens den schwäbischen Weg erster Wahl, über das Klo-
sterseminar Maulbronn, zur Landesuniversität gegangen.
Er behauptet, in der Rangliste (»Location«) vor Hegel
gelegen zu haben, denn er teilt der Mutter im Frühjahr
1790 betrübt mit, daß er hinter Hegel und Märklin zu-
rückgefallen sei. Die als Ranglisten angelegten Schüler-
verzeichnissc bestätigen das freilich nicht. Hegel dagegen
wird zurückgesetzt, und zwar hinter ebendiesen Märklin,
seinen alten Mitschüler aus Stuttgart. Leutwein, eine
»Promotion« voraus und guter Freund Hegels, macht für
diese Zurücksetzung dessen Ungezwungenheit verant-
wortlich, die man bei der Stiftsleitung nicht gern gesehen
habe. Durch sein »genialisches Betragen«, was er durch
unregelmäßigen Besuch der Kollegs noch unterstrich,
hatte er sich bei ihr nicht gerade empfohlen. Unbeständig-
keit des Arbeitens, unsystematisches Viellesen und ständi-
ger Wechsel der Interessen, »etwas Desultorisches« sind
ihm gerade von diesem Freund entgegengehalten wor-
den.
Aber der wahre Grund für diese Zurücksetzung war

38
nach Hegels Meinung die Tübinger Rücksicht auf Märk-
lins Onkel gewesen, der später Probst des Klosterseminars
von Denkendorf wurde; sie muß für ihn »eine bleibende
Wunde in seinem Herzen« bedeutet haben, die er aller-
dings nach außen hin verbarg. Noch in Berlin wird sich
Hegel bei Besuchern aus Württemberg nach den Lebens-
umständen des Freundes Märklin erkundigen, mit dem er
damals in heftiger Konkurrenz gestanden hatte und der
inzwischen Prälat von Heilbronn geworden war. Aber
Leutwein zieht eine für Hegels weiteres Leben günstige
Schlußfolgerung aus dieser, wie er glaubt, ihm widerfah-
renen Ungerechtigkeit, wenn er meint: »Wäre er der
Dritte in der Promotion geblieben, so würde gewiß Berlin
ihn nicht gesehen haben, noch er dem deutschen Vater-
lande so viel von sich zu reden gegeben haben.«
Die sogenannten »Locationen« waren ein im gesamten
württembergischen Erziehungswesen angewandtes Diszi-
plinierungsmittel. Hier konnten sich Eltern, aber auch
sonst alle, die es wissen wollten, über das Verhalten des
Zöglings und seine Einschätzung durch die Schule unter-
richten. Die Reihenfolge in der Sitzordnung und auch
beim Essen gibt Aufschluß darüber. Kandidaten und Ma-
gister werden in Württemberg ebenso »loziert« wie Kna-
ben der ersten Schulklasse. Am schwersten wiegt, daß die
»Locationen« gedruckt und damit bekannt werden. Sie
dringen nach außen und geben dem Schüler wie dem
abgehenden Studenten einen lebenslänglichen Stempel.
Darum nimmt der Gedanke an die »Location« Hegel wie
Hölderlin und Schelling beständig in Anspruch. Er be-
drückt sie aufs tiefste, und Hegel wird das Trauma seines
Absinkens in der »Location« lebenslang nicht mehr los.
Hier fällt schon eine Vorentscheidung, die daran mit-
wirkt, daß er nicht in den württembergischen Kirchen-
dienst eintreten wird, wo sich einem späteren Aufstieg
in der Amtshierarchie Schwierigkeiten entgegenstellen
mußten. Und wie sieht es mit dem Predigen aus? Man wird
ihn im Auge behalten. In den Kreisen der schwäbischen
Theologenschaft vergißt man nicht leicht.
Für Hegel bedeutete die Zurücksetzung hinter Märklin

39
einen Stachel, der ihn aus der Lethargie und Nachlässig-
keit herausreißt und dazu bringt, mit bis dahin bei ihm
nicht üblicher Kraftanstrengung zu arbeiten. Mit einem
Mal werden Energien in Bewegung gesetzt, die man bei
ihm nicht vermutet hatte. Er hat keine Zeit mehr, ins Bett
zu gehen, und übernachtet wochenlang auf dem Sofa. Der
gegen ihn geführte Schlag war geheime Triebfeder zur
Veränderung geworden.
Es mochte tatsächlich eine unübersehbare Zurückge-
bliebenheit gegen die neuesten Strömungen mit im Spiel
gewesen sein, die ihm im Vergleich zu Märklin einen
Nachteil bescherte. Vielleicht war der Entscheid bei der
Rückstufung Hegels so ungerecht nicht gewesen, dessen
Vorzüge zweifellos beim nächtlichen Zechen, vor allem
beim Tarockspiel lagen, der sich aber auf Gespräche über
Kant, den Märklin damals studierte, weniger einließ. Bis
zu Kant war er, der Kenner von Sophiens Reise oder Hip-
peis Lebensläufen, noch nicht gekommen oder jedenfalls
nicht so weit, um darüber zu diskutieren. Die von ihm
bevorzugten Autoren sind Aristoteles, Platon, einiges von
Schiller, Spinoza, Jacobi, Herder, aber vor allem Rous-
seau. Auch im Namen Rousseaus hatte die Französische
Revolution die Tore des Ancien régime gestürmt und
geriet mit ihm bald selbst an die Schwelle des Stifts.
Zumindest mit dem Gedanken der »Freiheit« findet sie
Eingang und bei den Stiftlern freudigen Anklang. Die
Begeisterung muß Hegel damals so überwältigt haben,
daß er mit einigen Freunden auf ein freies Feld zog, um
dort einen Freiheitsbaum aufzurichten. Im Stift hielt man
französische Zeitungen; ein politischer Club ganz nach
französischem Vorbild wird gegründet, in dem vor allem
die »Mömpelgarder« (Studenten aus dem linksrheini-
schen Montbéliard, das zu Württemberg gehörte) eine
Rolle spielten.
Das neue Jahrhundert als Jahrhundert der Freiheit: das
ließ sich hören. Hegel wird als einer der überzeugtesten
Revolutionsfreunde geschildert. In seinen Stammbuch-
blättern finden sich denn auch zwar von fremder Hand,
aber im Sinn des Adressaten entsprechende Ausrufe wie

40
»Vive la Liberté«, »Vive Jean Jacques« und das Schiller-
sche »In tyrannos«, das der Regimentsmedikus zur Zeit,
als er bei der Hauptmannswitwe Vischer in unmittelbarer
Nähe der Familie Hegel wohnte, seinen Räubern vorange-
stellt hatte. Johann Eduard Erdmanns Meinung zufolge
muß Hegel damals als Republikaner der jakobinischen
Richtung gegolten haben, die durch Schellings Eintritt ins
Stift im Herbst 1790 frischen Zuzug erhielt. Hegel war
damals schon Magister der Philosophie.
Schelling ist in Leonberg geboren, Theologe, Pastoren-
sohn, Absolvent der Klosterschule in Bebenhausen, fünf
Jahre jünger als Hegel und Hölderlin. Mit ihm wird die
Vorstellung vom »Schwabenalter« vollends zur Legende.
Denn Schelling ist erst 15 Jahre alt, als er nach Tübingen
kommt, hat drei »Promotionen« übersprungen, brilliert
durch seine Sprachenkenntnisse und eine unerhörte Fä-
higkeit der raschen und kühnen Kombination, kurz das,
was sich von Hegel nicht behaupten läßt. Schelling ist das
eigentliche »Genie« im verspäteten Stil der »Stürmer und
Dränger«, der beide, Hölderlin und Hegel, glatt in den
Schatten stellt. Er ist — und hier wieder im strikten Gegen-
satz zu ihnen - frühreifer Abkömmling der schwäbischen
Klerikeraristokratie.
Aber das Bild von einer »Dreieinigkeit« täuscht. Es ist
ein Bild, das sich erst im Rückblick und mit viel Zwang
einstellen kann. Keiner der drei, die kurze Zeit vor Hegels
Weggang von Tübingen und mehr durch Zufall auf ei-
nem Zimmer wohnen, hat damals etwas von der Zukunft
gewußt, in der sie wie zu einem Bund vereint zusammen
gesehen werden sollten. Keiner von ihnen ist der Primus
seines Jahrgangs, was, um bei den Stiftlern hervorzuste-
chen, ins Gewicht gefallen wäre. Schelling, der nur eines
zufällig frei gewordenen Platzes wegen ins Stift eintreten
konnte und bei der Bewältigung des Gesamtpensums
noch einige Lücken hat, liegt in seiner »Promotion« hinter
einem Studenten namens Beck an zweiter Stelle. Sein
Ansehen bei den Mitstudierenden gründet sich vor allem
auf seine Kenntnisse im Hebräischen, für das er durch
seinen Vater, inzwischen Professor für Altes Testament an

41
der Klosterschule in Bebenhausen, vorbereitet worden
war. Es hat damals den Anschein, als ob er sich ganz den
philologischen, besonders den orientalischen Studien,
widmen würde.
Mit Schellings Eintritt ins Stift hatte die republikanische
Partei eine erhebliche Verstärkung erfahren. Sein Tem-
perament und der mitreißende Schwung, den er einer
Sache geben kann, heben ihn so stark heraus, daß der
Herzog den Eindruck gewinnt, bei den Demonstrationen
der Studenten mit Absingen der Marseillaise in Schelling
den Rädelsführer vor sich zu haben. Als er sich zur Unter-
suchung der Vorgänge ins Stift begibt, präsentiert er
Schelling, dem die Rolle des Verantwortlichen wie von
selbst zugefallen war, die Übersetzung des Liedes: »Da ist
in Frankreich ein sauberes Liedchen gedichtet worden,
wird von Marseiller Banditen gesungen, kennt Er es?«
Schellings Geistesgegenwart in der Antwort: »Durch-
laucht, wir fehlen alle mannigfaltig«, läßt für den Herzog,
der sich etwas auf sein Christentum zugute hält, keine
wirksame Erwiderung zu.
Gegen dieses Selbstbewußtsein Schellings steht das
schwer in Gang zu Bringende und auch dann noch immer
Schwerbewegliche in Hegels Natur als Mitläufer. Welchen
Anlasses hatte es bei ihm bedurft, um sich einen Ruck zu
geben, das bislang Ungeordnete seiner Zeiteinteilung, des
Lesens und Arbeitens, das man im Stift bemerkte, allmäh-
lich in eine gewisse Bahn zu bringen? Er galt im Stift als
Eklektiker, der sich von überall her mit Wissen versorgt,
aber kein System in seine Gedanken hineinbringt. Eklekti-
zismus bedeutet hier die Folge eines bodenlosen Reflektie-
rens, »Weltverstand« dagegen ist Stil der Residenz, also
ohne jede tiefere Gelehrsamkeit, ist Verlust jener ländli-
chen Unschuld, wie sie die Absolventen von Maulbronn,
Denkendorf, Bebenhausen — so konnte man glauben — mit
nach Tübingen brachten.
Aber war dieser Gegensatz von Reflexion und Naivität
als Gegensatz von Stadt und Klostergarten wirklich be-
gründbar? Konnte man einem jungen Mann wie Schelling
Naivität nachsagen? Lagen in einer Erscheinung, wie er

42
sie darstellte, nicht eher Merkmale des Überkultivierten
als Merkmale des »Neckarschwaben« aus dem Stift vor,
wie Friedrich Sengle in seiner kulturmorphologischen
Betrachtung dieser Landschaft meint?
Der Gegensatz mochte hier und da aufgehen. Indes-
sen bleibt ein gehöriger Rest. So bedeutet auch das Alt-
väterliche, das den Studiengenossen an Hegel vertraut
war, keineswegs irgendein Gehabe, gibt aber schon die
Kerbe her, in die man schlägt, wie sein Freund Fallot
aus Mömpelgard es auf einem Stammbuchblatt tut. Fs
zeigt einen kahlköpfigen, bärtigen Hegel im Mönchsge-
wand, der auf Krücken geht, und dazu die Worte: »Gott
stehe dem alten Mann bei!«
Wenn eine gelungene Karikatur die äußeren und in-
neren Merkmale in der Überspitzung wiedererkennbar
macht, so bezeugte die flüchtige Skizze Hegels Gebrech-
lichkeit und Schwerbeweglichkeit, einen völligen Mangel
an Glanz. Das traf im Vergleich zu Schelling zu, ergab
einen Kontrast, wie er stärker kaum sein konnte. Hegels
»Altsein« mochte im Ungelenken, Unbeholfenen liegen,
keineswegs in der Reife durch vielseitige Kenntnisse
oder in der Überlegenheit durch das Organisierte seines
Arbeitens. Gerade darin wurde er von vielen, die ihn
das fühlen ließen, mühelos ausgestochen. Hegel tappte
hier hinterdrein. So sind seine Predigten, die er wie alle
Theologie studierenden Stiftler turnusgemäß halten
mußte, Katastrophen gewesen. Sie fanden, wie es dem
Brauch entsprach, während der Mittagsmahlzeiten statt
und gehörten zu den Tisch-Andachten mit Schriftle-
sung und Schriftauslegung, wobei der Redner an die-
sem Tage ein besonders ausgewähltes Essen vorgesetzt
bekam. Ob es der äußere Anlaß dieser Predigtübung
war, der ihn befremdete? Sein Vortrag war leise und
stockend und beschwor den Mantel der christlichen
Nächstenliebe herauf. Auf seinem Abgangszeugnis be-
kommt er auf lateinisch zu lesen, was auf deutsch heißt:
»hat sich nicht als guter Redner gezeigt«. Für die Lauf-
bahn des künftigen Pfarrers mit Aussicht auf die höhe-
ren Würden innerhalb der Amtshierarchie der Würt-

43
tembergischen Kirche konnten darum die Dinge keines-
wegs glänzend für ihn stehen.
War das gegenüber der Pedanterie seiner Stuttgarter
Schulzeit ein Zwischenakt, der sich in dem Augenblick
dem Ende näherte, wo er langsam zur Sammlung seiner
Kräfte ansetzte, so wurde sein Unbesorgtsein gegenüber
den ritterlichen Künsten des Studenten davon zunächst
nicht betroffen. Das Fechten war von ihm bald wieder
aufgegeben worden, ein Pferd hatte ihm bei einem Ausritt
den Gehorsam versagt und war nicht zur Rückkehr zu
bewegen gewesen. Ernsthafte Versuche gab es, beim Um-
gang mit »Frauenzimmern« die bis dahin geltende Regel
des Betrachtens aus der Ferne durch mehr Nähe weniger
streng zu beachten. Gegenüber den Freunden gibt er sich
als Verehrer des schönen Geschlechts ohne jede Prüderie,
der Johann Christian Fink im Stil der Anakreontik am
4. September 1790 in dessen Stammbuch schreibt:

Glücklich, wer auf seinem Pfad


einen Freund zur Seite hat;
dreimal glücklich aber ist
wen sein Mädchen feurig küßt.

Aber auch sein eigenes Stammbuch enthält einige Eintra-


gungen Tübinger Mädchen, teils mit vollem Namen ge-
zeichnet, teils mit Monogramm. »Das Schicksal des Men-
schen ist, sich einander zu finden und wieder sich zu
verlieren«, schreibt »im Wein Monat 1791« eine unbe-
kannt bleiben Wollende, die sich »Ihre Freundin
Ch. K. F.« nennt. Aridere sagen bei ihrem Sprüchlein, daß
sie Caroline Freyberger oder Karoline Haselmeier heißen.
Sein Hauptinteresse scheint zeitweilig einer Auguste He-
gelmeier gegolten zu haben, der Tochter eines verstorbe-
nen Theologieprofessors und einem sehr ansehnlichen
Mädchen, das sich sehr wohl des Eindrucks, den sie auf die
Studierenden macht, bewußt war. Hier hat sich Hegel
vorzugsweise unter ihre anderen Anbeter gemischt, die
abends in einer Weinstube zusammenkamen, wenn sie für
eine Stunde dort erschien. Dabei ist es auch geblieben.

44
Was seine Schwester von ihm sagt, daß er heim weiblichen
Geschlecht »nie Hoffnungen für die Zukunft« geweckt
habe, hatte einen höchst realen Grund. Hegels Aussichten
auf ein Amt erschienen ihm bei seinem erwiesenen gerin-
gen Predigertalent und den deswegen offenbar nagenden
Zweifeln an der Eignung zum Pfarrer nicht sehr fest
gegründet. Dem Tanzen bei weitem vorgezogen hat er
damals stets das Pfänderspiel.
Nach dem Urteil seines Freundes Leutwein war Hegel
zunächst »cavaliermente« im »Reich des Wissens« umher-
geschweift, er hatte sich mit Dingen beschäftigt, die nicht
unbedingt zum Lehrstoff gehörten oder weit über das
Geforderte hinausgingen. Die Stuttgarter Vorliebe fürs
Exzerpieren behält er bei. Er schreibt an den oberen Rand
eines Einzelblattes das Kennwort für den Textauszug und
legt das Blatt in die passende Mappe. Aus seinen Vorle-
sungen über die Geschichte der Philosophie wissen wir,
daß er sich damals intensiv mit Aristoteles befaßt hat und
daß ihm dies sehr sauer geworden ist, weil er nur auf eine
unleserliche Ausgabe (Basler Ausgabe von 1531 oder
1550) ohne lateinische Übersetzung habe zurückgreifen
können. Was für ihn der Dialektiker Aristoteles bedeutet,
bedeutet für Schelling die Gnosis und hier das»ophitische
und valentianische System«, wie Albert Schwegler in sei-
nen Erinnerungen an Hegel berichtet, die die Zeitung für
die elegante Welt 183g abdruckte. Hölderlin, damals schon
im Bann von Schillers Gedicht Die Götter Griechenlands,
schreibt am J2. Februar 1791 in Hegels Stammbuch die
Worte, die Goethe den Pylades in der Iphigenie sprechen
läßt: »Lust und Liebe sind die Fittige zu großen Taten!«
über dem berühmten, wahrscheinlich von anderer Hand
hinzugesetzten Spinozas: sozusagen als Formel
ihrer Übereinkunft, der auch Schelling hätte zustimmen
können.

45
Drittes Kapitel
Zwischen Monarchie und Republik

Die Sommermonate vor seinem Kandidatenexamen Ende


September 1793 hatte Hegel im väterlichen Haus in Stutt-
gart verbracht. Das wurde von ihm mit Rücksichten auf
seine angegriffene Gesundheit begründet. Wir wissen das
auch aus einem Brief des Theologieprofessors Schnurrer
vom 10. September an den ehemaligen Tübinger Stiftler
Johann Eberhard Scholl, der sich zu der Zeit als » Hofmei-
ster« in Amsterdam aufhielt. Hegels Universitätslehrer
spricht darin von einem bloßen »Vorwand« für seine
Abwesenheit von Tübingen, die er offenbar nicht billigt.
Mit Schnurrer, dem Ephorus des Stifts, stand Hegel nicht
sehr gut. Hegel ist dann wohl nur noch zur Ablegung des
Examens nach Tübingen gefahren und sah damit den
Aufenthalt im Stift als abgeschlossen an.
Zum Vater in Stuttgart gab es natürlich beträchtliche
Unterschiede der politischen Ansichten. Herzoglicher Be-
amter und Freund des revolutionären Konvents in Frank-
reich: das vertrug sich nicht ohne weiteres. Aber tiefgrei-
fende Spannungen scheinen hier dennoch nicht bestan-
den zu haben. Engsten persönlichen Kontakt während
dieser Monate vor und nach dem Examen hat Hegel mit
Stäudlin gehabt. Gottfried Friedrich Stäudlin war zwölf
Jahre älter als er, Jurist und Schriftsteller; er hatte sich als
Herausgeber des ersten schwäbischen Musenalmanach ei-
nen Namen gemacht und sich als sein Rezensent mit
Schiller angelegt, der ihm seine eigene »Anthologie« ge-
genüberstellte, inzwischen aber einiges für die Versöh-
nung getan. Das wird bald für Hölderlin von großer
persönlicher Bedeutung sein. Denn es kommt durch Ver-
mittlung Hegels zwischen Stäudlin und Hölderlin eine
sehr enge Freundschaft zustande. Hölderlin wird durch
cbendiesen Stäudlin den aus Jena zu Besuch nach Würt-
temberg hergereisten Schiller kennenlernen, der ihn sei-
ner älteren Freundin und Gönnerin im thüringischen
Waltershausen, der Frau von Kalb, als »Hofmeister« für

46
ihren Sohn empfahl. So geht Hölderlin nach Jena, wohin
auch Schelling später gelangt und schließlich Hegel nach-
holen wird. Es war also Stäudlin, der die Verkettung der
drei Tübinger für ihre Zukunft bewirkt hat.
Es lag damals an Hegel, sich einige Gedanken über seine
nächste Zukunft zu machen. Das geschieht denn auch,
allerdings ohne alle Züge des Dringlichen. Erste Fühler
waren bereits vor dem Examen ausgestreckt worden, es
gibt Erkundigungen, bei denen auch Mittelsmänner ein-
geschaltet wurden. So hatte ein Hegel persönlich nicht
bekannter Herr von Sinner, der vom Stiftler Hauff über
ihn informiert worden war, auf eine Anfrage der Familie
von Steiger in Bern wegen eines Hauslehrers auf Hegel
aufmerksam gemacht. Es ging dabei zunächst um einen
Magister Schwindrazheim, ebenfalls aus dem Stift, der die
Stelle antreten sollte und über den der Familienvater von
Steiger sich nähere Auskünfte zu verschaffen wünschte.
Sinner zieht Erkundigungen ein und rät wegen der in
Erfahrung gebrachten fragwürdigen »conduite« des Kan-
didaten ab. Statt seiner schlägt er Hegel vor. Sinncr
scheint sich bei Steiger Verdienste erwerben zu wollen,
indem er von dem einen abrät und den andern empfiehlt,
und er möchte gleich vollendete Tatsachen schaffen. Für
die Herrschaft in Bern war das offenbar noch nicht ge-
nug, denn Steiger läßt über einen Vermittler, einen Leh-
rer namens von Rütte und ebenfalls aus Bern, bei Johan-
nes Brodhag, Besitzer des Stuttgarter »Goldenen Och-
sen«, dem man vielleicht einschlägige Berufserfahrungen
mit Schwindrazheim zutraute, zusätzliche Erkundigun-
gen anstellen und bekommt das gleiche »schiechte Lob«
über ihn zu hören bei gleichzeitiger Empfehlung Hegels.
Der Stuttgarter Ochsenwirt geht noch weiter und rät,
beim Herzoglichen Consistorium um Urlaub für Hegel
nachzusuchen. Um die Sache zu beschleunigen, begibt
sich Brodhag persönlich in Hegels Wohnung. Hegel zö-
gert zunächst, weil ihm das Salär von 15 Louisdor jährlich
zu gering erscheint, er hält eher 25 Louisdor und »noch
einige Nebenvorteile« für angemessen und erbittet sich
auf jeden Fall eine Bedenkzeit von vierzehn Tagen.

47
Es gab auch Erwägungen in der gleichen Sache von
anderer Seite. So hatte sich Schnurrer, bevor Hegel bei
ihm zur Prüfung erschienen war, in seinem Brief an Scholl
über ihn in einer Weise ausgesprochen, die von seiner
Einschätzung Hegels einiges sagt: »Ich zweifle sehr«, heißt
es da, »ob er inzwischen gelernt hat, diejenigen Aufopfe-
rungen sich geduldig gefallen zu lassen, die immer mit
einer Privatlehrerstelle, wenigstens anfangs, verknüpft
sein werden.«
Damit war die Problematik des Hofmeisterwesens im
allgemeinen und hier für Hegel im besonderen von einem
Mann, der sich als einer seiner Universitätslehrer in sei-
nem Charakter offenbar recht gut auskannte, zur Sprache
gebracht. Hofmeister hieß: Bediensteter in Erziehungs-
sachen; es war ein Amt zu Nutz und Frommen adliger
Familien. Die Spanne des Dienstes reichte weit, von der
schönsten persönlichen Vertrautheit zwischen Lehrer
und Schüler, die denkbar war, bis zum Lakaientum. Der
Hofmeister konnte Prinzenerzieher, Reisebegleiter jun-
ger Herren auf ihrer Kavalierstour sein, was selbst Lessing
für sich als nicht zu gering erachtet und Herder als große
Gunst betrachtet hatte. Der Hofmeister hatte gute Aus-
sichten, sich im Sinne des Weltläufigen und des »Weltver-
standes«, der im Gymnasium illustre von Stuttgart etwas
galt, zu vervollkommnen, aus der Enge bürgerlicher Ver-
hältnisse herauszukommen. Das Amt ließ Empfehlungen
für Hofdienste und Staatsstellen erwarten, in die sonst
schwer oder überhaupt nicht zu gelangen war. So konnten
persönliche Wahl, wirtschaftliche Notwendigkeit, Nutzen
für das weitere Fortkommen bei diesem zeitlich begrenz-
ten Dienst sehr wohl zusammengehen und sogar aufs
schönste harmonieren. Es kam dabei auf Glück und
Zufall
so gut an wie auf Eignung, Takt und die Fähigkeit, sich
anztipassen. Andererseits aber konnten die Vorzüge eines
solchen Dienstes von den Schwierigkeiten, die er mit sich
brachte, leicht überwogen werden.
Hegel hatte also guten Grund, sich zwei Wochen Be-
denkzeit auszubedingen und — so gut es ging — die Um-
stände zu prüfen, mit welchen er rechnen mußte. Die Zeit

48
der jakobinischen Hochstimmung lag längst hinter ihm,
das republikanische Bern mußte deswegen keineswegs
mehr verlockend für ihn sein. Aber das war das Vikariat
für den jungen Theologen mit seiner geringen Prediger-
begabung, wie sie das Abschlußzeugnis dem Kandidaten
bescheinigte, auch nicht. Wenn Hegel Zeit zu gewinnen
suchte und nach anderen Möglichkeiten Ausschau hielt,
sprachen aus seinem Zögern die sehr zwiespältigen Ge-
fühle, die er mit der ihm angetragenen Hofmeisterstelle
in Bern verband. Am 11. September allerdings kann He-
eel nach Bern an Rütte schreiben, »daß mich keine weite-
ren Hindernisse abhalten, den Auftrag im Hause des
Herrn von Steiger anzunehmen«.
Wegen des noch abzulegenden Examens läßt sich seine
Ankunft in Bern erst für die ersten acht Tage des folgen-
den Monats in Aussicht stellen. Er erbittet nochmals ein
Urlaubsgesuch durch Steiger bei der Kirchenbehörde,
bestätigt, den Wechsel auf 5 Louisdor erhalten zu haben,
und verspricht, auch zur »Bildung« der »Tochter des
Herrn Hauptmann ... alles ... beizutragen«.
Am 20. September, also zehn Tage nach Schnurrers
Brief an Scholl, berichtet Stäudlin an Schiller: »Von sei-
nem Freunde Magister Hegel hörte er (Hölderlin), daß Sie
gegenwärtig eine solche Stelle in der Gegend von Jena zu
vergeben hätten. Da nun Hegel ohnehin bereits als Hof-
meister nach Bern engagiert ist und nun mehr allen
anderen Absichten auf immer entsagt hat, so bittet sie
H(ölderlin) mit mir recht dringend um Ihr gütiges und
viel wirkendes Vorwort bei jener Hofmeisterstelle.«
Hier erfahren wir es: K. F. von Steiger oder Charlotte
von Kalb, Bern oder Jena, die Stadt, die für praktische
Politik steht, und die Stadt, die für Schiller steht. Hegel
hatte sich für die Berner Republik entschieden.
Eine Dissertation hat Hegel in Tübingen nicht verfaßt.
Er wurde Kandidat, weil er eine von Le Bret, dem Kanzler
der Universität, geschriebene Dissertation De Ecclesia Wir-
tembergicae Renasccnüs Calamitatibus verteidigte, so wie er
Magister geworden war, indem er, statt eine eigene Arbeit
zu verfassen, die Dissertation des Professor Bock De limile

49
officiorum verteidigt hatte. Verteidigung des Bestehenden,
dein kraft seines Bestehens Autorität zukommt, Autorität,
die sich als bestehende von selber rechtfertigt, eine Recht-
fertigung, die zugleich die Vernunft des Bestehenden mit
seiner Autorität bekräftigt! Ein eigenes Gewicht wird dem
nicht entgegengesetzt. An diese Leitlinien hat sich der
Magister und Kandidat Hegel mit auffallender Striktheit
gehalten. Überhaupt über eigene Thesen im Kreise von
jungen Fachgenossen sich auszulassen, war eher Schel-
lings als Hegels Sache. So hatte sein Freund und Kon-
kurrent Märklin sich durch Kenntnisse über Kant ausge-
zeichnet, die Hegel lange Zeit nicht besaß. Dagegen von
allgemeinen politischen Verhältnissen, von den Lebens-
umständen des Volks und den verschiedenen Gesell-
schaftsklassen mit ihren Lebensformen und Anschauun-
gen her zu denken und ein eher zwangloses Gespräch zu
führen, liegt ihm näher. Daß damals der Repetent im Stift,
Karl Immanuel Diez, als großer Kant-Kenner gilt, sagt
über Hegels Vertrautheit mit dem Philosophen im fernen
Königsberg überhaupt nichts. Es hat bei ihm keine philo-
sophische Fachdebatte über Kants Kritik der reinen Ver-
nunft gegeben, aber gewiß viele Erörterungen ohne esote-
rischen Anspruch über Regeln, die im Leben ebenso wie
in Hermes' Sophiens Reise gelten! Man sollte dem Tübinger
Abgangszeugnis vom 20. September 1793 wohl Glauben
schenken, das Hegel bescheinigt, in der »Philologie nicht
unwissend« (non ignarus) zu sein und »Philosophiae nul-
lam operam impendit« — »in der Philosophie keinen Fleiß
gezeigt« zu haben.

50
Viertes Kapitel
Hofmeisterjahre

Hegels Entschluß, nach Bern zu gehen und das Schick-


sal eines Hauslehrers selbst zu erfahren, bedeutet für
ihn einen tiefen Einschnitt. Zunächst waren damit seine
doch mit einer gewissen Ungebundenheit zugebrachten
Studentenjahrc zu Ende. Dazu kam das Verlassen der
Heimat im Herzogtum Württemberg und das neue Le-
ben in einer schweizerischen Stadtrepublik.
Durch die lange Regierungszeit Karl Eugens war das
Land völlig heruntergekommen. In den letzten dreiund-
zwanzig Jahren hatte der Herzog versucht, die Wunden
zu heilen, die er in den vorausgehenden dreiunddreißig
Jahren durch verschwenderische Hofhaltung, Steuer-
auspressung, Willkür, Akte persönlicher Gewalttätigkeit
selber geschlagen hatte. Das war nicht leicht, und es ist
ihm auch nie gelungen. Selbst im Kreise deutscher Duo-
dezfürsten hatte sein Name keinen guten Klang. Es be-
sagt nicht wenig für sein Regime, daß der Kaiser, Preu-
ßen, England und Dänemark zum Schütze der württem-
bergischen Verfassung zu Hilfe gerufen wurden, die
der Herzog auf das gröbste verletzt hatte. Es war dies
der Ruf der Stände als den Wahrern des »guten alten
Rechts« gegen eine Regierung, die trotz aller Drang-
salierung die schwäbische Idylle jedoch nie hat völlig
zerstören können. Im gleichen Jahr 1770, in dem Hegel
geboren wurde, mußte der Herzog den sogenannten
Erbvergleich mit großen Zugeständnissen an die alt-
schwäbische Libertät hinnehmen. 1793, als Hegel nach
Bern geht, ist das Ende seiner Regierung gekommen.
Die Revolution, die in Frankreich siegreich gewesen
war, hatte in der Form von Umzügen, mit dem Errich-
ten von Freiheitsbäumen und der Gründung republika-
nischer Clubs auch in Tübingen von sich hören lassen
und angezeigt, daß seine Zeit um war.
Das konnte jedoch besondere Hoffnungen auf das re-
publikanische Bern nur im Fall äußerster Verwegenheit

51
erwecken. Ob Hegel bei Antritt der Reise solche Hoffnun-
gen hegte, ist schwer zu sagen.
Von den schweizerischen Stadtrepubliken war Bern
damals noch immer die mächtigste, ein Staat, dessen Ver-
gangenheit, ohne daß seine Regierenden es bemerkten,
bereits größer war, als seine Zukunft je sein sollte; der sich
allerdings seinen Rückzug aus der alten Macht Schritt für
Schritt nur schwer abringen läßt. Das bürgerlich Zivile hat
hier zeitweise im Schatten des Kriegerischen gestanden.
Man hatte nicht nur das Waadtland und den Aargau
unterworfen, sondern auch alle Versuche, sich von Bern
loszureißen, niedergeschlagen, ebenso wie Staatsver-
schwörungen im Inneren. Die Aristokratie, die in Bern
die Macht fest in Händen hält, ist hier eine stadtbürgerli-
che Oligarchie; sie besteht aus den sogenannten »Zwei-
hundert« des Großen Rats als gesetzgebender Gewalt, aus
dem der Schultheiß sowie der Kleine Rat als Exekutive
hervorgehen.
Der Große Rat steht in Bern für den Souverän im
absolutistischen Staat, seine Mitglieder werden gewählt,
aber nur aus den regierenden und regimentsfähigen Fa-
milien der Stadt. Alle zehn Jahre finden zu Ostern die
jeweils notwendig gewordenen Ergänzungen statt. Über
die Umstände, unter denen sie erfolgen, werden wir von
Hegel ins Bild gesetzt, der sie beobachten konnte.
Eine solche Verfassung zeigt Züge der Stetigkeit, des
Verharrcns, des Hängens an dem, was ist. Mit den »Ber-
ner Exzellenzen« ist nicht zu spaßen. Friedrich der Große
hat ihre »Würde« nachdrücklich gelobt. Freigeisterei und
deren Duldung gehören freilich nicht zu ihren Tugen-
den. Das hat Rousseau zu spüren bekommen, der es
wagte, sich auf der Petersinsel im Bieler See niederzulas-
sen. Als sich Voltaire im kleinen Zirkel über die Berner
Autorität mokiert, was zu ihren Ohren gelangt, bekommt
er eine Warnung zugestellt, die sich hören läßt und sogar
Witz verrät: Der Unterschied zwischen Gott oder Christus
oder der Religion und den Bernern bestehe darin, daß die
Berner den Spott niemals verzeihen.
Karl Friedrich von Steiger, in dessen Dienst Hegel als

52
Hauslehrer des sechsjährigen Sohnes und der achtjähri-
gen Tochter tritt, gehört zu einer Familie der regierenden
altbernischcn Oligarchie. Der Hausherr ist Mitglied des
Großen Rats und Enkel von Christoph Steiger, in dessen
Amtszeit als Schultheiß die Kämpfe gegen die ihre Macht
ausweitende und mißbrauchende Oligarchie einsetzen,
die ihr Ende langsam, aber sicher einleiten werden. Sein
Diplom vom 10. Dezember 1714, durch das er in den
preußischen Freiherrenstand erhoben wird, zeigt den
neuen monarchischen Zuschnitt des Patriziers republika-
nischer Herkunft. Aber da es vom Bernischen Rat nicht
zuerkannt worden war, hat sein Adel hier keine Geltung
besessen.
Die Berner Stadtwohnung der Steigers befand sich in
der Junkerngasse 51. Das Haus war allerdings erst im
gleichen Jahr von der Familie Wattenwhyl an die Steigers
verkauft, also gerade bezogen worden. Ihr Familiengut
Tschugg in der Vogtei Erlach ist im Jura zwischen Bieler
und Neuenburger See gelegen. Auf die Jahreszeiten Som-
mer und Winter verteilt hat Hegel hier seine Erzieher-
jahre verbracht. Herausgekehrter Familienstolz in einer
herrschaftsgewohnten Stadt konnten den Umgang der
beiden Parteien gewiß nicht erleichtern. Die persönliche
Sympathie scheint darum auf keiner Seite sehr groß gewe-
sen zu sein. Hegels Titel »Hofmeister«, der bei den briefli-
chen Verhandlungen genannt worden war, war trotz der
sehr respektablen Residenzen der Steigers etwas hoch
gegriffen; er wird im Berner Reisepaß auf »Gouverneur
des enfants de notre eher et feal citoyen Steiguer de
Tschougg« zurückgenommen. Nichts spricht dafür, daß
die Familie Steiger in ihrem Hauslehrer etwas anderes als
einen der üblichen Brot und Förderung suchenden Kan-
didaten gesehen hat, einen anspruchslosen, biederen
Deutschen — einen Schwaben mit Latein- und Griechisch-
kenntnissen (was für das Mädchen ohnehin nicht in Frage
kam), dazu etwas Geschichte, Geographie, Geometrie,
reformierte Religionslehre, Literatur. Nichts spricht auch
dafür, daß der Kandidat mit seiner Bescheidenheit es
ihnen schwergemacht hätte, so zu denken; aber sehr vieles

53
dafür, daß der Hausherr den jungen Mann aus dem
Schwäbischen mit zusätzlichen Aufgaben betraut hat.
Das Amt bot freilich auch gehörige Vorzüge. Es ließ
Hegel Zeit zum eigenen Studium. In Tschugg steht ihm
eine große Bibliothek zur Verfügung, von der er ausgie-
big Gebrauch macht. Ob er die Berner Stadtbibliothek mit
ihrem großartigen klassizistischen Lesesaal benutzt hat, ist
nicht nachzuweisen, steht aber zu vermuten. Sie liegt in
unmittelbarer Nähe des Steigerschen Hauses. Eine der
Hauptbeschäftigungen Hegels war seit der Stuttgarter
Schulzeit das Anfertigen größerer Buchauszüge, das Sam-
meln von Materialien, vielleicht zu irgendeiner der Zu-
kunft vorbehaltenen Verwendung. Bei den Steigers wird
Französisch gesprochen, was ihn in die Praxis der gespro-
chenen Sprache hineinführt. Aber sonst wiegt in Bern der
Einfluß der englischen Ökonomen vor.
Hegels Beschäftigung mit der englischen wirtschafts-
theoretischen Literatur durch Lektüre und Kommentie-
rung von James Steuarts Untersuchung der Grundsätze von
der Staatswirtschaft (so der Titel des bei Cotta in deutscher
Übersetzung erschienenen Buchs) zu Anfang des Jahres
1799 belegt dies auf ihre Weise. Steuart ist Ökonom in der
letzten Phase des englischen Merkantilsystems mit mode-
raten Anschauungen. Das zuerst 1767 in London ge-
druckte zweibändige Werk mit dem Untertitel Versuch über
die Wissenschaft einer Haushaltspolitik freier Nationen nennt
als darin behandelte Gebiete Bevölkerung, Landwirt-
schaft, Handel, Industrie, Gold, Münze, Zins, Verkehr,
Banken, Geldumtausch, öffentlichen Kredit und Steuern
und damit Themen, die dem württembergischen Theolo-
gen und Untertan in seiner bisherigen Biographie fern
gelegen hatten. Also nicht Fragen der paulinisch-lutheri-
schen Rechtfertigung, nicht »Reich Gottes«, sondern Bo-
denbewirtschaftung und Bodenertrag, Export und Im-
port, Zölle, Eigentum. Steuart operiert schon mit dem
Unterschied von Verkaufs- und Herstellungspreis, mit
Angebot und Nachfrage, was freilich nicht verhindern
kann, daß sein Name durch Adam Smith' Wealth of Nations
von 1776 hinfort verdunkelt wird. Hegels erste Beschäfti-

54
chen. Aber er stimmt der von Schelling ausgemachten
Alternative: »Kant oder Orthodoxie« zu, mit einer sehr
persönlichen Schlußfolgerung: »Die Orthodoxie ist nicht
zu erschüttern, so lang ihre Profession, mit weltlichen
Vorteilen verknüpft, in das ganze des Staats verwebt ist.«
»Orthodoxie« als herrschende theologische Gruppierung
ist der »Trupp« von »Nachbetern oder Schreiern«, ist
»System des Schlendrians«. Aber auch Fichte, der hoch-
verehrte, wird aus der Distanz nicht ganz herausgenom-
men, er hat »durch seine Kritik der Offenbarung Tür und
Angel geöffnet«. »Er konstruiert aus der Helligkeit Got-
tes, was er vermöge seiner moralischen Natur tun müsse
und solle, und hat dadurch die alte Manier in die Dogma-
tik, zu beweisen, wieder eingeführt.«
Doch die Dinge selbst sind noch zu sehr in Fluß, die
Übersicht über sie noch zu unreichend, um volle Sicher-
heit zu gewinnen. Es kommt dem Briefschreiber darauf
an, sich zunächst umzusehen und seine Meinung weiter-
zuentwickeln, dabei von Schelling Belehrung zu erhalten
mit aller Bereitschaft, sich dessen Kritik zu unterwerfen.
Hegel anerkennt uneingeschränkt die geistige Überlegen-
heit des jüngeren Freundes, er sieht in ihm seinen Tn-
struktor oder noch mehr: seinen Vorgesetzten in allen
anstehenden Fragen der Philosophie, von dem er sich
Verständnis für seine Beschränktheit der Miltel und der
Zeit erbittet.
Das war keine Geste der stilisierten Bescheidenheit,
sondern ergab sich aus der Hegeischen Natur und den
äußeren Umständen, insbesondere aber der genialischen
Vehemenz, die bei Schelling zutage trat, ebendem, was
Hegels Sache nicht war.
Übrigens erfährt Schelling hier zum erstenmal vom
Dritten im Bunde, von Hölderlin. Hegel bittet Schelling
um Nachsicht dafür, daß Hölderlin, der inzwischen nach
Jena gegangen ist, brieflich nichts von sich hören läßt. Das
sei nicht als Kälte zu verstehen: das wachsende »Interesse
für weltbürgerliche Ideen« bei ihm, der sich unter den
Schülern Eichtes befinde, stehe außer Zweifel. Ohne es
eigentlich zu wollen, ist Hegel hier in die Vermittlerrolle

55
Kind in die Schweiz übergesiedelt und unterrichtete als
Professor an der Berner Kunstschule. »>Freude schöner
Götterfunken< wird oft genug zu ihrem Andenken ge-
sungen«, schreibt er am 13.11. 1797 an Hegel, als der
längst die Stadt verlassen hatte, um ihm diese gemeinsa-
men Abende in Erinnerung zu rufen.
Die interessanteste Bekanntschaft, die Hegel in Bern
gemacht hat, ist zweifellos die mit Konrad Engelbert Oels-
ner. Als Augenzeuge der revolutionären Vorgänge von
1792 und mit Männern aller politischen Lager persönlich
bekannt, hat Oelsner in seinen Briefen aus Paris berichtet,
worin er, der dort Gesandter der Stadt Frankfurt war, sich
über die Gründe ausläßt, die zum Scheitern der Republik
führen müßten. Hegel erwähnt gegenüber Schelling diese
Briefe, die in der Minerva, dem von Archenholz herausge-
gebenen historisch-politischen Journal, erschienen waren
und dadurch zu den ersten Augenzeugenberichten über
die französische Revolutionsszene in deutscher Sprache
gehörten. Die Beziehung zu Oelsner bedeutete für Hegel
zugleich Verkehr mit einem maßgeblichen Vertreter der-
jenigen Stadtrepublik, die ihn später selbst in ihre Mauern
ziehen sollte.
Ansonsten war Hegel während seiner Berner Jahre von
seinem Brotgeber Steiger mit allerlei Sonderaufträgen
betraut worden. In Tschugg hat er zeitweilig Funktionen
eines Gutsaufschcrs ausgeübt, der dem Besitzer während
dessen Abwesenheit genauen Bericht über seine Beobach-
tungen erstatten muß. So kann er im Sommer 1795 ver-
melden, daß die Kiesarbeiten wegen anderweitiger Be-
schäftigung der Arbeiter an den Reben noch nicht ausge-
führt werden konnten. Die Wege seien mit Sand gefüllt
und geebnet; das Vieh sei wohlauf. Auch die Rückkehr
der Hausherrin aus dem Bade wird mitgeteilt, mit den
Kindern ist der Hauslehrer zufrieden; dies in Form präzi-
ser Angaben bei aller dem Bediensteten auferlegten Di-
stanz zum Gutsherrn.
Auffällig ist, daß in den erhaltenen Briefen Hegels aus
dieser Zeit kein Wort über die revolutionären Ereignisse
in Frankreich bzw. ihre Auswirkungen auf Bern fällt,

56
obwohl sich das Geschehen geradezu überschlug. Am
16. Oktober 1793 wird Marie Antoinette guillotiniert, am
28. Juni 1794 folgt ihr Robespierre. Abgesehen von einem
Wort über die Niederlage der »Robespierroten« an Schcl-
ling schweigt er sich darüber aus. Die Mitteilung, »daß
Carrier guillotiniert ist, werdet Ihr wissen« im gleichen
Brief vom 24. Dezember 1794, rechnet mit dieser Tatsa-
che als kausal begründeter Notwendigkeit. Man muß hier
einflechten: Hegel befindet sich während dieser Jahre in
Bern als dem Zentrum der antirevolutionären Bewegung
in der Schweiz, das in der Koalition mit Österreich und
Preußen strenge Vorkehrungen zur Verhinderung des
Eindringens umstürzlerischer Individuen und Ideen ge-
troffen hatte. Und er lebt noch dazu im Hause Steiger als
der stärksten Stütze des konservativen Regiments, also
inmitten der Gegenpartei zur Revolution. Die Bewunde-
rung Preußens für Bern, die Friedrich der Große aus-
drücklich geteilt hatte, beruhte nicht zuletzt auf der Politik
der Steigers als alten Konfidenten der Regierung in Ber-
lin. Der Grund für Hegels Zurückhaltung kann aber auch
die Vorsicht vor der Zensur sein. Es war damit zu rechnen,
daß die Briefe geöffnet wurden. Daß Hegel diese Überwa-
chungspraxis in Betracht zieht, darf vielleicht aus der
Empfehlung an Schelling in dem Postskript seines Briefes
vom 16. April 1795 geschlossen werden: »Sei so gut, Deine
Briefe in Zukunft gar nicht mehr zu frankieren, sie laufen
sicherer.«
Im Lande selbst hat sich Hegel auf zwei größeren Aus-
flügen umgesehen: im Mai 1795 nach Genf und im Juli
1796 ins Berner Oberland. Seine Gebirgstour in der Ge-
sellschaft der drei sächsischen »Hofmeister« Thomas,
Stolde, Hohenbaum hat er in seinem Tagebuch ausführ-
lich beschrieben.
Am 25. Juli morgens um 4 Uhr brechen die Ausflügler
zu Fuß auf und kommen gegen 10 Uhr in Thun an. Dort
besteigen sie ein Schiff und beginnen anschließend von
Interlaken aus ihre Fußwanderung durch das Berner
Oberland, die sie über Grindelwald und die Scheidegg
nach Meiringen führt, weiter über das Bernische hinaus

57
bis nach Andermatt und von hier die Route über Flüelen
zum Vierwaldstättersee nach Luzern.
Hegels Zug über das Gebirge ist nicht wie bei Goethes
Weg durchs Berner Oberland ein Erlebnis der lebendigen
Natur gewesen. Einer Ergriffenheit oder einem Staunen
angesichts der Gewalt der Bergwelt begegnen wir in seinen
Reiseaufzeichnungen nirgendwo. Auch die Grindelwald-
gletschcr können ihrer erdgeschichtlichen Formation we-
gen seine Aufmerksamkeit nicht erregen. Warum nicht?
»Ihr Anblick bietet weiter nichts Interessantes dar. Man
kann es nur eine neue Art von Schnee nennen, die aber
dem Geist schlechterdings keine weitere Beschäftigung
gibt.« Hier ist ein Berner Hauslehrer auf der Wander-
schaft, der zugleich allfälliger Pfarramtskandidat ist und
angesichts einer Natur ohne Vegetation den physikotheo-
logischen Beweis für die Existenz Gottes prüft, den er
später zurückweisen wird. Als er die oberen Ränder des
Haslitales und ihre vollkommene Öde sieht, scheint ihm
der aufgeklärte Gedanke von einer den menschlichen
Zwecken dienenden Natur eine Absurdität: »Ich zweifle,
ob hier der gläubige Theologe es wagen würde, der Natur
selbst in diesen Gebirgen überhaupt, den Zweck der
Brauchbarkeit für den Menschen zu unterlegen ...« Das
»Muß der Natur« sei hier nicht ohne weiteres ersichtlich, es
sei so weit entfernt wie in den Wasserfällen des Staubbach,
die allenfalls Heiterkeit in die Düsternis der kahlen Berg-
welt hineinbringen und »das Bild eines freien Spiels«
ergeben.
Die Wanderung der vier Bergtouristen folgte einer
damals sehr beliebten Route. Sie war ungefährlich, aber
strapaziös, ohne jede Annehmlichkeit, und Hegel hat sich
am Ende erheblich die Füße wundgelaufen. Auch das
Essen war nicht immer einladend. So ist ihm das unterwegs
im Spital angebotene Murmeltierfleisch nicht als Lecker-
bissen erschienen. Erfreut stellt er allerdings fest, daß er die
Sprache der Alpenbewohner besser versteht als die der
Berner. Und außerdem: Man muß, um zu wissen, was sie
meinen, »Kenntnis der Alten Deutschen Sprache haben«,
die sich hier mehr als in Deutschland selbst erhalten hat.

58
Fünftes Kapitel
Schellings Lehrling

Über Hegels Beziehung zu Schelling seit dem Weggang


von Tübingen erfahren wir zunächst nichts, weil die brief-
lichen Zeugnisse fehlen; anders als bei Hölderlin, der als
Korrespondent Hegels früher in Erscheinung tritt. Die
Abgeschiedenheit des Berner Hauslehrers war groß, es
kam für ihn darauf an, sich darin einzurichten und mit
den äußerlich gesehen wenig ergiebigen Verhältnissen
fertig zu werden.
Schelling, dessen Studienabschluß noch ausstand, hatte
1792 unter Schnurrers Anleitung seine Arbeit über die
biblische Schöpfungsgeschichte geschrieben. Kantischer
Rationalismus und Herders Gedanke vom Sündenfall als
dichterische Darstellung der Ursprünge des Bösen waren
darin zusammengeführt. Das gleiche Verfahren in Aus-
dehnung des Themas verwendet Schelling noch einmal in
einem Aufsatz Über Mythen, historische Sagen und Philoso-
pheme der ältesten Welt, der im 5. Stück der Memorabilien,
Zeitschrift für Philosophie und Religionsgeschichte, er-
scheint. Ihr Herausgeber war Heinrich Eberhard Paulus,
der 1761 im gleichen Leonberger Pfarrhaus wie Schelling
geboren war, jetzt als sein Förderer auftritt und später auf
der Seite seiner erbittertsten Gegner stehen wird. Eine
Anzeige des Aufsatzes, die er liest, veranlaßt Hegel, am
24. Dezember 1794 zur Feder zu greifen und Schelling
sein Interesse an der Arbeit mitzuteilen.
Der Brief bedeutet erste sichtbare Wiederaufnahme
der durch Hegels Abreise abgebrochenen Verbindungen
und eine allerdings sehr vorsichtige Standortbestimmung
des Briefschreibers. Es werden einige gemeinsame Posi-
tionen von früher her abgesteckt. Von Tübingen — so
glaubt Hegel Schellings Zustimmung voraussetzen zu dür-
fen — ist nichts zu erwarten. Tübingen bedeutet Storr,
orthodoxes Mittelmaß sowie Schnurrer und Kollegen:
»Ehe nicht eine Art Reinhold oder Fichte dort an einem
Katheder sitzt, wird nichts Reelles herauskommen. Nir-

59
gends wird wohl so getreulich als dort das alte System
fortgepflanzt ...«
Aber wir erfahren noch einiges mehr. Von den alten
Sympathien für die Revolution in Frankreich ist nichts
geblieben; im Gegenteil: »die ganze Schädlichkeit der
Robespierroten« liegt klar zutage. Daß die französischen
Zeitungen in Württemberg verboten sind, stört Hegel
nicht im geringsten.
Der Brief hat zugleich eine private Seite, die Hegels
Anteilnahme an den Tübinger Verhältnissen zeigt. Seine
besondere Nachfrage gilt Renz, dessen Name auch später
in der Korrespondenz mit Schelling auftaucht. Man sollte
etwas für den ehemaligen Primus des Jahrgangs tun,
findet Hegel und bietet an, ihm in Sachsen eine Stelle zu
verschaffen. Außerdem ist die Rede von Reinhard. Karl
Friedrich Reinhard ist ebenfalls ehemaliger Stiftler, neun
Jahre älter als Hegel, Theologe, der unter Schnurrer
Orientalistik studiert hatte, in französische Dienste getre-
ten war und sich bei den Revolutionären, insbesondere
den Girondisten, zahlreiche Freunde verschafft hatte. Bei
Sieyes hatte er sich durch eine in dessen Auftrag verfaßte
Schrift über die Kantische Philosophie empfohlen. Hegel
kann, als er Schelling mitteilt, daß Reinhard »im Departe-
ment des affaires etrangeres einen Posten von großer
Bedeutung hat«, nicht ahnen, daß dies nur die Anfänge
einer großen politischen Karriere sind, die ihn auf den
Posten des französischen Außenministers führen soll. Fs
wird der Tübinger Stiftler Reinhard, der Sohn eines Dia-
kons aus Schorndorf, sein, der Napoleon die unbe-
schränkte Vollmacht des Direktoriums erteilt.
Wenn wir es nicht aus den Berner theologischen Papie-
ren wüßten, so könnten wir es aus dem einige Wochen
später geschriebenen (undatierten) Brief an Schelling er-
fahren, daß die Lektüre Kants Anfang des Jahres 1795
inzwischen in den Mittelpunkt von Hegels Privatstudien
gerückt ist. Was er beklagt, ist sein Abgeschnittensein von
den literarischen Schauplätzen. Es gibt für ihn keine Mög-
lichkeit, sich mit den derzeitigen gleichlaufenden Bemü-
hungen um die Kantische Philosophie vertraut zu ma-

60
chen. Aber er stimmt der von Schelling ausgemachten
Alternative: »Kant oder Orthodoxie« zu, mit einer sehr
persönlichen Schlußfolgerung: »Die Orthodoxie ist nicht
zu erschüttern, so lang ihre Profession, mit weltlichen
Vorteilen verknüpft, in das ganze des Staats verwebt ist.«
»Orthodoxie« als herrschende theologische Gruppierung
ist der »Trupp« von »Nachbetern oder Schreiern«, ist
»System des Schlendrians«. Aber auch Fichte, der hoch-
verehrte, wird aus der Distanz nicht ganz herausgenom-
men, er hat »durch seine Kritik der Offenbarung Tür und
Angel geöffnet«. »Er konstruiert aus der Helligkeit Got-
tes, was er vermöge seiner moralischen Natur tun müsse
und solle, und hat dadurch die alte Manier in die Dogma-
tik, zu beweisen, wieder eingeführt.«
Doch die Dinge selbst sind noch zu sehr in Fluß, die
Übersicht über sie noch zu unreichend, um volle Sicher-
heit zu gewinnen. Es kommt dem Briefschreiber darauf
an, sich zunächst umzusehen und seine Meinung weiter-
zuentwickeln, dabei von Schelling Belehrung zu erhalten
mit aller Bereitschaft, sich dessen Kritik zu unterwerfen.
Hegel anerkennt uneingeschränkt die geistige Überlegen-
heit des jüngeren Freundes, er sieht in ihm seinen Tn-
struktor oder noch mehr: seinen Vorgesetzten in allen
anstehenden Fragen der Philosophie, von dem er sich
Verständnis für seine Beschränktheit der Miltel und der
Zeit erbittet.
Das war keine Geste der stilisierten Bescheidenheit,
sondern ergab sich aus der Hegeischen Natur und den
äußeren Umständen, insbesondere aber der genialischen
Vehemenz, die bei Schelling zutage trat, ebendem, was
Hegels Sache nicht war.
Übrigens erfährt Schelling hier zum erstenmal vom
Dritten im Bunde, von Hölderlin. Hegel bittet Schelling
um Nachsicht dafür, daß Hölderlin, der inzwischen nach
Jena gegangen ist, brieflich nichts von sich hören läßt.
Das
sei nicht als Kälte zu verstehen: das wachsende »Interesse
für weltbürgerliche Ideen« bei ihm, der sich unter den
Schülern Eichtes befinde, stehe außer Zweifel. Ohne es
eigentlich zu wollen, ist Hegel hier in die Vermittlerrolle

61
hineingeraten, der die Extrempositionen der beiden
Freunde zusammenzuführen versucht. Als Vermittler
kann er glaubwürdig aussprechen, was ihnen in Tübingen
gemeinsam vorgeschwebt hatte, dem zuzustreben ihr Plan
gewesen war: das »Reich Gottes«. Aber eben nicht mehr
im Sinne der Theologen von »Profession«, der Kirche der
Rechtgläubigen, die ihre Diener nährt, sondern eines
neuen Programms, für das Kant und Fichte stehen: »Ver-
nunft und Freiheit bleiben unsere Losung und unser
Vereinigungspunkt die unsichtbare Kirche.«
Hier gelingt Hegel, ohne es darauf angelegt zu haben,
bei der bloß vortastenden Orientierung ein großes Wort.
Es war darin für den landläufigen »Christenmenschen« so
gut wie alles anstößig. »Freiheit« in der verdächtigen Nähe
der »Vernunft« konnte im Verständnis der Orthodoxie
nicht auf Beifall hoffen; das eigentliche Ärgernis aber ist
die »unsichtbare Kirche«. Das klingt nach Jakob Böhme.
Die »unsichtbare Kirche« ist ein Dreh- und Angelpunkt,
von der ungeahnte Bewegung ausgeht gegen das Regime
der »sichtbaren Kirche« mit ihren materiellen Sakralmit-
teln.
Schellings Antwort vom 4. Februar 1795 bedeutete für
Hegel in seiner Berner Einsamkeit eine gewaltige Ermun-
terung, sich mit den darin gebotenen Ideen vertraut zu
machen. Er geht sehr weit, wenn er, unter dem 16. April
niedergeschrieben, darin schon ein »System« sieht und
noch mehr: eine »Vollendung der Wissenschaft, die uns die
fruchtbarsten Resultate geben wird«. Das Selbstvertrauen
ist nicht gering, es wird der Anspruch auf Mitwirkung am
Wandel des in der Gegenwart herrschenden Denkens
vorgetragen, wobei Hegel dem Freund die Führungsrolle
überläßt. Natürlich befindet man sich noch immer auf der
Suche. Eines jedoch glaubt Hegel sagen zu dürfen: »Vom
Kantischen System und dessen höchster Vollendung er-
warte ich eine Revolution in Deutschland.« Schelling
möge ihm derweil Einsicht in Fichtes Wissenschaftslehrc
geben mit allen Konsequenzen, an die bisher noch nie-
mand zu denken gewagt hat. Vor allem kommt es darauf
an, »daß die Menschheit vor sich selbst so achtungswert

62
dargestellt wird«. Man kennt auch die Schuldigen dafür,
daß es bis jetzt noch nicht dahin gekommen ist: Die
Religion war die Gehilfin des Despotismus bei der »Ver-
achtung des Menschengeschlechts«. Es kommt darauf an,
die Ideen, wie sich alles entwickeln soll, zu verbreiten. So
wird auch die Gleichgültigkeit der Menschen über ihr Los
verschwinden.
Idealismus und ungetrübter Optimismus haben den
beiden Briefschreibern die Feder geführt. Kant, Pichte,
Schiller werden von Hegel beim Namen genannt, sie sind
die eigentlichen Verkünder der Botschaft der »unsichtba-
ren Kirche«. Von Hölderlin als ihrem künftigen Apostel
ist in der Korrespondenz mehrfach die Rede. Der Inhalt
ihrer Verkündigung lautet: Es ist auf die belehrende
Kraft der Ideen zu setzen. Über allen aber steht für Hegel
Theodor Gottlieb von Hippel. Ihm verdanke er, wie er
Schelling wissen läßt, die Richtung seines Denkens: »Ich
rufe mir immer aus den Lebensläufen zu: >Strebt der
Sonne entgegen, Freunde, damit das Heil des menschli-
chen Geschlechts bald reif werde. Was wollen die hindern-
den Blätter, was die Äste? Schlagt Euch durch zur
Sonne! <«
Die Sympathie für die französischen Revolutionäre aus
den Tübinger lagen ist in Bern stark abgeklungen. He-
gels Betrachterrolle steht ohnehin quer zu jedem po-
litischen Aktionismus, aber sein Schelling gegenüber ge-
äußertes Interesse an der Karriere Reinhards zeigt Be-
wunderung für den ehemaligen Stiftler, der von der
Revolution hochgetragen wird. Er steht für einen kurzen
Zeitraum seiner eigenen Hoffnungen.
Ihr Verklingen bedeutet Zurücknahme, aber Verfesti-
gung bestimmter und von nun an bleibender Grundan-
schauungen. Sie sind nicht umsonst gewesen. Persönliche
Erfahrungen mischen sich in die aus den französischen
Ereignissen gezogenen Konsequenzen. Denn von Frank-
reich aus fällt Licht auf die Verhältnisse im Württemberg
Karl Eugens und seines Nachfolgers. Die »Orthodoxie« in
der württembergischen Kirche ist aufs engste mit den
Interessen des Staats, der »Despotie« verknüpft, das heißt

63
mit der »Verachtung des Menschengeschlechts«. Das ist
der Grundklang seiner Übereinstimmung mit Sehelling,
der ebenso wie Hegel vor »Orthodoxie« und »Despotie«
zurückschreckt und in der »Philosophie«, bei Kant und
Fichte, Zuflucht sucht. Hegel hat die aus den württem-
bergischen Erfahrungen gezogenen Lehren in seinen
theologischen und durch und durch inoffiziellen Papie-
ren unter dem Begriff der »Positivität der christlichen
Religion« vermerkt. Sie enthält das, was gesetzt werden
muß, was in der historischen Erscheinungswelt als Abwei-
chung vom Gewollten in Betracht zu ziehen ist, wie die
Spanier, die mit dem Kreuz in der Hand ganze Generatio-
nen Indianer ausgerottet haben, oder eine Wissenschaft,
die sich vom Boden der Kirche zur »Gottlosigkeit« entwik-
kelt hat.
Mit diesem Fahrenlassen der revolutionären Hoffnun-
gen fällt in der »Positivität der christlichen Religion« die
Religion auf die »Orthodoxie«, der Staat auf die »Despo-
tie« — denn beide stehen ja im Bunde - zurück. Der Berner
Flegel hat sich in seinen Briefen an Sehelling nicht näher
über seine »Methode« ausgelassen, er fand sie selbst noch
unfertig, im Stadium der Erprobung. »Von meinen Ar-
beiten«, schreibt er am 21. Juli 1795 an den Freund in
Tübingen, »ist nicht der Mühe wert, zu reden.« Er erhofft
sich von Sehelling Anstöße und wagt noch nicht einmal,
ihm gegenüber kritische Urteile auszusprechen: »Bemer-
kungen über Deine Schrift kannst du von mir nicht erwar-
ten. Ich bin hier nur Lehrling.«
Es stimmte: Nichts war hier fertig, nichts sollte, wenn
jemals überhaupt, vor der Zeit nach außen dringen. Auf
ein Mitteilen des von ihm noch nicht hinlänglich Erprob-
ten läßt sich Hegel gegen Sehelling nicht ein - ganz im
Gegensatz zu Sehelling, der seine Ideen wie eine koehende
Lavamasse ausstößt und sich schon in Tübingen auf den
Wettkampf mit Fichte vorbereitet. Was aber beide ver-
band, war der Glaube an die Heraufkunft eines neuen
Weltalters, das im Namen der »Philosophie« gegen die
»Orthodoxie« antreten werde. Hegels Kant-Studium galt
damals insbesondere dessen Schrift über Die Religion in-

64
nerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft als Vorlage für ein
Durchdenken von Kants Begriff der positiven Religion.
Das Buch gehört für Hegel mit zu den Aussichtseröffnun-
gen für das erwartete neue Weltalter, das keinesfalls -
darin stimmte Schelling mit ihm überein - in Württem-
berg zu gegenwärtigen ist. Hatte ihn bereits in Tübingen
Märklin als schnellerer Kant-Leser den Rang abgelaufen,
geht es auch jetzt nur mühsam voran. Durch seine Dienst-
pflichten im Hause Steiger wird das Studium Kants wie
auch das von Schellings frühen Arbeiten immer wieder
schmerzlich unterbrochen.
Mit Schellings Ende seiner Tübinger Zeit ändern sich
auch Thema und Ton des Briefwechsels. Der theoretische
Diskurs darin tritt hinter die Erörterung von Schellings
Reiseplänen, den Vorbereitungen dazu und bald auch
ausführlichen Berichten über seine Aufenthalte in Stutt-
gart, Leipzig, Jena und einem von Thüringen aus unter-
nommenen Besuch in Württemberg zurück. Als er als
Reisebegleiter der beiden Riedcscl aufbricht, sitzt Hegel
noch in tiefer Niedergeschlagenheit im Berner Jura.
Schelling kannte diese Phasen der Depressionen, die sich
auch später immer wiederholten, an Hegel; er munterte
ihn auf, dringt auf seine baldige Lageveränderung. Einen
solchen Zuspruch von außen konnte Hegel damals gut
gebrauchen, er scheint denn auch dem eigenen Vorsatz,
aus dem Steigerschen Hause wegzukommen, bald als wei-
tere Triebfeder gedient zu haben.

65
Sechstes Kapitel
Das Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus

Franz Rosenzweigs handschriftlicher Fund, über den er


zuerst im Jahre 1917 berichtet und der seitdem unentwegt
Anlaß zum Bedenken gegeben hat, trägt das Kennzei-
chen, gleich drei Biographien zugehörig zu sein. Für die
Autorschaft des Blattes sind denn auch drei Namen in
Betracht gezogen worden. Es handelt sich bei diesem
Stück um eine Erwerbung der Königlichen Bibliotheken
in Berlin 1913, »ein ungebrochenes Folioblatt, die zweite
Seite nicht ganz vollgeschrieben« (Rosenzweig), und von
unbekannter Herkunft. Rosenzweig selbst sah in Schelling
den Verfasser des Manuskripts, das aber offenbar von der
Hand Hegels stammen mußte und aus Gründen, die
Rosenzweig für triftig hielt, ihm nicht zugeschrieben wer-
den konnte. Die Behauptung ließ sich stützen wie auch
abweisen. Wenn Hegel das idealistische Programm in
dieser fragmentarischen Form handschriftlich zu Papier
gebracht hatte, warum sollte er es nicht auch selbst verfaßt
haben? Andere sahen mit durchaus einleuchtenden Ar-
gumenten in Hölderlin den Urheber.
Die Frage ist in der Folge weiterhin kontrovers behan-
delt worden und läßt sich mit Überzeugung für den
jeweils zweifelnden Teil nicht beantworten. So schön es
wäre, hier eine Übereinkunft zu erzielen, so unmöglich ist
es angesichts der Sachlage, die aber sehr wohl den Weg
offenläßt, im Systemprogramm die Vereinigungsformeln zu
sehen, in denen sich Hegel, Hölderlin und Schelling für
einen um 1796 liegenden Zeitraum wiederfinden können.
In der chronologischen Ansetzung von Mitte 1796 käme
(noch) der Berner Hegel in Betracht. Wir wissen, daß sich
der »Lehrling« damals als »Lehrling« Schellings fühlt. Das
könnte dafür sprechen, daß er hier einen Schellingschen
Text abschreibt, tut es aber nicht mit Zwangsläufigkeit.
Der Sprachstil, in dem das Stück abgefaßt ist, hat einen
Duktus, der durch und durch unhegelsche Züge trägt,
eine Subjektivität mit vielen Ich-Formen, die Hegel in

66
seiner theologisch-philosophischen Prosa sich sonst nir-
gendwo herausnimmt: »Zuerst werde ich hier von einer
Idee sprechen, die so viel ich weiß, noch in keines Men-
schen Sinn gekommen ist.« Hat man in dem Fragment-
stück Teile eines Agitationsprogrammes gesehen, so
nimmt das engagierte »Ich« (»will ich zeigen, daß es keine
Idee vom Staat gibt«) diesen Ton auch wieder zurück.
Hegel als Agitator! Das stimmt bedenklich, paßt nicht ins
Bild; es paßt eher auf Schelling, den zeitweiligen »Rädels-
führer« der Sympathisanten von 1789 im Tübinger Stift.
Man kann auch an Hölderlinsche poetische Töne erinnert
werden. So schwankt das Papier zwischen Aufruf und
Bekenntnis von jemandem, der Fichte gelesen hat und
unter seinem Einfluß Sätze für ein erstes provisorisches
»System« zustande bringt. »Da die ganze Metaphysik
künftig in d. Moral fällt — wovon Kant mit seinen beiden
praktischen Postulatcn nur ein Beispiel gegeben, nicht
erschöpft, (hat) . . . « Oder: »Die erste Idee ist natürl. d.
Vorst. von mir selbst, als einem absolut freien Wesen.« Das
sind alles Gegenstände ausführlichen Verhandeins im
Briefwechsel Hegels mit Schelling, gehört zur »Bot-
schaft«, die der in Jena Fichte studierende Hölderlin zu
verkünden hat, es schließt sogar schon seinen Gedanken
von der »ästhetischen Kirche« ein. Auffallend ist denn
auch die Vorzugsstellung des »Ästhetischen«. Wir hören:
»Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere Buch-
staben-Philosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine
ästhetische Philos.« Damit ist die Richtung angegeben, in
der Schelling vorangeht und Hölderlin unter dem Ein-
druck unendlicher Trauer über den Untergang Grie-
chenlands ihn begleitet, in der Hegel damals, obwohl er
das alles bejahen kann, noch zur Nachhut gehört. Nicht
ausgespart werden kann die Lieblingsidee der drei Geg-
ner der Tübinger »Orthodoxie«: »Umsturz alles (Aber-
glaubens) Afterglaubens, Verfolgung des Priesterthums,
das neuerdings Vernunft heuchelt«, Lieblingsidee dar-
um, weil sie hier als Theologen persönlich tief verstrickt
sind in das Schicksal der Religion und sich außerordentli-
che Erwartungen an den »Umsturz« knüpfen, an dessen

67
Ende, aus ihm hervorgehend, die »Idee der Schönheit«
steht. Aus der Aufforderung »Der Philosoph muß eben so
viel ästhetische Kraft besitzen« spricht eher das »Tempe-
rament« Schellings (im kantischen Sinne), der sie als erster
in seinen eigenen Manuskripten beherzigen wird. Annä-
herung an Natur und Kunst über die für »Schönheit«
empfängliche sinnliche Seite war ein Goethesches Postulat
und gehört ebenso zur Ästhetik Schillers. Vom Stand-
punkt des christlichen Dogmas aus ist es höchst bedenk-
lich, so zu sprechen. Aber das »Ästhetische« ist der Gra-
ben, den der Verfasser für sich und die, für die er spricht,
gegen die »Tübinger Theologie« aufgeworfen hat.
Ohne »eine neue Mythologie«, die eine »Verwirkli-
chung der Vernunft« sein muß, kann die Verwirklichung
der »Idee« nicht ins Werk gesetzt werden. Die »Idee« steht
hier zweifellos für die »unsichtbare Kirche« als Vereini-
gungsort von Hegel, Hölderlin und Schelling, auch wenn
die Benennung, die gerade in diesen Jahren für alle drei
eine große Rolle spielt, im Text nicht auftaucht. Zu ihr
gehört im Sinne der Erneuerung die Aussöhnung von
Geist und Natur, von Idee und Sinnlichkeit, zwischen die
der alte Mythos einen tiefen Keil getrieben hat. Der Bogen
der Erneuerer reicht noch viel weiter. Alle Zersplitterun-
gen zwischen dem »Volk«, das »vernünftig« wird, und den
»Philosophen«, die »sinnlich zu machen« sind, werden im
Lichte der höheren Einsichten ein Ende haben: »Dann
herrscht ewige Einheit unter uns.« Und das schließt ein:
»Nimmer der verachtende Blick, nimmer cias blinde Zit-
tern des Volks vor seinen Weisen u. Priestern. Dann erst
erwartet uns gleiche Ausbildung aller Kräfte, des Einzelnen
sowohl als aller Individuen.«
Aber das Welterneuerungsprogramm als eine in Prosa
gefaßte Version von Schillers »Seid umschlungen Millio-
nen« macht auch hier noch nicht halt. Der Anspruch ist
höher gesteckt, geht über jede moralische, ästhetische,
pädagogische Zielsetzung und über die Horizonte Rous-
seaus, Kants und Eichtes hinaus. Mit seiner Durchsetzung
fallen die Widerstände gegen die »allgemeine Freiheit
und Gleichheit der Geister« von selber. Was dem Verfas-

68
ser des Papiers hier vor Augen schwebt, ist ein Akt der
Religionsstiftung, die die Wende einleitet mit der Verhei-
ßung, »das letzte, größte Werk der Menschheit« zu »sein«.
War das noch Hegel? Es bedeutet keine Mühe, die im
sogenannten »ältesten Systemprogramm« kernhaft ange-
legten Vorstellungen in seiner späteren Philosophie nach-
zuweisen. Nur der Gedanke, sie durch einen Stiftungsakt
zur Religion zu erheben, fügt sich hier nicht ein. Er fügt
sich sehr wohl bei Schelling ein. Hier ist die Generallinie
seines künftigen Denkens vorgezeichnet: Philosophie als
neue Religion, in der das Sinnliche als das ästhetisch
Erfahrbare nicht mehr verdächtigt werden kann. »Ein
höherer Geist vom Himmel gesandt, muß diese neue
Religion unter uns stiften ...« ist Schellingsches Sprechen
und geht in Hölderlins hymnischen Gesang ein. Hegels in
seiner Natur angelegte Trockenheit hält ihn von solcher
Tonlage fern, bewahrt ihn aber auch vor den Gefahren,
die darin liegen. An dieser Grenze, die von der Philoso-
phie zur Religion hinüberführt, macht der künftige Syste-
matiker halt. Wie bei den Tübinger Studentendemonstra-
tionen mit Freiheitsbaum und Marseillaisc-Singen ist He-
gel auch hier nur Mitläufer. Er ist beim »Systempro-
gramm« im wahrsten Sinne des Wortes federführend, er
kann in alle seine Punkte einstimmen, aber die Beschwö-
rung des »Himmels«, aus der neuen Philosophie, ehe sie
recht begründet ist, schon eine Religion mit allen Weihen,
die ihr anhängen, zu machen, kam aus einer Richtung, die
nicht die seine war.

69
Siebentes Kapitel
Jena gegen Tübingen

Kant, Reinhold und Fichte bilden damals das Dreigestirn,


auf das Hegel und Schelling sich verständigen konnten,
das gegen das Tübingen der Schnurrer, Storr und Flatt
antrat. Einen Augenblick lang scheint sich für Hegel die
Möglichkeit aufgetan zu haben, die frei werdende Repe-
tentenstelle übernehmen zu können, aber dann taucht der
Name Renz, der Vikar in Maulbronn geworden war, für
die Kandidatur auf, und damit wären für Hegel, wenn
ihm nicht ohnehin vor Tübingen gegraust hätte, alle
Aussichten zunichte gewesen. Das Thema wird im Brief-
wechsel mit Schelling und Hölderlin angeschnitten. Die
Parole der drei aber hatte seit längerem gelautet: Jena
gegen Tübingen.
Mit Jena war zunächst die Gestalt Karl Leonhard Rein-
holds verbunden, eines gebürtigen Wieners, der es vom
Jesuitennovizen zum Protestanten und Kantianer ge-
bracht hatte, in Königsberg beim Verfasser der Kritik der
reinen Vernunft persönlich vorstellig geworden war und
dessen Plazet besaß, mit dem er in Jena die Kantische
Lehre vortragen konnte und dadurch sehr an ihrer Ver-
breitung mitwirkte. An ihn knüpften sich viele Hoffnun-
gen, die von Kant und vom Kantianismus auf die jüngere
Generation herüberschlugen. Bei den Studenten fand
Reinhold Anklang, er machte von sich reden, seine Vorle-
sungen müssen sehr anregend gewesen sein, und der, der
sie hielt, genoß die Gunst des Meisters. 1794 zieht Rein-
hold es vor, einem Ruf nach Kiel zu folgen. An seine Stelle
in Jena tritt Fichte.
Die Berufung Fichtcs auf den philosophischen Lehr-
stuhl der sächsisch-weimarischen Landesuniversität war
letztlich durch Goethes Votum zustande gekommen. Fich-
tes Tätigkeit läßt sich zunächst überaus erfolgreich an, die
Zahl der Hörer wächst und beträgt zeitweilig 500. Aber
ein solcher Erfolg ruft zwangsläufig auch Gegner auf den
Plan. Gegen seine ungestörte Wirksamkeit wurden zuerst

70
vereinzelte, dann zahlreiche und immer vernehmlichere
Stimmen der Agitation und der Diffamierung laut. Das
geschieht nicht ganz ohne Fichtes Schuld, denn er macht
es seinen Gegnern leicht, gibt ihnen hinlänglich Stoff, sich
in der Annahme, es mit einem politisch bedenklichen
Kopf zu tun zu haben, bestätigt zu sehen. Ein Satz wie: »Es
ist der Zweck aller Regierungen, die Regierung überflüs-
sig zu machen«, kann ohne größere Mühe als anarchi-
stisch oder revolutionsfreundlich ausgelegt werden. Als er
sich dann noch gegen die »im Schwange gehende Rohheit
und Zügellosigkeit« von drei namentlich aufgeführten
Studentenverbindungen glaubte verwahren zu müssen,
ist es mit seinem Frieden in Jena endgültig vorbei. Einge-
worfene Fensterscheiben, Beschimpfungen seiner Frau
auf der Straße sind die Antwort. Der Universitätssenat
verhält sich indifferent. Nur durch einen beim Herzog
beantragten Urlaub verschafft sich Fichte für den Som-
mer 1795 Ruhe.
Fichte hat sich während dieser Zeit mit dem Gedanken
getragen, nach Frankreich zu emigrieren. Er wollte in
aller Ruhe seine Wissenschaftslehre ausarbeiten; dazu
braucht er ein von allen Amtsgeschäften freies Leben.
Seine Gegner sahen vielleicht doch nicht so falsch, wenn
sie in ihm einen Sympathisanten der Französischen Revo-
lution vermuteten. In einem Briefentwurf aus dieser Zeit
heißt es: »Mein System ist das erste System der Freiheit;
wie jene Nation (die französische) von den äußeren Ketten
den Menschen losreißt, reißt mein System ihn von den
Dingen an sich, des äußern Einflusses los und stellt ihn in
seinem ersten Grundsatz als selbständiges Wesen hin ...
ich würde keinen Titel tragen als den eines französischen
Bürgers, wenn die Nation mir ihn geben wollte.«
In den folgenden drei Jahren seiner Jenenser Lehrtä-
tigkeit war der Friede zwischen Fichte und seinen Geg-
nern nur äußerlich hergestellt. Er liest vor allem über die
Wissenschaftslehre, wo es weniger Anlaß zur Herausforde-
rung derer gab, die nur darauf warteten, um den Kampf
gegen ihn neu zu eröffnen. Aber daß sie schließlich doch
eine Gelegenheit dazu finden würden, mußte er gewärtig

71
sein, und daß auch plumpe Mittel dabei noch zum Erfolg
führen können, sollte er bald erfahren. Ein von Karl
Forberg verfaßter, aber von Fichte im Philosophischen Jour-
nal abgedruckter Aufsatz Über den Grund unsers Glaubens
an eine göttliche Weltregierung ist für die Gegner ein Indiz
seines »Atheismus«, der ihm in einer anonymen Flug-
schrift nachgesagt wird.
Jetzt beginnen die Vorgänge, die mit Fichtes endgülti-
ger Vertreibung aus Jena enden werden. In einem Requi-
sitionsschreiben der kurfürstlich-sächsischen Regierung
an den Weimarer Hof wird mit Sorge vermerkt, daß
»Lehrer in angrenzenden Landen sich öffentlich und
ungescheut zu dergleichen Grundsätzen bekennen«, um
»die Begriffe von Gott und Religion aus den Herzen des
Menschen zu vertilgen«. Auch für eine so aufgeklärte
Regierung wie die weimarische ist es jetzt gar nicht mehr
möglich, entsprechende Untersuchungen zu verhindern,
damit die Verantwortlichkeiten geklärt werden und der-
artigem Treiben auf der Universität, dem Gymnasium
und den übrigen Schulen fortan ein Ende bereitet wäre.
Man hat sich in Weimar alle Mühe gegeben, die Angele-
genheit durch einen Kompromiß zu erledigen. Doch dazu
wäre Fichtes Entgegenkommen notwendig gewesen. Des-
sen Neigung ist freilich gering. Daß er auf völliger Rehabi-
litierung besteht, hatte gute Gründe für sich, daß er mit
seinem Abschied von der Universität droht, war makellos;
strategisch, wie der Ausgang zeigt, allerdings sehr unge-
schickt. Zu einer Entlassung Fichtes hätte man sich in
Weimar nicht entschlossen. Nun, wo Fichte selbst seinen
Weggang anbietet, geht man gern darauf ein, um sich des
unbequemen Mannes zu entledigen.
Damit mochte Fichte nicht gerechnet haben. Daß er so
hoch gesetzt hatte, war seinem Gharakter sehr wohl ange-
messen und bekräftigte seine Unbeugsamkeit. Aber zu-
gleich war man zu einem unerwartet leichten Sieg über
den »Verteidiger der Menschenrechte« gekommen. Es
bleibt - wie man die Dinge auch abwägen mag - ein Rest,
der unbefriedigt läßt.
Man hatte den »Fall Fichte« am »Atheismus« aufge-

72
hängt, mit all den Unsicherheiten bei der Definition eines
solchen Vorwurfs. Was die Angelegenheit über die Be-
deutung des Betroffenen weit hinaushob, war die Mitwir-
kung Goethes im Weimarer Geheimen Conseil bei Fichtes
Suspendierung vom Amt. So wie er sich ausschlaggebend
für dessen Ernennung ausgesprochen hatte, ist er nun zur
Stelle, um ihm den Abschied zu geben. An den »fortdau-
ernden Verdrießlichkeiten«, die Fichtes Wirken ihm und
dem Staat bereitet hatten, war sein Verständnis auf Grund
gelaufen. Er legt ihm »Äußerungen über Gott und göttli-
che Dinge« zur Last, »über die man freilich besser ein
tiefes Stillschweigen beobachtet«, bekräftigt sich selbst
gleichsam noch einmal sein persönliches Wohlgesinntsein
und macht Fichtes undiplomatische Umgangsformen da-
für verantwortlich, daß man ihm nicht aus der leidigen
Sache habe heraushelfen können.
Eine leidige Sache, die »Verdrießlichkeiten« geschaffen
hatte! So sieht Goethe Fichtes Streit in Jena und seinen
Ausgang. Er wiegelt ab. Bei aller Sympathie für Fichte:
der Lärm verlohnt die Sache nicht, um die er gemacht
worden ist, auch der »aufrechte Gang« und der Aufwand
an Gcradlinigkeit, alles schön und gut! Nur: war dieses im
Abstrakten sich abspielende Hochrecken aus guter Gesin-
nung nicht voller Torheit, deren Folgen den Staat in
Unruhe versetzten?
Darin mochte eine Menge Wahres stecken, doch
ebensoviel Sclbstbeschwichtigung Goethes, am Sturz eines
von ihm hochgeschätzten Mannes mitgewirkt zu haben.
Was Goethe wußte und hier verschweigt, war, daß es mit
der Stichhaltigkeit des Grundes für Fichtes Verabschie-
dung aus dem sächsisch-weimarischen Staatsdienst nicht
zum besten stand. Der »Atheismus« als Absage an den
herrschenden Gott war in der Gestalt des Prometheus
Goethes eigene Sache gewesen, darin hätte Fichte ihm,
dem »Griechen« und »Heiden«, für eine Wegstrecke der
willkommene Gefährte sein können. Aber es ging im
Atheismusstreit gar nicht um den »Atheismus«. Fichte
verrät den wahren Grund, wenn er in seiner Verantwor-
tungsschrift vom 18. März 1799 die »Triebfeder«, die ihn

73
aus dem Amt gedrängt hatte, beim Namen nennt: »Ich bin
ihnen ein Demokrat, ein Jakobiner, dies ist's.«
Hier kommt es heraus. Hinter dem bloß »Verdrießli-
chen« verbirgt sich Gefährliches. Besser, wenn man es bei
der Lage der Dinge nicht noch ans Licht bringt! Die
Gewißheit spricht ohnehin dafür, daß das eine zum an-
dern gehört. Das Frankreich von 1789 war dafür der
Zeuge gewesen.
Hegel hatte von Bern, Schelling noch von Tübingen aus
den Aufstieg der Fichteschen Lehre und seinen bald
darauf einsetzenden Sturz nach den Anfeindungen ver-
folgt. Das macht eines der Hauptthemen ihres Briefwech-
sels aus. Schelling, der gerade Fichtes Grundlage und
Grundriß der gesamten Wissenschaftslehre erhalten hat, kann
Anfang Januar 1795 mitten aus dem Studium des Werks
in überschwenglicher Begeisterung an Hegel schreiben:
»Glücklich genug, wenn ich einer der ersten bin, die den
neuen Helden Fichte, im Lande der Wahrheit begrüßen!
— Segen sei dem großen Mann! Er wird das Werk voll-
enden!«
Wenn es hier ein Werk zu vollenden galt, dann konnte
es für Schelling nur das Werk Kants sein. »Mit Kant ging
die Morgenröte auf«, heißt es ein paar Wochen später, am
4. Februar: » - was Wunder, daß hie und da in einem
sumpfigen Tal noch ein kleiner Nebel zurückblieb, wäh-
rend die höchsten Berge schon im Sonnenglanz standen.«
Und wieder gegenüber Hegel, am 21.Juli, ist von einer
»Revolution« die Rede, »die durch die Philosophie be-
wirkt werden soll«; aber die, fügt er gleich hinzu, »ist noch
ferne«. Es waren die Tübinger Verhältnisse mit dem darin
herrschenden Dogmatismus, die ihn zu solchen Reden
drängten. Doch wenn Schelling vom Studium Fichtes
inspiriert gegenüber Hegel die Worte auszusprechen
wagt: »Wir müssen noch weiter mit der Philosophie«,
dann hieß das offen: Wir müssen noch über Kant hinaus.
Im stillen aber hieß es: Wir müssen noch über Fichte
hinaus.
Hier brachte sich Schelling gegenüber Hegel selbst ins
Spiel. Er saß damals in Tübingen und war besser infor-

74
miert, er kann seinen Wissensvorsprung weiter ausbauen;
er ist in der Sache der Treibende, er regt an, fordert auf.
Man wird nicht sagen dürfen, daß er eine Vorzugsstellung
usurpierte. Auch die diskrete Gleichstellung mit Fichte,
aus der die Absicht des Überholens hervorgeht, hatte ihr
gutes Recht. Der selbst ausgestellte Wechsel auf die Zu-
kunft wird eingelöst. Wenn in diesen Monaten einer gegen
die Originalität Fichtes die zu erwartende eigene entge-
genstellen durfte, dann war es Schelling. Zunächst aber
eilt es, weiter auf Fichte zu schauen, auf den für die
»Menschheit kämpfenden Titanen«, wie ihn Hölderlin
nennt, der nach Jena vorausgeeilt war und seinen Vor-
lesungen beiwohnen kann.
So ließ sich über Fichte reden, ohne zu hoch zu greifen.
Fichte ist der erste deutsche Philosoph gewesen, der un-
mißverständlich, ohne Kautelen, als Anwalt der »Men-
schenrechte« auftrat.
Fichte, der Franzosenfreund, Streiter für die »Men-
schenrechte« und verkappter Anhänger der Revolution,
den seine Gegner im »Atheismusstreit« vor aller Öffent-
lichkeit mit Erfolg »entlarvt« hatten, ist durch seine flam-
menden, gegen Napoleon gerichteten Reden an die deutsehe
Nation später sehr in Vergessenheit geraten. Es hatte sich
ein neues Bild vor das alte geschoben. Aber das eine wie
das andere gehörten zur selben Gestalt. Was aus seinen
Anfängen mehr als alles sonst auf Schelling überspringt,
war die Zusammenziehung seines Denkens auf die Lehre
vom »Ich«. Das »Ich« ist alles, und außer ihm ist nur das
»Nicht-Ich«. Wenn es keine Gewißheit gäbe, dann bliebe
als einzige die unanfechtbar, daß »Ich=Ich« ist. Das »abso-
lute Ich« kann Fichte zufolge nie im Widerspruch mit sich
selbst stehen. So oft es sich widerspricht, ist dies ein
sicheres Zeichen dafür, daß es nicht nach der Form des
»reinen Ich«, also nicht durch sich Selbst, sondern durch
äußere Dinge bestimmt wird. Aber dies darf nicht sein,
denn der Mensch ist selbst Zweck, er soll sich selbst bestim-
men und nie durch etwas Fremdes bestimmen lassen,
nach der Formel in Fichtes erster ]enenser Vorlesung
Über die Bestimmung des Gelehrten aus dem Jahre 1794: »Der

75
Mensch soll stets einig mit sich selbst sein; er soll sich nie
widersprechen.« In drei Stufen, die Fichte Thesis, Anti-
thesis und Synthesis nennt, wird die ganze Erfahrungs-
welt gesehen und in »Taten des Ichs« aufgelöst: Setzen
des »Ichs«, Setzen des »Nicht-Ichs« sind die Akte der
sogenannten Transzendentalphilosophie, in der das
»Ich« zur Erfahrung seines Bewußtseins gelangt.
Ein solches Denken hat damals auf Schelling und Hegel
außerordentlichen Eindruck gemacht. Auf Schelling
mehr als auf Hegel! Schelling greift Hegel vor, wenn er
aus fichteschen Vorstellungen heraus in seinem Brief an
Hegel vom 4. Februar 1795 eine fertige Formel bereit hat:
»Gott ist nichts als das absolute Ich.« Er war wieder schnel-
ler zur Stelle, denn Hegel macht entscheidende Bedenken
geltend. Hegel ist auch gar nicht bereit, Schellings zeitwei-
lig kritiklose Bewunderung Fichtes zu teilen. Fichte, so
meint er Ende Januar 1795, habe darin »die alte Manier,
in der Dogmatik zu beweisen, wieder eingeführt«. Das
müsse alles noch näher bestimmt werden.
Das hieß: Was kann es einbringen, den Tübinger Dog-
matismus zu bekämpfen, wenn er in der Philosophie auf
eine andere Weise wieder zustande kommt? Und es hieß
auch: Wenigstens an dieser Stelle ist Fichte hinter Kant
zurückgefallen.
Die beiden Briefschreiber hatten die Jenenser Begeben-
heiten mit Aufmerksamkeit verfolgt. Bei Schelling ist
unbedingte Parteinahme für Fichte mit im Spiel. Hegel
dagegen schränkt ein - bei aller Verurteilung der Jenen-
scr Schändlichkeiten gegenüber Fichte. Warum hat sich
Fichte mit den Studenten angelegt, warum hat er ihnen
nicht ihre »Rohheit« gelassen und sich ein Häuflein ausge-
wählter Schüler herangezogen? Das kam dem Goethe-
schen Standpunkt nah, der die »Verdrießlichkeiten« geta-
delt hatte, mit denen Fichte unnötigerweise hervorgetre-
ten war. Man kann hier den Gedanken des Briefschreibers
erraten: das würde ihm, Hegel, in ähnlicher Lage nicht
widerfahren.

76
Achtes Kapitel
Hölderlin

Da Hegel die Erzieherstelle im Hause der Charlotte von


Kalb in Waltershausen bei Meiningen ausgeschlagen
hatte, war der Freund und Altersgenosse Hölderlin, der
nach seinem theologischen Examen ebenfalls zur Disposi-
tion stand, der neue Anwärter geworden. Das Verfahren
lief über Schiller, der in Weimar das Wohlwollen der Frau
von Kalb genoß.
Das sah wie ein Glücksfall für beide Seiten aus und war
es zunächst auch. Charlotte von Kalb, weimarische Staats-
dame durch und durch, die es darauf anlegte, verständ-
nisvolle Freundin der im kleinen thüringischen Herzog-
tum versammelten Literaten zu sein, hatte mit der Wahl
Hölderlins als Hauslehrer ihres Sohnes nicht fehlgegrif-
fen. Und Hölderlin: er konnte im Blick auf Schiller an
seine Tätigkeit die allerhöchsten Erwartungen knüpfen.
Hölderlins Aufenthalt in Waltershausen in der Rhön
ließ sich denn auch sehr gut an. »Eine Frau von Kalb wirst
Du schwerlich finden in Deinem Bern. Es müßte Dir sehr
wohl sein, an diesem Strahle Dich zu sonnen«, schreibt er
am lo.Juli 1794 an Hegel in die Schweiz. Der Aufenthalt
auf dem Gute bietet ideale Lebensverhältnisse: lange Ge-
spräche mit der Mutter seines Zöglings, Lektüre Kants
und der Griechen, Ausflüge, die ihn weit ins Gebirge
fuhren. Hegel mußte einen Irrtum begangen haben, als er-
sieh statt für das Amt im Hause Kalb für Bern entschied.
Im abwechslungsreichen Verlauf seiner Tage bleibt
Hegel für Hölderlin der ruhende Pol, der ihm den nöti-
gen Halt gibt. »Du warst so oft mein Genius« im selben
Brief ist mehr als nur Versicherung der Freundschaft, wie
sie auch Schclling gegenüber hätte gelten können. Ver-
band ihn seine unruhige Natur eher mit Schelling, so steht
ihm Hegel als kontrapunktische Erscheinung viel näher.
Hegel ist ihm der »Bruder«, als der ihm Schelling nie
erschienen war. Er steht in Hölderlins Augen fest auf dem
Boden — er ist nicht, wie er selbst oder Stäudlin, der sich

77
später bei Straßburg im Rhein ertränkt, ein Fallender.
Seine Gegenwart verleiht Sicherheit. Schade, daß er in
Waltershausen, wo er in freien Stunden am Hyperion dich-
tet, nicht an seiner Seite ist: »Ich möchte Dir wohl manches
ablernen, auch zuweilen etwas von dem Meinigen mittei-
len« (10. Juli 1794).
Wir kennen die Losung, unter der in Tübingen Hegel,
Hölderlin und Schelling auseinandergingen. Hölderlin
erinnert Hegel daran, der sie wieder brieflich gegenüber
Schelling erwähnt. Über allem Wechsel der Verhältnisse
steht das »Reich Gottes«, seine Verkündigung und das
Mitschaffen daran. Es ist die Losung dreier gescheiterter
Theologen, die als Hofmeister bald einer nach dem an-
dern von Tübingen aus in die Welt ziehen und in ihrem
Fall: noch mehr durch ihr Erheben in den darauffolgen-
den zweihundert Jahren von sich reden machen. »Reich
Gottes« im Namen von »Vernunft und Freiheit« mit dem
»Vereinigungspunkt« in der »unsichtbaren Kirche«!
Für Hölderlin standen die Dinge zunächst am günstig-
sten. Frau von Kalb bedeutete die unmittelbare Nähe
Schillers, bedeutete Jena, mit allem, was sich hier vorberei-
tete, bedeutete das nahe gelegene Weimar mit Goethe,
Herder, Jean Paul und seinem schwäbischen Landsmann
Wieland. Was konnte es für den vierundzwanzigjährigen
Hölderlin Wünschbareres geben, als von Schiller in Goe-
thes Nähe gebracht zu werden? Dabei widerfährt ihm
ein Mißgeschick. Bei seinem Besuch in Schillers Haus wird
er einem Herrn vorgestellt, dessen Namen er nicht ver-
standen hat. »Kalt, fast ohne einen Blick auf ihn begrüßte
ich ihn«, berichtet er in einem Brief an Neuffer vom
November 1794. Nachher und zu seiner allergrößten
Bestürzung wird er erfahren, daß es Goethe gewesen
war, den er in seinem Gespräch so gleichgültig behandelt
hatte.
Später, bei der zweiten Begegnung (oder ist es die
gleiche, aus der Perspektive ihres weiteren Verlaufs her-
aus berichtet?) scheint nach Hölderlins Aussagen das Eis
gebrochen zu sein. Er schreibt am 26. Januar 1795 dar-
über an Hegel nach Bern: »Goethe'n hab' ich gesprochen.

78
Bruder! es ist der schönste Genuß unseres Lebens, so viel
Menschlichkeit zu finden bei so viel Größe. Er unterhielt
mich so sanft und freundlich, daß mir recht eigentlich das
Herz lachte und noch lacht, wenn ich daran denke.«
Herder fällt demgegenüber etwas ab, er kehrt in den
Augen Hölderlins bei aller Herzlichkeit zu sehr den
»Weltmann« heraus, spricht »oft ganz allegorisch«. Das
stört. Immerhin, es scheint, als ob Hölderlin in den Kreis,
auf den es ihm in Weimar ankommen mußte, Eingang
gefunden hätte.
Aber gerade der Aufenthalt der Kalbs in Weimar berei-
tete das Ende seiner Hauslehrertätigkeit vor. Es hatte
Schwierigkeiten mit dem Zögling gegeben. Hölderlin er-
wähnt im selben Brief das »mannigfaltige Elend, das ich
durch die besonderen Umstände, die bei meinem Sub-
jekte stattfanden, erfahren mußte«, spricht von einer ge-
schwächten Gesundheit und dem Bedürfnis, wenigstens
für eine Zeit, unabhängig für sich selbst zu leben. Er hatte
bereits vor der Abreise seinen Dienst aufkündigen wollen,
sich dann aber durch Schillers Drängen und die Bitten der
Frau von Kalb zum Bleiben überreden lassen und einen
weiteren Versuch gewagt. Aber der war fehlgeschlagen,
hatte ihm die nächtliche Ruhe gekostet und war nicht
länger als vierzehn Tage zu ertragen gewesen. Zu bewun-
dern war das unendlich feine Taktgefühl der Frau von
Kalb, die zwischen der Aufsässigkeit ihres Sohnes und den
Kaprizen Hölderlins auszugleichen verstand. Denn Höl-
derlin hatte seine »Launen«, worüber auch zwischen He-
gel und Schelling Einvernehmen bestand. Ihn drängte
jetzt vor allem die Arbeit am Hyperion, für den Schiller ihm
seine Zeitschrift Thalia zur Verfügung gestellt hatte. Das
Schreiben daran ist nicht zuletzt Flucht vor der Wirklich-
keit, vor dem Leiden an Deutschland und ein Hin zu den
Gestaden Griechenlands mit der Diotima als einer er-
träumten Geliebten. Da durfte für das prosaische Ge-
schäft eines Erziehers im Umgang mit einem die Phantasie
tötenden »Subjekt« nun wirklich keine Zeit verloren wer-
den.
Frau von Kalb hatte es schließlich mit viel Geschick dazu

79
gebracht, in Weimar eine passende Lösung zu finden. Sie
verstand es, ihren Sohn von seinem Erzieher zu befreien
und den Erzieher von einer unerträglichen Last. Als
Hauslehrer war Hölderlin überflüssig geworden; so hatte
er es sich gewünscht. Dafür war er Frau von Kalb von
Herzen dankbar. Ihr Haus wird ihm immer offenstehen.
Er verfügt zunächst über einige Geldmittel, die es ihm
erlauben, sich unabhängig zu bewegen und nach Jena
zurückzukehren, wo er in der Nähe Schillers seine Bei-
träge für die Hören und den Musenalmanach schreiben
möchte. Seine Devise, die er Hegel am 25. November 1795
mitteilen wird, ist, lieber mit dem » Hungerleiden« vorlieb-
zunehmen als eine »öffentliche Beschäftigung« zu su-
chen, die ungelegen ist. Das heißt: keinen Eintritt in den
beamteten Dienst, und das heißt hier: der Kirche, wie es
für ihn als Theologen vorgesehen war. Als die Frage einer
Repetentenstelle im Stift auftaucht, weist er sie für sich
entschieden zurück, warnt aber auch Hegel davor, sich als
»Totenerwecker in Tübingen« diesen Mühen zu unterzie-
hen. Am vorteilhaftesten erscheint ihm nach einer Zeit
der Muße ein neues geeignetes Hofmeisteramt.
Er sollte es finden, in Frankfurt am Main, im Hause der
Kaufmannsfamilie Gontard; und zwar ein solches, das im
Blick auf die junge Dame des Hauses nichts für ihn zu
wünschen übrig läßt. Er war zunächst von Jena nach
Nürtingen zur Mutter zurückgereist, hatte sich hier und
da umgehört. Die Blütenträume aus seinen Begegnungen
mit Goethe waren in den nächsten Monaten nicht gereift.
Beim stellungslosen Theologen mit dem begonnenen Hy-
perion im Gepäck stellen sich lang währende Phasen der
Depression ein. Im Gedanken an die Zukunft überkommt
ihn das Gefühl der beruflichen Hoffnungslosigkeit, aus
dem ihn auch die Frankfurter Tätigkeit nicht herausrei-
ßen wird. Es versteht sich, daß er Hegel einbezieht in
dieses Gefühl der Unsicherheit eines solchen Dienstver-
hältnisses: »Wenn wir einmal auf dem Sprunge sind, Holz
zu spalten oder mit Stiefelwachs oder Pomade zu handeln,
dann laß uns fragen, ob es nicht etwa doch besser wäre,
Repetent in Tübingen zu werden« (24. Oktober 1796).

80
So konnte man es angesichts der mißlichen Lage, in der
sich Hegel damals noch in Bern befand, mit guten Grün-
den sehen. Es gehörte jetzt allerdings schon zu Hölderlins
Bemühungen, Hegel nach Frankfurt herüberzuholen. Er
versucht, ihm die Tätigkeit in einer namentlich nicht
genannten Familie schmackhaft zu machen, befürchtet
dann allerdings auch wieder, das Erzieheramt könne,
»weil das Kind vier Jahre alt ist«, ihn nicht befriedigen.
Aber angesichts der Alternative Stiefelwachs- und Poma-
denhandel oder neuerliche Einkehr ins Tübinger Stift
nimmt sich das angebotene Amt sehr vielversprechend
aus.
Jetzt ist Hölderlin der Stellenvermittler. Die brieflichen
Verhandlungen, in denen in der Folge von der Familie
Gogel mit zwei Jungen von neun und zehn Jahren die
Rede ist, geraten freilich während des Sommers 1796 ins
Stocken. Hölderlin macht die Kriegsunruhen dafür ver-
antwortlich, außerdem seine Reise als Begleiter der Gon-
tards nach Kassel. Als Dichter ist er dabei, die Diotima des
Hyperion auf Susette Gontard einzustimmen. Mochte sich
hier eine Malaise anbahnen, so lag sie ebenso in der
äußeren Verwickeltheit der bürgerlichen Verhältnisse wie
in Hölderlins eingeborenem Unglück. Aber was hier an
dunklen Wolken heraufzog, befand sich ganz außerhalb
dessen, was ihn als Vikar im Württembergischen, der er
hätte sein müssen, würde erwartet haben.

81
Neuntes Kapitel
Schelling

Mit der Abhandlung De Marcione Paullinarum epistolarum


emendatore, die den Nachweis führen sollte, daß die Be-
hauptung, der Häretiker Markion habe die Paulinischen
Briefe verfälscht, unrichtig sei, hatte Schelling sein theolo-
gisches Studium abgeschlossen. Die anschließenden Som-
mermonate des Jahres 1795 verbringt er im Hause der
Eltern in Schorndorf, wo sein Vater damals Superinten-
dent war. Seine Absicht wie die so vieler seiner Mitstudie-
renden ist, anschließend ins Ausland zu reisen. Aber die
Möglichkeiten dazu sind begrenzt, ergeben sich allenfalls
durch die Funktion des Hauslehrers oder des Reisebeglei-
ters, im einen wie im andern Fall des Hofmeisters. Also
der Weg Hegels und Hölderlins!
Hegel war damals noch in Bern, Hölderlin bereits aus
Jena ins Württembergische zurückgekehrt, als Schelling
Erkundigungen anstellt und auf das Anerbieten der Brü-
der Riedesel aus dem hessischen Lauterbach trifft, die
ihre Kavalierstour vorbereiten und dazu zunächst einmal
in Stuttgart im Hause des Professors Ströhlin Französisch
lernen. Hier stellt er sich den beiden vor und ist vor allem
von deren Absicht begeistert, nach Frankreich und Eng-
land zu reisen. Es winkt das Glück, bald aus Württemberg,
dem »Pfaffen- und Schreiberland«, wie er es im Brief vom
Anfang 1796 an Hegel nennt, herauszukommen.
Indessen wird aus der ganzen Sache mit allen schönen
Erwartungen nichts. Die Familie Riedesel ist nicht geson-
nen, einer Reise ins revolutionäre Frankreich zuzustim-
men, und um nach England zu fahren, will man erst den
Friedensschluß abwarten.
Statt dessen wird ein neues Programm entworfen, das
den Besuch an einigen deutschen Höfen vorsieht und
über Ludwigsburg, Mannheim, Darmstadt und Gotha
nach Weimar führt. Auf dem Wege liegen Stationen wie
Heilbronn und Heidelberg. Unterwegs muß sich Schel-
ling in Darmstadt beim Vormund der beiden Riedesel,

82
dem Geheimrat von Gatzert, noch einer Gesinnungsprü-
fung unterziehen, ob er nicht »Demokrat« oder »Aufklä-
rer« sei. Der Test fällt günstig für ihn aus.
Als Höhepunkte der Tour, die Schelling für den ausge-
fallenen Besuch von Paris und London entschädigen soll-
ten, galten in seinen Augen der Aufenthalt in Jena und
Weimar. Jena vor allem, die Stadt, in der Fichte lehrt!
Aber Fichte ist zu dieser Zeit abwesend. So schließt er als
bedeutsamste Bekanntschaft zunächst die mit Schiller. Die
Charakterisierung, die er von ihm gibt, ist eine psychologi-
sche Studie, die ebensoviel über Schelling selbst und die
Art seines Sehens aussagt: »Ich habe Schiller gesehen und
viel mit ihm gesprochen. Aber lange könnte ichs bei ihm
nicht aushalten. Es ist erstaunend, wie dieser berühmte
Schriftsteller im Sprechen so furchtsam sein kann. Er ist
blöde und schlägt die Augen unter, was soll da ein anderer
neben ihm? Seine Furchtsamkeit macht den, mit dem er
spricht, noch furchtsamer. Derselbe Mann, der, wenn er
schreibt, mit der Sprache despotisch schaltet und waltet,
ist, indem er spricht, oft um das geringste Wort verlegen
und muß zu einem französischen seine Zuflucht nehmen,
wenn das deutsche ausbleibt. Schlägt er die Augen auf, so
ist etwas Durchdringendes, Vernichtendes in seinem
Blick, das ich noch bei niemand sonst bemerkt habe. Ich
weiß nicht, ob das nur bei der ersten Zusammenkunft der
Fall ist. Wäre dies nicht, so ist mir ein Blatt von Schiller,
dem Schriftsteller, lieber, als eine stundenlange Unter-
redung mit Schiller, dem mündlichen Belehrer. Schiller
kann nichts Uninteressantes sagen, aber was er sagt,
scheint ihn Anstrengung zu kosten. Man scheut sich, ihn
in diesen Zustand zu versetzen. Man wird nicht froh in
seinem Umgang.«
Das eigentliche Reiseziel aber war Leipzig, wo die bei-
den Riedcsel studieren wollten, mit Schelling als ihrem
Mentor. Ihr Verhältnis hatte sich als gut und für alle
förderlich herausgestellt. Der Aufenthalt in Leipzig, der
über zwei Jahre dauern wird, kam schließlich auch Schel-
lings Interessen außerordentlich entgegen. Er kann hier
sein Studium fortsetzen und es vor allem auf Mathematik,

83
Physik und Medizin ausdehnen. Und dies neben seiner
Produktion als philosophischer Schriftsteller, als der er
vor allem durch einen Aufsatz Allgemeine Übersieht der
neuesten philosophischen Literatur auf Fichte Eindruck zu
machen versteht!
Je länger der Aufenthalt in Leipzig dauerte, desto mehr
mußten die Umstände, vor allem der Zeitverlust, der mit
seinem Begleiteramt verbunden war, bedrückend auf ihn
wirken. Es bot ihm keine Zukunft. »Ein alter Hofmeister,
der über dem Hofmeisteramt alt geworden, taugt zu
nichts mehr. Für die goldene Mittelmäßigkeit ist er ver-
dorben, für die höhere Sphäre zu kurz«, schreibt er im
September 1797 an seine Eltern, und weiter, um ihnen
keine falschen Hoffnungen zu machen: »Zur Theologie
tauge ich nicht, weil ich indes um nichts orthodoxer ge-
worden bin.« Ihm schwebt für die nächsten Jahre eine
unabhängige Lebensweise vor, um sieh ganz den Wis-
senschaften zu widmen, oder, da ihm hierzu die wirt-
schaftlichen Mittel fehlen, der Eintritt in die akademische
Laufbahn. Aber dazu möchte er sich nicht habilitieren,
sondern gleich berufen werden.
Hierbei lag der Zustimmung der Eltern nichts im Wege.
Der Vater möchte ihn in Tübingen, das der Sohn vor nicht
allzu langer Zeit als Kandidat verlassen hat, als Professor
sehen und schreibt deswegen Briefe an Schnurrer und
den Minister Spittler in Stuttgart, um eine Berufung für
die in Aussicht stehenden Vakanzen nach dem Ausschei-
den von Bock oder Abel zu erwirken. Doch hier wie dort
war Schelling, der aus seinem Herzen nie eine Mörder-
grube gemacht hatte, kein Unbekannter. Daß mit ihm
kein Mann berufen worden wäre, der die Sache der tonan-
gebenden Kräfte gestützt hätte, lag auf der Hand. Dazu
kam: Schelling ist seinem Temperament nach ein Charak-
ter, der sehr für sich einzunehmen vermag, aber auch bei
andern schnell große Aversionen weckt. In Württemberg
wehte der Wind gegen ihn, und er selbst, der nie auf die
Hoffnungen seines Vaters gesetzt hatte, ihn aber gewäh-
ren ließ, wußte es genau.
Noch während der Bemühungen des Vaters kündigen

84
sich andere Aussichten an. Fichte interessiert sich für ihn
und ist bereit, ihn nach Jena 7u berufen. Hier wog noch
schwerer, daß Goethe von Schellings Naturlehre angetan
ist und bei einem Gespräch in Jena im Mai 1798 durch das
günstige Bild, das er von ihm gewinnt, zu erslen vorberei-
tenden Schritten veranlaßt wird, die zur Anstellung füh-
ren. Das Dekret zur Berufung schickt ihm Goethe zum
5.Juli 1798 zu. Die wirtschaftlichen Sorgen des außeror-
dentlichen Professors Schelling sind damit freilich nicht
behoben. Fs ist unbesoldet. Ein Gehalt wird ihm erst für
die Zukunft in Aussicht gestellt.
Mit seiner Berufung war Schelling früher, als er erwar-
ten konnte, an das Ziel seiner Wünsche gelangt. Der
Dreiundzwanzigjährige als Philosophieprofessor: das hat-
ten vor ihm weder Kant noch Fichte erreicht. Für Hegel
liegt dies außerhalb aller Vorstellungen. Und das in Jena,
dem Mittelpunkt der neuen geistigen Bestrebungen in
Deutschland! Jena bedeutet nicht nur Schiller und Fichte,
es ist die Hauptstadt der aufsteigenden Romantik. Hier
hat sich August Wilhelm Schlegel niedergelassen, der als
Rezensent Goethes und Schillers die »Weimarer Klassik«
eigentlich erst begründet, der sich außerdem den romani-
schen Literaturen zuwendet und zusammen mit Tieck in
Dresden Shakespeare übersetzt. Friedrich Schlegel, der
Bruder, den es ebenfalls für eine Weile nach hier ver-
schlägt, hat zwar ein ebenso gutes Verhältnis zu Goethe,
aber ein schlechtes zu Schiller, dessen Musenalmanach von
1796 er verreißt. Wenn Friedrich Schlegel die Französi-
sche Revolution, Goethes Wilhelm Meister und Fichtes Wis-
senschaftslehre die herrschenden Tendenzen des Jahrhun-
derts nennt, so fanden sich in Weimar und Jena auch die
Köpfe, die für diese Tendenzen zeugten. Aber in Jena lebt
ebenfalls jene Sophie von Kühn, die der mit ihr verlobte
Salinenauditor Friedrich von Hardenberg von Weißenfels
aus besucht und die lgjährig an der Schwindsucht in
ebendem Jahre 1797 stirbt, in dem ihr mystisch gestimm-
ter Bräutigam unter dem Namen Novalis die Hymnen an
die Nacht niederschreibt. Der eigentliche Stern in dieser
Stadt, die Schelling wenig ansehnlich findet, ist Caroline,

85
geborene Michaelis aus Göttingen, die nach abenteuerli-
chen Jahren von den beiden Schlegels nach Jena geholt
wird und sich hier zu einer zweiten Ehe mit August
Wilhelm entschließt.
Hier kündigt sich nicht nur ein anderes Lebensgefühl
an, hier zeigt sich bereits ein bis dahin unbekannter Stil,
der Jena als den einen Brennpunkt der Romantik mit
Berlin als dem andern verbindet. In dem neuen, bereits
verbürgerlichten Salon nimmt die emanzipierte Frau eine
herrschende Stellung ein. Emanzipation aber heißt hier:
sich in der Literatur und der Philosophie auskennen -
und für diese Jahre des Umbruchs durch die Jahrhun-
dertwende genauer: Goethe kennen und Fichte verste-
hen.
Das war ein weiter Bogen, der von den damals eher
bescheidenen Jenenser Verhältnissen bis zum Berliner
Salon der Rahel Varnhagen und dem größeren Vermö-
gen der wohlhabenden Berliner Kaufmannstochter, von
dem er alimentiert werden konnte, herüberreichte. Aber
das ist alles erst noch im Anzüge, als Schelling nach Jena
kommt und sich hier niederläßt. Dahinter lagen wie-
derum Strömungen, mit denen er persönlich zu tun hatte,
von denen er berührt wurde und die gegensätzlicher Art
waren wie etwa Goethes Mißtrauen gegen die Romantik
und Fichtes Philosophie als romantische Philosophie par
excellence. Das drängt jetzt nach Ausgleich, sucht nach
einem klärenden Zusammenfinden, das sich dem Verste-
hen zugänglich zeigt.
Schelling war zur rechten Zeit nach Jena gekommen.
Für seine Art des Denkens lag hier geradezu ein lokales
Bedürfnis vor. Kaum hat er mit seinen Vorlesungen be-
gonnen, da setzt das erneute Kesseltreiben gegen Fichte
ein, das im Sommer 1799 m^ seiner Vertreibung für die
Gegner zum siegreichen Abschluß gebracht wird. Schel-
lings Zusammenarbeit mit Fichte bis dahin war gedeihlich
gewesen. Der Vorwurf des »Atheismus« hätte ihn ebenso
treffen müssen, wenn man die spätere Formel Hegels
»Spinozismus = Atheismus« zugrunde legen würde. Der
freilich ließ sich mit noch viel größerem Recht gegen den

86
weimarischen Generalsuperintendenten Herder erhe-
ben, der als Schriftsteller sich nie die Mühe gemacht hatte,
seinen Standpunkt insbesondere gegen die institutionali-
sierte Kirche /u verheimlichen. Aber war dieser Vorwurf,
wie wir wissen, Vorwand für Schwerwiegenderes, so wäre,
wenn man den wirklichen Gründen nachginge, Schelling
kaum eher mit heiler Haut davongekommen.
Schelling scheint in diesen frühen Jenenser Jahren in-
dessen vom Glück überaus begünstigt, und er ist es auch.
Es entsteht eine Schrift nach der anderen, so sein Erster
Entwurf eines Systems der Naturphilosophie (1799), sein System
des transzendentalen Idealismus (1800), seine Allgemeine De-
duktion des dynamischen Prozesses oder der Kategorien der Phy-
sik aus dem gleichen Jahr, die Darstellung meines Systems der
Philosophie aus dem folgenden. Auch seine Wirkungen als
junger akademischer Lehrer können sich sehen lassen.
Sozusagen um sein Glück vollständig zu machen, begeg-
net er jener Frau, die ihm nicht sofort verfällt, sondern
zunächst zögert und Widerstände bereithält, aber dann,
als sie sich entschieden hat, ihr von Fragwürdigkeiten
beladenes Leben in-die Waagschale wirft und es an das
seine bindet: Caroline. Sie hatte mit der Emanzipation als
Selbstbestimmung der Frau Ernst gemacht, hatte deren
Freuden und Leiden bis zum letzten ausgekostet. Sie war
die Freundin des Mainzer Revolutionärs Georg Förster
gewesen, teilte seine Ideale und desavouierte sie, war
stark, wo es sein mußte, und schwach, wo es im Einklang
mit ihrem W7illen geschah. Da genügte eine Ballnacht in
der Gesellschaft eines französischen Offiziers, um sie er-
neut Mutter eines Kindes werden zu lassen, das bald
darauf starb. Die politischen Verdächtigungen, denen sie
als »Republikanerin« ausgesetzt war und die ihr eine
mehrmonatige Haft in Köngstein einbrachten, trafen sie
im Tiefsten tind waren dabei im gleichen Atemzuge aus
der Luft hergeholt. Nichts stimmte hier und zugleich alles.
Intellekt, Ansehnlichkeit, genialisches Einfühlungsver-
mögen, die Lust an der fein gesponnenen Intrige und der
giftige Biß kamen hier zusammen. Für Moral und Amoral
der romantischen Hetäre, die Friedrich Schlegel aus sei-

87
ner Lucinde sprechen ließ, gab sie wie keine andere Frau
ihrer Zeit die Vorlage ab. Eine Rahel Varnhagen und
Dorothea Veit, so klug, sensibel und gesellschaftlich sie
sein mochten: An Caroline reichten sie nicht heran. Für
Schiller, der unter ihrer Neigung zur Kabale zu leiden
und als Theaterdichter ein Auge für Maßverhältnisse des
»Bösen« hatte, war sie die »Dame Luzifer«, die sich über
sein Lied von der Glocke totgelacht hatte. Goethe dagegen
mochte sie. Fr war unbetroffener und konnte sich am
eigentlichen Zusammenspiel von Luzidität des Geistes,
Willensstärke und Unberechenbarkeit in der Gestalt Ca-
rolines unbefangen erfreuen.
Als Sehelling Carolines Bekanntschaft macht, ist er drei-
undzwanzig, sie fünfunddreißig. Zur ihr gehört ihre
Tochter Auguste aus der ersten Ehe mit Georg Wilhelm
Böhmer. Kur/ nach ihrem Bekanntwerden am 14. Okto-
ber 1798 schreibt sie an Friedrich Schlegel: »Sehelling ist
ein Mensch, um Mauern zu durchbrechen. Er ist eine
rechte Urnatur, als Mineralie betrachtet echter Granit.«
Sie ist schon ganz dabei, von ihm Besitz zu ergreifen.
Friedrich Schlegels Antwort: wer wird die »Granitin« sein,
die er nötig hat? hat längst die Richtung begriffen, die hier
eingeschlagen wird. August Wilhelm Schlegel, der nach
Berlin übergesiedelt ist und Caroline in Jena allein zu-
rückläßt, wird noch erfahren, daß an seiner Statt ein
anderer an ihrer Seite ist. Dann kommt der große Schock.
Im Jahre 1800 stirbt Carolines Tochter fünfzehnjährig,
und Sehelling muß den Vorwurf hören, er habe mit
»naturphilosophischer« Behandlungsweise den Tod des
Kindes verursacht. Weitgehender war der Verdacht, dem
Friedrich Schlegel und Frau Paulus Glauben schenkten,
Caroline habe die eigene Tochter mit Sehelling verkup-
peln wollen und, weil sie ihn selber liebte, habe das Mäd-
chen sterben müssen. Noch zwei Jahre später wurden
Sehelling und Caroline gezwungen, zu ihrer Verteidigung
erneut die genauen Todesumständc zu schildern. Caroli-
nes Ruf war nicht der beste, mit Folgen für Sehelling:
»Wegen Sehelling und der Schlegelin nimm' Dich in acht«,
schreibt Fichte am 23. Oktober 179t) an seine Frau.

88
In der Begegnung mit Caroline und ihrem romanti-
schen Unendlichkeitsgefühl ist Schelling ganz zu dem
geworden, der er in Zukunft sein wird. letzt finden sich
alle Elemente zusammen, mit denen er seine wechselnden
Systeme aufbauen wird. Darin ist Schelling die Aus-
nahme, daß er — für Karl Jaspers der ein/ige große Philo-
soph -von der Beziehung zu einer Frau in seinem Denken
organisiert wird.
»Der Anfang und das Ende der Philosophie ist - Frei-
heit«, hatte es in seiner Schrift Vom Ich als Prinzip der
Philosophie aus dem Jahre 1795 geheißen. Das wird ganz
im Sinne der von Jena aus aufsteigenden Frühromantik
mit Fichte als ihrem Ideologen bei ihm zur Maxime, der er
persönlich nachlebt. Mit seiner Schrift Von der Weltseele aus
dem Jahre 1798 hatte er anfängliche Bedenken Goethes
gegen ihn ausgeräumt, nachdem dieser sich im persönli-
chen Gespräch davon überzeugen konnte, daß ihm »keine
Spur einer Sansculotten-Tournure« nachzusagen war, so
daß er ihn an der Fakultät vorbei zum Professor berufen
ließ. Schelling nennt darin das »Gesetz der Polarität« ein
»allgemeines Weltgesetz«. Hier kam er Goethe, dessen
Wahlvenuandtschaften noch ausstehen, sehr nahe. Es war
goethisch gedacht, wenn nach Schellings Vorstellung von
der »Weltseelc« die »magnetische Polarität der Erde die
ursprüngliche Erscheinung des allgemeinen Dualismus
ist«. Der Schelling der Jenenser Zeit, der in seinen Vor-
lesungen Naturphilosophie, Transzendentalphilosophie
und Kunstphilosophie behandelt, hat zunächst als junger
Kollege Fichtes, der sich, wie wir wissen, als dessen legaler
Nachfolger fühlt, bereits Themen berührt, denen sich
auch Hegel später als Systematiker zuwendet. Die Schrif-
ten zwischen 1795 und 1800 bilden davon ein Spektrum.
»Das Absolute« als »ein ewiger Erkenntnisakt« oder als
»notwendig reine Identität«, wie es in den Ideen zu einer
Philosophie der Natur heißt, gehört bereits zu einem in sich
abgeschlossenen Vorverhandeln des späleren Hegelschen
Fragens; bei Schelling wird es Gegenstand des Spekulati-
ven unter dem Namen der von Fichte herüberreichenden
Identitätsphilosophic mit der Hauptfrage der Beziehung

89
von »Realismus« und »Idealismus«. Des weiteren ist der
Dreitakt des dialektischen Verfahrens von »Thesis«, »Anti-
thesis« und »Synthesis« als »absolutes Ich«, »absolutes
Nicht-Ich« und »bedingte, durch Aufnahme in Ich be-
stimmte Setzbarkeit« in voller Aktion gezeigt.
Schellings Aufnahme in den Jenenser Kreis war mühe-
loser gelungen, als er es sich je hätte träumen lassen.
Unversehens war er an Fichtcs Stelle getreten, der das
Feld räumen mußte. Aber bald zeigte sich, daß der Jenen-
ser Kreis keine geschlossene Runde war, vielmehr unter
starken Spannungen litt, die auf die persönlichen Bezie-
hungen übergriffen. Wie sollte bei einer Ansammlung
solcher ausgemachter Charaktere über längere Zeiträume
hinweg hier Friede als Dauerzustand zu erwarten sein?
Friedrich Schlegel, zu dessen Stärke der freche Witz ge-
hörte, stand hier für Goethe gegen Schiller und belastete
dadurch auch das Verhältnis seines Bruders zum Dichter
des Wallenstein. Hielt sich Schelling zunächst zu beiden
Schlegels, so wurde die Beziehung zu August Wilhelm
sehr bald durch die Konkurrenz zu ihm als dem Ehemann
Carolines auf eine Probe gestellt, die sie schwer bestehen
konnte. Fichte, der zeitweilig von Berlin nach Jena her-
überkam, weil seine Frau noch hier wohnte, und der das
Gespräch mit Schelling suchte, fand, daß der nie bei sich,
sondern nur bei den Schlegels war, gegen die Fichte viel
auf dem Herzen hatte.
So rückt schließlich nicht nur August WTilhelm von
Schelling ab, sondern auch Fichte, der Schelling nach Jena
geholt hatte. Als sich dann Friedrich Schlegel in Jena
habilitiert und mit seinen Vorlesungen über die Ästhetik
in die Kompetenzen Schellings eingreift, erwidert Schel-
ling dies durch Aufnahme seiner Vorlesungen über
Kunstphilosophie. Die Studenten konnten nicht wissen,
welcher Glücksfall ihnen beschieden war, zwischen Schel-
ling und Friedrich Schlegel wählen zu dürfen. War die
Beziehung zu Novalis nur flüchtig, so blieb ihm nicht viel:
Es blieb ihm zwar die Gunst Goethes, der aus guten
Gründen vermied, sich von Weimar aus in die Querelen
der Jenenser Romantiker einzumischen, und es blieb das

90
freundschaftliche Verhältnis zu Henrik Steffens. Von
Schiller hielt ihn dessen Scheu vor persönlichen Gesprä-
chen fern. Der Punkt, von dem aus der Jenenser Schelling
denkt und Philosophie versteht, ist Caroline. Natürlich
stehen hier auch die Neiderinnen dieses gesellschaftlich
bedenklichen Glücks auf dem Plan wie etwa Dorothea
Veit, die im Blick auf Caroline deren damaligen Liebha-
ber jede Fähigkeit zur Philosophie abspricht und ihn in
einem Brief an Schleiermacher vom 28. Oktober 1799 als
»kräftig, trotzig, edel und roh« charakterisiert mit der
Empfehlung: »Er sollte eigentlich französischer General
sein.«
Um 1800 ist der Jenenser Kreis, wenn man die auffäl-
lige Konzentration des romantischen Geistes überhaupt
benennen will, durch die Zerstrittenheit derer, die dazu-
gehören, hoffnungslos /erstört. Er steht kurz vor der
Auflösung, die dann auch bald durch Abwanderung ein-
setzt, bis als Folge der politischen Ereignisse die letzten
noch verbliebenen Reste vertrieben werden.

91
Zehntes Kapitel
Zwischen Bern und Frankfurt

Es waren unterdessen stille Jahre, die Hegel in der Anony-


mität des Hauslehrers bei der Familie Steiger verbrachte.
Das Amt selbst, das hatte sich bald herausgestellt, lag
eigentlich, so wie sich die Verhältnisse hier gestalteten,
unter seinen Erwartungen. So war sein Zögern vor der
Annahme der Stellung berechtigt gewesen. Immerhin
hatte er sie dem Eintritt in den Kirchendienst vorgezogen.
Welche Gründe dabei für ihn maßgeblich gewesen waren,
zeigen die Äußerungen über das weltliche und kirchliche
Regiment in Württemberg, wie sie der Briefwechsel mit
Schelling enthält.
Daran gemessen waren die mit Bern verbundenen
Hoffnungen größer gewesen, und gerade der Aufenthalt
in einer Republik, nach der dem zeitweiligen Freund der
Veränderung der Sinn gestanden hatte, hatte auch etwas
Anziehendes. Das Leben darin bot Teilnahme am öffentli-
chen Leben und für den auswärtigen Besucher zumindest
Einblick in die Abwicklung der Staatsgeschäfte. So enttäu-
schend das für Hegel wurde, so hatte er doch die Gunst
dieser Umstände, 'sich hier Kenntnisse zu verschaffen,
weidlich genutzt. Wenn Hegel aber trotz seiner nieder-
drückenden Lage keine Anstrengungen gemacht hatte,
sich durch einen Wechsel der Stellung davon zu befreien,
zeigte dies allerdings auch, daß sein W'ille dazu nicht
allzugroß gewesen ist. Es genügte dann aber ein Angebot,
das er Hölderlin verdankte, um ihn sogleich zur Annahme
einer Hauslehrerstellc in Frankfurt am Main zu bewegen.
Hölderlins Aufenthalt im Hause der Frau von Kalb war
nur kurz gewesen. Seine Unstetigkeit hatte ihn nicht lange
an einemOt verweilen lassen, und so war er Hauslehrer
bei den Gontards in Frankfurt geworden, eine Stellung,
die ihn im Persönlichen zur höchsten Höhe seiner
menschlichen Existenz hinauftragen und später in ihre
ganze liefe hinabschlcudei n sollte. Seine Vermittlcrdien-
ste für Hegel, den er in einem gleichen Amt in der

92
unmittelbaren Nachbarschaft sehen möchte, werden
schließlich von dem Freund gern und ohne längere Um-
schweife in Anspruch genommen. So bekommt Hölderlin
sozusagen eine Blankovollmacht, mit der Familie Gogel
für ihn abzuschließen. Hegel erhofft sich allenfalls Vergü-
tung der Reisekosten in Höhe von etwa 10 Karolins ent-
weder durch Ausstellung eines Wechsels oder nach An-
kunft in Frankfurt. Selbstverständlich zeigt er sich
geneigt den Wünschen des Herrn Gogel »über den Un-
ferricht' und die spezielle Aufsicht über seine Kinder«
nachzukommen. Daß ein solcher Unterricht »in d.esem
Alter noch in solchen Kenntnissen bestehen« wird, »die
für alle gebildeten Menschen gehören« (November 1796),
ist ihm gar nicht unlieb.
Eigentlich kann er den Zeitpunkt der Abreise von Bern
gar nicht erwarten und bedauert, bis Ende des Jahres
noch im Steigerschen Hause bleiben zu müssen. Fr scheint
aber dann schon im Herbst nach Stuttgart abgefahren zu
sein um Vater und Geschwister zu besuchen.
Nach dort bringt er eine gedrückte Stimmung mit. Die
Berner Jahre waren nicht spurlos an ihm vorübergegan-
gen So notiert die Schwester: »kam in sich gekehrt zu-
rück nur im traulichen Zirkel fidel«. Zu seiner Aufmunte-
rung haben dann offenbar die Schwester und deren
Freundinnen beigetragen. Nanctte Endel, ein Mädchen,
damals in der Putzmacherlehre, erwähnt später in einem
Gedicht zu Hegels 57. Geburtstag zurückblickend auf
diese Zeit »manch' schöne Stunden, / Wir haben uns der
Kränze viel gewunden«. Unvergeßlich sind ihr noch die
gerösteten Mandeln, die der »Freund« der »Freundin«
angeboten hatte. Dafür hat sie ihm allmorgendlich die
Krawatte gebunden. Und wieder scheint er die ihm aus
der Tübinger Zeit nachgesagten Spielchen getrieben zu
haben, durch Wetten mit auferlegten Bußen einem Mäd-
chen einen Kuß abzugewinnen. Zu Einkäufen auf den
Markt wird er mit einem in die Hand gedrückten Taler
geschickt. Das Ende des Jahres begeht man mit einer
feierlichen Lesung. Alle hängen an Hegels Munde, als er
der kleinen Runde aus dem autobiographischen Roman

93
Agnes von Lilien der Karoline von Wolzogen vorträgt. Er,
der seine Zuhörer verzaubert, muß nach den Worten der
Nanette Endel von dem Buch selbst hingerissen gewesen
sein. Der Roman von Schillers Schwägerin hatte es ihm
ebenso angetan wie Hermes' Sophiens Reise und Hippeis
Lebensläufe.
Der innere Zusammenklang Hegels mit Hölderlin war
trotz gewaltiger Unterschiede tiefer als der mit Schelling,
obwohl hier der Hang zum Reflektieren beide miteinander
verband. Von Bern aus hatte Hegel sich zunächst an
Hölderlin gewandt. Der Charakter des »ruhigen Verstan-
desmenschen«, den dieser in Hegel sieht, war von Hölder-
lin als »sehr wohltätig« empfunden worden, wie er am
16. Februar 1797, gerade in den erslen Wochen nach
dessen Eintreffen in Frankfurt, an seinen Freund Neuffer
schreibt. An Hegel kann er sich orientieren, wenn er sich
und die Welt nicht mehr versteht. Hegel ist ein Mensch, der
ihm Halt gibt. Noch in Bern hatte Hegeleinen Hymnus mit
dem Titel Eleusis gedichtet und mit ausdrücklicher Wid-
mung »An Hölderlin« versehen: freie Rhythmen, die dem
Hölderlinschen Sprechen entgegenkommen; dithyrambi-
sche Getragenheit und ein Zeugnis dafür, welche Mühe
Hegel mit der Sprache hat. Die Benennung seiner Berner
Lebenslage gleich zu Beginn hat etwas Unumwundenes:

Um mich, in mir wohnt Ruhe. Der geschäftigen Menschen


Nie müde Sorge schläft. Sie geben Freiheit
Und Muße mir. Dank dir, du meine
Befreierin, o Nacht! - Mit weißem Nebelflor
Umzieht der Mond die Ungewissen Grenzen
Der fernen Hügel. Freundlich blinkt der helle Streif
Des See's herüber.

Das Bild einer vom Mondschein beschienenen Landschaft


ist hier heraufbeschworen und an das Leid dessen ge-
knüpft, der gezwungen ist, hier zu leben. Hölderlin wußte,
wie schwer Hegel an der Last der Verhältnisse im Stciger-
schen Hause zu tragen hatte. Er war gemeint gewesen,
wenn Hegel schreibt:

94
Dein Bild, Geliebter, tritt vor mich,
Und der entfloh'nen Tage Lust. Doch bald weicht sie des
Wiedersehens süßern Hoffnungen.

Zeilen im Stil der romantischen Nacht-Dichtung, die aller-


dings ein sehr gebrochenes Verhältnis zur poetischen
Sprache aufzeigen, wenn der Dichter grundsätzlich wird
und eine verbindliche Maxime seiner Lebensanschauun-
gen ausspricht, von der er sicher sein kann, daß Hölderlin
sie teilt:

Der freien Wahrheit nur zu leben,


Frieden mit der Satzung,
Die Meinung und Empfindung regelt, nie, nie einzugehn!

Das hört sich recht holprig an, weist aber schon deutlich in
die Richtung, in die er zu gehen entschlossen ist und
worüber die philosophischen Entwürfe, die er in Frank-
furt aus seinem Gepäck zieht und weiterführen wird,
Aufschluß geben.
Mitte Januar war Hegel in Frankfurt eingetroffen; end-
lich kann er mit Hölderlin das lang erwartete und in
seinem Gedicht vom August 1796 sehnlichst gewünschte
Wiedersehen feiern. Die Familie Gogel wohnt am Roß-
markt und Hölderlin in der Nähe. So sieht man sich
täglich. Hegel war gleich in Hölderlins Freundeskreis
eingeführt, lernt dessen Bruder persönlich kennen, der
auf der Durchreise ist, er trifft hier Isaak von Sinclair, der
gleichfalls in Tübingen studiert hatte und im nahen Hom-
burg bei seiner Mutter wohnt. Sinclairs Lebensgeschichte,
die aufs engste mit der Hölderlins verbunden ist und
ebenso eine Wendung zur Krise kennt, macht noch
einmal
deutlich, wie der Verdacht des »Republikanismus« als
schwerer Schatten über zahlreichen Stiftlern lag. Die ge-
gen Sinclair erhobenen Verdächtigungen, eine Verschwö-
rung gegen das Leben des Herzogs von Württemberg
angezettelt zu haben, die ihn nach einem Prozeß wegen
»Hochverrats« für fünf Monate ins Gefängnis brachten,
erwiesen sich schließlich als haltlos. Aber sie zeigten im-

95
merhin, welcher Tendenzen man Sinclair, zu dessen An-
hang Hölderlin gehörte, für fähig hielt. Der klassische
Fall des Republikanismus war Reinhard, aber auch Höl-
derlin war davon betroffen. Hegels Tübinger »Republi-
kanertum«, sofern davon überhaupt zu sprechen war,
hatte freilich durch seinen Aufenthalt in Bern einen
schweren Sehlag erlitten. Doch die republikanische Zeit
war nicht verloren gewesen — er wird die daraus gewon-
nenen Einsichten (mit dem Verlust der Illusionen) in
seine künftige Konzeption der Politik einbauen.
Der Aufenthalt im Hause Gogel wird für Hegel ein
Glücksfall sein. Kein Vergleich mit Bern! »Ich werde
hier in Frankfurt wieder etwas mehr der Welt gleich«,
schreibt er an seine Freundin Nanette Endcl nach Stutt-
gart, und auch der Maler Sonnenschein kann in Bern
verbreiten, daß es Hegel in Frankfurt vorzüglich geht.
Er selbst hat es wie eine Heimkehr aus der Verbannung
empfunden. Frankfurt ist eine weltoffene Stadt mit ei-
ner patrizischen Oligarchie wie in Bern, aber ohne des-
sen machtpolitische Vergangenheit, dafür Knotenpunkt
des Handels mit wachsender geldwirtschaftlicher Be-
deutung. Ihre Zeit als Krönungsstätte des Reichs hatte
die Stadt hinter sich. Aber es leben noch die festlichen
Aufzüge, die Goethe in Dichtung und Wahrheil festgehal-
ten hatte, in frischer Erinnerung. Auf diesem Boden
war Goethe groß geworden, hier hatte er seine ersten
Gedichte geschrieben und Bekanntschaft mit dem
Fauststoff gemacht.
Getrübt wird der Frankfurter Aufenthalt Hegels
durch Begebenheiten im Hause Gontard, wo Hölderlin
durch seine Beziehung zu Susctte Gontard in eine Ver-
wicklung mit hoffnungslosem Ausgang hineingerät. He-
gel war durch den Freund in das Haus der Familie Gon-
tard eingeführt worden. So hat er nicht nur den Ablauf
der Geschichte von außen miterlebt, er war sogar selbst
in sie verstrickt, weil er Botendienste zwischen dem Lie-
bespaar in einer vertrackten Situation geleistet hat. Zu
Anfang 1799 schreibt Susette Gontard an den mit Haus-
verbot belegten Hölderlin: »Nächsten Monat wirst Du es

96
wohl wieder wagen, Du kannst dann vielleicht durch
H(egel) hören, ob ich wieder allein bin.«
Arn 15. Januar 1799 trifft bei Hegel ein Brief aus Stutt-
gart ein. Seine Schwester teilt den Tod des Vaters mit.
Aber erst sieben Wochen später, am 9. März, kann Hegel
selbst zur Nachlaßregclung nach Stuttgart reisen. Ein
Testament hatte der Verstorbene nicht gemacht. So wird
das Erbe unter den Geschwistern aufgeteilt. Das Drittel,
das Hegel erhält, beträgt 3154 Gulden, 24 Kreuzer und
4 Pfennige. Mit diesem kleinen Vermögen kann er am
28. März nach Frankfurt zurückkehren. Das würde aus-
reichen, seinem Leben eine Wende zu geben. Nach fast
sechs Jahren als Hauslehrer hätte er daran denken kön-
nen, seine Stelle aufzugeben, dem Vorbild Schellings zu
folgen und sich an die Vorbereitung seiner akademischen
Laufbahn zu machen. Es war Hegelsches Zögern mit im
Spiel, wenn er das ganze Jahr und auch das folgende noch
fast verstreichen läßt, bevor er aus Frankfurt abreist.

97
Elftes Kapitel
Theologische Schriften

Der Hegel der Berner Jahre war nicht nur dem Fach nach
Theologe, er hat sich auch als Theologe gefühlt, der, wie
es scheinen mochte, nur für eine Übergangszeit in ein
Erzieheramt verschlagen wurde, um, wie er selber angibt,
keinen Predigerdienst ausüben zu müssen; und so galten
seine Studien in Bern und auch nach seiner Rückkehr aus
der Schweiz zunächst vorwiegend theologischen Fragen.
Die Berner und später auch die Frankfurter Manuskripte
sollten als Einheit gesehen werden, weil in Frankfurt nur
das aus- und zu Ende geführt ist, was in der Schweiz
bereits ins Auge gefaßt worden war. Allesamt sind sie
theologisch-philosophische Etüden, in denen sich der
Verfasser freilich bei Aufrechterhaltung geltender Kon-
ventionen von den Tübinger Fakultätstheologien wegbe-
wegt. Ihren Themen - Volksreligion und Christentum, Die
Positivität der christlichen Religion, Der Geist des Christentums
und sein Schicksal — und den Entwürfen zum Geist des
Judentums oder zur Liebe und Religion sind allgemeine
Gebrauchsmuster zugrunde gelegt, nach denen für den
auf ein Kirchenamt hin zielenden Kandidaten zu verfah-
ren wäre. Theologisch-dogmatisch gesehen bewegen sich
Fragen wie Antworten immer noch in einer Marge des
kirchlich Zulässigen. Das gilt gegenüber Gottlieb Christian
Storr, Hegels Tübinger Lehrer in Dogmatik, der einen
Supranaturalismus im Sinne der alten lutherischen Or-
thodoxie vertritt, und dies ausdrücklich gegen die Aufklä-
rung. Das gilt nicht weniger gegenüber dessen Schützling
Johann Friedrich Flatt, der es sich gern gefallen läßt, wenn
man ihn einen biblisch-apologetischen Supranaturalisten
nennt. In Tübingen war er der erste, der über Kant
Vorlesungen gehalten hatte: freilich um in ihm eine will-
kommene Anfechtung zu sehen, die mit den Mitteln der
Erleuchtung zu überwinden ist.
Von den Inhalten her, die hier abgehandelt werden,
trägt Hegel nichts Neues vor. In seinem Aufsatz über Das

98
Leben Jesu stehen für ihn die Fragen nach dem histori-
schen Jesus im Vordergrund. Jesus ist für ihn eine Gestalt
der Geschichte, an dem die Zeichen seiner Zeit abzulesen
sind, ein Wanderlehrer, der in den jüdischen Bethäusern
auftritt, von der Volksmenge zunächst gefeiert, dann
verhöhnt, der die Priesterschaft herausfordert und eine
Schar von Anhängern um sich versammelt, die seinen
Lehren Glauben schenken. In ihnen stellt er sich als Sieger
im Namen der Tugend über das Laster, der Liebe über
den Haß, der Wahrheit über die Lüge, der Freiheit über
die Knechtschaft dar. Mit Jesus als Wundertäter hat Hegel
nichts mehr im Sinne. Hier hat er sich als Berichterstatter
über sein Leben ganz auf die Seite der Rationalisten
geschlagen. Ein Jesus, der Wunder täte, könnte nicht vor
der Vernunft bestehen. Um vor dem Glauben zu beste-
hen, hat er es gar nicht nötig, Wunder zu tun.
Es ist dies eine Theologie, die einen Reimarus und einen
Lessing schon hinter sich gebracht und alle sogenannte
Orthodoxie kräftig durchlöchert hat, aber zu einem »Auf-
klärer« paßt, der zur »Aufklärung« nicht ganz dazuge-
hört. Jesus wird hier in seiner ganzen menschlichen Wirk-
lichkeit gesehen, als Kämpfer gegen das jüdische Schicksal
und schließlich als dessen Uberwinder. Die Worte, mit
denen Jesus seine Jünger entläßt, sind von der Vernunft
nicht abgetrennte Rcchtschaffenheitsempfehlungen:
»Ihr seid Männer geworden, die ohne fremdes Gängel-
band sich endlich selbst anzuvertrauen sind.« Und dies sei
ihnen mit auf den Weg gegeben: »Wenn ich auch nicht
mehr bei euch bin, so sei von nun an eure entwickelte
Sittlichkeit euer Wegweiser.« Dementsprechend endet
der Bericht mit Kreuzigung und Grablegung. Auf dem
Weg vom Grab zur Auferstehung kann der Biograph den
»Gekreuzigten« nicht mehr begleiten. So muß sich der
Kandidat aus dem Schwäbischen die Darstellung der Auf-
erstehung versagen. Aber sie ist bei einem Jesus, dessen
Lehre der moralisch umgedeutete Glaube Kants ent-
spricht und seine »Volksreligion« verwirklichen möchte,
gar nicht notwendig.
Als moralischer Lehrer rückt Jesus dabei in die Nähe

99
eines unter die Juden versetzten Sokrates. Beide sammel-
ten Anhänger um sich, und beide wurden zum Tode
verurteilt. Keiner hat seine Lehre zur Wirksamkeit einer
öffentlichen Religion in seinem Lande zu bringen ver-
mocht. Jesus scheitert als Lehrer einer neuen Moral, So-
krates macht sich als Verführer verhaßt.
Gerade das Interesse Hegels am historischen Jesus
mußte ihn in Gefahr bringen, in einen Gegensatz zum
dogmatisch verstandenen Ghristentum zu geraten. In sei-
nem Aufsatz über die Positivität der christlichen Religion
scheint er diese Gefahr bewußt gesucht zu haben. Es wird
hier bedenkliche Konterbande unter sicherem Verschluß
gehalten und über eine gut bewachte Grenze geleitet.
Die Frage nach der »Positivität der Religion« schließt
für Hegel immer die Frage nach dem Abfall von der
Religion ein. Welche Bewandtnis hat es damit, daß das
Erscheinungsbild der Religion von ihrem Selbstverständ-
nis so weit entfernt ist? Positive Religion wird hier als
Gegensatz zur natürlichen Religion verstanden. Es gibt
nur eine natürliche, aber mehrere positive Religionen.
Das ist hier vorausgesetzt. Angesichts der möglichen For-
men, in denen die positive Religion erscheint, ist ein
allgemeiner Begriff der menschlichen Natur nicht mehr
hinreichend. Andernfalls ließe sich keine Erklärung dafür
finden, daß sich eine Religion wie das Ghristentum nicht
den verschiedensten Sitten und Verfassungen angepaßt
hätte, was man zu seinem Vorwurf wie zu seinem Lob
gesagt hat: »Unter Vorangehung des Kreuzes haben die
Spanier ganze Generationen in Amerika gemordet, die
Engländer zur Verehrung christliche Danklieder ge-
sungen«, aus dem Schöße der Kirche »sproßten die höch-
sten Blüten der bildenden Künste hervor, stiegen die
hohen Gebäude von Wissenschaften empor, und ihr zu
Ehren ist auch alle schöne Kunst verbannt, die Ausbil-
dung der Wissenschaften zur Gottlosigkeit gerechnet wor-
den«.
Auscinanderliegendes und einander Ungleiches ist hier
unter der Vorstellung der »Positivität der christlichen
Religion« verbucht, als stillschweigendes Verfahren, in

100
dem schon die Entfremdung von der »Sache an sich«
angelegt ist. Der Sklave, den der Christ zu seinem Bruder
macht, bedeutet kein Anzeichen für die Bereitschaft zu
einem christlichen Kommunismus. Warum? »Die Maxime
der Gütergemeinschaft würde, wenn mit aller Strenge dar-
aufwäre gehalten worden, der Ausbreitung des Christen-
tums wenig Vorschub getan haben ...« Statt dessen gilt:
»In der katholischen Kirche hat sich diese Bereicherung
der Klöster, Geistlichen und Kirchen erhalten, wovon den
Armen wenig und dies Wenige auf eine Art zu Teil wird,
daß die Bettelei sich dadurch erhält und durch eine unna-
türliche Verkehrung der Dinge der herumziehende Ta-
gedieb, der auf der Straße übernachtet, besser daran ist,
als der fleißige Arbeitsmann.«
Angesichts dieser Umstände empfiehlt es sich, der Kir-
che den Staat beizugeben. Der Kirche die Kontrolle über
sich einzuräumen, würde Gefahr bedeuten - für die Kir-
che selbst. Die Inspektion ist der geistlichen Behörde zu
entziehen. Gegenüber der Kirche als feste, sich mit der
Welt ins Benehmen setzende Einrichtung taucht der Ge-
danke von einer »unsichtbaren Kirche« mit den Christen
als einer Gemeinschaft der durch die Taufe in Liebe
miteinander verbundenen »Heiligen« auf.
Bei allen Ausflügen in Zonen einer krausen Gefährlich-
keit bleibt aber die Absicht des Verfassers, sich durch
dogmatische Untadeligkeit zu empfehlen, dennoch un-
verkennbar. Ohne dabei seine freien Anschauungen zu
unterdrücken! Die Vereinbarkeit des nicht miteinander
zu Vereinbarenden ist hier schon als Sache der »Methode«
erkannt, nach dem Lehrsat/: »Wenn Unvereinbares verei-
nigt wird, da ist Positivität.« Die Kühnheit in diesen Schrif-
ten geht nirgendwo so weit, anstößig zu wirken. Was
Hegel hier ausspricht, ist alles schon schärfer und provo-
zierender gesagt worden. Es sind Fachreferate, die ihm,
wenn es darauf ankommen sollte, die berufliche Lauf-
bahn des Kirchenmannes nicht verstellen würden. Was
seine Entwürfe zum Geist des Judentums enthielten, war für
die lutherische Orthodoxie annehmbar, wenn es darin
heißt: »Die mosaische Religion eine Religion aus Unglück

101
und fürs Unglück; nicht fürs Glück, das frohe Spiele
will . . . » Für Hegel gilt: »Das Schicksal des jüdischen Vol-
kes ist das Schicksal Macbeths, der aus der Natur selbst
trat, sich an fremde Wesen hing, in ihrem Dienst alles
Heilige der menschlichen Natur 7crtreten und ermorden,
von seinen Göttern (denn es waren Götter, er war Knecht)
verlassen und an seinem Glauben selbst zerschmettert
werden mußte.«
Damit gab er nur einen innerhalb der christlichen Dog-
matik unangefochtenen Topos über die Schuld der Juden
am Tode Jesu mit den für das Judentum daran hängen-
den Folgen in freier Variation wieder. Hegel hat diese
Auffassung über Juden und Judentum durchgehalten,
aber er kann sie nach allen Seiten hin ausweiten und auch
den in der Kirche geltenden Charakter der Juden als
unfreiwillige Vorbereiter des künftigen Heils zur Sprache
bringen, im Sinn des dialektischen Sowohl-Als-auch. Die
»Entzweiung« als geltendes Prinzip in Natur und Ge-
schichte war hier methodisch voll zur Anwendung ge-
bracht. »Judentum« und »Griechentum« haben als zwei
weltgeschichtliche Phänomene zu gelten, die keine Über-
einkunft miteinander kennen. »Das große Trauerspiel
des jüdischen Volks ist kein griechisches Trauerspiel, es
kann nicht Furcht noch Mitleid erwecken, denn beide
entspringen nur aus dem Schicksal des notwendigen Fehl-
tritts eines schönen Wesens; jenes kann nur Abscheu
erwecken«, heißt es in dem Aufsatz Der Geist des Christen-
tums und sein Schicksal, der in der Schweiz begonnen wurde
und Hegels Vorstellungen getreu wiedergibt.
Es wäre nicht schwer, ähnliche Gedanken von theologi-
schen Autoren in abgewandelter Form beizubringen. Will
Hegel hier für ein künftiges Kirchenamt annehmbare
Positionen herausstellen, kann man nicht nach der Origi-
nalität seiner Vorstellungen fragen. Am Stoff selbst gibt es
nichts zu ändern, wohl aber an der methodischen Bearbei-
tung. Hier gilt schon jetzt die »Entzweiung« als der alles
sich unterordnende dialektische Vorgang der Bewegung,
wo Eines aus sich in ein Anderes übergeht, um im Andern
bei sich zu sein und so zu sich zurückzukehren. In der

102
»Liebe« — so weiß es der Theologe - »ist das Getrennte
noch, aber nicht mehr als Getrenntes«. »Liebe« bedeutet
hier Vereinigung von Entgegengesetztem, die zu fortwäh-
render Trennung und Wiedervereinigung führt mit dem
»Kind« als Folge, in dem die »Vereinigung selbst unge-
trennt worden« ist.
Es ist dies alles ein dunkles Sprechen mit dem Sinn,
Gesetz, Strafe, Sünde, Vergebung, deren theologische
Inhalte ihm im Tübinger Kolleg von Storr ausgebreitet
worden waren, in einen eigenwüchsigen Zusammenhang
zu bringen. So wird es zu einem Denken »von Grund auf«.
Man spürt es: Dieser einsame Verfasser ist dabei auf
der Suche nach einer eigenen Begrifflichkeit, um das
Altlutherische ins Philosophische zu übertragen, wobei es
schwer und formlos vor sich geht. Aber der nach einem
gangbaren Weg sich Vortastende stellt einige feste Ein-
sichten vor. Sein »jedes Leiden ist Schuld« ist mit der
Paulinischen Lehre vom »Tod« als »der Sünde Sold« in
Einklang zu bringen. Aber eigentlich unversehens taucht
die Vorstellung des »Schicksals« auf. Der Christ glaubt an
den »Gekreuzigten« und »Auferstandenen«, er glaubt
nicht ans »Schicksal«. Das mag dem Griechen überlassen
bleiben, der die Macht dieses Schicksals in der Tragödie
erfährt. Im Christentum ist aller Schicksalsglaube als
Kennzeichen des »Heidnischen« auf eine Stufe niederen
Ranges verwiesen. Die »Erlösung« tilgt, saugt wie ein
Schwamm auf. In Hegels Denken kündigt sich Erstaunli-
ches an: in seinem Aufsatz Der Geist des Christentums und
sein Schicksal zieht das »Schicksal« wieder gleich: »Das
Schicksal hingegen ist unbestechlich und unbegrenzt, wie
das Leben«, es läßt sich nicht einengen durch eine »doc-
trina christiana«, ja es ist sogar so stark und also imstande,
das »Christentum« an sich auszuliefern. Damit wird - fast
unmerklich - das ganze Gerüst der christlichen Dogmatik
theoretisch bereits ins Wanken gebracht. So ganz unge-
fährlich sind diese theologischen Probestücke des Berner
Hauslehrers für die Theologie eben doch nicht. An der
Unbegrenztheit des »Schicksals« wird unter Einhaltung
aller theologischen Regeln die beschränkte Einsichtsfä-

103
higkeit der Theologie dargetan. Freilich verliert sich He-
gels Lehre vom »Schicksal« auch wieder in einer Uner-
gründlichkeit der Spekulation: »im Schicksal ist die Strafe
eine feindliche Macht«, die Strafe als »Schicksal« ist ein
»Individuelles, in dem Allgemeines und Besonderes auch
in der Rücksicht vereint ist, daß in ihm das Sollen und die
Ausführung dieses Sollens nicht getrennt ist«. Weiter:
»Das Schicksal scheint nur durch fremde Tat entstanden.«
Das bedeutet, daß die Auflehnung dagegen das »Schick-
sal« auf den »Kampfplatz der Macht gegen Macht« ruft.
Das, wofür ich streite, ist noch nicht verloren. Die Ent-
scheidung fällt gewissermaßen in die Zuständigkeit des
»Schicksals«. Ihm läßt sich - so oder so - nicht entgehen.
Der für sein Recht Kämpfende wagt sich gegen anderes
vor. Er läßt sich damit auf das Gebiet des Rechts und der
Macht ein. Die »Tapferkeit aber ist größer als schmerzen-
des Dulden«, sie überragt es, weil sie bereit ist, Schuld auf
sich zu laden. An sich bedeutet der »Kampf für die
Rechte« einen Widerspruch. Das »Recht« kann nicht ge-
teilt werden — das ist hier vorausgesetzt; es sei denn, das
Recht als »ein Allgemeines« hat sich in »zwei Allgemeine«
aufgelöst. Mit der Selbstverteidigung des Angegriffenen
wird der Angreifer selbst in den Stand der Selbstverteidi-
gung versetzt, so daß beide recht haben. Beide befinden
sich im Kriege, der beiden das Recht gibt, sich zu verteidi-
gen. Die Entscheidung über das Recht fällt dabei in den
Bereich der Stärke, die aber selbst mit dem Recht nichts zu
schaffen hat, von anderer Art ist und das Recht in der
Vermischung mit ihr von sich abhängig macht. Es bleibt
die andere Möglichkeit: Beide Angreifer unterwerfen
sich einem Richter. Sie verzichten auf ihre Macht, stellen
sich wehrlos, sogar tot und lassen eine fremde Instanz
über sich sprechen. Mit der »Möglichkeit der Versöhnung
des Schicksals« ist stets zu rechnen. Warum? »Weil auch
das Feindliche als Leben gefühlt wird.«
MitGeist des Christentums und sem Schicksal hat sich - wie
hier zu sehen ist - Hegel doch schon ganz erheblich aus
dem Theologischen herausbewegt und auf die Seite des
vorchristlich Antiken geschlagen. Der eine Gott, der sich

104
in seinem Sohn offenbart, gerät schon dicht in die Nähe
der Einen Substanz Spinozas, der unter den Autoren der
Steigerschen Hausbibliothek von Tschugg in einer Werk-
ausgabe vertreten ist. Alles hat teil an der Einen Substanz
oder der Einen Natur. Das gilt auch negativ für das
Verbrechen: »das Verbrechen ist eine Zerstörung der
Natur; und da die Natur einig ist, so ist sie im Zerstören-
den so viel zerstört, als im Zerstörten.« Entgegengesetztes
ist stets gegenwärtig. Zerstörendes geht aus der Zerstö-
rung hervor und schafft im Verbrechen Zerstörtes.
Das hier ablaufende Geschehen unterliegt natürlich
wieder der »Entzweiung«. Hegel spricht aus der eigenen
Erfahrung, aus der Erfahrung des zeitweilig von tiefen
Depressionen Befallenen, der die Gespaltenheit, die bei
der Schwester zur Schizophrenie und geistigen Umnach-
tung führt, im Dialektischen bewußt und produktiv
macht. Von »der schrecklichen Wirklichkeit des Bösen«
darf keinen Augenblick abgesehen werden, ebensowenig
wie von »der Unveränderlichkeit des Gesetzes«. Ange-
sichts dieser Mächte, denen der Mensch ausgeliefert ist,
»kann er nur zu der Gnade entfliehen«.
Hier ist wieder der lutherische Theologe gegenwärtig,
der seine Disziplin und seine Kirche andererseits schwer
auf die Probe stellt und bemerkt, daß dem Phänomen der
Religion - der jüdischen wie der christlichen - nur durch
ein System von Entgegensetzungen beizukommen ist. Was
gesetzt wird, muß zugleich aufgehoben werden. Damit ist
an das gerührt, was Hegel unter der »Positivität des Ghri-
stentums« oder der »Positivität der Juden« behandelt
gemäß der gleichbleibenden Wahrheit, daß ein und der-
selbe Strang zwei Enden hat. Was übrigbleibt und nie aus
den Augen verloren werden darf, ist die »Immoralität des
positiven Menschen« oder - was noch tiefer an den Kern
der Sache rührt - die »Immoralität der Positivität«. Die
Wirklichkeit der Religion sieht anders aus. »Wenn ein
Gott wirkt, ist es nur von Geist zu Geist«: eine Wahrheit,
die in der »christlichen Kirche« an ihrer letzten Durchset-
zung immer wieder gehindert wird. Sie zerschellt am
»Schicksal, daß Kirche und Staat, Gottesdienst und Leben,

105
in seinem Sohn offenbart, gerät schon dicht in die Nähe
der Einen Substanz Spinozas, der unter den Autoren der
Steigerschen Hausbibliothek von Tschugg in einer Werk-
ausgabe vertreten ist. Alles hat teil an der Einen Substanz
oder der Einen Natur. Das gilt auch negativ für das
Verbrechen: »das Verbrechen ist eine Zerstörung der
Natur; und da die Natur einig ist, so ist sie im Zerstören-
den so viel zerstört, als im Zerstörten.« Entgegengesetztes
ist stets gegenwärtig. Zerstörendes geht aus der Zerstö-
rung hervor und schafft im Verbrechen Zerstörtes.
Das hier ablaufende Geschehen unterliegt natürlich
wieder der »Entzweiung«. Hegel spricht aus der eigenen
Erfahrung, aus der Erfahrung des zeitweilig von tiefen
Depressionen Befallenen, der die Gespaltenheit, die bei
der Schwester zur Schizophrenie und geistigen Umnach-
tung führt, im Dialektischen bewußt und produktiv
macht. Von »der schrecklichen Wirklichkeit des Bösen«
darf keinen Augenblick abgesehen werden, ebensowenig
wie von »der Unveränderlichkeit des Gesetzes«. Ange-
sichts dieser Mächte, denen der Mensch ausgeliefert ist,
»kann er nur zu der Gnade entfliehen«.
Hier ist wieder der lutherische Theologe gegenwärtig,
der seine Disziplin und seine Kirche andererseits schwer
auf die Probe stellt und bemerkt, daß dem Phänomen der
Religion - der jüdischen wie der christlichen - nur durch
ein System von Entgegensetzungen beizukommen ist. Was
gesetzt wird, muß zugleich aufgehoben werden. Damit ist
an das gerührt, was Hegel unter der »Positivität des Ghri-
stentums« oder der »Positivität der Juden« behandelt
gemäß der gleichbleibenden Wahrheit, daß ein und der-
selbe Strang zwei Enden hat. Was übrigbleibt und nie aus
den Augen verloren werden darf, ist die »Immoralität des
positiven Menschen« oder - was noch tiefer an den Kern
der Sache rührt - die »Immoralität der Positivität«. Die
Wirklichkeit der Religion sieht anders aus. »Wenn ein
Gott wirkt, ist es nur von Geist zu Geist«: eine Wahrheit,
die in der »christlichen Kirche« an ihrer letzten Durchset-
zung immer wieder gehindert wird. Sie zerschellt am
»Schicksal, daß Kirche und Staat, Gottesdienst und Leben,

106
genanntem »subjektiven Idealismus« im Namen der Ob-
jektivität der Methode.

107
Zwölftes Kapitel
Nachträge zur philosophischen Theologie

Hegels Beschäftigung mit dem Christentum geht davon


au's, daß es zu den stärksten überkommenen Kräften
gehört, vielleicht sogar die stärkste Kraft mit andauernder
Wirkung für die Gegenwart darstellt, mehr als die jüdi-
sche Religion, die als ältere Stufe »überwunden« ist und
darum mit ihrem »Unglück« weniger in Betracht kommt.
Das Christentum, das in spätrömischer Zeit mit der Des-
potie ein festes Bündnis schließt, läßt mit seiner Verkom-
menheit die untergegangenen antiken Republiken in
großartigem Licht wiedererstehen und rührt an die Frage
nach den Ursachen für deren Untergang. Wenn nach der
Herkunft der in der Religion angelegten Entfremdung
geforscht wird, so hat sie der Hegel der theologischen
Jugendschriften für das Christentum aufgezeigt. Für He-
gel geht die gleiche »Religion« als Wesen der Entfrem-
dung allem anderen voran, beim historischen Christen-
tum als Entfremdung gegenüber der eigenen Botschaft
und dem Menschen, wie die griechische Antike ihn noch
gekannt hatte. Wie in Frankreich Diderot, Holbach und
Helvetius, so erinnert Hegel an die schweren Anschläge,
die vom Christentum gegen »Freiheit« und »Menschen-
würde« ihren Ausgang genommen haben. Er kann sich
darum unterstehen, mit der Heilsgewißheit der christ-
lichen Kirche streng ins Gericht zu gehen.
In der Kirche-so darf er bemerken-ist die »Moralität«
als Ziel aus dem Auge verloren und gegen das Streben
nach »Seligkeit« eingetauscht worden. Ihre Inhalte haben
sich verschoben. Für den Gedanken der Sündenverge-
bung sind die Zeitumstände, sind die Ideen der Zeit
ungünstig geworden. Den Tod Christi als Opfertod für
die Menschheit darzustellen, wie es in Predigten, Schulen
und Kompendien geschieht, wird oft am blassen Unver-
ständnis scheitern: »als ob nicht schon viele Millionen für
geringere Zwecke sich hingeopfert - mit Lächeln, ohne
blutigen Angstschweiß, mit Freudigkeit sich für ihren

108
König, für ihr Vaterland, für ihre Geliebte - hingegeben
hätten - wie wären sie erst für das Menschengeschlecht
gestorben.« Und dann die »Anpreisung des Glaubens« als
einen »toten Glauben - des Gedächtnisses - des Mundes«!
Oder die »Mission« als Ausbreitung von Christi Namen
auf dem ganzen Erdboden als Hauptpflicht: »Denn wozu
Missionäre ausschicken, solange es noch moralisch-
schlechte Menschen unter den Christen gibt.«
Das gehört mit zu den Beanstandungen, die der Magi-
ster der Theologie schon zur Tübinger Zeit, in die die
Anfänge seines Aufsatzes Volksreligion und Christentum fal-
len, gegen die christliche Religion, der als Kirchenbeam-
ter zu dienen ursprünglich Hegels Absicht war, auf dem
Herzen hatte. Wo »eine Scheidewand zwischen Leben und
Lehre« besteht, kommt der »Verdacht« auf, »daß die
Form der Religion einen Fehler habe«, d.h. »entweder
daß sie zuviel mit Wortkrämerei umgeht, oder an die
Menschen zu große frömmelnde Forderungen macht«.
Eine solche Religion widersetzt sich in der Praxis den
Menschen mit »ihren natürlichen Bedürfnissen, den Trie-
ben einer wohlgeordneten Sinnlichkeit«. Darum läßt sich
von ihr sagen: »Wenn die Freuden, die Fröhlichkeit der
Menschen sich vor der Religion zu schämen haben, . . . so
hat die Form der Religion eine zu düstere Atißenseite
So wird von der eigentlichen Wirkung der christlichen
Religion bereits ein welthistorisch vernichtendes Fazit ge-
zogen: »Wie wenig hat sie über die Verdorbenheit aller
Stände, über die Barbarei der Zeiten, über die groben
Vorurteile der Völker Meister werden können.« Hat sich
die Mühe, der sich die Geschichte unterzogen hat, ange-
sichts der »Kreuzzüge«, des »Sklavenhandels«, der gan-
zen »Kette der fürstlichen Verdorbenheit und der Ver-
worfenheit der Nation« überhaupt gelohnt? Hätte man es
nicht bei Moses und den Propheten bewenden lassen
sollen? War es notwendig, daß Päpste und Kardinale, statt
sich auf die »lautere Quelle der Moral« zu berufen, in
»Paraphrasen« und »gelehrten Lehrbegriffen« Zuflucht
suchen?
Es ist nun nicht so, daß sich in der Hegeischen Religions-

109
lehre zwischen Tübingen, Bern und Frankfurt irgendein
Anflug von Eindeutigkeit zeigte. Wenn Hegel gerade jetzt
zur ersten Formulierung des dialektischen Widerspruchs
gelangt, dann ist die Vorstellung der Religion als eines
ihm besonders naheliegenden Phänomens davon am we-
nigsten ausgenommen. In eigentümlichem Schillern wird
dem Verständnis der Aufklärung und der Gewißheit, inil
allgemeinen Grundsätzen über die menschliche Natur
und ihre Bedürfnisse der Einrichtung der historischen
Religion beizukommen, Paroli geboten. Der Dialektiker
Hegel kann demgegenüber der »alten Dogmatik« sehr
wohl konzedieren, für »die Bildung ihrer Zeit« zu spre-
chen, auch wenn wir uns jetzt in den Stand gesetzt sehen,
ihre Sätze als tot, weil »positiv« geworden, zu verwerfen.
Jeder Versuch der Aufklärer, die Vergangenheit der
Menschheit einem philosophischen oder moralischen Ur-
teil auszusetzen, wird in seinen Augen mißlingen. Die
Antwort in der Positivität der christlichen Religion lautet:
»Allein diese Erklärungsart setzt eine tiefe Verachtung
des Menschen voraus; und sie läßt die Hauptfrage unbe-
rührt, nämlich die Angemessenheit der Religion an die
Natur zu zeigen, wie die Natur in verschiedenen Jahrhun-
derten modifiziert war ..., man fragte nach der Wahrheit
der Religion nicht in Verbindung mit den Sitten und dem
Charakter der Völker und Zeiten, und die Antwort ist, daß
sie eitel Aberglaube, Betrug und Dummheit war.« Histo-
risch gesehen - das wird gegen die Aufklärung gesagt - ist
Religion allemal gerechtfertigt, ohne daß man so weit
gehen muß, bei ihrer Annahme an »bloß reine Liebe zur
Wahrheit« zu denken: Es können »zum Teil sehr zusam-
mengesetzte Triebfedern, sehr unheilige Rücksichten,
unreine Leidenschaften und oft nur aus Aberglauben
stammende Bedürfnisse des Geistes« dabei im Spiele ge-
wesen sein.
Der historische Sinn, der sich in diesen frühen Jahren
bei Hegel und weit über Schelling hinausweisend schon
schärft, läßt ihn an der Geltung von für den Menschen als
verbindlich angesehenen allgemeinen Grundsätzen zwei-
feln. Das heißt, was heute leblos, starr, »positiv« geworden

110
ist, war in seiner Vergangenheit von Leben erfüllt. Es ist
um seinen Sinn gebracht, zum Lehrsatz, zum innerlich
hohlen Symbol geworden. Beim Absuchen des Feldes, auf
dem die Beziehung zwischen Philosophie und Religion
stattfindet, ist nichts ausgelassen, wird jede mögliche Posi-
tion im Verhältnis beider zueinander in Rechnung gezo-
gen. Ihr Abwägen führt beim Ausmessen der aus ihrem
Charakter bezogenen Ansprüche zum ständigen Partei-
wechsel. Die »Wahrheit« der an die Zeit und die Eigenart
der Völker geknüpften historischen Religion ist nach He-
gel gegen ihr Mißverständnis bei der »aufgeklärten« Phi-
losophie als bloßer Aberglaube oder Priesterbetrug sehr
wohl in Schutz genommen. Religion als Sphäre des
»Nichtdenkens« und also gegen das »Denken« gesetzt, hat
durch ihr bloßes Sein ein je und je relatives Element der
Vernunft in sich, die nicht zuletzt auf ihrer Notwendigkeit
beruht. Verhielte es sich anders, wäre also »das ganze
Gebäude der Dogmatik für ein in aufgeklärten Zeiten
unhaltbares Überbleibsel finsterer Jahrhunderte« zu hal-
ten und nichts als das, so bliebe doch »die Frage zu tun, wie
es denn erklärt werden könne, daß ein solches Gebäude,
das der menschlichen Vernunft so zu wider, und durch
und durch Irrtum sei, habe aufgeführt werden können«?
Die Philosophie der aufgeklärten Richtung mit der bloßen
»Vernunft« als ihrem Mittel ist gar nicht imstande, die
»Wahrheit« als relativ-historische Wahrheit zu verstehen.
Das wird hier der Religion gegen die aufgeklärte Philoso-
phie konzediert. Aber es isl nicht die Schuld der Philoso-
phie, daß die Religion »positiv« geworden ist. Es liegt
außerhalb der Religion als angewandtem »Nie htdenken«,
sich das Ausmaß vor Augen zu stellen, das ihre Verwand-
lung vom »Geist« zur dogmatischen Paraphrase nach sich
zieht. Für die Herausarbeitung der Widersprüche, die
sich hier entwickeln und an die Hegel heranführt, war er
bei den Entwurfsversuchen einer eigenen, auf den »objek-
tiven Idealismus« hinführenden Philosophie durch seine
theologische Herkunft vorbereitet. Als Theologe ist Hegel
»Geist-Theologe« (nicht materialistischer »Sakramcnts«-
oder »Instituts«-Theologe), der im Systemfragment notiert:

111
»Wenn der Mensch ... das unendliche Leben als Geist des
Ganzen, zugleich außer sich, weil er selbst ein Beschränk-
tes ist, setzt, sich selbst zugleich außer sich, dem Beschrän-
ken setzt, und sich zum Lebendigen emporhebt, aufs
innigste sich mit ihm vereinigt, so betet er Gott an«, nach
der evangelisch-mystischen Wahrheit: »Gott ist Geist und
die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit
anbeten.« Aber wenn Hegel hier sozusagen die Geschäfte
der Religion führt, besagt dies nichts darüber, daß er in
diesem Glauben die Wahrheit des Ganzen aufbewahrt
fände. Er gibt nur die idealistische Seite wieder, die die
Religion anzuführen hat, gegenüber anderem und unter
Umständen geschichtlich Verhängnisvollem, womit sie in
der Vergangenheit aufgetreten ist.
Hier muß nicht nur mit dem in der Religion angelegten
Widerspruch und weiter dem in jedem theologisch-philo-
sophischen Bedenken befindlichen Widerspruch gerech-
net werden, sondern ebenfalls mit Hegels eigener Wider-
sprüchlichkeit bei der Einsicht, daß das Wesen des Wider-
spruchs erst an der Entschleierung der Dinge mitwirkt, an
ihren Sinn heranführen hilft. Bei Hegel hängt das auch
mit der Unterbrechung der Niederschrift der Positivität
der christlichen Religion zusammen, die er in Bern begon-
nen hatte und in Frankfurt wieder hervorholt und weiter-
führt. Aber die Konzeption erfährt hier einen Um-
schwung, nicht nur als Weiterentwicklung, sondern als
Zurückgehen auf frühere, theologische Lehrreste der Tü-
binger Zeit, so, als wären sie ihm noch nicht genugsam als
»erledigt« erschienen oder ihr Gewicht vielleicht doch
noch bedeutender als zunächst vermutet. Hegel kehrt
noch einmal nach und stellt zugleich das neu gewonnene
Resümee am hervorgeholten Alten wieder in Frage: so
daß in der fragmentarischen Form seiner theologisch-
philosophischen Manuskripte sich das Feld als abgesucht
darbietet.
Was hier als Krise seiner Theologie erscheint, bedeutet
Versammlung gegenläufiger Tendenzen. »Positivität«
der »Religion« schließt immer ein, daß das »ideal« — der
Ausdruck taucht in diesen Manuskripten wiederholt auf-

112
durch die historische Entwicklung selbst überholt, daß die
Geschichte über das »Ideal« der »Religion« hinweggegan-
gen ist und damit auch über die »Religion«, die ohne ihr
»Ideal« die tote oder eben »positive Religion« ist. Das
bleibt, auch wenn es nicht offen ausgesprochen wird,
immer in Rechnung zu stellen und gehört zu den Errun-
genschaften, wie sie später aus der Hegeischen Logik
abgeleitet werden können. Über den idealistischen An-
satz, daß aus dem Sein der Religion sich notwendigerweise
ihr Nichtsein ergibt, ist Hegel nie hinausgegangen. Aber
das war schon genug.

113
Dreizehntes Kapitel
Die Stuttgarter Freundin

Hegels Übersiedlung nach Frankfurt verhilft uns zu ei-


nem Einblick in die Beziehung zu der Putzmacherin Na-
nette Endel, die nicht nur die Freundin der Schwester
war, sondern offenbar auch in Hegels väterlichem Haus
wohnte. Als David Friedrich Strauß im Jahre 1841 fünf
Briefe Hegels an Nanette Endel zu Gesicht bekam, schloß
er daraus auf ein Liebesverhältnis, das nach der Abreise
Hegels in die etwas geruhsamen Bahnen der Freund-
schaft hinübergeglitten sei. Das könnte angehen, wenn
man einige Passagen im Stil der Empfindsamkeit wörtlich
nimmt, wird aber eher etwas aufgetragene Briefsentimen-
talität von Hegels Seite sein. Die Briefe Nanette Endeis an
Hegel sind verschollen, stehen also für ein genaueres
Urteil darüber nicht zur Verfügung.
Jedenfalls war die Beziehung während der allerdings
sehr kurzen Wochen von Hegels Stuttgarter Aufenthalt
nach den Berner Jahren eine vertrauliche und sehr enge.
Vieles spricht dafür, daß die Briefe die Fortsetzung
ihrer Unterhaltungen in Stuttgart gewesen sind. Sie wa-
ren also - was bei Hegel ohnehin auf der Hand lag- kaum
durch Philosophie oder Diskussionen mit philosophischer
Thematik befrachtet. Da ist die Rede davon, daß Hegel
sich der dringenden Verbesserung der Aussprache, also
der Ablcgung des Dialekts, befleißigt: »Im Schwaben-
landc ging es bei mir noch per >ischt<, aber seit ich Pfälzer-
luft einatme, zische ich nur feine >ists<«, erfahren wir aus
dem ersten erhaltenen Brief - ein vorausgegangener ist
verlorengegangen — vom 9. Februar 1797. Die Freundin,
die bei seiner Abreise aus Stuttgart auf baldige Nachricht
gedrängt hatte, erfährt von seinen zahlreichen Bemühun-
gen, sich in den weltläufigen Frankfurter Verhältnissen
umzutun und nach den Anleitungen der Schwester zu
bewegen, die auf residenzlerische Formen bedacht war
und deswegen auch der »Hofrat« genannt wird. Hegel hat
nach kurzer Zeit die Gewohnheit angenommen, wöchent-

114
lieh zweimal die »Komödie« zu besuchen, worunter er
auch Mozarts Zauberflöte sowie dessen Don Juan (in der
spanischen Titelfassung erwähnt) versteht. Nach Jahren
der Isoliertheit in Bern macht er jetzt in Frankfurt erklär-
termaßen erste Übungen in einem anspruchsvolleren ge-
sellschaftlichen Verkehr; er frequentiert die »Bälle«, wie
er seiner Freundin im Schwabenland berichtet. Vor allem
gewinnt er ganz neue Eindrücke von den Menschen und
kommt zu dem Entschluß, »an diesen Menschen nichts
bessern zu wollen, im Gegenteil mit den Wölfen zu heu-
len«, sie sind, wie sie sind; erst »wenn mein Stern mich
einst nach Kamtschotka oder zu den Eskimos führt«,
könne Hoffnung bestehen, »auch durch mein Beispiel
dahin beitragen zu können, diese Nationen von den man-
cherlei Arten von Luxus, als dem Tragen von Tafftner
Leibchen, der Menge von Ringen und dergleichen, abhal-
ten zu können«.
Das enthält Anspielungen auf seine neue Frankfurter
Umgebung, in der nicht nur nach kaufmännischen Erwä-
gungen gelebt wird, sondern repräsentativer Aufwand
etwas gilt, der von der schwäbischen Tugend der mit dem
Kargen im einträchtigen Verhältnis lebenden Sparsam-
keit erheblich abstach. Das war es, was auch Hölderlin im
Hause Gontard von der Seite des Hausherrn erfahren
mußte und ihn in seinen unlösbaren Konflikt mit den
Verhältnissen hineintrieb. Hegels Antwort an die Frank-
furter Gesellschaft ist eine Flucht in die Natur im Sinne
Rousseaus. »Ich muß gestehen, bei mir brauchte es einige
Zeit, ehe ich mich von den Schlacken, die die Gesellschaft,
das Stadtleben, die daraus entspringende Zerstreuungs-
sucht in uns einmischt, von der Sehnsucht darnach, die
sich durch Langeweile äußert, — ein wenig reinigen
konnte«, schreibt er am 2. Juli. Mit einem Male rücken
ihm selbst die Schweizer Jahre als angenehme Erinnerun-
gen vor Augen. »Aus Frankfurt treibt mich jetzt«, fährt er
fort, »immer das Andenken an jene auf dem Lande ver-
lebten Tage« — das war in Tschugg am Bieler See der Fall
gewesen — »und so wie ich dort mich im Arme der Natur
immer mit mir selbst, mit den Menschen mich aussöhnte,

115
so flüchte ich mich hier oft zu dieser treuen Mutter, um bei
ihr mich mit den Menschen, mit denen ich in Frieden lebe,
wieder zu entzweien und mich unter ihrer Aegide von
ihrem Einfluß zu bewahren und einen Bund mit ihnen zu
hintertreiben.«
Das war ein Bekenntnis zu Rousseaus »Zurück zur
Natur«, allerdings in einer Zeit, als dieser Grundsatz an
den höfischen Zentren, für die es vor der Revolution
ursprünglich gedacht war, schon leicht fade zu werden,
zumindest hier aus der Mode zu geraten begonnen hatte.
Denn den französischen Hof, an dem der Rousseauismus
seine üppigsten Blüten getrieben hatte, gab es nicht mehr.
Gegen den Absolutismus, an den er sich wendet, hatten
schließlich Hegel und Schelling in Tübingen Freiheits-
bäume aufrichten helfen. Daß das französische Vorbild
für die deutschen Duodezmonarchien mit einem Schlage
umgestürzt wurde, daß diese Stätte allergrößter Natur-
ferne, an die Rousseau dabei gedacht hatte, nicht mehr
existierte, konnte für sein Evangelium und seine Anhän-
ger nicht ohne Folgen bleiben.
Hegels Rousseauismus von 1797, der aus seinen Zeilen
an Nanette Endel spricht, ist der verspätete eines jungen
Mannes aus einer rückständigen Agrarlandschaft mit ge-
rade überwundenem Absolutismus, der aus dem Schwei-
zer Jura in eine bedeutende Handelsmetropole mit ihrer
Gesellschaft verschlagen wird und sich hier für die »Na-
tur« entscheidet. Der aber zugleich - ohne besonders
philosophisch zu werden — in seinen Rousseauismus den
persönlichen Gedanken von der »Entzweiung« einträgt.
Sein eigentliches Interesse richtet Hegel aber nicht auf
briefliche Empfehlungen des Landlebens. Unerschöpf-
liche Quelle ihrer Gespräche scheint schon in Stuttgart
Nanettcs Konfessionszugehörigkeit gewesen zu sein. Sie
ist Katholikin und hatte es in den kurzen Wochen ihres
täglichen Zusammenseins darauf angelegt, ihn in den
Charakter ihrer Religion einzuführen. Den brieflichen
Äußerungen Hegels zufolge, der im Ton von Frankfurt
aus sogleich weiterfährt, nimmt er dies zum Anlaß für eine
wahre Begeisterung, den Umstand nach allen Seiten hin

116
auszukosten. Hegel ist Lutheraner, der Katholizismus be-
deutet in Württemberg Religion einer Minderheit, die er
in der zehn Kilometer von Tübingen entfernten Rotten-
burger Diaspora an den Quellen studieren konnte. Er
bedeutet für ihn eine authentische Form mit geradezu
exotischen Reizen. Wir erfahren das jetzt, weil es in den
Briefen Hegels zur Sprache kommt. Beim Katholizismus
handelt es sich für ihn um eine Religion mit Dingen, die
der Protestantismus nicht oder nur noch in verwässerter
Weise kennt, um »Heilige«, »Beichte«, »Rosenkränze«,
»Kapuziner«. Hatte Nanette Endel ihn in Stuttgart kräftig
in die Schule genommen, so gibt er sich jetzt als gelehriger
Schüler zu erkennen, der sein Pensum beherrscht. »So-
bald ich erfahre, daß ein Hochamt ist«, schreibt er schon
wenige Wochen nach seiner Ankunft in Frankfurt an die
Freundin, »gehe ich, meinen Gottesdienst zu verrichten
und meine Seele in Andacht zu irgend einem schönen
Marienbild zu erheben.« Er versucht, ihre Sprache zu
sprechen, wenn er feststellt, daß unter den Menschen, die
er kennengelernt hat, die Tugenden des hl. Alexis wenig
verbreitet sind und daß der hl. Antonius von Padua, wo er
den Fischen predigte, mehr ausgerichtet hat, als er hier je
bewirken würde. Gegenüber einer Gestalt wie dem hl.
Alexis kann sich bei ihm nur das Gefühl regen, seiner
unwürdig zu sein: gut, so an die Adressatin gerichtet, daß
ihm »das Glück einer Mittlerin zwischen Heiligen und
Menschen beschert, die mich bei ihm vertritt, durch die er
seine Huld mir zufließen läßt«. Für ein Geschenk aus ihrer
Hand, das ihn in Frankfurt erreicht, ist er bereit, so viele
»Messen zu hören« und »Rosenkränze abzuzählen«, wie
sie es verlangt. Er hatte ihr allerdings auch vermelden
müssen, »manchen schmutzigen Kapuziner herum lau-
fen« gesehen zu haben.
Ein solcher Tonfall muß der Briefempfängerin außer-
ordentlich gefallen haben, die, wir können das nur vermu-
ten, alles daransetzt, Hegel kräftig dazu zu ermuntern. Sie
durfte sich verstanden fühlen und hat den Part wacker
durchgespielt: die fromme katholische Christin, die die
Symbolik ihrer Religion versteht und den wißbegierigen

117
Adepten daran teilhaben läßt. Andererseits hat Hegel das
Angebot von Nanette, ihm eine mild liebenswürdige See-
lenfuhrerin zu sein, gern angenommen. Er läßt es sich
gefallen, persifliert ein wenig seine Schülerrolle und zeigt
sich doch auch wieder ernsthaft bei der Sache. Die katholi-
sche Religion ist für ihn, den protestantischen Württem-
berger, Religion von einem anderen Stern. Aber darin
liegt der Vorzug, den er durch und durch ausbeuten will.
Wieder wie gegenüber Schelling gibt er sich als der Emp-
fangende und ist es auch, aber gleichzeitig hält er dage-
gen, baut er witzige Vorbehalte ein, übertreibt ein biß-
chen, macht hier und da eine kleine Glosse, die nicht recht
ins Bild des echten Gläubigen paßt. In seine Vorstellung
von der »Positivität der Religion« hatte er bereits - als
lediglich unveröffentlichte Äußerung zwar - seine wah-
ren Ansichten verraten. Aber das ist bloß »erste Hand«.
Alles ist noch in der Schwebe. Feste Sicherheiten gibt es
nirgendwo.
Im Briefwechsel mit Nanette Endel herrscht ein unver-
bindlicher Plauderton zwar vor, aber es gibt für Hegel
dabei doch eine ernsthafte Seite. Die wird deutlich, als er
sich noch von Frankfurt aus am 2. November 1800 an
Schelling wegen einiger Adressen in Bamberg wendet,
weil er beabsichtigt, für einige Zeit dorthin zu reisen.
Warum er Bamberg, wo er niemanden kennt, ausersehen
hat, führt er in seiner Erklärung aus: »Ich suche wohlfeile
Lebensmittel, meiner körperlichen Umstände willen ein
gutes Bier, einige wenige Bekanntschaften«, mit dem
entscheidenden Zusatz: »Würde ich eine katholische Stadt
einer protestantischen vorziehen; ich will jene Religion
einmal in der Nähe sehen.« Was er in Bamberg sucht und
auch erklärtermaßen findet, ist »Katholizismus« als un-
verfälschtes »Mittelalter«, als historische Etappe der
»Weltgeschichte«, in die er einzutreten gewillt ist, um sie
als noch gelebte Wirklichkeit an sich selbst zu erfahren.
In diesem Licht besehen hat Hegel die Beziehung zu
Nanette Endel, in der es so ganz ohne »Reflexion« zuging,
schon als Vorübung zum Eintritt ins »Mittelalter« verstan-
den. Leben und Denken fallen zusammen. Es geht hier

118
um den Weg in eine ihm von seiner Herkunft her gesehen
verschlossene Welt, von der es gilt, sich darin Orientie-
rung zu verschaffen.
In die Lebensverhältnisse der Freundin war allerdings
bereits kurz nach Hegels Weggang von Stuttgart eine
Veränderung gekommen. Wenige Wochen später, im
März 1797, war sie in die Dienste einer Baronin von
Bobenhausen in Obbach bei Schweinfurt getreten. Hegel
hatte darauf gehofft, daß sie der Weg ins Fränkische über
Frankfurt führen würde, war dann lange in Unkenntnis
über ihre Anschrift geblieben und hatte die Post an sie zur
Weiterbeförderung an die Schwester nach Stuttgart ge-
schickt. Später kann er bemerken, daß man nur 24 Stun-
den Reiseweg, d.h. zwei oder drei Tage, voneinander
entfernt ist und daß er sie vielleicht im Sommer oder in
den nächsten Jahren einmal besuchen könnte. Oder:
»Wie wäre es«, heißt es am 2.Juli, »wenn Ihre gn. Frau
einmal den Einfall bekäme, die Reise aus Franken nach
Schwaben durch Frankfurt machen zu wollen?« Das war
die Frage des Bildungsbediensteten Hegel im Hause des
Kaufmanns J. N. Gogel am Frankfurter Roßmarkt an die
inzwischen zur »Jungfer« avancierte Nanette: Korrespon-
denz aus der Perspektive des »Kammerdieners«, die He-
gel, als ihm in der Philosophie der Geschichte der Standpunkt
von Kaisern, Königen und großen Herren zu Gebote
steht, stets geläufig bleibt.

119
Vierzehntes Kapitel
Hegels Abschied von Frankfurt

Es waren Ausflüge in die große Welt gewesen, die Hölder-


lin und Schelling von Tübingen aus weggeführt hatten.
Die persönliche Bekanntschaft beider mit Goethe und
Schiller, bei Hölderlin war die mit Herder und Wieland,
bei Schelling die mit der Jenenser romantischen Intelli-
genz dazugekommen: an Höheres war für einen auf den
Geist und das Wort setzenden Musensohn aus der Provinz
nicht zu denken. Hölderlin konnte sich durch den Ab-
druck eines Hyperion-Fragments unter die Mitarbeiter von
Schillers Thalia rechnen. Weimar und Jena gehören denn
auch für ihn zum ersten Zenit seines Lebens, dem nach
der Rückkehr ins Schwäbische bald in den Frankfurter
Tagen mit der Nähe zu Susette Gontard der zweite folgt.
Die Zukunft bedeutet seit der panikartigen Flucht mit
dem Aufenthalt in Homburg, im Württembergischen,
während der Tätigkeit als Hauslehrer in der Schweiz und
des Umherirrens in Frankreich Abstieg. Hölderlin ist
hinfort ein Fallender:

Doch uns ist gegeben,


Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen,
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur anderen,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.

Diese Verse aus Hyperions Schicksalslied machen Hölderlins


Lebensgesetz seit den Tagen mit seiner Diotima aus.
Schelling ist von den Tübinger Stiftstagen an ein Stei-
gender. Er verkörpert eine für einen Philosophen unge-
wöhnliche Sieghaftigkeit. Ein Hindernis nach dem an-
dern wird genommen. Dorothea Veits Vorstellung von

120
Schelling als einem »französischen General« mochte eini-
ges für sich haben. Und dies zu einer Zeit, als er sich noch
am Anfang seiner Karriere befindet!
Während sich Schelling in Jena der Sympathie Goethes
und der Liebe Carolines erfreut, sitzt der Frankfurter
Hauslehrer Hegel über seinen Mappen, in denen er seine
Aufzeichnungen in enzyklopädischer Absicht zusammen-
trägt und schwerfällig gebaute Sätze über das Papier
schickt. Seine Berner und Frankfurter Aufsätze sind, wie
sich später herausstellen wird, vorwiegend für die Schub-
lade angefertigt. Der Aufsatz über die württembergischen
Zustände war im Herzogtum für die Veröffentlichung
unbrauchbar geworden; »drei Freunde in Stuttgart« sol-
len davon abgeraten haben. Hegel, der in Tübingen keine
Magister- oder Doktordissertation geschrieben hatte, hat
mit fast dreißig Jahren bisher nur jene Anmerkungen zur
Übersetzung von Jean-Jacques Carts Staatsrechtliches Ver-
hältnis des Waadtlandes zur Stadt Bern verfaßt, die anonym
im Druck erscheinen. Die Brillanz eines zur Sprache ge-
wordenen Denkens lag eindeutig bei Schelling, aber auch
des Denkens selbst: Mit Hilfe der Sinne bringen wir die
Ideen durch Reflexion zum Bewußtsein; die Kunst der
Reflexion, die Ideen zu entfalten, ist die Dialektik; dazu
gehört, daß man das identische Prinzip in seiner gesetzli-
chen Entwicklung, d. h. der Dreiheit der Einheit verfolge;
sich der im Geiste wohnenden Gesetzmäßigkeit bewußtzu-
werden, macht die Methode der Philosophie aus; durch
sie entsteht die philosophische Wissenschaft des Seienden
oder die Wissenschaft von Gott, seinem Verhältnis zur
Welt, der Natur und dem Menschen; das Absolute, Gott,
ist das Sein und Wissen in der Einheit ohne Gegensatz;
darin wird die absolute Identität erreicht, aus der Alles
durch den Gegensatz hervorgegangen ist und in welche
Alles durch seine Wiedervereinigung zurückkehrt. So der
Schelling auf der ersten Höhe in seiner bedeutendsten
Schrift der Frühzeit: Das System des transzendentalen Idealis-
mus.
Gegen Ende des Jahres 1800 hatte sich bei Hegel die
Absicht durchgesetzt, seine Frankfurter Tätigkeit zu be-

121
enden. Sie hatte fast vier Jahre gedauert. Durch die Erb-
schaft nach dem Tode seines Vaters war er in den Stand
gesetzt, zumindest für einige Zeit ein von keiner äußeren
Verpflichtung eingeschränktes Leben zu führen. Aber
diese Überlegungen haben nicht den Zeitpunkt für seinen
Entschluß bestimmt, Frankfurt zu verlassen. Der Tod des
Vaters und ebenso die Regelung der Erbschaftsangele-
genheit waren schon fast zwei Jahre früher erfolgt.
Es mögen hier wieder der lethargische Hang Hegels,
abzuwarten, zuerst immer den weiteren Verlauf der
Dinge zu verfolgen, sowie Rücksicht auf die Familie Gogel
und die Zöglinge mit im Spiele gewesen sein, ganz beson-
ders aber der Stand seiner Untersuchungen. In den Sep-
tember 1800 fällt die Niederschrift des sogenannten Sy-
stemfragments, wenn man der Nohlschen Datierung folgt,
die aber auch wieder angezweifelt worden ist. Am 29.
desselben Monats schließt er die neue Einführung zur
Positivität der Religion ab. Grundlegendes muß erst geklärt
werden. Das entsprach seinem Charakter, was nach außen
den Eindruck der Schwerbeweglichkeit, des mühsamen
Von-der-Stelle-Kommens macht. Dieses Abwarten, um
das Terrain abzumessen, zu ersten Schlußfolgerungen zu
gelangen, kam gerade bei diesen Sujets, die das Resultat
Hegelschen Denkens in seiner Vorstufe enthalten, ihrer
Angemessenheit entgegen.
Aber dann ist es schließlich soweit. Er hatte bereits in
Tübingen an Jena gedacht. Hier hat inzwischen Schelling
Fuß gefaßt. Ihr Briefverkehr scheint sich seit dessen Beru-
fung zeitweilig etwas gelockert zu haben, sicher von Schel-
lings Seite aus, der ja durch seine Tätigkeit, seine Teil-
nahme am Jenenser Leben und nicht zuletzt durch seine
Reisen sehr in Anspruch genommen war.
Über die näheren Gründe, die ihn Schellings Hilfe
suchen lassen, sind wir gut orientiert, weil sie sich in
Hegels Brief vom 2. November 1800 an den Freund an-
einandergereiht finden. Hegel schlägt dabei nicht den
direkten Weg ein, sondern denkt zunächst an eine zeitwei-
lige Übersiedlung nach Bamberg, wo Schelling sich einige
Zeit aufgehalten hatte, um sich an der medizinischen

122
Fakultät der fürstbischöflichen Akademie mit der Natur-
heilkunde vertraut zu machen. Dort gedachte Hegel ihn
anzutreffen. Das war inzwischen durch Schellings Rück-
kehr nach Jena zwar erledigt, aber Bamberg entsprach
den alten, gegenüber Nanette Endel geäußerten Absich-
ten, sich in der katholischen Welt umzusehen, um sie sich
geistig zu eigen zu machen.
Warum er Bamberg ausersehen hatte, hatte auch noch
einen anderen Grund gehabt. Hegel sieht Bamberg sozu-
sagen als Station der Vorbereitung. Sich sogleich nach
Jena zu wagen, in die Hornissenwelt der Literaten mit den
beiden Schlegels und Caroline, die Schiller das Leben
vergiftete, schien ihm nicht geraten. Aus der Beschaulich-
keit seiner Frankfurter Verhältnisse am Roßmarkt unmit-
telbar solch gefährliches Gelände zu betreten, davor
schreckt er zurück. »Ehe ich mich dem literarischen Saus
von Jena anzuvertrauen wage, will ich mich vorher durch
einen Aufenthalt an einem dritten Ort stärken«, erfährt
Schelling als der einzige, dem er sich anzuvertrauen wagt
und von dem er in seiner jetzigen Lage Hilfe erwarten
könnte. War aber Schelling inzwischen schon längst wie-
der nach Jena zurückgekehrt, so kam für die Begegnung,
die Hegel wünscht, Bamberg gar nicht mehr in Frage,
sosehr ihm an dem Aufenthalt in dieser Stadt gelegen sein
mochte. Er überläßt es darum auch Schelling, ihm mitzu-
teilen, wo und wie man sich treffen könnte.
Bei aller Umschweifigkcit, in der sich Hegel dem
Freunde gegenüber ausgelassen hatte, lief der Brief auf
die Bitte um ein bescheidenes Plätzchen im Schatten des
Erfolgreicheren heraus. Er ist bereit, dafür mit allem
vorliebzunehmen, was für ihn abfällt. In der Hegelschen
Briefsprache heißt das: »Ich schaue darum auch, in Rück-
sicht auf mich, so voll Zutrauen auf Dich, daß Du mein
uneigennütziges Bestreben, wenn meine Sphäre auch
niedriger wäre, erkennest und einen Wert in ihm finden
könntest.«

123
Fünfzehntes Kapitel
Frankfurter Studien

Außer den wenigen Gebrauchsgegenständen in Hegels


Umzugsgut von Bern über Stuttgart nach Frankfurt be-
fanden sich darin auch seine Aufzeichnungen über die
Positivität der Religion. Es wäre dies Vorerhebungen zum
Verständnis der Religion, die schon die Grundelemente
der Hegelschen Rcligionsphilosophic herantragen.
Es liegt darin ein System mit Stufungen, deren Begriffe
heute theoretisch nicht immer leicht nachvollziehbar sind.
Dahinter steckt die Lehre von den verschiedenen, einan-
der ablösenden »Zeitaltern«, wie er sie bei Rousseau fin-
den konnte und auf dessen unmittelbaren Spuren er sich
in Tschugg bewegt hatte. Aber auch Herders Geschichts-
philosophie beruhte auf der Folge der »Zeitalter« als
Stufen, die die »Menschheit« zu durchlaufen hat. Auf die
Religion angewandt heißt das bei Hegel: Die Naturreli-
gion als früheste Stufe geht aus der hellenischen Mytholo-
gie hervor, in der Wirklichkeit und Schönheit, Natur und
Geschichte, Dichtung und Kunst vereinigt sind. Die zweite
Stufe bildet die jüdische Religion mit ihrer Erhabenheit
und zugleich Zerrissenheit. Aus ihr entsteht als dritte
Stufe das Christentum mit der Menschwerdung Gottes.
Das Christentum selbst durchläuft die Entwicklung vom
Katholizismus als schöner Form zum Protestantismus als
höherer Form bis dahin, wo die Religion an die Grenze zur
Philosophie stößt. Ihre höchste Stufe erreicht die Mensch-
heitsentwicklung in der Philosophie.
Das System von 1800 selbst (auch wenn man es später
ansetzt) bietet ein Hegels Gedanken auf engem Raum
zusammenfassendes Manifest, das ohne die Berner Ent-
würfe und die Frankfurter kommentierenden Bemer-
kungen, vor allem ohne das Verständnis der Positivität der
Religion unverständlich bleiben muß.
»Positivität der Religion« bedeutet für Hegel immer ein
Aufknüpfen des Gegenstandes von zwei Enden her. Es ist
bei ihm mit entgegengesetzten Polen zu rechnen. Das

124
»Selbstverständnis« und das Verständnis der andern Par-
tei muß stets ins Kalkül gezogen werden gernäß der Ein-
sicht von Lessings Nathan der Weise (IV, 7), die Hegel
anführt: »Denn was mich euch zum Christen macht, das
macht Euch mir zum Juden!« Wenn die Christen selbst
vor Augen führen, »wie sehr Christus bei seinem Unter-
richt nur die Bildung und Vollkommenheit des einzelnen
Menschen vor Augen hatte«, so haben die »Gegner des
Christentums« dagegen »die Verdorbenheit der Christen,
besonders der Geistlichkeit als Beweis gegen ihre Wahr-
heit und Wohltätigkeit sehr beißend und zum Teil bitter
ausgeführt«. Hegels Frage an die christliche Religion zur
Feststellung ihrer »Positivität«: »Hat sie sich dem Despo-
tismus widersetzt - wie lang ist es denn, daß sie sich dem
Sklavenhandel widersetzt?«
Für den Theologen Hegel, der er in Frankfurt immer
noch war, erscheint Religion als das Weltproblem, aller-
dings in einer Sprache, deren Ungelenkheit den Ver-
gleich zu scheuen hat. In den Berner und Frankfurter
Papieren treten Denken und Sprache in auffallender In-
kongruenz, auf. Da, wo Denken sich die Sprache zu Hilfe
holt, kann es zu einem Mißverständnis in ihrer Beziehung
kommen. Sprache reicht nicht immer aus, das Gedachte
zu fassen. Der Sprechende gerät beim Versuch, sich ver-
ständlich zu machen, in Not.
Hier taucht ein Grundfaktum bei Hegel auf: Denken
läßt sich nicht ohne weiteres mitteilen. Hegels Feder ist im
Gegensatz zu der Lessings und selbst Kants keine spitze,
sondern eine stumpfe, die zur ungefügen Blockschrift
neigt. Er hat nie die schriftstellerische Tugend seines in
der öffentlichen Wirksamkeit ihm lange unterlegenen
Gegenspielers Schopenhauer besessen, bei dem der Ge-
danke in der Sprache voll aufgeht. Der Theologe Hegel
denkt in Entitäten, Einheiten, denen das Sein zugrunde
liegt und zu deren Sichtbarmachung die Religionen bei
den Symbolen Hilfe suchen. Das Sakrament — Brot und
Wein - ist für den schwäbischen Lutheraner noch gegen-
wärtig wie für Hölderlin. Seine in das Leben hineinrei-
chende tägliche Wirklichkeit läßt sich nur schwer abstrei-

125
fcn. Aber Hegel weiß: Dem Sakrament, der Hostie, setzt
der Verstand Widerstände entgegen. Hier liegt die mysti-
sche Seite eines Vorgangs, dem Sinn nur gegeben wird
durch die Handlung, die ihn begleitet. Um sich verständ-
lich zu machen, wählt Hegel den Vergleich mit dem
Lesen. Der Lesende hat tote Buchstaben vor Augen. Aber
die Buchstaben bleiben, wenn er sie gelesen hat, während
Brot und Wein durch das Essen verschwinden. Sie gehen
in das Leben dessen, der ißt, über. Brot und Wein stehen
für Essen und Trinken als das, was zum Leben unerläßlich
ist. Wenn das Abendmahl vorgibt, dem Menschen die
Vereinigung mit der Gottheit zu bescheren, so wird doch
darin nur ausgeteilt, was materielle Substanz ist und im
Munde zerrinnt. Das Gefühl der Erhabenheit beruht auf
einer Täuschung. Sosehr das Äußere im Abendmahl für
das steht, was es bedeuten soll: Es bleibt für den Gläubigen
ein Rest, der nicht aufgeht, eine Stimmung, die von der zu
erwartenden Seligkeit abweicht. Jesu Jünger waren nach
dem Abendmahl von Trauer erfüllt.
Stoff und Form fallen hier auseinander. Sie fallen aus-
einander wie bei dem Griechen, der eine Statue des Apol-
lon angeschaut hat und dabei das Gefühl der Begeiste-
rung für unsterbliche Schönheit und Jugend empfand.
Zerriebe er aber den Marmor zu Staub, so würde ihm die
Anschauung der Statue genommen. Es war nicht der
Marmor, sondern seine Form, die es ihm angetan hatte.
Hier geraten wir erneut an eine Denkbewegung Hegels
heran, die ein wirksames, jetzt und später immer wieder-
kehrendes, aus dem Leben genommenes Motiv in Tätig-
keit zeigt: den Gegensatz von sichtbarer und unsichtbarer
Kirche. Die »unsichtbare Kirche« ist auch von der Einheit
zwischen Staat und Kirche oder der von Kant geforderten
Trennung, mit der Hegel sich auseinandersetzt, nicht
betroffen. Der Gedanke von der »unsichtbaren Kirche«
hat, unabhängig von Hegel, der an ihm teilhat, eine um-
fassende Verbreitung in der zweiten Hälfte des 18.Jahr-
hunderts gehabt: Auch Hölderlin und Schelling sind nur
Nachfahren einer Vorstellung, von der Lessing, Herder,
Jean Paul erfaßt worden sind und die eine vom kirchli-

126
chen Sakrament freie Vereinigung der Geister meint. Sie
hat nach Hegel mit der institutionellen Kirche nichts mehr
zu tun, liegt bereitsjenseits ihrer Grenze, gehört schon zur
Philosophie. Es gibt bei ihrer Spiritualität keine Ungleich-
heit des Rangs, keinen Hang, sich auszubreiten, Prosely-
ten zu machen, keine mögliche Teilhabe an Despotie und
Gewalt; die Ehre Gottes soll nicht durch äußere Mittel
gefördert oder NichtZugehörigkeit zur Kirche durch Aus-
schließung von bürgerlichen Rechten geahndet werden.
Sie ist auch vom Streit, in den Staat und Kirche geraten
können, nicht berührt, weil ihre Gegenstände anderer Art
sind. Sie kennt keine Beamten, keine besonderen Ge-
bäude oder Geräte, die zur Feier des Ciottcsdienstes not-
wendig sind, sie kennt keine kultische Feier, ebensowenig
Abgaben und Beiträge.
Schelling hatte seine Zugehörigkeit zur »unsichtbaren
Kirche« Hegel gegenüber brieflich am 4. Februar 1795
durch seine Erklärung, »Spinozist geworden« zu sein, für
den es »gar kein Objekt« gebe, unmißverständlich bekun-
det. Was damit gemeint war, sagt die von Schelling daraus
gezogene Schlußfolgerung: »Mithin gibt es keinen per-
sönlichen Gott.«
Das war für einen Tübinger Theologen nicht wenig,
der, wenn er die Existenz eines persönlichen Gottes be-
stritt, mit der württembergischen Kirche in ein Mißver-
hältnis kommen mußte. Aber daß Schelling dies gar nicht
vermeiden wollte, es vielmehr darauf angelegt hatte, geht
eindeutig aus dem Briefwechsel mit Hegel hervor. Hegel
kommt dem in seiner Antwort vom 16. April mit jener
herausgekehrten Distanz zur »Religion« der »sichtbaren
Kirche« entgegen, wenn er schreibt: »Religion und Politik
haben unter einer Decke gespielt, jene hat gelehrt, was der
Despotismus wollte, Verachtung des Menschenge-
schlechts.« Das konnte der Zustimmung Schellings, der
sich bald darauf als Hofmeister der beiden Barone Ried-
esel von deren Familie ausgehorcht finden sollte, ob er
»Demokrat«, »Aufklärer« oder »Illuminat« sei und dage-
gen den »Unfug der Theologen« ins Feld geführt hatte,
sicher sein.

127
Soweit hatten die brieflichen Vorverhandlungen bereits
klärend gewirkt, als Hegel in Frankfurt den Faden wieder
aufgreift.
Schelling war der Schnellere gewesen, er hatte in sei-
nem Februarbrief des Jahres 1795 einiges aus dem Hegel-
schen System von 1800 schon vorfixiert, wenn er die Bewe-
gung des Geistes als »höchstes Bestreben« zur »Zerstö-
rung unserer Persönlichkeit« einen »Übergang in die
Absolute Sphäre des Seins, der aber in Ewigkeit nicht
möglich ist«, nennt. Doch dieses Unvermögen ist die
Chance. Weil der »Übergang« nicht möglich ist, sondern
»nur praktische Annäherung zum Absoluten«, wird uns
»Unsterblichkeit« beschert.
Diese Erklärung der »Unsterblichkeit« des zwanzigjäh-
rigen Schelling ist eine der genialsten Vorstellungen sei-
nes Denkens. Das »Ich« ist unsterblich, weil ihm das
Eintreten in die Sphäre, der es zustrebt, verwehrt wird. In
der schweren gedanklichen Beladenheit kehrt diese Vor-
stellung bei Hegel wieder, gehört sie zu den Grundbewe-
gungen seines Denkens, wenn hinfort so oft von der
Rückkehr des Geistes zu sich selbst die Rede ist. Im Frank-
furter Systemfragment heißt es: Das »Teilsein des Leben-
digen hebt sich in der Religion auf, das beschränkte Leben
erhebt sich zum Unendlichen; und nur dadurch, daß das
Endliche selbst Leben ist, trägt es die Möglichkeit in sich,
zum unendlichen Leben sich zu erheben.« Aber diese
Einsicht ist keine Einsicht der »Religion«, sondern der
»Philosophie«, weil sie einen »Gegensatz« zum »Nichtden-
ken« enthält.
Hier ist schon das Hcgelsche Denken in Bewegung
geraten, zieht es Kreise, in die sich nicht leicht eindringen
läßt. Was Fichte von Kant sagte und Schelling mitteilte:
daß zum Verständnis Kants der »Genius des Sokrates«
nötig sei, gilt auch jetzt und bald noch mehr für Hegel. Die
Berner und Frankfurter Aufzeichnungen enthalten
einige später immer wiederkehrende Grundfiguren sei-
nes Denkens, die sich auf Grund verhalte des Lebens grün-
den. So die »Liebe« als »Einigkeit« und »Verdoppelung
seiner Selbst«, die auf dem Prinzip der Annäherung und

128
Trennung beruht! »Eigentliche Liebe findet nur unter
Lebenden statt«, aber sie steht auch in einer unaufhebba-
ren Beziehung zum Tod: »An Liebenden ist keine Mate-
rie . . . ; Liebende haben Selbständigkeit, eigenes Lebens-
prinzip heißt nur: Sie können sterben.« Dem Sterben
wiederum steht zwischen Leben und Tod die »Unsterb-
lichkeit« gegenüber, für die Schelling eine so völlig über-
raschende Erklärung gefunden hatte, der Hegel jetzt eine
eigene, aber vor dem Freund zurückgehaltene gegen-
überstellt. »Die Liebe strebt . . . selbst das Sterbliche zu
vereinigen, es unsterblich zu machen«, sie ist »Vernich-
tung des Entgegengesetzten in der Vereinigung«.
Hegel gibt hier in seinen Aufzeichnungen erste proviso-
risch gehaltene eigene Antworten auf die mit Schelling
verhandelten Fragen, die sich mit den Anschauungen der
»Mauerkirche«, wie der Mystiker Jakob Böhme die insti-
tutionalisierte Kirche nannte, nicht mehr vertrugen.
Nun zahlt es sich aus, daß ihn gegenüber der Philoso-
phie so lange eine eigentümliche Gleichgültigkeit be-
herrscht hatte, durch die ihm in Tübingen als dem Kon-
kurrenten des über Kant weitaus besser unterrichteten
Märklin Nachteile beschert worden waren. In Bern hatte
er, ganz allein auf sich gestellt, erste Orientierungen zu
Papier gebracht. Es war ein Erproben des Bodens, Schritt
für Schritt, ein Denken »von Grund auf«, bei dem die
Belesenheit gegenüber dem eigenen Suchen nicht über-
handnimmt. Am Anfang stehen »Leben« und »Tod«,
steht »Liebe« als Mittel zur »Unsterblichkeit«, stehen
»Brot« und »Wein«, steht »Bewegung« als »Annäherung«
und »Trennung«, weisen »These« und »Antithese« auf
ihr Prinzip. Dieses Denken, das sich in der »Reflexion«
bewußt wird, ist im Einfachen zu Hause. Erst wo es in
Gang gesetzt wird, die Begriffe sich miteinander verbin-
den und sich wieder voneinander entfernen, kommt ein
gewaltiger Auflauf zustande, ein Flechtwerk, das, so wie es
gedacht wird, auch jeden Augenblick wieder auseinander-
gerissen werden kann. »Die Erhebung des Endlichen zum
Unendlichen charakterisiert sich ... als Erhebung endli-
chen Lebens zu unendlichem«: Dies, im Frankfurter Sy-

129
stem ausgesprochen, gibt einen Vorgeschmack von dem,
was folgt, wenn das Denken sich nach langsamer In-Gang-
Setzung im Akt des Vollzugs befindet.
Im Frankfurter Systemfragment haben wir die Urzelle
im frühen Reifungsprozeß zu dem, was man später die
»Hegeische Philosophie« nennen wird: das Ende der (al-
ten) Religion und den Übergang zur Philosophie: eben
der Hcgclschen.
Das Prinzip der Entgegensetzung ist im Systemfrag-
ment schon angelegt, ist schon Kernstück der Methode.
Hegel befindet sich darin bereits auj dem Wege zur Dialek-
tik »letzter Hand«, wo die Schroffheit des Gegensatzes von
Leben und toter Objektivität, von »Geist« und »Positi-
vem«, von Unendlichkeit und Endlichkeit durch mögliche
Übergänge gemildert und die Dialektik elastisch gehalten
wird. Den Begriffen wird die starre Einseitigkeit genom-
men, sie selbst sind in der Abstufung schon relativiert. Wir
sind natürlich durch den fragmentarischen Charakter des
Papiers von 1800 nicht imstande, uns genaue Kenntnisse
über den Aufbau des Systems zu verschaffen. Das beweist
nur: Bei allem Fortbilden und den Umformungen im
System bleibt eine von Bern über Frankfurt bis zu den
Jenenser Papieren reichende innere Kontinuität bewahrt.
Die Zuspitzung der Philosophie im Religiösen, die Ver-
handlung des Subjekt-Objekt-Gegensatzes auf dem Bo-
den, der durch die Religion in Beschlag genommen wird,
ist hier beibehalten: »Die Philosophie muß eben darum
mit der Religion aufhören, weil jene ein Denken ist, also
einen Gegensatz teils des Nichtdenkens hat, teils den
Denkenden und Gedachten; sie hat in allem Endlichen die
Endlichkeit aufzuzeigen, und durch die Vernunft die
Vervollständigung desselben zu fordein, besonders die
Täuschungen durch ihr eigenes Unendliches zu erken-
nen, und so das wahre Unendliche außerhalb ihres Um-
kreises zu setzen. Die Erhebung des Endlichen zum
Unendlichen charakterisiert sich eben dadurch als Erhe-
bung endlichen Lebens zu unendlichem, als Religion ...«
Das Herüberziehen des Denkens auf die Linie des objekti-
ven Idealismus als des Denkens »an sich« hat mit der

130
Religion als einem dagegenhaltenden »Nichtdenken« zu
rechnen, an dem und gegen das es sich aufhaut mit.
Qualitäten, über die die Religion als »Sein außerhalb der
Reflexion« nicht verfügt. Die »Erhebung des Menschen«,
die in dieser Sphäre vor sich geht, ist nach Hegel aus-
drücklich nicht eine »vom Endlichen zum Unendlichen«,
sondern, weil hier ein erneuter Gegensatz besteht, aus-
drücklich »vom endlichen Leben zum unendlichen Le-
ben«. Zu einer fortschreitenden Dialektik gehört es, neue
Dialektiken zu gebären und sich in ihnen fortzusetzen. Die
Religion ist auf dieser Stufe des Erkennens unerläßlich für
die Philosophie, weil in der Beziehung zu ihr die Zweitei-
lung der beiden Erscheinungsformen des Lebens erfol-
gen und auch von der erkennenden Vernunft erkannt
werden kann. Indem aber Hegel im Systemfragment die
Religion als Prinzip des »Nichtdenkens« am Werke zeigt,
wird sie in der Entgegensetzung zur Philosophie mit dem
Prinzip des »Denkens« zu einer Erkenntnisquelle, deren
Erkenntniskraft ihre alte Unbestrittenheit eingebüßt hat,
die philosophisch zwar noch zu Rate gezogen, aber einge-
grenzt, überprüft, über ihre Stelle im Gesamtsystem der
Totalität befragt werden muß. Mit der alten landläufigen
Gegenüberstellung von »Endlichem« und »Unendli-
chem«, von »Beschränktem« und »Unbeschränktem«,
von »Sterblichem« und »Unsterblichem« ist bei einer Phi-
losophie, die imstande sein muß, »die Täuschungen durch
ihr eigenes Unendliche zu erkennen«, und gegen das bloß
»Unendliche« das »wahre Unendliche außerhalb ihres
Umkreises zu setzen«, nicht mehr viel auszurichten. Die
Philosophie, d.h. hier das System von 1800, gründet sich
auf einen anderen Gegensatz, auf den von »Geist« und
»Gesetz«. Unverkennbar bleibt, daß er terminologisch aus
der Religion hergeholt ist, mit ihm an den Neuen Bund,
der durch den »Geist« vom »Gesetz« des Alten Bundes
frei macht, erinnert. Das bedeutet: Philosophie kann sich
in diesem Stadium ihrer historischen Entwicklung sprach-
lich nicht ohne die Mittel der Religion artikulieren. Aber
auch: sie ist schon frei, die alten theologischen Inhalte
abzuwerfen. Etwa: »Das unendliche Leben kann man

131
einen Geist nennen«, oder: »Geist ist die lebendige Einig-
keit des Mannigfaltigen.« Dagegen steht »die bloße Ein-
heit, die Gesetz heißt und ein bloß Gedachtes, Unlebendi-
ges ist«. Als Synthesis gilt: »Der Geist ist belebendes Gesetz
in Vereinigung mit dem Mannigfaltigen, das alsdann ein
belebtes ist.«
Diese Dialektik, ohne daß das Wort fiele, hat es mit
»unendlicher Entgegensetzung« zu tun: es ist ein System
gedacht, worin »eine unendliche Vielheit von Organisa-
tionen, Individuen, als Einheit, ein einziges organisiertes
getrenntes und vereinigtes Ganzes« jedes mit jedem in
mögliche Beziehung treten läßt —eben die »Natur«. Das ist
schon unter dem Einfluß der ersten Entwürfe von Schel-
lings Naturphilosophie niedergeschrieben. Aber eine so
verstandene »Natur« ist nach Hegel »ein Setzen des Le-
bens«, Leben, das »durch Setzen zur Natur gemacht«
worden ist. Es »setzt« das Ich, das die Natur als eine von
ihm produzierte erscheinen läßt. Es ist damit dem setzen-
den Ich anheimgegeben, darüber zu befinden, was als
Vereinigung, was als Trennung verstanden werden muß,
was als Individuum, was als objektive Wirklichkeit auftritt.
Mit dem Fichteschen Ich im Hintergrund ist in Betracht
zu ziehen, daß der Subjekt-Objekt-Gegensatz in der
schroffen Ausschließlichkeit bis zur Identität von Subjekt
und Objekt aufgehoben werden kann.
Was Fichte anbetraf, hatte Hölderlin eine wegberei-
tende Rolle auch für Hegel gespielt. »Fichte« — so war es in
seinem Brief aus Jena vom 26. Februar 1795 an Hegel zu
lesen gewesen — »möchte über das Faktum des Bewußt-
seins in der Theorie hinaus«, ein Weg, auf dem ihm Höl-
derlin folgen will und tatsächlich in der Praxis der großen
Dichtung auch folgt, wenn er im Empedokles die Tragödie
des im Krater des Ätna untergehenden Selbstbewußtseins
schaffen wird, aber eines Untergangs, der zugleich ein
Werden, die Vereinigung mit der all-einen Natur (Spino-
zas) ist. Damit befinden wir uns mitten auf dem Weg von
Fichtcs »Bewußtsein«, seiner Philosophie des Ich, zu He-
gels »Selbstbewußtsein« der Phänomenologie des Geistes, zur
»Wahrheit der Gewißheit seiner selbst«, womit wir »in das

132
einheimische Reich der Wahrheit« eingetreten sind. Es ist
unabweisbar, daß Hölderlin, wo er über Fichtes Philoso-
phie referiert, wie er sie versteht, erste Verhandlungen
des später von Hegel umfassend bearbeiteten Gegenstan-
des bietet. Fichtes »absolutes Ich« (das Hölderlin mit
Spinozas »Substanz« gleichsetzt), so heißt es in demselben
Brief, »enthält alle Realität; es ist alles und außer ihm ist
nichts. Es gibt also für dieses absolute Ich kein Objekt,
denn sonst wäre nicht alle Realität in ihm; Bewußtsein
ohne Objekt ist aber nicht denkbar, und wenn ich selbst
dieses Objekt bin, so bin ich als solches notwendig be-
schränkt; sollte es auch nur in der Zeit sein, also nicht
absolut. Also ist in dem absoluten Ich kein Bewußtsein
denkbar, als absolutes Ich habe ich kein Bewußtsein, und
insofern ich kein Bewußtsein habe, insofern bin ich (für
mich) nichts, also das absolute Ich ist (für mich) nichts.«
Der Eindruck des Unbestimmbaren, der sich bei diesen
Worten leicht einstellen kann, läßt sich sogleich wegwi-
schen, wenn man beim Dichter des Hyperion, des Empedo-
kles, der griechischen Hymnen Erfahrungen mit dem
»absoluten Ich«, einem objekt- und bewußtlosen Ich, das
in »nichts« zerfällt, voraussetzt. Dahinter lagen in das
Licht Fichtes gerückte autobiographische Momente eines
in Jena gestärkten romantischen Unendlichkeitsgefühls.
»Aus dieser tragischen Vereinigung des Unendlichneuen
und Endlichalten entwickelt sich dann ein Individuelles,
indem das Unendlichneue vermittelst dessen, daß es die
Gestalt des Endlichalten annahm, sich nun in der eigenen
Gestalt individualisiert«, heißt es in dem vom Hölderlin
unter Einfluß von Fichtes Wissenschaftslehre, zur Zeil der
Anfänge seiner Arbeit am Empedokles, etwa 1799, verfaß-
ten und in der Friedrich-Beißner-Ausgabe unter dem
Titel Das Werden und Vergehen veröffentlichten Papier. Es
deckt bereits den Sprachgebrauch für die Hegclsche
»Wanderung« des Geistes als triadischen Stufengang von
»Herausgehen«, »Sichauseinanderlegen« und »Zusich-
selbstkommen« auf. »Diese idealistische Auflösung ist
furchtlos«, so hören wir: »Anfangs- und Endpunkt sind
schon gesetzt, unaufhaltsamer, kühner, und sie stellt sie

133
hiermit als das, was sie eigentlich ist, als einen reprodukti-
ven Akt dar, wodurch das Leben alle seine Punkte durch-
läuft, und um die ganze Summe zu gewinnen, auf keinem
verweilt, auf jedem sich auflöst, um in dem nächsten sich
herzustellen.« Nichts geht bei dieser namentlich nicht
angeführten Dialektik von »Werden und Vergehen« ver-
loren. »Auflösung« als reproduktiver Akt verstanden, um
»herzustellen«, um »aufzuheben«! Der Tonfall der hegel-
schen Rede in diesem Prosafragment Hölderlins ist nicht
leicht zu überhören.
Hatte sich Hegel lange in der Bannmeile des subjekti-
ven Idealismus befunden, so dringt er mit der Entdek-
kung der Widersprüchlichkeit als dem Prinzip des Seins in
der fragmentarisch erhaltenen Frankfurter Niederschrift
über diese Grenze hinaus. Der Widerspruch ist objektiv
das bewegende Prinzip schlechthin, er kann in der Orga-
nisation des Seins gar nicht aufgehoben werden, sondern
setzt sich in immer neuen Stufungen und Verästelungen
fort. Widerspruch ist alles, alles ist Widerspruch: » I m
lebendigen Ganzen ist der Tod, die Entgegensetzung, der
Verstand zugleich gesetzt, nämlich als Mannigfaltiges, das
lebendig ist, und als Lebendiges sich als ein Ganzes setzen
kann, wodurch es zugleich ein Teil ist, d. h. für welches es
Totes gibt, und welches selbst für anderes tot ist.«
Nach der Rückkehr aus der Schweiz, war Hegel wieder
auf die deutschen Verhältnisse gestoßen worden, über die
er in seinem in Frankfurt 1798 verfaßten Aufsatz Über die
neuesten inneren Verhältnisse Württembergs bittere Klagen
vernehmen läßt. Angesichts der erbärmlichen Zustände
seines Heimatlandes muß er seine Ratlosigkeit eingeste-
hen, ihnen durch Vorschläge abzuhelfen. Die Lage ist so
verfahren, daß jeder Versuch zur Hilfe vergebens sein
wird.
Bei der Aussichtslosigkeit der bestehenden Verhält-
nisse schwebte Hegel in seinen noch unabgeschlossenen
Überlegungen vor, daß »die Magistrate vom Volk gewählt
werden«, in der revidierten Fassung heißt es »von den
Bürgern«. Das müßte zu einer dringend notwendigen
Neuorganisation der Landstände führen. Einleitend

134
meint er: » Es wäre einmal Zeit, daß das Württembergische
Volk aus seinem Schwanken zwischen Furcht und Hoff-
nung, aus seiner Abwechslung von Erwartung und von
Täuschung in seiner Erwartung herausträte ... Wie blind
sind diejenigen, die glauben mögen, daß Einrichtungen,
Verfassungen, Gesetze, die mit den Sitten, den Bedürfnis-
sen, der Meinung der Menschen nicht mehr zusammen-
stimmen, aus denen der Geist entflohen ist, länger beste-
hen; daß Formen, an denen der Verstand und Empfin-
dung kein Interesse mehr nimmt, mächtig genug seien,
länger das Rand eines Volkes auszumachen.« Daß er
damit im residenzlerischen Milieu von Stuttgart wenig
Anklang finden würde, mußte ihm klar sein und wurde
ihm bedeutet. Er war darin unmißverständlich als
»Freund der Veränderung« aufgetreten, etwas, was kei-
neswegs leicht wog und sich sehr wohl in das Bild des
zeitweiligen Sympathisanten der Republik mit der Vor-
liebe für Freiheitsbäume einfügte.
Aber es war mit seinen Ausführungen ja gar nicht
Württemberg allein gemeint. »Das Schauspiel einer sol-
chen Schwäche darf ein Volk, dürfen Deutsche nicht
geben«, soll heißen, daß die Veränderung nicht an den
Landesgrenzen haltmachen müsse. Das war ein Satz, der
mit allem Provinzialismus und der Kleinstaaterei des zu
Ende gehenden Jahrhunderts schonungslos verfuhr und
unmißverständlich Umstürzlcrisches im Schilde führte,
wenn er zu der Folgerung führt: »Nach kalter Überzeu-
gung, daß eine Veränderung notwendig ist, dürfen sie
sich nun nicht fürchten, mit der Untersuchung in's Ein-
zelne zu gehen und, was sie Ungerechtes finden, dessen
Abstellung muß der, der Unrecht leidet, fordern, und
der, der im ungerechten Besitz ist, muß ihn freiwillig
aufopfern.«
Der Hegel der Frankfurter Jahre ist nach wie vor der
Mann der Exzerpte; er liest Bücher und Zeitungen mit der
Feder in der Hand, um Gelesenes sofort gehörig zu mar-
kieren und als Zitat oder in der Form der Notiz festzuhal-
ten. Auffallend ist sein Interesse für englische Zeitungen.
England gilt nicht nur als das Land des Parlaments und

135
des Eigentums, lange bevor in Frankreich die Bourgeoisie
die freie Verfügung darüber entdeckte und durchsetzte,
um mit diesem Mittel der Klasse der alten Landeigentü-
mer ihre ureigene Waffe: das Geld, dagegenzustellen.
England war schon auf dem Sprung, Land des liberalen
Welthandels, des Austauschs gewaltiger Warenmengen
zwischen den Kontinenten zu werden, ohne jenen Etatis-
mus, der vom preußischen Staatshaushalt ausging und
Handel und Gewerbe stets in obrigkeitliche Schnürleiber
zwängte.
An England fesseln ihn seit den Berner Jahren vor
allem die Parlamentsvcrhandlungcn und die Almosen-
taxe als Einrichtung der herrschenden Klassen, um damit
die Besitzlosen zu beschwichtigen, wie er in seinen kom-
mentierenden Bemerkungen zu Steuarts Staatswirtschaft
festgehalten hatte. Von den deutschen Verhältnissen
rückt jetzt das »Allgemeine Preußische Landrecht« in sein
näheres Blickfeld, das, im Gegensatz zum »liberalen« Eng-
land, an der Unverkäuflichkeit des Domänenbesitzes fest-
hält und Bestehendes verfestigt. Was Hegel am »Allge-
meinen Preußischen Landrecht« insbesondere kritisiert,
ist das Gefängniswesen, dem man nachsagt, daß »so lange
die Gefängnisse auf dem Lande und selbst in den mehr-
sten Städten nur zur Aufnahme der Gefangenen und zur
Empfindung der Strafe dienen, damit gegen die Bauern
und insonderheit gegen die geringere Klasse und das
Gesinde nichts ausgerichtet, sondern der Zweck der Strafe
gänzlich verfehlt würde, auch dem Lande eine beträchtli-
che Qualität an Arbeitern entginge ...«. Hegels Anmer-
kungen zum hier beschriebenen Strafvollzug: »Ist dies
nicht Irokesen-mäßig, die auf Qualen für ihre gefangenen
Feinde sinnen und mit Wollust jede neue Marter aus-
üben? ... Mit kaltem Verstande die Menschen bald als
arbeitende und produzierende Wesen, bald als zu bes-
sernde Wesen zu betrachten und zu befehligen, wird die
ärgste Tyrannei, weil das Beste des Ganzen als Zweck
ihnen fremd ist, wenn es nicht gerecht ist.«
Im übrigen bleibt Hegel in seiner Frankfurter Zeit, was
er in den Berner Jahren gewesen war: ein vor sich hin

136
schreibender Privatmann, der an kein Lesepublikum
denkt. So ist in dem einzigen Gedruckten, das damals von
ihm erscheint, sein Name nicht auf der Titelvignette auf-
geführt. Gemeint sind die Vertraulichen Briefe übet das
vormalig/' Staatsrechtliche Verhältnis des Waadtlandes (Pays de
Vaud) zur Stadt Bern. Aus dem Französischen eines verstorbenen
Schweizers übersetzt und mit Anmerkungen versehen. Das Büch-
lein erschien zur Frankfurter Ostennesse 1798. Es war
von dem Advokaten Jean-Jacques Cart verfaßt, der aller-
dings nicht, wie das Titelblatt behauptet, bereits verstor-
ben war, sondern noch fünfzehn Jahre leben wird. Ange-
sichts der politischen Verhältnisse in der Schweiz scheint
es dem Autor offenbar geraten, sich für tot auszugeben.
Daß Hegel selbst der Übersetzer ist, darf angenommen
werden, steht aber nicht mit letzter Sicherheit fest. Es
dürfte mit dem Manuskript, zu dem er den Kommentar
schreibt, schon in Bern Bekanntschaft gemacht haben.
Über seine Anschauungen zur Berner Oligarchie hatte
er sich in der Korrespondenz mit Schclling schon sehr
dezidiert ausgelassen. Sein Brief an ihn vom 16. April
J
795 erwähnte fast wortgleich die »Intrigen« und »Kom-
binationen« durch eingebrachtes »Heiratsgut« des »Toch-
termanns« als Mittel, um ins Berner Conseil Souverain
gewählt zu weiden, von denen bei Cart die Rede ist. Es war
ein Thema, auf das Hegel einiges Nachdenken verwandt
hatte, weil sich mit ihm eigene Berner Erfahrungen ver-
banden. Gerade jetzt in diesen Monaten, als die Franzosen
mit La Harpe an der Spitze durch ihren Einmarsch ins
Waadtland dessen Befreiung von Bern erzwingen, ge-
winnt es europäische Bedeutung.
Das, was man der »Schweizer Freiheit« gern nachsagt,
hat im Verhältnis Berns zum Waadt keine Geltung. Daran
werden wir durch den Kommentar erinnert. Dahinter
steckt keine Theorie der Revolution, sondern der Ge-
danke, das »alte Recht«, das durch die Tyrannis der
Berner Oligarchie zerstört worden war, wieder einzuset-
zen. Die Rechtsprechung in den Händen der Berner
Regierung war das genaue Gegenteil dessen, was sie zu
sein vorgab. Statt Recht herrschte Willkür, die Verteidi-
schreibender Privatmann, der an kein Lesepublikum
denkt. So ist in dem einzigen Gedruckten, das damals von
ihm erscheint, sein Name nicht auf der Titelvignette auf-
137
geführt. Gemeint sind die Vertraulichen Briefe übet das
vormalig/' Staatsrechtliche Verhältnis des Waadtlandes (Pays de
Vaud) zur Stadt Bern. Aus dem Französischen eines verstorbenen
Schweizers übersetzt und mit Anmerkungen versehen. Das Büch-
lein erschien zur Frankfurter Ostennesse 1798. Es war
von dem Advokaten Jean-Jacques Cart verfaßt, der aller-
dings nicht, wie das Titelblatt behauptet, bereits verstor-
ben war, sondern noch fünfzehn Jahre leben wird. Ange-
sichts der politischen Verhältnisse in der Schweiz scheint
es dem Autor offenbar geraten, sich für tot auszugeben.
Daß Hegel selbst der Übersetzer ist, darf angenommen
werden, steht aber nicht mit letzter Sicherheit fest. Es
dürfte mit dem Manuskript, zu dem er den Kommentar
schreibt, schon in Bern Bekanntschaft gemacht haben.
Über seine Anschauungen zur Berner Oligarchie hatte
er sich in der Korrespondenz mit Schclling schon sehr
dezidiert ausgelassen. Sein Brief an ihn vom 16. April
J
795 erwähnte fast wortgleich die »Intrigen« und »Kom-
binationen« durch eingebrachtes »Heiratsgut« des »Toch-
termanns« als Mittel, um ins Berner Conseil Souverain
gewählt zu weiden, von denen bei Cart die Rede ist. Es war
ein Thema, auf das Hegel einiges Nachdenken verwandt
hatte, weil sich mit ihm eigene Berner Erfahrungen ver-
banden. Gerade jetzt in diesen Monaten, als die Franzosen
mit La Harpe an der Spitze durch ihren Einmarsch ins
Waadtland dessen Befreiung von Bern erzwingen, ge-
winnt es europäische Bedeutung.
Das, was man der »Schweizer Freiheit« gern nachsagt,
hat im Verhältnis Berns zum Waadt keine Geltung. Daran
werden wir durch den Kommentar erinnert. Dahinter
steckt keine Theorie der Revolution, sondern der Ge-
danke, das »alte Recht«, das durch die Tyrannis der
Berner Oligarchie zerstört worden war, wieder einzuset-
zen. Die Rechtsprechung in den Händen der Berner
Regierung war das genaue Gegenteil dessen, was sie zu
sein vorgab. Statt Recht herrschte Willkür, die Verteidi-

138
gung der wegen aufständischer Gesinnung erhobenen
Anklagen gegen die vor Gericht stehenden Waadüändei
ist bloß formaler Art. Hegel steht hier Montesquieu näher
als Rousseau, wenn er die Staatsform daran mißt, wie sie
ihre eigenen Prinzipien, den esprit des lois, selber auf-
rechterhält, was bei der Berner Aristokratie nicht der Fall
ist. Gegen Carts »Überzeugung«, »daß . . . in keinem der
Länder, die ich kenne, nach Verhältnis der Größe, so viel
gehängt, gerädert, geköpft, verbrannt wird als in diesem
Kanton«, hat sein Übersetzer und Kommentator nichts
einzuwenden, üas geht über seine eigene Kritik am Straf-
vollzug nach dem »Allgemeinen Preußischen Landrecht«
weit hinaus. So wird in Bern im Vergleich zum Nachbarn
gestraft: »Zehn Deutsche gegen einen Waadtländer in
dem Schallhaus« (von Hegel »Zuchthaus für größere Ver-
brecher« genannt), was den Eindruck zuläßt, in der Repu-
blik, die Cart meint, sei es ärger zugegangen als in der
württembergischen Erbmonarchie zu Zeiten Karl Eugens.
Man kann verstehen, daß der Verlag, die Jägersche Buch-
handlung in Frankfurt, die den Titel auf den Markt
brachte, in richtiger Einschätzung des mächtigen Bern
und um den Autor zu schützen, ihn einfach für tot erklä-
ren ließ und Hegels Namen als Übersetzer verschwieg.

139
Sechzehntes Kapitel
Der Privatdozent

Im Januar 1801 traf Hegel ohne den vorher in Aussicht


genommenen Umweg über Bamberg in Jena ein. Quar-
tier wurde vorerst bei Schelling, in dem er seinen Protek-
tor und Wegbereiter zu einem Universitätsamt sah, ge-
nommen. Noch am 10. Dezember teilt er die Wohnung
mit Schelling, wie er unter diesem Datum an Wilhelm
Friedrich Hufnagel, den Theologen und Schulmann,
nach Frankfurt schreibt. Es ist das größere Geselligkeits-
bedürfnis, das Schelling vor allem an den Abenden aus
dem Hause treibt, zumal jetzt, wo seine Beziehung zu
Caroline, die damals noch mit August Wilhelm Schlegel
verheiratet war, sich sehr eng gestaltet hatte. Schelling
wünscht mehr als Hegel Umgang und, wenn man an seine
Freundin und nachmalige Frau und ihren Kreis denkt,
den Verkehr des romantischen Salons. Hegel, der Antiro-
mantiker, ist zunächst mehr mit seinen Mappen beschäf-
tigt. Seine Adresse wird einige Zeit später mit »Klipsteini-
scher Garten« und »Löbdergraben« angegeben.
Das Jena, das Hegel jetzt vorfand, war freilich nicht
mehr das, das Schelling nach seinem Eintreffen empfan-
gen und vor dem sich Hegel gefürchtet hatte. Dem eigent-
lichen Jena der Romantik wird ein langsamer Untergang
bereitet werden. Die beiden Schlegels hatten die Stadt
bereits verlassen und ebenso Tieck, mit ihnen zusammen
der Begründer der romantischen Schule. Fichte war nach
Berlin vertrieben worden, Schiller nach Weimar überge-
siedelt, Novalis stirbt im nicht weit entfernten Weißenfcls
bald nach Hegels Ankunft. Nach einer kurzen, aber hefti-
gen Blüte hatte der Verfall eingesetzt. Hegel, der sich
gerade anschickte, Privatdozent zu werden, war immerhin
die Nähe Friedrich Schlegels erspart geblieben, der hier
ein Semester über Ästhetik gelesen hatte.
Schellings Stern hingegen ist immer noch im Aufsteigen
begriffen. Darin liegt auch die Gunst für Hegel, der
dessen Bahn nutzt und seine Nähe sucht, um von ihm mit

140
emporgerissen zu werden. Daran war nichts auszuset-
zen. Hegel brauchte sich nicht den geringsten Zwang
anzutun: Von Bern aus hatte er bereits die Lageverän-
derung verfolgt, die durch das Aufkommen der Fichte-
schen Philosophie gegenüber der Kantischen vor sich
ging und mit Schellings Auftreten wieder in Frage ge-
stellt worden war. Zu ihr hatte er gegenüber dem erfolg-
reichen Freund, dessen Hilfe er jetzt in Anspruch
nimmt, brieflich Anmerkungen gegeben und sich darin
eine eigene, unaufdringliche, aber auch nicht zu überse-
hende Position eingeräumt. Für das Thema der Schrift,
mit der Hegel die akademische Laufbahn eröffnet wird,
war er kompetent wie kein anderer: Differenz des Fichte-
schen und Schellingschen Systems der Philosophie.
Die Abhandlung wird im Juli 1801 veröffentlicht,
aber die eigentliche Habilitation bestand in der Abfas-
sung der Arbeit Über die Planetenbahnen (De Orbitis Plane-
tarum) und der Verteidigung der zwölf vorausgeschick-
ten Thesen. Der Habilitationsdisput fand am 27. Au-
gust, an seinem 31. Geburtstag, statt. Auf der Seite der
Verteidigung befindet sich neben dem Verfasser Karl
Schelling, der Bruder Schellings, der selbst sowohl stiller
Promoter des Verfahrens ist, aber bei der öffentlichen
Prozedur als Opponent auftritt, zusammen mit Niet-
hammer und einem Studenten namens Thomas Schwarz-
ott. Die Gebühr in Höhe von zwei Talern und zwanzig
Groschen hatte Hegel zuvor vorschriftsmäßig entrichtet,
Fragen der Fakultätsmitglieder nach seiner materiellen
Sicherstellung waren vom Habilitanden zufriedenstel-
lend beantwortet worden, der nach der erfolgreichen
Verteidigung seiner Thesen das Recht erhält, vom näch-
sten Wintersemester an philosophische Vorlesungen zu
halten. Seitens der Fakultät war dem angehenden Do-
zenten wohlwollend zugestanden worden, die noch nicht
abgeschlossene Schrift nachzureichen. Was erst am
18. Oktober geschieht! Kurze Zeit schien Gefahr im Ver-
zug. Die Gegner des Schwaben treten auf den Plan. Man
wittert in der auffallend schnellen Abwicklung des Ver-
fahrens, noch dazu mitten in den Ferien, wo die Dozen-

141
ten schwer erreichbar sind, unlautere Begünstigung. He-
gels Langsamkeit bei der Nachlieferung der Arbeit gibt
sogar Anlaß, an einen Betrug zu glauben. Der Logiker
und Metaphysiker Hennings, in dessen Lehrdomäne He-
gel später mit gewaltiger Wirkung einbrechen sollte,
glaubt sogar, den Betrug aufgedeckt zu haben, wettert
und dringt auf sofortiges Entfernen von Hegels Vorle-
sungsankündigung: »weil alles erschlichen ist«. Da trifft -
noch am selben Tag — die Arbeit über die Planetenbahnen
beim Dekanat ein.
Der naturwissenschaftlich-mathematische Wert von
Hegels Habilitationsschrift ist seit ihrem Erscheinen nicht
nur von Grund auf in Frage gestellt worden, man hat sie,
wie schon ihr erster Rezensent F. X. von Zach, als Ärgernis
ersten Ranges betrachtet. An dieser Auffassung hat sich
bis zum Kommentar der Neuausgabe von Wolfgang Neu-
ser wenig geändert.
Die Beurteilung mag für die mathematisch-physikali-
schen Partien der Arbeit ihre Berechtigung haben und
wird schwer revidierbar sein, die philosophischen Grund-
strukturen HegeLschen Denkens schlagen freilich in kei-
nem seiner frühen Manuskripte auf so formelhaft knappe
Weise durch wie in der Planetenschrift. Sie ist als seine
erste abgeschlossene Druckschrift die Standortbestim-
mung des Jenenser Hegel; sie zeigt die völlig im unklaren
belassene Grenze zwischen der »Naturphilosophie« und
den aufkommenden empirischen Naturwissenschaften
auf. Zugleich ist sie Dokumentation für den Systement-
wurf in provisorischer Gestalt wie für das Fortschreiten
der Methode.
Der eigentlichen Abhandlung vorangestellt sind die
Thesen, die über den Inhalt der hier verhandelten »Wis-
senschaft« Auskunft geben und zum akademischen Dis-
kurs einladen sollen.
Erste These: »Der Widerspruch ist die Regel für das
Wahre, der Nicht-Widerspruch für das Falsche.«
Sechste These: »Die Idee ist die Einheit des Unendli-
chen und des Endlichen, und die gesamte Philosophie ist
in den Ideen.«

142
Beide Thesen bieten gesetzte Grundmaximen der in
Vorbereitung befindlichen Hegeischen Logik und machen
Ernst mit der Hegeischen Methode, die Logik als Ablei-
tungsdisziplin allen anderen Disziplinen voranzustellen,
sie als die »erste Wissenschaft« zu sehen.
In der siebten These: »Der kritischen Philosophie er-
mangelt es der Ideen, und sie ist eine unvollkommene
Form des Skeptizismus«, wird der Gegner ins Visier ge-
nommen; sie meint jenen Rationalismus, mit der die »kri-
tische Schule« auftritt, der aber nicht das ist, was er zu sein
vorgibt, mit Folgen, die die achte These zur Sprache
bringt: »Die Materie des Vernunftpostulats, das die kriti-
sche Philosophie aufstellt, zerstört eben diese Philosophie
und ist das Prinzip des Spinozismus.«
Die Distanz, zur Kantischen Philosophie könnte nicht
größer sein als hier, wo man sie in verschlüsselter Form für
»erledigt« erklärt und ihr nachsagt, dies durch ihr eigenes
Vernunftpostulat selbst besorgt zu haben. Deren Grund-
lagen befinden sich in der Mathematik, der Mechanik, wo
die Zahlenwelt wohl eine »Metaphysik« kennt, aber nicht
in jener Unergründlichkeit des künftigen Hcgclschen
Verständnisses. Der philosophische Vorspann der The-
sen bereitet darauf vor, daß die nachfolgende Erörterung
über die Himmelsmechanik nicht viel für eine Erörterung
im Sinne der mathematisch-physikalischen Naturwissen-
schaften erwarten läßt.
Es ging in der Hegelschcn Arbeit um die Kritik an der
Physik Newtons, konzentriert »auf zwei Punkte: die Frage
nach der Realität von mathematisch postulierten Linien,
die mit den Kräften gleichgesetzt werden, und die Rolle,
die die Zentrifugalkraft in der Newtonschen Physik spielt«
(Neuser), mit Folgerungen, die durch die verschiedenarti-
gen Bchandlungsweisen und die dahintersteckenden Spe-
kulationen auch für den naturwissenschaftlichen Exper-
ten nach sachkundigem Urteil leicht in die Konfusion
hineinführen. Hegel stößt sich an Newtons Versuch, mit
mathematischen Argumenten physikalische Begriffe
handhaben zu wollen, und kritisiert dessen Unmöglich-
keit; statt dessen sein Vorschlag, die empirischen Begriffe

143
philosophisch zu deduzieren, um zu einem Begriff des
Planetensystems zu gelangen.
Wir wissen heute mit letzter Sicherheit, wie Hegels
Vorhaben ausgegangen ist: mit dem völligen Scheitern, zu
einer eigenen Physik zu kommen, ganz zu schweigen
davon, mit seinen Mitteln die Newtonsche Physik außer
Kurs zu setzen. Seine Kritiker haben bissig auf die Diskre-
panz zwischen mathematischer Physik und einer Natur-
logik im Hegelschen Verständnis angespielt, derzufolge
naturphilosophisch richtig sein mußte, was naturwissen-
schaftlich hätte falsch sein müssen. Von der Seite der
wissenschaftlichen Physik aus galt das genaue Gegenteil.
Nach dem Erscheinen der 2. Auflage von Hegels Schrift
bemerkte K. Schleiden 1844 als ihr Rezensent: » I m Jahre
1801 hatte Hegel den Asteroiden dialektisch vernichtet.
1801 ... wurde Ceres ... entdeckt.« Demnach hatte sich
Hegel unterstanden, ein Weltsystem zu konstruieren, das
es nicht gab, und dem wirklichen hatte er verboten zu sein,
wenn er bestritt, daß es zwischen Jupiter und Mars noch
einen Planetoiden gibt. Und dies, nachdem dieser Plane-
toid bereits gefunden war.
Aber es wäre voreilig, damit die »dissertatio philoso-
phica« über die Planetenbahnen zu den Akten zu legen.
Hegel hatte Newton den verfehlten philosophischen An-
spruch seiner »mathematischen Prinzipien der Naturphi-
losophie« vorgehalten und darin die Anwendung der
(Hegelschen) Logik vermißt. Für Hegel aber war, wenn
die Logik außer Kraft gesetzt wurde, die Natur um ihre
Vernunft gebracht, oder besser: war sie bei Newton auf
keine vernünftige Formel gebracht, dann konnte die For-
mel Newtons nicht der Natur angemessen sein.
Mit diesem aus der selbstgesetzten Prämisse durch die
Methode gezogenen Schluß ließ sich Newton natürlich
schwer beikommen. Allerdings stand Hegel mit seiner
Ansicht, daß Newton irre, nicht allein. Sich kritisch über
ihn zu äußern, gehörte zur Mode. Prominentester New-
ton-Gegner war Goethe, der die Professoren der Landes-
universität Jena zu ernennen hatte. Auch unter diesem
Gesichtspunkt ist nicht nur Hegels Behandlung des The-

144
mas, sondern bereits seine Wahl zu sehen. Die Schwer-
kraft mit der Zentripetalkraft oder Anziehungskraft
gleichzusetzen, wird hier als Vorwurf erhoben, und zwar
ausdrücklich als Verstoß gegen die Keplerschc Entdck-
kung der Planetenbahnen, worin die »Schwere als ge-
meinsame Qualität der Körper und die Anziehung des
Mondes als die Ursache für Ebbe und Flut des Meeres
erkannt« (Neuser) worden waren, und weiter: »daß die
Unregelmäßigkeit der Bewegung des Mondes aus der
Vereinigung der Kräfte von Sonne und Erde entsprin-
gen«. Kepler hatte Hegel zufolge darauf verzichtet, »die
physikalische Gestalt der unveränderlichen Gesetze ...
mit einem rein mathematischen Ausdruck zu versehen«,
obwohl es ihm leicht gewesen wäre, das zu tun.
Newton hat die auf Goethe gestützte »Widerlegung«
durch Hegel überstanden. Für die mathematische Physik
bedeutet sie eine aus dem Lager der »Naturphilosophie«
vorgetragene Kuriosität. Aber wenn sie auch nicht ge-
glückt war, so zeigt sie doch von ferne die Möglichkeit an,
daß Newton angefochten werden konnte und für die
Zukunft zu diesem Beweis einlädt, wie ihn mit der »Über-
windung« Newtons Einstein führen wird. Das gilt für eine
in größeren Zeiträumen rechnende Naturphilosophie.
Hier hat eine Neubewertung der Hegelschen Dissertation
eingesetzt, mit eingeleitet durch die Vorstellung, daß »bei
Hegel in ganz merkwürdiger Weise empiristische und
antiempiristische Tendenzen zusammenfallen« (K. N. Ih-
mig). Hegel erscheint danach »als erster Philosoph, der
durch seine Methocie eine dialektische Verkettung von
Raum und Zeit einführte und so den Schatten auf einen
der grundlegenden Entwürfe der Relativität vorauswarf«
(H.Paolucci nach K. N. Ihmig). Dem künftigen Entwurf
der Lehre vom Absoluten wird die Lehre vom Relativen in
voller Kongruenz gegenüberstehen und mit ihr zusam-
menfallen.
Hegel hat im Zusammenhang mit seiner Habilitation,
wenn man den Universitätsakten folgt, durch sein Vor-
preschen gleich Ärger verbreitet. Er stellt sofort die An-
ciennität zweier Kollegen in Frage. Gegen das »Ansinnen«

145
des »Herrn D.Hegel«, daß »er im Catalogus den Rang
gleich nach Herrn D. Danz, nach den Statuten bekommen
müsse«, verwahrt sich das Votum des Dekans vom 26. Au-
gust 1801, das die Absicht Hegels tadelt, sich an den zwei
Mithabilitanden Schwabe und Danz in der Rangordnung
vorbeizuschieben, obwohl diese »ihre Disputationes vor
Herrn D. Hegel eingereicht haben«. Man sieht: Hegel ließ
sich nach den langen Jahren des Zukurzgekommcnseins
nicht mehr aufhalten. Die Querelen mit der Fakultät
gehen denn auch bald weiter und finden neue Nahrung
mit seiner Ankündigung einer Gratisvorlesung. Das Ur-
teil in der Fakultät ist geteilt, einige Mitglieder sehen ihre
eigenen Pfründe davon betroffen, andere raten zum Ge-
währenlassen. Jedenfalls sind die Widerstände in der Uni-
versität gegen Hegel, die ihm noch zu schaffen machen
werden, von Anfang an und bis zu seinem Weggang aus
Jena dagewesen.
Mit Hegel erhielt die schon ohnehin erkleckliche Zahl
der Jenenser Privatdozenten für Philosophie weiteren
Zuwachs. Deren Einkünfte sind schmal; sie bestehen allein
aus den Hörerhonoraren und reichen zum Leben nicht
aus. Darum wird jeder neue Zugang in den Kreis der
unbeamtet Lehrenden, der 1803 auf sieben, darunter
Fries und Krause, ansteigt, neben drei ordentlichen und
zwei außerordentlichen Professoren, mit Beängstigung
vermerkt. Besonders aber: daß das Hauptkontingent aus
Württemberg kommt. Es war nicht zu übersehen gewesen,
daß Schiller seinen Landsmann Hegel, den er persönlich
damals noch nicht gekannt hat, ursprünglich als Erzieher
ins Haus der Frau von Kalb vermitteln wollte; an dessen
Stelle war, da Hegel Bern den Vorzug gab, Hölderlin
getreten, der als erster und noch vor Schclling zeitweise,
soweit das bei ihm überhaupt je der Fall sein konnte, in
Weimar und Jena Fuß faßte und an Schellings dortiger
Etablierung mitwirkte. Jetzt zog Schelling seinen Tübin-
ger Studiengenossen nach.
Das konnte den Jenenser Kollegen nicht verborgen
bleiben. Am auffälligsten aber, und was allem die Krone
aufsetzte, blieb Hegels Habilitationsverfahren: Hier wirk-

146
tcn gleich zwei Tübinger Stiftler mit. Denn der zweite
Opponent neben Schelling war Immanuel Niethammer,
Hegels alter Freund aus der württembergischen Zeit, der
zeitlebens sein bewährtester bleiben wird. Dazu kam mit
Heinrich Eberhard Gottlob Paulus ein weiterer Tübinger,
der als Theologe in Jena durch die erste Gesamtausgabe
Spinozas bekundete, wie wenig die Orthodoxie mit ihm zu
rechnen hatte.
Dieser starke landsmannschaftliche Zusammenhalt der
Württemberger tritt nicht nur bei der Ankunft Hegels
und seiner Fußfassung in Jena zutage, sondern auch, als
später die Abwanderungsbewegung einsetzt und einer
nach dem andern, Niethammer, Schelling, Paulus, die
Stadt verläßt, mit einem gemeinsamen Ziel, dem Eintritt in
den bayerischen Staatsdienst und Bamberg bzw. Würz-
burg als erster Station.
Kaum ist Hegel habilitiert, da macht er sich sofort mit
außerordentlicher, bisher bei ihm so nicht wahrzuneh-
mender Zielstrebigkeil daran, die nächsten Etappen sei-
nerakademischen Laufbahn vorzubereiten. Am 18. Okto-
ber 1801 war das Habilitationsverfahren mit der Vorlage
des Planeten-Exemplars beim Dekan formal abgeschlos-
sen, zwei Tage später, am 20. Oktober, läßt er durch
Schelling beim weimarischen Minister Goethe nachsu-
chen, ihn zu empfangen. Der notiert unter dem 21. in sein
Tagebuch: »11 Uhr Dr. Hegel.«
Diese erste Begegnung, über deren Verlauf wir nichts
Genaueres wissen, wird eher in ganz förmlichen Bahnen
vor sich gegangen sein. Zwar war Goethe schon der Dich-
ter des Faust, der in fragmentarischer Form vorlag, aber er
sowenig wie Hegel selbst konnte damals ahnen, daß der
unbedeutende und noch auf Amtssuche befindliche Besu-
cher dereinst mit einer Darstellung der Weltgeschichte
aufwarten würde, die vom Faust ihren Ausgang nehmen
sollte und in die »Idee« faßt, was beim Dichter Bild und
Gestalt ist. Es ist eine Begegnung völlig unterschiedlicher
Naturen: hier der Augenmensch, der der Spekulation
mißtraut, für den Erfahrung Erleben, sinnliches Ertasten
der Gegenstände bedeutet, der Naturwissenschaftler und

147
weitläufig in jedem Sinne ist, in dem Natur und Kunst sich
in harmonischem Einklang befinden, dort der Mann der
Abstraktion, der die Gegenstände in ihren Formen auf
ihre theoretische Zuständlichkeit zurückführt, die ihnen
zugrundeliegenden Kräfte nach Gesetzmäßigkeiten be-
fragt, sie bedenkt und ihr Wirken verfolgt. Dort die rasch
vorwärtsdringende Ausnahmenatur, der ehemalige Stür-
mer und Dränger, der der erste in der deutschen Geniebe-
wegung gewesen war, hier der Hang zum langsamen
Reflektieren, zu einem Vorwärts, das auf die Zurück-
nahme eingerichtet ist, dort der Künstler und Kunstdiplo-
mat, hier der Mann mit den unbeholfenen Bewegungen
des Stubengelehrten. So haben sie sich damals zum ersten-
mal gegenüber befunden.
Wenn wir auch nicht wissen, was gesprochen worden
ist: Es scheint doch gleich das eingesetzt zu haben, was bei
der Ungleichartigkeit dieser beiden Naturen und insbe-
sondere Goethes hofmännischer Kühle erstaunen läßt.
Der Minister muß Gefallen an dem linkischen Anfang-
dreißiger gefunden haben. Im Grunde war das unbegreif-
lich, denn Hegel verkörpert mit seiner aufs Abstrakte
gerichteten Art des Denkens und Sprechens genau das,
was Goethe zuwiderlief. Das war mehr als bloßes, bei
Goethe ohnehin übliches Tolerieren. Hält man sich das
noch dreißig Jahre lang andauernde, auch über räumliche
Entfernung hinweg ungetrübt freundschaftliche Verhält-
nis zwischen Goethe und Hegel vor Augen, das am Mor-
gen dieses Oktobertages begann, dann bereitet sich hier
Erstaunliches vor. Hegels wegen wird Goethe später be-
reit sein, eigene Anschauungen auf solche Hegels, die ihm
eigentlich fernlagen, abzustimmen, dem Denken in
»Ideen«, das sonst seine Sache nicht war, ein gewisses
Recht zuzuerkennen.
Aber Hegel war zur ersten Begegnung mit Goethe nicht
mit leeren Händen gekommen. In seiner gerade seit zwei
Tagen abgeschlossen vorliegenden Habilitationsschrift
hatte sich der Verfasser auf die Seite Kcplcrs gestellt, um
die Gravitationslehre Newtons ad absurdum zu führen.
Der Apfel, mit dem Newton seine Lehre von der Schwer-

148
kraft demonstrierte, ist für Hegel ein treffliches Zeichen
für das Mißlingen des Experiments. Der Theologe in ihm
denkt an den Apfel der Eva, der die Menschheit ins
Unglück gestürzt hatte, und ebenso war es ein Apfel
gewesen, der des Paris, der zum traurigen Ende des
trojanischen Volkes führte. Das war Wasser auf Goethes
Mühle. In zahlreichen Versuchen hatte er sich gegen
Newton ausgesprochen, um dessen Lehre von der Bre-
chung des Lichts zu widerlegen. Weil ihm in eigenen
Experimenten ein gebrochener Lichtstrahl nicht gelun-
gen war, weil sich, statt ein Spektrum zu zeigen, alles in
schwarze und weiße Flecke auflöste, woraus er zusätzlich
schloß, daß sich aus der verschiedenartigen Vermischung
der Grundfarben Schwarz und Weiß alle anderen Farben
ergäben, erschien ihm Newtons Irrtum unabweisbar.
In Hegel stand nun ein Zeuge gegen Newton vor ihm,
dessen Eindruck der Vertrauenswürdigkeit noch dadurch
gestärkt wurde, daß er von Schelling empfohlen worden
war. Und mit dessen frühen Anschauungen über die
Natur befand Goethe sich nach anfänglichem Zögern auf
gutem Fuß. Nichts hätte dem neuen Privatdozenten, der
für den weimarischen Minister später zum »lieben Hegel«
wird, gelegener sein können als solche Übereinstimmung
mit Folgen für die Farbenlehre. Denn nirgendwo ist Goe-
the empfindlicher als hier. Wer seinen Anschauungen zur
Natur, insbesondere seiner Farbenlehre, nur im entfern-
testen zu nahe tritt oder auch nur den Hauch einer
Befürchtung weckt, es tun zu können, wird von ihm für
alle Zeit fallengelassen.
So ließen sich die Anfänge der akademischen Karriere,
die mit auffälliger Verspätung eingesetzt hatte, gut an.
Hegel wird bald Gelegenheit haben, die Dienste seines
ministerialen Gönners in Anspruch zu nehmen, und dabei
keine Enttäuschung erleben.
Nicht mehr zum Abschluß gebracht worden — wahr-
scheinlich wegen der Abfassung der zu seiner Habilitation
dienenden Schriften und später wegen der Vorbereitun-
gen zur Vorlesungstätigkeit zum Wintersemester 1801/
02, für das Hegel »privatim« ein Kolleg über Logik und

149
Metaphysik und zusammen mit »Excell. Schelling« eine
Einführung in die Philosophie ankündigt — ist ein Manu-
skript über Die Verfassung Deutschlands. Die Arbeit daran
scheint bis in den Sommer 1801 gedauert zu haben. Es ist
nicht auszuschließen, daß die Anfänge bis in die Frankfur-
ter Jahre zurückreichen. Für die theoretische Konzeption
steht das zweifelsfrei fest, denn das Fragment schließt sich
seinem Inhalt nach an den Aufsatz über die württem-
bergische Verfassung und die anonymen Bemerkungen
zur Übersetzung von Carts Vertraulichen Briefen über das
Waadtland an.
Im Blick auf das Deutschland-Fragment von 1801 er-
scheinen diese beiden früheren Arbeiten, aber auch seine
kommentierenden Sätze von 1799 zu Steuarts Untersu-
chung über die Grundsätze der politischen Ökonomie wie von
Grund auf und weit her ausgeführte Vorbereitungen, ein
Umkreisen und langsames Einkreisen einer schwierigen
thematischen Masse. Zu Steuarts Schrift hatte Hegel be-
merkt: »Man hat dem System des Sancülottismus in
Frankreich vielleicht Unrecht getan, wenn man die Quelle
der durch dasselbe beabsichtigten größeren Gleichheit
des Eigentums allein in der Raubgier suchte.« Aber in
dem neuen Papier sind Württemberg, die Schweiz und
Frankreich jetzt in die Ferne gerückt.
Wie sieht es mit dem »Reich« selbst und seiner äußeren
und inneren Verfassung aus? Wer dazu mit seiner Feder
mühsam nach einer Antwort sucht, ist weder Kant noch
Fichte noch auch Schelling. Bis ins Stilistische hinein gibt
es nicht die geringste Gemeinsamkeit mit einem von ih-
nen. Die Bestandsaufnahme dessen, was sich »Reich«
nennt, kennt keine Illusionen. Deutschland hat sein höch-
stes Gut verloren: »Es ist kein Staat mehr«. Schuld daran
trägt die verfassungsmäßige Gesetzlosigkeit. Kennzeichen
des alten, schwach gewordenen »Reichs« kurz vor dem
endgültigen Zusammenbruch ist seine »Staatslosigkeit«
als Folge der fehlenden Zentralkraft. Ohnmacht und Un-
tüchtigkeit, sich seiner Feinde zu erwehren, sind die
Grundübel, die Deutschland ins Verderben geführt ha-
ben; aber nicht im Charakter des Volks, sondern in den

150
Zuständen der Verfassung liegen sie begründet. Es kann
gar nicht anders sein, denn die darin herrschende Taten-
losigkeit ist verfassungsmäßig organisiert.
Man wird sich das Wort von Deutschland als konstitu-
tionelle »Anarchie« auch für seine spätere Geschichte zu
merken haben. Es ist ein Staat, der beständig unter seiner
Lähmung zu leiden hat und nach Hegel nur den Namen
»Gedankenstaat« verdient. An Ausführung dekretierter
Beschlüsse darin ist nicht zu denken. Wo sie überhaupt
zustande kommen sollten, werden sie nicht in die Tat
umgesetzt. Wenn Hegel später zum großen Entwurf einer
weit über Fichte hinausgehenden Staatsphilosophic anset-
zen wird, dann wird er dies gegen die hier namentlich
aufgeführten Charaktereigenschaften eines vollendeten
NichtStaats, wie er das »Reich« kurz nach dem Friedens-
schluß von Luncville sieht, entwickeln. Wer den »Staat«
nicht will, dem kann mit einer Verfassung wie der des
alten »Heiligen Römischen Reichsdeutscher Nation« kurz
vor seinem Ende bestens gedient werden. Als dieses Ende
mit der Abdankung Kaiser Franz' II. im August 1806
gekommen ist, fühlt sich Goethe, der damals in Böhmen
weilte, nach eigenem Bekunden dadurch weniger beun-
ruhigt als durch den heftigen Streit, der beim Eintreffen
der Nachricht zwischen seinem Diener und seinem Kut-
scher entbrannt war.
Soweit war es noch nicht, als Hegel am Deutschland-
Manuskript arbeitete. Hegel nahm darin den Zusammen-
bruch des Reichs vorweg. Es lag in den letzten Zügen und
war darum so gut wie tot. Was Hegel zur Abfassung der
Schrift bewogen hatte, war die Erforschung der Ursachen
für das schlechte Abschneiden der Reichsarmee gegen die
Soldaten der französischen Republik. Wie hatte es zu
diesem Gott und die alte Ordnung leugnenden Debakel
kommen können? Wir kennen die Vorgeschichte dieses
Bedenkens, die beim Tübinger Freund der »Republiquc
Francaise« und des Freiheitsbaumes beginnt. In der
Schweiz hatte er dann die Erfahrung machen müssen, daß
die Berner Republik in Wirklichkeit eine Oligarchie sehr
gewaltsamer Art war und als solche noch prächtig blüht

151
Durch die französische Expansion, die den Aufstieg Na-
poleons vorbereitet, gerät die Frage bei Hegel in ein neues
Stadium seiner eigenen Lebensgeschichte. Und von ihm
aus urteilt er jetzt. Die Ursachen für den Niedergang des
»Reichs«, wie er sich schon in der Kanonade von Valmy
mit Goethe als ihrem Zeugen abgezeichnet hatte, liegen in
seiner Dezentralisierung, sie liegen in der Vertragsfreiheit
der deutschen Staaten, die sich mit dem »Reichsfeind«
verbünden können, und sie liegen in der Desorganisation
der Reichsarmee. Die Reichsarmee als einzigartige Kari-
katur einer Armee! Das Lachen darüber war fast ein
halbes Jahrhundert zuvor schon landläufig geworden und
klang schallend aus dem Spottlied während der Zeit des
Siebenjährigen Kriegs heraus:

Und wenn der große Friedrich kommt und klopft


nur auf die Hosen,
Dann läuft die ganze Reichsarmee, Panduren
und Franzosen.

Aber in dem Fall, der Hegel vor Augen stand, war die
Reichsarmee vor den Franzosen geflohen. Kein Wunder
bei einer Armee, deren Schwächen in der Unsicherheit
ihrer Kontingentierung lagen, wo der eine Reichsstand
die Trommler, der andere die Trommel, irgendein Abt
die Leibgarde, ein Territorium die Reichsstadtwache, ein
anderes die Paradesoldaten stellte: aber niemand Solda-
ten mit militärischem Selbstbewußtsein. Eine solche Ar-
mee muß die Freude seiner Feinde wie ein dezentralisier-
tes Deutschland die Freude der Nachbarn sein. Hegels
Schluß: »So hat in dem Kriege mit der französischen
Republik Deutschland an sich die Erfahrung gemacht, wie
es kein Staat mehr ist, und ist seines politischen Zustandes
sowohl an dem Kriege selbst, als an dem Frieden inne
geworden, der diesen Krieg endigte und dessen hand-
greifliche Resultate sind: der Verlust einiger der schön-
sten deutschen Länder, einiger Millionen seiner Bewoh-
ner, eine Schuldenlast auf der südlichen Hälfte stärker als
auf der nördlichen, welche das Elend des Kriegs noch weit

152
hinein in den Frieden verlängert; und daß außer denen,
welche unter der Herrschaft der Eroberer und zugleich
fremder Gesetze und Sitten gekommen, noch viele Staa-
ten dasjenige verlieren werden, was ihr höchstes Gut ist,
eigene Staaten zu sein.«
Das war die Beschreibung von Folgen einer Tatsache,
die eigentlich gar nicht hätte sein dürfen: daß eine Monar-
chie von Gottes Gnaden von einer gottlosen Republik
besiegt worden war. Hier war ein Tabu verletzt worden,
und zwar durch die Weltgeschichte selbst in ihrem Fort-
schreiten: ein »Phänomen« der Geschichte, das der Un-
tersuchung bedarf und der »Phänomenologie« zugewie-
sen werden muß.
Die Veröffentlichung der Gedanken unterblieb, weil
das Manuskript nicht zu Ende gebracht wurde und sich
die politischen Ereignisse vom Reichsdeputationshaupt-
schluß an überstürzten und weil es gewissermaßen nur die
vorletzte Phase der Reichsauflösung beschrieb und durch
das, was bis 1806 folgte, bald überholt wurde. Aus der
französischen Republik wird das Napoleonische Kaiser-
reich. Die Wirklichkeit war über die »Idee« hinweggegan-
gen.
Mit der Schrift Differenz des Fichtesehen und Schellingschen
Systems der Philosophie hatte Hegel schon vom Thema her
die Aufmerksamkeit der an der bisher in Jena vorgetrage-
nen Philosophie Interessierten geweckt. Sie enthielt das
lokale Thema des Vergleichs zweier hier vertretener Ka-
thederphilosophien und führte gleichzeitig zur höchsten
Erhebung der sich auf Kant berufenden philosophischen
Fortschrittsbewegung.
In ihrer Sprache ist Hegels Schrift am Kreis der Verste-
henden orientiert. Was sich um Fichte, Reinhold oder
Schelling versammelt hatte, konnte - wenn auch nicht
immer sicher — wissen, zumindest ahnen, worum es sich
handeln mochte. Es ist von seiner Natur her ein ausschlie-
ßendes Sprechen, d. h. es rechnet auch mit denen, die
nicht dazugehören. Zu Anfang des Jahres 1800 hatte
Schelling sein System veröffentlicht, das er »transzenden-
talen Idealismus« nannte und das die Aufgabe hatte, »das

153
Reelle dem Ideellen unterzuordnen«. Mit dieser Schel-
lingschen Neuheit war Hegel, der sie noch in Frankfurt
studiert hatte, genauestens vertraut. Er kannte auch die
Herkunft dieses Systems, nämlich Schellings Versuch, mit
ihm der Einseitigkeit des Fichteschen Idealismus, der das
Objektive aus dem Subjektiven (des Ich) herleitete, entge-
genzutreten. Schellings System des transzendentalen Idealis-
mus gehört noch zum ersten Entwurfseiner Naturphiloso-
phie, es weiß aber schon von dem, was seinem Denken
bald den Namen geben wird: der Identität. In der Idee
des Absoluten finden das Ideale und das Reale ihren
höheren Vereinigungspunkt. Die Schellingsche Philoso-
phie, die ihn ausmacht, verdient darum den Namen Iden-
titätssystem, Identitätsphilosophie oder auch Philosophie
des Absoluten.
Sie begrifflich darzustellen, ist außerordentlich schwie-
rig, nicht weniger, aber auch nicht mehr als die Fichtesche
Vorstellung der Identität von Subjekt und Objekt.
Einen äußeren Anlaß zur Abfassung seiner Schrift fand
Hegel in Reinholds Auffassung, das Fichtesche und Schel-
lingsche System stimmten überein. Er beanstandet, daß
»Reinhold fürs erste die Differenz beider als System über-
sehen, und sie fürs andere nicht als Philosophien genom-
men« hat. Das gründliche und jahrelange Studium beider
Philosophien kommt Hegel für die Genauigkeit seines
Urteilens jetzt zustatten: »Die Grundlage des Fichteschen
Systems ist intellektuelle Anschauung, reines Denken sei-
ner selbst, reines Selbstbewußtsein Ich=Ich; das Absolute
ist Subjekt-Objekt, und Ich ist diese Identität des Subjekts
und Objekts.« Dagegen: »Das Prinzip der Identität ist
absolutes Prinzip des ganzen Schellingschen Systems; Phi-
losophie und System fallen zusammen; die Identität ver-
liert sich nicht in den Teilen, noch weniger im Resultate.«
Die »Differenz« zwischen Fichte und Schelling, wie sie
hier zur Sprache kommt, beruhte, wenn man ihren Ver-
laufnäher verfolgt, auf der Wegbewegung Schellings von
Fichte, dessen »objektiven Idealismus« Schelling in der
Vergangenheit zu Rate gezogen hatte, um sich mit seiner
Hilfe vom »subjektiven Idealismus« Kants zu lösen, der

154
aber bei Fichte selbst unterderhand zu einem Subjektivis-
mus in einer »deutschen, idealistisch überspannten Form«
(Lukäcs) geworden war. Hier liegen also bereits wichtige
Lageveränderungen vor, die es einzubeziehen gilt; wenn
man an die spätere Selbständigmachung Hegels von
Schelling denkt. Aber die Bewegung selbst war älteren
Datums: sie lag auch darin, daß sich Fichte von Kant
wegbewegt, ebenso wie sich Kant im August 1799 gegen
Fichtes Wissenschaftslehre ausgesprochen hatte und Schel-
ling zwischen 1800 und 1802 sich nicht nur von Fichte,
sondern auch von sich selbst entfernt. In seinem System des
transzendentalen Idealismus kommen diese Unterschiede
zum eigenen Fichteanismus ans Tageslicht. Bei Fichte war
eine Seite zur Ausbildung gelangt, die sich bei Schelling
nie entfaltet hatte, nämlich die des revolutionären Aktivis-
mus, der einerseits politisch über Kant hinausführt, ande-
rerseits Kant seiner idealistisch-mechanistischen Schwan-
kungen, denen zufolge in seiner Allgemeinen Naturge-
schichte die »Verfassung des Weltbaues einfach und nicht
über die Kräfte der Natur gesetzt« ist, entledigt und die
ursprünglich zu überwindende Subjektivität höher treibt.
Daß Schelling sich bis 1799 zeitweise, wie Friedrich Schle-
gel es nennt, »seinem alten Enthusiasmus für die Irreli-
gion« überläßt, zeugt für die Grundverschiedenheit ihrer
Naturen, längst bevor ihre »Differenz« zutage tritt. Schel-
lings Epikuriüsches Glaubensbekenntnis von Heinz Widerporst
entspringt sicher einer Laune, ist auch nicht theoretisch
durchdacht, gibt aber etwas auf dem Grunde seiner An-
schauungen Ruhendes wieder. Wenn Heinz Widerporst
davon spricht, keine Religion zu haben, aber wenn er eine
zu wählen hätte, sich für die katholische entscheiden
würde, so gelangt damit der massive Materialismus des
Sakraments zur Sprache, den Hegel in seiner Religions-
philosophie anführt. Darum kommt in der christlichen
Religion der von der Sinnlichkeit her empfindende, die
Hostie sich ertastende und schmeckende »Materialist«
sehr wohl auf seine Rechnung.
Ohne Vorverständnis ist dem Hegelschen Sprechen in
der »Differenz«-Schrift nicht ohne weiteres beizukom-

155
men. Man muß an ihm herumrätseln, um immer wieder
bestätigt zu finden, wie sphinxhaft-dunkel es ist. Es sollte
eine unparteiliche Schrift sein, aus der aber die beiden
Betroffenen Verschiedenartiges herauslesen dürfen. Der
Bewunderte war Fichte gewesen, aber auch der zu Über-
holende. Das konnte jetzt durch Schelling erfolgt sein:
»die Identität hat sich im Fichteschen System nur zu einem
subjektiven Subjektobjekt konstituiert«. Das wird ihm jetzt
von Hegel nachgesagt. Und so sieht sich Schelling denn
auch veranlaßt, Fichte gegenüber in seinem Brief vom
3. Oktober 1801 entschuldigend darauf zu bestehen, »kei-
nen Anteil« an Hegels Schrift gehabt zu haben.
Reinholds Philosophie erledigt Hegel im Handstreich
durch den Hinweis auf die Schwankungen, denen sie
ausgesetzt gewesen sei. Er kann ihm vorhalten, »daß er im
Verlauf seiner philosophischen Metempsychose zuerst in
die Kantischc gewandert, nach Ablegung derselben in die
Fichtesche, von dieser in die Jakobische und seit er auch
sie verlassen habe, in Bardilis Logik eingezogen sei«. Von
Christoph Gottlieb Bardili, der Schellings Vetter war, aus
Blaubeuren gebürtig, ehemaliger Stiftler und damals Pro-
fessor am Stuttgarter Gymnasium, hatten Hegel wie auch
Schelling keine allzu hohe Meinung. Sein Grundriß der
ersten Logik, den er selbst als »Geistesmedizin« bezeichnete,
war gerade erschienen und wartete mit der Behauptung
auf, daß Denken ein Rechnen sei und aus einer unendli-
chen Wiederholung des Einen als des Einen und Dessel-
ben im Vielen bestehe. Kant galt ihm wenig, Reinhold
dagegen viel, der sich damit revanchierte, daß er Schel-
lings Naturphilosophie nur als »Karikatur« der Bardili-
schen bezeichnet. Der 1804 veröffentlichte Briefwechsel
über das Wesen der Philosophie und das Unwesen der Spekula-
tion zwischen Reinhold und Bardili bewies nachdrücklich
die von Hegel aufgezeigte Zusammengehörigkeit der bei-
den Epigonen.
Der in der Nuance leichte Vorzug, den Hegel in seiner
Differenz Schelling gegenüber Fichte eingeräumt halte,
mochte sicher auch wissenschaftsstrategischen Erwägun-
gen entspringen. Abzuweisen sind sie jedenfalls nicht

156
ganz. Hegel ist im Aufbau seiner akademischen Laufbahn
begriffen; als Diplomat und als Planer von langer Hand
hatte er sich schon bei der ersten Annäherung an Goethe
erwiesen. Verbindungen herzustellen und sie im geeigne-
ten Augenblick zu nutzen, wird auch in Zukunft zu seinen
Stärken gehören. Fichte hatte das Feld in Jena geräumt,
Schelling ist ihm nahe. Ihm verdankter sein Fortkommen.
Wenn Hegel als der Verhaltenere jetzt schon deutlicher
sah, was ihn von Schelling unterschied, als dies umgekehrt
der Fall sein konnte, so gab es keinen Grund, damit jetzt
herauszurücken. Wo Schelling frisch Sprudelndes von
sich gab und im Druck erscheinen ließ, ließ Hegel das
Gedachte und noch unerprobt Scheinende in der Schub-
lade verschwinden und weiter ruhen.
Ungetrübte Übereinstimmung in den philosophischen
Grundanschauungen war es denn auch, die den Plan der
Herausgabe eines Kritischen Journals für Philosophie
weiter-
trieb. Der Gedanke stammte vom Verleger Cotta, der
dabei ursprünglich an Fichte und Schelling gedacht hatte.
Auch von den beiden Schlegels war die Rede gewesen.
Schließlich, als einer nach dem anderen Jena verlassen
hatte, blieb nur Schelling zurück, und mit ihm Hegel.
Mit einer sonst bei ihm nicht zu bemerkenden Angriffs-
lust hat sich Hegel an seine Aufgabe gemacht. Das Motto,
nach dem hier verfahren werden soll, nennt er in einem
Brief an Caroline Hufnagel vom 30. Dezember 1801:
» . . . d e m unphilosophischen Unwesen Ziel und Maß /u
setzen« und - wenn es denn schon sein muß - sich dabei
der »Knittcl, Peitschen und Pritschen« zu bedienen; das
»alles der guten Sache und der gloriac Dei wegen«.
Der Erscheinungsort der Zeitschrift, den die erste
Nummer im Jahre 1802 anzeigt, ist — zur allergrößten
Genugtuung der beiden Herausgeber — Tübingen. Wie
sich beim Eingehen des Journals nach dem 6. Band her-
ausstellen sollte, werden sie auch die einzigen Autoren
sein. Die Beiträge halten bei fehlender Signierung freilich
nicht den Anteil des einen oder anderen daran fest, so daß
er nicht immer mit Sicherheit bestimmt werden kann.
Einvernehmlich hatten sich die Herausgeber-Autoren

157
über die Absicht des Organs ausgesprochen: Es sollten
Schläge ausgeteilt werden, und zwar nach allen Seiten.
Jede Zusammenarbeit mit dem Gegner, d. h. dem Gegner
der Philosophie, wird abgelehnt. Deren gegenwärtiges
Hauptübel liegt in der Zersplitterung in Systeme. Jeder
denkt sich ein eigenes aus. Der Satz, daß von zwei Philoso-
phien schlechterdings nur eine die richtige sein kann,
wird von ihnen wortwörtlich genommen: weil »die Ver-
nunft nur Eine ist«. Zu den Hauptwidersachern gehört
der »krasse Empirismus«, der sich in den Zeiten, wo von
Freiheit und Gleichheit die Rede ist, an den sogenannten
gesunden oder auch »gemeinen Menschenverstand« wen-
det. Es werden Namen genannt: Wilhelm Traugott Krug,
von Hegel als Mann des Geschwätzes behandelt, was aber
die Königsberger Universität nicht daran hindert, ihn
1804 zum Nachfolger Kants zu machen. Des weiteren
Gottlob Ernst Schulze, dem man das Recht abspricht, sich
auf den antiken Skeptizismus zu berufen! Die Popularisie-
rung gehört nicht zu den Tendenzen der Zeitschrift. So
war in der Einleitung zum Kritischen Journal zu lesen: »es
braucht eine Idee der Kunst oder der Philosophie sich nur
blicken zu lassen, so geht es gleich an ein Zubereiten, bis
die Sache für Kanzel, Compendium und für den Hausbe-
darf des Reichsanzeigerischen Publikums zurecht gerührt
ist.« »Skeptizismus«, so heißt es in der Auseinanderset-
zung mit Schulze, hat in der Philosophie sehr wohl sein
Recht; er verfügt neben einer negativen auch über eine
positive Seite: »führt doch selbst Diogenes Laertius auf
diese Weise an, daß Einige als Urheber des Skeptizismus
den Homer nennen«.
Das ist ausdrücklich gegen den Dogmatismus, diesen
Erzfeind Hegels seit Tübinger Tagen, gesagt. Die schon
im Briefwechsel mit Schelling und im sogenannten Ältesten
Systemprogramm gegen Kant gemachten Vorbehalte wer-
den jetzt wiederaufgenommen. Eine Notiz vermerkt,
Kant habe »statt einer Kritik der Vernunft nur eine Kritik
des Verstandes und in dieser auch der Verstandes-Ver-
nunft geliefert«.
Hegels Beschäftigung mit Kant, die so spät eingesetzt

158
und dann eine vorsichtige Reserviertheit gezeigt hatte, ein
Erproben der eigenen Einwände gegen ihn, wird wäh-
rend der Jenenser Jahre am weitesten geführt im vierten
Beitrag des Kritischen Journals unter dem Titel Glauben und
Wissen oder die Reflexionsphilosophie der Subjektivität, in dei
Vollständigkeit ihrer Formen, als Kantische, Jacobische und
Fichtesche Philosophie. Der umständliche Titel hält in aller
Genauigkeit fest, daß hier auf einen Vergleich abgesehen
ist: »Nach Kant ist Übersinnliches unfähig, von der Ver-
nunft erkannt zu werden ... nach Jacobi schämt sich die
Vernunft zu betteln, und zu graben hat sie weder Hände
noch Füße, dem Menschen ist nur das Gefühl und Be-
wußtsein seiner Unwissenheit des Wahren, nur Ahndung
des Wahren in der Vernunft ... gegeben. Nach Fichte ist
Gott etwas unbegreifliches und undenkbares, das Wissen
weiß nichts, als das es Nichts weiß, und muß sich zum
Glauben flüchten.« Aber der alte Gegensatz zwischen
Glauben und Wissen ist bei ihnen allen nach Hegel bereits
selbst in Bewegung geraten, die Vernunft nähert sich auf
das bedenklichste einer Art Glauben oder ist gar schon
Glauben geworden. Das gilt auch für alle drei hier ange-
führten Philosophien, die sich nur in der Form ihrer
Umbildung von Wissen in Glauben unterscheiden.
Mit ihnen war zugleich die Spitze der Aufklärung in
Deutschland genannt, die sich freilich in ihnen von sich
selbst bereits wieder entfernt hatte und bei Jacobi offene
Gegenaufklärung geworden war. Hegel gibt hier nur
erste, sozusagen versuchsweise angesetzte Ausführungen
zu den drei Systemen, die ihn noch bis zum Lebensende
beschäftigen werden. So hat seine Beziehung zu Kant
mehr als nur einen doppelten Boden. Hatte Kant die
Metaphysik aus dem Register der sicheres Wissen verhei-
ßenden philosophischen Disziplinen herausgenommen,
so hat Hegel seit seiner Jenenser Metaphysik diesen Akt
rückgängig gemacht und sie wieder eingefügt. Für den
Privatdozenten Hegel rückt die Metaphysik erneut neben
die Logik. Das gilt nicht für seine spätere Wissenschaft der
Logik, in der er Metaphysik und Logik gleichsetzt. Das
Ungeheuerliche dieser Gedankentat läßt sich am ein-

159
drucksvollsten aus der Umkehrung ermessen: Logik =
Metaphysik, die von Kant aus gesehen abstrus wirken muß
und es auch wäre, wenn sie nicht einen so mächtigen
Zeugen für sich hätte.
Aber soweit ist es in den Jahren kurz nach der Jahrhun-
dertwende noch nicht. Jedenfalls noch nicht zu Papier
gebracht! Es sei denn, man sieht in der »Entzweiung« das
Prinzip der »Einheit« bereits voll am Werke.
Hier wirkt in entscheidender Weise die bisherige Le-
bensgeschichte Hegels mit hinein. Der Tübinger Theolo-
giekandidat war über seine beiden Wegstationen Bern
und Frankfurt mit der Anschauung von der »Religion« als
der höchsten Emanation des Geistes nach Jena gekom-
men. Auch eine »Philosophie«, der es zufällt, sich dieser
Sphäre zu nähern und sie im Verlaufe eines welthisto-
rischen Prozesses selber einzunehmen, wird es mit der
»Religion« zu tun haben, über die sie als das noch Höhere
hinausgelangt. Dergleichen hatte Schelling nur zeitweilig
geglaubt. Für den jungen Schelling war nicht die »Reli-
gion«, sondern die »Kunst« des Erhabenste unter den
Erscheinungen, die dem Menschen begegnen. Wenn man
nach den Gründen für die philosophische Überlegenheit
des jungen Schelling fragt, der Hegel in seinen Schatten
stellte: hier ist einer von ihnen.
Schellings Gedanken über die Kunst gehören zum
Großartigsten, was je darüber gedacht worden ist, sie sind
lebendig bis auf den heutigen Tag geblieben. Hier wie
dort wird die Richtungsänderung zum Schicksal. Wäh-
rend Hegel gewissermaßen die »Religion« gegen die »Phi-
losophie« eintauscht, gibt Schelling später die Priorität der
»Kunst« zugunsten der »Religion« preis. Als in den 40er
Jahren nach Hegels Tod die »Religionsfrage« neu gestellt
wird, befand sich Schelling für die nachhegelsche revolu-
tionäre Linke, aber nicht nur für sie, sondern auch für die
Berliner Universitätsszene, wo man sich noch persönlich
an Hegel erinnerte, längst im Lager der Dunkelmänner.
Das alles steht im Augenblick nicht an. Die Beiträge des
Kritischen Journals zeigen jetzt allerdings doch schon erste
Bruchstellen im Verhältnis der beiden Herausgeber. Die

160
Hegelsche Feder ist die kräftigere, sie gibt den Ton an,
bestimmt die Richtung, so in dem Artikel Über die wissen-
schaftlichen Behandlungsarten des Naturrechts, seine Stellein
der praktischen Philosophie und sein Verhältnis zu den positiven
Rechtswissenschaften.
Hatte sich Hegel als Theologe bereits von der in Tübin-
gen vertretenen lutherischen Orthodoxie gelöst, so er-
folgt mit der Hinwendung zum Naturrecht eine weitere
Entfernung vom Luthertum, die auf das Wesen des Staats
abhebt. Er bewegte sich von dessen apolitischen Vorstel-
lungen weg und einer Staatspolitik zu, die eher westlich
lag, vom Konservativismus des deutschen lutherischen
Ostens abwich. Der Hegelsche »Staat« hat von den Anfän-
gen der Hegelschen Staatslehre her nichts mit dem »ge-
schlossenen Handelsstaat« Fichtes, der faktisch ein »Poli-
zeistaat« ist, zu tun. Er ist ein moralischer Organismus, der
auf der Übereinstimmung des Volkes mit seiner über-
kommenen Sittlichkeit beruht.
»Staat« und »NichtStaat«, »Krieg« und »Frieden«,
»Freiheit« und »Sklaverei« sind hier die immer wieder-
kehrenden Komplexe des »Naturrechts«. Hegel behan-
delt sie nach guter gymnasialer Tradition am Beispiel der
antiken Welt. Hier hatte es die beiden klassischen Unter-
gänge Griechenlands und Roms gegeben, die unentwegt
die Frage nach ihren Ursachen aufwarfen. Stand Grie-
chenland am Ende für den Verfall der Künste und der
Philosophie, so Rom für den Verfall des Staats. Für die
politischen Interessen wog der Abstieg" Roms schwerer als
der Griechenlands. Gibbons Histovy ofthe Decline and Fall of
the Roman Empire hatte ihn auf meisterhafte Weise erzählt,
als politische Geschichte, die zur Krankheitsgeschichte
wird. Hegel zieht ein Fazit: »der lange Friede und die
gleichförmige Herrschaft der Römer führte ein langsa-
mes und geheimes Gift in die Lebenskräfte des Reichs. Die
Gesinnungen der Menschen waren allmählich auf eine
Ebene gebracht, das Feuer des Genius ausgelöscht, und
selbst der militärische Geist verdunstet.« Sichtbares Zei-
chen für das herannahende Ende: »... die verlassenen
Länder, politischer Stärke oder Einheit beraubt, sanken

161
unmerklich in die matte Gleichgültigkeit des Privatle-
bens.«
Für den Hegel der Naturrechtsstudie im Kritischen Jour-
nal hing der Untergang des Römischen Reichs mit dem
Ende der Sklaverei, die es getragen hatte, zusammen. Der
aufgehobene Unterschied der Stände durch ein System
formeller Einheit und Gleichheit hat dem Römischen
Reich die Bestandsgrundlage genommen. Mit dem Ende
der Sklaverei hörte zugleich die Freiheit auf. Hegel treibt
die Dialektik dieses Vorgangs höher, indem er den Satz
rückwärts liest: »mit dem Aufhören der Freiheit hat not-
wendig die Sklaverei aufgehört«. Der Hegel derJenenser
Vorlesungen von 1804/05 weiß bereits: »Fabriken, Manu-
fakturen gründen gerade auf das Elend einer Klasse ihr
Bestehen.« Sie können des Elends gar nicht entraten,
müssen es, um es zu produzieren, von Grund auf wollen.
Das sind Einsichten, die dialektisch zutage gefördert
werden. Einer möglichen Bedeutung der Dialektik in der
Jenenser Zeit und dem Bedeutungswandel, dem sie aus-
gesetzt ist, ist freilich stets Rechnung zu tragen. Bei Hegel
machen sich Metaphysik, Logik und Dialektik ihre Zustän-
digkeitsbereiche streitig. Metaphysik kann als die eigent-
liche Philosophie gelten. Als Lehre von der Idee »als
solcher« ist die Philosophie aber zugleich Metaphysik und
Logik, die sozusagen der Arbeitsteilung unterliegen: Me-
taphysik ist »Wissenschaft« von der »reinen Idee« in der
ihr einwohnenden Formbestimmtheit. Beide sind kom-
plementäre Seiten des Idealismus; aber auch: Logik kann
bloß Einleitung in die Metaphysik als der eigentlichen
Philosophie sein.
Das alles gilt nur für die Jenenser Logik als Embryo der
Großen Logik, der Wissenschaft der Logik, wo alle »Wissen-
schaften«, also auch die Metaphysik, unter die Logik als
der ersten Wissenschaft subsumiert sind. Hier verschie-
ben Sphären, die auch identisch sein können, ihre Posi-
tion. In der Jenenser Logik steht die Dialektik noch im
Hintergrund, sie wartet gewissermaßen auf den ihr zuge-
dachten Auftritt im System der nach Kants Annullierung
zu neuern Leben gebrachten Metaphysik. Natürlich auch

162
der Logik, mit der sie im Verband der mittelalterlichen
freien Künste über Jahrhunderte zusammengefallen war!
Kann die Logik ihr Ansehen wahren, so drückt sie die
Dialektik herunter, indem sie sie in ihre Dienste nimmt.
Aber da, wo die Logik selbst im Gerüche steht, bloßes
Organ zu sein, das dem »Seheinschluß« den Weg bereitet,
kann ihr die bedenkliche Nähe der Dialektik nachgesagt
werden. Kant denkt selbst konventionell-dialektisch, aber
er rechnet sehr wohl auch mit der Dialektik als einer
pervertierten Logik. Goethe wird später Hegel noch die
Dialektik als etwas »Krankes« vorhalten, wogegen Hegel
sein eigenes Verständnis, das eine von dieser Entartung
freie Dialektik kennt, dagegensetzt.
In den für das Kolleg bestimmten Aufzeichnungen von
1804/05 sind Logik und Metaphysik ausdrücklich neben
die Naturphilosophie gerückt. Mehr noch: sie gehen in-
einander über. Das war nichts Neues, es findet sich schon
in früheren Papieren und erscheint in einer gewissen
Abrundung, wenn sie bei Hegel überhaupt möglich ist,
wieder in der Phänomenologie des Geistes. Dieses Zusam-
mendenken von Logik und Metaphysik mit der Naturscite
hat eine außerordentliche Bedeutung, die heute im Zeit-
alter der Naturwissenschaften in ihren Ausmaßen nur
schwer erkennbar ist, aber des Erwägens wert bleibt.
Geistphilosophie (Logik und Metaphysik) und Naturphi-
losophie bei Hegel sind nicht zu trennen, sie sind allenfalls
zwei Seiten ein und derselben Sache.
In den Papieren von 1804/05 unterscheidet Hegel zwi-
schen der »Metaphysik der Objektivität« und der »Meta-
physik der Subjektivität«, eine Trennung, die er ebenfalls
auf die Logik überträgt. »Seele«, »Welt«, das »höchste
Wesen« als Gegenstände gehören zur »Metaphysik der
Objektivität«; »theoretisches Ich« oder »Bewußtsein«,
»praktisches Ich«, der »Absolute Geist« gehören zur »Me-
taphysik der Subjektivität«. Das sind Vorstellungen, die
mit dem, was der Fichtesche oder auch Schellingschc
Idealismus als Metaphysik gelten ließen, sehr wohl in
Zusammenhang gebracht werden konnten. Aber es setzt
jetzt bei Hegel ein eigentümliches Spiel der Übergänge

163
und des Zurücknehmens ein. Der Satz der Identität oder
des Widerspruchs, der Satz des Grundes sowie der Satz
der Ausschließungeines Dritten, seit der Antike Sujets der
Logik, werden innerhalb der Metaphysik verhandelt nach
der Setzung, daß Logik und Metaphysik zusammenfallen
können: im Gegensatz zur Setzung, daß sie voneinander
zu unterscheiden sind. Was zwischen der Logik und der
Metaphysik liegt, ist nach Hegel das Erkennen: »Das
Erkennen ist als in die Metaphysik übergehend das Auf-
heben der Logik selbst, als der Dialektik, oder des Idealis-
mus.«
Hegel kann sich von der Vorstellung nicht lösen, er wird
sie an keiner Stelle preisgeben und in der Großen Nürn-
berger Logik seiner Methode voranstellen, daß die Kom-
petenzen aller Disziplinen der Geist- wie der Naturphi-
losophie der Logik untergeordnet sind. Dazu gehört auch
die Geschichte, die politische Geschichte ist, aber als solche
wie als Geschichte des Geistes immer Teil der Naturge-
schichte bleibt bzw. der Phase, in der sie sich abspielt.
Geschichte ist ihrer Dialektik unterworfen, die bei der
möglichen Gleichsetzung mit der Logik ihre Logik in sich
hat. Natürlich meldet auch hier wie in der Natur die
Metaphysik ihre Ansprüche an. Die Geschichte und ihr
Ablauf zu einem Ziel, der »Freiheit«, beruhen nicht auf
sich selber, sie kennen Fixpunktc, die jenseits von ihnen
liegen, für das bloße Auge wie für die Mitspieler selbst gar
nicht erkennbar sind. Gleiches gilt für die Naturphiloso-
phie in ihrer Beziehung zu Logik und Metaphysik. »Die
Sonne als Licht wird in der Erde zu Feuer«, ein Satz aus
den Jenenser Aufzeichnungen von 1803/04 mit nicht
ohne weiteres einsichtigem naturphilosophischem Inhalt,
eine aus der Naturspekulation gezogene Einsicht, eine
Einsicht der Metaphysik, die aber sehr wohl nach den
Gesetzen der Energiespeicherung die Wahrheit für sich
haben kann, für die dann die Logik der Natur, d. h. immer
auch ihrer Dialektik, spricht. Von hier wird später der
Linkshegelianer Friedrich Engels zu einer Dialektik der
Natur kommen, die einerseits die Stoffwechselvorgänge
der Gesellschaft in ihrer Naturgeschichtlichkeit begreift

164
mit ihrer ganzen inneren und äußeren Logik, die im
Hegelschen Denkgebrauch immer auch Metaphysik ist,
weil sie den Stoffwechsel in der Natur, etwa Geburt und
Tod, als zur Erhaltung der Art naturnotwendigen Wech-
sel verhandelt, dessen Methoden der Steuerung aber
nicht ohne weiteres erkennbar sind.
Wir wissen durch Klaus Düsing, einen Herausgeber der
Jenenser Manuskripte, daß die Jenenser Logik durch ihr
unterschiedliches Verhältnis zur Metaphysik sozusagen
aus drei Logiken besteht, die sich ineinander verlaufen,
aber aus rückwärtiger Sicht wieder voneinander zu unter-
scheiden sind. Den Systementwürfen auch über die Logik
hinaus eigentümlich ist das Urgestein der rohen Form, die
in der Phänomenologie des Geistes später fast schon wie
beschliffen erscheint. In mühsamem sprachlichem Rin-
gen wird das »Bewußtsein« mit seiner Gegensätzlichkeit
vom Prozeß der Subjekt-Objekt-Bezichung entwickelt.
»Es ist erwiesen, daß das höchste Wesen das einzige und
allein, das An sich ist«; ihm gegenüber steht das »böse
Prinzip« in seiner »Sichselbstgleichheit« mit der daraus
sich ergebenden Beziehung: »in seiner reinen Klarheit ist
diese Finsternis nicht; denn diese ist das Nichts für das
Licht, und jene ist diesem schlechthin, als sich gleich, aber
ebenso ist das Licht nicht ohne Finsternis, als diese nicht
(ohne Licht) ist. Das höchste Wesen hat die Welt geschaf-
fen, die für dasselbe von ätherheller Durchsichtigkeit und
Klarheit ist; aber diese ist für sich selbst finster.« Dunkel ist
der Rede Sinn. Hier sind Bausteine für das System der
Großen Logik nebeneinander aufgestellt, und zwar von
der Logik der Negation her, weil Logik ihrem Wesen nach
nicht affirmativ ist: »Aber die Negation, das Nichts ist
überhaupt nicht ein leeres, es ist das Nichts dieser Be-
stimmtheit, und eine Echtheit, welche das Negative entge-
gengesetzter Bestimmtheiten ist.« Wir spüren den schwe-
ren Gang des Denkens, in das Heraklit als zugegebene
Stütze von Hegels Logik Einzug gehalten hat; für ihn ist
im Licht Finsternis wie in der Finsternis Licht. Aber
ebenso scheinen sich hier wie in der Theosophie Jakob
Böhmes die Elemente zu mischen. Archaisches Sprechen

165
als Sprechen von den Anfängen findet sich in Stellen aus
den Papieren von 1803/04, die vom »Bewußtsein« han-
deln und es von der »Anerkennung« (in der Familie) als
Wert zwischen Sein und Nichtsein her verstehen: »ich
kann mich nur als diese einzelne Totalität im Bewußtsein
des anderen erkennen, insofern ich in seinem Bewußtsein
mich setze, als ein solcher, der (ich) in meinem Ausschlie-
ßen, eine Totalität des Ausschließens bin, auf seinen Tod
gehe; indem ich auf seinen Tod gehe, setze ich mich selbst
dem Tode aus, wage ich mein eigenes Leben.«
Hegels Bestimmung der menschlichen Arbeit in den
Jenenser Manuskripten bedeutet die eigentliche Einfüh-
rung dieses Themenkomplexes in die Philosophie auf
allerhöchster Höhe. An dieser Stelle dringt er über den bis
dahin erreichten Entwicklungsstand des idealistischen
Denkens hinaus, auch über Herder, der ihr in seinen Ideen
zur Philosophie der Geschichte der Menschheit und seiner
Schrift über den Ursprung der Sprache bedeutende Passa-
gen gewidmet hatte. Hegel verfolgt bereits die Entwick-
lung der Arbeit vom Werkzeug bis zur Maschine des
Fabrikanten, wie ihn Adam Smith beschrieben hatte. Das
»Werkzeug« tut dem Menschen not. Es »hält vom Men-
schen sein materielles Vernichten ab«. Es bewahrt ihn vor
dem Tod. Aber die Tätigkeit des »Werkzeugs« bleibt
»formal«. »In der Maschine hebt der Mensch selbst diese
seine formale Tätigkeit auf, und läßt sie ganz für ihn
arbeiten.« Das bedeutet freilich für Hegel ein Herausfal-
len des Menschen aus den natürlichen Verhältnissen.
»Aber jeder Betrug, den er gegen die Natur ausübt, und
mit dem er innerhalb ihrer Einzelheit stehen bleibt, rächt
sich gegen ihn selbst, was er ihr abgewinnt, je mehr er sie
unterjocht, desto niedriger wird er selbst. Indem er die
Natur durch mancherlei Maschinen bearbeiten läßt, so
hebt er die Notwendigkeit seines Arbeitens nicht auf,
sondern schiebt es nur hinaus, entfernt es von der Natur;
und richtet sich nicht lebenslang auf sie als eine lebendige,
sondern es entflieht diese negative Lebendigkeit, und das
Arbeiten, das ihm übrig bleibt, wird selbst maschinenmä-
ßiger; er vermindert sie nur- fürs Ganze, aber nicht für den

166
einzelnen, sondern vergrößert sie nur fürs Ganze, aber
nicht für den einzelnen, sondern vergrößert sie vielmehr,
denn je maschinenmäßiger die Arbeit wird, desto weniger
Wert hat (sie), und desto mehr muß er auf diese Weise
arbeiten.«
Die Einführung der Maschine als Produktionsmittel
versetzt den Menschen nicht in Zustände, in denen er
weniger arbeiten müßte oder die Mühsal des Lebens ge-
ringer wäre. Der »Betrug« der Maschinenarbeit durch-
dringt alle Lebensverhältnisse. Es erarbeitet der Mensch
hinfort nicht mehr das, was er braucht, und er braucht
nicht mehr das, was er erarbeitet. Die Maschine schafft
Produkte, die für den Menschen zur Befriedigung seiner
Bedürfnisse überflüssig sind. Sie sind nicht für die »Wirk-
lichkeit der Befriedigung« angefertigt, sondern nur für
deren »Möglichkeit«. Der Mensch kann von ihnen (Ge-
brauch machen oder kann es auch lassen. Seine Arbeit
richtet sich darum auf das Bedürfnis als Möglichkeit ein,
auf ein »Abstraktum«. Arbeit an und für sich ist auf die
Befriedigung aller seiner Bedürfnisse eingestellt. Mit der
»Vereinzelung« der Arbeit (Spezialisierung) wird die Ge-
schicklichkeit des Arbeiters für eine bestimmte Arbeit
größer, zugleich verbessert sie das Arbeitsprodukt. Aber
indem die produzierte Menge des Arbeitsprodukts steigt,
fällt der Wert der Arbeit. Die »Geschicklichkeit« des ein-
zelnen kann sich nicht auf ihrer Höhe halten, sie sinkt ab,
und das hat Folgen: »das Bewußtsein des Fabrikarbeiters
wird zur letzten Stumpfheit herabgesetzt und der Zusam-
menhang der einzelnen Art von Arbeit mit der ganzen
unendlichen Masse der Bedürfnisse ganz unübersehbar,
und eine blinde Abhängigkeit, so daß eine entfernte Ope-
ration oft die Arbeit einer ganzen Klasse von Menschen,
die ihre Bedürfnisse damit befriedigte, plötzlich hemmt,
überflüssig und unbrauchbar macht.«
Schon in den so lange unbekannt gebliebenen Jenenscr
Niederschriften ist jene Vorstellung des »Fabrikarbeiters«
entwickelt, des Arbeiters in den Produktionsverhältnissen
des Industriekapitalismus, die in der Phänomenologie des
Geistes auf das abstrakte Verhältnis von »Herr und

167
Knecht« mit eher feudalem Hintergrund übertragen wird
und in ihrer Gegensätzlichkeit ihre Dialektik aufzeigt. In
der Beziehung zueinander wird schließlich ein Punkt er-
reicht, wo der Herr durch die Abhängigkeit von der
Arbeit des Knechts, ohne die er nicht der Herr sein
könnte, selbst dessen Knecht wird.
Es gehört zum »System« und zur »Methode« in ihrem
Aufbau, wie er in den Jenenser Niederschriften zu verfol-
gen ist, daß in der Ganzheit die Einzelheiten aufgehoben
sind, sie wie zusammengefaltet darin Platz finden, aber
nur im Zusammenhang mit dem Ganzen ihre Trennung
erfahren bzw. in ihrem Getrenntsein erfahrbar werden.
Die »Wissenschaft« befindet sich hier schon auf dem Weg
zur »Enzyklopädie«, in der kein Gegenstand ausgelassen
ist und von der die Realphilosophie von 1805/06 bereits
Ausführungen in weit fortgeschrittener Form enthält.
Hier sind Gebiete der Anthropologie verhandelt wie
der Sozialphilosophie, des Naturrechts — und zwar als
Ineinanderübergehen der »Philosophie des Geistes« und
der »Naturphilosophie«. Hegel legt den Grundriß der
lutherischen Lehre von den Ständen vor, erweitert und
gelockert zugleich durch die Anfange der von England
aus heraufkommenden Maschinenindustrie. »Der Bau-
ernstand ist also dies individualitätslose Vertrauen, das
seine Individualität in der Erde hat«; der Bauer kann nur
im Zusammenhang mit der Erde gesehen werden, er
»ackert, sät, aber es ist Gott, der das Gedeihen gibt — die
Jahreszeiten und das Vertrauen, daß von sich selbst das
werde, was er in den Boden gelegt«. Die Vollendung
seiner Arbeit, ihr Gedeihen, liegt nicht in ihm selber: »der
Zusammenhang seines Zwecks und der Verwirklichung ist
das bewußtlose der Natur«. Dies Anhängen des Bauern an
die Erde als einem »bewußtlosen« Element begründet
auch die unwiderstehliche Kraft von Bauernheeren, wie
Hegel an anderer Stelle bemerkt, weil sich mit ihnen
gleichsam die Erde selber fortbewegt. Der »Stand« schlägt
sich in der »Gesinnung« nieder. Bauern und Bürger
»vertragen sich leichter wieder - prügeln sich und werden
wieder gute Freunde«. Im Gegensatz zu den »höheren

168
Ständen«: »der tiefere Sinn ... der höheren Stände geht in
sich, kann nicht vergessen noch sich versöhnen« und ist
darum vergleichsweise der »bösre«. Die eigentliche Arbeit
des Kaufmanns ist der »reine Tausch«, ein Vorgang, der
»entzweit«, indem er nämlich aus einem »besonderen«
Teil, dem »Handelsartikel«, und einem »abstrakten«, dem
»Geld«, besteht. Der Soldat dagegen hat seinen Gegen-
stand im »Krieg« als »wirkliche Aufopferung des Selbst«
zu sehen. Hier steht Hegel fest auf dem Boden des Natur-
rechts. »Verbrechen« im Krieg »ist Verbrechen für das
Allgemeine«, es geht auf »Erhaltung des Ganzen« aus, ist
»gegen den Feind«, »auf die Zerstörung desselben« ge-
richtet. Hegel schürft die Bedeutung des »Verbrechens«
noch weiter aus, indem er es auf die Ursprünge zurück-
verfolgt: »Verbrechen« liegt bereits im »Begriff« des
»Rechts« und des »gewaltlosen Gesetzes«. Im Krieg wird
nicht der Gegner direkt ins Auge gefaßt, sondern »der
Tod leer gegeben und empfangen«.
Die Vorlesungen über die Realphilosophie von 1805/06,
zumeist »in Eichstädts Auditorium . . . in einem Hinter-
haus« gehalten (G. A. Gabler), gehen in ihren sozialphilo-
sophischen Partien — Familie, Ehe, Besitz, Eigentum, Erb-
schaft - insofern über Kant hinaus, als sie durch den die
Französische Revolution und Napoleon herbeigeführten
Umbruch, der auch nach Deutschland übergreift und
dessen Zeuge Hegel selbst ist, schon eine tiefere Durch-
dringung der politischen Ereignisse hinter sich haben.
Wir haben es hier z.B. mit einer von Kant völlig abwei-
chenden Auffassung der »Ehe« zu tun, die eben nicht
durch den »Kontrakt« allein gestiftet wird. Das »Gesetz ...
muß auf die von ihm freie Lebendigkeit Rücksicht neh-
men«. So ist »die Ehe nicht geschlossen durch Eheverspre-
chen, noch durch den Beischlaf, sondern durch den er-
klärten Willen, das Aussprechen ...«. Ob der »Zweck« der
Ehe »positiv erfüllt wird«, etwa durch den Koitus, hat den
Gesetzgeber nichts anzugehen. Die Unauflöslichkeit der
Ehe kann nur von einem »leeren Gesetz« behauptet wer-
den, das einseitig urteilt, weil es die »freie Lebendigkeit«
der Ehepartner nicht berücksichtigt. Ebenso kann die Ehe

169
»nicht gebrochen« werden »durch den Ehebruch, durch
bösliche Verlassung, Unverträglichkeit, schlechte Wirt-
schaft, sondern ob beide dies dafür ansehen und es wollen«.
Wobei immer noch die Frage bleibt, ob das, was sie so
ansehen und wollen, auch tatsächlich so ist!
Einheit in der Entzweiung, die in die Erscheinungen
der »Natur« und des »Geistes« hineinreicht, Elektrizität
schafft, auf den Grund aller Geschlechtlichkeit dringt, sie
zum Leben bringt, ist die durchgängige Hauptmaxime in
der Realphilosophie. Es hat eine eigentümliche Schlüssig-
keit für sich, wenn Hegel als Gestalt für das Zusam-
menschließen der »entzweiten« Teile den Hermaphrodi-
ten wählt.

170
Siebzehntes Kapitel
Bürgerliche Verhältnisse

Es war ein bescheidenes Quartier, das der unbesoldcte


Privatdozent »auf dem alten Fechtboden« bezogen
hatte. Der Umzug hierhin war zwischen Anfang Januar
und Mai 1802 erfolgt, denn Schelling adressiert seinen
Brief vom 24. Mai aus Leipzig bereits an die neue An-
schrift, die Hegel bis zu seinem Weggang im Herbst
1806 nicht mehr geändert hat. Goethe führt sie noch im
Adressenregister des Rundschreibens an seine Jenenser
Freunde vom 18. Oktober auf. Das geringe Hab und
Gut, über das Hegel verfügte, ließ sich leicht von einer
Haushälterin oder Zimmerwirtin besorgen. Die Bedürf-
nisse im Essen waren bescheiden, an die Qualität des
Weins, den er sich fäßchenweise von der Erfurter Wein-
handlung Gebrüder Ramann kommen ließ, stellte er je-
doch höhere Ansprüche. Sparsamer Umgang mit dem
ererbten Geld war geboten, weil es je länger desto mehr
zur Neige ging. Auf größere Einkünfte konnte Hegel
nicht hoffen, solange keine fest besoldete Stelle in Aus-
sicht stand. Aber daran war in Jena nicht zu denken.
Die Zahl seiner Hörer hat dann im Laufe der Jahre
stetig zugenommen. Über 30 ist sie nie hinausgekom-
men. Das ließ sich sehen, war aber im Vergleich zum
Zulauf, den Fichte gehabt hatte, doch eher bescheiden.
In ihrer äußeren Form haben die Hcgelschen Vorlesun-
gen wenig einnehmend gewirkt. Der Vortrag ist unge-
lenk, sein Inhalt meist von dunkler Unverständlichkeit.
Das Motto, unter dem Hegel seine Vorlesungen damals
veranstaltete, so erfahren wir von einein ehemaligen
Hörer, dem Philologen Abeken, der zeitweilig Lehrer
von Schillers Söhnen war, sei der Spruch über der Ein-
gangspforte von Dantes Inferno gewesen: »Laßt alle
Hoffnung fahren!« Aber es spricht sich herum: Man
muß erst dahinterkommen, was gemeint ist. Und so ver-
sammelt sich dann von Semester zu Semester eine kleine
Schar, die sich durch das orakelhafte Sprechen des Pri-

171
vatdozenten vom Besuch seines Kollegs nichl abhalten
läßt.
Der Rivale ist Jakob Friedrich Fries, drei Jahre jünger,
mit seiner theologischen Herkunft aus der Herrnhuter
Brüdergemeine, der früher und sicherlich tiefer als Hegel
in Kant eingedrungen war. Hier steht Anhang gegen
Anhang. In der Verwaltungsbehörde der Universität hat
man ein Auge für den Wettstreit der beiden Privatdozen-
ten und neigt hier — wie sich bald zeigen wird — eher Fries
zu. Dieser hatte sich später habilitiert als Hegel; er wird
nun für eine außerordentliche Professur vorgeschlagen,
Hegel nicht. Dessen Beunruhigung ist verständlich. In
einem Beschwerdebrief wendet er sich unter dem 29. Sep-
tember 1804 gegen diesen Akt offenkundiger Ungerech-
tigkeit an seinen Gönner in Weimar. Goethe erfährt hier:
»Indem ich höre, daß einige meiner Kollegen der gnädig-
sten Ernennung zur Professur der Philosophie entgegen-
sehen und hierdurch daran erinnert werde, daß ich der
älteste der hiesigen Privatdozenten der Philosophie bin, so
wage ich, der Beurteilung Euer Exzellenz es vorzulegen,
ob ich nicht durch eine solche, von den höchsten Autoritä-
ten andern erteilte Auszeichnung in der Möglichkeit,
nach meinen Kräften auf der Universität zu wirken, be-
schränkt zu werden fürchten muß.«
Der Sympathie Goethes, der er sicher sein konnte,
verdankt er dann die Ernennung, welche die Universität
offenbar zu verhindern oder hinauszuschieben versucht
hat. Goethe setzt sie durch, nachdem die Regierungen von
Sachsen-Goburg und Gotha, Altenburg, Meiningen und
Hildburghausen als den Ländern der Ernestinischen Li-
nie, für die Jena Landesuniversität war, zugestimmt hat-
ten. Hegel wird Anfang 1805 zusammen mit Fries Profes-
sor, bleibt aber weiter unbesoldet.
Das bedeutet, weiter Umschau zu halten, um dem Vor-
bild seiner schwäbischen Landsleute Schelling, Nietham-
mer, Paulus zu folgen und das wenig Aussichten eröff-
nende Jena zu verlassen. Und möglichst wie sie alle in
Richtung Bayern!
Warum Bayern sich als so vorteilhaft erweisen sollte,

172
wird sich bald in einem damals noch nicht zu ahnenden
Maße herausstellen. Bayern, noch Kurfürstentum, fürch-
tet die Annexionsgelüste Österreichs und setzt auf die
napoleonische Karte. Es war auf die Linie des Rheinbun-
des eingeschwenkt, gehörte sogar bald zu dessen festester
Stütze auf der Seite Napoleons gegen Habsburg und
Preußen. Es stand für eine siegreiche Sache. Das Gefühl
der Hoffnungslosigkeit, das bei Hegel aufstieg, wenn er
an das »Reich« dachte, hatte tiefere Ursachen. Sie werden
sich schon sehr schnell als begründet erweisen und ihn auf
fatale Weise in seiner eigenen Lebensgeschichte treffen.
Sachsen und Thüringen bedeuten bald den großen Ope-
rationsraum der französischen Armee und auch den ihrer
unglücklichen Gegner. In der Jenenser Universitätsran-
küne zusammen mit den Sparmaßnahmen der Höfe, die
fast alles, was laufen konnte, innerhalb weniger Jahre von
Jena wegtrieben, hat Hegel schon die Vorankündigung
des drohenden Zusammenbruchs gesehen. Der künftige
Welthistoriker spürt ihn aus den vorausgehenden Sym-
ptomen. Er wird sich nicht täuschen.
Unverkennbar ist freilich jetzt in diesen Jahren des
Aufenthalts in Jena schon Hegels Bedürfnis, die Nähe der
Macht zu suchen, sich mit ihr in gutem Einvernehmen zu
wissen. Das war in diesem Fall Goethe, der allmächtige
Minister. Bei dessen Visitationsreisen vom nahe gelege-
nen Weimar aus und den Aufenthalten, die ihn oft für
mehrere Monate in Jena festhalten, legt Hegel eine aus-
nehmende Beflissenheit an den Tag. Der Verkehr geht
von Goethes Seite mit einer gewissen konventionellen
Liberalität vor sich, man spürt die lange Leine, die Nei-
gung zum Gewährenlassen. Er lädt Gäste zum Tee, und
zwar vor allem jene aus den Kreisen der Jenenser Beam-
tenschaft, die sein persönliches Vertrauen genießen und
zu seiner Klientel gehören. Auf einer später (18. Oktober
1806) von Goethe handschriftlich aufgestellten Liste sei-
ner »jenaischen Freunde« befindet sich - zwar an letzter
Stelle, was seinem Rang entsprach — Hegel. Schiller hat die
wachsende Sympathie Goethes für Hegel aus der Nähe
bemerkt; »... mit Vergnügen sehe ich, daß Sie mit Hegeln

173
näher bekannt werden«, schreibt er Goethe am 30. No-
vember 1803. Aber in seiner Korrespondenz mit Goethe
ist in erster Linie von dem Handicap die Rede, das den
gesellschaftlichen Umgang mit Hegel belastet und auf das
Goethe ein paar Tage vorher, im Brief an Schiller vom
27. November, zu sprechen gekommen war: »Bei Hegel
ist mir der Gedanke gekommen: ob man ihm nicht, durch
das Technische der Redekunst, einen großen Vorteil
schaffen könnte.« Das heißt: Er kann sich sprachlich
schwer artikulieren. Das war hier nicht vom öffentlichen
Vortrag vor den Studenten gesagt, sondern bezog sich auf
den Hegel in kleiner Gesprächsrunde. Goethe ist der
Auffassung, daß man dem Malheur abhelfen könne.
Schiller meldet dagegen Zweifel an: »Was ihm fehlt,
möchte ihm nun wohl schwerlich gegeben werden kön-
nen, aber dieser Mangel an Darstellungsgabe ist im gan-
zen der deutsche Nationalfehler und kompensiert sich,
wenigstens einem deutschen Zuhörer gegenüber, durch
die deutsche Tugend der Gründlichkeit und des redli-
chen Ernstes.«
Goethe hatte übrigens allen Grund, mit Hegel zufrie-
den zu sein. Der nämlich fühlt sich als sein Vertrauens-
mann; er versorgt ihn mit Nachrichten, kleinen, an sich
harmlosen Zuträgereien, die die Nützlichkeit des bisher
mit wenig Erfolg gesegneten Philosophielehrers für den
Staatsminister unter Beweis stellen können: »daß auch
Herr Hofrat Schütz mit 3000 E. Gehalt eine Vokation
nach Würzburg hat und daß ihm auch die Veranlassung-
gegeben worden ist, die Literatur-Zeitung dahin zu zie-
hen, ich melde es Hochdenenselben im strengsten Ver-
trauen, weil ich es nicht einmal von ihm selbst, sondern
von der Frau Geheime Kirchenrätin Grießbachin habe,
der er es anvertraut hat. Herr Geheime Kirchenrat Grieß-
bach weiß noch nichts davon, und man sucht es ihm zu
verbergen, weil es ihm sehr alterieren möchte« (3. August
1803).'
Aber Hegel hatte ebenso allen Grund, um seine Kar-
riere besorgt zu sein. Je mehr man sich dem Jahre 1806
nähert, desto bedrohlicher werden die Umstände für ihn.

174
Schelling war längst außer Landes. Von Cannstatt hatte er
ihm schon am 11. Juli 1803 seine Verheiratung mit Caro-
line, die in/wischen von August Wilhelm Schlegel geschie-
den war, mitgeteilt, zusammen mit einer schrecklichen
Nachricht: »Der traurigste Anblick, den ich während mei-
nes hiesigen Aufenthaltes gehabt habe, war der von Höl-
derlin.« Hier wird der Gedanke an eine glückliche Ver-
gangenheit mit einem Schlage zur schwer anhängenden
Last: »Sein Anblick war für mich erschütternd: er ver-
nachlässigt sein Äußeres bis zum Ekelhaften.« Ob Hegel
noch einen Ausweg für den armen Freund sehe, ihn
vielleicht aufnehmen könne? Der will sich nicht versagen,
wenn Hölderlin nach Jena käme, meint aber, daß von
dieser Stadt für den Kranken nicht viel zu erwarten sei. Es
war ein großes Glück für Hölderlin, daß sich in diesen
Jahren Sinclair seiner annimmt und ihn in sein Haus nach
Homburg holt.
Wenn Hegel sich für Hölderlin von Jena wenig er-
hoffte, dann auch darum, weil das gleiche für ihn selber
galt. Er wird Goethe auf den drohenden Abzug von
Hufeland, Paulus und Thibaut aufmerksam machen und
ebenso durch Gries in Heidelberg Erkundigungen für
sich selbst anstellen lassen. In einem Briefentwurf an den
Homerübersetzer Johann Heinrich Voß heißt es: »mein
Wunsch (ist), den Lehrern Heidelbergs beigestellt zu wer-
den«. Die Antwort ist abschlägig und begründet mit der
miserablen Kassenlage der »Akademie«. Mit Nietham-
mers Hilfe, der inzwischen nach Bamberg abgewandert
ist, denkt Hegel vielleicht nach Altdorf zu kommen. Aber
die Universität müßte nach ihrem Niedergang, der sie fast
zu einem Phantom gemacht hatte, erst wieder »reorgani-
siert« werden.
Hegels Entschlossenheit, aus Jena wegzukommen, ist
durch keine Absage zu erschüttern. Der Gedanke an
einen Kriegsausbruch hat für ihn etwas Erschreckendes.
Vor allem: eine Einquartierung würde er nicht ertragen
können, läßt er Niethammer wissen. Darum möglichst
den drohenden Ereignissen schon zuvorkommen! Er ist
mit seiner Arbeit an keinen Ort gebunden, und wer weiß,

175
ob es in Jena für ihn nicht bald ganz aus ist! Den Grund, in
Süddeutschland ein philosophisches Journal aufzuma-
chen, wie sein Plan ist, sieht er darin gegeben, daß ein
solches dort noch nicht existiert.
Niethammer wird jetzt in den sich auf die Krise zuspit-
zenden Zeitläufen für Hegel immer mehr die Hauptstütze
seiner Zukunftserwartungen. Wenn der Krieg ausbre-
chen sollte, müßte er bald ein anderes Unterkommen
finden. Wiederum - wie sechs Jahre zuvor - richten sich
seine Blicke auf Bamberg, wo nicht nur Niethammer an
der fürstbischöflichen Akademie für ihn wirken könnte,
sondern sich auch ein großer wissenschaftlicher Verlag
befand: Joseph Anton Goebhardt, der als Verlagsorte
Bamberg und Würzburg nennt. Im Zusammenhang mit
einer möglichen Übersiedlung hatte Hegel für die Veröf-
fentlichung seines nächsten Manuskripts dieses renom-
mierte Haus ins Auge gefaßt. Der Verleger zeigt Entge-
genkommen. Gegen Zusendung umfangreicher Partien
seiner Niederschrift erhält der damals hochverschuldete
Verfasser einen ansehnlichen Vorschuß. Aber die Aus-
zahlung stockt, als Goebhardt den Eindruck gewinnt, daß
Hegel mit seinem Manuskript noch nicht fertig ist und er
für die Einhaltung des vereinbarten Termins glaubt
fürchten zu müssen. Niethammer springt mit einer Ga-
rantieerklärung ein, gerät aber nun selbst unter Druck
und mit ihm Hegel. Durch die Truppenbewegungen zwi-
schen Sachsen und Bayern wird der Postverkehr er-
schwert. Es droht der Verlust der abgegangenen Restsen-
dungen. Das mußte den Verleger nicht treffen, denn
Niethammer hatte zugesagt, im Falle der Nichteinhaltung
des Vertrags durch verzögerten Eingang des Restmanu-
skripts für die 21 Bogen 12 Gulden je Bogen zu zahlen.
Am 18. Oktober 1806 läuft die Frist ab.
Aber am 13. Oktober zieht die französische Armee in
Jena ein, und mit ihr - wie Hegel am gleichen lag an
Niethammer brieflich mitteilt - hoch zu Pferde die »Welt-
seele«. Der Eindruck, den Napoleon auf die Bevölkerung
macht, ist überwältigend. Die Sympathie vieler Menschen
wendet sich nach dem Abzug der preußischen Truppen

176
den Franzosen zu. Auch Hegel, der Bewunderer der
Macht, ist mitgerissen: »Es ist in der Tat eine wunder-
bare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das
hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sit-
zend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.«
Hegel hatte zwar Glück gehabt: die vereinbarte Manu-
skriptsendung war noch eben rechtzeitig in Goebhardts
Hände gelangt, aber er selbst wird von den Ereignissen
in Jena hart betroffen. Französische Soldaten dringen in
seine Wohnung ein. Er muß in das Haus des Prorektors
Gabler umziehen, weil sein altes Domizil von den Besat-
zungstruppen beschlagnahmt wird. Hegel war Zeuge
schrecklicher Szenen gewesen und Opfer zugleich. Es
hatte viele Tote gegeben. Die Schläge der Gewalt waren
auf ihn niedergegangen: »da ich hier geplündert bin«,
erfährt Niethammer von ihm im Brief vom 18. Oktober.
Der Tod hatte ihn gestreift. Was das blutige Gesicht des
Kriegs bedeutet, war dem künftigen Welthistoriker als
Erfahrung am eigenen Leibe widerfahren.
Den letzten beißen die Hunde. Der in Jena ansässig
gewesene württembergische Freundeskreis hatte die
Stadt rechtzeitig verlassen. Hegel war allein übriggeblie-
ben. Ihn hatte das Schicksal ereilt. Das Schlimmste war,
daß er das Unheil hatte kommen sehen, ihm aber nicht
mehr entwischen konnte. Erledigt war jetzt auch, mit
einem Schlage, die Frage nach seinem weiteren Wirken
in Jena.
Die Universität war geschlossen, Hegel stellungslos.
Sein Gcldvermögen war längst auf das ihm durch Goe-
thes Intervention vom Herzog freiwillig gewährte ein-
malige Jahresgehalt von 100 Talern zusammengeschmol-
zen. »Sehen Sie Beikommendes, mein lieber Doktor, we-
nigstens als einen Beweis an, daß ich nicht aufgehört
habe, im Stillen für Sie zu wirken.« Mit diesen Worten
hatte Goethe am 27. Juni 1806 die diskrete Dotation be-
gleitet. Aber vier Monate später steht Hegel als ein von
der Soldateska Ausgeraubter da. Wieder ist es Goethe,
der sich besorgt nach Hegel erkundigt. Knebels Be-
scheid vom 24. Oktober: »Hegel fehlt es vorerst ganz an

177
Geld«, erwidert er noch am selben Tag mit der Order:
»Bedarf Hegel etwas Geld, so gebt ihm bis etwa auf
10 Taler.«
Es gab nun nichts mehr, was ihn in Jena hätte festhalten
können. Nur zeigte es sich, daß Hegel als Stellungssuchen-
der schwer vermittelbar war, jedenfalls dort, wo es ihn
hinzog: an irgendeine deutsche Universität. Alle Versu-
che unterzukommen, waren bereits seit längerem, einer
nach dem anderen, gescheitert. Es gelingt Niethammer
wohl, die Schwierigkeiten Hegels mit seinem Verleger
beizulegen, aber nicht, ihm eine gewünschte Stelle in
Bamberg zu verschaffen. Auch Schelling hat sich für ihn
nirgendwo wirklich ins Zeug gelegt. War daran nur die
wirtschaftliche Misere in den Staatsbudgets schuld? Die
Frage greift tiefer, in Schichten der Persönlichkeit, die
auch an seiner Philosophie mitwirken. Sicher waren es
auch die Züge der Langsamkeit, die seine Karriere unent-
wegt behinderten, das Schwerbewegliche in Bern, in
Frankfurt wie in Jena. Sie gehören als Komplement zu der
Gabe, den Dingen sogleich auf den Grund zu schauen und
sie gedanklich zu entzweien. Seine ausgleichende Natur
fängt diese Eigenschaft gewissermaßen auf, bietet ihr
Schutz, die Dinge in ihrer Materialität und Positivität von
unten her auszuheben, sie hierhin und dorthin zu wen-
den, sie in ihrer Doppfldeutigkeit aufzudecken. Das
macht den Umgang mit ihm auf die Dauer nicht leicht. Er
wird Schelling bald davon eine Probe geben, die dieser
zeitlebens nicht verwinden wird.
Im November hatte sieh Hegel auf die Reise nach
Bamberg begeben, um alle anstehenden Kontraktfragen
mit Goebhardt zu regeln und die Drucklegung des Ma-
nuskripts voranzutreiben: die Phänomenologie des Geistes,
dieses in Not, Verschuldung und Sorge um die Zukunft
geschriebene Werk, das schubweise in die Hände des
Verlegers gelangt war. In einem Wagen, der auch eine
Ladung Geldfässer mit s i c h führt, brach Hegel von Jena
auf. Man hat Glück: Der Transport gelangt trotz der
gefährlichen Zeiten unbehelligt ans Ziel. Bei Niethammer
bewohnt Hegel ein kleines Stübchen. Die Wiedersehens-

178
freude ist groß. Mit Goebhardt scheinen die Geschäfte
schnell geregelt worden zu sein, und die Freunde können
sich ausgiebig dem Biertrinken und L'Hombre-Spiel wid-
men. Das Geld aus der Hand des Verlegers gestattet ihm
einige angenehme Wochen.
Das alles war angetan, ihm Bamberg von Anfang an
sympathisch zu machen. Kein Vergleich mit Jena, denn in
Bamberg sitzen - wie er sich erzählen läßt — selbst die
Damen am Kartentisch. Übrigens hat sich der Reisende
längst in einen Parteigänger der Franzosen verwandelt.
Die Preußen müssen in Lübeck Unglück gebracht haben,
war von ihm inzwischen in Erfahrung gebracht worden.
Seine alten Befürchtungen über den Niedergang des
»Reichs« hatten sich längst bestätigt. Er findet es bewun-
dernswert, wie die Franzosen in die verrotteten, von Träg-
heit beherrschten Verhältnisse neue Ordnung bringen.
Seine Gedanken über die Ursachen dieses Wandels
spricht er ein paar Wochen später in einem Brief an seinen
Schüler Zellmann vom 23. Januar 1807 aus: »Die französi-
sche Nation ist durchs Bad ihrer Revolution nicht nur von
vielen Einrichtungen befreit worden, über die der Men-
schengeist als über Kinderschuhe hinaus war und die
darum auf ihr, wie noch auf den andern, als geistlose
Fesseln lasteten, sondern auch das Individuum hat die
Furcht des Todes und das Gewohnheitsleben, das bei
Veränderungen der Kulissen keinen Halt mehr in sich
hat, ausgezogen.« Was bisher gegolten hat, hat seine alte
Überzeugungskraft verloren: »Vaterland, Fürsten, Ver-
fassung und dergl. scheinen nicht die Hebel zu sein, das
deutsche Volk emporzubringen.«
Ließen sich diese kurzen Wochen in Bamberg gut an, so
waren seine Sondierungen, zusammen mit Niethammers
Hilfe hier eine Stelle zu finden, allerdings zu keinem
festen Resultat gelangt. So mußte der zum endgültigen
Verlassen Jenas fest entschlossene Hegel wieder nach dort
zurück. Er versucht gegenüber seinem Gönner Goethe
sogar noch einen kleinen Coup zu landen, indem er ihn
um das Gehalt des inzwischen nach Heidelberg berufenen
Schelver sowie dessen freigewordene Dienstwohnung im

179
Botanischen Garten bittet mit dem gleichzeitigen Aner-
bieten, dort Inspektionsdienste zu verschen.
Goethe hat diesen brieflich vorgetragenen Versuch
Hegels, in Jena doch noch zu einer festen Stelle zu kom-
men, nicht ausdrücklich ablehnend beschieden. Er ant-
wortet überhaupt nicht. Er hatte nämlich längst anders
entschieden. Der Arzt Friedrich Siegmund Voigt, der
auch Botaniker ist, soll das Amt bekommen. Hegels Be-
teuerungen, seine Botanikstudien wiederaufzunehmen
und auch Vorlesungen darüber zu halten, haben bei Goe-
the nicht verlangen. Wieder geht er leer aus.
Da trifft ein Brief Niethammers (vom 16. Februar) in
Jena ein, in dem ihm das freigewordene Amt des Re-
dakteurs der Bamberger Zeitung angetragen wird. Das
Angebot ist nicht ungünstig — 540 Gulden Jahresgehalt.
In Jena war er unbezahlter Professor gewesen, die Zu-
wendungen des Herzogs, die ihm Goethe verschafft
hatte, waren ein Gnadengeld und hatten nicht verhin-
dern können, daß er sich nach dem Versiegen der ihm
aus dem väterlichen Erbe zugeflossenen Barschaft Geld
hatte leihen müssen. Aber Hegel macht Einwände. Das
Gehalt erscheint ihm zu gering. Er denkt an Heidelberg,
wo Schelver für seine Berufung auf die zweite Professur
zu wirken versprochen hat. Auch ist dort an die Heraus-
gabe eines literarischen Journals gedacht. Es schwebte
ihm jedoch nach wie vor ein Universitätsamt oder die
Nähe der Universität vor. Mit dem Gedanken, einer Ta-
geszeitung vorzustehen, hat er sich mit Sicherheit nicht
sogleich befreunden können. Darum der Vorbehalt,
»dieses Engagement nicht für etwas Definitives anse-
hen« zu wollen, wie er Niethammer am 20. Februar wis-
sen läßt. »Kommen Sie ohne Verzug«, hatte ihm der
Freund aus Bamberg geschrieben. Bis zum Antritt der
Stellung am l.März würden Hegel nur eben mehr als
zehn Tage bleiben. Er ist zwar längst entschlossen, auf
das Anerbieten einzugehen. Was wäre ihm auch anderes
übriggeblieben bei dem Druck, der auf ihm lag! Aber
nun bittet er doch um einen kleinen Aufschub. Vor al-
lem soll man im Herzogtum nicht glauben, er führe für

180
immer. Er wünscht ausdrücklich den Eindruck einer
Reise zu erwecken, von der er zurückkommen werde.
Diese Vorsichtsmaßnahme war nicht unbegründet. Es
war nämlich gerade ein zusätzliches Ereignis hinzugekom-
men, so daß ihm ein schnelles Verlassen der Stadt gerade
jetzt besonders gelegen erscheinen mußte. Hegel war
Vater eines Sohnes geworden. Die Mutter war seine Zim-
merwirtin und Haushälterin Christiane Charlotte Burk-
hardt. Es hatte offenbar dabei von Hegel Seite keines
stürmischen Werbens um ihre Gunst bedurft. Das Jenaer
Taufbuch stellt nicht ohne Perfidie fest, daß der Mutter
damit »zum dritten Mal ein unehelicher Sohn« geboren
worden sei, nachdem ihr bereits »in Unehren eine Toch-
ter« und »zum 2. Male in Unehren ein Sohn« unterlaufen
sei. Das alles und noch dazu in einem solchen Milieu ließ
sich in einer kleinen Stadt wie Jena nicht verheimlichen.
Allein damit wäre für Hegel, der ohnehin schon in der
Universität im Kreise um Gabler auf Gegner gestoßen
war, die seine Ernennung zum Professor zu hintertreiben
versucht hatten, an ein behagliches Leben schwerlich zu
denken gewesen. Es kommt hinzu: »die Burkhardt«, wie
er sie nennt, dringt offenbar mit Beharrlichkeit auf ein
Eheversprechen. Hegel scheint es ihr gegeben zu haben,
schon um ein größeres Aufsehen, das bei seiner Weige-
rung leicht hätte erregt werden können, zu vermeiden.
Das gehört zu einer anderen, von den Kirchenakten ab-
weichenden Version, wonach Christiane Charlotte Burk-
hardt während ihrer Beziehung zu Hegel wieder verhei-
ratet gewesen sein müßte und an eine Ehe mit Hegel
gedacht hätte für den Fall, daß ihr Mann tot sei. Varnha-
gen bringt am 4. Juli 1844 zu Papier, was er von Hegels
Schüler Leo gehört hatte und Lasson später erstmalig
veröffentlicht: »Hegel hatte in Jena bei Schneiderleuten
gewohnt und mit der Frau eine Liebschaft angeknüpft; als
ihm ein Sohn geboren war, starb der Schneider bald, und
Hegel gab nun der Witwe ein Eheversprechen ... Als er
Jena verlassen hatte, dachte er wenig mehr an die ganze
Sache. Doch bei der Heirat mit Marie von Tucher erschien
plötzlich die Schneiderwitwe mit dem Eheversprechen ...

181
und mußte beschwichtigt und abgefunden weiden.« Die
Tatsache des illegitimen Sohnes jedenfalls wird dem An-
walt der Legitimität noch schwer 711 schaffen machen. Mit
der Geburt des Ludwig Fischer, wie er sich später nach
dem Familiennamen der Mutter nennen muß, beginnt ein
bedauernswertes menschliches Schicksal, das von seinem
Vater schließlich nicht mehr zur Kenntnis genommen
wird.
Durch das Angebot der Redakteursstelle war Hegel
auch dieser sehr mißliebigen Angelegenheit vorerst ent-
hoben. Seine Vorsicht bei der Abreise nach Bamberg geht
nicht nur so weit, daß er es unterläßt, sich bei der Dienstbe-
hörde — das war in diesem Fall Goethe - Urlaub zu
erbitten, er kündigt zum kommenden Sommersemester
für den Fall der Wiedereröffnung der Universität auch
noch Vorlesungen an. Erst von Bamberg aus richtet er das
entsprechende Gesuch an den Minister, dem natürlich die
privaten Lebensumstände längst bekannt sein mußten,
ohne daß sie irgendwelchen nachteiligen Eindruck auf ihn
hätten hinterlassen können. Im Gegenteil: Goethe ist
hoch erfreut über die von Hegel angegebenen Gründe
seiner Reise nach Bamberg. Hegel gibt vor — was zur
Hälfte stimmt -, den Druck seiner Manuskripte an Ort
und Stelle zu überwachen. Aus Goethes Schreiben an
Knebel vom 14. März spricht eine gewisse Ungeduld über
die Langsamkeit seines Günstlings nach der Devise des
Theaterdirektors im Faust: »Der Worte sind genug ge-
wechselt, / Laßt mich auch endlich Taten sehn!«, wenn er
zu Hegels Absicht meint: »Ich verlange endlich einmal
eine Darstellung seiner Denkweise zu sehen.« An Förde-
rung von seiner Seite hatte es nicht gelegen, wenn nach
sechsjährigem Aufenthalt in Jena aus dem fast siebenund-
dreißigjährigen Hegel in den Augen Goethes noch nichts
Ersprießliches geworden war. Insbesondere soll er sich
einmal Mühe geben, einen verständlichen Stil zustande zu
bringen: »Es ist ein so trefflicher Kopf und es wird ihm
schwer, sich mitzuteilen!«
Wir werden sehen, daß Hegel seinem ihm so wohlge-
sinnten Gönner Goethe diesen Wunsch nicht erfüllen

182
wird. Das Werk, von dem die Rede ist, ist die Phänomenolo-
gie des Geistes. Es erschien im März 1807, kurz nach seinem
Eintreffen in Bamberg. Vieles ließ sich dem Autor nachsa-
gen: die Gabe, leicht mitteilbare Gedanken ausgespro-
chen zu haben, war nicht darunter.

183
Achtzehntes Kapitel

Differenz mit Schelling

Wenn Schelling in der Folge Hegels Abrücken von dem


bisher gemeinsamen Verständnis der »Idee« bemerken
wird, so war das in der Sache zutreffend. Was beide seit
der späten Berner Zeit miteinander verband, war der
Kampf gegen den »subjektiven Idealismus«. Aber diese
Gemeinsamkeit der Philosophie war nur darum möglich,
weil sich Hegel innerhalb der Schellingschen Systematik
bewegte; sie galt nur so lange, wie Hegel keinen Versuch
macht, sich vom »Vater-Polypen Schelling«, wie Jean Paul
es in seinem Brief vom 6. September 1807 an Friedrich
Heinrich Jacobi nannte, abzulösen.
Das beginnt mit Schellings Weggang von Jena nach
Würzburg im Jahre 1803, kennt aber schon deutliche
Vorankündigungen. Inzwischen hatte Hegel im stillen ein
eigenes Begriffsinstrumentarium ausgebildet. Über ge-
wissen Eigenheiten in den Frankfurter Manuskripten und
den frühen Jenenser Entwürfen hätte sich allemal mit
Schelling reden lassen. Umgekehrt würde man sagen
können, daß sich Schelling in seiner Darstellung meines
Systems der Philosophie von 1801 dem spezifisch Hegel-
schen, das in seiner Dialektik später ausreifen wird, am
meisten angenähert hat.
Das Sich-Entfernen Hegels von Schelling, über das sich
in seinen Anfängen die schriftlichen Quellen so beharr-
lich ausschweigen, findet zunächst nur methodologisch
statt. Das heißt auch, daß Hegel die Höhe von Schellings
Philosophie der Kunst (1802/03) nicht erreicht, daß er im
eigentlich Genialischen hinter Schelling zurückbleibt und
dies auch weiß, daß er aber gerade das Genialische als die
große Gefahr für den Entwurf der philosophischen Syste-
matik versteht und dies seinen Jenenser Hörern mit auf
den Weg gibt. Wenn von den »Nachschwätzern« die Rede
ist und die Quelle des Übels nicht beim Namen genannt
wird, konnte Schelling schon sehr früh die Unklarheiten
darüber beseitigen, wer hier gemeint war.

184
Sicher hat die Entfremdung zwischen beiden durch
Schellings Übersiedlung nach Bayern eingesetzt, aber sie
war natürlich nur die Folge einer völligen Verschieden-
heit zweier Naturen, die jetzt ungehindert und durch
keinerlei persönliche Rücksichtnahmen mehr verschleiert
voll ans Licht treten konnte. Sie zeigt sich auch im nachlas-
senden persönlichen Interesse der beiden aneinander,
insbesondere während der Bamberger Monate, wo Hegel
sich bei der Stellungsuche an Niethammer und Paulus
anlehnt, weil von Schelling nicht viel Hilfe zu erwarten
war. Aus Schellings bekanntgewordenen Äußerungen in
diesen Jahren tritt der Zug des Abwartens hervor, was nun
aus dem alten Studienfreund werden wird. Aber Schel-
ling, der in Würzburg bereits in schwere Verwicklungen
mit katholisch-kirchlichen Kreisen geraten war, hatte
zweifellos genug mit sich selbst zu tun.
Der Unterschied zwischen Schelling und Hegel geht bis
in die Lebensverhältnisse ein oder, besser gesagt, er geht
zugleich von den Lebensverhältnissen aus, die sich auch
im Philosophischen niederschlagen. Man darf darum
nicht einseitig an eine Loslösung Hegels von Schelling
denken. Auch Schelling ändert sich, er rückt ab von dem,
was er für eine gemeinsame Position mit Hegel lange hätte
ansehen können: so im noch in Jena verfaßten Dialog
Bruno aus dem Jahre 1802 mit einem platonischen Mysti-
zismus, wie er in der Romantik Mode geworden war, so in
seinem Werk Philosophie und Religion, das bereits den Kern
seiner später hervortretenden Philosophie enthält. Es
macht sich bei Schelling der Hang zu einem Aristokratis-
mus bemerkbar, der die Erkenntnis des Absoluten einer
begrenzten Zahl von Auserwählten vorbehalten möchte
sowie, was damit zusammenhängt, eine Zusammenzie-
hung seines Fragens auf das Ästhetische, während sich bei
Hegel bereits vor der Niederschrift der Phänomenologie ein
Interesse für die politische Geschichte und Staatsphiloso-
phie herausgebildet hat, das bei Schelling immer sekun-
där bleibt und auch nie entsprechende Nachwirkungen
auslösen wird.
In einer privaten Niederschrift aus der Zeit in Jena

185
hatte Hegel bereits die Krisis der Schellingschen Philoso-
phie in Augenschein genommen: »Was Schellingsche Phi-
losophie in ihrem Wesen ist, wird kurze Zeit offenbaren.
Das Gericht über sie steht gleichsam vor der Tür, denn
viele verstehen sie schon.« Für Hegel ist mit der Verbrei-
tung einer Philosophie durch ihre Verständlichkeit die
Erfahrung ihrer Anhänger verbunden, wie weit man mit
ihr kommen kann. Aber Hegel sieht hier Schelling dem
gleichen Schicksal preisgegeben wie vor ihm Kant und
Fichte. Er rückt sie in der Frage der sogenannten »Tran-
szendentalphilosophie« zusammen, um sich selbst von
ihnen zu unterscheiden. Die »Transzendentalphiloso-
phie« Kants, Fichtes und Schellings behandle zwar Pro-
bleme der Logik (Dialektik) weiter, aber sei selbst außer-
stande, sie als Feil ihrer selbst anzusehen, während Hegel
sich auf dem Wege sieht, die »Transzendentalphiloso-
phie« als »Metaphysik« mit der Logik zusammenzuführen
und aus dieser Vereinigung eine neue »Wissenschaft«
hervorgehen zu lassen. Wenn Kant in der Vorrede zur
zweiten Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft feststellte,
daß seit Aristoteles die Logik keine Fortschritte mehr
gemacht hatte, so mußte das in den Augen Hegels, der ja
in Jena Wolff weit über Kant stellte, auch für Kant selber
gelten, und zwar wegen der größeren Verständlichkeit
Kants, die zugleich dessen Anhängern die Erfahrung von
deren Grenzen aufzeige. Fällt aber bei Hegel, was damals
noch nicht erreicht und in der Phtinomenologie des Geistes
sozusagen als Programmpunkt in Aussicht genommen
worden ist, die sogenannte Transzendentalphilosophie
mit der Logik zusammen, wie er es in der Wissenschaft der
Logik durchführen wird, dann war die Logik zum ersten-
mal seit mehr als zweitausend Jahren einen Schritt weiter
gelangt.
Hier waren, ausgesprochen wie unausgesprochen,
»Differenzen« aufgekommen, die über kurz oder lang
zum Abbruch der bestehenden Brücken zwischen Hegel
und Schelling führen mußten. Dazu gehört auch das bei
Hegel und Schelling auf verschiedene Weise sich ausbil-
dende Verständnis der Geschichte. Bei Schelling nimmt

186
das Interesse an geschichtlichen Fragen ab, bei Hegel
wächst es und weitet sich zu einem Verständnis der »Welt-
geschichte« aus, deren Fortschreiten keine Kontinuität
kennt, sondern Umwege, Widersprüche, Bewegungen in
die entgegengesetzte Richtung, Rücknahmen oder Nie-
derlagen der eigentlichen Fortschrittstendenzen, Kriege -
dem das Pathos der geradlinigen Übergänge fremd ist.
Hegels damals in ihren Anfängen befindliche Geschichts-
philosophie entwickelt die Theorie von der ungleichmäßi-
gen Kontinuität geschichtlichen Fortschreitens, bei dem
die Widersprüche bei der »Einheit von Kontinuität und
Diskontinuität« (Lukäcs) sich auf der höheren Stufe der
geschichtlichen Entwicklung fortsetzen.
Dieses Abweichen von der alten mit Sehclling gemeinsa-
men Philosophie hing also auch mit der Verschiebung der
thematischen Interessen und ihrer fortwährenden Kon-
zentrierung auf bestimmte Sujets zusammen, die natür-
lich selbst keineswegs völlig den Zugang zum Kern der
früher von beiden gleichermaßen vertretenen Anschau-
ungen verloren hatten. Hinsichtlich der Ausbildung einer
antidogmatischen, dem Pantheismus nahestehenden
Geistlehre, der Abkehr vom kirchlichen Institut als der
eigentlich geistverwaltenden Instanz, die Schelling in sei-
ner Tübinger Dissertation über den Gnostiker Markion
vollzogen hatte, konnte Hegel nie daran denken, Schel-
ling seine bahnbrechende Rolle streitig zu machen. Des-
sen Rang in der Geschichte der Philosophie und auch
seine Rolle für die Ausbildung der Dialektik können
darum gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Schel-
ling wird sich in der Entfernung von Hegel auch gar nicht
untreu, er setzt nur seinen Weg, allerdings mit einseitiger
werdenden Akzenten, fort. Schon der Dialog Bruno war
Zugang in die »Einrichtung der Mysterien«. Philosophie
bedeutet darin: Religion auf eine höhere Stufe gerückt,
Fortsetzung der Religion mit andern Mitteln: »Das reine
Subjekt-Objekt aber, jenes absolute Erkennen, das abso-
lute Ich, die Form aller Formen, ist der dem absoluten
eingeborene Sohn, gleich ewig mit ihm, nicht verschieden
von seinem Wesen, sondern eins.«

187
Aber die Philosophie als höchste Stufe des Erkennens,
die die dogmatische Religion für den Erkennenden über-
flüssig macht, gerät, indem sie deren Stelle einnimmt, in
die Gefahr, in den gleichen Formen zu verkehren, die zu
deren Verabschiedung geführt hatten. Das reicht bis in
die sprachliche Nuance seiner Schrift Philosophie und Rrli-
mon hinein und wird von Schelling selbst beschworen,
wenn er meint: »Außer der Lehre vom Absoluten haben
die wahren Mysterien der Philosophie die von der ewigen
Geburt der Dinge und ihrem Verhältnis zu Gott zum
vornehmsten, ja einzigen Inhalt.«
Mit den »wahren Mysterien der Philosophie« und der
»ewigen Geburt der Dinge« nennt hier Schelling den für
sein künftiges Denken vorherrschenden Gegenstand und
mehr noch die Weise der Behandlung, die er ihm angedei-
hen lassen wird. Das »Geheimnis der Religion«, gegen das
er in den Frühschriften seine an Kant und Fichte geschul-
ten Invektiven geschleudert hatte, das für ihn in der
Scholastik, dem Dogmatismus, der in Tübingen gelehrten
Theologie, der Orthodoxie, zugrunde lag, wird in das
»Geheimnis der Philosophie« verwandelt. Die Wider-
stände der Vernunft gegen das Mystische und Okkulte
schmelzen dahin. Das ist zugleich Schellings Tribut an die
Romantik, für die auch seine Frau Garoline stand, dieses
»Meisterstück des Geistes«, wie er sie nannte, die ihm 1809
durch den Tod entrissen wird.
Wenn Schelling in seinem Brief an Hegel vom 2. No-
vember 1807 verwundert bemerkt, der Freund sei von
ihrer gemeinsamen Vorstellung der »Anschauung« abge-
rückt, so konnte das nur als Spitze des Eisbergs erschei-
nen. Bereits Hegels fenenser Vorlesungen hatten The-
men behandelt, die ohne polemische Absicht, allein durch
ihren Inhalt und ihre Darstellung von Schellings Interes-
sen wegführten. So die Zuwendung zu Fragen der bürger-
lichen Ökonomie: zu Arbeit, Geld, Besitz, Eigentum und
Welthandel. Von Hegel werden gegen den »subjektiven
Idealismus« Kants und Fichtes kalt-trockene Schläge aus-
geteilt, wo er sich mit der Entfremdung der Arbeit durch
den Fabrikarbeiter in der englischen Manufaktur als der

188
damals entwickeltesten kapitalistischen Produktion be-
faßt: »das Bedürfnis und die Arbeil erheben sich in die
Form des Bewußtseins; sie vereinfachen, aber ihre Ein-
fachheit ist die formal allgemeine abstrakte, das Auseinan-
derlegen des Konkreten, das in diesem seinem Auseinan-
derlegen empirische Unendlichkeit der Einzelheiten
wird; und indem er (der Arbeitende) auf diese formale
falsche Weise so die Natur sich unterwirft, vergrößert das
Individuum nur seine Abhängigkeit von derselben, die
Vereinzelung der Arbeit vergrößert die Menge des Bear-
beiteten; an einer Stecknadel arbeiten in einer englischen
Manufaktur 18 Menschen; jeder hat eine besondere und
nur diese Seite der Arbeit; ein einzelner würde vielleicht
nicht 20, nicht 1 machen können; jene 18 Arbeiten unter
10 Menschen verteilt, machen 4000 des Tags; aber auf die
Arbeit dieser 10, wenn sie unter 18 arbeiteten, würden
48000 in einem Tag kommen. Aber in demselben Ver-
hältnisse wie die produzierte Menge steigt, fällt der Wert
der Arbeit; die Arbeit wird umso absolut toter, als sie zur
Maschinenarbeit, die Geschicklichkeit des einzelnen umso
unendlich beschränkter ...«
Diese Stelle gehört ihrer Form nach zu einem gramma-
tikalisch-stilistisch unfertigen und nicht für den Druck
vorgesehenen akademischen Vortragskonzept. Marx, der
seine Theorie der Arbeit an Hegels Ausführung dazu in
der Phänomenologie entwickelt, hat sie nicht gekannt. Das
ist insofern bedeutsam, als sie in der Frage der Ausbeu-
tung des Fabrikarbeiters und seiner Entfremdung von der
Arbeit und dem Arbeitsprodukt durch aufspaltende ma-
schinelle Produktionsformen weiter geht, d. h. viel näher
an Marx heranführt, als die Marx vorliegenden Stellen in
der Phänomenologie. Für uns steht sie dafür, daß Hegel
damit über den Schellingschcn Horizont hinausdringt.
Wir hören weiter, in der ungelenken Archaik der Hegel-
schen Sprache, die nach einem »allgemeinen Begriff« für
das Bedürfnis der Arbeit sucht und ihn findet: »das Geld
ist dieser materielle existierende Begriff«. Oder nach den
Ursachen für die bürgerlichen Bedürfnisse gefragt: »Tä-
tigkeit des Arbeitens« hat ihre »ruhende Seite im Besitze«.

189
Mit diesen Fragen über die Besitzverhältnisse betritt
Hegel einen Boden, den die deutsch-idealislische Philoso-
phie Kants, Fichtes und Schellings nicht ernsthaft berührt
hatte. Übrigens läßt es Hegel damit auch zunächst bewen-
den. Es gibt bei ihm keine geradlinige Bemächtigung
dieser Thematik, sondern Abwendungen und Rückwärts-
bewegungen, die ihm etwa in Nürnberg »Technologie«
und »Ökonomie« als »Schnurrpfeifereien« erscheinen
lassen. Aber die Linie selbst, die er in den Jenenser Vorle-
sungen damit eingeschlagen hatte, führte an Schelling
vorbei.
Es hatte zwischen Hegel und Schelling Einigkeit dar-
über gegeben, daß Philosophie als solche »spekulativ« zu
sein hat. Aber Hegel hatte bereits in der Differenz-Schrift
von dem Einwand her geurteilt, daß Schelling die spekula-
tive Idee nicht in der Entwicklung aufzeige, statt dessen
die Naturphilosophie an den Anfang stelle. Dieses Setzen
auf die Entwicklung der spekulativen Idee gehört bereits
zum Schlag, den Hegel später gegen Schelling führen
wird. Für Hegel stehen Logik und Metaphysik am Anfang
des Systems. Metaphysik, Phänomenologie als Wissen-
schaftslehre, Logik sind, wie Hegel es als philosophischer
Schriftsteller in der Anwendung gezeigt hatte, spekulative
Disziplinen. Das gilt ebenso für die philosophische Bear-
beitung der Religion und der Geschichte, aber auch der
Natur. Spekulation schließt freilich das Wagnis der Hypo-
these ein: eine Gefahr, die hingenommen werden muß
und dialektisch zu bewältigen wäre. Auf die Naturphiloso-
phie, dieser Domäne Schellings, in der Hegel ihn an
Spekulationskraft nie erreicht, kommen bereits im Ver-
laufe des 19. Jahrhunderts Gefahren zu, die damals noch
nicht abzusehen waren: als ihre Erkenntnisse vor den
Ergebnissen der heraufkommenden empirischen Natur-
wissenschaften nicht mehr bestehen können.
Mit dem Siegeszug der Naturwissenschaften ist das
Schicksal der »Naturphilosophie« besiegelt worden. Hier
konnte der Einbruch in das Verständnis der Philosophie
als »Wissenschaft«, wie es für Schelling und Hegel glei-
chermaßen galt, am stärksten erfolgen, weil hinfort das,

190
was nur naturphilosophisch richtig, nicht »empirisch-ex-
perimentell« beweisbar ist, keinen Wissenschaftscharak-
ter hat. Auf diesem Feld war aber Schelling mehr be-
troffen als Hegel. Metaphysik, Phänomenologie, Logik,
Geschichte können nicht gleichermaßen exakt-experi-
mentell beansprucht werden wie eine naturwissenschaft-
lich befragte Natur. Hegel auf seinem Weg vom »System«
zur »Methode« hat spätestens von der Phänomenologie des
Geistes an den möglichen Einwänden gegen seine Spekula-
tion vorgebaut; die »Methode« seiner Dialektik wird im-
stande sein, ihnen standzuhalten. Und: Ihr und ihrer
Brauchbarkeit wird man es noch bestätigen, daß sie ihnen
standhält. Mit der Umorganisation der Wissenschafts-
lehre in der Phänomenologie sollte sich bewahrheiten, was
er schon seinen Hörern in Jena vorausgesagt hatte: In
einem neuen System der Wissenschaft wird die Genialität,
die sich Schelling und seine Anhänger einreden, aufhö-
ren, Genialität zu sein.
Schellings Antwortschreiben nach dem Empfang eines
Exemplars der Phänomenologie des Geistes gibt nur sehr
unvollkommen seine Gedanken und seine Gefühle wie-
der, die beim Studium des Buches damals in ihm aufge-
stiegen sein müssen. Das war der Bruch, ein Bruch von
beiden Seiten und irreparabel. Die Freunde haben sich
nichts mehr zu sagen. Das wird noch eine Zeitlang über-
spielt und dringt auch nicht sofort nach außen. Für Schel-
ling erscheint Hegel — so in seinem Brief an G. H. Schubert
vom 27. Mai 1809 - unter Anspielung auf Goethes Mephi-
sto als »Verneinender Geist«. Von sich aus gesehen
mochte er damit recht haben: So war Hegel gegen ihn
aufgetreten. Aber Schelling sagt noch mehr damit: Die
Tragfähigkeit der »Methode«, seiner eigenen, wie sie
damals bereits ausgebildet war, hatte er nicht mehr recht
einzuschätzen vermocht.

191
Neunzehntes Kapitel

Phänomenologie des Geistes

Das Desaster von Hegels Phänomenologie liegt in den her-


meneutisehen Versuchen, die ihr gewidmet worden sind.
Wenn man die Arbeiten zu ihrer theoretischen Bewälti-
gung, etwa von Rosenkranz, Haym, Hoffmeister, Hae-
ring, Hartmann, Lukács, Bloch, Heidegger, Kojève, Hyp-
polite, Pöggeler - was sehr provisorisch ist - nebeneinan-
der hält, können sie leicht den Eindruck erwecken, als ob
nicht von einem Buch, sondern von ganz verschiedenen
Büchern die Rede wäre. Rosenkranz glaubte sich der
Zustimmung seines Lehrers sicher zu sein, wenn er in der
Phänomenologie ein Moment des Systems, nämlich das Be-
wußtsein, aus dem System herausgelöst und von Hegel
vorweg behandelt sah, und zwar als Erfahrung, die das
Bewußtsein macht. Kants Philosophie sei keine vom Su-
premat des Bewußtseins und seiner Erfahrung be-
herrschte Philosophie gewesen, Fichtes kopernikanische
Entdeckung des Ich als einziger fester Bewußtheit mit
dem Selbstbewußtsein als der neuen Errungenschaft habe
erst hinzukommen müssen, um den Weg für Hegels
»Wahrheit der Gewißheit seiner selbst« freizumachen.
Aber war hier schon die »Methode der Logik« zur
Anwendung gebracht worden? War das Werk das gewor-
den, was es ursprünglich sein wollte, nämlich der erste
Teil des »Systems der Wissenschaft«? Oder war hier ein
Entwurf entstanden, der abseits vom späteren System lag?
Für Pöggeler stand fest, »daß Hegel den Sinn seiner Phän.
nicht eindeutig bestimmt hat«, denn sonst wäre auch nicht
einsichtig, warum einander völlig entgegenlaufende An-
schauungen zur System-Immanenz und Nicht-Immanenz
mit einem gewissen Grad jeweiliger Wahrscheinlichkeit
hätten vorgetragen werden können. Die Erfahrung vom
Bewußtsein als konstituierendem Sujet ließ sich über alle
Unterschiede hinweg vermitteln, sie konnte als gemeinsa-
mer Nenner noch am leichtesten gehandelt werden. Aber
Hegel hält dieses Thema nicht durch, er wechselt zu

192
anderen Sujets über, zur Vernunft, zum Geist, zur Religion,
zum Kunstwerk, zum absoluten Wissen, er verlagert im »Ver-
hältnis des Schriftstellers zum Publikum«, wo er sich selbst
in Erscheinung treten läßt, die Gewichte; er schickt gewis-
sermaßen die Erfahrungen des Bewußtseins durch die
Phänomene hindurch, läßt die Begegnung mit ihnen statt-
finden: »Indem ich das, wodurch die Wissenschaft exi-
stiert, in die Selbstbewegung des Begriffs setze.« Was ist
die Vernunft, nachdem sie die Aufklärung an sich erfahren
hat, was ist Aufklärung, nachdem sie das Stadium der
»kritischen Philosophie« hinter sich gelassen hat? In wel-
chen Stufungen tritt der Geist als der »wahre«, als der
»entfremdete«, als der »seiner selbst gewisse« Geist auf?
Was ist das Wesen der natürlichen Religion im Vergleich zur
offenbaren und zur Kunstreligion? Wenn man die Phänome-
nologie des Geistes mit Goethes Faust verglichen hat, so
mußte der Vergleich auch ergeben, daß das Werk keine
»Tragödie« war und ebensowenig über eine Dramaturgie
verfügte. Isaak von Sinclair teilt seinem Freunde Hegel
am 8. Februar 1812 mit, bei der Behandlung des »Selbst-
bewußtseins« den Faden verloren zu haben: »Ich konnte
Dir dann nicht mehr folgen.«
Hegel hatte in seinem Werk, unabhängig davon, ob
man es in einen Zusammenhang mit der Ausbildung
seines »Systems« oder als eine noch weitgehend proviso-
risch gehaltene Vor-Konzeption sehen will, über Kant
und Fichte hinausgehend, als eine das Denken begrün-
dende Größe das »Nichts« ins Spiel gebracht. Das »Nichts«
ist stets in Betracht zu ziehen: »Die Natur ist Nichts aus
ihrem Wesen; aber dies Nichts selbst ist ebenso sehr.« Die
nihilistische Komponente als Widerspruch zum Sein
bleibt innerhalb der Hegelschen Ontologie immer gegen-
wärtig. »Das Erste der Philosophie aber ist, das absolute
Nichts zu erkennen«, hatte Hegel in seinem Aufsatz im
Kritischen Journal über Glauben und Wissen als Maxime
seiner eigenen Philosophie ausgegeben. Und er hatte
auch die Gründe angeführt, die Fichte veranlaßt hatten,
sie zu mißachten. Das Prinzip der Anfangslosigkeit mit
seinem ständigen Zurückgehen auf das Nichts, das »nicht

193
weniger als Etwas« ist, das ebenso ist wie das Sein nicht ist,
gibt dem Hegclschen Denken seine Voraussetzungslosig-
keit, allen Ansprüchen gegenüber als Objektives aufzutre-
ten, sie als »etwas Neues« in ihrem Sein »in denselben
leeren Abgrund zu werfen« (Einleitung).
Die Phänomenologie des Geistes als Denken vom Nichts her
ist dasjenige Werk Hegels mit dem stärksten autobiogra-
phischen Unterton. Das ergibt sich in wesentlicher Hin-
sicht auch aus den Umständen ihrer Entstehung. Sie
wurde geschrieben auf dem Höhepunkt der Jenenser
Lebenskrise und sogar der allergrößten Lebensgefähr-
dung durch Armut, drohende Amtslosigkeit, Verlust der
Orientierung wegen der Unklarheit über die weitere Zu-
kunft, der heraufziehenden persönlichen Bedrängnis we-
gen der zu erwartenden Geburt eines unehelichen Kin-
des, die alle als Motive am Weggang Hegels von Jena
mitgewirkt haben. Das Bild vom ausgeraubten Hegel
macht das Elend dieser Monate vollständig. Er hatte für
Augenblicke dem Tod ins Auge geschaut. Am 14. Okto-
ber 1806 kommt es zur Schlacht von Jena und Auerstedt,
wo der Krieg sein grausiges Gesicht zeigt. Der Schlachten-
lärm dringt in die nahe gelegene Stadt herüber.
Als Hegel den Donner der Geschütze hört, war das
Manuskript schon fertig. Die Behauptung, daß der Kano-
nendonner bei der Niederschrift des Werkes zu hören
gewesen wäre, kann nur für einige Schlußseiten gelten.
Als schließlich die plündernden Soldaten seine »Papiere
wie Lotterielose in Unordnung gebracht« hatten (wie es
Hegel vier Tage danach an Niethammer schreibt), befand
sich das Manuskript längst auf dem Wege nach Bamberg.
In der Erstauflage erscheint es unter dem Titel System
der Wissenschaft mit allen von Pöggeler neuerdings aufge-
zeigten editorischen Folgen: In ihr ist die »Phänomenolo-
gie des Geistes« als »Erster Teil« im Untertitel bezeichnet;
die heute gebräuchlich gewordene Unterschlagung des
ursprünglichen Haupttitels verkürzt die Angabe über He-
gels Konzeption nicht unwesentlich. Über den Stufen-
gang in der Produktion des Buches durch Satz und Druck
informiert uns der Arbeitstitel »Erster Teil. Wissenschaft

194
und Erfahrung des Bewußtseins«, unter dem einige Ex-
emplare erschienen sind und der Rückschlüsse auf die
originale und später durch Erweiterung der Thematik
revidierte Absicht des Verfassers erlaubt; andere Exem-
plare erhielten den Zwischentitel »I. Wissenschaft' der
Phänomenologie des Geistes«, der den Leser der »Phäno-
menologie« eine Fortsetzung des Werkes erwarten lassen
mußte, wie den Freund van Ghert, der den Autor deswe-
gen anschreibt. Auf einige Stücke waren beide Titel auf-
gedruckt.
Die an den Anfang gerückte Frage der Phänomenologie
des Geistes ist wie die von Kant in der Kritik der reinen
Vernunft die Frage nach der Erkenntnis, bei Hegel aber
nicht nach deren Grenzen, sondern nach ihrer Art, ihrem
Umfang: die Frage nach dem Erkennen »als Werkzeug,
wodurch man des Absoluten sich bemächtige«. Die Frage
einer Kritik steht also nicht zwangsläufig voran, wäre nicht
gesondert oder mit Vorzug zu behandeln, sondern hätte
sich der neuen Methode gemäß bei ihrer Anwendung
»auf dem Wege« zu ergeben, unabhängig von der Befrie-
digung, die für die »kritische Philosophie« daraus ent-
spränge. Hindernisse, die sich dem entgegenstellen, sind
in der Einleitung angeführt, begonnen mit der »Besorg-
nis«, daß »es verschiedene Arten der Erkenntnis« gibt,
»Wolken des Irrtums« sich einstellen »statt des Himmels
der Wahrheit«. Der Weg zum Absoluten muß für das
Erkennen strenggenommen »widersinnig« sein, wobei die
Brauchbarkeit des Werkzeugs selbst in Rechnung zu stel-
len ist wie das, was zwischen beiden als Widerstand, als
»schlechthin scheidende Grenze« fällt. Fraglich bleibt
auch, ob sich Erkenntnis überhaupt als Werkzeug be-
währt, ob ein solches Mittel bei seiner Anwendung die
Sache beläßt, wie sie ist, oder ob es sie verändert. Fällt dem
Erkennen wie durch eine Klappe Licht in einem Raum zu,
ist es bloß aufnehmendes Medium, durch und durch
untätig und in Erwartung, daß es von der Wahrheit be-
strahlt wird? Was not tut, ist, die »Wirkungsweise des
Werkzeugs« kennenzulernen, den Anteil, der seiner Tä-
tigkeit zukommt, am Ende vom Resultat abzuziehen, »um

195
so das Wahre rein zu erhalten«. Die Annäherung erfolgt
nicht durch die »List«, mit der das Absolute »wie etwa
durch die Leimrute der Vogel« unverändert, vorgestellt
wird. Das Erkennen, nach seinem Vermögen befragt, ist
»nicht das Brechen des Strahls, sondern der Strahl selbst,
wodurch die Wahrheit uns berührt«. Mißtrauen in dieses
Verfahren zu setzen (etwa im Sinne der »kritischen Phi-
losophie«) führt nicht weiter, denn es ist nicht einzusehen,
»warum nicht umgekehrt ein Mißtrauen in dies Mißtrauen
gesetzt« werden sollte, weil die Furcht zu irren selber schon
Irrtum sein kann. Festzuhalten ist am »Unterschied unse-
rer selbst von diesem Erkennen« und ebenso: »Daß das
Absolute auf einer Seite stehe, und das Erkennen auf der
anderen für sich und getrennt von dem Absoluten« als eine
Konsequenz des vorausgesetzten Satzes, »daß das Absolute
allein wahr, oder das Wahre allein absolut ist«: mit dem von
N. Hartmann gezogenem Resümee: » In dem großzügigen
Gedanken von den Kategorien des Absoluten liegt der
Kernpunkt der Hegelschen Philosophie.«
Vom Absoluten ist zu vermerken, »daß es wesentlich
Resultat, daß es erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist«;
darin besteht seine Natur, sein »Sichselbstwerden zu sein«
entsprechend dem Embryo, der wohl Mensch »an sich«
aber noch nicht »für sich« ist. »Gott« für das Ewige, die
moralische Weltordnung oder, wie die alte Philosophie es tat,
für das Sein zu setzen, heißt einen »sinnlosen Laut«, einen
bloßen Namen zu gebrauchen, bedeutet dem Bedürfnis
nachzugeben, aus dem Absoluten ein Subjekt zu machen.
Ohne daß gesagt wäre, was es eigentlich sei. Dem Hegel-
schen Sprachgebrauch zufolge ist damit noch nicht die
»Bewegung des Sichinsichselbstreflektiertseins« dargestellt.
Was das Wesen des zum Subjekt gemachten »Gott« ist,
besagt erst das Prädikat. Womit der Übergang der alten auf
dem Sein beruhenden Philosophie in die »Gotteskatego-
rie« der Theologen mit der Unsicherheit, die sie birgt, von
Hegel vor Augen geführt wird.
Der Versuch einer Interpretation läßt uns sehr bald
auflaufen wie ein Schiff auf felsiger Klippe. Ein Verstehen
kann immer nur schubweise erfolgen und wird schnell

196
wieder abgerissen durch rational unzugängliche Partien.
Aber es gibt Hilfsmittel. In seinen Jenenser Vorlesungen
hatte Hegel die von Kant entthronte Metaphysik durch
die »Hintertür« als »gleichwertige Schwester der Logik«
wieder rehabilitiert. Es gab bereits Momente der Zusam-
menführung. In der Phänomenologie wird schon mit der
unglaublichen Gleichung gerechnet, die später in der
Wissenschaft der Logik auftaucht, sie von Grund auf konsti-
tuiert: Logik = Metaphysik. Kant hätten sich unter der
Perücke die Haare sträuben müssen, hätte er sie noch zu
Gesicht bekommen. Das sollte ihm, der drei Jahre vor
Erscheinen des Werkes gestorben war, erspart bleiben.
Die Phänomenologie stellt die Bewegung auf dem Wege zur
abstrusen Einsicht von der Identität des Identischen mit
dem Nichtidentischen dar, die sich als Logik versteht. Das
ist schon in Hegels Setzung »Logik oder spekulative Phi-
losophie« angelegt. »Das Schöne, Heilige, Ewige, die Reli-
gion und Liebe sind der Köder, der gefordert wird, um
die Lust zum Anbeißen zu erwecken ...«, war eine Spra-
che, die neuartig klang.
Dieser Bruch mit Kant als Begründung eines neuen
Systems hätte zum Mißlingen führen müssen, wenn sie
nicht die Möglichkeit ausgeschöpft hätte, das Unsichere
metaphysischen Spekulierens auszugleichen, d.h. hier,
wenn sie nicht von Hegel stammen würde.
An diesem Bruch hat ebenso die durch die Französische
Revolution und den Aufstieg Napoleons herbeigeführte
Zeitenwende mitgewirkt: »Es ist übrigens nicht schwer zu
sehen, daß unsere Zeit eine Zeit der Geburt und des
Übergangs zu einer neuen Periode ist. Der Geist hat mit
der bisherigen Welt seines Daseins und Vorstellens gebro-
chen und steht im Begriffe, es in die Vergangenheit zu
versenken, und in der Arbeit seiner Umgestaltung.« Die
vorwärtsrückende Welt vernichtet die ihr vorausgegan-
gene, so wie eine »siegende Fraktion« sich der »Regie-
rung« bemächtigt, selbst »Regierung« wird, was sie umge-
kehrt wieder als »Fraktion« schuldig macht und sie selbst
dem »Untergang« zutreiben läßt, dem zu widerstehen
keine Kraft stark genug ist.

197
Die Phänomenologie des Geistes ist ein »faustisches Buch«.
Sie war in der Umgebung Goethes herangereift mit der
Frage nach dem, »was die Welt im Innersten zusammen-
hält«. Die Welt mit Mensch, Geist, Leben und Tod, Frei-
heit, Streben und Untergehn, Arbeit, Herr und Knecht,
Herkunft, Selbstbewußtsein, Entäußerung, Religion,
Kunst: das alles unter die Ordnung eines »Systems der
Wissenschaft« gestellt. Hier war nichts, was das damals
erst in seinen Anfängen steckende Jahrhundert würde
aussparen können.
Es ist heute, im Zeitalter der Elektronik, der Atomener-
gie, nicht mehr ohne weiteres möglich, an den Horizont
eines solchen Denkens heranzugelangen. Unsere Hori-
zonte sind für ein Wissen und Können anderer Art geeig-
net, sind maschineller ausgerichtet, sie haben nicht mehr
die Kraft der alten Mythologien für sich und wenn, dann
nur noch in äußerster Verdünnung. Unsere Begriffe von
heutzutage, wo sie sich an die Hegelschen anhängen oder
anklammern wollen, greifen leicht daneben, sie rutschen
wie eine Hand aus den Fugen einer Mauer, sie verlieren
den Halt. Die Adaption der Hegelschen Begriffssprache
kann nicht vollständig gelingen, sie gelang übrigens schon
nach seinem Tode den Hegelschülern nicht mehr. Sich in
ihr zu versuchen war Ursache für fortwährende Zerwürf-
nisse.
»Nur das Wahre ist das Ganze« klingt wie das Motto der
Schrift und zeigt den Willen zur Totalität, der auch der
Grund dafür ist, warum Hegel das Bündnis von Logik
und Metaphysik vorbereitet hatte: um sie in der Folge
ineinander übergehen zu lassen. Denn ein Totalitätsden-
ken, Denken mit dem Ziel, eine alles einschließende Ganz-
heit herzustellen, um - wenigstens theoretisch — darüber
zu verfügen, ist nur mit Hilfe der Metaphysik möglich.
Darum steht auch bei Hegel die Rcligionsphilosophie am
Anfang, sie lieferte die Hauptthemen seiner Jugend-
schriften — ganz im Gegensatz zu Kant, der von der
mathematisch-physikalischen Naturlehre ausgegangen
war. Die Religionen und die ihnen vorausgehenden My-
thologien, auf die sie sich später gründen und die sie

198
immer und immerfort weiterbilden, sind für die Metaphy-
sik blühende Gärten. In ihnen erscheint da, wo sie sich
noch im Zustande voller Kraft finden, »das Dasein in
seinem Begriffe«. In ihnen findet, solange die Welt im
Fortschreiten ihrer Bewegung noch nicht darüber hin-
weggegangen ist, die Philosophie ihren eigentlichen Ge-
genstand: »nicht das Abstrakte oder Unwirkliche ..., son-
dern das Wirkliche, Sichselbstsetzendc und Insichle-
bende«.
Eine Phänomenologie im Hcgelschen Verständnis hat
immer die Metaphysik im Hintergrund und zugleich in
sich. Sie erschöpft sich nicht wie die Ästhetik im sinnlich-
wahrnehmbaren Bereich oder leitet von den Erscheinun-
gen als solchen ab. Eine solche Phänomenologie hat es mit
Feuersbrünsten innerhalb der Weltkugel, mit Explosio-
nen und Erosionen zu tun, die im Erdreich stattfinden, wo
kein menschliches Auge hindringt, aber die Erdkruste
aufbrechen, unbezähmbare Kräfte ahnen lassen und au-
ßerhalb des physikalisch Meßbaren liegen.
Metaphysik geht bei Hegel in der »Totalität« unter. Die
Hegelsche »Totalität« wiederum gehört zum letzten
Großsystem der Metaphysik, das die Geschichte kennt,
und zählt zu den grandiosesten, die das menschliche Ge-
hirn ersonnen hat.
Aber das gerät in der Phänomenologie des Geistes erst in
Bewegung.
Man müßte schon eine gewaltige Phantasie mitbringen,
wollte man in der Phänomenologie des Geistes ein nach einem
genauen Bauplan ausgeführtes Werk sehen. Das Werk
hat eine Einleitung, der Hegel nachträglich noch eine
Vorrede beigibt. Ein System wohl, aber in durch und
durch unsystematischem Vortrag! »Der Geist ist nie in
Ruhe, sondern in immer fortschreitender Bewegung be-
griffen« bewahrheitet sich hier am Hauptthema des gan-
zen Buches unter dem Titel »das werdende Wissen« nach
der in der Vorrede enthaltenen unerhörten Setzung:
»Das Absolute ist Subjekt«. Wie Odysseus bei Homer oder
auch wie Goethes Faust hat sich der Geist auf die »Entdek-
kungsreise« in das große »Abenteuer des Seins« begeben,

199
wie Jean Hyppolite es auf die Phänomenologie bezogen
nannte.
Ein solches Erkennen hat freilich alle Gründe, mit An-
spruch aufzutreten. Es gehört nicht zum »gemeinen
Weg«, den man im »Hausrocke« machen kann, sondern
zu einer »Wissenschaft« anderer Art: »im hohenpriesterli-
chen Gewände schreitet das Hochgefühl des Ewigen, Hei-
ligen, Unendlichen e i n h e r . . . « , bedeutet also Teil eines
höher gestaffelten Wissens, des höchsten, nämlich der
Philosophie, deren eigentlicher Gegenstand der Geist als
»absolute Freiheit« ist. Warum? Die »ungeteilte Substanz
der absoluten Freiheit erhebt sich auf den Thron der
Welt, ohne daß irgend eine Macht ihr Widerstand zu
leisten vermöchte«.
Hier ist der Philosophie bereits ein Rang zuerkannt, der
den der Religion weit überragt, und zwar in jenem großen
Hegclschen Gedanken mit weitausgreifender Wirkung im
gerade begonnenen 19. Jahrhundert: daß der Verlust der
Religion durch die Philosophie ersetzt werden muß.
Das unterbaut die Position, die Hegel zur Religion
einnimmt, in der, wo sie sich von ihrer eigenen Bestim-
mung entfernt, die »Entäußerung« einsetzt, die den sich
selbst findenden Geist desavouiert. Die auch in die Welt
der bürgerlichen Beziehungen einbricht und jedem an ihr
Beteiligten die Fremdheit zum anderen beschert. Karl
Marx hat später in den Ökonomisch-philosophischen Manu-
skripten seine Vorstellung vom »Wesen der Arbeit« aus der
Phänomenologie heraus entwickelt, wo Hegel »die Selbster-
zeugung des Menschen als einen Prozeß faßt« und »den
gegenständlichen Menschen, wahren, weil wirklichen
Menschen, als Resultat seiner eigenen Arbeit begreift«.
Eine Menschwerdung durch Arbeit, allerdings ohne den
Blick auf die negative Seite der Arbeit innerhalb der
kapitalistischen Produktion! Das war über die Grenzen
der bürgerlichen Gesellschaft hinausgedacht, für die He-
gels Vorstellung von Herr und Knecht in der Phänomeno-
logie die sie erklärende Theorie entwickelt hatte.
Mit »Aufklärung« indessen hat das alles nichts mehr zu
tun. Die »Aufklärung«, die in Kant auf ihren Höhepunkt

200
geführt worden war, wird von Hegel so gesehen wie der
Stoizismus und Skeptizismus, die dem Übergang »des Gei-
stes« vom Griechentum zum Römertum angehören, also
sich nicht mehr auf der ganzen Höhe ihrer Welt befinden.
In der »Aufklärung« ist bereits »der sich entfremdete
Geist« am Werk, der sich zwar vorderhand große Ver-
dienste, etwa im Kampf gegen den Aberglauben, erwor-
ben hat, deren Schwäche aber darin liegt, daß sie »eben so
wenig über sich selbst aufgeklärt« ist, sich im eigenen
Negativen nicht erkennt. Hegelisch ausgedrückt: »Die
Aufklärung isoliert ihrer Seits eben so die Wirklichkeit als
ein vom Geiste verlassenes Wesen ...«
Der Satz spricht für Hegel und spricht für sich in jenem
Sinne, den Marx beim Namen nennt, wenn er in der
Phänomenologie die »Geburtsstätte und das Geheimnis der
Hegelschen Philosophie« sieht. Das heißt auch: das Buch
läßt sich dieses »Geheimnis« durch keinen noch so schar-
fen Verstand ablisten. Mit diesem Eingeständnis steht
Marx in der Nähe vieler anderer, so Goethes, der dieses
noch in seiner Ägide als weimarischer Minister und He-
gels Vorgesetzter verfaßte Werk nie verstanden hat und
dies eingesteht.
Die Phänomenologie des Geistes als erstes die Anfänge der
Dialektik schon zusammenfassendes Werk enthält bereits
das ganze künftige Programm der Hegelschen Philoso-
phie, und zwar noch ohne die später auftretenden Wider-
sprüche zwischen System und Methode. Das hatte be-
stimmte Gründe. Das Hegelsche System war an die philo-
sophiegeschichtliche Situation, wie sie sich insbesondere
durch Kant, Fichte und Schelling darstellt, gebunden und
dem Prozeß ausgesetzt, der es überholbar machte. Nicht
die Methode als Methode der Dialektik! Zu ihr gehört die
Kargheit in den Mitteln. Alles ist auf den Geist und seine
Bewegungen zurückgeworfen, wo der Geist nichts hat als
sich selber und damit in das letzte Stadium des Idealismus
eintritt: » I n Hegels Begriff der Phänomenologie des Gei-
stes ist der Geist nicht Objekt einer Phänomenologie
sondern die Art und Weise, wie der Geist selbst ist«
(Heidegger). Im dialektischen Denken als Denken

201
schlechthin kommt der Geist zu sich selbst, der dadurch in
den Stand gesetzt wird, den Bauplan Gottes und sein
Wirken in Zeit und Ewigkeit zu erkunden: »Der Geist ist
hiermit das sich selbsttragende absolute reale Wesen.«
Aber es gilt schon hier: Dialektik ist nie die Sache des
»weltgeschichtlichen Individuums«. Napoleon, der vom
Hegel der Phänomenologie so hoch Bewunderte, ist kein
Dialektiker; dialektische Einsicht scheint eher den Willen
zur Tat zu schwächen. Aber der Täter unterliegt sehr
wohl, wie sich noch herausstellen sollte, dem Gesetz der
Dialektik in der Geschichte, wenn er nach dem Sieg bei
Jena, den Hegel als von napoleonischen Soldaten geplün-
derter armer Gelehrter erlebt und sogar begrüßt hatte,
über den unwiderstehlichen Aufstieg in die Niederlage
und schließlich den militärischen und politischen Unter-
gang getrieben wird. Hier war unmittelbar der »Welt-
geist« am Werk, der »die Geduld gehabt, ... die unge-
heure Arbeit der Weltgeschichte . . . zu übernehmen«. Es
ist darin nichts dem Zufall überlassen. Wenn die Stunde
gekommen ist, dann zieht er unaufhaltsam seine Bahn,
dann ist er der Wegbereiter der Weltgeschichte: wie Na-
poleon, nach Goethe der »Weltgeist zu Pferde« oder auch
die »Weltseele«, wie Hegel ihn nennen wird! Es bricht hier
gleich wieder die autobiographische Seite in ihrer Berüh-
rung mit der Französischen Revolution und der Sympa-
thie für das Napoleonische Kaisertum durch, wenn es in
der Vorrede heißt: »Der Geist hat mit der bisherigen Welt
seines Daseins und Vorstellens gebrochen, und steht im
Begriffe, es in die Vergangenheit hinab zu versenken.«
Auf Heidegger gestützt läßt sich die Phänomenologie des
Geistes als Hegels Wissenschaftslehre verstehen. Darin lag
auch die bewußt im Überholen angestrebte Kontinuität
zur Fichteschen Philosophie. Das heißt hier: Eine von der
»Wissenschaft« losgelöste Philosophie kann es nicht ge-
ben. »Die wahre Gestalt, in welcher die Wahrheit existiert,
kann allein das wissenschaftliche System derselben sein.
Daran mitzuarbeiten, daß die Philosophie der Form der
Wissenschaft näher komme, ... ist es, was ich mir vorge-
setzt.« In eine von den Wissenschaften losgelöste Philoso-

202
phie wie in die von der Philosophie losgelösten Wissen-
schaften etwa durch ihre Spezialisierung wäre nach He-
gelschem Verständnis die »Entfremdung« eingezogen.
»Das Ziel ist die Einsicht des Geistes in das, was Wissen ist.«
Das wäre bei einer Abspaltung des einen vorn andern
unmittelbar betroffen, würde auf Kosten der »Totalität«
gehen: »Denn die Methode ist nichts anderes als der Bau
des Ganzen in seiner reinen Wesenheit aufgestellt.« Me-
thode hier als die dialektische, als die dem Denken origi-
när anhaftende Methode verstanden! So verrät es uns
Hegel in der Vorrede.
Allein in dieser Bekanntmachung wie in der Ausschließ-
lichkeit des Bekanntgemachten lag eine der großen Kühn-
heiten des gerade angebrochenen Jahrhunderts. Davon
wird noch viel zu hören sein. Aber sie bringt noch eine
zweite Kühnheit, die der ersten die Waage hält und an der
sich die »Hegelianer« wie auch ihre Gegner die Zähne
ausbeißen werden, nämlich Hegels Empfehlung, »den
Namen: Gott, zu vermeiden, weil dies Wort nicht unmit-
telbar zugleich Begriff, sondern der eigentliche Name, die
feste Ruhe des zum Gründe liegenden Subjekts ist; da
hingegen z. B. das Sein, oder das Eine, die Einzelheit, das
Subjekt, selbst auch unmittelbar Begriffe andeuten«. Es
war dies die Empfehlung des ehemaligen Tübinger Theo-
logen, mit der Sprache eine Enthaltsamkeit zu üben, die
den eigentliche Person oder Geist gewordenen Gegen-
stand des theologischen Fragens nicht mehr nach alter
Herkunft benennt, sondern zum Neutrum des Begriffs
macht, ihn in eine unpersönliche Absolutheit hineinrückt.
Das war nichts weniger als die Quadratur des Zirkels, wo
sich Theologie in Antitheologie verwandelt und doch eine
verkappte Form der Theologie bleibt. Hier ist eine Rich-
tung eingeschlagen, die den später an Hegel sich reiben-
den und entzündenden Geistern den Atem verschlagen
wird, sie auseinander und gegeneinander treibt. Man darf
nicht nur an die hcgelschen Schulen denken, etwa an
Bruno Bauer, der Hegel für den Atheismus mit Beschlag
belegen wird, an Marx und Engels als die Anhänger der
»Methode« mit der am weitesten reichenden Wirkung,

203
sondern auch an Schopenhauer, den mißgünstigsten Le-
ser Hegels, der in ihm den eifrigen Anwalt des jüdisch-
christlichen Monotheismus, nur auf den neuesten philo-
sophischen Stand gebracht, sieht.
Die Methode, zur Vereinbarkeit des Nichtzuvereinba-
renden zu gelangen, war in der Vorrede zur Phänomenolo-
gie als dem ersten grandiosen Entwurf al fresco ausge-
führt. Übrigens nicht ohne kräftige Beispiele für die
sprachliche Roheit in der Ausführung! Ein erstes Ausle-
gen der Fäden, ein Verflechten als Vorbereitung für ein
Verwirrspiel! Insoweit ist die Phänomenologir immer noch
erst Ankündigung für die Inbetriebsetzung der Dialektik
mit dem Eindruck, eine »Höllenmaschine« zu sein. Sah
Adorno in der Französischen Revolution und Napoleon
sozusagen als plötzlich einschlagende Blitze die »Dialek-
tik« des Buchs, so läßt sich beinahe das gleiche von der fast
unvermutet eingeführten »Schädellehre« Galls und Lava-
ters Physiognomik sagen.
Die Schwierigkeiten beim Verständnis der Phänomenolo-
gie ergeben sich auch daraus, daß hier historische und
systematisch-abstrakte Denkweise zusammengehen nach
der vorausgesetzten Einsicht, wonach der jeweils erreichte
theoretische Entwicklungsstand innerhalb der Mcnsch-
heitsgeschichte mit dem historischen Entwicklungsstand
zusammengedacht werden muß unter Einschluß der Er-
kenntnis, daß Geschichte jeweils vom Stadium der Natur-
geschichte zu verstehen ist (Lukács). Dieses beständige
Ineinanderübergehen verschiedenartiger Betrachtungs-
weisen, das Verknüpfen von aus der Abstraktion herge-
holten Kategorien mit den geschichtlichen Erscheinun-
gen wie Religion, Kunst, Wissenschaft, Philosophie usw.,
wirkt an der für die Ausdeutung so oft verhängnisvoll
gewordenen Verwickeltheit gerade dieses Werks mit.
Friedrich Engels hat in seiner Schrift über Feuerbach in
der Phänomenologie eine »Parallele der Embryologie und
der Paläontologie des Geistes« gesehen, »eine Entwick-
lung des individuellen Bewußtseins durch seine verschie-
denen Stufen, gefaßt als abgekürzte Reproduktion der
Stufen, die das Bewußtsein der Menschen geschichtlich

204
durchmacht«. Das spielt auf die von Hegel dargestellte
Zusammengehörigkeit von Geist und Natur, von Weltge-
schichte, die im Nacheinander der Zeit abläuft, und Na-
turgeschichte als schon vorweg geleistete und weiter zu
leistende Arbeit an. Der Eindruck des Unfaßbaren bleibt
immer der vorherrschende, er hat bei Rudolf Haym frei-
lich ganz die negativen Züge seiner Hegel-Kritik ange-
nommen, wenn er die Phänomenologie eine durch die »Ge-
schichte in Verwirrung und Unordnung gebrachte Psy-
chologie und eine durch die Psychologie in Zerrüttung
gebrachte Geschichte« nannte.
Mit dem »Selbstbewußtsein« war nach Descartes' und
Fichtes Vorarbeit eine ganz neue konstituierende Größe
mit allen Wagnissen in die Philosophie eingeführt wor-
den. Hegel stellt es dementsprechend als »neue Gestalt
des Wissens« vor, »das Wissen von sich selbst« im Verhält-
nis zu dem Vorhergehenden, dem Wissen von einem
Andern. Ein solches Wissen ist im »Selbstbewußtsein«
untergegangen, »verschwunden«, aber »seine Momente
haben sich zugleich ebenso aufbewahrt, und der Verlust
besteht darin, daß sie hier vorhanden sind, wie sie an sich
sind«. »Selbstbewußtsein« ist »wesentlich die Rückkehr
aus dem Anderssein«, es braucht im Sinne von Fichtes
Ich = Nicht-Ich-Gegensatz den Andern, um »zur Wahr-
heit der Gewißheit seiner selbst« zu gelangen. Hier war
zugleich das Zusammenfallen mit einer sich zur »Wahr-
heit« hinbewegenden »Gewißheit« erfolgt. Die »Gewiß-
heit« an sich ist nach Hegel beschränkt. Sie »sagt von dem,
was sie weiß, nur das eine aus, daß es ist«. Die »Wahrheit«
der »Gewißheit« enthält nichts anderes als »das Sein der
Sache«. Die Sache ist, weil sie ist. Das »Bewußtsein« bringt
von seiner Seite als »Gewißheit« nur das reine Ich mit, um
die Subjekt-Objekt-Beziehung zu eröffnen: »Ich« als »rei-
ner Dieser« und der Gegenstand als »reines Dieses« nach
der Phänomenologie des Geistes: »Ich habe die Gewißheit
durch ein Anderes, nämlich die Sache; und diese ist eben
so in der Gewißheit durch ein Anderes, nämlich durch
Ich.« So wird im »Selbstbewußtsein« der Vereinigungs-
punkt von Subjekt und Objekt, von Gewißheit und Wahr-

205
heit erreicht, wo das Bewußtsein »sich selbst das Wahre« ist,
hier als Exposition vorangestellt mit dem Blick für das
Fortschreiten des Geistes, den in Bewegung befindlichen
Begriff, die im Unterschied zur Konzeption Fichtes »das
Selbstbewußtsein jedoch als Selbstwerden« erscheinen
läßt (Pöggeler).
Die Folgerung, daß das Subjekt in seinen Erscheinungs-
formen mit den Erscheinungsformen des Objekts zusam-
menfällt, war von Fichte als dem Vater der Identitätsphi-
losophie nicht gezogen worden. Die »Erscheinung« ge-
hört nach Hegel dem Objekt der Sache selber an, und es ist
von ihr auch wieder zu unterscheiden. Das Objekt wird
vom Subjekt in seiner »Erscheinung« erfahren, die aber
noch nichts über die »Wahrheit« sagt, denn die »Erschei-
nung« kann auch Irrtümer und Täuschungen enthalten.
Das Individuum als Subjekt oder besser gesagt: die
menschliche Individualität mit ihrem Gipfelpunkt in der
»bürgerlichen Gesellschaft«, der sich Hegel in der Enzyklo-
pädie und der Rechtsphilosophie mit besonderer Konzen-
tration zuwenden wird, hat ein langes Heranreifen hinter
sich. Mit der Weiterentwicklung des individuellen Be-
wußtseins ist an einen Gegensatz von subjektivem Ich und
objektiver Wirklichkeit herangeführt, in dem die Dialek-
tik des Verkehrens den tragischen Zusammenstoß ein-
schließt. Der Gedanke der »Entäußerung« angesichts der
von der menschlichen Gattung geleisteten Arbeit kann
erst langsam aus dem Dämmerlicht ins Bewußtsein treten,
ohne daß er darum schon Erkenntnis geworden wäre.
Am berühmt gewordenen Herr-Knecht-Verhältnis der
Phänomenologie hat Hegel das im Dunkel liegende dialekti-
sche Wesen der Arbeit ans Licht gebracht. Die Überlegen-
heit, die der Herr sich gegenüber dem Knecht durch das
eingegangene Wagnis »im Kampfe«, wie Hegel sagt, ver-
schafft hat, hält den Knecht in Abhängigkeit, die notwen-
dig ist, um die Arbeit für den Herrn zu leisten. Die Arbeit
ist dem Knecht überlassen, der Gewinn, der aus der Arbeit
kommt, fällt dem Herrn zu. Aber weil in diesem Akt, wo
Arbeit und ihr Gewinn, Arbeiter und Genießender, sich
voneinander trennen, zwischen dem Herrn und seinem

206
Knecht sich das »Ding« in seiner Selbständigkeit befindet,
»schließt sich der Herr dadurch nur mit der Unselbstän-
digkeit des Dinges zusammen«; »die Seite der Selbständig-
keit aber überläßt er dem Knechte, der es bearbeitet«. Das
Selbstbewußtsein des Herrn, der im Knecht das Mittel zur
Arbeit und zu seinem Ertrag sieht, hat hier seinen Höhe-
punkt erreicht. Mit der Arbeit am physischen Objekt aber
erreicht das Bewußtsein des Knechts eine Selbständigkeit,
mit der der Wechsel in seinem Verhältnis zum Herrn
eingeleitet wird, allein aus der im dialektischen Akt dieses
Verhältnisses angelegten Gegenläufigkeit heraus. Das
Verhältnis kehrt sich um. Der Knecht wird Herr, der Herr
wird Knecht. Der Herr, der seinem Knecht die Arbeit
abnötigt, hat sich durch die Arbeit, die er braucht, in die
Abhängigkeit des Knechts begeben. Der Knecht, der aus
Not oder Furcht oder beidem sich die Arbeit angelegen
sein lassen muß, erhält durch die Beherrschung der Ar-
beit Macht über den Herrn und gelangt als Arbeitender zu
einem Selbstbewußtsein, das ihm der Herr von seinem
Wesen als Herr aus nicht zuerkennt.
Der im Arbeitsverhältnis steckende »Betrug« wird
durch diese Umkehrung als »aktive Negation des Gegebe-
nen, ... die jedem blutigen Kampf und jeder sogenannten
physischen Arbeit zugrunde liegt« (Kojeve) gesühnt, auch
wenn der Betrug wie seine Aufdeckung nicht ans Licht
gelangen. Die Verschiebung erfolgt im Verschwiegenen,
weil die Transzendenz einen Betrug nicht zuläßt. So wird
das Jenseitige, vor dessen Unsicherheit, es zu erkennen,
Kant zurückschreckte, bei Hegel ausdrücklich ins Be-
wußtsein verlegt. Und Hegel weiß: »das Handeln ist eben
das Werden des Geistes als Bewußtsein ... dasIndividuum
kann daher nicht wissen, was es ist, ehe es sich durch das
Tun zur Wirklichkeit gebracht hat.« Der umkehrende
Akt, der in der Arbeit als Weg zum Selbstbewußtsein
geleistet wird, liegt dabei im Vollbringen, nicht im Voll-
brachten, in der Tat selbst, nicht im Ertrag oder im
Gewinn, möglicherweise im Ruhm, der Folge davon ist.
Die Systematik des Geistes in allen seinen Eigenschaf-
ten, wie Hegel sie am Werke sieht, gelangt phänomenolo-

207
gisch immer auch in der Geschichte zur Auswirkung. Das
ließ sich nach der Vorarbeit der Geschichtsphilosophen
Vico und Herder nicht außer Kraft setzen. Bei Herder,
insbesondere in seinen Ideen zu einer Philosophie der Ge-
schichte der Menschheit, waren alle Elemente der Hegel-
schen Geschichtsphilosophie bereits anwesend, ein-
schließlich ihrer dialektischen Behandlung. Sie kannten
auch schon die großen Schnittpunkte der Weltgeschichte,
den Untergang der Antike durch die Heraufkunft des
Christentums, den aus der römischen Sklavenwirtschaft
herauswachsenden Feudalismus als der eigentlichen Be-
wirtschaftungsgrundlage des katholischen Mittelalters
und dem der Religion anhängenden »Priesterbetrug«, wo
ihr »Geist« preisgegeben ist, des weiteren die Anfänge des
bürgerlichen Zeitalters, der sogenannten »bürgerlichen
Gesellschaft«. Was Hegel von Herder unterscheidet, war
weniger ein Unterschied in der Perspektive des histori-
schen Sehens, sondern das Zusammenziehen der Ge-
schichte auf die außerhalb der geschichtlichen Vorgänge
liegenden, von Hegel gesetzten Systematik, wie Hegel
überhaupt immer und »nachdrücklich auf dem System als
Charakter der Wahrheit« insistiert (Hyppolite). Das ab-
strakte Herr-Knecht-Verhältnis kennt bei Hegel konkret
den von der antiken Leibeigenschaft bis zur bürgerlichen
Gesellschaft reichenden Boden, auf dem hier wie dort mit
Gewalt zu rechnen ist, wie Hobbes es ausdrücklich be-
schrieben hat: die »Wolfsgesellschaft«, für die die bürger-
liche Ökonomie sie nach Adam Smith in sublimierteren
Formen des Eigennutzes bereithält. Es waren jedesmal
Krisen, die in die Bewußtseinsentwicklung durch den
Übergang von der Antike zur christlichen Welt wie auch
der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft hineingear-
beitet worden sind und die auch die Grundlagen der
neuen Zeit haben bilden helfen. Die bürgerliche Gesell-
schaft beruht dabei nach Hegel auf der Gesellschaftlich-
keit der Arbeit, d. h. der Arbeit, die der einzelne nicht nur
für sich, sondern für alle leistet, an der aber auch die
vorausgegangene Arbeit mitwirkt: »Die Arbeit des Indivi-
duums für seine Bedürfnisse ist ebensosehr eine Befriedi-

208
gung der Bedürfnisse der Anderen als seiner eigenen,
und die Befriedigung der seinigen erreicht es nur durch
die Arbeit der Andern.« Das alles gehört mit zur Ausein-
andersetzung zwischen Individuum und gesellschaftli-
cher Realität, ist Teil ihrer Dialektik, wobei die Fremdheit
zwischen den antagonistischen Kräften darin besteht, daß
jede sich dem Gegenspieler nicht immer zu erkennen gibt.
Sie lassen sich nicht enträtseln. Diese Sicht der Dinge und
ihre Behandlung machen aus Hegel den einzigen Philoso-
phen »der Periode nach Kant, der im tiefsten Sinne des
Wortes originell an die Probleme der Epoche herantritt«
(Lukács). Dem Individuum bleibt der Sinn, der in der
»Macht der Allgemeinheit« liegt, verborgen, es findet sich
mit seinen Bedürfnissen und Zwecken unverstanden und
muß es hinnehmen, wenn es bei seinem Versuch, sich
dagegen aufzubäumen, von der »abstrakten Notwendig-
keit« zerschmettert wird. In dieser Kollision ist das schei-
ternde Individuum Gegenstand der Tragödie geworden,
das in seinem Sturz daran erinnert wird, daß es als Indivi-
duum der bürgerlichen Gesellschaft, ebensowenig wie
diese, kein »rohes Naturprodukt«, sondern vorläufiger
Abschluß einer langen natur- und gesellschaftsgeschicht-
lichen Entwicklung ist.
Um zum »objektiven Geist« zu gelangen, muß die Indi-
vidualität zunächst im »subjektiven Geist« befangen sein,
weswegen Pöggeler die Phänomenologie als »Teil der Phi-
losophie des subjektiven Geistes« verstanden wissen
möchte; aber erst von der höheren Stufe des objektiven
Bewußtseins aus ist es für das individuelle Bewußtsein
möglich, sich selbst und den Gang, den die menschliche
Entwicklungsgeschichte hinter sich hat, zu begreifen. In
der Begegnung mit dem Objektiven erfährt das Subjek-
tive die »Entäußerung« des individuellen Bewußtseins.
Seine »Entäußerung« in der Hingabe an die Arbeit führt
das Subjekt zugleich zum Vereinigungspunkt der gesell-
schaftlichen Interessen, dahin, wo sich die Wege von
Subjektivität und Objektivität begegnen und auf ihrem
weiteren Entwicklungsgang vereinen.
Der Weg, den der »absolute Geist« einschlägt, führt von

209
der Religion und Kunst zur Philosophie, es ist der Weg
zum »absoluten Wissen«, wo natürlich die Philosophie als
höchste Emanation des Geistes die von Religion und
Kunst als früheren Stufungen des Geistes geschaffenen
Elemente in sich aufgehoben hat, um sie in der allerreinsten
Weise zu spiritualisicrcn. Der »absolute Geist« hat alle
Gegenständlichkeit abgelegt. Es gibt nichts in ihm, was
nicht Geist wäre, also nicht das, was in der Kunst noch
materiell, in der Religion noch Gerät wäre. Es wird darin
ersichtlich, daß in dieser Vorstellung vom »absoluten
Geist« die von Kant über Eichte führende Entwicklung
des Idealismus hier ihren Höhepunkt erreicht, d. h. die
Preisgabe der Materie vollständig ist.
Auch für Hegel selbst ist mit der Aufgipfelung der
Taten des »absoluten Geistes« in der Philosophie die
Behandlung der vorausgehenden Stationen Religion und
Kunst noch nicht abgeschlossen, kann sie nicht abge-
schlossen sein. Hegel weiß durch die Berührung mit Goe-
the, daß es Kunst gibt, an die keine Philosophie spekulativ
heranreicht, und er wird gerade dieses Wissen dem Ent-
wurf seiner Ästhetik zugrunde legen, und zwar in der
Vorstellung von einer »objektiven Kunst« (Homer, So-
phokles, Shakespeare). In der Behandlung der Religion
als Zwischenstation kommt nicht nur der antagonistische
Charakter der Religion zum Vorschein, sondern auch der
antagonistische Charakter der Hegeischen Behandlungs-
weise. Es ist ein Unterschied, ob Religion als »Kunstreli-
gion« der Antike die Maße bestimmt, an denen die Reli-
gion gemessen wird, oder ob das aus dem Judentum
herauswachsende Christentum mit der rückwirkenden
Kraft seiner Heilsgeschichte wie eine Wcltachse in den
Mittelpunkt der Welt gestellt wird.
Mit der »Entäußerung« ist die Beziehung zwischen
Religion und Dialektik zustande gebracht, bei deren Dar-
stellung die ganze Mehrschneidigkeit des Hegeischen Re-
ligionsverständnisses zum Ausdruck gelangt. Hegels Ver-
ständnis der Religion hat wohl den Anfang des Wegs zur
Feuerbach sehen Religionskritik gezeigt, aber er selbst ist
diesen Weg, der die Religion als aus dem menschlichen

210
Bewußtsein hervorgehenden »Seligkeitsegoismus« zeigt,
nicht weitergegangen. Er hat vielmehr die jeder Religion
eigenen Anfänge in ein mythisches Dunkel zurückverlegt
und in ihnen die dialektische Triade vor sich gehen lassen,
die in der »Versöhnung des Bewußtseins mit dem Selbst-
bewußtsein« ihren Anschluß findet. Unmittelbarer Natur-
zustand — Fall in die Entäußerung — Vereinigung: dieser
Stufengang der Dialektik findet in der Religion statt, die
Religion ist die historische Sphäre, in der er stattfinden
kann, die das »Bewußtsein« schafft, das mit dem »Selbst-
bewußtsein« zusammenfließt. Aber: »das Bewußtsein ist
in der Ordnung, in der uns seine Gestalten vorkamen, teils
zu den einzelnen Momenten derselben, teils zu ihrer
Vereinigung längst gekommen, ehe auch die Religion
ihrem Gegenstande die Gestalt des wirklichen Selbstbe-
wußtseins gab«. Das rückt die Dialektik in die Nähe von
etwas, das am Bild der Religion mitgeschaffen hat; die
»Dialektik der Natur«, von der Friedrich Engels später
sprechen wird, hat die dialektische Vereinigung im »Be-
wußtsein« längst stattfinden lassen, bevor die Religion für
die Schaffung des wirklichen Selbstbewußtseins wirksam
wurde.
Damit hat Hegel, was ihm später vorgehalten werden
wird, bei der Fortführung des Gedankens von der »Positi-
vität der Religion« bereits in der Phänomenologie des Geistes
unter Respektierung ihrer formalen Seite vom hier bereits
angesteuerten Höhepunkt des Idealismus aus der Reli-
gion immer auch theoretisch das Grab bereitet. Denn die
historische Religion, die in ihrer höchsten, der monothei-
stischen Form, mit »Himmel und Erde« rechnet, mit der
»Schöpfung« die »Anfänge« in Verwahr nimmt, ist mit
dem Gedanken, daß sie selbst nur Durchzugsbereich der
Dialektik ist, um ihr Selbstverständnis gebracht. Es ist in
ihr zwischen einem dialektisch vermittelten und einem gött-
lichen Gott (Dieter Sinn) unterschieden. Eine Religion, die
nicht mehr am Anfang steht, ist keine Religion mehr, ein
Gott, der nicht mehr Schöpfer, sondern dialektische Her-
vorbringung ist, hat entscheidende Erkennungsmerk-
male des Einen Gottes verloren und damit alle, er ist nicht

211
mehr der, der er sein mußte, um Gott zu sein; zurück
bleibt der »Schmerz, der sich das harte Wort ausspricht,
daß Gott gestorben ist«.
Kennzeichen von Hegels theoretischer »Aufhebung
der christlichen Religion« (Löwith) ist, daß sie auf dem
höchsten Entwicklungsstand des objektiven Idealismus
zustande kommt, sie hat die Vorstufen des subjektiven
Idealismus, der spinozistisch die Auflösung der Person im
Geist und das Ende des Gegenstandes, sein Aufheben im
»Begriff« kennt, hinter sich liegen. Hegel hat nicht um-
sonst später vor der Gleichsetzung Spinozismus = Atheis-
mus gewarnt, sicher auch aus eigener Betroffenheit, weil
er wußte, wie sehr der damit verbundene Bannstrahl ihn
selbst meinen könnte. Der Pantheismus stellt nach Scho-
penhauer, der darüber als Anhänger der indischen Erlö-
sungslehre letztinstanzlich urteilen wird, bloß eine vor-
nehmere Form des Atheismus dar: Gott wird darin aus
der Welt hinauskomplimentiert. Die Zahl der Götter ist ins
Unendliche gerückt, so daß es am Ende den Einen Gott
nicht mehr gibt. Der Pantheismus muß aber gerade ange-
sichts der Bedeutung Spinozas für die gesamte deutsche
idealistische Bewegung wie für die Weimarer Klassiker bei
Hegel immer ernsthaft in Betracht gezogen werden. Wo
Gegenstand, Körper, Ding idealistisch im »Geist« versin-
ken, wird für jeden damit verbundenen theologisch-phi-
losophischen Ansatz pantheistisches Denken unausweich-
lich, mit der Folge, daß sich der jüdisch-christliche Gott als
Person darin nicht mehr wiederfinden kann. Ein mit An-
flügen des Pantheismus behaftetes Ghristentum hat sich
selbst schon zum Einsturz gebracht. Die »pantheistische
Drachensaat« des Hegelianismus möchte später bei sei-
nem Regierungsantritt König Friedrich Wilhelm IV. aus
Berlin und Preußen verbannt sehen.
Die Phänomenologie kennt dieses Schwanken Platons zwi-
schen dem Gott und den Göttern. Mit dem Tode Gottes ist
»die sittliche Welt und die Religion derselben in dem
kosmischen Bewußtsein versunken ...«. Aber die Trostlo-
sigkeit ist nicht geringer, wenn »das Vertrauen in die
ewigen Gesetze der Götter, wie die Orakel, die das Beson-

212
dere zu wissen taten, verstummt«. Die Herrlichkeit vor
der »Entäußerung« hat aufgehört: »Die Bildsäulen sind
nun Leichname, denen die belebende Seele, so wie die
Hymne Worte, deren Glauben entflohen ist; die Tische
der Götter ohne geistige Speise und Trank, und aus
seinen Spielen und Festen kommt dem Bewußtsein nicht
die freudige Einheit seiner mit dem Wesen zurück. Den
Werken der Muse fehlt die Kraft des Geistes, dem aus
der Zermalmung der Götter und Menschen die Gewiß-
heit seiner selbst hervorging.« Wenn später Michelet
von einer aus dem Umgang mit den Göttern hervorge-
henden Sprache Hegels spricht, dann gehört dazu die
Klage über das Ende der Götterwelt als Ende der elysi-
schen Herrlichkeit. Solche hymnisch getragenen Partien
waren für Iljin ein Zeugnis dafür, daß es sich bei Hegel
überhaupt nicht mehr um ein gewöhnliches vernünfti-
ges Denken handelt, sondern um übersinnliches Wesen:
»Hegels Philosophie kann nur als .spekulative Theologie
verstanden werden«, ist »Pantheismus«, und zwar in der
gnostiseh anmutenden Vorstellung der Religion als Er-
kennen durch »Anschauung Gottes«. »Religion« im
Sinne der Phänomenologie als »Selbstbewußtsein des Gei-
stes« macht es für einen Theologen wie Küng evident:
»Hegel tritt für den konkreten Gott ein, und der kon-
krete Gott ist ein lebendiger Gott.« Nach Hegel ist die
Religion »die Daseiende Wirklichkeit des ganzen Gei-
stes«. Aber der Gewißheit des Seins steht die Gewißheit
des Nichts gegenüber, dem lebendigen Gott der tote (Ga-
raudy). Das macht die Phänomenologie zur Versamm-
lungssphäre für auf ihren Ausbruch wartenden gegen-
läufigen Tendenzen der nächsten zweihundert Jahre —
eben zum »Geheimnis«.
Bei Hegel ist die Verteidigung der Religion, insbeson-
dere des Christentums, wie er sie in seiner Religionsphi-
losophie unternimmt, später oft in den Vordergrund
gerückt. Verteidigung der christlichen Religion mit phi-
losophischen Mitteln! Offenbar deswegen, weil die eige-
nen Mittel ihre Glaubwürdigkeit nicht mehr garantie-
ren, um sie vor den Einwänden ihrer »Verächter« in

213
Schutz zu nehmen. In seinem späteren Berliner Kollegen
Schleiermacher wird Hegel dem Verteidiger des Chri-
stentums begegnen, bei dem die philosophische Apologie
der Religion auf die Spitze getrieben ist. Wenn Hegel
selbst in die mit Reimarus und Lessing eröffnete Reihe der
»Rettungen« des Christentums — und zwar als spekulati-
ver Philosoph - eintritt, wenn er die Dreifaltigkeit des
christlichen Dogmas durch die dialektische Trias philoso-
phisch beglaubigt, so ist die in der Religion erreichbare
Station noch nicht das Ziel, in dem der »Geist« im »absolu-
ten Geist« zu sich selbst zurückgekehrt ist. Darin liegt ein
von Hegel gegen die »Religion«, auch gegen das Christen-
tum als »absoluter Religion« erhobener Vorbehalt mit
Folgerungen, die erst in der nachhegelschen Zeit drohend
hervortreten. Eine von der Philosophie gerettete Religion
ist in Wahrheit eine zerstörte.
Die Rechnungen, die Hegel in der Phänomenologie des
Geistes als Anwalt der Religion gegen die Religion auf-
macht, werden ihm später von ganz verschiedener Seite
quittiert werden. Das berühmteste Buch Hegels liest sich
recht, wenn man es von den Folgen her liest. So wird
Feuerbach als materialistischer Religionskritiker und mit
der Witterung des Hegelschülers für die Bewegungen des
»Geistes« seinem Lehrer ein Schwanken zwischen theolo-
gischen und atheistischen Positionen nachsagen. Weiter
noch wird Bruno Bauer gehen, der in ihm den Feind des
Christentums und Judentums glaubte entlarvt zu haben
und in der Posaune des jüngsten Gerichts dafür eine nicht
ungeschickt zusammengestellte Zitatensammlung präsen-
tierte. Das enthielt zumindest einen kräftigen Kern von
Wahrheit insofern, als die günstigen Urteile über Hegel
mit den weniger günstigen verwoben waren und es im
Grunde, worauf Bauer abhebt, nur die Griechen sind,
denen Hegels ungeteilte Liebe gilt. Es ist Friedrich Schle-
gel, der mit der ihm eigenen geistreichen Dreistigkeit in
seinen geschichtlich-politischen Vorlesungen von 1822
bei Hegel etwas noch viel Ärgeres als den Atheismus
glaubte entdeckt zu haben, nämlich den »Grundirrtum,
daß er den Satan mit dem lieben Gott verwechselt«, wäh-

214
rend Schelling später den mephistophelischen Geist der
Verneinung darin sehen will.
Das freilich gehört zu den Ausdeutungen, die auch in
andere Richtungen weisen können und die Verlegenheit
anzeigen, in die Hegelsches Denken hineinführt. Nichts
steht mehr an seinem Platz. »Bildung« hängt mit dem
zerrissenen Bewußtsein zwischen den Zeitaltern zusammen.
Ihre Sprache ist die der Auflösung. Das weist auf die über
Fichtes Verständnis der »Aufklärung« hinausgehende
Ambivalenz hin, unter der sie ihm als historische Erschei-
nung aufgespannt erscheint. Sie steht als »die Macht des
Negativen«, die »affirmativ« ist und mit der »reinen Ein-
sicht« gegen den »Glauben« die innere Dialektik des Gei-
stes bei der Arbeit zeigt.
Wo die »Vernunft« den Kampf gegen das aufnimmt,
was sie »Lüge« nennt, spricht sie in der »Lüge« als dem
Anderen von sich selbst, vollzieht sie in der Negation der
Negation ihre eigene Aufhebung. Denn der »Glaube« ist
der »Vernunft« unangemessen, sie kann daher auch gar
nicht über ihn sprechen, ohne ihm Unrecht zu tun. Wo sie
es dennoch tut, »verdreht« sie »ihn in allen seinen Mo-
menten«. Sie will nicht wahrhaben, daß sich in »Vernunft«
und »Glauben« »zwei gleiche Rechte des Geistes« einan-
der gegenüberstehen und zeigt sich damit »ebensowenig
über sich selbst aufgeklärt«.
Es gehört zum eigenen Positionsverständnis Hegels in
der Phänomenologie des Geistes, daß harte Schläge nach allen
Seiten ausgeteilt werden. Die »Vernunft« wird vor den
Ansprüchen des »Glaubens« in Schutz genommen, der
»Glaube« vor den Ansprüchen der »Vernunft«. Um 1806
ist die Zeit der Aufklärung abgelaufen, befindet sie sich in
ihren Rückzugsgefechten auf absteigender Linie. Ihr Er-
trag kann freilich nicht ohne weiteres aus der Welt ge-
schaffen werden und soll es auch gar nicht. Dafür wird
gerade Hegel zum Zeugen. Aber alle Ungebrochenheit
dieser großen Bewegung ist dahin. Sie wird sich hinfort
nur mühsam mit Krücken und Stützen aufrecht halten.
Das führt bei Hegel wieder ins Autobiographische zurück.
Denn der Fackelträger der Aufklärung mit nachlassen-

215
dem Licht wird bis tief ins 19. Jahrhundert hinein Paulus,
Hegels Landsmann und Kollege in Jena, sein, dem er hier
geringe Zukunftsaussichten voraussagt. Der Hauptan-
schlag trifft Schelling, aber Hegel führt ihn nur getarnt.
Er verwischt die Spuren des Angriffs, schießt weit über
das Ziel hinaus, so daß Schelling von außen betrachtet sich
nicht angesprochen fühlen muß. Wo es heißt: »Wenn der
naturphilosophische Formalismus etwa lehrt, der Ver-
stand sei die Elektrizität oder das Tier sei der Stickstoff«,
so »mag hierüber die Unerfahrenheit in ein bewundern-
des Staunen geraten, darin eine tiefe Genialität vereh-
ren ...«, dann konnte Schelling jede Verwandtschaft mit
dem so bitter Verhöhnten zurückweisen. Hegel nennt die
Richtung in ihrer Verzerrung, aber die Verzerrung weist
wieder auf die Richtung zurück, von der sie ihren Aus-
gang genommen hat: auf das Vertrauen in die »Wün-
schelrute«, die Pendelversuche, den Siderismus und Ma-
gnetismus, die ins Unorganische hinabreichen, weiter in
den Kult der »geahndeten Scelenvcrwandtschaft«, in das
Geniewesen. Aber das meint Schelling und seine Na-
turphilosophie im Original, wo die Grenzen mit dem
»Formalismus« als Verzerrung leicht verwischt werden
können, und erschließt sich ganz nur aus der autobiogra-
phischen Vorgeschichte beider bis zum Jahre 1807. Der
Lehrling aus der Berner Zeit hat nicht nur gleichgezogen,
er führt seinem Meister von ehedem bereits ein entwickel-
teres philosophisches Instrumentarium in der Anwen-
dung vor, und das bei aller Bemäntelung für Schelling
unmißverständlich. Das Tischtuch alter Gemeinsamkei-
ten ist — und zwar von Hegels Seite - zerschnitten.
Es gab noch einen anderen Gegner, mit dem Hegel vor
aller Augen gnadenlos abrechnet: der sogenannte »ge-
sunde Menschenverstand« als das »natürliche Philoso-
phieren«, das die »Unschuld des Herzens« und die »Rein-
heit des Gewissens« herauskehrt, auf Weisheiten »im Ka-
techismus« und in den »Sprichwörtern des Volks« setzt, in
denen »Letzte Wahrheiten« verkündet werden. Und dies
zusammen mitder Berufung auf das »Gefühl« als »inwen-
diges Orakel«! Hier sind schon, bevor Hegel sich mit der

216
Schleiermacherschen Religion des Gefühls ausführlich
auseinandersetzt, deren Gefahren vorausgesehen. Wer
sich auf das Orakel des »Gefühls« beruft, ist »gegen den,
der nicht übereinstimmt, fertig; er muß erklären, daß er
dem nichts zu sagen habe, der nicht dasselbe in sich finde
und fühle; - mit andern Worten, er tritt die Wurzel der
Humanität mit Füßen«. Vertrauen auf das »Gefühl« als
erste Instanz, die auch die letzte bleibt, ist der Verzicht,
»auf die Übereinkunft mit andern zu dringen«. Und:
»Das Widermenschliche, das Tierische besteht darin, im
Gefühle stehen zu bleiben und nur durch dieses sich
mitteilen zu können.«
Dem »Gefühl« wird hier vom entschiedensten Gegner
des »gesunden Menschenverstandes« nachgesagt, ein
schlechter philosophischer Ratgeber zu sein. Damit war
natürlich nicht nur wieder Schelling mitgemeint, der sich
in der Naturphilosophie von den Gefühlen der »Ahndun-
gen« tragen ließ, sondern auch Fichtes Subjektivität des
Ich, in der sich die Ideologie der Romantik wiederfand,
wie Goethes »Gefühl ist alles«, das aus dem Faust einen
Wegbereiter romantischen Geistes machte. Hegel erin-
nert daran: Die Aufklärung, auch wenn sie überwunden
ist, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.
Die Präferenz des Geistes ist immer das von Hegel a
priori Gesetzte, denn: »Das Absolute ist der Geist«, wie es
in der Enzyklopädie heißt, es aber schon in der Phänomenolo-
gie feststeht. Sie gilt für alle Philosophie, Religion, Wissen-
schaft; »aus diesem Drang allein ist die Weltgeschichte zu
begreifen«. Die Phänomenologie des Geistes fragt nach dem
Auftreten des Geistes, sie forscht ihrer genauen wörtli-
chen Bedeutung entsprechend nach seinem Erscheinen
und weiß, was Hegel in der »Differenz«-Schrift von 1801
schon gesagt hatte: »Erscheinen und Sich-Entzweien ist
Eins«. Das »Selbstbewußtsein«, in dem das »Bewußtsein«
durch die »Erfahrung« anders geworden und zu sich selbst
gekommen ist, hat den Zustand der »Entzweiung«, wie er
mit der »Erscheinung« heraufkommt, schon durchge-
macht.
Die Phänomenologie Hegels hat nichts mit der Herders

217
zu tun, der sie mit der Geschichte der Menschheit als
Geschichte des Geistes in Religion und Dichtung zusam-
menfallen läßt. Mit Kants »Phänomen« ist jede Gemein-
samkeit unterbrochen durch den Charakter der in Hegels
Phänomenologie hineingelegten Tätigkeit, wo die »Er-
scheinung« an der Umwandlung des »Bewußtseins« in
»Selbstbewußtsein« durch die »Erfahrung« mitwirkt.
»Wissenschaft« vom »absoluten Geist« macht den Geist in
seinem Auftreten erkennbar. Was erscheint, ist der Geist.
Hegels Werk ist als »Erscheinungsgeschichtc des werden-
den Wissens« (Bloch) dem Zur-Erscheinung-Gelangen
des Geistes zugewandt.
Das gehört - äußerlich gesehen - auf die Linie der
sprachlich aufgereihten, immer wiederkehrenden
Grundmuster, die das »System« ausmachen, ebenso wie
»das Wahre ist das Ganze«, das Hegel auch in der Umkeh-
rung gebraucht und das »Wahre« als »Totalität« faßt, die
sich im »absoluten Wissen« findet. Im »absoluten Wissen«
ist die höchste Stufe, die der »All-Einheit«, erreicht, haben
sich sozusagen die im Altesten Systemprogramm ausgespro-
chenen Erwartungen erfüllt. Aber das »absolute Wissen«
enthielt auch ein neues, sehr säkulares Wissen: daß das
Nichts ebenso ist wie das Sein und beides durch ihr Sein
eins sind; von Herr und Knecht; vom Gott, der lebt, und
vom Gott, der gestorben ist.
Die Zukunft wird zeigen: Die Hegelsche »Spekulation«
bleibt immer im Spiel, auch wenn man Hegel ȟberwun-
den« zu haben glaubt. Und man hat dies öfter geglaubt.
Was die Hegelsche Philosophie nicht geleistet hat und was
sie nicht leisten konnte - das kündigt sich bereits in der
Phänomenologie des Geistes an —, war eine Aufdeckung der
Beziehung von »Geist« und »Materie«. Hegel hat wohl
verschiedene und sehr widersprüchliche Entwürfe für die
Lösung dieser Frage, insbesondere in der Großen Logik,
vorgelegt, in denen er die Materie von der Substanzlehre
Platons und der aristotelischen Stoff- und Form-Relation
her weiterbehandelt, aber sie schließlich im »Begriff« auf-
und untergehen läßt. Sie ist als »seiendes Ding« nicht
anzutreffen, ist (bloßes) »Sein als Allgemeines«. Man kann

218
sich sehr wohl die Reserviertheit Goethes gegenüber der
Phänomenologie des Geistes vorstellen, wenn ihm mit seinem
Vertrauen in das Gegenständliche dieses Herüberziehen
der Materie in die Abstraktion des »Begriffs« unverständ-
lich blieb.

218

219
Zwanzigstes Kapitel

Als Journalist in Bamberg

Im März 1807 erschien die Phänomenologie des Geistes, und


in ebendiesem Monat trat Hegel sein neues Amt als Zei-
tungsredakteur an.
War sein Abschied von Jena auch durch äußere Um-
stände erzwungen, die Schließung der Universität wegen
des Krieges, so hat sich Hegel auffallend schnell mit dem
Gedanken abgefunden, in Bamberg eine praktische Tä-
tigkeit auszuüben. Mehr noch: Er entdeckt darin sogleich
die Möglichkeit, Neigungen nachzugehen, die in seinem
Lehramt zu kurz gekommen waren. Denkt man an die
Berner Jahre zurück, wo er im Hause der Familie Steiger
neben seiner Funktion als Erzieher mit Aufgaben der
Gutsverwaltung betraut worden war und sich als geschickt
erwiesen hatte, so erscheint diese frisch erwachte Lust zur
Tat nach den Jahren der Reflexion zunächst mit der
Geburt eines neuen Menschen einherzugehen. Ja, Hegel
sieht darin unmittelbar den Übergang zur Politik.
Das war - wie sich bald herausstellen sollte - viel zu hoch
gegriffen. Die Bamberger Zeitung, von Gerard Gley, einem
Franzosen, der 1791 als Priester sein Land hatte verlassen
müssen, gegründet, dann aber in die Hände eines fürstbi-
schöflichen Kutschers namens Schneiderbanger geraten,
unterlag natürlich der Zensur nach der im obrigkeitsgläu-
bigen Deutschland unangefochtenen Regel: Zeitungen
seien als solche unnütz, aber wenn es sie nun einmal gibt,
hätten sie sich der Kontrolle zu unterwerfen. Hegel ver-
dankte den Eintritt in die Zeitung neu hinzugekommenen
Umständen, über die Wilhelm Raymund Beyer sehr ge-
nau berichtet hat: Der Emigre Gley, der eigentliche Grün-
der, war nach dem Verkauf an Schneiderbanger einige
Jahre später wieder in die Zeitung eingetreten; er befand
sich nun, als die Franzosen nach Bayern kamen, auf der
richtigen politischen Seite und schloß sich dem, napoleo-
nischen Truppen an. Damit war die Stelle eines Chefre-
dakteurs freigeworden. Es gab zwar ein interimistisches

220
Versehen der Funktionen durch Professor Deuber, einem
philosophisch-theologisch-kameralistisch ausgebildeten
Gelehrten, der aber in den Augen Schneiderbangers sein
Amt offenbar mehr schlecht als recht verwaltete, jeden-
falls ausschied. In seiner Not hatte sich Schneiderbanger
an Niethammer gewandt, der jedoch die Nachfolge für
sich selbst ablehnte und auf Hegel verwies.
Als Hegel sich im März 1807 in die Bamberger Redak-
tionsstube begab, um das »Zeitungsgeschäft« zu beginnen,
nahm er damit eine Tätigkeit auf, die zu jener Zeit ohne
große Vorkenntnisse des Metiers zu bewältigen war. Zum
Journalisten gehörte neben einem gesunden Menschen-
verstand der Hang zur Kritik und das Bewußtsein des
Besserwissens. Um das aufzubringen, brauchte man nicht
Hegel zu sein, der dafür von allem mehr als genug aufzu-
weisen hatte. Die technische Seite des Zeitungsmachens
stellte darüber hinaus neben dem anfallenden Zusam-
menstellen der Nachrichten, die dem Pariser Moniteur als
Hauptquelle entnommen wurden, keinerlei höhere An-
forderungen an den Zeitungsmann, Deuber freilich
scheint die Redaktionsgeschäfte in einem verwahrlosten
Zustande abgegeben zu haben. Hier war Hegel offenbar
auf sich allein angewiesen. Niethammer, der ihm dabei
hätte helfen können, war bereits kurz zuvor nach Mün-
chen berufen worden, um dort die protestantischen Be-
lange im bayerischen Schulwesen nach der Gebietserwei-
terung durch die nichtkatholischen Landesteile zu vertre-
ten.
Dein Blatt, das täglich erschien, fehlte übrigens jede
äußere Ansehnlichkeit. Es war auf Löschpapier in Quart-
format gedruckt, bestand aus zwei Blättern oder acht
Spalten, von denen die letzte (und zuweilen auch die
vorletzte) die Lokalnachrichten in Kleindruck enthielt.
Ein Impressum, das Angaben über Verlag und Redaktion
enthielt, sucht man vergeblich.
Rundheraus gesagt, es handelte sich um ein Blatt der
Nachrichtenpresse in sehr bescheidener Form. Das
machte auch einen Leitartikel überflüssig. Wer darum in
Hegel den Verfasser solcher Leitartikel vermutet, kommt

221
nicht auf seine Kosten. Zu seiner Aufgabe gehörte es, die
Nachrichten in einer für die Zensurbehörde annehmba-
ren Form zusammenzustellen und zu redigieren. Das
allein erforderte Geschick und eine Neigung zur Vorsicht,
über die Hegel in ausreichendem Maße verfügte. Um die
gewünschte napoleonfreundliche Linie zu erhalten,
brauchte er sich keinen Zwang anzutun. Und daß der
Staat, hier der bayerische, nicht in das Kreuzfeuer der
Pressekritik geraten durfte, verstand sich für den Beam-
tensohn Hegel von selbst. Er zweifelte nicht im geringsten
daran, daß die Presse eine im Dienst des Staats stehende
Institution ist und zu sein hat. Allerdings mußte es ihn
unbefriedigt lassen, daß er als verantwortlicher Redakteur
des Blattes so in die Anonymität gedrängt wurde.
Damit befand sich Hegel als Journalist eines bloßen
Nachrichtenorgans in einem Dilemma. Er kann sich mit
dem bloßen Abdruck von Nachrichten nicht zufriedenge-
ben, allein schon deswegen, weil die der Presse abgefor-
derte Funktion, für den Staat zu wirken, hier unberück-
sichtigt bleibt. Darum zielt Hegel darauf ab, die Redak-
tionsgeschäfte für eine »Meinungs-Zeitung« nutzbar zu
machen. »Meinungs-Zeitung« wofür? Natürlich für den
Dienst am Staat, mit dem sich der Bamberger Redakteur
abzustimmen hätte, um ihm gegenüber seine Pflicht und
Schuldigkeit zu tun bei gleichzeitigem Tribut an die Ob-
jektivität, die der »Nachricht an sich« innewohnt.
Mit diesen Vorstellungen ist Hegel bereits von Jena
nach Bamberg gekommen, wie sein Schreiben an Niet-
hammer vom 20. Februar 1807 zeigt: »Welcher Ton und
Charakter in die Zeitung gebracht werden könne, dies ist
an Ort und Stelle zu sehen. Man kann unsere Zeitungen
meist alle für schlechter ansehen als die französischen,
und es würde interessant sein, eine Zeitung der Art der
letzteren zu nähern, ohne jedoch das, was der Deutsche
vornehmlich verlangt, eine Art von Pedanterie und Un-
parteilichkeit der Nachricht aufzugeben.« Daraus spricht
nichts anderes - hier auf die Tagespraxis des Zeitungs-
manns angewandt — als der echt Hegelsche Gedanke einer
fortschreitenden Verbindung zweier entgegengesetzter

222
Typen und ihr Übergang zu einem neuen und höheren
Typus, bei dem freilich die Nachricht auch Meinung und
die Meinung auch Nachricht sein kann, also das Dilemma
nur auf eine höhere Stufe verlagert wird.
Hegel hat, wie gesagt, seine Bamberger Redaktionstä-
tigkeit als »Staatsdienst« verstanden, um den er sich durch
die Umstände in Jena gebracht sah, in den er aber, und
zwar um jeden Preis, wieder hineinstrebt. Der Gedanke
von der Presse als einer den Staat kontrollierenden In-
stanz lag ihm von seiner Herkunft, seiner Erziehung, der
Konstruktion des Staats, den politischen Verhältnissen
des vornapoleonischen und des napoleonischcn Deutsch-
lands völlig fern. Hätte er anders gedacht, wäre er für die
Bamberger Zeitung zweifellos nicht der richtige Mann gewe-
sen, hätte er sich nicht um Staatszuschüsse für das Blatt
bemühen können. Wobei er sich konsequenter verhält, als
dies in der »freien Presse« der Fall ist, die, um den Staat zu
kontrollieren, ihn um protektionistische Hilfen unter an-
ders ausgewiesenen Titeln wie Steuererleichterungen,
Reisen für Journalisten mit Diäten und Spesen, Vergün-
stigungen beim Postversand, versteckte Subsidicn über
Annoncen, evtl. sogar Garantien für regional als schutzbe-
dürftig geltende Organe, Abnahmeverpflichtung durch
staatliche Institutionen usw. bitten kann oder sie ungebe-
ten erhält, was Beyer anführt, um Hegels Praxis gegen
mögliche Anwürfe aus der Richtung des »staatsfernen«,
auf »Konkurrenz« aufgebauten Pressewesens zu rechtfer-
tigen.
Als Oppositionsblatt kam also die Bamberger Zeitung
unter Hegels Redaktion nicht in Betracht. Schwierigkei-
ten mit der Polizei, die ihr durch die Zeitereignisse bereitet
wurden und denen sie sich nicht entziehen konnte, hat er
beharrlich und diplomatisch abzuwenden versucht und
dabei in den einundzwanzig Monaten seiner Amtszeit
Erfolg gehabt, aber auch gewaltige Ängste ausgchalten.
Er hat, so gut es eben ging, die Interessen des Zeitungs-
eigentümers, die seinen persönlichen sehr nahe kamen,
vertreten. Das war nur möglich durch die richtige Ein-
schätzung seiner eigenen Lage innerhalb eines nur leid-

223
lieh über die Druckpresse verfugenden politisch aufstei-
genden Bürgertums in einem Lande, in dem der Feudal-
absolutismus zwar seinen Höhepunkt überschritten hatte,
aber immer noch stark genug war, um mit Hilfe der
Zensur die ihm widerstreitenden Kräfte in Schach zu
halten.
Das bedeutet nicht, daß sich Hegel in die ihm von der
Regierung zugedachten Rolle schlechthin gefügt hätte.
Bereits das von ihm angestrebte Gleichgewicht zwischen
Nachrichten- und Meinungspresse ging weit über die in
Bayern geltende Regelung für das Zeitungswesen hinaus.
Das heißt, es ging schon zu weit. Hegel war als Redakteur
wie als Philosoph ein Meister darin, sich durch Hintertü-
ren Zugang zu verschaffen, er kennt sich im Finden von
Umwegen und Schleichwegen aus, die zum Ziele führen.
Dazu gehört seine Einführung von Privatkorresponden-
ten, von Gewährsleuten für besonders zuverlässige Be-
richte, die dann auch sofort das Mißtrauen der Regierung
erregen. Die bayerische Obrigkeit unterscheidet auch in
der Ära Montgelas genau zwischen »offiziellen« und »ge-
wagten« Nachrichten, also zwischen genehmen und uner-
wünschten, zu publizierenden und zu unterlassenden.
Durch seine »Privatkorrespondenten«, die »Eigenbe-
richte« schreiben und damit Farbe in dieses vom bloßen
»Nachgedruckten« beherrschte Blatt bringen, hat sich
Hegel und durchaus nicht ohne Erfolg gegen den An-
schlag der Regierung gewehrt, ihn zu ihrem Büttel zu
machen. Vor allem das bei der Presse nicht totzukrie-
gende ungenierte Nachdrucken hat ihn unentwegt nach
Auswegen sinnen lassen. Daß er jedoch reüssiert hätte,
sich als Journalist der staatlichen Fesseln im Sinne der
Meinungsfreiheit zu entledigen, wird man nicht behaup-
ten dürfen.
All seine Vorsicht, auch nicht den geringsten Anlaß
dazu zu geben, in den Augen der Regierung den Verdacht
wegen oppositioneller Gesinnung zu erregen, reichte
dann doch nicht aus.
Das Auge der Zensur blieb wach. So hat er ein Zeitungs-
verbot wegen eines von ihm aufgenommenen Artikels

224
nicht verhindern können. Man drängt ihn - wie es in
solchen Fällen üblich ist—, den Informanten preiszuge-
ben. Hegel gerät in eine prekäre Lage und erbittet Rat von
Niethammer, er glaubt sogar, persönlich in München
vorstellig werden zu müssen, um Gnade für sich zu erwir-
ken. Als Quelle gibt er am 9. November 1808 mit dem
Ausdruck »tiefster Devotion« die in Erfurt erscheinende
Allgemeine Deutsche Staatszeitung und die in Gotha erschei-
nende Nationalzeitung der Deutschen an. Zu seiner Erleichte-
rung verläuft die Sache schließlich im Sande, und das Blatt
kann weiter erscheinen. Sein Anteil am zeitweiligen Er-
scheinungsverbot stellt sich entgegen seinen ursprüng-
lichen Befürchtungen als viel geringer heraus.
Das Zeitungmachen in Bamberg hatte Hegel einige
unverkennbare Vorteile verschafft. Zwar blieb er wirt-
schaftlich abhängig, aber seine Lage hatte sich gegenüber
der provisorischen, ins Belieben des Herzogs gestellten
Besoldung erheblich verbessert. Er wohnt in zweifellos
stattlichen Verhältnissen im sogenannten »Haus zum
Krebs«, und er kann sich in einer seiner Lebensregeln
bestätigt finden; »ich habe mich«, schreibt er an Knebel
am 30. August 1807, »durch Erfahrung von der Wahrheit
des Spruches in der Bibel überzeugt und ihn zu meinem
Leitstern gemacht: Trachtet am ersten nach Nahrung und
Kleidung, so wird euch das Reich Gottes von selbst zufal-
len.« Zwar hatte er das Angebot Schneiderbangers ausge-
schlagen, die Zeitung zu kaufen, weil er, abgesehen davon,
daß ihm das Geld fehlte, nie daran dachte, länger als eben
nötig sich im Zeitungswesen zu betätigen. Aber auch
darum, weil »diese Arbeit nicht als solides Etablissement
angesehen werden kann«, besonders aber, weil »so ver-
führerisch die isolierte Unabhängigkeit ist, jeder im Zu-
sammenhang mit dem Staat und in der Arbeit für densel-
ben stehen muß« (an Niethammer, 30. Mai 1807). So sehr
er in der Redaktionsarbeit Dienst am Staat sieht, so reicht
er noch nicht aus, weil er »die isolierte Unabhängigkeit«
des Privatmannes nicht aufhebt, die er als unbefriedigend
empfindet. Auf längere Sicht können ihn auch die Vor-
teile, in Bamberg mehr freie Zeit für die eigene wissen-

225
schaftliche Arbeit zu haben als vormals in Jena, nicht zum
Wunsch verleiten, hier eine Dauerexistenz zu suchen.
Man muß sich für einen Augenblick die Rolle Bambergs
in Erinnerung rufen, die die Stadt für die Geburtsstunde
der deutschen Romantik gespielt hatte, als 1793 die bei-
den Berliner Tieck und Wackenroder aus dem protestan-
tischen Norden auf ihrer Pfingstreise durch Franken mit
dem Hochamt im Bamberger Dom, dem Aufzug der
Gläubigen, den Fahnen und Standarten, dem Weihrauch
und den frommen Gesängen das unverfälschte Mittelalter
hier meinten wiedergefunden zu haben. Mit seinem
Wunsch, in Bamberg zu leben, war Hegel, der große
Gegner der Romantik, für eine Zeitlang selbst unverse-
hens in den Wirkungsbereich der romantischen Bewe-
gung hineingeraten. Sein Domizil am Pfahlplätzchen 1
liegt in einem etwa 300 Schritt von der bischöflichen
Residenz gelegenen barocken palastartigen Wohnhaus.
Der ledige Redakteur mit 1300 Gulden Jahresgehalt wird
in der Folgezeit in den Familien der Regierungsadmini-
stration verkehren, er frequentiert die »Teezirkel« vor-
nehmlich in den Häusern der ortsansässigen Beamten-
schaft, so beim Hofgerichtsrat von Pflaum, der Offiziers-
familie von Jolli, dem Konsistorialrat Fuchs, im Salon des
Appellationsgerichtsrats Liebeskind, wo er mit der Gräfin
Soden L'Hombre spielt; mit dem Arzt und Hofrat Ritter
trinkt er Wein und versucht, sich darüber hinwegzutrö-
sten, daß in diesen Kreisen die Philosophie zu kurz
kommt. Hegel, der in der Gestalt des General-Kommis-
sars von Stengel bald die harte Hand der Zensur zu spüren
bekommt, wird das Gefühl nicht los, in Bamberg am
unpassenden Ort zu sein. Der Landespräsident Graf
Thürheim geht sogar so weit, durch Stengel Ermittlungen
wegen des Verdachts auf Unbotmäßigkeit gegen ihn an-
stellen zu lassen. Hegel spricht von einer »Trakasserie«,
die ihm deswegen bereitet worden ist. Mit Bayard, dem
zweiten Mann der Überwachungsbehörde, gab es für ihn,
den Überwachten, freilich ein besseres Auskommen. Aber
schließlich: was hat er in der bischöflichen Residenz, was
hat der Aufklärer, der nach dem Korrekturlesen der

226
Phänomenologie des Geistes sich an die Logik begibt, in der
polizeilich reglementierten Redaktion zu schaffen; es sei
denn, daß der kürzeste Weg des Geistes der Umweg ist? In
Bamberg ist Hegel mit ganzer Bewußtheit in den Strom
einer mit der Religion im Bunde stehenden Welt einge-
taucht und findet darin die Erfahrung bekräftigt, daß
gegen alle in der Weltgeschichte anzutreffende Sklaverei
zum Eigentümlichen des Denkens die Freiheit gehört.
In der fürstbischöflichen Residenz gehen währenddes-
sen die Hoffeste unter Teilnahme des philosophischen
Redakteurs weiter. Der Sieg Napoleons bei Friedland
über die Russen, d. h. der Sieg des großen Feindes der
Kirche über den Zaren als Beschützer des Christentums,
wird in Bamberg mit einem Hochamt, Ambrosianischen
Lobgesängen und einer Militärparade feierlich begangen.
Bei Hegel steigt jetzt die Furcht auf, der Krieg könne zu
Ende gehen. Was kann es für einen Journalisten Besseres
geben als Krieg und Kriegsgeschrei? In einem Brief an
Knebel in Weimar vom 30. August 1807 spricht er von der
zu erwartenden »traurigen Friedenszeit, die für den Zei-
tungsschreiber ist, was der schöne Mondschein und gute
Polizei für Diebe«. Mit dem Friedensschluß brechen
schlechte Zeiten an. Wie wird er es anstellen, um künftig
»der Neugier des Publikums« das nötige »Futter zu lie-
fern«? Hier bricht der Routine-Zynismus des Zeitungs-
manns durch, der weiß, was die Leser haben wollen. Und
damit der Verlust aller Illusionen, die er sich bei seinem
Eintritt in die Redaktion gemacht haben mochte! »Sie
wissen«, so liest Knebel im selben Brief, »daß ich immer
einen Hang zur Politik hatte. Dieses hat sich aber beim
Zeitungsschreiben vielmehr abgeschwächt, als daß es da-
durch Nahrung gefunden hätte.« Das wirkt sich bis in die
Maxime des Redakteurs aus, der nicht im »Inhalt die
Hauptsache« sieht; ihm »gilt eine Neuigkeit als Artikel,
daß er das Blatt füllt«. Die Nachricht muß schon in der
Form ausgeführt vorliegen, sie darf ihm nicht die Mühe
bereiten, sie noch in eine schriftliche Fassung zu bringen.
Denn der Redakteur Hegel in Bamberg scheut das Arti-
kelschreiben wie der Teufel das Weihwasser. Überhaupt

227
sind ihm alle staatstheoretischen Auslassungen angesichts
des französischen Kaisers, des Einen, der überhaupt jetzt
große Politik macht, ein Greuel. Vor allem die »deutschen
Staatsrechtslehrer« mit ihren Schriften über die »Souve-
ränität«, die den Sinn der Bundesakte erraten sollen,
erregen sein Ärgernis. So hatte es Niethammer einen Tag
zuvor von ihm erfahren: »Der große Staatsrechtslehrer
sitzt in Paris.« In Deutschland selbst weiß man gar nicht,
was in Wahrheit gespielt wird: »Die deutschen Fürsten
haben den Begriff einer freien Monarchie noch nicht
gefaßt.«
Der Argwohn, der von München aus auf ihn gefallen
war und zur zeitweiligen Einstellung des Journals führt,
hat Hegel sehr zugesetzt. Anlaß dafür war ein Bericht
seines Weimarer Privatkorrespondenten Knebel, der die
Begegnung zwischen Napoleon und Zar Alexander von
Rußland in Erfurt schilderte, sowie Gespräche, die Napo-
leon mit Goethe und Wieland geführt hatte, nebst einer
Reportage über eine zu Ehren des französischen Kaisers
veranstaltete Jagd in der Gegend von Apolda, wobei sich
der Informant gefällige Diskretion ausbittet. Was daran
anstößig war, läßt sich heute nur schwer ermitteln. Es hat
bereits Hegel selbst Schwierigkeiten bereitet, den Grund
zu erkennen. Denn sonst wäre die Veröffentlichung in
dieser Form unterblieben. Als Zeitungsmann, der neugie-
rig zu sein hat, war Hegel weiter in Knebel gedrungen und
wollte wissen: »Was hat Napoleon mit Wieland und Goe-
the auf dem Balle gesprochen?« — »Sind Sie, um noch auf
die Politik zurückzukommen, beim apoldischen Hasenja-
gen gewesen?« Wobei er allerdings hinzufügt: »Ich frage
Sie das nicht für die Zeitung, sondern für meine Privater-
bauung.« (14. Oktober 1808)
Nun hatte er alles aufgeboten, um keinen Verdacht der
bayerischen Obrigkeit gegen sich aufkommen zu lassen
oder ihn der frondierenden Presse, wozu die Allgemeine
Zeitung in Ulm mit ihrem Redakteur Stegmann gehörte,
zuzurechnen. Das alles sollte vergeblich gewesen sein. Die
tiefe Aufgewühltheit darüber zeigt noch die »allerunter-
tänigste Anfrage und Bitte um Belehrung«, worin unter

228
Berufung auf das königliche Dekret vom 6.September
1799 die »unterzeichnete Redaktion« nachsucht, »gleich
den übrigen Königlich-Baierischen Provinzial-Zeitungen
alle unanstößigen, mit Bescheidenheit abgefaßten und
den politischen Verhältnissen auf keine Weise widerspre-
chenden Correspondenznachrichtcn wie vormals in die
Bamberger Zeitung aufnehmen zu dürfen«. Die Eingabe
trägt als Datum den 12. Dezember 1808, also nach Hegels
Ausscheiden aus der Zeitung, hatte aber die noch in Kraft
befindlichen Maßregelungen zum Inhalt und atmet He-
gelschen Geist.
Mit einem Zusatz macht sich das »Belehrungsgesuch«
weiter erbötig, den kontrollierenden Instanzen entgegen-
zukommen: »Weil ferner die Angabc der Quellen am
Ende eines jeden Artikels gewöhnlich undeutlich und
unzusammenhängend ist, und die Allerhöchste Verord-
nung über die Art und den Ort dieser Anzeigen der
Quellen nichts bestimmen, so bittet unterzeichnete Re-
daktion alleruntertänigst noch darum: gleich der Allge-
meinen und anderen Zeitungen, die Quelle im Anfange
oder im Endtext der Artikel angeben zu dürfen, indem es
auch für den Leser und die richtige Auffassung des Gele-
senen besser zu sein scheint, wenn man den Ursprung und
die Quellen desselben gleich im Anfang der Lektüre ken-
nen lernt.«
Das war nichts anderes als ein Umarmungsangebot an
die bayerische Pressepolizei. In seinen Konzessionen hatte
Hegel noch einmal draufgesattelt. Die Redaktion stellt in
Aussicht, daß sie auch die letzte Unsicherheit über die
Herkunft ihrer Informationen zu beseitigen fest ent-
schlossen ist. Jeder künftigen Querele soll hinfort vorge-
baut werden. Die Redaktion möchte keine Stätte ständiger
Beunruhigung von außen sein.
Aber dieses Angebot zum Offenlegen der Karten ist in
Wirklichkeit Tarnung. Immer wenn Hegel, wie etwa in
der Korrespondenz mit Schelling, um »Belehrung« nach-
sucht, ist die Sache nicht geheuer, bereitet er eine Opera-
tion ä long terme vor. Er nebelt sich und seine wirklichen
Absichten ein. Denn er war bereits seit langem entschlos-

229
sen gewesen, Bamberg so schnell wie möglich den Rücken
zu kehren, sogar um den bitteren Preis einer Professur im
hinterwäldlerischen Altdorf, dessen Universität zur Be-
langlosigkeit abgesunken war. Aus der widrigen Angele-
genheit hatte er gelernt. »Ich sehne mich um so mehr von
meiner Zeitungs-Galeere endlich wegzukommen, da ich
kürzlich wieder eine Inquisition hatte, die mich an meine
ganze Lage näher erinnerte«, war schon in seinem Brief
vom 15. September 1808 an Niethammer zu lesen gewe-
sen.
Durch Niethammers Beförderung zum Zentralschulrat
nach München 1807 waren Hegels Aussichten dazu ge-
waltig gestiegen. Wir wissen, wie sehr Hegel schon früh
auf Niethammers Hilfe gebaut hatte. »Herr, wenn Du in
Dein Reich kommst, gedenke mein, will ich beten«, hatte
es im Brief vom G.August 1806 an ihn geheißen. Ihm
verdankte er seine Bamberger Stelle. Inzwischen hatte
sich dessen Position in der bayerischen Regierungshaupt-
stadt gefestigt, seine Einflußnahme konnte sehr wohl,
wenn Hegel ernsthaft auf Veränderung drängte, ihn zum
zweitenmal zu einem Amt, diesmal im heißersehnten
Staatsdienst, verhelfen.
Niethammers »Allgemeines Normativ für die Einrich-
tung der öffentlichen Unterrichtsanstalten«, dem soge-
nannten »Niethammerschen Schulplan«, ist in die Ge-
schichte des bayerischen Erziehungswesens eingegangen.
Es stand für die Ära Montgelas, die in Bayern durch eine
große Reformfreudigkeit gekennzeichnet war. Hegel hat
später, von Berlin aus, der Montgelasschen »Organisa-
tion« sein Lob gezollt mit der Begründung, daß auch ihm
selbst ein »Hauptbrocken zugut gekommen« sei, und da-
bei nicht bedacht, wahrscheinlich auch nicht gewußt oder
in seiner Staatsergebenheit nicht wissen wollen, daß der
gegen die Bamberger Zeitung ergangene Erlaß, der zum
zeitweiligen Verbot des Blattes führte, die Unterschrift
von Montgelas trug. Dennoch war seine Anerkennung für
den bayerischen Minister zutiefst begründet. Durch
Montgelas gelangten einige kräftige Strahlen der Aufklä-
rungauf den Boden eines von ultramontaner Beschränkt-

230
heit verdunkelten Landes. Ohne ihn, der im katholischen
Bayern dem fürchterlichen und berechtigten Verdacht
ausgesetzt war, Freimaurer zu sein, und der in seiner
Jugend deswegen schwere Verfolgungen hatte erleben
müssen, wäre alles viel schlimmer gewesen. Wenn Hegel
sich davon leiten ließ, hatte er in seinem günstigen Urteil
über ihn zweifellos recht. Vor allem das in den Händen
der Kirche befindliche Schulwesen lag schwer im argen.
Der Jesuitenorden, der sich selbst und dem man so gern
Fortschrittsfreude nachsagt, war hier die Hauptkraft zur
Verdunkelung geworden. Von einem aus der katholi-
schen Landesreligion herausgelösten geistigen Leben ließ
sich nur schwer eine Spur entdecken. Darum ist Bayern
für Hegel, der dies am 22.Januar 1808 gegenüber Niet-
hammer bemerkte, »ein wahrer Tintenklecks in dem
Lichttableau von Deutschland«.
Auf das Schul-, Erziehungs- und Universitätswesen so-
wie die Auswirkungen auf Philosophie und Literatur be-
zogen läßt sich zu diesem Zeitpunkt gegen Hegels nieder-
schmetternde Meinung über Altbayern wenig einwenden.
Hegel war erschüttert als Württemberger, dem in seiner
Heimat das Muster des neben Sachsen am weitesten ent-
wickelten Schul- und Ausbildungssystems in deutschen
Landen vor Augen steht und der den Vergleich zieht.
Aber die Bestätigung seines Urteils gab ja das Reform-
programm der Ära Montgelas selbst, durch das ausländi-
sche Gelehrte und Schulmänner seit dem Regierungsan-
tritt Max Josephs nach Bayern gezogen werden sollen.
Dazu gehörte Schelling, dazu gehörten ebenso Nietham-
mer und Paulus, die in Bayern allemal als »Freigeister«
galten und von denen die Regierung zweifellos »aufge-
klärte« Anstöße erwartete. Wir wissen, wie sehnlich Hegel
es darauf abgesehen hatte, in den Dienst des Staates
Bayern zu treten, den er hier so heftig traktiert.
Ende Oktober 1808 ist es endlich soweit. Niethammer
vermeldet unter dem 26.d.M. Hegel seine Ernennung
zum Professor der philosophischen Vorbereitungswissen-
schaften und gleichzeitig zum Rektor des Gymnasiums in
Nürnberg. Natürlich hatte kein anderer als Niethammer

231
selbst die Ernennung des Landsmanns, Freundes, Trink-
und Spielkumpans aus Jenenser Tagen erwirkt. Das
Schreiben enthält in der Bitte, seine Ankunft schon für die
folgende Woche einzurichten, die sehr interessante Be-
gründung: »um unter Anleitung des Herrn Kreisschulra-
tes Paulus die neue Studienorganisation, soweit sie das
Gymnasium betrifft, in Vollzug zu setzen«. Hier ist es
gesagt: Das in Jena schlechtbestallte schwäbische Trio
ehemaliger Tübinger Stiftler hat sich auf bayerischem
Boden wieder zusammengefunden. Niethammer hatte
gute, Wege bahnende Arbeit geleistet. Der Zentralschul-
rat in München, der Kreisschulrat in der fränkischen
Provinz und der Nürnberger Gymnasialdirektor schicken
sich an, die »Organisation« des Schulwesens im erweiter-
ten Königreich Bayern in die Hand zu nehmen.

232
Einundzwanzigstes Kapitel
Ankündigung der Wende

Was Hegel in Bamberg gesucht und gefunden hatte,


waren neben dem unerläßlichen Broterwerb im Zei-
tungsgeschäft die Berührung mit dem unverfälschten
katholischen Mittelalter und das Bier gewesen. Darüber
hatte er sich schon gegenüber Schelling ausgelassen. Er
war aber in ein Land gekommen, das für ihn die Finster-
nis selbst bedeutete und dessen Namen »Bavaria« er in
einem Brief an Niethammer prompt mit »Barbaria«
übersetzte.
Die Aufklärung war mit aller erdenklichen Verspätung
nach Bayern gelangt. Sie hatte unter der Regierung von
Montgelas notwendige Neuerungen auf dem Gebiete der
Verwaltung gebracht, aber die Widerstände, die ihm vom
Lande und vom größtenteils bäuerlichen Volk mit seinen
Pfarrern und Prälaten, Klöstern und dem grundbesitzen-
den Adel entgegengesetzt wurden, haben ihr eine tiefer-
gehende Wirkung versagt. Hier war man anderes ge-
wöhnt: Umzüge mit feierlichen Gepränge, Zeremonien
mit bunten Meßgewändern, die Gemütlichkeit des von
den Heiligen bestimmten Festkalenders, unantastbare
Mariengläubigkeit zusammen mit dem Bedürfnis nach
Lebensgenuß, das sich nicht gern administrative Zäume
anlegen ließ. Das mochte einer grandiosen sakralen Ar-
chitektur in den Städten und den bäuerlichen Flecken
sowie dem kunsthandwerklichen Genie der Alpenländer
zugute kommen, aber für den Geist des kritischen Philo-
logen, für die Zöglinge der sächsischen Gelehrtenstube,
für Kant und Fichte, für die Weimarer Klassik gab das
Land damals einen kargen Boden ab. Es bedeutete schon
viel, wenn die Regierung den Willen zum Aufschwung
durch Berufungen in den Wissenschaften von Männern
wie Friedrich Thiersch und Friedrich Jacobs, beide aus
Sachsen, kundgab und die Akademie der Wissenschaften
den Rheinländer Friedrich Heinrich Jacobi als Präsiden-
ten erhielt - in allen Fällen gegen schwerste Bedenken

233
der einheimischen Gelehrtenzunft, die sich eifersüchtig
dagegen wehrte, daß man in ihre Reviere eindrang.
Es ist darum gar nicht verwunderlich, wenn sich Hegel,
der »Süddeutsche«, der diese Vorgänge von Bamberg aus
miterlebt und selbst von ihnen betroffen ist, hier ganz die
Partei der »Norddeutschen« ergreift. Er hatte erfahren
müssen, daß er keine Aussicht hat, in Bamberg die freige-
wordene Stelle eines Philosophieprofessors an der fürst-
bischöflichen Akademie zu bekommen. Ein Blick in die
bayerischen Institutionenregister belehrt ihn darüber,
daß weder in Landshut noch in Altdorf oder Innsbruck
Philosophie gelehrt wurde. In welches Land ist er nur
geraten!
Für ihn war Niethammer die größte Hoffnung gewe-
sen, die ihn am Ende nicht getäuscht hatte. Das bedeutete,
Hegel soll von Niethammer in die bayerische Schulreform
eingespannt werden, was er beständig mit persiflierenden
Bemerkungen über die »Organisation« des »Normativs«
begleitet, deren Notwendigkeit in einem Lande wie Bay-
ern er wohl einsieht, ohne gewisse Zweifel in die admini-
strative Geschäftigkeit zu unterdrücken, die nun einmal
zu diesem Unternehmen gehört.
Mit der Berufung in das hohe Nürnberger Schulamt
sieht Hegel die berufliche Unsicherheit der Bamberger
Lebensphase beendet. Aber dem endgültigen Gefühl, sich
nun in den wohlgeordneten Lebensverhältnissen eines
Staatsbeamten bewegen zu können, gehen noch einmal
tausend Ängste voraus. Hegel war Niethammers Anwei-
sung gefolgt und hatte sich in der auf die Nachricht von
seiner Ernennung folgenden Woche unverzüglich zum
Dienstantritt nach Nürnberg begeben. Wie, wenn Niet-
hammer sich geirrt hätte! Er malt sich Fälle aus, wo
Ernennungen wieder rückgängig gemacht worden sind.
Nicht auszudenken, wenn das bei ihm, der bei der Bamber-
ger Zeitung gleich gekündigt hatte, zuträfe. Er stünde dann
ohne Stelle da. Mit solchen Sorgen reist er wieder nach
Bamberg zurück, wo er durch die Ernennungsurkunde
schließlich beruhigt wird.
Wie sehr er Bamberg immer nur als berufliches Proviso-

234
rium betrachtet und seine Neigung zur Vorsicht ihm
empfohlen hatte, sich den möglichen Rückzug nach Jena
noch offenzuhalten, zeigte sich jetzt. Bis dahin war er von
seinen Jenenser Amtspflichten nicht beurlaubt. Im Novem-
ber, als die Ernennung für Nürnberg feststeht, sucht er
bei Herzog Karl August förmlich und untertänigst um
sein Ausscheiden aus seinem Amt als außerordentlicher
Professor nach.
Was Hegel hinfort in die Zukunft mit hinein nimmt, ist
die Hoffnung auf grundlegende Besserung seiner Le-
bensumstände. Seine Einkünfte als Redakteur waren
nicht niedrig, aber sie verbanden sich mit dem Gefühl
materieller Ungewißheit, für den Schwaben in ihm etwas
tief Deprimierendes, dessen Unerträglichkeit ihm stets
dann ins Bewußtsein gerückt wurde, wenn er sich mit der
Zensurbehörde herumzuschlagen hatte. Ob seine Ein-
künfte nicht ausreichten, um die Alimente für seinen
Sohn zu zahlen, ist schwer zu beurteilen. Einer Mitteilung
an seinen Freund Frommann vom 9. Juli 1808 zufolge
muß er jedoch ein schlechtes Gewissen gehabt haben. Es
heißt darin: «ich habe immer schmerzlich zu bedauern,
daß ich sie, die die Mutter meines Kindes ist und die
dadurch jede Art von Pflicht an mich anzufordern hat, aus
ihrer Lage nicht ganz bisher herausreißen konnte«. Was
immer das heißen mochte, Hegel glaubt zumindest nicht,
hier mehr tun zu können.
Eine unmittelbare Beteiligung an der bayerischen Bil-
dungsreform erbittet sich Hegel von Niethammer in dem
Auftrag, ein für alle Landesuniversitäten obligatorisches
Lehrbuch der Logik schreiben zu dürfen. In Bamberg hat
Hegel kein philosophisches Werk abschließend verfaßt,
aber die frei verfügbare Zeit, die ihm die Arbeit zwischen
Redaktion und der Offizin ließ, auf die Weiterführung
der Logik verwandt. Was er in Jena unter Logik verstan-
den hatte, büßt für ihn langsam seine Gültigkeit ein. Was
ihm jetzt vorschwebt und in ihm langsam heranreift, isl
eine Logik als »neue Wissenschaft«, während er das, was
bisher unter diesem Namen aufgetreten ist, durch »un-
fruchtbare scholastische Spitzfindigkeit« depraviert sieht;

235
»es kann nichts erwünschter sein (auch in ökonomischer
Hinsicht sowohl in Ansehung eines solches Buches selbst,
als indirekt anderer Schriften), als auf diese Weise auf
einmal seine Philosophie zur herrschenden in einem Rei-
che zu erheben« (an Niethammer, 20. Mai 1808).
Der Schlußteil dieses Satzes läßt aufhorchen. Er spricht
nicht nur Wunsch und Absicht aus, er nimmt vorweg und
kündigt für die Logik einen Totalitätsanspruch an, dessen
Rechtmäßigkeit ihm später bestätigt werden wird.
Außerordentlich erfreut hat ihn die Einladung Fried-
rich Creuzcrs, an den Heidelberger Jahrbüchern mitzuwir-
ken. Wir wissen, daß Hegel damals immer noch auf einen
Ruf aus Heidelberg wartete und er jetzt die Gelegenheit
sah, sich dort durch diese Mitarbeit wieder in Erinnerung
zu bringen. Aufschlußreich ist die von Creuzer erbetene
Selbstcharakterisierung seiner bevorzugten Interessen,
um ihn in den vorgeschlagenen Disziplinen Rezensionen
schreiben zu lassen. Hegel übermittelt sie in der Reihen-
folge Logik, Metaphysik, Naturphilosophie, Theorie der
Moral, Ästhetik.
Ein gewisses Gleichmaß in seiner Lebensführung ist aus
der erhaltenen Korrespondenz der Bamberger Monate
unschwer herauszulesen. Engeren persönlichen Verkehr
hat der inzwischen älter gewordene Junggeselle vor allem
mit Gries gehabt, einem aus Hamburg stammenden, lange
in Jena ansässigen, literarisch tätigen Mann, der als Tasso-
Übersetzer hervorgetreten war und seiner Unterhal-
tungsgabe wegen von Schiller wie von Schelling sehr ge-
schätzt wurde. Stärkste Anregung verschafft ihm die Kor-
respondenz mit (Caroline Paulus, der emanzipierten Frau
des Freundes, die dessen zweifellos mißglückten Versuch,
sich als Nachfolger Voltaires zu fühlen, gehörig persifliert
und dem unverheirateten Redakteur Hegel auch mal eine
Sagosuppe zukommen läßt, für die er sich artig bedankt.
Der war inzwischen offener Parteigänger Napoleons
geworden, der den Franzosen wünscht, daß sie vor den
Österreichern München erreichen. Vor allem erscheint
ihm ein erneutes Ausbrechen der Kampfhandlungen
günstig für seine eigenen Pläne. Gegenüber Niethammer

236
(2O. August 1808) hatte er sich etwas davon versprochen,
»daß diese Kriegsaussichten vielleicht ein Grund zur Be-
schleunigung ... der neuen Organisation«, also der Niet-
hammerschen Schulreform, »werden« und damit seine
Erlösung von der Zeitungsfron beschleunigen könnten.
Es ist unverkennbar die Welt der »kleinen Verhält-
nisse«, die uns hier entgegentritt. Wenig erinnert an die
»große Welt«, von der er bedeutende Anflüge im Herzog-
tum Weimar erlebt und an der er im Umgang mit Goethe
sogar unmittelbar teilgehabt hatte. Die er noch mächtiger
im Aufstieg Napoleons vor Augen hat! Goethe und Napo-
leon sind bis dahin die größten zeitgenössischen Gestalten
in seinem Leben gewesen, die die künftigen Vorstellun-
gen von Kunst und Politik bestimmen werden und Maße
setzen, wie sie seiner Ästhetik und seiner Auffassung der
Weltgeschichte vorausliegen. Hegel selbst erscheint bis
gegen Ende seiner Bamberger Zeit als Bürger, aber Bür-
ger als gedrückte Existenz, als Untertan, der sich im
Umgang mit der Polizeibehörde vorzusehen hat, mit
schmaler, ihn eben noch tragender wirtschaftlicher
Grundlage. Alle Lebensstationen, vom Stipendiaten in
Tübingen, dem Hauslehrer in Bern und Frankfurt, dem
ohne Anspruch auf Bezahlung seine Philosophie vortra-
genden Privatdozenten in Jena, dem Vater, der seine
Unterhaltspflichten gegenüber seinem Sohn und dessen
Mutter nicht im erforderlichen Maße erfüllt und dem
Sklaven auf der »Zeitungsgaleere«, hatten ihm bis dahin
seine materielle Bedürftigkeit vor Augen gestellt. Dar-
über war er inzwischen siebenunddreißig Jahre gewor-
den. Die Phänomenologie des Geistes war selbst ein Werk auf
der Grundlage des Pauperismus der kleinen bürgerlichen
Welt, die ohne große wirtschaftliche und politische Aus-
sichten ihre letzte Zuflucht wenn nicht in »Gott«, so im
»Geist« sucht.
Die Phänomenologie des Geistes ist es auch, die in den
Bamberger Monaten über Hegels Beziehungen zu Schel-
ling die lange hinausgeschobene Entscheidung fällen
wird. Goethe war der erste Empfänger des Buchs gewe-
sen. Mit Schelling läßt Hegel sich Zeit, obwohl dieser für

237
ihn neben Goethe als seinem bisherigen Hauptförderer
der wichtigste Adressat der Schrift bedeutete. An ihn
hatte er bei der Abfassung am meisten gedacht.
Das zögernde Verhalten Hegels wird von Schelling
sogleich entsprechend erwidert. Schelling, der nichts Eili-
geres zu tun gehabt hätte, als mit dem Studium des Buches
sogleich zu beginnen, vertröstet Hegel in seinem Brief
vom 2. November 1807 auf später. Natürlich erfordere
die Schwierigkeit des Gegenstands genaues, lang anhal-
tendes Durchdenken. Aber Schelling hatte sofort verstan-
den, was hier verhandelt wurde: »Ich habe also bis jetzt
nur die Vorrede gelesen. Inwiefern Du selbst des polemi-
schen Teils derselben erwähnst, so müßte ich, bei dem
gerechten Maß der eigenen Meinung von mir selbst, doch
zu gering von mir denken, um diese Polemik auf mich zu
beziehen. Sie mag also, wie Du in dem Briefe an mich
geäußert, nur immer auf den Mißbrauch und die Nach-
schwätzer fallen, obgleich in dieser Schrift dieser Unter-
schied nicht gemacht ist.« Schelling verklausuliert sein
Befremden. Er gibt vor, Hegels brieflichen Erklärungen
mehr zu vertrauen als dem, was er in dem Buch gelesen
hat. Aber eine klare Abgrenzung der Philosophie des
einen von der Philosophie des andern, wenn es denn keine
gemeinsame mehr geben kann, scheint ihm jetzt dringend
geboten.
Wenn ein Bruch mit den alten Übereinstimmungen
erfolgt sei, dann von Hegels Seite: »So bekenne ich«, fährt
Schelling fort, »bis jetzt Deinen Sinn nicht zu begreifen,
indem Du den Begriff der Anschauung opponierst. Du
kannst unter jenem doch nichts anderes meinen, als was
Du und ich Idee genannt haben, deren Natur es eben ist,
eine Seite zu haben, von der sie Begriff, und eine, von der
sie Anschauung ist.«
Schelling hatte recht, wenn er in Hegels Phänomenologie
des Geistes einen Abfall von den alten gemeinsamen
Grundüberzeugungen sah. Aber in Hegels Neuverständ-
nis von »Anschauung« ist dieser Abfall nur verkürzt zur
Sprache gebracht. Die Wirklichkeit sah anders aus, und
Schelling hat das sofort begriffen. Wenn der Bruch Schel-

238
ling nicht ganz unvorbereitet traf, so ist er von dessen
Ausmaß doch überrascht worden: In der Phänomenologic
hatte Hegel mit einem gewaltigen Schlag seine ganz an-
dere philosophische Natur neben die von Schelling ge-
stellt, die dieser so nicht erwartet hätte und mit der es das
altgewohnte Koexistieren zweier Freunde nicht mehr ge-
ben konnte.

239
Zweiundzwanzigstes Kapitel

Im Nürnberger Schulamt

Am 6. Dezember 1808 wurde Hegel feierlich in sein Amt


als Rektor des Nürnberger Gymnasiums eingeführt. Da-
mit war sein sehnlicher Wunsch in Erfüllung gegangen:
Er war — mit reichlicher Verspätung zwar — Beamter
geworden.
Es handelte sich um ein Amt mit Einfluß. Nürnberg,
diese selbstbewußte Stadt mit ihren großen Traditionen
als Reichsstadt und Humanismuszentrum und eben erst,
mit der Auflösung des Reichs, bayrisch geworden, ließ
sich nicht lumpen und zahlte dem neuen Professor
9oo Gulden, zusätzlich 100 Gulden für das Rektorat bei
freier Wohnung, vorerst noch in den ungekalkten Räu-
men über den Klassenzimmern. Hegel blieb damit weit
unter den Einkünften, die er in Bamberg bezogen hatte.
Auch die Zusagen über das Gehalt standen in erheblichem
Kontrast zur Kargheit, die an der Schule herrschte und
die ihr Rektor bald in den ständig nachhinkenden Zahlun-
gen zu spüren bekam. Der Zustand der Schule, einer
Gründung Melanchthons aus dem Jahre 1526 gleich ne-
ben der Ägidienkirche, war schlecht. Hegel hatte Grund
zu beständiger Klage.
Aber gerade weil an der großen Reformbedürftigkeit
des bayerischen Schulwesens auch von Regicrungsscite
her kein Zweifel bestand, war Hegel über Niethammer
eigens nach Nürnberg berufen worden. Das von Nietham-
mer maßgeblich verfaßte »Allgemeine Normativ für die
Einrichtung der öffentlichen Unterrichtsanstalten« sah
für das protestantische Schulwesen im fränkischen Lan-
desteil Bayern eine Umgestaltung vor, die in den Augen
des schwäbischen Schulmanns natürlich mit Erfolg nur
durch eine Annäherung an das württembergischc Vorbild
würde erfolgen können.
Der Niethammersche Lehrplan nimmt eine Trennung
des Gymnasiums von der Realschule vor, die in Nürnberg
noch vereint sind und ihre Schüler aus der Primarschule

240
zugeführt bekommen. In ihren Grundlagen des Klas-
sisch-Philosophischen sind sich beide Schularten ver-
wandt. Der Unterschied liegt in der Gabelung einerseits
zu den antiken Sprachen Latein und Griechisch, anderer-
seits zu den praktisch-realistischen Fächern hin. Angebo-
ten wird auch eine Einführung ins »spekulative Denken«,
für die Niethammer zu Recht keinen Geeigneteren als
Hegel in Vorschlag hatte bringen können. Die Unterwei-
sung selbst ist gestaffelt: »Psychologie« für die Unter-
klasse, »Phänomenologie« und »Logik« für die Mittel-
klasse, »Enzyklopädie«, »transzendentale und subjekthe
Logik« für die Oberklasse. Hier schwanken die Angaben,
und Hegel hat sich Freiheiten für die Staffelung der
Disziplinen erlaubt. Im Niethammerschen Lehrplan, der
sich damit allerdings weit von den in Württemberg gelten-
den Lehrprogrammen abhob, waren die philosophischen
Fächer einträchtig versammelt. Es war natürlich, daß He-
gel sich einen so auf ihn zugeschnittenen philosophischen
Unterricht in der Hauptsache selber vorbehielt. Das ließ
sich auch von den Klassenfrequenzen mühelos leisten.
Der allgemeinen Schulpflicht steht freilich ein Mangel an
Räumen entgegen, der sie in Bayern zur Farce machte.
Bei Hegels Übernahme des Rektorats zählte die Unter-
klasse 11, die Mittelklasse 15, die Oberklasse 12 Schüler,
zu denen im Laufe des Jahres sich weitere acht hinzuge-
sellten.
Das galt für das Gymnasium. Für die gesamte, seiner
Leitung unterstehenden Schuleinrichtung nennt Hegel
die Zahl von 160 Schülern, die allerdings zusätzlich auf
das Progymnasium, das Realinstitut, d. h. die sogenannten
Kollaboratcurklassen und die Unter- und Oberprimar-
schule verteilt waren.
Den ihm angetragenen Religionsunterricht wies Hegel
für sich, und zwar unter Hinweis auf seine eher dem
Pantheismus zuneigenden Gottesvorstellungcn, zurück.
Niethammer selbst konnte schwerlich daran Anstoß neh-
men. Seine eigene Vergangenheit im Kreis um Fichte und
seine Nähe zu Paulus, dem Haupt der nachkantischen
Rationalisten in Deutschland, mußten ihn selbst in den

241
Verdacht bringen, die Schule in Bayern dem Einfluß der
Kirche zu entziehen.
Hegel bevorzugte eindeutig die gymnasiale Seite der
Schule, was insofern wenig bedeutete, als die Überlegen-
heit der antiken Bildung über die aufkommende Realien-
bildung unangefochten war. Niethammers Betonung des
Studiums der Griechen (gegenüber dem Latein) nimmt er
denn auch beifällig auf und sieht sich in seinen eigenen
Vorlieben und dem, was er von Württemberg gewohnt
war, bestätigt. Aber die Realienfächer will er nicht ver-
nachlässigt sehen und verwendet viel Zeit darauf, um die
notwendigen Mittel für die technische Ausstattung des
Physikunterrichts bewilligt zu bekommen.
Überhaupt hat ihn die Verwaltung der Schule über
Gebühr, wie er meint, in Anspruch genommen. Auf die
100 Gulden Gehaltszuschlag will er gern verzichten, wenn
er dafür das Rektorenamt räumen kann. Die »Zeitvertrö-
delung« ist das Geld nicht wert. Wochenlang hat er sich
mit dem skandalösen Umstand herumzuschlagen, daß die
Aborte für die »Kollaborateurklassen« vom Militär be-
schlagnahmt sind. Die Schüler dringen in ihrer Not als
ungebetene Gäste in die Nachbarhäuser ein. Von den
Anwohnern muß mit einer Klage gegen die Schule ge-
rechnet werden. Was bleibt dem Rektor anders übrig, als
die Eltern zu fragen, ob »ihre Kinder«, wenn sie die Schule
besuchen wollen, »die Geschicklichkeit haben, ohne Ab-
tritt aus freier Faust zu hoffieren« (an Niethammer,
12. Februar 1809).
Zu diesen Sorgen kommt aber noch eine viel größere
Beängstigung durch die Nachricht hinzu, daß die Unter-
suchungen gegen die Bamberger Zeitung, die seine Amtszeit
betreffen, weitergehen. Hegel hatte die Angelegenheit
längst für erledigt gehalten, und nun grübelt er Tag und
Nacht darüber nach, um welche der möglicherweise in
Frage kommenden Punkte es sich dabei handeln könnte.
Bis daß die untersuchenden Instanzen ihren eigenen Irr-
tum erkennen!
Hegel hat während seines Rektorats nach außen die
autoritäre Seite des Amtes sehr wohl wahrgenommen.

242
G. H. Schubert berichtet (Brief an August Koethe, Kar-
freitag 180g) von seiner Begegnung mit Hegel und dem
Altertumswissenschaftler Kanne, der ebenfalls am Nürn-
berger Gymnasium unterrichtet: »beide kommen mir so
hart, so schneidend kalt vor«; allerdings macht er für
diesen Eindruck auch seine Ermüdung durch die Reise
verantwortlich. Er mildert dann wieder ab, nennt Hegel
»billig und gerecht gegen andere«, findet ihn »liebens-
würdig . . . im persönlichen Umgange« und »erheiternd
durch seinen Witz«.
Das Amt in Nürnberg nach den Bamberger Monaten als
Journalist gibt ihm Auftrieb, es stellt ihn zum erstenmal
auf die Seite der Autorität, der er in Bamberg sich vergeb-
lich angenähert, die ihn aber zurückgewiesen hatte, es
macht aus ihm selbst eine Autorität. In der bürgerlichen
Welt der deutschen Stadt galt der Gymnasiallehrer, zumal
in der Gestalt des Rektors, als zweifellos den Honoratioren
zugehörig, als ein Arm des Staates.
Dem kirchlichen Inspektionsrecht war das Gymnasium
durch seine Verwaltung der »heidnischen Antike« im
Gegensatz zur Volksschule fast vollständig entzogen; sie
bot zumindest genügend Gründe, dem Aufsichtsbegeh-
ren des Kirchenregiments erfolgreich entgegenzuwirken.
In Nürnberg hat Hegel sich mit derartigen Ansprüchen
nicht herumschlagen müssen. Dagegen sprach schon der
Humanismus Melanchthons, auf den sich die Schule be-
rief, und ebenso das Niethammerschc Reformprogramm,
das allem konfessionellen Hineinregierenwollen vom ei-
genen Ansatz her die Stirn bot, und nicht zuletzt Hegels
Philosophie selbst. Er hat sein Reklorenamt an der gleich-
wohl weiterbestehenden Konkurrenz zwischen Staat und
Kirche in den Fragen der Schulaufsicht vorbei ausgeübt
und die ihm zustehende Machtfülle voll ausgeschöpft.
Eine Schülerabordnung, die bei ihm vorstellig wird, um
eine Subskription beim Tanzlehrer zu annullieren, kann
er barsch aus seinem Zimmer weisen, weil er darin einen
Versuch sieht, einen ehrenwerten Mann um sein Geld zu
bringen.
In den eigenen Unterrichtsstunden als Gymnasialleh-

243
rer konnten seine Schüler die Beachtung sehr zivilisierter
Umgangsformen bemerken, die bald den anderen Leh-
rern der Schule als Vorbild dienten. Hegel redete jeden
Schüler der letzten vier Gymnasialklasscn mit »Herr« an
und trug damit dazu bei, deren Selbstgefühl zu heben. Im
Unterricht und im Umgang mit den Schülern, für die der
hohe Rang ihres Lehrers feststand, sollten die Grenzen
zwischen Schule und Universität aufgehoben werden. Das
galt, wie sein Schüler Johann Georg August Wirth be-
merkt, damals als ungewöhnlich. Ein anderer ehemaliger
Schüler namens Zimmermann beschreibt seinen Unter-
richt so: »Nach einigen einleitenden Worten diktierte er
über den jedesmaligen Gegenstand einen Paragraphen,
ließ denselben von einem Schüler vorlesen und erläuterte
ihn meist erotematisch, indem er sich abwechselnd bald an
diesen, bald an jenen Schüler wandte. Hierauf ließ er die
Hauptpunkte der Erläuterungen in der Unterklasse unter
seiner Anleitung, in den anderen Klassen ohne dieselbe
niederschreiben. Das Niedergeschriebene mußte dann zu
Hause ins Reine geschrieben und, wenn es des Zusam-
menhanges ermangelte, vorher in Zusammenhang ge-
bracht werden. Am Anfange der nächsten Stunde ließ er
einen Schüler seine Reinschrift vorlesen und berichtigte
sie nötigenfalls, woran sich meistens von seiner Seite wei-
tere Erläuterungen und Beantwortungen von Fragen an-
schlossen, die von Schülern über nicht recht verstandene
Punkte an ihn gestellt wurden.« Ein der Zeit weit voraus-
eilendes diskursives Verfahren zwischen Lehrer und
Schüler, wie man sieht!
Die mit dem Rektorat verbundene Verwaltungsarbeit
hat Hegel als drückende Last empfunden. Er muß alle
Arbeiten wie das Verfassen von Berichten, Eingaben und
Attesten sowie das Aufstellen von Listen handschriftlich
zunächst selbst erledigen. Schüler damit zu beauftragen
empfindet er als Mißbrauch. Darum das dringende Ersu-
chen an Niethammer, ihm einen Pedell zuzuweisen!
Aber von München war vorerst wenig Hilfe zu erwar-
ten. In der Sektion für das protestantische Schulwesen im
bayerischen Ministerium kann man froh sein, wenn der

244
Aufbau der Schulen in Franken nicht durch Winkelzüge
der Verwaltung behindert wird. Kurze Zeit, im Herbst
1810, steht sogar die Auflösung des Nürnberger Gymna-
siums bzw. seine Verlegung nach Ansbach zur Debatte,
kann aber dann noch abgewendet werden.
Für Hegel wäre das ein Schlag gewesen, der ihn auch
persönlich getroffen hätte. Die Protestanten, so findet er,
kann man nicht stärker angreifen und empfindlicher
treffen, als wenn man sich gegen ihre Bildungsanstalten
wendet: »Protestantismus besteht nicht so sehr in einer
besonderen Konfession als im Geiste des Nachdenkens
und höherer, vernünftiger Bildung« (an Niethammer,
3. November 1810).
Hegel konnte bei allem, was sich gegen seine Nürnber-
ger Schultätigkeit einwenden ließ, noch von Glück reden.
Es hätte nach seinem erzwungenen Weggang von Jena
schlimmer kommen können. Unter seinen Bekannten,
denen er seitdem aus dem Blickfeld entschwunden war,
hielt sich das Gerücht, Hegel sei ins Elend abgesunken. So
meldet sich sein alter Schüler von Ghert, der davon gehört
hatte, und bietet sich an, ihm eine Professur in Holland zu
verschaffen. Als im Dienste des holländischen Innenmini-
steriums stehender Beamter sieht er dafür Möglichkeiten.
Hegel reagiert mit Interesse. Er sieht Nürnberg wie vor-
her Bamberg nur als Zwischenstation auf dem Weg zur
Rückkehr in ein Lehramt an der Universität. Da kommen
ihm die Aussichten auf eine Professur in Leiden gelegen,
vor allem für den Fall, daß sich die von Niethammer
geschürten Erwartungen nicht verwirklichen würden,
nach Erlangen berufen zu werden.
Die Erlanger Pläne werden nun in den folgenden Mo-
naten dringlicher, weil sie sich mit seinen privaten verbin-
den. Ihnen stehen freilich Schwierigkeiten entgegen, die
sich aus Niethammers mangelndem Durchsetzungsver-
mögen beim Ministerium, aus Schellings Konkurrenz und
der Passivität der Erlanger ergeben. Aber wenn Hegel
seine Absicht, das Rektorenamt so schnell wie möglich mit
einer Professur an einer Universität zu vertauschen, jetzt
unumwunden forciert, so darum, weil er heiraten will.

245
Die Absicht selbst war so neu nicht. Schon das ihm
befreundete Ehepaar Paulus hatte sich gleich nach Hegels
Ernennung zum Gymnasialdirektor erboten, für ihn nach
einer »treu langsamen Nürnbergerin« Umschau zu hal-
ten. Wenn dann doch erst knapp zweiundeinhalb Jahre
nach Hegels Dienstantritt von seiner ernsten Absicht, in
den Stand der Ehe zu treten, die Rede ist, so scheint er sich
auch jetzt wieder seinem Charakter entsprechend zu kei-
ner Eile veranlaßt gesehen oder der Vorsicht den Vorzug
gegeben zu haben.
Die ersten Schritte, die Hegel in dieser Richtung unter-
nimmt, zeigen dann aber sofort eine überraschende Ziel-
strebigkeit, wie wir sie so oft bei ihm antreffen, wenn es um
die Durchsetzung von Plänen geht. Wie im einzelnen die
Bekanntschaft mit Marie von Tucher, die einer Familie
des altnürnberger Patriziats entstammt, zustande gekom-
men ist, wissen wir nicht. Vieles, so auch in Hegels brief-
lichen Aufzeichnungen, spricht für eine behutsame An-
näherung. Hegel wählt den Weg betonter Förmlichkeit:
Anfang April 1811 läßt er Frau Sophia Maria Grundherr
von Altenhamm in seinem Namen Herrn von Tucher um
die Hand seiner Tochter anhalten. Einige Tage später, am
8. April, bittet er den Vater diplomatisch, seine Einwilli-
gung in die Ehe vom Entschluß seiner Tochter abhängig
zu machen, und zugleich um die Erlaubnis, das Mädchen
seiner Wahl besuchen zu dürfen.
Damit hatte er eine Beziehung eingeleitet, ohne großes
Risiko für einen Gesichtsverlust bei etwaiger Ablehnung
einzugehen. Der Familie mochte der Rektor der ersten
Schule der Stadt als Bewerber um die Hand der Tochter
nicht unwillkommen sein. Allerdings war dessen finan-
zielle Lage, ohne Vermögen und mit unregelmäßigen
Gehaltszahlungen, alles andere als gesichert. Und auf eine
größere Mitgift der Braut war nicht zu rechnen, weil die
Familie noch sieben Kinder zu versorgen hatte.
Befürchtungen in dieser Hinsicht haben Hegel dann
auch bis zur Eheschließung nicht mehr verlassen, weil er
von hier Gefahren für sein künftiges Leben glaubte ver-
muten zu müssen. Vor allem erschien ihm seine berufliche

246
Stellung als nicht ausreichend, um bei strengeren gesell-
schaftlichen Maßstäben vor den Augen der Familie seiner
künftigen Frau bestehen zu können. Man hatte ihm im
Tucherschen Hause den Gedanken an eine »Standeserhö-
hung« nahegelegt. Das findet seinen Niederschlag in He-
gels Mitteilung an Niethammer vom 18. April 1811:
»Mein Glück ist zum Teil an die Bedingung gebunden,
daß ich eine Stelle auf der Universität erhalte.« Die Ein-
wände waren eher milder Natur, aber reichen aus, um
Hegel schwankend zu machen. Er möchte darum, als es
ernst mit der Heirat zu werden droht, die Eheschließung
hinausschieben, insbesondere die öffentliche Bekanntma-
chung aussetzen. In langen brieflichen Erörterungen zer-
streut Niethammer diese Einwände: »Halten Sie etwa sich
als Professor und Rektor des Gymnasiums in Nürnberg
nicht für angesehen und würdig genug, um öffentlich
und solent als Mitglied einer Familie aufgenommen zu
werden, die in dem vormaligen Glanze der Reichsstadt
Nürnberg allerdings eine sehr angeschene Stellung einge-
nommen hat?« Und unter Berücksichtigung der Hcgel-
schen Psyche: »Geradezu gesagt, ich halte dies für eine
ebenso unselige als unbegründete Furchtsamkeit von Ih-
rer Seite« (5. Mai 1811).
Hegel war indessen bei der Familie Tucher nicht ganz
untätig geblieben und hatte zur Verbesserung seiner Stel-
lung als Heiratskandidat seine Ernennung zum Universi-
tätsprofessor in Erlangen in Aussicht gestellt. Aber damit
hatte es seine Bewandtnis. Denn die Universität Erlangen
lag darnieder, wie es in diesem Zusammenhang im Brief-
wechsel mit Niethammer heißt, der jetzt von Hegel dafür
eingespannt wird, um seine Aussichten auf Erlangen bei
der Familie glaubhaft zu machen. Das bedeutet auch die
Aufforderung an Niethammer, seine Bemühungen, He-
gel in Erlangen unterzubringen, zu intensivieren. Hegel
muß es inzwischen gelungen sein, die Familie von Tucher
von seiner Anwartschaft auf eine Professur in Erlangen zu
überzeugen und damit letzte gegen seine Mittellosigkeit
bestehende Bedenken auszuräumen. »Es ist unter uns
schon viel von dem Erlangen die Rede gewesen, daß

247
unsere Verbindung und Erlangen in der Phantasie ganz
in eins zusammengewachsen sind, gleichsam wie Mann
und Frau«, schreibt er am 30. Mai 1811 an Niethammer.
Warum Erlangen in Hegels Überlegungen und auch in
denen der Familie von Tucher so schwer wog? Nicht
zuletzt darum, weil der imaginäre »Witwenfonds« für
Universitätsprofessoren besser ausgestattet sein sollte als
der für Gymnasialprofessoren, was bei der Bürgerlichkeit
der einheimischen Nürnberger Familie wie des auf eine
gesicherte Zukunft bedachten Schwaben nicht außer Be-
tracht gelassen werden konnte. Niethammers Briefe an
Hegel sind denn auch so abgefaßt, daß sie sich vom
Empfänger als glaubwürdige Dokumente für eine zu er-
wartende Berufung nach Erlangen, zumindest seine
Rangverbesserung, bei der Familie der künftigen Frau
vorzeigen ließen. »Ihre Beförderung«, so schreibt ihm
Niethammer unter dem 5. Mai 1811, »ist mir nach meiner
Kenntnis der Verhältnisse so wenig zweifelhaft, daß ich sie
selbst für den Fall, wenn ich meine Stelle verließe, nicht
bezweifeln kann.«
Hegel hat freilich leise Anmahnung aus dem Tucher-
schen Haus nach einer »besseren Anstellung« (an Niet-
hammer, 30. Mai 1811) sehr wohl als Bekräftigung seiner
eigenen Ansichten empfunden. Er fürchtete den Abstieg
des Gymnasialprofessors als Dauerzustand nicht weniger
als den ins freie Literatentum.
Neue Erwartungen ergeben sich plötzlich durch den
Weggang von Paulus nach Heidelberg. Paulus war von
der Universität zum Professor für Kirchengeschichte be-
rufen worden. Hegel setzt sofort auf die alte Beziehung zu
seinem schwäbischen Landsmann und noch mehr auf die
Freundschaft zu dessen Frau Caroline. Sein Brief an sie
vom 13. Juli 1811, den seine Braut mit persönlichen Zwi-
schenbemerkungen versieht, ist eine einzige inständige
Bitte, ihm eine Professur in Heidelberg zu verschaffen:
»Wie groß würde mein Glück sein, daselbst endlich den
Port meiner Bestimmung zu finden! Nicht wahr, hierauf
lassen Sie mich nicht ohne Antwort.« Zwischen den Zeilen
von Marie von Tucher hinzugefügt: »Bitte, bitte! Nur

248
recht bald.« Hegel scheint sich gerade in den Monaten vor
seiner Hochzeit wieder in einer seiner depressiven Phasen
befunden zu haben, er sieht seine Zukunft in wenig hellem
Licht und glaubt, wegen Gehaltsrückständen von fünf
Monaten seine Heirat verschieben zu müssen, während
die Handwerker bereits dabei sind, die Sessel und Stühle
für die künftigen Eheleute herzustellen. Glauben an die
Zukunft hat er seiner Braut nicht vermittelt. Im Gegen-
teil: in einem undatierten Brief aus dem Sommer 1811
bittet er Marie von Tucher, seinem »Gemüt von Unglau-
ben« als »Heilerin« zu dienen.
Aber sein Zögern bei der Angst vor möglicher wirt-
schaftlicher Not in der Ehe geht aus Schichten seiner
Persönlichkeit hervor, die tiefer liegen und auf das Unent-
schiedene seines Charakters verweisen. Nachdem die Hei-
ratserlaubnis vorlag, die von Amts wegen vorgelegt wer-
den mußte, war an einen weiteren Aufschub der Hochzeit
freilich nicht mehr zu denken. Ihrem einundvierzigjähri-
gen Bräutigam hatte Marie von Tucher im Brief Hegels
an Caroline Paulus in einer kleinen Glosse testiert: »Hegel
gehört auch zu den Hoffnungslosen, die nichts erwarten,
nichts begehren.«
Wenn Hegel den Schritt in die Ehe ohne den geringsten
Funken der Begeisterung tat, so gab es dafür neben der
angeborenen Erwartungslosigkeit höchst reale Gründe,
zunächst in der Gestalt des ihm von der Frau Burkhardt in
Jena geborenen unehelichen Sohnes, der sich noch sehr
schmerzhaft in Erinnerung bringen wird. Hier wächst das
Opfer heran, das Hegels gesellschaftlicher Aufstieg in die
Kreise des Nürnberger Patrizials fordert. Der Sohn Louis
war lange krank gewesen. Hegel ist dankbar, daß unter
der Pflege der Frau Frommann, wie er am 18. Mai 1811
schreibt, die »krankhafte Aufgedunsenheit«, »Trägheit«
und »Stumpfheit des Geistes«, die Hegel der bisherigen
Erziehung zuschreibt, geschwunden sind. Man hatte ihn,
offenbar, um ihn aus den Händen der für die Erziehung
ungeeignet scheinenden Mutter zu nehmen, in das Erzie-
hungsinstitut der Betty Wesselhoff, der Schwägerin von
Hegels Freund Frommann, gegeben.

249
Die Hochzeit ist für den 16. September 1811 angesetzt.
Niethammer hat Hegel, der sich durch die Gehaltsrück-
ständc in einer mißlichen Lage befindet, dafür Kredit
angeboten. Hegel kann ablehnen, er hat sich das Geld
bereits von Merkel, einem Freund, Mitglied des Stadtrats
und mit Hegel durch die gemeinsame Tätigkeit in der
Schulkommission verbunden, geliehen.
Die Eheschließung und die anschließenden »Flitterwo-
chen« haben Hegels Arbeit an der Logik nicht wesentlich
beeinträchtigt. Das war möglich, denn er war ohne große
Illusionen geblieben, da er »mit weniger Täuschungen
auch die Zeit von der Hochzeit an durchlebte«, wie er
Niethammer am 10. Oktober 1811 schreibt. Rückblickend
findet er einige Monate später, ebenfalls gegenüber Niet-
hammer (5. Februar 1812): »Es ist keine Kleinigkeit, im
ersten Semester seiner Verheiratung ein Buch des abstru-
sesten Inhalts von 30 Bogen zu schreiben.« Dem ist nichts
hinzuzufügen. Aber nicht weniger interessant ist die zu-
sätzliche Bemerkung über die von ihm selbst erkannten
formalen Mängel des Buches: »Ich bin kein Akademikus;
zur gehörigen Form hätte ich noch ein Jahr gebraucht,
aber ich brauche Geld, um zu leben.«
Als Gymnasialprofessor in Philosophie läßt er es nun
geruhsamer angehen. Die im Dienste des Schulamts absol-
vierten Stunden haben nicht den zunächst erwarteten
Erfolg erbracht. Im Gymnasium, so findet er, wird zuviel
Philosophie gelehrt. Er ist sich lange selbst im unklaren
darüber, ob nicht »vielleicht aller philosophischer Unter-
richt an Gymnasien überflüssig scheinen könnte«, wie er
es die vorgesetzte Behörde in der Gestalt Niethammers
(23. Oktober 1812) wissen läßt mit der Erwägung, »daß
das Studium der Alten das der Gymnasialjugend ange-
messenste und seiner Substanz nach die wahrhafte Einlei-
tung in die Philosophie sei«.
Das war zweifellos auch im Blick auf Verminderung der
eigenen Unterrichtsstunden gesagt. Das Resultat des Un-
terrichts lohnt den Aufwand nicht. Mögen sich die Altphi-
lologen eine zweckdienlichere Einleitung in das Fach an-
gelegen sein lassen. Die Einsicht kam einem Bedürfnis

250
nach dringend gewünschten Erleichterungen für den phi-
losophischen Schriftsteller und Ehemann entgegen und
war im täglichen Urngang mit den Schülern gewissenhaft
erworben. Aber sie trifft auf den einer schnellen Entschei-
dung damals noch entgegenstehenden Einwand, damit
gegen sein eigenes Fach und seine Stelle zu streiten, sich das
eigene Wasser abzugraben.
Die Zahl der Unterrichtsstunden, die eingestandene
Hilflosigkeit gegenüber der Administration, die Schulden
bei ausbleibenden Gehaltszahlungen lassen ihn jetzt sogar
an Tübingen denken, wo die Stelle Abels frei wird. Das
zeigt an, in welcher Bedrängnis er sich fühlen mußte. Denn
Tübingen war für ihn eine Stätte abschreckendster Erinne-
rungen. Das hatte ihn stets mit Schelling verbunden. Jena
gegen Tübingen war ihre gemeinsame Devise gewesen.
Hegel fühlt bei Niethammer vor, der gerade in Tübingen
gewesen war und abrät. Das wäre nur ein Wechsel vom
bayerischen »Sumpf« in den württembergischen. Dann
schon lieber »mit Ehre und Anstand Rektor in Nürnberg«
sein, als die »Narrenkappe« des Tübinger Professors tra-
gen (8. Dezember 1812). Der Ratschlag wird begleitet von
Niethammers Aussichtseröffnung auf das Referat in
Schul- und Studiensachen beim Königlichen Kommissa-
riat in Nürnberg mit Einkünften von 300 Gulden.
Eigentümlich und doch nicht überraschend war bei
Hegels Bitte um nähere Auskünfte über die Tübinger
Stelle der Schatten Schelling aufgestiegen. Auch der hatte
sondiert, mehr oder weniger im geheimen sein Interesse
bekundet. Aber wie Hegels Freundin Caroline Paulus, die
über solche Interna immer bestens unterrichtet ist und sie
schnell weitergibt, ihm glaubhaft mitteilt, will man Schel-
ling in Tübingen nicht, um keine »Atheisten« zu haben.
Wie es um die Beziehung zwischen Hegel und Schelling
stand, zeigt der kurze Aufenthalt Schellings mit seiner
zweiten Frau Pauline Gotter in Nürnberg im Juli 1812 bei
der Durchreise, ohne dem Gymnasialrektor eine Aufwar-
tung zu machen. Bei einem weiteren Aufenthalt Schellings
in Nürnberg einige Monate später kommt es dann freilich
zu einem Besuch bei Hegel.

251
Die Eheschließung hat Hegel als völlige Veränderung
seiner Lebensverhältnisse empfunden. Aussichten auf die
Verbesserung seiner wirtschaftlichen Lage hatte sie nicht
erbracht. Im Gegenteil: seine Frau war vermögenslos.
Vom Vater konnte keine nennenswerte Aussteuer erwar-
tet werden, weil der Großvater noch lebte und allein über
das Familienerbe der Tucher verfügte. So fiel der Unter-
halt der Familie, wie er ausführlich berichtet, allein Hegel
zu. Nach der Geburt eines Mädchens, das kurz darauf
stirbt, kam im Juni 1813 ein Knabe auf die Welt, ein von
Hegel freudig begrüßtes Ereignis. Einige Tage später
stirbt der Schwiegervater.
Aber in diesem Jahr fallen auch große welthistorische
Entscheidungen. Dem bayerischen Schulprofessor ließ
sich als allerletztes eine königlich-bayerische Gesinnung
nachsagen. Dem Staat, in dem er lebte, hat er als einem
Abstraktum, und dies bereits als Redakteur der Bamberger
Zeitung, gesetzestreu gedient. Aber seine Bewunderung
galt Napoleon. Hegel hat seinem Gewissen deswegen kei-
nen Zwang antun müssen, denn Bayern war dessen Ver-
bündeter im Kampf gegen Österreich und Rußland, dem
sich Preußen 1812 in der Konvention von Tauroggen
angeschlossen hatte.
Doch der »Weltgeist zu Pferde« hatte längst den Zenit
seiner Macht überschritten. Das Jahr 1813 läßt auch im
Lager seiner alten Anhänger das Gefühl aufsteigen, daß
sich Napoleons Zeit dem Ende nähert. Die militärischen
Operationen in Bayern zeigen ihn bereits auf dem Rück-
zug. Hegel erlebt unmittelbar aus eigener Anschauung,
wie die bayerische Armee an seiner Seite gegen die Öster-
reicher vorgerückt war, dann aber ins Lager der Alliierten
umschwenkte. Er hatte sogar nach eigenem Bekunden
einen Vorteil von der bayerischen Staatsnot: Die Admini-
stration verteilte, um sich der Loyalität ihrer Beamten zu
versichern, Gelder an sie oder beglich, wie im Falle He-
gels, Rückstände. In der Folge der Ereignisse verlassen die
Franzosen Nürnberg, und es rücken, wie Hegel sie nennt,
die »Befreier«, Russen und Österreicher, nach. Was er in
Jena bereits leidvoll erlebt hat, wiederholt sich hier: Es

252
wird requiriert, konfisziert, geplündert. Kein Zweifel: der
alte Bewunderer Napoleons steht bald auf der Seite der
neuen Herrn. Die Elemente seiner künftigen Geschichts-
dialektik sind bei der Beschreibung der Geschehnisse
bereits in Bewegung geraten. Den in der Geschichte zum
Abtreten verurteilten Mächten zu vertrauen ist Ausdruck
der Unvernunft. Ihnen muß man mit keiner Träne nach-
trauern. Aber schon beim Aufsteigen des Neuen ist der
»Keim seines Vergehens in seiner Geburt selbst« enthal-
ten. Auf die französischen Beutemacher von Jena, die sich
an seiner geringen Habe vergriffen hatten, folgen die
russischen und österreichischen. Was die Frage aufwirft,
ob die neuen Herrn nicht ärger sind als die alten. Besser
sechs Franzosen im Quartier als zwei Russen, ist die in
Nürnberg kursierende Meinung, der Hegel nicht wider-
spricht. Ganz zu schweigen von den Österreichern, denen
er vorwirft, ihn persönlich bestohlen zu haben! »Segens-
ströme« sind aus der Niederlage Napoleons, wie sie sich
hier anbahnt, allerdings nicht zu erwarten, sondern eine
»dunkle Brühe aus jenem vaterländischen Kaffee«, mit
dem Hegel wenig im Sinne hat: ein Vergleich, den Hegel
wiederholt in seine Korrespondenz einfließen läßt. Er
spricht von schrecklichen Träumen seiner Frau; sie glaubt
sich im Lager wilder Soldaten, und zwar ausdrücklich
Kosaken und Preußen, befunden zu haben. Die Russen
haben die Bevölkerung vom Joch der Franzosen befreit,
und sie tun ihre Arbeit gut, nämlich als wahre »Befrei-
ungsbestien«.
Hegel will übrigens die große Umwälzung mit dem
Abtreten Napoleons in der Phänomenologie des Geistes be-
reits am Vorabend von dessen siegreicher Schlacht bei
Jena vorausgesagt haben. »In meinem Werke (in der
Nacht vor der Schlacht von Jena vollendet) sage ich p. 547:
Die absolute Freiheit (sie ist vorher geschildert; es ist die
rein abstrakte, formelle der französischen Republik, aus
der Aufklärung, wie ich zeigte, hervorgegangen) geht aus
ihrer sich selbst zerstörenden Wirklichkeit in ein anderes
Land (ich hatte dabei ein Land im Sinne) des selbstbewuß-
ten Geistes über ...« Wenn das richtig ist, dann war es in

253
verschlüsselter Form und für das Auge des Lesers unsicht-
bar geschehen. Denn daß damit der Sturz Napoleons
gemeint gewesen sein soll, erfahren wir erst sieben Jahre
nach Erscheinen der Phänomenologie des Geistes aus seinem
Brief vom 2g. April 1814 an Niethammer.
Aber dahinter verbargen sich für ihn keine Erwartun-
gen. Napoleon war für ihn der Bändiger der revolutionä-
ren Masse gewesen. Es steht zu befürchten, daß sich nach
seinem zu erwartenden Fall die Masse wieder erhebt und
die Herrschaft an sich reißt. Im selben Brief am Nietham-
mer beschwört er diese Gefahren: »Der Wendepunkt des
Ganzen, der Grund, daß diese Masse Gewalt hat und als
Chor übrig und obenauf bleibt, ist, daß die große Indivi-
dualität selbst das Recht dazu geben muß und somit sich
selbst zugrunde richtet.« Das läuft auf die neue »Stimm-
rechtsbewegung« im Namen des Volkes heraus, die das
Ende allen großen Tuns des einzelnen bedeutet. Indem
mit Napoleon der große Täter abtritt, der durch seine
Erscheinung für jede große Tat stand, brechen für seine
Anhänger und Geistesverwandten schlechte Zeiten an.
Mit ihrer Zustimmung zu dem neuen Recht, das ohne sie
nicht zustande kommen könnte, drehen sie sich ihren
eigenen Strick: »Es sind große Dinge um uns geschehen.
Es ist ein ungeheures Schauspiel, ein enormes Genie sich
selbst zerstören zu sehen.«
Aber vorerst ist es noch nicht soweit. Das ist an die
Adresse der Alliierten, an Österreich, Preußen, Rußland,
gerichtet. Ihren ständigen Siegesmeldungen und Ankün-
digungen vom endgültigen Untergang des ehemals all-
mächtigen Gegners muß ein gehöriges Mißtrauen entge-
gengesetzt werden. Bei dessen erprobtem Erfindungs-
reichtum ist vorzeitiges Frohlocken unangebracht.
Hier sehen wir: Beim Beobachten der Kricgsszenc vor
seinen Augen ist schon die Methode der Geschichtsdialek-
tik in voller Anwendung. Sie selbst bleibt für die rasche
Veränderung des Geschehens immer offen, reagiert auf
jeden neuen Eindruck, korrigiert sich, macht vorschnelle
frühere Schlüsse wieder rückgängig, orientiert sich an
inzwischen aufgetretenen Fakten für daraus zu ziehende

254
neue. Zugleich werden persönlich für den Beobachter
selbst abfallende Nebenerscheinungen in Betracht gezo-
gen und auf ihre Wahrscheinlichkeit abgewogen.
Zu jeder Dialektik der Geschichte gehört nach Hegel
der Primat der Tatsachen. Zuerst die Tatsachen, dann
die Folgerungen! Als Schulmann favorisierte Hegel die
Methode, daß der Schüler in den ersten zwei Jahren nur
zu schweigen habe, damit er lernen kann, um welche
Gegenstände es sich handelt, mit denen er es zu tun
haben wird, um etwas von ihrer Realität, Qualität,
Quantität, Bestimmtheit, Größe, Materie, Form, Verän-
derung usw. mitgeteilt zu bekommen. Erst nachdem er
erste Erfahrungen von ihnen gewonnen hat, kann er
sprechend im weiteren Umgang mit ihnen langsam Si-
cherheit darin gewinnen. Pädagogik ist nach Hegel wie
jede andere eine von der Logik abgeleitete Wissenschaft.
Den Lehrgegenständen gehen die Tatsachen voraus;
diese sind selbst Teile von ihnen und bereiten die Bewe-
gung vor, in die sie in der Realität geraten. Die aus der
Phänomenologie sich heraus entwickelnde Hegeische Phi-
losophie des »Systems« und der »Methode« lebt von ei-
ner grenzenlosen Freude an den Tatsachen, nicht als
Tatsachen einer platten Realität, sondern als »Wißba-
res«. Sein Beruf als Redakteur in Bamberg hatte ihn zu
täglicher Beschäftigung mit Tatsachen gezwungen in
der Form von Nachrichten, ihrer Version, der Entschei-
dung, sie zu veröffentlichen oder zu unterdrücken. Das
hatte ihm bekanntlich viele sorgenvolle Stunden berei-
tet. Tatsachen aber gehörte ebenso seine Leidenschaft
bei der Anlage seiner Mappen, in denen er sie für einen
allfälligcn späteren Gebrauch zusammenträgt. Der sonst
leicht lethargische Hegel bebt vor Freude, wenn es
darum geht, Tatsachen als Schreckensmeldungen zu
servieren, so im Stil des knappen brieflichen Berichts
vom 14. Dezember 1810 an Knebel: »kürzlich hat sich
ein Herr von Haller durch den Kopf geschossen; Frau
Senatorin von Ströhmer hat das Kind ihrer Fräulein
Tochter ins Wasser getragen und sitzt im Turm; näch-
ster Tag wird ein Mann gerädert, der mit seiner Toch-

255
ter Blutschande getrieben; die letztere wird mit geköpft,
weil beide auch noch das Kind gelötet ...«
Das sind schauerliche Begebenheiten aus dem trivialen
Alltag, die nicht viel besagen und auch nicht mehr als die
Beiläufigkeit verdienen, mit der sie hier vorgetragen wer-
den. Jedenfalls gemessen an der »Weltgeschichte«, wie sie
in der Gestalt Napoleons vor den Augen Hegels und
seiner Zeitgenossen abläuft! Höchstens, daß sie den Stoff
aufzeigen, die »Materie«, die in der »Realität« ihre »Aus-
dehnung« und »Bestimmung« erfährt!
Hegels eigenes Familienleben in der Nürnberger Zeit
war selbst tief eingebettet in die Alltäglichkeit ohne jeden
Zug zum Exzentrischen. Abweichen von der bürgerlichen
Regel liegt ihm vom angeborenen Temperament her fern.
Das wäre mit unabsehbaren Risiken verbunden. In der
Familie herrscht er als unangefochtener Patriarch, der
selbst das Haushaltungsbuch führt und Einnahmen und
Ausgaben eigenhändig einträgt. Marie Hegel wird in der
Korrespondenz als »kleine Frau« angeführt, so wie er
gegenüber Niethammer bei seinen Empfehlungen an des-
sen Ehefrau stereotyp »beste Frau« verwendet - beides
bescheidene, im biedermeierlichen Bürgertum kursie-
rende Komplimente. Die Heirat hat Hegel das bürger-
liche Lebensgefühl gegeben, daß der Mensch erst in der
Ehe ganz zu sich selbst findet. Konflikte werden darin
freilich nicht zur Sprache gebracht. Daß es sie gegeben
hat, liegt auf der Hand; sie mußten sich zwangsläufig aus
der Existenz des kleinen Ludwig Fischer entwickeln, der
in Jena in Pension fern von Vater und Mutter mehr krank
als gesund vor sich hin lebte. Die Kosten für seine Verpfle-
gung wurden vom Vater aus Nürnberg regelmäßig, aber
auch nichts darüber hinaus entrichtet. Seine Versuche,
den Sohn besuchsweise im eigenen Nürnberger Haushalt
aufzunehmen, sind offenbar von seiner Frau verhindert
worden. Kleidersendungen an den Kleinen werden verzö-
gert, wofür sich der Vater bei Frau Frommann entschul-
digt. Damit hatte es in den Augen von Hegels Frau keine
große Eile, nachdem ihr inzwischen zwei eigene Söhne
geboren worden waren, neben dem Ältesten — Karl - der

256
jüngere, der zu Ehren von Hegels Förderer in München,
Niethammer, dessen Vornamen Immanuel bekam.
Leidvoll, und zwar für beide Seiten, sind die Erfahrun-
gen gewesen, die sich durch den Besuch von Hegels
Schwester im Hause des Nürnberger Gymnasialrektors
ergeben. Christiane Hegel, dem Bruder von Jugend an
zutiefst verbunden, stand »in Diensten« bei der Familie
von Berlichingen auf Schloß Jagsthausen. Über ihre
Pflichten, die ihr alle erdenklichen Freiheiten im Hause
ließen, hatte sie keine Klage zu führen. Aber das Gefühl
der Vereinsamung verursachte lang anhaltende Depres-
sionen. Der Bruder schlug ihr vor, ihren Dienst aufzuge-
ben und zu ihm überzusiedeln, sich aber vorher wohl zu
bedenken. Er dachte an eine Hilfe für seine hochschwan-
gere Frau und an eine willkommene Erweiterung seiner
Familie. Doch die Dinge liefen dann anders als gedacht.
Bald nach ihrer Ankunft bekam die Besucherin das Ge-
fühl, die »Hausordnung« zu stören, und zog es vor, wie-
der ins Württembergische zurückzureisen. Die Wochen
hatten jedenfalls einiges bei ihr bewirkt. Ihr waren die
Augen für das Los eines nicht im Hause Anwesenden
geöffnet worden — des armen kleinen Ludwig in Jena.
Dem Jungen muß geholfen werden.
Waren Hegels Bezüge durch seine Funktionserweite-
rung angehoben worden, so reichten sie für eine leidliche
Lebensführung bei aller ihm eigenen Bescheidenheit
kaum aus. Er war immer noch hoch verschuldet. Dagegen
hatten sich seine Pflichten vermehrt. Die Aufsicht über
das Nürnberger Volksschulwesen war dazugekommen,
die ihn mit dem leidigen Visitationsrecht der Kirche in der
Schule bekannt machte. Sein Standpunkt war der Niet-
hammers: Der Demütigung des »Schulmeisters« durch
den »Pfaffen« muß getrotzt werden. Mit Wehmut ver-
merkt der ehemalige Tübinger Theologe: »Wenn wir
durch Schleichen und Freundlichkeit wie die Geistlichen
auch dreimal mehr verdienten ...« (19. April 1814).
Zu den Erwartungen, daß ihn sein »Befreier« Nietham-
mer doch noch in absehbarer Zeit auf eine Professur in
Erlangen bringen werde oder daß Paulus und Schelver

257
ihm nach Heidelberg verhelfen könnten, kommt jetzt eine
neue und höchst bemerkenswerte, die sein erwachtes
gewaltiges Selbstbewußtsein als Philosoph beweist. Am
27.Januar 1814 war Fichte in Berlin gestorben. Hier
stünde es an, den Verfasser der Wissenschaft der Logik,
deren erster Band 1812 erschienen war, nach Berlin zu
berufen. Darauf ist jetzt sein Augenmerk gerichtet nach
der von ihm befolgten Regel, daß dem möglichen Willen
Gottes durch eigene und fremde Bemühungen kräftig
nachgeholfen werden müsse.
Mit der Logik und den daraus abgeleiteten Hoffnungen
ergab sich jetzt sehr dringlich die Frage seiner Standortbe-
stimmung. Die Widerstände gegen Hegel in Heidelberg,
die Paulus zu spüren bekommt, gehen von Fries aus.
Dessen eigene »Logik« stand auf »anthropologischer
Grundlage«, womit er sich neben anderem auf Kant beru-
fen konnte, beruhte aber zusätzlich auf dem zeiteigentüm-
lichen Gefühl der »Ahnung«. Hegel nennt sie gegenüber
Niethammer (io. Oktober 1811) das »unzusammenhäng-
ste Kathedergewäsche, das nur ein Plattkopf in der Ver-
dauungsstunde von sich geben kann«, rührt aber damit
auch an Kants Philosophie in »ihrer allerletzten Seichtig-
keit«. Mochte die seltsame Verbindung von »Anthropolo-
gie« und »Ahnung« als hochromantisches Modewort Be-
denkliches an sich haben, so ist Hegels Urteil über Kant
hier »inoffiziell«. Er verrät damit seine Hauptschlagrich-
tung, deckt aber in der Logik seine Karten nicht vollständig
auf. Das galt auch gegenüber Schelling. In der Phänomeno-
logie des Geistes hatte er von seiner Kritik an Schelling nur
einen kleinen Einblick gegeben, was allerdings für Schel-
ling ausreichte, um sich elementar getroffen zu fühlen. In
nicht für den Druck vorgesehenen Äußerungen urteilte
Hegel vernichtender. Da ist vom »Schwindel der Natur-
philosophie« die Rede; »Naturphilosophie«, worin Schel-
lmgs Stärke lag, ist nur leeres Geschwätz.
Schelling konnte es nicht verborgen bleiben, daß er sich
in Hegel einen Konkurrenten für mögliche Berufungen
zugezogen hatte. In München, wo er ohne Lehrverpflich-
tungen lebte, erreicht ihn ein Ruf aus Jena. Er lehnt ab,

258
der geringen Besoldung wegen. Als Hegel davon erfährt,
bringt er sich sofort brieflich gegenüber Frommann selbst
in Vorschlag, wobei er die Befürchtung nicht unterdrük-
ken kann, man würde sich in Jena noch seiner schlechten
Darbietung des Stoffes in den Vorlesungen erinnern. Er
muß gestehen, »im mündlichen Vortrag an den Buchsta-
ben meines Heftes gebunden« gewesen zu sein (14. April
1816), seither aber habe er durch sein Nürnberger Lehr-
amt die Fähigkeit des freien Vortrags gewonnen. From-
mann möge also das möglicherweise in Jena noch gegen
ihn bestehende »Vorurteil« ausräumen. Allerdings vom
festen Boden seiner Nürnberger Einkünfte aus ist er
entschlossen, für die in Aussicht stehende gewöhnliche
Professoren-Besoldung nicht nach Jena zu gehen.
Die Frage erledigt sich dann von selbst. In Jena will man
seinen alten Gegenspieler Fries haben.
Dadurch steigen wieder die Hoffnungen auf Heidel-
berg. Denn mit dem Weggang von Fries sieht Hegel dort
für sich neue Chancen. Er ist sogar bereit, so läßt er seinen
Heidelberger Gewährsmann Paulus wissen, auf ein höhe-
res Gehalt, als er es in Nürnberg bezieht, zu verzichten,
wenn er Fries' Stelle bekommt. Der Theologe Daub, der
sich in Heidelberg ebenfalls für ihn verwendet, läßt bei
Hegel anfragen, ob er mit 1300 Gulden zuzüglich 6 Mal-
ter Korn und 9 Malter Spelz, zufrieden sei. Damit würde er
allerdings unter seinen Nürnberger Einkünften liegen.
An höhere Geldforderungen sei nicht zu denken, wird
Hegel bedeutet, aber er möge bei seinen Verhandlungen
darauf dringen, wie Fries vor ihm, in den Genuß einer
Freiwohnung zu kommen, für die 150 Gulden veran-
schlagt werden können. Hegel ist bereit, darauf einzuge-
hen, um endlich »aus dem Katzenjammer unseres Schul-
und Studienwesens« (8. August 1816 an Paulus) herauszu-
kommen. Er kann sogar für sich selber anführen, in
Berlin unter den Kandidaten für Fichtes Nachfolge zu
rangieren.
Für diesen Entschluß Hegels, von Nürnberg wegzuge-
hen, gab es neben persönlichen inzwischen objektive
Gründe. Die Württemberger, die es so eilig gehabt hatten,

259
von Jena nach Bayern zu kommen, möchten es jetzt
ebenso schnell wieder verlassen. Ihre Erwartungen waren
nicht erfüllt worden. Paulus hatte als erster die Gelegen-
heit genutzt und war nach Heidelberg gegangen. Schel-
ling stand in München auf dem Sprung, sich in jede
gewünschte Himmelsrichtung zu entfernen. Niethammer
hatte in der bayerischen Residenz mit schweren Wider-
ständen zu kämpfen und bekam das Mißfallen des Königs
zu spüren. Die altbayerisch-katholische Richtung war
nicht länger bereit, sich von den »Ausländern« bevormun-
den zu lassen, und fest entschlossen, deren Abzug aus
Bayern zu erzwingen. Niethammer muß erkennen: Die
Protestanten in Bayern sind rechtlos. Es empfiehlt sich für
sie, möglichst schnell ihren Abschied zu nehmen und
anderwärts ein Unterkommen zu suchen. Hier kann ein-
mal Hegel trösten, der so lange auf Niethammers Hilfe
gesetzt und von ihm so viel Förderung erfahren hatte.
Gegen die Anfechtung durch Bayern kann er seine ge-
schichtsphilosophische Maxime anführen: »Ich halte
mich daran, daß der Weltgeist der Zeit das Kommando-
wort zu avancieren gegeben. Solchem Kommando wird
pariert« (16.Juli 1816). Es stellt sich jetzt, ein Jahr nach
dem politischen Untergang Napoleons, heraus, was des-
sen Abtreten für die Politik in Europa bedeutet hat. Ange-
sichts der »Reaktion«, wie sie jetzt aufkommt, steht Hegel
nun stärker als je zuvor auf der Seite Napoleons. Dieser
mag zwar abgetreten sein, aber die »Reaktion« trägt selbst
schon die Keime des Untergangs in sich. Denn die »Reak-
tion« ist in Wahrheit nichts anderes als eine Reaktion auf
den »Täter«, auf den es weltgeschichtlich allein ankommt.
In den schriftlich geführten Verhandlungen mit Hei-
delberg ergeben sich zeitweilig Schwierigkeiten. Seine
Forderung nach einer Freiwohnung wird abschlägig
beschieden. Dafür kann er sein Gehalt schließlich auf
1500 Gulden heraufhandeln und an seine Nürnberger
Einkünfte herankommen mit gleichzeitiger Erwartung,
durch erwiesenen Diensteifer, der er der ernennenden
Behörde in Aussicht stellt, seine Bezüge künftig Jahr für
Jahr zu verbessern. Gegen die Teilbesoldung durch Ge-

260
treide war nichts einzuwenden. Von Tübingen her kannte
er das Verfahren, die Professoren zur Hälfte mit Natura-
lien zu entlohnen. Hegel stellt schon in Nürnberg Überle-
gungen an, wo die Deputate am gewinnbringendsten ab-
zusetzen sind.
Mit der Ernennung zum ordentlichen Professor in Hei-
delberg, wodurch die Universität zum erstenmal in ihrer
Geschichte, nachdem Spinoza einen an ihn ergangenen
Ruf abgelehnt hatte, einen großen Philosophen zu ihrem
Lehrkörper rechnen darf, sieht sich Hegel selbst unmittel-
bar vom »Weltgeist« getragen. Ein Ton gesteigerten
Selbstbewußtseins durchdringt von nun an seine Briefe.
Er ist jetzt, was er in Nürnberg nicht gewesen war, unan-
fechtbare Lehrautorität geworden mit der Aussicht, seine
Lehre in den Stand einer Landesphilosophie zu bringen
und sie so zu verbreiten. Das war, wie wir wissen, schon
sehr früh sein Wunsch gewesen. Mit dem an den gesell-
schaftlichen Zuständen Bayerns geäußerten Mißvergnü-
gen hat es nunmehr bei Hegel ein Ende. Er hatte, so sah es
aus, mit seinem an den König gerichteten Gesuch, aus
dem Staatsdienst auszuscheiden, Bayern eine Lektion er-
teilt.
Der Traum von Erlangen hatte sich für ihn nicht erfüllt.
Wer dagegen statt seiner in Erlangen lehren wird, ist
Schelling, der in vielem und für lange Zeit viel glück-
lichere Freund aus frühen Tagen. Hegel ist zwar noch
nach Erlangen berufen worden. Aber es wiederholte sich
hier das, was der Universität schon einmal, Jahrzehnte
zuvor, im Fall Kant widerfahren war: Der Ruf kam einige
Tage zu spät. Hegel hatte bereits in Heidelberg zugesagt.
Ob Absicht hinter der Verzögerung in Erlangen steckte,
ist vermutet worden, vielleicht sogar mit Recht. Nachzu-
weisen war sie nicht, und Hegel hatte keinen Anlaß mehr,
der Frage nachzugehen.

261
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Die Ungeheuerlichkeit der Vernunft:
Wissenschaft der Logik

Als die Wissenschaft der Logik zwischen 1812 und 1816


erschien, blieb sie - mit Ausnahme von Fries, der sie
unfreundlich behandelte - ohne Rezensenten. Es fand
sich niemand, der bereit war, ein Urteil über sie abzuge-
ben. Und das heißt auch, damals wie heute: Eine Erklä-
rung der Hegclschcn Logik kann nur durch die Hcgel-
sche Logik selbst erfolgen. Denn die Deutung von außen
begegnet in der Semantik des Hegelschen Satzes einem
Widerstand, der sich nicht ohne weiteres und oft über-
haupt nicht überwinden läßt.
Das galt für die Hegelsche Sprache überhaupt und
machte schon die Phänomenologie des Geistes zu einem »Ge-
heimnis«. »Alternativen für die Interpretation schwieri-
ger Textstücke wurden nirgends entwickelt« (Henrich):
Das läßt sich von der großen Logik nach wie vor behaup-
ten. Aber gerade sie, das »schwierigste philosophische
Werk deutscher Sprache« (Harich), war das in der Phäno-
menologie angesteuerte Ziel. Sie zeigt auf, was mit der
Phänomenologie auf dem Gebiete der Metaphysik und
der Logik zu leisten ist, um sie zu einer einzigen »Wissen-
schaft«, der »Wissenschaft der Logik«, zusammenzufüh-
ren: in der »System« und »Methode« vereint sind.
Darin lag von Kant aus gesehen außerordentlich Be-
fremdliches. Für die Kantianer, von denen es im 19. und
20. Jahrhundert noch zahlreiche geben wird, ging von der
der Metaphysik mißtrauenden »reinen Vernunft« wie
ihrer »Kritik« ein Grad an Helligkeit aus, der nicht leicht
zu überbieten war. Wenn Hegel jetzt seine von langer
Hand vorbereitete Wiedereinführung der Metaphysik ins
»System der Wissenschaft« dagegcnstcllte, so mußte das
wie ein gewaltiger Rückschritt erscheinen. So ist es denn
auch verstanden worden.
Ein Mann wie Fries, Hegels Kollege und Gegner in
Jena, machte sich damals bereits an den Versuch einer um

262
das rechte Verständnis des Königsberger Philosophen
besorgten Lehre und ihrer Neudeutung. Das Aufkom-
men der Hegelschen Philosophie, ihre Verbreitung sowie
die Rolle der Hegelschen Schulen haben die Bedeutung
Kants nicht lange ernsthaft beeinträchtigen können. Man
sieht das etwa bei Beneke und Trendelenburg, die sich
nach dem Studium Hegels in den dreißiger Jahren wieder
Kant zuwenden. Paradebeispiel für die offene Verhöh-
nung Hegels, und zwar unter ausdrücklicher Berufung
auf Kant, ist Schopenhauer. Von Schellings Abrücken
hier zu schweigen! Der gegen Ende des 19.Jahrhunderts
aufkommende »Neukantianismus« stellte die konse-
quenteste Art und Weise dar, mit der Neubelebung Kants
den Koloß der Hegelschen Philosophie zu umschif-
fen.
Diese Versuche, an Hegel vorbeizukommen, beruhten
auf der durchaus annehmbaren Einsicht, daß das Er-
kenntnisvermögen der Vernunft von Kant abschließend
begutachtet worden sei und der Versuch einer Revision
äußerste Risiken in sich berge. Für eine veränderte An-
schauung bestand keine Notwendigkeit.
Wenn es ein Philosoph nach Kant wagen durfte, ein
System, dem eine eigene Methode zugehörte, dem Kanti-
schen entgegenzustellen und es »Wissenschaft der Logik«
zu nennen, dann war es Hegel. Hegel hat am Beginn
seiner Vorrede zur ersten Ausgabe von 1812 die Kluft
beschrieben, die ihn von Kant trennt: »Die völlige Umän-
derung, welche die philosophische Denkweise seit etwa
fünfundzwanzig Jahren unter uns erlitten, der höhere
Standpunkt, den das Selbstbewußtsein des Geistes in die-
ser Zeitperiode über sich erreicht hat, hat bisher noch
wenig Einfluß auf die Gestalt der Logik gehabt. Dasjenige,
was vor diesem Zeitpunkt Metaphysik hieß, ist, sozusagen,
mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden, und aus der
Reihe der Wissenschaften verschwunden.«
Das hieß: Der Logik war das Schicksal der Metaphysik
erspart geblieben. War die Logik nach Kants Urteil bei
Aristoteles stehengeblieben, so war sie nach Hegels Urteil
auch von Kant nicht fortentwickelt worden. Sie von

263
Grund auf neu zu schreiben, ist die sich daraus für ihn
ergebende und hier angekündigte Aufgabe.
Hegels Denken in der Wissenschaft der Logik ist ein »Den-
ken von Grund auf«. Logik ist für ihn »die Wissenschaft
des Denkens im Allgemeinen«, ein Denken in Grundbe-
griffen und von Grundbegriffen her wie »Sein« und
»Nichts«, »Werden«, »Dasein«, »Realität«, »Bestimmt-
heit«, »Veränderung«, »Negation«, »Qualität«, »Quanti-
tät«, »Fürsichsein« usw. In der Logik gibt es nach Hegel
nicht wie in anderen Disziplinen (»Wissenschaften«) einen
Unterschied zwischen Methode und Gegenstand. Die Me-
thode ist der Gegenstand selbst, und der Gegenstand ist
die Methode, d.h. sie ist dialektisch. Die »Dialektik«, so
kann Hegel wieder mit dem Blick auf Kant erklären, »die
bisher als ein abgesonderter Teil der Logik betrachtet,
und in Ansehung ihres Zwecks und Standpunkts, man
kann sagen, gänzlich verkannt worden, erhält dadurch
eine ganz andere Stellung«. Die Dialektik ist demnach
kein »negatives Tun«, kein »Blendwerk« oder falsches
Spiel, wie es ihr ihre Gegner nachzusagen pflegen. Dage-
gen hatte sie schon Kant in Schutz genommen. Logik ist
die Vernunft der Dinge an sich, in neuerem Verständnis
»die nach bestimmten Regeln ablaufende Entwicklung
der Grundbestimmungen allen Seins und Denkens« (Rolf
P. Horstmann). Es gibt darum auch keine der Logik
vorausgehende Reflexion, es gibt keine eigentliche Einlei-
tung in die Logik. Sie beginnt stets mit der Sache selbst.
Das bedeutet aber immer, daß zu diesem Denken die
Spekulation gehört. Niethammer hatte Hegels Philoso-
phieunterricht am Nürnberger Gymnasium als Übungen
im »spekulativen Denken« lehrplanmäßig verbucht. Es
konnte gar nicht korrekter gesagt werden. Philosophie im
Sinne Hegels kennt gegen Descartes und Kant als Haupt-
element die Spekulation. Die Spekulation ist für die Phi-
losophie das, was für das Spiel der Einsatz ist: Sie ist das
Wagnis, das aufgebracht werden muß, damit die Dinge in
Gang gesetzt werden können. Es ist ein subjektiver Ein-
satz, um zum Objektiven zu gelangen. So werden Sätze
ausgestreut, deren Inhalt keineswegs allgemein feststeht,

264
sogar außerordentliche Überraschungen auslösen kann,
aber im Sinne des »Systems« und durch die »Methode«
vorangetrieben zu einem festen Resultat mit einem bc-
stürzenden Wahrheitsgehalt führt. So rechnet die Hegcl-
sche Logik als »Wissenschaft des reinen Denkens« mit der
Vorstellung, die sich auf Anaxagoras beruft, »daß das
Wesen der Welt als der Gedanke zu bestimmen ist«.
In der Wissenschaft der Logik wird eine gewaltige Be-
griffsapparatur langsam in Bewegung gesetzt, wie sie die
Geschichte der Philosophie sonst nicht kennt. Auch bei
Aristoteles nicht, ebensowenig bei Kant. Vielleicht bei
Jakob Böhme in seiner mystischen Natur- und Geistesspe-
kulation, die aber nicht als »Logik« figuriert! Hegels Lek-
türe Böhmes zur Zeit seiner Arbeit an der Wissenschaft der
Logik ist genauestens verbürgt durch die Zusendung der
Amsterdamer Jakob Böhme-Ausgabe durch van Ghert.
Diese Patenschaft Böhmes — neben dem Rationalismus
der Aristotelisch-Wolffisch-Kantischen Schullogik -
durchtränkt gleichsam die Sprache Hegels bis in den Stil
der Seins- und Wesensspekulationen hinein. Der verhan-
delte Gegenstand von »Sein« und »Wesen« ist nicht von
sich aus klar: Hegel kennt den nur dialektisch zu verste-
henden Unterschied der Bestimmungen bei gleichzeiti-
gem Zusammenfallen. Sprachlich entspricht das »Sein«
dem althochdeutschen »wesan« als Infinitiv der Verb-
form. Das Französische kennt für »Sein« und »Wesen« das
gleiche Wort »etre«, für »Wesen« zusätzlich »essence«,
was aber keinesfalls mit dem deutschen »Wesen« bedeu-
tungsidentisch ist. Für Hegel ist der Anfang das »reine
Sein«: »Sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung
und Erfüllung«; was für das »Wesen« als eine solche
»Bestimmung« enthaltendes »Sein« nicht gelten könne.
Dagegen »begreift« »ens« nach Hegel sowohl »Sein« als
»Wesen«.
Es reicht die Expressionskraft der Sprache freilich nicht
aus, um den Unterschied zwischen »Sein« und »Wesen«
deutlich zu machen. Die Frage nach »Sein« und »Wesen«
gehört zur »objektiven Logik«, die an die Stelle der vorma-
ligen Metaphysik tritt, eben dem, was Kant die »transzen-

265
dentale Logik« nennt. In der »subjektiven Logik« wird die
Logik des »Denkens« behandelt, die einer ganz anderen
Rubrik zugehört, aber bei der vorauszusetzenden Identi-
tät von Sein und Denken gemeinsamer (legenstand der
Lehre vom Sein, der Ontologie, ist.
Die Lehre vom »Sein« schließt die Lehre von »Nicht-
sein« ein. Das »Nichtsein« oder »Nichts« geht hypothe-
tisch gesehen dem »Sein« voraus. Zwischen »Sein« und
»Nichtsein« liegt als Tertium comparationis der »An-
fang«: »Der Anfang« ist »ein Nichtsein, das auf das Sein
als auf ein anderes, bezogen ist; das anfangende ist noch
nicht; es geht erst dem Sein zu. Zugleich enthält der
Anfang das Sein, aber als ein solches, das sich von dem
Nichtsein entfernt oder es aufhebt, als ein ihm entgegen-
gesetztes. Ferner aber ist das, was anfängt, schon, eben so
sehr aber ist es auch noch nicht. Sein oder Nichtsein sind
also in ihm in unmittelbarer Vereinigung.«
Bei der Bedeutung, die dem »Anfang« für die Bezie-
hung zwischen »Sein« und »Nichtsein« zukommt, ist auf
die »Analyse des Anfangs« zu setzen, die in ihrem Resultat
die Methode und in der Methode das Resultat des »Hegel-
schen Denkens« aufzeigt: »Die Analyse des Anfangs«
ergibt »den Begriff der Einheit des Seins und des Nicht-
seins« oder »der Identität der Identität und Nichtidcnti-
tät« mit dem für die spätere Ausdeutung Hegels so be-
deutsamen Zusatz: »Dieser Begriff könnte als die erste,
reinste Definition des Absoluten angesehen werden« und
der für alle Fälle gerüsteten Einschränkung: »wenn es
überhaupt um die Form von Definitionen und um den
Namen des Absoluten zu tun wäre.«
Aber es bleibt dabei: Die Erklärung der Hegelschen
Logik kann nur durch die Hegelsche Logik selbst erfol-
gen. Der Versuch einer Darstellung von außen gleicht
dem Versuch, ein Streichquartett von Beethoven allein
mit der Bratsche zu spielen. Dem Denken bei der Arbeit
zuzusehen und sie mit der Sprache zu beschreiben, ist
etwas, das Hegel außerordentliche Mühe macht und mit
der Schwierigkeit wetteifert, es auf verständliche Weise zu
tun. Wäre es anders, hätte es nicht die Verständigungs-

266
Schwierigkeiten über die Hegelsche Philosophie gegeben,
die bis heute weiterbestehen.
Mit dem Spekulieren über »Sein« und »Nichtsein« wird
das Bedenken des »Absoluten« eröffnet. Hegels Vorstel-
lung des »Absoluten« hat trotz oder gerade wegen der
Vorsicht, sich darüber auszusprechen, in der Folge wie
eine Zündschnur gewirkt. Das »Absolute« als Gottersatz,
als unpersönliches höchstes Prinzip anstelle des persönli-
chen Gottes der Juden und Christen! An dieses mögliche
Verschwindcnlasscn Jahwes im namenlosen Abstraktum
des »Absoluten« denkt dann Schopenhauer wie an ein
Zauberkunststück Hegels, während die theologische Seite
im gleichen »Absoluten« ihren »Gott« gerettet wiederzu-
finden glaubte!
Aber war in Hegels Philosophie des Absoluten für Gott
überhaupt Platz, wenn er es vorsichtigerweise unterläßt,
sich über den »Namen des Absoluten« deutlicher zu fas-
sen? Der spätere nachhegelsche Atheismus hat nicht gezö-
gert, diese theoretischen Möglichkeiten bei Hegel auszu-
schöpfen. Dem »Sein« Gottes steht dessen »Nichtsein«
gegenüber, dem in der Formel »Das reine Sein und das
reine Nichts ist dasselbe« Rechnung getragen wird und
Hegels Neutralität in der Frage garantiert. Bleibt es ein
beschwerliches Unterfangen, das Absolute Gott zu nen-
nen oder Gott das Absolute, so gibt es eine Gewißheit, die
Fichte in die Philosophie hineingebracht hat und in der
Hegelschen Logik unter allen Gewißheiten als die »kon-
kreteste« auftaucht: daß Ich gleich Ich ist, steht nicht in
Frage. Das »Ich« als »die einfache Gewißheit seiner
selbst«, als »Anfang und Grund der Philosophie«, bleibt
von allen Zweifeln unberührt. Neben Fichte wünscht He-
gel später begraben zu werden.
Steht dem »Sein« das »Nichtsein« entgegen, so bilden
sie gegenüber dem »Werden« eine »Einheit«. Das »Sein«
ist so wenig »Werden« wie das »Nichtsein«. »Werden«
liegt zwischen »Nichtsein« und »Sein« und gehört zur
»Analyse des Anfangs«. Es weist auf den Anfang der Welt,
für den Theologen auf die Schöpfung, im jüdisch-christli-
chen Sinne auf die »Schöpfung aus dem Nichts« als die

267
dogmatisch einwandfreie Erklärung der Genesis zurück.
Hegels Logik denunziert den Widersinn dieser im überlie-
ferten Glauben festgeschriebenen mythologischen Vor-
stellung: »Es kann nichts anfangen, weder insofern etwas
ist, noch insofern es nicht ist; denn insofern es ist, fängt es
nicht erst an; insofern es aber nicht ist, fängt es auch nicht
an.«
Das bedeutete Ablehnung der jüdisch-christlichen
Schöpfungserklärung der Welt »aus dem Nichts« als Er-
klärung vom »Anfang der Welt«. Das bedeutete ebenso
Ablehnung der Erklärung vom »Anfang der Welt« als
jüdisch-christliche Schöpfungserklärung: »Wenn die
Welt oder Etwas angefangen haben sollte, so hätte sie im
Nichts angefangen, aber im Nichts oder das Nichts ist
nicht Anfang.«
Dagegen hebt Heraklit das »Werden« hervor. »Alles
fließt« heißt: alles befindet sich in anfangsloser Bewe-
gung, alles ist »Werden«. Gegenüber dem »Werden« ist
aber »das Sein so wenig wie das Nichts«. »Werden« regiert
die Lebensvorgänge von der Geburt bis zum Tod, es
begründet die Dialektik von Leben und Tod, es demon-
striert, »daß alles, was ist, den Keim seines Vergehens in
seiner Geburt selbst habe, der Tod umgekehrt, der Ein-
gang in neues Leben sei«.
Daß »alles, was ist, den Keim seines Vergehens in seiner
Geburt selbst habe«, enthielt bereits den Lehrsatz von
Hegels Geschichtsdialektik, für die er in Nürnberg weiter
das Material zusammenträgt, um es später in der Philoso-
phie der Geschichte methodisch geordnet auszubreiten. Was
für jedes »Ich« gilt, gilt für alle Bewegungen, die in der
Geschichte auftreten, sich auf ihren Aufstieg vorbereiten,
ihr Wachsen erleben, auf ihren Höhepunkt gelangen, um
schließlich ihren Fall und ihr Ende zu erfahren. Auch und
gerade Bewegungen, die sich von solchem Gcsetz ausge-
nommen glauben! Sie schlagen um, erfahren das Gesetz
des Unendlichen an sich, dessen »Unendlichkeit« darin
besteht, »sich selbst aufzuheben«. Hegel hat das in der
Logik mit seiner üblichen peniblen Umständlichkeit an der
»Einheit des Endlichen und Unendlichen« demonstriert:

268
»Die Endlichkeit ist nur als Hinausgehen über sich; es ist
also in ihr die Unendlichkeit, das Andre ihrer selbst ent-
halten. Eben so ist die Unendlichkeit nur das Hinausge-
hen über das Endliche, sie enthält also wesentlich ihr
Andres, und ist somit an ihr das Andre ihrer selbst. Das
Endliche wird nicht vom Unendlichen als einem außer
ihm seiendem aufgehoben, sondern seine Unendlichkeit
besteht darin, sich selbst aufzuheben.«
In der Antwort auf die Frage: »wie das Unendliche aus
sich heraus und zur Endlichkeit komme?« sieht Hegel eine
Antwort von besonderer Bedeutung, und zwar deswegen,
weil mit ihr das »Wesen der Philosophie« bestimmt wird.
Sie lautet: »daß es nicht ein Unendliches gibt, das vorerst
unendlich ist, und das nachher erst endlich zu werden, zur
Endlichkeit zu kommen nötig habe, sondern es ist für sich
selbst schon eben so sehr endlich als unendlich«.
Der bereits früher entwickelten Formel von der Identi-
tät des Identischen mit sich selbst und dem Nichtidenti-
schen entspricht die Identität des Unendlichen mit sich
selbst und dem Endlichen durch das Wesen der Unend-
lichkeit, sowohl endlich als auch unendlich zu sein, weil
Unendlichkeit Unendliches und Endliches hat, wie denn
eine unendliche Summe von Endlichem zu Unendlichem
führt.
Logik kennt - strenggenommen — keine Reihenfolge
der zu behandelnden Gegenstände. Was als Einleitung
gilt, ist bereits logische Operation. Die logische Operation
enthält wie die Fuge mathematische Folgerichtigkeit und
Intuition, ein Thema, das spekulativ gesetzt ist und in der
Spekulation schon die Phantasie zu Wort kommen läßt.
»Sein« ist nicht gleich »Sein«, das »Sein« des Parmenides
kann dem »Werden« des Heraklit entsprechen. Dieses
Zusammengehn der Vernunft des richtigen Schlusses mit
der aus der Hypothese herausgeholten und ins Spiel
gebrachten Intuition macht aus der Logik nach Hegels
eigenen Worten eine Wissenschaft »des abstrusesten In-
halts«.
Diese Bemerkung Hegels fällt außerhalb des Buchs.
Aber sie zielte rücksichtslos auf seinen Hauptgegenstand,

269
meinte, daß im Denken an sich, wie auch in den abgeleite-
ten Gegenständen, so der Natur, der Religion, der Ge-
schichte, von zwei Enden her »gesetzt« werden muß, von
den Polen der Elektrizität, von Gut und Böse, von Ver-
nunft und Leidenschaft. Auf der hohen See der Spekula-
tion ist das reine Denken über das »Sein« ins Unendliche
hinein fortsetzbar. Im »Dasein« erfährt das »Sein« bereits
»etymologisch« eine zusätzliche Bestimmung. »Im Für-
sichsein ist das qualitative Sein vollendet; es ist das unend-
liche Sein ... Das Fürsichsein ist als Negation des Anders-
seins, Beziehung auf sich; Gleichheit mit sich. Dies macht
das Moment seines Ansichseins« und läßt die Hegelsche
Logik - allem andern voran - als »eine ontologische
Theorie« (Henrich) erscheinen.
Das weist weit voraus auf die nicht ohne Manieriertheit
des Denkspielens betriebene Sprachspekulation Heideg-
gers. Aber Hegel ist auch Nachfahre Jakob Böhmes. In
der Sprache und auch im Denkstil hängt ihr die mystische
Schwerbeladenheit von dessen Deutscher Philosophie an. So
wie das Unendliche nach Hegel das Endliche in sich hat
und das Endliche das »Wesen« des Unendlichen bis zum
Zusammenfallen von beidem ausmacht,, hat die Mystik
eine rationale Wurzel und kennt der Rationalismus einen
mystischen Ausgang. Was Hegel von Böhme und Heideg-
ger gleichwohl meilenweit trennt, ist, daß er selber auch
immer Aufklärer ist.
In seiner Wissenschaft der Logik hat Hegel die Lehrstücke
der Logik, dieser klassischen philosophischen Disziplin,
eines nach dem anderen abgehandelt und dabei alte, von
Aristoteles bis Kant geltende Gewißheiten außer Kurs
gesetzt durch die Entdeckung von nicht auf den ersten
Blick einzusehenden Eigenarten. Grundwahrheit für je-
des logische System ist der Satz, des Widerspruchs, daß A
nicht non-A sein kann. Das Urteil, daß A=A ist, sagt als
leere Tautologie nichts aus, meint, daß »im Resultate
wesentlich das enthalten ist, woraus es resultiert«. Es
kommt darin keine der »Reflexionsbewegung« entspre-
chende »Identität« zustande. Das gelingt erst mit der
Formel A=B, B=C ergo A=C als konventionelle logische

270
Reihe. Der Tiefengang der Hcgclschen Logik führt zu der
Ungeheuerlichkeit, daß der Satz vom Widerspruch als
Satz der Identität eine »formelle, abstrakte, unvollstän-
dige Wahrheit« ist, weil »die Wahrheit nur in der Einheit
der Identität mit der Verschiedenheit vollständig ist, und
somit nur in dieser Einheit besteht«. Auf die Formel A=B
angewandt heißt das: A, das B ist, hat auch non-A in sich,
denn sonst käme es, um B zu sein, über die Tautologie
A=A nicht hinaus und hört trotz des non-A in sich nicht
auf, A zu sein, das nach dem Satz des Widerspruchs nicht
non-A sein kann. Die Erklärung, die Hegel schon in der
Phänomenologie des Geistes gegeben hatte, liegt darin, daß
die »Bestimmtheit ... ihr Anderssein selbst an ihr hat und
Selbstbewegung ist« — mit dem Zusatz: »die ist eben in
jener Einfachheit des Denkens selbst erhalten«. Logik als
Geist und Denken ist kein Zustand des Beharrens im
Identischen, sondern Denkhandlung, ist »Selbstbewe-
gung« als »Entzweiung« und Rückkehr zu sich selbst, ein
Zusammenziehen auf die »Reflexionsbewegung« als Ver-
schwinden der »Identität« im »Anderssein« und des »An-
dersseins« in der »Identität«. Seit Hegel kann die Logik
nicht mehr allein vom Satz des Widerspruchs organisiert
werden. Gilt für Hegel überhaupt: »Alle Dinge sind an
sich selbst widersprechend«, so ist mit seiner Aufhebung
des Satzes vom Widerspruch in der logischen Reihe dem
Widerspruch widersprochen, wird die Aufhebung des
Widerspruchs als logische Operation Widerspruch /um
widersprochenen Widerspruch oder seiner Negation
(N. Hartmann). Damit sind alle Konventionen auf den
Kopf gestellt: »in dem möglichen A ist auch das mögliche
Nicht-A enthalten und diese Beziehung ist es, welche
beide als möglich bestimmt«, nach der Pointe, »daß das
Negative ebensosehr positiv ist«. Herkömmlicherweise
Undenkbares wird für denkbar gehalten. Hierin zeigt sich
die Wissenschaft der Logik als Fortsetzung der Phänomenolo-
gie des Geistes. Die Phänomenologie des Geistes war Einfüh-
rung in die Bewegungen, denen Natur, Geist und Ge-
schichte unterworfen sind: Bewegungen im Wachstum
der Pflanze, wo die Knospe durch die Blüte, die aus ihr

271
hervorgeht, »widerlegt« wird und die Frucht die Blüte für
»ein falsches Dasein der Pflanze erklärt«, aber auch Bewe-
gungen in der Geschichte, die sich da, wo sie auf ihrem
Höhepunkt angelangt sind, in ihr Gegenteil verkehren.
Das sind freilich Folgerungen aus »abgeleiteten Wissen-
schaften« gegenüber der »Logik« als der »reinen Wissen-
schaft« mit ihrer Zuständigkeit für die Verhandlung der
Totalität, der Wirklichkeit in ihrem Verhältnis zur Mög-
lichkeit. Die »Möglichkeit« unterscheidet sich von der
»Wirklichkeit« darin, daß sie »noch nicht alle Wirklich-
keit« ist. Die Beziehung zwischen Wirklichkeit, Möglich-
keit, Notwendigkeit und Zufall gilt so nur innerhalb des
»Systems«: »So wie das Endliche endigt und die Unend-
lichkeit voraussetzt, so fällt das Zufällige und setzt die
Notwendigkeit voraus« (Sarlemijn).
Wo immer von »Wirklichkeit« die Recie ist, ist nach
Hegel etymologisch an die Kausalität, das Verhältnis von
Ursache und Wirkung erinnert: »Was wirklich ist, kann
wirken; seine Wirklichkeit gibt etwas kund durch das, was
es hervorbringt.« Wo eine Wirklichkeit nicht mehr wirkt,
ist sie bereits um ihren Charakter als Wirklichkeit ge-
bracht. Aber die Wirkung ist immer nur Folge. Es gibt
keine Wirkung ohne Ursache: »Die Ursache ist das Ur-
sprüngliche gegen die Wirkung. Die Wirkung enthält
daher überhaupt nichts, was nicht in ihrer Wirkung ist.
Die Ursache ist nur Ursache, insofern sie eine Wirkung
hervorbringt; und die Ursache ist nichts als diese Bestim-
mung, eine Wirkung zu haben, und die Wirkung nichts,
als dies, eine Ursache zu haben.« Das Spiel der Beziehun-
gen zwischen Ursache und Wirkung kann wieder ins
Unendliche weitergetrieben werden und läuft auf die
»Identität der Ursache in ihrer Wirkung« hinaus. Was
hier in der Sprache irrational anmutet, ist vollkommen
einsichtig. So ist der Regen Ursache der Feuchtigkeit, die
seine Wirkung ist. In der Wirkung geht die Ursache unter,
die Ursache in ihrem Erlöschen wird wieder Wirkung, die
Wirkung verschwindet in der Ursache nach der Regel der
Dialektik: »Jede dieser Bestimmungen hebt sich in ihrem
Setzen auf, und setzt sich in ihrem Aufheben.«

272
Dialektik als Logik des Scheins oder Dialektik als Den-
ken »an sieh« und »für sich«! Dialektik als diabolische
Verdrehungskunst, die sich sehr wohl an den Namen
Logik knüpfen konnte und es auch für Goethe tat, wenn
Mephisto dem wißbegierigen Schüler »Zuerst Collegium
Logicum« empfiehlt und ihr Höllenwescn beschreibt:

Zwar ist's mit der Gcdankenfabrik


Wie mit einem Weber Meisterstück.
Wo ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Schifflein herüber hinüber schießen,
Die Fäden ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt:
Der Philosoph, der tritt herein,
Und beweist Euch, es müßt' so sein:
Das Erst' war' so, das Zweite so,
Und drum das Dritt' und Vierte so,
Und wenn das Erst' und Zweit' nicht war;
Das Dritt' und Viert war' nimmermehr.
(Faust I, 1922 ff.)

Den Verdacht, daß mit dem Webstuhl der Begriffe die


Dialektik als »Logik des Scheins« nicht gemeint ist, kön-
nen die Goetheschen Verse nicht unterdrücken. Sie bestä-
tigen ihn. Die Hegelsche Logik ist zwar in ihrem Lei-
stungsvermögen gegenüber der alten Logik heraufge-
setzt; nach ihr kann es einen Rückfall in die Aristotelische
oder Kantischc, die die gleiche war, nicht ohne weiteres
geben. Aber es bleibt der Eindruck, daß Ungeheuerliches,
ja Unmögliches geschieht, ohne daß sich genau sagen läßt,
worin es besteht. Auch Hegel sagt es so wenig, wie Beetho-
ven uns sagt, wie er ein Streichquartett macht. In der
Ankündigung einer »Darstellung Gottes, wie er in seinem
ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines
endlichen Geistes ist«, läge die Korrektur der an anderer
Stelle geforderten Enthaltsamkeit, sich über das Wesen
Gottes auszusprechen. Auf dieser Linie befindet sich das
Verständnis einer in der Hegelschcn Logik zusammenge-
faßten »kontemplativen Gotteslehre« (Iljin), in der es

273
»hoffnungslos« ist, überhaupt etwas »beweisen zu wol-
len«. Macht man darüber hinaus, wie Iljin es tut, aus Hegel
einen »intuitiv-denkenden Hellseher«, dann müßte seine
Logik zu Recht von den bis Wolff und Kant reichenden
Konventionen der logischen Disziplin ausgeschlossen er-
scheinen. In einer Formulierung — einer im Hegelschen
Sinne zulässigen — wie: »Sein und Nichts sind einander
entgegengesetzt. Sie sind dasselbe, und sie sind ebenso-
sehr verschieden, aber absolut verschieden« (Henrich),
wäre durch den in ihr enthaltenen Widerspruch zum Satz
vom Widerspruch, ohne daß das Labyrinth der Hegel-
schen Seinslogik erst betreten werden müßte, ein Ge-
spräch mit den Gegnern der spekulativen Logik gestört,
aber auch ohne daß sich damit die Geltung der neuen
Logik als neues Wissen, als »Neuschöpfung ohne Analo-
gon in der Tradition« (Hogemann/Jaeschke) abweisen
ließe. Hegels Logik setzt instand, vorher ungesehene
Dinge zu sehen, unter der Voraussetzung des Nichts. Die
Hegelsche Logik als eine »onto-theo-logische«, als »Theo-
logik« (Puntel), ist immer zugleich eine nihilistische. Wi-
derspruch bedeutet nicht, was er im Leben bedeutet,
nämlich der Unwahrheit anzuhängen; Widerspruch im
dialektischen Sinne ist Inhalt eines viel komplexeren Ver-
hältnisses; und ebenso: wo der Widerspruch »aufgeho-
ben« ist, wird er »aufbewahrt«, um im Fortlauf der Bewe-
gung an anderer Stelle, in anderm Zusammenhang, auf
ein anderes Niveau gerückt sich wieder zu melden. Er
tritt, wo man ihn nicht vermutet, wieder in Erscheinung.
Im Widerspruch als Negation rückt das Nichtsein zum
Sein auf. So macht das in der Negation angelegte aufbau-
ende Prinzip bis ins Sprachliche hinein aus der Sterblich-
keit die Un-Sterblichkeit, aus dem Bedingten das Un-
Bedingte, es zeigt die Verwandlungskraft des Geistes an
der Arbeit, in einem gewaltigen Akt bei einem Positiven
anzugelangen.
Daß A (in B aufbewahrt) = non-A ist, daß durch die
Kraft des Negativen das Endliche zum Un-Endlichen
wird, war in solcher Kühnheit etwas, was auch Heraklit
hätte behaupten können. Neu an dieser Abstrusität hinge-

274
gen, die Hegel selbst seiner Wissenschaft der Logik nach-
sagte, war, daß diese Formel mit allen Folgerungen von
nun an zu den festen Sicherheiten der Logik gehören wird
und als solche für den »Widerspruch an sich« aus allen
Erscheinungen der Totalität wie Subjekt und Objekt, Le-
ben und Tod, Krieg und Frieden, der Religion, der Ge-
schichte, der Politik usw. nicht mehr weggeschafft werden
kann. Darin ist die Hegelsche Logik Ausgang für Gegen-
läufiges und zugleich ihre Vereinigungssphäre. Indem
»Sein und Nichts im Werden verschwinden . . . so ist es
hiermit selbst ein Verschwindendes, ein Feuer gleichsam,
welches in sich selbst erlischt, indem es sein Material
verzehrt«: daraus leuchtet für P. Rüben innerhalb der
Hegelschen Logik ein »materialistischer Kern« auf. Von
seinen thomistischen Grundlagen ist für B. Lakebrink die
»christliche Trinität« nur »die Anwendung des logischen
Gesetzes von der christlichen Triplizität auf die christliche
Religion«, ist somit in der Hegelschcn Logik der Stufen-
gang der »Heilsgcschichtc« nachgebildet; wobei das »tri-
nitarische Gesetz«, weil es längst »vor Christi Geburt den
Menschen offenbar war ..., nach Hegel heilsgeschichtlich
nicht mehr offenbart zu werden brauchte«. In diesem
Widerspruch, der in seiner Widersprüchlichkeit die äu-
ßersten Enden von Auseinanderstrebendem in einer ein-
zigen logischen Substanz begründet sein läßt, liegen nur
beliebig herausgegriffene Beispiele für die »Zauberkraft«
der dialektischen Vernunft, aus der ihre Ungeheuerlich-
keit spricht.
Bei aller Unaussprechbarkeit in dem vom Sein ausge-
henden Beziehungssystem läßt sich soviel sagen: Sein ist
bei Hegel nicht das Erschöpfende. Es ist zwar das Abso-
lute, aber es scheint Eigenschaften zu geben, die das
Absolute vom Sein unterscheiden. Ebenso sind Sein und
Wesen im Deutschen von der sprachgeschichtlichen Wur-
zel her dasselbe, und dennoch dringt das Wesen in eine
größere Tiefendimension ein. Sein ruht gewissermaßen
auf dem Wesen als seinem Grund. Aber der Grund ist
auch wieder vom Wesen unterschieden; Grund ist das,
worauf alles ankommt: Grund im Sinne des überhaupt

275
Tiefsten, als Anfang und Ursache. Mit der Spekulation
vom Sein, vom Wesen und vom Grund stößt Hegel auf die
Hauptschlagader der Mystik von Jakob Böhme und läßt
ihren Inhalt einfließen in das aufgeklärte System von
Ursache und Wirkung. Das Spiel der Beziehungen, das
jetzt anheben kann, findet im Unendlichen kein Ende.
Grund ist das, was eine Folge hat, Folge das, was einen
Grund hat. Aus diesem Kreis gibt es kein Herauskommen.
Daß Grund (oder Wesen) der Dinge in ihrer Form liegt,
war seit Aristoteles ein unvergessenes philosophisches
Resümee. Das meinte: die Sache selbst ist nicht Form, aber
sie verfügt in der Form über etwas, was an ihr Wesen
rührt. Die Form hingegen kann nicht aus sich selbst her-
aus bestehen, sie braucht einen Inhalt, ein zu Formendes,
das geformt wird. »Es gibt überhaupt keine Materie ohne
Form und keine Form ohne Materie«, heißt es in Hegels
Papieren zur Philosophischen Propädeutik. Das meint aber
nicht, daß Materie bei Hegel philosophisch an den Anfang-
gesetzt ist. Jede von der »Idee« geleitete Philosophie tut
sich schwer mit der Materie. Sie kann sich mit irgendeiner
Priorität der Materie nicht abfinden. Kant, so meint He-
gel, »konstituiert« die Materie »aus der Repulsiv- und
Attraktiv-Kraft«. Die Befangenheit gegenüber dem Stoff
hat den Hegel der Logik nicht verlassen. Die reine Materie
ist nicht das Erste, sondern das, »was übrig bleibt, wenn
wir vom Sehen, Fühlen, Schmecken und so fort abstrahie-
ren«. Aufs Ganze gesehen kommt die Materie gegen den
Geist nicht an. In der Hierarchie der Begriffe steht sie
unten, ist sie ein Negatives, das dialektisch aus dem Nega-
tiven seine Energie holt. Nach der Phänomenologie des
Geistes war die Materie »nicht lang ein seiendes Ding,
sondern das Sein als allgemeines, oder in der Weise des
Begriffs«. Des weiteren ist die Materie passiv gegenüber
der tätigen Form. Sie erwidert die Aktivität von seiten der
Form mit »Trägheit«. Durch das Gegenläufige zur Form
bringt sie Bewegung hervor zrr ihrer Notwendigkeit für
die Form, die, indem sie sich materialisiert, erst zu sich
gelangt.
Wieder: Materie und Form erweisen sich in ihrem »An-

276
derssein« als Einheit, die sie im »Inhalt« zu erkennen
geben; jedes ist in seinem »Fürsich« schon das Ganze, weil
jedes nur in der Einheit mit dem andern auftreten kann.
Oder: »was als Tätigkeit der Form erscheint, ist ... die
eigene Bewegung der Materie selbst« nach dem Gesetz
vom »zureichenden Grunde«: »es ist nichts im Grunde,
was nicht im Begründeten ist.« Das eine ist nicht möglich
ohne das andere, Form und Materie setzen sich in ihrem
Verhältnis, wenn auch in einem Verkehr anderer katego-
rialer Art ebenso voraus wie Grund und Folge, Ursache
und Wirkung.
Dieser Zusammenhang kann natürlich auch auf andere
Beziehungen dialektisch angewandt werden, die über den
einfachen Zirkelschluß hinausgehen, wro der Grund die
Folge hat wie die Folge den Grund, so daß der Salz vorn
zureichenden Grunde Anleitung für ein einziges Auf-der-
Stelle-Treten abgibt. Die Lebhaftigkeit der Beziehungen
wird durch zusätzliche ins Spiel der Begriffe gebrachte
Karten gesteigert. So muß die Wirklichkeit zuerst die
Möglichkeit für sich gehabt haben. Unter der unbegrenz-
ten Zahl der Möglichkeiten ist die Wirklichkeit zunächst
ein Zufälliges. Lakebrink meint in seinem Kommentar zur
Hegelschcn Logik über die Komplexität des Verkehrs
zwischen Wirklichkeit, Möglichkeit und Zufall: »Nicht nur
das Wirkliche ist ein Mögliches, sondern umgekehrt: Das
Mögliche auch ein Wirkliches oder ein Zufälliges.« Aber
der Zufall kann nicht allein darüber entscheiden, daß sich
das Mögliche in Wirkliches verwandelt. Dazu muß der im
Möglichen liegende Inhalt als aussonderndes Moment
hinzukommen. Der Inhalt gehört zu den Bedingungen,
die daran mitwirken, Möglichkeiten in Wirklichkeit über-
gehen zu lassen. Es muß dabei die Reihe der Bedingungen
komplett sein, um von den vorhandenen Möglichkeiten
eine zu qualifizieren, Wirklichkeit zu sein; in ihr ist der
Zufall durch die Notwendigkeit ersetzt. Jetzt, wo der
Inhalt mit den der Sache unterliegenden Bedingungen
für die Möglichkeit zeugt, kann sie sich für die Wirklich-
keit empfehlen: muß sie mit Notwendigkeit Wirklichkeit
sein. Sie hebt sich vom Angebot aller Möglichkeiten als die

277
einzige, die in Betracht kommt, heraus: Wie das Kügel-
chen, das seiner Größe wegen bleibt, während der Staub als
ein Geringeres durch das Sieb fällt. Hegels Verständnis der
»Notwendigkeit« ist im letzten Grunde ein teleologisches,
es hat die Weltordnung als eine auf ein Ziel gerichtete im
Auge.
Notwendigkeit ist bekanntlich der klassische Widerpart
der Freiheit; Freiheit als Grundbegriff der Philosophie des
Geistes, als Ziel der Weltordnung, die darin zu ihrem Sinn
geführt wird. Aber der Widerpart wird der Freiheit zur
Voraussetzung. Notwendigkeit in ihrem dialektischen
Umschlagen läuft auf Freiheit hinaus, Freiheit geht in
Notwendigkeit über. Notwendigkeit ist nicht Zwang als
äußere Notwendigkeit, sondern hat die »Wahrheit der
Substanz«, die »Begriff« ist, für sich. Das muß als Voraus-
setzung zum Verständnis der Hegelschen Geistphiloso-
phie hingenommen werden, gehört zur Algebra von »Sy-
stem« und »Methode«, zum Wagnis des subjektiv Gesetz-
ten: Die Wahrheit des Seins steckt im Wesen, die Wahrheit
des Wesens ist in seinem Begriff zu suchen. Das Zurückfüh-
ren der Vorstellungen auf den »Begriff«, auf das Identi-
sche, das den Widerspruch in sich hat, leitet auf den Grund
der Dinge, der keinen Bedingungen als den eigenen mehr
unterliegt, auf die wahre Substanz, auf das Objektive, das
mit dem Subjektiven im Subjekt-Objekt zusammenfällt.
Ob diese Konzentrierung des Denkens auf den »Begriff«
als idealistisches Denken, in der die Vorarbeit Kants,
Fichtes und Schellings steckt, nicht Gegenstand der Kritik
sein kann, ist eine andere Frage. Auflösung der Dinge, der
Gegenstände in die Abstraktion ist Goethes Sache nie
gewesen. Das klingt in seiner Kritik an Hegel immer wieder
an. Der Übergang der Materie in die Idee des Kantischen
»Ding an sich«, das Verschwinden des Objekts in seinem
Begriff, etwa des Tisches in seiner Tischheit, aber auch das
Zurückschnellen des Abstrakten ins Konkrete als der
zwangsläufige Akt der Wechselwirkung, gehören zum
Gesamtprogramm der deutschen idealistischen Bewe-
gung, die in der Hegelschen Ausprägung kulminiert. Die
Hegelsche Logik ist Logik des Begriffs, »Flucht in den

278
Begriff«. Idealistisches Denken kann sich nicht dazu ent-
schließen, die Substanz in der Materie, statt in der Idee, im
Wesen, im Grund mit dem ganzen Geflecht ihrer Interde-
pendenzen anzunehmen.
Von hier aus wird auch der Gegenschlag verständlich,
den die Geistlehre der Hcgclschen Philosophie hinfort zu
bewältigen hat und der sie als »auf den Kopf gestelltes«
Denken trifft; der zugleich ihre ganze historische Notwen-
digkeit bezeugt, um es in der Umkehrung »auf die Füße
zu stellen«. Die Welt ist nicht beim Idealismus stehenge-
blieben.
Wenn Hegel in der Wissenschaft der Logik eine weitere
vorläufige Summe des idealistischen Denkens zieht, in-
dem er der Subjektivität der Logik ihre Objektivität voran-
stellt, dann besagt das nicht, daß er deswegen über Kant
hinausdringt, ebensowenig wie der Wagner der Meistersin-
ger, der die Fugentechnik Bachs und die Tonsprache der
Beethovenschen Symphonik darin verarbeitet hat, über
Bach und Beethoven. Nur ist - hier wie dort - der einge-
schlagene Gang der historischen Entwicklung irreversi-
bel. Gegen die Subjektivität der Kantischen Erkenntnis-
theorie, nach der die Welt subjektive Setzung, Vorstel-
lung, sozusagen von der Netzhaut aufgefangenes Bildma-
terial und deswegen je und je verschieden ist, hat Hegel
die Objektivität des Seins als der Reflexion Anheimzustel-
lendes behauptet. Aber für Kant kann ein Subjekt nur
sein, wo es ein Objekt gibt, und das Objekt nur diesen
Namen verdienen, wo es Objekt für das Subjekt ist. In der
Beziehung von Subjekt-Objekt und ihrer Realisierung in
der Identität hat Bloch das Kernproblem der Hegelschen
Philosophie gesehen — man muß sagen, die Grundfrage
der Logik. Hegel hat freilich gegen Kant nur recht unter
der Voraussetzung des »Absoluten«, in reinen, schwerelo-
sen Verhältnissen, im Unendlichen. In der Prosa des
Alltags gilt wie für die Frage der Identität von Sein und
Denken die Kantische Regel, daß ein gedachtes Haus als
Eigentum noch kein wirkliches ist, hundert Taler in der
Vorstellung noch lange keine hundert Taler in der Tasche
sind.

279
Hegels Logik des Begriffs ist ihrem eigenen Verständ-
nis nach Logik als Theorie des Absoluten. Ist die Vernunft
das Absolute, so ist die Logik die Anwendung vernünfti-
ger Denkgesetze, die auf dem Objektiven der Vernunft
beruhen und also das Subjektive mit meinen. Als sicherer
Einwand gegen Hegels »Objektive Logik« im ersten Teil
der Wissenschaft der Logik hat sich freilich der erwiesen, daß
sie von der kantischen Seite aus die »subjektive«, nämlich
Hegels eigene, ist, während die »Vorwürfe Hegels gegen
Kant ... zugleich möglichen Einwänden gegen seine ei-
gene Logik der Subjektivität vorbeugen« sollen (Düsing).
Die zwischen Subjekt und Objekt verlaufenden Fäden
lassen sich demnach nicht geordnet, ohne Knäuelbildung,
aufrollen. Düsing ist den Schwierigkeiten, die sich beim
Vergleich mit der alten Aristotelischen Logik und der
neuen Hegels ergeben, dadurch entgegengetreten, daß er
von den seit den Jenenser logischen Entwürfen erfolgten
Umbrüchen her, die zur Wissenschaft der Logik führen, zu
dem Satz kommt: »Hegels Logik ist Theorie der Subjekti-
vität.« Denn die »Revolution in Hegels Logik« (Harris) hat
für die Anhänger der formalen Logik gar nicht stattge-
funden; sie können die Ungeheuerlichkeit in der Auswei-
tung der Dimensionen des Logischen als »Metaphysik«
abtun und sich dabei auf Hegel selbst berufen. Wenn
Krohn dazu bemerkt, »daß der Ausdruck >formalc Logik<
nicht durchgängig geeignet ist, den Unterschied zwischen
Hegels subjektiver Logik und der sonst als formale Logik
bekannten zu bezeichnen«, so ist damit die Gegensätzlich-
keit zur »subjektiven Logik« Hegels, auf die es ihm hier
ankommt, noch einmal besonders hervorgehoben.
An dieser Stelle ist auch der Versuch, in der Nachfolge
der bürgerlich-idealistischen Bewegung zu einer auf Kant
und Hegel mit Einschluß von Fichte und Schelling zu
gründenden deutschen Nationalphilosophie zu gelangen,
in seinem Scheitern aufgezeigt. Die Konkordanz ist ok-
troyiert, schon im Ansatz durch die Verschiedenheit in
der Bedeutung unter Umständen völlig wortgleich ausge-
drückter Vorstellungen zur Unmöglichkeit verurteilt.
Kants Begriffssprache als gewissermaßen geheime Zei-

280
chensprache ist eine andere, weil sein Denken, in dem das
Ziel unerreichbar bleibt, ein anders strukturiertes ist. He-
gel kennt ein Ziel, das im Absoluten erreicht wird, aber
von Anbeginn an das Fortschreiten der Logik beherrscht,
somit also auch schon vorher da war und nach der Denk-
regelung von »System« und »Methode« die Wegstrecke
der sich selbstentfaltenden Idee meint bis zu dem Punkt, wo
sie beim »Absoluten« angelangt ist, wo sie im Zusammen-
fallen mit dem »Absoluten« im Wissen von sich selbst
zugleich von der Verwirklichung im »Absoluten« weiß.
Und wieder sind die Weberschiffchen kräftig bei der
Arbeit. Denn die »Idee« kennt nach der Hegelschen Be-
nennung das »Subjekt« als »Fürsichsein« und das »Ob-
jekt« als »Ansichsein«, vereinigt zwei Seiten ein und des-
selben, im »Subjekt-Objekt« zusammengefaßt. Hier bricht
die Authentizität des Hegelschcn Systemdenkens gegen
das idealistische Vorgängertum durch. Das Subjektive
steht für Leben, Individuum, Ich, das Objektive für das
Ganze mit Übergängen und gegenseitigen Verkeilungen;
das Objektive wird vom Strom des Werdens mitgerissen,
das Subjektive ist Teil der Ganzheit. Darum ist das Ziel,
das die »Idee« über die Stationen des »Systems« als »Sub-
jekt-Objekt« im »Absoluten« erreicht, in Wahrheit gar
kein Ziel, sondern durch die in Bewegung gehaltene Tota-
lität als Leben nur Anfang: aber nur Anfang eines neuen
dialektischen Ingangsetzens, nicht Anfang an sich, den es
nach der Wissenschaft der Logik nicht geben kann.
Die Verse im Faust über das Collegium logicum hat
Goethe dem Tcufelsspuk der unechten Dialektik gewid-
met; die wahre und echte Dialektik der Phänomenologie,
deren erster Adressat bei ihrem Erscheinen er gewesen
war, hat den Dichter zwar ratlos gemacht. Aber er hat sie
am Ende gelten lassen. Für die ausgearbeitete Dialektik in
der Wissenschaft der Logik hingegen, die ihm Hegel in
Weimar bei seinem Besuch auf der Rückreise von Paris
nach Berlin erklären wird, hat allerdings selbst Goethe
keine Worte mehr gefunden.

281
Vierundzwanzigstes Kapitel
Die Heidelberger Professur

Zum Antritt seines Dienstes reiste Hegel allein nach Hei-


delberg. Durch die aufregenden Reisevorbereitungen
und die Anstrengungen beim Einpacken des bescheide-
nen Mobiliars und Hausrats hatte seine Frau eine Frühge-
burt erlitten und mußte zurückbleiben. Der Korrespon-
denz, die dadurch notwendig wurde, verdanken wir
einige Einblicke in die Anfänge von Hegels Heidelberger
Zeit.
Zunächst ist er enttäuscht über die geringe Teilnahme
an seiner Vorlesung. Er hat nur vier Hörer in seinem
fünfstündigen Kolleg zur Enzyklopädie der Philosophie. Das
hatte er sich anders vorgestellt. »Die Studenten müssen
erst warm mit einem werden«, schreibt er kurz nach der
Aufnahme seiner Vorlesungen, am 29. Oktober 1816,
nach Nürnberg.
Auch sonst stellt sich manches zunächst Nichtvoraus-
sehbarc ein. Seine Dienstpflichten nehmen ihn über alle
Erwartung in Anspruch. Er muß bei der Verwaltung des
Amts seiner auffallenden Langsamkeit innewerden. He-
gel hat nicht das, was man heutzutage Flexibilität nennt.
Sie war ihm weder in Jena noch in Bamberg oder später in
Nürnberg abverlangt worden. Es fällt ihm schwer, zwei
oder drei Dinge nebeneinander tun zu müssen. »Ich habe
etwas so Schwerfälliges in meiner Natur«, bemerkt er am
19. April 1817 gegenüber Niethammer, »daß, wenn es nur
eine halbe Stunde Zeit zu einem Briefe brauchte, ich nicht
dazu komme, wenn ich nicht des sonstigen Brastes los
bin.« Als Rektor in Nürnberg hatte er zwar über zahlrei-
che Belastungen durch die Administration der Schule
geklagt, aber er war immerhin Herr im eigenen Hause
gewesen. Sein Wirkungskreis war abgerundet und über-
sichtlich. Hier in Heidelberg gilt es, sich zunächst einmal
einzugewöhnen, im Kreis der Kollegen mit nicht sofort
erkennbaren Querverbindungen Fuß zu fassen. Die trei-
bende Kraft für seine Berufung war neben Daub Paulus

282
gewesen. Aber die Art ihrer Beziehung zueinander war
nie die gleiche wie die zu Niethammer. Hegel halte sich in
seiner Korrespondenz mit Freunden wenig günstig über
Paulus ausgelassen. So tadelt er die »Vieltuerei« des Spi-
noza-Herausgebers. Wenn es jetzt zum Konflikt zwischen
beiden kommt, war das vielleicht weniger überraschend,
als es zunächst den Anschein haben konnte. Einen Anlaß
dazu gab /weifellos Hegel, indem er als Mitredakteur der
Heidelberger Jahrbücher einer Rezension Paulus' über die
Wangenheimische Idee der Staatsverfassung den Abdruck ver-
weigerte mit der von Wilken und Thibaut gestützten
Begründung, sie sei zu lang.
Das mochte zutreffen, gab aber nicht den ganzen Sach-
verhalt wieder. In Wirklichkeit waren Paulus' Anschauun-
gen über die württembergischc Staatsverfassung, derent-
wegen sich zwischen den beiden eine Kontroverse
entfachte, mitgemeint. So mußte es zumindest Paulus
sehen, der hier eine gegen ihn gerichtete Intrige mit
Hegel als Einfädler sah und darin natürlich ein Zeichen
von dessen grober Undankbarkeit.
Hegel ist nicht gewillt, sich die Autorität seines Urteils in
Frage stellen zu lassen. Als Antwort bricht Paulus seine
Beziehungen zu Hegel ab.
Das Familienleben der Hegels in der Heidelberger
Friedrichstraße der »Vorstadt«, zuerst im Haus 300, dem
sogenannten Quartschen Haus, heute Friedrichstraße 10,
»nach dem Riesensteine hinaus«, entbehrt jetzt nicht eines
gewissen Idylls. Der Hausbesitzer ist ein Landwirt. Vom
Fenster schaut Hegel auf den Bauernhof mit Pferden und
Kühen, im Sommer beobachtet er, wie die Ernte einge-
bracht wird. Das von Hegel selbst beschriebene Bild führt
direkt an die agrarisch-vorkapitalistischen Grundlagen
seines Denkens heran. Er ist ein teilweise durch »Frucht-
besoldung« entlohnter Beamter, der seinen Unterhalt
durch den Verkauf des für den Eigenbedarf nicht benö-
tigten Getreides mitbestreitet, und befriedigt feststellen
kann, daß sich mit den Preissteigerungen seine Einkünfte
erhöhen. Im Januar 1817 erfolgt der Quartierwechsel in
das etwa hundert Meter weiter entfernte Haus in der

283
Plöck, an der Stelle des jetzigen Neubaus Nr. 48. Dort
wohnt er bis zum Weggang im September 1818.
Durch seine Bestallung in Heidelberg sieht Hegel sich
jetzt auch in der Lage, endlich seinen Sohn Ludwig in die
Familie aufzunehmen. Dessen Muüer war gestorben. He-
gel unterdrückte gegenüber Frommann nicht ein gewisses
Gefühl der Erleichterung, weil er sich dadurch von man-
chen Unannehmlichkeiten befreit fühlt. Mit Ludwig
scheint es sich gut anzulassen. Er besucht das Heidelber-
ger Gymnasium. Hegel zeigt Freude an seiner Klugheit.
Es hat der Familie Hegel in Heidelberg keineswegs an
Zerstreuung gefehlt. Die nähere und weitere Umgebung
lädt zu Ausflügen ein. Man unternimmt Wanderungen
am Neckar und ins Gebirge. Besonders die Bergstraße tut
es Hegel an. Speyer und Mannheim werden besucht. Am
meisten beeindruckt ihn Schwetzingen.
Im Juli 1817 trifft ein unter dem 8. d. M. geschriebener
Brief Goethes an Hegel in Heidelberg ein. Goethe hatte
durch Sulpiz Boisseree erfahren, daß sich Hegel in der
Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften gegen New-
tons Farbenlehre ausgesprochen hatte. Goethe, der auf
Einwände gegen seine eigene Farbentheorie stets emp-
findlich reagiert, aber im übrigen gern seine »Naivität« im
Philosophischen betont und alles auf die reine Anschau-
ung setzt, bedankt sich bei Hegel. Wir wissen, daß Hegels
Zustimmung zur »Natur des Lichts« im Sinne Goethes
während der Jenenser Zeit ihm dessen Sympathie einge-
bracht hatte. Jetzt sieht sich Goethe durch die »höhere
Philosophie«, die »dem Licht seine Selbstständigkeit,
Reinheit und Unzerlegbarkeit vindiziert«, bestätigt, wie er
Boisseree am 1 .Juli schreibt, mit dem Ausdruck besonde-
rer Auszeichnung, »daß dieses reine Licht von Heidelberg
kommt«. Es war Hegel zustatten gekommen, daß sein alter
Widersacher Fries in einer Rezension der Logik, die zuvor
in den Heidelberger Jahrbüchern der Literatur erschienen
war, erklärt hatte: »Lächerlich, wie unermüdet Pedanterei
und fade Anmaßlichkeit Goethes Fehler immer wieder-
holt nachschwätzen.« Dadurch erschien Hegel vor aller
Augen als Anhänger der Goetheschen Farbenlehre. Auf

284
dessen knapp gehaltenes Billett antwortet der Heidelber-
ger Professor sogleich mit einer vom 20. Juli datierten
Abhandlung zur Farbentheorie und den Malusschcn
Lichtspiegel, die für Goethe als dem Empfänger nicht
hätte wohlklingender ausfallen können: »Philosophi-
scherweise darf ich bequem bei dem Gedanken stehen-
bleiben, daß das Brechungsphänomen der Verdopplung
der Bilder in der rhomboidalischen Natur des zugleich
durchsichtigen und insofern nur gemein brechenden
Spates seinen Grund habe, und beide Bestimmungen
zusammen das auf einmal erscheinen lassen, was im Ma-
Iusschen Apparat als Spieglungsphänomen, aber nachein-
ander geschieht durch die entgegengesetzten Stellungen
der Spiegel. Euer Excellenz erwähnen die Spiegelung in
den feinen Lamellen des schönen Spätexemplars, das Sie
besitzen, wenn ich recht gefaßt habe, für die Nebenbilder,
außerdem daß das Epoptische den Durchgängen als Exi-
stierenden Zerklüftungen angehören wird.« Man spürt
hier, wie Ergebenheitsadrcssc und Naturphilosophie sich
mischen; wobei man von der letzteren mit Sicherheit
sagen darf, daß sie Goethes Sache nicht war.
Gleich in Hegels erstes Heidelberger Jahr fiel der Auf-
enthalt Jean Pauls, der der Stadt und der Universität mit
ihren Professoren und Studenten frisches Leben be-
scherte. Ihm sollte auf Betreiben von Heinrieh Voß, dem
Philologen und Sohn des Homer-Übersetzers, die Ehren-
doktorwürde verliehen werden. Der Faszination durch
den Verfasser der Flegeljahre hat sich keiner, der mit ihm
in Berührung kam, entziehen können. Auch nicht Hegel
mit seiner zuweilen kühlen Sprödigkeit, die dann erst
durch näheren Umgang aufgelockert werden mußte. Es
müssen freilich von Jean Paul auf Hegel bacchantische
Wirkungen ausgegangen sein. Ein Punschabend, zu Eh-
ren des Gastes im Hause von Heinrich Voß veranstaltet,
zeigt Hegel in ausgelassener Stimmung. »Die Zungen
wurden immer beredter«, vermerkt ein Brief des Gastge-
bers an Ghr. Truchsess vom 18.Juli 1817. An Hegel er-
geht von einem teilnehmenden Pfarrer die Aufforde-
rung, »eine Philosophie für junge Mädchen« zu schrei-

285
ben, was Hegel mit Lachen quittiert, aber mit dem Verweis
auf seine Sprache für unmöglich erklärt. Nach vier star-
ken Bowlen stehen die Gäste, als sie sich gegen Mitter-
nacht erheben, auf schwankenden Füßen, und Hegel
deutet kurz vor dem Auseinandergehen auf Jean Paul mit
den Worten: »Der muß Doktor der Philosophie werden.«
An diesem zu vorgerückter Stunde im Rausch bekräf-
tigten Promotionsvorschlag hat Hegel gegen den Ein-
wand des Kollegen Langsdorf, daß Jean Paul »kein rech-
ter Christ« sei, auch in der Fakultätssitzung festgehalten.
Mit ungewohnter Beredsamkeit setzte Hegel auseinan-
der, daß Jean Paul »ein ganz herrlicher Christ« und an
seiner Moral nichts auszusetzen sei. Einen Tag später war
das Diplom schon auf Pergament gedruckt, und Jean Paul
kann es in einem Saffianfutteral durch die Überbringer
Creuzer und Hegel in Empfang nehmen.
Damit waren die Ehrungen des Dichter-Gastes noch
nicht beendet. Es schließen sich Ausflüge der Heidelber-
ger Professoren mit Jean Paul nach Schwetzingen und
Weinheim an. Hegel ist immer mit von der Partie. In zwei
Wagen hat man den Ausflug nach Weinheim unternom-
men. In dem Coupe mit Jean Paul, Heinrich Voß, Hegels
Frau und Frau Paulus muß es besonders lustig hergegan-
gen sein. Hier hatte man Pfänderspiele gemacht und
Küsse ausgetauscht, und die als resolut bekannte Caroline
Paulus hat sich dabei besonders ins Zeug gelegt. Hegel war
mit seinen Kindern im anderen Wagen nachgefahren.
»Und so . . . leben wir Tag vor Tag in dulci jubilo«,
berichtet Heinrich Voß am 31.Juli an Abraham Voß:
»Hegel hat bei solchen Gelegenheiten schon zweimal ei-
nen Katzenjammer bekommen.«
Zu Anfang des Jahres 1817 traf der damals sechsund-
zwanzigjährige russische Offizier Boris von Uexküll in
Heidelberg ein. Er hatte am Krieg gegen Napoleon teilge-
nommen, gerade den Dienst in der Armee quittiert und
dachte daran, seine Bildungsmängel, wie er es sah, zu
beseitigen. Gleich nach dem Eintreffen begibt er sich zu
Hegel und erlebt einen ermunternd freundlichen Emp-
fang. Das ist der Anlaß, sich sofort in einem Buchladen

286
alle Hegelschen Werke zu kaufen, um sie abends in einer
Sofaecke zu studieren. Der Besuch der Hegelschen Vorle-
sungen schließt sich in den folgenden Wochen an, aber
von dem niederdrückenden Gefühl begleitet, daß er sie so
wenig wie die Schriften versteht. Er spricht ein weiteres
Mal bei Hegel vor und bekommt den Rat, sich lateinische
Lektüre, Algebra, Naturkunde und Geographie vorzu-
nehmen, sozusagen als wissenschaftliche Propädeutik
zum Eintritt ins »System«. Dazu kam der Besuch eines
Kolloquiums bei Hegels Adlatus Dr. Hinrichs für Studie-
rende aller Fakultäten, das sich an die Phänomenologie des
Geistes anschloß. Danach kann der Studierende einen
spürbaren Erfolg seiner Bemühungen an sich bemerken.
Ucxküll war der erste Russe, der Bekanntschaft mit der
Hegeischen Philosophie machte und später als Diplomat
auf seine Weise an ihrer Verbreitung mitwirkte. Er ist ihr
lebenslanger Anhänger geblieben und führte auf allen
Stationen seiner Dienstlaufbahn die Hegeische Wissen-
schaft der Logik als Ratgeber mit sich. Sein Bericht, den er
über die erste Begegnung mit Hegel angefertigt hat,
spricht in seiner Authentizität für sich: Bei seinem ersten
Gang in Heidelberg hatte er in Hegel zu seiner »nicht
geringen Verwunderung einen ganz schlichten und ein-
fachen Mann« angetroffen, »der ziemlich schwerfällig
sprach und nichts Bedeutendes vorbrachte«. Auf den
späteren Spaziergängen erfährt er dann von Hegel, »daß
unsere überkluge Zeit allein durch die >Methode<, weil sie
den Gedanken bändige und zur Sache führe, befriedigt
werden könne«. Die Logik wurde ihm als abgeschlossene
Wissenschaft dargestellt, die nunmehr auf ihre Anwen-
dung durch die verschiedenen Disziplinen warte. Des
weiteren: »Die Religion sei die geahnte Philosophie, diese
nichts anderes als die bewußtvolle Religion.«
Im Herbst des Jahres 1817 war Victor Gousin aus
Frankreich nach Heidelberg gereist. Es war ihm bei sei-
nem Besuch in Deutschland eigentlich um Schclling zu
tun gewesen. Ihn hatte er gesucht und ... Hegel gefun-
den, wie er in seiner Schrift Über französische und deutsche
Philosophie sagt. Es muß sich um eine vom ersten Augen-

287
blick an auf große gegenseitige Sympathie beruhende
Beziehung gehandelt haben, die sich hier anbahnte. Das
Gespräch gestaltete sich zunächst nicht einfach: Hegel
beherrschte das Französische nicht besser als Cousin das
Deutsche. Und doch scheint hier sogleich die beiden ein
Gefühl für die Bedeutung des andern das Trennende
beiseite gerückt zu haben. Bei Cousin noch mehr als bei
Hegel!
Das besagt nicht wenig. Hegels Ruf war damals in
Heidelberg noch keineswegs gefestigt. Er stand nicht an
der Spitze einer Schule, sondern galt in weiten Kreisen als
»Schellingianer«. So wurde er auch in sondierenden Vor-
verhandlungen der Berliner philosophischen Fakultät für
die Nachfolge Fichtes geführt. Und einem solchen glaubte
Cousin zu begegnen, als er ihm zum erstenmal gegenüber-
trat. Er ist dann sehr schnell eines Besseren belehrt wor-
den.
Es war der Hegel der Enzyklopädie der philosophischen
Wissenschaften, dem er begegnet, der ihm das Gefühl einer
unglaublichen Bewunderung entlockt, ihn aber auch ver-
wirrt. Die Enzyklopädie findet Cousin von »ziemlich schola-
stischem Aussehen« und in einer »zu wenig deutlichen
Sprache geschrieben«. Und wieder der persönliche Ein-
druck, der sich andern Urteilen über Hegel nähert: »He-
gel läßt mit Mühe nur selten tiefe, etwas rätselhafte Worte
fallen; seine kräftige, jedoch im Ausdrucke verlegene
Diktion, sein starres Antlitz, seine umwölkte Stirne - schei-
nen das Bild des in sich selbst zurückgewendeten Gedan-
kens.«
Cousin hat sich später als Vorvcrkündiger des Sieges-
zugs der Hegelschen Philosophie bezeichnet. Das traf zu.
Er, der Franzose, ging hier allen andern voran. Das wirft
ein Licht auf das Hinüberwirken Hegels auf eine Sprache
und einen Geist, die sich von Haus aus dieser sphinxhaf-
ten Redeweise hätten widersetzen müssen und dann doch
aufs unerklärlichste von ihr angezogen zu sein schienen.
Breiteren Zulauf findet Hegel erstmals in seiner Vorle-
sung über Logik mit 70 Hörern. Das Zögernde, das so
viele in seinem Auftreten bemerkt hatten und das er auch

288
nie ganz ablegen wird, ist mehr und mehr durchsetzt von
einem sich immer stärker behauptenden Selbstbewußt-
sein. In der Universität hält er sich nach dem Bruch mit
Paulus vor allem an Daub, den Juristen Thibaut und den
Theologen Schwarz. Dazu kommt noch Creuzer. Fried-
rich Creuzer hatte damals schon die wegen ihrer Tragik
berühmt gewordene Geschichte mit Caroline von Günde-
rode hinter sich, die das Zeitalter erbeben ließ. Zwischen
dem Altertumswisseiischaftler und dem jungen Mädchen,
Stiftsdame in Frankfurt und junge Dichterin in Heidel-
berg, hatte sich eine leidenschaftliche Liebesbeziehung
entwickelt. Hoffnungen auf eine dauernde Verbindung
muß es gegeben haben. Dann war Creuzer lebensgefähr-
lich erkrankt, seine Frau hatte ihn aufopfernd gepflegt,
das Gewissen in ihm regte sich, Skrupel fielen ihn an.
Kurz: Creuzer war nicht mehr bereit, seine Frau der
neuen Liebe zu einer andern zu opfern. Der Tod der
Karoline, die sich deswegen in Winkel am Rhein aus
Verzweiflung erdolchte, »mit einem Stich zwischen vierter
und fünfter Rippe«, wie das ärztliche Bulletin festhielt,
war der vielleicht bewegendste unter den im Geiste der
Romantik gestorbenen Tode und hat nicht nur die ro-
mantischen Generationen aufgewühlt, sondern auch Goe-
the beschäftigt.
Johann Heinrich Voß, der Universität verbunden, ohne
Vorlesungen zu halten, gehört der demokratischen Ge-
genpartei an. Hegels gutes Verhältnis zum Revolutions-
freund Voß - wie zu seinem Sohn Heinrich, dem Altphilo-
logen - das zu seiner Berufung beigetragen hatte, ist da-
von nicht unmittelbar berührt, aber es ist atich deswegen
nicht eigens gefördert worden. Vom Altphilologen Welk-
ker, einem deutschen demokratischen Konstitutionali-
sten, hält Hegel sich dezidiert fern. Das ist nicht sein
Umgang. Während einer Schiffahrt der Heidelberger
Professoren auf dem Neckar, die zum hessischen Städi-
chen Hirschhorn führt, sind die beiden Parteien heftig
aufeinandergeprallt. Anlaß scheint ein Toast gewesen zu
sein, den Hegel auf die Gesundheit des Kronprinzen von
Schweden ausgesprochen hatte. Welcker beschwert sich

289
deswegen bei Daub. Sulpiz Boisseree, der den Vorfall
unter dem 13. Juli 1817 in seinem Tagebuch festhält,
vermerkt da/u: »Revolutionäres respektloses Pack: Prof.
Welcker, Kropp usw.« Aber er bewahrt eine auffällige
Objektivität, wenn er zugleich kritisch von »Hegels Abso-
lutismus« spricht. Er ist für ihn der »Einerleiheits Philo-
soph. Es ist die ja doch, ja nein Philosophie.«
Stichwortartig waren damit wichtige Elemente der He-
gelschen Philosophie, wenn auch verkürzt, festgehalten.
Gemeint ist hier ein »Absolutismus«, der sich im Politi-
schen durch ein »einerseits« und »andererseits« aus der
Schlinge zieht, dabei höchstrichterlich verfährt und sich in
der Frage der »Konstitution« und der »deutschen Frei-
heit«, die Welcker statt des Kronprinzen von Schweden
hatte hochleben lassen wollen, die entscheidenden Vorbe-
halte nicht aus der Hand nehmen läßt. Das zeigt sich
gerade in diesen Wochen, als die Vorbereitungen für das
Wartburgfest getroffen werden und die Frage der Teil-
nahme daran ansteht. Am 18. Oktober 1817 wollten sich
dort die deutschen Burschenschaften /um Andenken an
die Reformation und die Befreiungskriege gegen Napo-
leon versammeln. Der Streit dringt bis in die Familie.
Hegel rät ab und setzt sich damit durch. Fr folgt ohne
ausgesprochene Aufforderung dem obrigkeitlichen
Wunsch, den Gefahren einer solchen Versammlung, wo
sich die »deutsche Freiheit« mit der »Freiheit eines Chri-
stenmenschen«, Demokratisches mit Burschcnschaftli-
chem und Konstitutionellem verbinden wollen, aus dem
Wege zu gehen. Es ist leicht, Hegel Teilnahmslosigkeit
gegenüber einem großen vaterländischen Geschehen mit
ebenso großen Folgen nachzusagen, aber nicht, daß er die
Macht des bald mit der demokratisch-konstitutionellen
Bewegung hart ins Gericht gehenden legitimistischen
Staats unterschätzt hätte. Hegel hatte Gründe, dem Zu-
sammengehen der Burschenschaften mit der Reforma-
tion, deren 400-Jahr-Feier auf würdige Weise unter der
schwarz-rot-goldenen Fahne der Verfassungsfreunde be-
gangen werden sollte, zu mißtrauen. Auf dem Wartburg-
fest dabeizusein, dagegen sträubte sich seine Natur. Daß

290
ausgerechnet Fries, sein alter Widersacher in Jena und als
Verfasser einer Logik auf anthropologischer Grundlage
der bösartige Kritiker seiner Wissenschaft, der Logik, zu den
vaterländischen Rednern auf der Wartburg gehörte,
konnte ihn mit Genugtuung erfüllen, denn es bestätigt ihn
in seinem Urteil über ihn.
Mit den in Heidelberg weit und breit gepflegten Erörte-
rungen über "Teil- und Nichtteilnahme am Wartburgfest
wird nach jener zweijährigen Siegesfreude über Waterloo
die Schwelle zu einem neuen, dem nachnapoleonischen
Stadium erreicht, in dem die Dynastie nicht mehr gewillt
ist, die Früchte des Sieges - wie es versprochen war - mit
dem Volk zu teilen. Das Wartburgfest gilt ihr als erstes
Signal, dem mit der Ermordung Kotzebues durch den
Studenten Sand in Mannheim ein weiteres folgt. Ihre
Antwort ist im Verein mit Österreich und Rußland die
Teilnahme an der vornehmlich von Zar Alexander I. und
dem österreichischen Fürsten Metternich zustande ge-
brachten »Heiligen Allianz«. Sie versteht sie als Gegen-
schlag gegen die von ihr so empfundene Herausforde-
rung durch die Kräfte des Aufruhrs, betrachtet sie als
notwendige Reaktion.
Hegel als Philosoph der Reaktion, eines Zeitalters, das
gewissermaßen vor der Tür steht, als lcgitimistisch-poli-
zeistaatlicher Zugriff, den Hegel in Heidelberg voraus-
gewittert hat und wozu er durch den ihm von Sulpiz
Boisseree nachgesagten »Absolutismus« glänzend geeig-
net wäre? So kann es im Heidelberger Sommer des Jahres
1817 sehr wohl erscheinen. Denn so weit ist die Häutung
bereits erfolgt, die den Freund des »Kopf ab« und der
Freiheitsbäume aus Tübinger lagen auf dem Wreg zum
Kronanwalt des legitimistischen Staats zeigt, wohlverstan-
den mit allen antifcudalistischen und konstitutionellen
Zwischentönen.

291
Fünfundzwanzigstes Kapitel

Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaftern

Hegel hatte seine Enzyklopädie bereits in Nürnberg in


Teilen zu Papier gebracht. Sie ging aus den Jenenser
Papieren hervor und war Schulstoff für den Unterricht an
seinem Gymnasium gewesen. Die Behandlung einiger
Stücke vor den Schülern konnte ihm als weiterer Beweis
für seine Behauptung dienen, daß Philosophie als Lehr-
fach an Schulen völlig unnütz sei, weil sie über den Hori-
zont der Schüler hinausgehe und erst auf der Universität
irgendwelchen Vorteil bringe. In Heidelberg behandelte
er die Enzyklopädie neben der Logik und Metaphysik wei-
ter in seinen Vorlesungen.
In diesen Zusammenhang ist die Enzyklopädie bei He-
gel auch zu stellen. Sie setzt die Verwandlung der Meta-
physik in Logik und der Logik in Metaphysik voraus. Die
Logik war für Hegel die Lehre von den Definitionen
(Einteilungen), sie ist die »Wissenschaft« an sich, von der
alle anderen Wissenschaften als Einzeldisziplinen abgelei-
tet werden; sie hat formal immer vorauszugehen, um auf
empirische Weise zu den Inhalten zu führen, und zwar
nicht im Sinne der Empirie von Newton und den »Englän-
dern«, die als Instrumente für die Erfahrung Elektrisier-
maschinen, magnetische Apparate oder Luftpumpen an-
nehmen und in ihnen philosophische Instrumente sehen!
Für den Hegel der Enzyklopädie ist Denken das einzige
Instrument der Philosophie. Philosophie gilt ihrer theore-
tischen Bedeutung und dem Inhalte nach als Wissenschaft
der Vernunft, »insofern die Vernunft ihrer selbst als alles
Seins bewußt wird«. Sie ist die Summe der philosophi-
schen Wissenschaften, ihre »Enzyklopädie« in ein »Sy-
stem« gefaßt: weil ein Philosophieren ohne System nicht
»wissenschaftlich« sein kann. Von ihr ist der Gesamtbe-
reich des philosophischen Wissens zu verhandeln: Was
kann ich wissen? Wie soll ich handeln? Was kann ich
hoffen?
Hegel hat in der Heidelberger Enzyklopädie lediglich

292
einen »Grundriß« gesehen, der seinen Vorlesungen zu-
grunde lag und ihm im freien Vortrag vor den Studenten
zu extemporieren gestattete. Die Extempora Hegels am
Katheder, der in Jena noch die selbstt eingestandene Mühe
hatte, sich in seinen Vorlesungen vom Papier zu lösen,
gehören von jetzt an zu den Eigenheiten der Hegelschen
Kollegs und werden seine Mitschreiber oft in Verlegen-
heit bringen, weil sie Abweichungen vom gedruckten
Text entdecken müssen. Die Neuauflagen der Enzyklopä-
die zeigen dann noch einmal, was sich ohnehin bei Hegel
von selbst versteht, daß er das Manuskript nicht als abge-
schlossen betrachtet hat.
Der Leser der Enzyklopädie kann es erfahren: Philoso-
phie ist wesentlich Enzyklopädie, insofern das »Wahre«
nur als »Totalität« begriffen werden kann: »Das Wahre ist
das Ganze« mit der zulässigen Umkehrbarkeit des Satzes:
»Das Ganze ist das Wahre.« Wobei sich hier die unver-
meidliche Frage nach dem Verhältnis der Philosophie zu
den einzelnen Philosophien einstellt. Hegel führt zur Be-
antwortung den Unterschied zwischen dem Allgemeinen
und dem Besonderen an und wählt als Beispiel die Vor-
stellung vom Obst. So wie jede Philosophie nur eine Phi-
losophie und nicht die Philosophie ist, sind die Birnen und
Trauben zwar Obst, aber das bedeutet nicht, daß die
Kirschen nicht auch Obst wären. Umgekehrt besteht das
Obst nicht nur aus Birnen, Trauben oder Kirschen, son-
dern kann leicht durch weitere Obstsorten ergänzt wer-
den.
Das Hegelsche »System« der Heidelberger Enzyklopädie
erscheint in der Dreiteilung von »Logik« (»Idee«), »Na-
turphilosophie« (»Wissenschaft der Idee in ihrem An-
derssein«), »Philosophie des Geistes« (»Idee, die aus ih-
rem Anderssein in sich zurückkehrt«). »Methode« und
»System« sind hier zusammengeführt. Zur Logik kommt
nun die Naturphilosophie hinzu, deren Behandlung ihn
jetzt auf dem Wege von Schelling zu Kant zeigt, von dem
Hegel meint, er habe den »Begriff der Naturphilosophie
erweckt« und »den Anfang zu einem Begriff der Materie
gemacht..., nachdem sie vorher nur als ein Totes des

293
Verstandes zu Grunde gelegen hatte«. Der Materie zum
Leben verholfen zu haben, war eine Anerkennung der
Kantischen Verdienste, wie sie nicht größer hätte sein
können. »Naturphilosophie« bei Schelling war aber auch
zweifellos unter dem Einfluß von Goethes Naturdenken
zustande gekommen, das eine Herabsetzung der Materie
als »Natur« nicht kannte.
Dem Satz: »Nur ein Lebendiges fühlt Mangel« lag eine
naturphilosophische Einsicht zugrunde. Das Gefühl des
Mangels sind der Trieb, ihm abzuhelfen, gehören zur
organischen Natur, deren Negation die unorganische Na-
tur ist. Das ist, wie Hegels Naturphilosophie überhaupt,
ein Denken in dialektisch entwickelten Allgemeinheiten —
so wird von der Elektrizität als einem auf Polarität beru-
henden Phänomen gesprochen. Es ist kein Denken, das
sich auf experimentell gewonnene Erfahrungen einläßt.
Deshalb ist es dann, als sich im Laufe des 19. Jahrhunderts
der Siegeszug der Naturwissenschaften anbahnt, trotz
seiner möglichen philosophischen Richtigkeit auf das Ni-
veau fachdisziplinärer Inkompetenz hinabgedrückt wor-
den. Das Einsichtige und Unanfechtbare der aus dem
Denken in seinem Fortschreiten gefundenen Sät/e liegt in
ihrem generellen Charakter. Etwa: »Die Allgemeinheit
des Lebens und seine Einzelnheit ist in der unmittelbaren
Lebendigkeit unmittelbar lebendig«, wie es über die »ve-
getabilische Natur« heißt. Oder § 235: »Die Individualität
der Materie . . . ist die immanente Form, welche der Mate-
rie des Körpers ... einen eigenen bestimmten Unterschied
gibt.« Die eigentliche, die tragende Bedeutung der Hegel-
schen Naturphilosophie kommt erst später zum Zuge, als
er ihre Konsequenzen mit seiner Philosophie der Ge-
schichte verknüpft, weil Natur und Geschichte bei aller
Trennung ihrer Sphären einen Zusammenhang aufwei-
sen. So bedeutet die »Atomistische Philosophie« den
»Standpunkt, auf welchem sich das Absolute als Fürsich-
sein, als Eins, und als Viele Eins bestimmt«, sie führt in der
Geschichte durch die Bewegung der atomistisch auftre-
tenden Freiheit zu einem Liberalismus, der bewiesen hat,
daß er ganze Völker zu ruinieren imstande ist.

294
In der Enzyklopädie läßt Hegel sein »System« angesichts
der von ihm selbst erkannten Mängel der »Naturphiloso-
phie« als Philosophie des Geistes die höchste Höhe errei-
chen. Philosophie des Geistes wohlgemerkt ohne Ver-
dächtigung der Natur, d. h. der »Elemente«, der Materie.
Der Geist kann hier gewissermaßen auf der Materie auf-
ruhen. Der Schwierigkeit in der Beziehung zwischen »Ma-
terie« und »Geist« ist nur dialektisch beizukommen, ent-
sprechend §299: »Der Geist hat für uns die Natur zu
seiner Voraussetzung, deren Wahrheit er ist.« Daß Kant
dieser Einsicht vorgearbeitet hat, war ihm von Hegel
ausdrücklich bestätigt worden. Es ist der Geist, der die
Wahrheit der Natur ans Licht bringt. Der darum auch
wieder Wahrheit ist oder das Absolute. Deswegen: »Das
Absolute ist der Geist« (§ 302). Von der auf diese Formel
gebrachten Erkenntnis sind später viele Spekulationen
über das rechte Verständnis der Hegelschen Philosophie
als »Philosophie des Geistes« oder als Lehre vom »Absolu-
ten« ausgegangen, leider oft in jener Vereinfachung, die
den Gedanken vom »Relativen« als zwangsläufigen Ge-
genzug unterschlug. Die Lehre vom »Absoluten« ist ihrer
Natur nach auch immer Lehre vom »Relativen«. Im »Re-
lativen« wird das »Absolute« negiert. In der »Absoluten«
einwohnenden Umkehrung ist das Prinzip der Negativität
anwesend, das den Umschlag per se erfolgen läßt. Ohne
Negativität ist das Positive nicht denkbar.
Hegel hat in der Enzyklopädie die Begriffe des eigenen
»Systems« durch die »Methode« in Bewegung gesetzt.
Was über die »Dialektik« als Methode gesagt werden
kann, ist hier von Hegel schon auf die letztgültige Formel
gebracht. Dialektik bedeutet das »eigene Sich-Aufheben«
gegebener »Bestimmungen« und »ihr Übergehen in ihre
entgegengesetzte« (§ 15). Dialektik ist keine formale mehr
im Sinne des Aristoteles oder der formalen klassischen
Logik, sondern eine totale, ein Karieren und Kontcrka-
rieren aller möglichen Bestimmungen, Begriffe, Kräfte,
Erscheinungen, und dies im unaufhörlichen und un-
abschließbaren Fortschreiben der Natur und der Ge-
schichte, der Materie und des Geistes.

295
Innerhalb des Systems der Philosophie stellt gegenüber
der »Logik« und der »Philosophie des Geistes« die Natur-
philosophie auch die von Hegel selbst als solche erkannte
schwache Seite dar. Das lag an der Naturphilosophie als
Disziplin und auch an ihrer methodischen Unzulänglich-
keit, die sie noch weit vom Zustand möglicher Vollkom-
menheit fernhält. Dieses Verdikt sollte Schelling treffen,
mußte aber als Urteil auch auf Hegel selbst zurückfallen.
In die Kritik eingeschlossen war die Einsicht, daß jede
Naturphilosophie, wo sie Wissenschaft sein will, an der
experimentell-empirischen Praxis nicht vorbeikommt,
auf ihre Ergebnisse angewiesen ist. Das freilich konnte
Hegels Sache nicht sein. Und so verwirklichte sich das
Hegelsche System am stärksten in der Philosophie des
Geistes. Diese ist auch imstande, sich das »Wesen« der
»Natur« zu eigen zu machen und Aussagen über das
Verhältnis von »Natur« und »Geist«, »Materie« und
»Seele« zu wagen. Das mußte unausweichlich auf die Bahn
Spinozas führen, dessen Substanzlehre den nous der Alten
ebenso wie die »Naturseele«, die zugleich »Weltseele« sein
kann, mitverwaltet. Gemäß § 309 hat sich die Natur im
Geist »aufgegeben«, hat sie sich in ihn »übergesetzt«. Über
das Verhältnis von »Seele« und »Natur« weiß Hegel zu
sagen: »Die Seele ist nicht nur für sich immateriell, son-
dern die allgemeine Immaterialität der Natur.« Und er
kommentiert: »Die Frage um die Immaterialität der Seele
kann nur dann noch ein Interesse haben, wenn die Mate-
rie als ein Wahres einerseits, und der Geist als ein Ding
andererseits vorgestellt wird.« Mit der »Materie als ein
Wahres« (Enzyklopädie) ist der Materialismus fest einge-
baut; die stoffliche Substanz als Wirklichkeit wird an kei-
ner Stelle außer acht gelassen, was für den nachhegel-
schen und sich ausdrücklich auf die Hegelsche Methode
gründenden Dialektischen Materialismus von ausschlag-
gebender Bedeutung werden wird.
Die Bedeutung der Hegelschen Philosophie des Geistes
liegt hier gerade darin, daß die Geistlehre nicht mit einer
ätherischen Stofflosigkeit der Substanz rechnet, sondern
die Materie als für den Geist unerläßliches Element darin

296
ihren Platz hat. Dem Satz: »Der Begriff des Geistes hat
seine Realität im Geiste« ist mit der Realität der Materie
kein Abbruch getan. Materie gehört zum Geist, wie das
Subjektdenken nur als »Beziehung aufs Objekt« erfolgen
kann, wie das Fichtesche »Ich« allein durch den Gegensatz
zum »Nicht-Ich« zur Geltung gelangt. In dieser Bezie-
hung tritt der Zusammenhang von Subjekt und Objekt als
Trennung und Verbindung zutage, der zu einer »Form
höherer Ordnung« führt, in der »Form« als Form und
Inhalt zugleich verstanden wird, weil es in der Welt keinen
Inhalt ohne Form und keine Form ohne Inhalt geben
kann.
Die Erforschung der Metaphysik als Logik und der
Logik als Metaphysik ist Erforschung auf spekulativer
Grundlage und bedeutet »Reflexion«. Seiner Natur nach
ist der Mensch »nach außen gerichtet«. Reflexion bedeu-
tet seine Wendung nach innen, in ihr wird der Mensch
sich selbst zum Gegenstand. Höchster Gegenstand für das
denkende Umkreisen in der Reflexion ist das Absolute als
Emanation des Geistes in der Dreiheit von Religion, Kunst
und Philosophie. Höher als die Religion liegt die Kunst,
höher als die Kunst liegt die Philosophie. Die Verhandlun-
gen über das Beziehungssystem dieser Drei in Einem
werden in der Enzyklopädie nur eröffnet, ihr Resultat ist
auch nicht unrevidierbar.
Die bei Hegel vorherrschende Struktur ist die triadi-
sche. Sie manifestiert sich als Stufengang von Thesis,
Antithesis und Synthesis, als Dreitakt des Denkens »an
sich und für sich«. In der Dialektik mit ihrem Prinzip der
»Entzweiung« ist also eine Dreiheit gegenwärtig, die vor
Platon bereits im Zahlensystem der Pythagorecr wegen
der besonderen Rolle der Drei eine Schlüsselstellung ein-
genommen hatte und ihrer symbolischen und rhythmi-
schen Gestalt wegen in den Liturgien über die Grenzen
einzelner Kulte hinweg Funktionen auch magischer Art
ausübte. Das Prinzip der Drei in Einem und der Eins in
Drei kehrt als »Dreieinigkeit« (Vater, Sohn und Geist) in
der Hegelschen Religionsphilosophie wieder, es ist als
Prinzip des Geistes immer auch ontologisches Prinzip.

297
Dagegen steht das von Kimmerle und Hösle wieder neu
in Erinnerung gerufene Tetradische als zweite Struktur
des Hegelschen Denkens (»vier Grundfarben - die Eintei-
lung der Metaphysik in 1. Ontologie, 2. rationelle Psycho-
logie, 3. Kosmologie, 4. natürliche oder [rationelle] Theo-
logie — solarische, planetarische, lunarische, kometarische
Natur«). Die Struktur ist eine Sache der von Hegel getrof-
fenen Unterscheidung, aber sie ist weitgehend nicht frei,
sondern als durch den Begriff bestimmt immer auch abhängig
vom Gegenstand. Daß Triadisches im Bereich des Geistes,
Tetradisches im Bereich der Natur galt, war in umgekehr-
ter Reihenfolge bereits in der 3. These von Hegels Schrift
über die Planetenbahnen niedergelegt: »Quadratum est
lex naturac, triangulum mentis.« Diese Einteilung wird
bei Hegel nicht durchgängig beachtet, ohne daß sie da-
durch ihren generellen Charakter einbüßen würde. Sie
stammte nicht von Hegel. Daß »in der Sphäre des Geistes
... das Trichotomische« herrscht, darauf »aufmerksam
gemacht« zu haben, »gehört zu den Verdiensten Kants«.
Wenn die Philosophie in der Enzyklopädie noch als »die
Einheit der Kunst und der Religion« bezeichnet wird, so
wird sich Hegel durch den Einfluß Goethes darüber be-
lehren lassen, daß das Kunstwerk auch über die philoso-
phische Erkenntnis hinausdringen kann. Das steht für die
objektiv gewordene Kunst fest. Vorderhand gilt für den
Hegel der Enzyklopädie: »das Kunstwerk ist nur dann
Ausdruck des Gottes, wenn kein Zeichen von subjektiver
Besonderheit darin« enthalten ist.

298
Sechsundzwanzigstes Kapitel

Friedrich Heinrich Jacobi

Es war ein langer Weg gewesen, den Hegel bei der Beur-
teilung Jacobis seit seinen Ausfällen im Kritischen Journal
bis zu seiner Rezension des dritten Bandes von dessen
Weiken in den Heidelberger Jahrbüchern zurückgelegt
hatte. Es hatte hier eine Antipathie gegeben, die auf
Gegenseitigkeit beruhte. In der Auseinandersetzung zwi-
schen Hegel und Fries stand Jacobi lange Zeit auf der Seite
von Fries.
Das hatte sich gegen Ende von Hegels Nürnberger
Tätigkeit geändert. Ob ein Besuch Hegels in München,
den er Niethammer zumindest brieflich angekündigt
hatte, wobei er die persönliche Bekanntschaft Jacobis
gemacht haben könnte oder ob eine Reise des Präsidenten
der Bayerischen Akademie der Wissenschaften nach
Nürnberg dabei eine Rolle gespielt haben mag, ist schwer
mit Sicherheit zu sagen, aber nicht unwahrscheinlich.
Hegels Urteile über Jacobi fallen jedenfalls plötzlich gün-
stiger aus.
Hegels Rezension enthält nun das Resümee dieser völli-
gen Wandlung und bedeutet zugleich die genaueste Posi-
tionsangabe des eigenen Denkens zwischen der Nürnber-
ger Logik und der Enzyklopädie. Sie ist eine Schlüsselschrift,
die für den Zugang zum Hegclschen »System« unentbehr-
lich bleibt.
Hegel bemängelt eingangs sofort, daß der Band nichts
über Jacobis Briefe über die Lehre des Spinoza als notwendige
Vorausschickung enthalte. Hier war ein empfindlicher
Nerv getroffen, der an die Behandlung der Spinoza-
Frage der achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts erinnern
ließ. Damals hatte Jacobi außerordentliches Aufsehen mit
der Mitteilung nach Lessings Tod erregt, dieser sei ein
heimlicher Anhänger Spinozas gewesen, was alle mögli-
chen Verdachtsgründe bis hin zum Atheismus heraufbe-
schwören mußte. An den Wellen schlagenden Erörterun-
gen über die damit verbundenen Gefahren waren neben

299
Jacobi noch Mendelssohn, Goethe, Herder, aber auch
Kant beteiligt gewesen. In seiner Rezension geht Hegel
sogleich in eigener Sache vor, wenn er ehe Erwähnung des
Spinoza-Themas für unerläßlich hält, weil es über Jacobis
Absicht »von der Nichtigkeit aller wissenschaftlichen Er-
kenntnis des Göttlichen« Aufschluß gebe. Spinoza ist hier
unmittelbar neben Kant gestellt, was im Blick auf Jacobi
noch dadurch gerechtfertigt erscheint, weil Kant von Ja-
cobi erst nach dessen Beschäftigung mit Spinoza in seiner
ganzen Bedeutung erkannt worden war, mit einer Folge-
rung, die Hegel für seine eigene Philosophie wie für die
Philosophie überhaupt zieht: daß nämlich konsequentes
Philosophieren nach Spinoza zwangsläufig zum Spinozis-
mus führe. Im Hegeischen Sprachgebrauch heißt dies:
Die Tdee Gottes in ihrer Unendlichkeit tritt nicht in das
Erkennen ein. Hegel charakterisiert hier die aus Spinoza
gezogene und Jacobi zugeschriebene Formel: »Gott ist
Geist, das Absolute frei und persönlich.« Gott ist kein
toter, sondern ein lebendiger Gott.
Jacobi steht nach Ansicht des sachlich abhandelnden
Referenten für jemand, der im Namen Spinozas dem
Bewußtsein nicht länger zumuten will, daß es kein Wissen
von Gott geben könne, das nicht erst eine Reihe von
Schlüssen nach vorausgesetzten Begriffen und gezogener
Folgerungen durchgemacht hat, in denen die Beweise
stecken. Das wäre das gleiche, wie vom Menschen zu
glauben: »er könne nicht verstehen, noch gehen, noch
sehen, noch hören, ohne Anatomie und Physiologie stu-
diert zu haben.« Für jede kirchliche Theologie außeror-
dentlich befremdlich mußte es sein, die Eine Substanz
Spinozas in der jüdisch-christlichen Gottesvorstellung
aufgehen zu lassen. Der ehemalige Tübinger Theologie-
kandidat wußte, woran er rührte, er wußte, in welche
Richtung sich Spinoza begeben hatte. Das war das Ende
jeder institutionalisierbaren Theologie, es konnte auch
das glatte Gegenteil jeder Theologie, nämlich Atheismus,
bedeuten, wie ihn Lessing und Goethe gestreift hatten.
Hier wird noch nicht ausgesprochen, was aber bereits voll
ins Visiert' genommen ist: »Spinozismus gleich Atheismus«

300
als Hegelsche Formel, sowie: Spinozismus oder keine Phi-
losophie, Spinoza ist als der Ausgang der neueren Philoso-
phie von Hegel klar ausgemacht, und zwar gerade in der
Unterlassung, sich mit ihr auseinandergesetzt zu haben,
wie er es Jacobi hier vorwirft.
Das Dringliche in der Beanstandung Hegels, die Lehre
Spinozas unberücksichtigt gelassen zu haben, brauchte
Jacobi nicht zu treffen, denn er bezeugte selbst die Anzie-
hungskraft, die der Spinozismus auf die Religiosität der
nachmaligen deutschen Klassik ausgeübt hatte. Lessing
hatte seinen vor der Öffentlichkeit zu verschweigenden
Glauben, der dem des Spinoza ähnlich sei, in einem per-
sönlichen Gespräch mit Jacobi bekannt und das »Geheim-
nis«, das er daraus machte, durch seine Unterscheidung
von esoterischer und exoterischer Wissenschaft gerecht-
fertigt. Lessing wußte, was er tat, und hätte, wenn er
Zeuge des Entsetzens beim Bekanntwerden seiner spino-
zistischen Neigungen nach seinem Tode gewesen wäre,
seine Vorsicht bestätigt gefunden. Dagegen hatte Goethe
unbefangener seine Sympathie für die spinozistische Phi-
losophie zu erkennen gegeben. Gott in der Natur auf-
gehen zu lassen, entsprach seinen eigenen Vorstellun-
gen.
Hegel hat mit der Behandlung dieser so schwerwiegen-
den Gegenstände die Jacobi-Rezension zum Anlaß ge-
nommen, seinen Richterspruch in Fragen der neueren,
d. h. nachspinozistischen Philosophie zur Geltung zu brin-
gen. Das bedeutete zunächst Abgrenzung gegen Kant.
Hegel faßt seine Kant-Kritik ganz knapp in dem Vorwurf
zusammen: der Königsberger Philosoph habe gefragt:
»Wie sind synthetische a priori Urteile möglich?« — »Statt
die Notwendigkeit dieser Urteile als Gegenstand der Phi-
losophie zu bestimmen.«
Hier ist Hegels Kant-Kritik auf einem übersichtlichen
Raum zusammengefaßt. Wenn nach der theoretischen
(»reinen«) Vernunft »die Ideen von Gott, Freiheit und
Unsterblichkeit unerweislich« sind, weil diese »Gegen-
stände nicht erkannt werden« können und die theoretische
Vernunft nur auf das, »was ist«, gerichtet sein kann, dann

301
begnügt sich die praktische Vernunft mit herabgesetzten
Ansprüchen. Sie setzt sich über die Unbeweisbarkeit die-
ser Ideen hinweg und fordert für sie, die in der Erschei-
nungswelt nicht anzutreffen sind, von denen es keine
sicheren Erfahrungen gibt, die Anerkennung ihrer Exi-
stenz. Der Kant der Kritik der praktischen Vernunft verfährt
nach Hegel in der Weise der Philosophie des »Als-ob«,
der auch die Regel Voltaires entspricht: »Wenn es keinen
Gott gäbe, so müßte man ihn erfinden.« »Kritische Ver-
nunft« und »praktische Vernunft« bei Kant klaffen hier
auseinander. »Das Bewußtsein, daß Gott ist, daß Freiheit
ist, daß Unsterblichkeit ist, ist nur etwas ganz Anderes als
das Postulat, daß diese Ideen nur sein sollen.« Niemand
außer Kant selbst wäre hier befugt gewesen, auf die An-
griffe zu antworten. Aber der Angegriffene weilt schon
mehr als zehn Jahre nicht mehr unter den Lebenden. Was
indessen das genau Treffende von Hegels Kritik aus-
macht, was ihm den Scharfblick für die »Schwäche« gab,
war die Höhe der eigenen Dialektik, die er bei Kant antraf.
Kant setzt, was er annulliert, und er annulliert, was er setzt
nach Hegels Philosophie des »Seins«, das zugleich sein
eigenes »Nichts« ist. Hegel stimmt dabei Jacobi zu, daß er
Kant, bei dem »das Objekt zu einem unerkannten und
unerkennbaren Ding-an-sich erst gewissermaßen durch
den ganzen Verlauf der Kritik zusammenschrumpft«,
dialektisch behandelt. Er kritisiert Jacobi aber, daß er
Fichte nicht dialektisch behandelt habe, obwohl sich diese
Methode bei ihm ebenso zwingend vorschreibe, weil
Fichte dem ersten absoluten Grundsatz seiner Philoso-
phie, Ich=Ich, den zweiten folgen läßt, daß das Ich sein
Nicht-Ich inhaltlich entgegensetzt. Jedes Ich kann sich
nur gegenüber einem Nicht-Ich geltend machen. Beide
Grundsätze sind unbedingt und in ihrem Zusammenhang
nur dialektisch zu verstehen.
Hegel nimmt jetzt die Gelegenheit wahr, gegen Jacobi
seine eigenen, an Spinoza orientierten Grundbegriffe der
Logik ins Feld zu führen. Um hier halbwegs zum Ver-
ständnis zu gelangen, läßt es sich nicht vermeiden, sich in
die dunkle Begrifflichkeit seiner Metaphysik zu stürzen.

302
Hier ist die Rede vom »absoluten Geist«, dessen Grundbe-
stimmung die »Unmittelbarkeit« oder das »Sein« bzw. die
»Substanz« ist. »Substanz« aber — daran erinnert Hegel
aus seiner Logik - ist die »Negation der Negation«, nach
der notwendigen Setzung, daß jede Bestimmung Nega-
tion ist. Als Negation ist die »Substanz« die »absolute
Affirmation« und ebenso »unmittelbare Freiheit« und
»Selbstbestimmung« nach der in der Logik ausführlich
entwickelten Erklärung, daß die »absolute Negativität« als
»Quell der Freiheit« zu gelten hat.
Worin Bedeutsames in Hegels Jacobi-Rezension liegt?
In ihr ist Jacobi neben Spinoza, Kant und Fichte voll
angenommen, eine Vorstellung, die im 19. und 20. Jahr-
hundert preisgegeben worden ist, als man Jacobi so gern
mit Schweigen überging. Hegel kennt eine eigentümliche
Stufung, die bei ihm in der Geschichte der Philosophie zum
Ausdruck kommen wird, Spinoza die eigentliche Palme
zuerkennt und aus Fichte einen konsequent gewordenen
Kant macht. Hegel: »Das fichtesche System ist bekanntlich
durch das kantische in eine höhere Abstraktion erhoben.«
Das heißt: Spinoza nimmt jetzt nach Hegel unter den
Dreien den höchsten Rang ein, Kant den untersten. Fichte
liegt dazwischen, und das Verdienst Jacobis besteht darin,
der von Kant ausgehenden Bewegung der neueren Phi-
losophie frischen Schwung gegeben zu haben, und zwar
im Sinne jener »positiven Ideen« wie »Gefühl, Ahnung,
Glauben« zusammen mit dem Standpunkt, »spekulatives
Wissen, begreifendes Erkennen für unmöglich zu hal-
ten«. Aber mit der »Rede«, daß »ein Gott, der gewaßt
würde, kein Gott mehr wäre, daß sich selbst der Mensch
und das Wesen Gottes unergründlich sei, weil sonst im
Menschen ein übergöttliches Vermögen wohnen, Gott von
dem Menschen müßte erfunden werden können«, war'
Jacobi wieder dicht an die Seite Kants gerückt. Mißtrauen
in die Spekulation als Mittel zum sichern Wissen und
zugleich Ahnung, Gefühl, Glaube — aber nicht Glaube an
Wunder! Wir wissen aus der Phänomenologie des Geistes
ganz genau, wie sich Hegel zu den hier aufgeführten und
aneinandergereihten Punkten, die er bei Jacobi zusam-

303
mengeführt sieht, ausgesprochen hatte. Er war in Jacobi
einem fast drei Jahrzehnte älteren Zeitgenossen begegnet,
der in manchem den gleichen Stufengang von Kant zu
Fichte hinter sich gebracht hatte und für Hegel die Lichter
und Irrlichter eines Zeitalters im Wandel von der Ver-
nunft zum Glauben, vom Wissen zum Fühlen mit all
seinen Wechselwirkungen und Durchdringungen auf-
leuchten ließ. Am Schluß der Rezension fällt wie ein
Paukenschlag der Name Hamann, dem Hegel noch eine
ausführliche Schrift widmen wird. Hamann ist Königsber-
ger wie sein Lehrer Kant, als dessen Antipode er sich
fühlen darf und auch von Hegel gesehen ist, der Antira-
tionalist, der vom »leeren Abgrund«, von »Ungestalt«,
»Chaos« vom »Nichts als Nichts« zeugt. Hier tritt, wenn sie
denn schon zusammengehören, die Nacht auf den Tag,
schafft die Zusammengehörigkeit jene Koinzidenz, die Ja-
cobi die zu vermutende »Harmonie« des Denkens und
ihm damit seine Beglaubigung verleiht.
Auffallend an der Jacobi-Rezension ist, daß neben Kant
und Fichte der Name Schellings fehlt; nur indirekt wird er
kritisch erwähnt, wenn für ihn die »Naturphilosophie«
steht: es »geht schon aus den wiederholt erneuerten Ver-
suchen, der Natur-Philosophie ihre wissenschaftliche Form
zu finden, hervor, daß sie sich in Rücksicht der Form selbst
noch nicht befriedigt; keine der nacheinander folgenden
Darstellungen erschöpft die Vollständigkeit des Inhalts«.
In dieser Unzulänglichkeitserklärung über die »Natur-
philosophie« kann Schelling als ihr bedeutendster Vertre-
ter vernehmen, was Hegel von ihr und ihren bisherigen
Entwürfen hält. Dafür rückt Jacobi auf, dem neben Kant
das Verdienst zugerechnet wird, »der vormaligen Meta-
physik nicht so sehr ihrem Inhalte nach, als ihrer Weise
der Erkenntnis, ein Ende gemacht, und damit die Not-
wendigkeit einer völlig veränderten Ansicht des Logi-
schen begründet zu haben«. Ein größeres Lob Jacobis, der
damit in der Geschichte der Philosophie »eine bleibende
Epoche gemacht« habe, war schwer zu denken, aber auch
kein größeres Selbstbewußtsein als das, was hier aus Hegel
selber spricht. Für ihn haben Kant und Jacobi das alle

304
System gestürzt und die Vorspanndienste zum Aufbau
des neuen Systems geleistet, das in seiner Logik errichtet zu
haben Hegel für sich selbst in Anspruch nimmt.

305
Siebenundzwanzigstes Kapitel

Feudalismus oder Monarchie

Der Aufsatz über die Versammlung der Landstände des Kö-


nigreichs Württemberg im Jahre 1815 und 1816 ist zum
größten Teil noch in Nürnberg entstanden und erschien
im ersten Jahre von Hegels neuer Lehrtätigkeit in den
Heidelberger Jahrbüchern der Literatur 1817. Es ist übrigens
die Schrift eines brillanten Schriftstellers, den man sonst
bei Hegel oft vergeblich sucht.
Das Erstaunlichste an diesem Beitrag ist freilich, daß
er in der Frage nach einer Konstitution in der württem-
bergischen Monarchie die völlige Kehrtwende des Au-
tors gegenüber dem in dem unveröffentlichten Aufsatz
Über die neuesten inneren Verhältnisse Württembergs von
1798 vertretenen Standpunkt anzeigt. Da war von ge-
wählten Volksvertretungen die Rede gewesen. Flüchtig
betrachtet spricht alles für die alte verfassungsfreundli-
che Sicht der Dinge, die Paulus, der Gefährte aus Jenen-
ser und bayerischen Tagen, vertrat und die Hegel jetzt
in der Argumentation Punkt für Punkt korrigiert. Hegel
hatte im Sinne einer künftigen »Philosophie der Ge-
schichte« hinzugelernt. Eine »Verfassung«, wie sie der
König von Württemberg seinem Volk geben will, besagt
an sich gar nichts. Auch das inzwischen zugrunde ge-
gangene alte »Reich« hatte neben der Reichsversamm-
lung dergleichen gehabt. Hegel quittiert dies dergestalt:
»Aus der politischen Nullität, zu welcher das deutsche
Volk durch seine Verfassung hervorgebracht war, aus
der Unvermögcnhcit der vielen kleinen Ganzen, des
größeren Teils der Reichsständc, einen eigenen Ent-
schluß und Willen zu haben, mußte ein Geist der Ver-
sumpfung in's Privat-Interesse und der Gleichgülligkeit,
ja der Feindschaft gegen den Gedanken, eine National-
Ehre zu haben und für sie Aufopferungen zu machen,
hervorgehen.«
Das ist eine wenig günstige Beurteilung dessen, was
von einer »Verfassung«, die jetzt so dringend gewünscht

306
wird und die der inzwischen verstorbene König von Würt-
temberg zu gewähren bereit war, alles erwartet werden
kann. Die Frage bleibt: Wollen diejenigen, denen sie ange-
boten wird, sie überhaupt haben? Weil sie für die »Unter-
tanen« gedacht ist, nimmt sich der Adel aus, weil er sich
nicht dazurechnet, beruft sich das »limpurgische Haus«
auf alte Papiere, die beweisen, daß es gar nicht zu Würt-
temberg gehört, treten die evangelischen Prälaten mit
Sonderappellationen hervor. Am Ende verwirft die Stän-
deversammlung die vom König gegebene Verfassung; sie
bestreitet sich selbst das Recht, sich versammeln zu dür-
fen, und stimmt, wenn sie nun einmal zusammengekom-
men ist, für die Nichtannahme. Das war nichts Unge-
wohntes. Hegel rechnet die Vorgänge den »querelles
allemandes« zu, die am politischen Elend des alten
»Reichs« beständig mitgewirkt haben.
Warum lehnt die Ständeversammlung die neue Verfas-
sung ab? Einfach: weil sie nicht die alte ist. Was man will,
ist die altwürttembergische Verfassung, ist das »gute alte
Recht«. Sie verweigert sich, weil das Tote unfähig ist, zum
Leben zurückzufinden. Man hatte die Veränderung
durch den Übergang der deutschen Länder aus dem
Verhältnis von Reichslehen in souveräne Länder, d.h.
Staaten, in Württemberg verschlafen. Und die Verfas-
sung selbst: sie war allein durch ihre Kompliziertheit dem
»Volk«, für die sie der König gedacht hatte, entzogen und
eine Sache für Advokaten geworden.
Es fällt Hegel leicht, sich daran zu erinnern, daß die
Landstände eine alte württembergische Institution waren.
Er weiß deswegen zu berichten, daß immer dann, wenn
die Landstände stark waren, der Staat sich seiner Zerrüt-
tung zubewegte. Der Grund: Die Landstände haben die
Kasse in ihren Händen. Von da ist immer nur ein kleiner
Schritt, eigene Truppen zu unterhalten und mit anderen
Mächten sich in Verbindung zu setzen. Vor allem bedeu-
tet die »Kasse«: »Verwendung der Landesgelder für's
Persönliche«, das heißt »Privat-Plünderung« und die
große Gelegenheit, sich selbst »Besoldungszuschüsse« zu
dekretieren, den eigenen Leuten und auch den Kontrol-

307
leuren »für wirkliche oder eingebildete Dienste Beloh-
nungen und Pensionen« auszusetzen.
Damit war auch schon ein Wort über die »Ausschüsse«
gesagt. Was sie sind und zu sein haben, konnte amBudget
der Württembergischen Staatskasse, worin die Rechnun-
gen angeführt sind, abgelesen werden. Da läßt sich ein
Kanzlist eigens dafür bezahlen, daß er sich nach dem
Befinden des Herzogs erkundigt hat. Für eine Reise nach
St. Petersburg werden 5000 dulden in Anschlag gebracht,
für eine Reise nach München 8700 Gulden. Merkwürdig:
Immer wieder tauchen dieselben Familiennamen auf. Die
Summe von 4 238000 Gulden für die Jahre 1771 bis 1797
findet Hegel derart exorbitant, daß er sie noch zusätzlich
in Worten ausschreibt mit der Bemerkung: »wenn in
26 Jahren die Summe von gesetzwidrig verwendetem
Landesgeld sich auf 4 Millionen belaufen kann, so taugen
gewiß die Gesetze nicht, bei welchen dergleichen Gesetz-
widrigkeit möglich ist.«
Diese Einwände gegen die Landstände, in denen von
maßloser Geldverschwendung die Rede war, hatten es in
sich. Sie erinnern an Hegels Berner Überlegungen, nach-
dem er in der Schweiz die Zustände einer Republik ken-
nengelernt hatte und den Vergleich zum Württemberg
Karl Eugens anstellen konnte. Das Württemberg Karl
Eugens war berüchtigt gewesen wegen des Hohenaspergs,
in dem der Herzog seine Gefangenen schmachten ließ,
und nicht zuletzt seiner höfischen Üppigkeit wegen, die
auf Kosten der Landeskinder ging. In der Bernischen
Republik dagegen hatte man die Feinde aus dem Waadt-
land aufs Rad geflochten, und es herrschte eine Korrup-
tion im Staatsregiment, wo mit Ämtern Schacher getrie-
ben wird, wie sie die Monarchie nicht kannte, weil es in ihr
keine derartige Geldbewegung gab. Hier setzt der Warner
der Monarchie vor der Verfassung den Hebel an. Er ruft
die außerordentliche Neigung der Landstände zur Kon-
fiskation mit anschließender Privatbereicherung ins Ge-
dächtnis. »Altes Recht«, »Alte Verfassung« - alles hohl-
klingende Worte, zu denen man getrost Menschenopfer,
Sklaverei, Feudaldespotismus hinzurechnen könnte. Sie

308
besagen so wenig wie der gern beschworene »Wille des
Volkes«. »Wenn die Schwaben freien Willen haben, ge-
schieht gar nichts.« Kennzeichen des »Volks« ist seine
Entschlußlosigkeit. Das »Volk« als solches untersteht sich
nicht, eine »Verfassung« zu machen, es sind allenfalls
»Weise« aus dem Volk. Für Württemberg gilt, daß das
Land, wo immer es mit seiner »Verfassung« zusammenge-
dacht wird, »elend, niedergedrückt, unglücklich« war.
Wenn vollends vom »Staatsvertrag« die Rede ist, gibt man
vor, daß es sich um zwei unabhängige Vertragsschlie-
ßende handelt. Als ob das Volk, dem der König einen
Vertrag anbietet, je unabhängig gewesen wäre! Und dann
die Ständevcrsammlung selbst! Nirgendwo ein lebendiges
Wort, keine Beredsamkeit wie auf dem römischen Forum,
kein Debattieren, sondern bloß ein Ablesen der Vorträge,
als ob es sich um Abhandlungen handelt, die für die
Studierstube gedacht sind.
Des weiteren ließ sich anführen: Die Landständenutzen
die Not des Staats aus. Ihnen ist zuzutrauen, daß sie
gemeinsame Sache machen. So wie sie durch ihre ausfüh-
renden Organe, die Schreiber, mit Willkür und Beutel-
schneiderei das Volk bedrückt haben! Bei einer »Verfas-
sung« werden die Stadt- und Amtsschreiber dieMenschen
in die Verzweiflung treiben. Was in Frankreich der Adel
und die Geistlichkeit besorgt haben, wurde in Württem-
berg durch die »bürgerliche Aristokratie der Schreiberei«
mit ihren Privilegien, Monopolen, Taxen, Steuern, Ge-
bühren, dem Erfindungsreichtum, Geld auf die Seite zu
schaffen, zuwege gebracht.
Nachdem Hegel die bemerkenswerte Infamie der
Landstände, für die das Verfassungsangebot des Königs
galt, ins gebührende Licht gestellt und überdies ihre Qua-
lität als beschlußfähige Versammlung bestritten hatte,
fährt er noch einmal schwerstes Geschütz auf, wenn er
ihnen schlechterdings jeden Verstand abspricht. Auf das
Anerbieten des Königs zur Mitwirkung bei der Gesetzge-
bung, der Steuererhebung, der Erhaltung des alten Kir-
chenguts, weiter der persönlichen Freiheit, dem Recht zur
Auswanderung, der fortdauernden Wirksamkeit der

309
Stände hatten sie mit Ablehnung reagiert. Aber indem die
Stände dies alles verworfen hatten, hatten sie sieh selbst
verworfen. Ohne es zu merken!
Die Verfassungsversammlung war ausgegangen wie das
Hornberger Schießen. Sie hatte keine Übereinkunft mit
dem König und keinen Beschluß über irgendeinen Ver-
fassungsgegenstand zustande gebracht. Sie hatte über-
haupt nicht mit sich reden lassen, weil sie das »Alte Recht«
wollte. Das »Alte Recht« aber war der Feudalismus. Das
Urteil des ungebetenen, mit forensischer Beredsamkeit
aufwartenden Kronanwalts in Heidelberg lautete: »Man
konnte von den württembergischen Landständen sagen,
was von den französischen Remigranten gesagt worden
ist, sie haben nichts vergessen und nichts gelernt, sie
scheinen diese letzten 25 Jahre, die reichsten wohl, welche
die Weltgeschichte gehabt hat, und die für uns lehrreich-
sten, weil ihnen unsere Welt und unsere Vorstellungen
angehören, verschlafen zu haben.«
Hegel hatte hier zu einem vernichtenden Schlag gegen
alle mit der »Verfassung« sympathisierenden Bestrebun-
gen im nachnapoleonischen Deutschland ausgeholt, und
er hatte es mit einer außergewöhnlichen persönlichen
Leidenschaft getan. Es war hier um eine regionale Frage
gegangen, aber in ihrer Behandlung standen für Hegel
die eigenen Prinzipien für den Verlauf der Weltge-
schichte auf dem Spiel: Grundsätze der Weltpolitik, in der
»Feudalismus« für »Gewalt«, »Willkür« und »Despotie«
zeugt, der »Monarchie« dagegen die historische Rolle
zufällt, dem Feudalismus als Gcwaltprinzip ein Ende zu
bereiten, so wie es in England und Frankreich geschehen
war, in den Ländern auf deutschem Boden aber noch
ausstand. In dieser Etappe der Wellgeschichte bedeutet
die »Monarchie« das politische Element des Fortschrei-
tens. Es kann und darf nicht überrumpelt werden durch
jene Scheinfortschritte, die der Gegenwart schmeicheln,
indem sie sich gleichzeitig viel auf ihr zur E.hrerbietung
verleitendes Alter zugute halten.
Es war ein abschreckendes Beispiel gewesen, das Hegel
von den württembergischen Landständen ihrer in der

310
Vergangenheit begangenen Schurkereien wegen vor Au-
gen gestellt hatte. Wenn so die Kräfte aussahen, mit denen
die Monarchen nach 1815 künftig ihre Macht zu teilen
hatten, dann war dringend vor ihnen zu warnen. Mochte
für Württemberg Hegels Sicht vertretbar sein und da-
durch den Konstitutionalisten schweren Abbruch tun, so
lag ihr zweifellos eine politisch weittragende Absicht zu-
grunde, die auf künftige Berufspläne für einen bewähr-
ten Diener der Krone schließen ließen. Der Verfasser der
Schrift über die Versammlung der Landslände des Königreichs
Württemberg war damit glänzend ausgewiesen, für sie ver-
wendbar zu sein. Die Philosophieprofessur — wir wissen es
genau - galt Hegel zu dieser Zeit nur als Übergangsbe-
dienstung im Blick auf andere Tätigkeiten, für die der
Staat ihn möglicherweise »übergeben« könnte.
Zunächst aber stand in Berlin die Besetzung des durch
den Tod Fichtes freigewordenen Lehrstuhls an. Hier
hatte man bereits auf den Logiker und Metaphysiker in
bayerischen Diensten ein Auge geworfen. Mit seiner
Schrift über die württembergischen Landstände war aus
ihm ein Verfechter des monarchischen Legitimitätsprin-
zips geworden, wie man ihn sich in Berlin nicht besser
hätte wünschen können. Das Preußen der Restauration ist
auf der Suche nach seinem Philosophen.

311
Achtundzwanzigstes Kapitel

Von Baden nach Preußen

In Berlin hatte man nicht vergessen, daß Heidelberg der


Berufung Hegels in die preußische Hauptstadt knapp
zuvorgekommen war. Sicher hätte Hegel von Nürnberg
aus Berlin den Vorzug gegeben, wenn ihn der Ruf von
dort früher erreicht hätte. Der Freiherr von Stein zum
Altenstein in Berlin hatte die Vorgänge in Erinnerung
behalten. Es gehörte mit zu seinen ersten Amtshandlun-
gen als Chef des neu von König Friedrich Wilhelm III.
geschaffenen Ministeriums für das preußische Kultus-
und Unterrichtswesen, sich in einem persönlich gehalte-
nen Brief vom 26. Dezember 1817 an Hegel zu wenden
und ihn zu einer Annahme des Rufs zu bewegen, der auf
seine Veranlassung an ihn ergehen würde. Als Bezahlung
stellt er »2000 Taler preuß. Courant« in Aussicht, was bei
der Umrechnung in Gulden das Doppelte von Hegels
Heidelberger Bezügen bedeutete, ferner, was ebensoviel
wog, einen ausgebreiteten Wirkungskreis in einer Stadt,
die dabei war, zu einer bedeutenden Metropole in Europa
heranzuwachsen. Und das in Preußen mit seiner muster-
gültigen Verwaltung der politischen, militärischen und
kulturellen Einrichtungen, jenem Staat, der sich durch
seine Beteiligung am Sieg über Napoleon an die Seite der
alten Hegemonialmächte Österreich und Rußland stellen
konnte! Die Berliner Universität als eine Gründung Wil-
helm von Humboldts war durch ihre Statuten, ihre Orga-
nisation mit der darin garantierten Lehrfreiheit und den
Kreis der an sie berufenen Professoren in den höchsten
Rang auf dem Boden des gerade aufgelösten Reichs ge-
langt. Ein Ruf an sie bedeutete eine Ehrung sonderglei-
chen.
Hegel läßt sich vier Wochen Zeit zum Nachdenken und
teilt dann unter dem 24. Januar 1818 seine grundsätzliche
Bereitschaft mit, den Ruf anzunehmen. Was er sich bei
Altenstein ausbittet, war für den Minister annehmbar,
weil es sich von selbst verstand. Mit Ausnahme der freien

312
Wohnung, die nur Professoren in Institutseinrichtungen
zugestanden werden konnte! Unter Hinweis auf die »ex-
orbitanten Preise der Hausmieten« glaubte sich Hegel
freilich auch mit einem »Quantum Naturalien«, also der
Form der alten in Baden und Württemberg geltenden
»Fruchtbesoldung« in Korn und Spelz, begnügen zu kön-
nen. Auf diesen Punkt ist man in Berlin nicht mehr
eingegangen, weil die Gehaltszahlung in Deputaten von
der preußischen Ministerialbehörde nicht in Betracht ge-
zogen wurde. Auch daß Hegel mit der ihm geläufigen
Bescheidenheit noch nachdrücklich seine »Vermögenslo-
sigkeit« ins Spiel brachte, um die Berücksichtigung seiner
Familie durch die »Witwen- und Waisenkasse« für den
Fall seines Todes zu erbitten, schien völlig überflüssig. Mit
den 200 Friedrichsdor zur Erstattung seiner Reiseun-
kosten greift er dann in seiner Angst, daß diese Kosten
vielleicht seine eigenen Mittel übersteigen könnten, aller-
dings weit über das Erforderliche hinaus. Das preußische
Ministerium schlägt alle möglichen Bedenken nieder mit
dem Anerbieten, seine Gehaltszahlungen früher begin-
nen zu lassen. Das war außerordentlich großzügig gedacht
und kam auch entsprechend zur Wirkung. Hegel konnte
wegen seiner Heidelberger Verpflichtung, während des
Sommersemesters die schon angekündigten Vorlesungen
zu halten, erst am 1. Oktober seinen Dienst in Berlin
antreten. Die Staatskasse zahlt sein Gehalt bereits vom
1. Juli an.
Preußen hatte sich durch den Minister Altenstein sei-
nen künftigen Staatsphilosophen auf würdige Weise gesi-
chert.
Was jetzt für Hegel noch anstand, war sein Gesuch um
Entlassung aus dem großherzoglichen Staatsdienst. Das
Schreiben vom 21. April 1818, mit aller Vorsicht gegen-
über möglichen badischen Empfindlichkeiten verfaßt, ist
besonders interessant wegen eines Entschuldigungs-
grunds, den er für sein Ausscheiden anführt. Berlin be-
freie ihn durch seine höhere Besoldung »in weiter vorrük-
kendem Alter von der prekären Funktion, Philosophie an
einer Universität zu dozieren« und biete ihm darum die

313
Möglichkeit, »zu einer andern Tätigkeit übergeben und
gebraucht werden zu können«. Der hier geäußerte Ge-
danke war nicht neu. Wir finden ihn bereits lange bevor
Hegel sein erstes beamtetes Lehramt angetreten hatte.
Für ihn bedeutete die Philosophieprofessur nur ein zeit-
weiliger Beruf, der, sei es aus Altersgründen oder sei es,
wenn der Staat anderes von ihm verlange, einer andern
Tätigkeit zu weichen habe.
Mitte September begab sich Hegel mit seiner Frau und
seinen Kindern auf den Weg nach Berlin. Die zur Beför-
derung nach Berlin gemeldete Familienhabe ist von einer
ins Auge springenden Dürftigkeit. Seine »Effekten«, für
die ihm vorn Kultusministerium zollfreie Einfuhr bei der
Einreise nach Preußen zugesichert worden ist, besteht aus
einem Faß Bettzeug und Hausgerät, zwei Kisten Bücher,
einem Koffer Kleider und Wäsche. Er denkt, am 29. Sep-
tember in Berlin ankommen zu können, wo die Schwester
des Ministers Altenstein bereits eine Wohnung für die
Familie gemietet hat. Hegels Eile ist unverkennbar, aber
auch die ihn während der Reise nie verlassende Angst,
man könne sein Gepäck ohne seine Anwesenheit öffnen
und an der Grenze darauf Gebühren erheben.
Es mußte Hegel eine außerordentliche Genugtuung
bereiten, bei der Durchreise Jena zu passieren, die Stadt,
die ihm schreckliche Niederlagen bereitet und ihn durch
äußere und sehr private Umstände zur eiligen Flucht
gezwungen hatte. Das Wiedersehen mit Frau Burkhardt,
der Mutter seines Sohnes Ludwig, blieb ihm erspart, weil
sie inzwischen gestorben war. Herzlich war die Begeg-
nung mit Frommann. Bei Goethe im benachbarten Wei-
mar hatte Hegel einen Tag zuvor mit seiner Frau zu
Mittag gegessen. Dessen Gunst durfte er sich nach seiner
Vorstellung der Lichtreflexe in der Enzyklopädie mehr als
je zuvor sicher sein. Goethe hätte sich, wie er in seinem
Tagebuch niederschreibt, eine längere Unterhaltung ge-
wünscht. Es war ihm ein veränderter Hegel begegnet. Die
alte Gedrücktheit schien gewichen. Aus Goethes Umge-
bungbestätigt Knebel, daß Hegel in seinem Auftreten »an
Freiheit und Art des Umgangs« gewonnen habe; er findet

314
Gefallen an seiner mit allerlei kleinen Sophistereien
durchsetzten Ironie. Hegel war auch für Weimarer Ver-
hältnisse sehr unterhaltsam geworden.
Nach der Weiterreise über Weißenfcls, Leipzig und
Wittenberg trifft Hegel schließlich in der preußischen
Hauptstadt ein.
Die ersten Wochen führen ihm die Veränderung seiner
Lage sehr deutlich vor Augen. In allen Städten, in denen
er bisher gelebt hatte, auch in Stuttgart, Frankfurt und
Nürnberg, waren die Entfernungen leicht zu bewältigen
gewesen. Seinen Lebensgewohnheiten nach ist Hegel ein
Mann der Provinz. In Berlin heißt es jetzt, sich an die
großen Entfernungen zu gewöhnen. Seine Frau muß bei
der Einrichtung der Wohnung in der Leipziger Straße,
Ecke Friedrichstraße, weil sie sich der langen Wege wegen
müde fühlt, eigens einen Ruhetag einlegen. Die Einstel-
lung auf eine eher kühle Unverbindlichkeit der großen
Stadt bereitet ihm, wenn er an Heidelberg zurückdenkt,
einiges Unbehagen. Ein persönlicher Verkehr zwischen
den Menschen der Residenz mit ihren Beamten und dem
Anspruch des Staats stellt sich hier schwer ein, wie Hegel
sofort bemerkt.
Hegels Ankunft in Berlin war weit entfernt davon, als
Eintreffen eines großen Philosophen an eine neue Wir-
kungsstätte von der Öffentlichkeit der Hauptstadt für ein
Ereignis herausragender Art gehalten zu werden. Es
schlug ihm, wie sein erster Brief aus Berlin an den Freund
Niethammer in München zusammenfaßt, ein kühler
Wind entgegen. Wie werden ihn die Kollegen an der
Universität empfangen? So hatte er sich selbst und so
hatten sich seine Freunde in Heidelberg vor seiner Ab-
reise gefragt. Vom zweiten Berliner Philosophieprofessor
Solger, wie Hegel ein Freund der Abstraktion und Speku-
lation, hatte er einen ermunternden Brief erhalten, der
ihm Freundschaft und loyale Zusammenarbeit im ge-
meinsam verwalteten F'ach anbot. Das war aus der Bewun-
derung für Hegels schriftstellerisches Werk heraus ge-
sprochen und verdiente Vertrauen.
Zur Humboldtschen Gründergeneration der Berliner

315
Universität gehören der Jurist Savigny, die Theologen De
Wette und Marheineke, gehört vor allem Schleiermacher.
Und Schleiermacher ist der springende Funkt. Wie wird
sich das Verhältnis dieser beiden zueinander anlassen, wie
wird es sich gestalten? Schleiermacher galt als der bedeu-
tendste protestantische Theologe seit Luther. Er war
Christ und Platoniker in einer Person und hatte sich
vorgenommen, das sogenannte Christentum mit der Ge-
genwart auszusöhnen. Er wirkte als Prediger mit seinem
klassischen Deutsch in die tonangebende Gesellschaft hin-
ein, vertraut mit den neuesten literarischen Strömungen
und ohne die christlichen Unarten der Prüderie und
Heuchelei. Bei ihm findet sich feinste philosophische
Akribie im Bunde mit hochzivilisierter Weitläufigkeit und
vor allem mit vaterländischer Gesinnung. Sein Patriotis-
mus als Redner war in den Napoleonischen Kriegen nicht
weniger aufrüttelnd als der Fichtes gewesen. Schleierma-
cher ist ein Freund der Jugend, mit einem pädagogischen
Eros begabt, der ihn unwiderstehlich machte. Wenn He-
gel die eigentliche Religion des Protestantismus in der
»Bildung« sah, dann war dieses ßildungsideal in Schleier-
macher zur lebendigen Person geworden. In ihm waren
Gaben und Verdienste vereint, die dem schwäbelnden,
um gefällige Sätze schwer ringenden Hegel mit seiner
revolutions- und napoleonfreundlichen Vergangenheit
allesamt fehlten. Der rhetorischen Eleganz im Stil des
königlich-preußischen Predigers stand die vom Kopf bis
in die Gliedmaßen reichende Schwerfälligkeit Hegels ge-
genüber.
Aber Hegel war ja nicht seiner selbst wegen nach Berlin
berufen worden. Goethe hatte mit dem Gespür des wei-
marischen Hofmanns bemerkt, was hier gespielt wurde,
wenn er sofort nach Bekanntwerden von Hegels Beru-
fung gegenüber Sulpiz Boisseree (1. Mai 1818) den Ver-
dacht äußerte: »Minister Altenstein scheint sich eine wis-
senschaftliche Leibgarde anschaffen zu wollen.« Darum
die Bemühungen des Ministers um den Verfasser der
Wissenschaft der Logik, die Beweise seiner besonderen
Gunst durch ausgewählte Auszeichnungen, die den Um-

316
worbenen auch persönlich verpflichteten, wie das Aner-
bieten, seine Schwester als beflissene Ratgeberin Hegels
Frau zur Seite zu geben. Hegel ist in Berlin der Protegé
Altensteins; wenn auch nicht unbedingt sein »Leibgar-
dist«, so doch eine Karte, die zu gegebener Zeit in der
preußischen Kulturpolitik ausgespielt werden kann.
Daran war nichts Anstößiges. Altenstein ist kein Neue-
rer, wie Humboldt oder Süvern es waren, aber immer
noch Anhänger einer gemäßigten Reform. Ihn ohne wei-
teres in einen Zusammenhang mit der »Reaktion« zu
bringen, geht nicht auf. Jeder landläufige Verdacht in
dieser Richtung läßt sich sofort mit einem Blick auf Öster-
reich oder das Hegel so verhaßte Bayern herabmindern.
Wenn ein Staat in Europa um 1818 in Verwaltung, Militär-
organisation und Bildungspolitik den Gedanken und die
Praxis des Fortschritts für sich in Anspruch nehmen darf,
dann ist es Preußen. Es ist der Staat, der sich wie ein
Phönix aus der Asche der Napoleonischcn Kriege erhebt
und seinen Aufstieg vollzieht. Hegel, der sich als »Süd-
deutscher« erboten hatte, für seine Vorlesungen als Teil-
besoldung noch gefüllte Getreidesäcke anzunehmen, die
sich auf der Börse zum Tagespreis absetzen ließen, war
von Berlin über seine veralteten Anschauungen belehrt
worden. Mit der Berufung Hegels konnte Altenstein vor
dem König bestehen. In der Schrift über die württem-
bergischen Landstände hatte Hegel sich als Freund der
nichtkonstitutionellen Monarchie ausgewiesen, der auf
dem Berliner Katheder nach den zurückgenommenen
Versprechungen des Königs, dem Staat eine Verfassung
zu geben, dringend erwünscht war. Ihm konnte zugetraut
werden, auch dem Liberalismus als westeuropäischer
Konterbande mit gebührender Überzeugungskraft ent-
gegenzutreten und schließlich die katholische Religion im
Sinne des protestantischen preußischen Königshauses als
Obskurantismus zu behandeln. Das sind unausgespro-
chene Forderungen, die an den Berliner Fakultätsphi-
losophen gestellt werden und die er - wie wir wissen — sehr
gewissenhaft erfüllen wird, ohne sich den geringsten
Zwang antun zu müssen.

317
Arn 22. Oktober eröffnet Hegel seine Antrittsvorlesung
mit Worten, die er zwei Jahre zuvor, aus ähnlichem Anlaß,
an die Studenten in Heidelberg gerichtet hatte. Der durch
»die Gnade Seiner Majestät des Königs« mit »dem Amte
eines Lehrers der Philosophie« betraute Professor, als der
er sich vorstellt, appelliert an die Nation, die Sache der
Philosophie zu ihrer eigenen zu machen. Da sie als »Wis-
senschaft« sich »bei den andern Nationen« nur »als
Name« noch »erhalten« hat, »sonst aber die Sache ver-
kommen und verschwunden ist«, hat sie »sich zu den
Deutschen geflüchtet und lebt allein noch in ihnen fort«;
ihnen sei darum »die Bewahrung dieses heiligen Lichtes
anvertraut«. Neu in seinem Vortrag war, dem preußi-
schen Staat das stärkste Gewicht im nachnapoleonischen
Deutschland und der Philosophie eine herausragende
Stelle im Mittelpunkt ebendieses Staates zuzuerkennen:
damit »neben dem Regiment der wirklichen Welt auch das
freie Reich des Gedankens selbständig emporblühe«.
Trotz dieser erhebenden Worte bleibt der Erfolg des
neuen Professors aus. Solger, der jüngere Fachkollege,
der für die Berufung Hegels nach Berlin bei den Kollegen
geworben hatte, vermerkt dessen geringe Anziehungs-
kraft bei den Studenten. Hegel liest im Wintersemester
fünfmal wöchentlich zwischen 4 und 5, Uhr Naturrecht
und 5 und 6 Uhr Enzyklopädie. Im Sommer folgen dann
Logik und Geschichte der Philosophie. In seinem Brief
vom 26. März 1819 an Niethammer gesteht Hegel selbst,
sich »in der Peripherie oder vielmehr außer derselben« zu
befinden und daher über keine Einflußmöglichkeiten zu
verfügen, diesem bei der erwünschten Berufung als Pro-
fessor nach Berlin helfen zu können. Die »Ernennungs-
maschinc« arbeite kompliziert, man komme nicht dahin-
ter, wie sie läuft. Mal sei der Minister ausschlaggebend,
wie es in seinem Falle geschah, mal besorgen es auch die
Kabinettsräte über den Kopf des Ministers hinweg, dann
sei wieder der Staatskanzlcr zuständig, oder es könne auch
der König mit seinen entschiedenen Ansichten eine Rolle
spielen. Sein einziger persönlicher Verkehr unter den
Kollegen ist zunächst der zu Marheincke, dem jungen

318
Theologen, der sich darangemacht hat, die Hegelsche
Philosophie mit der protestantischen Dogmatik in Ein-
klang zu bringen.
Eine neue Angst neben den von Heidelberg mitge-
brachten Ängsten überfällt Hegel schlagartig, als er sich in
die Tätigkeit der die burschenschaftlichen Bewegung ver-
folgenden Regierung unmittelbar verstrickt sieht. In Ber-
lin war man nach der Ermordung des deutschen Lust-
spieldichters Kotzebue, der zugleich russischer Staatsrat
war und als Agent des Zarenregimes galt, nervös gewor-
den. Die Überwachungsmethoden richteten sich insbe-
sondere gegen die studentische Jugend, aus der der
Mörder Sand, ein idealistischer Extremist aus dem fränki-
schen Wunsiedel, kam. Im Zuge der gegen alle möglicher-
weise verdächtigen Elemente, insbesondere aus den Bur-
schenschaften als dem Hauptherd der Verschwörung,
getroffenen Maßnahmen wird der Student Asverus von
der Polizei aus seiner Wohnung geholt und in Gewahrsam
genommen. Asverus gehörte zwar zu den Hörern Hegels,
stand ihm aber damals philosophisch noch nicht sonder-
lich nahe. Sein Vater, ein höherer Justizbeamter, hatte
Hegel in Jena in Rechtssachen beigestanden, und nun
wendet er sich während des Verfahrens, in dem der Sohn
zu einer Kerkerstrafe verurteilt wird, an den Philosophen
um Hilfe. Der reagiert sofort und stellt dem inkriminier-
ten Studenten eine politische Unbedenklichkeitsbeschei-
nigung aus, die bezeugt, daß er sich von den Burschen-
schaften inzwischen »losgesagt« und daß der Staat von
ihm fürderhin nichts zu befürchten habe. Aber das war,
wie sich herausstellt, voreilig niedergeschrieben. Denn
Asverus verfaßt in seiner Zelle Briefe, die abgefangen
werden und aus denen man ein Bekenntnis zu Sand und
seiner Tat glaubte herauslesen zu können. Hegel war
dadurch in eine mißliche Lage geraten. Er hatte 500 Laier
Kaution aus eigener Tasche aufgebracht, die in dem sich
lang hinziehenden Verfahren noch eine Rolle spielen
wird, und ließ sich auch nicht davon abbringen, in Asverus
einen irregeleiteten und inzwischen reuigen jungen Mann
zu sehen. Er mußte also damit rechnen, in den Augen der

319
Kriminalbehörde und auch der Kultusadministration als
Sympathisant jenes »Freiheitsgesindels« zu gelten, dem er
jetzt jeden Realitätssinn absprach. Mit einer studentischen
Bewegung oder der Jahnschen Turnerei lasse sich dem
preußischen Staat nicht beikommen. Das war schließlich
auch die Einsicht, die Fries, sein ärgster Widersacher und
Festredner auf der Wartburg, später in seinem Rückblick
ausspricht. Hegel hatte es immer gewußt. Und er weiß
noch mehr: In Heidelberg, aus dem er gekommen war,
glaubt er das Zentrum der Burschenschaften und damit
den Ausgang für seine eigene Beunruhigung suchen zu
müssen, wie er vorwurfsvoll an Creuzer schreibt. Schuld
daran ist die »Lauheit« der badischen Behörden, denen
man zur Aufnahme der »Verfolgung« endlich »Beine
machen« soll. Er in Berlin habe dafür die Folgen zu tragen
und komme als Fünfzigjähriger aus dem dreißig Jahre
währenden Zustand »zwischen Fürchten und Hoffen«
nicht heraus; er müsse es erleben, daß seine trüben Tage
darum noch immer trüber werden.
Durch den Fall Asverus, der juristisch übrigens erst
1826 laut Kabinettsorder durch Einstellung des Verfah-
rens abgeschlossen werden wird, ohne den Begnadigten
für sein ferneres Leben vom Ruch des präsumtiven Staats-
verbrechers freizusprechen, war Hegel zum ersten Male
in die Bestrebungen der »Demagogen«, und zwar wider
Willen, hineingezogen worden. Am zweiten Fall, der Sa-
che Carove, hatte er freilich selber, ohne es zu wissen,
erheblich mitgewirkt. Carove war sein Schüler in Heidel-
berg gewesen, der sich durch seine enge Anlehnung an
ihn herausnehmen konnte, Hegel in der brieflichen An-
rede »Freund« zu nennen. Aber Carove war nicht nur
Hegelianer, sondern auch Burschenschaftler, als katholi-
scher Rheinländer nicht einer von der radikal-patrioti-
schen Richtung der Gießener Schwarzen, sondern der
gemäßigten, die auch die Aufnahme von Ausländern und
Juden für zulässig hielten. Als Burschenschaftsführer hat
sich Carove nur schwer und auch nur zeitweilig Ansehen
verschaffen können. Als er nach Berlin kam, glaubte er
wohl selbst, seine Laufbahn als politischer Aktivist schon

320
hinter sieh zu haben, und bewarb sieh um eine Repetitoren-
stelle. Hegel bringt ihn in Vorschlag, der Senat lehnt ab.
Der vorsichtige Altenstein läßt recherchieren und wird auf
eine vom Bewerber gehaltene Wartburgrede aufmerksam
gemacht, die die Verteidigung der Gründe, die zur Ermor-
dung Kotzebues geführt hatten, enthalten haben soll.
Damit sind die Würfel gefallen. Alle vorgetragenen Recht-
fertigungsversuche, beigebrachten Entlastungen, darun-
ter Hegels Zeugnisse, können nichts mehr ausrichten. Sie
können den mit der Untersuchung befaßten Fürsten zu
Sayn-Wittgenstein allenfalls davon überzeugen, daß Ca-
rove zu den Leuten gehört, die man in Preußen nicht mit
dem Halten von Vorlesungen beauftragen sollte.
Die Liste derer aus dem Holz eines Asverus und Carove
läßt sich bald leicht durch Namen wie Förster, von Hen-
ning, Gans und zahlreichen andern ergänzen. In den
Augen der konservativen Staatsadministration handelt es
sich bei ihnen, aus ganz unterschiedlichen Gründen, wenn
nicht um staatsgefährliche Subjekte, so jedenfalls um unsi-
chere Kantonisten, denen alles zuzutrauen ist. Darum ist
bei ihnen höchste Wachsamkeit am Platze. Man darf sie
nicht aus den Augen verlieren.
Und Hegel? Er steht den Umtrieben der Demagogen,
Burschenschaftler, Jahnschen Turner aus Staatstreue und
tiefster Überzeugung völlig ablehnend gegenüber, warnt
im Familienkreis, ermuntert sogar, wie im Brief an Creu-
zer, zur »Verfolgung« und steht dann, wie schon in Heidel-
berg, den Verfolgten mit Rat und Tat zur Seite. Aber jeder
Zynismus, der hier im Spiel sein könnte, fehlt. Denn Hegel
stellt sich nicht nur als Zeuge oder Bürge vor sie, er sucht
ihnen den Eintritt in den Staat und seine Institutionen zu
verschaffen oder verschafft sie auch, er läßt sie in seine
Kanäle eindringen oder wie eine fermentierende Substanz
darin wirken. Er übernimmt gewissermaßen höchstin-
stanzlich die Rolle des »Weltgeistes«, der ohne Ansehn der
Person oder der zufälligerweise gerade regierenden und
darum auch wieder abtretenden Parteien seine Arbeit tut
nach der Devise: »Das Wahre ist das Ganze.«
In Berlin war Asverus, der gelobt hatte, sich in Zukunft

321
»auf geziemenden Wegen zu halten«, von Hegel in seine
Wohnung aufgenommen worden mit der Zusicherung
gegenüber der Kriminalbehörde, für die »Entfernung«
des Delinquenten Sorge zu tragen. Es konnte aber dem
forschenden Auge nicht verborgen bleiben, daß der neu
berufene ordentliche Professor für Philosophie sich in
verdächtiger Nähe zum Demagogentum hielt, das er nach
außen hin verurteilte. Die Administration kann gar nicht
umhin, es aktenkundig zu machen. Auch Altenstein hatte
dem Votum für Carove kein Vertrauen geschenkt. Kein
Wunder, daß Hegel bei seiner vorsichtigen Natur besorgt
ist!
An seiner Staatstreue hingegen war nicht der geringste
Zweifel erlaubt. Er wird keine Gelegenheit auslassen, sie
sichtbar zum Ausdruck zu bringen, und noch mehr: »den
Einklang« seiner »Philosophie mit denjenigen Grundsät-
zen zu beweisen, welche die Natur des Staates überhaupt
braucht, am unmittelbarsten aber den Einklang mit dem-
jenigen, was unter seiner (Majestät des Königs) erleuchte-
ten Regierung und unter der weisen Leitung E. D. der
Preußische Staat, dem ebendarum anzugehören mir selbst
zu besonderer Befriedigung gedeihen muß, teils erhalten,
teils noch zu erhalten das Glück hat«, wie er in der Wid-
mung eines Exemplars seiner Philosophie des Rechts unter
dem 10. Oktober 1820 Hardenberg schreibt. Gegen den
Stil der Adresse ließ sich einiges einwenden, aber die
ungelenke Satzkonstruktion sagt nichts gegen die Ehrlich-
keit dieser an den Staatskanzler gerichteten Treuebekun-
dung. Einem Fries, der zum anerkannten Sprecher der
Jenenser Burschenschaften, also des extremsten Flügels
der »Deutsch-Freiheitlichen« geworden war und darüber
sein Lehramt verloren hatte, mußten solche Worte anstö-
ßig in den Ohren klingen. »Hegels metaphysischer Pilz«,
befand er in einem Brief an seinen Gesinnungsgenossen,
den Burschenschaftsführer Ludwig Rödiger vom 6.Ja-
nuar 1821, »ist ja nicht in den Gärten der Wissenschaft,
sondern auf dem Misthaufen der Kriecherei aufgewach-
sen. Bis Ende 1813 hatte seine Metaphysik die Franzosen,
dann wurde sie königlich württembergisch und jetzt«,

322
meint der Briefschreiber im Blick auf den Berliner Poli-
zeipräsidenten, »küßt sie dem Herrn von Kamptz die
Karbatsche«. Der äußere Eindruck durch Hegels mehrfa-
chen Parteienwechsel und die Zeichen eines vor der Ob-
rigkeit in »Ehrfurcht ersterbenden« Mannes konnte eini-
ges an dem strengen Urteil rechtfertigen. Dabei war Erics
bei seiner Aufzählung noch unvollständig gewesen. Im
Juli 1820 macht Hegel eine kleine Reise nach Dresden.
Hauptziel war der Besuch der Galerie mit der Sixtinisehen
Madonna Raffaels. In einer kleinen abendlichen Runde
im Gasthof »Zum Blauen Stern« lehnt Hegel ein ihm
angebotenes »Glas vom besten Meissner«, wie Friedrich
Förster aus seinem engeren Schülerkreis in seinem Tage-
buch berichtet, ab; auf seine Bestellung muß der Kellner
»einige Flaschen Champagner-Sillery« bringen. Hegel
selbst schenkt ein und läßt die Anwesenden ihr Glas »zum
Gedächtnis des heutigen Tages« leeren. Sein Trink-
spruch: »Dies Glas gilt dem 14. Juli 1789.« So feiert Hegel,
für drei Tage außer Landes, das Gedächtnis an die Erstür-
mung der Bastille. Der durch sein Amt gefestigte Hegel
übersteht es, daß Caroves Nachfolger von Henning in der
Repetitorenstclle ohne Schuldbeweise für sieben Wochen
ins Gefängnis geworfen wird. Auch die Bespitzelung wäh-
rend der Reise nach Dresden kann ihm nichts anhaben.
Seine Mitgliedschaft in der »Gesetzlosen Gesellschaft«,
deren Namen den polizeilichen Spürhunden so verdäch-
tig erscheint, bietet ihm sichere Gewähr. Denn ihr kann
man nur angehören, wenn man zu den Stützen des Staats
zählt. Und unter ihnen hat Hegel ebenso einen Platz
eingenommen wie im Kopf des in die Gefängniszelle
geworfenen Henning. Es galt, was er am 9. Juni 1821 an
Niethammer schrieb: »Sie wissen, ich bin einerseits ein
ängstlicher Mensch, andernteils liebe ich die Ruhe, und es
macht eben nicht gerade ein Behagen, alle Jahre ein
Gewitter aufsteigen zu sehen, wenn ich gleich überzeugt
sein kann, daß mich höchstens ein paar Tropfen eines
Streifregens treffen.«
War Hegel zum Objekt geheimer polizeilicher Ermitt-
lungen geworden, die er durch seine Philosophie und

323
seine Amtsführung als gegenstandslos dartun konnte, so
sind die Widerstände innerhalb der Universität kaum
weniger versteckt und darüber hinaus für ihn viel ärger-
licher und anhaltender gewesen. Aus der Isolation der
Anfänge ist er nur langsam und niemals völlig herausge-
kommen. Dafür sorgte schon das schwer durchdringbare
Dickicht der Sprache, das sich nur dem ausdauernd For-
schenden langsam und bis zu einem gewissen Grade öff-
net. Es sorgte dafür aber auch Schleiermacher, zu dessen
Gegenspieler er auf längere Sicht werden mußte und wohl
auch beim Minister Altenstein gemacht werden sollte.
Schleiermacher vertrat eine Theologie der »edlen Einfalt
und stillen Größe« im Stile des Schinkelschen Klassizis-
mus, die ihn in den Kreisen, auf die es in Berlin ankam, in
angenehmem Licht erscheinen ließ. Die Ahnung schreck-
licher Abgründe der menschlichen Natur wurde von ihm
dialektisch bewältigt. Darin war er Hegel ähnlich. Nur war
seine Dialektik von der Art des Platonischen Dialogs und
darum von der Hoffnung beseelt, im diskursiven Verfah-
ren zu einem am Ende sicheren Ausgleich der Meinun-
gen, hier zu einer Einvernehmlichkeit im Namen des
Gekreuzigten und Auferstandenen zu gelangen. Berliner
Christentumsoptimismus im noblen Stil der Prachtallee
Unter den Linden!
Hier war der Zusammenstoß vorhersehbar. Schleierma-
cher hatte ursprünglich zu den Befürwortern von Hegels
Berufung gehört und beklagt, daß Heidelberg den Berli-
nern zuvorgekommen war. Er hatte sich im Gegensatz zu
Hegels früherer Meinung über ihn nicht unfreundlich,
wohl aber verständnislos geäußert. Das war ihm nicht zu
verargen. Als Hegel dann nach Berlin ging und von
seinem künftigen Verhältnis zu Schleiermacher die Rede
war, erscheint Hegel in den Augen Daubs »als ein bis an
die Zähne gerüsteter, mit seinem Pallasch gerade durch-
hauender Kürassier«, der es bei Schleiermacher »mit ei-
nem gewandten, sein leichtes Pferdchen zierlich tum-
melnden Ulanen zu tun bekommen« wird. Das von Rosen-
kranz übermittelte Bild war nicht schlecht gewählt.
Hegels Einstellung zu Schleiermacher war von jeher

324
wenig zustimmend gewesen. In den theologischen Ju-
gendschriften gehörte er zu den bekämpfenden Autoritä-
ten. Ohne Kenntnis der Hegelschen Fragmente hatte
Schleiermacher in seiner ersten Rede in der Preußischen
Akademie der Wissenschaften vom 29. Januar 1811 die
»spekulative Philosophie« abgelehnt. Sie ist für ihn, den
wissenschaftlichen Theologen, keine Wissenschaft. Allein
dadurch durfte sich ihr bedeutendster lebender Vertreter
getroffen fühlen. Wenn Schleiermacher dann doch die
Berufung Hegels nach Berlin gefördert hatte, so darum,
um Fries als das größere Übel fernzuhalten. Das Verfah-
ren war ohnehin nur Formsache gewesen. Dazu gehörte
auch Schleiermachers Pflicht, als Rektor der Universität
Hegel dem Minister für das Amt vorzuschlagen, was Al-
tenstein seinem Kandidaten Hegel längst zugedacht hatte.
Als die Gefahr, die Schleiermacher abzuwenden sich nie
imstande gefühlt hatte, immer näher kam, als der spekula-
tive Philosoph aus Heidelberg im Anrücken ist, trifft der
delikate Christ und feine Taktiker Schlcicrmacher Vor-
kehrungen, um der Gefahr entgegenzuwirken: Er schlägt
die Auflösung der philosophischen Klasse der Akademie
vor. Er wußte, worauf Hegel sein Augenmerk richten
mußte. Hier erlebt Schleiermacher dann den Widerstand
Altensteins, der gegen die Anfechtung des Wissenschafts-
charakters der Philosophie das überzeugendere Argu-
ment anführt, daß schließlich Leibniz der erste Präsident
der Akademie gewesen sei.
War Schleiermacher der Versuch mißlungen, dem Phi-
losophen eine mögliche Machtbasis ein für allemal streitig
zu machen, so mußte er es jetzt darauf anlegen, beim
Wciterbcstehn der philosophischen Klasse Hegel daraus
fernzuhalten. Und das ist ihm, dem gewieften Diploma-
ten, auch gelungen.
Schleiermacher hatte richtig vorausgesehen. Eine
Übereinkunft mit Hegel konnte es nicht geben. Der Ge-
gensatz zwischen ihnen kommt dann im Zuge der sich aus
dem Sandschen Attentat ergebenden Maßnahmen der
Regierung auch sehr bald zum persönlichen Austrag.
Sympathisanten des Täters finden sich zugleich unter der

325
Professorenschaft. Der Alttcstamentlcr De Wette, der un-
vorsichtig genug war, sein Verständnis für die Tat brief-
lich der Mutter des Mörders mitzuteilen, wird von seinem
Amt suspendiert. Hegel hat allen Grund zur Wachsam-
keit. Er gehört zu den Gegnern der Gewaltlösung, wie die
Burschenschaften sie forderten, aber er hat, wie wir wis-
sen, Sympathie für die Sympathisanten. Er ist der Anwalt
der Bedrängten und Eingekerkerten. Das genügt, um sich
vorsehen zu müssen und den Fall des Amtsentzugs einzu-
berechnen. Die Möglichkeit eines solchen Verlusts der
Stellung ist Gegenstand eines Gesprächs mit Schleierma-
cher. Im Einklang mit seiner Lehre vom Staat hat Hegel
nichts gegen dessen Recht einzuwenden, »einen Lehrer
abzusetzen, wenn er ihm nur sein Gehalt lasse«, ein Ge-
danke, den Schleiermacher »erbärmlich« nennt und da-
für eine grobe Antwort zurückbekommt. Damit war der
Konflikt offen ausgebrochen. In Hofkreisen verbreitet
sich das Gerücht, die beiden seien aufeinander losgegan-
gen, und sogar von Messern ist die Rede. Zwar entschul-
digt sich Schleiermacher wegen des Ausfalls schriftlich bei
Hegel und legt ihm begütigend die Adresse seines Wein-
händlers bei, der ihm den feinsten Bordeaux liefern kann.
Hegel lenkt ebenfalls ein und führt für seine »Erwide-
rung« die momentane »Aufregung« an. Aber der Bruch
war bereits durch die Verschiedenheit der Charaktere,
der Temperamente und der Stile zu tief, als daß er durch
ein äußeres Arrangement sich hätte kitten lassen.
Schleiermacher ist es denn auch, der als Wächter im
Dienst zur Erhaltung der Sittlichkeit sehr früh von Hegels
»Herabsetzung« zunächst nicht des »Christentums«, son-
dern der »Religion« spricht. Er hatte auch allen Grund,
sich mit seiner Theologie vor Hegel vorzusehen. In der
Vorrede zur Schrift Die Religion im inneren Verhältnisse zur
Wissenschaft seines Schülers Hinrichs zerzaust Hegel die so
klassisch gewordene Vorstellung Schleiermachers von der
»Religion« als »Abhängigkeit«, weil dann »der Hund der
beste Christ« wäre, der ein solches »Gefühl ... am stärk-
sten in sich« trage. Daß war ein harter Schlag, durch den
sich der Angegriffene nach eigenen Worten »einer tieri-

326
sehen Unwissenheit über Gott beschuldigt« fühlt (an K. H.
Sack, 28. Dezember 1822). Auch an Schleiermachers Dog-
matik läßt Hegel kein gutes Haar. Sie gleiche einem Geld-
beutel, aus dem, wenn man ihn aufmacht, lauter kleine
»Rechenpfennige« herausfallen. So schreibt er an seinen
jüngeren Freund Daub, dem Verfasser des Buches Judas
Ichariot oder das Böse im Verhältnis zum Guten, mit der
Ermunterung, seine eigene Dogmatik zu Ende zu brin-
gen, um hier klarere Verhältnisse zu schaffen. Die Präde-
stinationslehre des reformierten Schleiermacher findet
der württembergische Lutheraner Hegel »kahl«.
Unangefochten ist während der Berliner Jahre Hegels
Beziehung zu Goethe in Weimar geblieben. Goethe be-
deutete eine Bekräftigung seiner Anschauungen, ohne
die Hegels Philosophie nicht die gleiche gewesen wäre.
Der durch und durch unphilosophische Goethe hat sich
gern über den neuesten Stand der philosophischen Bewe-
gung und insbesondere über Hegel Bericht erstatten las-
sen und gab sich dann als Schüler aus, der auf seinen
Spaziergängen Belehrung sucht. So hat ihn Henning bei
seinen Besuchen in Weimar über Hegel und die Berliner
Verhältnisse genauestens aufgeklärt. Der Weimarer Hof
beteiligte sich nicht an der Verfolgung der Burschen-
schaften, das Herzogtum ist dank Goethe konstitutionell;
es bot ja gerade mit Jena als dem Zentrum der burschen-
schaftlichen Aktivitäten und der Wartburg, die auf sei-
nem Terrain lag, eine Freistätte für die Verfolgten. Goe-
the, der sich selbst einen »Heiden« nannte, gab im Ver-
gleich zu Schleiermacher das Bild des lebendigen »Grie-
chen« mit seiner Überlegenheit gegen das die »Natur«
verleugnende Christentum. So hat Hegel den Dichter des
Faust und ebenso den Naturwissenschaftler gesehen, des-
sen ganzes Vertrauen er wegen der Übereinstimmung in
der Farbenlehre genoß. Darum rechnet er Goethe auch zu
den »Urphänomenen«, als »dämonisches Wesen«, was
ihm Goethe dankt und aus Weimar zu »Sommers-Anfang
1821« mit einer unvergeßlichen Widmung erwidert:
»Dem Absoluten empfiehlt sich schönstens zu freundli-
cher Aufnahme das Urphänomen.«

327
Goethe und Hegel, das »Urphänomen« und das »Abso-
lute« : durch die verwandten Anschauungen über die »Na-
tur« sind sie einträchtig miteinander verbunden. Das gelb-
getönte Weinglas mit eingelegtem schwarzen Seidenzeug,
das Goethe an Hegel schickt, soll den Empfänger sehen
lassen, welche Farben bei der Brechung des einfallenden
Lichts daraus hervorgehen und ihm die Richtigkeit seiner
Farbenlehre demonstrieren. Hegel meint in der Erwide-
rung, der Wein, der das Glas füllen könnte, sei ein Zeichen
dafür, »daß Geist in der Natur ist«.
Das war mehr als bloße Übereinstimmung in einigen
besonders Goethe am Herzen liegenden Einsichten in die
»Natur«, das war, wenn man an seinen alten Bund mit
dem lange verstorbenen Schiller denkt, ein neuer Bund
Goethes, den er hier mit Hegel geschlossen hat und dessen
Nachwirkungen auch in den gewaltigen Folgen der Hc-
gelschen Philosophie zu spüren sein werden

328
Neunundzwanzigstes Kapitel

Der preußische Staatsphilosoph

Hegels Stellung an der Berliner Universität hatte sich


nach Ablauf von zwei Jahren zwar zu festigen begonnen,
aber sie war keineswegs unangefochten und blieb in Krei-
sen der Kollcgenschaft immer noch sehr umstritten. Un-
verkennbar war der wachsende Anklang seiner Vorlesun-
gen bei den Studenten. Das Entstehen einer Gegenpartei
konnte dabei nur seine Wirkung erhöhen. In Berlin Hegel
zu hören, begann damals, unabhängig vom Urteil über
ihn, in Deutschland attraktiv /u werden. Die sicherste
Stütze für Hegel außerhalb seiner Unentbehrlichkeit fin-
den Staat und sein Ansehen war das unbedingte Ver-
trauen, das er beim Minister Altenstein genoß. Dazu kam
die persönliche Beziehung zum Regierungsbevollmäch-
tigten Schulze, der Freund und Schüler Hegels in einer
Person war.
Nach den Vorlesungen unternahmen beide des öfteren
gemeinsame Spaziergänge.
Diese Nähe zu einem Mann des Unterrichtswesens, der
staatlich-offiziell in die Universität hineinregierte, soweit
das bei der Humboldtschen Universität möglich war,
mußte bei manchen Mitgliedern der Universität wenig
einnehmend für Hegel wirken und tat es auch. Schleier-
macher hatte schon bald Hegels Einfluß zu spüren bekom-
men. Der eigentliche Gegner Hegels, oder besser, der mit
dem höchsten wissenschaftlichen Ansehen, ist Friedrich
Carl von Savigny. Der Rechtshistoriker stand noch für die
Gründungsidecn der Richtung Humboldt und Süvern
und mußte in Altenstein die Tendenzwende zu einer den
Staat mehr und mehr bevollmächtigenden preußischen
Kulturpolitik erkennen. Der preußische Staat ist dabei,
einiges von dem, was er freiwillig aus den Händen gelas-
sen hatte, wieder an sich zu ziehen. Und Hegel stand an
der Seite des wenig geliebten Schulze als der Verkörpe-
rung des neuen Systems.
Von hier aus mußten sich natürlich Widerstände gegen

329
Hegel entwickeln. Hegel bietet dabei seinen offenen und
geheimen Gegnern einige Anlässe, durch die sie sich
bestätigt sehen konnten. So rechtfertigt er die Maßrege-
lung des Theologen De Wette, der wegen seiner »demago-
gischen« Neigungen sein Amt verliert. So sucht er Alten-
stein dazu zu bewegen, gegen den schon suspendierten
Fries wegen der in der Hallischen Literaturzeitung erschie-
nenen Kritik seiner Rechtsphilosophie einzuschreiten, in der
Hegel seine nie überwundene Anschauung hervorhebt,
daß dem Staat die Aufsicht über Druckerzeugnisse zu-
stehe. Was Altenstein ablehnt!
Der Minister konnte mit dem Mann seines Vertrauens
zufrieden sein. Der allerdings hat außer Hause und in der
Familie mit ständig neuen Bedrückungen zu kämpfen.
Der Widerstand gegen Hegel formiert sich am wirkungs-
vollsten da, wo keine Anhänger vorhanden sind und man
vor den Einflüssen aus dem Ministerium sicherer ist: an
der Akademie der Wissenschaften. Zu Hause hat die lange
Krankheit der Frau den Familienvater in Sorge gestürzt.
Die Kosten für den Unterhalt stellen sich als erheblicher
heraus, als ursprünglich gedacht. Was für die Erziehung
der Kinder aufgewendet werden muß, schlägt schwer zu
Buche. Der Schwester im Württembergischen muß mit
Geld ausgeholfen werden. Und jeder Posten wird von
Hegel in seinem Haushaltsbuch selbst genauestens ver-
merkt.
Am 6. Juni 1822 hat Hegel sich dann entschlossen, seine
prekäre Lage dem Minister vorzutragen und ihm die
bisher geleisteten guten Dienste in Erinnerung zu brin-
gen. Es stimmte: Gegenüber der Bamberger Zeit hatte
sich seine allgemeine wirtschaftliche Lage nicht wesentlich
gebessert. In Berlin, so läßt der Briefschreiber hören, sind
»mannigfache häusliche Unglücksfälle« dazugekommen.
Was er hier verschweigt: seine Frau erwartet ein Kind.
Hegel sieht sich gezwungen, seine Frau in die »Witwen-
kasse« einzukaufen; dazu sind, um den Hinterbliebenen
jährlich 300 Taler zu sichern, jährliche Ausgaben von
170 Talern zu leisten. Außerdem: das Fach ist von der
Art, »daß eine gründliche und gewissenhafte Bearbeitung

330
mehr Zeit und eine ganz andere Anstrengung crfordert
als die Fächer vieler anderer Professoren und mir daher
auch wenig Zeit übrig läßt, durch schriftstellerische Arbei-
ten meine Einnahmen zu verbessern«.
Altenstein antwortet am 25.Juni hinsichtlich der von
Hegel vorgetragenen Alterssorgen beruhigend. Ihn bis-
her nicht mit einer Gehaltszulage bedacht zu haben, ent-
schuldigt er mit der Vorsicht, die dabei zu beachten sei,
sieht sich aber zum Glück imstande, ihm jetzt »nicht bloß
für das vergangene Jahr eine Remuneration von 300 Th.,
sondern auch eine gleiche Summe für dieses Jahr und also
im ganzen 600 Thaler zu verwilligen«. Hegel war dadurch
zunächst seiner schwersten wirtschaftlichen Sorgen ent-
hoben und dankt am 3.Juli 1825 für die Zeichen der
Ermunterung, die er in seinem »schwierigen Berufe«
dadurch erfahren habe; zugleich erinnert er eindrücklich
und diskret daran, »daß etwaige Besorgnisse der obersten
Staatsbehörde vor der Philosophie, welche durch ver-
kehrte Bestrebungen in derselben leicht veranlaßt werden
können, meiner öffentlichen Wirksamkeit als Lehrer
nicht nur fremd geblieben sind, sondern daß ich auch
nicht ohne Anerkennung und ohne Erfolg an meinem
Teile gearbeitet habe, der hier studierenden Jugend zu
richtigen Begriffen zu verhelfen und mich des Vertrauens
Euer Excellenz und Königlichen Regierung würdig zu
machen«.
Hegel hatte, dies Zeugnis stellt er sich selber aus, den
Staat vor dem Ärgernis, das die Philosophie für ihn be-
deuten konnte, bewahrt. Er hatte die Studenten auf die
richtige Bahn gebracht, sie vor möglichen Verirrungen
geschützt und so zur Zufriedenheit des monarchischen
Staats gewirkt. Die preußische Staatsphilosophie als Kö-
nigsphilosophie! So könnte man glauben. Schopenhauer,
der ohnehin in Hegel den klassischen Vertreter für eine
aus Leistungen der Regierungskasse sich nährende Phi-
losophie sah, hätte an diesem Briefwechsel zwischen dem
»Fakultätsphilosophen« Hegel und dem Minister Alten-
stein seine helle Freude gehabt und sie für eine Bekräfti-
gung seiner Vermutungen betrachtet, die für ihn zwcifel-

331
los eine Gewißheit war. Er sah richtig und täuschte sich
zugleich. Ihm war hier ebensowenig wie dem Minister die
Doppelbödigkeit des Hegelschen Denkens aufgegangen,
das Orakelhafte einer Sprache, die auch das Gegenteil von
dem enthält, was sie sagt. Die nachhegelsche Philosophie,
die zum Teil keine Hegelsche mehr ist oder gar sein will,
deckt hier erst ganz die Karten auf. Der Minister, der im
Namen des Königs und des Staats auf den offiziellen
Philosophen des monarchischen Staats vertraut, ist gut
beraten, und zugleich sitzt er ihm auf, wo er die Begrenzt-
heit des Staats und die in ihren Mitteln unbegrenzte
Philosophie miteinander in Einklang zu bringen versucht.
Als zu Beginn der zwanziger Jahre die Hegelsche Phi-
losophie zur in Berlin unumstritten herrschenden gewor-
den war, stellte sich für die ältere Generation, die noch die
Fichte-Ära miterlebt hatte, zwangsläufig der Vergleich
mit dieser ein. Daß Hegel als Fichte-Nachfolger berufen
worden war, gehörte zur Ehre, die mit seiner Ernennung
verbunden war. Damit hatte er auch Schelling als mögli-
chen Rivalen, der als »Fichteaner« eine größere Ancienni-
tät in die Waagschale hätte werfen können, ausgestochen.
Ohne Fichte wäre die nachkantische »neue Philosophie«
nicht denkbar gewesen. Fichtcs Anteil an der inneren
Biographie der beiden Tübinger Stiftler ließ sich bei aller
Kritik mühelos belegen.
Aber Fichte war ja nach Berlin berufen worden — das
sprach für eine großherzige Berufungspolitik -, obwohl
er in Jena, und dies nicht ganz ohne Goethes Mitwirkung,
als Folge des sogenannten Atheismusstreits sein Amt ver-
loren hatte. Mit Fichte hatte, wenn man wollte, die preußi-
sche Regierung einen »Atheisten« berufen. Wenn Hegel
an einer gewissen Sukzession zu Fichte festhielt, so muß-
ten sich allein daraus schon weitere Verdachtsmomente
gegen den Geist der Berliner Philosophie in der neuen
Hegelschen Bemäntelung ergeben. Savigny als der re-
nommierteste und scharfsinnigste unter den Anhängern
der Anti-Hegel-Partei an der Berliner Universität hat ein
Auge für die von Hegel ausgehenden Wirkungen und
meint in einem Brief an Georg Friedrich Creuzer vom

332
6. April 1822, daß »seine eifrigen Schüler sich auch von
allein religiösen Zusammenhang lossagen und daß darin
Fichte von ihm weit übertroffen wird«. Der preußische
Staatsphilosoph also ein an der weiteren Zerrüttung der
bestehenden Religionsverhältnisse mitwirkender gestei-
gerter Fichte. Das konnte so gesehen werden, aber schloß
offenbar auch die gegenteilige Ansicht Baaders, des
Münchner Theosophcn, nicht aus, der sich darangemacht
hatte, dem »atheistischen Denken« ernsthaft und von
Grund auf entgegenzutreten und, wie er am 28. August
1821 gegenüber Schelling bemerkt, in Hegel als »Athe-
isten« eigentlich »nur einen kastrierten Fichte« sehen
kann. Warum? Darüber hat sich Hegels Schüler Michelet
ausgelassen: weil bei Hegel Monotheismus und Pantheis-
mus, Idealismus und Materialismus ausbalanciert werden,
als vom Körper einer einzigen Philosophie ausgehende
Glieder, die für verschiedene philosophische Anschauun-
gen stehen. Philosophie Hegelschcn Verständnisses läßt
sich nicht darauf ein, in einer partikularen Anschauung
die Totalität der Erscheinungen zu sehen. Das konnte
natürlich den Eindruck erwecken, den Savigny wieder-
gibt, daß der Hegelschen Philosophie der aktivistische
Schwung Fichtes abgehe, daß in ihr die einander entge-
gengesetzten, sich bekämpfenden Kräfte neutralisiert
werden: »Fichte hatte und erzeugte nicht weniger Anma-
ßung, aber es war doch in ihm und seinen Erzeugnissen
mehr frischer lebendiger Geist« (an Georg Friedrich
Creuzer, 6. Februar 1821).
Hieraus sprach sicher der Ertrag aufmerksamer Beob-
achtungen der Berliner Universitätsszene, in der durch
Hegels Erscheinen eine gewaltige Veränderung vor sich
gegangen war. Dessen Dominanz ist inzwischen so stark
geworden, bemerkt Savigny gegenüber dem Marburger
lutherischen Theologen Christoph Andreas Leonhard
Creuzer (16. Dezember 1822), »daß die wackersten philo-
sophischen Lehrer, die nicht zu seiner Schule gehören,
durchaus keine Anstellung erlangen können«. Beängsti-
gend ist die »Verachtung des Christentums«, die von
Hegel ausgeht und auch Schleiermacher schon glaubte

333
bemerkt zu haben. Vor allem scheint die nationale Seite im
Vergleich zu Fichte bei Hegel zu kurz zu kommen. Es wäre
sonst nicht möglich, daß Hegel unter den Ausländern, die
in Berlin studieren, so zahlreiche Anhänger finden und
vor allem »von den Polen« (die weder Deutsch können
noch etwas begreifen) schwärmerisch verehrt« werden
könnte (Savigny an Ch.A.L. Creuzer, 26. November
1821).
Hier ist es ausgesprochen: Hegel und seine Philosophie
befinden sich um diese Zeit klar im Aufwind, und zwar
gegen alle Widerstände, die von seiten der Kollegenschaft
entwickelt werden. Die Jahre, in denen einige seiner Schü-
ler verfolgt und eingekerkert worden waren, weil ihnen
der Verdacht staatsgefährdender Gesinnung anhing, sind
vorüber. Henning ist inzwischen Verbindungsmann zwi-
schen Goethe und Hegel geworden, der beide vom jeweils
anderen mit Nachrichten versorgt. In Weimar lagen die
Dinge anders. Es gibt im konstitutionellen Herzogtum
keine Polizeiverfolgungen wie in Preußen, wo Hegel jetzt
mehr und mehr eine polizeifreundliche Haltung ein-
nimmt, um allerletzte Zweifel an seiner Staatstreue und
der seiner nächsten und förderungswürdigen Anhänger
zu zerstreuen. Er war allerdings zutiefst vom »Geschwätz«
und »Getue« der »Deutschtümler« überzeugt, wie er sei-
nem jungen Schüler, dem inzwischen Privatdozent gewor-
denen Hinrichs in Heidelberg, am 13. August 1822 wissen
läßt, als der ihn um Empfehlung beim Minister Altenstein
zwecks Aufnahme in den preußischen Staatsdienst gebe-
ten hatte. Hegel meldet deutlich einen Vorbehalt an,
nämlich die Erfordernis, »von polizeilicher Seite die Ge-
wißheit zu erhalten, daß Sie wegen demagogischer Um-
triebe und Gesinnung nicht bekannt geworden sind«.
Nicht ohne Genugtuung vermeldet er abschließend und
abschreckend dem Briefempfänger: Gegen Schleierma-
cher ist eine Untersuchung eingeleitet. Der Minister hatte
Schleiermacher auf Ersuchen des Polizeikommissars von
Kamptz die Genehmigung zu einer Urlaubsreise verwei-
gert. Veranlassung dazu war wahrscheinlich eine Stelle in
einem Brief Schleiermachers an Ernst Moritz Arndt, die

334
als politisch anstößig empfunden wurde. Der Gemaßre-
gelte wendet sich während der Behandlung der Angele-
genheit an den König, verweist dabei auf Vergünstigun-
gen, die dem suspendierten De Wette zuteil geworden
seien und kann so die Rücknahme der gegen ihn verhäng-
ten Maßnahme erreichen. Immerhin: an Staatsergeben-
heit, die keinen Grund zu solcher Verdächtigung gibt,
hatte der Bewunderer Napoleons und sogar sein zeitweili-
ger Parteigänger Hegel den preußischen Altpatrioten
Schleiermacher inzwischen überboten.
In seinen Vorlesungen hat Hegel immer wieder zu
groben und feinen Schlägen gegen Schleiermacher ausge-
holt, und zwar auf anspielende Weise. Er attackiert ihn als
Thersites, den Homerschen Lästerer, der alles herunter-
reißt und den er einen »buckligen Kerl« nennt, einen
Typus, wie er ihn vor allem bei den »demagogischen
Umtricbern« vertreten zu finden glaubt und — die Studen-
ten können sich durch nähere Angaben vorstellen, ohne
daß der Name fällt, wer hier gemeint ist - in Schleierma-
cher wiedererstanden sei.
Hegels Ausführungen dazu werden im Auditorium mit
Scharren quittiert. Sein Gewährsmann und patriotischer
Freund ist Marheineke, der als theologischer »Hegelia-
ner« noch von sich reden machen wird. Hinrichs wird für
seine Rcligionsphilosophie mit hegelianischem Unterbau
damit belohnt, daß er durch Hegels Fürsprache beim
Minister von Heidelberg aus eine außerordentliche Pro-
fessur in Breslau erhält. Altenstein war schließlich an der
weiteren Verbreitung der Hegelschen Philosophie, die die
Studenten ruhig hielt, sehr gelegen. Im September 1823
war auf seinen Antrag an den König hin eine »außeror-
dentliche Gratifikation von dreihundert Talern« fällig
gewesen und wird aus dem »disponiblen Fonds der wis-
senschaftlichen Anstalt« dem Staatsphilosophen zur Zah-
lung bereitgestellt. Hegel hatte bereits Niethammer
darum gebeten, in München nachzufragen, ob seine baye-
rischen Lotterielose einen Treffer erzielt hätten. Die Ant-
wort fiel im Sinne des Hegelschen »Nichts« aus.
Der Anfang der zwanziger Jahre hatte die Wende ge-

335
bracht, die Hegels Philosophie in Preußen mehr und
mehr eine staatsoffizielle, von der Gunst des Ministers
getragene Monopolstellung bescherte und diese im Laufe
der folgenden Jahre noch festigen wird. Seine Schüler
bereiten sich selbst auf Staatsstellungen vor oder nehmen
sie schon ein. Zum Wintersemester 1823/24 kommt der
junge Ludwig Feuerbach zum Studium nach Berlin. Er ist
dem Fache nach zunächst Theologe und hatte bei Daub in
Heidelberg eine Einführung in die Hegelsche Philosophie
erhalten, zeigte sich aber zunächst noch wenig entschlos-
sen, in Hegelsche Denkbahnen einzutreten. In Schleier-
machcr als dem anerkannten Haupt der Berliner Theolo-
gen begegnet ihm das beispielhaft dargestellte »Wesen
der Religion«. Wie Rosenkranz, der in beiden Kollegs sitzt
und den glatten und gewandten Vortrag Schleiermachers
mit den schleppenden, von Husten und Tabakschnupfen
unterbrochenen Perioden Hegels vergleicht, erlebt er die
beiden in ihrer Zeit klassischen Vertreter des theologi-
schen und des philosophischen Standpunktes aus eige-
nem Augenschein.
Hegel macht damals bereits einen früh gealterten Fin-
druck. Aber jung war er ja eigentlich nie gewesen. In einer
Porträtskizze aus diesen Jahren findet ihn sein Schüler
Hotho von gebeugter Gestalt: »Fahl und schlaff hingen
alle Züge wie erstorben nieder.« Entsprechend sein Vor-
trag im Kolleg: »Abgespannt, grämlich saß er mit nieder-
gebücktem Kopf in sich zusammengefallen da und blät-
terte und suchte immer fortsprechend in den langen
Folioheften vorwärts und rückwärts, unten und oben.«
Aber dieser nicht immer ohne Mühe seinen Vortrag zu-
stande bringende Mann des Katheders ist bereits auf dem
Weg, der Absolutissimus seines Fachs zu werden, mit
Ansprüchen, die über die Landesgrenzen hinausgehen.
Im Hegelschen Denken besinnt sich die Philosophie auf
ihre Totalität. Sie ist allumfassend, und derjenige, der sie
vorträgt, hat Gott sozusagen selbst in die Karten geschaut.
Er hat, so jedenfalls der daraus abgeleitete Anspruch, dem
Sein das Geheimnis abgelistet. Gott als mosaische Stifter-
tat, seine Offenbarung in Jesus Christus, die römische

336
Kaiseridee mit ihrer Fortführung im mittelalterlichen
deutschen Kaisertum, das durch Luther gereinigte Chri-
stentum und Preußen als der Staat par excellence: das
alles und in einer Kontinuität zusammengedacht ist in die
Vorstellung des »Absoluten« eingegangen. Und Hegel
auf dem Berliner Lehrstuhl ist sein einziger mit Autorität
ausgestatteter Verwalter. Der jüdisch-christliche Gott, der
im »Absoluten« als Hegels philosophischem Grundprin-
zip aufgegangen ist und von Schopenhauer als »Herr von
Absolut« stilisiert wird, wie er auch Hegel selbst nennt,
zeigt, welche Identität hier im Spiele ist. Theologie und
Philosophie fallen hier auf eine viele beunruhigende
Weise zusammen. Niebuhr, der Diplomat und Historiker,
zeigt sich in einer brieflichen Äußerung an seine Frau vom
18. März 1825 sehr besorgt darüber, daß Hegel dem Ge-
danken zustimmt, »Christus selbst habe sehr wenig vom
Christentum gewußt«, wie er in Kreisen um Cousin geäu-
ßert wurde. Wir wissen, wie sehr Hegel sich Cousin, der
ihm in Heidelberg seine Aufwartung gemacht hatte, ver-
bunden fühlte. In Berlin, wo sich Cousin jetzt für längere
Zeit aufhält, erscheint seine Gesellschaft politisch aller-
dings in einem sehr bedenklichen Lichte. Französische
Kreise hatten offenbar die preußischen Behörden wissen
lassen, welch gefährlicher Geist mit Cousin auf ihrem
Staatsgebiet weilt. Die Polizei wird denn auch sofort tätig
und schafft den Verdächtigen vorsichtshalber ins Gefäng-
nis. Hegel versucht, bei dieser Nachricht unverzüglich
den Inhaftierten zu sprechen. Das Gesuch wird aber abge-
schlagen. Seine Stellung als Vertrauensmann der Regie-
rung indessen läßt keinen Verdacht gegen ihn aufkom-
men, mit diesem Individuum in gefährlicher Beziehung
zu stehen. Cousin wird übrigens später freigelassen. Die
gegen ihn erhobenen Vorwürfe hatten sich als unhaltbar
erwiesen. Der Polizeipräfekt entschuldigt sich bei dem aus
der Haft Entlassenen, der voll des Lobs über die korrekte
Behandlung durch die Untersuchungsbehörde ist und
allen Grund hatte, in Hegel einen treuen Beistand zu
sehen.
Victor Cousin, entschiedener Gegner der restaurierten

337
bourbonischen Monarchie, der sich als Mann auf der Seite
der Freiheit bezeichnete, hat Hegel, in dessen Philosophie
er eine Philosophie der Freiheit sah, diesen Freund-
schaftsbeweis nie vergessen. Er erinnert sich von Paris aus
der langen Abende, die er mit Hegel im Gespräch auf dem
Kanapee verbracht hatte, und sendet ihm seine Descartes-
Ausgabe zu. Wegen seiner Inhaftierung in Berlin gerät er
nach seiner Rückkehr nach Frankreich erneut in Schwie-
rigkeiten und in viel größere. Die Preußen-Gegner in
Paris hatten seinetwegen interveniert. Die französische
Regierung erwartet aus Berlin einen offiziellen Bericht
über die Gründe seiner Verhaftung und zusammen mit
der Öffentlichkeit einen zornigen Cousin. Aber der erregt
die Entrüstung der Kreise, die die Angelegenheit gegen
Preußen hochspielen wollen, durch seine Worte, er habe
das Leben in Berlin erträglich gefunden. Das war zuviel,
weil es nicht wahr sein durfte. Hegel gegenüber läßt
Cousin verlauten, daß es ihm, der kein Freund der Polizei
sei, widerstrebe, seine Empörung aus einer Entfernung
von mehr als dreihundert Wegstunden zu bekunden. Er
wußte oder hielt es für möglich, daß er von französischer
Seite in Berlin denunziert worden war.
Cousin hatte übrigens auf seiner Rückreise nach Frank-
reich Goethe in Weimar noch einen Besuch abgestattet. In
einem Brief vom 24. April 1825 Hegels an Goethe war
dessen Ankunft angekündigt worden. Zugleich enthielt
das Schreiben eine Huldigungsadresse an den Empfän-
ger, die über Hegels geistige Existenzgrundlagen Ent-
scheidendes aussagt, wenn es darin heißt: »denn wenn ich
den Gang meiner geistigen Entwicklung übersehe, sehe
ich Sie überall darein verflochten und mag mich einen
Ihrer Söhne nennen; mein Inneres hat gegen die Abstrak-
tion Nahrung zur widerhaltenden Stärke von Ihnen er-
halten und an Ihren Gebilden wie an Fanalen seinen Lauf
zurechtgerichtet.« Hier ist es ausgesprochen, daß Goethe
Hegels Vertrauen in die Abstraktion nicht teilte und in
diesem Sinne mit feinem Nachdruck auf ihn gewirkt hat.
Während Hegel für Goethes geistige Entwicklung nichts
bedeutet hat, ist Hegel erst durch die Berührung mit

338
Goethe zur vollen Größe gelangt, ist er einer von Goethes
»Söhnen« geworden.
In seiner äußeren Erscheinung hat sich Hegel zu keiner
Zeit ganz den Berliner Verhältnissen angepaßt. Auf einen
Stuttgarter Besucher macht er den Eindruck des echten
Stiftlers, bei dem man sich die Frage stellen müßte, wie er
überhaupt mit dem dunklen, struppigen Haar, der Nach-
lässigkeit, die er in seiner Kleidung auch in der württem-
bergischen Zeit bereits an den Tag gelegt hatte, »den
geleckten Berlinern imponieren« könne. Er war einem
Griesgram in abgetragenem Schlafrock begegnet, mit
gelblichem Gesicht, mit dem Blick eines Kurzsichtigen,
mit raschen, aber schwerfälligen Bewegungen. Im Ver-
lauf des Gesprächs, wo Dinge der gemeinsamen Vater-
stadt nur flüchtig erwähnt werden und Hegel sich ärger-
lich über den in Württemberg neu eingerissenen Um-
stand ausläßt, daß »auch Leute bürgerlicher Abkunft die
Aussicht haben, Ministerien zu erreichen«, schließt er bei
zusammengefalteten Händen seine Augen und erweckt
den Eindruck, als ob er schliefe. Derselbe Besucher weiß
von Hegels Lohndiener zu berichten, der während einer
anderen Aufwartung durch seinen Eintritt dem Gespräch
ein Ende bereitet: »eine altfränkische, dürre, gepuderte
Greisenfigur, von noch grämlicherem Aussehen als sein
Gebieter«.
Hier mischen sich Züge des Skurrilen, einer Szene im
Stile E.T. A. Hoffmanns, ein, der als vom System dem
Verdacht ausgesetzte Erscheinung am Berliner Kammer-
gericht selbst einen Platz in der Untersuchungskommis-
sion gegen die sogenannten Demagogen eingenommen
hatte. Hoffmann war inzwischen einige Jahre tot, als
Hegel jenem Ludwig Devrient, mit dem der Verfasser des
Kater Murr tolle Nächte im Weinhaus Lutter und Wegener
durchzecht hatte, nach dessen Darstellung von Molieres
Tartuffe frenetischen Beifall spendet. Bei der Berliner
Premiere von Carl Maria von Webers Euryanthe sitzt Hegel
sozusagen wie selbstverständlich unter den Zuhörern. Er
hält sich nach eigenem Zeugnis an der Berliner Universi-
tät akademisch aber noch immer nur für sich, eine Beteili-

339
gütig an irgendeinem Zirkelwesen, es sei denn, es richtet
sich gegen Schleiermacher, läßt sich ihm nicht nachsagen,
obwohl er sich bei den von ihm geliebten Whistpartien an
den üblichen Sticheleien gern beteiligt. An Schleierma-
cher wird er lebenslänglich Anstoß nehmen, denn er, den
er auch vor seinen Hörern im Kolleg bisweilen »Herr
Schläuermacher« nennt, wird ihm den Weg zu den höhe-
ren Weihen verstellen, d. h. immer neue Gründe finden,
ihm die Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften
zu verweigern.
Dieser erhebliche Schönheitsfehler in der Berliner Exi-
stenz Hegels hat ihm zweifellos das Leben vergällt, aber er
hat einer breiten und allmählich auch rundherum behag-
lichen biedermeierlichen Lebensweise, die tief in der Fa-
milie verwurzelt war, ernsthaft keinen Abbruch zu tun
vermocht. Der philosophische Schriftsteller tritt noch
mehr hinter den akademischen Lehrer zurück. Sein Kol-
leg zwischen 12 und 13 Uhr gehört zu den großen Berli-
ner Ereignissen, so wie die Auftritte Ludwig Devrients im
Schauspielhaus und die Predigten des in der Dreifaltig-
keitskirche fromm, entschlossen und elegant auf das Kan-
zelpult trommelnden Schlcicrmacher. Für seine Vorle-
sungen mit seinen zweihundert Hörern verteilt Hegel
selbst an durchreisende Besucher Karten aus, die ihnen
gute Sicht- und Hörgelegenheiten geben und wo sie sich
unter preußischen Beamten, Diplomaten, Offizieren,
orientalischen Moslems, katholischen Geistlichen, in der
Stadt weilenden Ausländern, Kaufleuten und vielen jun-
gen polnischen Adligen wiederfinden, die das, was sie
emsig mitschreiben, ohnehin nicht verstehen können. Sie
alle erleben, wie der Meister sich auf das Katheder begibt,
eine Prise nimmt und mit einem kleinen Notizenpapier in
der Hand zu sprechen anfängt: wobei er die Sätze gern
mit »also«, seiner Licblingspartikel, beginnt. Der Vortrag
ist in der Form anspruchslos, stark vom Dialekt gefärbt.
Über die Präsentation seiner Gedanken im Kolleg schwan-
ken jedoch die Urteile. Da wird von schleppender Rede-
weise gesprochen oder von einem unausstehlichen Vor-
trag, der einen vorzüglichen Gehalt mit sich führt, aber

340
auch von einer Klarheit, die nie etwas dialektisch verwik-
kelt läßt, auf äußere Effekte verzichtet, weil sie es gar nicht
darauf anlegt, den Zuhörern durch besondere Spannung
zu imponieren. Es scheint hier immer die Einstellung zur
Hegelschen Lehre mit im Spiele zu sein, ob man sich
durch formale Mängel irritiert fühlt oder im Vortrag den
gewissenhaften Ernst an der Sache durchscheinen sieht,
dem der Redner durch mühsames Suchen nach dem
rechten Ausdruck wie Verlegenheit in der flüssigen Rede
Rechnung zu tragen hat.
Es gibt andere und bis auf die Gegenwart reichende
Gründe zur Irritation. Sie liegen in den Abweichungen
vom schriftlichen Manuskript. Hegel neigt in den Extem-
pora zu Abschwächungen oder auch zu Verschärfungen,
je nachdem, wie die Umstände liegen. Darum: Man muß
bei Hegel stets damit rechnen, daß seine Hörer es anders
von ihm erfahren haben, als es in der handschriftlichen
Vorlage zu finden ist. So hat es eine Klage einiger katholi-
scher Studenten beim Ministerium gegeben, Hegel habe
sich in seinen Vorlesungen gegen die katholische Religion
ausgesprochen. Das traf zu. Aber das Beispiel, um das es
ging, war ein Extempore Hegels im Kolleg und wird von
Hotho brieflich (1. April 1826) an Cousin übermittelt:
Hegel »sagt, daß im katholischen Kult Gott als Seiendes in
einer Sache dargestellt wird und daß demnach, wenn
beispielsweise eine Maus diese Sache frißt, Gott in der
Maus und selbst in den Exkrementen ist«. Die studenti-
schen Kläger erblickten darin eine Blasphemie. In der
vom Ministerium erwarteten Rechtfertigung erklärt He-
gel im Namen der Humboldtschen Lehrfreiheit: »als pro-
testantischer Professor und als Philosophieprofessor hat
er das Recht, wo er die Natur des Katholizismus prüft, so
zu sprechen, und daß die Katholiken, die solche Dinge
nicht hören wollten, seine Vorlesungen nicht zu besuchen
brauchten«.
In der anliegenden Sache hatte Hegel von der preußi-
schen Regierung nicht das geringste zu befürchten. Sein
Standpunkt in der Konfessionsfrage war überzeugend
und durch seine Ausführungen in der Enzyklopädie, den

341
Vorlesungen zur Geschichts- und Religionsphilosophie,
schriftlich und mündlich gedeckt. Es ist interessant, wie
der Freund van Ghert, der sich ganz als sein Schüler
fühlte, in Den Haag die Leitung eines philosophischen
Kollegs übernommen und gerade ein ähnliches Institut
für angehende katholische Priester in Löwen selbst ge-
gründet hatte, gesteigerten Wert darauf legt, während
der in Preußen ausgebrochenen Hermesianischen Kir-
chenstreitigkeiten gegenüber Hegel als entschiedener
Gegner der Ultramontanen und der Jesuiten zu erschei-
nen. Berlin gilt ihm als europäische Zentrale im Kampf
gegen den römischen Geist, dessen Verderblichkeit er vor
allem im belgischen Staatsteil des Königreichs der Nieder-
lande am Werke sieht. Hegel erhält die Warnung, die
jesuitische Gefahr nicht zu unterschätzen, mit Hinweisen
auf neue Niederlassungen des Ordens in Mainz, Düssel-
dorf, Würzburg und München. Zugleich trifft von Win-
dischmann, der sich auch zu den Freunden zählte, ein
Exemplar von de Maistres Abendstunden zu St. Petersburg
ein, die Hegel mit dem eigentlichen Kopf der nachrevolu-
tionären katholischen Reaktion vertraut machen.
Auch daraus sprach die durch die Schwerkraft der
Dinge alles an sich ziehende und selbst Mittelpunkt bil-
dende Funktion des spekulativen Philosophen in Berlin.
Weitere Bestätigungen dafür treffen bei ihm ein durch
Zuschriften aus der deutschen Provinz, die von Hegel
grundsätzlich beantwortet werden. Hegel kennt nur eine
einzige Philosophie, keine in eine akademische oder nicht-
akademische aufgespaltene. Er weiß die Unabhängigkeit
eines zur beruflichen Ausübung der Philosophie nicht
genötigten Mannes, der er selbst eben nicht ist, sehr zu
schätzen. Von einem jungen Herrn Rust aus dem pfälzi-
schen Dürkheim erhält er einen Brief mit der Bitte um
Unterstützung dafür, ihn in seine persönliche Nähe zu
holen, um sich dort unter seiner Aufsicht philosophischen
Studien widmen zu dürfen. Auf seine freundliche Erwide-
rung hin kommt es heraus, wo der Schuh drückt: Der
junge Adept möchte »Lehrer an einer preußischen Hoch-
schule« werden. Er droht mit dem für ihn weniger ange-

342
nehm erscheinenden Schicksal, andernfalls eine Pfarr-
stelle annehmen zu müssen. Es stand natürlich weder in
Hegels Kräften, das eine zu erwirken, noch das andere
verhindern zu können. Auch ein M.Caspart aus dem
württembergischen Schorndorf wünscht durch den be-
rühmten Landsmann nach Berlin zu gelangen, weil er in
der Philosophie seinen eigentlichen Lebensberuf glaubte
gefunden zu haben. Hegels Erwiderungen auf seine
Briefe ermuntern den Briefschreiber dazu, sich von ihm
zunächst ein Thema zur Bearbeitung zu erbitten, weil er
sich von dessen »Mitleiden mit dem verlassenen philoso-
phierenden Jünger nach den früheren Beweisen Ihrer
Güte auch diese Gewährung« verspricht (22. Oktober
1825).
Diese Korrespondenzen, die durch Hegels Rückant-
wort für kurze Zeit zustande kamen, verliefen trotz des
Zuspruchs durch den spekulativen Philosophen im Sande.
Eine Ermunterung zu diesem Metier hat Hegel eingedenk
des eigenen dornenvollen Wegs niemals ausgesprochen
bzw. nur dann, wenn, wie im Falle seines Schülers Hin-
richs, die Laufbahn nicht mehr zu verhindern war.
Diese Korrespondenzen gehörten zu den vielen Anzei-
chen dafür, daß in der Gestalt Hegels die Philosophie
ihren eigentlichen Sitz nach Berlin verlegt hat. Das war
übrigens auch Cousins Meinung in Paris. Hegels 56. Ge-
burtstag wird am 27. August 1826 dementsprechend re-
präsentativ begangen. Die Feierlichkeiten beginnen be-
reits am Vorabend im kleineren Kreise, und Hegel legt bei
dieser Gelegenheit Wert darauf, mit Goethe am gleichen
Tage geboren zu sein, was nicht ganz stimmte.
Zur Geburtstagsvisite versammelt sich eine Gesellschaft
in Hegels Wohnung in der Kupfergasse 42. Hegels Frau
ist gerade abwesend, sie befindet sich mit den Kindern auf
Besuch bei ihrer Familie in Nürnberg und erhält darum
von ihrem Ehemann einen genauen Bericht über die
Begebenheiten des Tages. Zu dessen freudigster Überra-
schung erscheint auch Herr von Kamptz unter den Gä-
sten. In seiner Person macht die Berliner Polizei ihre
Aufwartung beim Staatsphilosophen, der zu ihrer und

343
Altensteins Zufriedenheit die Studenten während der Zeit
seiner Lehrtätigkeit im Zustand der Ruhe gehalten hatte.
Ein großes Souper in einem Restaurant Unter den Lin-
den, das gleichzeitig damit eröffnet wird, schließt sich an.
Es gibt Musik und Tusch, wie Hegel bemerkt. Eine Depu-
tation der Studentenschaft überreicht ihm auf einem
Samtkissen einen silbernen Becher. Im Kreis der Teilneh-
mer am Bankett hatte sich ein Hegel bisher Unbekannter
eingefunden, Professor Wichmann, der beauftragt ist,
von ihm eine Büste anzufertigen. Hegel wird ihm in den
nächsten Wochen zu sitzen haben. Ein beschwerlicher und
sogar schmerzensreicher Weg war an diesem Tag mit den
Attributen besonderer Auszeichnung versehen worden.
In Hegel hatte sich bereits seit längcrem die Überzeu-
gung von der Notwendigkeit einer eigenen Zeitschrift als
eines kritischen Organs im Dienste der eigenen Lehre und
als maßgeblichen Periodikums in den Fragen der »Wis-
senschaft« überhaupt ausgebildet. Der Gedanke lag für
den ehemaligen Bamberger Redakteur auf der Hand und
hatte schon vor der Berufung nach Heidelberg außeror-
dentlich anziehend auf ihn gewirkt. Seine auf eine Mono-
polstellung, zumindest auf Unvergleichbarkeit an Wir-
kung in Preußen hinauslaufende Philosophie macht es in
seinen Augen immer dringlicher, unverzüglich zur Tat zu
schreiten. Hier kann auch zugleich ein Betätigungsfeld
für die eigenen Schüler angelegt werden. Es kommt dar-
auf an, geeignete Mitarbeiter zu finden. Sein Schüler Leo
könnte als Sekretär fungieren. Erster und engster Ver-
trauter ist Gans, der sich in seinem Auftrag auf die Reise
begibt, um insbesondere an deutschen Universitäten nach
den in Frage kommenden Referenten und Rezensenten
Ausschau zu halten. Seine an Hegel gerichteten Bulletins
geben genaue Auskunft über den Verlauf der mit der ihm
eigenen Geschäftigkeit unternommenen Erkundungs-
tour. Es galt, mit Cotta in Stuttgart als dem ersten deut-
schen Verleger Beziehungen anzuknüpfen. Cotta scheint
sogleich von den Chancen des Unternehmens für seinen
Verlag überzeugt gewesen zu sein. So kann Gans hocher-
freut vom Vertragsabschluß berichten und von der mögli-

344
chen Aussicht, eine in München herauszubringende Lite-
raturzeitung mit der Berliner in Cottas Händen zu ver-
einigen. Er durfte hier auf Hegels Zustimmung rechnen,
dem es immer vorgeschwebt hatte, den deutschen »Sü-
den« auf den geistig-philosophischen Entwicklungsstand
des deutschen »Nordens« heraufzubringen. Als Nietham-
mer von dem Plan erfährt, rät er ab; eher gehe ein Kamel
durchs Nadelöhr, als daß sich Berliner und Münchner
Geist zusammenfinden. Unter Aufbietung aller Hegel zu
Gebote stehenden Förmlichkeit wird in einem zusammen
mit Varnhagen verfaßten Brief Goethe eingeladen, durch
Beiträge an der neuen Literaturzeitung mitzuwirken. Des-
sen Antwort läßt nicht lange auf sich warten: Er möchte
erst den Anfängen des Berliner Organs zusehen, seine
Richtung studieren, um dann zu gegebener Zeit »den
Umständen gemäß etwas Würdiges mitzuteilen«. Es
kommt dann auch bald schon die Ankündigung, daß aus
Weimar Manuskripte zu erwarten seien. Goethe hatte bei
den Freunden um Mitarbeit bei Hegels Zeitschrift gewor-
ben und Zusagen eingesammelt.
Goethe muß die erste Nummer aufmerksam studiert
haben, allerdings, wie er bemerkt, mit einem gewissen
Kopfschütteln, weil ihm die auf Selbsterkenntnis ausge-
richteten Tendenzen zuviel Züge der »Selbstqual« und
»Selbstvernichtung« anzeigten, was seinem eigenen Sinne
ganz und gar zuwiderlief. Goethe hat sehr schnell die
späteren Wirkungen Hegels auf die Zerrissenheitsstim-
mung der Weltschmerzler herausgespürt mit all den Ge-
fahren, die er früh von sich selbst abzuwenden bestrebt
gewesen war und die dann Geister wie Lenau geradezu in
ihren Bann ziehen, für den Hegels Philosophie zeitweise
der einzige Hoffnungsstrahl in einem traurigen Leben in
düsterer Zeit sein wird. Goethes unbeirrbare Zuneigung
zu Hegel läßt ihn auch jetzt wieder ein Auge zudrücken
gegenüber Erscheinungen, mit denen er sonst weniger
günstig ins Gericht geht. Versöhnlichkeit ohne die gering-
ste Konzession an ihm Fremdes spricht aus dem Satz, den
er in einem Brief vom 17. August 1827 an den Freund in
Berlin niederschreibt: »ich halte meinen Sinn möglichst

345
offen für die Gaben der Philosophen und freue mich
jedesmal, wenn ich mir zueignen kann, was auf eine Weise
erforscht wird, welche die Natur mir nicht hat zugestehen
wollen«.
Im Gegensatz zu Kant hatte Hegel über die Beziehung
zu Goethe hinaus die außerordentliche Gunst des näheren
Umgangs mit einigen bedeutenden Dichtern genossen.
Über die Größe Hölderlins, der ihm so sehr angehangen
hatte und der aus seinem Bewußtsein wie ausgelöscht
erscheinen mochte, was natürlich nicht der Fall war, ist
sich Hegel freilich nie im klaren gewesen, und er konnte es
auch in mancher Hinsicht gar nicht sein. Der Kontakt zu
Schiller in den Jenenser Jahren war von einer Sprödigkeit
gegeneinander gekennzeichnet, es hat ihn in persönlicher
Weise eigentlich nie gegeben. Jean Paul hingegen hatte
bei seinem Aufenthalt in Heidelberg geradezu stimulie-
rend auf Hegel gewirkt, später urteilt er gelegentlich auch
abschätzig über ihn. Im September 1826 hatte sich Grill-
parzer in Berlin aufgehalten und wird von Hegel, als er
davon erfährt, in die Wohnung eingeladen. Grillparzer
erklärt den Umstand, ihn nicht früher aufgesucht zu
haben, mit der philosophischen Rückständigkeit in Öster-
reich, wo man »erst bis zum alten Kant gekommen« und
das Hegelsche System noch völlig unbekannt sei. Hegel
antwortet höchst amüsiert und läßt seine Kenntnis von
Grillparzers Goldenem Vlies durchblicken. Im Gespräch
kommt man sich näher und findet Gefallen aneinander,
so daß von Hegels Seite eine zweite Einladung ausgespro-
chen wird, bei welcher der Gast die Bekanntschaft eines
Wiener Landsmanns macht, des Satirikers Saphir, der die
Berliner Schnellpost für Literatur, Theater und Geselligkeit her-
ausgibt und als Spaßmacher am Tisch fungiert. Hegels
Urteil über Grillparzer (»ein recht schlichter, verständiger
und eifriger Mann«) wird von Grillparzer entsprechend
erwidert, der ihn »angenehm, verständig und rekonzi-
liant« findet, sich aber später bei näherer Beschäftigung
mit seiner Philosophie am »Abstrusen« des Systems stößt.
Der österreichische Theaterdichter war einem sehr ge-
sellschaftlich wirkenden Hegel begegnet. Der Eindruck

346
traf zu. Hegel bewegte sich damals auf der Höhe der Zeit,
was zeitweise bis in die Kleidung (seinen blauen Frack, mit
gelben Nankinghosen oder auch Stiefeln) hineinreicht.
Sich in seinen verbindlich geführten Gesprächen auf The-
men abstrakt-philosophischen Inhalts oder »Diskussio-
nen« einzulassen, liegt ihm völlig fern. Engster Berüh-
rungspunkt in den Unterhaltungen mit seiner Frau bildet
das Theater; Urteile über Schauspieler, Sänger und
Kunstfiguren des Balletts werden hier des öfteren ausge-
tauscht. Bei ihren Gastspielen in Berlin ist die Sängerin
Henriette Sontag bei Hegel zu Gast, der an den Musik-
abenden selbst Hand anlegt, wenn fehlende Stühle aus
der Nachbarschaft über die Straße herangeschafft werden
müssen. Musik bedeutet für ihn nicht wie für Schopen-
hauer die erste aller Künste, aber sie ist doch ein bewegen-
des und auch unerläßliches Element in seinem Leben. Aus
seinem Kolleg am späten Nachmittag begibt er sich oft
stehenden Fußes gleich in das der Universität gegenüber-
liegende Opernhaus.
Mit der Begründung seiner Zeitschrift, die nach vielen
Überlegungen über den Namen als Jahrbücher für wissen-
schaftliche Kritik erschienen war, hatte sich Hegel das Or-
gan seiner philosophischen Bewegung geschaffen, das bei
den Gegnern sogleich zusätzliche Beunruhigung auslöst.
Hegel wird von seinem Kollegen Boeckh denn auch so-
gleich der »Parteimacherei« bezichtigt mit dem darin ein-
geschlossenen Vorwurf, seine Anhänger beim Ministe-
rium zu begünstigen. Der Vorwurf war nicht neu, aber er
bekommt jetzt durch die publizistische Begleitung der
Jahrbücher neue Beglaubigung. Hegel war ohne Zweifel
fest entschlossen, damit seinen bereits im Kolleg geführ-
ten Kampf gegen Schleiermacher zu verschärfen mit
gleichzeitigen Schlägen gegen die historische Schule
Savignys, der in der Sache viel wirksamer noch gegen ihn
agitierte. Mit dem Aufsteigen der durch die Jahrbücher fest
etabliert erscheinenden philosophischen Bewegung greift
freilich auch eine Stimmung um sich, die an Hegel als
einem subversiven Kopf, als einer für den Staat und die
Religion bedrohlich werdenden Gefahr Anstoß nimmt,

347
vor der es sich vorzusehen gilt. Es verschärft sich der
furchtbare Verdacht, daß hier ein Diener der Monarchie
mit ständigen Beteuerungen seiner Ergebenheit gegen-
über dem Staat, wie er ist, der althergebrachten Ordnung
und dem Christentum sich in den staatstragenden Institu-
tionen und unter dem Schutz der Polizeigewalt niederge-
lassen hat und mit der zermalmenden Vorstellung der
»Entzweiung« Zweifel ausstreut; und dies ausdrücklich als
sein Dienstgeschäft betreibt. Der befreundete Varnhagen
trägt unter dem 26. Dezember 1826 in sein Tagebuch ein:
»Des Herrn Prof. Hegel Ansehen und Einfluß nimmt
noch immer zu; die Ministerien glauben in seiner Philoso-
phie eine ganz legitime, staatsdiencrische, preußische zu
besitzen und zu handhaben. Wie viel Freiheit, Konstitu-
tionssinn, Vorliebe für England in dieser Richtung lebt
und wirkt, ahnen sie nicht.« In den Augen argwöhnischer
Geister sah das anders aus, war das Anlaß genug, zu
unverzüglichen Maßnahmen zu schreiten. Es hieß soviel
wie: König, Minister und Staatswächter werden von Hegel
auf hinterhältige Weise getäuscht. So gibt der Privatdo-
zent von Keyserlingk ein Zirkular mit Beschuldigungen
und Warnungen vor der Hegelschcn Lehre heraus, die
allerdings von Boeckh, der die Amtsgeschäfte der Univer-
sität führt, zurückgewiesen werden, weil sie der Anfang
von Verfolgungen sein könnten, wie sie das Mittelalter
kannte. Boeckh, der Hegel im dienstlichen Umgang-
schwierig fand, hat dieses Einschreiten zu dessen Gunsten
sich selbst als ausdrückliches Verdienst zugerechnet und
zeigt damit, daß er dem Kern der Anschuldigungen gar
nicht so fern stand. Keyserlingk erhält einen Verweis.
Als Württemberger gehörte Hegel zu den »Auslän-
dern«, die vom erstarkenden preußischen Staat mit der
Aussicht auf eine Wirksamkeit angezogen worden waren,
wie sie sich ihnen hier und nur hier bieten konnte, so wie
vor ihm der reichsunmittelbare Hesse Stein, die Hanno-
veraner Hardenberg und Scharnhorst, der Frankfurter
Savigny und so viele andere aus der Reformgeneration.
Erinnert man sich an Hegels Mitteilungen an Schelling, so
hatte der Schwabe lutherischer Herkunft zwar- ohne äuße-

348
ren politischen Druck, aber wegen der theologischen
Herrschaft der »Orthodoxie« und ihrer Borniertheit
Württemberg verlassen. Auf dem Weg über eine schwei-
zerische, dann eine deutsche Stadtrepublik war er auf den
Boden einer kleinen sächsisch-thüringischen Kleinmon-
archie gelangt, weiter nach Bayern, wo er ebensowenig
Annehmlichkeiten, dafür aber schließlich seine Frau aus
hochangesehener Familie gefunden hatte. Seine patriar-
chalisch geführte Fhe ist von gleichbleibendem Glück
gekennzeichnet. Es gibt darin wohl eine längere Krank-
heit seiner Frau und anhaltende wirtschaftliche Sorgen,
die auch mit der Übersiedlung nach Berlin nicht aufhö-
ren. Aber belastet hat ihn am schwersten die ihm aus Jena
anhängende Existenz des kleinen Ludwig Fischer, der
bald nach dem Tod der leiblichen Mutter von der Familie
Hegel ins Haus aufgenommen worden war. Der Wider-
stand von Hegels Frau ist von Anfang an spürbar gewe-
sen, er steigert sich beim Heranwachsen der beiden eige-
nen Söhne und wird schließlich zur Ablehnung des intelli-
genten, aber bei der Zweitmutter schwierigen Kindes, der
sich Hegel fügt. Es besteht Übereinkunft der Eltern: Der
Junge muß aus dem Hause. Hegel wendet sich dieserhalb
an Frommann in Jena mit der Bitte, sich nach einer
Lehrstelle für den Sohn umzusehen. Er denkt an eine
Ausbildung im Handel, aber keine, die die Zahlung eines
»Lehrgeldes erforderlich« macht.
Die alten Beschwernisse mit der Schwester setzen sich
auch in Berlin fort, werden hier noch größer und veran-
lassen Hegel zu langen brieflichen Ermahnungen. Bei
Christiane Hegel lag eine von Jugend an intensive An-
hänglichkeit an den Bruder vor, die von ihm mit ebensol-
cher Fürsorge erwidert wird. Der langsam auf ein gewisses
Alter zustrebenden Demoiselle war nicht leicht zu helfen.
Aus der Zeit, wo sie bei der Familie Berlichingen in
Stellung gewesen war, hatte sie gewisse Umgangsformen
mit entsprechenden großzügigen Aufwendungen über-
nommen, die eher einer Gräfin entsprachen, jedenfalls
weit über ihre Verhältnisse gingen, und auch über die des
vermögenslosen Bruders in Berlin. Nach ihrem Ausschei-

349
den aus den herrschaftlichen Diensten schwebte ihr vor
allem ein Unterkommen als Wirtschafterin in einem
Pfarrhaus vor, was aber, da sie sich damit unter ihren alten
Stand begab, auf allseitige Schwierigkeiten stieß. Enttäu-
schungen und eine innere Unruhe, die sie auf der Suche
durch die schwäbische Landstädte trieb, waren ihr aufs
Gemüt geschlagen. Hegel glaubt die Ursachen im Klimak-
terium erkannt zu haben, meint dann aber, daß sie eigent-
lich über dieses Alter schon hinaus sein müsse. Er hatte
seine Teilnahme an ihrem Mißgeschick durch einen Geld-
zuschuß in zwei Zahlungen, die letzte in Höhe von 300
Gulden, gezeigt und war damit selbst »beengt« worden.
Der Brief vom 12. August 1821 an die Schwester ist eine
einzige Ermahnung, »Dich um Deinen gegenwärtigen
Gemütszustand und Dein Verhalten gegen die Menschen
zu bemühen«. Er verkennt nicht, daß ihr Unrecht und
Kränkungen von andern Menschen zugefügt worden
sind. Aber sie sich aus der Erinnerung zu schlagen, sei zur
Wiedergewinnung der Gesundheit nötig. Zum andern —
und hier zählt er sich selbst zu den Betroffenen — »sehe
ich, daß Du von der Wirkung, welche Dein Benehmen in
der Krankheit auf Andere gemacht hat, nur, wie natürlich
ist, eine unvollkommene Vorstellung hast«. Das spielt
auch auf das Unerquickliche in ihrer Beziehung zu Hegels
Frau an, von dem wohl oder übel Hegel berührt sein
mußte. Und Christiane hatte eine Trumpfkarte in der
Hand: das Los des kleinen Ludwig Fischer, das sie nach
ihren Besuchen in Hegels Haus mit eigenen Augen würde
bezeugen können.
In den für sie schweren Monaten des Jahres 1821 hat
Hegel ihr brüderlich beigestanden. Er erneuert seine
Ermahnung: »Deine Seele auf den Gedanken an Gott zu
richten und von der höhern Liebe, Stärke und Trost in
Dein Gemüt zu erlangen.« Dazu kam die Empfehlung,
sich zur Stärkung der Gesundheit »mit Unterricht zu
beschäftigen« nach dem Vorbild, das er selber gibt: »so
habe ich auch mein Brot davon und ehre mich bei mir
selbst damit«. Ein Rat, den die Schwester übrigens befol-
gen wird! Nach ihrer Niederlassung in Stuttgart eröffnet

350
sie eine Handarbeitsschule und erteilt Französischunter-
richt.
Für die Zeit nach dem Ausbruch einer schweren psychi-
schen Erkrankung, die zu ihrer Einlieferung in die Ner-
venkliniken in Neustadt und Zweifalten führte, glaubt
Hans Christian Lukas von »einer zunehmenden Distan-
zierung Hegels von seiner Schwester« sprechen zu kön-
nen und nennt als einen der Gründe die »nicht nur Hegel
eigene, sondern auch zeittypische und bis heute feststell-
bare Scheu, ja geradezu Angst vor dem Umgang mit
psychisch Erkrankten«, was auch Hegels Verhalten im
Falle Hölderlin erklärlich machen würde. Mit der Ab-
schiebung des vom Wahn Befallenen in die öffentliche
Anstalt und dann in die private Pflege endet nach einer
über Jahrhunderte hinweg lizenzierten Regel die Pflicht
zum persönlichen Verkehr mit dem Kranken, der sozusa-
gen dem Erbarmen Gottes anempfohlen wird. Der von
Lukas erstmals veröffentlichte undatierte Entwurf eines
Briefes von Hegels Vetter, dem Stadtpfarrer und Dekan
Ludwig Friedrich Göritz in Aalen, an Christiane, läßt uns
einen tiefen Blick in ihr Innerstes werfen: » . . . wie Du
entzweit mit Dir selbst Tage lang laut jammernd und
schreiend auf unserm Sofa lagst, wie ein tiefer Hasse
gegen Deine Schwägerin —eine hohe Unzufriedenheit mit
Deinem Bruder ... Unmut über die Gräfin von Berlichin-
gen der fortdauernde Gegenstand Deiner Gespräche
war.« Im Mai 1820 hat Hegel die Ausübung der Kuratel
für seine Schwester brieflich veranlaßt und Göritz damit
beauftragt, dessen Pflegschaft allerdings schon drei Jahre
später durch seinen Tod endet. Nicht aber das unglück-
liche Leben Christianes.
Hegels Frau, zweiundzwanzig Jahre jünger als er, isl
eine schöne und elegante Erscheinung gewesen. Der ge-
sellschaftliche Verkehr erstreckte sich fast ausschließlich
auf das bürgerliche Berlin, auf jene aufstrebenden Kreise
der Kunst, der Wissenschaften, des Zeitschriftenwesens,
des neuen Fabrikantentums und der Bankiersalons, es ist
auch das Berlin der Beer, Saphir, Mendelssohn, das sich
vom »preußischen Staatsphilosophen« in seiner »Emanzi-

351
pation« gefördert sieht. Hegel hat in seinem privaten
gesellschaftlichen Verkehr nie die Nähe der preußischen
Aristokratie gesucht. Das war eher eine Sache Schleierma-
chers und Savignys. Savignys Ausnahmestellung an der
Berliner Universität war im übrigen gerade darauf be-
gründet, daß er als erster seit ihrer Gründung die Reser-
viertheit des Adels gegen den Berufsstand des Professors
als bürgerliches Monopol überwand. Und dies im Gegen-
satz zu Humboldt.
Wilhelm von Humboldt, Diplomat, Verwaltungsmann,
Organisator mit der Künstlernatur und der Nähe zu
Goethe, ist als Sprachwissenschaftler Privatier und hat in
keinem Augenblick seines Lebens je daran gedacht, an der
Universität, die er geschaffen hatte, selbst in den Kreis der
dort Lehrenden einzutreten. Dieser schwer in bürgerliche
Bahnen zu lenkende und ebenso schwer administrierbare
Hofstil ist im Berliner Hohen Beamtenkader der Ära
Altenstein nicht zuletzt dank der friderizianisch-voltairia-
nischen Erinnerungen noch ungebrochen, für die ja
Humboldt selbst als eine nach eigenen Worten durch und
durch irreligiöse Natur zeugte, die auf die »heidnische
Antike« vertraute. Hegel war von Altenstein auch deswe-
gen nach Berlin geholt worden, weil dem Minister der
Hochmut dieser der preußischen Oberklasse nahestehen-
den Universitätsprofessoren über den Kopf zu wachsen
drohte und er sich, wie Hegels Schüler Heinrich Leo an
den Publizisten Wolfgang Menzel in einem Brief vom
31. Dezember 1854 schreibt, »von der wahrhaftig sehr
cliquenhaften Tyrannei der damaligen gelehrten Aristo-
kratie frei zu machen« versuchte. Hegel muß sich, so
meint es Leo nach der Beobachtung aus der Nähe, jeden-
falls lange Zeit nicht über die eigentlichen Zwecke, denen
er Altensteins Berufung verdankte, klargewesen sein, und
so schreibt es der Schüler seinem »naiven Bewußtsein« zu,
an wissenschaftliche philosophische Gründe dafür ge-
glaubt zu haben. Nein, wegen der Wissenschaft der Logik
und der Schrift über die württembergischen Landstände
allein hatte Altenstein ihn nicht nach Berlin geholt. Die
Manier, mit der man sich über ihn lächerlich zu machen

352
und hämisch zu kritisieren begann, konnte Hegel denn
auch darüber belehren, daß er hier in ein Wespennest
gestoßen hatte und ihm gar keine andere Wahl blieb, als
sich strikt an die monarchische Zentralgewalt zu halten.
Hegel war deswegen nicht aus dem Gleichgewicht zu
bringen. Aber es gab genug Mühlsteine, zwischen die er
geriet. Hohn der Aristokratenpartei über den ungelenken
Tübinger Schwaben aus dem »Stift« auf der einen Seite
und nach Leos Worten »Gans und Konsorten« auf der
andern: Hegels natürliche Anlage zu depressiven Stim-
mungen, seine in Berlin immer wieder auftretende Gries-
grämigkeit hatten sehr wohl auch äußere und keineswegs
aus der Luft gegriffene Ursachen. Nur seine Persönlich-
keit hat die gewaltige Kluft, die zwischen den an ihn
herangetragenen Interessen wie auch den eigenen Wider-
sprüchen lag, in die auch der Widerspruch zwischen Wis-
senschaft und Staat hineinwirkte, verdeckt. Sie hat ein
beständiges System von Aushilfen bis zum Lebensende
zusammengehalten. Danach — und seine Schulen und das
Schicksal seiner Anhänger zeigen es — brach es zusammen.

353
Dreißigstes Kapitel

Rechtsphilosophie

Hegel wußte nur zu gut, was er dem Amt, das er nach


eigenen Worten in seiner Antrittsvorlesung der Gnade
des Königs verdankte, schuldig war: Stützung der Monar-
chie als Abwehr der konstitutionellen Bestrebungen, Stüt-
zung der Religion in der in Preußen gültigen, von der
Dynastie anerkannten und im Volk verbreiteten Form des
Christentums. Die Peinlichkeit, mit der er den an ihn
gestellten Anforderungen nachzukommen sucht, und die
Ausdrücklichkeit, mit der das geschieht, lassen sich gar
nicht übersehen. Mit seiner »Logik«, die er zur ersten, alle
andern Disziplinen von sich ableitenden »Wissenschaft«
erhoben hatte, war er für den Minister Altenstein der
rechte Mann für die Aufgabe, die vom Staat gewünschten
Anschauungen mit der Aura unanfechtbarer Wahrheit
auszustatten. Hegel war damit in der Übergangsphase der
Reformzeit, der die Universität Berlin selbst ihre Existenz
verdankte, zur Restauration hin Anwalt einer auf Verzö-
gerung eingestellten Staatsgesinnung geworden.
So konnte es jedenfalls scheinen. Aber dieser Schein hat
auch eine sehr trügerische Seite. Es darf nicht unterschla-
gen werden, daß die Wendung, der Hegel hier ausgelie-
fert ist, von einem Bruch in der deutschen Geschichte
ausgeht, der viel tiefer reicht und eine Mehrschichtigkeit
erkennen läßt, die theoretisch nicht ohne weiteres bewäl-
tigt werden kann. Die in Berlin von der Hohenzollern-
Dynastie und der Mehrheit der Untertanen gewünschte
Religion des Christentums ist die des historischen Prote-
stantismus. Dessen Doktrin geht in das Staatsdogma von
der Einheit von Thron und Altar ein mit dem Erfordernis,
bei aller Toleranz dem Anspruch jeder anderen davon
abweichenden Glaubensform entgegenzutreten, d.h., sie
zu relativieren.
Auch damit konnte der württembergische Lutheraner
Hegel seinem König und seinem Minister, ohne sich den
geringsten Überzeugungszwanganzutun, zu Diensten ste-

354
hen. Die theologischen Frühschriften und die Auseinan-
dersetzung mit Schleiermacher zeigen sein ständiges
Ringen um eine neue zwischen Staat und Kirche ausglei-
chende Orthodoxie, aufgebaut auf der Lehre von den
»zwei Reichen«, die aber einer vom Elend in der Welt
aufgenötigten Kontrollfunktion des Staats über die Kir-
che das Wort redet. Dem Staat ist nicht ohne weiteres
zuzumuten, den Amtsträgern der Kirche, denen man-
che Unarten wie etwa das »Schleichen«, aber auch
Schlimmeres bis zum »Priesterbetrug«, zugetraut wer-
den können, in allen Dingen freien Lauf zu lassen.
Es war ein stattlicher Mantel an Staatsloyalität, den
sich Hegel angelegt hatte und der es ihm gestattete, sich
mit der Berliner Hofthcologic Schleiermachers ausein-
anderzusetzen. Aber es ist gerade dieser Mantel, unter
dessen Schutz er in seiner Rechtsphilosophie die Säulen
des in Preußen geltenden, ihm von der Obrigkeit anver-
trauten Staats- und Religionsverständnisses zerbricht,
ohne daß die Staatsautorität dies in den Ausmaßen und
möglichen Folgen damals zu erkennen imstande gewe-
sen wäre. Hegels Rechtsphilosophie ist in ihren Grund-
lagen »Naturrecht«. Das allein hätte die Berliner Instan-
zen bereits zum Achtgeben veranlassen müssen. Denn
das orthodoxe Luthertum als die in Preußen herr-
schende Konfession hat nie ein ernst zu nehmendes phi-
losophisches Naturrecht entwickelt und hätte dies am
allerwenigsten da tun können, wo es sich auf Luther
selbst berief. Aus der Natur abgeleitete, gleichsam un-
verbrüchliche »ewige« Rechte, zu denen später die Men-
schenrechte gehören, waren für Luther und seine eng-
ste Gefolgschaft unverständliche Vokabeln. Das hätte
noch gefehlt, daß der Mensch, der seiner »Natur« nach
wie ein »besoffener Bauer«, wenn man ihn von einer
Seite aufs Pferd setzt, nach der andern wieder herunter-
fällt, sich auch noch anmaßt, »Rechte« haben zu wollen,
statt sich auf die Verheißung Gottes zu verlassen: »Du
sollst dir an meiner Gnade genügen lassen.« Was Luther
von »Naturrechten« hielt, hatte er in seiner Aufforde-
rung, die aufständischen Bauern wie räudige Hunde

355
totzuschlagen, den Juden als Ungläubigen die Synagogen
in Brand zu stecken, ihr Eigentum zu konfiszieren und sie
selbst aus dem Land zu vertreiben, auf überzeugende
Weise bewiesen.
Hegels Abweichen von der lutherischen Lehre von den
»zwei Reichen«, die auch den pervertierten, vom Bösen
heimgesuchten weltlichen Staat getrost dem Erbarmen
Gottes überließ, hätte zu denken geben müssen. Denn mit
dem »Naturrecht« war eine zweite, höchst bedrohliche
Instanz gegenüber der des persönlichen Gottes ange-
führt, von der, wenn man ihr das Feld überließ, für die
bestehende Ordnung überraschend Ungewisses und
möglicherweise Arges zu erwarten war. Die frühchrist-
liche und mittelalterliche Theologie, Augustinus wie Tho-
mas von Aquin, war nicht ohne die Lehre vom Naturrecht
als weiterer Quelle neben der übernatürlichen Offenba-
rung ausgekommen. Und auch der Protestantismus hatte
auf dem Boden des Reformiertentums, vornehmlich von
Calvin ausgehend, bei den niederländischen Juristen mit
Hugo de Groot als dem bedeutendsten die Vorstellung
eines von der jüdisch-christlichen Gottesidee unabhängi-
gen Rechtskodex mitcntwickeln helfen. Für an die Lu-
thersche Sprache gewöhnte Ohren blieb solches Reden
von Natur- und Menschenrechten aber immer ärgerliches
Reden.
Gegen die unzweifelhaft, im wahrsten Sinne rechtgläu-
big-lutherische Lehre konnte sich die humanistische Rich-
tung Melanchthons und seiner Anhänger mit ihrem gelin-
den Anmahnen der dem Menschen per se einwohnenden
Rechtsnatur nie durchsetzen. Sie stand in den Augen der
Orthodoxen für eitles Menschenwerk und die ganze Auf-
geblasenheit von Toren, die sich etwas auf ihre Vernunft
zugute halten.
Indem das Luthertum als die in den meisten deutschen
Fürstentümern dominierende Staatsreligion das Natur-
recht weitgehend preisgibt, überläßt es das Feld anderen:
dem Humanismus, der Aufklärung und der sich daraus
gründenden, freilich dabei die alten theologischen Ge-
wichte noch mühsam mitschleppenden Philosophie. Von

356
dieser Herkunft her bewegen sich Leibniz, Kant, Fichte,
Schelling und Hegel in auffälliger Nachbarschaft.
Der Hegel der auf dem Naturrecht aufgebauten philo-
sophischen Rechtslehrc hält sich bedeckt, er geht ans
Werk erst nach sorgsamen Vorkehrungsmaßnahmen, die
seine Staatsergebenheit unter Beweis stellen. Denn zum
Wesen der »Vernunft« gehört die »List« ihres rechten
Gebrauchs. Jedem Verdacht, auf dem Wege über das
»abstrakte Recht« mit möglichen Freunden der Staatsver-
änderung, die daraus ihre Beglaubigung beziehen, zu-
sammengebracht zu werden, muß vorgebaut werden. Der
spekulative Philosoph aus Berlin weiß, woher der Wind
weht, er weiß, was mit dem »Naturrecht« angestellt wer-
den kann. Da ist in der Einleitung namentlich des »Herrn
Fries« gedacht, diesem »Heerführer« der »Seichtigkeit«,
der sich »nicht entblößt« hat, »bei einer feierlichen, be-
rüchtigt gewordenen öffentlichen Gelegenheit in einer
Rede, über den Gegenstand von Staat und Staatsverfas-
sung die Vorstellung zu geben: >in dem Volke, in welchem
echter Gemeingeist herrschte, würde jedem Geschäft der
öffentlichen Angelegenheit das Leben von unten aus dem
Volke kommen<.« Das klang wie aus dem Munde eines
Mannes der preußischen Obrigkeit, als der er sich von
Amts wegen nicht zu Unrecht fühlen durfte.
Mit dem Wartburgfest und den Reden, die dort gehal-
ten worden waren, um die Vorstellung vom Staat, diesem
»gebildeten Bau, in den Brei des >Herzens, der Freund-
schaft und Begeistcrung< zusammenfließen zu lassen«,
hatte Hegel gewiß nichts zu tun. In der vaterländischen
Bewegung von 1820 sieht er einen Enthusiasmus von
vernunftbetäubender Mißlichkeit. Der Anspruch auf
Freiheit der Person, den Hegel auf das »Christentum« des
4. Jahrhunderts zurückführt, hat sich davor zu hüten, als
Freiheit vom Staat oder gar gegen den Staat gelten zu
wollen. Die Freiheit des Eigentums ist dagegen erst »neu-
lich« als »Prinzip« anerkannt worden, sie ist eine Errun-
genschaft der bürgerlichen Revolution und kennt als ei-
nen unerläßlichen Charakterzug die Veräußerlichkeit.
Unveräußerlich dagegen ist die eigene Person und das,

357
was das Bewußtsein ausmacht. Veräußern lassen sich wohl
körperliche und geistige Geschicklichkeiten oder einzelne
Produktionen, die damit hervorgebracht und anderen
zum Gebrauch dienen können. Veräußert werden kann
etwa durch Arbeit konkret gewordene Zeit, womit das
Substantielle daran zum Eigentum eines anderen gemacht
wird. Das Eigentum kennt sehr wohl ein körperliches
Eingreifen, durch das es wird und sich vergrößert. Es
kennt auch Mittel, wodurch dies geschieht: »mechanische
Kräfte, Waffen, Instrumente erweitern den Bereich mei-
ner Gewalt«.
Hegels Rechtsphilosophie zerfällt in drei Teile: »Ab-
straktes Recht«, »Moralität«, »Sittlichkeit«. Die unter-
schiedliche Bedeutung von »Moralität« und »Sittlichkeit«,
die heute abgeschliffen ist, meint hier die moralischeSeite
als subjektive Selbstbestimmung gegen die sittliche Seite
als die Vernunft in einer ewigen Gerechtigkeit, sozusagen
die kodifizierte Sittlichkeit selbst. In seiner philosophi-
schen Rechtslehre hat Hegel zum erstenmal »Methode«
und »System« bei einer wissenschaftlichen Einzeldisziplin
zur Anwendung gebracht, deren »Inhalt« durch die »Dia-
lektik« als »das bewegende Prinzip des Begriffs« zur Dar-
stellung gelangt: wobei die »Dialektik« nicht irgendein
»äußeres Tun« ist, sondern »die eigene Seele des Inhalts«.
Dialektik und materialer Gegenstand fallen zusammen.
Die bürgerlichen Institutionen wie Familie und Ehe mit
ihrer Vorgeschichte und der Liebe als vorausliegendem
Phänomen beruhen auf einem ungeheuren Widerspruch.
Die Ehe ist für Hegel nicht mehr bloß ein bürgerlicher
Kontrakt wie bei Kant, aber sie ist auch nicht nur Liebe,
weil sie sonst an Zufälligkeiten und Launen gebunden
wäre und mit ihnen enden müßte, sondern ein rechtlich
begründeter Zustand. Sie kann darum auch nicht für
überflüssig erklärt werden, wie es Friedrich Schlegel in
seiner Lucinde tat, wo die echte Liebe mit der Übereinstim-
mung der Herzen eines solchen rechtlichen Bandes nicht
bedurfte. Aus Hegels Urteil sprach der Antiromantiker.
Schlüssel für die Einsicht in das Wesen der Liebe ist die
Erfahrung, »daß ich mich in einer andern Person ge-

358
winne, daß ich in ihr gelte, was sie wiederum in mir
erreicht«. Liebe kann freilich die Ehe nicht ersetzen, in
der diese Wechselbeziehung auf den Zweck hinarbeitet,
durch die Familie an der Fortsetzung der Menschheit
mitzuwirken. Ausführlicher über die Ehe hat sich Hegel
in seiner Vorlesung über »Rechtsphilosophie« ausgelas-
sen. In der Nachschrift des Kollegs 1817/18 in Heidelberg
hält der Student Peter Wannemann fest, was er hier
gehört hatte: »Die Ehe ist die förmliche, zur öffentlichen
Anerkennung gebrachte und damit zum Rechtsverhältnis
gegen andere werdende Verbindung zweier Personen
verschiedenen Geschlechts, eine Person in Liebe und Zu-
trauen auszumachen.« Eheliche und aufgeklärte Moral
sind in eine schöne Übereinstimmung gebracht. »Die Ge-
schlechter haben natürliche Verschiedenheit; aber diese
Verschiedenheit ist in ihnen rekonstruiert durch ihre
Vernünftigkeit.« Das konnte als staatsoffiziell gelten, ge-
nauso wie jene Unterscheidung von »Mann« und »Weib«
in Schillers Gedicht über die Glocke mit seiner idealisti-
schen Gestimmtheit, die sich bei Hegel wie eine Übertra-
gung in philosophische Prosa ausnimmt: »Der Mann ist
für allgemeine Interessen mit Hinwegsehung von der
Subjektivität gemacht; ihm gehört das Leben und Wirken
im Staat, das Reich der Wissenschaft und der Kunst ... Es
gab Weiber, die sich auf die Wissenschaften legten; aber
sie drangen nie tief ein und machten keine Erfindungen.«
Unangefochten in einem Soldatenstaat wie Preußen, dem
sich Hegel damit schon in Heidelberg als ernst zu neh-
mender Kandidat für die Nachfolge Fichtes zu erkennen
gibt, war auch die von Piaton übernommene Überzeu-
gung Hegels, die wiederum besagter Peter Wannemann
in schriftlicher Form aus dem Kolleg mit nach Hause
nimmt: »Wenn in einem Staat Weiber gelten, so ist dies ein
Zeichen, daß der Staat seinem Untergang nahe ist.«
Mit der Ehe stößt Hegel auf die große neuere Erschei-
nung der »bürgerlichen Gesellschaft«. Allein auf sie den
Sinn zu richten, muß aber im Preußen der Heiligen Al-
lianz Befremden wecken. Denn die bürgerliche Gesell-
schaft ist nicht der Staat, sondern eine für den Staat

359
unkalkulierbare Größe, vor der er auf der Hut sein muß,
ein Mitbewerber um die Gunst des Bürgers und von
anderen Absichten und Interessen geleitet. Die bürgerli-
che Gesellschaft kennt als das eine Prinzip die »konkrete
Person«, die sich als das »Besondere« fühlt und als
»Zweck« setzt, sie kennt als das andere Prinzip die Beziehung
der einen »konkreten Person« zur andern. Das ist nun
etwas, was der Staat als solcher nicht ohne weiteres hin-
nehmen kann. Jede »konkrete Person« in ihrem »Für-
sichsein« ist sich selber Zweck, alles andere erscheint ihr
als »Nichts«. Da sie aber ohne Beziehung zu anderen ihre
Zwecke nicht erfüllen kann, setzt sie diese anderen als
Mittel zum Zweck für das Besondere ein. Der besondere
Zweck, der zu erreichen ist, gibt sich dabei das Ansehen
eines allgemeinen Zwecks, durch den der andere in sei-
nem Wohlbefinden mitbefriedigt wird. Selbstsüchtige
Zwecke in ihrer Verwirklichung sind so stets durch die
Allgemeinheit mitbedingt und begründen ein System all-
seitiger Abhängigkeit. Ein System, auf »Not« und »Ver-
stand« gegründet!
Die Zwecke, die die »konkrete Person« im Auge hat,
stellen eine Vermischung von »Naturnotwendigkeit« und
»Willkür« dar. Ohne sie wären die zum Erreichen der
Zwecke erforderlichen Dinge nicht in Bewegung zu set-
zen. Solange die Gleichgewichtslage nicht gestört ist, wird
der intakte Mechanismus des Systems für die Befriedi-
gung allgemeiner Bedürfnisse wirken. Anders: Wo zufäl-
lige Willkür und subjektives Belieben überhandnehmen,
wo das »Fürsichsein« des »Besonderen« sich in den Ge-
nüssen der Befriedigung nach allen Seiten ausläßt, da ist
die Richtung auf den »Untergang« eingeschlagen, für die
als Beispiel das Schicksal der »alten Staaten« mit ihrer
hereinbrechenden und sie zerstörenden Sittenverderbnis
steht.
Hegels Hinwendung zur »bürgerlichen Gesellschaft«
zeigt an, wie sehr sich selbst in einem Staat wie Preußen,
der von keiner Revolution betroffen war, die gesellschaft-
lichen Verhältnisse inzwischen verschoben hatten. Beim
friderizianischen Preußen an die bürgerliche Gesellschaft

360
zu denken, wäre schlecht angegangen. Ihr Aufstieg als
theoretisch zu bedenkende Einrichtung hatte sich erst
durch die mit der Französischen Revolution aufkom-
mende und auf das Eigentum setzende Bourgeoisie in
Frankreich sowie die englische Ökonomie eines Adam
Smith und David Ricardo im Zusammenhang mit dem
Aufhau der Industrie und der großen überseeischen Un-
ternehmungen ergeben. Die bürgerliche Gesellschaft ist
auf dem Eigentum aufgebaut und hat mehr als alles
andere den Schutz des Eigentums im Sinne. Eigentum
wiederum beruht auf Vertrag und den ihn rechtskräftig
machenden Förmlichkeiten. Die zu seinem Schutz einge-
richtete bürgerliche Gesellschaft stellt sich dabei als eine
ungeheure Macht dar, die den Menschen an sich reißt und
ihm den Eindruck abzwingt, daß er alles nur durch ihre
Vermittlung tue. Sie verlangt von ihm, für sie zu arbeiten,
aber sie gibt ihm auch Rechte, die er gegen sie geltend
machen kann. Sie gibt ihm, zum Beispiel durch den Reich-
tum, den er in ihr erwerben kann, ebenso Mittel in die
Hand, sich notfalls gegen sie zu wehren. Dabei stellt sie
ihm seinen Reichtum oder Teile davon wiederum in Rech-
nung, um das System als System gegenseitiger Abhängig-
keiten aufrechtzuerhalten und der Armut, in der sich
andere befinden, entgegenzuwirken. Der Bedrohung
durch Armut ist von Natur aus jedes Individuum ausge-
setzt. In sie kann es durch Geburt, Verschwendung, Zu-
fälle verschiedener Art hineingeraten. Sinkt eine große
Masse unter das Maß einer »gewissen Subsistenzweise«,
die das zum Leben Notwendige nicht mehr garantiert, so
geht dies mit der Erzeugung von aus ihr Ausgestoßenen
zusammen. Hegel hat hier besonders die von der eng-
lischen Industrie geschaffenen Verhältnisse vor Augen
und leitet daraus eine eigentümliche Gesetzmäßigkeit ab:
daß Erzeugung des »Pöbels« und die Leichtigkeit, unver-
hältnismäßig große Reichtümer in wenigen Händen zu
konzentrieren, zusammengehören. Das jeweils eine ist die
jeweilige Voraussetzung des jeweils anderen.
Armut an sich macht dabei noch nicht den »Pöbel« aus,
wohl aber eine sich mit der Armut verknüpfende Gesin-

361
nung gegen die Besitzenden, gegen die Gesellschaft, ge-
gen die Regierung, gegen den Staat. Hier droht die Ge-
fahr, daß die »bürgerliche Gesellschaft« das Elend peren-
nieren läßt: weil bei vorhandenem Übermaß an Reichtum
nicht nur die Armen arm sind, sondern auch die bürgerli-
che Gesellschaft nicht reich genug ist, um dem Übermaß
der Armut zu steuern und der Erzeugung des »Pöbels«
Herr zu werden.
An dem Lehrsatz, daß Reichtum wie Armut ihre Ursa-
chen in zufälligen physischen und äußeren Verhältnissen
haben können, ist in den Augen Hegels nicht zu rütteln.
Ihre Ausdehnung, und zwar als »Not« nach beiden Rich-
tungen, kann ins Grenzenlose fuhren. So können die
Bedürfnisse an Essen, Trinken, Wohnung, Kleidung über
jedes voraussehbare Maß hinausgetrieben werden, ihre
Befriedigung kann schnell auf Erzeugung neuer dringen.
Um zu dem Zustand zu gelangen, den die Engländer
»comfortable« nennen, sind täglich zu erneuernde Maß-
nahmen vonnöten. So kommt der »Luxus« als »unendli-
che Vermehrung der Abhängigkeit und Not« in Hinsicht
darauf der »Armut« sehr nahe. Der Luxus kann sich dabei
noch überschlagen, er kann sogar in die Philosophie ein-
dringen wie weiland bei Diogenes, der sich bei seinem
Rückzug aus dem athenischen gesellschaftlichen Leben
mit seinem Zynismus selbst als Produkt dieses »Luxus« zu
erkennen gibt.
In der Frage nach den Staatsformen und zumal der
besten unter ihnen gerät Hegel in größte Verlegenheit.
Sein politisches Urteil hatte ihn schwankend von der
flüchtigen Bejahung des Revolutionsprinzips zur Verwer-
fung der »Robespierroten« geführt, hatte dann ein Sym-
pathisieren mit der »Verfassung« gezeigt, das er aber in
der Heidelberger Zeit wieder preisgibt und durch die
Hochschätzung des royalistisch-monarchischen Prinzips
ersetzt. Dazwischen lag die napoleonische Periode, die ihn
auf der Seite des französischen Kaisertums gesehen hatte.
Die Ausbildung des Staates zur konstitutionellen Monar-
chie nennt Hegel ein »Werk der neueren Welt«, von der
zu sagen ist, daß in ihr »die substantielle Idee die unendli-

362
ehe Form gewonnen hat«. Das war wohl als Empfehlung
gedacht, aber nicht für den preußischen Staat, dessen
Monarch sich ja gegen deren Einführung mit allen Herr-
schaftsmitteln wehrt und dabei Hegels Zustimmung hat.
Der Philosoph hält denn auch erhebliche Einwände gegen
die konstitutionelle Monarchie bereit, da bei der hier in
Frage kommenden Dreiteilung der Gewalten in Monar-
chie, Aristokratie und Demokratie die »Grundlage«, wie
er es nennt, »zur Tiefe und konkreten Vernünftigkeit
noch nicht gekommen« ist. In der konstitutionellen Mon-
archie sind die »Formen« zu »Momenten« herabgesetzt.
»Aristokratie« und »Demokratie« sind nicht imstande, der
»Monarchie« ein gleiches Gewicht entgegenzusetzen. Die
konstitutionelle Monarchie erweckt den Eindruck, als ob
an der Spitze des Staates zugleich einer oder mehrere oder
alle stehen. Als besonders schädlich empfindet Hegel das
viele Reden über die »Verfassung«, das außerdem oft so
töricht ist, daß man sich schämen muß, daran teilzuneh-
men. »Demokratie« ist an die Tugend ihrer Führer ge-
bunden: Was aber geschieht, wenn sie, was Montesquieu
am England des 17. Jahrhunderts auszusetzen hatte, in ihr
fehlt? »Aristokratie« zeigt durch das ihr einwohnende
Prinzip der »Mäßigung«, daß sich in ihr »öffentliche
Macht« und »Privatinteresse« voneinander trennen, sie ist
eine Verfassung, von der zu gewärtigen ist, daß sie Tyran-
nei oder Anarchie wird, um sich — wofür ihm die römische
Geschichte steht - damit selbst zu zerstören.
Das alles kann Hegel zur Rechtfertigung der monarchi-
schen Gewalt anführen, die keiner Korrekturen durch
eine Konstitution bedarf. Sie allein verwirklicht in sich die
drei Momente der »Totalität«: Allgemeinheit der Verfas-
sung, Erfahrung über die Beziehung des Besonderen zum
Allgemeinen und letzte Entscheidung als Selbstbestim-
mung. Hegels Entwurf eines Systems der »konstitutionel-
len Monarchie« für große Staaten wie Preußen schmälert
nicht die Vorbehalte, die er grundsätzlich gegen sie hegt.
Das gehört zum »System« — hier der philosophisch
verstandenen Lehre von der Politik - und zeigt seine
Zeitbedingtheit an. Hegels Schüler Gans hat später zu

363
Recht im Vorwort zur ersten postumen Ausgabe der
Rechtsphilosophie aus dem Jahre 1833 bemerkt, in ihr sei
der im 17. und 18. Jahrhundert zwischen Staatsrecht und
Politik bestehende Unterschied aufgehoben worden. Auf-
gehoben im Namen einer naturrechtlich operierenden
Vernunft, die mit Sicherheit zu sagen weiß, daß Staatsge-
schäfte und Gewalt nicht unter das Privateigentum fallen!
Gerade darin aber melden »Staat« und »bürgerliche Ge-
sellschaft« ihre konkurrierenden Zuständigkeiten an. Daß
die Gewalten des Staates von keinem besondern (privaten)
Willen abhängig sind und in der »Einheit des Staats« ihre
letzte Wurzel haben, macht dessen Souveränität aus. Eine
Souveränität, die nach innen wie nach außen gilt!
Hegels Staat ist eine Gegebenheit ohne Rechtferti-
gungsbedürfnis, eine, die ihre Kausalität in sich selbst hat,
ein »absoluter Staat«, der die Funktionen der in der Welt
ausgeschalteten, jedenfalls nicht immer sichtbaren Reali-
tät Gottes übernimmt mit einer aus der Transzendenz
hergeleiteten Autorität: »Es ist der Gang Gottes in der
Welt, daß der Staat ist.« Ihren Siegeszug tritt die Hegel-
sche Staatsphilosophie in den restaurativen Autoritäts-
staaten an, in denen nach dem Sturz der »absoluten Mon-
archie« französischen Vorbilds durch die Revolution die
alte Absolutheit der Königsgewalt auf die Absolutheit des
»Staats« übergeht und die »Nation« zur »Idee« des Staats
wird, den das »Volk« ausmacht. Der Staat ist kein Kunst-
werk, er »steht« in der »Welt« und damit in der »Sphäre
der Willkür«, dennoch werden seine Mängel oder sein
etwaiges »übles Benehmen« ihn deswegen nicht um seine
Existenz bringen. Der Hegelsche Staat beruht im Gegen-
satz zu den aufgeklärten englisch-französischen Vertrags-
lehren auf deren Bestreitung. Staat als »Vertrag aller mit
allen« bedeutet ein Mißverständnis, weil ein Vertrag die
gleiche Vertragsfähigkeit der abschließenden Parteien
verlangt, weil, wie bei der Ehe, »zwei identische Willen«
vorhanden sein müssen. Der Staat kann ohne den einzel-
nen Menschen auskommen, aber »die vernünftige Be-
stimmung des Menschen ist, im Staat zu leben, und ist
noch kein Staat da, so ist die Forderung der Vernunft

364
vorhanden, daß er gegründet werde«. - »Ein Staat muß
eben die Erlaubnis dazu geben, daß man in ihn trete oder
ihn verlasse.« Wenn er auf Merkmale des Staatseins ver-
zichtet, ist bereits die Richtung auf den NichtStaat einge-
schlagen. Bei der Vorstellung des »Volks« ist Vorsicht
walten zu lassen, weil damit gerechnet werden muß, daß
irgendeine »Fraktion« sich für das »Volk« ausgibt, ein Teil
also so tut, als ob er das Ganze wäre.
Daß die bürgerliche Republik kein allmächtiges Heil-
mittel ist, um dem Gewaltenmißbrauch zu begegnen, hatte
Hegel in der Schweiz erfahren. Das patriarchalische Ber-
ner Stadtregiment, wo die Ämter im Rat erheiratet
werden können, hat ihm den Beweis dafür in aller An-
schaulichkeit geliefert. Vor jeder Beschwörung der
»Volkssouveränität« muß gewarnt werden. »Volkssouver-
änität« gehört zu den »verworrenen Gedanken, denen die
wüsteste Vorstellung des Volks zugrunde liegt«. Und er
gibt ein Beispiel: Das Volk von Großbritannien sei sou-
verän, nicht aber die Völker von England, Schottland oder
Irland, nachdem diese aufgehört haben, ihren eigenen
Fürsten zu unterstehen.
Die Frage nach der besten Staatsverfassung war eine
aristotelische Frage, die sich immer neu stellt und im
Verlaufe der Weltgeschichte immer neue Antworten be-
kommt. Hier kommen wir dem Entwurf von Hegels Phi-
losophie des Rechts in ihren staatsrechtlichen Teilen so nahe,
daß wir ihn in seinen Absichten berühren. Die Mühe, die
Hegel auf die Darstellung der »konstitutionellen Monar-
chie« verwendet, besagt nicht, daß er sie für die beste
Staatsform hielt. Er hielt sie noch nicht einmal für die
beste Form der Monarchie. In Preußen war der aufge-
klärte Absolutismus Friedrichs des Großen in guter Erin-
nerung. Aber Hegel hielt die konstitutionelle Monarchie
unter den herrschenden Zeitumständen für eine Form,
die nur durch eine Notlage gerechtfertigt ist. Sie ist eine
Monarchie für den Fall, daß es nicht anders geht. Und dies
auch immer nur in Hinsicht auf die »bürgerliche Gesell-
schaft« als Kampfplatz aller gegen alle. An einer eigen-
tümlichen Relativität in der Frage nach der absolut besten

365
Staatsform war damit nicht gerührt. Denn es ist für ihn
selbst müßig zu fragen, ob Monarchie oder Demokratie
die bessere Staatsverfassung sei, weil die Formen aller
Staatsverfassungen einseitig sind, d. h. weil sie »das Prinzip
der freien Subjektivität nicht in sich zu ertragen vermö-
gen«. Daß die neue Zeit ihren Weg in die Richtung der
»freien Subjektivität« eingeschlagen hat, ist freilich dem
Berliner Rechtsphilosophen nicht entgangen.
Gerade das gehört aber zu Prozessen, die in die Zustän-
digkeit des »Weltgeistes« fallen: »nur das Recht des Welt-
geistes ist das uneingeschränkt Absolute«. Beim Vorrük-
ken des »Weltgeistes« wird sich jeder Widerstand als zu
schwach erweisen. Es ist der »Weltgeist«, der Entschei-
dungen über Krieg und Frieden trifft. Er ist der Prätor,
aber auch der Schlichter im Krieg. Kants Vorstellung vom
»ewigen Frieden« setzt die Einstimmung der Staaten vor-
aus. Wird sie nicht erreicht, melden sich die Kriege, die
zum Naturzustand gehören. Der Unterschied zwischen
»Krieg« und »Frieden« ist nicht mit dem zwischen dem
»Bösen« und dem »Guten« gleichzusetzen. Im »Krieg«
wird mit dem Gedanken von der »Eitelkeit der zeitlichen
Güter ... Ernst gemacht«. Daß »Krieg« die »sittliche Ge-
sundheit der Völker« besorgt und sie vor der »Fäulnis«
bewahrt, in die sie durch einen ewigen Frieden versetzt
würden, ließ sich im Kriegerstaat Preußen ohne die ge-
ringste Beanstandung sagen. Das Gegenteil zu behaupten,
hätte Anstoß erregt. Daß Völker aus Kriegen gestärkt
hervorgehen können, wie Hegel es vorstellt, war hier eine
aus dem Sieg über Napoleon geschöpfte Erfahrung. He-
gel wendet sich ausdrücklich dagegen, immer Fürsten
und Kabinette für den Ausbruch von Kriegen verantwort-
lich zu machen. Es gibt Beispiele, so findet er, wo Völker
selbst auf Kriege drängen. Aber in keinem Krieg, wenn er
denn einmal ausgebrochen ist, erlischt je das Gefühl, daß
er immer nur etwas Vorübergehendes ist.
Hegels Rechtsphilosophie entwickelt hier eine Weltbe-
trachtung großen universalistischen Stils. Sie enthielt das
Resümee einer Rückschau auf die Weltgeschichte als
Weltgericht. Ein bedenkendes Erkennen kann sich erst

366
einstellen, wenn die »Gestalt des Lebens alt geworden« ist.
Der Erkennende selbst ist dabei nicht der Täter, vielmehr
durch den unendlichen Abstand, den die Reflexion
schafft, von ihm getrennt. Hier fließt unmittelbare per-
sönliche Erfahrung des so spät zu Amt und Aufstieg
gelangten Philosophen mit ein: »Die Eule der Minerva
beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren
Plug.«
Es ist ein weiter Weg, den Hegel hier gegangen war und
der ihn vom alten Orient über Griechenland und Rom zur
germanischen Welt als seinem Abschluß und damit zur
Welt der Erfüllung für den »Staat« als Staat der ausglei-
chenden Gerechtigkeit, der Vorsorge und der Vernunft
führte: zu einem Staat, der sich über die »bürgerliche
Gesellschaft« erhob, die Schrecken, die von den Urzustän-
den der Natur immer wieder aufs neue ausgehen, be-
schwor und sie sich gefügig zu machen verstand. Damit
war die naturrechtliche Konzeption seiner Rechtsphiloso-
phie auch wieder umgebogen: sie galt und sie galt nicht.
Die gebietende Vernunft verwirklicht sich im Staat und
der Staat in der gebietenden Vernunft.
Hier- werden sogleich die Gegner Hegels auf den Plan
treten. Damit war nämlich auch das Berliner Polizeispit-
zclsystem als Arm des Staats für »vernünftig« erklärt
worden. Daran werden sich die Geister scheiden. Aber
Hegel hatte gegen die Verfassungsfreunde richtig gese-
hen, daß ein Staat nicht an eine Konstitution als »Verfas-
sung« gebunden ist. Das Wort hat eine von der Staatsform
bis zur Gewaltenteilung reichende schillernde Bedeu-
tung. Wie es mit der »Verfassung eines bestimmten Vol-
kes« bestellt ist, hängt »von der Weise und Bildung des
Selbstbewußtseins desselben ab« mit dem daraus bezoge-
nen unanfechtbaren Lehrsatz: »Jedes Volk hat deswegen
die Verfassung, die ihm angemessen ist und für dasselbe
gehört.«
Das enthielt als Apologie der Vernunft eine Apologie
des Staats. Welcher Staat damit gemeint war, ist nicht
gesagt. War es die Türkei, Rußland oder Österreich,
denen damit ihr Vernunftcharakter bestätigt wäre? So

367
fragt aus Göttingen der Hegelianer Nikolaus von Thad-
den brieflich beim Philosophen an. Der Satz: »Was ver-
nünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist
vernünftig«, war, wenn überhaupt, an der Hegelschen
Staatslehre nicht ohne weiteres verständlich zu machen.
Hegel hat die Kraft dieser Einwände auch gespürt und sie
selbst jahrelang mit sich herumgeschleppt, bis zur neu
geschriebenen Einleitung in die Enzyklopädie der philosophi-
schen Wissenschaften aus dem Jahre 1827, wo er, sich selber
neu interpretierend, nur Gott als »wahrhaft wirklich«
erklärt.
Daß Hegel hier in Wahrheit der preußische Staat vorge-
schwebt haben mußte, daß er zumindest den Vorstellun-
gen eines solchen absoluten Vernunftstaats mit dem Mon-
archen an der Spitze am nächsten kommen würde, war
jedenfalls unschwer zu erkennen. Aber eben damit hatte
Hegel auch gewaltige Breschen in den lutherischen Ob-
rigkeitsstaat geschlagen. Das Unbehagen, das später in
Preußen und in den europäisch-lcgitimistischcn Kreisen
ausbrach, wenn der Name Hegel fiel, die Verdächtigung,
die bis zum Vorwurf des »Hochverrats« und dem Verbot
der Hegelschen Philosophie führen sollte, beruhte auf der
durchaus zutreffenden Einsicht, daß dem Gottesgnaden-
tum des Monarchen eine westlich-naturrechtliche Gewal-
tenteilung unterschoben worden ist, die formal durch
göttlichen Einsetzungsakt bestritten werden kann, aber in
der Wirklichkeit immer gegenwärtig bleibt. Wieder gilt:
das eine ist getan, das Gegenteil wird nicht unterlassen. In
einem Staat, in dem der preußische von 1820 wiederer-
kannt werden kann, hätte dann die Weltgeschichte in
ihrem bisherigen Verlauf den Gipfel erreicht.

368
Einunddreißigstes Kapitel

Der unerkannte Gegenspieler

Am 31. Dezember 1819 richtete Arthur Schopenhauer


sein Habilitationsgesuch an die Berliner philosophische
Fakultät. Er möchte zugleich, darauf legt er Wert, noch
vor Abwicklung des Verfahrens in das Vorlesungsver-
zeichnis aufgenommen werden und kündigt ein sechs-
stündiges Kolleg über »die gesamte Philosophie« an. »Die
Stunde«, so läßt er den Dekan wissen, »bitte ich nach
Ihrem besten Dafürhalten auszuwählen ...; am passend-
sten ist wohl die, wo Herr Prof. Hegel sein Hauptkolle-
gium liest.« Der Dekan, der klassische Philologe Boeckh,
sorgt für den Umlauf des Gesuchs und bemerkt dazu:
»Ungeachtet der nicht geringen Anmaßung und außeror-
dentlichen Eitelkeit des Herrn S., welche aus allem Beilie-
genden hervorgeht, halte ich doch dafür, daß in Rücksicht
auf die Qualifikation desselben nichts gegen seine Habili-
tation eingewandt werden kann.«
Das war nicht engherzig gedacht und fand auch die
Billigung Hegels, der allerdings die Zustimmung der Fa-
kultät und eine »erforderliche Erklärung des Hn. Regie-
rungsbevollmächtigten« abwarten möchte. Es regte sich
zwar Widerstand gegen die vom Antragsteller gewünschte
Vergünstigung. Aber auf den Gedanken, dem eigensinni-
gen Antragsteller die Habilitation zu er