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IUBH Internationale Hochschule Bad Honnef

Fernstudium

Soziale Arbeit B.A.

Sozialpolitik – DLGSPO01

Bedingungsloses Grundeinkommen
Tutor: Herr Luis Manuel Sánchez

Annika Storandt
Reichenbacher Str. 8
98574 Schmalkalden

Matrikelnummer: 91712164

Abgabedatum: 16.10.2018
Inhaltsverzeichnis

I. Abkürzungsverzeichnis....................................................................................................................... II
1. Einleitung ................................................................................................................................................ 1
2. Sozialpolitik in Deutschland .............................................................................................................. 1
2.1. Prinzipien der Sozialpolitik............................................................................................... 2
2.2. Herausforderungen und Missstände ............................................................................. 3
3. Ideen zu einem (bedingungslosen) Grundeinkommen ............................................................... 7
3.1. Verschiedene Modelle ....................................................................................................... 7
3.2. Denkbare Auswirkungen................................................................................................... 9
3.2.1. Mögliche Kritik ................................................................................................ 9
3.2.2. Bildungspolitische und gesellschaftspolitische Argumente ............ 10
3.2.3. Ökonomische und ökologische Argumente ......................................... 11
3.2.4. Sozialpolitische Argumente....................................................................... 11
4. Fazit ........................................................................................................................................................ 12
II. Anhang ................................................................................................................................................... III
Anhang 1: Phasen staatlicher und sozialer Politik 1871 ........................................................................... 1
Anhang 2: Grundeinkommen: Modelle und Ansätze in Deutschland....................................................... 2
Anhang 3: Idealtypische Kategorisierung von Grundeinkommensdiskursen ........................................... 8
Anhang 4: Finanzierungsmodell eines emanzipatorischen Grundeinkommens über eine negative
Einkommenssteuer .................................................................................................................. 9
III. Literaturverzeichnis ............................................................................................................................ IV
IV. Eidesstattliche Erklärung .................................................................................................................. VI

I
I. Abkürzungsverzeichnis

ALG I Arbeitslosengeld I
ALG II Arbeitslosengeld II
BGE bedingungsloses Grundeinkommen
etc. et cetera
EZB Europäische Zentralbank
o.J. ohne Jahr
o.V. ohne Verfasser
SGB Sozialgesetzbuch
z.B. zum Beispiel

II
1. Einleitung

Eine gesicherte Existenz für alle – ohne dafür irgendwelche Bedingungen zu erfüllen oder
Gegenleistungen zu erbringen? Das klingt für viele utopisch. Aber vielleicht stehen uns bald mehr
Türen offen, als wir bis dato für möglich gehalten haben. Der technische Fortschritt hat in fast
jedem Lebensbereich Einzug gehalten und bewegt sich in großen Schritten fort. In vielen Dingen
unterstützen uns Maschinen oder technische Geräte, machen unsere Arbeit schneller oder
einfacher – oder übernehmen die Aufgaben komplett für uns. So auch in der Arbeitswelt: Wenn
aber nur noch wenige Arbeiter benötigt werden, was wird dann mit denen, deren Arbeitskraft
dadurch überflüssig wird? Der Philosoph Hans Jonas (1903-1993) vertrat daher die Ansicht, dass
der Fortschritt in Technik, Wissenschaft und Forschung ebenso auch eine Bedrohung für die
Menschheit darstellt (Jonas 1979). Eine Möglichkeit, dieser Entwicklung entgegen zu wirken, kann
das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) sein: ein Betrag „X“, der die existenziellen
Grundbedürfnisse jedes Individuums abdecken soll und bedingungslos, also ohne Gegenleistung,
allen gestellt wird, so auch Kindern, Senioren, Arbeitern, Arbeitslosen etc. – jedem Menschen. So
soll allen die gleiche Grundlage und die gleiche Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe
ermöglicht werden.

Gegenstand dieser Arbeit ist die Untersuchung, ob das BGE in der deutschen Sozialpolitik Einzug
halten kann und soll. Hierfür wird zu Beginn ein Überblick zu den historischen Grundmauern und
den bestehenden Prinzipien unserer heutigen Sozialpolitik gegeben. Begründet von
gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen unserer Gesellschaft wird abschließend darauf
eingegangen, welche Auswirkungen die Einführung eines BGEs hierauf haben könnte.

2. Sozialpolitik in Deutschland

Die Sozialpolitik in Deutschland hat eine mehr als 140-jährige Geschichte und sich im Laufe der
Zeit fortwährend angepasst und entwickelt. Ihre Ursprünge finden sich im 18. und 19. Jahrhundert:
Im Zuge der industriellen Revolution im 18. Jahrhundert wurde die Abschaffung des Feudalismus
und die Entstehung einer modernen Arbeiterklasse bewirkt. Die Menschen, die kein
Privateigentum besaßen, begannen, ihre eigene Arbeitskraft zu verkaufen. Jedoch waren die
Arbeitsbedingungen in den Fabriken zu Beginn katastrophal (Althammer/Lampert 2007, S.49). In
der Folge bildeten sich die ersten sozialistischen Gewerkschaften und es kam zunehmend zu
Streikwellen gegen die miserablen Arbeitsbedingungen. Aus Angst vor einer Revolution versuchte
die Regierung diese Bewegungen 1878 mit dem Erlass des so genannten „Sozialistengesetz“ zu
unterdrücken (Althammer 2009, S.142 ff.). Der damalige Reichskanzler Otto von Bismarck musste
aber erkennen, dass er alleine durch das Verbot solcher Vereinigungen und Aktivitäten keine
ausreichende Stabilisierung der Gesellschaftsordnung erreichen konnte. Um das Vertrauen und
die Loyalität der Arbeitermasse zurückzugewinnen, verkündete er am 17.11.1881 die so genannte
„Kaiserliche Botschaft“, in deren Folge 1883 ein Krankenversicherungsgesetz, 1884 ein

1
Unfallversicherungsgesetz sowie 1889 ein Alters- und Invaliditätssicherungsgesetz für gewerbliche
Arbeitnehmer erlassen wurde (Althammer 2009, S.147 f.). Auch wenn Bismarck diese Gesetze
vorrangig als einen taktischen Zug zur Durchsetzung seiner politischen Interessen einführte,
wissen wir heute, dass dies die Geburtsstunde unseres heutigen Sozialstaats war. Zwischen 1890
und 1918 veränderte sich die politische Landschaft jedoch zunehmend: „Die Sozialdemokratische
Partei […] erreichte 1912 34,8% aller Stimmen und 27,7% aller Reichstagsmandate. Sie war damit
nach Stimmen- und Mandatszahl stärkste Partei geworden […] [Es deutete] sich an, dass die
politische Emanzipation der Arbeiterschaft letztlich nicht mehr aufzuhalten war […]“
(Althammer/Lampert 2014, S.75). Im weiteren Verlauf war der Sozialstaat vielfältigen
Veränderungen unterworfen und entwickelte sich dadurch stets weiter.1 So wurden unter anderem
1969 das Arbeitsförderungsgesetz und 1995 das Pflegeversicherungsgesetz in der deutschen
Sozialgesetzgebung ergänzt (Dietz/Frevel/Toens 2015, S.54 ff.).

Sozialpolitik kann daher als das Bindeglied zwischen Politik und Gesellschaft verstanden werden
und ist aufgrund des sozialen Wandels zwangsläufig einer beständigen Anpassung unterworfen.

2.1. Prinzipien der Sozialpolitik

Unser heutiges sozialpolitisches System baut vor allem auf folgenden Prinzipien auf: dem Prinzip
sozialer Gerechtigkeit, dem Solidaritätsprinzip, dem Subsidiaritätsprinzip und dem
Selbstverantwortungsprinzip.

Die soziale Gerechtigkeit besagt, dass eine angemessene Verteilung des Reichtums in der
Gesellschaft erreicht und jedem Menschen die gleichen Chancen innerhalb der Gesellschaft
ermöglicht werden sollen (Althammer/Lampert 2007, S.487). „Nur dann ist Gleichheit gleichzeitig
mit einem größtmöglichen Maß an Freiheit zu erreichen“ (Dietz/Frevel/Toens 2015, S.63).

Das Solidaritätsprinzip orientiert sich an christlichen Werten wie der Nächstenliebe und ist in der
Sozialpolitik als die gegenseitige Hilfsbereitschaft der Gesellschaft gegenüber einzelnen Personen,
deren materielle Existenzbedingungen durch Faktoren sozialer Ausgrenzung (wie z.B. Alter,
Krankheit, Behinderung etc.) bedroht sind, zu verstehen (Althammer/Lampert 2007, S.488 f.).

Dem Subsidiaritätsprinzip ist zu entnehmen, dass „eine höhere staatliche oder gesellschaftliche
Einheit erst dann helfend eingreifen und Funktionen an sich ziehen darf, wenn die Kräfte der
untergeordneten Einheit nicht ausreichen, die Funktion wahrzunehmen. Im Sozialrecht erhalten
nach diesem Prinzip Personen nur dann Unterstützungsleistungen, wenn sie weder von anderen
Einrichtungen (z. B. Arbeitsagentur, Krankenkasse) Leistungen erhalten noch in ihrer Familie oder
selbst über genügend Vermögen oder Einkommen verfügen, um sich selbst zu helfen“
(Bundeszentrale für politische Bildung o.J.). Daran ist unmittelbar das Selbstverantwortungsprinzip
gekoppelt, nach welchem der Sozialstaat so wenig wie möglich in die Freiheit und
Selbstverantwortung jedes Gesellschaftsmitglieds eingreifen darf. „Selbstverantwortung wiederum

1 siehe Anhang 1: Phasen staatlicher und sozialer Politik seit 1871

2
ist nur in dem Maße möglich, in dem der Einzelne oder die kleinere Gruppe de facto fähig ist,
bestimmte Lebenslagen zu bewältigen; das heißt […], dass Selbstverantwortung nur bis zu einem
bestimmten Grade möglich ist, also durch solidarische Hilfe ergänzt werden muss […]“
(Althammer/Lampert 2014, S.214).

Mit allen sozialpolitischen Maßnahmen werden im Grunde drei Finalziele angestrebt: soziale
Sicherheit, soziale Gerechtigkeit und die Sicherung des inneren Friedens einer Gesellschaft
(Althammer/Lampert 2014, S.406). Das Sozialgesetzbuch (SGB) bildet dabei die
Gesetzesgrundlage, in der alle Maßnahmen aufgeführt und definiert sind. Insgesamt besteht es
aus zwölf Büchern, die jedes einen Teilbereich der Sozialpolitik regeln. Alles zusammengefasst,
blicken wir auf ein Konstrukt, bestehend aus über 100 bürokratischen Einzelleistungen, die von
über 40 unterschiedlichen staatlichen Stellen verwaltet werden und alle mit einem entsprechenden
bürokratischen Aufwand verbunden sind (FDP 2009).

Doch ist es tatsächlich noch so, dass das Sozialsystem, wie es einst im Kaiserreich entstand, den
Anforderungen unserer heutigen Zeit noch angemessen gerecht wird? Um dieser Fragestellung
nachzugehen, sollen im Folgenden verschiedene Herausforderungen und Missstände unserer
aktuellen Sozialpolitik aufgedeckt werden.

2.2. Herausforderungen und Missstände

Ausgehend von dem Ergebnis einer Studie von 2017 der Oxford University ist damit zu rechnen,
dass in den nächsten 20 Jahren beachtliche 47% aller Arbeitsplätz durch den technischen
Fortschritt wegfallen werden (Frey/Osborne 2013, S.44). Arbeitsplätze werden rationalisiert, die
Anforderungen an die Arbeiter jedoch immer höher. Die verbleibenden Arbeiter müssen mit ihren
Beitragszahlungen in der Konsequenz „nahezu sämtliche Renten, die Arbeitslosenversicherung
und einen Großteil unseres Gesundheitssystems finanzieren. Resultat: ächzende Sozialsysteme,
eine zunehmend ungerechte Einkommensverteilung […]“(Werner 2007, S.22). Vergleicht man die
heutige Situation mit den vorherrschenden Zuständen im Bismarckreich, wird man zwangsläufig
mit der Tatsache konfrontiert, dass es damals genau umgekehrt war: Das Arbeitsangebot war
größer als die Nachfrage (Althammer/Lampert 2007, S.47). Auch 1970, als noch deutlich mehr als
80% der Bevölkerung einer Vollzeitbeschäftigung nachging (Werner 2007, S.21), war dieses
System noch tragbar.

Ebenso stellt der demographische Wandel eine weitere Herausforderung unserer Gesellschaft dar.
Neben einer zunehmenden Lebenserwartung, demzufolge längeren Rentenbezügen sowie
steigenden Gesundheits- und Pflegekosten, zeichnet dieser aber auch sinkende Geburtsraten ab.
So gerät das ursprünglich ausgewogene Umlageverfahren2 und der so genannte

2
Einbezahlte Sozialversicherungsbeiträge werden unmittelbar für die Auszahlung an Leistungsberechtigte
verwendet

3
„Generationenvertrag“3 aber zunehmend ins Wanken und kann als logische Schlussfolgerung
zukünftigen Herausforderungen unserer Gesellschaft nicht dauerhaft gerecht werden. Bereits jetzt
haben wir einen Pflegenotstand und die Arbeitsbedingungen in Senioren- und Pflegeheimen sind
der Wichtigkeit ihrer Arbeit gegenübergestellt unangemessen und unattraktiv. Weiterhin zeigt eine
Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung „Was junge Frauen wollen“ (Wippermann 2015) im Ergebnis,
dass Kinder für Frauen mit ausgeprägten beruflichen Ambitionen vor allem ein Risiko für
Selbstverwirklichung und finanzieller Unabhängigkeit darstellen. „Dem gegenüber stehen Frauen,
die nichts lieber täten, als den Beruf zugunsten der Kinder an den Nagel zu hängen, das aber aus
finanziellen Gründen nicht können. Was alle Milieus eint, ist die Sorge um das Geld“ (Thurm 2016).
Umso deutlicher wird auch hier der Unterschied zu früheren Zeiten: Damals bedeuteten mehr
Kinder auch gleichzeitig mehr potenzielle Arbeitskräfte für eine Familie und kamen daher einer
Alterssicherung gleich. Familiengründung heutzutage erfolgt um ihrer selbst willen und zur
Weitergabe von Wissen und Kultur und nicht primär zum Zweck der Alterssicherung. Umso mehr
hängt Kinderplanung in unserer heutigen Zeit – trotz bereits vorhandener staatlicher
Unterstützungsleistungen – stark vom verfügbaren Einkommen ab und ist vor allem in den ersten
Lebensjahren eines Kindes meist mit eindeutigen Einkommenseinbußen verbunden: zu Beginn
durch das verminderte Elterngeld, im Anschluss durch eine eventuelle Teilzeitarbeit. Auch beim
Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt werden Frauen mit Kindern von Unternehmen häufig als
„Arbeitskraft mit Einschränkungen“ wahrgenommen, da zum Beispiel höhere Ausfallzeiten durch
Krankheiten der Kinder zustande kommen könnten oder der Arbeitgeber eine junge Mutter nicht
als Vollzeitarbeitskraft einplanen kann. Fakt ist, dass in einer bereits überalternden Gesellschaft, in
welcher zudem das soziale Sicherungssystem überwiegend von den jungen Generationen
abhängt, Familienplanung nicht primär von monetären Aspekten abhängig sein darf. Dieser
Missstand ist ein klarer Anhaltspunkt dafür, dass dringend ein Umdenken stattfinden muss, um
dem demographischen Wandel aktiv entgegenzuwirken.

Mit dem gesellschaftlichen Wandel hat sich in der Folge auch ein modernes Arbeitsethos etabliert.
Zum einen wird von den Arbeitnehmern ein großer Fokus auf eine ausgeglichene Work-Life-
Balance, zum Beispiel in Form von verkürzten und flexiblen Arbeitszeitmodellen, um das
Arbeitsleben an das Privatleben bestmöglich anzupassen und nicht mehr umgekehrt. Darüber
hinaus besteht bei vielen zunehmend das Bedürfnis, mit ihrer Arbeit auch kreative und
sinnstiftende Zwecke zu erfüllen und sich auf diesem Wege selbst zu verwirklichen (Straubhaar
2017, S.75 ff.). Einige Beispiele hierfür sind z.B. soziales Engagement, Kinder- und Jugendarbeit,
Vereinstätigkeiten, künstlerische oder forschende Tätigkeiten etc. Diese so genannten
„alternativen Arbeiten“ sind für das Fortbestehen und die Entwicklung unserer Gesellschaft
unentbehrlich, jedoch werden sie oft nur als Hobby oder in Ehrenämtern bekleidet und gelten nach
unserem aktuellen Verständnis nicht als Erwerbsarbeit (Werner 2007, S.64). Um nicht in die

3
Arbeitstätige Generationen finanzieren durch ihre Sozialabgaben die in Rente stehenden Generationen

4
Bedürftigkeit abzurutschen, besteht indes sogar ein regelrechter Zwang, einer Arbeit im
herkömmlichen Sinne nachzugehen, ganz entgegen der Formulierung eines „Rechts zur freien
Berufswahl“ in Artikel 12 unseres Grundgesetzes (Werner 2007, S.73 f.).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in diesem Kontext der Begriff der Erwerbsarbeit neu
gedacht und erweitert werden sollte, um vor allem auch Familienpflege und „alternative Arbeiten“
gesellschaftlich anzuerkennen und nicht mit existenzbedrohenden Einkommenseinbußen zu
verbinden.

Durch einen drohenden Anstieg des Arbeitslosigkeitsrisikos wird auch zwangsläufig der
Konkurrenzdruck unter den Arbeitssuchenden steigen und eine zunehmende Flexibilität innerhalb
ihrer Aufgabengebiete und auf dem gesamten Arbeitsmarkt von ihnen verlangt werden. Simple und
wenig komplexe Arbeiten werden immer häufiger durch effizientere und produktivere Maschinen
ersetzt (Straubhaar 2017, S.76). „Um mithalten zu können im Wettbewerb gegen immer klüger
werdende Roboter und die internationale Konkurrenz bedarf es einer stetigen Pflege der
individuellen Kompetenzen und Fähigkeiten, von Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft“
(Straubhaar 2017, S.77). Man spricht in diesem Zusammenhang von einer fortschreitenden
Kommodifizierung der Arbeit, das heißt, dass sie zur Ware wird und sie auch so gehandelt wird:
Nur derjenige, der ein gutes Angebot leisten kann, wird auch einen Preis in Form eines
Einkommens dafür erhalten, sofern die Nachfrage danach besteht. Esping-Andersen sah daher die
Dekommodifizierung der menschlichen Arbeit als eine der Hauptaufgaben der Sozialpolitik
(Esping-Andersen 2008, S.35 ff.). Um die geforderte Flexibilität leisten zu können, wird auch die
persönliche und berufliche Bildung immer wichtiger. Denn Menschen, die kein gutes Angebot ihrer
Arbeitskraft bieten können, wie beispielsweise Kranke, Behinderte oder in diesem Fall auch
Geringqualifizierte, sind demzufolge durch ihre Einschränkung in ihrer Existenz bedroht. So fassen
H.-J. Andreß und M. Kronauer zusammen, dass nahezu alle Dimensionen sozialer Ausgrenzung
auch ökonomische Nachteile mit sich bringen oder aufgrund des eingeschränkten Zugangs zum
Arbeitsmarkts in die Armut führen können (Andreß/Kronauer 2006, S.48). Laut S. Kaufmann ist der
Anteil der von Armut bedrohten Bevölkerung in Deutschland an der Wende zum 21. Jahrhundert
bereits von 10% auf 15% gestiegen (Kaufmann 2015). Umso erforderlicher ist es, Regelungen zu
finden, die beispielsweise auch Tätigkeiten mit geringem Stundenumfang und geringem
Einkommen für Sozialleistungsbezieher attraktiv darstellen. Vorgaben, wie §155 SGB III auch §11
ff. SGB II sind unter diesem Aspekt dringend kritisch zu überprüfen, da durch sie festgelegt ist,
dass auch bereits sehr geringe Hinzuverdienste die Leistungsbezüge entsprechend schmälern. Ein
Beispiel für den mangelnden Anreiz zur persönlichen Fort- und Weiterbildung während einer
bestehenden Arbeitslosigkeit bietet zudem §151 (5) SGB III: Hierin ist festgelegt, dass
Leistungsbezieher, die sich dem Arbeitsmarkt nur in Teilzeit zur Verfügung stellen möchten (z.B.
aufgrund einer mehrmonatigen Fortbildung), umgehend mit einer Kürzung ihrer Leistungsbezüge
versehen werden – unabhängig davon, ob sie zuvor jahrelang Sozialversicherungsbeiträge
basierend auf einer Vollzeittätigkeit eingezahlt haben. Um unsere Gesellschaft fachlich kompetent

5
und motiviert für die kommenden Herausforderungen aufzustellen, sind derartige Regelungen
zweifelsohne kontraproduktiv.

Grundsätzlich könnte uns der durch maschinelle Arbeit erzeugte Mehrwert aber bereits jetzt schon
eine großzügige Arbeitsteilung auf mehrere Teilzeitstellen anstelle weniger Vollzeitstellen
ermöglichen. Als „Normarbeitsverhältnis“ wird jedoch stets eine Vollzeitarbeit definiert (Werner
2007, S.21). Zum Teil sind aber auch die Bedingungen für die Unternehmen fehlanreizend
geregelt: Reinvestitionen in weitere Maschinen sind unter anderem steuerlich deutlich attraktiver,
als die Einstellung von mehr Personal. Maschinen werden nie müde oder krank und produzieren
den Großteil des Mehrwertes. Hinzu kommt, dass für sie auch keinerlei
Sozialversicherungsbeiträge oder so genannte Lohnnebenkosten anfallen (Bundeszentrale für
politische Bildung 2017). Betrachtet man diese Tatsache gesondert, kommt Maschinenarbeit nach
der Auffassung von A. Vogt ganz und gar der Schwarzarbeit nahe (Vogt 2016, S.176). Es ist also
zu überlegen, ob auch durch Maschinenarbeit ein solidarischer Beitrag entrichtet werden sollte.

Was für Unternehmen zählt, um im Wettbewerb überleben zu können, ist letzten Endes aber
hauptsächlich der maximale Profit. Indes taucht ein bereits seit langem bekanntes
Ursprungsproblem auf: die ungerechte Vermögensverteilung. Karl Marx erforschte erstmals, wie
der Kapitalismus soziale Ungerechtigkeit erzeugt und verstärkt. In seinem und Friedrich Engels´
„Manifest der Kommunistischen Partei“ spricht er dafür von zwei Klassen in der Gesellschaft. Er
stellt heraus, dass ein kleiner Teil über die Produktionsmittel und alleine über den erwirtschafteten
Reichtum verfügt: die so genannte Bourgeoisie. Dem gegenüber steht das Proletariat, welches
über keine eigenen Produktionsmittel verfügt und durch Lohnarbeit von der Bourgeoisie abhängig
sind (Marx/Engels 1970, S.42). Unklar bleibt, weshalb nur ein geringer Teil der Gesellschaft, die
Besitzer der Produktionsmittel, alleinige Verfügungsgewalt über den Produktionsüberschuss haben
und weshalb dieser nicht zum Wohle der Gesellschaft, sondern größtenteils der Produktion von
Mehrwert verwendet wird (Marx 1983, S.229). Auch bis heute hat sich an diesem Missstand nichts
verändert: M. Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung erklärt in einem Interview
mit der Frankfurter Rundschau, dass 65% des Gesamtvermögens in Deutschland auf gerade
einmal 10% der Bevölkerung verteilt sind (Kaufmann 2015). Diese Minderheit dominiert den
gesamten Markt und machen einen freien Wettbewerb praktisch nicht möglich
(Weik/Werner/Friedrich 2017, S.15). Darüber hinaus schützt unser Finanzsystem die Banken,
jedoch nicht die Bevölkerung. An der Börse gehandelte Geldmengen stehen in keinem realen
Wert zur Wirtschaft, das heißt, dass sie höher gehandelt werden, als Geldmengen tatsächlich im
Umlauf sind. Es bilden sich so genannte „Blasen“, welche zwangsläufig irgendwann „platzen“ und
den Kurs zum Einsturz bringen. Kommt es dann zum Schadensfall, ist die Haftung der Banken nur
gering angesetzt. Der Großteil wird vom Staat mit den vom Bürger entrichteten Steuergeldern
ausgeglichen (Weik/Werner/Friedrich 2017, S.132). Auch neue Kredite erhalten Banken bereits bei
einer sehr geringen Eigenkapitalquote von der „Europäischen Zentralbank“. Demgegenüber sind
die Hürden für den Einzelverbraucher bei der Kreditvergabe weitaus höher angesetzt

6
(Weik/Werner/Friedrich 2017, S.143). Soll also soziale Gerechtigkeit erzielt werden, muss bei einer
Umverteilung zuallererst dort angesetzt werden, wo der Großteil des gesamten Vermögens liegt
und der immer größer werdenden Profitgier muss endlich eine Grenze gesetzt werden. Um die
Wettbewerbsfähigkeit einzelner Länder nicht zu gefährden, müssen entsprechende Regelungen
hierzu zwangsläufig global gedacht werden. Nicht zuletzt sind unserem Wirtschaftswachstum
durch die Endlichkeit natürlicher Ressourcen, von denen langfristig unser aller Überleben abhängt,
eindeutige Grenzen gesetzt. Jackson kommt zu dem Resümee, dass unser Wirtschaftswachstum
nicht ewig das Maß für Wohlstand sein kann, sondern Wohlstand ebenso langfristig neu definiert
werden muss und nicht nur materiellen Ursprungs sein darf (Jackson/Leipprand 2017, S.33 ff.).

3. Ideen zu einem (bedingungslosen) Grundeinkommen

3.1. Verschiedene Modelle

Um den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen angemessen gerecht zu werden, wird


innerhalb der verschiedenen Parteien vermehrt die Überlegung eines Grundeinkommens zur
generellen Absicherung jedes Bürgers debattiert. „Es ist ein individuelles Recht, ohne
Berücksichtigung von familiären oder partnerschaftlichen Bindungen, von Einkommen- und
Vermögensverhältnissen sowie der Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt. Es wird ohne
sozialadministrative Bedürftigkeitsprüfung (Einkommen- und Vermögensprüfung), ohne den Zwang
zur Arbeit oder zu einer anderen Gegenleistung ausgezahlt. Das Grundeinkommen ist eine
Geldleistung des Gemeinwesens über den Staat an die Einzelnen, das die Existenz sichert und
gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Es kann durch andere Einkommen ergänzt werden“
(Netzwerk Grundeinkommen 2012). Tatsächlich wird „ein Grundeinkommen (mittlerweile) von so
unterschiedlichen Akteuren wie der „Bundesarbeitsgemeinschaft Grundeinkommen in und bei der
Partei DIE LINKE“ auf der einen Seite und dem Unternehmer Götz Werner oder der FDP auf der
anderen Seite vorgeschlagen beziehungsweise eingefordert […], dass mit der Idee eines
Grundeinkommens stark unterschiedliche Motivationen verbunden sind, die sich vor allem
hinsichtlich ihrer Positionierung gegenüber dem Verhältnis von Markt und Gesellschaft
differenzieren lassen“ (Wagner 2009, S.6). Die Modelle sind oft sehr unterschiedlich, z.B. in Bezug
auf die Höhe des Grundeinkommens, die Finanzierung und das Einstreichen bisheriger
Transferleistungen.4 Wagner nimmt zur Vereinfachung eine Differenzierung aller Modelle in zwei
grundlegende Motive vor: dem „Kompensationsmotiv“, was die möglichst große Entlastung des
Kapitalmarkts von Krisenbelastungen durch die Gesellschaft zum Ziel hat und dem gegenüber
dem „Arbeitsumverteilungsmotiv“ was eine möglichst weitreichende Entkopplung des Individuums
von der kapitalistischen Marktzentrierung erzielen will (Wagner 2009, S.10 ff.). Je nach Motiv
lassen sich weiterführend auch vier unterschiedliche Diskurse herausstellen: der neoliberale, der
sozialliberale, der sozial-egalitäre und der emanzipatorische Diskurs (Wagner 2009, S.17 ff.). Stellt

4
Siehe Anhang 2: Grundeinkommen: Modelle und Ansätze in Deutschland.

7
man alle vier Dimensionen in den direkten Vergleich, wird deutlich, dass der emanzipatorische
Diskurs die „gesellschaftliche Position und Autonomie der von Erwerbsarbeit abhängigen
Menschen (von allen Diskursen am meisten stärkt) […] (und die deutlichste) Antwort auf die
zunehmende Prekarisierung und Fremdbestimmung von Arbeit und Leben vieler Menschen (gibt)“5
(Wagner 2009, S.13).

Wie in Anhang 3 erkennbar ist, bildet der neoliberale Ansatz das Gegenteil. Die Höhe des
Grundeinkommens wird sehr niedrig und womöglich noch unter dem gesetzlichen
Existenzminimum angesetzt. Nichtsdestotrotz sollen jegliche Transferleistungen, Mindestlöhne und
Flächentarifverträge und ähnliche Abkommen abgeschafft werden, da hiermit eine möglichst
großzügige Einsparung von Bürokratiekosten erreicht werden soll. Gewinner solcher Modelle sind
aber vor allem die Unternehmen, da sie in der Folge keine Lohnnebenkosten mehr zu tragen
hätten und jegliche Einkommen auch entsprechend niedrig ansetzen könnten, da die
Existenzsicherung durch das Grundeinkommen abgegolten würde. Auf diesem Wege könnte der
Niedriglohnsektor gefährlich breit ausgebaut werden. Werner schlägt zur Finanzierung zudem das
Wegfallen von jeglichen Steuern bis auf eine erhöhte Konsumsteuer vor. Diese würde jedoch die
Lebenserhaltungskosten allem Anschein nach derart erhöhen, dass das Grundeinkommen zur
Existenzsicherung kaum oder nicht mehr ausreichen kann. „Mit anderen Worten: das
Grundeinkommen in seiner neoliberalen Ausprägung dient nicht in erster Linie einer gerechten
Gesellschaft, sondern der Wahrung einer Gesellschaft, welche das ökonomische System nicht in
Frage stellt. Im Mittelpunkt steht also die Anpassung der Gesellschaft an den Markt – und eben
nicht ein neuer Kompromiss zwischen Markt und Gesellschaft;[…]“ (Wagner 2009, S.24).

Das emanzipatorische Grundeinkommen baut jedoch auf den erkämpften Meilensteinen der
Arbeitergewerkschaften und Berufsgenossenschaften auf, indem es bestehende Tarifautonomien
erhält und weiter stärkt und lediglich das Arbeitslosen- und Sozialgeld ersetzt. Der humanitäre
Ansatz ist in diesem Diskurs deutlich erkennbar, denn es wird „die gesamtgesellschaftliche
Umverteilung von Arbeit mit dem expliziten Ziel der Veränderung der dominanten
Produktionsverhältnisse in den Mittelpunkt ihrer Forderungen (gestellt)“ (Wagner 2009, S.34) und
würde so dem Kern der bestehenden Verteilungsungerechtigkeit gezielt entgegenwirken, nämlich
der großen Marktabhängigkeit. Dem Einzelnen wird eine tatsächliche Wahlmöglichkeit geboten,
welche Tätigkeit man ausüben und wie viel man arbeiten möchte. Demzufolge wäre auch der Grad
der Dekommodifizierung sehr hoch. Der Arbeitsanreiz bliebe aber generell bestehen, da allein mit
dem BGE wohl nur ein bescheidener Lebensstandard möglich wäre und ein zusätzlich
erwirtschaftetes Einkommen vergleichsweise nicht übermäßig besteuert wird, sodass eine
zusätzliche Tätigkeit auch einen tatsächlichen Mehrwert darstellt (Wolf 2014, S.6).

5
Siehe Anhang 3: Idealtypische Kategorisierung von Grundeinkommensdiskursen

8
Aus ebendiesen Gründen erfolgt die Erörterung anzunehmender Auswirkungen bei Einführung
eines BGEs am Beispiel des emanzipatorischen Grundeinkommens.6

3.2. Denkbare Auswirkungen

3.2.1. Mögliche Kritik

Durchdenkt man die Einführung eines BGEs, gehen damit mögliche Risiken aber auch Chancen
einher. Ein häufiger Streitpunkt ist vor allem die Finanzierung und die These, dass ein BGE den
aktuellen Bundeshaushalt um ein Vielfaches übersteigen würde (Berger 2015). Stefan Wolf hat
jedoch bereits ein aussagefähiges und realistisches Finanzierungsmodell eines BGEs z.B. über
eine „negative Einkommenssteuer“7 vorgestellt, bei welchem die steuerlichen Vereinfachungen
zusammen mit einer Primärenergieabgabe sowie die Steuereinnahmen über die Festlegung einer
Transfergrenze8 ganz und gar noch die Bildung von staatlichen Rücklagen ermöglichen würde
(Wolf 2014, S.10)9. Mit der Einführung einer Transfergrenze könnte ebenso die These entkräftet
werden, dass das Grundeinkommen einem „Gießkannenprinzip“ gleich käme und so auch
Menschen zufließen würde, die es nicht benötigen, da sie bereits vermögend sind (Berger 2015).
In der Folge bliebe, wie bereits unter Punkt 3.1. geschildert, auch weiterhin ein Arbeitsanreiz und
auch der Anreiz zu besserer Bildung für Jung und Alt bestehen, da das BGE mit anderen
Einkünften kumulierbar ist. Der Behauptung, mit dem BGE würde keiner mehr arbeiten gehen
(Vogt 2016, S.167), kann schlichtweg auch die Tatsache entgegengesetzt werden, dass bereits
heute schon 63% der gesamten volkswirtschaftlichen Arbeitsleistung auf unentgeltlich geleistete
Arbeit entfällt, „[…] nämlich auf reproduktive Arbeit, Erziehung, Pflegearbeit, freiwilliges
Engagement usw.“ (Vogt 2016, S.170).

Auch der Vorwurf des Lobbyismus durch Abschaffung grundlegender Sozialversicherungssysteme


hat mit dem Konzept des emanzipatorischen Grundeinkommens keinen weiteren Bestand, da
dieses den Fortbestand der bekannten Sozialversicherungen als paritätische Bürgerversicherung
vorsieht und auch gesetzliche Mindestlöhne etc. erhalten bleiben (Blühm 2017). Durch die
Beibehaltung von Bausteinen unseres jetzigen Systems wäre auch eine Umstellung auf ein neues
Modell durchaus praktikabler zu handhaben und bereits erworbene Ansprüche blieben auch bei
einem Systemwechsel bestehen.

6
Da es sich beim emanzipatorischen Grundeinkommen um ein mögliches Modell eines bedingungslosen
Grundeinkommens handelt, wird zum Zwecke der Lesbarkeit nachfolgend die Abkürzung BGE verwendet,
womit explizit das emanzipatorische Grundeinkommen gemeint ist.
7
Jeder Bürger erhält vom Staat eine das Existenzminimum deckende Unterstützungszahlung
(Transferleistung, daher „negative Einkommenssteuer“); diese nimmt in dem Maße ab, wie der Bürger
eigenes Einkommen erzielt. Ab einer festgelegten Grenze beginnt die „positive Einkommenssteuer“ (Eggert
o.J.).
8
Die Transfergrenze ist jene Einkommenshöhe, ab der kein BGE mehr ausgezahlt wird, da die zu zahlende
Grundeinkommensabgabe höher als das BGE ist (Wolf 2014, S.10).
9
Siehe Anhang 4: Finanzierungsmodell eines emanzipatorischen Grundeinkommens über eine negative
Einkommenssteuer

9
Angesprochenen Risiken sind aber vor allem eine Vielzahl an Chancen entgegenzusetzen, auf die
nachfolgend näher eingegangen wird.

3.2.2. Bildungspolitische und gesellschaftspolitische Argumente

Würde ein BGE tatsächlich eingeführt werden, könnte vor allem der Arbeitszwang zur
(annähernden) Vollzeitbeschäftigung gelockert werden können und die Fremdbestimmung durch
sie minimiert werden (Vobruba 2006, S.178). Staatliche Kontrollen wären überflüssig, an die
heutzutage die Bezüge von steuerfinanzierten Allokationen (z.B. ALG II) geknüpft sind und auch
die Fremdbestimmung durch den Staat würde demzufolge eindeutig verringert werden. Die
gesteigerte Autonomie des Einzelnen könnten beispielsweise Familien dafür nutzen, ihre Aufgaben
innerhalb des Familienkonstrukts eigenverantwortlicher zu regeln: mit einer gesicherten
Existenzgrundlage können Eltern häufiger ihre Arbeitszeit zu Gunsten der Kindererziehung
reduzieren oder Jugendliche unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern entsprechende
Bildungswege einschlagen, die ihnen andernfalls aus finanziellen Gründen womöglich verwehrt
gewesen wären. Auch der Fort- und Weiterbildung im Erwachsenenalter wären durch ein BGE
Türen und Tore geöffnet, wenn grundsätzlich jedem die Chance gewährt würde, sich nach seinen
eigenen Motiven und Interessen einkommensunabhängig fortzubilden. Denn wie bereits unter
Punkt 2.2. erläutert, wird lebenslange Bildung stark an Bedeutung und Erforderlichkeit für unsere
Wirtschaft zunehmen.

Ebenso könnten Berufszweige, wie z.B. die Pflegebranche, von einer Lockerung des
Arbeitszwangs maßgeblich profitieren. Pflegebedürftige Angehörige können häufiger zu Hause
durch Familienmitglieder gepflegt werden, da ihnen der Druck zur Existenzsicherung durch ein
BGE genommen wird. Das Gebot zur gegenseitigen Hilfe, die gegenseitige Solidarität, würde
eindeutig leichter gelebt werden können. Der von Natur aus vorhandene Altruismus der Menschen
würde so gezielt unterstützt werden. Auch ist es denkbar, dass sich einige derer, die bisher nur
des Einkommens Willen einer anderen Tätigkeit als z.B. einem Pflegeberuf nachgegangen sind,
durch die finanzielle Entlastung durch ein BGE eher für eine Tätigkeit in sozialen Branchen
entscheiden würden. Vor allem der vorhandene Pflegenotstand könnte auf diesem Wege gemildert
werden. Es besteht auch Grund zur Annahme, dass auf diesem Wege eine bessere Integration
von Frauen in den Arbeitsmarkt möglich wäre, da viele Frauen aufgrund ihrer Veranlagungen eine
natürliche Affinität zu solchen Berufsfeldern haben, welche auf diesem Wege gezielt gefördert
werden könnte. Jedem Bürger würde mit dem BGE somit ab Anbeginn die Chance gegeben
werden, sich selbst zu verwirklichen und somit eigenverantwortlich seine Lebensbereiche zu
gestalten. Selbiges Argument ist es auch, was der Meinung von Kritikern entgegengesetzt werden
kann, die der Auffassung sind, Jugendlichen würde mit dem BGE Antrieb für einen Schulabschluss
genommen werden: wird der Arbeitsbegriff generell ausgeweitet, sind auch die tatsächlichen
Verwirklichungsmöglichkeiten um ein Vielfaches größer, als es unser jetziges Schul- und
Sozialsystem zulässt. Denn vermutlich sind es häufiger die vorgelebte und erlebte

10
Perspektivlosigkeit der Eltern und das ständige Gefühl des Versagens, das betroffene Schüler
demotiviert und schulmüde macht. Auch bestünde grundsätzlich die Überlegung, das
Grundeinkommen für junge Menschen teilweise in Form von Bildungsgutscheinen auszuzahlen
(Vogt 2016, S.172).

Summa summarum würde das BGE die Umsetzung des Subsidiaritätsprinzips und gleichzeitig
auch das der sozialen Gerechtigkeit sowie Chancengleichheit entscheidend fördern. Mit einem
BGE könnte eine Gesellschaft entstehen, in der jeder seinen Fähigkeiten entsprechend einen
Beitrag zum Gemeinwohl leisten kann und dafür angemessen entlohnt werden würde (Werner
2007, S.103).

3.2.3. Ökonomische und ökologische Argumente

In Anlehnung an das eben genannte Beispiel mit Pflegeberufen sind es vor allem so genannte
„alternative Berufe“, die durch die Einführung eines BGEs einen maßgeblichen Aufschwung
erleben könnten. Tätigkeiten im sozialen Engagement, in der Kinder- und Jugendarbeit oder auch
künstlerische und freiberufliche Tätigkeiten, die bisher entweder nicht als
„Normarbeitsverhältnisse“ im herkömmlichen Sinne galten oder ein zu großes Risiko bargen (wie
z.B. eine Selbstständigkeit), würden von der neu gewonnenen Sicherheit der Menschen profitieren,
die ihnen mit einem BGE gegeben wird (Braun 2014, S.156). Das Risiko, welches Existenzgründer
vor allem in der Anfangsphase tragen, würde durch ein BGE auf die Gemeinschaft verteilt werden.
Gerade unser jetziges Wirtschaftswesen ist aufgrund der Endlichkeit natürlicher Ressourcen schon
heute auf neue, innovative Ideen angewiesen, die naturfreundlich und ökologisch wertvoll sind. Mit
einem BGE könnte die intrinsische Motivation von „kreativen Köpfen“ um ein Vielfaches gefördert
werden, idem der Staat das Risiko einer Existenzgründung für sie abfängt und eine
Unternehmensgründung so an Lukrativität für den Einzelnen gewinnt (Vobruba 2006, S.178).

Ein weiteres ökonomisches Argument ist die Annahme, dass der Sozialtransfer in Form des BGEs
die Kaufkraft stabilisiert, „[…] und zwar insbesondere in wirtschaftlichen Abschwüngen, sichert so
ausreichende Gewinne und Beschäftigung“ (Wagner 2009, S.9). Durch eine gesicherte
Existenzgrundlage werden Menschen nicht nur risikofreudiger, sondern konsumieren auch mehr.
Eine wirtschaftsschädigende „Sparermentalität“ (Herrmann 2017, S.155 f.) könnte somit
grundlegend eingedämmt werden.

3.2.4. Sozialpolitische Argumente

Durch eine gesicherte Existenz für jedermann und eine starke Umverteilung von oben nach unten
kann das BGE vor allem eine Besserstellung unterer und mittlerer Einkommen bewirken und somit
dem Armutsrisiko in jeder Altersklasse maßgeblich entgegenwirken. Unser aktuelles Sozialsystem
würde eindeutig erleichtert werden, indem unter anderem die Sicherung sozial benachteiligter
Personen nicht mehr ausschließlich auf den Schultern der Beitragszahler lasten würde.

11
Nicht zuletzt würde durch den Ersatz aller Grundsicherungsleistungen und auch eindeutigen
Vereinfachungen im Steuergesetz ein radikaler Bürokratieabbau möglich und Kosten maßgeblich
eingespart werden können. Somit würden umständliche Antragsverfahren vermieden werden und
wären bürgerfreundlicher sowie transparenter gestaltet.

4. Fazit

Wie sich herausgestellt hat, existieren die unterschiedlichsten Modelle eines Grundeinkommens
und es werden ebenso unterschiedliche Termini zum Thema verwandt. Was alle gemeinsam als
Ausgangslage eint ist, dass unser aktuelles System in seiner bisherigen Form nicht dauerhaft
praktikabel ist und den Herausforderungen unserer Zeit nicht mehr angemessen gegenübertreten
kann. Nun ist es sicher kein Einfaches, von heute auf morgen einen kompletten Systemwechsel
durchzuführen, jedoch brächten weitere Kleinstmaßnahmen aller Voraussicht nach wieder nur eine
oberflächliche Schadensbegrenzung aber keine langfristig zufriedenstellende Lösung. Explizit der
im Rahmen dieser Hausarbeit konkret betrachtete emanzipatorische Ansatz bietet insgesamt eine
humanitäre Lösung der Probleme an und ließe sich gleichermaßen hervorragend mit den
Prinzipien unseres Sozialstaates vereinbaren.

Durch ein BGE würde vor allem der Familienpflege die Würdigung entgegenkommen, die sie in
Relation zu ihrer Wichtigkeit für die Gesellschaft verdient hat. Missstände, wie der Pflegenotstand,
würden gemeinschaftlich und für jeden angemessen beseitigt werden. Ebenso könnte lebenslange
Bildung aktiv gelebt und von und für jeden individuell gestaltet werden. Arbeitsanreize würden nicht
nur verstärkt, sondern durch die Schaffung intrinsischer Motivation neu begründet werden. Der
technische Fortschritt stellt nicht ausschließlich eine Bedrohung für unsere Arbeitsplätze dar,
sondern bietet vor allem auch eine nie dagewesene Chance, Arbeit neu zu definieren und somit
jedem die Chance zu geben, Berufe als Berufung zu leben und sich in ihnen selbst zu
verwirklichen und frei zu entfalten.

Es zeigt sich, dass geäußerte Kritikpunkte mit einer Vielzahl an Vorteilen widerlegt werden können.

Die Frage, ob und in welcher Form ein BGE eingeführt wird, hängt aber vor allem davon ab, wie
stark der gesellschaftliche und politische Wille dafür vorhanden ist. Bestehende Missstände (v.a. in
der Verteilung des erwirtschafteten Wohlstands) dürfen von der Gesellschaft nicht einfach weiter
so hingenommen oder geduldet werden, sondern müssen durch Taten behoben werden. Erst am
07.09.2018 hat der Kreistag des Landes Göttingen den Deutschen Bundestag aufgefordert, den
Ländern und Kommunen die Möglichkeit zur Durchführung von Pilotprojekten zu eröffnen, „neue
Absicherungsmodelle wie z.B. ein Bürgergeld, ein Grundeinkommen oder die Weiterentwicklung
der sozialen Sicherungssysteme“ zu erproben (Blaschke 2018) und könnte somit unserem
sozialdemokratischen Nachbarn Finnland folgen.

Bereits seit Anfang 2017 wird dort ein Versuch zum Grundeinkommen durchgeführt. Erste
Ergebnisse erwarten wir schon bald: im Januar 2019 (Dobberstein 2018).

12
II. Anhang

Anhang 1: Phasen staatlicher und sozialer Politik 1871 .............................................................. 1


Anhang 2: Grundeinkommen: Modelle und Ansätze in Deutschland. .......................................... 2
Anhang 3: Idealtypische Kategorisierung von Grundeinkommensdiskursen ............................... 8
Anhang 4: Finanzierungsmodell eines emanzipatorischen Grundeinkommens über eine negative
Einkommenssteuer .................................................................................................... 9

III
Anhang 1: Phasen staatlicher und sozialer Politik 1871

Quelle:
Dietz, B./ Frevel, B./ Toens, K. (2015): Sozialpolitik Kompakt. 3. Auflage, Springer VS,
Wiesbaden, S. 58f..

1
Anhang 2: Grundeinkommen: Modelle und Ansätze in Deutschland.

2
3
4
5
6
Quelle:
Blaschke, Ronald (2017): Grundeinkommen und Grundsicherungen - Modelle und Ansätze in
Deutschland. Eine Auswahl. Oktober 2017., S. 1-5 (URL: https://www.grundeinkommen.de/wp-
content/uploads/2017/12/17-10-%C3%9Cbersicht-Modelle.pdf [letzter Zugriff: 06.10.2018]).

7
Anhang 3: Idealtypische Kategorisierung von Grundeinkommensdiskursen

Quelle:
Wagner, B. (2009): WISO DIskurs: Expertisen und Dokumentationen zur WIrtschafts- und
Sozialpolitik. Das Grundeinkommen in der deutschen Debatte: Leitbilder, Motive und Interessen, S.
20. (URL: http://library.fes.de/pdf-files/wiso/06194.pdf [letzter Zugriff: 23.09.2018])

8
Anhang 4: Finanzierungsmodell eines emanzipatorischen Grundeinkommens über
eine negative Einkommenssteuer

Quelle:
Wolf, Stefan (2014): Das emanzipatorische Grundeinkommen der BAG Grundeinkommen in und
bei der Partei DIE LINKE. Online verfügbar unter https://www.die-linke-
grundeinkommen.de/fileadmin/lcmsbaggrundeinkommen/Konzepte/2014-Sozialdividende-
inklusive-NES-BAG-Konzept.pdf, zuletzt geprüft am 09.10.2018.

9
III. Literaturverzeichnis

Althammer, B. (2009): Das Bismarckreich 1871 - 1890, Ferdinand Schöningh, Paderborn.


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Berlin/Heidelberg/New York.
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Berlin/Heidelberg.
Andreß, H.-J./ Kronauer, M. (2006): Arm - Reich. In: Lessenich, S./ Nullmeier, F. (Hrsg.):
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Berger, J. (2015): Argumente gegen das "emanzipatorische Grundeinkommen" der LINGEN-BAG.
(URL: https://www.nachdenkseiten.de/?p=26307 [letzter Zugriff: 09.10.2018]).
Blaschke, R. (2018): Landkreis Göttingen: Möglichkeit für Pilotprojekte für Grundeinkommen
prüfen. (URL: https://www.grundeinkommen.de/08/10/2018/landkreis-goettingen-moeglichkeit-fuer-
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Blühm, N. (2017): Wahnsinn mit Methode. In: Kovce, P.: Soziale Zukunft: Das bedingungslose
Grundeinkommen - Die Debatte, Freies Geistesleben, Stuttgart. S. 14 - 16.
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zahlen [letzter Zugriff: 02.10.2018]).
Dietz, B./ Frevel, B./ Toens, K. (2015): Sozialpolitik Kompakt. 3. Auflage, Springer VS,
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IV
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bedingungslosen Grundeinkommens, Kiepenheuer & Witsch, Köln.
Wippermann, C. (2015): Was junge Frauen wollen. Lebensrealitäten und Familien- und
Fleichstellungspolitische Erwarungen von Frauen zwischen 18 und 40 Jahren. (URL:
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Wolf, S. (2014): Das emanzipatorische Grundeinkommen der BAG Grundeinkommen in und bei
der Partei DIE LINKE. (URL: https://www.die-linke-
grundeinkommen.de/fileadmin/lcmsbaggrundeinkommen/Konzepte/2014-Sozialdividende-
inklusive-NES-BAG-Konzept.pdf [letzter Zugriff: 09.10.2018]).

V
IV. Eidesstattliche Erklärung

„Hiermit versichere ich an Eides statt, dass ich die vorliegende Hausarbeit selbstständig
und ohne Inanspruchnahme fremder Hilfe angefertigt habe. Ich habe dabei nur die
angegebenen Quellen und Hilfsmittel verwendet und die aus diesen wörtlich oder inhaltlich
entnommenen Stellen als solche kenntlich gemacht.

Die Arbeit hat in gleicher oder ähnlicher Form noch keiner anderen Prüfungsbehörde
vorgelegen.

Ich erkläre mich hiermit einverstanden, dass die Arbeit mit Hilfe eines
Plagiatserkennungsdienstes auf enthaltene Plagiate überprüft wird."

Annika Storandt

VI