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Ägyptische Königinnen vom Neuen Reich

bis in die islamische Zeit


Umschlagbild: Grab des Pabasa, Südwand des Lichthofes: Nitokris beim Weinopfer
(s. Beitrag Eldamaty S. 80). © Kenneth Griffin, Swansea.

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im
Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Auflage 2015
© 2015 by Verlag Patrick Brose, Vaterstetten
alle Rechte vorbehalten
Druck: KDD Digital-Druck GmbH Nürnberg
ISBN 978-3-944207-08-7
www.verlag-pb.de
Ägyptische Königinnen
vom Neuen Reich bis in die
islamische Zeit

Beiträge zur Konferenz


in der
Kulturabteilung der Botschaft der
Arabischen Republik Ägypten
in Berlin
am 19.01.2013

Herausgegeben von Mamdouh Eldamaty,


Friedhelm Hoffmann und Martina Minas-Nerpel

Verlag Patrick Brose


V

Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis V

Einleitung 1

Regine Schulz
Hatschepsut: von der Gottesgemahlin zum Pharao 7

Katharina Zinn
Nofretete – eine Königin ihrer Zeit? 25

Mamdouh Eldamaty
Die Gottesgemahlin des Amun 67

Martina Minas-Nerpel
Arsinoe II. und Berenike II.: frühptolemäische Königinnen
im Spannungsfeld zweier Kulturen 87

Katja Lembke
Kleopatra, die letzte Pharaonin 115

Friedhelm Hoffmann
Königinnen in ägyptischen Quellen der römischen Zeit 139

Mohammad Gharaibeh
Šaǧarat ad-Durr: die einzige Sultanin des muslimischen Ägypten 157

Zusammenfassungen 173

Abstracts 177
Sofern in W. Helck und W. Westendorf (Hgg.), Lexikon der Ägyptologie VII, Wiesbaden
1992, XIV–XXXVIII Abkürzungen für Zeitschriften, Reihen oder Monographien angege-
ben sind, werden diese im vorliegenden Band benutzt.
115

Katja Lembke
(Niedersächsisches Landesmuseum Hannover)

Kleopatra, die letzte Pharaonin

Kleopatra ist nicht nur der Name von sieben ägyptischen Herrscherinnen,
Kleopatra VII. ist zweifellos eine Ikone: Ihr Name steht heute für Schönheit,
Klugheit und Extravaganz. Hotels und Strände sind nach ihr benannt,
beliebt ist sie als Creme oder Augenmakeup, ja auch als Verkleidung im
Karneval oder bei Halloween, wie 2012 das Kostüm des Models Heidi
Klum zeigte.1
Daß über eine so berühmte Frau viel geschrieben wird, liegt auf der
Hand. Darüber hinaus hat ihr Mythos und ihr Schicksal Künstler und
Schriftsteller seit der Antike beeindruckt und inspiriert, zahlreiche Re-
gisseure haben sich dieser Figur in Filmen gewidmet.
Was kann man über eine solche Frau nun Neues sagen? Ist nicht ihr
Leben von Historikern bereits bis in die letzten bekannten Winkel durch-
leuchtet worden?
Allein in den vergangenen Jahren sind mehrere deutschsprachige Mono-
graphien über Kleopatra erschienen. Hier seien nur die grundlegenden hi-
storischen Studien von Heinz Heinen,2 Manfred Clauss,3 Uwe Baumann,4
Christoph Schäfer5 und Wolfgang Schuller6 erwähnt. Auch im englischen
Sprachraum ist die legendäre Königin oft zwischen zwei Buchdeckeln an-
zutreffen: Zu den letzten Publikationen gehören allein drei Bücher aus
dem Jahr 2008 von Sally-Ann Ashton, Joann Fletcher und Joyce Tyldesley7,

1
http://www.gofeminin.de/stars/heidi-klum-als-kleopatra-sp55479.html.
2
H. Heinen, Rom und Ägypten von 51 bis 47 v. Chr.: Untersuchungen zur Regierungszeit
der 7. Kleopatra und des 13. Ptolemäers, Tübingen 1966.
3
M. Clauss, Kleopatra, München 1995.
4
U. Baumann, Kleopatra, Reinbek 2003.
5
Ch. Schäfer, Kleopatra, Darmstadt 2006.
6
W. Schuller, Kleopatra – Königin in drei Kulturen, Reinbek bei Hamburg 2006.
7
S.-A. Ashton, Cleopatra and Egypt, Malden, MA et al. 2008; J. Fletcher, Cleopatra the
Great, London 2008; J. A. Tyldesley, Cleopatra: last queen of Egypt, London 2008.
116 Katja Lembke

die Biographie von Duane W. Roller von 20108 oder die Darstellung der
Pulitzerpreisträgerin Stacy Schiff9 aus demselben Jahr.
In den Museen ist der Mythos Kleopatra ebenfalls allseits präsent: Den
Anfang machte 1988 die Ausstellung „Cleopatra’ s Egypt“, die Robert S.
Bianchi im Brooklyn Museum kuratierte,10 gefolgt von „Cleopatra of Egypt“,
die Susan Walker und Peter Higgs 2001 im British Museum realisierten,11
und schließlich 2006 die Ausstellung „Kleopatra und die Caesaren“ im
Bucerius Kunst Forum Hamburg.12 Im Mittelpunkt dieser Schau stand
Bernhard Andreaes allerdings recht umstrittene Identifikation der kapito-
linischen Venus mit Kleopatra VII.
In der Tat sollte man vor allzu spektakulären Entdeckungen warnen,
wie das angebliche Grab der Kleopatra zeigt, das 2009 Kathleen Martinez,
eine Archäologin aus der Dominikanischen Republik, im Tempel von
Taposiris Magna westlich von Alexandria entdeckt haben wollte. Für diese
Zuweisung wurden Münzen der Herrscherin und der Kopf einer Statue als
Beweise angeführt – dabei gibt es selbstverständlich gerade in den ägyp-
tischen Tempeln zahllose Statuen von Pharaonen, ja nach dem Edikt von
Rosetta aus dem frühen 2. Jh. v. Chr. war die Aufstellung solcher Bildnisse
im Allerheiligsten sogar in jedem Tempel Pflicht! In einer dpa-Meldung
aus dem Jahr 2009 wurde dennoch bereits von der „größten Entdeckung
des 21. Jahrhunderts“ berichtet.13 Weiter hieß es in der Pressemitteilung:
Nach Ansicht der Archäologin Kathleen Martinez, die sich
seit 15 Jahren mit dem Schicksal Kleopatras befaßt und an den
Grabungsarbeiten beteiligt ist, könnten die Leichname von Kleopatra
und Antonius in dem Tempel versteckt worden sein, um sie vor

8
D. W. Roller, Cleopatra: a biography, Oxford et al. 2010.
9
St. Schiff, Cleopatra: a life, Boston 2010.
10
R. S. Bianchi et al., Cleopatra’ s Egypt: age of the Ptolemies, Katalog der Ausstellung im
Brooklyn Museum, Mainz 1988.
11
S. Walker und P. Higgs (Hgg.), Cleopatra of Egypt: from history to myth, Katalog der
Ausstellung im British Museum, London 2001.
12
B. Andreae et al., Kleopatra und die Caesaren, Katalog der Ausstellung im Bucerius
Kunst Forum Hamburg, München 2006.
13
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/archaeologie-forscher-glauben-an-
entdeckung-von-kleopatras-grab-a-619847.html.
Kleopatra, die letzte Pharaonin 117

den siegreichen Römern zu bewahren. Wie die Archäologin aus


der Dominikanischen Republik sagte, könnte das Grabmal knapp
21  Meter tief unter dem Tempel liegen. Das Grab dürfte ummantelt
und daher unversehrt sein. Kathleen Martinez geht davon aus, daß der
Leichnam von Kleopatra mumifiziert wurde, während dies bei Marcus
Antonius nicht der Fall gewesen sein dürfte, da er weder Ägypter noch
ein König war.
Das Grab selbst wurde übrigens bislang nicht gefunden. Außerdem steckt
in diesem kurzen Text eine Reihe von Annahmen, denen wir im folgen-
den nachgehen wollen. Ist es etwa tatsächlich richtig anzunehmen, daß nur
Kleopatra mumifiziert wurde, Marcus Antonius hingegen nicht? Wie war
es bestellt um die Heterogenität Ägyptens kurz vor der Zeitenwende, wo
sich Ägypter, Griechen und Römer trafen? Kann man Kleopatra zu Recht
mit Wolfgang Schuller als „Königin in drei Kulturen“ bezeichnen?
Doch zunächst ist festzuhalten, daß die angebliche Sensation kaum
eine war. Besser hält man sich an die Historiker: Abgesehen von der viel
diskutierten kulturellen Heterogenität wird ein anderes Phänomen der
Zeit bereits aus den Buchtiteln deutlich. So heißen etwa Darstellungen
der ägyptischen Geschichte Das Alte Ägypten: Geschichte und Kultur
von der Frühzeit bis zu Kleopatra14 oder – ganz aktuell – ein Buch von
Toby Wilkinson Aufstieg und Fall des Alten Ägypten: Die Geschichte ei-
ner geheimnisvollen Zivilisation vom 5. Jahrtausend v. Chr. bis Kleopatra.15
Kleopatra markiert also jeweils das Ende der ägyptischen Geschichte, ähn-
lich wie in dem ebenfalls ganz aktuellen Buch von David Stuttard und
Sam Moorhead 31 v. Chr. Antonius, Kleopatra und der Fall Ägyptens.16
Die Zeitenwende, die nach dem christlichen Verständnis mit der Geburt
von Jesus Christus verbunden wird, entspricht also ziemlich genau einer
Zeitenwende in Ägypten, dem Ende des alten, weitgehend unabhängigen
pharaonischen Reiches.

14
H. A. Schlögl, Das Alte Ägypten: Geschichte und Kultur von der Frühzeit bis zu Kleopatra,
München 2006.
15
T. Wilkinson, Aufstieg und Fall des Alten Ägypten: Die Geschichte einer geheimnisvollen
Zivilisation vom 5. Jahrtausend v. Chr. bis Kleopatra, München 2012.
16
D. Stuttard und S. Moorhead, 31 v. Chr. Antonius, Kleopatra und der Fall Ägyptens,
Darmstadt 2012.
118 Katja Lembke

Doch sehen wir um 30 v. Chr. nicht nur eine innenpolitische Veränderung;


dieses Jahr markierte auch den Sieg des Okzidents über den Orient, der bis
in die heutige Zeit Konsequenzen erkennen läßt. Besonders anschaulich
hat Arnaldo Momigliano die Bedeutung der Schlacht von Actium mit dem
Sieg der römischen Truppen um Octavian, der anschließenden Eroberung
Alexandrias und schließlich der Selbstmorde von Marcus Antonius und
Kleopatra geschildert:
Der philosophierende Historiker wird niemals aufhören, über die
Nase der Kleopatra zu meditieren. Wenn diese Nase den Göttern
ebenso gefallen hätte, wie sie Caesar und Marcus Antonius gefiel, hät-
te ein lockerer alexandrinischer Gnostizismus die Oberhand gewon-
nen anstelle der christlichen Disziplin, aufgebürdet von den beiden
Roms, dem alten am Tiber und dem neuen am Bosporus. Den Kelten
wäre erlaubt worden, weiterhin Misteln in ihren Wäldern zu sammeln.
Wir hätten weniger Bücher über Königin Kleopatra und König Arthur,
aber mehr Bücher über Tutanchamun und Alexander den Großen.
Aber ein Latein sprechender Etruskologe, nicht ein Griechisch spre-
chender Ägyptologe brachte die Früchte des Sieges des römischen
Imperialismus über das hellenistische System nach England. Wir
müssen den Fakten ins Auge sehen.17
Noch kürzer hat Blaise Pascal die Bedeutung der Pharaonin umschrieben:
„Wäre Kleopatras Nase kürzer gewesen, hätte sich das Gesicht der ganzen
Welt verändert“ („Le nez de Cléopatre : s’il eût été plus court, toute la face
de la terre aurait changé.“).18
Apropos Nase: War Kleopatra nun tatsächlich ein Topmodel, oder hat
sie Caesar und Marcus Antonius mit ihrem Intellekt überzeugt? Hatte sie
etwa, wie einige Münzen glauben machen, eine Hakennase (Abb. 1) oder
war sie, wie Cassius Dio schreibt, so schön, daß sie alle Männer in ihren
Bann zog?19 Und wie war es mit ihrem Wissen bestellt? Sprach sie tatsäch-
lich zahlreiche Sprachen, also neben dem üblichen Griechischen auch

17
A. D. Momigliano, Alien wisdom. The limits of Hellenization, Cambridge 1975, S. 1
(Übersetzung K. Lembke).
18
B. Pascal, Gedanken über die Religion (Erstausgabe franz. 1670, dt. 1710), Berlin 2013,
S. 70.
19
G. Weill Goudchaux, Was Cleopatra beautiful? The conflicting answers of numismat-
ics, in: S. Walker und P. Higgs (Hgg.), Cleopatra of Egypt. From history to myth, London
2001, S. 210–215.
Kleopatra, die letzte Pharaonin 119

Abb. 1: Tetrachalkon der Kleopatra (37–31 v. Chr.) mit folgender Beischrift: „(Münze der)
Königin Kleopatra / des Jahres 21 sowie des Jahres 6 der neuen Göttin“. Jahr 6 bezieht sich
auf die Schenkung des Fürstentums Chalkis an Kleopatra durch Marcus Antonius 37/36
v.  Chr. Prägestätte: wahrscheinlich Chalkis / Koilesyrien. Freundeskreis Ägyptisches
Museum Wilhelm Pelizaeus Hildesheim F 34 (Photo: Roemer- und Pelizaeus-Museum
Hildesheim, S. Shalchi).

Ägyptisch sowie die Sprache der Äthiopen, Juden, Araber, Syrer, Meder,
Parther und sogar der Troglodyten, wie Plutarch überliefert?20 Und wie ist
die harte Beurteilung des Horaz als fatale monstrum zu bewerten?21
Zunächst sollte man ein Factum festhalten, das für die Bewertung der
Kleopatra eine zentrale Rolle spielt: Ein gerechtes oder gar objektives Urteil
ist kaum möglich. Drei Gründe hat diese für Historiker prekäre Situation:
1.  Die wenigen schriftlichen Zeugnisse über die Königin stammen alle
aus dem griechischen oder lateinischen Sprachraum, Selbstzeugnisse
gibt es keine.
2.  Von ägyptischer Seite sind nur Darstellungen im Bereich offizieller
Bauten erhalten, die keinerlei Individualität erkennen lassen.
3.  Schließlich beeinflußt die umfangreiche Rezeption unsere Wahr-
nehmung. Die berühmte Filmszene, wie sich Liz Taylor in einem Teppich
zu Caesar schmuggeln ließ, ist übrigens gar nicht so falsch: Nach der
Überlieferung von Plutarch22 war es ein στρωματόδεσμος, was gemein-
hin mit „Wäschesack“ übersetzt wird – aber in einem Wörterbuch von
1954 findet sich auch die Nebenbedeutung „Teppichrolle“!23 Diesem
20
Antonius 27,4.
21
Carm. 1,37,21.
22
Caes. 49,1 ff.
23
W. Gemoll, Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch, München et al. 1954.
120 Katja Lembke

Aspekt der Rezeption widmete kürzlich die Bundeskunsthalle in Bonn


unter dem Titel Kleopatra. Die ewige Diva eine Ausstellung.24
Eine „dichte Beschreibung“ (thick description), wie sie der Ethnologe
Clifford Geertz als Deutungsgrundlage forderte,25 ist auf dieser Basis
nicht möglich. Vielmehr müssen wir konstatieren, daß die koloniale Sicht
Roms unser Bild bestimmt, eine Betrachtung zwischen Wohlwollen und
Faszination einerseits und Ablehnung Kleopatras als Sinnbild orientali-
scher Dekadenz andererseits – wie Giovanni Bocaccio im 14. Jahrhundert
schrieb – als Inbegriff von avaritia, crudelitas und luxuria, also von Habgier,
Grausamkeit und Genußsucht.26
Diese Ambivalenz bezieht sich nicht nur auf Kleopatra, wir beobachten
sie vielmehr schon in den vorangegangenen Jahrzehnten. Der schlechte
Ruf der Ptolemäer, zu denen ja auch Kleopatra gehörte, manifestiert sich
wohl am besten im Kommentar des Octavian, der sich nach der Eroberung
Alexandrias nur zu dem Grab Alexanders des Großen begab, dessen
Nachfolgern jedoch keine Reverenz zollte. Er erklärte dies mit den Worten:
„Könige wünschte ich zu sehen, nicht Leichen.“27
Zu diesem Zeitpunkt, im Spätsommer des Jahres 30 v. Chr., war Kleopatra
bereits tot. 22 Jahre vorher begann ihre Karriere als Mitregentin, seit 51 v. Chr.
als Nachfolgerin ihres Vaters Ptolemaios XII. Als Kleopatra VII. Philopator
teilte sie sich zunächst die Herrschaft mit ihrem Bruder und Ehemann
Ptolemaios XIII., ein Umstand, der uns kurz bei der Frage der Geschwisterehe
verharren läßt. Wie ist diese ungewöhnliche Sitte zu erklären?
Die Geschwisterehe war bei den Ptolemäern bereits seit langem üb-
lich. Sie beruhte zwar auf ägyptischen Grundlagen, ist aber in dynasti-
scher Zeit nur in wenigen Fällen belegt.28 Bereits in der Antike gab es zwei

24
J. Anderson et al., Kleopatra. Die ewige Diva, München 2013.
25
C. Geertz, Thick description: toward an interpretive theory of culture, in: The interpre-
tation of cultures: selected essays, New York 1973, S. 3–30.
26
De Cleopatra, regina Aegyptiorum, S. 178.
27
Cass. Dio 51,16,3–5. Vgl. auch H. Sonnabend, Fremdenbild und Politik: Vorstellungen
der Römer von Ägypten und dem Partherreich in der späten Republik und frühen
Kaiserzeit, Frankfurt am Main et al. 1986.
28
Vgl. zuletzt K. Buraselis, The problem of the Ptolemaic sibling marriage: a case of dy-
Kleopatra, die letzte Pharaonin 121

Erklärungen für dieses Phänomen: Während der Hofdichter Theokrit die


Ehe von Ptolemaios II. und Arsinoe II. um 278 v. Chr. im Sinne einer in-
terpretatio Graeca als Nachahmung der heiligen Hochzeit von Zeus und
Hera pries,29 merkte sein Zeitgenosse Sotades kritisch an, der König wür-
de „seinen Stachel in ein unheiliges Loch stoßen“.30 Pausanias betonte spä-
ter, daß diese Form der Ehe nicht den makedonischen Gepflogenheiten
entspräche, sondern mit der ägyptischen Tradition zu verbinden sei.31 Bis
heute herrschen diese unterschiedlichen Positionen in der Forschung vor,
indem entweder eine hellenozentrische Sicht vertreten oder auf Vorbilder
für Geschwister­ehen im dynastischen Ägypten hingewiesen wird.
Von Interesse ist hierbei auch das Zeugnis Diodors, der als erster auf die
ägyptische Sitte der Geschwisterehe verwies und sie auf das Vorbild der
Isis zurückführte.32 Ent­sprechend deutete Kostas Buraselis kürzlich diesen
Brauch als Nachahmung der heiligen Hochzeit von Isis und Osiris, also als
interpretatio Aegyptiaca.33 Vermutlich lagen diesem Akt maßgeblich prak-
tische Beweggründe zugrunde, darüber hinaus wurde aber dieser Inzest
auch propagandistisch mit Hilfe verschiedener Medien verbreitet, z. B. auf
Goldmünzen.
Ist die Geschwisterehe aber tatsächlich nur aus der ägyptischen Per-
spektive zu erklären? Dagegen spricht etwa, daß die verwendeten Medien
eher dem griechischen Kontext zugehörig sind. Zieht man weiter neben
ablehnenden Haltungen der Autoren Sotades, Diodor und Pausanias die
Aussage von Theokrit zu Rate, so wird deutlich, daß im Prinzip weder ge-
gen die eine noch gegen die andere Tradition verstoßen, sondern sie viel-
mehr miteinander verbunden werden sollten. Isis und Osiris waren ebenso
Geschwister wie Zeus und Hera, wir finden also eine Handlung vor, die
die Mythen beider Kulturen rezipierte. Durch die Heirat des geschwister-
lichen Herrscherpaares wird das religiöse Vorbild historisiert, der ideale

nastic acculturation?, in: P. McKechnie und P. Guillaume (Hgg.), Ptolemy II Philadel-


phus and his world. Mnemosyne Suppl. 300, Leiden und Boston 2008, S. 291–302.
29
Theokr. eid. 17, 131–134.
30
Plut. mor. 11a; Athenaios 620 f.
31
I 7, 1.
32
I 27,1–2.
33
Buraselis, The problem of the Ptolemaic sibling marriage, S. 297 f.
122 Katja Lembke

Mythos wird also reale Geschichte. Gleichzeitig wird die Vergöttlichung


des Herrscherpaares mythologisch manifestiert,34 so daß Mythos und
Geschichte sich gegenseitig bedingen und damit eine neue Form der
Synthese erreichen: Die Geschwisterehe der Ptolemäer ist daher nach
meiner Interpretation eine imitatio des ägyptischen und des griechischen
Mythos.

Doch kommen wir zurück zu Kleopatra. Bevor wir ihren Weg auf die
Bühne der Weltgeschichte näher betrachten, werfen wir zunächst ei-
nen Blick auf die Denkmäler, die in den ersten Jahren ihrer Herrschaft
in Ägypten entstanden. Ein Schwerpunkt ptolemäischer Bautätigkeit lag
auf den gewaltigen Tempeln in Oberägypten. Der Horus-Tempel von
Edfu wurde noch von ihrem Vater fertiggestellt.35 Direkt im Anschluß dar-
an, am 16. Juli 54 v.  Chr., begann man mit dem Neubau des Heiligtums
der Hathor in Dendera. Wenngleich er erst unter den römischen Kaisern
vollendet wurde, baute Kleopatra doch über zwanzig Jahre an dem
Tempel. Das Großprojekt ist also unmittelbar mit ihrer Herrschaft zu
verbinden.36
Nun mag man einwenden, daß der Klerus in ptolemäischer Zeit recht
unabhängig war und seine finanzielle Eigenständigkeit eine unmittelbare
Beauftragung seitens des Herrscherhauses nicht unbedingt erforderte. Die
Vollendung des Edfu-Tempels und der direkt nachfolgende Baubeginn in
Dendera zeigen aber ganz offensichtlich eine aktive, von oben kontrollierte
Baupolitik.
Dafür mag es gleich mehrere Gründe geben: Erstens war der Hathor-
Tempel kultisch mit dem Horus-Tempel von Edfu verbunden, so daß das
Bauprojekt in Dendera in der Nachfolge von Edfu durchaus Sinn macht.

34
Vgl. R. A. Hazzard, Imagination of a monarchy: studies in Ptolemaic propaganda,
Toronto et al. 2000, S. 89 f.
35
Zu Ptolemaios XII. als Bauherrn siehe D. Arnold, Temples of the last pharaohs, New
York und Oxford, S. 211–221.
36
Allgemein zum neuen Hathor-Tempel von Dendera: Arnold, Last pharaohs, S. 212–
216, 221, 230 f., 255–257, 262; G. Hölbl, Altägypten im Römischen Reich. Der römische
Pharao und seine Tempel I, Zaberns Bildbände zur Archäologie, Sonderbände der
Antiken Welt, Mainz 2000, S. 72–87.
Kleopatra, die letzte Pharaonin 123

Abb. 2: Darstellung der Kleopatra mit den Insignien der Hathor auf der Rückwand des
Tempels von Dendera (Photo: M. Minas-Nerpel).

Zweitens bezeichnete sich Kleopatra als thea philopator, als „vaterliebende


Göttin“; somit war es naheliegend, das Bauprogramm von Ptolemaios XII.
weiterzuführen. Drittens mag die Auswahl eines Heiligtums der Hathor
auch direkt auf Kleopatra selbst zurückzuführen sein, denn mit Hathor oder
124 Katja Lembke

Isis identifizierte sich die weibliche Linie der Ptolemäer.37 Einen bildlichen
Niederschlag findet diese Angleichung in einer kolossalen Darstellung der
Kleopatra-Hathor auf der Rückwand des Tempels von Dendera (Abb. 2).
Dieser könnte daher im weiteren Sinne als Tempel der Kleopatra gesehen
werden, der darüber hinaus durch die Präsentation des Caesarion, des ge-
meinsamen Sohnes von Caesar und Kleopatra, dem Erhalt der Dynastie
dienen sollte.38 Ein weiteres Argument für diese These ist die Tatsache,
daß der Hathortempel vermutlich direkt nach dem Einzug Octavians in
Alexandria am 19. August 30 v. Chr. eröffnet wurde.39 Wenn man davon
ausgeht, daß Kleopatra vermutlich um den 10. August Selbstmord began-
gen hat,40 ist eine Verbindung der beiden Ereignisse kaum von der Hand
zu weisen: Der Hathortempel von Dendera ist das Haus der neuen Göttin
Kleopatra-Hathor.
Ungewöhnlich ist auch die völlige Abwesenheit ihres Mannes, Ptole-
maios’ XIII., auf den Denkmälern. Kleopatra ist stattdessen zunächst mit
ihrem Vater, dann allein und später mit ihrem Sohn Caesarion auf den
Tempelwänden präsent.41 Kein Zweifel: Nach Ausweis der Denkmäler war
Kleopatra seit 51 v. Chr. praktisch Alleinregentin, was zu heftigen Ausei-
nandersetzungen mit ihrem Bruder und Ehemann führte, die Caesar be-
kanntlich zu ihren Gunsten schlichtete.
In ihren Denkmälern gerierte sie sich als Ägypterin – anders als
ihre berühmte Vorgängerin Arsinoe II., ja mehr als alle Ptolemäer vor
ihr.42 Auffällig ist vor allem das fast völlige Fehlen von archäologischen

37
Vgl. L. Troy, Patterns of queenship in ancient Egyptian myth and history, Boreas: Uppsala
Studies in Ancient Mediterranean and Near Eastern Civilizations 14, Uppsala 1986.
38
So auch J. Ray, Cleopatra in the temples of Upper Egypt: The evidence of Dendera and
Armant, in: S. Walker und S.-A. Ashton (Hgg.), Cleopatra reassessed, London 2003, S.  9–11.
39
Hölbl, Altägypten im Römischen Reich I, S. 78 mit Anm. 237.
40
Clauss, Kleopatra, S. 100–103; Schäfer, Kleopatra, S. 241–248.
41
Zwar könnten Reliefs eines männlichen, namentlich nicht bezeichneten Pharao im Naos
des Hathor-Tempels in Dendera mit Ptolemaios XIII. in Verbindung gebracht werden;
ebenso wäre es aber auch möglich, daß es sich um Ptolemaios XII. in Begleitung seiner
Tochter, um Ptolemaios XIV., Bruder und zweiten Ehemann der Kleopatra, oder um
Ptolemaios XV. mit seiner Mutter Kleopatra handelt.
42
Zu den Ptolemäerinnen vgl. M. Minas-Nerpel, Macht und Ohnmacht. Die Re-
präsentation ptolemäischer Königinnen in ägyptischen Tempeln, AfP 51, 2005, 127–
Kleopatra, die letzte Pharaonin 125

Abb. 3: Kopf der Kleopatra, Berlin, Antikensammlung. 1976.10 (Photo: Antikensammlung,


Staatliche Museen zu Berlin / Johannes Laurentius).
126 Katja Lembke

Hinterlassenschaften in griechischem Stil, sieht man einmal von den


Münzen (Abb. 1) oder dem berühmten Kopf in Berlin (Abb. 3) ab. Dagegen
zeigen der Neubau von Dendera und später das Geburtshaus (Mammisi)
in Armant, mit dem die Pharaonin die Geburt Caesarions in den ägypti-
schen Kult integrierte (Abb. 4),43 eindrücklich die Fortführung der lokalen
Tradition durch Kleopatra VII. Trotz ihrer griechischen Wurzeln förderte
die Ptolemäerin ganz offensichtlich die ägyptische Religion, zu der auch
der Tierkult gehörte. Was hatte es damit auf sich?
Während im Neuen Reich die kultische Bestattung von Tieren noch
selten war,44 entstanden gerade in der frühen Ptolemäerzeit über hundert
Friedhöfe mit Millionen von mumifizierten Tieren, die größten von ih-
nen bei Memphis (Saqqara) in Unterägypten und bei Hermupolis (Tuna
el-Gebel) in Mittelägypten. Eine Stele aus dem Jahr 29 v.  Chr. für den
Buchis-Stier von Armant bezeugt Kleopatras Verbundenheit mit dieser
Tradition, denn in dem Text heißt es, Kleopatra VII. habe in ihrem ersten
Regierungsjahr am 22. März 51 v. Chr. persönlich an der Inthronisierung
des heiligen Stiers teilgenommen.45
Mit den Tierbestattungen werden vor allem zwei Funktionen ver-
bunden: das Orakelwesen46 und ein magisches Ritual im Sinne eines
Regenerationszyklus.47 Gerade letzteres zeigt, daß sich die Tierkulte vom
ursprünglichen Königskult gelöst und nun sogar eine zentrale Funktion
des Königs übernommen haben, indem sie die Grenzen von Diesseits und
Jenseits überwinden und für die ständige Erneuerung der Welt sorgen, wie
M. Fitzenreiter betont:

154; ead., Ptolemaic Queens in Egyptian temple reliefs: intercultural reflections of po-
litical authority, or religious imperatives?, in: P. Kousoulis und N. Lazaridis (Hgg.),
Proceedings of the Xth international congress of Egyptologists, Rhodes, 22–29 May 2008,
OLA (im Druck).
43
Zu Armant siehe Ray, Cleopatra in the temples of Upper Egypt, S. 70 f.
44
Eine Zusammenstellung der Quellen findet sich in D. Kessler, Tierische Mißverständnisse:
Grundsätzliches zu Fragen des Tierkultes, in: M. Fitzenreiter (Hg.), Tierkulte im pharao-
nischen Ägypten und im Kulturvergleich, IBAES IV, Berlin 2003, S.  37 f.
45
Bianchi, in: Cleopatra’ s Egypt, S. 213 f., Kat.-Nr. 213.
46
Kessler, Tierische Mißverständnisse, S. 41 f.
47
Fitzenreiter, Einleitung, in: Fitzenreiter, Tierkulte, S. 18.
Kleopatra, die letzte Pharaonin 127

Abb. 4: Geburtshaus (Mammisi) in Armant, Szene der Geburt des Caesarion (nach: R.
Lepsius, Denkmäler aus Aegypten und Aethiopien Abt. IV, Bd. 9, Berlin [1901], Bl. 60).

Natürlich bleibt die konzeptuelle Rolle des Königs bestehen und gera-
de unter den Ptolemäern werden Anstrengungen unternommen, den
Pharao fest in die lokalen Kultzentren zu involvieren. Aber nun ist es
die königliche (griechische) Seite, die monumentale Ausdrucksformen
der lokalen Tempelkulte benutzt, und nicht mehr umgekehrt! Die pto-
lemäische und später römische Verwaltung, die sich intensiv in den
nun ganz monumental präsentierten Tierkulten in Tempeln und auf
Tiernekropolen engagiert, ist nicht mehr Auslöser der kulturellen
Monumentalisierung, sondern deren Nutznießer.48
Damit umschreibt M. Fitzenreiter die von den Spätzeitherrschern ausgelö-
ste Expansion der Tiernekropolen, die dann unter den Ptolemäern in gro-
ßem Stil ausgebaut wurden. Die Ptolemäer waren also nicht die Initiatoren
der Tierbestattungen, nutzten dieses Ritual aber für eigene Zwecke. Ähnlich
äußerte sich J. Assmann:
Den König als lebendige Verkörperung der göttlichen Herrschergewalt
und als ‚Inkorporationsexemplar‘ des Gottes Horus brauchen sie (sc.
die Ägypter der Spätzeit) jetzt nicht mehr. Diese Funktionen einer le-
bendigen Vergegenwärtigung des Göttlichen werden jetzt von heili-
gen Tieren wahrgenommen.49
Folglich werden vom Pharao sakrale Funktionen an die Tiere abgegeben,
das Amt zeigt also Tendenzen einer Säkularisierung.

48
Fitzenreiter, Einleitung, in: Fitzenreiter, Tierkulte, S. 18.
49
J. Assmann, Ägypten. Eine Sinngeschichte, München und Wien 1996, S. 427.
128 Katja Lembke

Durch die Übertragung exklusiver ritueller wie weltlicher Aufgaben des


Pharao an nichtkönigliche Würdenträger sowie die Übertragung der ritu-
ellen Rolle Pharaos als „lebendige Vergegenwärtigung des Göttlichen“ an
Tiergötter wurde also bereits in der Spätzeit ein Rückzug Pharaos aus der
ursprünglichen Bedeutungsfülle vorgenommen. Diese Entwicklungen im
Sinne einer Demotisierung und einer Säkularisierung des Amts „Pharao“
sind unmittelbar mit den fremden Herrschern zu verbinden, die in dieser
Zeit das Land beherrschten. Wichtig für das Verständnis der ägyptischen
Identität war bislang die Abgrenzung gegen die Fremden, doch werden
durch die Fremdherrschaft, aber auch durch fremde Händler, Söldner und
Handwerker die nichtägyptischen Elemente in der Gesellschaft immer stär-
ker.50 Die Veränderungen im Konzept des Pharao dienten also vorwiegend
der Integration des fremden Herrschers. Auf diese Weise wurden Modelle
geschaffen, in die sich die Ptolemäer einfügen konnten.
Die Abgabe zentraler sakraler Funktionen Pharaos an die Tiere hatte auch
noch andere angenehme Folgen, denn damit ermöglichte der Tierkult in ge-
wisser Weise, daß sich das Herrscherpaar Kleopatra und Ptolemaios fast zwei
Jahre im fernen Rom aufhalten konnte, wie wir im folgenden sehen werden.
Dort stieß der Tierkult hingegen auf großes Unverständnis. So polemi-
sierte Cicero 45 v. Chr., also just in dem Jahr, als sich Kleopatra in Rom
befand: „Die Syrer verehren den Fisch, fast jeder Art von Tieren opfern die
Ägypter, und die Griechen halten sogar Menschen für Götter!“.51
Fassen wir kurz zusammen: Kleopatra manifestierte sich am Beginn ih-
rer Amtszeit in Ägypten als Pharaonin und förderte insbesondere traditio-
nelle Bauprojekte im religiösen Bereich. Dazu paßt, daß von ihr berichtet
wird, sie habe anders als ihre Vorgänger fließend Ägyptisch gesprochen.
Auf die Bühne der Weltgeschichte gelangte die Königin im Jahr 48
v.  Chr., als sich Caesar in Alexandria aufhielt. In einem Wäschesack oder
einer Teppichrolle schmuggelte sie sich zu Caesar und gewann ihn in den
Thronstreitigkeiten, die sie mit ihrem Ehemann und Bruder Ptolemaios  XIII.
ausfocht, als Verbündeten. Nach ihrem Sieg und dem Tod Ptolemaios’  XIII.

50
Siehe dazu allgemein G. Vittmann, Ägypten und die Fremden im ersten vorchristlichen
Jahrtausend, Mainz 2003.
51
De nat. deor. 3, 39.
Kleopatra, die letzte Pharaonin 129

wurde Kleopatra sogleich mit ihrem jüngeren Bruder verheiratet, der nun
als Ptolemaios XIV. gemeinsam mit ihr regierte.
Die Verbindung von Caesar und Kleopatra war aber nicht nur politisch
nachhaltig: Weniger als ein Jahr nach Caesars Ankunft in Alexandria, wohl
am 6. September 47 v. Chr., wurde der Sohn von Caesar und Kleopatra
geboren, der bezeichnenderweise den Namen des Vaters erhielt, in den
Texten aber meist Caesarion genannt wird.52 Der Vater war jedoch schon
im April desselben Jahres nach Rom abgereist, um dort seinen staatsmän-
nischen Aufgaben nachzukommen.53
Vermutlich gleich nach der Abreise Caesars begann Kleopatra mit
der Errichtung des Caesareum in Alexandria, eines Kultbaus für Iulius
Caesar.54 Das war pikant, denn die göttliche Verehrung eines lebenden
Menschen war zwar im Orient üblich, in Rom aber verpönt, wie bereits
die Polemik von Cicero zeigt, daß die Griechen „sogar Menschen für
Götter“ hielten55.
Den Ort des Caesareum markierten bis ins 19. Jahrhundert die so-
genannten Nadeln der Kleopatra, die allerdings erst Augustus vor dem
Kaiserkultbezirk der Stadt aufrichten ließ. Heute stehen die beiden Obelisken
in New York und London.56 Des weiteren beschrieb der Philosoph und
Theologe Philon das Heiligtum, wie es im Jahr 39 n. Chr. aussah:

52
Zur Geburt von Caesarion siehe Clauss, Kleopatra, S. 32 f.; Schäfer, Kleopatra, S. 87–93;
Schuller, Kleopatra, S. 134 f. Zum Namen siehe J. Deininger, Kaisarion. Bemerkungen
zum alexandrinischen Scherznamen für Ptolemaios XV., ZPE 131, 2000, S. 221–226.
53
Zum Datum der Abreise Caesars siehe Clauss, Kleopatra, S. 32; Schäfer, Kleopatra, S. 83 f.
54
Zur Identifikation des augusteischen Sebasteion mit dem älteren Caesareum siehe H.
Heinen, Vorstufen und Anfänge des Herrscherkultes im römischen Ägypten, in: W.
Haase (Hg.), Aufstieg und Niedergang der Römischen Welt II 18,5, Berlin und New York
1995, S. 3151–3154; F. Herklotz, Princeps und Pharao. Der Kult des Augustus in Ägypten,
Frankfurt am Main 2007, S. 65–69, 267–272; S. Pfeiffer, Der römische Kaiser und das
Land am Nil. Kaiserverehrung und Kaiserkult in Alexandria und Ägypten von Augustus
bis Caracalla (30 v. Chr. – 217 n. Chr.), Stuttgart 2010, S. 237–241. Unklar ist allerdings
der Baubeginn des Heiligtums: Während H. Heinen und S. Pfeiffer für einen posthu-
men Baubeginn plädieren, folgt diese Interpretation den überzeugenden Argumenten
von Schuller, Kleopatra, S. 70 f.
55
De nat. deor. 3, 39.
56
Siehe dazu Herklotz, Princeps und Pharao, S. 223.
130 Katja Lembke

Keines ist dem Heiligtum dieses Sebasteion vergleichbar, dem Tempel


des ‚Anlandenden Caesar‘ an dem mit sicheren Ankerplätzen aus-
gestatteten Hafen. Es ist besonders hoch errichtet und besonders
auffällig, so ringsherum angefüllt mit Weihgeschenken, Bildern,
Statuen in Silber und Gold wie sonst nirgendwo. Es hat einen rie-
sigen heiligen Bezirk, ausgestattet mit Wandelhallen, Bibliotheken,
Versammlungsräumen, geweihten Hainen, Torbauten, breiten Plätzen
unter freiem Himmel, kurz mit allem, was es an üppigem architekto-
nischen Schmuck gibt.57
Da die neuen römischen Herrscher nach 30 v. Chr. das Gebäude für ihren
eigenen Kult nutzten, ist zweifelhaft, ob diese prächtige Ausstattung bereits
auf Kleopatra zurückgeht. Allein die Tatsache der kultischen Verehrung
Caesars in Alexandria vor seiner Ermordung zeigt aber die Intention der
Königin, ihren Partner in Ägypten zu implementieren und damit zur
Sicherung ihrer und seiner Herrschaft im Osten des Römischen Reiches
beizutragen.
Nachdem ihre Herrschaft in Ägypten gesichert war, zog Kleopatra im
Jahr 46 v. Chr. nach Rom und blieb dort – wohl mit einer Unterbrechung
– bis kurz nach der Ermordung Caesars.58 Begleitet wurde sie von ihrem
Bruder und Ehemann, Ptolemaios XIV., und ihrem Sohn Caesarion. Sie
residierten in den horti Caesaris, den Gärten des Caesar jenseits des Tiber,
also im heutigen Trastevere. Damit provozierte Caesar wieder einmal das
römische Establishment, die Senatoren. Schließlich war er offiziell mit
Calpurnia verheiratet, lebte also offen in Bigamie. Und nicht nur das: Caesar
ließ eine goldene Statue der Kleopatra im Tempel der Venus Genetrix, der
Stammmutter seines Geschlechts, errichten. Sie stand sogar direkt neben
dem Kultbild. Hierin mag man ein Pendant zum Tempel für Caesar erken-
nen, den die Pharaonin in Alexandria erbaute: Caesar war durch Kleopatra
Gott in Ägypten, Kleopatra durch Caesar Göttin in Rom. Obgleich wir kei-

57
Leg. 149–151.
58
Zu den Aufenthalten der Kleopatra in Rom vgl. E. S. Gruen, Cleopatra in Rome. Facts
and fantasies, in: D. Braund und Ch. Gill (Hgg.), Myth, history and culture in Republican
Rome. Studies in honour of T. P. Wiseman, Exeter 2003, S. 257–274; H. Heinen, Cleopatra
regina amica populi Romani et Caesaris. Die Rom- und Caesarfreundschaft der
Kleopatra, in: Andreae et al., Kleopatra und die Caesaren, 154–156; Schäfer, Kleopatra,
S. 95–106; Schuller, Kleopatra, S. 72–77.
Kleopatra, die letzte Pharaonin 131

ne weiteren Angaben über das Aussehen der Statue besitzen, spricht die
Materialität Gold eher für eine Darstellung in griechischer Ikonographie,
denn in Griechenland sind Gold-Elfenbein-Statuen als Kultbilder schon in
klassischer Zeit belegt. Außerden wäre mit Sicherheit von Seiten der klassi-
schen Autoren vermerkt worden, wenn die Statue Kleopatra als Ägypterin
im Venus-Genetrix-Tempel gezeigt hätte. So ägyptisch sich Kleopatra also
in Ägypten geben darf, in Rom war sie Griechin oder einfach „die Königin“,
wie sie Cicero unter Vermeidung ihres Namens bezeichnete.
Nach Caesars Tod an den Iden des März 44 v. Chr. zog sich Kleopatra zu-
rück nach Alexandria. Das Experiment, den Okzident mit dem Orient in
dem Paar Caesar und Kleopatra zu vereinigen, war gescheitert. Kurz nach
der Rückkehr starb auch Ptolemaios XIV., vermutlich nicht ohne ihr Zutun.
Damit war der Weg frei zur Inthronisierung von Caesarion als Ptolemaios  XV.,
der die Beinamen Philometor und Philopator erhielt, also mutter- und vater-
liebend zugleich war und somit das göttliche Paar erneut in Szene setzte.
Doch lange blieb Kleopatra nicht allein: In den Wirren nach Caesars
Tod schälten sich allmählich zwei potentielle Nachfolger heraus: C. Iulius
Caesar Octavianus und Marcus Antonius. Letzteren traf sie im Herbst
41 v.  Chr. im kilikischen Tarsos. Beschreibungen römischer Schriftsteller
stammen aus späterer Zeit und mögen überzogen sein, aber es ist offen-
sichtlich, daß Kleopatra ganz bewußt ihre Reize eingesetzt hat, um Marcus
Antonius zu gewinnen (Abb. 5).59
Doch wie schon bei Caesar ging es nicht nur um Erotik, sondern um
den Mythos der Macht. Diesen hatte bereits Antonius entdeckt, als er
41  v.  Chr. als ‚neuer Dionysos‘ in Ephesos einzog. Die kurz darauf folgende
Begegnung mit Kleopatra hat die Ägypterin geschickt in der Aufmachung
als Aphrodite für sich zunutze gemacht. Damit setzte sie die Tradition der
mythologischen Überhöhung zwischenmenschlicher Beziehungen fort:
Die Ptolemäer glichen sich durch die Geschwisterehe an Isis und Osiris
bzw. Zeus und Hera an; für Caesar errichtete Kleopatra einen Kultbau in
Alexandria, während die Königin in Rom eine Statue neben der Venus
Genetrix erhielt; bei Marcus Antonius schließlich, der pikanterweise mit
Octavia, der Schwester Octavians, verheiratet war, wurde der Ehebruch

59
Zur Begegnung von Marcus Antonius und Kleopatra in Tarsos vgl. Schäfer, Kleopatra,
S. 123–131; Schuller, Kleopatra, S. 83–85.
132 Katja Lembke

verbrämt als Verbindung der Kleopatra-Isis mit Antonius-Dionysos bzw.


Antonius-Osiris. Im griechischen Osten des Reiches dürfte man dar-
an kaum Anstoß genommen haben, war doch die Vergöttlichung von
Menschen dort schon seit Jahrhunderten üblich. In Ägypten wurde sogar
jeder Verstorbene nach erfolgreichem Abschluß des Totengerichts zu Osiris
bzw. Hathor. Zudem gab sich bereits Kleopatras Vater, Ptolemaios XII., den
Beinamen ‚neuer Dionysos‘. Ein Affront war dagegen das Verhalten des
römischen Feldherrn in der Hauptstadt, wie uns die von Cassius Dio über-
lieferte Propaganda des Octavian zeigt:
Wem kämen nicht die Tränen, wenn er hört und sieht, daß Antonius
selbst, der zweimalige Konsul und mehrfache Imperator, dem gemein-
sam mit mir die Leitung des Staates anvertraut und so viele Städte, so
viele Legionen in die Hand gegeben wurden, wenn er erleben muß,
daß dieser Mensch jetzt sämtliche Lebensformen seiner Vorfahren ab-
gelegt und dafür allen fremden und barbarischen Sitten nachgeeifert
hat, daß er weder uns noch den Gesetzen noch unseren väterlichen
Göttern Ehre erweist, jenem Frauenzimmer aber wie einer Art Isis
oder Selene huldigt und ihre Kinder Helios und Selene heißt? Und
schließlich hat er selbst den Beinamen Osiris und Dionysos angenom-
men und nach all dem, so als wäre er der Herr der ganzen Erde und des
ganzen Meeres, ganze Inseln und Teile der Kontinente verschenkt.60
Trotz aller Färbung des Autors wird hier deutlich, daß Antonius an der
Seite Kleopatras eine andere Rolle einnahm als sein Vorgänger Iulius
Caesar: Mit diesem ist Kleopatra nach Rom gegangen und hat so einen ein-
deutigen Schritt zur Integration Ägyptens in die römische Welt gemacht;
mit Antonius dagegen betont sie die östlichen Wurzeln ihres Geschlechts
und setzt sich in Gegnerschaft zu Caesars Adoptivsohn.
Womit wir wieder bei der Nase wären ... Der Umschwung von Integration
zu Konflikt endete nicht nur für die beiden Protagonisten in Alexandria
tödlich; damit war das Ende der östlichen Reiche besiegelt. Ägypten, bis
30 v. Chr. zwar de facto bereits von Rom kontrolliert, aber de iure noch
unabhängig, wurde zur Provinz – Rom war nun endgültig die einzige
Weltmacht. Wie sagte Pascal: „Wäre Kleopatras Nase kürzer gewesen, hätte
sich das Gesicht der ganzen Welt verändert.“ Doch man könnte auch an-
60
Cass. Dio 50, 25, 2–4 (Übersetzung: O. Veh).
Kleopatra, die letzte Pharaonin 133

Abb. 5: Venezianischer Künstler, Antonius und Kleopatra, um 1700; Landesmuseum


Hannover KA 176/1967 (Photo: Landesmuseum Hannover, U. Bohnhorst).

ders argumentieren, daß Kleopatra und Antonius sich ein letztes Mal ge-
gen Rom aufbäumten und den Orient gegen den Okzident ins Feld führten.
Erst rund 800 Jahre später vermochten Herrscher aus dem Osten, politisch,
militärisch und kulturell dem Westen wieder Paroli zu bieten. Aber noch
heute spüren wir die Nachwehen des alten Konflikts, der auf Unkenntnis,
negativer Propaganda und grundsätzlichem Mißtrauen beruht.

Kommen wir noch einmal zum angeblichen Grab in Taposiris Magna und
den Thesen von Kathleen Martinez zurück. Wie heterogen war Ägypten um
die Zeitenwende? Ist es wirklich wahr, daß Marcus Antonius nicht mumifi-
ziert werden konnte, weil er kein Ägypter und kein Pharao war?
Diese Frage läßt sich am besten anhand eines der zahlreichen Friedhöfe
Alexandrias beantworten. In der Nekropolenstadt von Gabbari, die in
den vergangenen Jahren von französischen Archäologen ausgegraben
134 Katja Lembke

wurde,61 sind mit 434 Loculi und insgesamt 1500 bis 2000 Toten drei
Bestattungsformen nebeneinander belegt, nämlich Körperbestattungen
mit und ohne Mumifizierung sowie Brandbestattungen. Letztere befanden
sich nicht in den Loculi, sondern in kleinen Wandnischen. Auffällig ist
aber die geringe Zahl von nur acht Nischen und rund zwanzig sog. Hadra-
Vasen, die in Alexandria als Aschenurnen verwendet wurden. Die griechi-
sche Sitte der Verbrennung spielte also in Gabbari nur eine sehr unterge-
ordnete Rolle.
In römischer Zeit ist außerdem die Mumifizierung belegt. Bereits
Strabon erwähnte in frühaugusteischer Zeit Einbalsamierungsstätten,62
während im ptolemäischen Alexandria diese Bestattungssitte bislang nicht
nachgewiesen ist.
Waren in Gabbari also Ägypter bestattet, wie die Mumifizierung vermuten
läßt? Jean-Yves Empereur glaubt diese Frage verneinen zu können. Sein wich-
tigstes Argument sind die Namen, die sich an den Wänden der vier Gräber
befinden und die ausnahmslos griechisch sind. Weitere Indizien für die grie-
chische Herkunft der Verstorbenen sind die überlieferten Bilder, vornehm-
lich auf Lampen. Auch sie sind hauptsächlich der griechischen Mythologie
entlehnt, nur wenige zeigen ägyptische Motive. Schließlich gehören Brand-
und Körperbestattung zu den griechischen Bestattungssitten. Für einen
Ägypter war dagegen die Erhaltung der sterblichen Hülle ein vordringliches
Ziel, die Verbrennung folglich ausgeschlossen. Die Mumifizierung scheint –
so Empereur – in Gabbari also eher von Griechen übernommen worden zu
sein, als für die ägyptische Herkunft der Toten zu sprechen.
Zu demselben Ergebnis kam auch Marjorie Venit in ihrer Studie über
die alexandrinischen Nekropolen:
This fluidity between ‘Greeks’ and ‛Egyptians’ in Alexandria carries
over into the city’s cemeteries, where cultural distinction also col-
lapse. Neither disposition of the dead, nor grave goods, nor topogra-
phy helps discriminate ethnicity or cultural background in Alexandria
(…). Mummification, traditionally an ancient Egyptian religious prac-
tice, seems also to have been practiced by wealthy people who would

61
J.-Y. Empereur, Nécropolis 1, Kairo 2001; Nécropolis 2,1–2, Kairo 2003.
62
Strab. 17,1,10.
Kleopatra, die letzte Pharaonin 135

have considered themselves Greeks or Romans. Ancient authors ac-


cept that Alexander’s body was embalmed, and according to Cassius
Dio (51.15), both Antony and Cleopatra were mummified.63
Wir können also davon ausgehen, daß Kathleen Martinez auch in diesem
Fall falsch lag und dieselbe Bestattungspraxis für Marcus Antonius wie für
Kleopatra angewandt wurde.64 Wenn wir dieses Paar als Verkörperung des
Orients verstehen, das sich – wie wir gesehen haben – anders als das Paar
Caesar und Kleopatra bewußt in Opposition zu Rom setzte, ist die ägypti-
sche Bestattungspraxis für beide auch nur folgerichtig. Darüber hinaus er-
möglichte die weitgehende, seit 300 Jahren währende Akkulturation um die
Zeitenwende kaum noch eine Unterscheidung der griechischen und ägypti-
schen Bevölkerung. Selbst die rund 300.000 alexandrinischen Juden genos-
sen in ptolemäischer Zeit eine große Akzeptanz und Toleranz, was sich erst
nach der Eingliederung Ägyptens in das römische Weltreich änderte.
Wie schon der Titel der 4. Internationalen Demotistenkonferenz in
Chicago 1990 verhieß, bot Ägypten zu Kleopatras Zeiten „life in a multi-
cultural society“ – zwar mit Einschränkungen, etwa im politischen oder ju-
ristischen Bereich, aber auch mit vielen Möglichkeiten für die Angehörigen
der verschiedenen Ethnien. Insofern ist Wolfgang Schullers Untertitel sei-
ner Kleopatra-Biographie „Königin in drei Kulturen“ schwierig, als er sug-
geriert, es habe zu ihrer Zeit deutliche Abgrenzungen zwischen Ägyptern,
Griechen und Römern gegeben.

Kommen wir abschließend zu der Frage, inwieweit es eine Rolle spielte,


daß Kleopatra eine Frau war. Ist es richtig, wenn die SPIEGEL-Autorin
Eva-Maria Schnurr es für ein „Zeichen von Krise“ hält, „wenn Frauen sich
in die Politik einmischten“?65
63
M. S. Venit, Monumental tombs of ancient Alexandria. The theater of the dead, Cambridge
2002, S. 11.
64
Die relativ wenigen Mumien aus Alexandria sind damit zu erklären, daß die Mu-
mifizierung teuer war. Insofern ist die Bestattungsform weniger von der ethnischen als
von der sozialen Herkunft beeinflußt. Vgl. auch K. Savvopoulos, Alexandrea in Aegypto.
The role of Egyptian tradition in the Hellenistic and Roman periods, Dissertation Leiden
2001, S. 27, 327.
65
http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/frauen-in-der-politik-in-aegypten-lange-
tradition-in-rom-eine-krise-a-824839-3.html
136 Katja Lembke

Abb. 6: Stele der Kleopatra, Louvre E 27113 (Photo: Musée du Louvre, Dist. RMN – Grand
Palais | Les frères Chuzeville).
Kleopatra, die letzte Pharaonin 137

Wie eine Stele in Paris zeigt, hat sich Kleopatra zunächst alter Mittel bedient
und wie bereits ägyptische Königinnen zuvor die männliche Ikonographie
adaptiert. Auch wenn sie möglicherweise die Stele in Paris von ihrem Vater
übernommen hat, wie R. S. Bianchi vermutet, hat doch eine Umarbeitung
der Figur in eine weibliche Darstellung nicht stattgefunden (Abb. 6).66 Auf
späteren Denkmälern erscheint Kleopatra, wie wir bereits gesehen haben,
neben ihrem Sohn als Mitregentin. Wir beobachten also eine Veränderung
von Machtanspruch als Alleinregentin in den ersten Regierungsjahren zu
Rückzug in die zweite Reihe, um den Weg für Caesarion zu öffnen.
Auch in der römischen Propaganda geht es nur um sie, nicht um die
Scheinherrscher Ptolemaios XIII. und später Ptolemaios XIV. an ihrer
Seite. Beliebt war sie hingegen nicht: Wir haben schon bei Cicero gese-
hen, daß er den Namen der Königin bewußt vermieden hat, Cassius Dio
nennt sie mit verächtlichem Unterton ἡ ἄνθρωπος, also „Frauenzimmer“
oder „Hetäre“.67 Und dann wäre da noch Horaz und sein fatale monstrum
... 68 Keine Frage: Kleopatra gewann und verlor gerade wegen ihrer weib-
lichen Künste, wurde wegen dieser begehrt und verschmäht. Dank ihrer
Weiblichkeit hat sie Orient und Okzident vereint und auseinandergebracht.
Und anders als die zu ihrer Zeit so berühmte und verehrte Arsinoe II. hat
sie für sich bleibenden Ruhm errungen.
So ist selbst bei Horaz – und damit kommen wir zum Schluß – trotz
des Triumphgeheuls im zweiten Teil seines Gedichts über Kleopatra auch
Hochachtung vor der Frau zu erkennen, die lieber stirbt als sich unterwirft,
hier in der traditionellen Übersetzung von Emmanuel Geibel:69
Doch sie, die würdevoller zu sterben sinnt,
Erbleicht nicht weibisch vor dem gezückten Schwert,
Noch sucht sie mit beschwingten Segeln
Fern im verborgenen Hafen Rettung.
Nein, lächelnd auf die Trümmer der Königsburg
Voll Ruhe blickt sie, setzt mit verwegner Hand

66
Louvre E 27113: Bianchi, in: Cleopatra’s Egypt, S. 188 f., Kat.-Nr. 78.
67
50, 25, 3.
68
C. 1, 37, 21.
69
C. 1, 37, 21–32.
138 Katja Lembke

Die grausen Schlangen an und läßt sich


Tödliches Gift in die Adern strömen.
So trotzt, zum Tod entschlossen, sie kühner nur
Und gönnt es nicht der rohen Liburnerschar,
Entthront im stolzen Siegstriumphe
Sie, die Erlauchte, dahinzuführen.