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J.B.METZLER

Ä sthetische Grundbegriffe ( Ä GB)

Historisches Wörterbuch in sieben Bänden

Herausgegeben von

Karlheinz Barck

(Geschäftsführung)

Martin Fontius Dieter Schlenstedt Burkhart Steinwachs Friedrich Wolfzettel

Redaktion Berlin

Redaktion Frankfurt/Main

Dieter Kliche

Britta Hofmann

(Leitung und Koordination)

Maria Kopp

Carsten Feldmann

Bertolt Fessen

Martina Kempter

Ästhetische Grundbe g riffe

Band 1

Absenz - Darstellung

Studienaus g abe

VerlagJ. B. Metzler Stuttgart · Weimar

In der Vorbereitungsphase des Projekts leisteten die wissenschaftlichen Mitarbeiter Oksana Bulgakowa, Jörg Heininger nnd Ernst Müller redaktionelle Vor­ arbeiten. Als studentische Mitarbeiter waren in den unterschiedlichen Phasen des Projekts Natalia Kou­ rianovitch, Karina Nippe, Steffen Schmidt, Katha­ rina Schramm, Peggy Steinhauser, Britta Strenge, Bettina Weigelt und Claudia Zundel (Redaktion

Berlin) ; Sophie Härtling, Constanze Hylla und San­ dra Luckert (Redaktion Frankfurt am Main) an den Redaktionsarbeiten beteiligt. Aus dem Zentrum für Literaturforschung Berlin unterstützte außer­ dem Gabriele Gast die Redaktionsarbeiten. Das Projekt begleitend, hat Silvia Pohl mit der LIDOS­ Datenbank zur Geschichte der Ästhetik den Auto­ ren bibliographische Hilfe gegeben.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb .ddb.de> abrufbar

Gesamtwerk:

ISBN 978-3 -476-02353-7

ISBN 978-3-476-02354-4 ISBN 978-3-476-00520-5 (eBook) DOI 10.1007/978-3-476-00520-5

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© 2000/2010 Springer-Verlag GmbH Deutschland Ursprünglich erschienen bei J.B. Metzler'sehe Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2010

www.metzlerverlag.de

info@metzlerverlag.de

V

Inhaltsverzeichnis

Vorwort VII Benutzungshinweise XIV Siglenverzeichnis XV Verzeichnis der abgekürzt zitierten antiken und

biblischen Quellen

Artikel

XX

Absenz (WOLFGANG ERNST, Köln)

Quellen Artikel XX Absenz (WOLFGANG ERNST, Köln) Affekt (HARTMUT GRIMM, Berlin) 16 Allegorie (ANSELM

Affekt (HARTMUT GRIMM, Berlin) 16 Allegorie (ANSELM HAVERKAMP, Frankfurt a. 0./

New York; BETTINE MENKE, Erfurt)

49

Alltäglich/Alltag (PETER]EHLE, Berlin) 104 Anagramm (ANSELM HAVERKAMP, Frankfurt a. 0. /

New York)

133

Aneignung (MICHAEL FRANZ, Berlin; EcKHARD

TRAMSEN' Berlin)

l 5 3

Anmut/Grazie (GERD KLEINER, Berlin)

193

Anschauung (WALTRAUD NAUMANN-BEYER,

Berlin)

208

Apollinisch - dionysisch (MICHAIL BEZRODNYJ, München; MICHELE CoHEN-HALIMI, Paris; BARBARA voN REIBNITZ, Basel; JocHEN ZWICK,

Stuttgart)

246

Arabeske (GÜNTER ÜESTERLE, Gießen) 272 Architektur (CHRISTOPH FELDTKELLER,

Freiburg)

286

Ästhetik/ästhetisch (KARLHEINZ BARCK, Berlin;

JöRG HEININGER, Harndorf; DIETER KucHE,

Berlin)

308

Aura (PETER SPANGENBERG, Bochum) Ausdruck (HANS ULRICH GUMBRECHT,

Stanford)

416

400

Autonomie (FRIEDRICH WOLFZETTEL, Frankfurt

a. M.; MICHAEL EINFALT, Freiburg)

43 l

Autor/Künstler (MICHAEL WETZEL, Kassel) 480 Avantgarde (KARLHEINZ BARCK, Berlin) 544

Barock (WALTER MOSER, Montreal)

Bild (OLIVER ROBERT SCHOLZ, Berlin)

Bildende Kunst (HILMAR FRANK, Berlin)

Bildung/Erziehung, ästhetische (URSULA FRANKE,

578

618

669

Münster)

696

Boheme (ALExis]oACHIMIDEs, Berlin)

728

Chaos - Ordnung (BrANCA THEISEN,

75 l

Charakter (THOMAS BREMER, Halle)

Curiositas/Neugierde (BARBARA VINKEN,

Baltimore)

772

Hamburg)

794

Dandy (HILTRUD GNüG, Bonn)

Darstellung (DIETER SCHLENSTEDT' Berlin)

814

83 I

!. >Historisch<

VII

Vorwort

Die Ästhetischen Grundbegriffe erscheinen in sieben

Bänden. Dem hier vorgelegten ersten Band folgen fünf weitere Te xtbände. Der siebte Band wird ein kombiniertes Personen- und We rkregister sowie ein Begriffsregister enthalten. Als Nachschlagewerk richtet sich dieses histori­

sche Wörterbuch nicht allein an Lehrende und Studierende aller ästhetiknahen Disziplinen, son­ dern auch an eine interessierte Öffentlichkeit. Es versteht sich als Mittel der Kommunikation zwi­ schen den einzelnen Wissenschaftsbereichen, zwi­ schen Wissenschaft und Öffentlichkeit sowie zwi­ schen Theorie und Praxis und soll Grundlage und Anregung für weitere Fragestellungen geben. Das historische Wörterbuch will das gegenwär­ tige ästhetische Wissen in einem inter- und trans­ disziplinär angelegten Nachschlagewerk in be­ griffsgeschichtlicher Perspektive erschließen. Als Arbeitsinstrument soll es in einer Zeit des expo­ nentiellen Literaturwachstums, der globalen Öff­ nung und des sich beschleunigenden Wandels der Kultur den gegenwärtigen Ästhetikhorizont erhel­ len und geschichtliche Orientierung bieten. Es geht um eine Bilanz der Geschichte ästhetischen Denkens im Spiegel seiner Begriffiichkeit und vor dem Hintergrund der aktuellen Entgrenzung des

Ästhetikbegriffs. Im Vo rdergrund steht dabei

der

Zeitraum des ästhetischen >DiskurseS< im engeren Sinn, d. h. die Zeit seit der >Erfindung< der Ästhetik

im r8. Jahrhundert. Die Begriffe der rhetorischen und poetischen Tradition seit der Antike rücken dadurch in die Position einer >Vorgeschichte<. Dem epistemologischen und transdisziplinären Ansatz entspricht eine internationale europäische Perspek­ tive; sie erlaubt es, die Entwicklung ästhetischer Begriffe in ihren jeweiligen historischen und na­ tionalen Epizentren zu verorten und den Transfer zwischen den Kulturen zu zeigen. Der gegenwärtige Ästhetikhorizont erfordert ei­ nen aktuellen Einstieg, der die vergangene Ent­ wicklung aus der gegenwärtigen Konstellation er­ hellt. Das Wörterbuch nimmt damit für sich in Anspruch, eine neue Form lexikaler Repräsenta­ tion und Wissensvermittlung zu bieten. So hat die

Gegenwartsbestimmtheit der historischen Begriffs­ arbeit nicht zuletzt auch Folgen für die diskursive Präsentation, insofern die Narrativität mit anderen »diskussiven« CTohann Gustav Droysen) Formen des wissenschaftlichen Diskurses von Wo rt- und Be­ deutungsgeschichten bis hin zu essayistischen For­ men eine Ve rbindung eingeht. Auf aktuelle Fragen kann das Wörterbuch natürlich dennoch nur eine enzyklopädisch pluralisierte Antwort geben, indem es versucht, einen historischen Zugang zu Funkti­ onsbestimmungen des Ästhetischen in der moder­ nen Welt zu eröffiien. Auch sind die Ästhetischen Grundbegriffe keine >Summe< dessen, was Ästhetik systematisch weiß oder wußte; sie befriedigen keine realenzyklopädischen Erwartungen, sind we­ der umfassender Forschungsbericht noch We gwei­ ser zukünftiger Entwicklung. Die lexikalische Ordnung bietet aber eine Synopse des bisherigen Wissens, durch die idealiter ein begriffsgeschichtli­ cher Dialog möglich wird.

1. >Historisch<

Das Wörterbuch ist den großen begriffsgeschicht­ lichen Unternehmungen verpflichtet, die in den letzten Jahrzehnten in Deutschland auf den Weg gebracht wurden: Joachim Ritters und Karlfried

Gründers

Historischem

Wörterbuch

der Philosophie,

Geschichtlichen

Grundbegriffen

Reinhart Kosellecks und Rolf Reichardts

Handbuch

politisch-sozialer

>Mo­

numente< dieser Forschung sind das praktische Ergebnis der Kritik herkömmlicher Geistes- und Ideengeschichte und der Selbstreflexion der Ge­ schichtswissenschaften in den 6oer und 7oer Jah­ ren. Begriffsgeschichtliche Forschung schien in besonderer We ise geeignet zu sein, das gesellschaft­

liche und kulturelle Begriffsrepertoire kritisch zu überprüfen und die deutsche Forschung interna­ tional zu öffnen.

Grundbegriffe folgen dabei ei­

ner eigenen, ihrem Gegenstand entsprechenden Orientierung. Sie sind ein historisches Wörterbuch in einem zunächst elementaren Sinn. »Alle Be­ griffe, in denen sich ein ganzer Prozeß semiotisch

zusammenfaßt, entziehen sich der Definition, defi-

Grundbegri ffe

in

Frankreich

1680-1820.

Die

Die Ästhetischen

VIII

Vo rwort

nierbar ist nur das, was keine Geschichte hat«,

schreibt Friedrich Nietzsche am Beispiel des Be­

griffs der Strafe in der Genealogie der Moral. »Ge­

schichte ist«, so das Axiom von Adornos Ästheti­

scher Theorie, »der ästhetischen Theorie inhärent. Ihre Kategorien sind radikal geschichtlich; das leiht ihrer Entfaltung das Zwanghafte, das zwar, wegen seines scheinhaften Aspekts, zur Kritik steht, aber Kraft genug hat, um den ästhetischen Relativismus zu brechen«. Die Einsicht in die Geschichtlichkeit des Begriffs wird zum praktischen Angelpunkt einer Begriffshistorie, die sich von der noch gei­ stesgeschichtlich bestimmten Ve rknüpfung von Problemgeschichte und Te rminologiegeschichte absetzt. Die Begriffssprache wird dabei als ein Me­ dium aufgefaßt, das nach Reinhart Koselleck in besonderer We ise geeignet ist, »Erfahrungsfähigkeit und Theoriehaltigkeit zu thematisieren«. Sie ope­ riert bereits auf einer höheren Reflexions- und Abstraktionsebene, deren je historische Prämissen die Begriffsanalyse aufzudecken hat, indem sie der Spur der Begr iffe, sei es als Indikator für Ve rhält­ nisse oder auch als Faktor in Ve rhältnissen, nach­ geht. Geschichtlichkeit hermeneutisch ernst zu neh­ men heißt dabei, wie schon angedeutet, vorn gegenwärtigen Erkenntnisinteresse und nicht von einem hypothetischen geschichtlichen Beginn aus­ zugehen. Der bisherigen Begriffshistorie galt als natürlicher Fluchtpunkt die Genese des Begriffs, die Frage nach seinen Ursprüngen, Erstbelegen oder Etyma wie die nach der ersten Exposition der

in ihnen aufgehobenen Problemzusammenhänge. Diese prospektive Geschichte von Begriff und Pro­ blem vorn Anfang her lief immer wieder Gefahr, begriffiiche Abweichungen auszugrenzen oder In­ varianzen festzuschreiben, indem sie einen konti­ nuierlichen, entlang der Chronologieachse sich fortschreibenden Prozeß von Lösungsvorschlägen unterstellte, in den das gegenwärtige Interesse - sofern es in den Blick kam - nur einzurücken brauchte. Die Funktion der gesamten begriffsge­ schichtlichen Anstrengung für die eigene Gegen­ wart blieb dabei in der Regel unaufgeklärt.

Die Ästhetischen

Grundbegriffe kehren nun die

Fragerichtung mit dem Ziel um, den Zusammen­ hang von Begriff und Problem von einem heuti­ gen Standpunkt aus zu situieren, also Begriffsge-

schichte gewissermaßen als >Vorgeschichte< gegen­ wärtiger Begriffsverwendung zu schreiben. Dieses Vo rgehen impliziert den Abschied von der Vo rstel­ lung einer >vollständigen< Ve rlaufsgeschichte als ei­ ner geschlossenen Kette von Ereignissen, Motiven und Zwecken und damit vorn Objektivitätsideal des Historismus. Als Geschichte der Bedeutung ausgewählter Termini gehen die Ästhetischen Grundbegriffe zunächst von der Beschreibung und Analyse ihres gegenwärtigen Verwendungszusam­ menhangs aus und fragen nach der Geltung des je­ weiligen Begriffs im aktuellen ästhetischen Be­ griffssystem. Das Ziel ist, Bezugspunkte und Kriterien zu er­ arbeiten, welche die nachfolgende geschichtliche Konstruktion leiten und die Vo raussetzung dafür bieten, daß die Genese eines Wo rtes oder Begr iffes als ein Problemzusammenhang begriffen werden kann. Dieses Vorgehen läuft darauf hinaus, die be­ griffsgeschichtlichen Quellen auf die Gründe für die Bildung, Ablehnung, Kontinuität, Urnkodie­ rung oder Entwertung eines Begriffs hin zu befra­ gen. Zwangsläufig kommen so von Anfang an die Motive in den Blick, weshalb bestimmte Begriffe ihre Geltung verloren oder an andere Begriffe ab­ traten, völlig funktionslos wurden oder umgekehrt durch Expansion in andere Bereiche einen Bedeu­ tungszuwachs erfuhren. Den Diskontinuitäten und Sprüngen in der Begriffsentwicklung wird so eine größere Aufmerksamkeit zuteil, als das bei einer auf Kontinuität bedachten Darstellung der Fall wäre. Die Bedingungen der ästhetischen Modeme, die eher auf Differenzen als auf Identitäten setzt, orientieren auch den historischen Blick und schär­ fen die Sensibilität für die Beobachtung von Still­ stand, Wiederholung, Pluralität und Heterogenität. Begriffsgeschichte in ihrer einheitsstiftenden Nar­ rativität tritt zurück gegenüber einer Vielzahl von Formen des wissenschaftlichen Diskurses von Wo rt- und Bedeutungsgeschichten. Den zentralen geschichtlichen Rahmen bildet der durch das Aufkommen der Ästhetik im I 8. Jahrhundert vorgegebene Zeitraum, d. h. die Epo­ che der Aufklärung und >Modeme<, die im Mittel­ punkt der begriffsgeschichtlichen Rekonstruktion steht und von Fall zu Fall um die jeweilige >Vorge­ schichte< erweitert wird. Die meisten der ausge­ wählten ästhetischen Begriffe sind zwar solche der

II. >Ästhetisch<

IX

>longue duree<, die auf die antike und/oder mittel­ alterliche Tradition zurückgehen; sie unterliegen aber im r8. Jahrhundert in der Regel einem grundlegenden Bedeutungs- und Funktionswan­ del. Andere Begriffe (wie z. B. Autonomie, Genie,

sich

erst in der Epoche der Aufklärung, in der sich das moderne System der Künste neben der philosophi­

schen Disziplin der Ästhetik und den Wissenschaf­ ten herausbildet. Funktionswandel bzw. Neologis­ men sind dabei entscheidend von den parallelen Prozessen der Ablösung der mechanischen von den schönen Künsten, der Herausbildung des mo­ dernen Literatur- und Kunstbegriffs und der Tren­ nung philosophischer Ästhetik von der techni­ schen Kunstlehre bestimmt. Erst jetzt kann man von einer autonomen ästhetischen Begrif!lichkeit sprechen, welche die ästhetische Reflexion als Form gesellschaftlichen Selbstbewußtseins trägt.

Geschmack,

Originell/Originalität)

formieren

II. > Ä sthetisch<

Die Asthetischen Grundbegr!ffe sind geprägt von der

problematisch gewordenen Grundannahme der genannten Ästhetikperiode von fast drei Jahrhun­ derten. Die krisenhaften Ve ränderungen der Ge­ genwart zeigen sich in der Transformation der Wahrnehmungsweisen, des Selbstbewußtseins, in den Formen des Denkens und Fühlens und in den Verfahren der We ltaneignung, in der Dezentrie­ rung kultureller Normen und in der Auflösung und Umstrukturierung des unter vor- und frühin­ dustriellen Bedingungen entstandenen >Systems der Künste<. Die Vielfalt traditioneller Kunst- und Kommunikationsformen tritt neben neueste For­ men der Intermedialität, panästhetische Auflösung des ästhetischen Feldes neben Ve rsuche, ästheti­ sches Denken wieder auf begrifiliche Systeme fest­ zulegen, Ästhetik neben Anästhetik, Konjunktur der Kunstkritik neben das Ve rstummen der Philo­ sophie vor der Gegenwartskunst. In zunehmen­ dem Maße kann man auch von einem Transfer äs­ thetischer Erfahrung zwischen den Kunstbereichen und Nationalkulturen oder zwischen Kunstsphäre und Alltagswelt sprechen. Nach dem Erwerb der Sprache, des Kalküls und

der Schrift erleben wir heute den Übergang zu ei­ ner »vierten Kulturtechnik« (Marshall McLuhan), der digitalisierten Welt. Die neuen elektronischen Kommunikationsformen führen gleichermaßen zu Umbrüchen im Alltagsverhalten wie in Theorie und Praxis der Künste. Neu entstandene Kunst­ formen und Gattungen lassen sich nicht mehr in konventionelle Zusammenhänge integrieren, tra­ ditionelle Begriffe verlieren ihren Kurswert. Ten­ denziell ausdifferenzierte und gegeneinander abge­ blendete Wa hrnehmungssphären von Wo rt, Bild und Ton bilden neue Formen der Multimedialität. Unsere Originalitäts- und Authentizitätskonzepte treffen auf Reproduktions- und Simulationsme­ dien, die unser begrifiliches Geschichtsbewußtsein

herausfordern. Begriffe wie Kulturindustrie, Simula­ ti011, Peiformance oder Postmodern/Postmoderne sind

Indikatoren für bzw. Faktoren im Umbau des ge­ genwärtigen ästhetischen Begriffssystems. So stellt sich immer wieder die Frage, inwieweit die über­ lieferten Begriffe der gegenwärtigen Problemlage genügen bzw. welche Begriffe an die Stelle der ob­ solet gewordenen getreten sind. Die historischen Begriffe spielen dabei die Rolle von Parametern, deren Funktion und Ve ränderung die mögliche in­ tegrative Funktion des Ästhetischen in unter­ schiedlichen Wertsphären und in neuen Formen ästhetischen Denkens beleuchten. Der durch die kulturellen Umbrüche entstan­ dene Problemhorizont hat das ästhetische Denken und den Begriff>Ästhetik< selbst verändert. Das be­ trifft vor allem einen traditionellen und einschrän­ kenden Begriff von Ästhetik als philosophischer Theorie der einen Kunst, von der Adorno einmal sagte, daß von ihr ein »Ausdruck des Veralteten« ausgehe. Rudolf Arnheim hat auf diese Situation vor Jahren mit dem Vorschlag reagiert, die histori­ sche Entwicklung des ästhetischen Denkens, »die ja im r8. Jahrhundert von der >aisthesis< zur Ästhe­ tik führte, also von der Sinneswahrnehmung zur Kunst im besonderen«, einmal auf den Kopf zu stellen. Eine »ontologische Rehabilitierung des Sinnlichen« (Maurice Merleau-Ponty) ist inzwi­ schen in dem Maße zu einem Leitmotiv der ästhe­ tischen Theorie geworden, wie die Kritik an ra­ tionalistischen Forschungsmodellen (Wolfgang We lsch) oder an einer philosophisch instrumentali­ sierten Ästhetik (Rüdiger Bubner) virulenter

X

Vo rwort

wurde. In diesem Zusammenhang sind Forderun­ gen nach einer »ästhetischen We ltsicht« (Victor Nemoianu) oder nach Ästhetik als meuer Leitdis­

ziplin in der technischen Realität der Medien«

(Dietmar Kamper) zu sehen. Die Partikularisie­ rung der Ästhetik zu >Genitiv-Ästhetiken< ist seit

Karl Rosenkranz' Asthetik des Häßlichen so weit fortgeschritten, daß es gegenwärtig kaum einen Aspekt gibt, der nicht ästhetikfähig wäre. Man

denke an Formeln wie »Ästhetik der Existenz«

auf wichtige Differenzen zwischen ästhetischer Theorie und ästhetischer Praxis. Diese ergeben sich auch aus Differenzen im ästhetischen Ve rhal­ ten selbst, welches die passive Seite der >aisthesis< ebenso umfaßt wie die aktive der >poiesis<.

III. >Grundbegriffe<

(Michel Foucault) , »Ästhetik des Verschwindens«

soli) , »Ästhetik des Schreckens« (Karl Heinz Boh­

Die Asthetischen Grundbegriffe umfassen ein Reper­

(Paul Virilio) , »Ethik der Ästhetik« (Michel Maffe­

rer), »Ästhetik der Gewalt« (Wolf Lepenies) oder

toire von r 70 Lemmata, deren Auswahl zunächst pragmatisch erfolgte. Begriffsrepertoires können nicht a priori festgelegt werden, sondern immer

sogar Ȁsthetik der

Wissenschaft en« (Judith We chs­

nur am Vo rwissen orientierte heuristische Vo r­

ler) u. a. m. Am Anfang des dritten Jahrtausends wird deut­ lich, daß sich Wissenschaft, Moral, Religion oder

griffe darstellen. Naturgemäß genügen sie keinen >harten< Kriterien, mit denen allen Desiderata oder Einwänden unstrittig zu begegnen wäre. Die Liste

Politik

nicht scharf von der We rtsphäre des Ästhe­

wurde deshalb auch bis in die Erarbeitungsphase

tischen abgrenzen lassen. Die seit Jahren betrie­

des Wörterbuches offengehalten und umgebaut,

bene

Rehabilitierung sinnlicher Wahrnehmung

sei es durch Neuaufnahme oder Ausgrenzung ein­

führte

zu neuen Formen der Ästhetisierung von

zelner Begriffe, sei es durch eine Neubestimmung

und Wirklichkeit, »Äußerungen sozialer Äs­

thetik« (Andre Leroi-Gourhan) , die eine Ästhetik der »Gefühlskultur« (Jean-Fran�ois Lyotard) ein­

Leben

ihrer Bedeutung und damit ihres Darstellungsum­ fangs. Das gilt auch für die ursprüngliche Entschei­ dung, nur selbständige Einzelbegriffe wie Schön/

schließt. In der Geschichte ästhetischen Denkens

Schönes/ Schönheit,

Erhaben

oder Häßlich ohne

war es immer eine Frage, welche Geltung ästheti­

Rücksicht auf ihre historischen, manchmal wech­

sche Begriffe hinsichtlich der Vielfalt ästhetischer Kultur, des ästhetischen Ve rhaltens in unterschied­

selnden Gegenbegriffe in das Repertoire aufzu­ nehmen; in einzelnen Fällen wie Chaos - Ordnung

lichen Lebensbereichen (Interieur, öffentlicher

oder Apollinisch - dionysisch wurde dieses Prinzip

Raum, Mode, Design, Styling, Lebensstil) bean­ spruchen können. Angesichts der gegenwärtigen Entgrenzung des ästhetischen Feldes in Waren­ und Alltagswelt (Reklame, Unterhaltung, Spiel) , in Festkultur (Karneval, Urlaub, Sport) , in rituellen und kultischen Formen der Religiosität, in staatli­ cher Repräsentation und Symbolik steht aber diese Geltung ästhetischer Begriffe zunehmend in Frage, sind sie doch immer deutlicher perspektivisch be­ dingt. Nicht nur Philosophen, Ästhetiker und Kunstwissenschaftler formieren die ästhetischen Diskurse, sondern auch Psychologen und Sozial­ wissenschaftler, Kunstkritiker und Publizisten und vor allem Praktiker der Lebensgestaltung und die Künstler selbst. Nietzsches Forderung nach einer »Künstlerästhetik anstelle der konventionellen Be­ trachterästhetik« wies ebenso wie seine Kennzeich­

nung der Ästhetik als »angewandter Physiologie«

durchbrochen. Mit dem Te rminus >Grundbegriff<

vertreten die Asthetischen Grundbegriffe einen Be­

griffstyp, der ästhetisches Ve rhalten im Alltag, in vielfältigen Lebens- und Praxisbereichen ebenso berücksichtigt wie den künstlerischen Bereich im engeren Sinn. Nach der Heterogenität des Materi­ als kann man folgende Gruppen unterscheiden:

We rtungsbegriffe , produktions- und rezeptionsäs­ thetische Begriffe, auf Kunstarten bezogene Be­ griffe, kunst- und medienspezifische Begriffe, Be­ griffe im Grenzbereich von Rhetorik und Ästhe­ tik. Mehr als philosophische, religiöse, politische und historische Begriffe zeichnen sich ästhetische Begriffe durch ihre >Verfranstheit< (engl. >fuzzy concepts<) aus. Daher sollten ideengeschichtliche >Gipfelwanderungen< in einer Abfolge von philo­ sophischen bzw. systematischen Ästhetiken ver-

III. >Grundbegriffe<

XI

mieden und statt dessen eine möglichst breite Fä­ cherung der Belegstellen nach theoretischem Ni­ veau, nach Anwendungskontexten und Kunst­ und Alltagsbereichen angestrebt werden. Auch be­ zeichnet der Terminus >Grundbegriff< keinen scharf umgrenzten und nach allen begriffstheoreti­ schen, linguistischen oder semiotischen Hinsichten abgesicherten Begriffstyp. Unterstellt wird, daß es sich um Leitbegriffe handelt, die in der Theorie und Praxis des ästhetischen Denkens unter ver­ schiedenen Gesichtspunkten bedeutsam wurden. Der Umriß des Begriffsrepertoires wurde zu­ nächst von der Beobachtung vorgegeben, daß es Begriffe mit einer beträchtlichen Extension gibt, die auf eine Vielfalt verschiedener ästhetischer, ge­ stalterischer und künstlerischer Gegebenheiten be­ ziehbar sind; sie treten in vielen Epochen, Kunst­ formen, Sprachebenen, Schulen, Klassen, Ländern und Traditionszusammenhängen auf und erschei­ nen so in mehr als nur einer Disziplin. Auf dem Weg kritischer Reflexion von Kunst gehen sie in die Alltagsrede über; umgekehrt können sie von daher stammen. Der Umfang und die Breite von Grundbegriffen hängen mit ihren intensionalen Besonderheiten zu­ sammen. Sie zeigen den We chsel von Dominanzen einzelner Künste und Konvergenzzonen in deren Entwicklung an. Sie machen geschichtliche Wand­ lungen der ästhetischen Praxis und der Künste in den gesellschaftlichen Bedingungszusammenhän­ gen sichtbar. Begriffe stehen mithin für einen dem geschichtlichen Wandel unterworfenen Konnotati­ onsbereich, der jeweils mit zu berücksichtigen ist. In einer Epoche oder Periode dominant, können ihre Funktionen auf andere übergehen oder umge­ kehrt (z. B. Autonomie) erst im Laufe der Entwick­ lung aus verschiedenen Aspekten zusammenwach­ sen. Viele der Artikel des Wörterbuches führen im einzelnen diese Elastizität, Widersprüchlichkeit und Syntheseleistung und die oft damit verbun­ dene systemstörende und disziplinüberschreitende Unschärfe vor. Da, wo Begrif fe metaphorisch ge­ braucht werden, machen sie oftmals radikaler als bestimmende Begriffe Geschichte transparent, in­ dem sie »an die Substruktur des Denkens« heran­ führen und die »Nährlösung der systematischen Kristallisation« (Hans Blumenberg) erkennen las­ sen.

Ästhetische Grundbegriffe zeichnen sich ferner durch besondere Transferfähigkeit aus, eine Eigen­ art, die sich im transdisziplinären und transnationa­ len Zuschnitt des Wörterbuchs niedergeschlagen hat. Den ästhetischen Grundbegriffen kommt da­ her häufig methodischer oder programmatischer Status zu, der sich z. B. in Konventionalisierungs­ oder Ideologisierungsstrategien im Sinne von >Kampfbegriffen< zeigt; durch ihren We rt als Indi­ kator theoretischer oder praktischer Auseinander­ setzungen sind sie hervorragende semantische Schauplätze sozialer Wertbildungen und damit In­ dizien sozialer Zusammenhänge, in denen sie wir­ ken. Grundbegriffe sind in dieser Hinsicht »Denk­ mäler von Problemen« (Theodor W Adorno) . Maßgebliches Kriterium für die Aufnahme eines Begriffs war dessen Funktion für ästhetische Wis­ sensbildung heute und in der Vergangenheit, auch und gerade da, wo mit anderen Wissensfeldern hi­ storische und systematische Bezüge hergestellt werden, so z. B. zur Anthropologie als ästhetische Reaktionsbegriffe, die eine spezifische Bestimmt­ heit oder Befindlichkeit des Subjekts zeigen (Ver­

gnügen /Genuß, Ekel, Charakter), zur Kommunika­

tionstheorie

(Produktion!Poiesis), zur Soziologie

(Urbanismus, Öffentlichkeit/Publikum), zur Rhetorik

und Linguistik (Zeichen/Semiotik der Künste) oder zur Philosophie (Wahrheit/Wahrscheinlichkeit).

In der Spannung von Begriff und Wo rt verlangt die Sprachgebundenheit der Begriffe wortge­ schichtliche Erkundungen, soweit sie die Sache, die sie erkunden, nicht gefährden. Eine immer auch problemgeschichtlich strukturierte Begriffs­ geschichte zielt daher zugleich auf kulturhistori­ sche Zusammenhänge und auf die in den jewei­ ligen Sprachen und Kulturen unterschiedlichen Bedingungen. Deutlich ist, daß Begriffe als wie­ derkehrende Bezugspunkte des Denkens nicht an eine feste Wortgestalt gebunden sein müssen und daß für sie verschiedene Wortkörper eintreten können. Begriffsgeschichte verfahrt somit immer auch onomasiologisch. Mitunter ist die Einbezie­ hung von Wo rt und Be griff einfach, wenn ver­ schiedene Ausdrücke relativ sicher als Äquivalente in einem Bedeutungskontinuum charakterisierbar sind. Die Stichwortliste führt in diesem Fall nur den gebräuchlichsten Te rminus an. Te rmini dage­ gen, die nur in mancher Hinsicht als äquivalent

XII

Vo rwort

anzusehen

sind, jedoch im

Ganzen

eigene

Ge­

schichten haben (Nachahmung/Mimesis, Repräsenta­ tion, Darstellung, Fiktiv/Fiktion), werden in der

Lemmaliste gesondert aufgeführt. In der semasio­

logischen Betrachtungsweise kann ein sehr lange durchgehaltenes Wo rt oder ein Te rminus als ein Moment der Invarianz angesehen werden, das die

Varietät der Bedeutungen verbindet. Den unver­

meidlichen Überlagerungen in den semantischen

Feldern wird durch ein Register Rechnung getra­

gen werden. Besonderes Interesse beanspruchen historische Schwellen, an denen ein Wo rt der natürlichen

Sprache oder ein Neologismus zum Terminus äs­

thetischer Theorie avanciert oder schon vorhan­

dene Te rmini neu bestimmt werden. In solchen

Fällen stellt sich die Frage, welches Moment im

Bedeutungshof eines vorhandenen Wo rtes

motion zum Te rminus ermöglicht; welche Reduk­ tion der Mehrdeutigkeit und welche Präzisierung, Konkretisierung oder Abstrahierung dabei zu ver­ zeichnen ist. Ferner wird gefragt nach den Grün­

den für die Einführung von Neologismen oder den Gebrauch traditioneller Te rmini in neuen Begriffszusammenhängen. Dieser Vo rgang der Te r­ minologisierung in der Sprache der Ästhetik hält weiter an, wie z. B. die Substantivierung von Adjektiven (Tragödie, tragisch, das Tragische) , Übertragungen (real, realistisch, Realismus) oder adjektivische Unterscheidungen (bürgerlicher, kri­

tischer, magischer, poetischer, sozialistischer Rea­

lismus) belegen. Schließlich bildet die Beschreibung und Unter­ suchung der Transgressivität und des Austauschs ästhetischer Begriffe zwischen den europäischen

Kulturnationen eine programmatische Aufgabe der

Ästhetischen Grundbegriffe. Dabei wird geachtet auf

Phänomene der Dominanz, der Ve rschiebung, der Wo rtäquivalente in Relation zu eigenen Bedeu­ tungsgeschichten der fremdsprachlichen Aus­ drücke. Z. B. hat die moderne Begriffsgeschichte des Erhabenen ihren >locus classicus< zunächst in der Mitte des 18. Jahrhunderts in England; das hier ausgebildete Konzept des >sublime< bleibt der Be­ zugspunkt für den europäischen Begriff des Erha­ benen bis zur Romantik. Der Rückbezug auf Kant ist aber für die heutige von Frankreich ausgehende Wirksamkeit des Begriffs entscheidend. Andere

die Pro­

Beispiele zeigen, daß Begriffe auch unübersetzt in andere europäische Sprachen transferiert werden, wie der Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland entstandene Kitsch-Begriff belegt, der ältere ästhe­ tische Problemstände subsumiert. Der Avantgarde­ Begriff, um noch einen anderen Transfermodus anzuführen, entstand als militärischer Te rminus in der Französischen Revolution und avancierte um

r8 3o

griff; er stieg dann erst gegen Ende des 19. Jahr­ hunderts zu einem rasch internationalisierten Be­ griffsnamen für die verschiedenen künstlerischen Erneuerungsbewegungen auf. Daß Rezeptions­ weisen zu Ausdifferenzierungen und Umcodierun­ gen führen, zeigt der Begriff >häßlich<: Burke z. B. ersetzt >deformity< als den traditionellen Gegensatz des Schönen durch mgliness<. Damit verlagert sich das Schwergewicht von >Häßlichkeit< als Dispro­ portion, Ungestalt, Formlosigkeit (die im tradi­ tionellen Sinn immer auch das ethisch Böse mit­ meinten) auf die affektauflösende Seite. An dem deutschen Wo rt >häßlich< ist diese wichtige be­ griffsgeschichtliche Entwicklung nicht nachzuvoll­ ziehen, da es beide Bedeutungen deckt. Die in einer einseitig nationalhistorisch ausge­ richteten Begriffsgeschichte meist unterschätzte Bedeutung der Übersetzungen erhält für den Be­ griffstransfer eine wesentliche Funktion, die in der Forschung bis heute nur partiell Berücksichtigung fand. Entscheidende Entwicklungen wie die Stan­ dardisierung der Sprache, die Annäherung von Wissenschaft und Umgangssprache, die sich in

zu einem politischen und ästhetischen Be­

Deutschland im 18. Jahrhundert vollzog, waren in England und in den romanischen Ländern zu die­ ser Zeit längst vollzogen. Während Bacon und De­ scartes bereits wichtige Werke auf Englisch bzw. Französisch schrieben, war die Scha ffu ng einer philosophischen Terminologie durch deutsche Kunstwörter erst die Leistung Christian Wolffs. In­ dem Wo lff der philosophischen Begrifilichkeit eine deutsche Sprachgestalt gab, leistete er Über­ setzungsarbeit. Der Bedeutungsgehalt der Termini ergab sich für die nationalsprachlichen Übersetzer und Ve rmittler der relevanten Te xte ja nicht von selbst, sondern war interpretatorisch vermittelt und unterlag häufig weiteren Anpassungen. Das heißt aber auch, daß Begriffsgeschichte sich aus ei­ ner Vielzahl von Neuanfängen, tastenden Ve rsu-

III. >Grundbegriffe<

XIII

chen und abgebrochenen Entwicklungen zusam­ mensetzt, die das gängige Bild der Kontinuität gründlich in Frage stellen.

***

Das Historische Wö rterbuch hat eine lange Vo rge­

schichte. Es geht auf ein interdisziplinäres Projekt zurück, das seinerzeit am Zentralinstitut für Litera­ turgeschichte der Akademie der Wissenschaften der Deutschen Demokratischen Republik entwik­ kelt wurde und dessen Ergebnisse in einer ersten

Publikation Ästhetische Grundbegriffe. Studien zu ei­ nem historischen Wö rterbuch, h erausgegeben von

Karlheinz Barck, Martin Fontius und Wolfgang Thierse (Berlin r 990) , seinen Niederschlag fand. Die Fortsetzung des Projekts in der Zusammenar­ beit der Redaktionen des Berliner Zentrums für Literaturforschung und des Instituts für Romani­ sche Sprachen und Literaturen der Frankfurter Jo­ hann Wo lfgang Goethe- Universität schließt ein wesentliches Stück deutsch-deutscher Forschungs­ geschichte nach der We nde ein , nachdem das Pro­ jekt bis 1 990 Bestandteil des deutsch-deutschen Kulturabkommens gewesen war. Die konzeptio­ nelle Phase begleiteten Wo lfgang Heise und Man­ fred Naumann; vielfaltige Anregungen stammen von Georg Bollenbeck, Hilmar Frank, Michael Franz, Wolfram Malte Fues, Karin Hirdina, Chri­ stian Kaden, Clemens Knobloch, We rner Mitten­ zwei, Reimar Müller und Heinz-Dieter We ber. Hans Robert Jauß hat sich in denJahren des politi­ schen Übergangs erfolgreich für die Weiterführung des Projekts engagiert; Eberhard Lämmert, Grün­ dungsdirektor des Berliner Zentrums für Literatur­ forschung, hat maßgeblich dazu beigetragen, daß das Unternehmen nach 1992 eine neue institutio­ nelle Basis finden konnte. Mit vielfachem Rat ha­ ben Reinhart Koselleck und Rolf Reichardt das Wörterbuch in all den Jahren begleitet und beför­ dert. Ihnen allen sei hier unser herzlicher Dank zum Ausdruck gebracht. Dem Zentrum für Literaturforschung, Berlin, und der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main, danken wir für die Bereitstel­ lung von Räumen und technischer Ausstattung. Die jeweiligen Bibliotheken und insbesondere die Bibliothek des Zentrums für Literaturforschung haben die Arbeit wesentlich unterstützt.

Ohne die großzügige und langjährige Förde­ rung durch die Deutsche Forschungsgemeinscha ft wäre das Unternehmen nicht möglich gewesen. Dem Metzler-Verlag, vertreten durch seinen Lei­ ter, Bernd Lutz, danken die Herausgeber für die immer vertrauensvolle und weiterführende Zu­ sammenarbeit.

Die Herausgeber Berlin und Frankfurt am Main im Dezember 1 999

XIV

Benutzungshinweise

Benutzungshinweise

Die Artikel der Ästhetischen Grundbegriffe folgen ei­

nem vorgegebenen Rahmen: Der Artikelkopf führt das Lemma an, wie es üblicherweise im Deutschen benutzt wird; dann, sofern möglich, auf Altgriechisch und Latein sowie in den europäi­

schen Hauptsprachen Englisch, Französisch, Italie­ nisch, Spanisch und Russisch. Die vorangestellte Artikelgliederung wird zur Orientierung des Le­ sers auch in der Kopfzeile mitgeführt. Die Bibliographie am Ende des Artikels faßt die wesentliche Literatur zum Thema zusammen und dokumentiert die neuere Forschungslage. Sie ver­

zeichnet keine Quellentexte; diese werden mit

ausführlichen Angaben im Anmerkungsapparat ge­ nannt. So verstehen sich die Anmerkungen zu­ gleich als eine durchlaufende Gesamtbibliographie

zum Thema. In den Quellenangaben erscheinen die zitierten

Einzelschriften mit dem Datum des Erstdrucks. Liegt zwischen diesem und dem Entstehungsda­ tum ein großer zeitlicher Abstand, so wird letzteres verzeichnet. Zitiert wird, was die europäischen Hauptsprachen anbelangt, in der Regel nach den Originalquellen. Außer im Englischen und Fran­ zösischen werden den Zitaten gängige und leicht zugängliche Übersetzungen nachgestellt. Quellen­ angaben altgriechischer und lateinischer Te xte

werden, wenn ein bloßer Ve rweis erfolgt, in der

inneren Zitierweise gegeben. Wird ein Text zitiert, nennt die Angabe Edition und Seitenzahl der Übersetzung. Wo keine Übersetzung nachgewie­ sen ist, stammt sie vom Autor. Für sämtliche Zitate im Text werden Stellennachweise geführt. Sam­ melnachweise folgen auf das letzte der zu belegen­ den Zitate. Erscheinen Stellennachweise zu Zita­ ten direkt im laufenden Text, so beziehen sich die

Angaben stets auf die in der vorausgehenden An­

merkung genannte Edition. Gelegentliche Flexi­ onsänderungen in den Zitaten werden nicht eigens gekennzeichnet. Hervorhebungen im Original ste­

hen ausschließlich kursiv.

Vielbenutzte und gut zugängliche Werk- und Einzelausgaben, ebenso große Wörterbücher und Enzyklopädien, werden mit Siglen bezeichnet, die das Siglenverzeichnis erschließt. Ihm folgt ein Ver­ zeichnis der abgekürzt zitierten antiken und bibli­ schen Quellen.

Siglenverzeichnis

XV

Siglenverzeichnis

1. Wörterbücher und

Enzyklopädien

ADELUNG -JOHANN CHRISTOPH ADELUNG,

Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart, mit beständiger Ver­ gleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen (1 774-I 786); zweyte, vermehrte u. verbesserte Ausgabe, 4 Bde. (Leipzig I 793-I 8oI)

BROCKHAUS - DAVID ARNOLD FRIEDRICH

BROCKHAUS, Conversations-Lexicon oder kurzgefasstes Handwörterbuch für die in der ge­ sellschaftlichen Unterhaltung aus den Wissen­ schaften und Künsten vorkommenden Gegen­ stände [„.], 6 Bde. u. 2 Suppl.bde. (Amsterdam/ Leipzig I809-I 8I I) [und spätere Auflagen, mit wechselnden Titeln]

DIDEROT (ENCYCLOPEDIE) - Encyclopedie, Oll

Dictionnaire raisonne des sciences, des arts et

des metiers, par une Societe de gens de lettres. Mis en ordre & publie par M. Diderot, [„.] & quant a la partie mathematique, par M. d'Alem­

bert [

dam I75 I-I780): [A-Z] , I7 Bde. (Paris/Neu­

fchastel

(Paris I 762-I 772) ; Supplement, 4 Bde.

(Amsterdam I 776-I 777) ; Suite du recueil de planches, I Bd. (Paris/Amsterdam I 777) ; Table analytique et raisonnee, 2 Bde. (Paris/Amster­ dam I 780)

II Bde.

],

35 Bde. (Paris/Neufchastel!Amster­

I75 I-I765) ; Recueil de planches,

ENCYCLOPAEDIA llR!TANNICA - The Encyclo­

paedia Britannica, or, a Dictionary ofArts and Sciences, compiled upon a new plan, 3 Bde. (Edinburgh I77I) [und spätere Auflagen]

ERSCH/GRUBER -JOHANN SAMUEL ERSCH/JO­ HANN GOTTFRIED GRUBER, Allgemeine Ency­

clopädie der Wissenschaften und Künste, Sect.

I, 99 Bde. u. Reg.bd. (Leipzig I818-I 892),

Sect. 2, 43 Bde. ( I 827-I889) , Sect. 3, 25 Bde.

(I830-I850)

FURETIERE - ANTOINE FURETIERE, Le Dictionaire

universel, contenant generalement tous les mots

franyois tant vieux que modernes, 3 Bde. (Den Haag/Rotterdam I690)

GRIMM -JACOB GRIMM/WILHELM GRIMM,

Deutsches Wörterbuch, I6 Bde. u. Quellenver­

zeichnis (Leipzig

GROVE - The New Grove Dictionary ofMusic and Musicians, hg. v. S. Sadie, 20 Bde. (London

18 54-1 971)
18 54-1 971)

I980)

HAUG - Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, hg. v. W F. Haug (Hamburg

I994ff.)

HEBENSTREIT - WILHELM HEBENSTREIT, Wissen­

schaftlich-literarische Encyclopädie der Aesthetik. Ein etymologisch-kritisches Wörter­ buch der aesthetischen Kunstsprache (Wien I 843)

JEITTELES - IGNAZ JEITTELES, Aesthetisches Lexi­

kon. Ein alphabetisches Handbuch zur Theorie

der Philosophie des Schönen und der schönen

Künste [„ .], 2 Bde. (Wien I835/ 1 837)

KLUGE - FRIEDRICH KLUGE, Etymologisches

Wörterbuch der deutschen Sprache (1 883), 23„ erw. Aufl„ bearb. v. E. Seebold (Berlin/New

York I 995) (und frühere Auflagen]

KOSELLECK - Geschichtliche Grundbegriffe. Hi­ storisches Lexikon zur politisch-sozialen Spra­ che in Deutschland, hg. v. 0. Brunner/W Conze/R. Koselleck, 8 Bde. (Stuttgart I972-

I997)

KRUG - WILHELM TRAUGOTT KRUG, Allgemeines

Handwörterbuch der philosophischen Wissen­ schaften, nebst ihrer Literatur und Geschichte. Nach dem heutigen Standpuncte der Wissen­

schaft bearb. u. hg.

serte u. vermehrte, Aufl„ 5 Bde. (Leipzig l 8 32-

(1 827-1 829) ; zweite, verbes­

I838)

LAROUSSE - PIERRE ATHANASE LAROUSSE, Grand

dictionnaire universel du XIX' siede, I 5 Bde„ 2 Suppl.bde. (Paris l 866-I888)

LITTRE - MAXIMILIEN PAUL EMILE LITTRE,

Dictionnaire de la langue franpise, 4 Bde. (Paris I 863-1 869) (und spätere Auflagen] LTK - Lexikon für Theologie und Kirche, 2. Aufl„ hg. v. ]. Höfer/K. Rahner, ro Bde. (Freiburg I957-1 965) ; 3„ völlig neu bearb. Aufl„ hg. v.

W Kasper (München 1993 ff.)

MGG - Die Musik in Geschichte und Gegenwart, hg. v. F. Blume, I 7 Bde. (Kassel u. a. I 949/

XVI

Siglenverzeichnis

195 1-1986 ); 2 ., neubearb. Aufl., hg. v. N. Pin­ scher (Kassel u. a. l994ff.) MlTTELSTRASS - Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, hg. v. ]. Mittelstraß, Bd. l-2 (Mannheim/Wien/Zürich 1980-1984), Bd. 3-4 (Stuttgart/Weimar 1995-1996) OED - The Oxford English Dictionary. Second

Edition, hg. v. J. A. Simpson/E . S. C.

20 Bde. (Oxford 1989)

We iner,

PAULY -Pauly's Real-Encyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, neue Bearb., begonnen v. G. Wissowa, Reihe l, 47 Halbbde. (Stuttgart 1894-1963), Reihe 2, Halbbde. l-18 (Stuttgart

19 14-1967 ),

Halbbd. 19 (München 1972),

Suppl.bde. l-12 (Stuttgart 1903-1970), Suppl.bde. 13-15 (München 1973-1978), Regi­ ster d. Nachträge u. Suppl. (München 1980), Gesamtregister, Bd. l (Stuttgart/Weimar 1997) RAC - Reallexikon für Antike und Christentum. Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken We lt, hg. v. T. Klauser (Stuttgart l95off.)

RGG - Die Religion in Geschichte und Gegen­ wart. Handwörterbuch für Theologie und Reli­

gionswissenschaft, 3. Aufl., hg. v. K. Galling,

6 Bde. u. Reg.bd. (Tübingen

1957-1965); 4.,

völlig neu bearb. Aufl., hg. v. H. D. Betz u. a.,

8 Bde. u. Reg.bd. (Tübingen r998ff.) RITTER - Historisches Wörterbuch der Philoso­ phie, hg. v. J. Ritter/K. Gründer (Basel/Stutt­

gart 197 1ff.)

ROSCHER - Ausführliches Lexikon der griechi­ schen und römischen Mythologie, hg. v. W H. Rascher, Bd. r-5 (Leipzig I884-I924), Bd. 6 (Leipzig/Berlin I924-I937) SANDKÜHLER - Europäische Enzyklopädie zu Phi­ losophie und Wissenschaften, hg. v. H. J. Sand­ kühler u. a., 4 Bde. (Hamburg I990) SOURIAU - Vo cabulaire d' E sthetique, hg. v. E. Souriau/A. Souriau (Paris 1990)

SULZER -JOHANN GEORG SULZER, Allgemeine

Theorie der Schönen Künste in einzeln, nach alphabetischer Ordnung der Kunstwörter auf einander folgenden, Artikeln abgehandelt (I771/r774), neue vermehrte zweyte Auflage,

4 Bde. u. Reg.bd. (Leipzig 1792-1799) TRE - Theologische Realenzyklopädie, hg.

G. Krause/G. Müller (Berlin/New York I976ff.)

hg. G. Krause/G. Müller (Berlin/New York I976ff.) v. TREVOUX - Dictionnaire universel fran�ois et latin,

v.

TREVOUX - Dictionnaire universel fran�ois et latin, vulgairement appele Dictionnaire de Trevoux [„ .] (I704); 7. Aufl., 8 Bde. (Paris

I77 l)

UEDING - Historisches Wörterbuch der Rhetorik, hg. v. G. Ueding (Tübingen I992ff.)

WATELET - CLAUDE HENRI WATELET/PIERRE

CHARLES LEVESQUE, Dictionnaire des arts de peinture, sculpture et gravure, 5 Bde. (Paris

1792)

ZEDLER - JOHANN HEINRICH ZEDLER, Grosses

vollständiges Universal-Lexicon aller Wissen­ schaften und Künste, 64 Bde. u. 4 Suppl.bde. (Halle/Leipzig l732-I754)

2. Werkausgaben und

Einzelschriften

ADORNO - THEODOR w. ADORNO, Gesammelte

Schriften, hg. v. R. Tiedemann u. a., 20 Bde. (Frankfurt a. M. I970-I986) AST - FRIEDRICH AST, System der Kunstlehre oder Lehr- und Handbuch der Ästhetik (Leipzig

I805)

BATTEUX (1746 ) - CHARLES BATTEUX, Les beaux

arts reduits a un meme principe (Paris I746)

BATTEUX (I773 ) - CHARLES BATTEUX, Les beaux

arts reduits a un meme principe, 3. Aufl. (Paris

1773)

BAUDELAIRE - CHARLES BAUDELAIRE, CEuvres

completes, 2 Bde., hg. v. C. Pichois (Paris I975/

1976)

BAUMGARTEN - ALEXANDER GOTTLIEB BAUM­

GARTEN, Aesthetica, 2 Bde. (Frankfurt a. d. 0.

I750/1758)

BAUMGARTEN (DT) -ALEXANDER GOTTLIEB

BAUMGARTEN, Theoretische Ästhetik. Die grundlegenden Abschnitte aus der >Aesthetica< (17501!758 ), lat.-dt., übers . u. hg. v. H. R. Schweizer (Hamburg I983)

BENJAMIN -WALTER BENJAMIN, Gesammelte

Schriften, hg. v. R. Tiedemann/H. Schweppen­ häuser, 7 Bde. u. 2 Suppl.bde. (Frankfurt a. M.

l972-I989)

BLOCH - ERNST BLOCH, Gesamtausgabe, 16 Bde.

u. Erg.bd. (Frankfurt a. M. I959-I978)

Siglenverzeichnis

XVII

BODMER - JOHANN JACOB BODMER, Critische Betrachtungen über die Poetischen Gemählde der Dichter (Zürich I74I) BOILEAU - NICOLAS BOILEAU-DESPREAUX, CEuvres completes , hg. v. F. Escal (Paris I966) BRECHT - BERTOLT BRECHT, Gesammelte Werke,

20 Bde. (Frankfurt a. M. I967)

BRECHT (BFA) - BERTOLT BRECHT, Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Aus­ gabe, hg. v. W Hecht u. a., 30 Bde. u. Reg.bd. (Berlin/Frankfurt a. M. I988-I999) BREITINGER - JOHANN JACOB BREITINGER, Criti­ sche Dichtkunst, 2 Bde. (Zürich 1740) BURCKHARDT - JACOB BURCKHARDT, Gesamt­ ausgabe, I4 Bde. (Stuttgart/Berlin/Leipzig

I929-I934)

BURKE - EDMUND BURKE, A Philosophical En­ quiry into the Origin ofüur Ideas of the Sub­ lime and Beautiful (I757), hg. v. J. T. Boulton (London I958) COLERIDGE - SAMUEL TAYLOR COLERIDGE, The Collected Wo rks, hg. v. K. Coburn (London/ Princeton I969ff.) CONDILLAC - ETIENNE BONNOT DE CONDILLAC, CEuvres philosophiques, hg. v. G. Le Roy, 3 Bde. (Paris I947-I95I)

DESCARTES - RENE DESCARTES, CEuvres, hg. v. C. Adam/P. Tannery, I2 Bde. (Paris l897-19ro) DIDEROT (ASSEZAT) - DENIS DIDEROT, CEuvres completes, hg. v. ]. Assezat/M. Tourneux,

20 Bde. (Paris I875-I877)

DIDEROT (vARLOOT) - DENIS DIDEROT, CEuvres completes, hg. v. H. Dieckmann/]. Proust/ ]. Varloot (Paris I 975 ff.) DILTHEY - WILHELM DILTHEY, Gesammelte Schriften, Bd. I-9, II, I2 (Leipzig/Berlin I9I4- 1936); Bd. ro, l3ff. (Göttingen 1958ff.) DU BOS - JEAN-BAPTISTE DU BOS, Reflexions cri­ tiques sur la poesie et sur la peinture (I7I9), 7. Aufl. , 3 Bde. (Paris I770) FEUERBACH - LUDWIG FEUERBACH, Gesammelte We rke, hg. v. W Sch uffenhauer (Berlin

I967ff.)

FLAUBERT-GUSTAVE FLAUBERT, CEuvrcs com­ pletes, hg. v. d. Societe des E tudes litteraires franyaises (Paris I97 Iff.) FREUD (Gw) - SIGMUND FREUD, Gesammelte We rke, hg. v. A. Freud u. a., Bd. I-I7 (L ondon

I940--I952), Bd. I8 (Frankfurt a. M. I968), Nachlaßbd. (Frankfurt a. M. I987) FREUD (SA) - SIGMUND FREUD, Studienausgabe, hg. v. A. Mitscherlich/A. Richards/]. Strachey, ro Bde. u. Erg. bd. (Frankfurt a. M. I969-I975) [und spätere Auflagen] GADAMER - HANS-GEORG GADAMER, Gesammelte Werke, ro Bde. (Tübingen I985-I995) GOETHE (BA) - JOHANN WOLFGANG GOETHE, Berliner Ausgabe, 22 Bde. u. Suppl.bd. (Berlin/ Weimar I960--I978) GOETHE (HA) - JOHANN WOLFGANG GOETHE, We rke, hg. v. E. Trunz, I4 Bde. (Hamburg I948-I960) [und spätere Auflagen, seit I972 in München] [Hamburger Ausgabe] GOETHE (WA) - JOHANN WOLFGANG GOETHE, Werke, hg. i. Auftr. d. Großherzogin Sophie von Sachsen, 143 Bde. (Weimar l887-I9I9) [Weimarer Ausgabe] GOTTSCHED (DICHTKUNST) - JOHANN CHRI­ STOPH GOTTSCHED, Versuch einer Critischen Dichtkunst (I730); 4. Aufl. (Leipzig 175I) HEGEL (ÄSTH) - GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL, Ästhetik (1835-I838), hg. v. F. Bassenge (Berlin 1955) HEGEL (GLOCKNER) - GEORG WILHELM FRIED­

RICH HEGEL, Sämtliche We rke. Jubiläumsaus­

gabe in 20 Bänden, mit einer Hegel-Monogra­

phie (Bd. 2I-22) und einem Hegel-Lexikon

(B d.

1940)

23-26) hg. v. H. Glockner (Stuttgart I927-

HEGEL (TWA) - GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL, We rke, hg. v. E. Moldenhauer/K. M. Michel, 20 Bde. u. Reg.bd. (Frankfurt a. M. I96g--I979) (Theorie-Werkausgabe) HEIDEGGER - MARTIN HEIDEGGER, Gesamtaus­ gabe (Frankfurt a. M. r976ff.) HEINE (DA) - HEINRICH HEINE, Historisch-kriti­ sche Gesamtausgabe der We rke, hg. v. M. Windfuhr, 16 Bde. (Hamburg I973-1997) (Düs­ seldorfer Ausgabe) HEINE (HSA) - HEINRICH HEINE, Säkularausgabe. Werke, BriefWechsel, Lebenszeugnisse, hg. v. d. Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klass. dt. Literatur in We imar (dann Stiftung Weimarer Klassik) u. d. Centre National de la Recherche Scientifique in Paris (Berlin/Paris

I97off)

XVIII

Siglenverzeichnis

HERDER - JOHANN GOTTFRIED HERDER, Sämmtli­

che We rke, hg. v. B. Suphan,

33 Bde. (Berlin

I877-I9 I3) HOBBES (ENGL) - THOMAS HOBBES, The English Wo rks, hg. v. W Molesworth, I2 Bde. (London

I839-I845)

HOBBES (LEv) - THOMAS HOBBES, Leviathan (I65I), hg. v. R. Tu ck (Cambridge u. a. I99 I) HÖLDERLIN (GSA) - FRIEDRICH HÖLDERLIN, Sämtliche Werke, 8 Bde„ hg. v. F. Beissner

(Stuttgart I943-I985) [Große Stuttgarter Aus­ gabe] HOME - HENRY HOME, Elements of Criticism,

3 Bde. (Edinburgh I762) [und spätere Auflagen]

HUMBOLDT - WILHELM VON HUMBOLDT, Ge­ sammelte Schriften, hg. v. d. Kgl. Preuß. Akad.

d. Wiss„ I7 Bde. (Berlin/Leipzig I903-1936) HUME - DAVID HUME, The Philosophical Wo rks, hg. v. T. H. Green/T. H. Grose, 4 Bde. (London

I874-I875)

HUME (ENQUIRIES) - DAVID HUME, Enquiries Concerning Human Understanding and Con­ cerning the Principles of Morals, hg. v. L. A. Selby-Bigge/P. H. Nidditch (Oxford I975) HUTCHESON - FRANCIS HUTCHESON, Collected Wo rks, hg. v. B. Fabian, 7 Bde. (Hildesheim

I96t)-I97I)

HUTCHESON (INQUIRY) - FRANCIS HUTCHESON, An Inquiry Concerning Beauty, Order, Har­ mony, Design (I725), hg. v. P. Kivy (Den Haag

I973)

JEAN PAUL (HKA) - JEAN PAUL, Sämtliche We rke. Historisch-kritische Ausgabe, Abt. I, I8 Bde. (Weimar I927-I963), Abt. 2, Bd. I-5 (Weimar I928-I936), Bd. 6ff. (Weimar I996ff.), Abt. 3,

9 Bde. (Berlin I956-I964)

JEAN PAUL (MILLER) - JEAN PAUL, Sämtliche We rke, hg. v. N. Miller, Abt. I, 6 Bde„ Ab t. 2,

4 Bde. (München I959-I985)

JUNG - CARL GUSTAV

Bd. I, 3, 4, 6-8, I I, I6 (Zürich/Stuttgart I958- I969), Bd. 2, 5, 9, 10, I2-I5, l7-I9 u. Suppl.bd. (Olten/Freiburg i. Br. I97 I-I987) KANT (AA) - IMMANUEL KANT, Gesammelte Schriften, hg. v. d. Kgl. Preuß . bzw. Preuß . bzw. Dt. Akad. d. Wiss. bzw. d. Akad. d. Wiss. d. DDR bzw. Berlin-Brandenb. Akad. d. Wiss.

JUNG, Gesammelte We rke,

(Berlin I902ff.) [Akademieausgabe]

KANT (wA) - IMMANUEL KANT, We rke, hg. V. w We ischedel, I2 Bde. (Frankfurt a. M. I974- I977) [Werkausgabe im Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft] KIERKEGAARD - S0REN KIERKEGAARD, Gesam­ melte We rke, hg. u. übers. v. E. Hir sch/H. Ger­ des/H. M. Junghans, 36 Abt. u. Reg.bd. (Düs­ seldorf/ Köln I950-I969) KLEIST - HEINRICH VON KLEIST, Sämtliche We rke u. Briefe, hg. v. H. Sembdner, 2 Bde. (München

7I984)

KRACAUER - SIEGFRIED KRACAUER, Schriften (Frankfurt a. M. I97 I ff.) LESSING (GÖPFERT) - GOTTHOLD EPHRAIM LESSING, Werke, hg. v. H. G. Göpfert, 8 Bde. (München I970-I979) LESSING (LACHMANN) - GOTTHOLD EPHRAIM LESSING, Sämtliche Schriften, hg. v. K. Lach­ mann/F. Muncker, 23 Bde. (Stuttgart 3I886-

1924)

LOCKE (ESSAY) - JOHN LOCKE, An Essay Con­ cerning Human Understanding (I690), hg. v. P.

H. Nidditch (Oxford I975)

LUKAcs - GEORG LUKAcs, We rke, Bd. 2, 4-12 (Neuwied/Berlin l962-197 I), Bd. 13-17 (Darmstadt/Neuwied 1974-1986) MALEBRANCHE - NICOLE MALEBRANCHE, CEuvres completes, hg. v. A. Robinet, 20 Bde. u. I Bd. Index des citations (Paris I962-I970) MEIER - GEORG FRIEDRICH MEIER, Anfangsgründe aller schönen Wissenschaften (1748-1750), 2. Aufl„ 3 Bde. (Halle I754-1759) MENDELSSOHN - MOSES MENDELSSOHN, Gesam­ melte Schriften, hg. v. 1. Elbogen u. a. (Stutt­ gart-Bad Cannstatt 197 Iff.)

MEW - KARL MARX/FRIEDRICH ENGELS, We rke,

hg. v. Institut für Marxismus-Leninismus beim

ZK der SED, 43 Bde„ 2 Bde. Verzeichnis,

I Bd. Sachregister (Berlin I956-I990)

MORITZ - KARL PHILIPP MORITZ, Werke in drei Bänden, hg. v. H. Günther (Frankfurt a. M. I98 I) NIETZSCHE (KGA) - FRIEDRICH NIETZSCHE, We rke. Kritische Gesamtausgabe, hg. v. G. Colli/M. Montinari (Berlin I967ff.) NIETZSCHE (SCHLECHTA) - FRIEDRICH NIETZ­ SCHE, We rke, hg. v. K. Schlechta, 3 Bde. (Mün­

chen I954-I956) [und spätere Auflagen]

Siglenverzeichnis

XIX

(Paris 1959 -

5 Bde.

1995)

NOVALIS - NOVALIS, Schriften. Die Werke Fried­ rich von Hardenbergs, hg. v. P. Kluckhohn/ R. Samuel/H.-J. Mäh!, Bd. l-3, 2. Aufl.

(Stuttgart 1960-1968); 3. Aufl. (Stuttgart 1977- 1988); Bd. 4-5 (Stuttgart l975/r988), Bd. 6

[in 4 Te ilb dn.] l998ff.

RIEDEL - FRIEDRICH JUSTUS RIEDEL, Theorie der schönen Künste und Wissenschaften. Ein Aus­ zug aus den We rken verschiedener Schriftsteller Gena I767) ROSENKRANZ - KARL ROSENKRANZ, Ästhetik des Häßlichen (I853), hg. v. D. Kliche, 2. Aufl. (Leipzig I996) ROUSSEAU - JEAN-JACQUES ROUSSEAU, CEuvres completes, hg. v. B. Gagnebin/M. Raymond,

RUGE - ARNOLD

Aesthetik. Das Komische mit einem komischen Anhange (Halle l836) SHELLING (sw) - FRIEDRICH WILHELM JOSEPH SCHELLING, Sämmtliche We rke, hg. V. K. F. A. Schelling, Abt. 1, 10 Bde„ Abt. 2, 4 Bde. (Stutt­ gart/Augsburg I856-I861) SCHILLER - FRIEDRICH SCHILLER, We rke. Natio­ nalausgabe, hg. v. J. Petersen u. a. (Weimar

RUGE, Neue Vo rschule der

I943ff.)

SCHLEGEL (KFSA) - Kritische Friedrich-Schlegel­ Ausgabe, hg. v. E. Behler u. a. (Paderborn u. a.

1958ff.)

SCHOPENHAUER - Arthur Schopenhauer, Sämtli­ che We rke, hg. v. A. Hübscher, 7 Bde„ 2. Aufl. (Wiesbaden 1946-1950) SHAFTESBURY - ANTHONY ASHLEY COOPER SHAFTESBURY, Complete Works/Sämtliche Werke. Standard Edition, hg. u. übers. v. W Benda/G. Hemmerich (Stuttgart-Bad Cannstatt

I98Iff.)

SOLGER - KARL WILHELM FERDINAND SOLGER, Vorlesungen über Aesthetik, h g. v. K. W. L. Heyse (Leipzig I 829) SPINOZA - BARUCH DE SPINOZA, Opera. Im Auftr. d. Heidelb. Akad. d. Wiss. hg. v. C. Geb­ hardt, Bd. I-4 (Heidelberg o. J. [1925]), Bd. 5 (Heidelberg 1987) VALERY - PAUL VALERY, CEuvres, hg. V. ]. Hytier, 2 Bde. (Paris l957/J960) VISCHER - FRIEDRICH THEODOR VISCHER, Aes­ thetik oder Wissenschaft des Schönen. Zum Ge-

brauch für Vo rlesungen (1846-1858), hg. v. R. Vischer, 6 Bde. (München 1922-1923) VOLTAIRE - VOLTAIRE, CEuvres completes, hg. V. L. Moland, 52 Bde. (Paris 1877-1885) WINCKELMANN - JOHANN JOACHIM WINCKEL­ MANN, Sämtliche Werke. Einzige vollständige Ausgabe, hg. v. J. Eiselein, 12 Bde. (Donau­ eschingen 1825-1829) WOLFF - CHRISTIAN WOLFF, Gesammelte Werke, hg. v. J. E cole/H. W Arndt, Abt. l, 22 Bde. , Abt. 2, 37 Bde„ Abt. 3, 31 Bde. (Hildesheim

1964-1995)

3. Text- und Quellensammlungen

MIGNE (PL) - PAUL MIGNE (Hg.) , Patrologiae cursus completus [. „]. Series Latina, 22 l Bde. (Paris 1844-1864), 5 Suppl.bde„ hg. v. A. Hamman (Paris 1958-1974) MIGNE (PG) - PAUL MIGNE (Hg.), Patrologiae cursus completus [ .]. Series Graeca, l62 Bde. (Paris 1857-1912) CCHR (L) - Corpus Christianorum. Series Latina (Turnhout 1954ff.)

XX

Verzeichnis der abgekürzt zitierten antiken und biblischen Quellen

Verzeichnis der abgekürzt zitierten antiken und biblischen Quellen

Abkürzungen griechischer

Abkürzungen lateinischer

Werktitel

Werktitel

ARISTOTELES

AUGUST!NUS

An.

De anima

Civ.

De civitate dei

Cael.

De caelo

Conf.

Confessiones

Eth. Eud.

Ethica Eudemia

Eth. Nie.

Ethica Nicomachea

CICERO

Metaph.

Metaphysica

De or.

De oratore De inventione De finibus De officiis Orator Tu sculanae disputationes

Phys.

Physica

lnv.

Poet.

Poetica

Fin.

Pol.

Politica

Off.

Rhet.

Rhetorica

Or.

 

Tus c.

HESIOD

Theog.

Theogonia

HORAZ

 

Ars

Ars poetica

HOMER

c.

Carmina

Od.

Odyssee

Il.

Ilias

OVID

 

Am.

Amores

PLATON

Met.

Metamorphoses

Krat.

Kratylos Leges Phaidon Phaidros Politikos Protagoras De re publica Sophistes Symposion Theaitetos Timaios

 

Leg.

PLAUTUS

Phaid.

Men.

Menaechmi

Phaidr.

 

Polit.

PLINIUS

Prot.

Nat.

Naturalis historia

Rep.

 

Soph.

QUINT!LIAN

Symp.

Inst.

lnstitutio oratoria

Tht.

 

Tim.

Rhet. Her.

Rhetorica ad C. Herennium

SOPHOKLES

SENECA

Phil.

Philoktetes

Benef.

De beneficiis

 

Epist.

Epistulae ad Lucilium

Nat.

Naturales quaestiones

Ve rzeichnis der abgekürzt zitierten antiken und biblischen Quellen

XX I

Abkürzung biblischer Bücher

ALTES TESTAMENT

Gen.

Genesis

(r. Buch Mose)

Ex.

Exodus

(2. Buch Mose)

Lev.

Leviticus (3 - Buch Mose)

Leviticus (3 - Buch Mose)

Num.

Numeri (4. Buch Mose)

Dtn.

Deuteronomium (s. Buch Mose)

Jes.

Jesaja

Jer.

Jeremia

Ps.

Psalmen

NEUES TESTAMENT

 

Act. Röm. r., 2. Kor. Kol.

Apostelgeschichte Römerbrief r., 2. Korintherbrief Kolosserbrief

r., 2., 3 . Joh. r., 2., 3 . Johannesbrief

!. Aporien einer Begriffsgeschichte

!. Aporien einer Begriffsgeschichte

Absenz

(griech. arrouaia; lat. absentia; engl. absence; frz. absence; ital. assenza; span. ausencia; russ. OTCYTCTBMe)

1. Aporien einer Begriffsgeschichte der Absenz;

II. Knotenpunkte; I. Philosophie; 2. Theologie; 3. Recht und Staat; 4. Historie und Gedächtnis; 5. Kunst und Architektur; 6. Literatur; 7. Technik, Medien. Ve rschwinden; III. Auschwitz

7. Technik, Medien. Ve rschwinden; III. Auschwitz 1. Aporien einer Begriffsgeschichte der Absenz Absenz ist

1. Aporien einer Begriffsgeschichte der Absenz

Absenz ist die längste Zeit kein ästhetischer Grundbegriff gewesen; erst die (kunst-)histori­ schen Erfahrungen des 20. Jh. haben ihn dazu pro­ movieren lassen und dafür sensibilisiert. Theologie, Philosophie, Literatur- und Kunsttheorie haben diesen Befund im Umfeld seines synästhetischen Begriffsfeldes (Schweigen, Mangel, Leere) inzwi­ schen aufmerksam registriert. 1 Jeder Darstellung des Vergangenen ist eine paradoxe Figur einge­ schrieben, die in doppelter Negation als Abwesen­ heit einer Abwesenheit gedacht wird. Dies ist in

der Etymologie des Begriffs angelegt: »The word

absence comes from the Latin esse, or >being<, and

ab, meaning >away<.

Yet this absence is not

equivalent to a simple void, a mere lack of being. The notion of being is after all present in the very

]

ward absence. «2 Im

Vocabulaire d'Esthhique ( r990)

von Etienne Souriau figuriert >absence< - dem Lo­ gozentrismus verpflichtet - als Funktion von Prä­ senz, nicht aber als diskrete Kategorie: »Absence s'opposc a presence dans presque tous ses sens.«3 Die paradoxe Struktur der Darstellung des Absenten wird in der Kopplung an Medien und Apparaturen der darstellenden Künste, etwa auf der Bühne, ma­ nifest: »L' absence est soulignee par !es gestes qui indiquent la presence.« (4) Absenz setzt immer schon die Anwesenheit ästhetischer Äußerungen voraus. 4 »Es gibt keinen Anfang vom Schweigen«5 : Einer historischen Semantik als Arsenal von kognitiven Sinnverarbeitungsregeln, die sozialen Wandel ein­ zuholen vermögen, verweigert sich die Ästhetik

der Absenz radikal. An die Stelle von Gott, Ve r­ nunft und Geschichte treten hier »Leer- und Blindformeln«6, deren semasiologische Deutung ebenso indeterminiert ist wie ihre onomasiologi­ sche Ausdifferenzierung; das, was an Diskursen schweigt und dennoch am Werk ist, läßt sich nur fragmentarisch rekonstruieren.7 Jede Genealogie der Absenz als sekundärer Exorzismus der Absenz

Ve rgangenheit vollzieht

sich als Ästhetik zweiter Ordnung, im narrativen Modus des historischen Diskurses als Beobachter­ differenz, die das Phänomen überhaupt erst in sei­ ner Ausdehnung unterscheidbar macht. Das ge­ bräuchliche didaktische Mittel, die Spuren eines Abwesenden zu vergegenwärtigen, also zu präsen­ tieren, ist die historiographische Transformation dieser Spuren in Dokumente einer Bedeutung. Genau dies ist die Funktion von Historiographie als »Organisation semantique destinee a dire / 'autre:

eines Primärtextes namens

une structuration liee a Ja production (ou mani­ festation) d'une absence«8. Zur Ve rhandlung stehen die (Schrift-)Ränder eines Hohlraums namens Vergangenheit. Die Weltkriegserfahrung gab diese Ästhetik vor: »Der Gesichtsraum hat sich entleert; diese Leere zieht ahistorische Figuren an, sowohl mythische wie barbarische.«9 »Auch weiße Flächen können ein

I Vgl. ULRIKE LEHMANN/PETER WEIBEL (Hg.), Ä sthetik

der Absenz. Bilder zwischen Anwesenheit und Abwe­ senheit (München/Berlin 1994) .

2 DREW LEDER, The Absent Body (Chicago/London 1990), 22.

3 SOURIAU, ].

4 Vgl. LEHMANN, Ä sthetik der Absenz. Ihre Rituale des Verbergens und der Verweigerung. Eine kunstge­ schichtliche Betrachtung, in: Lehmann/Weibel (s. Anm. 1), 42. 4 Vgl. LEHMANN, Ä sthetik der Absenz. Ihre Rituale des Verbergens MAX PICARD, Die We lt MAX PICARD, Die We lt des Schweigens (Erlenbach/

Zürich I948), II.

6 KOSELLECK, Bd. l (I972) , XVII.

7 Vgl. WOLFGANG ERNST, Bausteine zu einer Ä sthetik der Absenz, in: B. Dotzler/E. Müller (Hg.) , Wahrneh­ mung und Geschichte. Markierungen zur aisthesis ma­ terialis (Berlin 1995), 2 r r-236.

MICHEL DE CERTEAU, L'absent de l'histoire (Paris I97J), I SS. L'absent de l'histoire (Paris I97J), I SS.

9 ERNST JÜNGER, Siebzig verweht II (Stuttgart 1981),

250.

2

Absenz

>Anderes< der Geschichte sein, seinerzeit«rn Das bi­ näre Spiel von Anwesenheit und Absenz ist das al­ ler Geschichte: Fülle dort zu imaginieren, wo Leere herrscht. Historiographische Texte »füllen die Abwesenheit mit Schrift«11. Doch »die Ausgrä­ ber antiker Städte haben nur eine Verlassenheit zu­ tage gefördert, niemals eine Vergangenheit«12. Die Abwesenheit einer konsistenten Genealogie der begrifilichen Ausfaltungen von Absenz ver­ langt diskrete archäologische Sondierungen von >Problem-Denkmälern< im Sinne Adornos und Foucaults.13 Sie stellen sich als Knotenpunkte dar und verstehen sich als Rückkopplungen: der Fluchtpunkte ästhetischer Avantgarde, der an die Erfahrung des Holocaust gekoppelten megativen Theologie< sowie der Philosophie der Dekonstruk­ tion, des Dispositivs der Medien und des Ver­ schwindens.

ro

UTZ RIESE, Postmoderne Repräsentation?, in: R. We imann /H. U. Gumbrecht (Hg.) , Postmoderne. Globale Differenz (Frankfurt a. M. I99I), 3 3 0.

II

KLAUS WEIMAR, Der Text, den (Literar-)Historiker schreiben, in: H. Eggert/U. Profitlich/K. R. Scherpe (Hg.), Geschichte als Literatur. Formen und Grenzen der Repräsentation von Ve rgangenheit (Stuttgart I 990) , 36.

I2

BOTHO STRAUSS, Fragmente der Undeutlichkeit (München/Wien I 989), 35.

I3

Vgl. MICHEL FOUCAULT, L'archeologie du savoir (Pa­ ris 1 969), I4f.

I4

>Absens, abwesend<, in: ZEDLER, Bd. I (I 732), I 86.

I5

Vgl. KLAUS w. HEMPFER, Poststrukturale Te xttheorie und narrative Praxis. Tel Quel und die Konstitution eines Nouveau Nouveau Roman (München I 976) .

 

20-26.

I6

PLATON, Rep. 6, 509d.

I7

PLATON, Soph. 2I9b; dt.: Der Sophist, übers. v.

F.

Schleiermacher, in: Platon, We rke, gri ech.-dt., hg.

v.

G. Eigler, Bd. 6 (Darmstadt I 970) , 229.

I8

RENATE LACHMANN, Exkurs. Anmerkung zur Phan­ tastik, in: M. Pechlivanos u. a. (Hg.), Einführung in die Literaturwissenschaft (Stuttgart/Weimar I 995),

224.

I9

ARISTOTELES, De memoria 45oa I3.

20 OTTO SEEL, Quintilian oder Die Kunst des Redens

und Schweigens (Stuttgart I 977), 332. 21 DIETMAR KAMPER, Unmögliche Gegenwart. Zur Theorie der Phantasie (München I995), I93·

II. Knotenpunkte

1. Philosophie

Der Begriff der Absenz läßt sich nur als via nega­ tionis einer okzidentalen Metaphysik der Präsenz

denken, wie sie die mittelalterliche Philosophie kultiviert hat. »Absentia, ist eine methaphysische Redens-Art, und bedeutet die würckliche Abwe­

senheit einer Sache. [

) Diese haben die Schola­

stici negationem formalem oder incomplexam benen­

net.«14 Zu denken war demnach ein entleertes Transzendentales.15 Platon hat ein diskursives Dis­ positiv für die Ästhetik der Absenz vorgegeben, in­ dem er zwei Mächte voneinander schied: den Raum des Sichtbaren (»opaTOV«, horaton) und den Raum des Denkbaren (»VOTJTOV«, noeton) . 16 Platon definiert Gemälde und Statuen als hervorgegangen aus einer poietike, »wo nur immer jemand, was zuvor nicht war, hernach zum Dasein bringt«

(Ilav 07r€p CTV µtl 7rpOTE:pOV nc; OV ÜcrTE:pOV Etc;

oucriav clYTJ) 17. Ve rwandt mit diesem Phänomen ist das phantasma (Erscheinung; Vorstellung) , das Ari­

stoteles in De memoria et reminiscentia »zwischen

>anwesend< und >abwesend<, >referenzloS< und >refe­ rierend<, >wahr< und >trügerisch«<18 bestimmt. Die · Erinnerung an Dinge und Bewußtseinsinhalte, sagt Aristoteles, sei an ein Bild (»cpaVTacrµaToc;«19) ge­ bunden; »das nicht Anwesende wird erinnert«

(µVf1µove:ue:m1 Ta µn rrap6v, 45oa 27) .

Über Quintilian sagt Otto Seel: »Von wie vie­ lem, was sich anzubieten scheint, spricht er nicht, man möchte sagen: schweigt er mit Nachdruck! In seinem Ve rschweigen liegt eine unerhörte No­ blesse, eine großgesinnte Diskretion, die Haltung

eines Herrn von Kultur und Urbanität. Cicero läßt nichts aus, Quintilian versteht sich auf das Innehal­

ten und Ausklammern. [

aber ist der Zustand des Ungenügens mit den For­ men und Formeln der Religion.«20 Realität ist eine Restkategorie: »Was immerhin erfahren werden kann, ist ein Aufstand der Zei­ chen als Narben der Geschichte gegen den Zei­ chengeber, den Geist der Abstraktion. Von daher stammt die Karriere der Abwesenheit, der >Absenz< als Kategorie der Kunst und Literatur.«21 »So lange die Sache, welche ein Zeichen vorstellet, nicht ge­ genwärtig ist, noch von uns empfunden wird, ha-

die Sache, welche ein Zeichen vorstellet, nicht ge­ genwärtig ist, noch von uns empfunden wird, ha-

]

Vo raussetzung

[

]

II. Knotenpunkte

II. Knotenpunkte

ben wir nur den Begriff des Zeichens klar«22, for­ mulierte Johann Heinrich Lambert. »Eine Lücke als ein Mangel, ein Leeres im Ganzen, läßt sich nicht unmittelbar empfinden oder bemerken, son­ dern die Lücke zeiget der Begriff an, daß da etwas seyn sollte, und daß da nichts sey, wo es seyn

sollte.«23

Aus den frühen Texten der kirchlichen Heils­ lehre spricht die Parole, Signifikanten (Schrift) auf ein transzendentes Signifikat hin zu entziffern (pa­

der Dinge haben, so die Etymo­

logiae Isidors von Sevilla, die Aufgabe, »uns die Rede der Abwesenden ohne Stimme zu Gehör zu bringen« (Litterae autem sunt indices rerum, signa verborum, quibus tanta vis est, ut nobis dicta ab­ sentium sine voce loquantur)24. In der Ruinenpoe­ tik der Renaissance schlug diese Einsicht profa­ nisiert durch, in Form der Entzifferung antiker Relikte als »segno di un'assenza«25 (Zeichen einer Abwesenheit) . Die ganze Herausforderung liegt darin, Ve rgangenheit nicht als etwas, was zu uns spricht, sondern als etwas Abwesendes zu konfron­ tieren. Denn die Ästhetik der Absenz steht auf Sei­ ten des Nominalismus, jener scholastischen An­ sicht, daß den Bezeichnungen der Dinge kein wirkliches Sein zukommt.

role) . Die Zeichen

2. Theologie

Die Geschichte der Theologie durchzieht eine neuplatonische Kontroverse um die ontologische Realpräsenz Christi in Bildern und Abendmahl gegenüber der Darstellung einer unsichtbaren Wirklichkeit (Augustinus) ; Calvin sprach asymme­ trisch dazu von einer Realkommunion von Chri­ stus und Gläubigem.26 Der Begriff >Realpräsenz< entstammt der Eucharistielehre: Das Symbol bildet nicht nur das Zeichen einer abwesenden Realität, sondern ist darin mit der Realität des Abwesenden verbunden. Auch dieser Befund hat einen zeitli­ chen Index: Die frühmittelalterlichen Reliquiare verbargen ihren Inhalt vollkommen; die Betonung des Schauens ist ein Charakteristikum der spätmit­ telalterlichen Frömmigkeit.27 Niklas Luhmann ver­ weist auf die Te chniken der Religion: »Sakrale

Dinge werden der Sichtbarkeit entzogen [

daß sich daraus die Möglichkeit ergibt, in ihrer

Abwesenheit über sie im kommunikativen Modus

] , so

des Geheimnisses zu sprechen.«28 Wird das Nicht­ Darstellbare, wie es Georges Didi-Huberman an­ hand der Darstellung Fra Angelicos von Mariä

Marco untersucht29, nicht

doch in dem Akt seines Sich-Darstellens, seines Sich-Präsentierens begreiflich? Der Postimpressionismus sah in der künstleri­ schen Darstellung keine Widergabe eines Ein­ drucks, sondern die Sache selbst unter der Gestalt von Farbe und Leinwand. Für den walisischen Ma­ ler und Dichter David Jones ergab sich daraus eine Übereinstimmung mit der katholischen Sakramen­ tenlehre: »Danach waren Brot und Wein zwar Zei­ chen für eine andere, unsichtbare Realität, aber sie waren auch diese Realität selbst.«30 Mit dieser Frage hat sich die Theologie der Ikone vornehm­

Ve rkündigung in San

lich auseinandergesetzt: »La dimensione apofatica insita nella teologia dell'icona non era negativa, non aveva intento iconoclasta« (Die der Theologie der Ikone immanente apophatische Dimension war nicht negativ, besaß keine ikonoklastische Inten­ tion )31. Der Ikonenkult antwortet auf das Ve rlan­ gen nach Schau, verwandt mit der Bedeutungsent-

22 JOHANN HEINRICH LAMBERT, Neues Organon oder

Gedanken über die Erforschung und Bezeichnung

des Wa hren und dessen Unterscheidung vom Irrthum und Schein. Ed. 2 (Leipzig 1 764) , 10.

23 LAMBERT, Logische und philosophische Abhandlun­

gen, hg. v. ]. Bernoulli, Bd. 1 (Berlin r 782),

323.

24 ISIDOR VON SEVILLA, Etymologiarum libri XX; I, 3, 3, in: MIGNE (PL) , Bd. 82 (185 0) , 74 f.

25 VINCENZO DE CAPRIO, Introduzione, in: de Caprio (Hg.), Poesia e poetica delle rovine di Roma. Mo­ menti e problemi (Rom 1987), 7.

26 Vgl. >Abendmahl<, in: TRE, Bd. r (1977) , 43-229.

27 Vgl. PETER DINZELBACHER, Die >Realpräsenz< der Heiligen in ihren Reliquiaren und Gräbern nach mit­ telalterlichen Quellen, in: P. Dinzelbacher/D. R. Bauer (Hg.), Heiligenverehrung in Geschichte und

Gegenwart (Ostfildern 1990) , 124ff

28 NIKLAS LUHMANN, Soziologische Aufklärung, Bd. 5. Konstruktivistische Perspektiven (Opladen 1 990) ,

ro6.

Vgl.

29 GEORGES

DIDI-HUBERMAN,

Devant l'image.

Question posee aux fins de l'histoire de l'art (1990),

in: The Art Bulletin 75 (1993), H. 2, 336ff

30 CORDELIA SPAEMANN, Einführung, in: D. Jones,

Anathemata (Basel 1988), 4f. 3 I MASSIMO CACCIARI, Icone della Legge (Milano 1985), 2II; dt. : Die Ikone [Teilübers.], übers. v. ]. Blasius, in: V Bohn (Hg.), Bildlichkeit. Internationale

Beiträge zur Poetik (Frankfurt a. M. 1 990) , 42 r.

4

Absenz

wicklung des lateinischen Wo rtes contemplatio

und des griechischen theoria.32 Die kirchliche Bil­

in die ungeschriebene >Gei­

stesgeschichte des Unsichtbaren< (Hans Blumen­ berg) , die der Neuplatonismus der Renaissance be­

erbte«33.

Die Abwesenheit Gottes ist es, die ihm a contra­ rio eine starke theologische Präsenz verleiht. Aus dieser Denkfigur speist sich auch die Ästhetik der Absenz. Julian Jaynes entziffert eine Darstellung des Königs Tukulti-Ninurta !. vor einem leeren Thron (ca. r 2 3 o v. Chr.) als erste Darstellung des abwesenden Gottes.34 Die Mystica theologia des Dionysios Areopagita unterschied zwischen dem Zugang zum Schauen Gottes und dem Zugang zu dem Ort, an dem Gott wohnt: »8€Wp€t 5€ OUK

UUTOV (a8E':am:; ycip) a/1./1.a TOV T01TOV oi.i f:crn.«

derlehre »gehört [

]

32 Vgl. DAVID FREEDBERG, The Power of Images. Stu­ dies in the History and Theory of Response (Chicago

1 989) , 469; HANS-GEORG BECK, Von der Fragwürdig­ keit der Ikone (München 1975), 41. 33 HANS ROBERT JAUSS, Ü ber religiöse und ästhetische Erfahrung. Zur Debatte um Hans Beltings >Bild und Kulti und George Steiners >Von realer Gegenwart<, in:

Merkur 5 10/5 I I (1991), H. 9/10, 93 5.

34 Vgl. JULIAN JAYNES, The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind (Boston 1976) , 223 f.

35 DIONYSIOS AREOPAGITA, De mystica theologia, in:

MIGNE (PG) , Bd. 3 (1 889), 1000; dt.: Dionysios Areo­

pagita, Mystische Theologie und andere Schriften, hg. u. übers. v. W Tritsch (München-Planegg 1956), 1 64; vgl. JACQUES DERRIDA, Comment ne pas parler.

Denegations, in: Derrida, Psyche. Inventions de l'au­ tre (Paris 1 987), 53 5-595.

36 MARTIN HEIDEGGER, Aufenthalte (entst. nach 1962;

Frankfurt a. M. 1 989), 25.

37 HEIDEGGER, Der Ursprung des Kunstwerkes (193 5;

Stuttgart 1990) , 209.

38 Vgl. YOSEF HAYIM YERUSHALMI, Vers une histoire de

l' espoir juif (Un champ i Anathoth), übers. v. E. Vigne, in: Esprit 104/ 105 (1985), 24-3 8.

39 WALTHER VON LOEWENICH, Luthers Theologia cru­

cis (München 1939), 151.

40 Vgl. KARL WOLFSKEHL, Die Blätter für die Kunst, in:

F. Gundolf/F. Walters (Hg.), Jahrbuch für die geistige Bewegung (Berlin 1910), 14ff.

41 GEORGES BATAILLE, L'absence de mythe, in: Bataille, CEuvres completes, Bd. l l (Paris 1988), 236.

42 HELMUTH PLESSNER, Homo absconditus (1969), in:

Plessner, Ges. Schriften, hg. v. G. Dux, Bd. 8 (Frank­ furt a. M. 1983), 365.

(Ihn [Gott] sieht er [Moses] nicht - denn Gott ist nicht sichtbar - aber er sieht doch einen Ort, wo Gott zu wohnen scheint)35. Dementsprechend be­ schreibt Heidegger auf der Akropolis von Athen ein Gefühl von derelictio: Die Gegenwart war »er­ füllt von der Verlassenheit des Heiligtums. [ Diese selbst wurde durch das Funktionieren der Photo- und Filmapparate ersetzt.«36 Es bedurfte ei­ ner rhetorischen Inversion, dieses Trauma eines Mangels in das Zeichen einer Präsenz zu verwan­ deln: »Vermutlich ist jedoch die Leere gerade mit dem Eigentümlichen des Ortes verschwistert und darum kein Fehlen, sondern ein Hervorbrin­ gen. «37 Hegels teleologische Geschichtsphilosophie ent­ wirft einen We ltgeist, der aus dem Ve rborgenen sich in Herr-Knecht-Verhältnissen manifestiert, um im Staat als oberster Vernunft aufzugehen. Demgegenüber speist sich das Geschichtsdenken des Judentums aus der absorptiven Energie des ver­ borgenen Gottes; erst wenn der Messias kommt, gibt es keine Kluft mehr zwischen Sichtbarem und

Unsichtbarem.38

.]

»Gott ist Deus absconditus, der Glaube ist argu­ mentum rerum non apparentium, das Leben des Chri­

sten ist verborgen«39: Diese Denkfigur säkulari­ sierte die politische Ästhetik des literarischen Krei­ ses um Stefan George zu Beginn des 20. Jh. mit dem Konzept des >geheimen Deutschland<. Karl Wolfskehl verstand dabei unter Anspielung auf den KyfThäuser-Mythos die Träger gewisser deutscher, noch schlummernder Kräfte, in welchen sich das zukünftige erhabenste Sein der Nation vorgebildet oder schon verkörpert fand.40 Mit dem deus ab­ sconditus korreliert in einer Epoche, welche die Theologie durch die Philosophie der Aufklärung ersetzt hat, der Diskurs über den Ve rlust des My­ thos: »L'absence de Dieu est plus grande, eile est plus divine que Dien Ge ne suis clone plus Moi, mais une absence de Mo1)«41 . Als eine Beobachtung zwei­ ter Ordnung schlußfolgert Helmuth Plessner: »Als ein in der Welt ausgesetztes We sen ist der Mensch

sich verborgen - homo absconditus.«42

3. Recht und Staat

Das römische Rechtswesen hat den Begriff der Absenz kodifiziert. Im römischen Staatsrecht war

II. Knotenpunkte

II. Knotenpunkte

die Wahl Abwesender gestattet.43 Auch der liturgi­ sche Kontext kennt den Begriff der Stellvertretung im juristischen Sinn44; im Lexikonfür Theologie und Kirche figuriert der Eintrag >Absenz< strikt unmeta­ physisch: als »Fernsein eines Klerikers v. seinem Kirchenamt, seiner Pfründe od. dem Chordienst«, das laut kanonischem Recht allein durch eine for­ male Entschuldigung in eine »fiktive Anwesen­ heit«45 umdefiniert und somit der Sanktion entzo­ gen werden kann. »Ahsens, abwesend, heist in

lt: so sagt

demente, der seiner Ve r­

nunfft beraubt, daß er nicht daheime, wenn er gleich mit dem Leibe gegenwärtig; ( it: diejeni­ gen, die auf vorhergegangene Citation im Gerichte

nicht erschienen. Absentes tanquam praesentes produ­

ciren, die abwesenden Zeugen vorstellen, als wenn sie zugegen gewesen.«46 Diese Bestimmung spie­ gelt sich auch im Eintrag >Absence< in der Encyclo­ pedie von Diderot und d'Alembert, wo es heißt:

»Celui qui est absent du royaume, avec l'intention de n'y plus retourner, est repute etranger: mais il n'est pas repute mort.«47 Absentia ficta, eine erdichtete Abwesenheit, ne­ giert im Recht die Anwesenheit einer Person; das Rechtswesen kennt dieses Phänomen umgekehrt in seiner temporalen Dimension als (Neu-)Ver­ handlung von Fällen, die Jahrhunderte zurücklie­ gen.48 Grundsätzlich gilt das Mündlichkeitsprinzip vor Gericht. Urteile nach Aktenlage sind im Ab­ wesenheitsverfahren möglich, doch darf insbeson­ dere die Hauptverhandlung nur in Anwesenheit des Angeklagten stattfinden.49 Damit ist der Logo­ zentrismus juristisch institutionalisiert. Die Ge­ schichtsschreibung des griechischen Hellenismus bediente sich des rhetorischen Vo r-Augen-Stellens (enargeia) ; als ob das Nichtanwesende in die An­ wesenheit (parousia) zurückgeholt werden könnte, sollte die fingierte Autopsie - gemäß einer noch der oralen Kultur verhafteten Auffassung - einen Effekt begünstigen, der Wa hrheit an Augenzeu­ genschaft koppelt.50 Die wissenschaftliche Praxis von Anmerkungsapparaten, »gleichsam die Zeug­ nisse von der Wirklichkeit und dem We rthe der Beobachtungen«51, setzt dieses Paradigma fort. Variablen und Leerstellen zeigen sich im Diskurs der Ve rwaltung und der Rhetorik sowie in den Grammatiken, seitdem im Jahr 1483 gedruckte

Rechten der nicht da, zugegen ist (

man von einem fu rioso,

].

]

der nicht da, zugegen ist ( man von einem fu rioso, ]. ] Formelbücher (formulari) erschienen

Formelbücher (formulari) erschienen und Kaiser Maximilian I. die gedruckten Reichstagsausschrei­ ben standardisierte.52 Das Zeitalter des Barock kultiviert das Spiel der Dissimulation von Präsenz, des Ve rbergens und Enthüllens; das gespiegelte Porträt des Königs­ paares in Diego Ve lazquez' Gemälde Las meninas sowie das >cortina<- (Vorhang-)Motiv knüpfen an die machtpoetische Ästhetik der Epiphanie53 im höfischen Zeremonialwesen seit der Spätantike

an.s4

Seine Symbolisierungsfahigkeit erlaubt es dem Menschen, sich auf Abwesendes zu beziehen.55 Der Staatsrechtler Hans Kelsen wies 1925 in seiner Al/gemeinen Staatslehre auf die symbolische Bedeu­ tung des Staatsoberhauptes als »sinnlich wahr-

43 Vgl. KARL JOHANNES NEUMANN/RUDOLF LEON­ HARD/MORIZ WLASSAK, )Absentia<, in: PAULY, Bd. I

(1 894) , 1 !6-1 2!.

44 Vgl. HASSO HOFMANN, Repräsentation. Studien zur Wort- und Begriffsgeschichte von der Antike bis ins 19. Jahrhundert (Berlin 1974) .

45 JOSEPH STABER, >Absenz<, in: LTK, Bd. 1 (1957), 70.

46 >Absens, abwesend<, in: ZEDLER (s. Anm. 1 4), 185.

47 >Absence<, in: DIDEROT

(ENCYCLOPEDIE) ,

Bd. 1

(1751), 40.

48 Vgl. WALTER JENS, Der FallJudas (Stuttgart 1975).

49 Vgl. CARL CREIFELDS (Hg.), Rechtswörterbuch (München I 976) , 17, 25.

50 Vgl. MICHAEL FRANZ, Platon-Lektüren. Der philoso­ phische Diskurs im Widerstreit von Sagen und Zei­ gen, in: G. Neumann (Hg.), Poststrukturalismus. Herausforderung an die Literaturwissenschaft (Stutt­ gart/Weimar 1997) , 3 3 8-3 60.

51 ALEXANDER VON HUMBOLDT, Kosmos. Entwurf ei­

ner physischen Weltbeschreibung, Bd. 1 (Stuttgart/ Tübingen 1 845), XIII; vgl. CARLO GINZBURG, Ek­ phrasis and Quotation, in: Tijdschrift voor Filosofie 50 (1988), H. 1, 3-19.

52 Vgl. MICHAEL STOLLEIS, Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland, Bd. I (München 1988); RO­ SEMARIE AULINGER, Das Bild des Reichstages im 16. Jahrhundert (Göttingen 1980).

53 Vgl. VICTOR !. STOJCHITA, Imago Regis. Kunsttheo­ rie und königliches Porträt in den Meninas von Velizquez, in: Zeitschr ift für Kunstgeschichte 49 (1986), 165-189.

54 Vgl. JOHANN KONRAD EBERLEIN, Apparitio regis, re­ velatio veritatis. Studien zur Darstellung des Vo rhangs in der bildenden Kunst von der Spätantike bis zum Ende des Mittelalters (Wiesbaden 1982), 29.

55 Vgl. ERNST CASSIRER, Philosophie der symbolischen Formen, 3 Bde. (Berlin 1923-1929) .

(Wiesbaden 1982), 29. 55 Vgl. ERNST CASSIRER, Philosophie der symbolischen Formen, 3 Bde. (Berlin 1923-1929) .

6

Absenz

nehmbares Autoritätssymbol«56 hin; Carl Schmitts Begriff der Repräsentation in der Veifassungslehre

von 1 927 rekurriert darauf, daß politische Reprä­ sentation ein unsichtbares Sein durch ein öffentlich anwesendes Sein sichtbar macht und vergegenwär­

We sen der Repräsentation liegt darin,

»daß das Unsichtbare als abwesend vorausgesetzt und doch gleichzeitig anwesend gemacht wird«s7. Sie ersetzt es durch ein Bild, welches es ins Ge­ dächtnis zu rufen und richtig wiederzugeben ver­ mag: »so die Puppen aus Wa chs, Holz oder Leder, die recht eigentlich representations hießen, die man während der Trauerfeierlichkeiten für die Souve­ räne Frankreichs und Englands auf dem königli­ chen To tenlager postierte, und die etwas zeigten, was nicht mehr sichtbar war, nämlich die der sterb­ lichen Person des Königs übertragene unsterbliche

Königswürde«58.

tigt. Das

In der politischen Theologie des Mittelalters war Absenz von Macht schlechthin undenkbar; ein Interregnum wurde durch symbolische Apparate überbrückt.59 Die Französische Revolution, die den realen Körper des Königs eliminiert hatte, hin-

56 HANS KELSEN, Allgemeine Staatslehre (Berlin 1925),

305.

57 CARL SCHMITT, Verfassungslehre (1927; Berlin 5 1970), 209 f.: vgl. HOFMANN, Der spätmittelalterliche Rechtsbegriff der Repräsentation in Reich und Kir­ che, in: H. Ragotzky/H. We nzel (H g.), Höfische Repräsentation. Das Zeremoniell und die Zeichen

(Tübingen 1 990) , 1 7-42.

58 ROGER CHARTIER, Kulturgeschichte zwischen Reprä­ sentationen nnd Praktiken, in: Chartier, Die unvoll­ endete Ve rgange nheit. Geschichte und die Macht der Weltauslegung, übers. v. U. Raulff(Berlin 1 9 89), 13.

59 Vgl. ERNST HARTWIG KANTOROWICZ, The King's

Two Bodies. A Study in Medieval Political Theology (Princeton 1 957), 419ff.

60 LOUISE FRADENBURG, City, Marriage, To urnament. Arts of Rule in the Late Medieval Scotland (Madison 1991), 7o f.

61 WEIBEL, Ä ra der Absenz, in: Lehmann/Weibel (s. Anm. l), 19.

62 WERNER KÜNZELIPETER BEXTE, Präsenz. Zeitspei­

cher nnd Time Machines. Essays (Berlin 1991), 46.

63 Vgl. PATRICK H. HUTTON, History as an Art of Me­ mory (Hanover/London 1993), 32ff.

64 MARCEL PROUST, A la recherche du temps perdu (191 3-1927) , Bd. 4 (Paris 1 989) , 45o f.

65 Vgl. LIONEL GOSSMAN, The Empire unpossess'd. An Essay on Gibbon's >Decline and Fall< (Cambridge 1981), 17.

terließ eine autoritative Leerstelle, einen Mangel, welcher der permanenten polit-ideologischen Supplementierung bedurfte. Der abwesende Machtkörper - sofern er im Imaginären verortet bleibt - ist geradezu konstitutiv für seine Aura:

»The sovereign is created as distant, and the dis­ tance allows him to be desired in a particular way, as ideal, as disembodied.«60 Diese politische Theo­ logie läßt sich medial fortdenken: »Der virtuelle Körper, der durch telematische Maschinen kon­ struiert ist, ist der >Abwesende Körper<, gemessen an den Kriterien des Realen, aber >anwesend<, ge­ messen an symbolischen und imaginären Bedürf­

nissen.«61

4. Historie und Gedächtnis

In der Tradition antiker Rhetorik war das Vermö­ gen der Imagination eine Speicherfunktion im Ge­ dächtnis. An der Schnittstelle von Gedächtnistheo­ rie und Bewußtseinsphilosophie »wird paradoxer­ weise durch jeden reproduktiven Akt des Gedächtnisses die Abwesenheit seines realen Re­ fe renten produziert«62• Die Tätigkeit des >erwa­ chenden Subjekts< (Hegel) ist »ihrem Wesen nach notwendig auf das Gedächtnis bezogen, weil ohne Archivierung des Ve rsp rachlichten je der Akt der Benennung verschwinden und jeder Name verges­ sen würde« (45). Giambattista Vico hat in seiner Scienza nuova (17 251!7 44) das Ve rmögen der Imagination an den Gedächtnisbegriff gebunden, das Magazin der Bil­ der und rhetorischen Figuren.63 Henri Bergson koppelte in Matiere et memoire (I 896) die Erinne­ rungsfähigkeit an die paradoxe Struktur der Ab­ senz: In dem Augenblick, in dem sich die Erinne­ rung wirksam aktualisiert, hört sie auf, Erinnerung zu sein, und wird wieder Wahrnehmung - »en vertu de la loi inevitable qui veut qu'on ne puisse imaginer que ce qui est absent«64, wie Marcel Proust schrieb. Der britische Historiker Edward Gibbon be­

schrieb in The History ef the Decline and Fall of the

(1 776-1788) den Zusammenbruch

Roman Empire

des römischen Reiches als Folge einer durch das Christentum als Staatsreligion begünstigten Abwe­ senheit politischer Autorität.65 In Past and Present (1843) denkt Thomas Carlyle Vergangenheit tat-

II. Knotenpunkte

7

sächlich von der Absenz, vom Schweigen her, das wie ein Palimpsest zu entziffern sei: »The Past is a dim indubitable fact: the Future too is one, only dimmer; nay properly it is the same fact in new dress and development. For the Present holds in it both the whole Past and the whole Future«66. »The Future hereby is not dissevered from the Past, but based continuously on it; grows with all the vitali­ ties of the Past, and is rooted down deep into the beginnings of us .« (268) Mit den To ten kann man nicht sprechen: »Etrange dialogue«, formulierte Jules Michelet, »On ne pouvait plus rechauffer ce que la vie a de!aisse. «67 In dem vom Historiker auf­ gesuchten Grab ist nichts als >le vide<. Jacques­ Louis David hat dieses sentiment um I 8 ro als Por­ trät des Orpheus am Grab der Eurydike - Kon­ templation im leeren Bildraum - gemalt. Der rhe­ torische Kunstgriff der Prosopographie vollzieht die Ve rgegenwärtigung des Absenten ständig. »The visage, speach and countenance of any person ab­ sent or dead.«68 Eine Fakultät der Rhetorik: »Fi­ gure porte absence et presence«69.

5. Kunst und Architektur

Altgriechische Vasenbilder fungierten als >Semio­ phoren<70, als Bedeutungsträger zwischen der Welt der Lebenden und der Toten. der Sicht- und Un­ sichtbarkeit, nur dem Blick, nicht dem Gebrauch ausgesetzt. Es bedarf materialer Transportmedien, um zwischen An- und Abwesenheit Kommuni­ zierbarkeit und Einbildung herzustellen: Erst über das Bild wird die unsichtbare Welt anschaulich und damit handhabbar. Abt Suger von Saint Denis schrieb in seiner Ab­

handlung De consecratione ecclesiae S. Dionysii von

der Anmut, mit der viele farbige Juwelen das Ma­ terielle ins Immaterielle verwandeln.71 Diese Äs­ thetik hat die Modeme nicht vergessen. Der Maler Brice Marden weist den Weg vom Materiellen zum Immateriellen als quasi theologische Sicht der Welt und läßt den besonderen kulturellen Kontext wiedererkennen, in dem sich die westliche Malerei entwickelt hat - die paradoxe Verbindung, die göttlicher Geist und Materie eingehen, als Allianz von Farbe und ihrer physischen Basis, etwa Mu­ schel- oder Geranienstaub.72 Die Ästhetik der Absenz kommt nicht in den

Geranienstaub.72 Die Ästhetik der Absenz kommt nicht in den Dingen, sondern in ihren Relationen zur Andeu­
Geranienstaub.72 Die Ästhetik der Absenz kommt nicht in den Dingen, sondern in ihren Relationen zur Andeu­
Geranienstaub.72 Die Ästhetik der Absenz kommt nicht in den Dingen, sondern in ihren Relationen zur Andeu­

Dingen, sondern in ihren Relationen zur Andeu­ tung. Am Beispiel der Gemälde Nicolas Poussins bedeutet das, das Implizite und Verborgene unter dem Eloquenten und Manifesten herauszuarbeiten:

·�'ai essaye de representer l'irrepresentable, Ja subli­ mite d'une tempete sur terre.«73 Es ist dieses ästhe­ tische Register, das die moderne Macht bespielen wird, indem sie sich im Raum der Absenz un­ scheinbar und damit um so effektiver wirkend ein­ nistet. Das Bild ist keine Funktion der Repräsentation, sondern ihr Anderes: »Die Ersetzung von 1Absen­ tes< durch >Anderes< bedeutet hier [bei Louis Ma­ rin] zweifellos, daß der Substitutionswert nicht mehr mit dem Paar >Absenz/Präsenz<, sondern mit dem Paar >selbst/anders< spielt, das hier die Dimen­ sion der Trauer einführt«74. Trauer und Begehren stehen am Ursprung der Malerei. Winckelmanns

Geschichte der Kunst des Altertums (1 764) zitiert den

durch Plinius' Na turalis historia überlieferten My­ thos, wonach der Schattenriß den abwesenden Liebhaber zu ersetzen trachtete .75 Liliane We iss-

66 THOMAS CARLYLE, Past and Present (1 843),

in: Car­

lyle, The Wo rks, Bd. rn (London 1 8 99), 38; vgl. AR­

THUR DWIGHT CLLLER, The Victorian Mirror of History (New Haven/London 1985), 73 .

67 J ULF.S MICHELET, L'hfrolsme de l'esprit ( 1 869) . Pro­

jet inedit de Preface :i l'Histoire de France, in: L'Arc 52 (1973), 5; vgl. DE CERTEAU, L'ecriture de l'histoire

(Paris 1975), 7.

68 GEORGE PUTTENHAM, The Arte of English Poesie

(1589; Menston 1968), 199 f.

69 GERARD GENETTE. Figures. Essais (Paris

1968), 199 f. 69 GERARD GENETTE. Figures. Essais (Paris Motto. 1966) , 70 Vgl. KRZYSZTOF POMIAN,

Motto.

1966) ,

70 Vgl. KRZYSZTOF POMIAN, Pour une histoire des semiophores. A propos des vases des Medicis, in: Le

Genre humain r4 (1986), 5 1-62.

7r Vgl. Abt Suger, De consecratione ecclesiae S. Diony­

sii, in: MIGNE (PL) , Bd. 186 (1892), 123<}-1254·

72 Vgl. STEPHEN BANN, Brice Marden. Vom Materiellen zum Immateriellen, in: Kunstforum international 88

(1 987), r 70-r 76.

73 Zit. nach PIERRE LEPAPE, Puissance de l'absence, in:

Le Monde (12. 5. 1995), VII; vgl. LOUIS MARIN, Sub�

lime Poussin (Paris 1995): MARIN, Philippe de Cham­ paigne ou La presence cachee (Paris 1995) .

de Cham­ paigne ou La presence cachee (Paris 1995) . 74 DERRIDA, Kraft der Trauer. Die

74 DERRIDA, Kraft der Trauer. Die Macht des Bildes bei Louis Marin [Vortrag, 28. 1. 1993 , Centre Pompidou, Paris] , übers. \'. M. We tzei, in: M. We tzel/H. Wolf (Hg.), Der Entzug der Bilder. Visuelle Realitäten

(München 1994) , 20.

75 Vgl. PLINIUS, Nat. 35, 8 I-83.

Absenz

Absenz

berg bemerkt dazu: ))Es ist der Umriß, der bei La­ vater redegewandter sprechen kann als ein Ge­ mälde oder der menschliche Körper selbst. Farben und Details, die volle materielle Präsenz, lenken nur ab; die Linie dagegen kann durch ihre Negati­ vität wahr - nämlich >getrew - sein: [ „ .] und die Linie kann Natur vor allem in absentia und als ab­ wesende Natur repräsentieren.<<76 Die neoplatoni­ sche Utopie der Transparenz des Anwesenden ma­ nifestierte sich im Stil neoklassizistischer Umriß­ zeichnungen. Die Sehnsucht nach »perfect transparency in which the art object's corporeality would vanish, dissolve into absence, is the logical terminus for the eighteenth century fascination with the root beauty of the hidden, the impercep­ tible, and the invisible«77• In Winckelmanns Kunst­ geschichte figuriert die griechische Skulptur als Abgrund der Abwesenheit, der ihre museale Ge­ genwart in Kopien vom Ideal der antiken Origi­ nale trennt.78

Lessings Abhandlung Laokoon: oder über die Gren­ zen der Mahlerey und Poesie ( I 766) definierte Male­

rei und Poesie semiotisch: »Beyde [ „ .] stellen uns

76

LILIANE WEISSBERG, Literatur als Repräsentations­ form. Zur Lektüre von Lektüre, in: L. Danneberg/F. Vollhardt (Hg.), Vom Umgang mit Literatur und Li­ teraturgeschichte. Positionen und Perspektiven nach der >Theoriedebatte< (Stuttgart 1992), 296-298.

77

BARBARA MARIA STAFFORD, Beauty of the Invisible.

Winckelmann and the Aesthetics of Imperceptibility, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 43 (1980) , 75; vgl.

JEAN STAROBINSKI, 1 789. Les emblemes de la raison (Paris 1973), l ]O.

78

Vgl. ALEXANDER POTTS, Flesh and the Ideal. Win­ ckelmann and the Origins of Art History (New Ha­ ven/London 1994), 60.

79

GOTTHOl.D EPHRAIM LESSING, Laokoon: oder über

die Grenzen der Mahlerey und Poesie (1766), in: LES­

SING (LACHMANN) , Bd. 9 (3 1 893), 3.

 

80

CAROL JACOBS, Te lling Time. Levi-Strauss, Ford, Lessing, Benjamin, de Man, Wo rdsworth, Rilke (Bal­

8 [

timore 1993), I 1 5. LESSING an Friedrich Nicolai (26. 5. 1769), in: LES­ SING (LACHMANN) , Bd. 17 (3 1904), 291.

82

Vgl.

ZVONKO

MAKOVIC,

Von

der

Abwesenheit,

übers. v. T. Marcetii:, in: T. Mastrovii: (Hg.) , Der

kroatische Essay der achtziger Jahre (Zagreb I 99I),

328-342.

83

BIRGIT MÖCKEL, Ein Stück meiner Welt, in: Ve rnis­

sage 14

(1994) . Zeitschrift der Neuen

Nationalgalerie

Berlin zur George-Grosz-Ausstellung, 61.

abwesende Dinge als gegenwärtig, den Schein als Wirklichkeit vor; beyde täuschen, und beyder Täuschung gefallt.«79 Der Text diskutiert das Pro­ blem der Darstellung des Verborgenen bzw. Abwe­ senden anhand gemalter Wolken, durch die seine Zeitgenossen die wirksame Unsichtbarkeit der Götter in Homers Ilias darzustellen trachteten:

»Das Mittel, dessen sich die Mahlerey bedienet, uns zu verstehen zu geben, daß in ihren Composi­ tionen dieses oder jenes als unsichtbar betrachtet werden müsse, ist eine dünne Wolke, in welche sie es von der Seite der mithandelnden Personen ein­ hüllet. Diese Wo lke scheinet aus dem Homer selbst entlehnet zu sein. Denn wenn im Getümmel der Schlacht einer von den wichtigem Helden in Ge­

fahr kömmt, aus der ihn keine andere, als göttliche Macht retten kann: so läßt der Dichter ihn von der schützenden Gottheit in einen dicken Nebel, oder in Nacht verhüllen, und so davon führen« (85) .

»The particular image of

the cloud marks not only the disappearance of the hero but also the disappearance of the cloud, for

the process of reading any poetic figure is to make both the figure and that which it apparently figures disappeaf.((80 Dem entspricht die Figur der dissi­ mulatio artis, wie sie in der Barock-Rhetorik aus­ formuliert worden war. Lessing beschreibt sie in

am 26. 5. 1 769:

»Die Poesie muß schlechterdings ihre willkührli­ chen Zeichen zu natürlichen zu erheben suchen;

und nur dadurch unterscheidet sie sich von der Prose, und wird Poesie.«81

Gemälde, das

heute den Namen Schlafzimmer trägt. Die Gegen­ stände im Raum verweisen auf die Abwesenheit seines Bewohners: des Malers selbst; keine Leere des Nichtbestehenden, sondern des soeben Ver­ schwundenen. 82 I 947/ 48 portraitiert sich George Grosz, seiner Heimat, seines künstlerischen Funda­ mentes beraubt und entwurzelt, buchstäblich vor dem grauen Nichts - ein gemaltes Loch, »die Leere und Nutzlosigkeit der modernen Malerei«83. An dieser Stelle definiert sich das Reale als Ruptur des Symbolischen, \vie auch in Mark Rothkos abstrak­

einem Brief an Friedrich Nicolai

Carol Jacobs interpretiert:

1 8 88 malt Vincent van Gogh ein

ten Gemälden der 6oer Jahre, worin das >schwarze Loch< im Zentrum die gesamte Bildfläche zu über­ greifen droht. Heideggers Bezug auf van Goghs Gemälde von

II. Knotenpunkte

9

Bauernschuhen in Der Ursprung des Kunstwerkes

(1935) rekurriert auf ein Vo lumen, eine zentrale Leere, die mehr Menschlichkeit evoziert, als jede mimetische Repräsentation von Menschen es ver­ mag. Absenz ist der blinde Fleck, um den Heideg­ gers Argumentation kreist: »Das We sen der Wa hr­ heit, d. h. der Unverborgenheit, wird von einer Verweigerung durchwaltet. «84 Der Betrachter durchstreift das Museum der abendländischen Kultur, mm in einem phantasma­ tischen Akt der anverwandelnden Erinnerung et­ was Abwesendes wahrzunehmen, das, was an den Dingen erscheint, obwohl es sinnlich-materiell an den Dingen nicht zu sehen ist«85. Yves Klein stellte

demgegenüber einen >leeren Raum< in der Galerie Clert in Paris aus (Le vide, 1958) - Leere als Archi­ tektur gewordenes Manifest. Der als >dekonstruk­

tektur gewordenes Manifest. Der als >dekonstruk­ Architekt Peter Eisen­ man differenziert in seinem für

Architekt Peter Eisen­

man differenziert in seinem für Verona angefertig­ ten urbanistischen Entwurf Romeo und Julia noch genauer zwischen Abwesenheit und Leere, Rheto­ rik und Ästhetik. Indem er die Leere - etwa den Raum zwischen zwei Gebäuden - noch der physi­ kalisch realen Form einer Präsenz zuweist, setzt er davon die Abwesenheit als Spur einer ehemaligen Gegenwart (mit Erinnerung) oder einer möglichen Gegenwart (mit Immanenz) ab, die es diskontinu­ ierlich, als scaling, zu bauen gilt. 86 Modern nennt Jean-Fran,ois Lyotard die Kunst, die ihre Te chnik daraufverwandte zu zeigen, daß es ein Nicht-Dar­

stellbares gibt. »Le postmoderne serait ce qui dans le moderne allegue l'impresentable dans Ja presen­ tation elle-meme«87• Absenz fungiert als Signatur des postindustriellen Zeitalters.

tiv< eingestufte New Yo rker

6. Literatur

Das l 3. Jh. hat einen in Ve rsen verfaß ten Roman de Silence88 hinterlassen, worin das Schweigen selbst agiert; »the troubadour or trouvere is one who at­ tempts to fill the silences or >trous< in speech«89. Was zur Verbildlichung drängt, ohne repräsentiert werden zu können, kann nur geschrieben werden - im Medium Text. Es war nicht nur im Sinne der akademischen Disziplin, sondern auch der Dis­ kursanalysen Foucaults ein travail archeologique, was Gustave Flaubert mit seiner Erzählung Sa­ lammb8 (1 862) unternahm. Er nistet sich in einem

Raum des Schweigens und der Alterität ein: »Je

] d'un travail archeologique sur une

des epoques !es plus inconnues de l'antiquite«90. »Poetry cannot recuperate into its language the ob­ jects it represents«, schreibt Eugenio Donato über Flaubert, »but can only allegorize their loss in re­

presentation, their >death< which even philosophy may not be able to resurrect in its own dis­ course. «91 Flauberts Schreibprozeß stellte sich zu­ nächst als produktionsästhetische Absenz dar: »A chaque ligne, a chaque mot, Ja langue me man­ que«n Und: »J'ai le vertige du papier blanc«93. Jean-Paul Sartre deutete die postromantische Lite­ ratur und Poesie des Verstummens der zweiten Hälfte des 19. Jh. als Effekt des politischen Schei­ terns der l 848er Revolution.94 Mallarme hat die Figur der Absenz ästhetisch kultiviert. Benjamin deutete die Dichtung Mallar­ mes als eine »negative Theologie«95, die jede so-

m'occupe [

84 HEIDEGGER (s. Anm. 37). 53.

85 WOLFGANG PIRCHER, Eine Ausstellung des Abwesen­ den, in: W Zacharias (Hg.), Zeitphänomen Museali­ sierung. Das Verschwinden der Gegenwart und die

Konstruktion der Erinnerung

(Essen 1990) , 73.

86 Vgl. PETER EISENMAN, Aura und Exzeß. Zur Ü ber­ windung der Metaphysik der Architektur, hg. u. übers. v. U. Schwarz (Wien 1995), 8.,.-rn8.

87 JEAN-FRAN<;:OIS LYOTARD, Le postmoderne explique

aux enfants (Paris 1988), 3 r.

88 Vgl. Le Roman de Silence, hg. v. L. Thorpe (Cam­

bridge 1972) .

89 R. HOWARD BLOCH, Silence and Holes. The >Roman de Silence< and the Art of the Trouvere, in: Yale French Studies 70 (1986), 90.

90 GUSTAVE FLAUBERT an Mlle Leroyer de Chantepie

(18. 3. 1857), in: FLAUBERT, Bd. 13 (1974), 567.

91 EUGENIO DONATO, The Script of Decadence. Essays on the Fictions of Flaubert and the Poetics of Ro­ manticism (New York/Oxford 1993), 138; vgl. ebd.,

201.

92 FLAUBERT an Ernest Feydeau (19. 12. 1858), in:

FLAUBERT, Bd. 13 (1974), 646.

93 FLAUBERT an Louis de Cormenin (14. 5. 1857), in:

FLAUBERT, Bd. 13 (1974), 578: vgl. GENETTE, Silences

de Flaubert, in: Genette (s. Anm. 69), 223-243 .

94 Vgl. JEAN-PAUL SARTRE, L'engagement de Mailarme (entst. 1952, veröff. 1979) , in: Sartre, Mailarme. La lucidite et sa face d' ombre, hg. v. A. Elka1m-Sartre

(Paris 1986), 13-147.

95 WALTER BENJAMIN. Das Kunstwerk in1 Zeitalter sei­ ner technischen Reproduzierbarkeit (1936), in: BEN­

JAMIN, Bd. lh (1974), 48 1.

ro

Absenz

ziale Funktion ablehnt. George Steiner identifiziert in Real presences (1 989) die »counter-theology of absence« als die zentrale Signatur der Dekonstruk­ tion: »Again, the font is Mailarme, whose typogra­ phical experiments with /es blancs - the blanks on the page, the white abysses of silent nothingness between the lines - proved seminal to modernist

]. All these terms and devices are em­

blems of absence.«96 Für Mailarme ist, was dem Wo rt >Blume< seine Autorität verleiht, deren Ab­ wesenheit: »Je dis: une fleur! et, hors de l'oubli ou ma voix relegue aucun contour, en tant que quel­ que chose d'autre que !es calices sus, musicalement se leve, idee meme et suave, !'absente de tous bou­ quets .« 97 Die Wah rheit des Wo rtes ist - in einer ne-

literature [

96 GEORGE STEINER, Real presences (London 1989),

122.

97 sTEPHANE MALLARME, Crise de vers, in: Mailarme, CEuvres completes, hg. v. H. Mondor/G. Jean-Au­

bry (Paris 1945), 368.

98 Vgl. WALTER NAUMANN, Der Sprachgebrauch Mai­ larmes (Marburg 193 6) , 1 7 I.

99 Vgl. KARIN WAIS, Studien zu Rilkes Valery- Ü ber­

tragungen

(Tübingen

1 967) ,

1 46-149;

H.-K.

GRITSCHKE,

>Abwesenheit<,

in:

RITTER,

Bd. l

(1971), 70--72.

 

rno Vgl. JENNY GRAF-BICHER, Funktionen der Leer­ stelle. Untersuchungen zur Kontextbildung im Ro­ man am Beispiel von >Les Filles de joie< von Guy des Cars und >Les Caves du Vatican< von Andre Gide

(München 1983), l44f.

MALLARME, Un coup de des jamais n'abolira le ha­ sard (1 897) , in: Mallarme (s. Anm. 97), 475 .

1 02 ARTHUR RIMBAUD an Georges Izambard ([1 3 .] 5.

1 871), in: Rimbaud, CEuvres completes, hg. v. A. Adam (Paris 1972), 249; RIMBAUD an Paul Demeny

(15. 5. 1 871), in: ebd., 250.

ro1

!03 Vgl. LEOPOLD VON RANKE, Geschichten der roma­ nischen und germanischen Völker von 1494 bis

Ranke, Sämmtliche We rke, Bd. 33

VII; ROLAND BARTHES, L'effet du

151 4 (1 824) , in:

(Leipzig '1 874),

reel, in: Communications II (1968), 84--<:)0. !04 MARCEL PROUST' A propos du >style< de Flaubert (1920) , in: Proust, Chroniques (Paris 1927), 205 ; vgl.

RAINER WANNICKE-PIBAROT, Flaubert und Mai­

larme - Herolde des Schweigens. Das Verstummen der Literatur angesichts der Ve rbürgerli chung, in: D. Kamper/C. Wulf (Hg.) , Schweigen. Unterbrechung und Grenze der menschlichen Wirklichkeit (Berlin

1992) , 197-216. !05 PICARD (s. Anm 5), 148.

rn6 SARTRE, L'idiot de la famille. Gustave Flaubert de

1821 a 1857 (Paris '1988), 39.

gativen Semiotik - die Abwesenheit der We lt. Als ideale Präsenz ist die Abwesenheit für Mailarme die einzige wirkliche Gegenwart, die der träumen­ den Gedanken.98 Die lyrische Kategorie der >ab­ sence< betrifft sowohl das poetische Verfahren (Autonomisierung der sprachlichen Zeichen ge­ genüber einer beschreibbaren Wirklichkeit) wie den Gegenstand der Dichtung Mallarmes.99 Ab­ senz ist in Mailarmes Poem Un coup de des jamais n'abolira le hasard (1 897) ein durch Drucktypen ge­

regeltes >espacement de la lecture<; die Stellen un­ bedruckten Papiers haben eine aktive Funktion in der räumlichen Dimensionierung von Bedeu­

tung100: »Rien / [

ordinaire verse l'absence / que le lieu«101 • Der Kontrakt zwischen Sprache und Welt ist zerbrochen. Roland Barthes (Le degre zero de la lit­ terature, 1953) hat die Ve rsuche literarischer Avant­ garde, die Grenzen des Sag- und Schreibbaren vor­ anzutreiben, unter dem Begriff einer >Nullpunktli­ teratur< subsumiert, wie sie im Nouveau roman kulminierte. Vo rangegangen war Arthur Rimbauds Dekonstruktion der ersten Person Singular: >Je est un autre .« 102 Vo n nun an beginnen die Zeichen zu zirkulieren, bei Ve rlust eines jeglichen archimedi­ schen Punktes außerhalb der Diskurse. Als lingui­ stische Absenz des Autorenpronomens aber war diese Realitätsästhetik schon im historiographi­ schen Auto(r)-Abstinenzideal Leopold von Rankes literarisch vollzogen. Ranke schreibt, die Aufgabe

des Historikers sei zu »zeigen, wie es eigentlich ge­

] Strenge Darstellung der Thatsache,

wesen. [

wie bedingt und unschön sie auch sei, ist ohne Zweifel das oberste Gesetz.«103 Die Funktion lin­ guistisch unmarkierter Satzübergänge im Roman ist konstitutiv für die literarische Ästhetik der Mo­ deme. Proust bemerkt zu Flaubert: »A mon avis la

chose la plus belle de !'Education Sentimentale, ce

n'est pas une phrase, mais un blanc.«104 »Diese Leere ist keine eigentliche Leere, sie ist [ kein Mangel.«105 Sartre aber deutete solche Schweig­ samkeit als Unmöglichkeit: »Impossible surtout parce que le silence est lui-meme un acte verbal, un trou creuse dans Je langage et qui, en tant que tel, ne peut etre maintenu que comme une nomi­ nation virtuelle«106. Ästhetik der Absenz bedeutet in der Dichtung, dem Schweigen Raum zu geben, Stille einzuräu-

]

/ n'aura eu lieu / une e!evation

]

II. Knotenpunkte

II

men, um Ungesagtem Statt zu geben. Ve rsteckt ist immer nur das, was an seinem Platz fehlt. 107 Die Ästhetik der Absenz ist grundsätzlich antimime­ tisch disponiert. Als Figur entspricht ihr die Al­ legorie, und sie gehorcht einer Semiotik der Un­ darstellbarkeit: »lt is itself a Jack, an absence that cannot be represented.« 108 Das Reale der Absenz ist Widerstand gegen die ästhetische Signifikation; es widersteht der Sprache, da es sinnleer ist, nicht artikuliert wird. 109 Im Zentrum der symbolischen, repräsentativen Systeme ist nichts. Das Zentralsym­ bol der Gralsgemeinschaft, der Gral, wird in Wolf­ ram von Eschenbachs Parzival als Gegenstand, d. h. in seiner materialen Erscheinung, nicht beschrie­ ben - »wohl aber in den Wirkungen, die von ihr ausgehen«1 10. Dort, wo wir das Reale letztendlich vermuten, ist nicht nichts, vielmehr ein Riß. Das diese (Ein-)Bruchstelle supplementierende ästheti­ sche Artefakt entspricht der Aura des Fetischs, »its function being preciscly to deny absencc, to fill the >lack in being «< 111.

7. Technik, Medien, Verschwinden

Das >Verschwinden der Ferne< (Benjamin) be­ wirkte ein Bewußtsein der Absenz. Lehmann/ We ibel markieren den semiologischen Bruch zwi­ schen Zeichen und Dingen als Begründung einer Ästhetik der Absenz mit der Erfindung der Te le­ graphie. 1 12 1 79 1 /92 hatte bereits der französische Kleriker Claude Chappe das optische Te legrafen­ system der Semaphoren als Scharnier zwischen Botenkörper und körperloser Botschaft installiert - eine kodierte Signaltechnik militärischer Nach­ richten, die, obgleich sichtbar, für den uneinge­ weihten Betrachter unverständlich war. Die Erfin­ dung der Luftpumpe machte bislang unsichtbaren Druck begreifbar113; der Mesmerismus als Versuch, elektrischen Strom sichtbar zu machen, faszinierte das späte 18. Jh. Die breite Verwendung von Gas führte dagegen um 1 900 zum langsamen Ver­ schwinden nicht der Materie, sondern ihrer Wahr­ nehmung.1 14 Die rhetorische Figur der doppelten Verneinung (Litotes) für die Ästhetik der Absenz gilt auch in den Naturwissenschaften. Im quantenmechani­ schen Vakuum ist nicht nichts, sondern Antimate­ rie im Spiel. Die 1 895 von Wilhelm Conrad Rönt-

gen entdeckten Strahlen machten undurchsichtige Materie sichtbar; Sir William Crookes hatte darin unter anderem die Möglichkeit gesehen, mit Gei­ stern und überirdischen We sen zu kommunizieren. Henri Becquerel entdeckte I 896 eine vom Uran ausgehende unsichtbare Strahlung, die ohne äu­ ßere Anregung freigesetzt wird, die natürliche Ra­ dioaktivität . Radioaktiv verseuchten Objekten sieht man ihren Schaden nicht an; die Herausfor­ derung des 20. Jh. ist das mit nicht-technischen Sinnen nicht mehr Wahrnehmbare. Diese Erfah­

rung schrieb sich bereits im zum Stellungskampf geronnenen Ersten We ltkrieg fest. Der Künstler Robert Barry eliminierte I968/69 durch den Einsatz von Radiowellen und Gas die sichtbare Materie und reduzierte das Kunstwerk auf den Energiefluß 115 - eine Aisthesis der Absenz. Mit dem ästhetischen Unsichtbarwerden und der Absentierung dessen, was dennoch um so effekti­

ver am

Ausformulierung der Infrastruktur. Für Gottfried Semper stand l 849 fest, »daß das Eisen [ .] als konstruktiver Stoff [ „ . ] sich wegen der geringen Oberfläche, welche es in diesen Formen darbietet, dem Auge um so mehr entzieht, je vollkommener die Konstruktion ist, und daß daher die Baukunst [ .] mit diesem gleichsam unsichtbaren Stoffe sich

Werk

ist (parcrgonal) , korrespondiert die

ro7

Vgl. JACQUES LACAN, Le seminaire sur >La lettre vo­

lee<,

in: Lacan, Ecrits (Paris I966) , I I--61.

ro8

JACOBS (s. Anm. So) , ro9.

ro9

Vgl. 1olc LOISEL, Das Schweigen des Realen, in:

Kamper/Wulf (s. Anm. ro4), 297 f. 1 10 HANS-GEORG SOEFFNER, Appräsentation und Re­ präsentation. Von der Wa hrnehmung zur gesell­ schaftlichen Darstellung des Wahrzunehmenden, in:

Ragotzky/Wenzel (s. Anm. 57), 60.

III VICTOR BURGIN, The Absence of Presence. Con­ ceptualism and Postmodernism, in: Burgin, The End of Art Theory. Criticism and Postmodernity (Houndmills u. a. 1 986), 44. 1 ! 2 LEHMANN /WEIBEL, Vo rwort, in: Lehmann/Weibel (s. Anm. I), 7.

II3 Vgl. WERNER BUSCH/JOSEPH WRIGHT OF DERBY,

Das Experiment mit der Luftpumpe (Frankfurt a. M.

I986).

I I4 Vgl. CHRISTOPH ASENDORF, Ströme und Strahlen. Das langsame Ve rschwinden der Materie um 1 9 00

der Lebens­

kraft. Zur Geschichte der Dinge und ihrer Wahr­

(Gießen 1 989) ; ASENDORF, Batterien

nehmung im I9. Jahrhundert (Gießen I984).

II5 Vgl. LEHMANN (s. Anm. 4) , 53 f.

12

Absenz

nicht einlassen darf«116. Dieselbe ästhetische Impli­ kation hatten die neuen Verkehrsnetze. »Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden«1 17, schrieb 1843 Heinrich Heine. Die Erfindung des Telefons zog eine Ent­ körperlichung der Stimme nach sich. Bis zur Erfindung der fotografischen Platte l 826 durch Joseph Nicephore Niepce gab es für uns eine Ästhetik des Erscheinens. In der Ästhetik des Ve rschwindens sind die Dinge desto präsenter, je mehr sie uns entgleiten.118 »Toute photographie est un certificat de presence«1 19, schreibt Barthes über das punctum, das Irritierende eines Bildes im Ge­ gensatz zu seiner kulturellen Kodierung, denn »le noeme de la Photographie est simple, banal; au­ cune profondeur: >(:a a ete.<« (176) Fotografie ist »die überzeugende Anwesenheit des Objekts in seiner unabwendbaren Abwesenheit«120. Dies trifft

in seiner unabwendbaren Abwesenheit«120. Dies trifft 1 1 6 1 1 7 GOTTFRIED SEMPER, Der Wintergarten

1 1 6

1 1 7

GOTTFRIED SEMPER, Der Wintergarten zu Paris, in:

Zeitschrift für praktische Baukunst 9 (1 849), 515 f.

HEINRICH HEINE, Pariser Berichte. I 840-1 848, Ar­

tikel

I96.

V.

5.

5.

1 8 43, in: HEINE (HSA) , Bd. 10 (1 979) ,

II8 Vgl. MARTIN SEEL, Vor dem Schein, in: L. Jäger/ B. Switella (Hg.), Germanistik in der Mediengesell­ schaft (München I 994) , 209 f.

I I9 BARTHES, La chambre claire. Note sur Ja photogra­ phie (Paris I 980), I35·

1 20 BERND BUSCH, Das fotografische Gedächtnis, in:

K.-U. Hemken (Hg .), Gedächtnisbilder. Ve rgessen und Erinnern in der Gegenwartskunst (Leipzig

1996), I96.

I2I Vgl. WILLIAM STUBBS, Seventeen Lectures on the Study ofMedieval and Modern History and Kindred Subjects (Oxford 1 8 87), I I 2 f.

I 22 Vgl. ROLF H. KRAUSS, Jenseits von Licht und Schat­ ten. Die Rolle der Photographie bei bestimmten pa­ ranormalen Phänomenen. Ein historischer Abriß (Marbnrg I 992) . I23 BENJAMIN, Ü ber den Begriff der Geschichte (entst.

I 940) , in: BENJAMIN, Bd. 112 (1974) , 695.

I 24 Vgl. JACQUES DERRIDA, La mythologie blanche. La metaphore dans le texte philosophique, in: Poetique

5 (I971), 1-52.

I25 Deutsches Rundfunkarchiv (DRA), Frankfurt a. M„ Archiv-Nr. 2723099; vgl. Kriegstagebuch des Ober­ kommandos der We hrmacht (Wehrmachtsführungs­ stab), Bd. 4 (Frankfurt a. M. I96l), 1 280.

126 PICARD (s. Anm. 5), 218.

1 27 >Absence<, in: Revue d'Esthetique I6 (1963), 175. 128 Vgl. UWE RASCH, Stillen - Pausen - Leeren, in:

Lehmann/Weibel (s. Anm. I), 32ff.

sich mit dem, was das 19. Jh. einmal >statuarische< Geschichtsästhetik nannte.121 Hier können Ob­ jektszenarien mit hoher historischer Treue präsen­ tiert werden, doch zwischen den Dingen ist das vergangene Leben abwesend, gleich der Men­ schenleere in den ersten Daguerreotypien, wo sich die bewegten Objekte wegen der langen Belich­ tungszeit nicht abbilden ließen. Fotografie als Ban­ nung des Verschwindens und des Abwesenden122 ist seitdem für (vergangene) Gegenwart zuständig:

»Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Au­ genblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten.«123 Lyotard verfuhr technisch analog in der von ihm mitkonzipierten Ausstellung Les immateriaux (Paris 1985), welche die Materialitäten der Installation zugunsten des Effekts verbarg. Mit der Omni­ präsenz virtueller Bilder korrespondiert die zu­ nehmende Dissimulation des technisch Realen der mathematischen Apparate als Agenturen der Performanz - eine aktuelle >weiße Mytholo­

gie<124.

Vom Imaginären geht der Medienimpuls aus. Am 9. Mai 1945 meldet sich das Oberkommando der Deutschen We hrmacht zum letzten Mal als Rund­ funk (Reichssender Flensburg, Hauptquartier des Großadmirals) und erklärt die Einstellung aller Kämpfe. Den Schlußsatz des Deutschen Reiches aber ergänzt die Logik des Mediums selbst: »Es tritt eine Funkstille von drei Minuten ein.«125 Der Fülle des Kriegslärms und seiner Großen Erzählungen folgt die Leere; die Artillerie im 20. Jh. hat den he­ gelianischen Logos verstummen lassen. »Wie an­ dauernd ablaufende Maschinenpistolen, die gegen das Schweigen schießen, stehen die Radioapparate da . «12 6 To nttäger stehen im Zeichen einer visuellen Absenz: »Absence visuelle de l' executant, dans la musique enregistree« und »Absence visuelle dans le theatre radiophonique«1n Es war immer schon die Funktion von Medien (Geistern) , Abwesendes an­ wesend zu machen. Mit den technischen Medien wird dieser Befund berechenbar; die Erfindung des Phonographen durch Thomas Alva Edison (1878) hat die phonozentristische Beschwörung des Ab­ senten technisch im Reellen implementiert. John Cages nichts als die Dauer der lautlosen Aufftih­ rung bezeichnende Komposition 4 '33 " (19 52) er­ innert an die Anlage von Absenz in der Musik.128

II.

Knotenpunkte

r 3

Im Aufschub des Geräuschs manifestiert sich eine Rhetorik des musikalischen Schweigens, die sich dem Überfluß an akustischer Information entge­ genstemmt. Maurice Merleau-Ponty plädierte für eine »re­ habilitation ontologique du sensible« 129, also der aisthesis gegenüber der Ästhetik als philosophischer Theorie der Kunst, die im r8 . Jh. der diskursiven Trennung von mechanischen und schönen Kün­ sten entsprang. Den Hintergrund liefern die Me­ dien, deren technische Realität heute indes die hu­ manen Wahrnehmungsschwellen unterläuft; erst Apparate machen das Unsichtbare wieder sichtbar. »Eine eingreifende Kunst muß ernst nehmen, daß >das Reale< auch die Abstraktion eines Bits besitzen kann«130. »II suffit de constater que par l'interme­ diaire de votre o et de votre r, a savoir de Ja conno­ tation presence-absence, nous sommes capables de representer tout ce qui se presente« 131• Die Unter­ scheidung anwesend/abwesend wird durch kyber­ netische Schaltung zustande gebracht. Der Com­ puter bewältigt das Oszillieren zwischen zwei Zu­ ständen in der denkbar einfachsten Form, die schaltungstechnisch indes nicht die Dichotomie Präsenz/Absenz bedeutet, sondern schlicht zwei elektrische Spannungszustände. Absenzen, Leer­ stellen und Va riablen sind in der mathematischen Primzahl Null sowie in den negativen Zahlen an­ gelegt. Selbst Steiner respektiert die Mathematisie­ rung des Denkens durch die Computer: »They initiate, they develop non-verbal methods and configurations of thought, of decision-making, even, one suspects, of aesthetic notice.«132 Dem Zwitterzustand elektronischer Datenströme, die nicht nur den Unterschied zwischen Wo rt und Bild, sondern auch den zwischen An- und Abwe­ senheit wieder einebnen, entspricht das Verfahren der Dekonstruktion. Gegenüber den elektronischen Medien gewin­ nen die klassischen Medien als Retro-Effekt an Anschauungsqualität durch die Insistenz des Mate­ rialen. »Das Theater ist mit der Realpräsenz seiner Figuren einer der letzten Orte, die sich der Allge­

genwart des Fernen

Wahrnehmung aber ist rein okzidental gedacht; das japanische Marionettentheater vermag diese Ästhetik zu verkehren: »lnversement, il faut signa-

widersetzen.« 133 Eine solche

!er Je cas ou un etre materiellement present est cense absent Oll rneme inexistant«134• In der medizinischen Neurologie figuriert >ab­ sence< als Haupttyp des kleinen epileptischen An­ falls (petit mal) , der kurzfristigen Suspendierung und Desynchronisierung aller Wa hrnehmung. Sol­ che Bewußtheitspausen können gänzlich unbe­ merkt bleiben; dem entspricht eine Kinästhetik, wie sie Paul Virilio, ausgehend vom medizinischen

Begriff der Pyknolepsie, in seiner Esthetique de la

Te chniken filmischer

Apparate (etwa Etienne-Jules Mareys Chronopho­ tographie) und Bergsons Chronotropismen korre­ liert us Der Bezug des Mediums Film zur Ästhetik der Absenz liegt sowohl auf der physiologischen wie auf der kognitiven Ebene, indem das Kino eine erlebte Gegenwärtigkeit vom Abwesenden, ein Anwesend-Abwesendsein liefert. Dies hat auch radioästhetisch Geltung; »nie ist für den Men­ schen das, was das Radio mitteilt, unmittelbar da, J alles ist im Radiogeräusch immer unter­

wegs.«136

disparation (1980) mit den

immer unter­ wegs.«136 disparation (1980) mit den Ein anderes Medium der Modeme, die Metro­ pole,

Ein anderes Medium der Modeme, die Metro­ pole, transformierte den geographisch und indu-

129

MAURICE

MERLEAU-PONTY,

Le philosophe et son

ombre (1 959), in: Merleau-Ponty, Signes (Paris 1 960) , 2IO.

130 GABRIELE WERNER, We lche Realität meint das Reale? Zu Alfred Hrdlickas Gegendenkmal in Ham­ burg. Eine Erwiderung auf Dietrich Schubert, in:

Kritische Berichte 3 (1988), 65.

131 LACAN, Le seminaire, Bd. 2. Le moi dans la theorie de Freud et dans Ja technique de Ja psychanalyse (Pa­ ris 1 978), 328 f; vgl. FRIEDRICH KITTLER, Die Welt des Symbolischen. Eine Welt der Maschine, in: Kitt­ ler, Draculas Ve rmächtnis. Te chnische Schriften (Leipzig 1991), 5 8-80.

132

133 JOSEPH HANIMANN, Doktor Faustus sagt dem Teufel nichts. Meistermonologisten im Flimmern und Rauschen der We lt. Das junge französische Theater richtet sich jenseits der Sprache ein, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (14. 12. 1 994) , 35.

IJ4 SOURIAU, 4.

135 Vgl. ANDREA GNAM, Die Absence als Ausbruch aus der mnemotechnischen Konditionierung: >Ein leerer schöner Himmel bricht aus der Seele<. Zu Robert Musils >Der Mann ohne Eigenschaften<, in: Neu­ mann (s. Anm. 50), 1 45-163.

136 PICARD (s. Anm 5), 206.

STEINER (s. Anm. 96) , I I 5.

14

Absenz

striell faßbaren Raum zum Schaltplan von Zeichen und Codes B7 Demzufolge hat der strategische Wert des Nicht-Ortes der Geschwindigkeit den der klassischen Lokalisation ersetzt: Der Gegen­ stand löst sich auf in den Anfang einer Informa­ tionskette138, der nicht mehr in raumzeitlichen Be­ griffen, sondern nur noch in denen der kartesiani­ schen Datenvernetzung begreifbar ist, die technisch im Internet aufgeht. Dessen militärisches Pendant wäre etwa die Konstruktion des Stealth­ Bombers, eines Kampffiugzeuges, das sich der Be­ obachtbarkeit durch Radar entzieht.139 Aus der Sicht militärischer Aufklärung ist die Ästhetik der Absenz ein Spie(ge)l gegenseitiger Ent-Tarnung. Nach der begriffsarchäologischen Engführung auf den Ebenen Jurisprudenz, Theologie, Semio­ tik, Historiographie und Kunst kommt es zu einer

137 Vgl. HANS-JÜRGEN KETZER, Wahrnehmen und Ver­ schwinden. Ü ber einige Bedingungen ästhetischer Theoriebildung, in: We imarer Beiträge 40 ( r 994) ,

H. I, 44-5 5; JEAN BAUDRILLARD , Kool Killer Oll

Baudrillard,

L'insurrection

par

les

signes,

in:

L'Cchangc symbolique et la mort

128.

(Paris 1 976) , I I 8�

r 3 8 Vgl. PAUL vrnruo, Esthetique de la disparition (Pa­

ris 1 980).

139 Vgl. TOM HARDY, The Invisible Machine. Design­

ing Against all Rules. The Stealth Bomber, in:

Formdiskurs. Zeitschrift für Design und Theorie r (1996) , 25 f. 1 40 DAN DINER, Zwischen Aporie und Apologie. Ü ber

Grenzen der Historisierbarkeit der Massenvernich­ tung, in: Babylon. Beiträge zur jüdischen Gegenwart (1987), H. 2, 33. r41 ALEIDA ASSMANN, Das Gedächtnis der Orte, in: A.

Assmann/A. Haverkamp (Hg.), Stimme, Figur. Kri­ tik und Restitution in der Literaturwissenschaft (Stuttgart/Weimar 1 994), 35.

142 GERTRUD KOCH, Die ästhetische Transformation der Vo rstellung vom Unvorstellbaren. Anmerkungen zu Claude Lanzmanns Film >Shoah•, in: Babylon. Bei­ träge zur jüdischen Gegenwart (1 986) , H. r, 89.

143 PAUL CELAN, Engführung, in: Celan, Gesammelte We rke, Bd. r (Frankfurt a. M. 1983), 197; vgl. ANKE

BENNHOLDT-THOMSEN, Auf der Suche nach dem

Erinnerungsort, in: Celan-Jahrbuch 2 (1988), 7-28.

144 Vgl. PETER SZONDI, Durch die Enge geführt. Ver­ such über die Ve rständlichkeit des modernen Ge­ dichts, in: Szondi, Schriften, übers. v. J. Bollack

u. a., Bd. 2 (Frankfurt a. M. 1977) , 346 ff.; PETER SPARR, Poetik nach dem Strukturalismus. Derrida, de Man, Szondi, in: Zeitschrift für Semiotik 1 5 (1993), H. 3/ 4, 264 f.

ausdrücklichen Ästhetik der Absenz also erst im 20. Jh. als Effekt medialer Materialitäten; Refle­ xion auf Absenz wird erst stringent auf einem von der technischen Entwicklung bestimmten Stand. Das ausgehende 20. Jh. ist markiert durch Figuren der Absenz. Abwesenheit in ihren verschiedenen Formen differenziert zu lesen ist die Aufgabe einer Ästhetik, die sich nicht mehr vereinheitlichenden Begriffen unterwirft, sondern sie pluralisiert.

III. Auschwitz

Kann Auschwitz, als eine >Ikone der Abwesenheit< (Gottfried Bachl) , ein »Niemandsland des Ve rste­ hens, ein schwarzer Kasten des Erklärens«14'1, über­ haupt der ästhetischen Repräsentation und Imagi­ nation eingeschrieben werden? Die Gegenwart dieser Ve rgangenheit liegt eher in Ve rwal tungsar­ chiven denn in Gedenkstätten vor Ort, und NS­ Todeslager sind heute »numinose Orte einer absolu­ ten Absenz«, an denen die Uneinholbarkeit von

Erinnerung »als Leere sinnlich erfahrban1 4 1 wird.

Claude Lanzmanns Film Shoah (1 974-1985) ging einen asketischen We g: »Er fahrt an die Stätte der Vernichtung. Verräumlichung findet in der Gegen­ wart statt, abwesend bleibt, was zeitlich zurück­ liegt, die Vernichtung selbst.«142 Eine Gewalt geht von dieser Abwesenheit aus, die sich von keiner Spurensicherung, von keiner Erinnerung und von keinem Gedenken einholen läßt. Auschwitz als ein Immemorial im Sinne Lyo­ tards läßt sich nicht mehr ausschließlich an einem geographischen Ort festmachen; diese Erinnerung setzt sich vielmehr aus zerstreuten Gliedern, Ge­ danken, Informationen zusammen (relmember) . Mit dieser ästhetisch radikalisierten Absenz korre­ spondiert - Adornos Diktum zum Trotz - eine Appräsenz auf der poetischen Darstellungsebene in Paul Celans Gedicht Engführung (1 959): »Verbracht ins I Gelände / mit der untrüglichen Spur: / Gras, auseinandergeschrieben«143. Die Gräser sind zu­ gleich Buchstaben, und die Landschaft ist Text.

Keine Mimesis mehr, keine Repräsentation von

Historie, sondern der Text wird selbst Realität. 144 Auschwitz verlangt nach apophatischer, also dene­ gierender Rede - was historische Forschung nicht

III. Auschwitz

l5

zu fassen vermag. In Anlehnung an Maurice Blan­

chot schreibt Saul Friedlander: »>Working through<

J >to keep watch over ab­

sent meaning.«<145 Absentierung ist das Verbrechen, das die vom Holocaust bezeichnete Abwesenheit von je ner Absenz unterscheidet, die aller Ve rgan­ genheit eignet. »Doch hebt die Abwesenheit des Geschehens seine Anwesenheit nicht au f. «146 In seiner Installation The Missing House im Rah­ men der Stadtraumausstellung Die Endlichkeit der Freiheit (Berlin 1990) erinnerte der Künstler Chri­ stian Boltanski an der Stelle eines im Krieg zerstör­ ten Hauses durch Namenstafeln an deportierte jü­ dische Bewohner, deren Dokumentation er an­ dernorts als The }\!luseum zur Ausstellung in hausförmigen Vitrinen brachte.147 Dazwischen schiebt sich also jene Agentur, die schweigend bei aller historischen Rede am Werk ist: das Archiv und seine Lücken, die - analog zu Wolfgang Isers Theorie der literarischen Leerstellen148 - histori­ sche Imagination als Supplementierung dieses Mangels evozieren. Daten statt Metaphern verwei­ sen auf Räume jenseits der Sichtbarkeit: »Meta­ phors speak of what remains absent.«149 Der von dem Architekten Daniel Libeskind entworfene Er­ weiterungsbau des Berlin Museums, der ein Jüdi­ sches Museum inkorporiert, ist strukturiert durch tragende Hohlräume, die radikal auf das unersetz­ bare Fehlen einstigerjüdischer Kultur in der heuti­ gen Stadt verweisen und damit Absenz und Absen­ tierung, Vergangenheit und Holocaust ästhetisch radikalisieren.150 Besonders in Deutschland trat nach 1945 anstelle praller Historiengemälde deren Negation, etwa in Anselm Kiefers Gemälde Deutschlands Geisteshelden (1973): »Die Leere selbst ist hier zum Monument geworden.«151 Es bleibt al­ lein die via negationis: Auch die Kriegstotendenk­ mäler des Zweiten We ltkriegs knüpfen nicht mehr (wie nach 19 18) an Sinngebungsdiskurse an, son­ dern bringen die Sinnlosigkeit historischer Gewalt als Darstellungsnullpunkt zum Ausdruck. 152 So das Washingtoner Vietnam Memorial, das nicht er­ zählt, sondern unter Ve rzicht auf plastische Allego­ risierungen Namen quasi zählend aufreiht. Infor­ mation gilt anstelle von Sinnangeboten, wo sich Lücken auftun, die nicht nur auszuhalten, sondern auch als solche zu schreiben sind.

may ultimately signify [

auch als solche zu schreiben sind. may ultimately signify [ Institutionalisierte Erinnerung heißt Ve rhinde- rung
auch als solche zu schreiben sind. may ultimately signify [ Institutionalisierte Erinnerung heißt Ve rhinde- rung

Institutionalisierte Erinnerung heißt Ve rhinde-

rung von Absenz in Befehlsform; der jüdische Im­ perativ >Zachor!<153 (Erinnere dich) steht dafür ebenso wie das militärische Beschwörungsritual. Beim italienischen Kriegerdenkmal Redipuglia154 treten anstelle der To ten die Buchstaben ihrer Na­ men, ihrer Bataillone oder das, was an Information von ihnen blieb: buchstäblich(e) Knochen, denen allein die phonozentristische Konversation Leben einhaucht. Auch Absenz hinterläßt eine Spur, ihre Markierung heißt Schrift; über die Gesimse der Stufenlandschaft schreibt sich in steter Folge das Wort >presente<. Der Betrachter halluziniert den Schrei der To ten beim Beschreiten des Monu­ ments - ein Appell über den Tod hinaus. Vergan­ genheit ist ganz und gar signifikanten Gedächtnis­ trägern preis- und anheimgegeben.

Wolfgang Ernst

145 SAUL FRIEDLANDER, Trauma, Transference and

>Working through<, in: History and Memory 4 (1992), H. l, 55. I46 MANDEL KÖPPEN, Auschwitz im Blick der zweiten Generation, in: Köppen (Hg.), Kunst und Literatur

nach Auschwitz (Berlin I983), 67.

147 Vgl. WULF HERZOGENRATH, The Missing House,

in: W Herzogenrath/]. Sartorius/C. Tannert (Hg.),

Die Endlichkeit der Freiheit. Ein Ausstellungspro­ je kt in Ost und We st (Berlin I 9 9D) , 84-8 6. I48 Vgl. WOLFGANG lSER, Der Akt des Lesens. Theorie

ästhetischer Wirkung (München I976), 28off.; WOLFGANG KEMP (Hg.), Der Betrachter ist im Bild. Kunstwissenschaft und Rezeptionsästhetik {Köln

1985).

149

KARSTEN HARRIES, Metaphor and Transcendence,

I 50

in: S. Sacks (Hg.), On Metaphor (Chicago/London I978), 82. Vgl. Between the Lines (Ausstellungskatalog) . Joods Historisch Museum Amsterdam, Juni-September

I99I.

I 5 I A. ASSMANN, Arbeit am nationalen Gedächtnis. Eine kurze Geschichte der deutschen Bildungsidee (Frankfurt a. M./New York/Paris I993), I 12. I 52 Vgl. REINHART KOSELLECK, Kriegerdenkmale und Identitätsstiftungen der Ü berlebenden, in: 0. Mar­ quard/K. Stierle (Hg.), Identität (München I 979) , 25 5-276.