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r uck Jordi Aguadé: Zum arabischen Dialekt von Settat (Marokko)

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Son

Nicht nur mit Engelszungen

Beiträge zur semitischen Dialektologie


Festschrift für Werner Arnold zum 60. Geburtstag

Herausgegeben von
Renaud Kuty, Ulrich Seeger und Shabo Talay

2013
Harrassowitz Verlag · Wiesbaden
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung des
Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland
www.bvdad.de

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© Otto Harrassowitz GmbH & Co. KG, Wiesbaden 2013
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für Vervielfältigungen jeder Art, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und
für die Einspeicherung in elektronische Systeme.
Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier.
Druck und Verarbeitung: Memminger MedienCentrum AG
Printed in Germany

ISBN 978-447-06926-7
Inhaltsverzeichnis

Vorwort der Herausgeber ..................................................................................... VII


Grußwort des Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland ............................. IX
Tabula Gratulatoria .............................................................................................. XI
Schriftenverzeichnis Werner Arnold ................................................................. XIII

AGUADÉ, J. Zum arabischen Dialekt von Settat (Marokko) ...................................... 1


BASAL, N. fiʿl manqūl and mafʿūl maʿahu in Abū al-Faraj Hārūn’s Grammatical
Theory ......................................................................................................... 7
BEHNSTEDT, P. Anmerkungen zum Arabischen von Darfur/Sudan .......................... 19
BETTINI, L. Traditions et textes des Ṭayy de la Haute Jézireh syrienne ................... 25
COGHILL, E. The Neo-Aramaic dialect of Peshabur ................................................ 37
CORRIENTE, F. Iranian Lexical Stock in Standard and Andalusi Arabic .................. 49
DICKINS, J. Definiteness, genitives and two types of syntax in Standard Arabic ....... 59
DIEM, W. Die arabischen Mirative in historischer Perspektive ................................. 73
EDZARD, L. Zu einer Jibbāli-vergleichend-semitischen Wortliste in arabischer
Schrift ........................................................................................................ 87
FASSBERG, S. E. Two Biblical Hebrew Sound Laws in the Light of Modern
Spoken Semitic ........................................................................................... 95
GAZSI, D. The Deceptive, the Reddish and the Ursa: Arabic Wind Terminology
on Iran’s Gulf Coast ................................................................................. 101
GEVA KLEINBERGER, A. Wild Basil and Cheese: Reminiscences of the Judeo-
Arabic dialect of Safed ............................................................................. 109
GZELLA, H. Differentielle Objektmarkierung im Nordwestsemitischen als
Konvergenzerscheinung ............................................................................ 113
HALAYQA, I. The Names of the Traditional Water Facilities in the Palestinian
Colloquial ................................................................................................ 125
HESELWOOD, B./WATSON, J.C.E./AL-AZRAQI, M./NAIM, S. Lateral reflexes of
Proto-Semitic *ḍ and *ḏ̣ in Al-Rubū‘ah dialect, south-west Saudi Arabia:
Electropalatographic and acoustic evidence ............................................... 135
HOPKINS, S. On the etymology of Arabic bandūq “bastard” ................................. 145
JASTROW, O. Gabriel Laniado: Als jüdischer Lehrer im Nordirak ......................... 151
KAPELIUK, O. A Contrastive Analysis of Tenses in Urmi Neo-Aramaic and in
Kurdish .................................................................................................... 161
KHAN, G. Remarks on Negation in North-Eastern Neo-Aramaic Dialects ................ 171
KHOURY, R. G. Die maßgebende Rolle von Sprache und Dichtung für ein
konfliktfreieres, religiöses und politisches Zusammenleben ......................... 185
KUTY, R. Überlegungen zur Satzgliedstellung im altsyrischen Verbalsatz ............... 197
LAHDO, A. The Martyrdom of Mōr ʿZuzoyo – A new Ṭūrōyo text from Kfarze in
Ṭūr ʿAbdīn ............................................................................................... 207
LEVIN, A. The Distribution of the Medial ʾImāla in the Old Arabic Dialects of
the Eighth Century .................................................................................... 215
MAAS, U. Die marokkanische Akzentuierung ....................................................... 223
MARAQTEN, M. ʾUmm el-Ġēṯ „Mutter des Regens“ und die Volksriten der
ʾIstisqāʾ in Palästina ................................................................................. 235
MUTZAFI, H. Some Lexical Niceties of the Neo-Aramaic Dialect Cluster of Ṭyare 245
NEBE, W. G. Zur hebräischen Rechtssprache in rabbinischer Zeit, am Beispiel
von XḤever/Se 49 – Sondersprache oder Standard? ................................... 253
ODISHO, E. Y. Some Primary Sources of Accent Generation in the Pronunciation
of English by Native Arabs ......................................................................... 265
PROCHÁZKA, S. Traditional Boatbuilding – Two texts in the Arabic dialect of the
island of Arwād (Syria) ........................................................................... 275
RITT-BENMIMOUN, V. Giftiges aus Gafṣa – Ein Text im arabischen Beduinen-
dialekt von Bil-Xēr (Gafṣa) ...................................................................... 289
ROSENHOUSE, J. Multilingualism in the Middle East: Is it normal? ........................ 301
SEEGER, U. Zum Verhältnis der zentralasiatischen arabischen Dialekte ................. 313
SHACHMON, O. ʿala fūk rōsi – “on top of my head” – The shift of ā>ō in a
Palestinian dialect .................................................................................... 323
STADEL, C. Aspekte der Sprachgeschichte des Neuwestaramäischen im Licht des
spätwestaramäischen Dialektes der Samaritaner ........................................ 333
TALAY, S. Gedanken zum aramäisch-arabischen Sprachkontakt in Ostanatolien 343
WALTISBERG, M. Ṭuroyo und Arabisch ................................................................ 353
WENINGER, S. Die angebliche Hauptquelle von al-Ǧawharīs Ṣiḥāḥ fī l-luġa –
Eine Korrektur ......................................................................................... 365
WOIDICH, M. Über einige Quantifikatoren im Ägyptisch-Arabischen ..................... 375
YODA, S. On the So-called Ethical Dative in Syro-Palestinian Arabic Dialects ....... 391
YULE, P. Pre-Arabic Inscriptions from Wādī Saḥtan, Wilāyat al-Rustāq,
Governorate of the South al-Bāṭinah Region, Sultanate of Oman ............... 399
ZEMER, H. On 3mpl Perfects in the Arabic Dialects .............................................. 403
Tabula Gratulatoria

Neben den Verfassern der Artikel haben folgende


Kolleginnen und Kollegen einen wesentlichen Bei-
trag zur Entstehung der Festschrift geleistet und
gratulieren damit dem Jubilar:

KLAUS BEYER, Heidelberg, Deutschland


ZEKI BILGIÇ, Konstanz, Deutschland
MARGARETHA BOOCKMANN, Mainz, Deutschland
RICCARDO CONTINI, Napoli, Italien
STEVEN FASSBERG, Jerusalem, Israel
JIŘI GEBELT, Praha, Tschechien
SABINE GRALLA, Halle, Deutschland
WOLFHART HEINRICHS, Arlington, USA
CLIVE HOLES, Oxford, England
SIMON HOPKINS, Jerusalem, Israel
RUDOLF DE JONG, Den Haag, Niederlande
MARC KIWITT, Heidelberg, Deutschland
STEFAN M. MAUL, Heidelberg, Deutschland
KARLHEINZ MÖRTH, Wien, Österreich
WALTER MÜLLER, Marburg, Deutschland
JONATHAN OWENS, Bayreuth, Deutschland
STEPHAN PROCHÁZKA, Wien, Österreich
JAN RETSÖ, Göteborg, Schweden
GABRIEL ROSENBAUM, Jerusalem, Israel
CORNELIA RUPPERT, Betlehem, Palästina
JASMIN SINHA, Itzig, Luxemburg
PETER STEIN, Jena, Deutschland
HARRY STROOMER, Leiden, Niederlande
PAUL YULE, Heidelberg, Deutschland
ANDRZEJ ZABORSKI, Kraków, Polen
Zum arabischen Dialekt von Settat (Marokko)

JORDI AGUADÉ
Universidad de Cádiz

1.1. Die Stadt Settat liegt 60 km. südlich von Casablanca, auf der Nationalstraße,
die nach Marrakech führt: bei der Volkszählung von 2004 hatte sie 116.570 Ein-
wohner. Ihre Anfänge reichen bis ins XVIII Jahrhundert zurück, als der Sultan
MŪLĀY ISMĀʕĪL dort eine Festung errichten ließ, um den Weg nach Marrakech zu
sichern1.
1.2. Auf Marokkanisch wird die Stadt heute immer Sǝṭṭāṭ (‫ط‬ ) genannt, ihr eigentlicher
Name lautete früher allerdings Ẓǝṭṭāṭ (‫)زط ط‬: ein ẓǝṭṭāṭ (Pl. ẓǝṭṭāṭa) war ein einfluss-
reicher Mann (meistens ein šrīf –ein Nachkomme des Propheten also), der gegen
Bezahlung (ẓṭāṭa) Reisende unter seine Obhut nahm und somit ihnen den Weg
durch Stammesgebiete ermöglichte, in welchen die Autorität des Sultans nicht
anerkannt wurde2. Ein ẓǝṭṭāṭ musste genau darauf achten, dass seine Schützlinge
unversehrt an ihrem Reiseziel ankamen, denn sonst wäre sein Prestige schnell für
immer lädiert gewesen. Diese Art und Weise zu reisen war anscheinend ziemlich
sicher: der französische vicomte CHARLES DE FOUCAULD, der zwischen 1883 und
1884 den Süden Marokkos erforschte, lobt in seiner Reconnaissance au Maroc die
Professionalität der ẓǝṭṭāṭa, die manchmal sogar ihr Leben riskierten, um die ihnen
anvertrauten Reisenden gegen Angriffe zu verteidigen.
Settat lag an einem strategisch wichtigen Punkt, nämlich da, wo die Macht des
Sultans endete und aus diesem Grund war derjenige, der durch aufständische Ge-
biete (blād s-sība) ziehen wollte, gezwungen einen ẓǝṭṭāṭ zu engagieren. Daher der
Name der Stadt.
2. Meine Angaben zum Dialekt von Settat beruhen auf der Befragung von fünf
verschiedenen Gewährsleuten aus dieser Stadt: einer Frau um die sechzig, drei
jüngeren Frauen und einem jungen Mann. Mein besonderer Dank gilt Frau cand.
phil. NEZHA NORRI, die freundlicherweise für mich die Befragungen in ihrer Hei-
matstadt durchführte.

1 Aus Settat stammte DRISS BASRI (starb 2007), der langjährige Innenminister HASANS II.: er
nützte offenbar seine Macht aus, um die Stadt zu fördern und zu modernisieren. Die Angaben
zu diesem Dialekt, die hier veröffentlicht werden, wurden im Rahmen des spanischen For-
schungsprojektes FFI2011-26782-C02-02 (“Dialectos y sociolectos emergentes en el Magreb
occidental”) gesammelt.
2 Vgl. DAF 6:94 (s.v. sǝṭṭāṭ) und 5:321 (s.v. ẓǝṭṭāṭ): « ẓǝṭṭāṭ (Pl. –a) personnage influent, homme
du pays respecté ou redouté qui, moyennant rétribution, garantissait la sécurité d’un voya-
geur étranger ou d’une caravane désirant traverser le territoire de la tribu, en zone mal con-
trôlée par le pouvoir central ».
2 Jordi Aguadé

Als Grundlage für die dialektologische Erhebung habe ich den Fragebogen benutzt,
der vor einigen Jahren von PETER BEHNSTEDT entworfen wurde.
3.1. Bekanntlich erfolgte die Arabisierung Marokkos in zwei Wellen. Die erste
fand im VII. Jahrhundert statt als die Araber das Land eroberten. Die zweite war
viel bedeutender und nachhaltiger: sie geht auf die beduinischen Stämme der
Banū Hilāl und Banū Sulaym zurück, welche – vom Osten kommend – im XII.
Jahrhundert ins Land eindrangen und die sogenannten „hilalischen“ Dialekte mit
sich brachten. Aus diesem Grund unterscheidet man in Marokko zwischen „prä-
hilalischen“ und „hilalischen“ Mundarten3. Aus der hilalischen Gruppe entwickel-
ten sich später städtische Dialekte, die viele typisch beduinische Merkmale verlo-
ren haben: zu denen gehören z.B. die Dialekte von Casablanca, El Jadida,
Marrakech und auch Settat.
3.2. Zu den charakteristischen Merkmalen dieser Dialekte zählen u.a.: Verlust der
Interdentale, Elidierung kurzer Vokale in offener Silbe, Monophthongierung von
*aw und *ay, Realisierung von */q/ als /g/, Gebrauch der Genitivpartikeln dyāl
oder nţāʕ, Gebrauch der Präsenspräverben ka– oder ţa–4.
4.1. Was den Vokalismus betrifft, so weist Settat das typische System der hilali-
schen Stadtdialekte (wie z.B. Casablanca) auf: drei lange Vokale (/ā/, /ī/, /ū/)
und zwei kurze (/ǝ/, /ŭ/)5. In der hier von mir verwendeten Transkription sind [ă]
und [ŭ] Allophone von /ǝ/: [ă] in Kontakt mit Velaren und Pharyngalen, [ŭ] no-
tiert eine Labialisierung von /ǝ/ in Kontakt mit Velaren6. Allophone der langen
Vokale wurden hier nicht berücksichtigt.
4.2. Die Diphthonge –ăw und –ăy sind in diesem Dialekt monophthongiert wor-
den: yūm (< *yăwm) „Tag“; bīţ (< *băyt) „Zimmer“; zīţ (< *zăyt) „Öl“; lūn (<
*lăwn) „Farbe“; šūk (< *šawk) „Dornen, Stacheln“. Die Ausnahme ist xăyma „Zelt“
(von allen Gewährsleuten immer diphthongiert ausgesprochen).
4.3. Auffällig ist die Diphthongierung von /ū/ und /ī/ in Fällen wie ṣăwfa „Wolle“
(<*ṣūf); ṛăwz „Reis“; xăyzzu „Karotten“7; ġăys „Schlamm“8; ṣăyfǝṭ „schicken“9.
4.4. Wie in allen hilalischen Stadtdialekten findet man in Settat die Verschiebung
*/q/ > /g/: gāl „er sagte“; gmǝl „Laus“; gǝnfūd „Igel“; ʕăgrǝb „Skorpion“; gǝmra

3 Zur Klassifizierung der marokkanischen Dialekte vgl. COLIN 1986 und HEATH 2002:1–12, 18–
34. Vgl. auch AGUADÉ 2008:287–288.
4 Dazu AGUADÉ 2005:60ff. und AGUADÉ 2003b:302ff.
5 Vgl. CAUBET 2008:275–276 und AGUADÉ 2008:288–289.
6 Zum Beispiel: škǝl > škŭl „Form, Art und Weise“.
7 xīzzu in anderen marokkanischen Dialekten (Entlehnung aus dem Berberischen: vgl. WAD
1:468 zu Karte 159).
8 ġīs in anderen marokkanischen Dialekten (vgl. DAF 9:452).
9 In hilalischen und prä-hilalischen Dialekten findet man fast immer ṣūf, ṛūz, xīzzu, ġīs, ṣīfǝṭ. In
Algerien kommt gelegentlich ṛawz vor, xăyzzu ist für Kenitra und die Region Doukkala belegt:
dazu WAD 1:462-463 (zu Karte 157); 468 (zu Karte 159) und 476 (zu Karte 162);
xīzzu/xăyzzu und ṣīfǝṭ/ṣăyfǝṭ sind Entlehnungen aus dem Berberischen.
Zum arabischen Dialekt von Settat (Marokko) 3

„Mond“; gǝmḥ „Weizen“. Es gibt allerdings zahlreiche Ausnahmen zu dieser Reali-


sierung: qŭddām „vor“; fūq „über, oberhalb von, auf“; qdīm „alt“; ṛqīq „dünn“; lqa
„er traf, er fand“. Durch die Opposition /q/ ≠ /g/ kommt es zu folgenden seman-
tischen Doubletten: qǝllǝb „suchen“ ≠ gǝllǝb „umpflügen“; ʕăṛq „Vene“ ≠ ʕărg
„Wurzel“; qăṛn „Jahrhundert“ ≠ gǝrn „Horn“; qăṛʕa „Flasche“ ≠ gǝrʕa „Kürbis“.
4.5. Das Phonem /t/ wird vor Vokal und am Wortende immer affriziert (= /ţ/)
ausgesprochen: šrǝbţ „ich habe getrunken“, mākǝlţi „mein Essen“, ţǝmma „dort“.
4.6. Wie in den hilalischen Stadtialekten üblich, wird */ǧ/ immer als /ž/ (=
stimmhafter palato-alveolarer Zischlaut, IPA [ʒ]) realisiert: žbǝl „Berg“, žāṛi „mein
Nachbar“, xrǝž „er ging hinaus“, žīţ „ich bin gekommen“, žǝllāba „Dschellaba“10.
4.7. Velarisierung von /r/ kommt häufig vor und man findet folgende Minimal-
paare, die eine Opposition /r/ ≠ /ṛ/ aufweisen: žāri „fließend“ ≠ žāṛi „mein
Nachbar“; bra „Nadel“ ≠ ḅṛa „er genas“.
5.1. Besitzverhältnisse können (wie sonst in Marokko) mit Hilfe der Genitivparti-
kel dyāl (Pl. dyāwl) ausgedrückt werden: ṭ-ṭumūbil dyāli „mein Auto“, ḍ-ḍyūṛ
dyāwlha „ihre Häuser“. Die einfache Konstruktusform ist aber auch möglich (sogar
bei Fremdwörtern) und scheint ziemlich häufig vorzukommen, wie folgende Bei-
spiele beweisen:
mākla „Essen“ → mākǝlţi „mein Essen“
ḍāṛ „Haus“ → ḍāṛna „unser Haus“
žǝllāba“ „Dschellaba“ → žǝllābţi „meine Dschellaba“
rŭkba „Knie“ → rŭkbǝtha „ihr Knie“
11
ṭuṃūbila „Auto“ → ṭuṃūbilţi „mein Auto“

5.2. Charakteristisch für marokkanische Dialekte ist der Vokalumsprung zur Ver-
meidung kurzer Vokale in offener Silbe12. Dies ist in Settat auch der Fall und so
findet man: kţǝf „Schulterblatt“ aber kǝtfi „mein Schulterblatt“, ṣḍăṛ „Brust“ aber
ṣăḍṛi „meine Brust“, usw.
5.3. In Settat gibt es allerdings eine wichtige Ausnahme zu dieser Regel und sie
gehört zu den auffälligsten Merkmale dieses Dialektes: bei Wörtern, die nach dem
Schema {1ǝ23a} gebildet werden, findet kein Vokalumsprung statt wenn ihnen
Personalpronomina suffigiert werden (und somit kommen kurze Vokale in offener
Silbe vor).

10 Zum Phonem /ž/ in den marokkanischen Dialekten vgl. CANTINEAU 1960:59; HEATH
2002:136; AGUADÉ 2003a:79–80.
11 Französisch automobile.
12 Dazu AGUADÉ 2008:289 und 2003a:95,99.
4 Jordi Aguadé

Man hat folgende Beispiele gefunden:


kǝswa „Kleid“ → kǝsŭwţi „mein Kleid“

„Gespräch, „mein Gespräch,


hăḍṛa → hǝḍǝṛţi
Sprache“ meine Sprache“

xădma „Arbeit“ → xǝdǝmţi „meine Arbeit“


kǝlma „Wort“ → kǝlǝmţi „mein Wort“
bǝlġa „Lederpantoffel“ → bǝlǝġţi „meine Lederpantoffel“
rŭkba „Knie“ → rŭkǝbţi „mein Knie“
bǝgra „Kuh“ → bǝgǝrţi „meine Kuh“
lăḥya „Bart“ → lǝḥĭyţi „mein Bart“

Diese kurzen Vokale in offener Silbe tragen immer die Betonung: hǝ́ḍǝṛţi, xǝ́dǝmţi,
kǝ́lǝmţi, bǝ́lǝġţi, rŭ́kǝbţi, bǝ́gǝrţi.
5.4. Farb- und Defektadjektive haben Plurale auf –īn: ḥmăṛ „Rot“ → Pl. ḥămrīn; kḥăl
„Schwarz“ → Pl. kăḥlīn; ṣfăṛ „Gelb“ → Pl. ṣăfrīn; byǝḍ „Weiß“ → Pl. băyḍīn/bīḍīn.
5.5. Beim Perfekt des regulären Verbs die 3f. des Singulars weist die Endung –ǝţ
auf:
Singular Plural
3m. xdǝm „er arbeitete“ 3c. xădmu „sie arbeiteten“
3f. xădmǝţ „sie arbeitete“
2c. xdǝmţi „du arbeitetest“ 2c. xdǝmţu „ihr arbeitetet“
1c. xdǝmţ „ich arbeitete“ 1c. xdǝmna „wir arbeiteten“

Allerdings gebrauchte eine der jüngeren Informantinnen für die 3f. die Endung –
āt: šǝrbāţ „sie trank“; xădmāţ „sie arbeitete“ usw. Dies ist wohl als Angleichung
zum Dialekt von Casablanca zu verstehen13.
5.6. Es gibt keine Opposition Perfektvokal ǝ/ă ≠ Imperfektvokal ŭ: šrǝb „trinken“ →
yĭšrǝb; xdǝm „arbeiten“ → yăxdǝm; ḥăll „öffnen“ → yḥăll; rǝšš „besprengen“ → yrǝšš.
Wenn bei manchen Verben ein Imperfektvokal ŭ vorkommt, handelt es sich um
eine Labialisierung von ǝ in Kontakt mit Velaren: dxǝl „eintreten“ → yĭdxŭl; xrǝž
„hinausgehen“ → yăxrŭž; skǝţ „schweigen“ → yĭskŭţ.

13 Die Endung –āţ ist eine Analogiebildung zur 3f. der Verba tertiae infirmae (mšāţ „sie ging“):
dazu HEATH 2002:223 und AGUADÉ 2003b:65.
Zum arabischen Dialekt von Settat (Marokko) 5

5.7. Verba tertiae infirmae mit Imperfekt auf –a wie lqa (yĭlqa) oder bqa (yĭbqa) diph-
thongieren in den ersten und zweiten Personen des Perfekts:
Singular Plural
3m. bqa „er blieb“ 3c. bqāw „sie blieben“
3f. bqāţ „sie blieb“
2c. bqăyţi „du bliebst“ 2c. bqăyţu „ihr bliebt“
1c. bqăyţ „ich blieb“ 1c. bqăyna14 „wir blieben“

Bei Verben mit Imperfekt auf –i wie mša (yĭmši) gibt es keine Diphthonge: mšīţi,
mšīţ, mšīţu, mšīna.
5.8. Das Verb für „essen“ ist kāl (yākŭl) und im Perfekt hat folgende Konjugation:
Singular Plural
3m. kāl „er aß“ 3c. kālu „sie aßen“
3f. kālǝţ „sie aß“
2c. kǝlţi „du aßest“ 2c. kǝlţu „ihr aßt“
1c. kǝlţ „ich aß“ 1c. kǝlna „wir aßen“

Die Partizipien von kāl (yākŭl) sind wākǝl (aktiv) und mūkūl (passiv).
5.9. Das Passiv-Reflexiv wird mit Hilfe des Präfixes tţ- (vor Vokal) und t- (vor Konso-
nant) gebildet: tţǝžrǝḥ „verletzt werden“; tḥăll „geöffnet werden“; l-bībān tḥăllu b-
wŭḥdhŭm „die Türen öffneten sich von selbst“.
5.10. Als Verbmodifikatoren werden ka- (Präsens) und ġa-/ ġādi (Futur) gebraucht:
ka-ţǝmši „sie geht“, ka-yĭskŭţ „er schweigt“; ka-nǝšrǝb „ich trinke“; ġa-dži „sie wird
kommen“; ġa-ţǝšrǝb „du wirst trinken“; ka-yḥăllu „sie öffnen“; ġādi nǝmši „ich wer-
de gehen“15. Statt ġādi kann man bei weiblichen Subjekten ġāda benützen: ma
ġāda-š nxŭrž „ich (f.) werde nicht hinausgehen“.
5.11. Das Relativpronomen ist lli: l-bǝnţ lli žāţ ǝl-bārǝḥ „das Mädchen, das gestern
kam“; lli šǝfţ „das, was ich gesehen habe“.
5.12. Reale Konditionalsätze werden mit ila eingeleitet: ila kān ʕăndi l-flūs nǝšri
ṭumūbil „wenn ich Geld habe, kaufe ich mir ein Auto“; ila bġīţ nǝmši l-ǝl-Mǝġrīb
„wenn ich nach Marokko fahren will“; ila ʕăndi l-flūs nǝmši nšūfǝk „wenn ich Geld
habe, komme um dich zu besuchen“.
Irreale Konditionalsätze werden mit kūn kān eingeleitet: kūn kān ʕăndi l-flūs nǝšri
ṭumūbil „wenn ich Geld hätte, würde ich mir ein Auto kaufen“; kūn kān ʕăndi l-flūs
nǝmši l-ǝl-Mǝġrīb „wenn ich Geld hätte, würde ich nach Marokko fahren“.
5.13. Was den Wortschatz betrifft, so kann man folgende Wörter erwähnen: dāz
(ydūz) „durchgehen“; dzŭwwǝž „heiraten“; dār (ydīr) „machen“; ṣăyfǝṭ „schik-

14 Casablanca hat dagegen immer bqīţi, bqīţ, bqīţu, bqīna.


15 ka– vor y– wird wird häufig zu k– gekürzt: k-yḥăllu „sie öffnen“.
6 Jordi Aguadé

ken“16; sŭwwǝl „fragen“; ʕgūza „alte Frau“; ḅāḅa „Vater, Vati“; qăṛžūṭa „Kehle“17;
ẓănẓūn „stumm“18; mŭqṛāž „Wasserkessel“; dǝblīž „Armband“; kǝššīna „Küche“;
mŭšš „Katze“; bībi „Truthahn“; ġăys „Schlamm“; ṣăwfa „Wolle“; qŭẓḅūṛ „Korian-
der“; dǝllāḥ „Wassermelone“; dǝnžāl „Aubergine“19; xăyzzu „Karotten“; ṛăwz „Reis“;
ḍŭṛka „jetzt“20; īna „was für“; fīn „wo?“; uṛa „hinter“ (uṛāya „hinter mir“, uṛāḥ
„hinter ihm“); bḥāl hākka „so“; hākka „so“; l-bārǝḥ „gestern“; škŭl „Form, Art und
Weise“.
Bibliographie
AGUADÉ, JORDI. 2003a. “Estudio descriptivo y comparativo de los fonemas del árabe
dialectal marroquí”. Estudios de dialectología norteafricana y andalusí. Bd. 7, S. 59–109.
AGUADÉ, JORDI. 2003b. “Notes on the Arabic dialect of Casablanca (Morocco)”. FERRANDO,
IGNACIO, SÁNCHEZ SANDOVAL, JUAN JOSÉ. (Hg.). AIDA 5th Conference. Proceedings. Cádiz:
Servicio de Publicaciones de la Universidad de Cádiz, S. 301–308.
AGUADÉ, JORDI. 2005. “El dialecto de Casablanca a comienzos del siglo XX”. AGUADÉ, JORDI
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profesor Federico Corriente en su 65 aniversario. Zaragoza: Instituto de Estudios islámicos
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AGUADÉ, JORDI. 2008. “Morocco”. EALL, Bd. 3, S. 287–297.
BEHNSTEDT, PETER. 2007. “Materialien für einen Dialektatlas von Nordost Marokko. I: Tier-
namen, Teil 2: Kommentare, Bibliographie. II: Mensch: Körperteile, Teil 1: Karten, Teil
2: Kommentare”. Estudios de dialectología norteafricana y andalusí. Bd. 11, S. 7–57.
CANTINEAU, JEAN. 1960. Cours de phonétique arabe. Paris: Librairie C. Klinsieck.
CAUBET, DOMINIQUE. 2008. “Moroccan Arabic”. EALL, Bd. 3, S. 273–287.
COLIN, GEORGES SÉRAPHIN. 1986. “al-Maghrib. VII: linguistic survey”. Encyclopaedia of Islam.
Bd. 5. Leiden: E.J. Brill. S. 1203–1207.
DAF = DE PRÉMARE, ALFRED LOUIS. 1993–1999. Dictionnaire arabe français. Établi sur la base
de fichiers, ouvrages, enquêtes, études et documents divers par A. L. de Prémare et collabora-
teurs. 12 Bde.. Paris: Éditions l’Harmattan.
EALL = VERSTEEGH, KEES et al. (Hg.). Encyclopedia of Arabic language and linguistics. 5 Bde.
Leiden: E.J. Brill, 2006–2009.
FOUCAULD, CHARLES DE. 1888. Reconnaissance au Maroc. Paris: Challamel.
HEATH, JEFFREY. 2002. Jewish and Muslim dialects of Moroccan Arabic. London, New York:
Routledge Curzon.
WAD = BEHNSTEDT, PETER & WOIDICH, MANFRED. Wortatlas der arabischen Dialekte. Bde. 1 und 2.
Leiden, Boston: E.J. Brill, 2011–2012.

16 Casablanca hat ṣīfǝṭ. Es handelt sich um eine Entlehnung aus dem Berberischen (vgl. DAF
8:152).
17 Dazu vgl. WAD 1:132 zu Karte 48: es handelt sich wahrscheinlich um ein Wort romanischen
Ursprungs. Vgl. auch BEHNSTEDT 2007:55 (zu Karte 74).
18 Entlehnung aus dem Berberischen: WAD 1:210 (zu Karte 74).
19 Zu diesem Wort vgl. WAD 1:462 (*bādinžāl > bū dәnžāl > dәnžāl).
20 ḍŭṛka (= < hād ǝl-wŭqt) wird nur von der älteren Gewährsfrau benützt; die jüngeren gebrau-
chen stattdessen dāba, wie in Casablanca und in anderen modernen Stadtdialekten.