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Jostein Gaarder

Bibbi Bokkens
magische
Bibliothek

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Ein Brief mit einer mysteriösen Nachricht, eine unheimliche Frau, die
plötzlich überall auftaucht, und ein rätselhaftes Buch ohne Autor
bringen Nils und Berits Fantasie ganz schön auf Touren. Gibt es da
einen Zusammenhang? Oder ist altes nur Zufall? Mutig stellen die
beiden Nachforschungen an und tauschen Ideen und Spekulationen
per Tagebuch aus. Immer mehr Spuren führen zu einer unterirdischen
Bibliothek. Versucht jemand sie dorthin zu locken? Die Recherche
wird zusehends gefährlich – doch die geheimnisvolle Bibliothek
scheint der Schlüssel zu allen anderen Rätseln zu sein.
Eine fantastische Entdeckungsreise in die Literatur und ein
abenteuerlicher Detektivroman, den Gaarder und Hagerup mit viel
Witz und Esprit gewürzt haben.
ISBN: 3-446-20039-8
Original: Bibbi Bokkens magiske bibliote
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Verlag: Carl Hanser Verlag
Erscheinungsjahr: 2001
Umschlaggestaltung: Quint Buchholz

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!


Autor

Jostein Gaarder, geboren 1952, wurde mit seinem Roman


»Sofies Welt« international berühmt. Das Buch ist
inzwischen in 44 Sprachen übersetzt und wurde rund 30
Millionen Mal verkauft. Gaarder ist Norweger, er studierte
Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaft und
unterrichtete zehn Jahre lang Philosophie an Schulen und
in der Erwachsenenbildung. Daneben schrieb er Romane
und Erzählungen. Sein erstes Buch, ein Erzählungsband
für Erwachsene, erschien 1986, sein erstes Kinderbuch
1987. Heute lebt er als freier Schriftsteller mit seiner Frau
und zwei Söhnen in Oslo. »Sofies Welt«, 1993 bei Hanser
erschienen, erhielt ein Jahr später den Deutschen
Jugendliteraturpreis. Danach folgten die Bücher »Das
Kartengeheimnis« (1995), »Durch einen Spiegel, in einem
dunklen Wort« (1996), »Das Leben ist kurz« (1997), »Das
Weihnachtsgeheimnis« (1998), »Hallo, ist da jemand?«
(1999) und »Maya oder Das Wunder des Lebens« (2000)
im Hanser Programm. Auch sie wurden zu Bestsellern.

Klaus Hagerup, geboren 1946, ist Regisseur und


Dramatiker und lebt wie Jostein Gaarder in Oslo. Als
Autor debütierte er mit einer Sammlung von Gedichten,
außerdem schrieb er fürs norwegische Fernsehen und für
den Rundfunk. Sein erstes Kinderbuch erhielt den Preis
der norwegischen Literaturkritiker. Außerdem wurde er u.
a. mit dem Sonja-Hagemann-Preis ausgezeichnet. In
Deutschland sind zahlreiche Bücher von ihm erschienen,
zuletzt der Roman »Verliebt zwischen Ecke und Elfmeter«
(2001).
Inhalt

TEIL l Das Briefbuch ..................................................4

TEIL 2 Die Bibliothek.............................................118

Literaturliste ............................................................201
TEIL 1
Das Briefbuch

Liebe Berit,
schön, dass wir uns in diesem Sommer gesehen haben.
Das war wirklich toll. Morgen fängt die Schule wieder an
und ich kann nicht gerade behaupten, dass ich mich darauf
freue. Da sind so viele kleine Gören. Aber egal, nächstes
Jahr bin ich fertig damit und dann wechselt Nils Bøyum
Torgersen auf die Oberschule.
Aber zur Sache. Ich habe viel über diese Idee mit dem
Briefbuch nachgedacht und muss zugeben, dass ich sie
doch nicht so schlecht finde. Briefe in ein Buch zu
schreiben, das wir zwischen Oslo und Fjærland hin- und
herschicken, wird mir so vorkommen, als ob wir ein
Fotoalbum mit Worten füllten statt mit Bildern. (Hö, hö.)
Wenn es etwas gibt, worüber wir schreiben können, meine
ich. Das ist ja noch die Frage. Ich habe den Verdacht, dass
dieser Herbst ebenso spannend wird wie ein Stück
Knäckebrot mit Ziegenkäse, und in Fjærland ist wohl auch
nicht gerade der Bär los, stell ich mir vor. Oder ist
vielleicht auf eurem Gletscher ein geheimnisvoller
Schneemensch entdeckt worden?
Doch ich muss jetzt aufhören. Viele Grüße von meiner
Mutter. Sie hofft, dass Tante Grete ihr neuer Job im Hotel
gefällt, und sie ist »looking forward to seeing you again«,
wie es im Flugzeug heißt. Mein Vater würde sicher auch
grüßen lassen, aber er muss Taxi fahren und weiß nicht,
dass ich dir schreibe.
Viele Grüße von deinem höchst geehrten Vetter Nils.
PS. Ich muss doch noch erzählen, dass etwas Seltsames

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passiert ist, als ich dieses Buch gekauft habe. Das habe ich
nämlich nicht in Oslo gemacht, sondern auf dem Heimweg
von Fjærland in Sogndal. Kannst du dich an diese seltsame
Frau erinnern? Die mit den Telleraugen und dem
zerfetzten Buch in der Handtasche? Die oben in der
Flatbrehütte im Gästebuch las und uns über die Schulter
geschaut hat, als wir unser Gedicht hineingeschrieben
haben? Hast du das Gedicht noch im Kopf? Ich ja:

Hier in unserem Sommerspaß


genießen wir ein Colaglas,
Nils und Berit, das sind wir,
verbringen unsre Ferien hier.
Hier oben ist es wunderschön,
wir mögen gar nicht wieder gehn.

Ziemlich gutes Gedicht, wenn du mich fragst.


Aber ich wollte nicht über das Gedicht schreiben.
Sondern über die Frau. Denn als ich in Sogndal in den
Buchladen ging, war sie da. Sie wanderte an den Regalen
entlang und sah sich die Bücher an. Und, Berit, sie
sabberte! Ja, ich kann das nicht anders ausdrücken, die
Frau stand im Buchladen und sabberte. Als wären die
Bücher aus Schokolade oder Marzipan oder so. Und das
Allerseltsamste passierte, als ich das Buch bezahlen
wollte. Da kam sie zu mir und fragte, ob sie sich nicht
dran beteiligen könnte. Ich wusste nicht, was ich sagen
sollte, aber sie starrte mich mit einem dermaßen
unheimlichen Blick an, dass ich einfach nicht Nein sagen
konnte. Ich weiß nicht, wie ich den Ausdruck in ihren
Augen beschreiben soll, ich hatte das Gefühl, dass sie in
mir las wie in einem offenen Buch. Ich konnte den Zehner
einfach nur annehmen und »tausend Dank« sagen. Und

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kannst du dir vorstellen, was sie geantwortet hat? »Nein,
ich habe zu danken!« Und dann zog sie ein Taschentuch
hervor, wischte sich den Mund ab und war verschwunden.
Hier ist jedenfalls das Buch. Ich lege den einen Schlüssel
bei. Du musst das Buch unbedingt abschließen, wenn du
gerade nicht drin schreibst. Denk dran, der Inhalt ist »for
your eyes only« (nur für deine Augen). Du musst das Bild
auf dem Einband so hinnehmen. Ich hatte die Wahl
zwischen dem Sognefjord und einem Sonnenuntergang
mit einem roten Herzen als Sonne. Wofür hättest du dich
entschieden? Briefende.

Lieber Vetter,
danke für das Briefbuch, das ich vor wenigen Minuten
im Briefkasten fand und aufgemacht habe. Ich bringe es
im Moment leider nicht über mich, von hier zu erzählen,
denn ich habe heute Nachmittag etwas erlebt und kann an
nichts anderes denken. Deshalb muss ich sofort an dich
schreiben, obwohl meine Hand zittert. Aber du kannst es
hoffentlich trotzdem lesen?
Es geht um diese geheimnisvolle Frau. Um die, die dir in
Sogndal begegnet ist, ja. Himmel – wie soll ich nur
anfangen?
Ich stand also beim Anleger, als die Zwei-Uhr-Fähre
kam. Bei uns fängt die Schule nämlich erst am Montag an
und viel zu tun gibt es nicht. Und dann kam sie, verstehst
du, sie ging als Allererste an Land. Als sie an mir
vorbeikam, schaute sie mich mit so einem »Ich weiß
genau, wer du bist«-Blick an. Ich hatte deinen Brief noch
nicht gelesen, aber ich dachte an unsere Begegnung in der
Flatbrehütte und beschloss ihr zu folgen – in sicherer
Entfernung. Ich begreife nicht, dass ich mich das getraut
habe, aber es kommt mir fast so vor, als hätte sie mich

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hypnotisiert, um mich dazu zu bringen. (Jetzt siehst du
bestimmt, wie sehr meine Hand zittert!) Als sie an der
Kirche vorbeiging, drehte sie sich um. Ich musste mich in
den Straßengraben fallen lassen, und als wir durch
Mundalen gingen, hat sie das mit dem Sich-Umdrehen
noch einige Male wiederholt, aber ich glaube nicht, dass
sie mich bemerkt hat.
Erinnerst du dich an die Mauer mit dem Tor? Dort bog
sie nach rechts ab, zu dem gelben Haus, das ganz allein
am Waldrand steht. Ich hatte mich hinter der Mauer
versteckt und jetzt komme ich bald zum Eigentlichen: Als
sie die Haustür aufschloss, flatterte plötzlich etwas aus
ihrer Handtasche. Und gleich darauf war sie
verschwunden.
Ich war so aufgeregt, dass ich einfach nicht mehr denken
konnte. Bestimmt hat man so ein Gefühl, wenn man zum
allerersten Mal ein Verbrechen begeht. Eine Sekunde
später stand ich nämlich vor dem Haus, ungefähr so wie
ein maskierter Bankräuber, der plötzlich vor den Schalter
springt und etwas von einem Überfall schreit. Das hier war
vielleicht nicht gerade ein Überfall und ich habe auch
nichts gebrüllt und ich war auch nicht maskiert, aber ich
habe einen kleinen Briefumschlag an mich gerissen und
mich dann wieder hinter die Mauer fallen lassen. Im
Umschlag steckte ein Brief und in dem stand:

Liebe Bibbi,
ich bin den ganzen Vormittag durch die Stadt
gewandert, aber dieses seltsame Antiquariat kann ich
einfach nicht wiederfinden. Kann es seit gestern
geschlossen worden sein? Ich weiß nur, dass es in einer
der engen Gassen um die Piazza Navona gelegen hat.
Dort bin ich jedenfalls herumgelaufen …

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Ich war auf der Jagd nach einer italienischen Ausgabe
von ›Peer Gynt‹, aber als der Ladeninhaber hörte, dass
ich Norwegerin bin, zog er mich zu einem alten
Bücherschrank und zeigte auf ein Buch, das ganz anders
aussah als alle anderen Bände dort, es war nämlich
nagelneu.
»Ich habe nicht nur Bücher, die geschrieben worden
sind«, flüsterte er und starrte mich dabei viel sagend an.
Ich begriff natürlich nicht, was er damit meinte, doch
dann zog er das Buch aus dem Schrank, musterte mich
eindringlich – und erklärte:
»Ich sammle auch Bücher, die noch nicht geschrieben
sind. Von diesen Büchern gibt es natürlich endlose
Mengen, aber zugleich kann man nur sehr selten eins in
die Hand nehmen.«
Dann legte er das Buch in meine Hände. Der Einband
zeigte ein Bild von einigen hohen Bergen und der Titel
hatte irgendetwas mit einer »magischen Bibliothek« zu
tun. Aber weder Titel noch Einband sind hier wichtig.
WICHTIG IST, WANN DAS BUCH IN OSLO
ERSCHIENEN IST!
Irgendwann im nächsten Jahr also, Bibbi! Der alte
Mann hat ja auch betont, dass es sich um ein ganz
besonderes Buch handelte.
Vor Schreck legte ich das Buch gleich wieder weg. Ich
hatte das Gefühl, mich an etwas verbrannt zu haben. Ich
konnte mir nicht einmal merken, wer es geschrieben hat.
Kannst du mir helfen, Bibbi? Wenn es in Norwegen auch
nur eine einzige wirkliche Bibliografin gibt, dann musst du
das doch sein. Die Frage ist also nicht, wer ein Buch über
eine »magische Bibliothek« geschrieben hat, sondern wer
vielleicht gerade daran schreibt.
Ich bin dann einfach aus dem Antiquariat davongestürzt,

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habe behauptet, ich dürfe meinen Zug nicht verpassen. Als
ich die Ladentür aufriss, schaute ich mich aber trotzdem
noch einmal um und fragte den Mann, wie viel dieses
seltene Buch denn kosten solle. Und da wurde er so
wütend, das hättest du mal sehen sollen. Er hob die
Augenbrauen und kläffte:
»Wie können Sie es wagen? Seine allerliebsten Kinder
verkauft man doch nicht. Dieser eine Band ist kostbarer
als die allerwertvollste Inkunabel …«
Ich frage mich, ob er vielleicht taub gewesen sein mag.
Sein Italienisch klang ein wenig undeutlich und ich hatte
den Eindruck, dass er mir von den Lippen ablas, als ich
mit ihm redete.
Du musst meinen späten Anruf von gestern Abend
verzeihen, aber ich war einfach außer mir. Wenn ich das
Antiquariat doch bloß wiederfinden könnte. Doch es ist
wie vom Erdboden verschluckt!
Viele Grüße von Siri, Campo dei Fiori, 8. August 1998

Das ist der Brief, Nils. Was sagst du dazu? Plötzlich hatte
ich einen geheimnisvollen Brief geklaut und
klammheimlich gelesen. Wie soll ich ihn bloß wieder
loswerden? Du lästerst ja gern, dass ich immer einen
Notizblock in der Tasche habe. Aber ich schreibe eben
kluge Gedanken gern auf, damit ich sie nicht vergesse,
und diesmal war ich wirklich froh über den Block. Ich
schrieb den Brief ganz schnell ab, dann schlich ich mich
zu dem gelben Haus zurück und legte ihn an die Stelle, wo
ich ihn gefunden hatte.
Ich bin erst vor einer halben Stunde nach Hause
gekommen und dein Brief hat mich nicht gerade beruhigt,
denn die Vorstellung, dass die Frau unser Briefbuch mit
einem Zehner gesponsert hat, sagt mir überhaupt nicht zu.

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Mir kommt es fast so vor, als ob sie damit auch unsere
Gedanken gekauft hätte.
Was soll ich machen? Ich glaube, wir haben hier einen
dicken Fisch zu fassen bekommen. Immerhin wissen wir
jetzt, dass sie Bibbi heißt. Und wenn wir dem Brief
glauben können, dann wissen wir auch, dass sie
»Bibliografin« ist. Aber was zum Henker macht eine
Bibliografin? Und was ist eine »Inkunabel«?
Ich glaube, mir kommen gleich die Tränen, und da höre
ich vielleicht besser auf mit Schreiben. Ich glaube nicht,
dass der Filzstift Wasser verträgt.
Ich bringe das Buch jetzt sofort auf die Post. Und du
musst sofort antworten!!!
Grüße von deiner verängstigten Kusine Berit Bøyum

Hallo, hallo, Berit!


Sehr komisch. Ein Buch, das im kommenden Jahr
erschienen ist. Hältst du mich für total schwachsinnig?
Dass wir ein Briefbuch schreiben, ist schön und gut, aber
deshalb brauchen wir ja wohl nicht gleich loszudichten.
Wenn du glaubst, ich ginge dir so leicht auf den Leim,
dann liegst du wirklich falsch. Auch wenn ich ein Jahr
jünger und zehn Zentimeter kleiner bin als du, bin ich
doch kein Baby, dem du alles einreden kannst. Du bist
durchschaut. Wenn ich dir das mit dem Brief glauben soll,
dann musst du mir das Original schicken. Eine Abschrift
aus »Berit Bøyums fantastischen Notizblockgeschichten«
reicht einfach nicht.
Aber okay, ich habe tatsächlich nachgesehen, was
»Bibliografin« bedeutet und was eine »Inkunabel« ist.
»Biblion« ist Griechisch und bedeutet »Buch«. Und
deshalb tippe ich, dass eine Bibliografin in Bücher verliebt
ist, und das klingt ganz schön pervers, wenn du mich
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fragst. »Inkunabel« kommt von dem lateinischen Wort
»incunabula« und das bedeutet »Wiege«.
Diese Bibbi ist also eine Frau, die verrückt nach Büchern
ist, und die andere, von der der Brief stammt, hat ein Buch
entdeckt, das noch nicht geschrieben und wertvoller ist als
eine Wiege. Ich glaube dir. Ich glaube dir.
Wenn du findest, das hört sich an wie Spott, dann hast
du richtig verstanden. Aber ich bin heute nicht zu
Scherzen aufgelegt. Wir kriegen nämlich den »Eisen-
mann« im Sport und der ist total wahnsinnig.
Und jetzt kannst du mir glauben, dass ich mich auf den
echten Brief von Siri Campo dei Fiori freue.
Gruß und KUSS, Nils.

Lieber (?) Nils, wie ungeheuer traurig, sage ich!


Nachdem ich deine Gemeinheiten verdaut hatte, starrte
ich eine ganze Stunde einfach nur in den Regen hinaus.
Du glaubst mir nicht!!! Da setze ich um deinetwillen mein
Leben aufs Spiel und reiße vor der Höhle der Löwin
diesen Superbrief an mich, und was ist der Dank? »Gruß
und KUSS« und »Berit Bøyums fantastische
Notizblockgeschichten«.
Vielleicht ist das mein allerletzter Brief an dich, denn
wenn du mir nicht glaubst, hat das Schreiben doch keinen
richtigen Sinn. Dann kannst du das Buch auch gleich
behalten. Du quillst doch von faulen Eiern nur so über.
Das reicht hundertmal für das ganze Buch. Da kannst du
später dann dran riechen, wenn du schön alt und grau bist.
(»Hö, hö.«) Hast du ansonsten vergessen, dass ich eben
erst aus Bergen weggezogen bin und an die fünfzehn bis
zwanzig Bekannten dort versprochen habe, ihnen zu
schreiben?? Außerdem fällt mir immer wieder etwas ein,
das ich in mein höchst privates Notizbuch schreiben kann.
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Betrachte dieses Briefbuch also nicht als so eine
KONTAKTANZEIGE:
»einsam und verlassen zwischen den hohen Bergen des
Sognefjords«.
Übrigens glaub ich dir nie, dass du nicht wenigstens
etwas davon glaubst, was ich geschrieben habe. Du hast
einfach nur Schiss, du könntest dich blamieren – das ist ja
üblich bei Jungs in deinem Alter. Aber es gibt ein
Sprichwort: »Wer wagt, gewinnt.« Wenn du das mit dem
geheimnisvollen Brief nicht geglaubt hättest, dann hättest
du diese seltsamen Wörter auch nicht im Lexikon nach-
gesehen. Und das Gleiche habe ich nun auch getan. Zitat:
Bibliograf, jemand, der sich mit Bibliografie beschäftigt,
Buchkenner. Du hast das offenbar mit »bibliophil«
verwechselt, mit »Buchliebhaber, jemand, der seltene und
schöne Bücher sammelt«. Dass »Inkunabel« ursprünglich
»Wiege« bedeutet, stimmt, aber heute wird das Wort nur
für Bücher benutzt, die vor dem Jahr 1500 gedruckt
wurden. Zitat: Inkunabel, Buch, das in der ersten Zeit nach
der Erfindung der Buchdruckerkunst gedruckt worden ist.
Verstehst du jetzt den Zusammenhang? Der Mann im
Antiquariat meinte, das Buch über die magische
Bibliothek sei noch seltener als diese uralten Bücher, die
vor über fünfhundert Jahren gedruckt wurden. Viele von
denen wurden nämlich von der katholischen Kirche
verbrannt, weil sie als ketzerisch galten, oder sie sind aus
anderen Gründen verloren gegangen. Aber trotzdem ist es
sicher eine noch größere Seltenheit, ein Buch in der Hand
zu halten, das bisher gar nicht veröffentlicht wurde? Und
ziemlich geheimnisvoll noch dazu, Nils. Ich finde ja auch,
dass der Brief, den ich gefunden habe, einfach unglaublich
ist. Aber das heißt noch lange nicht, dass du mir nicht
glauben sollst!
Findest du es eigentlich leichter zu glauben, dass eine
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erwachsene Frau durch einen Buchladen geht und sich die
Lippen leckt, weil sie glaubt, die Bücher seien aus
Schokolade und Marzipan gemacht? Oder dass sie einen
Zehner aus der Tasche angelt und ihn einem Jungen gibt,
bloß weil der sich ein Poesiealbum kaufen will? (Ich frag
ja nur.)
Du erinnerst mich ein bisschen an den Jünger, der erst
die ganze Hand in Jesu Wunden stecken musste, ehe er
ihm glaubte. Ich kann dir leider keine anderen Wunden
zeigen als die große in meiner Seele, die du mir heute
verpasst hast, doch in die kann man eben nicht so leicht
die ganze Hand schieben. Und sie heilt auch nicht
sonderlich leicht. Aber ich habe noch mehr in Erfahrung
gebracht, Nils, und wenn du es auch wieder nicht glaubst,
so kann ich das doch immerhin belegen.
Meine Mutter arbeitet jetzt also im Hotel und auf diese
Weise habe ich dort auch einen Fuß in der Tür. Du wirst
so nach und nach mehr über das Leben hinter der alten
Fassade hören. Jetzt will ich nur erzählen, was ich über die
Frau im gelben Haus gehört habe.
Sie nennt sich Bibbi Bokken und allein schon der Name
ist natürlich ein Kapitel für sich. Aber niemand hier weiß,
ob sie wirklich so heißt, denn sie redet mit niemandem.
Sie ist neu zugezogen – genau wie ich. Obwohl ich
immerhin hier geboren bin, während Bibbi Bokken wohl
erst vor ein paar Jahren den ersten Schritt nach Fjærland
getan hat.
Sie hat sich hier ein Haus mit schönem Blick über den
Fjærlandsfjord gekauft. Warum nicht, denkst du jetzt
vielleicht, und, na und? Aber in den Wochen nach ihrem
Einzug waren aus ihrem Haus einige Male undefinierbare
Geräusche zu hören. Vielleicht hat sie ja renoviert, Wände
gezogen und Regale angebracht. Vielleicht, ja – aber diese
unerklärlichen Geräusche wurden vor allem nachts gehört.
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Ab und zu knallte es auch scharf …
Ich habe mit der Nachtwache im Hotel gesprochen,
weißt du. Sie heißt Hilde Mauritzen und ist total in
Ordnung. Außerdem ist sie die Tochter eines Parlaments-
mitglieds (und damit ziemlich glaubwürdig, oder?). Sie
hat außerdem noch mehr erzählt. Angeblich war Bibbi
Bokken eine Art Bibliothekarin in einer großen Bibliothek
in Oslo, dann hat sie plötzlich ihre Koffer gepackt und ist
in Fjærland aufgetaucht.

Kannst du dich in der Hauptstadt mal umhören? Auf jeden


Fall musst du im Telefonbuch unter »Bokken« nachsehen
(auch wenn sie nicht mehr dort wohnt).
Vielleicht zum letzten Mal – Grüße von Berit

PS. Die Frau, die den geheimnisvollen Brief geschrieben


hat, heißt nicht Siri Campo dei Fiori. Ich bin sicher, dass
ich den Brief ganz genau abgeschrieben habe, und dort
stand:

»Viele Grüße von Siri, Campo dei Fiori, 8. August 1998.«


Das bedeutet, dass diese Siri den Brief an irgendeinem
Ort namens Campo dei Fiori geschrieben hat, wo immer
der liegen mag. Auf jeden Fall kann es beim Lesen ebenso
wichtig sein, alle Zeichen zu registrieren wie alle
Buchstaben. Wenn ich »Grüße von Berit, gute Nacht«,
schreibe, dann heiße ich deshalb noch lange nicht Berit
Gute Nacht.

PPS. Kannst du mir nicht bitte glauben, Nils? Please! Ich


möchte zwei Regeln für unser Briefbuch einführen, denn
das würde alles sehr viel leichter machen.

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1. Regel: Lügen ist im Briefbuch verboten.
2. Regel: Es ist verboten zu glauben, dass die Gegenseite
lügt.

Wenn du dich an diese Regeln nicht halten willst, dann


kannst du das Briefbuch gleich behalten. Sicherheitshalber
lege ich den Schlüssel bei, den kannst du dann Tante
Ingrid geben, denn ganz bestimmt soll doch irgendwer
lesen, was du schreibst? (Spott? Ich?)

PPPS. Und merk dir noch ein weiteres Sprichwort: »Wer


zuletzt lacht, lacht am besten.«

Grüße von Berit. Gute Nacht!

Liebe Berit,
das tut mir jetzt wirklich Leid. Ich wollte dich nicht
verletzen, ich wollte dich bloß ein bisschen hochnehmen.
Du weißt doch, wie ich bin. Raue Schale, weicher Kern.
(Hm.) Aber wenn du schreibst, dass ich dir eine »tiefe
Wunde in der Seele« verpasst habe, dann könnte ich fast
losheulen. Denn das wollte ich nun wirklich nicht und ich
wusste nicht, dass du so empfindlich bist. Aber das bist du
also und jetzt glaube ich dir. Denn wenn du nicht die
Wahrheit gesagt hättest, dann hättest du auch keine
Wunde in der Seele und dann hättest du ganz anders
geschrieben. Also glaube ich dir. Ich bitte um Verzeihung
und schicke den Schlüssel zurück. Bitte behalte ihn. Ich
verspreche dir, dass ich mich von jetzt ab an die zweite
Buchregel halten werde. Ich will auch versuchen, nicht
selber zu lügen, obwohl das ganz schön schwer sein kann.

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Um zu beweisen, dass ich es ernst meine, habe ich
Untersuchungen angestellt. Erstens habe ich mich
erkundigt, wo Campo dei Fiori liegt. Ich habe meine
Mutter gefragt. Du weißt ja, dass sie Geschichten für diese
Illustrierte schreibt, um die »Haushaltskasse aufzubessern
und sich aus dem grauen Alltag wegzuträumen«, wie sie
sagt.
Jetzt arbeitet sie an einer Geschichte für irgendein
Preisausschreiben, und als ich sie fragte, ob sie je vom
Campo dei Fiori oder von der Piazza Navona gehört hätte,
starrte sie mich an, als ob sie das Licht der Welt erblickt
hätte.
»Natürlich«, rief sie. »Es ist doch in Rom passiert!«
»Weißt du das genau?«, fragte ich und dachte schon, sie
hätte vielleicht heimlich im Briefbuch gelesen.
»Ja«, sagte sie. »Auf der Piazza Navona in Rom. Da
haben wir uns kennen gelernt.«
Und dann machte sie sich über ihre Schreibmaschine her
und hämmerte ihre Geschichte runter. Sie redete also nicht
über unser Briefbuch, sondern über die Kitschsuppe, die
sie gerade zusammenrührte.
»Du hast mir eine Inspiration gegeben, Nils«, murmelte
sie.
Ich bin nicht sicher, was Inspiration bedeutet, aber ich
glaube, das ist eine Art Idee, die schreibende Leute
bekommen, und dann fangen sie an. Aber egal, was ich ihr
gegeben hatte, die Piazza Navona liegt jedenfalls in Rom!
Das war die eine Nachforschung. Die andere hat mich
auf eine Spur gebracht, bei der mir ganz anders wird.
Wenn du Recht hast, dann schwebst du in Gefahr, Berit,
und ich kann dir im Augenblick nur den einen Rat geben:
Mach einen großen Bogen um Bibbi Bokken und versteck
alle deine Bücher. Ich habe nämlich eine Theorie. Genauer
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gesagt, eine Idee. Eine Idee, wer Bibbi Bokken sein kann
und was sie so treibt. Aber jetzt darfst du dich nicht zu
sehr fürchten, Berit. Ich weiß ja, wie empfindlich du bist,
aber du musst jetzt wirklich einen kühlen Kopf behalten.
Also, hör zu:
Ich habe im Telefonbuch nachgeschaut, wie du gesagt
hast. Und dort fand ich »Bokken AG«. Ich rief an und ein
Mann meldete sich. Er hatte noch nie von Bibbi Bokken
gehört. Ich fragte, was das für eine Firma sei, und er sagte,
sie seien in der Lebensmittelindustrie tätig. Ich kenne
mich mit schwierigen Wörtern ja nicht so gut aus wie du
(bibliophil/Bibliograf, verstehst du?), deshalb fragte ich,
was das bedeutet, und er sagte, sie hätten ihre Büros in der
Fleischstadt in Furuset und importierten Geräte, die sie
den Schlachtereien verkaufen.
In der FLEISCHSTADT, Berit!
Ich wurde ganz zittrig und dann musste ich erst mal
meine Theorie überlegen, und nachdem ich überlegt hatte,
habe ich den ganzen Kram wie einen Aufsatz aufge-
schrieben. Wir müssen nämlich morgen einen abliefern,
und da ich nur an Bibbi Bokken und die Fleischstadt
denken konnte, habe ich genau darüber geschrieben. Mit
Namen und allem. Ich hoffe, das macht nichts. Hier kennt
bestimmt niemand Bibbi Bokken, und wenn meine
Theorie stimmt, dann heißt sie ja auch gar nicht so.
Wie du siehst, habe ich den Aufsatz kopiert und ins
Briefbuch eingeklebt. Ich bin gespannt, was du sagst. Aber
du darfst auf keinen Fall in Panik geraten, Berit. Wenn du
Hilfe brauchst, dann komm ich selber nach Fjærland, auch
wenn ich trampen und Schule schwänzen muss. Und wie
gesagt: Ich bitte um Entschuldigung und hoffe, dass deine
Wunde schon ein bisschen verheilt ist.
Dein reuiger Vetter Nils

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PS. Ganz wichtig: Nie im Leben darf Bibbi Bokken das
Briefbuch in die Finger kriegen, denn das würde dich
möglicherweise in größte Gefahr bringen.

Die Mörderin aus der Fleischstadt

Birte Bakken leckte sich die Lippen. Sie war ziemlich


zufrieden mit sich. Von der Osloer Fleischstadt bis nach
Fjærland in Sogn war es ein weiter Weg, doch sie hatte
ihn bewältigt. Alle Spuren waren verwischt und die Polizei
wusste weder aus noch ein. Dass Birte Bakken zu Bibbi
Bokken geworden war, war einfach genial. Die Idee war
ihr gekommen, als sie im Kontobuch der Schlachterei den
Namen des Lebensmittellieferanten Bokken entdeckt hatte,
und diese Entdeckung war gerade im richtigen Moment
geschehen. Sie hatte sich schon lange gefragt, wie sie sich
an dem Tag verhalten sollte, an dem sie entlarvt würde.
Aus dem Namen Bakken in ihrem Pass Bokken zu machen,
war nicht leicht, aber durchaus möglich, und Birtes Motto
war immer schon gewesen: Wer wagt, findet. Nein, an
ihrem Mut war nun wirklich nichts auszusetzen.
Bergsteigerin, Fallschirmspringerin, Kampffliegerin
Bakken. Es waren keine Kleinigkeiten, die sie gemacht
hatte. Das Problem war, dass sie alles so schnell
langweilte. Birte war eine unglaublich leidenschaftliche
Person, doch ihre Leidenschaft erlosch ebenso rasch, wie
sie aufgeflammt war. Abgesehen von der einen: Sie liebte
Bücher.
Und das war eine unersättliche Liebe. Birte bezeichnete
sich als Bibliografin, aber in Wirklichkeit war sie eher
bibliophil, was etwas ganz anderes ist. Sie liebte Bücher.
Nein, das stimmt nicht ganz. Sie liebte das Stehlen von

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Büchern, die Bücher aber las sie nie. Es kam vor, dass sie
sich mit Leuten zusammentat, die sich keine Bücher leisten
konnten, nur wegen der Freude, die das Bücherstehlen ihr
dann später machte. Wenn sie ein Buch gestohlen hatte,
interessierte es sie schon nicht mehr und sie musste noch
eins stehlen. Und zwar sofort.
Die Tragödie hatte damals begonnen, als Birte Bakken
eine Stelle in einer großen Osloer Bibliothek antrat. Nach
Feierabend ging sie dann immer in den Saal mit den ganz
alten Büchern. Ja, es handelte sich dabei sogar um
Inkunabeln. Dort langte sie gierig zu und ich kann euch
sagen, sie fand es wunderbar. Doch eines Tages wurde sie
von einem Mann der Wachgesellschaft überrascht, als sie
gerade eine ungeheuer wertvolle Inkunabel in die Tasche
steckte. Es wäre durchaus nicht übertrieben zu behaupten,
dass Birte Bakken überrascht und verängstigt war. Doch
geistesgegenwärtig, wie sie nun einmal ist, packte sie das
Papiermesser, das sie immer bei sich trug, und rammte es
dem Mann von der Wachgesellschaft in die Brust. Er hieß
Roger Larsen.
ABER WAS SOLLTE SIE MIT DER LEICHE
ANFANGEN? Ihr fiel die Fleischstadt in Furuset ein.
Wenn sie Roger Larsens Leiche dort einschmuggeln und
unter dem übrigen Schlachtfleisch verstecken könnte, dann
wäre die Sache gegessen. Und gesagt, getan.
Wie Birte Roger Larsen in die Fleischstadt und zum
übrigen Schlachtfleisch schmuggeln konnte, ist eine
andere Geschichte, aber so geschah es nun mal. Und
danach stellte sie fest, dass sie eine neue Leidenschaft
entwickelt hatte: Mord. Bücher und Mord. Das wurde
Birtes Leben. Und alles wäre gut gegangen, wenn nicht
der Tierarzt aus Ås gerade in dem Moment das
Schlachtvieh inspiziert hätte, als Birte Fredrik Wilhelmsen
aus Stavern an einen Haken hängen wollte.

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»Was ist das denn für ein Tier?«, fragte der Tierarzt und
Birte sah ein, dass das Spiel aus war. Jetzt war guter Rat
teuer. Dass die Hilfsschlachterin Birte Bakken dieses Tier
geschlachtet hatte, wussten alle. Dass es kein Tier war,
sondern Buchhändler Wilhelmsen von Wilhelmsens Libris,
war nur den wenigsten bekannt. Aber es kam heraus und
Birte musste fliehen.
Und jetzt saß sie also mit einer neuen Identität in
Fjærland. Sie schaute auf den Fjord hinaus. Sie war in
Sicherheit und hätte eigentlich zufrieden sein müssen.
Aber das war sie nicht. Sie langweilte sich und hatte keine
Ahnung, wie sie sich die Zeit vertreiben sollte. Sie schaute
auf die Straße hinunter, die sich am Friedhof
vorbeischlängelte. Ein Mädchen kam des Wegs. Sie war
vielleicht dreizehn oder vierzehn. Sie hielt ein Buch in der
Hand.
Birte sprang auf und leckte sich die Lippen. Sie spürte
ein Ziehen im Bauch …

Lieber »fleischlicher« Vetter!


Dir ist verziehen. Aber du bist knatschverrückt! Im einen
Moment willst du nicht glauben, dass ich vor Bibbi
Bokkens Haus einen Brief gefunden habe und nennst das
alles eine »Notizblockgeschichte«. Im nächsten tischst du
mir eine absolut perverse Geschichte über die »Mörderin
aus der Fleischstadt« auf!!! Ich glaube, du ziehst dir zu
viele Videos rein, mein Junge.
Hast du die Geschichte der Fleischmörderin Birte
Bakken geschrieben, um sozusagen zu feiern, dass jetzt
alles erlaubt ist, wenn es nur unglaublich genug ist? Aber
es ist nicht alles erlaubt. Ich glaube überhaupt, du solltest
das Tempo deiner Nachforschungen ein wenig drosseln.
Ich weiß nicht so recht, ob ich dir vorwerfen kann, du

20
hättest die erste Regel des Briefbuchs gebrochen, aber viel
fehlt sicher nicht mehr. Dich rettet nur dein Eingeständnis,
dass die ganze Geschichte die pure Fantasie ist. Oder,
genauer gesagt, eine »Theorie«, das hört sich ein bisschen
vornehmer an. Doch egal, ich bin ungeheuer gespannt,
was dein Lehrer zu diesem Aufsatz sagen wird. Ich
glaube, du solltest froh sein, dass es erst ab der nächsten
Klasse Noten gibt.
Das war ein wichtiger Gedanke, Nils. Ich meine, ob
Fantasie eigentlich dasselbe ist wie Lüge. Manchmal ist
sie das natürlich. Zum Beispiel: Wenn du zu spät zur
Schule kommst und dann losplapperst, dass du einer alten
Dame helfen musstest, die auf dem Eis ausgerutscht ist
und sich den Oberschenkelhals gebrochen hat – dann ist
das eine miese Lüge. Denn dann tust du so, als ob du die
Wahrheit erzählen würdest, obwohl es sich doch nur um
Fantasie handelt. Aber so ist es ja nicht immer.
Wenn Fantasie und Lüge dasselbe sind, dann müssen
Schriftsteller doch begeisterte Lügner sein. Ich meine, sie
leben davon und die Leute kaufen ihnen ihre Lügen-
geschichten bereitwillig ab. Sie treten sogar in Buchclubs
ein, um sich die Lügen mit der Post kommen zu lassen.
Ich glaube, dass manche Leute gern lügen, während
andere sich gern anlügen lassen. In jeder Gemeinde
werden große Häuser gebaut, in denen die Lügen in Reih
und Glied in so genannten Bibliotheken gesammelt
werden. Wir könnten sie auch als »Lügenlabors« oder
etwas Ähnliches bezeichnen. Das Allerbeste wäre
vielleicht, Bibliotheken »Aufbewahrungsorte für Jux und
Tatsachen« zu nennen. Denn nicht alles, was in Büchern
steht, ist ja gelogen. Sogar in ein und demselben Buch
können Wahrheit und pure Fantasie nebeneinander stehen.
Und dann ist es nicht immer leicht, den Überblick zu
behalten. Vieles von dem, was die reine und pure

21
Wahrheit ist, ist nämlich ebenso unglaublich wie Lügen
und verdammte Dichtung. Hast du zum Beispiel Das
Tagebuch der Anne Frank gelesen? Das ist jedenfalls eine
unglaubliche Geschichte. Aber sie ist die reine Wahrheit!!!
(Believe me!) Und umgekehrt ist es genauso: Manche
erfundenen Geschichten sind so alltäglich und langweilig,
dass sie allein deshalb wie die Wahrheit aussehen. Aber
sie können ebenso erdichtet sein wie wüste Weltraum-
geschichten. Ich kenne mich da aus, wir haben nämlich ein
saulangweiliges Englischbuch. »Mary is often on vacation
in Norway usw.«, aber das ist sie nicht, denn es gibt sie ja
gar nicht!
Ich weiß nicht, ob du von Peer Gynt gehört hast. Der
hatte jedenfalls eine ziemlich lebhafte Fantasie. Was
seiner Mutter nicht passte. »Peer, du lügst«, sagte sie und
damit beginnt das Theaterstück. Sie beschimpft ihren Sohn
immer wieder als »Lügner« und hat noch schlimmere
Namen für ihn, nur, weil er so viel Fantasie hat. Und weißt
du, was Peer macht? Er wirft seine Mutter auf das
Mühlendach. Und da sitzt sie dann und schreit und zetert,
während Peer auf eine Hochzeit geht und sich voll laufen
lässt. Das Ganze endet damit, dass er die Braut entführt!!!
(Danach geht es natürlich noch weiter, aber wir haben
bisher nur den ersten Akt gelesen.)
Doch zurück zu Bibbi Bokken. Auch bei ihr müssen wir
versuchen, zwischen Jux und Tatsachen zu unterscheiden.
Ich werde es versuchen.

Jux: Bibbi Bokken heißt »eigentlich« Birte Bakken und


hat mindestens zwei Morde begangen. Abgesehen davon,
dass sie Bergsteigerin, Fallschirmspringerin und Kampf-
fliegerin ist, interessiert sie sich vor allem für das Stehlen
von Büchern. Sie ändert ihren Namen und zieht nach
Fjærland, um weitere schwerwiegende Verbrechen zu
22
vertuschen. Ansonsten ist die Polizei in Norwegen so
doof, dass sie nicht mal ein Phantombild von ihr zeichnen
kann. Aber egal – wen interessiert schon so ein kleiner
Mord so dann und wann? (Der Tierarzt aus Ås hatte doch
gesehen, dass sie die Mörderin war!)

TATSACHEN: Vor ziemlich kurzer Zeit ist eine seltsame


Frau nach Fjærland gezogen, die sich Bibbi Bokken nennt.
Sie läuft durch Buchläden und leckt sich die Lippen, weil
die Bücher sie an Marzipan und Schokolade erinnern.
(Quelle: Nils Bøyum Torgersen.) Sie sponsert außerdem
ein Poesiealbum mit dem Bild des Sognefjords auf dem
Umschlag mit einem Zehner (Quelle: Nils Bøyum
Torgersen.) Sie bekommt einen unvorstellbar
geheimnisvollen Brief von einer gewissen Siri. In diesem
Brief steht etwas über ein Buch, das erst in einem Jahr
erscheinen wird, das in einem Laden in Rom jedoch
bereits vorrätig ist. Das Buch handelt vermutlich von einer
»magischen Bibliothek« (Quelle: Berit Bøyum.) In den
ersten Wochen nach Bibbi Bokkens Eintreffen in Fjærland
waren aus ihrem Haus mitten in der Nacht geheimnisvolle
Geräusche zu hören (Quelle: Hilde Mauritzen, Tochter des
Parlamentsabgeordneten Sverre Mauritzen von den
Konservativen.) Ansonsten hat sie gern ein altes Buch in
der Handtasche und findet es ungeheuer interessant, was
zwei Jugendliche tausend Meter über dem Meeresspiegel
in ein Gästebuch schreiben.

Kommst du noch mit, Nils? Natürlich kann auch manches


von dem, was unter »Jux« steht, eine Tatsache sein. ABER
DAS WISSEN WIR NICHT! Und wenn wir richtige
Detektivarbeit leisten wollen, dann müssen wir auf Dingen
aufbauen, die wir wissen. Wir dürfen natürlich unsere
Fantasie benutzen und verschiedene Theorien aufstellen.
23
Aber wir müssen auch versuchen, die auf ihren
Wahrheitsgehalt zu überprüfen. (Ich meine, wir müssen
echten Spuren folgen, nicht unseren Fantasiespuren. Denn
dann landen wir zum Schluss im Traumland – und auf
keinen Fall in Fjærland.)
Ich schlage eine dritte Regel für das Briefbuch vor:

3. Regel: Wir müssen alle Informationen über Bibbi


Bokken prüfen, ehe wir auf ihnen neue Theorien aufbauen.

Bist du damit einverstanden, Nils? U. A. w. g. – um


Antwort wird gebeten!
PS. Jetzt muss ich einfach noch ein paar Wörter über
Freud und Leid des Privatlebens schreiben. Inzwischen hat
auch hier die Schule wieder angefangen und es wimmelt
nur so von kleinen Gören!!! Es ist zum Heulen, aber es
gibt hier ganz einfach keine eigene Schule für meine
Altersstufe. Ist das nicht nur noch schrecklich? Ich hatte
mich so drauf gefreut, erwachsen zu werden und die
Schule wechseln zu können. Mein einziger Trost ist, dass
ich jetzt dieselbe Klasse besuche wie Leute aus der 8. und
9. Das nennt sich »zusammengefasste Klassenstufen«! Ich
werde versuchen müssen, mir bei denen ein paar
Freundschaften zu erschleimen. (Ich werde selber oft für
eine aus der 9 gehalten, wirklich! Yes, Sir!)
Und jetzt sollte ich vielleicht die einzige Freude
erwähnen, die ich hier bisher erlebt habe: Wir haben die
Rektorin in Norwegisch! Und das nenne ich Freude? Jetzt
hältst du mich sicher für verrückt. Aber die Frau ist
einfach super! Sie heißt Asbjørg, hat lange, dunkle Zöpfe
und sieht total aus wie eine Indianerin. Weißt du, was wir
in der allerersten Norwegischstunde gemacht haben?
Richtig! Wir haben das Stück über den Lügenbold

24
gelesen, der seine Mutter aufs Mühlendach geworfen hat!

Du musst sofort schreiben. Mach’s gut und alles Gute für


deinen Aufsatz.
Grüße von deiner vornehmen Kusine Berita Bø Yum.

Liebe Bø Yum!
Pu! Was willst du eigentlich werden, wenn du groß bist?
Detektivin oder Philosophin? Dieser Brief jetzt war
ungefähr das Stärkste, was ich je gelesen habe, und danach
fühlte ich mich so klein mit Hut. Aber nur im ersten
Moment. Dann habe ich nämlich nachgedacht. Was meine
Spezialität ist. Ich kann sogar die Stirn runzeln und
gleichzeitig mit den Ohren wackeln. Da hast du vielleicht
noch etwas zu lernen, Berit. Aber, wie gesagt, ich dachte
also so hart nach, wie ich nur konnte, und da kam ich zu
der Erkenntnis, dass mit deinen Theorien etwas nicht
stimmt. Bitte anschnallen, Bøyum! Hier kommen einige
Gedanken von N. B. Torgersen!

TATSACHEN:
Ich habe im Telefonbuch nachgesehen und bei der
Bokken AG angerufen. Dort erfuhr ich, dass sie keine
Bibbi Bokken kennen. (Quelle: Bokken AG.) Danach habe
ich einige »kindische« Theorien aufgestellt und einen
Aufsatz über meinen Verdacht geschrieben. (Quelle: Nils
Bøyum Torgersens Fantasie.)
Den Aufsatz habe ich Lehrer Bruun gegeben. (Quelle:
Nils Bøyum Torgersen. Kann von Lehrer Bruun bestätigt
werden.)

Jux (LÜGEN):

25
Nils Bøyum Torgersen zieht sich zu viele Videos rein
(Quelle: Berit Bøyum, die keine Ahnung hat, wovon sie da
redet.) Nils Bøyum Torgersen hat nämlich gar kein
Videogerät. (Quelle: Taxifahrer Trygve Torgersen und
Kitschromanautorin Ingrid Bøyum.)
Bibbi Bokken läuft durch einen Buchladen in Sogndal
und leckt sich die Lippen. (Quelle: Berit Bøyum, nicht
Nils Bøyum Torgersen.)
Ich habe sie im Buchladen gesehen und ich habe
geschrieben, dass sie sabberte, was etwas ganz anderes ist,
als sich die Lippen zu lecken. Es ist irgendwie viel
unheimlicher.
Also, nicht Buchregel Nr. 2 vergessen: Es ist verboten zu
glauben, dass die Gegenseite lügt.
Regel 3 klingt vernünftig, aber wir müssen auch ein
bisschen Fantasie anwenden dürfen. Wenn wir alles
Mögliche erst überprüfen müssen, kommen wir keinen
Schritt weiter.
Ein Autor namens Tor Åge Bringsværd hat ein Gedicht
geschrieben, das kurz und gut ist:

Wer mit beiden Beinen auf dem Erdboden steht, steht still.

Ich finde, das sagt sehr viel über das Dichten und auch
über das Lesen. Denn wenn ich ein Buch lese, das mir
gefällt, dann scheint das, was ich lese, meine Gedanken
aus dem Buch herausfliegen zu lassen. Das Buch besteht
gewissermaßen nicht nur aus den Wörtern oder den
Bildern auf dem Papier, sondern auch aus allem, was ich
mir beim Lesen zusammendichte.
Im Moment lese ich Pu der Bär auf Englisch, um meine
Sprachkenntnisse zu erweitern. Es gibt eine Szene, in der

26
Klein-Ruh und Tiger auf einen Baum klettern und nicht
wissen, wie sie wieder herunterkommen sollen. Tiger
behauptet nämlich immer, alles ganz perfekt zu können,
auch auf Bäume zu klettern. Aber er hat vergessen, dass er
nur aufwärts klettern kann, nicht abwärts. Um ihnen vom
Baum herunterzuhelfen, holt Pu die anderen Tiere zu einer
Rettungsaktion zusammen.
Christopher Robin zieht seine Jacke aus, damit Klein-
Ruh und Tiger sie als Sprungtuch benutzen können. Und
dabei schreibt der Autor A. A. Milne über Ferkel und über
Christopher Robins Hosenträger.
Ferkel hat Christopher Robins Hosenträger nämlich nur
ein einziges Mal in seinem Leben gesehen und sie waren
dermaßen blitzblau, dass es das niemals vergessen konnte.
Ferkel regt sich schrecklich auf bei der Vorstellung, dass
es sie wiedersehen wird. Gleichzeitig ist es schrecklich
nervös; denn wenn die Hosenträger doch nicht so blitzblau
sind was dann? Wenn sie nur von einem ganz normalen
öden Blau sind, wie Ferkel es schon tausendmal gesehen
hat? Christopher Robin zieht seine Jacke aus und Ferkel
wird ganz schwach vor Glück. Die Hosenträger sind
nämlich wirklich so blitzblau wie in seiner Erinnerung und
es denkt, was für ein wunderschöner Tag.
Obwohl diese Geschichte von einem Paar Hosenträgern
handelt, geht es in ihr eben auch noch um mehr. Ich
musste dabei an das Bild eines Segelschiffs denken, das in
einem Bauernhaus, wo wir früher einmal Ferien gemacht
haben, an der Wand hing. Es war sicher ein ganz normaler
Kahn, aber für mich war es das schönste Schiff der Welt.
Jeden Abend erzählte meine Mutter mir Geschichten, in
denen ich auf diesem Schiff um die Erde und in fremde
Länder segelte.
Und dann ist mir noch etwas eingefallen und das hat mit
dir zu tun, Berit.
27
Weißt du noch, wie wir oben in der Flatbrehütte die
Schokolade geteilt haben? Die Sonne strahlte vom
Himmel, erinnerst du dich? Und wir waren total kaputt.
Und dann haben wir uns die Schokolade in den Mund
gestopft und du hast mich angelächelt.
Etwas schien in der Luft zu liegen, in deinem Lächeln,
im Geschmack der Schokolade und in der Tatsache, dass
wir endlich oben angekommen waren, und das alles ließ
den Augenblick einfach fantastisch werden. Und dasselbe
Gefühl hatte ich, als ich über Christopher Robins
Hosenträger las.
Deshalb lese ich so gern. Ich werde dabei
gewissermaßen selber zum Dichter.
Jetzt rede ich reichlich wild drauflos, aber ich habe das
Gefühl, dass diese Geschichte von Bibbi Bokken auch
meine Fantasie in Schwung gebracht hat, und das ist ein
ziemlich schönes Gefühl.
Im nächsten Brief werde ich mich aber auf den Fall
Bokken beschränken, das verspreche ich. Doch im
Moment ist meine Hand so erschöpft, dass ich nicht mehr
schreiben kann. Morgen bekommen wir die Aufsätze
zurück. Ich befürchte das Schlimmste.
Viele Grüße, Literaturprofessor Nils B. Torgersen.

PS. Wie traurig, dass du von Zwergen umgeben bist. Aber


sei zu den Winzlingen aus der 6 so nett, wie du nur kannst.
Sie sind trotz allem doch auch eine Art Menschen. Neue
Grüße vom Kleinen Nils, 6 b

PS 2:
Wer ist Anne Frank?

28
Lieber kleiner Professor Tiefsinn, 6 b,
danke für deinen Brief. Ich muss zugeben, dass ich einer
englischen Ausgabe von Pu der Bär niemals auch nur in
die Nähe gekommen bin. Da hat der Kleine aus der 6 mich
also gewaltig beeindruckt. Aber du hast schon Recht, dass
sich beim Lesen in unseren Köpfen so allerhand abspielt,
denn jetzt habe ich das Gefühl, dass auch ich Christopher
Robins blitzblaue Hosenträger gesehen habe. Vielleicht
sind irgendwo in unserem Gehirn alle Regenbogenfarben
gespeichert. Und das gilt sicher auch für alle Gerüche und
Geschmäcker. (SAFTIGE BIRNEN, Nils. Oder SAURE
JOHANNISBEEREN. Da läuft mir das Wasser im Munde
zusammen! Und dann muss doch zwischen den
Buchstaben im ABC und unseren Geschmacksnerven
irgendeine Verbindung bestehen!)
Ich finde den Satz auch völlig richtig: »Wer mit beiden
Beinen auf festem Erdboden steht, steht still.« Abgesehen
davon, dass die Erde an sich sich ja dreht. (Irgendwer hat
gesagt, die Welt sei eine Bühne. Von mir aus gern, aber es
muss eine Drehbühne sein!)
Weil du dieses Winzgedicht von Tor Åge Bringsværd
geschickt hast, habe ich in den »Lyriksammlungen«
meiner Mutter nach etwas »Kurzem und Gutem« für dich
gesucht. Als sie das gesehen hat, hat sie sich so drüber
gefreut, dass sie mir einen kompletten Einführungskurs in
das Werk eines Dichters namens Jan Erik Vold verpasst
hat. (Das ist ihr Lieblingsdichter, verstehst du? Und das
war schon mein Leben lang so.) Vielleicht hast du ihn mal
im Fernsehen gesehen? Er ist total verrückt und seine
Gedichte sind es auch. Er kann ganz lange und
komplizierte Gedichte über Alltagskram wie
Weißbrotscheiben oder Straßenbahnschienen schreiben.
Aber er hat auch winzig kleine Gedichtchen, die auf ihre
Weise von der ganzen Welt handeln. Lies mal:

29
der Tropfen hängt dort nicht

Was sagst du dazu, Nils? Sicherheitshalber kommt jetzt


noch eine zutiefst persönliche Erklärung: Du hast doch
sicher schon mal einen Tropfen an einer Regenrinne oder
so gesehen. Und da hängt er dann, nicht wahr? Aber noch
ehe du ihn genauer betrachten konntest, hängt er nicht
mehr da. So ist es nach meiner und nach Jan Erik Volds
Ansicht mit allem, denn alles verändert sich die ganze
Zeit. Ich finde, dass dieses Gedicht von der ganzen Welt
handelt. Aber es besteht nur aus fünf Wörtern!
Jetzt kommt das Wichtigste: Vor wenigen Stunden stand
ich mit beiden Beinen auf der Fähre von Balestrand. (Und
ich stand dabei nicht still.) Aber ich erzähle die ganze
Geschichte, denn vielleicht ist sie SUPERWICHTIG!
Leider muss ich vielleicht mit meiner Zahnklammer
anfangen. Keine Mitleidsbekundungen, bitte! Ich erwähne
sie nur, weil ich auf der Heimfahrt vom Zahnarzt etwas
absolut Wahnwitziges erlebt habe. Rat mal, über wen ich
im Café auf der Fähre gestolpert bin! RICHTIG! Da saß
Bibbi Bokken, sie beugte sich über ein dickes blaues Buch
und nuckelte an einer Stummelpfeife. Ich sage, SIE
NUCKELTE AN EINER STUMMELPFEIFE, aber das ist
eigentlich gar nicht so wichtig. Wichtig ist, dass sie
plötzlich ein Selbstgespräch anfing. Ich hatte mich ein
ziemliches Stück hinter sie gesetzt und ich glaube nicht,
dass sie mich gesehen hat. Plötzlich sagte sie:
»Wunderbar! Oh, wie ich Djuih liiiiiiebe!«
Ich dachte, mir würden die Ohren vom Kopf fallen, denn
normalerweise halten die Leute doch keine
Selbstgespräche, schon gar nicht hier am Sognefjord. Und
man redet doch nicht so locker darüber, wen man liebt!

30
Aber bald kam noch mehr, und zwar viel Schlimmeres.
Sie sagte:.
»Dinosaurier … 567,9. Voll ins Schwarze! Röteln …
618,92. Abermals voll ins Schwarze!«
Gleich darauf drehte sie sich zu mir um, als habe sie
Augen im Hinterkopf und wisse, dass ich hinter ihr saß.
Sie zeigte auf das dicke Buch, das mindestens so blau war
wie Christopher Robins Hosenträger, und sagte:
»Djuih hat nämlich jedem einzelnen kleinen
Leckerbissen seinen bestimmten Platz in der Bib-Bib-
Bibliothek gegeben.«
(Ich bin ganz sicher, dass sie beim Wort »Bibliothek«
ins Stottern geraten ist.)
Ich kann nicht behaupten, dass diese Situation mir
gefallen hätte. Ich fand es ganz einfach unangenehm, im
selben Boot zu sitzen wie diese Buchfrau. Vielleicht habe
ich auch ein wenig an deinen verrückten Schulaufsatz
gedacht. Auf jeden Fall habe ich dann die Beine in die
Hand genommen und bin aufs Sonnendeck gerannt. Als
ich an ihr vorüberjagte, konnte ich noch ein
geheimnisvolles Wort aufschnappen, das außen auf dem
blauen Buch stand: »Dezimalklassifikation«.
Aber was zum Kuckuck ist eine »Dezimal-
klassifikation«? Und wer ist »Djuih«? Das ist eine
Herausforderung für dich, Nils. Du wohnst nun mal näher
an der Zivilisation als ich. Hier bei uns ist Bibbi Bokken
garantiert die Einzige, die sich in irgendeine »Dezimal-
klassifikation« vertieft. (Vielleicht bin ich da auf eine
wichtige Spur gestoßen, vielleicht auch nicht.)

PS. Anne Frank war ein Mädchen aus einer deutsch-


jüdischen Familie. 1933 flohen sie aus Deutschland und
ließen sich in Amsterdam nieder. Als die Deutschen dann
31
die Niederlande besetzten, wurden auch von dort Juden in
die Konzentrationslager verschleppt. (Die Deutschen
wollten alle europäischen Juden umbringen. Bei sechs
Millionen haben sie es geschafft!) Um ihr Leben zu retten,
versteckte sich Anne Franks Familie in einigen kleinen
Kammern hinter dem Geschäft, in dem ihr Vater
gearbeitet hatte. Dort lebten sie zwei Jahre unentdeckt und
Anne vertrieb sich die Zeit unter anderem mit Tagebuch
schreiben. Sie träumte von einem Leben als Schrift-
stellerin und hoffte, dass ihr Tagebuch nach dem Krieg
veröffentlicht werden könnte. Aber dann kam die
Katastrophe: Im August 1944 drangen die Nazis in das
Versteck ein und Annes ganze Familie wurde in eins
dieser grauenhaften KZs in Deutschland gebracht. Dort
kam Anne nur zwei Monate vor Kriegsende ums Leben.
(Als ich das Buch gelesen habe, war ich einige Male nur
noch stocksauer. An anderen Stellen habe ich losgeheult.
Jetzt heule ich …)
Zum Glück wurde Annes Tagebuch von ehrlichen
Menschen gefunden, die gut darauf aufgepasst haben. Und
nach dem Krieg wurde es in fast alle Sprachen der Welt
übersetzt. Auf diese Weise ist Anne dann doch noch zur
Schriftstellerin geworden. Sie hat eines der berühmtesten
Bücher der Welt geschrieben. Aber ihren Ruhm hat sie
niemals selber erleben dürfen. Ich könnte dir noch sehr
viel mehr erzählen, aber wenn dich dieses Thema
interessiert, dann kannst du dir das Buch aus der
Bibliothek holen. Trotzdem kommt jetzt eine kleine
Kostprobe. Annes Tagebuch geht vom 14. Juni 1942 bis
zum 1. August 1944 (also drei Tage, ehe die Nazis das
Versteck stürmten). Am 20. Juni 1942 (als sie genau so alt
war wie ich jetzt) schrieb sie:

Es ist für jemanden wie mich ein eigenartiges Gefühl,

32
Tagebuch zu schreiben. Nicht nur, daß ich noch nie
geschrieben habe, sondern ich denke auch, daß sich später
keiner, weder ich noch ein anderer, für die
Herzensergüsse eines dreizehnjährigen Schulmädchens
interessieren wird. Aber darauf kommt es eigentlich nicht
an, ich habe Lust zu schreiben und will mir alles mögliche
gründlich von der Seele reden. Papier ist geduldiger als
Menschen.
Was sagst du dazu, Nils? Und dann schreibt sie, dass sie
keine Freundin hat, mit der sie zusammen sein könnte.
Und deshalb soll das Tagebuch jetzt ihre Freundin sein.

Darum dieses Tagebuch. Um nun die Vorstellung der


ersehnten Freundin in meiner Phantasie noch zu steigern,
will ich nicht einfach Tatsachen in mein Tagebuch
schreiben wie alle anderen, sondern ich will dieses
Tagebuch die Freundin selbst sein lassen und diese
Freundin heißt Kitty.

PPS. Heißt der Bär mit dem geringen Verstand auch auf
Englisch Winnie der Pu? Und wie heißt Ferkel?

Viele Grüße

Berit
schreibt
nicht

Liebe Djuih!

Ich

33
schreibe
jetzt
sitze ich im Bett und schreibe

Heute haben wir die Aufsätze zurückbekommen und du


hast richtig geraten, unser Lehrer platzte nicht gerade vor
Begeisterung. Ganz unten hatte er mit Rot geschrieben:

»Du musst deine Fantasie zügeln, Nils.« Als er mir das


Heft gegeben hatte, sagte er, ich sollte nach der Stunde
noch einen Moment zu ihm kommen, und in diesem
Moment entdeckte ich, dass ich auf einer wichtigen Spur
war: Ein blindes Huhn kann nämlich auch mal ein Ei
legen! Auch wenn das Huhn den Inhalt des Eis vor dem
Legen nicht überprüft hat (hm, hm).
Um ganz sicher zu sein, dass ich jetzt nur TATSACHEN
schreibe, habe ich versucht, die Begegnung von Bruun und
Bøyum Torgersen so aufzuschreiben, wie sie sich
abgespielt hat. Möglicherweise habe ich ein paar Wörter
vergessen und schreibe nicht jeden Satz wortwörtlich auf,
aber wenn die Atmosphäre und die wichtigsten Informa-
tionen stimmen, dann handelt es sich doch trotzdem um
TATSACHEN. Ja? Nein? Weiß nicht?

Unterredung zwischen Lehrer Bruun und Schüler Bøyum


Torgersen

Schritte. Der letzte Schüler verlässt das Klassenzimmer.


Die Tür wird geschlossen. Bøyum Torgersen (ab jetzt
»Schüler« genannt) starrt die Tischplatte an. Lehrer
Bruun (ab jetzt »Lehrer« genannt) geht langsam auf den
Schüler zu. Pause.

34
LEHRER: Hmm.
(Pause)
LEHRER (ernst): Na, Nils? Was sollen wir dazu sagen?
SCHÜLER (nervös): Das weiß ich nicht, Herr Bruuns.
LEHRER: Siehst du viele Videos? (noch eine Pause)
SCHÜLER: Darf ich jetzt gehen, Herr Bruuns? (Schüler
erhebt sich halbwegs.)
LEHRER: Moment noch, Nils. (Schüler setzt sich).
SCHÜLER: Na gut.
LEHRER: Hast du dir schon mal überlegt, dass es
gefährlich ist, Namen zu nennen, wenn man dermaßen
blutrünstige Geschichten schreibt wie du? (Schüler wird
rot.)
SCHÜLER: Was denn für Namen?
LEHRER: Wenn ich eine Erzählung über einen
Massenmörder schriebe und der Nils Bøyum Torgersen
hieße, dann würdest du das sicher nicht so komisch finden,
oder?
SCHÜLER (leise): Doch.
LEHRER: Was hast du gesagt?
SCHÜLER: Nichts.
LEHRER: Ist dir eigentlich klar, dass es wirklich eine
Bibbi Bokken gibt?
(Schüler versucht seine Erregung zu verbergen und so
natürlich zu klingen, wie er nur kann.)
SCHÜLER: Ach, wirklich? Das … das wusste ich gar
nicht.
LEHRER: Sie ist eine Freundin … eine Bekannte meiner
Frau.
SCHÜLER (heiser): Ach, wirklich?

35
LEHRER: Ja, sie haben zusammen eine
Bibliotheksausbildung gemacht.
SCHÜLER (aufgeregt): Als Bib … Bib … Bib …
LEHRER: Ja.
SCHÜLER: Zusammen mit Djuih?
LEHRER: Wiewas?
SCHÜLER: Hat Djuih nicht mit ihnen zusammen
studiert?
LEHRER (buchstabiert Dewey ganz langsam). Meinst
du DEWEY?
SCHÜLER: Ja, ich glaube, das ist der Name.
LEHRER: Dewey hat nicht mit ihnen zusammen
studiert. Er hat ein Katalogisierungssystem für
Bibliotheken entwickelt.
SCHÜLER (verwirrt): Ja, ganz richtig.
LEHRER (gereizt): Was hat Dewey mit der Sache zu
tun?
SCHÜLER (leise): Ja, das möchte ich auch gern wissen.
LEHRER: Was hast du gesagt?
SCHÜLER (rasch): Nichts.
LEHRER: Bleiben wir doch bei deinem Aufsatz.
SCHÜLER: Ja.
LEHRER: Bist du sicher, dass du keine Bibbi Bokken
kennst?
SCHÜLER (langsam): Ja … ich kenne sie nicht.
LEHRER: Ja, ja. Nils. Ich wollte mit dir darüber
sprechen, um dir klar zu machen, dass man beim
Erwähnen von Namen Vorsicht walten lassen soll. Man
weiß nie, wo der Pfeil treffen kann, nicht wahr?
SCHÜLER: Welcher Pfeil?

36
LEHRER: Ich wollte nur sagen, dass wir darauf achten
müssen, dass wir niemanden verletzen. Stimmst du mir da
nicht zu?
SCHÜLER: Doch, Herr Bruun.
LEHRER: Vielleicht solltest du dir beim nächsten Mal
ein weniger blutrünstiges Thema aussuchen.
SCHÜLER (täuscht Zustimmung vor): Ja, Herr Bruun.
LEHRER (lächelt): Und, Nils …
SCHÜLER: Ja?
LEHRER: Es heißt nicht: Wer wagt, findet.
SCHÜLER (verwirrt): Nein?
LEHRER: Sondern: Wer wagt, gewinnt.
SCHÜLER: Das werde ich mir merken, Herr Bruuns.

(Lehrer klopft Schüler auf die Schulter. Rechts ab. Lehrer


merkt nicht, dass Schüler vor Spannung zittert.)

ENDE

Das sind die Tatsachen, Berit! Was sagst du? Langsam


fügt sich alles zu einem Bild zusammen, nicht wahr? Bibbi
Bokken hat eine Bibliotheksausbildung gemacht. Wie so
eine Ausbildung genau aussieht, wissen wir noch nicht.
Aber das können und werden wir überprüfen. Fest steht,
dass sie eine ganz besondere Beziehung zu Bibliotheken
und zu einem System hat, das von einem Kerl namens
Dewey stammt. Wenn du dich darüber informierst, werde
ich in Bokkens Vergangenheit hier in Oslo graben.
Sag Bescheid, wenn ich mich irre, aber mir scheint, wir
stehen jetzt vor zwei Aufgaben:

37
Wir versuchen die Wahrheit über die geheimnisvolle
Bibbi Bokken zu ergründen.
Wir versuchen ein Buch zu finden, das erst in einem Jahr
erscheinen wird.

Was Aufgabe 1 angeht, sind wir durchaus schon ein Stück


weit gekommen. Bei Aufgabe 2 dagegen haben wir nicht
den geringsten Schimmer.
Aber, Berit: Meine kranke Fantasie sagt mir, wenn wir
diese beiden Aufgaben lösen, dann lösen wir zugleich eine
dritte, die eigentliche Aufgabe nämlich, von der wir bisher
rein gar nichts wissen.
Ich weiß, das klingt ziemlich abenteuerlich, aber
abenteuerliche Gedanken haben uns schon einmal auf den
richtigen Weg geführt, warum sollten sie das also nicht
noch einmal tun?
Grüßchen von Nilschen

PS. Winnie der Pu heißt auf Englisch Winnie the Pooh.


Ferkel heiß Piglet. Es ist ein gutes Buch, es ist wirklich
einige Stunden deines jungen Lebens wert.

Hochwohlgeborener Nils Bøyum Torgersen,


ich bin beeindruckt. Ist dir überhaupt klar, dass du ein
komplettes Schauspiel verfasst hast? Ich denke jetzt
natürlich an »Unterredung zwischen Lehrer Bruun und
Schüler Bøyum Torgersen«. Guter Titel übrigens! Dein
Stück kann zwar vielleicht keinen ganzen Abend in einem
Theater füllen, aber ein Sketch ist es auf jeden Fall. Das
machst du wirklich gut, Nilschen. Die Frage ist noch, ob
du nicht Dramatiker werden solltest, so wie Henrik Ibsen.
Ich finde jedenfalls, dass dein Stück ein bisschen

38
Ähnlichkeit mit Peer Gynt hat (Nils, du lügst!) – obwohl
du deinen Lehrer nicht aufs Pult geworfen hast, als er
meinte, du solltest deine Fantasie zügeln. Aber es zittert
dennoch vor Spannung. Ich hatte schon Angst, er würde
dir am Ende eine scheuern.
Ich bin auch beeindruckt davon, dass dein Aufsatz trotz
allem etwas gebracht hat. Doch ich finde, du hast deinen
Lehrer zu billig davonkommen lassen. Seine Frau kennt
Bibbi Bokken ja schließlich!!!! Ich kann gut verstehen,
dass du nicht zugeben wolltest, dass du selber einiges über
sie weißt, aber du darfst dich jetzt nicht zufrieden geben.
Vorschlag: Wenn du das nächste Mal mit diesem Bruun
unter vier Augen redest, wiederhol einfach, dass du Bibbi
Bokken nicht kennst … aber dann sag auch, dass du sie
gern kennen lernen würdest. Nein, so geht das nicht … du
musst sagen, dass du ihr durch Zufall einmal begegnet bist
und sie dir so ausgeflippt vorkam, dass du gern mehr über
sie wissen möchtest. So geht das! Wenn er dann Fragen
stellt, musst du dir etwas aus den Fingern saugen. Aber
wenn du eine echte TATSACHENSPUR hast, musst du
ihr einfach folgen, bis zu »the bitter end«.
Ansonsten war ich vorhin in der Bibliothek. (Fjærland
hat jetzt endlich im Erdgeschoss des Seniorenzentrums
eine eigene kleine Bücherei bekommen.) Ich ging also
hinein und schaute mir die Regale an. Zuerst hatte ich das
schreckliche Gefühl, dass es viel zu viele Bücher gibt, die
ich noch nicht gelesen habe. Aber dann überwand ich
meine Panik und hatte stattdessen das schöne Gefühl, dass
es ungeheuer viele spannende Bücher gibt, die nur darauf
warten, von mir gelesen zu werden.
Ich glaube, es hat die Bibliothekarin beeindruckt, dass
ich so lange vor den Gedichtbänden stand und in manchen
herumblätterte. Was sie nicht wusste, war, dass ich nur in
Bücher von Jan Erik Vold reingeguckt habe. Hier kommt

39
eine kleine Kostprobe (ich habe schließlich immer
Notizbuch und Stift bei mir). Halt dich fest!!!

Über die Kirwlichkeit


Kirwlichkeit
sagst du, Kirwlichkeit
ist viel kirwlicher
als Wirklichkeit, findest
du nicht? Sicher, das mag wohl so
sein, antworte ich, aber
Wirklichkeit
ist trotzdem wirklicher, jawohl. Du sagst: Was hilft das
gegen Kirwlichkeit, so kirwlich, wie die ist!

Was sagst du, Nilsi? Das ist doch ein klarer Fall von
Aneinander-vorbei-Reden. Aber wenn Wirklichkeit und
Kirwlichkeit einander berühren, dann lässt sich das
vielleicht nicht vermeiden???
Und wenn Bibbi Bokken nun eine Spionin aus der
Kirwlichkeit ist? Und überhaupt: Wenn die Kirwlichkeit
in die Wirklichkeit einsickert, dann haben wir wirklich (!)
ein Problem.
Aber zurück zur Bibliothek. Nach kurzer Zeit kam die
Bibliothekarin zu mir und fragte, ob ich etwas Besonderes
suche.
»Eigentlich nicht«, sagte ich.
Dann fügte ich hinzu:
»Habt ihr etwas von Djuih?«
Sie lächelte viel sagend. Dann zog sie mich zu ihrem
Tisch und nahm ein dickes blaues Buch aus einer

40
Schublade. UND ES WAR GENAU DAS GLEICHE
BUCH WIE DAS, DAS BIBBI BOKKEN AUF DER
FÄHRE BEI SICH HATTE. Und sein Titel lautet: Deweys
Dezimalklassifikation.

ZUSAMMENFASSUNG DER HAUPTTABELLE


000 Allgemeine Schriften
010 Bibliografie
020 Bibliothekswesen und Informationswissenschaft
030 Allgemeine Enzyklopädien und Konversationslexika
040 (nicht in Gebrauch)
050 Periodika mit allgemeinem oder vermischtem Inhalt
060 Allgemeine Organisationen und Museumswesen
070 Journalistik, Verlagswesen, Zeitungen
080 Schriften von allgemeinem und vermischtem Inhalt

100 Philosophie und verwandte Fachbereiche


110 Metaphysik
120 Andere metaphysische Theorien
130 Übersinnliche Phänomene und verwandte Themen
140 Besondere philosophische Systeme
150 Psychologie
160 Logik
170 Ethik
180 Antike, mittelalterliche und fernöstliche Philosophie
190 Abendländische Philosophie der neueren Zeit

200 Religion
210 Naturreligionen

41
220 Bibel
230 Christliche Theologie Christliche Dogmatik
240 Christliche Ethik und Erbauung Sakrale Kunst
250 Pastoraltheologie und Priesteramt Gemeindeleben
260 Die Kirche, ihr Wesen, ihre Institutionen und ihre
Arbeit
270 Historische und geographische Einteilung der
organisierten christlichen Kirchen (Kirchengeschichte)
280 Christliche Glaubensgemeinschaften und Sekten
290 Andere Religionen, Religionsgeschichte, Ver-
gleichende Religionswissenschaften

300 Gesellschaftswissenschaften
310 Statistik
320 Staatswissenschaften und Politik
330 Sozialökonomie (Volkswirtschaft)
340 Rechtswissenschaften
350 Öffentliche Verwaltung Exekutive Militärwesen
360 Gesellschaftsprobleme und Sozialfürsorge: Vereine
370 Pädagogik
380 Handel, Post und Fernmeldewesen, Verkehrswesen
390 Volkskunde und Ethnographie

400 Sprache und Sprachwissenschaften


410 Linguistik
420 Englisch und angelsächsische Sprachen
430 Germanische Sprachen Deutsch
440 Romanische Sprachen Französisch
450 Italienisch, Rumänisch, Rätoromanisch

42
460 Spanisch und Portugiesisch
470 Italische Sprachen Latein
480 Griechische Sprachen
490 Andere Sprachen

500 Naturwissenschaften Mathematik


510 Mathematik
520 Astronomie und verwandte Wissenschaften
530 Physik
540 Chemie und verwandte Wissenschaften
550 Geowissenschaftliche Fächer
560 Paläonthologie
570 Biologische Fächer
580 Botanik
590 Zoologie

600 Angewandte Wissenschaften


610 Medizin
620 Technologie, Technik
630 Landwirtschaft und verwandte Wissenschaften
640 Haushaltsfächer und Familienalltag
650 Verwaltung und allgemeine Betriebsführung
660 Chemische Technologie, chemische Industrie,
Metallurgie
670 Industrie
680 Handwerk und diverse Industrien
690 Hausbau und Bauhandwerk

700 Kunst
43
710 Umgebungsplanung und Landschaftsarchitektur
720 Architektur
730 Plastische Kunst: Skulptur
740 Zeichenkunst und Kunsthandwerk
750 Malerkunst
760 Grafische Kunstarten
770 Fotografie
780 Musik
790 Freizeitaktivitäten, Unterhaltung, Spiel und Sport

800 Schöne Literatur


810 Amerikanische Literatur (auf Englisch)
820 Englische und angelsächsische Literatur
830 Literatur der germanischen Sprachen: Deutsche
Literatur
840 Literatur der romanischen Sprachen: Französische
Literatur
850 Italienische, rumänische und rätoromanische
Literatur
860 Spanische und portugiesische Literatur
870 Literatur der italischen Sprachen: Lateinische
Literatur
880 Literatur der griechischen Sprachen: Klassische
griechische Literatur
890 Literatur anderer Sprachen

900 Geografie, Geschichte und deren Hilfswissenschaften


910 Geografie und Reisen
920 Biographie und Genealogie

44
930 Antike Geschichte
940 Europäische Geschichte: Westeuropa
950 Geschichte Asiens: Orient, Ferner Osten
960 Geschichte Afrikas
970 Geschichte Nord- und Mittelamerikas
980 Geschichte Südamerikas
990 Geschichte der übrigen Erdteile und der außer-
irdischen Welten Pazifikinseln (Ozeanien) Australien

Dewey, Nils. Das war ein Typ, der irgendwann einmal ein
ungeheuer kompliziertes System ausgeheckt hat, nach dem
in Bibliotheken die Fachliteratur geordnet werden kann.
Es geht darum, dass alle Bücher über bestimmte Themen
eine bestimmte Zahl zwischen 0 und 999 bekommen.
Dann gibt es Hauptgruppen und Abteilungen, die jedem
Buch einen ganz festen Platz zuteilen. Ich bekam eine
Liste der Hauptgruppen in Deweys System und die habe
ich gerade ins Briefbuch eingeklebt. Aber zwischen diesen
vielen Zahlen gibt es eine unendliche Anzahl von
Abteilungen mit Kommas und Dezimalpunkten und noch
viel schlimmerem Kleinkram. (Dieser Mr. Dewey war
garantiert ein Mathefreak.)
Was du hier siehst, ist also nur eine Zusammenfassung.
Das ganze komplizierte System füllt also das dicke blaue
Buch, für das ich in meinem Regal jedenfalls keinen Platz
habe. Aber schau dir mal die allerletzte Hauptgruppe an:
990, Geschichte der übrigen Erdteile und der
außerirdischen Welten. Diese Bücher würde ich gern mal
sehen. Vielleicht handeln die von Kirwlichkeit?

PS. Wenn du weiter in Bibbi Bokkens Vergangenheit


herumwühlst, findest du vielleicht die Stelle, wo der Hund

45
begraben liegt. Und pass auf, dass er dich nicht in die
Nase beißt. Mehr sage ich nicht.
Viele Grüße, Berit Bib Liothek.

Nils ruft Berit:


Das Netz zieht sich zusammen. Es gibt eine magische
Bibliothek. Und sie gehört Bibbi Bokken! Das weiß ich.
Ich habe Lehrer Bruun angerufen, um unter vier Augen
mit ihm zu sprechen, wie du vorgeschlagen hast, aber
nicht er ging ans Telefon, sondern eine Frau.
»Bin ich da bei Bruun?«, fragte ich.
»Ja«, sagte die Frau.
»Kann ich mit Herrn Bruun sprechen?«
»Nein«, sagte die Frau. »Er ist nicht zu Hause. Kann ich
etwas ausrichten?«
»Mit wem spreche ich denn?«, fragte ich.
»Aslaug Bruun. Ich bin mit Reinert verheiratet.«
Einen Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte,
aber dann ging mir auf, dass ich die Quelle persönlich an
der Strippe hatte. Ich zitterte gleich am ganzen Leib, doch
ich versuchte so ruhig zu sprechen, wie ich nur konnte.
»Wir beide haben viel zu besprechen, Frau Bruun«,
sagte ich eiskalt.
»Haben wir das?«
»Jepp«, sagte ich. »Bibbi Bokken zum Beispiel.«
»Was?«
»Café Skalken heute Nachmittag um sechs. Ich habe
eine Blume im Knopfloch, damit Sie mich erkennen.«
Dann legte ich auf. Ich merkte, dass ich rot wurde. Wie
du weißt, bin ich ziemlich schüchtern und versuche nicht
oft, das hinter einem »Torgersen extra hart« zu verstecken.

46
Und jetzt kam ich mir ziemlich blöd vor, aber zugleich
auch wie ein Detektiv. Ich war auf der Spur. Aber würde
der Fisch den Köder schlucken? Ich hatte meine Zweifel,
aber ich fischte eine verwelkte Rose aus der Vase auf dem
Wohnzimmertisch und machte mich auf den Weg zum
Café.
Warst du schon mal im Skalken, Berit? Lass es lieber. Es
muss eine der verkommensten Kneipen in ganz Europa
sein. Ich bereute, dass ich sie ausgesucht hatte, sobald ich
die Tür öffnete.
Drinnen war es fast ganz dunkel. Sicher aus Rücksicht
auf die Gäste. Bestimmt können nicht viele von ihnen
Tageslicht vertragen. Im Skalken gibt es nur drei oder vier
Tische, und als ich kam, waren bis auf einen alle frei. Dort
saß eine Zeitung. Es sah jedenfalls so aus, denn ich konnte
nur die Zeitung sehen und nicht den Menschen dahinter.
Das gelang mir erst später. Aber darauf werde ich noch
zurückkommen.
In dem Moment kam ich mir nicht gerade wie ein
Detektiv vor, sondern eher wie ein Rotzbengel mit einer
lächerlichen Blume im Knopfloch. Ich versuchte, ganz
unbeschwert auszusehen, und bestellte Zitronenlimonade,
aber außer verschiedenen Biersorten gab es nur Malzbier
und das finde ich zum Kotzen.
Ich hatte gerade beschlossen, dass Frau Bruun nicht
kommen würde, als sie in der Tür stand.
»Hast du angerufen?«, fragte sie.
Ich zog mir die Blume aus dem Knopfloch und reichte
sie ihr.
»Was soll ich denn damit?«
Sie musterte mich leicht überrascht, wirkte zugleich aber
seltsam fröhlich.

47
»Ein Geschenk«, murmelte ich. »Zum Dank für Ihre
Bemühungen.«
Jetzt lachte sie wirklich. Die Zeitung am Nebentisch
raschelte.
»Das war doch keine Mühe. Worüber willst du also
reden, mein Junge? Ist Bibbi irgendetwas passiert?«
Sie zwinkerte mir zu.
Ich glaube, das gab den Ausschlag. Wenn ich etwas
reichlich satt habe, dann Erwachsene, die »mein Junge«
sagen und mir zuzwinkern wie einem Baby.
»Nein«, sagte ich eiskalt. »Ich möchte nur kurz über sie
reden.«
Ich nippte an dem lauwarmen Malzbier.
»Es geht um die magische Bibliothek.«
Sie hätte nicht überraschter aussehen können, wenn ich
behauptet hätte, aus sicherer Quelle zu wissen, dass Bibbi
Bokken die Bank von Norwegen überfallen wolle.
»Die magische …«
»Bibliothek«, sagte ich ruhig und registrierte, dass hinter
der Zeitung am Nebentisch ein kahler Kopf auftauchte.
»Du hast davon gehört?«, fragte sie.
»Ja«, sagte ich. »Und wir haben Grund zu der Annahme,
dass das Buch über die Bibliothek im kommenden Jahr
erscheinen wird.«
»Wir?«
Jetzt hätte ich natürlich sagen müssen, dass mit »wir«
die Angestellten der Detektei Bøyum & Bøyum gemeint
seien. Aber ich nickte nur.
»Dann hat sie es also geschafft«, sagte Frau Bruun.
»Während des Studiums hat sie immer wieder darüber
geklagt, dass in unseren Bibliotheken eine Abteilung fehlt.

48
Und die nannte sie …«
»Bibbi Bokkens magische Bibliothek«, flüsterte ich.
Frau Bruun nickte.

Mehr konnte ich nicht aus ihr herausholen. Sie erzählte,


dass sie Bibbi Bokken seit dem Examen nicht mehr
gesehen hatte und dass damals alle sie ein wenig seltsam
gefunden hatten. Wenn Bibbi Bokken gefragt wurde, von
welcher magischen Bibliothek sie da rede, dann schüttelte
sie nur den Kopf und sagte, das würden die anderen schon
noch erfahren, wenn die Zeit reif sei. Aber sie habe einen
großen Plan und wolle ihn für sich behalten, bis sie ihn in
die Tat umsetzen könne.
Dann bezahlte Aslaug Bruun mein Malzbier und sagte,
sie werde die Rose Reinert mit einem Gruß von einem
feinen Jungen überreichen.
Sie ging und ich saß vor meinem halb vollen Glas.
Das Briefbuch hatte ich mitgebracht. Jetzt zog ich es
hervor, um mein Gespräch mit Frau Bruun aufzu-
schreiben, solange ich es noch in frischer Erinnerung
hatte. Doch dann passierte etwas Seltsames und ziemlich
Unheimliches. Der Mann am Nebentisch legte seine
Zeitung beiseite und kam zu mir herüber.
Ich merkte, wie ich erstarrte. Der Kellner war in die
Küche gegangen und ich war mit dem glatzköpfigen Mann
allein im Lokal. Er beugte sich zu mir vor und, Berit, er
lächelte. Aber es war kein freundliches Lächeln, es war
eher so, als ob er die Mundwinkel nach oben gezogen
hätte, um seine Zähne zu zeigen. Plötzlich hielt er mir ein
Video mit dem Bild eines blutenden, von einem Messer
durchstochenen Buches hin und sagte mit sanfter Stimme,
die freundlich klingen sollte, ohne es zu schaffen:

49
»Würdest du wohl dein Buch gegen dieses Video
eintauschen?«
»Video …«, flüsterte ich heiser.
»Ja, ›The Phantom of the Library‹. Das gefällt dir
bestimmt.«
Aber jetzt reichte es mir, Berit.
Ich stürzte aus dem Café Skalken und nahm die Beine in
die Hand. Ich rannte vorbei am Frognerpark, über die
Majorstukreuzung, durch Bogstadvei und Vibes gate und
dann nach Hause.
Ich weiß nicht, ob der lächelnde Glatzkopf mir gefolgt
ist, aber er hat auf jeden Fall alles gehört, worüber Aslaug
Bruun und ich gesprochen haben, und aus irgendeinem
Grund wollte er unbedingt unser Briefbuch lesen.
Das ist ein Mysterium, und zwar ein reichlich
unheimliches. Ich werde erleichtert aufatmen, wenn ich
das Buch morgen abgeschickt habe.
Doch jetzt wissen wir, dass Bibbi Bokken schon
während ihres Studiums von einer magischen Bibliothek
geträumt hat.
Wir können fast annehmen, dass sie wirklich eine
eingerichtet hat, und eins glaube ich sicher, Berit:
Wenn wir diese Bibliothek finden, dann können wir auch
die Sache mit dem noch nicht veröffentlichten Buch
klären.
Aber wo sollen wir suchen? Dieses Problem überlasse
ich dir. Jetzt muss ich schlafen. Ich werde von einem
blanken Schädel und einem schleimigen Lächeln träumen.
Viele Grüße, Hauptkommissar Torgersen

Hauptkommissar Torgersen, Buchüberwachung Bøyum &


Bøyum!
50
Ich bin geschockt! Da findet eine gewisse »Siri« in Rom
ein Buch, dessen Titel etwas mit »magischer Bibliothek«
zu tun hat. Das Problem ist nur, dass in dem Buch steht,
dass es erst im kommenden Jahr erscheinen wird. Und
dann hat Hauptkommissar Torgersen die Frechheit
anzunehmen, dass diese »magische Bibliothek« – über die
ein Buch geschrieben werden wird – Bibbi Bokken gehört.
Er liefert einen miesen Aufsatz ab, was ihn zu einer
gewissen Aslaug Bruun führt – und die kann bestätigen,
dass Bibbi Bokken einen »großen Plan« gehegt hat, eben
den einer magischen Bibliothek.
Voll ins Schwarze!
Aber etwas hier ergibt keinen Sinn. Warum ist Siri denn
nicht auf die Idee gekommen, dass die magische
Bibliothek etwas mit Bibbi Bokken zu tun haben könnte?
Und wenn das Buch, das sie in der Hand gehalten hat,
wirklich Bibbi Bokkens magische Bibliothek hieß, warum
hat sie sich diesen Titel nicht merken können? Das kann
doch nicht sein, Nils. Vielleicht hat Aslaug Bruun dir nur
nach dem Mund geredet. Vielleicht hat sie dich für
verrückt gehalten? Auf jeden Fall muss sie deinen
schwachsinnigen Aufsatz gelesen haben, sonst hätte sie
sich doch niemals mit dir im Café Skalken getroffen.
Wegen des unheimlichen »Smiley« brauchst du dir keine
Gedanken zu machen, glaube ich. (Es ist doch bekannt,
dass du bei helllichtem Tag Gespenster siehst.) Aber ich
gebe zu, es war schon komisch, dass er das Briefbuch
gegen ein Video tauschen wollte. Was wollte er bloß
damit? Und ich bin sehr froh, dass du abgelehnt hast.
Und jetzt zu uns hier in der Ferne. Also … ich wage
kaum, es zuzugeben, aber ich benutze jetzt Lippenstift.
Nur, damit du siehst, welche Farbe ich nehme, gebe ich
dem Briefbuch einen kleinen KUSS:

51
Was sagst du?
Wenn du meinst, das mit dem Lippenstift hätte nichts
mit Bøyum & Bøyum zu tun, dann irrst du dich. Ich habe
nämlich jetzt hier eine Art Freundin. Sie heißt Randi
Mundal und geht in meine Klasse und ich bin nicht sicher,
ob ich das auch ohne Lippenstift geschafft hätte. Randi
wohnt im oberen Mundal und ist Bibbi Bokkens nächste
Nachbarin. Das heißt nicht, dass sie dicht beieinander
wohnen, denn hier bei uns gibt es für alle Platz genug.
(Bibbi Bokken hat natürlich außerdem dafür gesorgt, dass
sie »ungeniert« wohnen kann, wie man sagt.) Aber Randi
hat immerhin genug von ihr gesehen, um zu wissen, dass
sie knatschverrückt ist. Und Hauptkommissar Torgersen,
merk dir Folgendes, ehe du wieder in den Busch gehst:
Mehrmals hat Bibbi Bokken, wenn sie mit der letzten
Fähre hier angekommen ist, einen schweren Koffer zu
ihrem gelben Haus hochgeschleppt. Das Blöde an Koffern
ist nun aber, dass wir nicht sehen können, was drinsteckt.
Doch manchmal hat die Frau sich auch mit einem Netz
zufrieden gegeben und Randi Mundal hat mehrere Male
gesehen, dass diese Netze voll gestopft waren mit – na,
eben mit Büchern! Sie ist also vielleicht eine Leseratte, die
irgendwann einmal eine Million Kronen gewonnen hat
und davon nun Lesestoff kauft. Aber sie schleppt nicht nur
neue Bücher mit sich herum, verstehst du. Manche von
ihnen sind uralt. (Wer weiß, ob es sich dabei nicht um
echte Inkunabeln handelt?) Auf jeden Fall sieht es so aus,

52
als ob sie sich eine richtige Bibliothek einrichtet.
Gestern war ich zum ersten Mal zu Besuch bei Randi.
Und auf dem Heimweg begegnete mir natürlich Bibbi
Bokken, die von der Fähre kam. In der Hand trug sie
tatsächlich ein voll gestopftes Netz. ABER: In dem Netz
steckten nur dicke Schreibhefte, wie wir sie in der Schule
benutzen!!! (Noch nicht erschienene Bücher? Ich frage ja
nur!)
Weißt du, was sie bei dieser Begegnung zu mir gesagt
hat?
»Na?«, sagte sie und musterte mich forschend. »Wie
geht’s euch denn?«
»Euch«? Wem denn genau? Und wieso wollte sie
wissen, wie es uns geht? Meinte sie Randi und mich? Oder
dachte sie an Bøyum & Bøyum?
Vielleicht dachte sie an das Briefbuch, Nils! Vielleicht
wusste sie, dass du es gekauft hast, damit wir uns
gegenseitig schreiben können. Aber woher konnte sie das
wissen? Sie ist doch wohl keine Hellseherin?
»Ach, es geht so«, sagte ich und mehr wurde nicht
geredet.
Aber das ist noch nicht alles. Das Allerbeste habe ich
mir bis zum Schluss aufgehoben:
DIE FRAU VERFÜGT ÜBER INTERNATIONALE
KONTAKTE! Jetzt weißt du das! Aber da wir ja
schließlich »Quellenforschung« betreiben, erzähle ich die
ganze Geschichte.
Eine von denen, denen das Hotel gehört, heißt Billie und
ist eigentlich Engländerin. (Das war die Frau, die
vorgeschlagen hat, wir sollten uns in einem Briefbuch
schreiben, das wir zwischen Oslo und Fjærland hin- und
herschicken, kannst du dich jetzt an sie erinnern?) Ich

53
kenne ihren Nachnamen nicht, deshalb nenne ich sie
einfach immer Billie Holiday. (Beim ersten Mal hat sie
gelacht, aber jetzt hat sie sich offenbar dran gewöhnt.)
Nette Frau, hält gern ein Schwätzchen mit Zugezogenen,
vor allem, wenn meine Mutter in der Küche steht und
sechs Tage in der Woche viergängige Menüs kochen
muss. Und also habe ich ziemlich diskret (das heißt doch
so?) gefragt, ob sie weiß, welchen Beruf die Frau aus dem
gelben Haus da oben hätte. Und weißt du, was sie
geantwortet hat? Ich kann dir kein ganzes Schauspiel
liefern, aber doch immerhin einen kleinen Monolog:

BILLIE HOLIDAY (in wildem Tempo mit freundlichem


Lächeln): Das habe ich mich auch schon gefragt. Sie
bekommt jedenfalls jede Menge Post. Pakete und
Sendungen aus allen Winkeln der Welt. Ich glaube, das
sind alles Bücher, Berit. Ich habe mir ihre Post einige
Male in aller Heimlichkeit angesehen, verstehst du.
Gestern bekam sie ein Paket aus Italien und von dort
kriegt sie sehr viele. Der Absender heißt Bresani …

Was glaubst du, Nils? Als Hotelbetreiberin hat Billie


Holiday natürlich mit dem Postamt viel zu tun und dieses
Amt ist ja Bibbi Bokkens Fenster zur Welt. Ich glaube, sie
sitzt oben in Mundal und schreibt Briefe an
geheimnisvolle Antiquare in aller Welt.
Und deshalb wiederhole ich meine Frage: Was treibt
diese Frau eigentlich an einem engen Fjordausläufer in
Westnorwegen? Vielleicht ist hier die Rede vom
allerabgelegensten Flecken in der ganzen Galaxis? Und
vielleicht gerade deshalb …
Als ich deinen letzten Brief gelesen hatte, kam mir alles
nur noch geheimnisvoller vor. Wenn ich mich getraut

54
hätte, hätte ich mir ihr Haus vielleicht näher ansehen
sollen. Aber bis auf weiteres können wir ja davon
ausgehen, dass es dort von Büchern nur so wimmelt.

PS. Am Wochenende fahre ich zu meinem Vater nach


Bergen. (Ich allein, wohlgemerkt. Ich glaube, meine
Mutter und er können sich im Moment beide nicht
riechen.) Und da ist mir eine Idee gekommen, die
vielleicht nicht ganz dumm ist. Ja, verflixt. Das ist mir
jetzt eingefallen. (Beim Schreiben kommen mir immer
gute Ideen.)
Mein Vater ist in die Poms gate gezogen und protzt
damit, dass gleich nebenan der berühmte Krimi-Autor
Gunnar Staalesen wohnt. Und wir versuchen doch eine Art
Kriminalgeschichte aufzuklären, und deshalb sind wir eine
Art Detektive. Aber darüber wollte ich mit diesem
Schriftsteller nun nicht gerade sprechen. Ich dachte nur,
wenn wirklich im nächsten Jahr ein Buch über eine
»magische Bibliothek« erscheint, dann muss doch auch
irgendwo und in diesem Moment irgendjemand an diesem
Buch schreiben. DENN EIN BUCH SCHREIBT SICH
NICHT SELBER!!! Ich meine natürlich nicht, dass es von
Gunnar Staalesen geschrieben wird, aber es ist doch nicht
ganz unvorstellbar, dass Schriftsteller miteinander über die
Bücher reden, an denen sie gerade arbeiten? Es gibt doch
Schriftstellerverbände und so was …
Jetzt musst du ganz offen deine Meinung sagen, Nils!
Wenn du sofort antwortest, ist das Briefbuch vielleicht
schon wieder bei mir, bevor ich nach Bergen in See
steche.

PPS. Apropos Gunnar Staalesen. Hast du seine beiden


Bücher über den Wikingerschatz gelesen? (Das Geheimnis

55
des Wikingerschatzes und Der Fluch des Wikinger-
schatzes.) Ich kenne nur das erste. Das war so eine richtige
Räubergeschichte im besten Indiana-Jones-Stil. Mit
anderen Worten, etwas für dich – der sich im Café
Skalken von einem glatzköpfigen Biertrinker bedroht
fühlt.

Viele Grüße von der halben Bøyum & Bøyum.

Liebe Berit Lippum Røt!


Halt dich fest, Kusinchen: Am Freitag verreise ich!
Frage: Wohin? Antwort: Nach Rom. Frage: Du fährst
nach Rom? Antwort: Ja. Frage: Wieso denn?
Antwort: WEIL MEINE MUTTER BEI EINEM PREIS-
AUSSCHREIBEN UM DIE BESTE GESCHICHTE ZUM
THEMA »DIE STADT MEINER JUGENDLIEBE«
GEWONNEN HAT!
Weißt du noch, dass ich ihr eine Inspiration gegeben
habe, als ich sie nach der Piazza Navona fragen wollte?
(Vgl. Briefbuch S. 17)
Diese Inspiration hat sie zu einer Geschichte verarbeitet,
die sie dann bei dem Wettbewerb eingereicht hat.
Der erste Preis war eine Reise in die Stadt, in der die
Gewinnerin ihre erste Liebe erlebt hat, und meine Mutter
hat darüber geschrieben, wie sie meinen Vater getroffen
hat … rat mal, wo … auf der Piazza Navona!
Hörst du die Glöckchen bimmeln, Berit? B. B. erhält
geheimnisvolle Buchpakete (?) aus Italien. Das geheimnis-
volle Antiquariat, über das Siri schreibt, liegt in Rom.
Besteht hier ein Zusammenhang? Vielleicht kann ich
dieses Rätsel in fünf Tagen lösen, wenn Mutter, Vater und
Detektiv N. B. Torgersen in Rom eintreffen.

56
Ich verspreche dir, dass ich dieses Antiquariat finden
werde, und wenn ich jede Straße und jede Gasse um die
Piazza Navona durchkämmen muss. Verlass dich auf
mich!
Aber zurück zur Geschichte meiner Mutter, die
schrecklich romantisch und glatt gelogen war. Meine
Eltern waren beide noch nie in Rom. Sie haben sich im
Taxi Nr. AB 604 von Grünerløkka nach Majorstua kennen
gelernt. Ihre Geschichte ist also eine Lüge, und zwar eine
richtige Lüge, denn sie gibt sie ja als Wahrheit aus und
kassiert noch dazu einen Preis, weil die Leute von der
Illustrierten sie auch für die Wahrheit halten. Aber
vielleicht tun sie das gar nicht und geben ihr den Preis nur,
weil sie glauben, dass die Leute, die die Geschichte später
lesen, sie für wahr halten werden. Und wenn das stimmt,
dann lügt nicht nur meine Mutter, sondern auch die Leute
lügen, die die Geschichte drucken, und wenn die, die sie
lesen, sie für wahr halten, werden sie betrogen, aber wenn
es denen egal ist, ob sie wahr ist oder nicht, was sind sie
dann? Kannst du mir das verraten? Ich weiß es nämlich
nicht.
Doch jetzt ist nicht der richtige Moment für tiefsinnige
Literaturtheorien. Halt dich an den Fall Bokken,
Torgersen.

Liebe Berit mit dem roten Mund,


ich habe einen Vorschlag:
Während ich in Rom nach dem Buch über die magische
Bibliothek fahnde, könntest du vielleicht nach der
Bibliothek suchen, von der das Buch handelt. Aber ich
fürchte, dass du dann eine »Begegnung der dritten Art«
mit Frau Bokken nicht mehr vermeiden kannst. Stichwort:
DAS GELBE HAUS! Du könntest zum Beispiel …

57
Nein, vergiss es. Das wäre zu gefährlich. Lass es. Das ist
nicht der richtige Auftrag für ein Mädchen. Auch wenn
der Schlüssel zum Haus vielleicht der Schlüssel zu dem
gesamten Mysterium ist.
Nein, halt dich bedeckt, bis ich zurückkomme, aber
wenn du in Bergen Gunnar Staalesen triffst, dann grüß ihn
von mir. Ich werde in Rom bei Henrik Ibsen anrufen.
Meine Mutter hat mir erzählt, dass er dort gewesen ist.
Vielleicht ist er ja noch immer da. Wer weiß.
Il Nilso

PS. Wenn du aus irgendeinem Grund und obwohl ich dich


gewarnt habe, doch in die Nähe von B. B. geraten solltest,
dann halte Ausschau nach frisch gezimmerten
Bücherregalen. Verstehst du?
PS 2: Ich lege eine Kopie von Mamas Geschichte bei,
damit du siehst, wie leicht es ist, sich eine Auslandsreise
zu erschleichen.

PS 3: Ich schicke auch ein Bild, das die Illustrierte von der
ganzen Familie gemacht hat, dann kannst du sehen, wie
viel ich seit dem Sommer gewachsen bin.

PS 4: Tausend Dank für den hervorragenden KUSS. Der


macht in unserem Briefbuch wirklich was her.

DIE STADT MEINER JUGENDLIEBE

Erinnerst du dich an Rom, mein Geliebter? An Petersdom,


Kolosseum, Pantheon, die Spanische Treppe und die
Piazza Navona? Oder hast du alles vergessen? Ist unsere
Liebe vergilbt, wie Fotos in einem alten Album? Siehst du
58
Farben und Licht aus unserer Jugend nicht mehr, als die
Liebe wie eine frische rote Rose aussah und das Leben
kein Ende zu haben schien?
Ich sehe dich an, mein Geliebter, wie du da in deinem
Schaukelstuhl sitzt, dein Blick geht ins Leere, du
schaukelst vorsichtig hin und her wie ein Boot, das auf
dem Fluss des Lebens auf das offene Meer zuhält. Ich sehe
die blauen Adern in deinen Händen, die tiefen Furchen in
deiner Stirn und deine goldgelben Haare, die zu Silber
geworden sind. Ja, Gabriel, die Mittagshöhe unseres
Lebens liegt schon längst hinter uns. Du bist
fünfundachtzig, ich dreiundachtzig. Und dennoch, wenn
die Sonne durch das Fenster scheint, so wie jetzt, und
wenn ich die Umrisse deines Gesichts vor einem
Hintergrund aus blühenden Apfelbäumen und blitzblauem
Himmel sehe, dann scheinen deine Runzeln sich zu glätten
und deine Haare nehmen die Farbe der goldenen
Sonnenstrahlen an. Und dann sehe ich im Schaukelstuhl
noch einmal meinen jungen Geliebten. Ich spüre, wie mich
Gefühle aus dem seltsamen Raum zwischen Trauer und
Freude erfüllen, und durch das Kaleidoskop der Tränen
sehe ich Bilder jenes Tages, des Tages, des Tages …
»Verflixt«, sagte ich und betrachtete den zerrissenen
Riemen. Und das ausgerechnet auf der Piazza Navona in
Rom. Umgeben von Italienern, Engländern, Dänen und
Gott weiß wem noch. Da stand ich nun ohne eine Lira in
der Tasche und mit einer ruinierten Sandale in der Hand.
Der dicke Deutsche hatte den Riemen mittendurch
gerissen, als er mir auf den Fuß getreten war.
»Entschuldigung«, hatte er gesagt. Aber er hatte gut
reden. Es war ja nicht seine Sandale. Und er war auch
keine einundzwanzigjährige arme norwegische Kunst-
studentin, die ihre gesamten Ersparnisse aufgebraucht
hatte, um nach Rom fahren und in der Sixtinischen

59
Kapelle Michelangelos fantastische Deckenmalereien
bewundern zu können.
»Verflixt«, sagte ich ärgerlich noch einmal. Der Tag war
ruiniert. Da konnte ich auch gleich nach Hause gehen, in
die billige Herberge, in der ich für zwei Tage im Voraus
bezahlt hatte.
»Verflixt! Verflixt! Verflixt!«
»Haben Sie Probleme, junge Frau?«
Die tiefe, sinnliche und ein wenig neckende Stimme ließ
mich herumwirbeln.
Und da standst du. Das wusste ich damals natürlich
noch nicht, auch wenn mein Herz es vielleicht wusste.
Denn das Herz hat seine eigene Weisheit und versteht das,
was das Gehirn nicht erfassen kann.
»Ach nein, nichts«, sagte ich leicht verwirrt. Meine
Stimme klang sicher noch immer gereizt. Ich hielt mir die
Hand an die Stirn, denn du hattest die Sonne im Rücken.
»Sind Sie geblendet von meiner nordischen Schönheit?«
sagtest du.
Ich musste lachen.
»Eher wohl von der Sonne hinter Ihnen«, erwiderte ich.
»Das ist nicht die Sonne. Das ist mein Heiligenschein.«
Ich suchte nach einer beißenden, witzigen Antwort. Aber
du kamst mir zuvor.
»Sie haben Probleme mit Ihrer Sandale, will mir
scheinen?«
»Ja«, sagte ich. »Der Riemen ist gerissen.«
Und du bücktest dich. Der Wind spielte in deinen
Haaren, als du zu meinen Füßen auf der Piazza Navona
auf den Knien lagst.
Erinnerst du dich, Gabriel – oder hast du es vergessen?

60
Ein barfüßiges Mädchen im Café Greco und danach auf
dem Corso Vittorio Emanuele, auf der Tiberbrücke, beim
Petersplatz. Erinnerst du dich an das Schuhgeschäft und
den kleinen Fuß, der sich in eine nagelneue italienische
Sandale hineinstahl, während du meine schwachen
Proteste lachend abwehrtest? Erinnerst du dich an den
KUSS? An den ersten? An den Abend, an dem wir unsere
Münzen in die Fontana di Trevi warfen, mit dem Wunsch,
einmal hierhin zurückzukehren? Erinnerst du dich an den
Ring, den du im Kellerladen gekauft hast? An die lange
Wanderung zum Hotel Siena, wo unser kleiner
Herzensbrecher gezeugt wurde?
Ich sehe dich an, Gabriel. Deine Augen sind
geschlossen. Du atmest regelmäßig. Ein kleines Lächeln
umspielt deine Lippen und in meinem Herzen weiß ich,
dass auch du dich nach Rom zurückträumst. In die Stadt
unserer Jugendliebe.

Such dir einen einfachen und gut bezahlten Beruf. Werde


Schriftstellerin.
Grüße von deinem kleinen Herzensbrecher.

Lieber Il Nilso Pava Rotti!


Du Ratte! Da schreibe ich ein wenig stolz, dass ich allein
nach Bergen zu meinem Vater fahren – und vielleicht
sogar ein vertrauliches Gespräch über den Gartenzaun mit
dem überaus berühmten Kriminalschriftsteller Gunnar
Staalesen führen werde. Und dann rührt Tante Ingrid eine
richtige Kitschsuppe mit Rosinen zusammen und
verschafft dir damit ein Gratiswochenende in Rom! Ich
glaube, Alf Prøysen hat sich geirrt, als er das Lied über
den verwöhnten Vetter in Gjøvik geschrieben hat. Ich
glaube, die Vettern in Oslo sind noch viel verwöhnter.

61
Und als Pflaster auf die Wunde werde ich fast dazu
gezwungen, im oberen Mundal mein Leben aufs Spiel zu
setzen, während du in irgendeinem Ristorante sitzt und
Spaghetti schlürfst. Denn damit das sofort gesagt ist: ICH
WAR DA!
Nur Geduld, ich erzähle ja alles.
Ich beschloss als Allererstes, mir von einem jungen
Typen, der einen kräftigen Pubertätsschock erleidet, bloß
weil seine Kusine jetzt Lippenstift nimmt (»Liebe Berit
Lippum Røt«), keine Befehle erteilen zu lassen. Und dann
schaute ich im Hotel Mundal vorbei, um in der Küche eine
Frikadelle zu schnorren.
Und da passierte es dann. Ich entdeckte Bibbi Bokken,
die gerade aus Mundal herunterkam. Mein einziger klarer
Gedanke war, dass ich am nächsten Morgen nach Bergen
fahren würde und dass es überhaupt nicht lustig wäre, das
ganze Wochenende über ein schlechtes Gewissen zu
haben, weil ich mich nicht getraut hatte, Frau Buch einen
kleinen Besuch abzustatten. Ich dachte sicher auch, es
wäre gar nicht schlecht, in den Ermittlungen einen kleinen
Schritt weiterzukommen, ehe ich mich in Bergen mit dem
bekannten Krimiautor traf …
Ich vergaß die Frikadelle und rannte zu dem gelben Haus
hoch. Bibbi Bokken hatte unten schon die Hauptstraße
erreicht. Das bloße Wissen, dass die Luft rein war, machte
mich verrückt. Sie lebt doch allein, dachte ich …
Wieder ließ ich mich hinter die Mauer fallen (denn die
Engel im Himmel sollten mich nicht sehen), dann schlich
ich mich ins Haus. Vorsichtig fasste ich nach der Klinke –
und die Tür war offen! Aber so seltsam war das vielleicht
auch wieder nicht, denn viele hier in Fjærland schließen
ihre Türen nicht ab. Doch die haben ja auch nicht viel zu
verbergen …

62
Ich schaute mich um und ging hinein, Nils. Und erst jetzt
drehte ich wirklich durch: Ich glaube, ich bildete mir ein,
dass Bibbi Bokken das Land verlassen wollte – so wie
Herr Nils – und dass sie erst in einigen Tage zurückkehren
würde. ALSO GING ICH HINEIN!
Ich betrat einen Flur, in dem in einer Ecke eine Menge
Altpapier herumlag. Von dort aus schaute ich in die
Küche, die deutlich verriet, dass Bibbi Bokken wohl kaum
eine Haushaltshilfe eingestellt haben kann. Ich öffnete
eine Tür, die in ein kleines Wohnzimmer führte.
Du bist jetzt sicher neugierig? Das war ich auch …
Ich hatte mir ein dermaßen mit Büchern voll gestopftes
Zimmer vorgestellt, dass es mir den Atem verschlagen
würde. Aber weißt du, was ich fand? Nicht ein einziges
Buch, ja, nicht einmal eine Illustrierte.
Ich war so enttäuscht und zugleich so böse, dass ich das
Haus wie wild durchsuchte, so wie ein schlampiger
Ermittler, der es nicht einmal geschafft hat, sich einen
Durchsuchungsbefehl zu besorgen. Ich rannte von einem
Zimmer zum andern – und dann hinauf in den ersten
Stock. Und behaupte bloß nicht, ich hätte mich nicht
sorgfältig genug umgesehen. Ich sah ein ungemachtes Bett
mit rosa Bettzeug (!), ein Nachthemd von der
allerleichtesten Sorte, einen himmelblauen Morgenrock
und einen komischen Radiowecker. Das war Bibbi
Bokkens Schlafzimmer. Im Badezimmer lag alles, was du
dir an Cremes und Kosmetika überhaupt nur vorstellen
kannst, die Badewanne war mit lauwarmem Badewasser
gefüllt (!). Und fast in allen Zimmern standen Aschen-
becher mit stinkenden Pfeifen.
ABER ICH FAND KEIN EINZIGES BUCH! Und das
fiel mir natürlich am allermeisten auf. Sie ist nicht einmal
Mitglied in irgendeinem Buchclub. Sie besitzt auch kein

63
Lexikon, keine Bibel und kein Gesangbuch. Am Ende war
ich so enttäuscht, dass ich sogar Schubladen und Schränke
durchwühlte. (Vorsichtig, Nils. Du weißt, dass ich so
etwas immer sehr behutsam mache.) Aber ich fand nicht
einmal ein Notizbuch. Mir war richtig schwindlig, als ich
mich die Treppe hinunterschlich.
Erst, als ich dann im Wohnzimmer stand, kam ich
wieder zu mir. Aber nun war es zu spät. Durch das Fenster
sah ich Bibbi Bokken auf das Haus zukommen. In der
einen Hand trug sie eine Plastiktüte mit Lebensmitteln. In
der anderen ein Postpaket.
Ich wusste, dass es keine Fluchtmöglichkeit gab, und in
einem solchen Moment schreit man entweder los – oder
man hält Ausschau nach einem passenden Versteck. Ich
entschied mich für Letzteres, denn Schreien hätte
gewissermaßen keinen Sinn gehabt. Ich verkroch mich
hinter einem altmodischen hohen Sofa und presste mich an
die Wand. UND DANN BETRAT BIBBI BOKKEN DAS
ZIMMER! Ich war im Grunde gefangen. Ich hatte mich
selber eingesperrt – und musste mir jetzt strengstens das
Atmen verbieten.
Bibbi Bokken kam ins Zimmer und legte das Paket auf
den Wohnzimmertisch. Ich konnte natürlich nichts sehen,
aber ich hörte, wie sie in einem irren Tempo das Papier
abriss.
»Prachtvoll«, sagte sie vor sich hin. »Göttlich.«
Eine Weile danach hörte ich, dass sie ging, und dann war
alles ganz still. Einige Minuten später hörte ich aus dem
ersten Stock Schritte.
Rat mal, was ich dann gemacht habe? Richtig! Ich kroch
hinter dem Sofa hervor und stand auf. Auf dem Esstisch
lagen einige dicke Bücher, die sie eben erst aus vielen
Lagen Packpapier ausgewickelt hatte. Doch ich nahm mir

64
nicht die Zeit, sie mir näher anzusehen, ich nahm mir nicht
einmal die Zeit, mir den Staub von den Kleidern zu
wischen. Ich schlich mich auf den Flur und griff zur
Klinke der Haustür. Und dann stand ich draußen auf dem
Kiesweg …
Jetzt bist du vielleicht erleichtert? Das war ich auch!
Aber noch war ich ja nicht zu Hause bei meiner Mama.
Als Allererstes musste ich mich unbemerkt von dem Haus
entfernen – und das wagte ich nicht, Nils. Meine Knie
zitterten dermaßen, dass ich sie einfach nicht bewegen
konnte, sie waren wie aus Gelee. Und außerdem musste
ich erst einmal tief durchatmen, um wieder Luft zu
kriegen.
Und dann hörte ich hinter der Haustür ihre Schritte.
Kannst du dir denken, was ich da gemacht habe? ICH
HABE GEKLINGELT!
Das wirst du vielleicht niemals verstehen und vielleicht
liegt es daran, dass du ein Junge bist. Ich hatte solche
Angst, dass ich einfach nicht wagte loszurennen. Einfach
abzuhauen wäre im Grunde das Geständnis gewesen, dass
ich eine Einbrecherin war. Aber ich konnte doch auch
nicht einfach stehen bleiben. Also klingelte ich an der Tür.
Sie machte sofort auf – und stand vor mir und maß mich
mit einem unbeschreiblichen Blick. Dann sagte sie:
»Ach was, du bist’s?«
Sie sah ungeheuer überrascht aus, aber ich habe den
Verdacht, dass sie das im Grunde gar nicht war.
Ich trat von einem Fuß auf den andern.
»Ich wollte nur …«
»Ja, was wolltest du, Berit?«
Berit! Sie hatte sich also unsere Namen gemerkt, als wir
uns ins Gästebuch der Flatbrehütte eintrugen. Ich glaube,

65
dass sie uns auf irgendeine Weise im Auge behält. Wer
beschattet hier wen?, meine ich. You see? Trotzdem fand
ich es komisch, dass sie mich so einfach beim Namen
nannte.
»Ich wollte nur fragen, ob Sie ein Los kaufen möchten«,
sagte ich.
Sie antwortete ziemlich kurz:
»Na ja – aber wofür wird die Lotterie veranstaltet?«
Ich musste mir einfach eine Antwort aus den Fingern
saugen.
»Für die Schulbibliothek«, murmelte ich.
Und jetzt strahlte sie.
»Was du nicht sagst, sieh an. Und die Preise?«
»Das sind natürlich Bücher!«
(Was hätte ich denn sonst sagen sollen?)
Jetzt schnalzte sie zweimal mit der Zunge und leckte
sich ein- oder zweimal die Lippen.
»Wunderbaaaarrrr«, sagte sie.
Sie trat einen Schritt auf mich zu. Und dann sagte sie in
einem ein wenig bedrohlichen Tonfall:
»Ich will alle Lose. Allesamt, ja. Ha, ha.«
Sie hatte eine Hand ausgestreckt. Aber ich konnte nur
noch glotzen. Ich hatte ja schließlich keine Lose.
ICH HATTE KEINE LOSE! Und weißt du was, Nils,
gerade in dem Moment habe ich dich gehasst. Ich sah vor
mir einen kleinen Rotzbengel, der zusammen mit Mama
und Papa in Roma Spaghetti spachtelt, und ich glaube, ich
hoffte, dass irgendein Mafioso in der Spaghettischüssel
eine Bombe untergebracht hatte.
Zuerst fasste ich mir in die Hosentaschen, dann streckte
ich beide Hände aus. Ich sagte:

66
»Oje … die habe ich ja ganz vergessen.«
Frau Buch lächelte so süß wie eine böse Märchen-
königin. Sie sagte:
»Ach, das hast du also. Schnell gedacht und schnell
vergessen …«
Und dann habe ich es gesagt, Nils.
»Ich dachte, ich hätte sie in der Tasche … aber vielleicht
hat Nils sie mitgenommen.«
Sie schaute mir in die Augen. Wenn sie noch eine
Sekunde weitergemacht hätte, dann hätte sie
wahrscheinlich ein Loch in mich hineingestarrt.
»Und jetzt sind die Lose also unterwegs nach Rom?«,
fragte sie. »Warum auch nicht? Ja, warum nicht, Berit
Bøyum?«
Sie wusste also, dass du in Rom bist. Ich wiederhole:
BIBBI BOKKEN WEISS, DASS DU IN ROM BIST!
Pass auf dich auf, Nils! (Das Problem ist nur, dass diese
Warnung dich nicht rechtzeitig erreicht …)
Der Rest passierte ziemlich schnell. Bibbi Bokken kam
mit energischen Schritten auf mich zu und hob eine Hand.
Ich glaubte ganz fest, dass sie mich schlagen würde. Jetzt
kriegst du sicher eine Gänsehaut, aber die sei dir gegönnt,
denn ich hatte auch eine!
Und wenn sie doch nur zugeschlagen hätte! Das wäre im
Grunde viel besser gewesen. Aber Bibbi Bokken strich nur
ganz leicht über meinen Pullover und meine Jeans. Ich
hielt sie für komplett verrückt. Ich meine: Was sollte denn
dieses schleimige Gestreichel?
Sie sagte:
»Ich finde, du hast ein wenig Staub angesetzt, mein
Mädel. Und das gefällt mir nicht!«
Worauf ich losstürzte. Ich rannte und rannte und heulte

67
dabei wie aus Eimern. Und wovor ich weglief, das war
eine hysterische Frau, die spöttisch hinter mir herlachte:
»Ha, ha! Jetzt hast du mich wirklich an der Nase
herumgeführt! Ha, ha!«
Das ist gestern Nachmittag passiert und jetzt sitze ich
(glücklicherweise) auf der Fähre. Ich habe die Nacht fast
nicht geschlafen und deshalb höre ich jetzt auf und schicke
das Briefbuch in Balestrand ab, ehe ich auf die nächste
Fähre gehe. Ich habe einfach keine richtige Lust, es mit
nach Bergen zu nehmen. Jetzt will ich meine Ruhe haben
und mich mit meinem Vater amüsieren – ohne an Bibbi
Bokken oder Il Nilso Pava Rotti denken zu müssen, der
mit Mama und Papa auf eine Art Hochzeitsreise nach Rom
gefahren ist.
Aber wenn wir jetzt eine Zusammenfassung brauchen,
dann sieht die wohl ungefähr so aus:

Bibbi Bokken schleppt immer neue Bücher in ihr Haus.


Trotzdem ist in ihrem Haus kein einziges Buch zu sehen.

Schlussfolgerung: Bibbi Bokken macht etwas anderes mit


ihren Büchern, als sie ins Regal zu stellen und sie zu lesen.
Vielleicht benutzt sie sie als Heizmaterial. Und es ist auch
nicht ganz unvorstellbar, dass sie sie aufisst. Vielleicht
zermahlt sie die Bücher und mischt sie dann unter ihre
Mahlzeiten? Ich weiß es nicht, aber ich bitte um Antwort.
Gruß von Berit Bøygt sich unters Sofa bei Bibbi
Bokken.

PS. Ich weiß jetzt, woher Bibbi Bokken weiß, dass du in


Rom bist. Aber du bist doch hoffentlich nicht derjenige,
der ihr neuerdings Ansichtskarten schreibt?

68
Liebe Berit,
vor einer Stunde bin ich nach Hause gekommen und da
lag das Briefbuch und ich habe deinen Brief sofort
gelesen. Das hier wird kurioser und kurioser. Und immer
unheimlicher. Ich versuche, einen Zusammenhang zu
finden und habe eine Art Theorie darüber, warum du in
BBs Haus keine Bücher gefunden hast. Aber ich fürchte,
mein Kopf ist zu klein.
Zum Glück sitzt in Fjærland ein messerscharfes Gehirn
bereit (falls das Gehirn schon aus Bergen zurück ist).
Hier kommt der Bericht von »Nils Bøyum Torgersens
seltsamer Reise«:
Wir kamen also am Freitagnachmittag in Rom an und
gingen ins Hotel Mondial. Als meine Mutter unsere Pässe
vorlegte, sah ich einen Mann, der in der Rezeption in
einem Sessel saß. Er war klein und glatzköpfig, aber
woran ich ihn erkannt habe, das war sein Lächeln. Er
lächelte mich an, doch es war im Grunde kein echtes
Lächeln. Es war auf eine Weise angespannt, die fast …
unangenehm war. Ja, Berit. Er war es. Der Smiley aus dem
Café Skalken.
Im letzten Jahr habe ich angefangen, unter den Armen zu
schwitzen. Ich werde wohl zu einem »kleinen Mann«, wie
mein Alter sagt. Jetzt schwitzte ich wie ein Schwein (aber
schwitzen Schweine eigentlich?).
Was hatte der Smiley hier zu suchen? Hatte er mich
verfolgt? Um das Briefbuch an sich zu reißen? Aber
warum? Ich begriff gar nichts mehr, nur, dass ich eine
Sterbensangst hatte und dass die Hammerschläge, die ich
hörte, von meinem eigenen Herzen stammten.
Du hast in deinem Brief geschrieben, dass Bibbi Bokken
von meiner Reise nach Rom weiß. Vielleicht hat sie ihn
69
dorthin geschickt, aus Gründen, die wir noch nicht
kennen? Daran habe ich im ersten Moment nicht gedacht,
doch jetzt im Nachhinein, wo ich mir das alles überlege,
scheint es die einzige Erklärung zu sein.
Da stand ich also und schwitzte und roch wie ein
»kleiner Mann«, während Smiley lächelte und der Heini
hinter dem Tresen meiner Mutter den Schlüssel und MIR
EINEN BRIEF gab!
Ja, in der Rezeption lag ein Brief für mich! Ich kapierte
gar nichts mehr, ich steckte ihn ganz schnell in die Tasche
und lief hinter meinen Eltern her, die schon unterwegs
zum Fahrstuhl waren. Sie waren dermaßen mit sich und
ihrer »Liebesstadt« beschäftigt, dass sie den Brief
überhaupt nicht bemerkt hatten.
Als wir auf unser Zimmer kamen, stürzte ich sofort ins
Bad und zog den Brief hervor. Ich klebe ihn als
Beweismaterial ins Buch:

In dieser Stadt wohnt ein alter Mann er ist zwar taub,


doch nicht blind, seine Liebe ist jung und blank und neu,
es leben tausend Bücher in seinem Sinn. Dante, Petrarca,
Homer und Ovid sind Schätze im Haus am Tiberufer. Geh
zur Piazza Navona. Lass dir Zeit am Samstag um zwölf.
Hab keine Angst

Geh über die Via dei Coronari, bei der Ponte Umberto
liegt das Bücherhaus und in einem Zimmer sitzt ein alter
Mann. Reich ihm das hier, und wenn er glaubt, du scherzt
dann sag, du kommst von, na, er weißt schon, um einen
Schatz und ein Geheimnis zu holen

Das las ich und zuerst verstand ich nur Bahnhof, aber dann

70
ging mir ein Licht auf. Das Gedicht war eine Art Code!
Ein Code, der mich zum Antiquariat bei der Piazza
Navona führen sollte. Aber wer hatte es geschrieben? Und
warum? Ich begriff rein gar nichts, doch ich wusste, dass
ich am nächsten Tag unbedingt zur Piazza Navona musste.
Am Samstagvormittag wollten wir in den Petersdom. Ich
täuschte Kopfschmerzen vor und sagte, ich wolle lieber im
Hotel bleiben und schlafen. Aus irgendeinem Grund
gingen sie mir auf den Leim. Es hat seine Vorteile, ein
»kleiner Mann« zu sein.
Als sie gegangen waren, wartete ich noch zehn Minuten,
dann lief ich los, fand die Piazza Navona, überquerte die
Via dei Coronari und sprintete zur Ponte Umberto über
den Tiber und da fand ich ihn. In einer engen Seitenstraße
gegenüber der Brücke lag ein kleiner Buchladen. Die
Fenster waren eingestaubt und dahinter lagen Stapel von
alten Büchern. An der Tür war ein kleines Messingschild
mit der Aufschrift M. Bresani befestigt. Ja, du hast richtig
gelesen. Das war der Name, der auch auf den Paketen an
Bibbi Bokken gestanden hatte. Zittrig war jetzt nichts als
mein Vorname!
Ich öffnete die Tür und ging hinein. Gleich darauf
befand ich mich in einer Art Schatzkammer voller Bücher.
Obwohl es dunkel und staubig war, schienen die Bücher
zu leuchten. Ich kann das nur so erklären.
Das Zimmer war voll gestellt mit Büchern mit eleganten
Ledereinbänden, Büchern mit Goldschrift, Büchern mit so
schönen Zeichnungen, dass sie gar nicht gedruckt
aussahen, sondern gleich aufs Papier gemalt schienen,
Büchern mit Umschlägen, die mit winzig kleinen
leuchtenden Perlen besetzt waren, Büchern mit so
altertümlichen Schrifttypen, dass ich nicht einmal die
Buchstaben deuten konnte, und Büchern, deren Papier
aussah wie alte Tapeten und deren Buchstaben jeden
71
Moment abblättern konnten.
Ich kam mir vor wie in einem Feinkostladen für Bücher,
wenn du verstehst, was ich meine, und fast alle Bücher
waren alt. Ich glaube, auch der Anblick einer Bibel, die
vor Jesu Geburt gedruckt worden war, hätte mich nicht
überrascht. Das sage ich, damit du ein Gefühl für die
Stimmung in diesem Antiquariat bekommst.
Denn natürlich stand ich in unserem Antiquariat. In dem
Antiquariat, das die geheimnisvolle Siri besucht hatte, ehe
sie den Brief an Bibbi Bokken geschrieben hatte. Und da
war ich selbst jetzt gelandet. Aufgrund eines geheimnis-
vollen Briefes oder Gedichts. Ich stand unmittelbar vor der
Lösung. Wenn das Buch, das erst in einem Jahr erscheinen
sollte, existierte, dann musste sie sozusagen direkt vor mir
liegen.
Abgesehen von mir und den Büchern war der Laden
ganz leer. Kein(e) M. Bresani. Hinter dem Vorhang lag ein
noch kleinerer Raum. Ganz hinten stand ein Tisch. Der
war übersät von Papieren, Pinseln und Farbfläschchen.
Das scharfe Licht einer Deckenlampe fiel auf den Tisch,
und ein Mann saß mit dem Rücken zu mir und gesenktem
Kopf da.
»M. Bresani?«, flüsterte ich, aber er reagierte nicht.
»M. Bresani?«, sagte ich noch einmal. Er zeichnete un-
angefochten weiter.
»M. Bresani«, brüllte ich, aber er rührte sich nicht. Ich
ging zu ihm und berührte seinen Rücken. Er drehte sich
um und lächelte mich freundlich an.
»M. Bresani?«, fragte ich zum vierten Mal.
Er gab keine Antwort und mir ging auf, dass er der
Taube aus dem Gedicht sein musste. Ich zog es hervor und
reichte es ihm, ohne ein Wort zu sagen. Er sah es sich
genau an, während ich den Atem anhielt. Dann lächelte er.
72
Ein richtiges Lächeln. Er öffnete eine Schublade und zog
einen dicken gelben Briefumschlag hervor.
Und dann kam das Seltsamste und Unheimlichste, was
die ganze Zeit bis dahin passiert war.
Als M. Bresani mir gerade den gelben Briefumschlag
geben wollte, erstarrte sein Arm mitten in der Bewegung
und er starrte etwas hinter mir an.
Ich fuhr herum, und was glaubst du, wer dort stand?
Natürlich Smiley in höchsteigener unheimlicher Person.
Ich konnte nicht sehen, ob er lächelte, denn sein Gesicht
war hinter einer Videokamera versteckt. Er filmte uns,
Berit!
Dann ließ er die Kamera sinken und richtig: Er lächelte
wie eine Schlange. (Können Schlangen lächeln?) Dann
flüsterte er mit samtweicher Stimme:
»Ich glaube, dieser Umschlag gehört mir!«
Fast hätte er die Zähne gefletscht. Ich weiß nicht, wie ich
sein Aussehen beschreiben soll, aber kennst du das
Märchen von Rotkäppchen? Dann erinnerst du dich doch
an den Wolf, der im Bett lag und versuchte auszusehen
wie ihre Großmutter. So sah jetzt auch der Smiley aus; wie
der Wolf im Bett der Großmutter, als Rotkäppchen
Kuchen und Wein brachte. Beim bloßen Gedanken an ihn
läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Ich hatte keine
Ahnung, was da ablief, ich wusste nur, dass ich weg
musste, und zwar sofort.
Ich riss den gelben Umschlag an mich, versetzte Smiley
einen Stoß, durch den er die Videokamera fallen ließ, und
wer weiß, Berit, vielleicht hat das mir das Leben gerettet.
Er bückte sich und ich stürzte aus dem Antiquariat und
über die Piazza Navona.
Erst in unserem Hotelzimmer blieb ich wieder stehen.
Ich musste mich setzen und einmal tief durchatmen und
73
dabei studierte ich die elegante Handschrift auf dem
Briefumschlag. Dort stand: Bibbi Bokken, Postfach 85,
5855 Fjærland, Norvegia.
Und auf der Rückseite: M. Bresani, via dei Coronari 5,
Roma, Italia.
Ich weiß, dass man fremde Briefe nicht lesen darf, aber
in der Not sind alle Mittel erlaubt, und wenn ich jemals in
Not war, dann wohl jetzt.
Ich öffnete den Briefumschlag. Darin steckten fünf
Blätter. Auf jedem stand in unterschiedlicher Schrift
»Bibbi Bokkens magische Bibliothek«.
Jetzt greife ich zu einem weiteren Mittel, das in der Not
erlaubt ist. Ich schicke die Blätter nicht an Bibbi Bokken,
sondern an dich, und du kannst überlegen, was sie
bedeuten und was wir damit anfangen sollen. Ich verstehe
nämlich immer weniger.
Ich versteckte den Briefumschlag in meinem Koffer und
legte mich aufs Bett, wo ich liegen blieb, bis meine
glücklichen und frisch verliebten Eltern kamen. Jetzt
wollten sie in ein Restaurant gehen. Und ich musste
mitkommen, obwohl ich nun wirklich Kopfschmerzen
hatte und am liebsten bis zu unserer Abreise auf dem
Zimmer geblieben wäre.
Zum Glück ließ Smiley sich nicht mehr blicken und am
Sonntagnachmittag ging unser Flugzeug.
Jetzt ist es Montag, halb zwölf abends. Ich bin todmüde,
doch ich habe noch etwas vergessen. Meine Theorie, ja.
Du findest sie vielleicht ein bisschen schwach, aber ich
habe keine andere.
Bibbi Bokken ist Buchschmugglerin. Sie gehört zu
einem internationalen Ring, der seltene Bücher stiehlt und
nach Fjærland schafft, von wo sie an reiche Buchsammler
aus aller Welt verkauft werden. Der Deckname für diesen
74
Ring ist Bibbi Bokkens magische Bibliothek. Bresani und
Smiley gehören beide mit zum Ring und jetzt versuchen
sie uns in ihr Netz zu ziehen. Zwei unschuldige Kinder!
Ja, Berit. Es klingt entsetzlich, aber wir leben in
entsetzlichen Zeiten. Die einen schmuggeln Drogen, die
anderen Bücher.
Wenn das alles stimmt, dann wissen wir, warum Bibbi
Bokken zu Hause keine Bücher hat. Aber dann musst du
an einem andern Ort nachsehen, Berit. Denn was glaubst
du wohl, wo die Buchsammler wohnen, wenn sie in
Fjærland sind? Richtig. Im Hotel Mundal. Weißt du noch,
dass wir auf dem Dachboden waren, wo früher die
Zimmermädchen schlafen mussten? Vielleicht hat sie dort
ihr Lager? Aber jetzt muss ich schlafen. Ich bin verwirrt,
erschöpft und gequält von Schweiß und Pickeln.
Viele Grüße von Nils

Das Spiel ist aus, Nils.


Wir haben ein kindisches Spiel angefangen und einer
Frau hinterherspioniert, weil sie sich ein wenig seltsam
benommen hat. In einem anderen Sommer haben wir
Detektiv gespielt und Autonummern notiert für den Fall,
dass ein Verbrechen geschieht. Aber jetzt ist das Spiel aus!
Als ich deinen Brief gelesen hatte, habe ich einen langen
Spaziergang gemacht, um mir alles zu überlegen. Ich ging
vorbei am Gletschermuseum, über den Bøyafluss und bis
hinauf zum Blåbærstøl. Es ist so schön, jetzt im Herbst,
mit den vielen Vogelbeeren und den gelben Farben an den
Bäumen …
Wer hatte das Gedicht in der Hotelrezeption hinterlegt?
Irgendjemand, der von deiner Romreise gewusst hat. (Wie
vielen hast du davon erzählt?) Folgende Personen
kommen in Frage: Smiley (ich glaube nicht, dass er aus

75
purem Zufall in Rom aufgetaucht ist), Bresani (der
offensichtlich Besuch erwartete) und natürlich Bibbi
Bokken (die wusste, dass du unterwegs nach Rom warst).
Alle diese geheimnisvollen Personen wussten, dass du
nach Rom kommen würdest. ABER WOHER WUSSTEN
SIE DAS?
Ich glaube, sie müssen allesamt irgendwie ihre Finger
mit im Spiel haben. Aber in welchem Spiel?
Da Bibbi Bokken wusste, dass du nach Rom unterwegs
warst, wusste sie sicher auch, in welchem Hotel du
wohnen würdest. Es würde mich nicht überraschen, wenn
sie das Gedicht gemacht hätte, das dich zu Bresani geführt
hat. Wir wissen ja schon, dass er einer ihrer
internationalen Kontakte ist. (Du hast im Hotel Mondial
gewohnt, Nils. Nicht im Hotel Mundal, meine ich. Ich
wollte das nur kurz erwähnen. Zufall???)
Doch – bestimmt hat Frau Buch dich zu Bresani
geschickt. Zu Bresani, aber nicht nach Rom! Das war doch
eine Illustrierte! Nein, ich begreife das nicht.
Vielleicht solltest du versuchen, ein wenig mehr über
dieses Preisausschreiben in Erfahrung zu bringen?
Ich weiß nicht, ob ich dir dafür danken soll, dass du
diese seltsamen Bögen an mich geschickt hast und nicht
an Bibbi Bokken. Am Ende habe ich sie in einen neuen
Umschlag gesteckt, habe »Bibbi Bokken«
draufgeschrieben und ihn von Billie Holiday zur Post
bringen lassen. Ohne Briefmarke und Absender, aber
darauf musste ich es ankommen lassen. (Ehe ich die
Blätter losgeschickt habe, habe ich sie fotokopiert und die
Kopien klebe ich jetzt ins Briefbuch.)
Ich glaube, die Bögen mit dem Text »BIBBI BOKKENS
MAGISCHE BIBLIOTHEK« in verschiedenen Schriften
können Vorschläge für verschiedene Titelseiten eines

76
Buches sein, das nächstes Jahr erscheinen wird und das
eben BIBI BOKKENS MAGISCHE BIBLIOTHEK
heißen soll. (Aber das ist doch ein wenig seltsam, wenn
Siri es schon in der Hand gehalten hat?) Wenn nicht, dann
können sie ein Entwurf für ein Plakat sein, das in einer
geheimnisvollen Bibliothek mit demselben Namen hängen
soll.
Aber es gibt noch eine weitere Möglichkeit. Ich war
noch mal in der Bibliothek und habe dort ein Verzeichnis
von einer Reihe sehr unterschiedlicher Bücher gefunden,
die zusammen »Thorvald Dahls Kulturbibliothek« genannt
werden. Kann es sich bei »Bibbi Bokkens magischer
Bibliothek« um etwas Ähnliches handeln – also um den
Namen einer ganzen Buchserie? Vielleicht lebt Bibbi
Bokken vom Herausgeben von Büchern? Vielleicht hat sie
einen eigenen Verlag, der »Bibbi Bokkens magische
Bibliothek« heißt?
Dass ein Schmugglerring »Bibbi Bokkens magische
Bibliothek« heißt, kann ich nicht so recht glauben. Aber
ausgeschlossen werden darf hier nichts, Mr Torgersen.
Nur dürfen wir nicht zu rasch unsere Schlüsse ziehen.
Und dann zu Mr Smiley. (Das mit der Videokamera war
wirklich gruselig!) Ich hoffe, er begegnet dir nie wieder,
aber ich bin nicht sicher, ob du so billig davonkommen
wirst. Er ist offensichtlich auf Jagd nach etwas und ich
habe zwei Vorschläge. Entweder hat er es auf das
geheimnisvolle Buch über die magische Bibliothek
abgesehen. Oder auf die Bibliothek an sich. UND DANN
IST ER MIT ANDEREN WORTEN AUF DERSELBEN
JAGD WIE WIR! Und dann wollen wir doch mal sehen,
wer den Südpol zuerst erreicht.
Weiter bin ich heute nicht gekommen. Aber immerhin
habe ich noch eine tolle Neuigkeit für dich. ICH HATTE
AM WOCHENENDE EINE SEHR INTERESSANTE
77
UNTERREDUNG MIT GUNNAR STAALESEN!
Jawohl, ich habe bei ihm geklingelt und mich als Fan
seiner Bücher ausgegeben. Das konnte ich natürlich als
Eintrittskarte verwenden. (Ich glaube, Schriftsteller sind
ungeheuer ich-bezogen. Auf jeden Fall lieben sie
Schmeicheleien …)
Worüber wir geredet haben? Ach, über dies und das.
Über Gott und die Welt, heißt es nicht so?
Aber er hatte keine Ahnung, ob irgendwelche
Schriftsteller gerade an einem Buch über irgendeine
magische Bibliothek sitzen. Und Bibbi Bokken kannte er
auch nicht. Doch er konnte erzählen, dass nächstes Jahr
ein großes Jubiläum stattfinden wird. Und was mag das für
ein Jubiläum sein? Dreimal darfst du raten! Es nennt sich
NORWEGISCHES BUCHJAHR – und Ihre Königliche
Hoheit Königin Sonja fungiert als Schirmherrin. (Und
damit ist auch das Königshaus mit im Spiel.) Vor
dreihundertfünfzig Jahren wurde nämlich in Norwegen das
erste Buch gedruckt. Und das ist doch fast so gut wie eine
Inkunabel. Zufall, Nils? Es wäre doch seltsam, wenn Bibbi
Bokken nicht auch bei diesem »Buchjahr« ihre Finger mit
im Spiel hätte …
Ansonsten konnte der honigsüße Kriminalschriftsteller
von dem Buch erzählen, das er gerade schreibt. Auch das
soll nämlich im kommenden Jahr erscheinen. Ich finde,
ich bekomme langsam eine gewisse Übersicht über die
Neuerscheinungen des kommenden Jahrs. Staalesens Buch
handelt von einem Detektiv namens Varg Veum.
Eigentlich lebt er in Bergen, aber aus Anlass des
Buchjahrs reist er nach Oslo und schnüffelt in politischen
Skandalen und Ähnlichem herum. Der Arbeitstitel des
Buches lautet Begrabene Hunde beißen nicht.
Also wollen wir mal sehen, wo unser Hund begraben
liegt. Oder ob er beißt. You see? (Haben wir nicht schon
78
mal die Suche nach begrabenen Hunden erwähnt?)
Ich könnte noch sehr viel mehr schreiben, denn ich habe
mit allerlei Leuten gesprochen. Doch im Moment passiert
so viel auf einmal, dass ich das Briefbuch ganz schnell
zurückschicken möchte. Aber eine Kleinigkeit muss ich
doch noch erwähnen: im Postfach 85 liegen immer neue
Pakete. Fast nie verschickt sie allerdings selber eins.
(Billie Holiday hat das bei der Post in Erfahrung
gebracht.) Ich glaube deshalb nicht, dass sie vom
Weiterverkauf der Bücher lebt. Vielleicht ist sie eine Art
Buchschmugglerin von wirklichem Format. Aber die
Bücher bleiben hier in Fjærland. Auf jeden Fall verlieren
sich hier ihre Spuren …
So long, Mr. Briefschmuggler!
Gruß von Berit Bø (bist du jetzt erschrocken) Yum

PS. Das Wochenende mit meinem Vater war ganz toll. Er


fehlt mir wirklich. Und ich finde es bescheuert, dass meine
Eltern sich plötzlich in den Kopf gesetzt haben, sich nicht
mehr zu lieben. Ich liebe sie doch beide!

PPS. Bist du ganz sicher, dass du keine Ahnung hast,


woher BB von deiner Romreise gewusst haben kann?
PPPS: Mir kommt so langsam der scheußliche Verdacht,
dass wir zu irgendetwas benutzt werden. Als ich deinen
letzten Brief gelesen habe, kam ich mir so ungefähr vor
wie ein Marker in einem Computerspiel.

BERIT!
Kennst du das Märchen von der Feder, die zu fünf
Hühnern wurde? Es stammt von einem dänischen
Schriftsteller namens H. C. (Hans Christian) Andersen.

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Und es handelt von einem Huhn, das sich ein Federchen
ausrupft und losgackert.
»Weg ist sie. Je mehr ich ausrupfe, umso schöner werde
ich.«
Ein anderes Huhn, das das sieht, flüstert dem
Nachbarhuhn zu, dass sich das erste sämtliche Federn
ausrupft, um beim Hahn Eindruck zu schinden. Eine Eule,
die das hört, fliegt zu einer anderen Eule und erzählt es
weiter, dann gelangt die Geschichte zu zwei Tauben und
endlich zum Hahn, aber inzwischen hat sie sich sehr
verändert und der Hahn kräht von drei Hühnern, die sich
alle Federn ausgerissen und aus unglücklicher Liebe zu
einem Hahn erfroren sind. Dann wandert die Geschichte
weiter und kommt endlich wieder bei dem Huhn an, das
sich die eine Feder ausgerupft hat, und jetzt sieht sie so
aus:
»Es waren einmal fünf Hühner und alle hatten sie sich
die Federn ausgerissen, um zu zeigen, wer aus lauter
unglücklicher Liebe zum Hahn am magersten geworden
war. Und dann hackten sie einander blutig und fielen tot
um, zu Scham und Schande für ihre Familien und zum
großen Verlust ihres Besitzers.«
Das regt das erste Huhn so schrecklich auf, dass es die
ganze Geschichte in die Zeitung setzen lässt, zur
Abschreckung und zur Warnung. Und als es in der Zeitung
steht, halten es natürlich alle für die Wahrheit. Denn die
Zeitung lügt doch nicht, oder?
Es ist ein schönes Märchen und hat Ähnlichkeit mit der
Geschichte, in die wir da reingerutscht sind, nur
UMGEKEHRT.
Es ging damit los, dass du ein Federchen gefunden hast,
nicht wahr? Siris Brief. Wir dachten, es gehe hier einfach
nur um ein Huhn, nämlich Bibbi Bokken. In Wirklichkeit

80
sind es mindestens fünf, zwei Hühner und drei Hähne, um
genau zu sein. Nämlich Bibbi Bokken, M. Bresani,
Smiley, Aslaug und Reinert Bruun. Und alle hacken auf
uns herum, Berit!
Ja, du hast richtig gelesen. Auch Aslaug und Reinert
Bruun gehören zu denen, die uns kontrollieren wollen.
Was heute Nachmittag passiert ist, hat dein scheußliches
Gefühl bestätigt, finde ich: Wir sind Marker, die in einem
Spiel herumgeschoben werden, auf das wir keinen
Einfluss haben.
Ich komme gerade von Aslaug und Reinert Bruuns, die
zu Rosinenbrötchen und Limo geladen hatten.
Du kannst dir ja vorstellen, dass ich ziemlich nervös
wurde, ich dachte natürlich, ich hätte irgendwas
ausgefressen. Seit meiner Rückkehr aus Rom hatte Bruun
sich nämlich ziemlich seltsam verhalten. Er scheint sich
neuerdings ganz besonders für mich zu interessieren.
Zweimal hat er mich auf dem Schulhof angehalten.
Einmal wollte er wissen, ob ich wohl ein Referat über
Rom halten würde. Ich sagte, ich hätte nichts gesehen,
weil ich die ganze Zeit mit Kopfschmerzen im Hotel
gelegen sei. Und er sah mich so an, als ob er mir nicht
glaubte und etwas wüsste, von dem er weiß, dass ich es
nicht weiß.
Beim zweiten Mal fragte er, ob ich ein Thema für den
nächsten Aufsatz vorschlagen könnte. Ich war total
überrascht und murmelte etwas davon, dass ich gerade
versuchte, meine Fantasie zu zügeln. Und er sah fast
traurig aus, fuhr mir über den Kopf und sagte:
»Tu das nicht, Nils. Die Fantasie ist dein wichtigstes
Werkzeug.«
Ich kapierte nur 0,00 Millimeter, als er mich dann zu
Limo und Rosinenbrötchen einlud, und dachte, hier muss

81
wirklich die Hölle los sein, aber ich ging natürlich hin.
Beide machten mir die Tür auf. Wir gingen ins
Wohnzimmer und auf dem Tisch lag, dreimal darfst du
raten, ein Stapel Bücher.
Ich schwieg den ganzen Abend, aber der Lehrer und
Aslaug gestikulierten und redeten wie zwei Wasserfälle.
(Können Wasserfälle eigentlich gestikulieren und reden?)
Sie erzählten über Bücher. Und über den Unterschied
zwischen Spannungsliteratur und Reiseberichten. Sie
sprachen über Schauspiele, Gedichte und Prosa (Romane,
Erzählungen und so).
Dann erzählten sie über verschiedene Schreibweisen,
dass manche Schriftsteller zuerst ein Expose machen und
die ganze Geschichte schon kennen, wenn sie mit
Schreiben anfangen, während andere vielleicht nur einen
Satz, einen Anfang oder einen Schluss im Kopf haben. Sie
erzählten, dass der Autor die Personen wirklich vor sich
sehen muss, über die er schreibt, ihre Kleidung, ihre
Haarfarbe und alle möglichen seltsamen Details. Sie
sagten, ich müsse daran denken, dass alle Menschen
unterschiedlich reden und dass jede einzelne Person in
einem Buch ihre ganz besondere Ausdrucksweise hat. Sie
sagten auch, ich müsse beim Schreiben sehr genau sein
und mit Adjektiven vorsichtig umgehen. Zum Beispiel
meinten sie, wenn ich schreibe: »Die Blume sah einfach
fantastisch aus«, dann sagt das gar nichts über die Blume.
Es sei viel besser, wenn ich die Blume so beschreiben
könnte, dass alle, die es lesen, selber vor sich sehen, was
daran so fantastisch ist.
So machten sie weiter, bis ich fünf Rosinenbrötchen
gegessen und zwei Flaschen Limo getrunken und fünfmal
»ja« und siebenmal »genau« gesagt hatte.
Als sie fertig waren, zwinkerte Aslaug mir zu und sagte:

82
»Na, Nils, hat dir das etwas gebracht?«
»Himmel, ja«, murmelte ich und dachte, ich hätte
immerhin kapiert, dass die beiden knatschverrückt sind.
Reinert schaute auf die Uhr und schien mich plötzlich
unbedingt loswerden zu wollen. Er brachte mich zur Tür
und schob mich fast hinaus.
Ich war gerade losgegangen, als vor dem Haus der
Bruuns ein Taxi hielt. Der Mann, der ausstieg, sah mich
nicht, denn er ging sofort zur Tür und klingelte. Aber ich
sah ihn. Halt dich fest, Berit!
ES WAR SMILEY!
Smiley himself war auf dem Weg zu meinem Lehrer. Ich
kapiere ja nicht viel, aber ich kapiere immerhin, dass wir
die Opfer einer unerklärlichen Verschwörung sind, bei der
Bibbi Bokken eine Art unheimlicher Mittelpunkt ist.
Du hast schon Recht, wir sind Marker, und obwohl ich
ziemlichen Schiss habe, meine ich doch, dass wir jetzt
entscheiden müssen, was wir tun wollen:
Wir können das Briefbuch hiermit beenden und die
ganze Angelegenheit vergessen. Oder wir können das
Spiel an uns reißen und andere zu Markern machen.
Ich schlage Letzteres vor. Wir haben A gesagt. Jetzt
müssen wir das ganze Alphabet sagen.
Ich schlage vor, dass du an den Ausgangspunkt zurück-
kehrst: zur Flatbrehütte, wo wir Bibbi Bokken zum ersten
Mal gesehen haben. Lies das Gästebuch. Such die Namen
Bruun und Bresani. Vielleicht findest du einen Geheim-
code oder eine Nachricht, die den Nebel zerreißen kann,
denn ich tappe jedenfalls durch Nebel. Ich habe im
Moment keine Theorie auf Lager, aber ich merke, dass ich
jetzt wütend werde, und diese Wut will ich nutzen!
Nils.

83
PS. Die Sache mit Gunnar Staalesens begrabenen Hunden
habe ich nicht kapiert. Was haben die mit Bibbi Bokken
zu tun? Meinst du, dass hier etwas begraben liegt? Aber
was?
Bibbi Bokkens Bücher vielleicht? Aber warum um alles
in der Welt sollte sie sich einen Haufen wertvoller Bücher
zulegen, um sie dann zu begraben? Machst du dich über
mich lustig oder was?

Lieber Schriftsteller,
du darfst es nicht so schwer nehmen, aber ich muss
zugeben, dass ich nicht begreife, wieso du plötzlich zu den
Brötchenbäckern Bruun eingeladen wirst, um einen
Schriftstellerkurs über dich ergehen zu lassen! Ich meine –
nach dem Aufsatz!!!
Ansonsten finde ich auch, dass uns niemand vorwerfen
kann, aus einer Feder fünf Hühner zu machen. Wir haben
Hähne und Hühner genug für eine ganze Hühnerfarm und
diese Farm erstreckt sich offenbar bis nach Rom. Bald
werden wir mehr als genug haben, um mit der ganzen
Geschichte zu allen Zeitungen zu gehen – wie in dem
Märchen. (Und dann werden wir mit der Gegenseite so
manches Hühnchen rupfen!) Aber ich glaube, wir sollten
noch etwas warten. Denn unsere Geschichte wächst doch
immer weiter.
Das Briefbuch ist gestern Nachmittag hier angekommen
und das war gut so, denn heute ist ein Samstag mit
wunderschönem Herbstwetter. Ich habe dich also beim
Wort genommen. Du meinst, dass es in der Flatbrehütte
vielleicht wichtige Spuren gibt, und jetzt sitze ich hier. Ich
habe sofort den Rucksack gepackt und bin losgezogen.
Meine Mutter hat mich bis Øygarden gefahren.

84
Es ist eine harte Tour, Nils, aber die Mühe hat sich in
dem Moment gelohnt, wenn du den Gletscher erreichst
und dazu noch den Superausblick auf den Fjærlandsfjord
hast. In dem Moment war ich stolz darauf, dass ich hier
geboren bin, und dachte solche eingebildeten Dinge wie,
dass es auf der ganzen Welt keinen schöneren Ort gibt.
Und jetzt sitze ich mutterseelenallein hier oben bei der
Flatbrehütte und merke an meinen Beinen, dass ich von
zehn auf tausend Meter über dem Meer gekrochen bin. Ich
habe lange im Gästebuch geblättert. Pass auf:
Mittwoch, 12. Juli, an dem Tag waren wir hier und Bibbi
Bokken hat ihren blöden Namen direkt unter unsere
Unterschriften gequetscht. Aber: UNSER GEDICHT IST
VERSCHWUNDEN, NILS! Irgendwer hat genau diese
Seite aus dem Gästebuch gerissen. Warum? War es nicht
gut genug? Oder gibt es wirklich Menschen, die sich von
Kinderfantasie bedroht fühlen???
Ich war so wütend, dass ich das Gedicht ganz laut
aufgesagt habe. Ich kann es nämlich auswendig und
niemand soll es mir aus dem Gedächtnis reißen können:

Hier in unserem Sommerspaß


genießen wir ein Colaglas,
Nils und Berit, das sind wir,
verbringen unsre Ferien hier.
Hier oben ist es wunderschön,
wir mögen gar nicht wieder gehn.

Ansonsten war Bibbi Bokken einige Tage später noch


einmal hier – und wieder musst du dich festhalten: Am
Samstag, den 15. Juli, finde ich ihren Namen neben einer
anderen Unterschrift. Der von Mario Bresani!

85
Es hat mich ziemlich viele Kalorien gekostet, den
Vornamen des tauben Buchhändlers ausfindig zu machen,
aber du musst leider hinnehmen, dass die Familie Bruun
durch Abwesenheit glänzt. Sie haben im Gästebuch der
Flatbrehütte einfach keine Spuren hinterlassen, jedenfalls
nicht in dieser Ausgabe (ab dem 26. Mai 1996).
Und dann haben wir den verrückten Glatzkopf, der dir
immer wieder über den Weg läuft. (Wollen wir sagen,
dass er dich beschattet?) Irgendwer hat am 3. August eine
Sonne mit einem breiten Lächeln gezeichnet, doch ich
glaube nicht, dass das Smiley war (oder?).
Das ist alles, Nils. Wenn du erwartet hast, dass ich hier
ein riesiges Buchlager finden würde, dann muss ich dich
enttäuschen. Natürlich ist es möglich, dass es in Fjærland
eine versteckte Bibliothek gibt, aber die versteckt sich
jedenfalls nicht in der Flatbrehütte. Ich habe Steine
umgedreht und die Felswände untersucht. (Und du
verlangst doch wohl nicht, dass ich in den
Gletscherspalten nachsehen soll?)
Aber hier kommt noch etwas anderes. Wieder glaube
ich, dass du ein blindes Huhn warst, das sich zu einem
echten Goldkorn hingetappt hat: In deinem PS schreibst
du:
»Meinst du, dass hier etwas begraben liegt? Aber was?
Bibbi Bokkens Bücher vielleicht?« JA!!! Die Möglichkeit
besteht auf jeden Fall, da es in ihrem Haus kein einziges
Buch gibt. Ich glaube, dass Bibbi Bokken ihre Bücher
irgendwo in Fjærland vergräbt! Ich glaube, dass sie eine
unterirdische Bibliothek einrichtet.
UND ICH GLAUBE, DAS IST EINE MAGISCHE
BIBLIOTHEK!
Diese Bibliothek müssen wir finden. Und dabei müssen
wir Smiley zuvorkommen. You see? Aber ich glaube, wir

86
müssen mit Maulwürfen zusammenarbeiten statt mit
Bergsteigern und Gletscherwanderern.
Wenn ich wieder unten bin, schreibe ich weiter …
Moment noch! Ich habe gerade einen Blick auf die
Zusammenfassung von Deweys Haupttabelle geworfen.
Die endet also mit der Zahl 990 und der »Geschichte der
außerirdischen Welten«. Die Zahl 1000 gibt es dort nicht,
doch ich habe eine Theorie: Diese Hauptgruppe heißt
vielleicht »Geschichte der unterirdischen Welten!!!« Ganz
zu schweigen von »Geschichte der unterirdischen
Bibliotheken«.
JETZT SEHE ICH NOCH MEHR: Deweys allererste
Hauptgruppe heißt »010 Bibliografie«. Und Bibbi Bokken
ist doch eine waschechte Bibliografin! (Quelle: Siri. Zitat:
»Wenn es in Norwegen auch nur eine einzige wirkliche
Bibliografin gibt, dann musst du das doch sein.«) Und die
Flatbrehütte, wo wir mehrere Spuren gefunden haben,
liegt genau tausend Meter über dem Meeresspiegel.
Andererseits liegt Bibbi Bokkens Haus genau zehn Meter
über dem Meeresspiegel. Von 10 auf 1000 – genau wie in
Deweys System! Kann das eine Spur sein? Ich weiß nicht,
ich weiß nicht!

Rezeption des Hotels Mundal


Ich zittere am ganzen Leib. Ich habe nämlich gerade
erfahren, dass Frau Buch mir vor ich weiß nicht wie vielen
Jahren schon einmal über den Weg gelaufen ist. Ich war
damals erst sieben oder acht (Quelle: Billie Holiday). Aber
darauf werde ich im nächsten Brief noch zurückkommen,
denn die Post wird gleich geholt und ich muss auf jeden
Fall noch zwei PS hinkritzeln.
Dein bis in den Tod, Berit

87
PS. Das Bild auf dem Briefbuch gefällt mir inzwischen gar
nicht mehr so gut. Es zeigt doch den Sognefjord, nicht
wahr? Aber als ich von der Flatbrehütte herunterkam, fiel
mir plötzlich etwas ein, was Siri in ihrem geheimnisvollen
Brief aus Rom geschrieben hat: »Der Einband zeigte ein
Bild von einigen hohen Bergen«, stand dort.!!!???!!!
Vielleicht hättest du doch das Buch mit dem
Sonnenuntergang und dem roten Herzen nehmen sollen.
(Aber dann hätte Bibbi Bokken sich vielleicht nicht an den
Kosten beteiligt???)

PPS. Vielleicht gehören Bibbi Bokken und Bresani,


Smiley und Familie Bruun allesamt einer Sekte an, die
versucht, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Vielleicht
wollen sie alle Kinder auf der Welt unter ihre Kontrolle
bringen. Ich habe von solchen verrückten Sekten gehört,
die versuchen, Kinder und Jugendliche zu indoktrinieren.
(Indoktrinieren – schlag das mal im Wörterbuch nach!)

PPPS. Du schreibst: »Wir haben A gesagt. Jetzt müssen


wir das ganze Alphabet sagen.« Doch die Sache hier ist
inzwischen so unheimlich, dass ich da meine Zweifel
habe. Deshalb kommt hier ein kleines Gedicht von Jan
Erik Vold:

Wer A sagt hat A gesagt

Verstehst du, was ich meine? Wenn du A gesagt hast – ja,


dann hast du A gesagt und musst die Folgen auf dich
nehmen. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass du auch
noch B sagen musst.
Viele Grüße, B

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Liebe Berit!
Ich glaube, jetzt bist du wirklich auf der richtigen Spur!
Eine Sekte! Damit nimmst du mir gewissermaßen das
Wort aus dem Mund. Wenn die Sache nicht noch viel
schlimmer ist.
Hast du Hexen hexen von Roald Dahl gelesen? Tu es
nicht. Es wird dir das Herz aus der Brust reißen, vor
Angst, meine ich.
Das Buch handelt von einem Haufen Frauen, die sich
ungeheuer kinderlieb stellen, aber das sind sie gar nicht.
Sie sind nämlich Kinder hassende Hexen. Sie wollen alle
Kinder auf der Welt ausrotten, indem sie sie in Mäuse
verwandeln.
Stell dir mal vor, die ganze Bande bestünde in
Wirklichkeit aus Hexen, die uns nicht in Mäuse
verwandeln, sondern uns unsere Gedanken wegnehmen
und sie durch ihre eigenen ersetzen wollen! Und stell dir
vor, dass Bibbi Bokken unter dem Eis eine magische
Bibliothek anlegt! Eine Bibliothek, die sie mit unseren
Gedanken füllt! Das erklärt, warum es eine magische
Bibliothek ist. Und ich glaube mehr und mehr, dass wir es
wirklich mit Magie zu tun haben.
Warum, glaubst du wohl, haben Lehrer Bruun und seine
Frau mich plötzlich zu Limo und Rosinenbrötchen
eingeladen? Um nett zu sein? Ha, ha! O nein, du, sie
wollten meine Gedanken unter Kontrolle bringen. Deshalb
haben sie mir erzählt, wie Schriftsteller arbeiten, das ist
doch klar. Aber das, was sie gesagt haben, stimmt gar
nicht. Ich habe nämlich ziemlich viel gelesen und weiß,
dass die Schriftsteller alle anders schreiben. Es gibt
durchaus Bücher, in denen echte Schriftsteller schreiben:
»Die Blume ist ganz fantastisch.« Es gibt nämlich keine

89
Regeln dafür, wie jemand zu schreiben hat, und für das
Denken gibt es auch keine. Aber Bibbi Bokken versucht,
solche Regeln aufzustellen, damit wir alle Abziehbilder
voneinander werden und sie wissen, was sie von uns
erwarten können.
Unsere alten Gedanken stecken sie in eine magische
Bibliothek unter dem Eis des Jostedalsbreen. Das ist die
Wahrheit, Berit, und der müssen wir in die Augen sehen,
sonst werden wir zu Robotern oder lebenden Leichnamen.
Ja, das waren nur einige schlichte Theorien, mit denen
ich mich in letzter Zeit beschäftigt habe. Was mich auf die
Spur gebracht hat, waren dein Brief und die Entdeckung,
dass Lehrer Bruun Gedanken lesen kann.
Das ist mir gestern aufgegangen, als ich in der großen
Pause mein Brot essen wollte. Lehrer Bruun hatte
Aufsicht. Ich hatte meine Schultasche mit auf den Hof
genommen, weil wir in der nächsten Stunde Sport hatten.
Ich hatte auch das Briefbuch bei mir. Ich wage nicht, es
auch nur eine Sekunde allein zu lassen. Als ich die Hand
in die Schultasche steckte, um das Brot rauszuholen,
wollte ich mich überzeugen, dass auch das Briefbuch noch
da war. Es war da und ich atmete erleichtert auf. In diesem
Moment kam Bruun zu mir herüber. Er lächelte (im
Moment lächelt mich offenbar alle Welt an) und sagte:
»Na, Nils. Welche Geheimnisse verbergen sich denn in
deiner Tasche?«
Ich sprang vor Schreck hundertvierzehn Meter hoch und
behauptete, nur ein einziges Geheimnis zu wissen,
nämlich, was meine Mutter mir auf meine Pausenbrote
geschmiert habe.
»Ach was«, sagte Lehrer Bruun. »Bist du sicher, dass
das alles ist?«
Mit zitternden Händen wickelte ich mein Brot aus. Ich

90
begriff, dass er meine Gedanken gelesen hatte wie ein
offenes Buch, um nicht zu sagen, Briefbuch.
»Nein«, murmelte ich. »Das ist nicht alles. Das ist
Ziegenkäse.«
Dann lächelte ich verkniffen und biss in mein Brot. Es
wuchs in meinem Mund zu einem riesigen Kloß. Ich
konnte nicht schlucken, sondern kaute und kaute wie eine
Kuh.
»Das ist aber eine witzige Antwort, mein Junge«, sagte
der Lehrer. »Die solltest du dir merken. Solche Formulier-
ungen wachsen nämlich nicht auf Bäumen.«
Dann ging er. Ich spuckte den Bissen aus und sah nach,
ob das Briefbuch noch in meinem Ranzen steckte.
Jetzt sitze ich hier und versuche, meine Gedanken im
Griff zu behalten. Das ist nicht immer ganz leicht, vor
allem nicht, wenn dauernd irgendwer versucht sie zu
stehlen.
Vielleicht sind diese vielen Fantasien nur Theorien in
meinem Kopf, aber dann muss ich sagen, dass ich froh
bin, überhaupt noch ein paar Fantasien zu haben.
Mach weiter mit deinen Untersuchungen, Berit. Du bist
im Moment die von uns beiden, die die klügeren
Gedanken denkt. Ich bin nur ein verwirrter Nils

PS. Übrigens habe ich auch eine Theorie über das


gezeichnete Lächeln im Gästebuch. Ich glaube nämlich
vielleicht, dass ein Lächeln das Geheimzeichen der Hexen
sein kann.
Siehst du, wie unsicher ich bin? Entweder ich glaube
oder ich glaube nicht. Kein Mensch glaubt »vielleicht«.
Außer einem, der gerade dabei ist, seine Gedanken zu
verlieren.

91
HILFE!

Lieber Nils,
ganz ruhig bleiben, Kumpel. Du kannst doch nicht
einfach zu dem letzten Buch greifen, das du gelesen hast,
und dann glauben, dass es in Wirklichkeit auch so zugeht.
Denn Literatur ist Literatur. Und Hexen wachsen nicht auf
Bäumen. Aber du musst auch vorsichtig sein. Von jetzt an
musst du gut auf das Briefbuch aufpassen und darfst nicht
mehr in der Stadt herumflippen und vor Gott und aller
Welt damit herumwedeln. Denn wir werden beschattet,
lieber Vetter. Ob auch unsere Gedanken gelesen werden,
kann ich nicht so recht entscheiden …
Ich habe dir also wichtige Dinge mitzuteilen, die ich mir
im letzten Brief verkneifen musste. Ich bin Bibbi Bokken
nämlich schon einmal begegnet – vor langer, langer Zeit.
Damals war ich noch ganz klein. Und das kann vielleicht
eine wichtige Spur sein. Ich weiß das alles von der Frau,
die zusammen mit Billie Holiday das Hotel leitet. Sie heißt
Marit Orheim Mauritzen.
Das Ganze ist in die Geschichte übergegangen. Also
schnall dich an!
Es begab sich aber zu der Zeit, da ein Gebot ausging von
Ex-Vizepräsident Walter Mondale, dass der große
Fjærlandstunnel geöffnet werde. Diese Eröffnung trug sich
am 17. Mai 1986 zu, als Ludvig Eikaas der künstlerische
Häuptling der Region und für einen Großteil der Feierlich-
keiten zuständig war. Damit die Worte der Propheten in
Erfüllung gehen sollten, hatte er vor die Tunneleinfahrt ein
großes Bild der Madonna gemalt. Sie wurde als
»Tunnelgöttin« bezeichnet.
Und auch Berit Bøyum machte sich auf, aus der Stadt
Bergen in Hordaland und zog gen Fjærland, denn sie war

92
vom Geschlechte der Bøyum, und wollte sich einschreiben
lassen im Gästebuch des Hotel Mundal, zusammen mit
ihren Eltern, die damals verlobt (!) waren. Doch in der
Herberge war kein Platz für sie und ihnen wurde eine
kleine Hütte auf dem alten Hof meines Opas zugewiesen

Kommst du noch mit, Nils? Der ganze Ort stand Kopf.
Es wimmelte nur so von Einheimischen, Polizei und
Presse. Schließlich sollte der ehemalige Vizepräsident der
USA die Eröffnung vornehmen. ABER ICH WAR AUCH
DABEI! Ich weiß nicht mehr viel von diesem Tag, aber
jetzt sitze ich zusammen mit Ms Manager Marit Orheim
Mauritzen in der Hotelrezeption. Wir haben im Gästebuch
den Eröffnungstag nachgeschlagen und dort haben ich
meinen Namen neben den vielen (den anderen) Berühmt-
heiten gefunden. Sicher, ich protze seit Jahren damit, dass
ich Walter Mondale getroffen habe. (Seine Großeltern
kamen aus Mundal, hast du das gewusst? Daher der Name
…) DOCH ICH HATTE KEINE AHNUNG DAVON,
DASS AUCH BlBBI BOKKEN BEI DEN
FEIERLICHKEITEN ZUGEGEN WAR!
Das ist wirklich wahr. Bei deinem nächsten Besuch
kannst du dich selber davon überzeugen. Und Marit kann
sich gut an sie erinnern. Niemand kannte sie damals, aber
sie gab sich als Journalistin aus. UND SIE KANNTE
WALTER MONDALE! Immer wieder stand sie neben
ihm, um ihm Geheimnisse ins Ohr zu flüstern …
Ich rede hier über Fjærland, Nils. Da dieser Ort so
langsam eine gewisse Berühmtheit erlangt, kommen hier
noch weitere Informationen. Wenn du im Lexikon
nachschlägst, dann steht dort:

Fjasrlandsfjord, ca. 25 km langer Arm des Sognefjord.

93
Hinter Balestrand schlängelt F. sich zwischen mächtigen,
mit Gletschern bedeckten Bergen weiter zum Jostedals-
breen. Ganz hinten im Fjord, auf dem linken Ufer, liegen
die Filialkirche von Fjærland und das Turisthotell
Mundal. Von hier aus führen Wege hinauf zum Bøyums-
breen und zum Suphellebreen, zwei Armen des Jostedals-
breen. Der Ursprung des Namens Fjærland ist nicht
sicher belegt.

Doch das war vor Mr Mondale & Co. – also ehe wir auf
der Weltkarte gelandet sind. Das war überhaupt, ehe wir
auf irgendeiner Karte gelandet sind, denn erst damals
bekamen wir doch eine Straßenverbindung zur Umwelt.
Und wieder bekommst du ein Stück (knochentrockene)
Fachliteratur zum Verdauen. Das hier stammt aus einer
Broschüre des Amtes für Straßenbau:

Nachdem Fjærland viele Jahre hindurch um eine Straße


gekämpft hatte, gab das Parlament 1975 grünes Licht für
den Bau einer Hauptstraße. Die Arbeitsgruppe »Straße
nach Fjærland« entwickelte drei Alternativen: über
Vetlefjord, Skei und Sogndal. Das Amt für Straßenbau
wollte eine Straße nach Sogndal bauen, das Parlament
war dagegen und beschloss 1976, den Weg über Skei zu
nehmen.
Die Bauarbeiten begannen 1977 und Straße und
Fjærlandstunnel wurden am 31. Mai 1986 offiziell dem
Verkehr übergeben.
Die Straße Fjærland – Skei zieht sich vom Fähranleger
Fjærland quer zur Hauptstraße 14 nach Skei in J0lster
hin. Ihre Gesamtlänge beträgt 30 600 Meter.
Sie hat drei Tunnel mit einer Gesamtlänge von 7355
Metern. Der längste ist der Fjærlandstunnel mit 6381

94
Metern.
Die Bauarbeiten wurden im September 1977 aufge-
nommen, wobei die alte Straße am Kjøsnesfjord
ausgebessert und vor Lawinen geschützt wurde. Mit den
Arbeiten für den Fjærlandstunnel wurde 1981 begonnen.
Es wurde rund um die Uhr und teilweise in zwei und drei
Schichten gearbeitet.
Am 8. Mai 1985 kam der eigentliche Durchstich.
Inzwischen waren von der Fjærlandseite 4463 und von der
Skeiseite 1977 Meter weggesprengt worden.
Der Tunnel wurde geplant und gebaut unter Leitung des
Amtes für Straßenbau.
Für den Abtransport der Steinmassen aus dem Tunnel
wurden sämtliche Fuhrunternehmen der Region einge-
setzt. Das gilt auch für die Sicherheitsvorkehrungen auf
der Fjærlandseite, die elektrischen Installationen und die
Überdachung.

Im Fjærlandstunnel wurden ca. 336000 m3 Gebirgsmasse


weggesprengt. Dazu waren an die 638 Tonnen Sprengstoff
vonnöten, es wurden knapp 609 km Bohrlöcher angelegt.
Die Steinmassen aus dem Tunnel wurden für 84 km Straße
auf der Fjærlandseite und 3,3 km auf der Lundeseite
verbaut. Die restlichen Steinmassen sind in Bøyadalen
gelagert, was in Zusammenarbeit mit Landschaftsarchitekt

Bist du noch da, Nils? Oder hast du den Faden verloren?


Ich möchte ganz privat noch hinzufügen, dass der
Fjærlandstunnel unter dem Jostedalsbreen verläuft.
VIELLEICHT REDEN WIR HIER VON DER IDEALEN
MÖGLICHKEIT ZUR EINRICHTUNG EINER
GEHEIMEN BIBLIOTHEK! Unter dem Jostedalsbreen,
95
Nils – unter Europas größtem Gletscher also. Wir reden
hier von einem Gebiet von über 1000 km2. Und dann soll
unter diesem Gletscher plötzlich ein über sechs Kilometer
langer Tunnel gebaut werden. Mit anderen Worten, eine
Riesenanlage – »sämtliche Fuhrunternehmen der Region«
waren nötig, um die »Steinmassen aus dem Tunnel«
wegzuschaffen, und diese Massen wurden in Zusammen-
arbeit mit einem Landschaftsarchitekten abgelagert. In
einem nahezu menschenleeren Gebiet!!!
EINE SOLCHE BIBLIOTHEK KANN BIS ZUM
JÜNGSTEN GERICHT ÜBERLEBEN!
Ich habe fast keine Zweifel mehr. Es muss einfach einen
Zusammenhang geben zwischen diesen gewaltigen
Tunnelarbeiten und Bibbi Bokkens geheimer Bibliothek.
Du selber schreibst in deinem letzten Brief – und wie
üblich heftest du dabei mit verbundenen Augen dem
Schwein (Bibbi Bokken) den Schwanz an: »Stell dir vor,
dass Bibbi Bokken unter dem Eis eine magische
Bibliothek anlegt!«
Das sind deine Worte. Aber dieses eine Mal mache ich
sie zu meinen.
DENN DAS IST NOCH NICHT ALLES!
Auf den Tag genau fünf Jahre nach Eröffnung des
Fjærlandstunnels wurde in Fjærland etwas anderes
eröffnet. Und zwar am 31.5.1991. An diesem Tag wurde
das Norwegische Gletschermuseum eingeweiht, und zwar
von Königin Sonja. Richtig – von Königin Sonja, ja. Hast
du schon mal von ihr gehört??? Sie ist nämlich auch die
Schirmherrin des NORWEGISCHEN BUCHJAHRS! Und
auch bei der Eröffnung des Gletschermuseums war Bibbi
Bokken hier wieder zu Besuch. Es war ihr zweiter
Aufenthalt in Fjærland. (Glaub mir nicht, Nils. Das ist
nicht nötig. Du kannst auch ganz einfach im Hotel Mundal

96
anrufen und dir das alles bestätigen lassen.) Einige Monate
darauf kaufte Frau Buch das gelbe Haus oben in Mundal

You see? Es spielt übrigens keine Rolle, denn mehr sage
ich nicht.

Bisher sind folgende Instanzen in die Sache hineingezogen


worden: eine weltbekannte Bibliografin (Bibbi Bokken)
ein ehemaliger Vizepräsident der USA (Walter Mondale)
das Königshaus (Königin Sonja) das Parlament
(Abgeordneter Mauritzen) ein italienischer Buchmystiker
(Mario Bresani) ein Glatzkopf, der überall auftaucht
(Smiley) das Amt für Straßenbau (Abteilung des
Verkehrsministeriums) das gemütlichste Hotel der Welt
(eröffnet 1891, genau hundert Jahre früher als das
Norwegische Gletschermuseum) der Fjærlandstunnel
(eröffnet 31. 5.1986) das Norwegische Gletschermuseum
(eröffnet 31.5.1991, auf den Tag genau fünf Jahre nach
dem Fjærlandstunnel), der Jostedalsbreen (gegründet vor
vielen Jahrtausenden)
Viele Grüße von (To be or not to be) Be Rit Bøyum

PS. Wo in diesem Brief schon so viel von Gletschern und


dergleichen die Rede war, kommt jetzt noch ein Gedicht
von Jan Erik Vold. Um es zu begreifen, musst du aber
genau wissen, wie ein Diplomeis-Eskimo aussieht – der
die eine Hand zu einem waschechten Eskimogruß hebt.
Drei Zeilen, Nils – aber trotzdem ein ganzes Gedicht:

Auf dem Lieferwagen ein Diplomeis-Eskimo ich winkte


zurück

97
Als ich dieses Gedicht zum ersten Mal las, wurde ich fast
verrückt. Es dauerte nicht lange, aber in der kurzen Zeit
war ich total durchgedreht. Weißt du, was ich gemacht
habe? Ich habe mit einer Hand gewunken – so, als wäre
ich mutterseelenallein auf dem grönländischen Eis und
begegnete plötzlich einem ebenso einsamen Diplomeis-
Eskimo!
Mit diesen Worten winke ich auch dir zu.
Winkst du zurück?

PSSSSSST! Jetzt passiert hier etwas … da ist Bibbi


Bokken!!! Sie steht auf der Treppe von dem Hoteleingang.
Ich schleiche mich durch den Hinterausgang davon …
aber du wirst wieder von mir hören. PASS GUT AUF
DAS BRIEFBUCH AUF!

Liebe Berit!
Mir wird schwindlig. Ist das Weiße Haus in Washington
jetzt auch schon in die Sache verstrickt? Und Königin
Sonja??
Danke dafür, dass du mich wieder auf festen Boden
geholt hast, zumindest mit dem einen Bein. Ich finde auch,
dass meine Hexentheorie vielleicht ein wenig an den
Haaren herbeigezogen war, aber wir ziehen doch ohnehin
alles Mögliche an uns heran.
Hier kommt noch ein Mysterium! Und dabei handelt es
sich um keine Theorie. Sondern um Tatsachen!
Es fing gestern Nachmittag an. Ich ging über Karl Johan,
du weißt schon, Oslos Prachtstraße. Und als ich an der
Buchhandlung Tanum vorbeikam, wen hab ich da wohl
entdeckt? Richtig – SMILEY.
Er stand im Laden und unterhielt sich mit einer

98
Buchhändlerin. Ich blieb stehen, schaute durchs Fenster
und gab vor, in den Anblick von Ibsens gesammelten
Werken vertieft zu sein.
Als Smiley aus dem Laden kam, kehrte ich ihm den
Rücken zu, er sollte mich ja nicht entdecken, und als er die
Universitätsgate überquerte, lief ich hinterher.
Er ging vorbei am Nationaltheater, dann über die
Stortingsgate und in ein Restaurant namens Theaterkafeen.
Ich lief hinterher. Als der Türsteher mich fragte, ob ich
einen Tisch bestellt hätte, sagte ich, ich sei mit meinem
Vater verabredet, und der sei Reeder. Das war sicher ein
blöder Spruch, aber der Türsteher ließ mich durch.
Und da saß Smiley an einem Fenstertisch und kannst du
dir vorstellen, mit wem? Halt deinen Lippenstift fest,
Berit! Er saß da zusammen mit Astrid Lindgren. Der
Schriftstellerin, die die Bücher über Pippi Langstrumpf
und Kalle Blomquist und Ronja Räubertochter
geschrieben hat.
Obwohl viele sicher finden, das seien Bücher für kleine
Kinder, sind sie doch auch noch ziemlich schön, wenn wir
älter sind. Sie erinnern uns natürlich an Sachen, die wir
vergessen haben. (So, wie die Geschichte mit den blauen
Hosenträgern in Pu der Bär). Außerdem geben sie uns
eine Art Geborgenheit in einer unruhigen Welt. Und wenn
ich jetzt etwas brauche, dann ein wenig Geborgenheit.
Sonst zerreiße ich ganz einfach in Fetzen.
Stell dir das doch bloß vor, Berit. Smiley und Astrid
Lindgren! Ich ließ mich in ihrer Nähe an einen Tisch
fallen, versteckte mich hinter einem Comic und bestellte
eine Cola.
Ich saß so nah bei ihnen, dass ich ihnen in den Nacken
hätte spucken können. Ich versuchte sie zu belauschen,
aber an den anderen Tischen war so viel Krach, dass es

99
unmöglich war. Sie redeten jedenfalls die ganze Zeit. Vor
allem Smiley. Aber er lächelte nicht. Wer lächelte, war
Astrid Lindgren, und ihr Lächeln war überhaupt nicht
unheimlich. Sie lächelte ein gemütliches »Omalächeln«,
wenn du verstehst, was ich meine.
Am Ende schüttelte sie den Kopf und erhob sich. Sie
stand so dicht vor mir, ich hätte sie anfassen können. Ich
hätte Astrid Lindgren anfassen können, Berit! Aber das tat
ich nicht. Ich saß stocksteif hinter meinem Comic, und
jetzt konnte ich immerhin hören, was sie sagte.
»Nein, ich glaube, das kann ich nicht. Das ist nicht mein
Fach, fürchte ich.«
Dann ging sie.
Smiley blieb eine Sekunde sitzen. Dann sprang er auf,
lief hinter ihr her und rief:
»Aber warte doch, Astrid! Wir können doch wenigstens
darüber reden!«
Dann rannte er hinter ihr her aus dem Lokal. Ich wollte
ihnen folgen, doch plötzlich sah ich auf dem Tisch, an
dem sie gesessen hatten, einen Briefumschlag. Weißt du,
was darauf stand? Nein, das weißt du natürlich noch nicht.
Oben in der linken Ecke saß ein Stempel: »Children’s
Amüsement Consult«. Unter dem Stempel stand mit
Filzstift: »Bibbi Bokkens magische Bibliothek«.
Jetzt weißt du’s. Vor mir drehte sich alles, Berit. Ich
hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Die
Garderobentür ging auf und Smiley kam auf mich zu.
Ich schnappte mir den Briefumschlag, ließ ihn unter
meinem Pullover verschwinden und konnte mich auf
irgendeine Weise an Smiley vorbei aus dem Restaurant
retten. Ich habe mich seit neuestem offenbar zu einem
begabten Briefdieb entwickelt.

100
Ich stürmte nach Hause, riss den Briefumschlag auf und
fand diese Blätter, die ich dir jetzt schicke. Vielleicht
verstehst du davon ja mehr als ich.
Bibbi Bokkens magische Bibliothek

VIDEO/FILM
2. FASSUNG, 3. VON 5 SZENEN

1. DRAUSSEN. STRASSE ZUR KIRCHE V.


FJÆRLAND. NACHT. HERBST. MUSIK.
SCHICKSALSSYMPHONIE.
Berit und Nils gehen langsam auf dem Weg nach
Mundalsdalen an der Kirche vorbei. Der Himmel ist
dunkel. Wir hören gewaltigen DONNER. Ab und zu
zerreißen weiße Blitze die Landschaft und sorgen für eine
spukhafte Atmosphäre.

BERIT: Schneller, Nils.


NILS: Ich weiß nicht, ob ich mich traue.
BERIT: Es muss sein!
NILS: Ich habe Angst, Berit.
BERIT (nimmt seine Hand): Ich auch, aber wir müssen
sie finden. Wir müssen sie finden … die Buchhexe!

Ein Blitz zerreißt den Himmel. Wir sehen die weißen,


verängstigten Gesichter von Berit und Nils. Dann blicken
wir mit ihnen zusammen die Straße hinab auf das gelbe
Haus. Die MUSIK wird lauter.

Schwenk zu

101
2. IM HAUS DER BUCHHEXE. ZUR SELBEN ZEIT.
Wir blicken durch das Fenster auf die Straße, zusammen
mit der BUCHHEXE. Zwei kleine dunkle Gestalten
kommen unten auf das Haus zu. Die Buchhexe LACHT
leise und knipst die Wohnzimmerlampen aus. Dann
schließt sie die Vorhänge.

Schwenk zu

3. DRAUSSEN. VOR DEM HAUS DER BUCHHEXE.


GLEICH DANACH.
Die beiden Jugendlichen pressen sich an die Hauswand.
Der Wind HEULT in den Bäumen. Es regnet jetzt heftig.
Sie sind triefnass. Über ihnen sehen wir ein Fenster mit
geschlossenen Vorhängen. Drinnen ist es dunkel. Die
beiden unterhalten sich flüsternd:

NILS: Bist du sicher, dass sie schläft?


BERIT: Es ist doch halb zwei.
NILS: Können wir nicht nach Hause gehen und es
morgen noch mal versuchen?
BERIT: Wieso denn?
NILS: Es ist so schreckliches Wetter.
BERIT: Soll das ein Witz sein?
NILS: Nein.
BERIT: Komm!

Sie haben die Tür erreicht. Berit fasst nach der Klinke. Ein
verrosteter Klagelaut ist zu hören, als die alte Tür aufgeht.

102
Schwenk zu

4. DRINNEN. IM HAUS DER BUCHHEXE


Berit und Nils tasten sich durch einen dunklen Gang. Sie
erreichen eine weitere Tür und öffnen sie. Wir folgen
ihnen ins Wohnzimmer. Dort ist es stockfinster. Sie tasten
sich über den Boden. Plötzlich wird das Licht
eingeschaltet. Wir sehen ihre verängstigten Gesichter und
ihre Augen, die sich noch nicht an das Licht gewöhnt
haben. Dann sehen wir die BUCHHEXE, die mitten im
Zimmer steht, aus ihrem Blickwinkel.

BUCHHEXE (seidenweich): Und was habt ihr beiden


denn vor?
BERIT: Wir, wir …

Sie verstummt mitten im Satz. Sie bleiben vor Angst


erstarrt stehen, während die Hexe mit langsamen,
schweren Schritten auf sie zukommt.

Das war alles, Berit. Und es ist offenbar nur der Anfang
von etwas, das zu einem Video über dich und mich
werden soll!
Aber warum will Smiley über uns ein Video machen und
was hat Astrid Lindgren damit zu tun?
Vielleicht hat der Kellner gesehen, dass ich den
Briefumschlag eingesteckt habe? Wenn Smiley fragt, kann
der Kellner den dünnen Dieb mit den strähnigen Haaren
und den blauen Augen sicher gut beschreiben. Und dann
… nein, daran wage ich nicht einmal zu denken. Hilfe!
SOS! Gefahr! Was soll ich bloß machen?
Liebe Grüße, Nils der Dieb
103
Lieber Nils,
du musst so schnell wie möglich nach Fjærland
kommen. Ich flehe dich an, Nils. Du schwebst jetzt in
größter Gefahr. Aber auch ich brauche dich hier. Ich
komme gleich zur Sache … ich war mit dem Rad nach
Bøyadalen hochgefahren, denn ich hatte so ein seltsames
Gefühl, dass ich mir den Fjærlandstunnel genauer ansehen
müsste. Der Weg nach oben kam mir gar nicht so lang und
auch nicht so steil vor. Ich fühlte mich ungeheuer
unternehmungslustig, ich schaute einmal zum Bøyabreen
hoch, legte das Fahrrad am Tunneleingang ab und starrte
dann erst mal in die Dunkelheit hinein.
Plötzlich glaubte ich, tief drinnen etwas zu hören.
»Beeeriit«, sagte etwas.
Und ich wanderte los. Ich hatte das Gefühl, dass mir
keine andere Wahl blieb. Ich wusste ja, dass es
lebensgefährlich war, aber ich lief an dem Schild vorbei,
auf dem stand, dass für Radfahrer und Fußgänger der
Zutritt verboten ist.
Zweimal sausten Autos an mir vorbei, aber ich presste
mich an die Felswand, und ich glaube nicht, dass die
Fahrer mich gesehen haben. Ich trug meinen schwarzen
Regenmantel.
Einmal glaubte ich wieder etwas zu hören. Es sagte:
»Beeeriit …« Alles im Tunnel klang so hohl und
unwirklich.
Ich hatte wirklich keine andere Wahl, so kam es mir vor.
So, als ob ich nichts mehr zu entscheiden hätte. Die Luft
im Tunnel war scharf und kalt, aber mein weiteres Leben
schien davon abzuhängen, ob ich mich tiefer in den
dunklen Tunnel hineinwagen würde.

104
Endlich entdeckte ich dann auf der rechten Seite eine
riesige Brandschutztür. Sie hatte einen Eisenriegel als
Klinke und war natürlich abgeschlossen. Verflixt, dachte
ich.
Ich hatte eine Taschenlampe bei mir und es waren
gerade keine Autos im Tunnel, deshalb schaltete ich sie
ein. Ich entdeckte eine Art Ziffernschloss, eine runde
Scheibe mit Zahlen, wie an einem Banksafe oder so.
Und jetzt passierte etwas Unerklärliches. Plötzlich
schien ich den Code zu kennen! Ohne zu überlegen drehte
ich das Schloss auf die Zahlen 5-8-5-5-8-5 und dann gab
die Tür nach, als ich den riesigen Riegel verschob. Zum
letzten Mal glaubte ich, die Stimme zu hören, die mich
rief: »Beeriit …« Und jetzt kam die hohle Stimme von
innen.
Ich ging durch die Brandschutztür – und dann fiel sie
hinter mir ins Schloss. Es war stockfinster. Aber ich
knipste die Taschenlampe an und sah, dass ich in einem
engen Gang stand. Ich ließ den Lichtkegel vor mir
herwandern und setzte mich in Bewegung. Bald stand ich
vor einer neuen Tür. Sie war aus Holz und auch sie war
verschlossen.
Bin ich jetzt im Berg unter dem Jostedalsbreen
eingeschlossen?, fragte ich mich. Geht es jetzt weder vor
noch zurück? Weder aus noch ein?
Plötzlich entdeckte ich eine kleine Blechdose, die auf
einem Sims im Fels stand. Ich öffnete sie und fand einen
Schlüssel. Den steckte ich in die Tür, drehte ihn um – und
jetzt öffnete sich die Tür.
Dann soll ich wohl weitergehen, dachte ich. Aber zuerst
musste ich mir sechs Zahlen merken. Woher ich die
wusste? Aus irgendeinem Grund wusste ich sie eben. Ich
glaube, ich dachte, ich sei zur Hellseherin geworden. Ja,

105
zur Hellseherin, Nils. Ich fand das schon seltsam, aber
noch seltsamer kommt es mir jetzt vor …
Ich leuchtete in einen kleinen Raum hinein und dort gab
es viele hunderte, vielleicht tausende winzige Holz-
schubladen, vom Boden bis zur Decke. Ich zog eine auf.
Sie war voll gestopft mit Karteikarten. Ich zog eine hoch
und las: HJORTH, VIGDIS: Tilla liebt Philip, Oslo, 1984.
Ich begriff, dass ich in einem riesigen Karteiraum stand
und dass die Bibliothek, auf die die vielen Karten sich
bezogen, riesengroß sein musste. Ich hatte jedenfalls noch
nie eine so große Kartei gesehen, aber ich war auch noch
nie in einer Universitätsbibliothek.
Ich dachte natürlich an Bibbi Bokken und begriff, dass
ich ihre geheime Bibliothek gefunden hatte. Denn es gab
noch eine Tür und die war nicht verschlossen.
Ich trat auf die Tür zu und leuchtete ein kleines Plakat
an, das genau darüber hing. Darauf stand:

NICHT FÜR ALLE WELT


Du gehörst zu den wenigen Auserwählten, die Zutritt zu
diesen heiligen Hallen haben. Hier findest du alle Bücher,
die in der gesamten Geschichte der Menschheit
geschrieben worden sind. Derzeit füllen wir die Regale mit
Büchern, die erst noch geschrieben werden.
VORSICHT BEWAHREN!

Ich wusste nicht, wer das alles zusammengetragen hatte,


Nils, aber ich wusste doch von einer beteiligten Person.
Denn hier mussten ja endlos viele Leute zusammen-
gearbeitet haben. Sie allein hätte niemals auch nur einen
der Räume, in denen ich bereits gewesen war, aus dem
Fels sprengen können.

106
Ich dachte daran, wie viele Jahre der Bau des
Fjærlandstunnels in Anspruch genommen hatte. Aber in
aller Heimlichkeit war tief im Berg auch noch eine
geheime Bibliothek eingerichtet worden. Eine Bibliothek,
in der alle Bücher der Welt Platz hatten. Und jetzt – jetzt
stand ich hier!
Es ist peinlich, das zugeben zu müssen, aber ich habe
eigentlich nicht an dich gedacht. Das hier war das größte
Geheimnis in meinem Leben und im Moment gehörte es
mir ganz allein.
Ich öffnete die Tür und sah einen Raum von der Größe
eines Klassenzimmers. Hier hing unter der Decke eine
schwache Glühbirne. Alle Wände waren von oben bis
unten mit Büchern bedeckt und auf dem Boden war in
großen roten Buchstaben etwas geschrieben, nämlich
ÄGYPTEN.
Ich wagte nicht, eins der Bücher anzufassen, aber ich
entdeckte auf mehreren Buchrücken Krähenfüße. Sie
sahen aus wie Kinderzeichnungen von Dingen aus der
Natur – von Vögeln, Stierhörnern und Menschenfiguren.
Werden solche Zeichen nicht Hieroglyphen genannt?
Andere Türen gab es nicht. Doch von diesem Raum aus
führten Öffnungen in andere Säle. Du kannst dich sicher
daran erinnern, wie ich im vergangenen Jahr bei dir in
Oslo war und mein Vater uns ins Naturhistorische
Museum geschleift hat. Dort gab es auch Säle mit solchen
Öffnungen dazwischen. Ich lief los. Ich glaube nicht, dass
ich Angst hatte, Nils. Im Gegenteil, ich fühlte mich
plötzlich so leicht und frei wie seit meiner Kindheit nicht
mehr.
Auch im nächsten Saal stand etwas auf dem Boden, ich
glaube, MESOPOTAMIEN. Aber ich rannte einfach
weiter. Und jetzt kann ich mich an die Reihenfolge der

107
Zimmer nicht mehr erinnern. Überall gab es trübe
Glühbirnen an der Decke, aber ich hatte doch eine starke
Taschenlampe und je dunkler ein Zimmer ist, umso mehr
Licht scheint so eine Taschenlampe zu geben. Ich weiß
noch, dass ich las: CHINA, INDIEN, GRIECHENLAND,
ROM …
Einige Male blieb ich stehen und leuchtete einige
Buchrücken an. Denn ich wagte noch immer nicht, sie zu
berühren, obwohl ich doch ganz allein war. Und das
Allerseltsamste, was ich dabei erlebt habe, das kommt
jetzt:
Immer, wenn ich einen Buchrücken anleuchtete, stand
darauf etwas, das ich schon wusste. Als ich den Saal
ISRAEL erreicht hatte, schaute ich ein kleines Buch
namens Genesis an. Und ich wusste ja schon, dass so das
1. Buch Mose heißt, das haben wir in der Schule gelernt.
Im griechischen Zimmer las ich den Namen »Homer«, und
von dem habe ich immerhin gehört. Im römischen Raum
las ich »Caesar« und ein anderes Buch hieß Homo sapiens.
Zufällig weiß ich, dass das Mensch bedeutet. Und so ging
es weiter!
Kannst du dir vorstellen, was das für ein seltsames
Gefühl war, Nils? Ich war umgeben von tausenden,
vielleicht von Millionen oder sogar Milliarden Büchern.
Aber jedes Mal, wenn ich ein Buch anleuchtete, hatte ich
schon von diesem Buch oder seinem Autor gehört. Und
ich kenne doch nicht so viele alte Bücher oder
Schriftsteller …
Von jetzt an lief ich immer schneller, von Raum zu
Raum, von Gang zu Gang, von Saal zu Saal. Ich weiß
nicht mehr genau, ob ich mich an alle Bücher erinnern
kann, die ich angesehen habe, doch jedes Buch, das ich
sah, kam mir bekannt vor. ABER WARUM HABE ICH
IMMER BÜCHER ANGELEUTET, VON DENEN ICH
108
ZUFÄLLIG SCHON GEHÖRT HATTE?
Ich will nur einige Beispiele bringen, an die ich mich
noch genau erinnere. Im deutschen Raum leuchtete ich
»Grimm« und »Goethe« an. Im englischen Raum waren es
»Shakespeare«, »C. S. Lewis: Narnia« und »A. A. Milne«.
Im schwedischen Raum fand ich »Astrid Lindgren«. Aber
keiner dieser vielen Namen war mir neu. Ich hatte das
Gefühl, alles zu wissen, was die gesamte Menschheit
wusste.
Und etwas war noch seltsamer. Denn jetzt fällt mir ein,
dass ich »Astrid Lindgren« las, denn ich kannte doch ihren
Vor- und ihren Nachnamen. Aber ich las nur »A. A.
Milne«. Das ist der, der die Bücher über Pu den Bären
geschrieben hat, doch ich habe keine Ahnung, wofür A. A.
steht. Und deshalb war auf dem Buch auch nicht mehr zu
lesen!!!
Das hat mir keine Angst gemacht, Nils. Ich war einfach
nur froh, nur erleichtert. Wir wissen doch immer nur das,
was wir wissen. Es wäre entsetzlich, wenn wir plötzlich
mehr wüssten. Denn woher sollten wir das haben?
Ich lief weiter von Raum zu Raum. Aber ich ging nicht
immer in dieselbe Richtung, jeder Raum hatte immer
mehrere Ausgänge. Das Ganze kam mir vor wie ein
gewaltiges Labyrinth. Vielleicht gab es auch mehrere
Etagen, denn ich musste auch einige Treppen hinauf- und
hinabgehen.
Und dann kam ich in den Raum, wo auf dem Boden
NORWEGEN stand. Erst jetzt wagte ich ein Buch aus
dem Regal zu nehmen, denn das war für mich doch
sozusagen ein Heimspiel. Ich versuchte Bücher zu
nehmen, ohne die Rücken zu lesen. Ich wollte kein Buch
erwischen, das ich schon kannte. Allein in diesem Raum
standen viele, viele tausend Bände.

109
Ich nahm das Buch in die Hände und schlug es an
irgendeiner Stelle auf. Und las:

DIE AMEISE

Klein?
Ich?
Nichts da.
Ich bin gerade groß genug.
Fülle mich selber aus und zwar in allen Richtungen von
oben bis unten.
Bis du denn etwa größer als du selber?

Ich stellte das Buch ganz schnell wieder ins Regal. ICH
HATTE DAS GEFÜHL, MICH VERBRANNT ZU
HABEN! Denn dieses Gedicht kannte ich doch schon. Es
stammt von Inger Hagerup und ich habe es letztes Jahr auf
der Schulabschlussfeier aufgesagt!!!! Sonst kann ich kein
Gedicht auswendig, kein einziges (abgesehen von denen
von Jan Erik Vold natürlich).
Ich machte noch einen Versuch und öffnete ein Buch
ganz vorn. Ich las: »Åse: ›Peer, du lügst.‹ Peer: ›Nein, ich
lüge nicht.‹ Åse: ›Na, dann schwöre mir, dass das wahr
ist‹ …« Auch dieses Buch stellte ich ganz schnell zurück,
denn es enthielt doch das Stück von Henrik Ibsen, das wir
gerade in der Schule durchgenommen haben!
Ich rannte wieder los und glaubte noch einmal die
Stimme rufen zu hören: »Beeriit …«
Und dann passierte es: Ich lief in einen Saal, der fast so
groß war wie ein Fußballplatz. Aber hier gab es fast keine
Bücher. Alle Wände waren mit Regalen bedeckt, aber es

110
standen nur zwei Bücher drin. Auf dem Boden stand:
ANGEHENDE BÜCHER.
Ich stürzte zu den beiden vorhandenen hinüber und
leuchtete ihre Rücken an. Auf dem einen stand: GUNNAR
STAALESEN: Begrabene Hunde beißen nicht. Auf dem
andern Buch, Nils, und jetzt musst du dich einfach
festhalten, auf dem andern Buch stand: Bibbi Bokkens
magische Bibliothek.
Ich hätte fast losgeheult, aber ich konnte mich noch
zusammenreißen. Ich klappte das Buch wieder zu und
stellte es ins Regal.
Dann hörte ich aus einem weit entfernten Zimmer
Schritte. Ich rannte los, um ihnen zu entkommen, aber
obwohl ich verzweifelt von diesen Schritten fortlief,
klangen sie immer näher, wenn ich stehen blieb und
horchte.
Bald stand ich wieder in dem großen Saal der
angehenden Bücher und hörte jetzt die Schritte im
Nebenzimmer.
UND DANN KAM SIE, NILS! Bibbi Bokken schritt ins
Zimmer und lächelte wieder ihr besserwisserisches
Lächeln.
»Ach was, du bist das«, sagte sie mit ihrer zuckersüßen
Marzipanstimme – als fände sie es ganz normal, dass ich
hier war.
Sie kam mit langen, energischen Schritten auf mich zu.
Sie hob eine Hand und sagte:
»Jetzt hast du mich wieder ausgetrickst, Berit. Und das
gefällt mir nun mal nicht!«
Und dann wurde ich wach, Nils. Denn das alles war nur
ein Traum. Ich setzte mich im Bett auf und brüllte los.
Und bald stand meine Mutter neben mir. Du weißt sicher,

111
wie das ist. Ich legte die Arme um ihren Hals und weinte.
»Was hast du denn geträumt?«, fragte sie.
Ich konnte erst nach langer Zeit antworten. Endlich
schluchzte ich:
»Die Buchhexe, Mama. Ich habe von der bösen
Buchhexe geträumt …«
Jetzt wurde getröstet und gekuschelt und gestreichelt. Es
gab sogar heißen Johannisbeersaft, obwohl es doch mitten
in der Nacht war. Aber ich fand, ich hätte das alles
verdient. Denn auf irgendeine Weise hatte ich ja Mut
bewiesen und eine richtig gefährliche Tat begangen.
Am nächsten Tag musste ich gleich nach der Schule
natürlich wirklich nach Bøyadalen hochfahren. Ich legte
das Fahrrad am Tunneleingang ab und hier sitze ich nun
mit dem Briefbuch in der Hand.
Ich denke daran, was sich vielleicht im Berg befindet.
Denn noch immer steckt der Traum mir im Kopf. Ich habe
das Gefühl, eine andere Wirklichkeit aufgesucht zu haben.
Meine Seele scheint sich in einer Art Fantasiewelt
aufgehalten zu haben, die irgendwo neben der Welt liegt,
in der mein Körper wohnt.
Ich habe so viele seltsame Gedanken, aber jetzt glaube
ich, du musst das Briefbuch möglichst schnell bekommen,
und deshalb fahre ich wieder los und gebe es auf. (Ich
schicke es per Einschreiben, obwohl das viel teurer ist.)
Und außerdem habe ich für morgen schrecklich viele
Hausaufgaben zu machen.
Vielleicht hat dein Brief mich in den Berg unter dem
Jostedalsbreen gejagt. Aber jetzt ist es ernst, Nils. DU
MUSST SO SCHNELL WIE MÖGLICH HER-
KOMMEN!
Ab Montag haben wir eine Woche Herbstferien. Wie

112
sieht es bei euch aus? Schwänz doch einfach am Freitag.
Deine für immer mit dir verschworene Berit, der
Waghals von Bøyadalen.

PS. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Astrid Lindgren in


düstere Geschäfte verwickelt ist. Vielleicht wollte Smiley
sie anwerben, wo sie doch mit so vielen Kindern zu tun
hat. Und sie hat abgelehnt: »Das ist nicht mein Fach.«

PPS. Vielleicht hat Bibbi Bokken das Filmdrehbuch


geschrieben. Auf jeden Fall stammt es von jemandem, der
sich in Fjærland auskennt.

Liebe Berit,
wenn du das hier liest, bin ich schon, wie du weißt, in
Fjærland. Ich schreibe trotzdem, ich habe nämlich das
Gefühl, besser denken zu können, wenn ich schreibe, als
wenn ich rede. Dein letzter Brief war einfach fantastisch.
Genau wie ein Märchen. Du solltest ihn an eine Illustrierte
schicken, denn wenn meine Mutter für »Die Stadt meiner
Jugendliebe« eine Reise nach Rom gewinnen konnte,
müsstest du doch zumindest eine Reise um die Erde
herausschlagen können. Du hast so geschrieben, dass ich
es für ein Märchen aus der Wirklichkeit hielt, aber dann
war es ein Traummärchen. Doch, Berit: Ich glaube, es war
trotzdem wahr. Denn alles, was du geträumt hast, stammte
aus der Wirklichkeit: die Schriftsteller, Bibbi Bokken, der
Tunnel. Du wusstest von allem, aber vor dem Einschlafen
konntest du keinen Zusammenhang entdecken. Und
danach fügte sich alles zusammen wie die Teile in einem
Puzzlespiel. Und du hattest Bibbi Bokkens magische
Bibliothek vor dir. Aber das wichtigste Buch dort konntest
du nicht einmal im Traum lesen, denn das Puzzlespiel, das
113
es öffnet, haben wir noch nicht gefunden.
Aber zurück zur Wirklichkeit, Berit. Jetzt sitze ich in
Flåm am Anleger und schreibe diesen Brief, während ich
auf die Fähre warte. Es war eine unglaubliche Bahnreise.
Ich stieg also in den Zug, zog meinen Schlafanzug an
und legte mich schlafen.
Meine Mutter hat mir in Rom einen neuen Schlafanzug
gekauft. Einen roten mit Knöpfen und weißen Punkten.
Ziemlich schick, doch das ist eine andere Geschichte.
Also gut. Ich war todmüde und brauchte dringend eine
»große Mütze voll Schlaf«, wie mein Vater immer sagt.
Aber glaubst du, ich konnte einschlafen? Nicht doch.
Nils Bøyum Torgersen schläft nie! Vor allem nicht, wenn
im Bett über ihm ein dicker Mann liegt, der wie eine
Motorsäge schnarcht.
Ich wälzte mich eine Stunde lang von einer Seite auf die
andere, dann gab ich auf, zog mich an und ging hinaus auf
den Gang. Ich hatte ein Buch eingesteckt, »Die Brüder
Löwenherz« von Astrid Lindgren. Sicher hatte das Kind in
mir dieses Buch ausgesucht. Außerdem komme ich mir
gerade vor wie eine Art Bruder. Denn ich habe zwar
keinen großen Bruder wie Jonas Löwenherz, aber ich habe
doch immerhin eine große Kusine, Berit (hi, hi).
Ich ging durch den Gang und suchte ein Abteil mit
Sitzplätzen. Im nächsten Wagen gab es ein Raucherabteil.
Ich schaute durch die Glastür und fuhr dermaßen heftig
zurück, dass ich fast das Fenster hinter mir zerbrochen
hätte.
Nicht die beiden Kartenspielerinnen machten mir Angst.
Und auch nicht der alte Pfeifenraucher, der seinen Hut
nicht abgenommen hatte.
Nein, was mich fast umgeworfen hätte, war der kleine

114
Glatzkopf, der am Fenster seine Zigarette paffte. Das war
nämlich SMILEY.
Jetzt war guter Rat teuer und dringendst nötig. Was hatte
er in diesem Zug zu suchen? Konnte das ein Zufall sein?
Nein, bestimmt nicht. Ich habe in letzter Zeit so viele
»Zufälle« erlebt, dass ich einen echten bestimmt erkennen
würde. Und dieser Zufall war ebenso falsch wie Reinert
Bruuns Freundlichkeit.
Smiley fuhr mit diesem Zug, weil ich es auch tat. Er
hatte seine Mission. Seine Mission als Spion. Aber jetzt
hatten wir die Rollen getauscht. Jetzt hatte Nils B. T. die
Kontrolle. Vorsichtig schaute ich wieder ins Abteil.
Smiley zog seine Zigarettenpackung hervor. Die war leer.
Er stand auf.
Geistesgegenwärtig, wie ich bin, verschwand ich auf
dem Klo. Die Tür ließ ich angelehnt. Smiley kam. Er blieb
vor der Tür stehen und einen entsetzlich unheimlichen und
grausamen Moment lang glaubte ich, er müsse. Aber zum
Glück ging er schließlich weiter. Ich atmete lautlos auf,
öffnete vorsichtig die Tür und schlich hinter ihm her. Das
war ziemlich riskant, aber ich ließ es drauf ankommen und
er drehte sich nicht um.
Er ging ins Schlafabteil Nr. 61, 62, 63 und ich blieb am
Ende des Gangs stehen und wartete. Wie ein Panther auf
der Fährte. Ob meine Theorie wohl stimmte? Ich
klammerte mich am Buch fest.
Er kam sofort wieder heraus. Meine Annahmen waren
genau richtig gewesen. Er hatte sich neue Zigaretten holen
wollen.
Swisch! Bang! Gleich darauf stand Nils Bøyum
Torgersen wieder auf dem Klo. Bleich, aber gefasst. Ich
hörte Smileys widerliche Schritte, als er vorüberging.
Ich wartete fünf Sekunden. Vielleicht zehn. Dann ging

115
ich ruhig über den Gang und ins Schlafabteil 61,62,63.
Mein Plan stand fest. Wenn jemand dort lag, würde ich
behaupten, ich hätte mich in der Tür geirrt und damit wäre
der Fall erledigt. Aber das Abteil war leer.
Ich schaute mich rasch um. Sein Koffer stand auf dem
Boden. Das Nummernschloss sah ich sofort. Daran konnte
ich nichts ändern. Das unterste Bett war zerwühlt. Ich war
wohl nicht der Einzige, der in dieser Nacht nicht schlafen
konnte. Auf dem zerknüllten Laken lag ein Brief. Ich legte
das Buch auf das Kopfkissen, nahm den Brief und las:

Marcus! Finger weg von Fjærland. Hab ein bisschen


Geduld und überlass mir die Sache. Bibbi.

Ganz plötzlich ging mir auf, dass ich (wir) Recht habe(n)
mit meinen (unseren) Theorien. Bibbi Bokken und Smiley
(der offenbar Marcus heißt) arbeiten zusammen und haben
irgendeinen Plan mit uns.
Sie wissen, dass wir bald alle beide in Fjærland sein
werden, aber er hat weniger Geduld als sie. Er hat
irgendetwas mit uns vor, doch sie will die Sache selber
schmeißen.
Ich habe das Gefühl, dass wir uns dem letzten Kapitel in
diesem Mysterium nähern, und ich bin nicht so sicher, ob
wir dieses Kapitel besonders witzig finden werden.
Nachdem ich den Brief gelesen hatte, ging ich in mein
Abteil zurück. Ich legte mich aufs Bett und Wunder über
Wunder: Ich schlief ein.
Als ich vom Schaffner geweckt wurde und alles wieder
in meinem Koffer verstauen wollte, machte ich eine
Entdeckung – und war sofort hellwach. Ich hatte das Buch
von Astrid Lindgren in Smileys Abteil vergessen.

116
Und es wäre doch unmöglich gewesen, es einfach holen
zu gehen. Sollte es bleiben, wo es war. Eine Runde gute
Literatur würde Smiley sicher gut tun.
Jetzt sitze ich also hier in Flåm in einer von Nebel
verhüllten Landschaft.
Obwohl ich Angst habe, ist es eine schöne Vorstellung,
dass wir bald zu zweit sein werden. Im Moment bin ich
sogar ziemlich ruhig. Hier ist es so still. So, als ob nichts
Gefährliches passieren könnte. Aber jetzt höre ich
Schritte. Offenbar kommt jemand. Und zwar Smiley. Er

DIE NAIVEN TROTTEL SIND VOLL IN DIE FALLE


GETAPPT! DER AUGENBLICK DER WAHRHEIT
RÜCKT NÄHER! ZU SETZEN IN SABON 12/14 PKT
(NILS) UND BERKELEY OLD STYLE 12/14 PKT
(BERIT). M. B. H.

117
TEIL 2
Die Bibliothek

Wir tappten voll in die Falle, und das hätten wir


vorhersehen müssen. Aber auch ein blindes Huhn landet
manchmal im Käfig.
Er hatte ja ins Briefbuch geschrieben, dass wir beide in
12/14 pkt gesetzt werden sollten. Es dauerte noch einige
wenige Tage und jetzt sitzen wir hier.
Ich schaue zu Nils hinüber, der mir gegenüber an dem
riesigen Tisch sitzt. Er rutscht auf seinem Stuhl hin und
her und isst so nach und nach seinen Bleistift auf. Ich
selber kaue inzwischen Nägel.
Immer wieder hören wir im anderen Zimmer Telefone
klingeln und draußen auf dem Gang eilige Schritte. Nur
hier bei uns ist alles still.
Ab und zu schaut ein lächelndes Gesicht zu uns herein
und erkundigt sich nach unserem Befinden. Vor einer
halben Stunde hat die Frau uns einige Brote gebracht.
Besser, wir legen los. Nils fängt an.

Ich saß auf einer Bank im Bahnhof von Flåm, als ich die
Schritte hörte. Ich schaute auf und blickte in Smileys
verzerrtes Gesicht. Ich weiß nicht, ob es wirklich verzerrt
war, aber mir kam es so vor. Er stand vor mir wie ein
düsterer Schatten und sagte mit leiser, weicher Stimme:
»Ich habe etwas, dass dir gehört, mein Junge, und
umgekehrt ist das auch der Fall.«
Das Drehbuch, dachte ich. Er will das Drehbuch
zurückhaben.

118
»Kein Problem«, flüsterte ich. »Wir können tauschen.«
Er lächelte und trat einen Schritt auf mich zu.
Und ich rannte los. Weg von Smiley, Sonnenaufgang,
Briefbuch, von allem. Die Fähre hatte gerade angelegt. Ich
stürmte an Bord, vorbei an den Autos, die gerade
herunterfuhren, und schloss mich auf dem Klo ein. Ich
wusste ja, dass Smiley hinter mir her war, und deshalb
blieb ich dort, bis ich auf eine neue Fähre und in ein neues
Klo überwechseln musste. Zum Glück ging alles gut.
Als wir in Fjærland angekommen waren, ging ich erst an
Land, als ich sicher war, dass außer mir kein Fahrgast
mehr an Bord war.
Im Hafen war alles leer. Berit hatte das Warten sicher
längst aufgegeben. Ich ging langsam zum Hotel hoch.
Meine Tante hat nicht viel Platz, deshalb hatte sie dort
für mich ein Zimmer genommen. Was mir nur recht war.
Es bedeutete für die Detektei Bøyum & Bøyum ein
richtiges Büro. Obwohl ich mir in dem Moment nicht
gerade wie ein Detektiv vorkam, sondern nur wie ein
dummer, verlegener und total verängstigter Zwölfjähriger.
Dumm, weil ich das Drehbuch gestohlen hatte. Verlegen,
weil ich das Briefbuch verloren, nein, schlimmer noch,
weil ich es in die schmutzigen Hände des Feindes hatte
fallen lassen. Verängstigt, weil ich davon ausgehen
musste, dass er hier in Fjærland war und jederzeit seine
Zähne in mich schlagen konnte, oder wie das nun heißt.
Endlich erreichte ich die Hotelrezeption, mein Kinn hing
mir inzwischen bis aufs Knie. Ich murmelte meinen
Namen, bekam einen Schlüssel und wollte mich gerade
die Treppe hochschleppen, als etwas mich in den Rücken
stach. Ich hörte eine undeutliche Stimme, die befahl:
»Hände hoch!«
Ich weiß, dass meine Fantasie ab und zu ihre eigenen
119
Wege geht, und ich kann mir Dinge einbilden, die
hunderte Meilen von der Wirklichkeit entfernt sind. Aber
diesmal hatte ich jede Menge gute Gründe für meine
Reaktion. Ich hatte ohnehin schon arge Angst und wartete
nur darauf, dass Smiley hinter einer Vase oder einer Tür
auftauchte, um den Diebstahl des Drehbuchs zu rächen.
Also handelte ich ganz instinktiv, genau wie Phantom oder
Batman, wenn sie von hinten angegriffen werden. Ich
wirbelte herum, zog den Kopf ein und rammte ihn dem
Menschen hinter mir in den Bauch.
»Auuuuuuu! Aiiiiiii! Spinnst du? Ooooooh!«
Es war nicht Smiley. Es war Berit. Sie presste die Hände
auf den Bauch und sah mich mit einem Blick an, der zu
fünfzig Prozent aus Wut und zu fünfzig Prozent aus
Überraschung bestand.
Ich lag auf dem Bauch und starrte sie dämlich an.
»Verzeihung. Ich wusste doch nicht, dass du das bist.«
»Natürlich nicht. Rammst du nur allen andern den Kopf
in den Bauch?«
»Du hast mir Angst gemacht!«
»Ja, und das werde ich nie wieder tun.«
Plötzlich lächelte sie. Sie hatte Lippenstift und
Wimperntusche aufgetragen und sah ziemlich gut aus für
eine Kusine. Aus irgendeinem Grund kam ich mir vor wie
zehn Jahre alt.
»Hast du das Briefbuch?«
Ich schluckte und merkte, dass ich rot wurde. Der
Tollpatsch aus der Vibes gate schlägt wieder zu.
»Das ist es ja gerade«, stammelte ich, aber Berit fiel mir
ins Wort.
»Du, im Salon sitzt einer, der mit uns reden will.«
Vom Gong gerettet, dachte ich und folgte Berit ins
120
Kaminzimmer. Sie redete die ganze Zeit weiter.
»Er behauptet, einen Vertrag für uns zu haben. Und dich
zu kennen und …«
Ich packte ihren Arm und drückte zu. Der Mann saß
hinten im Salon und schaute aus dem Fenster. Obwohl er
uns den Rücken zudrehte, konnte ich durch seinen blanken
Schädel hindurch sein schleimiges Lächeln sehen. Berit
jammerte.
»Au, was soll denn …«
Ich hielt ihr den Mund zu und zog sie in die Rezeption.
Ziemlich profihaft für einen so jungen Detektiv wie
mich, wenn du mich fragst.
»Smiley«, flüsterte ich. »Das ist Smiley.«
Berit riss die Augen auf und starrte mich an.
»Wenn ich jetzt loslasse, schreist du dann?«, fragte ich.
Eine Frage, wie sie vor mir schon Millionen Detektive
gestellt hatten. Sie schüttelte den Kopf.
»Zu dir oder zu mir?«, fragte ich leise.
»Zu dir, du Trottel«, flüsterte sie und lief die Treppe
hoch. Ich lief hinterher. Eine halbe Stunde später hatte ich
ihr die ganze Geschichte erzählt. Ich war nicht so hart, wie
ich vorgegeben hatte, und jetzt saß ich auf einem blauen
Holzstuhl und zitterte und merkte, wie mir die Tränen
kamen.
»Was machen wir bloß?«, fragte ich.

»Was machen wir bloß?« Es fiel mir nicht schwer, diese


Frage zu beantworten.
Kaum war Nils in Fjærland angekommen, da rammte er
mir auch schon den Kopf in den Bauch, was mir fast den
Atem verschlug. Gleich darauf hielt er mir den Mund zu

121
und hätte mich fast erwürgt.
Das Schlimmste war natürlich, dass er das Briefbuch
verloren hatte. Er hatte es in Flåm auf eine Bank und
damit fast in Smileys Arme geworfen. Ich hätte vor Wut
platzen können. Jetzt musste er sehen, wie er es
zurückstehlen konnte.
Smiley hatte sich im Hotel ein Zimmer genommen und
das noch dazu auf demselben Flur, auf dem Nils’ kleiner
Schlupfwinkel lag. Ich hatte schon mit ihm gesprochen,
war aber nicht auf die Idee gekommen, er könne Smiley
sein. Ihm klebte zwar die ganze Zeit ein selbstsicheres
Grinsen auf dem Mund, aber das ist doch bei vielen der
Fall.
Schon vor seinem Eintreffen hatte ich gehört, dass er
unbedingt in der einzigen Suite des Hotels wohnen wollte
– mit riesigem Balkon und wunderbarem Blick auf Fjord
und Gletscher. Vielleicht war er ein reicher
Geschäftsmann?
Ich sah ihn zum ersten Mal im Billardraum, der zugleich
als Hotelbibliothek dient. Während ich auf Nils wartete
und mir nichts Böses dachte, spielte ich mit den
Billardkugeln. Ich bin in Geometrie gar nicht schlecht und
Billard ist irgendwie genau dasselbe. Im Grunde geht es
darum, Winkel zu berechnen.
Und dann stand er da, der neue Hotelgast – der, über den
schon Gerüchte in Umlauf waren, weil er um jeden Preis
im teuersten Zimmer wohnen wollte. Ich wusste, dass er
es sein musste, denn an diesem Nachmittag wurden nur
zwei neue Gäste erwartet. (Abends dagegen sollten wohl
auch noch einige Lehrer eintreffen.) Der andere war ein
Italiener, der mit der vorigen Fähre gekommen war und
kein Wort in irgendeiner anderen Sprache als seiner
eigenen verstand. Das hatte schon einige Probleme

122
gemacht, denn Italienisch ist so ungefähr die einzige
Sprache, die im Hotel Mundal wirklich niemand
beherrscht. Aber sie hatten immerhin bald verstanden,
dass er eine Art Sonderling sein musste. Er wollte zum
Beispiel sofort das Gletschermuseum besuchen und
deshalb auf das Essen verzichten.
Der Mann mit dem selbstsicheren Lächeln zog Bücher
aus den Regalen und ich weiß noch, dass ich fand, er sollte
mich lieber zu einer Billardpartie auffordern.
Er stellte einen Prachtband über den Jostedalsbreen
zurück ins Regal, drehte sich zu mir um und sagte:
»Schöne Bibliothek …«
Irgendwo in mir muss ein Glöckchen gebimmelt haben,
aber eins, das so weit hinten im Kopf hing, dass ich es erst
hörte, als er hinzufügte:
»Das Hotel hat viele interessante Bücher. Schade, dass
sie so systemlos wild durcheinander stehen.«
In meiner Verwirrung sagte ich:
»Dann sollten Sie mal in die Stadtbücherei gehen. Da
wird Dewey benutzt.«
Er lächelte die ganze Zeit und hob jetzt die
Augenbrauen. Ich musste mir die Sache gut überlegen,
ließ alles drauf ankommen und sagte:
»Wenn Sie sich vor allem für Berge, Täler und so weiter
interessieren, dann finden Sie das zwischen 550 und 559.«
Die ganze Situation kam mir ein bisschen vor wie ein
Fernsehquiz. Erst einige Tage später ging mir auf, dass er
das ganze Gespräch angeleiert hatte, um mir meinen
Namen zu entlocken. Er sagte:
»Du beeindruckst mich, mein Mädel. Sag mal … hast du
gehört, ob es hier noch eine andere Bibliothek gibt?«
Es gefiel mir nicht, dass er mich »mein Mädel« nannte.

123
Es gefiel mir auch nicht, dass er eine andere Bibliothek
erwähnte. Ich starrte den Billardtisch an und schickte die
schwarze Marmorkugel über das Filztuch. Sie stieß gegen
die beiden weißen.
Ich dachte natürlich an Bibbi Bokken. Aber ich kam
einfach nicht auf die Idee, dass Smiley vor mir stehen
könnte. Ich hatte ja keine Ahnung gehabt, dass er
unterwegs nach Fjærland war. Außerdem hatte ich ihn mir
um einiges schleimiger vorgestellt.
Aber ich sprach hier mit jemandem, der etwas gehört
haben musste, das mit Bibbi Bokken zu tun hatte.
»Wir haben eine kleine Schulbücherei«, sagte ich.
Irgendetwas huschte wie ein Blitz über sein Gesicht.
Entweder war er böse, oder wenn nicht, dann war sein
Interesse geweckt. Seine Augen schienen zu sagen: »Spiel
kein Theater mit mir!« Aber sein Mund sagte:
»Das wäre ja auch noch schöner!«
Dann schwiegen wir eine Weile. Ich fand dieses
Schweigen so schrecklich, dass ich sagte:
»Aber die ist jetzt geschlossen. Wir haben eine Woche
Herbstferien.«
Er grunzte:
»Ich bleibe nur bis morgen. Doch wenn du mir ein
bisschen hilfst … dann soll das wirklich nicht dein
Schaden sein.«
Ich wäre gern weggelaufen, denn es gefiel mir auch
nicht, dass ein wildfremder Mensch mir solche Angebote
machte. Dass er vielleicht ein reicher Geschäftsmann war,
machte die Sache nicht besser. Aber ich ahnte schon,
worum es ihm ging. Ich dachte an Bibbi Bokkens viele
Bücher …
»Ich habe einen Vertrag«, sagte er. »Einen für dich und

124
einen für Nils. Und wir brauchen doch nicht noch andere
als uns drei hineinzuziehen … verstehst du?«
Das hätte ich natürlich tun sollen, aber ich kapierte rein
gar nichts. Woher kannte er Nils? Und was sollte das für
ein »Vertrag« sein? Wofür denn?
Was mich rettete, war, dass Billie Holiday hereinkam
und sagte, sie wolle im Büro mit mir reden. Als wir das
Billardzimmer verließen, sagte der reiche Geschäftsmann:
»Wir sprechen uns noch.«
Als wir durch den Salon gingen, fragte Billie, ob ich ihm
schon einmal begegnet sei. Ich schüttelte nur den Kopf.
Dann fragte sie, ob ich mir vorstellen könnte, im
Speisesaal beim Servieren auszuhelfen.
Obwohl ich wusste, dass Nils unterwegs war, sagte ich
ja. Das war das zweite Mal an diesem Nachmittag, dass
mir eine Verdienstmöglichkeit angeboten wurde. Ich hatte
das Gefühl, dass ich das richtige Angebot angenommen
hatte.
Dann kam Nils, in gefährlich guter Form vor der
Herbstjagd. Als ich erfuhr, was in Flåm geschehen war,
wusste ich genau, wie meine Antwort auf seine Frage, was
wir jetzt machen sollten, aussehen würde.
»Du hast das Briefbuch verschusselt«, sagte ich. »Jetzt
schussele es gefälligst wieder herbei.«
Und ich sagte noch mehr:
»Die Vorstellung, dass Smiley alles lesen wird, was wir
geschrieben haben, ist unerträglich.«
Das hatte er natürlich schon getan. Bestimmt hatte er
deshalb von einer »anderen« Bibliothek gesprochen. Das
alles wusste er aus dem Briefbuch.
Wir stellten fest, dass er sich als Marcus Buur Hansen
ins Gästebuch eingetragen hatte und auf Zimmer 115

125
wohnte. Dann verabredeten wir, dass Nils sich während
des Essens ins Zimmer schleichen sollte. Ich würde von
einem Zimmermädchen den Schlüssel besorgen.
Ich selber musste ja servieren. Auf diese Weise konnte
ich immerhin dafür sorgen, dass Smiley nicht plötzlich
den Tisch verließ …

Meine liebe Kusine hatte natürlich Recht. Es war meine


verdammte Pflicht und Schuldigkeit, das Briefbuch
zurückzuholen. Ich schlich die Treppe hoch und dann über
den Flur zu Smileys Zimmer. Der Schlüssel, den Berit
besorgt hatte, lag schweißnass in meiner Hand. Obwohl
ich wusste, dass Herr Smiley Marcus Buur Hansen unten
im Speisesaal saß und sich mit Lammbraten und
Preiselbeeren voll stopfte, schienen meine Beine aus
Pudding zu sein und meine Hand zitterte wie Espenlaub
im Orkan, als ich versuchte, den Schlüssel ins
Schlüsselloch zu stecken. Der dritte Versuch gelang dann.
Langsam öffnete ich die Tür. Ich glaube eigentlich nicht,
dass sie richtig laut knirschte, aber mir kam es vor, als
kämpften im Türspalt zwei Katzen um ihr Leben. Ich ließ
die Tür angelehnt und ging hinein.
Zimmer 115 war das schönste Zimmer im Hotel und
Berit hatte mir von allen Berühmtheiten erzählt, die dort
schon logiert hatten. Aber für mich hätte es sich auch um
eine Gefängniszelle oder eine Waldhütte handeln können.
Ich schaute mich um und … das Glück stand mir
Tüchtigem bei … da lag es! Mitten auf Smileys
Nachttisch! Ich stieß ein erleichtertes Seufzen aus. Es
hörte sich an wie ein Dröhnen. Ich presste die Lippen
aufeinander und griff nach dem Buch. Es war auf der
letzten Seite aufgeschlagen und ich konnte meine eigene
Handschrift lesen:

126
»Hier ist es so still. So, als ob nichts Gefährliches
passieren könnte. Aber jetzt höre ich Schritte. Offenbar
kommt jemand. Und zwar Smiley. Er …«
Alles schien in Ordnung zu sein. Ich blätterte zur
nächsten Seite weiter und spürte, wie mir das Blut aus
dem Kopf strömte. Oben auf der Seite stand in einer
Handschrift, die weder meine noch Berits war:

Die naiven Trottel sind voll in die Falle getappt! Der


Augenblick der Wahrheit rückt näher! Zu setzen in Sabon
12/14 pkt (Nils) und Berkeley Old Style 12/14 pkt (Berit).
M. B. H.

Ich musste mich aufs Bett setzen, Ich versuchte die Klaue
zu lösen, die mein Herz gepackt hielt. Aber es gelang mir
nicht. Was war der Augenblick der Wahrheit? Wohin
sollten wir gesetzt werden? Wer oder was waren Sabon
und Berkeley Old Style? Ich begriff gar nichts mehr, aber
ich war ganz sicher, dass wir wirklich in Gefahr
schwebten. Die alte Hexentheorie jagte mir durch den
Kopf. Wenn Smiley und Bibbi Bokken nun wirklich …
Vor mir drehte sich alles. Ich sah mich selber vor einem
grausigen Sabon mit gelben Zähnen und flammenden
Augen sitzen.
»Na, Nils«, fauchte Sabon. »Jetzt ist der Augenblick der
Wahrheit!«
Ich hätte schreien mögen und ich hätte es vielleicht auch
getan, wenn die Wirklichkeit mich nicht aus meinen
düsteren Fantasien gerissen hätte. Aber die Wirklichkeit
war leider auch kein Scherz. Sie bestand nämlich aus
eiligen Schritten draußen auf dem Flur. Die immer näher
kamen.

127
Ich muss sagen, dass ich keine Ahnung habe, wie ich
dorthin gelangt bin, doch im selben Moment stand ich auf
einem riesigen Balkon vor Nr. 115 und hörte Smiley
Selbstgespräche führen, denn die Balkontür stand offen,
aber immerhin hatte ich die Vorhänge zugezogen.
»Komisch«, murmelte er. »Ich war ganz sicher, dass ich
die Tür abgeschlossen hatte, als ich …«
Dann war es ganz still und dann brüllte Smiley etwas,
das ich nicht gedruckt sehen möchte. Aber ich kann
immerhin sagen, dass er sehr aufgeregt war. Und dann
stellte ich fest, dass ich das Briefbuch in der Hand hielt.
Ich hatte es mitgenommen, ohne es zu merken. Was war
ich doch für ein Idiot! Ein Amateurdetektiv, dem man
nicht einmal ein Vergrößerungsglas anvertrauen dürfte!
Ich hätte es natürlich liegen lassen müssen. Smiley war
sicher heraufgekommen, weil er etwas vergessen hatte.
Wenn ich das Buch nicht weggenommen hätte, wäre er
sicher wieder nach unten gegangen und der Rest wäre ein
Kinderspiel gewesen. Aber jetzt war das anders. Jetzt
würde er suchen und früher oder später auf dem Balkon
nachsehen und dann …
Ich schaute nach unten und fragte mich, ob ich springen
sollte, als ich Smileys Stimme hörte. Er telefonierte und
das, was er sagte, ließ meine Ohren so groß wie
Kohlblätter werden.
»Bibbi. Hier ist Marcus. Jetzt reicht es.« (PAUSE.) »Ja,
das schon, und ich halte es für mehr als genug. Es gibt
Grenzen, wie viel Saft man aus zwei Zitronen
herausquetschen kann.« (PAUSE.) »Versuch das ja nicht,
Bibbi. Ich kann keine Ewigkeit mehr warten.« (PAUSE.)
»Dann muss ich die Sache eben in meine eigenen Hände
nehmen.«
Dann legte er auf und lief aus dem Zimmer. Wieder

128
seufzte ich. Nein, ich stöhnte, und diesmal nicht vor
Erleichterung, sondern vor Angst. Offenbar glaubte
Smiley, Bibbi Bokken hätte unser Briefbuch. Und deshalb
war er offenbar wütend. Aber warum? Was bedeuteten die
privaten Briefe für ihn und was für sie? Er hatte sich fast
so aufgeregt, als stehe sein eigenes Leben auf dem Spiel.
Und jetzt wollte er die Sache in die eigenen Hände
nehmen.
Aber welche Sache? Waren Berit und ich diese Sache?
Und wie stellte er es sich vor, uns in »seine eigenen
Hände« zu nehmen? Er würde uns sicher nicht mit
Samthandschuhen anfassen. Da war ich mir sicher.
Irgendetwas Unheimliches braute sich zusammen und
ich ging davon aus, dass Marcus Buur Hansen unterwegs
zu Bibbi Bokken war, um die Sache in seine widerlichen
Pfoten zu nehmen.
Plötzlich merkte ich, dass ich eiskalt wurde. Oder um es
anders auszudrücken: Ich wurde wütend. Was bildeten die
sich eigentlich ein? Was für ein Spiel spielten sie mit Berit
und mir? Wir hatten ihnen doch nichts getan! Es war unser
Briefbuch. Ich wollte es zurückhaben. Ich hatte
geheimnisvolle Spuren, geheime Bibliotheken und
kahlköpfige lächelnde Buchdiebe einfach satt. Ich wollte
das Briefbuch zurückhaben und ich wollte meine
Herbstferien genießen!
Ich ging zurück in Zimmer 115 und trat einen Stuhl um,
über den Smiley seine Jacke gehängt hatte. Dann lief ich
über den Flur und die Wendeltreppe hinunter, die zur
Küche führte. Ich ging in den Speisesaal und dann zu
Berit, die gerade einem amerikanischen Ehepaar Rosinen-
pudding servierte. Ich knallte so heftig das Buch auf den
Tisch, dass das Wasser aus der Karaffe hochschwappte.
»Jetzt reicht es«, rief ich. »Der Augenblick der Wahrheit

129
ist da!«
»Young man, I must say …«, begann der Amerikaner,
aber ich sah ihn nicht einmal an. Ich würdigte ihn keines
Blickes, heißt das wohl.
»Hier ist das Briefbuch«, sagte ich.
Berit sah aus wie fünf Ausrufezeichen und acht
Fragezeichen.
Ich nahm ihre Hand.
»Jetzt holen wir uns Bibbi Bokken.«
Damit zog ich sie aus dem Speisesaal, noch ehe sie ein
Wort sagen konnte. Als Letztes hörte ich die Stimme des
Amerikaners:
»Can anybody tell me what’s happening here?«
Ich erzählte Berit die ganze Geschichte, über das
Telefongespräch, die Drohungen und alles andere. Sie
hörte mir wortlos zu. Als ich fertig war, sah ich ihr
todernstes Gesicht.
»Ja«, sagte sie. »Der Augenblick der Wahrheit ist
gekommen.«

Aber als ich das sagte, machte ich mir so meine Gedanken
… Vor ein paar Stunden war ich plötzlich von einer
Köchinnentochter zur Serviererin befördert worden. Es
war nicht nur meine erste bezahlte Stelle, ich servierte
auch zum ersten Mal eine vollständige Mahlzeit. Und ich
begriff dabei, dass es auch das letzte Mal war, zumindest
hier im Hotel Mundal.
Anfangs ging alles noch ziemlich gut. Es wurde
jedenfalls kein »Suppe-auf-dem-Schoß«- und
»Lammbraten-im-Haar«-Einsatz. Das einzige Problem
war, dass ich auch Smiley bedienen musste. Ich tat so, als
ob ich ihn noch nie gesehen hätte.

130
Als er seine Blumenkohlsuppe verzehrt und ich ihm
gerade eine Flasche Mineralwasser gebracht hatte,
erstarrte er plötzlich zur Salzsäule. Er schien ein Fünf-
kronenstück verschluckt zu haben. Und das erinnerte mich
an unsere Reise nach Teneriffa, als meiner Mutter
plötzlich eingefallen war, dass sie auf der Heizung einen
Bikini vergessen hatte. Das Problem war, dass wir uns
mehr als zehntausend Meter über Gibraltar befanden, als
sie das merkte.
»Wir müssen umkehren«, rief sie. Näher an eine
Karriere als Flugzeugentführerin ist meine Mutter nie
herangekommen.
Smiley sah jetzt genau so aus, aber das hielt nicht lange
vor. Gleich darauf sprang er auf und lief durch den
Speisesaal.
Ich dachte in wildem Tempo nach: Natürlich wollte er
auf sein Zimmer. Aber wenn er auf der Heizung einen
Bikini vergessen hatte, dann war Nils doch jetzt oben, und
wenn etwas angesengt roch, würde er sich darum
kümmern.
Ich stürzte hinter Smiley her und erwischte ihn, als er
den Speisesaal gerade verlassen wollte.
»Sie haben … Ihren Braten noch nicht bekommen«,
sagte ich und packte seinen Jackenärmel. »Sie glauben
doch wohl nicht, dass der angebrannt ist?«
Ich sagte das so laut, dass der halbe Speisesaal es gehört
haben muss. Doch Smiley riss sich einfach los und rannte
weiter.
Ich lief ins Musikzimmer, denn ich wusste, dass es
genau unter Smileys Suite lag. Ich schnappte mir ein paar
CDs mit Griegs Romanzen und warf sie an die Decke. Das
war das Mindeste, was ich für Nils tun konnte, aber auch
das Einzige.

131
Ich richtete mich auf und ging zurück in den Speisesaal.
Alle Gäste glotzten mich an und Billie Holiday schaute
hinter dem Büfett hervor. Ihr Blick hätte mich töten
können.
Und es wurde noch schlimmer, als Smiley dann einige
Minuten später zurückkehrte. Er kochte vor Wut, sein
Gesicht erinnerte an eine gebratene Tomate, denn es war
nicht nur knallrot, es war noch dazu vollständig verzerrt.
»Berit«, sagte er, als sei ich seine Tochter oder noch
Schlimmeres. »Mein Essen!«
Die anderen Gäste waren mit ihrem Rosinenpudding
beschäftigt und wieder schauten sie auf von dem, was eine
friedliche Mahlzeit im gemütlichsten Hotel der Welt hätte
sein sollen. Ich holte die Schüssel mit dem Lammbraten
vom Büfett und stellte sie auf seinen Tisch. Er knallte
einige Scheiben auf seinen Teller und brauchte eine
Minute oder so, um sie hinunterzuwürgen. Dann stürzte er
wieder davon. Ohne Rosinenpudding, ohne seinen Rot-
wein auszutrinken, den Billie ihm gebracht hatte, weil ich
unter achtzehn bin und keinen Alkohol servieren darf.
Ich war nicht ganz sicher, ob er Nils schon umgebracht
hatte, aber ich glaubte felsenfest, dass er ihn eingesperrt
hatte. Deshalb war ich ziemlich baff, als Nils aus der
Hotelküche in den Speisesaal gestürzt kam. Er sah aus wie
ein zahmer Tiger, der gerade beschlossen hat, wieder wild
zu werden.
Der Ölingenieur aus Seattle war so ein Typ, der eine
unkontrollierte Eruption sicher mit größter Gemütsruhe
hingenommen hätte. Aber er schaute ziemlich erschüttert
aus der Wäsche, als Nils das Briefbuch auf den Tisch
knallte und der Busen der Frau Ölingenieurin mit
Gletscherwasser besprengt wurde.
»Young man«, sagte er. »I must say you are a little out

132
of control.«
Als ich sagte: »Der Augenblick der Wahrheit ist
gekommen«, dachte ich nicht nur an Bibbi Bokken. Ich
dachte auch an meine eigene Zukunft hier in Fjærland. Ich
dachte auch an meine Mutter, die noch immer in der
Küche stand.
»Can anybody tell me what’s happening here?«

Draußen war es so hell oder so dunkel, wie es das eine


Viertelstunde vor Einbruch der vollständigen Finsternis
eben ist. Und als wir die Kirche erreicht hatten, fing es
noch dazu an zu regnen.

»Regenmäntel?«, fragte ich.


Aber Nils schüttelte nur den Kopf.
»Jetzt oder nie«, sagte er. »Denn jetzt ist Torgersen
wütend und das kann sich bezahlt machen.«
Gleich darauf hörten wir aus der Ferne einen Donnerhall.
Er klang wie ein Echo auf Nils’ Wut. Ich weiß noch, es
gefiel mir, dass er ein wenig Temperament hatte.
»Was ist denn passiert?«, fragte ich.
»Nichts Besonderes. Ich glaube, er will Bibbi Bokken
umbringen.«
Wir gingen in Richtung Mundalsdalen weiter.
»Ich will aber kein Köder für eine bibliophile Frau sein«,
sagte Nils. »Oder für einen lächelnden Buchdieb, der sich
die Hilfe meiner Kusine kaufen will.«
Ich nickte, doch ich glaube nicht, dass Nils das sehen
konnte. Dann sagte ich:
»Auf jeden Fall sind wir mitten in der Schusslinie
zwischen zwei Verrückten gelandet. Meinst du, wir sollten

133
einfach klingeln und … fragen, wie es geht oder so?«
Wieder hörten wir ein Donnergrollen und diesmal ließ
das Grummeln Nils anhalten, obwohl der Regen weiterhin
strömte und meine Wimperntusche sich vermutlich über
mein halbes Gesicht verteilt hatte.
»Das habe ich schon einmal erlebt«, sagte er.
»Was denn?«
»Das hier! Dass wir hier gehen, dass es regnet … ich bin
ganz sicher.«
»Meine Güte, du machst mir Angst.«
»Ja, vielleicht, aber auch das wäre nicht das erste Mal.«
»Machen wir kehrt?«, fragte ich.
»Nichts da«, sagte er und setzte sich wieder in
Bewegung. »Mach schon, Berit.«
Ich hatte trotz allem mehr mit Bibbi Bokken zu tun
gehabt als er und deshalb sagte ich:
»Ich weiß nicht, ob ich mich traue.«
»Wir haben keine andere Wahl«, sagte Nils.
»Aber ich habe wirklich Angst.«
»Ich auch.«

Als wir Tor und Mauer erreicht hatten, sahen wir die
Lichter in Bibbi Bokkens gelbem Haus. Wir waren
triefnass. Aber Nils Torgersen war jetzt einfach nicht
aufzuhalten. Ich überlegte mir, dass ihm die Sache
vielleicht noch wichtiger war als mir, weil er Smiley
häufiger getroffen hatte. Außerdem machte er nur Herbst-
ferien in Fjærland. Ich wohne hier.
Ehe ich mich’s versah, hatten wir an der Tür geschellt.
Ich war seit dem Tag, an dem ich mich ins Haus
geschlichen und danach behauptet hatte, ich wolle Lose

134
für die Schulbücherei verkaufen, nicht mehr da gewesen.
Was jetzt passierte, heißt Antiklimax, glaube ich. Wir
hatten uns doch vorgestellt, dass Smiley oder Bibbi die
Tür öffnen und über uns herfallen würden. Ich hatte mir
auch überlegt, dass Smiley Bibbi Bokken als Geisel
genommen haben könnte. Ich dachte, er werde ihr mit
einer Hand den Mund zuhalten und mit der andern eine
Pistole schwenken. Aber was passierte, war, dass niemand
aufmachte. Wir klingelten noch einige Male, doch im
Haus blieb alles still.
Ich griff vorsichtig nach der Klinke – wie beim ersten
Mal – und auch jetzt war die Tür unverschlossen.
Wir schlichen ins Haus. Viele Minuten lang standen wir
mäuschenstill da und lauschten. Aber wir hörten rein gar
nichts.
»Vielleicht schläft sie«, flüsterte ich.
Nils zuckte mit den Schultern.
»Oder vielleicht ist sie …«
Er sagte nicht mehr, aber ich glaube, ich wusste, was er
meinte.
Jetzt machten wir etwas ziemlich Verrücktes. Wir zogen
die Schuhe aus. Entweder weil wir so leise wie möglich
sein wollten oder weil unsere Turnschuhe triefnass waren.
Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall schlichen wir uns auf
Socken ins Wohnzimmer.
»Ich war schon einmal in allen Zimmern«, flüsterte ich.
Bei Nils war das nicht der Fall. Er schaute sich um und
staunte offenkundig, dass nicht ein einziges Bücherregal
zu sehen war.
»Glaubst du, es gibt noch ein Untergeschoss?«, fragte er.
»Jaaa«, flüsterte ich. »Sie hat unten noch ein Zimmer
ausheben lassen.«

135
Erst in diesem Moment ging mir auf, welche Geräusche
Hilde Mauritzen aus diesem Haus gehört hatte, nachdem
Bibbi Bokken hier eingezogen war. Ich wusste jetzt auch,
wo Bibbi Bokkens viele Bücher steckten.
Wir fingen an, das Haus zu durchsuchen, und jetzt
starrten wir fast nur noch den Boden an. Schon bald hatten
wir die Luke mit dem Messingring entdeckt. Wir fanden
sie unter dem Wohnzimmertisch, auf dem Bibbi Bokken
ein Paket mit neuen Büchern ausgepackt hatte, während
ich hinter dem Sofa auf dem staubigen Boden lag.
Ich glaubte, aus dem ersten Stock ein Rascheln zu hören,
hielt mir einen Finger an den Mund und blieb stocksteif
stehen.
Nils schüttelte den Kopf.
»Das ist nur der Wind«, flüsterte er. »Die sitzen sicher in
der Hotelbar. Wenn sie nicht zur Flatbrehütte unterwegs
sind.«
Ich steckte zwei Finger in den Messingring und zog die
Klappe hoch. Wir starrten in ein Loch, das schwärzer war
als draußen die Nacht, aber Nils hatte mehr Krimis gelesen
als ich. Jetzt zog er jedenfalls eine Taschenlampe hervor
und leuchtete einige steile Treppenstufen an.
Es war nur natürlich, dass er zuerst losging. Bald stand
er auf einem Kellerboden und ließ seinen Lichtkegel
wandern. Noch ehe ich selber festen Boden unter den
Füßen hatte, hörte ich ihn sagen:
»Die Bib … bib … bibliothek, Berit.«

»Das ist nur der Wind«, flüsterte ich und versuchte meine
Sterbensangst zu verbergen. Aber sie war vorhanden. Ich
fühlte mich ganz matt, bemühte mich jedoch, meine
Stimme so natürlich klingen zu lassen wie möglich.

136
»Die sitzen sicher in der Hotelbar«, sagte ich.
Das hörte sich idiotisch an, aber tapfer redete ich weiter:
»Wenn sie nicht zur Flatbrehütte unterwegs sind.«

Ich biss mir auf die Zunge und schaute zu Berit hinüber.
Sie packte den Messingring und zog die Klappe hoch. Ich
hielt den Atem an. Ich wäre am liebsten weggelaufen, aber
meine Füße waren wie am Boden angeleimt. Wir schauten
in ein schwarzes Loch hinunter.
Ich griff in meine Jackentasche und zog die
Taschenlampe heraus, die ich vor meiner Abreise in Oslo
gekauft hatte. Ich hatte das Gefühl gehabt, dass ich sie
vielleicht brauchen würde, und das stimmte ja auch. Der
Augenblick war da. Ich war durchnässt und wusste nicht,
was Regenwasser war und was Schweiß. Ich schaltete die
Taschenlampe ein und leuchtete in das schwarze Loch
hinab. Eine alte Wendeltreppe aus Holz führte nach unten.
Berit stand dicht hinter mir.
Ich wusste, dass irgendwer zuerst die Treppe
hinuntergehen musste, und ich wusste, dass sie das nicht
sein würde. Ich hätte am liebsten kehrtgemacht, aber jetzt
war es zu spät. Ich wurde von einer unsichtbaren Kraft die
Treppe hinuntergezogen. So wie ich mich von
Brückengeländern oder Abgründen angezogen fühle, eben
weil ich an Höhenangst leide.
Hinter mir hörte ich Berits Schritte. Ich brauchte sicher
nur zwei Sekunden, um die Treppe hinter mich zu bringen,
aber mir kam es vor wie eine Ewigkeit. Ich stand in einem
großen Raum, der für einen Keller seltsam trockene Luft
hatte. Ich ließ den Lichtkegel der Taschenlampe über die
Wände wandern. Und dann spürte ich, wie das Blut aus
meinem Kopf verschwand, und hörte meine eigene
Stimme:

137
»Die Bib … bib … bibliothek, Berit.«
Wir hatten sie gefunden! Bibbi Bokkens magische
Bibliothek! Ich spürte es, nein, ich wusste es! Nicht nur im
Kopf, sondern im ganzen Körper. Ich zitterte vor
Spannung und war zugleich seltsam ruhig, so als sei ich
nach einer langen Reise wieder zu Hause angekommen.
Wir befanden uns in einer Art Schatzkammer voller
Bücher. Obwohl es dunkel im Keller war, schienen die
Bücher zu leuchten, und ich hatte das verwirrte und
zugleich beglückende Gefühl, schon einmal hier gewesen
zu sein.
In diesem Moment hörte ich ein leises Klicken,
gedämpftes Licht füllte den Raum und Millionen kleiner
Staubpartikel funkelten um uns herum wie Sterne.
Jetzt bin ich ein Teil des Universums, dachte ich.
Ich habe keine Ahnung warum, aber obwohl wir uns in
einem Keller in einem kleinen Haus in einem kleinen Ort
in einem kleinen Land befanden, kam dieser Raum uns so
groß vor wie die gesamte Welt draußen.
Die Wände waren bedeckt von Regalen und Schränken
voller Bücher. Ich dachte, es müsse Millionen davon
geben, und wenn ich sie öffnete, dann würde ich Bücher
mit Goldschrift sehen, Bücher, so schön, dass sie nicht
einmal gedruckt aussahen, sondern wie bemaltes Papier,
Bücher mit Umschlägen, die mit winzigen Perlen besetzt
waren, Bücher mit so altmodischen Schrifttypen, dass ich
sie nicht lesen könnte, und Bücher, deren Papier aussah
wie alte Tapeten, von denen die Buchstaben abzublättern
drohten.
Das Gefühl, das alles schon einmal erlebt zu haben,
wurde immer stärker, und als ich den Mann sah, der hinten
im Zimmer an einem Tisch saß und uns den Rücken
zukehrte, war ich seltsamerweise nicht im Geringsten

138
überrascht.
Berit hatte ihn schon entdeckt. Sie stand hinter ihm.
»Hallo«, sagte sie.
Er reagierte nicht.
»Verzeihen Sie«, sagte sie.
Er reagierte noch immer nicht. Er schien zu schreiben.
»Wir suchen Bibbi Bokken«, rief sie.
Er schrieb und schrieb.
Ich ging zu Berit, legte ihr die Hand auf den Arm und
flüsterte:

»In dieser Stadt wohnt ein alter Mann er ist zwar taub,
doch nicht blind seine Liebe ist jung und blank und neu es
leben tausend Bücher in seinem Sinn.«

Berit blickte mich verwirrt an, dann ging ihr ein Licht auf.
»Mario Bresani!«
Ich nickte.
»Er ist taub.«
Wieder nickte ich.
»Er hat Bibbi Bokken bei ihrer magischen Bibliothek
geholfen. Er …«
Berit beendete den Satz.
»… hat selber eine.«
Ich nickte und nickte.
»Dante, Petrarca, Homer und Ovid sind Schätze im Haus
am Tiberufer«, sagte Berit.
Plötzlich lächelte sie. Ich habe ihr das noch nie gesagt,
aber sie hat wirklich ein tolles Lächeln.

139
Ich ließ ihren Arm los und tippte Bresani leicht auf die
Schulter. Er fuhr nicht zusammen, sondern setzte sich
gerade, drehte sich um und erwiderte Berits Lächeln. Er
schien uns erwartet zu haben.
In Rom war alles so schnell gegangen, dass ich mir sein
Gesicht gar nicht angesehen hatte. Das tat ich jetzt. Das
Seltsame war, dass es ein Gesicht ohne Alter war.
Mario Bresani konnte fünfzig oder achtzig sein. Es war
unmöglich zu sagen. Seine Haare waren weiß, doch voll
und dicht wie bei einem jungen Mann. Tausend winzige
Runzeln auf seiner Stirn und um seine Augen erzählten
von einem Menschen, der ein langes Leben gelebt hatte.
Sein Blick war offen und neugierig wie das eines Kindes.
Seine Zähne waren kreideweiß, sein Lächeln munter und
ein wenig neckisch wie das eines Jungen. Und jetzt
lächelte er Berit an.
»Buon giorno, signorina Berit«, sagte er und sah ihren
Mund an, als sie langsam und deutlich antwortete:
»Buon giorno, signore Bresani.«

»Buon giorno«, antwortete ich. Ich konnte mir ja denken,


dass das »guten Tag« bedeutete.
Ich hatte sofort begriffen, dass Mario Bresani der
Italiener sein musste, von dem im Hotel die Rede gewesen
war. Der kein Essen hatte haben wollen … warum war ich
nicht gleich auf die Idee gekommen?
Ich starrte in ein kluges, schönes und warmes Gesicht.
Wer war dieser Mensch? Warum war er hier – und
warum war er so schön? Ich glaube, ich dachte, dass
Taubheit vielleicht ein schönes Gesicht macht – oder
vielleicht kommt das auch vom vielen Bücherlesen. Seine
braunen Augen vibrierten leicht und nicht er schlug zuerst

140
den Blick nieder. Er schien mein ganzes Gesicht zu lesen,
nicht nur meine Lippen. Erst als ich zur Seite schaute,
erhob er sich. Er klopfte uns beiden auf die Schultern und
sagte:
»Benvenuti alla biblioteca!«
Er war nicht viel größer als Nils – und einen halben
Kopf kleiner als ich. Jetzt lugte er zu mir hoch, entweder
um zu sehen, ob ich ihn verstanden hatte, oder um meine
Antwort zu lesen.
»Willkommen in der Bibliothek«, riet ich.
Er nickte.
»Si, si!«
»In Bibbi Bokkens magischer Bibliothek«, sagte Nils.
Bresani drehte sich zu ihm um und breitete resigniert die
Arme aus. Er hatte nicht gesehen, was Nils gesagt hatte.
»Ich glaube, das ist eine magische Bibliothek«, sprach
Nils weiter. Diesmal sagte er es viel lauter, als sei es von
großer Bedeutung.
Der kleine Italiener lachte.
»Naturalmente, signore … una biblioteca magica … e
molto segreta!«
Er hielt sich den Finger vor den Mund, als habe er
versprochen, das Geheimnis nicht zu verraten.
Ich hatte ein Gefühl, das dem in meinem Traum über die
große Bibliothek unter dem Jostedalsbreen ein wenig
ähnelte. Dort hatte ich gewissermaßen alle Bücher und alle
Schriftsteller auf der ganzen Welt gekannt. Jetzt verstand
ich plötzlich Italienisch!
»Natürlich, mein Herr«, hatte Bresani gesagt. »Eine
magische Bibliothek … und eine sehr geheime.«
Er breitete die Arme aus und schien auf die gesamte

141
Bibliothek zu zeigen. Dann warf er einen Blick auf das
Briefbuch, das Nils in der Hand hielt. Er redete weiter –
die ganze Zeit sehr langsam.
»Signore e signorina! Questo è il centro … del loro
labirinto grande … e molto misterioso …«
Nun versuchte Nils sich als Übersetzer.
»Ich glaube, er sagt, wir befinden uns in einem
mysteriösen Labyrinth.«
Bresani zeigte seine weißen Zähne. Dann klatschte er in
die Hände.
»Bravo!«
Erst jetzt schaute ich mich um. Das Zimmer war so groß
wie ein geräumiges Wohnzimmer, die Wände waren
jedoch viel niedriger. Mitten im Zimmer stand ein Tisch
mit vier Stühlen. Alle vier Wände waren mit Büchern
bedeckt und es gab nicht nur Bücherregale. Ich sah auch
Bücherkisten in unterschiedlichen Farben. Zwischen den
Regalen standen außerdem prachtvolle Bücherschränke
mit Glastüren.
Ich sah nicht ein einziges Paperback oder Taschenbuch.
Viele Bücher waren sehr alt, aber es gab auch allerlei
neue. Und alle Bücher waren unglaublich schön.
Ich musste an die Glasmalereien in großen Kathedralen
denken – an Mosaiken, die nichts Besonderes darstellen
sollen, die aber ein schönes Bild ergeben, weil die Farben
so gut zusammenpassen. Ungefähr so kam es mir vor, als
ich in Bibbi Bokkens Bibliothek stand und die vielen
braunen, schwarzen, roten und weißen Buchrücken
musterte. Vor allem gab es viele unterschiedliche braune
Lederfarbtöne. Dass viele Bücher in echtes Leder
gebunden waren, ließ sie fast lebendig wirken …
Die ganze Atmosphäre in der unterirdischen Bibliothek

142
und die Begegnung mit dem alten Mann waren so feierlich
und so friedlich, so fern von allem Lärm im Hotel – dass
ich schon vergessen hatte, mit wie großer Angst wir uns
ins Haus geschlichen hatten. Wenn ich etwas ganz sicher
wusste, dann, dass dieser alte Mann uns nie im Leben
etwas antun würde.
Aber was war mit Nils? Fürchtete er sich noch immer?
Bei seiner letzten Begegnung mit Mario Bresani war
plötzlich Smiley hereingestürzt und hatte alles ruiniert.
Und zwar an einem Ort wie diesem hier …
Woher wusste ich das? Ich war doch noch nie in Rom
gewesen. Doch ich wusste es trotzdem, weil Nils darüber
geschrieben hatte. Und deshalb war ich auf gewisse Weise
ebenfalls im Antiquariat Bresani gewesen. Nur fast
natürlich, aber trotzdem …
Plötzlich hörten wir im Stockwerk über uns Schritte.
Wer war das? Konnte das Smiley sein? Oder war es Bibbi
Bokken?
Und dann schritt sie die Treppe zu ihrer unterirdischen
Bibliothek herunter. Zuerst sah ich ihre hochhackigen
Schuhe, dann kam das lange rote Kleid die Wendeltreppe
herab – fast wie ein Fallschirm, der sich langsam zu
Boden senkt.
Es war Bibbi Bokken. Sie war nicht dünn, aber auch
nicht dick. Sie war wohl das, was wir als »gut aussehend«
bezeichnen. Bisher hatte ich oft an sie als an die
»Buchhexe« gedacht. Aber wenn die Frau in dem roten
Kleid eine Hexe war, dann hatte sie mehr Verwandtschaft
mit Madam Mim oder Gundel Gaukeley.
Warum habe ich mich so vor ihr gefürchtet, fragte ich
mich. Ob ich das bald erfahren würde? Aber von dem
Moment an, in dem sie durch den Keller auf mich zukam,
wusste ich, dass wir uns geirrt hatten. Sie war schon ein

143
seltsamer Mensch – das musste sie einfach sein –, aber sie
hatte keine einzige böse Seite.
»Nils und Berit«, sagte sie mit einem warmen Lächeln,
dann schaute sie das Buch an, das Nils in der Hand hielt.
»Ich freue mich wirklich, euch zu sehen.«
Ich hatte den Eindruck, dass sie sich ehrlich für uns
interessierte – fast als seien wir viele Tage vermisst
gewesen, weil wir uns im Gebirge verlaufen hatten, und
endlich nach langen Irrwanderungen durch Nebel und
Unwetter gerettet worden. Aber das stimmte ja auch
irgendwie, wir waren im Dunkeln getappt, wir hatten nicht
klar gesehen.
Jetzt machte Bibbi Bokken mit der einen Hand eine
stolze Bewegung.
»Wie gefällt euch meine Bibliothek?«, fragte sie.
»Die ist Spitze«, sagte Nils.
»Sie ist wunderbar«, sagte ich.
»Si, si«, sagte Mario Bresani. »Bellissima!«
Er lächelte und machte eine Verbeugung. Dann ging er
zurück an seinen Schreibtisch, so leise, wie er vorhin
aufgestanden war. Auf dem Schreibtisch wimmelte es nur
so von schwarzen und roten Tintenfässern, Federn, Pinseln
und Papier.
Bibbi Bokken nickte zu ihm hinüber.
»Und ihr habt euch schon miteinander bekannt
gemacht?«, fragte sie.
»O ja«, sagte ich. »Wir haben schon sehr viel geredet.«

Bibbi Bokken ging zu einer Wand hinüber und drückte auf


einen Schalter. Sofort leuchteten über Bücherschränken
und -regalen viele Lämpchen auf.

144
»Ooooh«, rief ich, denn jetzt war der Kellerraum noch
schöner. Die Farben der Bücher wurden besser
hervorgehoben und das Licht kam mir vor wie auf der
Kirmes.
»Das ist einfach unglaublich, Berit«, sagte Nils. Dann
drehte er sich zu Bibbi Bokken um.
»Wie kommt jemand dazu … auf diese Weise Bücher zu
sammeln?«, stammelte er.
Sie lachte.
»Wie kommt jemand dazu, sich im Keller ein
Schwimmbecken zu bauen? Meine kleine Bibliothek
kostet auch nicht mehr, Nils. Ich sammle schon seit vielen
Jahren Bücher. Aber ich passe gut auf sie auf. Und ich
habe jedes sorgfältig an seinen Platz im großen
Zusammenhang gestellt.«
»Nach Dewey?«, fragte ich.
»Ja, alle Sachbücher sind nach Deweys System geordnet.
Ich lieeeebe Dewey ganz einfach. Und da bin ich nicht die
Einzige. Seit er seine Dezimalklassifikation entwickelt hat,
sind mehr als hundert Jahre vergangen. Aber sie erfreut
sich noch immer des besten Wohlergehens.«
Sie zeigte auf die vier Wände und erklärte, dass zwei
davon Sachbücher zu allen möglichen Themen enthielten.
Und alle waren nach Deweys Tabelle von 100 bis 990
geordnet.
Nils zeigte auf die übrigen Wände.
»Und was sind das für Bücher?«, fragte er.
»Belletristik«, erklärte Bibbi. »Aber wie ihr seht, ist die
in drei Gruppen eingeteilt. Zuerst kommt die Abteilung für
Prosa …«
»Romane und Novellen und so«, sagte Nils, als säße er
in der Schule im Norwegischunterricht.

145
Wieder nickte Bibbi Bokken.
»Ganz oben an der vierten Wand seht ihr, dass Mario für
mich ein wunderschönes L für Lyrik gemalt hat. Darunter
stehen meine Gedichtsammlungen.«
Ich zeigte wieder an den Regalen hoch.
»Und da ist ein ebenso schönes S«, sagte ich.
»Denn da stehen die Schauspiele – oder die Dramatik.«
»Peer Gynt«, sagte ich.
Bibbi Bokken strahlte.
»Zum Beispiel Peer Gynt, ja. Da habe ich die
Erstausgabe von 1867. Ein geliebter Besitz, Berit.«
Nils zeigte auf einen kleinen Schrank mit vielen
winzigen Schubladen.
»Die Kartei?«
»Oder die Karteien«, berichtigte Bibbi Bokken. »Jedes
Buch in der Bibliothek hat mindestens drei verschiedene
Karteikarten. Und das ergibt dann auch drei verschiedene
Karteien. In der einen sind die Karten alphabetisch nach
den Autorennamen geordnet. In der zweiten nach dem
Buchtitel. Und die dritte Kartei ist ein Stichwortregister.
Die Karten sind nach den Themen der Bücher sortiert.
Wenn ich zum Beispiel mehr über Astronomie wissen
will, dann gehe ich zu dieser Kartei und sehe nach, welche
Bücher ich über den Weltraum habe. Und dabei finde ich
Fachbücher und Belletristik zu diesem Thema.«
»Wie raffiniert«, sagte Nils. »Es ist wahrscheinlich
unheimlich wichtig, Ordnung im System zu haben. Hm
…«
Bibbi Bokken schnaubte:
»Man kann die Bücher doch nicht nach Lust und Laune
ins Regal stopfen! Ein Briefmarkensammler würde seine
Marken doch auch nicht alle in eine einzige große
146
Schublade packen! Wie sollte er dann eine bestimmte
mittelrosa Zweieinhalb-Schilling-Marke von 1882 finden?
Und wie sollte ich die Erstausgabe von Peer Gynt
ausfindig machen? Kannst du mir das verraten?«
Nils wollte diese Diskussion nicht führen.
»Hast du dir das ganze raffinierte System selber
ausgedacht?«, fragte er.
Bibbi Bokken lachte heiser.
»Nein, die findest du in Bibliotheken in aller Welt. Na ja
… einige Unterschiede gibt es schon. Und die meisten
Bibliotheken sind inzwischen auch auf
Computerregistrierung umgestiegen …«
»Also echt«, sagte ich.
Ich weiß nicht, warum ich das sagte, es rutschte einfach
so aus mir heraus.

Nils hatte in einem großen Bücherschrank etwas entdeckt.


Er ging hinüber und zeigte auf drei übereinander liegende
Bücher. Sie waren ungefähr so lang und so breit wie zwei
nebeneinander liegende Telefonbücher. Sie waren
außerdem so dick wie ein Telefonbuch. Alle drei Bücher
sahen sehr alt aus.
»W … was ist das?«, fragte Nils.
»Pssst!«, flüsterte Bibbi Bokken, als handele es sich um
drei kleine Kinder, die nicht geweckt werden durften. Sie
machte ein feierliches Gesicht, wie ein Priester, der eine
überaus heilige Handlung durchführen will.
»Junger Mann, du stehst hier vor drei quicklebendigen
Inkunabeln!«
»Oder Büchern, die in der Kindheit der
Buchdruckerkunst gedruckt wurden«, sagte ich. »Vor dem
Jahr 1500 …«

147
Bibbi Bokken klatschte in die Hände.
»Was ihr nicht alles gelernt habt!«
Wenige Sekunden darauf fing ein dicker Gedankenbrei
an, sich durch meinen Kopf zu wälzen. Und ich glaube,
Nils passierte etwas Ähnliches. »Was ihr nicht alles
gelernt habt!«
Ich dachte an Siris Brief, an das Briefbuch, das Nils die
ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, an Bibbi Bokkens
magische Bibliothek, an Smiley, der im Billardzimmer
von etwas gesprochen hatte, das »unser Schade nicht sein«
würde, an das Gedicht, das Nils und ich auf der Hütte ins
Gästebuch geschrieben hatten – und noch an vieles andere.
Ich hatte das Gefühl, dass ich zwei solide Kartei-
schubladen und einen langen Nachmittag brauchen würde,
um unsere vielen Erlebnisse der letzten Wochen zu
begreifen.
Ich wollte Bibbi Bokken gerade nach dem Brief von Siri
fragen – denn jetzt fand ich es nicht mehr so schrecklich
zugeben zu müssen, dass ich ihn gefunden und gelesen
hatte –, aber da nahm Bibbi Bokken eine der schweren
Inkunabeln aus dem Bücherregal und legte sie auf den
Tisch, der mitten im Zimmer stand. Sie sah dabei aus wie
eine Königin, die eine mit Diamanten und Edelsteinen
besetzte Goldkrone hochhebt.
»Setzt euch«, sagte sie – ungefähr wie eine Lehrerin, die
das Klassenzimmer betritt.
Also setzten wir uns alle drei. Als Bresani entdeckte,
dass Bibbi Bokken das alte Buch in den Händen hielt,
sagte er:
»Prudente, Bibbi! Prudente!«
Sie lachte:
»Er sagt, wir sollen vorsichtig sein.«

148
Das große Buch war in solide Bretter eingebunden. An
drei Holzplatten waren goldene, ineinander verhakte
Schnallen befestigt. Bibbi Bokken öffnete die Schnallen,
schlug das alte Buch sehr vorsichtig auf – und sagte:
»So wird ein Buch wirklich geöffnet. Vor langer Zeit
war das einmal eine ungeheuer feierliche Handlung …«
Die gelben Blätter in dem riesigen Buch sahen aus wie
dicke Pappe.
»Was für dickes Papier«, sagte ich.
Bibbi Bokken lächelte viel sagend.
»Das wird ›Lumpenpapier‹ genannt und besteht aus
Baumwolle und Leinen, die zerhackt und mit
Schweineleim verkocht werden. Aber die alte Mischung
hat sich gut gehalten, findet ihr nicht? Dieses Buch wurde
vor über fünfhundert Jahren in Mailand gedruckt. Nicht
viele der Bücher von heute werden so lange leben.«
»Wie groß es ist«, sagte Nils.
»Wir reden hier von Folioformat. Es ist eine Ausgabe
der Werke des italienischen Dichters Petrarca. Es ist ein
Geschenk von Mario, und wie viele Millionen Lire er
dafür bezahlt hat, soll sein eigenes kleines Geheimnis
bleiben.«
Wir betrachteten die Seiten im Buch. Der erste
Buchstabe auf jeder Seite war riesengroß und außerdem in
Rot und Blau ausgemalt.
»Handgemalt?«, fragte Nils.
Bibbi Bokken nickte.
»In der Kindheit der Buchdruckerkunst war das
Büchermachen noch immer ein geheimnisumwobenes
Handwerk. Damals hatten die Leute noch Zeit. Aber jetzt
versucht Mario, diese alte Kunst wieder zum Leben zu
erwecken. Er gilt als einer der bedeutendsten Kalligrafen

149
der ganzen Welt.«
Nils schüttelte den Kopf:
»Kalli …«
»Ein Kalligraf ist ein ›Schönschreiber‹«, erklärte Bibbi
Bokken. »Ich darf mich vielleicht dafür bedanken, dass du
aus Rom einige schöne Bögen mitgebracht hast?«
Nils lief knallrot an.
»Hast du das Gedicht geschrieben?«
Sie lächelte geheimnisvoll, beantwortete seine Frage
aber nicht.
»Eins nach dem anderen, Nils. Alle eure Fragen werden
beantwortet, aber wir müssen uns eine nach der anderen
vornehmen … und dann können wir auch gleich mit dem
Anfang anfangen.«
Sie klappte das Buch wieder zu und ließ die goldenen
Schnallen zuschnappen. Dann beugte sie sich über den
Tisch und sah abwechselnd Nils und dann mich an. Sie
fragte:
»Habt ihr euch je überlegt, dass wir Menschen die
einzigen Lebewesen auf diesem Planeten – ja, vielleicht
im ganzen Universum – sind, die miteinander Gedanken,
Gefühle und Erfahrungen austauschen können?«
Ich glaube, Nils und ich, wir schüttelten beide nur den
Kopf.
»Wir können das schon seit vielen Jahrhundert-
tausenden. Aber dann – vor fünf- bis sechstausend Jahren
– haben wir Schreiben gelernt. Und das gab der Sprache
ganz neue Möglichkeiten. Jetzt konnten wir unsere
Erfahrungen nämlich mit Menschen teilen, die viele
hundert Meilen von uns entfernt lebten – oder auch mit
Menschen, die erst viele hundert oder tausend Jahre nach
uns leben würden. Die ersten Schriftsprachen benutzten

150
eine Bilderschrift. Die Schriftstücke damals hatten
Ähnlichkeit mit heutigen Comics. Aber ganz langsam
entwickelte sich dann eine besondere Schrift, die alle
Wörter einer Sprache mit nur wenigen Buchstaben
ausdrücken konnte …«
Nils hatte sich auf seinem Stuhl vorgebeugt. Er sah aus
wie ein Krachschläger in der Klasse, der plötzlich
beschlossen hat, sich zum Musterschüler zu entwickeln.
Und zwar, weil die Lehrerin etwas gesagt hat, das ihn
interessiert. Er sagte:
»Obwohl es nur sechsundzwanzig verschiedene
Buchstaben gibt, können sie Bibliotheken füllen …«
Sie nickte.
»Hier habe ich ja trotz allem begrenzten Platz. Ich
musste einen ganzen neuen Keller aus den Felsen
sprengen …«
»Die Nachtwache im Hotel hat gedacht, es sei ein
Erdbeben«, sagte ich. »Fast hätten sie die Polizei
alarmiert!«
Bibbi Bokken lächelte breit:
»Aber wo wir schon vom Alphabet reden. Das war die
erste große Revolution in der Geschichte der Schriftkultur.
Mehrere Jahrtausende hindurch wurde auf Steinen und
Papyros, auf Holzstücken und Schildkrötenpanzern, auf
Tontafeln und Topfscherben, auf Tierhäuten und
Wachstafeln geschrieben – ja, auf allem, in das einige
Krähenfüße eingeritzt werden konnten. Es war, als sei
plötzlich eine globale Fieberkrankheit ausgebrochen. Im
Lauf der Zeit wurden ganze Bücher aus Pergament und
Papier hergestellt. Doch jedes einzelne Exemplar musste
mit der Hand geschrieben werden. Deshalb waren Bücher
teuer und für die meisten Menschen unerreichbar. An
mehreren Orten auf der Welt wurden Versuche unter-

151
nommen, Buchstaben in Holzplatten einzuritzen, sodass
eine Seite mehrmals hintereinander gedruckt werden
konnte. Auf diese Weise wurde die edle Kunst der
Vervielfältigung entwickelt. Aber auch dieser
›Blockdruck‹ war ein arg Zeit raubender und kostbarer
Prozess.«
»Dann kam Gutenberg«, sagte ich.
Bibbi Bokken nickte.
»Um das Jahr 1450, ja. Und erst jetzt können wir von
Buchdruckerkunst sprechen, und sie war die zweite große
Revolution der Schriftkultur. Gutenberg benutzte aus Blei
gegossene bewegliche Lettern. Ursprünglich war er
Goldschmied, aber so wie er aus Gold oder Silber
Schmuckstücke gießen konnte, konnte er auch die
Buchstaben des Alphabets gießen. Damit konnte er dann
ganze Buchseiten zusammensetzen, und die beweglichen
Buchstaben oder Lettern ließen sich immer wieder
verwenden. Sie bildeten die Atome und Moleküle in der
Welt der Bücher.«
Nils räusperte sich. Dann sagte er:
»So, wie Atome und Moleküle zu einem Bären werden
können, können die Buchstaben im Alphabet zu einer
Geschichte über Pu den Bären werden.«
Bibbi zwinkerte ihm schelmisch zu.
»Zum Beispiel über Pu den Bären, ja. Schon vor
neunhundert Jahren wurden in China solche beweglichen
Drucktypen benutzt. Aber dort gab es kein Alphabet. Und
es bringt ja nicht viel, bewegliche Typen zu gießen, wenn
die Sprache viele tausend unterschiedliche Schriftzeichen
aufweist. Europas Schriftkultur ist also sowohl von dem
einfachen Alphabet als auch von den beweglichen Lettern
geschaffen worden.«
»Was für Bücher hat Gutenberg denn gedruckt?«, fragte
152
ich.
Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Ich
glaube, ich hätte Bibbi Bokken jegliche Frage stellen
können, die mit Büchern zu tun hatte, und sie hätte sofort
geantwortet.
»Als Erstes hat Gutenberg natürlich die Bibel gedruckt.
Noch heute sind mehrere Exemplare davon erhalten. Ab
und zu wird eine komplette Ausgabe verkauft, aber sie
kostet dann natürlich auch viele Millionen Kronen.«
»Dann muss ich erst noch eine Runde sparen, bis ich mir
eine kaufen kann«, sagte Nils.
Bibbi Bokken hob das große und schwere Buch mit
Petrarcas Werken hoch und legte es ins Bücherregal. Als
sie zum Tisch zurückkam, drehte Marco Bresani sich um.
»Bravo«, sagte er.

Die Frau in dem roten Kleid setzte sich wieder und warf
einen Blick auf das Buch, das Nils auf dem Schoß liegen
hatte. Ich glaube, sie hätte auch gern einen Blick
hineingeworfen. Ob sie wohl ahnte, dass Nils und ich es
als Briefbuch benutzt hatten? Aber sie hätte bestimmt
nicht erraten können, dass unsere Briefe von ihr handelten

Mein Kopf brodelte nur so von unbeantworteten Fragen.
»Du kommst nicht aus Fjærland«, sagte ich. »Wieso bist
du hergezogen, warum hast du deine Bibliothek
ausgerechnet hier eingerichtet?«
Wieder lächelte sie ihr geheimnisvolles Lächeln. Als sie
nicht sofort antwortete, stellte ich gleich noch eine Frage:
»Hatte das vielleicht etwas mit Walter Mondale zu tun?«
Diese Frage überrumpelte sie. Bisher hatte sie
gewissermaßen die Kontrolle über das ganze Gespräch

153
gehabt. Aber diese Frage warf sie einfach vom Stängel.
Wieder schaute sie zum Briefbuch hinüber – aber sie
wagte nicht, etwas dazu zu sagen, jetzt jedenfalls noch
nicht. Sie fragte:
»Aber Berit – woher weißt du das denn?«
Ich zuckte mit den Schultern.
»Ich war doch auch hier. Alle waren hier, als Mondale
den Fjærlandstunnel eröffnet hat.«
Bibbi Bokken schüttelte resigniert den Kopf. Plötzlich
hatte die Lage sich auf den Kopf gestellt. Ich glaube nicht,
dass es ihr gefiel, dass ich mehr wusste, als sie gewusst
hatte.
Nach einer Weile redete sie dann weiter:
»Ich war wirklich 1986, als Walter Mondale den
Fjærlandstunnel eröffnet hat, zum ersten Mal in Fjærland.
Ich wollte damals den ehemaligen Vizepräsidenten treffen,
der ein alter Bekannter von mir ist, aus der Zeit, als ich in
den USA Bibliothekswissenschaften studiert habe …«
Nils glotzte.
»Voll ins Schwarze, Berit«, sagte er.
Er machte Bibbi ein Zeichen weiterzureden.
»Damals arbeitete ich mit an der Planung eines großen
Magazins für die Nationalbibliothek. Wir sollten ein Lager
für alle norwegischen Bücher und Zeitschriften einrichten.
Um sicherzugehen, dass alles für die Nachwelt aufbewahrt
wurde, musste es in einem großen Berg gelagert werden.«
»Wieder voll ins Schwarze«, sagte Nils, offenbar war er
beeindruckt von meinen detektivischen Leistungen hier in
Fjærland.
»In Norwegen wurde eifrig darüber diskutiert, wo dieses
Bergmagazin angelegt werden könnte«, erzählte Frau
Buch. »Als ich nach Fjærland kam, ging mir auf, dass es
154
eine großartige Idee sein musste, dieses Lager unter dem
Jostedalsbreen zu bauen … wo ohnehin gerade ein langer
Tunnel gegraben worden war.«
»Be … Be … Berits Träume werden wahr«, rutschte es
aus meinem armen Vetter heraus und jetzt brach auch mir
der Schweiß aus. Als Bibbi unsere Erregung sah, fügte sie
ganz schnell hinzu:
»Aber alles kam anders. 1989 beschloss das Parlament,
das Lager in Mo i Rana zu bauen. Und dort sind bisher
zwei riesige Höhlen ins Gebirge gesprengt worden. In der
einen Höhle wurde ein vierstöckiges Haus gebaut, das erst
vor wenigen Monaten zur Benutzung eröffnet worden ist.
Darin gibt es die so genannten ›Kompaktmagazine‹, die
alle Bücher, Zeitschriften, Bilder, Spielfilme und
Tonbänder enthalten. Und außerdem gibt es dort alle
Radio- und Fernsehsendungen des norwegischen
Rundfunks.«
Nils schnappte nach Luft: »Gibt es also wirklich so einen
Riesenladen?«
»Aber was ist in der anderen Höhle?«, fragte ich.
»Die soll mit den Büchern der Zukunft gefüllt werden.
Auf diese Weise wird die Schriftkultur unserer Zeit
aufgehoben und bewahrt, sodass die Menschen nach uns
auch das, was wir geschrieben haben, kennen lernen
können. Vielleicht wird es dieses Lager noch in vielen
Jahrtausenden geben.«
»Also gibt es wirklich so eine unterirdische Bibliothek«,
sagte Nils.
Bibbi nickte.
»Sie ist soeben zur Benutzung freigegeben worden. Sie
ist feuer- und atombombensicher – und außerdem gegen
alle vorstellbaren Naturschäden gesichert.«

155
Wieder musste ich an meinen seltsamen Traum denken.
»Kannst du nicht genauer erzählen, wie es dort
aussieht«, bat ich.
»Wenn du dort ankommst, stehst du zuerst vor einem
Gittertor und einem Stahlvorhang. Dahinter liegt ein
sechzig Meter langer Tunnel, der in den Berg führt. Er ist
groß genug für Lastzüge und führt zu dem vierstöckigen
Gebäude. Der Bau an sich ist fast hundert Meter lang und
enthält insgesamt über vierzig Kilometer Bücherregale. Es
hat konstante Temperatur und Feuchtigkeit, damit die
Bücher so gut wie möglich aufbewahrt werden können …
obwohl nicht alle Bücher, die heute gedruckt werden, so
solide sind wie die alten Inkunabeln, wird also gut für sie
gesorgt.«
Ich dachte eine Weile nach. Dann fragte ich:
»Und als du mit deinem Vorschlag nicht durchkamst,
das Lager in Fjærland zu bauen, hast du dir dann hier ein
Haus gekauft und dir selber eine unterirdische Bibliothek
angelegt?«
Bibbi Bokken lächelte breit:
»So kannst du es sagen. Nachdem ich 1986 zum ersten
Mal hier gewesen war, bin ich immer wieder nach
Fjærland zurückgekehrt. Es gefiel mir gut hier und deshalb
habe ich dann eines Tages dieses Haus gekauft. Meine
Bücher sind zu wertvoll, finde ich, als dass ich in einem
Holzhaus wohnen könnte, das jederzeit in Flammen
aufgehen kann. Und da ich nie das Gefühl gehabt habe,
einen Swimming-Pool im Keller zu brauchen, hatte ich
hier unten doch die Möglichkeit. Manchmal setze ich mich
hier zum Lesen und Arbeiten hin. Aber manchmal hole ich
mir auch ein Buch nach oben ins Wohnzimmer. Und es
kommt auch vor, dass ich einfach in der Bibliothek
umherwandere und die Buchrücken lese …«

156
Bei diesen Worten sprang Bibbi Bokken auf und tat
genau das, was sie gesagt hatte. Sie ging an den Wänden
entlang und holte dann ein Büchlein aus einem Regal. Es
stammte von einem gewissen Simen Skjønsberg und hieß
Der grausame Genuss – Texte über die Geheimnisse des
Lesens. Dann bat sie Nils, den Klappentext vorzulesen. Er
räusperte sich zweimal und las schließlich:

Ich gehe an den Regalen in der Bibliothek vorbei. Die


Bücher kehren mir den Rücken zu. Nicht wie Menschen,
um mich abzuweisen, sondern einladend, um sich
vorzustellen. Buchmeter um Buchmeter, die ich niemals
werde lesen können. Und ich weiß: Was sich hier anbietet,
das ist Leben, das sind Zusätze zu meinem eigenen Leben,
die darauf warten, in Gebrauch genommen zu werden.
Aber so rasch, wie die Tage verfliegen, bleiben die
Möglichkeiten liegen – verlassen. Eines dieser Bücher
könnte ausreichen, um mein Leben ganz und gar zu
verändern. Wer bin ich jetzt? Wer wäre ich dann?

»Ich kann ja gut verstehen, dass du Bücher liebst«, sagte


ich.

»Aber hast du denn keinen Beruf … und keinen Mann?«


Bibbi legte den Kopf in den Nacken und lachte herzlich.
Mario Bresani hatte sich offenbar soeben umgedreht, denn
er schaute uns an und lachte ebenfalls.
Sie sagte:
»Das waren zwei Fragen auf einmal. Ich bin von Beruf
Bibliografin, Berit. Das heißt, ich bin eine Art Expertin für
Bücher und Bibliotheken. Und davon lebe ich. Ich
übernehme Aufträge hier in Norwegen und in vielen

157
anderen Ländern. Das bedeutet, dass ich viel auf Reisen
bin. Und gerade deshalb soll meine Bibliothek besonders
gut geschützt sein. Manchmal bin ich in Rom … und
manchmal kommt Mario nach Norwegen. Aber ich fühle
mich auch wohl in meiner eigenen Gesellschaft – und in
der meiner vielen Bücher. Irgendwer hat einmal gesagt:
›Ein Buch ist der beste Freund.‹ Jemand anders hat das
ähnlich ausgedrückt: ›Wer seine Bücher richtig aussucht,
befindet sich in der allerbesten Gesellschaft. Dort haben
wir es mit den klügsten, geistreichsten und edelsten
Charakteren zu tun, mit denen, die Stolz und Zierde der
Menschheit ausmachen.‹«
Während sie das sagte, erhob sie sich und ging zu Mario
Bresani hinüber. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter.
Nils und ich gingen hinterher, und als wir uns über
seinen Rücken beugten, sahen wir, dass er mit schwarzer
und roter Tusche einige schöne und reich verzierte
Buchstaben gemalt hatte. Wieder konnten wir etwas lesen,
was wir schon einmal gelesen hatten. Dort stand: Bibbi
Bokkens magische Bibliothek.
Und wieder dachte ich an Siris Brief, aber ich mochte
nicht zugeben, dass ich den kannte. Deshalb sagte ich:
»Gibt es ein Buch, das … das Bibbi Bokkens magische
Bibliothek heißt?«
Mario richtete seinen Blick auf mich, als ich es sagte.
»Si, si«, rief er. »La biblioteca magica de Bibbi
Bokken!«
»Und dieses Buch … das … das erscheint vielleicht im
nächsten Jahr?«
Ich bereute sofort, es gesagt zu haben. Ich glaube, ich
biss mir auf die Lippe. Würde Bibbi jetzt begreifen, dass
ich Siris Brief kennen musste?

158
Wieder wanderte ein rätselhaftes Lächeln über ihr
Gesicht. Als sie keine Antwort gab, meldete Nils sich zu
Wort. Er fragte ganz direkt:
»Hast du dieses geheimnisvolle Buch hier?«
Ich weiß noch, dass das bei Bibbi Bokken ein fast
hysterisches Gelächter auslöste. Als sie sich wieder gefasst
hatte, sagte sie:
»Nein, also wirklich! Ich finde, jetzt geht ihr wirklich zu
weit!«
Nur dieses eine Mal fragte ich mich, ob wir vielleicht
doch Grund haben könnten, uns vor Bibbi Bokken zu
fürchten. Vielleicht waren wir ja doch hier unten eine Art
Gefangene …
Aber dann sagte sie:
»Sie sollten euch in der Schule beibringen, weniger
ungeduldig zu sein. Ihr könnt einfach nicht verlangen, dass
ihr alles auf einmal erfahrt. Eine Lüge ist in der Regel
leicht zu durchschauen, ihr Lieben. Die Wahrheit im Blick
zu behalten, ist nicht immer ganz so leicht, denn oft hat sie
viele Seiten. Deshalb lässt die Wahrheit sich auch nicht im
Handumdrehen in Worte fassen. Und …«
Wir schauten beide zu ihr hoch.
»… ihr habt die magische Bibliothek ja noch nicht
gesehen.«

Als ich zusammen mit Berit, Bibbi Bokken und Mario


Bresani im Keller stand, erlebte ich ein Wunder. Zum
ersten Mal in meinem Leben begriff ich, was ein Buch ist.
Ein Buch ist eine magische Welt voller kleiner Zeichen,
die die Toten zum Leben erwecken und den Lebenden das
ewige Leben schenken können. Es ist unfassbar,
fantastisch und »magisch«, dass die sechsundzwanzig

159
Buchstaben in unserem Alphabet auf so viele Weisen
zusammengesetzt werden können, dass sie riesige Regale
mit Büchern füllen und uns in eine Welt führen, die
niemals ein Ende nimmt, sondern die wachsen und
wachsen wird, solange es auf dieser Erde Menschen gibt.
Ich schaute an den Wänden hoch und einen Moment
lang schienen alle Bücher mich ihrerseits anzustarren. Ja,
als ob sie lebten, und sie riefen:
»Komm zu uns! Hab keine Angst! Komm her!«
Plötzlich hatte ich schrecklichen Hunger. Nicht nach
einer Mahlzeit, sondern nach allen Wörtern, die sich in
diesen Regalen versteckten. Aber ich wusste: Egal, wie
viel ich in meinem Leben auch lesen könnte, niemals
würde ich auch nur ein Milliardstel aller Sätze lesen, die
geschrieben worden sind. Denn es gibt auf der Welt
ebenso viele Sätze, wie es am Himmel Sterne gibt. Und es
werden immer mehr und sie erweitern sich die ganze Zeit
wie ein unendlicher Raum.
Doch zugleich wusste ich, dass ich immer, wenn ich ein
Buch öffne, einen Zipfel des Himmels sehen werde, und
immer, wenn ich einen neuen Satz lese, werde ich ein
wenig mehr wissen als zuvor. Und alles, was ich lese,
macht die Welt größer und erweitert zugleich mich selber.
Für einen Moment hatte ich in die fantastische und
magische Welt der Bücher hineingeschaut.
Deshalb war ich ziemlich baff, als Bibbi Bokken sagte:
»Ihr habt die magische Bibliothek ja noch nicht
gesehen!«
»Doch«, platzte es aus mir heraus. »Gerade eben.
Tausend Dank.«
Sie lächelte mich an.
»Das war nur der äußere Raum, mein Junge. Der Raum

160
für das, was geschaffen ist.«
»Gibt es noch andere Räume?«, fragten Berit und ich
wie aus einem Mund.
»Ja«, sagte Bibbi Bokken und musterte uns mit
neugierigem und zugleich ein wenig traurigem Blick. Sie
schien unsere Gedanken lesen zu wollen und traurig zu
sein, weil ihr das nicht gelang. »Es gibt einen inneren
Raum. Einen Raum für das, was noch geschaffen werden
soll. Den Raum der Möglichkeiten.«
Berit sah fast so aus, als ob sie es verstanden hätte.
»Soll das heißen, dass …«
Bibbi Bokken nickte. Dann gab sie Mario Bresani ein
Zeichen. Der erhob sich und ging zu dem riesigen
Bücherschrank hinter dem Schreibtisch hinüber. Der
Schrank hatte keine Glastüren. Mario zog einen Schlüssel
hervor und schloss auf. Und dann war es gar kein Schrank,
sondern ein Eingang. Ein Eingang zu dem innersten
Raum.
»Kommt«, sagte Bibbi Bokken. »Jetzt gehen wir
hinein.«
Mario Bresani hatte sich wieder gesetzt. Er nickte uns zu
und zeichnete weiter, während wir BIBBI BOKKENS
MAGISCHE BIBLIOTHEK betraten.
Zuerst war ich fast enttäuscht. Das scharfe, weiße Licht,
das uns entgegenströmte, war alles andere als magisch und
das innere Zimmer war viel kleiner als die fantastische
Bibliothek, die wir soeben verlassen hatten. Hier gab es
keine schönen Bücher. Keine Inkunabeln, keine
Goldschrift, keine verschnörkelten Schrifttypen, es gab
einfach nur das wilde Durcheinander.
Die Wände waren von normalen Bücherregalen bedeckt,
die aussahen wie von IKEA oder aus einem ähnlichen

161
Laden. Sie waren voll gestopft mit Pappkartons,
Plastikordnern und Schreibheften. Auf einem riesigen
Tisch mitten im Zimmer lagen Stapel von Papieren,
Zeitschriften und Zeichnungen, die nicht gerade von
Edvard Munch zu stammen schienen.
»Na, was sagt ihr?«, fragte Bibbi Bokken stolz.
»Große Klasse«, antwortete ich und versuchte so zu
klingen, als sei das ehrlich gemeint.
Ich schaute verstohlen zu Berit hinüber und sie sah
überhaupt nicht enttäuscht aus. Sie lächelte Bibbi Bokken
an und die lächelte zurück. Die beiden schienen ein
gemeinsames Geheimnis zu haben. Ich fühlte mich
ziemlich ausgeschlossen.
»Ja, das ist wirklich ein beeindruckendes Zimmer«, sagte
ich und versuchte nicht mehr, meine Enttäuschung zu
verhehlen.
Bibbi Bokken lachte. Ich fand ihr Lachen widerlich.
Dass Berit auch lachte, machte die Sache nicht besser.
»Verstehst du nicht, was das da ist, Nilschen?«, fragte
sie.
»Nein, stell dir vor, das kapier ich nicht«, murmelte ich.
»Bei dir sieht das ja vielleicht anders aus?«
»Das sind Bücher, die noch nicht geschrieben worden
sind«, sagte Berit. »Nicht wahr, Bibbi?«
Jetzt waren sie also schon bei »Bibbi« und »Nilschen«
angekommen! »Bibbi« nickte.
»Natürlich«, sagte sie. »Shakespeare hat geschrieben,
dass das Kind der Vater des Mannes ist.«
»Oder die Mutter«, sagte Berit.
»Oder die Mutter«, wiederholte Bibbi Bokken. »Und mit
jeder Sekunde wird das gesammelte Wissen auf der Erde
größer. Die ganze Zeit entstehen bei neuen Menschen

162
neue Gedanken, neue Wörter und neue Sätze. Auf der
ganzen Welt erschaffen in diesem Moment Millionen von
Kindern die Sprache von morgen. Manche behalten alles
für sich, andere dagegen schreiben es auf. Unfertige
Gedichte, angefangene Geschichten, Sätze, wie sie noch
nie geschrieben worden sind. Sie sind von einem Wissen
erfüllt und wissen nicht einmal, dass sie dieses Wissen
besitzen. Sie … ihr habt dieses Erbe aus der
Vergangenheit mitgebracht und tragt zugleich die
Möglichkeiten der Zukunft in euch.«
»Das ist also der ›Raum der Möglichkeiten‹«, sagte ich.
Ich fühlte mich nicht mehr ausgeschlossen, sondern
aufgenommen.
Bibbi Bokken nickte.
»Sind die Bäume im Frühling nicht am schönsten?«
Wieder sah sie fast traurig aus.
»Die magische Bibliothek ist gefüllt von Möglichkeiten,
aus denen irgendwann Bücher entstehen werden. In
einigen Jahrhunderten werden aus der in diesem Zimmer
gesammelten Fantasie wertvolle Inkunabeln geworden
sein. Die Wörter werden dann bestimmt auf eine andere
Weise aneinander gefügt werden. Sicher werden nicht
dieselben Sätze benutzt. Aber hier steht die Wiege zu
etwas, das die Sprache der Zukunft werden soll. So sieht
die neugeborene Literatur aus. Und das wirklich Magische
in unserem Leben ist die Geburt.«
Sie griff zu einem Blatt Papier und las vor:

Die Schlingpflanzen wachsen und wachsen aus dem Raum


hinaus. Und hinauf zum Mond um die Apollo 13 wieder
auf die Erde zu holen. Und dann kommt ein entsetzliches
Regenwetter und die lange Schlingpflanze schrumpft in

163
der Wäsche und kriecht wieder ins Fenster und schläft ein.

Mir lief es eiskalt den Rücken runter. Nicht, weil das


Gedicht so fantastisch war, sondern weil ich wusste, dass
ich genau solche Gedichte auch selber schreiben könnte,
und Bibbi Bokken könnte das nicht, obwohl sie sicher
tausendmal klüger war als ich. Ich schnappte mir ein Heft
und las:

Vor langer Zeit lebte einmal eine Frau, die ungeheuer faul
war. Sie war hässlich, fett und reich. Eines Tages
beschloss sie einkaufen zu gehen. Als sie vor dem Laden
stand, passte sie nicht durch die Tür. Sie dachte, das sie
abnehmen müsste, und dann hatte es auch keinen Zweck,
Süßigkeiten oder Lebensmittel zu kaufen. Sie hatte keinen
Mann und lebte ganz allein. Eines Tages wollte sie in die
Stadt gehen und feststellen, ob sie schon abgenommen
hätte. In der Stadt sah sie einen Mann, der ihr so richtig
gut gefiel. »Kennen Sie den Weg zum Goldschmied?«,
fragte sie.

»Ja«, sagte der Mann. Dann erklärte er ihr den Weg.


»Tausend Dank für Ihre Hilfe«, sagte sie und ging
zufrieden ihrer Wege. Auf diese Weise kam sie zum
Goldschmied und kaufte sich ein Schmuckstück. Danach
lebte sie glücklich allein weiter. Sie war noch genauso fett,
genauso reich, genauso hässlich und genauso faul. Und
ihr Haus war schmutzig. Da kam eine Maus und das
Märchen ist aus.

»Ja«, sagte Bibbi Bokken. »So kann’s gehen.«


Berit stand vor einem Regal und lachte.

164
Es spukt in der Kuventræ-Schule, sagte sie und las vor:
Ich und Thomas gingen in die Klasse. Da war niemand
zu sehen, aber wir hörten, dass ein Stuhl bewegt wurde.
Und wir hörten Schritte, aber Thomas trat einfach los und
er spürte, dass er getroffen hatte und ein Fenster
zerbrach. Wir hatten den Stuhl für unsichtbar gehalten,
aber es war eine Falle, die Grete uns gestellt hatte.

Bibbi Bokken nickte tiefsinnig.


»Grete scheint ein Mädchen mit viel Fantasie zu sein«,
sagte sie.
Wir schwiegen. Berit las dann eine Geschichte über
einen Jungen namens Arne vor, der mit einem Drachen ein
Wettlesen veranstaltet.
Ich hielt ein Blatt Papier in der Hand. Es schien aus
einem Buch herausgerissen worden zu sein. Und auf dem
Blatt stand:

Hier in unserem Sommerspaß genießen wir ein Colaglas,


Nils und Berit, das sind wir, verbringen unsre Ferien hier.
Hier oben ist es wunderschön, wir mögen gar nicht wieder
gehn.

»Hast du das aus dem Gästebuch gerissen?«, fragte ich.


Bibbi Bokken wurde rot, aber nur ganz wenig.

»Ein relativ geringes Verbrechen«, sagte sie.


Berit hatte Arne und den Drachen wieder in den Ordner
gesteckt. Jetzt kam sie zu uns herüber.
»Das hier ist vielleicht noch nicht ganz fertig«, sagte sie.

165
»Nein«, sagte Bibbi Bokken. »Das ist nur die Einleitung.
Denn als ihr dann gegangen seid, hat es wirklich
angefangen, nicht wahr?«
Ich hatte plötzlich das Gefühl, fast etwas zu verstehen,
was mir noch nicht ganz aufgegangen war. Ich sagte das
Erste, was mir einfiel. Und das ist oft das Klügste.
»Wir haben Bibbi Bokkens magische Bibliothek
gesehen. Jetzt will ich das Buch über Bibbi Bokkens
magische Bibliothek sehen.«
»Dann komm mit«, sagte Bibbi Bokken.

Ich beugte mich über das Gedicht, das Nils und ich ins
Gästebuch der Hütte geschrieben hatten. Warum hatte
Bibbi Bokken es herausgerissen? Weil sie sich dafür
interessierte, was junge Menschen schreiben? Oder hatte
sie noch ein anderes Ziel verfolgt? Ich hatte das eitle
Gefühl, dass sie bestimmt ausführlich über unser Gedicht
nachgedacht hatte. Deshalb sagte ich:
»Es ist vielleicht noch nicht ganz fertig …«
Sie blieb stehen und schaute auf mich herunter. Sie
schien zu denken: Na los, Berit. Dann sagte sie:
»Nein, das ist nur die Einleitung. Denn als ihr dann
gegangen seid, hat es wirklich angefangen, nicht wahr?«
Und in gewisser Weise stimmte das ja auch. Denn
danach war Nils nach Hause gefahren und Billie Holiday
hatte vorgeschlagen, dass wir ein Briefbuch schreiben und
es zwischen Oslo und Fjærland hin- und herschicken
könnten.
Wir folgten Bibbi aus der magischen Bibliothek, wo es
nur so wimmelte von halb fertigen Geschichten und
Gedichten, die Kinder geschrieben hatten.
Als wir durch den Schrank das andere Zimmer betraten,

166
schaute Mario Bresani fröhlich zu uns hoch. Er warf einen
Blick auf das Buch, das Nils in der Hand hielt, und sagte:
»Il momento di verita!«
Dann ging er hinter uns her die Wendeltreppe zum
Wohnzimmer hoch.
»Was hat er gesagt?«
»Er hat gesagt, dass wir uns dem Augenblick der
Wahrheit nähern«, sagte Bibbi Bokken lächelnd.
Dem Augenblick der Wahrheit, dachte ich. Hatte ich
nicht etwas Ähnliches gesagt?
Oben hatte Bibbi den großen Tisch mit Tellern,
Kaffeetassen und Cola gedeckt. In der Mitte standen ein
halber Mandelkranz und eine große Schüssel mit selbst
gebackenen Rosinenbrötchen.
Nils hatte offenbar Hunger, denn er setzte sich sofort an
den Tisch. Sicherheitshalber legte er das Briefbuch unter
seine Untertasse. Hatte er denn noch immer Angst, es
könnte gestohlen werden? Oder hatte er Angst, Bibbi
Bokken könnte plötzlich ihre zehn Kronen zurückfordern?
»Dann lasst uns doch alle Platz nehmen«, sagte Bibbi
Bokken. »Bitte, greift zu.«
Gleich darauf schien ihr auf dem Tisch etwas aufzufallen
und dabei handelte es sich nicht um das Briefbuch unter
Nils’ Untertasse.
»Seltsam«, sagte sie. »Ich war ganz sicher, dass es viel
mehr Rosinenbrötchen waren …«
Ich fühlte mich nicht angesprochen, denn Bibbi Bokken
hatte den Tisch gedeckt, nachdem Nils und ich in die
Bibliothek gegangen waren.
Sie ging in die Küche und holte die Kaffeekanne. Als sie
sich gesetzt hatte, biss Nils erst in ein Brötchen. Dann
sagte er:

167
»Leckere Brötchen, Bibbi! Aber wenn das hier der
›Augenblick der Wahrheit‹ sein soll, dann könnten wir uns
vielleicht auch das schöne Buch ansehen, das nächstes
Jahr erscheinen wird.«
Bibbi lachte und auch Mario Bresani stimmte ein. Ich
lachte nicht, denn jetzt hatte ich alles verstanden. Ich
konnte nur nicht begreifen, wie sie das geschafft hatte …
Sie schaute zu Mario Bresani hinüber und schnippte mit
den Fingern. Der schweigsame Italiener schob langsam
eine Hand in seine Jackentasche. Dann legte er zwischen
Nils und mich ein winzig kleines Buch. Es war kaum
größer als eine Streichholzschachtel, hatte ein Bild von
einem roten Löwen auf dem Deckel und sah sehr alt aus.
Auf dem Umschlag stand in fast unlesbaren Buchstaben
etwas gedruckt:
»Almanach«, las ich.
Bibbi Bokken nickte.
Nils’ Augen sahen aus, als könnten sie jederzeit über den
Tisch kullern.
»Ist das das Buch über die magische Bibliothek?«, fragte
er.
Bibbi amüsierte sich.
»Dieser alte Almanach wurde herausgegeben, als es
noch längst keine Bibbi Bokken gab. Es ist ein Kalender
aus dem 17. Jahrhundert. Im kommenden Jahr ist es genau
dreihundertfünfzig Jahre her, dass er gedruckt wurde …«
»Das Buchjahr!«, rief ich. »Wo Königin Sonja als
Schirmherrin fungiert. Der Almanach war das allererste
Buch, das in Norwegen gedruckt worden ist.«
Bibbi strahlte:
»Das hast du also auch gewusst, Berit?«
Ich zuckte mit den Schultern.

168
»Ich kenne einen Schriftsteller«, sagte ich. »Der weiß,
wo solche Hunde begraben sind.«
Nils hatte das Büchlein an sich gerissen und blätterte
jetzt darin herum. Er hatte den ganzen Mund voller
Rosinenbrötchen, als er sagte:
»Das ist ein Hexenbuch, Berit. Ganz sicher! Es enthält
solche geheimnisvollen Zeichen … alte Symbole für
Sterne und Planeten …«
Er beugte sich über das Buch und versuchte die alten
Buchstaben zu lesen.
»Welcher träumbt oder vernimbt, dasz ein Zahn fällt
heraus, verlieret in Wahrheit ein gutten Freund …«
Er schaute mich an und nickte energisch:
»Ein Hexenbuch, ja.«
Er schien jeden Moment aufspringen und davonstürzen
zu wollen. Aber Bibbi sagte:
»Oder eben ein alter Almanach. Und du hast schon
Recht, er besteht aus einer wüsten Mischung von
Wissenschaft und altem Aberglauben. Aber er ist ja auch
dreihundertfünfzig Jahre alt.«
Nils war nicht zufrieden. Seine Gesichtsfarbe erinnerte
jetzt an die roten Tomaten, die ein wenig früher an diesem
Abend in den Speisesaal des Hotels gerollt waren.
»Dann kannst du uns vielleicht erzählen, was dieses
Buch mit Berit und mir zu tun hat«, sagte er. »Oder auch
mit der magischen Bibliothek überhaupt.«
Mario Bresani warf Bibbi einen strengen Blick zu.
»Vuota il sacco!«, sagte er.
Ich schaute zu ihr hoch.
»Er sagt, ich soll auspacken«, erklärte sie.
»Genau«, rief Nils.

169
Er war jetzt gewissermaßen nicht mehr Hauptkommissar
Torgersen von der Detektei Bøyum & Bøyum. Jetzt war er
nur noch Nils.
»Ich will jetzt sofort eine Antwort«, sagte er. »Sonst
gehe ich ins Hotel und rede mit Smiley. Gibt es ein Buch
über Bibbi Bokkens magische Bibliothek oder gibt es das
nicht?«
Ich lachte. Und Bibbi Bokken lachte auch.
»Das liegt unter deiner Untertasse, Nils«, sagte sie.
Nils’ Gesicht war wie eine einzige lange Pantomime.
Ich konnte nur ahnen, welche Gedanken und Fragen ihm
durch den Kopf gingen. Am Ende sagte er:
»Jetzt komme ich so langsam …«
»Darf ich das Buch mal sehen?«, fragte Bibbi Bokken.
»Ihr könnt euch doch sicher denken, dass ich sehr
neugierig bin.«
Nils sah mich an. Ich nickte.
Dann hob er seine Untertasse hoch und schob Bibbi
Bokken das Briefbuch hin. Sie lächelte breit und fing
sofort an zu blättern. Nils nahm sich noch ein
Rosinenbrötchen, obwohl doch noch ein halbes auf seinem
Teller lag. Ich fing an, mit Mario Bresani zu flirten. Er
nickte zu Nils hinüber und flüsterte:
»Molto temperamento!«
Und da konnte ich ihm ja nur zustimmen.
Erst nach einer ganzen Zeit meldete sich Nils wieder zu
Wort. Er hatte offenbar gründlich nachgedacht.
»Und das Briefbuch … das wird also nächstes Jahr
veröffentlicht?«
Bibbi nickte und jetzt drehte mein armer Vetter richtig
durch. Er keuchte auf:

170
»Wir … wir haben zusammen ein Buch geschrieben,
Berit! Wir haben eine ganze Geschichte gedichtet.«
»Über Bibbi Bokkens magische Bibliothek«, sagte ich.
»So soll es heißen.«
Er aber kam auf einen neuen Gedanken:
»Aber was hat unser Briefbuch mit diesem alten
Almanach zu tun?«
Bibbi Bokken erhob sich und nahm von einer Kommode
eine dünne Pfeife. Die stopfte sie und zündete sie mit
einem Streichholz an. Während sie noch mitten im
Zimmer stand und dicke Qualmwolken blies, sagte sie:
»Das ist eine lange Geschichte … die wie gesagt vor
dreihundertfünfzig Jahren begann, als dieser alte
Almanach als allererstes norwegisches Buch in Christiania
gedruckt wurde. Findet ihr nicht, dass das ein Grund zum
Feiern ist?«
»Von mir aus gern«, sagte Nils. »Ich begreife bloß nicht,
was das mit Berit und mir zu tun hat.«
Bibbi Bokken erzählte weiter: »Vor einigen Monaten
kam eine Anfrage vom Organisationskomitee für das
norwegische Buchjahr. Sie wollten ein Buch haben, das
gratis an alle sechsten Klassen in Norwegen verteilt wird.
Und sie fragten, ob ich mir wohl vorstellen könnte, ein
solches Buch zu schreiben.«
Nils zuckte nur mit den Schultern und die Pfeife
rauchende Frau in dem roten Kleid redete weiter. Jetzt lief
sie im Raum hin und her.
»Ich sagte zu«, erzählte sie. »Aber ich hielt es für eine
bessere Idee, dieses Buch von jungen Menschen schreiben
zu lassen. Und als ich euer Gedicht im Gästebuch der
Flatbrehütte sah, beschloss ich, mit euch einen Versuch zu
machen. Euer Gedicht hat mir wirklich gefallen.«

171
Mario Bresani nickte energisch – und dabei hatte er doch
das, was Bibbi gesagt hatte, weder gehört noch gesehen.
»›Mit uns einen Versuch zu machen‹?«, äffte ich sie
nach.
»Aber wie denn? Ich verstehe einfach nicht, wie du uns
dazu gebracht hast.«
Bibbi Bokken ging zum Tisch und hob das Buch mit
dem Bild des Sognefjords hoch. Dann sagte sie:
»Hier liegt die ganze Erklärung. Wenn ich es richtig
verstanden habe, habt ihr die ganze Geschichte schon
selber fast aufgeklärt.«
Danach las sie laut aus dem Briefbuch vor, während sie
darin herumblätterte.
»Schön, dass wir uns in diesem Sommer gesehen haben.
Das war wirklich toll … Kannst du dich an diese seltsame
Frau erinnern? Die mit den Telleraugen und dem
zerfetzten Buch in der Handtasche? … dass sie in mir las
wie in einem offenen Buch …«
Sie schaute zu Nils hinüber und sagte:
»Gut gemacht, Nils. Das ist der eigentliche Einstieg.
Und nun zu Berit …«
Sie beugte sich wieder über das Briefbuch und las einige
Sätze vor.
»Als sie die Haustür aufschloss, flatterte plötzlich etwas
aus ihrer Handtasche … Ich habe einen kleinen
Briefumschlag an mich gerissen und mich dann wieder
hinter die Mauer fallen lassen …«
Wieder schaute Bibbi hoch – und las weiter:
»Und dann kommt der Brief von Siri. ›Liebe Bibbi, ich
bin den ganzen Vormittag durch die Stadt gewandert, aber
dieses seltsame Antiquariat kann ich einfach nicht
wiederfinden … Der Einband zeigte ein Bild von einigen

172
hohen Bergen … Wichtig ist, wann das Buch in Oslo
erschienen ist! Irgendwann im nächsten Jahr also …
Dieser eine Band ist kostbarer als die allerwertvollste
Inkunabel …‹«
Ich setzte mich gerade.
»Herr Bresani hat also bei allem mitgemacht? Er hat
versucht, Siri einzureden, er hätte ein Buch, das erst im
nächsten Jahr erscheint?«
Bibbi Bokken blieb einfach stehen und starrte mir in die
Augen. Dann sagte sie:
»Siri?«
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, denn jetzt
begann mir langsam etwas aufzugehen.
Was, wenn es gar keine Siri gab? Was, wenn dieser
Brief eine Fälschung war? Dann waren wir wirklich auf
den Leim gekrochen …
»Du meinst, es gibt gar keine Siri?«, fragte ich. »Und
nicht sie hat den Brief geschrieben, den du aus deiner
Handtasche verloren hast?«
Sie starrte mich noch immer an.
»Verloren?«
Ich hätte nicht mehr sagen müssen, denn selbst Nils
stöhnte jetzt laut. Trotzdem sagte ich:
»Ich glaube, du hast auch hinten Augen.«
Sie lächelte viel sagend.
»Wer viele Bücher gelesen hat, entwickelt an den
seltsamsten Stellen Augen.«
Nils stellte seine Colaflasche ein wenig härter auf den
Tisch, als es unbedingt nötig gewesen wäre. Er schüttelte
den Kopf und sagte:
»Das ergibt doch keinen Sinn!«

173
Bibbi drehte sich zu ihm um und Nils erklärte:
»Du hast gesehen, wie wir das Gedicht in das Gästebuch
schrieben. Aber das war uns die ganze Zeit über bekannt.
Dabei hast du uns also nicht ausgetrickst. Dann habe ich in
Sogndal ein Poesiealbum gekauft und ich habe durchaus
nicht vergessen, dass ich dir einen Zehner schulde. Aber
dass Berit und ich das Buch als Briefbuch benutzen
sollten, war nicht deine Idee.«
Bibbi Bokken blies einige Rauchringe über den Tisch.
»Wessen Idee war es also?«
Ich holte tief Luft und schlug mir eine Hand vor den
Mund.
»Billie Holidays«, flüsterte ich.
Bibbi schnalzte zufrieden mit der Zunge.
»Erfinderische Dame.«
»Oder hast du …«
»Sie auf die Idee gebracht? Ja. Ich habe ihr eine Idee
eingepflanzt. Manchmal blühen dann solche Ideen –
manchmal auch nicht.«
»Pfui Spinne!«, rief ich.
Bibbi erzählte weiter:
»Billie und ich begegnen uns manchmal auf der Post. Ab
und zu reden wir dann ein bisschen. Ich glaube, sie staunte
darüber, dass ich so viele Pakete aus Italien bekomme.«
Nils räusperte sich. Ich glaube, das Stichwort war Italien.
»Und natürlich hast du das Gedicht an das Hotel in Rom
geschickt … um mich ins Antiquariat zu locken. Aber
woher hast du gewusst, dass ich nach Rom fahren würde?«
»Ich habe eben auch hinten Augen, Nils. Ich habe fast
überall Augen. Bücher lesen macht klug.«
»Sicher, sicher«, sagte Nils. »Falls wir hier nicht lieber

174
von Spionage reden wollen. Denn nicht du hast mich nach
Rom geschickt.«
»O doch!«
Nils sprang auf.
»Unfug!«, sagte er. »Wir sind nach Rom gefahren, weil
meine Mutter bei einem blödsinnigen Wettbewerb eine
Romreise gewonnen hatte. Du weißt vielleicht nicht, dass
sie Schriftstellerin ist und …«
Bibbi Bokken blieb stehen und schaute vor sich hin.
Dann sagte sie:
»Erinnerst du dich an Rom, mein Geliebter? An
Petersdom, Kolosseum, Pantheon, die Spanische Treppe
und die Piazza Navona? Oder hast du alles vergessen? Ist
unsere Liebe vergilbt …«
»Das reicht«, seufzte Nils. »Soll Berit doch versuchen,
der Sache auf den Grund zu gehen, ich gebe auf. Diese
Geschichte ist nämlich noch nicht gedruckt worden.«
Ich schaute sie an.
»Du arbeitest nicht zufällig auch für diese Illustrierte?«,
fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf.
»Aber bei diesem Preisausschreiben war ich in der Jury.
Es ist wichtig, dass die Leute schreiben, Berit! Frau
Bøyums Geschichte war auch nicht schlechter als die
anderen … deshalb hat sie gewonnen. Ich fand es toll und
als ich dann hörte, dass die Familie nach Rom fahren
würde, habe ich mich gleich nach dem Hotel erkundigt.
Nils bekam mein Gedicht und hat den Weg zu Mario
gefunden. Und der hat Nils die Bögen gegeben, die er
nach Norwegen mitnehmen sollte. Er sollte ihn eigentlich
in seinem schönen Antiquariat herumführen … um ihm
Stoff zum Schreiben zu geben. Aber ich weiß ja, dass das

175
nicht geklappt hat …«
Nils schaute sie an und sagte:
»Wegen eines gewissen Marcus Buur Hansen …«
Erst nickte sie. Dann schüttelte sie energisch den Kopf
und vollendete Nils’ Satz:
»… der für das Buchjahr offenbar ganz andere Pläne hat
als wir.«
Sie hatte inzwischen mehrere Male auf die Uhr geschaut.
Jetzt tat sie es wieder. Sie beugte sich zu dem tauben
Italiener vor und sagte:
»Tazze e piattini, per favore.«
Er erhob sich und ging in die Küche. Bibbi ging zur
Kommode und streifte Asche von ihrer Pfeife. Dann
versuchte sie alles zusammenzufassen:
»Mir waren zwei Kinder aufgefallen, die in der
Flatbrehütte ein witziges Gedicht geschrieben hatten.
Danach brachte ich Billie auf die Idee, dass ihr beiden
euch vielleicht gegenseitig Briefe schreiben könntet, die
zwischen Oslo und Fjærland hin- und hergeschickt
würden. Als ich im Buchladen Nils getroffen habe, fand
ich, ich könnte mich an den Ausgaben beteiligen. Na ja –
ich habe wohl durchaus auch die Geheimnisvolle gespielt,
damit ihr etwas hattet, worüber ihr schreiben konntet. Ich
habe mich zum Beispiel auf die Fähre gesetzt und von
Deweys Dezimalklassifikation geschwärmt. Ihr solltet
doch auf die Spur gebracht werden. Den Brief von Siri
habe ich auf einer anderen Fährtour geschrieben und ich
hatte das Gefühl, dass mir auf dem ganzen Weg durch
Mundsdalen etwas in den Nacken hauchte. Ansonsten ist
es leicht, Dinge aus einer Handtasche zu verlieren, wenn
man gerade eine Haustür aufschließt. Ein andermal lässt
man dann vielleicht die Tür offen stehen – damit
ungebetene Gäste nicht einbrechen müssen. Wenn es doch
176
nichts zu finden gibt, meine ich. Aber ich hätte natürlich
unter dem Sofa etwas gründlicher Staub saugen sollen, das
schon. Das ist aber auch schon alles. Das Buch über Bibbi
Bokkens magische Bibliothek habt ihr selber geschrieben.
Ich habe nur in der Nacht einige Laternen angezündet und
schon flogen die beiden Nachtschwärmer ins Licht. Und
…«
Ich fiel ihr ins Wort.
»Das war ziemlich unverschämt. Du hast uns doch die
ganze Zeit an der Nase herumgeführt.«
Entweder war sie jetzt sauer oder sie stellte sich nur so.
Bei Bibbi Bokken war das nicht leicht zu entscheiden.
Sie sagte:
»Ist es nicht auch ein wenig unverschämt, hinter einem
alten Bibliothekar herzuspionieren, der … ein wenig
anders ist? Oder gemeine Geschichten über Mord und
Verbrechen zu schreiben?«
Mario kam aus der Küche und stellte zwei Tassen und
zwei Untertassen auf den Tisch. Gleich darauf läutete es
an der Haustür.
Nils fuhr zusammen.
»Smiley!«, sagte er.
Bibbi Bokken lief in die Diele und riss die Tür auf. Ich
sah zwei nicht mehr ganz junge Menschen, die ich
garantiert noch nie gesehen hatte.
Ich drehte mich zu Nils um – und in diesem Moment
wurde er im Gesicht kreideweiß und ratschte von seinem
Stuhl. Seine Augen waren groß und blank wie Fünf-
kronenstücke.
»Setz dich wieder hin«, sagte ich streng – fast so streng,
wie seine Mutter es gesagt hätte.
Dann flüsterte ich:

177
»Weißt du, wer das ist?«
Er nickte verwirrt. Mir fiel ein, dass er nun schon zum
zweiten Mal an diesem Tag Menschen erkannte, die mir in
meinem Leben noch nicht begegnet waren.
»Das sind Aslaug und Reinert Bruun«, stöhnte er. In
diesem Moment fiel mir das Lehrerehepaar ein, das mit
der letzten Fähre im Hotel erwartet wurde. Und nun
stöhnte auch ich.

Bald standen die beiden im Wohnzimmer.


»Wie nett, dich zu sehen, Nils! Bist wohl auf
Herbstferien, wie mir scheint …«
»Und du musst Berit sein. Nett, dich kennen zu lernen.«
»Wohl bekomm’s«, sagte ich.
Einen Moment fragte ich mich, ob Nils vielleicht Recht
haben könnte mit seiner wilden Theorie, dass sie sich
allesamt in einer religiösen Sekte kennen gelernt hatten,
die die Fantasie von Kindern missbrauchen und für ihre
verrückten Zwecke ausnutzen wollte.
Bald saßen wir zu sechst um den Tisch. Bibbi hatte noch
eine Kanne Kaffee gekocht. Sie holte auch die zweite
Hälfte des Mandelkranzes und Mario Bresani brachte neue
Cola.
»Ich bin ganz sicher, dass ich viel mehr Rosinenbrötchen
gebacken habe«, sagte Bibbi Bokken zu sich.
Ich glaube nicht, dass außer mir noch jemand es gehört
hatte. Und nun kam ich auf einen Gedanken: Wollte sie
damit sagen, dass ungebetene Gäste im Haus gewesen
waren? Natürlich wollte sie das. Während wir uns unten in
der magischen Bibliothek aufgehalten hatten, hatte Smiley
hier oben vielleicht das Haus nach dem Briefbuch
durchwühlt. Aber was hatte er damit vor? Und wieso

178
glaubte Bibbi Bokken, Smiley habe für das Buchjahr
andere Pläne als sie?
Als wir endlich alle Nettigkeiten ausgetauscht hatten,
fragte Nils ganz offen:
»Ist das hier eine Verschwörung?«
Diese Frage brachte alle zum Lachen, abgesehen von
Nils und mir. Am allerherzlichsten lachte der taube Mann,
der Nils’ Frage nicht verstanden hatte. Aber es ist ja
durchaus möglich, über ein verwirrtes Gesicht zu lachen,
auch wenn man nicht hören kann, welche verwirrten
Reden aus seinem Mund kommen.
»Lacht ihr nur«, sagte Nils. »Aber wenn das hier eine
Verschwörung ist, dann werde ich die ganze Geschichte
unserem Schulleiter melden.«
Wieder lachten die andern.
»Wenn überhaupt, dann muss es eine Rosinen-
brötchenverschwörung sein«, sagte Aslaug. »Es ist ja noch
gar nicht lange her, dass wir zuletzt zusammen Rosinen-
brötchen gegessen haben. Viel gemütlicher, als im Café
Skalken zu sitzen …«
Nils fand das alles überhaupt nicht komisch. Er tat mir
ein wenig Leid, deshalb wollte ich ihm helfen, indem ich
Bibbi Bokken eine Frage stellte:
»Hat Nils’ Lehrer auch etwas mit diesem ›Buchjahr‹ zu
tun?«
»Eigentlich nicht«, sagte sie. »Aber Nils hat doch einen
witzigen Aufsatz geschrieben und da …«
Haben Lehrer denn keine Schweigepflicht, fragte ich
mich. Sie dürfen doch wohl nicht aller Welt die Aufsätze
ihrer Schüler zeigen?
Reinert Bruun räusperte sich.
»Nils ist ein Junge mit sehr viel Fantasie. Im Herbst hat

179
er einen … na ja … fantasievollen Aufsatz abgeliefert, der
von einer gewissen Bibbi Bokken handelte. Ich wusste,
dass diese Bibbi Bokken früher mit Aslaug zusammen auf
der Universität gewesen war. Aslaug hatte den Namen ab
und zu erwähnt. Ich habe meiner Frau den Aufsatz gezeigt
… und das war dann eigentlich alles.«
»Aber ich hatte Bibbi schon sehr lange nicht mehr
getroffen«, fügte Aslaug jetzt hinzu. »Nils’ Aufsatz hat
dann dafür gesorgt, dass ich mich ans Telefon gesetzt
habe. Ich wollte sie fragen, ob sie eine Ahnung hätte,
woher einer von Reinerts Schülern ihren Namen kennen
und sogar in einem Aufsatz schreiben kann, dass sie … na
ja, dass sie nach Fjærland umgezogen ist.«
»Ich habe wirklich gelacht«, gab Bibbi zu. »Ich habe
sicher auch einige Worte über das Buchprojekt verloren.
Ich glaube, ich habe vorgeschlagen, dass du Nils einmal
einlädst … und mit ihm ein wenig über das Schreiben
redest.«
Aslaug sah Nils an und sagte:
»Und als du dann angerufen hast und dich mit mir im
Café treffen wolltest, fand ich, ich müsste Bibbi zu Liebe
hingehen. Sie war so ungeheuer gespannt darauf, was ihr
alles machtet.«
Nils glotzte.
»Dann war es zumindest eine Mini-Verschwörung«,
sagte er.
Seine Laune schien sich jetzt zu bessern. Vielleicht, weil
er das Gefühl hatte, sein eigenes Leben wieder zu
begreifen. Das hielt jedoch nicht lange vor, denn jetzt kam
er auf einen ganz neuen Gedanken.
»Aber da ist doch noch einer«, sagte er.
Ich glaube, Bibbi Bokken hatte als Einzige verstanden,

180
an wen er dachte. Er sagte:
»Und zwar ein unheimlicher Typ, der in diesem Herbst
überall aufgetaucht ist, wo ich auch war. Er war auch zu
Hause bei Aslaug und Reinert – und heißt Markus
›Smiley‹ Buur Hansen. Ist er auch an diesem ›Buchjahr‹
beteiligt? Dann steige ich aus.«
Alle am Tisch verstummten.
»U. A. w. g. – um Antwort wird gebeten«, sagte Nils.
Zum ersten Mal an diesem Abend machte Bibbi Bokken
ein besorgtes Gesicht.
»Leider«, sagte sie. »Leider haben sie gerade diesen
Mann zu einer Art Verkaufsleiter für das Buchjahr
ernannt. Ich verstehe nicht, warum …«
Viel mehr wurde nicht gesagt. Aber wir redeten noch
eine Weile über das Briefbuch, das Nils und ich
geschrieben hatten. Bibbi, Aslaug und Reinert mussten es
der Reihe nach lesen. Und sie ließen es nicht an
Lobesworten fehlen.
Bibbi sagte, dass wir am folgenden Morgen mit dem
Buch nach Oslo fahren würden. Der Verlag hatte die Reise
schon bezahlt. Und für das Buch würden wir einen Haufen
Geld bekommen, wir hatten es ja schließlich geschrieben –
auch wenn Bibbi Bokken uns den Stoff geliefert hatte.
»Aber es ist noch nicht ganz fertig«, sagte sie
schließlich.
»In Oslo müsst ihr noch die Lösung des Rätsels
dazuschreiben. Wenn nicht, enttäuscht ihr euer Publikum
zu sehr. Erst, wenn ihr die Lösung habt, seid ihr am Ziel.
Und das Ziel ist die Geschichte über den Weg zum Ziel.«

Kaum hatte sie das gesagt, da hörten wir aus dem


Stockwerk über uns ein seltsames Scheppern. Alle außer

181
Mario Bresani zuckten zusammen. Bibbi Bokken drehte
sich zu mir um und sagte:
»Genau das hatte ich befürchtet. Ich zähle schließlich
immer, wie viele Rosinenbrötchen ich backe.«
Ich nickte.
»Er hatte ja keine Zeit, im Hotel zu essen.«
Bibbi Bokken rannte die Treppe hoch. Nils sah mich an
und flüsterte:
»Smiley?«
Aus dem ersten Stockwerk hörten wir wütende Stimmen:
»Das geht nun wirklich zu weit, Marcus! Ich glaube, ich
werde dich wegen Diebstahls anzeigen.«
»Tu das. Aber ich will dieses Buch haben und ich will es
jetzt!«
»Unsinn!«
»Du glaubst doch wohl kein Wort von dem, was sie
geschrieben haben? Mich haben sie als Schurken
hingestellt!«
»Ja, sie verfügen über eine scharfe Beobachtungsgabe.«
Es hörte sich fast an, als fielen sie beide die Treppe
hinunter. Als sie in der Diele standen, schaute Smiley nur
kurz ins Wohnzimmer und jetzt lächelte er nicht. Als er
das Briefbuch auf dem Tisch sah, sagte er:
»Da liegt es ja!«
Reinert bedeckte das Buch mit der Hand und Aslaug
wandte sich ab. Es war ganz deutlich, dass wir sechs
gegen einen waren. Vielleicht wagte Nils deshalb
aufzuspringen und zu sagen:
»Und nicht Bibbi hat es aus deinem Zimmer geholt,
Smiley. Sondern ich. Ich saß auf dem Balkon, als du sie
angerufen hast. Ich … hm … hätte mich fast totgelacht.«

182
Smiley starrte anklagend auf Bibbi Bokken. Er sah aus,
als wäre er um ein ganzes Sonnensystem betrogen worden.
Sie nickte.
»Und es war ja schließlich sein Buch. Würdest du jetzt
freundlicherweise dieses Haus verlassen?«
Er machte auf dem Absatz kehrt und stürzte davon. Aber
vorher sagte er noch schnell:
»Das wirst du bereuen, Bibbi.«
Als er die Tür hinter sich ins Schloss geknallt hatte und
Bibbi Bokken wieder im Zimmer stand, lächelte sie übers
ganze Gesicht.
»Dieser Mann hat von Anfang an gegen das
Jubiläumsbuch gearbeitet«, sagte sie.
Bald darauf wanderten alle, die im Hotel wohnten, durch
Mundalsdalen. Und das waren alle außer Bibbi Bokken.
Als wir gehen wollten, sagte sie noch ungeheuer viel auf
Italienisch zu Mario Bresani. Aber so wie Aschenbrödels
Zauber um Mitternacht verflogen war, hatte ich plötzlich
die Fähigkeit verloren, diese Sprache zu verstehen.
Das Gewitter war vorübergezogen. Zwischen den hohen
Bergen funkelten die Sterne und wir konnten weit in den
Weltraum blicken.
Auf diesem Planeten wurde einst ein Almanach
gedruckt.

Ich beneidete Berit nicht um die Aufgabe, des Rätsels


Lösung schreiben zu müssen. Wir hatten kein Tonband
oder so und Bibbi Bokken hatte uns nicht wenige Fäden
aufgeriffelt. Aber wir fanden beide, dass Berit das
übernehmen müsste. Sie hat ihre Gedanken einfach besser
im Griff als ich. Außerdem ist Bibbi eine großartige
Lektorin. Eine Lektorin hat die Aufgabe, zu kritisieren,

183
anzuleiten und den Autoren knifflige Fragen zu stellen.
Das haben wir gelernt. Wir arbeiten jetzt nämlich in der
Buchbranche.
Aber einen wichtigen Faden hat sie mir überlassen.
Dieser Faden heißt Marcus »Smiley« Buur Hansen und
von ihm haben wir keine Hilfe zu erwarten. Er ist nämlich
der Schurke in diesem Buch und Schurken sind meine
Spezialität. Also weiterlesen!

Ich hatte ziemliche Angst, als wir zum Hotel


hinuntergingen. Schließlich hatte ich das Briefbuch bei
mir und ich war mir sicher, dass Smiley schon wusste, auf
welchem Zimmer ich wohnte, und dass er nur darauf
wartete, dass ich allein wäre, um sich dann über mich
herzumachen und das Buch noch einmal zu stehlen. Ich
spielte mit dem Gedanken, es Berit zu geben, aber das
wollte ich dann doch nicht. Meine Probleme wehrlosen
Frauen (Mädchen) zu überlassen, ist nicht meine Art.
Ich ließ mir nichts anmerken und kam mir ebenso tapfer
vor wie Ferkel, als Eules Haus vom Sturm umgeweht
wurde und das ängstliche kleine Schwein an dem dünnen
Bindfaden zum Briefschlitz hochkletterte, um Hilfe zu
holen.
Als wir in der Rezeption standen und Reinert und Aslaug
Bruun Gute Nacht gesagt hatten, fiel mir auf, dass die
Nachtwache Berit anstarrte wie eine Hotelterroristin, aber
sie sagte nichts. Ich bat um meinen Schlüssel und
überlegte mir einen ziemlich guten Schluss für unser
Buch:
»Der junge Held, Nils Bøyum Torgersen, kommt bei
dem heroischen Versuch ums Leben, das Buch zu retten,
an dem er selber mitgeschrieben hat. Ohne an seine eigene
Sicherheit zu denken, opfert er sich für die

184
Meinungsfreiheit.«
Ich lugte zu Berit und Bresani hinüber und Bresani
gestikulierte eifrig und zeigte dabei auf mich. Für einen
verzweifelten Moment fragte ich mich, ob das auch
geplant sein könnte. Vielleicht versuchte Bresani, Berit zu
erklären, dass es ein wunderbarer Buchschluss wäre, wenn
eine der Hauptpersonen im Kampf gegen den Schurken
ums Leben käme. Aber dann fiel mir ein, dass es ja kein
Buch geben würde, wenn Smiley es in die Finger kriegte.
Jedenfalls kein Buch mit Smiley als Schurken.
Ich lächelte schwach und wollte gerade den Schlüssel
nehmen, um die Treppe hochzugehen und mich meinem
düsteren Schicksal zu stellen, als Berit sagte:
»Du darfst nicht mit dem Briefbuch auf dein Zimmer
gehen. Denn dann kommt sicher Smiley. Er weiß ganz
bestimmt, wo du wohnst.«
»Ich habe schon mit schlimmeren Gespenstern
gekämpft«, sagte ich und merkte, dass ich zitterte.
Berit lachte.
»Du bist von innen aber gar nicht so hart wie von außen,
stimmt’s, Nilschen?«
Sie hatte mich durchschaut. Mädchen tun das häufiger.
»Was also soll ich machen?«, fragte ich leicht verärgert.
»Du sollst mit Mario Zimmer tauschen.«
Sie hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als
mir auch schon aufging, dass dieser Plan ebenso einfach
wie genial war. Wenn Smiley angeschlichen käme, um das
Briefbuch zu holen, würde er im Bett keinen kleinen
norwegischen Jungen finden, sondern einen kleinen
italienisehen Mann. Aber wenn er im Bett des kleinen
norwegischen Jungen einen kleinen italienischen Mann
fand, was sollte dann aus dem kleinen …

185
»Und was ist mit Mario?«, fragte ich.
Er schaute meinen Mund an. Denn obwohl Mario
Bresani kein Norwegisch sprechen konnte, war doch klar,
dass er mehrere Sprachen »las«, nicht nur Italienisch.
Plötzlich streckte er die Hand nach mir aus und im
nächsten Moment schien ich zu fliegen. Ich legte einen
eleganten Salto mortale hin, der von Mario Bresanis
behaartem Arm kontrolliert wurde.
Ich war sicher, dass ich mit der Nase auf den Boden
knallen würde, aber er fing mich elegant mit beiden
Armen auf. Und da lag ich dann wie ein kleines Kind. Es
war ein bisschen peinlich.
Er stellte mich wieder auf den Boden und lächelte mit
kreideweißen Zähnen.
»Judo«, sagte er.
Ich war erschüttert und erleichtert zugleich. Wir
tauschten Schlüssel und Gepäck. Ich sagte Berit Gute
Nacht, ging aufs Zimmer und war fast sofort
eingeschlafen.
Ich träumte, dass ich beim Finale der
Judoweltmeisterschaften gegen Smiley kämpfte. Es ging
hart her und Smiley schrie und brüllte jedes Mal, wenn ich
ihn auf die Matte legte. Ich wurde von etwas geweckt, das
ich für den Pfiff des Schiedsrichters hielt, aber es war
Berit, die anrief und sagte, ich müsse sofort aufstehen,
wenn ich Frühstück haben wollte. Die Fähre ginge schon
in einer Stunde.
Als ich an Zimmer 151 vorüber kam, wurde von innen
wütend geklopft.
»Bresani!«, rief ich. Ich war noch nicht ganz wach und
hatte vergessen, dass er taub war. Aber der Mann hinter
der Tür war nicht Bresani. Das Klopfen verstummte und
die schleimige Stimme, die versuchte sich freundlich
186
anzuhören, war einfach unverkennbar.
»Ach, du bist das, Nils?«, sagte sie. »Bitte, mach die Tür
auf. Ich möchte dir ein Angebot machen.«
»Ein Angebot, das mein Schaden nicht sein wird, was?«,
rief ich.
»Genau«, antwortete Smiley mit butterweicher Stimme.
(Ich mag keine Butter.)
»Leider«, sagte ich, »bin ich jetzt mit dem Buch über
Bibbi Bokkens magische Bibliothek auf dem Weg zum
Verlag.«
Ich hätte mir die Zunge abbeißen mögen. Etwas
Blöderes hätte ich ja wohl kaum sagen können. Jetzt
wusste er, wohin wir wollten, aber ich hatte ja zumindest
nicht die Adresse des Verlages verraten.
Ich rannte über den Flur und hörte gewaltiges Dröhnen
und Poltern, als Smiley sich gegen die verschlossene Tür
warf.
Berit und Bresani saßen im Speisesaal. Ich hatte keinen
besonderen Appetit.
»Smiley«, sagte ich und zeigte zur Decke.
Bresani nahm sich ein Ei und warf es in die Luft. Er fing
es auf und knallte es auf den Tisch, sodass die Schale
platzte. Es sah ein bisschen unheimlich aus, aber ich
wusste ja, dass er Smiley nicht den Schädel eingeschlagen
hatte.
»Judo?«, fragte ich.
Bresani nickte, zog einen Schlüssel hervor und hielt ihn
uns hin. Worte waren überflüssig. Er schaute auf die Uhr
und erhob sich.
»E adesso, avanti, amici miei!«, sagte er.
Wir begriffen, dass es Zeit war, den Tatort zu verlassen.

187
Bresani begleitete uns zur Fähre. Als wir an Bord gehen
wollten, kam Smiley angerannt. Er hatte also die Tür
aufbrechen können. Er sah nicht gerade gut aus. Seine
Haare waren zerzaust und ein Arm hing schlaff nach
unten.
»Avanti«, rief Bresani noch einmal. »Forza!«
Wir rannten auf die Fähre.
Als wir uns umschauten, hatte Bresani sich umgedreht.
Er stand mit offenen Armen da, wie um den Mann, der da
gelaufen kam, herzlich an seine Brust zu ziehen. Smiley
blieb zehn Meter vor dem italienischen Kalligrafen und
Judo-Experten stehen. Berit winkte ihm zu.
»Leinen los«, rief sie.
»Spinnst du«, flüsterte ich, aber sie lachte nur.
»Der kommt doch nicht«, sagte sie.
Sie hatte Recht. Wie so oft. Smiley stand stocksteif da
und starrte Bresani an. Obwohl er so weit weg war, dass
wir ihn nicht hören konnten, bin ich ganz sicher, dass er
fauchte. Bresani ging einen Schritt auf ihn zu.
Smiley sprang hoch, wirbelte herum und galoppierte
zum Hotel zurück.
Bresani drehte sich um und winkte uns zu. Wir winkten
zurück, während die Fähre den Anleger von Fjærland
verließ und auf das letzte Kapitel zuhielt.

Als der Zug in Oslo eintraf, war es zu spät, um noch in


den Verlag zu gehen, aber nachdem Berit zur großen
Begeisterung meiner Eltern bei uns übernachtet hatte,
bestellten wir am andern Morgen ein Taxi.
Ich war noch nie in einem Verlag gewesen, doch ich
hatte mir eine Art Märchenhaus vorgestellt, mit dunklen
Zimmern und langen Gängen, wo Männer mit Cordhosen

188
und Hornbrillen und Frauen mit flatternden Umhängen
und Baskenmützen murmelnd hin und her wandeln,
vertieft in dicke Bücher. Die Wirklichkeit sah ein wenig
anders aus.
Wir fanden die Adresse, die Bibbi Bokken uns gegeben
hatte, und wurden vor einem riesigen Gebäude mitten in
der Stadt abgesetzt. Wenn ich es nicht besser gewusst
hätte, hätte ich getippt, dass dort eine Versicherungs-
gesellschaft untergebracht sei, kein Verlag. Aber in
gewisser Hinsicht stimmte das ja auch. Denn ein Verlag
soll uns dagegen versichern, dass unser Gehirn
austrocknet.
Unser erstes Problem war, den Eingang zu finden. Wir
gingen zweimal um das Haus herum, fanden aber nur
allerlei Hintertüren. Und die waren natürlich alle
verschlossen. Am Ende erkundigten wir uns am Taxistand
um die Ecke, und ein dicker, sympathischer Taxifahrer,
der ganz hinten in der Schlange stand, brachte uns zu der
einzigen Tür, die wir noch nicht ausprobiert hatten.
Wir betraten eine Art Rezeption, wo eine Frau uns aus
einem Glaskasten heraus anschaute. Ich kam mir vor wie
im Kino.
»Zwei Kinder für den Verlag«, sagte ich.
»Ich verstehe nicht so ganz.«
»Wir haben ein Buch geschrieben«, sagte Berit.
»Ein Buch?«
Berit nickte.
»Seid ihr da ganz sicher?«, fragte die Frau und schien
losprusten zu wollen.
»Nicht so ganz«, murmelte ich.
»Doch«, sagte Berit tapfer. »Ganz sicher. Wir …«
Zum Glück blieben ihr weitere Erklärungen erspart,

189
denn in diesem Moment tauchte aus dem Fahrstuhl eine
muntere kleine Frau auf.
»Berit Bøyum und Nils Torgersen Bøyum?«, fragte sie.
Wir nickten stumm.
Die Frau streckte die Hand aus und lächelte zufrieden.
»Wir warten schon auf euch«, sagte sie. »Ich heiße
Gerda Lothe und bin die Programmchefin hier.«
Sie führte uns in den Fahrstuhl, der dann in den sechsten
Stock fuhr.
Dort oben gab es eine Kantine und einige Gänge, die zu
allerlei Büros führten.
»Mein Büro ist da hinten«, sagte sie und zeigte auf einen
Gang. »Wenn ihr irgendetwas braucht, dann kommt
einfach zu mir. Er wartet schon auf euch. Zweite Tür
links. Ihr könnt gleich hineingehen.«
Sie zeigte auf einen anderen Gang.
»Möchtet ihr eine Cola?«
»Er?« Ich begriff gar nichts mehr.
»Ja, bitte«, sagte Berit.
Mit unseren Colas in der Hand gingen wir auf die Tür
zu, auf die Frau Lothe gezeigt hatte.
»Eins, zwei, drei«, sagte Berit. »Jetzt gehen wir rein.«
Sie öffnete die Tür. Der Mann hinter dem Schreibtisch
erhob sich lächelnd. Und ich bin in meinem ganzen Leben
einer Ohnmacht aus purem Entsetzen noch nie so nah
gewesen.
ES WAR SMILEY!
Wir wollten sofort wieder hinausstürzen, aber er war
schneller als wir.
Mit einem Tigersprung hatte er die Tür erreicht, lehnte
sich dagegen und flüsterte:

190
»So sehen wir uns also wieder, meine lieben kleinen
Freunde.«
Er zog einen Schlüssel aus der Tasche und hielt ihn
triumphierend vor uns hin. Ich glaubte schon, er wolle ihn
verschlucken. Meine Hose zitterte dermaßen, dass ich
sicher wie ein Fallschirmspringer ausgesehen habe, Berit
dagegen schien eiskalt zu sein.
»Was macht denn der Arm, Buur Hansen?«, fragte sie.
»In letzter Zeit ein wenig mit dem Judotraining über-
trieben, was?«
Ich war so beeindruckt, dass ich trotz aller Angst fast
applaudiert hätte. Smiley kniff die Augen zusammen.
»Ach, kommst du mir so«, fauchte er.
»Ja«, murmelte ich. »So kommen wir beide.«
»Halt die Fresse, Knabe«, fauchte Smiley.
Ich hielt die Fresse. Ab und zu bin ich ein Knabe
weniger Worte.
Er streckte die Hand aus.
»Das Buch«, sagte er.
Ich weiß, ich hätte »nur über meine Leiche« sagen
müssen, aber ich hielt noch immer die Fresse. Berit
schüttelte den Kopf.
»Das gehört mir«, sagte Smiley.
»Nein«, sagte Berit. »Es gehört uns und dem Verlag. Es
soll im Buchjahr erscheinen und an Kinder im ganzen
Land verteilt werden.«
»Da haben Sie’s«, sagte ich ein wenig dumm.
Und Smiley lachte. Ich hörte ihn zum ersten Mal lachen
und ein angenehmes Lachen war das wahrlich nicht. Er
hörte sich an wie ein erkältetes Krokodil.
»Hat Frau Bokken nicht erzählt, dass ich vom Verlag als

191
Verkaufsleiter für euer Buch angestellt worden bin?«
Das hatte sie und deshalb konnten wir nur stumm
nicken.
»Also her damit!«
Die Tür war abgeschlossen und er war viel größer und
stärker als Berit und ich zusammen. Uns blieb also keine
andere Wahl.
Ich reichte ihm das Buch und er setzte sich hinter den
Schreibtisch und fing an zu lesen. Das heißt, er gab vor zu
lesen. In Wirklichkeit kannte er doch schon alles, was wir
geschrieben hatten. Er blätterte sich durch das Buch
hindurch. Und nahm immer zehn Seiten auf einmal.
Mindestens.
»Leider. Das ist nicht gut genug.«
Er legte die zukünftige Inkunabel auf den Tisch, faltete
vor seiner Brust die Hände und starrte uns mit einem
Lächeln an, das traurig aussehen sollte.
»Es tut mir weh, das sagen zu müssen, aber das ist
einfach nicht gut genug.«
Diese Behauptung war ebenso falsch wie der Mann
selber und das wussten wir, aber was hätten wir schon tun
können? Außer Berit und mir hatte bloß Smiley und sonst
niemand, nicht einmal Bibbi Bokken, das ganze Buch
gelesen. Sie war nur ganz sicher gewesen, dass wir es
schaffen würden, und sie hatte Recht gehabt. Wir wussten
das, Smiley wusste es auch. Aber er war ein Erwachsener,
wir waren Kinder, und wer glaubt schon das, was Kinder
sagen?
»Was haben Sie damit vor?«, flüsterte ich, obwohl ich
die Antwort schon kannte.
»Ich werde es für euch aufbewahren«, sagte Smiley und
lächelte.

192
Mir rutschte das Herz bis zu meinen Knien und ich
glaube, ich kann das auch von Berit behaupten.
Wir starrten stumm den Tisch an, wo das Buch neben
einem Pappbecher voll Kaffee und einer Telefonanlage
lag. Die Anlage war mit Nummern beschriftet und neben
jeder Nummer stand ein Name.
Und Berit tat etwas, was mir in diesem Moment als
ungeheure Dummheit erschien. In Wirklichkeit war es das
Klügste, was irgendwer von uns bisher getan hatte, und
wenn sie nicht auf diese Idee gekommen wäre, wäre dieses
Buch niemals erschienen.
Sie warf sich über den Tisch, griff nach dem Briefbuch
und rief:
»Das gehört uns! Und du kriegst es nicht, zum Henker!«
Sie packte das Briefbuch und warf es mir zu. »Lauf,
Nils«, rief sie.
Das kam mir ziemlich lächerlich vor, denn wo hätte ich
denn hinlaufen sollen? Die Tür war abgeschlossen und ich
hatte wenig Lust, aus dem Fenster im sechsten Stock zu
springen. Also blieb ich mitten im Zimmer stehen, mit
dem Buch in der Hand. Smiley machte sich sofort über
mich her. Ich bin kein Judoexperte und er brauchte nur
anderthalb Sekunden, um es mir zu entreißen.
Berit hatte keinen Finger gerührt, um mir zu helfen. Im
Gegenteil. Sie schien sich überhaupt nicht mehr für mich
zu interessieren, sie stand weiterhin vor dem Schreibtisch
und kehrte mir den Rücken zu.
Als Smiley mit dem Buch hinter den Schreibtisch
zurückging, drehte sie sich um und zwinkerte mir zu. Ich
schaute sie sauer an.
»Jetzt ist es aus mit dem Spiel«, sagte Smiley.
»Sieht so aus«, sagte Berit langsam. »Ich habe nur noch

193
eine Frage. Warum ist Ihnen unser Buch so verhasst? Sie
wissen doch, dass es nicht so schlecht ist, wie Sie
behaupten.«
Erst schien er keine Antwort geben zu wollen, aber dann
überlegte er sich die Sache offenbar anders. Er lächelte das
bekannte Lächeln und sagte mit seiner Butterstimme:
»Nicht doch, mein Mädel. Es ist gar nicht schlecht, ich
meine, als Produkt von zwei Drecks … kindern.«
Ich wollte schon etwas sagen, was ich nachher vielleicht
bereut hätte, aber Berit kniff mich in den Arm.
»Genau das«, sagte sie laut und deutlich. »Und deshalb
möchten wir wissen, warum Sie es nicht veröffentlichen
wollen. Sie sind doch angestellt worden, damit sie es
vermarkten. Liegt es daran, dass wir Sie als Schurken
darstellen?«
Wieder hustete das Krokodil.
»Das spielt keine Rolle, mein Mädel«, sagte er.
»Das habe ich mir schon gedacht«, sagte Berit. »Denn
wenn Sie Nils wirklich bespitzelt hätten, weil unsere
Arbeit Sie interessierte, dann wären Sie ja doch kein
Schurke.«
Smiley schien die Lage voll auszukosten und ich hatte
das Gefühl, dass Berit genau das erreichen wollte.
»Nun ja«, sagte er und trank einen Schluck Kaffee. Ein
brauner Tropfen lief ihm übers Kinn. »Ich kann es euch ja
ruhig erzählen. Es ist ganz einfach. Habt ihr vom
›Children’s Amüsement Consult‹ gehört?«
Ich nickte.
»Aber wir wissen nicht, was das ist«, murmelte ich.
»Das ist eine kleine Firma, die Videounterhaltung für
Kinder herstellt. Ich bin der Hauptaktionär.«
»Erzählen Sie mehr«, sagte Berit. Ich schaute zu ihr
194
hinüber. Sie machte ein beeindrucktes Gesicht. Ich
kapierte gar nichts mehr.
»Wir sind doch eine Art Konkurrenz der Buchbranche«,
sagte Smiley. »Viele haben das noch nicht begriffen, aber
die Zeit des Buches ist vorbei. Und deshalb war ich von
Anfang an gegen dieses Buchprojekt.«
»Aber warum um alles in der Welt hat der Verlag Sie
denn dann als Verkaufsleiter für das Jubiläumsbuch
eingestellt?«, fragte ich.
»Ich bin ein anpassungsfähiger Mann«, sagte Smiley.
»Ich habe viele Jahre in der Buchbranche gearbeitet. Ich
habe mein Fachwissen zur Verfügung gestellt, um es mal
so zu sagen. Ich konnte interessante Vorschläge für die
Lancierung des Buches machen. Ich habe sogar mit den
Arbeiten an einem Werbevideo begonnen, für den Fall,
dass ich dieses Projekt nicht aufhalten und durch mein
eigenes ersetzen könnte.«
»Astrid Lindgren«, rief ich. »Deshalb haben Sie mit
Astrid Lindgren gesprochen, sie sollte Ihnen bei dem
Video helfen.«
Smiley nickte.
»Ja, aber sie meinte, das sei nicht ihr Fach, und damit
hatte sie natürlich Recht.«
»Was verstehen Sie unter Ihrem eigenen Projekt?«,
fragte Berit.
Smiley rieb sich die Hände.
»Mein Projekt sah vor, das Buch durch einen Film zur
Feier des Buchjahrs zu ersetzen. Durch einen witzigen
Zeichentrickfilm, der die Entwicklung von der
Buchdruckerkunst zur modernen Videoproduktion zeigt.
Der Arbeitstitel war: Vom Buchstaben zum Band. Ich
habe schon Kontakt zu einem italienischen Comiczeichner

195
aufgenommen.«
Mir ging ein Licht nach dem anderen auf.
»Deshalb waren Sie also in Italien!«
»Ja, aber der Grund, weshalb ich gleichzeitig mit dir dort
war, war ein anderer. Als ich in der Illustrierten über eine
gewisse Ingrid Bøyum und ihre Familie gelesen hatte,
ging mir auf, dass ich dort zwei Fliegen mit einer Klappe
erledigen könnte. Ich hielt es nicht für unwahrscheinlich,
dass du das Briefbuch mitnehmen würdest. Vielleicht
könnte ich es an mich bringen – und zum Beispiel dann
das Pech haben, es zu verlieren.«
»Sie haben mich beschattet!«
»Ich würde lieber sagen, dass ich dich im Auge behalten
habe.«
»Was für eine Beziehung haben Sie eigentlich zu Bibbi
Bokken?«, fragte Berit.
Es hörte sich fast an wie ein Verhör, aber Smiley schien
das nicht zu merken.
»Bibbi Bokken«, sagte er langsam, »ist ein Fossil. Ich
kenne sie aus unserer Studienzeit. Sie besuchte die
Bibliothekshochschule, ich studierte Volkswirtschaft. Wir
waren einmal befreundet …«
Er verstummte mitten im Satz.
»Aber das ist jetzt vorbei«, sagte Berit.
»Richtig, unsere Ansichten gingen zu weit auseinander.
Sie war genauso dagegen, dass ich für dieses Buch als
Verkaufsleiter angestellt werden sollte, wie ich mich
darüber ärgerte, dass sie die Verantwortung für den Text
übertragen bekam.«
»Was ist mit dem Café Skalken?«, fragte ich. »Woher
wussten Sie, dass wir dorthin wollten?«
»Das war ein Problem. Ich hatte natürlich Kontakt zu
196
deinem Lehrer aufgenommen, um mich nach den
Fortschritten des jungen Autors zu erkundigen. Aslaug
Bruun erzählte dann, wo ihr euch treffen wolltet. Also
ging ich auch hin und versteckte mich …«
»… hinter einer Zeitung«, sagte ich.
»Genau.«
»Und deshalb haben Sie an dem Tag, als ich bei den
Bruuns war, sie auch besucht?«
»Du bist gar nicht so dumm, wie du aussiehst, mein
Junge. Ich habe so getan, als sei es mir eine
Herzensangelegenheit, dass das Buch so gut wie möglich
würde. Und ich habe gefragt, ob du gut schreibst.«
»Was hat Herr Bruun gesagt?«, fragte ich.
»Er sagte, du seist gar nicht schlecht, hättest aber deine
Fantasie noch nicht richtig im Griff.«
Er machte plötzlich ein wütendes Gesicht.
»Es war blöd von euch«, sagte Smiley, »dass ihr euch
das Angebot, das ich euch in Fjærland machen wollte,
nicht angehört habt.«
»Welches Angebot?« Berit starrte ihn an.
»Ich wollte vorschlagen, dass ihr mir für ein Prozent des
Videoverkaufs sämtliche Rechte an eurem Buch überlasst.
Aber jetzt ist es leider zu spät.«
Er ließ sich behaglich in seinen Schreibtischsessel
zurücksinken und schaute zur Decke hoch.
»Sind Sie jetzt fertig?«, fragte Berit.
»Nein«, sagte Smiley. »Wer hier fertig ist, das seid ihr.«
»Da wäre ich mir nicht so sicher«, sagte Berit.
Smiley wollte schon antworten, doch in diesem Moment
hörten wir von draußen eilige Schritte. Die Tür wurde
aufgeschlossen und vor uns stand Gerda Lothe zusammen

197
mit einem ziemlich wütend aussehenden Mann.
Smiley versuchte das Briefbuch an sich zu reißen, aber
Gerda Lothe kam ihm blitzschnell zuvor.
»Ich gehe davon aus, dass das hier das Buch ist«, sagte
sie und lächelte uns an. »Das hier ist der Verlagsdirektor.
Er möchte euch kennen lernen.«
Der Verlagsdirektor sah überhaupt nicht mehr wütend
aus, als er uns die Hand reichte.
»Das war wirklich clever«, sagte er. »Wer von euch ist
denn auf diese Idee gekommen?«
»Ich glaube, ich«, sagte Berit und versuchte bescheiden
auszusehen.
Smiley war während der letzten Sekunden das Kinn auf
die Knie geklappt. Jetzt blickte er Berit verwirrt an.
»Was für ’ne Idee?«
Berit lächelte süß.
»Als Sie sich auf Nils gestürzt haben, um ihm das Buch
wegzunehmen, habe ich auf einen Knopf auf dem Telefon
gedrückt. Daneben stand ›Gerda Lothe‹. Und das war doch
gar nicht so blöd, oder?«
»Nein«, sagte Gerda Lothe. »Das war ein
hochinteressantes Gespräch.«
Berit zwinkerte mir zu. Ich hätte sie küssen können.

Und hier sitzen wir nun. In Smileys Arbeitszimmer. Wo er


steckt, weiß ich wirklich nicht. Es interessiert mich auch
nicht so richtig. Vielleicht ist er nach Italien gefahren und
versucht dort, die Buchdruckerkunst auszurotten. Und
wenn ja, dann hat er in Mario Bresani einen würdigen
Gegner.
Wir schreiben und schreiben, mithilfe von Bibbi

198
Bokken, an unserem Briefbuch. Sie hilft uns beim Finden
der richtigen Formulierungen und sagt uns, wie manche
Dinge heißen. Sie hilft den Autoren aber auch bei der
Rechtschreibung. Und das ist oft nötig. Vor allem bei dem
hier beteiligten Autor.
Was die Sprache angeht, so verlässt sich Bibbi wohl
doch nicht so ganz auf uns. Obwohl wir Kinder sind,
meine ich. Sie sagt, wir hätten viel zu lernen, aber sie habe
genauso viel von uns zu lernen. So ist Bibbi Bokken. Eine
echte Buchliebhaberin.
Und mehr habe ich jetzt nicht zu sagen. Wir müssen
machen, dass wir fertig werden. Es ist schon Ende
Oktober und im April soll das Buch erscheinen.
Vorher muss noch ein Zeichner gefunden werden, der
das Umschlagbild macht. Und der Hersteller muss
Buchformat und Schrifttyp festlegen. (Sabon und Berkely
Old Style sind in Wirklichkeit ganz harmlose Schrifttypen
und nicht die Ungeheuer, für die ich sie gehalten hatte.
Das war bloß Smileys Vorschlag für den Fall gewesen,
dass das Buch gegen seinen Willen doch veröffentlicht
würde. Und das ist ja auch passiert, aber jetzt soll es in
Palatino 11/13 pkt gesetzt werden.)
Unser Buch wird schließlich an eine Setzerin gegeben,
die den Text am Computer in der richtigen Schriftart und -
größe erfasst. Dann wird er mit einem Laserdrucker
ausgedruckt und an den Korrektor geschickt, der die beim
Eingeben in den Computer entstandenen Fehler verbessert.
Auch Autorin und Autor gehen alles noch ein letztes Mal
durch. Dann schickt der Verlag die fertigen Seiten an die
Druckerei.
Und jetzt werden wir dieses Buch beenden. Das kommt
mir ein wenig traurig vor, aber nur ein wenig. Ich glaube,
Berit heckt irgendetwas aus. Immer wieder macht sie sich

199
Notizen auf ihrem Block. Vielleicht wird sie eines Tages
ein Buch darüber schreiben, wie sie und ich ein Buch über
Bibbi Bokken geschrieben haben, oder sie wird sich
Marcus Buur Hansens neue Verbrechen ausdenken oder
einen geheimnisvollen Schatz unter dem Jøstedalsbreen
erfinden oder die wahre Mörderin aus der Fleischstadt
entlarven. Nein, das nicht, das ist schließlich meine
Geschichte. Wenn sie darüber schreibt, werde ich sie
wegen dieses Ideenklaus anzeigen. So was nennt sich
Plagiat und ist verboten.
Ich glaube übrigens nicht, dass ich später Schriftsteller
werde. Ich wäre lieber ein Fußballprofi, der mit dreißig
Jahren seine eigene Autobiografie schreibt. Nein! Ich
werde sie nicht schreiben. Ich werde mein Leben Berit
erzählen und sie dann schreiben lassen. Ich glaube, das
würde ihr gefallen. Aber jetzt rede ich wirres Zeug. Ich
weiß doch nichts über die Zukunft und darüber bin ich
eigentlich froh. Ich weiß nur, dass die meisten Bücher
noch nicht geschrieben worden sind und dass sich in
sechsundzwanzig Buchstaben mehr versteckt als im Kopf
irgendeines Menschen auf der Welt. Was ein schöner
Gedanke ist. Und wer weiß, vielleicht fällt gerade in dieser
Sekunde einer geheimnisvollen Frau in Rot ein Brief aus
der Tasche? Und vielleicht hebt ein Mädchen den Brief
auf und spürt am ganzen Leib ein seltsam zitterndes
Gefühl?
Und dieses Gefühl kenne ich. Es heißt INSPIRATION!

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Literaturliste

Das Tagebuch der Anne Frank, Fischer Taschenbuch


Verlag, Frankfurt, 1992, aus dem Niederländischen von
Mirjam Pressler Tor Åge Bringsværd: Den som har begge
beina på jorda står stille, Gyldendal, Oslo, 1974
Elevtekster fra LES 91, Universitetsforlaget, Oslo, 1992
Inger Hagerup: Den sommeren, Aschehoug, Oslo, 1992
Henrik Ibsen: Peer Gynt, Reclam, Stuttgart, 1953,
übersetzt von Hermann Stock A. A. Milne: Pu der Bär,
Cecilie Dressler Verlag, Berlin, o. J., übersetzt von E. L.
Schiffer Simen Skjonsberg: Den grufulle nytelse – epistier
om lesningens mysterier, Gyldendal, Oslo, 1990
Jan Erik Vold: Dikt, Gyldendal, Oslo, 1966 ders.:
kykelipi, Gyldendal, Oslo, 1969 ders.: spor, snø,
Gyldendal, Oslo, 1970

201