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Myanmar:

Freiheit für Aung San Suu Kyi


Yangon, 16.11.2010

Bericht aus aktuellem Anlass


N° 60/2010

Aktuelle Informationen zur Projektarbeit der Stiftung in Südost- und Ostasien finden Sie unter www.fnfasia.org

Die freigelassene Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi will durch eine friedliche Revolution
Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und nationale Versöhnung in Myanmar (Birma) erreichen. Sie forderte
ihre Landsleute auf, mitzuwirken. Die Ziele könnten nur gemeinsam erreicht werden. Suu Kyi kündigte
bislang keine konkreten Schritte an. Allerdings überdenkt sie ihre Sanktionspolitik. Die Entscheidung,
die unfreien Parlamentswahlen vom 7. November zu boykottieren, sei richtig gewesen. Suu Kyi sagte,
sie sei bereit, mit allen demokratischen Kräften zu arbeiten. Auch sei ein Dialog mit dem Regime wün-
schenswert: „Es gibt niemanden, mit dem ich nicht sprechen kann.“

Nach 7½ Jahren Hausarrest wurde Aung San die Bevölkerung Myanmars1 spiele eine wich-
Suu Kyi am 13. November freigelassen. Hunder- tige Rolle: „Politik ist wichtig für alle Men-
te von Anhängern jubelten vor ihrer Residenz, schen. Findet nicht, dass es nicht Eure Sache
als die 65-Jährige sich am Abend kurz zeigte. ist“, sagte Suu Kyi. Sie appellierte, nicht den
Am nächsten Tag versammelten sich in Yangon Mut zu verlieren. Jeder einzelne müsse aktiv
Tausende vor der Zentrale von Suu Kyis NLD- zur Realisierung demokratischer Ziele beitra-
Partei, um ihre erste öffentliche Ansprache seit gen. Ihre Rede wurde immer wieder durch
2003 zu erleben. Suu Kyi sagte, sie wolle sich Applaus und Sprechchöre unterbrochen. Suu
zunächst ein Bild der öffentlichen Meinung Kyi erinnerte an die politischen Gefangenen,
machen, bevor sie über konkrete Schritte spre- die weiterhin in Haft sind und bat, für deren
che. Die Oppositionsführerin bekräftigte ihr Freilassung zu beten. Laut Menschenrechts-
Engagement für nationale Versöhnung, Men-
schenrechte und Rechtsstaatlichkeit. Alleine
könne sie wahre Demokratie nicht herbeiführen, 1
Die Verwendung des von der Junta eingeführten
Staatsnamens Myanmar beabsichtigt keine politische
Stellungnahme sondern folgt dem Sprachgebrauch des
Auswärtigen Amtes und der Vereinten Nationen. Dieser
Bericht benutzt den Namen Birma wenn es sich um
Ereignisse vor 1989 handelt.

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gruppen befinden sich derzeit mehr als 2.200 weise nicht einfach so. Man muss für Freiheit
politische Gefangene in Myanmars Gefängnis- arbeiten, sie wird einem nicht gegeben.“
sen.
15 der vergangenen 21 Jahre in Haft
Friedliche Revolution
Aung San Suu Kyi ist die Tochter des birmani-
Vor der Freilassung Suu Kyis hatte ein Großauf- schen Nationalhelden Aung San. Dieser grün-
gebot von Sicherheitskräften die Straße abge- dete die birmanische Armee und führte Birma
riegelt, in der sie lebt. Am Abend des 13. No- in die Unabhängigkeit. Das von ihm lancierte
vembers zogen die Sicherheitskräfte ab. Danach Panglong Abkommen sah einen demokrati-
waren in Yangon kaum Soldaten oder Polizisten schen und föderalen Vielvölkerstaat vor. Ethni-
zu sehen, allerdings positionierten sie sich an sche Minderheiten und Birmanen sollten
den Anwesen hochrangiger Juntamitglieder. gleichberechtigt miteinander in Freiheit leben.
Leider erlebte er selbst nie das unabhängige
Birma. Aung San wurde 1947 von politischen
Rivalen umgebracht. Seine Vision eines freien
Birmas starb mit ihm. Die Zentralregierung
hielt sich nicht an das Versprechen von
Panglong. Ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg
entlang ethnischer Gruppen und der Militär-
putsch von 1962 besiegelten das Ende für
Demokratie und Freiheit in Birma. Wenn Toch-
ter Aung San Suu Kyi sich für Freiheit und
Demokratie einsetzt, tritt sie in die Fußstapfen
ihres Vaters. Sie möchte seine Vision erfüllen.
Aung San Suu Kyi am Abend ihrer Freilassung Nach 28 Jahren Militärherrschaft gewannen
Suu Kyi und ihre Partei, die National League
In den ersten Tagen in Freiheit sprach Suu Kyi for Democracy (NLD), 1990 bei freien Wahlen
mit Parteimitgliedern, Diplomaten und Repor- 80% der Parlamentsmandate. Das Militär ig-
tern. „Wir möchten eine friedliche Revolution“, norierte das Ergebnis, blieb an der Macht, un-
sagte sie der BBC, „für mich bedeutet Revoluti- terdrückte Demokraten und schloss Suu Kyi
on spürbaren Wandel. Wir brauchen großen weg. Danach war die Friedensnobelpreisträge-
Wandel zum Besseren, erreicht durch friedliche rin 15 von 21 Jahren in Haft.
Mittel. Meine Unterstützer wissen, dass ich
nicht an Gewalt glaube. Die Menschen wollen 2003, als Suu Kyi zwischenzeitlich frei war,
ein besseres Leben auf der Grundlage von Si- ereilte sie um ein Haar das gleiche, schreckli-
cherheit und Freiheit. Darauf kommt es an: auf che Schicksal ihres Vaters: Ein regimetreuer
persönliche sowie finanzielle Sicherheit, und Mob griff Suu Kyis Autokolonne an. Sie konnte
auf Freiheit.“ Auf die Frage, ob sie wolle, dass entkommen, ihre Anhänger warfen sich zwi-
das Militär-Regime falle, sagte Suu Kyi: „Ich schen ihren Wagen und den Mob. Laut Augen-
möchte nicht, dass sie fallen. Ich möchte, dass zeugenberichten starben mindestens 70 NLD-
das Militär aufsteigt zu einer würdevollen Höhe Mitglieder. Nach dem Angriff wurde Suu Kyi
von Professionalität und wahrem Patriotismus. wieder unter Hausarrest gestellt. Im Mai 2009
Wir würden alle besser miteinander auskom- verlängerte das Regime ihre Haft um 18 Mo-
men, wenn es das Militär wäre, das Birma wah- nate. Sie hatte angeblich gegen die Auflagen
re Demokratie bringt. Ich möchte, dass sie die ihres Hausarrests verstoßen, als ein amerikani-
Helden sind. Aber Dinge regeln sich normaler- scher Staatsbürger sich uneingeladen auf ihr
Anwesen schlich.

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Zeiträume der Haftstrafen: Offizielles Wahlergebnis steht aus

11. Juli 1989 – 10. Juli 1995 Aung San Suu Kyi möchte bald Gespräche mit
Vertretern von NGOs und demokratischen Par-
23. September 2000 – 6. Mai 2002
teien führen. Weil sie sagte, dass sie bereit sei,
30. Mai 2003 – 13. November 2010 mit allen demokratischen Kräften zu arbeiten,
besteht die Hoffnung, dass sie den Riss zwi-
schen der NDF und NLD heilen wird.
Die NLD ist noch da

Am 7. November fanden in Myanmar erneut


Wahlen statt. Die NLD boykottierte, da Aung
San Suu Kyi und weitere führende Parteimit-
glieder in Haft waren. Der Boykott führte zur
Absplitterung einer Gruppe von hochrangigen
NLD-Politikern. Sie wollten bei den Wahlen eine
demokratische Alternative stellen und gründe-
ten eine Partei, die National Democratic Force
(NDF). Die Beziehungen zwischen Vertretern der
NDF und der NLD sind seitdem sehr gespannt.2

Myanmars Oppositionsfigur Aung San Suu Kyi

In der Vergangenheit konnte das Regime im-


mer wieder Gewinn aus den Streitigkeiten
innerhalb der demokratischen Opposition er-
zielen. Da die NDF mehr als ein Dutzend Par-
lamentsmandate gewann, könnte Aussöhnung,
möglicherweise sogar Zusammenarbeit von
NDF und NLD theoretisch dazu führen, dass
NDF-Wahlkampagne in Yangon sich der NLD-Chefin Suu Kyi Handlungsoptio-
nen im Parlament bieten. Allerdings ist offen,
Für die NLD brachte der Wahlboykott auch die in wie weit Aung San Suu Kyi parlamentari-
automatische Auflösung der Partei mit sich. Das sche Prozesse beeinflussen will beziehungs-
Parteibüro in Yangon wurde jedoch nicht ge- weise könnte. Ein umfassendes offizielles
schlossen. Dass Aung San Suu Kyi ihre erste Wahlergebnis steht weiterhin aus. Aber schon
Rede vor der Parteizentrale hielt, sollte de- jetzt ist offensichtlich, dass die Junta die
monstrieren, dass die NLD noch da und stark ist. Stimmauszählung manipulierte. Mehrere Or-
ganisationen fassen gerade Berichte über Un-
regelmäßigkeiten zusammen. Offenbar werden
2
Ausführliche Berichte zur Myanmar-Wahl: 10.000 Fälle dokumentiert. Es überrascht
http://freiheit.org/files/62/N_20__Myanmar_Wahl_2010. nicht, dass die ersten offiziellen Wahlergeb-
pdf und nisse aus verschiedenen Landesteilen darauf
http://www.freiheit.org/files/62/N_56__Myanmar_Nach_ hinweisen, dass die regimenahe Union Solida-
der_Wahl.pdf.
rity and Development Party (USDP) insgesamt

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80% der Stimmen gewonnen haben soll. In organisierten Gruppenreisen. Und dann deute-
Yangon, Zentrum von Anti-Regime- te Aung San Suu Kyi nach ihrer Freilassung an,
Demonstrationen in den 1970er Jahren, 1988 dass sie ihre Sanktionspolitik überdenken wer-
und 2007, konnten demokratische Parteien an- de: „Falls die Menschen wirklich Aufhebung
geblich nur 23% der Stimmen gewinnen. der Sanktionen wollen, werde ich das in Be-
tracht ziehen. In dieser Zeit braucht Birma
Suu Kyi überdenkt Sanktionspolitik Hilfe.“ In einigen EU-Staaten weisen Politiker
seit längerem darauf hin, dass die Sanktionen
Durch eine undemokratische Verfassung, NLD- nichts Positives bewirkt haben. Die Strafmaß-
Auflösung und manipulierte Wahlen konfron- nahmen sollen das Militär schwächen. Aber
tiert die Junta Aung San Suu Kyi mit einer neu- das Regime hält sich durch regen Handel mit
en Politlandschaft. Die Generäle wollen die De- China, Indien, Thailand und anderen Staaten.
mokratie-Ikone ins Abseits stellen. Diese Rech- Während durch Sanktionen viele Jobs, zum
nung scheint aber nicht aufzugehen. Die Prä- Beispiel in der Textilindustrie, verloren gingen
senz tausender Anhänger bei ihrer ersten Rede und die Bevölkerung in immer schlimmerer
in Yangon ist Ausdruck der Popularität von Suu Armut lebt, konnte es sich Diktator Than Shwe
Kyi. Ihre Sätze haben immer noch die Kraft, leisten, mehrere hunderttausend US-Dollar für
Politik in Myanmar zu beeinflussen. Wichtig für die Hochzeit seiner Tochter auszugeben.
ihre Zukunft und für die Zukunft ihres Landes
wird sein, ob es Suu Kyi gelingt, eine Balance Erneute Verhaftung möglich
aus Nachdruck und Vorsicht zu finden. Während
ihrer Zeit in Freiheit von 2002 bis 2003 hatte Mynamars Generäle dürften willkommen hei-
die Politikerin mehrere Reisen im Land unter- ßen und hoffentlich anerkennen, dass Suu Kyi
nommen, immer mehr NLD-Büros wiedereröff- bei den Themen Sanktionen und Tourismus
net und bei öffentlichen Reden vor immer grö- Bewegung signalisiert, und zwar unter ande-
ßeren Menschenmassen gesprochen. Das Re- rem, weil die Politikerin sich damit erstmals
gime fühlte sich bedroht und setzte Suu Kyi überhaupt bewegt. Gleichzeitig könnten die
wieder fest. Sie hatte damals zur Aufrechterhal- Generäle die von Aung San Suu Kyi geäußerte
tung der Sanktionen aufgerufen, welche die Notwendigkeit einer „friedlichen Revolution“
USA und EU in den 90er Jahren auf ihr Geheiß als Kampfansage verstehen. Allein deshalb ist
gegen das Militärregime Myanmars verhängt eine erneute Verhaftung nicht auszuschließen.
hatten. Und Suu Kyi blieb damals bei ihrem Darauf angesprochen sagte Suu Kyi: „Ich weiß,
Aufruf an Touristen, nicht nach Myanmar zu dass es diese Möglichkeit immer gibt. Ich habe
kommen. Jetzt kommt in beide Themen Bewe- keine Angst. Sie haben das in der Vergangen-
gung. Die NLD-Spitze hatte schon kurz vor der heit getan, es ist möglich, dass sie das noch-
Freilassung ihrer Generalsekretärin erklärt, Indi- mal machen. Ich tue, soviel ich kann, während
vidualtouristen könnten ruhig nach Birma ich frei bin. Und falls man mich wieder verhaf-
kommen, das Regime profitiere vor allem von tet, werde ich soviel wie möglich in Haft tun.“

Tausende wohnten Suu Kyis erster Rede bei

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