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Irak

„Regierungsbildung in Bagdad“

Amman, den 14.11.2010


Bericht aus aktuellem Anlass
N° 59/2010

von Falko Walde

Aktuelle Informationen zur Projektarbeit der Stiftung für die Freiheit finden Sie unter www.freiheit.org

Regierungsbildung im Irak: Schiiten und Kurden bilden eine Koalition. Die sunnitische Minderheit wird
mit wichtigen Posten an der Macht beteiligt. Damit trägt das neue Machtarrangement Züge einer
Allparteienregierung. Acht Monate und erheblichen Druck aus dem In- und Ausland brauchten die
irakischen Politiker, um sich zu diesem Kompromiss durchzuringen. An der Regierungstauglichkeit des
breiten, von vielen politischen Gegensätzen und persönlichen Animositäten geprägten Bündnisses
bestehen berechtigte Zweifel.

Trauriger internationaler Rekord: acht Monate sammenzustellen. Das Feilschen um die Kabi-
nach einer Parlamentswahl ohne Regierung. nettsposten hat begonnen.
Dazu verholfen hatte dem Irak ein denkbar
knappes Wahlergebnis und mangelnde Kom- Entstanden war die Blockade durch das Ergeb-
promissfähigkeit der politischen Schlüsselfigu- nis der Parlamentswahlen am 7. März 2010.
ren. Nur unter Druck des Obersten Gerichtshof Das Bündnis des ehemaligen, von vielen Sun-
des Landes – sowie der internationalen Gemein- niten unterstützten säkularen Premierminis-
schaft unter Führung der USA – trat das iraki- ters Iyad Allawi hatte die Koalition des amtie-
sche Parlament am vergangenen Wochenende renden schiitischen Premierministers Nuri Al-
nun endlich zusammen, um das Machtvakuum Maliki mit zwei Mandaten Vorsprung geschla-
an der Spitze des Staates zu füllen. Nach der gen. Ein Überraschungserfolg – der jedoch für
Wahl des Parlamentsvorsitzenden und seiner die Bildung einer mehrheitsfähigen Regierung
zwei Stellvertreter wählte es den Kurden Jalal nicht ausreichte.
Talabani wieder zum Staatspräsidenten. Dieser Dagegen verbündeten sich zwei dezidiert reli-
nominierte daraufhin erneut Nuri Al-Maliki als giöse Schiiten-Parteien mit Malikis schiiti-
Premierminister. Damit ist die neue Staatsfüh- scher „Allianz für den Rechtsstaat", nämlich
rung in wesentlichen Punkten die Alte. Maliki der pro-iranische „Oberste Islamische Rat" von
hat nun einen Monat Zeit, sein Kabinett zu-

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Ammar Al-Hakim und die Anhängerschaft des kaum die notwendigsten und dringendsten
radikalen Predigers Muktada Al-Sadr. Prioritäten, und die Sicherheitslage bleibt hei-
kel. Seit die USA ihre Kampfverbände aus dem
Die USA mussten erheblichen Druck ausüben: Irak abgezogen haben, sind die nicht abschlie-
Einerseits auf die Kurden und die Schiiten- ßend ausgebildeten irakischen Sicherheitskräf-
Parteien, um sie davon abzubringen, sich ohne te auf sich allein gestellt.
Allawi und die Sunniten zu einigen, andererseits
Vor diesem Hintergrund bedarf der Irak wei-
auf Allawi, um ihn dazu zu bewegen, in eine
terhin internationaler Unterstützung - insbe-
nicht von ihm geführte Regierung einzutreten.
sondere der Vereinten Nationen, doch auch
Dies wird Allawi nun als Vorsitzender eines neu
anderer internationaler staatlicher und nicht-
einzurichtenden „Nationalen Rates für Strategi-
staatlicher Organisationen. Auch die deut-
sche Politik“ tun. Auch die Bildung dieses Rats
schen Projekte insbesondere im Bereich der
geht auf einen Vorschlag der US-Regierung
Demokratie- und Rechtsstaatsförderung sowie
zurück. Welche Kompetenzen der Rat genau
der Wirtschaftsberatung trugen und tragen
erhalten und wie er sich in den Regierungsall-
dazu bei, den Irak auf dem Weg in eine friedli-
tag einfügen soll, ist völlig offen. Permanente
che, stabile und demokratische Zukunft zu
Reibungen insbesondere mit dem Büro des Pre-
unterstützen.
mierministers sind nicht unwahrscheinlich. Be-
reits diese Sitzung des Parlaments war von er-
heblichen Querelen und dem zeitweisen Auszug
der Irakiya-Abgeordneten Allawis aus den Ho- Mehr Informationen zum Irakprojekt der Fried-
hen Haus überschattet worden – ein Vorge- rich-Naumann-Stiftung für die Freiheit unter:
schmack auf die Probleme, die Premierminister www.fnst-amman.org/en
Maliki erwarten, der nun vor der nahezu unlös-
baren Aufgabe steht, die gegensätzlichen Posi-
tionen seiner Regierungspartner miteinander zu
vereinbaren.

Zunächst jedoch atmen das irakische Volk und


die internationale Staatengemeinschaft durch.
Unter einer Regierung ohne Einbeziehung aller
wesentlichen politischen und ethnischen Grup-
pen, inklusive der sunnitischen Minderheit, wä-
re die Gefahr eines konfessionell motivierten
Bürgerkriegs dramatisch gewachsen. In den
letzten beiden Wochen hatten mehrere schwere
Anschläge sunnitischer Extremisten daran erin-
nert, was ein neuer Bürgerkrieg für den Irak
bedeuten könnte.
Unter diesem Gesichtspunkt ist eine Allpartei-
enregierung ein positiver Ansatz. Ob sie zur
effektiven Regierungsführung geeignet ist, muss
sich erst zeigen. Auf die neue irakische Regie- Impressum
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
rung kommen große Herausforderungen zu. Bereich Internationale Politik
Viele politische Grundsatzfragen sind nach wie Referat Politikberatung und
vor unbeantwortet, die Bürger leiden unter ei- Internationale Politikanalyse
ner desolaten öffentlichen Versorgung. Die Karl-Marx-Straße 2
schwachen politischen Institutionen bewältigen D-14482 Potsdam

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