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Die Vier Dharmas von Gampopa

on 27. Januar 2007 in Buddhismus, Lehre des Buddha

Vorwort des Autors Khenpo Könchog Gyaltsen Rinpoche zur Deutschen


Ausgabe von "Auf der Suche nach dem reinen Nektar des langen Lebens"

In den vergangenen Jahrzehnten entwickelte sich bei vielen Menschen im Westen ein
Interesse am Buddhismus und insbesondere am tibetischen Buddhismus. Das vorliegende
kleine Buch allgemeiner buddhistischer Lehren, mit einer Auswahl grundlegender
Meditationsübungen des Vajrayana, ist konzipiert worden, um neue Interessenten, aber auch
fortgeschrittene Praktizierende in ihrem Verständnis und der Praxis des Buddhismus zu
unterstützen.

Es entspricht der Natur aller fühlenden Wesen, nach Glück zu streben und Leid zu vermeiden.
Diese Ziele können aber nicht durch bloßes Wünschen und Sehnen erreicht werden. Es
müssen auch wirkungsvolle Methoden angewendet werden.

Alle Phänomene entstehen in Abhängigkeit von Ursachen und Bedingungen, und nichts
ereignet sich ohne Ursache oder wenn unvollständige oder nicht verwandte Ursachen
vorhanden sind. Die buddhistische Philosophie erklärt deutlich den Zusammenhang von
Ursache und Wirkung. Während unheilsame Gedanken und Handlungen Leiden erzeugen,
verursachen heilsame Gedanken und Handlungen Glück. Dies ist das unausweichliche Gesetz
des Karma.

Frieden und Glück im Samsara sind vorübergehend und vergänglich. Dies ist das Leiden der
Veränderung. Selbst wenn wir das Glück der höheren Bereiche erlangen, gibt es keinen Grund,
daran anzuhaften, denn auch dieses Glück wird vergehen. Vollkommenes Glück kann nur
durch die Befreiung aus der bedingten Existenz erlangt werden. Darum müssen wir eine
Anstrengung unternehmen, um die absolute Freiheit von den Leiden im Samsara zu erreichen.

Ganz gleich, ob wir die vollkommene Erleuchtung anstreben, die individuelle Befreiung aus
Samsara oder zeitweiliges Glück – grundlegend sind immer das Ausüben der zehn heilsamen
Handlungen und das Aufgeben der zehn unheilsamen Handlungen. Wenn wir die zehn
heilsamen Handlungen ausüben, ohne die Entsagung vom Samsara zu entwickeln, wird dies
zwar eine Wiedergeburt in den höheren Bereichen der Menschen oder Götter bewirken, aber
wir werden weiterhin nicht aus dem Kreislauf der Leiden befreit sein. Führen wir die gleichen
Handlungen auf der Basis der Entsagung von den persönlichen Leiden aus, werden wir die
individuelle Befreiung erreichen. Entwickeln wir darüber hinaus Bodhicitta, werden wir die
Buddhaschaft erlangen.

Die Vier Dharmas von Gampopa sind einfach und umfassen trotzdem die vollständigen
Lehren des Sutrayana und des Vajrayana:

Die Vier Dharmas von Gampopa sind:

 der Geist wendet sich dem Dharma zu


 der Dharma wird zum Erleuchtungspfad
 der Pfad beseitigt die Verwirrung
 die Verwirrung wird in Weisheit umgewandelt.
Der Geist wendet sich dem Dharma zu bedeutet in erster Linie, daß wir unsere kostbare
menschliche Existenz mit ihren achtzehn Qualitäten der Freiheiten und Ausstattungen
schätzen lernen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt eröffnet sich uns die Möglichkeit der
vollständigen Befreiung aus Samsara und der Erlangung der vollkommenen Erleuchtung.

Die fühlenden Wesen und alle Phänomene sind vergänglich und flüchtig. Die Menschen
müssen Geburt, Alter, Krankheit und Tod erleben. Ganz gleich, wieviel Energie wir in die
Verbesserung unserer Lebensumstände investieren, alles wird wie ein Traum vergehen. Selbst
für kleine Vergnügungen sind wir gezwungen, Mühen und Opfer auf uns zu nehmen, und
wenn der Tod naht, bleibt davon nichts weiter als eine verblassende Erinnerung. Was beim
Sterben letztlich nur zählt, sind die Verwirklichungen, die wir durch unsere Dharma-Praxis
erlangt haben. Auch unser Körper, den wir gehegt und gepflegt haben, wird uns keine Hilfe
mehr sein, sondern im Gegenteil zur Quelle des Elends. Alle zusammengesetzten Phänomene
sind der Vergänglichkeit unterworfen. Unabhängig davon, wie sehr wir auch danach streben –
im Samsara gibt es kein vollkommenes Glück.

Leiden aufgrund abhängiger Existenz beinhaltet sowohl körperliches als auch geistiges
Leiden. Die verunreinigten Skandhas oder Aggregate sind untrennbar mit den Leiden des
Schmerzes, den Leiden der Veränderung sowie den allesdurchdringenden Leiden verbunden.
Die fühlenden Wesen leiden überdies daran, nicht das zu bekommen, wonach sie sich sehnen;
von dem getrennt zu sein, was sie besitzen möchten; mit Feinden zusammenzutreffen;
Freunde und geliebte Menschen zu verlieren und unzufrieden zu sein, selbst wenn sie
bekommen, was sie sich wünschen. Ganz gleich, wieviel Vergnügen wir auch erleben, wir
werden niemals vollkommen zufrieden sein. Wir suchen immer weiter nach Glück. Das ist die
Realität des Samsara.

Haben wir dies zweifelsfrei erkannt, werden wir ganz natürlich nach Wegen aus diesen
Umständen suchen. Wenn wir verstanden haben, wie durch den Dharma die
Verunreinigungen beseitigt werden können und wie er uns zur Erleuchtung führen kann, wird
sich unser Geist dem Dharma zuwenden. Die Kontemplation über die Vier Gedanken
(Kostbarer Menschenkörper, Vergänglichkeit, Karma und Samsara) ist daher das geeignete
Mittel, durch das sich der Geist dem Dharma zuwendet.

Der Dharma wird zum Erleuchtungspfad bedeutet, daß wir den Dharma nutzen, um die
Buddhaschaft zu erlangen. Auf der Grundlage der Vier Gedanken entwickelt man aufrichtig
grenzenlose Liebe, Mitgefühl und Bodhicitta. Dies ist eine besondere Methode, seinen Geist
zu entwickeln, um Freude für sich und andere zu schaffen. Alle Buddhas und Bodhisattvas
der Vergangenheit erlangten ihre Verwirklichung durch die Entwicklung von Bodhicitta, und
die Buddhas und Bodhisattvas der Zukunft werden es in der gleichen Weise tun. Es gibt
niemanden, der ohne diese Geisteshaltung Verwirklichungen erlangt hat.

Der Pfad beseitigt die Verwirrung bedeutet die Beseitigung der drei Geistesgifte
Unwissenheit, Begierde und Haß. Ob wir nun nach den Sutrayana- oder Vajrayana-Lehren
praktizieren, unser Hauptaugenmerk sollten wir immer auf die Beseitigung dieser drei
Geistesgifte legen. Wenn wir den Dharma dazu benutzen, Begierde und andere
Leidenschaften anwachsen zu lassen, anstatt den Dharma wirklich zu praktizieren, werden wir
uns nur noch tiefer in Samsara verstricken. Wenn wir den Dharma studieren oder praktizieren,
müssen wir unseren eigenen Geist beobachten. Wird der Geist klarer, offener, ruhiger,
geduldiger, aufmerksamer und verständiger, ist dies ein Zeichen für die Beseitigung der
Verwirrung auf dem Pfad. Wenn wir dagegen so fortgeschrittene Dharma-Lehren wie die
Methoden des Vajrayana praktizieren und trotzdem überheblicher, undisziplinierter,
zerstreuter und stolzer werden, wenn wir nur noch die negativen Seiten der anderen sehen,
wurde die Verwirrung auf dem Pfad nicht beseitigt.

Um erfolgreich zu praktizieren, sollten wir uns daher immer wieder die Vier Gedanken, Liebe,
Mitgefühl, Bodhicitta und das abhängige Entstehen in Erinnerung zu rufen. Außerdem sollten
wir immer die Achtsamkeit aufrechterhalten, daß alle Phänomene so unwirklich wie Träume
sind. Kyobpa Jigten Sumgön sagte, daß die Vorbereitenden Übungen (Ngöndro) viel
tiefgründiger und wichtiger als die fortgeschrittenen Praktiken sind. Ohne eine solide
Grundlage wie die der Vorbereitenden Übungen werden fortgeschrittene Praktiken, wie z.B.
Tantra und Mahamudra erfolglos sein.

Die Verwirrung wird in Weisheit umgewandelt ist der vierte Dharma des Gampopa. Da die
Buddha-Natur alle fühlenden Wesen vollständig durchdringt, gibt es nichts zu erreichen, was
wir nicht schon haben. Das Studium und die Praxis des Dharma hat vielmehr den Zweck, die
Realität des ursprünglichen Zustandes, die absolute Seinsweise der Wirklichkeit zu erkennen.
Um dies zu erreichen ist es notwendig, die störenden Gefühle zu reinigen, denn nur so ist es
möglich, diese bisher nicht erkannte grundlegende Seinsweise der Wirklichkeit zu erkennen.
Wenn wir statt dessen immer mehr Unwissenheit, Begierde und Haß anhäufen, kann eine
Umwandlung der Verwirrung in Weisheit nicht stattfinden. Wir können die Buddhaschaft
nicht erlangen, indem wir unsere Leidenschaften vermehren, sondern ausschließlich durch die
Beseitigung der Verunreinigungen. Diese Erkenntnis ist von allen großen Meistern der
Vergangenheit nachdrücklich betont worden. Ich wiederhole dies hier nur noch einmal.

Für diejenigen von uns, die dem Pfad des Dharma folgen wollen, ist es notwendig, aufrichtig
und achtsam zu praktizieren. Es ist nicht so schwierig, den Dharma zu verstehen, aber es ist
schwierig, ihn zu praktizieren. Ohne die Anwendung angemessener Methoden in der Praxis
werden sich kaum Fortschritte zeigen. Die Trägheit ist tief in uns verwurzelt, und sie
veranlaßt uns immer wieder, die Praxis zu verschieben. Der Strom schlechter Gewohnheiten
ist außerordentlich stark, und wir werden von ihm hilflos mitgerissen. Wenn wir uns zu
Sklaven unserer herzlosen negativen Gedanken machen, leiden wir unnötigerweise. Der
Dharma ist das einzige Mittel, um uns zu befreien, aber er sollte achtsam und aufrichtig
praktiziert werden. Geben wir den Dharma nicht auf, so wird der Dharma auch uns niemals
aufgeben. Der Dharma ist die wirkliche Zuflucht, die uns zur Buddhaschaft führen kann.

Die Übersetzer dieses Buches haben einen großen Dienst geleistet, und es wird sicher von
denen hochgeschätzt werden, die den Wunsch haben, den Dharma zu praktizieren. Ich hoffe,
daß es zum Nutzen vieler Menschen sein wird.
Wege des Bewusstseins im Wandel von
Leben und Tod
on 27. Januar 2007 in Buddhismus, Lehre des Buddha

Öffentlicher Vortrag von S.E. Ayang Rinpoche, 1991

Grundsätzlich ist es so, dass alle Wesen gleich sind, denn sie alle
wollen Glück erleben und Leiden vermeiden. Es gibt auf dieser Welt zwei verschiedenen
Einstellungen zum Leiden: die einen wollen nichts über das Leiden wissen, sie möchten es
nicht sehen und verdrängen es. Die anderen wollen sehr genau wissen, was das Leiden ist und
was seine Ursachen sind. Jene, die nichts über das Leiden wissen möchten, können keinen
Sinn in einem spirituellen Pfad sehen. Diejenigen, die aber etwas über das Leiden und seine
Ursachen wissen wollen, haben Interesse an einem spirituellen Pfad. Sie wollen herausfinden,
was das Leiden ist und wie man ihm begegnen kann, damit es geringer wird.

Beiden Gruppen ist aber gemeinsam, dass sie Glück erleben und Leiden vermeiden möchten.
Es gibt zwei Wege, die man gehen kann. Der eine Weg beinhaltet positive Handlungen, die zu
Glück führen und der andere beinhaltet negative Handlungen, die Leiden hervorrufen werden.
Egal welcher Vorstellung man zustimmt, die Tatsache, dass ein Ursache-Wirkungs-Prinzip
besteht, ist für alle Wesen gleich.

Da ich ein Praktizierender des Buddhismus bin, vertraue ich auf den
buddhistischen Weg. Ein wesentlicher Punkt des Buddhismus ist, zu erkennen, was das
Leiden ist und was seine Ursachen sind. Wenn man die Ursachen des Leidens erkannt hat,
muss man herausfinden, wie die Ursachen umgewandelt oder bereinigt werden können. Im
Vajrayana oder tantrischen Buddhismus hat Buddha gelehrt, was das Leiden ist und dass es
im Samsara Leiden, aber kein wirkliches Glück gibt. Dies betrifft auch den Vorgang des
Sterbens.

Während des Sterbevorganges gibt es drei verschiedene Phasen: die erste Phase tritt ein, wenn
wir aufhören zu atmen. Die zweite Phase ist der Zwischenzustand und die dritte ist die
Wiedergeburt. Es gibt sehr detaillierte Belehrungen über den Sterbeprozess. Ich werde hier
eine kurze Zusammenfassung geben.

Das Leben besteht aus Bewusstsein und Materie, die in Form der fünf Elemente existieren. Es
entsteht, indem das Bewusstsein mit der Materie der Eltern zusammentrifft. Wenn die Essenz
der fünf Elemente mit dem Bewusstsein zusammenkommt, wird von Leben gesprochen. Im
Augenblick des Todes löst sich die Essenz der fünf Elemente wieder in die äußeren Elemente
auf.
Im Tibetischen Totenbuch wird erklärt, dass unser Fleisch die Essenz des Erdelements ist.
Zum Zeitpunkt des Todes löst sich das Fleisch wieder in das äußere Element der Erde auf. Als
nächstes löst sich die Essenz des Blutes in das äußere Element des Wassers auf. Dann löst
sich die Körperwärme in das Feuerelement auf. In diesem Moment zieht unsere Körperwärme
von den Füßen nach oben zum Kopf und unser Mund und unsere Nase werden trocken. Als
nächstes geht das innere Windelement, unser Atem, in das äußere Windelement über. In
unserem Körper haben wir viele verschiedenen Arten von Winden, die verschiedene
Funktionen haben, über die ich jetzt nicht im einzelnen sprechen kann. Es sei aber soviel
gesagt, dass sich die beiden unteren und die beiden oberen Winde im Herzchakra auflösen.
Danach wandern die Tropfen ins Herzzentrum. Für jeden dieser Tropfen atmet der Sterbende
einmal aus und anschließend hört der äußere Atem auf. Zu diesem Zeitpunkt wird der Tod der
Person festgestellt. Allerdings hat nur der äußere Atem aufgehört, der innere Atem geht weiter.

Bei der Zeugung haben wir den Samen des Vaters und das Blut der Mutter empfangen, die
nun wieder im Herzzentrum zusammentreffen. Im Moment des Zusammentreffens der beiden
Tropfen befindet sich das Bewusstsein der Person zwischen diesen beiden Tropfen und die
Geistesgifte der Begierde und des Hasses verschwinden fast vollständig. Zu diesem Zeitpunkt
hört der innere Atem auf. Dieser Moment wird Augenblick des klaren Lichts genannt. Wenn
die Meditation vollkommen ist und man dieses klare Licht erkennt, wird man in diesem
Moment die Erleuchtung auf der Dharmakaya-Ebene erlangen. Dies kann man der Person
ansehen, z.B. daran, dass sie weiterhin in der Lotusposition meditiert. Selbst bei jenen, die
nicht in der Lotusposition meditieren können, sondern dies im Liegen tun müssen, verändert
sich der Gesichtsausdruck nicht und er hat den gleichen Glanz wie zu Lebzeiten. Bei großen
Meistern, die eine hohe Realisation erlangt haben, kann man Wärme im Herzen nachweisen.
Wenn die Sterbenden in dieser Meditationshaltung sind, sollte man sie nicht berühren, bis die
Meditation beendet ist. Nach der Meditation verändern sich diese Sterbenden genauso wie es
normalerweise geschieht, indem die Glieder steif werden und das Gesicht seinen Glanz
verliert.

Diejenigen, die zu ihren Lebzeiten noch nicht die wahre Natur ihres Geistes erkannt haben
und auch keine Erfahrungen in gewöhnlichen Meditationen gemacht haben, können das klare
Licht zum Zeitpunkt des Erscheinens nicht erkennen. Es tritt eine Bewusstlosigkeit ein. Diese
gewöhnlichen Wesen erlangen ihr Bewusstsein wieder, wenn der Zustand des klaren Lichts
vorüber ist. Sie haben dann nicht das Gefühl gestorben, sondern nur eingeschlafen und wieder
aufgewacht zu sein. Dieser Sterbevorgang wird als Zwischenzustand des Todes bezeichnet.
Der Zeitraum vom endgültigen Sterben bis zum Zeichen einer neuen Wiedergeburt wird
Dharmata-Zwischenzustand genannt. In dieser Zeit erscheint die Natur des Bewusstseins in
Form von verschiedenartigen Visionen.

Wenn ein Wesen aus der Bewusstlosigkeit des Todes im Dharmata-Zwischenzustand erwacht,
hat es das Gefühl, alleine in einem leeren Haus mit neun Fenstern und Türen zu sein, das
zusammenfällt. Die neun Öffnungen des Hauses sind die neun Körperöffnungen (zwei Augen,
zwei Ohren, zwei Nasenöffnungen, der Mund und die zwei unteren Öffnungen). Das Wesen
hat das Gefühl, dass dieses Haus sehr alt ist und fast über ihm zusammenbricht, was darauf
zurückzuführen ist, dass die fünf Elemente sich auflösen. Das Wesen hat das Gefühl, nicht in
diesem Haus verweilen zu können und es verlassen zu müssen. Bei dem Gefühl, das Haus
verlassen zu müssen, verlässt das Bewusstsein den Körper. Je nachdem, aus welcher
Körperöffnung das Bewusstsein den Körper verlässt, wird es in einem entsprechenden
Bereich wiedergeboren. Das Wesen kann zu diesem Zeitpunkt nicht entscheiden, ob es durch
die unteren oder oberen Körperöffnungen entweicht, denn das hängt ganz allein von seinem
Karma ab, also den Handlungen, die es in seinem Leben ausgeführt hat.
Wenn das Bewusstsein den toten Körper verlassen hat, hat das Wesen die Vorstellung, den
gleichen Körper wieder zu haben. Dieser Körper wird als Geistkörper bezeichnet.
Entsprechend seiner Anhaftung im vorherigen Leben wird das Wesen Orte, Personen und
Situationen aus seinem Leben antreffen. Es wird auch versuchen, mit seinen
Familienangehörigen Kontakt aufzunehmen, z.B. setzt es sich zu ihnen, wenn sie essen, und
versucht mit ihnen zu sprechen. Die anderen können es aber nicht sehen oder hören, da es nur
einen Geistkörper besitzt. Dann erkennt es, dass es tot ist und es erlebt viele Leiden und große
Angst.

Während des Lebens manifestieren sich einhundert Gottheiten in unserem Körper und diese
verlassen den Körper jetzt wieder. Das Geistwesen kann diese Gottheiten nacheinander
erkennen. Im tibetischen Totenbuch wird die Reihenfolge und Zeit ihres Erscheinens genau
aufgeführt und die Erscheinungen werden genau beschrieben. In dem Zeitraum, in dem es die
100 Gottheiten sieht, wird es große Angst haben, weil es sie im Leben zuvor nicht gekannt hat.
Das Erscheinen der Gottheiten wird mit einer Vielzahl von Lichtern und Geräuschen begleitet
und das Geistwesen erlebt viele verschiedene Arten des Leidens.

Diejenigen, die aus ihren Lebzeiten mit den einhundert Gottheiten vertraut sind, werden sie
im Zwischenzustand wiedererkennen und keine Furcht vor ihnen haben. Wenn sie genügend
Hingabe und Vertrauen entwickeln, wird sich das Bewusstsein in das der Gottheit auflösen
und es kann Befreiung erlangen. Diese Art der Befreiung wird die Sambhogakaya-Befreiung
genannt. Im tibetischen Totenbuch werden diese Vorgänge sehr detailliert beschrieben.

Das Wesen erfährt aber auch wunderbare Kräfte, so kann es z.B. die Gedanken anderer
Wesen lesen oder es kann durch Wände, Felsen und Berge gehen. Es kann auch von einem
Moment zum anderen in ein Land oder an einen Ort gehen, wenn es nur den Wunsch danach
hat. Es kann sich auch an den Prozess des Todes und den Zustand der Bewusstlosigkeit
erinnern. Dieser Zustand ist aber nur von kurzer Dauer. Dies wird als das begrenzte Leben im
Zwischenzustand bezeichnet.

Schließlich wird es in einem der sechs Bereiche des Samsara wiedergeboren. In der ersten
Hälfte dieses Zwischenzustandes wird es sich erinnern, welchen Körper es im früheren Leben
gehabt hat. Danach kann es erkennen, welchen Körper es entsprechend seinem Karma im
nächsten Leben annehmen wird. Dann erscheinen ihm Zeichen, die dem Bereich seiner
nächsten Geburt zugeordnet sind. Zu diesem Zeitpunkt hat das Wesen einen sehr starken
Wunsch, sich wieder zu verkörpern. Der Zeitraum bis zum Eintritt in den Mutterschoß beträgt
bis zu 49 Tagen.

Dies ist eine kurze Zusammenfassung über das Sterben, den Zwischenzustand und die
Wiedergeburt. Eine detaillierte Beschreibung findet man im tibetischen Totenbuch und
anderen Texten. Weiterhin gibt es viele verschiedene Belehrungen und Methoden, wie man
sich auf den Tod vorbereiten kann und wie man sich während des Sterbens verhalten soll.

Wir sollten uns bewusst machen, dass wir ein kostbares Leben besitzen und wir sollten genau
untersuchen, was dieses kostbare Leben ist und was wir Sinnvolles damit tun können. Dann
sollten wir uns auch überlegen, wie wir das kommende Leben besser gestalten als das jetzige.
Wenn wir in diesem Leben nichts für die nächste Wiedergeburt tun, können wir sicher sein,
dass wir nicht wieder so ein kostbares menschliches Leben erlangen, sondern als Tier,
hungriger Geist oder Höllenwesen wiedergeboren werden. Wenn wir gerne Leiden, dann
macht das nichts und wir können weiter in unserer Unwissenheit verweilen. Wenn wir aber
Glück erlangen wollen, dann müssen wir uns schon in diesem Leben darauf vorbereiten.
Dies ist ein kurzer Auszug aus einem Vortrag, der von
S.E. Ayang Rinpoche 1991 in Aachen in englischer Sprache
gehalten und von Falko Duwe ins Deutsche übersetzt wurde.
Die Tonbandaufzeichnung wurde von Getsül Könchog Paglam
abgeschrieben, von Bettina Aders editiert und schließlich von
Tendzin Chödrön überarbeitet und für den Rundbrief gekürzt.

Aus Rundbrief 3/2001