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Schweizer Musikzeitung Nr.

1 / Januar 2007 7

«Ich konnte nicht üben, weil…»


Musizieren und Leistung: Rahmenbedingungen (nicht nur) für den Instrumentalunterricht

(SMZ) Dem Musizieren wird in der Regel mit


dem Anspruch begegnet, dass es Spass
machen und einen Ausgleich zu den hohen
Anforderungen des Schulalltags sein soll.
Musizieren ist jedoch mit dem Erlernen von
Fähigkeiten verbunden, deren Erwerb Zeit
und Energie, mithin Leistungswille
erfordert. Leistung erbringen zu müssen,
heisst häufig, Druck und Kampf auszuhalten
und ist daher negativ besetzt. Doch Lehr-
personen und Eltern können eine alternati-
ve, «flow»-begünstigende Lernumgebung
schaffen, in der Anstrengung auch als Lust-
gewinn und das Musizieren als Gegengewicht
zum Schulalltag erfahrbar wird.

Agnes Frick

Musik ist in unserem Leben allgegenwärtig. Auf


Musik als Konsumartikel zur Erbauung und Ent-
spannung möchte kaum jemand verzichten.
Auch Leistung ist allgegenwärtig. Das Gefühl, Es braucht Freiräume, damit sich Menschen durch Musik und Musizieren entfalten können. Foto: Archiv
leisten zu müssen, um sich auf einem qualifi-
zierten Arbeitsmarkt entweder jetzt oder später weil ich so viele Schularbeiten und Tests strengen – aus Lust an einer Sache und ohne un-
zu behaupten, ist unser Lebensgefühl und wird hatte.» (…und «zum Spass» hab ich lieber ter Druck gesetzt zu werden. Die Ursachen dafür
bereits bei Schuleintritt vermittelt (als «Ernst Computer gespielt). sind vielfältig, eine Erklärung dafür bietet die
des Lebens»). Leistung wird daher oft mit Überle- • «Mein Kind muss jetzt den Besuch des In- Verhaltensbiologie.
benskampf und Druck verbunden und damit ne- strumentalunterrichts beenden, denn die
gativ besetzt. Erfolgreich-Sein ist auf der Basis Schule geht vor.» (...und der Fernseher Erklärungsversuch aus der
unserer Werte stark gebunden an Leistungs- und auch). Verhaltensbiologie: Massenverwöhnung
Konkurrenzfähigkeit und stark verknüpft mit • Und – es versteht sich fast von selbst: «Der
Wohlstand und Wohlergehen. Nicht selten ent- oder die Lehrer/in konnte nicht richtig mo- Kinder und Jugendliche machen in ihren Le-
steht daraus die Haltung «Ich bin, was ich leiste», tivieren.» (...das ist schliesslich sein Job). bensräumen nicht mehr die Erfahrung, dass
Eigenwert geben wir uns auch durch unseren Wir Musiklehrerinnen und Musiklehrer ma- Leistungsbereitschaft, Leistungsfähigkeit und
«Marktwert». Musizieren soll – im Gegensatz da- chen kollektiv die Erfahrung, dass unsere Schü- Anstrengung tatsächlich (über)lebensnotwen-
zu – in erster Linie Spass machen. Eltern sowie lerinnen und Schüler wenig, zum Teil sehr we- dig sind. Die Leistungsanforderungen, die an sie
Schülerinnen und Schüler sehen darin einen nig üben. Als Folge davon haben wir uns an klei- gestellt werden, sind künstlich und haben nor-
emotionalen Ausgleich, ein Gegengewicht zur ne bis sehr kleine Fortschritte – also an geringe malerweise nichts mit den gegenwärtigen Not-
intellektuellen Überfrachtung im schulischen Leistungen – als das Normale gewöhnt. Wir ha- wendigkeiten zu tun. Ihre elementaren Bedürf-
Lernen. Leistung erbringen und Spass haben, ben gelernt, damit umzugehen, vielleicht auch, nisse sind weitestgehend abgedeckt, auch die
scheinen dabei einander ausschliessende Mög- damit zufrieden zu sein. Leistungen der Eltern, die dafür erbracht wer-
lichkeiten zu sein, Musizieren soll daher frei Während die Anforderungen im Pflicht- den, sind für sie wenig sichtbar. Zudem versu-
sein von Leistungsanforderungen. Musizieren schulbereich ständig zunehmen – so zumindest chen Eltern, ihnen jeden Stein aus dem Weg zu
ist jedoch mit der Entwicklung von Fähigkeiten stellen Schüler und Eltern uns das dar – sollen räumen. War es in unserer Stammesgeschichte
und Fertigkeiten verbunden und damit ohne die Anforderungen in den musisch-kreativen Fä- so, dass wir uns zur Befriedigung unserer Be-
Einsatz von Zeit und Energie nicht erlernbar. chern ständig sinken; denn nur auf Sparflamme dürfnisse vorher anstrengen mussten – und
Der Spass beim Musizieren ist ohne diese Vorleis- können Schülerinnen und Schüler sich solchen zwar ordentlich – (jagen, kämpfen, balzen...), so
tung nicht zu haben. Der Ausgleich – das Gegen- Tätigkeiten überhaupt noch widmen. Leistung ist dies in unserer zivilisierten Gesellschaft
gewicht – das Musizieren bieten und sein soll, ist also auch uns Musiklehrerinnen und Musik- kaum mehr nötig. Immer mehr Lustgewinn ist
kann also nicht im «Nichts-Leisten» liegen. lehrern allgegenwärtig als etwas, das von unse- für immer weniger Anstrengung zu haben, was
ren Schülerinnen und Schülern kaum noch er- an sich ja sehr erfreulich ist, denn Lustgewinn
Musikunterricht und Musizieren – bracht wird. ohne Anstrengung ist ein uralter Traum der
nur wenn es leicht geht? Lehrpersonen, die schon über Jahrzehnte Menschheit. Man denke an die Paradiesvorstel-
unterrichten, glauben zu beobachten, dass Kin- lungen, das Schlaraffenland, oder man verglei-
Kommen ihnen diese Aussagen bekannt vor? der und Jugendliche zunehmend weniger fähig che die Errungenschaften der Zivilisation. In un-
• «Es geht mir nicht darum, dass mein Kind sind, Konsequenz, Beharrlichkeit und Konzen- serer Gesellschaft ist dieser Traum ein Stück
ein grossartiger Musiker wird, es muss ihm tration aufzubringen, dass sie zunehmend weni- weit für viele Menschen wahr geworden. War
das Musizieren nur Spass machen.» ger bereit sind, Zeit zu investieren, dass sie im- Lustgewinn ohne Anstrengung (F. von Cube
• «Ich konnte nicht so viel (= gar nichts) üben, mer weniger bereit sind, sich freiwillig anzu- nennt dies «Verwöhnung») in früheren Jahrhun-
8 N° 1 / Janvier 2007 Revue Musicale Suisse

derten einer geringen Oberschicht vorbehalten, satt) einen hohen Reiz (zum Beispiel eine Flow-Erlebnisse weisen mehrere folgender
ist dies in den Ländern der «Ersten Welt» einer Delikatesse), um uns trotzdem noch zur acht Komponenten auf, welche uns glücklich
breiten Masse möglich. So angenehm das ist, er- Triebhandlung (zum Essen) zu «treiben» und zufrieden machen:
geben sich daraus nicht ausschliesslich ange- und uns ein entsprechendes Lusterlebnis zu 1. Wir fühlen uns der Aufgabe gewachsen, wir
nehme Konsequenzen: Die Erfahrung nämlich, verschaffen. Die Intensität, die Lust ist um- stellen uns einer Herausforderung, die für
dass Anstrengung auch mit Lustgewinn verbun- so grösser, je höher die Summe von Trieb- uns jenseits von Angst und Langeweile ist.
den sein kann, nämlich primär mit der Lust, ein und Reizstärke ist. Den grössten Lustge- 2. Wir haben ein deutliches, klares und selbst
Bedürfnis befriedigt zu haben (zum Beispiel satt winn versprechen also grosser Hunger und gewähltes Ziel, eine innere Leitlinie, «wie es
zu sein) und sekundär mit der Zufriedenheit ein gutes Essen. Sind wir mehr oder weni- sein soll».
über die geleistete «Arbeit», kann nicht mehr ger permanent satt, muss die Reizstärke 3. Die Rückmeldung über das Erreichen die-
durch natürliche Lebensbedingungen gemacht ständig erhöht werden, um uns denselben ses Zieles erfolgt unmittelbar und direkt
werden; sie kann daher auch nicht mehr voraus- Lustgewinn zu verschaffen; sie schleift sich aus dem Tun. Wir erleben uns als erfolg-
gesetzt werden. Sie ist Erziehungsaufgabe ge- von Mal zu Mal ab, wir werden nicht immer reich von Augenblick zu Augenblick.
worden – anstrengender Erziehungsauftrag – , zufriedener, sondern immer anspruchsvol- 4. Wir erleben Kontrolle über unsere Tätig-
denn es ist viel einfacher, einem Kind zu geben, ler. keit. Kontrolle gibt Sicherheit und bedeutet
was es fordert, als es zu fordern, indem wir ihm 2. Auch wir Menschen sind dafür ausgerüstet, damit Lustgewinn.
Verzicht oder Anstrengung abverlangen. Leis- uns für unser (Über-)Leben anzustrengen 5. Wir können uns auf die Aufgabe konzen-
tungsfähigkeit und die Fähigkeit zu verzichten und Einsatz zu leisten. Man nennt diese trieren. Im Flow-Erlebnis ist unsere ganze
wieder erlebbar zu machen, lohnt sich in mehr- «Ausstattung» Aktivitäts- oder Aktionspo- Aufmerksamkeit gefordert. Der normale
facher Hinsicht: tentiale. Können wir unsere Bedürfnisse Zustand von Unordnung in unserem Be-
• In ökologischer, denn so hoher Anspruch so ohne Anstrengung stillen, sind wir zwar wusstsein (=psychische Entropie) wandelt
vieler Menschen ist für die Erde nicht ver- satt. Aber sind wir auch zufrieden? Wenn sich in Ordnung.
kraftbar. wir die dazu zur Verfügung stehenden Akti- 6. Wir handeln mit tiefer, müheloser Hinga-
• In sozialer, denn die Erfüllung der eigenen vitätspotentiale nicht einsetzen, bleiben be, vergessen (als Nebenprodukt) die unan-
Ansprüche als Maxime führt zu einer Ge- wir – wenn das ein Dauerzustand ist – auf genehmen Aspekte des Lebens, werden
sellschaft von Egoisten ohne Rücksicht auf unseren unausgeführten Handlungen sit- nicht mehr Beute von Gedanken und Sor-
Verluste, die Isolierung wird immer grösser. zen. Das erzeugt in uns nicht Zufrieden- gen, die ungewollt in unser Bewusstsein
• Es lohnt sich aus der Sicht der persönlichen heit, sondern Spannung und Unlust. Da- dringen; unsere Tätigkeit wird für uns zur
Lebensgestaltung, der Lebensbewältigung raus resultiert «die aggressive Langeweile», ganzen Welt.
des Einzelnen und der damit verbundenen die angestaute Energie, etwas tun zu wollen 7. Wir nehmen Zeitabläufe anders wahr. Im
Zufriedenheit, denn offensichtlich – beob- und nicht zu wissen, was. Immer wieder Flow–Erlebnis hat das Zeitgefühl wenig zu
achten wir nur unser Konsumverhalten – zeigen uns besonders Jugendliche, wie de- tun mit der messbaren Zeit, sie kann viel
werden wir nicht je verwöhnter umso zu- struktiv ihre Kraft wird, wenn sie diese kürzer oder viel länger erscheinen.
friedener. nicht in für sie sinnvolle Handlungen inves- 8. Die Sorge um unser Selbstbild verschwin-
tieren können. Reproduktive Leistung al- det; wir verlassen die Ebene der Selbstbeob-
Verwöhnung macht nicht zufriedener lein, wie die Schule es Kindern und Jugend- achtung und damit die Angst um die Wir-
lichen überwiegend abverlangt, baut Akti- kung, die wir auf andere haben.
Kennen auch sie ein Kind, dem sie kein Ge- vitätspotentiale = Aggressionspotentiale Im Flow-Zustand fühlen wir uns stark, aktiv, krea-
schenk mehr machen können, weil es einfach nicht ab. Dazu ist Lernen «wie es eine natür- tiv, konzentriert, motiviert und glücklich. Flow
«alles» bereits hat? Man betrachte einen Moment lich Umwelt fordert» notwendig. Solches kann in allen Tätigkeiten und auf allen Stufen
die Entwicklung nur der letzten 50 Jahre: Nicht Lernen ist problemorientiert, explorativ des Könnens erlebt werden, allerdings ist ein Mi-
mehr EIN Auto, EIN Fernseher, EINE Stereoanla- und kooperativ. nimum an Fähigkeit und damit auch zumindest
ge, EIN Telefon pro Haushalt erscheint uns als Ich folgere daher mit F. von Cube: Was uns zu- ein Minimum an Anstrengung, Leistungswille
ausreichend, alles ist mehrfach vorhanden und frieden macht, ist nicht das gesteigerte Lust- und Leistungsfähigkeit dafür notwendig.
muss auf dem neuesten Stand gehalten werden. erlebnis durch immer höhere Reize, durch im- M. Csikszentmihaly hat in seinen Untersu-
Alles deutet darauf hin, dass wir als ganze Gene- mer geringere Anstrengung (Schlaraffenland, chungen festgestellt, dass viele Menschen in ihrer
ration nicht zufrieden sind und endlich genug Paradies), sondern der Lustgewinn durch und Arbeit wesentlich mehr Flow-Erlebnisse haben
haben, sondern dass wir immer mehr brauchen, nach einer Leistung, die Lust an der Leistung, die als in ihrer Freizeit; denn dort sind ihre Fähig-
dass wir nicht zufriedener, sondern lediglich an- Erfahrung erfolgreichen Handelns, das mit Lust- keiten oft wenig gefordert und sie sind gelang-
spruchsvoller geworden sind. Zwei Erklärungen gewinn belohnt wird. weilt. Dennoch geben sie an, mehr Freizeit und
dafür nochmals aus der Verhaltensforschung: weniger Arbeit zu wünschen. Er führt dies auch
1. Die Verhaltensbiologie geht davon aus, dass Bestätigung aus der Psychologie auf die bei uns kulturell verwurzelte Sichtweise
wir Menschen, wie die Tiere auch, triebge- von Arbeit als eine Last und etwas zu Vermeiden-
steuert sind, dass wir aber – im Unterschied Wir Menschen streben nach Glück, Freude, des zurück, welche die Betrachtung des tatsäch-
zu den Tieren – unsere Handlungen reflek- Spass, Lust; eher sind wir von der Erwartung von lichen Gefühlszustandes bei der Arbeit überla-
tieren können und das, was wir dann letzt- Lust und Unlust getrieben, als von Einsicht. gert. Auch unsere Schülerinnen und Schüler
endlich tun, immer mehr oder weniger eine Der amerikanische Psychologe Mihaly Csik- erleben in ihrem Freizeitverhalten mit ihren El-
Kombination aus triebgesteuertem und be- szentmihalyi hat die positiven Aspekte mensch- tern Ähnliches. Arbeit und damit auch Lernen
wusstem, reflektiertem Handeln ist. Eine licher Erfahrung erforscht und den optimalen soll auf ein Minimum reduziert werden. Die Frei-
Triebhandlung und das damit verbundene Glückszustand unter dem Begriff «Flow» be- zeit dient ausschliesslich der Entspannung und
Lusterlebnis kommen zustande, wenn die kannt gemacht. Flow ist der Zustand des völligen kaum schöpferischem Tun. Damit entstehen viel-
Triebstärke und die Reizstärke genügend Aufgehens im Leben, im Augenblick, im Tun, fach Tages-, und Wochenabläufe, in denen alle
hoch sind. (Prinzip der doppelten Quantifi- zweckfrei und um seiner selbst Willen. Kennt Pflichten schnellstmöglich erledigt werden sol-
zierung). Das heisst: Eine hohe Triebstärke ein Mensch diesen Zustand, sucht er dieses Lust- len, damit endlich die Freizeit beginne.
(wie grosser Hunger) lässt uns mit einer erlebnis eigenständig immer wieder ohne Moti- Das Musizieren hat dabei weder im Pflich-
niedrigen Reizstärke (wie einem einfachen vierung von aussen. Nicht nur daraus, aber auch tenkatalog noch im Freizeitprogramm – also
Essen) zufrieden sein. Umgekehrt erfordert daraus, entsteht jene intrinsische Motivation, keinen – Platz. Eltern sind hier gefordert, ein
eine niedrige Triebstärke (wir sind schon welche Höchstleistungen hervorbringt. Umfeld mitzugestalten, in dem auch Hingabe,
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ohne die schöpferisches Tun nicht möglich ist, so den überwiegenden Teil ihrer Gegenwart auf- kann. Wenn wir Wahlmöglichkeiten schaffen
entstehen kann. gefordert, völlig fremdbestimmte Lernziele zu und Selbstbestimmung zulassen, können die
erreichen und ebenso fremdbestimmte Leis- Kinder lernen, eigene Entscheidungen zu tref-
Musizieren als Gegengewicht tungserwartungen für eine weit entfernte Zu- fen und zu verantworten.
kunft zu erfüllen. «Gegengewicht» schaffen wir, wenn unser
Wenn Musizieren in erster Linie Spass machen Im Instrumentalunterricht haben wir we- Unterricht überwiegend Experimentierraum
und ein Gegengewicht zu den hohen Leistungsan- sentlich bessere Möglichkeiten diesen Kreislauf mit grossen bewertungsfreien Zonen ist, in de-
forderungen des Schulalltages sein soll, wenn von Fordern und Widerstand, der daraus ent- nen Kreativität und Spontaneität erst entstehen
gleichzeitig Musizieren ohne Leistungsbereit- steht, zu durchbrechen. Im Einzel- und Klein- können. Durch gemeinsames (zuerst bewer-
schaft und Leistungsfähigkeit nicht erlernbar ist, gruppenunterricht ist es leichter, Schüler/innen tungsfreies) Beobachten und Wahrnehmen ma-
worin kann dann dieses Gegengewicht bestehen? in ihrer Individualität zu sehen, sie ernst zu neh- chen Schülerinnen und Schüler nicht nur Erfah-
Das Flow-Erlebnis ist selbstverständlich nicht men und angemessene, reizvolle «Herausforde- rungen mit sich selber und mit Musik, sie entwi-
durch gezieltes Handeln produzierbar, es ist in sei- rungen jenseits von Angst und Langeweile» an- ckeln auch Qualitätskriterien für ihr Tun, die sie
ner reinen Form immer Geschenk. Sein Entstehen zubieten. Dort können sie ihre Fähigkeit erleben unbedingt brauchen, um üben zu können. Sie
kann aber durch mehr oder weniger geeignete und zwar als etwas, das sie spüren und nicht als lernen, ihre Aufmerksamkeit auf das zu lenken,
Rahmenbedingungen gefördert und gehemmt etwas, das wir ihnen sagen. Sich als fähig erle- was gerade geschieht und weg von dem, was sie
werden. Schulen, die Kinder auf den Tauschhan- ben, macht nicht nur glücklich, sondern ist gerade richtig und falsch machen, weg von dem,
del «Leistung gegen Note» konditionieren und sie auch die Voraussetzung dafür, Selbstvertrauen ob «sie gerade gut oder schlecht spielen». Die na-
auf diese Weise lernsozialisieren, bieten einen zu gewinnen und sich an neue, grössere Heraus- he liegende Verknüpfung «wenn ich gut spiele,
denkbar ungeeigneten Rahmen für das Entstehen forderungen zu wagen. Selbstvertrauen ist zu- bin ich gut, und wenn ich schlecht spiele, bin ich
von Flow. Wir sind daher aufgefordert, einen ganz dem die Basis dafür, sich nicht zu vermeiden- schlecht» hat eine Chance, sich zu lösen. Die
anderen Rahmen für Lernen zu schaffen, in dem dem Konkurrenzkampf optimistisch zu stellen. «Sorge um das Selbstbild» – Hauptursache des
wir nicht den Anspruch erheben, mit unseren «Gegengewicht» zu ihrem Schulalltag ist es Lampenfiebers – kann verschwinden.
Schüler/innen von Flow zu Flow zu gelangen, in auch, wenn wir an ihren Stärken ansetzen und Diese andere Lernumgebung schaffen wir vor
dem wir aber so viel Fluss wie möglich anstreben. nicht überwiegend versuchen, Defizite auszu- allem durch unser Verhalten, und dieses liegt – im
gleichen. «Gegengewicht» ist es, wenn Konkur- Gegensatz zu vielen gesellschaftlichen und struk-
Alternativen, «Flow»-begünstigenden renz- und Wettbewerbssituationen dazu dienen, turellen Gegebenheiten – tatsächlich in unserer
Lernrahmen schaffen die eigenen Fähigkeiten zu verbessern und nicht eigenen Macht. Hinter unserem Verhalten stehen
das «Besser-als-andere-sein» im Vordergrund unsere Einstellungen. Beides – Einstellungen und
Verschultes Lernen ist überwiegend zielgerich- steht. «Gegengewicht» ist es, wenn wir sie in der Verhalten – lohnt es sich daher, immer wieder zu
tetes Lernen auf einen (Mindest-)Standard, eine Herausforderung vor allem unser Zutrauen in reflektieren und gegebenenfalls zu verändern.
Note hin. Über- und Unterforderung sind damit ihre Fähigkeit und nicht die fremdbestimmte Alternative Lernumgebungen zu schaffen,
vorprogrammiert. Es ist nicht interessengeleite- Forderung erleben lassen. Kinder und Jugendli- ist für uns Lehrerinnen und Lehrer eine grosse
tes Lernen mit dem vorrangigen Ziel, über sich che sind daran gewöhnt, die Erwartungen ande- Herausforderung. In den kurzen Unterrichtsein-
hinaus zu wachsen und die eigenen Möglichkei- rer zu erfüllen, die Grenzen anderer respektie- heiten, die uns zur Verfügung stehen, ist die Ver-
ten zu erweitern, wie es das Lernen des Kleinkin- ren zu müssen und ihre eigenen Bedürfnisse suchung gross, Schüler/innen einfach schnur-
des in einer natürlichen Umgebung ist. Die Lern- und Interessen am besten gar nicht wahrzuneh- stracks zu zeigen, «wo’s lang geht». Auch wenn
inhalte sind weit entfernt von den Bedürfnissen men. Sie sind daran gewöhnt, dass andere wis- wir dieser Versuchung beharrlich widerstehen,
der Lernenden und enthalten wenig für sie im sen, was gut für sie ist. «Gegengewicht» schaffen ist es oft ein langer Prozess, bis Schüler/innen
Moment Bedeutsames. Entsprechend zwang- wir also vor allem, indem wir sie zuerst in Kon- glauben können, dass es uns tatsächlich um sie
haft und lustlos wird das überwiegend kopflasti- takt mit sich selber, ihren eigenen Bedürfnissen, geht und sie den gewährten Freiraum nutzen,
ge «Pauken» erledigt. Leistung wird erbracht, Vorlieben, Interessen, Wünschen, Fähigkeiten schätzen und geniessen lernen. Es ist dies ein
aber nicht aus Eigeninitiative und Lust, wie es et- und Grenzen und erst dann mit unseren Vorstel- lohnender Prozess, denn nur in diesem Frei-
wa in den Freizeitbereichen der Fall ist, sie wird lungen bringen. Auf diese Weise erhöhen wir die raum kann Musizieren einen Platz bekommen,
erzwungen. Der Schulalltag nimmt den gröss- Chance, dass Schülerinnen und Schüler für sich der über die Pubertät hinaus erhalten bleibt.
ten Teil des Lebensalltages von Schülerinnen im Moment Bedeutsames tun können und Musi- Nur in diesem Freiraum können sich Menschen
und Schülern in Anspruch. Diese fühlen sich al- zieren damit etwas für sie Bedeutsames werden durch Musik und Musizieren entfalten und
kann die Musik ihre viel beschworene Kraft in ih-
nen entwickeln. Aus freier Entscheidung er-
« Je ne pouvais pas m’exercer, parce que... » wachsen dann auch Leistungen und Höchstleis-
tungen, nicht nur Last sondern auch Lust: Lust
Dans notre mode de vie actuel, la musique est une voiture, un téléphone, une chaîne hi-fi an der Musik, an der Fähigkeit, am Eigenen, an
omniprésente, ne serait-ce que comme bien cherche à en obtenir plusieurs. Ce qui nous sa- der Gestaltungsmöglichkeit, am Spiel. !
de consommation. Il en est de même de la per- tisfait vraiment, c’est d’acquérir des compé-
formance. Mais là où la quête de performance tences. C’est aussi de vivre une situation où Literatur:
est généralement source de stress, la musique nous effectuons une activité avec plaisir, en Thomas Berry Brazelton,Stanley I. Greenspan: Die sie-
est souvent considérée comme apaisante. sachant où nous allons, en obtenant le succès ben Grundbedürfnisse von Kindern, Weinheim und Ba-
Pourtant, on n’apprend pas à jouer d’un ins- dans sa réalisation, un état d’esprit que le sel: Beltz, 2002 (2. Aufl.).
trument sans effort, sans patience et sans psychologue Mihaly Csikszentmihalyi appelle Rebeca Wild: Erziehung zum sein, Heidelberg: Arbor-
énergie. Les enseignants de musique cons- le « flow ». On peut mettre en place un en- Verlag, 1992 (6. Aufl.).
tatent que leurs élèves travaillent peu. Les exi- seignement de la musique qui favorise le Felix von Cube: Fordern statt verwöhnen, München: Pi-
gences ont tendance à baisser dans le domaine « flow », notamment en aidant les élèves à per, 1999.
musical. Par ailleurs, on considère générale- trouver un but à ce qu’ils font – autre qu’une Mihaly Csikszentmihalyi: Flow – Das Geheimnis des
ment l’effort comme désagréable : le paradis, note ou une remarque du professeur –, et en Glücks, Stuttgart: Klett-Cotta, 2003 (11. Aufl.).
c’est obtenir ce qu’on désire sans aucune diffi- leur faisant comprendre que c’est pour eux Thomas Gordon: Die Neue Familienkonferenz – Kinder
culté. Mais posséder tout ce qu’on désire ne qu’ils apprennent, pas pour l’enseignant. erziehen ohne Strafe, München: Heyne, 2004 (18. Aufl.).
suffit pas à rendre heureux. Celui qui possède Résumé et traduction : Jean-Damien Humair Thomas Gordon: Lehrer-Schüler-Konferenz – Wie man
Konflikte in der Schule löst, München: Heyne, 1989.