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Die Mutter eines Schilers, selost Planstin, cerzahite mi, dass sie die ersten Jahre ihres eigenen Kavieruntertichts als Kind mit sehr schlechtem Gewissen verbrachte, Der Lehrer cerklarte der damals Siebenjahrigen die No- tenschrift und unterrichtete sie fortan im Glauben, sie kbnne die Noten lesen. In Witk lichkeit aber blieben die schwarzen Zeichen ‘aut dem Papier noch lange Zeit ein groBes Ratsel fr das Madchen, Mit Hilfe seines gu: ten Gehirs und Gedachtnisses jedoch gelang es ihm, dieses Manko 2u verbergen. Der Leh: rer erfubr nie von seinem Irtum, Nicht alle unsere Schillerinnen sind so ge- schickt darin, ihre Schwierigkeiten beim No- tenlernen zu verbergen. Meistens treten die. se offen zutage und haben schon so manche Instrumentallehrkraft zur Vereweifung ge- bracht, Oft sind es sogar gerade die Kinder mit besonders gutem Gehir, die sich mit dem Lesen-Lemen Zeit lassen. Verschaeft wird diese Problematik heute durch den zu- nehmend frihen Begin des Instrumental unterrchts schon mit vier oder funf Jahren, ‘So wie jeder Mensch zunachst sprechen lemt Und erst spter auch schreiben und lesen, so sollte auch beim Musizieren das ,Sprechen* lund Héren am Anfang stehen, Bezlge zur bildhaft-grafischen Ebene kann es dennoch Den ,,Spuren“ folgen Anndherungen an die Notenschrift Irene Vogt-kluge Unsere Notenschrift st ein abstraktes Zeichensystem, das fiir Vorschulkinder in der Regel noch nicht verstdndlich ist. Ein zu friihes Training des Notenlesens verschwendet wertvolle Unterrichtszeit und verdirbt die Freude am Spiel. Aber auch bei diteren Kindern ist es sinnvoll, dem Musizieren ohne Schrift geniigend Raum und Zeit zu geben. geben, Im Folgenden solen einige Wege zur Finfuhrung der Notenschrit vorgestelit wer: den, die ihre anschaulichen Aspekte aufgei: fen und so das Lernen mit sinnlichen Erfah: rungen verknlipfe, KLANGE UND BILDER Je jnger unsere Schulerinnen und Schuler sind, desto elementarersoliten wir beginnen lund desto kleinstufiger mUssen die Lern schritte sein. Der Weg geht vam Konkreten zum Abstrakten, hin 2u immer feinerer Diffe: renzlerung der Wahrnehmung und der Ge. staltung. Besonders fur Vorschulkinder solte die erste Form von ,Schrift" konkretes Bild matertal sein, das in Beziehung zu musikali schen Elementen steht. Das Bild In der Stadt (siehe rechte Seite) zeigt bunte Stra Benszenen, die alle mit Klangen oder Gerd: sschen verbunden sind, Diese werden am Kia vier nachgestaltet. NatUrlich sind die Bildele mente keine Eins-2u-cins-Abbildungen van musikalischen Elementen, sondern eher ‘Symbole, Anregung zum Fantasieren oder Er Innerungshitfe an das im Untericht Gelernt. Yon Anfang an ist es sinnvoll, dan Bezug zw schen Klang und Bild in beiden Richtungen heraustellen: Bilder werden in Kldnge Uber tragen und umgekehrt werden musikalische Elemente auf dem Instrument gespielt und dann grafisch dokumentert. Beispielsweise konnen Schritte von Tieren klanglich so ge- staltet werden, dass man schwere oder leich: te, weit ausgreifende oder Kleinraumige, hofende oder kriechende Bewegungsformen wahrnehmen kann. Grafisch 2ugeordnet wer den dann die ,Spuren*, die diese Tiere hin terlassen: gro8e (dicke) oder kieine (zarte) ‘Abdrlicke, weit auseinander oder nah beisam: men, springend oder in Schlangentinien Wetter-Ereignisse wie Regen, Nebel, Blitz und Donner, Wind oder Hagel, aber auch Wellen auf dem Meer, ein fieBender Bach usw. lassen sich sowohl musikalisch als auch bildlich darstellen. Solch ein Bild kann wie cin Notenblatt aufs Put gestellt werden. Gibt es mehrere, lsst sich 2.8. ein Ratespiel de: raus machen, welches Bild ,gespielt® wird So wird die Verbindung von klanglicher und arafischer Ebene verstarkt, VOM BILD ZUR BILDERGESCHICHTE Der nachste Schritt besteht darin, mehrere Bilder in eine Rethenfolge zu bringen und nacheinander ,abzuspielen* ~ oder umge- fiben musizieren 1.14 kehrt eine Klanggeschichte grafisch dar: stellen, indem entsprechende Bilder in einer Reihe aufgestelt werden. Hierbel erfahrt das Kind, dass von links nach rechts ,gelesen* wird — zundichst durchaus Keine Selbstver: stanalichkeit. Mit solchen Bildern, die prakt scherneise auf Kartchen gemalt werden kén: nen, lassen sich viele Spielideen umsetzen, die das Gehor schulen, die Fantasie anregen und das ,Lesen uben: indem die Rethenfol- ‘ge gedndet, ein Kartchen ausgetauscht oder die Geschichte immer langer wird Meist ergibt sich von alleine, dass die von den Kindern gemalten Bilder den Charakter von Kurzeln haben, wodurch bereits eine ge- wisse Abstraktion ins Spiel kommt. Was die Moglichkeiten unserer Instrumente bettift, Klange oder Gerausche aus der Natur und Umwelt musikalisch nachzugestalten, dirfen wir uns durchaus van unseren kleinen Schut lerinnen und Schulern inspirieren lassen! SchlieBlich aber kénnen auch (gut unter scheidbare) rein musikalische™ Ereignisse cin grafisches Pendant erhalten. Bettina ‘Schwedhelm lasst in ihrer Kiavierschule® Ein zelténe, Klangtrauben und Glissandi spieten, horend erkennen und entsprechenden Graf- xen zuotdnen. Diese Beispiele sind beliebig ‘erweiterbar und auch alteren Kindern sollte man solche Impulse 2u improvisatarischem Spiel und kreativer grafischer Gestaltung nicht vorenthalten.> ‘Man wird schnell feststellen, dass die graf sche Notation dberhaupt ein reiches Feld ist, das erstaunliche Ausdrucksméglichkelten bereithalt, Das Ziel, letztendlich unsere -Klassische" Notenschrifteinzufuhren, muss also durchaus nicht schnurgerade verfolgt werden, denn der Gewinn aus dieser kreai ven Auseinandersetzung mit dem Thema ist 8108. Wie bewusst nehmen wir 2. B. das En- de eines Tons war? Wir muissen ganz genau hinhoren, wenn die Aufgabe lautet, so lange eine ununterbrochene Linie zu zeichnen, bis ein Ton wirklich verklungen ist. Und welcher von zwei gleichzeitig am Klavier angeschla genen Tnen ist linger zu héven? Endet ein Ton abrupt oder verd’immert er? Auch Laut starken, Crescendo und Decrescendo, Legato und Staccato, Ritardando und Accelerando und im wahrsten Sinne des Wortes Klangfar ben lassen sich bildhaft darstellen, ebenso formale Aspekte wie 2. B. Sequenzen, eine dreitelige Form usw. Dass diese Art des Um: gangs mit Notation auch die Tur zu Newer ‘Musik weit aufstot, liegt auf der Mand. Bei spiele wie aus Gyorgy Kurtégs /6tékok* kén: nen sich hier bald anschlieBen. Praxis 29 a = 3b TREPPEN STEIGEN Nach und nach wird versucht, In den graf schen Darstellungen immer genauer abzubil den, was musikalisch geschieht und umge- kehrt. Verschiedene Tonlagen werden an fangs melst cher als hell und ,dunkel* wahrgenommen, was direkt Ins Optische Ubertragbar ist. Zu horen, ob zwei Tone gleich oder verschieden hach sind und wel cher davon der hohere ist, ob eine Melodie steigt oder fl, it fur Instrumentalantange- rinnen oft eine schwierige Aufgabe und be- darf det Ubung, 2.8. auch durch Mitsingen, Zeigen in der Luft und Ahnliches, Das Anfert gen von entsprechenden Grafiken hilft dabei, diese Horerfahrungen 2u festigen Ein hUbsches Beispiel ist ein schneebedeck: ter Berg, den man Schritt fur Schrit hinauf: stapft, um dann mit dem Schltten hinunter. zusausen (glissando). Im Sommer steigt man die Treppe hinauf und rutscht das Geldinder hinunter oder benutzt gleich eine Rutsch: bahn. Beim ,Lesen* zeigt belspielsweise die Lehrkrat die einzelnen FuBstapfen ader Stu: fen, waihrend das Kind spielt - oder umge- ket, Mal darf derjenige fUhren, der die Ze chen zeigt, mal derjenige, der spielt. Am Kia vier finden wir eine veritable Tastentreppe, 30 Praxis bei anderen Instrumenten ist die Tonbildung weniger anschaulich. Dafur Kénnen Stel cher- oder Blaserkolleginnen mit Instrument lund Schalern zu einer realen Treppe in der Nahe gehen und die Kinder durfen Stufen hi nauf- oder hinuntersteigen, je nachder, wie die Lehrkrat spelt. Solche Erfahrungen sind sgewiss einprigsamer als trockene Erklarun gen. An einer gemalten Treppe kann all dies nachvolizogen werden, EIN- UND ZWEI-LINIEN- SYSTEM ‘Auch in unserer herkémmlichen Notenschiift ist die Tonhohe relativ anschaulich abgebit det, Zu den fast .archetypischen™ musikal sschen Figuren zahit die Rufterz. Am Klavier ist sie besonders leicht 2u finden, wenn z. B, ein Stift auf eine Taste gelegt wird und man darbberspringt. Was liegt naher, als diese Bewegung durch Spriinge Uber eine dicke Li nie nachzwvollziehen? Jungere Kinder haben ihren Spa8 daran, im Rhythmus der Téne ‘aber ein am Boden ausgelegtes Klebeband 2u springen. Als nachstes kann man eine kleine Spielfigur ber eine auf Papier gemal: te Unie hupfen lassen und schlie8lich wer den die dabei entstehenden Spuren aufge- zeichnet. Auf diese Weise kénnen die Kinder ihren eigenen und andere Namen und kleine Terzen-Lieder notieren. Umgekehrt werden ‘uch Bilder von solchen .Spuren am Instr ment nachgespielt. Ist die Terz als Figur erst einmal etabliert, sind die weiteren Schritte rahe liegend: Tonwiederholungen und dann Tonschritte kbnnen nun im Ein-Linien-System leicht notiert werden, auch Zusammenklan: ge, und immer spielerisch gekoppelt an die Jewellige Klangerfahrung. ‘Auch der Dreiklang ergibt sich als weitere Terz fr den nun eine 2weite Linie eingefuhrt wird. Somit kénnen bekannte Dreiklangstie der wie Es dreschen die Drescher gespielt I Fortbildung Dorothee Graf und rene Vogt Kluge ‘om Kang 2ur Notation Spielrsche Wege 2 Notenscit fr den Klavieuntericht 10. Mai 2014, 10 bis 17 Unt Stadtsche Muskschule ulheim ‘eranstaltet vor Landesveband der ‘Musiksculen Baden-Wirttermbergs und aufgeschrieben werden. In diesem Zwei Linien-System kénnen nun aber auch sémt- liche Lieder im Funftonraum notiert werden, hatarlich noch ohne Notenschlussel und auch ohne Raythmus. Doch ist damit schon ein wesentlicher Scheltt hin zum ,richtigen" Notenlesen getan, gleichzeitig wird das Ge- hor immer weiter sensibilisiert und ausgebil det. Je nach Alter und Kapazitat der Schilerin ‘oder des Schillers sollte man sich Zeit neh: men, das bisher Gelernte auf viele Arten zu iiben und zu festigen, NOTENSCHLUSSEL, TAKT UND RHYTHMUS ligendwann entsteht das Bedurfnis, auch Melodien mit einem gréBeren Tonumfang aufzuschrelben, und wir fuhren eine dritte Linie oder auch gleich alle fnf ein. Matthias Schwabe lasstin seinem Heft Schluckauf® ef nen Frosch die Leiter hinauf- und hinunter klettern; wer Uber eine Notentafel verfugt, kann eine ,Wandemote" verwenden. Schle8- lich ist auch der Zeitpunkt gekommen, einen Notenschlissel einzufuhren; spitestens dann, ‘wenn ein Schuler selbst bemerkt, dass das Geschriebene unterschiedlich Klingt, wenn man auf verschiedenen Ténen beginnt ‘Am Klavier ist es sinnvoll,zunachst mit dem Violinschlussel zu beginnen, weil er die Sin Lage abdecit. Ist der Wunsch da, auch tiefe- re Tone aufschreiben zu kénnen und auser- dem die linke Hané mehr zu berlicksichtigen, kann uber das Bindeglied c' bald auch der Bassschlssel dazu genommen werden, Die Notation von Takt und Rhythmus ist ein eigenes Kapitel Es hat sich bewaihrt, Rhyth: ‘musnotation zwar parallel, aber getrennt von der Tonhdhen-Notation 2u behandeln, also zunéchst nur Folgen von Notenwerten 2u un: tersuchen. Eine kérperlich erfahrbare Annd- herung an unsere traditionelle Notenschrit sind gleichmaBige Schritte, denen zunichst regelmaige ,Abdricke™ (,Schrittnoten’ Viertel)zugeordnet werden. Von da aus kon. nen die Achtel als ,Laufnoten" eingefuhet werden und die Hatben als ,Sitenaten" (ihre Dauer ergit sich aus dem mitgesprochenen Wort ,Sit-zen*) und schlieBlich die ganze No: le als ,Sofe-Note" (,So-fa sit-zen"). Zu nichst sollte nur mit zwei, dann mit drei ver- schiedenen Notenwerten geubt werden, ‘AuBer mit konkreten Bewegungsabliufen kénnen raythmische Strukturen beim lauten ‘Sprechen sinnlich erfasst werden, dann na: {lich Uber Klopfen und Klatschen. Ein hub: sches Spiel it es, den Rhythmus von Namen, Begrifen oder ganzen Satzen (oder Liedern) aufzuschreiben® oder umgekehrt wieder zu erraten. Dabel ergibt sich auch irgendwann die Notwendigkeit, Pausen zu bezeichnen, Alls sprachlicne Hilfe hierfur erweisen sich Werter wie ,psst* oder ,hm* oder ein Schnipsen, Sind diese Grundlagen gelegt, ist ddas meiste geschatft Das beliebte .Noten-Rechnen" ist ein nettes Spiel fur twas siltere Kinder, aber sehr kop lastig, es hat wenig 2u tun mit dem Erleben und Gestalten von Rhythmus. Auch das Mit: zahlen beim Spielen ist zwar hin und wieder tunvermeidlich, birgt aber immer die Gefahr eines sturen mechanischen Vollzugs. Hat ein Schiller in beiden Bereichen ~ der Notation von Tonhéhen und von Rhythmus gowisse Grundkenntnisse erworben, kénnen diese nun zusammengebracht werden, Ne ben héufigem Blattspiel von elementareinfa: chen Sticken und der weiteren Verfertigung von eigenen kleinen Kompositionen (2. 8. nach Texten, Versen, nach dem Ruf- und Ant wortschema etc) hilt das Zusammenspiel mit der Lerkraft (vierhindig oder mit einem zweiten Instrument), das Gelernte zu wver- {ussigen*, einem durchgehenden Puls zu folgen und das Stadium des Buchstabierens hinter sich zu lassen, Viele weitere spielerische Ubungen wie No- tenrdtsel,7 Notenpuzzles, Mitlesen, wenn die Lehrkraft spelt, absichtliche Fehler in Lie dern finden, Figuren aus einem Notentext he: raussuchen (bestimmte Intervale, Wiederho: lungen, auch von rhythmischen Motiven, Se- quenzen..) sollten Uber lange Zeit fester Be- standtell des Instrumentalunterrichts sein, um so das eigentliche Musizieren von muh samer Kieinarbeit zu entlasten, bis eines Ta ges ,allesfieSt". 4.245 ene Vog luge orate Grate Senwartng viergarten. Vom piel zu Rlvlerspel, 2h 2038 ECB 6103, ISN 978-3 909415557, 4 Sten, ml Leh rerhommentar 17.60 Ere, mn musiveiage 2 Bettina Scweche: laviespiotn mit der Mas, and Hanbure 996 3 uch Mathias Sera git in cnen beiden Het Sehluckaut Kassel soya und Wenn der Wasserha e Zhi (Kasse 998) vile ovegurgen 1 Gyorgy Kuri Jteeok, Bars, Budapest 979, Svat anim. 3 8 vel 2 cas Zoospil aus dem rherehunespro fram Tina fo Kase TWh 2-0 Martina Sneder: Noten fir Klavier ‘rfanger Wen Munchen 390 Irene Vogt-Kluge {st als Klavierehrerin und Fachbereichsle: terin an der Musikschule Freiburg tig.