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30.10.

2018

Politische Ethik
Wintersemester 2018/2019

Sozialethik
Prof. Dr. Clemens Breuer
email: cbreuer@bildungswerk-koeln.de

Gliederung
I. Die politische Gemeinschaft
1. Biblische Aspekte
2. Die Grundlage und das Ziel der politischen
Gemeinschaft
3. Die politische Autorität
4. Die Menschenrechte
5. Das System der Demokratie
6. Die politische Gemeinschaft im Dienst der
Zivilgesellschaft
7. Der Staat und die Religionsgemeinschaften

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I. Die politische
Gemeinschaft
1. Biblische Aspekte

1. Biblische Aspekte (AT)


Zu Beginn seiner Geschichte hat das Volk Israel
keinen König wie die anderen Völker, weil es allein
die Herrschaft Jahwes anerkennt. Gott greift durch
charismatische Männer in die Geschichte ein, wie
das Buch der Richter bezeugt.
Den letzten dieser Männer, den Propheten und
Richter Samuel, bittet das Volk um einen König (vgl.
1 Sam 8,5; 10,18-19).
Samuel warnt die Israeliten vor den Konsequenzen
einer despotischen Ausübung der Königsmacht (vgl.
1 Sam 8,11-18);

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1. Biblische Aspekte (AT)


diese kann aber auch als Geschenk Jahwes erfahren
werden, der seinem Volk zu Hilfe kommt (vgl. 1 Sam
9,16).
Schließlich wird Saul zum König gesalbt (vgl. 1 Sam
10,1-2).
Das Geschehen macht die Spannungen deutlich, die
Israel zu einem Verständnis des Königtums geführt
haben, das sich von dem der Nachbarvölker
unterscheidet:
Der von Jahwe erwählte (vgl. Dtn 17,15; 1 Sam 9.16)
und geweihte (vgl. 1 Sam 16,12-13) König wird als
sein Sohn betrachtet (vgl. Ps 2,7) und muss seine
Herrschaft und seinen Heilsplan sichtbar machen (vgl.
Ps 72).

1. Biblische Aspekte (AT)


Das heißt, er muss zum Verteidiger der Schwachen
werden und dem Volk Gerechtigkeit garantieren:
Die Pflichtvergessenheit des Königs wird von den
Propheten angeprangert (vgl. 1 Kön 21; Jes 10.1-4;
Am 2,6-8; 8,4-8; Mi 3,1-4).
Der Prototyp des von Jahwe erwählten Königs ist
David, und der biblische Bericht erwähnt mit
Wohlgefallen seine bescheidenen Verhältnisse (vgl. 1
Sam 16,1-13).
David ist der Träger der Verheißung (vgl. 2 Sam 7.13-
16; Ps 89.2-38; 132.11-18), die ihn zum Begründer
einer besonderen königlichen Tradition macht: der
„messianischen“ Tradition.

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1. Biblische Aspekte (AT)


Diese gipfelt ungeachtet aller von David selbst und
von seinen Nachfolgern begangenen Sünden und
Treulosigkeiten in Jesus Christus, dem „Gesalbten
Jahwes“ (das heißt dem „Geweihten des Herrn“: vgl.
1 Sam 2,35; 24.7.11; 26.9.16; vgl. auch Ex 30,22-27;
32) schlechthin, dem Sohn Davids (vgl. die beiden
Stammbäume in Mt 1,1-17 und Lk 3,23-38; vgl. auch
Röm 1,3).
Das historische Scheitern des Königtums führt nicht
zum Untergang dieses Ideals von einem König, der in
Treue zu Jahwe mit Weisheit regiert und
Gerechtigkeit erwirkt.
Diese Hoffnung erscheint mehrfach in den Psalmen
(vgl. Ps 2; 18; 20; 21; 72).

1. Biblische Aspekte (AT)


In den messianischen Weissagungen wird für die
eschatologische Zeit die Gestalt eines Königs
erwartet, in dem der Geist des Herrn wohnt, der
voller Gerechtigkeit und fähig ist, den Armen
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen (vgl. Jes 11,2-5;
Jer 23,5-6).
Als wahrer Hüter des Volkes Israel (vgl. Ez 34,23-
24; 37,24) wird er den Völkern den Frieden bringen
(vgl. Sach 9,9-10).

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1. Biblische Aspekte (AT)


In der Weisheitsliteratur wird der König als derjenige
dargestellt, der gerechte Urteile spricht und die
Ungerechtigkeit verabscheut (vgl. Spr 16, 12), der
den Armen ein zuverlässiger Richter (vgl. Spr 29,14)
und ein Freund des Menschen ist, der ein reines
Herz hat (vgl. Spr 22,11).
Immer klarer wird die Ankündigung dessen, was die
Evangelien und die anderen neutestamentlichen
Texte in Jesus von Nazaret erfüllt sehen, der
endgültigen Verkörperung der im Alten Testament
beschriebenen Gestalt des Königs.

1. Biblische Aspekte (NT)


Jesus lehnt die unterdrückerische und despotische
Macht, die die Herrscher über die Nationen
ausüben, ab (vgl. Mk 10,42), und ebenso lehnt er
ihren Anspruch ab, sich als Wohltäter verehren zu
lassen (vgl. Lk 22,25), doch er nimmt nie direkt
gegen die Autoritäten seiner Zeit Stellung.
Im Streitgespräch über die dem Kaiser zu zahlende
Steuer (vgl. Mk 12,13-17; Mt 22,15-22; Lk 20,20-26)
sagt er, man müsse Gott geben, was Gott gehört,
und verurteilt damit implizit jeden Versuch, die
weltliche Macht zu vergöttlichen und zu
verabsolutieren:
Allein Gott kann vom Menschen alles verlangen.

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1. Biblische Aspekte (NT)


Gleichzeitig hat die weltliche Macht Anspruch auf
das, was ihr zusteht:
Jesus betrachtet die kaiserlichen Steuern nicht als
ungerecht.
Jesus, der verheißene Messias, hat die Versuchung
eines politischen, von der Herrschaft über die Völker
gekennzeichneten Messianismus bekämpft und
überwunden (vgl. Mt 4,8-11; Lk 4,5-8).
Er ist der Menschensohn, der gekommen ist, „um zu
dienen und sein Leben hinzugeben“ (Mk 10,45; vgl.
Mt 20,24-48; Lk 22,24-27).

1. Biblische Aspekte (NT)


Seine Jünger, die darüber streiten, wer unter ihnen
der Größte ist, lehrt er, zum Letzten und zum Diener
aller zu werden (vgl. Mk 9,33-35) und deutet den
Söhnen des Zebedäus, Jakobus und Johannes, die
Ambitionen auf den Platz zu seiner Rechten haben,
den Weg des Kreuzes an (vgl. Mk 10,35-40; Mt
20,20-23).
Sich nicht passiv, sondern aus Gewissensgründen
(vgl. Röm 13,5) der bestehenden Macht zu
unterwerfen entspricht der von Gott festgesetzten
Ordnung.

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1. Biblische Aspekte (NT)


Der heilige Paulus definiert das Verhältnis und die
Pflichten der Christen gegenüber den Autoritäten (vgl.
Röm 13,1-7).
Er betont die bürgerliche Pflicht, Steuern zu zahlen:
„Gebt allen, was ihr ihnen schuldig seid, sei es Steuer
oder Zoll, sei es Furcht oder Ehre“ (Röm 13,7).
Natürlich geht es dem Apostel nicht darum, jede Art
von Macht zu legitimieren; vielmehr will er den
Christen helfen, „allen Menschen gegenüber auf
Gutes bedacht“ zu sein (Röm 12, 17), und das auch
in den Beziehungen zur Autorität, insofern diese zum
Wohl der Person im Dienst Gottes steht (vgl. Röm
13,4; 1 Tim 2, 1-2;Tit 3, 1) und „das Urteil an dem“
vollstreckt, „der Böses tut“ (Röm 13,4).

1. Biblische Aspekte (NT)


Der heilige Petrus mahnt die Christen, sich „um des
Herrn willen jeder menschlichen Ordnung“ zu
unterwerfen (1 Petr 2,13).
Der König und die für ihn regierenden Statthalter
haben die Aufgabe, „die zu bestrafen, die Böses
tun, und die auszuzeichnen, die Gutes tun“ (1 Petr
2,14).
Ihre Autorität muss „geehrt“ (vgl. 1 Petr 2,17), das
heißt anerkannt werden, weil Gott Rechtschaffenheit
verlangt, die „die Unwissenheit unverständiger
Menschen zum Schweigen bringt“ (1 Petr 2,15).

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1. Biblische Aspekte (NT)


Nicht um die eigene Bosheit zu bemänteln, sondern
um Gott zu dienen, soll die Freiheit benutzt werden.
Es geht also um einen freien und
verantwortungsvollen Gehorsam gegenüber einer
Autorität, die der Gerechtigkeit Achtung verschafft
und so das Gemeinwohl gewährleistet.
Das Gebet für die Regierenden, das der heilige
Paulus in den Zeiten der Verfolgung empfiehlt,
thematisiert genau das, was die politischen
Autoritäten garantieren sollen: ein ungestörtes und
ruhiges Leben in Frömmigkeit und Würde (vgl. 1 Tim
2,1-2).

1. Biblische Aspekte (NT)


Die Christen sollen „immer bereit sein, Gutes zu tun“
(Tit 3,1), und sie sollen „gütig zu allen Menschen“
sein (Tit 3,2), denn sie wissen, dass sie nicht um
ihrer Werke willen, sondern durch Gottes
Barmherzigkeit gerettet worden sind.
Ohne „das Bad der Wiedergeburt und der
Erneuerung im Heiligen Geist“, das Gott „in reichem
Maß über uns ausgegossen [hat] durch Jesus
Christus, unseren Retter“, wären alle Menschen
„unverständig und ungehorsam“, „gingen in die Irre“,
wären „Sklaven aller möglichen Begierden und
Leidenschaften, lebten in Bosheit und Neid“, wären
„verhasst und hassten einander“ (Tit 3,3).

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1. Biblische Aspekte (NT)


Der Mensch darf das Elend seines sündigen
Daseins nicht vergessen, aus dem die Liebe Gottes
ihn erlöst hat.
Wenn die menschliche Macht die Grenzen der
gottgewollten Ordnung überschreitet, erhebt sie sich
selbst zum Gott und verlangt bedingungslose
Unterwerfung;
dann wird sie zum Tier der Apokalypse, dem Bild
der die Christen verfolgenden kaiserlichen Macht,
die trunken ist“ vom Blut der Heiligen und vom Blut
der Zeugen Jesu“ (Offb 17,6).

1. Biblische Aspekte (NT)


Dem Tier dient der „falsche Prophet“ (Offb 19,20),
der die Menschen mit Zeichen dazu verführt, ihn
anzubeten.
Diese Vision zeigt in prophetischer Weise alle Listen
auf, die Satan benutzt, um die Menschen zu
beherrschen und sich auf den Wegen der Lüge in
ihren Geist einzuschleichen.
Doch Christus ist das Lamm, das jede Macht
überwindet, die sich im Laufe der Geschichte selbst
für absolut erklärt hat.

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1. Biblische Aspekte (NT)


Angesichts einer solchen Macht verweist der heilige
Johannes auf den Widerstand der Märtyrer:
Auf diese Weise bezeugen die Gläubigen, dass die
verderbte und satanische Macht besiegt ist, weil sie
keine Gewalt mehr über sie hat.
Die Kirche verkündet, dass Christus als Sieger über
den Tod über das Universum herrscht, das er selbst
erlöst hat.
Sein Reich erstreckt sich auch auf die gegenwärtige
Zeit, und es wird erst enden, wenn alles dem Vater
übergeben sein und die Geschichte der Menschheit
sich mit dem letzten Gericht erfüllen wird (vgl. 1 Kor
15,20-28).

1. Biblische Aspekte (NT)


Christus offenbart der menschlichen Autorität, die
immer der Versuchung der Macht ausgesetzt ist,
ihre echte und vollendete Bedeutung des Dienens.
Gott ist der einzige Vater in Christus, dem einzigen
Meister aller Menschen, die Brüder sind.
Die Herrschaft gebührt Gott.
Dennoch wollte der Herr „die Ausübung aller
Gewalten nicht sich allein vorbehalten.
Er überlässt jedem Geschöpf jene Aufgaben, die es
den Fähigkeiten seiner Natur gemäß auszuüben
vermag.

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1. Biblische Aspekte (NT)


Diese Führungsweise soll im gesellschaftlichen
Leben nachgeahmt werden.
Das Verhalten Gottes bei der Weltregierung, das
von so großer Rücksichtnahme auf die menschliche
Freiheit zeugt, sollte die Weisheit derer inspirieren,
welche die menschlichen Gesellschaften regieren.
Sie haben sich als Diener der göttlichen Vorsehung
zu verhalten“.

1. Biblische Aspekte (NT)


Unablässig inspiriert die biblische Botschaft das
christliche Nachdenken über die politische Macht
und weist darauf hin, dass diese von Gott stammt
und wesentlicher Bestandteil der von ihm
geschaffenen Ordnung ist.
Diese Ordnung wird vom Gewissen wahrgenommen
und verwirklicht sich im gesellschaftlichen Leben
durch die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Freiheit
und die Solidarität, die den Frieden hervorbringen.

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2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Die menschliche Person ist die Grundlage und das
Ziel des politischen Zusammenlebens.
Aufgrund ihrer Vernunftbegabung ist sie für ihre
eigenen Entscheidungen verantwortlich und
imstande, auf individueller und gesellschaftlicher
Ebene Pläne zu verfolgen, die ihrem Leben Sinn
geben.
Ihre Öffnung hin zur Transzendenz und zu den
anderen ist das Merkmal, das sie charakterisiert und
auszeichnet:

2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Nur im Verhältnis zur Transzendenz und zu den
anderen gelangt die menschliche Person voll und
ganz zur Verwirklichung ihrer selbst.
Das bedeutet, dass „das gesellschaftliche Leben für
den Menschen“, der von Natur aus ein soziales und
politisches Geschöpf ist, „nicht etwas äußerlich
Hinzukommendes ist“, sondern eine wesentliche
und unauslöschliche Dimension.
Die politische Gemeinschaft entspringt aus der
Natur der Personen, deren Gewissen die von Gott in
all seinen Geschöpfen angelegte Ordnung kundtut
und unbedingt befiehlt, sie einzuhalten:

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2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Der Mensch verlangt nach einer religiös
begründeten sittlichen Ordnung.
Diese ist besser als jeder materielle Wert und jedes
äußere Interesse imstande, Probleme zu lösen, die
das Leben der einzelnen und der sozialen Gruppen,
das eines Volkes und das der Völkergemeinschaft
stellt.
Eine solche Ordnung muss von der Menschheit
schrittweise entdeckt und entwickelt werden.

2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Die politische Gemeinschaft als eine in der Natur
der Menschen angelegte Realität existiert, um ein
Ziel zu erreichen, das andernfalls unerreichbar
bliebe:
das umfassendste Wachstum jedes ihrer Mitglieder,
die dazu aufgerufen sind, dem Impuls ihres
natürlichen Strebens nach dem Wahren und Guten
zu folgen und beständig an der Verwirklichung des
Gemeinwohls mitzuwirken.
Die politische Gemeinschaft findet in der
Bezogenheit auf das Volk ihre eigentliche
Dimension:

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2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Sie „ist und muss wahrhaftig die organische und
organisatorische Einheit eines wahren Volkes sein“.
Das Volk ist keine amorphe Menge, eine träge
Masse, die manipuliert und instrumentalisiert
werden kann.
Sie ist vielmehr eine Gesamtheit von Personen, von
denen jede einzelne „an ihrem eigenen Platz und in
ihrer eigenen Weise“ – die Möglichkeit hat, sich über
die öffentliche Sache eine eigene Meinung zu
bilden, und die Freiheit, ihr eigenes politisches
Empfinden zum Ausdruck zu bringen und es so zur
Geltung zu bringen, wie es dem Gemeinwohl
entspricht.

2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Das Volk „lebt von der Fülle des Lebens der
Menschen, aus denen es besteht, von denen jeder
(...) eine Person ist, die sich ihrer eigenen
Verantwortung und ihrer eigenen Überzeugungen
bewusst ist“.
Die Angehörigen einer politischen Gemeinschaft
sind zwar als Volk organisch miteinander
verbunden, bewahren aber dennoch auf der Ebene
der personalen Existenz und der zu verfolgenden
Ziele eine unverrückbare Autonomie.
Was ein Volk in erster Linie kennzeichnet, ist die
Gemeinsamkeit des Lebens und der Werte, die eine
spirituelle und moralische Gemeinschaft stiftet:

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2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
„Das Zusammenleben der Menschen ist deshalb (...)
als ein vordringlich geistiges Geschehen aufzufassen.
In den geistigen Bereich gehören nämlich die
Forderungen, dass die Menschen im hellen Licht der
Wahrheit ihre Erkenntnisse untereinander
austauschen (…)
Diese Werte berühren und lenken alles, was sich auf
die kulturellen Ausdrucksformen, die Welt der
Wirtschaft, die sozialen Einrichtungen, die politischen
Strömungen und Systeme, die Rechtsordnungen und
schließlich auf alle übrigen Dinge bezieht, die
äußerlich das menschliche Zusammenleben
ausmachen und in ständigem Fortschritt entwickeln“.

2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Im Allgemeinen entspricht jedem Volk eine Nation,
doch aus verschiedenen Gründen stimmen die
nationalen nicht immer mit den ethnischen Grenzen
überein.
So entsteht die Frage der Minderheiten, die in der
Geschichte nicht wenige Konflikte hervorgebracht
hat.
Das Lehramt bestätigt, dass die Minderheiten
Gruppen mit besonderen Rechten und Pflichten
bilden.

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2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Vor allem hat eine Minderheit das Recht auf ihre
eigene Existenz:
„Dieses Recht kann auf verschiedene Weise
missachtet werden bis hin zu den extremen Fällen,
in denen es durch offenkundige oder indirekte
Formen von Völkermord verneint wird“.
Ferner haben Minderheiten das Recht, ihre eigene
Kultur einschließlich der Sprache und ihre religiösen
Überzeugungen einschließlich kultischer Feiern zu
pflegen.

2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Die legitime Inanspruchnahme ihrer Rechte kann
Minderheiten dazu veranlassen, eine größere
Autonomie oder sogar die Unabhängigkeit
anzustreben:
In einer so heiklen Situation führt der Weg zum
Frieden über Gespräche und Verhandlungen.
Terrorismus ist in jedem Fall ein nicht zu
rechtfertigendes Mittel, das der Sache, die verteidigt
werden soll, in Wirklichkeit nur schadet.
Die Minderheiten haben auch Pflichten zu erfüllen,
darunter vor allem die Mitwirkung am Gemeinwohl
des Staates, dem sie eingegliedert sind.

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2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Insbesondere „hat eine Minderheitsgruppe die Pflicht,
die Freiheit und Würde eines jeden ihrer Mitglieder zu
fördern und die individuellen Entscheidungen eines
jeden Einzelnen von ihnen zu achten, auch wenn einer
sich entscheiden sollte, sich der Kultur der Mehrheit an
zuschließen“.
Die menschliche Person als Grundlage und Ziel der
politischen Gemeinschaft zu betrachten bedeutet, sich
vor allem durch den Schutz und die Stärkung der
grundlegenden und unveräußerlichen Rechte des
Menschen für die Anerkennung und die Achtung ihrer
Würde einzusetzen, „da man heutzutage annimmt,
dass das Gemeinwohl vor allem in der Wahrung der
Rechte und der Pflichten der menschlichen Person
besteht“. (Enzyklika Pacem in terris; 1963; PT)

2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
In den Menschenrechten verdichten sich die
grundlegenden moralischen und rechtlichen
Forderungen, auf denen die politische Gemeinschaft
aufbauen muss.
Sie bilden eine objektive Norm, die dem positiven
Recht zugrunde liegt und von der politischen
Gemeinschaft nicht missachtet werden darf, weil die
Person ihr ontologisch und teleologisch vorgeordnet
ist:
Das positive Recht muss die Befriedigung der
fundamentalen menschlichen Bedürfnisse
gewährleisten.

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2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Die politische Gemeinschaft strebt das Gemeinwohl
an, indem sie auf die Schaffung eines menschlichen
Umfelds hinarbeitet, in dem die Bürger die
Möglichkeit haben, ihre Menschenrechte wirklich
wahrzunehmen und die diesbezüglichen Pflichten voll
und ganz zu erfüllen:
„Hat uns doch die Erfahrung gelehrt: wenn in der
Wirtschaft, in der Politik, in den kulturellen Fragen die
öffentlichen Gewalten nicht in rechter Weise
vorangehen, so verschärft sich, besonders in unseren
Tagen, das Ungleichgewicht immer weiter, und so
geschieht es, dass die Rechte des Menschen und
seine Pflichten unwirklich bleiben“. (PT 274)

2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Die vollgültige Verwirklichung des Gemeinwohls
setzt voraus, dass die politische Gemeinschaft im
Hinblick auf die Menschenrechte im zweifachen und
sich ergänzenden Sinne der Verteidigung und der
Förderung handelt:
„So muss vermieden werden, dass durch die
Überbetonung des Rechtsschutzes zugunsten
bestimmter Personen oder Gesellschaftsgruppen
privilegierte Verhältnisse entstehen;
und dass man anderseits nicht beim Bemühen um
die Förderung der Rechte der Bürger in absurder
Weise ihre wirkliche Ausübung verhindert“. (PT 275)

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2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Eine Gemeinschaft ist fest begründet, wenn sie
danach strebt, die Person und das Gemeinwohl als
Ganzes zu fördern; in diesem Fall wird das Recht
auch nach den Vorgaben der Solidarität und des
hingebungsvollen Einsatzes für den Nächsten
definiert, geachtet und gelebt.
Die Gerechtigkeit verlangt, dass jeder seine eigenen
Güter und seine eigenen Rechte genießen darf, und
dies kann als der Mindestmaßstab der Liebe
angesehen werden.
Das Zusammenleben gestaltet sich umso
menschlicher, je mehr es von dem Bemühen um ein
reiferes Bewusstsein des Ideals gekennzeichnet ist,
nach dem es strebt: der „Zivilisation der Liebe“.

2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Die tiefe Bedeutung des bürgerlichen und politischen
Zusammenlebens ergibt sich nicht unmittelbar aus der
Gesamtheit der Rechte und Pflichten der Person.
Dieses Zusammenleben gelangt dann zur Fülle seiner
Bedeutung, wenn es auf Bürgerfreundschaft und
Brüderlichkeit beruht.
Der Bereich des Rechts ist nämlich der des gewahrten
Interesses und des äußerlichen Respekts, des
Schutzes der materiellen Güter und ihrer Aufteilung
nach festgelegten Regeln;
der Bereich der Freundschaft dagegen ist der der
Uneigennützigkeit, der Loslösung von den materiellen
Gütern, ihres Verschenkens, der inneren Verfügbarkeit
für die Bedürfnisse des anderen.

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2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
In diesem Sinne ist die Bürgerfreundschaft die
authentischste Anwendung des Prinzips der
Brüderlichkeit, das nicht von denen der Freiheit und
der Gleichheit getrennt werden kann.
Es handelt sich hier um ein Prinzip, das vor allem
aufgrund des Einflusses individualistischer und
kollektivistischer Ideologien in den modernen und
zeitgenössischen politischen Gesellschaften zum
größten Teil noch nicht verwirklicht ist.

2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Der Mensch ist eine Person, nicht nur ein Individuum.
Mit dem Begriff „Person“ bezeichnet man „eine Natur, die
mit Vernunft und Willensfreiheit ausgestattet ist“.(PT 259)
Diese Realität steht somit weit über der eines Subjekts,
das sich über rein materielle Bedürfnisse definiert.
Die menschliche Person nimmt zwar im Schoß der
familiären, bürgerlichen und politischen Gesellschaft aktiv
an der auf die Bedürfnisbefriedigung ausgerichteten
Tätigkeit teil, doch sie gelangt erst dann zur vollen
Selbstverwirklichung, wenn sie die Bedürfnislogik
überwindet und zu der des ungeschuldeten Schenkens
vordringt, die ihrem Wesen und ihrer gemeinschaftlichen
Berufung vollständiger entspricht.

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2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Das Liebesgebot des Evangeliums erhellt den
Christen die tiefste Bedeutung des politischen
Zusammenlebens.
Um dieses wahrhaft menschlich zu gestalten, „ist
nichts so wichtig wie die Pflege der inneren
Einstellung auf Gerechtigkeit, Wohlwollen und
Dienst am Gemeinwohl sowie die Schaffung fester
Grundüberzeugungen über das wahre Wesen
politischer Gemeinschaft und über das Ziel, den
rechten Gebrauch und die Grenzen der öffentlichen
Gewalt“. (GS 73)

2. Die Grundlage und das Ziel


der politischen Gemeinschaft
Das Ziel, das die Gläubigen verfolgen müssen, ist
die Verwirklichung gemeinschaftlicher Beziehungen
zwischen den Personen.
Das christliche Bild von der politischen Gesellschaft
hebt in besonderer Weise den Wert der
Gemeinschaft als Organisationsmodell des
Zusammenlebens und ebenso als Stil des täglichen
Lebens hervor.

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3. Die politische Autorität


Die Kirche hat sich mit verschiedenen
Autoritätsbegriffen auseinander gesetzt und dabei
immer darauf geachtet, ein Modell zu verteidigen und
zu vertreten, das auf der gesellschaftlichen Natur der
Personen basiert:
„Gott hat aber die Menschen ihrer Natur nach als
Gemeinschaftswesen geschaffen, und weil keine
Gemeinschaft „bestehen kann, wenn nicht einer an
der Spitze von allen steht, der durch kräftigen und
gleichmäßigen Impuls einen jeden zu dem
gemeinsamen Ziele hinwendet, so ergibt sich für das
zivile Zusammenleben die Notwendigkeit einer
Autorität, welche sie regiert;
wie die Gesellschaft selbst, hat auch sie in der Natur
und somit in Gott selbst ihren Ursprung“. (PT 269)

3. Die politische Autorität


Deshalb ist die politische Autorität aufgrund der ihr
zugewiesenen Aufgaben notwendig und muss ein
positiver und unersetzlicher Bestandteil des
bürgerlichen Zusammenlebens sein.
Die politische Autorität muss das geordnete und
richtige Leben der Gemeinschaft gewährleisten,
wobei sie die freie Aktivität der Einzelnen und der
Gruppen nicht ersetzen, sondern in Achtung und
Wahrung der Unabhängigkeit der individuellen und
sozialen Subjekte lenken und auf die Verwirklichung
des Gemeinwohls ausrichten soll.

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3. Die politische Autorität


Die politische Autorität ist das koordinierende und
richtunggebende Instrument, durch das die Einzelnen
und die Zwischengruppen sich an einer Ordnung
orientieren sollen, deren Beziehungen, Institutionen
und Vorgehensweisen im Dienst des umfassenden
menschlichen Wachstums stehen.
Die Ausübung der politischen Autorität darf sich „in
der Gemeinschaft als solcher oder in den für sie
repräsentativen Institutionen immer nur im Rahmen
der sittlichen Ordnung vollziehen (...), und zwar zur
Verwirklichung des Gemeinwohls – dieses aber
dynamisch verstanden – und entsprechend einer
legitimen juridischen Ordnung, die bereits besteht
oder noch geschaffen werden soll.

3. Die politische Autorität


Dann aber sind auch die Staatsbürger im Gewissen
zum Gehorsam verpflichtet“. (GS 74)
Subjekt der politischen Autorität ist das Volk, das in
seiner Gesamtheit als Souverän betrachtet wird.
Das Volk überträgt die Ausübung seiner
Souveränität in verschiedenen Formen auf
diejenigen, die es in freier Wahl zu seinen Vertretern
bestimmt, aber es behält die Zuständigkeit, die
Regierenden zu kontrollieren und auszuwechseln,
wenn diese ihre Funktionen nicht in befriedigender
Weise erfüllen.

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3. Die politische Autorität

Auch wenn dieses Recht in jedem Staat und in


jedem politischen Regime Gültigkeit hat, bietet das
demokratische System mit seinen Kontrollverfahren
die besten Möglichkeiten und Garantien für seine
Umsetzung.
Der Konsens eines Volkes allein ist jedoch nicht
ausreichend, um die Art und Weise, in der die
politische Autorität ausgeübt wird, für rechtens zu
erklären.

3. Die politische Autorität


Die Autorität muss sich vom Sittengesetz leiten
lassen:
Ihre ganze Würde beruht darauf, dass sie sich
innerhalb der moralischen Ordnung entfaltet, „die
ihrerseits Gott als Ursprung und Ziel hat“. (PT 270)
Aufgrund ihres notwendigen Bezogenseins auf
diese Ordnung, die ihr vorausgeht und sie
begründet, und aufgrund ihrer Zielsetzungen und
ihrer Adressaten darf die Autorität nicht als eine von
rein soziologischen und historischen Kriterien
bestimmte Kraft verstanden werden:

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3. Die politische Autorität


„Manche leugnen überhaupt das Bestehen einer
wahren und gültigen sittlichen Ordnung, die über die
sichtbare Welt und über den Menschen selbst
hinausweist, die unbedingt verbindlich ist, die alle
umfasst und für alle in gleicher Weise gilt.
Ohne ein von allen übereinstimmend anerkanntes
Gesetz der Gerechtigkeit lässt sich über nichts eine
volle und sichere Übereinkunft erzielen“. (MM 449-
450)
Diese Ordnung „hat nur in Gott Bestand. Wird sie
von Gott gelöst, löst sie sich selbst auf“. (ebd.)

3. Die politische Autorität


Aus ebendieser Ordnung – und nicht aus der Willkür
und dem Willen zur Macht – gewinnt die Autorität ihre
Verbindlichkeit und ihre eigene moralische
Berechtigung, und sie hat die Pflicht, diese Ordnung
in konkrete Taten umzusetzen, die der Verwirklichung
des Gemeinwohls dienen.
Die Autorität muss die wesentlichen menschlichen
und sittlichen Werte anerkennen, achten und fordern.
Hierbei handelt es sich um eingestiftete Werte, „die
der Wahrheit des menschlichen Seins selbst
entspringen und die Würde der Person zum Ausdruck
bringen und schützen: Werte also, die kein
Individuum, keine Mehrheit und kein Staat je werden
hervorbringen, verändern oder zerstören können“. (EV
71)

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3. Die politische Autorität


Sie gründen sich nicht auf die Meinung vorübergehender
und veränderlicher „Mehrheiten“, sondern müssen
schlicht als Elemente eines objektiven Sittengesetzes
anerkannt, geachtet und gefördert werden, eines
natürlichen Gesetzes, das dem Menschen ins Herz
geschrieben ist (vgl. Röm 2,15), und eines normativen
Bezugspunkts des bürgerlichen Gesetzes selbst.
Wenn es dem Skeptizismus aufgrund einer tragischen
Verfinsterung des kollektiven Bewusstseins gelingen
sollte, selbst die grundlegenden Prinzipien des
Sittengesetzes in Zweifel zu ziehen, würde auch die
staatliche Ordnung in ihren Grundfesten erschüttert und
auf einen bloßen Mechanismus zur pragmatischen
Regulierung verschiedener und gegensätzlicher
Interessen beschränkt werden.

3. Die politische Autorität


Die Autorität muss gerechte, dass heißt der Würde
der menschlichen Person und den Prinzipien der
rechten Vernunft entsprechende Gesetze
hervorbringen:
„Das menschliche Gesetz ist dann ein Gesetz, wenn
es der rechten Vernunft entspricht: und damit
offensichtlich dem, was vom ewigen Gesetz
abgeleitet ist.
Wenn es aber von der Vernunft abweicht, wird es
als ungerechtes Gesetz bezeichnet:
und dann ist es kein Gesetz, sondern eher eine
Form von Gewalt“.

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3. Die politische Autorität


Die Autorität, die vernunftgemäße Anordnungen
trifft, versetzt den Menschen nicht in ein Verhältnis
der Unterwürfigkeit gegenüber einem anderen
Menschen, sondern in ein Verhältnis des
Gehorsams gegenüber der sittlichen Ordnung und
damit gegenüber Gott selbst, der ihre letzte Quelle
ist.
Wer einer Autorität, die nach dem Sittengesetz
handelt, den Gehorsam verweigert. „stellt sich
gegen die Ordnung Gottes“ (Röm 13,2).

3. Die politische Autorität


Und umgekehrt wird eine öffentliche Autorität, die ihre
Grundlage in der menschlichen Natur hat und der von
Gott festgelegten Ordnung angehört, in dem Moment
ihr eigenes Ziel verfehlen und sich selbst ihrer
Daseinsberechtigung berauben, wenn sie sich nicht
für die Verwirklichung des Gemeinwohls einsetzt.
Der Bürger ist vor seinem Gewissen nicht dazu
verpflichtet, den Vorschriften der zivilen Autoritäten
Folge zu leisten, wenn sie den Forderungen der
moralischen Ordnung, den Grundrechten der
Personen oder den Lehren des Evangeliums
widersprechen.

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3. Die politische Autorität


Ungerechte Gesetze stellen moralisch aufrichtige
Menschen vor dramatische Gewissensprobleme:
Wenn sie dazu aufgefordert werden, an moralisch
schlechten Taten mitzuwirken, haben sie die Pflicht,
sich zu verweigern.
Diese Verweigerung ist nicht nur eine moralische
Pflicht, sondern ein grundlegendes Menschenrecht,
das gerade als solches vom bürgerlichen Gesetz
selbst anerkannt und geschützt werden muss:

3. Die politische Autorität


„Wer zum Mittel des Einspruchs aus
Gewissensgründen greift, muss nicht nur vor
Strafmaßnahmen, sondern auch vor jeglichem
Schaden auf gesetzlicher, disziplinarischer,
wirtschaftlicher und beruflicher Ebene geschützt
sein“.
Es ist eine schwerwiegende Gewissenspflicht, auch
nicht formal an jenen Praktiken mitzuwirken, die
zwar von der bürgerlichen Gesetzgebung gestattet
sind, aber zum Gesetz Gottes im Widerspruch
stehen.

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3. Die politische Autorität


Eine solche Mitwirkung kann niemals gerechtfertigt
werden, weder durch den Hinweis auf die Achtung
vor der Freiheit der anderen noch durch den
Hinweis auf die Tatsache, dass das bürgerliche
Gesetz sie vorsieht und verlangt.
Niemand kann sich der moralischen Verantwortung
für sein Tun entziehen, und er wird Gott selbst
darüber Rechenschaft ablegen müssen (vgl. Röm
2,6; 14,12).

3. Die politische Autorität


Weil das Naturrecht das positive Recht begründet
und begrenzt, bedeutet dies auch, dass es
rechtmäßig ist, der Autorität Widerstand zu leisten,
wo immer diese die Grundsätze des Naturrechts
schwerwiegend und wiederholt verletzt.
Der heilige Thomas von Aquin schreibt, dass „man
verpflichtet ist, (...) zu gehorchen, soweit dies die
Ordnung der Gerechtigkeit verlangt“.
Das Recht auf Widerstand beruht folglich auf dem
natürlichen Recht.
Die Umsetzung dieses Rechts kann verschiedene
konkrete Formen annehmen.

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3. Die politische Autorität


Auch die Ziele, die damit verfolgt werden, können
unterschiedlich sein.
Der Widerstand gegenüber der Autorität dient dem
Zweck, die Gültigkeit einer anderen Sicht der Dinge
zu verfechten, ob man nun damit eine teilweise
Umgestaltung wie etwa die Modifikation bestimmter
Gesetze anstrebt oder sich für eine grundlegende
Veränderung der Situation einsetzt.
Die Soziallehre nennt die Kriterien für die Ausübung
des Rechts auf Widerstand:

3. Die politische Autorität


„Bewaffneter Widerstand gegen Unterdrückung
durch die staatliche Gewalt ist nur dann berechtigt,
wenn gleichzeitig die folgenden Bedingungen erfüllt
sind:
(1) dass nach sicherem Wissen Grundrechte
schwerwiegend und andauernd verletzt werden;
(2) dass alle anderen Hilfsmittel erschöpft sind;
(3) dass dadurch nicht noch schlimmere Unordnung
entsteht;
(4) dass begründete Aussicht auf Erfolg besteht und
(5) dass vernünftigerweise keine besseren
Lösungen abzusehen sind“. (KKK 2243)

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3. Die politische Autorität


Der bewaffnete Kampf wird als äußerstes Mittel
betrachtet, um einer „eindeutigen und lange
dauernden Gewaltherrschaft, die die Grundrechte
der Person schwer verletzt und dem Gemeinwohl
des Landes ernsten Schaden zufügt“, ein Ende zu
bereiten. (PP 31)
Die Größe der Gefahren, die in der heutigen Zeit mit
der Anwendung von Gewalt verbunden sind, spricht
jedoch dafür, dass dem Weg des passiven
Widerstands in jedem Fall der Vorzug zu geben ist,
„der mit den Moralprinzipien mehr konform geht und
nicht weniger erfolg versprechend ist“. (Instruktion
Libertatis conscientia, 79; LC)

3. Die politische Autorität


Um das Gemeinwohl zu schützen, hat die legitime
öffentliche Autorität das Recht und die Pflicht, im
Verhältnis zur Schwere der Verbrechen Strafen
aufzuerlegen.
Der Staat hat die doppelte Aufgabe,
Verhaltensweisen zu unterbinden, die die
Menschenrechte und die grundlegenden Regeln
eines bürgerlichen Zusammenlebens verletzen, und
durch das System der Strafen die durch die
verbrecherische Handlung verursachten Schäden
wieder gutzumachen.

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3. Die politische Autorität


Im Rechtsstaat ist die Macht, Strafen zu verhängen,
korrekt erweise der Gerichtsbarkeit anvertraut:
„Die Verfassungen der modernen Staaten
gewährleisten durch die Festlegung der
Verhältnisse, die zwischen der Legislative, der
Exekutive und der Judikative zu bestehen haben,
die notwendige Unabhängigkeit der letztgenannten
im Bereich des Gesetzes“. (Joh. Paul II. im Jahr
2000)
Die Strafe dient nicht allein dem Ziel, die öffentliche
Ordnung zu schützen und die Sicherheit der
Personen zu gewährleisten:

3. Die politische Autorität


Sie wird außerdem zu einem Instrument, das der
Besserung des Schuldigen dient, einer Besserung,
die auch den moralischen Wert einer Sühne
annehmen kann, wenn der Schuldige seine Strafe
willig annimmt.
Das anzustrebende Ziel ist ein zweifaches: zum
einen die Wiedereingliederung der verurteilten
Personen zu fördern; zum anderen eine
Gerechtigkeit der Versöhnung zu verwirklichen, die
geeignet ist, die durch die verbrecherische
Handlung zerstörten Beziehungen des
harmonischen Zusammenlebens
wiederherzustellen.

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3. Die politische Autorität


In dieser Hinsicht ist die Arbeit wichtig, die die
Gefängnisseelsorger nicht nur im spezifisch
religiösen Bereich, sondern auch zum Schutz der
Würde der inhaftierten Personen zu leisten haben.
Leider sind die Bedingungen, unter denen diese ihre
Haftstrafen verbüßen, der Achtung ihrer Würde nicht
immer förderlich;
häufig werden die Gefängnisse sogar zum
Schauplatz neuer Verbrechen.
Dennoch bietet das Umfeld der Strafanstalten ein
bevorzugtes Gebiet, auf dem sich das christliche
Engagement für den sozialen Bereich wieder einmal
bewähren kann:

3. Die politische Autorität


„Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir
gekommen“ (Mt 25,36).
Die Tätigkeit der für die Feststellung der
strafrechtlichen Verantwortung zuständigen
Beamten – einer Verantwortung, die immer
personalen Charakter hat – muss der
bedingungslosen Suche nach der Wahrheit
verpflichtet sein und voller Respekt vor der Würde
und den Rechten der menschlichen Person
durchgeführt werden:
Die Rechte des Schuldigen müssen ebenso
gewährleistet sein wie die des Unschuldigen.

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3. Die politische Autorität


Man muss sich stets den allgemeinen juristischen
Grundsatz vor Augen halten, wonach eine Strafe
erst dann verhängt werden kann, wenn das
Verbrechen nachgewiesen ist.
Bei den Ermittlungsarbeiten muss die Regel, die die
Praxis der Folter verbietet, auch bei schwereren
Vergehen, auf das Genaueste beachtet werden:
„Der Jünger Christi lehnt spontan jedes
Zurückgreifen auf solche Mittel ab, die durch nichts
gerechtfertigt werden können und die die Würde des
Menschen – des Gefolterten und seines Folterers –
verletzen“. (Joh. Paul II. 1982)

3. Die politische Autorität


Die internationalen juristischen Einrichtungen
weisen im Zusammenhang mit den
Menschenrechten zu Recht darauf hin, dass das
Folterverbot ein Grundsatz ist, von dem man unter
keinen Umständen abrücken darf.
Auch „eine Inhaftierung einzig zu dem Zweck, neue
Informationen zu erhalten, die für den Prozess von
Bedeutung sind“, muss ausgeschlossen werden.
Darüber hinaus muss „das zügige Tempo der
Prozesse“ gewährleistet sein:
„Wenn sie übermäßig in die Länge gezogen werden,
wird dies für die Bürger unerträglich und verwandelt
sich schließlich in eine wahre und eigentliche
Ungerechtigkeit“.

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3. Die politische Autorität


Die Richter und Staatsanwälte sind bei der
Durchführung ihrer Befragungen zu der
gebührenden Zurückhaltung aufgefordert, um das
Recht der Befragten auf Vertraulichkeit nicht zu
verletzen und den Grundsatz der
Unschuldsvermutung nicht zu beeinträchtigen.
Da auch ein Richter irren kann, ist es ratsam, dass
die Gesetzgebung für das Opfer eines Justizirrtums
eine angemessene Entschädigung vorsieht.

3. Die politische Autorität


Ein Zeichen der Hoffnung ist in den Augen der
Kirche „die immer weiter verbreitete Abneigung der
öffentlichen Meinung gegen die Todesstrafe selbst
als Mittel sozialer „Notwehr“, in Anbetracht der
Möglichkeiten, über die eine moderne Gesellschaft
verfügt, um das Verbrechen wirksam mit Methoden
zu unterdrücken, die zwar den, der es begangen
hat, unschädlich machen, ihm aber nicht endgültig
die Möglichkeit nehmen, wieder zu Ehren zu
kommen“. (EV 27)

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3. Die politische Autorität


Obwohl die traditionelle Lehre der Kirche – unter der
Voraussetzung, dass die Identität und die
Verantwortung des Schuldigen zweifelsfrei
festgestellt sind – die Todesstrafe nicht ausschließt,
wenn diese der einzige praktikable Weg ist, um „das
Leben der Menschen gegen Angreifer zu
verteidigen“ (KKK 2267), sind die unblutigen Mittel
der Abschreckung und der Bestrafung zu
bevorzugen, „denn sie entsprechen besser den
konkreten Bedingungen des Gemeinwohls und sind
der Menschenwürde angemessener“. (ebd.)

3. Die politische Autorität


Die steigende Zahl von Ländern, die Vorkehrungen
zur Abschaffung oder Aussetzung der Todesstrafe
treffen, ist ebenfalls ein Beweis dafür, dass die
Fälle, in denen es unumgänglich ist, den Schuldigen
zum Tode zu verurteilen, „schon sehr selten oder
praktisch überhaupt nicht mehr gegeben“ sind. (EV
56)
Die zunehmende Ablehnung der Todesstrafe in der
öffentlichen Meinung und die verschiedenen
Vorkehrungen im Hinblick auf ihre Abschaffung oder
Aussetzung stellen sichtbare Zeichen einer
größeren moralischen Sensibilität dar.

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4. Die Menschenrechte

K. Peter Fritzsche,
Menschenrechte.
Eine Einführung mit
Dokumenten,
Paderborn 2004

4. Die Menschenrechte
Was ist Recht?
Auf die Frage, was Reicht sei, kann man sich auf
systematische und auf historische Weise nähern.
Menschenrechte sind Rechte und als Rechte haben
sie einen besonderen Rang.
Doch was sind überhaupt Rechte? Was ist Recht?
Auch auf diese Frage gibt es oft nur zögerliche oder
eingeschränkte Antworten.

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4. Die Menschenrechte
Auf die Frage, was ist Recht, kann man nicht mit
einer allgemeinen Definition antworten, sondern nur
nach dem alten Motto, das Generationen von
Juristen bis heute im Examen gerettet hat.
Der kluge Student sagt immer, es kommt darauf an.
Es kommt darauf an, um welche Zeit es sich
handelt.
Unter der Berücksichtigung dessen, dass das Recht
großen historischen und politischen
Wandlungsprozessen unterliegt, kann man
vorsichtig formulieren, was wir heute unter Recht
verstehen.

4. Die Menschenrechte
Recht ist ein Regelungsmechanismus von sozialen,
wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen.
Es steuert, stabilisiert und befriedet das
gesellschaftliche Zusammenleben.
Ohne das Recht würde dieses Zusammenleben
durch Willkür, gewaltförmige Konflikte und das
Recht des Stärkeren gekennzeichnet sein.
Recht hat eine Friedens- und eine Schutzfunktion.

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4. Die Menschenrechte
Es versucht Gewalt zu bannen und Macht zu
kontrollieren.
Recht braucht allerdings auch Macht, um
durchgesetzt zu werden.
Recht versucht Recht ist allerdings nur ein sozialer
Regelungsmechanismus unter Gewalt zu bannen
anderen, der sich beispielsweise von moralischen
Normen durch seine Sanktionsmächtigkeit und
institutionalisierte Einklagbarkeit von
Rechtsansprüchen unterscheidet.
Dass sich Recht von Moral unterscheidet, ist uns
heute selbstverständlich, dies ist aber das Ergebnis
eines historischen Prozesses der Differenzierung.

4. Die Menschenrechte
Recht und Moral waren früher einmal eine Einheit.
Der Begriff des Rechtes beinhaltet einmal das
„objektive Recht“, das sind die Gesamtheit der
Rechtsnormen einer Gesellschaft, und das
subjektive Recht, das ist der individuelle
Rechtsanspruch, die Berechtigung, die auch
einklagbar ist.
Das verletzte eingeklagte Recht führt zu
Sanktionen.
Der Rechtsanspruch richtet sich immer an einen
Adressaten, demgegenüber das Rechtssubjekt ein
Recht hat.

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4. Die Menschenrechte
Auf der Seite des Adressaten führt dieser Anspruch
zu einer Verpflichtung, etwas zu tun oder etwas zu
lassen.
Ein Recht ist immer bezogen auf einen Inhalt, auf
den man Recht hat, z. B. einen Vertrag zu
schließen.
Ein Recht muss also Auskunft geben können auf
folgende Fragen:
wer hat wem gegenüber Recht auf was und was
passiert, wenn das Recht verletzt wird.
Das Recht „setzt sich zusammen“ aus
Rechtssubjekt, Rechtsobjekt und „Adressat“.

4. Die Menschenrechte
Auch Menschenrechte regeln Verhältnisse zwischen
Rechtssubjekten und Adressaten und beziehen sich
auf bestimmte Inhalte.
Auch wenn der Begriff der modernen
Menschenrechte umstritten ist, so lassen sich
anerkannte definitorische Mindestkriterien angeben.
Menschenrechte sind universal und individuell, d.h.
sie gelten für alle Menschen unabhängig etwa von
ihrer Nationalität und Rasse und kommen dem
einzelnen Menschen unabhängig von seiner
ständischen oder sonstigen gesellschaftlichen
Einbindung zu.

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4. Die Menschenrechte
Ihre Quelle ist vorstaatlicher Natur; d.h. sie sind
nicht dem Staat zu verdanken, sondern dem
Menschen als solchem angeboren, können also
vom Staat nicht geschaffen, sondern allenfalls
deklariert werden.
Schließlich richtet sich die Forderung nach
Anerkennung der Menschenrechte in erster Linie an
den Staat, insbesondere indem dessen
grundsätzlicher Verzicht auf Eingriffe in die
persönliche Freiheitssphäre erwartet wird.

4. Die Menschenrechte
Folgende 10 Merkmale kennzeichnen mit
Einschränkung das, was wir heute unter
„Menschenrechten“ verstehen.
Menschenrechte sind
1. angeboren und unverlierbar 6. rechtlich
2. vorstaatlich 7. universell
3. individuell 8. fundamental
4. egalitär 9. interdependent
5. moralisch 10. kritisch

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4. Die Menschenrechte
1. Angeboren und unverlierbar
Die Qualifizierung der Menschenrechte als
angeborene Rechte bedeutet, dass sie weder
erworben, noch verdient oder verliehen werden
können, sondern dass sie eine Berechtigung allein
auf Grund des Menschseins sind.
Gleichwohl ist die Bestimmung der Menschenrechte
als angeboren im „metaphorischen Sinne“ gemeint,
um ihren besonderen Rang zu unterstreichen.
Einmal als angeboren anerkannt, können sie auch
nicht wieder genommen oder verwirkt werden.

4. Die Menschenrechte
Sie bleiben eine Berechtigung, die an keine
Leistungen, Verdienste oder Pflichterfüllung
gebunden ist.
Zwar ist mit den Rechten auch die Pflicht
verbunden, die Rechte der anderen zu achten, aber
die Nichtachtung kann nur zu unterschiedlichen
Arten der Kritik oder Sanktion führen, aber nicht zum
Verlust der Menschenrechte.
Selbst ein Terrorist kann seine Menschenrechte
nicht verwirken.
Es ist genau dies, was den zivilisatorischen
Fortschritt am radikalsten ausdrückt.

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4. Die Menschenrechte
Menschen sind und bleiben Menschen, auch in
extremen Fällen: sie stehen nicht irgendeiner
Strategie der De-Humanisierung zur Disposition.
Gleichwohl gibt es Ausnahme- und
Notstandssituationen, in denen Menschenrechte für
eine bestimmte Zeit begrenzt werden können, aber.
Auch unter den extremsten Bedingungen bleibt ein
Kern von Menschenrechten wie das Recht auf
Leben oder das Folterverbot „notstandsfest“ und ist
in keiner Weise einzuschränken.

4. Die Menschenrechte
2. Vorstaatlich
Die Kennzeichnung der Menschenrechte als
vorstaatlich verweist auf die historische
Revolutionierung der Machtverhältnisse zwischen
Staat und Bürger.
Der Bürger ist nicht (mehr) Diener des Staates, der
seinen Bürgerinnen und Bürgern unter Umständen
die Menschenrechte verleiht oder gewährt, sondern
der Staat ist gehalten, die Menschenrechte, die
staatlichem Recht vorausgehen und die Legitimität
staatlicher demokratischer Herrschaft allererst
begründen, umzusetzen und zu schützen.

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4. Die Menschenrechte
3. Individuell
Das Individuum als Träger der Menschenrechte
drückt den unhintergehbaren zivilisatorischen
Fortschritt aus, dass die letztlich zu schützende
Einheit, die des autonomen Individuums ist.
Dies ist eine unverzichtbare Bedingung der
Menschenrechte, dass das Individuum mit seinen
Schutz- und Entwicklungsinteressen im Mittelpunkt
steht und keiner Gemeinschaft oder keinem
politischen Gemeinwesen untergeordnet und
geopfert wird.

4. Die Menschenrechte
Gleichwohl zeigt die Debatte der
Menschenrechtsentwicklung, dass es sich nicht um
eine ausschließliche oder immer auch hinreichende
Bedingung handelt, den Einzelnen zu schützen.
Die Debatte um kollektive Menschenrechte zeigt
eine ergänzende Dimension auf, allerdings keine
alternative, da auch der kollektiv ansetzende Schutz
letztlich dem Einzelnen zugute kommen muss.

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4. Die Menschenrechte
4. Egalitär
Menschenrechte können als MENSCHENrechte nur
egalitär sein oder sie sind stattdessen nur
Sonderrechte.
Es sind eben Rechte, die allen Menschen
gleichermaßen ohne Ansehen von Rasse, Farbe,
Geschlecht, Sprache, Religion, politische oder
sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer
Herkunft, nach Vermögen, Geburt oder sonstigem
Status (Artikel 2 der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte) zustehen.

4. Die Menschenrechte
Wir haben es hier mit dem antidiskriminatorischen
Kern der Menschenrechte zu tun.
Zunächst handelt es sich hierbei um eine egalitäre
Behandlung der Bürger durch den Staat.
Allerdings impliziert diese Egalität auch eine gleiche
Anerkennung der Menschenrechte der Bürger
untereinander.
Meine Rechte finden in den gleichen Rechten der
anderen ihre Grenze.

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