Sie sind auf Seite 1von 116

Das Kunstmagazin der ZEIT

Nº162 Oktober 2019     Seit 1927

Warum mit Albrecht Dürer die Moderne begann


2 2 S e i te n

W IeEziaN
l
Sp

€ 11,80 (D)
SFR 20,– (CH)
€ 13,– (A, I, LUX, NL)

Hannah Ryggen Revolution am Webstuhl Langeloh Wie Frauen Porzellangeschichte schrieben


Konstantin Grcic Der Stardesigner über irritierende Möbel und das Maß aller Dinge
GERMAN FLAGSHIP STORE FALCKENBERGSTRASSE 9 MÜNCHEN T +49 89 21020887 TOMFORD.COM
UNSER
TITELBILD
TITELBILD: Albrecht Dürer, Flügel einer Blauracke, um 1500, Aquarell und Deckfarben, auf Pergament, Albertina, Wien; Bilder diese Seite: Albertina, Wien (2)

»Mein Agnes«, das zarte Porträt seiner Frau,


schuf Dürer im Jahr der Eheschließung 1494,
oben »Tote Blauracke«, um 1500

Sie ist eine Weltbürgerin. Und ein Weitstre- Vogel für eine seiner großen Naturstudien vermutlich im Netz verfangen hat, was sein
ckenzieher. Ihr Verbreitungsgebiet reicht wählte. Das Aquarell »Flügel einer Blaura- Schicksal als totes Modell besiegelte.
von Sibirien über den Libanon bis nach Por- cke«, das unser Cover zeigt, entstand um Heutzutage ist der Netzfang geächtet,
tugal und in den Maghreb. Auf ihren Reisen 1500. Es ist wie der berühmte »Feldhase« in doch noch immer verfangen sich jeden Früh-
in den Süden legt die Blauracke bis zu 8000 einer bewegenden Schau der Wiener Alber- ling und Herbst Millionen Vögel in illegal
Kilometer zurück. Doch ihre Welt schrumpft. tina zu sehen, die sich besonders seinem aufgestellten Netzen im Mittelmeerraum.
In Mitteleuropa ist der Zugvogel mit dem Werk auf Papier und Pergament widmet (S. 18). Die Paarbindung der Blauracke hält übrigens
traumschönen azurblauen Gefieder weitge- Dürer setzte bei der Darstellung des meistens nur eine Saison. Da ging es dem
hend ausgestorben, Monokulturen, Strom- Flügels hauptsächlich Deckfarben ein, um Künstler anders. Seine Ehe mit Agnes Frey,
leitungen und die ach so umweltfreundli- das berauschende Spektrum der Federn be- die er oftmals porträtierte, wurde erst durch
chen Windkraftanlagen haben ihr den sonders intensiv und realitätsnah zu entfal- seinen Tod 1528 geschieden. Agnes sorgte
Garaus gemacht. Zu Zeiten Dürers kreuzten ten. Es reicht von Mintgrün bis Ultramarin, maßgeblich dafür, dass Albrecht Dürers
noch viele Blauracken den fränkischen Him- von erdigem Braun bis zu blutigem Rot. Die Drucke­und Zeichnungen in Umlauf kamen
mel und stürzten sich im Flug auf ihre Beute. Wunde, wo der Flügel vom Körper abgeris- und Geld einbrachten. Bei der Vermarktung
Und so war es naheliegend, dass der noch sen wurde, ist sichtbar, ebenso wie ein Loch waren die Nürnberger ihrer Epoche weit
junge Meisterzeichner sich gerade diesen ­ im Gefieder, wo sich der Daumen des Tiers voraus.­  SIMONE SONDERMANN

5
WELTKUNST

INHALT
N° 162

2 2 S e i te n

WSIpeEziaN

Bilder: Albertina, Wien; Service mit Goldchinoiserien, Meißen, Inv. Nr. L 318, Sammlung Ludwig Bamberg/Museen der Stadt Bamberg; rechts oben: Tom Vack/Konstantin Grcic, KG-Design, Magis chair_ONE, 2004
Kolumnen l
10 Zeitmaschine
12 Was bewegt die Kunst?
Alte Möbel sind das neue Recycling
14 Drei Wünsche
16 Hand des Meisters
17 Heimliche Zwillinge
17 Kritikerfrage
114 Obrist

Geschichten
18 MIT HAND UND HA AR
Albrecht Dürer war ein Meister
darin, eine zweite Natur zu
erschaffen. Die Albertina in Wien
öffnet nun ihre Schatzkammer

30


DREI TAGE IN WIEN
Ringstraße, Hofburg, Prater,
alles schön und gut. Doch Wiens
18
Reiz liegt im Verborgenen. Polygnot lässt grüßen
Wir nehmen Sie mit auf eine Tour Dass ausgerechnet der gemeine Feldhase zur Ikone
voller Überraschungen der Kunstgeschichte wurde, liegt in der Antike
begründet – und in Dürers atemberaubendem Strich
36 DIE LETZTE SÜSSE
Von Bernini bis Bircken: das Beste
im Wiener Kunstherbst

38 ZWISCHEN DEN STÜHLEN


Konstantin Grcic, Deutschlands
berühmtester Möbeldesigner,

54
über seine Zeit als Restaurator, die
Bedürfnisse der Tech-Branche
und die Psychologie des Sitzens
Aus dem Vollen
46 AM FADEN DER GESCHICHTE
Porzellan trotzt den
Die Weberin Hannah Ryggen
Krisen des Kunsthandels.
war eine Chronistin ihrer Epoche.
Innovative Traditions-
In Frankfurt widmet ihr die
häuser wie Langeloh
Schirn eine umfassende Schau
lassen das weiße Gold bis
54 GOLDEN GIRLS heute glänzen
Drei Frauen aus drei Generationen
ist es zu verdanken, dass Langeloh
Porcelain seit 100 Jahren Erfolg hat
Bilder unten: Gottfried Helnwein/Kaiblinger Galerie und Kunsthandel/VG Bild-Kunst, Bonn 2019; Anders Sundet Solberg/Hannah Ryggen/National Museum of Decorative Arts and Design, Trondheim/VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Agenda
62 KUNSTWELT
News und Personalien

64 HURR A , DIE SCHULE BRENNT!


Die anarchische Talentschmiede
CalArts in der Kestner Gesellschaft

38 66 AUSSTELLUNGEN


Eröffnung des Bauhaus Museums
Dessau, Leonardo da Vinci in Paris
The One and Only
Der »chair_ONE« von
72 SCHAUFENSTER
Konstantin Grcic wurde ein Klassiker
Heribert C. Ottersbach bei
der Gegenwart. Im Berliner
Beck & Eggeling in Düsseldorf
Kunstgewerbemuseum begegnet er
Designexperimenten von einst
74 KUNSTHANDEL
Kellermann zeigt Zero und Kinetik

76 DER ANFANG IST GEMACHT


Jung und weiblich: neue Akzente
der Wiener Messen

90 STILKUNDE
Scherzgläser für Trinkfeste

76 92 BUSINESS AS USUAL
Wie reagiert der Markt in London?
Mädchenträume
Gottfried Helnweins 94 AUKTIONEN
seltsame Kinderporträts auf Gemälde im Dorotheum, Möbel
der Fair for Art Vienna und Malerei in Uppsala, Bücher
bei Bassenge, Gorny & Mosch ruft
Münzen auf, Karrenbauer Design
und Kunst, Postwar bei Plückbaum

8 Editorial
111 Termine
113 Impressum
113 Vorschau

46
Weben und wirken
Norwegen ist Ehrengast der
Frankfurter Buchmesse.
Hannah Ryggen schuf auf instagram.com/WeltkunstMagazin
Ørland ihre Manifeste facebook.com/weltkunst
twitter.com/WeltkunstNews
EDITORIAL

Bilder: Ivo von Renner; Christoph Münstermann/Gabriele Münter, „Elmau“, o.J., Collection Fondazione Gabriele e Anna Braglia, Lugano/VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Liebe Leserinnen,
liebe Leser,
wer schon einmal mit einem Nachtzug gefahren
ist, wird die Reise nicht vergessen. Von meiner
Klassenfahrt nach Rom habe ich vor allem die
nächtliche Bahnstrecke in Erinnerung, bei der
wir in unserem Sechserabteil alle so aufgeregt
waren, dass wir von Frankfurt bis mindestens
Florenz kein Auge zugedrückt haben. Gefühlt
zu zwölft saßen wir gebückt auf den ausgeklapp-
ten Liegen, dabei spielte ein Mitschüler Gitarre
und sang »I’m a Passenger« – physisch kann ich
mir das heute kaum noch vorstellen. Jahre spä-
ter habe ich im Schlafwagen von Padua nach Schau ab Mitte November im Leopold Museum.
Salzburg dann so fest geschlafen, dass ich um Unter den 120 Werken aus den beiden Privat-
ein Haar den Ausstieg verpasst hätte. Da Nacht- sammlungen Braglia und Johennig wird auch
züge so romantisch sind, freue ich mich über die Gabriele Münters Landschaft »Elmau« (unten li.)
Pläne der Deutschen Bahn, vielleicht schon die- zu sehen sein. Sie wirkt so meditativ wie ein Spa-
sen Herbst eine neue Nachtzugverbindung von ziergang im Alpenvorland – und so erfrischend
Warnemünde über Berlin nach Wien einzurich- wie ein geöffnetes Fenster in einem Zugabteil.
ten. Da möchte ich mit meiner Familie einstei- Auch das ist natürlich eine Erinnerung an frü-
gen! Meine drei Söhne sind die größten Bahn- her, denn heute kann man ja leider die Fenster
fans, die man sich vorstellen kann in der Bahn nur noch selten öffnen.
Wien ist als Kunstort einfach unerschöpf- Bei der Vorbereitung zur aktuellen Aus-
lich. Die vielen Sonderausstellungen bieten gabe war meine Verabredung mit Konstantin
dazu noch mehr Gründe, jetzt eine Reise zu pla- Grcic ein besonderer Genuss. Ich haben den De-
nen, zum Beispiel zur großen Expressionismus- signer im Berliner Kunstgewerbemuseum ge-
troffen, und er hat mir zwischen Möbeln der Re-
naissance und des Barock von seiner Zeit als
Restaurator erzählt, über seinen Traum, Boots-
bauer zu werden, und über das Idealgewicht von
Stühlen (Seite 38). Bei der nächsten Gelegenheit
muss ich ihn fragen, ob er nicht auch mal ein
Abteil für einen Nachtzug entwerfen könnte!

8
Großer, äußerst qualitätvoller Hamburger Schapp,
Nussbaum massiv und furniert, um 1700, Provinienz „Earl of Dunraven Adare Limerick“ Adare Manor
Höhe 265 cm, Breite 250 cm, Tiefe 75 cm

Highlights Internationale Kunstmesse in der Residenz München 16.-20. Oktober 2019


EZE

IT M
HIN

ASC

Ich-Maschine
Wenn der technische Fortschritt über­
mächtig wird, bekommen Künstler
Fieber. Dann entstehen Maschinenträu­
me. Fast egal, ob diese aus Angst vor
oder der Lust am Untergang gespeist
sind: Dass in einer modernen Welt
auch der moderne Mensch ein wenig
automatenhaft, eine Maschine, ein
Roboter zu sein hat, um zu funktionie­
ren, zieht sich als Motiv durch die
Kunst des 20. Jahrhunderts. Noch die
diversen Protagonisten der deutschen
Pop-Art wie Konrad Klapheck, Bettina
von Arnim oder der frühe Hannsjörg
Voth for­mulieren in ihren Arbeiten
solche Schreckensvisionen verpuppter
Hybride und mechanischer Wesen.
Auch Hans ­Ticha, bekannt durch ge­
sichtslose Stecknadelköpfe, die auf
riesigen Körpern sitzen, zählt als einzi­
ger Vertreter aus der DDR zu dieser
Richtung. Sein Bild »99,9 %« aus dem
Jahr 1982, das er damals im Geheimen
malen musste, ist noch bis zum 3. No­
vember Teil der Schau »Point of No
Return« im Leipziger Museum der bil­
denden Künste. Es visualisiert eine
ostdeutsche Alltagserfahrung, die heute
weitgehend vergessen zu sein scheint:
dass man bei den Wahlen einst eben
nicht die Wahl hatte. Alles ist hier scha-
blonisiert: Stimmvieh, Stimmzettel,
Prozentzahl, die einstudierten Ovationen
»Es lebe…« und der bejubelte schwarz-
rot-goldene Staat selbst, der, monströs
groß, die Jas einkassiert. Ein Bild, das
man heute auch allen jenen noch mal
zeigen sollte, die inzwischen im öffent­
lich-rechtlichen TV zur besten Sende­
zeit behaupten, sie seien dreißig Jahre
nach der Wende noch immer unfrei
und dürften ihre Meinung nicht sagen.

HOLGER LIEBS ist freier Kunstpublizist


in Berlin und befragt hier jeden Monat
berühmte Werke auf ihren aktuellen Gehalt
W E LT K U N S T

Wenn sie schon


besonders auch bei den chinesischen Antiquitäten. Das Auk-
alt genug wäre, ihre tionshaus Nagel hat letztes Jahr einen Faltstuhl aus der spä-
ten Ming-Dynastie für einen Hammerpreis von 2,6 Millio-
eigene Wohnung nen Euro versteigert, während der Londoner Kunsthandel
eine museumswürdige Pietra-dura-Tischplatte aus dem
einzurichten, würde 16. Jahrhundert, die Giorgio Vasari für die Medici-Herzöge
entwarf, für 10 Millionen Dollar anbot. Das ist das eine Ende
Greta Thunberg des Spektrums – am anderen Ende sieht es vollkommen an-
ders aus. Doch ist noch nicht ins allgemeine Bewusstsein ge-
Antiquitäten kaufen rückt, dass immer wieder antike, wenn auch nicht muse-
umswürdige Stücke im drei- oder gar zweistelligen
Eurobereich aufgerufen werden und damit sogar Ikea Kon-
kurrenz machen können. Unser Redaktionskollege Jan

Bild vorige Doppelseite: Michael Ehritt/Hans Ticha, „99,9%“, Galerie LÄKEMÄKER Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Kohlhaas betreut für KUNST UND AUKTIONEN die be-
liebte Rubrik »Preisbild«, in der er aktuelle Auktionsergeb-

W er bekommt eigentlich das Biene-Maja-Zimmer? nisse für bestimmte Kategorien vergleicht: Im jüngsten Preis-
Diese Frage hat vor rund einer Generation ein Kind bild für Biedermeierkommoden taucht bei Yves Siebers in
beschäftigt, das mit seinen Geschwistern im Salon Stuttgart ein schönes Stück für nur 400 Euro auf. Noch güns-
der Großmutter saß. Die drei schauten andächtig auf die tiger sind Betten des Biedermeier: Gerade erst ging eines bei
schönen alten Möbel um sie herum und teilten unter sich Kastern in Hannover für 300 Euro unter den Hammer. 600
schon das Erbe auf. Das Ensemble war der ganze Stolz der Euro kostete ein bemalter Bauernschrank aus dem Jahr 1823
alten Dame, und es amüsierte sie, dass der jüngste Enkel sich im Allgäuer Auktionshaus in Kempten. Eine Kirschbaumgar-
besonders für das Biedermeierzimmer interessierte, das für derobe aus der Zeit um 1900 kletterte bei Von Zengen in
Kinderohren wie Biene-Maja-Zimmer klingt. Bonn von nur 60 Euro immerhin auf 170 Euro.
Diese Szene ist lange her, und die meisten Antiquitä- Einer Studie der Auction Technology Group ist zu
tenhändler leiden darunter, dass junge Leute ihren Wa- entnehmen, dass viele Briten auf Nachhaltigkeit ach-
ren immer weniger Interesse entgegenbringen. Ge- ten und Antiquitäten schätzen. Manche Aristokra-
WA S
schmack, Status, Tradition und Gemütlichkeit B E W E GT ten schauen sogar auf jene herab, die überhaupt
sind als Argumente nicht mehr ausreichend. DIE in die missliche Lage kommen, neue Möbel
Wie kann man so unterschiedliche Bilder wie KUNST kaufen zu müssen. Doch dass »vintage«, »se-
Greta Thunberg und die demonstrierenden Kinder ? condhand« oder neuenglisch »pre-loved« auch die
von »Fridays for Future« – eine wachsende Schar von umweltfreundliche Variante ist, ist 45 Prozent der bri-
Umweltschützern – mit den Schaufenstern des Antiqui- tischen Möbelkäufer nicht bewusst. Wieso 17 Prozent so-
tätenhandels und den Angeboten der Auktionshäuser zu- gar glaubten, eine neue Kommode belaste die Umwelt we-
sammenbringen? Es geht um ein Argument, das bisher von niger als eine alte, ist schwer nachzuvollziehen. Der letzte
der Branche vernachlässigt wurde: Nachhaltigkeit. Antiqui- Art Market Report von Clare McAndrew, herausgegeben
täten sind grün! Allein für Ikea werden jedes Jahr 200 Mil- von der Art Basel und UBS, erwähnt, dass nur ein Zehntel
lionen Bäume gefällt. Zwar gibt das an sich umweltbewuss- der Käufer von Antiquitäten jünger ist als vierzig Jahre. Aber
te Unternehmen an, dass 77 Prozent davon aus nachhaltigen die Händler werden immer älter – oder halten die Antiqui-
Quellen stammen, doch kürzlich hat der SWR recherchiert, täten sie jung? Während Galerien zeitgenössischer Kunst im
dass der Konzern viele Tausend Hektar von Europas letztem Durchschnitt 14 Jahre alt sind, beträgt das Alter der Anti-
Urwald in Rumänien gekauft hat und auch dort, in den Kar- quitätengeschäfte 35 Jahre, mehr als in jedem anderen Kunst-
paten, Holz schlagen lässt. Wer den Bestseller des Försters marktsegment. Aber vielleicht zeichnet sich jetzt eine Trend-
Peter Wohlleben über »Das geheime Leben der Bäume« ge- wende ab: Vergangenes Jahr, so Clare McAndrew, stieg die
lesen hat, den schmerzt diese Vorstellung besonders. Doch Anzahl der verkauften Antiquitäten pro Händler um sieben
Ikea braucht Holz. Allein das Billy-Regal, vor vierzig Jahren Prozent auf 75 Objekte.
entwickelt und immer noch ein Kassenschlager, wurde mitt- Es müssen keine Museumsstücke sein, mit denen man
lerweile weltweit mehr als 60 Millionen Mal verkauft. sich einrichtet. Wer Antiquitäten kauft, investiert in Indivi-
Nun lernen Kinder schon in der Schule, dass das Über- dualität, Stil – und Nachhaltigkeit.  ×
leben der Menschheit am Umgang mit der Erde hängt:­
»Reduce, reuse, recycle« lautet ihr Mantra, und dieses Ver- LISA ZEITZ ist Chefredakteurin der Weltkunst und
halten sollte auch auf die Einrichtung ausgeweitet werden: der Kunst und Auktionen
Schluss mit den Wegwerfmöbeln. Für einen Schrank von
1750 muss heute kein Baum mehr gefällt werden. Nun gilt
es, Hemmschwellen abzubauen und Informationen zu ver-
breiten. Ja, es gibt feine Möbelstücke, die Millionen kosten,
etwa aus den Werkstätten von Roentgen oder Chippendale,

12
CARL SPITZWEG Nixenfang Öl auf Holz um 1860 34,9 x 28,5 cm Ergebnis: € 140.0o0

Profitieren auch Sie von unserer großen

J U B I L ÄUMS - H E R B S TAU K T I O N
Gerne schätzen wir kostenfrei Ihre Kunstwerke des 19. bis 21. Jahrhunderts.
Weitere Informationen erhalten Sie unter: +49 (0)89 55 244-0

www.kettererkunst.de
W E LT K U N S T

Sie finden die Kunstmarktpreise oft schwindelerregend?


Erfüllen Sie sich DREI WÜNSCHE für unter 10 000 Euro


8500  €
 GESICHT GEWAHRT
Masken trug man in Venedig nicht nur wäh-
rend des Karnevals. Der Adel ließ es sich auch
nach dem Aschermittwoch nicht nehmen,
incognito zwischen den Kanälen zu wandeln.

Bilder: Courtesy of the artist and Fabian Lang Gallery; Ariane Laue Kunsthandel; Volker Renner
In München bietet Ariane Laue ein Exemplar
aus Holz an, das wohl im 18. Jahrhundert in der
Lagunenstadt gefertigt wurde (arianelaue.de).


8000 £
 FÜRSTIN DER FINSTERNIS
In surrealen Wimmelbildern verbindet Jessie Makinson,
Jahrgang 1985, Mythologie mit Feminismus und Science-
Fiction. Ihr Ölgemälde »nobody axed you to« (2019), ange-
lehnt an ein Renaissancewerk Marcantonio Raimondis,
findet man bei Fabian Lang in Zürich (fabianlang.ch).

BLÜMERANTE BLÜTE
Nicht die Schönheit der echten »Corpse Flower« lässt
den Atem stocken, sondern ihr penetranter Geruch.
Gerrit Frohne-Brinkmann wurde durch die Blume zu
lebensgroßen Keramiken inspiriert, erhältlich sind sie


bei Noah Klink in Berlin (noahklink.com).

4000  €

14

A DV E RT OR I A L

FOTOGRAFIN
DES
MONATS

CAITLIN
AKA JANE BOND II
Bilder: Stefanie Schneider/lumas.com/VG Bild-Kunst, Bonn 2019 (2)

2019, Limited Edition,


Auflage: 150,
signiert, 61 x 60 cm,
echter Foto-Abzug
unter Acrylglas, 499 €

»ICH PERFEKTIONIERE DEN ZUFALL«


Flirrende Traumbilder: Bei STEFANIE SCHNEIDER wird das Polaroid zum Kunstobjekt

Surreale Farben, bizarre Polaroid-Ästhetik, Traums in ihren Bildfindungen auf interes-


filmisch gebaute Szenen: Mit ihrem speziel- sante Weise gebrochen und in der Schwebe
len Look avancierte Stefanie Schneider­ gehalten. Hoffnung trifft auf Resignation,
Anfang der 2000er zum Shootingstar der Sehnsucht auf Stillstand.
Kunstszene. Heute ist sie eine etablierte in- Bei ihren fotografischen Inszenierun-
ternationale Größe, die immer wieder mit gen überlässt Stefanie Schneider kaum et-
überraschenden Kollaborationen auf sich was dem Zufall. Der Ort, die Requisiten, die
aufmerksam macht. So arbeitete sie zuletzt Darsteller – alles wird genauestens vorberei-
mit dem James-Bond-Regisseur Marc tet und aufeinander abgestimmt. Doch die
Forster­an dem Spielfilm »The Girl behind letzte Entscheidung überlässt sie dann dem
the White­Picket Fence« oder mit dem Fotomaterial. Vor über 20 Jahren erstand sie
Schauspieler Udo Kier an der Werkreihe am Sunset Boulevard in L.A. drei Kisten
»29 palms«, die in einer Wohnwagensiedlung mit alten Polaroid-Filmen. Sie bestimmen
in der südkalifornischen Wüste entstand. seitdem die quadratische Form und die un-
Stefanie Schneider, die ihr Fotografie- vorhersehbare Farbigkeit ihrer Bilder. »Ich
Handwerk an der renommierten Folkwang- bin ein Perfektionist, aber ich perfektionie-
Schule in Essen erlernte, lebt heute überwie- re den Zufall«, fasst sie das Geheimnis ihrer
PALM SPRINGS PALM TREES gend in Los Angeles. Amerika und seine künstlerischen Arbeit zusammen.
2016/17, Limited Edition, Auflage: 150,
Mythen sind ein wiederkehrendes Thema in Weitere Informationen unter LUMAS.DE
signiert, 61 x 60 cm, ihren Arbeiten. Dabei werden die Verhei-
Kaschierung unter Acrylglas, 499 € ßung und der Glanz des amerikanischen
HAND DES MEISTERS

Leckere Zeitmesser

Bilder links: Jerome Bryon/Richard Mille (2); rechts: KHM-Museumsverband, Wien; Intertopics/ddp; Alessandra Schnellegger; Frank Röth/F.A.Z.
D er Franzose Richard Mille machte sich im letzten
Jahr des vorigen Jahrtausends daran, etwas neu zu
erfinden, an das sich alle gewöhnt hatten: die me-
chanische Armbanduhr. Mille gründete in Les Breuleux im
Schweizer Jura eine Manufaktur, die seinen Namen trägt.
Schon seine erste Uhr, die RM 001, war aufwühlend, denn ­
Richard Mille versteckte die Federn, Spiralen und Zahnräder
nicht unter einem Ziffernblatt, sondern machte sie zur zen-
tralen Idee seines Uhrendesigns. Die funktionalen Details
sind bis heute stilprägend bei Richard Mille. Ansonsten ste-
hen die Kreationen für Experiment und Spieltrieb. Mal schuf
der Designer Philippe Starck ein Unikat, mal wurde dem Graf-
fiti-Künstler Cyril Kongo die Gestaltung einer Uhr anvertraut,
der dafür sämtliche Teile der RM 68-01 von Hand mit Neon-
lack überzog. Uhrendesign ist bei Richard Mille nahe an der
Kunst angesiedelt, weshalb die Marke auch offizieller Partner
der Londoner Kunstmesse Frieze geworden ist.
Nun möchte Richard Mille die Uhr für die Frau neu er-
finden. Damenuhren sind heute noch oft betont klein oder
mit Edelsteinen verziert. Auf Modellen wie der RM 07-03, der
RM 16-01 und der RM 37-01 prangen stattdessen Marshmal-
lows und Obst auf dem Zifferblatt. Oder eine Lakritzschnecke
und saure Zungen in Miniaturformat, jene beliebte Gelatine-
süßware, die einem den Mund zusammenzieht. Auch wenn
die Uhren der Bonbonkollektion von Richard Mille süß aus-
sehen, sind sie doch Resultate harter Uhrmacherkunst. Die
16 verschiedenen, wenige Millimeter großen Süßigkeiten sind
aus Titan geschnitten und werden handbemalt, um ihnen den
Zuckermasse-Look zu geben.
Die Gehäuse der Uhren sind entweder aus Karbon gear-
beitet, das schwarz wie Lakritz ist, aus farbiger Keramik oder
aus einem bunten Verbundwerkstoff auf der Basis von Quarz.
Bei Richard Mille kann es ein Jahr dauern, bis eine neue Far-
be entwickelt ist. Denn es werden nur natürliche Pigmente
verwendet, deren chemische Eigenschaften genau studiert
werden müssen. Ein Verfahren vergleichbar mit dem Backen:
Es kommt darauf an, die Zutaten im genau richtigen Verhält-
nis zusammenzubringen. Aber erst, wenn das Ergebnis aus
dem Ofen kommt, weiß man, ob es gelungen ist. Im Falle der
Richard-Mille-Bonbonuhren lautet das Urteil: sehr lecker!  ×

TILLMANN PRÜFER ist Style Director des ZEITmagazin. Jeden


Monat stellt er herausragende Leistungen der Handwerkskunst vor
W E LT K U N S T

Frans Floris Josef Hader


G
EI

IN
M

L
IL
IC
ZW

H
E

Das Kunsthistorische Museum in Wien besitzt ein Bildnis von Frans Floris aus der Zeit um 1566, das einen bislang
anonymen Gildenknappen darstellt. Endlich wissen wir, wen der Meister der nordischen Renaissance
porträtiert hat: den beliebten österreichischen Kabarettisten Josef Hader, der auch Schauspieler, Autor und
Regisseur ist – und nebenberuflich wohl auch Knappe. Weitere Tipps bitte an bildredaktion@weltkunst.de

K R I T I K E R F R AG E

Auf welche Ausstellung freuen Sie sich diesen Herbst?

SAM U E L H E R ZO G K IA VAH L AN D N I K L AS MA AK K E LLY C ROW HAN N O R AUTE R B E R G


Freier Kritiker Süddeutsche Zeitung Frankfurter Allgemeine Zeitung Wall Street Journal DIE ZEIT

Auf die Biennale von Lyon, Als Leonardo-Biografin bin Lesen Schriftsteller Bilder Nach all dem geopoliti- Die Ausstellung von
die heuer mit der Usine ich besonders gespannt, anders als Kuratoren? schen Drama mit Italien Cemile Sahin in Leipzig
Fagor ein immenses welches Bild seiner Kunst Das wird man sehen, wenn und dem »Salvator Mundi« und ihren neuen Roman
Gelände bespielt – und der Louvre in der Jubilä- Karl Ove Knausgård ab 12. bin ich gespannt auf »Taxi«.
einen gewaltigen Vorwand umsschau entwirft. Freue Oktober in der Düsseldor- Leonardo im Louvre.
liefert, die (nicht nur mich aber auch auf fer Kunstsammlung NRW Welche Massen werden
kulinarisch) heiterste Stadt Kippenberger in Bonn und einen unbekannten Edvard kommen? Wird die Schau
Frankreichs zu besuchen. Dürer in Wien. Munch zeigen will. dem Ansturm standhalten?

17
A L B R E C H T DÜ R E R

MIT
HAND
Albrecht Dürer war ein Meister darin, mit
der Kunst eine zweite Natur zu
schaffen – und ebnete der Renaissance im
deutschsprachigen Raum den Weg.
Die Albertina in Wien öffnet nun ihre
Schatzkammer für eine berührende Schau

VON
T I M AC K E R M A N N

UND
HAAR 18
Bild: Albertina, Wien
A
A L B R E C H T DÜ R E R

Ab dreißig Zentimetern beginnt die


Schmerzgrenze. Darunter ist alles akzepta­
bel. Doch wird man in einen größeren Ab­
stand gezwungen, stellt sich schnell Irrita­
tion ein. Mit körperlichen Symptomen, die
einer schwachen Panikattacke nicht unähn­
lich sind: »Hilfe, warum bin ich hier hinten?
Ich muss näher ran ans Pergament!« Wehe, es
schiebt sich nun eine fremde Besucherschul­
ter dazwischen. Das lautstarke Entzücken an­
derer Betrachter über die malerische Ausfüh­
rung eines kleinen Veilchenstraußes klingt
wie Hohngelächter in den eigenen Ohren,
wenn man nur einen halben Meter zu weit
weg steht. Und deshalb statt der Veilchen le­
diglich ein paar grüne und violette Kreise er­
kennt. Es gibt Gemälde wie Tizians »Mariä
Himmelfahrt«, die kann man über die Länge
eines Kirchenschiffs hinweg entspannt be­
wundern. Bei Dürer ist das leider anders.­
Seine schönsten Werke lassen sich nur aus
der Nahsicht genießen.

Bilder: Albertina, Wien (2)


Albrecht Dürer also. Die große Ausstel­
lung. Das bedeutet auch: Die Albertina in
Wien öffnet ihre Schatzkammer. Kein ande­
res Museum der Welt bewahrt einen derart
großen Bestand an Dürer-Zeichnungen. Mit
über 100 Blättern machen sie – neben einer
Auswahl aus dem druckgrafischen Œuvre –
den Schwerpunkt der Schau aus. Elf Gemäl­
de des Künstlers sowie weitere 30 Zeichnun­
gen wurden zur Ergänzung ausgeliehen. Und
es ist, zugegebenermaßen, das riesige Privi­
leg des Kunstzeitschriftenredakteurs, dass
man mit nur einer Handvoll Kollegen zur für sich. Zum letzten Dürer-Auftritt in der dass wir es hier mit einem Meisterstück zu
Vorbesichtigung in das Hochsicherheitsde­ Albertina 2003 strömten 430 000 Besucher. tun haben, einem kleinen Wunder der künst­
pot der Albertina eingeladen wird. Wofür Die Frage, warum man sich im 21. Jahr­ lerischen Naturimitation.
man im Aufzug ein paar Stockwerke in die hundert Dürers Werke ansehen sollte, beant­ Die Bewunderung für Dürer hat natür­
Tiefe fährt und am Ende eines Betonflurs vor wortet sich in dem Moment, als die Kollegen lich Tradition. Seine schriftlichen Hinterlas­
einer Metalltür stehen bleibt, die nur von den Zugang zum »Veilchenstrauß« (um 1495– senschaften und vor allem die Handvoll ver­
zwei Museumsmitarbeitern mit zwei zeit­ 1500) frei machen und man selbst vom An­ bürgter Selbstbildnisse lassen den Künstler
gleich aufgelegten Chipkarten entriegelt­ blick schlagartig euphorisiert wird: Mit mit dem charakteristischen Lockenkopf als
werden kann, um dann dahinter zuzusehen, welch Zartgefühl der Künstler hier vorge­ einen Vertrauten erscheinen, der mit dem
wie bei klimatisch idealen Bedingungen der gangen ist! Weiße Linien von unglaublicher Publikum über die Jahrhunderte hinweg
»Feldhase« aus seinem lichtdichten Papp­ Feinheit – der Pinsel kann nicht mehr als ein kommuniziert. Nur was er sagt – darauf
sarkophag befreit wird. Und kein störender Haar gehabt haben – legte Dürer behutsam macht sich jede Epoche ihren eigenen Reim.
Hinterkopf beschränkt dabei das Sichtfeld. auf die in Violetttönen aquarellierten Blüten­ Die erste Begeisterungswelle, oft etwas
Vielleicht ist es ja ganz gut, dass die große blätter. Die Linien folgen den Schwüngen irreführend »Dürer-Renaissance« genannt,
Dürer-Schau wegen der bis vor Kurzem be­ der Blüten und verleihen ihnen so Plastizität. setzte schon vor 1600 ein. Als Vorreiter gilt
stehenden Ungewissheit einer Amtsverlänge­ Mittendrin die Staubblätter, ebenfalls super­ Kaiser Rudolf II., der 1588 aus dem Nachlass
rung des Albertina-Direktors Klaus Albrecht fein gemalt in leuchtendem Gelb. Keine des Nürnberger Patriziers Willibald Imhoff
Schröder schon in diesem Herbst stattfindet noch so gute Katalogreproduktion, kein digi­ ein Konvolut von Dürer-Zeichnungen er­
und nicht 2021 zum 550. Geburtsjubiläum des taler Zoom kann einen auf den Eindruck wirbt, das über diverse Erben des Künstlers
Künstlers. So bekommen es hoffentlich gar vorbereiten, den die Begegnung mit dem direkt aus der Werkstatt an Imhoff gegangen
nicht alle mit, und man hat die Werke mehr Original aus nächster Nähe entstehen lässt: war. Gut 200 Jahre später landen diese Blät­

20
A L B R E C H T DÜ R E R

am 21. Mai 1471 geboren wurde und nun zum


Silberstift greift, um sein jugendliches Ich im
Spiegel auf grundiertem Papier festzuhalten.
Bevor der junge Dürer in der benachbarten
Werkstatt von Michael Wolgemut, dem da-
mals berühmtesten Maler der Stadt, seine
Lehre antritt, werden noch zwei Jahre verge-
hen. Doch demonstriert er hier schon eine
gewisse Sicherheit im Umgang mit dem an-
spruchsvollen Silberstift. Sein Porträt im
Dreiviertelprofil folgt noch einem spätgoti-
schen Schönheitsideal, für das die feinen
Gliedmaßen, die gezierte Gestik des künst-
lich überlangen Zeigefingers und der unna-
türliche Faltenwurf der Ärmel charakteris-
tisch sind. Bewahrt wurde das Blatt wohl vor
allem aus sentimentalen Gefühlen.
Denn der späte Dürer, der wenige Jahre
vor seinem Tod 1528 viel Zeit auf das Verfas-
sen seines erst posthum erschienenen Theo-
riewerks »Vier Bücher von menschlicher Pro-
portion« verwendet, weiß natürlich um die
hauptsächliche Errungenschaft seines Schaf-
fens: das gotische Ideal überwunden und die
deutsche Kunst mit der Renaissance vertraut
gemacht zu haben. Auslöser dafür ist eine
Reise nach Venedig, die er im Sommer 1494
direkt nach seinen Gesellenjahren und der
Hochzeit mit Agnes Frey, der 19-jährigen
Tochter eines Rotschmieds, antritt. Die Ein-
drücke des Reisewegs hält der 23-Jährige bis
Tirol in Zeichnungen, Aquarellen und Deck-
farbenmalereien fest. Der aquarellierte Him-
mel in der Ansicht »Hof der Innsbrucker
Burg nach Norden« markiert um 1495 für
Christof Metzger einen entscheidenden
Schritt in der Entwicklung: »Das Konzept
des Blattes mit der gestreckten, überhöhten
Architektur ist absolute Spätgotik. Aber die
Art, wie er die Atmosphäre beobachtet, wie
er Luft, Wasser oder Ziegelmauern darstellt
Noch dem spätgotischen Schönheitsideal ter durch ein erstaunlich fahrlässiges Tausch- und so ein Bild der Natur auf dem Papier
folgen das »Selbstbildnis als Dreizehnjähri- geschäft der Habsburger bei Herzog Albert wiedergibt, all das deutet den Übergang zur
ger« (1484, li. Seite) und die Architektur in von Sachsen-Teschen, der in Wien im Palais Renaissance an«, erklärt der Kurator.
»Hof der Innsbrucker Burg nach Norden« auf der Augustinerbastei residiert – das heu- Die italienische Kunst der Frührenais-
(um 1495). Vorige Seite: Renaissance pur te Albertina genannt wird. So lässt sich die sance mit ihren perspektivisch klar geordne-
sind »Die betenden Hände« von 1508
Provenienzlinie der Museumssammlung aus ten Bildräumen, ihren fest und sicher geglie-
der Gegenwart bis hinein in die Arbeitsstube derten Menschen wird Dürer zur Sehschule.
im Haus am Nürnberger Tiergärtnertor zu- Die Rückbesinnung auf das antike Schön-
rückverfolgen. All die berühmten Blätter heitsideal eines muskulösen nackten Körpers
zählten bei Dürers Tod zum Werkstattbe- fasziniert ihn. Bereits 1494 kopiert er in einer
stand. Was Christof Metzger, Chefkurator Federzeichnung Andrea Mantegnas Kupfer-
der Albertina, zu einer so stolzen wie trocken stich »Bacchanal mit Silen« (nach 1470). Und
formulierten Aussage verleitet: »Dürer war wie man in der Gegenüberstellung der bei-
der erste Kurator unserer Dürer-Sammlung.« den Blätter in der Ausstellung sieht, verbes-
Was aber sah der Künstler als so wert- sert er die Darstellung des mythologischen
voll an, dass er es bis zum Lebensende ver- Gelages nach seinem Empfinden: Während
wahrte? Da ist natürlich als frühestes Zeug- Mantegnas Diagonalschraffuren die steiner-
nis der Künstlerbiografie das Selbstbildnis ne Haptik eines antiken Reliefs imitieren,
von 1484. Dreizehn Jahre ist das Nachwuchs- folgen Dürers Linien hier, so wie er es später
talent alt, das als drittältestes Kind des Nürn- immer halten wird, dem Verlauf der Körper-
berger Goldschmieds Albrecht Dürer d. Ä. formen und der Muskelbewegung. Die Tech-

21
A L B R E C H T DÜ R E R

23
A L B R E C H T DÜ R E R

nik hat er sich bei Martin Schongauer, dem


Meister des spätgotischen Kupferstichs, abge-
schaut. Sie erfüllt seine Figuren mit Leben.
Mit der Rückkehr nach Nürnberg im
Spätsommer 1495 beginnt Dürer, eine eigene
Werkstatt aufzubauen. Bemerkenswert, was
dort in den Folgejahren parallel entsteht: der
so fromme wie vor Fantasie sprühende Holz-
schnittzyklus zur »Apokalypse« (um 1497/
1498) mit den vier windbrausenden Todesrei-
tern und einem Engel Michael, der im stillen
Ernst den Drachen bekämpft, und eine Fe-
derzeichnung wie »Das Frauenbad« von 1496,
die offensichtlich zu dem Zweck geschaffen
wurde, verschiedene Darstellungsvarianten
des weiblichen Körpers zu erproben. Die ty-
pischen Verhüllungen der Gotik entfallen
bei Dürer bald regelmäßig in Stichen wie
»Die vier Hexen« (1497) oder »Das Meerwun-
der« (um 1498). Die exakten Erzählungen die-
ser Blätter sind heute nicht recht zu ent-
schlüsseln. Dafür erkennt man, dass der
Künstler Gliedmaßen bei Mantegna oder
Antonio Pollaiuolo abkupfert. Im Jahr 1500
kommt Jacopo de’ Barbari als Hofmaler von
Maximilian I. nach Nürnberg und macht
Dürer mit der Proportionslehre des Vitruv
bekannt. Wenig später versucht auch dieser,
dem Schönheitsideal kalkulierbare Regeln
abzugewinnen: So zeigen zwei Entwurfs-
zeichnungen zum berühmten Kupferstich
»Adam und Eva« (1504), wie der Künstler die
beiden Figuren sorgsam mit Feder und Zir-
kel konstruierte. Natürlich hat in Italien Leo-
nardo da Vinci bereits 1490 mit der Zeich-
nung »Der vitruvianische Mensch« das zur
Ikone gewordene Bild für das erwachende In-
teresse an einer wissenschaftlich vermessba-
ren Kunst geschaffen. Doch für die Entwick-
lung in Deutschland reklamiert Heinrich
Wölfflin in seiner Monografie von 1905 zu
Recht den Sonderstatus D ­ ürers, mit enor- seine AD-Glyphe wird nun gewissermaßen Der »Feldhase« (1502) und der Meisterstich
mem Krafteinsatz »den Menschentypus der zum ersten Logo der Kunstgeschichte. Wie »Der heilige Hieronymus im Gehäus« (1514,
Reformzeit geschaffen« zu haben. Ebendie- sehr er auf ihre Wirkungskraft vertraut, zeigt re. Seite) gehören auch dank ihrer Detail-
ser neue Mensch tritt in Dürers Darstellung die Episode aus dem Januar 1512: Ein Nürn- fülle zu den berühmtesten Dürer-Werken.
des Sündenfalls zutage. berger Ratsbeschluss fordert einen Fremden, Vorige Seiten: »Heiliger Hieronymus« (1521)
Jenseits aller kunstgeschichtlichen Rele- der in der Stadt Drucke verkauft, die »Al- und »Das große Rasenstück« von 1503
vanz zahlen sich die neuen Motive für Dürer brecht Dürers hanndzaichen haben«, dazu
aber auch in barer Münze aus. Dank seines auf, diese Monogramme aus den Blättern zu
Wechselns zwischen Illustrationen biblischer entfernen. Wie manch erfolgreicher Künstler
Geschichten, bäuerlichen Genreszenen und heute hat auch Dürer mit Fälschungen und
intellektuellen Rätselbildern mit erotischen Copyright-Verletzungen zu kämpfen.
Beigaben ist er nun in der Lage, mehrere Ge- Die Popularität seiner Grafiken am
schmäcker gleichzeitig zu bedienen. Es zei- Markt beruht letztlich auch auf einem guten
gen sich Ansätze einer Sammlerkultur. Bald Vertrieb: Dürers Ehefrau und seine Mutter
sind seine Drucke in ganz Europa begehrt. verkaufen die Blätter auf dem Markt in Nürn-
Zum Markenzeichen wird das berühmte Mo- berg. Wenigstens einmal reist Agnes Dürer
nogramm mit der Schachtelung der Buchsta- auch auf die Frankfurter Messe. Für weitere
ben AD, das Dürer seit 1495 in seine Werke Strecken werden Agenten beauftragt, die Dü-
einfügt, um Autorenschaft und Qualität zu rer-Drucke in Kommission nehmen. Das Zu-
garantieren. Monogramme haben schon an- sammenspiel aus florierender Werkstatt und
dere Kupferstecher vor ihm verwendet, doch einem straff organisierten Zwischenhändler-

24
A L B R E C H T DÜ R E R

le eines humanistischen Netzwerks in Nürn-


berg, das ihm im Gegenzug den Weg für
seinen späteren Ruhm ebnet.
Die Schriften der Renaissance geizen
generell nicht mit Apelles-Vergleichen, wenn
es um talentierte Künstler geht. Doch könn-
Bild S. 22: Museu Nacional de Arte Antiga, Lissabon, Foto: Luisa Oliveira/José Paulo Ruas, Direção-Geral do Património Cultural/Arquivo de Documentação Fotográfica (DGPC/ADF); Bilder S. 23 - 25: Albertina, Wien (3)

te sich Dürer mit dem legendenhaften Hof-


maler Alexanders des Großen gut selbst iden-
tifiziert haben, über den spekuliert wird, er
habe das allererste Selbstbildnis der Kunstge-
schichte geschaffen. Es wäre eine mögliche Er-
klärung für die mehrfachen Eigenporträts in
kurzer Folge, in denen Dürer über die Kon-
ventionen seiner Zeit hinausgeht – zum Teil
sehr weit: Schon mit der Frontalansicht von
1500, in der er sich als eine Art schöpferischer
Messias inszeniert, mag er die Betrachter scho-
ckiert haben. Aber um wie viel radikaler
wirkt noch das im Jahr zuvor entstandene
»Selbstbildnis als Akt«? Ohne falsche Senti-
mentalität arbeitet der Künstler hier mit Fe-
der und Pinsel den eigenen Oberkörper vom
Schlüsselbein bis zum Bauchnabel durch,
lässt mit kurzen schwungvollen Linien den
Hodensack baumeln und verschafft dem
nicht zu klein g­ eratenen Penis mit Weißhö-
hungen die ­gebührende Aufmerksamkeit.
Die Hell­­dunkelzeichnung auf grün grun-
diertem Papier, die aus Weimar nach Wien
ausgeliehen wurde, erscheint uns sehr mo-
dern, weil sie mühelos die Distanz von vier
Jahrhunderten überspannt: Erst Egon Schie-
les Akt-Selbstporträts aus den 1910er-Jahren
fallen einem als vergleichbare Beispiele scho-
nungsloser Selbstoffenbarung ein.
Zugleich lassen Licht und Schatten im
nackten Selbstbildnis erkennen, dass Dürer
seinen Körper aus verschiedenen Blickwin-
keln im Spiegel studierte und die Eindrücke
auf dem Papier zusammensetzte. Damit ent-
spricht er dem Idealbild des Renaissance-
system mag uns heute modern vorkommen. Erst Anfang des neuen Jahrhunderts künstlers, der seine Imagination mit einer ge-
Tatsächlich ist es für die Zeit um 1500, die verbessert sich die Situation. Bedeutsam ist nauen Beobachtung der Umwelt und einer
durch die Verbreitung des Buchdrucks in ­ ein Brief, in dem Jacopo de’ Barbari in den fast wissenschaftlichen Exaktheit in der Dar-
Europa geprägt ist, gar nicht ungewöhnlich. Jahren 1500/1501 Friedrich dem Weisen dar- stellung ausbalanciert. »Dann warhafftig
Doch will sich Dürer mit dem ersten legt, weshalb seiner Ansicht nach die Malerei steckt die Kunst inn der Natur. Wer sie he-
Erfolg im Bereich der seriellen Kunstproduk- zu den sieben freien Künsten zählt. Indirekt rauß kann reissen, der hat sie«, erklärt er spä-
tion keinesfalls zufriedengeben. Seine Ziele fordert der Italiener damit die Aufnahme der ter selbst in seiner »Proportionslehre«.
liegen höher: Nachdem er bereits 1496 mit Kunst in den Lehrplan der neu gegründeten Es ist sicher kein Zufall, dass um die
dem sächsischen Kurfürsten Friedrich dem Universität in Wittenberg. Diese Aufwer- Jahrhundertwende einige seiner berühmtes-
Weisen einen ersten bedeutenden Herrscher tung, die die Kunst aus dem mittelalterlichen ten Motive entstehen, die Zeichnungen nach
des Reiches porträtiert hat – wohl auf Emp- System der Handwerkszünfte herausheben der Natur sind. Minutiös setzt Dürer im »Flü-
fehlung von Conrad Celtis, dem Nürnberger soll, will gut argumentiert sein. Und Conrad gel einer Blauracke« (um 1500) unzählige fei-
Humanisten, Dichter und Freund Dürers –, Celtis, der vom Kaiser 1487 zum poeta laurea- ne Deckfarbenlinien, um das Federkleid, das
sucht er nun weitere Auftraggeber für lukra- tus ernannt wurde, kann zufällig in einem in vielfältigen Farbtönen zwischen Blau-
tive Gemälde. Die zieren sich jedoch, und so kurz nach der Jahrhundertwende verfassten schwarz und fahlem Grün changiert, plas-
verwendet er stattdessen viel Energie auf Epigramm den passenden Kronzeugen prä- tisch nachzubilden. Er achtet auch auf De-
zwei Selbstbildnisse: das Porträt im Dreivier- sentieren: »Albrecht, berühmtester Maler in tails wie die Risswunde in der rechten
telprofil mit den Lederhandschuhen von deutschen Landen«, ein »zweiter Apelles«, oberen Ecke, um den Eindruck eines größt-
1498 und die berühmte Frontalansicht im dessen Werk und Philosophie ihn auch bald möglichen Realismus zu erzeugen. Unwahr-
Pelzrock von 1500. (Keines der frühen Gemäl- »auf der ganzen Welt bekannt machen« wer- scheinlich, dass bei einem solchen Aufwand
de wurde für die Ausstellung ausgeliehen.) den. Dürer agiert somit als Figur für die Zie- das 20 mal 20 Zentimeter große Pergament

25
A L B R E C H T DÜ R E R
Bild links: Albertina, Wien; Bilder rechts: Albertina, Wien; Klassik Stiftung Weimar; Bild S. 28: Albertina, Wien

Die Helldunkelzeichnung »Christus vor ­ nur als Werkstattvorlage für Kupferstiche künstlerische Wiedergabe von Fell steht da-
Pilatus« aus der »Grünen Passion« (1504, wie die »Nemesis« (1501) diente. Eher wirkt es gegen beim »Feldhasen« (1502) im Vorder-
oben) plante der Künstler in einer wie ein Schaustück, das gegenüber Kunden grund, und das wohl berühmteste Werk der
Entwurfs­zeichnung (li. Seite) mit brauner die Begabung seines Schöpfers deutlich Albertina-Sammlung ist dabei auch ein Mus-
Feder. Radikal modern wirkt auf uns macht. Dürer dürfte dank seines Freundes terbeispiel an malerischer Effizienz: Dürer­
das »Selbstbildnis als Akt« (um 1499) Celtis von der Anekdote gewusst haben, die lasierte zunächst in braunen Aquarellfarben
Plinius in seiner »Naturkunde« über Apelles den groben Körperumriss, um dann darauf
erzählt – jener habe bei einem Wettkampf mit feinem Pinsel genauso viele graue, brau-
ein Pferd gemalt, das so lebensecht wirkte, ne und schwarze Haare und weiße Glanzlich-
dass es von realen Artgenossen angewiehert ter zu platzieren, dass der Eindruck eines
wurde. Der »zweite Apelles« misst sich nun flauschigen Tieres entsteht.
augenscheinlich mit dem ersten. So künstlerisch perfekt der »Feldhase«
Wunderbar zu sehen, wie Dürer in die- erscheint, bleibt doch die Frage, weshalb Dü-
sen Jahren mit der Darstellung von Oberflä- rer sich ausgerechnet für dieses Tier entschie-
chen experimentiert: »Das große Rasenstück« den hat. Hier bietet nun Kurator Christof
von 1503 sieht aus wie eine nüchterne Studie Metzger neue Denkanstöße, indem er das
wild wuchernder Gräser- und Pflanzentex­ Blatt mit dem bis ins 16. Jahrhundert geläu-
turen – und doch hat der Künstler das aus- figen Begriff des »Polygnoti lepus« in Verbin-
geschnittene Stück Rasen auf dem Werkstatt- dung bringt. Er bezeichnet besondere Le-
tisch geordnet, um den Eindruck eines bensnähe – denn der Überlieferung nach soll
verdichteten Bildzentrums zu erreichen. Die der Maler Polygnot im Athen des 5. Jahrhun-

27
A L B R E C H T DÜ R E R

derts vor Christus in einem Wandbild so ex-


zellent einen Hasen (lateinisch: lepus) darge-
stellt haben, dass die Betrachter diesen für
echt hielten. Dürers »Feldhase« ist ein weite-
rer Fingerzeig auf seine eigenen Fähigkeiten,
der zumindest seinem gebildeteren Publi-
kum nicht verborgen geblieben sein dürfte.
Dazu passt auch, dass sich im Auge des Ha-
sen das Fenster des Ateliers spiegelt.
Das Künstlerego ist also gut vorbereitet,
als ein paar Jahre später die repräsentativen
Gemäldeaufträge eintreffen. Zuerst bestellt
1504 Friedrich der Weise für die Stiftskirche
in Wittenberg eine »Anbetung der Könige«.
Aus der Sammlung der Florentiner Uffizien
für die Ausstellung ausgeliehen, kann man
das Bild für die Architekturruinen im Mittel-
grund bewundern. Die Figurengruppe, die
sich dazwischen befindet, fällt allerdings ­
etwas auseinander. Besser gelingen Dürer
solche Menschenszenen im Zyklus der »Grü-
nen Passion«, der ab 1503 vermutlich für ei-
nen wohlhabenden Kunden entsteht. Neben
den sorgfältigen Helldunkelzeichnungen auf
blaugrün grundiertem Papier zeigt die Aus-
stellung auch einige Vorentwürfe in brauner
Feder, die in der Expressivität der flüchtigen
Linie fast schöner sind: Im Entwurf von
»Christus vor Pilatus« nimmt der im Vorder-
grund sitzende Soldat eine noch eindeutige-
re Macker-Pose ein, und die Schattenschraf-
fur klebt ihm wie ein Dreitagebart im
Gesicht. Dürers Vorarbeiten erreichten recht
oft den Rang eigenständiger Kunstwerke –
wie exemplarisch das weltberühmte Blatt
»Die betenden Hände« (1508) beweist, das ur-
sprünglich als Studie für den »Heller-Altar«
geschaffen wurde.
Nach weiteren Aufträgen besitzt Dürer
1509 genug Vermögen, um sich das Haus am
Tiergärtnertor zu kaufen. Zudem schmückt
ihn der Ehrentitel eines Genannten des Grö- den Butzenscheiben des Fensters und den Ein kleines Wunder der künstlerischen
ßeren Rates. Drei Jahre später erhält er erste Schatten an der Wand herstellt. Man könnte Naturimitation um 1495–1500 ist die Zeich-
kleinere Aufträge von Kaiser Maximilian I., endlos in solchen Details schwelgen. Ernst- nung »Ein Veilchenstrauß«: Dürer setzte mit
den er schließlich 1518 in Augsburg trifft, um haft berührend ist allerdings das enorme ­ dem Pinsel hauchzarte weiße Linien auf
ihn als Vorbereitung für ein Druckporträt zu Gefühl der Ausgeglichenheit in diesem Blatt: die in Violetttönen aquarellierten Blüten, um
zeichnen. Höher kann ein Künstler in der Seine Bibelübersetzung hat der heilige Kir- so Plastizität und Lebensnähe zu gewinnen
Gunst nicht steigen. Und auch wenn im kom- chenvater wohl schon beendet, da die Bücher
menden Jahrzehnt noch Hauptwerke folgen geschlossen auf der Bank liegen. Das Schrei-
– etwa 1521 das Gemälde »Heiliger Hierony- ben, das er am Pult verfasst, könnte nun von
mus«, dessen Komposition mit melancho- seinem Erfolg berichten. Löwe und Hund
lisch aufgestütztem Arm und mahnendem schlafen derweil zu seinen Füßen. Und
Zeigefinger auf dem blanken Schädelkno- durch die ganze Stube fällt das warme Son-
chen vielfach kopiert werden wird –, hat er nenlicht, unveränderlich für alle Zeiten.
seine nachhaltigsten Bilder schon geschaffen. Man muss sich Dürer beim Arbeiten an die-
Zu diesen zählt zweifellos die Ansicht sem Bild als einen zufriedenen Menschen
»Der heilige Hieronymus im Gehäus« von vorstellen. Sein Werk ist schon vollbracht: Er
1514 als einer der drei »Meisterstiche«. Und hat uns die Welt vor Augen geführt. Bald
meisterlich ist zweifellos, wie Dürer hier mit kann er den Stichel für eine Weile aus der
dem Stichel die Maserung der hölzernen Hand legen. ×
Zimmerdecke entwirft oder wie er mit Spiral-
und Kreisformen die Beziehung zwischen »Albrecht Dürer«, Albertina, Wien, bis 6. Januar

28
AMADEUS
AUCTION

MOHR UND NASHORN AUF FRANZÖSISCHER, FEUERVERGOLDETER


BRONZEMONTIERUNG, SKULPTUR VON JOHANN JOACHIM KÄNDLER,
PORZELLAN, MEISSEN, MITTE 18. JAHRHUNDERT

SILBER & PORZELLAN


25. OKTOBER 2019 · 16:00
SCHMUCK & UHREN : 21. NOVEMBER

DOROTHEERGASSE 12 · A-1010 VIENNA · AUSTRIA · TEL: +43 1 512 24 39 · AUCTIONS@AMADEUS-AUCTION.COM · WWW.AMADEUS-AUCTION.COM


Drei Tage in

Wien

VON
N I N A S C H E DL M AY E R

30
WIEN

Ringstraße, Hofburg, Prater, alles


schön und gut. Auch Wiens Galerien
sind mit Recht berühmt. Doch der
Reiz liegt im Verborgenen. Hinter
den Mauern hochherrschaftlicher
Palais, in Gewerkschaftshäusern,
Hotelbars und Bankgebäuden führt
Bild links: Paul Bauer/Wien Tourismus; Bilder rechts: Ulrich Dertschei/KÖR GmbH, 2018; Markus Wörgötter/Archivio Gianni Colombo, Milano/mumok; Galerie Jocelyn Wolff

die Kunst hier ein fröhliches


Schattendasein. Wir nehmen Sie mit
auf eine Tour voller Überraschungen

1. TAG Dort können wir ab 26. Okto- Zeller van Almsick, Croy Niel-
ber japanische Farbholzschnitte sen, Sophie Tappeiner und ­
Das neudeutsche Jugendwort in einer groß angelegten Schau Emanuel Layr mit junger Kunst
»chillax« – eine Fusion aus chill besichtigen. Wenn wir schon auf, ­bieten Krinzinger, nächst
und relax – hätte in Wien erfun- einmal da sind, müssen wir St. Stephan, Mauroner sowie ­
den werden können. Trotz Glo- natürlich auch die permanente Elisabeth & Klaus Thoman
balisierung ist die Stadt noch Sammlung besuchen, etwa die Etabliertes; Straihammer und
immer einen Tick langsamer als 2013 neu aufgestellte Kollektion Seidenschwann, Artmark und
andere Metropolen. Der deut- Wien 1900: Kunstgewerbe und Hummel haben eher Österrei-
sche Gast kann also getrost Design von Josef Hoffmann, chisches im Angebot. Die meis-
einen Gang zurückschalten. Wo Adolf Loos und vielen anderen. ten dieser Galerien nehmen an
gelingt das am besten? Genau: Wer will, kann mit einer Virtual- dem in Wien erfundenen Festi-
im Kaffeehaus. Den ersten Tag Reality-Brille in Gustav Klimts val Curated By teil, das noch bis
starten wir aber bitte auf keinen florale Welten eintauchen. 12. Oktober läuft: Internationale
Fall im Café Central, da steht Wenn wir den Vormittag Kuratoren und Kuratorinnen
2
man Schlange für Kaffee zu dort verbummelt, auf den Sofas werden dabei eingeladen, in den
unverschämten Preisen! Son- von Franz West in die Luft Galerielokalen Ausstellungen zu
dern selbstverständlich im Café geschaut und vielleicht einen gestalten, nach einem vorgege-
Prückel. Das Café, in dem Gimmick im MAK Design benen Thema. Diesmal lautet
garantiert immer irgendwelche Shop gekauft haben, bleibt das Motto »Circulation«.
Künstler sitzen, liegt gleich noch ein wenig Zeit für einen Da dieser Teil der Innenstadt
gegenüber vom Museum für kleinen Galerienrundgang. In vom gefürchteten Overtourism
angewandte Kunst (MAK). unmittelbarer Nähe warten ­ bisher verschont blieb, finden
sich hier Gastwirtschaften, die
nicht vorwiegend von asiati-
schen Reisegruppen auf der
 Suche nach dem besten Schnit-
zel frequentiert werden. Zum
1 Maruša Sagadin schuf die
begehbare Baseballkappen- Beispiel das Gasthaus zu den
Installation im 10. Bezirk 3 Hacken, wo wir ein spätes
2 Gianni Colombos »Spazio
Mittagessen einnehmen. Derart
elastico« (1967/68) im Mumok gestärkt, bewegen wir uns – ent-
3 Die Galerie nächst St. Stephan
weder zu Fuß oder mit der U3
zeigt im Rahmen von Curated By (Station: Stubentor) – nun in
das Video »_o_o__o (red and Richtung Museumsquartier.
green)« von Katinka Bock Dort angekommen, steuern wir
Linke Seite: Blick auf Schön- das Mumok an: Die Ausstellung
brunn, die einstige Sommerresi- »Vertigo« bietet bis 26. Oktober
3
denz von Maria Theresia illusionistische Kunst von den

31
WIEN

sicht macht es einfach Spaß,


durch die Räumlichkeiten zu
flanieren; und das Café ist ein
angenehmer, meist nicht allzu
überrannter Ort.
Für das nächste Palais
braucht man nicht weit zu spa-
zieren. Wenige Meter weiter ließ
sich einst die Familie Eskeles
ein Haus erbauen, in dem heute
das Jüdische Museum unterge-
bracht ist. Die sehenswerte per-
manente Ausstellung bietet
einen Blick in die Wiener Ver-
2 gangenheit, der die hier so allge-
genwärtige Habsburger-Eupho-
rie entschieden kontrastiert.
2. TAG Eine temporäre Schau zeigt, wie
der spätere »Nazijäger« Simon
Da unser Schwerpunkt am Vor- Wiesenthal im KZ ein Café ent-
tag eher auf der zeitgenössi- warf: ein »Zeugnis des Überle-
schen Kunst lag, wollen wir bens im mörderischen System

Bilder: Leonhard Hilzensauer; W&K – Wienerroither & Kohlbacher, Wien; Stefan Lux/MAK
heute etwas ganz anderes des Nationalsozialismus«, wie es
machen. Wir nehmen uns eine Kuratorin Michaela Vocelka
Tour durch Wiener Palais vor, ausdrückt.
die großteils im Barock und in Nun geht es weiter in die
der Gründerzeit entstanden. Palais des Barock. Zwei Archi-
Die Innenstadt ist regelrecht tekten waren damals in Öster-
vollgestopft damit! Viele der reich stilprägend: Johann Lucas
einstigen aristokratischen von Hildebrandt und Johann
Domizile sind öffentlich Bernhard Fischer von Erlach.
zugänglich. Das erste, das wir An der Freyung treffen wir ein
besuchen, wurde allerdings tat- Bauwerk des Ersteren an: das
sächlich nie als Wohnhaus Palais Daun-Kinsky, in dem
genutzt. Im Palais Dorotheum, ebenfalls ein Auktionshaus sei-
1901 von Kaiser Franz Joseph ne Dienste offeriert. Seit Neues-
1
eröffnet und nach Plänen des tem betreibt das Im Kinsky im
bekannten Wiener Ringstra- Haus auch einen Ausstellungs-
Anamorphosen des Barock bis ßenarchitekten Emil von Förs- raum, in dem Gegenwartskunst
zu großräumigen Op-Art-Instal- ter errichtet, ist nämlich seit je mit Werken aus früheren Jahr-
lationen wie jener von Marina das gleichnamige Auktionshaus hunderten zusammengebracht
Apollonio – eine Schau, die auf untergebracht. Schmuck, Brief- wird: Ab 17. September werden
einer sinnlichen Ebene marken, feinste Kunst: All das etwa neun Künstlerinnen aus
anspricht und auch Kindern steht hier auch außerhalb von Österreich, darunter Maria
Spaß macht. Wer nach diesem Versteigerungen zum Verkauf. Hahnenkamp und Suse Kra-
Tag noch immer nicht genug Aber auch ganz ohne Kaufab- wagna, präsentiert. Wenn wir
hat, kann die Wiener Moderne
im Leopold Museum besichti-
gen oder die Kunsthalle Wien –
oder einfach in der Buchhand-
lung Walther König beim
Haupteingang des Museums-

quartiers stöbern.
1 Tomás Saracenos »Aerocene«
Den Abend beenden wir
ist bis Ende November in der
stilgerecht in der Bar Das Loft
Karlskirche zu sehen
des SO/ Vienna beim Schweden-
2 »An Mendelssohn Bartholdy,
platz: Unter der Decke von Pipi-
dem Menschen und dem Künst­-
lotti Rist und bei einem großar- ler« (1985) von Günter Brus bei
tigen Wien-Blick lässt es sich Wienerroither & Kohlbacher
gut in die Nacht trinken. Man 3 Moderne Möbelklassiker sind
sollte aber reservieren, und Ach- im MAK Design Lab zu 3
tung: Es gibt einen Dresscode. bewundern

32
WIEN

Kunst, was zumeist spannungs- zu aktuellen Themen wie etwa


reiche Kontraste ergibt: Derzeit Müllvermeidung. Einmal pro
stellt man Arbeiten des Wiener Monat bietet das Haus beim
Aktionisten Günter Brus aus. »Dinner im Palais« ein Abend-
Wenn wir dessen Werke, die essen hinter den Kulissen.
ziemlich an die Nieren gehen Sollte uns nach so viel histo-
können, verdaut haben, flanie- rischer Architektur wieder der
ren wir in Richtung Schotten- Sinn nach etwas Modernerem
ring. Dort, an der Ecke zur stehen, sind wir abends im nahe
Schottengasse, liegt übrigens gelegenen Birdyard gut aufgeho-
das Palais Ephrussi, das ben: In der Bar mit der exoti-
Edmund de Waal in seinem schen Vogeltapete und einer
Roman »Der Hase mit den kleinen, aber feinen Speisekarte
Bilder: Klaus Pichler; Christian Stemper/Wien Tourismus

Bernsteinaugen« beschrieb. lässt sich der Tag angenehm


1
Erbaut hat es der Ringstraßen- abschließen.
Architekt Theophil von Han-
schon in der Gegend sind, kön- sen, der bekannt für das Wiener
nen wir übrigens auch gleich Parlament ist. 3. TAG
das Palais Ferstel besuchen, Doch eigentlich sind wir
eher eine Einkaufspassage (für hier nur auf der Durchreise ins Man kann in Wien Tage damit
Menschen, die schon alles Gartenpalais Schönborn im verbringen, Kunst an Orten zu
haben). Ein kleines französi- 8. Bezirk, wieder ein Hilde- besichtigen, die gar nicht dafür
sches Lokal, das Beaulieu, bietet brandt-Bau. Das Volkskunde- gedacht sind. Wie in vielen
sich hier für ein – wenn auch museum, das hier beheimatet Metropolen stolpert man hier
ziemlich unwienerisches – ist, hat nichts mehr zu tun mit nämlich ständig über Kunst im
déjeuner an (… wer unbedingt den verstaubten Institutionen öffentlichen Raum. Früher
ein Wiener Schnitzel möchte, dieser Disziplin, wie man sie dominierten das Geschehen die
ist im Stadtcafe daneben besser von früher kennt. Hier wird gefürchteten »Muhr-Brunnen«,
aufgehoben). nicht die Heimat verklärt, son- skulpturale Gestaltungen, die
Danach spazieren wir an  dern mit innovativen Ansätzen der Volksmund nach ihrem
einen weiteren besonderen Ort: ein kritischer Blick auf die Schöpfer, einem Freund des
1 Im Schaudepot des Jüdischen
das Palais Schönborn-Batthy­ Museums Wien wird zerstörte Gegenwart geworfen: So gestal- einstigen Bürgermeisters Hel-
ány in der Renngasse, geplant und lebendige Geschichte teten Asylwerberinnen und mut Zilk, benannte. Doch
von Fischer von Erlach. In den sichtbar -bewerber die Dauerpräsentati- längst hat sich das Bewusstsein
überaus prunkvollen Sälen zeigt 2 Wien-Panorama mit on, man lädt Menschen musli- gewandelt. Das beweist unter
die Galerie Wienerroither & Volks­garten, Parlament, mischen Glaubens zu Gesprä- anderem die Gestaltung des
Kohlbacher zeitgenössische Ringstraße und Museen chen und zeigt Ausstellungen neuen Sonnwendviertels im
10. Bezirk hinter dem Haupt-
bahnhof. Dort hat die Bildhaue-
rin Maruša Sagadin eine riesige
Baseballkappe installiert: ein
Raum, der für Skaterinnen oder
überhaupt für weiblichen urba-
nen Aktivismus konzipiert ist.
Doch allein deswegen sind
wir heute nicht in diese Gegend
gefahren: Wir besichtigen auch
den Erste Campus, ein riesiges
Gebäude, durch das man flanie-
ren und nebenbei Kunst von
Roman Ondák, Lois Weinber-
ger und Ashley Hans Scheirl
besichtigen kann. An dieser
Stelle entwickelt sich gerade ein
heimlicher Hotspot – gleich
gegenüber punktet auch das
Belvedere 21 mit Gegenwarts-
kunst. Tipp: Aktuell zeigt das
Haus Josef Bauer, einen interna-
tional wenig bekannten Bild-
hauer, der in den 1970er-Jahren
2
nicht nur frühe Konzeptkunst

33
WIEN

schuf, sondern auch Werke gestaltet von Ernst Caramelle,


bekannterer Österreicher wie biegen bei der Filiale des
Franz West und Erwin Wurm berühmtesten Schnellrestau-
vorwegnahm. rants der Welt rechts ab, wo Ken
Natürlich können wir nach Lums LED-Installation anzeigt,
dieser möglicherweise neuen wie viele Verliebte es in Wien
Entdeckung auch Altbekannte angeblich gibt und weitere Sta-
besuchen: Gustav Klimt und tistiken mehr. Wir schlendern
Egon Schiele in der Daueraus- zurück in Richtung Resselpark:
stellung des Oberen Belvedere In der Karlskirche (der Archi-
(übrigens, um an den Vortag tekt ist diesmal Fischer von
anzuschließen, der Architekt Erlach) installierte Tomás Sara-
des Schlosses heißt Johann ceno eine unfassbar riesige,
Lucas von Hildebrandt). Wegen glänzende Kugel, in der sich die
des großen Andrangs muss man ganze barocke Pracht verzerrt.
hier mit Wartezeiten rechnen, aktuell eine des österreichischen Von hier aus ist es, zum
ein neues Online-Reservierungs- Künstlers Clemens Fürtler. Ende dieses intensiven Trips,
system schafft jedoch Abhilfe. Nun können wir einen kur- nicht weit zu einer gastronomi-
Wer keine Lust hat, sich mit zen Stopp einlegen, in fußläufi- schen Institution der Wiener
Tausenden anderen um ein Sel- ger Nähe am Ring, und zwar Kunstszene: dem Café Anzen-
fie vor Klimts »Kuss« zu balgen, im Café Schwarzenberg, auf  gruber, wo sich Kunstschaffen-
kann an einen eher leeren Ort Apfelstrudel oder Gulasch, je de, Schriftsteller und Mode­
Monica Bonvicini hat für das
gehen: nämlich zur Arbeiter- nach Gusto. Der Nachmittag ist Belvedere 21 eine raumgrei­fende, designerinnen gern hitzige
kammer gleich gegenüber. Dort dem Karlsplatz gewidmet: Dort ortsspezifische Instal­lation Debatten liefern. Die Sperrstun-
bietet man bei freiem Eintritt flanieren wir, vom Ring kom- de wird dort übrigens bisweilen

Bild: Jens Ziehe, © Monica Bonvicini/VG Bild-Kunst, Bonn 2019


geschaffen, die noch bis zum
wechselnde (kleine) Personalen, mend, durch die Passage, 27. Oktober zu sehen ist recht großzügig ausgelegt.

Wien auf einen Blick


Vom Grandhotel mit 3  Hotel Bristol
Pomp und Schmäh bis Schon Gustav Mahler
zum Traveller-Treff mit und Herbert von Kara­
Bienenstock und jan stiegen in diesem
Veggie-Burger: unsere Juwel des Fin de Siècle
Hoteltipps für Wien direkt neben der Wie­
ner Oper ab. Das
1 Hotel Daniel Grandhotel bietet alle Do
na
  Annehmlichkeiten Leopoldstadt u
Ein hippes, urbanes 9
­eines Fünf-Sterne-
Haus in unmittelbarer
Hauses, Stararchitekt 1
Nähe des Belvedere.
Pierre-Yves Rochon 5 4 8
Auf dem Dach prangt
hat neben den 2
ein Boot von Erwin 2
­Zimmern und Suiten 3
Wurm, Bienen für den Neubau
auch die legendäre
hauseigenen Honig leis­ 7
Bar erneuert. 4
ten ihm Gesellschaft. Mariahilf
DZ ab 260 Euro
DZ ab 82 Euro
1
4 Hotel Kaiserhof
2   Hotel Altstadt 6 3
Vienna Dieses Haus wurde er­
Ein elegant-gediege­ richtet, als das heutige
nes Boutiquehotel im Wien mit der Ringstra­
7. Bezirk in der Nähe ße sein prachtvolles
Favoriten
des Museumsquartiers. Gesicht erhielt. Seit
Die Zimmer und Suiten 1896 verwöhnt man
sind mit Kunst und De­ hier stilvoll die Gäste,
sign namhafter Wiener dank der zentralen
Kreativer wie Josef Lage des Vier-Sterne-
Hoffmann, Markus Hotels sind viele
­Prachensky oder Iris ­Sehenswürdigkeiten 1 Stephansdom 4 Dorotheum 7 Karlsplatz
Kohlweiss bestückt. zu Fuß erreichbar. 2 Mumok 5 Volksgarten 8 MAK
DZ ab 189 Euro DZ ab 116 Euro 3 Belvedere 21 6 Erste Campus 9 Volkskundemuseum

34
VERTIGO
VertiGO
K o r re spo n de n ze n
Bosch & Banisadr
Op Art
und
eine Geschichte
des schwindels
1520–1970

25.5. – 26.10.2019

© Ali Banisadr

Ali Banisadr:
We Work in Shadows
6. September bis 1. Dezember 2019
MuseumsQuartier
Museumsplatz 1 Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien
A -1070 Wien
www.mumok.at zu Gast im Theatermuseum
Marina Apollonio, Spazio Ad Attivazione
Cinetica 6B, 1966/2015, Museo del
Barrio, NY, Courtesy Photo: Lauren
Lobkowitzplatz 2, 1010 Wien, www.akademiegalerie.at
Glazer, © Marina Apollonio

Dr. Jörn Günther Rare Books AG


Mittelalterliche Handschriften & Frühdrucke
Sammlungen, Beratung & Schätzungen
www.guenther-rarebooks.com
WIEN

Die letzte Süße


Im Herbst stehen Wiens Museen traditionell in voller Pracht. Wir haben sechs
hochkarätige Ausstellungen ausgewählt – von Bernini bis Bircken

36
WIEN

Wien 1900 Otto Prutscher


Natürlich, die Wiener Moderne präsentiert Im Korbstuhl konnte Otto Prutscher offen-
sich opulent in Gustav Klimts farbmächtiger sichtlich gut denken (li. u. ein Foto von 1913)
Allegorie »Tod und Leben« von 1910/1915 oder – obwohl das Design nicht von ihm stamm-
in den harten und nervösen Linien des »Sit- te, sondern von seinem Kollegen Josef Zotti.
zenden Männerakts (Selbstdarstellung)« von Doch ansonsten entwarf Prutscher so ziem-
Egon Schiele aus dem Jahr 1910. Doch abseits lich alles, was man für den standesgemäßen
von solchen Klassikern der Malerei fand sich Bürgerhaushalt brauchte: vom bequemen Ju-
das moderne Bewusstsein in der Donaustadt gendstil-Fauteuil bis zum schlicht-modernen
genauso in den kleinen und teilweise un- Deckelpokal, dessen Cuppa an eine Gugel-
Bild links: Manfred Thumberger/Leopold Museum, Wien; Bilder rechts: Sovrintendenza Capitolina, Musei Capitolini – Pinacoteca Capitolina, Roma; Courtesy of Sotheby’s;

scheinbaren Dingen. In der Schachbrettmus- hupfform erinnert. Das MAK zeigt im


ter-Sitzfläche des Armlehnstuhls etwa, den Herbst die Bandbreite des Vielgestalters.
Koloman Moser für das Sanatorium Purkers- MAK – Museum für angewandte Kunst,
dorf entwarf. (Moser malte auch um 1914 das 20. November bis 17. Mai
links abgebildete »Liebespaar«.) Modern
dachte zudem der Architekt Otto Wagner, als
er Geländer in Sonnenblumenform als
Achim Kukulies/Courtesy of Herald St., London; Karl Ehn; © The Estate of Eva Hesse, Courtesy of Hauser & Wirth

durchgängiges Erkennungszeichen der Stadt-


bahn verwendete. Das Leopold Museum
führt all das nebeneinander vor Augen. Und
Caravaggio & Bernini
wer die neue Dauerpräsentation, die sich
über drei Etagen erstreckt, noch nicht gese- In den Gemälden von Michelangelo Merisi
hen hat, sollte das schleunigst nachholen. da Caravaggio vollzog die Kunst den Schritt
Tiefer als dort kann man gerade nirgendwo zum wahrhaftig ausgedrückten Gefühl. Die
sonst in Wiens Vorzeigeepoche eintauchen. erotische Figur des »Heiligen Johannes« (um
Leopold Museum, ständige Ausstellung 1602, o.) erscheint uns so lebensecht wie der
erschrockene Knabe, den die Eidechse in den
Finger beißt. Die beiden kapitalen Leihgaben
Pierre Bonnard
aus Italien deuten die Dimension dieser Böhmen liegt laut Ingeborg Bachmann am
Blockbuster-Schau an, die mit dem Univer- Meer – für das heutige Österreich gilt das al-
salgenie Gian Lorenzo Bernini noch einen lerdings nicht. Und deshalb kann man es den
zweiten Großmeister der hochschäumenden Wienern nicht verdenken, dass sie sich mit
Emotionen zeigt. den Werken von Pierre Bonnard jetzt eine
Kunsthistorisches Museum Wien, Prise mediterrane Lebenslust gönnen (oben:
15. Oktober bis 19. Januar »Meeresufer, Rotes Feld« von 1939). Die Son-
ne Südfrankreichs scheint in Bonnards Bil-
dern für immer. Das macht auch diese Retro-
spektive zum Urlaub im Museum.
Kunstforum Wien, 10. Oktober bis 12. Januar

Alexandra Bircken
Kleidung ist der Panzer, der die Zumutungen
der Außenwelt vom eigenen Körper fernhält.
Alexandra Bircken, die in den Neunzigerjah-
ren in London Modedesign studierte, ver-
weist auf diese Funktion, wenn sie mit Mate-
rialien wie Latex und Leder arbeitet. Doch
Eva Hesse
gleichzeitig vermitteln ihre Werke ein Ge-
fühl von Verletzlichkeit: Aus Motorradfah- Die wundervoll versponnenen Postmini-
rermonturen schneidert Bircken tragisch malismus-Gebilde der früh verstorbenen
wirkende Figuren (oben: »INXS« (Detail) von Bildhauerin Eva Hesse (1936–1970) finden
2016). Und die Latexanzüge drapiert sie oft – ihre Entsprechung in ihren grandios schrä-
wie jetzt in Wien – als leblos erschlaffte We- gen Zeichnungen (oben: »No Title«, 1964),
sen. Der Anblick verstört. Und so greift das, die das Allen Memorial Art Museum zum
was uns schützen sollte, uns doch im Kern an. Jahresende aus Hesses Nachlass verleiht.
Secession, bis 10. November Mumok, 16. November bis 16. Februar

37
KON S TA N T I N G RC IC

Zwischen
den
Stühlen

38
Mit Deutschlands berühmtestem
Möbeldesigner unterwegs im
Berliner Kunstgewerbemuseum:
Konstantin Grcic über seine
Lehrzeit als Restaurator, die neuen
Bedürfnisse der Tech-Branche
und die Psychologie des Sitzens

VON
LISA ZEITZ

FOTOS
PAU L A W I N K L E R

39
KON S TA N T I N G RC IC

Mit dem Blick fürs Detail:


Konstantin Grcic und Lisa
Zeitz begeben sich auf
eine Zeitreise durch das
Kunstgewerbemuseum,
unter anderem zu einem
italienischen Faltlehnstuhl
mit Quastenbehang aus
dem 16. Jahrhundert (u.)
und einer roten Stahl­
reifen-Krinoline aus den
Jahren 1830–1863 (re. S.)

40
Herr Grcic, wie sah die Einrichtung Ihrer derner Tisch. Diese Konstruktion könnte struktion erzählt, den »Honeycomb«-Struk-
Kindheit aus? man heute genauso wieder aufgreifen. turen in der Kohlefaserhaut. Beim Design
Ich bin in einem Elternhaus aufgewach- ging es darum, wie groß die einzelnen Sechs-
sen, wo immer Altes und Neues zusammen- Was war das Kleinste, das Sie jemals entwor- ecke sind, die wir auf dem Deck abbilden –
gelebt hat. Mein Vater war sehr viel älter als fen haben? nicht nur auf die ganze Fläche bezogen, son-
meine Mutter, und so waren auch die Objek- Das Kleinste, würde ich sagen, war die- dern auch als Maßstab für den Segler Alex
te, die beide mit in unser Leben gebracht ha- se Uhr. (Er zieht den Ärmel seiner Jeansjacke Thomson …
ben. Meine Mutter ist mit Nachkriegskunst zurück und zeigt eine schwarze Keramikuhr von
und Pop-Art aufgewachsen, und entspre- Rado.) Viele Details an Uhren sind so klein, … der im Jahr 2016 zur härtesten Segelregat-
chend waren auch die Kunst und die Möbel. dass man sie nur in einem vergrößerten Maß- ta überhaupt aufgebrochen ist, der Vendée
Mein Vater hat Zeichnungen des 18. Jahrhun- stab entwerfen kann. Man kann sich 0,03 Globe, und in 75 Tagen allein die ganze Welt
derts gesammelt, das hat mich insofern ge- Millimeter einfach nicht mehr vorstellen. umsegelt hat.
Bild rechts: Stephan Klonk, Berlin/Rote Stahlreifenkrinoline, Thomson W.S. & E.H, 1860-63 (Inv. Nr. 2003,KR 754), Kunstgewerbemuseum, Staatliche Museen zu Berlin

prägt, als dass Objekte der Vergangenheit für Dabei hilft der Computer, mit dem wir das Er musste allein, nachts oder bei Sturm,
mich selbstverständlich sind. Ich trenne ­ dreidimensionale Uhrenmodell zirka um ein sicher über das Deck laufen. Das Muster, das
Altes und Neues nicht. Das eine ist für mich Zehnfaches vergrößern. Auf dem Computer Teil unseres Brandings war, wurde für den
nicht wertvoller als das andere. ist das nur ein Knopfdruck, aber im Kopf Segler zu einer Orientierung.
muss ich den tatsächlichen Maßstab immer
Was war damals Ihr Traumberuf? im Bewusstsein behalten. Sie sind berühmt für Ihre Sitzmöbel. Ich
Als Kind habe ich immer viel gebaut, in habe in Ihrem Berliner Atelier gesehen, dass
erster Linie Modellschiffe. Ich bin von Boo- Und was war bisher Ihr größtes Design? Sie dreidimensionale Pappmodelle für Stüh-
ten fasziniert und wollte eigentlich Boots- Ich habe das Branding Design für eine le bauen. Hier steht vor uns ein italienischer
bauer werden. Aber ich habe dann die Möbel 40 Meter lange Segeljacht für Hugo Boss und Faltlehnstuhl, vielleicht vom Ende des 16.
für mich entdeckt. Ich mag den Maßstab Alex Thomson Racing entworfen. Auf das Jahrhunderts. Woran denken Sie dabei?
von Möbeln, weil er etwas mit dem Men- Deck habe ich ein Bienenwabenmuster la- Ich frage mich: Wer saß überhaupt auf
schen zu tun hat. Ein Stuhl ganz offensicht- ckiert, das ein bisschen von der Rumpfkon- so einem Stuhl? Dieser Stuhl war ja kein ge-
lich, aber auch der Tisch, der Schrank oder wöhnlicher Stuhl, wie Stühle es heute für Sie,
das Regal, das alles orientiert sich am für mich, für viele Menschen in vielen unter-
menschlichen Maß. schiedlichen Situationen sind. Wahrschein-
lich war die Situation, in der dieser Stuhl
Ihre Berufung haben Sie im Umfeld alter steht, und wer darauf sitzt, relativ klar. Ergo-
Möbel gefunden. nomiemodelle wurden damals nicht gebaut.
Nach dem Abitur habe ich für ein knap- Sie sind von einem bestimmten Sitzmaß aus-
pes Jahr bei einem Möbelrestaurator in Mün- gegangen, das dem Objekt eine gewisse Prä-
chen gearbeitet. Dort habe ich meine Leiden- senz, eine gewisse Gravitas gegeben hat. Es
schaft für die Möbel entdeckt, alte zwar, aber ist kein Thron, aber es hat etwas Thronhaftes.
die hatten eine Geschichte. Beim Restaurie- Der Sitz ist weich, die Rückenlehne ist weich.
ren alter Möbel habe ich viel gelernt – nicht Wahrscheinlich ließ er sich falten. Warum
nur über das Handwerk, sondern auch über das relevant war … wurde er auf einer Reise
die Kultur der Möbel als Alltagsobjekt. mitgenommen? Der Klappstuhl war von der
Typologie her weit verbreitet.
Mit welchen Antiquitäten haben Sie in der
Werkstatt gearbeitet?  Er erinnert an die Antike, an römische Im-
Besonders mit englischen. Wir haben peratoren, die auf Kriegszug waren und des-
viele Windsor Chairs restauriert und »Gate- halb bewegliche Möbel brauchten. Dadurch
leg Tables«, also Tische, die man über einen vermittelt er ein Gefühl von Macht.
Mechanismus vergrößern beziehungsweise Vor meinem Industriedesignstudium in
verkleinern kann. Diese Tische sind aus Mas- London war ich ein Jahr in Spanien. Dort
sivholz gefertigt, mit spindelförmig gedrech- habe ich unheimlich viele dieser Möbel gese-
selten Beinen. Natürlich gab es auch feinere hen und fand sie einfach faszinierend. Ich
Antiquitäten, furnierte Kommoden und wel- kam aus einer englischen Schreinerlehre,
che mit Intarsien, aber vor allem hat mich was man  fine cabinet making  nannte. Alles
die Konstruktion interessiert. Vom Zerlegen war sehr raffiniert. Die alten Möbel in Spa-
und Wiederzusammenbauen der Möbel habe nien waren im Vergleich viel gröber und
ich unendlich viel über Möbeldesign gelernt. massiv, dafür hatten sie eine starke Präsenz.
Ich habe mir viel vom Holzhandwerk im ar-
Jetzt stehen wir hier im Museum vor einem »Ein Stuhl, ein Tisch, chitektonischen Kontext abgeschaut, Dach-
Tisch aus dem 15. Jahrhundert. stühle, große Scheunentore, in Burgen oder
Der Entwurf bringt die Konstruktion
der Schrank oder das anderen Gebäuden.
zum Ausdruck. Es gibt zwei Kreuze als Beine Regal, das alles
mit Querverstrebung. Ich mag es, wenn man Hier stehen wir nun vor einem Stuhl, den
der Form ablesen kann, wie etwas gebaut ist
orientiert sich am man zum Tisch umklappen kann, aus
oder funktioniert. Für mich ist das ein mo- menschlichen Maß.« Frankreich um 1600. 

41
Wahnsinnig schön! Er ist viel feiner ge- arbeiten können. Lounge-Bereiche mit Ping- physisches Wohlbefinden, Kreativität und
arbeitet als der Stuhl, den wir eben gesehen pongplatte sind ja inzwischen schon Kli- Arbeit vereinen kann.
haben, hat aber einen ganz einfachen Auf- schees – aber alle großen Firmen brauchen Da tut sich sehr viel, etwa mit Arbeits-
bau. Sehr gerade, eigentlich wie eine Kiste sie. Apple baut einen neuen Firmencampus, tischen, deren Platte man hochfahren kann.
mit gedrechselten Elementen. Die Rücken- Facebook hat neu gebaut, Google baut neu, Das kann toll sein, aber für das Gegenüber
lehne ist als Achse mit der großen Platte ver- und alle drei setzen sich intensiv mit der Ein- auch unangenehm werden. Einer sitzt unten,
bunden, die zum Passepartout für den Sit- richtung, das heißt Möblierung dieser neuen der andere steht. Der, der sitzt, sieht dann die
zenden wird. Interessant, dass so etwas in der Gebäude auseinander. Kabel, die von meinem Tisch runterhängen,
Zeit überhaupt relevant war, ein Möbel, das und meinen Bauchnabel. Mit solchen Situa-
zwei Dinge auf einmal kann. Warum eigent- Ich habe den Eindruck, Möbeldesign wird tionen müssen wir als Designer beim Ent-
lich? Weil man wenig Platz hatte? Oder hat niemals langweilig. wurf solcher Möbel umgehen.
man schon an Situationen gedacht, in denen Manchmal denke ich, mit meiner Lei-
ich mal hier sitze und mal etwas ganz ande- denschaft für Möbel wäre ich vielleicht nicht Für Hugo Boss haben Sie eine neue Herbst-
res mache. Das ist doch sehr modern, oder? mehr am Puls der Zeit. Das Bedürfnis in der kollektion entworfen, BOSS x Konstantin
Das sind Themen, mit denen wir auch heute Bürowelt zeigt, dass das Möbel unheimlich Grcic, und sind aus einer geradezu architek-
arbeiten. viel leisten kann, sich aber auch erneuern tonischen Perspektive an das Design von
muss. Die spannenden Möbelprojekte entste- Kleidung herangegangen. Wir sind jetzt in
Es geht damals schon um Wandelbarkeit hen heute in der Arbeitswelt, weniger im pri- der Modeabteilung des Kunstgewerbemuse-
und Nutzung. vaten oder im Wohnbereich. ums vor einer Stahlreifen-Krinoline stehen
Ich habe genau dieses Thema vor rund geblieben. Sie wirkt fast wie ein Käfig – die
fünf Jahren für den Büromöbelhersteller­ Sie kennen bestimmt den Spruch »Sitzen ist englische Bezeichnung ist crinoline cage. Sie
Vitra aufgegriffen, als wir an zeitgenössi- das neue Rauchen«. Auch bei uns in der Re- dient dazu, das Volumen des weiblichen Un-
schen Bürokonzepten gearbeitet haben. Die daktion gibt es immer mehr Stehtische. terkörpers zu erhöhen, aber wirkt wie eine
riesigen Firmen, besonders die im Tech-­ Man macht sich heute mehr Gedanken, was Architektur. 

Bild links: Florian Böhm/Konstantin Grcic, KG-Design, KITE, 1987


Bereich an der Westküste Amerikas, arbeiten am besten für den Körper ist und wie man Es geht eigentlich um die äußere Silhou-
alle mit open space, mit sehr großen offenen ette, um die Form, aber für denjenigen, der
Büroräumen. In einigen dieser Büros gibt es es trägt, ist es ein Gehäuse – in dem man sich
keine festen Arbeitsplätze mehr für die Mit- bewegt oder vielleicht sogar gefangen ist. 
arbeiter, dafür gibt es viele Meetings zu zweit,
zu dritt, zu fünft. Das Arbeiten im Büro ist Wer mit einer solchen Krinoline einen Qua-
schon längst nicht mehr an einen festen Ar- dratmeter um sich herum abgesteckt hat,
beitsplatz gebunden. Ich sitze mal am dem kann keiner mehr zu nahe kommen. 
Schreibtisch, mache dann einen Anruf, gehe Es ist wie eine Miniarchitektur, trotz-
zum Fenster oder setze mich in eine kleine dem muss es beweglich bleiben. Es gibt eine
Koje. Wir haben ein Möbel auf Basis eines eingebaute Knautschzone, wenn man sich
Stehtischs für Meetings mitten im Büro ent- setzt. Die Mechanik hat eine offene Struktur
worfen, mit einer runden Platte, die so groß wie eine Ziehharmonika.
ist, dass man da auch zu fünft oder sechst gut
stehen kann. Wenn man sie hochklappt, hat Architektur hat mit Tragen und Lasten zu
man eine kleine Telefonzelle, in die man sich tun – wie die Mode: Man trägt Kleidung,
reinsetzen kann. Das haben wir als Prototyp aber umgekehrt trägt sie uns auch. 
auf einer Büromöbelmesse gezeigt, aber es ist Ja, ein Sitzmöbel kommt dem auch sehr
nie ein Produkt geworden. nah. Es ist wie ein Gewand, fast eine Rüstung
oder ein Raum. Es gibt dabei zwei Perspekti-
Unternehmen so einzurichten, dass sich ven. Ich sitze drin, aber auch: Ich werde da-
Leute in allen möglichen Konstellationen rin wahrgenommen. Der Aspekt des Kom-
zusammenfinden können, ist jetzt überall forts betrifft nicht nur die Ergonomie, wie
ein Thema. etwa die Rückenlehne zu meinem Körper
Einerseits sind die digitalen Produkte passt, sondern auch mein Gefühl, wie ich in
heutzutage wichtiger als die Möbel gewor- diesem Möbel wahrgenommen werde. Dazu
den – früher waren Möbel, anders als heute, eine kleine Anekdote. Wir haben einen Stuhl
Statussymbol und Ausdruck von Haltung, gemacht, »Chaos«, ein Polstermöbel, das alle
sogar vielleicht politisch und ideologisch. Proportionsregeln von einem Sitzmöbel um-
Andererseits sind die Möbel genau in den wirft, allerdings mit einem Plan. Die Sitzflä-
Tech-Firmen, die das Digitale produzieren, che ist sehr kurz, das Möbel ist eher breit.
inzwischen wieder wichtig geworden, weil »Die spannendsten Seitlich sitzend findet man eine absolut be-
die Materie, mit der sie sich befassen, so abs- queme Sitzposition auf diesem Möbel, aber
trakt geworden ist. Sie programmieren ex-
Möbelprojekte entstehen im ersten Moment weiß man überhaupt
trem konzentriert ein oder zwei Stunden heute nicht im nicht, wie man sich hineinsetzt. Dieses Mö-
lang, und dann gehen sie in die Cafeteria. bel wurde mal für eine Fernsehtalk-Sendung
Dort spielt das Möbel wieder eine Rolle: ob
Wohnbereich, sondern vorgeschlagen, und als sich die ersten Gäste
sie sich da wohlfühlen, gerne dort sitzen und in der Arbeitswelt.« hineinsetzen sollten, waren sie völlig irritiert,

42
KON S TA N T I N G RC IC

Gio Pontis »Superleggera«


von 1957 inspirierte den
Designer, einen ebenso
leichten Stuhl zu bauen:
Mit »Kite« (li. S.) gewann
er 1988 den Bayerischen
Staatspreis für Nach-
wuchsdesigner. Unten:
ein wandelbares Möbel,
um 1600 in Frankreich
geschaffen, im Berliner
Kunstgewerbemuseum

43
KON S TA N T I N G RC IC

weil sie einfach nicht wussten, wie man sich leicht. Wenn man beim Hinsetzen mit der Sinn, also für den Außenraum. Der von ei-
nun – vor laufender Kamera – in diesen Stuhl Wade an die Kante stößt, würde der Stuhl so- nem viel größeren, gröberen Maßstab ge-
setzen sollte, ohne peinlich zu wirken. Nach fort wegspringen. Es gibt auch beim Gewicht prägt ist als das Interior. Den normalen Stuhl
dem ersten Pilot-Shooting ist das Möbel so- das richtige Maß. Ein Stuhl, finde ich, kann einfach nach draußen zu bringen funktio-
fort rausgefallen. zirka vier Kilo wiegen und wird noch als niert meistens nicht. Im Grunde leitet sich
leicht empfunden. Ein Carbonstuhl könnte diese Konstruktion des »chair_ONE« aus be-
Dafür hätte es besser eine Generalprobe ge- noch viel leichter sein, aber das wäre nicht stimmten Architekturelementen ab. Er setzt
ben sollen. mehr gut. Sitzen kann als Kampf wahrge- wenig Material ein, das ist nicht nur ökono-
Ich habe den Stuhl nicht für solche Si- nommen werden. Vielleicht ist der Stuhl be- misch gedacht, sondern heißt auch wenig
tuationen entworfen. Im Grunde finde ich es quem, aber vom Kopf her ist er es nicht, weil Oberfläche, sodass er wenig verdreckt und
gut, dass Möbel etwas auslösen können, eine ich das Gefühl habe, gleich bricht er. keine Fläche für Wasserrückstände bietet.
Unsicherheit oder das Bewusstsein: Ja, das ist Wenig Fläche bedeutet auch, er ist bei Hitze
ein Stuhl, aber ich weiß gar nicht, wie ich da- Die Reihe von Stühlen hier im Museum er- weniger heiß oder bei Kälte weniger kalt.
rauf sitzen kann. innert mich ein wenig an die Evolutionsge- Gleichzeitig ist der Stuhl so konstruktiv, wie
schichte, vom Säugetier auf vier Beinen er gebaut ist, extrem stabil, das heißt sicher
Wir sind jetzt im unteren Stockwerk des zum aufrecht gehenden Menschen. Ihr vor Vandalismus. Aber eigentlich muss nie-
Kunstgewerbemuseums vor einer ganzen »chair_ONE« wird hier als jüngstes, aktu- mand die Gedanken kennen, die hinter dem
Chronologie von Designerstühlen gelandet, ellstes Beispiel ausgestellt. Design stehen. Interessanterweise wird der
die mit Ihrem »chair_ONE« endet. Gibt es Dabei ist der Stuhl schon ziemlich alt. Stuhl nur ganz selten so eingesetzt, wie ich
hier einen Stuhl, der für Sie eine besondere Als er vor 16 Jahren auf der Mailänder Messe ihn ursprünglich gedacht habe. Meistens
Bedeutung hat? vorgestellt wurde, hat er provoziert, was gar wird er im Innenraum eingesetzt und nicht
Hier stehen viele wunderbare Klassiker. nicht mein Anliegen war. Ich wollte einen im Stadtraum, draußen.
»Superleggera« von Gio Ponti ist ein Re­ guten Stuhl mit einer interessanten Techno-

Bild: Tom Vack/Konstantin Grcic, KG-Design, Magis chair_ONE, 2004


design eines traditionellen Stuhls aus dem logie entwerfen: Aluminiumdruckguss. Ich Er ist unheimlich populär geworden.
19. Jahrhundert. An der ligurischen Küste hatte einen Stuhl für öffentliche Bereiche im Wenn ich zufällig in ein Restaurant
wurden damals leichte Stühle gebaut, aus komme, das mit »chair_ONEs« möbliert ist,
Holz, sehr kleine Querschnitte, eine Rah- ist mir das fast unangenehm. Nicht nur, weil
menkonstruktion und dann diese geflochte- ich selbst nicht gerne darauf sitzen möchte,
nen Sitze. Gio Ponti greift das auf und macht sondern weil ich den Stuhl zum Sitzen und
daraus einen sehr rationalen Stuhl. Das ist Essen am Tisch äußerst ungeeignet finde.
fast wie Flugzeugbau, mit Querschnitten, die Das hat mich immer irritiert. Andererseits ist
gerade nur dort Fleisch haben, wo man das es toll zu sehen, was mit solchen Möbeln pas-
Material braucht, um die Verbindung einzu- siert, nachdem sie mein Büro verlassen. Man
gehen. Was nicht unbedingt notwendig ist, kann wenig steuern. Die Dinge leben ihr ei-
wird weggeschnitten. Der Stuhl wiegt un- genes Leben.
glaubliche 1700 Gramm.
Am Schluss unserer Tour stehen wir vor­
Er wirkt tatsächlich superleicht.   einem Bugholz-Klassiker von Thonet.
Als Schreinerlehrling in England war Das moderne Möbeldesign, das indus-
das für mich eine Ikone. Tatsächlich habe ich trielle Möbeldesign, beginnt selbstverständ-
einen Stuhl gebaut, der sich daran anlehnt. lich mit Thonet. Die Typologie ist daran ­
Meiner hieß »Kite« – wie der Drachen. Er war angelehnt, wie Stühle damals aussahen.
anders konstruiert, mit kleinen Aussteifungs- Thonet-Stühle haben dann über das Mate-
dreiecken wie im Drachenbau, um Eckver- rial und die Technologie ihre Form und ihr
bindungen auszusteifen. Gio Pontis Stuhl für Selbstverständnis gefunden. Die Nr. 14 ist
Cassina war ein erfolgreiches Produkt und die Ikone, der Prototyp.
wurde wirklich ein Alltagsstuhl. Meiner war
das nicht, aber er war ähnlich leicht. Kaum zu glauben, dass er 1859 entworfen
wurde. Das Industriedesign hat im Bieder-
Der Stuhl hat Ihnen den Bayerischen Staats- meier begonnen!
preis für Nachwuchsdesigner eingebracht, Er war damals modern und ist es heute
da waren Sie gerade 21. immer noch. Man kann einen Holzstuhl
Ja, mit dem Geld konnte ich für ein Jahr nicht moderner produzieren als diesen. Tho-
nach Madrid gehen.  net war die erste Firma, die daran gedacht
hat, die Stühle zerlegt in Container zu ver-
Auch Konstantin Grcic
Sind leichte Stühle heute noch immer ein packen und erst am Ort, an dem sie ge-
ist schon ein Klassiker: 2003
Thema? schuf er den legendären
braucht wurden, wieder zusammenzu-
Bei Gio Ponti ist die Leichtigkeit wun- Stuhl »chair_ONE« schrauben. Auch die Leichtigkeit steckt mit
derbar. Heute diskutieren wir, ob man Stüh- aus Aluminiumdruckguss. drin. Wir haben eben darüber gesprochen,
le aus Carbonfaser macht, die könnten dann Es gibt ihn stapelbar mit vier dass Gio Pontis »Superleggera« eigentlich
sehr, sehr leicht sein, aber es gibt keinen Beinen (S. 38) oder wie zu leicht ist. Der Thonet-Stuhl ist das Maß
Grund dafür: Denn solche Stühle sind zu hier mit Zementuntergestell aller Dinge. ×

44
Am langen
Faden der
Geschichte
Die schwedisch-norwegische
Künstlerin Hannah Ryggen
schuf am Webstuhl eine Chronik des
20. Jahrhunderts. Ihre virtuosen
Wandteppiche sind ein Aufschrei
gegen Ungerechtigkeit und
Krieg. Nun widmet ihr die Schirn in
Frankfurt eine große Schau

VON
CHR ISTI A N E M EI X N ER

Mit ihrem Spätwerk »Blut im Gras« protestierte Hannah


Ryggen 1966 gegen den Vietnamkrieg. Es zeigt
den Präsidenten Amerikas als bombenden Cowboy
H A N N A H RYG G E N

Bild vorige Doppelseite: Dag Fosse, KODE Art Museums and Composers Homes/VG Bild-Kunst, Bonn 2019; diese Seite: Jørn Hagen, Nordenfjeldske Kunstindustrimuseum, Trondheim, © H. Ryggen/VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Die Auftragsarbeit »Wir leben auf einem Stern« von 1957 ist eine Hymne an das Leben und ans
Familienglück. Hannah Ryggen erlebte es mit ihrem Mann Hans und Tochter Mona auf der
Halbinsel Ørland (oben rechts). Die Folgen der Weltwirtschaftskrise für die Fischer und Klein-
bauern Norwegens verewigt sie 1933 in dem Teppich »Fischen im Schuldenmeer« (rechts)

48
D
Die neue Freiheit ist hart zu einer Frau aus
der Stadt. Ihre ersten drei Lebensjahrzehnte
hat Hannah Ryggen im südschwedischen
Malmö verbracht. Dann lässt sie das urbane
Bilder: Collection of NTNU University Library, Trondheim; Øystein Thorvaldsen, Courtesy of Henie Onstad Kunstsenter, Privatsammlung, Norwegen/VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Leben hinter sich und zieht auf die unwirtli-


che Halbinsel Ørland an Norwegens Küste.
Ihr Mann hat dort einen Bauernhof, ab jetzt
sind sie Selbstversorger. Hannah züchtet
Schafe und Hühner. Und bringt sich müh-
sam ein Handwerk bei, das in ihrem Leben
eigentlich nicht vorgesehen ist: das Weben.
Die wunderbaren Resultate dieser Be-
schäftigung mit einer traditionellen Technik
und Hannah Ryggens Ambitionen, in ihrer
künstlerischen Arbeit das Weltgeschehen zu
kommentieren, zeigt die Frankfurter Schirn zeichnen und Malen nach Modellen – es gibt nah Ryggen als Künstlerin mit wachem Blick
nun in der großen Ausstellung »Gewebte so viel zu lernen, aber auch das genügt der für die gesellschaftlichen Verhältnisse, vor­
Manifeste«. Mit gut 25 monumentalen Wand- Anfang Zwanzigjährigen nicht. Sie geht ih- allem aber mit einer eigenen Meinung zeigt.
teppichen ermöglicht das Haus zum ersten ren Weg als Künstlerin konsequent weiter, Für die Norweger ist sie schon lange ein
Mal in Deutschland einen umfassenden gleichzeitig orientiert sie sich scheinbar zu- Star, einen beträchtlichen Teil der Wandtep-
Blick auf das Werk einer Künstlerin, deren rück: 1922 tauscht sie Pinsel und Leinwand piche hütet das Nationalmuseum für Kunst-
Karriere am Lehrerpult begann. gegen den Webstuhl, zwei Jahre später zieht handwerk und Design in Trondheim. Doch
Ab 1913 unterrichtet Hannah Jönsson, sie mit ihrem Mann, dem Maler Hans Ryg- auch in ihrer Heimat erwies sich die Promi-
wie sie damals noch hieß, in Malmö Grund- gen, auf diesen windigen Fleck Norwegens, nenz der Künstlerin als unbeständig – ob-
schulkinder, ihr Leben scheint vorgezeich- wo es nicht einmal Strom gibt. Die Elektrifi- wohl sie spektakuläre Ausstellungen hatte
net. Doch dann entdeckt sie die Malerei, ist zierung findet erst in den Vierzigerjahren und das Land Norwegen 1964 auf der Bien-
morgens weiterhin als Lehrerin tätig und statt. Das alles wirkt, als romantisiere sie das nale von Venedig vertrat. Nach Ryggens Tod
lässt sich nachmittags vom Künstler Fredrik einfache, vorindustrielle Leben. Zugleich im Jahr 1970 setzte sich allmählich die Mei-
Krebs ausbilden. Farben zerreiben, Freihand- aber entsteht ein visionäres Werk, das Han- nung durch, ihre Tapisserien seien doch eher
Kunstgewerbe. Später nahm man sie bloß
noch als Ehefrau des Künstlers Hans Ryggen
wahr. Bis dann 2012 auf der Documenta 13 in
Kassel sehr zentral mehrere Wandteppiche
hingen – darunter »Jul Kvale« und »Der Tod
der Träume« von 1936, auf dem Hannah Ryg-
gen die Verhaftung Carl von Ossietzkys
durch die Nazis anprangert und den Tod des
Friedensnobelpeisträgers als Folge von Folter
und KZ-Haft vorwegnimmt.
Beide Werke sind auch jetzt in Frank-
furt ausgestellt und dazu weitere wichtige
Arbeiten wie die frühe Tapisserie »Fischen im
Schuldenmeer« (1933) oder »Blut im Gras«
(1966), von der Künstlerin mit 72 Jahren voll
Wut über das Bombardement von Vietnam
durch die USA gewebt. Von Ørland aus be-
obachtet Hanna Ryggen das Weltgeschehen
und mischt sich kommentierend ein. Wie es
ihr gelingt, in der Abgeschiedenheit ihres
ländlichen Lebens stets auf dem Laufenden
zu sein, ist ein Rätsel. Ihre oft mehrere Qua-
dratmeter großen Teppiche sind Manifeste
gegen Unrecht, Armut und die Ignoranz von
Politikern, die globale Entscheidungen ohne
Rücksicht auf die Menschen treffen.

49
Die Folgen bekommen auch die Ryg­ späteren Mann kennenlernt, kehrt sie nach werden einfacher. Das raue Leben ohne flie­
gens in ihrem kargen Idyll zu spüren. Im Malmö mit einem kleinen flämischen Web­ ßendes Wasser verlangt Anpassung.
April 1940 greift die deutsche Wehrmacht stuhl zurück. Später beschreibt sie ihn in ei­ Ryggen möchte es so, sie lebt im Ein­
Norwegen an, Bomben fallen, später werden nem Interview als »Folterinstrument«, an klang mit der Natur. Tiere zu schlachten fällt
gezielt Personen des öffentlichen Lebens hin­ dem sie zwar viel lernt, sich aber unendlich ihr schwer, doch es gehört zum Alltag eines
gerichtet. All das ist Thema auf einem Tep­ abmüht und nach dem kleinsten Teppich er­ autarken Hofs. Sämtliche Materialien für das
pich wie »6. Oktober 1942«, auf dem Hannah schöpft ist. Ein Foto zeigt sie in jener Zeit: Da Weben stellt sie selbst her. Die Wolle wird ge­
Ryggen Hitler in einer für sie selten grotesk sitzt eine junge Frau mit modischer Frisur sponnen und mit Pflanzen gefärbt, die Re­
ausgestalteten Figur schießend und pupsend und Schmuck im weiten Reformkleid vor ih­ zepturen sind aufwendig und gelingen nicht
durch die Luft fliegen lässt, während die Fa­ rem Webstuhl. Das Teppichmotiv »Evas immer. Gleichzeitig wächst der Stolz auf­
milie Ryggen auf einem Boot in die entge­ Tochter« entstammt der Bibel, aus der Ryg­ diese neue Unabhängigkeit. Jeder Mensch, so
gengesetzte Richtung aufbricht. Ihre Flucht gen anfangs oft schöpft, die Geschichten aber glaubt sie, hat ein Recht darauf, für sich
ist imaginär, real die Verhaftung von Hans noch konventionell umsetzt. Als sie mit selbst zu sorgen. Als sich infolge der Welt­
zwei Jahre darauf, der ins Häftlingslager­ Hans nach Norwegen umzieht, baut er ihr wirtschaftskrise viele Fischer und Kleinbau­
Grini kommt, von wo aus regelmäßig Depor­ auf Ørland den »besten Webstuhl der Welt«, ern in Norwegen verschulden und ihre Höfe
tationen in die Konzentrationslager stattfin­ der sich mit den Füßen bedienen lässt und verlieren, entsteht 1933 der Teppich »Fischen
den. Hannah weiß nicht einmal, was ihm alles vereinfacht. Nun hat Hannah den Kopf im Schuldenmeer«. Im unteren Teil ertrin­
vorgeworfen wird. In dieser Zeit entsteht frei für große Themen – auch wenn das Paar ken die einfachen Menschen, während oben
»Grini«, ein Teppich in Blutrot, auf dem man auf fünf Hektar Land alles selbst anbaut, sei­ ein gut gekleideter Mann alle Fische abgreift.

Bild links: Trondheim Kunstmuseum, Norwegen/VG Bild-Kunst, Bonn 2019; rechts: Adresseavisen, Trondheim
ihren Mann in Gefängniskleidung bei Was­ ne Tiere hält und 1924 Tochter Mona geboren Solche Erfahrungen prägen auch ihre poli­
ser und Brot sieht. Er sitzt an einer Staffelei wird. Die Künstlerin tauscht ihre alte Welt tische Einstellung. Ryggen fühlt sich den ­
und malt, doch zeigt das Bild einen Toten­ gegen das Unbekannte ein. Aufnahmen zei­ Kommunisten nah und blickt mit Wohlwol­
schädel. Über der Szene verläuft Stachel­ gen sie mit praktischer Frisur, die Kleider len auf die Sowjetunion.
draht, die Köpfe dahinter symbolisieren an­
dere Inhaftierte. Von links nähert sich eine
Frau auf einem Pferd: die gemeinsame Toch­
ter Mona, die Hannah in ihrer Fantasie nach
Grini schickt, um Hans zu retten.
Dass sie reale Ereignisse mit Mythi­
schem verwebt, ist typisch für Ryggen. Ihre
Tapisserien sollen überzeitliche Kunstwerke
und ebenso konkretes Bekenntnis sein. An­
geblich hingen einige sogar an der Fassade
ihres Hauses auf Ørland, als die Nazis dort
täglich patrouillierten. Beweise gibt es keine
für diese Geschichte, aber sie zeigt, wie Han­
nah Ryggen wahrgenommen wurde: als
Künstlerin, die sich einmischt. Die Abkehr
der Moderne von der Wirklichkeit, ihre Ver­
geistigung in der Abstraktion interessiert sie
schon in den Zwanzigerjahren nicht. Von
der figurativen Darstellung rückt sie nie ab.
Und jetzt, im Krieg, sind ihr Statements
wichtiger als je zuvor.
»Grini« misst knapp zwei Meter, es ist
eine monumentale Collage aus unzählbar
vielen Fäden. Der Webstuhl, auf Fotografien
abgebildet, lässt ahnen, wie zeitraubend die
Arbeit mit Kette und Schuss gewesen ist.
Weshalb sie das Weben überhaupt zu ihrem
Medium gemacht hat, wo sie doch malend
ungleich schneller auf die politischen Ereig­
nisse hätte reagieren können, diese Frage
stellt sich wohl jedem. Nur Hannah Ryggen
nicht. Ihre Technik sah sie als Malerei mit an­
deren Mitteln. »Ganz plötzlich wuchs in mir
der Wunsch, etwas mit den Händen zu ma­
chen«, notierte sie früh – und hält sich daran.
Dabei war das Weben anfangs alles an­
dere als erfolgreich. 1922, als Hannah Ryggen Als Hans Ryggen 1944 von den Nazis verhaftet und in ein Lager verschleppt wird, webt
den Sommer in Dresden verbringt, um die seine Frau »Grini« als blutrote Fantasie über seine Rettung durch die gemeinsame Tochter
alten Meister zu studieren, und dort ihren Mona. Rechts: Das Foto zeigt Hannah Ryggen um 1964 an ihrem großen Webstuhl

50
H A N N A H RYG G E N

51
H A N N A H RYG G E N

Im Oktober 1935 fällt der italienische

Bilder links: Collection of NTNU University Library, Trondheim; Anders Sundet Solberg, National Museum of Decorative Arts and Design, Trondheim, © H. Ryggen/VG Bild-Kunst, Bonn 2019; Bild rechts: Jørn Hagen, Privatsammlung/VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Diktator Benito Mussolini in Äthopien ein
und lässt dort Soldaten wie auch Zivilisten
mit Giftgas töten. Kaiser Haile Selassi bittet
den Völkerbund um Hilfe, vergebens. Han­
nah Ryggen webt in ihrer Empörung den
Teppich »Äthiopien«, der 1937 auf der Welt­
ausstellung in Paris und anschließend in
New York zu sehen ist. Wie immer arbeitet
sie ohne jede Vorzeichnung, bewegt das Mo­
tiv so lange im Kopf, bis es direkt umgesetzt
werden kann. 1939 folgt die nächste Ernüch­
terung: der Nichtangriffspakt zwischen Hit­
ler und Stalin, der die Nazis in Polen einmar­
schieren lässt. »Verrat an den sozialistischen
Werten«, schreibt Ryggen einer Freundin.
»Die Welt braucht eine neue Fahne.«
Ihre Teppiche verkörpern diese Fahnen.
Monumental, weithin sichtbar, für jeden ver­
ständlich, der die Bildgeschichten zu lesen
bereit ist. Christliche Ikonografie, das Ex­
pressive ihrer Figuren, folkloristische Ele­
mente und eine Farbenpracht, die den Blick Ihr Mann unterstützt sie vorbehaltlos, »Blut im Gras« zeigt grüne, von tiefroten ­
magisch anziehen. Schließlich die persönli­ ohne sich in dieser Künstlerbeziehung wie so Kanälen durchzogene Felder. Rechts steht
chen Erlebnisse. Hannah Ryggen verwebt sie viele andere Maler seiner Generation nach Johnson mit Cowboyhut und Hund, die ­
ebenso in ihrer Kunst wie das eigene Gesicht, vorn zu drängen. Jeder der beiden entfaltet Gestalt des US-Präsidenten kreuzen zwei
das stetig auftaucht. All das hinterlässt einen seine Fähigkeiten. Hans malt Hannah viele blaue Bänder voller Bomben, die auf die
tiefen Eindruck beim Publikum und sorgt Male am Webstuhl, es sind leise, innige Por­ Landschaft zielen.
unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg träts. Die Teppiche der Künstlerin brauchen Dieses Blau ist eine Besonderheit. Han­
für den künstlerischen Durchbruch. Ihre dagegen die Öffentlichkeit, ihre Botschaft nah Ryggen hat sich in die Geheimnisse des
Ausstellung in Oslo 1946 wird verlängert, kann nur wirken, wenn sie von möglichst Färbens eingearbeitet und ist auch hier au­
weil so viele Besucher kommen. Ein paar Jah­ vielen Menschen gesehen wird. Gern kom­ tark. Bloß für die Farbe Blau braucht sie Hil­
re später kauft die norwegische National­ mentiert Hannah Ryggen dazu ihr künstleri­ fe. Es geht um die Zutat Urin: Der wirkt am
galerie die erste Tapisserie der Künstlerin an, sches Engagement. »Man kann es nicht fas­ besten, wenn er von alkoholisierten Män­
»Der Gebrauch der Hände« ist eine Hymne sen, dass die Amerikaner so einen dummen nern stammt. Sie schafft damit Teppiche in
an den Frieden. Sie stellt international aus, Mann zum Präsidenten gewählt haben«, er­ Blautönen von jeder Qualität. Dunkel und
bis in die USA, wo die Smithsonian Institu­ klärte sie etwa angesichts der Entscheidung kalt wie bei »Jul Kvale«, der den Freiheits­
tion eine große Wanderausstellung organi­ von Lyndon B. Johnson für eine Luftoffen­ kämpfer verewigt, weil dieser sein Land nicht
siert. Hannah Ryggen ist etabliert. sive in Vietnam im Jahr 1965. Ihr Teppich in der Nato sehen wollte. Oder licht und tief
wie das Firmament für ihr Prunkstück »Wir
leben auf einem Stern«. Der Teppich, zwölf
Quadratmeter groß, war ein Auftragswerk, in
dem sie das Leben feiert, mit der Familie im
Zentrum als kleinste, vollkommene Einheit.
1957, als sie den Teppich beginnt, ist Hans ge­
rade gestorben und Hannah untröstlich. In
der Arbeit überwindet sie ihre Trauer.
»Wir leben auf einem Stern« hing ein
halbes Jahrhundert in Oslo in der Lobby je­
nes Regierungsgebäudes, vor dem 2011 der
norwegische Massenmörder Anders Breivik
eine Autobombe zündete. Acht Menschen
starben, der Teppich lag in Schutt und Lösch­
wasser. Restauriert wurde er nun dem ­
Trondheimer Nationalmuseum übergeben.
Wer genau hinschaut, der erkennt die Aus­
besserungen und versteht, wie beklemmend
aktuell Hannah Ryggens Appell gegen Ge­
walt und für das individuelle Glück ist. ×

»Gewebte Manifeste«, Schirn Kunsthalle Frank-


furt, bis 12. Januar
»Das Leben gleitet vorbei« widmete die Künstlerin 1939 Paul Gauguin nach der Lektüre seines
Buches »Noa Noa«. Der Teppich zeigt Gauguins Partnerin, die grauen Köpfe symbolisieren eine
Welt, die der Maler auf Tahiti hinter sich lässt. Links: Familie Ryggen vor ihrem Haus mit Hans
an der Staffelei. Unten links: Hannah Ryggens letztes, unvollendetes Selbstporträt von 1970

53
Die zwölfeckige Schale mit »Shiba Onko«-­
Dekor, 1730 in Meissen entstanden, befand
sich einst im Besitz von August dem Starken
und wird auf der Münchner Highlights ge-
zeigt. Re.: Friedel Kirsch ist Expertin für Por-
zellan, wie schon ihre Mutter und Großmutter
P OR Z E L L A N

Golden Girls
Gemeinsame Leidenschaft für das weiße Gold: Drei starken Frauen
aus drei Generationen ist es zu verdanken, dass Langeloh
diesen Oktober auf 100 Jahre Firmengeschichte zurückblicken kann
Beide Bilder: Elfriede Langeloh, Weinheim

VON
G L OR I A E H R E T

55
P OR Z E L L A N

F
in Kontakt. Ihre Leidenschaft für das Metier war geweckt – und sie
eröffnete 1919 ihr erstes Geschäft in der Kölner Cäcilienstraße. Zwar
ging ihr Haus im Bombenhagel 1944 unter, doch hatte Elfriede ­
Langeloh sich vor Ausbruch des Kriegs samt ihrer Habe nach ­
Wiesentheid in Franken gerettet, wo sie in einem Schlossturm der
Grafen von Schönborn logierte. Bis Kriegsende lebte vis-à-vis auch
Paulette mit ihrer Familie. Nicht zuletzt dank des Weins aus der gräf-
Für das kostbare, zart schimmernde, wunderbar bemalte, fragile hö- lichen Schlosskellerei, den sie gegen Fayencen eintauschte, konnte sie
fische Porzellan des Rokoko kann man sich keine idealere Vermitt- sich auch in Wiesentheid dem Antiqutiätenhandel widmen.
lerin als Friedel Kirsch vorstellen. Ihre Eleganz und feine weibliche Mit 63 Jahren wagte Elfriede Langeloh einen Neuanfang in
Ausstrahlung stehen im Einklang mit ihren erlesenen Objekten. Köln mit großem Geschäftshaus, Wohnung und Garten am Hohen-
Denn frühes Porzellan und Fayence sind ihr Metier. Weit über Euro- staufenring 57. Damit brach ihre erfolgreichste Zeit an, denn nach
pas Grenzen hinaus zählt ihre Firma Langeloh Porcelain zu den füh- den Verwüstungen des Kriegs war der Wunsch groß, das Verlorene
renden Spezialisten. Zum 100. Jubiläum gewährt Friedel Kirsch, die zu ersetzen. Sie engagierte sich für die Gesellschaft der Keramik-
seit 1981 das Geschäft führt, einen facettenreichen Blick zurück bis freunde in Köln, schrieb für Keramos und gelegentlich auch für die
zu den Anfängen und macht mit der Familien- und Firmenentwick- weltkunst. Großindustrielle wie Grundig, Thyssen, Erich Zscho-
lung ein Stück deutscher Kunsthandelsgeschichte lebendig. cke oder Peter Ludwig gehörten ebenso zu ihren Kunden wie die
Die Gründerin Elfriede Langeloh, ihre Großmutter, war eine berühmten Meissen-Sammler Ralph Wark aus Jacksonville, Florida,
ungewöhnliche Frau: 1882 in Pinneberg geboren, entfloh sie der hei- oder Edward Pflueger aus New York. Auch das Auswärtige Amt in
matlichen Enge in Richtung Frankreich mit Stationen in Bordeaux Bonn erwarb Staatsgeschenke bei Langeloh: Friedel Kirsch erinnert
und Paris, wo sie ihren Lebensunterhalt als Kindermädchen und sich gut an einen Satz Schokoladentassen mit farbigem Chinoise-
Hausdame bestritt. Nach ihrer Rückkehr wurde sie ledig Mutter, riedekor für Dwight D. Eisenhower anlässlich seines Besuchs 1959
ziemlich skandalös zu dieser Zeit, zumal in einer Kleinstadt. Die jun- in Deutschland. Zum Damenprogramm gehörte ein Abstecher an
ge Frau gab ihre Tochter Paulette zu Pflegeeltern nach Paris, wo sie den Hohenstaufenring, wo ihre Großmutter die Ehre hatte, die ­
eine glückliche Kindheit verbrachte. Nach dem Tod des Vaters im Präsidentengattinnen Mamie Eisenhower und Pat Nixon bei sich
Ersten Weltkrieg wurde Paulette von dessen Familie als leibliche zu begrüßen.
Tochter anerkannt. Elfriede Langeloh, zeitlebens unverheiratet, ar- Wenn Neuerwerbungen zu begutachten waren, floss reichlich
beitete als Hausdame beim Arzt und Porzellansammler Dr. Salomon Champagner. Dass Sammler es mit ihrer Leidenschaft in der eigenen
in Köln und kam so mit internationalen Händlern und Sammlern Familie oft schwer hatten, zeigt folgende Episode: Wenn die Händle-

56
Elfriede Langeloh gründete ihr erstes
Antiquitätengeschäft 1919 in Köln –
und war eine Legende. Links: Johann
Joachim Kaendler schuf die ­
Halsbandsittiche 1741 für Friederike ­
Alexandrine Gräfin Moszyńska

rin an einen befreundeten Porzellanliebhaber einen Brief mit verkehrt


aufgeklebter Briefmarke schickte, ging es um eine Offerte: »Heuss ver-
kehrt« diente den beiden als Geheimcode vor der Gattin. Das Geschäft
stand stets im Mittelpunkt, für die beiden Enkelinnen wurde es dann
interessant, wenn Peter und Irene Ludwig zur Großmutter kamen. Da
gab es als Mitbringsel immer eine Kilopackung Trumpf-Pralinen.
Mit Elfriede Langelohs Tod 1960 endete die Ära am Hohenstau-
fenring 57. Paulette Neuhaus entschied sich, den Kunsthandel weiter-
zuführen und sich in kleineren Räumen in der Komödienstraße nahe
dem Dom ganz auf Porzellan und Fayence zu spezialisieren. Als wich-
Beide Bilder: Elfriede Langeloh, Weinheim

tigstes Erbteil übertrugen sich freundschaftliche Beziehungen zu Kol-


legen, Museumskuratoren und Sammlern auf Paulette mit ihrem
fröhlichen Wesen und unerschütterlichen Optimismus. Geprägt
durch ihre Kindheit in Paris, erweiterte sie ihre Kontakte zu namhaf-
ten Händlerkollegen dort und in Basel, Zürich, London oder New
York. Die Komödienstraße entwickelte sich zum beliebten Treffpunkt
der Porzellanliebhaber mit Sammlern, Museumsleuten, Kollegen Wirge
b en
und Freunden beim Champagner, mit dem die Chefin nie geizte.
Auch diese Ära kann Friedel Kirsch mit herrlichen Episoden d
erK unst
würzen. So überraschte ein Kunde die Runde gelegentlich mit einer
Opernarie. »Monsieur retour« wurde er genannt, weil er wiederholt d
enrichtige
n
eine Fayence kaufte, wieder zurückbrachte, umtauschte, um dann
doch beim ersten Stück zu bleiben. Ob der Direktor des Deutschen Rahmen.
Klingenmuseums in Solingen Hanns-Ulrich Haedecke oder die Fa-
yence-Spezialisten und Autoren Konrad Strauß oder Walter Oesterle;
ob Erich Köllmann, Direktor des Kunstgewerbe-Museums in Köln,
oder Barbara Beaucamp-Markowsky, deren Karriere als Kustodin da-
m
urre
r-ra
h m
en.d
e
mals dort begann – sie alle gingen bei Paulette Neuhaus ein und aus.
Es war Kölns Glanzzeit als Kunsthandelsmetropole mit Händler­
P OR Z E L L A N

größen wie Eberhard Giese oder Hans H. Mischell und dem bis heu- er Vorstand im Südzucker-Konzern in Mannheim wurde, bezogen
te bedeutenden Auktionshaus Lempertz, damals von Rolf Hanstein sie das Haus in Weinheim, in dem sie bis heute leben. Für Friedel
geführt. Mit ihm war Paulette auf dem Neumarkt Rollschuh gelau- Kirsch anfangs eine unruhige Zeit, musste sie doch Frankfurt, Köln
fen. Köln war ein Dorado für Sammler alter Kunst: Im repräsentati- und Weinheim familienverträglich verbinden.
ven Aachen-Lütticher Vitrinenschrank prunkten kostbares Porzellan Die Zeiten änderten sich auch im Kunsthandel spürbar. Deko-
und Fayence. Als Wandzier dienten Teller und Platten. ratives Porzellan war weniger gefragt, die Preise sanken ebenso wie
Ein Meilenstein unter der Ägide von Paulette Neuhaus war das die Nachfrage. Das Interesse der wenigeren Sammler fokussierte sich
von Bartholomäus Seuter signierte Kofferservice mit Augsburger auf bedeutende, sehr frühe Exemplare; Forschung und Erforschung
Goldchinesen. Heute ist das Prachtstück der Sammlung Ludwig in der Objekte traten in den Vordergrund. Zahlreiche Kollegen schlos-
Bild: Elfriede Langeloh, Weinheim
Bamberg zu bewundern. Auch der großartige Neptunbrunnen von sen ihre Läden. Da die Laufkundschaft kaum mehr eine Rolle spielte,
J. G. Kirchner mit von Johann George Heintze bemalten Chinoiseri- verlagerte sich der Trend »auf die Etage«. Zwar war es für Paulette
en im Hetjens-Museum wurde bei ihr erworben. Die Eröffnung der Neuhaus lange unvorstellbar, das Kölner Geschäft aufzugeben, doch
ersten Deutschen Kunst- und Antiquitätenmesse in München 1956 im Jahr 1985 war es so weit. In ihren letzten Lebensjahren machte sie
traf den Nerv der Zeit. Die Westdeutsche Kunstmesse in Köln und sich in Weinheim bei der Familie unentbehrlich. Dort wurde die ­
Düsseldorf und die Herrenhäuser Messe in Hannover folgten. untere Etage des Hauses zur Galerie umgebaut, doch das Porzellan
Um dem Absolutismus der Großmutter etwas entgegenzusetzen und die dazugehörige Fachbibliothek breiteten sich peu à peu über
wandte sich Friedel Kirsch anfangs der modernen Kunst zu und be- die weiteren Stockwerke aus.
gann ihre Laufbahn in der Galerie Boisserée in Köln. Doch bald Weinheim liegt strategisch günstig wenige Kilometer von Hei-
wechselte sie »die Fronten« ins mütterliche Geschäft. 1979 wurde es delberg und Mannheim entfernt. Auch Schwetzingen ist nahe. 1998
ihr übertragen, ohne dass sich grundsätzlich etwas änderte. Welch hoben die beiden Mannheimer Peter Bausback, Spezialist für Teppi-
glückliche Fügung, dass ihr Mann, der Jurist Christoph Kirsch, che und Textilien und Vorstand des süddeutschen Kunsthändlerver-
schnell der Faszination des Porzellans erlag. Neben seiner hauptbe- bandes, und Volker Brinkmann gemeinsam mit Friedel Kirsch die
ruflichen Tätigkeit wurde er alsbald Schatzmeister im Vorstand der Kunstmesse Schloss Schwetzingen aus der Taufe. Über ein Jahrzehnt
Keramikfreunde sowie des Freundeskreises der Dresdner Porzellan- war sie in den eleganten Zirkelsälen des Jagdschlosses von Kurfürst
sammlung im Zwinger. Als Christoph Kirsch in die Zentrale der Carl Theodor ein besonderes Kunstereignis. »Wir machten alles in
Deutschen Bank nach Frankfurt wechselte, zog die Familie mit. Als Eigenregie«, so Friedel Kirsch, »Fotos, Flyer, Katalog, Pressekonferen-

58
Meilenstein der Ära
Paulette Neuhaus:
Bartholomäus Seuters
Kofferservice mit
Augsburger Goldchine-
sen, heute Sammlung
Ludwig in Bamberg.
Li.: Interieur am Hohen-
staufenring 57 in Köln

zen, Interviews, TV-Auftritte, Publicity.« Und die beiden Kirsch-Töch-


Bild: Service mit Goldchinoiserien, Meißen, Inv. Nr. L 318, Smlg. Ludwig Bamberg/Museen der Stadt Bamberg

ter arbeiteten gern als Standhilfen mit. »Zusammen mit Bernd Ha-
ckenjos, dem damaligen Direktor des Hetjens-Museums, und anderen
Experten habe ich die Messen in Köln und Düsseldorf juriert, das war
sehr lehrreich.« Monatlich traf sich der Vorstand des DK (Deutscher
Kunsthändlerverband), später KD (Kunsthändlerverband Deutsch-
land), zu Sitzungen in München. »In den zwölf Jahren, in denen ich
dabei war, kämpften wir für das Ziel, dem Handel den verminderten
Mehrwertsteuersatz zu erhalten – damals leider ohne Erfolg. Heute
ist es endlich so weit, dass alle Kunsthandelsverbände und Auktiona-
toren zusammenstehen gegen Benachteiligungen, die Kulturstaats-
ministerin Monika Grütters dem Kunsthandel aufzubürden sucht.«
Stets reisebereit zu sein, wenn ein interessantes Objekte angebo-
ten wird, gehört zu ihrem Geschäftsalltag. »Mir war es immer am
liebsten, bei meiner Mutter oder Großmutter erworbene Stücke zu-
rückkaufen zu können. Gelegentlich tauchte dasselbe Stück gleich
mehrfach wieder auf«, erzählt Friedel Kirsch. Sie freut sich, dass die
Keramik auch ihren Schwiegersohn Christian Kirsch, der diplomier-
ter Grafikdesigner und Fotograf ist, von Anfang an in ihren Bann ge-
zogen hat. »Unser im Hinblick auf neue Medien veraltetes Unterneh-
men hat er in die Neuzeit geführt. Im Verein mit unseren beiden
Töchtern sind wir nun zu einem richtigen Familienunternehmen
mutiert.« Die 90 Jahre währende Alleinherrschaft der Damen ist da-
mit beendet. Das 100-jährige Firmenjubiläum wird während der
Münchner Messe Highlights gefeiert: Profession und Vergnügen ge-
hören in der Firma Langeloh traditionell zusammen. ×
21. – 24.11.2019
colognefineart.de
Nachrichten, Ausstellungen,
Messen, Kunsthandel, Auktionen und
wichtige Termine im Oktober

AGENDA
Bild: „The Age of Innocence“ by Elizabeth Peyton 2007/Courtesy The Brant Foundation, Greenwich, CT, USA/© Elizabeth Peyton, Courtesy the artist and Gladstone Gallery, New York und Brüssel

Zwischen Psychostudie und Fanposter oszillieren die Bilder von Elizabeth Peyton: In »The Age of Innocence« (2007) malte sie die Schauspieler
Michelle Pfeiffer und Daniel Day-Lewis. Die National Portrait Gallery in London zeigt Peytons Werke vom 3. Oktober bis zum 5. Januar

61
AG E N DA

KUNSTWELT

Bilder: F-Stop Movies; Courtesy of Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, Winterthur (SKKG); Courtesy of Barbara Kruger und Sprüth Magers; Bridgeman Images/Courtesy Schirmer/Mosel; Schirmer/Mosel
KÖNIGIN DER FRAGEN
Die amerikanische Konzept-
künstlerin Barbara Kruger
wurde mit dem Kaiserring der
Stadt Goslar ausgezeichnet, der
seit 1975 jedes Jahr zeitgenössi-
sche Künstler ehrt. Bekannt Galaktischer Fund
wurde Kruger für ihre Slogans Im Nachlass des Schweizer
und Textcollagen, die soziale Sammlers Bruno Stefanini
Ungleichheit ebenso kritisieren stießen Fachleute auf Skizzen
von Antoine de Saint-Exupéry.
wie Kapitalismus, Misogynie
Neben Zeichnungen des
und Machtmissbrauch. Mit »Is
»Kleinen Prinzen« (o., vor
there life without pain?« (u.,
1943) fand man auch Briefe
2011) knüpft die 74-Jährige an des Autors an seine Frau.
prägnante Botschaften wie Ersteigert hatte Stefanini das
»Your body is a battleground« Konvolut 1986, aktuell wird
an, die schon in den Achtzigern es in Winterthur von seiner
Debatten rund um Sexismus Stiftung für Kunst, Kultur und
und Abtreibung anstießen. Geschichte inventarisiert.

KAKTUS & KORALLE


Wer an der Ostküste von Jamaika schnorchelt, kann nicht nur Fische beob-
achten, sondern seit Kurzem auch Skulpturen von Claudia Comte. Installiert
wurden die Werke der Schweizerin mit Unterstützung der TBA21-Academy,
die die Philanthropin Francesca Thyssen-Bornemisza ins Leben gerufen hat.
Comtes »Underwater Cacti« (o.) sind dabei mehr als Dekoration am Meeres-
boden: Sie sollen zur Wiederbelebung des Korallenriffs beitragen.

Handverlesen
URGROSSVATER DER NABELSCHAU
Der französische Kunsthistoriker Pascal Bonafoux legt zum 350. Todestag von
Rembrandt van Rijn einen kleinen Band vor, der sich mit dem größten Bildthe-
ma des Niederländers beschäftigt: seinen Selbstporträts. Bonafoux versammelt
darin erstmals alle derzeit gesicherten 80 Selbstbildnisse und zeichnet so den
Lebensweg des Barockmeisters nach. Man lernt den Leidener Müllerssohn als
verschmitzten jungen Mann kennen, wirft einen Blick in sein Atelier (li., 1626–
1628) und folgt ihm nach Amsterdam, wo sein Haar
schütterer und das Leben prekärer wurde. Die Radierun-
gen, Zeichnungen und Gemälde sind Zeugnisse davon,
dass Rembrandt sich stets an sich selbst festhielt – selbst
in den Momenten, in denen ihm alles andere entglitt.
Pascal Bonafoux, »Rembrandt: Selbstbildnisse«, Schirmer/Mosel,
aus dem Französischen von Matthias Wolf, 160 S., 29,80 Euro

62
Mammut marsch! Personalien
Das Hessische Landesmuseum in
Darmstadt verleiht zum ersten Mal
seit über 150 Jahren eines seiner
berühmtesten Exponate: das
knapp drei Meter große Skelett
eines amerikanischen Mastodons
(u.). Der erste in Nordamerika
montierte, fossile Elefant aus der
ausgehenden Eiszeit war über
Umwege nach Hessen gekommen
und tritt nun die Reise in seine
Heimat an. In Washington ist das
Skelett ab 2020 in einer Schau Im Oktober steht wie gewohnt die
Bilder: Robin Lutz AV productions, 2018; Courtesy of PULSE Art; Edition Cantz; Deniz Guzel; Wolfgang Fuhrmannek, HLMD; Gerhard Richter/Abtei Tholey (2)

zu Alexander von Humboldt am


Frieze in London auf dem Messe-
Smithsonian Museum zu sehen.
KIPPBILDER IM KINO plan. Es ist die letzte, die die lang-
Der deutsche Wissenschaftler
Auch wenn M. C. Eschers Vexierbilder heute so konnte es bei seiner Amerikareise
jährige Direktorin Jo Stella-Sawicka
berühmt wie Salvador Dalís zerfließende Uhren sind, begutachten, nachdem der Maler leitet. Ab November übernimmt
nannte sich der Niederländer zeit seines Lebens nie Charles Willson Peale die Knochen EVA LANGRET: Sie kommt von der
Künstler. Er begriff sich als Mathematiker mit einem der Mammutart im Hudson River Londoner Galerie Tiwani Contem-
Faible für optische Täuschungen. Einer Strömung fühlte ausgegraben und ab 1801 als porary, wo sie die erste Schau der
er sich nicht verbunden, Trends noch weniger: Als die Sensationsfund in seinem Museum afroamerikanischen Künstlerin
Hippies ihn als Psychedeliker vereinnahmten, ließ er sie in Philadelphia ausgestellt hatte. Maren Hassinger außerhalb der USA
mit ihren Anfragen ebenso abblitzen wie Stanley kuratierte. In Miami wurde CRISTINA
Kubrick und Mick Jagger. Wie Escher seinen Platz in der SALMASTRELLI­ zur Direktorin der
Welt wahrnahm, zeigt ab 10. Oktober die Dokumentati- Pulse Art Fair ernannt: Sie wird sich
on »M. C. Escher – Reise in die Unendlichkeit«. Regis- um das Programm der 15. Ausgabe
seur Robin Lutz befragte nicht nur Söhne und Freunde, kümmern, die im Dezember statt-
er lässt den Trickser auch selbst zu Wort kommen: findet. Salmastrelli kennt die Messe-
In vom Schauspieler Matthias Brandt eingesprochenen welt aus dem Effeff. Sie betreute die
Tagebucheinträgen und Briefen lauscht man Eschers Outsider Art Fair und war Regional-
Leidenschaft für labyrinthische Welten. Auch sein direktorin von Ramsay Fairs, der
eigener verschlungener Lebensweg, seine Abkehr vom Muttergesellschaft von Pulse.
faschistischen Italien, seine Flucht vor den Nazis Unterdessen geht in New York
zurück in die Niederlande – wo ihm noch zu Lebzeiten die Asia Week zu Ende, die erstmals
der Durchbruch gelang – wird nachgezeichnet. unter der Ägide von KATHERINE
MARTIN stand. Martin ist Geschäfts-
führerin der New Yorker Galerie
Scholten Japanese Art, die sich auf
japanische Holzschnitte spezialisiert.
Zuvor war sie Expertin in der Japan-
EWIGER abteilung von Sotheby’s New York.
In Stuttgart wird ein Amerika-
RICHTER ner Leiter des Künstlerhauses: Der
Kurator ERIC GOLO STONE kennt sich
Das älteste Kloster Deutsch- in der deutschsprachigen Kunstsze-
lands, die Benediktinerabtei im ne gut aus, zuletzt war er an der
saarländischen Tholey, schmü- Kunsthalle Bern tätig. Seine Schwei-
cken bald Kirchenfenster von zer Kollegin CHRISTINA VÉGH, die
Gerhard Richter. Die Anfrage war 2015 als erste Frau den Direktoren-
wie eine göttliche Fügung: Als posten der Kestner Gesellschaft in
der Anruf einging, experimen- Hannover übernommen hatte,
tierte Richter mit Farbmustern, wechselt nach Bielefeld: Hier tritt sie
die er kurzerhand in seine Ent- als Leiterin der Kunsthalle an. Lang-
würfe (re.) einfließen ließ. Wie
jährige Erfahrung als Kunstbuchver-
schon für den Dom in Köln arbei-
legerin konnte UTA GROSENICK bei
tete er unentgeltlich. Nun wurden
die abstrakten Formationen
den führenden Adressen der Bran-
vorgestellt. In den kommenden che – Taschen, Dumont und Distanz
Monaten setzt sie die Münchner – sammeln. Ihre Expertise wird ihr
Glaswerkstätte Gustav van auch bei ihrem neuen Job zugute-
Treeck um, bevor im Sommer kommen: Sie leitet die Edition
2020 die Einweihung bevorsteht. Cantz im neuen Berliner Büro.

63
AG E N DA

AUSSTELLUNGEN

Bild links: Judy Chicago/Artists Rights Society (ARS), New York, Foto: Through the Flower Archives, Courtesy the artist, Salon 94, New York, Jessica Silverman Gallery, San Francisco/VG Bild-Kunst, Bonn 2019;
Bilder rechts: Courtesy the artist/VG Bild-Kunst, Bonn 2019; California Institute of the Arts Archives Photographic Materials Collection
Hurra, die Schule brennt!
Eine Ausstellung in der Kestner Gesellschaft zeigt, wie das CalArts in den
Seventies zur anarchischen Talentschmiede Amerikas wurde

D
iese Kunsthochschule konnte ginierte nun den geplanten Campus »seiner« eröffnete, war Walt Disney nicht mehr am
sich nur ein Märchenerzähler Kreativschmiede als Ort moralischer Vervoll- Leben – und zwischen seinen eher konserva-
ausdenken. Entwurfsskizzen kommnung: Die hübschen, wohlfrisierten tiv eingestellten Erben und dem angeheuer-
von modernen Flachbauten, Studenten in seinem Film malen, töpfern, ten Lehrpersonal knirschte es von Beginn an
verteilt auf einem grünen Campus in den schneidern oder zeichnen Elefanten im Zoo. gewaltig. An die Kunstfakultät waren neben
Hollywood Hills mit Blick auf die Horizont- »Ein gut ausgebildeter Künstler ist ein ausge- Allan Kaprow, dem Erfinder des Happenings,
linie des Pazifik, bekamen 1964 die Besucher sprochen nützliches Mitglied der Gesell- auch die feministische Künstlerin Judy Chi-
bei der Weltpremiere von »Mary Poppins« schaft«, verspricht die Erzählerstimme. Und cago sowie der Maler John Baldessari aus San
präsentiert – denn Walt Disney hatte seinem natürlich kam dann alles ganz anders. Diego berufen worden. Letzterer hatte ein
künftigen Kinohit einen viertelstündigen Als das California Institute of the Arts Jahr zuvor in seinem »Cremation Project«
Werbefilm in eigener Sache vorangestellt: (CalArts) im Herbst 1971 nicht in Hollywood, alle seine Bilder verbrannt. Wie sehr dieses
»The CalArts Story«. Disney war 1961 an der sondern in einem wesentlich unglamouröse- ungewöhnliche Team und die freigeistigen
Gründung des California Institute of the ren Vorort von Los Angeles namens Valencia Leitlinien am CalArts – keine Noten, kein
Arts maßgeblich beteiligt gewesen und ima- direkt neben einem viel befahrenen Freeway festes Curriculum und kein Statusunter-

64
schied zwischen Lehrer und Studenten – den
Nerv der Zeit trafen und wie wichtig diese
Hochschule für die weitere Kunstentwick-
lung nicht nur in Amerika war, das zeigt jetzt
eine von Christina Végh und Philipp Kaiser
hervorragend kuratierte Ausstellung in der
Kestner Gesellschaft Hannover.
Umfangreiches Film- und Archivmate-
rial sowie eigens geführte Zeitzeugeninter-
views machen neben den Kunstwerken den
Pioniergeist der frühen CalArts-Jahre be-
greifbar. Im Anfangskapitel »Fluxus« wird
beispielsweise mit dem Dokumentationsfilm
der Allan-Kaprow-Aktion »Scales« von 1971 –
Studenten legen auf eine existierende Treppe
eine zweite Treppe aus Zementblöcken, lau-
fen diese hinauf und bauen sie gleichzeitig
wieder ab – schon deutlich, dass es mit dem
Anspruch an die Nützlichkeit der Kunst für
die Gesellschaft nicht so weit her war.
Wohl aber kann es Sinn und Zweck von
Kunstwerken sein, an den bestehenden Ver-
hältnissen zu rütteln, wie dann das zweite
Kapitel der Ausstellung wunderbar deutlich
macht: Das Feminist Art Program (FAP), 1971
am CalArts von Judy Chicago und Miriam
Schapiro geleitet, hatte als enge Gemein- Den prozesshaften Charakter der Kunst wie überhaupt irgendjemand etwas bei ihm
schaft von rund 30 Künstlerinnen zunächst betont Eric Fischls modulares Werk »Young gelernt hat«, erzählt der Maler David Salle im
die größte Außenwirkung. In Chicagos Ak- Revolutionaries« (1979) genauso wie die Film des dritten Kapitels. Dennoch erwies
tionsreihe »Atmospheres« machten sie sich Performance »Grassstains« 1981 auf dem sich das Konzept, feste Ateliers und Unter-
Uni-Gelände (u.). Li. Seite: Judy Chicagos
verschiedene Orte in Los Angeles mithilfe richtszeiten durch improvisierte Ausflüge zu
»Orange Atmosphere« (1969)
von Feuerwerk und Rauchbomben symbo- ersetzen, bei denen man beispielsweise Auto-
lisch zu eigen. Höhepunkt des FAP, an dem reifen Abhänge hinunterrollte, als horizon-
explizit keine Männer teilnehmen durften, Stoffbahnen mit Bildern und Texten an die- terweiternd. Dieses prozesshafte Arbeiten sti-
war dann im Februar 1972 ein Gemein- sen Meilenstein der feministischen Kunst. mulierte den Malereistudenten Eric Fischl zu
schaftsprojekt: der Umbau eines Abrisshau- Nicht weniger bedeutsam war im Be- Werken wie »Young Revolutionaries« (1979),
ses zum »Woman House«. Innerhalb eines reich der konzeptuellen Arbeitsansätze die bei denen er einzeln gemalte Blätter wie Mo-
Monats sahen 10 000 Besucher das riesige ­ Post Studio Art Class, die John Baldessari am dule in scheinbar zufälligen Kompositionen
Environment, das Judy Chicago im Inter- CalArts als legendären Leuchtturm pädago- arrangierte.
viewfilm als »erste weiblich-fokussierte In- gischer Lockerheit einrichtete. »John stellte In der Post Studio Art Class landeten
stallation, die den Mainstream erreichte«, keine Aufgaben und gab keine Noten. Er hat später auch einige Studenten, die ein unge-
beschreibt. In Hannover erinnern bedruckte auch fast nie etwas gesagt. Ich weiß nicht, zwungenes Verhältnis zur Bildwelt der Me-
dien an den Tag legten und daher im letzten
(und lustigsten) Kapitel unter dem Etikett
»Pictures Generation« präsentiert werden.
Mitchell Syrop plünderte 1976 das Vokabular
der Werbeindustrie, als er in die Aufnahme
einer alten Scheune mit einem verwitterten
Coca-Cola-Schild am Giebel den irritieren-
den Slogan hineinmontierte: »Vor langer
Zeit … haben wir dich gekauft!« Noch spöt-
tischer und schöner ist nur die selbstreflexive
Zeichnung »Matriculation«, die der frisch zu-
gelassene Student Mike Kelley 1977 schuf. Im
Vordergrund zeigt sie drei fröhliche Figuren
– Bambi, Santa Claus und eine Prinzessin. Da-
hinter wartet das Märchenschloss aus Dis-
neyland. Mit einem Schriftzug über dem Ein-
gang: »CalArts«.  TIM ACKERMANN

»Wo Kunst geschehen kann«, Kestner Gesellschaft,


Hannover, bis 10. November

65
AUSSTELLUNGEN

Bilder: Stiftung Bauhaus Dessau (I 7420 G); Thomas Meyer/OSTKREUZ, 2019/Stiftung Bauhaus Dessau
raster Licht und Blicke filtert. Will er etwas Das Museum zeigt Bauhaus-Klassiker wie
im Inneren erkennen, drückt sich der Des- Oskar Schlemmers Gouache »Geteilte Halb-
Geist aus der sauer Flaneur die Nase an der Scheibe platt. figur nach rechts« (1923), oben der funk­
Glaskiste Wichtiger als die Architektur ist ohne- tionale, neue Bau von Addenda Architects
hin, was in der »Black Box« geschieht: Die
In Dessau hat das neue Dauerpräsentation mit über 1000 Exponaten nenhafte Bildräume – ausgestellt ist etwa seine
Bauhaus Museum eröffnet verteilt sich auf einen Hauptsaal sowie zwei Gouache »Geteilte Halbfigur nach rechts« von
kleinere Räume am Anfang und am Schluss. 1923 – inspirierten den Schweizer Künstler
Es lohnt eher, hinten zu beginnen, denn das Xanti Schawinsky zum Entwurf einer »Stepp-
Die britische Journalistin hatte in der Frage- Schlusskapitel zeigt den eigentlichen Start- tanz-Maschine« (1926). Die serienmäßig reali-
stunde zur Eröffnung des neuen Museums in schuss für die Sammlung, als im Juni 1976 ein sierten Produkte der Bauhäusler werden dann
Dessau schon ganz recht, als sie wissen woll- größeres Bauhaus-Konvolut in der Galerie am im Zentrum des Saals in einem orangefarbe-
te, ob es mit den anderen Städten Weimar Sachsenplatz, Leipzig, für insgesamt 145 030 nen Metallregalriegel präsentiert. Bewundern
und Berlin einen Konkurrenzkampf um die Mark angekauft wurde. (Die Rechnung ist kann man hier Möbelklassiker wie Marcel
Deutungshoheit über das Bauhaus gebe. Es Teil der Ausstellung.) So kamen Marcel Breu- Breuers Stahlrohrsessel »B3« (1926, hergestellt
gibt ihn, und Dessau – durch den Bestand ers Beistelltisch »B10« oder Collagen von Ma- 1928) mit sämtlichen Originalteilen oder Al-
des Bauhaus-Gebäudes von 1926 und der rianne Brandt nach Dessau, wo zuvor keine fred Schäfters Pendelleuchte von 1931/1932.
Meisterhäuser ohnehin im Vorteil – hat noch Objekte aus der Bauhaus-Ära erhalten waren. Im verbleibenden Raum – beim Stan-
einmal nachgelegt: Mit dem neuen Ausstel- Originell, wie die Schau dann im Haupt- dardrundgang wäre er der erste – lauscht man
lungsgebäude, das Besuchern seit 8. Septem- saal das Kontinuum von Lehre und Produkti- via Lautsprecher vorgetragenen Artikeln ei-
ber offensteht, besitzt die Stiftung Bauhaus on am Bauhaus vor Augen führt. Didaktisch ner heftigen Zeitungsdebatte, die mit dem
Dessau endlich einen Ort, um ihre große gliedert sich die Ausstellung in ringförmige Bauhaus-Umzug 1925 in Dessau entflammte.
Sammlung dauerhaft zu präsentieren. Das Raumzonen: An den Außenwänden liest man Wen Kritikerformulierungen wie »Vergewal-
vom spanischen Büro Addenda Architects zunächst die Theorie. Den Großteil der Schau- tigung unseres Formenwillens« an gegenwär-
entworfene, unspektakuläre Museum zeigt, fläche nehmen anschließend Tischpräsenta- tige Twitter-Shitstorms erinnern, darf aus
was die Moderne immer schon gut konnte – tionen ein, die das Lehrer-Schüler-Verhältnis dem Gedanken Hoffnung schöpfen, dass die
preiswert funktional bauen: Eine 100 Meter anschaulich machen. Formen aus einer Farb- Ästhetik und Philosophie des Bauhauses am
lange Kiste aus schwarzem Beton liegt auf lithografie von Wassily Kandinsky aus dem Ende gegen alle Widrigkeiten der Geschichte
zwei Treppenhäusern und schwebt so über Jahr 1922 regten wohl Grete Reichardt 1929 den Sieg davontrug.  TIM ACKERMANN
einer säulenlosen Eingangshalle. Drumhe- zum Entwurf eines Kinderzimmerteppichs
rum eine Vorhangfassade aus Glas, die leider mit gelben Kreisen, blauen Dreiecken und ro- »Versuchsstätte Bauhaus. Die Sammlung«,
aus klimatischen Gründen mit einem Punkt- ten Streifen an. Und Oskar Schlemmers büh- Bauhaus Museum Dessau, Dauerpräsentation

66
Gefördertvon

Deutschen Bundestages
aufgrund eines Beschlusses des
KO

KA
K

zu
O

M
n
FEIN

itU
gv
n
D

o
te
KIRC

n
N

rstüt-
SC
H
IN
O

IN
M
12.01. 20 Meister

A
29.09.19— Bauhaus

G
N
Moderne

Das
Come
back
LD

KLEE
E

SKY
ER
ER
KA
RC

Partner
HALLE | SAALE
MORITZBURG
KUNSTMUSEUM

Em ilN olde:Abendm ah l,1 909 ,Ö lau fLeinw and,8 6×1 07cm ,Staten sMu seum forK u nst,
Foto :SM KP hoto/Jako bSko u-H ansen ,K o penhagen,© No ldeS tiftungSeeb üll
Hin tergrund:Ausstellun gsan sichtm itW erkenvo nEm ilNoldeim Kunstmu seum M oritzbu rg
KULTUR

Halle(Saale),um 193 0,F o to:K ulturstiftungSach sen-Anhalt


ANHALT
STIFTUNG
SACHSEN-
AUSSTELLUNGEN
»God« bezeichneten Zustand, Kunst der Westküste (MKdW),
in dem sie, von Depressionen das vor zehn Jahren vom Unter-

Bilder: © Renè Gabriel Ojèda/Musèe du Louvre/RMN; Ana Pigosso/Künstlersammlung, Sao Paulo; Ivo Faber, Courtesy of SETAREH; Privatbesitz/VG Bild-Kunst, Bonn 2019; © Lu Yang & Société; Museum Kunst der Westküste, Alkersum/Föhr
und Tumoren befreit, glücklich nehmer Frederik Paulsen gestif-
tanzen. Auf diese Idee muss tet wurde. Hier sieht man Bil-
man erst mal kommen. Aller- der, von denen man meint, sie
dings ist Lu Yangs quietschbun- seien nicht mit Öl, sondern mit
te Dystopie nicht der einzige Nordseesalzwasser gemalt wor-
Hingucker in der Schau »Micro den – so wie Isaac Grünewalds
Era« mit chinesischen Medien- Werk »Am Badestrand« aus dem
künstlern. Neben Old-School- Jahr 1917 (u. li.). Zum Jubiläum
Videoarbeiten von Altmeister treffen dieses und andere High-
Zhang Peili, in denen er etwa lights der Sammlung auf ausge-
einen Spiegel immer wieder zer- HISTORIES OF WOMEN wählte Feriengäste, etwa die
bricht und neu zusammenklebt Museu de Arte de São Paulo, Impression »Fischer am Meer an
LEONARDO DA VINCI (»30 x 30«, 1988), fasziniert Cao bis 17. November einem Sommerabend«, die
Louvre, Paris, 24. Oktober Fei mit ihrer perfekt gefilmten Michael Ancher 1888 im däni-
bis 24. Februar Erzählung aus einem Paket­ Mit Jair Bolsonaro hat der Femi- schen Skagen malte und die
lager, wo ein verliebter Lasten- nismus in Brasilien einen mäch- sonst im Statens Museum for
Die Ankündigung der Herbst- roboter einer Wachfrau hinter- tigen Gegner. Umso wichtiger Kunst in Kopenhagen hängt.
ausstellung mit dem höchsten herhetzt (»Asia One«, 2018). und grandioser, dass dem
Aufmerksamkeitspegel kommt Staatspräsidenten in São Paulo
leider mit einigen Pferdefüßen ein Ausstellungs-Doppelschlag
im Kleingedruckten: Auch bei entgegenschallt, der die Power-
der Leonardo-Retrospektive frauen der Kunstwelt lautstark
wird man die Mona Lisa im feiert. Die Schau »Histories of
gewohnten Saal und Gedränge Women« zeigt Gemälde alter
anschauen müssen, und wer Meisterinnen wie Sofonisba
dazu die anderen Meisterwerke Anguissola (ca. 1532–1625) oder
des Renaissancekünstlers wie Élisabeth Vigée-Lebrun (1755–
die »Anna selbdritt« (1510–1513, 1842), deren Werk bis heute
o.) sehen will, zahlt 17 Euro und marginalisiert wird. Ebenfalls
ist gezwungen, für den Zugang im Museu de Arte de São Paulo
ein festes Zeitfenster im Voraus läuft zeitgleich »Feminist ­
zu buchen. Zum Umfang der JETZT! Histories« mit Künstlerinnen
Leihgaben hält sich der Louvre Bonn, Chemnitz und Wiesbaden, des 21. Jahrhunderts, die den JOHANNES ITTEN
weiter bedeckt. Leonardo-Fans bis 19. Januar Geschlechterkonflikt von heute Kunstmuseum Bern, bis 2. Februar
sollten so früh wie möglich auf thematisieren – so wie Élle de
www.ticketlouvre.fr ihren Einen Überblick zum Gemüts- Bernardini (o. o. T., aus der Serie Als Künstler wurden Paul Klee
Besuch buchen. Denn spontan zustand der »Jungen Malerei in »Formas Contrassexuais«, 2019). und Wassily Kandinsky erfolg-
dürfte es sehr knifflig werden. Deutschland« hat man schon reicher, als visionärer Lehrer
länger vermisst. Diese Lücke war Walter Gropius einflussrei-
füllen das Kunstmuseum Bonn, cher. Und doch hat auch der
die Kunstsammlungen Chem- Schweizer Johannes Itten wäh-
nitz und das Museum Wiesba- rend seiner Zeit am Bauhaus
den mit ihrer parallel laufenden Spuren hinterlassen – nicht nur
Ausstellungstrilogie, die auf das in seinem legendären Vorkurs,
klassisch gemalte Bild fokus- den der passionierte Turner mit
siert. Die Kuratoren siebten die Atem- und Rhythmusübungen
MEDIENKUNST AUS CHINA Longlist auf 53 Malerinnen und auflockerte. Vor allem legte sei-
Kulturforum, Berlin, bis 26. Januar Maler aus, die jetzt mit Werken 10 JAHRE MKDW ne Lehrtätigkeit in Weimar die
an allen drei Orten vertreten Museum Kunst der Westküste, Grundlage für seine Farbenleh-
Gehirnchirurgie und spirituelle sind – darunter schon bekann- Alkersum (Föhr), bis 12. Januar re; der von ihm entwickelte
Selbstvervollkommnung ver- tere Namen wie Florian Meisen- Farbkreis ist noch heute Schul-
schmelzen in Lu Yangs Film berg oder Vivian Greven (o. Wer am Hafen von Wyk seinen stoff. Auch als Künstler liebte
»Delusional Mandala« (2015, o.). »Leea« von 2017), aber auch Ent- Fuß auf die Insel Föhr setzt, hat Itten es eher bunt – etwa in sei-
Dank halbkreisförmiger golde- deckungen wie die 1984 im Iran die einstimmende Seepassage ner radikalen Farbstreifen-Kom-
ner Kronen mit nach innen geborene Toulu Hassani, die hinter sich. Wenige Kilometer position »Horizontal-Vertikal«
gerichteten Operationsnadeln mit feinen ornamental-geome- landeinwärts trifft er dann im von 1915 oder im »Selbstbildnis«
erreichen die Avatare einen als trischen Bildern überzeugt. Dorf Alkersum auf das Museum aus dem Jahr 1928 (o.).

68
Josef Albers Museum . Quadrat Bottrop
22.9.2019 12.1.2020
Der junge Josef Albers. Aufbruch
in die Moderne

Abbildung: Josef Albers, Selbstbildnis mit Hut, 1916 © The Josef and Anni Albers Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

www.quadrat-bottrop.de
ADVERTORIAL

Gipfeltreffen
Das Rijksmuseum in Amsterdam beendet das Rembrandt-Jahr 2019 mit einer spektakulären
Ausstellung, die Werke der großen niederländischen und spanischen Meister vereint

Bilder: Museumslandschaft Hessen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister; Real Academia de Bellas Artes de San Carlos, Valencia; keeshageman
Zwei Visionäre des Barock: links das »Selbstporträt mit Barett und goldener Kette« von Rembrandt van
Rijn aus dem Jahr 1658, rechts das Selbstporträt, das Diego Velázquez 1640 von sich schuf

S ie waren Zeitgenossen, sind sich aber


nie begegnet. Ihre Heimatländer
führten einen Krieg gegeneinander,
der vor ihrer Geburt begann und erst in ih-
ren letzten Lebensjahren 1648 mit der Un-
Künstler auf Europa hatten, viel mehr Ge-
meinsames als Trennendes hat. Die Kunst
kannte für sie keine Grenzen, sie teilten die
Faszination für neue Ideen und Techniken.
Deutlich wird das, um nur ein Beispiel zu
abhängigkeit der Niederlande von der spa- nennen, an der gemeinsamen Vorliebe für
nischen Krone endete. Die Rede ist von schwarze Kleidung. In ihr ließen sich Hol-
Rembrandt van Rijn (1606–1669) und Diego länder und Spanier am liebsten porträtieren,
Velázquez (1599–1660), zwei Ausnahme- weil so am besten die Gesichter zur Geltung
künstlern ihrer Zeit, die in ihrer Heimat zu kamen und die Maler alle Kunstfertigkeit AMSTERDAM
nationalen Mythen erhoben wurden und aufbringen mussten, um die Schattierungen Im Rembrandthuis (o.) vermittelt bis zum
jetzt einträchtig im Rijksmuseum in Ams- und verschiedenen Stoffe herauszuarbeiten. 16. Februar 2020 eine Sonderausstellung ei-
terdam nebeneinanderhängen. Als Ergänzung zum Rijksmuseum bie- nen Einblick in das »Rembrandt-Labor«.
Das frühere Wohnhaus des Malers, wo er von
Möglich macht das die Ausstellung tet sich in diesem Herbst unbedingt ein ­
1639 bis 1658 lebte, ist seit 1911 ein Museum.
»Rembrandt – Velázquez. Niederländische Besuch im Rembrandthuis an. Die spannen- Gezeigt werden u. a. Radierungen Rembrandts
und spanische Meister«. Erstmals ist hier, de Ausstellung »Rembrandt-Labor – Rem- und eine Rekonstruktion seiner Haus­
dank der Kooperation mit dem Prado, eine brandts Technik entschlüsselt« lüftet die ­ einrichtung. Die Ausstellung »Rembrandt – ­
Velázquez. Niederländische und spanische
solch große Anzahl von Meisterwerken von Geheimnisse seiner Mal- und Zeichenkunst Meister« ist vom 11. Oktober 2019 bis
Velázquez, Rembrandt, Murillo, Vermeer, mit neuesten wissenschaftlichen Methoden. 19. Januar 2020 im Rijksmuseum zu sehen.
Zurbarán, Hals und Ribera unter einem In dem eigens errichteten Labor können die
Dach vereint. Und noch etwas leistet diese Besucher selbst in die Rolle von Forschern
bahnbrechende Schau: Sie zeigt, dass der und Restauratoren schlüpfen und kommen
Blick, den spanische und holländische dem Meister so nah wie die Profis.

70
GROPIUS Ludwig Richter
B
BAU
AU
Schöne heile Welt

DURCH
MAUERN
GEHEN

20.10.2019
– Di bis 20 Uhr
19.01.2020 Mi bis So 10 – 17 Uhr
Gruppenausstellung museumgeorgschaefer.de

12.9
12.9.19–
9.119–
zum 30. Jahrestag
des Berliner Mauerfalls Ludwig Richter: Frau mit Kindern an der Quelle / Am Brunnen, 1868
© Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

19.1.20
Jose Dávila,
Ohne Titel (Allure), 2014,
Installationsansicht
State of Rest, OMR,
© VG Bild-Kunst 2019,
Foto: Enrique Macías Martínez
Visualisierung: M.Schneider (mic-vis.de), Quelle: SIB

Die Königlichen Paraderäume Augusts des Starken


und das Porzellankabinett im Residenzschloss Dresden
www.skd.museum
AG E N DA

KUNSTHANDEL
Schaufenster

»Kaugummi und Erdnüsse,


dazu gerne Solei«, 2019

Bild: Courtesy der Künstler und Beck & Eggeling International Fine Art/© H.C. Ottersbach und VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Künstler
Heribert C. Ottersbach (geb. 1960)

Werkdaten
Acryl auf Leinwand
Höhe 54 cm, Breite 65 cm

Kunsthandlung
Beck & Eggeling
Bilker Straße 5
40213 Düsseldorf
Tel. 0211 4915890

Preis
auf Anfrage

Schnee liegt in der Luft, die ersten Flocken auf dem Bild »Kein Zug fährt vorbei« (2018) ten oder unscharfe Zeitungsfotos von Häu-
fallen bereits. Aber geht das überhaupt, wenn sogar komplett abgehängt. Menschen sieht sern, in d
­ enen Unheimliches passiert ist. Die
es um die Fachwerkhütte herum leuchtet wie man keine, Ottersbachs aktuelle Ausstellung Assoziationen fließen, Herbert C. Otters-
an einem zauberhaften Spätsommerabend? in der Galerie Beck & Eggeling mit gut zwei bach lässt sie kreisen und gibt in aktuellen
Vielleicht lässt Heribert C. Ottersbach auch Dutzend Werken aus den vergangenen Jah- Werken wie »Kaugummi und Erdnüsse,
weiße Tupfen vom Himmel regnen, um eines ren strahlt gepflegte Melancholie aus. Bis dazu gerne S ­ olei« Biografisches dazu, ohne
zu verdeutlichen: Das Fachwerkhaus auf die- man sich darauf besinnt, die Häuser des es zu präzisieren.
sem Gemälde zeigt viel mehr als bloß eine Künstlers als Symbole zu verstehen. »Identität und Gelände«, der Titel seiner
überkommene Architektur. Es sind Platzhalter für seine Reflexio- Soloschau bei Beck & Eggeling, die dieses
Verfremdung, das klassische Mittel der nen über den Standort der Malerei – und mit Jahr ihr 25-jähriges Bestehen mit mehreren
Distanzierung. Ottersbach, 1960 in Köln ge- ihr des Malers. Welche Aufgabe hat er in ei- hochkarätigen Präsentationen feiern, gibt
boren, studierte dort neben Kunst noch Ger- ner medialen Gegenwart? Ottersbach, der schließlich doch einen Hinweis. Die Häuser
manistik und Philosophie. Daraus resultiert von 2009 bis 2017 als Professor für Malerei wirken wie Selbstporträts eines Künstlers,
zum einen seine poetische Wortakrobatik im an der Leipziger Hochschule für Grafik und der durch »spröden Eigensinn und Auf-­
Fall von Bildtiteln wie »Blumen der Kind- Buchkunst lehrte und auch jetzt noch zwi- Distanz-Gehen« überzeugt, wie Wolfgang
heit«, »Auch Fische haben Depressionen« schen Leipzig und dem schwedischen Sörm- Ullrich im Ausstellungskatalog schreibt.
oder »Falsche Drogen (Missverständnis der land pendelt, reagiert auf die Überfülle der Statt Mainstream sucht Ottersbach die Abge-
Moderne)«. Manche dieser Titel deuten ihr Bilder mit starker Reduktion. Seit den Neun- schiedenheit, reaktiviert das einsame Haus –
Motiv, andere konterkarieren es. Auf jeden zigerjahren nutzt er Archivmaterial, überar- seine Profession, die Malerei – und gestaltet
Fall sind sie eigenständige Schöpfungen. beitet und transformiert es. Die Herkunft es neu. »In Erwartung der Ereignisse« hat Ot-
Diese Autonomie gilt ebenso für Otters- wird getilgt, aus den Farbschichten schälen tersbach eine Ausstellung von 2007 genannt.
bachs Motive. Hütten wie Häuser stehen al- sich anonyme Gebäude und atmosphärische Dieser Titel charakterisiert sein Sujet durch
lein, die meisten scheinen abgelegen, man- Stimmungen. Unwillkürlich erinnert man alle Jahrzehnte: Man sieht Wartehäuschen
che im leisen Verfall begriffen, das Gebäude sich an bleierne Nachmittage bei Verwand- voller Geheimnisse.  CHRISTIANE MEIXNER

72
17.09. – 26.10.2019
www.galerieutermann.de

lyonel feininger 14.11.2019 – 18.01.2020


„Windmill“, 1936
Öl auf Leinwand, 48,3 × 75 cm www.w-k.art
KUNSTHANDEL
bekannten Künstlern mit atelierfrischen
Werken ein Forum bietet – und gegenwärtig
dem Teil zwei der Sammlung Dresen.
Für deren Hauptstück muss man schon
recht tief in die Tasche greifen. Mit rund
750 000 Euro ist die im Seitenlicht rotierende
»Lichtscheibe für Lutz Dresen« immerhin an
15. Stelle unter den derzeit teuersten Werken
von Uecker. Aber es geht auch preiswerter.
Für jeden der beiden 177 Zentimeter großen
Nägel aus geschmiedetem Stahl von 1967 sol-
len es 32 500 Euro sein. Es handelt sich bei
den beiden Exemplaren – eines silbern elo-
xiert, das andere rostpatiniert – um die Pro-
totypen der Serien.
Uecker ist neben Julio Le Parc, Hajo
Bleckert und Adolf Luther besonders oft in
der Sammlung vertreten, die alles in allem

Beide Bilder: Sebastian Kolodziejczy/Courtesy Galerie Kellermann/VG Bild-Kunst, Bonn 2019


1770 Werke von 71 Künstlern umfasst. Da
Lutz Dresen – trotz der soliden Basis der ei-
genen Firma – kein Krösus war, sind nur
etwa die Hälfte Unikate. Bei gut 30 muss eine
Steckdose in der Nähe sein, damit man ihren
Effekt genießen kann. Das reicht von Otto
Pienes »Lichtballett« von 1967 über Friedrich
Beckers »Wellenkinetik« (um 1990) bis zu
Heinz Macks »Meditationsspirale« aus dem
Jahr 1973. Bei anderen Arbeiten, etwa von ­
Jesús Rafael Soto, Victor Bonato, Yvaral oder
Bridget Riley, stellt sich der Animationsef-
fekt erst ein, wenn man sich vor dem Objekt
Lichtzeichen bewegt. Das Angebot summiert sich zu ei-
der Zukunft nem von persönlichen Vorlieben bestimm-
ten Miniaturmuseum der Sechziger- und
Die Sammlung Lutz Dresen Siebzigerjahre, einer Epoche, in der man sich
das Ende der Malerei auf die Fahnen schrieb
wird bei Kellermann verkauft
und im Technoiden die Zukunft der Kunst
sah – was heute oft nostalgisch anmutet.
Ob Père Tanguy mit seinem Farbenladen, Ka- Bei der anderen Hälfte der zum Verkauf
thi Kobus mit dem »Simplicissimus« oder stehenden Werke, teils Grafiken, teils Multi-
Frédéric Gérard im Pariser Le Lapin Agile, ples, bewegen sich viele Preise im vierstelli-
sie alle haben sich ein Stück Unsterblichkeit Günther Uecker ist mit seiner »Lichtscheibe für gen Bereich. Während sich Zero relativ kon-
gesichert, indem sie einst von klammen Lutz Dresen« von 1994 vertreten, Adolf Luther stant auf dem Markt behauptet, verraten bei
Künstlern statt Bares Bilder akzeptierten. mit einem »Spiegelobjekt« von 1973 (ganz o.) den weniger oder kaum bekannten Künst-
Das war vor fast 60 Jahren in Düsseldorf lern in der Sammlung Ergebnislisten der
nicht anders. Da bürgte der Lehrling in ei- alles der Galerie Kellermann zum Verkauf Auktionshäuser mit »Lot not sold« recht oft,
nem Elektrofachgeschäft mit seinem kargen übergeben. Fast alles. Harry Bertoias »Spray«, dass der Verkauf nicht einfach ist. Dieses
Gehalt für einen Künstler, der unbedingt ein bei leisestem Luftzug schwankendes Bün- Schicksal musste die kleine Farbradierung
eine Stichsäge brauchte. Und dafür erhielt er del von rund tausend dünnen Stäben, kehrt »violett-gold« von Gotthard Graubner, 2007
als Gegengabe, was damals als spinnert galt, in Dresens Behausung zurück. Jetzt aber be- in 135 Exemplaren gedruckt, nicht hinneh-
ein Bildwerk, auf dem sich lauter Nägel ein grüßt es den Besucher in Düsseldorf in den men. 2013 wurde ein Blatt für 280 Euro, 2017
Stelldichein gaben. neuen Galerieräumen gegenüber der Kunst- ein anderes für 700 Euro versteigert. Bei Kel-
Günther Uecker hieß der Jungkünstler, sammlung NRW. Sie sind fortan das Haupt- lermann markiert es nun mit 750 Euro den
Lutz Dresen der großzügige Lehrling. Des- haus, wo die anspruchsvollen, kostspieli­ Einstieg in die Sammlung Dresen, die wohl
sen Leidenschaft für die Künste dauert bis geren, den Sekundärmarkt bedienenden bald keine Sammlung, sondern lediglich
heute an. So entstand eine beachtliche Kunstwerke angeboten werden. Die 2013 am eine Provenienz sein wird.  PETER DITTMAR
Sammlung, die sich auf Zero und kinetische Belsenplatz auf der anderen Rheinseite ge-
Kunst konzentrierte. Sie füllte bis vor Kur- gründete Urgalerie hingegen dient weiterhin »Zero und Kinetik – die Sammlung Dresen«,­
zem jede Ecke in der Wohnung. Nun wurde dem bisherigen Programm, das noch wenig Galerie Kellermann, Düsseldorf, bis 26. Oktober

74
K
unst&An
tiq
uitäten
W
alterM
osk
at
Lau
teracherStrasse32·A -6
9 2
2W olfu
rt
M
obil:+436 642 00
5 52 7·Telefon:+4355 747 4
732
E-M ail:walter.m
osk at@gm x
.at

Türmchen
uhr,d atiert1
598,reich
lichziseliertmit4Wäch
teraufderBalestrad
e,
au
fderSp
itzeBeirischerL öwem itWap pen,R ad un
ruh,G
ehwerk,ein
zeig
rigm itW eck
er,
H
erk
unftA
ugsb
urg
,Ku
pferv
erg
old
et,G
rösseH2
8cmx1
3cm
AG E N DA

MESSEN

Bilder: Gottfried Helnwein/VG Bild-Kunst, Bonn 2019; Kunsthandel Kolhammer


Die Fair for Art, Herbstausgabe der Wiener Galerie Kovacek & Zetter mit dem »Einsamen
Internationalen Kunst & Antiquitätenmes- Berghof«. Die Liste der Aussteller ist exquisit,
Der Anfang ist sen, versammelt rund 40 Händler aus Öster- manche nehmen an beiden Messen teil: so die
gemacht reich und Deutschland mit Werken in den Galerie Giese und Schweiger, die ein delikat
Sektionen »Moderne und Zeitgenossen« so- gemaltes Kinder-Doppelporträt des Wiener
Jung und weiblich: neue wie »Fine Art & Antiques«. Zu den High- Biedermeiermalers Johann Michael Neder im
Akzente der Wiener Messen lights der ersten Kategorie zählen Bilder von Angebot hat, Elisabeth & Klaus Thoman mit
Maria Lassnig (Kunsthandel Freller), Hubert Zeitgenossen wie Herbert Brandl und Os-
Scheibl (Galerie Szaal), Markus Lüpertz ­ wald Oberhuber oder die Galerie Ruberl ­
Wer den Originaltext von Ovids »Metamor- (Galerie Lehner) und Arbeiten einer jungen (Arnulf Rainer, Oskar Kokoschka). Insgesamt
phosen« liest, kann keine Zweifel hegen: Die Generation bei Rudolf Leeb. Die alte Kunst sind auf der Art & Antique aber doch mehr
»Vereinigung« von Zeus und der Nymphe tut sich mit einer fein gearbeiteten Marmor- gewichtige Händler vertreten.
Kallisto war eine Vergewaltigung. Schließ- büste der Demeter hervor, datiert auf das ers- Besonderes Augenmerk verdient die –
lich zeigte der Göttervater, wie es in dem te bis zweite Jahrhundert (Christoph Bacher auch auf der Fair for Art Vienna präsente –
Klassiker heißt, »verbrecherisch sein wahres Archäologie Ancient Art). Bei Kössl Kunst & Galerie Kopriva aus Krems. Sie hat Werke der
Ich«, während sich die Bedrängte wehrte und Teppich steht die Skulptur der Anna selbdritt Malerin Christa Hauer dabei, deren abstrak-
gegen ihren Peiniger kämpfte. Später wurde eines unbekannten schwäbischen Meisters te Kompositionen der 1950er-Jahre aus der­
die Szene umgedeutet und in der Malerei zu (um 1500). Fehlen dürfen auf keiner österrei- österreichischen Kunstgeschichte hervor­
einem beliebten Sujet, das den gewalttätigen chischen Kunstmesse Hans Staudacher mit stechen, wo damals Gegenständlichkeit
Hintergrund nahezu ausblendet und nackte seinen informellen Kompositionen sowie ­ dominierte. Überhaupt sieht man, dass auf
Frauenkörper ins Zentrum rückt. Alfons Walde mit den charakteristischen ­ dem Kunstmarkt endlich die Künstlerinnen
Auf der Fair for Art Vienna bietet der Ansichten Tiroler Landschaften. ankommen: Die Galerie Magnet bietet ein
Kunsthandel Werner Zöchling als besondere Auch die Art & Antique, einige Wo- Werk von Kiki Kogelnik, Ursula Hieke ein
Interpretation des Themas nun eine Kollabo- chen später in der Hofburg und mit 45 Teil- Gemälde von Helene Funke. Der Anteil
ration von Jan Brueghel d.  Ä. und Hendrik nehmern etwas größer dimensioniert, setzt weiblicher Schöpfungen ist zwar noch im-
van Balen aus dem ersten Viertel des 17. Jahr- auf Walde. Ein typisches Gemälde bietet die mer erschütternd gering, doch immerhin: Es
hunderts. Das kleine Ölbild auf Kupfer ist­ ist ein Anfang.  NINA SCHEDLMAYER
»einem exquisiten Kunstkammerstück ver- Die Galerie Kaiblinger bietet Gottfried
gleichbar«, heißt es im Gutachten von Birgit Helnweins »The Murmur of the Innocents 63« Fair for Art Vienna, Aula der Wissenschaften,
Schmidt-Messner. Während Brueghel eine (Fair for Art Vienna). Camille Faurés Art-­ Wien, 5. bis 13. Oktober, fairforart-vienna.at
ausladende Waldlandschaft anlegte, war van déco-­Vase »Primrose« (o. re.) zeigt der Kunst­- Art & Antique, Hofburg Vienna,
Balen für die Figuren zuständig. handel Kolhammer auf der Art & Antique 9. bis 17. November, artantique-hofburg.at

76
textezurkunst.de

DIE ORIGINAL-
BAUHAUSKLASSIKER
ALS REPRINTS

Oskar Schlemmer
Der Mensch
ISBN 978-3-7861-2699-7
Hardcover mit SU, € 49,00 (D)

Oskar Schlemmer, László


Moholy-Nagy und Farkas Molnár
Die Bühne im Bauhaus
ISBN 978-3-7861-2816-8
Hardcover, € 59,00 (D)

Paul Klee
Pädagogisches Skizzenbuch
ISBN 978-3-7861-2818-2
Weitere Titel zum Bauhaus
Hardcover mit SU, € 49,00 (D)
finden Sie unter
László Moholy-Nagy www.gebrmannverlag.de
Malerei – Fotografie – Film Telefon 030 / 700 13 88 51
ISBN 978-3-7861-1465-9
Hardcover mit SU, € 49,00 (D) Gebr. Mann Verlag
MESSEN
Stand von Fabienne Leclerc (In Situ) finden,
eine der wichtigsten Akteurinnen für die
Gesten und Räume Spezialität in Paris. Die treue Brüsseler Gale-
rie Meessen De Clercq erfreut mit Benoît
Die Pariser Fiac bekommt ein
Maire und den teils dramatischen, teils epi-
neues Steuergesetz zu spüren schen Skulpturen der Schottin Lucy Skaer.
Dass die Fiac den Mittelbau zugunsten sehr
Der Zeitpunkt war präzise gewählt: Ende junger wie sehr etablierter Galerien aufgibt,
August, kurz vor der »Rentrée«, der Rück- wie es jüngst hieß, bestätigt sich beim Blick
kehr der Pariser aus dem Sommerurlaub, ver- auf die 197 Aussteller nicht. Alle wichtigen
kündete Staatssekretär Gabriel Attal, dass Pariser Galerien kommen wieder, lediglich
Kunstsammlern künftig bloß noch ein Steu- das Urgestein Gabrielle Maubrie, 2018 erst-
ernachlass von 40 Prozent gewährt wird statt mals aufgetreten, bleibt fern. Kollegin Anne
wie bisher 60 Prozent. 80 Millionen Euro soll de Villepoix stellt diesmal nur in den Tuile-
das zusätzlich dem Staatshaushalt bringen. rien aus. Doch jenseits der üblichen Rotation
Ein Tropfen, die Geste zielt auf unzufriedene der Galerien blickt die Fiac weiter über Gren-
Wähler. Und nimmt in Kauf, dass alle, die zen: vier Prozent weniger französische Gale-
schon das Portemonnaie für die 46. Ausgabe rien, statt 27 nun 29 Länder.
der Kunstmesse Fiac gezückt haben, es sich Am Stand von Tornabuoni Art: »Concetto Global Player Pace präsentiert im
noch einmal überlegen. spaziale – Attese« von Lucio Fontana (1966) Grand Palais eine Solo-Show von Kiki Smith,
Dabei gibt es am Stand der erstmals aus deren feministisch-streitbares Werk parallel

Bilder: Tornabuoni Art/VG Bild-Kunst, Bonn 2019; Francesca Galloway


Wien anreisenden Galerie Meyer Kainer ei- pusta gegenüber, die ihrerseits Räume mit in der Monnaie de Paris ausgestellt wird –
nen klug gesetzten Dialog zweier Künstler zu Objekten zu inszenieren versteht, die an ges­ erstmals in diesem Umfang in einer franzö-
sehen und zu erwerben. Ulrike Müller, deren tische Überbleibsel erinnern. Eine gelungene sischen Institution. Wer noch einmal in aller
handgewobene Wollteppiche oder Collagen Kombination präsentieren auch Parra & Ro- Ruhe das Flair der Belle Époque genießen
moderne Abstraktionen fortführen, trifft mero aus Madrid und Ibiza mit den Werken will, sollte diese und die nächste Ausgabe der
hier auf Florian Pumhösl, bekannt für seine der Sizilianerin Rosa Barba und des Lausan- Fiac nicht verpassen: 2021 zieht die Messe ­
minimalistischen Wandskulpturen. Der an- ners Philippe Decrauzat. wegen Renovierung des Grand Palais bis
dere Newcomer aus Wien, Gianni Manhat- Magnin-A aus Paris gibt wenig experi- 2024 in ein Zelt.  J. EMIL SENNEWALD
tan, stellt mit Mosaik beklebte Styropor- mentierfreudig mit Romuald Hazoumè und
skulpturen der 34-jährigen Budapesterin Chéri Samba seinen Einstand. Spannenderes Foire internationale d’art contemporain (Fiac),
Zsófia Keresztes der Wienerin Barbara Ka- und Aktuelleres aus Afrika dürfte man am Grand Palais, Paris, 17. bis 20. Oktober, fiac.com

kriegskunst. Gerade dieses »Spotlight« ge- Schauen mit kunsthistorisch Abgesichertem,


nannte Segment ist es, mit dem sich die dass die Frieze Masters bei manchen Samm-
Alt schlägt Neu Frieze Masters von der Konkurrenz absetzt. lern ausschlaggebend ist für ihre Entschei-
Die Idee, künstlerische Positionen der ver- dung, an die Themse zu fahren.
Die Frieze in London macht
gangenen Jahrzehnte in Einzelpräsentatio- Im internationalen Zusammenhang
sich selbst Konkurrenz nen erfahrbar zu machen, ist nicht neu: Die taucht deutsche Kunst eher selten auf. Aus-
Art Cologne und die Artissima in Turin ha- nahmen: Die Galerie Aurel Scheibler zeigt
Drohender Brexit, die schwierige Situation ben hier Pionierarbeit geleistet. Doch die späte Arbeiten von Ernst Wilhelm Nay, Vol-
vieler mittelständischer Galerien und die da- wirklich hochkarätigen Arbeiten landen ker Diehl das anarchische Werk KP Breh-
raus resultierende Messemüdigkeit – das alles mittlerweile in London. So beliebt sind die mers. Bei Hauser & Wirth konzentriert man
scheint die Frieze in London nicht anzufech- sich auf italienische Nachkriegskunst, mit
ten. Im Gegenteil: Die Eigentümer haben ge- Namen wie Alberto Burri, Lucio Fontana,
rade Eva Langret zur neuen künstlerischen Jannis Kounellis oder Cy Twombly. Auf der
Direktorin der Frieze London erklärt, die Frieze London breitet die Blue-Chip-Galerie
künftig den zeitgenössischen Teil der Messe eher Zeitgenössisches aus. Nicht älter als
im Regent’s Park leitet. Victoria Siddall 16 Jahre sind die 33 »Focus«-Galerien, darun-
bleibt verantwortlich für den gesamten Mes- ter Chert Lüdde, Drei, Deborah Schamoni
seauftritt und künstlerische Leiterin der Frie- und Tanja Wagner. Frischen Wind verspricht
ze Masters mit ihrer klassischen Ausrichtung. auch »Woven«, ein kuratierter Blick auf das
Wobei »klassisch« fast zu niedrig gegrif- Werk von acht Künstlerinnen und Künstlern,
fen ist für den einzigartigen Mix aus Kunst die mit Textilem arbeiten.  STEFAN KOBEL
der Antike und außereuropäischen Kulturen
im Cross-over mit alten Meistern und Klas- Francesca Galloway bietet ein Blatt mit Frieze & Frieze Masters, Regent’s Park, London,
sikern oder Wiederentdeckungen der Nach- indischer Heilsgeschichte an (um 1770) 3. bis 6. Oktober, frieze.com

78
D ieKun stmesse,welchedie
sch önenK ünsteauferweckt

13.-17.November2019
©Photo:T
an

D
erE
hre
n g
ast:
guydeMontesson

w
ww.fi
nearts
-pa
ris
.com
MEISTERWERKE
KENNEN KEIN ALTER
ADVERTORIAL

Von Pieter Brueghel dem Jüngeren bis Günter Fruhtrunk:


Die 10. HIGHLIGHTS Internationale Kunstmesse München versammelt
vom 16. bis 20. Oktober 2019 Kunstschätze aus sieben Jahrhunderten
Von Sabine Spindler

W
Wenn sich eine Kunst- und Antiquitätenmes- von Louis Anquetin aus dem Jahr 1893. Es ge- »Die Werke der Klassischen Moderne
se HIGHLIGHTS nennt, dann ist das Pro- hört zum Angebot von Kunkel Fine Art, des- haben die Rolle der Alten Meister übernom-
gramm. Aber vor allem auch Versprechen. sen Schwerpunkt auf der Kunst zwischen Sa- men – hinsichtlich ihres Status als auch ihrer
Vom 16. bis 20. Oktober feiert »die schönste lon und Sezession liegt, und verkörpert wie Preise«, erklärt Thole Rotermund die starke
Messe Deutschlands«, wie sie von der Presse kaum ein anderes Exponat den frühen Auf- Präsenz der Kunst des frühen 20. Jahrhun-
genannt wird, ihr zehnjähriges Bestehen. Sie bruch in die Moderne. Der Postimpressionis- derts. Der Spezialist für Papierarbeiten des
hält bis heute, was ihr Name verspricht: Ein mus hinterließ auch bei den Berliner Sezes- Expressionismus zeigt unter anderem Werke
ausgewählter Kreis von Händlern mit inter- sionisten seine Spuren. Bestes Beispiele dafür von Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff.
nationalem Radius, die Konzentration auf sind Max Liebermanns Gemälde »Die große Auf diesem Gebiet ist auch der erst 34-jährige
wenige Top-Stücke und ein offenes, elegant- Seestraße in Wannsee« von ca. 1920, angebo- Kölner Galerist Johannes Eggebrecht tätig.
modernes Ausstellungsdesign. Als »eine fei- ten von der Salzburger Galerie Salis, sowie Er gibt sein HIGHLIGHTS-Debüt. Galerie
ne, überschaubare Boutique-Messe mit ho- Lesser Urys »Berliner Straße im Regen mit Ludorff hingegen zelebriert das Unverwech-
hem Anspruch«, beschreibt sie Alois zwei Autos« aus derselben Zeit. Der Galerist selbare des avantgardistischen Bildhauers
Wienerroither von der in Wien und New Klaus Schwarzer schwärmt: »Das Gemälde Jean Arp. Sein Markenzeichen ist die abstrak-
York ansässigen Galerie W&K Wienerroither hat alles, was ein Ury-Gemälde haben muss te bio­morphe Form, wie die Bronze »Knien-
und Kohlbacher. Spezialisiert auf Kunst des – die regennasse Straße mit ihren schon fast de« von 1961 zeigt. Als brillantester Vertreter
20. Jahrhunderts, wird ihr Top-Exponat zur abstrakten Lichtreflexen, die Fahrzeuge und der alpinen Moderne steht der Kitzbüheler
Jubiläumsmesse ein großes Tusche-Blatt von Passanten.« Maler Alfons Walde bei Sammlern hoch im
Pablo Picasso sein, auf dem das Künstlerge- Kurs. Seine pastos gemalten »Häuser im Ge-
nie 1964 ein »Tableau de Famille« festgehal- birge« mit schroffen Felsen und harten Schat-
ten hat. Picasso, Max Ernst, Alexej von ten auf blendend weißen Schneefeldern
Jawlensky, Lyonel Feininger – die Lis- offeriert der Linzer Kunsthandel Frel-
te großer Namen, die die HIGH- ler. Das Spektrum der Moderne ist
LIGHTS präsentieren, ist lang. weit gefächert. Werke von Emil
Schon seit Jahren wird Nolde, Oskar Kokoschka, Josef
mehr als die Hälfte des welt- Scharl und Marc Chagall sind
weiten Kunstmarktumsatzes etwa bei Galerie Kovac-Spie-
mit Werken der Moderne und gelgasse, Galerie Française,
der Gegenwart realisiert. Galerie Hagemeier sowie bei
Auch bei den HIGHLIGHTS der Galerie bei der Albertina ·
trumpft die Moderne auf. Ein Zetter vertreten, deren große
Hauch von Manet und Degas Leidenschaft ebenso dem
liegt über dem anspielungsreichen Kunsthandwerk und den Möbeln
Gemälde »Le déjeuner à Bourgueil« der Wiener Werkstätte gehört.
ADVERTORIAL
Bild vorige Doppelseite: markniedermann.com/Munich Highlights 2016; diese Seite: Galerie Schwarzer; links: Kunst und Antiquitäten Almut Wager

Postimpressionistische Lichtreflexe: »Berliner Straße im Regen mit zwei Autos«


(1920) von Lesser Ury, offeriert von der Galerie Schwarzer aus Düsseldorf.
Linke Seite: Die Schmuckhändlerin Almut Wager zeigt eine seltene Chrysopras-
Granat-Parure aus dem England des frühen 18. Jahrhunderts

83
ADVERTORIAL

Das Vasenpaar von 1728 mit Chinoiserie-Szenen von Johann Gregorius Höroldt und
Johann Ehrenfried Stadler präsentiert der Münchner Porzellanspezialist Röbbig

Wahre Meisterwerke kennen allerdings ren und weiteren Renaissance- und aus Pocking mit seinen Möbelschätzen. In
kein Alter. Die HIGHLIGHTS verstand sich Barockgemälden bereichert sie die Messe um diesem Herbst ist ein Zylinderbureau des be-
von Anfang an als Bühne für die Alte Kunst, ein hochrangiges Angebot. Ralph Gierhards deutendsten Ebenisten Deutschlands sein
und sie will es bleiben. Die tiefe Menschlich- Antiques bringt mit Johann Jakob Freys persönliches Highlight. David Roentgen, der
keit im Antlitz einer Madonna oder der ex- Landschaft »Hirten an der Furt in der italie- bis an den Hof nach Petersburg lieferte, stell-
pressive Faltenwurf einer Heiligenfigur, die nischen Campagna« von 1856 die Malerei des te das frühklassizistische Schmuckstück mit
Auseinandersetzung mit den großen Mythen 19. Jahrhunderts ins Spiel. Wen Alte Meister den dezenten, architektonischen Dekoren
und die brillante künstlerische Umsetzung begeistern, der hat meist auch einen Blick für um 1785 auf dem Höhepunkt seiner Karriere
sind bis heute Gründe für die Faszination die Subtilität der Zeichnungen vergangener her. Zu den bedeutendsten Goldschmiede-
früher Kunst. Senger Bamberg agiert seit Jahrhunderte. Der Kunsthandel Moeller & und Silberkunstzentren des Barock zählten
über 40 Jahren mit bedeutsamen gotischen Cie widmet sich dieses Mal der Rötelzeich- Augsburg und Nürnberg. Christian Eduard
Skulpturen und frühen Tafelbildern auf in- nung des 18. Jahrhunderts. Dabei stehen be- Franke Kunsthandel hält eine Auswahl von
ternationalem Parkett. In München bezau- rühmte Namen wie Pater, Leprince, Suvée Silberarbeiten hervorragender Meister bereit.
bert das Familienunternehmen mit einem und Trinquesse eher seltenen Blättern von Im Zentrum seiner Messeshow jedoch steht
Triptychon »Maria mit Kind« von ca. 1475 aus Reclam, Preissler, Drölling und Ango gegen- ein imposanter venezianischer Prunksessel
dem Umkreis des Tirolers Michael Pacher, über. Alle vereint die warm leuchtende Aus- von 1730, der das Wilde und Überbordende
dessen musizierende Engel im Hintergrund strahlung, die nur durch rote Kreide erzeugt des Rokoko zum Ausdruck bringt. Ein State-
in himmlische Sphären entführen. Einen werden kann. ment Piece, wie mehr als 300 Jahre später auch
Altmeisterhändler von Weltrang begrüßt die Peter Mühlbauer, Deutschlands führen- der architektonisch strenge Schreibtisch von
Messe mit der Galerie De Jonckheere aus der Händler für feines Mobiliar und Kunst- Pierre Jeanneret, in den 1950er-Jahren ent-
Genf. Mit der deftigen, detailgenauen Tafel handwerk des 16. bis 19. Jahrhunderts, meint worfen für den Universitätscampus im indi-
»Die Zahlung des Zehnten oder Der Dorfad- zu Recht: »Von Trends kann man vielleicht schen Chandigarh. Mit diesem Design-Klas-
vokat« des schon im 17. Jahrhundert als Ma- in der Mode sprechen, aber nicht in der siker gibt die junge Felicitas Vogdt von der
lerstar gefeierten Pieter Brueghel des Jünge- Kunst.« Jahr für Jahr begeistert der Händler Galerie Stefan Vogdt ihre Visitenkarte ab.

84
ADVERTORIAL
Bild links: Röbbig Porzellan München; Bilder rechts: Thomas Salis Art & Design/VG Bild-Kunst, Bonn 2019; Eric Tschernow, Kunkel Fine Art

»Salome« nannte Gabriel von Max anspielungsreich sein Affenporträt, das um 1906
entstand, zu finden bei Kunkel Fine Art. Oben: Fernand Légers
Studie auf Papier zu »Les Loisirs: Hommage à Louis David« (1948/49) bei Thomas Salis

85
ADVERTORIAL

10

Bilder: Konrad O. Bernheimer; markniedermann.com; Donald Waller Photography, New York City, Blumka Gallery; Ernst Wilhelm Nay, Elisabeth Nay-Scheibler, Köln/VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Courtesy Galerie Ludolf, Düsseldorf;
JAHRE

2010 2013
Ein Kreis von führenden Münchner Kunsthändlern, Die HIGHLIGHTS zieht in den Kaiserhof der
darunter Konrad O. Bernheimer, Georg Laue und Residenz. Der holländische Architekt Tom
Raimund Thomas, hat die Idee gemeinsam aufzutreten. Postma schafft dafür ein elegantes, modernes
Was als Parcours durch die Galerien rund um den Ode­ Messe-Design mit einer zentralen Bar,
onsplatz beginnt, mündet 2010 in einer neuen das die Besucher auf Anhieb verzaubert.
Kunstmesse. Im Herbst feiert sie unter dem Namen
HIGHLIGHTS ihre
Premiere im Haus
der Kunst. Der Publi-
kumszuspruch ist
groß, internationale
Händler setzen

Bild rechts: Galerie De Jonckheere


Glanzpunkte. Ein
Höhepunkt ist Lucas
Cranachs »Madonna
mit Kind« (1534)
am Stand von
Konrad O. Bernheimer. 2015
Eine Partnerschaft mit der Messe
in Florenz bringt ein Dutzend
italienischer Kunsthändler und
die Grandezza des Südens nach
München. Die HIGHLIGHTS-
Galadinner sind ein gesellschaftli-
ches Ereignis geworden. Erlöse

2016
der Benefiz-Auktionen fließen
in Restaurierungsprojekte der
Residenz-Museen.
Generationswechsel: Junge Galeristen und die
Juniorchefs alteingesessener Kunsthandlun-
gen bringen frischen Wind auf die Messe.
Das Motto der neuen Messeleiterin Juana
Schwan lautet: »Ich will ein Publikum anziehen,
das so alt ist wie ich – 30«. Der 36jährige
Kunsthändler Dr. Alexander Kunkel löst Konrad
O. Bernheimer als Co-Geschäftsführer ab.

2018
Die HIGHLIGHTS sind ein Höhepunkt im Münchner
Kunst-Herbst, die Messe inspiriert andere Kultur­
events. Christian Eduard Franke-Landwers ist seit
einem Jahr Co-Geschäftsführer. Vom neuen Stellen-
wert der Kunst nach 1945 kündet »Dominant Gelb«,
eines der schönsten und teuersten Gemälde
von Ernst Wilhelm Nay, am Stand der Galerie Ludorff.

86
ADVERTORIAL

»Die Zahlung des Zehnten oder Der Dorfadvokat« von Pieter Brueghel dem
Jüngeren ist am Stand der Genfer Galerie De Jonckheere zu bewundern

Großartige künstlerische Leistungen lage ist eindeutig: die Schale war einst im Be- Düsseldorfer Galerie Beck & Eggeling, die
der Vergangenheit haben immer Konjunktur. sitz Augusts des Starken und Teil der zuvor ausschließlich mit Expressionisten ver-
Davon ist der weltweit vernetzte Münchner Sammlung im Japanischen Palais in Dresden. treten war, sieht darin »einen wichtigen
Porzellan- und Rokokospezialist Röbbig Von den ursprünglich 24 Exemplaren lassen Schritt für diese spannende Messe«. In die-
überzeugt. Frühe Meissner Porzellane wie je- sich heute noch 12 in bedeutenden Sammlun- sem Jahr hat die Galerie das Messekonzept
nes purpurfarbene Vasenpaar von 1728 mit gen nachweisen. auf die eigene Show übertragen. Unter dem
Chinoiserie-Szenen von Johann Gregorius Einen historischen Bogen spannen die Titel »Pairs« sucht sie nach Bezügen zwischen
Höroldt und Johann Ehrenfried Stadler, das Schmuckhändler. Almut Wager zeigt mit ei- einer antiken Amphore und den Zeichnun-
Röbbig auf der HIGHLIGHTS zeigen wird, ner in Apfelgrün leuchtenden Chrysopras- gen Picassos, zwischen der ZERO-Kunst ei-
vereinen Luxus, handwerkliche Perfektion Granat Parure ein auf dem Markt rar gewor- nes Heinz Mack und der Stille einer chinesi-
und künstlerische Fantasie und haben ihre denes Stück aus dem frühen 18. Jahrhundert. schen Tangfigur.
Liebhaber längst nicht mehr nur in Europa. Die Galerie Carl Weishaupt, 1692 gegründet Eine der wichtigsten Galerien, die sich
Das hat auch Friedel Kirsch, Inhaberin des und einst bayerischer Hoflieferant, erzählt um die deutsche Nachkriegskunst verdient
seit 100 Jahren existierenden Kunsthandels mit der brillantbesetzten Tiara, die die Juwe- gemacht haben, ist Galerie Schlichtenmaier
Langeloh Porcelain in Weinheim erfahren. lenschmiede Chaumet 1925 für die Countess aus Stuttgart, die ihr fünfzigjähriges Jubilä-
Vor zwei Jahren hat sie kurz nach der Eröff- de Pimodan fertigte, von der Eleganz des Art um feiert. Ihr Interesse gilt bis heute dem
nung das einzige noch existierende Paar déco. Und VKD Jewels aus den Niederlanden Werk Willi Baumeisters, der mit seinen phi-
Meissner Mandelkrähen, 1730 von führt mit einem perlenbesetzten Collier plus losophischen Abstraktionen die Kunst der
Johann Joachim Kaendler modelliert, für ei- passenden Ohrringen aus den 1970er-Jahren frühen Bundesrepublik prägte. Schon 1940
nen hohen sechsstelligen Euro-Betrag an ei- die raffinierte Modernität von Ferdinando hat er das wegweisende und zauberhafte Bild
nen jungen amerikanischen Sammler ver- Sandi aus Padua vor. »Sterbender Schwan« auf Karton gemalt, des-
kauft. Ihr Glanzstück in diesem Jahr ist eine Die Kunst nach 1945 ist erst seit dem sen eigenwillige Chiffren die Suche Baumeis-
zwölfeckige Meissner Schale mit sogenann- Wechsel in die Residenz auf der HIGH- ters nach modernen Mythen markieren. Ga-
tem Shiba-Onko-Dekor von 1730. Die Archiv- LIGHTS vertreten. Michael Beck von der lerie Maulberger, mit Schwerpunkt auf das

87
ADVERTORIAL

deutsche Informel, zeigt die leuchtend rote


Feuergouache »Diagonal aufwärts« des ZE-
RO-Magiers Otto Piene. Galerie Jahn Pfeffer-
le ist mit der großen Leinwand »Reflexionen
über das geheime Leben der Sterne A« von
Bernd Zimmer vertreten, der zu den expo-
niertesten Vertretern zwischen Abstraktion
und Gegenständlichkeit gezählt wird. Gale-
rie Koch, Galerie Luzán, Sina Stockebrand
Kunsthandel sowie Galerie Sundheimer, Ko-
vacek + Zetter und Martina Tauber Fine Art
sind mit Werken von Tony Cragg, Hermann
Glöckner, Gotthard Graubner, Kuno Gon-
schior und Karl Otto Götz vertreten.
Auf dem Kunstmarkt erlebt gerade
Günter Fruhtrunk eine Wiederentdeckung.
Einer der besten Kenner des konstruktiv-
konkreten Künstlers ist der Galerist Walter
Storms. Mit Fruhtrunks Gemälde »Blau ge-
gen Theorie« (1958) bringt er ein frühes Bei-
spiel der sogenannten Hard-edge-Malerei aus
Deutschland auf die Messe. Ebenso wächst
derzeit das Interesse für das bizarr-fantasti-
sche Werk des Bildhauers Günter Haese. Die
Galerie Behning & Niehues zeigt die kine-

Bild: Erich Heckel/Thole Rotermund Kunsthandel


tisch inspirierte Kupferdraht-Skulptur »Me-
lia« von 1986. Als Galerie für Pop Art und Ur-
ban Art von Warhol bis Banksy hat sich die
Galerie Kronsbein einen Namen gemacht.
Unter dem Label New Pop Art setzt die Ga-
lerie einen Fokus auf die adaptierten Comic-
Szenen des Italieners Giuseppe Veneziano.
Von Beginn an bildete die Fotografie ei-
nen Schwerpunkt der HIGHLIGHTS. Mit
besten Verbindungen zu Archiven und
Künstlern schafft es die Galerie Stephen
Hoffman immer wieder, Ikonen der Fotoge-
schichte zu akquirieren wie den Schnapp-
schuss des »Ice skating waiter«, den der Re-
porter Alfred Eisenstaedt 1932 in St. Moritz
machte. Ira Stehmann Fine Art, die in
Deutschland exklusiv das Werk des 2000 ver-
storbenen französischen Modefotografen
Jeanloup Sieff vertritt, präsentiert mit Arbei-
ten des in München lebenden Christopher
Thomas einen Vertreter der klassischen Foto-
grafie sowie mit dem portugiesischen Duo
Albarrán Cabrera eine neue Generation von
Fotografen, die Experiment und Ästhetik
miteinander verbinden.
Die Jubiläums-Messe verspricht einen
aufregenden Parcours durch 700 Jahre Kunst-
geschichte, aber auch einen kleinen Rück-
Thole Rotermund ist mit der Kreidezeichnung »Roter Reiter« (1923) blick auf die eigene Historie. In der Sonder-
von Erich Heckel in München vertreten schau »Orangerie« versammeln sich elf
ehemalige Mitstreiter der HIGHLIGHTS.
Konrad O. Bernheimer offeriert dort
Cristoforo Munaris barockes »Stillleben mit
Violoncello und chinesischem Porzellan«,
und Sascha Mehringer stellt wunderbare
Lack-Wandtafeln des Art-déco-Künstlers
Jean Dunand aus.  ×

88
ADVERTORIAL

AUSSTELLER DER HIGHLIGHTS 2019


Beck & Eggeling Galerie Koch Galerie Jahn Pfefferle Martina Tauber Fine Art Böhler & Blumka
International Fine Art
Kovacek Spiegelgasse Röbbig München VKD Jewels Heribert Tenschert –
Behning & Niehues Gemälde Glas Antiquariat Bibermühle
Thole Rotermund Kunsthandel Galerie Stefan Vogdt
Johannes Eggerbauer Kovacek & Zetter Martin Grässle Kunsthandel
fine art & contemporary Thomas Salis Kunst und Antiquitäten
Galerie Française Almut Wager Georg Hornemann
Galerie Kronsbein Galerie Schlichtenmaier
Christian Eduard Franke Carl Weishaupt Europäische Skulpturen
Kunsthandel Kunkel Fine Art Galerie Schwarzer Dr. Rainer Jungbauer
W&K Wienerroither
Kunsthandel Freller Langeloh Porcelain Senger Bamberg Kunsthandel & Kohlbacher Kunstkammer Georg Laue

Ralph Gierhards Antiques / Galerie Ludorff Ira Stehmann Fine Art Galerie bei der Albertina Helga Matzke Kunsthandel
Fine Art • Zetter
Galerie Luzán Walter Storms Galerie Kunsthandel Sascha
Kunsthandel Hagemeier Mehringer
Galerie Maulberger Sina Stockebrand
ORANGERIE
Galerie Stephen Hoffman – Kunsthandel Kunsthandlung Helmut
Fine Art Photography Dr. Moeller & Cie. Kunsthandel Paolo Antonacci H. Rumbler
Florian Sundheimer
Galerie De Jonckheere Kunsthandel Peter Mühlbauer Kunsthandel Konrad Bernheimer Galerie von Vertes

BESUCHERINFORMATIONEN
HIGHLIGHTS Internationale Kunstmesse München
Residenz München, Eingang Hofgarten – Residenzstr. 1 – 80333 München

ÖFFNUNGSZEITEN PROGRAMM FÜHRUNGEN


16. – 20. Oktober 2019: 11:00 – 19:00 Uhr MITTWOCH, 16. Oktober 2019, 15:30 Uhr ÖFFENTLICHE FÜHRUNGEN
Langer Abend, 17. Oktober 2019: Europäische Kosmopoliten in der Renaissance Samstag, 19. Oktober 2019, 12:00 – 13:00 Uhr
11:00 – 22:00 Uhr Dr. Ina Müller Sonntag, 20. Oktober 2019, 12:00 – 13:00 Uhr

EINTRITTSPREISE DONNERSTAG, 17. Oktober 2019, 16:30 Uhr TREFFPUNKT


Erwachsene 25 Euro inkl. Messemagazin Pretiosen aus aller Welt Foyer HIGHLIGHTS Internationale
Senioren 20 Euro inkl. Messemagazin Herkunftsländer der Künstler und Edelsteine Kunstmesse München
Studenten 10 Euro inkl. Messemagazin in der Schatzkammer
Kinder und Jugendliche frei Ursula Simon-Schuster M.A. PRIVATE FÜHRUNGEN
Eine private Führung über die HIGHLIGHTS
FREITAG, 18. Oktober 2019, 16:30 Uhr mit unseren qualifizierten Führungskräften
MESSEBÜRO Die Möbel des Pariser Ebenisten Charles Cressent bietet Ihnen und Ihren Gästen die Möglichkeit
HIGHLIGHTS – Internationale Kunstmesse Kunsttechnologie und Restaurierung eines exklusiven Messebesuchs.
München – GmbH Hella Huber Wir gestalten für Sie ein individuelles Angebot,
Amalienstr. 15, 80333 München ganz nach Ihren Wünschen
Tel.: +49 89 23 24 13 5-0 SAMSTAG, 19. Oktober 2019, 14:30 Uhr inklusive Catering.
Fax.: +49 89 23 24 13 5-10 Kleine Highlights
info@munichhighlights.com Die Miniaturensammlung der Residenz Für Fragen und Reservierungen stehen wir
Dr. Mirjam Brandt Ihnen gerne zur Verfügung.
E-Mail: info@munichhighlights.com
MESSELEITUNG
SONNTAG, 20. Oktober 2019, 16:30 Uhr
Juana Schwan
Königliche Hoheiten bitten zu Tisch! RESIDENZ SONDERFÜHRUNGEN
schwan@munichhighlights.com
Tafelkultur am Wittelsbacher Hof Anmeldung erforderlich:
Dr. Corinna Rönnau info@munichhighlights.com
GESCHÄFTSFÜHRUNG
Treffpunkt: Eingangshalle Residenzmuseum, mit
Christian Eduard Franke-Landwers,
anschließender Kastellanbegleitung zur Messe
Dr. Alexander Kunkel, Juana Schwan
Teilnehmer der Residenzführungen erhalten
freien Eintritt zur HIGHLIGHTS.
KAUFMÄNNISCHE LEITUNG
Daniela Dölling
doelling@munichhighlights.com

89
W E LT K U N S T

STILKUNDE Nº 1 39

Scherzgläser

VON
G L OR I A E H R E T

N
icht nur der Alkoholkonsum seiner Predigtsammlung: »Etliche geben Menschenköpfen mit afrikanischen Zügen,
war bei unseren Altvorderen auch den glesern schendliche Gestalt, darü- einer H
­ akennase oder Warzen. Dank der da-
immens, auch eigenartige ber auch der fromme und erbare Heide Pli- mals ­erfundenen Glasmacherpfeife war die
Sitten, die allenthalben ge- nius schon zu seiner Zeit sehnlich geklagt.« zähflüssige Glasmasse nach Belieben dünn-
pflegt wurden, nötigen dem heutigen Trin- Im sinnenfreudigen Barock soll der russische wandig formbar. Zu den technisch an-
ker Respekt ab. In zweierlei Hinsicht, denn Zar Peter der Große daraus getrunken haben. spruchsvollsten Scherzgläsern gehören die
die Vielfalt an Scherzgläsern ist berauschend. Werfen wir in unseren Breiten einen Rüsselbecher. In Fortführung spätrömischer
So heißt es in einem Traktat von 1589: »Uns Blick zurück: An Rhein und Mosel wurde Tradition waren sie bei Glasmachern der Me-
Teutschen kann man die Trinkgeschirr nicht schon zu Zeiten der Römer Wein angebaut. rowinger um 500 besonders beliebt. In ihrem
allein nicht groß genug, sondern auch nicht Und in Trier, Worms oder Köln sind für das unteren Wandungsbereich haben sie meist
schön und seltsam genug machen. Man erste nachchristliche Jahrhundert eigene zwei Reihen langer, hohler Nuppen, die wie
trinkt aus Affen und Pfaffen, Mönchen …« Glasproduktionen nachgewiesen. Dort ent- Egel am Gefäß sitzen. Hinreißende Beispiele
Die wohl derbsten Ausformungen wa- standen Becher, Flaschen und Kannen in sind etwa im Museum Kolumba in Köln zu
ren seit der Antike die Phallusgläser. Über sie Form von Hörnern, Trauben, Muscheln, Fi- bewundern. Das Tückische ist: Man kann
wetterte Pfarrer Johannes Mathesius 1562 in schen, Affen- oder besonders markanten die Rüsselbecher nicht einfach leeren. Denn

90
Bilder links: Ruef, Landshut; rechts: Klaus Göken/Museum für Vor- und Frühgeschichte, SMB/bpk; Digital image courtesy of the Getty‘s Open Content Program; Unbekannter Künstler, Scherzglas, Museumslandschaft Hessen Kassel, Sammlung Angewandte Kunst

Der Rüsselbecher im Berliner Museum für


Vor- und Frühgeschichte stammt aus dem
7. Jh. n. Chr., der feine Herr mit Degen im
Getty-Museum (li.) und das Schweinchen
im Hessischen Landesmuseum Kassel (u.)
aus dem 17. Jh. Linke Seite: Das bayerische
Schnapspferd erzielte bei Ruef 550 Euro

beim Trinken läuft Flüssigkeit in die hohlen des 19. Jahrhunderts beliebten Exemplaren den Zinken lief und die Gabeln – als typische
Rüssel, und beim Absetzen kehrt sie wieder gehören die sogenannten Schnapshunde. Sturzbecher ohne Fuß zum Abstellen – in ei-
zurück. Gut gefüllt, wurden ungeübte Trin- Neben weiterem Getier wie Vögeln und Fi- nem Zug zu leeren waren. Hinzu kommt,
ker zur Belustigung der Anwesenden nass. schen waren Schiffe, Windmühlen, Stiefel, dass viele Willkommgefäße mindestens ei-
Wie verbreitet Rüssel- und ähnliche Becher Pistolen, Jagdhörner und Trompeten im nen Liter fassen und ohne absetzen ausge-
in jenen gar nicht so dunklen Zeiten vom trinkfreudigen Einsatz. Zu den Musikinstru- trunken werden mussten. Einerlei ob der
6. bis ins 8. Jahrhundert waren, b ­ elegen menten gehören auch der Dudelsack oder Willkommenstrunk auf fürstlichen Schlös-
Grabfunde von Dalmatien über das Rhein- geigenförmige Scherzgläser. Sie stammen sern, bei Zünften oder in geselligen Studen-
land und Belgien bis nach England oder meist aus Glashütten mit einfachem hand- tenrunden gepflegt wurde – austrinken war
Skandinavien. werklichen Niveau, haben selten stilistische Pflicht! Damit nicht genug: Das Trinkbuch
Mit der nächsten Welle fantasievoller Ausprägungen und sind deshalb schwer zu von 1567 in Schloss Ambras vermerkt, dass
Scherzgefäße als Beleg der Trinkfreudigkeit lokalisieren und datieren. In fast allen Mu- das Scheitern des Zunftbruders mit Nach-
nördlich der Alpen kam im Spätmittelalter seen mit angewandter Kunst haben sie über- schenken bestraft wurde. Man verschluckt
der Kuttrolf oder Angster in Mode. Auch er dauert: ob in Basel, Coburg, Eisenach, Frank- sich beinahe beim Lesen von Antje Scher-
hatte schon ähnliche Vorläufer in der Antike. furt, Kassel, Köln, Hannover, Lüneburg oder ners heroischem Selbstversuch, den sie im
So leiten sich die Namen vom lateinischen München. Sie können aus einfachem ent- Beitrag »Scherzgefäße. Zur Wechselwirkung
gutta (Tropfen) beziehungsweise angustus färbten Waldglas oder farbig sein, wobei von Gestaltung, Handhabung und Trink­
(eng) ab. Unser Pfarrer Mathesius beschreibt blaues Glas recht beliebt war. Oft sind sie zu- regeln in der frühen Neuzeit« in Thomas
sie anschaulich als »ein geschirr, das unten sätzlich mit Glas­faden-Auflagen, gekniffe- Pöppers 2015 erschienenem Buch »Dinge im
weit und oben eng ist … die da kuttern, klu- nen Füßen und/oder Schnauzen dekoriert. Kontext« in Wort und Bild schildert: Man be-
ckern oder wie ein Storch schnattern, wenn Eine bedeutende Rolle kam Scherzglä- achte die unbequeme Trinkhaltung mit weit
man drauß trincket«. So ergeht es einem sern innerhalb der Zünfte zu. Diese bedien- in den Nacken gelegtem Kopf, die es kaum
auch beim »Goglo«, der aus einer Reihe über- ten sich für ihre feuchtfröhlichen rituellen ermöglicht, in einem Atemzug zu trinken.
einander angeordneter, nach oben kleiner Trinkbräuche auch entsprechender Gefäße. Dann doch lieber genussvoll schlückchen-
werdender Hohlkugeln besteht. Bei den Schuhmachern waren gläserne Stie- weise aus einem eleganten Glas.  ×
Seit dem 16. Jahrhundert haben sich Un- fel verbreitet. Die Basler Gärtnerzunft trank
mengen an Scherzgläsern erhalten. Sie kön- vom 17. bis 19. Jahrhundert bevorzugt aus Gloria Ehret ist Herausgeberin der Weltkunst,
nen freihändig von Hand oder in der Form dreizackigen Glasgabeln. Das war doppelt für die sie seit 1986 ar­beitet. Ihre erste Stilkunde
geblasen sein. Zu den häufigsten, bis Mitte schwierig, weil der Wein ungleichmäßig aus erschien im April 2008

91
AG E N DA

AUKTIONEN

Bild links: Courtesy of Philips/VG Bild-Kunst, Bonn 2019; Bilder rechts: Sotheby’s/VG Bild-Kunst, Bonn, 2019; Christie’s Images Ltd. 2019
Business as usual
Wie reagiert der Markt in London auf die politische Krise und die schwache
­Währung? Die großen Auktionshäuser setzen auf begehrte Zeitgenossen

Die Aura einer privaten Sammlung liefert oft bis 70 000 Pfund) oder der auf Holz samt Dabei zählen Gerhard Richters farbschim-
einen Bonus und stärkt das Vertrauen künf- Rahmen gemalte, strahlende »Bombay Sun- merndes »Abstraktes Bild« von 1984 (6,5 bis
tiger Käufer. So bietet Christie’s zum Auftakt set« von 1972/73 (500 000 bis 700 000 Pfund). 9,4 Mio. Pfund) und die fotorealistische An-
der Frieze Week am Abend des 1. Oktober Stetig stieg die Preiskurve auch bei Frank­ sicht einer Wiese aus dem Jahr davor (3,5 bis
ausschließlich Werke aus einem bisher kaum Auerbach an, der mit zwei krustig gemalten 5,5 Mio. Pfund) zu den Stars der Woche.
bekannten Nachlass an. Der kunstbegeister- Köpfen seiner Muse Stella West vertreten ist Aus Belgien stammt ein Konvolut von
te Industrielle Jeremy Lancaster war von der (300 000 bis 500 000 sowie 800 000 bis 1,2 Mio. internationaler Minimal und Conceptual
bahnbrechenden Londoner Ausstellung »A Pfund). Und rechtzeitig zur Schau von Art, die das Ehepaar Hilda und Roger
New Spirit in Painting« 1981 inspiriert, neben Bridget Riley in der Hayward Gallery er- Matthys-­Colle in der zweiten Hälfte des
einigen internationalen Namen vor allem scheint ihr großes gewelltes »Curve Pain- 20. Jahrhunderts oft direkt von den Künst-
britische Nachkriegskünstler zu erwerben. ting« von 1979 (1,5 bis 3 Mio. Pfund). Zu Lan- lern oder früh von deren Galerien erworben
Britische Kunst ist international be- casters Favoriten zählte auch der Amerikaner hatte. Künftige Besitzer können Carl Andres­
gehrt: Im Sommer, so verkündete Christie’s, Philip Guston: Dessen Ölbild »Language I« »Copper-Steel Alloy Square« von 1969 vor-
engagierten sich Käufer aus 16 Ländern und mit dem typischen Vokabular von Backstei- sichtig beschreiten (1,2 bis 1,8 Mio. Pfund)
vier Kontinenten für sie. Jetzt werden sieben nen, genagelten Stiefeln und Malpalette soll oder sich von Dan Flavins rosa, diagonaler
der farblich lukullischen, abstrahierten Er- mit 1,5 bis 2 Millionen Pfund zu der Gesamt- Neoninstallation von 1963 erleuchten lassen
innerungsbilder des 2017 verstorbenen Ma- erwartung von 15 bis 20 Millionen beitragen. (500 000 bis 700 000 Pfund).
lers Howard Hodgkin aus verschiedenen Unter den Losen der Abendauktion am Last, not least: Antony Gormley, der
Jahrzehnten angeboten, unter anderem seine 4. Oktober bietet Christie’s auch mehrere zurzeit mit einer umfassenden Werküber-
»Tea Party in America« von 1948 (Taxe 50 000 Werke der italienischen Unicredit Bank an. sicht in der Royal Academy gefeiert wird,

92
Spiel mit der Oberfläche: Sotheby’s erwartet für Alberto ­
Burris »Rosso Plastica« von 1963 rund 1,5 Mio., Christie’s für
Bridget Rileys 1979 gemaltes »Curve Painting« (re.) 1,5 bis
3 Mio. Pfund. Li. Seite: Alex Katz’ »Blue Umbrella I« von 1972
ist bei Phillips auf mindestens 800 000 Pfund geschätzt

tritt mit zwei übergroßen, halb zusammen- mit 4 bis 6 Mio. Pfund auf einen der vorde- Unter den Fotografien mag Andreas Gurskys
geschweißten Bleifiguren von 1987 auf ren Plätze im Preisspektrum dieses Künstlers. menschenwimmelndes Großformat von
(500 000 bis 700 000 Pfund). Phillips greift ein aktuell im Fokus ste- »Klitschkos« Kampf im Jahr 1999 an Box-
Falls der Übernahme-Deal gelingt, hendes Marktsegment auf: schwarze Künst- sportfreunde appellieren. Die aus Amerika
wird Sotheby’s unter seinem neuen Besitzer, lerinnen. Hier präsentiert man unter ande- eingelieferte Version einer Edition von sechs
dem französisch-israelischen Medienunter- rem die Amerikanerin Simone Leigh. Die in könnte mit 600 000 bis 800 000 Pfund den
nehmer Patrick Drahi, voraussichtlich ab New York lebende Bildhauerin machte 2018 Rekord für dieses Thema erringen.
Ende des Jahres wieder als private Firma ge- als Gewinnerin des hoch dotierten Hugo- Bonhams offeriert am Nachmittag des
führt. Im frisch aufgemöbelten Londoner Boss-Preises auf sich aufmerksam, sie lieferte 3. Oktober eine von Jean Dubuffet in franzö-
Hauptquartier wird man indessen, wie ge- gerade eine sechs Meter hohe weibliche sischen Trikolore-Farben konzipierte, zusam-
wohnt, die Frieze Week bespielen. Als Star Bronzebüste für die High Line in New York mengestückelte »Cafetière« von 1965. Mit Vi-
setzt man auf ein farbexplosives Großformat und plant im April eine Ausstellung im New nylfarbe auf Papier gemalt und auf Leinwand
von Basquiat. Der damals 24-Jährige umgab Yorker Guggenheim-Museum. Diese Aktua- aufgezogen, ist sie auf 550 000 bis 750 000
seine aggressive Figur mit allerlei Chiffren lität reizt Phillips mit einer Skulptur aus ih- Pfund taxiert. Lucio Fontana, Dauergast bei
seiner Heimatstadt New York. 1996 erzielte rer »Duschhaubenserie« aus. Bisher kaum auf den einschlägigen Auktionen, tritt hier mit
»Pyro« in London 200 000 Pfund. Die jetzige Auktionen vertreten, zielt die Schätzung von einem sonnengelben, mit scharfem Messer
Schätzung und eventuelle Garantie hielt 40 000 bis 60 000 Pfund auf einen Höchst- vierfach geschlitzten Bild auf. Das »Concetto
man zur Stunde noch geheim, doch ist der preis für die Künstlerin ab. spaziale« aus der Serie »Attese« von 1960 wur-
steile Anstieg gewiss, steht sein Rekord jetzt Als Veteran von Frauenporträts ist der de nicht wie die meisten anderen in Öl, son-
doch bei 75 Millionen Pfund. 92-jährige Amerikaner Alex Katz bekannt. dern mit wasserbasierten Pigmenten gemalt.
Wie beim Konkurrenten setzt man Seine Frau Ada, eines seiner Lieblingsmodel- Als Kammerstück mit einem Format von nur
auch bei Sotheby’s in der New Bond Street le, posierte 1972 effektvoll unter einem blau- 22 mal 33,5 Zentimetern verlangt es denn
auf die eleganten italienischen Serienkünst- en Schirm. Mit einer Schätzung von mindes- auch nur nach relativ bescheidenen 250 000
ler der Nachkriegszeit. Alberto Burri, noch tens 800 000 Mio. Pfund könnte das Bild bis 350 000 Pfund.  HEIDI BÜRKLIN
bis 24. November prominent auf der Vene- ebenfalls einen neuen Auktionsrekord mar-
dig-Biennale zu erleben, ist mit »Rosso Plas- kieren. Eher morbide geht es bei Luc Tuy- Christie’s, 1. bis 5. Oktober
tica« von 1963 präsent (Taxe 1,4 bis 1,8 Mio. mans’ in Graulilatöne getauchten »Exorzis- Sotheby’s, 3. bis 4. Oktober
Pfund). Eines von Piero Manzonis Leitmoti- ten« von 2007 zu, mit denen die Taxe von Phillips, 3. bis 4. Oktober
ven, das kalkweiße »Achrome« von 1957, hofft 700 000 bis 900 000 Pfund beschworen wird. Bonhams, 3. Oktober

93
AUKTIONEN

E X P E RT E N TA L K

Wieso ist Albrecht Dürers Medaille so selten, Herr Künker?

Entwurf für die Medaille lieferte Albrecht Dürer, den Stem-


pel schnitt der Medailleur Hans Krafft. Der Reichstag fand
jedoch aufgrund der in Nürnberg ausbrechenden Pest nicht
am geplanten Ort, sondern in Worms statt. Da es k ­ eine Ver-
wendung für die Geschenkmedaillen mehr gab, wurden die
meisten davon eingeschmolzen.
Bekannt waren bis zur Veröffentlichung des Kataloges
der Firma Künker lediglich zwölf Exemplare, davon befin-
den sich nur drei in privater Hand. Das vorliegende Stück

Bilder: Künker (3); Neumeister; Dorotheum; Ahrenshooper Kunstauktionen GmbH; Auktionshaus Mehlis
hat einen Durchmesser von 71,57 Millimeter, besteht aus
201,72 Gramm Silber und wird unter der Losnummer 3904
aufgerufen. Die Medaille wurde aus dem Besitz einer altein-
gesessenen Nürnberger Familie eingeliefert und hat nach
Ein faszinierendes Kleinod deutscher Renaissancekunst ha- unseren Recherchen Nürnberg nie verlassen.
ben wir in unserer Herbstauktion 327 am 9. Oktober in un- Im Dezember 2009 wurde ein Exemplar für
serem Stammhaus in Osnabrück. Bereits bei der Kaiserkrö- 280 000 britische Pfund versteigert. Dabei soll es
nung Karls V. im Jahre 1520 in Aachen wurde festgelegt, dass sich um die am besten erhaltene bekannte Sil-
der erste Reichstag 1521 in Nürnberg stattfinden sollte. In bermedaille handeln. Die bei Künker moderat
freudiger Erwartung dieses Ereignisses veranlasste die Stadt an­gesetzte Schätzung von 7500 Euro lässt also
unter anderem die Neugestaltung der Wände des Rathaus- auf e­ inen spannenden Wettkampf unter den
saales durch Albrecht Dürer. Auktionsbietern hoffen. ×
Der Kaiser bestellte darüber hinaus hundert silberne
Medaillen, die hochrangigen Teilnehmern des Reichstages Ulrich Künker ist Geschäftsführer bei Künker
als Geschenk überreicht werden sollten. Den künstlerischen Münzauktionen und Goldhandel in Osnabrück

H A M M E R P R E I SE

4500 € 29 000 € 7000 € 111 000 €


Die Auktion »Vintage Culture« ver- Rekordpreis für Gudrun Baudisch: Sehr lebendig verlief die sommer- Im August stellte der Plauener
einte bei Neumeister in München Ihre markante, 25 Zentimeter hohe liche Ahrenshooper Kunstauktion. Auktionator Jens Mehlis auf die-
Design vom Chanel-Kostüm bis Plastik »Doppelkopf« kam im Wie- Davon profitierte auch ein Bild der ser Seite die außergewöhnliche,
zum VW-Bus. Ein echter Hingu- ner Dorotheum zum Aufruf und Expressionistin Martel Schwich- auf 20 000 Euro geschätzte Majo-
cker ist der Kleiderschrank mit überrundete die untere Taxe von tenberg, die für ihre Plakate und likaplatte aus Urbino vor, die wohl
Printmotiven von Andy Warhol, 25 000 Euro. Im Entstehungsjahr Verpackungen für Bahlsen-Kekse aus der Keramikwerkstatt von
der 1997 in limitierter Auflage pro- 1929 arbeitete Baudisch als Desig- bekannt war: Ihre »Zwei Figuri- Orazio Fontana (1510–1571)
duziert wurde: Er vervielfachte nerin in der Keramikabteilung der nen« (vor 1920) ließen die taxier- stammt. Das Bietgefecht gewann
seine Schätzung von 600 Euro. Wiener Werkstätte. ten 1400 Euro weit hinter sich. ein französischer Kunsthändler.

94
S E I T 17 0 7

Süddeutsch (1. Viertel des 16. Jh.), Christus verabschiedet sich von seiner Mutter, € 150.000 – 200.000, Auktion 22. Oktober

Auktionswoche 22. – 24. Oktober


Alte Meister, Gemälde des 19. Jhs., Antiquitäten, Juwelen
Düsseldorf, +49-211-210 77-47, München, +49-89-244 434 73-0
www.dorotheum.com
AUKTIONEN
DEKORATIVES
Uppsala Auktionskammare,
Uppsala, 8. Oktober

Deutsche Auktionsbieter, die


traditionell oft auch in die
angelsächsischen Säle blicken,
übersehen meist noch Näherlie-
gendes, nämlich Schweden: Die
Uppsala Auktionskammare,
gegründet 1731, ist eines der 3
ältesten Auktionshäuser welt-
weit mit einer enormen Ange-
botsbreite, die Kunst aus nahe-
zu allen Perioden, modernes KUNST UND ANTIQUITÄTEN
Design, aber auch asiatische Nagel, Stuttgart, 16. Oktober
Objekte bis hin zu Juwelen und
Teppichen umfasst. Der als Kirchenvater verehrte
Überraschend ist beim kom- heilige Hieronymus hat Alt-
menden »Decorative Sale« das meister wie Dürer, Cranach

Bilder: Dorotheum, Wien; Nagel, Stuttgart; Uppsala Auktionskammare


kleine Ölbild »Les chats dans la oder Caravaggio malerisch
bibliothèque« des französischen beschäftigt. Nun versteigert
Modernisten André Duranton – Nagel in seiner Herbstauktion
1
ein gemalter Setzkasten, der von Gemälden, Möbeln, Skulp-
von zwei Katzen und einem turen und Schmuck gleich zwei
GEMÄLDE DES mein feine und detailreiche Krug beseelt wird. Buchrücken Darstellungen des Heiligen.
19. JAHRHUNDERTS Arbeit des Künstlers. Der akzentuieren die Komposition Joos van Cleve (1485–1542) zeigt
Dorotheum, Wien, 23. Oktober Schätzwert wurde zwischen 1,5 und zeigen, dass sein maleri- – wie Dürers Bild von 1521 –
und 1,8 Millionen Euro festge- sches Konzept ganz so naiv doch einen melancholischen Hiero-
Am Ende des 19. Jahrhunderts legt. Eine dezente Taxierung für nicht ist (Taxe 4000 Kronen). nymus mit seinem Schreibtisch
baute er mächtige kulturelle die international begehrten Typisch schwedisch sind Möbel und einem Schädel. Auf 15 000
Brücken zwischen Orient und Arbeiten Hamdi Beys – wenn aus der gustavianischen Zeit, Euro taxiert Nagel das Werk.
Okzident: Der 1842 in Istanbul man in Betracht zieht, dass vor also dem späten 18. Jahrhundert. Das zweite Ölgemälde des
geborene Osman Hamdi Bey einigen Jahren Werke aus dieser Hier kommt eine messingverzier- Hieronymus deutet auf einen
war Diplomat, Archäologe und Periode bis zu 4 Millionen Euro te Mahagoni-Kommode, deren deutschen Urheber Ende des
Künstler. Während seines Jura- erzielen konnten. Holzdeckplatte kunstvoll mit 16. Jahrhunderts hin, der Maler
studiums in Paris entdeckte er Auch die Bilder des bekann- gemaltem Marmor dekoriert ist, ist aber nicht bekannt. Auf-
nebenbei sein Talent für die ten französischen Orientalisten zum Aufruf. Geschätzt ist das grund eines Lacksiegels auf der
Malerei. Sein Œuvre, das sich Jean-Léon Gérôme übten einen Möbel mit seinen wohnlichen Rückseite handelt es sich mögli-
mit der Kultur und den Men- Einfluss auf Hamdi Bey aus. Im Abmessungen auf 6000 bis 8000 cherweise um Johann Baptist
schen seiner Heimat beschäf- Dorotheum sind die stilisti- Kronen.  FRANK G. KURZHALS Edler von Gariboldi (gest. 1684).
tigt, verschaffte ihm Einfluss in schen Unterschiede zu studie-
der türkischen Kunstszene und ren. Denn »Le bain maure« –
fand auch andernorts Beach- ein kühner Blick in einen
tung. Das Dorotheum bietet Arkadenhof mit dem Akt einer
nun eines der selten am Markt jungen Frau – wird einer Aussa-
aufscheinenden Werke an. Die ge von Emily M. Weeks folgend
»Dame turque« ist eine unge- im Katalog als erste Vorstudie
eines später berühmten Gemäl-
 des beschrieben: Die Hand
Gérômes zeige sich deutlich »in
1 Jean-Léon Gérôme und Anonym,
»Le bain maure«, Dorotheum, Taxe der Unterzeichnung und Unter-
120 000 bis 180 000 Euro malung und in gelegentlich aus-
2 Kommode, spätes 18. Jahrhundert, gearbeiteten Bereichen«, wohin-
2
Uppsala Auktionskammare, Taxe gegen eine unbekannter
6000 bis 8000 Schwedische Kronen Zeitgenosse des Künstlers die
3 Hans Leinberger, »Heiliger Vervollständigung übernom-
Bischof«, Landshut, um 1515, Nagel, men habe (Taxe 120 000 bis
Taxe 25 000 Euro 180 000 Euro).  CRISTOF HABRES

96
Herbst-Auktionen 2019
vom 7. bis 11. Oktober in Osnabrück

RÖMISCHE KAISERZEIT
Pertinax, 193. Aureus, Rom. Sehr selten. Vorzüglich.

KIRCHENSTAAT/VATIKAN
Pius VI., 1775 - 1799. 10 Zecchini AN XII/1787, Bologna. Sehr selten.
Winz. Randfehler, vorzüglich.

PREUSSEN
Orden pour le mérite mit Eichenlaub, das Ordenskreuz zwischen
ca. 1787 und ca. 1812, Anfertigung wohl von Baudesson, Gold und Emaille,
Goldfolie und Emaillemalerei, in der Öse alt restauriert, das Eichenlaub
deutlich spätere Anfertigung, Gold.

DEUTSCH-NEU-GUINEA
10 Neu-Guinea Mark 1895 A. Sehr selten, nur 2.000 Exemplare geprägt.
Attraktives Exemplar, vorzüglich +. Mit Bewertung NGC MS 65+.

Herbst-Auktionen 2019
Münzen der antiken Welt, u. a. aus den
Sammlungen Dr. W. R. und Phoibos GUATEMALA
Charles III., 1759 - 1788. 8 Escudos 1785 NG-M, Guatemala. Von großer
Münzen und Medaillen aus Mittelalter und Neuzeit, Seltenheit. Attraktives Exemplar, sehr schön - vorzüglich.
u. a. aus den Sammlungen Friedrich Popken,
Dr. Rolf Löns, Eberhard Link und Skyler Liechty
Goldprägungen • Deutsche Münzen ab 1871
Bedeutende Orden und Ehrenzeichen aus aller Welt,
u. a. aus der Sammlung Peter Groch
und dem Nachlass August von Mackensen

Kataloge bestellen: 0800 5836537 (gebührenfrei) · www.kuenker.de · service@kuenker.de

Fritz Rudolf Künker GmbH & Co. KG · Nobbenburger Straße 4a · 49076 Osnabrück · Germany
AUKTIONEN
Das Bild wird zum Schätzpreis vorbei. Das in Grau-, Braun- MÜNZEN UND MEDAILLEN
2
von 6500 Euro angeboten. und Blautönen gehaltene Werk Gorny & Mosch, München,
Unter den Skulpturen befin- versteigert das Auktionshaus 14. bis 16. Oktober
den sich zwölf Werke, die aus Dr. Lehr im Herbst zur Taxe
der Münchner Sammlung von von 450 000 Euro, womit es die Im Mittelpunkt der Auktion 265
Dr. Hubert Wilm stammen. Offerte der Auktion anführt. (Münzen der Antike) stehen
Auch ein heiliger Bischof von Werke Beckmanns werden rund 500 Stadtprägungen aus
Hans Leinberger (um 1470/ generell zu Höchstpreisen bis den östlichen Provinzen Roms,
1480 – ca. 1531) in Lindenholz zu 32 Millionen Pfund veräu- überwiegend Bronzen. Bei
befand sich darunter. Die um ßert. Erst im Mai erzielte eine BÜCHER UND AUTOGRAFEN römischen Provinzialbronzen
1515 geschaffene, stehende Skulp- etwas größere »Mondnacht am Bassenge, Berlin, 15. bis 17. Oktober sind einwandfrei erhaltene Stü-
tur ist auf 25 000 Euro geschätzt. Meer« bei Christie’s in New cke selten. Doch in der süddeut-
Ein Steinkalender von 1580 und York 600 000 Dollar. Mit großer Bestürzung erkann- schen Privatsammlung, die hier
eine Renaissance-Reise-Klapp- Unter den Skulpturen der te Giovanni Battista Piranesi und in weiteren Auktionen auf-
sonnenuhr von 1596 (Taxe jeweils Moderne berührt besonders um 1750 den zunehmenden Ver- gelöst wird, finden sich viele sti-
6000 Euro) stellen handwerkli- eine 76 Zentimeter hohe Bron- fall der antiken Bauten Roms. listisch überdurchschnittliche
che Raritäten dar.  SUSANNE LUX ze von Georg Kolbe: »Auferste- Die Antwort des Zeichners auf und zumeist gut erhaltene
hung« (1919/1920) ist auf 90 000 diesen schleichenden Prozess Exemplare. Unter den Haupt-

Bilder: Bassenge, Berlin; Gorny & Mosch, München; Dr. Lehr/VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Euro geschätzt. Die schmale war ein wirkliches Monumen- stadtprägungen der Kaiserzeit
MODERNE UND ZEITGENOSSEN Frauenfigur hält ihre Hände vor talwerk, das in prachtvollen Bil- sticht ein Aureus des Septimius
Dr. Lehr, Berlin, 26. Oktober der Brust verschränkt und wirkt dern die Spuren der Antike
aufrecht, doch ihre Beine sind bewahrt: Die »Antichità Roma-
Max Beckmann liebte das Meer. leicht angewinkelt. ne« erschienen 1756 mit 270
»Es war für ihn ein Symbol der Im Bereich der Nachkriegs- Kupfertafeln und bilden das
Ewigkeit«, erinnert sich seine kunst bietet Dr. Lehr das Werk Spitzenlos bei Bassenge. Wahr-
zweite Frau Mathilde Q. Beck- »Wasser gegen Feuer« des Malers scheinlich handelt es sich hier-
mann in ihren Memoiren. A. R. Penck. Er schuf es 1969, bei um das Präsentationsexem-
Betrachtet man sein Werk nun wird es für 60 000 Euro auf- plar der Accademia di San Luca
»Brandung, Kleine Marine« von gerufen. Die Malereien Pencks in Rom, wo Piranesi das Werk
1925/1926, hat man den Ein- bringen durchaus auch mehr für potenzielle Subskribenten 3
druck, dass der Maler die raue ein, wie im Juni im Dorotheum ausstellen ließ. Für das seltene
See der ruhigen vorzog: Es zeigt in Wien, als ein Werk des und außergewöhnliche Exem- Severus heraus, dessen Revers
eine Küstenlandschaft mit Künstlers – ebenso wie hier plar werden 45 000 Euro erwar- das Bild der Kaiserin Julia zeigt
tosenden Wellen, die an spitzen geprägt durch kräftiges Rot und tet, doch ist zu vermuten, dass (Taxe 30 000 Euro). Spitzenstück
Felsen brechen. Im Hinter- Blau – für 85 000 Euro den Besit- die Gebote weit über diesen unter den Griechenmünzen ist
grund dampfen zwei Schiffe zer wechselte.  SUSANNE LUX Betrag hinausgehen werden. eine prachtvolle Tetradrachme
Für Sammler von Stunden- aus Samos (Revers Titelbild des
büchern hingegen bietet sich Katalogs, Taxe 15 000 Euro).
1 die einmalige Gelegenheit, die Prunkstücke der Auktion
1509 erschienenen »Heures à 266 (»Ausgesuchte Münzen und
l’usage de Paris« zu erwerben Medaillen von Mittelalter bis
(Taxe 12 000 Euro). Dieses spät- Neuzeit«) sind elf silberne Löser
mittelalterliche, auf Pergament der Braunschweigischen Her-
gedruckte Stundenbuch enthält zogtümer, darunter das höchst
14 ganzseitige Miniatur-Holz- taxierte Stück, ein Löser zu fünf
schnitte und zwölf viertelseitige Talern aus dem Herzogtum
Holzschnitte, alle reich illumi- Braunschweig-Wolfenbüttel von
niert in deckenden Farben und 1614 mit dem Bild des Herzogs
mit Gold, teils auch mit Silber. Friedrich Ulrich zu Pferde
Besonders prächtig ist die Dop- (40 000 Euro).  HARTMUT KREUZER
pelseite mit »David und Uria«
und »David und Bathseba«. 
Eine echte Trouvaille stellen 1 A. R. Penck, »Wasser gegen Feuer«,
außerdem die neun Handschrif- 1969, Dr. Lehr, Taxe 60 000 Euro
ten-Fragmente eines spätmittel- 2 »Heures à l’usage de Paris«, 1509,
alterlichen Epos dar, das bis dato Bassenge, Taxe 12 000 Euro
unbekannt und unpubliziert 3 Tetradrachme, Samos, ca. 400
war und auf 12 000 Euro ge­ bis 366 v. Chr., Gorny & Mosch,
schätzt wird.  MARTIN MIERSCH Taxe 15 000 Euro

98
Albrecht Dürer, Adam & Eve, etching, 1504. Estimate $80,000 to $120,000. At Auction October 29.

F
A LL2019A
U CTIO
N SCHEDULE

O
CT8 A
frican
-Ame
ricanFin
eArt N
OV5 O
ldM
aste
rDraw
in
gs

O
CT1
0 Fin
eBo
oks&M
anu
scrip
ts N
OV1
4 R
are&Im
portan
tTrave
lPo
ste
rs

O
CT1
7 C
lassic&C
ontem
poraryP
hoto
grap
hs N
OV2
1 C
onte
m p
o raryA
rt

O
CT2
4 E
arlyP
rin
ted,T
rave
l,Scie
ntifi
c&M
edicalB
ook
s D
EC1
0 Illu
stratio
nArt

O
CT2
9 O
ldM
aste
rTh
rou
ghM
ode
rnP
rin
ts D
EC1
7 M
aps&A
tlase
s,N
atu
ralH
isto
ry&C
olo
rPlateB
ook
s
F
eatu
rin
gRe
m b
ran
dtE
tch
ingsfro
m th
eJo
hnV
illarin
oCo
lle
ctio
n

Download the App

104 E 25th Street, NYC • 212 254 4710 • SWANNGALLERIES.COM


AUKTIONEN
DESIGN, KUNST UND
KORKENZIEHER
Karrenbauer, Konstanz,
12. Oktober

Neben Schmuck und Porzellan


ist das Angebot an Möbelstü-
cken besonders umfassend –
mit der ganzen Bandbreite vom
Barock über den Biedermeier
bis in die Gegenwart. Bodensee-
schränke zählen ebenso dazu
wie moderne Sitzgruppen von
De Sede, Tische von Knoll oder 3
zwei bequeme Lounge-Chairs
mit Ottomanen, entworfen von GLÄSER UND GLASKUNST
Charles und Ray Eames, die Dr. Fischer, Heilbronn, 19. Oktober
schon für 800 Euro zu haben
sein könnten. Mit deutlichem Stolz kündigt
Im Bereich der Kunst locken das Auktionshaus Dr. Fischer

Bilder: Geble, Radolfzell; Dr. Fischer, Heilbronn; Karrenbauer, Konstanz


Namen der Moderne wie Ida die ganz frische Akquise einer
Kerkovius, Friedensreich Hun- norddeutschen Privatsammlung
dertwasser, Lothar Schreyer für die kommende Auktion an.
und André Lanskoy und eine Unter den 30 offerierten hoch-
ganze Serie mit Berliner Ansich- wertigen Gläsern finden sich
ten aus der Zeit um 1913 von ein Fadenglaspokal aus dem
Louis Hoehn. Venedig des 17. Jahrhunderts,
1 Daneben kann Karrenbauer mehrere sächsische Hofkellerei­
den ersten Teil einer ganz gläser (Ende 17. Jh.), ein 1714 im
KUNST UND ANTIQUITÄTEN schen Privatsammlung und hat besonderen Spezialsammlung Fichtelgebirge entstandener
Geble, Radolfzell am Bodensee, ein Limit von 40 000 Euro. anbieten, die insgesamt mehr Ochsenkopfhumpen oder auch
12. Oktober Typisch für den Nanyang-Stil als 1000 Korkenzieher aus ver- ein Zechliner Deckelpokal mit
nimmt es sowohl Einflüsse tra- schiedenen Perioden umfasst. einem geschnittenen, vergolde-
Der Maler Cheong Soo Pieng ditioneller chinesischer Malerei 1795 ließ sich der Pfarrer Samuel ten Bildnis Friedrichs des Gro-
war ein führender Vertreter des als auch der westlichen Moder- Henshall aus Oxford den ersten ßen (um 1740).
von chinesischen Emigranten in ne, etwa des Postimpressionis- Korkenzieher patentieren, seit- Bei den Heilbronner Spezia-
Singapur geprägten Nanyang- mus, auf. dem gab es viele Design- und listen für europäisches Glas und
Stils und treibende Kraft der Zu den weiteren Höhepunk- Materialexperimente, künstleri- Studioglas springen zudem drei
Moderne in Südostasien. In die- ten am 12. Oktober gehört eine sche Interpretationen und tech- besondere Objekte des Wiener
sem Herbst kommt bei Geble hochwertige Waffensammlung. nische Verbesserungen – auch Glaskünstlers Anton Kothgasser
eines seiner Gemälde zum Auf- Die Pistolen stammen aus der das Bauhaus widmete sich dem (1769–1851) ins Auge. Kothgasser
ruf, es ist bereits das siebte, das Zeit zwischen 1600 und 1850 Thema. Eine solche Fülle wie arbeitete zuerst als Porzellan-
das Auktionshaus am Bodensee und sind selten auf dem Markt jetzt am Bodensee kommt nur maler und übertrug sein Wissen
anbieten kann. Das Werk »Man- zu finden. Hervorzuheben ist sehr selten auf den Markt! aufs Glas. Die drei nun angebo-
goverkäuferin« von 1979 stammt eine H.-W.-Mortimer-Repetier-  LISA ZEITZ tenen Gläser zeigen jeweils ein
wie die anderen in den vergan- Pistole aus London um 1790 in Goldmalerei gerahmtes Feld
genen zwei Jahren versteigerten (Limit 6000 Euro) sowie ein mit feiner polychromer Trans-
Arbeiten aus einer süddeut- Radschloss-Puffer aus Nürnberg parentemail-Malerei. Passend
um 1600 (Limit 6000 Euro) wie zu seinem Geburtsort porträ-
 auch ein seltener Kinderstutzen tierte er auf einem der Gläser
aus der Zeit um 1640 zum Aus-
1 Cheong Soo Pieng, »Mango­
verkäuferin«, 1979, Geble, Limit ruf von 2500 Euro.
�0 000 Euro Bei der Grafik begeistert die
2 Lounge-Chair mit Fußhocker,
Mappe »Passage de l’Égyptien-
entworfen 1959 von Charles und Ray ne« von André Pieyre de Man-
Eames, Karrenbauer, Limit 800 Euro diargues mit 13 Farbradierungen
3 Theodor Sellner, »Friedenswäch­ (je 60,5 x 42 cm, teilweise hand-
ter«, Höhe 71 cm, Dr. Fischer, Taxe signiert, Limit 10 000 Euro) von
2
400 bis 700 Euro Joan Miró.  SIMONE SONDERMANN

100
Kunst, Antiquitäten & Schmuck
16. – 18. Oktober 2019 | Besichtigung: 11. – 14. Oktober 2019

Umfangreiches Skulpturenangebot mit bedeutenden Stücken aus den


Sammlungen Dr. Hubert Wilm, München und Georg Hartmann, Frankfurt
u.a.: Heiliger Apostel, Norddeutsch, Niedersachsen, Ende 13. Jh., H. 30/32,5 cm | Johann Wolfgang Frölicher (attr.),
2 geflügelte Leuchter-Engel, Ende 17. Jh., H. 67 cm | Heilige Katharina, Rheinisch, 14. Jh., H. 53 cm | Ignaz Günther (und
Werkstatt), Geflügelter Putto, H. ca. 85 cm | Großes Altarrelief mit Madonnenfigur, Mittelrhein, letztes Viertel 17. Jh.,
190 x 100 cm | Hans Leinberger, Heiliger Bischof, Landshut, um 1515, H. 94 cm | Konstantin Pader (Umkreis), Oberbayern,
1. H.17. Jh., H. 111 cm | Niklaus Weckmann, Heilige Barbara, Ulm, um 1520, H. 62 cm | Hans Leinberger (Umkreis), Madonna
mit Kind, Niederbayern, um 1520, H. 112 cm

Onlinekatalog | www.auction.de

Nagel Auktionen | Neckarstr. 189 – 191 | 70190 Stuttgart | Tel: + 49 (0) 711 - 64 969 - 0 | contact@auction.de
AUKTIONEN
den Wiener Stephansdom. Die ein Stück Geschichte zum Limit POSTWAR UND GEMÄLDE
Taxen liegen zwischen 2000 von 2400 Euro ersteigern. Plückbaum, Bonn, 4./5. Oktober
und 3000 Euro. Von ebenfalls wohlklingen-
Aus der niederbayerischen der Provenienz sind aus dem Er ist eine der letzten lebenden
Glashochburg Zwiesel kommt Nachlass des Wirtschaftswissen- Legenden der abstrakten Kunst
hingegen die Sammlung des schaftlers Klaus von Wysocki die der Nachkriegszeit und gilt als
1947 geborenen Künstlers zwei Porzellanskulpturen »Prinz europäischer, formal gebändig-
Theodor Sellner zum Aufruf. und Prinzessin« und »Flöten- ter Antipode zum abstrakten
Die etwa 30 Objekte zeigen, wie spieler«, beide um 1930 von ­ Expressionismus auf der ande-
komplex Glas bemalt werden Gerhard Schliepstein für Rosen- ren Seite des Atlantiks. Die Rede
kann und wie viele unterschied- thal geschaffen (Limit 1500 und 2 ist von Pierre Soulages, dem
liche Materialien zusätzlich ein- 800 Euro). Der größte Promi der Meister der Dunkelheit und der
gesetzt werden können. Von Auktion ist jedoch Ex-US-Präsi- Nichtfarbe Schwarz. Im Dezem-
malerischen Vasen über Pâte-de- dent Barack Obama, verewigt in ber wird er 100 Jahre alt und
verre-Objekte reicht die Spann- einem Fotomosaik des Künstlers mit einer Ausstellung im Salon
breite. Zudem werden aus der Robert Sievers, das in der Sparte Beine fehlen – jedoch zeichnet Carré des Louvre geehrt. Wer
Sammlung Sellner neun skulp- »Wendlmoderne« zum Limit sich der geschnitzte Körper den Künstler an den eigenen
turale, auf den Namen »Frie- von 2600 Euro aufgerufen wird. unter dem Faltenwurf plastisch vier Wänden sehen will, kann

Bilder: Franke, Nürnberg; Wendl, Rudolstadt; Plückbaum, Bonn/VG Bild-Kunst, Bonn 2019
denswächter« getaufte, stelenar-  TIM ACKERMANN ab, und das ausdrucksstarke bei Plückbaum fündig werden.
tige Figuren offeriert (Taxen Gesicht lässt die fehlenden Zwei seiner durch den Einsatz
zwischen 400 und 700 Euro). Gliedmaßen vergessen. von Säure ausgefranst wirken-
Sie sind zwischen 70 und 170 KUNST UND ANTIQUITÄTEN Außerdem kommt eine gan- den Radierungen, »Eau-forte
Zentimeter hoch, wurden aus Franke, Nürnberg, ze Reihe von bezaubernden No. XXV« von 1974 und »Eau-
dem Schmelzofen heraus frei 17. bis 19. Oktober papiernen Antiquitäten zum forte No. XVII« von 1961, beide
geformt und anschließend in Aufruf. Historische Faltkarten, signiert und nummeriert, wer-
Überfangtechnik weiterbearbei- Ein Jubiläum: Seit zehn Jahren collagiert, gestanzt, geprägt und den mit einem Limit von
tet.  FRANK G. KURZHALS gibt es das Auktionshaus Franke mit Goldfolie verziert, soge- jeweils 3500 Euro aufgerufen.
in Nürnberg, das viermal im nannte Wiener Kunstbillets, Wem das zu ernst ist, der
Jahr mittlerweile rund 4000 und ein Stammbuch, das dürfte gut aufgehoben sein bei
Lose anbietet. Was könnten ­ »Denksprüche auf Neujahrs- Carl Wilhelm Götzloffs »Blick
diese vielen Objekte alles für und Namenstage, Geburts-, auf den Golf von Neapel«, wo
Geschichten erzählen? Familien- und Gesellschaftsfeste der Betrachter in der heitersten
Zu den Topzuschlägen der und für verschiedene Lebens- Natur und in der Gegenwart
vergangenen Jahre zählen ein verhältnisse« enthält. von tanzendem Volk die Seele
Kabinettschränkchen für 30 000 Daneben warten Möbel, baumeln lässt. Das Gemälde in
Euro und eine Skulptur von Schmuck, Glas und Porzellan einem Prunkrahmen ist laut
Ewald Mataré für 12 000 Euro. aus verschiedenen Epochen auf Auktionshaus ein bisher unbe-
Aus dem Angebot der Okto- neue Besitzer. Aus den Schwarz- kanntes Werk des Dresdner
berauktionen ragt mit einer burger Werkstätten für Porzel- Landschaftsmalers und soll ins
Schätzung von 6000 Euro das lankunst stammt ein Leopar- Werkverzeichnis aufgenommen
1 Gemälde »Herakles im Kampf denpaar, das nach einem werden. Das Limit für dieses
mit dem Kentaur Nessos« des Entwurf der Tierbildhauerin schöne Exempel deutscher Ita-
KUNST UND ANTIQUITÄTEN niederländischen Malers Etha Richter (1883–1977) ent- liensehnsucht beläuft sich auf
Wendl, Rudolstadt, Willem Schaeken (1754–1830) standen ist.  LISA ZEITZ 14 000 Euro.  FRANK MAIER-SOLGK
24. bis 26. Oktober heraus. Die barocke Holzskulp-
tur der heiligen Theresa von
Als 1918 die gekrönten Häupter Avila ist mit einem Limit von
Deutschlands in der November- 900 Euro auch deshalb so güns-
revolution abdanken mussten, tig angesetzt, weil Hände und
brauchten sie keine menschli-
chen und tierischen Schlosswa- 
chen mehr. Vielleicht ist auch 1 Terrakotta-Palastlöwe, Höhe
das ein Grund, weshalb Carl 72 cm, Wendl, Limit 2400 Euro
Eduard von Sachsen-Coburg 2 Barocke Schnitzfigur der heiligen
und Gotha im Jahr 1920 seinen Theresa von Avila, 18. Jh., Franke,
wild dreinblickenden Terrakot- Limit 900 Euro
ta-Palastlöwen an einen Indus- 3 Pierre Soulages, »Eau-forte
triellen aus Gotha verkaufte. In No. XXV«, 1974, Plückbaum, Limit
3
gewisser Weise kann man nun 3500 Euro

102
Kunst, Antiquitäten & Schmuck
16. – 18. Oktober 2019 | Besichtigung: 11. – 14. Oktober 2019

Hauptbild: Jacob de Backer (Werkstatt), (um 1540/45 - vor 1600), Allegorie mit Juno und Saturn, Öl/Holz, 67 x 49 cm
Vlnr: Abraham Bosschaert (1612-1643), Öl/Holz, 48 x 36 cm | Feine klassizistische Glasschalen-Krone, Entwurf nach
Karl-Friedrich Schinkel, 1834, Berliner Hersteller, um 1840, H. 90/D. 73 cm | Bedeutende Renaissance-Reise-Klappsonnenuhr,
Paulus Reinmann, datiert 1596, 9,8 x 8 cm | Tschelaberd Kasak, Südkaukasus, um 1880, 198 x 128 cm

Nagel Auktionen | Neckarstraße 189 – 191 | 70190 Stuttgart | Tel: + 49 (0) 711 - 64 969 - 0 | contact@auction.de | www.auction.de
AUKTIONEN
SCHMUCK BÜCHER UND KARTEN
Henry’s, Mutterstadt, 24. Oktober Reiss & Sohn, Königstein im
Taunus, 29. bis 31. Oktober
Liebhaber von antikem und
sammelwürdigem Schmuck Besondere Beachtung verdient
können am 24. Oktober bei das 1542 in Basel gedruckte 4
Henry’s diverse Kostbarkeiten Holzschnittbuch »De historia
erwerben. An der preislichen stirpium« von Leonhart Fuchs,
Spitze steht mit einer Taxe von 2 das 511 Pflanzenholzschnitte
14 000 Euro (Limit 4000 Euro) enthält. Diese Editio princeps KUNST UND ANTIQUITÄTEN
ein luxuriöses, um 1930 gefertig- 15. BIS 21. JAHRHUNDERT des berühmtesten Kräuterbuchs Rehm, Augsburg, 10./11. Oktober
tes Art-déco-Armband (WG Winterberg, Heidelberg, der Renaissance ist besonders
750/000) mit 26 Altschliffdia- 26. Oktober wegen seiner typografischen Im breiten Netz hieven Willy
manten, die zusammen mit Ausgestaltung einzigartig. Das Moralts Chiemseefischer ihr
dem Mittelstein (ca. 0.50 ct) und Seit der Einzelausstellung 2013 angebotene Exemplar, das eines Tagwerk an Land – und dass
den Diamantrosen über fünf im Frankfurter Städel-Museum der wenigen vollständig erhalte- Rehm nun eine Variante des

Bilder: Winterberg, Heidelberg; Rehm, Augsburg; Henry’s, Mutterstadt; Reiss & Sohn, Königstein im Taunus
Karat auf die Waage bringen. erlebt Hans Thoma eine nicht nen in zeitgenössischem Kolorit beliebten Motivs anbietet, wirkt
Aufwendig sind hier vor allem unerhebliche Preissteigerung. ist, soll 80 000 Euro einspielen. fast symbolisch, angesichts der
die seitlichen Gravuren. Nun bietet sich die Gelegenheit, Hohes Bieterinteresse dürf- Tatsache, dass bei gut 2000
Zwei silberne, diamantenbe- ein herausragendes Werk des ten zudem Matthäus Merians Objekten in der Auktion auch
setzte Broschen, um 1850/1860 einstmals gefeierten Malerstars »Topographien« auslösen. Das der eine oder andere Sammler
beziehungsweise um 1870/1880 zu erwerben, das die Umge- monumentale Werk umfasst einen Fang machen dürfte. Die
gefertigt, belegen die bürgerli- bung seines Geburtsorts Bernau 18 Foliobände und erschien von Fischeridylle des 1884 in Mün-
che Vorliebe für Opulenz im im Schwarzwald zeigt. Das 1642 bis 1736 in Frankfurt am chen geborenen Genre- und
19. Jahrhundert (Limit 2200 und Gemälde von 1918 ist nahezu Main. Begehrt sind vor allem Landschaftsmalers ist auf jeden
1400 Euro). Außerdem im Ange- identisch mit einem Bild aus die darin befindlichen doppel- Fall mit einem Limit von 2500
bot: ein 55 Gramm schweres dem Jahr 1911, das sich heute im blattgroßen Kupfertafeln mit Euro versehen.
Goldarmband (GG 585/000) mit Bernauer Hans-Thoma-Kunst- europäischen Stadtansichten, Freunde opulenter Wohn-
Granulaten aus dem Kriegsjahr museum befindet – und den- zum Teil auch in Vogelperspek- raumgestaltung werden sich bei
1939/1940. Das Werkstück mit noch keine bloße Reprise des tive. Sie liegen hier in frühen, Rehm vielleicht eher auf eine
der Meistermarke Karl Max Sujets. Die ursprünglich heitere kontrastreichen Abzügen vor. prachtvolle feuervergoldete
Zeitz ist auf 1380 Euro limitiert. Landschaft wird hier nun in Für diese umfangreichste deut- Empire-Kaminuhr konzentrie-
 FRANK MAIER-SOLGK weichen Braun- und Grüntönen sche Topografie der Barockzeit, ren, die gegen Ende des 18. Jahr-
dargestellt, die wie in diffuses Merians Lebenswerk, werden hunderts in Frankreich gefer-
Licht getaucht wirken. Hoch 50 000 Euro erwartet. tigt wurde und nun mit einer
aufragende Bäume lenken den Abraham Ortelius ist dage- Taxe von 1100 Euro ins Bieter-
Blick in die Vertikale. Der hell gen mit seinem »Theatrum rennen startet. Ein wahres
fließende Bach im Zentrum Orbis Terrarum« vertreten. Der Schmuckstück ist aber auch der
verstärkt die symbolhafte Atlas, erschienen 1592 in Ant- aus Nussbaum gefertigte Prunk-
Atmosphäre der Landschaft werpen, markiert unbestreitbar schrank aus einer Augsburger
und vermittelt den Eindruck einen der Höhepunkte der Geo- Werkstatt des 17. Jahrhunderts,
von Zeitlosigkeit (Schätzpreis grafiegeschichte. Er war schon der aus dem Nachlass einer
22 000 Euro). zu seiner Zeit sehr begehrt. Vie- bedeutenden Münchner Kunst-
Daneben glänzt bei Winter- le der in ihm enthaltenen Kar- händlerin eingeliefert wurde
berg Ernst Ludwig Kirchner mit ten basieren auf Quellen, die und noch Originalschlösser
1
der Bleistiftzeichnung einer entweder nicht mehr existieren (sowie spätere Beschläge) auf-

»Tänzerin auf dem Sofa«. Die oder die sehr selten sind (Taxe weist. Das Limit liegt hier bei
1 Art-déco-Armband mit 26 Weberin Lise Gujer in deren 30 000 Euro).  MARTIN MIERSCH 6000 Euro.  TIM ACKERMANN
Altschliffdiamanten, um 1930,
Nachlass sich das Blatt befand
Henry’s, Taxe 14 000 Euro
und die Kirchner in den frühen
2 Hans Thoma, »Schwarzwaldtal
Zwanzigerjahren in Davos ken-
bei Bernau«, 1918, Winterberg,
Taxe 22 000 Euro nenlernte, setzte einige Wand-
teppichentwürfe des Künstlers
3 Matthäus Merian, »Topographien«,
18 Foliobände, Reiss & Sohn, um und war zudem bis zu sei-
Taxe 50 000 Euro, Detail: Kupfer- nem Lebensende eng mit ihm
stich-Ansicht von Paris befreundet. Die souverän kom-
4 Empire-Kaminuhr, feuervergoldet, ponierte und furios gezeichnete
Frankreich, Ende 18. Jahrhundert, Skizze soll jetzt 3500 Euro ein-
3
Rehm, Taxe 1100 Euro spielen.  MARTIN MIERSCH

104
Auktion 128 • 25. Oktober 2019
Moderne und zeitgenössische Kunst
Moderne Photographie

NÄCHSTE AUKTION:
Kunst & Kunsthandwerk, Antiken
13. - 14. November 2019

Gerhard Richter. Mao. 1968. Lichtdruck (collotypie).


Eins von 10 signierten und datierten Exemplaren.
Lehrter Strasse 57, Haus 1 • 10557 Berlin
Tel.: +49 (0) 30 - 22 66 77 00 • Fax: +49 (0) 30 - 22 66 77 01 99
www.jvv-berlin.de • email: info@jvv-berlin.de

BASSENGE

Imposante Prunk-Henkelvase mit Ansichten des


Kronprinzenpalais in Berlin und des Schlosses Babelsberg
in Potsdam. KPM Berlin, um 1860. Sehr feine, detaillierte
Porzellanmalerei auf königsblauem Fonds sowie reiche,
teils radierte Vergoldung. Höhe 69 cm.

G.B. Piranesi. Le Antichità Romane... Rom 1756. Schätzung: 45.000 Euro


Weitere Informationen unter:
www.hermann-historica.com
Buchauktion 15. bis 17. Oktober 2019
Wertvolle Bücher . Handschriften . Literatur 17.–19. Jahrhundert Hermann Historica GmbH
Autographen . Papierantiquitäten . Moderne Literatur . Plakate
Bretonischer Ring 3 ❘ 85630 Grasbrunn / München
G A l E R i E B A S S E N G E . E R d E N E R S t R A S S E 5 A . 14193 B E R l i N
E-Mail: contact@hermann-historica.com
tel.: 030-893 80 29-0 . Email: books@bassenge.com . Kataloge: www.bassenge.com
Die perfekte Art der
Inspiration.

Europas größtes Kunstmagazin.


Jetzt im Handel.

Kostenloses Probeheft unter:


art-magazin.de/heft | +49 (0)40 5555 78 00

Bestellnummer: 1730 025


DR. FISCHER
KUNSTAUKTIONEN

E
uro
päis
che
sGla
s&S
tud
iog
las
S
ams
tag,1
9.O
kto
ber2
019
V
orb
esic
h tig
ung
:14
.-1
8.1
0.2
019

A
ntonKoth
gasser, F
rank
e n
,17
24 K
yoh
eiF
u jita B
urgun,S
c hve
rer&C o
, Po
llioPereld
a,
Wie
n,u
m 1 8
25 Me
isen
thal,1
8 96-1
900 F
ratelliT
oso,1 957

E
lbin
gerS
tra
ß e1
1 4
,707
8He
ilb
ron
n,T
el.+
49(0
)7131-1
5 5
5 7
0
in
fo@a
u c
tio
ns-fis
c h
er.d
e,w
ww.a
u c
tio
ns-fis
che
r.d
e

Nassauischer Kunstverein Wiesbaden


Wilhelmstraße 15
D-65185 Wiesbaden

KOSTENL
OS B3 Biennale 2019
SICHERN Rachel Maclean /
Tales of Disunion

Follow Fluxus 2019

DER KUNST-NEWSLETTER Jace Clayton /


White Noise as a Call to Responsibility
Mit dem WELTKUNST-Newsletter informiert Sie Chefredak-
teurin Dr. Lisa Zeitz über aktuelle Themen der Kunst- und What‘s Up – Wie?
Kulturszene, ergänzt mit Hintergrundberichten und den Veruschka Bohn / Delia Fröhlich / Helena Hafemann /
wichtigsten Ausstellungs-, Messen- und Auktionsterminen. Nopolo / Niklas Jesper Pagen / Theresa Weisheit
www.weltkunst.de/newsletter
www.kunstverein-wiesbaden.de

1
11.K
uns
tauk
tio
n 1
2.O
kto
ber2
019
V
orb
esic
h tig
ung5
.-9
.Ok
tob
er2
019
,tä
gl.1
4-1
9Uh
r
A
use
ine
rSa
m m
lu
nga
n tik
erW
affe
n

Rad
schlo
ss-P
uffe
r s
e lte
nerKin
ders
tutz
en
N
ürn
berg,u
um 1600 D e
uts
ch,um 1640

Auktionshaus Geble
SEIT 1986

Schü
tzenstr
.15
,78
315Radolfz
e lla
m Bodensee,in
fo@a
u ktionsha
u s
-geble
.de
,T:+
497
7329
7119
7
Kunst und Antiquitäten
öffentlich bestellt und vereidigt w
ww.a
uktio
nsha
u s
-ge
b le
.de
KLEINANZEIGEN

AU K T I O N E N V E R K AU F ONLINE

Galerie Tandem
Königstr. 17, 87435 Kempten
www.jugendstil-artdeco.de
Tel.: 0831/564253-0
Fax: 564253-14Daum, Galle, Schneider
www.auktionshaus-karbstein.com
Glas:
Art im
Unsere Kataloge Deco Bronzen, Möbel, Lampen
Internet:
Gendringen (Tel 0031 315237419)
www.allgaeuer-auktionshaus.de
info@allgaeuer-auktionshaus.de tel. 02 11-90.61.61 · fax 02 11-361.32.32
Königstr.
Jährlich 17, 87435
4 große Kempten - Einlieferungen
Kunstauktionen Verkaufe
jederzeit!!aus Privatbesitz Kurfürstenstr. 16 · 40211 Düsseldorf · …immer erreichbar
Katalog
Tel.: 0831/564253-0, EUR
Fax: 15,-, 10er-ABO EUR
564253-14 100,- sitzende gotische Madonna mit
originale,
info@allgaeuer-auktionshaus.de Kind. Süddeutsch/Österreich um 1450/60
Höhe 60 cm, VB 75000.- €. Interessenten
Jährlich 4 große Kunstauktionen melden sich unter Chiffre WK110
Einlieferungen jederzeit!! KUNSTAUKTIONSHAUS GEORG REHM AUGSBURG
WERNER MURRER RAHMEN
Katalog EUR 15,-, 10er-ABO EUR 100,-
Hochwert ige historische Rahmen 16 .– 20. Jh. • Seit über 50 Jahren erfolgreich
Albre cht-Düre
r-Platz8
Speziell Anfang 20. Jh. (v.a. Expressionismus)
München+49(0) 89 723 6 723 murrer-rahmen.de
• Jährlich 5 Kunstauktionen
90 403N ürn berg

w
ww.a
T
u
k
e l:0
tio n
s
9
h
1
1-2
ausw
22
eid
52
le
r.d
5
e
• www.auktionshaus-rehm.de
Ö
ffe
ntlic
hbe
ste
llte&v
e re
idig
teA
uktio
nato
ren·E
rfa
hru
ngs
e it1
980
Alte Rahmen, 16.–19. Jh., Restaurierungen,
A
nka
u f&Au
ktio
nena
lle
rArt Gemälde, Grafik 19. Jh. und frühes 20. Jh. Provinostraße 50 ½ • 86153 Augsburg • Tel. 0821 / 55 10 01
S
chmuck,Mün
zen,K
uns t,Antiquitä
ten
, Kunsthandlung M. Mittentzwey, R7, 24,
S
pie
lzeu
g,Kfz
,Nachläss
eu .v
.m . 68161 Mannheim, Telefon 0621/155677
BeratuNg · SchätzuNg · VerSteigeruNg
KUNSTHANDEL | HENNEKEN
Expressionismus • Neue Sachlichkeit Katalog im Internet unter
Kunstauktionen | www.van-ham.com www.kunsthandel-henneken.de www.nusser-auktionen.de
Mitgliedschaft im BDK
Horst Janssen Werke zu verkaufen
GESUCHE Telefon: 0176-20827611 Nordendstraße 46-48 · 80801 München · 089 2782510

Suche Bilder und Literatur der Tiermaler:


Braith, Mali, Adam, Koester, Volz, Zügel.
Zuschriften an www.rolf-hans.de Beilagenhinweis
WK 113, 20079 Hamburg Informel – Hard Edge – Farbfeld Die heutige Ausgabe enthält in der Gesamtauflage Prospekte folgender Unternehmen:
Zuschriften auf Chiffre-Anzeigen richten Sie bitte an: Kunstauktionshaus Schloss Ahlden, 29691 Ahlden
DIE ZEIT Anzeigenabteilung www.kunsthaus-rosteck.de Bel Etage Kunsthandel GmbH, A-1090 Wien; Dorotheum Auktionen, A-1010 Wien
Silke Michels, 20079 Hamburg Großauswahl antiker Möbel und Gemälde Wir bitten um freundliche Beachtung.

ZEIT ONLINE
Stellenmarkt –
für alle, die mehr
bewegen wollen!

Jetzt auf
jobs.zeit.de

jobs.zeit.de
KUNSTEDITION

David Gerstein
Exklusive Edition für
Handelsblatt-Leser
Lieferhinweis: Lieferung kann 4–6 Wochen in Anspruch nehmen. Dies ist ein Angebot der Handelsblatt GmbH, Toulouser Allee 27, 40211 Düsseldorf.
* Preisangabe inkl. gesetzl. MwSt. und Rahmung, zzgl. 20 € Versandkosten und Versicherung. Auslandsversand auf Anfrage.

Touching Heart (2019)


1.300 €* / Limitierte Auflage:
270 Exemplare, 50 x 50 cm

Der israelische Top-Künstler David Gerstein bringt seine farbenfrohen Motive


förmlich zum Schweben und lässt die Grenzen zwischen der 2-Dimensionalität
der Malerei und der 3-Dimensionalität von Skulpturen verschwimmen. Wir freuen
uns, Ihnen mit „Touching Heart“ eine Papercut-Sonderedition anbieten zu können,
die den Optimismus ihres Schöpfers eindrucksvoll spiegelt und von ihm handsigniert
und nummeriert wurde. Zu jedem Kauf erhalten Sie exklusiv einen Katalog
von David Gerstein.

Bestellen Sie jetzt:


handelsblatt.com/gerstein
Exklusiv für
Weltkunst
Abonnenten
Mit WELTKUNST ABO PLUS erhalten Sie zu jeder Aus-
gabe ein ganz besonderes Geschenk: Profitieren Sie von
exklusiven Führungen, vergünstigten Museumsbesuchen
oder kostenlosen Wunschmagazinen aus dem Hause der
ZEIT – jeden Monat aufs Neue eine Überraschung!

Jetzt Vorteile sichern:


www.weltkunst.de/aboplus

Sie sind noch kein Abonnent? Dann sichern Sie


sich jetzt Ihr Vorteilsabo: www.weltkunst.de/abo

Das Abo-Vorteilsprogramm der WELTKUNST


INFL

15.05
.19
11:30

Helg
a V Neo R
o
Sam Conce ckenh auch
ess
UE

mlu t u
b Bo
rderl ka ng to Poz ber
mLa szka Polsoft Ros zati
Agniessa Beec in
ro Yok engart
nci oO
Vane rdo da V n I. no
n a ilia
Leo Maxim
N

r
Kaise
CER

Wir stellen die


Kunstwelt auf den Ko
opf.
Sie auch?
Privat-Abonnement | 4 Ausgaben 75,– Euro
Lobby & Lounge Firmen-Abonnement | 4 Ausgaben je 5 Exemplare 250,– Euro
Abonnement bestellen | abo@stayinart.com | www.stayinart.com
AG E N DA

TERMINE
ERE
V IE LE W E IT
N TE R :
TE R M IN E U
K U N S T. D E
W W W.W ELT

MUSEEN & BREMEN HALLE (SAALE ) KÖLN SCHWÄBISCH HALL

GALERIEN Kunsthalle Bremen


Ikonen. Was wir Menschen
Kunstmuseum Moritzburg
Bauhaus – Meister – Moderne.
Museum für angewandte Kunst
Norman Seeff. The Look
Kunsthalle Würth
Lust auf mehr. Neues aus der
anbeten 19. 10.–1.3. Das Comeback.  Bis 12. 1. of Sound.  Bis 19. 1. Sammlung Würth zur Kunst
Museum Ludwig nach 1960  Bis 20. 9. 2020
Tran­s­cor­po­re­al­i­ties.  Bis 19. 1.
ALKER SUM/FÖ HR BURGD ORF HAMBURG
Wallraf-Richartz-Museum &
SIEGEN
Museum Kunst der Westküste Museum Franz Gertsch Kunsthalle Fondation Corboud
10 Jahre MKDW Contemporary Monica Ursina Jäger. Shifting Rembrandt. Meisterwerke aus Der Amsterdam Machsor. Ein Museum für Gegenwartskunst
 Bis 12. 1. Topographies  Bis 24. 11. der Sammlung  Bis 5. 1. Schatz kehrt Heim  Bis 12. 1. Lena Henke – My Fetish Years
Bucerius Kunst Forum  Bis 26. 1.
Amerika! Disney, Rockwell, Pol-
BADEN–BADEN DRESDEN LOND ON
lock, Warhol  19. 10–21. 1.
STU TTGART
Stadtmuseum Japanisches Palais Deichtorhallen Tate Modern
Landpartien Nordschwarzwald Die Erfindung der Zukunft Fuzzy Dark Spot. Videokunst aus Olafur Eliasson. In Real Life Kunstmuseum Stuttgart
Baden-Baden – Reise ins Weltbad  Bis 3. 11. Hamburg Bis 3. 11.  Bis 5. 1. Ragnar Kjartansson. Scheize,
 Bis 10. 11. Schloss Pillnitz Museum für Kunst und Victoria and Albert Museum Liebe, Sehnsucht  Bis 20. 10.
Museum Frieder Burda Add to the Cake Gewerbe Rachel Kneebone  Bis 14. 1. Staatsgalerie
Karin Kneffel 12. 10.–8. 3. (Dem Kuchen hinzufügen). Alles Kneten. Metamorphose Weissenhof City  Bis 20. 10.
Die Transformation der Rolle eines Materials  Bis 3. 11. Tiepolo. Der beste Maler
LEIPZIG
weiblicher Schaffender Wolfgang Schulz und die Venedigs  11. 10.–2. 2.
BAMBERG
 Bis 3. 11. Fotoszene um 1980. Fotografie Museum der bildenden Künste La Serenissima. Zeichenkunst in
Diözesanmuseum Rudolf Horn.Wohnen als offenes neu ordnen.  Bis 24. 11. Point of no Return  Bis 3. 11. Venedig 16. bis 18. Jh. 11. 10.–2.. 2.
Der Funke Gottes! Die neuen System  Bis 3. 11. Tim Eitel: Offen Wände  Bis 8. 12.
Schatz + Wunderkammern im Stadtmuseum Dresden
HANNOVER W IESBADEN
Bamberger Diözesanmuseum Dresdner Moderne 1919–1933.
MANNHEIM
 Bis 10. 11. Neue Ideen für Stadt, Architektur Landesmuseum Museum Wiesbaden
und Menschen  Bis 29. 10. Zeitenwende 1400. Die Kunsthalle Mannheim Mittsommernacht. Harald
Goldene Tafel als europäisches Inspiration Matisse Bis 19. 1. Sohlberg: Ein norwegischer
BASEL
Meisterwerk  Bis 23. 2. Landschaftsmaler Bis 27. 10.
DÜSSELD ORF
Haus der elektronischen Sprengel Museum
MÜNCHEN
Künste K21 Verfemt – Gehandelt. Die Samm-
W IEN
Lawrence Lek: Farsight Freeport Banu Cennetoğlu  Bis 10. 11. lung Doebekke im Zwielicht: Von Haus der Kunst
 Bis 10. 11. Lehmbruck Museum Corinth bis Kirchner  Bis 17. 11. Miriam Cahn: Ich als Mensch Oberes Belvedere
Eija-Liisa Ahtila. Skulptur in Fiona Tan: Goraiko  Bis 12. 1.  Bis 27. 10. Josef Ignaz Mildofer. Rebell des
Zeiten des Posthumanismus Kunsthalle Barock  Bis 6. 1.
BE RLIN
  Bis 26. 1. In einem neuen Licht. Kanada und Unteres Belvedere
KAISER SL AUTERN
Berlinische Galerie Museum Kunstpalast der Impressionismus  Bis 17. 11. Johanna Kandl. Material. Womit
Original Bauhaus. Bis 27. 1. Norbert Tadeusz  Bis 2. 2. Museum Pfalzgalerie gemalt wird und warum  Bis 19. 1.
Bröhan-Museum Otto Piene. Werke aus der Eva Jospin. Wald(t)räumeBis 12. 1.
OSNABRÜCK
Reaching Out for the Future. Sammlung Kemp Bis 5. 1.
WOLFSBURG
Zukunftsfantasien um 1900 NRW Forum Kultur und Felix-Nussbaum-Haus
KARLSRUHE
 Bis 27. 10. Wirtschaft Bauhaustapete. Neu aufgerollt Kunstmuseum Wolfsburg
Daimler Contemporary Whiteout. Virtual-Reality- Badisches Landesmuseum  Bis 8. 12. Robin Rhode  28. 9–9. 2.
Sound on the 4th Floor Bis 2. 2. Ausstellung  Bis 10. 11. Kaiser und Sultan. Nachbarn in
Gropius Bau Martin Parr  Bis 10. 11. Europas Mitte 1600–1700 Bis 19. 1
RAVENSBURG ZÜ RICH
Wu Tsang Bis 12. 1. Kunsthalle Düsseldorf Städtische Galerie
Durch Mauern gehen Bis 19. 1. Karl Schmidt-Rottluff-Stipendium Tradition und Aufbruch. Nach- Kunstmuseum Ravensburg Kunsthaus Zürich
Garten der irdischen Freuden  Bis 10. 11. kriegskunst in Karlsruhe Bis 19. 1. Mondjäger. Nathalie Djurberg Matisse – Metamorphosen.
 Bis 1. 12. ZKM und Hans Berg im Dialog mit Meilenstein in der Skulptur der
Kunsthaus Dahlem Peter Weibel Bis 19. 1. Asger Jorn  19.10.–26. 1. Moderne Bis 8. 12.
ESSEN
Tina Born. Manga Bell Bis 3. 11.
me Collectors Room Museum Folkwang
Kirchner, Richter, Burgert Bis 3. 11. Veit Stratmann. Module/Essen
 Bis 27. 10.
BE RN
FRANKFURT AM M AIN
Kunstmuseum
Johannes Itten: Kunst als Leben. Museum für Moderne Kunst
Bauhausutopien und Dokumente MUSEUM  Bis 16. 2.
der Wirklichkeit  Bis 2. 2. Schirn Kunsthalle
Hannah Ryggen.
Gewebte Manifeste  Bis 12. 1.
BONN
Kunst- und Ausstellungs­-
FRIEDRICHSHAFEN
halle der Bundesrepublik
Deutschland Zeppelin Museum
Von Mossul nach Palmyra. Eine Game of Drones.
virtuelle Reise Bis 3. 11. Von unbemannten Flugobjekten
 Bis 3. 11
BRAUNSCHWEIG
G OSL AR
Städtisches Museum
Schimmernde Schönheiten. Mönchehaus Museum für
Luxusgerät aus Messing – moderne Kunst
Jugendstil bis Art Déco Bis 24. 11. Andreas Greiner  Bis 26. 1.
MESSEN Anzeige

BILDENDE KUNST DER DDR UND WERKE DER KLASSISCHEN MODERNE


AM STE RDAM Die Galerie der Berliner Graphikpresse lädt ein zu ihrer XXI. Auktion am 10. November
ADAF Annual Dutch Art Fair 2019 ab 11 Uhr in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften,
World Fashion Centre 11.–13. 10. Jägerstraße 22/23. Zur Versteigerung kommen hochkarätige Kunstwerke aus der DDR,
Affordable Art Fair u. a. von Albert Ebert (Abb.: »Leda und der Schwan«), Werner Tübke, Harald Metzkes,
De Kromhouthal 31.10.–13. 11. Gerhard Altenbourg und Werner Stötzer, sowie der klassischen Moderne, u. a. von Ernst
Barlach, Otto Dix und Gerhard Marcks. Die Vorbesichtigung findet vom 23. Oktober bis
BATTLE 7. November in der Galerie der Berliner Graphikpresse (Silvio-Meier-Straße 6, 10247
Pure Autumn Art Fair Berlin) statt. Weitere Informationen und den Katalog finden Sie auf unserer Homepage.
Powdermills Hotel 7.–15. 10. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, 10. November 2019;
www.galerie-berliner-graphikpresse.de
BRÜSSE L
ACAF Acessible Art Fair
Bozar
Art on Paper
11.–13. 10.
MANCHESTER AUKTIONEN KÖLN NEW YORK
Bozar 24.–27. 10. Manchester Art Fair Van Ham Christie’s
Manchester Central 11.–13. 10. SØR Rusche Collection, Teil II Sammlung Lee Bouvier Radziwill
AUG SBURG
 2. 10.  17. 10.
BUDAPE ST
Rehm Sotheby’s
MÜNCHEN
Art Market Budapest Kunst, Antiquitäten 10.–11.. 10. Meissener Porzellan und Keramik
KÖNIG STEIN
Millenáris 3.–6. 10. Kunst & Antiquitäten der Henry H. Arnhold Colltection
Haus der Kunst 12.–20. 10. Reiss & Sohn  24. 10.
BERLIN
Highlights Bücher, handschriften, Fotografie,
C HI CAG O
Residenz München 16.–20. 10. Bassenge Landkarten, dekorative Grafik
OSNAB RÜ CK
Sofa Sculpture Objects Func- ARTMUC Bücher, Autografen 15.–17. 10.  29.–31. 10.
tional Art and Design Isarforum 17.–20. 10. Dr. Lehr Künker
Navy Pier 31. 10.–3. 11. Positions Munich Art Fair Moderne, zeitgenössische Kunst Münzen, Medaillen, Orden7.–11. 10.
KONSTANZ
Reithalle 17.–20. 10.  26. 10.
Jeschke van Vliet Karrenbauer
D ORTM UND PFORZHEIM
Moderne, zeitgenössische Kunst, Kunst, Antiquitäten, Sammlung
NEW YORK
Antik- und Sammlermarkt Fotografie 25. 10. von Korkenziehern 12. 10. Kiefer
Messe Westfalenhallen 19.–20. 10. Fine Print Fair River Pavillon Nosbüsch & Stucke Bücher, Kunst, Antiquitäten
Javits Center 23.–27. 10. Moderne Kunst, Bücher, Druck-  11.–12. 10.
LOND ON
grafik, Autografen, 25.–26. 10.
ESSE N
Quentin Bonhams
PARIS PARIS
Contemporary Art Ruhr. Kunst, Antiquitäten 26. 10. Afrikanische Kunst: Moderne
Innovative Kunstmesse Asia Now Zeitgenossen 3. 10. Artcurial
Zollverein  25.–27. 10. 9 Avenue Hoche 16.–20. 10. Post-War und zeitgenössische Interieurs des 20. Jhs. 15. 10.
BONN
Paris Internationale Kunst 3. 10. Outsider(s) 22. 10.
16 Rue Alfred de Vigny 16.–20. 10. Plückbaum Islamische und indische Kunst Christie’s
HOUSTON
Outsider Art Fair Kunst, Antiquitäten 4.–5. 10.  22. 10. Paris Avant-Garde 17. 10.
Texas Contemporary Atelier Richelieu 17.–20. 10. Moderne und Gegenwartskunst Sotheby’s
George R. Brown Convention Paris Contemporary Art Show des Mittleren Ostens 23. 10. Sammlung Claude und François-
BREMEN
Center  25.–27. 10. Rivoli Building 17.–20. 10. Christie’s Xavier Lalanne 23.–24. 10.
Art Élysées Bolland & Marotz Post-War und zeitgenössische Tajan
Pavillons auf der Avenue des Kunst, Antiquitäten 18.–19. 10. Kunst 4.–5. 10. Moderne Kunst 3. 10.
LE I PZI G
Champs Élysees 17.–21. 10. Moderne und Gegenwartskunst Asiatische Kunst 4. 10.
Designers’ Open FIAC des Mittleren Ostens 23. 10. Schmuck 7. 10.
ERL ANGEN
Kongresshalle am Zott 25.–27. 10 Grand Palais 17.–21. 10. Phillips Alte Kunst 24. 10.
Grassimesse Bergmann Moderne und zeitgenössische
Grassi Museum 25.–27. 10. Kunst, Antiquitäten, Porzellan Kunst 3.–4. 10.
STO CKHOLM RAD OLF ZELL
 24.–26. 10.
 Design 25. 10.
Affordable Art Fair Fotografie 23. 10. Geble
LO ND ON
Nacka Strandsmässan 10.–13. 10. Sotheby’s Kunst, Antiquitäten 12. 10.
HAMBURG
PAD London Zeitgenössische Kunst 3.–6. 10.
Berkeley Square 30. 9.–6. 10. Rotherbaum Afrikanische Kunst: Moderne
TORONTO REGENSBU RG
The Decorative Antiques & Kunst, Antiquitäten 19. 10. Zeitgenossen 15. 10.
Textiles Fair Art Toronto Metro Toronto Islamische Kunst 23. 10. Keup
Battersea Park 1.–6. 10. Convention Center 10.–13. 10. Moderne und Gegenwartskunst Kunst, Antiquitäten 12. 10.
HATTEM
Moniker des Mittleren Ostens 23. 10.
Chelsea Sorting Office 2.–6. 10. Oriental Art Auctions
VERONA RUD OLSTADT
World Art Road Show Chinesische Keramik 12. 10.
MÜNCHEN
Billingsgate 2.–7. 10. Art Verona Wendl
1-54 Contemporary African Art Veronafiere 11.–13. 10. Gorny & Mosch Kunst, Antiquitäten 24.–26. 10.
HEIDELBERG
Fair Somerset House 3.–6. 10. Münzen, Medaillen 14.–16. 10.
British Art Fair Metz Neumeister
WAR SCHAU STUTTGART
Saatchi Gallery 3.–6. 10. Art & Collect 18.–19. 10. Sammlung Rudolf Neumeister
Frieze London Warszawskie Targi Sztuki Winterberg  22.–24. 10. Nagel
Regent’s Park 3.–6. 10. Kubicki–Arkaden 11.–13. 10. Gemälde, Zeichnungen, Nusser Kunst, Antiquitäten, Schmuck
Frieze Masters Druckgrafik 26. 10. Kunst, Antiquitäten 22. 10.  16.–17. 10.
Regent’s Park 3.–6. 10. Rüttten
WIEN
Roy’s Art Fair Kunst, Antiquitäten 19. 10.
HEILBRONN WIEN
Truman Brewery 3.–6. 10. Fair For Art Vienna Aula der Scheublein
Sunday Wissenschaften  5.–13. 10. Heilbronn Fundgrube 25. 10. Dorotheum
Ambika P3 3.–6. 10. Art & Antique Europäisches Glas, Studioglas Druckgrafik, Multiples 1. 10.
The Other Art Fair Hofburg Vienna 9.–17. 10.  19. 11. Design 2. 10.
MUTTER STADT
Victoria House 3.–6. 10. Blickfang MAK Museum für Schmuck, Juwelen 19./23. 10.
Affordable Art Fair angewandte Kunst 25.–27. 10. Henry’s Alte Kunst 22. 10.
HONGKONG
Battersea Park 17.–20. 10. Orientteppiche  5. 10. Gemälde des 19. Jhs. 23. 10.
Christie’s Moderne, Gegenwartskunst18. 10. Antiquitäten 24. 10.
ZÜRICH
Asiatische Kunst 9. 10. Uhren  18. 10. Im Kinsky
MADRI D
Kunst 19 Zürich Sotheby’s Schmuck, Edelsteine  24.–25. 10. Alte Kunst, 19. Jh., Antiquitäten,
Estampa Ifema 17.–20. 10. ABB Halle 24–27. 10. Asiatische Kunst 6.–8. 10. Kunst, Antiquitäten  26. 10. Schmuck 16.–17. 10.

112
www.weltkunst.de 
twitter.com/weltkunstnews facebook.com/weltkunst

Impressum

VORSCHAU
REDAKTION VERLAG
ZEIT Weltkunst Verlag GmbH Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG
Dorotheenstraße 33
Buceriusstraße Eingang Speersort 1
10117 Berlin
Tel. 030/59 00 48-340 20095 Hamburg
Fax 030/59 00 48-334 Tel. 040/55 55 78 68

GESCHÄFTSFÜHRUNG
Sandra Kreft, Nathalie Senden
GESCHÄFTSFÜHRUNG Die nächste Ausgabe
Dr. Rainer Esser

HERAUSGEBER
der weltkunst erscheint am
VERLAGSLEITUNG
Christoph Amend
christoph.amend@weltkunst.de Darwin Santo, Tel. 040/3280-4660 10. Oktober 2019
Dr. Gloria Ehret
gloria.ehret@weltkunst.de ANZEIGENLEITUNG
Michael Menzer, Tel. 040/3280-3463
CHEFREDAKTEURIN
Dr. Lisa Zeitz
lisa.zeitz@weltkunst.de ANZEIGENABTEILUNG
Dr. Ursula M. Boekels, Tel. 040/3280-1633
Bild links: Galerie der Berliner Graphikpresse/VG Bild-Kunst, Bonn 2019; rechts: Bernd Fickert/Museum Wiesbaden

STELLV. CHEFREDAKTEUR Silke Michels (Disposition, Kleinanzeigen)


Matthias Ehlert
Tel. 040/3280-268, silke.michels@weltkunst.de
matthias.ehlert@weltkunst.de

SENIOR EDITOR ANZEIGENVERTRETUNGEN


Dr. Sebastian Preuss
sebastian.preuss@weltkunst.de Empfehlungsanzeigen
iq media marketing gmbh, Michael Zehentmeier,
TEXTCHEFIN D-20095 Hamburg, Tel. 040/3280 310,
Simone Sondermann
michael.zehentmeier@iqm.de
simone.sondermann@weltkunst.de

Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz,


ART DIRECTOR
Anja Büchner Saarland: S. Fahr Verlags + Presse Büro e. K.,
anja.buechner@weltkunst.de Breitenbergstraße 17, D-87629 Füssen,
Jana Schnell Tel. 08362/5 07 49 96, Fax 08362/5 07 49 97,
jana.schnell@weltkunst.de info@verlagsbuero-fahr.de

BERATER
Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen,
Tillmann Prüfer (Stil)
tillmann.pruefer@zeit.de Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen,
Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein,
REDAKTION Thüringen: Print Contact GmbH & Co. KG,
Tim Ackermann Matthias Benz, Schönhauser Allee 6/7,
tim.ackermann@weltkunst.de 10119 Berlin, Tel. 030/44 37 38-0,
Christiane Meixner Fax: 030/44 37 38-27, info@printcontact-berlin.de
christiane.meixner@weltkunst.de
Laura Storfner
laura.storfner@weltkunst.de Museen Deutschland und Schweiz:
Olivia Horlitz, Haberfeld 5, 14532 Kleinmachnow
Julia Knecht (Elternzeit)
julia.knecht@weltkunst.de Tel. +49/(0)33203/88 89 11
olivia.horlitz@zeit.de
BILDREDAKTION
Lou Ulla Brunk Zurzeit gilt die Anzeigenpreisliste Nr. 51 München mag’s extravagant! Die
sympathisch unangepasste Stadt war
lou.brunk@weltkunst.de vom 1.1.2019 (www.weltkunst.de).
Benjamin Lewin Alle Rechte vorbehalten.
benjamin.lewin@weltkunst.de
MARKETING stets eine Heimat der Avantgarde. In
GRAFIK
Peggy Seelenmeyer
peggy.seelenmeyer@weltkunst.de
René Beck
rene.beck@zeit.de
unserer Sonderausgabe zur bayerischen
SCHLUSSREDAKTION HERSTELLUNG
Metropole freuen wir uns auf das
Künstlerpaar Marianne von Werefkin
Ludger Booms (frei) Torsten Bastian, torsten.bastian@zeit.de
Jan Menssen, jan.menssen@zeit.de
KORRESPONDENTEN (FREI)
Bamberg: Susanne Lux
Bonn: Dr. Peter Dittmar DRUCK Neef + Stumme, 29378 Wittingen
(o. »Schindelfabrik«, 1910) und
Den Haag: Do­rothee von Flemming
Paris: Dr. J. Emil Sennewald LITHOGRAFIE twentyfour Seven
Alexej von Jawlensky, die mit dem
»Blauen Reiter« Geschichte schrieben.
New York: Dr. Barbara Kutscher
Venedig: Petra Schaefer Creative Media Services GmbH
Zürich: Christian von Faber-Castell Dorotheenstr. 3, 10117 Berlin
Und besuchen an der Akademie die
Die ist seit 1927 die führende Zeitschrift
der deutschen Kunsthändler. Sie ist das Leitmedium
des Deutschen Kunsthandels­ver­bandes e. V. (KD)
Klasse von Gregor Hildebrandt, wo die
Kunst von morgen erfunden wird.
und des Bundes­verbandes des Deutschen Kunst-
und Antiquitätenhan­dels e. V. (BKDA) sowie der ABONNENTENSERVICE/
in ihm vertretenen Landesverbände; der Berufs­ EINZELVERKAUF
gruppe des österreichischen Anti­qui­­­­­­t ä­ten­handels,
des Landes­g remiums Wien für den Handel mit Die Weltkunst erscheint 14 Mal im Jahr.
Gemälden, Antiqui­t äten, Kunst­gegen­ständen und Das Jahresabonnement kostet 154 Euro, im
Brief­marken und des Landes­g remiums des Handels Ausland zzgl. Versandkosten, in der Schweiz
mit Antiqui­t äten und Kunst­ge­genständen für Salz- 270,00 Sfr. inkl. Versandkosten,
burg; der CINOA im deutschsprachigen Raum so- Österreich 175 Euro inkl. Versandkosten
wie des Verbandes schweizerischer Anti­quare und
­Kunst­händler und der Ver­eeni­g ing van Handelaren Kundenservice
in oude Kunst in Nederland. Die Zeitschrift und 20080 Hamburg, Tel. 040/55 55 78 68,
alle darin enthaltenen Bei­t räge und Abbildungen
Fax 0 18 05/8 61 80 02
sind urheberrechtlich geschützt. Mit Aus­nahme der
gesetzlich zuge­lassenen Fälle ist eine Ver­wertung
kundenservice@weltkunst.de
ohne Ein­­w il­ligung des Ver­lages strafbar.
W E LT K U N S T

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist? Was hat er denn am liebsten aufgelegt?
Eklektisch, ganz gemischt. Man kann auch
die Poster von Gruppenausstellungen der
abstrakten Expressionisten ansehen. Von
Denver ging es dann nach Aspen, wo wir
auch Bären begegnet sind. Kein Witz!

Bilder: Nick Turpin; Clyfford Still, „PH-1184“, 1953/57, Oil on canvas, 296,2 x 206,8 cm/Clyfford Still Museum, Denver, CO/© City and County of Denver/ARS, NY/VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Wie groß waren denn die Bären?
Riesig! Es waren ein großer Bär und sein Jun-
ges, wir saßen auf einer Terrasse beim Abend-
essen. Elchen sind wir auch begegnet.

Hatten Sie keine Angst?


Nicht wirklich, man konnte schnell ins Haus
gehen und sich dort verstecken.

Und was haben Sie in Aspen außer ­


wilden Tieren gesehen?
Im Aspen Art Museum war eine Ausstellung
HANS ULRICH OBRIST
ist Kurator für zeitgenössische Kunst und meiner guten Freundin Etel Adnan, »Each
leitet die Serpentine Gallery in London day is a whole world«. Sie arbeitet mit klei-
nen Formaten, wie der Maler Walter Price,
dessen Bilder ebenfalls dort gezeigt wurden.
Das war interessant im Vergleich: Sie mit
Aspen, Colorado. Ich war auf 2400­ Passagen, vor allem viel natürliches Licht. über 90 Jahren, er mit Anfang 30.
Metern Höhe in den Rocky Mountains. Ich Die äußere Schicht des Gebäudes ist eine
hatte ja früher schon immer gute Ideen, Doppelverglasung, das Licht ist großartig in Wo haben Sie dort unterrichtet?
wenn ich im Engadin war … den Räumen. Mein zweiter Stopp in Denver In den 1990er-Jahren habe ich in Lüneburg ge-
war das Clyfford Still Museum … lehrt, da war ich Professor. In den letzten Jah-
… den Bergen in der Nähe Ihrer Schwei- ren habe ich das etwas vernachlässigt, jetzt
zer Heimatstadt Überlingen. … das ebenfalls noch nicht so alt ist: Es ändere ich das, diesmal am Anderson Ranch
Genau. Jetzt war ich also, wenn man so will, wurde 2011 fertiggestellt. Arts Center, in der Nähe von Aspen. Thema
im Engadin Amerikas. Ich interessiere mich für Museen, die aus- meines Seminars war, wie man als Künstler
schließlich für einen Künstler eingerichtet außerhalb der Kunstwelt auftreten kann, ein
Was haben Sie dort gemacht? sind, auch wenn sie leicht megalomanisch Beispiel war Hans-Peter Feldmann, der in
Ich habe unterrichtet, ich will das jetzt in je- werden können. Das Clyf- Düsseldorf jahrelang einen
dem Sommer machen, an verschiedenen Or- ford Still Museum ist atem- Spielzeugladen geführt hat.
ten. Auf dem Weg nach Aspen gab es einen beraubend: der unglaublich
Zwischenstopp in Denver, dort war ich erst- innovative Maler in diesem Und was interessiert Sie au-
mals in dem Museum of Contemporary Art, relativ intimen Haus … ßerhalb der Kunstwelt?
das David Adjaye gebaut hat. Das ist auch Ich lese das neue Buch eines
deshalb relevant, weil Adjaye ja durch den Stellen Sie uns den gewissen Christoph Amend.
späteren Bau des Smithsonian National Mu- Künstler kurz vor?
seum of African American History and Cul- Er lebte von 1904 bis 1980 Hahaha.
ture in Washington berühmt geworden ist. und war einer der großen Doch, wirklich! Es heißt
abstrakten Expressionisten. »Wie geht’s dir, Deutschland?
Es wurde 2017 als »Museum des ­ In seinem Testament beauf- Was aus dem Land geworden
Jahres« ausgezeichnet. tragte Still den Nachlassver- ist, in dem ich aufgewachsen
In Denver hat es für David Adjaye vor über walter, sein Werk in Gänze bin.« Ich bin beim Kapitel
zehn Jahren in Amerika begonnen. Jetzt, da einer amerikanischen Stadt über Dieter Rams, da fiel mir
er so ein Architekturstar geworden ist, war es zu geben, wenn sie dafür ein auf, dass ich ihm noch nie
interessant, in Denver seine Ursprünge zu se- Museum bauen würde. Patricia Still, die ­ begegnet bin. Es ist ein unglaublich interes-
hen. Zurzeit baut er in Ghana ein Kathedrale Witwe, wählte Denver aus, für sein Werk und santes Buch, das jeder lesen sollte.
und in Harlem das neue Studio Museum. für ihres, sie ist auch Künstlerin. Das Mu-
seum besitzt 3000 Werke (Abb. »PH-1184« von Stopp jetzt, lieber Herr Obrist, bis zum
Wie würden Sie das Gebäude in Denver 1953/57), 95 Prozent des Œuvres! Man kommt nächsten Monat!
beschreiben? Clyfford Still wirklich sehr nahe, man sieht
Es hat einen wunderschönen Dachgarten, die Pinsel, mit denen er gemalt hat, seine CHRISTOPH AMEND, Herausgeber der
das Museum ist eigentlich eine Kunsthalle, Werkzeuge, Briefe, man kann sogar sehen, Weltkunst, befragt Hans Ulrich Obrist jeden
es hat viele hohe und niedrige Räume, viele welche Schallplatten er gehört hat. Monat nach seinen Entdeckungen in der Kunst

114
Limitiertes Sondermodell für Ärzte ohne Grenzen von NOMOS Glashütte: Klassiker Tangente
jetzt mit Automatikkaliber und Metallband, in größer wie kleiner. Die Uhren mit der roten
Zwölf kosten nicht mehr als das Standardmodell, doch mit 250 Euro pro Uhr unterstützen
der Handel und NOMOS Glashütte Menschen in Not. Mehr dazu hier: nomos-glashuette.com