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Sonderteil "Startbahn-Schüssecc

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••• n e ....•d1e Rolle der taz••
e s n gegen dte Sta ba n
SCHWARZER FADEN
Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit

Wochenzeitung und Mitteilungsblatt


Der Schwarze Faden will durch Diskus- Zeltschrift der Alternativen Liste Wir bieten
sion und Information die Theorie und Pra-
xis der anarchistischen Bewegung för- e AktueUe Informationen aus allen Bereichen der
dern und verbreiten. Er tritt für die Bele- Ob TAZ, FAZ, KONTRASTE, Ökologie- und Friedenspolitik
bung eines libertären Gegenmilieus SPIEGEL oder ZEIT: e Beri~hte über die Arbeit von Parteigremien und
(Ubertäre Zentren, Foren, Föderationen, Ober die AL wird viel behauptet. Fraktionen der Grünen
Kulturinitiativen etc.) ein und versucht e Unabhängige Analysen der politischen, militäri-
Geschichte und Kultur von unten leben- schen und wirtschaftlichen Entwicklung aus öko-
dig zu halten.
Authentische Informationen logisch-pazifistischer Sicht.
bieten: e Kommentare, die weder von den Werbeabtei-
lungen der Großindustrie noch den Propaganda-

STACHLIGE zentralen der Supermächte gesteuert werden.

Wir suchen
ARGUMENTE e Leser, die sich von den etablierten Medien nicht
länger manipulieren lassen wollen
·-·~•··-----------v
e Leser, die wissen wollen, wo und wie sie sich
engagieren können, um ökologische, soziale und
politische Fehlentwicklungen zu verhindern.
e Leser, die wissen, daß die Unterstutzung einer
Parteizeitung ein wichtiges Stück Medienpolitik
gegen die Kabelfernseh-Gleichschaltung ist
e Leser, die wissen wollen, was die Gn.inen und
alternativen Basisbewegungen eigentlich ma-
chen.
Die Medien der anderen haben Millio-
Inhalt von Nr.26 nen - damit propagieren sie die Aus-
* GRONE - Ist doch alles so beutung der Erde und bereiten den
Atomkrieg vor.
schön bunt hier von Friederike
Kamann
oer Wir vertreten die alt4irnatlve Politik
* Alltag - Klasse - Strukturen
schaffen von Wolfgang Haug sP\EGE\. der Überlebenautopie - mit Informa-
tionen, Aufklärung und Kritik
* Malik-Beschlagnahmeaktion der Abtrt!nnl:R und Cln!tCnden an·
Verlag DIE GRÜNEN, Posllach 20 24 22, ~000 Munchen 2
wg.§129a
* Kulturkritik von Herby Sachs \GEL 0 Bitte senden Sie mir das kostenlose, vierwöchi-
ge Probeabonnement
* Patriarchatskritik- von Rosella Zu abonnieren Ober Alternative Liste
dileo
O Bitte informieren Sie mich über Patenschafts-,

* Ökofeminismus - neue, alte


Weiblichkeit? von Ynestra King
STACHLIGE ARGUMENTE
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1000 Berlin 31 O
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GRÜNEN zum Preis von DM 6.- monatlich
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von Peter Einarssen !Or 10 Ausgaben schriftlich).
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JörgAuberg DM 35.· 0 (in Berlin) Anschrift: _ _ _ _ _ _ _ __


DM 40.· 0 (Außerhalb)
*Zukunft Osteuropas anonym
habe ich auf das Postscheckkonto Berlin West
aus Budapest
Nr. 524 66 • 103 überwiesen.
*Die Zukunft der Berliner Mauer
von Lutz Rathenow (Berlin Ost) u.v.a. Ich bin damit einverstanden, daß die Abo-Gebüh-
ren vierteljährlich von meinem
........ .,., ..................... .,.(;;,-;;;;~;·········.,··························
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Sondernummer ARBEIT: 5.-DM ···································is!;;&~i·················.,

Sondernummer FEMINISMUS: 5.- 0 ja 0 nein (Zutreffendes bitte ankreuzen)


DM (1988)
Sonderdruck: SF Q-12: 10. -DM
······································iorti.,.....................................
Datum und U nterschrüt
Redaktion Schwarzer Faden
Postfach 1159 ·························(ö-;iü;;;iü~lä"i;~t\iiii)"""""""""•············"··
7031 Grafenau-1
Impressum

Die atom ist eine Gemeinschaftsproduktion


Inhalt
von Atom Express und atommüllzeitung.
Herausgeber : Göttinger Arbeitskreis gegen Schwerpunkt 1: Die Startbahn-Schüsse
Atomenergie und Lüneburger Arbeitskreis
gegen Atomanlagen. Die Schüsse an der Startbahn-West und ihr Wider-
hall in der Bewegung : Ist "Gewalt" im Widerstand
Redaktions- und Bestelladressen: gerechtfertigt, wenn ja: wie weit darf sie gehen? Er-
ste Reaktionen und ausführliche Diskussionsbei-
atom, Postfach 1945, 3499 Göttingen träge von unterschiedlichen Gruppen, dazu die Hin-
Tel. 055117700158 tergründe der Ereignisse und 22 Jahre Startbahn-
Widerstand.
atom, c/o Günter Garbers, Posener Str. 22,
2121 Reppenstedt, Tel. 04131/63315
Stellungnahme der ••atom« ... ..... ..... .... .......... ... ................. 4
V.I.S.d.bgi.P.: Schüsse aus dem Irgendwo -Was genau geschah .. ......... ....... .. .... 7
Günter Garbers, Sabine Roisch, Bernd Weid- Erste Reaktionen ..... .... .... ..... ............. ....... ........ . ......... 14
mann Ausführliche Stellungnahmen ....... .... ...... ... .... ...... ....... ... ... 20
Die Redaktion sendet beste GrüBe an Interview mit Lupus und Lia ...... .. ......................... ... ........ . 35
Mexiko-Maxen. Die Berichterstattung in der taz .... ...... ...... ... ...... . ........ . ...... 38
22 Jahre Startbahn-Widerstand .. . .......... .. ....... .. ...... ...... ..... 40
Bestellbedlngungen:
Kriminalisierung Im Herbst 87 .............. .. ....... .... ..... ... ..... .. 42
Diese Doppelnummer kostet 6,- Mark, für
Harte Urteile in Bayern .. .... ........... ... ...... .... ..... ..... ... ....... 44
Bürgerinitiativen und Wiederverkäufer 4,50
Mark.
Eine .normale" atom-Nummer kostet 4,-
Mark, für Bürgerinitiativen und Wiederver- Schwerpunkt 2: Wackersdorf-Herbstaktionen
käufer 3.- Mark.
Ein Abo für fünf Ausgaben kostet 25,- Mark Die Herbstaktionen in Weckersdorf waren insge-
incl. Porto und Versand. samt ein Erfolg. Erfreulich vor allem für den regiona-
Förder-Abo: ab 35,- Mark len Widerstand, daß nach sechsmonatigem Hin und
Konto: ,.atom•, G. Garbers Her phantasievolle Aktionen und eine groBe Oe·
monstration zustande kamen. Auf der Gegenseite :
PSchA Hamburg. Nr. 378 14- 206 die Prügelorgien der Berliner Polizisten.

Freiheit in Franz-Josefs Land ................. ........ . ....... .. ......... 48


Spendenkonto: Zum Prügeleinsatz der Polizei ......... .... ......... ...... ....... .. ...... 50
Bernd Weidmann Sonderkonto Augenzeugenberichte: Verletzungen, Festnahmen . .. ................... 52
PSchA Hannover, Nr. 4098-304
Zum Verlauf der Aktionstage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
Bitte keine Abo-Gelder aufs
Spendenkonto I Rückschau durch Trägerkrals-Gruppen . ... .... .. . . ......... .. . . .... .... 58
Wackers-Dorfchronik (September-Oktober) ... ..... ..... ....... ... ..... 61
Atommüllkonferenz Braunschwelg.......... .. ....... .... . . ...... ... .... 64
Eigentumsvorbehalt: Standortberichte ..... ... .................... ... ..... . .......... ......... 69
Nach diesem Eigentumsvorbehalt ist diese Atomzentrum Lingen .............................................. ... ... 70
Zeitung solange Eigentum der Absender, bis
sie dem/der Gefangenen persönlich ausge-
Nukleare Schmiergelder................................................. 72
händigt worden ist. »Zur-Habe-Nahme• ist
keine persönliche Aushändigung im Sinne
des Vorbehaltes. Wird die Zeitschrift dem/ Schwerpunkt 3 : Atommülltransporte
der Gefangenen nicht persönlich ausgehän-
digt, ist sie den .A bsendern mit dem Grund Seit Juli 871aufen Behinderungs- bzw. Blockadeak-
der Nichtaushändigung zurückzusenden. tionen gegen die Transporte von MOX-Brennele-
menten nach Schweden. Angesichts zunehmender
staatlicher Präsenz stellt sich die Frage nach Kon-
Archfvartsches: zepten für künftige Behinderungsversuche.
Dies ist die atom Nr. 18/19, für Dezember 87,
Januar & Februar 88.
Nach der guten alten Zählweise, für Fans, Frachten, Routen & Behälter...... ... ...... . . ............................ 74
Sammlerinnen und Nostalgikerlnnen : MOX-Transporte ................. .... ....... ... ..................... . ... 78
Atom Express Nr. 58/59, Gorleben-Ferum 87: Widerstandsdiskussion .................... ..... ... 82
atommüllzeitung Nr. 44/45. Castar-Transporte nach Gorleben und La Hague........................ 84
Druck: Steidl, Göttingen Volksabstimmung in Italien ...... ... .. ... ... .. . ... ............... .. . . .... 85
ntelfoto: Startbahn-West, Frankfurt 1. Weltkonferenz der Strahlenopfer.. .. ..... .. . .. ... ....... ... . . .... .... 86
RedaktlonaachluB für die nächste atom: Interview mit Prof. Köhnlein (BUND-Strahlenkommission) .. ............. 89
15. Februar 1988 Die EG -Grenzwerte: GAU eingeplant. .... .. .... ... ...................... 90
Leserbriefe & atom-Debatte ........... . ............. . ................... 92

3
Warum eine solch ausführliche Dokumentation von Stellungnahmen zu
Frankfurt durch die »atomcc? Wir wußten, daß das Interesse an Informa-
tion und Diskussion zu den Ereignissen an der Startbahn ungeheuergroß
ist, daß nur wenige Punkte ,,startbahnspezifisch« sind, aber fast alle uns
und unseren weiteren Widerstand und unsere weiteren Perspektiven ele-
mentar betreffen. Gerade weil das so ist, wollten wir nicht die vielen Stel-
lungnahmen, die ja Ausdruck der verschiedenen Diskussionen in Grup- wenn man/frau sich an manche Diskussio-
pen sind und so authentisch ihren derzeitigen Stand beleuchten, zusam- nen in der Vergangenheit erinnert. So zeich-
menkürzen, oder gar zu einem »Einschätzungsartikel« der atom verman- nen sich viele Erklärungen durch ein hohes
Maß an Verantwortlichkeit und Offenheit
schen. Ebenso wichtig und unverzichtbar fanden wir es, die zweifelhafte aus. Alles andere wäre leichter und einfacher
und durch Vorverurteilung der Festgenommenen bzw. Gesuchten ge- gewesen.
prägte Berichterstattung in den Medien durch eine detaillierte Doku-
mentation der bisher bekanntgewordenen Tatsachen zu korrigieren. Da- Der Riß geht durchs
bei konnten wir uns auf einen ausgezeichnet recherchierten Beltrag aus autonome Spektrum
dem »Arbeiterkampf« stützen. Übersehen werden darf aber auch nicht fol-
Herausgekommen Ist die dickste »atom«-nummer unserer Zeitungsge- gende Entwicklung: Der eigentliche Riß
schlchte. Wir hoffen, daß ihr diese Sondernummer akzeptiert, daß Ihr mit scheint durch die Autonomen selbst zu ge-
uns der Meinung seid, daß die Schüsse an der Startbahn für uns eine so hen. Das hatte sich bereits vor den Schüssen
an der Startbahn angedeutet. Die Begriffs-
große Bedeutung haben, daß eine so breite Debatte in dieser Zeitung zu bestimmung •Die Autonomen« taugt zuneh-
rechtfertigen Ist und daß damit das bisherige Konzept der>,atomccweder mend eniger zur Klärung von Positionen. ln
überstrapaziert, noch gar gesprengt wurde. den ersten Wochen nach den Schüssen hat
sich vor allem der Teil der Autonomen zu
Wort gemeldet, der die Radikalisierung der
Breiter DiskussionsprozeB Auseinandersetzung mit dem Staat auf mili-
Die Schüsse an der Startbahn haben unter den nächsten Seiten abdrucken. Sie sind tanter Ebene zunehmend hinterfragte und
den Autonomen, den Bürgerinitiativen der weitgehend geprägt nicht nur von Betroffen- darin immer weniger eine Perspektive sah.
verschiedenen Bewegungen, bei Linken, heit, sondern auch von Fragen, von Versu- Die Hard-Liner-Fraktion ist aber viel weiter
Grünen und vielen anderen einen Diskus- verbreitet, als die bislang herausgegebenen
chen, Verantwortlichkelten aufzuspüren,
sionsprozeß ausgelöst, wie wir ihn in einer Erklärungen vermuten lassen (siehe Stel-
Fehlersuche zu betreiben, an den bisherigen
solchen Breite und Intensität lange nicht lungnahme "Dem Staat keinen Millimeter").
Diskussionen überden Umgang mit Militanz Hier wird mehr oder weniger offen mit Aktio-
mehr erlebt haben. Kein Wunder, denn nach anzuknüpfen, mögliche Konsequenzen zu
wie vor stehen die meisten von uns fas- nen wie an der Startbahn sympathisiert, die
diskutieren, mit den Schüssen und ihren Fol-
sungslos vor dem, was am späten Abend des Kritik bezieht sich eher darauf, daß aus einer
gen offen umzugehen, sich nicht zu verstek-
2. November an der Startbahn geschah. Be- Demo geschossen wurde, daß· es "im Mo-
ken oder zu verdrängen. ment nicht unsere Sache ist, irgendwelche
troffenheit warvor allem bei den Autonomen
und vielen, die ihnen nahe stehen, spürbar Herausgekommen ist dabei eine schlag- Bullen abzuknallen" usw.
und echt Unter den Autonomen hatte ja be- lichtartige Bestandsaufnahme des Zustan- Auf der anderen Seite wird der eine Tote als
reits vor einiger Zeit eine mehr oder weniger des der autonomen Widerstands- und Pro- besonders übler Bulle dargestellt, der's ja
intensive Diskussion über die Fragen auto- testbewegung in der BRD. Die Breite und die wohl verdient habe, könnte man/frau sich
nomer Politik. autonomer Strukturen und vor wesentlichen Aussagen der verschiedenen bei dieser Zusammenstellung denken. Der
allem dem Umgehen mit Militanz begonnen. Stellungnahmen zeigen eine -von vielen gar andere Tote bleibt lieber unerwähnt.
Ausdruck dieser Diskussion war z.B. derviel- nicht vermutete - Stärke des derzeitigen l!!esonders abgesehen haben es aber die
diskutierte Artikel von Lupus in der Atom Nr. Standes der Diskussion und der Bewegung. Verfasser auf die Reaktionen der "Linken"
16.1n diese Diskussion, die den Umgang mit Die Ablehnung der Schüsse war einhellig und eines Teils der Autonomen. .,Feigheit vor
bestimmten Widerstandsformen und dem und in der Regel nicht nur taktisch bedingt. dem Feind", mangelnde revolutionäre Ge-
Mythos der Militanz weit unterhalb des Ein- Das zeigt einen gewissen politisch-morali- sinnung! Was soll nur aus der Revolution
satzes von Schußwaffen hinterfragte, fielen schen Konsens, der da heißt: die Bewegung werden, wenn schon bei mickrigen zwei to-
die Schüsse an der Startbahn. So trafen die- geht auch dann nicht über Leichen, wenn ten Bullen allerorten in die Hosen geschis-
se Schüsse vor allem das autonome Spek- taktische Gründe dafür sprechen könnten sen wird! Dieser mangelnde "Mut" der ande-
trum bis ins Mark. Seitdem haben wir eine (wie entfernt solche Gedankenkonstruktio- ren ist es, bestenfalls, der den gestandenen
Vielzahl von Erklärungen und $tellungnah- nen auch sein mögen). Ein solcher- wenn Revoluzzer vom Revoluzzen abhält. Da ist
men aus dem autonomen und radikalen auch nur dieses Extrem betreffender- Kon- der Gedanke nicht fern, diesen "Mut" durch
Spektrum erhalten, von denen wir viele auf sens ist keineswegs selbstverständlich, ein Fanal herbeizuzaubern.

4
5
revolutionäre Theorie, ein Ziel, auf daß man/
frau hinarbeiten könnte, wofür er/sie Köpfe Wir sind ln die Defensive
gewinnen könnte. Es ist nicht einmal klar, ob geraten
die klassische Vorstellung von Revolution
für unsere gesellschaftliche Gegenwart und Die SchOsse an der Startbahn haben uns in
Zukunft eine Bedeutung haben wird,oder ob die Defensive gebracht, den politischen und
an Ihre Stelle andere Konzepte und Wege praktischen Handlungsspielraum enger ge-
treten werden. Niemand weiß das, die Grü- macht fOr die Anti-AKW-Bewegung und an-
nen nicht, die Link.en nicht und die Autono- dere Bewegungen. Wie stark, ist heute nur
men und Antiimperialisten auch nicht Klar schwer abzuschätzen. Die neuen •Sicher-
Mit solchen Einschätzungen wird der Boden Ist bislang nur, daß (zumindest in Deutsch- heits• gesetze werden Ihre Auswirkungen
mit bereitet für solche abenteuerlichen Ak- land) bislang alle Konzepte für einen tief- haben. Die Bereitschaft von Menschen, un-
tionen wie den SchOssen an der Startbahn. greifende Veränderung des Systems ge- gesetzliche oder militante Aktionsformen
Eine solche Position hat mit den Zielen, den scheitert sind, revolutionäre wie reformisti- aktiv oder auch nur passiv mitzutragen, wird
politischen Ansätzen und den Strategien sche Ansätze. Mit diesem Defizit hängt ein abnehmen. Mögliche Aktionsbündnisse
und Perspektiven der Bewegung nichts guter Teil der mangelnden Popularität der werden schwieriger werden, die Teile der Be-
mehr zu tun. Gerade die Autonomen in der Linken und selbst der Grünen in der Bevöl- wegung, die dem Staat, dem herrschenden
Anti-AKW-Bewegung müsser deutNcher als kerung zusammen. gesellschaftlichen System letztlich doch
bisher klar machen, daß hier keine Ansätze ln einer solchen Situation dann den . Inter- sehr nahe stehen, werden weniger als bisher
fOr einen gemeinsamen Kampf mehr vor- nationalen Klassenkampf" herbeizuzitieren, bereit sein, BOndnisse mit •Staatsfelnden•
handen sind. um seine eigenen Aktonen rechtfertigen zu einzugehen. Viele Menschen •dazwischen•
können, ist eine unverantwortliche Verdrän- werden wohlmöglich wegbleiben, resignie-
Manche der zitierten Aussagen erinnern auf ren in diesem Konflikt, sich auf keine Seite
fatale Welse an die RAF.Vor allem deswegen gung der eigenen Mängel in Theorie, Strate-
gie und Praxis. Und der HaB, die Wut, die ja schlagen wollen und ihren Protest oder Wi-
fatal, weil nichts so eindeutig ist wie die Tat-
sache, daß die RAF mit Ihrem Konzept ge- tagtäglich ln uns entstehen, in uns so oft hin- derstand gar nicht artikulieren. Viel wird da-
scheitert Ist. Auf Grundlage dieses Schel- eingeprügelt werden, die sind zwar ver- von abhängen, wie wir gegen diese Tenden-
tems noch einmal zu versuchen, einen revo- st ändlich, aber kein guter Ratgeber für politi- zen gegenarbelten, uns MOhe machen, die
lutionären Zustand in dr BAD herbeizuschie- sches Handeln. Undifferenzlerter HaB und Menschen mit unseren Gedanken und Dis-
ee·n- und daraufläuft es Im Endeffekt hinaus platte Feindbilder, die da erzeugt worden kussionen auch erreichen. Unsere bisheri-
-Ist doch der helle Wahnsinn. Oie Opfer, auf sind und gepflegt werden, können einen gen Diskussionen, so wie sie auch in dieser
beiden Selten, die das wieder fordern wird, schon sehr nachdenklich machen. Da ent- Nummer zum Ausdruck kommen, waren of-
sind umsonst, jeder, der derzeit dafür stirbt, steht ein Weltbild, eine Sub-Realität, die in fen und Intensiv und haben gute Vorausset-
verletzt wird oder in den Knast gehen muß, s1c'h so abgeschlossen ist. daS sie Im tagtäg- zungen geschaffen, mit der Situation fertig
wird geopfert ln einem aussichtslosen und lich erfahrbaren Realitäts-Ausschnitt immer zu werden. Bleibt zu hoffen, daß es gelingt,
sinnlosen Kampf. aufs neue bestätigt wird (bzw. sich bestätigt diesen Stil der Auseinandersetzung weiter-
sieht), also Ihre eigene Logik hat Viele sind zuführen.
Es hat keinen Sinn, sich etwas in die Tasche dann durch Diskussionen nicht mehr er-
zu lügen. Es gibt keine revolutionäre Situa- reichbar. Wie viele das sein werden, hängt
tion in der Bundesrepubllk, ja nicht einmal auch von unserem Verhalten ab, von unse-
Vorstufen davon. Es gibt nicht einmal eine ren eigenen Perspektiven und Utopien.

Aus einem Rugblatt: .,Dem Staat keinen Millimeter... sondern neun Millimeter"
·w" haben uns ent· lo~ngst d1e Erlohrung g9macht und C11e GeschiChte be es keme reg•onaten Unterschiede NilSChon den Unter
schlossen. eon Flugblau 1u den Ere1g111ssen an der sraugt es. daß es unmog11ch 1s1. uns vor der Slaatsge dfllckungsverhillrmssen g•bt und uberalt d•esseloen
Startbahn ~u schre1ben, we11 w1r rJJe blsheogen 01Skus· wo// durchzusetzen Innerhalb des lfiChtiJChen Rahmen. Stratog1en und Mittel d.:Jgegen emgesotll werden kOn
s1onen um d•c •.Schosse ~um reil haarstrlwbend Im· der uns au/gezwungen wud non Wu denken aber. daß ovch h•er dte Bullen oder das
den ... Zu den Belfoflencn Der HundenschaltsiOhrer 0 h . wenn w1r das System UJrschlogen wollen, wer
Klaus ElCI'IhOfer war em be~annret und verhaßter Bulle Mili/Sr sch•e8en word('n, wenn es Ihntun belohlen Wltd
den w1r der Std81/ochen Gewalt revolutJonare G('walt Es 1st nocn mcht so lanq(' her, daß s1e es m Europa (I('
Er legte gerne selber mal ·hanCI an• und war lur etliChe
entgegenseilen mussen N1cht etwa. we11 es getl •SI liJn haben Senon vf'tgessen" Durch C11e EteJgnJsse
Gas·und KniJpppeJ.Emsalle voranl\vorthch Auf sem
oder Spaß macfll. sondern we11 es mehr anCfeiS geht An an der Starroann 1\ommt es 1n dtversen Pap•eren und
Konto gehen Verleute und Verhaftete. Andreas E1CI1Ier
Clli'Ser Stelle 1eghchen Gebrauch von Schußwaffen ab· D1skusstom>n erneut zu emer Nennung und Vermr·
gehOrte der akllomstlscn gcprtJglen Sranbannfraktlon
tulehnen mit CfeJ BegriJndung, s1e wurden mehr zu vn scl1ung der Begnlle •mi/IIBnt• und ·•mlllttwsch.. d10 wu
an Mehr wollen w1r zu Ihm mcnt schreiben. E1tst 1eC!en·
S('ren Mllleln gehOren tst n1cht nur /alsch, sondern haarstrauiJond fmden Es Aomm1 zu Oelmllionen w11!
falls kem Unbel<annter. er gellOrte dazu 01e Schusse
bPmhaltet eme hmterllsllge Dlstanz1erung vom bewa/f · Milllant •st eme MISChung aus Protest und WJd('r
waren nai/JriJCh quatsch Am unverantwortliChsten war
netcn Kampf. "'e'l N gar mehr mehr genannt wlfd Vlu st<Jnd · d1e Uberhaurt mchts aussagt. oder es wud ge
d1e SituatiOn m d1e dadurch alle anderen Loure der De·
Iinden d•ese Erl.lhrungen (Cfle Entw1cMung der m•lllan· sagt, CIJ8 Cfor Gebrauch emer Knarre Ptne rnllitanscne
mo georac/11 wurden. Hauen d1e Bullen namllch gle•ch
ten Ausemanderseuungen m der lernen JiJhren, AuS('monCferselzung ausmacht. Der Gebrauch emp1
gescrmal/1 was aoge/11 wtJte es unter Umstanden zu e1·
Anm.)verdammt wlcht1g Wlt denken auch, daß Jene Er· Knarre. JB selbst wenn es zwei oder dre1 gt.>wesen wli·
nem BturoaCI gekommen tm Moment 1rgendwelche
Iohrungen uns denen m den die• Kontinenten kiJmplen· ren, macht /Or uns noch Ionge (gamlange} kemt> mlllta
Bulfen abzuknallen ~ann mcht unsere Sachl' Aboese-
den Menschen em Stuck naher brmgen Wenn wlf uns rlsche Ausemanderseuung aus Auch die ErJ$t('nt von
lren von der personlicflen ß('lnedJqunq 1St an emer sof
aul C11ese Menschen be11ehen und emen mtemclllona· d1versen Kleingruppen und d1eser und wnPr Bomben.,n
chen Akl10n n1chl wet Pos11.ves nac/IVollz•enoar An·
len Kampf anstreben. durfPn w1r mehr vergessl'n. wel· schlag sind tor uns keme mil1tanscne> AusromanCierset
Cfers ISt ISt, wenn es s1ch Cf.1taum handell, oes11mmte
chNJ Bedmgungcn er unterhegt Es gehort m v101en zung. F(}r uns 1st das allf'S m1/Jlanre P0/1111< m11 ml//lan·
Rcprasentanten oder oesondere Scnweme umzuplat
L•lndflrn Alnkas. Astens und Latemomeflkas tum All· Ion Mitl ein von C'mcr tnllllanschen Ausemanderset
ten. Solche Ak t1onen konnen smnvolle. rrch11qe Sachen
tag. daß Cf1e Bullen oder d•e Armee oul Demos schart zung m dar BRO 111 rednn zeugt von emcr Cfillusen B!'·
sem. Unter uns aber werden •mmer mehr Summen seil/eBen. Oobl'l wissen w1r. doß die Fuma Hqckter gul/sbc~IJmmung. Emc ml/lt~nsche Ausemande1set·
taut, d1e von Veuonung• • Verselbsrand1gung der Ge- una Koch zalllrc•ch!> lascnJststchp ~eg.me der drei zung sem f'me Orqams1erung und Ausrusrung voraus.
walt• •MythosCferGewalt• sprechen. ZurGewalt. W1r Kontinente be/leiert, und daß C11e BRO Bullen begehrte
fmden es grunasatziJCh /alsch, m d1eser Af/ und We1se d10 es h1er momentan mchtg•bttJnd auch m absehbarer
Ausbilder 101 Aulstandsbekamplung smd Wu wollen Ze11 n1cnt geoen wor(f Außerdem bedeutet S•e eme Har
eme DISkusston uber •unsere. Gewalt anzulangen. we1l
d1e Schosse an der Startbahn unter d1eser Perspekt1ve te df't Ausemandersetzung. C11e d•ese Lmke•. d•e schon
s1e emen lalsc;hen Ausganospunkt har Uns bltJ•bt d1e
senen, we1//Jber Cllt> BRO·Gren~en ltmaus. m em rJchtl· be• zwe• toten Bullen fast emen Kollaps J<negt, I/ein(}
Wahl der Mlltel mcht Oberlossen Wu /laben scflon
ges Verhllllms seilen. WH memen naturlieh fliCI>t. doß funf Mmuton (fl)rChhal/1/n wurde ..

·Eon1g,. Auronome aus Golllngf'n.

8
Nachdem sie am 1.11. ihren 300. Sonn- südlich durch einen , , Vorfluter'' be-
tagsspaziergang durchgeführt hatten, grenzt, ein Wassergraben, der weder
trafen sich zwei- bis dreihundert Start- besonders breit noch tief ist, aber von
bahngegner am nächsten Abend aus sumpfigen Rändern gesäumt wird, so-
Anlaß eines sechsten Jahrestages: Am daß man ihn über eine schmale aufge-
2.11.81 war ein Hüttendorf polizeilich schüttete Furt :überqueren muß. Die
geräumt und zerstört worden. Die Be- beiden o.g. Wege münden kurz vor der
wegung, die damals zehntausende mo- Furt ineinander, sodaß sowohl der
bilisierte, hatte es in eben jenem Wald- Rückzug der Demonstranten wie auch Iäufen wurde diese Barrikade von der
stück errichtet, das der Flughafener- die Verfolgung durch die Polizeidiesen Polizei genommen. Die Startbahngeg-
weiterung zum Opfer fallen sollte. Sol- Engpaß passieren müssen. Jenseits der ner flüchteten über die· Furt und ver-
che Jahrestage sind den noch verblie- Furt beginnen die "Mönchbruchswie- teilten sich, um die Verfolgung zu er-
benen aktiven Startbahngegnern wich- sen" mit einzelnen Busch- oder Baum- schweren, über die Mönchbruchswie-
tige Anlässe, um zu der Betonpiste zu gruppen und einer nord-südlichen sen in der Dunkelheit. Bis zu diesem
ziehen, die nach dreijähriger Bauzeit Ausdehnung von 400 bis 500 Metern. Zeitpunkt hatte sich das Geschehen in
im April 1984 in Betrieb genommen An ihrem Südende fließt der ein paar nichts von dem unterschieden, was
wurde. Jedermann und so auch der Meter breite ..,Gundbach", eigentlich man schon häufig erlebt hatte und
Polizei ist der Ablauf dieser Aktionen ein kleiner Fluß, über den es in dieser dementsprechend wäre. es· der Presse
bekannt, weil sie - auf beiden Seiten Gegend nur eine einzige Brüc~e gibt. aufgrund der eingetretenen Gewöh-
- nach einem ungeschriebenen, aber Da es der Polizei an dieser Stelle im nung kaum niehr als 20 Zeilen wert ge-
gleichwohl festen Schema ablaufen. So Prinzip leicht fiele, den RUckzug abzu- wesen. Um nicht der Verharmlosung
bot auch der letzte Jahrestag zunächst sperren, schleppen die Demonstranten geziehen zu werden, sei die "FAZ"
kein ungewöhnliches Bild. Gegen 19.30 bei solchen Aktionen üblicherweise, so (4.U.) zitiert: ,,Bis dahin glich der Po-
Uhr brachen die Demonstranten mit auch beim .letzten Mal, HolzhohleR lizeieinsatz vom Montagabend unZIJh/i-
Fackeln aus Mörfelden-Walldorf auf. mit, um an vorher verabredeten Stellen gen aus der Vergangenheit."
Eine halbe bis eine Stunde später sam- Notbrücken über den Gundbach anzu- Um 21.30 Uhr fielen die Schüsse.
melte man sich am Südende der Start- legen. Jenseits des Gundbachs b~fin­ Ein 44-jähriger Polizist aus Hanau
bahnmauer; der gewohnte Treffpunkt den sich wiederum einige Waldstücke. starb in der Flughafenklinik oder auf
heißt deshalb auch seit langem schlicht Gegen 21 Uhr gab die Polizei mitei- dem Weg dorthin, ein 23-jähriger we-
,,Chaoteneck". Die Polizei hatte zah- ner Lautsprecherdurchsage, die Ver- nig später in der Frankfurter Universi-
lenmäßig ungefähr das Doppelte auf- sammlung sei illegal und müsse aufge- tätsklinik. Beide waren in den Baue
geboten: vier bis fünf Hundertschaf-
ten, größtenteils innerhalb der Befesti-
gung. Den Demonstranten entging
nicht, daß einige Züge der Uniformier-
ten im Wald postiert waren, der sich

geschossen worden. Ein dritter Beam-


ter war mit ·einem. Schuß in die Brust
erst einen Tag später außer Lebensge-
fahr;. ein vierter erhielt eine schwere
Oberschenkelverletzung. Einige Pres-
semeldungen sprechen noch v~m einem
fünften Beamten, der einen Streif-
schuß am Knie davongetragen habe.
löst werden, das Signal zu den Ausein- Von dem Schußwaffengebrauch er-
andersetzungen. Die Demonstranten fuhren die zurückkehrenden Demon-
warfen Steine, Feuerwerkskörper und stranten erst bei Ankunft in
Molotowcocktails oder schossen mit Mörfelden-Walldorf. Ihre R~tion
Leuchtspurmunition und Zwillen über schwankte zwischen Ungläubigkeit
die Mauer. Die Polizei konterte mit und Fassungslosigkeit. Die Polizei
Wasserwerfereinsatz, Gasgranaten und führte in der Flughafenanliegergemein-
ihrerseits Leuchtkugeln. Uniformierte de erste Kontrollen durch und soll
Kräfte unternahmen einen Ausfall mit nach Zeugenaussagen · (Hessischer
nach Osten hin anschließt, ebenfalls Wasserwerfer aus dem Südosttor der Rundfunk) bei dieser Gelegenheit ih-
keine neue polizeitaktische Maßnah- Mauer, um an einer brennenden Barri- rerseits zwei Warnschüsse abgege~n
me. Die Startbahngegner errichteten kade (siehe Markierung 1 auf unserer haben. Noch in der Nacht wurden im
nun Barrikaden über die beiden Wege, Skizze) relativ lange aufgehalten zu Rhein-Main-Gebiet mindestens 20
die durchden 100 bis 200 Meter breiten werden. Gleichzeitig rückten die im Wohnungen durchsucht und nach An-
Streifen südlich der Startbahn führen. Wald postierten Polizisten von Nord- gaben von Rechtsanwälten 48 Perso-
Dieser Geländestreifen besteht aus osten her vor, um an der zweiten Barri- nen vorläufig festgenommen. Am
dichtem Gestrüpp und neu angelegten kade (2) heftig mit Demonstranten zu- Morgen fanden sich Landesregierung,
niedrigen Waldschonungen und wird sammenzuprallen. Nach mehreren An- Polizeiführung und Generalbundesan-

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wan Keomarm, der das Verfahren an
sich zog, am Flughafen ein.
"Plötzlich schrie ein Vermummter
durchs Megaphon die Polizisten an:
,Nicht näherkommen!' Unmittelbar
darauf gab er den Mordbefehl:
,Scharfschützen, Feuer!' Minuten spä-
ter lagen 11 Polizisten in ihrem Blut. "
("Bild", 4.11.) Diese erste Darstellung
des Geschehens wurde von der Gene-
ralbundesanwaltschaft (GBA) und
dem Frankfurter Polizeipräsidium aus-
gegeben. Die "FR" gibt eine Erklä-
rung des GBA wieder, in der es heißt,
die fragliche Megaphondurchsage sei
"aus dem Wald" gekommen, "wo-
raufhin von vermummten Demon-
stranten mit scharfer Munition,
Leuchtspurmunition und Feuerwerks-
körpern auf die sich zurückziehenden
Polizeibeamten geschossen wurde. "
("FR, 4.11.) In der Knallerei mit Feu-
erwerkskörpern habe man den SchuB-
waffeneinsatz nicht hören können. In
mehreren Zeitungen wird die Aussage
eines Polizisten zitiert, w.onach ein Zi-
schen und ein Klatschen ("plötzlich
machte es plopp ") zu hören gewesen
sei; dann sei der Kollege neben ihm
umgefallen. Auch das Blitzen eines
Mündungsfeuers wurde von nieman-
dem bemerkt.
Der Sprecher der Frankfurter Poli-
zei, Neitzel, erklärte: "Sie schossen aus Schematische Skizze des Geländes im Süden der Startbahn West. 1) und
allen Richtungen mit allen möglichen 2) Von Demonstranten errichtete Barrikaden. 3) Ort, an dem die ange-
Schußwaffen. "("Bild", 4.11., ebenso schossenen Polizisten lagen: hinter einer Furt über einen schmalen
"FR") Diese erste Darstellung war der Wasserlauf ("Vorfluter"). 4) Reguläre Brücke über den Gundbach. 5) An-
deutlich erkennbare Versuch, die De- fänglich genannter Tatort.
monstration als Ganze, mindestens je-
doch einen nicht unbeträchtlichen Teil bei den vermummten Demonstranten Morgen des 3.11., die ausschließlich
der Demonstranten als Mitwisser und um reisende Gewalttäter und Verbre- auf Polizeiquellen beruht~n. ließen
Mittäter zu beschuldigen. So schrieb cher handle, die nicht vor Morden zu- diesen Eindruck entstehen. Auf dem
die "Frankfurter Neue Presse" rückschreckten". ("FNP", 4.11.) Der Fuß und ohne weitere Begründung
("FNP", 4.11.) unter Berufung auf Vorsitzende der Frankfurter CDU- folgte eine völlig andere Lokalisierung
Aussagen von Polizisten, die Demon- Stadtparlamentsfraktion, Wenderoth, des Tatorts, der jetzt ca. 500 Meter
stranten hätten den Schützen sehen sah "hinter jedem vermummten Ge- weiter südwestlich, am Gundbach, an-
müssen, ihn aber gewähren lassen. "Es walttliter einelt potentiellen Mörder", gesiedelt wurde.
ist wohl auch kaum zu verstehen, daß und der Kreisverbandsvorsitzende Zunächst war es der Hessische
eine Masse Mensch den Mörder so Daum rief dazu auf, "die geistigen Ur- Rundfunk, der am 3.11. behauptete,
menschenverachtend handeln ließ." heber dieser Taten zur Besinnung zu die·Schüsse seien ganz woanders gefal-
Nach einer auf einer SPD- bringen." {"FAZ", 4.11.) Auf Bun- len. ,,Die Demonstranten flohen in
Pressekonferenz gegebenen Darstel- desebene verfolgte Dreggereine "Blut- Richtung Südosten über den Gund-
lung soll der Frankfurter Polizeipräsi- spur" über Wackersdorf und die Ham- bach. Die nachsetzenden Beamten ka-
dent Gemmer davon gesprochen ha- burger Hafenstraße bis zu Jutta Dit- men an dem Bachlauf zum Stehen, be-
ben, die Schüsse seien "aus einem Pulk furth. richtete am Dienstag morgen ein Re-
schwarzgekleideter Demonstranten Die erste Version mußte so verstan- porter des Hessiachen Rundfunks, der
heraus" abgegeben worden. ("taz", den werden, als hätte sich das tödliche die AUSeinandersetzungen als Augen-
4.11.) Geschehen am südlichen Rand des zeuge erlebte. Sie nahmen zum Teil ih-
Politiker der CDU waren um Verall- Waldes östlich der Startbahn abge- re Helme ab und legten ihre Schutz-
gemeinerungen bemüht. Der Frak- spielt (5). Diese Stelle gibt die Bildzei- schilde beiseite. " ("FR", 4.11.) An
tionsvorsitzende im hessischen Land- tung an, und auch die ersten Meldun- dieser Stelle und in dieser Situation sei-
tag, Nassauer, erklärte, "daß es sich gen des Hessischen • Rundfunks am en die Schüsse gefallen. Eine Mega-

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phondurchsage von Demonstranten- "Scharfschützen, Feuer" sei durch
seite wird hier nicht bezeugt, ebenso Zeugenaussagen belegt und "aus ei-
wenig ist davon die Rede, daß aus ei- nem Waldstück" erfolgt. Für den
nem Waldgebiet heraus geschossen GBA ist diese angebliche Megaphon-
worden sei. Es ist allerdings unwahr- durchsage der wichtigste Hinweis, der
scheinlich, daß der betreffende Repor- für eine von Demonstranten planmä-
ter direkt am Tatort gewesen ist, da im ßig durchgeführte Tat spreche (.,FR
weiteren auf die Darstellung der Polizi- am Abend"). Im Hessischen Rund-
stengruppe Bezug genommen wird, zu funk wurde Rebmann mit der Aussage
der die Opfer gehörten. zitiert, die Schüsse seien aus 150 m
Noch etwas genauer äußert sich die Entfernung abgegeben· worden. liehst martialische Aussagen irgend-
"FNP": 400 Meter südlich der_ Start- In der Tat ist das die Mindestdi- welcher Autonomer und die einschlägi-
bahn seien die vorrückenden Polizisten stanz, die angenommen werden muß, gen VS-Dossiers zu bringen, um den
durch brennende Barrikaden ("Heu- wenn wirklich von einer Position süd- lieben Lesern eine Art Killermentalität
ballen, Autoreifen und Matrazen") lich des Gundbachs (4) geschossen der schwarzgekleideten und vermumm-
aufgehalten worden. "Die Täter hat- wurde. Dort gibt es nocheinmal Wald, ten Demonstranten plausibel zu ma-
ten sich auf der anderen Seite des freilich nicht direkt am Bachufer, son- chen.
Gundbaches im Wald {!) verschanzt. dern in einiger Entfernung. Und unge-
Als die Polizisten die Flammen löschen fähr in diese Richtung hatten sich auch "S~hüsse aus unserer
wollten, fielen die tödlichen Schüsse. " die Demonstranten nach Überqueren
Auch die "FAZ" erwähnt eine Entfer- des Gewässers zurückgezogen. 'Somit Richtung, aber nicht
nung von 400 Metern zur Mauer der scheint die Version Gundbach am be- von uns"?
Startbahn, obwohl sie im Lokalteil der sten geeignet zu sein, um ein irgendwie
gleichen Ausgabe ("Zeitung für Frank- von der Demonstration "geplantes So nervig es ist, immer wieder ins quasi
furt", 4.11.) eine Skizze gedruckt hat, Vorgehen beim Polizistenmord" auf- kriminalistische Detail gehen zu müs-
die einen Tatort deutlich näher an der rechtzuerhalten. Gegenüber der sen, weil es offenbar niemand anders
Startbahnmauer zeigt. ..FAZ" (6.11.) wiederholte die Bun- für nötig hält, so bedeutsam ist der ge-
Die "taz" (4.11.) spricht im Artikel desanwaltschaft, der vermeintliche Tä- naue Ablauf schließlich doch - nicht
eines Demobeobachters von 500 m Di- ter sei" ,sicher nicht der einsame Wolf nur in bezugauf mögliche Strafverfah-
stanz zur Startbahn. Ein Polizist wird (gewesen), der als Einzeltäter im ren gegen alle, die als Demonstrations-
mit der Aussage wiedergegeben, die Schutz der Dunkelheit zugeschlagen teilnehmer festgestellt werden konn-
Lage der toten Beamten könne (am hat. ' Der Oberfall auf die am Start- ten, sondern auch um eine politische
folgenden Tag) "nicht mehr rekon- bahngelände eingesetzten Beamten wä- Verantwortung oder Mitverantwor-
struiert werden, weil die Männer in Ei- re ,ohne eine gemeinsame Planung tung der Startbahngegner erörtern zu
le ins Krankenhaus abtransportiert nicht möglich gewesen'. Es deute vieles können. Verantwortung heißt zu-
worden seien." Der "taz"-Bericht legt darauf hin, (... ) daß die Polizisten in nächst: Antwort(en) zu suchen und zu
vage nahe, das Geschehen habe sich eint Falle gelockt worden seien. " Die geben und nicht griffige Politiker-
mitten auf den Mönchbruchswiesen betroffenen Beamten seien nicht mit Sprüche abzusondern, deren Halb-
abgespielt. Er sagt auch: ·"Als die Si- der Verfolgung von Demonstranten, wertszeit desto kürzer ist, je schneller
tuation begreifbar wird, setzt eine sondern mit dem Abbau einer bren- sie abgegeben werden.
Massenflucht über die Felder ein, über- n~nden Barrikade beschäftigt gewesen Achim Bender, Arbeiter, Abend-
all flackern Barrikaden, die den Rück- "und boten so eine prächtige Zielschei- schüler, BI-Mitglied aus Mörfelden-
zug autonomer Gruppen schützen soll- be für die Täter". Walldorf und militanter Dauerdemon-
ten. •• Das widerspricht mehreren 'Für die behauptete große Schußdi- strant (nicht nur) an der Startbahn
Demonstranten-Aussagen, wonach stanz, die zunächst sogar den Ge- West, hat in einem "taz"-lnterview
man erst bei der Rückkehr nach brauch eines Gewehres vermuten ließ, wie auch im Gespräch mit dem AK ei-
Mörfelden-Walldorf von dem SchUB- bevor eine Pistole als Tatwaffe fest- nen Bericht gegeben, der erheblich von
waffeneinsatz gehört habe. Wie in an- stand, gab Rebmann als weitere Be- den eingangs referierten Schilderungen
deren Zeitungen wird auch in der gründung an, daß "an den Körpern abweicht. Um Beschönigungen der ei-
,,taz" leider nicht ~gegeben, was der keine Schmauchspuren festzustellen genen Rolle geht es nicht: Achim ge-
Verfasser selbst beobachtet, was er von waren." ("FR", 4.11.) Gemeint ist of- hört zu denjenigen, die entschieden für
wem und wann gehört hat, bzw. wätin fenbar, daß bei Schüssen aus kurzen Verantwortlichkeit, Selbstkritik und
und wie ihm welche Situation "begreif- Entfernungen winzige Pulverreste an eine Änderung militanter Politik ein-
bar" wurde. So trägt man selbst zur den Einschußstellen nachzuweisen treten. Am Abend des 2.11. erlebte er
Verwirrung des "verwirrenden Ge5che- sind. den Zusammenprall zwischen der Poli-
hens" bei. Eine ziemliche Leistung Von Bedeutung ist ferner, daß die zei und den Demonstranten an der öst-
vollbringt der Frankfurter .,Pflaster- "FR" bereits am 4.11. meldete, es ste- lichen Barrikade (2). Nachdem die Po-
strand" (Nr. 275) mit dem Titel he fest, "daß einer der getöteten Be- lizei dort zwei-, dreimal zurückgeschla-
"Schüsse aus dem Wald"; ohne ·sich amten von vorn, der andere von hinten gen worden sei, so seine Beschreibung,
weiter um den Wahrheitsgehalt zu sor- getroffen wurde. " Dieser Darstellung hätten sich die Startbahngegner rasch
gen. · schloß sich der hessische Ministerpräsi- zurückgezogen, um an dem Engpaß
Diese zweite Version ist diejenige, dent, Wallmann, höchstpersönlich an. der Furt über den Vorfluter nicht in
die in der Folgezeit von der Buildesan- Das habe die Obduktion ergeben Bedrängnis zu geraten. Es sei an dieser
waltschaft, die sich . mit Ortsangaben (,.,Abendpost", 5.11.) Die Bundesan- Stelle eben bekanntermaßen ein gewis-
freilich ·nie präzise festlegt, vert~n waltschaft hingegen hat dem stets wi- ser Vorsprung vonnöten, damit nicht
wird. Sie hängt unmittelbar mit- der dersprochen. Ebenso wies sie Spekula- die Letzten an der Furt von den Verfol-
vom GBA beharrlich vertretenen Be- tionen zurück, es könne sich um meh- gern eingeholt werden. Achim jedoch
hauptung zusammen, die Schüsse rere Tatorte gehandelt haben. Viel- rannte nicht mit, sondern verdrückte
müßten "aus größerer Entfernung iib- mehr seien alle Polizisten in unmittel- sich seitwärts, ließ die Polizei an sich
gefeuert worden sein" ("FR", 4.11.). barer Nähe voneinander getroffen vorbeiziehen und folgte ihr dann, um
So wurde am 4.11. von Karlsruhe noch worden. Ansonsten sind die Medien in unmittelbar hinter der Furt zu dem
einmal bekräftigt, das Kommando den folgenden Tagen bemüht, mög- Zug von Beamten zu stoßen (3).

9
- Die .,Nachhut" der Demonstration als die Polizei Achim an der Furt an-
sei zum Zeitpunkt der Schüsse ca. 400 kam. Immerhin ist es möglich, daß
m entfernt gewesen. dort wenige Minuten vor seinem Ein-
Nach dieser Version könnte es so gewe- treffen noch Auseinandersetzungen
sen sein, daß die Schüsse nicht aus den zwischen Demonstranten und Polizei
letzten Reihen der Demoosttanten ab- stattfanden. Denn man kann 400 m in
gegeben wurden. sondern aus einem sehr kurzer Zeit zurücklegen. Zweitens
Versteck in der Nähe der Furt, wo sich ist nicht ganz auszuschließen, daß die
vereinzeltes Gebüsch, Baumgruppen Schwerverletzten doch über eine grö-
und hohes Gras, aber kein Wald befin- ßere Strecke zurücktransportiert wur-
Dort, so sagt er, befinde sich unge- det. Der Schütze könnte davon ausge- den, obwohl die Erste Hilfe-Regeln das
flhr die Lichtgrenze der Scheinwerfer, gangen sein, daß die Polizei wie üblich verbieten. Sollte diese Schilderung aber
die von der ·startbahn herüberleuch- an dieser Stelle haltmachen wUrde, und im Großen und Ganzen zutreffen,
ten, und dort seien auch die Polizeiein- er könnte genau diese Situation abge- dann ist es ziemlich ausgeschlossen,
sätze in der Regel zuende. Im Allge- wartet haben . daß die Schüsse wegen eines Hagels
meinen worden die Beamten noch die Eine polizeiliche Verfolgung bis zum von Feuerwerkskörpern, Molotow-
kleine Furt überschreiten, dann aber Gundbach sei erst nach den Schüssen cocktails und Leuchtspurmunition zu-
eine Verschnaufpause einlegen, um aufgenommen worden und zwar durch nächst nicht auffielen. Denn ein sol-
später im Bericht schreiben zu können, eben jene anderen Polizisten, die an cher Hagel läßt sich aus 400 m Distanz
man habe den Startbahngegnern auf der Gruppe mit den Verletzten vorbei- nicht durchführen.
die · Mönchbruchswiese nachgesetzt, gezogen seien. Aus Berichten anderer Andererseits ist es auch relativ un-
was aber wegen der Dunkelheit und Demonstrationsteilnehmer rekonstru- vorstellbar, daß die Polizei trotz der
der weit auseinandergezogenen Flucht iert Achim, daß es an der Gundbach- angeblichen Feuerwerkskörper, Molo-
der Demonstranten meist als vergebens brücke (4) zu einer weitereJ;l Konfron- towcocktails etc. steheilblieb und Hel-
ausgegeben werde. Nach Achims Dar- tation gekommen sei. Dort habe es me und Schilde ~blegte, wie in fast al-
stellung ist es Teil des Rituals, daß bei- wohl auch eine Megaphondurchsage len Zeitungsberichten erwähnt wird:·
de Seiten mehr oder weniger von einer gegeben, die er so wiedergibt, daß die Offenbar muß die Konfrontation doch
Beendigung an dieser Stelle ausgehen. Polizei darauf hingewiesen worden sei, mindestens deutlich at>genommen ha-
Aber an diesem Abend merkte er, man ziehe sich zurück und die Beam- ben, bevor die Schüsse fielen. Jeden-
daß etwas nicht stimmte, um mit einem ten sollten die Leute in Ruhe lassen. falls findet die Tatortbeschreibung die-
weiteren Blick zwei am Boden liegende Das hätten sie dann auch getan. Jeden- ser dritten Version mehrfache Bestäti-
Beamte zu sehen. Wie die herumste- falls liege dieser ganze Vorfall am gung. So ist es bei .,FR" und .,HR"
llenden Polizisten auch habe er zu- Gundbach zeitlich eindeutig nach den ziemlich klar, daß sie in ihren ersten
nächst nicht an etwas Ernsthaftes ge- Schüssen. Achim traf die Demonstran- Berichten einfach den Vorfluter mit
glaubt. Dann aber seien die schweren ten erst in Mörfelden-Walldorf wieder, dem Gundbach und die Furt mit der
Verletzungen im Bauch festgestellt wo er ihnen berichtete, was er gesehen Brücke durcheinandergebracht haben,
worden. Er habe in die bleichen Ge- hatte. Sie hätten zu diesem Zeitpunkt ohne das später richtigzusteUen. Auch
sichter geschaut und gespUrt, .,daß es noch nichts davon gewußt. gibt es die Darstellung eines Polizisten
aus mit ihnen war", daß ihr schwacher Die Darstellung des BI-Mitglieds (.,Abendpost" v. 5.11.), der die am
Oberlebenskampf keine Chance mehr wirft eine Reihe von Fragen auf. Zu- Boden liegenden Verletzten .,einige
hatte. Er habe es trotzdem nicht für nächst ist nicht klar, um wieviel später Meter" hinter der ersten Barrikade
wahr halten können. .,Das war ein
Einschnitt."
Wenig später habe man den in die
Brust geschossenen Verletzten an die
gleiche Stelle herangetragen. Die ganze
Polizistengruppe sei völlig verwirrt ge-
wesen und habe nichts mehr unter-
nommen, sondern sich zurückgezogen,
nachdem die Verletzten von Ambu-
lanzwagen abgeholt worden waren. Ei-
ne andere Formation sei jedoch vorbei-
gezogen und in die Mönchbruchswie-
sen vorgestoßen.
Achim will nun bei Ankunft an der
Furt die Silhouetten der letzten De-
monstranten weit entfernt am anderen
Ende der Wiese, aber noch vor dem
Gundbach, also an dessen nördlichem
Ufer, wahrgenommen haben. Das Fol-
geode sind Schlußfolgerungen, die er
jedoch für $ehr wahrscheinlich hält:
- Er geht davon aus, unmittelbar
nach den SchOssen an der Furt ange-
kommen zu sein.
- Die schwerverletzten bzw. sterben-
den Polizisten sind nicht mehrere hun-
dert Meter weit Ober die Wiese ge-
schleppt worden. Sie müssen also an
dieser Stelle (3) oder in ziemlicher Nä-
he davon getroffen worden sein.

BreMender 8eobachtungsstand an der Mauer Startbahn-West


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nach der Startbahn (l) gesehen hat. ben des Namens, der Adresse und des
"Andere liefen zu ihnen, hoben sie Arbeitsplatzes von Andreas E. sowie
auJ, brachten sie aus der Kampfzone. ,, der Anschrift seiner Freundin waren
Sollten die Schüsse. tatsächlich von selbstverständlich. Nicht eine Stimme,
einer Position nahe der Furt und bei nicht einmal die "taz" problematisier-
,,abnehmenden Kamptbandlungen'' te, daß der Festgenommene als un-
gefallen sein, so wäre eine Erklärung schuldig zu gelten hat, bevor in einem
für die drei Widersprüche - kein rechtsstaatliehen Prozeß, wie es so
Knall, kein Mündungsfeuer, . keine schön heißt, ein Urteil gesprochen ist.
Schmauchspuren an den Körpern - ·Es gibt eben doch bemerkenswerte Un-
nicb.t undenkbar. Vielleicht ist ein terschiede zu diversen Trägern des Eh- des Beschuldigten.
Schalldämpfer benutzt worden. Er- renworts in der Politik oder Großspen- Gegen E. wurde Haftbefehl ver-
staunlich wäre dann allerdings, daß ein dern in der Wirtschaft. hängt. Den schnellen Fahndungserfolg
solcher nicht gefunden wurde, wäh- Das bundesdeutsche Aushängeschild erklärte die Frankfurter Polizei damit,
rend doch alles andere ganz schnell an Seriosität, der "Spiegel", erschien daß sie "ihre Pappenheimer" eben
auftauchte. am 9.11. mit einer typischen ersten Sei- kenne. Vier weitere Festgenommene
te seines Politikteils: Foto von Andreas aus dem angeblichen Bekanntenkreis
E., Foto einer "Sig-Sauer"-Pistole, von E. wurden wieder freigelassen. Da-
Schüsse Foto eines Vermummten mit durchge- bei wurde bekannt, daß die Bundesan-
zogener Zwille, angeblich an der Start- waltschaft seit geraumer Zeit ein Er-
eines Durchgeknallten? bahn West aufgenommen, Überschrift mittlungsverfahren gegen E. wegen der
in Zitatform: ,, Wir machen Rambo Teilnahme an Strommastaktionen
Noch in der Tatnaeht, "beim Morgen- auf links". Beabsichtigte Wirkung: führt, was seit den Gesetzesverschär-
tee'' bzw. um .6 Uhr morgens, nahm Täter, Tatwaffe und "Umfeld" auf ei- fungen von Anfang 1987 den Vorwurf
die Polizei den 33-jährigen Frankfurter nen Blick. Drei Seiten später stellt sich der Mitgliedschaft in einer terroristi-
Andreas E. in der· Wohnung seiner dann, gewissermaßen im Kleinge- schen Vereinigung nach §129a begrün-
Freundin fest. Auf einem Vordach druckten, heraus, daß die Überschrift det. E. werde verdächtigt, den "revo-
fand. sie einen Rucksack, der angeblich dem Text eines Autonomen entnom- lutionären Heimwerkern" anzugehö-
prall gefüllt war: Eine Pistole des Kali- men ist, der eine Kritik damit gemeint ren. Anscheinend geht es um das Fäl-
bers 9 "Sig-Sauer", wie sie von der Po- hat. Unter allgemeiner Berufung auf len zweier Strommasten im Juli/
lizei verwandt wird, einschließlich ei- die Frankfurter Demoszene wird be- August 1986 in Mörfelden-Walldorf
nes mit fünf Schuß geladenen Maga- hauptet, Andreas E. gelte als "einer und Dreieich. Vermutlich bei der letzt-
zins, · dazu zwei leere Magazine, der härtesten Fighter" und sei "ein- genannten Aktion war eine Frau, die
Leuchtspurmunition samt Abschußge- fach durchgeknallt". jetzt ebenfalls kurzfristig festgenom-
rät, ein Paar Handschuhe, eine Die "taz" schrieb am 5.11.: ,,Doch men wurde, durch einen Lichtbogen
Strumpfmaske und drei Walkie- so verschwommen und unpräzise die schwer verletzt worden -ein Unfall,
Talkies {"Spiegel", 9.11.). Noch am offiziellen Äußerungen dazu bisher der zu starker Verunsicherung in süd-
3.11. wurde bekanntgegeben, daß es auch sind- daß der Todesschütze aus hessischen BI-Kreisen geführt hatte.
sich um diejenige Dienstpistole hande- den Reihen der Startbahngegner Schließlich war E. im Oktober letz-
le, die einem Zivilpolizisten am 8.11.86 kommt, ist mittlerweile unstrittig. ,, ten Jahres beim Passieren der deutsch-
am Rand einer Großdemonstration ge- Dies erscheint unter der Überschrift französischen Grenze Straßburg/Kehl
gen das Hanauer Atomzentrum ent- "Tatwaffe, aber noch keinen Täter". zusammen mit einem Freund festge-
wendet worden war. Ebenso stehe fest, Täter unbekannt, aber Startbahngeg- nommen worden. Wie es jetzt in Zei-
daß einer der beiden Polizisten mit die- ner? Gegen die Erklärung des GBA, tungsberichten heißt, habe man im
ser Waffe getötet worden sei. Einen E. sei "nicht unbedingt" als "Einzel- Kofferraum des Wagens Feuerwerks-
Tag später gab der Sprecher des GBA täter'' anzusehen, wohl aber als munition (,,pyrotechnische Gegenstän-
bekannt, auch der zweite Todesschuß· "Kernfigur", und man wisse, daß er de") gefunden; daraufbin habe E. zwei
und die lebensgefährliche Brustverlet- "in starkem Maß in die Szene einge- Wochen, sein Freund sechs Wochen in
zung seien aufgrund ballistischer Un- bunden war", baute die "taz" (6.11.) Haft gesessen. Wohnungsdurchsu-
tersuchungen auf diese Pistole zurück- vorsorglich die Verteidigungslinie auf, chungen bei den beiden hätten Werk-
zuführen. Schließlich wurden er sei erst vor wenigen Jahren zur Be- zeug zum Fällen von Strommasten -
Schmauchspuren, wie sie bei der Ver- wegung gestoßen, sei relativ unpoli- was immer dafür gehalten wird - und
wendung scharfer Munition entstehen, tisch, lebe "brav und bürgerlich" und Skizzen einer solchen Aktion zutage
an einem Handschuh nachgewiesen. habe "kein einziges politisches Buch in geförd.ert. Aus unerfindlichen Moti-
Bei Andreas E. soll allerdings noch ein seiner Wohnung". Kurzum: Die Szene ven, sicher aber nicht zum Schutz vor
dritter Handschuh gefunden worden begann allmählich, sich von dem ver- Vorverurteilungen hat die Bundesan-
sein; dieser habe nicht im Rucksack ge- meintlichen Monster abzusetzen. waltschaft der Presse nicht den wahren
legen, sondern sei neben anderen Klei- Cohn-Bendit schreibt im "Pflaster- Haftgrund vom Oktober '86 genannt:
dungsstücken in der Wohnung zum strand" (Nr. 275), er wisse nicht, ob E. Den beiden wurde der Versuch vorge-
Trocknen aufgehängt gewesen. der Todesschütze sei. Und wenig spä- worfen, sog. Präzisionszwillen in die
Die Presse hatte ihren Täter. "Das ter: Er "verdient den Schutz seiner BRD einzuführen. E. soll noch ein wei-
ist der Mord-Chaot", schlagzeilte die Szene, auch wenn man sich leiden- teres Verfahren wegen Landfriedens-
"Abendpost-Nachtausgabe" (5.11.) schaftlich von einer solchen Tat distan- bruchs an der Startbahn am Hals ha-
und deutete mit einem roten Pfeil auf ziert. ,, Nach der von. Karl Kraus und ben. Insgesamt soll er "seit langem der
ein F~to, das durch alle Medien ging. Qremliza geforderten sprachlichen Ge- Polizei bekannt" ("FAZ") gewesen
Immerhin mit einem Fragezeichen ti- nauigkeit kann das nur bedeuten: auch sein bzw. "seit KBW-Zeiten" ("FR").
telte "Bild" vom gleichen Tag: ,,Ist er wenn man sich leidenschaftlich von sei- Mal heißt es, er sei 1978 erstmals auf-
der Mörder von der Startbahn?" Un- ner Tat distanziert. Denn nur wenn E. gefallen, mal bereits 1974.
ter dem Foto heißt es: ,,Stechender als schuldig angenommen wird, gibt es Am 6.11. meldeten die Boulevard-
Blick, ein zynisches Lächeln um 'den einen Widerspruch zwischen der Di- blätter auf den Titelseiten ,,Morgens
Mund"(...) Natürlich. ,,Die Beweise stanzierung von der Tat und einem wie ins Büro, abends zum Terror"
lagen auf dem Vordach.,, Volle Anga- immer 2earteten nicht-im-Stich-Lassen ("Abendpost") und "Polizistenmorde

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plant gewesen, meinte die Polizei laut Zeitpunkt sei E. jedoch bereits unter-
"Bild" (10.11.). Bei weiteren Papieren wegs gewesen. Die Beobachter hätten
habe es sich ebenfalls um "von E. ihn gegen 22 Uhr zurückkommen gese-
handgeschriebene (!) Bekennerschrei- hen, aber mit der Festnahme noch acht
ben" für drei "gelungene Anschläge" Stunden gewartet, weil sie hofften, daß
gehandelt, jeweils unterschrieben mit noch weitere Personen'eintreffen wür-
"Autonomes Zellenkommando Josch- den. Die Rundschau blieb hartnäckig.
ka Fischer'~. Diese phantasievolle Dar- Am 12.11. berichtete sie, die Frankfur-
stellung wird von anderen Organen ter· Polizeiführung habe den Hinweis
nicht bestätigt. Pas "Hamburger aus der Telefonüberwachung "so
- I. Geständnis" ("Bild"), jeweils Abendblatt" (11.11.) spricht von ma- vage" gefunden, "daß kein Zusam-
wieder mit Portraitfotos. Die Springer- schinengeschriebenen Selbstbezichti- menhang mit einem · geplanten An-
zeitung behauptete, E. habe zugege- gungsschreiben. Vielleicht waren es schlag im MiJrje/dener Wald herge-
ben, "die Mordwaffe bei sich gehabt auch Drucksachen~ Die "FR" stellt werden k-onnte." In dem Ge-
und in die Wohnung seiner Freundin schreibt: "Die Bezeichnung ,Killerli- spräch zwischen E. und dem Unbe-
gebracht zu haben." Eine Woche spä- ste' für das aufgefundene Schriftstück kannten sei von einer
ter heißt es zum selben Punkt im nannte (der GBA-Sprecher) , viJIIig "Spinnenbrücke" als Treffpunkt die
"stern" (12.11.): "E. bestreitet, der falsch'. ". Rede gewesen. Dieser Name sei der Po-
MiJrder zu sein: ,Ich habe nicht ge- In H.s Wohnung soll "ein von ihm lizei unbekannt gewesen, und er sei
schossen. Irgendein Fremder hat mir verfaßtes Schreiben" zur "Notwendig- auch nicht mit der "Wegespinne" in
auf der Demo den kompletten Ruck- keit des bewaffneten Kampfes an der Zusamm~nhang gebracht worden, in
sack in die Hand gedrückt.'" Für diese Startbahn West gegen die Polizei" ge- deren Nähe dann die Schüsse gefallen
Behauptung spricht immerhin, daß es funden worden sein. "Laut Bundesan- seien. "Der Polizeivizepräsident erläu-
eine unbegreifliche Dreistigkeit gewe- waltschaft meint H. damit ausdrück- terte, nach diesem Sqchstand habe die
sen wäre, wenn jemand nach Abgabe lich den Kampf mit Pistolen und hält Polizei die Passage aus dem abgehiJr-
tödlicher Schüsse die Waffe auch noch es für miJglich, ,die Startbahn zum ten Telefonat mit geplanten Ereignis-
mit nach Hause, bzw. noch schlimmer: Kippen zu bringen, wenn wir (... ) Bul- sen für diesen Abend an .der Startbahn
zu seiner (hochschwangeren) Freun- len tiJien'." ("FAZ", 11.11.) Dies nicht mehr in Verbindung gebracht."
din, genommen hätte. Auch die Hand- klingt in der Tat durchgeknallt, und Am nächsten Tag sah es schon wie-
schuhe mit Schmauchspuren, die nach zwar reichlich. Trotzdem ist nicht ganz der anders aus. Die Polizei hatte auf-
Ansicht des GBA E.s Täterschaft be- auszuschließen, daß solche Papiere ih- grund des Telefonats eben doch mit ei-
weisen, könnten ihm· auf diese Weise ren Weg auf ähnliche Weise zu den bei- nem Anschlag am 2.11. gerechnet; so-
zugesteckt worden sein. den fanden wie, nach Es Darstellung~ wohl das Präsidum als auch die EiD-
Während die "FR" am 10.11. .!loch die Tatwaffe. satzleitung vor Ort hätten wegen der
spekulierte, ob E.s Aussagen zur Uber- einschlägigen Ermittlungen gegen E.
gabe des Rucksacks vielleicht weitere Schüsse unter Observation? das Umsägen eines Strommasts für
Personen belasteten, meldete "Bild" möglich gehalten. Aufgrund dieser
bereits, die Polizei suche jetzt einen Am 6.11. berichtete die "FR", E. sei Vermutung habe die Polizei "die fal•
zweiten Mann. "Er sollE., nach des- bereits seit Monaten "von der Po./izei sehe , Wegespinne' an der Startbahn"
sen Aussage, die Todeswaffe zuge- regelmäßig beschattet" worden. ü~er observiert. In der Nähe der RWE-
steckt haben. "Einen Tag später wurde eine Beobachtung während der Ereig- Trasse, also an den Strommasten, sei
der Name des zweiten Verdächtigen nisse des 2.11. sei dem GBA jedoch "Polizei ständig präsent" gewesen,
mit Frank H. (24 J .) angegeben; er "nichts bekannt". Einen Tag später nicht aber an einer Wegegabelung am
konnie aus Mörfelden-Walldorf und behauptete die Zeitung ebendies: "Aus Rand der Mönchbruchwiesen (gemeint
sei Jüchtig. "Der Gesuchte hielt sich zuverlässigen Kreisen im Frankfurter ist offenbar der Südrand, also unge-
nach Angaben (des GBA-Sprechers) Polizeipräsidium" habe sie erfahren, fähr Punkt 4 unserer Skizze), wo der
am 2. November zusammen mit E. am daß die Polizei "bereits von einem ge- Schütze "aus einer Entfernung von et-
Tatort auf. In polizeilichen Verneh- planten Anschlag an der Startbahn wa 300 Metern auf die Beamten" ge-
mungen habe E. angegeben, die Tat- West gewußt habe, bevor dort am schossen habe. "Trotz der Distanz
waffe von H. erhalten zu haben. " Montag die tiJdlichen SchUsse (... ) fie- konnte er schon wegen des Vollmond-
("FAZ", 11.11.). Der GBA gehe je- len. " Der Sprecher des GBA demen- Lichtes die Polizistenreihe in dem Wie-
doch weiter davon aus, "daß E. die tierte und bekräftigte sein Dementi sengefände ausmachen." ("FR",
SchUsse abgegeben habe. ,Es besteht nach Rücksprache mit dem Präsidium: 13.11.) Die Rundschau gibt die Forde-
jedoch der dringende Verdacht, daß "Weder bei der Bundesanwaltschaft rung des Personalratsvorsitzenden der
dies in bewußtem und gewolltem Zu- noch bei der Einsatzleitung noch sonst Frankfurter Polizei, Koppmann, nach
sammenwirken mit dem Beschuldigten wo . ist ein solcher Sachverhalt lückenloser Aufklärung der ganzen
H. geschehen ist. '" ("Hamburger bekannt." Am 9.11. vermerkte die Geschichte wieder und beklagt die ln-
Abendblatt", 11.11.) Ein Fahndungs- "FR" ein weiteres Dementi des GBA- formationspolitik des Präsidiums, das
foto wurde veröffentlicht. Sprechers. Am 11.11. sah sich die Zei- doch . nach allem, was man wisse,
Gleichzeitig zur Bekanntgabe dieses tung bestätigt. Die Karlsruher Behörde durchaus umsichtig gehandelt habe.
sog. "Komplizen" behaupteten die gab zu, daß das Telefon der Freundin Festzuhalten bleibt, ·daß sowohl die
staatlichen Stellen, schweres Bela- von E. seit Anfang Oktober abgehört Bundesanwaltschaft als auch das Poli..:
stungsmaterial gegen beide Personen worden sei. Gegen 16.50 Uhr am Tat- zeipräsidium eine Woc.he lang alles ver-
gefunden zu haben. Ein Schlüssel in tag sei ein Ferngespräch E.s mit einem sucht haben, um die Öffentlichkeit in
der Wohnung von E.s Freundin habe Unbekannten abgehört worden. einem sehr wichtigen Aspekt zu täu-
sie zu einem Bankschließfach geführt, Es sei von Örtlichkeiten, aber nicht schen.
in dem man eine "Killerliste" entdeckt von einer Aktion die Rede gewesen.
habe: 35 handschriftlich von E. notier- Die Polizei habe dennoch gemutmaßt, Am (vorläufigen) Ende scheint aus-
te Namen von Firmen, Managern und eine Aktion gegen einen Strommast gerechnet die letzte Version die un-
Bankiers, alle mit den Anfangsbuch- stünde bevor. Deshalb habe man gegen wahrscheinlichste zu sein. Wie soll je-
staben A und B; auf diese Personen 19 Uhr vor der besagten Wohnung eine mand aus 300 Metern Entfernung mit
seien wahrscheinlich Anschläge ge- Observierung aufgebaut; zu diesem einer Pistole derart häufig und verhee-

12
rend treffen können? Das ist schon bei Belieben zu präsentieren und wieder
den anfangs behaupteten 150 Metern fallenzulassen, wenn die jeweiligen
so gut wie ausgeschlossen. Hinzu Verdächtigungen ihren Zweck erfüllt
kommt, daß in jener Situation angeb- haben oder nicht mehr zu halten sind.
lich noch massiv Feuerwerkskörper Mit diesem Wechselbad von Drohun-
und Molotowcocktails eingesetzt wor- gen, Angeboten zur Strafmilderung bei
den seien, deren Werfer dann ja zwi- Zusammenarbeit mit den Behörden,
schen dem Schützen und seinen Opfern Repression und Desinformation wurde
gestanden haben müßten. Hier paßt Anfang der achtziger Jahre bereits der
nichts mehr zueinander, und wenn die "schwarze Block" in Frankfurt zer-
Polizei behauptet, aufgefundene Pa- schlagen, der damals mit Hausbeset-
tronenhülsen machten diese Entfer- zungen Furore gemacht hatte. Auch ln den darauffolgenden Wochen
nung zwingend, dann ist eher zu be· damals haben es die Betroffenen ver- gab es eine große Zahl von Durch·
fürchten, daß Spuren verwischt wer- säumt, eine linke Gegenöffentlichkeit suchungen Im Raum Frankfurt,
den. zu schaffen. Diesmal geht es um un- Wlesbanden, Rüsselshelm. Die
Umso verhängnisvoller ist es, daß gleich mehr. Die Methoden, mit denen Bundesanwaltschaft bezieht sich
von Andreas E. über seinen Anwalt heute die Autonomen nicht nur im dabei auf die Konstruktion einer
zwei Wochen nach dem Geschehen Rhein-Main-Gebiet zerschlagen wer- 'Gruppe Elchler', die Ihrer Ansicht
noch keine einzige Stellungnahme be- den sollen, sind den Geheimdiensten nach ca. 10 Personen umfassen
soll. ln diesem Zusammenhang
kannt geworden ist, und daß die BI mit abgeguckt, als deren oberster Statthal- sind mehrere Haftbefehle ergan·
wenigen Ausnahmen ängstlich ter in der Justiz sich Rehmann ver- gen, die sich aber ausdrücklich
schweigt, während eine Reihe von Leu- steht. Kurz: Wir werden manipuliert. nicht auf eine Beteiligung an den
ten offenbar längst bei der Polizei aus- Was zu beweisen war. Schüssen beziehen, sondern auf
gesagt hat. Unter diesen Umständen eine mögliche Beteiligung an
gelingt es der Bundesanwaltschaft mit- de. Sachbeschädigungen und An·
hilfe der Medien mühelos, gestern ei- schläge Im Frankfurter Raum der
nen Mörder, heute einen Komplizen, aus 'Arbeiterkampf' Nr.288 letzten Jahre. Aktuelles und Nähe·
morgen einen Rucksackträger, hier ein res vielleicht bel:
"Kommando Joschka Fischer", dort Bunte Hilfe Startbahn
eine kriminelle Bürgerinitiative, revo- Club Voltalre, Kleine Hochstr.S
lutionäre Heimwerker, Feier-abendter- 6 Frankfurt (069/283948)
roristen, Bekennerschreiben usw. nach

13
Pressemitteilung der Bürgerinitiative gegen zu Konfrontationen zwischen PoHzei und
die Aughafenerweltenlng anlAßlieh der Demonstranten gekommen war.
planmaßlgen Sitzung am 11. November Unsere Arbeit in den letzten Monaten be-
1987 stand darin, Ober anstehende Erweiterungs-
plane der Flughafen AG Frankfurt in der
Die BOrgerinitiative gegen die Flughafen· Größenordnung von vorerst ca. 41 Hektar zu
erwelterung Rhein-Maln, Walldorf, Ist zu. Informieren.
tlefst erschüttert von den schrecklichen Er· (Ortsbeslchtlgung und Markierung des
elgnlssen anlaßlieh des 6. Jahrestages der zur Rodung anstehenden Geländes) und
Hottendorfräumung am Frankfurter Flugha- den Dialog mit maßgeblichen Politikern zu
fen am 2.11.1987, beldenen zwei Polizeibe- suchen. Auf unsere Schreiben an den Hessi·
Erste Stellungnahme der BI amte Ihr Leben verloren. Wir sprechen An· sehen Mlnlsterprasldenten Wallmann und
gegen Flughafenerweiterung gehörigen und Freunden der Toten unsere den Regierungsprasidenten des Reg.·
Mörfelden·Walldorf aufrichtige Anteilnahme aus, verbunden mit Bezirks Darmstadt vom 15.9.1987, an dJe
der Hoffnung, daß eine derartige Tat nie Frau Ministerin fOr Landwirtschaft, Forsten
Zwei Poliz.1sten wurden erschossen, wieder geschehen möge. und Naturschutz Reichardt vom 20.9.1987
neun wurden schwer verletzt. Aus An· Oberstes Ziel bei unseren Protesten ge- und an Bundesumweltminister Töpfer vom
laß des 6. Jahrestages der HOttendorf- gen den Bau der Startbahn West war Ge- 4.10.1987 haben wir bis heute keine Ant·
räumung an der Startbahn·West ver· waltfreihelt. Selbst in der "heißen Phase" wort, ja noch nicht einmal eine Elngangsbe-
sammelten sich mehrere hundert Men· des Widerstands der Bevölkerung gegen statlgung erhalten.
sehen. Im südlichen Bereich der Start· das Projekt in den Jahren 1980 bis 1982 ha· Beim Sta,atsverordnetenvorsteher unse-
bahnmauer kam es zu schweren Zu· ben wir dies unter anderem dadurch doku· rer Stadt wurde eine Borgerversammlung zu
sammenstößen als die Polizei begann. mentlert, daß wir stets den Dialog • gleich diesem Thema beantragt.
das Gelände zu räumen. Die Menschen ob mit der Polizei, Politikern oder Anders- Des weiteren haben wir uns • bis jetzt oh·
wurden auf die Im Süden befindlichen denkenden • geführt haben. ne Erfolg • um die Einrichtung zusatzllcher
Wiesen getrieben. In der Dunkelheil Unte.r dem Aspekt absoluter Gewaltfrei· Larmrneßstellen in ·unserem Stadtgebiet
kam es zu weiteren schweren Ausein· heit Ist auch die Entscheidung zu sehen, im
andersetzungen. Es 1st n1cht unser und umfassende Sicherheitsvorkehrungen
Jahre 1982 unsere Delegierten aus der Dele- fOr die Bevölkerung bei der Räumung eines
Konzept. lag nie in unserem Interesse,
giertenversammlung der Gesamt-BI zurock· im Bereich der geplanten Flughafenerweite-
Menschenleben anzugreifen. Wir sind
von dem Tod der zwei Poliz1sten zu. zuziehen und auch am Plenum, dessen Zu· rung liegenden Giftgasdepots aus dem 1.
liefst erschüttert. Die Tatsachen und sammensetzung Immer zufällig war, nicht Weltkrieg bemüht.
Einzelheiten werden in den nächsten mehr teilzunehmen, weil es in diesem Gre- Wir sind uns darober im klaren, daß die
Tagen zu klaren sein. Dennoch ist es ln mium zu Entscheidungen kam, die wir nicht tragischen Ereignisse des 2.11 .1987 unsere
dieser verworrenen Lage notwendig mittragen wollten. weiteren Bemühungen, in userer durch
und unverzichtbar. die politische Ver· So war es auch folgerichtig, daß wir uns mannigfaltige UmwelteinflOsse bereits jetzt
antwort ung zu übernehmen. Wohl wis· gegen einen Aufruf zur Demonstration am hochbelasteten Region eine weitere Ver-
send, daß nun eine Verfolgung und Krl· 2.11.1987 am Startbahngelände ausspra· minderung der Lebensqualltat zu verhln·
minalisierung gegen unsere Bewegung chen, weil es in den vorangegangenen Jah- dern, erheblich erschweren.
einsetzen wird. ren am Jahrestag der Hottendorträumung Msr/s Klnkel, Ulls Schubert

Libertäres Zentrum, Frankfurt


Wir sind Anarchistinnen und Autono·
me aus Frankfurt. d1e für eme selbstbe·
stimmte. herrschaftsfreie Gesellschart
kämpfen. Uns kotzen diese Schüsse
am 2. 11 .1987, dem 6. Jahrestag der
Hüttendorlräumung, an. Wir lehnen die
Mitnahme von Schußwallen auf De·
mos ab. Wir würden uns damil m die
Isolation treiben. die unseren polili·
sehen Vorstellungen widerspricht.
Deshalb 1st eine solche militärische
Eskalation nicht unsere Sache.
Unsere Mittel, die sich in den ver-
schiedenen sozialen Bewegungen und
ihren Kämpfen entwickelt haben,
kennt jede/r. Jede/r kann sich darauf
ernstellen. Wir wenden uns m11 diesen
Mitteln gegen Herrschaft, Ausbeutung
und Unterdrückung. Wir setzen diese
mcht ein, um zu toten. sondern um uns
zu schützen.
DerWeg zu einer freuen Gesellschaft
darf nicht mitle1chen gepflastert se1n.
Dies unterscheidet uns von der Gegen·
seile. Ihre Opfer sind nicht nur getöte·
te Demonstranten. sondern alle Men·
sehen, die täglich durch strukturel le
Gewal~- Ihre Lebensbedingungen -
sterben.
Ein Beispiel hierfür Ist der FlUghafen
in Frankfurt, der als Ort für Abschie·
bungen. der okonom1schen Ausbau·
tung, der Zerstörung der Umwelt, SO·
w1e als militärische Basts dient.

(4.11 .87)

14
"Es war einfach unfaßbar"
AcNIB....,,Spncherder .................... ~Frukfurt,
. .A.......,..derENigllllteiDII.poltlscht Vlt'lntwortuntfderll
taz: Wtlnt 811111 Mollltlgablnd bei den AuleiiUUI· den sein, aber man kann nichtsagen, wer und wie.
tle1Vt1;1utgen an der SttutbaJm dobei~ Die Polizei bat dann versucht, über die Wiesen
Adllm Reader: Ja. nachzusetzen. Dann habendiesich aber erstmal um
KlllfnsttJ.UMschildem, wastJ.beoboda(etluut~ ihreLeutegekümmert. Diehabendie Verletzten ge-
Um 19 Uhr baut sich ab Mörfelden-SchJichter sucht, wassehrschwierig war, weil mannichts sah,
der Fackel- und Demonstrationszug formiert . Es es war ja sehr dunkel in diesem Bereich. Der Hub-
waren so zwischen 200 und 300 Leute, aber unter· schrauberhat versucht, das Terrain auszuleuchten,
wegs kamen dann aus anderen Richtungen vom aber es war dennoch sehr dunkel. Ich bin mit drei, Wir als Autonome und Startbahngeg·
Wald auch noch Leute dazu. Als der Demonstra- vier Leuten bei den Hundertschaften gestanden. ner/lnnen Wiesbadens distanzieren
tionszug dann am südlichen Teil der Startbahn ein- Die Polizisten waren natürlich sehr betroffen und uns aufs SeMriste von den feigen Mor·
getroffen ist, haben sich die Demonstranten dort sehr aggressiv. Die waren sehr bestürzt und teil- den an den berden an der Startbahn
verteilt. Es wurden dann Barrikaden gebaut, weil weise unfähig, überhaupt noch irgendetwas zu ma- eingesetzten PoliZisten.
bekannt war, daßdie Polizei mitstarken Kräften im chen. Die Polizei ist dann mit ihren Verletzten zu- Polillk. die über Leichen geht und
Unterholz liegen würde. Dann passierte erst mal rück hinter die Mauer und wir sind dann nach Mör- Umgang m1t scharfen Schußwaffen
eine halbeStunde gar nichts. Dann wurdedazu auf- felden. Dortstandenschon überall Straßensperren, hat mit unserem Widerstand nichts
gefordert, die Versammlung zu beenden und sofort sämtliche Autos wurden durchsucht. Ein Riesen- mehr zu tun. Jemand, der e1ne derarti·
aufzulösen. Das wurde mit Leuchtkugeln beant· Aufrubr,aberniemandwußtezudiesemZeitpunkt, ge Kaltblutigkeil an den Tag legt. ge·
wortet, dann ging es hin und her mit Wasserwer- was genau passiert war. Das isterst langsam durch- hört nicht in unsere Reihen. auch wenn
fern, Gasgranaten und so weiter. DiePolizei, die im gesickert. leb hab dann auch meine Sachen berich- er sich selbst dazu zählen mag.
Wald gelegen hat, ist dann vorgerückt zu den De- tet. Dashatzuerstniemandgeglaubt. Es wareinfach Im Laufe der Ausernandersetzungen
monstranten, die sich schon zuvor hinter die Barri- unfaßbar. Das konnte einfach niemand glauben. um die Startbahn West und der nun
kaden zurückgezogen hatten. Da kam es dann zu Was ist deine Retlbion? schon sechs Jahre dauernden Versu·
schweren Auseinandersetzungen mit Molotow- Ich kri.eg's einfach nicht auf die Reihe. Ich ver- ehe, erne soziale Bewegung zu zer-
Cocktails, Leuchtkugeln und so weiter. Die Polizei steh das nicht mehr. Die Informationen verdichten schlagen. haben sich auch unsere For·
wurdeaufgehalten,undsieistscbwerinBedrängnis sichso,daßesoffenbardochausdenReibenderDe- men von Widerstand geändert.
geraten, mußtesich teilweisewiederzurückziehen. monstranten gekommen ist. Es gibt jetzt sehr viele An Stelle des pass1ven Widerstands.
Die Polizei ist dann mit verstärkten Kräften aus der Spekulationen und man kann natürlich nichts aus- der schon t981 brutal zerschlagen wur-
Startbahn-Mauervorgerückt, daraufhinhabensieb schließen. Aber es isteinfach unfaßbar. de. sind direkte Aktion getreten, die ei·
die Leute zurückgezogen. I/ar 1uJbt in einer Stellungntlhme dU politische ne praktische Behinderung des
WenntJ.von"Le14Un"spriehst,meinsttJ.dlllnit VertllltwortungfürdU Ereignisse ibemolfllfUn. Baus/Betriebs zum Ziel hatte.
den IUIU>nomen Block othr waren noch tuukrt De· Es gab dabei Differenzen und auch Argumente Auch der Schutz unserer Demonstra·
lflonstrrmten dabei~ dagegen. Es ist natürlich sehr pauschal, zu sagen, t1onen ist 1m Laufe der letzten Jahre
Ich würde sagen, das war gemischt. Von der wir übernehmen die politische Verantwortung. immer wieder Gegenstand unserer
Kleidung her natürlich nicht. Da siod'alleder Situa- Wir haben -das muß manfesthalten-nicht zu der Uberlegungen gewesen. Permanente
tion angepaßt gewesen. Aber von dem. was sie im Demonstration am Montag aufgerufen. Aber wir Uberwachung und wahllose Knm1nall·
sierung einzelner haben uns bewogen,
Kopf haben, war es eher gemischt. stecten seit sieben, acht Jahren in dieser Auseinan-
unsere Identität te1 lwerse dem Zugriff
Und wann sind dlllm dU Selalisse gefolkn ~ dersetzung. Wir haben sie initgefiibrt. Es war ein der Pohzer durch Vermummung zu ent·
Die Leute .haben sich zum Teil fluchtartig zu- Prozeß,eineEn~wicklung, und das, was heutenacht
ziehen.
rückgezogen, weil es dort eine sehr enge Stelle ist, passiert ist, istTeil dieser Entwicklung. Damitmuß Es Ist immer auch Ausdruck der ge·
und es ist schwierig, vom Startbahn-Gelände wie- man sieb auseinandersetzen. Natürlich gibt es auch
samten Startbahn-Bewegung gewe-
der auf die Wiese zu kommen. Die Polizei ist dann die Möglichkeit, daß Provokateure oder sonst je- sen, in eskalierien Silualionen akt iv
vorgerückt zu den brennenden Barrikaden zwi- mand geschossen hat, und man muß das überprü- schu tzende und direkte Handlungswei·
schen Mauer und Wiese und dort sind dann die fen. Nachdem, was passiert ist, stehen wirhiersehr sen zu prakti Zieren.
Schüsse gefallen. unter Druck, die Leute sind entsetzt.. . Die Tö tung von Menschen auszu-
Die Polizei hat zunächst 'überhaupt nicht rea- AbersklldannZMopfemundZMSDgen, wirüber- schließen, war dabe1 immer unser ober·
lisiert, was da passiert ist und ist dann ü.ber die nellmenentlflllldUpolüisclle Vertllltwol'tlutmg, er- ster Grundsatz.
Brücke rüber den Leuten nach, hat einzelne Leute scheint mit vunindest u~~njkkiUTt. Wir wehren uns gegen die nun ein·
festgenommen und dann erst begriffen, was über- Es ist ein e.ntscheidender Unterschied, wo man setzende Hetzkampagne gegen alle.
haupt passiert ist. gestern nacbt gewesen ist. In Berlin hat man natür- die h1er Widerstand leisten
Wo genau sind dU Scllilsse gefolkn'! Die NtU:Ir· lich eine viel größere Distanz, als wenn man diese Der Mord an den beiden Polizisten
ricllte~~~~ge~n beluulpten, "4UU den Reinen der Ereignisse selbst miterlebt und das gesehen hat. drent als Mtttel. berechtigten sozralen
Denumstnmtenlleras". Trl/ftdllsZM~ Wir müssen zu unserer Erklärung, die nachts um Wrderstand als von unseren Utopien
Ichhabe mich zu diesem Zeitpunkt hinterder Po- halbdreiformuliertwurde,dazumüssenwirstehen Iosgeioste terroristische Aktion zu dil·
lizei befunden. Ich bin mit anderen der Polizei ge· und wir müssen sagen, was wir unter politischer famreren.
folgt. Verantwortung verstehen. Dre Gleichsetzung von Dernonstran.
Haben tiiiiÜn BI-Mitgliederothr DemotUirtUI- Gibt es für dich eine KontinllilJU im Sttutbdhn- ten mi t potentiellen Mördern soll h1er
ten, dU du kennst, gesellen, wergeschossenlult'! Wulersttuul von den ei'SUn Pkltrbesetz~Utgen bis ZM etn politrsches Klima scha ffen. Gesel·
Man kann nur sagen, daß in dem Augenblick, in den Sclailssen 11111 Mollltlg~ ze und neue Uberwachungsmaßnah·
dem die Polizei bei den Barrikaden angekommen leb bin einfach nicht mehr in der Lage, dataufzu men durchzusetzen, die jegl1che außer-
ist,daßzudiesemZeitpunktmitLeuchtkugeln, Mo- antworten. Ich kann dir jetzt keine Analyse geben. parlamen tansehe Oppos1tion 1m Kerm
lotow-Cocktails und mit S.tahJkugeln geschossen Dassind Fragen, überdiewirsprechen müssen. Hat erst1ckt.
worden ist. Es war sehr laut, es hat öfter geknallt, es eine Zwangsläu.figkeit überdie Jahre hin wegge- ln Wresbaden wurd en in Verbindung
weil auch die Polizei mit Signalmunition geschos- geben, diedortbin geführt hat, wo wir gestem.nacht mit der Erschießung der beiden Polr.tl·
sen hat, um die Wiese zu beleuchten. Man kann waren? sten ca. 25 Leute festgenommen. de·
nicht sagen, mit was und wer da geschossen hat. n.u.st 8 den Leuten, dU du kennst wul mit de- reneinziges ..vergehen" dann besteh t.
Noclunol: KJunen dU Scllilne 4UU den Reinen nen za Sonnlllgfür Sonllltlg demollltlünnrelrst, Startbahn-Gegner/innen zu sem. Ver·
oder4UU der Mille der Denumstranten '! trast 8 denen ZM, dtJjJ m hlllbl/JJigaufPoliristen schledene Wohnungen wurden durch-
Ich kann nur sagen, es ist von den Wiesenher ge· sc/JUjJell'! sucht. die Bewohner/Innen diffamiert
schossenworden. Dasisteinsehrunübersichtliches MeineganzpersönlicheMeinungist,daßesdazu in Nachbarschaft und Arbe1tsbererch.
Gelände und es war dunkel. Wenn man Richtung kommen kann,_daßeinzelne dazu fähig sind. Wenn Wir sma berrol!en über d1e be1C!en
Süden flieht, dann erstreckt sich dort eine sehr dlepolitischeKulturzerfällt, istalles möglich. Und Morde, aber wu verurtel/en auch die
breite Wiese. DurchdieBüscheistdas Geländeaber die politische Kultur ist zerfallen. Versuche. uns als Mi tglieder sozia ler
schlecht einsehbar. Es muß dort geschossen wor- Bewegungen zu kflmtnatlsteren
Interview: Manfred Kriener

15
DOKUMENTATION

"Unser politisches Anliegen ist berechtigt"


Antrag derDeleglertenversanunlung der Bürgerinitiativegegendie Flughafenerweiterung Frankfurt Rheln-llaln
an das Plenum, Mirfelden-Waßdorf, 13. November 1987
DieBürgerinitiativeverurteiltdieMordevom Morde werden genutzt, um unser politisches Hungerstreiks durchgeführtund Hunderttau-
2.11.1987 an zwei Polizisten auf das schärf- Anliegen zu diffamieren. sende vonUnterschriftengesammelt - ohne
ste. Die Tat steht ohne jedes Verhältnis zu po- Wir halten fest: Wir wissen, daß unserpoli- Erfolg.
litischem Inhalt und der bisherigen Entwick- Wir haben dabei gelernt, daß wirunser An-
tischesAnliegen, die Verhinderungder Flug- liegen nicht in die Hände von Richtern oder
lung von Protestund Widerstand an der Start- hafenerweiterung, berechtigt ist. Der Start-
bahn West. DieTatist geeignet, dieaußerpar- bahnbau warund istein lebensfeindliches, ein Ministerpräsidenten geben dürfen. Im Wald
lamentarischen sozialen Bewegungen in der haben wir versucht, den Startbahnbau tätig zu
naturzerstörendes, ein militärisches Projekt. verhindern. Als das Hüttendorf geräumt
Bundesrepublik weit hinter den erreichten Dagegen vorzugehen, ist für uns eine politi-
Stand zurückzuwerfen. Zentraler Inhalt der wurde, sind viele Hundert durchPolizeiüber-
sche Pflicht. falle verletzt worden; einigen konnte das Le-
BI als Bewegung gegen ein lebensfeindliches
Projekt ist eine humanitäre Zielsetzung. Der Die BI ist aus der Einsicht heraus entstan- ben nur durch unsere Ärzte vor Ort gerettet
Widerstand gegen die Flughafenerweiterung deq, daß unsere Lebensinteressen weder werden. Die Hüttendorfräumung war ein
istgleichzeitigeinKampffürmenschlicheLe- durch Parteien noch durch Parlamente (aus- Wendepunkt in der Entwicklung des Wider-
bensbedingungen. Aus dieser Grundhaltung reichend) vertreten werden. Dies hat sich stands.
heraus bestand und besteht weiterhin der auch jetzt nicht geändert; im Gegenteil sind Die Geschichte der Entwicklung dieser
Grundsatz, durch unsere Aktionen keine die Gründe gegen die Startbahn durch deren Protest- und Widerstandsformen zeigt, daß
Menschenleben zu gefährden. Bau noch stichhaltiger geworden. Wir wer- keine der Formen heute rückschauend als die
den deshalb auch in Zukunft weiteren Aus- allein richtige festgelegt werden kann. Sie
baumaßnahmen, wie sie jetzt im West- und zeigt auch die fortwährend bestehende Not-
Wir wenden uns gegen die öffentliche Vor- Südbereichdes Flughafens anstehen, nichtta- wendigkeit, in gemeinsamer Auseinander-
verurteilung derjenigen, die in diesem Zu- . tenlos zusehen. In diesem Zusammenhang setzungmiteinanderrichtigeWegezuentwik-
sammenhang festgenommen wurden, inhaf- stellendie Sonntagsspaziergänge einenlegiti- kein. Wir müssen feststellen, daß die bisher
tiert sind oder gesucht werden. Aus dem An- men Ausdruckuns~res Protestes darund wer- geführten Diskussionen den oder die Schüt-
laß der Morde wird nun eine Pogromstim- den weiterhin fortgeführt. Der Protest und zen nicht erreicht haben. Es ist an uns, diese
mung gegen Startbahngegner geschürt. Eine Widerstand gegen die Flughafenerweiterung Diskussion selbstkritisch weiter zu führen.
Vielzahl von Repressionsmaßnahmen deutet haben eine jahrzehntelange Geschichte. Im Wir fordern:
daraufhin, daß die Bewegung gegendie Start- VerlaufdieserGeschichte sind viele, auch un- Keine Startbahn 18 West! Generelles
bahn West unter Ausnutzung der Situation li- terschiedliche, Wegegegangen worden. Wir Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr! Keine
quidiert werden soll. Von verschiedenen Sei- haben zunächst alle legalen Mittel ausge- weiteren Ausbaumaßnabmen! Schließung
ten wird nun versucht, der BI eine politische schöpft, um unser Ziel zu erreichen. Es wur- der Rhein-Main-Air-Base! Keine Krimi-
Kapitulationserklärung abzupressen. Die den Klagen erhoben und Petitionen verfaßt, nalisierung von StartbahngegnernI

16
Knapp zwei Wochen nach den tödlichen SchOssen
an der Startbahn 18 West ist die Lage unklarer als am Von
Tag danach. Der Tatablauf, der schon nach wenigen Oliver
Stunden Ermittlung festzustehen schien, ist seitdem in Totmein
Zeitungs- und Polizeiberichten so oft variiert worden,
daß er nicht mehr exakt nachzuvollziehen ist. Es hat bis
heute noch keine kriminaltechnische Analyse gegeben,
die die Entfernung, aus der die Schosse abgegeben
worden sind, bestimmt hätte; galt anfangs eine Entfer-
nung von ca. 30 Metern als wahrscheinlich, so schreibt gegen die Startbahn West, Verantwortung übernom-
die "Frankfurter Rundschau" nun unter Berufung auf men: nicht fOr die SchOsse, sondern fOr den Stand der
Polizeiquellen von einer Entfernung von 300 Metern. Diskussion und das politische Umfeld. Alles was Ober
Nicht weniger merkwürdig sind die Umstände, unter de- diese harte Selbstkritik, die auch praktisch nicht folgen-
nen ein zweiter Haftbefehl wegen Mordes gegen einen los bleiben wird und darf, hinausgeht, ist Denunziation
Mörfelden-Walldorfer aufgetaucht ist: behauptete die und paßt den Herrschenden hervorragend ins Konzept.
Bundesanwaltschaft doch anfangs, alle Indizien sprä- Denn gefahndet wird in Frankfurt derzeit am wenigsten ·
chen fOr Eiehier als Täter. Merkwürdigerweise, wie die nach dem Täter, und gesucht wird kaum nach der Wahr-
Tatsache, daß Eichlers Telefon abgehört worden ist, heit: das Libertäre Zentrum wurde durchsucht, Leute
aus dem Umfeld der Organisationsgruppe der Libertä-

Desinformalion ren Tage vorläufig festgenommen. Wohnungen des mi-


litanten Spektrums werden ohne erkennbaren Zusam-
menhang mit der Tat gefilzt und erhebliche Teile der
Szene bekommen Vorladungen vor Gericht. Die SchOs-
daß angeblich ein Sendereinsatzkommando am Tata- se scheinen den willkommenen Anlaß zu liefern, den in
bend zu seiner Observation eingesetzt worden sein soll, Sachen RAF festgefahrenen Staatsschutzapparat auf
aber an der falschen Weggabelung postiert worden ist,
lassen das Bild noch trober erscheinen. Bemerkens-
wert ist das, weil offensichtlich seitens der Behörden
eher ein Interesse an Vernebelung des tatsächlichen
--und--
Ablaufs besteht als an der Aufklärung. Aber auch die
sogenannte kritische Öffentlichkeit, einschließlich der
hessischen taz-Berichterstatterlnnen, hat bisher nichts
dafor getan, die Desinformationspolitik als solche
Entsolidarisierung
kenntlich zu machen und ihre Ursachen zu hinterfragen. ein neues Ziel zu orientieren. ln diesem Zusammenhang
Diese Situation ist die Auswirkung eines fortschrei- ist auch die bisher weitgehend reibungslos Ober die
tenden Entsolidarisierungsprozesses zwischen radika- BOhne gegangene Diskussion um die Verschärfung von
len, das ist in diesem Fall: staatsfeindlichen Linken und Versammlungsrecht und Strafbarmachung des Ver-
reformistischen Gruppen wie den Granen. Die Wider- mummungsverborts zu sehen, die die Handhabe fOr ei-
sprache zwischen strikt gewaltfreien und militanten ne weit Ober ds bisher vorstellbare Maß hinausgehende
Fraktionen sind mittlerweile soweit gediehen, daß Repression gegen weite Teile des militanten Spektrums
selbst die seitens der Herrschenden behauptete Logik liefern wird. Diese Gesetzesverschärfungen, die derzeit
der Militanz, die von Steinen ober Mollies und Zwillen noch eher belächelt werden, bieten auch die Möglich-
zu Pistolenschossen fahre, übernommen wird. Was die keit, die Spaltung zwischen Militanten und bürgerli-
Titelseiten der borgerliehen Presse zusammenbringen, chem FIOgel der Bewegung zu verschärfen: wenn näm-
als seien vermummte Gesichter und Pistolenmündun- lich Demonstrationen aufgelöst werden mossen, weil
gen dasselbe, prägt auch die Reden im linksliberalen Vermummte in ihnen mitlaufen, wenn jeder, der sich in
Spektrum: "Werft die Zwillen weg, reißt euch die Mas- einer aufgelösten Demonstration befindet, sich damit
ken vom Gesicht. Ich habe auch Angst, wenn ich den schon strafbar macht, wird der Hang zur gewaltfreien
schwarzen Block sehe", tönte Waltraud Schoppe von Ausgrenzung rapide zunehmen.
den Granen in einer Sondersitzung im Bundestag, und Diese Dimension der Ereignisse gewinnt in der Dis-
Joschka Fischer forderte in Frankfurt: "Unsere Konse- kussion im militanten Spektrum erst sehr allmählich
quenz aus den Ereignissen muß sein, dem nächsten Au- Konturen. Die Gefahr dabei ist, daß Ober dem notwendi-
tonomen auf einer Demonstration, der mit der Zwille gen Kampf gegen die Repression die selbstkritische
schießen will, die Zwille wegzunehmen." Auch seitens Reflektion, wie es zu den nicht nur taktisch, sondern
gewaltfreier Unabhängiger aus dem Spektrum von auch moralisch zu verurteilenden Schossen gekommen
Friedens- und Anti-AKW-Bewegung gibt es einen "Offe- ist, schnell an den Rand gedrängt und zur Tagesord-
nen Brief an die Autonomen", der ankündigt, solange nung Obergegangen wird. Daran aber, auch das zeich-
keine Aktionsbondnisse mehr mit ihnen eingehen zu net sich in der Anzahl von Veranstaltungen zu diesem
wollen, "bis ihr die Zwillen weggeschmissen habt". Thema ab, haben am allerwenigst~n die Startbahngeg-
Übersehen wird dabei einiges: die Täterschaft ist nerinnen ein Interesse: die Wiederholung solcher
nach wie vor unklar. Die Autonomen haben die SchOsse Schosse muß in jedem Fall ausgeschlossen werden. Ei-
nicht weniger scharf verurteilt als andere Gruppen. Sie nen zweiten 2.11. dürften die Bewegungen kaum Ober-
haben auch, zusammen mit dem gesamten Spektrum stehen.

17
mer nicht bewiesen und klar sind. läßt Ober- jetzt nicht mehr leben. diesmal sind es wel-
legungen aus dem spiel, daß dies eine pro- che von der anderen seite. es sind nicht
vokation von rechts war. läßt die hessische benno ohnesdrg, nicht rudi dutschke, nicht
neo-nazi-szene, die gleichfalls vom verfas- thomas weisbecker, nicht petra schelm,
sungsschtuz infiltriert und angetrieben ist nicht georg von rauch, nircht ganther jen-
wie die niedersächsische, außen vor, die drian, nicht ganther pontier, nicht ulrike
noch vor wenigen jahren in der Iage war meinhof, nich jOrgen rathey, nicht ganther
(und dies heute sich immer noch ist) in kur- sare, nicht die toten in den stammheim-
zer zeit mehrere mörderische bombenatten- knästen, nicht die toten von wackersdorf,
tate auf us-soldaten zu veroben. läßt die er- nicht die vielen anderen, die tor ein besse·
fahrung mit den angeblich von der rat insze- res, gerechteres leben gestorben sind.
... die ersten gedanken waren: scheiße! nierten bombenanschlägen auf die bahnhö- es sind zwei von denen, denen wir jedes-
ich persönlich habe es in der situation und fe in bremen, hamburg, nOrnberg mitte der mal das schlimmste gewonscht haben,
manchen Ieuten da unten zugetraut. dann siebziger jahre außen vor, die auch von fa- wenn sie uns wieder mit haßertollten, oder
aber doch zweifel, das ging zu glatt, das ist schos oder vom staatsschutz verObt worden mit höhnisch lachendem gesicht, zusam-
ne provokation vom staatsschutz, auch sind. mengeknOppelt haben. es sind zwei von de-
wenn sich alles dagegen verdichtet, glaube läßt das aUentat auf das oktoberfast au-
ich der bundesanwaltschaft kein wort. das ßen vor, als es auch sofort hieß, daß das lin-
geht zu schnell und zu glatt. warum kom· ke waren, und hinterher waren es faschos.
men die darauf, sofort frOh morgen bei an· läßt die unklarhalten außen vor, die da lau-
dys freundin aufzulaufen, warum haben di ten: 1. ist aus einem gewahr geschossen
nicht eher zugeschlagen, wenn sie gewußt
haben, daß andy die waffe hatte. zuviele un·
gereimtheiten.
trotzdem stellt sich uns die frage, wie wir
aus dieser, auf jahre aussichtslosen situa-
tion, wieder herauskommen, denn das, was
die Startbahn-bi gleich abends gesagt hat, nen, die dator bezahlt werden, uns - im na-
trifft zu: WIR SIND POLITISCH VERANT· men des volkes • tor die derriokraUe zusam-
WORTLICH DAFÜR! es gibt keine entschul· menzuknOppeln.
digung dafor, die aktion ist politisch falsch, natorlich ist die welt eine andere gewor-
moralisch verwerflich, schattet öl ins teuer den. es ist etwas passiert, was wir niemals
der rechten. worden, 2. ist aus einer pistole geschossen wirklich, ernsthaft gewollt haben. zwei bul-
man muß sich das wie einen film ablau· worden. läßt dietatsacheaußen vor, daß die len sind kaltbiOtig - oder aus blindem haß? •
fen lassen: hOttendorfräumung • großdemos Ieute im wald kurz vor den schossen kom- feige abgeknallt worden. natOrlich ist die
an der startbahn • knOppelei in der rohr- mandos wie: scharfschotzen vor! gerufen welt eine andere geworden. da sitzen meh-
bachstraße • Sonntagsspaziergänger · gOn- haben sollen, was eine praxis ist, die nur, rere von uns im knast und entgegen jegli·
her sare - tschernobyl - vor einem jahr wer- gerade auch in diesem befehlston, von eher solidarität, befinden sich in absoluter
den andy und mike an der grenze festge· Wehrsportgruppen der neonazis bekannt ist. Iso-haft, werden vermutlich auf die perfekte
nommen, weil sie Sägefisch-aufkleber im läßt außen vor, daß die schOsse genau in art gefoltert, und werden von uns· die jahre-
auto haben, mike kommt erst monate spä· die situation hineinfielen, in der die staats- lang mit ihnen zusammen gekämpft haben -
ter wieder • terror-gesetze, dann dieser tragende amnestie • und heilewelt- als mörder beschimpft.
herbst, die fatale analyse der grOnen und kampagne der gronen bundestagsfraktion all das stimmt, ist richtig! nur, deswegen
der reformisten: diegeschichtewird einfach kläglich gescheitert ist. läßt außen vor, ist die welt noch keine andere geworden!
umgekrempelt, ohne daß du was machen daß dies ein gegebener anlaß war, die auto- täglich sterben massenweise in dieser repu-
kannst • die knOppelorgien in wackersdorf • nome szene auseinanderzunehmen, pro- blik manschen. sie sterben im auto, weil sie
freiwild sein in karlsruhe auf der demo ·das gromstimmung zu schoren usw. nicht schnell genug zur arbeit kommen. sie
alles ist dann schon fast "verständlich", die folgenden Oberlegungen lassen das sterben auf der arbeit, weil sie nicht schnell
beinhaltet eine logische konsequenz, wenn alles unberOcksichtigt und gehen davon genug arbeiten. sie sterben zu hause oder in
auch eine fatale. aus, daß zwei bereitschaftspolizisten durch den krankenhäusern, weil sie vom krebs zer-
wir sind um unsere ruhe gebracht, sehen kugeln von Startbahngegnern aus unseren fressen oder vom herinfarkt niedergestreckt
unsere arbeit diskreditiert. stimmt das? das reihen erschossen worden sind. werden. täglich sterben kleine kinder, weil
wäre zu einfach. wir sind nur zu spät aufge- die welt ist eine andere geworden, mit ei- sie in dieser Iuft nicht atmen können. wir
wacht. haben ohnmächtig die situation Ober nem schlag, richtiger: mit zwei kugeln, die selber sterben jeden tag, weil wir erniedrigt
uns hereinbrechen lassen, haben gehofft, werden. wieviele trauen sterben oder wer-
tödlich getroffen haben. stimmt das Ober-
es worde nie eintreten. haupt? natOrlich ist sie eine andere gewor- den erniedrigt bei Vergewaltigung und durch
das feigeste ist jetzt, den schwanz ein- die tägliche gewalt. die täglich sterbenden
den. • zwei manschen sind tot, hinterlassen
zukneifen, sich der verantwortung zu entzie- völlig verzweifelte angehörige und freunde. in den anderen Iändern gar nicht mitgerech-
hen, die Ieute nicht nur im regen stehen zu net. tausendmal ist die welt jeden tag eine
natOrlich ist sie eine andere geworden. •
lassen, sondern selber noch am Iynchern andere geworden. und sie ist es letztlich
die linke taumelt, ist .fassungslos, sieht sich
teilzunehmen. sie wären nicht die ersten, nicht. dieses Industriesystem tötet täglich
einer moralischen dimension beraubt, sieht
die im knast krepieren. und tor uns selber tausendfach und geht doch jeden tag weiter
sich der dimension beraubt, die ihren wider-
mossen wir auch weiter denken. wie konnte stand legitimiert hat (bis in die letzte konse- wie zuvor. dagegen haben wir uns gewehrt
so etwas auf einer demo passieren. das und wir wollen das weiter tun.
quenz), sieht sich des moralischen unter-
kann jeden tag wieder passieren, einfach die zwei polizisten sind nicht die ersten,
schieds beraubt, der sie von den "schwei-
als provokation. davor mossen wir uns die von linken erschossen worden sind. die
nen" trennte, der soviel ohnmächtige kraft
schOtzen können. die trage ist· wie? die ant- Ieute aus der rat haben polizisten, dienst-
ausobte, daß sie nach zwanzig jahren im-
wort kann nicht sein: hier friedliche demos • fahrer, Ieibwächter, us-soldaten, Wirt-
mer noch kämpfen konnten, und doch das
dort friedliche anschläge. schaftsbosse und politiker erschossen, die
rad nicht anzuhalten vermochten. natOrlich
ist die welt eine andere geworden. tor die, rz erschossen karry. sie haben das nicht
Unbequeme Gedanken die jetzt im knast sizten, tor deren freunde, aus krimineller energie heraus getan, son-
die folgenden gedanken und Oberlegun- tor deren seelen. natUrlieh ist die welt eine dern weil sie von der gerechtigkeit, von der
gen gehen von der tatsache aus, daß tat- andere geworden. kOnftig werden sie uns notwendigkalt ihrer tat Oberzeugt waren.
sächlich jemand aus unseren reihen an der auf demos hinterherschreien: mörder! mör- weil sie das alltägliche morden nicht ertra-
startbahn zwei polizisten abgeknallt hat. der! natOrlich ist die welt eine andere ge- gen konnten und nur darin einen weg sahen·
geht also von tatsachen aus, die noch im· (ohne Wertung, ob dies nun richtig oder
worden. es sind nicht welche von uns, die
falsch war).

18
was mag in denen jetzt vor sich gehen, sollen? - sit in vor dem arbeitsamt? wie sol-
denen eine amnestie angediehen werden len wir uns klar machen, daß die wett schön
soll. wie muß denen das geschrei der linken ist. sie ist schön, eigentlich - aber dafor
und gronen, die schon nach einem tag nach mossen wir kämpfen, mossen dafor kämp-
fahndung nach ausschöpfung der justiz fen, daß sie wenigstens manchmal schön
schreien, in den ohren klingen. denen, die ist. das ist schon fast romantik · aber was
selbst des mordes, der beihilfe zum mord ist das nicht. dies soll nicht heißen, daß wir
(selbst unter einem so fadenscheinigen nicht tatsächlich aufgefordert sind, nachzu-
konstruktwie dem 129a), verurteilt worden denken und zu handeln. nur· das sollten wir
sind. denen kann doch jetzt nur noch die ge- auch aus einem gesunden selbstbewußt-
wißheit bleiben, daß sie es doch sind: fiese, sein heraus tun- und nicht vor lauter morali-
feige, ekelhafte, kriminelle verbrecher. • die scher verrenkungen die realität vergessen.
maske ist gefallen, zumindest dort.
glaubt den manschen kein wort, die wie-
der, jetzt noch mehr, uns an der gewaltfrage
spalten wollen. gewaltfreiheit ist etwas ec·
les, von uns allen als höchstes angestreb-
tes, aber nicht so.

und auch da sollten sich die gewalttrei-


heitsapostel mal erinnern. es wäre nicht das staatshanseln, mopssen wir uns an etwas
erste mal, daß sich einge (wenn auch weni· selbstverständliches erinnern: andy, mike,
ge) angesichts einer zahnlosen, gewaltfrei- und wie sie heißen, sind welche von uns und
die schosse im Startbahnwald waren kein en, parlamentarischen "Widerstandsbewe- sind es auch, wenn sie es tatsächlich wa-
unfall. sie sind eine konsequenz der ent- gung" einen anderen weg Oberlegen. und, ren, die geschossen haben, daß sie damit
wicklng, egal ob die schosse von links, von warum so weit zurOckdenken, wenn es einen fatal falschen weg eingeschlagen ha-
rechts, oder vom Verfassungsschutz kamen, schon so schwierig ist? • noch nicht einmal ben, aber sie gehören zu uns. genauso feige
bei jeder demo riskieren wir, daß ein polizist ein ganzes jahr ist es her, als die sogenann- wie dieser mord, genauso feide ist das fal·
stirbt, ob das die stahlkugel ist, der mollie, ten anti-terror-gesetze verabschiedet wor- Jenlassen der eigenen Ieute. deshalb kann
oder ob das ein knOppel ist, der ungiOcklich den sind, die ja wohl eindeutig ihren sinn in es for uns zuallererst nur darum gehen,
trifft -wenn der polizist am herinfarkt stirbt. der eskalation hatten. damals wurde immer selbst wenn andy geschossen haben sollte,
obwohl dies niemand will. aber wenn diese davor gewarnt, daß diese gesetze bisher die Ieute einzuklagen und for sie zu kämp-
staatlich bezahlten knOppelhorden ange- "friedliche" in den untergrund treiben wor- fen. die sitzen in Iso-haft und mossen da
stormt kommen, dann muußt du dich schot- den. erinnert euch! solange ist es noch raus. genauso wie wir sonst "freiheit for die
zen und wehren. die Ietzen belspiele in ber- nicht her. gefangenen" schreien mossen wir das auch
lin, wackersdorf und stuttgart sprechen fOr es ist richtig, wir mossen in den dialog jetzt fordern, oder waren das alles nur Iip-
sich. die vielen zertrommerten knochen, ge- treten • aber nicht in den dialog mit der penbekenntnisse?
sichter und kopfbrOche. seht sie euch an, macht, sondern mit uns. und uns erinnern,
die sekler, diese freiwillligen progelknechte, warum wir in einer ·solche Situation gekom- Freiheit für alle Gefangenen
denen unser leben nicht einmal einen pfif- men sind und warum wir uns nicht arran· Sofortiger Stop der Atomanalgen
ferling wert ist. das, was da jetzt passiert giert haben. Für ein Leben ohne Ausbeutung Unter-
ist, ist eine konsequente entwicklung. da und bevor wir in dendialogmit uns treten, drückung und alltäglichen Mord:
brauchen wir uns nichts vorzumachen. das geschweige denn in den dialog mit den e.red.atom
fatale ist, daß wir so spät aus dem traum er-
wacht sind.
abrostung tut not! welch schönes wort.
tatsächlich, die gewaltpotentiale mossen
abgerostet wrden. nur die gewaltspirale
wird nicht dadurch auseinandergenommen,
wenn wir unsere helme und mollies weg-
schmeißen. die wird auch nicht dadurch
auseinandergenommen, daß wir uns im bor-
gerlichen leben etablieren. diese gewaltspi-
rale ist doch nur zu stoppen, wenn die all-
tägliche gewalt, das töten am arbeitsplatz,
das betreiben von atomanlagen, die tägli·
che mordung der umwelt usw. endlich auf-
hört.
selbst gewaltfreiheit ist gewalt, so sagen
unsere hohen richter, die das wohl dieser
gesellschatt, dieser Industrien und macht-
strukturen bewachen sollen. in den dialog
treten! was soll diese leere hOise? die hat
nur einen sinn, wenn die ursachen for die
gewalt beseitigt sind. jede andere vorstel-
Jung ist gehirngespinst. die ursache ist
nicht unsere kriminelle energie. wie sollen
wir unseren kindern klar machen, daß der
500er benz vom bonzen nebenan vömg o.k.
ist. wie sollen wir den kids erklären, die ihr
leben lang keine vernOnftige arbeit bekom-
men werden, daß sie sich gewaltfrei wehren

19
Auf den folgenden Selten drucken wir Stellungnahmen und Diskussion·
spaplere verschiedener 81's, Gruppen und Einzelpersonen ab, die uns seit
den Schüssen an der Startbahn erreicht haben. Wir geben alle Belträge un·
gekürzt wieder, um Ihren authentischen Charakter zu ertlalten. Belträge
kommen von der Bürgerlnltlatve Schwandorf, der Atommüllkonferenz-AG
von Braunschwelg, von Petra Kelly/Gert BastJen von den Grünen, mehre re
Belträge aus dem Spektrum der unabhängigen Frledensbewegun~ •.ein Pa·

Bürger
initiative Schwandorf
• 2 Tote bei einer Demonstration auf der • das Gesetz der Versammlungsfreiheit fak-
Startbahn-West. Wir bedauern den tragi- tisch aufgehoben.
schen Fall, denn Wir durften am 7. und 8.10.87 nach friedli·
• Wir sind fOr das Leben und unser Wider· chen Diskussionen ein Gasthaus in Die heimtückische Ermordung von zwei
stand richtet sich gegen die Zerstörung des Wackersdorf erst nach langwierigen Schi· Polizeibeamten während einer Demonstra-
Lebens durch die WAA und den damit ver· kanen durch die Polizei verlassen. tion an der Startbahn West bestätigt in
bundenen Atomstaat Die Polizei mißbraucht zum Schutze des sehauerlicher We•se die Richtigkeit unseres
• ln Wackersdorf versuchen Politiker ein le- Baues der DWK • International verbotenes Ausrufs zur Gewaltfreiheit bei Demonstra·
benvemlchtendes Projekt gegen den mehr· Gas von Ostern 86 bis in den Spätsommer lionen vom Sommer 1986.
heitllchen Willen der Bevölkerung mit aller hinein eingesetzt, Die jetzt eingetretene Gewalteskalation
Gewalt druchzudrOcken. · jahrelang mit Ihren VIdeokameras unsere hätte vielleicht vermieden werden können,
• AOcksichtslos, denn schon gibt es hier 5 Gesichter, unsere Autonummern in die Poli- wenn jene, die uns damals Duckmäuserturn
Tote, von denen niemand spricht, die ln das zeicomputer eingespeist, und eine Schwächung der AntiAtom-
sog. Restrisiko einkalkuliert sind: • durch Ihre Zivilbeamten Mißtrauen gesät, Bewegung vorgeworfen haben, begriffen
. 2 Demonstranten, 2 Polizisten und ein Bau- • Gegnerinnen als Staatsfeinde diffamiert hätten, daß falsche Solidarität mit poten-
arbeiter. und kriminalisiert (4.000 Prozesse seit 1985), tiellen Gewalttätern das Gewaltrisiko nur er-
. 2 Demonstranten, die Im Verlauf der Eska· • BOrgerinnen ln die RAF-Ecke gedrängt. höht und deshalb abzulehnen ist. Stattdes·
latlon starben, 1 Polizist, der sich wegen der • Unter dem Motto der Polizei "Gewalt, nein sen haben sie mit ihrer unberechtigten Kri-
Einsätze ln Wackersdorf das Leben nah, 1 danke" ziehen sich ihre willkOrliehen KnOp· tik leider den Eindruck erweckt. auch Ge·
Polizist, der als Co-Pilot eines Hubschrau- paleinsätze wie ein roter Faden durch unse- walttäter ln den eigenen Reihen zu akzeptie-
bers in einem Wahnsinnseinsatz auf dem ren Widerstand seit 85. Als am 10.10.87 aus ren und zur Tolerierung ihrer Gewalt bereit
Bahngleise landete als ein Zug kam, und der der ganzen BAD zusammengezogene Son· zu sein.
Bauarbeiter, der auf dem Baugelände verun· dertruppen mit offensichtlichem PrOgelbe- Die Morde an der Startbahn West zeigen.
giOckte. fehl auf friedliche Demonstranteninnen wohin diese verschwommene Haltung füh·
Ist Wackersdorf eine Gefahr for den storzten • Gewalttäter am Zaun waren nicht ren kann. Umsomehr kommt es heute dar·
Rechsstaat? vorhanden • und gezielt auf deren unge- auf an, anstelle lediglich verbaler Distanzie·
Die Politiker haben ln Wackersdorf Zug um schOtzte Köpfe schlugen · 37 Verletzte muß· rungen durch eine überzuegende Praxis ge·
Zug ein Klima geschaffen, das mit Demo- ten Ins Krankenhaus • dankte Ihnen Innen- wallfreier Strategien endlich klare Verhält·
kratie und gesellschaftlichem Miteinander minister Lang fOr ihre "hervorragende Ar- nlsse zu schaffen und dem "schwarzen.
nichts mehr zu tun hat. beit". Block" der Vermummten jede DecKung und
Sie haben: Zerschlagen wurden nicht nur die Köpfe, jeden ROckhalt zu entziehen: allerdings
• 53.000 Einwendungen gegen die 1. Teller- zerschlagen wurden die letzten Reste von auch jederzeit zur Ül:lerzeugungsarbell an
richtungsgenehmigung nledergeschmet· GlaubwOrdlgkelt und Vertrauen zu diesem Umkehrwilligen bereit zu sein!
tert, · verlogenen Verhalten von Polizei und Polltl· Von der Bundesregierung und den Län·
• ein Volksbegehren abgelehnt, kern. derregierungen ist zu fordern, daß sie das
• unseren mehrheitlich gewählten Landrat Nicht nur die 2 Toten auf der Startbahn, Verbrechen Einzelner nicht zum Anlaß neh·
durch das Selbsteintrittsrecht des Staates sondern bereits die letzten Ereignisse ln men, die zahlreichen gewaltfreien sozialen
ausgeschaltet, Wackersdorf fordern eine Denkpause von und politischen Bewegungen zu krlmlnali·
• den Rechtsweg auf nur eine Instanz ver- den Politikern. sieren, die Polizeikräfte weiter provozierend
kOrzt, Sie sollten aufzurasten und das Demonstrationsrecht
• friedliche Demonstrationen nicht wahrge- · unsere Bedenken gegen die WAA ernst vollends auszuhöhlen. Einer jetzt drohen·
nommen, nehmen und einen sofortigen Baustop ver- den Gewalteskalation darf von niemandem
• gewaltfreie Aktionen · wie die HOttendörfer hängen· mit Verhärtung, sendem muß mit einer all·
um Weihnachten 86 -brutal niedergeschla· • das Atomgestz oberprOfen- seitlgen Bereitschaft zum breltangeiegten,
gen • ein Volksbegehren zulassen • gesellschaftlichen Dialog zur gewaltfreien
• die Andachten am " Martel" verhöhnt, • uns unsere freiheitlich verbrieften Rechte Konfliktlösung begegnet werden. Und nur
• die Sonntagsspaziergänge kriminalisiert, ausoben lassen • wenn auch der Staat endlich bereit ist, jene
• keinen Baustop verhängt, obwohl der VGH • die Polizei nicht zum "Strafen" einsetzen • Glbel an der Wurzel zu packen, die Im Be·
die 1. TEG und den Bebauungsplan fOr nlch· • bedenken, daß neben Ihrer geringen Mehr· reich von Rüstung und Militarislerung, in
tlg erklärt hat, helt einen starke Minderheit existiert, der Umwel1zerstörung, bei der Massenar·
• das Demonstrationsrecht eingeengt durch • daß man Politik nicht gegen sondern mit beitslosigkeit und vielen anderen, sozialen
die Errichtung der Bannmeile um das Gelän- den BOrgern macht • Ungerechtigkelten von Millionen als ex•·
de, • daß nicht neue Gesetze wie Vermum- stenzgefährdende Gewalt erlebt werden.
• durch Elnschochterungs- und Isolierungs- mungsverbot und Verschärfung des Demon- wird er seiner Verpflichtung gerecht werden
maßnahmen das Demonstrationsrecht strationsst rafrechts, sondern nur eine le- können, selbst den wirkungsvollsten Bei·
schon Im Vorfeld zunichte gemacht, bendige Zusammenarbeit aller einen trag zum Aufbau einer gewallfreien, men·
• grundlose Frelheltsentzlehungen bis zu 35 Rechtsstaat am Leben erhalten kann. sehenwürdigen Gesellschaft zu leisten.
Stunden angeordnet, Presseerldlrung am 13.11.87

20
pler des Göttinger Arbeitakralses gegen Atomenergie, sowie zahlreicher
autonomer Gruppen aus Hannover, Oldenburg, Bonn, Wiesbaden, Frank·
furt. Gewisse Oberschneldungen vor allem ln den Anfangatellen, die sich
Ja alle auf das gleiche Ereignis beziehen, ließen sich nicht vermelden. Wir
meinen aber, daß alle Beltriga wichtiger Bestandtell der Diakussion um
die politischen und praktischen Folgen der Schüsse an der Startbahn sind.

Atommüllkonferenz Braunsc:hweig
Diskussionspapier der AG "Die Atomspaltung ist gelun-
gen, gelingt dem Staat nun die Spaltung der Bewegung
durch die aufgezwungene Gewaltfrage" zu den SchOs-
sen an der Startbahn in Frankfurt.

ln der BAD werden seit Jahren Großprojekte gebaut; ler begangen hat, braucht sie/er unsere Solidarität und
die Mehrzahl dieser Anlagen ist in der Bevölkerung und Unterstützung.
an den Standorten umstritten. Unabhängig davon, ob die Tat sich so abgespielt hat
Der eigenständige und teils militante Widerstand hat wie heute dargestellt, müssen wir feststellen, daß wir
in den letzten Jahren ein immer größer werdendes Ver- untereinander die Diskussion Ober unsere Ziele und
ständnis in der Bevölkerung erfahren, nicht zuletzt Mittel nicht gründlich genug geführt haben. Die staatli-
durch die Erfahrungen der Menschen, die an den Stan- che Unterdrückung der Diskussion über Widerstands-
dorten wohnen. formen trägt ihren Teil dazu bei, enthebt uns aber nicht
Dem muß der Staat etwas entgegenhalten. Zum der Verantwortung.
Schutz gegen Kritik und Widerstand wird paramilitä- Wir richten die Auffordrung an uns selbst und alle
risch ausgebildete Polizei, z.B. die Sondereinsatzkom- Menschen, die sich für die Stillegung der Atomanlagen
mandos, eingesetzt. Die Antworten der Politiker finden einsetzen:
ihren Ausdruck in Wasserwerfern, Gas und Knüppeln. Lassen wir uns von Parlament, Justiz und Polizei
Der Widerstand wird diffamiert und kriminalisiert. nicht vorschreiben, welches der richtige Weg Ist, unser
Der Tod der Polizisten an der Startb&hn soll jetzt miß- gemeinsames Ziel zu erreichen!
braucht werden, um alte Gesetzesvorhaben, wie die
Verschärfung des Demonstrationsrechts, des Vermum- Bestimmen wir selbst, welche Mittel dazu geeignet
mungsverbots, des Paragraphen zum Landfriedens- sind; aber bestimmen wir sie auch! Beantworten wir
bruch, durchzusetzen. uns dabei die Fragen: -Schließen wir genügend aus, daß
Die Wut der Deomonstrantlnnen kann jede/r verste· durch unsere Aktionen Unbeteiligte Schaden nehmen?
hen, die die polizeiliche Gewalt am eigenen Leib erfah- · Wird durch unsere Aktionen deutlich, um was es
ren hat. Diese Wut und die Ablehnung der Großprojekte uns geht? Entspricht in der Situation die Wahl der Mit-
bringt viele Menschen dazu, auf vielfälligste Weise ge- tel unserem Ziel? -Können andere Menschen, mit denen
gen deren Verwirklichung vorzugehen. wir unser Ziel teilen, das, was wir tun, wie wir es tun und
Im Rahmen der Demonstration anläßlich des 6. Jah- was daraus folgt, akzeptieren?
restages der Hüttendorfräumung an der Startbahn -Entspricht das, was wir tun, unserem Gefühl? Bringt
West kamen zwei Polizisten durch Schüsse ums Leben. es uns in unseren Bemühungen weiter? Wenn das i!Jl
Den Tod dieser Männer bedauern wir. Der Gebrauch Widerspruch ist, treffen wir usnere Entscheidung be·
von Schußwaffen gehört nicht zu unseren Mitteln; wußt?
Schußwaffen hatten und haben bei unseren Demon- Bereden wir diese Fragen gründlich mit den Beteil ig-
strationen nichts zu suchen. ten! Bereden wir sie mit anderen so offen, wie die dro-
Der allgemeinen Vorverurtei~ung der Beschuldigten hende Strafverfolgung das zuläßt! Kommen wir von ein-
schließen wir uns nicht an. Sollte sich herausstellen, samen Überlegungen zu einem gemeinsam entwickel-
daß jemand aus unseren Reihen diesen schweren Feh· ten und verantworteten Handeln!
mit solidarischen Grüßen
21
r
schießen. Das Tabu, nicht mit den gleichen geht. Und wir sind der gleichen Moral unter-
Waffen den Bullen gegenüberzutreten, weil legen, wenn wir nicht zwischen unseren
die Antwort der Bullen fOr uns unkalkulier- Gegnern unterscheiden.
bar und verheerend sein wOrde. Obwohl die Wenn wir uns eine revolutionäre Situa-
Bullen schon Überlegungen zur Waffe ge- tion vorstellen, dann mossen sich viele von
Am Montagabend, 3.11., wurden bei ei- macht haben, sie auch schon angedroht den Bullen oder Soldaten im entscheiden·
nem Startbahnspaziergang zwei Bullen er- und eingesetzt haben, haben sie bis jetzt den Moment auf unsere Seite schlagen und
schossen. Oie Meldung Ober diese Vorfälle nicht diese Legitimation gehabt, Demos mit auf ihre eigenen Offiziere schießen statt auf
löste bei uns allen einen ganzen Haufen Ge- Knarren aufzulösen oder zu verhindern. uns. Sonst haben wir doch nie eine Chance.
fOhle, Ängste, Kritik, Unglaubwürdigkeit Und was dann, wenn wir nicht unterlegen Unsere Strategie und die Wahl der Mittel
und Fragen aus. Was genau die SchOsse wären? tor eine menschliche Gesellschaft muß sich
bei uns ausgelöst haben, haben wir in einer an den beiden Polen Effizienz und revolutio-
ersten Diskussion zu klären versucht. Viele von uns kennen das Gefühl, jeden- närer Moral orientieren. Revolutionäre Mo·
Oie ersten Reaktionen auf die Vorfälle falls tor kurze Zeit, daß es jetzt ums Ganze rat heißt, nicht mit Menschenleben zu spie-
von Frankfurt waren von Ungläubigkeit ge- gehen muß. Das ist das GefOhl, wenn so ei- len und sie damit zum wahllosen Opfer eige-
prägt. Keine/r konnte sich vorstellen, daß je- ne Sauerei passiert, daß es tor uns einfach ner Gewalt werden zu lassen. Wenn es mög-
mand von uns aus einer Demo heraus mit ei- unvorstellbar ist, daß alles wie gewohnt wei· lich wäre eine Revolution ohne Gewalt zu
ner Knarre auf Bullen schießen worde. Oie ter geht. So wie nach Tschernobly oder machen, worden wir es auf jeden Fall vorzie-
Ungereimtheiten bei der Untersuchung, die wenn es um unsere letzten Freiräume geht. hen. Aber die Erfahrung lehrt, daß es (fast)
gezielte Pressekampagne machen eine Wenn die Widersprache sich derart ver- unmöglich ist.
Analyse des Tathergangs im Moment noch schärft haben und der Widerstand sich im· Wir haben das Gefühl, daß militante Be-
unmöglich. Vielleicht war es ein Spitzel oder mer mehr verbreitert, daß es tatsächlich wegungen nicht immer danach fragen, son-
Provokateur, wir wissen es nicht. möglich wäre, das System zu kippen, dann dern die militanten Mittel oft im Mittelpunkt
Oie Möglichkeit, daß jemand von uns die ist es irgendwann richtig, als Bewegung zu stehen und nicht unsere Ziele. Wie oft sind
Aktion klargemacht hat, bescchäftigte uns den Waten zu greifen, denn die Herrschen· Demos einfach "Latschdemos", wenn
vielmehr. Warum hat und konnte jemand so den werden uns niemals die Macht freiwillig nichts abgeht, und das Gefühl, Bullen weg-
eine Aktion machen? Was heißt das fOr abgeben. · laufen zu sehen, ist meistens wichtiger als
uns?
War der Täter durchgeknallt? So eine Ver-
urteilung finden wir zu einfach und falsch.
Vielleicht haben schon viele von uns an die
Möglichkeit gedacht auf Bullen zu schie-
ßen. Oie Schosse hätten schon frOher pas-
sieren können oder auf igendeiner Demo in
nächster Zeit. Das heißt tor uns zu überle-
gen: Welche Militanz wo und wann? Wie
kann unsere revolutionäre Perspektive und
unser gemeinsamer/persönlicher Kampf
aussehen?
Oie Aktion finden wir zum Kotzen, aus
Granden, die wir später noch ausfahren
werden, aber wir können und wollen uns
nicht von dem Täter distanzieren, ausgren-
zen oder ihn als durchgeknallt abstempeln.
Wir lehnen die"spontanen•oistanzierungen
der Grünen (Aussagen von Schily, Fischer
usw.) ab. Wir trauern auch nicht um die bei·
den Bullen aber eine klammheimliche Freu-
de Ober den Tod konnte auch keiner von uns
empfinden.
Oie SchOsse von Frankfurt haben eine
ganze Menge Angst ausgelöst. Angst um
und vor unseren eigenen Strukturen und Oie Wahl unserer Mittel würde sich in sol- die Inhalte, die wir ausdrücken wollen. Da-
Vorstellungen. Angst vor den Reaktionen cher "vorrevolutionären" Phase ganz neu bei gibt es genug Beispiele tor Demos, die
der Bullen und Staatsmacht, damit rechnen stellen. Aber wir sind in keiner vorrevolutio- radikale und militante Inhalte ausdrücken
zu mossen, bei einer militärischen Ausein· nären Phase, zu deutlich ist die Übermacht ohne den offiziellen "Putz". Uns kotzt oft ge-
andersetzung (Gebrauch der Knarre) ganz des Systems, auch nach Tschernobyl konn- nug die Phantasielosigkeit an, die kein Platz
klar den KOrzaren zu ziehen. Angst vor einer te das .Gefühl nur einige Monate überdau- läßt tor andere Aktionen als Scharmotzet
weiteren Isolation der Autonomen, der "so- ern. mit den Bullen. Manchmal kann man/trau
zialrevolutionären Bewegung". Und selbst wenn, wäre es richtig aus ei- sich fragen, ob wir nicht schon zu abge-
Viele dieser schlechten Gefühle und Äng- ner Demo heraus auf einfache Bullen zu stumpft sind gegenOber der Gewalt, denn
ste waren auch schon vorher da, z.B. Berlln, schießen, wahllos und ohne eine Notwehrsi· sind wir doch ehrlich, schon seit langem
Hamburg, Juzi-Veranstaltung zu Stamm· tuation? Es ist müßig, sich alle möglichen werden bei Demos auch Tote in Kauf ge-
heim, und sind nicht durch Frankfurter Vor· Situationen vorzustellen, aber eines ist klar; nommen durch Zwillen, Mollies und Steine.
fälle aus dem NICHTS entstanden! dem Staat ist es sowieso egal wieviele Men- Bei dem vorherrschenden Mythos der Ge-
Mit den SchOssen von Frankfurt verbin- schen umkommen, der hat genug Kanonen- walt, der oft stellvertretend tor die Radikali-
den wir auch eine militärische Eskalation, futter. Der Staat wird immer seine Bullen tät steht, ist es oft unmöglich, diese Mittel
ein Brechen eines teilweise ausgesproche· und Soldaten verheizen, er kalkuliert dabei in Frage zu stellen. Auch wenn die Gewalt
nen, aber eher stillschweigenden Konsens ganz bewußt auch den Tod eigener Leute der Gegenseite noch immer tausendmal
unsererseits, auf Demos nicht auf Bullen zu mit ein, wenn es um seine Machterhaltung größer ist und es unsere Ohnmacht und Wut

22
gegenOber der brutalen Bullengewalt ist, FOr die Stammhelm-Veranstaltung im Ju-
die uns zu Mollies greifen läßt, auch wenn zi wurde von relativ wenig Leuten ein Vertei-
es schon immer Schwerverletzte und Tote digungskonzept aufgestellt, weil es eine
auf unserer Seite gegeben hat, dOrfen wir Einschätzung gab, daß die Veranstaltung
die Gefahr nicht vergessen, was eine selbst- vielleicht von Bullen geräumt wird. Viele Be-
ausgeObte Gewalt an Gewöhnung an uns sucher wußten aber kaum etwas davon und
auslösen kann. bekamen auch gar nicht erst die Möglich-
Es ist die gefährlichste Seite des bewaff. keit, sich damit auseinanderzusetzen. Die-
neten Kampfes, daß es nach oder während ser Mißstand kam letztendlich nur deshalb
Revolutionen oder Kriegen oft eine Gewöh- nicht zum Tragen, weil sich das Räumungs-
nung oder Vorrohung gegenOber der Gewalt gerOcht nicht bestätigte. Aus der Sicht der
vorherrscht, die dann als legitimes Mittel Veranstalter, die sich schon länger damit
gegenOber jeglichen Konflikten erscheint. auseinandergesetzt haben, welche Gefahr
Im Extremfall fOhrt es dazu, daß auch eige- es birgt, eine Stammheim-Veran~taltung
ne Leute bei internen Auseinandersetzun- durchzufahren; und aus der Sicht der Leute,
gen umgebracht werden, wie z.B. in der fOr die das Juzi ein wichtiger Teil ihres Le-
FMLN in EI Salvador und jOngst in Burkina bensraumes ist und die sich dort keine Ver-
Faso, wo Thomas Sankara getötet wurde. anstaltung verbieten lassen wollen, mochte
Ausgehend von den Vorfällen an der eine harte und entschiedene Verteidigung
Startbahn, stellen wir uns die Frage, wie wir angemessen sein. Viele Besucher, die sich
es schaffen, daß wir nicht individuell und vorher nicht mit dieser Realität auseinan-
einzeln unsere Entscheidung treffen, son- dergesetzt haben, wären vollkommen Ober-

dern eine gemeinsame Widerstandsper- fahren worden und hätten sich später in
spektive finden. keinster Weise mehr der Situation entzie-
Wir brauchen auch gar nicht die Frankfur-
ter Ereignisse, um auf das Problem, wie wir
als linke Szene mit dem Aufeinanderprallen
verschiedener Subjektlvitäten umgehen, zu
hen können. Es ist unmöglich, daß Einzelne
einer großen Gruppe Handlungen aufzwin·
gen, es wäre dringend nötig gewesen, dar-
Ober vorher zu reden!

stoßen. Theoretisch haben wir dazu viel-
Ein anderes aktuenes Beispiel ist die dro-
leicht ähnliches im Kopf: Unser Widerstand
hende Hafenstraßen-Räumung. FOr einige
soll sich in gemeinsamen Aktionen, in auf-
ist es ziemlich klar, daß sie nach Harnburg
einander abgestimmten und abgesproche-
fahren werden, während sich andere nur Ak·
nen Verhalten und Handeln ausdrOcken.
tionen in Göttingen vorstellen können. Ne-
Nur gemeinsames Handeln (zumindest for
ben vielleicht ähnlichen politischen Ein-
bestimmte Aktionsformen) bietet Schutz for
schätzungen wird das konkrete Verhalten
einzelne und Stärke gegenOber dem Staats-
bestimmt durch die persönliche Emotionali-
apparat. Andererseits leben wir alle in un·
tät zum Hafen, druch persönliche Kontakte
terschiedlichen Realitäten, haben unter-
zu Leuten dort usw. Das Umgehen damit als
schiedliche Erfahrungen gemacht und fOh·
größere Gruppe wird sich wohl in den näch-
Jen uns unterschieldich betroffen und kom-
sten Tagen zeigen.
men so zu verschiedenen Positionen und
Dies alles soll kein Plädoyer fOr das Ver-
Einschätzungen. Unsere Angstschwellen
wischen von unterschiedlichen Positionen
sind eh nicht gleich und daraus resultieren
sein, sondern fOr ein verantwortliches Um-
dann die verschiedensten Formen des Wi-
gehen miteinander, for das Ernstnehmen
derstandes.
der einzelnen in der Gruppe und fOr konti-
Die Unterschiedlichkelten und der Um- nuierliche Auseinandersetzung, um daraus
gang damit können nur durch gemeinsame eine gemeinsame Stärke zu entwickeln.
Diskussionen aufgebrochen werden. Durch Dies ist nichts vollkommen Neues und ist
die Auseinandersetzung Ober Widerstands- auch schon in unterschiedlichen Versionen
perspektiven, Strategien, Aktionsformen gesagt worden. Und doch stößt uns erst
können sich individuelle Einschätzungen wieder die extreme Situation in Frankfurt
angleichen. Die Subjektivität der/des l;inzel- auf das, was wir alles nicht zu Stande brin-
nen ist nicht absolut. Angstschwellen kön- gen. Am Ende bleibt die Frage: Wie verste-
nen sich verändern. Die Realitäten der je- hen wir eigentlich unseren Kampf? Geht es
weils anderen können von jeder/m Anderen dabei lediglich um individuelle Befriedigung
miteinbezogen werden. Andererseits kön- und um ein kurzes gutes GefOhl von Zeit zu
nen sich auch Unterschiede herauskristalli- Zeit oder wollen wir und glauben wir an eine
sieren, klarer werden, mit denen dann kon- längerfristige Widerstandsperspektive?
kret umgegangen werden muß. Fatal wird
es, wenn Einzelne oder kleine Gruppen einer
großen Gruppe Aktionsformen aufzWingen.
Da werden Leute funktionalisiert und ent-
mondigt.

23
von Bernd Ulrich (Mitarbeiter am linken Plenum K61n), Dleter SchlJffmann (Koordinations-
stelle Ziviler Ungehorsam), Ulla Eberhardt (Mitglied der F6rderatlon Gewaltfreier Aktions-
gruppen 'F6GA' K61n), Alexander Schubart (Frankfurt), Gerhard Breitenstein (Dortmund),
Jan Stehn (Mitglied der F6GA Hamburg), David Batzer (Berlin), Ganter Saathoff (Sonn), Jens
Siegert (Mitarbeiter des GBAL Friedensreferates Marburg), Andreas Brandhorst (Arbeits·
kreis Ziviler Ungehorsam, Bielefeld), Thomas K-egel (Mitglied der F6GA TObingen).

Liebe Freundinnen und Freunde,


ln den letzten Jahren haben wir bei den verschieden- Aktionen
sten Demonstrationen und Aktionen immer wieder das Der Staat rostet nach Außen und nach Innen unab-
BOndnis mit Euch gesucht. Wir fOhlen uns deshalb in lässig auf. Das ist kein Grund, es ihm gleichzutun. Das
der jetzigen Situation, nach den Morden an der Start- Demonstrationsrecht läßt sich nicht militärisch vertei-
bahn in besonderem Maße gefordert, Stellung zu neh- digen, nur politisch. Ihr seid in den letzten Jahren dem
men. staatlichen Aufrostungskurs gefolgt, ohne je gleichzu-
Wir sind uns sehr wohl bewußt, daß Ihr Todesschos- ziehen. Ihr seid mit dieser Abschreckungslogik in die
se auf Polizisten aus einer Demonstration heraus ab- Sackgasse geraten. Militanter als Ihr Euch bei einigen
lehnt, daß der oder die Täterinnen von Frankfurt nicht in Demos verhalten habt, geht es nicht mehr. Jeder weite-
Absprache mit irgendeiner autonomen Szene gehandelt re Schritt wäre nicht mehr militant, er wäre militärisch.
haben können. Und doch seid Ihr fOr das, was innerhalb Es ist unser aller Aufgabe, diesen Schritt zu verhindern
Eures Spektrums geschieht, mitverantwortlich. und alle Konfrontationenm bei· Demos deutlich unter-
Was genau in jener Nacht passiert ist, weiß bisher halb des Schußwaffengebrauchs zu halten. Das geht
niemand. Das ist aber auch nicht das einzige Problem. nicht, wenn Ihr weiterhin massenhaft zur verschämten
Selbst wenn es sich um Provokateure gehandelt haben Knarre - zur Zwille -greift.
sollte, so ändert das nichts an der Notwendigkeit einer KIJmpft mit uns gemeinsam fOr die MOglichkeit, in
breiten und selbstkritischen innerlinken Diskussion. diesem Land auch weiterhin massenhafte und staats-
Denn Provokateure können aus staatlicher Sicht nur da kritische Demonstrationen durchfahren zu kOnnen.
"sinnvoll" eingesetzt werden, wo ein politisches Spek- Schmeißt die Zwillen weg!
trum oder eine Bewegung bereits knapp vor einem
Bündnisse
Schritt steht, den die Provokateure dann tun. Der Provo-
Es hat in den letzten Jahren immer wieder gemeinsa-
kateur hat lediglich BrOckenfunktion; den Weg bis zur
me Demos und Aktionen des unabhängigen, des gran-
Brocke habt Ihr selber zu rockgelegt
alternativen und des autonomen Spektrums gegeben.
· Aus unserer Sicht ist es nach wie vor ein qualitativer
Sie waren teils erfolgreich (Bremerhavenblockade 1983,
moralischer politischer Unterschied, ob eine Demo mili-
WWG-Demo 1985), teils haben sich Autonome nicht an
tant verteidigt oder ob geschossen wird. Trotzdem muß
Vereinbarungen gehalten, weil sie vereinzelt und inso-
mensch prOfen, was in dem einen ist, daß es zu dem an-
fern gar nicht zu verbindlichen Absprachen in der Lage
deren kommt.
waren. Da nun die unmittelbare Gefährdung bei Demos
Ideologie immer weiter zunimmt, sind wir nicht mehr bereit, Eure
Autonome Theorien ähneln in einigen Punkten unse- Unberechenbarkeit allein zu unserem Problem zu ma-
ren Auffassungen von Staat und Gesellschaft. Jedoch chen.
besteht auch bei Euch nicht nureine Tendenz zu radika- Solange wie sich innerhalb des autonomen Spek-
ler Wahrheit, sondern auch zu gefährlichen Vereinfa- trums nicht ein fOr uns wahrnehmbarer Zusammenhang
chungen. Dieser Staat ist nicht bloß ei~ Schweinesy- herausbildet, mit dem verbindliche Absprachen bei De-
stem, er enthält auch demokratische Elemente. Dieser mos m6glich sind, von dem weder Schutzgeldabpres-
Staat und seine Organe sind nicht faschistisch. Wir sungen noch Zensurmaßnahmen gegen Linke ausge-
werden uns möglicherweise Ober diese und andere hen und der selbst bei Demos auf Zwillen verzichtet, so-
Punkte vorläufig nicht einigen. Doch autonome Politik lange es also einen solchen Zusammenhang nicht gibt,
und Ideologie sollte sich wieder mehr dem innerlinken werden wir mit Autonomen - mit Euch - keine Aktions-
Dialog stellen. ln der Isolation wird Eure Ideologie mehr und DemonstrationsbOndnisse mehr machen.
und mehr zu einer Rutschbahn in eine Politik, vor der Ihr Wir wissen, daß das Anforderungen an Eure Struktu-
dann selber fassungslos steht. Wir meinen damit nicht ren sind, die for Euctl schwer zu erfollen sind. Wir wis-
nur die Polizistenmorde von Frankfurt, sondern auch sen aber auch, daß es bei Euch ohnehin Diskussionsan-
die Schutzgeldabpressereien von Berlin. Ihr greift im- sätze in diese Richtung gibt. Wir sehen jedenfalls kei-
mer öfter und immer härter zensierend in innerlinke De- nen anderen Weg, zugleich die Fähigkeit große Demos
batten ein- nicht indem Ihr an ihnen teilnehmt, sondern durchzufahren zu bewahren und in absehbarer Zeit wie-
. indem Ihr andere am Reden und am Schreiben zu hin- der mit Euch gemeinsam Politik zu machen. Wir wollen
dern versucht und sie bedroht. keine linke Polit-Szene, die vom autonomen Stachel be-
Wir fordern Euch auf, nein! wir fordern Euch heraus: freit in Wohlanständigkeit versinkt. Aber dazu braucht
Diskutiert mit uns und den anderen Linken. HOrt auf, in- es mehr als nur einen gemeinsamen Gegner, dazu brau-
·nerlinke Debatten aufzumischen und unsere Leute zu chen wir offene Debatten und verbindlichere Zusam-
bedrohen. menhänge.

24
Zu den Ereignissen an der Startbahn 18
West bei Frankfurt erklären wir, eine auto-
nome Gruppe aus Hannover:
Nach den Morden an den beiden Polizi·
sten war sich die Öffentlichkelt schnell ei·
nlg, da6 dies Morde aus der autonomen
Szene seien. Wer auch Immer dort wirklich
geschossen hat, Ist noch nicht gekiArt. ln je-
dem Fall gehört es nicht zum Selbstver-
ständnis autonomer Politik, mit scharfer
ZEI Munition zu schieBen, und schon·gar nicht,
gezielt einzelne Bullen zu ermorden. Bei al-
ler Harte, mit der die Auseinandersetzungen
teilweise gefOhrt wurden, Ist dies nie ein
Diskussionspunkt gewesen oder wurde gar
befOrwortet.
Neben der inhaltlichen Arbeit wird jedoch
Sachbeschädigung unumstritten als Teil
der autonomen Strategie betrachtet. Auch
die militante Gegenwehr gegen Angriffe der
Polizei gehört zur autonomen Strategie, ge-
nauso wie punktuelle Angriffe. Unvermeid-
lich gibt es bei solchen Auseinandersetzun-
gen Verletzte auf beiden Selten. Im Zusam-
menhang dieser Auseinandersetzungen hal·
ten wir es for falsch, eine Diskussion Ober
Gewalt zu fahren. Sie wäre lediglich eine
Ablenkung von der strukturellen Gewalt, die
in dieser Gesellschaft in allen Lebensberei-
chen vorhanden ist. Belspielswelse den
Menschen die Atemluft zu verderben, so
da6 kleine Kinder an Pseudo-Krupp sterbel'l,
Ist Gewalt. Menschen radioaktiver Strah-
lung auszusetzen, Ist Gewalt. Wohnraum-
zerstörung Ist Gewalt.
Dieser auf Gewalt gegrondete Staat Ist ln-
human. Oie momentan von den Politikern
zur Schau gestellte Trauer und Bestorzung
empfinden wir als Heuchelei. Von Trauer
oder wenigstens Nachdenklichkelt war je-
denfalls nichts zu merken, als Ganter Sare
von den Bullen ermordet wurde, als Ema
Sielka am Zaun von Wackersdorf die Hilfe
von den Bullen verweigert wurde und sie

Offener
Antwortbrief
~Zwillen zu Pflugscharen!"
auf den "Offenen Briefan die ken Bewegungen in der BRD gar Euch gehabt zu haben, als die tag- spiel bei der Demo '86 inHanau,
Autonomen" noch zu Diskussionen heraus täglich erfahrbare Realitäfmit der beidenPfingst-Aktionenin Wak-
Dashabtlhrjafeingemacht. Da (...), so kommt Ihrdoeh recht gar nicht gewaltfreien Staats- kersdorfetc.
schreibtihr an eure "Liebe(n) schnellzum demagogischen Vor- macht. AufEure Weise treibtihr NunredetlhreinemStaatdas
Freundinnenund Freunde" bei beten Rehmannseben Gedanken- die autonome Szene in eine Isola- Wort, dem seitJahrzehntendaran
den Autonomen einen offenen guts. ZwaristesEurerMeinung tion, inderRebmann, Zimmer- gelegen ist, entschlossenen Wi-
Brief, unterschreibtgar "mitsoli- nach richtig, "eine Demo miji- mann und Co. keine Schwierig- derstand-ob gewaltfrei oder mi-
darischen Grüßen" - und zwi- tant" zu verteidigen, aberunter keiten haben werden, uns per litant-zu vernichten, die politi-
schen freundlicher Begrüßungs- dem Vorwand, autonome Politik § 129aodereinfach per Putativ- sche Opposition mundtot zu ma-
und Verabschiedungsßoskel ba- vorder Isolationretten zu wollen, notwehr zu eliminieren. Unddas chen. Ganz im Sinnderstaat-
stelt Ihreifrig am Autonomen- enttarnt sich Euertrojanisches mußEuchdoch klar sein. (.. .)Ein lichen Propaganda fordertihr im
Program mit. Natürlich antwor- Friedenspferdchen schnell als Widerstand, wieersichander scheinbar geeigneten Augen-
ten wir hier nicht im Namen der linke Beihilfezum staatlich ver- Startbahn, um Wackersdorfund blick,dadieganzeRepublikim
Autonomen, aber wir möchten ordnetenPogrom. DieZwilleist im Wendland entwickelt hat, Betroffenheitsnebel derStart-
Euch eine Antwortaus unserem f?ei Euch die ..versehämte zeigte immer, daß es an deoimpe- baho-Schüsse versinkt, zuroffe-
Spektrum aufEuren denunziato- Knarre" -schöner hättedas auch rialistischen Brennpunkten in die- nenSpaltungauf, funktioniertun-
rischen Briefnicht vorenthalten. Lochte nicht formulieren können semStat keine Berührungsängste terdem Mißbrauchdes Todes
BeginntEuer Briefnoch im -und Ihr fordert den militanten zwischen,.militanten"und ,.ge- zweierPolizistendie Situation in
missionarischen Ton eines Widerstand tatsächlich auf: waltfreien"' Widerstandsformen EuremSinn um, um autonome
JoscbkaFischer(...)fordertlhr ,.SchmeißtdieZwillen weg". gegeben hat. Gemeinsame De- Politikendgültig zu marginalisie-
unsin Eurer selbsternannten Waltraud Schoppe ( ...)scheint mos und Aktionen trugen dieser ren und indie Hochsicherheits-
Funktiondes Über-Ichsder lin- doch einen größeren Einfluß auf Realität Rechnung, so zum Bei- trakte zu verbannen.( ...)
GALimAStAder Uni G'Jttingen
25
Schaftssituation ist jede/r in der BAD Nutz- Staat ist seine eigene Politik, ob wir die
nießer der ausbautarischen Ökonomie, Kriegsvorbereitungen nehmen oder das zy-
selbst die Ärmsten bei uns, wenn auch nur nische Umgehen mit seinen Borgern, die
insoweit, daß es ihnen ohne die giganti- durch soziale Not ebenso bedroht sind wie
schen Extraprofite aus den Ländern der "3. durch AKWs oder Chemiegifte oder den Ver-
Welt" noch schlechter ginge. Wer Ober- kehr. Gelingt es ihm, den Krieg zu vermei-
haupt eine "Moral" in die Schosse hineinin- den, so ist er nur in Gefahr, wenn alle in der
terpretieren möchte, muß konsequenterwei- BAD Bedrohten ihre Kräfte gegen diese Be-
se sehr viel Munition investieren, ohne sich drohungen zusammenschließen. Und dies
selbst dabei zu vergessen. Also kann das wirQ zwangsläufig geschehen mossen, oder
die Lösung nicht sein. Auch die Konstruk- der Bedrohung der Bevölkerung wird mit der
Stellungnahme zu den Morden an der Start- tion einer "Notwehrsituation" ist unzuläs- Abschaffung der Bevölkerung begegnet. Ei-
bahn West sig, nicht nur, weil die SchOsse in eine sich ne schleichende Anpassung der Menschen
so langsam entspannende Situation hinein an die veränderten Umweltbedingungen
Beim Sonntagssparziergang am 1. No- fielen. Wir alle wissen, was an der Start- kann zwar versucht werden, aber ob sie
vember 1987 an der Startbahn West sind bahn los ist. Wir alle wissen wie sich die- machbar ist, technisch wie politisch, muß
zum ersten Mal in der Geschichte der BAD Staatsgwalt dort austobt. Bei Startbahn- sich erst noch erweisen. Aber genau dafor
zwei Polizisten aus den Reihen der Demon- Demos weiß jede/r um sein persönliches Ri- werden neue Gesetze und Handlungswei-
stranten heraus erschossen worden. Heute siko und muß das auch in Kauf nehmen, sen des Staates gebraucht, nich fOr ein paar
bestehen kaum noch zweitel daran, daß der sonst wäre Zuhausebleiben angesagt. Das Haßkappen.
oder die Täter sich selber zur Anti- hat nichts mit dem Predigen von "Leidens- Insofern machen auch die Schuldzuwei-
Startbahn-Bewegung zählen. Schon deswe- bereitschaft" zu tun, sondern nur mit klarer sungen an "die Autonomen" keinen Sinn.
gen ist die Linke in der BAD gezwungen, Abwägung möglichen Schadens gegen den Klar haben wir alle uns schon oft Ober sie
sich politisch zu den SchOssen zu verhalten. erhofften Nutzen. Daß durch Schosse der geärgert. Autonome Unfähigkeit zur BOnd-
Die Ausrede, es habe sich bei dem oder den erstere nicht gemindert und der zweite nicht nispolitik und ihre Abneigung gegen
SchOtzen schlichtweg um "Durchgeknallte"
gehandelt, fOr deren Tun wir uns nicht ver-
antwortlich fOhlen brauchten, hat zwar eini-
ges fOr sich, Ist aber zu bequem. NatorUch
stehen wir in der Pflicht! Und daß die
Startbahn-BI noch mitten in der Nacht die
politische Verantwortung auf sich nahm,
erhöht wird, ist doch ganz eindeutig.
mag sich in absehbarer Zeit als der einzige
Aber Politik hat mit Moral nichts zu tun,
positive Aspekt der Angelegenheit heraus-
wie uns der Staat tagtäglich beweist. Wären
stellen, weil sie mit Deutlichkeit dafor ge-
also politische Grande zu berOcksichtigen,
sorgt hat, daß wir uns nicht mehr drücken
unter denen das Schießen auf Polizisten ge-
können.
rechtfertigt erschiene? Auch hier ist ein
Heute, am 11. November, sind noch viele
ganz deutliches "NEIN!" zu setzen. Zwar
Fragen offen. NatorUch könnte sich immer
kann es durchaus Sinn machen, in gewis-
noch herausstellen, daß der Staat mitge-
sen Situationen dem staatlichen Terror mit
dreht hat. Aber das ist fOr eine politische
Gegengewalt zu begegnen, etwa zum De-
Diskussion unter uns irrelevant. Der beque-
moschutz oder um Oberdeutlich zu signali-
me Ausweg "agent provocateur" ist uns ver-
sieren, daß alles seine Grenzen hat, auch
schlossen.
der staatliche Hochmut, aber dies ge-
Zur Zeit gibt es viele, auch Wohlmeinen- schieht doch sowieso. Ein mehr an Schutz
de, die mit Schuldzuweisungen an "die Au- einer Demo durch Schußwaffengebrauch er-
tonomen" bei der Hand sind. Dies ist eben- reichen zu wollen, ist glatter Irrsinn und be-
so falscch und verantwortungslos wie die wirkt das absolute Gegenteil.
Spitzel-Theorie; Hauptsache scheint hierbei Das wirft die Frage nach den Konsequen-
zu sein, Verantwortung abzuwälzen an eine zen auf.
möglichst nicht greifbare, amorphe Institu- Es ist einfach nicht möglich, jede Teilnah-
tion: entweder Staatsschutz oder Sturmhau- me an einer Demo oder Aktion genau zu
be. Aber so gehts nicht! Entweder alle, oder kontrollieren. Es ist aber ebenso unmöglich,
keiner. jetzt die Konsequenz zu ziehen, daß damit
Wir alle haben die Analyse geteilt, daß die auch jede Demo oder jede Aktion unmöglich
Startbahn West ein imperialistisches Unter- ist. Es gab bisher -Zigtausende Demos und
nehmen im Rahmen der NATO- Aktionen in der Bundesrepublik, von denen
Kriegsvorbereitungen ist. Wir alle haben im- ein ganzer Teil "unfriedlich" verlief, meist
mer wieder darauf hingewiesen, daß die aufgrund der Staatsgewalt, aber nicht im-
Startbahn West ihre Funktion bei der Aus- mer. Bisweilen ging die Gewalt auch von der
beutung der "3. Welt" hat. Wir alle haben ge- Demo aus. Aber noch nie sind Polizisten ge-
gen die weitere Naturvernichtung prote- tötet worden, Demonstranten aber sehr
stiert. Und wir alle haben in allen Punkten wohl. Ermordete Demonstranten haben nie
recht gehabt. Untersuchen mossen wir nun, zu juristischen oder politischen Konsequen-
ob den Schossen an der Startbahn eine, wie zen des Staates geführt, aber im Falle der
verdrehte auch immer, Moral zugrunde liegt ermordeten Polizisten ist das wohl anders.
nach dem Motto: "Wenn es so schlimm ist,
wie wir es analysiert haben, dann sind ge- Die sich anbahnende Innenpolitische Ver-
waltsame Mittel der Gegenwehr gerechtfer- schärfung findet in den Schossen an der
tigt." Startbahn einen dem Staat hochwillkomme-
Die Antwort kann ganz eindeutig nur nen Kristallisationspunkt.. Anlaß sind sie
"NEIN!" lauten. Von jeder Warte aus be- aber keineswegs. Denn wenn wir ehrlich
trachtet war das Schießen an der Startbahn sind: Von uns ist der Staat nicht bedroht,
unmoralisch, nicht nur unter dem Aspekt, auch wenn er es gerne behauptet, und wir
daß es auf jeden Fall die Falschen treffen es nur gar zu gerne glauben worden. Die ein-
mußte. ln unserer komplizierten Weltwirt- zige ernstzunehmende Bedrohung fOr den

26
"Latschdemos" und alles, was ihnen als "zu· auch uns gegenOber praktiziert werden, oh·
brav" erscheint, die mangelnde Disziplin ge- ne daß wir es irgends verhindern können.
wisser Randbereiche und deren Lust auf die Wir werden uns dagegen besser wehren
Randale um der Randale willen waren und dürfen, wenn wir vorher nicht schon ein glei-
sind häufig schwere Hindernisse bei der Zu· ches praktiziert haben. Vor allem dürfen wir
sammenfOhrung möglichst vieler Protest· die Fragen nicht vergessen, warum es bei
und Widerstandsformen. Nur: Dies gilt auch Demos denn Oberhaupt zu "Schwarzen
andersrum! Oft genug .sind auch politisch Blöcken" kommt. Bei dieser Fragestellung
wichtige Initiativen an den staatstragenden geht es weniger darum, dem Staat sein
Kräften in unseren Bewegungen geschei· Großteil Mitschuld daran zuzuschieben,
tert. Es gibt kein Monopol der Autonomen sondern eher nachzufragen, was wir gegen
auf politisches Fehlverhalten. Gan~ im Ge· diese Aufschaukelei der Eskalatlonspote-
genteil, das eine war oft genug die Reaktion niale tun könnten. Der Verlauf des Sonn- von Amfrled,
auf das andere. Diese Tatsache mit der Ar· tagsspaziergangs am 8. November, als bei· Bundeskongreß Unabhängler Friedens·
roganz der Mehrheit oder der "größeren po· de Seiten "abgerüstet" erschienen, macht gruppen (BUF)
Iltisehen Reife" oder des ordentlich gezoge- Hoffnung, die Auseinandersetzungen wie-
nen Scheitels zu unterschlagen, wäre ein· der auf eine politischere Ebene zu bringen.
fach dumm und würde nichts bewirken als
das Gegenteil. Klar müssen wir die Autono- Hier, und nicht etwa bei den Schossen, ~/~:~·."
men auffordern, in ihren Reihen für "Ord· setzt unsere politische Verantwortung ein. .·•·
nung" zu sorgen und klar mossen wir ihnen Wir haben uns unsere "politische Reife" vor
auch sagen, daß sie Mist machen, wenn sie den Autonomen zugutegehalten, oh"ne diese
mit verzückter Romantik mit Zwillen auf Po· "Reife" ihnen gegenüber auch unter Beweis
lizisten, Wasserwerfer und Bauzäune schie- gestellt zu haben. Wir waren einfach nicht
ßen. Aber sie sind nicht die Sündenböcke! hartnäckig genug, haben sie nicht aus-
Sind sind letztlich die "Tat von unseren Ge- reichendem politischen Druck ausgesetzt
danken". Wollen wir jetzt das Denken aufge- und sie in ihrer freiwilligen Isolation belas-
ben? sen. Wir haben unsere meist weitreichende· Suchen wrr verschärft eine verschärfte
Und genau hier liegt der Hund begraben. ren und radikaleren Analysen verbreitet und Diskussion mit ihnen. Fordern wir sie auf,
Natürlich nehmen wir ganz eindeutig für nicht genug darauf geachtet, daraus resul- ihre Aktionen zuende zu denken. Machen
wir ihnen klar, daß der Sinn einer Demon-
stration im Erreichen eines politischen Ziels

r
liegt, und nicht in der Herstellung eines au·
tonomen "Lebensgefühls", das sie sowieso
in ihrem Alltag praktizieren. Aber hüten wir
uns vor Schuldzuweisungen, Dlstanzierun-
gen und Spaltungsversuchen in die Autono-
men hinein, denn das würde die ohnedies
uns in Anspruch, mit den Schießern an der tierende weitreichendere und radikalere Ak· sehr starken Abkapselungshaltungen in ein
Startbahn nichts zu tun zu haben. Nur müs- tionen mit ihnen weitreichend und radikal noch höheres Maß steigern.
sen wir den Autonomen das gleiche Recht zu diskutieren. Weiß der Geier, wir habens Und vergessen wir nicht, daß der Staat ja
zubilligen. Sie haben sich Oberzeugend von oft versucht und sie sind uns oft auf den auch noch da ist. Fordern wir die staatstra-
den Morden distanziert, ohne vorherige Auf- Geist gegangen. !rgendwann haben wir es genden Teile bei uns auf, das Ihrige zur
forderung von irgendeiner Seite. Ihnen jetzt aufgegeben. Das war verfrüht. Nun geht es Deeskalation beizutragen. An diesen Versu-
vorzuwerfen, daß die Atmosphäre eines jetzt nicht darum, in der Ecke "mea culpa" chen werden wir sie messen, wenn auch
"Schwarzen Blocks" mit Vermummung, zu murmeln, sondern die Konsequenzen nicht an ihren Erfolgen. Darauf haben sie
Zwillen, radikalsten Sprüchen usw. dem daraus zu ziehen. Letztlich kann uns der schließlich kaum Einfluß. Aber der Versuch
Schießen Vorschub leistet, Ist einflieh Staat viel weltreichender und viel radikaler darf ihnen nicht erspart werden.
falsch, trotzdem und obwohl es einiges an "auf den Geist" gehen als sämtliche Auto- Übernehmen wir die Diskussion und las-
Plausibilität birgt. Dieses "In-die-Pflicht· nome. sen die Diffamierungen dem Staat.
nehmen" wird sehr bald von staatswegen

27
«Der Weg ist lang und voller Schwierigkeiten. Manchmal
müssen wir, in eine Sackgasse geraten, umkehren; ein an·
dermal trennen wir uns, zu schnell vorgerückt, von den Mas-
sen; bei gewissen Gelegenheiten marschieren wir zu lang·
samund spüren ganz nah den Atem derer, die uns auf dem
Fuße folgen.» (Ernesto Che Guevara)
Am 2.11.87 wurden an der Startbahn Und diese Weltherrschaftspläne sind Widerstand zu leisten. Die Reaktion des
West in Frankfurt zwei Polizisten durch nicht Hirngespinste irgendwelcher ldio· Staates darauf hat Tradition. Zuerst ver·
Schüsse aus einer 9-mm·Pistole tödlich ten namens Reagan oder Kohl. Diese weist er die Leute auf die demokrati·
getroffen. Diese zwei Toten hatten zur Pläne sind konsequenter Ausdruck des sehen Spielregeln, soll heißen: ihr dürft
Folge, daß erstmal Dutzende Leute fest· Machtanspruchs der herrschenden Klas· wählen, ihr dürft euch friedlich und ohne
genommen und zig Wohnungen durch· se, die für ihre Wirtschaft Zugriff auf alle Waffen versammeln, wenn ihr das schön
sucht wurden. Es Ist jetzt schon klar, daß Märkte braucht und die Möglichkeit, je vorher anmeldet, Ihr dürft Unterschriften
einige Leute, unabhängig von einer kon· sammeln. Was ihr allerdings nicht dürft,
kreten Beteiligung an der Tat, einfahren
ist z.B. darüber abstimmen, ob ihr etwas
werden.ln den Tagen danach wurde von
bestimmtes wollt oder nicht, dafür seid
Politikern und Medien eine Hetzkampag·
ihr nicht mündig genug. Daß dabei
ne losgemacht, wie wir sie seit '77 bei
nichts herauskommen kann, ist ausge·
der Schleyerentführung nicht mehr er·
lebt haben. Aber auch Distanzierungsrl· macht. Manchmal sind die Herrschen·
den auch so offen, das zu sagen. So Ver·
tuale, wie sie jetzt von den GRÜNEN ze·
teldigungsminister Wörner anläßllch der
lebriert werden, müssen keinen Ver·
gleich zu '77 scheuen. Auseinandersetzungen um die Stationie·
rung der Pershing·II·Raketen, als er rich·
Wir wissen noch nicht, wer an der tigerweise feststellte: "Die demonstrie·
Startbahn geschossen hat, wir können ren, wir regieren".
uns aber alle Möglichkeiten vorstellen.
Wir können uns swohl vorstellen, daß ei· Wehe aber, wenn wir merken, daß wir
ner von uns geschossen hat, als auch, so nichts erreichen, und daraus Konse·
daß es sich um eine Provokation des quenzen ziehen. Wenn wir anfang~tn,
Staatsschutzes handelt. Was wir aller· Projekte der Herrschenden zu behindern
dlngs wissen, Ist, daß egal was Im Ein· oder anzugreifen. Wenn wir uns nicht
zeinen passiert Ist, der Tod zweler Men· wie Schlachtvieh von einem Platz weg·
sehen wieder einmal dazu benutzt wird, schaffen lassen, den wir besetzt haben,
die Mord· und Totschlagsmaschinerie
dieses Staats perfekter zu machen und
Menschen, die gegen dieses System
kämpfen, in eine moralische Zwlckmüh·
le zu treiben, die sie lähmt.

die nach Bedarf auszubeuten - Men· weil wir nicht wollen, daß dort eine wei·
Startbahn West sind kein Kon· sehen, auch die in der SU·, weil ihr wirt· tere Vernichtungsfabrik erbaut wird.
fllkt im zeitlichen und gesellschaftlichen schaftliches System darauf aufgebaut Wenn eine Bewegung tatsächlich die po·
Nirgendwo. Sie finden statt in der BRD, ist, einzig und allein immer mehr Kapital litische Durchset1ungskraft erreicht, die
einem Staat, der bereitwillig die rechtli· anzuhäufen. Die Startbahn West ist ei· Ziele des Staates und der Kapitalisten
ehe und historische Nachfolge des Fa· nes der konkreten Projekte der Herr· an einem bestimmten Punkt zu durch·
schismus angetreten hat; einem Staat, sehenden in diesem Zusammenhang, es kreuzen, ein für sie wichtiges Projekt zu
der verbündet Ist mit den USA, deren völ· ist nicht das einzige. verhindern, zeigt der Staat, was er el·
karmörderische Tradition drei Jahrhun· Die Startbahn West Ist nicht nur im
derte zurückreicht, und die es sich als gentlieh Ist - Gewaltapparat zur Durch·
"Ernstfall" eine Bedrohung. Sie hat setzung der Interessen der herrschenden
einziger Staat der Erde erlauben können, schon jetzt genügend an Zerstörung mit
Ihre Weltherrschaftspläne offen zu be· Klasse.
sich gebracht. Mit ihr ist ein weiteres
nennen. Die Startbahn West selber ist Stück Natur für die Menschen vernichtet
nicht irgendeine Betonpiste, sondern Er verläßt das "Feld der demokrati·
worden. Tagtäglich zerrütten Gift und
Rollbahn für die Militärtransporte, die sehen Auseinandersetzung" und läßt
Lärm die Gesundheit der Leute, die dort
Weltherrschaftspläne nun mal mit sich den Konflikt 'Von der für den "Inneren
wohnen. Zur Zeit wird sie mal wieder wei·
bringen. Im Vietnamkrieg hat der Frank· Frieden" zuständigen Söldnertruppe -
ter ausgebaut.
furter Flughafen seine logistische Rolle genannt Polizei - berelnlge·n. Und die
Es ist klar, daß die Menschen sich das leistet ganze Arbeit. Sie knüppelt drauf,
für den Völkermord der USA gespielt. nicht gefallen lassen, daß sie versuchen, sperrt Leute ein, schießt mit. Wasserka·
28
nonen und Gasgranaten. Daß ab und zu drückung und Völkermord aufgebaut ist,
mal ein Toter auf der Strecke bleibt, ist sich nicht abwählen läßt und uns immer
kein Betriebsunfall, sondern einkalku· die Entscheidung aufzwingt, entweder
liert, und es führt bestimmt nicht zu ei· vor diesem blutigen Treiben die Augen
ner Spaltung bei Polizei und Politikern in zu verschließen, oder aber im Kampf um
Gewaltfreie und Gewalttäter. Der Tod Befreiung auch Mittel anuwenden, die
von Demonstranten wird von berufsmä· wir an sich hassen. Wenn wir diese
Bigen Gewaltanstiftern wie Zimmer· Entsccheidung für uns treffen, wenn wir
mann und Gaulelter lapidar mit "selber dieses System und seine Gewalt auch
schuld" kommentiert. Eine klare Emp· mit Gewalt bekämpfen wollen, müssen
fehlung: wer nicht draufgehen will, soll wir eine Sorgfalt entwickeln, Kriterien
sich fernhalten von Auselnandersetzun· mehr der Staat schreibt uns vor, auf wel·
schaffen, die in jeder konkreten Aktion ehern Feld und mit welchen Mitteln wir
gen, bei denen der Staat deutlich ge· deutlich werden lassen, warum unsere
macht hat, daß es für ihn ums Einge· ihn bekämpfen, sondern wir zwingen den
Gewalt gerechtfertigt ist, warum gerade Staat in die Defensive. Und zwar auf al·
machte geht. diese Aktion notwendig und ohne den Jen Ebenen - politisch, ökonomisch, mi·
Einsatz von Gewalt nicht möglich war. litärisch, moralisch. Dazu müssen wir
Das heißt zum Beispiel bei der Atom·
kraft: wenn zwei Drittel der Bevölkerung Und genau dem hat die Aktion in lernen, jedes Mittel - Flugblatt oder Sa·
gegen Atomkraftwerke sind, muß der Frankfurt nicht entsprochen. Es wurden botage, Streik oder Knarre, Boykott oder
Staat dafür sorgen, daß möglichst viele zwei Menschenleben vernichtet, ohne Molli zur rechten Zeit und mit der nöti·
davor Angst kriegen, etwas gegen AKWs daß sich die Tat aus dem Zusammen· gen Konsequenz, aber auch mit Vorsicht
zu unternehmen. Diese Strategie hat in hang der Startbahnkämpfe heraus hätte und ohne je das Ziel aus den Augen zu
Weckersdorf zwei tote Demonstranln· legitimieren können. Weder war sie zum verlieren, einzusetzen.
nen gekostet, und nicht zufällig waren Schutz der Demo oder des Schützen not· Das heißt aber auch, daß die Tötung
dies keine erprobten Kämpfer. Die, die wendig, noch hatsie den Kampf um Be· eines Menschen nicht allein damit zu
es dann immer noch nicht lassen kön· freiung vorangebracht, sie hat ihn eher rechtfertigen ist, daß er auf der Seite der
nen, setzen den Großteil ihrer Energien zurückgeworfen. Hier hat sich die Ge· Herrschenden steht. Und genau das, die·
in die Beantwortung der "Gewaltfrage". walttätigkeit, die dieser Staat jedem auf· se Gleichgültigkeit gegenüber Men·
Wir, der kleinere - autonome - Teil der zwingt, der seine Gewalt bekämpft, ab· schenleben, die zum Charakter des Sy·
Bewegung, halten daran fest, der Gewalt gekoppelt vom Ziel der Befreiung und ist stems gehört, das wir bekämpfen, dürfen
des Systems etwas entgegenzusetzen, zum Selbstzweck geworden. wir bei uns nicht zulassen. Weil wir eine
konzentrieren uns allerdings fast aus· solche Gleichgültigkeit unter uns zuge·
schließlich darauf, die Söldnertruppen lassen haben, können wir uns von der
zu bekämpfen, gegen die wir uns mora· Tat von Frankfurt nicht distanzieren. Wir
lisch im Recht wissen. Der größere Teil müssen die politische Verantwortung
strengt sich an, zu beweisen, daß er kei· übernehmen. Wir müssen die Wirkungs·
ne Gewalt will, und im Nullkommanichts weise des Systems in uns und unterei·
ist für ihn die Präzisionswaffe Zwille ein nander bekämpfen. Wir dürfen uns aber
größeres Problem als der Eierkocher von auch nicht vom Kampf abhalten lassen
Atomkraftwerk. Die "lch·wasche·meine· dadurch, daß uns ein menschenverach·
Hände·in·Unschuld" Philosophen sind tendes System Mittel in diesem Kampf
mit ihrer Organisierung in der GRÜNEN aufzwingt, die uns Immer ein Problem
Partei zur stärksten ideologischen Waffe bleiben müssen. Und wir dürfen nie auf·
des Staates in einem Abnutzungskrieg hören klarzumachen, wer für die Toten in
geworden, der bisher noch jede Bewe· diesem Kampf eigentlich verantwortlich
gung geschafft hat. Sie erklären scham· ist, nicht nur für unsere, sondern auch
los, daß die Form der Auseinanderset· für tote Poli;zisten und Soldaten. Für den
zungen allemal bedrohlicher ist, als die Tod eines Söldners trägt allemal Schuld
Vernichtungsprojekte um die es in die· er selbst, der sich für sein Handwerk be·
sen Auseinandersetzungen geht. Was zahlen ließ, aber noch mehr der Kriegs·
sie nicht sagen, ist, wofür unsere Mili· herr, der ihn ins Feld schickte.
tanz bedrohlich ist, nämlich für ihren Wir müssen dafür sorgen, daß keiner
Seelenfrieden, für ihre Teilhabe an der in unseren Zusammenhängen für sich in·
Macht und für ihre Stellung als das be· dividuell beschließen kann, jetzt reichts,
zahlte gute Gewissen der Nation. jetzt schieße ich. Wir müssen mit dem
Mißverständnis aufräumen, die Radikali·
ln diese Situation hinein fielen die tät des Kampfes lasse sich an der Ge·
Schüsse von Frankfurt. Wir können uns walttätigkeit der Mittel bestimmen. Un·
vorstellen, daß es einer von uns gewesen ser Kampf ist erst dann radikal, wenn er
ist, und wir gehen damit so um, als wenn erfolgreich wird. Eskalation - nach dem
es so wäre. Deshalb können wir uns von Motto - erst Molli, dann Zwille, dann
diesen Schüssen auch nicht distanzie· Knarre - ist genau die Eskalation, wie
ren, die Tat einfach auf einen abschie· sie den Herrschenden ins Konzept paßt.
ben, der individuell durchgeknallt ist. Es Ihnen tut es nicht weh, wenn einer ihrer
liegt an unserer Ungenauigkeit, an unse· Söldner abgeknallt wird.
rer Politik und an unserem Verständnis
von Militanz, daß es jemand in unseren Eskalation von uns aus muß anders
Reihen möglich ist, das individuelle Ab· laufen, muß bedeuten, immer mehr las·
knallen von Bullen mit der Bekämpfung sen sich immer weniger gefallen, muß
des mörderischen Systems zu verwech· bedeuten, die Kapitalisten machen im·
sein. mer weniger Profite, weil immer mehr
klauen oder streiken oder sabotieren,
Wir sind nach wie vor der Übrzeugung, muß heißen, der Staat braucht immer
daß die Beseitigung dieses Systems nur mehr Söldner, weil immer mehr Men·
gewaltsam erreicht werden kann, daß sehen auf die Straße gehen, kriegt aber
dieser Kampf auch Tote kosten wlrd. Wir immer weniger, weil wir die Widersprü·
sind der Überzeugung, daß ein System, ehe zwischen Staat und Bevölkerung ver·
welches auf Ausbeutung, Unter· tiefen. Eskalation muß heißen, nicht

29
Am 2.11.1987 sind zwei Polizisten an der
Starbahn-Westdes Frankfurter Flughafens
erschossen worden. Seitdem hat gegen Au·
tonome und Starbahngegner/innen eine in
dieser Htlrte seit langem nicht mehr dage-
wesene Repressionswelle eingesetzt. Zig
Wohnungen und andere Rtlume im Rhein·
Main Gebiet wurden durchsucht. Beklei·
dung, Papiere und andere Sachen wurden
mitgenommen, ohne Auffisrungen von die·
sen Sachen zu machen, geschweige denn
Quittungen auszuhängigen. Mindestens
zwei Wohnungen wurden bei den Durchsu·
chungen zerst6rt. Viele vorltlufig Festeg·
nommene wurden im Knast und bei Verh6·
ren weiteren Schikanen ausgesetzt. Ihnen
wurde mit Erschießung, Frauen mit Verge·
waltigung gedroht. Andere mußten die gan·
ze Nacht Ober in Unterhosen und mit auf
dem ROcken gefesselten Händen in Einzel·
zellen zubringen.
Diese Repressionen kommen nicht von un·

Wir wollen die


geftlhr. Hier werden sowohl der Tod der 2
Polizisten, als auch Betroffenheit und Trau·
er genutzt, um eine schon lange gtlrende
Programstimmung gegen Autonome,
Anarchistenlinnen und
Startbahngegener/innen zu schOren. Den
fahreilden K6pfen aus Wirtschaft, Politik,
Industrie und Exikutive geht es nur vorder·
grOndig um die Aufkftlrung der T6tung zwei·
er Polizisten. Menschenleben interessieren
ganze Bäckerei!
nobyl in der Auseinandersetzung um die fOr uns in solchen Situationen undenkbar.
sie nur bedingt. Sie lassen tilgtich Men· Hirnrissigkeif der Kernkraft sehr viel Zu· Wir lassen uns nicht auf vorgeschriebene
sehenleben fOr ihre Interessen sterben, sei Stimmung in gr6Beren Bev6fkerungskreisen »Protestformen« festlegen, die nichts vertln·
es durch Ausbeutung der sogenannten finden konnten, unsere eingesetzten Mittel dem k6nnen und auch nicht sollen. Unsere
»Dritten Weft'«, durch Abschiebungen in auch weitgehend akzeptiert wurden. Mittel haben sich in den Auseinanderset·
Folter· und Mordregime; (vor allem Ober den Im Laufe der Auseinandersetzung um die zungen verschiedener Bewegungen ent·
Frankfurter Flughafen), oder durch psychi· Startbahn-West und der nun schon 6 Jahre wickelt und dienen uns, unsere Vorstellun-
sehe und physische Vernichtung im alltägli· dauernden Versuche, eine soziale Bewe· gen auch praktisch durchzusetzen. Die Be-
chen Lebens· und Pruduktionsbereich. gung zu zerschlagen, haben sich unsere wohner der HafenstraBe mOBten den Winter
Wer die SchOsse auf die Polizisten abgege· Formen von Widerstand entwickelt. Ober ltlngst im Obdachlosenasyl verbringen,
ben hat, ist bis heute nicht gekftlrt, aber die Anstelle der demutsvollen Bittgtlnge und wenn sie nur einen Verein zur Rettung der
Vorverurteilung von Andreas ist schon voll des passiven Widerstandes, der schon 1981 Htluser, eine Wahlliste »Rettet die
im Gange. So zeigen z.B. die Ereignisse um brutalst zerschlagen wurde (Bsp. HOtten· Hafenstr.» aufgestellt htltten. Militante Ge·
den Bombenanschlag auf das Geftlngnis in dorfrtlumung, Rohrbachstr.) sind direkte Ak· genwehr, soziale Verankerung und finanzief·
Gelle, der vom Verfassungsschutz in Auf· tionen getreten, die eine praktische Behin· le Erwtlgungen haben bisher den Senat von
trag gegeben und von· der GSG 9 durchge· derung des Baus und Batriebs der Start· einer Rtlumung abgehalten.
fOhrt wurde, wie wenig den Herrschenden bahn zum Ziel hatten. Auch der Schutz un· ln der Gesellschaft, die wir anstreben, wird
an Menschenleben liegt und zu welchen serer Demonstrationen ist im Laufe der letz· es kein oben und unten geben, keine Herr·
Vorgehensweisen »Sie« im Rahmen »ihres« ten Jahre immer wieder Gegenstand unse- sehenden, die ihre Macht und ihre Futter·
permanent heruntergeleierten »Rechtsstaa· rer Überlegungen gewesen. Zu oft sind Men· ntlpfe durch eine Unzahl von Armeen und
tes« ftlhig sind. Ist es nicht auch denkbar, sehen von Sandereinsatzkommandos will· Polizisten schotzen werden, sondern selbst·
daß die SchOsse vom 2.11.87 von ihnen kOrlieh und ohne ROcksicht auf das Leben bestimmte Formen des Zusammenlebens
selbst inszeniert wurden? Die T6tungen zusammengeschlagen worden. Permanente und des Organisierens von Produktion und
werden zum Anlaß genommen, nicht nur un· Überwachung und Kriminalisierung Einzel· Verteilung der produzierten Goter. ln diese
sere Strukturen zu durchleuchten bzw. zer- ner haben uns bewogen, unsere ldentitlit Richtung sind unsere Formen des Wider·
st6ren zu wollen, sondern auch durch ver· teilweise dem Zugriff des Staates durch standes, und die Verteidigung erster er·
schärfte Demonstrationsgesetze und irrsin· Vermummung zu entziehen. Es ist immer ktlmpfter Utopieanslitze unbedingt notwen·
niger AufrOstung den gesamten außerparfa· auch Ausdruck der gesamten Startbahnbe· dig.
mentarischen Widerstand z.B. auch BOrgeri· wegung gewesen, in eskalierten Situatio·
WIR WOLLEN NICHT NUR KUCHEN
nitiativen wirkungslos werden zu lassen. nen aktiv schatzende und direkte, einen po·
WIR WOLLEN DIE GANZE BÄCHEREI!!!
Den Zeitpunkt, den »Sie« fOr solch.ein Vor· lizeilichen »Übergriff« bremsende, bzw.
gehen gewtlhlt htltten, wtlre äußerst gOn· stoppende Handlungsweisen zu praktizie· Einige Frankfurie Autonome und
stig, da wir gerade in der Zeit nach Tscher· ren. Die Anwendung von SchuBwaffen ist Startbahngegnerlinnen

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Vorab: Heute • eine Woche nach den Ereig· befindet, so ist andererseits klar, daß die
nissen an der Startbahn-West • wissen wir bisherigen Angriffe auf Institutionen und
noch immer nichts Ober die Umstände, die Projekte des Herrschaftsapparates, sowie
zu dem Tod von zwei Bullen gefOhrt haben. auf rassistische Ausländerbehörden und
Zu undurchsichtig und widersprUchlieh sind Personen gegen die selektive und damit
uns die Meldungen von Presse, Funk und menschenverachtende FIOchtlingspolitik,
Fernsehen hinsichtlich Ablauf, Tatwaffe auf Einrichtungen von AKW·Betreibern, auf
und d~r Konstruktion eines "autonomen Banken, Militäranlagen, ROstungskonzerne
Sonderkommndos" (ScharfschOtzen: Feuer oder Firmen wie Adler oder lkea ... einen
frei oder so ähnlich), als daß wir uns darauf weitreichenden Konsens innerhalb der so-
einen Reim machen könnten. Was bleibt • zialen Bewegung hatten u.a. auch deshalb, dungsstrategie der Herrschenden einfach
neben den zwei totgeschossenen Poli:~;_isten weil sie aus ihnen hervorgingen und ihnen macht innerhalb von sozialen Bewegungen
mit denen wir uns unter anderen Umstän· nicht äußerlich waren. zu agieren. Dabei fungiert ein GroBteil der
den hätten vorstellen können, fOr eine ande- Die Schosse an der Startbahn haben die- Gronen und Anderer durchaus als eine Art
re und bessere Welt zu kämpfen • ist ein me- sen Konsens aufgebrochen; sie haben die Kuckucksei in den sozialen Bewegungen
dialer Scherbenhaufen und die Erkenntnis, Frage nach einer existentiellen Radikalität von denen die Granen nur noch den parla·
daß • wenn die beiden Polizisten einer ge· neu gestellt und eine politische Leere hin- mentarisch verselbsständigten Teil darstel·
planten und bewußten Aktion zum Opfer ge- terlassen, von wo aus der Konsens der Ent- len. Und insofern ist der Befriedigungsver-
fallen sind • diese Aktion offensichtlich scheidungsfreiheit, welche Mittel jemand such der herrschenden Klasse - genau 1,3
mehr Verwirrung und Verunsicherung aus- im Klasenkampf anwendet militärisch ge- % der Bevölkerung, die Ober 83 % des ge-
gelöst hat, als das sie mobilisierend wirken löst wurde. Dabei wisen wir doch · und das sellschaftlichen Reichtums verfUgen um
könnte. Dafor spricht nicht nur die offen- nicht nur aus der 20-jährigen Gesch.ichte das nochmal zu sagen • taktisch sehr ge-
schickt. Verzichtet wird auf flächendecken-

•••der Konsens
de zugunsten von selektiven repressiven
Methoden gegen die Szene, um das gesam·
te Konzept, deni der inneren Befriedung
nicht das Wasser abzugraben: Was noch
vor einem Jahrzehnt undenkbar gewesen
sichtliche Nicht-Vermittelbarkeit der Aktion, der außerparlamentarischen Bewegungen - wäre ist nun eingetreten; das Counterpro-
sondern auch die Tatsache· und das halten daß in den Krisen der Bewegungen und der jekt des Staates bedient sich eines quasie
wir fOr ausschlaggebend . daß wir uns mit Stadtguerilla die Verlockung, durch einen trojanischen Pferdes innerhalb der Bewe-
einer Sache auseinandersetzen mossen, die erhöhten militärischen Einsatz wieder wett· gungen um sich desto ungestörter ihrem
wir von ihrem möglichen Ablauf her nicht zumachen was politisch verloren gegangen Genre, der Profitmacherei widmen zu kön·
gebilligt hätten, die uns Oberrascht hat und scheint, äußerst groB ist. nen.
wir uns dem daraus entstehenden Counter- -----------------------------------------------.
projekt des Staatsschutzes und einiger gro-
ner Hampelmänner/frauen konfrontiert se-
hen.
Die Schosse von Frankfurt, erstmal ein
tagespolitischer Anlaß, werden als Aufhän·
ist aufgehoben
Der politische Fehler liegt darin, daß die Viele mit denen uns der Gedanke an eine
ger einer langfristig geplanten Befriedungs· Militarisierung sich nicht aus der inneren -befreite Welt verband scheint das nicht zu'
strategie benutzt, um das staatliche Ge- Entwicklungslogik der Bewegungen herlei· stören. Im Gegenteil: ein sogenannter ehe-
waltmonopol lautstark einzuklagen, wel· ten läßt, auf die wir uns nicht nur mit unse- maliger linksradikaler Studentenfahrer kon-
ches im Kontext sozialer Bewegungen an rer Hoffnung nach einer den Kapitalismus taktiert seit Jahren einen bundesdeutschen
der Startbahn-West, in Wackersdorf, Brok· Oberwindenden Perspektive beziehen. Geheimdienst, um ehemaligen RAF·
dort, HafenstraBe ... zerbrochen ist und wei- Und das ist grob gesagt das Kriterium zur Genossen, die nicht mehr von der Möglich·
ter zu zerbrechen drohte. Anwendung revolutionärer Gewaltmittel: keit des bewaffneten Kampfes Oberzeugt
Zerbrochen, wie es scheint, ist auch die Werden sie von Bewegungen, von weiteren sind, um sie als politische Kronzeugen ge-
einst proklamierte "Einheit in der Vielfalt", Bevölkerungskreisen verstanden, auch als gen ihre frOheren Überzeugungen zu beriut-
die sich bei näherem Hinsehen als "viel Ein· Möglichkeiten die eigenen Interessen · die zen.
falt" entpuppt, wenn sich möglichst viele der UnterdrUckten gegen die UnterdrUcker • Wo medienwirksam das Geschäft mit der
jetzt auf das 77er Distanzierungskarussell durchzusetzen? ermutigen sie die Men- Integration und der Ausverkauf einst ver-
setzen und von da aus erstmal mit allem sehen zum eigenen Handeln, setzen sie Be- bindlieh gehandelter Inhalte betrieben wird,
möglichen und unmöglichen um sich zu freiungsträume frei? Wie können sie aktuel· werden vor allem auch Utopien auf der
schmeißen, was eine ehemalige Linke, die le Kämpfe unterstotzen, ohne daß ein kurz- Strecke bleiben, die ja auch immer etwas
sich nicht mehr als Protagonist zukOnftiger fristig erzielter Erfolg Ober den Gegner an for sich hätten.
Umwälzungen versteht, sondern als ihr Op· den Repressionsmaßnahmen der Gegensei- Wenn . wie Meinungsumfragen ergeben,
fer in ihrem Versöhnungeifer findet. te insofern scheitert, daß sie die Bewegung die Glaubwordigkeit und Respektabilität bei
Kritisiert und diskutiert wird hier nicht handlungsunfähig macht und so voll auf sie "den Politikern", also den Repräsentanten
entlang den engen Kriterien revolutionärer zu rockschlägt Wir wollen auch die weitver- der herrschenden Klase, bei 81 % der Bevöl·
Moral, dem offenkundig falschen Zeitpunkt breitete Ofpermentalität vieler Menschen kerung geschwunden ist, es also erhebliche
der Aktion, sondern man kramt die ohnehin aus der Bewegung kritisieren, die ihren Ob- EinbrUche in die Massenloyalität gegeben
fragwOrdige Totalitarismustheorie Hanna jektstatus als kolonisierte offenbar so verin· hat, ist es fOr die Herrschenden allerhöch·
Ahredts ·mit ihrer Gleichsetzung von Terror nerlicht haben, so daß sie sich nur noch als ste Zeit Konflikte zu pazifizieren, wollen sie
von rechts = Terror von links· hervor, stellt Opfer fOhlen, sehen und danach handlen nicht das Risiko eingehen, daß die Erosion
fest, das alles sowieso nur den Zimmer-und können: Als Opfer von Atomraketen und der Loyalität sich politisiert und sich gegen
Rebmännern notzt und gipfelt in dem Aus- durchgeknallten Einzeltätern, Opfer von sie richtet: eines Tages Gegenmacht wird.
liefern ("Grone") der ''Täter" an eben jene Atommeilern und Staatsschutzaktionen, Es ist wirklich zu befOrchten, daß die Linke,
Klassenjustiz, die nicht nur das Startbahn· Opfer des verblödeten Volkes und des obs- sowohl die Handlungsmöglichkeiten, die
Projekt juristisch abgesegnet hat. kuren Autonomen, die · man weiß ja nie • sich aus der implodierenden sozialen Krise
Es ist durchaus vorstellbar, daß sich die vielleicht doch nicht Subjekte einer sozialre- ergeben können ungenutzt lassen wird und
berOhmten Schosse an der Startbahn ganz volutionären und antiimperialistischen Pra· allenfalls als Rekordhalter im Vergeben von
konkret gegen den Staat und seine ihn xis sind. Dies ist Ausdruck sowohl eines fal- historischen Möglichkeiten in die Annalen
schotzenden Organe richteten. sehen Bewußtseins und signalisiert dar- der Geschichte eingeht.
So wie es kein groBes Geheimnis ist, daß Oberhinaus, wenn nicht Spaltung so doch
sich die revolutionäre Linke in einer Krise immerhin eine Distanz, die es der Befrie·

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gen uns eingesetzten Polizisten. Unser Konzept war, wie schon in
den Jahren zuvor, die Mauer und die Existenz der Mauer anzugreifen
und gerade deshalb ist es unser Ziel gewesen, der Polizei auszuwei·
chen, anstatt uns auf eine militärische Konfrontation einzulassen.
Gerade deshalb war und ist es von größter Wichtigkeit bei drohender
polizeilicher Konfrontation, den Schutz for alle zu gewährleisten, um
Verletzte und Verhaftete auf jeden Fall zu vermeiden. Am 2. Novem-
ber waren 6 Hundertschaften hinter der Mauer und im Wald ver·
steckt. Ihr Angriff galt uns. Erst als im Wald versteckte BESI·
Sondereinheiten und aus den Startbahntoren stormende Hundert·
Der 2. November ist der 6. Jahrestag der gewaltsamen HOttendorf· schatten angriffen, wurden zu unserem Schutz brennende Barrika·
räumung, ein Höhepunkt der staatlichen Seite, mit militärischen Mit· den und Mollies eingesetzt.
teln einen politischen Konflikt zu lösen, bei dem sie nicht die Mehr· Wir wissen nicht, wer und ob jemand aus unseren Reihen ge·
heit der betroffenen Bevölkerung auf ihrer Seite hatten, sondern nur schossen hat. Wir wissen aber, daß der Einsatz von Schußwaffen
das ganze Instrumentarium staatlicher Gewalt. Ex·l.nnenminister bisher immer nur Überlegungen der Polizei waren, aber zu keinem
Grieß zu jenem "besonnenen Polizei-Großeinsatz": "Es wäre ein Kin· Zeitpunkt der Startbahnbewegung ein von uns Obernommenes Kon·
derspiel gewesen, bei Anwendung staatlicher Gewalt die Demon· zept. Wir waren so Oberrascht von den Schossen wie die Polizei. Oie
stranten hier wegzublasen" (FR vom 9.10.81). Schosse sind keine Konsequenz unseres militanten Widerstandes,
Obwohl der Staat mit der Räumung des besetzten 7 ha Geländes sie stellen fOr uns einen Bruch, eine Mißachtung eines gemeinsam
die gewaltsame Lösung des Startbahnkonflikts begonnen hat, ver- beschlossenen Konzepts dar. Gerade weil wir an jede Form militan-
suchte die Startbahnbewegung weiterhin, alle politischen Möglich· ten Widerstands ein hohes Maß an Eigenverantwortung und kollekti·
kalten auszuschöpfen: Einsproehe gegen Planfeststellungsvertah· ver Verantwortung stellen, sind die Schosse aus einer Demonstra·
ren, Petitionen an Parteien und Parlamente, Anrufung aller gerichtli· tion heraus auch Schosse gegen .unseren Anspruch auf Zielgerich·
chen Instanzen, Forderung nach einem Moratorium, Einleitung eines tetheit und vor allem Berechenbarkelt gegenober allen, mit denen wir
Volksbegehrens mit Ober 200.000 Unterschriften, Großdemonstratio- Widerstand leisten. Wenn die Schosse aus unseren Reihen abgege-
nen wie in Wiesbaden mit 150.000 Menschen. So gewaltfrei und mas- ben wurden, dann haben der/diejenigen bewußt in Kauf genommen,
senhaft dieser Protest auch war, so eindeutig war die Antwort des uns alle zu Geiseln polizeilicher Reaktionen zu machen. Ein Blutbad,
das unsere Vorstellungen von militantem Widerstand ins Gegenteil

•••unsere
verkehrt, for sich selbst zu sprechen. Schosse, an deren Richtung wir
immer noch zweifeln, sind kein Ausdruck radikalen Handelns, das
fOr sich unzweifelhaft und unverkennbar sein muß. Ausgangspunkt
dieser tödlichen Schosse war kein gemeinsames Vorgehen, sondern
eine mlitärische Logik, die das eigene Handeln und die Mittel nicht
mehr aus unseren Zielen und gemeinsamen Möglichkeiten heraus
Staates: Ablehnung aller EinsprOehe und Verfassungsbeschwerden,
bestimmt, sondern ausschließlich daran mißt, wie man die Verluste
Gerichtsurteile gegen die von der Startbahnbewegung erhobenen
des Feindes effektiv erhöhen kann.
Klagen, Verwertung des Volksentscheides als verfassungswidrig
Abgesehen davon, ob jemand aus unseren Reihen heraus ge·
durch den Staatsgerichtshof.
schossen hat, wird uns die Frage gestellt, ob nicht diese "Spirale der
ln dieser Phase der Startbahnbewegung begannen viele BOrgerln·
Gewalt" eine absehbare Konsequenz militanter Politik und Praxis
nen ihre Hoffnung in den Staat und seine Instanzen zu verlieren. Oie·

Entwicklung
se ·Erfahrungen verknOpften sich immer mehr mit unseren Vorstel·
Iungen von direkten Aktionen: die Verhinderung der Startbahn in die
eigenen Hände zu nehmen. So haben sich radikale Widerstandsfor-
men in der Region verankern können (Bauplatzbesetzungen, HOtten·
dort, Aktionen und Sabotage gegen Setreiber und Nutznießer des
Flughafenprojekts). Auf diesen sich entwickelnden und sich radikali· ist? Wer die letzten Demos in Brokdort/Kieve, in Wackersdort, oder in
sierenden Widerstand hatte der Staat nur eine Antwort: Frankfurt anläßlich des Mordes an Ganther Sare miterlebt hat, der
·polizeiliche Großeinsätze mit Ober 10.000 Polizisten weiß,. mit welcher Überlegenheit, Berechnung und Skruppellosigkeit
• blutige Einsätze durch neuaufgestellte SEK·Kommandos ("Blutiger der Staat sein Gewaltmonopol einsetzt, um jeden radikalen Wider·
Sonntag"), mit zahlreichen schwerverletzten Startbahngegnerlnnen, stand zu zerschlagen. Und gerade weil viele von uns erlebt haben,
Stahlhelm·SEK am 14.4.84. daß der Staat uns eine militärische Auseinandersetzung aufzwang,
• Einsatz und Neuentwicklung einer neuen WAWE·Generation in der wir heute unterliegen mußten, fanden gerade in den letzten
("Mammuts") Monaten Diskussionen innerhalb unserer autonomen Zusammen·
• Einsatz von Tränengasabschußgeräten und Blendschockgranaten hänge statt, welche praktischen und politischen Konsequenzen wir
• Einsatz von Staatsschutz und VS-Techniken: Installation von gehei· daraus ziehen mosseri. Dabei war sicherlich eine zentrale Konse-
men Videoanlagen anläßlich der Großdemo in Wiesbaden quenz unter uns unumstritten:
• Gesinnungsjustiz gegen Sprecher der Startbahnbewegung wegen Wenn wir heute nicht in der Lage sind, militante Demonstrationen
Aufruf zur Gewalt (2 Jahre auf Bewährung for A. Schubert) gegen eine Übermacht an Bullen durchzusetzen, dann können wir
·Ober 1.000 Ermittlungsverfahren gegen Startbahngegnerinnen u.a. diese Niederlagen (was die Durchsatzung der Demo anbetrifft) nicht
wegen versuchten Totschlags militaristisch Oberspringen, d.h. durch "Nachrostung" unsererseits
Die Startbahn ist gebaut, die Grande dagegen, Widerstand zu Iei· wettmachen.
sten sind nicht weniger geworden in den Jahren, sondern mehr: mit Dies worde Strukturen, Verhaltensweisen und militärische Kate·
Bedeutung der Startbahn/Air Base als zentrale Basis fOr die US· gorien voraussetzen, die wir nicht nur nicht haben, sondern auch
Kriegspolitik (Iran), Bereitstellung zivil-militärischer Einrichtung u.a. nicht wollen. Nur ein kleiner Teil unserer Zusammenhänge wäre be·
des Rhein-Main Flughafens im Rahmen globaler KriegsfOhrungs- reit und in der Lage, sich dieser militärischen Konfrontation gewach·
strategien (Host War Nation-Programm), Verschiebeflughafen fOr sen zu fOhlen. Wir wollen aber nicht einen Großteil des rakikalen
Asylsuchende, Ausbaupläne der FAG zur Stärkung der Wirtschafts· Spektrums zum Objekt unseres Vorgehans machen; unsere Stärke
macht im Zusammenhang mit imperialistischen Weltmarktstrate- ist vielmehr, uns gemeinsam Bedingungen zu schaffen, in denen ver·
gien. schiedene Formen des Widerstands von allen getragen werden kön·
nen. Aus diesen Gronden war vielen von uns auch klar, daß wir vor al·
lern die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen schaffen
und mitentwickeln mossen, die es dem Staat schwer machen, seine
2. November· Die Notwendigkelt militanter Politik und die Waffe der militärischen Mittel einzusetzen. Gesellschaftliche Bedingungen, die
Kritik die Waffen staatlicher Gewalt stumpf machen • wo der politische
Wie bei allen anderen Aktionen an läßlich des 2. November richtet Preis zu hoch, wo der Verlust an Legitimität des staatlichen Gewalt·
sich unser Widerstand gegen die Startbahn und nicht gegen die ge- monopols unkalkulierbar wird, wo das gewaltsame Vorgehen des

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Staates den nach wie vor vorhandenen Konsens der Bevölkerung in
diesem Staat selbst zerstört.
Daß wir als Verlierer dieser militärischen Auseinandersetzungen
die Eskalation der Gewalt bestimmen, ist neu; so alt wie die Logik
der Sieger, der Herrschenden.

Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt eindeutig, daß die großen,
spektakulären "Schlachten" nicht Ersatz, sondern Ausdruck tagtäg-
licher, gewachsener und kontinuierlicherKämpfe sein mossen, wenn
wir nicht selbst militanter Symbolik erliegen wollen. Unsere Augen Auch wir haben uns distanziert, vor allem in den ersten Stunden
und Sinne haben sich deshalb auch bewußt wegbewegt von großräu- und Tagen, oft ungenau und mißverständlich, nicht aus sicherer Dl·
migen, zentralen und mediengerechten Großereignissen, hin zu den stanz der Parlamentssitze heraus, sondern unter dem wahnsinnigen
tatsächlichen Strukturen, die unscheinbar, aber umso wirksamer - und unvorstellbaren Eindrücken der Schüsse, der Razzien, Haus-
das Fundament jener Symbole und Prestigeobjekte sind, gegen die durchsuchungen, Festnahmen und Haftbefehle. Wir haben diese
wir jahrelang anrannten. Morde verurteilt, egal wer sie begangen hat. Wir haben die Notwen-
Gerade weil unser Ziel nicht die militärische Konfrontation mit der digkeit formuliert, unter uns und mit anderen zusammen, unsere
Polizei ist und sein darf, sondern das, was sie schützen, entwickel- Selbstkritik auch praktisch und konsequent umzusetzen, lange be-
ten sich verstärkt die verschiedensten Formen des Widerstands und vor die Schosse fielen. Darum geht es uns, aber nicht dem Staat. Die
Sabotage, von Fälschungen zur Volkszählung bis hin zum Fällen von Hetztjagd dauert an, bzw. hat erst richtig begonnen, nicht mehr so
Strommasten. Die Störung und Zerstörung jener Infrastruktur, die laut wie in der ersten Woche, dafor umso intensiver. Einige von uns
die Vernichtung ökologischer Lebensbedingungen, von Natur und sind unmittelbar bedroht, sowohl was "Beihilfe zum Mord", als auch
Mensch, die Ausbeutung und Beherrschung der Menschen hier und die Bildung und Unterstatzung einer terroristischen Vereinigung an-
in der sogenannten Dritten Welt, die Kriegsvorbereitungen und Krie- belangt. Viele von uns haben Angst, daß es auch sie noch erwischt.
ge bis hin zum atomaren Holocaust tagtäglich gewährleistet, war Denn dem Staat, dem Fahndungsapparat geht es schon lange nicht
und ist eine zentrale Konsequenz aus unseren Erfahrungen der letz- mehr um Mord. Wir mossen und wollen jetzt das offen legen, was die
ten Jahre. offizielle Richtung der Ermittlungsverfahren geradezu auf den Kopf
Wenn Herr Neusel, Staatssekretär des Innenministeriums im Sep- oder auf die FOße stellt: Die Beschlagnahmungen bei den Ober 50
tember letzten Jahres Ober die buschfeuerartige Verbreitung von Sa- Hausdurchsuchungen, die Aussageerpressungen Ober Drohungen
botageaktionen klagte, Ober die Tatsache, daß er jeden 2. Tag eine mit dem § 129 a oder Beihilfe zum Mord, der gezielte Schlafentzug
Meldung Ober Beschädigung von Baugeräten bekommt, dann ist das vor den Verhören, die Verhörmethoden selbst mit versteckten Ange-
nicht nur eine Antwort auf die Zerschlagung und die Verbote militan- boten, daß man ein "gutes Wort" for sielihn einlegt beim Hattrichter,
ter Demonstrationen, sondern auch eine Antwort auf die tödlichen die "Beweise" unter anderem illegale Fotos von den Sonntagsspa-
SchOsse an der Startbahn, - tödliche Schlußfolgerungen, die dort ziergängen, die in den Verhören den Beschuldigten zur ldentifizie·
steckenblieben und dorthin zurOckfOhren, wo wir unsere Erfahrun- rung vorgelegt werden, gerade weil sie nichts mit dem Mord zu tun
gen der Niederlage und des Ausgeliefertseins gemacht haben. haben, die Vorladungen unter Androhung von Beugehaft, die ge-
SchOsse, die an unsere Erlebnisse der Ohnmacht, an die Morde an meinsame Beteiligung des K42 (Politische Polizei • Tietze Ffm) Son-
Ganther Sare und JOrgen Rattey anknüpfen, aber nicht an unseren derkommission Strom und BKAILKA an den Ermittlungstätigkeiten
politischen und praktischen Konsequenzen. Den Erfolg militanter verfolgen ganz klar erkennbar drei Ziele:
Strategien messen wir nicht nur an den "gewonnenen Schlachten", 1. die Offenlegung der Namen, Strukturen, der
sondern gerade auch an der Weiterentwicklung unserer Zusammen- "Organisatoren/innen" innerhalb der Startbahnbewegung,
hänge und an unserer Fähigkeit, in unseren Handlungen auch neue 2. die Identifizierung der "Aktivisten", ihre Bedeutung und Struktu-
Formen sozialer Gegenmacht zum Ausdruck zu bringen. ren innerhalb und ober die Startbahn hinaus
3. die Suche nach Kleingruppen, vor allem im Zusammenhang mit
Distanzlerungen - oder der Staat ruft seine Diener
den Strommastaktionen im Rhein-Main Gebiet.
Die SchOsse am 2. November lösten eine Welle der Distanzierung

J
aus, von der CSU Ober die SPD von den Granen Ober die Kirche bis
hin zu Autonomen und Libertären. FOr die CSU sind die Schosse eine
"neue Qualität der terroristischen Herausforderung",. for die CDU ein
"Anschlag auf die demokratische Ordnung", fOr die FDP der "Terror
des Mords" (Engelhard), for die Granen eine letzte Chance der Auto-
Diese drei Ziele stehen einer "schnellen Aufklärung" der Morde im
Weg. ln diesem Zusammenhang war es geradezu eine "Panne", daß

nomen "die Zwillen wegzuschmeißen und die Haßkappen herunter-


n die Tatsache, daß die Pistole bereits nach einigen Stunden gefunden
wurde, veröffentlicht wurde. Deshalb mußten auch Polizeibeamte
hören, was nie gesagt wurde: "Feuer frei", damit unter der Konstruk·
tion der Beihilfe der Fahndungsapparat weiterhin legitimiert ist.
Wir haben diese Fahndungsziele nicht nur deshalb so klar be-
zureißen", for die Autonomen "ein feiger Mord" und die Libertären nannt, weil wir mit der erzeugten Paranoia gemeinsam umgehen
finden die SchOsse schlicht "zum Kotzen". Wir haben uns alle di- mossen; die Fahndungsziele benutzen nur den Mord, um uns mit et·
stanziert, aber meinen wir dasselbe? was ganz anderem zu konfrontieren: mit unserer eigenen Geschichte
Wenn es kein CDU·Mitglied war, das in der Nacht des 2. Novem· und unseren Erfahrungen innerhalb sozialer Bewegungen und mili·
bers geschossen hat, wovon distanzieren sie sich dann? Von der Spi· tanter Auseinandersetzungen. Wenn wir uns davon distanzieren,
rale der Gewalt aus und in ihren eigenen Reihen? Sind drei Tote ge- dann distanzieren wir uns nicht vom Mord, sondern von der Start·
nug? Oder distanzieren sie sich etwa von führenden CDU· bahnbewegung, der Anti-AKW-Bewegung, von radikalen und außer-
Mitgliedern, die Waffen- und Mordgeschäfte mit Südafrika organisie- parlamentarischen Widerstandsformen.
ren und vertuschen, wie im Fall der "U-Boot-Affäre" in Kiel? Die 2 toten Politzisten waren und sind nie Objekt herrschender
Wenn es kein SPD Mitglied war, das die SchOsse abgegeben hat, Trauer gewesen, sie sind nur eine willkommene BrOcke, Ober die der
von wem oder was muß sich die SPD dann distanzieren? Von ihren Staat seinen Fahndungsapparat lotst, um jene Lebens- und Wider-
Berufsverboten, von ihrem Aufrostungsbeschluß, von ihren Anti· standsformen zu zerschlagen, auf die der Staat schon lange nicht
Terror-Gesetzen im deutschen Herbst, von den tödlichen Bedingun- mehr politisch nicht mehr antwortet.
gen in Stammheim oder gar vom Mord an Ganther Sare?
Noch gibt es keine Spuren, die in die Reihen der Realo-Granen fOh· ln den nächsten Tagen und Wochen wird es zu einer Flut von Vor-
ren. Wovon distanzieren sie sich also? Vom staatlichen Gewaltmo- ladungen und sogenannten Zeugenvernehmungen kommen. Wenn
nopol, von der Mitbewilligung des neuen tödlichen Wasserwerfers jemand also, gerade weil er/sie nichts zu den Morden sagen kann,
rt'/AWE 9), von der Mitfinanzierung des neuen Knasts in Weiterstadt dennoch Aussagen macht, ln dem Glauben, sie wären belanglos und
oder des hessischen Polizei· und VS-Etats? ohne Bedeutung, dann muß er/sie wissen, daß es den Ermlttlungsbe·

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hörden gerade darauf ankommt. Nicht nur einzelne von uns, die die anklagen. Wir warten gespannt auf die von Joschka Fischer - ganz
Aussage verweigern, werden mit Beugehaft bedroht, wir alle sind mit ohne Ritual versteht sich - angekOndigte "moralische Offensive des
der Notwendigkeit konfrontiert, darauf politisch zu antworten. gewaltfreien Protests".
Andrea B. verhaftet wegen Bildung einer terroristischen Vereini· Ein "Wunder", auf das wir nicht mehr warten mossen, kam aus
gung (129a) ist nach fast 2-monatiger Haft vor einigen Tagen entlas· Hamburg. Als wir am Mittwoch hörten, daß die Hafenstraße kurz vor
sen worden. So als ob nichts gewesen wäre. Nachdem auch der Ver- der Vertragsunterzeichnung steht, wollten wir es nicht glauben. Ein
such in DOsseldorf, autonome Zusammenhänge als terroristische GefOhl riesiger Freude, ein politischer Erfolg, der for uns alle fast un-
Vereinigung anzuklagen gescheitert ist, sind sie nun fieberhaft da- faßbar schien. Heute soll der Vertrag unterschrieben werden. Wie so
bei, die Gunst der Stunde zu nutzen: das Instrumentarium, des erwei- oft haben wir uns in Gedanken auf die gewaltsame Räumung, auf ei-
terten 129a haben sie bereits, es geht ihnen jetzt darum, es mit Na- ne gewaltsame Niederlage eingerichtet. Nun stehen wir vor einem
men zu tOllen. Es liegt an uns sie und uns gemeinsam zu schotzen. Erfolg, auf den wir nicht vorbereitet sind. Sicherlich, wir haben dem
Die Ietzen Wochen haben viel Kraft Nerven gekostet. Wir waren Staat nichts zu schenken, am wenigsten unser Vertrauen. Aber viel-
und sind mit dem konfrontiert, was die Polizeistrategen mit "Fahn- leicht sind es auch die vielen vergeblichen Kämpfe, die uns Angst ge-
dungsdruck" meinen: uns alle in Bewegung halten, nicht zur Ruhe macht haben, zu gewinnen. Die Hafenstraße ist fOr uns ein Grund
kommen zu lassen. mehr, diese Angst zu verlieren.
Aber wir haben auch Erfahrungen gemacht, die uns Mut machen. Autonome Frankfurt
Wir sind nicht nur Opfer. Wir wollen kein Mitleid erregen, und keine
moralische Solidarität abpressen. Wir wollen nicht die Repression
dazu nutzen, falsche Sympathien zu erzeugen. Denn die Schose ha-
ben nicht nur eine Repression ausgelöst, sondern auch eine Ausein-
andersetzung mit jenen, mit denen wir zusammen kommen wollen,
es aber nicht schafften, aus eigener Unfähigkeit, und vor allem feh-
lender Konsequenz.
Wir haben versucht, unsere Auseinandersetzungen vor und nach
den Schossen, öffentlich und nachvollziehbar zu machen. Wir wer-
den unter uns reden mossen, welche kollektiv getragenen Verbind-
lichkeiten und Gemeinsamkeiten wir entwickeln mossen, um fOr uns
und andere Maßstäbe zu setzen, an denen sich unsere Handlungen
und Ziele messen lassen mOssen.
Wir werden uns aber auch mit jenen Granen auseinandersetzen,
die glauben, mit unseren Fehlern staatstragende Politik machen zu
können. Grone, die mit ihrem Standbein das staatliche Gewaltmono-
pol anerkennen, und mit ihrem Spielbein die Opfer der "Eskalation"

34
II
UDU Li
taz: Für die Schüsse werden ln den Massenmedien und von den bür· Lla: Das denke ich auch. Es gibt für diese SchOsse keine, wirklich
gerliehen Politikern weit ln die Grünen. hinein die Militanten verant· gar keine Begründung. Die beiden Bullen sind keine verantwortli·
wortlieh gemacht. Akzeptiert ihr diese Zuweisung von Verantwor· chen Repräsentanten des Systems.
tung? Lupus: Das ist richtig. Wichtig ist aber festzustellen: Es ist nicht
Leo: Es gibt nicht die militanten Anarchisten oder die militanten prinzipiell die Verwendung von Waffen, die wir hier verurteilen, son·
Autonomen. Deswegen sind die Militanten auch nicht verantwortlich dern es sind die Umstände und das Ziel, die hier grundsätzlich an·
zu machen. Wir aus der Startbahnbewegung Obernehmen im Fall der ders sind als zum Beispiel bei dem Anschlag auf den Asylrichter
SchOsse indirekt Verwantwortung: for die Höhe des moralischen und Korbmacher.
politischen Niveaus in der Bewegung. Aber wir Obernehmen nicht die Leo: Die Frage, ist es ein taktisches oder ein moralisches Problem,
Verantwortung fOr die SchOsse selbst. ist falsch gestellt: Es gibt keine Taktik ohne Menschlichkeit. Für
Lupus: Oie jetzt behauptete innere Logik, daß militante Politik mich als Anar.chist steht der Mensch im Zentrum des Oenkens. Das
zwangsläufig zu Schossen fOhrt, existiert nicht. Die SchOsse sind Auslöschen eines Menschenlebens ist immer ein ungeheuerlicher
weder aus unseren Aktionen zu erklären noch eine Verlängerung da· Vorgang. Hart wird es dann, wenn Oberlegt werden muß, ob so etwas
von, noch sind sie mit der Diskussion, die in unserem Spektrum seit in einer bestimmten politischen und gesellschaftlichen Situation
etwa einem Jahr geführt wird, zu vereinen. Diese Diskussion inner· norwendig wird. Aber dies ist am Beispiel Startbahn nicht der Fall.
halb der Autonomen versuchte, gerade die Fehler der Militanten in Lupus: Meinst du jetzt die Waffe prinzipiell?
bezug auf Brokdorf, Wackersdorf oder die Demos nach dem Mord an
Günther Sare aufzuarbeiten. Es gab damals Leute, die aus den Nie- Leo: Nein. Oie Diskussion ist moßig. Du kannst auch jemanden mit
derlagen der Demos heraus überlegten, sich besser auszurüsten, einer Wohnung umbringen, wie Zille gesagt hat. Es geht um die Fra·
straffere Strukturen zu schaffen und Kampfformen zu entwickeln, ge der Legitimation des Tötens: Wer entscheidet das? Wer spielt
die in der Lage wären, dem staatlichen Gewaltapparat etwas entge- sich zum Richter Ober das Leben eines Menschen auf. Das läßt sich
genzusetzen. Dieser Versuch, politische Bedingungen, die nicht vor- hier jetzt nicht umfassend diskutieren. So viel nur: Es ist ein Unter·
handen sind, militaristisch zu überspringen, fand bei uns keine Mehr· schied, ob in Chile gekämpft wird oder in einer politischen Situation
heit, weil er nicht unseren Strukturen entspricht und wir uns den da· wie in der BRD. Oder anders: Nach dem Mord an Günther Sare wären
durch aufgeworfenen Erfordernissen auch nicht anpassen wollen. die Schosse vielleicht leichter nachvollziehbar gewesen, aber genau-
Leo: Wenn man davon ausgeht, daß auf den Libertären Tagen die- so falsch. Grenzen der politischen Aktion sind nie losgelöst vom poli·
se Sachen diskutiert worden sind, dann können wir aber nicht umhin tischen und sozialen Umfeld zu ziehen.
festzustellen, daß, wenn der Täter aus unseren Reihen kommt, diese Was sind denn die Kriterien, anhand derer beurteilt werden kann, wie
Diskussionen meilenweit an ihm vorbeigegangen sein müssen. Oder du hierzulande agierst. Von etlichen Grünen, die sich als gewaltfrei
anders: Obwohl in der Bewegung diskutiert wird, gibt es Leute, die verstehen, kommt jetzt die Forderung: Werft die Zwille weg! Ist das
als Selbstläufer agieren, die für ihr Selbstwertgefühl verstärkte Mli· für euch eine Möglichkeit?
tanz brauchen, die losgelöst von den Zielen ihre Aktionsformen Leo: Die Granen haben keineswegs einen gewaltfreien Ansatz, so
durchziehen. lange sie das staatliche Macht· und Gewaltmonopol nicht in Frage
Eure Diskussionen werden also Intensiv geführt, bleiben aber unver· stellen. Wenn die mit uns Ober Gewalt dikutieren, dann mossen sie
bindlich? alle Formen einbeziehen lassen.
Lupus: Am Beispiel Startbahn kann man das genauer fassen: Es Lupus: Es gibt keine innere Logik in unserer Militanz, die zu sol·
gab in der Startbahnbewegung zum Beispiel Ober .die Ereignisse an chen Schossen fahrt. Es gibt aber etliche Leute, die eine militante
Ostern '87 eine sehr intensive Diskussion Ober die Militanz und die Perspektive längst aufgegeben haben und die meinen, jetzt endlich
Vorgehansweise einzelner. hätten sie die Begründung in der Hand, daß unsere Aktionsformen
Lia: Da gab es einen Frauenblock, der die Demo angeführt hat • zwangsläufig zu den SchOssen fahren. Das ist fOr sie sehr bequem.
das war Konsens, es gab aber von vornherein Leute, die • ohne das Dieses Spektrum sollte sich überlegen, ob sein Arrangement mit den
auszusprechen • der Meinung waren, der Frauenblock sei dazu nicht Zuständen, sein völliger ROckzug aus den konkreten Auseinander·
in der Lage. Diese Leute haben sich dann hinter dem ROcken des setzungen nicht genauso die Schosse erklären können wie die Gran-
Konzepts anders verhalten, als es abgesprochen war. Das zweite de, die die Granen uns entgegenhalten. Oie Granen haben mit der
war, daß an diesem Sonntag die Wiese auch von Mollis abgefackelt Startbahn Parlamentskarriere gemacht und waren von da an aus den
wurde. Danach wurde diskutiert, ob das Mittel, die Wiese abzu· Kämpfen verschwunden. Oie gewaltsame staatliche Durchsatzung
fackeln, um sich gegf[ln heranstürmende Bullen zu verteidigen, ange- des Startbahnbaus hat die Grande und die Notwendigkeit unseres
mesen war. Wir haben also seit längerem versucht, sehr genau zu be- Widerstands nicht zerstört. Mit dem Bau der Startbahn West sind die
stimmen, welche Militanz wir wann for möglich halten· und wir ha· Grande nicht weniger geworden, sondern mehr. Und da werden wir
ben auch versucht, die Leute zu erreichen, die sich an die abgespro- nicht nur bei symbolischen Aktionen stehen bleiben. Ein wichtiges
chenen Konzepte nicht gehalten haben. Die Frage bleibt: Wenn wir Kriterium, um auf deine Frage zurückzukommen, ist dabei, neben
die Kritik so scharf formulieren, wenn wir Maßstäbe setzen, und die dem faktischen Ergebnis, auch die Nachvollziehbarkeit: Stromma·
werden nicht verstanden oder nicht angenommen • was machen wir sten, die nur materiell fallen, aber nicht in den Köpfen der Menschen,
dann? bringen wenig weiter. Erst wenn beides passiert, ist das eine wirklich
Leo: Man muß aber in der Debatte noch was anderes im Auge ha· militante Strategie.
ben, vorausgesetzt der Täter kommt aus unseren Reihen. Manche Aber an dem Kriterium der Nachvollziehbarkelt und der Effektivität
Leute haben Ober die Diskussion, die uns von der Gegenseite aufge- gemessen sind die Sonntagsspaziergänge doch falsch. Das Ist doch
drückt wird. die Diskussion Ober die Mittel·, das Ziel aus den Augen nicht mehr als ein eingefahrenes Widerstandsrltual, daß außer für
verloren und nur noch die Mittel im Kopf. Anders ist es nicht denk- die zweihundert Leute, die dort hingehen, keine Bedeutung mehr hat,
bar, daß so Schosse abgefeuert werden, die dem Ziel, daß möglichst das auch nichts mehr verhindert oder stört.
viele die Loyalität mit dem System aufkündigen, auf jeden Fall scha· Leo: Teilweise mag das stimmen. Das wurde auch oft diskutiert in
den. den letzten Jahren. Aber zur Beurteilung der Sonntagsspaziergänge
Wenn du das so sagst, klingt es so, als seien die Schüsse ein taktl~ muß man auch die sozialen, kommunikativen Aspekte sehen: Da tref-
sches Problem und nicht grundsätzlich falsch. Sind diese Morde aus fen sich Leute verschiedener Gruppen, aus unterschieldichen Städ·
dem Hinterhalt aber nicht vor allem moralisch zu verurteilen? ten und mit verschiedener sozialer Herkunft. Sonntagsspaziergänge,

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Startbahn-Schüsse

Stellungnahmen

die nur noch ritualisiert stattfänden, wären auch schon längst am


Ende. Die Startbahn ist in dem Sinn auch ein sozialer Kristallisation-
spunkt, an dem soziale und politische Prozesse stattfinden, die weit
mehr thematisieren als nur die Startbahnmauer · und das ist wichtig,
gerade weil wir sagen: Eine Bombe zu schmeißen ist ein technisches
Problem, politisch kommt es uns auf Bewußtseinsveränderungen an.
Lupus: ln der militanten Szene ist es ja oft so, daß von einem Pro-
jekt zum nächsten gegangen wird, von einer Schweinerei zur näch·
sten. Das haben wir oft genug kritisiert, und bei der Startbahn ist ge-
nau das Gegenteil zu beobachten, und das ist gut: eine Kontinuität
des Widerstands.
Leo: Eine Kritik allerdings ist nicht von der Hand zu weisen: Es ha·
ben sich dort an der Mauer natorlich auch Insider-Gruppen gebildet,
die den Kontakt zu anderen sozialen Gruppen nicht mehr gesucht
haben, Stichwort: raus aus dem Ghetto. ln einem solchen Fall wird
es schwierig, weil sich das politische Denken dann auf die taktische
Frage beschränkt: Wie gestalte ich den nächsten Sonntagsspazier-
gang. Wir können eben nicht davon ausgehen, daß alle Leute in un·
seren Reihen ein notwendigerweise selbstkritisches Verhältnis zur
Militanz haben, bei der die Ziele Obergeordnet sind. Es gibt Leute, bei
denen ist die Gewichtung, wie auch immer das zu erklären ist, an-
ders.
Wenn Ihr sagt, es gibt diese Zwangsläufigkelt vom Stein zur Slg Saur
nicht, aber feststellt, es könnten doch Leute aus den eigenen Reihen
gewesen sein, was hat das eigentlich für Konsequenzen? Wie verhal·
tet Ihr euch nach Innen?
Leo: Wir sagen erstmal: Wir machen keine Vorverurteilungen, das
heißt aber nicht, daß wir nachher verurteilen. Es geht nicht um die
Frage persönlicher Schuld. Ich gehe beim dem "normalen" Mörder ja
auch nicht hin und sage: ab in den Knast oder RObe ab. Das gilt dann
auch fOr die eigenen Leute. Also wir mossen die SchOsse verurteilen,
uns aber mit den Leuten, wenn es welche von uns waren, die sie ab·
gegeben haben, kritisch auseinandersetzen. Das ist die einzige
Chance, einen Lernprozeß anzustoßen. Nur so kann die Diskussion,
die zwar angefangen hat, die aber völlig unzulänglich gefOhrt wurde ten, uns zum Richter aufzuspielen und jemanden zur Strafe raus·
und noch längst nicht Oberall gegriffen hat, weitergefOhrt werden. zuschmeißen. Eine andere Frage ist die des Selbstschutzes: Wann
Diese Diskussion um Militanz und Militarismus muß am Beispiel mossen wir jemanden rausschmeißen, ums uns zu schotzen?
Startbahn West, 2.11. intensiviert werden. Denn diese SchOsse sind Lupus: Du sagst: Ausgrenzen ist ein Unding. Ich sage: Das ist eine
wiederholbar · vielleicht nicht an der Startbahn, aber woanders, wir Bedinung, und das ist auch gelaufen. Deswegen sage ich auch: Die·
können den oder die Täter wegen des noch so schwerwiegenden ses äußerste Mittel, das wir haben, ist gegenOber Leuten, die eine
Fehlverhaltens nicht einfach kaltstellen oder vom Staat fordern, daß militaristische Logik verfolgen, die wir strikt ablehnen, weitgehend
er das tut. ausgereizt.
Lupus: Permanent diskutieren und sich mit der Person des SchOt· Leo: Das ist dann entweder vom Ansatz her falsch oder nicht kon-
zen auseinanderzusetzen ist sicher wichtig -aber fOhrt auch nicht sequent genug verfolgt worden. Dann hätten im örtlichen und zeitli·
ans Ziel. Es taucht die Frage auf, wie reagieren wir im Bereich unse- chen Zusammenhang mit unserer Bewegung diese Schosse nicht
rer Strukturen. Es gibt im anarchistischen und autonomen Spektrum fallen dOrfen, dann war die Ausgrenzung nicht konsequent genug:
ja, jenseits der Schosse, schon "Strafen": das Mittel der sozialen Die SchOsse sind ja gefallen. Oder wir mossen feststellen: Eine hal·
Ausgrenzung. Unsere Kleingruppen sind auch ein Schutz vor Leuten be Ausgrenzung ist eine höchst gefährliche Angelegenheit. Wenn du
mit völlig falschen Einschätzungen und falschen Aktionen, denen Leute von deiner Sozialstruktur nur weitgehend ausschließt, machst
wir nicht vertrauen und die wir nicht in unsere Zusammenhänge rein- du ja gerade die Auseinandersetzung Ober Militanz, Menschlichkeit
lassen oder davon wieder ausgrenzen. Nur, die Frage ist, ob diese und Aktionsformen unmöglich. Die Ausgrenzung kann also, wenn sie
Formen des Schutzes ausreichen. Wir haben keine Organisation. ln· nicht "richtig" betrieben wir"d, nach hinten losgehen. Aber das ist ein
nerhalb einer Organisation wäre es einfach, auch Ober eine persönli· StOck weit auch eine abgehobene Diskussion ...
ehe Auseinandersetzung hinaus, praktische Konsequenzen zu zie· Abgehoben gerade nicht; wenn du sagst, die Schüsse könnten sich
hen: den Täter, sofern er zu uns gehört, auszuschließen. Damit könn- vielleicht wiederholen. Sie Ist im Gegentell dringend notwendig, um
ten wir sagen: Was sich innerhalb der Organisation bewegt, wird po- so eine Wiederholung auf jeden Fall zu vehrhindern.
litisch verantwortet und mitgetragen, was außerhalb passiert, kön- Leo: Das ist richtig. Das ist eine der Konsequenzen, die wir aus
nen wir nicht verantworten. Aber wir haben diese klare Linie nicht. den SchOssen unbedingt ziehen mossen. Wie gehen wir mit Leuten
Deswegen ist fOr mich die Frage: Wie gehen wir mit dem möglichen um, bei denen wir merken, die werden zum Selbstläufer, zur Zeitbom·
Täter um, eine rhetorische. be, die plötzlich platzt? So Tendenzen hat es bei uns gegeben. und
Leo: Nein, sie stellt sich doch ganz praktisch: Was passiert mit insofern trifft uns auch da eine Verantwortung.
Leuten, die jetzt einfahren? Unterstotzen wir die materiell und mit un- Lupus: Theoretisch ist das richtig. An der Realität der militanten
serer Arbeit oder nicht? Wir kommen nicht darum hersum zu sagen: Strukturen geht das aber vorbei.
Es gibt eine politische Verantwortung von allen. Wir können deswe- Lia: Weil sie viel zu sehr Ober di.e Aktion funktionieren und viel zu
gen nicht anfangen, Leute sozial auszugrenzen. Wir mossen uns hO· wenig die soziale Perspektive in die Überlegung einbeziehen.

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Lupus: Zum anderen auch, weil wir an einer Grenze angelangt
sind, was die Diskussion mit Gruppen angeht, die nicht in unserem
engen Zusammenhang stehen. Die haben wir an einzelnen Punkten
der Militanzdiskussion erreicht, und mehr scheint da nicht möglich
zu sein. Wir stoßen da an die "schwimmenden Grenzen" kollektiv
gOitiger und akzeptierter Gemeinsamkeiten, auf die wir uns alle be-
ziehen mOßten, aber nicht können.
Leo: Das wäre schlimm, wenn wir uns an dem Punkt keine Fehler
eingestehen moßten. Das wOrde dOstere Perspektiven eröffnen. Das
ist auch nicht nur eine Diskusion Ober Strukturen, Kleingruppen und
Diffusität. Es geht weit darober hinaus: Was fOr einen politisch-
nimmt?
menschlichen Anspruch vertreten wir, was fOr eine gesellschaftliche
Leo: Die Tage seit den Schossen haben gezeigt, daß die Struktu-
Utopie haben wir? Solange darOber nicht diskutiert wird, sondern nur
ren, die wir in den letzten Jahren herausgebildet haben, als einzige
pragmatisch-aktionistisch agiert wird und keine längerfristigen Stra-
handlungsfähig waren. Der Angriff der Gegenseite richtet sich er-
tegien in den Mittelpunkt unseres Interesses gerOckt werden, solan-
kennbar schon lange nicht mehr an der "Aufklärung" des Mordes
ge ist es auch sehr schwer, sich Verhaltensregeln zu unterwerfen,
aus, sondern gegen unsere Strukturen. Es gibt losgelöste Gruppen
die solche Schosse schwer, oder besser noch, unmöglich machen.
Lupus: Das ist richtig - diese Diskussion ist auch längst vor den
~ie sich zureckgezogen haben und diskutieren. aber das greift in de;
Öffentlichkeit nicht • wenn daraus nicht irgend eine gesellschaftli·
SchOssen eröffnet worden. Verhaltens-und Umgehansweisen unter-
ehe Relevanz erfolgt. BI-Strukturen und andere haben sich dagegen
einander, die so etwas wie die Schosse ausschließen, lassen sich
bewährt, ~o ~aß die Diskussion Ober offene, legale Zusammenhänge
nicht nur im Kampf gegen etwas entwickeln. Und es reicht auch
sich jetzt m-emem ganz neuen Licht darstellt: Sie sind als Sprachrohr
nicht aus, eine utopische Vorstellung von einer befreiten Gesell-
bitter notwendig. Auf der anderen Seite brauchen wir aber auch die
schaft nur im Kopf zu haben, sie muß auch in unseren konkreten
kleinen Gruppenstrukturen.
Handlungen und Widerstandsformen sichtbar werden. Ein zentrales
Lupus: Es gibt selbsterlebte Erinnerungen an den Deutschen
Beispiel dafor ist das HOttendorf: Nicht nur, weil es ein Stock von ei-
nem zu rodenden Gelände besetzt hat, sondern weil es ein anderes Herbst 1977 und an die Repressionswelle gegen den Schwarzen
Block. Da mOBten wir heute feststellen: Die Pogromstimmung die
Leben sichtbar gemacht hat.
Leo: Ohne Utopie gibt es keinen Widerstand. Einen Strommasten mit dem Deutschen Herbst geschart wurde, um den Ausbau und die
z~ kippen bewirkt erstmal nichts: Das kann durch scharfe Repres-
Eskalation des staatlichen Gewaltapparats zu legitimieren ist heute.
SIOn schnell verhindert werden, oder es wird durch irgend eine Art in dem Maße - nicht mehr notwendig, denn das lnstru:nentarium
und Weise, beispielsweise durch die Gronen, wieder integriert. So- steht bereits da. Es geht heute darum, es neu auszurichten. Das
lange unsere Aktionen also nur auf der Ebene der Tagespolitik wir- macht auch die Bedeutung der Ereignisse heute aus: Der Mord wird
ken, bleiben wir ungefährlich. benutzt, um den Ober die RAF legitimierten Staatsschutzapparat um-
zuorientieren und auf allen Ebenen gegen uns einzusetzen. ln dem
Weg von der Utopie, zurück zur Startbahn••• Zusammenhang steht auch der erweiterte Paragraph 129a. Was wir
Lupus: Du Realo... aus '77 und 80/81 gelernt haben: Wir distanzieren uns weder von un-
•••das lasse Ich mir gerne nachsagen. Was für Handlungsmögllchkel· serer eigenen Geschichte noch von unseren eigenen Aktionsformen.
ten habt Ihr· jetzt eigentlich angeslchts einer anrollenden Repres· Leo: Wir ducken uns heute nicht weg.
slonswelle, die auf eure Utopien und Differenzen wenig Rücksicht Das Gesprllch fOhrte Oliver Tolmein
_ . ..,. 111

37
nNt.s~#s7. ~~en ..
1'/ß?
bei den
ationen
tihung-

~r::a:~7
i A A•
, Y//h:
~
Betr.: Startbahn·West I Erklärung
Leserbriefselle vom 2.12.87.
Oie taz, so behauptet ein auf den ersten
Blick breites Spektrum linker Gruppen
aus Frankfurt. baue mtt ihrer Berichter·
•.Pur
neo ' 4,_~
' 8'
~ 4tic:.-loll de
Vft7/1JC
' /{I
stattung zu den SchOssen an der Start·
bahn Andreas Elchler, der in U-Haft
sitzt, .zum Mörder auf". Diese Behaup·
.. ~j. ~ • •111.'! 'I' tung ist falsch.
~'e11..· "'01/e "~*-.
~ .",4,
f -
Oie GlaubwOrdigkeit dieses Vor·
Poli · .~i- '11 hier~ .".", ~",.._ WJJrfs und anderer AnWtirfe wird mit
l11s.,.0 fit!., ~'!lllc!)e /JiciJ ~~ ~- dem Hinweis scheinbar untermauert,
SciJ /Jse · ll) Sc '11 re t (/isL.. l'elJ
~11 -~e~'t- ~/Jelb b . 'h"'<lh~ofllljll"..~ie, ' %,.,!lltll,(>,.
auch taz·intern sei die Arbeit unserer
Frankfurter Redaldion heftig umstrit·
'11s,.,...~"Oil ten. Dem ist.nicht so. Wer glaubt, die
·p, "~ Zentralredaktion der taz würde über
'rle~ 11!!!!1!~~ Wochen eine Berichterstattung ihrer
'" SOJJ. Korrespondenten akzeptieren, hinter
~~"<lhe
'e.S/Je'l1d der sie nicht steht, Irrt.
Im Obrigen gehen wir davon aus,
'df.i daß der interessierte Leser dieser Zei·
Ott. ltfe
ers. tung dazu in der Lageist, die auf der Le-
;. b~~s serbriefsette erhobenen AnWtirfe
elll .." selbst auf ihre Stichhaltigkeit zu Ober·
!tt. ~ite prüfen.
t elJ4> Der Forderung, sich einer Offent·
~e(Jil~ Iichen Auseinandersetzung zu stellen.
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Ist die tazmit entsprechenden Angebo·
ten mehrlach nachgekommen. Nach
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noch uneins, ob sie dieses Angebot
Oberhaupt annehmen wollen. Darüber
hinaus stelne sich auf unsere Nachlra·

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gen heraus, daß von rund 20 Mitglie·
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Informiert waren.
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~- )filr 4t,._ - 'lih./J,
ltf. I CJI J)_ -""'1t~-
er Haben s1ch d1ese Kir·Royai·Journalisten nur einmal Oberlegt, daß mt. Namen
'rttt 1 sie mit diesem Enthüllungsjournalismus einen Menscnen vernichten t'lat R. Mohr bereits genannt, auf die genaue An schrill konnte er ver"
~- 111 konnen? D1eselben, die m den Morden an der Startbahn "ein Tabu" zlchten (ganz abgesenen davon, ob sie stimmen oder nicht).
• ~ gebrochen sehen, sind bereit, die Existenz eines Menschen zu zer- Das Urteil, das die TAZ Frankfurt Ober Andy gefällt hat, Ist auch
~11/ storen · mtt dem kleinen Unterschied. daß diese leinen Journalisten und vor allem exemplarisch gemeint. Es steht for ein politisches Ur·
Ir;;~ k~!r:!.e Knarre dazu brauchen. tell Ober d•e Autonomen und Libertären, daß R. Mohr und andere ge-
~g.· ' Und natürlich weiß Reinhard Mohr noch mehr, z.B. wie's um die fällt haben, lange bevor sie z.B. den Hörsaal VI betreten haben.
>tt~es, autonome Bewegung bestellt ist: "die Bewegung soll gespalten wer- Wir mußten uns daran gewohnen, daß radikale, militante Posltlo-
. •.Ii den ·Daß s1e. auch 1m Saal schon längst m J<onkurnerende Gruppen nen Innerhalb der TAZ oft nur entstellt. verzerrt und/oder zusammen·
:::.s~ und GrOppchen zerfallen Ist, weiß zwar Jeder, bloß sagen darf man's gekOrzt zu Wort kommen. Jetzt Ist der Punkt erreicht, wo die TAZ
;_'<llg, nicht." . D1ese Wahrheit schonungslos ans Licht der Öffentlichkelt Frankfurt dazu Obergeht, unsere politische Identität als autonome
:Pole zu bringen, bleibt natOrllch nur A.M. vorbehalten. Daß es aber gerade und libertäre Bewegung zu zerstören.
Ortt. · diese "Gruppen und GrOppchen" stnd, die fOr Verhaftete und Festge· -........_ Wir for~ern die TAZ (·Frankfurt·) auf. sich öffentlich der Ausetnan-
iqd~ nommene, Delegiertenversammlung und Bürgerinitiative, fOr zur ·e dersetzung zu stellen, anderenfalls werden wl! aus der realpolltl·
~ ~ Fahndung ausgeschriebene und von Verhaftung bedrohte Personen 11 ilj scnen Sprachlosigkeit die Konsequnez ziehen, d1e TAZ Frankfurt aus
-e~0• praktischen und politischen Schutz herstellen und gewährleisten. in· 0
0c), Treffen und Veranstaltungen, die wir organsieren, ausschließen. Wir
~'1ll.1 teress1ert R. Mohr einen Dreck. Es sind gerade diese ''diffusen" ~i ll fordern alle auf, der TAZ Frankfurt weder Interviews, noch Matenal 1n
/"h,i Strukturen. von denen A. Mohr nicht die leiseste Ahnung hat. die es 'lo-1il d•e Hand zu geben, das Ihr die Mögllchke•t gibt. ''in unserem Namen"
. ~.t4 bere1ts nach einigen Tagen ferltgt gebracht haben, eine weltgehend oder "fOr uns" zu schreiben.
lo11d.i g~meinsam g~tragene_Kritik an den SchOssen zu formulieren. ohne Ce Ffm, den 23.11.87
d•ese Kritik m1t den R•tualen des Abschwörens, oer ~eue und d~r 111d.1 Folgende Gruppen und Organisationen unterstatzen bisher diese
Umkehr zu verknOpfen. Und so sehr A. Mohr sich d1esen Zerfiel· JV,~ Erklärung: Autonome Ffm. Schwulengruppe FH, Autonomes Rhein·
schungsprozeß auch wonscht, so ermutigend Ist IOr uns dte Erfah• e~ 1
Maln·Pienum, Libertäres Zentrum. VOBO Initiative Gutleut-Gallus
rung, daß w1r mit unseren Unterscniedllchkelten an einer radikalen. } .. Akt1on, ASTA FH Frankfurt, FAU, Companeras y Companeros der NI·
militanten Perspektive festhallen (vgt. VV·Aesolution der BOrgerinl· 'es~ caragua und EI Salvador Kommittees. Unke Liste Uni Flm, Gruppe
tialive vom 13.11.87). ~er. gegen Gentechnologie Rhein Maln, Anarchlstisch·Autonomes Uni-
Daß s1ch R. Mohr als Großwildjäger nicht mit "kletnen Fischen" zu. S:O.~ plenum Ffm.
friedengeben kann, dafür einen "Chef der Autonomen'' braucht, mag ? d. Kontakt Ober. INFO clo LZ. Kriegkstr. 38, 6 ffm 1.
Ausdruck seines autoritären Charakters sein. Unerträglich und )0 Wir erwarten den Abdruck dieser Erklärung 10 der TAZ zum tro-
skruppellos w1rd es dann, wenn se1ne Geltungssucht e1ner Denunz•a· CIJ"'c hastmöglichen Termin.
Sof~h:~~q~s· IJege%· 0,' 1' 11
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Auch der erste weiterung". Die Gründung der Verlust von Naherholung, mit schutz. 3.000 Anwohner strömten

I Startbahn-Gegner Bürgerinitiative stand im Kontext dem "gesamten riesigen ökologi- in den Wald und blieben die ganze
trug schwarz. Es der republikweiten neuen Ökolo- schen Holocaust" (Aschu) wurde Nacht. Aber am nächsten Tag, als
war der Mörfelde- gie- und Anti-Atom-Bewegung, agitiert. Dabei ging es nicht mehr Arbeitsplatz und Schule riefen und
ner Pfarrer Kurt die mit Tausenden von Bürgerin- allein um Naturschutz: sich die Reihen der Besetzer lichte-
Oeser. Er gründete itiativen im Begriff war, "die .,Das war klar von den Leuten, ten ... , regierte die Axt im Mönch-
im Jahr 1965 die "Interessenge- Energiepolitik der drittgrößten die sich da reingehängt haben, daß bruchswald. " (taz)
meinschaft gegen FluglärmeV.". Industrienation der Welt lahmzu- das keine romantische Natur- Mit dem Fallen der ersten
38 Personen nahmen an der Grün- legen" ('Spiegel'). Der überall schutzbewegung warde, sondern Bäume wuchsen Verbitterung und
dungsversammlung teil. Im Jahr spürbare Optimismus, die neue verknilpft wird mit einer Stoßrich- Radikalität. Bäume wurden be-
zuvor waren die Pläneder Flugha- ökologische Sensibilität und das tung gegen Profit, staatliche Macht setzt und Absperrungen durch-
fen AG (FAG) und der hessischen vorexerzierte Selbstbewußtsein und allgemein Umweltzerstö- schnitten, die Polizei von einem
Landesregierung zum Bau einer der Aufmüpfigen von Wyhl bis rung. "(ID-Interview) völlig neuen Demonstrationstyp
drittenStartbahndes Rhein-Main- Brokdorf gaben der Startbahn-BI verwirrt. Mütterund Väter, Pen-
VondenMedien und vondertaz
Flughafens bekannt geworden. mit .ihren bis zu 50 Ortsgruppen wurde die Startbahn-West im Jahr sionäre und Kinder, Jagdhornblä-
Die Interessengemeinschaft blieb den nötigen Drive. Noch im glei- serund Kirchenchöre, Lehrer und
1980 entdeckt. In diesem Jahr
während ihres gesamten Beste- chen Jahr meldeten. die Zeitungen Schüler, PfarrerundOpel-Arbei-
hatte sich die legendäre "Partei-
heus ein Honoratioren-Verein die ersten "Guerilla-Aktionen": enaktionsgemeinschaft gegen die ter zogen mit in den Wald.
von Naturschützern. Sie konzen- Anwohner hatten im Wald- un-
Startbahn-West" gegründet, eine
trierte sich fast ausschließlich auf vermummt und unbehelligt - LMde".,letungblttet
bisaufdenheutigen Tag einmalige
die Sammlung von Einsprüchen Vermessungsstäbeund Pflöcke zu
Koalition von Ortsgruppen aus zumDislog
gegendas Projekt, die zu einer lan- Kleinholz verarbeitet. Im Februar
SPD, CDU, FDP und DKP. Das
gen Kette von Gerichtsverfahren 1979 fand die erste überlieferte Die Börner-SPD konnte sich ihren
größere Demonstration gegen die Bild der vier örtlichen Parteivor-
führten. Der Schriftführer der In- sitzenden, die als ökologische Betonkurs nicht mehr länger lei-
teressengemeinschaft, H. Bauer: Startbahn-West statt: Volksfront Schulter an Schulter sten. 2.000 Parteibücher aus der
.,Die zentrale Figur war Herr ., Wirsinddannangerücktzudie- "für unsere Heimat" marschier- Region waren zurliekgeschickt
Pfarrer Oeser, weil sonst keiner in ser Demonstration, und wir sind ten, machte Geschichte. Inzwi- worden, der Parteitag Hessen-
der I,.age war, die Probleme zu arti- völlig fertig gewesen, weil da 300 schenhatte sich auchdieEvangeli- Süd hatte gegen die Startbahn vo-
kulieren. Mein Informationsstand bis 400 Leute kamen. Wir wußten sche Kirche Hessens gegen die tiert, die Ortsvereine der Region
hat mich damals darüber erschrek- überhaupt nicht, wo die alle herka- Startbahn ausgesprochen, unge- standen kopf. In dieser Situation
ken lassen, was in meiner Heimat men. Alles war baff. Da hat sich zählte Verbände, Vereine und In- wurde die Idee zur "größten Bür-
geschieht. Durch die Startbahn- schon abgezeichnet, daß da Leute stitutionen bis hin zur Polizeige- gerverarsche Nachkriegsdeut-
Pläne wäre der Radius meiner Spa- kamen,diemanüberhauptnichter- werkschaft folgten. schlands" geboren (BI), ein ,Mam-
ziergänge wesentlich einge- wartet hatte, nämlich richtige Fa- mut-Hearing zum Flughafen-
Im Mörfeldener Rathaus traten AusbausollteimMärz '81 die Illu-
schränkt worden. Ich dachte da- milien. DiesindmitkleinenKindem die Parteivorsitzenden eingehüllt
mals daran, mein Haus und mein gekommen. UndauchältereLeute, sion des ernst genommen Bürger-
Renmersinddabeigewesen.lrgend in Wolldeckeninden "unbefriste- protests verbreiten. Das Ergebnis
Grundstück zu verkaufen. (... ) ten Hungerstreik", die Bürgerin-
Flugblätter haben wir nie ge- jemand hatte zum Glilck ein Mega- stand schon vorher fest: "Landes-
fon mitgebracht, daß man wenig- itiativen sammelten 30.000 Un- regierung sieht sich durch Anhö-
druckt." terschriften. Ministerpräsident
4. 000 Bürger der Region erho- stens einbißchen wassagen konnte. rung bestätigt." 20prozentige
Da gab 's auch ein, zwei Transpa-
Börner erklärte, niemand, auch StimmenverlustebeidenKommu-
ben schon im ersten Planfeststel- nicht 30.000 Startbahn-Gegner
lungsverfahren 1968 gegendie na- rente, damit maiz überhauptwußte, nalwahlen im gleichen Monat
umwasesging. "(ID-Interviewmit könnten ihn vom Bau der Piste ab- folgten, die Grünen marschierten
turfressende, vier Kilometer bringen.
lange und 600 Meter breite Start- einem Mörfeldener Startbahnge- in die Parlamente, die Bürger wei-
gner der ersten Stunde) Mitten in die Phase des Auf- ter in den Wald .. Dort war schon im
bahn-West Einspruch, drei Jahre schwungs platzte der Sofortvoll-
später protestierten 9. 000 Bürger Osterspaziergänge und weitere Spätherbst 1980 ein Dorf mit 60
Demonstrationen folgten, bevor zug der ersten Rodungsmaßnah- Hütten gebaut worden: Eine an
durch ihren Einspruch gegen die men. HolzfaJ.ler rückten an, um
"Zerstörung des letzten großen die neue BI am 3. Mai 1980 gegen Seilen schwebende Fertigbauka-
fünf Uhr früh erstmals zur illega- den Kopf der Startbahn freizu- bine der Jungen Union neben dem
zusammenhängenden Waldge- hauen. 1O.OOOprotestiertenan der
bietes der Region". In den 70ern len Tat schritt. Mitten im Wald Baumhaus der Jusos, dazwischen
wurde als Widerstandssymbol die BI-Hütte gegen "Bömer, Karry luxuriöse und ordinäre Baumhäu-
lag die Planung der umstrittenen und Konsorten". Noch in der
.Piste auf Eis und in den Schubla- erste BI-Hütte zusammengezim- ser und Bretterbuden, Küche, Ge-
mert. Nacht wurde von 600 Demon- meinschaftshaus, Kinderhaus,
den der Gerichte. Mit der Ent- stranten der Wald besetzt, die
scheidung des Bundesverwal~ Sanitätsstation, Schreiberei samt
Die Bürgerinitiativenhatten in- HolzfaJ.1er (noch ohne Polizei- einer Kirche, ein Waldrat tagte
tungsgerichts Berlin von 1978, die zwischen die Aufklärung der Re- schutz)amnächstenMorgen in die
"Verlängerung des bestehenden wöchentlich. Im Gotteshaus an
gion organisiertund einedifferen- Flucht geschlagen. der Startbahn wurden Kinder ge-
Bahnsystems" zuzulassen, spitzte zierte Argumentation gegen die
sichdieSituationentscheidendzu. "Doch bereits am darauffolgen- tauft, sonntägliche Gottesdienste
Startbahn entwickelt. Im Vorder- gehalten und- da wurde gebetet:
den Montag alarmierten die Tele-
Am 20. Januar 1978 gründete grund stand "der Kampf um drei
Millionen Bäume". Aberauchmit fonketten der BI die Barger von ei- "Herr unser Gott, wir bitten
sich die überregionale Aktionsge- nem heranziehenden Großaufge-
meinschaft und spätere "Bürger- Lärmbelästigung, Grundwasser- dich, laß die wieder sehen, die ver-
absenkung, Luftverschmutzung, bot von Polizei und Bundesgrenze blendet und blind geworden sind.
initiative gegen die Flughafener-

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Ertijjhe denen eine Chance, umzu- Auswärtige Polizisten ersetzen strationen im Sanitätszelt, die Be- Im Mönchbruchswald hatte der
kehren, die sich in lAgen verstrickt bald die zögerlichen einheimi- wegung bekam Prügel, die Frank- Widerstand handfeste Formen
haben. Wir bitten dich, sei du mit schen, das Baugelände wurde ge- furter Uniklinik schob Sonder- entwickelt. Nach der Ablehnung
unsallenhier,dieumdieErhaltung räumt, bald daraufdas Hüttendorf schichten. des Volksbegehrens im Januar '82
deiner Schöpfung kämpfen. " plattgemacht, der Widerstand als durch den hessischen Staatsge-
Doch das Beten half so wenig ,. Vorzeigebürger, Chaoten und Der Widerstand verlagerte sich richtshof und der Kriminalisie-
wie der herzhafte Eintopf der 20 Asoziale" diffamiert, der Baube- zunehmend von Mörfelden nach rung seines Initiators (Alexander
Frauen von der "Küchenbri- ginn mit dem Schlagstock durch- Frankfurt und Offenbach. In der Schubart) verlor die "größte Pro-
gade". diedie Dorfbewohner und gesetzt. Der Widerstand eska- Main-Metropole wurde wochen- testbewegung der Nachkriegsge-
Demonstranten bekochten. Auch lierte mit dem "Blutsonntag" am lang dauerdemonstriert: Knüp- schichte gegen ein Großprojekt"
die folgenden ungezählten kleinen 11.10.81 , mit Hunderten von zu- pel, Tränengas, Glasbruch, Fest- zunehmend an Beachtung.
und großen Demonstrationen und sammengetretenen und -geprü- nahmen, das übliche. Auchdiein- Übrig blieben am Ende der
Waldspaziergänge, die einweili- gelten Demonstranten. halte waren längst militarisien.
sonntägliche Kampf an der Start-
gen Verfügungen und Widersprü- Nachder Hüttendorf-Räumung Der Kampf um drei Millionen bahn-Mauerund der Sachschaden
che, die Verwaltungsgerichtsv.er- verlor der Startbahn-Widerstand Bäume war zum Kampf gegen die
NATO-Startbahn mutiert. - das massenhafte Knacken von
fahren und die Verfassungsklage, seine Inbalte und wurde auf die Mauerstreben (Stückpreis 1.600
der Schüler-Malwettbewerb und Knüppel-Orgien im Wald redu- Diese Neubewertung der Start- Mark). Die Bunte Hilfe verzeich-
dieDichterlesung, das Anti-Start- ziert. Statt Bäumen und Flugzeu- bahn wurde von Teilen des "bür- nete mehr als 4.000 Festnahmen
bahn-Kabarett und d.e r Wider- gen wu.rden die Verletzten ge- gerlichen" Startbahn-Widerstan- allein bis 1984, .,Gesamtschäden
standsfilm, die Offenen Briefe zählt. Trotzig wurde die weitere des nur halbherzig nachvollzo- in die Hunderte von Millionen"
von Gewerkschaften, Piloten und Radikalisierung der ,.Bürger" gen. Für die Bürger der Region beweinte die FAG:
Kirchen, die Tausende von Leser- verkündet, doch die blieben- mit blieben der ohrenbetäubende
dem blauen Auge davongekom- Im April 1984 war die Landes-
briefen, Hunderttausende von Fluglärm und der gerodete Wald
men - immer öfter .verbittert zu regierungarn Ziel. DieStanbahn-
Flugblättern oderdie 300.000 Un- wichtiger als die "schnelle Ein- West wurde am 12.4.84 um 9.58
terschriften, die die Aktion Hause. Startbahn-Gottesdienste greiftruppeder Yankees.. oderdie
endeten im Tränengas, Demon- Uhr ihrer Bestimmung überge-
"Volksbegehren und Volksent- " Drehscheibe des Kapitalismus". ben, zu einem Zeitpunkt, als der
scheid" später ergebnislos sam- Flughafenschon wieder "erweite-
melte, halfen nicht. Bömer bli.eb rungsbedürftig .. war. Schlagzeile

·---
auf Dachlattenkurs. der taz zur Startbahn-Eröffnung:
tN.KOIJIItlonder "Die letzte Schlacht gewinnen
wir" . Die Eröffnung der·Stan-
bahn war das endgültige "Aus"
In der Nacht,.."",..",."
zum 7. 10.81 roiJten des breiten bürgerlichen Wider-
erneut Hunderte von Polizeifahr- stands. Resignation, aber auch
zeugen Richtung Flughafen: Angst und Entfremdung gegen-
,.Innerhalb von Stunden wurden über militanten Protestformen
Tausende von Bargern mobilisiert. verengten das einstmals breite
Opei~Arbeitermeldetensichkrank,
Spektrum der Startbahngegner.
Studenten verabschiedeten sich
vom Seminar, alles eilte in den Aber auch nach der Inbetrieb-
MtJnchbruchswald. (... )Der Freak nahme blieb das verhaßte Objekt
arbeitete neben der Hausfrau, Ziel wöchentlicher bis mona.t-
Helm neben Tirolerhut, Grau- ne- li.cher Spaziergänge. Unsere Zei-
ben lAnghaarigen, Lederjacken tung begleitete sie im Ton der hei-
neben Lodenmiinteln. Als der Mor- teren Sportbericbterstattung, mit
gen graute, Iumen sich gut 10.()()() der über den Mauerpunk berichtet
Startbahn-Gegner hinter Gräben wurde. Es gab die Silvester- und
und Wltllen verschanzt. Mit dem Jubiläumsrandale, Böller und Ra-
Anrl1cken der Polizei reichten keten, die montägliche Erfolgs-
Punks den Bürge'1' Zitronensaft meldung im Strebenknacken. Ri-
und Mundtücher, }/ausfrauen re- tualisiert und routiniert lieferten
vanchierten sich mit Marmor-Ku~ sich Polizei und Startbahn-Kämp-
chen, OpelanertJffneten Thermos- fer ihre manchmal spieterischen,
kannen und Brotbüchsen.. . " (taz) man·chmal erbitterten Gefechte.
Der Polizei gelang es nicht, die Die Öffentlichkeit registrierte sie
Menschenleiber zu entknoten, auf nur noch als "bunte Meldungen" .
eine Prügelorgie wollte man Dielnterv~leder Aktionen waren
(noch) verzichten. BuiJdozer, größer, die Gruppen kleiner ge-
Bagger und Wasserwerfer zogen worden. Dieletzte "Auseinander-
wieder ab, Polizeipräsident Gem- setzung" an der Startbahn-West
mer blies zum Rückzug. Es war war wieder ein Jubiläum: der
der letzte große Erfolg der Bewe- sechste Jahrestag der Hüttendorf-
gung. räumung. Manjred Kriener
41
Kriminalisierung

Wieder einmal stehen wir vor demselben Dilemma, wie Wohlwissend, daß die Entscheidungen von 1977 eine
bei fast jeder Ausgabe. Diemal nur noch viel eklatanter. konsequente Fortsetzung der Entwicklung im Bereich
Denn mit dem, was sich in den letzten beiden Monaten »Innere Sicherheit(( unter der SPD/FDP-Regierung seit
zugetragen hat, wOrden wir bei korrekter Aufarbeitung 1969 war. Dies konnte geschehen ohne eine entspre-
mindestens eine ganze Atom-Auagabe fOr den Krimina- chende Richtigstellung seitens der taz.
lierungsteil benßtigen. Wir kßnnen wieder nur auswäh- Geschichtsnegierung: von SPD-Seite um sich wieder
len. Doch auch das ist leichter gesagt als getan. Die in- als glaubwOrdige Links-Opposition darzstellen zu kön-
haltlichen Schwerpunkte verschoben sich in den letz- nen, von Seiten der Granen, um möglichst alle Stolper-
ten Wochen, als ginge es um.Modeerscheinungen.- Die steine fOr eine bOrgerliehe Koalition aus dem Wege zu
sind es aber leider nicht. Sondern allesamt bitterer räumen.
Ernst. Auf dieser Basis lassen sich weder eine neue men-
Angefangen mit der 129a-Konstruktion, verbunden mit schenwordigere Gesellschaft, noch ein glaubwOrdiges,
Durchsuchungen und Beschlagnahmungen, gegen das tragfähiges Amnestie-Konzept aufbauen. Doch gleich
in Kiel erschienene Buch ndas Info((. Gleich darauf wird darauf ist die Welt der 'Linken' wieder in Ordnung: dem
in Wuppertal die neue Spezies des »Kronzeugen(( im Erich Fried wird der BOchner-Preis verliehen und darf
129a-Verfahren gegen die sogenannte 'Antifa-Gruppe' dabei aussprechen, was wir ja alle meinen: BOchner in
vorgefOhrt. unserer Gesellschaft wäre ein Genosse der RAF.
Mitte September kommt es zu einem neuen 129a- Da fällt es auch nicht mehr ins Gewicht, daß zur selben
Konstrukt, verbunden mit bundesweiten Razzien und Stunde in Stuttgart auf 700 Leute Menschen- und Knop-
Verhaftungen. Wieder ist ein »Kronzeuge« der Auslßser, pe/jagd betrieben wird, die, so scheint es, als einzige
von dem selbst die Hamburger StaatsschOtzer meinen, die Toten in Stammheim nicht vergessen haben. Nach
'Dirk St. ist ein Aufschneider, ein Gernegroß, ein Spin- dem Motto: wer nicht hören will, muß fOhlen.
ner' (Hamburger Abendblatt, 23.9.87) Der einzige, der in diesen Wochen Klarheit bewahrt- so
Doch auch dieses Wissen hindert die Bundesanwalt· scheints - ist Generalbundesanwalt Rebmann: er setzt
schaft (BA W) nicht, an ihrem Konstrukt festzuhalten: die ganzen Granen-Maßstäbe fOr eine Amnestie wieder
Andrea Butt wird seitdem in der JVA Preungesheim in an die rechte Stelle: Amnestie nur als Kronzeuge! Sch(J-
Isolationshaft festgehalten. nen Dank fOr die klaren Worte.
ln Wackersdorf dOrfen sich die SEK-Horden, allen voran Wir haben uns die Hirne gemartert, wie wir mit dieser
die Berliner, nach Herzenslust ihren Frust von der Seele ganzen Diskussion umgehen sollen, nicht nur, um die
prOgeln und sich dannach als die grßBten Machos der Geschichte wieder ins rechte Licht zu rocken, sondern
Nation fOhlen (siehe auch den ausfahrliehen Wackers- auch, um die Forderung nach Amnestie fOr die in den
dorfteil) Gefängnissen Vergessenen, auf eine Basis zu stellen,
Schon diese Ereignisse hätten fOr sich eine ausfahrli- die dies auch ermöglicht.
ehe Aufarbeitung erfordert. Doch die Geschehen lehren Zeitgleich werden vom Oberlandesgericht Schleswig-
uns eines Besseren. Die EntrOstung Ober die Bulleno- Holstein die 129a-Verfahren gegen das Buch »Das Info((
berfälle einerseits und die Freude Ober die gelungene wieder eingestellt und in Wuppertal endet der 129a·
Demo in Wackersdorf andererseits waren noch gar ProzeB mit Freisprachen, weil die Aussagen des »Kron-
nicht ausgelebt, als die Granen .mit ihrer Phantasie ei- zeugen« nicht verwertbar sind.
ner Friede-Freude-Eierkuchen-Welt (offener Brief von Die nach den SchOssen aufgeheizte Stimmung findet
Vollmer usw.) in die Amnestie-Debatte eingreifen und den Katalysator in der HafenstraBe in Hamburg. Allen
dabei nicht nur ein fatales Geschichts- und Realitäts- Prognosen zum Trotz kommt die Vertrags/äsung.
empfinden an den Tag legen sondern gleich mit in die All diese Ereignisse verständlich und korrekt zu analy-
Progrom.Stimmungsmache der CDU-CSU gegen Jutta sieren und darOber zu berichten, dafor reicht der Platz
Ditfurth einsteigen. und das Konzept dieser Zeitung nicht. Ebensowenig
Gleich darauf, von den gleichen Leuten verbockt, mos- können sich in diesen Turbolenzen unsere wenigen Ge-
sen wir ohnmächtig mit ansehen, wie ßffentlich erst hirne klare und deutliche Gedanken erarbeiten. Also:
zehn Jahre zurOckliegende Ereignisse vßllig Verfälscht Platzmangel, Konzeptenge, Zeitmangel, intellektueller
neu dargelegt werden. Das geht soweit, daß ein Bßlling - Mangel und das Bemohen, wieder einen klaren Kopf zu
1977 an hauptverantwortlicher Position mit von der Par- bekommen, zwingen uns dazu, uns auf wenige Sachen,
tie • in der taz auf 2 Seiten die damaligen Regierungs- teilweise hier noch gar nicht aufgezählte, zu beschrän-
entscheidungen als mögliche Überreaktionen, ausge- ken, die anderenorts sowieso keinen Platz finden.
lßst durch den Druck der Stunde, beschreiben darf. red.

42
Kriminalisierung

ln unserer letzten Ausgabe hatten wir hatte sahen. Leider wurde diese Erfahrung he ein Wasserrohrbruch war. links, rechts
kurz Ober eine bundesweite Staatsschutzak· nicht weitergegeben. So konnte Dirk noch und Ober ihr nur leere Zellen. "Ausblick" auf
tjon berichtet, in deren Verlauf Andrea Butt zu weiteren Gefangenen ebenso wie zu eine fensterlose Mauer durch ein engma-
festgenommen wurde und seitdem im Knastgruppen draußen und zu den Knast- schiges Gitter. 23 1/2 Stunden allein in der
Knast Preungesheim in Isolationshaft fest- zeitungen "Durchblick" und "Haberfeld" Zelle. Ausschluß von allen Gemeinschafts·
gehalten wird. Briefkontakte aufbauen. veranstaltungen. 112 Stunde Einzelhofgang,
Die gesamte 129a-Konstruktion ging auf Zuerst wurde er fOr einen ziemlich durch- der bei Kontaktaufnahme zu anderen Ge·
die Aussagen eines sog. "Kronzeugen" zu· geknallten, durch jahrelangen Knast kaputt- fangenen sofort unterbrochen wird. Perma·
rOck, von dem selbst der Hamburger Staats· gemachten Ex-Junkie gehalten. Dann nente Überwachung durch den Zellenspion.
schutz (die ihn bestens kennen) meinen: schöpften einige Leute Verdacht, er sei ein Bis jetzt ist noch kein Besuch genehmigt
"Dirk St. ist ein Aufschneider, ein Gerne· Spitzel. Bei genaueren Nachforschungen er- worden, d.h., der einizige Kontakt, den sie
groß, ein Spinner." (Hamburger Abendblatt gab sich, daß er nicht wegen Verstoß gegen Oberhaupt hat, sind die Anwaltsbesuche,
23.9.87). Betäubungsmittelgesetz ·wie er erzählt hat· und die finden mit Trennscheibe statt. Post
Doch auch dieses Wissen hindert die te · sondern wegen Vergewaltigung einer wird fast ganz angehalten, auch die An-
Bundesanwaltschaft nicht daran, an ihrem Prostituierten gesessen ist. Auch einige an- waltspost wird kontrolliert. Tageszeitungen
Konstrukt festzuhalten. dere Sachen, die den Spitzelverdacht bestä· bekommt sie zensiert. Andrea wird immer
Wir drucken hier den Inhalt eines ersten tigten, tauchten auf. noch gezwungen, Anstaltskleidung zu tra·
Flugblatts der Unterstatzung ab und schlie- Als Dirk S. am 13.9. in Berlin deswegen gen, was in der U-Haft normalerweise nicht
ßen uns deren Forderungen an: Freiheit für zur Rede gestellt wurde, brach seine angeb- der Fall ist.
Andrea liche politische ldentiät völlig zusammen. D.h. weiße Folter, der seit den 70ziger
Am Donnerstag, den 17.9.87 durchsuch- Nachdem damit klar war, daß Dirk's Spitzel- Jahren immer mehr Gefangene ausgesetzt
ten Bundeskriminalamt (BKA) und Landes· karriere zuende war, "stellte" er sich in sind. Durch den Entzug fast jeglichen sozia-
kriminalamt (LKA) in Berlin, Freiburg, Karls· Harnburg den Bullen. Auch jetzt versucht len Kontakts, durch die Verhinderung fast
ruhe, Offenbach und MOnehen Wohnungen. Dirk S. aus dem Knast heraus wieder Kon- aller sinnlichen Reize, durch die ständige
ln der Offenbacher Wohnung wurde Andrea takte zu linksradikalen Gruppen aufzuneh- Demonstration staatlicher Macht, soll die
Butt festgenommen. Eine weitere Frau wird men. Persönlichkeit und politische Identität der
noch mit Haftbefehl gesucht. Andrea wird Dirk S. wurde nach dem Absitzen von 2/3 Gefangenen gebrochen werden. Isolations·
"GrOndung einer terroristischen Vereini· seiner Strafe im Mai 87 entlassen. (Norma- haft ist psychische und physische Folter.
gung" (129a) vorgeworfen. Sie sitzt seitdem lerweise kommen Leute, die sich im Knast Viele Leute kennen Andrea aus gemein-
in Frankfurt-Preungesheim im toten Trakt in politisch betätigen nicht auf 2/3 raus, weil samen Kämpfen in MOnchen, Frankfurt,
Isolationshaft. Gegen neun andere Perso- dafOr "gute FOhrung" Bedingung ist.) Nach Wackersdorf. Wer, wie Andrea, sich von der
nen wird noch wegen Mitgliedschaft in einer seiner Entlassung hielt sich Dirk abwech· verscchärften Repression der letzten Zeit
terroristischen Vereinigung ermittelt. Au· selnd in Wohngemeinschaften in Berlin, nicht einschOchtern läßt, sondern dort wo
ßerdem wurden noch die Kanzleien einer Freiburg, Offenbach und Karlsruhe auf. Sei- er/sie steht mit anderen gemeinsam die
Hamburger Anwältin und eines Berliner An· ne vorgebliche Geschichte - Drogenknacki, Stärke entwickelt, was auf die Beine zu stel-
walts durchsucht. der sich im Knast politisiert, rauskommt len, um die herrschenden Verhältnisse radi·
Die ganze Aktion stotzt sich auf die Aus- und politisch was machen will • öffnete ihm kal zu verändern, wird verfolgt, eingesperrt,
sage eines gewissen Dirk Strandenaes. Ob- erstmal einige Toren. Nach kOrzester Zeit zum Schweigen gebraccht, gefoltert, zu ver-
wohl gegen ihn nichts vorlag, "stellte" er gab es aber Oberall Schwierigkeiten mit nichten versucht. Dabei spielt es keine Rol-
sich am Dienstag, den 15.9. in Harnburg den ihm. ln politischen Diskussionen wußte er le, ob die Herren vom Staats· und Verfas-
Bullen und gab an, er hätte mit Andrea und nicht viel mehr zu bringen als harte SprO- sungsschutz, vom Bundeskriminalamt und
der anderen Frau Ende August 87 eine terro- che, Parolen aus antiimperialistischen Bro· Bundesgerichtshof einen Vorwand finden,
ristische Vereinigung gegrOndet. Sie hätten schoren und militantes Gehabe. Wenn es oder ob sie einen erfinden mossen.
den vorsitzenden Richter am Oberlandesge- um die Geschichte seiner Politisierung Es kann nicht darum gehen, Andreas Un-
richt Stuttgart, sowie den Bundesgerichts- ging, verwies er immer auf den "subjektiven schuld zu beteuern und die Herren um Ge-
hof (BGH) ausgekundschaftet zwecks Pla- Sprung" (auf die Seite der Guerilla war ge- rechtigkeit anzubetteln.
nung eines Anschlags. Außerdem hätten sie meint), den jeder machen mosse, und den er Es geht darum, ihnen einen Strich durch
gemeinsam Unkraut-Ex geklaut um mit da· durch die Erfahrung im Knat gemacht habe. die Rechnung zu machen.
mit hergestelltem Sprengstoff das Amtsge· Er versuchte auch Leute zu militanten Aktio· Das heißt:
richt Offfanbach zu sprengen. Der Anschlag nen zu provozieren. Das ist ihm nicht gelun- Es darf Ihnen nicht gelingen, Andrea zum
sei nur nicht zustandegekommen, weil die gen. Auseinandersetzungen Ober sein per- Schweigen zu bringen, zu isolieren. Schreibt
beiden Frauen am geplanten Tag keine Zeit sönlichen Verhalten, sein RumschnOffeln in ihr! Das ·verfahren gegen Andrea und die
gehabt hätten. den WG's, den Mißbrauch des Vertrauens, anderen muß gekippt werden. Nur starker
"Alles erstunken und erlogen, Staats· da~ ihm entgegengebracht wurde, wich er öffentlicher Druck kann die Bundesanwalt·
schutzkonstruktion." sagt Andrea aus. schaft daran hindern, die Spltzelkonstruk·
Die betroffenen Anwältinnen beschuldigt Die ganze Aktion von BKA und Bundesan· tion hinter verschlossenen Türen durchzu·
Dirk S., sie hätten ihn, zu einer Zeit als er im waltschaft (BAW) stotzt sich einzig auf die ziehen. Es darf Ihnen nicht gelingen, die
Knast saß, mit Schriften der RAF versorgt Logengeschichten des Dirk S. Andreas Menschen, die wie Andrea hier kämpfen
und ihn fOr die RAF anwerben wollen. Ge- Haftbefehl wurde damit begrondet, daß Dirk durch die Drohung "129a" einzuschüchtern,
gen beide Anwältinnen läuft ein Ermitt· glaubwOrdig sei, da er sich ja selbst mitbe· zu lähmen. Wir werden uns und
lungsverfahren wegen Werbung fOr eine lastet. öffentlich und
Terroristische Vereinigung. Die Konstruktion "terroristische Vereini· tionäre
Dirk Strandenaas saß schon öfters im gung" heißt fOr alle Betroffenen erst einmal, H
Knast. Zuletzt von 1984 bis Mai 87. Er betei- daß sie uneingeschränkt observiert, ihre
ligte sich 85/86 am Hungerstreik der Gefan- Post und ihre Telefone abgehört werden
genen aus RAF und Widerstand und nahm können. Außerdem die ständige Bedrohung:
während dieser Zeit Kontakt zu einigen von Knast. Bei 129a Verfahren ist kein Haft·
ihnen und einigen ihrer Anwältinnen. auf. grund nötig.
Mehrere brachen den Kontakt gleich wieder FOr Andrea heißt es Isolationshaft im to- Stichwort Drinnen und Draußen, BLZ
ab, da sie in Dirks politischen Äußerungen ten Trakt. Sie sitzt in einem Kellerloch in 50850150, Ktnr. 111 034 150, Sparkasse
nur Nachgeplapper dessen was er gelesen dem es stinkt, weil vor einiger Zeit in der Nä- Darmstadt

43
Kriminalisierung

Vor dem Bayerischen Obersten Landesgericht ln München


Ist der 25jährlge Michael Fleischhauer aus dem Landkreis
Augsburg wegen eines Brandanschlags auf das Regierungs-
Harte
lieh auch noch "Freiheit fOr Gonter Sonnen-
gebäude ln Augsburg vom Aprll1987 am 6. November zu sechs berg" gefordert.
Jahren Knast verurteilt worden; seine 20Jährlge Freundin Justl· Bleibt noch zu vermelden, daß Gauweiler
na Llnck erhielt eine Jugendstrafe (ln uns nicht bekannter Hö· auf der ersten Pressekonferenz nach den
Festnahmen im Februar (s.o.) die Frage, ob
he). Dies Ist keine Horrorvlslon, sondem brutale Wirklichkeit. denn Wohngemeinschaften gezielt obser-
Der WAA.Staat Bayem setzt damit zum erstenmal die Maßstä· viert werden wOrden, nicht konkret beant-
be fest, an dem sich der radikale (und nicht nur der) Wider- wortete. StaUdesen gab der LKA·Chef Tro-
meter an, im Zuge der Ermittlungen der So-
stand gegen die WAA Weckersdorf messen muß. Ko seien bis zu dem damaligen Zeitpunkt
zwar keine Attentäter ermittelt worden,
wohl aber andere Delikte, die in keinem Zu-
sammenhang mit den vielen Anschlägen
Dies ist der vorläufige (!) Endpunkt einer Am selben Tag nimmt die Kripo einen standen:
Reihe von Fahndungserfolgen der 35- weiteren 19jährigen SchOier wegen demsel- 20 schwere Diebstähle, 30 Fälle der Jagd-
köpfigen Bayerischen Sonderkommission ben Anschlag fest. wilderei und 5 Vergehen gegen das Waffen-
"Energie und Bahn", die speziell zur Aufklä- ln der Nacht vom 13./14. April wird in gesetz. Außerdem habe die SoKo 450 (!)
rung der in Bayern im Zusammenhang mit Augsburg ein Anschlag auf das dortige Re- Polizei-Video-Filme von Demonstrationen
der WAA verObten Anschläge (1986 allein gierungsgebäude der Bezirksregierung S an der WAA ausgewertet und dabei 9 "Ge-
48) eingerichtet worden war. verObt, bei dem ein PKW ausbrennt und ca. walttäter" ermittelt.
Den ersten "Erfolg" verzeichnete dieses 10000 DM Schaden entsteht. Wenige Stun- Daneben seien bis zu dem Zeitpunkt Ober
SoKo am 18. Februar 87. Wenige Stunden den danach Obernehmen nach Pressebe· das "Vertrauliche Telefon" des LKA, es gab
nach einem Anschlag auf die Bundesbahn- richten eine "kämpfende Zelle der Revolu- da inzwischen 200.000 DM Kopfgeld etwa
strecke Stuttgart-Monchen bei Gonzburg, tionären Zellen" in einem Telefonanruf bei "500 brauchbare Hinweise" eingegangen.
bei dem die Oberleitung auf 500 Meter Län- OPA-MOnehen die Verantwortung dafür. Zu den beiden Festgenommenen sagte
ge herabgerissen und der Stromabnehmer Zwei Wochen später werden zwei junge Trometer: sie "sind bei den zuständigen
der Lok beschädigt worden war, konnten Leute aus dem Landkreis Augsburg als mut- Dienststellen der Polizei keine Unbekann-
die mutmaßlichen Täter in einer 8 km ent- maßliche Täter/innen festgenommen. Die ten". Ähnlich äußerte sich Gauweiler nach
fernt liegenden Wohngemeinschaft festge- jetzt verurteilten Michael und Justina sollen den Festnahmen wegen des Anschlags auf
nommen werden. Gauweiler feierte am sel- nach Polizeiangaben sofort ein Geständnis TST in Tutzing: "Gegen die drei Festgenom-
ben Tag den "bundesweit ersten Ermitt- abgelegt haben und als BegrOndung "ihre menen sei seit drei Wochen ermittelt wor-
lungserfolg der Polizei im Kampf gegf:!n grundsätzlich negative Einstellung gegen den."
Bahnattentäter". Er dankte dabei nicht nur den Staat und seine Organe" genannt ha-
der SoKo, sondern auch dem Landesamtes ben. Das LKA rechnet sie dem "linksextre- :::::::::::::::::;:::;:::::;:::::::::::::::::::::;.:•:•:•:·:·:·:·:·:·:~:~:!:~=~=~=~=~=~=~=:~
for Verfassungschutz for deren Arbeit. Nach mistischen Bereich" zu. ~ ~
Angaben Gauweilers hätten die beiden ~ ~
Männer "ein Geständnis abgelegt". Anfang Mai wird auf der griechischen ln· ~
~
I
~
Am 13. April wird in Tutzing ein Anschlag sei Rhodos ein aus Neumarkt (Oberpfalz) ;::: KRIMINALISIERUNGS· ::::
auf die Computerfirma TST- die unter ande-
rem Bundeswehr, NATO, BND und andere
stammender 18-Jähriger wegen dringenden
Tatverdachts, an dem am 16.10.86 auf die
:;:~ RUNDBRIEF ~;~
Geheimdienste als Kunden hat - verObt, bei Bahnlinie NOrnberg/Regensburg verObten ~ I
~ ~
dem es zu 9 Mio.DM Schaden kommt. 15 Anschlag beteiligt gewesen zu sein. :.~.=.~. Der Kriminalisierungsrund- :.:.:.:
Stunden später werden die mutmaßlichen Am 20. Mai stellt sich in Berlin ein 19· brie1 stellt Infos, Zeitungsbe-
Täter festgenommen, nachdem eine Zeugin Jähriger der Polizei. Der ebenfalls aus Neu- !:3 richte, Interviews, Presseer- ::::
unmittelbar nach der Explosion zwei junge
Männer vom Tatort weglaufen sah. Zwei
markt stammmende junge Mann hat gegen-
Ober der Polizei seine Beteiligung an eben
ll~ klärungen Flugblätter etc. zu- ~ll~
·:·: sammen zu den Themen: ·:·:
junge Männer, 20 und 24 Jahre alt, und eine diesem Bahnattentat gestanden.
!;~ Kriminalisierung von Bewe- ::::
22jährige Frau sollen nach Aussagen Gau· Am 27.10.87 begann dann in MOnehen vor
dem Obersten Landesgericht unter streng- ::~ gungen (nicht nur Anti-AKW), ::::
weilers "regional tätige, autonome Militan·
te, die aus grundsätzlichem Haß auf das de- sten Sicherheitsvorkehrungen der Prozeß ::: politische Gefangene, Strate- ;:::
mokratische Staatssystem die Taten verObt gegen Michael und Justina wegen dem ::: giediskussion im Wieder- ;:::
::: stand etc. ::::
haben" sein, und neben diesem Anschlag Augsburger Anschlag.
Ihnen wurde vorgeworfen, damit "die ver-
0
X Der Kriminalisierungsrund-
«
~
noch weitere Aktionen gestanden haben: ::: ::::
am 7.9.86 im Landkreis Starnberg einen brecherischen Ziele der RAF" (AP, 28.10.87) ::: brief wird vom Umweltzen- ::::
verfolgt zu haben. Nach demselben Presse-
Strommast umgesägt zu haben, im Oktober
~;~ trum Kassel herausgebracht ;~~~
86 den Oberleitungsmast einer S-Bahn-Linie
angesägt, wenige Tage später bei Tutzing
bericht bestritt Michael am ersten Prozeß-
tag jedoch, irgendwelche Kontakte zum s: und erscheint monatlich bis ;:::
einen 380-KV-Mast umgesägt haben. Außer- RAF-Umfeld gehabt zu haben • in diesem :.· =.~ ·: zweimonatlich.
Einzelpreis: 5 DM
: ~·=:~·
dem will das Landeskriminalamt ihnen ein Punkt sei sein Geständnis falsch gewesen.
weiteres Attentat vom 15.3.87 auf eine S- Außerdem sei die Idee zur Tat erst wenige I.••• Bestellungen an: I•••.
Bahn-Linie zuordnen, bei dem ein Zug ent· Stunden vorher nach AlkoholgenuS und Ta- :::: Umweltzentrum Kassel ::~
gleist war. bletteneinnahme ganz spontan gekommen.
Damit nicht genug. Zwei Tage später Am 6. November ist das Urteil ergangen. :~:1 Elfbuchenstr. 18, 3500 Kassel ~=~
~ N
~ N
stellt sich ein 19-jähriger bei der Polizei und Neben dem Anschlag auf das Regierungs- ~ ~
gesteht, daß er ebenfalls an dem Strom- gebäude wurden sie außerdem noch wegen

~~t;:;:::::::::::::;:;:;:;:;:;:;:::::;:::::::;:;:;:;:::::::::;::::::::::::::::::::::J~~
mastanschlag im Landkreis Starnberg im Unterstatzung der RAF fOr schuldig befun- ' I
letzten Jahr beteiligt gewesen war. den. Sie hatten in ihrem Anruf bei OPA näm-

44
Kriminalisierung

Urteile in Bayern Granan-Landtagsabgeordnete und einer die Konsequenzen von 6, 10 oder 15 Jahren
All diese Angaben haben wir aus kleinen
Zeitungsmeldungen, die wir mohsam aus Verurteilung die·ses Verhaltens durch die Knast Im Klaren sind.
verschiedenen Blättern zusammengesucht AtommOllkonferenz Bleiefeld vom Februar Hier sind ehrliche Auseinandersetzungen
haben! Es gibt keine Infos darOber, ob die diesen Jahres. und kühles Nachdenken notwendig, nicht
Leute z.B. noch alle im Knast sitzen, ob es Aufgrund dieser Tatsachen erscheinen sltuatlonsbedlngte, emotionalisierte Ent·
in anderen Fällen schon Urteile gab, usw. uns zwei Dinge grundsätzlich wichtig und Wicklungen und Entscheidungen.
Nach unseren Recherchen wOrde das hei- wir rufen die bayerlachen Bis dringend dazu Außerdem scheint es uns unbedingt nö-
ßen, daß in Bayern mittlerweile bereits 9 auf tig, Erfahrungen zu sammeln und auszuwer-
junge Menschen wegen Anschlägen im · eine offensive Linie zu erarbeiten und ten darOber, wie diese bayerische SoKo ar-
Knast sitzen und nach diesem Urteil dort sich dem Dlstanzlerungsdruck der bayeri· beitet. Ob da Spitzel am Werk sind etc.
auch fOr mehrere Jahre bleiben. sehen Landesregierung nicht durch "Nicht· Schickt uns eventuelle Infos oder auch Stel·
Uns ist auch nicht bekannt, daß es dazu Verhalten" zu entziehen; die dort Im Knast lungnahmen zu den Entwicklungen in die-
irgendwelche Solidaritätsarbeit gibt, ge- sitzenden (allesamt sehr jungen Menschen) sem Bereich und auch eventuelle Kontakt·
schweige denn öffentliche Diskussionen. haben Ihre Vorstellungen von Widerstand und Knastadressen der einsitzenden Leute.
Wir wissen auch nichts Ober die Umstände parallel (oder direkt dort heraus) zu der all· Wir wollen hier nicht in Diskussionen ein·
der Festnahmen; nichts Ober die Zusam- gerneinen Entwlcklun~ des Widerstands g• greifen oder solche aufsetzen, die zu aller-
menhänge dieser Leute, in denen sie leben. gendie WAA entwickelt. Sie sind nicht Ir· erst in Bayern selber stattfinden mossen.
Genauso unklar ist, wie es in all diesen gendwelche gedankenlosen Kids, sondern Uns macht aber die Entwicklung betroffen,
FäHen angehen kann, daß es sofort Ge· Leute aus unseren Reihen. Ihnen gehört ge- gerade auch wegen des offensichtlichen
ständnisse bzw. "Sich-Selber-Stellen" gibt, nauso unsere Solidarität wie den wegen der "Nicht-Verhaltens" der Bewegung.
oder sogar jemand auf Rhodos festgenom- Demonstration Verurteilten und Verletzten. ~ - ~cci.
men wird. Hier muß eine politische Linie aufgebaut
Hier ist vielleicht anzumerken, daß Bay- werden, die es dem bayerlachen Staat (und
ern noch immer das einzige Bundesland ist, nicht nur dem) nur schwer möglich macht,
das sich strikt weigert, einer Unterzeich- junge Menschen, die für ein menschwürdl·
lnfo's über
nung der "Internationalen Anti-Folter-· ges Leben kämpfen, für Jahre ln den Knä-
Konvention" durch die BAD zuzustimmen. sten verschwinden zu lassen; ErmittlungsausschuB
Genausowenig ist uns Ober ein konkretes • es scheint dringend erforderlich, nicht Infobore Freies Wackerland
Verhalten der Schwandorfer und der bayeri- nur einseitig über eine Radlkallslerung des Altenschwand 91
schen Bis zu den Festnahmen bekannt. Hier Widerstands nachzudenken, sondern auch 8465 Badenwöhr
wisen wir nur von dem"BegrOBen der Fahn· über die möglichen Konsequenzen. Wir kön· 09434/3368
dungserfolge" durch zwei bayerlache nen nicht glauben, daß sich die Leute über
Das schwarze Brett ·· Das schwarze Brett ··
WER WAR DAS?????????????
Video WAARUM Eine Spende von ungefllschten 800 Deut·
Der VHS Videofilm WAARUM wurde im Sep- Wandkalender zur Oberpfalz
Zum zweiten Mal gibt der Bund Naturschutz sehen Mirkam ging per Post bel der atom
tember fiT von Mitgliedern der Erlangener Vi- ein. Anonym aus Hannover. Wir wollen an
deowerkstatt fertiggeteilt ln 77 Minuten in- in Bayern ein "Oberpfälzer Tagebuch" als
formiert er über d~n Bau der WAA, die (mili- Wandkalender heraus. Der farbige Kalender dieser Stelle den Eingang vermelden und
tärischen) Hintergründe und die Auseinan- illustriert die aktuellen Ereignisse, vor allem uns allerganzllebherzllchat bedanken!
dersetzungen darum. um die WAA und den Maxhütte-Konkurs.
Kontakt: Christine Sommer, Bismarckstr. 4, Einzelpreis 22 DM, l;'reisrmäßigungen bei •••
852 Erlangen, Tel. 09131129282 Bestellung von mehreren Exemplaren. Buch zur "NULL-LOSUNG"
Bund Naturschutz Bayern, Postfach 40,8441
*** Ein Buch, das zum allgemeinen AbrOstungs·
Wiesenfeld.
gesäusel in den Medien einen Gegenpunkt
Videofront ***
Der neue Videokatalog "Videofront" mit di- setzt, ist das Taschenbuch "NULL·
versen Dokumentar-Videos zu ökologi- Asylreader LÖSUNG" von Dietrich Schulze-Marmeling
schen und sozialen Themen (u.a. auch Anti- Diverse Antifaschistische Gruppen haben (unabhängige Friedensgruppen etc.).
AKW-Bewegung) ist jetzt erschienen. Für einen Asylreader herausgegeben über die Die NATO rostet um, nicht ab, ist die gut be-
DM 8,- erhältlich bei der Medienwerkstatt politischen Hintergründe der Asyldebatte. legte These. For 14.80 DM im Verlag Die
Freiburg, Konradstr. 20, 78 Freiburg. Bestellungen an WOZ, Postfach, CH-8042 Werkstatt, Lotzestr. 24a, 3400 Göttingen.
***
Zürich (ob das wohl ankommt?).
Einzelpreis 4 DM, gegen Vorauskasse ...
VIdeo Schirm-Herrschaft *** Noch ein paar Anti·AKW·Kalender über!
Eine neue Videocollage über die Hinter- Uebe Leute, dies ist eine neue Rubrik in der Beeilt euch, Leute, erstens fängt das Jahr
gründe von SDI im Verleih der "theke", The- Atom, mH der wir euch künftig beehren bald an und zweitens haben wir nicht mehr
destr. 85. Dauer: 35 Minuten. zwecks besserer Information und Ankündi- viele... Anti-AKW·Kalender 1988!!!
*** gung von dies und jenem. Wir hoffen, daS Mit fast tausend Adressen, einem Anti·
möglichst viele Leute/Gruppen, die was zu Atom-Lexikon, vielen vielen Infos aus Ober
Kurzdokumentation Atommacht BRD verkaufen oder anzukündigen haben, diese
Thomas Ebermann und Matthias Künzel, und von der Anti·AKW-Bewegung.
Rubrik nutzen und uns Bescheid geben. Das Ding kostet 8,50 DM (Wiederverkäufer
Mitglieder bzw. Mitarbeiter der grünen Bun- Aber bitte nur schriftlich, und bel Terminsa-
df3stagsfraktion, haben eine informative 6 DM) und kann bestellt werden bei:
chen mindestens einen Monat im Voraus. atom, Postfach 1945, 3400 Göttingen.
Kurz-Doku über die Atommacht-Träume der
BRD zusammengestellt. Bezug über die
Bundestagsfraktion der Grünen (16 Seiten
DIN A4)
***
Umweltzentrum Deister
Das Energie- und Umweltzentrum am Dei-
ster e.V., vor kurzem teilweise ausgebrannt,
hat dennoch ein neues Programm für 1988
zusammengestellt, vor allem Wochenendse-
minare und Bildungsurlaube zu Energiefra-
gen. Programm anfordern beim Umweltzen-
trum, 3257 Springe-Eidagsen, 05044/380
***
Stromsparen Ist möglich
.. .ist das Motto eines vierseitigen Faltblat-
tesd, das im Detail über Energiespar-Mög-
lichkeiten zu Hause informiert. Die Ge-
brauchsanleitung ist von der Anti-Atom-
Gruppe Steglitz/Friedenau herausgegeben
worden und kann (auch in gröBeren Men-
gen) bestellt werden bei: Ekkehard Skoring,
rheinstr. 12/13, 1000 Berlin 41
Kosten: 1 Ex. 1 DM, 100 Ex. 19 DM ...
***
Wendland-Rücksplegel
Der Wendland-Rückspiegel ist eine monat-
lich erscheinende Dokumentation mit allen
relevanten Zeitungsausschnitten zum
Wendland (und einem Wackersdorf-Teil).
Einzelpreis 12 DM, Bezug über BI-Büro, Dra-
wehner Str. 3, Lüchow, Abo ist möglich.
***
Oberpfälzer Rückblende
Ähnliches leistet für die WAA die "Oberpfäl-
zer Rückblende" (die sich, nebenbei gesagt,
als Grundlage für unsere Wackersdorf-
Chronik bestens bewährt hat). Auch hier
ausführliche Zeitungsausschnitte über alles
mögliche rund um den WAA-Bau.
Einzelheft 6 DM, Bezug über Infobüro Alten-
schwand, Altenschwand 91, 8465 Boden-
wöhr. Abonnement ist möglich.

46
' .
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, ..
Wackeradort

Freiheit
in
Franz-
Josefs
Land
"Hed»staktlonen gegen den atomaren
(Fut) alle Fotoe Im Wack....sorf·Telt Joachlm Tlchl, MOnehen WahntiM, Gemelnum gegen die WAA•
·unter diesem Motto riefen u.a. BOrgerinitia-
tiven gegen die WAA, Anti-AKW-

AbscbluBerkllrung des Trigerkreises Bewegungen, die Friedensbewegung und


Vertreter der MaxhOtte zu gemeinsamen
Protestkundgebungen gegen die WAA vom
Zu den "Herbstaktlonen gegen den atoma· Deshalb protestieren wir gegen das Verbot 8.10.1987 bis 10.10.1987 auf.
ren Wahnsinn • Keine WAA" haben sich so der Demonstration durch die CSU- Am 8. und 9. Oktober fanden eine Reihe
verschiedenartige und viele demOkratische Staatsregterungl Wir werden nicht hinneh- dezentraler Aktionen ln ganz Bayern statt.
und soziale Bewegungen zusammengefun- men, da6 die CSU ln Bayern (Ausstellungen, Fahrradstafetten, Straßen-
den wie noch nie. Wir haben gezeigt: bel gu· demonstratlons· und versammlungsfreie feste, Mahnwachen, Blockadeaktlonen, In-
tem Willen und VerstAndnls Ist eine slnnvol· Zonen einrichtet. Das Recht auf fostAnde, Kundgebungen usw.)
le Zusammenarbeit ln einem Maße mogllch, Demonstrations-, Meinungs- und Versamm- Die willkOrliehen PolizeiObergriffe began-
wie es wohl die meisten von uns selber lungsfreiheit mu6 ln ganz Bayern wieder nen bereits ln diesen Tagen, Indem HAuser
nicht fOr mogllch gehalten haben. Da6 uns hergestellt werden. durchsucht, AKW-Gegner zur "Verhinde-
dies hier ln Weckersdorf gelungen Ist, Ist Wir rufen Euch auf: rung mogllcher Straftaten" eingesperrt und
kein Zufall: 0 Tretet weiterhin for die Forderungen anreisende Demonstranten mit allen mOgll-
• es gibt in der Oberpfalz einen ln breiten der Anti·WAA und Anti·AKW-Bewegung chen Schikanen belästigt wurden.
BevOikerungskrelsen seit Jahren veranker- nach dem sofortigen weltweiten Ausstieg Den Abschluß der Aktionstage sollte am
ten Widerstand gegen die WAA aus der Kernenergie ein. Samstag, den 10.10.87 eine GroBkundge-
• der WAA kommt eine zentrale Rolle Im 0 Unterstatzt die Friedensbewegung ln bung ln Wackeradort mit anschließender
Atomprogramm zu Ihrem Ringen nach dem Beginn einer AbrO- Demonstration zum Bauzaun bilden.
• die WAA ermogllcht den ~rlff zur bun· stungsdynamlk. Oie Kundgebung am Wackersdorfer
desdeutschen Atombombe 0 Übt SolldantAt mit den um Ihre Arbeits- Volklsplatz, bel der Personen aller Bevölke-
• die WAA verschlingt das Geld, das fOr plAtze kAmpfenden BeschAftlgten der Max- rungsschichten und Anhänger sAmtllcheer
den Erhalt der ArbeitsplAtze bel der MaxhOt· hOtte. Ideologischer Lager teilnahmen, verlief voll-
te angeblich fehlt Tretet der Kriminalisierung von demokrati- kommen friedlich.
-die WAA zerstOrt die Umwelt und gefAhr· schen und sozialen Bewegungen gemeln- Dabei hatten Oberpfälzer BOrger vom Klein-
det das Leben. sarQ entgegen! kind bis zum Greis, Stahlarbeiter von der na-
Welche Kraft sich entfalten kann, wenn die- Kelneyt/AA! hegelegenen MaxhOtte, Vertreter der Ge-
se Einsichten zusammenwirken, hat offen· meinschaft Ärzte gegen den Atomkrieg,
sichtlich auch die CSU-Staatsreglerung ver· Kommunisten, Sozialisten und Grane, Auto-
standen. Sie hat bereits Im Vorfeld ver· TrAgerkrelszusammensetzung: BI Schwan- nome und Christen, Anhinger der Friedens-
sucht, unseren Widerstand durch eine bei· dorf, BI Amberg/Welden, BIWAK Regens- bewegung und Matter gegen Atomkraft, Ge-
spiellose Hetz· und OlffamlerungskampaQ- burg, BI NOrnberg/Radl aktiv, Bund for werkschafter usw. nur eine Absicht, näm-
.ne zu spalten und zu schwAchen. Sie hat Umwelt· und Naturschutz Deutschland (Ju- lich Ihren Protest gegen die lebensbedro-
durch massive PollzelprAsenz, durch will- gend), Autonome, Bundesweite Anti-AKW- hende Atomwirtschaft zum Ausdruck zu
kOrliehe Hausdurchsuchungen und Polizei· Bewegung, Bundesweite Anti-AKW· bringen.
kontrollen sowie durch ungerechtfertigte Be wegung ,Robln WoorJ.~ Matter gegen Von den vl.elen Ansprachen, die von Ver-
Festnahmen die Menschen elnzuschOch- AtomtodJAK Theologie und Kernenergie, tretern dieser verschiedenen Gruppen an
tern und die Stimmung anheizen wollen. Wir Anti-Atom-Plenum Manchen, Gewaltfreie diesem Vormittag vor einem Interessierten
bleiben dabei: Unsere Forderungen können Aktion, Bundesverband BOrgerinitiativen Publikum gehalten wurden, war der Vortrag
weder Polizei noch Gerichte abwOrgen! Un· Umweltschutz, MaxhOtte, Friedensbewe- eines Betriebsrates der nahegelegenen
sere Forderungen mossen politisch einge- gung Nordbayem, Friedensbewegung SOd- MaiehOtte besonders ergreifend.
lOst werden. bayern. Er hat geschildert, wie frOher zehntausen-
de BOrger durch die MaxhOtte direkt oder ln-

48
Wackeradort

direkt Ihre Arbeit erhielten, wie nach dem ler Generationen gefährdet wird und mit lieh Ist, sondem der Widerstand dagegen.
Krieg ehemalige Naziverbrecher wieder die dessen Hilfe sich die Atommafia Milliarden Die Autonomen, deren Steine meist wir·
Herrschaft Ober die MaxhOtte an sich ris- aus der öffentlichen Kasse aneignet, um da· kungstos von den Helmen und Schildern der
sen, wie mit den staatlichen Geldspritzen m it Anlagen zu bauen, die das Leben von Poilzisten abprallen, werden als Gewalttl·
nur rationalisiert (entlassen) wurde, wie Ar· Millionen von Menschen aufs Spiel setzt. ter hingestellt und nicht diejenigen, die ge-
beilsplätze der Profitgier der Stahlkonzerne Wer miterlebt hat wie diese Hundert· trieben durch Ihre Profitgier Atomanlagen
zum Opfer fielen, wie dadurch der Lebens- schatten der Polizei mit KnOppeln, Schll· bauen, durch welche die Umwelt so ver·
nerv einer ganzen Region zerstört wird und dem und Helmen ausgerastet, wild um sich seucht wird, daß dadurch vielleicht' die Zu·
wie damit auch versucht wird den Wider- schlagend ln die. Menschenmengen storm- kunft unserer Kinder schon unwlederbrlng·
stand gegen die WAA zu brechen. ten, dann erkennt man das eigentliche Ge- lieh zerstört wird bevor sie begonnen hat.
ln ein paar Jahren soH nur mehr ein Mini· sichts des RECHTS.Staates wie ihn Strau6, Gewalt geht laut Berichterstattung dieser
werk mit knapp 1000 Beschäftigtart beste- Kohl, Zimmermann und alle anderen Bon- Medien von denen aus, die Löcher tn einen
hen. Ein Teil der entlassenen Belegschaft zen mit ihren Hintermännern uns aufzwin- Bauzaun sehnetden oder Ihn mit Graffitis
wird auf extrem strahlengefährdeten Ar· gen wollen und dann Ist auch der Aus· besprOhen und nicht von denjenigen, die
beltsplätzen in der WAA arbeiten "dOrten". spruch " ... und der letzte Terrorist ist mir lie- Atomanlagen bauen, welche unser Leben
Der gr06te Tell der Menschen wird sich je- ber wie der erste von der COU" von einer 72· bedrohen, die diese Anlage mit Stahl, Be-
doch m it Sozialhilfe begnOgen mossen. jährigen Oberpfälzerin verständlich. tongrlben und Natodraht umgeben und je-
Umso erstaunlicher ist jedoch der nach Besonders hervorgetan bei der Men· den Protest dagegen mit Knoppeln, Gas
wie vor ungebrochene Widerstand so vieler schenjagd am WAA·Bauzaun hat sich eine und Gummlgeschossen, mit Proze61awlnen,
Oberpfälzer gegen die WAA. nach den Kreuzbarger Krawallen gebildete Massenverhaftungen und Razzien zu er-
Nach der Kundgebung bildeten die ca. Spezialeinhelt, die mit einer Spezialausro· sticken versuchen.
30.000 Teilnehmer eien Demonstrationszug stung (Gummi· oder HolzknOppel, Knie- Das Prlnz.l p von Ursache und Wirkung
ln Richtung Bauzaun. Dieser Prostestzug schutz, Heim mit Geslchtsvlsleren) Jagd auf wird von diesen Medien völlig Ignoriert oder
war weder durch ein Verbot des Verwal· Demonstranten macht~. sogar umgedreht!
tungsgerlchtshof ncoh durch Diffamie- Was ist das nur fOr ein Ding, das derrna· Deshalb Ist es so wichtig eine GegenOf·
rungskampagnen des Staates aufzuhalten. Ben schart bewacht werden muß? Durch fentllchkelt aufzubauen mit kritischer und
(Demonstrationsfrelhelt Ist anscheinend das so viele Leute auf die Straße gehen und wirklich unbeelnflußter Berichterstattung.
Im Franz.Josef-Land ein unbekanntes mit Verhaftungen und PrOgel rechnen mOs· Zum Schluß noch einen GruB an alle De-
Grundrecht) sen, nur weil sie dagegen sind. sinteressierten, (die vermutlich auch diesen
Am Bauzaun zeigte dann der Staat ge- Trotzdem waren diese Aktionstage ein Er· Bericht nicht lesen) an alle die lieber Ihr Au·
genOber der Anti·AKW·Bewegung sein wah· folg. Der Zug zum Bauzaun war auch durch to polieren, sich lieber Gedanken machen
res Gesicht. Die Brutalität, die von den rund staatlichen Terror nicht aufzuhalten. Macht· ob diese Hose auch zu diesem Hemd paßt,
5.000 im Einsatz stehenden Polizisten aus· voll wurde damit demonstriert, daß der Wl· die aufgeregt Ober die letzten Oallasfolgen
ging, war fOr viele eine "Kriegserklärung des derstand gegen die WAA und gegen alle quatschen, oder sich mit Ihnlichen fOr un-
Atomstaats gegen den freiheit lichen Atomanlagen untrennbar verbunden Ist mit ser Leben so wichtigen Dingen beschlftl·
Rechtsstaat" . dem Kampf gegen die Einschränkung von gen.
Mit KnOppelorglen und Reizgas wurde da· Grundrechten. Beim nächsten Gau werden diese Leute
bel gegen diejenigen vorgegangen, die ge- Nur eines Ist und bleibt for u ns unbegreif· sich vielleicht wieder an die vielen statlonl·
gen eine Anlage demonstrieren, die einmal lieh, nämlich wie es dem Atomstaat und sei· ren Bomben (sprich AKWs) ln unserer Um-
unzählige Menschen töten oder verstrahlen nen Hintermannern Immer noch gelingt mit gebung erinnern (wenigstens fOr ein paar
kann, durch die vielleicht einmal eine ganze Hilfe der ach so freien Medien die AKW· Tage) und vielleicht die Atomwirtschaft ver-
Region auf Jahrhunderte hinaus unbewohn· Gegner zu diffamieren. teufeln. Aber es besteht ein Unterschied
bar wird. Eine Anlage, die Im " Normalb& Diese Medien, die nach Tschernobyl fast zwischen Protest und Widerstand, der die-
trieb" so viele radioaktive Substanzen an geschlossen lvan den Schrecklichen kritl· sen Namen auch verdient.
die Umwelt abgibt, da6 dadurch zwangsläu· slert und verurteilt haben, stärken bei " Protest Ist, wenn Ich sage, was mir nicht
flg die Anzahl der Mißbildungen bei Neuge- Weckersdort Franz.Josef dem Christlichen paßt. Widerstand Ist, wenn Ich dafOr sorge,
borenen und die Zahl der Krebstoten stel· und seinem Polizeistaat den ROcken, als ob da6 das, was mir nicht paßt nicht langer ge-
gen wird. nur " kommunistische" Strahlen gefährlich schieht." (Uirlke Melnhof)
Der Staat, der eigentlich Im Interesse der waren. Oder anders ausgedrockt:
Bevölkerung handeln sollte, will mit allen Dieselben Medien versuchen uns einzure- 'W ir sind nicht nur fOr das verantwortlich
Mitteln den Bau einer Atomanlage durch· den, daB nicht die Ursache (die Atomanla· was wir tun, sondern auch fOr das, was wir
drocken, durch welche die Gesundheit vle- gen) fOr die Gewalttätigkelten verantwort· widerstandslos hinnehmen!" •
Fassungslos beobachteten Obefllti.lzer
a~ge WAA-Gegnu am Rande des veKDe-
hens. was sich vor ihren Augen abspielte.
ubeschreiblicher Brutalität schll188n Polizisten
auf Demonstranten ein. Frauen und Minner, die
vor Angst die Ann&.erboben hatten. zum Zel-
cll~n. da8&8Je wehrlos ~'WW'dtm Tdedera~
knuppelt; Pressevertreter, die unübersehbar lh-
Auswels hochbielten. wvden :zu Boden ge-,
worfen. ..Dueibt es doch nicht", ,.Du darf doch }.
nicht wahr sein" - entsetzt mußten viele mit '
aruehen. wie sich die Berliner Polizisten wahllos ·~
Demonstranten herausgriffen und :zum Teil so

.,
lange auf sie einprii3elten. bis diese bluteten.
Manche der Beamten der Berliner Polizei h~
ten gleich :wel Knüppel ln der Hand. Wer
. ree_htzeitig und schnell genug aus ihn!r Hetct•- ~~-~~'ll'.~.~
we&te kam, kam im günstigsten Fall mit blauen
~~ Flecken davon. In panischer Angst ßücbteten )
die Demonstranten vor den Berliner Polizisten.
Sc b w a n d o rf I W a clu ra d o r f (da). Diese gehorchten offenbar einem Befehl aus
DemoDSU'aftten muaten reanimiert -rclea, ~ dem Walkman in ihre.m Helm. Niemand konnte
Scb.erverletzte wurden mU Scbldel- und Wir· aosenen. ~ Wleder eine Gruppe .,angreifen~ '
belalulenverletzunaen, rtestaen Platzwuaden :~~ würde. Häufig war :zu beobachten, daß einer aus
et.c. weraetraaen. Zurück blieben am ~~P~ten ' ~ Gruppe der Polizei mit dem Schlagstock aut *"-
NaduDIUq am Samstac überall Bluc.puren aUI ~ eme Person unter den Demonstranten deutete ''1\'
der Erde, dle von der BrutalltAt zeUJten. mit der Aut diese(n) WAA-Gegner(ln) stürzten sich d~
bauptalc:hUcb die lkrllner Pollzel vor dem Bau· mehrere Polizisten. Pressevertreter waren be1 '
diesen Attacken nicht ausgenommen. ganz im '
'laUD der replanten WAA wablloe au.f DeiiiOD-
Rralüen losprilrelte. Wu am s..m.t.c vormiU., Gegenteil, mehrere Fotografen mußten die
aul dem Wackenclorter Vollufestplats frtedllch schmef'%llc.lte Erfahrung machen. daß es die Ber-
liner Poliui offenbar auch auf Journalisten ab-
so ln Fesdvah1bnmur befonnen hatte. endete am
NaduniU.C auf dem Baucellnde der WAA ln el·
gesehen hatte.
ner Eskalation der Gewalt. Derarttae o-a.lt. die Wie auf einem Schlaeblfeld
haupc:s&chllcb von Einheiten der Polbel aus Der Platz zwischen Chaoteneck und Haupttor
Berlln und Schleswtc·HobteiD auqlnr. war bis- erinnerte an ein Schlachtfeld. An allen Ecken
her noch nicht recWrlert worden. ~d Enden mu.Oten Verletzte versorgt werden;
Emem WAA-Gegner war das Ohr hlllb abgeris-
sen ~rden. Ein anderer hatte ein faustgroßes
aus "Mittelbayrischer Zeitung" ~b ';Dl Kopf. Er verlor viel Blut., wurde ohn-
machti~ und trot% seiner schweren Verletzun-
gen, Wie Augenzeugen beobachteten. an den
Haaren in Richtung Bauzaun gezogen.
Wackeradort

baut, so erscheinen die Obrigen Polizeiein- die darunter, die trotz Verbot das Demon-
heiten plötzlich als die "guten" anständigen strieren am Bauzaun nicht Jassen wollen.
Polizisten, die bei ihren KnOpppeleinsätzen Der Begriff des Terrorismus:
nur ganz "normale" Platzwunden produzie- Reicht die Diffamierung eines Teils des
ren und die Leute wenigstens nicht gleich Widerstands als "gewalttätige Chaoten"
totschlagen. Die Berliner selbst haben na- aufgrund persönlicher Kontakte und Erfah·
Wenn angesichts dieser Ereignisse der tOrlich vor dieser Öffentlichkeitswirksam rungen im Widerstand nicht mehr aus, um
verantwortliche Polizeipräsident Fenzl in angekOndigten staAtsanwaltliehen Unter- die Bewegung zu spalten, wird kurzerhand
der Pressekonferenz am folgenden Tag ver- suchung wenig zu befOrchten. Erfahrungs- die RAF-Gruppe SOd erfunden, und Teile
kOndet, die Polizei habe das "Gewaltpoten- gemäß verlaufen Ermittlungen gegen Poli- des Widerstands zu Terroristen umdefiniert.
tial immer im Griff" gehabt, so spricht dar- zeibeamte, insbesondere aus Sonderein- Terroristen sind anonym, sie geben sich
aus ein grenzenloser Zynismus, obwohl hin- satzkommandos, fast immer im Sande, da nicht zu erkennen. Sie pflegen keine Kon-
ter dieser Aussage sich ein wahrer Kern diese von Demonstranten nicht identifiziert takte mit der Bevölkerung und können des-
steckt. Daß nämlich die KnOppelorgien die- werden können, und den Beamten selbst si- halb immer wieder vom Staat als abstrakte
ser Berliner Schlägertruppe keine Entglei- cher nicht daran gelegen ist, Kollegen aus Gefahr an die Wand gemalt werden. So wird
sungen einzelner Beamter darstellen, son- der eigenen Einheit zu belasten. durch einfache Umbenennung aus Men-
dern daß das Gewaltpotential dieser berufs- Uns ist außerdem nichts gelegen an me- schen, die die vom Staat vorgegebenen Re-
mäßigen Killer von den verantwortlichen dienwirksam aufgezogenen Verfahren ge- geln nicht mehr akzeptieren und sich in "au-
Schreibtischtätern Fenzl und Gauweiler be- gen die Handlanger, die die Drecksarbeit tonomen" sprich selbstbestimmten, Grup-
wußt eingesetzt wurde, um Schrecken (lat. verrichten. Wir wollen die Drahtzieher, die pen zusammenschließen zunächst "blind-
Terror) zu verbreiten und damit diejenigen Schreibtischtäter, die sich solche PrOgelein- wotige Gewalttäter''. die nichts anderes im
WAA-Gegner einzuschOchtern, die sich De- heiten heranbilden und sie gezielt einset- Sinn haben als Randale, dann das terroristi·
monstrationen nicht verbieten lassen wol- zen. sehe "Umfeld", und neuerdings handelt es
len. Insofern alles im Griff. Die GEWALT-NEIN-DANKE-Kampagne sich dabei im Polizeiwortschatz um "terrori·
Daß das Vorstorman des Berliner Trupps und die vermeintliche Gesprächsbereit- stische Kleingruppen". Man muß es nur oft
einer geplanten Strategie entsprang, war schaft der Polizei -- Die LOge von der Ver- genug sagen und schreiben lassen. So
nur unschwer zu erkennen: Zunächst kam bindung zwischen RAF und Anti-AKW- macht man aus politischen Gegnern Krimi·
der Köder: eine Gruppe von wenigen (ca. 50) Bewegung -- Die segensreichen Worte des nelle, gegen die dann auch in unserer "frei·
Bereitschaftspolizisten, die mitten in die Polizeipfarrers und die Berliner Totschläger: haltliehen Demokratie" jedes Mittel erlaubt
Menge der Demonstranten geschickt wer- Keine WidersprOche, sondern die verschie- ist. Und schlagt sie tot, die Hunde!
den. Da diese abgedrängt und vereinzelt mit denen Steiten ein- und derselben Medaille -
Lehmklumpen und Steinen beworfen wer- ein politisch-militärisches Konzept zur Auf·

us
den, hat man die Legitimation fOr das weite- standbekiimpfung.
re Vorgehen.
2. Akt: Unmittelbar darauf trennt ein gro-
Ber Trupp Bereilschaftspoll"'l die Demon-

la94sle"e" a
et ottetota\1
" Das Vo<gehen der Poim.l ist pianmOßig
Gewalt? NEIN DANKE! • oder DIE POLIZEI,
DEIN FREUND UND HELFER!
Um das durch das massive Eingreifen der
Polizei beeinträchtigte Ansehen in aller Öf·
und gehört in einen größeren politisch- fentlichkeit wieder aufzubessern, gibt es
strategischen Zusammenhang der Bekämp- seit Ostern dieses Jahres die Kampagne
strationsteilnehmer und bildet eine Gasse fung effektiven Widerstands, was von der Gewalt-Nein-Danke mit einer Unmenge von
zum Tor im WAA-Zaun. Dadurch können die Qualität durchaus vergleichbar ist mit aus .Aufklebern, Buttons, Plakaten, Flugblättern
gut gepolsterten aber dadurch relativ unbe- Vietnam oder Mittelamerika bekannten etc. Man hat fast den Eindruck, es handelt
weglichen Berliner ungehindert die Schräge counter-insurgency-Progrmmen. Diese Pro- sich bei diesem Verein nicht mehr um den
Betonwand am WAA-Zaun herunterrut- gramme arbeiten auf verschiedenen Ebe- bewaffneten Ausdruck der Staatsgewalt,
schen und sich formieren. Und schließlich nen: sondern um in Uniform gesteckte Friedens-
3. Akt: Auf zur ersten Demonstranten- tauben. Dabei wird immer die Neutralität
jagd, bei der bereits die Schwerverletzten Das Prinzip Teile und Herrsche: der Polizei betont, die nur fOr den rechtmä·
hinterlassen werden. EI pueblo unido jamas sera vencido - ein Bigen Ablauf des Widerstands zu sorgen ha-
Nach diesem ersten und brutalsten Ver- einiges Volk wird niemals besiegt. Deshalb be. Sie ertollt ja auch nur ihre Pflicht, sie
stoß konnte sich diese Einheit noch ganze 2 wird von staatlicher Seite seit langem ver- schOtzt das Eigentum der DWK und den un-
Stunden weiterhin austoben, ohne von der sucht, die Widerstandsbewegung gegen die gestörten Ablauf der Bauarbeiten, d.~ das
Einsatzleitung zurockgepfiffen zu werden. WAA (und nicht nur die!) in verschiedene Allgemeinwohl (sprich das des Staates) von
Schon in den Tagen zuvor hatte diese Ein- Kategorien aufzuteilen: Auf der einen Seite der Oberpfälzer Bevölkerung, die diese
heit Aufsehen erregt, was Fenzl lächelnd die "Guten", "Friedlichen", d.h. die, deren Wohltätigkeit nicht verstehen will.
mit "Mentalltätsunterschieden" zu ent- Protest im Rahmen des bestehenden Geset- Es wimmelt von "gewaltberelten Personen"
schuldigen versuchte. zes und Auflagen bleibt und die die beste- Im Zuge dieser Kampagne kommt dann
Fenzls AnkOndigung, die Staatsanwalt- henden gesellschaftlichen Verhältnisse ak- auch der Begriff der "gewalttätigen Perso-
schaft sei von der Polizei eingeschaltet wor- zeptieren, und .auf der anderen Seite die nen" auf, vor denen gewarnt wird. Auch die
den, um etwaige Übergriffe der Berliner Poli- "Bösen", "Gewalttäter", "Chaoten", die den Gerichte haben sich ihn schon zueigen ge-
zeieinheit zu untersuchen, ist ein billiger Kampf gegen die WAA angeblich nur benut- macht, erst jetzt wieder in der Verbotsbe-
Schachzug, um sich in der Öffentlichkeit zen, um diesen Staat zu zerstören. Diese grandung fOr die Demonstration zum Bau-
aus der Verantwortung zu stehlen. Wenn zweite Kategorie wird immer weiter ausge- zaun. Dieser Begriff hat nicht mehr mit ir-
man die Berliner Truppe als Buhmänner auf- dehnt, und mittlerweile fallen auch schon gendwelchen OberprOfbaren Tatsachen zu

51
Wackeradort

Augen-
zeugen
berichten

,,versuchter
Totschlag
durch die
Polizei((
EvaSträuBI Manchen, den 15.10.87
Agnesstr. 40
8000 MOnehen 40
An das
Amtsgericht Amberg
Paulinerplatz 4
8450 Amberg

tun, sondern es geht darum, jemanden eine sichtlich nicht unerwonscht ist) gehören zu Betreff: Strafanzeige gegen Unbekannt we-
bestimmte Gesinnung zu unterstellen. Um· diesem Repertoire der UnterdrOckung. gen vorsätzlicher schwerer Körperverlet-
so universeller ist der Begriff dann verwend· Massenfestnahrnen, wie jetzt wieder in zung, bzw. versuchten Totschlags
bar: Wer sich nicht vorsichtshalber von al· Wackersdorf, als sämtliche Versammlun·
gen der WAA-Gegner von der Polizei aufge- Sehr geehrte Damen und Herren,
Jen und jedem distanziert ist potentieller Ge-
walttäter. löst wurden, die vor 6 Jahren, bei der Verhaf· hiermit erstatte ich Strafanzeige gegen
Wenn dann mittels öffentlicher Kampag· tung von 140 Personen aus dem NOrnberger Unbekannt wegen vorsätzlicher schwerer
nen, Diffamierungen und der Verbreitung Kommunikationszentrum (KOMM), noch zu Körperverletzung, bzw. versuchten Tot·
der richtigen Ideologie der Boden vorberei· einem Aufschrei in der Öffentlichkeit fahr· schlages, von mir beobachtet am Baugelän·
tet Ist, dann kan man gegen die vorgehen, ten, sind heute alltäglich geworden, nicht de der Wiederaufbereitungsanlage in
die Immer noch nicht einsieht sind: Da hilft erst seit den Verboten der letzten belden Wackersdorf, am Samstag, den 10.10.87.
dann nur noch eins Bundeskonferenzen der Anti -AKW· Am Samstag, 10.10.87, nahm ich an der
Bewegung. Kundgebung gegen die Wiederaufberei·
Die KnOppeleinsätze bei der letzten De- tungsanlage auf dem Wackersdorf~r Volks·
EINSCHÜCHTERN, ANGST VERBREITEN, monstration waren das neuaste und bisher testplatz tell. Anschließend unternahm Ich
IN DEN KNAST STECKEN, ZUSAMMEN· brutalste Kapitel in dieser Entwicklung, wo einen Waldspaziergang zum Bauge.lände.
SCHLAGEN jedem klargemacht werden sollte, daß es in Vor dem Bauzaun, an der Ecke sOdllch des
Die massenhaften Gerichtsverfahern ge- Zukunft lebensgefährlich sein kann auf ver- "rotes Kreuzes" angelangt, traf ich auf eine
gen WAA-Gegner, z.T. mit langen Haftstra· botene Demonstrationen zu gehen. Und ver- größere Anzahl von Anwesenden, wobei ei·
fen, die Kampfgaselnsätze am Wackersdor- boten sind sie zum Wackersdorfer Bauzaun ne ständige Bewegung von Kommen und
fer Bauzaun, die Aufrastung der Potzizei mit alle, seit mehr als einem Jahr. Wer weiß, Gehen unter den Zaunbesuchern war. Einl·
Gummlgeschossen, die schwerste Verlet· was sie mit denen anstellen, die trotzdem ge wenige (Anzahl unter 10) standen direkt
zungen hervorrufen können (was ja offen- nicht zuhause bleiben. • am Zaun. Im Wald aufgelesene HolzstOck·

52
Wackersdorf

chen flogen gegen und nicht Ober den Zaun.


Eine Bierflache zerschellte Im Betongraben.
Weder auf dem Vorfeld noch hinter dem
Zaun sah ich Pollzeibeamte.
Weitere Ausschreitungen konnte ich
nicht beobachten, während ich umher-
schlenderte.
Plötzlich stormte, aus dem Baugelände
kommend, durch die Zauntor ein Trupp Poli-
zisten und jagte auf die Anwesenden zu, die
durch den Überraschungscoup in Panik da-
vonrannten.

nis:Dabei beobachtete Ich folgendes Ereig-


Ein junger Mann (gelockte, dunkle Haare,
ca. 1,80 m groß, brauner Pullover, etwas Ro-
tes - ein Schal?, eine Motze?, ein wegen der
unerwarteten Hitze umgebundener Anorak?-
) stolperte, storzte und sofort schlug der
nachfolgende Polizist mit seinem Holzknop.
pel mit wuchtigen Schlägen auf den wehrlo-
sen am Boden Liegenden ein.
Ich stand erhöht auf einer schmalen
Sandböschrmg und konnte von dort aus
nächster Nähe (ca. 3 m) sehen, daß der jun-
ge Mann inzwischen von mindestens 4 Poli-
zisten umringt war, (alle trugen Helme und
Ledergamaschen), die wahllos mit ihren
HolzknOppein auf Ihn einschlugen und mit
ihren Lederstiefeln eintraten. Aus der ein-
deutig nach unten gerichteten Schlaghal-
tung war zu erkennen, daß der junge Mann
immer noch am Boden lag.
For einen kurzen Moment gewährte der
Polizeikordon um den jungen Mann Einblick
in das Innere des Kreises. Er lag gekrommt
auf der Seite, während ein Polizist mit wuch-
tigem Ausholen seines Lederstiefels in sei-
ne ROckenpartie trat. Die anderen schlugen
unverdrossen weiter.
Während dieses entsetzlichen Vorgangs
gab der junge Mann keinen Laut von sich.
Auch bereits beim ersten Einschlagen,
gleich nach seinem Sturz, war er stumm ge.
blieben.
Drei - vier Anwesende, darunter ein älterer
Herr, versuchten sich mit teilweise erhobe-
nen Armen zu nähern. Die Polizisten ließen
jedoch nicht von Ihrem Tun ab.
Der ganze Vorfall dauerte meiner Schät-
zung nach ca. 5 Minuten. Der junge Mann
wurde dann von 2 Polizisten an den Armen
untergegriffen Ober den BOden wegge-
schleift, Während der Rest der Polizisten
versuchte, mit ihren Körpern jeden Einblick
abzuschirmen.
Immer wieder stormten Polizeieinheiten
in ähnlicher Weise in die Menge vor, die of-
fensichtlich bereit war, sich zurOckzuzie-
hen.
Andere Polizeieinheiten beobachtete Ich
wartend Im angrenzenden Waldstock und
auf einer zurOckliegenden Lichtung.
Ich bitte, das Verhalten der Polizisten,
Insbesondere das ihres Einsatzleiters zu
Oberproten und mich Ober den Fortgang der
Ermittlungen zu informieren.
Mit freundlichen Gruß
Eva Strliu8/

Abdrucke dieses Briefes wurden an das


Landratsamt Schwandort und die Frakflo.
nen der. SPO und der GRONEN Im Bayrf.
sehen Landtag zur Kenntnisnahme weiter-
geleitet.
Wackersdorf

22jährige D.: Sie habe ihm zwischen die Bei-

Augenzeugen
ne getreten - wohlgemerkt: eine schon tech-
nische Unmöglichkeit - D. saß am Fenster-
platz des Busses, neben ihr eine andere
Festgenommene - und der Polizist befand
Augenzeugen
berichten sich im Mittelgang. Man bedeutet D.
schließlich, daß die Anzeige gegen sie so-
fort zurückgenommen wird, falls sie auf-
grund der Verletzungen im Gesicht ihrer-
berichten
seits keine Anzeige erst~tte. Die Schlüssel-
besitzerin erhält eine Anzeige wegen ver-
suchter Sachbeschädigung: Sie hätte mit
dem zondschiOssel versucht, die Sitze auf-
zuschlitzen und so den Polizisten zu seinem
Vorgehen veranlaßt
10.30
Von einer,
Protokoll Männer und Frauen werden innerhalb der
einzelnen Busse sortiert. Der Bus mit 25
Frauen und acht Männern fährt zur Bundes-
grenzschutzkaserne in Naburg. Die acht
die auszog,
einer Männer werden dort einzeln abgeführt.
12.00
Ankunft des Busses im Hof des Polizei- in Wackers-
Festnahme
präsidiums Regensburg.
14.00
Nach zwei weiteren Stunden im Bus er-
folgt eine Vorführung zur Personalienfest-
stellung. Wieder wird die Auskunft Ober die
dorl zu
1.00 nachts
9.10.1987

Ankunft in Schwandorf-Kronstetten.
Begründung unserer Festnahme verweigert.
Die Rechtsmittelbelehrung wird verlesen
und protokolliert: Es ist uns gestattet, eine
demonstrieren
Übernachtungsmöglichkeit in Scheune, Person unseres Vertrauen anzurufen. Aber:
Tannenstr. der nicht protokollierte Nachsatz hinterher: UteS·
es seien keine Amtsleitungen frei. Von 25 BI gegen Atomanlagen
5.00 früh Frauen schaffen es nur drei, telefonieren zu BUND-AG gegen Atomanlagen
Allgemeines Wecken können. Die GrOnen
5.30 ab 16.00
Während des FrOhstOcks umstellen rund Kellerverlies des Polizeipräsidiums Re- Gefoltert in Wackeradort
40 Polizisten den Bauernhof, holen die Men- gensburg. Nach zehneinhalb Stunden in der
schen aus Häusern und Scheune und drän- Als Vertreter der BI gegen Atomanlagen
Gewalt der Polizei gibt es das erste Mal et- und Mitglied der AG gegen Atomanlagen im
gen sie auf dem Hof zusammen was zu essen und heißen Tee. BUND (Bund for Umwelt- und Naturschutz
6.15 Deuschland e.V.) Landkreis Harburg bei
ab 19.00
Alle Personen bis auf die Bäuerin werden Harnburg reiste ich zu dritt mit PKW am
Vorführung beim Amtsrichter: Aufgrund
nach Paragraph 16 PAG festgenommen -die Donnerstag, den 8.10.1987, 10 Stunden
des Fundes von Molotowcocktails und Stör-
Begründung wurde später mitgeteilt. Einer nach Wackersdorf.
sendern auf dem Bauernhof hält er den Poli-
nach dem anderen der 91 Personen wird mit Unterkunft bekamen wir bei Dr.med. An-
zeigewahrsam bis zum nächsten Tag 18 Uhr
hocherhobenen Händen abgeführt und
for gerechtfertigt. Dr.med. An ist einer der mutig·
durchsucht. Erste Übergriffe der Polizei.
Meinen Hinweis darauf, daß ich mich als sten Ärzte bei der Versorgung der Opfer von
8.00 Journalistin im Rahmen der Berichterstat- CS- und CN-Gaseinsätzen und Knüppelat-
Höfliche und später inständige Bitten auf tung auf dem Bauernhof aufgehalten habe, tacken durch Polizeieinheiten auf Demon·
Toilette bzw. in Polizeibegleitung in die SO- inter~ssiert ihn auch nach Vorlage des Pres- strationen und friedliche Bürger. Er riskiert
sehe gehen zu dürfen, werden nur mit Hohn- seausweises nicht. Er habe noch nie einen sein Oberparteiliches Leben.
gelächter beantwortet. Presseausweis gesehen. Wir kamen ins Gespräch mit Oberpfälzer
8.30 Der Fund der Molotowcocktails wird sich Bürgern, die sehr gastfreundlich sind. Sie
ln zwei Bussen geht es zur JVA Amberg. später als Fund von Ölkanistern der Bäuerin bedankten sich spontan dafür, daß wir als
Dort keine Aufnahme, deshalb nach länge- herausstellen, der Störsender entpuppte Delegation an legalen und legitimen Akfio·
rer Wartezeit zum Polizeipräsidium Amberg. sich als das elektronische Fernabfragege- nen teilnehmen wollten und extra aus dem
rät meines Anrufbeantworters, also ein Norden so weit angereist waren. Wir wur-
9.30
"Piepser". den eingeladen, mit nach Wackersdorf zu
Die Busse stehen Ober anderthalb Stun-
den im Hof des Polizeipräsidiums. Die Über- 21.00 kommen, da fände ein Plenum der Delegier·
griffe häufen sich: Im fast nur mit Frauen Überführung in die Justizvollzugsanstalt ten aüs den Trägerkreisen fOr die Herbstak-
besetzten Bus wird einer Frau von einem Regensburg, wieder trotz wiederholter Bit- tionen und ein Straßenfest statt. Gäste sei·
Polizisten jäh ein ZondschiOssel aus der ten keine Telefonate möglich. en.willkommen!
Hand gerissen und zum Bus herausgewor- ln Wackersdorf wanderten wir mit älteren
Zweiter Tag, Samstag Einheimischen zu einer uns bekannten
fen. Als die Umsitzenden lautstark prote-
stieren, holt der betreffende Polizist aus 10.10 Gaststätte (Schwimmbad-Cafe).
und schlägt der 22jährigen D. mit solcher Das Landgericht Amberg hält den Sicher- Am Eingang stand mit Ordnerbinde Frau
Gewalt die Faust ins Gesicht, daß innen heitsgewahrsam nicht for rechtmäßig. Wir Erna Wellnhöfer, die auf uns bekannten In-
und außen alles blutet. bleiben weiter in Haft. fos als verantwortlich zeichnete. Es gab fOr
Auch auf wiederholte Aufforderung wei- Erst gegen 20.00 Uhr stehen alle 25 Frau· uns keinen Anlaß, anzunehmen, daß wir et-
gert sich der Polizist seine Dienstnummer en vor der JVA Regensburg: entlassen. wa einen falschen Ort aufgesucht hätten.
oder Namen mitzuteilen. Später wird dieser Ebenso werden dieMänneraus der JVA Frau Wellnhöfer empfing uns auch entspre-
Polizist Anzeige erstatten gegen die Amberg entlassen. chend korrekt und freundlich. Ebenso er-

54
Wackeradort

ging es uns danach im Saal, eine Gruppe zellloh untersuchen lassen, es bestonde der weil Gefahr Im Verzuge sei. Oie Holländer
hoiiAndlscher Gäste wurde gleichfalls Ins Verdacht, daß von diesem Plenum strafbare Im gebrochenen Deutsch und Ich versuch-
Plenum aufgenommen. Sie waren mit Rä- Handlungen ausgingen. ten, klarzumachen, daß wir Gäste des Hau-
dern angekommen und wollten wie wir ver- Das Plenum beschloß nun, der Aufforde- ses seien, und ich sagte auch, daß Ich zu
schnaufen und sich informieren. Wir hatten rung Folge zu leisten und stellte sich regel- meinem Mann in die Gaststube wolle. Der
nach der langen Reise natOrllch Hunger und recht brav Im Flur auf, eine lange Schlange Wirt kam und bestätigte, daß wir Ihm als
Durst bildete sich. Gäste recht seien.
Auf dem Plenum ging es um die Organi- Es sollte auch dafor gesorgt werden, daß ln Sekundensohneile jedoch wurde zu mir
sation des nächsten Tages und zwar: der Gastwirt keinen Schaden erlitte. gesagt, das Interessiere sie nicht, Ich sollte
Da wir, "drei Kieler" und die Holländer, sofort aufh6ren zu quatschen (Originalton).
1. um ein gemeinsames FrohstOck der nicht zum Plenum gehörten, blieben wir im Der weibliche Polizeimensch griff mich kräf·
Delegierten bei gutem Wetter Im Freien, Saal, räumten diesen gemeinsam vorbild· tlg am Handgelenk. SO gingen wir los.
2. um eine unter Auflagen genehmigte lieh auf und bestellten Getränke und Käse- Dann sah ich auf dem Flur ln Höhe der
Treckerdemonstration • Auflage z.B.: den brot. Theke meinen Mann stehen. Er Ist ein uno-
ZweitschiOssel fOr den Traktor bei der Poli- Meine belden Begleiter • Herr Ab , Ober bersehbarer groBer korpulenter bOrgerHoher
zei vorher abzugegeben·, 70 Jahre, und mein Mann, hier Ratsherrr der Mann. loh rief laut: " Ich will mit meinem
Gronen, Ober 50 Jahre· begaben sich zu den Mann sprechen, da steht er, er ist
3. um eine Prozession, besonders von
Gästen in der Gaststube. Dieser Raum Ist Ratsherr!" Als loh das sagte, wurde ich von
MOtter- und Klrohengruppen, am Freitaga-
nur durch einen Spaliergitterteil vom Flur hinten wie von einem Roboter durch einen
bend in Schwandort
separiert, einschließlich Theke, so daß jeder männlichen bewaffneten Polizisten angefal-
Jeder war bereit, unter Beachtung derbe-
hördlichen Auflagen Verantwortung zu tra- jeden sehen konnte. len, der Politesse entrissen, mein rechter
Oie Polizeiaktion dehnte sich nun Ober Arm wurde mir auf den Rocken gedreht, el·
gen • Ich ganz besonders, weilloh von Beruf
S!unden aus. Gleich am Anfang, das hatten ne Hand griff mir brutal in die Haare und
Lehrerin bin. Es gehört zu meinem Dienst-
wir noch sehen können, war ein ca. 8 m ho- zerrte mich nach hinten runter.
feld, Kinder und junge Leute zu schOtzen
her Scheinwerfermast aufgebaut worden. Ich hatte keinerlei Widerstand
und zu betreuen. Das ist dem sehr ähnlich,
was auch ein Arzt zeitlebens tun sollte, na-
Dieser hatte mindestens 6 große Lampen. geleistet!II
Haus, Mauer und Vorplatz wurden gleißend Ich bin 52 Jahre, nicht sehr kräftig und
tOrlloh in weit größerem Umfang.
grell angestrahlt Vor den Fenstern des wenig elastisch. Außerdem Ist meine rechte
Plötzlich hieß es (das Plenum war schon
Gasthofes standen Behelmte. Es haben Seite sowieso lädiert durch eine groBe Ope-
fast zu Ende), stark bewaffnete Polizeikräfte
Leute, die herausgucken wollten, eins auf rationsnarbe durch Gewebsentfernung und
nahten, das Plenum sei aufgelöst Oie. Ple-
den Kopf mit dem Schlagstock bekommen. Venenriß nach einer BrustdrOsenoperation.
numsteilnehmer (wir nicht) wollten sofort
Gegen Mitternacht erschienen dann Poil- Ich habe auch 1973 eine Fraktur nach Sturz
gehen, kamen aber gleich wieder zurOck in
zisten, die sahen aus wie Mondmensohen, am Oberarm gehabt, so daß meine ganze
den Saal, weil das ganze Haus schon völlig
verpackt in kniehohe ledergamasohen, Hel- schlimme Seite höllisch schmerzte. Gehen
eingekesselt umstellt war.
me, Knoppe!, fOrchterlioh. konnte Ich auch kaum, das KörpergefOhl da·
Es entstand Unruhe und Angst, wir Ver- Eine weibliche schwer uniformierte Gru- fOr war weg?
antwortlichen mOhten uns um Ordnung. Es selgestalt war auch dabei. Jetzt weiß ich, daß so AbgefOhrte schnell
gelang, höchste Disziplin steilte sich ein! Wenn man das zum ersten Mal erlebt, ver- stolpern, und ich mußte draußen als erstes
SohlleBlieh hieß es, alle Anwesenden gißt man alles. Wir wurden dann barsch auf· gleich sehen, wie ein Mann, auf meine Art
mOSten einzeln nach draußen und sich poll· gefordert, mit nach draußen zu kommen, abgefOhrt, d.h., noch barbarischer, storzte

55
Wackersdorf

und der Polizeiunmensch erst auf ihn ein- noch haben wollt, oder? Beide waren auffal- waren so gut wie weg. Jetzt obwalteten
trat, ihn danach hinter einen Mannschafts- lend betroffen und traten spOrbar diskret zu- Gronbemotzte, die im allgemeinen recht
wagen zog, und dort begann der Mann grau- ruck, weil sie wohl an meinem Körper gese- sauber sind. Ich landete bei einem großen
envoll zu schreien. Anschließend wurde er· hen hatte - an Ergrauung und operierter grauhaarigen Bediensteten mit Funkgerät.
Arm zurOck, Haare runter • weggeschleift. Brust • daß ich nicht mehr die jOngste war. Der junge Wachmann setzte sich fOr mich
Mir entriB inan draußen, wieder ein ande- Wieder draußen - war der Polizist mit mei- ein, aber der andere war sehr totelig nervös,
rer Behelmter, die Umhängetasche, ich riß nem Mantel und der Tasche weg! Echt er- hieß mich an den Zaun stehen und ordnete
sie mir aber ebenso schnell zurock und sag- schrocken sagte die behelmte Politesse: mir wieder eine andere Bewachung zu. Mein
te stark laut, ich könne Ausweis und Ta- "Nanu, wo ist denn m,m Ihr Mantel?" Wir junger "Freund" berOhrte mich noch sanft
scheninhalt allein vorzeigen und schattete fanden beides unter einem Busch liegen. am Arm und sagte: "Mehr kann ich nicht for
diesen auf die Erde. Ein Bild meiner Mutter Als ich mich wieder angezogen hatte, Sie tun."
war auch dabei. Ich weinte und sagte: "Das sagte die Politesse verhältnismäßig nett: Langsam wußte ich nicht mehr, um wen
ist meine Mutter!" "So, Sie können jetzt zu Ihrem Mann in die oder was ich nun zuerst heulen sollte.
Nun wurden Ausweis, Geldbörse und der Gaststätte gehen." Wieder die Geschichte von "von zu mei-
Krimskrams kontrolliert. Ich kniete vor Froh, daß nun alles vorbei war, ging ich nem Mann!!" "Dein Mann bezahlt nur seine
Schmerz und Schwäche auf dem Boden. zum Eingang der Gaststätte. Weit gefehlt. Zeche und kommt gleich raus. Bleib am
Dann: "Los, beeil dich, pack deine Sa- Dort standen wieder neue Behelmte und lie- Zaun stehen!"
chen ein." Als ich endlich, mir war schwind- ßen mich nicht durch. Es hieß: "Du kommst Plötzlich ging meine Wache einfach weg,
lig, einigermaßen dastand, sah ich, schein- nochmal mit; Ausweis her!" ja. Ich hing nun allein am Zaun, meine Brust
werferangestrahlt, viele Leute mit Hllnden Während ich neben dem Behelmten mit- und Achselhöhle brannten vor Schmerz.
hoch an der Wand stehen. Das sieht taumelte, blätterte er im Gehen in meinem Da rief auf einmal von weiten der nervöse
schlimm aus! Reisepaß und konnte sich gar nicht sattse- seltsame Polizeimensch: "Was stehen Sie
Die Politese forderte mich auf, das auch hen an den Ein- und Ausreisestempeln in denn immer noch am Zaun, ist Ihr Mann
zu tun, sie mosse mich abtasten und mir die Deutsche Demokratische Republik. Er noch nicht draußen?"
zwischen die Beine fassen. Der Ton der herrschte mich an: "Sie haben also Ver- "Weiß ich nicht, mir geht's schlecht, ich
Frau hatte sich gebessert. Trotzdem verlor wandte in der DDR?" Antwort: "Ja, meine friere, ich möchte rein und mal nachgucken,
ich nun die Fassung, fing an zu weinen, sag- Mutter und meine Geschwister." Reaktion wo er ist..." Er: "Das geht nicht, Sie können
te was von Krieg, erschießen, KZ, Scham - des Polizisten: "So, so." nur bis zur Tor." Erneut rief er eine "Bewa-
und - daß ich das nicht tllte! Ich sagte das Vor dem Auto, hinter dem zu Beginn die chung".
unter dem Risiko, nun geschlagen zu wer- entsetzlichen Schreie zu hören waren, sollte Da erschien fast wie ein groner Engel die
den von den herumwatenden Polizeimän- gerade ein nicht mehr junger Mann abge- stille unbemotzte Politesse mit schönen
nern, die auch ständig wechselten. fOhrt werden, weil er sich gewehrt habe. Er braunen Haaren. Sie ließ mich sogar hinter
Vor der behelmten Frau hatte ich nicht betonte vergeblich seine Friedfertigkeit und der TOr innen an der Wand stehen, d.h., ich
mehr so viel Angst. Ich habe gelernt, daß daß es Schmerzen hätte, weil er von einem hing da, sie stand kerzengerade. Keiner sag-
der wichtigste Mensch der ist, der vor einem Polizisten zwischen die Beine getreten wor- te mehr was.
steht. Ich kann schnell ROhrung empfinden. den sei. Er wurde verhöhnt, er solle das erst- Auf einmal schaute nochmal ein Behelm-
An diesem Punkt ging es mir auch nicht mal beweisen und Schnauze (Polizeikom- ter um die Ecke, guckte mich an, ob es mir
mehr um mich, sondern um all die vielen mentar). nicht gut ginge. Sie hätten einen Sanitäter,
und vor allem jungen Leute, die ihr Leben Sowas wie: "Schnauze, sonst mache ich ich sollte mitkommen. "Nochmals raus?"
erst beginnen, die um'ihre und ihrer Kinder Wartelzucker aus dir", wurde z.B. auch zu ei- Ich war am Ende. Da kam mein Mann und
Zukunft gegen den atomaren Holocaust al- nem sehr alten Mann gesagt, wie dieser und rief "Notarzt!!"
ler Orten eintreten und vfJIIig entwOrdlgt und seine Frau berichteten. Die Frau weinte. Ich Nun gab es noch ein kurzes Debakel,
kfJrperlich wie seelisch gefoltert werden! habe die Tage viele, viele Oberpfälzer wei- dann hieß es: "Die Aktion ist beendet, Sie
Herr BIOm soll sich einmal diese Folter! nen gesehen! können sich frei bewegen!"
in der Bundesrepublik Deutschland an- Andere können auch deftig schimpfen Ich torkelte auf eine Bank, die Gastwirtin
schauen!!! und sprachen von "Bruderkrieg quer durch weinte und streichelte mich, ein Arzt fOhlte
Betroffenheit entstand. Man konnte er- die Dörfer wegen der WAA." den Puls, und auch Dr. An · ·' . , bei dem
kennen, daß von dem Polizeichaos da drau- Mir nahm man an dem Horrorauto noch- wir nächtigen wollten, erschien und stellte
ßen ständig einer vom anderen nicht zu wis- mals den Auweis ab, hieß mich meine Daten Schock fest.
sen schien, was Sache war und Aktionen zusätzlich mondlieh sagen, und bOromäßig Zu Hause untersuchte er mich, blaue
einfach willkOrlieh abliefen. konnte ich rosa Listen erkennen, in die Ein- Flecke, Schwellungen, Zerrungen. Ich nahm
Das beweist mein weiterer Bericht. Die tragungen gemacht wurden. Korodin, bekam Salbe, sofort ins Bett.
Marter ist noch nicht zu Ende! Im Hintergrund hockten wie Geister - lei- Abschließend möchte ich noch sagen,
Ich sagte verzweifelt, ich wäre bereit, mit chenblaß, stumm, krumm - junge Leute und daß wir auch am Freitagabend bei einer Pro-
der Politesse ins Klo zu gehen und mich starrten in die Gegend. zession in Schwandorf Berliner SEK,
dort auszuziehen, das mosse man ja vor ei- "Schaff sie weg", sagte einer. Ich war ge- ·Polizei-Schlägertrupps mit einem Aussehen
nem Arzt auch turi. Der stellt einen auch meint. Ich wollte nun naturlieh zu meinem wie Rugby.Spieler mit Kinnschutz und hel-
nicht an die Wand, Mann. Das durfte ich wieder nicht! Ein fast len KnOppein aufmarschieren sahen.
Wir standen jetzt alle da wie verrockt, kindlich aussehender junger Bereitschafts- Sie sollen auf dem Marktplatz Leute ge-
dann meinte ein Behelmter: "Na, los • gebt polizist Qder so, ich kenne mich Oberhaupt schlagen haben.
ihr noch eine mit und ab!" Ich mußte wieder nicht aus in den Funktionen, wurde mir zur Wir flohen sofort.
einem anderen Behelmten meinen Mantel Begleitung zugeteilt. Bei der Großkundgebung am Samstag
und meine Tasche hinterlassen. Der fOhrte mich entgegengesetzt weg waren wir ganz hinten vor Angst, mußten
So ging ich frierend mit einer stillen ein- und wollte mich in die Dunkelheit entlassen. dennoch einen Hubschrauberangriff von
fach uniformierten Polizeikraft, weiblich, Das rief bei mir einen neuen Schlag her- mehreren Hubschraubern Ober uns ergehen
ohne Kopfbedeckung und der Ungestam- vor, denn ich hatte gehört, daß Leute in der lassen. Einer kam ganz tief herunter, da·
frau ins Klo. Dunkelheit sofort in Handschellen gelegt nach war die Umgebung rätselhaft feinver-
Ich mußte meine Oberbekleidung insge· und verhaftet wurden. Außerdem kannte ich staubt und getrabt. Ich hatte Brennen auf
samt halb Ober Kopf hochheben, dann die die Gegend nicht. der Zunge, mußte niesen und bekam Atem-
Unterbekleidung nach unten. Mein Po wur- Ich jammerte los. Das tat meinem jungen not.
de betont beguckt. Dann noch die Stiefel Begleiter leid. Er sagte: "Wir kehren noch- Wir mußten uns am Waldrand sitzend er-
aus und durchsucht. mal um, vielleicht kann ich etwas fOr Sie holen, auch mein starker Mann.
Ich weinte wieder und sagte, ich könnte tun." Später sausten etliche Krankenwagen
eure Mutter sein und halte das hier auch nur Die Szene hatte sich vor Ort geändert. Die herum, und wir erfuhren von weiteren Ge-
aus, um eurer Kinder Zukunft, die ihr doch ganz schlimmen Berliner oder Wiesbadener walttaten durch die Polizei!!! •

56
Wackeradort

Zum Verlauf der Aktionstage


Aus der Kundgebungsrede der BIWAK
brelts Im letzten Jahr fanden hier ln der gung hlerfOr Ist lediglich, daß die aktlonen llzel so massiv gegen die angeblichen ge-
oberpfalz blockadetage gegen die waa konstruktiv, vermittelbar und nicht gegen walttäter aus dem schwarzen block hetzt:
statt. ln den darauf folgenden dlskusslonen die bevOikerung gerichtet sind. daher erklärt weil nämlich alle wissen, daß die tatsächll·
wurden zwei punkte als besonders wichtig steh auch das wette spektrum der aktlonen, ehe gewalt nicht von uns, sondern vom
erkannt: die ln den letzten tagen stattgefunden ha· staat ausgeht und z.b. durch pollzei und Ju-
erstens sollten demonstratlonen nur ben: stiz ausgeObt wird. und das mossen sie na-
durchgefOhrt werden, wenn sie groß genug - ln nOrnberg startete der erste atommOII- torllch so gut es eben geht kaschieren.
sind, um Ihren tellnehmerinnen wirksamen transport mit der bahn nach schwandorf, - von burglengenfeld nach taublitz wurde
schutz zu bieten; dies zeigten v.a. die belden wo dem bahnhofsvorsteher eine resolutlon ein trauermarsch mit fackeln zur beleuch-
eingekesselten demos in Schwandorf und Obergeben wurde. der atommatt wurde dann tung der zusammenhänge zwischen dem
burglengenfeld. der zweite punkt war, daß von ca. 1000 manschen zum schwandorfer bau der waa und der schlleßung der max-
das konzept der blockadetage durchaus marktplatz begleitet und Im rathaus zwl· hOtte veranstaltet; daran nahmen ca. 600
richtig war, viele dezentrale aktlonen ln ei- schengetagert. manschen teil.
nem gemeinsamen rahmen durchzufahren. • das wlderstandsfrOhstock, zu dem am
allerdings zeigte sich, daß es umfassender - vom atomwaffenlagerfeucht startete el·
ne fahrradstaffelte zur plutonlumfabrlk in freitagmorgen nach heselbach eingeladen
angelegt werden sollte, sowohl räumlich als wurde, war eindeutig von der pollzel domi-
auch Inhaltlich. wackersdorf.
niert. zu beginn waren rel. wenig Ieute da
daraus entstanden nun die diesjährigen • in schwandorf und regensburg fanden und die wurden von den bullen regelrecht
akttonstage gegen die waa. sie heißen nicht aktlonen zur radioaktiven belastung von vorgefOhrt. später wurden verpflegung und
mehr akttonstage, weil wir damit zeigen naab und donau durch das abwasser der heiße getränkevon den einheimischen waa-
wollen, daß wir uns nicht auf bestimmte ar- waa statt. gegner/lnnen gebracht, ein frOhllches, ge-
ten des wldersta.nds beschränken und auch • ebenfalls in regensburg, vor dem pollzel· meinsames frOhstock war doch noch mog.
keine akttonsformen ausschließen. bedln- präsldium, wurde dargestellt, warum die po- lieh. erst als die traktordemo von alten-

57
Weckersdorf

schwand heselbach erreichte, war es mög·


lieh die B 85 bis 12 uhrmittags unpassierbar
zu machen.
• nachmittags fand am schwandorfer
marktplatz ein fest der trauen gegen die
waa statt, die gute stimmung wurde dann
... und zu111 Schluß:
die ebenso lange (111uD sein)
allerdings abrupt durch den zweiten einsatz
der berliner Spezialbullen (nach regensburg)
beendet.
ebenfalls am marktplatz begann die stör·
fallprozession druch Schwandorf mit ca.
1000 teilnehmer/innen. nachdem kurzzeitig
die kreuzung zwischen marktplatz und
naabbrocke blockiert worden war, wurde
wie natürlich höchst schlaue
wiederum von den berlinern aufgelöst und
der platz besetzt.
es fanden außerdem natürlich noch viele
EINSCHITZUNG
andere aktionen statt, Ober die alle hier gar
nicht berichtet werden kann.
trotz dieser vielfall an aktionen bleibt Die folgende Einschätzung beruht auf Diskussionen Im Münchner Anti·
doch auch dieses jahr einiges zu kritisieren. Atom-Plenum sowie auf einer i.ntemen Diskussion Innerhalb der
wir haben viele und teilweise schwerwie· Vertreter/Innen von sechs der im Trägerkreis vertretenen Gruppierungen
gende fehler gemacht. während der vorbe- nach dem letzten Trägerkrelstreffen. Anwesend waren außer uns noch
reitungszeit beschäftigte sich der träger· Leute von Biwak Regensburg, BI Nümberg, AK Frankfurt, Robin Wood und
kreis in erster Iinie mit internen problemen.
es wurden monatelang die differenzen zwi·
BI Schwandorf.
sehen den verschiedenen mitgliedern disku·
Die Einschätzungen wichen in einzelnen Punkten von der hier geäußer·
tiert, an statt tatsächlich vorarbeit fOr die ak· ten Meinung ab, aber wir meinen, daß die wesentlichen Punkte wiederge·
tionstage zu leisten. die energie, die in diese geben sind.
auseinandersetzungen floß, fehlte letztend· Diese Einschätzung hat vorläufigen Charakter, versteht sich als Diskus·
lieh bei der konkreten Vorbereitung der ak· sionsansatz in der zu führenden Nachbereitung, von deren Verlauf es ab·
tionstage. die folgen hiervon zeigten sich hängt, wie die Bestimmung der nächsten Aktionen aussieht. Erst nach um·
während der letzten beiden tage deutlich: fassender Bestandsaufnahme und kritischer Analyse können gemeinsam
• es gab wie im letzten jahr Oberhaupt kei· Perspektiven und/mit Handlungsansätzen entwickelt werden.
ne Infrastruktur, die kommunikationsgrup- Anti-Atom Plenum MOnehen
pe war eigentlich Oberhaupt nicht existent.
• es gab wenige aktionen, an denen sich
die z.t. von weither angereisten freundinneo Beim letzten Trägerkreistreffen in tisieren und soweit es uns möglich ist, zu
und freunde tatsächlich beteiligen konnten, Schwandorf, das insgesamt recht harmo- analysieren. Eine chronologische Aufarbei-
ohne einfach hinterherzulaufen. nisch verlief, kamen bei der Bewertung der tung folgt.
• wir waren nicht in der Iage, die Aktionstage unterschiedliche Positionen Sechs Wochen vor Beginn der Aktionsta-
teilnehmerlinnen an den aktionstage gegen aus den verschiedenen Bewegungen zuta· ge wurde der nervenaufreibende Streit mit
die polizei zu schützen. zwei plenen, am ge. der Friedensbewegung mit zufriedenstellen·
mittwoch und donnerstag in wackersdorf Die Vertreterlinnen der Friedensbewe· dem Ergebnis ausgefochten, auch hierbei
wurden von der polizei ohne schwierigkei· gung sahen die Aktionstage • aus ihrer Sicht gab es krillkable Punkte. Wir glauben aber,
ten aufgemischt und abgeräumt. eine unter- der Demonstration • als vollen Erfolg an. daß wir aufgrund unserer relativen Schwä·
kuoft in kronstetten wurde ebenfalls kom- BOndnisbreite, Kundgebungs- und Demon- ehe nicht zu mehr in der Lage waren, und
plett abgeräumt und die Ieute sitzen jetzt strationsverlauf, deren Durchsatzung zum das Bündnis so eingegangen sind, wie es hi·
z.t. in vorbeugehaft. Zaun durch die Ober 30000 Menschen und storisch zu diesem Zeitpunkt möglich war.
dieseversäumnissespiegeln sich auch in die Medienwirksamkeit der Herbstaktionen ln den ganzen Fetzereien, in denen auch
den feststellungen des ermittlungsaus- begründeten ihre Einschätzung. Von ihnen mal die Grenze des Erträglichen Oberschrit·
schuß' wieder: wurde. nicht ignoriert, daß während der De- ten wurde, ging allerdings viele Energie ver·
bis heute morgen wurden ca. 180 festnah· mo Fehler unsererseits gemacht wurden, zu Ioren, die notwendig gewesen wäre, um die
men beim ea gemeldet, davon die meisten den Aktionstage hatten sie wenig zu sagen, Aktionstage inhaltlich und organisatorisch
nach pag, als vorbeugende maßnahmen. blieben aber solidarisch und hielten sich an vorzubereiten (Außenwirkung). Obwohl wir
es gibt hier keine konkreten zahlen, da die Bondnisabsprachen, was positiv zu be· immer bemüht und auch in der Lage waren,
sich noch immer viele Ieute beim ea weder werten ist. unsere Grundpositionen zu wahren, gelang
an- noch abmelden•. ein solches verhalten es uns nicht, Teile des radikalen,
erschwert die arbeit des ea unheimlich. zi· Wir waren bei der Beurteilung der Akti· unabhängigen/militanten Spektrums der
tat: "es gibt fast nichts beschisseneres, als onstage vorsichtiger, wenn nicht gar skep· Anti·AKW·Bewegung und der Autonomen
nach ewigem rumtelefonieren und anwälte tisch • ohne die Bedeutung der Aktionstage zum Mitmachen zu bewegen. Schlichte Des-
loshetzen festzustellen, daß die Ieute sowie· fOr die Oberpfälzer zerreden zu wollen, die informationspolitik bestimmter Kreise tat
so schon lang wieder frei sind." nach einem Jahr relativer Ruhe wieder ein Obriges.
es gab in den letzten vier tagen sieben ROckendeckung und Auftrieb bekamen, und Ailes miteinader führte dazu, daß bei den
razzien, alle nach dem pag (polizeiaufga· ohne zu verkennen, daß die Aktionstage den Vorbereitungen zu den Aktionstagen zu we·
bengesetz, s.o.), ohne richterlichen be- Widerstand gegen die WAA wieder in Köp- nig Leute aus verschiedenen Städten mit
schluß. bis heute, 18 uhr werden minde- fen und Herzen vieler Gegnerlinnen des konkreten Handlungsansätzen zusammen-
stens 40 Ieute in Sicherheitsgewahrsam Atomprogramms verankerten. fanden, obwohl die zahlenmäßige Beteili·
festgehalten. davon sitzen 25 trauen im re- Ehe wir uns allerdings zu perspektivischen gung eher gut war.
gensburger knast, zwei von ihnen sind ver· Vorschlägen äußern, glauben wir, um Be- Zwei bis drei Wochen vorher deutete sich
Ietzt, haben aber die behandlung durch den schönigungen und rein taktischen Wertun- bereits an, daß während der Aktionstage
bullenarzt verweigert. so viel power, wie sie gen den Boden zu entziehen, daß es not- kaum Ansätze fOr neue Aktionsformen ge·
damit zeigen, wonschen wir auch allen an- wendig ist, die Aktionstage aus unserer tunden werden worden, wie wir uns das ei·
deren, die irgendwo einsitzen. Sicht zu beleuchten, zu hinterfragen, zu kri· gentlieh vorgestellt hatten.

58
Wackersdorf

So blieben: kung breite öffentliche Aufmerksamkeit zu kamen auf, Angst vor Hausdurchsuchun·
· Infostande schaffen. gen, Stress mit den Nachbarn und am Ar·
• Informationsveranstaltungen bettsplatz • die "soziale Kontrolle" funktio-
Die Grande hiertor lagen einerseits in der
• (Straßen-)Feste und Informelle Treffs niert ln der Oberpfalz.
massiven Polizei prasenz, den
· Straßentheater Als einzige Erklärung reicht das wohl
Einschochterungs· und lsolierungsmaßnah·
• l=ackelzOge, Trauermarsche und nicht nicht aus. Viele Leute haben Informel-
men Im Vorfeld (z.B. RAF·Hetze), der erhebli·
Treckerdemo chen Einschränkung unserer Bewegungs· le Strukturen auf ihre eigene Art entwickelt,
• AtommOlltransport freihalt durch Kontrollen und Festnahmen, die sie wahren wollen (tun wir ja auch), und
• WlderstandsfrOhstOck, Behinderungs deren Anonymität nach außen hin sie selten
und der von Setreiberseite vertagten Ein·
aktlonen bereit sind aufzugeben, was ja auch wieder·
schränkung des Baustellenverkehrs; ande-
• Blockadevorbereitungen und Trecker- rerseits an ungenogender Vorbereitung ge- um verständlich und richtig ist. Nur verhin·
demo rade vieler auswärtiger Gruppen auf Klein· dert diese Abgeschlossenhelt eine organi·
• Kundgebung und anschließende Demo gruppenaktionen, bzw. einer allgemeinen satorische und aktionsbezogene Symbiose
zum Zaun mit Auswärtigen bei massenhaften Teilen
Haltung: "Mal sehen, was los Ist." Das
wie Aktlonstagen.
Blockadekonzept ist diesmal eindeutig ge-
Es gelang uns nicht, diese Abschottung
Die Vielfalt und Zahl dieser Aktionen, die scheitert. Die zwelstOndlge Blockade der B
aufzubrechen und ln Aktlonsentwlcklung,
Zahl der daran beteiligten Leute und Ihre 85 bei Haselbach war Tell einer Iegaten, an·
Vorbereitung und DurchfOhrung umzuset-
breite Streuung ln der Region sind sicher- gemeldeten Aktion, der Treckerdemo, und
zen.
lich als Erfolg zu werten. wurde teilweise auch durch das verhaltnis·
Das zeigt sich an vielen Dingen, von de-
Auf der anderen Seite waren wir nicht ln mäßig freundliche Verhalten der Polizei er·
nen einige besonders wichtig sind:
der Lage, uns ungestört von Polizei und mögllcht. Trotzdem war diese Blockade der
Staatsschutz ln geschlossenen Rauman zu guten Stimmung wegen, die sie hinterließ, · geringe Beteiligung von Ober-
versammeln und Erfahrungen und Melnun· äußerst wichtig. Ein weiterer Grund fOr das pfälzer/lnne/n an Plena
gen auszutauschen. Oie Versammlungsfrei· Scheltern der Blockaden dortte darin gele- • schlechte Schlafplatzbeschaffung
helt war faktisch aufgehoben (Hausdurch· gen haben, daß viele Laute viel Kraft ln die • keine gesicherte Infrastruktur der Kom·
suchungen, Räumung der zwei Plena, Räu- Vorbereitung der Demo steckten, so daß munlkatlonsgruppe
mung von Schlafplatzen, Versuch, in Mon- kaum Kraft fOr die Blockadevorbereitung ·geringe aktive Beteiligung an Blockaden
ehen ein Anti-WAA·Fest zu verbieten; vergl. blieb. und Demodurchsatzung
auch die Auseinandersetzungen um die letz· Die meisten Aktionen liefen mit mehr • wenig bis null Bock auf inhaltliche Aus·
te Buko ln Regensburg/NOrnberg). oder weniger Beteiligung der Oberpfälzer elnandersetzungen
Voraussetzung fOr weitere Aktionen nicht Bevölkerung. Gerade l.\m diese Teile des Wi· Wenn die Oberpfalz bis hin zu den Atom·
nur ln der Oberpfalz Ist die ROckgewinnung derstandes ging es uns aber besonders, mOIItransporten ein Widerstandsnest blei·
der Versammlungsfreiheit in ganz Bayern. ·und zwar nicht der Einbindung wlllen, son· ben soll, mossen wir uns mit diesen Fakten
Konzepte und Maßnahmen mossen wir ln dern um gerade diese Teile des örtlichen, ra· auselnandersetzen, ohne "Im Telibereich"
allernächster Zeit ln breitem Umfange dis- dikalen Widerstandes zur Eigeninitiative zu zu versacken.
kutieren; andernfalls werden wir Immer wei- bewegen. Bei unserer internen Nachbereitung wa-
ter in die Defensive gedrängt werden. Woran lag es? ren wir uns weiterhin ziemlich einig, da.ß der
Wir konnten weiter den von uns erhobe- Sicherlich richtig ist, daß bereits Wochen unabhängige, radikale und militante Teil der
nen Anspruch nicht einlösen, durch vielfältl· vorher durch RAF·Pogrom und Vorbereitung Anti·AKW·Bewegung aus einem Rest von
ge Blockadeaktionen am Freitag massiv des polizeilichen Ausnahmezustandes die verhattnlsmäßlg wenigen Leuten besteht.
den Baustellenverkehr zu be- (ver·?)hindern "abschreckende Wirkung" der Maßnahmen Nur: Wo sind die anderen, gibt es sie Ober·
und gleichzeitig durch deren Symbolwlr· Erfolge zeigte. Erinnerungen an letztes Jahr haupt noch? Oder lag es doch daran, daß
unser Konzept nicht vermittelbar war?
Allein der KB-Fraktlon mit Ihrer schnod·
derigen, oberlehrerhaften, unsolidarischen
und auch demobilisierenden BerlchtersJat·
tung Im Arbeiterkampf u.a kann nicht die
SChuld zugeschoben werden, trotz unzwei·
telhaften SChadens.
Ausgehend davon, daß an anderen Stand·
orten doch wenig lief, erwarteten wir doch
gerade vom unabhängigen Spektrum mehr
als tellweise Prasenz am Bauzaun. Als dann
spätestens zwei Wochen vor den Aktionsta·
genklar wurde, daß weder dieser Teil noch
die Autonomen sich konstruktiv, vorberei-
tend organisatorisch und Initiativergreifend
einklinkten, war das ursprOngllche Konzept
nicht durchzusetzen (siehe oben). Wir woll-
ten jedenfalls keine Einfahrblockade wie
letztes Jahr, die Leute auch nicht, und daß
dies nicht passierte, bleibt positiv festzuhal-
ten. Am Freitag blieb es außer bei den Fest·
nahmen der Granen und den Schlafplatz·
räumungen Oberwiegend bei Personalien·
OberprOfungen.

Und nun zur Demo:


Die Zahl der tellnehmenden Leute, das
breite Spektrum der beteiligten Gruppen
und die (damit zusammenhängende) Durch·
setzung der Demo sind sicherlich erst ein·
mal als Erfolg zu werten, zumal die Landes-

59
Weckersdorf

reglerung noch am Morgen große Töne sind militante oder Blockadeaktionen wohl
spuckte (AnkOndlgung der völligen Verhln· ohne entsprechendes "legales" Begfeitpro-
derung der Demo zum Zaun Im Radio). Von gramm kaum durchzusetzen und auch nicht
diesem Standpunkt aus gesehen war auch wonschenswert. Nicht nur in diesem Punkte
das Bondnls mit der Friedensbewegung ein bewährten sich die vielen Aktionen der dies·
Erfolg, zu mal nach dieser Demo das Thema jährigen Tage.
WAA als Teil der Verwirklichung bundes- Hier rockte die BOndnlsfrage in den Mit·
deutscher Atomwaffenpläne ln der Frie- telpunkt. Die Friedensbewegung trägt zwar
densbewegung verankert sein dOrfte. bestimmte Aktionen mit, bringt aber selber
Das Konzept der zwei Spitzen war vorher keine mlltanten Inhalte ein. Einige Stimmen
Intern abgesprochen und hat letztlich auch waren daher einem erneuten BOndnls ge-
geklappt. Bei aller Kritik an der Organisa· genOber skeptisch, andere telloptimlstisch,
tlon (siehe unten) ersparen wir uns aber auf zumal die Stärke der Antl-AKW·Bewegung
allzu abenteuerliche wie abwegige Vorwarfe alles andere als zufriedenstellend Ist. Einig
(wir hätten z.B. mit der Polizei abgemacht, waren wir uns, keine Umarmungspolltlk zu
daß die Demonstranten/Innen beim Ein· machen, auch wenn das IWF-Projekt wohl
sickern in den Wald nicht gehindert worden, wieder auf eine engere Zusammenarbeit mit
u.ä.) einzugehen. diesem Spektrum hinausläuft. FOr zukOnftf.
Kritisch anzumerken Ist, daß wir in der ge Aktionstage mit Saft und Power sind zu-
Phase der bereits losgezogenen Demo nicht nächst erst einmal die radikalen, entschlos-
durch Mund·ZU·Mund·Propaganda das Kon- senen bundesweiten Zusammenhänge der
zept verbreiteten, das lautete: Versuch, Anti·AKW·Bewegung doch erstmal unsere
Ober die Betonstraße die Demo direkt zum traditionellen BOndnlspartner (wir verstehen
Baugelände zu bringen; wenn dies nicht uns schließlich als ein Teil davon), die die
klappen sollte, was ja auch eintrat, Umge- Dinge mit vorbereiten, tragen und organisie-
hung hinter der zweiten Spitze mit den Sam- ren mossen, spätestens zu den AtommOII·
bagruppen undfoder Elnslc"kern durch den transporten und auf hoffentlich breitester
Wald. Basis. Wir werden auch versuchen, die in·
Ein weiterer Fehler in den Vorbereitungen teresslerten Teile der Autonomen wieder zu-
bestand darin, daß fOr die Zelt nach Ankunft rOckzugewinnen, wie auch das KB·
am Bauzaun nichts geplant war. So herrsch· Spektrum, die beide ebenfalls traditionsge·
te Erfolgsstimmung, aber auch Ratlosigkeit mäß zu unseren politischen BOndnispart·
und Ungewissheit Ober den weiteren Ver· nern gehören, obwohl wir erst einmal ab-
lauf. Keinefr hatte Lust auf Schlacht, das Kapuugeprüge/ter Po/izeiknUppel, den ein warten werden, wie es sich entwickeln wird.
hatten wir Im Vorfeld auch so erklärt und es Zeuge dem Landrat Schuirer Uberbracht~. Was den Zeitpunkt fOr weitere Aktionen an-
war auch so. Damit soll vor dem WAA·Zaun em belangt, so war die Mehrheit von uns der
Die Polizeitaktik hat uns völlig Ober· Demonstrant am Kopf getroffen worden sein. Überzeugung, daß wir uns es nicht leisten
rascht, wir glaubten einfach nicht, daß sie können, bis zu den AtommOlltransporten
ohne Anlaß die Leute vom Bauzaun wegprO· mit weiteren größeren Aktionen in der
geln wOrden. Hier ist unumwunden festzu· Oberpfalz zu warten, auch wenn die
stellen, daß wir den Schutz von uns und an· Und die weiteren Aussichten? IWF·"Vorbereitungen" sicherlich einen gro-
deren nicht garantieren konnten, ca. 40 z.T. Hier mossen wir erst noch einmal festhal· ßen Teil der Arbeitskraft gecade vieler AKW·
scher Verletzte sind eine Katastrophe. Als ten, daß das Verhältnis von Aufwand und Gegnerfinnen aufsaugen dOrfte.
sich nach den vier oder fOnf PrOgelwellen el· Nutzen verhältnismäßig schlecht war. Die Es gilt, ln der Oberpfalz Kontinuität zu
nige zusammenfanden, um eine Art Vorbereitungen Ober ein dreiviertel Jahr hin wahren, da anderenfalls keinerlei Grundla·
"Schutz·", bzw. ROckzugsfront zu bilden, und die langen Streitereien erst Innerhalb ge mehr da sein, und vor allem die Oberpfäl·
war es eigentlich schon zu spät. Es blieb der Anti·AKW·Bewegung und dann auch zer Unterstatzung völlig flöten gehen worde,
schleierhaft, wieso die Bullen den "ROck· noch mit Vertreterflnnenfn der Friedensbe· wohlwlssend, daß auf allen Ebenen des Wi·
zugspunkt" an den Leitplanken nicht angrif· wegung verursachten einen unverhältnis- derstandes der Einbruch fY'/AA) in das
fen. An unserer Stärk.e lag es wohl genauso- mäßig hohen Krätteverschleiß. ln dieser Atomprogramm nur durch " Die
wenig, wie an den paar getroffenen Bullen. Form darf sich die Geschichte nicht wieder· Oberpfälzer/innen" • selbstinitiativ · gelin·
Vielleicht hatten sie ihr Ziel erreicht. holen. gen kann, selbstverständlich unter aktiver
Der ROckzug lief dann großenteils ge- Weiterhin haben wir die September '88 in Teilnahme Auswärtiger.
schlossen und ohne weitere Zwischenfälle, Berlln stattfindende Tagung des IWF (siehe Schließlich werden wohl auch in anderen
Übergriffe oder Festnahmen. letze Atom) in unseren Überlegungen mit zu Kreisen, wie z.B. SPD und BN etc. Überle-
Ein besonderes Lob gebOhrt an dieser berOckslchtigen. gungen angestellt, wie sie sich wieder mehr
Stelle den Sanis, deren E.insatz sicherlich Dagegen kommt der nächste aktuelle An· einbringen können. Da werden wir erst ein·
fOr viele der Verletzten entscheidend war, laß fOr größere Aktionen frOhestens FrOh· mal abwarten, ohne die FOße aus der TOr zu
und die so ziemlich als einzige einlgerma· Jahr '88 nach der Fertigstellung des nehmen. Eine Großaktion wird es sicherlich
Ben organisiert waren. Eingangs-/Zwischen Iagers. geben, in welcher Form auch Immer, sei es
Als \torläufiges Fazit der Demo bleibt Bei aller Kritik an den Aktionstagen wa- mit Aktionstagen oder Aktionen mit Demo.
festzuhalten. ren wir insgesamt der Meinung, Aktlonsta· Von uns war allerdings klar, weitere Pers-
Nachdem unser Umgehungskonzept auf· ge als Handlungsform beizubehalten. Aller- pektiven innerhalb der Anti·AKw·Bewegung
gegangen war, herrschte normale Waldspa· dings muß die allgemeine Versammlungs- s6 weit wie möglich gemeinsam zu ent·
Ziergangsstimmung mit drei Sambabands, freiheit dafor gewährleistet sein, zumindest wickeln und die radikalen wie auch
bunt und ausgelassen. Die Geschlossenheit fOr Plena und lnformationstreffen. Wir dis· bOrgerlieh-radikalen Teile der Bewegung
war ziemlich weg. An organisierte Kettenbil· kutlerten verschiedene Vorschläge dazu, zum Mitmachen zu bewegen.
dungzur Verhinderung von PrOgeln oder gar ohne auf ein brauchbares Ergebnis zu sto· Einen Zeitpunkt wollten wir nicht Ins Au·
frOhzeitiger Frontbildung wurde nicht ge- Ben. ge fassen, außer daß Ostern (Ostermarsch?)
dacht. Wir waren allerdings einig Ober den sicherlich zu frOh ist.
Das Polizeikonzept durch massenhafte, Punkt, trotz des Ausnahmezustandes Wi· Ein BOndnis mit Friedensbewegung oder
willkOrliche, aber planvolle PrOgel die Demo derstand zu leisten, der ober normale Gewerkschaften wOrden wir da aber nur un-
ein fOr alle mal vom Zaun wegzufegeri ging Diskussions· und Informationsarbeit hin· ter klarer, harter Wahrung unserer Interes-
allerdings weder faktisch noch publizistisch ausgeht und nicht nur symboligschen Cha· sen erwägen, vordringlich bleibt die ROck·
auf. rakter haben darf. Auf der anderen Seite gewlnnung unseres ureigensten Potentials.

60
Wackersdorf

4.9.87
Die Polizei hat zu klagen
Nach Angaben der Schwandorfer Polizei sei
zwar ,.die Zeit der großen Zahlen" bei den
Protestaktionen vorüber, dennoch könne
"man nicht sagen, daß das Interesse oder die
Intensität nachgelassen hat". An Wochenen-
den und Feiertagen komme es immerwieder
zu Kundgebungen am Bauzaun, vor allem im
Taxöldener Forst. Sorge bereitet den Vertei-
digern von Recht und Ordnung aber auch
die Tendenz, gewisse Aktionen ins Umfeld zu
verlagern. Beispiele vom letzten Wochenen-
de: abgerissene Leitplanken, weggerückte
Kanaldeckel, Flammen hier und Fackeln da.
Im Hinblick auf die Herbstaktionen sollten
die Bürgerinitiativen endlich "Nein" zur Ge-
walt sagen. Zu welcher?

5.9.87
SPD sorgt sich um Wachleute
Ein Bericht über die trostlosen Arbeitsbe-
dingungen der armen (und bewaffneten)
WAA-Wachleute hat nach den Gewerk-
schaften auch die SPD aufgescheucht. Die
Wackersdorfer Gemeinderatsfraktion der
SPD will sich endlich um Klos und bessere
Bezahlung für die Wächter sorgen. Damit sie
die Anlage besser bewachen können.

9.9.87
Kein Geld für Öko-Station
Der Bau einer von WAA-Gegnern geplanten
Öko-Station verzögert sich, weil für das
Sechs-Millionen-Mark-Projekt nicht genü-
gend Geld eingeht. Die lnitiatorlnnen, die mit
der Station nahe dem WAA-Gelände Mög-
lichkeiten alternativer Energiegewinnung
demonstrieren wollen, hoffen auf mehr
Spenden.

10.9.87
Geld für den Freistaat
600 DM Geldstrafe kostete die Übergabe
von 200.000 Unterschriften gegen die WAA
an die Münchener Staatskanzlei. WAA-Ge-
gner hatten den Papierberg perHandkarren
vor99fallran. Nach Meinung der Staatsan-
waltschaft ein ,.öffentlicher Aufzug ohne AR-
meldung".

11.9.87
Akionist vor Gericht
Er war Zirkusdirektor, Clown, Tankschutz-
fachmann und zuletzt Aktionist in der Ober-
pfalz. Er warf sich im Taxöldener Forst vor
Unimogs, Lastwagen und Minister-Limosi-
nen, um gegen Atomkraft und für Frieden zu
demonstrieren. Seine Aktionen waren bunt
und phantasievoll, die Antwort des Staates
stereotyp: Verfahren wegen Nötigung. Das
Urteil für Taten, bei denen nichts und nie-
mand zu Schaden kam: sieben Monate mit
Bewährung.

Innere Sicherheit wächst


Anläßlich des Richtfestes für die neue Poli-
zeiwache Weiden verwies Innenminister
Lang stolz auf umfangreiche Baumaßnah-
men, die der inneren Sicherheit in der Ober-
pfalz dienten. Im Regierungsbezirk um die
WAA seien derzeit 31 Baumaßnahmen mit
einem Kostenvolumen von 620 Mill. Mark im
Gange. Hierin nicht enthalten seien 200 Mill.
für den geplante Neubau einer Kaserne für
800 Bereitschafts-Polizisten in Sulzbach.

61
Wackeradort

Aktion Strommast verboten von 50.000 Mark ausgesetzt Diese Täterin- 29.9.87
Das Landratsamt Schwandorf hat derJugen- nen (Revolutionäre Zellen) begründeten in Vermummt Im Schnee
dorganisation des Bundes Naturschutz un- einem Flugblatt Ihre Aktion: · Weil er mittels Pudelmütze und Schal ver-
tersagt, eine . Aktion Strommast• durchzu- .WTrverstehen diese Aktfon als Teil der Sabo- mummt gewesen sein soll, wurde ein 19jäh-
führen. Allein diese Bezeichnung Im Pro- tagekampagne zur Unterstützung der Ak- rlger Malertehrllng wegen Landfriedens-
grammheft eines Jugendlagers reichte für tlonswoche gegen die WAA Im Oktober: Le- bruchs angeklagt Allerdings war er bei der
die Verfügung. Gemeint war übrigens das gale (Massendemonstratlonen, Blockaden) Festnahme bei einerWeihnachtsdemo 1986
symbolische Aufstellen eines Mastes und und Illegale (Sabotage) Aktionen sind ein ein gutes StOck weit weg von Steinewerfern
die Speisung mit Alternativ-Energie. wichtiger Tell des Widerstandes gegen das und anderen Missetätern. Fijr Mütze und
Als die BUND-Jugend zwei Tage später Atomprogramm, denn erst die politische Schal hatte er eine plausible E.rklärung: die
trotzdem mit einem kleinen Holz·Mast auf Synthese dieser beiden Widerstandsformen Kälte. Verfahren eingestellt
dem Trecker zum Franzlskus-Marterl anroll- wird es ermßgllchen, eine Situation zu schaf·
te, wurde er von der Polizei beschlagnahmt fen, die es den Herrschenden schwierig, 30.9.87
0 du heiliger Franz. wenn nicht sogar unmßgllcht macht, ihr Pro- DWK- Gutllchten manipuliert?
jekt in Ruhe durchzuziehen. • Das Gutachten der DWKzurhydrologlschen
Die Erklärung bezieht sich weiter auf den re- Situation unter dem WAA-Gelände ist von
pressiven Charakter des BAD-Staates (.Zur Experten mehrfach kritisiert worden. Die BI
Durchsatzung Ihrer Militär- und Kapitalstra- Neunburg hatjetzt Unterlagen vorgelegt. die
tegien greifen sie auch hier, ln der Metropole, den Verdacht der Manipulation erhärten.
immer mehr zu Methoden der Aufstandsbe- Die BI stützt sich dabei auf einen Vorgang
kämpfung, wie sie ln der '3. Weft' zur Durch· aus dem Jahre 1983. Damals war das Inge-
setzung Ihrer Interessen schon lange prakti- nieur-Geologische Institut Niedermeyer mit
ziert werden.") und die .Internationale Va- einem Gutachten zur WM beauftragt wor-
riante• des bundesdeutschen Atompro- den. Dieses Institut durfte aber nur Unterla-
gramms (.ln bezug auf die Herstellung von gen verwenden, die von der DWK abgese-
Plutonium -Bau von Atombomben - Techno- gnet waren. Als das Institut weitere Daten
logietransfer ln die '3. Wett: ") anforderte, beschied Ihnen die DWK, erst-
mal das Gutachten zu erstellen, danach wer-
20.9.87 de entschieden, ob weitere Unterlagen zur
Feuerwerk em Bauzaun VerfUgung gestellt würden. Mitanderen Wor-
500 WAA-Gegnerlnnen folgten nächtens ei- ten: Die DWKwaraufein bestimmtes Ergab·
nem Aufruf ,.Feuerwerk am Bauzaun - nls aus, nichtauf eine genaue Untersuchung.
schlaflose Nächte für die Bullen•. Vereinzelt Das Institut gab daraufhin den Auftrag zu-
flogen Böller und Raketen. drei Leute wur- rück. Nach Ansicht der WAA·Gegner paßt
14.9.87 den festgenommen, u.a. wegen Tragen eines dieses Vorgehen zur Absicht der DWK und
Friedensmarsch ein Reinfall Nletenarmbandes. der bay. Landesregierung, unter allen Um-
Einige Tausend wurden erwartet zum Olaf- ständen den Standort Wackersdorf abzuse-
Palme-Frledensmarsch nach Wackersdorf, 25.9.87 gnen. Dafür würden wichtige Unterlagen, wie
zu dem Gewerkschafter, DFG etc. aufgeru· Geldstrafe fQr ,.fette Sau" auch Protokolle von Probebohrungen, zu-
fen hatten. Die Polizei war gut präsent mit Aus einem Bericht Im .Neuen Tag•: rOckgehalten.
300 Mann. Nicht so die Friedensmarschie- Vor jetzt genau einem Jahrverlor der 44jähri·
rer: Ganze 15 liefen mit, knapp 50 nahmen ge Kaufmann Udo P. (Name geändert) bel ei·
an der Abschlußkundgebung in Wackera- ner polizeilichen Identitätsfeststellung Im
Inneren des WAA-Geländes die Nerven: Er WAA geflhrdet Grundwasser
dorf teil.
zeigte dem mit einer Videokamera ausge· Neue Bohrungen des Geologischen Lan-
st.atteten Polizisten sein nacktes Gesäß, hob desamtes, die eigentlich nur zur Erstellung
16.9.87
AnU-WAA- Merethon geschafft die Hand zum Hitlergruß und äußerte geologischer Karten durchgeführt wurden,
1073,5 Kilometer lang war die Strecke, die schileBlieh wörtlich: .Alles wegen dieser fet· erhärten nach Meinung der BOrgerinitiativen
ein Franz Neuhierl aus der Oberpfalz zwi- ten Sau Franz Josef Strauß, die die Umwelt den Verdacht. daB die WAA das Grundwas-
schen Rensburg und Mittenwald in zwölfTa- kaputtmacht" Ein halbes Jahr später lieB der ser gefährden werde. Entsprechend der ).n-
gen zurücklegte. Er hatte den Lauf als De- bayerlache Ministerpräsident Strafanzeige slcht von Prof. Rutte, der das hydrologische
monstration gegen die WAA angetreten: . Ich stellen. Gestern nun verurteilte das Amtsge- Gutachten der DWK kritisiert hatte, existier-
wollte Im Kampf gegen die WA('. ein Zeichen richt Schwandet den als FleischgroBhändler ten unter dem Baugelände Schlchtverwer-
von Kraft und Ausdauer setzen.• und Atomgegner bekannten Angeklagten zu fungen, die dazu führten, daB die wasserab-
einer Geldstrafe von 5.700 Mark. welsende Schicht nicht durchgehend sei.
17.9.87 Damit sei bei Grundwasserverunreinigun-
Polizei IMfregt Kinder 27.9.87 gen auch die Bodenwöhrer Senke, das größ-
WAA-Gegner haben den Vorwurf erhoben, Brandenschlag auf Betonwerk te Trinkwassergebiet der Oberpfalz, betrof-
die Polizei habe bei einer Demo am Bauzaun Auf ein neben dem WAA-Gelände gelege- fen. Der Bau der WAA an diesem Standort
Kinder von den Eltern getrennt und befragt, nes Betonwerk (Huber) ist ein Brandan- verstoße damit gegen das Wasserhaushalt-
um einem unbekannten Raschen-Werfer sch~g verübt worden, der 300.000 DM Sach- und das Atomgesetz.
auf die Spur zu kommen. Antwort des Poli- schaden anrichtete. Das Werk Ist neu errich-
zeipräsidiums: Es habe keine Vernehmung tet worden, hat aber angeblich keine Ge- 6.10.87
von Kindem gegeben.•wenn allerdings ge- schäftsbezlehungen zur WAA. Wieder mal Geuweller und die RAF
sagt wird, den Kindern seien von Polizei- wurden 50.000 MarkzurErgreifung derTäter Gauweiler hat bekanntgegeben, daß die Be·
beamten Fragen gestellt worden, so Ist das ausgesetzt lohnung zur Aufklärung der belden Brandan-
natürlich nicht ganz auszuschließen: Bemerkenswert Ist dabei, daB zum Zeitpunkt schläge Im September auf 150.000 Mark
Alles klar? des Anschlags..:.17 Uhr-rund 100 Leute vor heraufgesetzt worden sei. Gleichzeitig
dem Werk versammelt waren, darunter auch sprach das Landeskriminalamt vot'l Erkennt-
19.9.87 ältere Leute. Die Staatsanwaltschaft erklär- nissen, daB die RAF Aktionen ln und um Wak-
Stromverteller ausgebrannt te, es sei . ln höchstem Maße besorgniserre- kersdorf durchführen wolle. Der militante
Bei einem Brandanschlag auf eine Strom- gend, wenn Verbrecher aus einer Menschen- Widerstand dort diene ohnehin terroristi-
verteiler-Station, von der aus Strom aufs ansammlung heraus ungestört agieren schen Zielen. Deshalb brauche man für die
WAA-Gelände geliefert wird, Ist ein Sach- könnten und wenn noch dazu Regenschir- anstehenden Aktionstage 5000 Polizisten,
schaden von einer Millionen Mark entstan- me aufgespannt würden, um deren lnkogni· um die Lage unter Kontrolle zu halten, die
den. Durch Brand und folgende Explosion to zu schützen. • Auch seien mit Krähenfü- RAF abzuschrecken, den Inneren Frieden zu
wurde das Gebäude völlig zerstört Für Hin- ßen und dergleichen das Anrücken der sichern und den Planet Erde in seiner Um-
welse auf die Täter wurde eine Belohnung Löschfahrzeuge behindert worden. laufbahn zu erhalten.

82
Weckersdorf

Der brutale Einsatz der Berliner Pollzeitrup· gung erforderlich wäre, zog die DWK diese
pe führt zu diversen politischen Auseinan- Erklärung zurück und schloß sich der Deu-
dersetzungen auf allen möglichen Schau- tung des Umweltministeriums an. Münch-
plätzen: dem bayerlschen Landtag, wo SPD hausen läßt grüBen.
Schwandorf (taz) - Eine neue und Grüne gegen die . preußischen Truppen•
Qualität haben PoLizeieinsätze ge- wettern und Innenminister Lang alles rech - 21 .10.87
gen WAA-Gegner in Wackers- tens und bestens findet, bei der Gewerk- 20 Millionen fOr die Oberpfalz
dorfbekommen. Wieerstjetztbe- schaft der Polizei, die über die Kritik von SPD Einen Extrazuschlag von 60 Millionen Mark
lcannt wurde, haben am Samstag und Grünen empört ist, Im Berliner Senat, wo hat die beyarische Landesregierung dervon
sechs bis acht Bereitschaftspolizi- Innensenator Kewenig von nichts was weiß, WAA und Maxhütten-K.onkurs gebeutelten
sten bei einem Nachtspaziergang bei der Staatsanwaltschaft, die ermitteln will, Region Oberpfalz zugesprochen. Es geht vor
aber nicht weiß, wogegen, und bei amnesty allem um Sozialpläne und Schaffung von Er-
von WAA-Gegnem zum Bauzaun satzarbeitsplätzen. Ein netter Köder.
International, das von den Bürgerinitiativen
versucht,eineGruppevonetwa40 angerufen wird. Nach einem Bericht des Ber-
Demonstranten mit gezogener Pi- linerTagesspiegel erwägt man bei der Berli- 28.10.87
stole zu stellen. Nach der Flucht ner Polizei, die eingesetzten Beamten zu be- Neue Wachmannschaft
der WAA-Gegner drohten sie - lobigen und vorzeitig zu befördern. Zack. Nach heftiger Kritik von ÖTV und SPD an Ar·
nach deren Schilderungen - auch beitsbedingungen der WAA-Wachleute hat
den Gebrauch der Schußwaffe mit 20.10.87 die DWK den Vertrag mit der Wachfirma Ra-
den Worten "Halt, stehenbleiben, Neuverhandeln OberWAA tlsbona aufgelöst und ist einen neuen Ver-
~~ oder ich schieße" an. Die PoLizei Das Bundesverwaltungsgericht ln Berlln hat trag mit einem anderen Privatunternehmen
eingegangen. Unklar ist. ob sich das auf die
..!! ,. nahm insgesamt zwei Mänoer und nun doch Revision gegen die 'Zurückwei-
sung eines Antrags auf WAA-Baustopp zu- Bewaffnung der Wachleute auswirken wird.
zwei Frauen fest. gelassen. Der Bayerische Verwaltungsge- Bislang haben sie sich . nur" mit Revolvern
richshof hatte einen Baustopp-Antrag von begnügt, obwohl Gewehre möglich wären.
8. - 10.10.87
HerbataktJonen gegen die WAA
DarOber hat etom auf den vorderen Selten
austohrllch berichtet.
Es wurde jedenfalls massenhaft mobili-
siert, demonstriert, blockiert, protestiert,
observiert, Inhaftiert, reglatriert, schika-
niert und maltritlert.
40.000 Teilnehmer hatten AktJonstage und
Demo. Insgesamt wurden Ober 100 Demon-
atrenten verletzt, 37 davon mußten Ins
Krankenhaus. Nach Angaben der Polizei
wurden 24 Pollzlat.n verletzt, die Polizei-
Einsätze hätten 2,8 Mlll. Mark gekostet
Die Revolutionären Zellen verfassen eine Er·
klärung zu einem Anschlag am 10.10., in
dem es heißt:
. Parallel zu den Akttonstagen in Wackersdorl
und der Großdemonstration Ist die Um-
spannstatlon Schönauer Hof von uns zer-
stört worden. Damit haben wir die Atom-
stromversorgung der RWE unterbrochen.
Unsere Aktion Ist ein Beitrag zur Sabotage-
kampagne gegen die WAA ... Angriffe auf die
Infrastruktur der AKW-Betrelber und der Fir-
men, die daran verdienen, wie z.B. Hoch-Tief
oder der Elktrokonzem RWE, zeigen nicht
nur den hohen Grad der Kapitalverflechtung
auf, sondern auch Ihre Angreifbarkelt •
Die Erklärung verweist auf die Rolle der RWE
im Atomprogramm und ln der .Immer offe-
ner werdenden Nuklearstrategie des impe- WAA-Gegnem abgewiesen und keine Revi- 29.10.87
rialistischen Gesamtsystems". Außerdem sion zugelassen. Nach Ansicht der Kläger Freispruch fOr WAA-Gegner
werden Haftverbesserungen I Freiheit fü r al- müsse nun der Bau des Brennelemente- Nach dem Motto . Man fängt sie est, dann
le politischen Gefangenen gefordert Eingangslagers (das zur Zeit ohne atom- weist man nach" (so der VertQidiger) war ein
rechtliche Grundlage errichtet wird) einge- 20jährigerWackersdorfer bei einer Demo Im
Eine autonome Zelle . Aiols Sonnleitner• be- stellt werden. Die DWK sieht das nicht so.
kennt sich zum Sprengsatz-Anschlag am Juni 86 von Polizisten aufgegriffen und spä-
Bis das Bundesverwaltungsgericht nun ln ter wegen Steinewerfans (Landfriedens-
14.10. auf den Westberliner SEK-Leiter Mar- der Sache entscheidet, werden Monate ver-
tin Textor, .aus Wut lJber die brutalen Einslit- bruch und versuchte gefährliche Körperver-
gehen. letzung) vor Gericht gestellt worden. Einzi-
ze Westberliner Sonderelnsatzbullen in Derweil hat ein grüner Landtagsabgeordne- ges Indiz: Der Steinewerferwar schwarz und
Wackersdorf. .. Das SEK Ist ebenso )'r'ie die in ter bei einem Besuch auf dem WAA-Gelände
Wackersdrof eingesetzt EbLT (Einheit flJr be- eine "riesige Baugrube" in jenem Bereich ge- mit Motorradmütze gekleidet, der Angeklag -
sondere lagen und einsatzbezogenes Trai- ortet, wo später das (noch nicht genehmig- te damals auch. Allerdings gab es noch zlg
ning) wesentlicher Tell polizeilicher Wlder- te) Hauptprozeßgebäude entstehen soll. andere, die genauso angezogen waren. Den-
standsbeklimpfung. Während der EbLT, ge- Das wäre juristisch nun wirklich ein Ding. noch ermittelte die Staatsanwaltschaft zäh,
bildet nach dem Kreuzbarger 1. Mal, die allei- Laut Umweltministerium handelt es sich da- um dem 20jährlgen was nachweisen zu kön-
nige Aufgabe zukommt Massenproteste auf bei lediglich um "Erdbewegungen im Rah- nen und sah noch vor Gericht die Vorwürfe
der Straße zu zerschlagen, soll das SEK u.a. men der Geländeanglelchung". Und laut als erweisen an. Das Gericht stand vor der
nicht nur gegen militante Demos. (zuletzt DWK um ein . Regenrückhaltebecken•. Entscheidung, sich restlos zu blamieren
Reagan-Demo), sondern auch gegen die Nachdem klar wurde, daß für ein RegerOck- oder freizusprechen. Es wählte den Frei-
Guerilla vorgehen.• haltebecken auch eine spezielle Genehm!- spru ch.

83
Atommüll

Braunschweig, 13.-15. Nov. '87


Unterm Strich gelungen - so läßt sich das Er- zu halten nach dem jetzt in Braunschweig prak- könnten keine Erklärung für eine Zusammenar-
gebnis des Experimentes einer gemeinsamen tizierten Modell. beit mit Autonomen unterschreiben, da sie
Konferenz von alten AKW-Inis und Nach- Die prognostizierten Widersprüche brachen dann fürchten müßten, daß ein Teil der Eitern
Tschernobyl-Gruppen zusammenfassen. dann an einer auf dem Abschlußplenum vorge- sich von ihnen abwende.
Anders als in Kassel vor ca. einem halben Jahr, legten Resolution zu den Ereignissen an der
wo die beiden Strömungen zwar an einem Ort, Startbahn auf, die anders als das dokumentier- Einigen konnten sich alte und neue Bewegung
aber noch weitgehend getrennt tagten, wurden te interne Diskussionspapier an die Presse ge- auf einen bundesweiten "Ab-Schalttag" am
diesmal nahezu alle Arbeitsgruppen und Teile hen sollte. Von den anwesenden Teilnehmerin- 29.2.1988 und gemeinsame Aktionen zum 2.
der Planen in gemischter Besetzung durchge- nen der Atommüllkonferenz wurde sie mehr- Tschernobyl-Jahrestag (siehe Arbeitsgruppen-
führt. Mit ca. 300 Eilnehmerinnen aus über 60 heitlich aus formalen Gründen abgelehnt (die Berichte).
Gruppen, je zur Hälfte aus der alten und neuen Punkte sollten vereinbarungsgemäß auf der
Bewegung, machte sich die gute Konfernzvor- Pressekonferenz mündlich vorgetragen wer- Auch im nächsten Jahr sollen gemeinsame
bereitung der Braunschweiger bemerkbar. den, die schriftliche Fassung war nicht disku- Konferenzen stattfinden, die nächste wird aller-
Anders als in den Arbeitsgruppen, wo die politi· tiert), inhaltlich jedoch als richtig bezeichnet. dings "nur" eine Atommüllkonferenz sein, die
sehen Widersprüche z.T. quer zu den beiden ln dieser Resolution wird der Schußwaffenge- Ende Januar/Anfang Februar vermutlich in
Bewegungen liefen, zeigte sich in den teilweise brauch als Mittel politischer Auseinanderset- Mülheim-Kärlich stattfindet. Näheres dazu so-
getrennt tagenden Abschluplenen Berührungs- zung auf Demonstrationen verurteilt, die daraus wie Protokolle beim
ängste, als es um die Frage einer völligen Zu- zu ziehenden Schlußfolgerungen jedoch auf die
sammenlegung beider Konferenzen für die Zu- interne Debatte beschränkt. Betont wird neben Umweltzentrum Münster, Schamhorststr.
kunft ging. dem Recht auf Anonymität (contra Vermum- 57, 4400 Münster, Tel.: 02511521112
Im Plenum der Nach-Tschernobyl-Gruppen er- mungsverbot), daß die Anti-AKW-Bewegung
hielt die Aussage viel Beifall, daß die neuen auch weiterhin die Formen ihres Widerstandes
Gruppen sich die "ganzheitliche Seiht" der Din· selbst bestimmen werde und staatliche Anord-
ge erhalten sollten. Gewünscht wurde, daß die nungen wie Demonstrationsverbot auch künftig AG Selbstverständnis (der
alte Bewegung auch wegkäme von der rein po- ignorieren werde, wenn es ihr sinnvoll erschei-
litischen Bewegung und hin zu einer Einbezie- ne.
nach Tschernobyl·
hung psychologischer Aspekte - jenseits des- Grundlage der Ablehnung dieser Resolution bei Initiativen)
sen, daß von der traditionellen Anti-AKW- den neuen Gruppen war neben der Weigerung,
Bewegung viele Anstöße auch für die neuen einen abseitigen politischen Gegenstand wie Folgende Teilnehmerinnen waren an unserer
Gruppen kämen, genannt wurde die zivilitäri- Startbahn zu diskutieren, eine Passage, die Arbeitsgruppe beteiligt: Neuwied, Hanau, Oet-
sche Bedeutung des Atomprogramms. sich gegen die AusgrenzunQ der Autonomen mold, Emden, Würzburg, Berlin-Spandau, Kiel,
ln den Reihen der Atommüllkonferenz wurde wendet und die Betonung einer künftigen Zu- Terres des hommes Braunschweig, Braun-
aus der Einschätzung größerer politischer Wi- sammenarbeit mit autonomen Gruppen auf der schweig.
dersprüche zwischen alten und neuen Gruppen Grundlage gemeinsamer verbindlicher Abspra- Bei der Vorstellung der Arbeit wurde über orts-
mehrheitlich dafür plädiert, sich eine teilweise chen. Von den "Eltern für unbelastete Nah- spezifische Bedingungen der Anti-AKW-Arbeit,
separate Durchführung der Konferenzen offen rung" wurde hier beispw. eingewandt, sie durchgeführte Aktionen und das Problem des

64
Atommüllkonferenz

..Mitgllederschwundes". das bis auf Kiel alle ln Braunschwelg umfaßte diese AG 30 ln der Diskussion kristallisierte sich dann
betrifft, berichtet. Tellnehmerinnen aus 26 Bis und lnls. Nach allmahlich heraus, daß eine Aktionswoche
FOr die Arbeit innemalb der Gruppe ist wichtig, einer Vorstellungsrunde wurde ich gebeten, 1988 Gefahr laufen könnte, den Warenhaus-
daB man sich Ober realisierbare Ziele einig ist, noch einmal knapp die Argumente zu umrel· katalog der alten/neuen Anti-AKW·
daß die Inhaltliche Arbeit nicht ln Aktionen un- Ben, die meinem Artikel in der tageszeltung Bewegung zu prAsentleren und außerdem
tergeht, und die Erwanung Ober kurzfristige Er- vom 11.11. zugrundlagen: die sauberliehe zu einer reinen Memory-Veranstaltung zu
folge nicht zu hoch sein darf, damit auch mögli- Trennung der·tradltlonellen und neuen lnls werden. D.h. die Problematik von Gedenkta-
che Fehlschllge die Gruppe nicht ~tt ma- halte Ich for politisch unklug, denn nur das gen Ist uns sehr wohl deutlich vor Augen,
chen. Es wurde die Frage aufgeworfen; ob gegenseitige Kennenlernen der verschiede- deshalb haben wir nach Ansatzen gesucht,
Maßnahmen durchgetohn werden, um viele nen ArbeltsschwerpunkJe und der Melungs- wie wir Ober den reinen Gedenkcharakt.er
Menschen zu erreichen, und/oder, ob !lle der austausch Ober die Vorstellungen, wie wir hinauskommen können. Die Themen-
eigenen geistigen Weiterentwicklung oder der unserem gemeinsamen Ziel "Stlllegung der schwerpunkte sind eine Art Kompromlß zwi-
der Gruppe dienen. Wir meinen, erfolgreich AKWs" naherkommen können, bereitet der schen der Erinnerung an die Reaktorkata-
kann man nur sein, wenn man positiv Ober- Atomlobby Kopfschmerzen. Wenn fOr die · strophe (und die Folgen), sie erneuern unse-
zeugt und motivien Ist. "Nauen" Blockaden von AtommOIItranspor- re politische Forderung (Stlllegung) und wei-
ln der Gruppe wurden verschiedene Vorge- ten, Aktionen gegen die WAA oder unglaub- sen auf zukünftige bedrohliche Entwicklun-
henswelsen bei Aktionen aufgezeigt: liche Vorgange beim Bau des Endlagers in gen hin (Piutonlumwlrtschaft und militäri-
- Gro8e Aktionen, die sich direkt an die Politi- Gorleben bisher kein Thema waren, wenn sche Interessen).. Mehr oder weniger kon-
ker, Industrie... wenden (z.B. Kiel: Luftüberwa- fOr die "Alten' die Bereiche Ernährung, Ver- kret schabt uns folgendes Vorgehen vor:
chungsgerAt um Brokdorf, AGUS: Überwa- drängung und Katastrophenschutzpläne 1. Die Idee, den 29. Februar 1988 als "Ab-
chung rund um MOhlheirn-Kärtich). herausfielen, dann ist der gegenseitige Aus· schaltag" zu deklarieren, haben wir aufge-
- Demonstrationen mit dem Risiko, der von tausch mehr als obtlrfalllg. griffen. Wir wollen dafor ein Flugblatt ma-
staatlicher Seite provozierten Gewalt (Gor1e- ln dieser AG wurde rasch klar, daß Akzep- chen, das massenhaft verteilt wird. Seite 1
ben, Wackersdorf, Kalseresch). tanz und Toleranz gegenOber Andersden- enthalt Argumente in Richtung "Es Ist nö-
- BewuBtseinsbUdung der BevOikerung durch kenden gegeben waren. Im Mittelpunkt tig! Es Ist möglich!", Seite 2 bleibt frei fOr
die tAgliehe Arbeit vor Ort im Alltag (Anfragen in stand das Bemohen, for 1988 mit einer ge- die spezifischen regionalen Nachrichten ei-
den LAden, Flugblattverteilen... ), wobei nicht meinsamen Aktionswoche ein Zeichen zu ner BI oder lnl. Themenschwerpunkte sind
nur die Probleme aufgezeigt, sondern auch al- setzen. Zunächst gaben die Tellnehmerln· neben der zentralen Forderung Energlespa-
ternative Handlungsweisen (Emlhrung, Hin- nen einen Bericht, was am 1. Jahrestag an ren, Energlewlrtschaftsgesetz, wie halten
wels auf MeBstellen) aufgezeigt werden. ihrem Wohnort an Aktionen und AufkiA· wlr's mit den Zukunfsttechnologlen
Die Frage der Gewalt wurde von mehreren Sei- rungsarbelt geleistet wurde. Dabei wurde (Wasserstoff/Solartechnik) contra Alternati-
teQ diskutiert. Es wurde dabei deutlich, daB oft zweierlei deutlich: wir brauchen fOr die Zu- venergie.
die Gewalt von außen aufgezwungen wird (z.B. kunft mehr als Aktionsbörsen auf den Kon- 2. Der 26.4. steht unter dem zentralen
Medien manipulieren das Meinungsbild über ferenzen. Wichtig erschien uns auch eine Motto "Stlllegung aller Atomanlagen". The-
die AuslOsung und die Betroffenen Gewaff). Es Dokumentation dessen, was wir auf die Bel- matisiert werden schwerpunktmaßlg "Ver-
ergab sich im Gespräch, da8 die verschiedenen ne stellen, denn nachzulesen war das, was drängung der Angst", Strahlen"schutz"vor-
Gruppen unterschiedliche Meinung zur Gewalt da alles an Groß- und Klelnstdemonstratlo- sorgegesetz, Katastrophen"schutz" etc. An-
haben, sich bis zu einer bestimmten Grenze nen, an phantasievollen Nadelstlehen und gerissen wurde hier bereits, wie groB die Pa-
aber tolerieren. und und stattfand, nirgendwo (auch nicht in lette möglicher Aktionen sein könnte: zwi-
Die Anregung der Oldenburger Gruppe den der ATOM). schen Infotischen und Veranstaltungen, SI-
Schalttag 29.2.88 zum Ab-Schalttag zu erkll-
ren, wurde aufgegriffen und soll als Vorschlag
in den jeweiligen Gruppen gebracht werden
(wer will der kann)
FOr den Tschernobyljahrestag streben wir bun-
deSweite Aktionen an (Themen z.B. Atommüll-
transporte, EG-Grenzwerte).
Abschließend wurde festgestellt, daB Toleranz
und Akzeptanz unter den Gruppen vorflanden
sein muB, um auf verschiedenen Wegen das
gemeinsame Ziel zu verwirklichen.

AG Alte/Neue Initiativen
Die Gruppe ALTINEU besteht seit dem
Treffen der AtommOllkonferenz bzw. der
Nach-Tschernobyl-Initiativen Im Mal 87 in
Kassel. Sie war zu dem Zeltpunkt die einzi-
ge gemeinsame AG belder Spektren der
Anti-AKW·Bewegung. Neben dem Erfah·
rungsaustausch zwischen den Aktiven der
traditionellen und neuen Anti-Atom-
Initiativen wurde die Diskussion auch auf
der AtommOllkonferenz in Lingen Im Sep-
tember fortgesetzt, um die Möglichkelten
(und Grenzen) einer stärkeren Vernetzung
bzw. Zusammenarbeit auszuloten. Als ein
konkretes Projekt wurde eine Aktionswoche
zum Tschernobyl-Jahrestag 1988 vorge-
schlagen.

85
AtommOllkonferenz

mulatlon des Haarausfalls, Besuch der Ver- 0 Der Kreuzweg von Wackeradort nach Diskutiert wurde deshalb der Vorschlag, g&-
antwortlichen ln den Behörden (der 26.4. Ist GOI1eben • Eine Idee, die auf dem Kirchen· melnsamer Anstrengungen aller Entsofgungs-
ein Dienstag). tag 1987 vorgestellt wurde, getragen von standorte (ganz wichtig dabei auch die Kom-
3. ln dieser Woche vom 25.4. bis 1.5. (her- kirchlichen und Umweltschutzgruppen. pakttager), endlich wieder einen ..Sorgenbe-
aus zur 1. Mal Demonstration) wollen wir Zelt 28.3.-Anfang Juni rlcht" zusammenzustellen). (...) Klar war, da8
dann den dritten Schwerpunkt zu einem be- Kontakt: Chrlstlan Gohde, Johannlsstr. das Ersdlelnen des Berichtes mit Aktivitlten
liebig wAhlbaren Zeltpunkt thematisieren. 12, 2121 Oahlenburg, Tel. 05851-1297381 begleitet werden mu8: Verstellung zeitnah zum
Das Thema "Atomprogramm und Bombe" O Atomwlrtschaft contra Umwelt und Entsorgungsbericht der Bundesregierung in
schien uns ecstens politisch dringlich, weil Menschenrechte • Oie Opfer der Urange- Bonn und an den Standorten, lnformatlonsver-
im Zuge der Verhandlungen der belden Su· schAfte anstaltungen, Akt.ionen an den Standorten.
permAchte Ober den Abbau der Mlttel- Zeit: 4.-30.4.88 Konkret ist tor 1988 mit einer artlebliehen Zu-
streckenraketen die Achse Bonn-Parls mit Kontakt: Gesellschaft fOr bedrohte VOiker nahme von Atommülltransporten zu rechnen,
Ihren eigenen zlvllltArlschen Ambitionen und BUND, Regionalgruppe Frelburg, Am weil die Belreiber den Müll zunehmend ver-
steh abzeichnet. Außerdem geht es auch Altberg 4, 7801 Au/ Erbprlnzenstr. 18, 7800 schieben mOssen, ohne ihn endgOitig lagem zu
um den Export der Atomtechnologie ln L.An· Freiburg können. Mit der juristischen Genehmigung des
der der sog. 3. Wett mit dem Hintergrund, Wolfgang Ehmke Castorlagers in Gorleben (tor FrOhjar erwartet)
Ist zOglg mit Cestortransporten zu rechnen:
eher wahrscheinlich schon mit Fa8transporten,
Ortlieh werden Aktionen stattfinden, aber zu
grö8eren Behinderungsaktionen wird aus dem
Wendland nur dann aufgerufen werden, wenn
klar Ist, daS sie auch aus anderen StAdten mit·
getragen werden. (...)

(Anmerk.: atom: leicht gekürzt)

AG zlvllmllltirlsche Atome-
nergie
Teilnehmer1nnen: Energiewendegruppe Han-
nover, BUF-Trlgerkreis, Anti-Atom-Plenum
Köln. Anti-Atomforum Bonn. Anti-Atom-Plenum
MOnchen, Robin Wood München, Antl-AKW-Inl
Bielefeld, Mütter gegen Atomkraft NOmberg,
EinzelkAmpfarin aus Bochum, BI Koblenz.

ln einem Rückblick wurde die durchgAnge Ten-


denz der BAD-Bestrebungen auf VerfOgungs-
gewalt Ober eigene Atomwaffen als wesentliche
Triebfeder des Atomprogramms deutlich ge-
macht.
AG Entsorgung FOr den zivilltArlschen Zusammenhang des
At.omprogramms wurde festgestellt: es gibt ei-
Tellnehmerinnen aus LOchow-Oannenberg, ne systematische Tabuisierung dieses Themas
daß diese L.Ander das know-how fOr die Oulsburg, Bielefeld, LOneburg, Braunschweig ln der Offentliehen Diskussion der BAD, Im Ge-
Atombombe auf diese Welse einkaufen. For (GrOne, Greenpeace, AK), Hannover, NOm- gensatz zu den USA und europäischen Lln-
die Anti·AKW·Bewegung wAren ln diesem berg. dem, wo die Atommachtbesbebnungen der
Zusammenhang auch BOndnlsmogllchkel· Eine einfOhrende Übersicht Ober die ln bundes- BRO offener diskutiert werden. Auch in der
ten mit (Teilen) der Friedensbewegung zu er· deutschen AKW's produzierten AtommOllmen- Anti-AKW-Bewegung hat diese Diskussion
Ortem. gen und -kategorien machte einmal mehr deut· noch einen zu geringen Stellenwert.
Praktisches Vorgehen: lieh, da8 den Betreibern der AtommOB .. elgent· ln der anschlie8enden Perspektivdiskussion
VorschlAge, Kritik, Ideen werden auf der lieh" bis zum Hals steht. Allerdings 54gen wir wurde betont, da8 wir angesichts der milltAri-
nächsten Standorte-/AtommOllkonferenz er· das seit Anfang der 80er Jahre, ohne das ein schen Motivation des BRD-Atomprogramms,
Ortert. Oie AG ALT/NEU setzt dort Ihre Ar· AKW deshalb schon mal ernsthaft in Schwierig- einen stlrkeren Realismus bzgl. der Möglich-
belt fort. Ort und Zelt stehen noch nicht fest kelten gekommen sei. kelt (zeitlich) der Ourt:hsetzung der Stillegung
(voraussichtlich MOihelm·KArllch Ende Ja- Bisher gelingt es den Betreibern durch Fllci<en entwickeln müssen. in vielen Bereichen zeich-
nuar oder Anfang Februar). (Verdopplung der Lietermenge nach Frankreich net sich die Anti-AKW-Sewegung heute durch
Ein Flugblatt-Entwurf fOr den 1. Aktions- und Gro6-8ritanien; Transport von abgebrann- eine Nicht-Anerkennung I Diskussion Ihrer Kri-
schwerpunkt (Abschaltung) und ein Plakat- ten Brennelementen von AKW's, die schon IAn· senlage aus. Eine reariStische EinachAtzung
entwurf werden dann vorliegen. Alle Anre- .ger laufen, ln AKW's, die neu angelaufen sind der W1derstAnde macht einen langen Atem er-
gungen koordiniert bis dahin W. Ehmke (An· und noch große Kompaktlager1alpazltlten frei forderlich. Bisherige AktlvitAten I Aktionsformen
schritt: Otzenstr. 25, 2000 Harnburg 50, Tel. haben, usw.), den formalen Entsorgungsnach- sollten in diesem Zusammenhang (milltArische
0404398475). weis zu tohren, ohne aber auch nur ihr eigenes Motivation des Atomprogramms neu diskutiert
Die Tellnehmerinnen der AG werden dl· Konzept einhalten zu können. Quantitativ die werden, um ein perspektivloses - Abstram-
rekt angeschrieben, Thesenpapiere und gr08ten Mengen und Schwierigkelten macht peln und - als Folge, den totalen Frust - zu
FlugblattentwUrfe Ober die Rundbriefe der derzeit allerdings der nicht ,,he/Be" AtommOII, reduzieren.
belden Spektren bekannt gemacht. d.h. die juristische Entscheidung Ober das Zwi- Als eine Erkenntnis aus der jetzigen Krise kann
Wettere Aktionen und Veranstaltungen, schenlager ln Gorleben ist kurzfristig und mittel- ohne Rechthaberei festgestellt werden, daS we-
die wir unterstatzen und die zeltgleich statt· fristig die Realisierung von Schacht KONRAO der eine Steigerung von Mllltanz, noch die Be-
finden sind: von entscheidender Bedeutung. mühung um die totale BOrgernAhe torsteh zum

88
Atommüllkonferenz

i al-
. . '}
• II ~ 11 .

Ziel führten - Nur mit Gefühl und Angst geht mennang damit eine Chance, die militärische -Es gibt Erfahrungen, daß Arbeiter, die vorher
es auch nicht weiter. Gerade heute muß in der Dimension der Atomenergie im öffentlichen Be- in AKW's oder Fremdfirmen gearbeitet haben,
Anti-AKW-Bewegung eine politische Perspekti- wußtsein zu etablieren, das Problembewußt- mit Gewissenskonflikten ausgeschieden sind.
ve entwickelt werden. Als eine mögliche Vorge- sein hierüber innerhalb der Anti-AKW- Sie sind jetzt bereit, über ihre vorherige Arbeit
hansweise bzg. der zivil- militärischen Atompro- Bewegung zu schärfen und eine Zusammenar- zu berichten.
gramms wurde der Vorschlag "Atomwaffen- beit mit örtlichen Frieden- und Anti- - Man/frau sollte die Ohren offen halten, wenn
verzicht Ins Grundgesetz (GG)" angesehen. Kriegsinitiativen zu entwickeln. Arbeiter, Faherer, Hilfsarbeiter etc. in Kneipen,
Es aeht hierbei nicht um die Hoffnung, daß eine 3. Wir fordern deshalb die Initiativen gegen bei Bekannten usw. erzählen.
solche Klausel im GG die herrschende Politik Atom-energie auf, sich mit dieser Forderung -Zusammenarbeit mit Betriebsräten bzw. Ge-
verändern würde, sondern es geht um eine auseinanderzusetzen. werkschaftn in Bezug auf arbeitsbedingte Ge-
breite Debatte über dieses Thema. sundheitsschäden.
Materialienbestellung:zur Forderung "Atom- - Ansatzpunkte sind die Sicherheitsüberprü-
Diskussionsvorschlag an die Gruppen: waffenverzicht ins Grundgesetz" an: P. Günter- fungen bei einer Einstellung ins AKW, zu denen
1. Wir halten diese Forderung für richtig mann, Scheidener Str. 5, 5000 Köln 41, es bundeszentrale Vorschriften gibt und die
- weil es eine energiepolitische Rechtfertigung 0221/441475. Angst der Arbeiter vor einem möglichen
für den Ausbau der Plutoniumindustrie in Schießbefehl der Wachmannschaften ausge-
Wackersdorf, Kaikar oder Hanau nicht gibt, (Text leicht gekürzt, Anm. atom) rechnet in ihrem AKW.
sondern die militärischen Motive überwiegen. Probleme:
- weil im Rahmen der französich-deutschen - Überprüfung des Wahrheitsgehaltes bei an-
oder westeuropäischen Militärkooperation im- onymen Hinweisen.
mer deutlicher die Gefahr eines nuklearen Mit- - Verfälschungen bei Information über Dritte.
verfügungsgewalt der BRD (Beispiel: französi-
Standort - Konferenz I Stil· Günstig zur eigenen Absicherung sind 2 von-
sche Neutronenwaffe) in die Diskussion ge- legung einander unabhängige Informationsquellen und
bracht wird. ein Plausibilitätstest, ob der Hinweis techn.
- weil sich schon im Sommer 1987 die BRD überhaupt möglich ist.
hinsichtlich der Pershing 1A Rakten die
"Drittstaaten-These", d.h. "den Anspruch auf Anwesend waren Vertreterinnen aus folgen Top 2. Technische Vorfälle:
Gleichbehandlung mit den Drittstaaten" (Atorn- lnis/Städten: Wichtig ist eine kontinuierliche Betriebsüberwa-
waffenstaaten) England und Frankreich zu ei- Bremen, Darmstadt/Biblis, Wendland, Neu- chung, um durch fundiertes Wissen über den
gen gemacht hat. wied, Mühlheim-Kärlich, Würgassen, Hamm, Betriebsablauf und Störfälle das Image des
- weil der Atomwaffensperrvertrag, der inner- Grafenrheinfelt, Grohnde, Schacht Konrad, AKW's in der Öffentlichkeit immer mehr zu ver-
halb der Regierungsparteien immer umstriden Brokdorf/Hamburg. schlechtern. Bei einem größeren Störfall ist die
war, 1995 ausläuft. Gerade weil sowohl Regie- Top 1. Atomarbeiter Akzeptanz der Bevölkerung für das AKW dann
rungsparteien als auch große Teile der SPD die Es wurde über Details über die Schmiergeldaf- günstigenfalls nicht mehr gewährleistet. Es
nukleare Option für die BRD offen halten wol- faire im Zusammenhang mit der Firma Trans- wurde diskutiert sich bei der Stillegungskam-
len, oder direkt ansteuern, wird dieser nuklear berichtet. Dabei hat die PreAG be- pagne auf ein bestimmtes AKW zu konzentrie-
Grundgesetz-Änderungsantrag bei diesen auf stimmten Firmen Gelder nicht bezahlt. Auf- ren. Falls dies vorteilhaft erscheint, sollte nicht
scharfe Widerstände stoßen. grund dessen verbreiteten Mitarbeiter dieser argumentiert werden, daß andere AKW's bes-
2. Wir sind gespannt auf die Argumente, mit de- Firmen Informationen. Außer bei der Auf- ser sind, sondern daß über dieses AKW am
nen die Atomparteien die Ablehnung dieser lni· deckung von solchen Skandalen gibt es noch meisten bekannt ist, und somit am meisten an-
tiative begründen wollen und sehen in Zusam- andere lnformationsquellen: greifbar ist.

67
Atommüllkonferenz

Top 3. J uristisches: Dem mu8 der Staat etwas entgegenhalten.


Beispiel Stade: Klage. Haupteinwand: Versprö- Zum Schutz gegen Kritik und Widerstand wird
dung (z.B. der Schweißnähte), die nicht mehr paramllit4risch ausgebildete Polizei, z.B. die
nachbesserbar sind, sodaß die Voraussetzung Sonderelnsatzkornmandeos, eingesetZt. Die
fOr die Genehmigung wegfällt(§ 3 AG). Die Vor- Solidaritätstelegr amm an Antworten der Politiker finden Ihren Ausdruck in
aussetzung für eine Klage lt. § 17 Abs. 5 AG fOr die Bewohnerinnen der Ha- Wasserwerfern, Gas und Knüppeln. Der Wider-
die AKW·Anwohnertnnen Ist das Vorhanden- stand wrld diffamiert und kriminalisiert.
sein einer erheblichen Gefährdung, die jedoch
fenstraße: Der Tod der Polizisten an der Startbahn soll
weder technisch noch juristisch definiert Ist. Ein jetzt mißbraucht werden, um alte Gesetzesvor-
Urteil zugunsten der Kläger wäre eine Grund- haben, wie die Verschärfung des Demonstra-
satzentscheidung. Liebe Bewohnerinnen der Halenstraße' tionsrechtes, des Vermummungsverbotes, des
Beispiel Würgassen: Klage. Hier wird gefordert. Euer Kampf für em selbstbestimmtes Leben 1st Paragraphen zum Landfriedensbruch, durchzu.
die Restrisikofrage erneut zu überdenken. Bis- auch e1n Te1l unseres Kampfes gegen das mör- setzen.
her wurde das Restrsiko Immer als nicht reali- densche Atomprogramm. Geme1nsam müssen Die Wut der Demonstrantinnen kann jedelr ver-
stisch dargestellt, doch nach Tschernobyl ist es w~r den Widerstand gegen d1ejen1gen organisie- stehen, die die polizeiliche Gewalt am eigenen
zu einer Realität geworden. ren. d1e für ihre Herrschalt unsere sozialen und Leib erfahren hat. Diese Wut und die Ableh-
ökologiSChen Lebensbedmgungen zerstören nung der GroBprojekte bringt viele Menschen
Top 4. Umgebung.Oberwachung: wollen' dazu, auf vielfAltigste Weise gegen deren Ver-
Positive Berichterstattung aus Grohnde, V1el L1ebe. Fre1heit und Glück' wirklichung vorzugehen.
MOhlhelm-Kärllch und Hamm. Die Betreuung Im Rahmen der Demonstration anlAßlieh des 6.
von Meß. und Wetterstationen ist arbeitsinten- ATOMMÜLLKONFERENZ Jahrestages der Hüttendorfrlumung an der
siv und oft frustrierend. Dies ist wohl ein Grund, Startbahn West kamen zwei Polizisten durch
warum d ie Umgebungsüberwachung in Biblis SchOsse ums Leben. Den Tod dieser Mlnner
gescheitert ist. bedauern wir. Der Gebrauch von SchuBwaffen
gehört nicht zu unseren Mitteln; SchuBwaffen
Top 5. Perspektiven I Organtsatlon: hatten und haben bei unseren Demonstratio-
Die Stillegung der laufenden Anlagen muß nen nichts zu suchen.
Schwerpunkt der gesamten Bewegung werden! Der allgerneinen Vorverurteilung der Beschul-
Weg von den Bauzäunen, ran an die lautenden
Diskussionspapier der AG digten schlle8en wir uns nicht an. Sollte sich
AKW's, denn mehr AKW's sind für die BAD "Die Atomspaltung Ist ge- herausstellen, daß jemand aus unseren Reihen
künftig nicht mehr geplant. (der Sätzer äußert lungen, gelingt dem Staat diesen schweren Fehler begangen hat, braucht
sein Unverständnis!?) sie/er unsere Solldaritlt und Unterstützung.
Als Konsequenz ergibt sich die Einrichtung ei-
nun die Spaltung der Be- Unabhlngig davon, ob die Tat sich so abge-
nec eigenen Standortekonferenz, die viertel· weungung" zu den Schüs- spielt hat wie heute dargestellt, müssen wir
jährtich tagen soll. Es werden kontinuiertich Ar- sen an der Startbahn ln feststellen, daß wir untereinander die Diskus-
beitsgruppen eingerichtet. die federführend be- sion Ober unsera Ziele und Mittel nicht gründ-
treut werden sollen: Atomarbeiter ( ...), Juristi-
Frankfurt: lich genug gefOhrt haben. Die staatleihe Unter-
sches (Peter, Würgassen), Betriebsüberwa- drückung der Diskussion Ober Widerstandsfor-
chung (Michael, Darmstandt), Umgebungs- men trAgt Ihren Teil dazu bei, enthebt uns aber
überwachung (Jens Scheer, Bremen), Gesund- nicht der Verantwortung.
heit (Jens kümmert sich um jemanden); Öffent- ln der BAD werden seit Jahren GroBprojekte Wir richten die Aufforderung an uns selbst und
lichkeitsarbeit (Gisela Crerner), Probleme der gebaut; die Mehrzahl dieser Anlagen ist in der alle Menschen, die sich für die Stillegung der
Gegenseite (Peter Dicke!). Bevölkerung und an den Standorten umstritten. Atomanlagen einsetzen:
Im Wendlandrückspiegel wird eine Adressen- Der eigenständige und teils militante Wider· LnMn wir uns von Parlament, Juetlz und
liste von Standort-81's veröffentlicht. stand hat in den letzten Jahren ein Immer grö- Polizei nicht vorschreiben, welches der rich-
Ber werdendes Verständnis in der Bevölkerung tige Weg Ist , unser gemeinsames Ziel zu ar·
1. Konferenz vorg...hen fOr MHte Fe· erfahren, nicht zuletzt durch die Erfahrungen reichen'
bruar1181 der Menschen, die an den Standorten wohnen. Bestimmen wir selbst, welches Mittel dazu ge-
eignet sind; aber bestimmen wir auch! Beant-
worten wir uns dabei die Fragen:
- Schlle6en wir genOgend aus, daß durch un-
sere Aktionen Unbeteiligte zu Schaden kom-
men?
- Wird durch unsere Aktion deutlich, um was
es uns gehl? Entspricht in der Situation die
Wahl der Mittel umserem Ziel?
- Können andere Menschen, mit denen wir
unser Ziel teilen, das, was wir tun, wie wir es
tun und was daraus folgt, akzeptieren?
- Entspricht das, was wir tun, unserem Ge-
fühl? Bringt es uns in unseren BemOhungen
weiter? Wann das im Widerspruch ist, treffen
wir unsere Entscheidungen bewußt?

Bereden wir diese Fragen gründlich mit den Be-


teiligten I Bereden wir sie mit anderen so offen,
wie die drohende Strafverfolgung das zullßtl
Kommen wir von einsamen Überlegungen zu
einem gerneinsam entwickelten und verantwor-
teten Handeln!

(Beschluß auf dem Plenum der AtommOIIkonfe.


renz dieses Papier als ,.internes Diskusslon-
spapler" anzusehen und nicht an die Presse zu
geben)

88

KKN Niederaichbach
Kostenexplosion beim KKN - Abriß

Während die geschätzten Kosten fürden


Abriß des stillgelegten N iederaichbacher AKW Stade
Atomkraftwerkes (KKN) bei Landshut
bisher immer offiziell mit 90 bis 100 Mio. TÜV - Gutachten erschienen
Mark angegeben wurden, hat Umweltmi-
nister Dick diese einschließlich der not- Der niedersächsische Umweltminister hat-
wendigen Folgekosten inzwischen auf c_a. te die Studie im August 86 in Auftra~. ge-
165 Mio. beziffert, wovon aus Steuermit- THTR Hamm geben, um die nach Tschernobyl v:rstark.t
teln ca. 150 Mio. getragen werden müßten. aufkommenden Zweifel an der Storf~llst­
Dies ergeht aus einer Antwort des Umwelt- Die Burgerinitiative Hamm gibt a~ jetzt cherheit zu widerlegen. Nach Erschemen
rninsters auf eine parlamentarische Anfra· einen monatlichen THTR - Rundbnef he· des Gutachtens der Gruppe Ökologie Han-
ge des Grünen . Abgeordneten Kestel. Nach raus. Schwerpunkte sind Pressemeldungen nover wurde im Januar 87 der Art:>t:,itsauf-
Ansicht des Landhuter Bürgerforums ge- über und um den TH TR (im Heft 1 Prozeß trag an den TÜV erweitert. Die TU.V- In-
gen Atomkrattwerke mußten diese wesent- gegen Kühlturmbesetzer, SPD und Atom- genieure bestätigen in ihrer Studte ~as
lich höheren Kosten dem Ministerium vor energie), Wochenberichte der V EW. St~ah­ GÖK· Guwchten, in dem u.a.aufgezetgt
und bei der Abrißgenehmigung bekannt lenschutzbericht, Terminblatt sonsttges wird daß das AKW nichtgegen den Bruch
gewesen sein und wurden offenbar bisher und weiteres. der Frischdampfleitung ausgelegt sei - der
nur deshalb geringer angegeben, . um ~as Kosten DM 30.- für 6 Monate. bei mehr TÜV empfiehlt deshalb eine 100M io. DM
umstrittene Abrißvorhaben aus ftnanztel· als einem abonnierten Exemplar DM 20,-. teure Nachrüstung. Gleichzeitig wurden
len Grunden nicht zu gefahrden. Das Bür· Bestellungen bei : BI Umweltschutz die Störfallauswirkungen "heruntergerech-
gerforum sieht darin eine nicht hinne~m­ Postfach 1242 , 4700 Hamm 1 net", um zu verhindern, daß der Reaktor
bare bewußte Irreführung der Öffentlich- bis zum Einbau der notwendigen Armatu-
keit und des Parlamentes. ren abgeschaltet werden muß.
Kontakt: Th. v. Taeuffenbach , Dammstr. Andere von der GöKaufgelistete Schwach-
stellen wie die erhöhte Wahrscheinlichkeit
13, 83 Landshut eines Versagens des Reaktordruckbehälters
wegen der Verwendung ei ne.s u ngee_ig nete~
Stahls oder die wegen baultcher Etgenhet·
ten in Stade erhöhte Gefahr einer Damp~ ­
explosion im Sicherheitsbehälter bei __et-
nem Kernschmelzunfall, weist der TUV
mit widersprüchlichen und veraltete.':' An~ ·
Iysen zurück. Bestätigt wird vom TUV dte
Feststellung der GÖK, daß entgegen den
Richtlinien der Reaktorsicherheitskorn ·
mission das Notkühlsystem nach Erschöp-
ten des Wasservorrates nicht auf Sumpf-
betrieb umgeschaltet werden kann. Schluß-
folgerung des TÜV : keine relevante
Schwachstelle. .
Weitere Informationen und das Gutachten
der Gruppe Ökologie Hannover (GÖK)
sind erhältlich bei : Grüne im Landtag
Hinrich Wilhelm - Kopf- Platz 1, 3 Hanno-
Oie masstven Ausbauplände der bundes- 1
deutschen Atomtndustrie und Atompolttiker. die
vorsahen, das Ernstand zu einer Atomprovinz
zu machen. sind miHierweile auf das Atomzen-
I1
trum Lingen zusammengeschmolzen. Dies
auch aufgrund des massiven Widerstandes
1976 in Wippingen im nördlichen Emsland, wo
das radikale Vorgehen der Bauern die Errich-
Notizen aus der
tung des damals noch geplanten •Nationalen
Entsorgungszentrums (NEZ)-. bestehend aus
WAA und Endlagerung im Salzstock. verhtndert
hat
Während aber bundesweit an vielen Orten
der weitere Ausbau des Atomprogramms
stockt, wtrd Ltngen masstv zum bundeswetten
Atomzentrum ausgebaut. Hier stehen nicht nur
die Reaktorrutne Llngen I und der Baulinie
80-Reaktor Lingen II. hier macht auch der
Ausbau der Brennelementefabrik ANF/Exxon
Nuclear den Hanauer Atomanlagen zuneh-
mend Konkurrenz und auch für die Ausprobie-
rung der neuen Exportidee der bundesdeut-
schen Atomindustrie , dem
HTR-Modulreaktor, steht Lmgen mehr oder
weniger als Standort fest. Ferner wird hier erst-
malig in der Welt dte großtechntsche Wteder-
aufarbeitung radiaktiv verseuchter Lebensmtt·
tel geprobt, tndem Bundes- und Landesregte-
rung planen. die durch die Katastrophe ver-
seuchte Molke im stillgelegten Reaktor Llngen I
zu •entseuchen•. Die Atomanlagen im einzel-
nen :
AKW Lingen
(offiziell: KWL - Kernkraftwerk Lingen) Llngen
I war der zweite von sieben Demonstrations-
kratten. ein Siedewasserreaktor mit Sekundär-
kreislauf und Olnachbrenner, eine
AEG-Entwtcklung, die dann aufgegeben wur-
de. Nach etner Bauzett von vter Jahren wurde
der 250 MW-Reak1or tm Sommer 1968 tn Be-
trieb genommen. Llngen I hatte mit 50 % mit
Verfügbarkelt die schlechsteste Ausnutzung al-
ler bundesdeutschen Atomkraftwerke. Nach-
dem zum wiederholten Male ein Dampfumfor-
mer kaputt war und ausgetauscht werden muß.
te, erteilte die nieders. Landesregierung die
Auflage, daß der Reaktor gegen Flugzeugab-
sturz - die Llngener Atomanlagen liegen auf
der Grenze des zum Bombenabwurfplatzes der
Royal Air Force gehörenden Fluggebietes um
Nordhorn-Range - nachgerüstet werden müß.
te. Da die Betreibenn VEW die Kosten hierfür
I
scheute, führte diese Auflage zur fakttschen
Stiltagung von Lingen I tm Januar 19n. Offiziell
stlllgeleg1 wurde Ungen I von Betretbersette im
Januar 1978. Durch die Klage eines Ernstän-
ders und die Aufdeckungen der damaligen
Landtagsfraktion der Grünen, sah sich die Lan-
desregierung genötigt, ein behördliches Stllle-
gungsverfahren nach Atomgesetz in Gang zu
setzen. Die letzten Brennelemente wurden im •
Sommer 1981 nach Windscale/Sellafield ab- Anstiege der Leukämie auf, dte zettlich in etnem Technisch soll das Molkepulver mit Htlfe des
transportiert, dte behördliche Stillegung erfolgte etndeutigen Zusammenhang mtt den schwer- sog. Roiner Verfahrens mit Wasser verflüsstgt
Ende 1985. Gteichzettig wird Lingen I bis zum sten Unfälle stehen. (Nähere Informaltonen bei und dann mtt Hilfe der noch 1m alten AKW be·
Jahre 2010 •etngemoHet•. wofür es denn letz- BEgA. c/o Herbart Masslau. Oalumer Str 32. findliehen Kunstharztonenaustauscher •ent·
tes Jahr erstmal einen neuen Farbanstrich be- 4450 Lingen) seucht• werden Ote Endprodukte dieser Wte-
kam deraufarbettung sollen wie bet der •rtchttgen•
Ltngen I hat durch viele Unfälle- 1969: Ab-
St ra hlenmolk e Wiederaufarbeitung zum einem auf den Markt
gabe des Dreifachen der erlaubten Jahres- Die Geschichte von Lingen I ist aber noch kommen (Molke). zum anderen (Ionenaustau-
höchstmenge an Radioaktivität ln die Ems; ntcht mit der Stiltagung zu Ende. Seit kurzem scher) zunächst in Steierberg zwischen- und
1971 Stromausfall, MeiBgeräteaustall, Schnel- planen Bundesumweltminister Töpfer und sein dann ln Schacht Konrad endgelagert werden.
labschaltung; 1975: Filterbruch mit Freisatzung nleders. Kollege Remmers, letzterer kommt aus Hierzu ist anzumerken, daß die BOrgergemein-
größerer Mengen J-131 : mehrere Dampfum- Llngen. die •Entseuchung• des tm Bundesbe- schaft gegen Strahlenmolke. die über 11 000
formerschaden und vteles mehr - und tn die- Sitz befindlichen durch dte Reaktorkatastrophe Unterschriften. mehr als 50 % der Wahlbevöl-
sem mit der These erhöhter Leukämiefälle von von Tschernobyl verseuchten Molkepulvers ( kerung. gegen die Mokeaufberettung gesam-
sich reden gemacht. Ote seinerzeit vom Sozlal- 5000 t). Dieser großtechnische Versuch der Le- melt hat. wie auch dte SPD. dte Grünen KV
minsterium erstellte Studie will zwar die bensmtttet..antstrahlung. 1st weltwett etnmaltg. Emsland-Sud, dte Grünen OV l.mgen. dte Grti-
LeukAmte-Behauptung widerlegen. führt 1m Er dtent eindeuttg dazu. zukunhtge Nuklearka- nen Ratstraktton Ltngen. dte BI gegen l.tngen II
statistischen Anhang aber selber sprunghalte tastrophen reglerbar zu machen. (Nach-Tschernobyl). steh alle für dte Endlage-

I 70
"'""""----~-
Landesregierung keine Genehmigung. Ungen
II ist mittlerweile der einzige beklagte Baulinie
80 Standort. Der aktuelle Stand: Mit dem Au1se-
hen erregenden Urteil des Bundesverwaltungs-

Provinz
gerichtes vom Dezember 1986 wurde dem nie-
derländischen Kläger die Klagebefugnis zuer-
kannt. Dieser Kläger ist der einzige, der nicht
nur Teile, sondern die gesamte Anlage bekla-
gen kann. Unterstützt wird der Kläger auf der
niederländischen Seite von der Stichling Bur-
gerinspraak over de grens, von emsländischer
Seite von der BEgA. Die Grünen beabsichtigen
demnächst eine Klage gegen den Kühlturm des
AKW. (Über den Versuch der Grünen, sich den
Rechtshilfefonds der BEgAzur Ananzierung ih-
rer Klage unter den Nagel zu reißen. siehe atom
Nr. 17 S. 58 f.).
Brennelementefabrik ANF
Früher Exxon Nuclear, seit dem 1.1.87 nach
Übernahme durch die KWU/Siemens •Advan-
ced Nuclear Fuels• geheißen, stellt etwa 20 %
der Brennelemente für den bundesdeutschen
Markt her, der Hauptanteil geht nach Schwe-
den. Frankreich und Belgien. ANF produziert
seit 1979 ln Llngen. Im Juli 1983 bekam ANF
die Genehmigung. die Jahresproduktion von
180 1auf 400 t zu erhöhen, mit einer Option auf
800 I. Im März 1987 wurde ANF die Pelletisie-
rung, d.h. die Herstellung von Urandioxid-
Tabletten aus Urandioxidpulver genehmigt. Zur
Zeit läuft die Genehmigung für eine Konver-
sionsanlage, mit der ANF das Urandioxidpulver
aus Uranhexafluorid (UF6) selber herstellen
will. Das nötige UF6 könnte von der UAA Gro-
• nau geliefert werden .
Lingen II i Mit ANF/Exxon Nuclear und c1en Beteiligun-
(offiziell: KKE - Kernkrattwerk Emsland) Lin- gen an den Hanauer Atomfirmen beherrscht
gen II - 75 % VEW. 25 Ofo Elektromark - ge- KWU/Siemens den gesamten bundesrepubli-
hört mit Ohu II und Neckerwestheim II zur sog. kanischen Brennelementemarkt Vor kurzem ist
Baulinie 80. Die Baulinie SO-Reaktoren sind seit ANF mit Uran aus Südafrika Ins Gerede gekom-
vielen Jahren die ersten neuen AKWs ln der men .
BAD. Mit dem Konzept der Baulinie 80 wird ei-
ne Vereinheitlichung der und damit Zeiterspar- Kurze Widerstandschronik
nis in den Genehmigungsverfahren verfolgt: sol 1976 Wippfnger Bauern verhindern das Natio-
sollen ortunabhängige Teile des Sicherheitsbe- nale Entsorgungszentrum aus WAA und Enla-
richtes und Gutachten rumgereicht werden, ger
was den Betreibern auch Kosten spart. Lingen 1978 die BEgA wird als Dachverband der ems-
II ist soweit fertig. das es Im Sommer 1988 ein ländlschen Bis gegründet
halbes Jahr früher als geplant, den kommerziel- 1979 Gründung der BI Llngen (alt)
len Betrieb aufnehmen kann, sofern es nicht zu !.1980 im Juni mit 5.000 und im Oktober m1t fast
einer Verzögerung kommt, bedingt durch einen f 10.000 Demonstranten die ersten Großdemos
Brand in der Computeranlage kürzlich. 11n Lingen
Ebenfalls soweit fertig ist der fOr die Wasser- 1982 im Herbst nach Baubeginn zwei Blocka-
kühlung vorgesehene 180 ha große Speicher- den der Zufahrtswege
see nördlich von Llngen. Die Maße: 23 Mio qm 1983im März die dritte Demo mit ca. 1.000 Teil-
Inhalt, 15 m Dammhöhe, 6 km Umfang, 2 km • nehmerlnnen
Durchmesser. Es ist das größte künstliche 1986 Gründung der BI Lingen (neu)
• Wasserbecken Westeuropas. Lingen II soll mit \1986 1m Oktober Demo mit ca. 3.000 Teilneh-
MOX-Brennelementen betrieben werden, die lmerlnnen
• aber nicht aus der nahegelegenen Brennele- 1987 im Januar erster Anschlag auf einen
rung der radioaktiv verseuchten Molke aus- mentefabrik ANF, sondern aus Hanau kom- I Strommast
sprechen. Die BEgA (d1e alten Bis) 1st die einzi- men. Zur Baulinie 80 gehört auch die formelle 11987 im August Aktionstag zum 5. Jahrestag
ge Gruppierung. die sich gegen eine Endlage- : Abschaffung des GAU. Im Frühjahr 1983 wur- des Baubeginns und Anschläge auf die Bahnli·
rung ausspricht, weil a) biologische Stoffe nicht den die BMI-Störfaii-Leitllnien geändert. der nie (Zerstörung einer Lok) und auf den Fuhr-
1 endgelagert werden können, b) die Endlage- GAU, der 2-F-Bruch abgeschafft. Dadurch spa- park am Speichersee (Ausbrennen von Bau-
rung eine allseitige Kontrolle und RQckholbar- ren die Belreiber schätzungsweise DM 200 fahrzeugen) ferner viele kleinen Aktionen in ail
keit unmöglich macht und Mio. Damit das Ganze den bereits im Bau be- den Jahren .
findlichen AKWs der Baulinie 80 zu gute kam,
Endlagerung ganz konkret Schacht Konrad wurde die Gültigkeil auf den 1.7.82 zurückda-
bedeuten würde und dies der Anti-AKW- tiert; Baubeginn !Or Llngen II war August 1982.
Bewegung im allgemeinen und den Bis gegen Llngen II wird bei Inbetriebnahme das einzige
Konrad im besonderen in den Rücken fallen Grundlastkraftwerk der VEW sein. die z.Zt. den Bürgerinitiativen und andere Gruppen, die an 1
würde. Ferner dient die Molke aufgrund der '* Grundlaststrom zukaufen muß, weshalb der einem Dia-Vortrag (Thema: Atomanlagen und
zeitlichen Parallelität dazu, von der Inbetrieb- drittgrößte Stromproduzent der Republik finan- Industrialisierung im Emsland) interessiert sind,
nahme von Lingen II und dem Ausbau von ziell etwas schlecht dasteht. Der Strom von Lin- wenden sich bitte an: Herbart Masslau, Dalu·
ANFIExxon Nuclear, die viel gefährlicher sind. gen II w1rd fast ausschließlich nach NRW ge- mer Str. 32, 4450 Lingen. Wer Interesse an
dem Video •Atomic Lingen. (ca. 25 min.) hat.

!
abzulenken. Problem: ln der Molkegemein- hen. Ursprünglich sollte dieses AKW in Hamm
schaft sind viele AKW-BefOrworter. nur den gebaut werden, bekam dort aber wegen der wende sich bitte an: Videogruppe clo Lagerhal·
Atomm ü ll w i ll keiner . Kohlevorrangspolitik der NRW- le e.V., Am Heger Tor, 45 Osnabrück.

Foto Pan- Fo to '4t


71
Sicherheit durch Raffinesse
21. Oktober 1986, abends gegen 19 Uhr: ln der ruhe aus der Firmenka~e abgezweigt. Beim der systematischen Organisation derartiger
Nähe des belgischen Örtchens Kwaardmee- KfK wurde die Staatsanwaltschaft mittlerweile Deals auch die Konzern-Spitze nicht unbeteiligt
chelen kommt ein Lastwagen wegen Übermü- vorstellig wegen gefälschter Rechungen. Der war.
dung des Fahrers von der Fahrbahn ab. Der inzwischen entlassene TN-Hauptge- An die Öffentlichkeit brachte die Angelegenheit
Deckel des geladenen Einfach-Containers schäftsführer Vygen hatte je Einzelauftrag bis ein Mitarbeiter der Stader Firma Hagenah, die
springt bei dem Unfall auf - der Inhalt, 439 zu 1 % der Auftragssumme an die Auftragge- jährlich etwa 30.000 DM in .,Gefälligkeiten" für
Beutel mit schwachradioaktiven festen Abfäl- ber in den AKW's ausschütten lassen. Doch Krattwerksangestellte investieren mußte als
len, verteilt sich am Fahrbahnrand und wird nicht nur Bares wanderte in die Aktenköffer- Vorbedingung für die Auftgragserteilung. Erbe-
Stunden später von einer belgischen Partner- chen der AKW-Bediensteten. Der Spiegel be- ten wurden vor allem private Dienstleistungen
firma des Hanauer Transporteurs Transnuklear richtete Ober Fernsehgeräte mit Telespielen wie Bau oder Überholen von Segeljachten,
(TN) eingesammelt. oder Videoanlagen, Mofas für die Kinder, Ge- Gartenarbeiten, Hausanbauten, Wohungsum-
Ein Augenzeuge beobachtet jedoch noch ande- schirrspüler, Kücheneinrichtungen, Autos, hei- züge. An Hagenah traten insgesamt 11 Mitar-
res: Aus dem Container fallen 10 Kanister mit ße Bordellnächte. Ein Preag-Angestellter in beiter heran und verlangten .,Sachleistungen",
radioaktiver Lösung, die im Erdreich versickert Würgassen kam im Laufe der Jahre auf Zuwen- ihm ist aber bekannt, daß auch Fachmonteure
-dieser Abfall wird nicht .,entsorgt", denn er dungen von 500.000 DM. anderer Firmen für den privaten Bereich leiten-
ist in den Frachtpapieren nicht verzeichnet und Als bestechlich erwiesen sich nicht nur Mitar- der AKW-Angestellter tätig waren.
bleibt so den belgischen Behörden zunächst beiter aus dem kaufmännischen Bereich, eine Die Preag gab bekannt, daß ,.Geschenke" im
verborgen. Der Laster war mit seiner strahlen- Darstellung, um die sich die EVU's zunächst Wert von insgesamt 100.000 DM von 6 Firmen
den Fracht auf dem Weg vom AKW Krümmel bemühten, sondern Oberwiegend Personal des gefordert wurden - genau aufklären wollte sie
ins belgisehe Atomzentrum Mol, wo der Sicherheitsbereiches. So wurde im Rahmen dies aber auch nicht. Zum Teil wurden die .,Ge-
schwachradioaktive Abfall in den Beuteln ver- der stillen Bereinigung der Affäre der fälligkeiten" Ober das AKW abgerechnet oder
brannt werden sollte. Die flüssigen Abfälle kön- Strahlenschutz-beauftragte des AKW Brokdorf die betreffenden Firmen durften Stundenzettel
nen in Mol nicht .,beseitigt" werden - die Ka- gefeuert, der Leiter der Strahlenschutzabtei- für nie geleistete Arbeiten ausfüllen, größten-
nister mit den flüssigen Abfällen sollten dort al- lung in Stade versetzt und drei Mitarbeiter mit teils mußten sie selbst in die eigene Kasse grei-
so entweder illegal gelagert oder illegal entsorgt Abfindungen entlassen, der für die Entsorgung fen. Viele hatten keine andere Wahl mehr, denn
werden. zuständige Fachbereichsleiter in Stade mußte ihre Existenz war aufs engste mit dem AKW
Ermöglicht hatte diese kleine .,Gefälligkeit" ein gehen, im AKW Biblis wurde der Hauptabtei- verknüpft. Die meisten hatten größere Investi-
Golf-Neuwagen und so an die 10.000 DM Ba- lungsleiter für Strahlenschutz und der Sicher- tionen für den Einstieg ins Kraftwerksgeschäft
res, die die Firma TN dem Leiter der Abfallauf- heitsbeauftragte vom Dienst suspendiert. tätigen müssen - bei Hagenah beliefen sich
bereitung in Mol spendiert hatte - auch sein Im Bereich der PreußenEiektra (Preag) wurden diese auf 150.000 DM.
Stellvertreter ging nicht leer aus. Doch auch die allein 19 Mitarbeiter bestochen. Ein Diplomin- Diese Praxis, kleine Frimen vom AKW abhän-
Hamburger Elektrizitätswerke, Batreiber von genieur der Preag warf sich im April in Hanno- gig zu machen, wurde offenbar systematisch
Krümme!, waren nicht unwissend bei dem Deal. ver vor den Zug um den staatsanwaltschaftli· betrieben. Diese hielten dann auch mit großer
Sie stritten zwar ab, daß bei den transportierten chen Ermittlungen zu entgehen - er soll von Sicherheit den Mund, wenn es galt, atomrecht-
Krattwerksabfällen radioaktive Lösungen da- der TN 220.000 DM Provision für einen fetten lich relevante Arbeiten schwarz während des
beigewesen seien - allerdings sei die Fracht- Entsorgungsauftrag im AKW Würgassen ver- laufenden AKW·Betriebes auszuführen, für die
deklaration für die mitgeführten .,schlammver- langt haben. die Aufträge offiziell erst viel später erteilt wur-
setzenden" festen Abfälle in Kanistern .,ausrei- Bei der TN war zumindest ein Mitarbeiter der den. Gang und gäbe war es im AKW, Rechnun-
chend, m(jglicherweise aber nicht ganz eindeu- Abteilung .,Transport- und Behälter" in die Be- gen und Aufträge umzuschreiben, nie ausge-
tig" gewesen. stechungen verwickelt- diese Abteilung ist zu- führte Arbeiten unter anderem Titel abzurech-
ln der Transportbranche gilt der gemeinsame ständig für Plutonium- und Brennelementtrans- nen, so daß sie beispw. für die Versicherung
Transport von flüssigen und festen Abfällen als porte. Nicht auszuschließen ist nach dem der- abrechenbar wurden. Mit der Sicherheit oder
unseriös, da nicht ungefähriich. zeitigen Kenntnisstand, daß nicht nur die TN ih- den Angaben gegenüber der Genehmigungs-
Diese Mitnahme illegaler strahlender Fracht ist re Bilanzen durch die Bestechungen aufpolie- behörde nahm man es im AKW nicht so genau.
kein Einzelfall. Nach Erkenntnissen der bel- ren konnte, sondern auch die AKW-Betreiber So beobachteten Mitarbeiter von Fremdfirmen,
gischen Staatsanwaltschaft gab bzw. gibt es .,problematische" Kraftwerksabfälle gegen gu- daß AKW-Arbeiter strahlenintensive Arbeiten
ein regelrechtes Organisationsnetz für den te Bezahlung loswurden. Die bislang mehr zu- ohne Kontrollen durchführten - die vorge-
Austausch radioaktiver Abfälle zwischen Hanau fällig bekannt gewordenen Details dürften nur schriebenen Dosimeter wurden im Vorraum ab-
und Mol - dabei sollen auch illegal hochradio· die Spitze des Eisberges sein. gelegt.
aktive Afälle von der TN nach Mol gebracht Der Mitarbeiter von Hagenah berichtete Ober
worden sein.
Die Geschichte dieses Unfalls wirft auch ein an·
Ohne Segeljacht liuft Nix den von der Genehmigungsbehörde vorge-
schriebenen Bau einer Bühne im Armaturen-
deres Licht auf die mittlerweile breiter bekannt Mitte Oktober enthüllte das Fernsehmagazin raum, dem sog. 13 Gebäude, die den Zugang
gewordene Schmiergeldaffäre um die Hanauer Panorama eine größer angelegte Schmiergeld- zu wichtigen Sicherheitsarmarturen ermögli-
TN. TN hat in den vergangen 6 Jahren insge- affäre im niedersaächsischen AKW Esensham, chen sollte. Vor der Firma Dyckerhoff wurde da-
samt mehr als 6 Mio. DM Bestechungsgelder der diesmal nicht die TN, sondern für das AKW zu · eine fehlerhafte Zeichnung vorgelegt. Als
an nahezu 100 Mitarbeiter fast aller bundes- arbeitende Firmen t:>etraf. Diese bekamen Ober sich dies nach der Fertigstellung der Bühne
deutschen AKW's gezahlt- eine Geldsumme, Jahre hinweg nur Aufträge, wenn sie Direktoren herausstellte, wurde sie vor Ort proviSOrisch
die zu verschmerzen war, trug sie doch dazu und Ingenieure schmierten. passend gemacht. Dabei wurden die Zug- und
bei, den TN-Umsatz im gleichen Zeitraum zu Wie bei den TN-Bestechungen waren auch hier Druckstärke verändert, die Wärmeisolierung
verzehnfachen: von 5 Mio. DM 1980 auf 50 Mio. nicht nur kaufmännische Mitarbeiter beteiligt, der Frischdampfleitungen abgeflacht (wozu es
hM 1986 sondern leitende Ingenieure, u. a. der für die Si- zu Verspannungen kommen kann) damit die
Die Schmiergelder kamen von Schwarzgeld· cherheitsarmaturen zuständige. Bühne Oberhaupt einzubauen war.
konten in der Schweiz - Millionenbeträge wur- Mittlerweile ist klar, auch dieser Skandal ist Der Genehmigungsbehörde wurden diese Än-
den dafür mittels gefälschter Rechnungen nicht auf das AKW Esensham beschränkt, son- derungen nicht mitgeteilt. Erst auf Intervention
zweier nicht existenter Schweizer lngenierfir- dern betrifft zumindest die norddeutschen der Landtagsgrünen ließ das nieders. Umwelt-
men sowie des KernforschunQszentrums Karls· AKW's der Preag. Es wird gemunkelt, daß an ministerium die Bühne sperren. Sie durfte nicht

72
NG 0363710 S
betreten werden, da die Statik gefährdet ist.
Trotz dieser Bedenken wurde die Bühne vor
kurzem vom TÜV abgenommen. Unklar wird
bleiben, ob hierfür die kleinen Gefälligkeiten
verantwortlich waren, die auch TÜV-
Ingenieuren erwiesen wurden. So ließ die AKW-
Leitung einige der Firmen auf ihre Rechnung
auch für den Privatbereich von TÜV-
Ingenieuren arbeiten. Es gibt Hinweise, daß ei-
nige TÜV-Mitarbeiter seit 1981 jährlich 15.000-
30.000 DM Schmiergelder erhielten. Auch die
Geschichte mit der Bühne ist kein Einzelfall.
Hagenah berichtete u.a., daß der die Stoßrich-
tung der Hauptkühlmittelleitungen oder Feder-
hänger im Ringraum im laufenden AKW-
Betrieb wechseln mußte. Damit dies nicht be-
kannt wurde, mußten falsche Rechungen aus-
gestellt werden.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt gegen 3
Mitarbeiter von Esensham - der Rest der Be-
troffenen ist von der Preag im Rahmen "vor-
beugender Se/bstreinigung" bereits entlassen
worden. Veranlaßt hat die Staatsanwaltschaft
auch die Durchsuchung von 2 Schrotthandals-
firmen in Wiesmoor und Minden Anfang No-
vember, bei denen- allerdings vergeblich-
nach illegal aus dem AKW beiseite geschafftem
Schrott gesucht wurde.
Verlassen kann sich die Atommafia auf die
Atomgerichtsbarkeit. ln Revanche für die Ver-
öffentlichung der Affäre veranlaßte sie eine
Hausdurchsuchung bei Hagenah und verbot
dem nieders. Landtagsabeordneten der Grü- .
nen, Hannes Kempmann, weiterhin zu behaup-
ten, daß am Primärkreislauf Stoßsicherungen
der Hauptkühlmittelleitungen während laufen-
dem Betrieb ausgetauscht wurden und es da·
durch zum GAU kommen k6nne - na,
wenn weiter nichts ist.

73
Atomtransporte

(1]
WANTED
Unter dem steigenden Öffentlichen Druck
fällt es Politikern und Betreibern zunehmend
schwerer die Beförderung der atomaren
" Güter", zumahl auf der Straße, zu legiti-
mieren. Die Rechtfertigungen werden hilflo-
ser und plumper, z.B. wenn der nleders. MI-
nister Hierehe die Lage zunilchst einmal prü-
fen lassen will, wenn LKW's mit Tempo 110
Müll der Gefahrengutklasse I Ober die Auto-
bahn prügeln. Dabei sind derartige Stoffe
nach der neuen Gefahrengutordnung, mit
der sich auch der Bundes-Verkehrsminister
Warnke gerne brüstet allein auf der Bahn zu
transportieren.
Andererseits kann unsere Forderung natür-
lich nicht die Vertagerung des Atommülls
von der Straße auf die Schiene sein, son-
dern muB die Einstellung aller Atomtrans-
porte beinhalten. Stattdessen sollten eher
entsprechende Politiker zur Gefahrengut-
klasse I erklärt und aus dem Verkehr gezo-
gen werden.

jTransportbehälter TN 1300
Hersteller : Tra.nsnuklear
Verwendung : F ür den Transport
abgebrannter Brennelemente
Beschreibung: l ) TN 1300
für Straßentransport : Kühlrip·
pen rot/orange, Kopfstücke
gelb, Untergestell blau
2) TN 1300 für Bahntransport:
Verkleidung weiß/schwarz

Doch zurück zum Zweck dieses Kapitels.


Der wesentliche Knackpunkt aller unserer
Aktlvitäten Ist die rechtzeitige Identifizie-
rung der Atommülltransporte, um die ver-
schiedensten Maßnahmen ergreifen zu kön-
nen. Das Problem besteht allerdings in der
hohen Zahl unterschiedlicher Transportbe-
hllter, die zudem manchmal noch getarnt

AtommüiHransporte sind.
Allein für die Beförderung von abgebrannten
Brennelementen stehen eine ganze Reihe
von Behältertypen zur Verfügung, die sich je
nach Größe und Art der Brennelemente un-
terscheiden (siehe Tabelle). Da die neu ent·
Atom(müll)tranaporte gehören zwar noch ausgeholt werden. wickelten Behälter von TransNuklear aus
nicht zum Stra8enblld wie Taxis oder Llefer· Die permanente Behinderungsdrohung Hanau noch ziemlich unbekannt sind und sie
wagen, dennoch nimmt der Umfang der zwingt die Atommafia zu umfangreichen Sl- den Cestor-Behältern von der Gesellschaft
Transporte ln erschreckendem Maße zu. Pro cherungsmaBnahmen, die den Charakter für Nuklear-service (GNS) Ihnlieh sind, wer-
Jahr geht die Zahl ln die Zehntausende, al- dieser Gesellschaft einmal mehr entlarven. den bisher alle Transport-Behälter Im Volks-
lein 1984 waren 1470 offiziell von der PTB Im Falle der MOX-Transporte nach Lübeck mund Castor·Behllter genannt.
gemeldete Frachten von Brennelementen heiBt das, eine Menge verstörter Verkehrs- Hinzu kommen noch die ContaJ.ner für den
Gleichzeitig jedoch steigt da öffentliche Be- tellnehmertnnen, die von der vorbeldon- Transport von schwach- und mittelaktivem
wußtsein für da Gefahrenpotentlai dieser nernden Atom-Karawane auf die Standspur Atommüll.
Transporte. der Autobahn gedrängt werden, und Staus
auf Autobahnkreuzen und -auffahrten. Um Auskunft Ober die Herkunft und den ln-
Obwohl weder dJe Öffentlichkeltearbeit noch Die Medien kommen ln Anbetracht dieser halt der Transporte zu erhalten, Ist es not-
die Mobilisierung des Anti -AKW- Tatsache nicht länger umhin die Atommüll- wendig, sich mit den verschieden Typen
Widerstandes bislang nicht hinreichend transporte ln Ihre Berichterstattung einzu- auselnanderzusetzen.
sind, konnten die Atommtranaporte aus der beziehen, Ihnen zum Tell sogar Sondersen- Wir wollen aus diesem Grund noch einmal
Anonymhit (des nichtliehen Dunkels) her- dungen zu widmen. die wesentlichsten Transporttypen Im Bild
darstellen.
74
Atomtransporte

Für die Einlagerung der Brennelemente sind zunächst Behälter in folgenden


Ausführungen vorgesehen:

Typenbezeichnung IOr Brennelemente aus BrennstoHmenge Behälter- Breite Länge


Druckwasserreaktoren gewlcht
(DWR) Schwer-
Siedewasserreaktoren metaII Brenn-
(SWR) ca. elemente ca. ca. ca.
Transportbehälter CASTOR I a OWR 2,1 t SM 4 BE 80 t 1,6 m 6,0 m

Castor CASTOR I b DWR 1,4 t SM 4 BE 60 t 1,6 m 4,7 m


CASTOR I c SWR 3,1 tSM 16 BE 80 I 1,7 m 5,5m
CASTOR II a OWR 4,91 SM 9 BE 120 I 2,0m 6,0m
Bersteller:Gesellschaft für
Nuklearservice (GNS) TN 900 OWR 3,71 SM 7 BE 80 I 2,2m 4.8m
Verwendung:Transport ab- TN 900 SWR 3,3 t SM 17 BE 801 2,0m 5,4 m
gebrannter Brennelemente. TN 1300 2,4m 6,0m
DWR 6,4 tSM 12 BE 120 I
Für das Zwischenlager Gor-
leben sind 4 Castor- Größen TN 1300 SWR 6,51 SM 33 BE 1151 2,4 m 5,7 m
zugelassen (für 4 bis 16
Brennelemente, s. Tabelle) CASTOR KRB-MOX SWR 1,9 t SM 16 BE 641 1,6 m 4,8m
CASTOR KWO-MOX OWR 4,4 1 SM 16 BE 851 2,0m 4,2 m
Beschreibung: gelbe Trans- TN VAK-MOX SWR 1,01 SM 17 BE 451 1,8 m 2,5m
portcontainer, für Bahn-
transport auch mit Abdeckung TN 900/2-09 MOX DWR 2,7 15M 8 BE 861 2,3m 4,8m

75
Atomtransporte

5\GYN
OSl<ARSHA N

Transportbehälter TN 7

Hersteller:Transnuklear Verwendung: Transport von Mischoxidbrennelementen (MOX- BE),


u.a. für die MOX- Transporte aus verschiedenen bundesdeutschen AKW' s über Lübeck nach Schweden. Für die
Transporte wurde eine Abdeckung verwendet. (Bild oben)
Beschreibung:Transportcontainer rot/orange, TN- Transportfahrzeug mit dunkelblauem Führerhaus (Bild 2)

78
Atomtransporte

Transportcontainer

Hersteller: Transnuklear

Verwendung: Für Transporte


von radioaktiven Abfällen in
Fässern, beispw . ins Zwischen-
lager Gorleben

Bescbreibung: Container
rot/orange, ZUgmaschine
blau, gelber Windfang

Foto D. Meincke, Pan- Foto

Transportbehälter für
Uranhexafluorid

Foto R. Jahnke, argus

Transportcontainer

HersteUer : Transnuklear

Verwendung: Transporte radioaktiver


Schlämme

Beschreibung:Rot/orange- farbene
runde Container

77
Atomtransporte

Foto: harry
Seit Juli '87 werden Atommülltransporte aus tungen und andere Aktionen wird die Bevölke- nig Autos für diese Aktion gab, sowie auch
vier süddeutschen AKW's über die Autobahn rung Ober die Transporte (Routen, Fracht usw.) manche Autobahnabschnitte als zu gefährlich
und Ober das Bundesbahnnetz quer durch die informiert. Es wird versucht eine breite politi· eingestuft wurden, wie z.B. die Kasseler Berge.
Republik nach LObeck,. und von dort aus mit ei· sehe Debatte Ober die Transporte in Gang zu Einmütige Meinung war dann, daß um einen
nem Spezialschiff nach Schweden verfrachtet. setzen. Stau zu erzeugen mindestens 15-20 Autos not·
Hintergrund für diese Transporte von abge- Mit Hilfe der Behinderungsaktionen soll aber wendig seien, mit steigender Beteiligung die Si·
brannten, hochradioaktiven Brennelementen nicht nur Öffentlichkeit geschaffen werden, viel- eherheil der einzelnen Autos steige, da {.K.W-
bildet ein Vertrag zwischen der schwedischen rnehr ist es auch Ziel den reibungslosen Ablauf Fahrer bei 50-100 Autos vor Ihnen keine sol·
und der bundesdeutschen Regierung, der ei· der Atommüllschiebereien empfindlich zu stö- chen riskanten Überholmanöver veranstalten,
nen Ringtausch von Atommüll und die Zwi- ren und evtl. auch einz.elne Transporte ganz zu als wenn nur 10 Autos vor ihnen langsam fah·
schenlagerung der BRD'eigenen Brennele- verhindern. ren. Wie die einzelnen Gruppen die blockieren
mente ln Schweden beschließt. (s. 'atom' Geplant war das AKW Kahl zu beobachten und wollen sich verhalten, sollte in gruppeninternen
Nr.17) sobald die Tranporte das Gelinde verlassen oder regionalen Zusammenhängen geklärt wer-
Im Oktober fand dann in Hannover die erst.e haben, Ober ein Infosystem die beteiligten den. Ziel war es die Ankunft der Transporte ln
Streckeckenkonferenz statt. auf der sich AKW· Gruppen zu informieren, die dann zu ihren ent- LObeck solange zu verzögern (bis k'eln Marzi-
Gegner/innen aus den Städten und Orten ent· sprechenden Autobahnabschnitten fahren soll· pan mehr ausgeliefert wird und die Revolution
lang der möglichen Transportrouten zusam- ten, um dort, durch verlangsamtes Fahren, ei- ausbricht; d.Sz.), daß die Belreiber mit ihren
menfanden. Zu Beginn wurde Ober den Hinter- nen Stau zu produzieren, in dem die Transpor· Zeitplan ln Bedrängnis geraten, de laut Infor-
grund der Atommülltransporte und der voran· ter rein geraten würden. Dies würde im Idealfall mationen das schwedische AtommOUsehilf "Si-
gegangenen Behinderungsaktionen, die vor- so aussehen, daß der Transport sich bis LO· gyn" spätestens um 6.00 Uhr den Hafen verlas-
wiegend in LObeck stattfanden. informiert. ln beck ständig im Stau befinden würde. sen müßte.
der anschließenden Diskussion wurden zu ein· Während der Diskussion stellte sich dann her· Am 20.121 . Okt. war es dann soweit, aber die
erseits verschiedene Möglichkeiten für eine Be- aus, daß viele Gruppen erst einmal eigene Er· Realität ließ dem Idealfall keinen Platz. Der
hinderung der weiteren Transporte erörtert, an· fahrungen mit dieser Aktionsform machen wol· Transport wurde beim Verlassen des AKW's
dererseits Sinn und Zweck an sich überdacht. len, bevor sie in der Öffentlichkeit dazu mobili· nicht als solcher erkannt, weshalb der Alarm
Um das Konzept der Betreiber, die Transporte sleren, andere e.rstmal sich auf das Beobach· erst um 23.30 Uhr ausgelöst wurde, als der
still und unbemerkt von der Öffentlichkeit ten beschränken wollen. Dies zum einen weil Transport am Kamener Kreuz Q8\lichtet wurde.
durchzuführen, zu stören, sollen anhand der es Überwindungsängste gab mit dem eigenen Im folgenden eine kurze Rekonstruktion:
Behinderungsaktionen die Transporte aus ihrer Auto einen Stau zu erzeugen und sich notfalls 19.00.20.00 Start Kahl - Kontrolle:" haben
AnonymitAt herausgerissen werden. Auto- und mit der Wut der Betroffenen (überwiegend Transport gesehen, aber nicht erkannt". Aus-
LKW-Fahrer/inan werden damit konfrontiert., LKW-Fahrer) auseinander setzen zu müssen, gang:KWU Gelände vorn (Haupteingang). kei-
daß sich vor oder hinter ihnen stark strahlende anderseits weil die Unfallgefahr als zu hoch ne Bullen
AtommOlltransporte befinden, deren Gefähr· eingeschätzt wurde und das Risiko nicht zu ver- 20.03 GI Westhofener Kreuz (TA 80 km/h)
dungspotential mit etlichen Hiroshima-Bomben antworten sei. Andere Gründe waren da8 es in 23.23 Abzweigung Dortmund-Unna (TA 100.
zu vergleichen ist. Durch Flugblätter, VeranstaJ. manchen Gruppen schlicht und einfach zu we- 110 kmlh)

78
Atomtransporte

23.25 Auf A 1, MOnster beobachtet, Osnabrück Passanten gesehen wurden. Außerdem hing
beobachtet am TA eine Schlange von ca. 100 Autos, die AktioMtag ln LObeck
00.15 Lotter Kreuz (TA hält auf Seitenstreifen 2 laut hupend für die notwendige Atmosphäre
min., Bullen wechseln) sorgten.
01.00 Rastplatz (RP) Wildeshausen, Aassen, Während der langen Fahrt von Kahl nach Lü- "Ueber Stau al8 8upergau"
TA-Konvoi: Autobahnpolizei, TA 1, TA 2, Auto- beck begleiteten einige Reporter, Rundfunk-
batinpolizei und Fernsehteams die Aktionen. Insgesamt ist Am 3.10.87 fand ln LObeCk ein Aktlon8lllg unter
02.00 RP Grundbergsee, Raststätte Ostetal, das Interesse und die Berichtserstattung der dem Motto:.,Ueber Stau all Supergau" gegen
Staus (TA muß verlangsamen) MArlien Als positiv zu bewerten. die Traneporte von MOX-Brenneiemente Ober
03.00 Stau vor Harburg, TA fährt Dibbersen den l..ObeCker Hafen I\ICh Schweden statt, weJ.
runter, Harburg oder Stillhorn wieder rauf, wei-
Wie weiter? eher folgenderma8en vet11ef:
tere TA Behinderungsversuche bis Barktehei- Das wurde mit dem Konzept der bisherigen Be- Ab 9 Uhr waren alle Zufaht18etra8en zur LG-
de, Polizei riegelt Auffahrten ab, verhindert Auf- hinderungen der TA's, auf den Autobahnen becker Innenstadt durch Infopoeten mit Flug-
fahrt von Raststätten aus durch erzeugen eines Staus erreicht? bllttem und Traneparenten beeetzt. Gleichzei-
05.00 Barkteheide - Das öffentliche Interesse für die Transporte tigerrichteten verechledene Gruppen lnfoetln-
a11DiilBXIi:B61:80tte-W9:hhBimrlara.t~ ist geweckt wurden, auch innerhalb der Anti- de ln der City. Um 11 Uhr startete eine kurze
Streckenkonferenz zum Auswertungstreffen. AKW-Bewegung werden Transporte wieder Demo mit ca. 500 Tellnehmerinnen (fOr LObeck
Kritisiert wurde das Infosystem und die Beob- vermehrt diskutiert. Kommende Transporte in eine recht gro8e Beteiligung), die mit einer Ab-
achtungdes TA. Es war fOr einzelne Gruppen Bezug auf die Einlagergenehmigung fOr das 8Chlu8kundgebung endete.
kaum feststellbar wo seih der TA befindet, so Zwischenlager Gorleben (s.Kasten), Transporte Nun eollten Ylelflltlge Aktionen folgen. Eine
daß sie zum Teil zu früh auf die Autobahn fuh- die im Zusammenhang mit der Konditionierung- Fahrradgruppe von ca. 50 Beteiligten fuhr mit
ren, oder zu lange warteten und die Auffahrten sanlage in Gorleben und der WAA in Wackers- umweltgerechtem Tempo von 20 kmlh durch
abgesperrt wurden. Ein weite.rer Diskussion- dorf sind ansatzweise im Gespräch. die lnnenatadt und machte trotz weniger ge-
spunkt war die Konfrontation die die Hambur- - Die AtommOlltransporte nach LObeck kön- nervter Autofahrer darauf aufmert<aam, da8 lie
ger Akteurinnen mit wütenden LKW-Fahrern nen nicht geheim durchgefOhrt werden, durch lieber Stau als Supergau ln Kauf nahmen. Eine
hatten. Einige derselben machten waghalsige die Polizeipräsens auf den Autobahnen, die Ab- andere Aktion fOhrte rd. 100 Leute durch, wel-
Überholmanöver, ein LKW stellte sich quer, sperrungen von Auffahrten, die zum Teil zu che mit zlg Getrlnkedoeen, als Mlnlatomfllaer
brachte damit die Bioeklerer/innen zum stehen Vollsperrungen ausarten, konfrontieren immer bemalt, Zebrastreifen und Ampeln Oberquer-
und aussteigen, schließlieh griff er mit einem mehr Menschen mit den Transporten. ten, wobei die strahlende Fracht Yeftoren wurde
Knüppel bewaffnet eine Person an. Dies war Für die Zukunft wird es ein wesentlicher Punkt und der Verkehr bis zum Bergen des .,Gefahr-
zwar ein einigartiger Vorfall, regte jedoch die sein, daß die Atommülltransporte in der öffentli- gutes" stehen mußte. Die Sportler unter den
Diskussion um das Risiko einer solchen Aktion chen Berichtserstattung bleiben und die Dis- Aktiven errichteten ein Volleyballfeld auf der
erneut an. kussion zu diesem Thema verstärkt wird. Dazu Fahrbahn und lieferten sich unter dem Publi-
Ein wesentlicher Kritikpunkt war die auf die Ak- bedarf es grundsätzlich noch anderer Aktionen kum wartenden Autofahrer ein Antlatommatch.
tion folgende Öffentlichkeitsarbeit, die defacto in den Städten, die die Behinderungsaktionen Greenpeace entrollte ein Transparent von ei-
nicht stattfand. Es gab nicht wie geplant ein auf der Autobahn ergänzen, auch speziell zwi- nem der LObecker KlrchtOrrne. Eln Dekontaml-
bundesweites Flugblatt, auf das sich alle Grup- schen den Transporten. ln diesem Rahmen er- nltlonstrupp, ausgerOstet mit BOrste und was-
pen jedoch stützen wollten. Die mangelnde scheint es uns sinnvoll die nächsten Transporte sergetOllten Eimern, stoppe PKW's um sie zu
Vermittlung in der Öffentlichkeit fOhrte dazu, entseuchen, sprich zu waschen, und danach
daß sich Teile der Hamburger Gruppen an der hundarte von Papierschnipseln mit dem Radlo-
nächsten Aktion im November nicht mehr be- aktlvttlt8zeichen auf die nassen Karossen nie-
teiligen wollten, da fOr sie Risiko und Nutzen in
Kontakt ftir alle Informationen dergehen zu lassen. Straßentheatermäßig zog
keinem Verhältnis mehr stand. über jede Art von A tommülltrans- sich eine Gruppe von " Strahlenopfem" gegen-
Bis zum Treffen auf der Atommüllkonferenz in porten: BUU Hamburg/ Weiden- seitig Im Bergungsgriff über die Straßen.
Braunschwe.ig gab es immer noch kein Flug- stieg 17/2000 Hamburg20/TeL:
blatt, das bundesweit auf die TA aufmerksam 040/400423
machte. Nur im geringen Maße fanden ln ein- Foto: LIGA
zelnen Städten Veranstaltungen statt, das Echo
der Presse auf die Oktobertransporte war sehr
gering geblieben. ln Braunschweig standen die
Einwände, die Aktion sei nicht zu vertreten wie-
der im Raum. Die meisten Gruppen einigten
sich jedoch darauf, die TA am 24./25. Novem-
ber ein weiteres Mal auf der Autobahn zu be-
hindern. Diesmal sollte schon im Vorfeld und
während der Aktion Pressearbeit gemacht wer-
den. Am 25.11 . um 11 .00 Uhr sollte auch eine
Pressekonferenz im LObecker Rathaus gege-
ben werden.
Die Aktion bei den Novembertransporten wurde
von fast allen als Erfolg gewertet. Die TA wur-
den schon von Anfang an von 5-8 Polizeifahr-
zeugen begleitet und waren dementsprechend
auffällig. Der Alarm wurde rechtzeitig ausge-
löst, so daß der TA bei Dortmund zum ersten
Mal einen Stau vor sich hatte. Der TA wurde
von den Bullen auf eine Raststätte geleitet, auf
der er 1,5 Std. stand. Daraufhin began die Poli-
zei schon sehr früh die kommenden Auffahrten
zu sperren, was zum Teil einer Vollsperrung
der Autobahn gleichkam. Trotzdem gelang es
immer wieder einzelnen Gruppen auf die Auto-
bahn zu kommen um dort einen Stau zu erzeu-
gen. Die TA waren dann schließlich erst gegen
7.00 Uhr in Lübeck, wodurch sie von vielen

79
Atomtransporte

FOr Aufsehen sorgte ein aus Bettlaken gefertig- Es gelang durch diese Zusammensetzung ver· legenhalten ihre Bedenken gegen diese Ak·
ter SO m langer Anti-Atomwurm mit 40 Beteilig- stAndnie für Blockadeaktionen und zivilem Un- tionsform zur Diskussion gestellt. Leider wur-
ten in seinem Inneren, der sich durch Strallen, gehorsam zu entwickeln. Öffentliche Reaktio- den unsere Bedenken dort nicht geteilt.
KaufhAuser und sogar haltende Busse schJAn.. nen waren zumeist auch positiv. Selbst die bür- Wir haben uns entschlossen, die Frage der Ver·
gelte. Den Abschluß bildete eine Fete gegen gerliche LObecker Nachrichten berichtet von antwortbarkeit einer solchen Aktionsform in der
Atomkraft mit Live-Musik, wobei die Gruppen .....amOslert reagierenden Passanten... ". Zu ..atom" zur Diskussion zu stellen. Zunächst je-
zugunsten der Aktion auf ihre Gage verzichte- nennenswerten Polizeiaktionen gegen Atorn- dOch möchten wir einige - vielleicht nahelie-
ten. gegnerlnnen kam es nicht. Einerseits um sich gende - MißverstAndnisse vermeiden:
Aufgerufen zu den AktlvitAten an diesem Tag bei der Unterbindung der mit viel Jux vorgetra- 1. Wir sind nicht gegen Blockadeaktionen bei
hatte ein breites Bündnis von Gruppen, sowie genen Aktionen vor den Zuschauern nicht lA· Atomtransporten. Wir haben im Gegenteil be-
Organisationen aus Umweltschutz und Politik. eherlieh zu machen, andererseits hatten die reits selbst solche Aktionen (Besetzung der
Die Mitarbeit reichte von der LObecker Initiative Ordnungshüter mit der Umleitung des Verkehrs Herrenbrücke) durchgeführt.
gegen Atomanlagen (LIGA) Ober Netzwerk, Ar· um die "gestaute" Innenstadt mehr als genug 2. Wir glauben nicht, daß bei direkten Aktionen
beiterjugendsportgemeinschaft, Greenpeace, zu tun, da sie dem Geschehen recht unvorbe- jegliche GefAhrdung sowohl Beteiligter wie Un·
Autonomen HL bis zu den Grünen LObeck, um reitet gegenüberstand. beteiligter auszuschließen Ist. Wir meinen aber.
nur einige der über 20 beteiligten Gruppen zu daB flisiko und Erfolg in einem vertretbaren
nennen. 11m6 von der UGA Verhältnis zueinander stehen müssen.

Foto: LIGA
Der Gedanke, einen Aktionstag als Protestform Zur Verantwortbarkelt von
zu gestalten, kam aus der Überlegung daB eine 3. Es geht uns nicht um eine .,Oistanz.ierung" .
einfache Demo nicht die gewünschte Publlzltat Aktionen Wir denken, daB eine Veröffentlichu~ in der
erreichen würde. Da ein Aktionstag frO die LIGA ,.atom" den Charakter einer zwar breiten aber
eine Überforderung dargestellt hAtte, versuch· Warum die LIGA sich nicht doch bewegungsinternen Diskussion hat. Uns
ten wir aus dem linken und fortschrittlichen in den bOrgerliehen Medien von and9f'en Atom-
Spektrum Gruppen zu beteiligen. an den Autobahnblockaden kraftgegnerionen zu dlst.anzieren, lehnen wir
Auf Initiative der UGA hatten sich Vertreterfn· gegen Atomtransporte be· ab.
nen der einzelnen Organisationen zu einem telllgt Wir wissen natürlich, daB es trotzdem ein be-
Diavortrag zusammengefunden, um Ober denklicher Schritt ist, die Diskussion nicht mehr
Atomtransporte durch ihre Stadt mehr zu erfah. intern, sendem in der " atom" zu führen. Wir
ren. Auf die Frage, ob Interesse an einer ge- Dieser Artikel bezieht sich auf Aktionen gegen hätten uns zu diesem Schritt nicht entschlos-
meinsamen Aktion zu dieser Problematik be- AtommOlltransporte die am 8.19. September, sen, wOrden wir die Gefahren sowohl fOr Unbe-
stünde, gab es einige Resonanz. So wurden 20./21. Oktober und 24./25. November 1987 teiligte wie auch fOr unsar Anliegen nicht fOr im-
gemeinsame Vorbereitungstreffs durchgefOhrt. auf der Autobahn zwischen Hannover und LO· mens halten.
Durch die groBe Anzahl der beteiligten Grup- beck stattgefunöen haben.
pen, gab es eine Menge VorschlAge von BetAtl· Ziel der Aktionen war eine Verzögerung von Als,ko für Unbeteiligte hat
gungen. Es wurde ein Rahmen verschiedenster Atomtransporterl, die MOX-Brennelemente per
Aktionen erstellt, gemeinsam ein Augblatt und LKW aus· Kahl auf das schwedische Spezial· höheres Gewicht
Plakat entworfen. Das Bündnis machte es mög- schiff" Sigyn" gebracht haben.
lich, unterschiedlichste Kreise zu mobilisieren. Da das Schiff jeweils gegen sieben Uhr mor· Generell ist bei der Betrachtung von Aktionsrisi-
Zusammen wurden mehrere tausend Augls gens ablegt, fahren die LKW's der Arma ken zwischen Risiken für uns salbst, dilt wir die
verteilt, hunderte Plakate verklebt. TRANSNUKLEA.R zwischen 22 und 24 Uhr in Aktion durchführen, und Risiken für Unbeteilig-
Ein weiteres Ziel des Aktionstages war es, kon- Kahl tos. Sie fahren dann ohne gröBere Pausen te zu unterscheiden.
takt zu Passanten zu bekommen, andererseits die Nacht durch nach LObeck. Geplant war Einig sind wir uns sicherlich darin, daß an das
spOrbare Behinderungen des Öffentlichen Le- nun, die Transporte zu behindern, Indem einige Risiko für Unbeteiligte wesentlich höhere Maß.
bens zu erreichen. Fahrzeuge auf die Autobahn fahren, dort bis stAbe angelegt werden müssen als etwa an un-
EinerseitS lnfoposten, StraBentheater, anderer· auf 30 bis SO km/h verlangsamen und so einen ser eigenes. Schließlich haben es sich diese
se1ts "AtommOIIblockaden" mit Verkehrsstaus, Stau zu verursachen, in dem die Transporter Menschen nicht ausgesucht, in eine Aktion ver-
die Aussagen sollten, daB diese Behinderun- stecken bleiben. wickelt zu werden. Sie haben 11ie entscheiden
gen Im Gegensatz zum Evakulrungschaos bei Oie LIGA hat es abgelehnt, sich an diesen Ak· können, ob sie das Risiko eingehen wollen oder
einem Atom-Transportunfall lAcherlieh sind. tionen zu beteiligen und bei verschiedenen Ge- nicht.

80
Atomtransporte

Bel vielen Staus gibt es Auf· Jahr mehrfach. minen, haben die Chance, etwas gegen die
Hier die an sich schon fragwOrdige Theorie des Transporte zu unternehmen. Doch da die Absi-
fahrunfille ! cherung bei der Verladung in LObeck kaum
Restrisikos Ins Spiel zu bringen, erscheint uns
verfehlt. Das Risiko eines schweren Unfalls Ist LOcken läßt, ist der Im Moment einzig praktika-
Wir meinen, daß das Risiko fOr Unbeteiligte - weit höher als das " Restrisiko" eines AKW's. ble Aktionsvorschlag die Autobahnblockade.
nämlich die zufällig auf der Autobahn fahren- Wir bekämpfen die At<M/'s weil im Verhältnis zu Diese scheinbar große Chance - gepaart mit
den Autofahrerinnen - unvertretbar hoCh Ist. den unabsehbaren Folgen eines Unfalls auch einer gewissen Überbewertung direkter Aktio-
Bei einem groBen Prozentsatz der Staus auf das kleinste Risiko unverantwortbar ist. Auch nen - läßt offensichtlich die eine oder den an-
den Autobahnen kommt es zu Auffahrunfällen. bei den Autobahnblockaden müssen wir uns deren die geäußerten Bedenken beiselteschle-
Viele dieser Unfälle tordem Todesopfer oder also fragen: Wie groß ist das Risiko? Wie ben. Wir meinen, als politisch denkende und
haben schwere Verletzungen zu Folge. l)as Ri- schwer sind die Folgen, wenn etwas schief handelnde Menschen, können und dürfen wir
siko ertlöht sich noch zusAtzfleh dadurch, daß geht? Und: Wie groß ist der Nutzen, fOr den wir uns es nicht erlauben, andere in eine solche
die Aktionen zwangsläufig in der Dunkelheit dieses Risiko in Kauf nehmen? Gefahr zu bringen.
stattfinden müssen - also bei schlechten Uns erscheint der Nutzen, den Atomtransporter Es geht eben darum, Menschen fOr uns zu ge-
Sichtverhältnissen und zu einer Zeit, wo nie- Im Höchstfall einige Stunden aufzuhalten, ver- winnen und nicht darum, unsere Hilflosigkeit zu
mand mit einem Stau rechnet, dafOr aber viele glichen mit dem nicht von der Hand zu weisen- demonstrieren.
übermüdete Fahrerinnen mit oft sehr hoher Ge- den Risiko, den Tod von Menschen mitzuver-
schwindigkeit Ober die Autobahn jagen. Zu be- schulden, lächerlich gering. Die Aktion nochmals über-
denken sind schließlich auch die Gefahren, die
von den Atomtransprtern selbst ausgehen, soll-
Dabei ist der politische Schaden, den ein sol- denken I
cher Unfall hätte, noch nicht einmal mitberOc+t-
ten sie in einen Unfall verwickelt werden. sichtigt. Es bedarf nur wenig Fantasie, sich das
Schlie811ch Ist bekannt, daß diese mit stark Uns ist die Zusammenarbeit mit den Initiativen
Gageifere der bOrgerliehen Presse nach einem
überhöhter Geschwindigkeit von bis zu , , 0 entlang der Transportstrecke sehr wichtig. Wir
solchen Unglück ausrumalen.
kmlh fahren . sind davon überzeugt, daß sich andere Mög-
Die Gefahr wird verdringt lichkeiten des Widerstandes mit geringerem Ri-
Die Gefahr darf nicht ver- siko- nicht unbedingt fOr einen selbst, aber fOr
harmlost werden andere - finden lassen.
Wir sehen hinter der Tatsache, daß politisch er- Wir wünschen uns deshalb eine sachliche Dis-
fahrene Menschen - in Kenntnis der Ein- kussion unserer Einwände in den entsprechen-
Das Szenario eines folgenschweren Auffahrun- wände - solche Aktionen unternehmen, eine den Initiativen und hoffen fOr die Zukunft auf
falls ist keineswegs ein überspitztes Extrembel- fatale " Es-wlrd-schon-gutgehen" -Haltung. gute Zusammenarbeit.
spiel, sondern geschieht im Gegenteil jedes Endfleh wissen wir von konkreten Transportter-
Foto: LIGA UGA, LObecker lnltl8tlve gegen Atomanle·
gen

-.

81
Das Forum wurde eröffnet durch einen
Überblick über clieAtommilll'entsorgung'
den H. Hirsch am Freitagabend gab.
Inhaltlich bestimmt war das Wochenende
im Weiteren durch die Diskussionen in
den vier Arbeitsgruppen und dasabschlie-
ßende Plenum. WU" können leider die
Ergebnisse aus Platzgründen, aber auch
weil die Protokolle zum Teil nicht voll-
ständig waren, nur sehr stark zusammen-
gefaßt wiedergeben.

''Atommillltransporte"
Zu diesem Thema soll an dieser Stelle
nicht viel gesagt werden , weil der ent-
sprechende Diskussionsstand in einen
eigenständigen Artikel in dieser Zeit-
schrift eingeht. Nur soviel: Die Dis-
kussion verlief recht produktiv bis zu
dem Moment, als das Gerücht aufkam ,
der erste Castar-Transport werpe bereits
in der folgenden Woche erfolgen. Von
diesem Punkt an erhielt die Diskussion
einen konfusen Charakter. Ein Lehrstüc~
für die Lektion, wie venneintUchtt
Zeitdruck alle guten Ansätze aushebein
kann.
"Eigentlich war das ja to tal irre, wie wir muß möglicherweise mit
damals ..... " An dieser Stelle müssen wir WU" sollten uns davon frei machen!
dem ersten Transport von hochradio-
die verklärten Exkurse eines unserer aktivem Müll, abgebrannte Brennele-
Kollegen regelmäßig abbrechen, bevor er mente, nach Gorleben gerechnet werden.
wortreich die derzeitige Krise des Wend- Faßmüll ist in der letzten Zeit ohnehin
land-Widerstands an vergangeneo Hoch- schon wieder eingelagert worden, ohne
zeiten wie 1004-Besetzung, Wendiand- daß dies einen adäquaten Protest "Kritikpapier der Frankfurter
Blockade oder Tag X mißt. hervorgerufen hat. Schließlich schreitet Autonomen"
Weit weniger romantisch war die Reak- auch das Genehmigungsverfahren der
tivierungsinitiative der Hannoveraner- Konditionierungsanlage still und heim-
Die Arbeitsgruppe hatte sich getroffen,
Innen, die der Schwäche der Bewegung lich voran, und niemand kümmert sich
um auf der Grundlage des Lupus- Kritik-
mit einem Widerstandscamp zurück auf ernsthaft darum. Schlechte Aussichten
papiers autonome Politik zu diskutieren.
die Beine helfen wollten. im Wendland also.
Die Intensität der Diskussion führte je-
Zwei Treffen in Gedelitz im Sommer 87 Angesichts dessen wurde der ursprüng-
machtenjedoch deutlich, "daß der nord- doch dazu, daß die Auseinandersetzung
liche Vorschlag der Hannoveranerinnen
nicht über den ersten Aspekt "Unsere
deutsche Anti-AKW-Widerstand nicht so modifiziert, daß schließlich der Ge-
gerade agil zu nennen ist", so daß sich danke eines stark inhaltlich ausgerichte-
politische Militanz hinkt der praktischen
ein aktionsorientiertes Camp als schlicht
hinterher, anstatt ihr vorrauszugehen "
ten GORLEBEN - FORUMs 87 Gestalt hinauskam .
unrealistisch erwies. Stattdessen wurde annahm. Es war allerdings nach wie
es als dringend notwendig empfunden, Gegenüber dem Primat der Theorie der
vGr eingebettet in ein Widerstandscamp
gemeinsam über diese Schwäche zu K- Gruppen bestand der Ansatz der au-
in den ersten Oktobertagen.
tonomen Anti- AKW- Bewegung immer
reden, nach Ursachen zu suchen, Per- Leider war das Camp, ein Zeltlager in
spektiven und Ziele zu formulieren, so- darin, von der Betroffenheit der Men-
Gedelitz,nur sparsam besucht, dennoch
schen auszugehen. So sehr diese Strate-
wie dementsprechende Schritte zu konnten ein Beobachtungsturm errichtet
planen. gie grundsätzlich für angemessen gehal-
und mehrere "Ausflüge" unternommen
Es waren vor allem auch die Wendländer- ten wurde, so sehr stellte sich mit dem
werden.
Ionen selbst, denen an grundsätzlichen Ansatz selbst und als Reflex auf die po-
Diskussionen über die Strukturen von litische Praxis der K- Gruppen eine nicht
Protest und Widerstand gelegen war. UJ~erhebtiche Theoriefeindlichkeit ein.
Angesichts der Tatsache, daß die Ein- Dementsprechend ging der hohe Stellen-
wohnerinnen des Landkreises sich mit wert praktischer Aktionen zu Lasten ei-
ihrer atomar bedrohten Lage mehr oder ner adäquadaten politischen Arbeit, die
weniger abfinden bzw. jede weitere zudem den immer stärker reformistisch
Verschärfung der Situation mit einem orientierten Grünen überlassen wurde.
resignierten Schulterzucken zukommen- Utopieverlust und Konzeptlosigkeit
tieren scheinen, droht die so~iale Basis waren die Folge, aber auch die Tatsache,
des Widerstands weiter zu zerfallen. daß die Vennitte1barkeit von Aktionen
Von einer gemeinsamen starken Oppo- wie Blockaden, Sabotage etc. häufig aus-
sition ist zur Zeit ganz zu schweigen, geschlossen war. Viele Aktionen erschie-
und das, obwohl sich die Wolken über nen nach außen hin abstrakt, mithin will-
dem Wendland weiter verdüstern. kürlich. Durch fehlende politische lnhal-
te und eine unterentwickelte Diskussi- Ebene des politischen Anti-AKW-Kam-
onsbe.reitschaft wurde zu Gunsten der pfes zu eröffnen.
"Thesen von G. Anders'" Es würde unsere derzeitigen Möglich-
praktischen Militanz die Abgrenzung ge-
genüber anderen Protest- und Wider- keiten bei weitem überfordern, die
standsgruppen verfestigt. 1.) Die Arbeitsgruppe kam sehr scttnell zuletzt von Günther Anders formu-
Neben der eingeschränkten politischen zu dem Ergebnis, daß die Folger- lierte These - die Tötung der polit.
Wiikung wurde damit zudem der staat- ungen seiner Analyse banal sind, d.h., u. techn. Verantwortlichen - auf
lichen Repression Vorschub geleistet. daß das Töten der für unsere Todes- dem Hintergrund des derzeitigen In-
Insofern besteht die Konsequenz in Be- b'edrohung politisch und technisch Ver- formationsstandes auch nur zu for-
zug auf den autonomen Wendland- Wi- antwortlichen nicht nur moralisch ge- dern. Ausgend jedoch von der Richtig-
derstand darin, sich nicht mehr nur akti- rechtfertigt, sondern unsere Pflicht keit seine.r Aussagen, die Verantwort-
onsorientiert auf den nächsten Transport ist. Lichen persönlich, direkt und unmittel-
zu stürzen, sondern praktische Aktionen
mit einer intensiven Vor- und Nachberei-
tung sowie entsprechenden öffentlichen
Veranstaltungen zu verbinden.

Arbeitsgruppe der
"Widerstand & Alltag"

"Es hat für uns viel mit der fallenden


Faszination und der Ausstrahlung auto-
nomer Politik zu tun, daß wir große Be-
reiche unseres Alltags abgehakt und auf-
gegeben haben, was sich in den Formen
autonomer Politik eher wiederspiegelt
·ls bricht ..... " Die Frage ist jedoch vielmehr, ob seine bar zu bedrohen, halten wir es für
m Sinne dieses Zitats aus einem Kritik- Analyse der Wirklichkeit, die in einer machbar, persönliche Angriffe über eine
papier Frankfurter Autonomer empfand Notwehrsituation mündet, tatsäenlieh bloße Denunziation hinaus auf eine
die Arbeitsgruppe die eigene Situation stimmt. Anders gesagt, wie . n a h politische Ebene zu stellen, die uns
in Bezug auf das Wendland, wenngleich kommt der Philosoph Anders der kon- neue Möglichkeiten der Selbstdarstel-
sie über diesen und andere Aspekte kreten Realität, die außerhalb unserer lung und Vermittlung unsere Stand-
insgesamt kontrovers diskutierte. Mensch und auch seines Kopfes herrscht, punkte gibt.
schätzte sich selbst als "einen kleinen, bei der Beschreibung der Wirklichkeit? Wir halten die praktische Umsetzung
aber doch lebhaften Haufen ein, dessen Erst wenn wir die Analyse mit der G. für machbar und .denken, daß eine
politische )fußerungen allerdings ziem- Anders eigenen Brillianz und Schärfe Ebene unseres Widerstandes die in-
lieh verhalten gewordensind ". Die eigene führen, scheinen uns die natürlich haltliche gut - sehr gut sogar - vor-
Arbeit an starken Gegenstrukturen ist sofort auftauchenden gedanklichen bereitete Angriff auf diese Verant-
größtenteils aufgegeben bzw. aus den Hindernisse wie z.B. Tabu vor der wortlichen des menschenverachtenden
Augen verloren worden. Persönlichkeit eines anderen Menschen, Systems sein kann. Eine solche breite
Die Arbeitsgruppe machte es sich unter dem uns allen innewohnen9en "Du Mobilisierung gegen Persönlichkeiten/
.anderem zur Aufgabe, die verschiedenen sollst nicht töten". gesellschaftliche Individuen hat es unseres Erach tens
Gruppierungen der Region aufzusuchen, Isolation, Repression , RAF~yndrom, noch nicht gegeben.
um mit ihnen über Geschichte, Gegen- etc., übersteigbar. Nur dann, wenn wir Es sollte uns möglich sein, soviel Fan-
wart und Zukunft der Bewegung zu unsere Situation wahrhaftig als unauf- tasie aufzubringen, um eine breite
diskutieren. Ziel soll es sein, die Leute scttiebbar, als unabdingbar, zu so- Diskussion in der BewegupgfGesell-
wieder an einen Tisch zu bringen, um fortigen Handeln zwingend erfahren - schaft anzukurbeln, die den w e g -
wenigstens auf dem kleinsten gemeinsa- und dies kann nicht über eine indi- w e i s e n d e n C h a r a k t e r der
men Nenner miteinander in einen viduelle Situationsbeschreibung, der Thesen von Günther Anders aufzeigt.
Gedankenaustausch zu kommen. mich umgebenden Welt allein ge- Daß diese Diskussion in jedem Fall
Darüberhinaus möchten die Teilnehmer- schehen, sondern sieht eine kollek- sehr kontrovers geführt wird, würde
Innen der Arbeitsgruppe wieder mehr tive Erkennung voraus, nur dann löst auch in der Arbeitsgruppe deutlich.
Veranstaltungen in den Dörfern des sich die philosophische Banalität auf
Wendlandes machen, um mit denBewoh- unci wird zum praktischen Handlungs- (Der Text wurde geändert. Wir können
nerinnen über Themen des Widerstands faden. eine abweichende Einzelposition an
zu sprechen. Das betrifft natürlich die Darüberhinaus ist es aber auch so, dieser Stelle aus platztechnischen
aktuelle Situation in der Region (Trans- daß_ es ein eindeutiges Ja/N.ein in der Gründen nicht wiedergeben .)
porte, Konditionierung, Endlager etc.), Realität nie geben wird , die Thesen
aber auch grundsätzlichere Themen , wie von Günther Anders auch nur auf Soweit also in sehr geraffter Form die
sie z.B. auf dem GORLEBEN - FORUM einer philosophischen Ebene eindeutig Arbeitsergebnisse. Wer Genaueres erfah-
diskutiert wurden. · · 'und unzweifelhaft beantwortet werden ren will, kann sich beim Atomplenum
Ein nächstes Treffen, auf dem diese kann. Hannover (Stärkestraße 15,3 Hann. 91)
komplexe Thematik fortgeführt werden II.) Über eine rein philosophische die vollständigen Protokolle schicken
soll, ist an dem Wochenende am 16. und Wahrheit hinaus, den Philosophen G. Jassen. Das Atomplenum sowie das Büro
17. Januar 88 in Meuchefitz Nr. 12 Anders als Vordenker, als Wegberei- der BI Lüchow Danneoberg sind auch
angepeilt. (Anmeldung unter Tel.: ter für Denkprozesse begreifend, muß die Stellen, bei denen Ihr aktuelle Ter-
05841/5977) es nicht zum Gefühl der Notwehr mine und Informationen in diesem
gereichen. Wir denken, daß es an der Zusammenhang erfahrt.
Zeit ist, eine neue, wenn auch schon in Das nächste GORLEBEN
Ansätzen immer schon vorhandenen soll Ostern 1988 stattfinden.
nach Lage werden dort Aktionen aus dem
Spektrum von Protestdemo bis Blockaden
Auf ein Neues beschlossen. Alle anderen Leute werden
wissen was sie tun. Vor Danneoberg und
Castor-Transport Lüchow wird es Info-Stellen an der Sraße
geben, darüberhinaus wird eine Telefon-
nach Gorleben stelle eingerichtet, deren Nummer noch
bekanntgegeben wird.
Für Faßmüll-Transporte gilt aufgrund der
zu erwartenden relativ späten Identifizie-
Nun ist es also wieder soweit. Der erste rung, daß die Wendländerinnen einen
Castor-Transport soll in nicht allzu ferner Transport auswählen, zu dem dann mobili-
Zukunft, möglicherweise schon im Januar siert wird. Gruppen, die an der jeweiligen
ins Wendland rollen. Transportstrecke wohnen,sollen dort aktiv
Abzuwarten bleibt derzeit v.a. ein Urteil werden. Alle weiteren sollen zum BI-Büro
des Bundesverfassungsgerichts, in dem es in Lüchow kommen oder dort anrufen,
um die Fragegeht, inwieweit das Zwischen- um Informationen oder Absprachen zu
lager Gorleben überhaupt rechtskräftig in treffen bzw. zu erfahren.
Betrieb gehen kann, da es ja seinerzeit Es ist also nicht viel, was die Bewegung
formal nicht nach A tomrecht, sondern wie sich zur Zeit ausrechnen kann., aber im
eine x-beliebige Kartoffelhalle genehmigt Rahmen derVerhältnisseimmerhin wieder
worden war. Gerüchtehalber kann mit dem ein Anfang. Wichtig ist, daß sich alle
Urteil noch im Dezern ber gerechnet wer- Gruppen, die im Wendland (wieder) aktiv
den. Es ist dann zu· erwarten, daß die PTB Zumal die Realität die Bewegung am 18. werden wollen, sich strukturell, info-und
bei einem "positiven" Bescheid einen An· Okt. 87 einmal mehr eingeholt hat, als ins aktionsmäßig vorbereiten. Das gilt v.a. f'ur
trag auf Sofortvollzug deiner Einlagerung Zischenlager erneut schwachaktiver Müll Gruppen in den Bereichen um Würgassen,
stellen wird, sei es für ein einzelnes AKW aus Stade eingelagert wurde. Biblis, Brunsbüttel und Stade, denn aus
oder pauschallur mehrere AKWs. Der BI Nach mehrerenTreffen gilt grundsätzlich diesen AKWs sind die eisten Castor-Tans-
Lüchow Danneoberg bliebedannwiederum die Devise, "lieh auo nicht beim enten porte zu erwarten. Eine den Möglichkeiten
die Möglichkeit, beim Verwaltungsgericht Transport unter unnötigen Erfolgszwang der Gruppen entsprechende Überwachung
einen Eilantrag gegen die Einlagerung zu zu setzen" und v.a. eine Politik und Info- wäre also wünschenswert . Diejenigen, die
·stellen, der aber wohl nicht so große Aus- arbeit zu entwickeln, die die Atommüll- meinen, nicht auf der Alarmliste zu stehen,
sichten auf Erfolg hätte. transporte weiter ins öffentliche Bewußt- sollen sich bei der BI Lüchow Danneoberg
Damit wUrde dann dem Transport von sein rückt. melden.
hochradioaktiven Brennelementen nach Konkret soll· bei einem Castor-Transport, Das nächste Gorleben-Transporte-Treffen
Gorleben nichts mehr im Wege stehen. dessen Vorwarnzeit hinreichend erscheint, soll Mitte bis Ende Januar 88 zusammen
Wirklich nichts? - Alle seeligenVerweise von den Lüchow DannenbeJ;gem Alarm mit einem MOX-Transporte-Treffen im
auf die verschiedenen Tage X sind Schnee ausgelöst werden. Einzelne o der unvorbe- Wendland stattfinden. (Ort und genauer
von gestern. Die derzeitige Situation sieht reitete Leute sollen sich am Verladekran Tennin werden noch bekanntgegeben.)
nicht besonders gut lur die Bewegung aus. am Dannenberger Ostbahnhof treffen. Je No pasaran! (Wer weiß?)

La Hague-Connectlon Eine Folge dieses Streits ist die praktische Auf-


lösung der Regionalkonferenz KrOmmel. Den-
noch hat es außer einer Überwachung des
Castor-Transporte aus Krümmel AKW mehrere kleine Aktionen gegeben. Neben
FackelzOgen und einer " Kielnst".Qemo wurde
Seit dem 5.0ktober 87 finden sog. Castor- Bergedorf wird die Strecke besonders fOr diese beim ersten Transport der Versuch unternom-
Transporte abgebrannter hochradioaktiver Transporte unterhalten; es kann daher davon men, diesen durch eine Blockade zu behln-
Brennelemente (BE) nach La Hague statt. Mit ausgegangen werden, da8 die bis 1990 folgen- dem. Aber auch nichtliehe Aktionen von Klein-
zunlehSt 7 Transporten von je 32 BE 8011 Im den ca. mindestens 20 Transporte ebenfalls auf gruppen sind durchgefOhrt worden,
Abklingbecken Platz fOr den nAchsten BE- ihr stattfinden werden.
Wechsel Im kommenden Jahr geschaffen wer- Neben den Caostortransporten hat es in-
den. Nach dem dlesjlhrigen Wechsel Im Juni, zwischen. auch zumindest einen Fa8transpoft
beldem 320 BE gewechselt wurden, war die- ins Zwischenlager bel Gorteben gegeben. Eine
ses weitestgehend& voll. Damit wird der weitere Behinderung dieser Transporte vor Ort Ist z.zt.
Betrieb des AKW-KrOmmel trotz .,35 Stunden- nicht möglich, da schon zu den Castor-
Gutachten" und diverser baulicher MAngel fOr Transporten unter den drei sog. örtlichen 81's
die nlchsten Jahre festgeschrieben, bzw. erst erhebliche Differenzen auftraten. Diese wurden
ermöglicht. nicht nur ln der Diskussion eines Aktions-
Der mit der Cogema, als Setreiber der WAA ln rahmens sondern auch in der politischen Eln-
La Haque, geschlossene Vertrag sieht bis 1990 schAtzung deutlich.
eine Obernahme von 190 to. abgebrannter
Brennelemte zur Wlederaufarbeltng vor. Der
bel der Aufatbeltung entstehende sowie der Bedeutend fOr uns 1st der Aufbeu von
nicht aufzuarbeitende Teil hochradioaktiven Kontald.n/strukturen, MWie die kontinuier-
MOlls wird ln die BAD zurOcktransportlert, um liche Arbeit zu Atom- und AtommOI~
hlef endgelagert zu werden. Das abgetrennte Sporten. Denn die Transporte sind und bl'el-
Plutlonlum verbleibt jedoch ln Frankreich und ben das sc:hwlchste Glied Im A~
findet ln den Atomwaffen des franz. MllltArs gr~~mm. Sie lsngfristlg politisch wie pnlk-
Verwendung. tlsch zu vemlndem heißt den Lebensnerv
Oie Transporte finden auf der Schiene statt. Die der Atomindustrie snzugreffen und zu tref-
BE werden von der AKN bis Hambursr fen.
Rothenburgeort transportiert und von dort mit
der Bundelbehn nach La Haque. Bis HH- (zugesandter Artikel)
ft1e italienische Bevölkerung hat zugeschlagen: stimmungsfragenl Nicht ein einziges SchlOssel-
-Li! der Möglichkeit der Volksabstimmung (Ae- wort zur Kennzeichung der einzelnen Themen
lelendum) haben die Menschen hier der Regie- (es gab schileBlieh 5 Fragen), stattdessen so-
Mg und der Atomlobby gezeigt, was eine mas- was: Sind Sie für die Streichung der Art. x,y,z,
eenhafte Abstimmungsharke Ist.
Nicht, daJI damit automatisch die AKW's vom
Be/la ltalia des GesetzeS 785 in Verbindung mit dem De-
kret 17845 vom 28.3.78 in der Änderung ... , ver-
Tlsch sind (und schon gar nicht die militärische

No
abschiedet am...? Wer sollte da durchblicken?
Nutzung), schön wärs, aber das Ergebnis hat Nur eine Hilfe gab es fürs dumme Wahtvolk:
bei den Oberhäuptlingen der Politik viele offene verschiedenfarbige Zettell
Mäuler hervorgerufen. Damit hatte niemand ge- Doch es hat alles nichts genutzt. Ziemlich ge-
n~ehnet: ln der gesamten Republik haben weit nau 18 Monate nach Tschernobyl hat die Ab-
Ober 70 % aller Italienerinnen und Italiener ge- lehnung der Atomenergie eine satte Mehrheit
gen die sogen. friedliche Nutzung der Atom- afl'energl unter Italiens Bevölkerung. Keine groBen regio-
energie gestimmt!! a nuefearel nalen Schwankungen, keine deutlichen Stadt-
Oie Möglichkeit, durch ein Referendum Ge- Land-Unterschiede. Besonders erfreulich findie
setze abzulehnen und Interessen direkt zu ver- ich, daJI die ortsansässige Bevölkerung aller

-
lleten, gibt es seit 1971 , und sie hat seit der Zeit vier Standorte sich klar von den AKW's verab-
(ilberwiegend) eine progressive gesellschaft- schiedete: ln Avetrana, 1982 ausgewählt als
M che Rolle gespielt und die politischen Grund- neuer Standort für ein AKW und ein Symbol im
sätze benannt, hinter die keine Partei im Lande Widerstand gegen das Atomprogramm, haben
mehr zurückl<onte. Berühmt geworden sind die 80 % sich für die Referenden entschieden; in
beiden Referenden von 1974 und 1981, mit de- Trino. wo massive Kampagnen mit Arbeitsplät-
nen die Aufhebung des Ehescheidungsgeset- zen von Industrie und KP-BOrgermeister statt-
zes bzw. des Abtreibungsgesetzes gegen die fanden , Immerhin noch zwei Drittel. Ober 80%
schwarze Front aus katholischer Kirche, Presse auch in Montaltro dl Castro; und ln Caorso, wo
llld Christdemokratie abgeschmettert wurde. das einzige arbeit.ende AKW steht, das seit ei•
Bekannt bleiben wird aber auch die jetzige Ent- nem Jahr abgeschaltet ist (I), waren es 70 %.
ICheldung vom 8./9. 11 .87, denn zum ersten Oie Fotgen dieser Abstimmung können erheb-
Mal beschlle8t das Volk eines führenden Indu- lich sein. Bereits am Tag danach haben die
strielandes (Osterreich darf dabei aber nicht Anti-AKW-Abgeordneten im Parlament Bau-
*9985en werden, d.Siltzer), aus der Atom- bzw. Betriebsstop rur die vier Anlagen gefor-
energie auszusteigen. Im einzelnen wurde ent- dert. Eln neuer nationaler Energieplan muß auf-
sc h i eden : gestellt werden, an dem jetzt endlich die Anti-
AKW-Aktiven beteiligt werden wollen. Und die
-Der CIPE, einem staatlichen Energiegremnl- Entscheidung gegen den Superhenix könnte
um, wird die Entscheidungsbefugnis zur Aus- bedeuten, daß Italien aus dem EURATOM-
wahl von AKW.Standorten entzogen und an Vertag austritt. Nur- alle Entscheldungung lie-
das Parlament zurückgegeben (PRO: 80,6 %). gen formal beim Parlament!
- Der nationalen Monopolgesellschaft für die Und erst die nächsten Monate werden zeigen,
Elektroenergie (ENEL, staatlich) wird verboten, wieviele juristische und politische Bremsver-
118 Zustimmung der Standortgemeinden von suche Energiekonzern und parlamentarischer
J«!N's und KohleKWen zu " erkaufen", d.h. Atom-Lobby noch einfallen werden, bis wirklich
Entschädigungen für Umweltschäden vorab als ein Ausstieg aus der Atomenergie stattfindet.
Bestechungsmöglichkeit einzusetzen (PRO: Ich fOrchte, es wird noch viel Zeit vergehen. Je-
79,7%). denfalls wird entscheidend sein, wieviel Druck
- Der ENEL wird weiter untersagt, mit auslän- und " atomfelndliche Energie" in der Anti-Atom-
dischen Partnerinnen Gesellschaften zur Erpro- Bewegung erzeugt wird, denn nur damit könn-
bung und Betreibung von Atomenergieanlagen ten die rein machtopportunistischen Parteien
zu bilden wie z.B. beim Superphenix in Frank- zur Durchführung von " Volkes Willen" (aus-
18ich (PRO: i1 ,9 %). nahmsweise mal) gedrängt werden. Oie BOrge-
rinitiativen, die es seit einigen Jahren auch in
Dieser Erfolg ist um so wichtiger, als mit allen Italien gibt, erfahren hoffentlich einen groBen
Mitteln versucht worden war, die Köpfe der Aufschwung, Ist doch spätestens seit der Volk·
Menschen zu vernebeln. Gegen den tapfer sabstimmung klar, daß ihre Arbeit von der gro-
wOhlenden Haufen der unterstOlzenden Leute, Ben Mehrheit klammheimlich gebilligt wird.
Umweltschutzverbände, GrOne, Oemocrazla Zur Zeit geht die Blockade am AKW Montafto
Proletaria, Einzelpersonen, Bl's, die Tageszei- nördlich von Florenz weiter; sie wird von auto-
Uig "II manifesto", Autonome usw. stand der nomen Gruppen, Anarchos und der Gruppe
Rest: Lotta Contlnua getragen:,.Für eine andere
Zunächst verhinderten die Sozialisten Anfang Entwicklung! Nein zur zivilen und mllltlrt-
1987 die Abstimmung durch die Ansatzung von ten, und nat0r1ich wurde in Presse und Fernse- schen Atomenergie!" Oie Blockade begann
Neuwahlen (mit freundlicher Unterstatzung der hen nur Ober die zwei neuen Referenden und am Samstag und Ist nach der Abstimmung auf
Christdemokraten bei vornehmen Zaudern der nur mit den Parteienvertretern gesprochen - unbestimmte Zeit verlängert worden.
Kommunisten). Nach den Neuwahlen Im Juni wie Im Wahlkampf: Sprechblasen Ober Sprech- Neue Aktionen sind in der Vorbereitung. Und
kam mit den Grünen nicht nur eine weitere Anti- blasen, errnOdend und langweilig. Oie AKW- der Staat?
Aiom-Partei Ins Parlament (neben Partita Radi- Fragen nkkten so aus dem Blickfeld. Auch die Oie Regierungskrise ist schon da, dla Energie-
Cile und Oemocrazia Proletaria), sondern auch unvermeidlichen ..Experten" traten in einer lan- konzerne jammern nur oder verweigern Konse-
bei Sozialisten und Kommunisten nahm der An- desweit koordinierten Aktion auf und trommel- quenzen, die Gewerkschaften drohen mit ei-
teil der umeltbewu8ten Abgeordneten, die in ten rur die AKW's. Bei dem ganzen Theater nem Generalstreik (wenn auch aus anderem
~r Zahl als Parellose auf den Listen ge- fehlte nur noch eine päpstliche Berne;kung, Grund, egal): Hauptsache, die Verhl ltnlssse
wtiltt wurden, stark zu. auch Wojtyla wolle seinen Heiligen Stuhllieber bleiben ln Bewegung, der Widerstand ver-
Nun wurden die (drei) Referenden zur Atom- mit gottgewolltem·Atomstrom betreiben! Dane- sinkt nicht Im WlnterKhlef - Unruhe bleibt
tnelgie endlich abgehalten, aber mit zwei an- ben gab es Aufrufe zur Nichtabstimmung, ge- die erst Bürgertnnenpftlchtl
dllen kombiniert, die Ober Fragen der Justiz zielte Falschinformationen etc...
llld der Verwaltungsreform entscheiden soll- Und erst die offiziellen Formulierungen der Ab- Andreas K., Mailand, Italien.

85
Radioaktivität

Laßt das Uran


in der Erde!
ERSTE WELTKONFERENZ DER STRAHLENOPFER
N.Y.C., 26.Sept.- 3.0kt. 1987
Vom 26. September bis zum 3. Oktober Stand der Plutoniumwirtschaft - um nur
1987 fand in New York die "First Global eine Auswahl zu nennen - boten Gelegen-
Radiation Victims Conference"( erste Welt- heit für Geschädigte, Mediziner, Naturwis-
konferenz der Strahlenopfer) statt. senschaftler, Juristen und "Bewegungs·
Die Idee zur Einberufung einer Weltkon- menschen" Informationen und Erfahrun-
ferenz kam aus Japan. Sie wurde in H iro- gen auszutauschen und über Perspektiven
shima 1985 auf einem Treffen der "Hiba- einer besseren internationalen Zusammen-
kusha", der Strahlenopfer der Atombom- arbeit zu diskutieren.
benabwürfe, das erste Mal geäußert. Atomstaaten und die Atomindustrie ha-
Im August 1986 trafen sich internationa- ben vor mehr als 42 Jahren den Weg der
le Vertreterinnen aus Australien, Neusee- Zerstörung von Mensch und Natur ein-
land, den Marschall- Inseln, Tahiti, der geschlagen und weigern sich bis heute die
BAD, Schweden, Holland, den USA und Existenz von Strahlenopfern anzuerken-
Japan zur Vorbereitung der ersten Welt- nen. Gerade die Reaktorkatastrophe von
konferenz in Hiroshima und beschlossen, Tschernobyl hat uns erst kürzlich wieder
diese 1987 in New York einzuberufen. die extreme Gefährdung und Schädigung
Auf Initiative des "Health and Energy In- durch Radioaktivität, auch im Niedrig-
stitute" in Washington kamen dann im strahlenbereich, deutlich gemacht.
September 1987 mehr als 500 Konferenz-
teilnehmer Innen aus 16 Ländern in New Im Aufruf zur New Yorker Konferenz er-
York zusammen. klären die Teilnehmerinnen der Asia- Pa-
Im Vorfeld der Konferenz hatten die US- cific Radiation Victims Conference am
Botschaften der Philippinen, Japans und 8. August 1987 in Nagasaki :" Die Realitä-
Bangladaschs den Delegierten für die New ten von Hiroshima und Nagasaki, von Bi-
Yorker Konferenz die Einreisevisa verwei- kini und Nevada, von Windscale und
gert. Eine philippinische Delegierte mußte Tschernobyl - die bis heute weitgehend
ihre persönlichen Finanzen offenlegen
und bekam wegen "nicht ausreichender
der Öffentlichkeit verborgen blieben und
geheim gehalten wurden - machen klar,
FIRST GL~
Finanzstärke" kein Visum- eine interna- daß es kein Nebeneinander von nuklearem • SEPTEMBI
tionale Konferenz der Reichen?! Brennstoff/WaffenKreislauf und mensch-
Die 12 Delegierten aus Bangladesch, die lichem Überleben geben kann."
über Verschiebung und Verkauf strahlen- "Insulaner im Pazifik mußten mitansehen
verseuchter Lebensmittel in Bangladesch wie sich ihre Inseln in radioaktive Asche-
und Indien berichten wollten, bekamen haufen verwandelten; Soldaten wurden
ebenfalls keine Einreisegenehmigungen. als Versuchskaninchen ungeschützt zum
Einem Koreaner aus Japan wurde ohne Einsatz in die Atompilzwolke geschickt; und schützen diese.
Angaben von Gründen das Visum verwei- Arbeiter werden in den tausenden von ln der Abschlußresolution der Konferenz
gert. Die Konferenzteilnehmerinnen ver- Atomanlagen täglich strahlenverseucht ... " heißt es:" Es gibt keine Dosisgrenzwerte,
urteilten die Einreiseverbote als rassistisch- 10 % der unterirdisch durchgeführten unterhalb derer radioaktive Strahlung un-
en und diskriminierenden Akt. Atombombentests schlagen Leck und set- schädlich wäre. Radioaktive Verseuchung
zen unter anderem radioaktiven Atompilz kennt keine Grenzen!"
Die zahlreichen Berichte der Betroffenen frei. Die letzte Leckage, die im Nevada Die KonferenzteilnehmerInnen forderten:
aus Japan, aus Europa ( Spanien, Däne- Testgebiet bemerkt wurde, fand zwischen - den Stop des Uranabbaus
mark, Holland,Schweden,Großbritannien, dem 10. und 30. April 1986 statt. - die Schließung aller zivilen und militäri-
Frankreich, Bundesrepublik), dem Südpa- Die Anhörung von Experten in New York schen Atomanlagen, die drastische Re-
zifik (Marschall- Inseln, Tahiti), aus Aus- zeigte zweierlei auf: duzierung des Energieverbrauches und
tralien und aus Nord- und Südamerika 1. Die schädigende Wirkung von radioak- den Umstieg auf erneuerbare Energie-
zeigten das ganze Ausmaß der skrupello- tiver Niedrigstrahlung wird noch fast quellen
sen Geschäfte der internationalen Atom- überall in der Welt geleugnet, obwohl ein - den sofortigen Stop aller Atomtests,
mafia auf. Vorträge und Arbeitsgruppen obwohl ein Anstieg der Krebsrate sowie Schließung aller Atomtestgebiete ur1d
zu speziellen Themen wie zu den Auswir- teratogener und mutagener Auswirkun- ein Ende des französischen Atomkolo-
kungen von Niedrigstrahlung, zur Proble- gen durch zahlreiche Studien eindeutig nialismus in Polynesien
matikder ICRP (internationale Strahlen- belegt werden kann. Zur Negierung die- - keine Verlagerung von Atommüllproble-
schutzkommission}, zu den Folgen von ser Schäden trägt auch die von der ICRP men in andere Länder und keine sog.
Uranabbau und Atombombentests, über verfolgte Politik bei. "Beseitigung" von Atommüll, sondern
die Arbeitssituation in Atomanlagen, zur 2. Internationale Gesetzgebung und Recht- möglichst kontrollierbare Lagerung des
gesamten Atommüllproblematik, zum sprechungsind der Atomlobby angepaßt bisher angefallenen Atommülls, um

86
DlTHE
:>BAL RADIATION VICTIMS CONFERENCE
ER 26-0CTOBER 3, 1987 • ROOSEVELT HOTEL, NEW YORK CITY •

Schädigungen zu minimieren Arbeiten für den Aufbau eines weltweiten Iien und im Südpazifik, der Samen in
· umfassende Information für Bevölkerung l'letzwerkes ausgewertet werden. Schweden und anderen, zeigten in New
Arbeiter in Atomanlagen und medizini- Eines machten diese Berichte, Dokumen- York exemplarisch die irreversible Zerstö-
sches Personal über die Wirkung radio- tationen und wissenschaftlichen Untersu- rung noch intakter Ökosysteme, Kultur-
aktiver Strahlung chungen, die in New York vorgestellt wur- zerstörung und Völkermord durch die zivil-
· drastische Reduzierung der internationa- den, klar: Wir wissen mehr als genug, um militärische Nutzung der Atomtechnologie
len und nationalen Dosisgrenzwerte zu erkennen, daß wir heute für unser Über- auf. Dieser "Kreislauf des Todes, der uns
· den Aufbau einer unabhängigen, alterna- leben kämpfen müssen. alle eint", wie die Repräsentanten des ln-
tiven internationalen Strahlenschutz- digenous Uranium Forum es formulierten,
kommission begann mit dem Uranabbau. Deshalb lau-
· angemessene Entschädigungsrenten für lndigenous Uranium Forum; tet ihre Forderung:"Leave Uranium in
Geschädigte zum Beispiel von Atomtests the ground!" (Laßt das Uran in der Erde!)
Atomwaffenunfällen, Reaktorunfällen Im Vorfeld der New Yorker Konferenz "Dieses Land, unsere Art zu leben, unser
und Uranabbau. hatte sich das lndigenous Uranium Forum Leben ist unser Kapital und dafür werden
Im Anschluß an die New Yorker Konfe- gegründet. Dieses Forum bedeutet welt- wir kämpfen", so der Sprecher des I ndige-
renz wurde begonnen, den Aufbau regio- weit einen Zusammenschluß von Indianern nous URanium Forum's, Tom LaBianc in
naler Netzwerke in Nordamerika, Asien und Ureinwohnern, dieinsbesondere unter New York. "Wir sind dabei ein Netzwerk
und Europa in Angriff zu nehmen, um in- den Folgen des Uranabbaus leiden und sich der Indianer und Ureinwohner der Erde
ternationale Kontakte des Atomwiderstan- als Opfer des zivil- militärischen Nuklear- aufzubauen, der lndigenous First Nation
des zu intensivieren. 1988 sollen auf ei- kreislaufes begreifen. people, um uns zu treffen und auszutau-
nem internationalen Treffen ggf. in der Vertreterinnen der Indianer aus Nord-und schen und einen gemeinsamen Widerstand
BRD, die Ergebnisse dieser regionalen Südamerika, der Ureinwohner in Austra- gegen den nuklearen Brennstoffkreislauf
87
Radioaktivität

für die Bombe und der erste Atombomben-


test überhaupt fand auf Indianerland in
Nevada statt. Noch bevor die Bomben auf
Hiroshima und Nagasaki fielen.
Navajo Uranbergarbeiter in Big Mountain
Arizona, einem Gebiet mit großen Uran:
erzvorkommen, die seit den fünfziger Jah-
ren den Uranabbau tätigen, starben und
sterben heute an dem beim Abbau freiwer-
denden Radon. Die Gerichte der USA ha-
ben entschieden, daß niemand verpflichtet
gew~n .~ei un~ heute ist, die Uranberg-
arbeiter uber d1e gesundheitlichen Gefah·
ren zu unterrichten. Das bedeutet auch,
daß sie keine Möglichkeit haben, irgendwie
geartete Entschädigung einzufordern. Dies
ist vergleichbar mit der Situation der Hi-
bakusha in Japan, mit den Opfern der
Atombombentests in Nevada und dem Pa-
zifik, mit der Situation strahlenverseuchter
Arbeiter in Atomanlagen, um nur einige
Beispiele zu nennen.
Auch in der BRD werden Uranvorkommen
gefördert. Die BRD benötigt Uran als
Brennstoff für ihre Atomanlagen und be-
schreibt sich selbst als " in der Rolle eines
bedeutenden Uran- Verbrauchers, ohne ...
(allerdings) über entsprechende eigene
Vorräte zu verfügen.(... ) Deshalb müssen
deutsche Unternehmen intensiv und welt-
weit ihre Suche nach Uran betreiben und
stehen dabei an vorderster Stelle." Eines
dieser Unternehmen ist die Uranerzberg-
bau GmbH in Bonn. Die Firma ist seit
dem 1.9.1968 in Bonn gemeldet und be-
faßt sich nach eigenen Angaben vornehm-
lich mit der "Aufsuchung, Gewinnung
und Vertrieb von Uranerzen und anderen
Mineralien im In-und Ausland." Die Uran-
erzbergbau (UEB) wurde fündig auf India-
nerland in den USA und Kanada, sowie
auf dem Landder Aborigines in Australien.
Allein in Kanada ist die Gesellschaft der-
zeit an ca. 20 Explorationsvorhaben bptei·
ligt. Der UEB werden von der Bundesre-
gierung Finanzzuschüsse von 50% bei der
Uransuche gewährt. T rotz der derzeitigen
Uranflaute scheint sich das Geschäft somit
zu lohnen.
Tom La Blanc, Indigenous Vertre ter bei der Strahlenkonferen'l. New York Erstvorkurzem fand dieUEB in Bonnund
Umgebung größere Beachtung und zwar
und die atomare Verseuchung des Lebens als bekannt wurde, daß sie auf dem Werks-
auf der Erde zu entwickeln. Wir sind alle der Cherokee John Roastinger. " Kerr Mc
Geeist mit einem Anteil von 21 % (der ins- gelände in Bonn eine Anlage zur Aufberei ·
über kurz oder lang Opfer der Radioakti- tung von Uran aus Fertigungsrückständen
vität, der Umweltzerstörung und des Völ- gesamt 47%) größter Uranbesitzer.
Nach Angaben von Tom La Blancbefinden der Brennelementeherstellung in Betrieb
kermordes." genommen hat. Ein diesbezüglicher Ver·
Brian Wright· Mc Leod, Ojibwa und Spre- sich 72% der weltweiten Uranvorkommen
auf dem Grund und Boden der Indianer trag wurde mit der Hanauer Skandalfirma
cher der CaniKIIan Alliance ln Solidarity RBU geschlossen. Damit demonstriert die
With Native People (CASNP) berichtete und Ureinwohner. ln den USA sollen sich
85% der gesamten Uranvorkommen unter UEB den internationalen Zusammenhang
in New York über die Situation der Urein- indianischer " Kontrolle", d .h. auf India- des zivil· militärischen Nuklearkreislaufes
wo~ner in Kanada. " Der Uranabbau ge- nerland befinden. Traditionelle Indianer, vom Uranabbau bis zur Wiederaufberei·
schieht hauptsächlich im Norden von Sas- die " auf dem Uran" leben, sollen auch tung: Radioaktivität ist unsichtbar doch
katchewan, wobei die Regierung von Sas- weiterhin umgesiedelt werden, damit die nichtsdestotrotz tödlich, ob in Bon~ oder
katchewan jährlich 600 Mio Dollar an Konzerne an die Erzvorkommen kommen. Big Mountain.
Atomtransporten in die USA verdient. Dies geht schon seit Jahrzehnten so. Aus
Das Uran wird in LKW's über Straßen in Profitgier werden mehr und mehr Natur- lnge Lindemann
den Süden nach Gore in Oklahoma gefah- völker ausgerottet. Man entzieht ihnenihre Anti· Atom Forum Bonn
ren. Dort steht eine Uranhexafluondver-
Lebensgrundlagen und bringt sie dadurch
a~beitungsanlage . Über die Auswirkungen Wer mehr Informationen über die erste
langsam um. Die Indianer und Ureinwoh-
d1eser Anlage, die radioaktive Verseuchung Weltkonferenz der Strahlenopfer haben
ner weltweit wissen , daß das Uran in der
die gesundheitlichen Folgen und die Miß- möchte, wende sich bitte an :
Erde bleiben muß, denn es birgt die tödli-
achtung der Belange der Leute von Seiten D. Piermont, Postfach 210232, 53 Bonn
che Radioaktivität. Uran wurde der Stoff
der Kerr Mc Gee Gesellschaft berichtete

88
Radioaktivität

BUND-Strahlenkommission

»es gibt keine Schwellendosencc


Die FragEYder Strahlengrenzwerte hat nach Tschernobyl und erst recht mit den aktuellen Rosalie Bertell aus Kanada. Aus Deutsch·
Verordnungen auf bundesrepublikanischer- und EG- Ebene an Bedeutung gewonnen. land könnte man Frau Schmitz- Feuerhake
Maßgeblich für ihre Festsetzung sind die nationale und die internationale Strahlenschutz- aus Bremen nennen, die mehrere Studien
kommission- Wissenschafder,diesich im Dienste der Atomlobby anmaßen, über Krank· über die Wirkung kleiner Strahlendosen
heit und Tod der Menschen zu entscheiden. Die Arbeit der Strahlenkommission des durchgeführt hat, oder eine ehemalige Mit·
BUND- Naturschutzes, einem Gremium hochqualifizierter Wissenschaftler, das sich als arbeiterin von Professor Kuni, Frau Dr.
alternatives und unabhängiges Gegengewicht zu den offiziellen Kommissionen versteht, Blum, die sich intensiv mit der Problematik
fand in den Reihen der Anti- AKW· Bewegung bislang wenig Beachtung. Um lnformati· Plutoniumvergiftung und den rechtlichen
onen bemühten die Initiativen sich mehr vereinzelt, wie umgekehrt die Anti· Atom- Ini- Konsequenzen auseinandergesetzt hat.
tiativen (bislang?) für die Strahlenkommission kein Partner für Zusammenarbeit sind.
L.: Vielleicht konnten sie die Ziele der
Wir wollen im Folgenden die Arbeit der BUND· Strahlenkommission in einem Gespräch
mit Professor Köhnlein, (K.lJni Münster, vorstellen und damit Mut machen, sich um die BUND- Strahlenkommission genauer um-
reißen?
Verbreitung ihrer Arbeitsergebnisse auch durch die Bürgerinitiativen verstärkt zu
bemühen. K.: Die Ziele sind klar. Wir meinen, daß
Für die Durchführung des Interviewsdanken wir Wieland Lenze (L.) von der Gesellschaft Wissenschaftler, die eine sehr eindeutige
für Strahlenmeßtechnik Münster. und kritische Haltung zum weiteren Aus·
bau der Kernenergie haben, in ein solches
Gremium hineingehören, das sich um
L.: Herr Professor Köhnlein, was ist die nationalen Kommission, die abgeleitet Strahlenschutzprobleme Gedanken macht.
BUND- Strahlenkommission? werden von den Empfehlungen der inter·
Wir sind der Meinung, daß viele Untersu·
nationalen Kommission, zeigen deutlich chungen noch garnicht begonnen wurden,
K.: Innerhalb des BUND gibt es verschie· diesen Interessenkonflikt. Sie sollen in die·
dene AG's, eine davon ist die Strahlen· die wichtig wären, um ein besseres Ver·
SemSpannungsfeld zwischen der Verwirk· ständnis zu haben, wie niedrige Strahlen·
kommission. Sie wurde nach dem Reaktor· lichung des weiteren Ausbaus der Kern-
unfallvon Tschernobyl ins Leben gerufen. dosen letztlich wirken. Epidemiologische
technologie und des Strahlenschutzes Untersuchungen wären da zu nennen, die
Die Strahlenkommission trifft sich in et· Empfehlungen für die Bevölkerung geben
wa zwiemonatigen Abständen und ihr ge· an bestimmten Personengruppen , von
und das geht zur Zeit zu Lasten der Bevöl· denen man weiß, daß sie erhöhter Radio·
hören derzeit rund 20 Wissenschaftler aus kerung und zugunsten der Kerntechnolo·
verschiedenen Bereichen der Naturwissen- aktivitätausgesetzt waren,auch in unserem
gie,wenn man die neuasten Wissenschaft· Land durchgeführt werden könnten. Dies
schaft, der Technik und der Medizin an. Iichen Erkenntnisse berücksichtigt.
Bei den Tagungen der BUND· Strahlen· beträfe etwa Menschen, die in entsprechen·
kommission werden schwerpunktmäßig L.: Welche Einflußmöglichkeiten hat die den technischen Einrichtungen tätigwaren
wichtige Themen des Strahlenschutzes, BUND- Strahlenkommission ? oder seit längerer Zeit neben kerntechni-
der Auswirkungen niedriger Strahlendosen schen Anlagen wohnen. Solche Untersu·
K.: Einflußmöglichkeiten hatsieeigentlich chungen haben erstaunliche Ergebnisse
auf die Biosphäre, der Reaktorsicherheit, nur, indem sie immer wieder auf die Ein·
der verschiedenen Probleme bei der Ge· gebracht in England, in Japan, aber auch
seitigkeit der offiziellen Kommission hin·
nehmigung von kerntechnischen Anlagen in den USA.
weist und indem sie immer wieder Wissen·
diskutiert.Da viel rechtliche und juristische
schaftler in die Diskussion bringt, die von Der ganze Bereich der niedrigen Dosen
Probleme berührt sind, gehören der Strah· unterhalb von 1 rem muß neu überdacht
ihrer Qualifikation und ihrem Fachwissen
Iernkommission auch Juristen an. ausgezeichnet wären, Mitglieder der offizi· und auch neu erforscht werden. Wir
möchten gerne mitsprechen bei den Emp-
L.: Es gibt auf internationaler Ebene die ellen Kommission zu sein.Eine Kritik, die
fehlungen der Strahlenschutzkommission
"International Commission on Radiation wir an den offiziellen Einrichtungen
ist, daß sie nur widerwillig oder überhaupt und unter anderem neue Forschungs-
Protection", die IRCP, und auf nationaler
Ebene die Strahlenschutzkommission - ' nicht mit den sogenannten unabhängigen schwerpunkte anregen. Wir fordern eine
Kommissionen ins Gespräch kommen deutliche Ablehnung der neuen von der EG
warum ist dann auf nationaler Ebene eine
wollen. Die nationale Strahlenschutzkom· empfohlenenRichtwerteüber die zulässige
gesonderte Kommission des BUND not- Strahlenbelastung in Nahrungsmitteln.
wendig? mission hat es bisher nicht für nötig befun·
den, mit der BUND- Strahlenkommission Die Leute, die diese Empfehlungen verfaßt
K.: Die bundesdeutsche Strahlenschutz· in einen Dialog zu kommen. haben, versuchen die Bevölkerung in der
kommissionwird von der Bundesregierung Es ist offenbar auch nicht üblich, Wissen- EG auf den nächsten Atomunfall vorzu-
ernannt auf Vorschlag verschiedenster ln· schaftlerinnen in der Strahlenschutzkom· bereiten, indem die zulässigen Strahlenbe-
teressengruppen. Die Geschichte zeigt, daß mission aufzunehmen. lastungen einfach erhöht werden. Ein wei-
es überwiegend Wissenschaftler sind, die terer Kritikpunkt ist die Einführung der
aus der Kerntechnologie entsandt sind L.: Gibt es denn Frauen, die in dem Be- gewichteten Dosisfaktoren. Sie implizie-
oder in Ministerien oder beim TÜV tätig reich des Strahlenschutzes arbeiten auf ren, daß die zulässigen Dosen in dem Maße
sind. Auch die Mitglieder der lntematio· nationaler oder internationaler Ebene ? geändert werden können,wie sich der Fort·
nalen Strahlenschutzkommission sind im K.: Es gibt eine ganze Reihe von ausge- schritt in der Medizin verbessert, so daß
wesentlichen Physiker oder Mediziner in zeichneten Wissenschaftlerinnen, die sich das Risiko an Krebs zu sterben zwar das
ministeriellen oder administrativen Posten durch ihre kritischen Beiträge auf dem Ge· gleiche bleibt, aber die höhere Krebsinzi-
- über 70% Mann Jahre- und Radiologen biet der Strahlenwirkung und des Risikos denz und damit auch mehr menschliches
(15 %). Menschen, die angetreten sind mit der Niedrigstrahlung weltweit einen Na- Leid unberücksichtigt bleibt. So wird der
dem Anspruch, daß wir Kerntechnologie men gemacht haben. Fortschritt der Medizin letztlich nichtden
entwickeln und Kernenergiesicher nutzen, Da kommt mir die Medizi· Menschen nützen, sondern der Industrie
sind natürlich mit diesem Anspruch gleich· nerin Alice Stewart aus Großbritannien in und der Kerntechnologie. Ich glaube, es
zeitig festgelegt .. Die Empfehlungen der den Sinn, dann die Ärztin und Statistikerin ist ganz wichtig, der Öffentlichkeit klar

89
Radioaktivität

weniger als 5 rem. Was aber bleibt bei die-


sen Untersuchungen ist die Zahl der Er·
krankungen, die man gefunden hat. Das
bedeutet letztlich, bei einer niedrigeren
Dosis (5 rem) hat man die gleiche Anzahl
von Erkrankungen (l eukämiefällen, Krebs·
fällen, genetischen Veränderungen) die
man vorher erst bei 10 rem erwartet hat.
Diese Dosisrevision, die ja immer noch
nicht restlos akzeptiert ist von Gremien
wie der ICRP, führt in die Richtung, daß
kleine Dosen einfach gefährlicher sind als
man bisher angenommen hat. Das ist eine
Erkenntnis, die in New York sehr deutlich
herauskam. Eine weitere Erkenntnis ist,
daß Untersuchungen, die lange Zeit von
... den offiziellen Vertretern der Strahlenfor·
~
~ schung d iskreditiert wurden, allmählich
C: durch weitere Studien Bestätigung finden.
i Hier sind besonders die Untersuchungen
t:: von Gofman, Morgan, Stewart, Mancuso
~ und Kneale zu nennen, die mit sehr emp·
-5 findliehen Methoden feststellen konnten,
..,J

daß kleinste Dosen bereits die Krebs- oder


S Leukämieraten erhöhen. Außerdem zeigt
~ sich in zunehmendem Maße, daß
Menschen, die in kerntechnischen Anlagen
in den USA tätig waren oder in der Nähe
solcher Anlagen leben, ein wesentlich hö·
heres Risiko haben an Krebs zu erkranken
wie gemeinhin angenommen wurde. Dies
betrifft Menschen in der Abwindfahne,
die Amerikaner sprechen von "Downwin-
Prof. Köhnlein auf der First Global Radiation Victim s Con[erence ders" .
Auch bei Leuten, die sich in den Abwind·
zu machen, wie hier mit " Risiko" umge- Gruppen in Japan zugeordnet hat, falsch fahnen der Atombombenexplosionen in ,
gangen wird. sind . Es ist wahrscheinlich, daß die Dosen den USA aufgehalten haben, findet man
sehr viel kleiner waren und nur die Hälfte eine statistisch gesicherte erhöhte Tumor·
L.. Sie haben gesagt, daß die Belastung, die oder noch weniger betrugen, als bisher an- rate, Leukämierate, auch die Kindersterb·
unter 1 rem jährlich liegt, neu überdacht genommen. Das liegt daran, daß man die lichkeit ist tei lweise erhöht durch diese
werden sollte. Haben sie da neue Erkennt· Abschirmung durch die Gebäude, die Dä- Ereignisse. Das alles sollte eigentlich die·
nisse auf der kurzlieh in Ncw York durch· cher und auch die Abschirmung der Neu· jenigen, die verantwortlich sind für die
geführten "First Global RadiationV ictims tronen in der Atmosphäre nicht richtig be· Formulierung von Strahlenschutzmaßnah·
Confere ncc" gewonnen ' rücksichtigt hat. Die Gebäudestrukturen men und Rückhaltebedingungen, doch
und auch die hohe Luftfeuchtigkeit führ· sehr nachdenklich stimmen, denn e$ ist
K.: Es gab für mich einige wirklich neue
ten zu einer erheblichen Reduktion der hier wirklich etwas in Bewegung gekom·
Informationen, die ich in dieser Form noch Neutronen • und der Gammadosen, so
nicht gehabt habe - ich hätte sie haben men und zwar in die Richtung, die die Kri·
daß unterm Strich herauskommt, daß die tiker schon seit Jahren angedeutet haben.
können, wenn ich mich damit etwas mehr Menschen nicht, als Beispiel, 10 rem ab·
auseinandergesetzt hätte. Ganz wichtig ist bekommen haben, sondern wahrscheinlich L.. Vaelen Dank. Herr Professor Kohnlean.
die Tatsache, daß Lehrmeinungen, wie sie
von off iziellen Gremien wie der ICRP ver·
treten werden, allmählich ins Wanken ge·
raten. Dazu gehört z.B. die Annahme ei·
ner linearquadratischen Dosiswirkungsbe·
ziehung für Krebserkrankungen und gene·
tische Defekte. Neuere Untersuchungen
haben aber ergeben, daß eher eine lineare
Der nächste GAU
• •

~~s~s;~~~;:~~~~~~~~~e:re~!~~:;!: ISt e1ngep1ant1


lieh im kleineren Dosisbereich ein erhöhtes
Risiko - keine Schwellendosen, sondern
selbst bei kleinsten Dosen eine Zunahme
A ngefangen hatte es mit radioaktivem

in einem ausländischen AKW, keine recht-
der jeweiligen Erkrankung wie Kreb~ u.a. Jod in der Milch. Als es offensichtlich liehe Grundlage existierte. Formalistisch
Außerdem hat die lange als sehr gesichert wurde, daß die Geigerzähler nur so tickten wurde von Atomlobby und Regierung im-
angesehene Dosisbewertung bei den Atom· legte die Bundesregierung auf Rat eines mer wieder darauf hingewiesen, daß die
bombenüberlebenden in Japan starke Gremiums, das vorher in der Öffentlich- seit 77 geltende Strahlenschutzverordnung
Sprünge bekommen. Es ist gerade durch keit kaum bekannt war, nämlich der Strah· im Falle Tschernobyl nicht angewendet
renommierte wissenschaftliche lnstitutlo- lenschutzkommission, Richtwerte für den werden könne. Wohlwissentlich wurde da-
nenwiedasLawrencelivermooreResearch Gehalt von Jod 131 in Milch(500 Bq/1) bei verschwiegen, daß die sozusagen
Laboratorium und auch das Forschungs- und Frischgemüse (250 Bq/ kg) fest. Richt· "rechtsfrei" festgelegten Grenzwerte die
zentrum in Oak Ridge ermittelt worden, werte waren es deshalb, weil angeblich .für in derStrahlenschutzverordnungfestgeleg·
daß die Dosen, die man verschiedenen diesen nun eingetretenen Fall, ein Unfall ten zulässigen Belastungen für die Bevöl-

90
Radioaktivität

kerung in der Umgebung einer Anlage verbindliche Grenzwerte je nach Lage fest- lernt. Ein möglichst weitreichendes ein·
weit überschreiten. zulegen, einzelstaatliche Alleingänge sind heitliches Vorgehen z.B. auf EG- Ebene
Ab 1. Juni 86 legte die EG dann zunächst dann ausgeschlossen. soll verhindern, daß die Öffentlichkeit
mal bis 30 September Grenzwerte für Cä·
sium 137 in Nahrungsmitteln fest, die aber
nur für aus Drittländern importierte Waren
---------------------------------------------------------,
gelten sollten, fest. 370 Beq. pro Liter Strahlenwerte der geplanten EG - Verordnung (Anhang I)
Milch bzw. pro Kilo Säuglingsnahrung
und 600 Beq. pro Kilo andere Nahrung. Milchprodu kte andere Nah rungs- Trinkwasser u. Furrer
Dankbar wurde diese Regelung von der mittel • 1/üss. Nahrung
Bundesregierung und anderen EG· Län-
dern aufgenommen. Widerspruch kam Jod u. St ron tium 500 3000 400
von Atomstaaten wie Frankreich, die diese
Plutonium u.a.
Werte für zu niedrig hielten. Diese EG- Ver·
Transplu tonium · 20 80 10
ordnung wurde dann noch zweimal ver· teilchen
längert, erst bis zum 28. 2. 87, dann
mal bis zum 31. 10. 87. Cäsium 134
Paratell dazu entschloß sich die Bundesre- Cäsium 137 1000 1250 800 2500
gierung den rechtsfreien Raum mit einem
neuen Gesetz auszufüllen, am 20.9.86 trat
das sog. "Strahlenschutzvorsorgegesetz" • außer N ahrungsm i rtel von geringer Bedeu tung , daz u geh ö ren K üchen k r äu ter
wurde die desolate Informations- und und G em üse/
Strahlenschutzpolitik der Bundesregie-
rung rückwirkend rechtskräftig. Rechts-
gültig ist nun für künftige Un- und Stör· Kommentiert werden diese ungeheuerli- durch einen Unfall in Unruhe gerät und
fälle insofern vorgesorgt, daß Grenzwerte chen Werte in dem Vorschlag so: aufbegehrt. Paratell wird auch auf EG-
und Berechnungsgrundlagen von der Bun- "Diese Werte berücksichtigen eingehend Ebene an einem Informationssystem gear-
desregierung zentral und flexibel gestaltet die neuesten zur Zeit auf internationaler beitet, das, wie auf Bundesebene, gewähr·
werden können. Welcher Maßstab dann Ebene verfügbaren wissenschaftlichen Er- leistet, daß nicht jeder Vorfall an die Öf-
gilt, das bestimmt die Bundesregierung kenntnisse, gleichzeitig tragen sie der Tat· fentlichkeit " gerät".
unter Hinzuziehung der Strahlenschutz· sache Rechnung, daß die Öffentlichkeit Sicherlich aus gutem Grund ist auch nicht
kommissionallein-und letztere setzt sich beruhigt und Auseinanderentwicklungen an die Öffentlichkeit geraten, daß in der
bekanntlich aus Vertretern der Atoml.o bby der V orschrif1en auf internationaler Ebene EG- Expertenkommission, die den Vor-
zusammen. Der autoritäre und zentralisti· vermieden werden müssen." schlag mit "objektivem" wissenschaftli-
sehe Charakter des Gesetzes kommt in sei- Eindeutiger kann es wohl nicht mehr ge- chen Sachverstand ausgearbeitet hat, auch
nen Grundzügen deutlich zum Ausdruck : sagt werden: Wir brauchen in der EG eine drei Vertreter aus der Bundesrepublik sit-
- Von Bund und Ländern ermittelte Da- für alle Mitgliedsstaaten verbindliche Ver- zen. Dr. Kaul (Bundesgesundheitsamt),
ten werden in einer Zentralstelle gesam- ordnung zur flexiblen Festlegung von Ver- Prof. Oberhausen (Vorsitzender der SSK
melt und "aufbereitet". Ob und wie sie ordnungen, um. im Falle eines Falles und Mitglied der RSK) und Dr. Mehl.
veröffentlicht werden wird je nach Lage schnell unsere Grenzwerte an die jeweilige Die Bundesregierung betreibt innerhalb
entschieden - d.h. brisante Daten bleiben Belastung von Nahrungs- und Futtermit· der hitzigen Grenzwertediskussion ein ver-
im Schrank. teln anpassen zu können. Damit werden brecherisches Doppelspiel. Sicherlich ste-
- Die Bewertung der Daten wird ebenfalls "Marktverschiebungen" vermieden, die hen sie in gutem Kontakt zu den drei oben
zentral vom Bundesminister vorgenommen Öffentlichkeit wird im Laufe der Diskus· genannten Herren, die sie in ihrer verant-
er entscheidet, welche Strahlenbelastung sion an immer höhere Zahlenwerte ge- wortungslosen Strahlenschutzpolitik nach
der Bevölkerung zuzumuten ist. Abwei· wöhnt, Entschädigungszahlungen entfal- Tschernobyl auch schon beraten haben.
chende Empfehlungen der Ländersind nur len, weil die Werte jeweils so festgelegt Nach außen beteuerten Töpfer und Kon-
mit Erlaubnis aus Bonn gestattet. werden, daß die tatsächlichen Belastungs- sorten aber immer wieder, daß sie der ge-
- Weil ja je nach Katastrophe die Strah· werte meistens unterhalb der Grenzwerte planten Verordnung nichtzustimmen wer-
lenbelastung unterschiedlich ist, kanndie bleiben. den, weil sie die Grenzwerte, die darin an-
F estlegung von Grenzwerten in Anpassung Mißfallen hatten auch die EG- Staaten gepeilt sind, fii' viel zu hoch hielten. Eine
an die jeweilige Situation schnell und fle· bzw. Bundesländer ausgelöst, die von sich gute Gelegenheit, um gleichzeitig, als offen-
xibel im Eilverfahren erfolgen. aus wesentlich niedrigere Grenzwerte fest- sichtlich wurde, daß die EG sich nicht vor
Bestehende Rechtsverordnungen werden gelegt hatten. Fernziel ist es sicherlich, dem ersten November einigen würde, fast
mit einer EilverordnÜng automatisch außer außereuropäische Länder durch entspre- unbeachtet von der allgemeinen Öffent-
Kraft gesetzt. chenden wirtschaftlichen und moralischen lichkeit, die erste Verordnung nach Strah·
Zur Erinnerung: lmJahre 1962wurdeeine Druck davon zu überzeugen, daß die zu- lenschutzvorsorgegesetz im eigenen Land
Belastung von Milch mit 3 Beq. Jod 131 künftigen EG· bzw. ICRP· Normen die durchzubringen. Darin werden die nach
durch oberirdische Atomwaffentestsschon Grundlage sind, auf der Ex- und Import- Tschernobyl geschaffenen "Notfallgrenz-
als beunruhigend hoch angesehen. In einer geschäfte in Zukunft verhandelt werden. werte" für die BR D zum Normalfall er·
Bundestagsdebatte wurde die Bereitstel- Die EG- Staaten haben massives Interesse klärt. Die Bundesregierung verkauft sich
lung von unbelaster Nahrung für Säuglinge daran, in Zukunft unangenehme Zwischen- dabei selbst noch als besonders gesund-
diskutiert. fälle , wie beispw. die Zurückweisung euro- heitsbewußt, denn im Vergleich mit den
Seit Monaten ist in der Öffentlichkeit ein päischer Waren von Staaten wie den Phil- EG- Werten sehen 600 bzw. 370 Beq.
Vorschlag der EG- Kommission Thema, lipinen, Thailand oder Ägypten zu vermei- wirklich harmlos aus. Festgehalten ist al-
der für den zukünftigen Umgang mit Ra- den. Sollen sie doch zufrieden sein, daß lerdings schon, daß die Verordnung auf
dioaktivität bei uns und auf internationa- sie wie nach Tschernobyl, zu besonders Bundesebene außer Kraft tritt, sobald es
ler Ebene richtungsweisend ist. günstigen Preisen ganze Schiffsladungen eine EG· Regelung gibt, hinter der die
Die geplanw Verordnung kommt einem Milchpulver oder Babynahrung von gesun- Herren und Damen auf der Regierungs·
Strahlenschutzvorsorgegesetz auf EG· Ebe· den und glücklichen europäischen Kühen bank in Bonn sich dann verstecken kön-
ne gleich:Ein flexibler Handlungsrahmen, ergattern können! nen. (Wg. Platzmangelleicht gekürzt}
der es ermöglicht, für alle Mit!Jiiedstaaten Die Atomlobby hat aus Tschernobyl ge- Regina Klinkenberg

91
Rückendeckung zu geben. Ihr verlangt eine
verbindliche Struktur mit gewählter Führung
und die Bereitschaft sich einzuordnen nach den
jeweiligen Fähigkeiten.
Entschuldigt, aber das kommt mir verdammt
bekannt vor: Die einen oben, die anderen un-
ten. Widerspiegelung der kapitalistischen Reali-
tät. Aber revolutionär?
Ich gehe davon aus, daß es euch nicht nur da-
rum geht die herrschenden Eliten zum Teuf~l
zu jagen und durch neue zu ersetzen, sondern
daß ihr für eine Gesellschaft kämpft in der die
bisher Unterdrückten und Ausgebeuteten ihre
Angelegenheiten zum ersten Mal ohne Herren
selbst regeln werden, Kommunismus im eigent-
lichen.Sinn.
Falls es so ist, gibt es doch eine Menge Fragen.
Lenin schrieb 1917 in .,Staat und Revolution",
daß jede Köchin den Staat regieren solle, 1921
regierte der Staat jede Köchin. Kein Zusam-
menhang zu autoritären Strukturen?
1932 existierte in Deutschland die zahlenmäßig
stärkste Arbeiterbewegung. Massenhafter Wi-
derstand gegen die Faschisten blieb aber aus.
Kein Zusammenhang zu autoritären Struktu-
ren?
Anders Spanien 1936. Ohne auf ein Zeichen
der Führer zu warten wurde massenhaft auto-
nom gehandelt. Allerdings besteht auch hier
kein Grund zur Mythenbildung. Die anarcho-
syndikalistische Gewerkschaft CNT hatte vor
dem Bü rgerkrieg bei über einer Million Mitglie-
J der nur eine bezahlte Funktionärsstelle. Wäh-

~-';~.'~·
rend des Bürgerkrieges bildete sich aber
schnell eine von der Basis getrennte Führungs-
spitze. Die militante Basis vertraute ihrer Orga-
,_,· f nisation trotzdem weiter. Ein Anfang vom Ende.
Es gibt eine Fülle von Beispielen für diese Er-
scheinung. Nur ohne Lösung dieser Schwierig-

9191 .xq,.xasat
keit, ohne Aufhebung der Trennung in Führer
und Geführte, wird es keine freie Gesellschaft
geben. Wenn es in unseren Gruppen und Zu-
sammenhängen auch darum geht, die kommu-
nistische Gesellschaft ansatzweise vorwegzu-
nehmen, Menschen die Möglichkeit zu geben
zu Revolutionären zu werden, aufrecht zu ge-
hen, dann ist die Strukturdiskussion allerdinas
mehr als notwendig. Es gab immer wieder An-
sätze einen Schritt weiterzukommen, die fal-
sche Alternative feste Hierarchie oder ver-
steckte Hierarchie in strukturlosen Gruppen zu
überwinden. So wurde beispielsweisxe in den
70er Jahren in der Berliner Zeitung .. Schwarze
Protokolle" unter anderem ein Artikel zur und
aus der amerikanischen Frauenbewegung ab-
Leserinnenbrief zum Artikel gedruckt. Er enthält eine Kritik unstrukturierter
des Arbeitskreises Antiimpe- Gruppen und Überlegungen zu basisdemokra-
rialistischer Widerstand in tischen Strukturen. Vielleicht könnt ihr ihn aus-
zugsweise abdrucken.
der atom vom Okt./Nov. 87: "Wir wollen nicht die Macht der Häuptlinge
- Wir wollen die Macht der Indianer!"
Mit dem AKAW auf einer imaginären Reise in der Ver- gerenlmo, Berlin, 4.11.87
gangenheit oder der Lösung kein Stück näher?

Ihr melnt,eure Äüßerungen müßten in autono- aber schließlich leben wir ja auch nicht mehr im
men Ohren äußerst ketzerisch klingen. Ich fin- Kaiserreich. Eure Begründung für diese gefor-
de sie bestätigen nur eindrucksvoll die Frank- derte Hierarchie. Sie sei notwendig im Interes- (Anmerkung der Redaktion: Der Artikel aus den
furter Kritik an der Reproduktion bürgerlicher se möglichst effektiver Arbeit. An dieser Stelle .,Schwarzer Protokollen" sprengt leider wegen
Strukturen in autonomen Gruppen. Strukturen hätte ich doch einen Hinweis erwartet, was ihr seiner Länge den Rahmen der Leserbriefseite
allerdings, die selbst überholt sind! Ihr fordert darunter versteht. Später fordert Ihr die Ent- und kann daher nicht abgedruckt werden. Eine
mehrmals die Fürhung für die erfahrendsten wicklung einer revolutionären Organisation, die Kopie kann aber bei der Lüneburger atorn-
Genossen/Genossinnen. Euch scheint eine fe- in der Lage sei, dem Einzelnen, die für einen Redaktion bestellt werden)
ste Hierarchie vorzuschweben, zwar gewählt, jahrelangen Kampf nötige Unterstützung und

92
Leserbriefe

2. Beim Lay-outen sind Euch offenbar zwei Fo-


tos durcheinandergeraten. Das Foto auf Seite
Kr1t1k aus der Eureg1o 12 zeigt kein armes Schaf, sondern Gerald
Kirchner. Das Foto von Gerald gehört jedoch
I
auf Seite 54, wo ein Schaf den Bericht Ober die
Liebe Freundinnen und Freunde von der atom UAA Gronau liest... ( ~(,t ! ··· J ,t. .)
- Radaktionl Zur Sommer - atom 1987 (Nr. 3. Auf Seite 54 hat sich in den Bericht Ober den
16) könnte ich eine ganze Menge schreiben, Ich UAA Kongreß ein entscheidender Druckfehler
möchte mich an dieser Stelle jedoch auf vier eingeschlichen (Mittelspalte). An der UAA wird
Punkte beschränken: abgereichertes und nicht angereichertes Uran-
1. Das Titelblatt war ja wohl unter aller Sau! E.s hexafluorid dauerhaft unter dem freuen Himmel
ist völlig klar, daßmenschbeim Augi- vertel· gelagert.
1en nicht todernst sein braucht. Es geht aber 4. Seite 66: die Sonntagsspaziergänge an der
nicht an, daß auf einem Titelbild der atom Augi- Gronauer Urananreicherungsanlage (UAA) fin-
Verteilerlnnen zu sehen sind, die sich köstlich den Sonntags, und nicht wie ausgedruckt Sam·
zu amOsieren scheinen, während sie die MOn· stags, statt. Sie beginnen jeweils um 14 Uhr an
steraner .,Halbwertzeit" mit der Titelzeile ..Re- der UAA·Zufahrt.
aktorunfall" unter die Leute bringen. Etwas
mehr FlngerspitzengefOhl bei der Auswahl der Mit solidarischen Grüßen
Titelbilder wäre ganz gut (Titelseite von Nr. 15
gefiel mir dagegen ganz gut). Uclo Buchholz

Freundinnen meine ich allerdings, daß dazu für 8 . Ich habe nicht gesagt, da8 das mangelnde
An Atom - Erwiderung <luf eine längere Periode ein Sozlalist.ischer Staat Engagement alter Häsinnen & Hasen die Stille-
nötig Ist, schon um die Konterrevolutionäre nie- gung von Stade verhindert habe. Sondern daß
K r1t1k derzuhalten; der obendrein das KunststOck fer· sie die Kampagne geschwächt haben. weil sie
Ich schreibe dies vor allem, weil Ich es immer IIgbringen muß, sein eigenes Absterben zu or- aus Arroganz oder Resignation oder wem im-
peinlich & ärgerlich finde, wenn mir grüne oder ganisieren. Das hat mit dem Stacheldrahtsozia· mer versäumt haben, den neuen Leuten in be-
sozialdemokratische Positionen unterstellt wer- lismus von DKP & DDR natOrlich nichts zu tun hutsamer aber klarer Weise unsere Erfahrun-
den. Also: und hat es Oberhaupt kaum gegeben, von An- gen mit Staat und Reformen zu übermitteln.
1. kam wirtdich durch einen Lay-Out-Fehler, wo sAtten in China zu Lebzeiten des Genossen 9. Das Bild vom " wankenden Boden unterden
eine Zeile verschwand, ein schlimmes Mlßver- Mao mal abgesehen.) FOBen der &treiber" war für den Sommer 86
st!ndnis zustande. Ich hatte geschrieben, daß 7. Keine Tagesäußerungen dOrfen diesem Ziel zweifellos richtig. Zur Zeit scheint er sich beru·
anlAßlieh der Absatzkrise der KWU das Mana- zuwider1aufen; aber ich brauche auch nicht im- higt zu haben, aber unter der Oberfläche bebt
gement nur an Massenentlassungen denkt, mer schematisch .,den Kampf fOr den Sozialls·
während Betriebsrat und IGM-Vertrauens·
es weiter, was heißt daß der Vertrauensvertust
mus ln alle Tageskämpfe ttagen. " wie es bei der zahlloser Menschen - letztlich Grundlage der
Ieutekörper erste Ideen für andere Produkte als KPD mal hieß. Wenn Ich einen AKW·Arbeiter bOrgerliehen Herrschaft - sehr weit reicht und
AKW entwickelten. Das ist zwar noch nicht viel, dafür gewinnen will, daß er mit mir zusammen nicht so leicht zu reparieren ist. Insofern gilt
aber doch immerhin er-wä.hnenswert. was gegen seinen Arbeitgeber macht, und er weiter und fOr diesen Gegner, mit den Worten
2.1ch wäre der letzte, der glaubte, durch Sen- dann Bedenken wg. Arbeitsplatzvernichtung Mao Zedongs: Strateglach gering schltzen ,
kung von Grenzwerten die Industrie in die Knie äußert, dann erwidere ich ihm mit kurzfristig Ulktisch emstnehmen.
zwingen zu können. Ein einziges Mal hatten wir möglichen Alternativen und nicht mit der Per·
solche Hoffnungen, das war, als Im Prozeß ge. spektlve des Kommunismus. Das heißt natOr· Jen. Scheer, Bremen
gen das AKW Esenshamm das Gericht die lich nicht und die Unterstellung ist wirklich in·
Grenzwerte drastisch und Immer weiter senkte. fam, daß Ich fOr Atomenergie wäre, wenn sie
Es hörte aber genau da auf, wo eine weitere tolle Arbeitsplätze schafft.
Senkung den Betrieb verunmöglicht hätte.
3.Andererseits bedeutet - wenn es denn mög-
lich wäre - eine Senkung um den Faktor 350
einen Umschlag vom Quantitativen ins Qualita-
tive, den sie nicht mehr durch technische Maß.
nahmen usw. abfangen könnten. Dies umso-
mehr, weil ökonomisch die Atomindustrie wirk·
lich auf dem Zahnfleisch geht.
4. Mitnichten ist der einzige Sinn des Atompro.
gramms, die militärische 'Nutzung. Denn in Ha-
nau liegen schon jetzt genug Plutoniumvorräte
für zahllose Atombomben. Vielmehr ist der
Haupt-Sinn der Export, und die Atomanlagen
im eigenen Land vor allem Schaufenster-
stOcke, die zeigen sollen, daß kein .,technischer
Fadenri8" passiert Ist, den sie alle so fürchten ,
weil schlecht fürs Geschäft. Also Moment ... KarI
5. Darum ist es defätistisch, wenn man sagt, Marx, Mao Zedong,
erst die Stillegung des Kapitalismus ermögliche Enver Hodscha ...
die Stillegung der Atomanlagen. Beispiele sehr
kapitalistischer Länder mit wenig oder keiner
Atomenergie beweisen das.
6. Zum Protokoll nochmal: Mein Ziel Ist der
Kommunismus, nach K. Marx die Aufhebung
des Widerstreits der Menschen mit den Men·
sehen und mit der Natur, und ohne den gibts
keine wirkliche Lösung. (Im Unterschied zum
anarchistischen Idealismus vieler autonomer

93
Laserbtiefe

Frauentreffs auch auf den Konferenzen machen


... emen Bruchteil unserer Utop1en auch im Alltag würden, mit Kincteroetreuung!
Einige Frauen in Lübeck haben jetzt wieder ein
schon verwirklichen Frauentreff organisiert. Wir geben nich so
schnell auf! Auch auf die Gefahr hin, daS einige
Ich möchte dem Artikel in der letzten Kaum einer beachtet esl Ein Beispiel: Frau ,.wichtige" Aktionen etc. nicht sofort durchge-
atom"Tachemobyt und die KrtM der Bewe- schlägt vor, einen Artikel aus der Atom zu dis- führt werden können. Was haben wir denn da·
gung" gerne noch zwei Aspekte hinzufügen, kutieren. Es kommt kaum Reaktion als:.. Wir von, wenn so viele Frauen " auf der Strecke blei-
die so offensichtlich fehlen. Denn ein weiteres k6nnen ihn ja mal durchlesen, dann mal ben"?
Problem, warum wir nicht so recht vorankom- sehen." Eine Woche später: Ein Mann, der auf Wir wollen doch mehr, als nur wie hier z.B. die
men ln der Anti-AKW-Bewegung und mit neuen dem Treff vorher nicht anwesend war schlägt Atomtransporte ver- oder behindern. Wir wollen
Mitstreiterinnen ist das, daß der Umgang mit- vor, diesen besagten Artikel zu diskutieren. Der doch auch bei uns etwas verändern, was so
einander oft so katastrophal ist. Ganz konkret: Vorschlag wird angenommen! festgefahren Ist. Wir wollen doch einen
Es passiert bei uns in der BI besonders hAufig Das schreit zum Himmel, aber wird nicht be- Bruchtell unaerer Utopie euch Im Allhlg
von Leuten, die irgendwie organisiert sind und wußt bemerkt. Selbst einige Frauen haben es schon verwirklichen, aowelt es möglich Ist.
besser und lauter argumentieren können, da8 nicht drauf, solidarisch Frauen zu unterstützen. Und der menschlichere Umgang mit Men-
sie andere, die Argumente, Vorschläge etc. Auffallend Ist auch die Beteiligung von Frauen schen und Frauen gehört unweigerlich zu.
bringen, .,totlaufen" lassen. Es wird nicht dar- auf unserem Plenum. Wir waren nach Tscher- sammen mit dem Kampf gegen Atomanl•
auf eingegangen, wenn es nicht in Ihr Konzept nobyl mal fast mehr Frauen als Männer, wer gen und die daraus folgende Unterdrückung
paßt. Folge davon ist, daß sich weniger an den sprach am Meisten? - die M4nnerl Heute Ist von Staat und Gesellschaft.
Diskussionen, Vorbereitungen von Ationen be- es so, da8 viele dieser Frauen nicht mehr bei Frauen gemelnum sind stark!
teiligen. So werden keine Diskussionen mehr in uns sind. Wir haben zwar mal im Sommer die-
der Richtung gefOhrt, daß neue Mitstreiterinnen sen Jahres ein Frauentreff gemacht, es schlief 8., Ulbecker Initiative gegen Atomanla-
sich mit fOr sie neuen Denkweisen auseinan- wieder ein, weil ja .,so viel anderes anlag" . gen
dersetzen können, sie auch kritischer und be- Aber auflallend war. daß nach diesem Frauen-
wußter in ihrer Arbeit werden können. Die .,Al- treff sich viel mehr Frauen .,trauten" etwas zu
ten" haben ihre Vorstellungen, machen " die" sagen, denn wir hatten uns gegenseitig Mut ge-
Politik, die .. Nauen" mOssen mitziehen oder macht. Jede erzähhe von sich, wie sie diese
bleiben auf der Strecke. Anstalt solidarischer männerdominierenden Termine empfand und
zu sein, auch über Dinge inhahlicher zu disku- wir bestärkten uns in der gegenseitigen Unter-
tieren, die angeblich bei den .,Alten" schon klar stützung bei Redebelträgen, die wir machen
sind. wolhen. Denn es passierte so oft, daß Frauen
Das w4re ein Weg aus dem Oelernrr.a Warum Oberhaupt nicht .,durchkamen", weil sie eine
nicht u.U. auch neue Wege gehen, die von den leisere Stimme haben! Sie wurden einfach
.,Nauen" vorgeschlagen werden? Aber das ist .,Oberh6rt". Das wird wahrscheinlich nicht nur
kurz nur das eine Problem: Es gibt auch bei uns in LObeck so sein/
in der BI das Frauenproblemll! Deshalb würde ich es gut ~Inden, wenn wir mehr
ln der letzten .,atom" in dem Artikel .,Tscherno-
byl und die Krise der Bewegung" werden m.E.
sehr gut die objektiven Ursachsen fOr das
Scheitern oder nicht Weiterkommen der Anti-
AKW..ßewegung unmittelbar nach Tschernobyl
bis heute geschildert. Dort werden politische
Vorgänge geschildert, die Ich mit melner,kwz-
sichtigen" Blickweise nicht gesehen habe. Mir
persönlich war klar, die Argumentation ,.der
Ausstieg Ist m(Jglich" war nur eine zusätzliche
Argumentation. ln erster Unie ging es darum,
die Atommeiler wegen der unmittelbaren Be-
drohung abzuschalten. selbst wenn sich für
mich persönlich Einschränkungen ergeben hät-
ten (Abschalten der Stereoanlage). So habe ich
auch diskutiert. Aber das die Herrschenden
ganz gezielt die Ausstiegszenarien (dazu ge-
hört auch der 10 Jahres-Ausstieg der SPD) Ge-
fahrenabwägung etc. in die Diskussion brach-
ten. " um jede noch so kleine Maßnahme gegen
die Atomenergie abzublOcken", 1st mir erst rfch.
tig deutlich geworden beim Lesen des Artikels.
Oder die Auswechslung von Zimmermann
durch SOsmuth Ist von mir bewußt gar nicht
wahrgenommen worden. Es gibt noch andere
Beispiele, wo ich nicht klar durchgeblickt habe.
Und daS, obwohl Ich seit ungefähr 10 Jahren
Anti-AKW-Arbeit oder seit 15 Jahren politische
Arbeit kontinuierlich gemacht habe.
Aber mir geht es hier nicht darum. meine Be-
schr4nkthelt oder die Vorzüge des Artikels von
Matthiss dazustellen, sondern was meiner Mei-
nung zu kurz gekommen ist.
Ich meine das Verhahen der Anti-AKW-
Bewegung und/oder der Linken. Ich will nun
nicht behaupten, es würde die Kris~ nicht ge-
ben, wenn wir uns anders verhahen hätten,
aber vielleicht wäre die Situation heute etwas

94
Leserbriefe

schade, mit einem schlaumelerlschen Papier


(Zur politischen Bestimmung der Brodkdorf·
Demo) die " Massen" belehren zu wollen. ~
hepunkt des Paplers:"Sie (die Brokdorl-Demo)
Ist nicht Abschluß sondem vielmehr Beginn ei-
ner Bewegung. " Für die Verfasser war es aller-
dings der Abschluß, denn 2-3 Wochen nach der
Demo waren sie in der lni nicht mehr zu sehen.
Was hätte damals geschehen müssen:" Wir
stellen uns die Arbeit auf 3 Ebenen vor. Einmal
die Massenaufk/irongsarbelt, d.h. groBe Veran-
staltungen durchfahren, Flugblitter verteilen
etc... Als Themen k6nnten wir uns· vorstellen:
bundesdeutsche Reaktorslchemeit, gehen...die
Uchter aus, Macht der Stromkonzerne etc... Wir
sollten Forderungen entwickeln, am besten mit
breiten Kreisen der Bev(jfkerong,... MeBstellen...
,Untersuchung der Muttermilch usw..Ais Zwei-
tes die Zusammenfassung des Protestes und
Widerstands, z.B. wie jetzt die Brokdorf-Demo
oder Aktionen zu den Aromtransporten. Dazu
geh6ren auch Bundeskonferenzen der Antf.
AKW-Bewegung und...eine gf{jßere Verenstaf.
tung zu der 'l'jeiteren Arbeit in Liibeck... Und als
letztes die Organislerong der, die aktiv werden
wollen. Das ist notwendig, um Massenarbeit
und Aktionen durchfOhren zu koonen."
Aus einem Papier, das wir (eine Frau, ein
Mann) vor der Abreise an die Brokdorf·
Demonstranten verteilten. Dieses Papier setzte
sich hauptsächlich mit der LObecker Situation
auseinander. Zusätzlich druckten wir auf unse-
rem Flugblatt einen Beitrag von Jens Scheer
und einen Leserbrief von Udo (West-Berlin),
beides aus der TAZ, ab. - Das meiste der Vor-
stellungen aus unserem damaligen Papier wur-
de nicht angegangen. Wahrscheinlich aus den
schon vorher genannten Gründen. Die ,.griJ&r
re Veranstaltung zu der Weiterarbeit" kam u.a.
deshalb nicht zustande, weil einig Linke sich
persönlich nicht riechen können.

die Atom unsere Zel·


Mit anderen Worten, wir hatten eine Situation,