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"Neonicotinoide alleine nicht

Bienensterben

unbedingt das Problem"


Pestizide aus der Gruppe der Neonicotinoide werden immer wieder mit dem
Bienensterben in Zusammenhang gebracht. Eine Studie in drei Ländern und an
unterschiedlichen Bienenvölkern hätte länderspezifischen Effekte deutlich gemacht,
sagte Bienenforscherin Elke Genersch von der Humboldt Universität im Dlf.

Elke Genersch im Gespräch mit Monika Seynsche

Voll bepackt mit Pollen und Blütenstaub ist eine Biene im Anflug zu einer blühenden
Sonnenblume in einem Feld nahe Frankfurt (Oder). (picture alliance/dpa/Foto: Patrick
Pleul)

Monika Seynsche: Neonicotinoide sind Insektenvernichtungsmittel, die die


Weiterleitung von Nervenreizen unterbinden und so Schadinsekten töten. Allerdings
nicht nur die. Auch Bienen fallen den Neonicotinoiden zum Opfer. In welchem Ausmaß
und unter welchen Bedingungen allerdings ist umstritten. Die bisherigen
wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema kamen zu widersprüchlichen
Ergebnissen. Jetzt hat sich ein internationales Forscherteam noch einmal die
Auswirkungen von Neonicotinoide auf Bienen untersucht. Elke Genersch vom
Länderinstitut für Bienenkunde an der Humboldt Universität in Hohen Neuendorf ist
eine der Forscherinnen. Ich habe sie gefragt, was das Besondere an dieser neuen
Studie ist. Was haben Sie anders gemacht als die anderen?
Elke Genersch: Das Besondere ist, dass wir zum einen die Studie an drei
verschiedenen Orten, also in drei verschiedenen europäischen Ländern durchgeführt
haben, und das andere ist, dass wir sowohl Honigbienenvölker als auch Wildbienen,
hier die Hummeln und Mauerbienen, mit reingenommen haben und dass wir
wesentlich mehr Messungen vorgenommen haben, wesentlich mehr Daten bestimmt
haben. Also nicht nur einfach geguckt haben, welchen Einfluss haben die
Neonicotinoide auf das Überleben, sondern wir haben uns auch angeguckt, welche
Trachtquellen den Bienen zur Verfügung standen, welche Infektionskrankheiten bei
den Bienen und Hummeln eventuell vorlagen, und wir haben nicht nur den
Überwinterungserfolg gemessen – also Überleben ja oder nein –, sondern auch
während der Saison, wie sich die Völker entwickelt haben, wie viel Arbeit drin war, wie
viel Brut da war, bei den Wildbienen auch, wie viel Königinnen produziert wurden und
wie die Völker sich entwickelt haben.
Seynsche: Und was ist dabei herausgekommen?
Genersch: Das Interessante sind tatsächlich die länderspezifischen Effekte, die jetzt
zum Teil auch zeigen, dass vorher widersprüchliche Daten eben auch wirklich so
widersprüchlich sind. Wir finden ganz klare negative Effekte der Neonicotinoide auf die
zum Beispiel Honigbienen in England und in Ungarn, aber keinerlei Effekte der
Saatgutbeizmittel auf die Entwicklung der Honigbienenvölker in Deutschland.
Pathogen-Belastung in den Ländern unterschiedlich hoch
Seynsche: Und wie kommt das? Werden die Neonicotinoide hier anders angewendet
oder sind das andere Stoffe, oder wie kommt das?
Genersch: Die Daten, die mit diesen Ergebnissen korrelierten, und das sind eben
bisher nur statistische Korrelationen, beziehen sich zum einen auf die Trachtnutzung.
Also wie vielfältig ist die Möglichkeit für die Bienen, sich ihr Futter zu besorgen, sind
sie fast angewiesen ausschließlich in den Raps zu fliegen oder gibt es da auch andere
Trachtquellen zur selben Zeit, und der andere Unterschied war ganz klar die Belastung
der Bienenvölker mit Pathogenen, die in den Ländern unterschiedlich war. Also in
Ungarn und Großbritannien wesentlich höher als in Deutschland.
Seynsche: Und warum ist das, also warum geht es den Bienen in Großbritannien und
in Ungarn schlechter?
Genersch: Das wissen wir nicht.
Seynsche: Gibt es denn Spekulationen darüber?
Genersch: Nein, weil wir nicht wissen, warum die Bienen in UK oder auch in Ungarn
mit mehr Pathogenen infiziert waren, also mehr Virusinfektionen hatten oder mehr
Darmparasiten. Das ist einfach nur eine Feststellung. Woran das liegen könnte, haben
wir ja in der Studie auch gar nicht untersucht.
Ein multifaktorielles Geschehen
Seynsche: Wenn Sie sagen, es war der Gesundheitszustand der Bienen und die
Trachtverhältnisse, das heißt die Vielfalt, die den Bienen vielleicht hier eher zur
Verfügung stehen als in anderen Ländern, kann man daraus schließen, dass die
Neonicotinoide alleine gar nicht unbedingt das große Problem sind?
Genersch: Man kann zumindest darauf schließen, dass der Effekt der Neonicotinoide
zwar negativ sein kann, auch auf Honigbienenvölker und natürlich auch auf die
Wildbienen, dass es aber ein multifaktorielles Geschehen ist, und je nachdem, wie die
sonstigen Bedingungen sind, welche weiteren Faktoren dazukommen oder eben nicht
dazukommen, die Neonicotinoide nicht ausschließlich tatsächlich negative Effekte
haben, sondern dass es auch Situationen gibt, in denen diese Effekte dann nicht
auftreten.
Seynsche: Wenn Sie sich die Ergebnisse dieser Studie anschauen, welche Resultate,
welche Rückschlüsse kann man daraus ziehen? Sie haben diese länderspezifischen
Unterschiede jetzt zum ersten Mal festgestellt. Wo müsste jetzt weiter geforscht
werden? Was müsste jetzt weiter untersucht werden?
Genersch: Wir haben ja in der Studie festgestellt, dass die interagierenden Faktoren
ganz entscheidend dafür sind, ob Neonicotinoide schädlich sind, tödlich sind für Völker
oder nicht, und hier müsste natürlich …
Seynsche: Das heißt, die verschiedenen Faktoren, was noch dazukommt.
Genersch: Ja. Diese verschiedenen Faktoren, die dazukommen, die mitbestimmen,
wie Neonicotinoide auf Bienen wirken, die müssten näher bestimmt werden, und dann,
wenn man wirklich mehr als statistische Korrelationen hat, sondern wenn man wirklich
sagen kann, diese Faktoren sind ursächlich, dann müsste natürlich versucht werden,
hier Handlungsempfehlungen zu erarbeiten, wie man insgesamt die Situation für die
Bienengesundheit verbessern kann.