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Rezension

Christoph Braendle: Aus den Augen.

Roman. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2019

Im Leben kommt es stets anders, als man denkt, und nicht anders verhält es sich in Christoph
Braendles neuem Roman. In Aus den Augen wendet sich das Blatt für die Protagonisten immer
wieder auf verblüffende Weise. Deshalb darf diese Rezension die Geschichte nicht nacherzählen - wie
bei einem Krimi wäre es der Spannung abträglich, vorweg zu verraten, wer der Mörder ist. In
Braendles Roman ist es freilich nicht der Tod, sondern sein Gegenspieler Eros, dem die geschilderten
Personen nachjagen, um sich schließlich als von ihm Gejagte wiederzufinden. Ein solches Kippen der
Verhältnisse widerfährt nicht nur den Akteuren wieder und wieder, sondern auch deren Rollen,
Identitäten, Beziehungen und Sichtweisen. Wie in Kurosawas Film "Rashomon" erzählt jeder
Betrachter über die erlebten Ereignisse eine ganz andere Geschichte.

Am Beginn des Romans beauftragt ein alter reicher Mann einen jungen Maler, das Porträt seiner
wesentlich jüngeren Gemahlin anzufertigen - ein Ganzkörperporträt, und zwar nackt. Er verspricht
ihm ein hohes Honorar, stellt aber die Bedingung, ihm zuvor in aller Ausführlichkeit seine
Lebensgeschichte, deren Kern die Liebesgeschichte zu seiner Frau ist, erzählen zu dürfen. Während
der Maler anfänglich nur am Geld interessiert ist und ungern zuhört, gerät er nach und nach doch in
den Bann dieser Geschichte, um so mehr, nachdem er die Frau kennen gelernt und zu malen
begonnen hat. In der Folge geraten die drei Personen in ein Geflecht wechselseitiger Beziehungen
und Abhängigkeiten, das mit jeder Wende undurchsichtiger wird.

Ebenso spannend wie die wechselhaften Ereignisse der Dreiecksbeziehung zwischen dem jungen
Maler, dem alten Privatier und dessen allzu junger Gattin ist deren Erzählweise. Der Künstler fungiert
zwar als Ich-Erzähler, seiner Sprache wird vom Autor jedoch alles Literarische demonstrativ
vorenthalten. Im Gegensatz dazu erweist sich der alte reiche Mann als kultivierter Erzähler seiner
Lebensgeschichte auf einem hohen sprachlichen Niveau, das im Maler den Verdacht weckt, auf
Routine zu beruhen. Als die beiden Männer erstmals ins Gespräch kommen, bricht gleichsam die
Literatur herein in die nüchtern berichtete Realität des Ich-Erzählers. Auch die junge Frau des
Privatiers wird später ihre Geschichte erzählen, ein Tagebuch wird dem Maler zur Lektüre übergeben
und am Ende wird ein Brief noch einmal alles bisher Geglaubte revidieren.

Christoph Braendle verschachtelt Erzählebenen, zitiert Zitiertes und wechselt die Sprechweisen je
nach Perspektive. Das Literarische seiner Erzählung liegt in der Selbstthematisierung und Reflexivität
des Erzählens. Kunst und Leben, Fantasie und Realität werden gegeneinander ausgespielt, prallen
aufeinander und verweben sich schließlich zu einem schillernden Konstrukt, das die Verwirrung des
Lesers nahe an die Irrungen der drei Protagonisten heranführt.

Der Roman spielt in Rom, wo der Maler seine Zeit mit zeichnerischen Studien alter Meister verbringt.
Dabei wird die Bildende Kunst - neben der Erzählkunst - zu einer zweiten metaphorischen Referenz,
die den Fortgang der Ereignisse so sublim wie bedeutungsschwanger begleitet. Vormittags studiert
der Maler in den Kirchen schmachtende Marien und hingebungsvolle Pietas, nachmittags zeichnet er
die auf ein Sofa hingegossene nackte Frau. Die Bilder der Sinnlichkeit und der hehren Kunst beginnen
im seinem Kopf zu verschmelzen, je mehr ihn sein insgeheim längst erwachtes Begehren um den
Verstand bringt. Dennoch ist Aus den Augen kein erotischer Roman, sondern ein Roman über den
Eros als Treiber und Wender der Schicksale.

Der Autor scheint seine Freude damit zu haben, seinen Lesern immer neue Fallen zu stellen. Er
beginnt jede Passage ein wenig klischeehaft und weckt damit Vorurteile und Erwartungen über den
weiteren Verlauf, denen er alsbald den Boden unter den Füßen wegzieht. In diesen Kippmomenten
verfliegt alles Allgemeine literarischer Narrative und das absolut Einzigartige individuellen Erlebens
und Schicksals tritt gleichsam nackt hervor. Im Kontext aktueller Geschlechterdebatten fällt auf, dass
die Rolle der Frau anfangs so klassisch angelegt wird, wie es der Figur eines reichen alten Patriarchen
vor dem Hintergrund des rein kunsthistorisch betrachteten Roms zu entsprechen scheint. Doch kaum
erhebt sich der Verdacht, man lese gerade die erotische Fantasie alter weißer Männer, kippen die
scheinbaren Machtverhältnisse in ihr Gegenteil. So viel Selbstermächtigung war nie! Mit De Sade
gesprochen wandelt sich die unterdrückte Justine zur souveränen Juliette, das vermeintliche Opfer
erweist sich in gleichem Maße als Täterin und die Verführte zieht als Verführerin die Fäden.

Christoph Braendle spielt in Aus den Augen mit literarischen Erwartungsmustern des Lesers, die er
selbst aufbaut, um sie dann zu kippen. Alles kommt anders, als man denkt - im Roman wie im
wirklichen Leben.

Wolfgang Pauser