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Äolische Inseln, September 2019

21.09.19:

Abflug in Schönefeld, kurz vor Mitternacht in Catania, mit dem Taxi ins Zen-
trum der Altstadt.

22.09.:

Mietwagen am Flughafen abgeholt (Peugeot 2008 von Interrent), Altstadt ge-


sperrt (Sonntag), Auto deshalb ziemlich weit entfernt von unserer Unterkunft
abgestellt. Abfahrt nach Milazzo. Stau vor Taormina, deshalb gleich weiter
gefahren. Auto bei der “Garage delle Isole“ geparkt => mit der Fähre nach
Stromboli.

Das von Madhuri ausgesuchte Apartment ist wunderschön (Via Regina Ele-
na, an der Scalo dei Balordi). Am Abend ein erster Ausflug zum Ristorante
Osservatorio.

23.09.:

Morgens im Meer gebadet, das Wasser ist sehr mild und angenehm tempe-
riert, anschließend ausgiebig gefrühstückt.

Nachmittags ins Dorf gelaufen, an der Chiesa di San Vincenzo Ferreri vier
Stirnlampen geliehen und dann kurzfristig entschieden den Panoramaweg in
Angriff zu nehmen.

Wir kommen gut voran, Nanaji entwickelt einen unbändigen Willen die Aus-
brüche des Vulkans zu sehen. Nach der Hälfte des Weges lohnt es sich nicht
mehr umzukehren. Als schließlich leichter Regen einsetzt, beginnen wir an
unserer Entscheidung, uns schon heute auf diese Wanderung zu begeben,
zu zweifeln. Der Regen hört aber schnell wieder auf, und wir erreichen den
Aussichtspunkt an der Sciara del Fuoco (Punto panoramico, 290 m ü.d.M.).

Der Abstieg geht mächtig in die Beine, aber am Ende erreichen alle wohlbe-
halten unser Apartment. Eruptionen waren heute zwar kaum zu sehen - die
Luft war so feucht, so dass sie in einer Höhe von 400-500 Metern konden-
sierte; zuerst dachte ich, die dunklen Wolken würden vorüberziehen, dann
aber begriff ich, dass sie sich im Aufwind ständig neu bildeten. Obwohl wir
das Ziel der heutigen Wanderung also verfehlten, hatten wir doch ein großar-
tiges Gruppen- und Naturerlebnis.

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24.09.

Ausgeruht. Abends mit einem Minibus zum Ristorante Osservatorio gefah-


ren, und dann bis zum Punto panoramico aufgestiegen. Die Ausbrüche sind
heute gut zu sehen; sie auf Video festzuhalten ist aber nahezu unmöglich;
beim Fotografieren haben wir mehr Glück.

Achill und Rekha gehen schon früher zurück (sie wollen Nanaji nicht so lange
allein lassen), Madhuri und ich bleiben noch. Inzwischen sind die meisten
Wanderer abgestiegen. Wir sitzen allein in mondloser Nacht, auf diesem gro-
ßen, kleinen Vulkankegel (Aufgang der Mondsichel erst weit nach Mitter-
nacht). Die Milchstrasse ist gut zu sehen; ab und zu wird die Stille von einem
Ausbruch unterbrochen. Madhuri meint der Ort habe etwas mystisches an
sich, mich erinnert die Szenerie an den kleinen Prinzen von Antoine de Saint-
Exupéry.

25.09.

Es ist Zeit sich von dieser Insel zu verabschieden. An der Anlegestelle sehen
wir, dass sie eigentlich zwei Gipfel hat (830 und 918 m), wobei der zweite zu
einem großen, inzwischen inaktiven Krater gehört.

Ankunft in Lipari. Achill fährt weiter nach Milazzo, sein Jahresurlaub ist ziem-
lich aufgebraucht. Unser neues Apartment gehört zu einer gepflegten Ferien-
anlage (La Giara). Nachmittags mit dem Bus nach Aquacalda - um den Tag
ausklingen zu lassen. Am Abend schlendern wir noch durch die Altstadt, ge-
hen zur Akropolis und dann zum Fischereihafen von Lipari. 

26.09.

Überfahrt zur Insel Vulcano. Zusammen mit Sharada besteigen wir den Gran
Cratere (350 bzw. 391 m). Nanaji soll eigentlich unter bleiben, entscheidet
sich aber im letzten Augenblick doch dafür mitzukommen. Unterwegs zeigt
er keinerlei Schwäche; Herz und Kreislauf funktionieren sehr gut, auch die
Beine machen mit. Oben angekommen haben Rekha, Madhuri und Sharada
noch genug Energie für eine Umrundung des Kraters; Nanaji und ich erlau-
ben uns ein Nickerchen. Danach widme ich mich den zahlreichen Fumarolen:
Die Gase sind extrem heiß; an den Austrittsstellen bilden sich kristalline Ab-
lagerungen aus Schwefel und Ammoniumchlorid. Später kommen wir mit ei-
nigen Vulkanologen ins Gespräch. Sie haben Messungen durchgeführt, unter
anderem wurde der Bromgehalt der ausströmenden Gase bestimmt; zum
Abschied schenken Sie uns zwei schwefelhaltige Kristalle.

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Nach dem Abstieg spüre ich eine große Erschöpfung. Wir schauen uns noch
die Schlammbadestelle an (Vasca di Fanghi), essen eine Pizza und fahren
dann zurück zu unserem Apartment.

27.09.

Madhuri muss heute zurück nach Berlin, morgen fliegt sie zu einem Foto-
shooting nach Kroatien. Wir müssen das Apartment wechseln. Danach lau-
fen wir zum Fischereihafen und treffen dort Francesco, der uns mit seinem
Boot um die Insel Vulcano herumfahren wird. Drüben steigt Sharada dazu,
und so machen wir eine kurzweilige Tour, vergleichbar der, die wir in Korfu
und Capri erlebt haben. 

Am Abend noch ein Ausflug nach Quattropani, wo wir von einer wunder-
schönen Aussicht auf die Nachbarinseln überrascht werden. Außerdem emp-
fängt uns ein traumhaft mildes Licht, so dass äußerst liebliche Fotos ge-
macht werden können.

28.09.

Geplant war, die Fähre um 09:30 Uhr zu nehmen und auf der Fahrt nach Ca-
tania einen Zwischenstopp in Taormina einzulegen. Leider wurde daraus
nichts, da die Fähre ausgebucht war und wir die nächste um 11:50 Uhr neh-
men mußten. So reicht die Zeit gerade um alles Nötige zu erledigen. In Cata-
nia kommt es kurz vor dem Boarding noch zu einem kleinen Zerwürfnis, das
wir aber, wie schon so oft, relativ schnell überstehen.

Tatsächlich waren wir in diesen acht Tagen ständig unterwegs, zu Lande, auf
dem Wasser und in der Luft. Meistens waren wir draußen, Schreiben, Lesen,
Fernsehen und dergleichen spielte überhaupt keine Rolle. Ab und zu dachte
ich an imaginäre Räume, aber sie kamen mir seltsam fremd vor. Das Leben
spielte sich in diesem einen, uns allen zur Verfügung stehenden Medium ab,
der  Gedanke an Raum-Zeit-Dimensionen erschien mir abwegig. Ganz ähn-
lich muss es einem praktisch oder sportlich veranlagten Menschen gehen,
wenn er von den sechzehn Dimensionen des Four Chamber Models oder
den imaginären Oxymora hört. Was soll er damit anfangen, oder, wie Minna,
Johanna Gauß’ beste Freundin sagte: „Wozu brauchst du das?“

Andererseits haben schon Babys Träume, ohne zu wissen, dass sie sich da-
bei in imaginären Räumen bewegen; mit den ersten Krabbelbewegungen er-
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obern sie sich den realen Raum, ohne jemals etwas von Dimensionen gehört
zu haben. Allmählich entwickeln sie auch ein Ich, ohne zu begreifen, wo es
sich versteckt; und später hören wir von Gott, ohne die geringste Ahnung
davon zu haben, ob, und wenn ja, wo Er existiert. In der Vita activa stellen
sich diese Fragen gar nicht, man nimmt die Rahmenbedingungen als gege-
ben hin und kümmert sich um Wichtigeres. Erst beim Übergang in ein kon-
templatives Leben treten die Hintergründe in den Vordergrund, werden die
Voraussetzungen des Lebens zu einem Problem, das auf kohärente Lösun-
gen drängt. 


Zurück in Berlin sieht die Welt ganz anders aus. Draussen ist es grau und
regnerisch, man sitzt im Haus und bewegt sich höchstens von dem einen in
ein anderes Stockwerk. Was aber bleibt ist die Erkenntnis, dass sich alles -
ungeachtet unserer Überlegungen zu Räumen, Dimensionen und Skalierun-
gen - in diesem einen, uns allen zur Verfügung stehenden, von Natur aus
multidimensionalen Medium abspielt.