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Transkript Tag #14

Wie helfen dir Diktate beim Deutschlernen?


In der Schule haben wir viele Diktate geschrieben. Und damals habe
ich nie darüber nachgedacht, ob sie sinnvoll waren oder nicht. Wir
haben sie halt gemacht. Jeden zweiten oder dritten Tag. Später im
Studium habe ich über ganz unterschiedliche Übungsformen gelernt,
über Spiele, Kunst, Theater, Musik und Literatur im Unterricht, aber
überraschenderweise nie etwas über die klassischen Diktate. Ja, über
ein paar kreative Spiele, wie ein Laufdiktat oder Rücken-an-Rücken-
Diktat schon, aber das klassische Diktieren und Aufschreiben von
Texten… das haben wir unter Lehrern irgendwie nie besprochen.

Warum nicht? Ich weiß es nicht.

Ich habe versucht, es mir selbst zu erklären, warum in keinem einzigen


modernen Lehrwerk zum Deutschlernen, Diktate als Übungsform
angeboten werden.

Vermutlich regen sie zu wenig zum Nachdenken an. Es ist


wahrscheinlich viel besser, wenn man selbst Texte schreibt und seine
eigenen Fehler korrigiert und analysiert. Bei einem Diktat würde man
wahrscheinlich nicht viel lernen, da der Lerner sich nicht so viele
Gedanken um die Inhalte macht, sondern einfach das aufschreibt, was
er hört. Und fertig.

Ich weiß nicht, ob ich damit komplett einverstanden bin.

Was ich aber weiß, ist, dass wir in der Schule viele Diktate
geschrieben haben und hier ist, was ich aus meinen Diktaten gelernt
habe.

Lektion Nr. 1: Ich konnte wunderbar Hörverstehen üben.

#1: Hörverstehen üben


Zuerst las unsere Lehrerin immer den ganzen Text laut vor.
Wir sollten auf das Thema achten und dabei versuchen, schon mal
den Text zu verstehen. Ich finde, dass das eine tolle
Hörverstehenübung ist, weil wir einerseits den Text nicht sehen
konnten und einfach zuhören mussten, andererseits wir den Druck
nicht hatten, alles verstehen zu müssen, um danach irgendwelche
Fragen zu beantworten. Unsere Aufgabe war, einfach das
aufzuschreiben, was wir gehört haben. Und selbst wenn wir das Wort
nicht kannten, konnte man es nach der Aussprache irgendwie richtig
notieren.

Meine 2. Lektion war:

#2: Aussprache entspricht nicht immer der Schrift


Ich glaube, es war eins meiner ersten Diktate, als ich gelernt habe,
dass die deutsche Sprache nicht so ausgesprochen wird, wie sie auch
geschrieben wird. Zumindest nicht so, wie ich erwartet habe.

Wir mussten einen Text schreiben und da ging es um das Wort “wir”.
Unsere Lehrerin hat es aber als “wie” ausgesprochen und nicht als
“wir”. Die Aussprache von “wir” hat mich, aber viel mehr an das Wort
“wie” erinnert und deshalb habe ich es auch so aufgeschrieben “w-i-e”.
Später wurden alle E-s zu R-s korrigiert. Und da es mich 0,25 Punkte
weniger von meiner Endnote gekostet hat, habe ich angefangen,
darauf zu achten, wie wir die Wörter auf Deutsch aussprechen und wie
wir sie schreiben. Da wurde mir klar, dass ich mehr auf die Aussprache
achten soll und mich nicht allein auf die Schrift verlassen kann.

Als Drittes habe ich gelernt, auf die Intonation zu achten.

#3: Intonation und Aussprache


Zu Beginn diktierte unsere Lehrerin alle Satzzeichen wie Komma,
Punkt, Doppelpunkt, Fragezeichen und Ausrufezeichen mit. Als wir
aber fortgeschrittener wurden, hat die Lehrerin nur eine kleine Pause
am Satzende gemacht. Wir mussten dann selbst anhand der
sinkenden oder der steigenden Intonation erkennen, ob es ein
Aussagesatz war oder eine Frage. Oder eine Frage?

Meine vierte und eine der wichtigsten Lektionen war, dass man Vieles
im Satz voraussagen kann, selbst, wenn ein paar Wörter fehlen. Dabei
hilft eine gute Satzanalyse.

#4: Satzanalyse
Nach dem ersten Vorlesen, diktierte uns unsere Lehrerin die Sätze
nicht unbedingt Wort für Wort sondern Satz für Satz. Sie las immer den
ganzen Satz vor und dann ein paar Wörter auf einmal. Das hat mir
beigebracht, dass bestimmte Ausdrücke zusammenhängen und eine
Einheit bilden, zum Beispiel der Artikel, mit dem Adjektiv und mit dem
Substantiv danach, oder die komplette Infinitiv-Konstruktion, die als
Nebensatz folgte.

Das war super hilfreich, weil man oft bei den Adjektivendungen nicht
immer genau hören konnte, ob es ein N wie “nein oder M wie “mein”
war. Zum Beispiel: “An einem schönen Tag gingen wir schön
spazieren.”

Gerade wenn es auch schnell geht oder wenn man sich den
kompletten Satz merken muss, kann man nicht immer auf alle
Endungen achten. Man schreibt also das, was man in dem Moment
gehört hat.

Nach dem ersten Diktieren hatten wir ein paar Minuten Zeit, um uns
den Text komplett anzuschauen und bestimmte Stellen zu markieren,
bei deinen wir uns unsicher waren.

Beim zweiten Diktieren habe ich extra darauf geachtet. Aber


manchmal verschluckte die Lehrerin alles so schön, dass ich den
Unterschied wirklich nicht hören konnte. Ich meine, bei N und M ist es
wirklich nicht einfach.

Da half nur eins: Ich musste mir den ganzen Satz anschauen und
grammatikalisch überlegen, was es sein könnte. Heißt es “an einem
schönen Tag” oder “an einen schönen Tag”? Ist es an + Dativ oder an
+ Akkusativ? Kannte ich einen ähnlichen Ausdruck, von dem ich es mir
herleiten konnte?

Ja, man sagt zum Beispiel: am Montag oder am Dienstag - Montag


und Dienstag sind auch Tage, also muss es “am Tag” heißen -
offensichtlich mit Dativ. Folglich müsste es “an einem schönen Tag”
heißen. Und jaaaaa, so war’s auch.

Meine fünfte Lektion war, dass ich durch Diktate auch viele neue
Wörter direkt im richtigen Kontext lernen konnte.

#5: Wortschatz im Kontext lernen


Hier und da gab es natürlich immer wieder mal ein oder mehrere
Wörter, die ich nicht kannte. Da die Diktate aber immer kurze
Geschichten waren oder andere authentische Texte, konnte ich
manchmal die Bedeutung aus dem Kontext ableiten. Und wenn ich
keine Ahnung hatte, was das Wort bedeutete, half mir wieder die
Grammatik. Denn ich musste mir den kompletten Satz anschauen und
überlegen: Was ist das Verb? Selbst wenn ich nicht das Verb kannte,
konnte ich es anhand seiner Position im Satz bestimmen, denn das
Verb steht entweder an zweiter oder an letzter Stelle, außer es ist eine
Ja-Nein-Frage.

Oft kannte ich aber zumindest das Verb und konnte mir vorstellen, was
im Satz noch fehlte - ein Subjekt, ein Akkusativobjekt oder ein Adverb.

Wenn ein Artikel davor stand, hätte es eventuell ein Substantiv sein
können, also schrieb ich es mit großem Buchstaben. Stand das Wort
vor einem anderen Substantiv und klang es so, als ob es eine typische
Endung trug, so habe ich angenommen, dass es ein Adjektiv war.

Und selbst wenn ich das Wort nicht ganz richtig aufgeschrieben habe,
umso besser konnte ich es mir später merken, nachdem die Lehrerin
es rot korrigierte. Denn alle Fehler und rot markierten Wörter mussten
wir noch 15 Mal einzeln aufschreiben und danach mussten wir
natürlich auch den ganzen Text sauber abschreiben.

Meine sechste Lektion:

#6: Rechtschreibung üben


Das, was ganz klar mit Diktaten geübt wird, ist die Rechtschreibung
natürlich. Man muss schon überlegen - welche Wörter schreibe ich
groß, welche klein, wann ist ein Vokal lang, wann kurz, wann kommt
ein S, wann ein Doppel-S und wann ein ß?

Ganz schön viele Überlegungen und vor allem, wenn man so schnell
schreiben muss.

Ja, und zu guter Letzt haben Diktate die Liebe zum Schreiben in mir
geweckt.

#7: Die Liebe zum Schreiben


Ich hatte wirklich viel Freude daran, Diktate zu schreiben und die
korrigierten Texte neu abzuschreiben. So habe ich auch in meiner
Freizeit angefangen, einfach schöne Texte, Geschichten oder Zitate,
Lieder oder Gedichte abzuschreiben. Um einfach das Schreiben zu
üben. Manchmal würde der Text zu Ende gehen und ich würde ihn mit
eigenen Sätzen fortsetzen und ein anderes Ende erfinden. Ein anderes
Mal würde ich einfach in meinem Tagebuch auf Deutsch schreiben und
mich heimlich freuen, dass es in einer Geheimsprache war, die kein
anderer außer mir versteht.

Ja, ich habe also gute Erinnerungen von den Diktaten behalten.
Und heute noch finde ich, dass man aus Diktaten viel lernen kann.

Deshalb kann ich es dir nur nahelegen, es selbst auszuprobieren. Ein


paar Links, mit denen du Diktate üben kannst, werde ich unter das
Video setzen.

Dann würde es mich interessieren, was du von Diktaten hältst.

Schreibst du gerne Diktate?


Findest du sie sinnvoll und hilfreich beim
Deutschlernen?
Und was ist deine Lieblingsübung beim
Deutschlernen?

Deine Herausforderin,

Dilyana