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HUSSERLIANA

EDMUND HUSSERL
GESAMMELTE W ERKE

BAND X X III

PHANTASIE, BILDBEWUSSTSEIN,
ERINNERUNG

AUF GRUND DES NACHLASSES VEROFFENTLICHT VOM


HUSSERL-ARCHIV (LEUVEN) IN VERBINDUNG MIT
RUDOLF BOEHM UNTER LEITUNG VON

SAMUEL IJSSELING

^íusserl- A tcM v
an aer
y n iv e rs itá t K o la
EDMUND HUSSERL
PHANTASIE, BILDBEWUSSTSEIN,
ERINNERUNG

ZUR PHÁNOMENOLOGIE
DER
ANSCHAULICHEN VERGEGENWÁRTIGUNGEN

TEXTE AUS DEM NACHLASS


( 1898- 1925)

HERAUSGEGEBEN
VON
EDUARD MARBACH

1980

MARTINUS NIJHOFF PUBLISHERS


THE HAGUE / BOSTON / LONDON
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Kluwer Boston, Inc.
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Library oí Congress Cataloging in Publication Data (Revised) CIF

Husserl, Edmund, 1859-1938.


Husserliana.

Vol. 6- : ,,In Gemeinschaft mit dem Husserl-Archiv an der Uni-


versitát Koln.”
Ineludes earlier editions of some volumes.
1. Philosophy — Collected works. I. Title. B3279.H9 1950,
Bd. 1, etc. 193 51-9993

ISBN 90-247-2119-9

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PRINTED IN THE NETHERLANDS


INHALT

E in l e it u n g d e s h e r a u s g e b e r s ................................................... XXV

PHANTASIE, BILDBEWUSSTSEIN, ERINNERUNG


Zur Phánomenologie der anschaulichen Vergegenwártigungen

Nr. 1. (Drittes Haupt-


PHANTASIE UND b i l d b e w u s s t s e i n
stück der Vorlesungen aus dem Wintersemester
1904/05 über „Hauptstücke aus der Phánomeno­
logie und Theorie der Erkenntnis”) ........................ 1

1. R a p it e l : Frage nach der Phantasievorstellung gegenüber


der Wahrnehmungsvorsíellung ............................................. 1
§ 1. Vieldeutigkeit des Begriffs der Phantasie in der ge-
wbhnlichen Rede — Das Phantasieerlebnis ais Funda-
ment phánomenologischer Wesensanalyse und Be-
griffsbildung.................................................................... 1
§ 2. Die Aufgabe der Gewinnung eines wesentlich einheit-
lichen Begriffs der Phantasievorstellung ais Phan-
tasieauffassung — Charakterisierung der Wahmeh-
m ungsauffassung......................................................... 5
§ 3. Versagen der zeitgenossischen psychologischen For-
schung in der Frage nach dem Verháltnis von Wahr-
nehmungs- und Phantasievorstellung. Fehlen des Be­
griffs der objektivierenden A u ffa s s u n g ................ - . 6
§ 4. Kurze Darstellung und K ritik von Brentanos Lehre
vom ,,Vorstellen” .......................................................... 8
§ 5. Die Frage nach dem Unterschied von Wahrneh-
mungs- und Phantasievorstellung und das besondere
Problem der Unterscheidung der entsprechenden
Auffassungsinhalte, Empfindung und Phantasma . . 10
§ 6 . Kritische Erorterung der von den Psychologen vor-
gebrachten Unterschiede von Wahrnehmung und
P h a n t a s i e ..................................................................... 13
VI INHALT

2. K apitel : Iníerpreíafíon der Phantasievorstellung ais B ild-


lichkeitsvorstellung (Im agination) wie die physisch-bild-
liche Vorstellung ..................................................................... 15
§ 7. Verwandte Unterschiede innerhalb der Wahmeh-
mungs- bzw. P hantasieauffassung............................. 15
§ 8. Die Phantasievorstellung ais Verbildlichung. Beginn
der Wesensbestimmung des bildlichen Vorstellens . . 16
§ 9. Die physische Imagination ais Parallelfall der Phan­
tasievorstellung ............................................................. 18
§10. Wesensgemeinsamkeit der physischen Imagination
und der gewohnlichen Phantasievorstellung bezüg-
lichder,,geistigenBilder” ......................................... 21
§11. Die Beziehung auf das Bildsujet, bzw. die zwei auf-
einandergebauten Auffassungen in der Phantasievor­
stellung— Hinweis auf ein genaues Analogon: W ort-
erscheinung ais Tráger einer zweiten Auffassung ais
Zeichen............................................................................. 23
§ 12. Voraussetzung der ganzen bisherigen Betrachtung:
die doppelte Gegenstándlichkeit bei der Phantasie­
vorstellung und bei der physischen Bildauffassung . 25
§ 13. Die zwei Auffassungen, die zur Konstitution der ima-
ginativenVorstellungw esentlichgehoren................ 27
§ 14. Wiederholung und neue Darstellung: Das Ineinan-
der der beiden Auffassungen, die das Bewusstsein der
Bildlichkeit konstituieren, und Áhnlichkeitsdeckung
bzw. Auseinandertreten der Objekte dieser Auffas­
sungen. Die Gegebenheit der bewussten Beziehung
auf das Bildsujet durch das Bewusstsein der Verge-
genwártigung eines Nichterscheinenden im Erschei-
nenden............................................................................. 28

3. K apitel : Bildlichkeitsbewusstsein in immanenter Funk-


tion und in symbolischer Funktion — Z ur dsthetischen
Bildbetrachtung — Frage nach dem Verhdltnis der fundie-
renden Auffassung beim Phantasie- und Bildbewusstsein
zur W ah rn e h m u n g sau ffassu n g ......................................... 34
§ 15. Gemeinsamkeit und Unterschied von bildlicher und
symbolischer A u ffa ssu n g ............................................. 34
§ 16. Einführung der Unterscheidung zwischen innerer
(immanenter) und áusserer (symbolischer) Bildlich­
keit ................................................................................. 35
§17. Das Interesse am W ie der Verbildlichung des Bildob-
jekts bei der ásthetischen Bildbetrachtung im Gegen-
satz zur ausschliesslichen Interessenrichtung auf das
INHALT V II

Bildsujet bei der gewohnlichen Phantasie- und Erin-


n eru n g svo rstellu n g ..................................................... 36
§18. Moglichkeit des Wechsels in der Richtung der mei-
nenden Intention und entsprechender Wechsel des
Gegenstandes. Beschreibung der Erscheinungsweise
des Bildobjekts z.B. in psychologischem Interesse . . 38
§ 19. Selbstándigkeit und Unselbstándigkeit der zwei sich
durchdringenden Auffassungen und Frage nach dem
Verhaltnis der fundierenden Auffassung zur Wahr-
nehmungsauffassung im Falle der durch physische
Bilder vermittelten Imagination. Wegfallen des Bild-
lichkeitsbewusstseins bei Táuschungen á la Panopti-
kum, Panorama etc. und ásthetischer Schein . . . . 39
§ 20. Ob die fundierende Auffassung bei der Phantasie im
gewohnlichen Sinn und der Erinnerung den Charak-
ter einer WahmehmungsauffassUng habe. Wegfallen
des Bildlichkeitsbewusstseins bei der Vision und Hal-
luzinatíon. Waches Tráumen und Bewusstsein des
Scheins der Phantasiegestaltungen............................. 41
l
4. K a p it e l : Unterschiede zwischen gewShnlicher Bildvorstel-
lung und Phantasievorstellung ............................................. 43
§21. Die zugrundeliégenden Auffassungen bei der physi­
schen Bildvorstellung, Frage nach der Identitát bzw.
Verschiedenheit der Auffassungsinhalte.................... 43
§ 22. Die Erscheinung des Bildobjekts und ihr Charakter
der Unwirklichkeit, des Widerstreits mit dem Gegen-
w art konstituierenden Blickfeld der Wahmehmung . 45
§ 23. Das Verhaltnis von wirklich Gegenwártigem und
blossem Fiktum im Widerstreit zweier Wahrneh-
mungsanffassungen bei den Fallen des Sinnenscheins. 48
§ 24. Vorblick auf die Sachlage bei der Phantasie: vollige
Trennung von Phantasiefeld und Wahmehmungs-
f e l d ................................................................................. 49
§ 25. Rekapitulation: Die doppelte A rt der Reprásentation
durch Ahnlichkeit, 1) die innere Bildlichkeit ais das
eigentlich imaginative Bewusstsein; die veranschau-
lichenden Momente bei der Bildobjekterscheinung ais
Trager des Bewusstseins der inneren Reprásentation
und die übrigen Momente; der doppelte Widerstreits-
charakter der Bildobjekterscheinung, 2) die áussere
Bildlichkeit ais Weise des symbolischen Bewusstseins 50
V III INHALT

5. K a pite l : D ie Phantasieerscheinung im Kontrast zur phy-


sisch-bildlichen Erscheinung und zur W ahrnehmungser-
s c h e in u n g ............................................................................. 54
§ 26. Das Fiktum und die Frage nach der Erscheinungs-
weise des „Phantasiebildes” , ..................................... 54
§ 27. Die Phantasieerscheinung: Grade und Stufen der An-
gemessenheit der Vorstellung an ihr Objekt im Fall
der physischen Bildlichkeit und bei der Phantasie . 56
§ 28. Das Proteusartige der Phantasieerscheinung: der
Wechsel der Fülle, K raft und Lebendigkeit und der
damit zusammenhangende Wechsel in der Angemes-
senheit der R ep ra se n ta tio n ......................................... 58
§ 29. Kontinuitat und Diskontinuitat bei Wahrnehmungs-
erscheinung, physisch bildlicher Erscheinung und
Phantasieerscheinung................................................. 60

6. K a p it e l : Rekapitulierende D arstellung der Ansicht, dass


Phantasievorstellung sich ais Bildlichkeitsvorstellung in ­
terpretieren l a s s e ................................................................. 63
§ 30. Parallelismus zwischen gewohnlicher Imagination
und Phantasieimagination............................................. 63
§31. Starke und fliessende Unterschiede zwischen der ge-
wohnlichen Imagination und der Phantasie . . . . 64
§ 32. Das Widerstreitsverháltnis von Phantasie- (bzw.
Erinnerungs-)feld und Wahmehmungsfeld und das
Fiktum der Phantasie in den Fallen der klaren Phan­
tasie ................................................................................. 66
§ 33. Die Falle der unklaren Phantasien und die Frage, ob
hier überhaupt Bildobjekt und Bildsujet unterschie-
den werden darf. Hinweis auf analoge Erscheinungen
in der Wahrnehmungssphare: Doppelbilder und
W ettstreit der Sehfelder beim S c h ie le n ..................... 70

7. K apitel : Versuch, zwischen Phantasievorstellung und


Bildlichkeitsvorstellung einen wesentlichen Unterschied zu
e t a b lie r e n ............................................................................. 71
§ 34. Der Zusammenhang des Blickfeldes des Wahrneh-
mungsbewusstseins und sein Fundament in den Zu-
sammenhangen der Empfindungen in den Empfin-
d u n g sfeld ern ................................................................. 71
§ 35. Das Verháltnis der Phantasmen und Phantasieer-
scheinungen zu den Zusammenhangen des Wahr-
nehm ungsfeldes............................................................. 73
§ 36. Vertiefte Erórterung der Frage nach Koexistenz bzw.
INHALT IX

Widerstreit von Wahmehmungs- und Phantasiefeld


am Beispiel einzelner S in n e s fe ld e r............................ 75
§ 37. Ob nicht Wahrnehmung einen ursprünglichen Yorzug
haben müsse, da Empfindungen allein Begründer von
Gegenwartsrealitát sind. Schwierigkeit bezüglich der
irrealen Phantasmen ais gegenwártiger sinnlicher In-
halte. Versuch einer Antwort: imaginative Auffas-
sung der Phantasmen unmittelbar ein Vergegenwar-
tigungsbewusstsein konstituierend; Moglichkeit
nachtráglicher Einordnung der Phantasieerscheinung
und der fundierenden Phantasmen in die Gegenwart. 77
§ 38. Kennzeichnung des Unterschiedes der Phantasieauf-
fassung gegenüber der perzeptiv-imaginativen durch
das Fehlen des Bewusstseins eines Gegenwártigen,
das erst ais Trager eines Bildlichkeitsbewusstseins
zu fungieren h a t t e ......................................................... 79
§ 39.' Korisequenz der versuchten Auffassung: kein direk-
tes imaginatives Bewusstsein innerhalb der Spháre
der Wahrnehmung und Etablierung eines ursprüng­
lichen phanomenologischen Unterschieds zwischen
Empfindungen und Phantasmen. Hinweis auf den
Glaubenscharakter und die Einteilung der Phanta-
sievorstelhmgen in blosse Vorstellungen und Erinne-
ru n g e n ............................................................................. 80

8. K a pite l : Ergebnisse und Vorblick auf die A nalysen des


Z e itb e w u sstse in s ................................................................. 82
§ 40. Bestimmung des wesentlichen Unterschiedes zwi­
schen der Imagination im eigentlichen Sinn (perzep-
tiver Imagination) und Imagination ais Phantasie . 82
§41. Unterscheidung der schlichten Phantasievorstellung
i ■ und der bildlich sich vermittelnden; schlichte Phan­
tasievorstellung ais Voraussetzung der echten imagi-
nativen Funktion in der P h a n ta s ie ............................. 84
§ 42. Umgrenzung des Begriffs der schlichten Phantasie­
vorstellung ais Vollzug von reinem Vergegenwárti-
gungsbewusstsein; immanentes Bildbewusstsein ais
Phantasiebewusstsein. Terminologische Festlegung
¡der Gegensátze Wahrnehmung — Phantasie oder Ge-
■ genrwartigung (Prásentation) — Vergegenwártigung
(Reprasentation)............................................................. 85
§ 43. Die Sachlage bei den unklaren Phantasien: die
schlichte Phantasievorstellung jedenfalls vorausge-
. setzt. Abschliessende Übersicht über die in den Ana­
lysen hervortretenden V o rste llu n g sm o d i................ 87
§ 44. Absonderung eines neuen Begriffs von Erscheinung
X INHALT

mit Rücksicht auf den Bewusstseinscharakter der


. Gegenwártigung bzw. Vergegenwartigung ais dem
Unterscheidenden zwischen Wahrnehmung und Phan-
tasie. Anzeige des Übergangs in die Analysen des Zeit-
bewusstseins zur genaueren Unterscheidung der Dif-
ferenzen im Wahmehmungs- und Phantasiebewusst-
s e i n ................................................................................. 89

9. K apitel : Die Frage nach dem phanomenologischen Un-


terschied zwischen Empfindung und Phaniasm a und die
Frage nach dem Verháltnis von Wahrnehmung und Phan-
tasie ..................................................................................... 92
§ 45. Anknüpfung an Brentanos Stellungnahme: keine we-
sentlichen Unterschiede zwischen den Auffassungs-
inhalten: Empfindung und P h a n ta s m a .................... 92
§'46. Ansetzung des Unterschiedes zwischen Empfindung
, und Phantasma in den Auffassungsweisen. Diskus-
sion eines Ungenügens dieser Theorie bei Brentano
und anderen: die Interpretation der Humeschen
vivacity ais In ten sitát..................................................... 94
§ 47. Die Schwierigkeit zu verstehen, wie der Unterschied
zwischen Phantasie eines psychischen Aktes und ak-
tuellem Yollzug dieses Aktes moglich ist. Das Mo-
ment des belief und die Uneigentlichkeit des Vor-
s t e l l e n s ......................................................................... 96
§ 48. Auflosung der Schwierigkeit: Begründung des Unter-
schieds zwischen Wahmehmungs- und Phantasie-
auffassung durch Hinzunahme der Bewusstseinscha-
rakterisierung ais ,,gegenwártig” bzw. „vergegenwár-
tigt” ............................................................................. 100
§ 49. Neue Schwierigkeiten bezüglich der aktuell gegen-
wartigen Akte und der Frage des inneren Wahrge-
nommenseins bzw. der Modifikation der diskreditie-
renden Phantasievergegenwártigung......................... 102
§ 50. Falle, wo erinnerte und aktuelle psychische Akte auf
díeselbe Vorstellungsgrundlage bezogen sind . . . . 104
§51. Zur Aufklarung der Gesamtauffassung der Wahmeh-
mung gegenüber der Phantasie: entweder Ansatz der
Reprásentation ais modifizierenden Charakter und
der Prasentation ais das entsprechend Unmodifizierte. 106
§ 52. Oder Ansatz von zwei gleichberechtigten Auffassun-
gen, Gegenwártigung und Vergegenwártigung, und
entsprechend von zwei in sich verschiedenen Auffas-
sungsinhalten, Empfindung und Phantasma . . . . 107
INHALT XI

B eilage I. Phantasie und bildliche Vorstellung. Zum Verháltnis


zwischen Wahmehmungs- und Phantasievorstellnng (3.-4. Sep-
tember bis 3. Oktober 1898)............................................................. 108
§ 1. Die Phantasievorstellungen ais bildliche Vorstellungen
wie die gewohnlichen Bildvorstellungen. W as liegt im
„Vergegenwártigen im Bilde” ? ..............................................108
§ 2. Herausstellung von zwei Richtungen der Vergegenstand-
lichung in der Phantasievorstellung am Leitfaden der ge­
wohnlichen Bildvorstellung......................................................111
§ 3. A kt der Prasentation des Bildes ais Fundament für das
Bewusstsein der bildlichen Reprasentation in Phanta­
sievorstellung und gewohnlicher Bildvorstellung . . . 113
§ 4. Analogie und Differenzen zwischen dem Gegensatz von
Prasentation und Reprasentation innerhalb eines kon-
kreten Aktes der Reprasentation und der indirekten Prá-
sentation bei der W ahrnehm ungsvorstellung................ 115
§ 5. Vieldeutigkeit der Termini Phantasievorstellung und
Phantasieobjekt. Analoge Unterscheidungen bei den
physisch-bildlichen Vorstellungen.................................... 117
§ 6. Verschiedenartigkeit der Vorstellungen durch Phanta-
siebilder und der Vorstellungen durch physisch vermit-
telte Bilder: kompliziertere Auffassungsgrundlage bei
den letzteren; physisches Bild, Bildobjekt, Bildsujet im
Wechsel der Betrachtungsrichtung; Beteiligung an der
Auffassungsgrundlage........................................................ 120
§ 7. Innere Gleichartigkeit des Aktcharakters bildlicher Re-
prásentation, jedoch aussere Unterschiede bei beiden
Vorstellungsarten. Desiderat einer Aufklárung der inne-
ren Unterschiede zwischen den sinnlichen Inhalten:
Empfindungen und P h a n ta s m e n .................................... 123
§ 8. Wahrnehmungsvorstellung von einer auf denselben Ge-
genstand gerichteten Phantasie- oder physisch-bildlichen
Vorstellung unterschieden ais Prasentation gegenüber
Reprasentation. — Frage: W ie unterscheidet sich die
Wahrnehmungsvorstellung eines Gegenstandes von der
Vorstellung ,,desselben” Gegenstandes ais Phantasieob-
jektsunterder Annahme, dass das Phantasieobjekt nicht
reprásentativ fungiert ? .....................................................124
§ 9. Der allgemeine Charakter der Prasentation: einen Ge-
genstand zur Erscheinung zu bringen. — Die Beantwor-
tung der Frage nach dem Unterschied zwischen Phanta-
sieerscheinungen und Wahmehmungserscheinungen zu-
rückführend auf die Aufklárung des Unterschiedes zwi­
schen den prasentierenden I n h a lte n ................................ 126
§ 10. Innere und aussere Unterschiede, Klassenunterschiede
XXI INHALT

und Unterschiede einander paarweise entsprechender Er-


scheinungen der Wahrnehmung und Phantasie . . . . 127
§1 1 . Zur systematischen Beantwortung der Frage nach dem
Unterschied zwischen Wahrnehmungs- und Phantasie-
erscheinungen bei identischem Gegenstand: Móglichkeit
der Unterscheidbarkeit bei vólligem Mangel an wesent-
lichen inneren Unterschieden durch aussere Unterschiede
der Funktion .....................................................................130
§ 12. Heranziehung der physisch-bildlichen Vorstellungen mit
ihren Differenzen zwischen Bild und Original zur genau-
eren Aufklárung der verschiedenen Erscheinungen . . . 131
§ 13. Anwendung der bei den physisch-bildlichen Vorstellun­
gen erórterten Móglichkeit der Unterscheidung von den
Wahrnehmungserscheinungen bzw. der Móglichkeit der
Táuschung auf die Phantasiebilder..................................... 133
§14. Stetigkeit bzw. intermittierende Flüchtigkeit ais ge-
wóhnlich aufgeführtes Unterscheídungsmerkmal der
Phantasiebilder von den Wahrnehmungserscheinungen . 134
§ 15. Das Merkmal der Fülle. Die Frage nach dem Intensitáts-
unterschied ais Übergang zur Erórterung der inneren Un­
terschiede. Ob auch bei Phantasiebildern von psychi-
schen Akten von Intensitat zu reden sei..................................135
§ 16. Deskriptive Einteilung der Vorstellungen nach dem Ge-
sichtspunkt direkter und indirekter (bildlicher) Anschau-
lichkeit und P o s i t i o n .............................................................. 136

B eilage II. Trotz meinender Zuwendung zum Bildding bleibt die


erregte Erscheinung des reprásentierenden Bildes mitbemerkt
(wohl 1 8 9 8 ) ..................................................................................... 137

B eilage III. Bild — Bildobjekt — Sache. Áhnlichkeit ais Grund-


lage der Abbildlichkeit (wohl um 1904/05)..................................... 138

B eilage IV. Eigentliche Vorstellung — uneigentliche Vorstellung


(wohl 1904/ 05)................................................................................. 139

B eilage V. Bildvorstellungen (bildliche — symbolische). Über­


gang vom Bildbewusstsein zum Bewusstsein analogischer Re-
prásentation (Symbolbewusstsein). Klare empirisch zusammen-
hángende Phantasievorstellungen (wohl um 1 9 0 5 ) .................... 141

B eilage VI. Warum die Natur, eine Landschaft ais ,,Bild” wirkt
— Ásthetik: Interesse an der Erscheinung. Dingerscheinungen
drücken immer von innen her etwas aus für die Betrachtung
der Kunst (wohl 19 0 6 )..................................................................... 144

B eilage VII. Widerstreit ais Fundament der Bildlichkeitsvorstel-


INHALT X III

lung. Widerstreit zwischen dem Erscheinenden und dem empi-


risch Geforderten: logisch vermittelter, nicht bloss sinnlicher
Schein. Widerspruchslos Erscheinendes ,,ist”, gilt (wohl um
September 1 9 0 6 ) ............................................................................. 146

B eilag e V III.Frage nach den Arten des Widerstreits bei den Fik-
ta der Phantasie und der Erinnerung — Widerstandsleistung
der Erfahrung (wohl 1 9 0 6 ) ............................................................. 148

B eilage IX. Ob Phantasievorstellung bildliche Vorstellung sei —


Mehrfache Bildlichkeit: uneigentliche Vorstellung durch mehr
oder minder vollkommene Abbilder gegenüber eigentlicher Vor­
stellung des im ásthetischen Bildbewusstsein Gemeinten (Er-
füllung der Bildintention); Richtung des Interesses auf das
im Bildobjekt Sich-darstellen des Objekts — Note: Kein Ge-
fuhl der Uneigentlichkeit hinsichtlich des Dargestellten beim
künstlerischen Bild; Stufen der Áhnlichkeit beim Bild-, Sym­
bol- und Zeichenbewusstsein: Sollenscharakter des Hinweisens
— Betrachtung des Fechnerbildes — Mehrfaltige Bildlichkeit
in bildender Kunst und Musik: zur Frage des adaquaten Bildes,
Vergleich der Darstellung mit dem Ideal: Vieldeutigkeit der
ásthetischen Apperzeption (wohl 1 9 0 5 ) ........................................ 149

B eilag e X. Klare und unklare Phantasie im Unterschied zur phy-


sischen Bildlichkeit (wohl 1 9 0 5 ) ..................................................... 160

B eilag e XI.' Schwanken, ob Phantasie oder Wahrnehmung (um


1 9 0 5 ) ................................................................................................. 162

B eilag e X II. Empfindung — Phantasma und die ihnen wesent-


lichen „Auffassungen”(wohl 19 0 4 / 0 5 ).......................................... 163

B eilage X III. Phantasmen und Empfindungen ais Wahmeh-


mungsobjekte und ais Auffassungsinhalte von Wahmehmungen
(bzw. von Bildvorstellungen und von Phantasievorstellungen,
Erinnerungen) (Abschrift und nahere Ausführung einiger No-
tizenaus 1 9 0 5 ) ................................................................................. 166

Nr. 2. tVON DER THEORIE DER REPRASENTATION BEI PHAN-


TASIE UND ERINNERUNG ZUR EINFÜHRUNG DER
LEHRE VON DER REPRODUKTION BZW. DOPPELTEN
(Texte von etwa 1904 bis et-
v e r g e g e n w á r t ig u n g
i wa 1909, evtl. 1 9 1 2 ) ........................................................ 170

a) Aporte. Doppelte A uffassung derselben Erscheinung: ais


Phantasie der Wahrnehmungserscheinung in Beziehung
X IV INHALT

auf das aktuelle Ich bzw. ais Wahrnehmungserscheinung


in Beziehung auf das Phantasie-Ich. Ob nicht zutn Wesen
jeder Phantasie- und Erinnerungsvorstellung gehort, eine
Erscheinung im Bewusstsein der Reprdsentatíon darzu-
stellen. Reflexión auf das Phantasie-Vorstellen {wohl
1904) ..................................................................................... 170
b) Aktuelle Vorstellung ,,von” und Vorstellung in der E in -
bildung, Erinnerung (im aginatives Gegenbild); Reflexión
in d e r Phantasie (um J 905) .............................................179
c) Reflexión und phdnomenologische Reduktion in der P h an ­
tasie (wohl 1905 ) ...................................................................... 184
d) Zweierlei Wahrnehmung — zweierlei Phantasie (wohl
1907 /08) .................................................................................. 187
e) Doppelte Vergegenwartigung:,,Reproduktion von etwas”
im Gegensatz zu ,,Phantasie von etw as" = Phantasievor-
stellung (wohl 1908 ) 189
f) Wahrnehmung von einer Phantasie (Reflexión) und
P hantasie von einer Phantasie (wohl frühestens 1909 ;
evtl. 19 12 ) 191
g) Ob die Folge von M odifikationen „Wahrnehmungser­
scheinung — Phantasieerscheinung — Phantasieerschei-
nung in einer P hantasie" eine Reihe iterierter M odifika­
tionen sei (wohl frühestens 1909 ; evtl. 19 1 2 ) ..........................192

B eilage XIV. a) Erinnerung und Wahrgenommenhaben (etwa


1 8 9 8 ) ................................................................................................. 193
b) Implikation der Erinnerung an die frühere Wahrnehmung bei
der Erinnerung — Keine Wahrnehmung ohne wahmehmendes
Subjekt (etwa 1 8 9 8 )......................................................................... 197

B eilag e XV. Unmittelbarkeit der Erinnerungs- und Phantasie-


vorstellung im Unterschied zur Bildapperzeption (wohl 1904) . 201

B eilag e XVI. Die Erinnerungserscheinung mitsamt ihrem Gehalt


an sinnlichen Inhalten ais Vergegenwartigung der früheren
Wahmehmungserscheinung — Beirrung durch die falsche
Theorie der Reprásentation (190 4)................................................. 202

B eilage XVII. Erinnerung: Es genügt nicht, dass Wahrnehmung


sich in Reprasentation des Wahrgenommenen modifiziert; der
Wahrnehmung muss eine wirkliche oder mogliche Erinnerung
dieser Wahrnehmung entsprechen ( 1 9 0 4 ) ..................................... 204

B eilag e XVIII. Kompliziertere bildliche Vorstellungen (wohl


1 8 9 8 ) ................................................................................................. 205

B eilag e X IX . Phantasie in der Phantasie (um 1 9 0 5 ) .................... 206


INHALT XV

B eilag e X X . Immanente Imaginationen (wohl frühestens 1909;


evtl. 1 9 1 2 ) ................................ .... * .............................................207

B eilag e X X I. Reflexión in der Phantasie ist selbst Phantasie


(wohl Herbst 1 9 0 9 ) ......................................................................... 208
B eilag e X X II. „Reproduktíon von” gegenüber „ Phantasie vor­
stellung von” ais objektivierendem A kt (wohl 1 9 0 9 ) ................ 209
B eilag e X X III. Was macht den Unterschied zwischen origina-
rem und nicht originárem Erlebnis? Móglichkeit einer doppel-
ten Reflexión (1910) 210

N r. 3 . P h a n t a sie und v e r g e g e n w a r t ig u n g (e r i n n e -
RUNG). FRAGE NACH DEM VERHALTNIS VON APPRE-
HENSION UND GLAUBENSQUALITAT (Abschrift, wohl
1905/06, mitErgánzung wohl aus 1 9 0 9 ) ................ 212

N r. 4 . G l a u b e a l s im p r e s s io n . in t e r p r e t a t io n d e r g e -
GENSÁTZE ZWISCHEN WAHRNEHMUNG UND PHANTA-
SIE, DER VERHALTNISSE ZWISCHEN ERINNERUNG UND
PHANTASIE, DER ILLUSION, BILDVORSTELLUNG, LEER-
v o r st e llu n g (11. Oktober 1 9 0 8 ) ............................. 218

N r. 5 . E r i n n e r u n g u n d i t e r a t io n e n d e r e r i n n e r u n g .
MODALE CHARAKTERE UND APPARENZEN ( w o h l 1909) 229
B eilage X X IV . Die Erscheinung entweder Wahmehmungs- oder
Phantasieerscheinung als Materie der Setzung und der Zeitauf-
fassung (wohl 1 9 0 8 ) ............................................................................ 233
B eilage X X V. In Erinnerung, Erwartung, freier Phantasie ein
Identisches als Kem, als Erscheinung sich abhebend; Frage
nach einem Terminus dafür (vor 1900, modifizierte Abschrift
wohl um 1 9 0 9 ) ................................................................................. 235
B eilag e X X V I. Noten. Problemata. Der ,,Überschuss fiber die
Erscheinung” zur ynterscheidung bei den nichtperzeptiven Er-
scheinungen (wohl 1 9 0 9 ) ................................................................. 236
B eilag e X X VII. Die Móglichkeit der abstraktiven Scheidung von
Auffassung (Erscheinung) und qualitativem Modus (wohl 1909
oder 1 9 1 0 ) ................................................................................. .... . 237
B eilag e X X V III. Bildapparenz. Phantasieapparenz und die Fra­
ge der ,,Einordnung in den Zusammenhang der Erfahrung”
(wohl 1912 oder etwas spáter) ..........................................................238
XVI INHALT

Nr. 6. E r in n e r u n g u n d p h a n t a s ie . g l a u b e n s m o d if ik a -
TION GRUNDVERSCHIEDEN VON MODIFIKATION DER
IMPRESSION IN REPRODUKTION. APORIEN: W AS DENN
ERINNERUNG FÜR EINE MODIFIKATION ÉRFAHRE
DURCH ÜBERGANG IN DIE ,,BLOSSE PHANTASIE” (w o h l
ersteH álfte 1909) ..................................................... 241

Nr. 7. W a h r n e h m u n g , e r in n e r u n g , p h a n t a s ie u n d d ie
ZEITLICHEN ZUSAMMENHANGSINTENTIONEN (w o h l
1 9 0 9 ) ............................................................................. 249
B eilag e X X IX . Zur Unterscheidung von Erinnerung und blosser
Phantasie: Zusammenhangsintentionen sind nicht wegzuschnei-
den; der Charakter der Aktualitat bzw. Inaktualitát ais das
Unterscheidende (wohl etwa Ende Februar 1 9 1 0 ) ......................... 262

Nr. 8. P h a n t a sie als ,,durch und durch m o d if ik a -


TION” . ZUR REVISION DES INHALTS-AUFFASSUNGS-
(Abschrift und Verbesserung wohl Sommer
sc h e m a s

oder Anfang Herbst 1 9 0 9 ) ......................................... 265

Nr. 9. I m m a n e n t e u n d i n n e r e p h a n t a s i e ( in d o p p e l -
TEM SINNE). PHANTASIE UND WAHRNEHMUNG. WAHR­
NEHMUNG ALS VORSTELLUN G, PHANTASIE ALS MODI-
f ik a t io n v o n v o r s t e l l u n g (September 1909) . . 270

Nr. 10. D i e g l a u b e n s m o d i f i k a t i o n e n : g l a u b e (g e w i s s -
h e it ), n e ig u n g , z w e i f e l e t c . in d e r s p h á r e d e r

SCHLICHTEN INTUITION. ÜBERTRAGUNG IN DER IMA-


GINATIVEN MODIFIKATION AUF DIE PHANTASIE ( w o h l
Herbst 1 9 0 9 ) ................................................................. 276

Nr. 11. E r in n e r u n g a l s ,,w ie d e r ” b e w u s s t s e in g e g e n -


ÜBER WAHRNEHMUNG UND PURER PHANTASIE ( w o h l
1909 oder Anfang 1 9 1 0 ) .............................................287

Nr. 1 2 . , ,E m p f in d u n g ” , e r i n n e r u n g , erw artung und


PHANTASIE ALS MODI DES ZEITBEWUSSTSEINS. BE-
w u s s t s e in a l s z u sa m m e n h a n g (w o h l Anfang 1910) 289

Nr. 1 3 . W a h r n e h m u n g s r e ih e , e r in n e r u n g s m o d if ik a -
TION, PHANTASIEMODIFIKATION. GEGENWÁRTIGUNG
INHALT X V II

— VERGEGENWÁRTIGUNG, AKTUALITAT UND INAK-


TUALITÁT ALS SICH KREUZENDE UNTERSCHIEDE.
ZWEI FUNDAMENTAL VERSCHIEDENE BEGRIFFE VON
PHANTASIE 1) INAKTUALITÁT 2) VERGEGENWÁRTI-
gung (teils Abschrift, wohl Februar 1910; teils 15.
Februar 1910) ............................................................. 294

N r. 14 . L e b e n d i g k e i t u n d a n g e m e s s e n h e it in d e r VER-
g e g e n w á r t i g u n g ; l e e r v e r g e g e n w á r t i g u n g . in -
NERES BEWUSSTSEIN, INNERE REFLEXION. PRÁG-
NANTER BEGRIFF DER REPRODUKTION (wohl 1911
oder Anfang 1912)......................................................... 301
B eilag e X X X . Erinnerung, Vergegenwártigung von absoluten
sinnlichen Daten und von sinnlichen Gestalten (wohl 1909) . . 263
B eilage X X X I. Wahrnehmungserscheinung und quasi-E.rsch.ei-
nung nicht Gliéd der ráumlich-zeitlichen Objektivitát. Móglich-
keit ontischer und phansischer Interpretation der Erscheinung
(wohl 1 9 1 2 ) ..................................................................................... 313
B eilag e X X X II.Lebendigkeit, Unlebendigkeit, Leere bei Verge-
genwártigungen und Retentionen. Auítreten und Abklingen der
Vergegenwartigungen (wohl 1911 oder Anfang 1 9 1 2 ) ................. 314
B eilag e X X X III. Unterscheidungen in der Spháre des inneren Be-
wusstseins (des Zeitbewusstseins) (wohl 1 9 1 1 / 1 2 ) .................... 315
B eilag e X X X IV . Schlichtes und synthetisches Meinen in Bezie-
hung auf Klarheit und Deutlichkeit der Erscheinungen und Fra-
ge nach der Erscheinungseinheit. Bestimmtheit und Unbe-
stimmtheit der Erinnerung und Phantasie. Leere Erscheinungen
(wohl 1911 oder Anfang 1912) ..................................................... 316
B eilage X X X V .Zur Einteilung der Erlebnisse in Impressionen
und Reproduktionen (Texte wohl zwischen 1910 und 1912) . . 320-

N r. 1 5 . M o d i d e r r e p r o d u k t i o n u n d p h a n t a s i e . b i l d -
b e w u s s t s e i n (auch in Beziehung auf die Stellung-
nahmen) (Márz-April 1 9 1 2 ) ......................................... 329
a) Terminologische Vorerwagungen bezüglich der herauszu-
stellenden Unterscheidungen von ,,ursprünglichen” und
,,reproduzierenden” Erlebnissen bzw. „ursprünglich’’ und
„reproduktiv” bewussten individuellen Gegenstanden
(2 i . M drz 19 12 ) ................................................................. 329
XVIII
INHALT

*'rinnerung und E infühlung ais Reproduktion. Zweier-


*ei Wirklichkeitscharakterisierungen bezüglich de¿ ,,Ge-
Renstandlichen” eines reproduzierten Aktes, M óglichkeit
(¿es Fortfallens dieser Charakterisierungen (Stellungnah-
*Hen) — Vollziehen von Reproduktion und Vollziehen in
’dey Reproduktion (Darinleben, Aufmerksamsein) am B ei-
*p ie l des Phantasierens — Gedankenhaftes Verhalten im
^erhaltnis zum phantasierenden Verhalten (22 . M drz
c) * 9 i a ) .................................................................................... 335
^ollzug und A ktualitat bei Impression, Reproduktion und
Reproduktion hoherer Stufe — Vieldeutigkeit des A us-
rucks ,,in der Reproduktion wirklich vollziehen” . Das
-£*róblem der ,,Zuwendung” bei dem in der Reproduktion
<i) Rbenden bzw. beim aktuellen Ich [6. A p ril 1 9 1 2 ) . . . . 346
*Vas für eine M odifikation verwandelt Reproduktion ohne
ktuelle Stellungnahme in eine solche m it dergleichen? —
Reproduktion in verschiedenem S in n ,,aktuelle Stellung-
Hahme” in eich tragend — Bekanntheitscharakter der
í »hantasierten (reproduzierten) Intentionalien — Stel-
Hngscharaktere, die nicht aus der Reproduktion selbst
'^tammen — Zum Versuch, jedes intentionale Erlebnis
®ntweder ais stellungnehmendes oder nichtstellungnehmen-
e ) **es zu betrachten (7 . A p ril 19 12 ) .....................................353
Falle schlichter Anschauungen ein ,,blosses” A uf-
*Herken auf das ais wirklich etc. Charakterisierte móglich
ohne die entsprechende Stellungnahme und ein blosses
**Denken” zu vollziehen — Gegen die Aufmerksamkeits-
*heorie — Vielfdltiger S in n von „Nichtvollzug" in der im -
bEressionalen Sphare, Andeutung der Próbleme für die
^Sphare der Reproduktion bzw. Phantasie (8 . und 9 . A p ril
* ' 9 12 ) ....................................................................................364
-pf npassung bzw. Nichtanpassung von Urteils- und Ge-
1Hütsakten an eine zugrundeliegende vollzogene Phantasie.
'Rhantasie (Erinnerung mitbefassend) kann fundieren
>) wirkliche Stellungnahmen, 2) wirkliche, aber modifi-
^ ierte Stellungnahmen, 3 ) wirkliche ,,A nsatze" von Stel-
* Ungnahmen, blosse ,,Denk"modifikationen (9 . A p ril
e) ^r9I2) .................................................................................... 373
~R>iskussion von Beispielen. Lesen oder Erfinden eines
'Ríarchens. Nota: Durch die perzeptive Sachlage motivier-
*«5 Gefühl, wesensmassig vorgezeichnete M óglichkeit von
Rxplikation, Urteil etc. im Verhaltnis zu entsprechender
**) P h an tasie (10 . A p ril 1 9 1 2 ) ............................................ 379
^isthetisches Bewusstsein wesentlich zusammenhangend
~*nit dem Unterschied zwischen Bewusstsein eines Gegen-
^tandes überhaupt und Erscheinungsweise des Gegenstan-
^sies. Reflexión auf die Erscheinungsweise und asthetische
INHALT X IX

Bedeutung des Inhalts des Gegenstandes — Existenzset-


zung für das dsthetische Bewusstsein nicht fundierend —
N atur dsthetisch betrachten — Verwandtschaft des theore-
tischen Interesses m it dem dsthetischen Gefalien — Nach-
trag: impressives asthetisches Gefühl bei im pressiver E r-
scheinung, reproduziertes asthetisches Gefühl bei reprodu-
zierter Erscheinung und gleichstimmiges aktuelles asthe­
tisches Gefühl (wohl F rüh jahr 19 12 ) ................................. 386
i) Ergebnis der bisherigen Untersuchung: Allgem ein sind
zu scheiden: 1 ) wirkliche, durch die Phantasieunterlage
modifizierte Stellungnahmen, 2 ) M odifihation aller Stel­
lungnahmen in Ansatze (und) in ein Sich-denken — F ra -
ge, wie Ansatze zu sonstigen Stellungnahmen stehen —
Einbildung gegenüber Erfahrung — Leitgedanken fü r die
vertiefende Fortführung: Wahrnehmung ais doxischer
Akt, reproduhtive doxische Ahte, vollig freie Phantasie
und die Phanomene des Zusammenstimmens und Wider-
streits in der E inheit einer Erscheinung bzw. im intentio-
nalen Zusammenhang —- Kontrast einer Wahrnehmung
m it einer Illusion (1 2 . A p ril 19 12 ) .....................................394
j) Schlichtes ungehemmtes Wahrnehmen ais doxisches Ur-
phdnomen in der Sphare der schlichten Anschauungen;
hier ka n n ,,Glaube’’ nicht in blosses,, Sich-denken’’ verwan-
delt werden; Glaube ais Perzeption im Urmodus bzw. ais
Modus des ungehemmten Vollzugs auch bei synthetischen
Akten — H ineinphantasieren in den Zusammenhang der
W ahrnehmungsmannigfaltigkeit ais Weg zur q u a s i -
Bestreitung der Wahrnehmung — Modale Abwandlungen
der Wahrnehmung selbst im Zusammenhangsbewusstsein
— Schwierigkeit fü r die Durchführung der vorgetragenen
Auffassung bei den Phantasien (1 2 . A p ril 19 1 2 ) . . . . 401
k) Revisión der Terminologie. Unterschied zwischen Impres-
sion und Reproduktion sich kreuzend m it dem Unterschied
zwischen einer beliebigen Intention und ihrer ,,gedanken-
haften M odifikation” — Bedenken bezüglich des A us-
d rucks,,Stellungnahme” für jeden gedankenhaft nicht mo-
difizierten A kt — Homogene einstimmige Setzungen bzw.
Nichtsetzungen und inhomogene Durcheinandersetzungen
(Einbildung in Erinnerung, Erinnerungsobjekte in E in-
bildungszusammenhdnge) innerhalb der Sphare schlichter
Anschauungen — Ansetzen nicht ein Drittes neben Set-
zung und Nichtsetzung, sondern in s Reich der Setzung
gehórig — Hereinziehen von Gefühlen, Begehrungen,
Wollungen in die Sphare der Anschaulichkeit (16 . A p ril
19 12 ) ..................................................................................... 409

B eilage XXXVT. Zur Terminologie (wohl Márz-April 1912) . . 422


XX INHALT

B eilag e X X X V II.Zür Analyse der Erinnerung. Charakterisie-


rung der inneren Erinnerung und Charakterisierung aus dem
spáteren Zusammenhang. Fortfallen und Hinzutreten von Stel-
lungnahmen (Márz 1912) ............................................................. 423
B eilag e X X X V III. Einfühlung eines Urteils ais „Vergegenwárti-
gung” mit bestimmter Aktualitát (wohl Márz-April 1912) . . . 431
B eilag e X X X IX . Wiedererkennen, Erkennen und Erinnerung
(Texte wohl aus den neunziger Ja h re n ).........................................431
B eilag e XL. Vollzug — Unterbindung des Vollzugs. Das Erschei-
nende bloss betrachten in der Wahmehmung und in den repro-
duktiven Bewusstseinsarten: Ausschalten der Stellungnahme.
Ásthetische Betrachtung (wohl Márz-April 1 9 1 2 ) .................... 439
B eilag e XLI. Den ,,Gegenstand”, den Sachverhalt bloss betrach­
ten, ohne Stellung zu nehmen — Annahme, blosser Gedanke,
blosse Vorstellung sei dem allgemeinen Wesen nach überall das-
selbe und das Allgemeine sei ,,blosse Aufmerksamkeit” (wohl
Anfang 1912) ..................................................................... 446
B eilag e XLII. Urteile aufgrund reprasentierender Phantasie und
parallel Urteile aufgrund von Bildern (wohl um 1911/12) . . . 448
B eilag e XLIII. Gemisch von Wirklichkeit und Einbildung bei un-
mittelbarer und eikonischer Phantasie (Márchen, Theater, Por-
trát) und die verschiedenen durch die Unterlage und die doxi-
schen Zusammenhangscharaktere bestimmten Aussagen ais,
wirkliche Akte (wohl Frühjahr 1912) .........................................450
B eilag e XLIV. Problem: Kann Wahrgenommenes in den Zusam­
menhang eines Phantasierten embreten? Wie kann Aktualitát
und Phantasie sich verbinden ? Hineinphantasieren in die Wahr-
nehmungu. dgl. (wohl 1 9 0 8 ) ........................................................ 453
B eilag e XLV. Mischung von Phantasie und Erfahrungswirklich-
keit — Unterschied zwischen rein immanenter Phantasie und
Phantasie von Naturvorgángen (wohl um 1 9 1 2 ) ........................ 455
B eilag e XLVI. Sache der Auffassung bei sinnlichen Anschauun-
gen — Sache der spontanen Erfassung, Explikation, Synthesis
(wohl April 1 9 1 2 ) ..................................................................................456
B eilage XLVII. Modalitáten der Positionalitát nicht zu verwech-
seln mit den Urteilsmodalitáten und den Modalitáten aller ande-
ren Stellungnahmen — Position verborgener Glaube, verborge-
ne Vernunft (wohl April 1 912) ..............................................................458

B eilag e XLVIII. Stellungnahmen ais Spontaneitáten (Osterfe-


rien 1 9 1 2 ) .............................................................................................. 459
INHALT XXI

N r. 1 6 . R e p r o d u k t i o n u n d b i l d b e w u s s t s e i n . t r e n n u n g
VON BILDOBJEKTAUFFASSUNG UND BEWUSSTSEIN
EINES PERZEPTIVEN SCHEINES. VERALLGEMEINE-
RUNG DES BEGRIFFS DER PHANTASIE (VERGEGENWÁR-
TIGUNG): 1) REPRODUKTIVE 2) PERZEPTIVE, D.H.
VERGEGENWÁRTIGUNG IM BILD, IN BILDLICHER DAR-
st e ll u n g (wohl Frühjahr 1 9 1 2 ) ................................ 464
B eilage X LIX . Schwierigkeitenbezüglichreproduktivmodifizier-
ter und aufgehobener Qualitáten sinnlicher Erscheinungen
(wohl Frühjahr 1 9 1 2 ) .....................................................................477
B eilage L . Zu Imagination. Die Phánomene der Deckung und
Durchsetzung von Anschauungen in Beziehung auf den Boden
der Erfahrung oder, Imagination, auf dem das Spiel der An­
schauungen erfolgt — Bildauffassung ais Imagination; zum Un-
terschied zwischen Fiktum und Bild (wohl Frühjahr 1912 oder
etwasspáter) .................... • ......................................................... 479
B eilage LI. Meditation: Über die eventuelle Moglichkeit, blosse
Imagination anzusehen ais „glatt aufgehobene” perzeptive
Setzung (wohl Frühj ahr .1912 oder etwas s p á te r)............................. 482

N r. 17. ZUR LEHRE VOM BILDBEWUSSTSEIN UND FIKTUM-


b e w u s st se in (Texte wohl von 1 9 1 2 ) ............................ 486
a) Bildanschduung (Abgrenzung gegen das Illusionsbewusst-
s e in ) ..........................................................................................486
b) B ild und Orientierung des Bildobjekts. Bildsubstrat und
berufenes B ild . Symbolische Inhalte in jeder Bilddarstel-
l u n g ..........................................................................................491
c) Ad Bilderscheinung (,,E ine Vorstellung sich von etwas
machen, nach einer Beschreibung” . Frage nach dem Ver-
hdltnis von B ild und W id e r s tr e it) ......................................... 493
B eilage LII. Unmoglichkeit, einen Empfindungsinhalt (Farbe,
Ton etc. ) zu malen (zu einer Bemerkung W. Schapps): Be-
wusstsein adáquater Gegebenheit lásst keinen Raum für Wider­
streit offen (wohl 1910)..................................................................... 494
B eilage LUI. Wahrnehmen im Bewusstsein der Bildlichkeit, das
Wahrnehmen im Spiegelbilde (wohl 1912 oder etwas spáter) . . 495
B eilage LIV. Anschauliche Vorstellung ais „Bild” des Gegenstan-
des nach einer Beschreibung (1917 oder 1 9 1 8 ) ............................. 496
B eilage LV. Das deskriptive „Bild” des deskribierten Gegenstan-
des und das Bild im gewohnlichen Sinn (1917 oder 1918) . . . 496
XXXI INHALT

N r. 1 8 . ZUR LEHRE VON DEN ANSCHAUUNGEN UND IHREN


MODis*(Texte wohl aus 1 9 1 8 ) ................................... 498
a) Gebendes Bewusstsein und P hantasie; Akte, in denen In ­
dividúen bewussí s i n d .........................................................498
b) Asthetisch künstlerische D arstellung und perzeptive P h an ­
tasie. Objehtive Wahrheit in der Phantasiesphdre und in
der Erfahrungssphdre. Revisión der früheren Theorie des
Bildbewusstseins ais Abbildlichkeit; naher ausgeführt am
S c h a u s p ie l ......................................................................... 514

B eilag e LVI. Ob vom selben Gegenstand, der einmal Wirklich-


keit ist und das andere Mal nicht existiert, demselben, der jetzt
ist, aber ebensogut in irgendeiner beliebigen Zeit Dasein und
Anfang und Ende seines Daseins haben kónnte, zu sprechen sei
— Fiktum und Moglichkeit — Apriorische Sátze über Erfahrun-
gen und Phantasien (wohl 1918) 524

B eilag e LVII. Phantasie. Sich auf den Boden der Erfahrung bzw.
der Phantasie stellen; die W elt der Erfahrung— die Welten der
Phantasie (wohl 1 9 1 7 ) ..........................................................................533

B eilag e LVIII. Zur Lehre von der Abbildung: Fikta ais ideale
Gegenstande. Weiterhin auch zur Lehre von den Gegenstánden
asthetischer Wertung. Erscheinungen ais Gegenstande (wohl
1 9 1 7 ) ...................................................................................................... 536

B eilage LIX. Zur Kunsttheorie. Gegebene W elt und Zeit ais voll
bestimmte — ,,es war einmal”, irgendwo, irgendwann: alie
Kunst sich zwischen diesen beiden Extremen bewegend — Re-
alistische — idealistische Kunst (wohl 1916 oder 1918) . . . . 540

B eilag e LX. Objektivierung der Fikta und der künstlerischen


Fikta ais Kunstwerke. Einfühlung und Objektivierung der gei-
stigen Gegenstande (wohl 1 9 2 6 ) ....................................................... 542

Nr. 19. R e in e m o g l ic h k e it u n d p h a n t a s i e (Texte wohl


von 19 2 2/ 2 3)................................................................. 546
a) Reine Moglichkeiten sich ausschliesslich durch phanta-
sierende q u a si-E rfa h ru n g konstituierend — Moglich­
keit ais Gegenstand, ais dieselbe wiederholt und evident
erfassbar in wiederholtem q u a si-E rfa h re n — Dass
Phantasie eigentlich kein Individuum ais solches wieder-
geben k a n n ..............................................................................546
b) Ob nicht reproduktive Gegebenheiten, anschauliche Verge-
genwartigungen wesensmassig etwas Fliessendes haben.
INHALT X X III

Kenntnisnahme in der W iedererinnerung — Idee der


W irklichkeit und thetisch unmodifiziertes Bewusstsein;
im Gegensatz dazu das phantasiemdssig modifizierte B e­
wusstsein und Frage nach der konstitutiven Leistung der
Phantasie. Rolle des freien Ansatzes fü r die Konstitution
einer Gegenstandsmdglichkeit und E rfüllung dieses A n ­
satzes in Abhebung von der Erinnerung. M odifikation des
Als-ob hat ihre konstitutive Vernunft, deren Korrelat:
reine Moglichkeit — Die Unbestimmtheit in der P hanta­
sie und das Sich-Bestimmen — Das Sein der Phantasie-
gegenstdndlichkeiten ,,erfahrbares” S e i n ........................ 553

B e ilage LXI. Fikta ais Gegenstande, Seiendes (wohl 1922/23) . . 565

B eilage LXII. Wirkliche originare Konstitution — Wirklichkeit;


^Míisi-Konstitution ais wirkliche Konstitution von Moglich­
keiten (wohl um 1918) .....................................................................565

B e ilage LXVIII. Wichtige Moglichkeitsfragen. Reine Moglich­


keit undenkbar, es sei denn ais Korrelat eines phantasierenden
und daraus Moglichkeiten gestaltenden Subjekts — Einzelsub-
jektive Phantasien und intersubjektive Phantasien — Ansetzen
emes einstimmigen Phantasierten ais Móglichkeitsbewusstsein ?
— Die logische Bedeutung dieser Meditation (wohl 1920/21) . . 566

Nr. 20. P h a n t a sie — n e u t r a l it á t (19 2 1/ 19 2 4 )................ 571


a) Aktleben in der Epoché, phantasierend — Leben in Posi-
tionen, in Geltung setzend. Doppelte Epoché bzw. Neu-
tr a litd t' ......................................................................................571
b) Begriff der P hantasie gegenüber dem allgemeinen der
N eutralitdt. Das blosse Vorstellen. Bezugnahme auf A ri­
stóteles, Hume, Brentano sowie au f die L o g i s c h e n l i n ­
t e r s u c h u n g e n un d d ie I d e e n ......................................... 575
c) Intentionale Erlebnisse sind entweder positionale oder
neutrale; gemischte Erlebnisse. Z ur Lehre von den ,,per-
zeptiven F ik ta ” der I d e e n ..................................................... 578
d) Sich-hineindenken als-ob ( Vollzug eines Mqglichkeitsbe-
wusstseins) und das Phantasieren. Die willkürliche Ent-
haltung gegenüber der positionalen Einstellung. Der ab-
bildende Akt entweder thematisch in Richtung auf das Ab-
gebildete oder dsthetische E instellung; beschrdnkte synthe-
tische E inheit beim dsthetischen Objekt, der Horizont ein
anderer ais für das D ing schlechthin .................................581
e) Ichakte — passiv verlaufende Erlebnisse; Ichakte ais po­
sitionale und neutrale; jedem Erlebnis i d e a l i t e r eine
Phantasie ( Vergegenwártigung) entsprechend ................ 588
X X IV INHALT

B eilage LXIV. Bedenken bezüglich des Ausdrucks „Neutrali-


tatsmodifikation” mit Beziehung auf die Phantasie (wohl 1921
oder 1 9 2 4 )..................................................................................... 591

B eilage LXV. Phantasien and Vergegenwartigangen(wohl gegen


Mitte zwanziger J ahre)...................................................................... 592

TEXTKRITISCHER ANHANG

ZUR TEXTGESTALTUNG............................................................................. 597


T e x t k r it is c h e a n m e r k u n g e n .......................................................... 613

N a c h w e is d e r o r i g i n a l s e i t e n .......................................................... 722

N a m e n r e g i s t e r ........................................................................................ 724
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Im vorliegenden Band der Ausgabe von Edmund Husserls Ge-


sammelten Werken werden Husserls nachgelassene Manuskripte
über ,,Phantasie; Bildbewusstsein, Erinnerung” in moglichst um-
fassender Auswahl und chronologischer Anordnung erstmals ver-
offentlicht.1 D'ie altesten in diesen Band aufgenommenen Ma­
nuskripte stammen aus Husserls Hallenser Zeit, insbesondere aus
den Jahren der Vorbereítung der 1900/01 erschienenen Logi-
schen Untersuchungen. Die jüngsten Manuskripte gehoren ins er-
ste Jahrzehnt von Husserls Freiburger Zeit, sie reichen bis in die
Mitte der zwanziger Jahre. Zu diesem Zeitpunkt scheint Husserl
einen gewissen Abschluss in der Analyse von Phantasie, Bildbe­
wusstsein, 1Erinnerung erreicht zu haben, die er hauptsáchlich
wáhrend der Gottinger Zeit zwischen den Logischen Untersu-
suchungen und dem Erscheinen der Ideen zu einer reinen Phano-
menologie und phanomenologischen Philosophie (1913) durchgeführt
hatte. Manuskripte aus spaterer Zeit, in denen auf diese Be-
wusstseinsarten Bezug genommen wird, rücken sie in grosse sy-
stematische Zusammenhange der phanomenologischen Theorie
der transzendentalen Subjektivitát, die in den hier veroffentlich-
ten Texten der Freiburger Jahre teils schon berührt werden..
Deren vollstandige Berücksichtigung hatte den Rahmen dieses
Bandes jedoch gesprengt.2
In den hier vorgelegten Texten bringt Husserl, allgemein ge-
sprochen, Grundformen des Bewusstseins, spezifische Weisen der
Intention, Modifikationen in den Aktcharakteren bzw. in den
Charakteren der gegenstandlichen Korrelate von Bewusstseins-

1 Vgl. den Abschnítt „Zur Textgestaltung” im Textkritischen Anhang, unten


S. 597ff.
2 Vgl. unten ,,Textgeschichtliches”, S. XXXIXff. und „Zur Problementwick-
lung der Pbñnomenologie der anschaulichen Vergegenwártigungen”, S. LXXIíf.
XXVI EINLEITUNG DES HERAUSGEDgRS

erlebnissen zu wechselseitiger Abhebung. Es handelt sich somit


um Texte, in denen die von früh an zentrale Husserlsche Thema-
tik der typisch p h á n o m e n o l o g i s c h e n Bestimmung„wesent-
lich verschiedener ,Weisen des Bewusstseins’, námlich der inten-
tionalen Beziehung auf Gegenstándliches”1, für bestimmte Be-
wusstseinsarten in concreto durchgeführt wird. Des náheren geht
es darum, innerhalb der Erlebnisklasse der V o r s t e l l u n g e n —
in Abhebung von Urteilen und Gefühlen — die spezifisch ver-
schiedenen Charaktere der Intention der a n s c h a u l i c h e n Vor-
stellungen gegenüber denjenigen der begrifflichen Vorstellungen
zu bestimmen. Wahrend bei den begrifflichen Vorstellungen ein
Gegenstand oder Sachverhalt g e m e i n t ist, ist es nach Husserl
für die anschaulichen Vorstellungen allgemein kennzeichnend,
dass in ihnen „ein Gegenstand e r s c h e i n t , und dieser ist ent-
weder der vorgestellte Gegenstand s e l b s t , oder ein B i l d des-
selben”.2 Eine der Hauptaufgaben der Analyse des Gebietes der
anschaulichen Akte besteht dann darin, die von der schlichten
Grundform unmittelbaren anschaulichen Bewusstseins, der
Wahrnehmung oder Gegenwártigung, hinsichtlich ihrer inten-
tionalen Eigentümlichkeiten sich radikal unterscheidenden
Weisen anschaulichen V e r g e g e n w á r t i g e n s herauszustellen.
Aus Husserls Gesamtwerk diese „Zur Phanomenologie der an­
schaulichen Vergegenwártigungen” gehórigen Manuskripte ge-
schlossen vorzulegen, war die Aufgabe, die der Herausgeber
dieses Bandes sich stellte. Ausgenommen sind dabei jene Texte,
die der „erst nachtraglich und für sich” zu behandelnden „Ein-
fühlung” gelten.3
S a c h l i c h gesehen hat der vorliegende Band einerseits enge
Beziehung zu einem in Vorbereitung befindlichen Band der
H usserliana über Phanomenologie der Wahrnehmung sowie zu
dem in dieser Ausgabe bereits vorliegenden Band X, Zur Phano­
menologie des inneren Zeitbewusstseins ( i 8g 3 ~ ig iy ). Wie noch des
naheren auszuführen sein wird, haben die Analysen dieses Bandes
andererseits unter dem Gesichtspunkt der Fundierung Beziehung
auf die Untersuchungen zur ,,Urteilstheorie” , die ebenfalls zur
Veroffentlichung in dieser Ausgabe vorgesehen sind.
1 V. Logische Untersuchung, § 14, S. 364 der 1. Auflage, 1901.
2 Ms. F I 19/174a, wohl 1894.
3 Vgl. unten S. 468.—Die Manuskripte zur ,,Einfühlung” sind in dieser Ausgabe in
den Banden XIII-XV, Zur Phanom enologie der IntersubjektiviUit, hrsg. von
I. Kern, veroffentlicht.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XXVII

Diese sachlichen Zusammenhánge kommen in eiñer der


Husserl-Forschung gut bekannten personlichen Aufzeichnung
Husserls vom 25. September 1906 zur Geltung.1 Im Anschluss an
eine Lektüre manchen Teile seiner früheren Veroffentlichungen
und eine Durchsicht und Ordnung seiner Manuskripte, die er
wáhrend des Monats September vorgenommen hatte, fragt
Husserl dort: „Was habe ich für l i t e r a r i s c h e A u f g a b e n zu
bewáltigen? Und welche Probleme?” Diese Besinnung steht im
Zeichen einer „ K r i t i k d e r V e r n u n f t ”, die Husserl sich ais
,,allgemeine Aufgabe” stellt. Er hált fest, dass er „zunachst über
die allgemeinsten Gesichtápunkte klar werden” müsse. Weiter be-
dürfe es aber auch der „wirklichen Durchführung”. „Wir müssen
Schritt für Schritt die einzelnen Probleme losen. Da ist vor allem
also notig eine Behandlung der P h a n o m e n o l o g i e d e r V e r ­
n u n f t , Schritt für Schritt, und a u f i h r e m G r u n d e wirkliche
Aufklárung der logischen und ethischen Vernunft in Form der
beiderseitigen Prinzipien und Grundbegriffe.” Diesbezüglich no-
tiert er dann, was in unserem Zusammenhang vor allem von
Interesse ist: „Da stehen an e r s t e r Stelle die Probleme einer
Phanomenologie der Wahrnehmung, der Phantasie, der Zeit, des
Dinges”.2 Im weiteren Verlauf der Aufzeichnung hált er für „am
meisten vorbereitet”y nach einem „Werk zur Einleitung in die
Kritik der Vernunft, in Sonderheit der theoretischen”, „2. ein
sehr umfassendes Werk über W a h r n e h m u n g , P h a n t a s i e ,
Z e i t ”. Nicht so klar sei er sich darüber, „ob die Anfánge einer
Phanomenologie der'Dingvorstellung da hineingehoren”, wie es
ihm allerdings scheine. ,,Die Phanomenologie der Aufmerksam-
keit (mindestens innerhalb der intuitiven und sinnlichen Spháre)
wird dazu zu rechnen sein. Das wird, scheint es, ein grosses Werk
und muss moglichst bald zu Ende kommen”. Einige Zeilen spáter,
im Verband mit Plánen zur „Durchführung einer Urteilstheorie”,
trágt er nach: „Zur Lehre vom belief schon in 2.”3
Ais Vorbereitung für das grosse Werk hatte Husserl offenbar
zum Zeitpunkt dieser Tagebucheintragung nur auf seine vier-
teiligen Vorlesungen über ,,Hauptstücke aus der Phánomenolo-

1 Edmund Husserl, „Personliche Aufzeichnungen’’, hrsg. von W. Biemel, Philoso-


phy and Phenom enological Research, 16 (1956) S. 294-300.
2 A.a.O., S. 297f., Hervorhebung vom Unterzeichneten.
3 A.a.O.,S. 299.
X X V III EINLEITUNG DES IIERAUSGEBERS

gie und Theorie der Erkenntnis” vom Wintersemester 1904/05


zurückgreifen konnen, von denen er sagt, dass sie ,,erste hochst
unvollkommene Entwürfe für eine systematische Behandlung”
einerPhánomenologie derWahmehmung, der Phantasie, der Zeit,
des Dinges bildeten. Allerdings erwáhnt er ebendort ,,schon ver-
meintlich druckfertige, jedenfalls rein ausgearbeitete Abhand-
lungen aus dem Jahre 1898”, die seinen Vorlesungen zugrunde la-
gen, bemerkt aber einschrankend dazu:„Was davon tauglich ist,
muss herausgehoben, das übrige verworfen und fortgeworfen
werden”. Schliesslich notiert er noch ,,Dazu eine Menge Bei-
blátter, oft Schwierigkeiten behandelnd”.1 Andere, irgendwie
weiter in Richtung auf eine S y s t e m a t i k dieser Themen bear-
beitete Manuskripte jener Jahre finden sich tatsáchlich nicht im
Nachlass. Über Husserls Vorstellungen von der genaueren Gestalt
des 1906 geplanten Werkes über „Wahmehmung, Phantasie,
Zeit” lasst sich daher nichts mehr ausmachen.
Unzweifelhaft entsprechen die genannten Problemtitel jedoch
in Husserls Auffassung einer inneren, systematischen Einheit.
So schrieb er schon wáhrend der Weihnachtsferien des Winter-
semesters 1904/05 an Franz Brentano, dass er in seinen Vorle­
sungen ,,Anfánge einer s y s t e m a t i s c h e n P h á n o m e n o l o g i e
d e r I n t u i t i o n (der Wahrnehmung und Phantasie, der Zeit-
vorstellung u.dgl.) zu entwerfen versuchte”.2 Zu Beginn des
letzten Hauptstückes dieser Vorlesungen selbst, das über „Pha-
nomenologie der Zeit” handelte, heisst es im ursprünglichen
Manuskript: . Dass ein inniger Zusammenhang zwischen in-
tuitiven Akten und Zeitbewusstsein besteht, dass eine Analyse
des Wahmehmungsbewusstseins, des Phantasie-, Erinnerungs-,
Erwartungsbewusstseins nicht vollendet ist, solange die Zeitlich-
keit nicht mit in die Analyse hineingezogen ist, und dass umge-
kehrt eine Analyse des Zeitbewusstseins in weitem Ausmass die-
jenige der genannten Akte voraussetzt, das liegt ganz auf der
Hand”.3 Und ais E. Stein ais Husserls Assistentin mehr ais ein
Jahrzehnt spáter seine Manuskripte über „Wahrnehmung und
Vergegenwartigung; Stellungnahmen”, darunter auch das dritte

1 A.a.O., S. 298.
2 Brief vom 3.1.1905; Kopie im Husserl-Archiv in Leuven.
3 H usserhana X, hrsg. von R. Boehm, S. 394.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS X X IX

Hauptstück, ..Phantasie und Bildbewusstsein”, von 1904/05, in


einem Sammelkonvolut vereinigte, notierte Husserl dazu: „Vgl.
auch die Zeit-Manuskripte ! ! wo alies neu bearbeitet ist. Also
z u s a m m e n durcharbeiten”.1
Wenn so an der systematischen Zusammengehorigkeit all die­
ser Manuskripte über ..Wahrnehmung, Phantasie, Zeit”, die zum
Zeitpunkt der Mitarbeit E. Steins in den Jahren 1916 bis 1918
weit über den um 1906 vorhanden gewesenen Bestand hinausge-
wachsen waren, nicht gezweifelt werden kann, ist andererseits zu
sagen, dass beim Mangel einer von Husserl selbst besorgten sy­
stematischen Durcharbeitung und Anordnung dieser Manuskripte
eine Nachlassveroffentlichung sich eine solche systematisch ver-
einheitliche Prasentation der Manuskripte nicht zum Ziele setzen
konnte. Anzustreben war hingegen, Husserls Untersuchungen zu
den von ihm zusammengesehenen und doch auch wieder getrenn-
ter Analyse unterworfenen Themenbereichen in einer für sein Ge-
samtwerk moglichst reprásentativen Form sozusagen ais ,,Mate­
rial” für eine editorisch nicht zu leistende systematische Durch-
dringung bereitzustellen. Angesichts der Fülle der Manuskripte
zu den fraglichen Problembereichen legte sich eine Aufteilung der
Manuskriptbestánde in mehrere Bánde dieser Ausgabe von selbst
nahe. Femer war aber auch einer thematischen Aufteilung der
Manuskripte nach den einzelnen Sachgebieten Von Wahrneh­
mung, Phantasie, Zeit gegenüber einer rein chronologischen Ge-
samtdarstellung der Vorzug zu geben, da eine Gesamtdarstellung
vor oft unüberwindliche Probleme der Textanordnung geführt
hátte. Somit sind nun neben den bereits in Band X dieser Ausga­
be vorliegenden ,,Zeit-Manuskripten” die Manuskripte über
,,Phantasie, Bildbewusstsein, Erinnerung” zugánglich, wáhrend
die Veroffentlichung der Manuskripte über ,,Wahrnehmung” —
unter Einbeziehung jener über ,,Aufmerksamkeit” — in weitge-
hender chronologischer Parallele zu den Texten dieses Bandes in
Vorbereitung steht.
An dieser Stelle ist ein W ort zum H a u p t t i t e l dieses Bandes
angebracht. Mehrfach war oben von Husserls Plan für ein Werk
über ,,Wahrnehmung, Phantasie, Zeit” die Rede, wáhrend im
Titel vorliegenden Bandes ,,Phantasie, Bildbewusstsein, Erinne-

1 Vgl. den Abschnitt ,,Zur Textgestaltung”, unten S. 601f.


XXX EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

rúng” genannt werden.1 Eine weiter unten folgende inhaltliche


Skizze zur Problementwicklung in den hier veroffentlichten Ma-
nuskripten wird vollends deutlich machen, dass gute Gründe be-
standen, den Husserlschen Problemtitel ,,Phantásie” sozusagen
erláuternd auszuschreiben. Die Zusammenhánge sind kurz gesagt
die folgenden: Gegenüber der Wahmehmung oder Gegenwárti-
gung ist „Phantasie das ais V e r g e g e n w á r t i g u n g charakte-
risierte Bewusstsein”2; der Unterschied zwischen Wahmehmung
(Gegenwártigung) und Phantasie (Vergegenwártigung) wurzelt
letzten Endes im inneren Zeitbewusstsein; von daher der Zusam-
menhang der drei Problemtitel bei Husserl. Anschauliche Verge­
genwártigung, für sich betrachtet, zerfállt, unter Einbeziehung
des freAe/-Charakters, in setzende und nichtsetzende Vergegen­
wártigung: Erinnerung und Erwartung — und puré Phantasie.
Anschauliche Vergegenwártigung kann temer sein entweder rein
vergegenwártigende (Reproduktion) oder bildlich vermittelte,
d.i. Bildbewusstsein. — Diese engen sachlichen Zusammenhánge,
die in den konkreten Analysen auch bestándig zur Sprache kom-
men, legten es nahe, ais Haupttitel dieses Bandes alie drei Pro­
blemtitel, Phantasie, Bildbewusstsein, Erinnerung, zu wáhlen.
Der Titel ,,Erwartung” konnte wegfallen, da Husserl dieser
Form anschaulichen Vergegenwártigens kaum eigens Beachtung
schenkte und seine Analysen setzender Vergegenwártigung mit
Vorliebe am Beispiel der Erinnerung durchführte.3 Was anderer-
seits die Manuskripte über Bildbewusstsein und vereinzelt auch
über reproduktive Phantasie betrifft, finden sich darunter Texte,

1 Vgl. die „Vorbemerkung des Herausgebers”, M. Heidegger, in der Jahrbuch-Aus-


gabe der ,,Phánomenologie des inneren Zeitbewusstseins” von 1928, wo ais The-
men der Vorlesungen von 1904/05 die „zuunterst liegenden intellektiven Akte:
Wahmehmung, P h a n ta s ie , B ild b e w u sstse in , E rin n e ru n g , Zeitanschau-
ung” genannt werden (wiederabgedruckt in H usserliana X, S. XXIVf.), Hervor -
hebung vom Unterzeichneten.
2 H usserliana X, § 19, S. 45, ursprünglicher Text von 1905.
3 Zu „Erwartung” vgl. z.B. unten Nr. 12, Nr. 13.-U nter dem Titel „Erwartung”
unlerscheidet Husserl in einer Reihe von Manuskripten, die zu den ,,Studien zur
Struktur des Bewusstseins” (Ms.-Gruppe M III3 III 3 II) gehoren,,, 1) die in te l-
le k t iv e E rw a rtu n g , gleichstehend der Erinnerung, also das Vorblicken in die
Zukunft; 2) die E rw a rtu n g ais Sp an n u n g, was da kommen wird, oder Span-
nung auf das Kommende” (vgl. Ms. M III 3 III 3 II, S. 70a). Es gehort zu die­
ser zweiten Bedeutungsrichtung, wenn Husserl sagt: „Tendenz geht im inneren
Bewusstsein immer auf Kiinftiges, auch wenn ich in der Erinnerung zurückgehe,
einer Tendenz folgend” (a.a.O., S. 75a). — Zum Themenbereich des vorliegenden
Bandes würden Analysen zur,,intellektiven Erwartung” gehoren.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XXXI

die über den erkénntnistheoretischen Zusammenhang der Ana-


lyse der Grundformen anschaulicher Vergegenwártigung hinaus-
führen und in den á s t h e t i s c h - k ü n s t l e r i s c h e n B e r e i c h
gehoren; solche Texte sind in den vorliegenden Band mit aufge-
nommen worden.

Im Folgenden sollen Hinweise gegeben werden auf T e x t g e -


s c h i c h t l i c h e s , insofern es über die in«len Textkritischen An-
merkungen gegebenen Manuskriptbeschreibungen hinausführt,
femer auf den h i s t o r i s c h e n U r s p r u n g der Phánomenologie
der anschaulichen Vergegenwártigungen in Husserls Philoso-
phieren sowie auf Husserls eigene P r o b l e m e n t w i c k l u n g ,
wie sie sich in den hier veroffentlichten Texten darstellt.

Textgeschichtliches
Allgemein ist zu erinnem, dass Husserl immer wieder mehr oder
weniger ausgereifte systematische Pláne hegte,1 auf die hin er
entweder Manuskripte verfasste oder áltere Manuskripte aufs
neue durchsah und evtl. ,,zur Ausarbeitung” bestimmte. Oft wur-
den solche Manuskriptzusammenstellungen wieder aufgelost
bzw. in neue Zusammenhánge eingegliedert und dann auch wie­
der aufgelost, so dass vielfach einst vorhandene Einheiten nicht
mehr rekonstruierbar sind. Zweideutigkeit, ja Vieldeutigkeit be-
züglich genauer Zuordnungen vieler Manuskripte dürfte ihren
Grund allerdings nicht nur in unserer teils spárlichen Informa­
tion über deren Entstehungsgeschichte haben, sondern Ausdruck
einer Husserl selbst begleitenden Unentschiedenheit bezüglich der
systematischen Verwertung seiner vielen Einzeluntersuchungen
sein. Kennzeichnend für diese Situation ist folgende Áusserung
Husserls an P. Natorp aus dem Jahre 1922:,,Ich bin in weit
schlimmerer Lage ais Sie, da der g r ó s s t e T e i l m e i n e r A r b e i t
i n m e i n e n M a n u s k r i p t e n steckt. F ast verwünsche ich meine
U n f á h i g k e i t , m i c h z u v e r e n d l i c h e n , und dass mir erst so
spát, z.T. erst jetzt, die u n i v e r s a l e n s y s t e m a t i s c h e n
G e d a n k e n zuteil werden, die, durch alie meine bisherigen

1 Vgl. z.B. die Einleitung des Herausgebers, K. Schuhmann, in H usserliana III/1


und die Einleitungen des Herausgebers, I. Kern, in H usserliana XIII-XV.
X X X II EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Sonderuntersuchungen gefordert, nun auch zwingen, sie alie um-


zuarbeiten. Alies im Stadium der Umkristallisierung! Vielleicht
arbeite ich, mit aller menschlich moglichen Anspannung der
Kráfte, nur für meinen Nachlass”.1 Husserls Schwierigkeiten mit
der Systematisierung hinwiederum haben ihren Grund teils in den
komplexen Beziehungen der von ihm thematisierten Sachen
selbst. So áusserte er z.B. bereits in den Vorlesungen über „Ur-
teilstheorie” wáhrend des Sommersemesters 1905: . So wird
in p raxi Phánomenologie des Urteils und der Erkenntnis und
Erkenntnistheorie, wie überhaupt Phánomenologie und Kritik
der theoretischen, praktischen und wertenden Vemunft i n e i n -
a n d e r ü b e r g e h e n ”.2 Teils aber auch waren seine Schwierig­
keiten die Kehrseite seiner eigentlichen Stárke, der sozusagen
„unendlichen” Verfolgung eines Problems in seine analytischen
Komponenten.3 Bekannt sind die oft wiederholten, die Eigenheit
der phánomenologischen Methodik der Einzeluntersuchungen
betreffenden Aussagen, jeder Schritt vorwárts ergebe neue Ge-
sichtspunkte, von denen aus das schon Gefundene in neuen
Beleuchtungen erscheine.4*

Die erste Textgruppe des Bandes, bestehend aus dem Haupt-


text Nr. 1 und den Beilagen I bis X III,6 steht in unmittelbarem
Zusammenhang mit dem oben erwáhnten Plan für ein ,,sehr um-
fassendes Werk über Wahrnehmung, Phantasie, Zeit” vom Sep-
tember 1906, unter Beschránkung auf die den Problemtitel
,,Phantasie” betreffenden Texte. Diese Gruppe fusst námlich auf
jenen Vorarbeiten, auf die Husserl laut Tagebucheintragung hátte
zurückgreifen konnen (s.o.): Der ais Nr. 1 veroffentlichte Text
,,Phantasie und Bildbewusstsein” bringt das vollstándige dritte
Hauptstück der vierteihgen Vorlesungen aus dem Winterseme-
ster 1904/05 über ,,Hauptstücke aus der Phánomenologie und
Theorie der Erkenntnis”. Ais Beilage I , ,,Phantasie und bildhche

1 Brief vom 1. Februar 1922; Hervorhebung vom Unterzeichneten. Eine Photoko-


pie des Briefes befindet sich im Husserl - Archiv zu Leuven. Der Brief wird auch
in der Einleitung zu H usserliana XIV, S. XIX zitiert.
2 Ms. F I 27, S. 33a, Hervorhebung vom Unterzeichneten.
3 Vgl. die von I. Kern in der Einleitung zu H usserliana XIII gegebene Charakte-
ristik von Husserls Arbeit an den sog. ,,Forschungsmanuskripten”, S. XVIIIff.
4 Vgl. z.B. unten S. 18 und H usserliana X, S. XVI.
6 Bezüglich der allgemeinen Gesichtspunkte der Textanordnung vgl. den Ab-
schnitt „Zur Textgestaltung”, unten S. 599f.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS X X X III

Vorstellung”, folgen die nóch erhaltenen Fragmente'der Abhand-


lung aus dem Jahre 1898, auf der das dritte Hauptstück der Vor­
lesungen — teils fast wortlich — fusste. Und die Manuskripte,
die in den Beilagen II bis X III wiedergegeben werden, zusammen
mit jenen, die aus inhaltlichen Überlegungen dem Haupttext
Nr. 2 ais Beilagen XV bis X IX zugeordnet wurden — allesamt in
den Zeitraum zwischen 1898 und 1906 fallend —, dürften weit-
gehend zu der von Husserl erwáhnten ,,Menge Beiblátter, oft
Schwierigkeiten behandelnd” , gehort haben. Mit den Texten die-
ser Gruppe dürften somit die zum Zeitpunkt des Projektes von
1906 vorhanden gewesenen Manuskripte zum Problemtitel
,,Phantasie”, soweit Husserl sie nicht fortwarf (s.o.), praktisch
vollstándig vorliegen.
In jenem Projekt stufte Husserl, wie oben bereits gesagt, die in
diesen Texten erorterten Probleme ais solche ein, die in einer
„ P h a n o m e n o l o g i e d e r V e r n u n f t ” „an erster Stelle” zu
behandeln seien. Die Vorlesungen von 1904/05 selbst stehen linter
dem Titel „Hauptstücke aus der Phánomenologie und Theorie
der Erkenntnis”, der unmittelbar an den Titel des Zweiten Ban-
des der Logischen Untersuchungen anklingt. Dieser lautet be-
kanntlich: „Untersuchungen zur Phánomenologie und Theorie
der Erkenntnis”, und auf dem Vorlageblatt der 1. Auflage dieses
Bandes von 1901 stand noch der Vermerk „I. Reihe”. Manche
Hinweise1 deuten darauf, dass Husserl in einer „II. Reihe” eine
Fortführung geboten hátte, in der hoherstufige, spezifisch logi-
sche, evtl. urteils- und wissenschaftstheoretische Probleme, die
in der I. Reihe und auch in den Prolegómeno, noch offen geblieben
waren, zur Sprache gekommen wáren. Dieser Spháre sich zuzu-
wenden, war jedenfalls auch seine ursprüngliche Absicht für die
Vorlesungen von 1904/05. In der einleitenden Stunde berichtete
Husserl dazu: „ Ais Thema der Vorlesungen, die ich hiermit er-
óffne, habe ich .Hauptstücke aus der Phánomehologie und Theo­
rie der Erkenntnis’ angekündigt. Ursprünglich hatte ich dabei
nur die hoheren intellektiven Akte ins Auge gefasst, die Spháre
der so g e n a n n te n ,U rte ilsth e o rie ’ ”.2Doch dann sieht Husserl

1 Vgl. v.a. Husserls Brief an Alexius Meinong vom 5. April 1902 in Philosophen-
bn efe, aus der wissenschaftlichen Korrespondenz von Alexius M einong, hrsg. von
R. Kindinger, Graz 1965, S. 105.
2 H usserliana X, Einl. d. Hrsg., Rudolf Boehm, S. XV, Hervorhebung vom
X X X IV EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

von diesem Plan ab. Der Grund, den er dafür anführt, ist unmittel-
bar von Bedeutung hinsichtlich grósserer systematischer bzw.
textgeschichtlicher Zusammenhánge nicht nur dieser ersten Text-
gruppe des vorliegenden Bandes, sondern auch mehrerer der spá-
teren Texte (s.u.). Husserl führt in jener Vorlesungseinleitung
aus:„Bei der vorbereitenden Durcharbeitung der einschlágigen
Materien sah ich aber bald ein, dass nicht' bloss pádagogische,
sondern vor allem s a c h l i c h e G r ü n d e eine ausführliche Be-
handlung der schlichten, zuunterst liegenden intellektiven Akte
erfordem. Ich meine hier natürlich jene Phánomene, die unter
den etwas vagen Titeln W a h r n e h m u n g , E m p f i n d u n g ,
P h a n ta s i e v o r s t e l l u n g , B i ld v o r s t e l l u n g , Erinne-
r u n g, <gestr. :„Erwartung”> allbekannt unddoch wissenschaft-
lich noch viel zu wenig durchforscht sind. . . . Und dabei handelt
es sich um eine Arbeit, die im ernstesten Sinn fundamental ge-
nannt werden muss, für die Erkenntniskritik auf der einen und
für die Psychologie auf der anderen Seite.”1
Anstatt der Urteilstheorie widmete Husserl also seine Aufmerk-
samkeit den in seinen Augen für eine Urteilstheorie f u n d a m e n ­
t a l en sinnlichen, anschaulichen Akten des Bewusstseins — eine
„Urteilstheorie” trug er dann im darauffolgenden Sommerse-
mester vor —, und er wies auf den zweiten Band der Logischen
Untersuchungen zurück, wo er „einige, noch recht unvollstándige
Versuche zur Behandlung der hierher gehórigen Probleme
. . . mitgeteilt”2 habe. Wie wir wissen, konnte Husserl aber
in den Vorlesungen über jene Versuche der Logischen Untersu­
chungen hinaus vor allem auf seine ,,vermeintlich druckfertigen,
jedenfalls rein ausgearbeiteten Abhandlungen aus dem Jahre
1898” zurückgreifen, die er dadurch in einen hier nicht naher er-
lauterten Fundierungszusammenhang mit der in Aussicht ge-
nommenen Urteilstheorie rückte.
Von Interesse ist, dass Husserl bereits im Frühjahr 1904 aus
der Reihe dieser Abhandlungen insbesondere die Manuskripte,
die hier ais Beilage I, ..Phantasie und bildliche Vorstellung”, ab-
gedruckt sind, ais Unterlage offentlicher Darlegungen benutzte,
Unterzeichneten; Husserls Charakteristik der Absicht seiner Vorlesungen wird
dort S. XV-XVII ausführlich wiedergegeben. — Ferner H usserliana III, Id een I,
Einl. des Hrsg., K. Schuhmann, bes. S. XVI - XVIII und S. XXVIII - XXX.
1 H usserliana X, S. XV
2 A.a.O. S. XV.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XXXV

námlich anlásslich eines Abends in dem unter Führung von A.


Pfánder und J. Daubert gebildeten ,,Psychologischen Verein”
von Schülern Theodor Lipps’ in München.1 In der ersten Zeit sei-
ner Vorlesungen vom Wintersemester 1904/05, wohl in Erinne-
rung an seine Ausführungen in München, schrieb Husserl dann
an J. Daubert:,,Es ist freilich schade, dass aus dem Münchener
j ungen Philosophenkreise niemand nach Gottingen gekommen
ist, da ich doch für die Erwarteten, oder in erster Linie für sie,
mein 4-stündiges Kolleg über Phánomenologie der Erkenntnis
angekündigt hatte. . . . Ich mühe mich, über das Ideengebiet der
Logischen Untersuchungen hinauszukommen. Begonnen habe ich,
wie es bei der gegebenen Sachlage ais notwendig erschien, mit
der Phánomenologie der W a h r n e h m u n g . Besondere Ausführ-
lichkeit ist zunáchst beabsichtigt für die Behandlung der P h a n-
t a s i e v o r s t e l l u n g und der Z e i t . ”2
Es legt sich in diesem Zusammenhang bezüglich der Entste-
hungsgeschichte der ,,vermeintlich druckfertigen” Abhandlungen
von 1898, auf die Husserl in München und in den Vorlesungen von
1904/05 zurückgriff, folgende Vermutung nahe: Sie dürften ge-
genüber dem ,,Weg” über die Probleme von Ausdruck und Be-
deutung, ,,auf dem die Logischen Untersuchungen in die Pháno­
menologie einzudringen strebten”, zu jenem „ z w e i t e n W e g von
der Gegenseite her, námlich v o n s e i t e n d e r E r f a h r u n g
u n d d e r s i n n l i c h e n G e g e b e n h e i t e n ” gehort haben, von
dem Husserl in einer Anmerkung in den Ideen berichtet und dazu
sagt, dass er ihn „seit Anfang der 90er Jahre ebenfalls verfolgte”,
dass er aber in den Logischen Untersuchungen „nicht zu vollem
Ausdrucke” gekommen sei.3
Indem Husserl 1904/05 sich wiederum diesem Weg zuwandte
und ausführliche Analysen über Wahrnehmung, Phantasie, Zeit
durchführte, kam er tatsáchlich über das im Werk von 1900/01
explizit behandelte ,,Ideengebiet” hinaus; er erweiterte es in
Richtung der F u n d i e r u n g der „hóheren intellektiven Akte”

1 Vgl. die genauen historischen Nachweise zu Husserls Besuch in München wáhrend


der Pfingstwoche 1904 in K. Schuhmann, H usserl über Pfánder, Den Haag 1973,
S. 19-23.
2 Vgl. Brief Husserls an Johannes Daubert vom 17.XI. 1904 — Original im Husserl-
Archiv in Leuven. Hervorhebung vom Unterzeichneten.
A.a.O., § 124, S. 258 und S. 258 Anm., Jahrbuch-Paginierung; Hervorhebung vom
Unterzeichneten.
XXXVI EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

des Bedeutens und Urteilens in den ,,schlichten, zuunterst liegen-


den intellektiven Akten”.1
Yermutlich spiegelt sich dieser Zusammenhang auch in jener
Tagebuchaufzeichnung vom September 1906 über die ,,Sdiritt
für Schritt” zu erledigenden Probleme einer Phánomenologie der
Vernunft, wenn Husserl im Anschluss an die ,,an erster Stelle” zu
behandelnden Themen von Wahrnehmung, Phantasie, Zeit, wo-
mit zusammenhángend er auch Versuche über ,,Phánomenologie
der Aufmerksamkeit” gemacht habe, alsbald fortfáhrt:,,Weiter
bedürfte es einer systematischen Ausführung einer Phánomeno­
logie der Bedeutungen. Das Fundament dazu meine Logischen
Untersuchungen . . . Im Zusammenhang damit eine Phánomeno­
logie der leeren Intentionen und der symbolischen Vorstellungen.
Weiter eine U r t e i l s t h e o r i e , das grosse Desiderat, wofür ich
schon so viel gearbeitet habe”.2
Husserls Rückgriff auf die Analysen über anschauliche Vor­
stellungen von 1898 zur Fundierung der für 1904/05 zunáchst ge-
planten Urteilstheorie lásst auch an die zweite der bereits 1894
erschienenen ,,Psychologischen Studien zur elementaren Logik”3
denken. Diese war betitelt:,,Ueber Anschauungen und Reprá-
sentationen”. In einem ,,Exkurs über die psychologische und lo-
gische Bedeutung der beiden Funktionen Anschauungen und Re-
prásentationen und die Wichtigkeit ihrer Erforschung” hált
Husserl dort fest:,,Für die ganze Psychologie und im besonderen
für die Psychologie der Erkenntnis und Logik scheint mir die Er­
forschung der in Rede stehenden psychologischen Funktionen,
zumal der so überaus merkwürdigen Reprásentation, von funda-
mentaler Bedeutung. . . . Im besonderen glaube ich behaupten
zu dürfen, dass k e i n e U r t e i l s t h e o r i e denTatsachen gerecht
zu werden vermag, d ie s i c h n i c h t a u f e i n t i e f e r e s S t u -
d i u m d e r deskriptiven und genetischen Verháltnisse von A n-

1 S.o.S. XXXIV.- Bei dieser Náhe zu dem weítráumig konzipierten Ideenge-


biet der Logischen Untersuchungen, welche die Analysen der anschaulichen Vor­
stellungen (Wahrnehmung, Phantasie) aufweisen, ist auch nicht auszuschliessen,
dass Husserl einst für die „II. Reihe” der Logischen Untersuchungen geradezu jene
Ausarbeitungen von 1898 vorgesehen hatte. Einige Dokumente legen eine solche
Annahme jedenfalls nahe (vgl. Husserl-Chronik, S. 63f.).
3 Edmund Husserl, „Personliche Aufzeichnungen”, S. 298, Hervorhebung vom
Unterzeichneten.
3 H usserliana XXII, Aufsatze und Rezensionen 1890 - 19 10 , hrsg. von B. Rang,
S. lOlff.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS X X X V II

s c h a u u n g e n u n d R e p r á s e n t a t i o n e n stützt”.1 Bei aller


um 1894 noch bestehenden, wohl von Brentano (s.u.) beeinfluss-
ten Einschránkung des Begriffs der Anschauung, praktisch auf
die innere Wahrnehmung, spricht Husserl doch hier schon sach-
liche Verhaltnisse an, die ihn bis ins Spátwerk der Formulen und
Transzendentulen Logik (1929) in Atem hielten. Sie spielen auch
in der aufgrund Husserlscher Manuskripte von L. Landgrebe
redigierten Schrift Erfahrung und Urteil, Untersuchungen zur
Genealogie der Logik (1939) eine zentrale Rolle. Von L. Landgrebe
stammt schliesslich auch ein Zeugnis, das die Abhandlungen von
1898 ganz in diesen sachlichen Fundierungszusammenhang von
anschaulichen Bewusstseinsakten und Urteilstheorie rückt. Er
berichtet in seinem Aufsatz von 1939 über "Husserls Pháno-
menologie und die Motive zu ihrer Umbildung”, wie Husserl in
den Logischen Untersuchungen den Unterschied von sinnlicher
und kategorialer Anschauung ausgearbeitet habe. Bei der sinn-
lichen Anschauung h'átte es sich „um die Frage nach der Struktur
derjenigen vorstellig machenden Akte (spater die doxischen be-
nannt)” gehandelt, „die die Grundlage für die logischen Opera-
tionen, für1 die Bildung allgemeinerer Begriffe und das allge-
meine Urteilen abgeben. Das náchstliegende Beispiel sinnlicher,
Individuelles gebender Anschauung ist die aussere W a h r n e h ­
m u n g ; sie mit ihren Modifikationen der E r i n n e r u n g , P h a n -
t a s i e v o r s t e l l u n g usw. bildete daher das náchste Thema
von Husserls Forschungen. Schon zur Zeit des Erscheinens der
Logischen Untersuchungen hatte er es in umfangreichen Untersu-
chungen bearbeitet, die er ursprünglich gleich im Anschluss an die
Logischen XJntersuchungen veroffentlichen wollte. Dazu kam es
nicht, aber diese Themen wurden in den Vorlesungen der ersten
Gdttinger Jahre immer wieder erneut behandelt und vertieft
.. . ” 2
Diese Fundierungszusammenhange zwischen der Analyse der
anschaulichen und der spezifisch logischen Bewusstseinsarten
sind von Husserl selbst mehrfach bezeugt zu Zeiten, aus denen
ausser der ersten Textgruppe noch manche der hier veroffent-
lichten Texte stammen.

1 A.a.O., S. 120, Hervorhebung vom Unterzeichneten.


2 Revue Internationale de Phüosophie (1939), i , S. 290, Hervorhebung vom Unter-
zeichnetea. — Vgl. Husserls Vorlesungen von 1902/03, Ms. F I 26, S. lOlff. und
von 1904/05 (dazu unten Nr. 1).
X X X V III EINLEITUNG DES IIERAUSGEBERS

So dürfte insbesondere die grosse Textgruppe vom Márz-April


1912, die im Haupttext Nr. 15 und in den Beilagen X X X V I bis
XLVIII wiedergegeben ist, u r s p r ü n g l i c h i n einem umfassen-
den, „für den Druck” vorgesehenen urteilstheoretischen Zusam-
menhang entstanden sein.1 Vergleichbar der Situation von 1904/
05 (s.o.) kündigte Husserl ais Vorlesung für das Sommersemester
1912 eine , ,Urteilstheorie” an, für die er sich auf die in Gang be-
findlichen Forschungen zu stützen gedachte; doch bei Vorlesungs-
beginn ánderte er sein Vorhaben wiederum ab. Er berichtet:,,Zur
Zeit der Ankündigung gedachte ich eine Zusammenfassung mei-
ner langjahrigen Untersuchungen zur P h á n o m e n o l o g i e des
u r t e i l e n d e n B e w u s s t s e i n s zu geben, die ich zugleich für
eine Veroffentlichung vorbereitete. Nachtráglich aber kamen
mir Bedenken. Bei den innigen Verflechtungen der hóhexen theo-
retischen Bewusstseinsgestaltungen mit den niederen und bei
dem Umstand, dass das Moment des .Glaubens’, der Für-wirklich-
Haltung durch alie, auch die niedersten Bewusstseinsschichten
hindurchgeht und in ihnen alien geklárt sein muss,2 wenn man
das Kardinalproblem des Verháltnisses von Glaube und Urteil
losen will — ist es nicht móglich, eine Urteilstheorie darzustellen,
ohne weitgehende Kenntnisse in betreff gewisser allgemeiner
Bewusstseinsgestaltungen vorauszusetzen, auf die ich hier nur
durch einige grob bezeichnende Titel wie aussere und innere
Wahmehmung, Erlebnis- und Zeitbewusstsein, Erinnerung, Er-
wartung, Aufmerksamkeit, Erfassung, Explikation und dgl. hin-
deuten kann”.3 In Analysen solcher, die U r t e i l s t h e o r i e f un-
d i e r e n d e n Phánomene scheint Husserl sich in den Manuskrip-
ten, denen die Textgruppe der Nr. 15 mit Beilagen zweifellos zu-
zurechnen ist, im Winter und Frühjahr 1912 in einer A rt ver-
strickt zu haben, die ihm einen Abschluss der geplanten „Pháno-
menologie des urteilenden Bewusstseins”, der für den Vortrag
und gar für eine Veroffentlichung geeignet gewesen wáre, aus
dem Griff entschwinden liess.4

1 Vgl. K. Schuhmanns Einleitung zu H usserliana III/1, bes. S. XXVII-XXX und


Husserl-Chronik, S. 169.
3 Vgl. oben, S. XXVII den Nachtrag zur Frage des „belief" im Plan von 1906.
3 Ms. F I 4, S. 4; die Stelle wird auch in der Einleitung zu H usserliana III/l zitiert,
S. XXIX.
4 Manche in diesen Manuskripten vom Frühjahr 1912 erorterten Gedanken fanden
Niederschlag im Abschnitt III der Ideen I von 1913, bes. in den §§ 99-114.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS X X X IX

Beinahe zehn Jahre spáter, im Sommer 1921, brachte Husserl


die meisten Manuskripte der Textgruppe der Nr. 15 und der zuge-
hórigen Beilagen, zusammen mit jenen, die der Nr. 16 und deren
Beilagen XLIX-LI zugrunde liegen, unter den thematischen Ge-
sichtspunkt, der für den vorliegenden Band massgebend war.1
Er legte für diese Manuskripte, die er offenbar der von E. Stein
besorgten Manuskriptsammlung (s.o.) entnahm, ein mit dem Si-
gel ,,R ” (=Reproduktion) versehenes Konvolut an.2 Auf dem
Gesamtumschlag, der von eínem Briefumschlag mit dem Postda-
tum 29.7.21 gebildet wird, finden sich u.a. folgende Aufschriften:
,,W ichtig.. -Modi der R e p r o d u k t i o n und Phantasie, Bild-
bewusstsein”. Diese Aufschriften entstanden mit grosster Wahr-
scheinlichkeit im Hinblick auf oder wáhrend Husserls Aufenthalt
in St. Margen zwischen 31. Juli und 26. Oktober 1921.3 Bedeut-
sam an der Heraushebung der Manuskripte von 1912 ist der Um-
stand, dass Husserl ihnen im Sommer oder Herbst 1921, wie es
scheint, Wichtigkeit im Verband mit Vorbereitungen für ein
s y s t e m a t i s c h e s G r u n d w e r k seiner Phánomenologie zu-
mass.4 Sicherlich ist námlich die folgende Aussage Husserls an
Román Ingarden auch auf die Manuskripte dieser Textgruppe
zu beziehen: „Ich arbeite jetzt seit einigen Monaten meine allzu
grossen Manuskripte durch und plañe ein grosses systematisches
Werk, das von unten aufbauend ais Grundwerk der Phánomeno­
logie dienen konnte”.5 Genaueres über die mutmassliche Ver-
wertung der Manuskripte von 1912 in diesem Grundwerk, das
nicht zustande kam, ist allerdings nicht zu ermitteln.
Die Konzeption dieses ,,Grundwerkes der Phánomenologie”
selbst scheint übrigens nicht ohne Zusammenhang mit Husserls
vertieftem Nachdenken über die letzten Voraussetzungen logisch-
urteilstheoretischer Untersuchungen gewesen zu sein, die er seit
seinen Bernauer Aufenthalten von 1917 und insbesondere 1918
zu erforschen begann.6 Er stiess dabei auf das Problem der I n di-

1 Diesem Umkreis dürfen auch die im Haupttext Nr. 17 veroffentlichten Texte von
1912 zugerechnet werden..
2 Vgl. die einleitenden Textkritischen Anmerkungen zu Nr. 15, unten S. 675ff.,
bes. S. 677f.
3 Husserl-Chronik, S. 250.
4 Vgl. zu diesem Plan I. Kerns Einleitung zu H usserliana XIV, S. XVIIff.
5 Husserl Edmund, B riefe an Román Ingarden, Den Haag 1968, S. 22.
6 Vgl. Manuskript-Hinweise in Husserl-Chronik, bes. S. 220ff.; H usserliana XIV,
Einleitung des Hrsg., I. Kern, S. XVIII. — Im Wintersemester 1917/18 führte
XL EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

v i d u a t i o n , der Konstitution individuellen Seins, und im Ver-


band damit neuerlich auf die Lehre von den Individuelles geben-
den Anschauungen und ihren Modis.1 Einige Hinweise über die
weitausgreifenden sachlichen Zusammenhánge seiner Untersu-
chungen jener Zeit gibt Husserl in einem Brief vom 5. Aprill918
an Román Ingarden:„Ich bin eben daran, den grossen, von Frl.
Stein geordneten Konvolut über U r t e i l s t h e o r i e . . . durchzu-
sehen, der zum grossen Teil dieses Problem < scil. der Wahr-
h eit> und, ais sein F u n d a m e n t , das Problem des ,Sinnes’ der
verschiedenen Stufen objektivierender Erlebnisse ( A n s c h a u ­
u n g e n : und zwar Sinn der W a h r n e h m u n g , der erfahrenden
Akte überhaupt — Sinn der P h a n t a s i e (Neutralitatsmodifi-
kationen), d a n n Sinn der p r á d i k a t i v e n A k t e — der unmo-
difizierten und modifizierten (positionalen — neutralen) usw.)
behandelt. In der Hauptsache bin ich damals, lang vor der Zeit
der Ideen, zu den entscheidenden Einsichten vorgedrungen . . .
Aber von da aus führt die l e t z t e K l á r u n g in die t i e f s t e n
k o n s t i t u t i v e n P r o b l e m e , deren Beziehung zum ursprüng-
lichen Z e i t b e w u s s t s e i n Ihnen nicht verborgen sind. Um die
aber handelt es sich mir jetzt. Denn nicht an einer blossen Phano-
menologie der Zeit arbeite ich — die sich nicht rein für sich ablo­
sen lásst— , sondernandem ganzen u n g e h e u r e n P r o b l e m
d e r I n d i v i d u a t i o n , der Konstitution individuellen (also
.tatsachlichen’) Seins .überhaupt und nach semen wesentlichen
Grundgestaltungen. Also um eme zentrale oder radikale Phano-
menologie handelt es sich jetzt.”2 Und im Wintersemester
1920/21 hielt Husserl eine Vorlesung über Logik, über die er
wiederum an R. Ingarden schreibt, sie sei „in Wahrheit tran-
szendentaleLogik, a l l g e m e i n s t e T h e o r i e d e r K o n s t i t u ­
t i o n , a n f a n g e n d von einer Theorie des ursprünglichen Z e i t-
b e w u s s t s e i n s , U r t e i l s t h e o r i e etc.”3 Im Manuskript die-

Husserl auch ein Seminar über „Grundprobleme der Urteilstheorie” durch


(cf. Husserl-Chronik, S. 217).
1 Die sog. „Bernauer Manuskripte” zu dieser Problematik der Individuation und
ihrer Beziehung zum ursprünglichen Zeitbewusstsein sind in Vorbereitung für
die Veroffentlichung in dieser Ausgabe.
2 Husserl, Edmund, B riefe an Román Ingarden, S. 9f.; Hervorhebung vom Unter-
zeichneten.
8 A.a.O., S. 17; zitiert in I. Kerns Einleitung zu H usserliana XIV, S. XVIII. Her­
vorhebung vom Unterzeichneten.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XLI

ser Vorlesung bringt Husserl auch wiederum deutlich den Fun-


dierungszusammenhang zwischen dem spezifisch logischen und
dem anschaulichen Bewusstsein zum Ausdruck. Er führt aus:
„Nach unserer Methode lassen wir die Idee der Logik und ihre
notwendige Problematik in uns natürlich werden und wachsen,
und zwar dadurch, dass wir sie selbst in s y s t e m a t i s c h g e -
o r d n e t e n G r u n d s t ü c k e n aufbauen. . . . Die W a J i r n e h -
mung und i hre p a r a l l e l e n B e w u s s t s e i n s w e i s e n der
A n s c h a u u n g sind aber d ie e r s t e n G r u n d g e s t a l t e n
des B e w u s s t se i ns , die für den Aufbau des spezifisch logi­
schen Bewusstseins in Frage kommen, sie sind e r s t e G r u n d -
l a g e n i m l o g i s c h e n Ba u , die gelegt und veístanden werden
müssen”.1
In diese grossen transzendentallogischen Zusammenhánge, die
Husserl in den Freiburger Jahren anzielte, gehort, entstehungsge-
schichtlich gesehen, die Gruppe der Haupttexte Nr. 18 und Nr. 19
sowie der Beilagen LVI und L X I-L X III in vorliegendem Bande.
Schwieriger ist es, über die Entstehungsgeschichte der übrigen
hier veroffentlichten Texte zu berichten. So gibt es zwar für die
Zeit von 1909/10, aus'welcher die Haupttexte Nr. 5 bis Nr. 13 so­
wie die Beilagen X X bis X X X (mit Ausnahme von Beilage
XXVIII) stammen,2 briefliche Áusserungen Husserls, er befinde
sich , ,in einer Zeit des Zusammenschlusses und Abschlusses viel-
jáhriger Arbeiten”3, er habe ,,einen Herbst und Winter intensiv-
ster Arbeit” hinter sich und náhere sich ,,endlich dem gedankli-
chen Abschluss”4. Es ist indessen wenig klar, woraufhin Husserl
des genaueren arbeitete, es sei denn auf die am 18. Márz 1909 in
einem Brief an P. Natorp in Aussicht gestellte ,,Reihe grosserer
Schriften zu einer . . . wesentlich neuen V e r n u n f t k r i t i k ”,
von der er sagt, er dürfe „ernstlich an Abschluss denken”.5 Die

1 H usserliana XI, A nalysen zur passiven Synthesis, hrsg. von M. Fleischer, wo


Teile dieser Vorlesung veroffentlicht sind; das Zitat S. 319, Anm.; Hervorhebung
vom Unterzeichneten.
2 Auch Teile des Haupttextes Nr. 2 stammen evtl. aus 1909/10; Haupttext Nr. 3
wurde wohl 1909 ergánzt; den Haupttext Nr. 4 hat Husserl im Jahre 1910 „ge-
lesen” und für ,,gut” befunden; den Text der Beilage XIV hat er im Sommer 1909
,,durchgesehen” und dazu bemerkt „sehr zu beachten”.
3 Brief an Rickert, 25.1. 1910, vgl. Husserl-Chronik, S. 137.
4 Brief an Natorp, 22. II. 1910, vgl. Husserl-Chronik, S. 130.
5 Vgl. Husserl-Chronik, S. 124.
XLII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERÍ

Problembereiche von Wahmehmung, Phantasie, Erinnerung,


Zeit und dann auch der Urteilstheorie, die in Husserls Verstande
zu einer Phánomenologie der Vemunft gehoren (s.o.), sind jeden-
falls im Zentrum von Husserls Forschungsinteresse um 1909/10.1
In ..Meditationen über den richtigen Weg der Ausführung meiner
Untersuchungen”,2 die mit grosster Wahrscheinlichkeit auf
1909/10 anzusetzen sind und die in manchem an die oben bespro-
chene Aufzeichnung vom September 1906 erinnern, stellt Husserl
dann auch fest: ,,Ich will doch eine Reihe von Untersuchungen
führen, die sich auf die S p h á r e des I n t e l l e k t s , auf das ,nie-
dere Erkenntnisvermogen’ beziehen. . . . Mein Hauptabsehen
gilt den P r o b l e m e n d e r V e r n u n f t , und demgemáss bietet
die Idee der Vemunft eine Art Leitung . . . Zunachst abgesehen
ist es auf Probleme der theoretischen Vemunft und darin wieder
der erfahrungslogischen Vemunft . . . ”3 Und zuvor führte er aus:
,,Zunachst allgemeine Behandlung der ,niederen Schicht’, das
Allgemeine über W a h r n e h m u n g . . . P h a n t a s i e , E r i n n e ­
r ung, L e e r v o r s t e l l u n g . Erst dann náhere Erwágung der
Dingkonstitution . . . Es handelt sich bei der jetzigen Situation
der Wissenschaft um einen emporleitenden Weg . . . Wird es
überhaupt einen anderen Weg geben kónnen ? Ist ein Unterschied
zwischen der sozusagen padagogischen Emporleitung und einer
rein aus den Sachen selbst geschópften systematischen Darstel-
lung?”4 Schliesslich weist Husserl noch darauf hin, „dass es vor
alien Klassifikationsfragen noch Untersuchungen wird geben
konnen, die sich auf die allgemeine Sphare der cogitationes be­
ziehen. Ich hatte námlich vorher die Frage zu erwágen, ob nicht
Unterscheidungen wie die zwischen I m p r e s s i o n , Idee, L e e r -
b e w u s s t s e i n an der Spitze stehen müssen: eine Lehre von
den allgemeinen Modifikationen, die durch die ganze Sphare der
cogitationes hindurchgehen. Indessen, es ist das sicher, dass hier
nachste Zusammenhange mit der Lehre von W a h r n e h m u n g ,

1 Zu ,.Wahrnehmung” vgl. den in Vorbereitung befindlichen Band in dieser Aus-


gabe; zu ..Phantasie, Erinnerung” s. u. Nr. 5ff.; zu „Zeit” vgl. H usserliana X,
Teil B, die Abschnitte IV und V ; zu ,,Urteilstheorie” vgl. v. a. Ms. A V I5, Ms. AVI
11 11/21-35, Ms. AVI 111/9-16, Ms. L I 1/2 + 6- 8, Ms. AI 1l/126b-129, Ms. K I
26/16. — Vgl. auch Ms. - Hinweise in Husserl-Chronik, S. 128ff.
2 Ms. L II 14, S. 5-7.
3 A.a.O.,S. 7a und b.
4 A.a.O., S. 5-6; Hervorhebung vom Unterzeichneten.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XLIII

P h a n t a s i e , L e e r i n t e n t i o n b e s t e h e n ”.1 Es steht zuvermu-


ten, dass die in vorliegendem Bande verbífentlichten Texte aus
der Zeit von 1909/10 mehr oder weniger enge Beziehung zu den
Husserl in diesen „Meditationen” vorschwebenden Untersu­
chungen hatten.2 Im Hinblick insbesondere auf die Fragen von
Impression, Idee (Reproduktion), Leerbewusstsein fügt sich
zwanglos auch der Haupttext Nr. 14 aus 1911 oder Anfang 1912
mit den zugehórigen Beilagen X X X I—X X X V in den Problem-
bereich dieser „Meditationen” ein.
Schliesslich scheinen auch die Textstücke der Nr. 20, den kon-
kreteren Vorstellungen Husserls von der Theorie der transzen-
dentalen Subjektivitat in den zwanziger Jahren angemessen, in
den Kreis umfangreicher Untersuchungen „Zur a l l g e m e i n e n
Lehre von der Intentionalitát”3 gehort zu haben, wo wiederum,
nun aber unter Einbeziehung d e r g e n e t i s c h e n Betrachtungs-
weise, von den „ a l l g e m e i n e n Modifikationen, die durch die
g a n z e S p h a r e d e r c o g i t a t i o n e s hindurchgehen” (s.o.), die
Rede war. Es ist allerdings schwierig, genauere textgeschichtliche
Zusammenhánge anzugeben. Husserls Hinweise rücken die Auf-
zeichnungen über „Phantasie — Neutralitat” einerseits in den
Zusammenhang von Arbeiten über „Epoché ais Aktenthaltung”.4
Andererseits merkt Husserl an, es seien zu diesen Manuskripten
„die sehr umfassenden Untersuchungen über Intentionalitát in
den Konvoluten über Zeitigung” zu vergleichen, womit sieoffen-
bar in Beziehung zu den „Bemauer Manuskripten” aus 1917/18
(s.o.) gesetzt werden.

Historischer Urspmng der Phánomenologie der Anschauungen


In der ersten Stunde zu seinen Vorlesungen über ,,Hauptstücke
aus der Phánomenologie und Theorie der Erkenntnis” vom Win-
tersemester 1904/05, dessen drittes Hauptstück der hier ais Nr. 1
wiedergegebene Text bildete, sagte Husserl mit Beziehung auf die
,,Phánomene, die unter den etwas vagen Titeln Wahrnehmung,

1 Ms. L II 14, S. 7a.


2 Vgl. bes. unten Nr. 10
3 Vgl. die einleitenden Textkritischen Anmerkungen zu Nr. 20, unten S. 717.
4 Vgl. auch H usserliana VIII, Erste Philosophie (19 2 3 /24 ), hrsg. von R. Boehm, bes.
ab 41. Vorlesung.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

j-jjipfindung, Phantasievorstellung, Bildvorstellung, Erínnerung


^pekannt und doch wissenschaftlich noch viel zu wenig durch-
^ofscht sind” (s.o.):,,Die e r s t e n A n r e g u n g e n zur Bescháf-
tigung mit denselben verdanke ich meinem genialen Lehrer
j t e n t a n o , der schon in der Mitte der achtziger Jahre an der
yyjener Universitát ein mir unvergessliches Kolleg über ,Ausge-
.^hlte psychologische und ásthetische Fragen’ las, welches sich
p¡i wochentlich zwei Stunden) nahezu ausschliesslich um die ana-
jytische Klárung der Phantasievorstellungen im Vergleich mit
h Wahmehmungsvorstellungen mühte”.1 Und zu Beginn des
j r¡tten Hauptstückes selbst bemerkte Husserl:,,Die Frage nach
jgin Verháltnis von Wahmehmungsvorstellung und Phantasie-
v0rstellung ist das Objekt vieler emster Bemühungen gewesen.
jj, der Literatur ist sie zwar nur ausnahmsweise in eigenen Schrif-
ten behandelt worden, und da gerade nur in ziemlich oberflach-
^ e r Art. Aber in verschiedenen Zusammenhángen haben be-
^utende Mánner an sie gerührt und in einer Weise, die zeigt,
h S sie sie für keine eben leichte gehalten haben. Doch viel Tie-
jeres a^s die Literatur bieten mitunter Vorlesungen, und hier
h k e ich an die überaus scharfsinnige Art, wie die Frage in eige-
h Vorlesungen B r e n t a n o s behandelt worden ist. Auch eine
jejiie Behandlung S t u m p f s i n seinen Vorlesungen über Psycho-
j^je ragt weit über das, was die Literatur bietet, hinaus.”2
pedauerlicherweise findet sich Husserls Nachschrift von
pantanos Vorlesungen ,,Ausgewáhlte Fragen aus Psychologie
Ásthetik” (1885/86)3 nicht im Nachlass und scheint ais ver-
jflfen gelten zu müssen. Hingegen hat sich Husserls Nachschrift
„ Vorlesungen über Psychologie von Professor Cari Stumpf,
jjalle, Wintersemester 1886/87”4 erhalten. Darin ist ein grosser
^chnitt der, .Untersuchung der Phantasievorstellungen” gewid-

j Vgl. Husserliana X, wo die Stelle in der Einleítung R. Boehms /.itiert wird, S. XVf.
, siehe unten Nr. 1, S. 6f.
j grentanos Vorlesungen wurden aufgrund zweier Fassungen in gekürzter und
redigierter Form von F. Mayer-Hillebrand aus dem Nachlass herausgegeben in
Franz Brentano, Grundzüge der Ásthetik, Bern 1959, S. 3-87; vgl. auch die An-
¡nerkungen der Herausgeberin S. 225-236 und ihr Vorwort, S. XlVf.
( Aufbewahrt im Husserl-Archiv Leuven unter der Signatur Q 11/1 und II. —
jlach Studien bei F. Brentano in Wien von 1884-86 kam Husserl im Herbst 1886,
von Brentano empfohlen, zur Habilitation nach Halle und horte Vorlesungen bei
C. Stumpf (vgl. Husserl-Chronik, S. 17ff.).
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XLV

met. Das ,,2. Kapitel, Phantasievorstellungen von Sinnesinhal-


ten” weist Spuren spaterer Durchsicht von Husserls Hand auf,
die mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit im Zusammenhang entwe-
der der Abhandlungen von 1898 (s.o.) oder der Vorlesungen von
1904/05 entstanden. Stumpf diskutiert ausführlich zwei innere
Hauptunterschiede zwischen Empfindungen und Phantasievor­
stellungen: 1) bezüglich der ausserst geringen I n t e n s i t á t des
Vorgestellten, 2) bezüglich der geringen F ü l l e immanenter und
begleitender Merkmale bei Vorstellungen gegenüber den gleich-
namigen Empfindungen.1 Danach zwei mit der Entstehungs-
weise zusammenhángende innere Unterschiede: 1) bezüglich der
geringeren Dauerhaftigkeit, bzw. der Flüchtigkeit und Veránder-
lichkeit der Vorstellungen, 2) bezüglich der willkürlichen Er-
ganzbarkeit oder Veránderbarkeit, besonders in raumlicher Hin-
sicht, ohne jede korperliche Bewegung. Und endlich zwei Unter­
schiede in Hinsicht auf die psychologischen Folgeerscheinungen:
1) dass Vorgestelltes vom Erwachsenen meist nur auf Grande hin
für wirklich gehalten werde, Empfundenes dagegen unmittelbar,
2) dass Vorstellungen in gewóhnlichen Fallen schwachere Gefühle
mit sich führen ais Empfindungen gleichen Inhaltes.2 Manche
dieser auch schon von Brentano erorterten Unterscheidungen
wurden auch von Husserl in der Abhandlung „Phantasie und
bildliche Vorstellung” von 1898 (unten Beilage I3) bzw. in den
Vorlesungen von 1904/05 diskutiert (unten Nr. 1, bes. 1. Kapitel
§6; 5. Kapitel, teils 6. Kapitel und 9. Kapitel).
Erwahnt sei, dass auch eine von Frau Malvine Husserl besorg-
te Abschrift einer Nachschrift der Vorlesungen über ,,Genetische
Psychologie” , die der Brentano-Schüler Antón Marty im Som-
mersemester 1889 in Prag hielt, in Husserls Nachlass vorliegt.45
Marty erortert darin ausführlich auch die Phantasievorstellun­
gen, offenbar teils unter beinahe wortlicher Anknüpfung an
Brentanos Vorlesungen von 1885/86.®
Diese Vorlesungen A. Martys und vor alien Dingen die Vorle-

1 Ms. Q 11/IS. 238ff.


2 Ms. Q 11/IS. 288ff.
3 Vgl. auch die Textkritischen Anmerkungen, bes. S. 632ff.
4 Aufbewahrt im Husserl-Archiv Leuven unter der Signatur Q 10.
5 Husserl hat sich nachweislich auf diese Vorlesungsnachschrift zur Diskussion
Brentanoscher Lehren gestiitzt; vgl. H usserlianaX , Ni. 14, S. 17 lff.
XLVX EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

sungen von Brentano selbst, wie sie in Gmndzüge der Ásthetik zu-
gánglich sind, zeigen, dass Brentano bei der ,,analytischen Klá-
rung der Phantasievorstellungen im Vergleich mit den Wahrneh-
mungsvorstellungen” (s.o.) im Wesentlichen auf seine Unter-
scheidung zwischen e i g e n t l i c h e n u n d u n e i g e n t l i c h e n
V o r s t e l l u n g e n zurückgriff, die er auch in seinen „Vorlesun-
gen über elementare Logik” im Wintersemester zuvor zur Geltung
gebracht hatte.1 Er führte die Analyse der Phantasie im Zusam-
menhang der Ásthetik ein, wies aber sogleich auf weitere zur
Behandlung der Phantasie gehorige Zusammenhánge hin:„Von
grosster Bedeutung für die Ásthetik ist die der Psychologie ange-
horende Lehre von der Phantasie. Es wird aber unmoglich sein,
sie zu behandeln, ohne auch auf anderes, wie auf den U n t e r -
schied der b e g r i ff li c h e n und a ns c h a u l ic h e n Vo r­
s t e l l u n g e n und insbesondere auf die E m p f i n d u n g e n , ein-
zugehen, von welchen die Phantasie wesentlich bedingt ist. Es ist
dies alies nicht nur von grosster Wichtigkeit für die Ásthetik, son-
dern hat eine weiter reichende praktische Bedeutung für das Le-
ben des Künstlers wie auch des Forschers (selbst des Mathema-
tikers), ja für das Leben eines jeden. Und dementsprechend ge-
hort die U n t e r s u c h u n g des V o r s t e l l u n g s l e b e n s zu den
w i c h t i g s t e n A u f g a b e n d e r P s y c h o l o g i e ”.2
In seinen ,,Erinnerungen an Franz Brentano”3 preist Husserl
jene Vorlesungen Brentanos ais ,,ganz besonders anregend, weil
sie die Probleme im Fluss der Untersuchung zeigten”.4 Im Kon-
trast zu Husserls ahistorischem, reflexiv-eidetischem Stil philo-
sophischer Begriffsbildung ist bei Brentanos Untersuchung auf-
fállig, wie er sich in bestándiger Auseinandersetzung mit der phi-
losophischen Tradition sozusagen ,in Begriffen bewegt’. Brentano
führte in jenen Vorlesungen aus:,,Die Aufgabe, die uns nunmehr
zu bescháftigen hat, ist eine U n t e r s u c h u n g ü b e r d i e P h a n -
t a s i e . . . . Vor allem wird es notwendig sein, den B e g r i f f der
Phantasie zu bestimmen. Die Methode der Begriffsbestimmung
ist eine wesentlich andere, wenn es sich um Neueinführung eines

1 Vgl. Edmund Husserl, „Erinnerungen an Franz Brentano” in O. Kraus, Franz


Brentano, Mánchen 1919, S. 153 und S. 157.
2 Grundzüge der Ásthetik, S. 36; Hervorhebung teils vom Unterzeichneten.
* Vgl. oben, Anm. 1.
* A.a.O., S. 157f.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS XLVII

Terminus, ais wenn es sich um Bestimmtmg eines überlieferten


Terminus handelt.” Nach Brentano ist „beim überlieferten Ter­
minus die Tradition zu berücksichtigen”. ,,Es handelt sich nicht
bloss darum, zu sagen, was verstehe ich, sondem was versteht
m a n unter dem Terminus.”1 Angesichts dieser Lage hált Bren­
tano es für nützlich, vorzugehen, „wie Aristóteles (und vor ihm
Sokrates und Platón) lehrte” :„a) Eine Zusammenstellung von
verschiedenen Fallen der Anwendung. p) Die Untersuchung, was
das ihnen Gemeinsame ist. y) Eine Zusammenstellung und Unter­
suchung anderer Ansichten. 8) Ein Vergleich der Resultate”.2
Zunachst betont Brentano dann noch, dass „dieForderung nach
Berücksichtigung der Überlieferung nicht unbedingtes Festhal-
ten an ihr verlangt, sondefn nur, dass man nicht leichtsinnig und
willkürlich von ihr abweiche. . . . Auch bei der Philosophie, die
noch heute ais junge Wissenschaft zu bezeichnen ist (und insbe-
sondere bei der Psychologie), ist dieser Teil der Aufgabe jeder
Begriffsbestimmung, namlich die übernommene Terminologie zu
prüfen, sehr zu beachten”.3
Nach ausführlicher Diskussion des Begriffs der Phantasie in der
philosophischen Tradition von Aristóteles über die Scholastik zu
Wolff und Kant und vor allem von Humes Unterscheidung zwi-
schen i m p r e s s i o n s und i d e a s zu Reid, J.Mill, A. Bain und
J. St. Mili, schliesslich zu den neueren Denkem im deutschen
Sprachbereich, Herbart, Lotze, Fechner, Wundt, gelangte Bren­
tano zusammenfassend zu folgenden Überlegungen:„Wir fan-
den, dass dem überlieferten Begriff nach die Phantasievorstel-
lungen zwar keine Wahmehmungsvorstellungen sind, aber doch
ihnen ahnlich sein sollen. Je grosser die Áhnlichkeit ist, um so
eher spricht man von Phantasievorstellungen. Doch ergab sich,
dass der Ñame oft in einem Umfang angewendet wurde, der'
diesem Begriff nicht entspricht. . . . Was sollen wir nun bei
solcher Sachlage tun, wie den Ñamen Phantasievorstellung ge-
brauchen ? . . . Besser ist es wohl, in der Weise vorzugehen,
dass man diejenigen Gruppen allein heranzieht, welche die
verbreitetsten und allgemein anerkanntesten sind. W ir kamen

1 A.a.O., s . 4 0 f .
2 A.a.O., S. 41.
3 A.a.O., S. 42.

i
XLVIII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

dann zu folgender Bestimmung: P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g e n


sind un ansc h au li che oder u n eig en tli ch e V o rs te l­
l u n g e n , di e s i c h a n s c h a u l i c h e n V o r s t e l l u n g e n an-
n a h e r n . . . . Die G r e n z e ist freilich v e r s c h w o m m e n ”.1
Die Annáherung an die anschaulichen Wahrnehmungsvorstel­
lungen gründet nach Brentano darin, dass ,,die Phantasievor-
stellungen sozusagen einen anschaulichen Kem enthalten”2, die
gewohnlichen Phantasievorstellungen seien aber tatsachlich
„nicht Anschauungen, sondern Begriffe mit anschaulichem
K em ”.3 Am Schluss des Vorlesungsstückes sagt Brentano :„Aus
unseren Untersuchungen folgt, dass es keine eigene Lehre
über die Phantasievorstellungen gibt. Nach unserer Definition
fallen sie teilweise in das Gebiet der Anschauungen, teilweise in
das der Begriffe. Für beides gilt, dass wir die Erscheinungen zu-
náchst moglichst genau zu beschreiben haben (deskriptive Be-
trachtung), sodann aber versuchen müssen, ihre Entstehung und
ihren Ablauf zu ergründen (genetische Betrachtung)”.4
Es besteht kein Zweifel, dass Husserl von diesen Vorlesungen
Brentanos wichtigste sachliche Anregungen und auch philoso-
phiegeschichthche Hinweise, insbesondere auf Hume und die eng-
lischen Empiristen des 19. Jahrhunderts, empfing. Wie in der
Skizze zur Problementwicklung anzuzeigen sein wird (s.u.), muss
vor allem Brentanos Herausstellung verschiedener Weisen une i -
g e n t l i c h e n Vorstellens, ais welches er auch die Phantasie an-
sprach, Husserls Denken aufs fruchtbarste betroffen und zu kri-
tischer Vertiefung herausgefordert haben. Schon in der Philoso-
phie der Arithmetik von 1891 bemerkte Husserl, er verdanke
Franz Brentano ,,das tiefere Verstándnis der e m i n e n t e n Be-
d e u t u n g de s u n e i g e n t l i c h e n . . . V o r s t e l l e n s f ü r
u n s e r g a n z e s p s y c h i s c h e s L e b e n ”, die vor Brentano
niemand voll erfasst habe.5 In der ersten Vorlesungsstunde von
1904/05 berichtete er im Anschluss an den Hinweis auf die „ana-

1 A.a.O., S. 84-86, Hervorhebung teils vom Unterzeichneten. — Vgl. Husserls


Bezugnahme aui Brentanos Begriífsbestimmung der Phantasie unten N r.l, § 45.
S. 92ff.
3 A.a.O., S. 84.
3 A.a.O., S. 83.
4 A.a.O., S. 87f.
5 H usserliana XII, hrsg. von L. Eley, S. 193, Anm. 1, Hervorhebung vom Unter­
zeichneten. — Vgl. zur Bedeutung der Unterscheidung zwischen Eigentlichkeit
und Uneigentlichkeit des Vorstellens in Husserls Friihwerk die Einleitung von
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS X LIX

lytische Klárung der Phantasievorstellungen im Vergleich mit


den Wahrnehmungsvorstellungen”, die Brentano in seinem Kol-
leg von 1885/86 durchgeführt hatte:„Meine eigenen Studien, in
die ich mich zumal ein Jahrzehnt spáter immer mehr verwickelte,
führten mich freilich in w e s e n t l i c h e n P u n k t e n a n d e r e
W e g e, und vor allem lehrten sie mich, dass die P r ob 1 e m e noch
s e h r v i e l v e r w i c k e l t e r u n d s c h w i e r i g e r liegen, ais
Brentano sie damals geschaut hatte” .*1 Husserl dürfte hierbei
seine „Psychologischen Studien zur elementaren Logik” von 1894
sowie'die Abhandlungen von 1898 (s.o.) im Auge gehabt haben
und bezüglich der Sachen selbst seine rein deskriptiven D i f f e -
r e n z i e r u n g e n i m B e g r i f f de s V o r s t e l l e n s , die ihn in
der scharfen Gegenüberstellung von begrifflichen und anschau­
lichen Vorstellungen zu feinen Unterscheidungen innerhalb der
a n s c h a u l i c h e n Vorstellungen selbst führte (s.u.).
In jener ersten Vorlesung von 1904/05 fügte Husserl mit dem
Blick auf seine Arbeiten der neunziger Jahre sogleich bei:,,Eine
systematische, vollstándige Erledigung dieser Probleme konnte
mir damals aber noch nicht gelingen. Es hangt mit der innigen
Verflcchtung und wohl auch mit der Eigenart der phánomenolo-
gischen Probleme zusammen, dass sie nicht isoliert zur Losung
kommen konnen .. , ”2 Dann erwáhnt er, dass daipals ,,die ganze
Sphare der E r i n n e r u n g und damit auch die gesamten Pro­
bleme einer P h a n o m e n o l o g i e d e r o r i g i n a r e n Z e i t a n -
s c h a u u n g . . . sozusagen totgeschwiegen” wurden.3 Genau
diese Einbeziehung des ursprünglichen Zeitbewusstseins zur ver-
tieften Aufklarung «der Differenzierungen innerhalb der an­
schaulichen Vorstellungen fand dann aber in Anfángen in den
Vorlesungen von 1904/05 statt.4 Nach diesem Wintersemester
konnte Husserl an Franz Brentano schreiben: „Besonders durch
meine Vorlesungen, in denen ich seit den Weihnachtsferien die
deskriptive Psychologie der P h a n t a s i e und der Z e i t behan-

" B. Rang zu H usserliana XXII, Aufsatze und Rezensionen, bes. S. XXXVff. und
S. XXXV, Amn. 2.
1 H usserliana X, Zitat in R. Boehms Einleitung, S. XVI, Hervorhebung vom Un­
terzeichneten.
2 A.a.O.,S. XVI.
3 A.a.O., S. XVI.
4 S. u. Nr. 1, § 44, bes. S. 92, und in H usserliana X, ,,Die Vorlesungen über das
innere Zeitbewusstsein aus dem Jahre 1905”, S. 3ff.
L EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

delte, ward ich arg bedrángt. Doch fehlte es inzwischefl nicht an


einem nahen geistigen Kontakt mit limen. Meine alten Hefte
über Ihre wundervollen Wiener Vorlesungen aus dem Jahre
1885/861 hatte ich mir herausgesucht, manche Partien daraus
auch meinen Schülem vorgelesen und zu Quellpunkten weiterer
Analysen gemacht. Unvollkommen genug war, was ich selbst zu
bieten vermochte zur Behandlung dieser allersubtilsten und bis
zur Verzweiflung schwierigen Probleme”.2

Zur Problementwicklung der Phánomenologie der anschaulichen


V ergegenwártigungen
In seinen Vorlesungen über ,,Erste Philosophie” vom Winter-
semester 1923/24, also etwa zur Zeit der spátesten hier veroffent-
lichten Texte, führte Husserl mit Beziehung auf die ,,Akte der
reproduktiven Phantasie” in Abhebung von den ,,Akten des
Bildbewusstseins” aus:,,So sehr wir auch hier von ,Bildern’ der
Phantasie sprechen, rechtmássig kann dabei von so etwas wie
bildlicher Darstellung, mit einer Scheidung zwischen Abbilden-
dem und Abgebildetem oder Bild und sujet, gar keine Rede
sein. Freilich, im einen und im anderen Fall ist in einem gegen-
wártigen Erlebnis ein nicht Gegenwártiges bewusst. . . . Phanta­
sie ist nicht selbst eine gegenwartigende, sondem eine v e rgegen-
wártigende Vorstellung. Darin gleicht sie der Erinnerung. Aber
zur Erinnerung gehort der Seinsglaube an das Erinnerte, wáhrend
das Fingierte nur bewusst ist im Charakter, ,als ob’ es wáre und
so wáre. Zugleich ist es klar, dass, was mir, wenn ich phantasiere,
vorschwebt im Charakter des ,als ob’, mir nicht etwa bewusst ist
und gilt ais Darstellung für ein Anderes, darin wieder gleichend
der Erinnerung, wo das mir jetzt ais vergangen Vorstellige nichts
weniger ais ein Bild bietet, in dem sich ein Anderes abbildet”.3
Nach einigen náheren intentionalanalytischen Ausführungen zu
diesen anschaulichen Akttypen erklárte Husserl, dass es ihm dar-
um gehe, „die w u n d e r s a m i n e i n a n d e r g e f l o c h t e n e In-
t e n t i o n a l i t á t aufzuweisen” ,4 „an Haupttypen von Akten,

1 Husserl schrieb irrtumlich ,,1884/85”.


2 Brief vom 27.3.1905; Kopie im Husserl-Archiv Leuven.
3 H usserliana VIII, hrsg. von R. Boehm, S. 112f.
4 A.a.O.,S. 128, Hervorhebung vom Unterzeichneten.

%
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LI

die sich ais vergegenwártigende gaben — wie die wiedererin-


nernden, die erwartenden, die abbildenden, die Akte der reproduk-
tive n Phantasie —, durch phánomenologische Analyse zu zeigen,
dass ihre intentionale Beziehung nicht eine schlichte ist, wie sie
im ersten Moment erscheint und wie sie sich auszudrücken pflegt.
Scheinbar ist in der E r i n n e r u n g eine erinnerte Vergangenheit,
in der E r w a r t u n g eine erwartete Zukunft, in der Abbildung
ein abgebildetes Objekt, in der P h a n t a s i e ein Fiktum ebenso
schlicht vergegenwártigt, wie in einer Wahmehmung ein Wahr-
genommenes. So ist es aber in Wahrheit nicht”.1
Husserls Erorterung der anschaulichen Vergegenwártigungen
in diesen spaten Vorlesungen hat in unserem Zusammenhang un-
mittelbar ein doppeltes Interesse. Zum einen mutet sie wie eine
Selbstkritik an, die semen eigenen Weg in der Bestimmung des
Wesens anschaulichen Vergegenwártigens spiegelt. In der Tat do-
kumentieren die Texte, die in vorliegendem Bande zur Veroffent-
lichung gelangen, eindringlich Husserls Weg von der Lehre der
Phantasie bzw. Erinnerung ais einer Form von Bildbewusstsein
über die Kritik dieser am gewohnlichen Sprachgebrauch sich
orientierenden , .Bildertheorie” und den Ansatz der schlichten
Vergegenwartigung zur Theorie der intentional komplexen Re-
produktion von Akten, die in Verbindung mit den Setzungsmo-
dalitaten (Aktualitat, belief — Inaktualitát, Neutralitát) zu
studieren ist. Zum anderen zeigt der Zusammenhang in den Vor­
lesungen von 1923/24 an, dass das Studium der anschaulichen
Vergegenwártigungen von grosster Bedeutung für die Theorie der
transzendentalen Subjektivitát wurde, wie Husserl sie in den Frei-
burger Jahren systematischer und zugleich konkreter auszuar-
beiten begann. Der zweite Teil dieser Vorlesungen galt d e r,,Theo­
rie der phánomenologischen Reduktion”. Im Anschluss an deii
„ersten, den cartesianischen Weg zum transzendentalen ego”
wandte Husserl sich — „damit das ego cogito nicht ein leeres
Wort für uns bleibe” — daran, „die transzendentale Subjek­
tivitát nach den einzelnen Gestaltungen und Gestalttypen ihres
transzendentalen Lebens kennenzulernen” , „damit zugleich
einen neuen Weg zum ego cogito . . . schrittweise” aufbauend.2

1 A.a.O., S. 130.
2 A.a.O., S. 126.
LII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

An den Akten anschaulicher Vergegenwártigung, einzelsübjek-


tiver und intersubjektiver, stellt er das Phánomen der i n t e n -
t i o n a l e n I m p l i k a t i o n e n heraus, das sich für die Er-
schliessung der reinen transzendentalen Subjektivitát ais fun­
damental erweist: námlich, dass in der Intentionalitát des aktuel-
len Erlebnisvollzuges eigene und dann auch fremde Erlebnisse
impliziert sind, und dies evtl. in aufeinandergestuften Wieder-
holungen ais I t e r a t i o n e n . 1 Was sich in den Góttinger Texten
wie ein Spezialproblem phánomenologischer Aktanalyse aus-
nimmt, auf dessen Lósung Husserl jahrelang immer wieder seine
Bemühungen wandte, lasst ihn schliesslich unvermutete Tiefen-
dimensionen und Zusammenhange des intentionalen Bewusst-
seinslebens erschauen. So sagt er in den Vorlesungen von 1923/24
pragnant: „Beachten wir doch, wie t r a n s z e n d e n t a l e S u b ­
j e k t i v i t á t überhaupt in S t u f e n d e r r e l a t i v e n U n m i t -
t e l b a r k e i t u n d M i t t e l b a r k e i t g e g e b e n ist und nur ist,
indem sie in solchen Stufen, S t u f e n e i n e r i n t e n t i o n a l e n
I m p l i k a t i o n gegeben ist”.2
Werfen wir im Folgenden etwas Licht auf die Bewegung von
Husserls Denken in der phánomenologischen Analyse der an-
schaulichen Vergegenwártigungen, wie sie sich in den hier vorge-
legten Texten widerspiegelt !3«Es kánn sich an dieser Stelle jedoch
bloss um eine o r i e n t i e r e n d e Ü b e r s i c h t für den Gebrauch
dieses Bandes handeln. Angesichts der soeben angesprochenen
radikalen Ánderungen von Husserls Stellungnahmen in der Be-
stimmung des Wesens anschaulichen Vergegenwártigens, die in
den hier veróffentlichten Texten ihren Niederschlag fanden,
scheint es nützlich, eingangs an folgende briefliche Áusserung
Husserls an Franz Brentano vom Oktober 1904 zu erinnem: „Ich
bin im voraus sicher, dass ein grosser Teil dessen, was ich ge-
schrieben, irrig ist; aber ebenso sicher, dass es Irrtümer waren,
die einmal versucht, gewagt werden mussten. Sichere Wahrheit

1 A.a.O., vor allem 44. Vorlesung und folgende.


8 A.a.O., S. 175.
3 Manche Aspekte der phánomenologischen Aufklárung der anschaulichen Verge­
genwártigungen kommen an verschiedenen Stellen anderer Werke zur Geltung.
Vgl. vor allem die V. und VI. der L ogischen U ntersuchungen; H usserliana X,
Texte aus den neunziger Jahren bis 1917; H usserliana III, bes. §§ 43, 99—117,
136ff.; H usserliana XIII, Nr. 6 und vor allem Nr. 10 (1914 oder 1915); E rfahrung
und Urteil, bes. §§ 38-41 (1917/18); H usserliana XI, Anfang zwanziger Jahre;
H usserliana XV, Beilagen XXXII, XLI und L (dreissiger Jahre).
EXNLEITUNG DES HERAUSGEBERS LUX

werden wir in den Fundamenten nicht gewinnen, ohne alie Mog-


lichkeiten emst durchdacht zu haben. Ganz ernst denkt eine
Moglichkeit aber nur derjenige durch, der an sie glaubt” .1 Mit
diesem für Husserls Denkstil typischen Erproben von Móglich-
keiten hángen auch die háufigen Schwankungen in seiner Ter-
minologie zusammen.

*
1 ¡ <

Das Problem der U n e i g e n t l i c h k e i t von Vorstellungen


wurde Husserl zweifellos, wie oben angezeigt, durch Brentanos
Vorlesungen zum Bewusstsein gebracht. Dessen náhere Bestim-
mung der Uneigentlichkeit der Phantasievorstellungen, die sich
an der psychologischen Tatsache der Mischung von Anschauung
und Begriff orientiert, hat Husserl sich jedoch nicht zu eigen
gemacht.
In seinen Vorlesungen vom Wintersemester 1904/05 hált
Husserl Brentano ganz allgemein vor, dass es nach ihm , ,im Akt-
charakter des Vorstellens selbst gar keine Differenzierungen”
gebe, dass Vorstellen sich ,,nur nach den Inhalten” differenziere.
„Was ist es dann aber”, fragt er Brentano, ,,mit den Unterschie-
den zwischen Wahrnehmungsvorstellung, Phantasievorstellung,
symbolischer Vorstellung, zwischen anschaulicher und unan-
schaulicher, kategorialer und sinnlicher usw. ? Wie solí sich das
auf Unterschiede:des blossen Inhalts reduzieren?”2 Husserl ist
hier der Meinung, die Losung des traditionellen Problems der Un-
terscheidung zwischen Wahrnehmungsvorstellung und Phanta­
sievorstellung sei bis anhin deshalb nicht gelungen, weil es ,,am
B e g r i f f d e r ó b j e k t i v i e r e n d e n A u f f a s s u n g und an den
zugehorigen Unterscheidungen zwischen Auffassungsinhalten,
Auffassungssinn, Auffassungsform fehlte” (S. 7, vgl. S. 10). An
spáterer Stelle der Vorlesungen schildert er Brentanos Bestim-
mung des Verháltnisses von Wahrnehmung und Phantasie sowie

1 Brief an F. Brentano vom 11. und 15. Oktober 1904, Kopie im Husserl-Archiv in
Leuven.
2 S.u. Nr. 1, § 4, S. 9. — Um eine Anháufung von Anmerkungen im Folgenden zu
vermeiden, wird bei Stellennachweisen mit Bezug auf vorliegenden Band einfach
die Seitenzahl zwischen Klammern oben im Text angegeben. Hervorhebungen
vom Unterzeichneten werden dabei nicht eigens ais solche vermerkt.
LIV EINLEXTUNG DES HERAUSGEBERS

des phanomenologischen Unterschiedes zwischen Empfindungen


und Phantasmen ais deren Inhalten. Brentano habe ,,wesent-
liche Unterschiede zwischen Empfindungen und Phantasmen ab-
gelehnt. . , . Alie hier vorkommenden Unterschiede sind vielmehr
s t e t i g v e r m i t t e l t e . Der Hauptsache nach sind es Intensi-
tátsunterschiede” (S. 92f.). Und was den Unterschied der Auffas-
sungen anbelangt, „so liegt er nach Brentano darin, dass die
Wahrnehmungen eigentliche Vorstellungen sind, die Phantasie-
vorstellungen aber u n e i g e n t l i c h e , und das heisst bei ihm
indirekte, durch Beziehungen, durch Begriffe ver­
m i t t e l t e V o r s t e l l u n g e n . Eine tieferdringende Phánomeno-
logie der beiderseitigen Auffassungen hat Brentano aber nicht
durchgeführt, obschon in dem blossen Gedanken, dass die Apper-
zeptionsweise beiderseits eine verschiedene ist, ein wichtiger
Fortschritt liegt. (Merkwürdigerweise leugnet er dabei jeden Un­
terschied in der Weise des Vorstellens.)” (S. 93).
H usserlfasstPhantasievorstellungenalssinnlich a n s c h a u -
l i c h e , d.i. ais individuelle Gegenstánde zur E r s c h e i n u n g
bringende Akte. B e g r i f f l i c h oderkategorial sichvollziehendes
Phantasieren bzw. uneigentliches Vorstellen ais blosses „Sich-
denken”, „blosses propositionales Vorstellen” von Sachverhalten
behandelt er ausführlich in explizit urteilstheoretischen Zusam-
menhángen.1
Die ,,Uneigentlichkeit” der anschaulichen Phantasievorstel­
lungen wie auch der Erinnerungs- bzw. Erwartungsvorstellungen,
kurz der anschaulichen Vergegenwártigungen, gegenüber der Ei-
gentüchkeit der Wahrnehmnngsvorstellungen versuchte Husserl
zunachst durch den spezifischen Aktcharakter der B i l d l i c h -
k e i t zu umgrenzen (vgl. Beilage I, 1898). Diese Auffassung blieb
jahrelang in Kraft. Sie kam auch deutlich im Zweiten Band der
Logischen Untersuchungen (1901) zum Ausdruck. Erinnert sei hier
bloss an die Anmerkung im wichtigen § 14 der V. Untersuchung,

1 Bisweilen greift Husserl in hier veroffentlíchten Texten im Gang der Reflexión


in dieses eigentlich urteilstheoretische Gebiet hinuber, was angesichts seiner Ge-
samtkonzeption vom Fundierungszusammenhang der Urteilstheorie und der sinn-
lichen anschaulichen Akte (s.o. den Abschnitt ,,Textgeschichtliches”, S. XXXIII
ff.) nicht weiter uberraschend sein kann (vgl. besonders Haupttext Nr. 15 und zu-
gehorige Beilagen). In der Regel widmet er den Problemen der Sachverhalts-
vorstellung, der „gedankenhaften Modifikatíon” aber eigene Untersuchungen,
die nicht in diesen Band aufgenommen wurden.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LV

wo Husserl schreibt:„Der vielverhandelte Streit über das Ver-


haltnis zwischen Wahrnehmungs- und Phantasievorstellung
konnte bei dem Mangel einer'gehórig vorbereiteten phánome-
nologischen Unterlage und dem daraus folgenden Mangel an kla-
ren Begriffen und Fragestellungen zu keinem rechten Ergebnis
führen. Dass d i e A k t c h a r a k t e r e beiderseits verschieden sind,
dass mit der B i l d l i c h k e i t eine wesentlich neue Weise der
Intention Erlebnis wird, glaube ich zweifellos nachweisen zu kón-
nen. .. . ”1 Und noch in den Vorlesungen über „Phantasie und
Bildbewusstsein” von 1904/05 geht Husserl von der bereits in den
neunziger Jahren zur Geltung gebrachten Auffassung aus. In
einer Randbemerkung an früher Stelle im Vorlesungsmanuskript
notiert er: „Wir wollen versuchen, den Gesichtspunkt der
Imagination und die Ansicht, dass P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g
sich a is B i l d l i c h k e i t s v o r s t e l l u n g interpretieren lasse, so
weit durchzuführen ais móglich. Obschon es an Bedenken nicht
fehlt”, spater hinzufügend: „die nachtraglich sich ais berechtigt
erweisen” (S. 16).
Der strittige Punkt dieser frühen Lehre, den Husserl selbst in
den Vorlesungen 1904/05 kritisch zu untersuchen und ais Voraus-
setzung des Ansatzes der Bildlichkeitsauffassung im Falle der
Phantasie und Erinnerung herauszustellen unternimmt, beruht
auf der Annahme einer d o p p e l t e n G e g e n s t a n d l i c h k e i t
aufgrund zweier sich durchdringender Auffassungen bei der
Phantasie- und Erinnerungsvorstellung, wie sie bei der Bildlich­
keitsvorstellung im gewóhnlichen Sinn der Auffassung von Ge-
malden, Photographien, Statuen etc. vorliegt.2 Die Wahr-
nehmungsvorstellungen stellen „ihren Gegenstand ais ihnen
s e l b s t g e g e n w a r t i g e n ” (S. 109) „direkt” (S. 112) vor, so
dass wir hier p e i n e n aufgefassten Gegenstand” haben (S. 112).
Die Phantasievorstellungen hingegen vergegenwártigen sich ihn
,,indirekt” (S. 112), „im Phantasiebilde, wie die gewóhnlichen
Bildvorstellungen es im physischen Bilde tun” (S. 109), so dass
wir hier „zwei aufgefasste Gegenstande” haben, „das Phantasie-
bild und das hierdurch vorstellig gemachte Bildsujet: gemeint,

1 A.a.O., S. 364, 1. Auflage von 1901.


2 S.u. Beilage I, S. 11 lff.; Nr. 1, §§ 12ff. bis 7. Kapitel, S. 71ff. prinzipiell noch wie
1898.
LVI EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

im eigentlichen Sinn vorgestellt, ist aber nur das letztere”


(S. 112).
Nach dieser Lehre stellt die Phantasievorstellung „ihren Ge-
genstand so vor, dass sie zunáchst einen anderen, ihm áhnlichen
Gegenstand zur Erscheinung bringt, d u r c h den sie ihn bildlich
auffasst und meint” (S. 112). Díe Phantasievorstellung wird
somit ais ein „Vergegenwártigen im Bilde”, ein „bildliches Vor-
stellen” verstanden, bei dem geradeso wie bei den gewohnlichen
Bildvorstellungen zwischen B i l d und S a c h e ais zwei Gegen-
stánden zu unterscheiden ist. Husserl setzt eine i n n e r e G l e i c h -
a r t i g k e i t de s A k t c h a r a k t e r s dieser beiden Vorstellungs-
arten an: Sie sind bildliche Reprasentationen (S. 114, S. 123f.).
Ais einen starken á u s s e r e n Unterschied der „unverkennbar
verschiedenartigen und nie zu verwechselnden Erlebnisse”
(S. 120) hebt er vor allem den folgenden Sachverhalt hervor:
„Das P h a n t asiebild ist ausser allem Zusammenhang mit der
.Wirklichkeit’, das ist mit dem Blickfeld móglicher Wahr-
nehmung. Hingegen ist das physisch dargestellte Bild in den
Wirklichkeitszusammenhang in gewisser Weise einbezogen, ob-
schon es darin nicht selbst ais Wirkliches gilt. Femer: Bei der
physisch-bildlichen Vorstellung fungiert ein zum Bhckfeld der
Wahrnehmung gehóriger, wirklicher Gegenstand, námlich das
physische Bild, ais E r r e g e r der bildlichen Auffassung, seine
Wahrnehmung ist der Ausgangs- und Durchgangspunkt für die
Entwicklung der bildlichen Vorstellung. Bei der Phantasievor­
stellung fehlt diese eigenartige Anknüpfung an eine bestimmte
Erscheinung im Blickfelde der Wahrnehmung, sie hat keinen
Erreger” (S. 123; vgl. S. 54ff.). Und ais móglichen i n n e r e n
Unterschied der beiden Arten bildlicher Reprásentation bringt er
,,die prásentierenden sinnlichen Inhajte”, Empfindungen bei den
gewohnlichen Bildvorstellungen, Phéntasmen bei den Phantasie-
vorstellungen, in Anschlag (S. 124)./
In der Abhandlung Vott I 898-Schreibt Husserl bezüglich Bild
und Sache bei den Phantasievorstellungen:,,Es ist sehr wichtig,
sich klar vor Augen zu halten, dass hier eine doppelte Gegen-
stándlichkeit für die P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g s e l b s t , ai s
E r l e b n i s w i e e s i s t , in Betracht kommt und dass es sich nicht
etwa um einen begrifflichen Unterschied handelt, der erst nach-
tráglich in der Reflexión über das Verháltnis dieses Erlebnisses
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LVII

zur Wirklichkeit erwáchst. Es ist nicht ein Unterschied der Art,


wie wir ihn bei der Wahrnehmung zwischen dem erscheinenden
Ding . . . und dem Ding an sich machen, wo ja in der Erscheinung
nicht zwei Dinge, . . . sondem nur das eine” erscheint (S. 112).
Im Hauptstück übér „Phantasie und Bildbewusstsein” der Vor-
lesungen von 1904/05 kommt Husserl hingegen schliesslich zu
folgender Einsicht: „Wenn unsere Phantasie sich spielend mit
Engeln und Teufeln, mit Zwergen und Nixen beschaftigt oder
wenn unsere Erinnerung un's in die Vergangenheit hineinversetzt,
die in anschaulichen Gestaltungen vor unserem Geist vorüber-
zieht, so gelten die erscheinenden Gegenstandlichkeiten n i c h t
ai s B i l d o b j e kt e , ais bloss’e Reprásentanten, Análoga, Bilder
für andere: . . . Das Wort, Imagination’, die Rede von Phantasie-
bildern u.dgl. darf uns hier so wenig táuschen wie bei der Wahr­
nehmung die Rede von ,Wahmehmungs-Bildern’. Diese Reden
stammen aus der Reflexión, die die Erscheinungen der Phantasie
gegenübersetzt den moglichen Wahmehmungen derselben Gegen-
stándlichkeit, und wieder die Wahmehmungen den nicht wahr-
nehmungsmássig zu gebenden .Dingen an sich’ ” (S. 85; vgl.
S. 150).
Der Weg, auf dém Husserl von der Auffassung der Phantasie
bzw. Erinnerung ais Bildlichkeitsvorstellung zur Herausstellung
ihrer scharfen Unterschiedenheit gelangte, wurde im Gang des
Vorlesungsstückes selbst abgeschritten. Die entscheidende Wen-
de ergab sich aus der vertieften Analyse des Verhaltnisses von
Koexistenz und Widerstreit zwischen dem Gegenwart konstitu-
ierenden Blickfeld der Wahrnehmung und dem Blickfeld der
Phantasie, bei dem sich, im Unterschied von der gewdhnlichen
Bildvorstellung, kein Bildobjekt konstituiert, ,,das im Zusam-
menhang des Blickfeldes der Wahrnehmung erschiene” (S. 72)'.
Husserl stellt heraus, wie die entsprechenden Raumfelder der
Wahrnehmung und Phantasie ,,sich gar nicht zusammenschauen
lassen”, vielmehr ,,abwechseln” und so ,,die Moglichkeit der Ein-
heit einer Erscheinung ausschliessen” (S. 75ff.). Er spricht der
Wahrnehmung einen ,,ursprünglichen Vorzug” zu und versucht,
,,in den sinnlichen Inhalten” der beiderseitigen Vorstellungen
einen , ,ursprünglichen phánomenologischen Unterschied” anzu-
setzen (S. 81; vgl. S. 77). ,,Zu den Empfindungen gehort wesent-
lich die Wahrnehmungsauffassung. In erster Linie werden sie ais
L V in EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

selbstgegenwártig gefasst . . . Zu den P h a n t a s m e n aber ge-


horen imaginative Auffassungen. Diese imaginativen Auffassun-
gen sind nicht fundiert in direkten Auffassungen perzeptiver Art,
welche den sinnlichen Inhalt erst einmal ais Gegenwartiges an-
setzen und dann ais Bñd eines anderen nehmen, sondem ver-
móge ihrer mehr oder minder entfemten Áhnlichkeit fundieren
sie u n m i t t e l b a r e i n i m m a n e n t e s V e r g e g e n w a r t i -
g u n g s b e w u s s t s e i n , ein modifiziertes Bewusstsein. . . ” (S. 78
et passim). Husserl gelangt so zu folgender Kennzeichnung des
Unterschiedes der Phantasieauffassung gegenüber der ge-
wóhnlichen Bildvorstellung: „Bei . . . der gemeinen Bildauf-
fassung dient ein in der Weise der Wahmehmung Erscheinendes,
also ein phánomenal Gegenwartiges . . . ais Reprásentant eines
anderen. . . . Bei der Phantasie haben wir kein ,Gegenwartiges’
und in diesem Sinn kein Bildobjekt. . . . Die Beziehung auf die
Gegenwart fehlt in der Erscheinung selbst ganz und gar” (S. 79).
„Die Phantasieerscheinung . . . bezieht sich ebenso e i n f á l t i g
auf den Gegenstand wie die Wahmehmung” (S. 85). Es gilt, dass
sich bei den Phantasien „auf Grund der Phantasmen und der sie
objektivierenden Auffassung ein r e i n e s Vergegenwártigungs-
bewusstsein vollzieht. . . . das Erscheinende ist unmittelbar das
Nichtgegenwartige . . . a n s i c h s e l b s t enthalt die Phantasie-
vorstellung k e i n e m e h r f á l t i g e I n t e n t i o n , Vergegen-
wártigung ist ein letzter Modus intuitiver Vorstellung, genauso
wie Wahmehmungsvorstellung, wie Gegenwártigung” (S. 85f.).
Im Falle der „Imagination im eigentlichen Sinn”, der „Vor-
stellung mittels eines B i l d e s ” hingegen „durchdringen sich
mehrfach Auffassungen” . Es wird ,,in ein ais gegenwártig er­
scheinendes Bildobjekt, . . . das sich ais G l i e d d e r B l i c k f e l d -
g e g e n s t á n d l i c h k e h t gebárdet/ das Sujet hineingeschaut,
oder áusserlich durch ein solches das Sujet abgebildet, oder . . .
nach entfernter ÁhnlicKkétt-^mbolisiert ”.1 „Dieselben sinn­
lichen Inhalte, dieselben Empfindungen werden zugleich aufge-
fasst ais das Bildobjekt und zugleich dienen sie ganz wie Phantas­
men ais Tráger oder wenigstens einem Kern nach ais Trager eines
Phantasiebewusstseins” (S. 86).

1 S. 82f. et passim . Zum Verháltnis von eigentlicher Bildlichkeit zu symbolisieren-


der Darstellung vgl. auch Kapitel 3 und Beilagen Vund IX.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LIX

Husserl kann nun eine innere Verwandtschaft und. dennoch


scharfe Unterschiedenheit von Phantasie und Bildbewusstsein
wie folgt auf den Begriff bringen: „Bildbewusstsein ist P h a n -
t a s i e bewusstsein, d.h. unterscheidet sich von einem ent-
sprechenden Phantasiebewusstsein in sich betrachtet gar nicht”.
— Das meint j etzt, e s i s t V e r g e g e n w á r t i g u n g sbewusstsein in
dem prázisierten Sinn. — ,,Aber e s d u r c h d r i n g t sich hier mit ei­
nem prasentativen Bewusstsein” (S. 86), es ist somitnicht reines,
schlichtes Vergegenwártigungsbewusstsein. Das ins Bild hinein-
geschaute, in ihm erscheinende Nichtgegenwártige ist vielmehr
„ein p e r z e p t i v Erscheinendes” (vgl. S. 79). Husserls genauere
Beschreibung des perzeptiv fundierten Bildbewusstseins— nicht
nur in den frühen TeXten von 1898 und 1904/05, sondem in alien
über den Band verteilten einschlagigen Texten — stellt die
Á h n l i c h k e i t zwischen dem erscheinenden Bildobjekt und dem
abgebildeten Bildsujet sowie verschiedenartige W i d e r s t r e i t e
(zwischen dem physischen Bildding und dem Bildobjekt, dem
Bildobjekt und Bildsujet sowie mit Bezug auf die Wahmeh-
mungs- oder quasi-W ahmehmungsumgebung, spater auch inner-
halb des Bildobjekts selbst) ais F u n d a m e n t e d e r B i l d l i c h -
keitheraus.
Mit Bezug auf das Ausgangsproblem der Bestimmung der
. . U n e i g e n t l i c h k e i t ” der anschaulichen Vergegenwartigun-
gen hált Husserl jetzt in den Vorlesungen von 1904/05 fest, es sei
,,doch wohl am angemessensten, von .Bildlichkeit’, ,bildlicher
Auffassung’ nur da zu sprechen, wo wirklich ein Bild erscheint,
das erst seinerseits für ein Abgebildetes ais reprásentierendes
Objekt fungiert”. Bei der schlichten Phantasie bedürfe es „an-
derer Terminologie”. „Entweder wir gebrauchen das Wort
. P h a n t a s i e ’ selbst, oder wir gebrauchen das W ort ,V e r g e g e n-
w á r t i g u n g ’. Der Wahmehmung steht also gegenüber die
Phantasie, oder der Gegenwartigung, der Prasentation, die Ver-
gegenwártigung, die Reprasentation”. Anschauliches Vergegen-
wártigen wird nicht mehr überhaupt ais „uneigentliches” Vor-
stellen eingestuft, vielmehr betrachtet Husserl jetzt Phantasie,
Erinnerung und analog Erwartung ais e i g e n t l i c h e s Vorstel-
len, ohne das stets ausdrücklich zu sagen. „Wo irgendeine Ver-
wechslung mit der bildlichen und der signitiven Vorstellung
moglich ist, muss man genau sagen: e i g e n t l i c h e V e r g e g e n -
\
LX EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

w á r t i g u n g , s c h l i c h t e , im Gegensatz zur bildlichen, sym-


bolischen, signitiven, uneigentlichen” (S. 87; vgl. S. 89).1
Der Fortschritt in der Bestimmung des Verháltnisses zwischen
Wahrnehmung und Phantasie (Gegenwártigung und Vergegen-
wártigung) sowie des Wesens anschaulicher Vergegenwártigungen
überhaupt, den Husserl im dritten Hauptstück der Vorlesungen
von 1904/05 erzielte, fand im vierten, der ,,Analyse des Zeitbe-
wusstseins” gewidmeten Hauptstück eine vertiefende Fortfüh-
rung.2 Zugleich ergaben sich Husserl bei dieser Analyse grosste
Schwierigkeiten bezüglich des ,,Inhalts-Auffassungs-Schemas”
(Empfindungen-Phantasmen und ihnen entsprechende Auffas-
sungen), das für seine bisherige Bestimmung des Verháltnisses
zwischen Gegenwártigung und Vergegenwártigung leitend war.3
Kritische Bemerkungen zu mehreren hier veroffentlichten Tex-
ten aus der Zeit um 1905/06 deuten darauf hin, dass Husserl An-
stoss zu nehmen begann an seiner bis anhin vertretenen Lehre von
den P h a n t a s m e n ais „Inhalten, die ais g e g e n w á r t i g er-
scheinen”, aber „die Apperzeption zu einem Nicht-Selbstda”
erfahren sollen.4 Der Rückgang auf das ursprüngliche Zeitbe-
wusstsein lehrte ihn zu verstehen, dass die ,,Empfindungen” und
„Phantasmen”, die „hyletischen Daten”, wie er in den Ideen
(1913) sagen wird, nicht einfach sozusagen fertige Gegenstánde,
„eine A rt Sáchelchen”5 sind, aus denen sich das Bewusstseins-
leben aufbaut. Vielmehr sind die sogenannten Auffassungs-
i n h a l t e selbst schon eine b e w u s s t s e i n s m á s s i g e Gegeben-
heit, „Empfindung ist gar nichts anderes a l s u r s p r ü n g l i c h e s
i m m a n e n t e s Z e i t b e w u s s t s e i n ” (S. 251; 1909).6 Husserl
arbeitete in den „Zeitvorlesungen” von 1905 den Unterschied

1 Vgl. Husserls Anmerkung ia t/§ 43 der I d e e n I von 1913 {S. 79/ Jahrbuch-Paginie-
rung) bezüglich seines in/den Gottinger Vorlesungen erzielten Fortschrittes hin-
sichtlich des „Verhaltniss§s_z\nschen den schlichten und fundierten Anschau-
ungen” ; die Zeitangabe ,,seit~dem--'St5mmerseinester 1904” ware vermutlich in
Wintersemester 1904/05 zu verándern!
3 Vgl. Band X dieser Ausgabe, Zur P hánom enologie des inneren Zeitbewusstseins.
3 Vgl. H usserliana X, die Einleitung des Hrsg., R. Boehm.
4 Vgl. vor allem Beilage XIII, S. I66ff.; Beilage XII, S. 163ff.; Nr. 1, § 51, S. 107,
Anm. 1; § 52, S. 107, Anm. 2; Nr. 2c, S. 187, Anm. 1; Beilage XVI, S. 202ff.
5 Ideen, § 112, S. 227 {Jahrbuch-Pa.ginier\ing).
6 Vgl. auch z.B. Nr. 8, S. 266, Anm. 2: ,,...der ,Inhalt* ais ,Bestandstück des Be-
wusstseins’ ist eine E in h e it, die sich erst im Fluss der letzten F lu e n te n kon-
s t it u ie r t ; er ist nicht absolut, sondern Bewusstsein von ihm,und das nennen
wir Empfindung von ihm’ ’; Nr. 12, S. 289.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LXI

zwischen dem originaren impressionalen Zeitbewusstsein (proten-


tional — urimpressional — retentional strukturiert) und den
reproduktiven Modis dieser originaren Form der Impression oder
Gegenwártigung heraus. Dies erlaubte ihm, Brentanos Bestim­
mung des Verháltnisses von Wahmehmung und Phantasie ent-
gegenzuhalten, dass „von einem s t e t i g e n Übergang von Wahr-
nehmung in Phantasie, von Impression in Reproduktion keine
Rede” sei. Wáhrend das impressionale Zeitbewusstsein in seiner
zeitlichen Strukturierung eine kontinuierliche, stetige Einheit im
stetigen Übergang bilde, sei der Unterschied zwischen Impression
und Reproduktioií ein „ d i s k r et e r ”.1
Die Analyse insbesondere des Phánomens der „ursprünglichen
zeitlichen Zurückschiebung” scheint Husserl auf die Schwáchen
seiner ,,Reprásentationstheorie, die mit erlebten ,Inhalten’ (z.B.
sinnlichen Inhalten) operierte und sie je nachdem ais so oder so
aufgefasst ansah”, aufmerksam gemacht zu haben.2 In einer un­
ten ais Haupttext Nr. 8 wiedergegebenen Aufzeichnug, die auf
1909 anzusetzen ist, erreicht Husserl folgende Revisión seines In- ■
halts-Auffassungs-Schemas. Er fragt:„W as ist die Quelle der im-
mer aufs neue wiederholten |und immer wieder misslingenden
Versuche zu einer Aufklárung des Verháltnisses von W a h r n e h -
m u n g u n d P h a n t a s i e o d e r vielmehr die Quelle des Mi ss 1 in-
ge ns dieser Versuche?” Und die Antwort lautet: ,,Ich denke
dies! Ich habe nicht gesehen (und man hat überhaupt nicht
gesehen), dass z.B. bei* der Phantasie einer Farbe nicht etwas Ge-
genwártiges, nicht ein Erlebnis Farbe gegeben ist, das dann für
die wirkliche Farbe reprásentiert. Wonach Empfindungsfarbe
und Phantasmafarbe in sich ein und dasselbe wáre, nur mit ver-
schiedener Funktion behaftet. Ich hatte das Schema Auffassungs-
inhalt und Auffassung, und gewiss hat das einen guten Sinn.
Aber nicht haben wir, zunáchst im Fall der Wahmehmung, in ihr
ais dem konkreten Erlebnis, eine Farbe ais Auffassungsinhalt und
dann den Charakter der Auffassung, der die Erscheinung macht.
Und ebenso haben wir im Fall der Phantasie nicht wieder eine
Farbe ais Auffassungsinhalt und dann eine geánderte Auffassung,

1 H usserhana X, § 19, S. 47.


2 Vgl. H usserliana X, Nr. 48,' vom Hrsg. auf zwischen 1907 und 1908 datiert,
S. 318f.; vgl. auch die Einleitung R. Boehms, S. XXXIXf.
LXII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

diejenige, die die Phantasieefscheinung macht. V i e l m e h r :


,Bewusstsein’ bestehtdu rc h u n d d u rch a u sB ew u sst-
sei n, u n d s c h o n E m p f i n d t t n g so w i e P h a n t a s m a i s t
,B e w u s s t s e i n’. Und da haben wir zunáchst Wahrnehmung ais
i m p r e s s i o n a l e s (origináres) Gegenwartsbewusstsein, Selbst-
da-Bewusstsein u.dgl. und Phantasie (in dem Sinn, in dem Wahr­
nehmung der Gegensatz ist!) ais das r e p r o d u k t i v mo d i f i -
z i e r t e G e g e n w a r t s b e w u s s t s e i n , Bewusstsein des gleich-
sam Selbstda, des gleichsam Gegenwártig, der Gegenwarts-
phantasie” (S. 265f.; vgl. Nr. 9).
Von dieser Einsicht geleitet konnte Husserl dann auch in sei-
nem Handexemplar der Logischen Untersuchungen zu der oben
herangezogenen Anmerkung auf S. 364 im § 14 der V. Untersu-
chung, wo vom ,,vielverhandelten Streit über das Verhaltnis zwi-
schen Wahmehmungs- und Phantasievorstellung” die Rede ist
(oben S. LIVf.), eingrossesFragezeichensetzenundauf demeinge-
schossenen Blatt zu den Ausführungen auf S. 364 schreiben:,,Da-
bei ist aber sogleich zu bemerken, < dass> nicht jeder Akt in
diesem Sinn Apperzeption eines immanenten . . . .Inhalts’ ist,
vielmehr gilt dieses Schema prásentierender Inhalt und beseelen-
de Auffassungnurfürgewisse Akte. S c h o n b e i d e r P h a n t a s i e
v e r s a g t es, sofem wir ( u n d s o b e i j e d e r V e r g e g e n w a r t i -
gung) hier eínen Phantasiereprásentanten und eine Phantasie-
auffassung zwar unterscheiden müssen, aber beides n i c h t r e e l l
erlebte, sondem v e r g e g e n w á r t i g t e Bewusstseinsinhalte
sind. Das reell Erlebte ist das P h a n t a s i e e r s c h e i n e n , das
selbst v ól lig leer ist von sinnlichen P r á s e n t a n t e n
u n d v o n A u f f a s s u n g e n j d i e s e r P r a s e n t a n t e n . Erst
recht gilt das von den leeren Intentionen unanschaulicher Art, in
denen weder etwas j.wirklich’) noch etwas ,quasi\ gleichsam,
phantasiemássig erspieint.” /
Die Revisión des empinstisch-sensualistischen Inhalts-Auffas-
sungs-Schemas zugunsten der Einsicht in den Sachverhalt, dass
B e w u s s t s e i n d u r c h u n d d u r c h aus B e w u s s t s e i n be-
steht, die sich in den Texten ab Sommer/Herbst 1909 klar durch-
zusetzen beginnt,1 darf füglich ais für Husserls phanomenologi-

1 Vgl. auch die zeitlich entsprecbenden Texte in H usserliana X. Ferner z.B. Id een I.
§ 112.—Husserls Arbeitsphase wáhrend seines Aufenthaltes im Engadin (Schweiz)
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LXIII

sche Bewusstseinstheorie fundamental angesprochen werden.*1


In einem wohl 1918 entstandenen Text spricht Husserl sehr
klar aus, was er sich ein Jahrzehnt zuvor allmáhlich erarbeitet
hatte:,,Im engsten Sinn Auffassen aber ist ein ursprünglich ge-
bendes Bewusstsein, ein wahmehmendes . . . Offenbar ist k e i n
in s i c h s e l b s t (seinem eigenen intentionalen Wesen nach)
m o d i f i z i e r e n d e s B e w u s s t s e i n hinsichtlich seines Modifi-
kates e in a u f f a s s e n d e s . . . Es war falsch, die Phantasie ais
ein eigentümliches Auffassen anzusehen, dessen Auffassungsin-
halte die .Phantasmen’ seien. Phantasie ist eine Modifikation der
entsprechenden Wahmehmung, die Phantasieinhalte sind Modi-
fikate entsprechender Empfindungsdaten, sie sind nicht selbst
Empfindungsdaten, mlr anders aufgefasst. Ebenso ist eine
Retention, eine Wiedererinnerung, Vorerinnerung kein Auffassen,
sondern bestenfalls Modifikation eines Auffassens. Wie ein
phantasiertes Haus, ein gewesenes, künftiges Haus kein Haus ist
(namlich keine gegenwartige Wirklichkeit), so ist ein Phantasie-
ren, ein Erinnem, Erwarten kein Auffassen, aber eine Modifi­
kation davon. Diese h ó c h s t m e r k w ü r d i g e I n t e n t i o n a l i -
t á t d e r , M o d i f i k a t i o n e n ’ ist.schon in den Ideen hervorge-
treten (sie wurde schon eine Reihe von Jahren früher in Vor-
lesungen ausführlich zur Klárung verschiedener Grundarten der
Modifikation wie aller Arten der ,Vergegenwártigung’ heran-
gezogen)”.2
Ein beredtes Zeugnis für die im Fluss begriffene phanomeno-
logische Aufklárüng der ,,hochst merkwürdigen Intentionalitat
der .Modifikationen’ ” legen die hier vorgelegten Texte aus der
Zeit von 1908 bis 1912 ab, die sachlich wohl die gewichtigsten des
vorliegenden Bandes darstellen.3 Die Vielfalt der erorterten Pro-

im August-Anfang September 1909 (vgl. Husserl-Chronik, S. 128) scheint die ent-


scheidende Wende gebracht zu haben.
1 Vgl. auch Ideen I den wichtigen § 86.
a Ms. L I 19, S. 9b, Hervorhebung vom Unterzeichneten. Vgl. auch unten Nr. 10,
S. 276f. — Husserl dürfte beim Hinweis auf Vorlesungen die „Grundprobleme
der Phanomenologie” von 1910/11 (vgl. H usserliana XIII, Nr. 6) und evtl. auch
die ,,Einfuhrung in die Phanomenologie der Erkenntnis” vom Sommersemester
1909 (vgl. Ms. F I 17; ein Teil ist in H usserliana X, Nr. 51 veroffentlicht) im
Auge gehabt haben.
3 Zum chronologisch weitgespannten Haupttext Nr. 2 in vorliegendem Band vgl.
die Textkritischen Anmerkungen, S. 645ff. Diese Textstücke illustrieren ein-
drücklich die Aporien der Reprásentationstheorie und den Keim ihrer Überwin-
dung durch die Lehre von der Reproduktion der Akte.
LX IV EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

bleme und oft nur aporetischen Darlegungen kann an dieser Stelle


nicht im einzelnen zur Sprache kommen. Zur allgemeinen Cha-
rakteristik der Texte kann aber wohl folgendes gesagt werden:
Beherrschte in den frühen Texten die Problematik der Bildlich-
keit sowie die Lehre von den sinnlichen Inhalten und ihnen ent-
sprechenden wesensverschiedenen Auffassungen die Analyse der
anschaulichen Vergegenwártigungen, müht Husserl sich jetzt um
die konkrete Ausarbeitung der Lehre von den Modifikationen,
die zum Bewusstsein „in s i c h s e l b s t ”, „seinem eigenen inten-
tionalen Wesen nach” gehóren (s.o.). Er kreist in diesen Texten
um die Frage, ob zur Etablierung des Unterschiedes zwischen
Gegenwártigung und den verschiedenen Weisen der anschauli­
chen Vergegenwartigung mit e i n e r fundamentalen Modifika-
tion auszukommen sei, oder ob z w e i Modifikationen ins Spiel
gebracht werden müssen. Diese Frage hángt zusammen mit der
„Frage, wie es mit dem Zusammenhang zwischen modalen
Charakteren und Apparenzen steht”, d.i. ob Auffassung (Er-
scheinung, Apparenz) und qualitativer Modus relativ zu scheiden
seien oder nicht.1
Unter dem Ansatz, e i n e fundaméntale Modifikation genüge,
erórtert Husserl das Verháltnis von Erinnerung und Phantasie
zueinander. Er diskutiert folgende beiden Móglichkeiten: 1) Der
Wahrnehmung steht gegenüber die schlichte puré Phantasie; Er­
innerung ware ais ein in ,,blosser Phantasie” fundierter Akt zu
fassen, der z.B. das zunáchst phantasierte Ding ais vergangenes,
ais ,,wieder gegeben” vergegénwartigtes in Beziehung zur aktuel-
len Gegenwart setzt.2 2) ,,Eine fundaméntale Modifikation ver-
wandelt die Wahrnehmung in Erinnerung” (S. 245); Phantasie
ware ais der ,,Modus der .aufgehbbenen’ Erinnerung” zu fassen.3
,,Es gábe danach nicht eine urspkmgliche und primitive Modifi­
kation .Phantasie’. Die Erinneruna ware etwas Einfaches und die
Phantasie nicht etwa eih Einfacheres” (S. 247). Symptomatisch
für die tastenden Übenegungen in diesen Texten ist Husserls
schliessliche Feststellung:„Es ist nicht leicht, sich zu entschei-
den” (S. 248)!

1 S.u. Nr. 5, bes. S. 230ff. und Beilagen XXIV-XXVIII.


2 Vgl. die wohl 1909 entstandene Ergánzung in. Nr. 3, S. 215ff. — Nr. 4, vor allem
S. 224ff.; Nr. 6, Erste bis dritte Ansicht, S. 242ff.
8 Vgl. Nr. 6, Vierte Ansicht, S. 245ff.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LXV

Schliesslich kritisiert Husserl das Konstruktive seiner Erwá-


gungen1, und er setzt an:,,Es wird also wohl nichts übrigbleiben,
ais jeder Impression gegenüberzustellen einmal die Wiedererin-
nerung und das zweite Mal die blosse Phantasie, beide unter-
schieden durch den Glaubensmodus” (S. 262). Den wesentlichen
Fortschritt scheint das-Studium der Z u s a m m e n h a n g s i n -
t e n t i o n e n der Erlebnisse nach Koexistenz und Sukzession
gebracht zu haben.2 Husserl kommt Anfang 1910 zu folgender
Feststellung: „Vielmehr scheint es, dass wir sagen müssen: Der
originaren Reihe, der Wahrnehmungsreihe entspricht ais d ie e i­
ne Modifikation 1) die Erinnerungsmodifikation (bzw. noch ana-
log die Erwartungsreihe), wobei alies durch und durch moditiziert
ist. 2) Und wieder die Phantasiemodifikation ais blosse Phan­
tasie” (S. 297). Und in einer nachtraglich eingefügten Randbe-
merkung im selben Text steht: „Ich habe ja z w e i M o d i f i k a ­
t i o n e n für notig befunden und bleibe dabei. Einmal die blosse
Phantasiemodifikation und das andere Mal die Erinnerungs­
modifikation. Sie tínterscheiden sich ais Aktualitát und Inaktua-
litát” (S. 294, Anm. 1).
Was Husserl jetzt im Auge hat, ist kurz gesagt dies: Er nimmt
nicht mehr an, ,,dass wir z u n á c h s t einen Phantasiezusammen-
hang haben und d a z u einmal Gewissheit ais aktuelle Gewissheit,
das andere Mal Einbildung von Gewissheit”. Er schreibt: „Belief
ist . . . n i c h t e i n H i n z u t r e t e n d e s , . . . sondern nichts
weiter ais der modale Charakter der Gewissheit gegenüber den
Charakteren der Anmutung, Vermutung . . . und lasst wie alie
diese Charaktere imaginative (Inaktualitats-) Modifikation zu”
(S. 297 und S. 297, Anm.). Und dies heisst nicht, dass dann in der
Phantasie, im Unterschied zur Wahrnehmungs-, Erinnerungs-,
Erwartungsreihe, „kein Modus” gegeben ware, Phantasie hat
vielmehr , , d e n s e l b e n M o d u s wie die entsprechende Erin­
nerung, nur ist der Modus wie das ganze Phánomen ,blosse
Phantasie’ ”,3 d.i. Inaktualitát, Neutralitát.
Eine konkretere Ausarbeitung des intentional komplexen We-
sens der Vergegenwártigungsmodifikation, ihrer allgemeinen
LXVI EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Struktur intentíonaler Modifikation oder Implikation, gelingt


Husserlin Anfangen schliesslich durch die „Lehre v o m i n n e r e n
B e w u s s t s e i n ”, die zu einem „prágnanten Begriff der Repro-
duktion” führt (Nr. 14). Sie kommt deutlich ab 1911/12 zum
Durchbruch.1 Auf die Frage, „was heisst das, Vergegenwárti-
gungsmodifikation?” (S. 305), lautet die Antwort nun: „Ver-
gegenwartigung ist . . . selbst ein Ereignis des inneren Bewusst-
seins”2, d.i. des Zeitbewusstseins (S. 316). „Was wir Erlebnis
nennen, was wir Akt des Urteils, der Freude, der áusseren
Wahrnehmung nennen, auch Akt des Hinsehens auf einen Akt
. . . , das alies sind Einheiten des Zeitbewusstseins, sind also
Wahrgenommenheiten. Nun, jeder solchen Einheit entspricht
eine Modifikation: genauer, der originaren Zeitkonstitution, dem
Wahrnehmen, entspricht ein Reproduzieren, und dem Wahrge-
nommenenein Vergegenwártigtes. . . . Die áussere Wahrnehmung
ist Wahrnehmung. Und wenn nun die Modifikation der Wahr­
nehmung eine entsprechende Erinnerung ist, so haben wir hier
das Merkwürdige, dass die entsprechende Erinnerung nicht nur
Erinnerung von der Wahrnehmung ist, sondern dass die Modifi­
kation der Wahrnehmung auch Erinnerung an das Wahrgenom-
mene ist” (S. 308). Áusseres Wahrnehmen ist selbst „inneres
Bewusstsein”, und ihm ..entspricht die reproduktive Modifi­
kation, die innere Erinnerung. Jede innere Reproduktion (um
welchen Akt es sich immer handeln mag) ist Reproduktion ,von’
der entsprechenden inneren Wahrnehmung, eben ihre Modifi­
kation. Aber zum Wesen des Verhaltnisses von Reproduktion und
Wahrnehmung gehort, dass wie die Wahrnehmung gegenwártigt,
námlich das in ihr Wahrgenommene, so die Reproduktion ver-
gegenwártigt. Und demnach entspricht dem originaren Akt, dem
.erlebten’, d.i. dem im inneren Bewusstsein wahrgenommenen,
ein vergegenwartigter. Aber ein yergegenwártigter Akt ist im
inneren Bewusstsein nichts Reelles” (S. 309). Husserl kann die
Phanomene der Vergeg^nwartighng eines Gegenstandes und der
Reproduktion des ursprünglích diesen Gegenstand konstituieren-
den impressionalen Bewusstseins nun ais dieselben bestimmen
und ais ,,Wesensgesetz” in einer übersichtlichen .Formel’ zusam-

1 Vgl. auch H usserliana X, Nr. 53 und Nr. 54.


2 H usserliana X, S. 368.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LXVIX

menfassen; es gilt: „R(Wa)= V a”, d.h. die Reproduktion der


W ahrnehm ung z.B. eines Hauses (R(Wa)) und die Vergegen-
w ártigung des Hauses (Va) zeigen dieselben Phánomene. „Zu
studieren bleiben dann aber die genauen Verháltnisse, wenn wir
die verschiedenen Sorten von Reproduktionen bzw. Vergegen-
wartigungen in Rechnung ziehen” (S. 311).
Einen guten Einblick in die vertiefte Analyse der Vergegenwár-
tigungsmodifikation, die vom erreichten Standpunkt der Lehre
von der inneren Reproduktion der Akte ermoglicht wurde, geben
umfangreiche Untersuchungen vom Márz-April 1912, die in den
Haupttexten Nr. 15 und Nr. 16 sowie deren Beilagen abgedruckt
sind.1 Was Husserl jetzt neu zur Geltung bringt, ist vor allem in
Folgendem zu sehen: Er stellt klar die im Wesen der Reproduk­
tion ais R e p r o d u k t i o n v o n I m p r e s s i o n beschlossene
D o p p e l h e i t i m vergegenwártigenden Bewusstsein selbst bzw.
in der gegenstandlichen Beziehung heraus (S. 330f. et ftassim) und
erkennt, dass die Analyse der „Modi der Reproduktion” a u c h
die Phánomene der S t e l l u n g n a h m e n (vgl. S. 329ff.) mit
einzubeziehen hat, die ais solche eine Bedeutung haben, welche
über den Bereich der anschaulichen Vergegenwártigungen
hinaus- und insbesondere in das Gebiet der Urteilstheorie hinein-
führt .2 Husserl untersucht jetzt die Phánomene der modalen
Charakterisierung der inneren Reproduktion (des Erlebens
selbst) und der Charakterisierung aus dem spáteren Zusammen-

1 la einer „planartigen” Notiz von Februar 1912 kommen einige Hauptlinien dieser
Untersuchungen zur Geltung; Husserl reflektiert auf ,,Themata für hochst wich-
tige Studien” : „Sie gruppieren sich um die Unterscheidung von Impression und
Reproduktion und Aktualitát und Inaktualitátsmodifikation überhaupt ... An-
knupfung an Humes Unterscheidung zwischen Impression und Idee. Also 1) die
Unterscheidungen Impression und Reproduktion, Aktualitát und Inaktualitát,
Aber brauche ich nicht, um die durchzufuhren, ein Stück Wahmehmungsanalyse
und darin die Erkenntnis des Wesens kontinuierlichen Einheitsbewusstseins?
< Vgl. diesbezüglich die ,,Ausarbeitungen zur Schrift ,Über Wahrnehmung” ’ wohl
von 1911/12, s.u. S. 6lOf. bzw. den in Vorbereitung befindlichen Band über
,,Wahrnehmung”. > 2) Unterscheidungen von Aufmerksamkeit, Gerichtetsein
auf, Meinen in einem spezifischen Sinn und Stellungnahmen und die Modifikati-
onen der Stellungnahmen. 3) Der Untersehied zwischen schlicht kontinuierli-
chem Einheitsbewusstsein und synthetischen Diskretionen, Explikation, Prádi-
kation. 4) Der Untersehied zwischen Stellungnahmen des Gemüts und Stellung­
nahmen des Verstandes, ferner zwischen Gemütsmomenten überhaupt, auch
Gemutssinnlichkeit und Verstandessinnlichkeit, Gemütsauffassung und Ver-
standesauffassung” (Ms. A VI 8 II, S. 112a; das Blatt ist eine Drucksache vom
7- Februar 1912). >
2 Vgl. oben „Textgeschichtliches”,S . XXXVIIIff. Zur Sache vgl. auch Nr. l,§§47ff.,
LXVIII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

hang, die Móglichkeiten des Hinzutretens und Fortfallens von


Stellungnahmen (vgl. Beilage X X X VII, S. 423ff.; S. 335ff.), die
sich auf das Erleben selbst oder auf die intentionalen Gegenstán-
de des Erlebens beziehen konnen (S. 337 et passim). Ferner erór-
tert er die Phánomene des Vollziehens von Reproduktionen und
des Vollziehens in den Reproduktionen (des Darinlebens, Auf-
merksamseins) (S. 339ff. et passim). Damit hángen zusammen die
Fragen nach den Verháltnissen zwischen den verschiedenen
Modis des Vollziehens (primares, eigentliches Vollziehen, im
Hintergrund auftauchendes Vorstellen etc., Nochvollziehen,
Sichenthalten, Nichtvollziehen). Andererseits sind davon zu unter-
scheiden, wie Husserl teils selbstkritisch feststellen muss (z.B.
S. 363, Anm. 4), die Phánomene der Aktualitát und Inaktualitát.
Er studiert in diesen Texten insbesondere die zur „Eigentümlich-
keit des inneren Bewusstseins” gehorende „mehrfache I n a k t u a-
l i t á t s m o d i f i k a t i o n ” (die Nichtsetzung) im Bereich der
Impression*1 wie der Reproduktion. Hierbei kreist er um die
schwierig zu bestimmenden Verháltnisse zwischen Phantasie- und
Neutralitátsmodifikation2 einerseits, Phantasie, Neutralitát und
Ansatz (Annahme) andererseits. Im § 1 1 1 in den Ideen, „Neutra-
litátsmodifikation und Phantasie”, hatte Husserl gewiss seine
eigenen Denkerfahrungen, die sich in den Texten vom Frühjahr
1912 niederschlugen, im Auge, ais er bezüglich der Moglichkeit
der Verwechslung zwischen Neutralitát und Phantasie schrieb:
„Das Verwirrende und wirklich nicht leicht Auseinanderzuwir-
rende liegt hier darin, dass die Phantasie selbst in der Tat eine
Neutralitátsmodifikation ist, dass sie trotz der Besonderheit ihres
Types von universeller Bedeutung ist, anwendbar auf a l i e Erleb-
nisse, dass sie bei den meisten Gestaltungen des Sich-denkens
auch ihre Rolle spielt und dabei doch von cler -allgemeinen Neu-

w o Husserl das Phánomen der Stellungnahmen bei Vergegénwártigungen zur


Sprache bringt, noch ohne über die Lehre von der im innerem Bewusstsein be-
grúndeten Reproduktion von Akten zu verfügen. \ J
1 Bemerkenswert ist, dass Husserl in diesen Texten im Fluss der Reflexionen mehr-
fach die Ansicht áussert, dass es „beim schlichten perzeptiven Glauben” des im-
pressionalen Bewusstseins ,,kein Ausschalten und kein Sich-denken” gibt (vgl.
S. 366, Anm. 1; Nr. 15j), was er nachtraglich wieder iibersieht, so dass er, wie in
den Ideen deutlich wird, die Neutralitátsmodifikation ais ,,allgemeine Bewusst-
seinsmodifikation’ ’ bezeichnen kann (I deen /,§109;§111).
2 In den Texten vom Frühjahr 1912 gebraucht Husserl ursprünglich meist „In-
axiose”, „Anaxiose” Oder einfach „Inaktualitat” für,,Neutralitát”.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LXIX

tralitátsmodiñkation mit ihren mannigfaltigen, alien Setzungs-


arten folgenden Gestaltungen unterschieden werden muss”.
Was die Neutralitát oder Nichtsetzung im Bereich der Im-
p r e s s i o n des náheren betrifft, erláutert Husserl sie in den Auf-
zeichnungen vom Frühjahr 1912 wie schon in früheren und auch
spáteren Texten mit Vorliebe am Beispiel des B i l d o b j e k t b e -
w u s s t s e i n s , das er ais eine „reine setzungslose Perzeption”
anzusprechen versucht.1 Andererseits dringt er in denselben Auf-
zeichnungen zu einer radikalen Infragestellung dieser Auffassung
durch. Bezüglich der Bildobjekte sagt er: ,,Mein Beispiel der
Raffaelschen Theologie . . . Sehen wir aber náher zu, so bietet
sich folgende Ansicht der Sachlage dar: Die kleinen Figürchen
sind schon dargestellte Objekte” (S. 473), und er verándert
,,dargestellte” in „bloss vorgestellte” und ergánzt: „es sind nicht
Sc he i n e , d.h. nicht erscheinende in einer setzenden Perzeption,
nur herabgesetzt modal” (S. 473, Anm. 4). Kurz darauf heisst es:
,,Also zusammengefasst: 1) Wir müssen t r e n n e n Bildobjekt-
auffassung und Bewusstsein eines perzeptiven Scheines. . . . 2)
Mit der Bildobjektauffassung haben wir in e i n s die D a r s t e l -
l u n g ” (S. 474). Im Weiteren stellt Husserl heraus, dass „Dar-
stellung ais solche Gemeinsamkeiten mit der R e p r o d u k t i o n ”
hat, ,,námlich eben dies, dass wir in jeder Komponente der
Darstellung (der eigentlichen Darstellung) eine Beziehung auf
.Entsprechendes’ haben” (S. 475).
Vor allem in den Texten aus 1912 stellt Husserl auch klar
heraus, dass es sich beim Schein- oder Unwirklichkeitsbewusst-
sein im Falle eines B i Id es nicht um ein eigentliches Fiktum-
bewusstsein im Sinne einer I l l u s i o n handeln kann. „Das Bild
ist keine Illusion” (S. 486). Das Entscheidende ist dies: Das
eigentliche Fiktum einer Illusion erscheint direkt in der Einheit
einer Wirklichkeit, es ist eine Erscheinung mit dem Charakter der
Setzung, der nun in Widerstreit gerát mit anderen Setzungen, so
dass das Fiktum sich im Widerstreit der Setzungen ais Illusion,
ais blosser Schein herausstellt (vgl. Husserls oft gebrauchtes
Beispiel von Wachspuppe-Mensch). Demgegenüber ist der Cha­
rakter der Unwirklichkeit beim Bilde nicht das Resultat eines*S .

1 Vgl. Nr. 16, S. 467ff.; ferner z.B. Nr. 4, S. 222f.; Beilage LI, S. 482ff., Nr. 18b,
S. 514ff.,Nr. 20d, S. 581ff.
LX X EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Streites verschiedener Glaubenstendenzen, sondern beruht dar-


auf, dass in ein perzeptiv Erscheinendes etwas hineinphantasiert
wird, das unmittelbar gar nicht gegenwártig ist: Das Bild „er-
scheint” eigentlich nicht in der Einheit der Wirkiichkeit, „son-
dern in einem eigenen Raum, der an sich keine direkte Beziehung
hat zum wirklichen”. Das Bildfiktum erscheint, „ohne den
Charakter der Wirkiichkeit zu haben, ohne .Anspruch’ auf Wirk-
lichkeit zu erheben, ein Anspruch, der erst vernichtet werden
müsste” (v.a. Beilage L, S. 480; Nr. 17a).
Zum Abschluss seiner Überlegungen über ,,Modi der Repro-
duktion, Phantasie, Bildbewusstsein” unter Einbeziehung der
Phanomene des Stellungnehmens und Sich-der-Stellungnahmen-
Enthaltens halt Husserl bündig fest: „Wir müssen also den Be-
griff der Phantasie (sagen wir Vergegenwártigung) verallgemei-
nern. Es gibt z w e i G r u n d f o r m e n d e r V e r g e g e n w á r ­
t i g u n g : 1 ) die r e p r o d u k t i v e , 2 ) die p e r z e p t i v e , d.h. die
Vergegenwártigung im Bild, in bildlicher Darstellung. . . .
Scheiden muss man diese Modifikationen von denjenigen, die
Setzung in Nichtsetzung verwandeln. (Kreuzung der beiderlei
Unterschiede.) Femer muss man nicht verwechseln nichtsetzende
Perzeptionen mit bildlich darstellenden Erlebnissen: also mit
Vergegenwártigungen” (S. 475f.).
Zu diesem Zeitpunkt, kurz vor Erscheinen der Ideen, verfügte
Husserl deutlich über die Einsicht in die „e i g e n t ü m 1 i c h e M i t-
t e l b a r k e i t ” 1 anschaulicher Vergegenwártigungen, die weder
einfach ais „Bildlichkeit” auszulegen ist, noch aber auch ais
„schlichte, einfáltige” intentionale Beziehung begriffen werden
kann. Er wusste darum, wie er in der oben herangezogenen Auf-
zeichnung von 1918 prágnant festhalten wird, dass „jede ,Modi-
f i k a t i o n ’ dadurch charakterisiert ist, dass i n i h r s e l b s t d i e
B e z i e h u n g a u f e i n a n d e r e s B e w trssT s^in, v o n d e m s i e
M o d i f i k a t i o n h e i s s t , b e s c h l o s s e n ist, ei¡n Bewusstsein,
das in ihr nicht wirklich enthalten und doch für éine passend ge-
richtete Reflexión fassbar ist. . . . Und damithángen dann noch
eigentümliche Reflexionen auf die entsprechenden Aktkorrelate
zusammen” .2

1 Vgl. H usserhana VIII, S. 116.


2 Ms. L I 19, S. 10a; vgl. oben S. LXIII.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LXX I

In den bisher beleuchteten Texten aus der Góttinger Zeit stand


die eigentlich n o e t i s c h e A k t - o d e r E r l e b n i s s t r u k t u r
d e r e i n z e l n e n A r t e n anschaulicher Vergegenwártigung deut-
lich im Vordergrund. Die Texte aus der Freiburger Zeit (Nr. 18-
Nr. 20 und Beilagen), deren entstehungsgeschichtliche Zusam-
menhánge oben angezeigt wurden (S. X X X IX ff.), bringen dar-
über hinaus hauptsáchlich in zwei Hinsichten neue Gesichts-
punkte zur Geltung. Diese lassen sich, in Anlehnung an Husserls
Ausdrucksweise in den Ideen, ais Untersuchungen nach der
,,obj ektiv-orientierten” und nach der „subjektiv-orientierten
Seite” im Wesen der Erlebnisspháre kennzeichnen.1
Zunáchst zur objektiv-orientierten, n o e m a t i s c h e n Seite der
Intentionalanalyse, die in den Ideen explizit eingeführt wurde
und die unten auch im Haupttext Nr. 15 vom Frühjahr 1912 viel-
fach greifbar is t: Husserl behandelt die anschaulichen Bewusst-
seinsakte jetzt unter ausdrücklicher Einbeziehung von K o r -
r e l a t - C h a r a k t e r i s i e r u n g e n ais „Anschauungen von Indi­
vidúen” (S. 498), ais Individuelles gebendes oder quasi gebendes
Bewusstsein (S. 499ff.). Mit dieser objektiv-orientierten Be-
schreibung hángt die jetzt auftretende Thematisierung der
Sinnes-Problem e und des „Wie der E r f ü l l u n g ” und Be-
kráftigung ais i n t u i t i v e r 2 bei den verschiedenen Arten an­
schaulicher Vergegenwártigung zusammen.3 „Das . A n s c h a u e n ’
ist ein allgemeiner Titel für positionale und neutrale Akte, die
Individuelles in erfüllter Weise bewusst machen. Sie sind ent-
weder .wirklich’ anschauende oder ,quasi’ anschauende, und
beiderseits ist Inhalt geformt. Aber einmal ist das Individuelle
bewusst ais Wirkiichkeit, das andere Mal ais Fiktum” (S. 504,
Anm. 1). In dieser Interessenrichtung kommt Husserl ausdrück-
lich auf die Problematik der „ k o n s t i t u t i v e n V e r n u n f t ”
(vgl. S. 559) zu sprechen. Er untersucht insbesondere die „kon-
stitutive Leistung der Phantasie”, die besondere Weise ihrer
,,Erfüllung” im Vergleich mit der Erinnerung (vor allem Nr. 19).
, ,Bei der Erinnerung erfüllt sich die Intention auf das Selbst in

1 A a.O., § 80, S. 161 (/aftf&MCfc-Paginierung).


2 Vgl. Ideen I, Vierter Abschmtt, §§ 136ff.
3 Vgl. unten Nr. 3, wo das Problem der „Erfullung” vom bloss noetischen Ge-
sichtspunkt angeschnitten wird.
LX X II EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

einem .geglaübten’, in einem von sich aus ais wirklich sich geben-
den Selbst, und soweit es einen Sinn hat, der noch unerfüllt ist,
geht die Intention weiter und erfüllt sich in immer neuer Wirk-
lichkeit. Da bin ich in einem Zusammenhang der .Wirklichkeit’,
die ich nicht .erfinde’, die ich mir nicht (ais Wirklichkeit) einbilde,
sondem . v o r f i n d e ’. . . . W ir sind also nach Motivanten und
Motivaten in einem Glaubenssystem” (S. 559). „Mit der Idee der
W i r k l i c h k e i t stehen wir im System der thetisch u n m o d i f i -
z i e r t e n Intentionalitat, in der Intentionalitat der Doxa, des
Glaubens. Der Glaube ist . . . das unmodifizierte Bewusstsein
selbst. Es steht unter Gesetzen der Vernunft, . . . Wesensgesetzen
der Setzung von Gegenstánden ais Identitáten undurchbrech-
barer Bewáhrung, die an sich ,sein’ konnen gegenüber dem wech-
selnden (unmodifizierten) Bewusstsein. Konstitution von seien-
den Gegenstánden einer seienden Welt ist die Vernunftleistung”
(S. 5571).
In der reinen Phantasie dagegen gilt:,,Soweit Glaube noch da
ist, ,entbindet’ die Phantasieeinstellung von ihm, sie nimmt den
wirklichen Glauben, ,als ob’ es Glauben wáre, das Wirklich-sein
wird zu einem Sein-als-ob (ais ob es Wirklichkeit wáre). . . . Die
Modifikation des Als-ob ist eine eigene Dimensión von Modifika-
tionen . . . Und diese Modifikation, wie jede andere, ist B e-
w u s s t s e i n - v o n und hat ihre k o n s t i t u t i v e V e r n u n f t . Ihr
Korrelat ist die r e i n e M o g l i c h k e i t ” (S. 559).
Charakteristisch für die Texte aus der Freiburger Zeit gegen­
über der früheren Erorterung der intentionalen Wesenseigen-
tümlichkeiten der einzelnen Erlebnistypen sind die Ansátze zur
phánomenologischen Aufklárung der Konstitution der „ W e l t
d e r E r f a h r u n g ”, der Positionalitát, gegenüber den „W e 1 1 e n
d e r P h a n t a s i e ”, der Unwirklichkeit, und deren Verháltnis
zueinander.1 Von zentraler Bedeutung sind dabei die verschiede-
nen Weisen der A u f w i c k l u n g , E x p l i k a t i o n d e r i n t e n ­
t i o n a l e n H o r i z o n t e in den „erfahrenden” bzw. „bloss vor-
stellenden” oder „quasi erfahrenden” Akten (S. 510 et passim ).
Von der Welt der E r f a h r u n g ¡ 1 ‘ ‘n festes, sich im-
merfort von selbst, aber in gel úse erweiterndes

1 Vgl. vor allem Nr. 18 und Beilagen, N __ E rfahrung und UrteiU


bes. §§ 38-41 aus der Zeit von 1917/18.
EINLEITUNG DES IIERAUSGEBERS LXX III

System” mit einer nur „kleinen und in eígener Art umgrenzten


Spbáre der Freiheit und damit der willkürlichen Veranderlich-
keit” (S. 535) ist. Diese Welt der Erfahrung ist „e i ne Welt, und
sie ist die e i n e u n d s e l b e Welt für jeden Erfahrenden”
(S. 522). Demgegenüber „sindder P h a n t a s i e w e l t e n u n e n d -
l i c h v i e l e ” (S. 523), sie sind „durchaus f r e i e Welten”. Ihr
,,Unbestimmtheitshorizont ist kein durch bestimmte Erfahrungs-
analyse explikabler. . . . Das Eigene der Phantasie ist ihre B e-
1 i e b i g k e i t. Und daher ideal gesprochen ihre unbedingte W i 11-
k ü r l i c h k e i t ” (S. 535; S. 55lf.). Husserl weist auf die Moglich­
keit hin, eine Welt zu ,,schaffen”, d.h. „sich in der Phantasie auf
den Boden einer quasi- Wirklichkeit” zu stellen, diese hinzuneh-
men und festzuhalten und ,,die Beliebigkeit des weiteren Phan-
tasierens durch die stándige I n t e n t i o n a u f E i n s t i m m i g -
k e i t < z u > beschranken” (S. 535). „Die quasi -Welt . . . ist auch
unendlich vielfáltig unbestimmt, insofem genauso wie die wirk-
liche Welt aussefhalb meiner aktuellen Erfahrung. Aber was sie
allein náher bestimmen kann, die . . . Phantasie ist ungebunden,
sie ist frei und nur soweit gebunden, ais sie dem Wesensstil eines
Welthorizontes entsprechen muss. . . . Das ist auf unendlich viel-
fáltige Weise und b e l i e b i g moglich. Jeder neue Schritt be-
schránkt und erdffnet wieder im selben Stil unbeschrankte Móg-
lichkeiten” (S. 535f.)'. Husserl diskutiert diese Móglichkeiten des
eine quasi -Welt schaffenden Phantasierens vor allem mit dem
Blick auf d i e k ü n s t l e r i s c h e Phantasie (s.u. S. LXXVIIff.).
Das allgemeine Problem der Konstitution von Gegenstandlich-
keiten in der phantasierenden gwasí-Erfahrung führt Husserl
auch zu Überlegungen bezüglich des V e r h a l t n i s s e s zwischen
W i r k l i c h k e i t u n d P h a n t a s i e bzw. reiner Moglichkeit. Er
erortert Fragen zur I d e n t i t a t der Gegenstánde in Wirklichkeit
(Erfahrung) und Phantasie und kommt zum Ergebnis, dass bei
einer Synthese von Erfahrung und Phantasie die „Moglichkeit
der vollen Identifikation” der beiderseitigen Individúen, „dem
Individuum schlechthin im ,wirklichen’ Sinn” und dem „Indivi-
duum in der Fiktion, im Fiktionssinn” (S. 528), a u s g e s c h l o s -
sen ist. ,,Im strengen Sinn darf keine Rede davon sein, dass ein
Phantasiegegenstand identisch sei mit einem Erfahrungsgegen-
stand — wie wir andererseits sehr wohl strenge Identitat zwischen
einem Wahrnehmungsgegenstand und einem Erinnerungsgegen-
LX X IV EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

stand haben kónnen” (S. 528). In weiterer Vertiefung in die


Fragen nach der Konstitution in den quasi erfahrenden An-
schauungen kommt Husserl zu dem „eigentlich merkwürdigen”
Ergebnis, dass ,,ein I n d i v i d u u m sich eigentlich n i c h t v o l l
u n d g a n z f i n g i e r e n lásst” (vgl. S. 552). „Jede individuelle
Moglichkeit ist radikal unbestimmt, wesensmássig, und die Un-
bestimmtheit ist keine vollkommene, und sei es auch phantasie-
mássige ^m -Bestim m barkeit” (S. 552). Der „Charakter des
lebendig Daseins, das, was allererst konkret-individuell macht,
iásst sich nicht erfinden, und wenn eine Phantasie dergleichen
wie ein gegenwartiges Leben vergegenwártigt, so schafft sie quasi-
Anschauungen, aber in einer Weise der Umgebung mit unbe-
stimmtem Horizont, dass dieser dabei nur fungiert ais Index für
beliebige Móglichkeiten der Erfüllung der Form der Zeitkonstitu-
tion” (S. 552).
Des weiteren stosst Husserl in diesen Texten auf die schwieri-
gen Fragen nach den Verháltnissen von F i k t u m u n d M 6 g-
l i c h k e i t 1, „reiner Moglichkeit und Phantasie” (Nr. 19) und die
Rolle des freien A n s a t z e s für die Konstitution einer Gegen-
standsmoglichkeit. Die Aufzeichnungen kreisen um die Probleme,
ob Phantasiegegenstandlichkeiten erfahrbares Sein seien, ob
Fikta ais Gegenstánde reine Móglichkeiten seien bzw. ob Phanta-
siegegenstande mogliche Gegenstánde seien; femer um die Fragen
der Rückbeziehung der phantasierten bzw. móglichen Gegen-
stándlichkeiten auf die quasi konstituierende Subjektivitát und
Intersubjektivitát .2 Husserl scheint anfanglich die Tendenz zu
haben, Moglichkeit und Phantasie zu identifizieren.3 In einer
Randbemerkuñgzu einem Text wohl von 1920/21 notiert er aber:
„Im voraus gesagt, man gerát in Unklarheiten, wenn man
Phantasien ohne weiteres für Móglichkeiten nimmt” (S. 567,
Anm. 2). Und in einer kurzen Aufzeichnung wohl von 1922/23
fragt er mit Bezug auf die in Nr. 18 und Nr. 19 abgedruckten
Texte: „Habe ich in diesen Manuskripten schon festgestellt, dass
Einstellung des Als-ob in Phantasie^erlorenheit, dass Einstellung
auf reine Móglichkeiten, und endlích Einstellung auf Fikta zu

1 Vgl. S. 506ff., S. 529ff.; Nr. 19 und Beilagen.


2 Bezüglich der Intersubjektivitát vgl. vor allem Beilage LXIII und Nr. 19b,
S. 564.
3 Vgl. Nr. 18a, bes. S. 506f.

<h
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LXX V

unterscheiden sind?” (S. 565). In den letzten unten abgedruckten


Textstücken, wohl aus 1924, scheint Husserl dann die verschiede-
nen Erlebnisvollzüge zu trennen: „Vollzug eines Móglichkeits-
bewusstseins < is t> nicht einPhantasierenodergar Annehmen’ '.1
In den schliesslich im Haupttext Nr. 20 wiedergegebenen
Textstücken aus der ersten Halfte der zwanziger Jahre kommt
ais wohl wichtigste Neuheit die oben angezeigte „ s u b j e k t i v -
o r i e n t i e r t e ” Überschreitung der blossen E rle b n issp h a re
zum Zuge.2 Es finden sich hier namlich Ansatze einer im Hus-
serlschen Sinne g e n e t i s c h e n B e t r a c h t u n g s w e i s e der an-
schaulichen Vergegenwártigungsmodifikationen.3 Charakteri-
stisch dafür ist, dass es Husserl dabei nicht mehr bloss um die
,,statische” Analyse einzelner Erlebnistypen nach noetisch-
noematischen Mannigfaltigkeiten geht, sondem dass er die
Weisen der . . A p p e r z e p t i o n ” studiert. Apperzeptionen haben
ihre Wes e ns ge s c hi cht e im transzendentalen Leben des per -
s o n a l e n Ich. Unter diesem Gesichtspunkt kann Husserl z.B.
sagen, „Wahrnehmung ais Apperzeption ist selbst eine Sonderart
von .Erinnerung’ ” (S. 582).4 Die Apperzeptionen entstammen
Urstiftungen des vollziehenden Subjekts. Es sind hier zu unter-
suchen die ,,Phanomene der Fortgeltung aus ursprünglicher
Stiftung”, ,,wo keine Hemmung eingetreten ist”, unter Betei-
ligung des ,,alten Ich” (S. 582), bzw. die Phanomene des Auf-
tretens von „Unstimmigkeiten zu diesen Fortgeltungen”, der
vielfáltigen M o d a l i s i e r u n g e n d e r P o s i t i o n a l i t á t (in
Anmutlichkeiten, Móglichkeiten, Zumutungen, Fraglichkeiten,

1 Vgl. S. 583; S. 579.


2 Von Interesse ist auch, dass Husserl sich in diesen Textstücken rückblickend,
obzwar nur in knappen Hinweisen, auf Aristóteles, Hume, Brentano sowie auf
seine L ogischen U ntersuchungen und Ideen I bezieht.
3 In Manuskrtpten der zwanziger und dreissiger Jahre nimmt Husserl insbesondere
im Zusammenhang der Analysen zur H o r iz o n ts tr u k tu r undzur u rsp rü n g -
l i c he n Z e i t i g u n g (der lebendigen Gegenwart nach impressionalen, repro-
duktiven Feldern) Bezug auf die anschaulichen Vergegenwártigungen. Vgl. et-
wa die folgenden Manuskripte: B III 9, D 2, D 3 (wo Husserl im Verband mit
Problemen der Dingkonstitution die „ m a g lic h e Wahrnehmung” ais „einen
eigenen Typus von Vergegenwartigung”, ,,die nicht Erinnerung ist”, anzusetzen
versucht), C 3, C 4, C 11, C 13 und C 16.
4 Vgl. z.B. Ms. A VII 12, ,,Der Titel A p p e r z e p t i o n bezeichnet das Gesetz der
Erf a h r u n g s b i l d u n g ú b e r h a u p t und damit das allgemeine Gesetz der Kon-
stitution von Seienden aller Arten und Stufen. Apperzeption < ist> ... zunachst
die Weise, wie eine Erfahrung hinsichtlich ihres Erfahrenen Mit-Erfahrungen
imphziert...” (S. 34a, 12. Februar 1932).
LXXVI EINLEITUNG BES HERAUSGEBERS

Nichtigkeiten).1 Husserl erortert insbesondere auch das Verhált-


nis von Erinnerung und blosser Phantasie (Nr. 20d), femer die
„Modifikation der Enthaltung (der Willkür oder Unwillkür)”
(vgl. S. 585, S. 717), d.h. ,,Allgemeinstes über .Epoché’ ais Akt-
enthaltung in Beziehung auf die Idee der Neutralitát” .2 Damit
zusammenhángend kommt mehrfach das Verháltnis von „Phan-
tasie — Neutralitát” zur Sprache. Husserl unterscheidet die
„Enthaltungen” von der „reproduktiven Phantasiemodifika-
tion”, erachtet sie aber doch ais „wesensverwandt” .3 Er be-
zeichnet die P h a n t a s i e ais „ r e p r o d u k t i v e N e u t r a l i t á t ”
in Abhebung von der ,.Neutralitát überhaupt” (vgl. S. 717).
Er stellt hier, was wiederum mit seiner genetischen, das Leben
des personalen Ich thematisierenden Betrachtungsweise zusam-
menhángt, auch heraus, dass ..Neutralitát in verschiedener Weise
m o t i v i e r t sein kann” (S. 577), dass sie von der ..psychischen
Gesamtsituation” hervorgetrieben wird (S. 578). Ais Beispiele
führt er an:,,Sie kann ais .Einfall’ auftreten, ais .Bildobjektbe-
wusstsein’ in einer Abbildung, ais freies Spiel sich durchsetzender
und dabei positional entwertender Reproduktionen, aber auch
ais willkürliche Enthaltung von aller Position. Die Rede von
Phantasie wird nur auf die letzteren Fálle angewandt, und zwar
darum, weil das Wort in der üblichen Rede ein geistiges Tun be-
zeichnet, das nicht dem Zweck dient, für die bewusste Welt ir-
gendwelche Entscheidungen zu treffen. . . Die Phantasie ist das
Reich der Zwecklosigkeit, des Spieles. . . . Das Spiel . . . kann
sich Regeln unterwerfen, z.B. ásthetischen. Dann ist die Bildge-
staltung Phantasie, die ásthetische Thematik aber nicht Phanta­
sie” (S. 577).

Zum Schluss dieser Skizze der Problementwicklung der Pháno-


menologie der anschaulichen Vergegenwártigungen seien noch ein

1 Vgl. vor allem Nr. 20d und Nr. 20c.


2 S. 571, Anm. 1; vgl. auch H usserliana VIII, Erste P hilosophie ( r '29)//, bes.
ab 41. Vorlesung.
3 Vgl. S. 590; S. 58lff.; Svü2a»-Iín Text der Beilage LXIV áussert Husserl Beden-
ken úber den Ausdruciy,,Neutralitatsmodifikation” mit Beziehung auf die Phan­
tasie (S. 591). J Nv
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LXXVII

paar Hinweise auf die Texte gegeben, die in einem engeren Sinn
zu á s t h e t i s c h - k ü n s t l e r i s c h e n Aspekten des Bildbewusst-
seins bzw. der Phantasie Stellung nehmen.1
Vornehmlich drei Problembereiche kommen in diesen Texten
zur Sprache: 1) die ásthetische Einstellung, 2) die Frage der Ab-
bildlichkeit beim künstlerischen Bild, 3) die Tátigkeit des schop-
ferischen Künstlers und die Werke der Kunst ais Erzeugnis der
objektivierenden Fiktion.
Die á s t h e t i s c h e E i n s t e l l u n g bestimmt Husserl, sich
Kants Lehre nahe wissend, ganz allgemein ais „ I n t e r e s s e an
d e r E r s c h e i n u n g ” in Abhebung vom „Interesse an der
Sache” (S. 145). Das ásthetische Interesse oder Gefallen an der
Erscheinung ist aber, bei aller Verwandtschaft ais frswpía,2 zu
unterscheiden vom t h e o r e t i s c h e n (z.B. psychologischen, er-
kenntnistheoretischen; S. 114, S. 117) Interesse an der Er­
scheinung (S. 145). Des náheren erortert er vor allem die re-
f l e x i v e Struktur des ásthetischen Bewusstseins, in welchem
,,der Gegenstand . . . , wie immer er in sich selbst missfállig sein
mag, wie immer ich ihn negativ bewerten mag, eine ásthetische
Fárbung um d e r E r s c h e i n u n g s w e i s e w i l l e n ” erhált ;3
ferner die eventuelle ásthetische Bedeutung des Gegenstandes
(S. 390), die Frage der „Unempfindlichkeit gegen Sein und
Nichtsein” (S. 390ff; S. 586), auch im Falle der ásthetischen Be-
trachtung der N a t u r , d e r Wirklichkeit.4 In einem spáten Text
spricht Husserl in Abhebung vom normalen doxischen Glauben
vom , .ásthetischen Glauben” der ásthetischen Einstellung. Er
führt aus, dass1 ,,zwar meine Apperzeption des ásthetischen Ge­
genstandes auch ihren antizipierenden Glauben hat und eine

1 Es kommen diesbezüglich vor allem folgende Texte in Betracht: Beilage VI,


Beilage IX, Nr. 15h, Nr. 17, Nr. 18b, Beilagen LVII-LX, Nr. 20d. Ferner: Bei­
lage I, § 6 ein Hinweis auf ,,Hildebrand”, wobl der Kunsthistoriker Adolf von
Hildebrand gemeint, dessen Hauptwerk Das Problem der Form in der bildenden
Kunst 1893 erstmals erschien; Nr. 1, §§ 1 und 16f., Beilagen XVIII und XIX, Nr.
15g, Beilage XL, bes. S. 441ff., Beilage XLIII, Nr. 16, Beilage LV, Nr. 20b, Bei­
lage LXIV.
2 Vgl. S. 541; S. 392, S. 577, S. 591. — Vgl. auch Husserls Brief an Hugo von
Hofmannsthal über phánomenologisches und asthetisches Schauen vom 12. Ja-
nuar 1907 in R. Hirsch, ,,Edmund Husserl und Hugo von Hofmannsthal” , ver-
óffentlicht in Sprache und Politik. Festgabe fü r Dolf Sternberger zum sechzigsten
Geburtstag, Heidelberg 1968, S. 111-114.
3 Vgl. S. 389; S. 585ff., S. 36ff., S. 154ff.
4 Vgl. S. 39 lf., S. 587f., S. 591; S. 144.
LXX VIII EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Glaubenseinheit ist; aber der Horizont, die Mannigfaltigkeit ist


eine andere ais für das Ding schlechthin. .. .Mein ásthetischer
Glaube .. .beschránkt mich auf die optische Erscheinungsreihe,
die ich von hier . . . aus gewinne und die darin optisch konstitu-
ierte Einheit, ais etwas für sich Identifizierbares und Erkennba-
res. Der unendliche Horizont darüber hinaus . . . ist abgeschnit-
ten, insofem er nicht Horizont der thematischen Geltung ist, die
ich jetzt vollziehe. Diese beschránkte synthetische Einheit, und
so wie sie da anschaulich ist, ist mein ásthetisches Objekt.
. . . Ebenso in einer Erzáhlung, einer Novelle und dergleichen”
(S. 587f.). In einer kurzen Aufzeichnung aus den zwanziger Jahren
halt Husserl fest:,,Das Wesentliche ist für die ásthetische Ein-
stellung . . . nicht die Phantasie, sondern die Einstellung auf
das, was ásthetisch interessiert, Gegenstándlichkeit im Wie” (S.
591).
Was die Frage der A b b i l d l i c h k e i t b e i m k ü n s t l e r i s c h e n
Bild betrifft, hat Husserl bereits in einem frühen Text ein deut-
liches Bewusstsein von der Besonderheit dieser bildlichen „Dar-
stellung”, die er sonst lange Zeit nicht eigens hervorhebt. Bei den
Darstellungen der gewohnlichen Bilder spricht er von einer unei-
gentlichen Vorstellung des Bildsujets „durch mehr oder minder
unvollkommene Abbilder”, wobei „eine andere, direktere, eigent-
lichere Vorstellung” vom Sujet moglich wáre. Dagegen fragt er:
„Ist T i z i a n s W e r k ein Abbil d-Sei n, und durch Abbildung
Vorstelligmachen? . . . ist das .Sujet’ ein Gegenstand, der durch
das Bild ais A b b i 1 d reprásentiert ist und das ais Fundament für
eine auf ihn bezügliche uneigentliche Vorstellung dienen solí?
Gibt eine andere Anschauung eine eigentlichere Vorstellung des
im asthetischen Bildbewusstsein Gemeinten? Hatte ich eine
eigentlichere Vorstellung, wenn ich mir das Objekt ais Gegen­
stand allseitig und selbst vorstellte . . . ? Von dem O b j e k t ja,
aber eine Erfüllung der Bildintention ware das nicht. Das Interes-
se geht hier . . . auf das im Bildobjekt Sich-darstellen des Ob-
jekts. . . . Tizians Bild stellt mir die himmlische und irdische
Liebe vor. Von einem bestimmten Standpunkt aus. Für diesen
Standpunkt gibt es eine solche Vorstellung, dass ein Gefühl der
Uneigentlichkeit hinsichtlich des Dargestellten gar nicht auf-
kommt. Was mich d: , das ist da, das ist nicht
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS L X X IX

indirekt vorgestellt” (S. 154Í.).1 Husserl diskutiert in diesem


Zusammenhang auch die Phánomene „ m e h r f a l t i g e r Bi l d -
l i c h k e i t ” in der bildenden Kunst und Musik. Er überlegt die
Verhaltnisse von Original und Reproduktion eines Bildes („Das
Original i s t die Madonna in Dresden” ; S. 158) bzw. „die Repro­
duktion einer Sonate -von seiten des Klavierspielers und die
Sonate selbst. Das Original die Sonate, so wie sie Beethoven
meinte. Oder vielmehr so, wie derjenige sie ais die von Beethoven
gemeinte apperzipiert, der dieses Bildbewusstsein vollzieht” (S.
158). Dies führt zur Frage des ,,adáquaten Bildes” und dem da-
mit zusammenhángenden ,,Vergleich der Darstellung mit dem
Ideal (,wie Beethoven sich die Sonate gedacht hat’, oder wie sie
gespielt werden ,soll’)” (S. 158f.). Aus diesen Überlegungen
schliesst Husserl: „In s i c h ist jede asthetische Apperzeption
eine v i e l d e u t i g e ” (S. 159).
Mehr ais ein Jahrzehnt spater stellt Husserl seine früher, mit
Ausnahme des eben besprochenen Textes, allgemein gefasste Leh-
re vom Bildbewusstsein ais A b b i l d l i c h k e i t im Falle der
K u n s t in Frage (Nr. 18b). Es ist „eine zu erwagende Frage, in-
wiefern diese Abbildlichkeit selbst asthetische Funktion hat”
(S. 515). „Es kann nicht gesagt werden, dass die Kunst sich not-
wendig in der Sphare der Anschauhchkeit bewegen muss. Ich
habe früher gemeint, dass es zum Wesen der bñdenden Kunst
gehóre, im Bild darzustellen, und habe dieses Darstellen ais Ab-
bilden verstanden. Aber naher besehen ist das nicht richtig”
(S. 514). Am Beispieldes S c h a u s p i e l s , der „schauspielerischen
Darstellung” 2 versucht Husserl zu zeigen, dass „in e r s t e r Linie
. . . sicher nicht die Abbildlichkeit, sondem die Bildlichkeit im
Sinn der perzeptiven Phantasie a l s u n m i t t e l b a r e l m a g i n a -
t i o n ” asthetische Funktion hat, und das meint vor allem in
einer ,,von Anfang an” vollzogenen Einstellung der N e u t r a l i -
t a t (S. 515ff.). Verallgemeinemd folgert Husserl aus semen Be-
trachtungen: „So bietet uns also in der Tat die Kunst eine unend-
liche Fülle von p e r z e p t i v e n F i k t i o n e n , und zwar auch von
rein perzeptiven Fiktionen dar, ebenso wie von rein reprodukti-
ven” (S. 519). In einem anderen Text jener Zeit spricht er von den

1 Vgl. auch Nr. 17b über „Orientierung des Bildobjekts”.


a Vgl. auch Nr. 17a, S.490f.
LX X X EXNLEITUNG DES HERAUSGEBERS

„beiden Extremen”, zwischen denen sich alie Kunst bewegt: der


so voll bestimmten Welt, wie es unsere Umwelt ist, und dem ,,es
war einmal, irgendwo . . . in irgendeiner W elt” (S. 540). Er unter-
scheidet dort „A) Bildkunst: im Bilde darstellend, abbildend,
durch Bildbewusstsein vermittelnd. B) Rein phantastische
Kunst, Phantasiegestaltungen in blosser Neutralitátsmodifika-
tion erzeugend. Mindestens keine konkrete Bildliclikeit erzeu-
gend” (S. 540). Femer kennzeich.net er „realistische Kunst”
gegenüber „idealistischer” (S. 540ff.).
Schliesslich sind in den Texten aus der Freiburger Zeit die Ge-
danken über die schópferische Tátigkeit des Künstlers und die
Objektivierung der künstlerischen Fikta a l s K u n s t w e r k e her-
vorzuheben.1 * Hierhin gehoren Erorterungen einerseits über die
,,freie künstlerische Fiktion” und deren Bindung an „ásthetische
Ideale”3, andererseits über den Sachverhalt, dass die Phantasien
beim Betrachter oder Kunstgeniessenden „nicht frei vollzogen”
sind, sondern „uns vorgeschrieben, uns aufgenotigt . . . sind, ais
etwas, das wir hinnehmen müssen”, und wo ich auch in der phan-
tasierenden „Fortbildung (selbstverstándlich im Stil der Ein-
stimmigkeit mit der Vorzeichnung) . . . gebunden” bin, „sonst
dichte ich weiter und bin nicht in der Dichtung des Künstlers”
(S. 588; vgl. S. 543, Anm. 1; S. 519). An anderer Stelle heisst es:
,,Nicht der Dichter, sondern die Dichtung wird nachverstanden.
Das sind eigentümliche Verhaltnisse, die wissenschaftlich gefasst
werden müssen” (S. 540f.). Husserl stellt diesbezüglich insbeson-
dere die O b j e k t i v i t a t und dann auch die „intersubjektive
,Existenz’ ” der Phantasien im Reich der Kunst bzw. der Fikta
selbst, kurz, den W e r k charakter heraus (S. 519; S. 542ff.)., ,Das-
selbe schone Gebilde ist nicht das Phantasierte ais solches, ver-
standen ais Korrelat des momentanen Phantasierens. Auch nicht
ein abstrahiertes allgemeines Wesen . . . Es ist eine i n d i v i d u é 1-
1 e ,objektive’ Idee. Sie hat ihre Z e i t l i c h k e i t , namlichdie ihrer
Ursprungsstiftung durch den Künstler, und zwar im sprachlichen
Ausdruck, der ein Ideales allein intersubjektiv zugánglich und
identifizierbar macht. Spmit ist jede solche objektive Idee und
speziell jede, die in eihs mit einem Ausdruck ein an sich Schones,

1 Vgl. vor allem Nr. 18b, bes. S. 5 19ff. ; BeiIagen LVII, LVIII und LX.
a Vgl. S. 524, S. 519; S. 53Sf„ S. 540£f.j vgl. S. 577.
EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS LX X X I

ein objektives Wertvolles sein solí, objektiv ein W e r k ” (S. 543f.).


Husserl spricht von der „Schopfung einer Verkorperung der
Fikta, die eine Zumutung für jedermann (der nachverstehen
kann) schafft, das Nachphantasierte ais ,dasselbe’ Fiktum zu
übernehmen, das der Kñnstler erzeugt hat in der Absicht auf
solche Übemahme” (S. 543, Anm. 1).
Es gilt dann auch, dass unsere „beschreibenden Aussagen, die
Urteile über die Charaktere, über die zu erwartende Entwicklung
usw.” bei einem Román, Schauspiel etc. ,,eine Art o b j e k t i v e r
W ah r h ei t <haben> , obschon sie sich auf Fikta beziehen” und
daher einen ,,Als-ob-Charakter’’ haben (S. 520). A i s T a t s a c h e n -
u r t e i l e , die Beziehung auf den in den ^así'-Erfahrungen zur
Gegebenheit gebrachten Ausschnitt der phantasierten quasi-
Welt haben, sind sie, sofem sie „in diesem Ausschnitt aus-
reichende Anhaltspunkte der Verifikation finden, . . . ais Wahr-
heiten und Falschheiten auswertbar”. Anders ist es bei den
,,Wesensurteilen, die des grw<m-Faktums dieser Welt nicht bedür-
fen und ihre verifizierbare Wahrheit und Falschheit haben von
ihr abgesehen — eben auf Grund von Fiktionen, wenn auch nicht
denen dieser W elt” (S. 521). Die Verifikation der Tatsachenur-
teile geschieht dadurch, dass „das K u n s t w e r k s e l b s t heran-
gezogen und ais wie ein Rückgang auf wiederholte Erfahrung des-
selben Dinges ais Ma s s d e r O b j e k t i v i t á t benützt wird”
(S. 521).

* * *

Es ist mir eine Freude, bei Fertigstellung des vorliegenden Ban-


des in Dankbarkeit an die vielfaltige Forderung und Unterstüt-
zung zurückzudenken, die ich wáhrend der Jahre meiner Tátig-
keit am Husserl-Archiv in Leuven von den Leitern dieser Ausga-
be, dem vorzeitig verstorbenen Professor Dr. Pater H. L. Van
Breda, Professor Dr. S. IJsseling und Professor Dr. R. Boehm,
sowie von meinen Kollegen erfahren durfte. Insbesondere gebührt
mein Dank Dr. Iso Kern, der mir die Anregung zur editorischen
Bearbeitung von Husserls Thematik der ,,Phantasie” gab und
mir dann bis zum Abschluss der Arbeiten sein fachmánnisches
Wissen aufs grosszügigste zur Verfügung stellte. Ich danke auch
Dr. Rudolf Bernet und Herrn Reto Parpan für die ausführlichen
L X X X II EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS

Gespráche über die in den hier veroffentlichten Texten sich' stel-


lenden Probleme. Schliesslich danke ich aufs herzlichste Frau
Marianne Ryckeboer-Gieffers für ihre stets sorgfáltige und auf-
merksame Mithilfe beim Kollationieren aller Texte, bei der Her-
stellung des Druckermanuskriptes und bei der Korrektur sámt-
licher Druckproben.
Eduard Marbach
Nr. 1

PHANTASIE UND BILDBEWUSSTSEIN


(Drittes Hauptstück der Vorlesungen aus dem
Wintersexnester 1904/05'
5 über „Hauptstücke aus der Phánomenologie und
Theorie der Erkenntnis”)

<1. K a pite l
Frage nach der P h a n ta s i e v o r s t e l l u n g
gegenüber der W ahrn eh m u n g svorstellu n g >

10 Wir haben uns bisher mit der Phánomenologie der Wahr-


nehmungen bescháftigt.1 In vollig zureichender Weise kann eine
solche Phánomenologie nicht versucht und für sich abgeschlossen
werden ohne Rücksichtnahme auf die ihnen nah verwandten
Phánomene, und so Wird denn, was wir bisher gelemt haben,
15 noch manche neue Beleuchtung, manche Ergánzung und Be-
reicherung erfahren durch die Analysen, zu denen wir jetzt
übergehen. Unser náchstes Ziel ist die Phánomenologie der
Phantasien.

<§ 1. Vieldeutigkeit des Begriffs der Phantasie in der


20 gewohnlichen Rede — Das Phantasieerlebnis ais Fundament
phanomenologischer Wesensanalyse und Begriffsbildung>

Einen gewissen Begriff von Phantasie, Phantasieerscheinung,


Phantasievorstellung bringen w ir alie aus dem gewohnlichen
Leben mit, und es ist, wie fast alie aus dem gemeinen Leben
25 stammenden Klassenbegriffe von psychischen Phánomenen, ein
vager und vieldeutiger. So ist es offenbar, dass man unter dem

1 10.1.1905.
2 TEXT NR. 1 (1904/05)

T it e l P h a n ta s ie b a ld e in e g e w is s e G e is te s a n la g e oder B egabung
v e r s t e h t u n d b a l d w ie d e r g e w is s e a k t u e lle E r l e b n i s s e , T á t i g k e i t e n

oder T á tig k e its e rg e b n is s e , w e lc h e aus der A n la g e h e rvo rg e h e n

o d e r d ie B e g a b u n g d o k u m e n t ie r e n . M a n c h m a l s te llt m a n j a a u c h

5 in d iffe r e n zie r te r B e d e u tu n g a u s d r ü c k lic h g e g e n ü b e r P h a n ta s ie ,

B e tá tig u n g d e r P h a n t a s ie , W e r k d e r P h a n t a s ie . S o w ie m a n V e r -

s ta n d , V e rs ta n d e s tá tig k e ite n u n d W e r k e d e s V e rs ta n d e s s o n d e rt.

P h a n ta s ie m e in t d a n n a ls o e in e g e w is s e G e is te s a n la g e , e in V e r -

m o g e n , w ie w e n n w ir s a g e n , e in M a n n v o n s ta r k e r o d e r s c h w a -

10 c h e r P h a n ta s ie , oder ü b e r tr e ib e n d , e in p h a n ta s ie lo s e r M ensch.

A n d e re rs e its sp re c h e n w ir aber auch vo n den P h a n ta s ie n e in e s

K ü n s tle r s u n d haben h ie r b e i g e w is s e p s y c h is c h e E rle b n is s e im

A u g e , d ie e r i n s ic h v o l l z i e h t o d e r d ie e r d u r c h s e in e W e r k e i n u n s

e r w e c k t. D ie s e W e r k e , ic h m e in e : d ie á u s s e rlic h s ic h tlic h e n W e r -

15 k e , w e r d e n w ir im a llg e m e in e n n ic h t P h a n ta s ie n nen n en , w oh l

aber d ie G e s t a lt e n , d ie m itte ls ih r e r z u r E rs c h e in u n g g e b ra c h t

w e r d e n : d ie M e n s c h e n o d e r F a b e lw e s e n , d ie H a n d lu n g e n , L e id e n -

s c h a fte n , S itu a tio n e n u s w ., d ie der D ic h te r uns fin g ie r t. A u c h

d ie s e G e s t a l t u n g e n w e rd e n a is W e r k e d e r P h a n ta s ie (d e r P h a n -

2 0 ta s ie im e rs te n S in n ) b e ze ic h n e t, u n d W e rk e in d ie s e m S in n

n e n n t m a n a u c h m i t V o r lie b e n s e lb s t P h a n t a s ie n .

D ie P h a n ta s ie a is V e rm o g e n lie g t a u s s e rh a lb des R ah m e n s

u n s e r e r I n t e r e s s e n , d e s g le ic h e n auch d ie P h a n ta s ie ta tig k e it, so -

fe m w i r s ie a is e in e n in d e r s e e lis c h e n O b je k tiv itá t v o n s ta tte n

25 g e h e n d e n 1 k a u s a le n V o rg a n g b e t r a c h t e n , a is e in e T á tig k e it im

e c h t e n S i n n , a is e in e s e e lis c h e H a n d l u n g ; u n d n a t ü r l i c h g i l t d a s -

s e lb e vo m H a n d lu n g s e r g e b n is , vo m W e rk e der P h a n ta s ie a is

s o lc h e m . W as uns in te re s s ie r t s in d p h a n o m e n o lo g is c h e D a te n ,

a is F u n d a m e n te e in e r vo rzu n e h m e n d e n W e s e n s a n a ly s e , h ie r

3 0 s p e zie ll a ls o g e w is s e in te n tio n a le oder besser o b je k tiv ie r e n d e

E r le b n is s e , d ie u n t e r d e m zw e id e u tig e n T it e l P h a n ta s ie ta tig k e it

e b e n fa lls b e fa s s t zu w e rd e n p fle g e n , s o g e n a n n te P h a n ta s ie v o r -

s te llu n g e n , o ft auch k u rzw e g V o r s te llu n g e n g e n a n n t; z .B . d ie

E r le b n is s e , in denen der K ü n s tle r s e in e P h a n ta s ie g e s ta lte n

3 5 s c h a u t , u n d z w a r je n e s e ig e n tü m lic h e in n e r e S c h a u e n s e lb s t o d e r

s ic h zu r An schau un g B rin g e n vo n Z e n ta u re n , vo n h e r o is c h e n

H e ld e n g e s ta lte n , v o n La n d s c h a fte n u s w ., d ie w ir d e m a u s se re n

1 Sp áter eingefugt: ,,realen un d” . — Anm. d. Hrsg.


TEXT NR. 1 (1904/05) 3

Schauen, dem der Wahrnehníung, entgegensetzen. Dem áusseren


ais gegenwártig Erscheinen steht da gegenüber das sich innerlich
Vergegenwártigen, das „Vorschweben in der Phantasie”. Die
Anlage, das Vermogen, dieser Komplex, sei es ursprünglicher,
5 sei es erworbener Dispositionen, ist ja nichts Phánomenologisches.
Die phanomenologische Spháre ist die des wahrhaft Gegebenen,
des adáquat Vorfindlichen, und die seiner reellen Bestandstücke.
Disposition ist aber ein Begriff, der objektivierend über die
echte immanente Spháre hinausgeht. Es ist ein wichtiger Metho-
10 denbegriff der Psychologie, geht uns aber nichts an. Dagegen ist
das Phantasieerlebnis, die sogenannte Phantasievorstellung, ein
phánomenologisches Datum. Offenbar gehort es in die Spháre
der objektivierenden >Erlebnisse; Objektivitáten werden im
Phantasieren zur Erscheinung gebracht und werden evtl. ge-
15 meint und geglaubt. Diese Objektivitáten selbst, z.B. die er-
scheinenden Zentauren, sind nichts Phánomenologisches, genauso
wie die erscheinenden1 Gegenstánde der Dingwahrnehmung es
nicht sind. gleichwohl kommen sie für uns in gewisser Weise sehr
in Betracht, sofern das objektivierende Erlebnis, hier das Phanta-
20 sieerlebnis, die immanente Eigenheit zeigt, gerade dieses so und so
erscheinende Objekt eben zur Erscheinung zu bringen und ais
dieses da <zur Erscheinung zu bringen>. Es ist eine immanente
Bestimmtheit der Phantasievorstellung, eine Wesenseigentüm-
lichkeit, die durch evidente Analyse ais rein inneres Moment
25 solcher Erlebnisse zu finden ist, und so gehort mit dem Erlebnis
selbst auch der Umstand, dass es sich auf Gegenstándliches be-
zieht, dass es sich darauf in dieser A rt und Form bezieht, und ais
was sich darin das Gegenstándliche darstellt, zur phánomenolo-
gischen Analyse des Erlebnisses.
30 Der populáre Begriff der Phantasie bezieht sich aber nicht bloss
auf die Spháre der künstlerischen Phantasie, aus welcher unsere
Beispiele entnommen waren. Mindestens in naher Beziehung zu
dieser Spháre steht, allerdings ein sehr gewohnlicher, e n g e r e r
Begriff von Phantasie, den die Psychologie unter dem Titel
3 5 p r o d u k t i v e P h a n t a s i e , aufgenommen hat. Die produktive
Phantasie ist willkürlich gestaltende Phantasie; wie sie eben
vorzüglich der Künstler zu üben hat. Doch müssen hier zwei Be-
griffe, ein weiterer und ein engerer Begriff, noch unterschieden
werden, je nachdem man die Willkürlichkeit des Gestaltens zu-
4 TEXT NR. 1 (1904/05)

gleich im Sinn des freien E r d i c h t e n s (Fingierens) versteht


oder nicht. Produktive Phantasie, willkürlich gestaltende, übt
ja auch der Historiker. Aber er fingiert nicht. Er sucht mittels
der gestaltenden Phantasie auf Grund gesicherter Daten zusam-
5 menhángende Anschauung von Personlichkeiten, Schicksalen,

Zeitaltern zu entwerfen, Anschauung von Wirklichkeiten, nicht


von Einbildungen.
Die gewohnliche Rede gebraucht den Begriff der Phantasie
auch über die Spháre der produktiven Phantasie hinaus. So wer-
10 den oft Halluzinationen, Illusionen, Traumerscheinungen ais
Phantasien bezeichnet. Dagegen nicht Erinnerungs- und Er-
wartungsvorstellungen, in denen nichtgegenwártige Gegenstande
in der Weise von Wirklichkeiten, ais früher gewesene oder sicher
zu erwartende bewertet werden. Von der Hoffnung heisst es, dass
1 5 sie Phantasie beschwingt, aber was hier ais Phantasie gilt, das

sind nicht bestimmte Erwartungen, sondern bloss Einbildungen.


Sicherlich spielt im gewohnlichen Wortsinn der Phantasie ein
Moment seine Hauptrolle: Das Phantasieren ist gegenübergesetzt
dem Wahmehmen und dem anschaulich Für-wahr-Ansetzen des
20 Vergangenen und Künftigen, kurz, alien Akten, die individuell
Konkretes ais seiend ansetzen. Die Wahmehmung lásst uns eine
gegenwártige Wirklichkeit ais gegenwártig und ais Wirklichkeit
erscheinen, die Erinnerung stellt uns eine abwesende Wirklich­
keit vor Augen, nicht zwar ais selbst gegenwártig, aber doch ais
2 5 Wirklichkeit. Der P h a n t a s i e hingegenfehlt das auf das Phan-

tasierte bezogene Wirklichkeitsbewusstsein. J a noch mehr. Ge-


meiniglich drückt das Wort, zumal das parallele Wort „Einbil-
dung” , die U n - W i r k l i c h k e i t , die Vorspiegelung aus, das
Phantasierte ist bloss Einbildung, d.h. bloss Schein. Freilich
3 0 merken wir auch, dass nicht jeder Schein, auch nicht jeder sinn-

lich-anschauliche Schein ais Einbildung, ais Phantasieschein gilt.


Die Quelle des Scheins muss im Subjekt liegen, der Schein muss
dem Subjekt, seinen Tátigkeiten, seinen Funktionen, semen
Dispositionen zugerechnet werden. Wird er physikalischen Grün-
3 5 den zugerechnet, gründet er in der áusseren Natur, wie der ge-

brochene Stab im Wasser, der wundermáchtig aufgehende Mond


u.dgl., dann spricht man nicht von einer Phantasieerscheinung.
Das sind nun Wendungen des Begriffes, die manches Interesse
bieten mogen, aber phánomenologisch nicht eben bedeutsam
TEXT NR. 1 (1904/05) 5

s in d . P h a n o m e n o lo g is c h k o m m t es j a n u r a u f d a s Im m a n e n te a n ,

a u f in n e r e C h a ra k te re d e r in re in e r A d a q u a t io n e rs c h a u te n E r -

le b n is s e , a u f i h r W e s e n tlic h e s , d h . a u f d a s , w a s z u W e s e n s v e r a ll-

g e m e in e ru n g e n A n la s s g ib t , s o m it zu B e g r iffs b iM u n g e n A n la s s

5 g ib t , d ie a d á q u a te R e a lis a tio n g e s ta tte n , in d e m w ir d a s b e g r iff-

lic h e W e s e n i n e v id e n te r G e n e r a lis a tio n d ir e k t z u e rs c h a u e n v e r-

m ogen.

<§ 2. Die Aufgdbe der Gewinntmg eines wesenüich


einheitlichen Begriffs der Phantasievorstellung ais
10 Phantasieauffassung — Charakterisierung der
W ahrnehmungsauffassung >

O b e in V o r s te lle n der P h a n ta s ie e in k ü n s tle r is c h e s oder u n -

k i i n s t l e r i s c b .e s , e i n w ille n tlic h e s o d e r u n w ille n tlic h e s , e in fin g ie -

re n d e s o d e r n ic h tfin g ie re n d e s is t, im m e r fin d e n w ir, neben den

15 w e c h s e ln d e n e m p ir is c h e n u n d p s y c h o lo g is c h e n Z u s a m m e n h á n g e n ,

d ie uns n ic h ts angehen, u n d auch n e b e n w e c h s e ln d e n B e w u s s t-

s e in s c h a ra k te re n , d ie an s ic h p h a n o m e n o lo g is c h gegeben s in d ,

e in G e m e in s a m e s , u n d d a s s e lb e G e m e in s a m e f in d e n w ir im F a ll

d e r E r in n e ru n g e n u n d E r w a r tu n g e n : W ir fin d e n e b e n d a s , w a s d a

2 0 a is V o r s t e l l u n g b e ze ic h n e t w ir d u n d im G e g e n s a tz zu r

W a h r n e h m u n g s v o r s t e l l u n g i n s e in e r g e s c h lo s s e n e n E i g e n a r t s ic h

a b h e b t. D ie s e s G e m e in s a m e fin d e n w ir a b e r n ic h t im F a ll der

H a llu zin a tio n e n , der Illu s io n e n u n d der T ra u m e rs c h e in u n g e n .

H ie r s in d d ie E r s c h e in ú n g e n b z w . d ie ih n e n u n te r lie g e n d e n A u f -

25 fa s s u n g e n o f f e n b a r W a h m e h m u n g s a u ff a s s u n g e n , u n d s o w e it s ic h

h e ra u s s te llt, dass P h a n ta s ie a u ffa s s u n g n ic h t m it W a h rn e h -

m u n g s a u ffa s s u n g zu id e n tifizie r e n is t, m ü s s e n w ir a ls o d ie ge-

n a n n te n Phano m e ne e n tg e g e n der g e m e in e n R e d e w e is e aus-

s c h lie s s e n .

30 A b s tr a h ie r e n w ir b e i d e n W a h m e h m u n g e n (d a s W o r t im ge-

w ó h n lic h e n S in n genom m en) v o m C h a ra k te r der Q u a litá t u n d

s e lb s t M e in u n g , so g e w in n e n w ir d ie W a h r n e h m u n g s a u f -

f a s s u n g, u n d h a lte n w ir u n s a n d a s W e s e n tlic h e , d a n n r e ic h t

d ie s e r B e g riff so w e it, a is das m a rk a n te Ph a n o m e n des a is

35 s e l b s t g e g e n w á r t i g E r s c h e i n e n s r e ic h t. D ie s e s M e rk -

m a l g ib t e in e n w e s e n tlic h e in h e itlic h e n u n d p h a n o m e n o lo g is c h
6 TEXT NR. 1 (1904/05)

r e a lis ie r te n B e g r i f f . M i t d ie s e r A u f f a s s u n g k o n n e n s ic h d a n n v e r -
s c h ie d e n e in te n t io n a le C h a r a k t e r e v e r b in d e n , e in G la u b e n , Z w e i -
f e l n , B e g e h r e n u s w ., e s e n t s t e h e n k o m p le x e P h a n o m e n e , d ie a b e r

v e rk n ü p ft s in d d a d u r c h , d a s s ih n e n e in e u n d d ie s e lb e V o r S te l-

5 lu n g s a rt, d ie ,,W a h r n e h m u n g s v o r s t e l l u n g ” oder „W a h rn e h -

m u n g s a u ffa s s u n g ” zu g ru n d e lie g t. S o lc h e V o r s te llu n g e n fin d e n

w ir aber bei den s o g e n a n n te n H a llu zin a tio n e n u n d Illu s io n e n ,

e b e n s o w ie b e i d e n F a l l e n d e s p h y s is c h -n a tü r lic h e n S c h e in s .

Im g le ic h e n w ird es u n s je tz t n u r d a ra u f a n k o m m e n m üssen,

10 e in e n w e s e n tlic h e in h e itlic h e n B e g r iff d e r P h a n ta s ie v o rs te llu n g

a is P h a n t a s ie a u f f a s s u n g zu g e w in n e n . A u c h h ie r b e m e rk e n w ir ,
oder konnen w ir u n s z u r E in s ic h t b r in g e n , d a s s u n te r d e m po­

p u la r e n T i t e l P h a n t a s ie , a b e r a u c h u n te r a n d e r e n T it e ln w ie E r -

in n e ru n g u n d E rw a rtu n g , in te n tio n a le E rle b n is s e s te h e n , d ie

15 n e b e n w e c h s e ln d e n B e w u s s ts e in s c h a r a k te re n e in w e s e n tlic h G e -

m e in s a m e s a is U n t e r l a g e z e ig e n . W i e w ir v o r h in schon b e m e rkt

< h a b e n > , s in d es n a tü rlic h o b je k tiv ie r e n d e A k te u n d s e tze n a is

s o lc h e o b je k t iv ie r e n d e A u f f a s s u n g v o r a u s , u n d d ie s e A u ff a s s u n g

is t im s p e zifis c h e n W e s e n d ie g le ic h e , o b w ir es z u t u n h a b e n m it

2 0 fr e i a u fs te ig e n d e n P h a n ta s ie n o d e r m it p r o d u k tiv e n P h a n ta s ie n

o d e r a b e r m it a n s c h a u lic h e n E r w a r tu n g s v o r s te llu n g e n oder an-

s c h a u lic h e n V e r g e g e n w a r tig u n g e n e in e r fr ü h e r e n V e r g a n g e n h e it,


d ie w ir s e lb s t e r le b t h a b e n .

U n s e r In te r e s s e g e h t a ls o n i c h t a u f V e r s c h ie d e n h e ite n v o n k o m -

25 p le x e n E r le b n is s e n , d ie d e r b a ld e n g e re u n d < b a ld > w e ite r e B e ­

g riff der P h a n ta s ie b e fa s s t, s o n d e r n auf d ie s e e i n h e i t l i c h e

u n d w e s e n t l i c h e i n h e i t l i c h e A u f f a s s u n g s a r t , d ie

w i r a is P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g b e z e ic h n e n w o l le n . O b s ie i n d e r T a t

e in e w e s e n tlic h e ig e n tü m lic h e V o r s te llu n g s a r t u n d e in e gegen-

30 ü b e r der W a h rn e h m u n g neue b e ze ic h n e t, m u s s a lle r d in g s e rs t


u n te rs u c h t w e rd e n .

<§ 3 . V e r s a g e n d e r z e itg e n d s s is c h e n p s y c h o lo g is c h e n F o r s c h u n g
i n d e r F r a g e n a c h d e m V e r h a lt n is v o n W a h r n e h m u n g s - u n d
P h a n t a s ie v o r s t e llu n g . F e h le n d e s B e g r if f s d e r
35 o b je k tiv ie r e n d e n A u ffa s s u n g >

D ie F r a g e n a c h d e m V e r h a ltn is v o n W a h r n e h m u n g s v o r s te llu n g
u n d P h a n ta s ie v o r s te llu n g is t das O b je k t v ie le r e rn s te r B e -
TEXT NR. 1 (1904/05) 7

m ühungen gew esen. In d e r L i t e r a t u r i s t s ie z w a r n u r a u s n a h m s -

w e is e i n e ig e n e n S c h r i f t e n b e h a n d e l t w o r d e n , n n d d a g e r a d e n u r
in zie m lic h o b e r flá c h lic h e r A r t . A b e r in v e r s c h ie d e n e n Zu sa m -

m enhangen haben b e d e u te n d e M an n er an s ie g e rü h rt u n d in

5 e in e r W e i s e , d ie z e i g t , d a s s s ie s ie f ü r k e i n e e b e n le ic h t e g e h a lt e n

haben. D o ch v i e l T ie fe r e s a is d ie L i t e r a t u r b ie te n m i t u n t e r V o r -

le s u n g e n , u n d h ie r d e n k e ic h < a n > d ie ü b e r a u s s c h a r fs in n ig e A r t ,

w ie d ie F r a g e in e ig e n e n V o r le s u n g e n B r e n t a n o s b e h a n d e lt w o r ­

den < is t> . A u c h e in e fe in e B e h a n d lu n g S tu m p fs in s e in e n V o r -

10 le s u n g e n ü b e r P s y c h o lo g ie 1 r a g t w e i t ü b e r d a s , w a s d ie L i t e r a t u r

b ie te t, h in a u s .
W a s d a s P r o b le m a is s o ü b e r a u s s c h w ie r ig e r s c h e in e n lie s s , u n d

w a s e in e e r n s te L o s u n g d e s s e lb e n z u r U n m o g l i c h k e i t m a c h t e , w a r

m e in e s E r a c h t e n s d e r U m s ta n d , dass es a m B e g r iff d e r o b je k ti-

15 v i e r e n d e n A u f f a s s u n g u n d a n d e n z u g e h o r i g e n U n t e r s c h e i d u n g e n

z w is c h e n A u ffa s s u n g s in h a lte n , A u ffa s s u n g s s in n , A u ffa s s u n g s -

fo rm fe h lte . S e lb s t d ie b e d e u te n d s te n F o r s c h e r v e r w e c h s e ln k o n -

s ta n t d ie s in n lic h e n In h a lte der W a h rn e h m u n g u n d den Gegen-

s ta n d d e r W a h rn e h rm in g . D u r c h m e ta p h y s is c h e V o r u r te ile ve r-

20 w i r r t w i r d a is G e g e n g t a n d d e r W a h r n e h m u n g e in u n a n s c h a u lic h e s

D in g a n s ic h g e s e t z t , w a h r e n d d e r w ir k lic h a n g e s c h a u te G e g e n -

s ta n d in d e r th e o r e tis c h e n B e tr a c h tu n g ü b e rs e h e n u n d m it d e m

E m p fin d u n g s in h a lt id e n tifizie r t w ir d .
Genauso geht es m it den P h a n ta s ie v o rs te llu n g e n . M a n ve r-

25 w e c h s e lt d e n s in n lic h e n In h a lt, d e r in d e r P h a n ta s ie v o r s te llu n g

e r le b t is t u n d d e r a is R e p rá s e n ta n t in d e r P h a n ta s ie a u ffa s s u n g

fu n g ie r t, m it d e m G e g e n s ta n d d e r P h a n ta s ie , m a n id e n tifiz ie r t

b e id e s . In fo lg e d e s s e n ü b e r s ie h t m an e ig e n tlic h d ie P h a n ta s ie ­

a u ffa s s u n g a is W e is e d e r O b je k tiv ie r u n g ga n z u n d g a r; ebenso


30 g e s c h ie h t es j a bei der W a h rn e h m u n g . D a s f ü r s ie g e r a d e C h a -

r a k te r is tis c h e , d ie G e g e n w a r ts a u ffa s s u n g , w ir d n ic h t a is p h á n o -
m e n o lo g is c h e s C h a ra k te ris tik u m e rk a n n t. So e r k lá r t s ic h auch

d e r S tr e it u m d e n U n te r s c h ie d zw is c h e n A k t u n d In h a lt d e r a n -

s c h a u lic h e n V o r s te llu n g e n . S e h r v ie le F o rs c h e r s a g e n , w e n n w ir
35 e in e F a r b e , e in e n T o n v o rs te lle n , ih n w ah m e hm en o d e r in der

P h a n ta s ie v o r s te lle n , so is t d e r T o n b e w u s s t, B e w u s s ts e in is t a b e r

n ic h ts E ig e n a rtig e s , das g e ra d e zu d ie s e m T o n g e h o rte . A lie

1 Zu den hier gemeinten Vorlesungen Brentanos und Stumpfs vgl. die Einleitung
des Hrsg., S. XXV. — Anm. d. Hrsg.
8 TEXT NR. 1 (1904/05)

p s y c h is c h e n E rle b n is s e haben e in e in d e fin ib le B e zie h u n g zu m


re in e n I c h , d ie a b e r n ic h t e tw a s V o rfin d lic h e s is t in dem S in n

e in e s In h a lte s . M anche s tre ic h e n das r e in e Ic h noch w eg u n d

sagen e in fa c h : In h a lt is t a lie s V o r fin d lic h e . D a s V o rfin d e n is t

5 n ic h t e in n e u e r In h a lt, d e r d e n In h a lte n a n h in g e . N e h m e n w ir

w a h r, so is t eben d ie s e F a r b e , je n e r T o n E rle b n is ; e in W a h r-

nehm en a is S e h e n , H o r e n u .d g l . i s t n i c h t e in n e u e r In h a lt, d e r

m it d e m T o n - o d e r F a r b in h a lt g e g e b e n w á r e , e in zw e ite s E r le b n is

neben der Fa rb e , dem T o n . D ie s o g e n a n n te n p s y c h is c h e n A k t e ,

10 w e n n m an d a ru n te r, w ie e tw a B re n ta n o , E r le b n is s e v e rs te h t,

u n te r s c h ie d e n v o n d e n s o g e n a n n te n ,,p h y s i s c h e n P h a n o m e n e n ” ,

vo n d e n F a r b e n - , T o n p h á n o m e n u s w ., s i n d a ls o F i k t i o n e n .

<§ 4 . K u r z e D a r s t e llu n g u n d K r i t i k v o n B r e n to n o s
L e h r e vo m ,,V o r s t e lle n ” >

15 A u f d e r a n d e re n S e ite s te h t d ie B re n ta n o -S c h u le u n d a n d e re

m it ih r d a r in ü b e r e in s tim m e n d e D e n k e r . F ü r B r e n t a n o is t „ V o r -

s te lle n ” d e r T i t e l d e r e rs te n G r u n d k la s s e v a n „p s y c h is c h e n P h á -

n o m e n e n ” , d .i . v o n in te n tio n a le n E rle b n is s e n . E r s c h e id e t V o r -

s te llu n g u n d V o r g e s t e llte s : d ie V o r s te llu n g der A k t , das V o r-

20 g e s te llte d e r I n h a l t . E s is t h o c h s t m e r k w ü r d ig , d a s s e in F o r -

scher vo n so a u s s e r o r d e n tlic h e m S c h a r fs in n d ie v e r s c h ie d e n e n

B e g r iffe v o n V o r g e s te llte m o d e r v o n I n h a l t n ic h t g e s c h ie d e n , d ie

z u g e h o r ig e n d e s k r ip tiv e n A n a ly s e n n ie v o llz o g e n u n d d ie fu n d a ­

m é n ta le B e d e u tu n g d ie s e r U n te rs c h e id u n g e n n ic h t g e w ü rd ig t

25 h a t . D e r I n h a lt is t ih m g e w o h n lic h d e r E m p fin d u n g s in h a lt d e r

W a h m e h m u n g . D a vo n n ic h t k la r g e s c h ie d e n w ir d , oder w ir d

e ig e n tlic h ü b e rh a u p t n ic h t g e s c h ie d e n , d a s , w a s w ir , r e in dem

S in n d e r W a h m e h m u n g fo lg e n d , d e n W a h rn e h m u n g s g e g e n s ta n d

nennen, das uns v e r m e in tlic h G e g e n ü b e rs te h e n d e , v e r m e in tlic h

30 S e lb s te r s c h a u te . V o m ,,G e g e n s t a n d ” im U n te r s c h ie d vo n e in e m

I n h a l t s p r ic h t B r e n t a n o g e le g e n tlic h a u c h , a b e r d a s is t i h m d e r a u s -

se re G e g e n s ta n d im a b s o lu te n , m e ta p h y s is c h e n S in n , d e n e r m it

d e m in d e r W a h m e h m u n g g e m e in te n v e rw e c h s e lt, o ffe n b a r ü b e r -

s e h e n d , d a s s w ir e rs t in d e r R e fle x ió n , in d e r n a tu r w is s e n s c h a ft-
35 lic h e n u n d m e ta p h y s is c h e n , d a h in k o m m e n , z u d e m phanom ena-

le n O b j e k t a is e in e m b lo s s e r s c h e in e n d e n in B e z ie h u n g z u s e tze n
TEXT NR. I (1904/05) 9

e in a n d e r e s , o d e r e in e K o m p l e x i o n a n d e r e r , d ie n ic h t- i n d ie E r -

s c h e in u n g fa lle n , e in e K o m p le x io n vo n A to m e n / vo n Á th e r-

s c h w in g u n g e n , v o n E n e r g ie n u n d w a s im m e r m a n d a a rin e h m e n

m a g . J e d e n f a l ls s in d d ie s e E n t i t a t e r í n ic h t s i n den R a h m e n der

5 W a h r n e h m u n g s a u ffa s s u n g , s o n d e r n á n d e n d e r w is s e n s c h a ftlic h e n .

T h e o r ie n F a l l e n d e s , d ie s ic h a u f d ie W a h m e h m u n g n u r i n d i r e k t

u n d b e g r i f f l i c h b e z i e h e n .1

F ü r B re n ta n o g ib t e s , d a e r e in e rs e its a n dem V o r s te lle n a is

A k t , a is i n t e n t i o n a l e m B e w u s s ts e in (te ils a u f G r u n d d e r in n e re n

10 E r f a h r u n g , t e ils a u s t h e o r e t is c h e n G r i i n d e n ) fe s th a lte n w ill u n d

a n d e re rs e its d a s W e s e n d e r A u ff a s s u n g , d e r W a h r n e h m u n g s v o r -

s te llu n g im e c h te n S i n n , a is o b j e k t i v i e r e n d e D e u t u n g n ic h t e r-

fa s s t, im A k t c h a r a k t e r d e s V o r s te lle n s s e lb s t g a r k e in e D if f e r e n -

zie ru n g e n . D ie e in zig e D i f f e r e n z ie r u n g . e r g ib t d e r , , I n h a l t ” , das

15 V o r s t e ll e n is t s o v i e l f á l t i g b e s t i m m t a is e s I n h a l t e g i b t , a u f d ie

es s ic h r i c h t e t . D a s s . e in e s o lc h e A n s i c h t u n b e f r ie d ig e n d i s t , d a s s

d ie s e s V o r s t e ll e n v ie le r iia ls e in s o n d e r lic h e s D i n g , a is e in e z w e c k -

lo s e F o r m e r s c h e in t, is t b e g r e iflic h , u n d b e g r e iflic h is t es a u c h ,

d a s s B r e n t a n o s D a r s t e llu n g a u f g e g n e tis c h e r S e ite n u r d ie Ü b e r -

20 ze u g u n g e n v e r s t a r k t ,' V o r s t e l l e n s e i e in e le e re F ik t io n , es g a b e

nur In h a lte u n d d a zu a lle n fa lls d ie p o in tie re n d e F u n k tio n der

A u f m e r k s a m k e it.

N a tü r lic h v e r w ic k e lt s ic h B re n ta n o d u rc h d ie U n v o lls tá n d ig -

k e it s e in e r p h a n o m e n o lo g is c h e n A n a l y s e i n d ie g ro s s te n S c h w ie -

25 r ig k e it e n . V o r s te lle n ' á o ll e t w a s D if f e r e n z e n lo s e s s e in , e s d if f e r e n -

z i e r t s ic h n u r n a c h d e n - I n h a l t e n . W a s is t e s d a n n a b e r m it d e n

U n te rs c h ie d e n z w is c h e n W a h m e h m u n g s v o r s te llu n g , P h a n ta s ie -

v o rs te llu n g , s y m b o lis c h e r V o r s te llu n g , z w is c h e n a n s c h a u lic h e r

u nd u n a n s c h a u l i c h e r , k a t e g o r i a l e r u n d s i n n l i c h e r u s w . ? W i e s o ll_

30 s ic h d a s a u f U n t e r s c h i e d e d e s b lo s s e n I n h a l t s r e d ú z ie r e n ? B r e n ­

ta n o h at es ve rs u c h t u n d h a t a ll s e in e n b e w u n d e ru n g s w e rte n

S c h a rfs in n d a r a u f v e r w e n d e t, a lie w e s e n tlic h e n U n te rs c h ie d e in

den W e is e n d e s V o r s te lle n s w e g zu in te rp re tie re n , w obei er ge-

le g e n tlic h d o c h f a s t b e i d e m E i n g e s t á n d n i s e n d e t , d a s s i n g e w is s e r

35 W e is e doch w ie d e r M o d i des V o r s te lle n s angenom m en w e rd e n

1 Im Zusammenhang damit seine verwirrende Rede von intentionalen Objekten


ais solchen im Gegensatz zurden wirklichen: Der Inhalt der Wahrnehmung ist ihm das
mtentionale Objekt, das wirkliche da,s Ding an sich. Ais ob in der Wahrnehmung die
Empfindungen erschienen und gemeint wáren statt des physischen Gegenstands.
10 TEXT NR. 1 (1904/05)

m ü s s te n : E r fü h lt e s, d a ss in d e n A n a ly s e n e tw a s fe h le . E s is t
n ic h ts a n d e r e s a is d e r U n t e r s c h ie d zw is c h e n M e in u n g , Q u a litá t
u n d A u ffa s s u n g s c h a ra k te r u n d A u ffa s s u n g s fo rm . G e w is s : D a s
b lo s s e V o r s t e ll e n , g e fa s s t a is b lo s s e s V o r s c h w e b e n h a b e n , d a r a u f

5 H in b lic k e n o h n e je d e E n ts c h e id u n g , w e n n m a n d a s u n te r V o r ­
s te lle n v e r s te h t, so is t das e in e in a r tig e r C h a r a k te r , d e r k e in e

w e ite r e D i f f e r e n z i e r u n g z u lá s s t , e in e l e t z t e D i f f e r e n z i n d e r G a t -

tu n g A k t . •
V e r s te h t m a n u n t e r V o r s te llu n g a b e r d ie A u f f a s s u n g , das,

10 w a s b e i d e n in te n tio n a le n A k te n das E r s c h e in e n m a c h t, u n a b -

h a n g ig vo m G la u b e n oder N ic h tg la u b e n , vo m Z w e ife ln oder

W ü n s c h e n , a ls o d a s , w a s id e n t is c h i s t , w e n n in t e ll e k t iv e U n e n t -

s c h ie d e n h e it in E n ts c h e id u n g , B e ja h u n g in V e r n e in u n g ü b e r-

g e h t, d a n n g ib t es a lle r d in g s m a n c h e rle i U n te rs c h ie d e . D ie

15 A u f f a s s u n g lá s s t g a r s e h r w ic h t ig e A n a l y s e n z u . D a d ie s e fe h le n

(u n d s ie f e h l e n b e i B re n ta n o , a b e r ebensosehr be i d e n ü b rig e n

P s y c h o lo g e n (w e n n w ir vo n g e r in g e n A n fá n g e n a b s e h e n )), so

fe h lt auch d ie M o g lic h k e it , d ie S tre itfra g e über das V e rh á ltn is

v o n W a h r n e h m u n g s v o r s te llu n g u n d P h a n ta s ie v o r s te llu n g m e th o -

20 d is c h r ic h t ig a n zu fa s s e n u n d d ie T e ilp r o b le m e zu s c h e id e n , d ie

h ie r fü r u n s o ffe n b a r b e s te h e n .

< § 5 . D ie F r a g e n a c h d e m U n te rs c h ie d von
W a h r n e h m u n g s - u n d P h a n t a s ie v o r s t e llu n g u n d d a s
b eso n d ere P ro b le m d e r U n te rs c h e id u n g d e r e n tsp re c h e n d e n
25 A u f f a s s u n g s in h a lt e , E m p f in d u n g u n d P h a n ta s m a >

W a h r n e h m u n g s e r s c h e in u n g u n d P h a n ta s ie e r s c h e in u n g s in d

e i n a n d e r s o n a h v e r w a n d t , s o á h n l i c h , d a s s s ie d e n G e d a n k e n a n d a s

V e r h á ltn is vo n O r ig in a l u n d B ild s o fo r t n a h e le g e n . B e id e r s e its

haben w ir o b je k tiv ie r e n d e A u ffa s s u n g e n , u n d b e id e r s e its kann


3 0 d e r s e lb e G e g e n s t a n d z u r E r s c h e i n u n g k o m m e n , ,u n d s o g a r b e i d e r ­

s e its m it g e n a u d e n s e lb e n in d ie E r s c h e in u n g fa lle n d e n B e s t i m m t -

h e ite n , v o n d e rs e lb e n S e it e , k u r z , b e id e rs e its s in d auch d ie E r -

s c h e in u n g e n ,,d i e s e l b e n ” , nur haben w ir eben e in m a l W a h r-

nehm ung u n d das a n d e re M al P h a n t a s i e .. W a s ka n n fü r den

35 U n te rs c h ie d a u fk o m m e n ? N u n , o ffe n b a r z w e ie r le i: d ie d e r A u f ­
fa s s u n g d ie n e n d e n I n h a lt e u n d d ie A u ffa s s u n g s c h a r a k te r e s e lb s t.
TEXT NR. 1 (1904/05) 11

F i i r d e n , d e r s o e t w a s w i e U n t e r s c h i e d e >der A u f f a s s u n g s c h a r a k -

te re a is p h a n o m e n o lo g is c h e U n te rs c h ie d e n ic h t k e n n t, e n tfá llt
d ie s e s Fu n d am e n t m o g lic h e r A ttfk lá ru n g , u n d so ko m m t d ie
V e r le g e n h e it u n d V e r w e c h s lu n g .

5 Zu n á c h s t, w as d ie In h a lte a n b e la n g t, d ie a is A u ffa s s u n g s -
in h a lte fu n g ie r e n , is t n a tü r lic h d ie Fra g e , w as das fü r In h a lte

s in d , o b b e i W a h r n e h m u n g e n u n d P h a n t a s ie n d ie s e lb e n I n h a lt e
a is A u f f a s s u n g s in h a lt e f u n g ie r e n o d e r n i c h t .

D e n W a h rn e h m u n g e n lie g e n E m p fin d u n g e n zu g ru n d e , den

10 P h a n ta s ie n d ie s in n lic h e n P h a n t a s m e n . S in d S in n e s p h a n ta s m e n ,

kan n m an n un a b e r fra g e n , n a c h G a t t u n g id e n tis c h m it S in n e s -

e m p fin d u n g e n , n a t ü r lic h d e s k r ip t iv , n ic h t g e n e tis c h g e s p r o c h e n ,

o d e r s in d s ie v e r s c h i e d e n ? D a g r e n z t s ic h e in P r o b le m ab , das

von dem der U n te r s c h e id u n g zw is c h e n W a h rn e h m u n g s - u nd

15 P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g g e w o h n lic h g e s c h ie d e n w e rd e n kan n. O b

d ie E m p fin d u n g e n a is A u ffa s s u n g s in h a lte der W a h rn e h m u n g

d ie n e n o d e r n ic h t, d a s s e i u n s j e t z t e in e rle i. D e r A u ffa s s u n g s in -
h a l t f ü r s ic h is t j a n o c h k e ih e w a h r n e h m e n d e D e u t u n g , d ie kommt
e rs t d a zu . U n d e b e n s o is t das P h a n ta s m a abgesehen vo n a lle r
2 0 A u f f a s s u n g a is P h a n t a s i e e in e s Z e n t a u r e n , e in e s H a u s e s u s w . e in

s in n lic h e r I n h a l t , d e r e tw a s t o t a l a n d e r e s is t a is d ie P h a n t a s ie .

Je d e m s in n lic h e n E m p fin d u n g s in h a lt , z .B . d e m e m p fu n d e n e n

R o t , e n t s p r ic h t e in s in n lic h e s P h a n t a s m a : d a s in der anschau-

lic h e n V e rg e g e n w a rtig u n g e in e s R o te n m ir a k t u e l l vo r-
25 s c h w e b e n d e Rot.
W i e v e r h a l t e s s ic h n u n m i t d e m e in e n u n d d e m a n d e re n R o t ?

B e id e s s in d R o te rle b n is s e . G a ttu n g u n d S p e zie s m ag d ie s e lb e

s e in . B e s te h e n d a n n n o c h W e s e n s u n te r s c h ie d e ? O d e r h a n d e lt es
s ic h u m e in e n U n t e r s c h ie d in n e u e r D i m e n s i ó n , d e r a r t , d a s s e in

30 R o t m o g lic h is t a is E m p f i n d u n g u n d s p e zifis c h g e n a u d a s s e lb e

R o t m o g lic h is t a is P h a n t a s m a , u n d d a s s d ie s e B e z e i c h n u n g E m p ­

fin d u n g u nd P h a n ta s m a n ic h t e tw a z u r ü c k w e is t a u f g e n e tis c h e

U n te r s c h ie d e (o b a u s p e r ip h e r e n R e iz e n s ta m m e n d o d e r a u s z e n -
tr a le n ) , a u c h n ic h t z u r ü c k w e is t a u f d ie A u ffa s s u n g s fu n k t io n , o b

35 d e r s e lb e I n h a l t z w e i v e r s c h ie d e n e A u ff a s s u n g e n f u n d i e r t , s o n d e m

d a s s e s s ic h u m e in e n in n e r e n , e in e n W e s e n s u n te rs c h ie d h a n d e lt ?
Da h a t t e n w i r a ls o e in b e s o n d e r e s P r o b l e m . V e r f ü g t d a s A u f -
fa s s e n der W a h rn e h m u n g u n d d e r P h a n ta s ie ü b e r zw e i g ru n d -

v e rs c h ie d e n e K la s s e n vo n A u ffa s s u n g s in h a lte n , d ie aber von


12 TEXT NR. 1 (1904/05)

vornherein in dem wunderbaren Verháltnis stehen, dass die einé


und die andere dieselbenGattungen und Arten wiederholt; oder
ist das nicht der Fall? Wesentlich verschieden davon ist natür-
lich das a n d e r e P r o b l e m , das nach der Aufklarung der
5 Wahrnehmungs- und Phantasieauf f a s s u n g e i r <fragt>;. Han-
delt es sich beiderseits um d i e s e l b e n Auffassungen, aber be-
gründet in einer »angeblichen Wesensverschiedenheit von sinn-
lichen Inhalten ais Empfindungen und Phantasmen, o d e r han-
delt es sich um wesentlich verschieden a r t i g e Auffassungen ? Und
10 wenn dies, worin besteht das Eigenartige der Phantasieauffassung,
wie steht sie zu ihren Auff assungsinhalten, welche Modifikationen
Vann sie annehmen, welche Gemeinsamkeiten bleiben erhalten
bei dem Wechsel der Auffassungsinhalte, und w ie is t üb e r -
h a u p t di e K o n s t i t u t i o n des g a n z e n P h á n o m e n s
1 5 e i n e r P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g in sich und im vergleichen-
den Hinblick auf verwandte Phanomene zu verstehen?
Wer, mit sehr vielen Psychologen, nur die Inhalte sieht und
vor der Objektivierung, vor dem Unterschied zwischen dem
Inhalt, der erlebt <wird>, und dem Gegenstand, der erscheint,
20 die Augen verschliesst, kommt natürlich in die argsten Verlegen-
heiten, ob er nun zwischen Empfindung und Phantasma wesent-
liche Unterschiede statuiert oder nicht. Ist es ein wesentlicher
Unterschied, wie manche (mehr in der Hoffnung, den Verlegen-
heiten zu entgehen, ais aus wirklicher Anmessung aufgrund
25 phánomenologischer Analyse) annehmen, so darf man nicht
fragen, warum in der Wahmehmung ein Gegenstand ais gegen-
wartig dasteht und in der blossen Phantasie nicht. Man kann
doch nicht behaupten, gegenwártig und nichtgegenwartig sei ein
bloss v e r b a l e r Ausdruck für zwei Gattungen von Gegen-
30 stánden. Und Gegenstand solí doch dasselbe wie Inhalt sein. Sind
aber die Unterschiede zwischen Empfindung und Phantasma
bloss g r a d u é lie, so fragt <es> sich, ob dann der Unterschied
zwischen gegenwartigem Gegenstand der Wahmehmung und
bloss vergegenwartigtem der Phantasie ein gradueller sei, ob die
35 graduelle Abstufung hier nicht Widersinn sei.'
TEXT NR. 1 (1904/05) 13

<§ 6 . Kritische Erorterung der von den Psychologen


vorgebrachten Unterschiede von Wahmehmung und
Phantasie>

Die einseitige Richtung des Interesses auf genetische Erklá-


5 rung, lange vor dem Anfang einer nach Wichtigkeit und Schwie-
rigkeit gar nicht gewürdigten Deskription, verbirgt vielen Psy­
chologen und psychologistisch tendierten Erkenntnistheoretikem
alie Probleme. Sie sind schnell fertig, indem sie einfach auf die
Verschiedenheit des Ursprungs hinweisen: Wahrnehmungsvor-
10 stellungen entstammen aus peripherer Reizung, Phantasievor-
stellungen nicht. Fragt man nach deskriptiven Unterschieden, so
weist man (der erste, der dies getan hat, war Aristóteles) auf die
grossere Lebhaftigkeit der Wahmehmungsvorstellungen hin.
Hume begniigt sich mit diesem Unterschied allein. In neuer Zeit
1 5 hat man sich um neue Unterschiede gemüht. Nach dem Vorgang

Alexandér Bain’s wird das Merkmal der Fülle genannt. Phanta-


sievorstellungeri sind im Vergleich mit den entsprechenden Wahr-
nehmungsvorstellungen lückenhafter, ármer an Unterschieden,
Bestimmungen, Charakteren.
20 Ferner weist man hin auf das Merkmal der Dauerhaftigkeit
bzw. Flüchtigkeit. Eine Wahmehmung (Empfindung) dauert in
unveranderter Fülle und Starke so lange, ais der verursachende
Reiz dauert. Bei flüchtigem Reiz wird die Empfindung auch
flüchtig sein. Aber im allgemeinen ist das nicht der Fall, im all-
2 5 gemeinen sind die Reize hinreichend standfest, und so haben die

Wahrnehmungen einen dauernden, gefestigten Charakter, die


Phantasmen sind aber flüchtig vorschwebend, bald auftauchend,
bald verschwindend, sie sind nicht standfest. Sie ándern sich auch
inhaltlich, sie halten die Fairben, Formen nicht konstant fest usw.
30 Weiter wird ais Charakter angeführt die willkürliche Variation,
welche die Phantasien zulassen, und zwar solcher, die nicht auf
willkürlichem Eingriff in die Aussenwelt beruht. Die Wahmeh-
mungen verschwinden nur, wenn wir die Augen schliessen, uns
fortbegeben usw. Tun wir das nicht, so bleiben sie, was sie sind,
3 5 und erfahren keine Ánderung durch unsere blosse Willkür.

Mit solchen Unterschieden suchte man sich zu behelfen. Dazu


kamen dann fteben den genetischen Unterschieden Unterschiede
14 TEXT NR. 1 (1904/05)

ihrer psychologischen Wirkungen, also wieder kausale und nicht


mehr phánomenologische Unterschiede.
Es ist leicht zu sehen! dass mit solchen Unterschieden der
K e r n der Sache nicht getroffen ist. Und dass dabei in unklarer
5 Weise die Probleme der Unterscheidung zwischen Empfindung

und Phantasma und die der Analyse der beiderlei Auffassungen


durcheinander g lo r í e n sind. Das Merkmai der Intensitát oder
Lebendigkeit gehort offenbar zu den I n h a l t e n , nicht zu den
Auffassungen. Bei diesen ist von Intensitát keine Rede. Alíen­
lo falls mag das Interesse, das sich auf diese Auffassung gründet,
seine Grade haben. Aber die Objektivierung ist nichts, was sinn-
voll ais stark oder schwach bezeichnet werden kann. Die Merk-
male der Fülle und Flüchtigkeit haben dagegen wesentliche Be-
ziehung zur Auffassung. Dasselbe Objekt ist einmal mit einer
1 5 grossen Fülle von Auffassungsinhalten, das andere Mal mit einer

kleinen und im flüchtigen Wechsel bald mit einer grosseren, bald


mit einer kleineren vorgestellt. Das kann natürlich keine wesent-
bchen Unterschiede begründen, da die Unterschiede innerhalb
der Phantasievorstellungen von demselben Objekt mindestens
20 ebenso gross sind ais dieser aller zu den Wahrnehmungsvorstel-
lungen. Dieser ganze Punkt ist unklar, weil phánomenologisch
erst klargemacht werden müsste, was denn der Beziehungspunkt
der wechselnden Fülle, námlich d a s s e l b e v o r g e s t e l l t e
O b j e k t , phánomenologisch besagt. Kommt man aber auf die
2 5 Auffassung, so müsste gefragt werden, was in der Wahrnehmung

und in der Phantasie die Vorstelbgmachung desselben besagt und


ob diese Selbigkeit nicht zulásst eine Differenzierung, eine Ver-
schiedenartigkeit der Objektivierung, welche den wahren Unter-
schied zwischen Wahrnehmung und Phantasie ausmacht, einen
3 0 scharfen Unterschied und nicht einen bloss relativen Unterschied

wie den der Fülle und Flüchtigkeit, der ja auch innerhalb jeder
der beiden Vorstellungsgattungen für sich seine Anwendung hat.
Natürlich hilft auch das letzte Merkmai, das der willkürlichen
Vanation, nichts für eine deskriptive Unterscheidung: Was heisst
3 5 willkürlicher Eingriff in die „Aussenwelt” ? Subjektiv sind das

Wahrnehmungen. Haben wir Wahrnehmungen, und ohne Ver-


wechslung mit Phantasievorstellungen, so konnen wir vermeint-
liche Wahrnehmungen an ihnen messen. Aber die Frage ist nicht
die der Unterscheidung zwischen Schein und Wirklichkeit, son-
TEXT NR. 1 (1904/05) 15

dern die Frage nach dem verschiedenen Wesen von Wahmeh-


mung und Phantasie, und ob eine wesentliche Verschiedenheit
hier überhaupt besteht.
Meint man den Unterschied aber wohl ais einen psychologisch
5 charakterisierenden Unterschied, so gehort er nicht mehr in die
phánomenologische Sphare. W ir haben d e f a d o zwei verschiedene
Vorstellungsarten, die wir praktisch leicht unterscheiden. Es ist
psychologisch interessant, zu sehen, wie sich diese Vorstellungen
auch verschieden verhalten in Relation zu unserem Willen u.dgl.
10 Das sind aber schon genetisch-kausale, es sind Probleme der
Psychologie.
So konnen wir also mit den gewohnlichen Darstellungen der
Psychologen nicht viel anfangen, so viel psychologisch wertvolles
Material bei ihnen auch zusammengetragen ist. Unsere Analysen
15 der Wahrnehmung haben uns aber die wesentlichen Probleme so
klargelegt und bereits die roheren Unterschiede in der Konsti-
tution der Phantasievorstellung von vornherein hervortreten las-
sen, so dass wir uns ohne, weiteres in das Z e n t r u m der Sache
vertiefen konnen, manche Selbstverstándlichkeiten übergehend
20 oder nur flüchtig berührend.

<2. Kapitel
I n t e r p r e t a t i o n der P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g
ais B i l d l i c h k e i t s v o r s t e l l u n g (Imaginat ion)
w i e di e p h y s i s c h - b i l d l i c h e V o r s t e l l u n g >

25 <§ 7 . V e r w a n d te U n te r s c h ie d e in n e r h a lb d e r
W á h r n é h m u n g s - b zw . P h a n t a s ie a u f f a s s u n g >

Ais Evidenz konnen wir es bezeichnen, dass im Sinn idealer


Moglichkeit gesprochen zu jeder moglichen Wahmehmungsvor-
stellung eine mbgliche Phantasievorstellung gehort, die sich auf
30 denselben Gegenstand bezieht und in gewissem Sinn auch genau
in gleicher Weise .1 Vergegenwártigen wir eine Landschaft, so
entspricht ihr die Landschaft der Wahrnehmung, und dem
phantasierten Zimmer entspricht das wahrgenommene Zimmer.

1 Woher diese Evidenz? Ein eigenes Problem.


16 TEXT NR. 1 (1904/05)

D a b e i is t e s k l a r , d a s s fa s t a ll d ie S c h e id u n g e n , d ie w ir b e i d e r
W a h rn e h m u n g gem acht h a tte n , auch bei der P h a n ta s ie A n -
w endung fin d e n . E s e n ts p re c h e n s ic h w e c h s e ls e itig , a b g e s e h e n
vo n dem U n te r s c h ie d zw is c h e n A u ffa s s u n g ü n d d a r a ú f g e b a u te n
5 C h a ra k te re n der M e in u n g u nd der q u a lita tiv e n E n ts c h e id u n g
( C h a r a k t e r e n , d ie b e id e r s e its o f f e n b a r g e n a u d ie s e lb e n s e in k o n -

n e n ), in n e rh a lh der A u ffa s s u n g b e id e rs e its v e rw a n d te U n te r-


s c h ie d e : Z . B . s e h e n w ir o h n e w e ite r e s , d a s s e b e n s o w ie b e i d e r
W a h rn e h m u n g s a u ffa s s u n g so b e i d e r P h a n ta s ie a u ffa s s u n g zw i-

10 s e h e n A u ffa s s u n g s in h a lt e n u n d A u ffa s s u n g s c h a r a k te r e n z u u n t e r -
s c h e id e n i s t , d a s s G e g e n s t a n d u n d In h a lt n ic h t z u v e r w e c h s e ln
is t , d a s s d ie g e g e n s tá n d lic h e E r s c h e in u n g den G e g e n s ta n d e v tl.
n u r v o n e in e r S e ite z u r E r s c h e in u n g b r in g e u s w . D e r G e g e n s ta n d
k a n n s o g a r in g e n a u g le ic h e r E r s c h e in u n g in d e r P h a n t a s ie v o r ­

i s s c h w e b e n , a is i n w e lc h e r e r w a h r g e n o m m e n w a r , e r e r s c h e in t v o n

d e r s e lb e n S e it e , e r e r s c h e in t a is v o m „s e lb e n S ta n d p u n k t a u s g e -
s e h e n ” , i n g le ic h e r B e le u c h tu n g , F a r b u n g , A b s c h a t t u n g u s w . B e i

a ll d e m is t e r e in m a l w a h r g e n o m m e n , d a s a n d e re M a l p h a n ta -

s ie r t.

20 <§ 8. Die Phantasievorstellung ais Verbildlichung. Beginn der


Wesensbestimmung des bildlichen Vorsíellens>

Die Wahrnehmung charakterisierten wir ais einen Akt, in dem


uns das Gegenstándliche ais in eigener Person gleichsam, ais
selbst gegenwartig erscheint. In der Phantasie erscheint der
25 Gegenstand zwar insofem selbst, ais eben er es ist, der da er­
scheint, aber er erscheint nicht ais gegenwartig, er ist nur ver-
gegenwártigt, es ist gleichsam so, ais wáre er da, aber nur gleich­
sam, er erscheint uns im B il d e . Die Lateiner sagen imaginatio.
Die Phantasievorstellung scheint einen neuen Charakter der
30 Auffassung für sich in Anspruch zu nehmen oder vorauszusetzen,
sie ist Verbildlichung.1 Dass die bloss objektive Áhnlichkeit der
Phantasievorstellung mit einer entsprechenden Wahrnehmung,

i Wir wollen versuohen, den Gesichtspunkt der Imagination und die Ansícht, dass
P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g sich a is B i l d l i c h k e i t s v o r s t e i l u n g interpre­
tieren lasse, so weit durchzuführen ais moglich. Obschon es an Bedenken nicht fehlt,
die nachtráglich sich ais berechtigt erweisen.
TE X T NR. 1 (1904/05) 17

g l e i c h g ü l t i g , o b s ie d ie s í n n l i c h e U n t e r l a g e b e t r i f f t o d e r s o n s t ig e s
am P h á n o m e n , d a s s d a s n i c h t a u s r e i c h t , u m d a s f e s t z u l e g e n ,
worauf e s a n k o m m t , b r a u c h e n w i r n i c h t m e h r z u l e h r e n . J e d e r -
mann w e i s s , w a s e s h e i s s t , s i c h e i n e n G e g e n s t a n d v e r g e g e n w a r -
5 tigen, s i c h i h n i m i n n e r e n B i l d v o r f ü h r e n , v o r s c h w e b e n m a c h e n ,
jedermann g e b r a u c h t d e n A u s d r u c k e i n b i l d e n u n d w e i s s s o g e -
wissermassen d a s W e s e n t l i c h e d e r S a c h e . A b e r l e i d e r n u r i m p l i z i t .
Denn h i e r k o m m t e s d a r a u f a n , e x p l i z i t s i c h z u B e w u s s t s e i n z u
bringen, d a s s d i e B i l d l i c h k e i t e r s t S i n n h a t d u r c h e i n e i g e n e s B e -
10 w u s s t s e in , d a s s e in e n á h n l i c h e n I n h a l t h a b e n n i c h t s o v i e l h e is s t
wie e in B i l d a u ffa s s e n , s o n d e r n d a s s Á h n lic h e s f ü r Á h n lic h e s z u m
B ild e rs t w ir d d u rc h d a s e ig e n a r tig e u n d s c h le c h th in p r im itiv e

B ild lic h k e its b e w u s s ts e in , e in p r im itiv e s u n d le tzte s so w ie das

Wahrnehmungs- o d e r G e g e n w a r t s b e w u s s t s e i n . N a t ü r l i c h s c h lie s s t

15 d ie s b e id e r s e its n ic h t M o g lic h k e ite n u n d N o tw e n d ig k e ite n der


Analyse a u s , d i e v e r s c h i e d e n e S e i t e n d i e s e r e i g e n a r t i g e n P h a n o -
mene h e r a u s z u h e b e n h a t .
Indem wir a l s o e i n e e i g e n e G a t t u n g v o n V o r s t e l l u n g a i s B i l d -
vorstellung, b i l d l i c h e A u f f a s s u n g f e s t z u l e g e n g e d e n k e n , m ü s s e n
20 wir natürlich d i e s e S p h a r e s o w e i t r e c h n e n , a i s w i r k l i c h e i n e A u f ­
fassung vorliegt, d i e i h r e n G e g e n s t a n d b i l d l i c h v e r g e g e n w á r t i g t ,
und so wird u n s s o f o r t k l a r , d a s s w i r i n u n s e r e S p h a r e d e r I m a g i -
nation nicht b l o s s d i e i n n e r e n B i l d v o r s t e l l u n g e n , d i e
der Ausdruck P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g n o r m a l e r w e i s e i m A u g e h a t ,
25 rechnen m ü s s e n , a l s o d i e V o r s t e l l u n g e n d u r c h g e i s t i g e B i l -
d e r , sondern a u c h d i e B i l d v o r s t e l l u n g e n i m g e m e i n e n W o r t s i n n ,
also jene m e r k w ü r d i g e n V o r s t e l l u n g e n , b e i d e n e n e i n w a h r -
genommener G e g e n s t a n d e i n e n a n d e r e n d u r c h Á h n l i c h k e i t v o r -
stellig zu m a c h e n b e s t i m m t u n d b e f a h i g t i s t , u n d z w a r i n d e r
30 bekannten W e i s e , i n d e r d a s p h y s i s c h e B i l d d a s O r i g i n a l v o r s t e l l i g
macht. Wie s i c h I m a g i n a t i o n e n d u r c h i n n e r e u n d d u r c h a u s s e r e
Bilder u n t e r s c h e i d e n , d a s w i r d n a t ü r l i c h e b e n f a l l s e r f o r s c h t w e r -
den müssen.
Zun achst h a lte n w ir b e id e r le i Im a g in a tio n e n m o g lic h s t zu -
35 s a m m e n u nd suchen uns das G e m e in s a m e des b ild lic h e n V o r-
s te lle n s zu r K la r h e it zu b r in g e n . W ir w o lle n s c h rittw e is e m it

m o g lic h s te r V o r s ic h t z u W e rk e gehen. D e n n s o le ic h t d ie A n a ­
ly s e z u n a c h s t s c h e in t, s o g ro s s s in d d ie S c h w ie r ig k e ite n , d ie n a c h -

tra g lic h s ic h h e r a u s s te lle n u n d d ie s c h rittw e is e m a n c h e M o d ifi-


18 TEXT NR. 1 (1904/05)

k a tio n im fr ü h e r A n g e n o m m e n e n , m a n c h e n e u e U n te rs c h e id u n g

im fr ü h e r f ü r e in fa c h G e h a lte n e n fo r d e m .
D a s is t ja ü b e rh a u p t d ie E ig e n h e it d e r p h á n o m e n o lo g is c h e n
A n a ly s e . Je d e r S c h r itt v o r w a rts g ib t n e u e G e s ic h ts p u n k te , v o n

5 denen aus das schon G e fu n d e n e in neuen B e le u c h tu n g e n e r-


s c h e in t , s o d a s s o f t g e n u g d a s a is m e h r f á l t i g u n d u n te r s c h ie d e n
s ic h d a r s te llt, u ja s u r s p r ü n g lic h a is e in fá ltig u n g e s c h ie d e n an-

g e n o m m e n w e rd e n k o n n te .
W a s b e s a g t a ls o , fr a g e n w i r , je n e s V e r g e g e n w á r tig e n i m B ild ,

10 k u r z w e g , w a s b e s a g t d a s b ild lic h e V o r s te lle n ?

W ir u n te r s c h e id e n bei je d e m s o lc h e n V o r s te lle n B i l d u n d

S a c h e . D ie S a c h e is t d e r v o n d e r V o r s te llu n g g e m e in te G e g e n -

s ta n d , u n d d ie s e r is t in w e ite re r F o lg e u n d ve rm o g e der m it-

v e r flo c h te n e n q u a h ta tiv e n C h a ra k te re (d e r in te lle k tiv e n oder

15 G e m ü ts c h a r a k te r e ) der fü r s e ie n d g e h a lte n e ( z .B . d e r e r in n e r te

o d e r e r w a r te te ) o d e r d e r f ü r u n w ir k lic h g e h a lte n e , w ie in d e r b e -

w u s s te n F i k t i o n , o d e r d e r b e z w e ife lte , e r w ü n s c h te , e r fr a g te , e r-

h o ffte , b e fü r c h te te G e g e n s ta n d usw . V o n d ie s e n C h a ra k te re n

sehen w ir je tz t a b , n u r das M e i n e n m üssen w ir fe s th a lte n .

20 W e n n d a s B e r l i n e r S 'c h l o s s u n s i m P h a rfta s ie b ild v o r s c h w e b t, so

is t eben das S c h lo s s zu B e r lin d ie g e m e in te , d ie v o r g e s te llte


Sache. D a vo n u n te r s c h e id e n w ir a b e r d a s vo rsc h w e b e n d e B ild ,

d a s n a t ü r l i c h k e i n w i r k li c h .e s D i n g u n d n ic h t z u B e r lin is t. D a s

B ild m acht d ie Sache v o r s te llig , is t aber n ic h t s ie s e l b s t .' W i r


2 5 m e r k e n s c h o n h i e r , d a s s d ie s e s B i l d i n e in e m g a n z a n d e re n S in n

e r s c h e in t a is d ie S a c h e u n d d a s s , w e n n b e id e a is i n d e r P h a n t a s i e

v o r g e s te llt b e ze ic h n e t w e rd e n , e in e b e d e n k lic h e Á q u iv o k a tio n

v o r lie g t.

<§ 9 . D ie p h y s is c h e I m a g in a t io n a i s P a r a U e lf a l l d e r
30 P h a n t a s ie v o r s t e llu n g >

D o c h b lic k e n w i r , e h e w ir in g e n a u e re A n a ly s e n e in g e h e n , a u f

den P a ra lle lfa ll d e s p h y s i s c h e n B ild e s . H i e r lie g t d ie Sache

e tw a s k o m p liz ie r te r . W e n n h ie r zw is c h e n S a c h e u n d B ild u n te r­

s c h ie d e n w i r d , s o m e r k e n w ir b a ld , d a s s d e r B e g r iff d e s B ild e s
3 5 h ie r e in d o p p e lt e r is t . D e r a b g e b ild e te n S a c h e s t e h t n á m lic h e in

D o p p e lte s g e g e n ü b e r: 1) D a s B ild a is , p h y s is c h e s D i n g , a is d ie s e
TEXT NR. 1 (1904/05) 19

b e m a l t e u n d e i n g e r a h m t e L e i n w a n d , a is d ie s e s b e d r u c k t e P a p i e r

usw . In d ie s e m S in n s a g e n w i r , d a s B i l d is t v e r b o g e n , z e rris s e n ,
o d e r d a s B i l d h á n g t a n d e r W a n d u s w . 2 ) D a s B i l d a is d a s d u r c h

d ie b e s t im m t e F a r b e n - u n d F o r m g e b u n g s o u n d s o e r s c h e in e n d e

5 B i l d o b j e k t . D a ru n te r v e rs te h e n w ir n ic h t das a b g e b ild e te
O b je k t, das B i l d s u j e t , so n d e rn das genaue A n a io g o n des

P h a n ta s ie b ild e s , n á m lic h das e rs c h e in e n d e O b je k t, da s fü r das

B i l d s u j e t R e p r á s e n ta n t is t. Z .B . e in e P h o to g ra p h ie lie g e vo r

u n s , e in K i n d d a rs te lle n d . W ie t u t es d a s ? N u n d a d u r c h , d a s s es

10 p r i m a r e i n B i l d e n t w i r f t , d a s d e m K in d e zw a r im g a n z e n g le ic h t,

a b e r in A n s e h u n g d e r e r s c h e in e n d e n G r o s s e , F a r b u n g u .d g l . s e h r

m e rk lic h vo n ih m a b w e ic h t. D ie s e s h ie r e rs c h e in e n d e M i n i a t u r -

K in d in w id e r w á r tig g r a u v io le tte r Fa rb u n g is t n a tü r lic h n ic h t

d a s g e m e in t e , d a s d a r g e s te llte K i n d . E s is t n ic h t d a s K i n d s e lb s t,

15 s o n d e r n s e in p h o to g r a p h is c h e s B i l d , W e n n w ir so vo n B ild

s p r e c h e n , u n d w e n n w ir b e u r t e ile n d s a g e n , d a s B i l d s e i m is s lu n g e n ,

es g le ic h e d e m O r ig in a l n u r in dem o d e r je n e m o d e r g le ic h e i h m

v o llk o m m e n , so m e in e n w ir n a tü r lic h n ic h t d a s p h y s is c h e B ild ,

das D in g , das da au f dem T is c h lie g t o d e r a n d e r W a n d h á n g t.

20 D i e P h o t o g r a p h i e a is D i n g i s t e in w i r k lic h e s O b j e k t u n d w i r d a is

s o lc h e s i n der W a h m e h m u n g a n g e n o m m e n . Je n e s B ild a b e r is t

e in E r s c h e in e n d e s , d a s n ie e x is t ie r t h a t u n d n ie e x is tie r e n w i r d ,

d a s u n s n a tü rlic h a u c h k e in e n A u g e n b l i c k a is W i r k l i c h k e i t g i l t .

V o m p h y s is c h e n B i l d u n t e r s c h e id e n w i r a ls o d a s r e p r á s e n tie r e n d e
25 B i l d , d a s e r s c h e in e n d e O b j e k t , d a s d ie a b b ild e n d e F u n k t i o n h a t ,
u n d d u r c h d a s s e lb e w i r d a b g e b ild e t d a s B ild s u je t .

D r e i O b je k te h a b e n w ir: 1) D a s p h y s is c h e B i l d , d a s D i n g aus

L e in w a n d , a u s M a r m o r u s w . 2 ) D a s r e p rá s e n tie re n d e o d e r a b b il­

d e n d e O b j e k t , u n d 3 ) d a s r e p r á s e n tie r te o d e r a b g e b ild e te O b j e k t .
30 F ü r das le tzte re w o lle n w ir am lie b s te n e in fa c h B i l d s u j e t

sagen. F ü r das e rs te das p h y s is c h e B ild , fü r das zw e ite das

r e p r á s e n tie r e n d e B i l d o d e r B ild o b je k t. N a tü r lic h i s t d ie s e s n u n ,

d a s r e p r á s e n tie r e n d e B i l d , n i c h t e t w a e in T e i l o d e r e in e S e it e d e s

p h y s is c h e n B ild d in g e s . D a s g ilt w o h l v o n d e n F a r b e n p ig m e n te n ,
35 d i e a u f d e r L e in w a n d v e r te ilt s in d , v o n d e n S tr ic h e n d e r Z e ic h -

n u n g , d ie au f das P a p ie r a u fg e tra g e n s in d . A b e r d ie s e F a r b e n ,

d ie s e S tr ic h e usw . s in d n ic h t das re p rá s e n tie re n d e B ild , das

e ig e n tlic h e B i l d d e r I m a g in a tio n , d a s S c h e in d in g , d a s a u fg r u n d
der F a rb e n -, G e s ta lte m p fin d u n g e n usw . uns zu r E r s c h e in u n g
20 TEXT NR. 1 (1904/05)

k o m m t. U n s e r s c h e in t ja e in d r e id im e n s io n a le r K o rp e r, m it

k o r p e r lic h e r F a r b e n v e r t e ilu n g , im S tic h , e tw a K a is e r M a x im ilia n

zu P i e r d e , e in e d r e id im e n s io n a l e r s c h e in e n d e F i g u r , v is u e ll a b e r

a u fg e b a u t a u s G ra u n u a n c e n u n d U m g re n zu n g e n . D ie is t n a t ü r -

5 lic h n ic h t id e n tis c h m it den G ra u a b s c h a ttu n g e n , d ie au f dem

p h y s is c h e n B ild , a u f d e m P a p i e r b la t t r e e ll s ic h f in d e n u n d ih m

r e e ll z u g e d e u te t w e r d e n . D ie s e lb e n F a r b e n e m p fin d u n g e n , d ie w ir

e in m a l a is d ie o b je k tiv e F a rb e n v e rte ilu n g au f dem P a p ie r, a u f

d e r L e in w a n d d e u te n , d e u te n w ir d a s a n d e re M a l a is d e n B ild -

10 R e i t e r , a is d a s B i l d - K i n d u s w . D ie s e B i l d o b j e k t e s in d d a n n w e i t e r

w o h l zu s o n d e rn v o n d e n a b g e b ild e te n O b je k t e n . Z . B . d as w irk -

lic h e K in d h a t ro te W a n g e n , b lo n d e s H a a r usw . D a s p h o to g ra -

p h is c h e rs c h e in e n d e K in d ze ig t vo n d ie s e n Fa rb e n ü b e rh a u p t

n ic h ts , so n d e rn p h o to g ra p h is c h e Fa rb e n . D a s p h o to g ra p h is c h

15 G e fa r b t e d e r E rs c h e in u n g s te llt e tw a s d a r , d a s g a n z a n d e rs ge-

f á r b t is t . N i c h t n u r , d a s s w ir d a s a u s d e r R e f le x ió n w is s e n , s o n ­

d e rn v o n v o r n h e r e in g e h o rt es z u m W e s e n d e r im a g in a tiv e n A u f -

fa s s u n g , dass s ie , w a h re n d ih r d ie s v io le ttlic h -g ra u g e fa rb te

O b je k t e r s c h e i n t , s ie n i c h t d ie s e s O b je k t, so n d e rn e in a n d e re s ,

20 ih m n u r a h n lic h e s m e in t .

D ie D iffe re n ze n zw is c h e n r e p ra s e n tie re n d e m B ild u n d B ild -

s u je t, zw is c h e n dem e ig e n tlic h e r s c h e in e n d e n u n d dem d a d u rc h

d a r g e s te llte n u n d g e m e in te n O b je k t , s in d vo n F a ll zu F a ll u n d

s in d v o r a lle m je n a c h d e n A b b ild u n g s a r t e n s e h r v e r s c h ie d e n u n d

2 5 w e c h s e ln d . I m m e r a b e r s in d s o lc h e D i f f e r e n z e n v o r h a n d e n . W a r e

das e r s c h e in e n d e B ild ph ánom enal a b s o lu t id e n tis c h m it dem

g e m e in te n O b j e k t , o d e r b e s s e r, u n te r s c h ie d e s ic h d ie B ild e r s c h e i-

n u n g in n ic h ts vo n d e r W a h m e h m u n g s e rs c h e in u n g des Gegen-

s ta n d e s s e lb s t, s o k o n n t e es k a u m noch zu e in e m B ild lic h k e its -

3 0 b e w u s s ts e in ko m m en . S ic h e r : E in B e w u s s ts e in vo n D iffe re n z

m uss vo rh a n d e n s e in , o b s c h o n das S u je t im e ig e n tlic h e n S in n

n ic h t e r s c h e in t. E s g ilt e b e n d a s e r s c h e in e n d e O b je k t n ic h t fü r

s ic h , s o n d e r n a is R e p r á s e n t a n t f ü r e in a n d e r e s , i h m g le ic h e s o d e r

a h n lic h e s .
TEXT NR. 1 (1904/05) 21

<§10. Wesensgemeinsamkeit der physischen Im agination


und der gewohnlichen Phantasievorstellung bezüglich der
„geistigen Büder” >

Die S a c h l a g e is t n u n z w a r k o m p liz ie r te r im F a l l d e r p h y s is c h e n

5 Im a g in a tio n a is i n dem d e r g e w o h n lic h e n P h a n ta s ie v o r s te llu n g ,

aber i m W e s e n f i n d e n < w i r > G e m e i n s a m k e i t : D o r t i s t e i n p h y -


sischer G e g e n s t a n d v o r a u s g e s e t z t , d e r d i e F u n k t i o n ü b t , e i n
,,geistiges B i l d ” z u w e c k e n , i n d e r P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g i m g e ­
wohnlichen S i n n i s t d a s g e i s t i g e B i l d d a , o h n e a n e i n e n s o l c h e n
10 physischen E r r e g e r g e k n ü p f t z u s e i n . B e i d e r s e i t s a b e r i s t d a s
geistige B i l d e b e n B i l d , e s r e p r á s e n t i e r t e i n S u j e t .
Im e in fa c h e r e n F a ll der g e w o h n lic h e n P h a n ta s ie v o rs te llu n g

h a tte n w ir u n te r den T ite ln B ild u n d Sache zw e i G e g e n s ta n d e

u n te rs c h ie d e n . Z w e i G e g e n s ta n d e v o rs te llig zu m a c h e n , b e d a rf

15 es a b e r zw e ie r O b je k tiv ie r u n g e n , zw e ie r A u ffa s s u n g e n , b z w . es

m üssen in der E in h e it der P h a n ta s ie v o r s te llu n g p h á n o m e n o lo -

gisch zwei R ic h tu n g e n oder K o m p o n e n te n d e r A u ffa s s u n g s ic h

u n te rs c h e id e n la s s e n . D ie n a iv e In te rp re ta tio n is t fre ilic h v ie l

einfacher. I m „ G e i s t e ” s t e c k t d a s B i l d , u n d „ d r a u s s e n ” i s t d a
20 allenfalls n o c h e i n G e g e n s t a n d . H a n d e l t e s s i c h a b e r u m e i n e
blosse F i k t i o n , w i e w e n n w i r e i n e n D r a c h e n p h a n t a s i e r e n , s o i s t
e b e n n u r d a s g e is tig e B i l d v o r h a n d e n , u n d w e ite r g ib t es n ic h ts

zu e rk la re n . N a t ü r lic h w ü rd e n w i r e n t g e g n e n : N i c h t s w e i t e r a is

d ie K l e i n i g k e i t , w ie d e r G e is t e s a n f a n g t , v o r a u s g e s e t z t , d a s s i n

25 ih m so e tw a s w ie e in B ild is t , s ic h das S u je t, a ls o e tw a s vo m

Bild V e r s c h i e d e n e S , v o r z u s t e l l e n . W e n n i c h e i n B i l d i n e i n e
Schublade s t e c k e , s t e l l t d i e s e s i c h e t w a s v o r ? D i e n a i v e A u f ­
fassung i r r t a b e r v o r a l l e m d a r i n , d a s s s i e d a s g e i s t i g e B i l d s i c h
ais e i n d e m G e i s t e r e e l l i m m a n i e r e n d e s O b j e k t d e n k t . S i e d e n k t
30 s ic h d a s B i l d g e r a d e s o i m G e is te v o r h a n d e n , w ie in d e r W ir k lic h -

k e it e in D i n g . I m G e is te o d e r b e s s e r im B e w u s s ts e in , p h a n o m e n o -

logisch, i s t a b e r k e i n B i l d d i n g v o r h a n d e n . D e r F a l l i s t g e n a u d e r -
selbe b e i d e r p h y s i s c h b i l d l i c h e n R e p r a s e n t a t i o n , w o d e r g e m a l t e
Lowe z w a r e r s c h e i n t , a b e r n i c h t e x i s t i e r t , u n d b e s t e n f a l l s e i n
35 wirkliches D i n g , e i n e n g e w i s s e n L o w e n d e r W i r k l i c h k e i t v o r s t e l l i g
m a c h t, der n u n s e in e r s e its e x is tie rt, a b e r im e ig e n tlic h e n S in n

n ic h t e rs c h e in t. I n b e id e n F a lle n s in d d ie B i l d e r ( v e r s t a n d e n a is
22 TEXT NR. 1 (1904/05)

die erscheinenden, analogisch reprásentierenden Gegenstande) in


Wahrheit ein Nichts, die Rede von ihnen ais Gegenstanden hat
einen offenbar modifizierten Sinn, der auf ganz andere Existenzen
hinweist <als diejenigen>, ais welche sie sich selbst ausgeben.
5 Wahrhaft existiert das Bildobjekt nicht, das heisst nicht nur, es
hat keine Existenz ausserhalb meines Bewusstseins, sondern
auch, es hat keine solche innerhalb meines Bewusstseins, es hat
überhaupt kéine Existenz. Was da wirklich existiert, abgesehen
vom physischen Ding ,,Gemálde”, von dem Stück Leinwand mit
10 seiner bestimmten Verteilung von Farbenpigmenten, i s t eine
gewisse Komplexion von Empfindungen, die der Beschauer, das
Gemálde betrachtend, in sich erlebt, und die Auffassung und
Meinung, die er darauf baut, so dass sich für ihn das Bewusstsein
vom Bild einstellt. Ebenso existiert das Phantasiebild in Wahr-
1 5 heit überhaupt nicht, das Phantasiebild hat nicht etwa eine

psychologische Existenz. Vielmehr existiert eine gewisse Kom­


plexion von sinnlichen Inhalten, die Komplexion der Phantas-
men, und darauf beruht ein gewisses auffassendes Bewusstsein,
mit dem sich erst das Bildbewusstsein vollendet. Wie im einen
20 Fall die Farbenempfindungen und die sonstigen visuellen In-
halte in ihrer konkreten Komplexion noch nicht das Bild selbst
sind, wie sie z.B. noch nichts enthalten von der vollen drei-
dimensionalen Korperlichkeit, die dem erscheinenden Bild eignet,
so ist auch im anderen Fall, in dem der Phantasie, das Phantas-
2 5 ma, oder die Komplexion von Phantasmen, noch nicht das

Phantasiebild. Beiderseits kann das Fehlende selbstverstándlich


nicht in dem blossen Hínzutreten von neuen sinnlichen Inhalten
bestehen, ais ob ein Mehr an sinnlichen Inhalten das machen
konnte, was wir das Bewusstsein einer objektiven Gegenstánd-
3 0 lichkeit nennen. Empfindungen mit Empfindungen, sinnliche

Inhalte mit sinnlichen Inhalten kumuliert geben eben neue und


neue Komplexionen von erlebten sinnlichen Inhalten, sie ergeben
aber keinen erscheinenden Gegenstand. Was beiderseits hinzu-
kommt, ist natürlich das objektivierende Bewusstsein, es kommt
3 5 hinzu die Auffassung, die den Inhalt deutet, ihm gegenstánd-

liche Beziehung verleiht, die aus dem blinden Dasein des Inhalts
das ihn ais dies oder jenes gegenstándlich Auffassen, mit ihm et-
was Vorstellen, das nicht ihn, sondern mittels seiner etwas Meinen
zustande bringt. Dieses Auffassen erleben und den Gegenstand in
TEXT NR. 1 (1904/05) 23

d e r V o r s te llu n g h a b e n , is t e in e r le i. A u f g r u n d d ie s e s A u f f a s s e n s
e in M e in e n v o U z ie h e n u n d s ic h in d e r M e in u n g auf den Gegen­

s ta n d b e z ie h e n , is t w ie d e r e in e rle i. P h á n o m e n o lo g is c h , im em -

p iris c h e n F a ll p s y c h is c h re a l, e x is tie rt dabei der A u ffa s s u n g s -

5 in h a lt , d e r z u g e h o r ig e M o d u s d e r A u ff a s s u n g u n d d ie d a r in f u n -
d ie rte M e in u n g , v e r k n ü p f t e v t l . n o c h m it d e n o d e r je n e n h o h e r e n

in te n tio n a le n C h a r a k te r e n , in te lle k tiv e n o d e r e m o tio n e lle n . D a s

is t a lie s , w a s h ie r d e s k r i p t i v a u fw e is b a r , d u r c h A n a ly s e v o r -

f in d b a r i s t . W a s p s y c h o lo g is c h s o n s t n o c h v o r l ie g t , d ie z u g e h o r i-

lo g e n D i s p o s i t i o n e n , s i n d n a t ü r l i c h k e in e d e s k r i p t i v e n , p h á n o -

m e n o lo g is c h v o r fin d b a r e n F a k t a . D a s is t a ls o a lie s , w a s v o n d e r

a n g e b lic h im m a n e n te n E x is te n z des r e p r á s e n tie r e n d e n B ild -

o b je k ts ü b r ig b le ib t.

<§11. Die Beziehung auf das Bildsujet bzw. die zwei


15 aufeinandergebauten Auffassungen in der
Phantasievorstellung — Hinweis auf ein genaues Analogon:
Worterscheinung ais Trager einer zweiten Auffassung ais Zeichen>

D o c h h ie r b e d a r f es d e r n á h e re n B e s tim m u n g u n d B e g r e n z u n g .

D ie A u ffa s s u n g der e r le b te n s in n lic h e n In h a lte , der E m p fin -

20 d u n g e n i m F a l l d e r B e t r a c h t u n g e in e s p h y s is c h e n B i l d e s , d e r P h a n -

t a s m e n i m F a l l d e r P h a n t a s ie b ild lic h k e it e r g ib t d a s e r s c h e in e n d e

B i l d , d a s e rs c h e in e n d e r e p r á s e n tie r e n d e B il d o b j e k t . A b e r d a m it ,
d a s s s ic h d ie s e E r s c h e i n u n g k o n s t it u i e r t h a t , h a t s ic h n o c h n ic h t d ie

B e zie h u n g a u f d a s B i l d s u j e t k o n s t it u i e r t . M i t e in e r s c h lic h te n
25 A u ffa s s u n g h á tte n w ir a ls o i m e ig e n tlic h e n S in n noch g a r k e in

B ild , so n d e rn h o c h s te n s den G e g e n s ta n d , d e r n a c h h e r a is B i l d

fu n g ie r t. W i e k o m m t e r d a z u , s o < zu > fu n g ie r e n ? W ie s o lí es v e r -

s ta n d lic h w e rd e n , dass, w á h re n d uns das B ild o b je k t e rs c h e in t,

w ir u n s d a m it n ic h t g e n ü g e n la s s e n , s o n d e r n m itte ls s e in e r e in

30 a n d e re s O b j e k t m e in e n ? D a s P o r t r á t g ilt u n s a is B i l d , d .h . d e n

z u n a c h s t < in > ' G r a u n u a n c e n e r s c h e in e n d e n B i l d g e g e n s t a n d , o d e r


d e n sc h o n in Fa rb e n e r s c h e in e n d e n e in e s G e m á ld e s , m e in e n w i r

n ic h t. E r g ilt u n s eben a is B i l d der u n d d e r P e r s o n . A b e r e in

b lo s s e s M e i n e n k a n n da n ic h t h e lfe n . E s <m uss> doch e in V o r-


35 s te lle n i m S in n 1 e in e s A u ff a s s e n s z u g r u n d e lie g e n , e in e s O b j e k t i -

v ie re n s , d a s d e n n e u e n G e g e n s ta n d in te n tio n a l k o n s titu ie r t. D a s
24 TEXT NR. 1 (1904/05)

Meinen setzt ein Gemeintes voraus. Wo keine Vorstellung, keine


objektivierende Auffassung vorhanden ist, da kann das Meinen
auf keinen Gegenstand zielen. (Ich fasse auch hier natürlich das
Meinen ais etwas vom Auffassen Unterschiedenes, da wir uns da-
5 von überzeugt hatten, dass das Meinen eine pointierende Funk-
tion ist, die unter einer Mehrheit von aufgefassten Gegenstánden
einen herausheben und ihn eben speziell meinen kann.) Sonach
sehen wir, dass die Phantasievorstellung, und zunáchst die Phan-
tasieauffassung, ein komplizierteres Phánomen sein muss wie die
10 Wahrnehmungsvorstellung. In der letzteren haben wir e in e n
aufgefassten Gegenstand, und dieser ist in der vollstándigen
Wahrnehmung der gemeinte.Jn der Phantasievorstellung haben
wir aber zwei Auffassungen aufeinander gebaut, zwei Gegen-
stánde konstituierend, námlich das Phantasiebild, das erscheint,
1 5 und das bildlich dargestellte Objekt, das Bildsujet, welches durch

das Bild eben dargestellt ist. Zur vollstándigen Phantasievor­


stellung gehort aber die Meinung, und diese richtet sich auf das
B i l d s u j e t . Ich stelle das Berliner Schloss vor, d.h. ich mache
mir es im Bild vorstellig, das Bild schwebt mir vor, ich meine
20 aber nicht das Bild. Vielmehr ist in der Bildauffassung eine
zweite Auffassung fundiert, die ihr einen neuen Charakter auf-
prágt und eine neue gegenstándliche Beziehung gibt. Im Bild, das
selbst nicht das Schloss ist, schaue ich doch das Schloss an, das
Bild vergegenwártigt, verahnlicht mir das Schloss, und das
2 5 Meinen richtet sich nun nicht nur auf das Bildobjekt für sich,

sondem auf das dadurch Reprásentierte, Analogisierte.


Und danach finden wir in d e r P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g
e in e g e w i s s e M i t t e l b a r k e i t des V o r s t e l l e n s , die der
Wahrnehmungsvorstellung fehlt. Die Wahrnehmung stellt ihren
3 0 Gegenstand direkt vor: Ein Gegenstand erscheint, und der ist es,

der gemeint und für wirklich genommen ist. In der Phantasie­


vorstellung erscheint auch ein Gegenstand, aber dieser im pri­
maren und eigentlichen Sinn erscheinende ist nicht der vorge-
stellte. Die Phantasie stellt einen Gegenstand dadurch vor, dass
3 5 sie zunáchst einen anderen, ihm áhnlichen Gegenstand zur Er-

scheinung bringt und ihn ais Stellvertreter oder besser, das ein-
zige Wort ist hier doch Bild, ihn ais Bild für den eigentlich ge-
meinten nimmt. Sie blickt auf das Bild hin, schaut aber im Bild
die Sache oder fasst die Sache durch das Bild auf. Das ist aber
TEXT NR. 1 (1904/05) 25

e in e n e u e A u f f a s s u n g , d .i . e in n e u e r B e w u s s t s e in s c h a r a k t e r , o h n e

den k e in neuer G e g e n s ta n d g e m e in t s e in k o n n te . E in genaues


A n a lo g o n w e rd e n w ir n o c h k e n n e n le rn e n :x E s is t s o , w ie b e im

L e s e n e in e s W o r t e s , e t w a I n t e g r a l , d a s W o r t g e s e h e n , a b e r n i c h t

5 g e m e in t is t . N e b e n d e r W o r t e r s c h e i n u n g h a b e n w i r , a u f s ie g e -

b a u t , e in e z w e ite A u ffa s s u n g (d ie k e in e E rs c h e in u n g ist): D a s

W o r t g ilt a is Z e i c h e n , e s b e d e u t e t eben/ . U n d w ir m e in e n im
n o rm a le n G e b r a u c h d e s W o r te s n ic h t d a s , w a s w ir d a s e h e n , w a s

uns da s in n lic h e rs c h e in t, s o n d e rn das d a d u rc h S y m b o lis ie rte .

10 D a s W o r t m u t e t s ic h g a n z a n d e r s an w ie e in b e lie b ig s o n s tig e r

La u t, w ie e in s in n lo s e s S c h rift-, K la n g g e b ild e . D ie s is t n ic h t

Trá g e r e in e r neuen A u ffa s s u n g u n d kan n daher g e m e in t s e in ,

n ic h t a b e r T r á g e r e in e s ü b e r s ic h h in a u s w e is e n d e n M e in e n s s e in .

S o v e r h á l t e s s ic h a u c h b e i d e r B i l d l i c h k e i t . D a s e r s c h e in e n d e

15 O b j e k t e r s c h e in t, a b e r g ilt n ic h t f ü r s ic h . E s g ilt f ü r e in a n d e re s

u n d g ilt s o a is a n a lo g is c h e r R e p r á s e n t a n t , a is B i l d .

<§ 12. Voraussetzung der ganzen bisherigen Betrachtung:


die doppelte Gegenstandlichkeit bei der Phantasievorstellung
und bei der physischen Bildauffassung>

20 E s is t f ü r d ie s e g a n z e B e t r a c h t u n g n a t ü r l i c h d ie V o r a u s s e t z u n g ,

d a ss w ir k lic h u n d m it R e c h t b e i d e r P h a n ta s ie v o rs te llu n g e in e
d o p p e lte G e g e n s t a n d lic h k e it in B e t r a c h t k o m m t , u n d z w a r g le ic h -

sam a is i m m a n e n t e , u n d d a s s n ic h t e t w a e in b lo s s b e g r ifflic h e r ,

in d ire k t h in e in g e tr a g e n e r U n te rs c h ie d v o r lie g t, h in e in g e tr a g e n

25 d u r c h d ie R e f l e x i ó n , d ie d a s P h a n ta s ie e r le b n is z u r W ir k lic h k e it

in B e zie h u n g s e tz t. E s h a n d e lt s ic h n ic h t u m e in e n U n t e r s c h ie d

d e r A r t , w ie w ir ih n b e i d e r W a h r n e h m u n g o fte r m a c h e n h o r e n ,

z w is c h e n d e m e rs c h e in e n d e n D i n g , d e m D in g im g e w o h n lic h e n ,

e m p ir is c h e n S in n , u n d d e m D i n g a n s ic h . I n d ie s e m F a l l g e h o r e n

30 z u m E r le b n is s e lb s t, z u s e in e m A u ffa s s u n g s s in n u n d s e in e r M e i-

n u n g , n i c h t d ie s e z w e ie r le i D i n g e , d a s e m p ir is c h e D i n g u n d das

D in g an s ic h , s o n d e r n n u r d a s e in e , d a s e rs te re . D a s n a iv e B e -

w u s s ts e in n i m m t w a h r u n d w e is s n ic h t s v o n e in e m D i n g a n s ic h .

D ie B e z i e h u n g a u f d ie s e s l ie g t n i c h t i n der W a h rn e h m u n g , son-

1 Symbolisierung.
26 TEXX NR. 1 (1904/05)

dern in metaphysischen Reflexionen. Ganz anders verhált es sich


mit den zwei Gegenstánden der Phantasievorstelltmg. Jeder, der
phantasiert, hat ein Bilderlebnis. Ihm erscheint ein Gegenstánd-
liches. Aber niemand hált diese Erscheinung für eine Selbst-
5 erscheinung des Gegenstandes. Diese schwankende, flüchtig bald

auftauchende, bald verschwindende, dabei sich inhaltlich so viel-


fáltig ándernde, so matte Erscheinung hált doch niemand für die
Erscheinung des Gegenstandes, z.B. des Schlosses selbst, aber
wohl für die ,,Vorstellung” desselben, für eine Vergegenwárti-
10 gung, für eine Verbildlichung. Aber wohlgemerkt, die Erschei­
nung, so, wie sie wirklich gegeben ist, meint man dabei nicht;
man sieht sie sich nicht etwa an, wie sie ist und erscheint, und
sagt sich: Das ist ein Bild. Vielmehr lebt man ganz und gar in
dem auf die Erscheinung sich gründenden neuen Auffassen: im
1 5 B i l d e schaut man die S a c h e an. Das Bildbewusstsein hat

einti Tinktion, die ihm eine über seinen primaren Gegenstand


hinausweisende Bedeutung verleiht: den Charakter der Reprá-
sentation nach Áhnlichkeit.
So ist es auch bei der physischen Bildauffassung, und man er-
20 kennt aus dem Vergleich alsbald, dass der blosse Umstand, dass
in der Wahmehmungsvorstellung sinnliche Empfindungen, in
der Phantasievorstellung aber Phantasmen zugrunde liegen,
nicht den Unterschied zwischen beiden erschopfen kann. In der
imaginativen Vorstellung, wie sie sich in der Betrachtung des
2 5 Gemáldes vollzieht, haben wir ja auch Empfindungen ais Auf-

fassungsinhalte. Aber das Resultat der Auffassung ist doch nicht


eine Wahrnehmung. Die Raffaelsche Madonna, die ích in einer
Photographie anschaue, ist natürlich nicht das photographisch
erscheinende Bildchen. Ich vollziehe also nicht eine blosse
3 0 Wahrnehmung; die Wahrnehmungserscheinung verbildlicht
einen nichtwahrgenommenen Gegenstand. Und das ist wieder
nicht ein begriffliches Wissen, und es besagt wieder nicht, dass
ich ein Unterscheiden und Beziehen vornehme, das erscheinende
Objekt in Beziehung setzend zu einem gedachten Objekt, sondern
3 5 das Bild fühlt sich unmittelbar ais Bild. Die auf sinnliche Emp-

findung gebaute Auffassung ist keine blosse Wahrnehmungs-


auffassung, sie hat einen geánderten Charakter, den Charakter
der Reprásentation durch Áhnlichkeit, den Charakter des
Schauens im Bild.
TEXT NR. 1 (1904/05) 27

<§ 13. Die zwei Auffassungen, die zur Konstitution der


imaginativen Vorstellung wesentlich gehdren>

W e n n w ir vo n zw e i A u ffa s s u n g e n s p re c h e n , d ie zu r K o n s ti­

tu tio n d e r im a g in a tiv e n V o r s te llu n g w e s e n tlic h g e h o re n , s o h a n -

5 d e lt e s s ic h i m S in n d e s A u s g e fü h rte n n a tü r lic h n ic h t u m zw e i

g e s o n d e rte u n d g le ic h s tu fig e A u ffa s s u n g s e r le b n is s e , d ie n u r m it -

e in a n d e r d u r c h ir g e n d e in B a n d zu s a m m e n g e h a lte n w á r e n . W e n n

der a b g e b ild e te G e g e n s ta n d d u rc h e in e n A k t fü r s ic h u n d das

B ild d u rc h e in e n d a vo n g e tre n n te n zw e ite n A k t k o n s titu ie r t

10 w ü r d e , s o h á t t e n w i r j a w e d e r B i l d n o c h A b g e b i l d e t e s . W i r h á t t e n

h ie r d e n e in e n , d o r t d e n a n d e r e n G e g e n s ta n d v o r g e s te llt, b e s te n -

fa lls h á t te n w i r n o c h d u r c h V e r g le ic h u n g e in B e z ie h u n g s b e w u s s t-

s e in : n á m lic h d a s s d e r e in e G e g e n s ta n d d e m a n d e r e n á h n l i c h s e i.

So lie g t d ie Sache h ie r a b e r n ic h t. N ic h t z w e i g e s o n d e rte V o r-

15 s te llu n g e n h a b e n w ir u n d v o r a lle m j a n ic h t z w e i g e s o n d e rte E r -

s c h e i n u n g e n :1 Z .B . w enn w ir e in S c h lo s s v o rs te lle n , g e w is s e r-

m a s s e n z w e i S c h lo s s e r s c h e in u n g e n , d e r a r t , w ie w ir es e t w a h a b e n ,

w enn w ir zw e i B ild e r n e b e n e in a n d e r le g e n oder n a c h e in a n d e r

z w e i P h a n ta s ie v o r s te llu n g e n v o llz ie h e n . V ie lm e h r s in d h ie r z w e i

20 A u ffa s s u n g e n in e in a n d e r g e flo c h te n . D a is t e in e p r im a r e A u f­

fa s s u n g , in ih r h a b e n w ir e in e S c h lo s s e r s c h e in u n g ; d a m it aber

s te lle n w ir b ild lic h d a s S c h lo s s i n B e r lí n s e lb s t v o r , w ir fa s s e n d a s

S c h lo s s a is Á h n li c h k e i t s r e p r á s e n t a n t e n a u f. A h n lic h w ie in der

W a h rn e h m u n g d ie E m p f i n d u n g e rle b t is t, a b e r F u n d a m e n t d e r

25 w a h r n e h m e n d e n D e u tu n g is t , d ie a b a : n ic h t d a r in b e s t e h t , d ie

E m p fin d u n g e rs t z u m I n h a l t f ü r s ic h z u m a c h e n : S o is t j e t z t e in

g a n ze s A u ffa s s u n g s b e w u s s ts e in v o llz o g e n , a b e r d a s G e g e n s ta n d -,

lic h e g ilt n ic h t a is G e g e n s t a n d fü r s ic h , e s g r ü n d e t s ic h d a ra u f
e in e Á h n li c h k e i t s r e p r á s e n t a t i o n a is e in e n e u e A u ffa s s u n g s W e is e ,

30 w e lc h e d ie B e z ie h u n g z u m B ild s u je t g ib t.

D e r e in e G e g e n s t a n d g e h o r t a ls o m i t z u m A k te d e s e in e n . D ie

A u ffa s s u n g , d ie den B ild g e g e n s ta n d k o n s titu ie r t, is t zu g le ic h

G r u n d la g e fü r d ie V o r s te llu n g , d ie m itte ls s e in e r den a n d e re n

G e g e n s ta n d k o n s titu ie r t, u n d a u f d ie s e n is t e s i n d e r n o r m a le n

1 Die neue Auffassung keine neue Prasentation: Woher sollte sie auch ihre Auf-
fassungsinhalte nehmen ? Alie vorhandenen sinnlichen Inhalte sind schon aufgebraucht
zur Konstitution des Büdobjekts.

Husser!-Archiv
i
28 TEXT NR. 1 (1904/05)

P h a n ta s ie - u n d B ild v o r s te llu n g a b g e s e h e n , a u f ih n a lle in r ic h t e t

s ic h d a s M e in e n . D e r z w e it e G e g e n s t a n d w i r d in t e n t io n a l in g a n z

b e s o n d e re r W e is e . I h m e n ts p ric h t k e in e E r s c h e in u n g . E r s te h t
n ic h t g e s o n d e r t d a , i n e in e r e ig e n e n A n s c h a u u n g d a , e r e r s c h e in t

5 n i c h t a is e in z w e ite s n e b e n d e m B i l d . E r e r s c h e in t i n u n d m i t d e m

B ild e b e n d a d u r c h , d a s s d ie B ild r e p r á s e n t a t io n e rw á c h s t. S a g e n

w i r , d a s B i l d r e p r a s e n tie r t d ie S a c h e , s o is t a ls o n i c h t d ie S a c h e i n

e in e r neuen V o r s te llu n g in tu itiv , s o n d e rn n u r in tu itiv in dem

C h a r a k t e r , d e r d ie E r s c h e i n u n g d e s a is B i l d f u n g ie r e n d e n G e g e n -

10 s ta n d e s eben fü r unser B e w u s s ts e in , f ü r u n s e r Z u m u te s e in a is
B ild r e p r á s e n ta tio n fü h lb a r m a c h t.

A lle n fa lls zu e rw á g e n w á re n u r, ob w ir n ic h t sagen s o l l e n :1

d a s s h ie r z w e i S a c h la g e n d u rc h W e s e n s zu s a m m e n h á n g e zu s a m -

m e n g e h o re n , n á m lic h : e in e A u ffa s s u n g , in der uns das B ild -

15 o b je k t e g r s c h e in t m i t dem anhángenden C h a ra k te r, dass es R e -

p r á s e n t a n t f ü r e tw a s s e i, w o b e i e in M e in e n u n d A c h te n au f das

B ild o b je k t g e h t u n d d a z u a u f e in d a r a u f g e b a u te s r e p r á s e n tie r te s

O b je k t. U n d e in e a n d e r e A u f f a s s u n g s a r t , d ie d u r c h a llz e it m o g -

lic h e u n d w e s e n tlic h m o g lic h e V e r w a n d lu n g s t a t t h a t , w o b e i d a s

2 0 B i l d o b j e k t g a r n ic h t g e g e n s tá n d lic h i s t , v ie lm e h r e in m o d ifiz ie r te s

A u ffa s s e n d e r s e lb e n I n h a l t e , d a s e in e n e u e e in fa c h e A u ff a s s u n g

e rg e b e n w ü r d e : d a s b ild lic h e V e rg e g e n w á rtig e n .

D o c h w ill es m ir s c h e in e n , d a s s h ie r im w e s e n tlic h e n n u r d a s v e r -

s c h ie d e n fu n g ie r e n d e M e in e n d e n U n t e r s c h ie d s e t z t u n d d a s s e in e
2 5 D o p p e l h e i t d e r A u f f a s s u n g i m m e r v o r l i e g e .2

<§ 14. Wiederholung und neue Darstellung: Das Ineinander der


beiden Auffassungen, die das Bewusstsein der Bildlichkeit
konstituieren, und Áhnlichkeitsdeckung bzw. Auseinandertreten der
Objekte dieser Auffassungen. Die Gegebenheit der bewussten
30 Beziehung auf das B ildsujet durch das Bewusstsein der
Vergegenwartigung eines Nichterscheinenden im Erscheinenden >3

W ir haben in der letzten Vorlesung den Versuch untemom-


men, die Phantasievorstellungen zusammen mit den physisch-

1 In der Vorlesung wurde das etwas náher ausgeführt.


a Bis hier 12.1.1905.
» 17.1.1905.

1 <'
TEXT NR. I (1904/05) 29

b ild lic h e n V o r s te llu n g e n u n t e r den e in h e itlic h e n G e s ic h ts p u n k t

der I m a g i n a t i o n zu b e fa s s e n u n d d ie E ig e n t ü m lic h k e it e n d e r

g e s a m te n u n te r d ie s e n G e s ic h ts p u n k t fa lle n d e n V o r s te llu n g e n ,

a ls o der b ild lic h e n V o r s te llu n g e n ü b e r h a u p t , im G e g e n s a tz

5 z u d e n b is h e r b e tr a c h te te n W a h r n e h m u n g s v o r s te llu n g e n z u ana-

ly tis c h e r K la r h e it zu b r in g e n . D ie K o n s titu tio n der b ild lic h e n

V o r s te llu n g e n e n v íe s s ic h a is k o m p liz ie r te r a is d ie je n ig e der

s c h lic h te n W a h r n e h m u n g s v o r s t e llu n g e n . M e h r e r e w e s e n tlic h v e r -

s c h ie d e n e A u ffa s s u n g e n ze ig te n s ic h d a a h fe in a n d e r o d e r in e in -

10 a n d e r g e b a u t , e n t s p r e c h e n d d e n m e h r fa c h e n G e g e n s tá n d lic h k e i-

t e n , d ie s ic h d u r c h s e t z t e n u n d je n a c h W e c h s e l d e r A u f m e r k s a m -

k e it fü r das b e vo rzu g e n d e M e in e n h e rv o rtra te n . B e i der p h y -

s is c h e n B ild h c h k e it w a re n d r e i G e g e n s tá n d lic h k e ite n , b e i d e r

P h a n ta s ie z w e i in e in a n d e r g e w o b e n . D a s G e m e in s a m e b e id e r -

15 s e its la g d a r i n , d a s s je w e ils e in e e r s c h e in e n d e G e g e n s t a n d l i c h k e i t

n ic h t fü r s ic h g a lt, s o n d e m fü r e in e a n d e r e , n ic h te r s c h e in e n d e

b ild m á s s ig r e p r á s e n t ie r t e . D a s p h y s is c h e B i l d w e c k t d a s g e is tig e

B i l d , u n d d ie s e s w i e d e r s t e l l t e in a n d e r e s : d a s S u j e t v o r . D a s g e i­

s tig e B ild is t e in e e r s c h e in e n d e G e g e n s ta n d lic h k e it, z .B . d ie in

20 p h o to g ra p h is c h e n F a r b e n e rs c h e in e n d e P e r s o n o d e r L a n d s c h a f t ,

d ie d u r c h d ie P l a s t i k e r s c h e in e n d e w e is s e G e s t a l t u .d g l . D a s S u je t

aber is t d ie La n d s c h a ft s e lb s t, d ie g e m e in t is t n ic h t in d ie s e n

w in zig e n D im e n s io n e n , n ic h t a is g r a u -v io le tt g e fá r b t w ie d ie

p h o to g ra p h is c h e , so n d e rn in ih re n w ir k h c h e n Fa rb e n , G ro s se n

25 u s f . A b e r d ie s e L a n d s c h a f t e r s c h e in t n i c h t a is e in z w e i t e s n e b e n

der B ild la n d s c h a ft. D a s vo rh a n d e n e s in n lic h e E m p fin d u n g s -

m a te ria l, das irg e n d a is A u ffa s s u n g s in h a lt fu n g ie re n k a n n , is t

v o ll a u f g e b r a u c h t , es k a n n s ic h n ic h t e in e n e u e E r s c h e in u n g k o n -

s titu ie re n , s ie h a t k e in e v e r fü g b a r e n A u f f a s s u n g s i n h a l t e .—

30 E b e n s o , v e rs u c h te n w ir a n zu n e h m e n , v e rh á lt es s ic h bei der

P h a n ta s ie . In der P h a n ta s ie e r s c h e in u n g e r le b e n w ir n ic h t das

D in g s e lb s t, w ie es is ty w i r h a b e n e in e v o n d e r W ir k lic h k e it o ft

s e h r e r h e b lic h a b w e ic h e n d e E r s c h e i n u n g , s ie i s t d a b e i in ih re n

in n e re n B e s tim m th e ite n zu m e is t sehr schw ankend u n d w ech-

3 5 s e l n d . W a s u n s d a e r s c h e i n t , i s t e i n G e g e n s t a n d l i c h .e s , a b e r n i c h t

s o , w ie es in d e r T a t e r s c h e in t, g ilt e s u n s a is p h a n ta s ie r te s O b ­

je k t. P h a n ta s ie r e n d m e in e n w ir e in a n d e re s , fü r das d ie s e s e r ­

s c h e in e n d e u n d fü h lb a r v o n ih m v e r s c h ie d e n e b ild lic h r e p r á s e n -

tie r t. A u c h h ie r is t das S u j e t , das G e m e in te , n ic h t in e in e r


30 TEXT NR. 1 (1904/05)

zweiten Erscheinung gegenwártig. Nur e in e E r s c h e i n u n g


haben wir, die des B i l d o b j e k t s . Aber wir haben mehr ais die
eine Auffassung (oder, Wenn Sie wollen, die eine Objektivation), in
der sich uns dieses Bildobjekt konstittfiert. Sonst konnte nichts
5 anderes ais dieses Objekt gemeint sein. Im Bildobjekt verbildli-

chen wir uns die von ihm mehr oder minder verschiedene, wenn
auch ahnliche Sache: Ein zweiter objektivierender Charakter ist
da, eine neue Auffassung mit einem neuen Auffassungssinn, wel-
cher in der Auffassung des Bildobjekts fundiert ist und eben das
10 für das Bewusstsein zustande bringt, was wir mit den Worten aus-
driicken: „Mit dem erscheinenden Bild meinen wir die Sache”.
Die neue Auffassung ist aber nicht etwas bloss áusserlich der
Bilderscheinung sich Anhángendes, nur von aussen her mit ihr
Verknüpftes. Die neue Auffassung durchdringt die alte und hat
1 5 sie in sich aufgenommen. Das erscheinende Bildding weckt nicht

eine neue Vorstellung, die sonst mit ihm nichts zu tun hatte. Es
weist nicht in der Weise eines blossen, sei es auch analogischen
Symbols oder eines willkürlichen Zeichens über sich hinaus auf
ein anderes, das mit dem Zeichen selbst nicht innerlich einheit-
20 lich bewusst wáre oder gar zu ihm keine innere Beziehung hatte.
Vielmehr veranschaulicht das Bildobjekt das mit ihm zwar nicht
Identische, aber ihm inhaltlich mehr oder minder Gleiche oder
Ahnliche. In den verwandten Zügen lebt etwas vom Bewusstsein
des intendierten Gegenstandes. In das Bild schauen wir den ge-
2 5 meinten Gegenstand hinein, oder aus ihm schaut er <zu> uns her.

Phanomenologisch liegt aber darin, dass das Bildobjekt nicht


bloss erscheint, sondern einen neuen Auffassungscharakter tragt,
der sich mit dem ursprünglichen in gewisser Weise durchdringt
und verschmilzt, der sozusagen nicht vom Inhalt des Erscheinen-
3 0 den einfach weg, sondern i n i h n hineinweist oder durch diesen

Inhalt hindurch auf den eigentlich gemeinten Gegenstand hin-


weist. Was im Inhalt des Bildobjektes reprásentativ fungiert, das
ist in eigentümlicher Weise ausgezeichnet: E s s t e l l t d a r , es
v e r g e g e n w á r t i g t , verbildlicht, v e r a n s c h a u l i c h t . Das
3 5 Sujet blickt uns gleichsam durch d i e s e Züge an. Diese Züge

treten erst in Einzelbeachtung hervor und scheiden sich erst in


ihr von den anderen Zügen des Bildobjekts: von Momenten,
Teilen, Bestimmtheiten, die entweder ausgepragt den gegen-
satzlichen Charakter, den des Widerstreits mit entsprechenden
TEXT NR. 1 (1904/05) 31

B e s t i m m t h e i t e n d e s g e m e i n t e n S u j e t s , h a b e n , o d e r d e n e n W fc d e r

d e r e in e n o c h d e r a n d e r e C h a r a k t e r a n h a f t e t . S o lc h e c h a r a k t e r -

lo s e n Z ü g e v e r b ild h c h e n n ic h t s , es b le ib t a b e r a u c h u n b e s t im m t ,

w ie s ic h c la r ín d a s w i r k l i c h e O b je k t < d a r-> s te llt. So w ie es g e -

5 m e in t is t, la s s t es d ie b e tre ffe n d e n B e s tim m th e ite n o f f e n , d ie

M e in u n g b z w . d ie z u g e h o r ig e A u ffa s s u n g e n th a lt in d ie s e r H i n -

s ic h t U n b e s t im m t h e it e n . W a s a n d e r e r s e its d a s B e w u s s ts e in v o n

n ic h tp a s s e n d e n , v o m S u je t a b w e ic h e n d e n M o m e n te n d e s B ild e s

a n b e la n g t, s o s e tz t es w e s e n tlic h v o r a u s d a s B e w u s s ts e in p a s s e n -

10 d e r , v e r a n s c h a u lic h e n d e r M o m e n t e . E r s t d ie s e s te lle n e in B ild -

b e w u s s ts e in h e r . W e n n m it dem B ild n ic h t d ie b e w u s s te B e z ie -

hung a u f e in A b g e b ild e te s g e g e b e n is t , h a b e n w i r ja k e in B ild .

D ie s e b e w u s s te B e zie h u n g a b e r is t gegeben d u rc h je n e s e ig e n -

tü m lic h e B e w u s s ts e in der V e r g e g e n w á rtig u n g e in e s N ic h t-

15 e rs c h e in e n d e n im E r s c h e i n e n d e n , w o n a c h d a s E r s c h e in e n d e s ic h

v e r m o g e g e w is s e r s e in e r i n t u i t i v e n E i g e n h e i t e n s o g i b t , a is w á r e

es das a n d e re : w obei da n n fre ilic h in a n d e re n M o m e n te n e in

W id e r s tr e it, o d e r , im Á h n lic h k e its a b s ta n d a lle r M o m e n t e , s ic h

e in U n te rs c h ie d gegen das S u je t h e r a u s s te lle n k a n n . W ie d e r-

20 g le ic h e n m o g lic h is t, da doch n u r das B ild u n d gar n ic h t das

S u je t in d ie E r s c h e in u n g fa llt, w á re e in W u n d e r , o d e r w á r e e in

Nonsen9, w enn n ic h t z w e i o b je k tiv ie r e n d e A u ffa s s u n g e n in e in -

a n d e r g e flo c h te n w á r e n . D a s V e r a n s c h a u lic h e n im B ild , das im

B ild e r s c h e in e n das B e w u s s ts e in vo m B ild s u j e t h a t , is t n ic h t

25 e in b e lie b ig e r C h a r a k t e r , d e r d e m B i l d a n h a ft e t ; s o n d e r n d ie A n -

schauung vo m B i l d o b j e k t w e c k t e b e n e in n e u e s B e w u s s ts e in , e in e

V o r s te llu n g vo n e in e m n e u e n O b je k te , d a s m it d e m B ild o b je k t

a is g a n z e m , u n d i m e in ze ln e n n a c h d e n o d e r je n e n P u n k t e n , in -

n e re V e r w a n d ts c h a ft, Á h n lic h k e it h a t. D ie neue V o r s te llu n g ,

30 s o fe r n s ie s ic h a u f d a s n e u e O b j e k t m i t d e n u n d d e n B e s tim m t­

h e ite n b e zie h t, e n th a lt n a tü r lic h d u rc h ih re n A u ffa s s u n g s s in n

S e ite n , K o m p o n e n te n , d ie d ie s e n m a n n ig fa ltig e n O b je k ts e ite n

e n t s p r e c h e n . A b e r s ie i s t k e in e n e u e A n s c h a u u n g , d ie a l l d a s i n

d e r W e is e d i r e k t e r u n d e ig e n tlic h e r E r s c h e i n u n g , a ls o d e r S e lb s t -

35 e r s c h e in u n g , e n th ie lte . D ie s e neue V o r s te llu n g lie g t n u n aber

n ic h t' n e b e n der V o r s te llu n g des B ild o b je k ts , so n d e rn deckt

s ic h m i t i h r , d u r c h d r i n g t s ie u n d g i b t i h r i n d ie s e r D u r c h d r i n g u n g

d e n C h a r a k t e r d e s B ild o b j e k t s . D i e D e c k u n g b e z ie h t s ic h a u f d ie

M o m e n te d e r Á h n lic h k e it . W i r b lic k e n in d a s B ild o b je k t h in e in ,


32 TEXT NR. 1 (1904/05)

wir blicken auf das, w o d u r c h es Bildobjekt ist, auf diese Mo-


mente der Áhnlichkeit. Und in i h n e n stellt sich uns das Sujet
dar, durch sie blicken wir in das Sujet hinein. Das Bewusstsein
des Sujets breitet sich durch das Bewusstsein vom Bildobjekt
5 nach seiten der analogisierenden Momente hindurch. Soweit sie
reichen, gibt das ein Identitátsbewusstsein, so dass wir in der Tat
in ihnen das Sujet erschauen. Bestande allseitige Gleichheit, so
bestánde allseitige Deckung. Wir müssten dann ein Bewusstsein
haben, dass das abgebildete Objekt voll und ganz vergegen-
10 wártigt ist. Uns müsste in ihm so zumute sein, ais ob das Objekt
selbst, das ganze und volle Objekt, da wáre. Natürlich konnte es
zu einem solchen „als ob” nicht kommen, wenn nicht hinreichend
Momente für die Ermoglichung einer Verdoppelung des Bewusst-
seins ais Bild- und Sujetbewusstsein bestánden. Trotz voller in-
1 5 nerer Deckung brauchen solche Momente keineswegs zu fehlen.

Wir^werden dann natürlich auf áussere Momente hingewiesen.


Bei einem vollkommenen Portrát, das die Person nach alien Mo-
menten (die irgend Merkmale sein kónnen) vollkommen darstellt,
ja schon bei einem Portrát, das dies in sehr ungenügender Weise
20 tut, ist uns so zumute, ais wáre die Person selbst da. Aber die
Person selbst gehort einem anderen Zusammenhang an wie das
Bildobjekt.1 Die wirkliche Person bewegt sich, spricht usw., die
Bildperson ist eine starre, stumme Figur. Dazu der Widerstreit
mit der physischen Bildwirkhchkeit, der das Bildobjekt ais sinn-
2 5 lichen Schein charakterisiert. Ebenso in der P h a n t a s i e . Eine
vollkommen lebendige Phantasie, ein Auftauchen einer so klaren
Erinnerung, wie sie uns manchmal, bei frischen Sinnen, bei be-
sonders günstigen Dispositionen zuteil wird, lásst kaum das Be­
wusstsein aufkommen, das sei ein blosses Bild. Wir fühlen uns
3 0 dem Gegenstand so nah, ais wáren wir mit ihm in Wirklichkeit
eins, ais stánde er uns wirklich gegenüber. Ja gewiss: Er ist wahr-
haft vergegenwártigt, wir schauen ihn ,,selbst”. Im Bildbewusst-
sein lebend, ist uns wirklich so zumute wie in einer entsprechen-
den Wahmehmung. Aber náher besehen ist das doch eine analo-
3 5 gische Rede, vom „wirklich so zumute sein”, oder sie ist eine ganz

momentane Táuschung. Es ist immer nur Vergegenwártigung


und nicht Gegenwártigsein. Das Phantasiebild zerfliesst, es er-

1 Darüber in einer spáteren Vorlesung mehr.


TEXT NR. t (1904/05) 33

halt nicht lange seine Frische, plotzlich drángen sich andere


Phantasiebilder dazwischen, vielleicht auch klare, aber sie unter-
brechen das unmittelbare Gegenstandsbewusstsein, sie setzen es
nicht fort, sie konstituieren nicht die Einheit einer gegenstánd-
5 lichen Gegenwart, der das Phantasieobjekt einzuordnen ware.
Wir werden über diese Diskontinuitáten noch sprechen. Hier
genügt der Hinweis auf die feste Einheit der Wahmehmungs-
wirklichkeit, auf die testen Zusammenhange der Objektivitáten
des Blickfeldes der Wahrnehmung, und auf der anderen Seite:
10 das sinnlose Durcheinander, mit dem Phantasien und selbst Er-
innerungen durcheinanderlaufen und uns so das Bewusstsein
geben von einer blossen Bildlichkeit. Ja gewiss, wir schauen die
Sachen bei klarer Phantasie, es ist uns g a n z so zumute, ais
wáren sie es selbst, aber nur „ganz so, a is ob” : Die Erscheinung
15 hat noch einen Charakter,. der es hindert, sie für die Selbst-
erscheinung im eigentlichsten Sinn zu nehmen. Mindestens die
verschiedenen intentionalen Zusammenhange, denen sie ein-
geordnet sind, bewirken eine Zwiespaltigkeit des Bewusstseins,
sie hindern es, dass sich eine' schlichte, einfache Gegenstands-
20 intention konstituiert, sondem eine sich bestenfalls deckende
Doppelheit. Deckung in den Momenten differenzlos empfundener
Gleichheit, also in den Momenten genauer Bildlichkeit, besten­
falls in alien inneren Momenten, Scheidung aber in den mitver-
flochtenen intentionalen Charakteren, die dem Erscheinenden
25 und Gemeinten Ergánzung zu verschiedenen geltenden Gegen-
stándlichkeiten zusprechen.1 So wird das Erscheinende zum
Bildobjekt gewissermassen für <sich> selbst, namlich für das-
selbe, ais welches da erscheint, nur dass es woanders hingehort
und somit doch nicht in strenger Identitát dasselbe, sondem nur
30 ein gleiches sein kann.
Im übrigen gibt es, wiebekannt, sehr verschieden vollkommene
Bilder, also sehr verschiedene Grade und Stufen des Bildbewusst-
seins. Nur im Grenzfalle geht die Deckung zwischen der direkten
gegenstandlichen Auffassung,, die dem Bildobjekt entspricht, und
35 der indirekten, die dem Sujet zugehort, soweit, dass wir voll­
kommen im Bildobjekt das Bildsubjekt schauen, dass wir all
seine inneren Bestimmtheiten dem Sujet zurechnen; im allge-

1 Riemaimsche Fláche..
34 TEXT NR. 1 (1904/05)

m e in e n tre te n d ie b e id e n O b je k te a u s e in a n d e r , s ic h id e n tifiz ie -

re n d nach m a n c h e n M o m e n te n , e tw a nach s e ite n d e r p la s t i-

s c h e n F o r m , s ic h v o n e in a n d e r a b h e b e n d n a c h a n d e r e n B e s t im m t -

h e ite n , e tw a h in s ic h tlic h der Fá rb u n g , der G ro s se u s w . D ie im

5 B ild o b je k te vo rh a n d e n e n B e s tim m th e ite n g e lte n in le tzte r e r

B e z i e h u n g n i c h t f ü r d a s S u j e t , s ie s i n d i m B i l d d a , a b e r s ie h a b e n
k e in e A b b ild u n g s fu n k t io n .

<3. Kapitel
B i l d l i c h k e i t s b e w u s s t s e i n i n i m m a n e n t e r

10 F n n k t i o n n n d i n s y m b o l i s c h e r F n n k t i o n —

Z u r á s t h e t i s c h e n B i l d b e t r a c h t u n g — F r a g e

n a c h d e m V e r h á l t n i s d e r f u n d i e r e n d e n

A u f f a s s u n g b e i m P h a n t a s i e - u n d

B i l d b e w u s s t s e i n z u r W a h r n e h m u n g s a u f f a s s u n g >

15 <§15. Gemeinsamkeit und Uníerschied von bildlicher und


symbolischer Auffassung>

D ie eben a n g e s te llte n B e tra c h tu n g e n m achen uns das In e in -

a n d e r d e r b e id e n A u ffa s s u n g e n , d ie d a s A u ffa s s u n g s -B e w u s s ts e in

der B ild lic h k e it k o n s titu ie r e n , e in ig e r m a s s e n v e rs tá n d lic h u n d

2 0 la s s e n n ic h t n u r d e n U n t e r s c h ie d v o n d e r W a h r n e h m u n g s a u f fa s -

s u n g , so n d e rn a u c h d e n v o n d e r s y m b o l i s c h e n A u f f a s s u n g

d e u t lic h h e r v o r t r e t e n . W a s in s b e s o n d e r e d e n le t z t e r e n a n b e la n g t ,

s o h a b e n b ild lic h e u n d s y m b o lis c h e A u ffa s s u n g d a s m ite in a n d e r

g e m e in , dass s ie n ic h t s c h lic h te A u ffa s s u n g e n s in d . B e i d e

2 5 w e is e n i n g e w is s e r A r t ü b e r s ic h h in a u s . A b e r d ie s y m b o lis c h e a u s

s ic h h in a u s , u n d d ie s ig n it iv e n o c h d a z u a u f e in e n d e m E r s c h e i-

n e n d e n i n n e r l i c h f r e m d e n G e g e n s t a n d . J e d e n f a l l s , s ie w e i s t n a c h

au ssen . D ie b ild lic h e A u ffa s s u n g w e is t auch au f e in e n a n d e re n

G e g e n s ta n d , im m e r a u f e in e n g le ic h g e a r te te n , a u f e in e n a n a lo g e n ,

30 s ic h im B ild d a r s t e l l e n d e n , u n d v o r a l l e m , s ie w e i s t a u f d e n G e ­

g e n s ta n d d u r c h <sich > s e l b s t h i n d u r c h . D e r m e in e n d e

B lic k w ir d b e i d e r s y m b o lis c h e n V o r s te llu n g vo n dem S ym b o l

h in w e g g e w ie s e n ; b e i d e r b ild lic h e n V o r s te llu n g a u f d a s B i l d h in -

g e w ie s e n . U m uns den G e g e n s ta n d v o rs te llig z u m a c h e n , s o lle n

35 w ir u n s in d a s B i l d h in e in s c h a u e n ; in d e m , w a s d a r in T r á g e r d e r
TEXT NR. 1 (1904/05) 35

Bildfunktion ist, sollen wir den Gegenstand dargestellt finden, je


lebendiger wir dies erfassen, um so mehr ist uns 'das Sujet im
Bild lebendig, ist uns darin veranschaulicht, vergegenwártigt.

<§ 1 6 . E in f ü h r u n g d e r U n t e r s c h e id u n g z w is c h e n in n e r e r
5 ( im m a n e n te r ) u n d a u s s e r e r ( s y m b o lis c h e r ) B ild lic h k e it>

B e i d ie s e r B e s c h r e ib u n g w ir d uns zu g le ic h k la r, dass b e i de r

R e p r a s e n t a t i o n d u r c h A n a l o g i e zw e i F a lle w o h l aus-

e in a n d e rzu h a lte n s in d . E i n B ild ka n n i n n e r l i c h r e p r á s e n -

10 t a t i v fu n g ie r e n in d e r W e is e im m a n e n te r B ild lic h k e it ; e in B i l d

kan n á u s s e r l i c h r e p r á s e n t a t i v fu n g ie r e n , in e in e r W e is e ,

d ie i m w e s e n tlic h e n d e m B e w u s s ts e in s y m b o lis c h e r R e p r a s e n ta ­

tio n g le ic h k o m m t. Z .B . ka n n e in H o lzs c h n itt der R a ffa e ls c h e n

M a d o n n a u n s e rin n e rn a n d a s O r ig in a l, d a s w ir in d e r D re s d e n e r

15 G a l e r i e gesehen haben. B ild e r konn en a is a n a lo g is c h e E rin n e -

r u n g s z e ic h e n fu n g ie r e n . D a s t u n B ild e r in h o h e m M asse. N e u e r-

d in g s g ib t d ie S t u t t g a r t e r V e r la g s a n s t a lt B a n d e h e r a u s , d ie v o l l -

s tá n d ig e S e r ie n de r W e rk e vo n D iir e r , R a ffa e l e tc . in k le in s te n

R e p r o d u k tio n e n e n th a lte n . D e r H a u p tzw e c k d ie s e r W e rk e is t

20 n ic h t d ie W e c k u n g in n e r e r B ild l i c h k e i t u n d d e r d a m it g e g e b e n e

a s th e tis c h e G e n u s s , s o n d e r n e s h a n d e lt s ic h u m b ild lic h e In h a lts -

v e rze ic h n is s e d e r W e r k e je n e r g ro s s e n K ü n s t le r . E s s in d R e p e r -

to rie n der E r in n e ru n g . E s s in d s o zu s a g e n i l l u s t r a t i v e

S c h l a g w o r t e , H ilfe n der E r in n e ru n g . S ie w ir k e n a ü e rd in g s

25 n o c h b i l d l i c h , a b e r z u d e m a u c h a is E r i n n e r u n g e n , s ie s o h e n z u ­

g le ic h a s s o z i a t i v fu n g ie re n u n d v o lls tá n d ig e re B ild v o rs te llu n g

in d e r E r i n n e r u n g r e p r o d u z ie r e n . W e r s ic h r e in i n e in B i l d h in e in -

s c h a u t, d e r le b t in d e r B ild lic h k e it, e r h a t im B i l d s e lb s t d ie V e r ­

g e g e n w á r tig u n g d e s O b j e k t s . W e r s ic h d e s B i l d e s a is E r i n n e r u n g

30 b e d ie n t , d e r s u c h t u n d f in d e t e v t l . e in e a n d e r e V e r g e g e n w á r t ig u n g

d e s O b je k t s , d ie ih m v ie h e ic h t e in e r e ic h e r e V e r g e g e n w á r t ig u n g

d e s s e lb e n O b j e k t s b ie t e n m a g .

W i r k o n n t e n a ls o i m s y m b o lis c h e n V o r s te h e n z w e i K l a s s e n

u n t e r s c h e i d e n .1 D a s s y m b o l i s c h e i m u r s p r ü n g lic h e n , a lte n W o r t -

35 s i n n , das s ic h á u s s e rlic h V o rs te ü ig m a c h e n d u rc h B ild e r , S y m -

1 Eigentlich fraglich. Handelt es sich nicht um ein Gemisch bildlicher und sym­
bolischer Funktion?
36 TEXT NR. 1 (1904/05)

b o le , H ie r o g ly p h e n . S p ra c h e u n d S c h r ift haben u rs p rü n g lic h


s y m b o lis c h e n b z w . h ie r o g ly p h is c h e n C h a r a k t e r .1 E r s t d u r c h A b -
s c h le ifu n g u n d w e ite r h in d u rc h B ild u n g vo n K u n s tw o rte n , v o n

a lg e b r a is c h e n Z e ic h e n usw . e n ts te h t das s ig n itiv e V o r s te lle n ,

5 d u rc h Z e i c h e n , d ie zu den S a c h e n v o llig b e zie h u n g s lo s s in d ,


m it ih n e n in n e r lic h n ic h ts z u tu n hab en .

Z u m e rs te re n g e h o re n auch d ie m e is te n w is s e n s c h a ftlic h e n
B ild e r . N a tü r lic h k o m m t h ie rb e i a u c h n o c h a n d e re s m it in B e -

t r a c h t : d ie H in le n k u n g d e r A u fm e r k s a m k e it a u f d ie s y m b o lis ie -

10 r e n d e n M o m e n te u n d ih re Is o la tio n fü r d ie A u fm e r k s a m k e it

d u r c h a u s s c h lie s s lic h e H e r a u s h e b u n g i m B ild (e b e n in F o r m der

a l l e in s y m b o l i s c h f u n g i e r e n d e n B i l d e l e m e n t e ) .2

<§ 1 7 . D a s I n te r e s s e a m W ie d e r V e r b ild lic h u n g d es B ild o b je k t s b ei


d e r á s th e tisc h e n B ild b e tr a c h tu n g i m G egen satz z u r a u s s c h lie s s lic h e n
15 I n te r e s s e n r ic h tu n g a u f d a s B ild s u je t b ei d e r g e w o h n lic h e n P h a n t a s ie -
u n d E rin n e ru n g sv o rste ttu n g >

V o n d ie s e n B i 1 d e r n , d ie a is S y m b o 1 e f u n g i e r e n ,3 u n d v o n

dem B ild b e w u s s ts e in , d a s in d e r s y m b o lis c h e n F u n k t i o n d e s B i l -

des v o llzo g e n w ird , haben w ir zu u n te rs c h e id e n das in tu itiv e

20 B ild b e w u s s ts e in , d a s B e w u s s ts e in d e r im m a n e n te n B ild lic h k e it.

D ie s e s a lle in s p ie lt f ü r d ie a s t h e t i s c h e B i l d b e t r a c h t u n g

s e in e R o l l e . W i r s c h a u e n u n s d a b e i i n d a s B i l d h i n e i n , i h m g e h o rt

u n s e r In te re s s e , in ih m s c h a u e n w ir d a s S u je t ; n ic h t h a t e tw a d a s

B ild d ie b lo s s e F u n k t i o n , e in e i h m á u s s e r lic h e V o r s t e ll u n g vo n

25 d e m G e g e n s t a n d , e in e n e u e Anschauung oder gar n u r e in e be-

g r ifflic h e V o r s te llu n g z u e rw e c k e n . N a t ü r lic h w ill ic h d a m it n ic h t

s a g e n , d a s s d a s In te r e s s e u n d d ie M e in u n g d e s á s th e tis c h e n B ild e s

a u s s c h lie s s lic h a u f d a s S u je t g e h t , a is o b e s s ic h ü b e r h a u p t n u r

d a ru m h a n d l e , d ie s z u e in e r a n s c h a u lic h e n V o r s t e llu n g z u b rin -

1 Innere Bildlichkeit auch hier, aber d a z u (neben der schon. vorhandenen Bild­
lichkeit) noch eine Intention, eben eine symbolische, auf ein zweites, auf eine neue
Erscheinung, mit eigentlicher ReprSsentation des Gemeinten. Die inmanente Bild-
funktion: im Bild das Objekt erschauen, eine transeunte-symbolische Funktion: Man
hat schon das innere Bildbewusstsein, dazu eine neue Intention auf eine neue Er­
scheinung.
2 Charakteristische Durchschnitte etc. Schematische Bilder.
8 Spáter eingefugt: „oder áusserlich erinnernd (ohne Konvention und Gewohn-
heit)”. —Anm. d. Hrsg.
TEXT NR. 1 (1904/05) 37

gen. W o das B ild á s th e tis c h w i r k t , d a m a g e s j a s e in , d a s s e in e


n e u e V o r s te llu n g d a s S u je t o d e r irg e n d w e lc h e B e s ta n d s tü c k e d e s -

selben zu e in e r v o lle r e n Anschauung b r in g t, e tw a zu e in e r a n -

g e m e s s e n e re n F a r b ig k e it . Ü b e r h a u p t m a g d a s S p ie l d e r P h a n t a -

5 sie i n B e w e g u n g g e s e t z t w e r d e n , s o d a s s w i r u n s i n d i e W e l t d e s
Sujets h i n e i n l e b e n , w i e w e n n w i r u n s b e i m A n b l i c k d e r B i l d e r
eines P a o l o V e r o n e s e v e r s e t z t f ü h l e n i n d a s p r a c h t i g - ü p p i g e
Leben u n d T r e i b e n d e r v o r n e h m e n V e n e t i a n e r d e s 1 6 . J a h r h u n -
derts; o d e r i n d e n g e m ü t v o l l e n H o l z s c h n i t t e n D ü r e r s d i e V e r -
10 klarung d e r d e u t s c h e n L a n d s c h a f t u n d d e r d e u t s c h e n M e n s c h -
heit ihrer Z e i t e r s c h a u e n . A b e r w i e w e s e n t l i c h a m I n t e r e s s e d a s
Bildobjekt b e t e i l i g t i s t , z e i g t s i c h d a r i n , d a s s d i e P h a n t a s i e n i c h t
diesen n e u e n V o r s t e l l u n g e n n a c h g e h t , s o n d e r n d a s I n t e r e s s e
immerfort z u m B i l d o b j e k t z u r ü c k k e h r t u n d i n n e r l i c h a n i h m
15 hangt, i n d e r W e i s e s e i n e r V e r b i l d l i c h u n g d e n G e n u s s f i n d e n d .
S e h r w e s e n tlic h u n te rs c h ie d e n v o n d ie s e r S t e llu n g n a h m e z u m
B ild o b je k t is t d a s V e r h a lte n d e r g e w o h n l i c h e n P h a n t a s i e -

u n d E r i n n e r u n g s v o r s t e l l u n g , d e re n In te re s s e u n d M e i-

n e n a u s s c h lie s s lic h a u f d a s B i l d s u j e t g e h t. A u c h in d e r P h a n ta s ie
20 is t das B ild lic h k e its b e w u s s ts e in e in r e in in n e r lic h e s , s o w e n ig -

s te n s in d e r v o ll-le b e n d ig e n P h a n t a s ie , d e r w ir k lic h e n P h a n ta s ie -
in tu itio n . D a s B ild o b je k t b e d e u te t n ic h ts , n á m lic h n ic h ts in d e r

W e is e e in e s S y m b o l s , e s w e is t n i c h t v o n s ic h w e g , a u s s ic h h e r a u s ,

s e i e s a u c h a u f e in Á h n li c h e s , d a s a is e in a n d e r e s g e g e n ü b e r d e m

25 s c h o n b ild lic h E rs c h e in e n d e n s ic h g e b e n w ü r d e : a is ob d ie In -
t e n t i o n d e s B ild e s u n d d e s A b g e b ild e t e n s ic h n e b e n e in a n d e r le g e n

u n d e in H i n w e i s d e s e in e n a u f d a s a n d e r e e r fo lg e n w ü r d e , s o n d e r n

i n s ic h h i n e i n . A u s n a h m s w e is e k a n n m a n a u c h s e in e P h a n t a s i e n

á s th e tis c h g e n ie s s e n , u n d in d e m e n ts p re c h e n d e r W e is e b e tr a c h -

30 te n . D a n n b lic k e n w ir n ic h t b lo s s im B ild b e w u s s ts e in auf das

S u je t, s o n d e r n u n s in te re s s ie r t, w ie d a s S u je t s ic h d a d a r s t e llt ,

w e lc h e b ild lic h e E r s c h e in u n g s w e is e es z e ig t, u n d v ie lle ic h t w ie

á s th e tis c h g e fa llig e . S o w i r d d e r K ü n s t l e r s e in e e ig e n e n P h a n t a ­

s ie n b e la u s c h e n u n d b e l a u e m , u m ih n e n d ie á s th e tis c h s c h o n s te n
35 P o s e n a b z u s e h e n .1 O d e r e r e x p e r i m e n t i e r t g e r a d e z u i n d e r P h a n -

1 Das ist inkorrekt. Verwechslung zwischen Bildobjekterscheinung und Erschei-


nung des Sujets. Hier handelt es sich nicht um das Bild in dem hier fraglichen Sinn,
sondern um die „Erscheinung” des Phantasie s u je ts , darum, welche „Seite” die
ásthetisch beste Wirkung gibt. Schon beim W a h r n e h m u n g s o b j e k t kann ich
mich fragen, von welcher Seite wirkt es am besten ásthetisch? So stelle ich mir in der
38 TEXT NR. 1 (1904/05)

ta s ie . E r s t e llt s ic h e in S u je t m a n n ig fa ltig vo r u n d s u c h t u n te r

d e n E rs c h e in u n g s w e is e n in d e r P h a n ta s ie (u n te r d e n W e is e n d e r

D a r s te llu n g d u r c h e in so u n d so g e s ta lte te s u n d e rs c h e in e n d e s

B ild o b je k t) d ie á s th e tis c h s c h o n s te h e ra u s . D a s is t n a tü r lic h

5 n ic h t der N o r m a lfa ll. P h a n ta s ie re n d le b e n w ir in den p h a n ta -

s ie r te n E r e ig n is s e n , d a s W i e d e r in n e r lic h b ild lic h e n D a r s t e llu n g

fa llt a u s s e r h a lb d e s B e r e ic h s u n s e r e r n a tü r lic h e n In te re s s e n .

<§ 18. Moglichkeit des Wechsels in der Richtung der


meinenden Intention und entsprechender Wechsel des
10 Gegenstandes. Beschreibung der Erscheinungsweise des
Bildobjekts z.B. in psychologischem Interesse>

W ir sehen, dass au f d e m s e lb e n A u ffa s s u n g s g r u n d s ic h ve r-

s c h ie d e n e V o r s t e llu n g s a k t e a u fb a u e n k o n n e n . E s is t e in v e r s c h ie -

dener v o rs te lle n d e r H a b itu s : das B ild s u je t m e in e n , das B ild -

15 o b je k t m e in e n , u n d w ie d e r das B ild o b je k t a is B i l d des S u je ts

m e in e n . D a w ir bei der R e d e vo n dem O b je k te u n s e re r V o r-

s te llu n g n o r m a le r w e is e d a s je n ig e O b je k t b e ze ic h n e n , a u f das

s ic h das v o rs te lle n d e M e in e n b e zie h t, so b e d e u te t- h ie r der

W echsel in der R ic h tu n g d e r m e in e n d e n In te n tio n auch e in e n

20 W e c h s e l des G e g e n s t a n d e s . *1 Le b e n w ir in fr e ie n P h a n ta s ie n

oder in E rin n e ru n g e n , so geht das M e in e n , d ie v o rs te lle n d e

In te n tio n au f das B i l d s u j e t . W ir konnen aber auch au f das

B i l d o b j e k t a c h te n u n d w ie d e r a u f d ie W e is e s e in e r E r s c h e ín u n g

a c h te n , au f d ie k o n s titu tiv e n B e s ta n d s tü c k e der E r s c h e ín u n g ,

2 5 a u f d ie s in n lic h e n P h a n t a s m e n u s w . W i r k o n n e n d a s B ild o b je k t

d e r P h a n ta s ie b e s c h r e i b e n : w ie w enn w ir z .B . s a g e n : Ic h

e rin n e re m ic h je tzt des B o ta n is c h e n G a rte n s , w ie er zu r

Phantasie das Objekt von verschiedenen Seiten vor und im Sujetbewusstsein lebend
frage ich mich, wie wirkt es am meisten ásthetisch? Auch beim physischen Bild:
Wesentlich ist, von welcher Seite das Objekt zur Darstellung kommt. Dazu auch das
Wie hinsichtlich dessen, -was nicht Sache des Objekts ist, z.B. Marmor, Pinselfiihrung,
Art der Farbenwirkung etc. Der Erscheínung, so wie sie in der Phantasie ist, wendet
nicht der Künstler, sondern nur der Psychologe seine Aufmerksamkeit zu.
1 Indem die Intention auf das Objekt geht, geht sie notwendig auf das Objekt in
irgendeiner ,,Erscheinung” (Seite). Also haben wir zu unterscheiden 1) das Phánomen
der primaren Erscheínung (Bildobjekt-Erscheinung), 2) das Bewusstsein, das auf das
Sujet gerichtet ist, und zwar in einer seiner Erscheinungen aus der Synthesis. Es wird
durchaus notwendig sein, die Begriffe von Erscheínung zu differenzieren und ver-
schiedene Ñamen einzuführen.
TEXT NR. 1 (1904/05) 39

S o m m e rs ze it w a r , v o ll ra u s c h e n d e r B á u m e , b lü h e n d e r B lu m e n ,

s c h a ttig e r H á n g e . A b e r d ie F a r b e n w o lle n m ir n ic h t k o m m e n , ic h

fin d e m e h r d ie p la s tis c h e n F o r m e n , s ta tt der Fa rb e n m e h r e in

f lü c h t ig w e c h s e ln d e s G r a u u . d g l. D a a c h te n w i r a u f d ie E r s c h e i-

5 nung s e lb s t u n d v e rg le ic h e n ih r e n In h a lt m it dem in te n d ie r te n

S u je t. D a s Ph á no m e n der n o r m a le n P h a n ta s ie v o rs te llu n g u n d

der V o r s te llu n g , d ie auf d ie P h a n ta s ie o b je k te , ü b e rh a u p t d ie

B ild o b j e k t e , g e r ic h te t is t , is t a ls o o ffe n b a r v e rs c h ie d e n . E s is t,

u m n o c h e in B e is p ie l z u h a b e n , o ffe n b a r v e r s c h ie d e n , o b w ir b e i

10 d e r L e k t ü r e e in e r R e is e b e s c h r e ib u n g in dem P h a n ta s ie b e w u s s t-

s e in a is e in e m B e w u s s t s e in d e r a n s c h a u lic h e n V e r g e g e n w á r t i g u n g

d e r fr e m d e n L á n d e r le b e n o d e r o b w i r , e t w a d u r c h e in p s y c h o lo -

g is c h -d e s k rip tiv e s In te re s s e a b g e le n k t, u n s e r In te re s s e u n d M e i­

nen au f d ie P h a n ta s ie b ild e r s e lb s t h in le n k e n . D a b e i ka n n d ie

15 A u ffa s s u n g s g r u n d la g e genau d ie s e lb e s e in . E s e rs c h e in e n d ie -

s e lb e n B i l d o b j e k t e .u n d < d ie s e > b e g r ü n d e n d ie s e lb e B e z i e h u n g a u f

d ie f e r n e n L á n d e r . E i n m a l s in d a b e r d ie B i l d o b j e k t e , d a s a n d e r e

M a l d ie fe r n e n L á n d e r d a s G e m e in t e u n d In te r e s s ie r e n d e .

<§19. Selbstandigkeit und Unsélbstandigkeit der zwei sich


20 durchdringenden Auffassungen und Frage nach dem
Verhdltnis der fundierenden Auffassung zur
Wahrnehmungsauffassung im F alle der durch physische
B ilder vermittelten Im aginatíon. Wegfallen des
Bildlichkeitsbewusstseins bei Tduschungen d la Panoptikum,
25 Panoram a etc. und asthetischer Schein>

V o n den b e id e n A u ffa s s u n g e n , d ie s ic h im B e w u s s ts e in der

P h a n ta s ie b ild lic h k e it u n d im im m a n e n te n B ild lic h k e its b e w u s s t-

s e in ü b e rh a u p t d u r c h d r in g e n , is t d ie e in e o ffe n b a r u n s e l b -

s t á n d i g , d ie a n d e r e s e l b s t á n d i g . D ie E r s c h e ín u n g , d ie d a s

30 B ild o b je k t u n s v o r A u g e n s te llt, k o n n te s o , w ie s ie i m B ild lic h -

k e its b e w u s s ts e in a u ftritt, auch ohne s o lc h e im a g in a tiv e F u n k -

tio n e r le b t s e in . W a s h in g e g e n d ie m o d ifiz ie r e n d e A u ffa s s u n g a n -

b e la n g t, d u rc h w e lc h e das B ild e rs t zu m B ild w ir d , so is t s ie

e v id e n te r m a s s e n g e b u n d e n a n e in e fu n d ie r e n d e E r s c h e ín u n g . W o

35 k e in e E r s c h e í n u n g , d a is t a u c h n i c h t s d a , w a s a is B i l d d a z u d ie n e n

k o n n t e , e in a n d e re s z u v e r g e g e n w á r tig e n , e in G e g e n s ta n d m uss
40 TEXT NR. 1 (1904/05)

u n s v o r A u g e n s te h e n , d a m it w ir in ih m e in e n a n d e r e n v o r s te U ig
m achen konnen.

W i e v e r h á l t e s s ic h n u n m i t d ie s e r f u n d ie r e n d e n A u f f a s s u n g i m

V e r h á lt n is z u r W a h r n e h m u n g s a u ffa s s u n g ? W i r k o n n e n d ie S a c h -
5 la g e in d e n F a lle n s tu d ie re n , in d e n e n d a s B ild h c h k e its b e w u s s t-
s e in , d a s s ic h a u f g r u n d e in e r p r im a r e n E r s c h e i n u n g k o n s t it u i e r t
h a t te , w e g fá llt.

Zun ach st kom m en s o lc h e F a lle bei der p h y s is c h e n B ild a u f-


fa s s u n g v o r . W i r w o lle n v o r a u s s e tz e n , d a s s d a s p h y s is c h e B i l d in

10 d e r W a h r n e h m u n g gegeben is t. H ie r < is t> es a u c h schon b e im

V o rh a n d e n s e in d e r B ild a u ffa s s u n g , v o n d e r w i r ja le ic h t a b s tra ­

j e r e n k o n n e n , k l a r , d a s s d ie fu n d ie r e n d e B ild - O b je k t e r s c h e in u n g

a n u n d f ü r s ic h g e n o m m e n d e n C h a r a k t e r e in e r W a h r n e h m u n g s -

e rs c h e in u n g h a t , e in e r g e w o h n lic h e n P r á s e n t a t io n . E s is t n a t ü r -

15 lic h k e in e n ó r m a le u n d v o lle W a h r n e h m u n g , s o f e m d a s E r s c h e i-

n e n d e , z .B . d ie B ild -P e r s o n d e s ü lg e m á ld e s , n ic h t a is w ir k lic h

g e g e n w a r tig g i l t , s ie e r s c h e i n t a is g e g e n w á r t i g , w i r d a b e r n ic h t

fü r w ir k lic h g e h a lte n . E i n G la u b e n s b e w u s s ts e in m a g v o r h a n d e n
s e in , a b e r e s b e z ie h t s ic h n i c h t a u f d e n G e g e n s ta n d der W a h r-

20 n e h m u n g s a u ffa s s u n g , s o n d e r n auf d e n je n ig e n , d e r b ild lic h h in -

e in g e s c h a u t w ir d , auf d ie n i c h t g e g e n w á r t i g e ,- a b e r im Gegen-

w á rtig e n zu r B ild v o r s te llu n g k o m m e n d e , a u f d ie eben n u r ve r-

g e g e n w a r tig te P e rs o n . D a s s d ie U m w a n d lu n g e in e s B i l d p h á n o -

m e n s d u rc h F o r tfa lle n d e r im a g in a tiv e n F u n k tio n e in e g e w o h n -

25 lic h e W a h r n e h m u n g s a u ffa s s u n g , e v t l . s o g a r e in e v o lle , m i t d e m

n o rm a le n G la u b e n a u s g e s ta tte te W a h rn e h m u n g h e rvo rg e h e n
la s s t, ze ig e n d ie s c h o n o fte r s e r w á h n te n T a u s c h u n g e n á la P a n o p -

tik u m , P a n o ra m a e tc . H ie r m a g es z u n a c h s t s e in , d a s s w ir d ie

P u p p e a is M e n s c h e n s e h e n . W i r h a b e n d a e in e , w e n n a u c h n a c h -

30 t r a g lic h a is I r r t u m s ic h h e r a u s s te lle n d e n ó r m a le W a h r n e h m u n g .

W e r d e n w ir u n s p lo tz lic h d e r T a u s c h u n g b e w u s s t, d a n n t r it t d a s
B ild lic h k e its b e w u s s ts e in e in . A b e r in d ie s e n F a lle n w i l l e s s ic h

n ic h t auf d ie D a u e r d u rc h s e tze n . D ie W a c h s fig u r g le ic h t m it

ih re n w ir k lic h e n K le id e r n , H a a r e n u s w ., j a s e lb s t i n den d u rc h

35 m e c h a n is c h e V o r r ic h tu n g k ü n s tlic h n a c h g e a h m te n Bew egungen


so s e h r d e m n a tü rlic h e n M e n s c h e n , d a s s s ic h m o m e n t a n im m e r
w ie d e r d a s W a h r n e h m u n g s b e w u s s ts e in d u r c h s e tz t. D i e im a g in a -

t i v e A u f f a s s u n g f a l l t w e g . W i r „ w is s e n ” z w a r , d a s s é s S c h e in s e i,
a b e r w ir k o n n e n u n s n ic h t h e lfe n , w ir s e h e n e in e n M e n s c h e n . D a s
TEXT NR. 1 (1904/05) 41

b e g le ite n d e b e g r ifflic h e U rte il, es h a n d le s ic h u m e in b lo s s e s


B ild , w ird w irk u n g s lo s gegenüber dem W a h r n e h m u n g s s c h e in ,

u n d d ie N e i g u n g , ih n f ü r d ie W i r k l i c h k e it z u n e h m e n , is t s o g r o s s ,

d a s s < w ir> f ü r M o m e n t e s o g a r g la u b e n m o c h t e n . D i e Z w i e s p a l t i g -

5 k e it, in d ie w i r d a v e r s e t z t w e r d e n , is t n a t ü r lic h e in g r o b e r u n d
ga nz u n á s th e tis c h e r E ffe k t. W a c h s fig u r e n , a u fs g e n a u e s te d ie

W ir k lic h k e it n a c h a h m e n d , m it w ir k h c h e n K le id e m b e h á n g t, m it

e c h te n H a a re n a u s g e s ta tte t u s w . g e b e n W a h rn e h m u n g s e rs c h e i-
nungen vo n M e n s c h e n , d ie s ic h m it den a b g e b ild e te n so v o ll-

10 k o m m e n d e c k e n , d a s s d ie M o m e n te d e r D i f f e r e n z e in r e in lic h e s

u n d k la r e s D i f f e r e n z b e w u s s t s e i n , d .h . e in s ic h e r e s B i l d l i c h k e i t s -

b e w u s s ts e in n ic h t e r z e u g e n k o n n e n . D ie s a b e r is t d a s w e s e n tlic h e
F u n d a m e n t f ü r d ie M o g lic h k e it á s th e tis c h e n F ü h le n s in d e r b il-

denden K ü n s t. O h n e B ild k e in e b ild e n d e K u n s t. U n d d as B ild

15 m u s s s ic h k l a r v o n d e r W i r k l i c h k e it s c h e id e n , d .h . r e in i n t u i t i v ,

ohne a lie B e ih ilf e vo n in d ir e k te n G e d a n k e n . W i r s o lle n aus der

e m p ir is c h e n W ir k lic h k e it h e ra u s g e h o b e n u n d in d ie e b e n fa lls

in tu itiv e W e lt der B ild lic h k e it e m p o rg e h o b e n w e rd e n . D e r


a s th e tis c h e S c h e in is t n ic h t S in n e n t r u g , d ie F r e u d e a m p lu m p e n

20 R e in fa ll o d e r a m ro b e n W id e r s tr e it zw is c h e n W ir k lic h k e it u n d

S c h e in , w o b e i d e r S c h e in b a l d a is W i r k l i c h k e i t , d ie W i r k l i c h k e it

b a ld a is S c h e in s ic h a u s g i b t , W i r k l i c h k e i t u n d S c h e in g le ic h s a m

V e r s te c k e n m it e in a n d e r s p ie le n , d a s is t d e r a u s s e rs te G e g e n s a t z

zu n a á s th e tis c h e n W o h lg e f a lle n , d a s s ic h a u f d a s fr ie d lic h e u n d

25 k la r e B ild lic h k e its b e w u s s ts e in g r ü n d e t . A s t h e t is c h e E f f e k t e s in d

n ic h t Ja h r m a r k ts e ffe k te .

<§ 20. Ob die ftmdierende Auffassung bei der Phantasie im


gewdhnlichen S in n und der Erinnerung den Charakter einer
Wahrnehmungsauffassung hábe. Wegfallen des
30 Bildlichkeitsbewusstseins bei der Vision und Hattuzination.
Waches TrHumen und Bewusstsein des Scheins der
Phantasiegestaltungen>

W ie s te h t e s n u n in d e r n ic h t d u r c h p h y s is c h e B ild e r v e r m it te l-

te n Im a g in a tio n , m it d e r P h a n ta s ie im g e w o h n lic h e n S i n n , d ie
35 P h a n o m e n e d e r E r i n n e r u n g m i t e in g e s c h lo s s e n ? S o lle n w i r a u c h

h ie r s a g e n , z u m m in d e s te n in d e n F a l l e n , w o e in e k la r e u n d in -
42 TEXT NR. 1 (1904/05)

h a lt lic h r e ic h e I n t u i t i o n d e r p h a n ta s ie rte n G e g e n s tá n d lic h k e ite n

vo rh a n d e n is t, d a ss d ie fu n d ie re n d e A u ffa s s u n g den C h a ra k te r

e in e r W a h r n e h m u n g s a u ffa s s u n g habe? Is t a lie s e ig e n tlic h e E r -


s c h e in e n e in u n d d a s s e lb e , h a t e s ü b e r a ll d e n s e lb e n C h a ra k te r,

5 den d e r P r á s e n ta tio n ? A u c h h ie r k o m m t es v o r , d a s s d a s B ild -

lic h k e its b e w u s s ts e in fo r tfá llt, u n d w o d ie s s ta tth a t, da w e rd e n

w ir a lle rd in g s annehm en m üssen, dass das ü b rig e b lo s s den

C h a ra k te r d e r W a h rn e h m u n g h a b e . Ic h e rin n e re h ie r a n Ü b e r-

g á n g e v o n P h a n ta s ie in V i s i o n . D ie P h a n ta s ie g e b ild e s c h w e b e n

10 n ic h t m eh r a is B ild e r vo r dem in n e re n A u g e ; d ie e m p ir is c h e

W a h r n e h m u n g , d ie W i r k l i c h k e it , in d e r d e r V is io n á r le ib lic h le b t ,

is t a u s g e s c h a lte t u n d d a m it z u g le ic h d e r G e g e n s a tz z w is c h e n d ie -

ser W ir k lic h k e it u n d der P h a n ta s ie -B ild lic h k e it, d ie B ild lic h -

k e its fu n k tio n d e r P h a n ta s ie b ild e r e n tfá llt, u n d d e r V is io n á r is t

15 n u n im T r a n c e - Z u s t a n d , d ie W e lt der P h a n ta s ie is t n u n s e in e

w ir k lic h e W e lt. S ie g ilt ih m s e lb s t a is w i r k l i c h , d .h . s e in e A n -

schauungen s in d W a h rn e h m u n g e n , auch a u s g e s ta tte t m it dem

C h a ra k te r des b e lie f.
E b e n s o w e rd e n w ir es fü r d e n F a ll des T r a u m e s annehm en,

20 u n d n ic h t b lo s s im S c h la f-T r á u m e n , s o n d e rn auch im w achen

Trá u m e n . M itu n te r geben w ir uns dem Zu g e der P h a n ta s ie so

s e h r h i n , d a s s w i r a u f d ie P h a n ta s ie e r s c h e in u n g e n in H a n d lu n g e n

so z u re a g ie re n b e g in n e n , g l e i c h ais o b e s s ic h u m W a h r­

n e h m u n g e n h a n d e lte : U n s e r e F a u s t b a llt s ic h , w ir h a lte n m it d e n

2 5 e in g e b ild e te n P e rs o n e n la u te Z w ie g e s p rá c h e u s w . F r e ilic h , e b e n

d a m it p fle g t d e r T r a u m zu e n d e n , d ie w ir k lic h e W a h rn e h m u n g

v e r s c h e u c h t d ie E i n b i l d u n g . D e r h á u fig e r e F a l l is t a b e r w o h l d e r ,

d a s s z w a r d ie w ir k lic h e W e l t v o r u n s e r e n B lic k e n f a s t v e rs in k t,

w á h r e n d w i r d e n P h a n t a s i e n n a c h g e h e n , d a s s s ie a b e r i h r D a s e i n

3 0 u n s d o c h n o c h e in w e n i g f ü h l e n l á s s t , s o d a s s e in le is e s B e w u s s t -

s e in d e s S c h e in s d ie P h a n t a s ie g e s t a lt u n g e n i m m e r f o r t f á r b t .1

S o lc h e E rfa h ru n g e n s p re c h e n a ls o w o h l d a fü r, d a s s d ie E r -

s c h e in u n g e n der P h a n ta s ie , vo m B ild lic h k e its b e w u s s ts e in ab-

g e s e h e n , p r in z ip ie ll n ic h t v e r s c h ie d e n s in d v o n denen der W a h r-

35 n e h m u n g . D o c h f r a g t es s ic h , o b d a s n u r f ü r G r e n z fá lle zu trifft,

o b n ic h t h ie r d ie P h a n ta s ie e r s c h e in u n g e b e n in H a l l u z i n a t i o n , in

e in e W a h r n e h m u n g s e r s c h e in u n g u m s c h l á g t , w á h r e n d a n s ic h

1 Nietzsche.
TEXT NR. 1 (1904/05) 43

d ie B ild a u ffa s s u n g in der P h a n ta s ie e rs c h e in u n g u n d W a h r-


n e h m u n g s e r s c h e in u n g w e s e n tlic h u n te r s c h ie d e n s in d . In s b e s o n -

d e re w i r d s ic h fr a g e n , o b , w e n n w i r i n d e r W e is e d e r A u ff a s s u n g ,

d ie e in B i l d o b j e k t , u n d d e r je n ig e n , d ie e in W a h r n e h m u n g s o b j e k t

5 k o n s t i t u i e r t , a u c h k e in e U n t e r s c h ie d e a n z u n e h m e n g e n o t ig t s e in

w e r d e n , n ic h t w e s e n tlic h e U n te r s c h ie d e in d e n A u ffa s s u n g s in h a l-

te n zu g e s ta n d e n w e rd e n m ü s s e n .

<4. Kapitel
U n t e r s c h i e d e z w i s c h e n g e w o h n l i c h e r

10 B i l d v o r s t e l l u n g u n d P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g >

< § 2 1 '. D ie z u g r u n d e lie g e n d e n A u f f a s s u n g e n b e i d e r


p h y s is c h e n B ild v o r s t e llu n g , F r a g e n a c h d e r I d e n t it a t bzw .
V e r s c h ie d e n h e it d e r A u f f a s s u n g s in h a lt e >
\
E h e w i r a u f d ie s e F r a g e n , a ls o z u m a l a u f d ie Fra g e nach dem

15 V e r h a l t n i s z w is c h e n E m p f i n d u n g u n d P h a n t a s m a u n s e in la s s e n ,

w o lle n w ir e in ig e in te re s s a n te u n d w ic h tig e A n a ly s e n a b s o l-

v i e r e n ;1 w ir haben b is h e r zu m e is t das G e m e i n s a m e der

Im a g in a tio n e n a u fg ru n d der W a h rn e h m u n g u n d der Im a g in a -

tio n e n der P h a n ta s ie e ro rte rt. W ir w o lle n je tz t d ie U n t e r -

20 s c h i e d e s tu d ie r e n u n d d a b e i z u g le ic h e tw a s tie fe r in i h r a n a ly -

tis c h e s W e s e n e i n z u d r i n g e n t r a c h t e n .

E in e e r h e b l i 'c h e D iffe r e n z s c h e in t zu n a c h s t h in s ic h tlic h der

z u g r u n d e lie g e n d e n A u ffa s s u n g s t a t t z u h a b e n . A u f s e ite n d e r p h y ­

s is c h e n B i l d v o r s t e l l u n g is t s ie , w ie e s s c h e in t, k o m p li z i e r t e r w ie

25 a u f s e ite n d e r P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g . B e i d e r l e t z t e r e n o r d n e t s ic h

der g a n ze K o m p le x d e r z u ih r e r E r le b n is e in h e it g e h o rig e n s in n -

lic h e n In h a lte in e in e e in zig e E r s c h e in u n g , n a m lic h in d ie des

P h a n ta s ie b ild e s . B e i der p h y s is c h e n B ild v o r s te llu n g v e r h a lt es

s ic h a n d e rs. H ie r ko m m en phánom enal zw e i G e g e n s ta n d e in

30 F r a g e , es e rs c h e in t d a s p h y s is c h e B i l d , u n d es e r s c h e in t a b e r m a ls

das g e is tig e B i l d , d a s d a r s t e lle n d e B ild o b je k t. A u f je d e s d ie s e r

b e id e n O b je k t e k a n n ic h a c h te n , je d e s k a n n ic h v o r s te lle n d m e i-

n e n , u n d je d e s is t i n F o r m e in e r d ir e k te n E r s c h e in u n g u n d n ic h t

1 Studium der Unterschiede zwischen Phantasie und perzeptiver Imagination.


44 TEXT NR. 1 (1904/05)

einer blossen Symbolisation, auch nicht in Form eines fundierten


Bildsujetbewusstseins, da, es erscheint eben im vollen und eigent-
lichen Sinn. Z.B. wenn ich das über meinem Schreibtisch hángen-
de Bild der Raffaelschen Theologie betrachte, so erscheint mir
5 dieses Bild ais physisches Ding, ais an der Wand hángendes, ich
achte darauf. Ich wechsle die Richtung meiner Betrachtung und
achte auf das Bildobjekt: Ein farbloses, bloss schwarzweiss ge-
tontes Frauenfigürchen, etwa 1J Spannen hoch, erscheint mir da,
umflattert von zwei erheblich kleineren, ebenso getonten Engel-
10 püppchen usw. In der normalen Bildbetrachtung lebe ich im
Bildlichkeitsbewusstsein, ich achte da auf etwas ganz anderes,
ich sehe da eine erhabene Frauengestalt, von übermenschlicher
Grosse, zwei derbe, grosse Engeljungen usf. Auch davon sage ich,
dass es „erscheint”, aber das geschieht offenbar nicht im eigent-
15 lichen Sinn. Ich schaue das Sujet in das Bildobjekt hinein, dieses
ist das direkt und eigentlich Erscheinende. Seine erscheinende
Plastik und die erscheinenden Helligkeitsabstufungen verbild-
lichen mir das Sujet hinsichtlich seiner plastischen Form und
seiner wahren, im Bild nicht weiter zum Ausdruck kommenden
20 Farbigkeit.
Wie steht es nun mit dieser Erscheinung, mit der direkten Ob-
jektivierung, die der Bildlichkeitsauffassung zugrunde liegt ? Ist
sie in der Erscheinung des physischen Bildobjekts fundiert?
Kommt das Bildlichkeitsbewusstsein hier also zustande dadurch,
25 dass zuunterst die sinnlichen Empfindungen eine Wahrnehmungs-
auffassung erfahren, wodurch das physische Bild sich konsti-
tuiert; dass in zweiter Stufe eine neue Wahmehmungsauffassung
sich auf diese erste gründet, in ihr erschiene dann das Bildobjekt,
und hierin ware dann schliesslich das reprásentative Bewusstsein,
30 das der Bildlichkeit, fundiert ? So scheint es zu sein. Faktisch
steht uns doch, wahrend wir uns das Sujet imaginieren, das Bild
ais raumlich gegenwártiges Ding und das Bild ais Fiktum, ais
Tráger der Imagination, vor Augen. Und doch wird man zweifel-
haft, sowie die Frage nach den Auffassungsinhalten dieser beiden
35 Erscheinungen erhoben wird. Das Bildobjekt und das physische
Bild haben doch nicht getrennte und verschiedene Auffassungsin-
halte, sondern identisch dieselben. Dieselben Gesichtsempfin-
dungen werden gedeutet ais Punkte und Linien auf dem Papier
u n d werden gedeutet ais erscheinende plastische Gestalt. Die-
TEXT NR. 1 (1904/05) 45

s e lb e n E m p fin d u n g e n w e rd e n g e d e u te t a is D i n g a u s G i p s

u nd w e rd e n g e d e u te t a is w e i s s e m e n s c h l i c h e G e s t a l t .

U n d bei der Id e n titá t der E m p fin d u n g s u n te r la g e konnen d ie

b e id e n A u f f a s s u n g e n d o c h n i c h t a u f e i n m a l b e s t e h e n , s ie k o n n e n

5 n ic h t zu g le ic h zw e i E r s c h e i n u n g e n a b h e b e n . A b w e c h s e ln d

w o h l, a b e r d o c h n i c h t a u f e i n m a l , a ls o g e s o n d e r t.

<§ 22. Die Erscheinung des Bildóbjekts und ihr Charakter


der Unwirklichkeit, des Widerstreits mit dem Gegenwart
konstituierenden Blichfeld der Wáhrnehmung>

10 S tu d ie r e n w ir d ie S a c h la g e e tw a s n a h e r: D e r S tic h ze ig t u n s

e in e Z e ic h n u n g . W ir fa s s e n , den In te n tio n e n des M a le rs u n d

S te c h e rs h in g e g e b e n , n ic h t d ie Z e ic h n u n g a is e in S y s te m vo n

S tr ic h e n u n d V e r s c h a t tu n g e n a u f e in e r P a p ie r flá c h e a u f , s o n d e r n ,

s o w e it d ie Z e ic h n u n g ü b e r h a u p t r e ic h t , s o w e it s e h e n w ir n ic h t

15 P a p ie r , s o n d e rn p la s tis c h e G e s t a lte n , u n d in ih n e n oder d u rc h

s ie h in d u rc h v o llzie h t s ic h e in e B e zie h u n g auf das S u je t. D e r

S tic h h at e in e n w e is s e n P a p ie rra n d : D a se h e n w ir P a p ie r . D a s

B ild h a t e in e n R a h m e n , u n d der R a h m e n h eb t s ic h vo n der

W a n d a b , a u f d e r e r m it s a m t s e in e m P a p ie r h á n g t ; d ie W a n d

20 g e h o r t d e m Z im m e r a n , v o n dem n o c h e in b e tr a c h tlic h e r T e i l in

d a s G e s ic h ts fe ld h in e in r e ic h t. D a s a lie s is t n ic h t o h n e B e d e u t u n g .

W a h r e n d w ir in d e r Im a g in a tio n d e s S u je ts le b e n , v e rs c h w in d e t

n ic h t u n s e r B lic k fe ld d e r W a h r n e h m u n g . I m G e g e n te il, w ir h a b e n ,

w enn auch n ic h t in Fo rm e in e s p r im a r e n M e in e n s , d ie W a h r-

25 n e h m u n g d e r U m g e b u n g ; u n d s ie i s t U m g e b u n g d e s B i l d e s , j a i n

g e w is s e r W e is e s o g a r d e s S u je ts . Z u n á c h s t , w a s das B ild anbe-

la n g t , s o g e h o r t e s , s o w e it d ie Z e ic h n u n g n ic h t r e ic h t , m i t i n d ie

E in h e it d e r W a h m e h m u n g s a u ffa s s u n g . D a g e g e n fe h lt d ie n ó r ­

m a le W a h m e h m u n g s a u ffa s s u n g fü r d ie Z e ic h n u n g s e lb s t. W e -

30 n ig s te n s k o n n e n w ir h ie r n ic h t o h n e w e ite r e s s a g e n : W i r sehen

P a p ie r . D ie B ild a u ffa s s u n g v e r d r á n g t d ie P a p ie ra u ffa s s u n g , so ­

w e it d ie A u ff a s s u n g s in h a lt e s ic h d e c k e n . O d e r n o c h b e s s e r : D a s

B ild o b j e k t e rs c h e in t u n d is t T r á g e r d e s S u je t-B e w u s s ts e in s . D i e

A u ffa s s u n g s in h a lte s in d fü r d ie s e E r s c h e in u n g a u fg e b ra u c h t.

35 E i n e zw e ite A u ffá s s u n g , d ie P a p ie r a u ffa s s u n g , is t in g e w is s e r

W e is e auch d a , s ie h án gt m it der k o n tin u ie r lic h e in h e itlic h e n


46 TEXT NR. 1 (1904/05)

B l i c k f e l d - A u f f a s s u n g zu s a m m e n , s ie w ir d d u rc h s ie e r-

re g t, a b e r w á h re n d d a s ü b r ig e B lic k fe ld E r s c h e in u n g i s t , i s t s ie

n ic h t E r s c h e in u n g , d a ih r d ie A u ffa s s u n g s in h a lte g e ía u b t s in d .

Ih re A u ffa s s u n g s in h a lte fu n g ie re n je tz t a is s o lc h e des B ild o b -

5 je k ts . U n d doch g e h o r t s ie zu d ie s e n A u ffa s s u n g s in h a lte n :

K u r z u m , es b e s te h t W i d e r s t r e i t . A b e r in e ig e n e r A r t . D a s

B ild o b je k t s i e g t , s o fe rn es z u r E r s c h e in u n g k o m m t ; d ie A u f ­

fa s s u n g s in h a lte d u r c h d r in g e n s ic h m i t d e r B ild o b j e k t a u f fa s s u n g ,

s ie v e r s c h m e l z e n zu r E in h e it d e r E r s c h e in u n g . A b e r d ie a n d é re

10 A u f f a s s u n g is t n o c h d a , h a t ih re n n o r m a le n , fe s te n Z u s a m m e n -

hang m it der U m g e b u n g s e r s c h e in u n g . D ie W a h m e h m u n g g ib t

den C h a ra k te r d e r g e g e n w á rtig e n W ir k lic h k e it. D ie U m g e b u n g

is t w i r k l i c h e U m g e b u n g , auch das P a p ie r is t w ir k lic h e

G e g e n w a r t ; d a s B i l d e rs c h e in t, a b e r es s tr e ite t m it d e r w ir k lic h e n

15 G e g e n w a r t , e s i s t a ls o b lo s s „ B i l d ” , e s i s t , w ie s e h r e s e r s c h e in t ,

e in N i c h t s .

B e so n d e rs zu b e a c h te n is t fü r d ie s e Ü b e r le g u n g , dass s ie in

U m s c h r e ib u n g , in in d ir e k t b e g rifflic h e n R ed e n a u s d rü c k t, w a s

g a n z s ic h tlic h zu m C h a ra k te r des p h y s is c h e n B ild b e w u s s ts e in s

20 g e h o rt. A c h te n S ie v o r a lle m d a ra u f, dass f a k t i s c h d ie U m ­

g e b u n g d e s B ild e s b e w u s s t is t , d a s s fa k tis c h d a s B ild o b je k t in d e r

W e is e e in e s W a h r n e h m u n g s o b j e k t s e r s c h e in t u n d m i t i h m g le ic h -

sam d a s h in e in g e d e u te te S u je t. U n d so h a b e n w ir la u te r W a h r -

n e h m u n g s a u ffa s s u n g e n , d ie e rfa h r u n g s g e m á s s in E in h e it tre te n .

2 5 V i s u e l l o r d n e t s ic h , e n ts p re c h e n d d e r K o n t i n u i t á t d e r S in n e s -

in h a lte im G e s ic h ts e m p fin d u n g s fe ld , d ie g a n ze e rs c h e in e n d e

G e g e n s t á n d l i c h k e i t , d ie - b i l d l i c h e u n d d ie d e r B ild u m g e b u n g , in

e in e n e in z ig e n g e g e n s tá n d lic h e n Z u s a m m e n h a n g e in . E i n gegen-

s t a n d lic h e r Z u s a m m e n h a n g , d e r s ic h a b e r n a c h R e a lit á t s w e r t in

3 0 z w e i Z u s a m m e n h á n g e s p a l t e t . G e h e n w ir v o m B ild aus,

m it d e n d a rs te lle n d e n u n d d a r g e s te llte n F ig u re n , L a n d s c h a fte n

u s w . D ie s e id e e lle W e l t is t e in e W e l t f ü r s ic h . W a r u m aber ? W o -

d u rc h i s t s ie p h á n o m e n o l o g i s c h a is s o lc h e c h a r a k t e r i s i e r t ? N u n ,

u n s e r G e s ic h ts fe ld re ic h t d o c h w e ite r a is d a s B i l d f e l d , u n d w as

3 5 d a r i n v o r k o m m t , h a t s e in e B e z i e h u n g a u c h z u m B ild . D a is t d e r

R a h m e n . E r u m ra h m t d ie L a n d s c h a ft, d ie m y th o lo g is c h e

S z e n e u s w . W i r b lic k e n d u r c h d e n R a h m e n g le ic h s a m w ie d u r c h

e in F e n s t e r in d e n B i l d r a u m , i n d ie B i l d - W i r k li c h k e i t h in e in . M i t

d ie s e n W o rte n is t o ffe n b a r am P h a n o m e n e tw a s a u s g e d rü c k t.
TEXT NR. 1 (1904/05) 47

D i e g e s e h e n e n O b je k t e u n d d ie qu asi g e s e h e n e n , d ie B ild o b je k t e ,

tre te n in B e zie h u n g i W a r u m e r g e b e n s ie a b e r n i c h t i n W a h r h e i t

e in e n g e g e n s t á n d lic h e n Z u s a m m e n h a n g , u n d n a h e r e in e n W a h r -

n e h m u n g s zu s a m m e n h a n g ? E in e e in zig e zu sa m m e n h á n g e n d e

5 G e g e n w a r t ? N u n n a t ü r lic h , d ie U m g e b u n g b is a n d ie G r e n z e

de s B ild e s h in , b is d a h in , w o e b e n d ie Z e ic h n u n g u n d d ie B ild -

a u ffa s s u n g a n fá n g t, is t w a h rg e n o m m e n , es is t h ie r W a h rn e h -

m u n g s a u ffa s s u n g o h n e je d e s B ild lic h k e its b e w u s s ts e in . D a s B i l d ­

o b je k t a b e r is t g e g e b e n in e in e r W a h r n e h m u n g s a u ffa s s u n g , d ie

10 m o d i f i z i e r t i s t d u r c h den C h a ra k te r d e r Im a g in a tio n . A b e r das

g e n ü g t n o c h n ic h t. D ie E r s c h e in u n g d e s B ild o b je k t s u n te rs c h e i-

det s ic h in e in e m P u n k t vo n der n o r m a le n W a h rn e h m u n g s -

e rs c h e in u n g , in e in e m w e s e n tlic h e n P u n k t , d e r es u n s u n m o g lic h

m a c h t, s ie a is n ó r m a le W a h rn e h m u n g a n zu s e h e n : S ie trá g t in

15 s ic h den C h a ra k te r der U n w i r k l i c h k e i t , des W i d e r -

s t r e i t s m i t d e r a k t u e l l e n G e g e n w a r t . D ie U m g e b u n g s -

w a h rn e h m u n g , d ie W a h rn e h m u n g , in der s ic h uns a k tu e lle

G e g e n w a r t k o n s t i t u i e r t , s e t z t s ic h d u rc h den R a h m e n h in d u rc h

f o r t u n d h e is s t d o r t „ b e d r u c k te s P a p ie r ” o d e r „b e p in s e lte L e in -

20 w an d” . D a s sehen w ir im e i g e n t l i c h e n S in n n ic h t. D a s

E m p fin d u n g s m a t e r ia l, d a s d ie B ild o b je k t a u ffa s s u n g f ü r ih r e E r ­

s c h e in u n g in A n sp ru c h genom m en h a t, ka n n in e ig e n tlic h e r

W e is e n ic h t e in z w e ite s M a l z u m E r s c h e in u n g s k e r n w e rd e n . D a s

is t e v id e n t u n m o g lic h . A b e r i n u n e ig e n tlic h e r W e is e , in der A r t

25 , , u n e ig e n tlic h e r P r á s e n ta tio n ” is t d ie P a p ie r w a h r n e h m u n g e in

A p p e n d ix d e r U m g e b u n g s w a h rn e h m u n g . U n d s o h a b e n w i r e in e

E i n h e i t d e r W a h r n e h m u n g , d ie d a s g a n z e G e s ic h ts fe ld , d a s g a n z e

W a h r n e h m u n g s b lic k fe ld a u s fü llt. D a s is t d ie W a h r n e h m u n g , d ie

„ G e g e n w a rt” , a k tu e ll g e g e n w á rtig e W ir k lic h k e it, k o n s titu ie r t.

30 U n d d a m it deckt s ic h e in e m T e il nach e in e zw e ite W a h rn e h ­

m u n g , o d e r. v ie lm e h r n u r W a h r n e h m u n g s a u ffa s s u n g . S ie lo s c h t

d ie E ig e n tlic h k e it e in e s e n ts p re c h e n d e n T e ils der Je tzt-W a h r-

nehm ung a u s , s ie deckt s ic h a ls o m it e in e m T e il je n e r W a h r­

n eh m u n g, der n u r u n e ig e n tlic h e E rs c h e in u n g b ie te t. So haben

35 w ir h ie r E r s c h e in u n g , s in n lic h e An sch a u u n g u n d V e rg e g e n -

s tá n d lic h u n g , a b e r in W i d e r s t r e i t m i t e in e r e r le b te n G e g e n ­

w a r t ; w i r h a b e n E r s c h e i n u n g e in e s N i c h t - J e t z t im J e t z t . I m

J e t z t , s o fe rn das B ild o b je k t in m itte n d e r W a h m e h m u n g s w irk -

lic h k e it e rs c h e in t u n d d e n A n s p r u c h g le ic h s a m e r h e b t, m it t e n d a -
48 TEXT NR. 1 (1904/05)

zw is c h e n o b je k tiv e W ir k lic h k e it zu haben. Im J e t z t auch in -

s o fe r n , a is d a s B ild a u ff a s s e n e in Z e it lic h - J e t z t is t. A n d e re rs e its

a b e r e in , , N i c h t - J e t z t ” , s o fe m d e r W id e r s tr e it d a s B ild o b je k t

zu e in e m N i c h t i g e n m a c h t, das zw a r e rs c h e in t, a b e r n ic h ts

5 i s t , u n d d a s n u r d a z u d ie n e n m a g , e in S e ie n d e S d a r z u s t e l l e n .

D ie s D a r g e s te llte aber ka n n e v id e n te rw e is e n ie m a ls das Je tzt,

m it d e m es s tr e ite t, d a rs te lle n , es k a n n a ls o n u r e in a n d e r e s , e in

N ic h tg e g e n w á rtig e s d a rs te lle n . D o c h k o n n te d ie s a lle n fa lls im

B lic k fe ld , n u r a u s s e r h a lb d e s B ild g e b ie te s lie g e n .

10 <§ 2 3 . D a s V e r h á lt n is v o n w ir k lic h G e g e n w a rtig e m u n d


b lo sse m F i k t u m im W id e r s t r e it z w e ie r
W a h r n e h m u n g s a u f f a s s u n g e n b e i d e n F a l l e n d e s S in n e n s c h e in s >

W o im m e r e in e W a h r n e h m u n g s a u ffa s s u n g m it e in e r z w e ite n

in W id e r s tr e it t r i t t — w a s v o r a u s s e t z t , d a s s s ie i m g a n ze n oder

15 e in e m T e il nach d ie s e lb e E m p fin d u n g s u n te r la g e haben — , da

b e s t im m t d ie je n ig e A u ff a s s u n g , d ie m i t d e r E i n h e i t d e r g e s a m te n

a k tu e lle n W a h rn e h m u n g s ic h zu e in e r u m fa s s e n d e n G e s a m t-

w a h r n e h m u n g z u s a m m e n f ü g t u n d a n d e r K r a f t d e r s ic h w e c h s e l-

s e itig fu n d ie re n d e n G la u b e n s in te n tio n e n p a rtizip ie rt, das w irk -

20 lic h G e g e n w a r tig e . D ie a n d e re A u ffa s s u n g a b e r, w o fe m s ie s ic h

d e s s in n lic h e n I n h a lt s b e m á c h tig t, irg e n d e in e s A u s s c h n it t e s a u s

e in e m o d e r m e h r e r e n S in n e s fe ld e r n , u n d e in e E r s c h e in u n g e r g ib t ,

k o n s titu ie r t e in b lo s s e s F i k t u m , ein S c h e i n o b j e k t , e in

b lo s s e s „ B i l d ” , w ie m an auch zu sagen p fle g t, a u c h w o k e in e

25 B ild r e p r á s e n ta tio n s t a tt h a t .

D a s is t a ls o der F a ll bei je d e m „ S i n n e n s c h e in ’ ’ . 1 D e r ge-

b ro c h e n e S ta b im W a s s e r is t e in e F i k t i o n , e in S c h e in b ild : D e n n

d ie v is u e lle A u ffa s s u n g is t in u n e ig e n tlic h e r W a h r n e h m u n g e r-

g a n z t d u r c h g e w is s e t a k t i l e A u f f a s s u n g e n . D a s w i r k li c h e A b t a s t e n

30 u n d G r e ife n e r g ib t aber e in e n „g e ra d e n ” S ta b , der s e in e r s e its

n o rm a le rw e is e e in e a n d e re v is u e lle E rs c h e in u n g v e rla n g t. —

O d e r nehm en w ir u n s e r P u p p e n b e is p ie l: S e h e ic h in der P u p p e

e in e n M e n s c h e n , s o h a b e ic h e in e W a h m e h m u n g s e r s c h e in u n g . S o -

w ie ic h der Táusch u n g in n e b in , m a g ic h d ie s e lb e E rs c h e in u n g

Spiegelbild im Wasser.
TEXT NR. 1 (1904/05) 49

n o c h h a b e n , d ie s in n lic h e n I n h a l t e a is M e n s c h e n n o c h w e i t e r m i r

e rs c h e in e n la s s e n , a b e r n u n habe ic h den W id e r s tr e it g e g e n d ie

W ir k lic h k e it : D ie a k tu e lle G e g e n w a r t is t h ie r b e s t im m t d u r c h

d ie U m g e b u n g u n d d u r c h d ie g e s e h e n e , a b e r a is W a c h s p u p p e

5 g e s e h e n e F i g u r , d ie m i t i h r g e g e n s tá n d lic h e E i n h e i t t e i l t . I n t e r -

p r e tie r e ic h a n d e rs , so fü h le ic h eben das „ a n d e r s ” ic h fü h le

d e n W i d e r s t r e it , i c h h a b e d ie E r s c h e i n u n g e in e s N i c h t s . D ie s e r

M e n s c h is t e in N i c h t s . D ie S a c h la g e á n d e r t s ic h a b e r w ie d e r ,

w e n n d ie F i g u r v e r m o g e i h r e r Á h n l i c h k e i t e in e b e k a n n t e P e rso n

10 d a r s t e l l t . D i e P e rs o n im Je tzt, in d e r G e g e n w a rt, der s ie s ic h

s c h e in b a r, n á m lic h e in e rs e its e r s c h e in u n g s m á s s ig u n d a n d e re r-

s e its m i t W i d e r s t r e i t e i n o r d n e t , i s t n i c h t s , a b e r s ie s t e l l t n u n

e in á h n lic h e s , a b e r n i c h t h i e r , n i c h t g e g e n w á r tig S e ie n d e s v o r .

<§ 24. Vorblick auf die Sachlage bei der Phantasie:


15 v ó llig e Trennung von Phantasiefeld und Wahrnehmungsfeld>

G a n z a n d e rs is t , w ie w ir b a ld s e h e n , d ie S a c h la g e im F a ll der

P h a n t a s i e (d ie E rin n e ru n g in b e g riffe n ). D ie A u ffa s s u n g s -

in h a lte der P h a n ta s ie s in d o ffe n b a r n ic h t zu g le ic h T rá g e r vo n

e ig e n tlic h e n oder u n e ig e n tlic h e n W a h m e h m u n g s a u ffa s s u n g e n .

20 D a s P h a n t a s ie b ild e r s c h e in t n ic h t i m o b je k tiv e n Z u s a m m e n h a n g

d e r g e g e n w a r tig e n W i r k l i c h k e i t , d e r W i r k l i c h k e i t , d ie s ic h i n d e r

a k tu e lle n W a h r n e h m u n g , im a k tu e lle n B lic k fe ld k o n s titu ie r t. D e r

Z e n ta u r, der m ir je tz t in der P h a n ta s ie v o rs c h w e b t, bedeckt

n ic h t s c h e in b a r e in S t ü c k m e in e s B lic k fe ld s , s o w ie d e r Z e n t a u r

25 e in e s B o c k l i n s c h e n B ild e s , d a s ic h w ir k lic h s e h e . D e r w ir k lic h e

R a u m d e r W a h r n e h m u n g h a t n ic h t e in e P a r t i e , d ie s ic h s o u n d s o

u m r a h m t u n d z w is c h e n s ic h e in e m f i k t i v e n R a u m P l a t z la s s t f ü r

m e in e P h a n tá s ie n . D a s P h a n ta s ie fe ld is t v o llig g e tre n n t vo m

W a h r n e h m u n g s fe ld . W e n n a b e r d ie s , w a r u m s c h e id e n w i r b e id e

30 u n t e r d e n T i t e l n W a h r n e h m u n g u n d P h a n t a s ie ? E t w a w e g e n d e r

B ild lic h k e its a u ffa s s u n g ? A b e r k o n n te e s n ic h t s e in , d a s s P h a n t a -

s ie a u ffa s s u n g e n o h n e a lie B ild l i c h k e i t f u n g ie r t e n , u n d w a r e n s ie

dann n ic h t W a h rn e h m u n g e n ? K o n n te n w ir d a n n e tw a zw e i

W a h r n e h m u n g s fe ld e r , n u r zw e i g e tre n n te , a ls o m e h r fa c h e G e -

35 s ic h ts fe ld e r , m e h r fa c h e T a s t f e ld e r u s w . h a b e n ? U n d k o n n t e n ic h t
50 TEXT NR. 1 (1904/05)

einmal das Phantasiefeld sich in Wahmehmungsfeld, das Wahr-


nehmungsfeld in Phantasiefeld verwandeln ?

<§ 25. R e k a p it u la iio n : D ie d o p p e lte A r t d e r R e p r á s e n t a t io n d u rc h


Á h n lic h k e it , i ) d ie in n e r e B ild li c h k e it a i s d a s e ig e n tlic h im a g in a t iv e
5 B e w u s s t s e in ; d ie v e r a n s c h a u lic h e n d e n M o m e n te b e i d e r B ild o b je k t s -
e r s c h e in u n g a i s T r d g e r d e s B e w u s s t s e in s d e r in n e r e n R e p r d s e n ta t io n
u n d d ie ü b r ig e n M o m e n t e ; d e r d o p p e lte W id e r s t r e it s c h a r a k t e r d e r
B ild o b je k t e r s c h e in u n g , 2 ) d ie d u s s e r e B ild li c h k e it a i s W e is e d e s
s y m b o lis c h e n B e w u s s t s e in s ^

10 W ir waren in den letzten Vorlesungen bemüht, die Imagination


in ihren verschiedenen Gestaltungen zu studieren. W ir hatten zu-
erst versucht, die Phánomene der physischen Bildlichkeit und
die Phantasiephánomene (die Erinnerungsphánomene einbegrif-
fen) unter gleichem Gesichtspunkt zu behandeln.12 W ir stiessen
1 5 auf eine Reihe hochst merkwürdiger Unterschiede. Innerhalb der

physischen Bildlichkeit trat ais sehr wichtig hervor das Bewusst­


sein der immanenten Bildlichkeit im Unterschied von dem der
transeunten Bildlichkeit. Das letztere subsumierten wir einem
weiter gefassten Begriff der symbolischen Reprásentation. Eine
20 Bildreprásentation kann also in doppelter und wesentlich ver-
schiedener Art statthaben.3 Sie kann 1) den Charakter der inne­
ren Reprásentation haben. W ir schauen im Bild selbst das Sujet,
wir schauen das letztere in das erstere hinein, das Bild (genauer
gesprochen das Bildobjekt) bringt in <sich> selbst das Sujet zur
2 5 anschaulichen Vorstellung, und dies in grosserem oder geringerem

Ausmass, nach einer grosseren oder geringeren Zahl von ver-


bildlichenden Momenten. Es zeigt sich námlich ein merkwürdiger
Unterschied hinsichtlich der verschiedenen Momente, aus denen
sich die Erscheinung des Bildes aufbaut. Die einen sind námlich
3 0 die eigentlichen Tráger des Bewusstseins der inneren Reprásen­

tation, die anderen haben diese Funktion nicht. In den einen


stellt uns das Bildobjekt das Sujet dar; auf sie hinblickend, sie
1 24.1.1905.
2 Der letzte Satz ist spáter wieder gestrichen worden. — Anm. d. Hrsg.
3 Den Punkt hat Husserl spáter in ein Komma verándert und den folgenden Text
eingefügt:, ,den Charakter der inneren und áusseren, der immanenten und transeunten
Bildlichkeit <haben>. Fuhren wir das rekapitulierend náher aus”. — Anm. d. Hrsg.
TEXT NR. 1 (1904/05) 51

im B e w u s s ts e in s o zu s a g e n b e to n e n d , aber k e in e s w e g s in der
W e is e i h r e r A b s t r a k t i o n ,1 s c h a u e n w i r d a s S u j e t , i n i h n e n is t e s

im e ig e n tlic h e n S in n v e rg e g e n w á rtig t. Ye rm o g e d ie s e r A u s -

z e i c h n u n g h a b e n s ie e in e b e s o n d e r e G e l t u n g , e b e n d ie G e l t u n g a is

5 v e r a n s c h a u lic h e n d e M o m e n te . D ie s b e t r if ft z . B . b e i e in e m S ta h l-

s tic h oder bei e in e r G ip s b ü s te d ie p la s tis c h e Fo rm des B ild -

o b je k ts , n ic h t a b e r d ie S c h w a r z w e is s -N u a n c e n . D ie s e M o m e n te ,

a ls o d ie e r g á n z e n d e G r u p p e d e r d ie E r s c h e i n u n g d e s B ild e s k o n -

s titu ie re n d e n M o m e n te , e n tb e h r e n d e r e r w á h n te n A u s z e ic h n u n g

10 o d e r G e l t u n g . S ie s i n d i m B i l d d a , s ie g e lt e n a b e r n i c h t . I n ih n e n

s c h a u e n w ir d a s S u je t n ic h t a n . S ie h a b e n n ic h t e in m a l s y m b o -

lis c h e F u n k t i o n , s ie w e is e n n i c h t a is Z e i c h e n a u f d ie e n t s p r e c h e n -

d e n , a b e r a h d e rs b e s tim m te n S u je t-M o m e n te h i n . S ie h a b e n zu

d ie s e n ü b e rh a u p t k e in e 2 B e z ie h u n g . W o h l a b e r h a b e n d ie ve r­

is a n s c h a u lic h e n d e n M o m e n te ve rm o g e der A s s o zia tio n ih re n in -

te n tio n a le n Zusam m e nh an g m it d ie s e n S u je t-M o m e n te n . S o w ie

das In te re s s e a u f d ie s e M o m e n te s p e zie ll g e h t , t r i t t d a s W id e r-

s tre itb e w u s s ts e in h e r v o r , d a s B e w u s s ts e in d e s „ A n d e r s s e in s ” des

g e m e in t e n O b j e k t s . A b e r a u c h o h n e d ie s e s In t e r e s s e s in d d ie z u -

20 g e h o r ig e n B ild m o m e n te m it W id e r s tr e itc h a r a k te r b e h a fte t. E s

is t n i c h t d a s s ic h s o z u s a g e n lo g is c h e n t f a l t e n d - s y n t h e t i s c h e W i -

d e r s tr e itb e w u s s ts e in , a b e r e in p h á n o m e n o lo g is c h e r C h a r a k t e r , e in

C h a r a k t e r s o z u s a g e n d e r W i d e r s p a n n u n g , d e r N i c h t i g k e i t u .d g l .

U n d u m s e in e r E i n h e i t w ille n h a t d a s g a n z e B i l d o b j e k t , s o w ie w i r

25 es a is G a n z e s n e h m e n u n d b e a c h t e n , d ie s e n W i d e r s t r e i t c h a r a k t e r .

E s h a t ü b e r h a u p t in d o p p e lte m S in n e in e n W id e r s tr e it z u t r a g e n .

E in m a l a) den W id e r s tr e it gegen d ie a k tu e lle W ah m e h m u n g s-

g e g e n w a rt. D a s is t d e r W id e r s tr e it zw is c h e n B i l d a is B i l d o b j e k t -

e rs c h e in u n g u n d z w is c h e n B ild a is p h y s is c h e m B ild d in g ; b ) das

30 a n d e re M a l d e n W id e r s tr e it zw is c h e n d e r B ild o b je k te r s c h e in u n g

u n d d e r s ic h d a m it v e rs c h lin g e n d e n o d e r v ie lm e h r s ic h m i t ih r

ü b e rs c h ie b e n d e n V o r s te llu n g des S u j e t s . Je g ro sse r d e r U m -

fa n g der Ü b e r e in s tim m u n g zw is c h e n B ild o b je k t u n d B ild s u je t

is t, u n d zw a r, w ie s e lb s tv e rs tá n d lic h , der b e w u s s te n Ü b e r e in -

35 s t im m u n g , d ie s ic h e b e n i m B e w u s s ts e in d e r im m a n e n te n B ild -

lic h k e it b e k u n d e t, u m so v o llk o m m e n e r is t das S u je t im B ild

v e ra n s c h a u lic h t, u m so m e h r fü h le n w ir , u n s in d a s B ild h in e in -

1 Nota bene,
2 Spáter eingefügt: „intentionale”. — Anm. d. Hrsg.
52 TEXT NR. 1 (1904/05)

schauend, das O b je k t a is v e rg e g e n w á rtig t, u n d u m so w e n ig e r

tr itt d ie W id e rs p a n n u n g d e r ü b r i g e n , a is L ü c k e n b ü s s e r fu n g ie -

r e n d e n M o m e n te g e g e n d ie M e in u n g d e s S u je ts h e r v o r . D o c h k a n n

a u c h b e i b e tr á c h tlic h e r D i f f e r e n z d ie ü b e r d a s B ild o b je k t h in a u s -

5 g e h e n d e o d e r a u f E r g á n z u n g , a u f r e ic h e r e A n s c h a tr a n g g e r ic h te te

In te n tio n z u r ü c k t r e t e n , w e n n , w ie es b e i d e r á s th e tis c h e n B e -

tra c h tu n g der F a ll is t, bei g le ic h e r A u ffa s s u n g s g r u n d la g e d ie

M e in u n g e b e n n i c h t a u s s c h lie s s lic h a u f d a s S u je t g e h t , v ie lm e h r

e in In te re s s e , u n d zw a r e in á s th e tis c h e s G e fü h ls in te r e s s e , am

10 B i l d o b j e k t h á n g t, u n d a n ih m a u c h n a c h n ic h ta n a lo g is ie r e n ­

den M o m e n te n h a n g t. Ic h e r in n e r e , d a ic h fr ü h e r d a r ü b e r n ic h t

g e s p ro c h e n h a b e , a n d ie á s th e tis c h e F u n k t i o n d e r R e p r o d u k t io n s -

m itte l u n d -m a te r ia lie n , z . B . d ie b re ite P in s e lfü h r u n g m ancher

M e is te r , a n d ie á s th e tis c h e W i r k u n g d e s M a r m o r s u s w . D a s B i l d -

15 s u je tb e w u s s ts e in is t h ie r auch vo rh a n d e n u n d k e in e s w e g s u n -

w e s e n t lic h , d e n n o h n e d a s g i b t es k e in á s th e tis c h e s B i l d , a b e r d ie

M e in u n g s w e is e , d ie V e r t e ilu n g d e r m e in e n d e n I n t e n t io n e n s o w ie

der G e fü h ls in te n tio n e n is t e in e g a n z a n d e re w ie e tw a bei der

P h o to g r a p h ie , d ie w ir n ic h t á s th e tis c h , so n d e rn a is B ild e in e s

20 F r e u n d e s , e in e s g r o s s e n M a n n e s u .d g l . a n s c h a u e n . H i e r k o n n e n

w ir n u r d u rc h d a s B i l d a is M é d i u m d ie P e r s o n s c h a u e n .

S o v ie l ü b e r d ie in n e r e B ild lic h k e it, in d e r w ir das e ig e n tlic h

im a g in a tiv a B e w u s s ts e in sehen. W ir u n te r s c h e id e n d a vo n aber

fü rs zw e ite e in e á u s se re , tra n s e ú n te B ild lic h k e it, e in e a n d e re

25 W e is e d e r R e p r á s e n ta tio n d u rc h Á h n li c h k e i t , d ie i n e in e R e ih e

g e h o rt m it der R e p rá s e n ta tio n d u rc h Z e ic h e n , oder d ie zu m

m in d e s te n das im a g in a tiv e B e w u s s ts e in m it dem s ig n itiv e n

v e r m itte lt. E in e P h o t o g r a p h i e , w e n n s ie z u m a l s e h r g u t i s t , v e r ­

g e g e n w á rtig t uns e in e P e rs o n . W ir schauen uns in d ie P h o to -

30 g r a p h ie h in e in . E i n e P h o to g r a p h ie k a n n a b e r a u c h a n d ie P e r s o n

in á h n lic h e r W e is e e r i n n e r n w ie e in Z e ic h e n a n d a s B e z e ic h n e te .

T u t s ie d a s , d a n n i s t d a s B i l d p h á n o m e n o lo g is c h c h a ra k te ris ie rt

a is d a s E r i n n e r n d e , d ie P e r s o n s e lb s t a b e r , d ie u n s i n e in e r z w e i -

te n , g e s o n d e rte n , o b s c h o n a n g e k n ü p fte n V o r s te llu n g in te n tio n a l

35 is t, e tw a in e in e r P h a n t a s ie v o r s t e llu n g (e v tl. a b e r a u c h in e in e r

b lo s s le e re n I n t e n t io n ) , d ie P e r s o n , s a g e ic h , e r s c h e in t d a n n a is

d a s , w o r a n d a s B i l d e r in n e r t e . B i l d e r k o n n e n a b e r a u c h g a n z w ie

S y m b o le i n s o f e r n fu n g ie r e n , a is s ie w ie d ie s e , k o n v e n t io n e ll

oder auf G ru n d e in e r w illk ü r lic h e n e ig e n e n F e s t s e t z u n g , d ie B e -


TEXT NR. 1 (1904/05) 53

s tim m u n g e r h a lte n , in d ie s e r W e is e a is , .E r i n n e r u n g s - M o t o r e n ’ ’

z u fu n g ie r e n . I n d ie s e m F a l l tr a g e n d ie B i l d e r , s o w ie d ie S y m b o le ,

e in e n e ig e n e n p h a n o m e n o lo g is c h e n C h a r a k t e r , s ie s i n d m i t e in e m

S o 11 e n b e h a f t e t , s ie f ü h r e n n ic h t n u r d ie V o r s te llu n g des be-

5 d e u te te n O b j e k t s m i t s i c h , s ie w e i s e n a u c h d a ra u f h in a is < a u f>

das, w a s g e m e i n t s e in s o lí, s ie l e n k e n d a s In te re s s e v o n s ic h a b

u n d w o lle n es g le ic h s a m a b le n k e n . E i n illu s tra tiv e s In h a lts v e r-

z e ic h n is 1 f ü r e in e S a m m lu n g vo n K u n s tw e rk e n (d ie d a s e ig e n t-

lic h G e m e in te u n d B e ze ic h n e te s in d ), e in e H i e r o g l y p h e ,2 u s w .

10 b i e t e n d ie B e is p ie le .
D e r B lic k a u f das, B ild fü h rt n a tü r lic h e in e g e w is s e p rim a re

I m a g in a t io n , e in in n e r e s B ild lic h k e its b e w u s s ts e in m it s ic h . A b e r

d ie s e s i n d e r R e g e l u n v o llk o m m e n e B e w u s s ts e in is t n u r d e r A n -

h a lt fü r e in d a ra n a n g e k n ü p fte s u n d nach aussen g e r ic h te te s

15 S y m b o lb e w u s s t s e in . D a s Á h n lic h e w e is t a u f e in a n d e re s , n ic h t

in ih m in n e r lic h z u Schauendes, sondem in e in e r n e u e n V o r s te l­

lu n g v o rs te llig z u M a c h e n d e s h in . D a s A b b i l d i s t n ic h t V e r -

a n s c h a u lic h u n g oder n ic h t a lle in V e ra n s c h a u lic h u n g , sondem

is t w e s e n tlic h o d e r is t 3 z u g l e i c h Z e i c h e n , S y m b o l, des U r -

20 b ild e s . , , Z u g le ic h ” , d a s d a rf n a tü r lic h n ic h t „ze itlic h zu g le ic h ”

b e d e u te n . D e n n d ie b e id e n F u n k tio n e n s in d im N a c h e i n -

a n d e r a u fe in a n d e rg e b a u t, w á h r e n d s ie i n d e r K o e x i s t e n z s ic h

h e m m e n . W e r h in e in s c h a u t, s c h a u t n ic h t h in a u s , w e r d a s S u je t

i m B i 1d e s u c h t u n d s ie h t , d e r k a n n , w a h r e n d e r d ie s t u t , n ic h t

25 z u g l e i c h e s a u s w á r t s s e h e n u n d s u c h e n .4 A b e r w o h l k a n n , w e r i m

H in e in s c h a u e n n i c h t b e fr ie d ig t i s t , s ic h n a c h e in e m a n d e r e n , b e s -

se re n B ild o d e r e in e r a n d e r e n a n s c h a u lic h e n V o r s te llu n g u m t u n ,

u n d w ie d e r k a n n m a n im flü c h tig e n E r b lic k e n d e r in n e r e n S u je t-

D a r s te llu n g s ic h vo m B ild a b w e n d e n , in e in e r a u s s e rlic h ange-

30 k n ü p f t e n s y m b o lis c h e n In te n tio n s ic h dem S y m b o lis ie r te n u n d

e v t l. a n s c h a u lic h V e r g e g e n w a r tig te n z u w e n d e n .

D a s a lie s haben w ir in H a u p tzü g e n schon frü h e r kenn en-

g e le r n t, ic h h a b e es g e m e w ie d e r h o lt , d a ic h d ie S a c h la g e m it d e r

e b e n g e g e b e n e n D a r s t e llu n g v ie lle ic h t n o c h k la r e r u n d p r a g n a n te r
---------------------------- !
1 Das physische Bild weist auf das physische <Bild> hin, das Fiktum ist Bild-
Hmweis eines anderen Fiktums, die Bildauffassung Hinweis auf eine andere Bild-
auffassung.
2 Spater eingefügt: „Skizzen ais Erinnerungsbilder” . — Anm. d.iHrsg.
3 ,,wesentlich oder ist” spater gestrichen. — Anm. d. Hrsg.
4 Das ist aber nur Sache der Aufmerksamkeit.
54 TEXT NR. 1 (1904/05)

d a r s te lle n k o n n t e a is f r ü h e r . J e d e n f a l ls m u s s m a n s ie s ic h ganz

z u e ig e n m a c h e n , u m s ic h e r w e ite r b a u e n z u k o n n e n .

<5. KapITEL
D ie P h a n t a s i e e r s c h e i n u n g i m K o n t r a s t z u r

5 p h y s i s c h - b i l d l i c h e n E r s c h e i n u n g u n d z u r

W a h r n e h m u n g s e r s c h e i n u n g >

<§ 2 6 . D a s F ik t u m u n d d ie F r a g e n a c h d e r
E r s c h e in u n g s w e is e d e s ,,P h a n t a s ie b ild e s ” >

U n s e r A b s e h e n g in g a m S c h lu s s d e r l e t z t e n V o r le s u n g a u f d ie

10 U n t e r s c h e id u n g z w is c h e n P h a n t a s ie v o r s t e llu n g u n d g e w o h n lic h e r

B ild v o r s te llu n g . D ie B ild v o r s te llu n g is t u n s v o llk o m m e n k la r g e -

w o rd e n . D ie P h a n ta s ie v o r s te llu n g ze ig te noch e rn s te S c h w ie r ig -

k e ite n u n d D u n k e lh e ite n . Ih re B e tra c h tu n g u n te r dem a llg e -

m e in e n T it e l Im a g in a tio n s c h ie n z u v e r l a n g e n , s ie e b e n fa lls a is

15 b ild lic h e V o r s te llu n g , u n d zw a r a is im m a n e n t e B ild v o r s te llu n g

zu b e tr a c h te n . A n d e re rs e its v e r lie s s uns n ic h t das G e fü h l e in e r

g e w is s e n U n b e fr ie d ig u n g . W ir fü h lt e n , d ie S a c h la g e is t b e i d e r

P h a n t a s ie v o r s t e llu n g s ic h e r n ic h t d ie s e lb e w ie b e i d e r p h y s is c h e n

B ild v o r s te llu n g .

20 E in e s is t j a vo n v o r n h e r e in k la r : D a s ,,B i l d ” im p h y s is c h e n

F a l l , n á m lic h das B ild o b je k t , is t e in F i k t u m , e in W a h m e h -

m u n g s o b je k t, a b e r e in S c h e in o b je k t . E s e r s c h e in t in d e r A r t w ie

e in w ir k lic h e s p h y s is c h e s D i n g , a b e r es e rs c h e in t m it W id e r s tr e it

gegen d ie a k tu e lle , in w id e r s tr e itlo s e r W a h m e h m u n g s ic h h e r-

25 s te lle n d e G e g e n w a r t. D ie s e s F i k t u m , o d e r v i e l m e h r d ie s e s F i k -

tio n s b e w u s s ts e in d u r c h d r in g t s ic h n u n m i t d e m B e w u s s ts e in d e r

R e p r á s e n ta tio n . S o e rw a c h s t h ie r d a s im a g in a tiv e B e w u s s ts e in .

U n d es e rw a c h s t in dem neuen W id e r s tr e it zw is c h e n F i k t u m

u n d I m a g i n a t u m .

30 B lic k e n w ir a n d e re rs e its a u f d ie P h a n t a s ie h i n , s o f e h l t h i e r

d a s F i k t u m . In d ie s e m S in n < is t> d a s ,,P h a n t a s i e b i l d ” k e in

B ild , das s ic h in m itte n der a k tu e lle n G e g e n w a r ts -W ir k lic h k e it

fe s ts e tzte . E s e rs c h e in t n ic h t in Fo rm e in e r W a h r n e h m u n g s a u f-

fa s s u n g , es k o n s t it u i e r t s ic h n i c h t a is e in qu asi W irk lic h e s zw i-

35 s c h e n d e n p h á n o m e n a le n W ir k lic h k e ite n d e s B lic k fe ld e s , u n d es


TEXT NR. 1 (1904/05) 55

e r w e is t s ic h n i c h t a is F i k t u m d t ír c h s e in e n W id e r s t r e it g e g e n d ie

in s ic h u n b e s tritte n e W ir k lic h k e it des G e g e n w á r tig e n . W ie e r­

s c h e in t e s a ls o ? E r s c h e i n t e s w i r k li c h i n d e r W e is e e in e s B ild e s ?

K o n s t i t u i e r t s ic h w i r k li c h in d e r P h a n t a s i e e in B i l d o b j e k t , d u r c h

5 d a s h in d u r c h e in B ild s u je t a n g e s c h a u t w ir d ? Ic h m u s s g e s te h e n ,

d a s s ic h h ie r im m e r w ie d e r v o n e r n s te m Z w e ife l e rg riffe n w u r d e .

E in T e il der S c h w ie r ig k e ite n behob s ic h , n a c h d e m d ie U n te r-

s c h ie d e d e r á u s s e r e n u n d in n e r e n B i l d l i c h k e i t a u s e in a n d e r t r a t e n .

N o rm a le rw e is e fu n g ie rt d ie P h a n ta s ie e rs c h e in u n g s ic h e r n ic h t

10 i n d e r W e i s e 1 e i n e r á u s s e r e n B i l d l i c h k e i t , s ie r e p r á s e n t i e r t n i c h t

n a c h a u s s e n . O d e r v i e l m e h r , s ie m u s s e s n i c h t t u n , a b e r s ie k a n n

es t u n : w ie w e n n w i r u n s n a c h e in e r R e is e b e s c h r e ib u n g e in B i l d

v o n e in e m L a n d e m a c h e n , n a t ü r lic h m it d e m v o lle n B e w u s s ts e in ,

dass es s ic h dabei n u r u m e in m eh r oder m in d e r e n tfe m te s

15 A n a l o g o n h a n d le ; o d e r w e n n w ir e in M u s ik w e r k uns v o rs te llig

m achen d u rc h Th e m e n , e in S tü c k c h e n M e lo d ie , w o das V o r-

g e s te llte n e b e n s e in e r in n e r e n B ild lic h k e it a u c h m it n a c h a u s s e n

w e is e n d e n I n t e n t i o n e n b e h a f t e t i s t , u .d g l . A b e r a u c h d a i s t ü b e r -

a ll d ie in n e r e B ild lic h k e it d a s e rs te u n d d a s H in a u s w e is e n a u f e in

20 a n d e r e s , i n a n d e r e n V o r s te llu n g e n z u r A n s c h a u u n g Kom m endes

e in D a r a n g e k n ü p fte s . Lassen w ir a ls o d ie á u s s e r e n In te n -

tio n e n b e is e ite , d a s ie o h n e h in in n e re v o ra u s s e tze n , a n d ie s ie

e rs t a n g e k n ü p f t s e in m ü s s e n , s o f r a g t e s s ic h e b e n b e z ü g lic h d ie s e r

in n e r e n In t e n t io n e n , w ie s ie zu v e rs te h e n , u n d ob s ie w ir k lic h

25 a u c h a is B ild in te n tio n e n zu v e rs te h e n s i n d .2 S i n d s ie es, d a n n

k o n s t it u ie r t s ic h d a s B ild b e w u s s t s e in je d e n fa lls a u f e in e m ande­

re n F u n d a m e n t. Je n e r W id e r s tr e it der a k tu e lle n G e g e n w a rt

g e g e n d a s s ic h a is F i k t u m D a zw is c h e n s e tze n d e fe h lt, a b e r m u s s

n ic h t d a fü r e in a n d e re r W id e r s tr e it s u p p o < n ie rt> < w e rd e n > ?

30 W ü r d e n i c h t s d ie E r s c h e i n u n g b e s t r e i t e n , m ü s s t e s ie d a n i c h t a is

W a h r n e h m u n g 'g e l t e n ? I s t n i c h t d ie s c h lic h te d ir e k t e A u ff a s s u n g

d a s je n ig e , w a s E rs c h e in u n g a u s m a c h t, so dass E r s c h e in u n g in

p rim á re m u n d e c h te m S i n n ü b e r a ll d ie s e lb e A u ffa s s u n g s w e is e b e -

d e u te t? 3 W a s c h a r a k te r is ie r t d ie e in e E r s c h e in u n g a is E r s c h e i-

1 Spáter eingefügt: „eines Bildes im Sinne”. — Anm. d. Hrsg.


2 ,,und ob” bis „sind” spáter verandert in „und ob sich wirklich ihre Auffassung
ais Bildintentionen bis zum Ende durchfiihren lásst”. — Anm. d. Hrsg.
3 Der letzte Satz wurde spáter verandert in: „Ist nicht die schlichte direkte Auf­
fassung, dasjenige, was Erscheinung ausmacht, überall dasselbe? So dass Erscheinung
ln primárem und echtem Sinn überall dieselbe Weise der Vorstelligwerdung bedeutet ?”
—■Anm. d. Hrsg.
56 TEXT NR. 1 (1904/05)

nung eines Gegenwártigen und eine andere ais Erscheinung eines


Nichtgegenwártigen ? W ir begreifen es, dass im Fiktum ein Nicht-
gegenwártiges erscheinen und in weiterer Folge bildlich darge-
stellt werden kann. Das Fiktum ist ja anders charakterisiert ais
5 jede andere Gegenwartserscheinung, es trágt das Brandmal der
Nichtigkeit an sich, es ist Vorstellung einer Gegenstándlichkeit,
aber der Widerstreit zeichnet sie ais nichtgegenwártige. Fehlte
der Widerstreit, wie konnte die Erscheinung etwas anderes vor-
stellen ais Gegenwártiges ?

10 <§ 27. Die Phantasieerscheinung: Grade und Stufen der


Angemessenheit der Vorstellung an ihr Objekt im F a ll der
physischen Bildlichkeit und bei der Phantasie>

A ls o sehen w ir uns d ie P h a n ta s ie e rs c h e in u n g naher an . D a

m üssen w ir zu n á c h s t v e rs c h ie d e n e G ra d e u n d S tu fe n der A n -

15 g e m e s s e n h e i t d e r V o r s t e l l u n g a n i h r O b j e k t u n t e r s c h e i d e n .1 A u c h

in der S p h á re der p h y s is c h e n B ild e r fin d e n w ir v e r s c h ie d e n e

S t u fe n d e r A n g e m e s s e n h e it d e r D a r s t e llu n g d e s B ild s u je ts d u r c h

d a s B i l d o b j e k t . Z u n á c h s t , w a s d ie E x t e n s i t á t , den U m fa n g

der v e rb ild lic h e n d e n M o m e n te a n b e la n g t, ko nn e n in d ie V e r-

20 b ild lic h u n g b a ld m e h r , b a ld w e n ig e r M o m e n te d e r B ild e r s c h e i-

n u n g h in e in g e z o g e n s e in . D e r U m f a n g is t g ro s s e r b e im ó lg e m á ld e

oder Ü ld r u c k w ie b e im S tic h oder der T u s c h ze ic h n u n g . A b e r

noch in e in e r a n d e re n W e is e ka n n g ro sse re o d e r g e r in g e r e A n ­

g e m e s s e n h e it b e s te h e n , n á m lic h in H in s ic h t so zu s a g e n a u f d ie

2 5 l n t e n s i t á t d e r B ild lic h k e it, n á m lic h au f den S tu fe n g ra d der

in F r a g e k o m m e n d e n p r im itiv e n Á h n lic h k e ite n . E in e Z e ic h n u n g ,

w e lc h e n u r U m r is s e a n d e u te t, k a n n s ie in v o llk o m m e n e r Á h n -

lic h k e it g e b e n u n d so in H in s ic h t a u f d ie s e s e i n e M o m e n t e in

v o llk o m m e n e s B e w u s s ts e in in n e r e r B ild lic h k e it g e w á h re n . E in

30 G ip s a b g u s s k a n n g u t u n d s c h le c h t s e in , u n d z w a r n ic h t o b je k t iv ,

sondem p h á n o m e n o lo g is c h g e re d e t. N á m lic h d ie p la s tis c h e

Fo rm ka n n uns e in v o llk o m m e n e s B ild des G e g e n s ta n d e s ge­

w á h re n , w ir schauen im G ip s ohne das le is e s te W id e r s tr e it-

b e w u s s ts e in o d e r A b s ta n d s b e w u s s ts e in d ie p la s tis c h e F o rm des

1 Spater eingefugt: „Dasselbe Objekt lásst sich auf unendlich verschiedene Weisen
in der Phantasie vorstellen”. — Anm. d. Hrsg.
TEXT NR. 1 (1904/05) 57

d a r g e s te llte n Gegenstandes, etwa des Moses von Michelangelo.


U n d das Umgekehrte kann der Fall sein. W ir fühlen den Ab­
s ta n d . E i n Farbendruck kann die Form vollkommen wieder-
g e b e n , d i e Fárbung unvollkommen: Die Fárbung wird hier ais

5 T r á g e r d e r Bildlichkeit genommen, aber die Analogisierung ist

e i n e f ü r unser Bewusstsein unvollkommene: Die Darstellung ist

e i n e f ü h l b a r unangemessene.
Diese graduellen Unterschiede im Fall der physischen Bildlich­
k e i t á n d e m aber nichts daran, dass das Fiktum uns in voller

10 K r a f t und Fülle der Wahmehmung erscheint. Mag der Farben­

d r u c k , der Stich, die Zeichnung noch so schlecht sein, sie bringen

u n s ein Bildobjekt zur Erscheinung mit derselben sinnlichen

K r a f t und Fülle, wie dies nur irgendeine echte Wahmehmung

tut. Abstrahieren wir von den begleitenden Aktcharakteren, in


15 d e n e n uns Geltung oder Nichtgeltung, Angemessenheit oder

Nichtangemessenheit, reprasentative Bedeutung u.dgl. zum Er-


l e b n i s wird, dann ist zwischen einem gemalten und einem wirk-

lichen Ding prinzipiell kein Unterschied mehr. Oder besser viel-


m e h r : zwischen der Dingerscheinung in dem einen und anderen

20 F a l l .

W ie s te h t es nun in diesen Beziehungen mit der P h a n t a s i e ?


S ic h e r lic h haben wir in der Phantasie Erscheinungen in demsel-
b e n o d e r mindestens in ausserordentlich nah verwandtem Sinn

w i e i n der Wahmehmung oder in der physischen Bildlichkeit.

25 G e g e n s t a n d e , und oft dieselben Gegenstande wie in der Wahr-

n e h m u n g und in der Abbildung, stehen uns in der Phantasie

g e g e n ü b e r , und a firiori konnen wir es ais Evidenz in Anspruch

n e h m e n , dass jeder Gegenstand, der überhaupt in der einen Form

e r s c h e i n e n kann, in jeder dieser Formen erscheinen kann, mit

30 a l l d e n gleichen Unterschieden von eigentlicher und uneigent-

l i c h e r Prasentation, von erscheinender Seite und nichterschei-

n e n d e r S e i t e usw. Andererseits ist es aber sicher, dass im all-

g e m e i n e n grosse Unterschiede bestehen. Und vor allem hin-

s i c h t l i c h des zuletzt besprochenen Punktes. Das erscheinende

35 P h a n t a s i e o b j e k t erscheint im allgemeinen nicht so, dass wir, wie

b e i den physischen Bildobjekten, sagen konnten, es sei, von den

d i f f e r e n t e n Aktcharakteren abgesehen, prinzipiell kein Unter­

s c h i e d gegenüber der Wahmehmungserscheinung. Nicht nur,

d a s s d a s Phantasieding nicht im Blickfeld der Wahmehmung er-


58 TEXT NR. 1 (1904/05)

s c h e in t, s o n d e rn s o zu s a g e n in e in e r g a n z a n d e r e n W e l t , d ie v o n

der W e lt der a k tu e lle n G e g e n w a rt g á n z lic h g e tre n n t is t; v ie l-

m e h r a u c h in s ic h s e lb s t b e s t e h t n o r m a le r w e is e e in U n t e r s c h i e d :

D a s P h a n ta s ie d in g e r s c h e in t a is e in G e s ta lte te s , F a r b ig e s u s w .,

5 u n d doch konn en w ir es n ic h t e r w a r te n , g e n a u e in e b e n s o lc h e s

in m itte n d e r W a h m e h m u n g s o b je k te z u fin d e n . D e n k e n w ir u n s

d e n C h a ra k te r d e r N ic h tig k e it u n d B ild lic h k e it b e im B ild o b je k t

d e r p h y s is c h e n B ild lic h k e it g e s tr ic h e n , s o h a b e n w ir e in W a h r-

n e h m u n g s o b je k t sogut w ie irg e n d e in e s . T u n w ir aber d a s s e lb e

10 m i t dem P h a n ta s ie d in g , so h a b e n w ir das n ic h t. G e nau so ge-

n o m m e n , w ie e s in d e r P h a n t a s ie e r s c h e in t, f in d e t es s ic h in k e in e r

W a h rn e h m u n g .

<§ 28. Das Proteusartige der Phantasieerscheinung:


der Wechsel der Fülle, K raft und Lebendigkeit und der
15 damit zusammenhangende Wechsel in der Angemessenheit
der Reprasentation>

In d e s s e n , ic h s a g te v o r h in m it e in ig e r V o r s ic h t : im a l l g e -

m e i n e n v e r h a l t e e s s ic h s o . W a s f ü r < e in e > E i n s c h r á n k u n g b e -

s a g t d ie s e A l l g e m e i n h e i t ? W i r a lie u n te rs c h e id e n zw is c h e n le b -

2 0 h a f t e n , k la r e n , te s te n P h a n t a s ie n u n d b la s s e n , u n k la r e n , u n fa s s -

b a r flü c h tig e n , lu ftig -s c h a tte n h a fte n P h a n ta s ie n .

M it u n t e r , b e i d e n m e is te n P e r s o n e n n u r g a n z a u s n a h m s w e is e ,

tre te n d ie P h a n ta s ie e rs c h e in u n g e n in e in e r W e is e a u f, d ie s ic h

d e r je n ig e n d e r W a h rn e h m u n g s e rs c h e in u n g a n n á h e rt, ja b is zu r

25 p h á n o m e n o lo g is c h e n G le ic h h e it a n z u n á h e m s c h e in t. O b es w ir k -

lic h G le ic h h e it is t u n d w e r d e n k a n n , d a s is t k a u m z u e n ts c h e id e n .

G e n u g , dass m a n s e h r z w e ife lh a ft w e rd e n k a n n , ob f ü r g e w is s e

K la s s e n vo n P e rso n e n u n d F a lle n ü b e rh a u p t noch e in U n te r­

s c h ie d b e s t e h t ; a b e r in d ie s e n G r e n z f a lie n < is t> a u c h z w e i f e l h a f t ,

30 o b dann n ic h t H a llu zin a tio n o d e r e in e d a r a u f g e g rü n d e te p h y -

s is c h e B ild a u ffa s s u n g d ie e ig e n tlic h e P h a n ta s ie a u ffa s s u n g ab-

lo s t. A u s s c h lie s s e n m üssen w ir n a tü r lic h d ie je n ig e n F a lle , w o

H a llu zin a tio n e n s ic h in das W a h r n e h m u n g s fe ld h in e in d ra n g e n

u n d s ic h d a rin b e h a u p te n w ie e c h te W a h rn e h m u n g s e rs c h e in u n -

35 g e n . D a n n is t v o n P h a n t a s ie ü b e r h a u p t n ic h t m e h r d ie R e d e .

Z u m W e s e n d e r P h a n ta s ie g e h o rt d a s N i c h t g e g e n w á r t i g -
TEXT NR. 1 (1904/05) 59

k e i t s - B e w u s s t s e i n .1 W i r le b e n in e in e r G e g e n w a rt, w ir haben

e in B lic k fe ld der W a h rn e h m u n g , aber daneben haben w ir E r -

s c h e in u n g e n , d ie g á n z li c h a u s s e r h a lb d ie s e s B l i c k fe l d e s e in N i c h t -

g e g e n w á r tig e s v o r s te lle n .

5 W ie auch im m e r es m it de r A n n á h e ru n g an d ie G re n ze der

p n n zip ie lle n G le ic h a r tig k e it m it d e r W a h m e h m u n g s e rs c h e in u n g

< s ic h > v e r h a l t e n m a g ( w i r w o l l e n d a s n á h e r h i e r n i c h t d i s k u t i e r e n ) ,

es g i b t o f t F a l l e , w o s ic h P h a n t a s ie e r s c h e in u n g e n a is k e r n ig e G e -

s t a l t u n g g e b e n , w o s ie s c h a r f g e z e i c h n e t e , p la s t is c h e , f a r b e n s a t t e

10 G e g e n s t a n d e zu r An schau un g b rin g e n . In u n z á h lig e n u n d den

m e is te n F a lle n v e r h á lt e s s ic h a n d e r s . D i e P h a n ta s ie o b je k te e r-

s c h e in e n w ie le e re S c h e m e n , d u r c h s ic h tig b la s s , m it g a n z

u n g e s a ttig te n F a r b e n , m it m a n g e lh a fte r P la s t ik , o ft n u r v a g e n

u n d schw ankenden K o n tu re n , a u s g e fü llt m it e in e m je n e s a is


15 q u o i, o d e r e ig e n tlic h m it n ic h ts a u s g e fü llt, m it n ic h ts , w a s d e m

E r s c h e in e n d e n a is b e g re n ze n d e , so u n d so g e fá r b te F lá c h e zu -

g e d e u te t w ü rd e . P r o te u s a r tig a n d e rt s ic h d ie E r s c h e in u n g , da

b l i t z t e tw a s w ie F a r b e u n d p la s tis c h e F o r m a u f, u n d s c h o n is t es

w ie d e r w eg, u n d d ie Fa rb e , auch w o s ie a u fb litzt, h a t e tw a s

20 e ig e n tü m lic h L e e r e s , U n g e s a ttig te s , K r a ftlo s e s ; u n d á h n lic h d ie

Fo rm e tw a s so V a g e s , S c h a tte n h a fte s , d a ss uns n ic h t e in fa lle n

k d n n t e , d e r g le ic h e n in d ie S p h á re a k tu e lle r W a h r n e h m u n g u n d

B ild lic h k e it h in e in z u s e tz e n . D a s s in d U n te r s c h ie d e , d ie w ir z w a r

m it A u s d r ü c k e n a u s d e m W a h r n e h m u n g s g e b ie t b e s c h r e ib e n u n d

25 d o c h n ic h t in ih m w ie d e r fin d e n ; es s in d neue U n t e r s c h i e d e .1

U n g e s á ttig te F a r b e n in d e r W a h r n e h m u n g , d a s s in d F a r b e n , d ie

s ic h dem G ra u n á h e m . A b e r e in G ra u k a n n e tw a s so K la re s ,
F e s te s R e e lle s s e in w ie n u r ir g e n d e in e F a r b e . A b e r d a s R o t , d a s

in d e r P h a n t a s ie a u f t a u c h t , n á h e r t s ic h n ic h t n u r d e m G ra u an ,

30 o b s c h o n es d a s g e m e tu n m a g ; denn w enn es d a s t u t , so ze íg t

d o c h d a s G r a u d e r P h a n t a s ie s e lb s t e in e u n s a g b a r e L e e r e , d e r d ie

F ú lle des w a h rg e n o m m e n e n G ra u a is G e g e n s a t z g e g e n ü b e r s te h t.

E s fe h lt n ic h t ga nz an A n á lo g a im W a h r n e h m u n g s g e b ie t: Ic h

e rin n e re an d ie E r s c h e in u n g e n , d ie w ir in der D á m m e ru n g , be-

35 s o n d e rs b e i N e b e l , o d e r i m H a l b d u n k e l h a b e n ; d ie U n te r s c h ie d e

1 Genauer bctrachtet sind es zwei Unterschiede. Zunáchst 1) der Unterschied der


Kraftigkeit und Unkraftigkeit, der Lebendigkeit, der Fulle und Leere und Leblosig-
keit <?>.
Dieser erste Unterschied bezieht sich auf die primitiven Momente der Darstellung:
dieselben Momente konnen kráftiger, minder kráftig etc. <sein>.
60 TEXT NR. 1 (1904/05)

d e r F ü l l e , w e lc h e d ie E r s c h e in u n g e n je n a c h W e c h s e l d e r B e le u c h -

tu n g s h e llig k e it b e s itze n . U n d doch e r s c h e in t es w ie d e r a n d e r s .


W a h r e n d a ls o b e i d e r p h y s is c h e n B ild lic h k e it d ie p r im a r e n E r -

s c h e in u n g e n , d ie der B ild o b je k te , g a n z u n d gar d ie F ü lle u n d


5 K ra ft der W a h rn e h m u n g haben, e ro ffn e t s ic h h ie r bei den

P h a n ta s ie b ild e rn , den p rim a re n P h a n ta s ie e rs c h e in u n g e n , e in e

S p h a re vo n U n te rs c h ie d e n u n d g r a d u e lle n A b s t u f u n g e n , w e lc h e

e b e n d ie F ü l l e , L e b e n d ig k e it d e r E r s c h e in u n g b e tr e ffe n , u n d s ie

o ffe n b a r b e tre ffe n a u f G r u n d e n ts p re c h e n d e r U n te rs c h ie d e in d e n

10 A u ffa s s u n g s in h a lte n , d e n P h a n t a s m e n . O ff e n b a r h á n g t m it d ie -

s e m W e c h s e l d e r F ü l l e u n d L e b e n d ig k e it a u c h e in W e c h s e l in d e r

A n g e m e s s e n h e it d e r R e p r a s e n ta tio n in d e r P h a n ta s ie z u s a m m e n .

A llg e m e in zu sagen is t es ja s ic h e r , d a s s d ie P h a n ta s ie v o r s te l-

lu n g e n m it d e n B ild v o r s te llu n g e n d e n U n te r s c h ie d zw is c h e n v o ll-

15 k o m m e n e r u n d u n v o llk o m m e n e r D a r s t e l l u n g g e m e in h a b e n . A b e r

e in g r a d u e lle r W e c h s e l d e r A n g e m e s s e n h e it t u t s ic h b e i d e r P h a n t a -

s ie v o r s te llu n g a u f, d e r b e i d e r p h y s is c h e n B ild lic h k e it fe h lt. U n d

z u g l e i c h w e r d e n w ir a u fm e r k s a m , d a s s b e i d e r le tz te r e n d a s je -

w e ilig e B i l d e in fe s te s B i l d z u s e in p f l e g t , d a s d a h e r s e in e S t u f e d e r

20 A n g e m e s s e n h e it e in f ü r a lle m a l h a t . H i e r a b e r is t d a s B i l d e tw a s

S c h w e b e n d e s , S c h w a n k e n d e s , s ic h Á n d e r n d e s , b a ld a n F ü l l e u n d

K r a f t Z u n e h m e n d e s , b a l d A b n e h m e n d e s , a ls o i n d e r V o l l k o m m e n -

h e its s k a la d a d u rc h b e s tá n d ig im m a n e n t s ic h Á n d e rn d e s. D o ch

d a s g e h o rt zu g le ic h s c h o n z u e in e m z w e ite n P u n k t .

25 <§ 2 9 . K o n t in u it a t u n d D is k o n t in u it a t b e i
W a h r n e h m u n g s e r s c h e in u n g , f h y s i s c h b ild lic h e r
E r s c h e in u n g u n d P h a n t a s ie e r s c h e in u n g >

E in z w e ite r , b e i d e n g e m e in e n B i l d e m fe h le n d e r U n te r s c h ie d

lie g t n a m lic h in d e r n ic h t n u r d a s M o m e n t d e r L e b e n d ig k e it b e -

30 tre ffe n d e n D i s k o n t i n u i t a t d e r E r s c h e in u n g s fo lg e a u f G r u n d
d e r s e lb e n , s ic h id e n tis c h e rh a lte n d e n V o r s te llu n g s in te n tip n

gegenüber der K o n tin u ita t im F a ll d e r p h y s is c h e n B ild e rs c h e i-

n u n g , d ie s ic h d a r i n g e n a u s o w ie b e i d e r W a h r n e h m u n g v e r h a l t .
M i t e in e m W o rt: das P r o t e u s a r t i g e d e r P h a n t a s i e .1

1 An dieser Stelle fügte Husserl ein. auf „2.X.l898” datiertes Blatt in. das Vor-
lesungsmanuskript von 1904/05 ein. Es trágt den oben S. 61, Zeile 1 bis S. 63, Zeile 5
wiedergegebenen Text; vgl. die Textkritischen Anmerkungen. — Anm. d. Hrsg,
TEXT NR. 1 (1904/05) 61

In der E in h e it e in e r W a h rn e h m u n g g ib t es n u r s o lc h e Á n -

d e ru n g e n d e r E r s c h e in u n g s g r u n d la g e , w e lc h e Z u s a m m e n g e h o r i-

ges in Z u s a m m e n g e h o rig e s á n d e r u . D i e E i n h e i t d e r S y n th e s is d e s

W a h rn e h m u n g s zu s a m m e n h a n g s b z w . d e s Z u s a m m e n h a n g s in d e r

5 A u ff a s s u n g s g r u n d la g e is t e in e fe s t g e o r d n e t e . I n d ie s e r O r d n u n g

g e h o r t e in je d e s G l i e d in s e in e n b e s t im m t e n Z u s a m m e n h a n g .
D a s s e lb e gilt von der Einheit des reprásentativen Bildes in der
p h y s is c h e n Bildvorstellung. All die Ánderungen, welche er-
w a c h s e n , indem unser Blick über das Bild hinweggleitet, gehoren

10 z u s a m m e n , i n ihnen konstituiert sich die betreffende „Seite” des

G e g e n s t a n d e s . Und wenn das Bild ein bewegliches ist, wie etwa

i x n S t r o b o s k o p , 1 im Kinematographen, so wird doch die Einheit

d e s p rá s e n ta tiv e n und dementsprechend des reprásentativen


Z u s a m m e n h a n g s (dem die Einheit des sich in ihm entfaltenden

15 G e g e n s t a n d e s 1 entspricht) gewahrt.
Darin b e s t e h t d i e S t e t i g k e i t u n d K o n s t a n z d e r E r s c h e i n u n g .
Wie i m m e r d i e E r s c h e i n u n g w e c h s e l n m a g , w o e b e n d i e A u f f a s ­
sungsgrundlage e i n e f l ü s s i g e i s t , d a b e w e g t s i c h d i e Á n d e r u n g i n
den Grenzen, d i e i h r d i e s y n t h e t i s c h e E i n h e i t d e s p r á s e n t a -
20 t i v en Z u s a m m e n h a n g s v o r s c h r e ib t . I n a lle m W e c h s e l e rs c h e in t
e i n und d e r s e l b e B i l d g e g e n s t a n d u n d d u r c h i h n k o m m t d e r e i n e
und selbe a b g e b i l d e t e G e g e n s t a n d z u r V o r s t e l l u n g . W i r h a b e n
hier also e i n e i d e n t i s c h e r e p r á s e n t a t i v e B e z i e h u n g . J e d e s r e p r á -
sentátive M o m e n t b e h á l t i n a l l e r Á n d e r u n g s e i n e r e p r á s e n t a t i v e
25 Funktion, n á m l i c h e s g e h o r t z u r i d e n t i s c h e n E i n h e i t d e s B i l d -
gegenstandes, d e r s i c h i n d e r w e c h s e l n d e n E r s c h e i n u n g n u r i n
dieser oder j e n e r R i c h t U i i g e n t f a l t e t .
Demgegenüber steht d a s P r o t e u s a r t i g e d e r P h a n t a -
s i e e r s c h e i n u n g : Es liegt darin, dass in der Einheit der Phan-
30 tasievorstellung d ie E i n h e i t des reprásentativen Bildes nicbit
gewahrt bleibt. Der ais Bild erscheinende Gegenstand bleibt in
der Einheit der bildlichen Vorstellung, in der identischen Einheit
der auf denselben ungeánderten Gegenstand gerichteten Inten-
tion, nicht ungeándert, sondern wechselt bestándig. Und damit
35 wechselt Reichtum und Armut an reprásentativen. Momenten.
Das Bild ist jetzt ein getreuer Reprásentant des Gegenstands,
dann wieder ein weniger getreuer. Es ist jetzt eben ein Gegen-
1 i,Gegenstandes” spáter verándert in „Bildobjekts und Bildsujets”. — Anm. d.
Hrsg.
62 TEXT NR. 1 (1904/05)

s ta n d zu r E r s c h e in u n g gekom m en, der aus dem v o rig e n s ic h


h e r a u s e n tw ic k e lt h a b e n m a g , a b e r e b e n n ic h t m e h r d e rs e lb e is t ,
sondem e in a n d e re r, m it w e n ig e r re ic h e n re p rá s e n ta tiv e n M o -

m e n te n . G e w o h n lic h lie g t d ie Sache s o , d a ss d a s e rs t g e gebe n e


5 re p ra s e n ta tiv e B ild s ic h á n d e r t , o f t a b e r a u c h s o , d a s s in n e r -

h a lb e in e r P h a n ta s ie v o rs te llu n g v e r s c h ie d e n e re p ra s e n ta tiv e
G e g e n s tá n d e a u fta u c h e n , d ie in b e zu g a u fe in a n d e r n ic h t a is

Á n d e r u n g e n g e lt e n k o n n e n . S o z . B . : I c h s te lle m i r B i s m a r c k v o r ,
u n d zw a r d u rc h e in e s d e r b e k a n n te n B ild e r in K ü ra s s ie r U n i-

10 f o r m . D a n n ta u c h t p lo tzlic h e in a n d e re s B ild a u f in Z iv il e tc .

G le ic h w o h l k a n n d ie E i n h e i t d e s v o r s te lle n d e n B e w u s s ts e in s b e -
s te h e n b le ib e n , so dass w ir v o n e in e r P h a n ta s ie v o r s te llu n g m it

d is k o n tin u ie rlic h e r R e p r á s e n ta tio n sp re c h e n k o n n e n .

Sehen w ir vo n d ie s e n D is k o n tin u itá te n a b , so k o m m e n doch

15 a u c h a n d e re in B e t r a c h t : n a m lic h das I n t e r m i t t i e r e n des

B ild e s . S e in e F lü c h tig k e it, V e rs c h w in d e n u n d W ie d e rk e h re n .

W a s fe r n e r d ie V a r i a b i l i t a t d e s e in z e ln e n a n b e la n g t , d a s , s o la n g e

es n ic h t v e rs c h w in d e t, a u c h n ic h t u n g e a n d e rt b le ib t, so is t z u
b e a c h te n , d a s s d ie V e r á n d e r u n g d e s B i l d e s , d ie n o r m a le r -

2 0 w e is e w á h re n d e in e r n ic h t a llz u k u rz d a u e rn d e n P h a n ta s ie v o r­

s te llu n g zu k o n s ta tie r e n is t, d u rc h a u s n ic h t z u v e rw e c h s e ln is t

m it d e n V e r a n d e r u n g e n d e r E r s c h e in u n g , d ie s ic h in n e r h a lb d e r

S y n th e s is des E rs c h e in u n g s zu s a m m e n h a n g s b e w e g t. In dem

le tz te r e n F a l l is t d a s a b b ild e n d e O b j e k t u n g e a n d e r t, im -e r s te r e n

25 F a l l is t das a b b ild e n d e O b je k t g e a n d e rt. W e n n m ir e in lie b e r

Fre u n d zu n a c h s t in fa rb e n s a tte r L e b e n d íg k e it e r s c h e in t, u nd

d a n n , u n t e r E r h a l t u n g d e r G e s t a l t , d ie F a r b e n i n e in le e r e s G r a u

ve rsc h w e b e n , o d e r w e n n d ie g a n z e E rs c h e in u n g so a h n lic h u nd

doch ganz a n d e rs v e r flie s s t w ie d ie á u s se re n W a h rn e h m u n g s -


30 e rs c h e in u n g e n im E in tr itt der D á m m e ru n g u n d D u n k e lh e it ; so

s in d das Á n d e ru n g e n , w e lc h e d ie Id e n titá t des a b b ild e n d e n

G e g e n s ta n d e s a u fh e b e n . W e n n h in g e g e n d ie P h a n ta s ie s ic h b e -

s o n d e rs le b h a ft e rh a lt (w ir w o lle n e in m a l a n n e h m e n , in v o lle r
L e b h a f t i g k e i t , w e lc h e der W a h rn e h m u n g n ic h ts n a c h g ib t) u nd

3 5 d e r F r e u n d i n d e r V o r s t e ll u n g a is s p r e c h e n d e r , s ic h m a n n i g f a l t i g
b e w e g e n d e r e r s c h e in t u .d g l ., s o s in d d a s Á n d e r u n g e n , w e lc h e z u r

id e n tis c h e n E in h e it d e r re p rá s e n ta tiv e n G e g e n s tá n d lic h k e it g e -

h o re n . In d e r P h a n t a s ie v o r s t e llu n g k o m b in ie r e n s ic h n u n b e id e r -
le i V e ra n d e ru n g e n . U n d d ie E in h e it des r e p rá s e n ta tiv e n B e -
TEXT NR. 1 (1904/05) 63

w u s s ts e in s s e t z t s ic h n i c h t b lo s s d u r c h d ie E r s c h e i n u n g s á n d e r u n -

gen h in d u r c h , w e lc h e z u d e r Id e n tita t des a b b ild e n d e n Gegen-


s ta n d e s g e h o re n , s o n d e rn a u c h d u r c h d ie a n d e r e n E r s c h e in u n g s -

á n d e r u n g e n , i n d e n e n d e r e r s c h e in e n d e G e g e n s t a n d p r o te u s a r t ig

5 w e c h s e lt.

<6. K apitel
R e k a p i t u l i e r e n d e D a r s t e l l u n g d e r A n s i c h t ,

d a s s P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g s i c h a is

B i l d l i c h k e i t s v o r s t e l l u n g i n t e r p r e t i e r e n l a s s o 1

10 <§30. Pctrallelismus zwischen gewohnlicher Imagination


und Phantasieimagination>

D ie Fra g e n , d e re n B e h a n d lu n g w ir in d e r le tzte n V o rle s u n g

b e g o n n e n h a b e n , k o n n e n w ir so fo r m u lie r e n :

W i e v e r h á l t s ic h d ie P h a n t a s ie z u r g e w o h n lic h e n i m a g in a t iv e n

15 F u n k t i o n ? I s t d ie P h a n t a s ie w i r k li c h a u c h e in e I m a g i n a t i o n , u n d

w e n n s ie e s i s t , w i e i s t i h r W e s e n i m V e r g le ic h m it d e m vo n uns

a u fg e k lá rte n der g e m e in e n Im a g in a tio n zu m V e rs ta n d n is zu


b r in g e n ?

In d e r p h y s is c h e n I m a g in a t io n h a b e n w i r z u u n te r s c h e id e n d ie

20 p r im a r e E r s c h e in u n g , d ie T r á g e r in der V e r b ild lic h u n g is t, vo n


d ie s e r s e lb s t. In der e rs te re n e rs c h e in t das B ild o b je k t, in der

le tzte r e n b e zie h e n w ir u n s a u f d a s B ild s u je t. D ie D a r s te llu n g d e s

S u je ts d u r c h das B ild h a t d a b e i m a n n ig fa ltig e G r a d e m o g lic h e r

A n g e m e s s e n h e it, sow ohl w as den U m fa n g , a is w as d ie in n e re


25 S te ig e r u n g der V e r b ild lic h u n g in den e in ze ln e n M o m e n te n an-

b e la n g t. D e r p a ra lle le U n te r s c h ie d d e r P h a n ta s ie is t d e r zw is c h e n
d e r p r im a r e n , d ir e k te n E r s c h e in u n g u n d d e r b e w u s s te n B e z ie h u n g

a u f d a s p h a n ta s ie rte O b je k t . W i r h a b e n a u c h h ie r e in e n U n t e r ­

s c h ie d z w is c h e n E r s c h e i n u n g u n d S a c h e , u n d e in e n U n t e r s c h i e d ,

30 d e r h ie r w ie b e im F a l l g e w o h n lic h e r Im a g in a tio n n ic h t z u ve r-

w e c h s e ln is t m it dem U n te r s c h ie d zw is c h e n E rs c h e in u n g u n d

Sache bei der W a h rn e h m u n g : der le tzte re b e z ü g lic h . a u f das

V o r s te llig w e r d e n der Sache d u r c h ih r e v e rs c h ie d e n e n S e ite n d e r


S a c h e , d e r e rs te re a b e r s c h o n z u e in e r e in z ig e n S e ite g e h o r ig .

1 Nicht gehaltena Vorlesung.


64 T E X T NR. 1 (1904/05)

F e m e r s te llt s ic h a u c h h ie r d a s p h a n ta s ie r te O b j e k t d u r c h d a s

M é d iu m d e r p r im a r e n E rs c h e in u n g in v e rs c h ie d e n e n S tu fe n der

V o llk o m m e n h e it d a r, sow ohl w as den U m fa n g a n b e la n g t, a is

h in s ic h tlic h des G ra d e s in den p r im itiv e n M o m e n te n der V e r-

5 a h n lic h u n g .
Soweit also besteht Parallelismus zwischen der gewohnlichen
und der zu studierenden Phantasieimagination, und selbst-
verstándlich muss dieser Parallelismus bestehen, wenn bei der
Phantasie von Imagination die Rede sein solí.

10 <§ 31. Starke und fliessende Unterschiede zwischen der


gewohnlichen Im agination und der Phantasie>

A n U n te r s c h ie d e n zw is c h e n d e n b e id e n F a lle n h a b e n w ir a u s -

fin d ig g e m a c h t:
1) D ie P h a n ta s ie e rs c h e in u n g e r s c h e in t n ic h t in n e r h a lb des

15 Blickfeldes der Wahrnehmung und ist daher kein Fiktum der


Wahrnehmung.
2) Im a llg e m e in e n is t d ie P h a n ta s ie e rs c h e in u n g (ic h sp re c h e

im m e r v o n d e r p rim a re n ) g a r n ic h t in d a s B lic k fe ld h in e in z u v e r -

s e tz e n , n ic h t in ih m a n n e h m b a r , d e n n s ie h a t e i n e n a u f f á l h g a n -

2 0 d e re n C h a r a k te r a is je d e W a h m e h m u n g s e r s c h e in u n g (u n d s o m it

a u c h a is je d e g e w o h n lic h e B ild o b je k t e r s c h e in u n g ) .

Es treten im allgemeinen hervor:


a) In n e re U n te r s c h ie d e h i n s i c h t l i c h d e r d a r s t e l l e n -

d e n I n h a l t e u n d p a r a lle l d a m it d e r i n d ie E r s c h e in u n g fa lle n -

2 5 d e n M o m e n t e d e s p r im a r e r s c h e in e n d e n G e g e n s ta n d s . E s s in d d ie

U n te rs c h ie d e d e r K r á f t ig k e it , L e b e n d ig k e it, F ü lle .
b) A u f s e ite n der P h a n ta s ie der M an gel der F e s tig k e it, d ie

F lü c h tig k e it u n d d a s b e s tá n d ig e V a r iie r e n d e r d a rs te lle n d e n I n ­

h a lt e , n ic h t n u r h in s ic h tlic h ih r e r F ü l l e , s o n d e m a u c h h in s ic h t-

30 ü c h ih r e r Q u a lit a t , ih r e r in h a ltlic h e n E i g e n a r t ü b e r h a u p t .1

c) M it d ie s e r p r o t e u s a r t ig e n V e r á n d e r lic h k e it der d a rs te lle n ­

d e n In h a lte á n d e m s ic h p a r a lle l u n d eo ip s o d ie g e g e n s tá n d lic h e n

E r s c h e i n u n g e n , u n d s ie s i n d i n d e r R e g e l n i c h t n u r v e r á n d e r ü c h ,

sondem s ie w e c h s e ln a u c h i n a b r u p t e r W e is e . G a n z b e s o n d e rs

1 Dazu Mángel der Fülle darstellender Momente, Fülle im Bainschen Sinn.


TEXT NR. 1 (1904/05) 65

w ar zu b e t o n e n , d a s s d ie s e V e r á n d e r l i c h k e i t u n d d ie s e r W e c h s e l

n ic h t E r s c h e in u n g e n in e in a n d e r ü b e r f iih r t , d ie s te tig z u s a m m e n -

h á n g e n in n e r h a lb d e r id e e lle n e in h e itlic h e n , z u d e m e in e n G e g e n -

s ta n d g e h o r ig e n S y n th e s is . D e r S y n th e s is des W a h rn e h m u n g s -

5 z u s a m m e n h a n g s , i n w e lc h e r s ic h d a s p e r z e p t iv e W e s e n d e s G e g e n -

s ta n d e s v o lls tá n d ig u n d a lls e itig e n tfa lte t, e n ts p ric h t ja auch

e in e S y n t h e s i s e in e s m o g l i c h e n i n t u i t i v e n Z u s a m m e n h a n g s i n d e r

P h a n ta s ie u n d E r in n e r u n g . G e w o h n lic h a b e r fo lg e n d ie E rs c h e i­

nungen n ic h t in d ie s e r O r d n u n g in der P h a n ta s ie a u fe in a n d e r .

10 D e r G e g e n s t a n d s t e llt s ic h e in m a l v o n d e r V o r d e r s e ite d a r , Hann


p lo tzlic h v o n d e r H in t e r s e it e , e r s te llt s ic h e in m a l s o d a r , w ie e r

zu e in e r b e s t im m te n Z e it e r s c h ie n , u n d d a n n w ie d e r , w ie er zu

e in e r g a n z a n d e re n Z e it e r s c h ie n , w o b e i d ie b e id e n Z e ite n w e it

g e tr e n n te s in d . A b e r g e n a u b e s e h e n g ilt d a s h in s ic h tlic h d e r D a r -

15 s t e llu n g des p h a n ta s ie r te n O b je k ts d u r c h d ie p r im a r e n E r -

s c h e in u n g e n . D i e I n t e n t io n g e h t z w a r a u í d e n s e lb e n G e g e n s t a n d ,

aber n ic h t nach M assgabe der O rd n u n g der in te n tio n a le n Z u -

sam m enhánge d e r g e o rd n e te n S y n th e s is . D a z u k o m m t a b e r d ie

V e r á n d e r lic h k e it des d a rs te lle n d e n M a te r ia ls u n d d e r p r im a r e n

20 E r s c h e in u n g e n s e lb s t u n d e n d lic h d e s G e g e n s tá n d lic h e n , w a s in

ih n e n p r im a r e r s c h e in t. I m G ra n d e g e n o m m e n k o n s t it u ie r t s ic h

in d ie s e m p ro te u s a rtig e n W e c h s e l g a r n ic h t im m e r fo r t e in e in -

zig e r p r i m á r e r G e g e n s ta n d in dem S in n , w ie w ir bei der

p h y s is c h e rí B ild lic h k e it e in e in z ig e s fe s te s B i l d o b j e k t h a t t e n . D a s

25 B ild o b je k t im S t a h l s t i c h e r s c h e in t n ic h t b a ld g ra u s e in e r

g a n ze n A u s d e h n u n g n a c h , b a ld in e in ze ln e n F lá c h e n s tü c k e n r o t ,

b a ld g rü n usw . E s á n d e rt n ic h t b e s tá n d ig s e in e G e s ta lt, es e r­

s c h e in t n ic h t b a ld g a n z u n d b a ld e in e m S tü c k n a c h .

S o is t es a b e r i n d e r P h a n t a s i e : S e lb s t b e i E r h a l t u n g d e r g e g e n -

30 s tá n d lic h e n In te n tio n á n d e r t s ic h d a s p r im a r e rs c h e in e n d e O b -

j e k t . W i r h a b e n a ls o d o p p e lt e Á n d e r u n g e n : in n e r h a lb d e r R ic h -

tu n g a u f d a s s e lb e e m p ir is c h e O b je k t a b r u p t w e c h s e ln d e In te n -

tio n e n , Z u s a ih m e n h a n g s lo s ig k e it in n e r h a lb der S y n th e s is . U n d

s o w e it s tü c k w e is e d ie s e r a b r u p t e W e c h s e l n ic h t s t a t t h a t , e in e n

35 W e c h s e l in d e r p r im á r e n E r s c h e in u n g , a ls o W e c h s e l u n d Z u s a m -

m e n h a n g s lo s ig k e it im p r im á r e n O b je k te (d e m B ild o b je k t).

D a s s in d o ffe n b a r s ta rk e U n te rs c h ie d e zw is c h e n d e r A r t , w ie

m d e r P h a n ta s ie d ie B ild o b je k t e r s c h e in u n g e n s ic h k o n s t it u ie r e n
u n d v o n s t a t t e n g e h e n u n d w ie m i t t e l s d e r s e lb e n < d ie > B e z i e h u n g
66 TEXT NR. 1 (1904/05)

a u f das p h a n ta s ie rte O b je k t zu s ta n d e k o m m t, gegenüber der

A r t, w ie das P a ra lle le in der g e w o h n lic h e n Im a g in a tio n e r-

fo lg t. —

A n d e r e r s e its s in d a b e r d ie s e U n te r s c h ie d e f l i e s s e n d e . E s g ib t

5 a u c h k la r e u n d fe s te P h a n t a s ie n u n d in s b e s o n d e r e E r in n e r u n g e n ,

w e lc h e d ie e m p ir is c h e K o n t i n u i t á t d e r E r s c h e in u n g u n d des E r -

s c h e in e n d e n in g ro sse n S tre c k e n in n e h a lte n u n d d ie auch, w as

d ie d a r s te U e n d e n I n h a l t e a n b e la n g t , s ic h d u r c h K r á f t i g k e i t , s in n -

lic h e F r is c h e oder F ü lle der W a h rn e h m u n g so se h r a n n á h e rn ,

10 d a s s m a n m in d e s te n s z w e ife ln k a n n , u n d g e z w e ife lt h a t , o b ü b e r -

h a u p t n o c h U n te rs c h ie d e b e s te h e n . U n w illk ü r lic h w ir d m a n h ie r

auch an d ie F a l l e denken, w o ta ts á c h lic h d ie E r s c h e in u n g e n so

b e s c h a ffe n s in d , dass m an zw is c h e n W a h r n e h m u n g s a u ffa s s u n g

u n d P h a n t a s ie a u ffa s s u n g s c h w a n k t u n d s ic h a u f g r u n d d e r s e lb e n

15 E r s c h e in u n g f r a g t : I s t d a s w ir k lic h g e h o r t , g e s e h e n , o d e r is t d a s

b lo s s p h a n t a s ie r t ? D a s w á r e n n u n v e r e in z e lt e F a l l e , d ie e in e b e -

s o n d e re D is k u s s io n e rfo rd e rn w ü r d e n . I m a llg e m e in e n je d e n fa lls

b e s t e h t e in s o lc h e r Z w e i f e l , a u c h i n F a lle n le b e n d ig s te r P h a n t a ­

s ie n , n ic h t. W a r u m n ic h t? W a r u m , m ü s s e n w i r f r a g e n , g e lte n u n s

20 in a lie n F a lle n v o n k la r e n u n d te s te n E r in n e r u n g e n o d e r E i n b i l -

d u n g e n d e r e n p r i m a r e E r s c h e i n u n g e n n i c h t a is W a h r n e h m u n g e n ?

S ie f ü h r e n n i c h t d a s S e in s b e w u s s ts e in u n d n á h e r d a s B e w u s s ts e in

d e s G e g e n w á r tig s e in s m it s ic h . I m G e g e n t e i l, s o , w ie s ie d a s t e h e n ,

g e lt e n s ie u n s a is n i c h t s e i e n d . L á s s t s ic h d a f ü r e in G r u n d a n -

25 g e b e n ?

<§ 32. Das Widerstreitsverháltnis von Phaníasie- (bzw.


Erinnerungs-)feld und Wahrnehmungsfeld und das Fiktum
der Phantasie in den F allen der klaren Phantasie>

W ü r d e s ic h e in e d e r a r t k la r e u n d fe s te E r in n e r u n g s e r s c h e in u n g

30 m it t e n in d a s B lic k fe ld d e r W a h r n e h m u n g h in e in s e tze n u n d m it

s e in e n e m p ir is c h e n F o r d e r u n g e n s t r e it e n , d a n n w á r e d a s N i c h t i g -

k e its b e w u s s ts e in e r k lá r t . D e n n d a n n h á t te n w ir e in F i k t u m d e r­

s e lb e n A r t , w ie es b e i je d e m g e m e in e n B i l d s ic h f i n d e t . H i e r a b e r

s e t z t s ic h d ie k la r e u n d fe s te P h a n t a s ie e r s c h e in u n g n i c h t in das

3 5 B l i c k f e l d d e r W a h r n e h m u n g h i n e i n , s ie h a t i h r e ig e n e s F e l d , e in
v o llig v o n dem d e r W a h r n e h m u n g g e tr e n n te s . G e s e t z t , w i r s te ll-
TEXT NR. 1 (1904/05) 67

te n uns au f den S t a n d p u n k t , e s s e ie n i n d ie s e n F a lle n d ie d a r-

s te lle n d e n I n h a lt e m it d e n e n d e r W a h r n e h m u n g z u id e n t ifiz ie r e n ,

es b e s te h e a ls o z w is c h e n den k la re n P h a n ta s m e n u n d den n o r-

m a le n E m p fin d u n g e n k e in p r in z ip ie lle r U n te r s c h ie d , b lie b e d a n n

5 noch irg e n d e tw a s ü b r ig , w as P h a n ta s ie e rs c h e in u n g (d ie p ri­

m a re ) u n d d ie W a h rn e h m u n g s e rs c h e in u n g tre n n te ? N u r im

N a c h e in a n d e r, in der F o rm d e r S u k z e s s io n , k a n n W a h rg e n o m -

m e n e s u n d P h a n t a s i e r t e s z u r E i n h e i t d e r E r s c h e i n u n g k o m m e n .1

U n d im a llg e m e in e n e r g ib t d e r Ü b e r g a n g v o m e in e n z u m a n d e re n

10 e in e D is k o n tin u itá t. Schbessen w ir den F a ll der fr is c h e n E r -

in n e ru n g aus, den F a ll, w o W a h rn e h m u n g s ic h k o n tin u ie r lic h

u m w a n d e lt in E r in n e ru n g u n d w o e in e K o n tin u itá t ü b e rfü h rt

vo n dem W a h m e h m u n g s fe ld zu e in e r R e ih e vo n E rin n e ru n g s -

fe ld e r n , so is t d e r Ü b e r g a n g v o n e in e r a u g e n b lic k lic h v o llz o g e n e n

15 P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g zu e in e r W a h r n e h m u n g s v o r s te llu n g e in

S p ru n g , e in g e w a ltig e r A b s ta n d , im K o n t r a s t gegen d ie

W a h rn e h m u n g u n d in e in e r A r t W i d e r s t r e i t gegen s ie e r-

w e is t s ic h d ie P h a n ta s ie e rs c h e in u n g a is b lo s s e F i k t i o n . E s

is t auch h ie r ie in W id e r s tr e its v e r h á ltn is , n u r e in s o lc h e s ganz

20 a n d e r e r A r t a is i n m i t t e n d e s B lic k fe ld e s . H ie r s tre ite t d a s g a n ze

P h a n ta s ie fe ld m it dem g a n ze n W a h m e h m u n g s fe ld u n d ohne

je d e D u r c h d r in g u n g . S i n d w i r in d ie P h a n t a s ie g a n z v e r s u n k e n ,

s o a c h t e n w i r z w a r a u f d i e W a h m e h m u n g s o b j e k t e n i c h t , a b e r s ie

e r s c h e in e n i m m e r f o r t , s ie s i n d d a u n d ü b e n ih r e S p a n n u n g g e g e n

25 d a s e n t s p r e c h e n d e P h a n t a s i e f e l d . D i e S p a n n u n g b e s t e h t z w i s c h e n

e n ts p re c h e n d e n S in n e s fe ld e r n d e r W a h r n e h m u n g u n d P h a n ta s ie

u n d e n ts p r e c h e n d e n T e ile n d ie s e r F e l d e r . S o b e s t im m t a u c h h ie r ,

w enn ic h re c h t s e h e , e in e A r t W id e r s tr e it das F i k t u m der

P h a n ta s ie . D a s P h a n ta s ie b ild k o n s t it u ie r t s ic h a is E r s c h e in u n g ,

30 d ie s ic h e in e Z e i t l a n g g e g e n d a s B l i c k f e l d d e r W a h r n e h m u n g b e -

h a u p te t, a b e r in d ie s e m G e g e n s a tz d a s p h á n o m e n o lo g is c h e C h a -

r a k te r is tik u m e r h á lt, das h e r v o r tr itt, s o w ie w ir zu r W a h m e h -

m ung u n d vo n ih r w ie d e r z u m B ild zu rü c k k e h re n . D ie W a h r­

n e h m u n g , d ie w id e r s tr e its lo s e , w e d e r v o n in n e n n o c h v o n a u s s e n

35 ( d u r c h E rfa h r u n g s in te n tio n e n ) b e s tr itte n e , k o n s titu ie r t E r ­

s c h e in u n g d e r a k tu e lle n G e g e iw a rt. W a s gegen s ie s t r e i t e t , is t

n ic h t g e g e n w á r tig , a b E in h e it d e r K o e x is te n z m it dem Gegen-

„.,1 Aber wenn ich etwas auf das weisse Papier hinphantasiere ? Ich habe dann doch,
" enn auch fluchtig, ein Bild „auf” dem Papier.
68 TEXT NR. 1 (1904/05)

w a r t ig e n is t d a s P h a n t a s ie o b je k t u n m o g lic h , n ic h t b lo s s o b j e k t iv

u n m o g lic h , s o n d e rn auch p h a n o m e n o lo g is c h a is m it ih r u n ve r-
trá g lic h c h a ra k te ris ie rt. D a s p h a n ta s ie m á s s ig E r s c h e in e n d e is t

a ls o n ic h tg e g e n w á rtig . G e n a u g e sp ro c h e n : D a s p rim a re O b je k t

5 d e r P h a n ta s ie is t e in F i k t u m , u n d s o m it s te h t n ic h ts im W ege,

d ie W e is e d e r R e p r á s e n ta tio n , d u rc h w e lc h e m itte ls d ie s e s O b -

je k ts das p h a n t a s i e r t e O b je k t zu m B e w u s s ts e in k o m m t, a is

n ó r m a le Im a g in a tio n z u fa s s e n .

D a s F ik tu m k a n n n u n g e n a u s o w ie b e i d e r g e w o h n lic h e n B ild -

10 lic h k e it d u rc h V e r b ild lic h u n g e tw a s ih m Á h n lic h e s re p rá s e n tie -

r e n . F r e ilic h w á r e a u c h d ie M o g lic h k e it z u e rw á g e n , d a ss es v ie l-

le ic h t gar n ic h ts w e ite r re p r a s e n tie r t, so n d e rn e in ta c h genom -

m en w ir d , w ie es is t, n ic h ts a u s s e r s ic h d a r s t e lle n d . B e id e r s e its

d ie s e lb e n s in n lic h e n In h a lte u n d d ie s e lb e A u ff a s s u n g a n g e s e tzt,

15 h lie b e k e in in n e r e r U n te r s c h ie d ü b r ig . A b e r a u s s e re U n te r s c h ie d e ,

b e s tim m t d u r c h d e n p h a n o m e n o lo g is c h e n Z u s a m m e n h a n g , k o n n -

t e n j a n o c h d a s e in , w e lc h e d ie A n k n ü p f u n g v e r s c h ie d e n e r in t e n -

tio n a le r C h a ra k te ris ie ru n g e n m o g lic h u n d n o tw e n d ig m a c h te n :

so w ie p e r se b e tr a c h te t zw is c h e n p h y s is c h e r B ild e r s c h e in u n g u n d

20 W a h rn e h m u n g s e rs c h e in u n g k e in U n te rs c h ie d b e s te h t u n d doch

d u rc h d e n W id e r s tr e it g e g e n d a s g e g e b e n e B lic k fe ld e in U n te r­

s c h ie d der C h a ra k te ris ie ru n g h e rv o rtritt: D a s B ild o b je k t w ir d

zu m F i k t u m .1
I s t s o lc h e in U n t e r s c h ie d a ls o z u f in d e n ? D e r s e lb e w ie b e i d e m

25 g e m e in e n B ild o b je k t ka n n es nach u n s e re r F e s ts te llu n g n ic h t

s e in , v e r m o g e d e r T r e n n u n g d e r W a h r n e h m u n g s - u n d P h a n ta s ie -

fe ld e r . A b e r g ib t es n ic h t e in e n a n d e rs a rtig e n u n d doch in ve r-

w a n d te r W e is e fu n g ie re n d e n U n te r s c h ie d ?

I c h m e in e d o c h . B e tr a c h te n w ir d a s V e r h á ltn is d e r P h a n ta s ie -

30 fe ld e r z u den W a h r n e h m u n g s fe ld e r n . D a s B lic k fe ld der W a h r-

n ehm ung is t e in e a s s o zia tiv e V e r fle c h tu n g vo n m e h re re n ge-

tr e n n te n S in n e s fe ld e m . D a s G e s ic h ts fe ld is t g e tr e n n t v o m T a s t-

f e l d u s f . A n d e r e r s e i t s s in d s ie m i t e i n a n d e r i n d e r K o e x i s t e n z n i c h t

e tw a u n v e r tr á g lic h , ja in Fo rm der e in h e itlic h e rs c h e in e n d e n

35 W a h rn e h m u n g s -G e g e n s tá n d lic h k e ite n d u rc h fle c h te n s ie s ic h b e -

s tá n d ig . W e n n w ir a u f M o m e n te d e s G e s ic h ts fe ld e s a u s s c h lie s s -

lic h a c h te n , s o w e rd e n w ir a u f d a s T a s t fe ld u n a u fm e r k s a m , a b e r

i Vorausgesetzt ist dabei, dass das Blickfeld seine Auszeichnung ais Gegenwarts-
feld schon hat und sie festhált.
XEXT NR. 1 (1904/05) 69

es verschwindet nicht. Und wir konnen auf beide zugleich achten,


w ie wenn wir zugleich auf die Hand hinsehen und auf ihren Druck
a u f die Unterlage achteri. Ebenso .*W ir horen und sehen zugleich

u n d konnen die beiderlei Empfindungsinhalte in eine Apperzep-

5 t i o n verknüpfen, in welcher dann beide eine koexistierende Ein-


h e i t ergeben. Die Sonderung in verschiedene Felder entspricht

h i e r den Sonderungen der wesentlichen Inhaltsgattungen. Das

g e n e r i s c h und spezifisch Verwandte verschmilzt zur Einheit.

Ü b e r d i e s e inhaltlichen Einheiten und ihre Sonderungen tiber­

io g r e i f t dann die Einheit der gegenstándlichen Apperzeption. Sie


n i m m t Inhalte aus den verschiedenen Feldern (ohne sie aus ihnen

e t w a herauszunehmen) und bildet aus ihnen die Einheiten der

K o e x is te n z.

K a n n s ie das aber auch tun bei Wahmehmungsfeldern und


15 P h a n t a s i e f e l d e r n ?

Es ist klar, dass ein Phantasiefeld sich zum Wahmehmungs-


feld nicht so verhált, wie etwa Gesichtsfeld zu Gehorsfeld oder
wie ein Teil des schon vergegenstandlichten Blickfeldes zu einem
anderen Teil. Man sagt, die Phantasie erganze vielfach die Wahr-
20 nehmung, aber in dem Sinn kann sie es nie tun, der hier in Frage
káme. Niemals kann man auf das Wahmehmungsfeld hinblicken
und zugleich auf das Phantasiefeld hinbhcken. Sowie wir auf
Wahrnehmungsobjekte achten, ist das Phantasiefeld weg.
Man kann nicht etwa das Feld aktueller Gegenwart erweitem
2 5 um ein neues Stück, das sich ihm so anschmiegte wie etwa das

Tastfeld einer Hand an das übrige Tastfeld. Was zur Einheit des
Blickfeldes der Wahrnehmung gehort, das ist z u g l e i c h da,
ist gegenwártig, und a l i e s d a r i n ist zugleich. Was zur Einheit
eines Erinnerungsfeldes, und eines Phantasiefeldes jeder Art, ge-
3 0 hort, ist auch zugleich, aber nicht findet die Rede vom Zu­

g l e i c h eine Anwendung auf Wahmehmungsfeld und Phanta­


siefeld in eins genommen, nota bene, wenn dieses Zugleich eben-
falls intuitiv gegeben sein solí.
70 TEXT NR. 1 (1904/05)

<§ 3 3 . D ie F a l l e d e r u n k l a r e n P h a n t a s i e n u n d d ie F r a g e ,
ob h ie r ü b e r h a u p t B ild o b je k t u n d B i l d s u j e t u n te r s c h ie d e n
w e rd e n d a r f . H in w e is a u f a n a lo g e E r s c h e in u n g e n i n d e r
W a h r n e h m u n g s s p h á r e : D o p p e lb ild e r u n d W e tts tr e it d e r
5 S e h f e ld e r b e im S c h ie le n >

W i r h a b e n es b is h e r m it d e n k la r e n P h a n ta s ie n z u t u n g e h a b t.

B e t r a c h t e n w i r d ie F a l l e d e r U n k l a r h e i t . W a s la s s t h ie r e in W a h r -

n e h m u n g s b e w u s s ts e in n ic h t a u fk o m m e n , w a s is t h ie r d e r W id e r -

s tre it m it d e r a k tu e lle n G e g e n w a r t, d e r d a s O b je k t iv e d e r u n m itt e l-

10 b a r e n E r s c h e i n u n g a is n ic h t s f ü r s ic h S e ie n d e s k e n n z e ic h n e t u n d

d a m i t s e in e V e r w e n d u n g a is B i l d f ü r e in a n d e r e s e r m o g lic h t ? A u s

u n s e re n B e s c h r e ib u n g e n d e r g e w o h n lic h e n P h a n ta s ie e rs c h e in u n -

gen g e h t s c h o n h e r v o r , d a s s , s e lb s t w e n n p r in zip ie ll g e n o m m e n

< b e z ü g lic h > A u ff a s s u n g s m a t e r i a l u n d A u ff a s s u n g s c h a r a k t e r k e in

15 U n t e r s c h ie d w a re gegenüber der n o rm a le n W a h m e h m u n g ,

tro tzd e m g e g e n ü b e r d e n n o r m a le n W a h r n e h m u n g s e r s c h e in u n g e n

U n te rs c h ie d e b lie b e n u n d s o m it auch gegenüber den n o rm a le n

F ik tio n e n im U m k re is d e r W a h m e h m u n g . Ic h h a b e ja s c h o n e r-

w á h n t: D a s F ik tu m in n e r h a lb d e r a k tu e lle n G e g e n w a r t is t e tw a s

20 so F e s te s , k la r B e g r e n z te s w ie e in w ir k lic h e s D i n g . B e i d e r P h a n -

ta s ie a b e r e tw a s V a g e s , S c h w a n k e n d e s , i n s e in e m In h a lt u n d G e -

s a m tc h a ra k te r so sehr v e r s c h ie d e n vo n der n o r m a le n W a h r-

n e h m u n g s e rs c h e in u n g , dass d e r g le ic h e n in ih r e m K r e is n ic h t

vo rk o m m e n k o n n te . A b e r h ie r k o m m t e in Z w e ife l: D ü r fe n w ir

25 ü b e rh a u p t B ild o b je k t u n d B ild s u je t u n te rs c h e id e n ? In d ie s e n

g a n z vagen E r s c h e in u n g e n , e r s c h e in t d a z u e r s t e in O b je k t, u n d

m it t e ls d e s s e n w i r d e rs t e in S u je t b e w u s s t? D o c h d a h i l f t u n s e in

H in w e is au f a n a lo g e E r s c h e in u n g e n in der S p h a re des B lic k -

fe ld e s . I c h e r in n e r e a n d ie D o p p e lb ild e r u n d d e n W e tts tr e it d e r

30 S e h fe ld e r b e im S c h ie le n . D u rc h s ic h tig e E r s c h e in u n g e n . V a g e ,

s c h w a n k e n d e . S ie g e lte n d a n n a is S c h e in , u n d zu g le ic h a is a n a -

lo g is c h e u n d s y m b o lis c h e H in w e i s e a u f g e w is s e W a h r n e h m u n g e n .

D a s B i l d o b j e k t is t h ie r a n d e r s a is e in n o r m a le s . E s e r s c h e in t a is

s c h a tte n h a fte r S c h e in , m it e in e r g e w is s e n H in d e u t u n g a u f S e in .

35 E i n fe s te s O b je k t vo n s o zu s a g e n g r e ifb a r e r W ir k lic h k e it e r­

s c h e in t d a n ic h t , u n d d o c h , e in e O b j e k t i v i e r u n g fe h lt a u c h h ie r

n i c h t , u n d s ie d i e n t a is A n h a l t f ü r e in e V e r b i l d l i c h u n g u n d S y m -

b o lis ie r u n g .
TEXT NR. 1 (1904/05) 71

Á h n lic h v e r h á l t e s s ic h b e i d e n vagen P h a n ta s ie n . A u c h h ie r

wird m an zu n á c h s t zw e ife ln , o b m an d ie s e le e r e n Schem en a is

O b j e k t e g e lte n la s s e n s o lí, o b h i e r a ls o v o n B il d o b j e k t e n d ie R e d e

sein k a n n . I n d e s s e n , w e n n w i r g e n a u z u s e h e n , s o e r s c h e i n t i m m e r
5 etwas, e t w a e i n U m r i s s d e s G e g e n s t a n d e s , e i n S t ü c k w e n i g s t e n s d a -
von, a p p e r z i p i e r t i n a h n l i c h e r W e i s e w i e e i n e Z e i c h n u n g , o d e r
b e s s e r wie d i e v a g e n u n d d u r c h b r o c h e n e n K o n t u r e n e i n e s D o p -

pelbildes d e r W a h m e h m u n g , d a s n i c h t v o l l s t á n d i g i m W e t t s t r e i t
siegt. Die D e u t u n g g e h t ü b e r d a s E m p f u n d e n e u n d A n s c h a u l i c h e
10 hinaus, e s f i n d e t e i n e g e w i s s e , w e n n a u c h u n v o l l k o m m e n e O b -
jektivierung s t a t t , u n d e r s t a u f s i e b a u t s i c h d i e S u j e t a u f f a s s u n g :
die B e z i e h u n g a u f d a s P h a n t a s i e r t e , d a s a l l e r d i n g s h i e r i n s e h r
schlechter W e i s e v e r a n s c h a u l i c h t i s t .
Bei g e n a u e r B e t r a c h t u n g w e r d e n w i r a l s o d i e d o p p e l t e n O b -
15 jekte auch h i e r f i n d e n u n d d a n n a u c h d i e w e s e n t l i c h g l e i c h a r t i g e n
Funktionen w i e b e i d e r g e w o h n l i c h e n B i l d l i c h k e i t .
Die N i c h t i g k e i t d e s B i l d e s e r g i b t s i c h h i e r a u s v e r s c h i e d e n e n
Gründen. T e i l s j e n e r W i d e r s t r e i t g e g e n d a s W a h r n e h m u n g s f e l d ,
dann der W i d e r s t r e i t g e g e n d i e E r f a h r u n g ( a n a l o g b e i p h y s i s c h e n
20 Bildobjekten, w a s i c h n o c h e r g á n z e n d a u s f i i h r e n m ü s s t e ) . 1

<7. Kapitel
V e r s u c h , z w i s o h e n P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g u n d

B i l d l i c h k e i t s v o r s t e l l u n g e i n e n w e s e n t l i c h e n

U n t e r s c h i e d z u e t a b l i e r e n >

25 <§ 3 4 . D e r Z u s a m m e n h a n g d e s B lic k f e ld e s d e s
W a h r n e h m u n g s b e w u s s ts e in s u n d s e in F u n d a m e n t i n d e n
Z u s a m m e n h a n g e n d e r E m p f in d u n g e n i n d e n
E m p f in d u n g s f e id e r n >

W ah m e h m u n g ka n n in F ik tio n u n d in p h y s is c h e B ild lic h k e it


30 übergehen, o h n e d a s s d i e z u g r u n d e l i e g e n d e W a h m e h m u n g s a u f -
fassung w e s e n t l i c h s i c h á n d e r n m ü s s t e , a n d e r e r s e i t s kann W a h r -
nehmung o f t i n p h a n t a s i e m á s s i g e E i n b i l d u n g i n k l a r e r W e i s e
übergehen. H i e r i s t d e r n a t ü r l i c h e A u s g a n g s p u n k t d i e l e t z t h i n

1 Bis hier die nicht gehaltene Vorlesung.


72 TEXT NR. 1 (1904/05)

g e m a c h te B e m e rk u n g , dass der P h a n ta s ie a u ffa s s u n g k e in F ik -

tu m zu g ru n d e lie g t o d e r , k o r r e k t e r g e s p r o c h e n , s ic h in ih r k e in

p rim a re s n ic h ts e ie n d e s B ild o b je k t in d e m s e lb e n S in n k o n s ti-

tu ie r t w ie in d e r p h y s is c h e n B ild a u ffa s s u n g , n á m lic h k e in B ild -

5 o b je k t, d a s im Z u s a m m e n h a n g d e s B lic k fe ld e s d e r W a h r n e h m u n g
e rs c h ie n e .

D ie s e B e m e rk u n g w e is t a u f n o tw e n d ig e A n a ly s e n h in . I n ih r

is t d ie R e d e v o m Z u s a m m e n h a n g d e s B lic k fe ld e s . H a lt e n w ir u n s

an das B lic k fe ld e in e s ze itlic h e n M o m e n ts , d .h ., p h á n o m e n o lo -

10 g is c h g e fa s s t, a n d a s B lic k fe ld , in dem d ie G e g e n s ta n d lic h k e ite n

n ic h t n a c h e in a n d e r , s o n d e rn zu g le ic h e rs c h e in e n . D e m e n t-

s p re c h e n d ie m a n n ig fa ltig e n W a h rn e h m u n g e n d ie s e r G egen-

s tá n d lic h k e ite n b zw . d ie W a h rn e h m u n g s e rs c h e in u n g e n . D ie s e

s in d e b e n fa lls z u g le ic h u n d n ic h t n a c h e in a n d e r . N u n u m fa s s t d a s

15 B lic k fe ld s e in e m B e g r iff n a c h a lie in der F o rm d e s Z u g le ic h k o -

e x is tie re n d e n E rs c h e in u n g e n , u n d d ie s e a lie k o n s t it u i e r e n e in e n

e in zig e n Zu sa m m e n h a n g : d .h . in ih n e n e rs c h e in t e in gegen-

s ta n d lic h e r Z u s a m m e n h a n g . D ie s e K o e x is te n z g e h o rt zu e in e m

Q u e r s c h n itt d e s W a h rn e h m u n g s b e w u s s ts e in s . I n W a h rh e it g e h t

20 d e r Zu sam m e n h a n g k o n tin u ie r lic h in der S u k z e s s io n fo rt: D ie

w a h r g e n o m m e n e G e g e n s t á n d lic h k e it e r s tr e c k t s ic h d u r c h d ie Z e i t

h in d u rc h . D .h . d u rc h d ie F o lg e des N a c h e in a n d e r , u n d zw a r

s t e t i g , w o b e i s ie schon in je d e m Q u e r s c h n itt des Z u g le ic h , d e r

K o e x i s t e n z , e in e n e in h e itlic h e n Z u s a m m e n h a n g b ild e t . S ie k a n n

25 ih n in d e r S u k z e s s io n n u r b ild e n , in d e m s ie i h n in je d e m P u n k t

d e r K o e x is te n z b ild e t.

D ie s e r Zu sam m e n h a n g , der zw is c h e n den W a h rn e h m u n g e n

w a lte t u n d a is E i n h e i t e in e r A p p e r z e p t i o n e in e e in h e itlic h e G e ­

g e n s t á n d lic h k e it z u r E r s c h e i n u n g b r i n g t , h a t s e in F u n d a m e n t i n

3 0 d e n w e s e n tlic h e n Z u s a m m e n h á n g e n d e r A u ffa s s u n g s in h a lte , d e r

E m p fin d u n g e n in den E m p fin d u n g s fe ld e r n . D ie E m p fin d u n g e n

s in d im G e s ic h ts fe ld n ic h t is o lie r t, so n d e rn k o n tin u ie r lic h e in -

h e itlic h z u s a m m e n h á n g e n d , m ite in a n d e r v e rs c h m o lze n . Eb e n so

d ie T a s t in h a lt e im T a s tfe ld . U n d e b e n s o w o h l a u c h in d e n ü b rig e n

3 5 S in n e s f e ld e m , o b s c h o n d ie F o r m d e r R á u m lic h k e it h ie r n ic h t d ie

v e rk n ü p fe n d e is t. Z w is c h e n den S in n e s fe ld e m is t es a lle rd in g s

e rs t d e r a p p e r ze p tiv e Zu s a m m e n h a n g , d e r E in h e it d a r s te llt, im

s in n lic h e r s c h e in e n d e n O b je k te , das zu g le ic h gesehen u n d ge-

ta s te t is t, h a b e n G e s ic h ts - u n d T a s t in h a lt e fü h lb a r e E i n h e i t , d ie
TEXT NR. 1 (1904/05) 73

E in h e it d e r g e g e n s tá n d lic h e n Z u s a m m e n g e h o r ig k e it, d e r in te n -

tio n a le n D e c k u n g a u fe in a n d e r h in w e is e n d e r F a k t o r e n .

S o w e it d ie g le ic h z e itig e W a h m e h m u n g r e ic h t, s o w e it re ic h t

der in tu itiv -e in h e itlic h e Zu sam m e n h a n g p h a n o m e n a le r G egen-

5 s ta n d lic h k e it, d ie E in h e it d e r in tu itiv e n , a k tu e lle n G e g e n w a rt.

( W o b e i d ie R e d e vo n G e g e n w a r t, w ie w ir noch h o re n w e rd e n ,

dem s tr e n g e r e n o d e r lo s e re n G e b r a u c h d e s B e g r iffe s G le ic h z e itig -

k e i t f o l g t .)
In d ie s e S p h a r e g e h o r t a u c h d e r s in n lic h e S c h e in . W a s a is O b ­

lo jekt a u fg e fa s s t i s t , u n d z w a r d u r c h A u f f a s s u n g e in e s A u s s c h n it t e s

des S in n e s e m p fin d u n g s fe ld e s , das h a t auch s e in e S te llu n g im

Zu sam m e nh an g. A u c h das U n -D in g e rs c h e in t, n u r s tr e ite t es

gegen g e w is s e g e g e n s ta n d lic h e Fo rd e ru n g e n der s o n s tig e n

W a h rn e h m u n g . A n d e r T a ts a c h e , d a s s es u n te r ih n e n p e r ze p tiv

15 erscheint, á n d e r t d ie s n i c h t s . E s h a t s e in e r a u m lic h e S t e l l u n g a is

w a h rn e h m u n g s m á s s ig e rs c h e in e n d e s O b j e k t u n t e r je n e n S in n e s -

ob jekt e n : D e r r a u m lic h e Zu sam m e n h a n g is t aber d ie in tu itiv e

Fo rm d ie s e r Z u s a m m e n h á n g e . A lie s p e r ze p tiv E r s c h e in e n d e is t

r á u m lic h e rs c h e in e n d . A b e r n a t ü r lic h is t d e r R a u m n ic h t a is u n -

20 e n d lic h e r R a u m zu d e n k e n : A is p e r ze p tiv e r R a u m re ic h t e r s o ­

weit, a is d ie p e r z e p t i v e G e g e n s t á n d l i c h k e i t r e i c h t .

' <§35. D a s V e r h a lt n is d e r P h a n t a s m e n u n d
P h a n t a s ie e r s c h e in u n g e n z u d e n Z u s a m m e n h d n g e n d es
W a h r n e h m u n g s f e ld e s >

25 W ie s te h t es n u n m it d e n P h a n ta s m e n u n d P h a n ta s ie e rs c h e i­

nungen, -w ie v e rh a lte n s ie s ic h zu d ie s e n Zusam m enh an gen ?

W a ru m s c h e id e n s ic h d ie P h a n ta s m e n vo n den E m p fin d u n g e n ,

w a ru m d ie P h a n ta s ie e rs c h e in u n g e n vo n den W a h m e h m u n g s-

e rs c h e in u n g e n , u n d d a ru n te r auch vo n den W a h rn e h m u n g s -

30 fik tio n e n ? D ie P h a n ta s m e n s in d a u c h S in n e s in h a lte , u n d S in n e s -

in h a lte vo n d e n s e lb e n G a ttu n g e n u n d A rte n w ie d ie je n ig e n , d ie

m der E m p fin d u n g zu fin d e n s in d . T o n e m p fin d u n g u n d T o n -

p h a n ta s m a , F a rb e n e m p fin d u n g u n d Fa rb e n p h a n ta s m a s in d in -

h a ltlic h b e g riffe n je d e n fa lls G le ic h a rtig e s u n d n ic h t e tw a b lo s s

35 m d ir e k t Z u s a m m e n h a n g e n d e s w ie e in w illk ü r lic h e s Z e ic h e n u n d

B e ze ic h n e te s . E s is t fe m e r z w e ife llo s , d a s s w ir z u g le ic h E m p f i n -
74 TEXT NR. 1 (1904/05)

d u n g e n u n d P h a n t a s m e n e r le b e n k o n n e n , s o z .B . w e n n w ir N o t e n

le s e n u n d m it T o n p h a n ta s m e n b e g le ite n , oder w enn w ir e in e

M e lo d ie p h a n ta s ie re n , w á h re n d w ir G e s ic h ts w a h rn e h m u n g e n

fo lg e n u s w . W i e v e r h a lt e n s ic h n u n d ie e in e n u n d a n d e r e n s in n -

5 lic h e n In h a lte ? G re ift d ie W a h rn e h m u n g s a p p e rze p tio n ir g e n d -

w e lc h e aus den g le ic h z e itig e n s in n lic h e n In h a lte n h e ra u s , w á h ­

r e n d i n d ie s e n g a r k e in e A u s z e ic h n u n g v o r g e g e b e n is t ? V o n den

E m p fin d u n g e n s a g te n w ir, dass s ie in den S in n e s fe ld e r n e in e

s in n lic h e E i n h e i t h a b e n , e in e p h á n o m e n o lo g is c h e E i n h e i t . G r e i f t

1 0 d ie s e E i n h e i t e t w a w e i t e r , u n d u m f a s s t s ie a lie s in n lic h e n I n h a l t e

d e rs e lb e n G a ttu n g ü b e rh a u p t? E rle b e n w ir e tw a a lie v is u e lle n

I n h a l t e a is e in e E i n h e i t , u n d m a c h t n u n d ie W a h m e h m u n g e in e n

S c h n i t t i n d ie s e r E i n h e i t : B i l d e n a ll d ie s e I n h a l t e e in e in z ig e s G e -

s ic h ts fe ld , vo n w e lc h e m das e in e S tü c k w a h rn e h m u n g s m á s s ig ,

15 d a s a n d e re p h a n ta s ie m á s s ig a u fg e fa s s t w ir d ? N a tü r lic h la u te t

d ie A n t w o r t v e r n e in e n d . A u c h d ie P h a n t a s m e n d e s s o g e n a n n te n

G e s ic h ts s in n e s e r s c h e in e n in e in e m G e s ic h ts fe ld , a b e r , a llg e m e in

zu re d e n , h a b e n d ie s e n ic h t E in h e it m it dem W ah m e h m u n g s-

g e s ic h ts fe ld . U n d d a m it is t s c h o n g e s a g t: E s fe h lt d ie w e s e n tlic h e

20 E i n h e i t , d a s e in e s e t z t s ic h n i c h t , u n d n ie m a ls w e s e n t lic h , in d a s

a n d e re h in e in . E b e n fá llt m ir der R o o n s1 e in , ic h habe e in e

P h a n ta s ie e rs c h e in u n g vo m R o o n s, w ie er s ic h p e r ze p tiv vo n

m e in e m F e n s te r a u s e rg e b e n h a tte . Z u d ie s e r P h a n ta s ie e r s c h e i­

n u n g g e h o r t e in e e in h e itlic h e A u s b r e i t u n g d e r v is u e lle n I n h a lte ,

2 5 e in P h a n t a s i e s in n e s f e l d . A b e r d ie s e s in n lic h e n I n h a l t e u n d d ie s e s

F e ld e n tb e h re n p h á n o m e n o lo g is c h je d e s Zusam m e nh an g es m it

m e in e m je tz ig e n p e r z e p tiv e n S in n e s fe ld . U n d dem e n ts p ric h t es

d á n n a u c h , d a ss d e r Z u s a m m e n h a n g d e r E rs c h e in u n g e n u n d d e r

p h á n o m e n a le n G e g e n s tá n d e k e in e in h e itlic h e r is t, w e lc h e s ic h

30 a u f der G r u n d la g e der E m p fin d u n g e n u n d P h a n ta s m e n a u f-

b a u e n . D ie p h a n ta s ie m á s s ig e rs c h e in e n d e G e g e n s t á n d lic h k e it is t

e in e , u n d d ie w a h r n e h m u n g s m á s s ig e r s c h e in e n d e is t e in e a n d e r e ,

b e id e m o g e n d u rc h in te n tio n a le B a n d e v e rk n ü p ft s e i n , a b e r s ie

s in d n ic h t v e r k n ü p f t d u r c h d ie je n ig e n B a n d e w e c h s e ls e itig e r in -

35 t e n tio n a le r Z u s a m m e n g e h o r ig k e it, w e lc h e e in e E in h e it der A n -

schauung, e in e e in h e itlic h in tu itiv e G e g e n s tá n d lic h k e it k o n s ti-

tu ie r t: d e r a r t w ie s ie d i e P h a n ta s ie fü r s ic h u n d d ie W a h m e h ­

m u n g f ü r s ic h k o n s t it u ie r t .

1 Der Roons ist eine Anhohe mit Restaurant bei Gottingen. — Anm. d. Hrsg.
TEXT NR. 1 (1904/05) 75

<§ 36. Vertiefte Erorterung der Frage naeh Koexistenz bzw.


Widerstreit von Wahrnehmungs- und Phantasiefeld am
Beispiel einzelner Sinnesfelder>

A b e r w i e s t e h t e s n u n m i t d ie s e n b e id e n F e l d e m ? 1 S i n d s ie s o

5 v e r tr a g lic h e K o e x i s t e n z e n , w ie es e t w a d ie v e r s c h ie d e n e n p e r z e p -

tiv e n F e ld e r s in d , z .B . das G e s ic h ts - u n d T a s tfe ld ? H a b e n w ir

a ls o z u g le ic h m e h r e r e G e s ic h t s f e ld e r , i m W e s e n g le ic h a r tig , s o fe ra

s ie S i n n e s i n h a l t e d e rs e lb e n G a t t u n g u n d S te lle n w e rte m p fin d u n -

gen d e rs e lb e n S p e z ie s e n t h a lte n , v o r e in a n d e r e t w a n u r d a d u rc h

10 a u s g e z e ic h n e t, d a s s s ic h a u f d e m e in e n e in e s o g e n a n n te p e r z e p -

tiv e A u ffa s s u n g , a u f dem a n d e re n e in e a n d e rs n u a n c ie rte , s o ­

g e n a n n te P h a n ta s ie a u ffa s s u n g a u fb a u t? W a ru m s o llte es dann

n ic h t m o g lic h s e in , d a s s s ic h e in m a l a u f b e id e n im a g in a t iv e o d e r

a u f b e id e n p e r z e p t iv e A u ffa s s u n g b a u t ?

15 W ir m e rk e n h ie r w e ite re U n te rs c h ie d e . D a s p e r ze p tiv e G e -

s ic h ts fe ld u n d d a s p e r z e p t iv e T a s t f e ld o d e r G e h o r s fe ld k o e x is tie -

r e n , d ie E m p fin d u n g s g r u p p e n s in d g e s o n d e r t , a b e r s ie s i n d zu -

sam m en zu schauen, u n d s ie s c h m e lz e n auch zu sa m m e n in in -

tu itiv -a p p e rze p tiv e n E i n h e i t e n , e s e rs c h e in e n G e g e n s ta n d e , d ie

20 d ie z u g e h o r ig e n E m p f i n d u n g e n , n u r g e d e u t e t , v e r e i n i g t e n t h a l t e n

m o g e n . A n d e r s v e r h á lt es s ic h , w e n n w ir G e s ic h ts fe ld d e r W a h r -

nehm ung u n d G e s ic h ts fe ld d e r P h a n ta s ie n e h m e n . D ie s e la s s e n

s ic h g a r n i c h t z u s a m m e n s c h a u e n . B l i c k e n w i r a u f d a s e in e h i n ,

so w ir d d a s a n d e r e g e w is s e rm a s s e n h in u n t e r g e d r ü c k t , u n d e b e n s o

25 u m g e k e h r t . E s v e r h a l t s ic h a h n lic h w ie b e im W e t t s t r e it d e r S e h -

fe ld e r , u n d a u s a h n lic h e n G r ü n d e n . S c h a u e n w ir a u f d a s p e r z e p ­

tiv e G e s ic h t s fe ld , a c h te n w i r a u f s e in e E m p f i n d u n g s i n h a l t e oder

a u f d ie G e g e n s ta n d e d e r W a h r n e h m u n g , s o h a b e n w i r k e in e A n -

schauung vo m R o o n s . B r ic h t a b e r d ie s e A n s c h a u u n g b litza r tig

30 d u r c h , u n d z w a r a is w i r k li c h e A n s c h a u u n g , h a b e n w i r n i c h t b lo s s

L e e r in te n tio n , s o is t d a s p e r z e p t iv e G e s ic h ts fe ld f ü r d e n A u g e n -

b lic k u n b e b a u t; g a n z s o , w ie b e im D u r c h b r u c h - e in e s S t ü c k s d e s

re c h te n G e s ic h ts fe ld e s im .s t e r e o s k o p i s c h e n W e tts tr e it d e r Seh-

1 Sinnesfelder der Empfiudung und Phantasie. Wáhrend die Sinnesfelder der


Empfindung im Verlauf des Bewusstseinslebens stetig erfüllt sind und sich gesetz-
massig andern, gilt dies nicht von den Sinnesfeldern der Phantasie. Sie kommen und
verschwinden, und die verschiedenen, zu demselben Sinn gehorigen Felder der Phan­
tasie im Laufe der Zeit bilden keine kontinuierliche Einheit.
76 TEXT NR. 1 (1904/05)

fe ld e r d a s e n ts p re c h e n d e S t ü c k d e s lin k e n v e r s c h w u n d e n is t u n d

u m g e k e h rt. F r e ilic h is t a u c h d ie D i f f e r e n z u n v e r k e n n b a r . B e im
le t z t g e n a n n t e n W e t t s t r e i t e n t s p r in g t i m m e r e in e in h e itlic h e s p e r -
z e p t iv e s G e s ic h t s fe ld , e v t l , e in s o lc h e s , i n d e m s ic h d ie S t ü c k e d e r
5 s tr e ite n d e n b e id e n F e ld e r d u rc h s e tze n . H ie r a b e r is t d a s n íc h t

d e r F a l l , o b s c h o n e s m a n c h m a l s c h e in t, a is o b s ic h d a s B i l d der

P h a n ta s ie in das G e s ic h ts fe ld der W ah m e h m u n g h in e in s e tzte .

D a s s ic h h in e in s e t z e n d e B i l d g i b t s ic h d o c h n ie m a ls a is p e r z e p t i v e
E r s c h e i n u n g , a is S t ü c k d e s W a h r n e h m u n g s fe ld e s . I c h m e in e d e r

10 E r s c h e in u n g n a c h , a b g e se h e n e tw a vo n w e ite re n A u ffa s s u n g e n .

D ie s e r W id e r s tr e it b e s te h t auch h in s ic h tlic h der T a s tfe id e r in

P h a n ta s ie u n d W a h rn e h m u n g , u n d b e id e rs e its b e trifft er e n t­

s p re c h e n d e S tü c k e der F e ld e r. Dagegen s to re n s ic h gar n ic h t

P h a n ta s ie fe ld des G e h o r s in n e s u n d W a h r n e h m u n g s fe ld des

15 T a s t s in n e s , u n d so ü b e rh a u p t in B e zie h u n g au f v e rs c h ie d e n e

S in n e s g e b ie te . D e r W id e r s tr e it s c h e in t auch n ic h t z u b e s te h e n

in n e r h a lb d e s G e h o r s in n e s . E r b e t r if ft o ffe n b a r n u r d ie L o k a li­

ta t, d ie das Fu n d a m e n t der o b je k tiv -p h a n o m e n a le n R a u m -

o rd n u n g is t. D a s p e r ze p tiv e u n d das im a g in a tiv e G e s ic h ts fe ld

20 h a b e n d ie s e lb e n O r d n u n g s w e r t e , d ie s e lb e n p h á n o m e n o lo g is c h e n

O rts a n o rd n u n g e n . G le ic h z e itig konnen aber n ic h t zw e i A n -

sch au u n g en zu r E in h e it e in e r A n s c h a u u n g g e b ra c h t w e rd e n , in

d e n e n d ie L o k a l w e r t e s ic h w ie d e r h o le n .
N a tü r lic h g ib t es im w a h re n S in n k e in H in e in p h a n ta s ie r e n in

2 5 d ie W a h m e h m u n g , a is o b d a w a h r li c h e in e M is c h u n g e n t s p r in g e n

k o n n te . P h a n ta s ie re ic h d ie w e is s e K r e id e a is ro te K r e id e , so

h a b e ic h im M o m e n t e in e s ie g e n d e P h a n t a s i e „ r o t e K r e i d e ” , a b e r

a ls b a ld s ic h a b w e c h s e ln d m it d e r P e r ze p tio n „w e is s e K re id e ” :
b e id e zu r S y n th e s is des W id e r s tr e its g e b ra c h t. D ie S y n th e s is

3 0 b r in g t d ie e n ts p re c h e n d e n T e ñ e d e r F e ld e r z u r s y n th e tis c h e n E i n ­

h e it, z u r E in h e it der Ü b e r e in s tim m u n g oder zu m W id e r s tr e it,

aber d ie s e E in h e it im in te lle k tiv e n Ü b e r g a n g s b e w u s s ts e in is t

n ic h t d ie E i n h e i t d e r E r s c h e in u n g , d ie E i n h e i t d e r p e r z e p t iv e n

o d e r E in h e it d e r im a g in a tiv e n A n s c h a u u n g .
TEXT NR. 1 (1904/05) 77

<§ 3 7 . Ob n ic h t W a h m e h m u n g e in e n u r s p r ü n g lic h e n V o rz u g h a b e n
m üsse, d a E m p f in d u n g e n a l l e i n B e g r ü n d e r v o n G e g e n w a r ts r e a lita t
sind. S c h w ie r ig k e it b e z ü g lic h d e r ir r e a l e n P h a n t a s m e n a i s g e g e n -
w drtiger s in n lic h e r I n h a lt e . V e rs u c h e in e r A n tw o r t : im a g in a t iv e
5 A u ffassu n g d e r P h a n t a s m e n u n m itt e lb a r e in V e rg e g e n w d rtig u n g s -
bewusstsein h o n s t itu ie r e n d ; M o g lic h k e it n a c h tr a g lic h e r E in o r d n u n g
der P h a n t a s ie e r s c h e in u n g u n d d e r f u n d ie r e n d e n P h a n t a s m e n i n d ie
G egenw art>

Es ergibt sich nun aber eine weitere Frage. Es wechseln die ent-
10 sprechenden Raumfeider der Wahmehmung und Phantasie ab,
sie schliessen die Moglichkeit der Einheit in einer Erscheinung
aus: Jetzt habe ich das Gesichtsfeld: dieses Hausl. jetzt das
Gesichtsfeld: Hainberg und Roons. Aber warum ist das eine
Wahmehmung des Hausls, das andere Phantasievorstellung vom
15 Roons? Woran solí die verschiedene Auffassung ihren Anhalt
finden ? Warum wechselt nicht auch die Auffassung, oder warum
wird nicht einmal dies und einmal jenes ais aktuelle Gegenwart
genommen? Konnen wir mit bloss sekundáren Merkmalen aus-
kommen? Angenommen, wir hatten schon Wahmehmung aus-
20 gezeichnet. Nun wird sie durchbrochen durch eine Phantasie. Im
Übergang vom einen zum anderen erleben wir gegenstándliche
Diskontinuitát. Warum muss aber Kontinuitát statt Diskontinui-
tát gelten? Wamm gilt das Durchbrechende ais Phantasie?
Warum ais nichtgegenwártig undevtl. nur durch einen moglichen
25 Wahrnehmungszusammenhang mit der aktuellen Wahmehmung
zu Verbinder.des?
Und jedenfalls, muss nicht Wahmehmung einen ursprünglichen
Vorzug haben, der die Rückbeziehung aller Objektivitát auf sie
ermoglicht ? In der Tat scheint schon in den sinnlichen Inhalten
30 beiderseits ein phanomenologischer Unterschied stattzuhaben.
Die Empfindungen allein haben die echte Realitat, und zwar
Gegenwartsrealitat, und sind die Begründer echter Realitat in
mtentionalen Zusammenhángen. Ihnen gegenüber sind Phan­
tasmen wie Nichtigkeiten. Sie sind irreal, sie gelten nichts für
35 sich, sondern nur ais Darsteller für anderes, das gegeben eben
wieder Empfindung ware.
Aber da ergibt sich eine grosse Schwierigkeit. Die Evidenz der
78 TEXT NR. 1 (1904/05)

c o g ita tio le h r t m ic h d o ch , dass d ie P h a n ta s ie n u n d dem gem áss

a u c h d ie P h a n t a s m e n w ir k lic h e E r le b n is s e s in d . D i e P h a n t a s m e n

s in d d o c h in W a h r h e it e in G e g e n w á r tig e s , g e g e n w a r tig e s in n lic h e

I n h a l t e , u n d a is T e i l e v o n R e a l i t á t e n s e lb s t r e a l.
5 M a n k o n n te so a n tw o rte n : Z u d e n E m p fin d tm g e n g e h o rt w e -

s e n tlic h d ie W a h rn e h m u n g s a u ffa s s u n g . In e rs te r L in ie w e rd e n

s ie a is s e l b s t g e g e n w á r t i g g e fa s s t, u n d d a ra u f b a u e n s ic h d ie e r-

w e ite r n d e n e m p ir is c h e n A u ffa s s u n g e n , o d e r d ie m o d ifiz ie r e n d e n ,

d ie das tra n s e u n t W a h rg e n o m m e n e k o n s titu ie r e n . Z u den

10 P h a n t a s m e n a b e r g e h o re n im a g in a tiv e A u ffa s s u n g e n . D ie s e

im a g in a tiv e n A u ffa s s u n g e n s in d n ic h t fu n d ie r t in d ire k te n A u f ­

fa s s u n g e n p e r ze p tiv e r A r t, w e lc h e den s in n lic h e n In h a lt e rs t

< e in > m a l a is G e g e n w á rtig e s a n s e tze n u n d dan n a is B ild e in e s

a n d e re n n e h m e n , s o n d e rn v e rm o g e ih r e r m e h r o d e r m in d e r e n t -

15 f e m t e n Á h n lic h k e it fu n d ie r e n s ie u n m itte lb a r e in im m a n e n te s

V e rg e g e n w á rtig u n g s b e w u s s ts e in , e in m o d ifizie r te s B e w u s s ts e in ,

d e s H in e in s c h a u e n s d e s G e m e in t e n in d a s E r le b te , o h n e d a ss je -

doch d a s s in n lic h E r le b te e rs t fü r es f ü r s ic h , u n d z w a r f ü r e in

G e g e n w á r tig e s , g e lte n w ü r d e . N a c h tr á g lic h k o n n e n w ir a b e r v o n

2 0 d ie s e m C h a ra k te r d e r Im a g in a tio n a b s tra h ie re n , w ir k o n n e n d ie

k o n k r e te P h a n ta s ie e rs c h e in u n g , in d e m w i r s ie a is g l e i c h z e i t i g m i t

e in e r G e g e b e n h e it d e r W a h r n e h m u n g e r fa s s e n , a is e in J e t z t an­

s e t z e n , z . B . e in e v is u e lle G e s ic h t s e r s c h e in u n g a is j e t z t , a is g le ic h ­

z e it ig e rfa s s e n m it e in e m S c h r e i, d e n w ir h o r e n , u n d d a n n in d e r

25 K o m p le x io n d e r P h a n ta s ie e rs c h e in u n g d u r c h A n a ly s e a b tre n n e n

das P h a n ta s m a , da s n u n s e lb s t, a is T e i l d e s G a n z e n , e in G e g e n ­

w á rtig e s is t. E rs t der m itte lb a r e P ro ze s s e r g ib t h ie r d ie E in -

o rd n u n g in d ie G e g e n w a r t , d ie s c h o n d u rc h M itte lb a r k e ite n ob-

je k t iv ie r t e , n ic h t u n m itte lb a r e m p fu n d e n e G e g e n w a r t is t.

30 H a lte n w ir uns aber an das U n m itte lb a re , so w ü rd e je d e s

P h a n ta s m a eo ip s o im a g in a tiv e A u ffa s s u n g e r fa h r e n u n d in w e i-

te re r A u s b ild u n g e in e t r a n s e ú n t e im a g in a t iv e A u f f a s s u n g .
TEXT NR. 1 (1904/05) 79

<§ 38. Kennzeichnung des Unterschiedes der Phantasieauffassung


gegenüber der perzeptiv-imaginativen durch das Fehlen des
Bewusstseins eines Gegenwartigen, das erst ais Trdger eines
Bildlichkeitsbewusstseins zu fwigieren hatte>

5 D a m it w ü rd e n w ir auch den U n te r s c h ie d der P h a n ta s ie a u f­

fa s s u n g gegenüber d e r p e r z e p tiv -im a g in a tiv e n A u ffa s s u n g ve r-

s te h e n . B e i d ie s e r, ic h m e in e b e i d e r g e m e in e n B ild a u ffa s s u n g ,

d ie n t e in in der W e is e d e r W a h m e h m u n g E r s c h e in e n d e s , a ls o

e in phánom enal G e g e n w á rtig e s (s e i es auch a is S c h e in o b je k t

10 c h a r a k t e r i s i e r t ) , a is R e p rá s e n ta n t e in e s a n d e re n . A lle r d in g s

schauen w ir , u n s im B e w u s s ts e in d e r im m a n e n te n Im a g in a tio n

b e ta tig e n d , d a s N ic h tg e g e n w a rtig e in d a s E rs c h e in e n d e h in e in ,

a b e r d ie s e s i s t e i n i n d e r W e i s e e in e s G e g e n w a r t i g e n E r s c h e i n e n ­

d e s , es is t e in p e r z e p t i v E r s c h e in e n d e s .

15 B ei der P h a n ta s ie h ab en w ir k e in „ G e g e n w á r tig e s ” u n d in

d ie s e m S in n k e in B ild o b je k t . B e i d e r k l a r e n P h a n t a s i e e r-

le b e n w ir P h a n t a s m e n u n d v e r g e g e n s tá n d lic h e n d e A u ff a s s u n g e n ,

d ie k e i n a is g e g e n w a r tig D a s t e h e n d e s k o n s t it u i e r e n , d a s e r s t a is

Trá g e r e in e s B ild lic h k e its b e w u s s ts e in s zu fu n g ie re n h á tte . D ie

20 B e z ie h u n g au f d ie G e g e n w a rt fe h lt in der E r ^ c h e in u n g s e lb s t

g a n z u n d g a r . U n m i t t e l b a r f in d e t e in S c h a u e n d e s G e m e in te n im

E r s c h e in e n d e n s ta tti W ir ko n n e n n a c h tr a g lic h d ie A u ffa s s u n g

v o llzie h e n : J e t z t e r s c h e in t m i r d ie s d a , ic h h a b e j e t z t d ie s e E r -

s c h e in u n g d e s R a t h a u s e s e t c ., u n d d u r c h s ie b e z i e h e i c h m i c h a u f

25 d a s R a th a u s , , s e lb s t” . A b e r i m s c h lic h te n P h a n ta s ie e r le b n is is t

n ic h t e in A u ff a s s e n e in e r „ g e g e n w á r tig e n R a th a u s e rs c h e in u n g ” ,

e m e s g e g e n w a r tig s ic h p r á s e n tie r e n d e n B ild o b je k t s v o llz o g e n .

W as d ie u n k l a r e n P h a n ta s ie n a n b e la n g t, so s c h e in e n s ie

e in e g e w is s e V e r m i t t l u n g z u f o r d e r n . D e n n w i r k o n n e n s a g e n , d ie

30 s c h w a n k e n d -u n k la r e E r s c h e in u n g w e is t h in a u f m o g lic h e k la r e ,

d ie i h r S te ig e ru n g d e s g e g e n s ta n d lic h e n B e w u s s ts e in s , e in e A r t

E r fú llu n g v e rle ih e n w ü rd e . E c h te E rfü llu n g gábe a b e r d ie e n t-

s p re c h e n d e W a h m e h m u n g . In d e s s e n , im E r le b n is s e lb s t, s c h lic h t

genom m en, u n d ohne d ie O b je k tiv ie r u n g e n , d ie d ie R e fle x ió n


35 n a c h t r a g lic h v o l l z i e h t , v o l l z i e h t s ic h d ie im a g in a t iv e I n t e n t i o n

a u f G r u n d d e r P h a n t a s m e n s o ,'d a s s s ie i m Á h n l i c h e n B e w u s s t s e i n

d e s A h n l i c h e n h a t , u n d w o r i n s ie k e i n e V e r a h n l i c h u n g h a t , d a s i s t
80 TEXT NR, 1 (1904/05)

s o zu s a g e n e ín Le e rs tü c k d e r In te n tio n . A u c h h ie r is t d ie M o g -

lic h k e it g e g e b e n , d a s P h á n o m e n , w ie es g e ra d e i s t , z u fa s s e n a is
P h á n o m e n ie ru n g e in e s g e g e n w a rtig e rs c h e in e n d e n B ild o b je k ts ,
d a s s e h r v e r s c h ie d e n is t v o m S u j e t . A b e r d a s B e w u s s ts e in e in e s

5 G e g e n w a r tig fe h lt g a n z u n d g a r , u n d s o m it a u c h d ie V e r m it t lu n g .

D ie v e rb ild lic h e n d e n M o m e n te tra g e n d ie Im a g in a tio n , das


ü b r ig e s in d n i c h t b e s t im m t e u n d a is b e s t i m m t g e lt e n d e M o m e n t e ,

so n d e rn ,,U n b e s t i m m t h e i t e n ” , u n d d i e s t r e i t e n n i c h t i m m e r m i t

d e r I n t e n t io n u n d g e b e n s o m it k e in s ic h a b h e b e n d e s B i l d o b j e k t -

10 b e w u s s ts e in . A n d e r n fa lls is t e in B e w u s s ts e in e in e s B i l d o b j e k t e s

w i r k li c h v o l l z o g e n , n u r e r s c h e in t d a s B i l d o b j e k t n i c h t a is g e g e n -

w á rtig , so n d e rn s e lb s t schon a is B ild . G e nau so, w ie bei der

W a h rn e h m u n g e in p e r ze p tiv e s B ild o b je k t fu n g ie r t, so h ie r e in

im a g in a tiv e s B ild o b je k t.

15 <§39. Konsequenz der versuchten Auffassung: kein direktes


imaginatives Bewusstsein innerhalb der Sphiire der Wahrnehmung
und Etablierung eines ursprünglichen phdnomenologischen
Unterschieds zwischen Empfindungen und Phantasmen. Hinweis
auf den Glaubenscharakter und die Einteilung der
20 Phantasievorstellungenin blosse Vorstellungen und Erinnerungen>

In d e r K o n s e q u e n z d ie s e r e b e n v e r s u c h t e n A u f f a s s u n g la g e e s ,

d a s s es in n e rh a lb d e r S p h a re d e r W a h r n e h m u n g k e in d i r e k t e s

im a g in a tiv e s B e w u s s ts e in g á b e , v o n d e r A r t , d ie w i r e b e n b e i d e r

P h a n t a s ie b e s c h r ie b e n h a b e n . W e n n s ic h a u f G r u n d v o n E m p f i n -

25 d u n g e n ü b e r h a u p t e in im a g in a tiv e s B e w u s s ts e in v o l l z i e h t , s o g e -

s c h ie h t d ie s u n te r V e r m ittlu n g vo n p e r ze p tiv e n A u ffa s s u n g e n ,

d ie e in e G e g e n w a r t , e in a is g e g e n w a r tig d a s te h e n d e s B ild o b je k t

k o n s t it u ie r e n . F r a g e n w i r , w o r a n d a s lie g t , s o w ü r d e d ie A n t w o r t

la u te n : D ie E m p f i n d u n g w e h r t s ic h s o z u s a g e n g e g e n d ie Z u m u -

3 0 t u n g , a is b lo s s e s B i l d fü r e tw a s z u g e lt e n . S ie is t s e lb s t S t e m p e l

d e r R e a l i t á t , a n i h r m is s t s ic h a lie R e a l i t á t , s ie i s t p r i m a r e , a k -

tu e lle G e g e n w a rt. A b e r w á h re n d s ie e in e G e g e n w a r t e r s c h e in e n
lá s s t , k a n n s ie z u g l e i c h d a s B e w u s s t s e in a u f A n a l o g e s h i n l e n k e n

u n d g e s ta tte t e s , zu g le ic h e in a n d e re s , N ic h tg e g e n w á r tig e s h ie r

35 h in e in z u s c h a u e n . D a s P h a n t a s m a h in g e g e n , d e r s in n lic h e I n -
h a l t d e r P h a n t a s i e , g i b t s ic h a is n ic h t g e g e n w á r t ig , e s w e h r t s ic h
TEXT NR. 1 (1904/05) 81

gegen die Z u m u t u n g , f ü r g e g e n w a r t i g g e n o m m e n z u w e r d e n , e s
íúhrt von v o m h e r e i n d e n C h a r a k e r d e r I r r e a l i t a t m i t s i c h , e s h a t
primar die F u n k t i o n , f ü r e t w a s a n d e r e s z u g e l t e n . E r s t d i e i n d i -
rekte Reflexión v e r l e i h t i h m e i n e a k q u i r i e r t e G e g e n w a r t .
5 Wir k a m e n s o a u f d i e E t a b l i e r u n g e i n e s u r s p r ü n g l i c h e n p h á -
n o m e n o lo g is c h e n U n t e r s c h ie d s z w is c h e n E m p f i n d u n g u n d P h a n -

tasma ( I m p r e s s i o n u n d I d e e ) , u n d d a r a u f b a u t e s i c h u r s p r ü n g l i c h
Wahrnehmung — u r s p r ü n g h c h P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g . Z u r E m p ­
findung gehorte w e s e n t l i c h W a h r n e h m u n g , u n d a l i e A u s b i l d u n g
10 transzendenter W a h r n e h m u n g e n b e h i e l t e d a s G e m e i n s a m e , d a s s
sie d e n K e r n d e r E m p f i n d u n g a i s d a s W a h r n e h m u n g E r m o g -
lichende v o r a u s s e t z t e . D i e W a h r n e h m u n g g i b t d a b e i d i e a k t u e l l e
Gegenwart, d i e p r i m a r e , d i e a n g e s c h a u t e . D i e a n g e s c h a u t e i m
engsten S i n n b e z i e h t s i c h a u f a d a q u a t e W a h r n e h m u n g . D i e u n -
15 bestrittene W a h r n e h m u n g i s t G l a u b e , u n d z w a r u r s p r ü n g l i c h i n -
tuitiver Glaube, d e r d a s w i r k í i c h G e g e n w a r t i g e a i s s o l c h e s p h á n o -
menal k o n s t i t u i e r t . D i e b e s t r i t t e n e G e g e n w a r t , d . i . d e r W i d e r -
streit einer G e g e n w a r t s e r s c h e i n u n g g e g e n e i n e u n b e s t r i t t e n e , e r -
gibt den a n s c h a u l i c h e n S c h e i n , d a s v e r m e i n t l i c h u n s a i s g e g e n -
20 wártig erscheinende U n d i n g .
Dass der G l a u b e n i c h t e t w a d a s A u s z e i c h n e n d e d e r W a h r ­
nehmung a u s m a c h t , b r a u c h e i c b k a u m z u s a g e n . D i e P h a n t a s i e -
vorstellungen z e r f a l l e n i n b l o s s e V o r s t e l l u n g e n u n d E r i n n e r u n -
gen. Die letzten < s i n d > e b e n f a l l s d u r c h G l a u b e n a u s g e z e i c h n e t .
25 In d e r E r i n n e r u n g e r s c h e i n t e i n e G e g e n s t á n d l i c h k e i t i n t u i t i v ,
aber von ihr i s t i m ( p r i m a r e n S i n n n i c h t s g e g e b e n . D i e G e g e n ­
stándlichkeit e r s c h e i n t v o n e i n e r S e i t e , e b e n s o w i e d i e g l e i c h e i n
der Wahrnehmung n u r 1 v o n e i n e r S e i t e e r s c h e i n e n w ü r d e . W á h -
rend aber hier d i e e r s c h e i n e n d e S e i t e d a s a k t u e l l G e g e n w a r t i g e
30 vom Ding ist, i s t s i e b e i d e r E r i n n e r u n g n u r d a s a k t u e l l E r i n n e r t e ,
das Erinnerte i m p r i m a r e n S i n n . D a s ü b r i g e v o m G e g e n s t a n d i s t
beiderseits hinzu a p p r e h e n d i e r t .
82 TEXT NR. I (1904/05)

<8. K apitel
E r g e b n i s s e u n d V o r b l i c k a u f die A n a l y s e n
des Z e i t b e w u s s t s e i n s >

<§ 40. Bestimmung des wesentlichen Untersckiedes zwischen


5 der Imagination im eigenttichen Sin n (-perzeptiver Imagination)
and Imagination ais Phantasie>1

D a s E r g e b n is u n s e re r le tz te n U n te rs u c h u n g e n konnen w ir so

r e k a p itu lie r e n : E s b e s te h t zw is c h e n d e r Im a g in a tio n im e ig e n t-

lic h e n S in n ( z .B . p h y s is c h e r B ild lic h k e it) u n d der Im a g in a tio n

10 i m S in n d e r s c h lic h te n P h a n t a s ie e in w e s e n tlic h e r U n t e r s c h ie d .

1) Im a g in a tio n im e ig e n tlic h e n S i n n , V o r s t e ll u n g m it t e l s e in e s

B i l d e s , b e s te h t d a r in , d a s s e in e rs c h e in e n d e r G e g e n s ta n d a is

A b b i l d g ilt f ü r e in e n a n d e r e n , ih m g le ic h e n o d e r á h n lic h e n G e g e n ­

s ta n d . Im F a l l e in e s p h y s is c h e n B ild e s k o n s t it u i e r t s ic h d e r e r-

15 s c h e in e n d e G e g e n s ta n d in e in e r W a h m e h m u n g . A ls o e in a is

g e g e n w á r tig e rs c h e in e n d e r G e g e n s ta n d fu n g ie r t a is B ild r e p r á s e n -
t a n t f ü r e in e n n ic h tg e g e n w á r tig e n , g e n a u , f ü r e in e n a n d e r e n , in

d ie s e m A k t e n i c h t s ic h p r á s e n t ie r e n d e n G e g e n s t a n d . H i e r d u r c h -

* d rin g e n s ic h m e h r fa c h A u ffa s s u n g e n ; g a n z á h n lic h w ie im F a ll

2 0 d e r s ig n ie r e n d e n b z w . s y m b o lis ie r e n d e n F u n k tio n : D a s S ym b o l

e r s c h e in t f ü r s ic h , is t a b e r T r á g e r e in e r B e z ie h u n g a u f e in a n d e r e s ,

d a r in B e z e ic h n e te s . S o is t a u c h b e i d e r e ig e n tlic h e n B i l d f u n k t i o n

d a s ,,B i l d ” i n e in e r e ig e n e n g e g e n s ta n d lic h e n A u ff a s s u n g k o n s t i­

tu ie r t u n d Trá g e r e in e r B e z ie h u n g a u f d a s A b g e b ild e te . D a b e i

25 s t e llt e n s ic h fr e ilic h z w is c h e n d e r s y m b o lis ie r e n d e n F u n k t i o n u n d

der im B ild d a r s te lle n d e n w ic h tig e U n te rs c h ie d e h e ra u s . D ie

s y m b o lis ie re n d e F u n k tio n is t e in e á u s s e rlic h v o rs te lle n d e , d ie

b ild lic h e e in e in n e r lic h d a r s te lle n d e , in s B ild d ie Sache h in e in -

schauende. — In je d e r B ild r e p r á s e n t a t io n u n te r s c h e id e n w i r d ie

30 T r á g e r d e s B e w u s s ts e in s d e r V e r b ild lic h u n g v o n d e n M o m e n te n ,

d ie d ie s e m B e w u s s ts e in á u s s e rlic h b le ib e n . U n t e r a lie n U m s t á n -

d e n m u s s z u d e n T r á g e r n e in e r d i n g l i c h e n V e r b ild lic h u n g d ie

p l a s t i s c h e F o rm g e h o re n , n ic h t aber d ie q u a lita tiv e n B e -


s tim m th e ite n . Im r e in e n B e w u s s ts e in der V e r b ild lic h u n g w ird

1 7.II.1905. Resümee.
TEXT NR. 1 (1904/05) 83

jn das B ild h in s ic h tlic h d ie s e s t r a g e n d e n K e r n e s das S u j e t

h in e in g e s c h a u t u n d <es> id e n t ifiz ie r t s ic h d a m it r e in . D a s B e ­
w u s s ts e in d e r D e c k u n g k a n n a b e r a u c h u n r e in s e in , d .h . d e r A b ­

s ta n d z w is c h e n d e r S u je tin te n tio n u n d d e r B ild o b je k te r s c h e in u n g


5 w ir d fü h lb a r , u n d zw a r auch h in s ic h tlic h d e r v e rb ild lic h e n d e n

M o m e n te . — D ie s s in d d ie Ü b e rg a n g s p h á n o m e n e zu m s y m -
b o l i s c h fu n g ie re n d e n B ild b e w u s s ts e in . D a s B ild w e is t nun

a u s s i c h h e r a u s , es w e is t a u f e in s ic h d a v o n a b h e b e n d e s a n -

d e re s h i n , a n d a s es v e r m o g e s e in e r Á h n lic h k e it e r in n e r t u n d d a s

10 es a is Á h n lic h k e its r e p r á s e n ta n t a b b ild e t. D ie s e á u s s e rlic h ab-

b ild e n d e F u n k tio n h a fte t a u c h dem ,,g e t r e u e n ” B ild a n , s o w ie

d ie A c h t s a m k e i t a u f d ie je n ig e n M o m e n t e d e s B i l d o b j e k t s g e r ic h -

te t is t, d ie h in s ic h tlic h der D a r s te llu n g e in M a n ko d a rs te lle n :


n á m lic h d ie ü b e r h a u p t n i c h t d a r s t e lle n . S o lc h e r M o m e n t e g i b t es

15 i m m e r : D a s B ild is t n ic h t s e lb s t d a s O r ig in a l. S o v ie l ü b e r d ie

Im a g in a tio n im e ig e n tlic h e n S in n , z u n á c h s t in d e r F o r m der p h y -


s is c h e n I m a g i n a t i o n .

2) D ie I m a g i n a t i o n a i s P h a n t a s i e . S ie is t vo n der

I e ig e n tlic h e n B i l d f u n k t i o n , g le ic h g iiltig o b i n i h r d a s im m a n e n te

20 o d e r d a s t r a n s e ú n t e B ild b e w u s s t s e in p r á v a l i e r t , s c h a r f g e s c h ie d e n
d a d u rc h , dass es ih r an e in e m s ic h e ig e n s k o n s titu ie r e n d e n

B i 1 d o b j e k t f e h lt . U n d n u n g a r e in a is g e g e n w á r tig e rs c h e in e n d e s

B ild o b j e k t . H i e r w i r d a ls o n ic h t w ie i n d e r p h y s is c h e n B ild lic h -

k e it in e in a is g e g e n w á r t ig e r s c h e in e n d e s B i l d o b j e k t , i n e in O b -

25 j e k t , d a s s ic h a is G l i e d d e r B l i c k fe ld g e g e n s t á n d lic h k e it g e b á r d e t ,
d a s S u je t h in e in g e s c h a u t, o d e r á u s s e rlic h d u r c h e in s o lc h e s d a s

S u je t a b g e b ild e t, o d e r g a r n a c h e n tfe r n te r A h n lic h k e it s y m b o li-

s ie rt. I n d e r P h a n t a s ie v o r s t e llu n g h a b e n w i r z w a r e in e E r s c h e i -

nung vo n e in e m G e g e n s ta n d , a b e r k e in e E r s c h e in u n g v o n e in e m

30 G e g e n w á r t ig e n , m itte ls w e lc h e r E r s c h e in u n g vo n N ic h tg e g e n -

w á rtig e m z u s ta n d e k á m e . W i r w e r d e n g le ic h h o r e n , d a s s es a u c h

an e in e m B ild o b je k t in je d e m a n d e re n S in n bei den s c h lic h te n


P h a n ta s ie v o rs te llu n g e n fehlt.
84 TEXT NR. 1 (1904/05)

<§41. Unterscheidung der schlicMen Phantasievorstellung


und der bildlich sich vermittelnden; schlichte Phantasievorstellung
ais Voraussetzung der echten imaginativen Funktion in
der Phantasie>

5 D o c h w ir m ü sse n der K la r h e it h a lb e r n u n zw e i F a lle u n te r-

s c h e id e n , 1) d ie s c h l i c h t e P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g 2) die

b i l d l i c h s i c h v e r m i t t e l n d e . In d e r le tz te n b e zie h t s ic h

d ie V o r s te llu n g m itte lb a r auf den G e g e n s ta n d , n á m lic h m itte ls

e in e r B i l d v o r s t e l l u n g , s o d a s s s ic h h i e r , a n a lo g w ie b e i d e r p h y -

10 s is c h e n B ild fu n k tio n , e in B ild b e w u s s ts e in k o n s titu ie r t. In der


s c h lic h te n P h a n ta s ie v o r s te llu n g is t das n ic h t der F a ll. In der

b ild lic h e n s in d z w e i V o r s te llu n g s fu n k tio n e n a u fe in a n d e rg e b a u t


u n d d u r c h B ild lic h k e its b e z ie h u n g a u fe in a n d e r b e z o g e n : D ie fu n -

d ie r e n d e is t e in e P h a n t a s ie v o r s t e llu n g . S ie k o n s t it u i e r t p h a n t a -

15 s ie m á s s ig e in O b j e k t , d a s n u n s e in e r s e its m i t e in e r i m a g i n a t i v e n

F u n k tio n a u s g e s ta tte t is t. So z.B . w enn e in G e o lo g e s ic h auf

G ru n d vo n e in ig e n , d u r c h V e r s te in e r u n g e n a n d ie H a n d gegebe-

nen M e r k m a le n e in e a n s c h a u lic h e V o r s te llu n g vo n e in e r vo r-

w e l t l i c h e n T i e r a r t m a c h t .1
20 ' U n d so ü b e rh a u p ty 2 w e n n e in P h a n ta s ie b ild eben a is b lo s s e s

B ild fü r e tw a s d ie n t, w a s im B i l d n ic h t s e lb s t a is a n g e s c h a u t g e -

n om m en w ir d . A u c h h ie r k a n n je nachdem das H in e in s c h a u e n

o d e r d a s S y m b o lis ie r e n u n d A n a lo g is ie r e n ü b e r w ie g e n . D e r U n t e r -

s c h ie d d ie s e r e c h te n u n d e ig e n tlic h e n B i l d f u n k t i o n in d e r P h a n -

2 5 .ta s ie gegenüber d e rs e lb e n F u n k tio n im F a ll der B i l d l i c h -


k e i t d e r W a h r n e h m u n g is t k l a r : D a s B ild o b j e k t is t in d ie -

s e m F a l l e in a is g e g e n w á r tig e r s c h e in e n d e s , i n d e m P h a n ta s ie fa ll

e in p h a n ta s ie m á s s ig e r s c h e in e n d e s , a ls o n ic h t g e g e n w á r tig e r-

s c h e in e n d e s . A n d e re rs e its aber hebt s ic h das B e w u s s ts e in der

30 e c h te n B ild lic h k e it a is e in G e m e in s a m e s h e ra u s . F e m e r is t es

k l a r , d a s s d ie e c h te im a g in a t iv e F u n k tio n in d e r P h a n ta s ie v o r -

a u s s e t z t e in e P h a n t a s ie v o r s t e llu n g , d ie n ic h t w ie d e r im a g i n a t i v ,

w e n ig s te n s d ie s n ic h t in d e m s e lb e n S in n is t. W ir w e rd e n a ls o
h in g e w ie s e n a u f s c h lic h te P h a n t a s ie v o r s t e llu n g e n ; w ie d ie W a h r -

35 n e h m u n g s b ild lic h k e it in W a h rn e h m u n g fu n d ie rt is t, so is t d ie

1 Hier steckt ein Glaube, eine Vermutung. Also die Vorstellung keine „blosse”.
3 Bekannt und unbekannt.
TEXT NR. 1 (1904/05) 85

P h a n ta s ie b ild lic h k e it fu n d ie r t in - P h a n t a s ie , d ie n ic h t s e lb s t
schon B ild lic h k e it is t.

<§ 4 2 . U tn g r e n z u n g d e s B e g r if f s d e r s c h lic h te n
P h a n t a s ie v o r s t e llu n g a i s V o llz u g v o n r e in e m
5 V e r g e g e n w a r t ig u n g s b m u s s t s e in ; im m a n e n te s B ild b e w u s s t s e in
a i s P h a n t a s ie b e w u s s t s e in . T e rm in o lo g is c h e F e s t le g u n g d e r
G egen sd tze W a h r n e h m u n g — P h a n t a s i e o d e r G e g e n w á r tig u n g
( P r d s e n t a tio n ) — V e r g e g e n w á r tig u n g (R e p r a s e n t a tio n ) >

W ie s in d n u n d ie s c h lic h te n P h a n ta s ie v o rs te llu n g e n zu ve r-

10 stehen? W e n n u n s e re P h a n ta s ie s ic h s p ie le n d m it E n g e ln u n d

T e u fe ln , m it Z w e r g é n u n d N ix e n b e s c h a ftig t, o d e r w e n n u n s e re
E r in n e ru n g u n s in d ie V e r g a n g e n h e it h in e in v e r s e t z t, d ie in an-

s c h a u lic h e n G e s ta ltu n g e n vo r u n s e re m G e is t v o r ü b e r zie h t, so

gelten d i e / e r s c h e i n e n d e n G e g e n s t a n d l i c h k e i t e n n i c h t a i s B i l d -
15 objekte, a i s b l o s s e R e p r á s e n t a n t e n , A n á l o g a , B i l d e r f ü r a n d e r e :
1 Wáhrend b e i e c h t e n B i l d e m e i n H i n a u s s c h a u e n , e i n a u f a n d e r e s
H in g e w ie s e n s e in , m b g lic h is t u n d s t a t t h a t , h a t d ie s h ie r g e n a u

betrachtet g a r k e i n e n S i n n . D a s W o r t „ I m a g i n a t i o n ” , d i e R e d e
von P h a n t a s i e b i l d e r n u . d g l . d a r f u n s h i e r s o w e n i g t a u s c h e n w i e
20 bei der W a h r n e h m u n g d i e R e d e v o n „ W a h r n e h m u n g s - B i l d e r n ” .
Diese Reden s t a m m e n a u s d e r R e f l e x i ó n , d i e d i e E r s c h e i n u n g e n
der P h a n t a s i e g e g e n ü b e r s e t z t d e n m o g l i c h e n W a h m e h m u n g e n
derselben G e g e n s t a n d l i c h k e i t , u n d w i e d e r d i e W a h m e h m u n g e n
den n i c h t w a h r n e h m u n g s m a s s i g z u g e b e n d e n „ D i n g e n a n s i c h ” .
25 Die P h a n t a s i e e r s c h e i n u n g , d i e s c h l i c h t e , m i t k e i n e r d a r a u f -
gebauten B i l d l i c h k e i t b e s c h w e r t e , b e z i e h t s i c h e b e n s o e i n f á l t i g
auf d e n G e g e n s t a n d w i e d i e W a h r n e h m u n g . D o c h m ü s s e n w i r
hier a b e r m a l s s c h e i d e n : d i e k l a r e n , v o l l k o m m e n a n g e m e s s e n e n
P h a n ta s ie n u n d d ie u n k la r e n u n d s c h lie s s lic h s o g a r v o llig ve r-

30 dunkelten P h a n ta s ie n . B e tr a c h te n w ir d ie k l a r e n P h a n t a ­

s ie n , z.B . d ie k la r e n E rin n e ru n g e n , u n d fü h re n w i r a lie s o b ig e

zu n a c h s t d u rc h , o h n e u n s u m d ie u n k la r e n P h a n ta s ie n zu kü m -

mern. V o n d e n k la r e n P h a n ta s ie n g ilt n u n , d a s s s ic h b e i ih n e n

auf G r u n d der P h a n ta s m e n u n d d e r s ie o b je k tiv ie r e n d e n A u f-

35 fa s s u n g e in r e in e s V e r g e g e n w á r tig u n g s b e w u s s ts e in v o l l z i e h t . I n -
dem d ie P h a n t a s m e n o b je k t iv ie r t w e r d e n , k o n s t i t u i e r t s ic h
86 TEXT NR. t (1904/05)

n i c h t v o r h e r e in vo rsc h w e b e n d e s u n d g a r a is g e g e n w á r t ig e r-
s c h e in e n d e s B i l d o b j e k t , s o n d e r n d a s E r s c h e in e n d e is t u n m itt e l-

b a r das N ic h tg e g e n w á rtig e . D ie g e g e n s tá n d lic h e In te n tio n , g e -

ric h te t au f das p h a n ta s ie rte O b je k t, h a t ih re F ü lle in den e r-

5 le b te n P h a n t a s m e n , g e n a u s o , w ie d ie g e g e n s tá n d lic h e In te n tio n

der W a h rn e h m u n g ih re F ü lle h a t in den E m p fin d u n g e n . D a s

s c h lie s s t g a r n i c h t a u s , d a s s d ie P h a n t a s i e i n g e w is s e r W e is e a u f

W a h rn e h m u n g w e s e n tlic h B e zie h u n g h a t , n á m lic h d a s s s ie s ic h

im F a ll der Id e n tifiz ie r u n g m it e in e r e n ts p re c h e n d e n W a h r-

10 n e h m u n g b e k r á ftig t, re ic h e r, tie fe r e r fü llt1 u n d dass das B e -

w u s s ts e in e rw á c h s t: D a s P h a n ta s ie r te s e i b lo s s V e rg e g e n w á rti-

gung d e s s e n , w a s h ie r in der W a h rn e h m u n g w ir k lic h s e lb s t g e -

g e b e n i s t , u n d in g e w is s e m S i n n a ls o , d ie P h a n t a s ie g e b e e in b lo s -

ses B ild d e r W a h m e h m u n g s g e g e n s tá n d lic h k e it, d .i . der G egen-

15 s t á n d lic h k e it s e lb s t. A b e r an s ic h s e lb s t e n t h á lt d ie P h a n ta s ie -

v o rs te llu n g k e in e m e h rfá ltig e In te n tio n , V e r g e g e n w á r t i -

g u n g i s t e i n l e t z t e r M o d u s i n t u i t i v e r V o r s t e l l u n g ,

g e n a u s o w ie W a h r n e h m u n g s v o r s te llu n g , w ie G e g e n w á r tig u n g .

W a s u n s z e itw e is e g e s to r t u n d b e ir r t h a t , w a r d ie e v id e n te i n -

20 n e re V e rw a n d ts c h a ft des im m a n e n te n , nach in n e n g e w a n d te n

B ild b e w u s s ts e in s m it d e m P h a n ta s ie b e w u s s ts e in . T a ts á c h lic h is t

d á ts B e w u s s ts e in im W esen b e id e r s e its d a s s e lb e ; n á m lic h m it

o ffe n b a re m R e c h t w e rd e n w ir s a g e n m ü s s e n : D ie s e s im m a n e n te

B ild b e w u s s ts e in is t P h a n t a s i e b e w u s s t s e i n , d .h . u n te r s c h e id e t

2 5 s ic h v o n e in e m e n ts p r e c h e n d e n P h a n t a s ie b e w u s s ts e in in s ic h b e -

t r a c h t e t g a r n ic h t . A b e r e s d u r c h d r in g t s ic h h ie r m i t e in e m p rá -

s e n ta tiv e n B e w u s s ts e in . D ie s e lb e n s in n lic h e n I n h a l t e , d ie s e lb e n

E m p f i n d u n g e n w e r d e n z u g le ic h a u fg e fa s s t a is d a s B i l d o b j e k t u n d

zu g le ic h d ie n e n s ie g a n z w i e P h a n t a s m e n a is T r á g e r o d e r w e n i g -

3 0 s t e n s e in e m K e r n n a c h a is T r á g e r e in e s P h a n t a s i e b e w u s s t s e i n s . A u f

W a h rn e h m u n g b a u t s ic h e in P h a n ta s ie b e w u s s ts e in , m o g lic h is t

d a s a b e r n u r v e r m o g e d e r b e s p r o c h e n e n W id e r s tr e it e , w e lc h e d ie

g e g e n w á rtig e n d e F u n k tio n der E m p fin d u n g e n a u fh e b e n . F e h lt

d e r W id e r s tr e it, d a n n w ird E m p fin d u n g im m e r z u r G e g e n w a rt

35 o b je k tiv ie r t u n d c h a ra k te ris ie rt u n d s c h lie s s t d a m i t e v i d e n t d a s

,,n i c h t g e g e n w á r t i g ” d e r P h a n ta s ie aus. O bschon m an in e in e m

g e w is s e n g u t e n S in n v o n B i ld lic h k e it i n d e r P h a n t a s ie s p r ic h t u n d

1 Bekraftigung nur bei Glaubens-, Vermutungsakten!


TEXT NR. 1 (1904/05) 87

o b s c h o n a n d e re rs e its a u c h in d e r g e m e in e n B ild lic h k e it d ie P h a n ­


ta s ie das w e s e n tlic h s te M o m e n t a u s m a c h t, w ie w ir soeben e r-

k a n n t h a b e n , s o s c h e in t es d o c h w o h l a m A n g e m e s s e n s te n , v o n

, .B i l d l i c h k e i t ” , „ b i l d l i c h e r A u f f a s s u n g ” n u r da zu sp re c h e n , w o

5 w ir k lic h e in B ild e r s c h e in t , d a s e r s t s e in e r s e its f ü r e in A b g e b i l -

d e te s a is re p rá s e n tie re n d e s O b je k t fu n g ie r t. B e i d e r s c h h c h te n

P h a n ta s ie a ls o , w o d a s n ic h t s t a t t h a t (w ie g ro s s d ie V e r s u c h u n g

a u c h i s t , h ie r d ie g le ic h e S a c h la g e z u s u p p o n ie r e n ), t u t m a n am

b e s te n , e in e n a n d e r e n T e r m in a s zu g e b ra u c h e n . M a n m u s s h ie r

10 d e n T a t s a c h e n s c h o n s e h r tie f a u f d e n G ru n d gehen, u m zu e r-

k e n n e n , dass es z w a r in g e w is s e m S in n s e lb s tv e r s tá n d lic h is t z u

sagen: Im g e g e n w a rtig e n B e w u s s ts e in w ir d d a s N ic h tg e g e n w á r­

tig e r e p r á s e n tie r t, d ie g e g e n w a rtig e n P h a n ta s m e n u n d A u ffa s -

s u n g e n r e p r á s e n tie r e n f ü r d ie e ig e n tlic h in te n d ie r te n , a b e r n ic h t

15 g e g e n w a r t i g e n : u n d d a s s d o c h d ie s e v e r w a n d t e n o d e r i d e n t i s c h e n

A u s d r ü c k e h ie r e in e g a n z a n d e r e p h á n o m e n o lo g is c h e B e d e u t u n g

haben. Is t m an s ic h a b e r s o w e it k l a r , dan n b e d a rf es a n d e re r

T e r m in o lo g ie . E n tw e d e r w ir g e b ra u c h e n das W o rt , , P h a n t a -

I s ie ” s e lb s t, o d e r w ir g e b r a u c h e n das W o rt „ V e r g e g e n w á r -

20 t i g u n g ” . D e r W a h r n e h m u n g s t e h t a ls o g e g e n ü b e r d ie P h a n t a ­

s ie , o d e r d e r G e g e n w á r tig u n g , d e r P r á s e n t a t io n , d ie V e rg e g e n -

w á r tig u n g , d ie iR e p r á s e n ta tio n . W o ir g e n d e in e V e r w e c h s lu n g m it

d e r b ild lic h e n u n d d e r s ig n itiv e n V o r s te llu n g m o g lic h is t, m u s s

m an genau s a g e n : e ig e n tlic h e V e r g e g e n w á r tig u n g , s c h lic h te , im

25 G e g e n s a tz zu r b ild lic h e n , s y m b o lis c h e n , s ig n itiv e n , u n e ig e n t-


lic h e n .

<§ 43. Die Sachlage bei den unklaren Phantasien:


die schlichte Phantasievorstellung jedenfalls vorausgesetzt.
Abschliessende Übersicht über die in den Analysen
30 hervortretenden Vorstellungsmodi>

D o ch w ir h a b e n b is h e r n u r v o n den „k la re n P h a n ta s ie n ” ge-

sp ro c h e n . N ic h t g e r in g e B e u n r u h ig u n g haben m ir , w ie ic h ge-

s te h e n m u s s , g e ra d e d ie u n k l a r e n g e m a c h t. H ie r w e ic h t ja d a s

n i c h t b lo s s s c h w a n k e n d e u n d flü c h tig e , s o n d e m a u c h in h a ltlic h


35 s e h r u n a n g e m e s s e n e „ B ild ” vo m p h a n ta s ie rte n O b je k t w e it a b .

In d e s s e n b in i c h s c h lie s s lic h m i t m i r d a r i n e in ig g e w o r d e n , d a s s
88 TEXT NR. 1 (1904/05)

die Auffassung dieser Phánomene ais eigentlicher Bildlichkeiten


nichts helfen würde. W e n n die unklaren Phantasien sich auf
Grand einer Bildlichkeit konstituieren, so ist das primare Bild­
objekt schon ein Phantasieobjekt. Und so ist die reine und
5 schlichte Phantasiefunktion jedenfalls vorausgesetzt. Somit kann

unsere Analyse prinzipiell nichts Neues gewinnen. Es handelt


sich um eine blosse Tatsachenfrage. —
Ich mochte nun meinen, aufgrund vielfáltiger Beobachtung
der allerdings nicht gut standhaltenden Phánomene, dass die
10 Vorstellung normalerweise keine mittelbare ist (was ja auch aus
genetischen Gründen schwer verstándlich wáre). Die Intention
auf den Gegenstand hat, wenn die Phantasie wenigstens relativ
und partiell klar ist, in den reprásentierenden Zügen (entspre-
chend den verbildlichendenim mittelbarenBildbewusstsein) einen
1 5 Anhalt, eine Fülle, die übrigen gelten nicht, sind ein Nichts. Die

Differenz zwischen gemeintem Objekt der Intention und dem,


was im Phantasma gegeben ist und Objektivierung erfáhrt, führt
zu keinem Widerstreitsbewusstsein und zu keiner Abhebung der
beiderlei Objekte. Beim p h y s i s c h e n Bildobjekt setzt sich die
2 0 E m p f i n d u n g überall durch; soweit Empfindung vorhanden
ist, soweit eine geschlossene Objektivierung, daher ein greifbar
und fest konstituiertes Bildobjekt. Hier aber konstituiert sich
zumeist das Bildobjekt nicht, trotz der Differenz. Freilich haben
wir dann aber auch keine eigentliche Anschauung vom Objekte.
2 5 Zwar, wir haben nicht eine bloss leere Intention, andererseits

aber auch keine volle Anschauung, sondern einen Ansatz von


.Anschauung, einen Schatten von Anschauung statt ihrer selbst.
Bei sehr dunklen Phantasien reduziert sich die Vergegenwártigung
auf einen ganz dürftigen Rest, und fállt dieser ganz weg, wie beim
3 0 Intermittieren der Phantasmen, so bleibt die bestimmte, aber

l e e r e Intention auf den Gegenstand übrig. Mit den dürftigen,


wieder auftauchenden Resten bekráftigt sie sich und füllt sie sich
nach den oder jenen Momenten. Aber zur wirklichen Anschauung
wird sie erst, wenn ein reichhaltiges Bild gegeben ist. Die Lücken,
3 5 die zerfliessenden Fárbungen, die untertauchen in den Lichtstaub

des Phantasiegesichtsfeldes usw., dergleichen wird erst objekti-


viert, wenn wir wollen, wenn wir dies nach Analogie wirklicher
Gegenstándlichkeit interpretieren wollen. Sonst bleibt es einfach
ohne gegenstándliche Interpretation, und darum streitet es nicht
TEXT NR. 1 (1904/05) 89

u n d g i b t k e in e d o p p e lt e O b j e k t i v i t a t . E i n e s o lc h e s t e llt s ic h a b e r

s o fo rt e in , s o w ie e in k la re s u n d fe s te s B ild d e r P h a n ta s ie a u f-

t a u c h t , w e lc h e s s ic h m it d e r P h a n ta s ie in te n tio n p a rtie ll d e c k t,

aber nach g e w is s e n P u n k te n vo n ih r k la r a b w e ic h t. E v t l . m a g

5 n a c h tr a g lic h d ie E rin n e ru n g m o d ifizie re n d au f d ie In te n tio n

w ir k e n u n d den W id e r s tr e it h e rv o rru fe n . Z .B . e in k la re s E r -

in n e r u n g s b ild g ib t e in e r I n t e n t io n a u f e in e n F r e u n d X An schau -

lic h k e it. D a s B i l d b r in g t a b e r z u n á c h s t e in e n s c h w a r z e n V o l l b a r t ,

g a n z k l a r , u n d d ie I n t e U t i o n , s ic h d u r c h d e n F l u s s d e r E r i n n e r u n g

10 e b e n m o d i f i z i e r e n d , v e r l a n g t e in e n b r a u n e n V o l l b a r t . D a n n w i r d

aber n o r m a le r w e is e das B ild n ic h t s ta n d h a lte n u n d s ic h e n t-

s p re c h e n d a n s c h a u lic h m o d ifiz ie r e n .

D u rc h u n s e re A n a ly s e n tre te n a is p r i m i t i v e V o r s te llu n g s m o d i

h e rvo r 1) z w e i s c h lic h te M o d i e ig e n tlic h e r V o r s t e llu n g , d ie W a h r -

15 n e h m u n g u n d d ie R e p r a s e n ta tio n ; 2 ) e in s c h lic h te r M o d u s u n -

e ig e n tlic h e r V o r s t e ll u n g : d ie le e r e n I n t e n t io n e n ; 3 ) d ie fu n d ie r t e n

V o r s te llu n g s m o d i, auf d ie s c h lic h te n in tu itiv e n o d e r le e re n In -

te n tio n e n g e b a u t. D ie v e r s c h ie d e n e n p r im itiv e n F u n d ie r u n g s -

fo r m e n w a r e n h ie r n o c h z u s t u d ie r e n . E s s c h ie d e n s ic h u n s s c h o n :

20 d ie b ild lic h e n V o r s t e ll u n g e n , d ie s y m b o lis c h e n d u r c h Á h n l i c h k e i t

u n d d ie s y m b o lis c h e n d u r c h b lo s s e S ig n ifik a tio n (o h n e a n a lo g i-

s ie r e n d e B e z i e h u n g ) . G e n a u e r a n a ly s ie r t h a b e n w i r d ie b ild lic h e n ,

in w e lc h e n s ic h W a h r n e h m u n g u n d P h a n t a s ie o d e r P h a n t a s ie u n d

P h a n ta s ie d u r c h -d r in g e n u n d e in e a b b ild e n d e In te n tio n fu n -
25 d ie r e n .

Absonderung eines neuen Begriffs von Erscheinung


<§ 4 4 .

mit Rücksicht auf den Bewusstseinscharakter der


Gegenwartigung bzw. V ergegenwartigung ais dem
Unterscheidenden zwischen Wahrnehmung und Phantasie.
30 Anzeige des Übergangs in die Analysen des Zeitbewusstseins
zur genaueren Unterscheidung der Differenzen im
Wahrnehmungs- und Phantasiebewusstsein>

S o w e it d ü r f e n w i r u n s a ls o k la r e r E r g e b n is s e e r fr e u e n . E s be-

d a r f n u n d e r F o r t f ü h r u n g , d ie u n s s e h r b a ld in d ie S p h a r e d e r g e -

35 n a u e r e n U n t e r s c h e id u n g d e r v e r s c h ie d e n e n D i f f e r e n z e n i m W a h r-
90 TEXT NR. 1 (1904/05)

nehm ungs- u n d P h a n ta s ie b e w u s s ts e in fü h re n w ir d , u n d das

m e in t v o r a lle m in d ie F o r m e n d e s Z e itb e w u s s ts e in s .

E in s m üssen w ir zu n á c h s t b e sp re c h e n : W e n n w ir uns e in e n

G e g e n s ta n d , e in e n V o rg a n g , k u rz, irg e n d e in G e g e n s tá n d lic h e s

5 ü b e r h a u p t i n d e r P h a n t a s ie v e r g e g e n w a r t ig e n , s o s te llt e s s ic h in

e in e r b e s tim m te n E r s c h e in u n g d a r, d ie genau e n ts p ric h t e in e r

b e s tim m te n E r s c h e in u n g e in e r m o g lic h e n W a h rn e h m u n g . D ie

S y n th e s is des m o g lic h e n W a h rn e h m u n g s zu s a m m e n h a n g s e n t­

s p ric h t genau der S y n th e s is e in e s m o g lic h e n P h a n ta s ie zu s a m -

10 m e n h a n g s , b e z o g e n a u f d ie E i n h e i t d e s s e lb e n G e g e n s t a n d e s . D e r -

s e lb e G e g e n s ta n d s t e llt s ic h vo n d e rs e lb e n S e ite m it d e n s e lb e n

p h á n o m e n a le n B e s tim m th e ite n , m it d e n s e lb e n Fa rb e n , H e llig -

k e i t s a b s t u f u n g e n , p e r s p e k t iv i s c h e n A b s c h a t t u n g e n u s w ., k u r z u m

m it , , d e r s e l b e n E r s c h e i n u n g ” in p r á s e n ta tiv e r u n d r e p r á -

15 s e n ta tiv e r W e is e d a r . D ie s e s e lb e E r s c h e in u n g b e d e u te t in den

E r l e b n i s s e n n a tü r lic h e in I d e n t is c h e s ; e b e n s o e n t s p r ic h t e in

Id e n tis c h e s dem in te n tio n a le n B e w u s s ts e in , d a s b e id e rs e its auf

d e n s e lb e n G e g e n s t a n d g e r ic h te t is t . A b e r d a u n d d o r t is t d a s

Id e n t is c h e n i c h t d a s s e lb e . D i e B e z i e h u n g a u f d e n G e g e n s t a n d is t

20 S a c h e d e s A u ffa s s u n g s s in n e s . D a s , w a s h ie r a b e r u n t e r d e m T i t e l

„ E r s c h e i n u n g ” a is id e n tis c h g e n o m m e n w u r d e , b e t r i f f t n ic h t d e n

b lo s s e n A u ff a s s u n g s s in n . D e r w á r e d e r s e lb e , w e n n e s s ic h b e id e r ­

s e its n ic h t u m d ie e in a n d e r genau k o rre s p o n d ie re n d e n G lie d e r

d e r g e g e n s tá n d lic h e n S y n th e s is h a n d e ln w ü r d e . E r s c h e in u n g im

25 j e t z ig e n S i n n is t a b e r a u c h n i c h t g a n z d a s s e lb e a is d a s je n ig e , w a s

w ir h in s ic h tlic h d e r W a h r n e h m u n g in fr ü h e r e n V o r le s u n g e n u n d

ebenso in L o g is c h e U n te r s u c h u n g e n < S .> 5541 a is den r e in e n

W a h r n e h m u n g s g e h a lt u n d w ie d e r n ic h t d a s s e lb e a is d a s je -

n ig e , w a s w ir in e in e m a n d e re n S in n a is E r s c h e i n u n g b e z e ic h n e t

3 0 h a b e n . E r s t in d e r I d e n t i t a t , d ie h i e r zw is c h e n W a h r n e h m u n g s -

v o rs te llu n g u n d P h a n ta s ie v o r s te llu n g h e rv o rtritt, so n d e rt s ic h

der n e u e B e g r i f f v o n E r s c h e i n u n g a b . E r s c h e in u n g is t

n ic h t W a h r n e h m u n g s v o r s te llu n g , d .i . d ie W a h rn e h m u n g u n te r

A b s tr a k tio n v o m b e lie f- M o m e n t , s ie is t a u c h n i c h t d ie d u r c h A b -

35 s tr a k tio n vo n den s y m b o lis c h e n K o m p o n e n te n (u n d den e v tl.

1 Vgl. in der VI. Untersuchung, „§ 23. Die Gewichtsverháltnisse zwischen intuí-


tivem und signitivem Gehalt ein und desselben Aktes. Reine Intuition und reine
Signifikation. Wahrnehmungsinhalt und Bildinhalt, reine Wahrnehmung und reine
Imagination. Die Gradationen der Fulle.” (1. Auflage 1901). — Anm. d. Hrsg.
TEXT NR. 1 (1904/05) 91

anhángenden im a g in a tiv e n ) ü b rig b le ib e n d e r e in e W a h m e h -

m u n g s v o rs te llu n g . D e n n e s h a n d e lt s ic h u m e tw a s , d a s e b e n s o -

w o h l a is b e i d e r W a h r n e h m u n g s v o r s t e l l u n g a u c h b e i d e r P h a n t a -

s ie v o r s te llu n g a u f t r i t t u n d b e id e rs e its id e n tis c h is t o d e r id e n tís c h

5 s e in k a n n . E s is t k la r , w o v o n h ie r a b s tr a h ie r t w e r d e n k a n n u n d

m uss: e in m a l v o n d e m je n ig e n in der A u ffa s s u n g , w a s d ie E r ­

s c h e in u n g g e r a d e a is G e g e n w a r t ig u n g , d a s a n d e r e M a l v o n d e m ­

j e n ig e n , w a s s ie a is V e r g e g e n w a r t i g u n g c h a r a k t e r i s i e r t .

E s s c h e in t a ls o , d a s s w i r u n s d ie K o n s titu tio n d e r s c h lic h te n

10 e ig e n tlic h e n V o r s te llu n g so denken m ü s s e n : D ie s in n lic h e n In -

h a lte , d ie A u ffa s s u n g e rfa h re n , tu n d ie s i n e in e m A u ffa s s u n g s -

s in n , d e r ih n e n B e zie h u n g g ib t a u f d e n je w e ilig e n G e g e n s ta n d .

D a s g e s c h ie h t a b e r s o , d a s s b e i g le ic h e m A u ffa s s u n g s s in n m a n n ig -

fa c h e M o g lic h k e ite n b e s te h e n . D e r A u ffa s s u n g s s in n is t e in A b -

15 s t r a k t u m , d a s s i c h 'b e s o n d e r t i n F o r m e in e r E r s c h e in u n g . I n der

E r s c h e in u n g is t d e r G e g e n s t a n d n ic h t b lo s s a is d e r s o u n d s o b e -

s t im m t e a n s c h a u lic h , s o n d e r n is t d ie s u n d k a n n d ie s n u r s e in d a -

d u r c h , d a s s d ie s e o d e r je n e S e ite d e s G e g e n s t a n d e s z u r E r s c h e i ­

nung k o m m t, oder v ie lm e h r der G e g e n s ta n d vo n d ie s e r oder

20 je n e r S e ite zu r E rs c h e in u n g k o m m t. D ie E r s c h e in u n g b e d e u te t

h ie r d ie b e s tim m te B e so n d e ru n g d e s A u ffa s s u n g s s in n e s in E in -

h e it m it d e n A u ffa s s u n g s in h a lte n . D i e E r s c h e in u n g e n d lic h t r a g t

n o c h e in e n g e w is s e n B e w u s s t s e in s c h a r a k t e r , d e r e r s t d a s U n t e r -

s c h e id e n d e zw is c h e n W a h rn e h m u n g u n d P h a n ta s ie a u s m a c h t:

25 D i e E r s c h e in u n g is t e n tw e d e r g e g e n w á r tig e n d e oder ve rg e g e n -

w á r t ig e n d e E r s c h e i n u n g , d .i . s ie e r h á l t n o c h e in e n C h a r a k t e r , d e r

s ie a is d a s e i n e o d e r a n d e r e a u s z e i c h n e t .

Wir konnen a ü c h s a g e n : D i e S a c h e n s t e l l e n s i c h h i e r s o d a r ,
dass eine O b j e k t i v a t i o n v o l l z o g e n w i r d i n d e n s c h l i c h t e n i n t u i -
30 tiven Akten, d i e z u n a c h s t v o n d e r C h a r a k t e r i s i e r u n g a i s g e g e n -
wártig oder n i c h t g e g e n w á r t i g ( p h a n t a s i e r t , v e r g a n g e n , k ü n f t i g
u.dgl.) n i c h t s e n t h a l t , v i e l m e h r t r i t t d i e s e C h a r a k t e r i s i e r u n g e r s t
hinzu. Freilich i s t d i e s e e r s t e O b j e k t i v i e r u n g n i c h t e t w a s , d a s f ü r
sich sein kann, d e n n e v i d e n t e r m a s s e n , w a s e r s c h e i n t , i s t e n t w e d e r
35 phanomenal g e g e n w á r t i g o d e r n i c h t g e g e n w á r t i g .
Freilich, d a s V e r h a l t n i s v o n G e g e n w a r t i g u n g u n d V e r g e g e n -
wártigung u n d d i e F r a g e , o b e s s i c h u m g l e i c h s t e h e n d e C h a r a k -
tere, s o z u s a g e n u m z w e i b l o s s e F a r b u n g e n h a n d e l t , d i e n u r s p e z i -
fisch u n t e r s c h i e d e n s i n d , b i e t e t n o c h s e h r m e r k w ü r d i g e S c h w i e -
92 TEXT NR. 1 (1904/05)

r ig k e ite n , w ie w ir h d r e n w e r d e n . A b e r je d e n fa lls is t m it u n s e re n

U n te rs c h e id u n g e n e in e e rs te A p p ro x im a tio n v o llz o g e n , d ie der

W a h r h e it e in e n e r s te n u n d v o r lá u íig a n zu n e h m e n d e n A u sd ru c k

v e r le ih t. D i e A u flo s u n g d e r h ie r n u r a n g e z e ig te n S c h w ie r ig k e ite n
5 w ird e in H a u p ts tü c k der A n a ly s e des Z e itb e w u s s ts e in s b ild e n
m üssen.

<9. Kapitel
D ie F r a g e n a c h dem p h á n o m e n o l o g i s c h e n
U n te r s c h ie d zw ischen E m p fin d u n g und
10 P h a n t a s m a u n d die F r a g e n a c h dem
V e r h á lt n is von W a h rn e h m u n g und Phantasie>

<§ 45. Anknüpfung an Brentanos Stellungnahme:


keine wesentlichen Unterschiede zwischen den
Auffassungsinhalten: Empfindung und Phantasma>

15 E h e ic h d a ra n gehe, m uss ic h aber noch e in ig e s h i n z u f ü g e n ,

w a s in d ie S p h a r e d e r b is h e r b e h a n d e lte n P r o b le m e n á h e r h e r e in -

g e h o r t ; e in e Lü c k e is t in u n s e re n D a rs te llu n g e n g e b lie b e n , w ir

s in d a u f d ie Fra g e nach dem p h á n o m e n o lo g is c h e n U n te rs c h ie d


z w is c h e n E m p fin d u n g u n d P h a n t a s m a n ic h t g r ü n d lic h e in g e g a n -

20 g e n . D ie h ie r v o n v e r s c h ie d e n e n Fo rs c h e rn a n g e s te llte n U n te r-

s u c h u n g e n b e h a n d e lte n d ie F r a g e im m e r v e r m e n g t m it d e r F r a g e

nach dem V e r h á ltn is v o n W a h r n e h m u n g u n d P h a n ta s ie . A b e r so

in n ig e in s u n d das a n d e re zu s a m m e n h á n g e n , so is t doch k la r e

S c h e id u n g d ie V o r b e d in g u n g f ü r e r fo lg r e ic h e B e h a n d lu n g d ie s e r
25 P r o b le m e . E in e s e h r a u s fü h r lic h e E r o r t e r u n g d e r e rs tg e n a n n te n

Fra g e , d ie a u s fü h rlic h s te , d ie m ir ü b e rh a u p t be ka n n t is t, h at

B re n ta n o in s e in e n V o r le s u n g e n 1 g e g e b e n . U n d s ie e n d e t d a m i t ,

dass w e s e n tlic h e U n te rs c h ie d e zw is c h e n E m p fin d u n g e n u n d

P h a n ta s m e n a b g e le h n t w e rd e n . E s s in d b e id e r s e its im W esen

3 0 d ie s e lb e n s in n lic h e n In h a lte , d u rc h k e in e A b g rü n d e g e s c h ie d e n ,

n ic h t g e tre n n t d u rc h ir g e n d e in M om en t vo n g ru n d w e s e n tlic h

v e rs c h ie d e n e r G a ttu n g . A lie h ie r vo rko m m e n d e n U n te rs c h ie d e

s in d v ie lm e h r s te tig v e r m itte lte . D e r H a u p ts a c h e nach s in d es

1 Zu diesen Vorlesungen F. Brentanos vgl. oben die Einleitung des Hrsg. S. XXV. —
Anm. d. Hrsg.
TEXT NR. t (1904/05) 93

In te n s itá ts u n te rs c h ie d e : D ie P h a n t a s m e n s in d . s in n lic h e In h a lte

von a u s s e r o r d e n tlic h n ie d r ig e r In te n s itá t im V e r g le ic h m it den


n o rm a le n E m p fin d u n g e n . Ausser der In te n s itá t kom m en noch

a n d e re r e la tiv e U n te rs c h ie d e in B e tra c h t, so b e so n d e rs d ie

5 F lü c h tig k e it, d ie w illk ü rlic h e V e rá n d e rlic h k e it u .d g l . D ie s e


U n te rs c h ie d e in ih r e r K o m p le x io n , in d e r A r t ih r e r V e r k n ü p fu n g

geben h in r e ic h e n d e e m p iris c h e A n h a lts g r ü n d e fü r d ie A n k n ü p -

fu n g der u n te r s c h ie d e n e n A u ffa s s u n g e n u n d h in d e m es, dass

w ir nach B e lie b e n zw is c h e n W a h rn e h m u n g s a u ffa s s u n g u n d

10 P h a n t a s i e a u f f a s s u n g w e c h s e l n . W a s d e n U n t e r s c h i e d d i e s e r A u f -

fassung s e lb s t a n b e l a n g t , s o lie g t e r n a c h B re n ta n o d a r in , da ss

d ie W a h rn e h m u n g e n e ig e n tlic h e V o r s te llu n g e n s in d , d ie P h a n -

tasievorstellungen a b e r u n e i g e n t l i c h e , u n d d a s h e i s s t b e i i h m
indirekte, d u r c h B e z i e h u n g e n , d u r c h B e g r i f f e v e r m í t t e l t e V o r ­
is stellungen. E i n e t i e f e r d r i n g e n d e P h á n o m e n o l o g i e d e r b e i d e r -
seitigen A u í f a s s í u n g e n h a t B r e n t a n o a b e r n i c h t d u r c h g e f ü h r t , o b -
schon i n d e m b l o s s e n G e d a n k e n , d a s s d i e A p p e r z e p t i o n s w e i s e
beiderseits e i n e v e r s c h i e d e n e i s t , e i n w i c h t i g e r F o r t s c h r i t t l i e g t . 1
( M e r k w ü r d ig e r w e is e le u g n e t e r d a b e i je d e n U n te rs c h ie d in der

20 Weise des V o r s t e l l e n s .) D ie H a u p tg rü n d e fü r s e in e S te llu n g -

n a h m e fin d e t B r e n ta n o d a r in , d a s s d ie L e b h a ft ig k e it d e r P h a n ­

tasmen s ic h s t e i g e r t , b is s ie i n E m p f i n d u n g e n ü b e rg e h e n u n d zu

W a h rn e h m u n g s tá u s c h u n g e n ü b e rfü h re n . U n d dass u m g e ke h rt

E m p f i n d u 'n g e n s o s c h w a c h w e r d e n k o n n e n , d a s s w i r i n s S c h w a n -
25 k e n g e r a t e n , o b w i r n o c h e m p f i n d e n o d e r v i e l m e h r b lo s s p h a n t a -

s ie re n . Z . B . w e n n w i r i n s p á t e r A b e n d s t u n d e m i t g e s p a n n t e r E r -

w artung a u f d e n G l o c k e n s c h l a g d e r T u r m u h r i a u s c h e n u n d , d u r c h
voreilende E r w a r t u n g g e t á u s c h t , z u h o r e n g l a u b e n u n d d o c h
wieder z w e i f e l n , o b w i r h o r e n u s w . T i c k e n d e r T a s c h e n u h r .
30 M e t h o d i s c h w ir d m a n h ie r je d e n fa lls s o v ie l b e h a u p te n
dürfen, dass, s o l a n g e e i n A u s k o m m e n i s t o h n e I n a n s p r u c h n a h m e
eines g r u n d w e s e n t l i c h e n U n t e r s c h i e d s z w i s c h e n E m p f i n d u n g u n d
Phantasm a, m a n v o n e i n e r s o l c h e n a u c h A b s t a n d n e h m e n m u s s ;
denn die direkte V e r g l e i c h u n g z w i s c h e n b e i d e n , o b s c h o n s i e u n s
35 in jedem A u g e n b l i c k o f f e n s t e h t , v e r s a g t . B e i d e r F l ü c h t i g k e i t u n d
Veránderlichkeit d e r P h a n t a s m e n u n d b e i d e r S c h w i e r i g k e i t , v o n
den A p p e r z e p t i o n e n z u a b s t r a h i e r e n , d i e i h n e n u n d d e n E m p f i n -

1 9 . 11. 1905 .
94 TEXT NR. 1 (1904/05)

dungen Bedeutung geben, kommt man zu keinem festen Resul-


tat. Wenigstens will es niemandem so recht glücken, und eine
Übereinstimmung der Beobachter fehlt erst recht.

<§ 4 6 . A n s e t z u n g d es U n te rs c h ie d e s z w is c h e n E m p f in d u n g
5 u n d P h a n t a s m a i n d e n A u f f a s s u n g s w e is e n . D is k u s s io n e in e s
U n g e n ü g e n s d ie s e r T h e o r ie b e i B r e n ta n o u n d a n d e r e n :
d ie I n t e r p r e t a t io n d e r H u m e s c h e n v iv a c ity a i s I n te n s ita t>

N u n haben w ir in der T a t in der v e r s c h ie d e n e n A p p e rze p -

tio n s w e is e , in den vo n u n s s tu d ie r te n p h á n o m e n o lo g is c h e n C h a­

lo r a k te r e n , d ie s ic h auf den s in n lic h e n In h a lte n a u fb a u e n , a lle r-

d in g s e in M i t t e l d e r U n t e r s c h e id u n g . D e r e ig e n tlic h e U n te r s c h ie d

lá g e danach in den A u ffa s s u n g s w e is e n , n ic h t a b e r in den A u f-

fa s s u n g s in h a lte n . J e nach U m s tá n d e n k o n n te a ls o d e rs e lb e In -

h a lt e in m a l E m p fin d u n g u n d e in m a l P h a n ta s m a h e is s e n . E m -

15 p ir is c h p s y c h o lo g is c h e G r ü n d e h á tte n a ls o d a f ü r a u f z u k o m m e n ,

w a ru m je w e ils e in b e s tim m te r M o d u s d e r A u ffa s s u n g zu s ta n d e

k o m m t u n d e in e n tg e g e n g e s e tzte r u n m o g lic h is t. A lle n fa lls

k o n n t e z u g e s ta n d e n w e r d e n , d a s s d ie s in n lic h e n I n h a lt e im g ro s-

s e n u n d g a n z e n in z w e i G r u p p e n z e r fa lle n , d ie e in e n r e la tiv s e h r

2 0 le b h a f t, s e h r in te n s iv , d ie a n d e r e n in H in s ic h t a u f In te n s ita t in

w e ite m A b s ta n d vo n ih n e n g e tr e n n t, d ie e in e n in w e ite m U m -

fa n g d e r W i ll k ü r n ic h t u n te r w o r fe n , d ie a n d e r e n ih r u n te r w o r fe n

usw . A n I n h a lt e n , d ie h in s ic h tlic h der In te n s ita t, F lü c h tig k e it

e tc . v e r m itte ln , fe h lt es z w a r n ic h t, dan n aber h e lfe n m itv e r -

25 flo c h te n e M o m e n t e z u m e is t , u m e in e n b e s tim m te n A p p e r z e p tio n s -

m o d u s fe s tz u n a g e ln , s o d a s s f a k t is c h n u r e in s e h r k le in e s G e b ie t

vo n F a lle n ü b r ig b le ib t, d ie Z w e ife l u n d A u ffa s s u n g s w e c h s e l e r-

m o g lic h e n .
G a n z in d ie s e m S in n h a b e ic h m ic h s e lb s t m it V o r lie b e e n t-

30 s c h ie d e n , u n d auch d ie s y s te m a tis c h e n U n te rs u c h u n g e n über

P h a n o m e n o lo g ie der Anschauungen haben m ic h d a r in n ic h t

w a n k e n d g e m a c h t. I n jü n g s te r Z e i t b in ic h o ft e r w a n k e n d g e w o r -

d e n , a b e r v ie lle ic h t n u r d a r u m , w e il d ie A r t d e r D u rc h fü h ru n g

d ie s e r A u f f a s s u n g n o c h S c h w ie r ig k e it e n b ie t e t u n d je d e n fa lls d ie

35 g a n ze T h e o r ie n ic h t g e n u g a u s g e d a c h t is t. B e i B r e n ta n o u n d a n ­

d e re n N e u e re n g e fa llt m ir n ic h t d ie In te rp re ta tio n der H u m e -


TEXT NR. 1 (1904/05) 95

schen v iv a c it y , L e b e n d i g k e i t , a is I n t e n s i t a t . G e w is s s u r r o g ie -
r e n s e h r o f t a u s s e r o r d e n t lic h le is e u n d s c h w a c h e E m p fin d u n g e n

f ü r la u te , in te n s iv e E m p fin d u n g e n . E i n e b e s tim m te M e lo d ie k a n n

e in e la u te b ild lic h v o rs te lle n d s e in , w á h r e n d s ie fa k tis c h sehr

5 le is e T o n e z u r G r u n d l a g e h a t . D a s h i n d e r t d a s I d e n t i t a t s b e w u s s t -

s e in n i c h t , s o fe r n d a s G e w e b e d e r i n e i n a n d e r g e s c h m o lz e n e n T o n -

u nd In te n s itá ts v e r h á ltn is s e , d ie E in h e it der M e lo d ie , fa k tis c h

id e n tis c h is t. F r a g lic h is t es m ir , o b nach d ie s e m Schem a auch

das P h a n t a s i e r e n e in e r M e lo d ie z n v e rs te h e n is t, z u m a l d a ,

10 w o w ir es m it z u g le ic h k la r e n u n d v o lle b e n d ig e n P h a n ta s ie n z u

t u n h a b e n . G a n z s o s ic h e r w ie fr ü h e r k a n n ic h m ic h j e t z t a u f d e n

B r e n ta n o s c h e n S t a n d p u n k t n ic h t s te lle n . I c h m o c h te dem in d i-

re k t s u rro g ie re n d e n D e n k e n je d e n fa lls n ic h t e in e s o lc h e R o lle

e in r á u m e n , w ie B r e n t a n o es g e n o tig t is t. U n d b e i m a n c h e n S in -

15 n e s g e b ie t e n , s c h o n i m F a r b e n g e b ie t , m ü s s t e n w i r e ig e n e T h e o r i e n

d e r In te n s ita t a u fs te lle n . D e n n w a s is t i m F a r b e n g e b ie t In te n s i-

tá t ? D o c h n ic h t H e llig k e it. W ir m ü s s te n h ie r g e r a d e d ie e ig e n -

t ü m l i c h w e c h s e ln d e K r a f t u n d L e b e n d i g k e i t d e r P h a n t a s m e n a is

I In te n s ita t d e fin ie re n .

20 ( U n d w a s is t b e im G e s c h m a c k s g e b ie t In t e n s it a t ? E i n b re n n e n -

der Geschm ack is t doch w o h l sehr in te n s iv , s o la n g e er noch

B r e n n e n is t. S te lle ic h d a s B r e n n e n u n t e r U m s tá n d e n n ic h t g a n z

a n s c h a u lic h u n d n ic h t g e n a u a is in te n s iv e s B r e n n e n v o r , s o llte d a

e in w e it d a v o n a b s t e h e n d e s A n a l o g o n , w a s g a r n i c h t m e h r B r e n -

25 n e n i s t , a is E rs a tz e in tre te n ? U n d zw a r in den flü c h tig e n M o -

m e n te n , w o e in e le b e n d ig e V o r s t e ll u n g g lü c k t ? )

U n d nun e rs t r e c h t d ie P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g e n v o n

p s y c h i s c h e n P h a n o m e n e n . So w ie w ir p h y s is c h e D in g e

e in m a l w a h rn e h m e n u n d e in m a l p h a n ta s ie re n , so ko nn e n w ir

30 a u c h p s y c h is c h e Z u s t a n d e , I n t e n t io n e n , U r t e i l e , Z w e ife ls s c h w a n -

k u n g e n , F r a g e n , W o llu n g e n u s w . e in m a l in n e r lic h w a h rn e h m e n

und w ir k lic h e r le b e n , d a s a n d e re M a l b lo s s p h a n ta s ie re n . W a s

m acht h ie r d e n ¡ U n te r s c h ie d aus? A u c h h ie r m ü s s e n w ir doch

zw is c h e n A u ffa s s u n g s in h a lte n u n d A u ffa s s u n g s a k te n u n te r s c h e i-


35 d e n , u n d es m u s s d ie s e lb e in n e re E r s c h e in u n g s ic h e in m a l a is

g e g e n w a r tig , d a s a n d e r e M a l a is n ic h t g e g e n w a r t ig , a is e in g e b ild e t ,

ve rg a n g e n u s w . d a rs te lle n . N u n is t es o ffe n b a r , d a s s d e r a llg e -

m e i n e U n t e r s c h i e d b e i d e r s e i t s d e r s e l b e .i s t . E i n w ir k lic h g e fa llte s
U r t e i l m u t e t s ic h ,,l e b h a f t e r ” an a is e in b lo s s e in g e b ild e t e s , e in
96 TEXT NR. 1 (1904/05)

w i r k li c h e m p fu n d e n e s G e fa lle n in t e n s iv e r a is e in b lo s s v o r g e s te ll-

t e s , u s w . B e i m a n c h e n d ie s e r P h á n o m e n e is t v o n e in e r I n t e n s i t a t
in d e m s e lb e n S in n w ie bei den E m p fin d u n g e n g a r k e in e R ede .
So zu m B e is p ie l b e ím . U r t e i l . W as is t e in in te n s iv e re s U rte il?

5 D o c h n ic h t e in e le b h a fte re Ü b e rze u g u n g ? D a n n w á re ja e in

p h a n t a s ie r t e s U r t e i l e in e w e n ig le b h a f t e Ü b e r z e u g u n g . A b e r b i n
ic h , w e n n ic h m ir e in U r t e i l v o r s te lle , d e m ic h g a r n ic h t z u s t im -

m e, vo n ih m in g e r in g e r e m G ra d e doch ü b e rze u g t? Ü b e rze ü -


g u n g s g ra d e h a b e n o ffe n b a r m it d e m U n te r s c h ie d v o n a k tu e lle m

10 E r l e b n i s u n d b lo s s e r P h a n t a s ie n ic h ts z u t u n . D a s w e is s B r e n t a n o

n a tü r lic h so g u t w ie ic h . A b e r a n d e re rs e its k a n n ic h m ic h doch

n ic h t zu frie d e n geben, dass b lo s s U n e ig e n tlic h k e ite n des V o r-

s te lle n s h e lfe n s o lle n : W i r k o n n e n d o c h e in U r t e i l v o l l a n s c h a u -

lic h v o r s te lle n , u n d d o c h u r te ile n w ir d a b e i n ic h t s e lb s t, w ie z u m

15 B e is p ie l, w e n n w ir es fü r fa ls c h h a lte n . Ebe n so fra g t es s ic h :

K o n n e n w ir e in W o lle n n ic h t v o r s te lle n , u n d z w a r a n s c h a u lic h ,

a ls o in d e m s e lb e n S in n , w ie w ir e in R o t u n d B la u a n s c h a u lic h

v o r s te lle n , w a h r e n d d o c h v o n e in e m a k tu e lle n W o lle n g a r k e in e

R e d e is t ? O d e r v o n e in e m Im a g in ie re n d e s Z w e ife ln s , w o w ir g a r

2 0 n ic h t z w e ife ln u s w . ? B e i d e n s in n lic h e n I n h a lt e n hángen an der

E n ts c h e id u n g n ic h t s o p r in zip ie lle P r o b le m e w ie h ie r b e i d e n A k t e n ,

den in te n tio n a le n In h a lte n . B e i d e n s in n lic h e n In h a lte n re ic h t

m a n w o h l m i t d e r I n t e n s i t a t n i c h t a u s , w i e s ie i n v e r s c h i e d e n e n

E m p fin d u n g s g e b ie te n a u ftr itt. V ie lle ic h t k o m m t e in a n d e re r

25 U n te r s c h ie d in B e t r a c h t , d e r e in A n a lo g o n d e r I n t e n s it a t is t , s o ­

fe r a m a n w o h l w ir d z u g e s te h e n m ü s s e n , d a s s d ie P h a n t a s m e n in
E m p fin d u n g e n s te tig ü b e rg e h e n . M a n ka n n d ie s e n U n t e r s c h ie d

auch In te n s ita t nennen, aber es gábe dann bei a lle r A n a lo g ie

d o c h v e r s c h ie d e n e A r t e n o d e r D im e n s io n e n v o n I n t e n s it a t .

30 <§ 4 7 . D ie S c h w ie r ig k e it, z u v e rsteh e n , w ie d e r U n te rs c h ie d


z w is c h e n P h a n t a s i e e in e s p s y c h is c h e n A k t e s u n d á k tu e lle m
V o llz u g d ie s e s A k te s m o g lic h is t . D a s M o m e n t d e s b e lie f
u n d d ie U n e ig e n tlic h k e it d es V o rstellen s>

W en n m an zw is c h e n E m p fin d u n g u n d P h a n ta s m a a b g ru n d -

35 tie fe U n te r s c h ie d e s u c h t u n d im m e r w ie d e r g e s u c h t h a t , s o lie g t
es a n e in e m G e fü h l , d a s s m a n e in e n d u r c h g r e ife n d e n U n te r s c h ie d
TEXT NR. 1 (1904/05) 97

z w is c h e n W a h rn e h m u n g u n d P h a n ta s ie h e rs c h a ffe n m uss, fü r

den s i c h a m n á c h s t e n é i n d u r c h g r e i f e n d e r U n t e r s c h i e d z w i s c h e n
den A u f f a s s u n g s i n h a l t e n e m p f i e h l t . U n d i r g e n d w i e h o f f t m a n s o ,
den g r o s s e n S c h w i e r i g k e i t e n b e i d e n i n t e n t i o n a l e n P h a n o m e n e n
5 zu e n t g e h e n . I n W a h r h e i t e n t g e h t m a n d i e s e n S c h w i e r i g k e i t e n
durch S t a t u i e r u n g v o n i r g e n d w e l c h e n U n t e r s c h i e d e n i n d e n A u f ­
fa s s u n g s in h a lte n gar n ic h t. F ü r d ie s e S c h w ie r ig k e ite n is t es

gleichgültig, o b m a n g ra d u e ll a b s tu ft o d e r A b g r ü n d e a n s e tz t.
Aber w a s s in d d e n n d a s f ü r S c h w ie r ig k e it e n , w e r d e n S ie fr a g e n ?

10 W e n n ic h e in e F a r b e p h a n t a s ie r e , w i r n e h m e n e in e k la r e P h a n t a ­

finden w i r i m V e r g l e i c h d e s F a r b e n p h a n t a s m a s u n d d e r
s ie , s o

erlebten F a r b e G l e i c h a r t i g k e i t . B e i d e r s e i t s F a r b e . W a s f ü r U n t e r -
s c h ie d e s o n s t v o r h a n d e n s e ie n , Á h n li c h e s w i r d d u r c h Á h n li c h e s ,

u n d z w a r g a ttu n g s m a s s ig G le ic h e s d u r c h G le ic h e s r e p r á s e n tie r t.

15 N u n nehm en w ir p s y c h is c h e A k te . Ic h s te lle e in U rte il v o r,

e in e n W i ll e n v o r . W e n n ic h e s a n s c h a u lic h t u n ka n n , dann habe

ic h e in U r t e i l s p h a n t a s m a , e in W ille n s p h a n t a s m a , d a s d e r U r t e i l s -

e m p fin d u n g , der W ille n s e m p fin d u n g ( d .h . dem a k tu e ll v o ll-

zo g e n e n U r te ile n u n d W o lle n ) je d e n fa lls d o c h e n t s p r ic h t a is e in

20 g a ttu n g s m a s s ig G le ic h e s e in e m g a ttu n g s m a s s ig G l e i c h e n .1 A l s o

d a s Q u a l i t a t i v e , w a s U r t e i l a is U r t e i l c h a r a k t e r is ie r t , s o w ie d e n

g a n z e n re e ll e r le b te n U r t e ils in h a lt fin d e ic h im P h a n ta s m a , fin d e

ic h in d e r E i n b i l d u n g e in e s U r t e i l s v o r . A l s o u r t e ile n w i r w i r k l i c h ,

w enn w ir e in U r t e i l v o r s te lle n ? W o lle n w ir w ir k lic h , w e n n w ir

25 e in W o l l e n b lo s s im a g in ie r e n ? H e is s t d e n n U r te ile n n ic h t s o v ie l,

w ie e in p s y c h is c h e s E r l e b n i s d e r u n d d e r G a t t u n g , a u f g e b a u t a u s
d e n u n d d e n B e s t im m th e it e n , d ie e b e n d e r B e g r iff d e s U r t e ils z u -

sammenfa s s t , im B e w u s s ts e in h a b e n ? U n d h a b e n w ir d a s n ic h t ?

I s t es n ic h t i m Zusam m e nhan g d e s P h a n ta s ie b e w u s s ts e in s re e ll
30 da?

D ie g ro sse S c h w ie r ig k e it is t es a ls o , zu v e rs te h e n , w ie der

U n te r s c h ie d zw is c h e n P h a n ta s ie e in e s U r te ils u n d a k tu e lle m
V o llzu g e in e s U r t e i l s m o g l i c h is t , e in U n te rs c h ie d , d e r d o c h

so g r e ifb a r u n d e v i d e n t i s t , d a s s n i e m a n d s e in e E x i s t e n z je a n -
35 zweifeln konnte.
D ie s e E v i d e n z s a g t u n s d o c h m it a b s o lu te r K l a r h e i t : E i n U r t e i l
v o llzie h e n , a k tu e ll w o lle n , w ir k lic h w ünschen, w ir k lic h zo m ig

1 Z.B. anschauliche Erinnerung an frühere Wollungen, Urteile etc., wáhrend wir


jetzt nicht urteilen, etc.
98 TEXT NR. 1 (1904/05)

s e in u .d g l . is t e tw a s a n d e re s a is e in e n Zo rn v o rs te lle n , e in e n

W u n s c h , e in W o lle n , e in U r t e ile n v o r s te lle n . U n d d ie s e l e t z t e r e n

E r l e b n i s s e s in d n i c h t e t w a K o m p l e x i o n e n , W e lc h e d ie e r s te r e n i n

s ic h s c h lie s s e n . E i n U r t e i l v o r s te lle n is t n ic h t u r te ile n u n d noch

5 e tw a s d a z u . E i n W o lle n v o r s te lle n is t n ic h t w o lle n u n d n o c h e tw a s

d a zu . W ie is t das aber w ie d e r m o g lic h , w enn d ie V o r s te llu n g

g le ic h s a m e in B i l d is t, d a s d e n g a n z e n In h a lt d e s frü h e re n Z u -

s t a n d e s r e p r á s e n t i e r t , s o m i t i n a lie n i n n e r e n B e s t i m m t h e i t e n 'm i t

ih m s t im m t , e b e n s o w ie d ie Fa rb e in d e r P h a n ta s ie doch auch
10 F a r b e is t.

D a s s h ie r w e d e r g r a d u e lle U n te r s c h ie d e n o c h a b g r u n d tie fe e t­

w a s h e lfe n k o n n e n , is t k l a r . W e n n w i r u n s in d e r P h a n t a s ie e in e n

lá n g s t b e r ic h tig te n Irrtu m v e rg e g e n w a rtig e n , so irre n w ir je tzt

n ic h t, a u c h n ic h t im s c h w a c h s te n G r a d e . S a g t m a n , es h a n d e lt

15 s ic h n ic h t u m G ro s se des Ir rtu m s , so n d e rn u m e in e p h á n o m e n o -

lo g is c h e A b s tu fu n g , d ie e in A n a lo g o n der In te n s itá t d a rs te lle ,

u m G ra d e d e r K r á ftig k e it o d e r L e b e n d ig k e it, so a n tw o rte n w ir

n a tü rlic h : O b d a s U r t e i l le b h a ft o d e r w e n ig e r le b h a ft, a n F ü lle

re ic h e r o d e r a r m e r is t , is t es ü b e r h a u p t U r t e i l , d a n n g la u b e n w ir ,

20 u n d s o m it i r r t e n w ir w ir k lic h , s o o f t w i r u n s e in e n I r r t u m in

d e r P h a n ta s ie v o rs te llte n . I n W a h r h e it ir r e n w ir a b e r, w e n n w ir

d e s frü h e re n Irrtu m s uns e r in n e r n , n u r d a n n , w enn w ir n ic h t

b lo s s e r in n e r n , s o n d e r n d e n b e tr e ffe n d e n S a c h v e r h a lt j e t z t n o c h

g la u b e n , w a h r e n d w ir , in zw is c h e n e in e s B e s s e r e n b e le h rt, z w a r

25 n o c h d ie V e r g e g e n w a r tig u n g v o llz ie h e n u n d d ie E r in n e r u n g , a b e r

n ic h t m e h r d e n G la u b e n . I n d ie s e m B e is p ie l t r i t t d e r U n t e r s c h ie d

m it b e s o n d e r e r K l a r h e i t h e r v o r . E n t h i e l t e d ie E r i n n e r u n g a n d e n

frü h e re n G la u b e n , d a d u rc h dass s ie ih n a n s c h a u lic h ve rg e g e n -

w a r t i g t e , d ie s e n G la u b e n s e lb s t, w a r e d a s G la u b e n s -P h a n ta s m a ,

3 0 a is in h a l t l i c h g le ic h a r tig e s m i t d e r G l a u b e n s - E m p f i n d u n g , e in e m

a k tu e lle n G la u b e n g le ic h zu re c h n e n , d a n n h á t te d e r z u r A b h e b u n g

gekom m ene U n te r s c h ie d k e in e n S in n : z w is c h e n E rin n e ru n g an

e in e n G la u b e n m it a k tu e lle m G la u b e n u n d E r in n e ru n g an ih n ,

o h n e ih n z u te ñ e n .

35 D ie vo rh a n d e n e S c h w ie r ig k e it w ir d a b e r a u c h n ic h t b e s e itig t,

w enn w ir z w is c h e n den A u ffa s s u n g s in h a lte n der W a h m e h m u n g

u n d P h a n ta s ie s o zu s a g e n e in e n a b g r u n d tie fe n U n te rs c h ie d an-

n e h m e n . D ie s e r k o n n te ja n u r b e s a g e n , d a s s ir g e n d e in M om en t

d e s E rle b n is s e s a u f d e r e in e n S e ite in e in to ta l a n d e re s a u f d e r
TEXT NR. 1 (1904/05) 99

a n d e re n u m s c h l á g t , o d e r a u f d e r e in e n S e ite vo rh a n d e n is t,

a u f d e r a n d e re n fe h lt, w á h re n d doch d ie in h a ltlic h e V e rw a n d t-

s c h a ft b e s te h e n m u s s , w e lc h e d e r R e d e v o n e in e m P h a n ta s ie b ild

ih r e n A n h a l t g ib t . D a s U r t e i l n a c h a lie n s e in e n w e s e n tlic h e n B e -

5 s ta n d s tü c k e n , v o r a lle m h in s ic h tlic h s e in e s b e lie f - M o m e n ts u n d

s e in e r B e z i e h u n g au f den b e tre ffe n d e n S a c h v e rh a lt, m u s s doch

im P h a n t a s i e b i l d w i e d e r k e h r e n , s o n s t i s t d a s B i l d k e i n B i l d d ie s e s

U rte ils . G e g e n ü b e r d e rá u s s e re n W a h rn e h m u n g u n d á u s s e re n P h a n ­

ta s ie b e s t e h t h ie r n u r d e r U n t e r s c h i e d , d a s s , w á h r e n d b e i d ie s e n d e r

10 A u f f a s s u n g s i n h a l t u n d der a u fg e fa s s te G e g e n s ta n d v e r s c h ie d e n

s i n d , s ie h i e r , i n d e r W a h r n e h m u n g u n d P h a n ta s ie v o n A k t e n ,

s ic h d e c k e n . I c h b lic k e in n e r lic h w a h r n e h m e n d a u f e in g e fá llte s

U r t e i l e in fa c h h i n , u n d in d e r P h a n ta s ie s c h w e b t es m ir v o r , u n d

ic h nehm e es auch d a e in fa c h a is V e rg e g e n w á rtig u n g , ohne

15 ir g e n d e in e tr a n s z e n d ie r e n d e D e u t u n g . D i e E m p fin d u n g u n d der

w a h rg e n o m m e n e G e g e n s ta n d s in d h ie r e in e r le i, es is t das a k -

t u e 11 e U r t e il, d a s P h a n ta s m a u n d d e r p h a n ta s ie rte G e g e n s ta n d

is t dagegen w o h l v e rs c h ie d e n , aber nach a lle m W e s e n tlic h e n

s t i m m e n s ie d o c h ü b e r e i n . W e n n m i r i n k l a r e r V e r g e g e n w á r t i g u n g

20 e in U r t e i l v o r s c h w e b t , is t d a n ic h t d a s M o m e n t d e s b e lie f d u rc h

e in M o m e n t d e s b e lie f a b g e b ild e t ? W o d u r c h s o llte es a u c h s o n s t

a b g e b ild e t s e in ? N u r w e nn m a n g e ra d e h in s ic h tlic h d ie s e s M o ­

m e n ts U n e i g e n t l i c h k e i t d e s V o r s te lle n s s ta tu ie r e n w o llte ,

kám e m an u m d ie S c h w ie r ig k e it h e r u m . A b e r d a n n w á r e d ie V e r -

25 g e g e n w á r tig u n g k e in e k la r e u n d w ir k lic h a n s c h a u lic h e , w ir

m ü s s te n dan n le u g n e n , d a s s s ic h e in U r te il v o ll u n d g a n z ve r-

g e g e n w á rtig e n l a s s e ,1 i n dem S in n w ie s ic h e in D in g , oder d ie

Fa rb e e in e s D i n g e s , w i e s ic h e in T o n , e in e M e lo d ie w i r k l i c h v e r -

g e g e n w á r tig e n lá s s t, nach a lie n g a ttu n g s m á s s ig e n M o m e n te n ,

30 h d c h s te n s v o n g ra d u e lle n A b s tu fu n g e n a b g e s e h e n , d ie s ic h aber

in n e rh a lb d e r G a t t u n g b e w e g e n .

D a ru m s o lí e s n a t ü r l i c h n ic h t g e le u g n e t s e in , d a s s U n e i g e n t -

lic h k e ite n h ie r e in e g ro sse R o lle s p ie le n . S ie t u n es ja schon in

der W a h rn e h m u n g . Ic h k a n n e in e n Z o m w a h rn e h m e n , o h n e im

35 g e iin g s te n z o m i g zu s e in . N á m lic h den Zo rn e in e s A n d e r e n . I c h

sehe ih m s e in e n Z o m a m G e s ic h t, a n s e in e n R e d e n u n d H a n d -

lu n g e n an. D ie s e s Sehen des Z o m ig e n , ebenso des H e ite re n ,

1 und ebenso ein Begehren, ein Zweifeln etc.


100 TEXT NR. 1 (1904/05)

S c h w e r m ü t i g e n u s w . a is s o lc h e n is t n a t ü r l i c h e in u n e ig e n tlic h e s

Sehen, e in Sehen d e r s e lb e n A r t w ie es ü b e rh a u p t h in s ic h tlic h

a n d e re r, n ic h t in d ie E r s c h e in u n g fa lle n d e n B e s tim m th e ite n der

b e tr e ffe n d e n P e rs o n s ta tth a t. E ig e n tlic h gesehen s in d d ie M o -

5 m e n te der p h y s is c h e n E r s c h e in u n g , das W o rt E r s c h e in u n g im

e n g s te n S in n g e n o m m e n . A lie p s y c h is c h e n M o m e n t e , a lie s , w a s

zu r P e r s o n lic h k e it a is s o lc h e r g e h o r t , i s t i n d i r e k t e in g e le g t , z u -

m e is t d u r c h le e r e , i n d ie E i n h e i t d e r W a h r n e h m u n g e in g e s c h m o l-

ze n e In te n tio n e n . W ir w e rd e n a b e r d o c h n ic h t s a g e n , n u r d u rc h

10 le e r e I n t e n t io n e n lie s s e n s ic h A k t e v e r g e g e n w a r t ig e n , e s g e b e v o n

ih n e n e in e e ig e n tlic h e A n s c h a u u n g in Fo rm e in e r a n g e m e s s e n e n
V e r g e g e n w á r tig u n g n i c h t .

<§ 4 8 . A u f lo s u n g d e r S c h w ie r ig k e ü : B e g r ü n d u n g d e s
U n te r s c h ie d s z w is c h e n W a h r n e h m u n g s - u n d
15 P h a n t a s i e a u f f a s s u n g d u r c h H in z u n a h m e d e r
B e w u s s t s e in s c h a r a k t e r is ie r u n g a i s ,,g e g e n w c irtig ”
bzw . ,,v e r g e g e n w a r t ig t” >

D ie s e n S c h w ie r ig k e ite n z u e n tg e h e n , h a t m a n v e rm o g e u n s e re r

A n a ly s e n n u r fo lg e n d e n A u s w e g , d e r w o h l ü b e r h a u p t d e r e in zig

20 d e n k b a re is t. D e r U n te r s c h ie d zw is c h e n W a h rn e h m u n g s - u nd

P h a n t a s ie a u ffa s s u n g is t k e in b lo s s e r U n t e r s c h ie d z w e ie r G a t t u n -

gen o d e r K la s s e n vo n In h a lte n u n d ka n n es n ic h t s e in . D e n n :

A lie s G a tt u n g s m a s s ig e u n d s ic h D if f e r e n z ie r e n d e b is in d ie le t z t e

D i f f e r e n z k a n n in d e r W e is e d e r W a h r n e h m u n g u n d d e r P h a n t a -

2 5 s ie v o r l ie g e n . E s s in d U n te r s c h ie d e d e s B e w u s s ts e in s . D e r U n t e r ­

s c h ie d lie g t a b e r n ic h t in d e r b e id e r s e its j a g e m e in s a m e n O b j e k -

tiv ie r u n g , in d e r s ic h d ie „ E r s c h e i n u n g ” d e s G e g e n s ta n d e s v o ll-

z ie h t , s o n d e rn in je n e r C h a r a k t e r i s i e r u n g , d ie d ie D i f f e r e n z

z w is c h e n g e g e n w á rtig u n d v e r g e g e n w a r tig t k o n s titu ie r t. N u n

3 0 s in d z w e i F a lle d e n k b a r : D e r U n te r s c h ie d d e r c h a ra k te ris ie rte n

A u ffa s s u n g h a t k e in e w e s e n tlic h e B e zie h u n g zu den In h a lte n

■per se , d a s h ie s s e , d a s s g e n a u d e rs e lb e E rle b n is in h a lt, p r i n z i -

p i e l l g e sp ro c h e n , d ie e in e u n d a n d e re A u ffa s s u n g e rfa h re n

k o n n te , u n d d a s s d ie fa k tis c h e A u ffa s s u n g d u rc h k e in e phano-

35 m e n o lo g is c h e n Z ü g e , s o n d e r n n u r d u rc h p s y c h o lo g is c h e G ra n d e
TEXT NR. t (1904/05) 101

b e s tim m t w á re . D ie M o g lic h k e it e in e r W i ll k ü r im W echsel der

Auffassung w á re d a m it n ic h t b e h a u p te t.

O d e r , a is z w e it e M o g lic h k e it: I m p h á n o m e n o lo g is c h e n W e s e n

e in e s E rle b n is s e s is t v o rg e ze ic h n e t s e in e c h a r a k te ris ie rte A u f-

5 fa s s u n g a is e in e s G e g e n w á r t i g e n o d e r P r á s e n t a n t e n e in e s G e g e n -

w á r tig e n , u n d a is N ic h t-G e g e n w á rtig < e n > oder P rá s e n ta n te n

e in e s N i c h t - G e g e n w á r t i g e n .
U n te r V o ra u s s e tzu n g des e rs te n F a lle s w ü rd e n w ir sagen

m ü s s e n : D a s a k tu e lle U r t e i l , d a s w ir in n e r lic h w a h m e h m e n , u n d

10 d a s s e lb e U r t e i l , d e s s e n w i r u n s e r in n e r n o d e r d a s w i r b lo s s e in -

b ild e n , u n te r s c h e id e n s ic h d u rc h d ie C h a r a k te r is ie r u n g . I m a ll-

g e m e in e n w e r d e n a u c h s o n s t U n t e r s c h ie d e b e s t e h e n , a b e r s o lc h e

m üssen n ic h t b e s te h e n , u n d im G r e n z f a ll e in e r w ir k lic h v o lle n

und k la re n V e r g e g e n w á r tig u n g b e s te h e n s o lc h e U n te r s c h ie d e ,

15 w e n ig s te n s r e l e v a n t e , n ic h t. G le ic h w o h l s a g e n w ir im F a ll

der P h a n ta s ie n ic h t, w ir u r te ilte n w ir k lic h . D a s b lo s s e D a s e in

e in e s E r l e b n i s s e s v o n d e n u n d d e n B e s t i m m t h e i t e n , d i e w i r z u m

e ig e n tü m lic h e n ' W e s e n des U rte ils re c h n e n , m a c h t noch n ic h t

I v o ll d a s a u s , w a s w i r a k tu e lle s U r t e ile n n e n n e n . S o lle n w ir v o n

20 e in e m G e g e n w á r t ig e n , v o n e in e m a k t u e ll D a s e ie n d e n s p r e c h e n , s o

m u s s d a s b e tre ffe n d e G e g e n s tá n d lic h e , u n d h ie r d e r b e tr e ffe n d e

p s y c h is c h e In h a lt im G e g e n w a rts b e w u s s ts e in e rle b t u n d n ic h t

im P h a n ía s ie b e w u s s ts e in g le ic h s a m v e rb ild lic h t s e in . D a s e in e

B e w u s s ts e in g ib t d e m In h a lt d e n K r e d it des a k tu e lle n , d a s a n -

25 d e r e r a u b t i h m d ie s e n K re d it u n d g ib t ih m den C h a ra k te r des

n ic h t a k t u e l l e n , b lo s s v e r g e g e n w á r t ig t e n . D a d ie s f ü r I n h a l t e

u n d E r s c h e in u n g e n je d e r A r t g i l t , s o h e b e n w i r d ie s s o n s t n ic h t

e ig e n s h e rvo r. Z u m b e g rifflic h e n W esen e in e s G e g e n s ta n d e s

re c h n e n w ir d ie s e C h a ra k te ris ie ru n g e n n ic h t. A ls o auch zu m

30 b e g r ifflic h e n W esen e in e s U r t e i l s g e h o r t je n e C h a r a k te r is ie r u n g

n ic h t , d e n n u n t e r d ie s e m b e g r ifflic h e n W e s e n b e fa s s e n w i r a ll d a s ,

w a s e in e m G e g e n s tá n d lic h e n d e r A r t U r t e i l g e n e re ll e i g e n t ü m -

1 i c h is t . D i e G e g e n s tá n d lic h k e it k o n s t it u ie r t s ic h a b e r i n d e r E r ­

s c h e in u n g u n a b h á n g ig vo n der C h a r a k te r is ie r u n g . D i e s e s

35 W e s e n t l i c h e h a b e n W a h r n e h m u n g u n d k la r e P h a n ta s ie g e m e in -

s a m . A b e r n u n is t e s w ic h tig , z u b e a c h t e n , d a s s n ic h t e t w a je d e s

E r l e b n i s , d a s a lie M o m e n t e d ie s e s W e s e n t lic h e n i n s ic h s c h lie s s t,

schon U rte il is t. D e n n U r te il, s c h le c h th in g e sp ro c h e n , m e in t

a k t u e l l e s U r t e i l , v o llz o g e n e s , g e g e n w á rtig e s im b e tr e ffe n -


102 TEXT NR. 1 (1904/05)

d e n B e w u s s t s e in , E s d a r f a ls o n ic h t d e r m o d if iz ie r e n d e C h a r a k t e r

..n i c h t g e g e n w á r t i g ” d a s e in u n d , je n e n w e s e n tlic h e n M o m e n te n

K o n k r e tio n v e r le ih e n d , ih re A k tu a litá t d is k re d itie re n . D a s

h ie s s e a l s o : Z u r v o l l e n K o n k r e t i o n e in e s B e w u s s t s e in s , d a s R e a l i -

5 t á t g i b t , g e h o r t m e h r a is d a s b e g r iff lic h e W e s e n , e s g e h o r t d a z u

auch d ie C h a ra k te ris ie ru n g des B e w u s s ts e in s , d ie das r e a le

G e g e n w á r tig s e in h e r s te llt , o d e r es m u s s d ie m o d ifiz ie r e n d e C h a­

ra k te ris ie ru n g a is n ic h tg e g e n w á rtig b e s te h e n , u n d das E r s c h e i-


n e n d e is t d a n n ir r e a l.

10 <§ 4 9 . N e u e S c h w ie r ig k e it e n b e z ü g lic h d e r a k t u e ll
g e g e n w a r t ig e n A k t e u n d d e r F r a g e d e s in n e r e n
W a h r g e n o m m e n s e in s bzw . d e r M o d if ik a t io n d e r
d is k r e d it ie r e n d e n P h a n t a s ie v e r g e g e n w a r tig u n g >

So s c h e in t s ic h d ie Sache zu n á c h s t d a r zu s te lle n . A b e r n un

15 k o m m e n w i r in e in e a r g e S c h w ie r ig k e it . I s t d ie C h a r a k te r is ie r u n g

a is g e g e n w á rtig n ic h t s e lb s t e in B e w u s s ts e in s m o m e n t u n d das

d u r c h s ie h e r g e s t e llte K o n k r e t u m n ic h t s e lb s t w ie d e r e in G e g e n -

w á rtig e s ? A ls o kám e n w ir au f e in e C h a r a k te r is ie r u n g zw e ite r

S t u fe u n d d a m it n a t ü r lic h a u f e in e n u n e n d lic h e n R e g r e s s ?

20 N a h ve rw a n d t d a m it is t d ie fo lg e n d e S c h w ie r ig k e it: W ir

s e tzte n doch gegenüber a k tu e lle s U rte ile n u n d P h a n ta s ie r e n

d e s U r te ils . E b e n s o a k tu e lle s W a h r n e h m e n u n d s ic h e in W a h r-

n e h m e n in d e r P h a n ta s ie V o r s te lle n u s w . S ta ttd e s s e n b e h a n d e lte n

w ir a b e r d e n U n te r s c h ie d z w is c h e n e in e r W a h r n e h m u n g des

25 U r te ils u n d P h a n ta s ie r e n d e s U r t e i l s ; w ir fa s s te n a ls o , s c h e in t e s ,

s tills c h w e ig e n d d ie a k tu e ll g e g e n w a rtig e n p s y c h is c h e n A k te a is

i n n e r lic h w a h r g e n o m m e n e . U n s g i l t j a d ie W a h r n e h m u n g a is d a s

B e w u s s ts e in , zu dem das , , G e g e n w á r tig ” w e s e n tlic h g e h o rt.

A b e r W a h r n e h m u n g e n s e lb s t s in d A k t e , u n d g e g e n w á r tig e A k t e .

30 S in d s ie e tw a auch n u r g e g e n w á r tig au f G ru n d e in e s W a h r-

n e h m e n s zw e ite r S tu fe ? U n d so i n in f in it u m . D a s in d w ir in e in e r

a rg é n Z w ic k m ü h le .

D ie S c h w ie r ig k e ite n w ü r d e n v e r s c h w in d e n , w e n n w ir u n s e n t -

s c h lo s s e n z u sa g e n : D ie G e g e n w a r t k o n s t it u ie r t s ic h i n t u i t i v i m

3 5 W a h r n e h m e n , a is p r i m á r u n d a k t u e l l g e g e b e n e G e g e n w a r t . A b e r

d ie id e a le M o g lic h k e it d e r W a h m e h m u n g s a u ffa s s u n g r e ic h t w e it
TEXT NR. 1 (1904/05) 103

über d ie w ir k lic h e W a h m e h m u n g s a u ffa s s u n g , s ie re ic h t s o w e it

a is d a s B e w u s s ts e in . Je d e s k o n k r e te E r le b n is is t eo iftso gegen­

w á r t i g , d .h . n a c h id e a le r M o g lic h k e it g e s p r o c h e n k a n n es w a h r-

genom m en w e rd e n . A b e r nach id e a le r M o g lic h k e it g e s p ro c h e n

5 kan n je d e s k o n k r e t e E rle b n is a u c h e in e M o d i f i k a t io n e r f a h r e n ,1

in e in e m A u f f a s s e n , d a s e s a is V e r g e g e n w á r t i g u n g f a s s t . D a d u r c h

w ird es g le ic h s a m d is k r e d itie r t, es g ilt n ic h t m e h r fü r s ic h a is

g e g e n w á rtig , s o n d e rn a is V e r g e g e n w á r t i g u n g vo n a n d e re m . D ie

V e r g e g e n w á r tig u n g s e lb s t is t d a n n w ie d e r e in G e g e n w á r t ig e s ; d a s

10 E r l e b n i s , i n dem e in In h a lt den m o d ifizie re n d e n C h a ra k te r d e r

V e r g e g e n w á r tig u n g e r h á lt, m ü s s te s e in e r s e its e rs t e in e n auf

< s ic h > s e lb s t b e z o g e n e n C h a r a k t e r d e r M o d i f i k a t i o n t r a g e n , w e n n

es a is b lo s s V o r g e s t e llte s g e lt e n s o llte .

U r te ile n w i r , s o b e z ie h t s ic h e in U rte ils b e w u s s ts e in a u f e in e n

15 S a c h v e r h a l t . V o n d ie s e m U rte ils b e w u s s ts e in haben w ir n ic h t

ve rm o g e e in e r d a r a u f b e z o g e n e n A k tio n e in e in n e r e W a h rn e h ­

m u n g , a b e r w i r k o n n e n e in e s o lc h e h a b e n , u n d d a s g e s c h ie h t a u s -

n a h m s w e is e , in d e r ..R e f l e x i ó n ” . W i r u r te ile n w i r k li c h , s o la n g e

n ic h ts w e ite r s ta tth a t a is je n e s s c h lic h te G la u b e n s b e w u s s ts e in .

20 W i r u r te ile n n och , w enn w ir w a h rn e h m e n d a u f d ie s e s B e w u s s t ­

s e in h i n b l i c k e n : D a s W a h r n e h m e n m o d ifizie r t n ic h t, im Gegen-

te il, in ih m k o n s t it u ie r t s ic h i n t u i t i v d a s a k tu e lle „D a s e in ” . S o -

w ie w i r a b e r u n s p h a n ta s ie r e n d v e r h a lt e n , s o w ie w i r d a s U r t e ils ­

b e w u s s ts e in a is R e p r á s e n t a n t e n f ü r e in g le ic h e s U r t e ils b e w u s s t -

25 s e in n e h m e n , s o w ie w i r , s t a t t d a s U r t e i l s c h lic h t z u v o llzie h e n

oder auch s c h lic h t d a ra u f h in z u b lic k e n , v ie lm e h r m it ih m e in

a n d e re s v o r s te llig m a c h e n in d e r W e is e d e s s c h lic h te n P h a n t a s ie -

b e w u s s ts e in s , is t d a s U r t e i l n ic h t m e h r , , a k tu e lle s ” U rte il, son­

d e rn U r te ils r e p r á s e n ta n t.

1 Kann je d e s ? Und nur empirisch psychologische Gründe schliessen es aus oder


bestimmen welches?! Nein. Die vollen und wirklichen Erlebnisse konnen n ie modi­
fiziert aufgefasst werden, die wirkliche Vorstellung, das wirkliche Urteil etc. wird
nicht nur nicht modifiziert, sondern kann nicht modifiziert werden, es sei denn in der
Weise perzeptiver Bildlichkeit. Also m u ss ein ursprünglicher Unterschied bestehen.
Ich darf also nur sagen: Nach idealer Moglichkeit gesprochen korrespondiert jedem
konkreten Erlebnis eine Modifikation; es ist ,,im Wesen” dasselbe, aber hat den
>,Charakter” der Vergegenwártigung». Wir haben aber nicht den „Inhalt” A und
dazu den ,.Charakter der Vergegenwártigung” ais ein neues Erlebnis, sondern ,,Ver-
gegenwartigung v o n A”, im „Wesen” A übereinstimmend mit Gegenwártigung von
A. Das Erlebnis Vergegenwártigung von A hat selbst den Charakter einer Gegen-
wartigung von Vergegenwártigung von A.
a Kann das aber etwas anderes heissen ais: in der Reflexión ist das Erlebnis nur
auffassbar ais Phantasie, ais Vergegenwártigung von etwas?
104 TEXT NR. 1 (1904/05)

D ageg en , das P h a n ta s ie re n e in e s U r te ils , das w ir je tzt v o ll-

z ie h e n , is t w ie d e r u m e in G e g e n w a rtig e s , u n d zw a r e in s o lc h e s ,

w e lc h e s e in U r t e i l s b e w u s s t s e i n a is P h a n t a s m a e in s c h lie s s t ; d ie s e s

P h a n ta s m a a is s o lc h e s , a is R e p r á s e n t a n t , is t s e lb s t w ie d e r e in

5 G e g e n w a r tig e s , a b e r e in m it d e m C h a r a k te r d e r D is k r e d itie r u n g

v e rk n ü p fte s . E s is t g e g e n w á rtig in V e r e in m it d ie s e m B e w u s s t-
s e in .

N a tü r lic h w ü rd e d a s s e lb e f ü r a lie P h a n ta s ie n g e lte n , u n d f ü r

a lie V e r h á lt n is s e v o n E m p fin d u n g u n d P h a n ta s m a . W a s is t d e r

10 U n te r s c h ie d zw is c h e n e m p fu n d e n e m u n d P h a n ta s ie -R o t ? E in

e m p fu n d e n e s R o t is t e n tw e d e r e in R o t, das s c h lic h t e r le b t o d e r

d a s z u g l e i c h e r l e b t u n d w a h r g e n o m m e n i s t ; o d e r e n d l i c h , d a s a is

p r á s e n tie r e n d e r I n h a l t in e in e r a u s s e re n W a h m e h m u n g , z .B . d e r

W a h rn e h m u n g e in e s r o t e n H a u s e s , a u ftritt. D e n n in a ll d ie s e n

15 K o m p le x io n e n b le ib t das R o t s o zu s a g e n u n g e s c h o re n . S o w ie

a b e r d a s R o t e in e P h a n t a s i e c h a r a k t e r i s i e r u n g e r f á h r t , s o w ie s ic h

m it ih m das B e w u s s ts e in e in e s v e rg e g e n w á rtig te n R o t k o n s ti-

t u i e r t , g ilt e s n ic h t m e h r a is s e lb s t, e s is t n u n m o d if iz ie r t , d is -

k r e d itie r t. A b e r v o r a u s g e s e tzt is t d a b e i d a s V e rg e g e n w á rtig u n g s -

20 B e w u s s ts e in d e r P h a n t a s ie !1 W ü r d e e in R o t i n e ig e n tlic h e r , u n d

z w a r p e r z e p t iv e r B ild lic h k e it e in a n d e re s d a rs te lle n , d a n n w a re

e s n ic h t d is k r e d itie r t ; w e il e s j a g le ic h z e itig e in e r W a h m e h m u n g s -

a u ffa s s u n g a n g e h o r t e , d ie s e in e n K r e d i t a u fr e c h t e r h ie lte .

In g e n e tis c h e r H i n s i c h t is t e in e s o lc h e D i s k r e d i t i e r u n g a u s s e r -

25 o rd e n tlic h b e d e u ts a m . E in P h a n ta s ie w ille , e in d is k r e d itie r te r ,

lo s t k e in e H a n d lu n g e n a u s , e in P h a n t a s ie u r te il lo s t k e in e W o llu n -

gen aus, usw . Z u m T e i l g e h o r e n z u d ie s e n U n t e r s c h ie d e n W e s e n s -

z u s a m m e n h á n g e , a u f d ie h ie r n ic h t e in g e g a n g e n w e r d e n k a n n .

<§ 5 0 . F a l l e , w o e r in n e r te u n d a k t u e lle p s y c h is c h e A k te
30 a u f d ie s e lb e V o r s t e llu n g s g r u n d la g e bezogen sin d >

F r a g t m a n , w ie es m it d e n F a lle n s t e h t , w o w i r u n s e in e r v e r -

g a n g e n e n F r e u d e e r in n e r n u n d u n s z u g le ic h ü b e r d a s s e lb e a k t u e l l

1 Aber, wird denn ein ,,anderes” dargestellt in der Phantasie, es sei denn, dass ich
mir eine Sache in der Phantasie vorstellig machen will, wo die Phantasie eben noch
die Intention auf diese angenommene oder im Glauben gesetzte Sache erhalt. In der
schlichten Phantasie stellt das Geschaute nichts anderes vor, sondern <sich> selbst:
aber modifiziert.
TEXT NR. 1 (1904/05) 105

fre u e n , uns e in e s ve rg a n g e n e n U rte ils e rin n e m u n d d ie Ü b e r-

ze u g u n g je tz t noch te ile n , uns e in e s ve rg a n g e n e n W ille n s e r-

in n e r n u n d z u g le ic h j e t z t d a s s e lb e w o lle n (d e n W ille n s e n ts c h lu s s

a u fn e h m e n ), so w á re e tw a z u sagen : E s h a n d le s ic h u m D o p p e l-

5 p h a n o m e n e , d ie s ic h decken, aber doch n ic h t a n d e rs denn a is

d o p p e lte zu v e rs te h e n s e ie n . N e h m e n w ir d ie e n tg e g e n g e s e tzte n

F a lle : W ir e rin n e rn u n s u n s e re r ve rg a n g e n e n Fre u d e ü ber den

S ie g e in e r P a r te i, den w ir j e t z t v ie lm e h r be d a u e m , w ir e r­

in n e rn u n s e in e r v e r g a n g e n e n Ü b e r z e u g u n g , d ie w i r j e t z t n ic h t

10 m e h r t e i l e n u s w . D a n n v e r k n ü p f t s ic h m i t d e m m o d i f i z i e r t e n B e ­

w u s s ts e in der F r e u d e d a s a k tu e lle B e w u s s ts e in e in e r U n f r e u d e ,

m it d e m m o d ifizie r te n B e w u s s ts e in e in e s G la u b e n s d e r a k tu e lle

U n g la u b e . Im m e r b e zo g e n a u f d ie s e lb e V o r s te llu n g s g r u n d la g e .

H a n d e lte es s ic h u m la u te r u n m o d ifizie r te E rle b n is s e , so w a re n

15 s o lc h e Y e r b i n d u n g e n n i c h t h e r s t e l l b a r ( u n d z w a r w o h l a u f g r u n d

vo n W e s e n s g e s e t z e n ) .1 E i n e Fre u d e über A u n d e in e U n f r e u d e

über A , über d e n s e lb e n G e g e n s ta n d , in d e rs e lb e n H in s ic h t,

s c h lie s s e n s ic h aus. D ie Ü b e r z e u g u n g , es se i A , u n d d ie Ü b e r­

ze u g u n g , es sei A n i c h t , b e id e Ü b e rze u g u n g e n fe s tg e h a lte n in

20 e in e m u n d d e m s e lb e n A k t e , s c h lie s s e n s ic h a u s .

H ín g e g e n s t o r t s ic h d ie M o d i f i k a t i o n e in e s A k t e s m i t d e m a k -

tu e lle n V o llzu g e des u n m o d ifízie r te n e n tg e g e n g e s e tzte n gar

n i c h t . B e id e lie g e n s o z tís a g e n i n v e r s c h ie d e n e n D i m e n s i o n e n .

E b e n s o is t e s u n a u s d e n k b a r , d a s s e in u n d d e rs e lb e S a c h v e r h a lt

25 i n e in e m A k te d o p p e lt g e g la u b t w e r d e n k o n n t e , d o p p e lt g e w o llt ,

d o p p e lt g e fa lle n < k o n n te > usw . D a s is t e v id e n t u n m o g lic h . W i r

w e rd e n d a ra n e r in n e r t, d a ss im B lic k fe ld je d e S te lle n u r e in m a l

e rs c h e in e n ka n n . D a h e r d ie to ta le D e cku n g der G e s ic h ts fe ld e r

b e id e r A u g e n h in s ic h tlic h ih r e r id e n tis c h e n P a r tie n . D e n k o rre -

30 s p o n d ie r e n d e n S t e lle n b e id e r G e s ic h ts fe ld e r e n ts p r e c h e n d ie s e lb e n

u n m o d ifízie r te n E r le b n is s e , d a h e r b ild e n s ie e b e n e in u n d n ic h t

zw e i E rle b n is s e . S o w ie aber d ie m o d ifizie r e n d e P h a n ta s ie in

A k tio n tr itt, s c h a fft s ie auch schon e in e neue D im e n s ió n . D ie

b e g rifflic h id e n tis c h e n Phanom ene geben zw a r k e in anschau-

35 lic h e s A u s s e re in a n d e r u n d N e b e n e in a n d e r , a b e r s ie geben ve r-

m oge der D iffe r e n z der A u ffa s s u n g e n e in e D o p p e lh e it in der

deckenden Ü b e r s c h ie b u n g . D ie a k tu e lle Fre u d e über den S ie g

1 Zu uberlegen.
106 TEXT NR. 1 (1904/05)

e in e r g u te n S a c h e d e c k t s ic h h in s ic h tlic h d e s b e g rifflic h e n W e -
sens m it d e r E r in n e ru n g a n d ie fr iih e r e m p íu n d e n e F r e u d e , u n d

d o c h b le ib t e in e D o p p e lh e i t : W i r e r in n e m uns der Fre u d e über

den S ie g u n d fre u e n u n s s e in e r n o c h . U n d e b e n s o b e im U r te il:

5 W i r e r in n e m u n s , d a s s w ir a n e in X g e g la ü b t h a b e n , u n d g la u b e n
d a s s e lb e n o c h .

<§51. Zur Aufklarung der Gesamtauffassung der


Wahrnéhmung gegenüber der Phantasie: Entweder Ansatz
der Reprasentation ais modifizierenden Charakter und der
10 Prasentation ais das entsprechend Unmodifizierte>

A n u n s e re r G e s a m ta u ffa s s u n g der W a h rn é h m u n g gegenüber

d e r P h a n ta s ie w á re d a m it o ffe n b a r n ic h ts g e á n d e r t. W i r s c h rie -

ben je d e r v o r la u fig e in e n C h a ra k te r zu . G e g e n w á r tig u n g u n d

V e r g e g e n w a r tig u n g , s a g te n w ir, is t der fu n d a m é n ta le U n te r-

15 s c h ie d . A b e r ü b e r d ie N a t u r d ie s e s U n t e r s c h i e d e s , s o f e m er auf

B e w u s s ts e in s c h a r a k te ris ie r u n g b e ru h t, w a re n d ie A k te n n ic h t

g e s c h lo s s e n . I m G e g e n t e il h a b e n w i r s c h o n g e le g e n tlic h d a r a u f h i n -

g e w ie s e n , d a s s h ie r P r o b le m e ü b r ig b le ib e n . W i r k o n n e n b e i d e r j e t z t

v e r s u c h t e n A u f f a s s u n g 'n o c h i m m e r s a g e n : E s is t e in le t z te r u n d

20 fü h lb a r e r U n te r s c h ie d z w is c h e n P r a s e n ta tio n u n d R e p r a s e n ta tio n .

W i r k lá r e n ih n a b e r je t z t so a u f, d a ss w ir in d e r R e p r a s e n ta tio n

e in e n m o d ifiz ie r e n d e n C h a r a k te r s e h e n u n d in d e r P r a s e n t a t io n d a s

e n ts p re c h e n d U n m o d ifiz ie r te . D ie W a h rn é h m u n g n im m t das

E r s c h e i n e n d e < a ls > S e l b s t s e i n , d . i . e b e n , s ie m o d i f i z i e r t n i c h t , s ie

25 im a g in ie r t d a m it n i c h t s , s ie n i m m t e s e b e n a is s e lb s t. D ie s e lb e
E r s c h e in u n g ka n n e in e m V e r g e g e n w á r tig u n g s b e w u s s ts e in zu -

g ru n d e lie g e n , d a s is t d ie M o d ifik a tio n . D a s d a rf a b e r n ic h t so

v e rs ta n d e n w e r d e n , a is o b d a s E rs c h e in e n d e e rs t u n -m o d ifiz ie r t

g e g e b e n < s e i> u n d d a n n e r s t d i e M o d i f i k a t i o n a u f t r i t t , d a s g e g e n -
3 0 w a r tig G e g e b e n e in e in N ic h tg e g e b e n e s b ild lic h u m d e u te n d . D a s

g in g e n ic h t. D a s is t d u r c h u n s e re A n a ly s e n d e r P h a n ta s ie aus-

g e s c h lo s s e n . D a s P h a n t a s m a is t e in E r l e b n i s , a b e r n i c h t e in e r s t

a is g e g e n w a r tig , a is s e lb s t g e n o m m e n e s u n d d a n n f ü r e in a n d e r e s

g e n o m m e n e s . N e h m e n w ir d a s P h a n t a s m a f ü r e in G e g e n w a r tig e s ,

35 so t u n w ir es n u r , w e il es B e s ta n d s tü c k is t d e r P h a n ta s ie v o r s te l-

lu n g , d ie ih r e r s e its e in G e g e n w a r tig e s is t. U n m o d ifiz ie r t h e is s t


TEXT NR. 1 (1904/05) 107

h ie r a lie s , w a s n i c h t i n F u n k t i o n e in e s P h a n t a s m a i n e in e r P h a n ­

t a s ie f u n g i e r t .1

<§ 52. Oder Ansatz von zwei gleichberechtigten Auffassungen,


Gegenwartigung und Vergegenwartigung, und entsprechend
5 von zwei in sich verschiedenen Auffassungsinhalten,
Empfindung und Phantasma>

D ie a n d e re W e is e , s ic h d ie V e r h á ltn is s e h ie r zu r e c h tzu le g e n ,

b e s te h t d a r in , dass m an zw e i g le ic h b e re c h tig te A u ffa s s u n g e n

oder c h a r a k te r is ie r e n d e W e is e n a is G e g e n w a r tig u n g u n d V e r-

10 g e g e n w a r t ig u n g s ta tu ie rt u n d ih n e n e n ts p re c h e n d a u s se rd e m
z w e i W e is e n , w ie g a ttu n g s m á s s ig g le ic h e I n h a lt e i m B e w u s s ts e in

r e a lis ie r t s e in k o n n e n . E m p f i n d u n g u n d e n ts p r e c h e n d e s P h a n t a s ­

m a s in d , a b g e s e h e n v o n den v e rs c h ie d e n e n A u ffa s s u n g s w e ís e n ,

in s ic h schon v e rs c h ie d e n c h a ra k te ris ie rt, u n b e s c h a d e t der in -

15 h a lt lic h e n G e m e in s a m k e ite n . E s g e h o rt dann zu m W esen des

P h a n t a s m a , d a s s es n u r r e p r á s e n t a t iv fu n g ie r e n k a n n .2

W en n w ir u r te ile n , s o is t d a s U rte ile n im a llg e m e in e n n ic h t

w a h rg e n o m m e n . A b e r e m p fu n d e n is t es. W e n n w ir e in U r te il

e in b ild e n , so is t d a s U r te ils e r le b n is n ic h t E m p f i n d u n g , s o n d e m
20 P h a n ta s m a . U r te ils e m p fin d u n g u n d U r te ils p h a n ta s m a u n te r-

s c h e id e n s ic h i n d e m s e lb e n w e s e n tlic h e n M o m e n t, das E m p fin ­

d u n g u n d P h a n ta s m a ü b e rh a u p t tre n n t. E b e n s o , w e n n w ir w a h r-

nehm en, so nehm en w ir n ic h t w ie d e r das W ah m e h m e n w a h r.

A b e r d a s W a h m e h m e n is t e in E r l e b n i s , u n d z w a r E m p f in d u n g s -
25 e r le b n is . S t e lle n w i r u n s a b e r i n d e r P h a n t a s i e e in W a h m e h m e n

vo r, so is t das g e g e n w á r tig e ,,B i l d ” da vo n P h a n ta s m a e in e s

1 Dana ware also das Phantasma in Wahrheit ein Gegenwartiges, das Phantasma
Rot ein gegenwartiges Rot, das Phantasma Ton ein gegenwártiger Ton, wenn auch
m immanenter Objektivation (pbánomenologisch). Das Phantasma Wunsch, Glaube,
etc. ware reell da, nur mit einem anhángenden neuen Charakter ausgestattet, ge-
nannt diskreditierende Modifikation. Aber moge dies sich auch so nennen, der Glaube,
der Wunsch ware reell gegeben.
Das alies ist offenbar falsch.
2 Es gehort zum Wesen der Empfindung, dass sie unmittelbar unbedingt prasenta-
tiv aufgefasst werden muss (und nur mittelbar, in der Weise der Bildlichkeit, reprá­
sentativ). Andererseits gehort es zum Wesen des Phantasma, dass es unmittelbar nur
reprasentativ aufgefasst werden kann, d.h. in einer modifizierten Auffassung, z.B. ais
Vergegenwartigung von Rot, ais Vergegenwartigung eines TOten Hauses, u.dgl. Die
modifizierte Auffassung selbst, die den Charakter eines Phantasma einer Auffassung
hat, hat aber Empfindungscharakter.
108 BEILAGE I

W a h m e h m e n s , n ic h t E m p fin d u n g s e rle b iiis e in e s W a h r n e h m e n s .

K a n n m a n d ie s e A n s i c h t d u r c h f ü h r e n ?

W i e v e r h á l t e s s ic h , w e n n w i r e in P h a n t a s ie e r le b n is s e lb s t a is

g e g e n w a rtig n e h m e n ? D ie P h a n t a s i e m ü s s t e c h a r a k t e r is ie r t s e in

5 a is E m p f i n d u n g , u n d s o m it w ü r d e d a s P h a n t a s i e r e n G e g e n s t a n d

e in e r m o g lic h e n W a h r n e h m u n g s e in . E s e r s c h ie n e d a r i n a is g e g e n -

w á r tig . A b e r k a n n d a s P h a n ta s m a , d a s d a r in a u f t r it t , n ic h t d o c h

auch w a h rg e n o m m e n w e rd e n u n d a is g e g e n w a rtig e r s c h e in e ri, •

w e n n a u c h im Zusam m enh an g d ie s e r P h a n t a s ie e r s c h e in u n g ? 1

10 (Im S in n der a n d e re n T h e o r ie e r k la r t s ic h aber a lie s : D a s

P h a n ta s m a e rs c h e in t a is m o d ifizie rt, w enn a is Trá g e r e in e r

P h a n t a s ie a u ffa s s u n g . A b s t r a h ie r e n w i r v o n d ie s e r u n d b e tr a c h te n

w i r d a s P h a n t a s m a a is T e i l d e s G a n z e n d e r P h a n t a s ie a u f f a s s u n g ,

so is t es e in G e g e n w á r tig e s . A is P h a n ta s m a b le ib t es a b e r a u s -

15 g e z e ic h n e t d a r u m , w e il w ir vo n der P h a n ta s ie a u ffa s s u n g zw a r

a b s t r a h i e r e n , a b e r s ie n i c h t b e lie b ig b e s e it ig e n k o n n e n . U n d e rs t

re c h t g ilt d a s v o n d e n E r s c h e in u n g e n , d ie s ic h d u r c h t r a n s e ú n t e

D e u t u n g d e r S in n e s in h a lte e rg e b e n . W i r k o n n e n n ic h t w illk ü r lic h

das E rs c h e in e n d e a is g e g e n w a r tig n e h m e n , n á m lic h w ir k o n n e n

2 0 n i c h t i n f r e i e r W i l l k ü r a n S t e l l e d e r P h a n t a s i e a u f f a s s u n g ,d i e n u n e i n -

m a l d a i s t , e i n e e n t s p r e c h e n d e u n m o d i f i z i e r t e A u f f a s s u n g s e t z e n .)

BEILAGE I
PHANTASIE UND BILDLICHE VORSTELLUNG
<ZUM VERHÁLTNIS ZWISCHEN WAHRNEHMUNGS- UND
25 PHANTASIEVORSTELLUNG>
(3.-4. September bis 3. Oktober 1898)

<§ 1. Die Phantasievorstettungen ais bildliche VorsteUungen


wie die gewohnlichen Bildvorstettungen. W as liegt im
,,Vergegenwafligen im Bilde” ?>

30 Den Unterschied <der Phantasievorstellungen> gegen die Wahr-


nehmungsvorstellungen zu bestimmen, heben wir zunachst hervor,
was an der Oberfláche liegt und durch die Bezeichnung bildliche Vor-
1 Das widerspráche aber der jetzigen Theorie, die es ja ausschliessen würde, dass
ein Phantasma auch mal ais Prásentant einer Wahrnehmung dienen konnte. Oder
sollen wir sagen, es geschehe nur mittelbar, unmittelbar konne nur die Empfindung
ais Prásentant einer Wahrnehmung fungieren, das Phantasma aber unmittelbar nur
ais Prásentant einer Phantasie?
BEILAGE I 109

s te llu n g a u s g e d rü c k t i s t : W a h rn e h m u n g s v o rs te llu n g e n s te lle n ih r e n


G e g e n s t a n d a is i h n e n s e lb s tg e g e n w á r tig e n v o r ; P h a n t a s i e v o r s t e l l u n -
g e n h in g e g e n v e r g e g e n w á r tig e n s ic h i h n i m P h a n ta s ie b ild e , w ie d ie
g e w ó h n lic h e n B ild v o r s te llm ig e n es i m p h y s is c h e n B ild e t u n .
5 W a s lie g t n u n i n d ie s e m „ V e r g e g e n w á r tig e n im B ild e ” oder k u rz-
w e g im b ild lic h e n V o r s te lle n ?
B e i je d e m s o lc h e n V o r s te lle n u n te r s c h e id e n w ir B ild u nd Sache.
D ie S a c h e is t d e r v o n d e r b e z ü g lic h e n V o r s te llu n g im e ig e n tlic h e n
S in n e g e m e in te G e g e n s t a n d u n d is t a is s o lc h e r z u g le ic h d e r f ü r s e ie n d
10 g e h a lte n e , s p e z ie lle r e t w a d e r e r in n e r t e o d e r e r w a r t e t e , u n d w ie d e r d e r
b e z w e if e l t e , e r f r a g t e , e r w ü n s c h t e , b e í ü r c h t e t e G e g e n s t a n d , w e n n d ie s e
V o r s te llu n g e in e m F ü r - s e ie n d - H a l t e n , e t w a e in e m E r in n e m oder E r -
w a rte n , u n d w ie d e r e in e m Z w e ife ln , Fra g e n , W ünschen, F ü rc h te n
u .d g l . z u G r a n d e l i e g t . W e n n m i r d a s B e r li n e r S c h lo s s „ i m P h a n ta s ie -
15 b ild v o r s c h w e b t ” , s o is t d a s S c h lo s s s e lb s t d ie v o r g e s te llt e S a c h e . D a -
von u n t e r s c h e id e n -w ir a b e r a is e in e n z w e it e n G e g e n s ta n d das vo r-
schw ebende B ild . In t a u s c h e n d e r Á q u i v o k a t i o n h e is s t a u c h d ie s e s i n
der P h a n ta s ie v o r s te llu n g v o r g e s te llt. E t w a S k o m p liz ie r te r g e s ta lte t
s ic h d ie S a c b la g e im F a lle p h y s is c h e r B ild e r. H ie r is t, w ie le ic h t
20 ü b e rs e h e n w ir d , d ie Rede vom B ild e zw e id e u tig . D e r a b g e b ild e te n
S a c h e s t e h t D o p p e lt e s g e g e n ü b e r : 1 ) d a s B i l d a is p h y s is c h e s D i n g , a is
d ie s e b e m a l t e u n d e i n g e r a h m t e L e i n w a n d , a i s d ie s e s b e d r u c k t e P a p i e r
u . d g l. I n d ie s e m S in n e s a g e n w ir : D a s B i l d h á n g t s c h ie f, is t ze r r is s e n
u .á . 2 ) D a s B i l d a is d u r c h d ie b e s t i m m t e F a r b e n - u n d F o r m e n g e b u n g
25 so u n d so e r s c h e i n e n d e s B i l d o b j e k t , a ls o n i c h t d a s a b g e b ild e te
O b je k t , d a s B ild s u je t , s o n d e m d a s A n a lo g o n d e s P h a n ta s ie b ild e s . W i r
konnen der D e u tlic h k e it h a lb e r te r m in o lo g is c h r m te r s c h e id e n : d a s
re p rá s e n tie re n d e o d e r a b b ild e n d e u n d d a s r e p r á s e n tie r te o d e r a b g e ­
b ild e te B i l d o b j e k t . V o n b e id e n is t w ie d e r u n te r s c h ie d e n d a s p h y s is c h e
3 0 B i l d . D i e s c h lic h te R e d e v o m B ild e is t a b e r zw e id e u tig , s o fe m n e b e n
dem p h y s is c h e n B i l d e a u c h d a s r e p r á s e n tie r e n d e B i l d o b j e k t a is B i l d
b e z e ic h n e t w i r d . E i n B e is p ie l w i r d d ie s k l a r m a c h e n . Z . B . d ie s e P h o t o -
g ra p h ie s te llt m e in K i n d v o r . Z u n a c h s t e n t w ir f t es a b e r e in B i l d , d a s
d e m K i n d e z w a r i m g a n z e n g le ic h t , a b e r i n A n s e h u n g d e r e rs c h e in e n -
35 d e n G r ó s s e , d e r F á r b u n g u . d g ll g a r s e h r m e r k lic h v o n ih m a b w e ic h t.
D ie s e s h ie r e r s c h e in e n d e 1 M i n i a t u r k i n d i n w id e r w a r tig g r a u -v io le tte r
F á r b u n g m e in e ic h n ic h t , w e n n ic h „ i n ” d ie s e m B i l d e m i r m e in K in d
v o r s te lle . E s is t e b e n n ic h t d a s K i n d , s o n d e m n u r s e in B i l d . U n d
w e n n ic h s o v o m B i l d e s p r e c h e ; o d e r a u c h s a g e , d a s B i l d s e i m is s lu n g e n ,
4 0 o d e r g le ic h e d e m O r i g i n a l , s o m e in e ic h n a t ü r l i c h n i c h t d a s p h y s is c h e
B i l d , d a s D i n g , d a s d a a n d e r W a n d h á n g t . D a s le tz te r e is t e in w ir k -
lic h e s D i n g , je n e s a b e r e i n b lo s s e r s c h e in e n d e s , d a s n i e e x i s t i e r t h a t
u n d n ie e x is tie r e n w i r d . S o m i t i s t n a t ü r l i c h d ie s B i l d i m z w e i t e n S i n n ,
^ as r e p rá s e n tie re n d e B i l d o b j e k t , n ic h t T e i l o d e r S e ite d e s p h y s is c h e n
5 B ild e s , e tw a d ie s o u n d s o v e r te ilt e F á r b u n g auf dem P a p ie re . D a s
o c h e in d in g is t e in d r e id im e n s io n a le r K o r p e r m i t k o r p e r lic h e r F a r b e n -
110 BEILAGE I

verteilung, es ist nicht identisch mit der Papierfláche und ihren Far-
benabschattungen. Dieselben Farbenempfindungen, die wir einmal ais
diese objektive Farbenverteilung auf dem Papier deuten, deuten wir
das andere Mal ais das Bild-Kind, aber nicht ais das wirkliche Kind;
5 d ie s e m s c h r e ib e n w i r g a n z a n d e r e F a r b e n z u , F a r b e n , d ie u n s i m B i l d e
ü b e rh a u p t n ic h t e r s c h e in e n . S o lc h e r , nach B ild e m und B ild a rte n
w e c h s e ln d e r D if f e r e n z e n g ib t es b e i je d e m B i l d e , s o n s t k o n n t e es z u r
B ild v o r s te llu n g ü b e r h a u p t n ic h t k o m m e n .
B e v o r z u g e n w i r n u n f ü r d e n A u g e n b lic k d e n e in fa c h e r e n F a l l d e r
10 P h a n ta s ie v o r s te llu n g e n . S in d b e i ih n e n B ild u nd Sache a is z w e i
G e g e n s tá n d e z u u n te r s c h e id e n , so m ü s s e n a u c h z w e i o b je k tiv ie r e n d e
A k te oder zu m m in d e s te n z w e i R ic h tu n g e n o d e r K o m p o n e n te n d e r
v e r g e g e n s ta n d lic h e n d e n A u ffa s s u n g v o r h a n d e n s e in . D a s n a iv e D e n -
ken fa s s t d ie Sache fr e ilic h e in fa c h e r. I m „G e is te ” s te c k t d a s B ild ,
15 u n d „d ra u s s e n ” is t a lle n fa lls der G e g e n s ta n d ; u n d e x is tie rt d ie s e r
n i c h t , w ie w e n n ic h e in e n D r a c h e n p h a n ta s ie re , s o is t e b e n n u r d a s
g e is tig e B i l d v o r h a n d e n , u n d w e i t e r g i b t e s n i c h t s z u e r k l a r e n . N i c h t s
w e it e r a is d ie K l e i n i g k e i t , w ie d e r G e is t e s a n f á n g t , m i t d e m B i l d e i n
s ic h e in e n G e g e n s t a n d , d e r v o m B ild e v e r s c h ie d e n is t , v o r z u s t e lle n .
20 W e n n ic h e in B i l d in d ie S c h u b la d e s t e c k e , s t e l l t s ie s ic h n u n den
G e g e n s ta n d v o r ? D ie n a iv e A u ffa s s u n g ir r t a b e r v o r a lle m , in d e m s ie
i m G e is t e , o d e r w e n ig v e r f e i n e r t : i m B e w u s s ts e in s o d a s B i l d s e in l a s s t ,
w ie i n d e r W i r k l i c h k e it e in D i n g . W e n n ic h m ir in d e r P h a n t a s ie e in e n
L ó w e n „ a u s m a l e ” , s o v e r h á l t s ic h d ie s e s B i l d z u m w ir k lic h e n L o w e n
2 5 a n a lo g , w ie s ic h z u i h m e tw a e in p h y s is c h g e m a lte r o d e r p h o to g r a p h i-
s c h e r L o w e v e r h á lt . I n b e id e n F a lle n s in d d ie 1 B ild g e g e n s tá n d e w a h r -
h a f t e in N i c h t s , u n d d ie R e d e v o n ih n e n h a t e in e n m o d if iz ie r t e n S i n n ,
d e r a u f g a n z a n d e re E x is te n ze n h i n w e i s t , a is w e lc h e s ie s e lb s t s ic h
a u s g e b e n . D a s p h o to g r a p h is c h e B ild o b je k t (n ic h t d e r p h o to g r a p h ie r te
30 G e g e n s ta n d ) e x is tie rt w a h r h a ft n ic h t. W a h r h a ft , d a s b e s a g t n ic h t :
a u s s e r m e in e m B e w u s s ts e in , s o n d e rn ü b e r h a u p t n ic h t, a u c h n ic h t
in ih m . W a s w ir k lic h e x is tie r t , d a s is t d ie b e s tim m te F a r b e n v e r t e ilu n g
auf dem P a p i e r u n d d e s g le ic h e n e m e e n t s p r e c h e n d e K o m p l e x i o n v o n
E m p f i n d u n g e n , d ie ic h , d ie P h o t o g r a p h ie b e tr a c h te n d , e rle b e . E b e n s o
3 5 e x is tie rt d a s P h a n ta s ie b ild w a h r h a ft ü b e r h a u p t n ic h t, a b e r es e x is tie rt
e in e i h m e n ts p r e c h e n d e K o m p l e x i o n v o n s in n lic h e n P h a n t a s i e i n h a l t e n
im E rle b n is der P h a n ta s ie v o rs te llu n g . U n d w ie d o rt d ie Fa rb e n -
e m p fin d u n g e n in ih r e r k o n k re te n K o m p le x io n n ic h t s e lb s t d a s B i l d
s in d ( m a n w i r d d o c h , u m n u r e in s z u n e n n e n , d ie o b j e k t i v - v o l l e d re i-
4 0 d im e n s io n a le K ó r p e r lic h k e it n ic h t der E m p fin d u n g s k o m p le x io n
u n te r s c h ie b e n ), v ie lm e h r d u r c h e in e n a u ffa s s e n d e n , d e u te n d e n A k t
e r s t d e n B i l d c h a r a k t e r g e w in n e n , s o g i l t d a s s e lb e a u c h h i e r b e i d e r
K o m p le x io n v o n P h a n ta s ie in h a lte n . D e r a u ffa s s e n d e A k t f ü g t n ic h t
e t w a n e u e s in n lic h e I n h a l t e h i n z u , a is o b e in M e h r a n I n h a l t e n d a s
4 5 m a c h e n k o n n t e , o h n e w e lc h e s ü b e r h a u p t d ie G e g e n s t a n d lic h k e it f ü r

1 Spáter eingefiigt: „reprásentierenden”. — Anm. d. Hrsg.


BEILAGE I 111

d e n V o r s te lle n d e n n ic h ts w a r e ; s o n d e m e r b r in g t d ie „B e w u s s ts e in s -
w e is e ” h i n z u , d ie d e n I n h a l t d e u t e t , i h m g e g e n s ta n d lic h e B e z i e h u n g
u n te r le g t, d ie a u s d e m b lin d e n D a s e in d e s In h a lt s d a s m it ih m e tw a s
V o r s te lle n , n ic h t ih n , sondem d u rc h ih n e tw a s M e in e n zu s ta n d e
5 b r i n g t .1 D ie s e s M e in e n 2 e r le b e n u n d den G e g e n s ta n d v o rs te lle n 3 is t
e in u n d d a s s e lb e . U n d r e a l e x is t ie r t i m B e w u s s t s e in n i c h t s a is d e r I n -
h a l t , u n d z w a r i n d ie s e r T i n k t i o n d e r A u f f a s s u n g u n d M e i n u n g 4 .
D ie ü b e rd ie s noch b e s te h e n d e n D is p o s itio n e n , w e lc h e h ie r em e
w ic h tig e g e n e tis c h -p s y c h o lo g is c h e R o lle s p ie le n , gehen uns je tzt
10 n ic h ts a n . D i s p o s i t i o n e n s i n d k e in e B e w u s s t s e in s d a t e n , s ie s i n d k e in e
E r le b n is s e , d ie d e s k r ip t iv a u fw e is b a r w a r e n . A l s o i m E r l e b n i s e x is tie r t
in d e r T a t u n d e ig e n tlic h g e s p ro c h e n w e d e r d a s p h o to g r a p h is c h e B i l d
(u n te rs c h ie d e n v o m p h o to g r a p h ie r t e n G e g e n s t a n d u n d v o n d e r P h o t o -
g r a p h ie a is D i n g ) n o c h d a s P h a n t a s i e b i l d .

15 < § 2 . H e m u s s t e ttu n g v o n z w e i R ic h tu n g e n d e r
V e r g e g e n s ta n d lic h u n g i n d e r P h a n t a s ie v o r s t e llu n g a m
L e it f a d e n d e r g e w o h n lic h e n B ild v o rs te llu n g >

D i e V e r g e g e n s ta n d lic h u n g , d ie w i r b is h e r b e tr a c h te t h a b e n , s c h a fft
d a s a b b ild e n d e 5 B i l d , n ic h t d ie a b g e b ild e te S a c h e : G e n a u e r b e s e h e n
2 0 s c h a f f t s ie n i c h t e i n m a l d a s B i l d , s o n d e m n u r d e n G e g e n s ta n d , d e r
a is B i l d e r s t f u n g i e r e n s o l í . ( I c h g e s t a t t e m i r d i e b e q u e m e n U n e i g e n t -
lic h k e ite n d e r R e d e , w e lc h e d ie v o r g e s te llte n G e g e n s ta n d e w ie i n d e r
V o r s t e l l u n g s e ie n d e b e h a n d e l n .) D i e s w i r d a l s b a l d h e r v o r t r e t e n , w e n n
w ir uns dem V o r s te lle n zu w e n d e n , das uns d ie v o r g e s te llte Sache
25 lie fe r t. E s m uss v o n dem V o r s te lle n v e r s c h ie d e n s e in , in dem das6
B ild o b je k t e r w a c h s t. D i e O b je k t e s in d j a v e r s c h ie d e n . I n d e r P h a n t a ­
s ie v o r s te llu n g is t z w a r d a s B i l d i n g e w is s e r W e is e v o r g e s te llte s O b j e k t ,
a b e r d a s in ih r e ig e n tlic h g e m e in te is t e in a n d e r e s , e in e v o n i h r v e r -
s c h ie d e n e Sache. D a s B e r li n e r S c h lo s s i s t n i c h t m e in P h a n ta s ie b ild
30 v o m B e r lin e r S c h lo s s . D e n le t z t e r e n G e g e n s t a n d 7 i n d e r V o r s t e llu n g
h a b e n , h e is s t n o c h n i c h t , d u r c h i h n e in e n a n d e r e n u n d 8 d u r c h i h n a b -

1 Den Satzteil ,,die aus dem. blinden Dasein... ” bis zum Ende des Satzes hat Hus-
serl spater wie folgt verándert und ergánzt: „die aus dem blinden Dasein des Inhalts
das ihn ais etwas Auffassen, <mit> ihm etwas Vorstellen, das nicht ihn, aber durch
ihn etwas gegenstandlich Haben zustande bringt”. — Anm. d. Hrsg.
2 .. Mamen” spater verándert in ,,Auffassen”. —■Anm. d. Hrsg.
3 Uber „vorstellen” spáter eingefiigt: ,,in der Erscheinung haben”. •—■Anm. d.
Hrsg.
4 ,,und Meinung” spáter gestrichen. — Anm. d. Hrsg.
Spater eingefugt: „reprásentierende”. — Anm. d. Hrsg.
Spater eingefugt: „reprásentierende”. — Anm. d. Hrsg.
,,Den letzteren Gegenstand” hat Husserl spáter eingeklammert und dafür ein-
gefugt ■,,Das Bild, den reprasentierenden Bildgegenstand”. — Anm. d. Hrsg.
8 Spater eingefugt: „zwar ais einen”. — Anm. d. Hrsg.
112 BEILAGE I

g e b ild e t e n m e in e n . E s i s t 1 s e h r w i c h t i g , s ic h k l a r v o r A u g e n z u h a l t e n ,
d a s s h ie r e in e d o p p e lt e G e g e n s t á n d lic h k e it f ü r d ie P h a n t a s ie v o r s t e l-
l u n g s e lb s t, a is E r l e b n i s w ie es i s t , i n B e tra c h t k o m m t u n d d a s s es
s ic h n i c h t e t w a u m e in e n n u r b e g r ifflic h e n U n t e r s c h ie d h a n d e lt , d e r
5 e rs t n a c h tr á g lic h in d e r R e f l e x i ó n ü b e r d a s V e r h á l t n i s d ie s e s E r l e b -
n is s e s z u r W i r k l i c h k e i t e r w á c h s t . E s i s t n i c h t e in U n t e r s c h i e d d e r A r t ,
w ie w i r ih n b e i d e r W a h m e h m u n g z w is c h e n d e m e rs c h e in e n d e n D i n g
( d e m D i n g i m g e w ó h n lic h e n e m p ir is c h e n S in n e ) u n d d e m D i n g a n s ic h
m a c h e n , w o j a i n d e r E r s c h e in u n g n ic h t z w e i D i n g e , d a s e m p ir is c h e
10 u n d d a s a n s ic h s e ie n d e D i n g e r s c h e in e n , s o n d e m n u r d a s e in e , d a s e r s té r e .
D i e v e r g e g e n s tá n d lic h e n d e A u ffa s s u n g d e r P h a n ta s ie in h a lte , w o d u r c h
d e r a u s se re G e g e n s ta n d (im B e is p ie l d a s B e r lin e r S c h lo s s ) z u r V o r-
s t e l l u n g k o m m t , i s t k e i n e b lo s s e P r á s e n t a t i o n , w i e s ie d e r W a h m e h ­
m u n g o d e r W a h r n e h m u n g s v o r s te llu n g z u G r a n d e lie g t. I n d e r P r á s e n ta -
15 t io n e r s c h e in t u n s d e r G e g e n s ta n d „ s e lb s t ” ; a b e r d a s P h a n ta s ie b ild
m u te ts ic h a n d e r s a n w ie d e r G e g e n s ta n d „s e lb s t” , es i s t e b e n n ic h td e r
G e g e n s t a n d , s o n d e m s t e l l t i h n n u r a is B i l d v o r . U n d d ie s e R e d e d r ü c k t
o f f e n b a r e in e n U n t e r s c h ie d a u s , d e r i n d e n E r le b n is s e n s e lb s t li e g t . M a n
d a r f n ic h t e tw a g la u b e n , es se i ih m d u rc h d e n U m s ta n d v o lla u f G e n ü g e
20 g e s c h e h e n , d a s s d ie W a h r n e h m u n g s v o r s te llu n g E m p f i n d u n g e n v e r g e -
g e n s tá n d lic h e , d ie P h a n t a s ie v o r s t e llu n g a b e r P h a n t a s m e n . E b e n i n d i e -
s e r H in s i c h t e r w e is t s ic h d a s b is n u n a r g v e m a c h lá s s ig te S t u d iu m d e r g e -
m e in e n B ild v o r s te llu n g e n ü b e r a u s le h r r e ic h . D e n n d a s B ild is t h ie r
d ie „V e rg e g e n s tá n d lic h u n g ” von S in n e s in h a lte n , u n d d o c h i s t d ie s e
2 5 V e r g e g e n s ta n d lic h u n g k e in e W a h r n e h m u n g s v o r s te llu n g . N ic h t der
r e p ra s e n tie re n d e G e g e n s ta n d , d a s „ g e is tig e ” B ild , is t d a s G e m e in te ,
s o n d e m d e r a b g e b ild e t e G e g e n s t a n d , d a s B i l d s u j e t ; n i c h t d ie s e s k l e in -
w i n z ig e , i n p h o to g r a p h is c h e n F a r b e n e r s c h e in e n d e F i g ü r c h e n , s o n d e m
d a s „ w ir k h c h e ” K i n d . U n d s o m e in e n w i r a u c h n ic h t d a s s c h w a n k e n d e
3 0 u n d flü c h tig e , b a ld a u fta u c h e n d e u n d w ie d e r v e rs c h w in d e n d e , d a b e i
s ic h in h a lth c h m a n n ig fa c h ándem de P h a n ta s ie b ild , w e n n w i r e in e n
G e g e n s ta n d in d e r f h a n t a s ie u n s v e rg e g e n w a rtig e n , w ir m e in e n d a s
B i l d n u r , w e n n w i r e s a is P s y c h o lo g e n d a r a u f a b g e s e h e n h a b e n . I n d e r
W a h rn e h m u n g s v o rs te llu n g haben w ir e in e n a u fg e fa s s te n Gegen-
3 5 s t a n d , u n d d ie s e r i s t a u c h d e r g e m e in t e . I n d e r P h a n ta s ie v o rs te llu n g
h a b e n w ir z w e i a u fg e fa s s te G e g e n s tá n d e , n a m lic h d a s P h a n ta s ie b ild
u n d d a s h ie rd u rc h v o r s te llig g e m a c h te B ild s u je t : g e m e in t, im e ig e n t-
lic h e n S in n v o r g e s te llt , is t a b e r n u r d a s le t z te r e . D i e W a h m e h m u n g s -
v o r s te llu n g s te llt ih r e n G e g e n s ta n d d ir e k t v o r , d ie P h a n ta s ie v o r s te l-
4 0 l u n g i n d i r e k t : s ie s t e l l t i h r e n G e g e n s t a n d s o v o r , d a s s s ie z u n á c h s t
e in e n a n d e re n , ih m á h n lic h e n G e g e n s ta n d zu r E rs c h e in u n g b rin g t,
d u r c h d e n s ie i h n b i l d l i c h a u f f a s s t u n d m e i n t .
E s w a r a ls o n i c h t v o r e ilig , w e n n w ir o b e n von zw e i A k te n oder
z w e i R ic h tu n g e n d e r V e r g e g e n s ta n d lic h u n g s p r a c h e n . D i e A u ff a s s u n g ,
4 5 w e lc h e d ie e rle b te n P h a n ta s ie in h a lte zu m e r s c h e in e n d e n B ild e ve r-

1 Spater eingefúgt: „hier”. — Anm. d. Hrsg.


BEILAGE I 113

g e g e n s ta n d lic h t, k a n n n ic h t id e n tis c h m it d e r V o r s te llu n g s e in , w e lc h e


d ie a b g e b i ld e t e S a c h e u n d s ie a is d a s i n d e r e i n h e i t li c h e n P h a n t a s i e -
v o r s t e l l u n g e in z ig G e m e i n t e v o r s t e l l t . N a t ü r l i c h k a n n es s ic h h i e r n i c h t
um z w e i k o n k r e t g e s o n d e rte A k t e h a n d e ln , d ie e t w a n u r g le ic h z e itig
5 d a w á r e n . W e n n d e r a b g e b ild e t e G e g e n s t a n d d u r c h e in e n A k t f ü r s ic h
u n d d a s B i l d d u r c h e in e n d a v o n g e t r e n n t e n , z w e it e n A k t k o n s t it u ie r t
w u rd e , so h a tte n w ir ja ü b e rh a n p t w eder B ild noch a b g e b ild e te n
G e g e n s t a n d . D e r e in e G e g e n s t a n d w i r d zu m B ñde d a d u rc h , dass er
de n a n d e re n 1 d u r c h Á h n li c h k e i t r e p r a s e n tie r t , u n d s o w i r d d ie s e r a u c h
10 e rs t z u m a b g e b ild e te n G e g e n s t a n d . D ie s s e t z t a b e r v o r a u s , d a s s d e r
e in e G e g e n s t a n d z u g l e i c h z u m A k t e d e s a n d e r e n g e h o r e , d a s s d ie A u f ­
fa s s u n g , d ie d e n e in e n G e g e n s t a n d k o n s t it u ie r t 2, G r u n d la g e is t f ü r d ie
V o r s t e l l u n g , d ie m it t e l s s e in e r d e n a n d e r e n G e g e n s t a n d k o n s t i t u i e r t 3.
Ic h habe h ie r n ic h t ohne B e d a c h t d ie A u s d r ü c k e d iffe r e n z ie r t , ic h
15 s a g te 4 A u f f a s s u n g i m e in e n , V o r s te llu n g im zw e ite n F a lle . I n d e r T a t
k o n n e n h ie r n ic h t z w e i in e in a n d e r g e w o b e n e V o r s te llu n g e n v o r lie g e n ,
w o fe r n d ie s e s W o r t b e id e r s e it s (w ie es s e in e h á u f ig e In te n tio n is t)
e in e n a u f d e n G e g e n s t a n d a b s e h e n d e n , i h n m e in e n d e n A k t b e d e u t e t .
In d e r P h a n ta s ie v o rs te llu n g e r s c h e in t d a s B ild o b j e k t , es is t a b e r
20 d u rc h a u s n ic h t g e m e in t, s o n d e rn g e m e in t is t n ur der a b g e b ild e te
G e g e n s ta n d . J e d e n fa lls lie g t h ie r e in s tre n g e in h e itlic h e r k o n k r e t e r
A k t v o r , in d e m w ir n u r a b s t r a k tiv (a b e r s tre n g d e s k r ip tiv ) z w e i A k t -
m o m e n te , z w e i R ic h tu n g e n d e r V e r g e g e n s ta n d lic h u n g u n te r s c h e id e n .

<§ 3. A k t d e r P r a s e n ta t io n d es B ild e s a is F u n d a m e n t f ü r
25 d as B e w u s s ts e in d e r b ild lic h e n R e p rd s e n ta tio n i n
P h a n ta s ie v o rá te tiiin g u n d g ew o h n lich er B ild v o rstellu n g>

Wir verweilen n o c h b e i d e r b e v o r z u g e n d e n B e t r a c h t u n g d e r P h a n -
tasievorstellungen, u m e i n i g e w i c h t i g e r e P u n k t e i n h e l l e r e s L i c h t z u
stellen. Zwei G e g e n s t a n d e u n d i h n e n e n t s p r e c h e n d z w e i A k t e d e r 5
30 Auffassung u n t e r s c h e i d e n w i r . B e t r a c h t e n w i r d e n e r s t e r e n e t w a s g e -
nauer, der uns das B i l d l i e f e r t . A b s t r a h i e r e n w i r v o n s e i n e r a b b i l d e n d e n
I'unktion, so ist d a s B i l d e i n e r s c h e i n e n d e s O b j e k t s o g u t w i e i r g e n d e i n
Objekt i n der W a h r n e h m u n g . U n d s o i s t d e n n d e r A k t , d e m w i r d a s
Objekt verdanken, s e i n e m A k t c h a r a k t e r n a c h s i c h e r l i c h n i c h t s a n d e r e s
35 ais ein Akt der P r a s e n t a t i o n .® A l i e U n t e r s c h i e d e , d i e w i r f r ü h e r h i n -
1 Spáter emgefugt: ,,und zwar”. — Anm. d. Hrsg.
2 Uber ,,konstituiert” spáter eingefügt: „vorstellig macht”. — Anm. d. Hrsg.
3 ,,konstituiert” spáter wellenformig gestrichen. — Anm. d. Hrsg.
4 Etwas nachtraglich eingefügt: „nur um nicht dasselbe Wort benützen zu müs-
sen”. — Anm. d. Hrsg.
5 ,,Akte der” spáter gestrichen, — Anm. d. Hrsg^
Der ktzte Satz wurde spáter wie folgt verandert: ,,In der Tat ist die Auffassung,
der wir dieses erscheinende Objekt verdanken, ihrem wesentlichen Charakter nach
sicherlich nicht wesentlich verschieden von der Auffassung in der Wahrnehmung.” —
Anm d. Hrsg.
114 BEILAGE I

s íc h tlic h d e r P r á s e n ta tio n g e m a c h t h a b e n , fin d e n w ir a u c h h ie r v o r :


d ie U n te rs c h ie d e von d ir e k te r u n d in d ir e k te r , p r im á r e r u n d sekun-
d a re r, e in fa c h e r und zu s a m m e n g e s e tzte r P r á s e n ta tio n . A u ch der
U n te r s c h ie d zw is c h e n d e r E in ze lp rá s e n ta tio n und d e r s y n th e tis c h e n
5 P r á s e n ta tio n s r e ih e , in d e r s ic h e in G e g e n s t a n d o d e r e in Z u s a m m e n -
hang von G e g e n s tá n d e n s c h r ittw e is e von v e r s c h ie d e n e n S e ite n aus
ze ig t u n d in h a ltlic h e n tfa lte t, fe h lt h ie r n ic h t. D ie P r á s e n ta tio n s te h t
h i e r f r e ilic h i n e in e m g a n z a n d e r e n E r l e b n i s z u s a m m e n h a n g , s ie e r f ü l l t
in d e m u m fa s s e n d e r e n A k t g a n z e n d e r P h a n ta s ie v o r s te llu n g e in e w e -
10 s e n th c h v e rs c h ie d e n e F u n k t i o n w ie in de r W a h rn e h m u n g (u n d den
g le ic h g e o r d n e te n A k t e n ) , s o d a s s i h r C h a r a k te r e r h e b h c h m o d if iz ie r t
e r s c h e in t . W i r b e t o n t e n s c h o n , d a s s s ie j e t z t n i c h t m e h r „ G r u n d l a g e ”
is t e in e r m e in e n d e n Z u w e n d u n g , w o d u r c h i h r G e g e n s t a n d a is d e r i m
G e s a m t a k t in t e n d ie r t e d a s t e h t ; w i r e r w á h n te n a u c h , d a s s s o lc h e a u f
1 5 s ie g e g r ü n d e t e Z u w e n d u n g z w a r m o g l i c h i s t , a b e r n u r d a n n s t a t t h a t ,
w enn e in e ig e n e s I n t e r e s s e a u f d a s B i l d g e r ic h te t is t . D a d u r c h aber
e r w á c h s t e in n e u e s E r l e b n i s , d a s d e r B i l d b e t r a c h t u n g , w e lc h e s
von d e r n o rm a le n P h a n ta s ie v o r s te llu n g w o h l u n te rs c h ie d e n is t. D ie
m e in e n d e Z u w e n d u n g , d ie b e i d e r le tz te r e n d e n V o r s te llu n g s o h a r a k te r
20 k o m p le tt ie r t , is t zw a r an d ie B ild p r á s e n ta tio n in n ig s t a n g e k n ü p ft,
a b e r s ie h a t e in e n g a n z a n d e r e n G e g e n s t a n d , s t a t t d e s B i l d e s d a s B i l d -
s u j e t . D a z u i s t a b e r n a t ü r l i c h e r f o r d e r t , d a s s d ie s e s S u j e t d e r V o r s t e l -
l u n g ir g e n d w ie g e g e b e n s e i, d .h . d a s s i h r e in e A u f f a s s u n g z u G ru n d e
lie g t , d ie i h r ih n k o n s t it u ie r t . W i e in d e n b is h e r a n a ly s ie r te n F a l l e n , so
2 5 m ü s s e n w i r a u c h h ie r d ie d a s O b j e k t b e r e its te lle n d e A u ffa s s u n g u n d
d ie m e in e n d e Z u w e n d u n g zu d e re n O b j e k t u n te r s c h e id e n . D i e neue
A u ffa s s u n g is t a b e r k e in e n e u e P r á s e n ta tio n . W o s o llt e s ie a u c h d e n
p rá s e n ta tiv e n In h a lt hem ehm en? A lie P h a n ta s m e n (s o n e n n e n w ir
k u r z w e g d ie s in n lic h e n , e r le b te n I n h a lt e d e r P h a n ta s ie ) s in d z u r P r á -
3 0 s e n ta tio n d e s B ild e s v o l l a u f g e b r a u c h t ; a u s s e r ih n e n f in d e t s ic h a b e r
im E rle b n is der P h a n ta s ie v o rs te llu n g n ic h ts a n d e re s w ie d e r K o m -
p le x d e r A k tc h a ra k te re . So kann d ie neue A u ffa s s u n g , s ta tt neue
s in n lic h e I n h a lt e z u o b je k t iv ie r e n , n u r d ie e rs te A u ffa s s u n g z u m Fu n -
d a m e n t e in e r n e u e n O b j e k t i v i e r u n g m a c h e n . H i e r li e g t e in e w e s e n t lic h
3 5 v e rs c h ie d e n e A u ffa s s u n g s a r t vo r, d ie w ir nach ih re m a llg e m e in e n
C h a r a k t e r a is R e p r á s e n t a t i o n , u n d nach dem b e s o n d e re n , h ie r
m a s s g e b e n d e n , a is b i l d l i c h e R e p r á s e n ta tio n b e ze ic h n e n w e rd e n .
R e p r á s e n ta tio n s e tz t n o tw e n d ig P r á s e n ta tio n v o r a u s . E i n p ra s e n tie r-
te r G e g e n s ta n d is t R e p r á s e n ta n t f ü r d e n r e p r á s e n tie r te n G e g e n s ta n d .
40 In d e r P r á s e n t a t io n is t es e in e r le b te r I n h a l t , w e lc h e r d e r d e u te n d e n
A u f f a s s u n g u n t e r l i e g t , u n d z w a r e in I n h a l t , w e lc h e r a is d a s , w a s e r i s t ,
z w a r e r le b t , a b e r f ü r u n s n ic h t g e g e n s tá n d lic h is t . E r s t w e n n w i r a u f
i h n , z . B . in p s y c h o lo g is c h e m In te re s s e , „ r e fle k tie r e n ” , w e n n d ie „ i n -
n e re W a h r n e h m u n g ” s ic h s e in e r b e m á c h t i g t , w i r d e r f ü r u n s G e g e n -
4 5 s t a n d ; a b e r n u n is t a u c h d a s g a n z e E r le b n is e in a n d e r e s , d ie u r s p r ü n g -
lic h e P r á s e n t a t io n h a t e in e r n e u e n P la t z g e m a c h t. D a g e g e n is t d e r
BEILAGE I 115

R e p r a s e n t a n t (a ls o d a s , w a s i n d e r R e p rá s e n ta tio n d e r A u ffa s s u n g ,
D e u t u n g u n te r lie g t) im m e r s c h o n e in G e g e n s t a n d f ü r u n s . D a s P h a n -
t a s ie b ild „ e r s c h e i n t ” , es s t e h t a is G e g e n s t a n d v o r u n s . D e r r e p r a s e n -
t ie r e n d e G e g e n s ta n d d ie n t u n s a is R e p r a s e n t a n t — das kann aber
5 n ic h ts a n d e r e s h e is s e n , a is d a s s d ie P r á s e n t a t i o n , i n d e r e r e r s c h e in t ,
in e ig e n a r tig e r W e is e G r u n d la g e is t f ü r e in e n n e u e n p s y c h is c h e n A k t ,
in dem s ic h d a s N e u e d e r re p r á s e n tie r e n d e n F u n k tio n k o n s titu ie r t.
Das H in z u tr e te n d ie s e s n e u e n A k tc h a ra k te rs m acht (fü r u n s e r E r ­
le b n is ) d e n U n t e r s c h i e d z w i s c h e n d e r s c h lic h te n A u f f a s s u n g e in e s A
10 u n d d e r k o m p liz ie r te r e n A u ffa s s u n g , w o d a s A n u n zu m R e p rá s e n ta n -
t e n e in e s B w i r d . S o e r h á l t ,a l s o a u c h i n d e r P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g d a s
p r á s e n tie r te O b j e k t d u r c h d a s „ B e w u s s ts e in ” d e r b ild lic h e n R e p r á s e n ­
t a t io n s e in e n B i l d c h a r a k t e r . N a t ü r l i c h i s t d ie s e r n i c h t a is e in e a n d e m
P h a n ta s ie o b je k t e rs c h e in e n d e , d e s s e n B e s t im m th e it s g e h a lt e r w e ite m -
15 d e E i g e n s c h a f t z u m is s v e r s t e h e n .- R e i n e I n h a l t s b e r e i c h e r u n g k a n n d a s
a u s m a c h e n , w o d u r c h B i l d e r , Z e ic h e n , ü b e r h a u p t O b je k t e , d ie e tw a s
,,r e p r á s e n t i e r e n ” ( fü r e tw a s g e lte n , es d a r s te lle n , v e r g e g e n w á r tig e n ,
a b b i l d e n , b e z e i c h n e n , b e d e u t e n u s w .) , v o n s o lc h e n < s ic h > u n t e r s c h e i -
d e n , d ie es n ic h t t u n . O h n e e in e n A k t , d e r G e l t u n g v e r l e i h t , h a t d a s
20 fü r e tw a s G e lt e n , e tw a s D a r s t e lle n , V e r g e g e n w á r tig e n u . d g l. k e in e n
S in n . A n d e re rs e its h in d e r t n a tü r lic h n ic h ts , d a s s w i r e in e m Gegen-
s ta n d e , in R e f le x ió n a u f d ie r e p r á s e n tie r e n d e F u n k t i o n , d ie e r z u t r a -
g e n p fle g t, d e n B ild - o d e r Z e ic h e n c h a ra k te r in d e r W e is e e in e r B e -
s c h a ffe n h e it b e ile g e n . D a r a u s e rs t e n ts p r in g t d ie V e r s u c h u n g , d ie s e
25 a u s s e re m it e in e r in n e r e n und b e re ic h e m d e n E ig e n s c h a ft zu ve r-
w e c h s e ln u n d d e m g e m á s s z u m e i n e n , e in G e g e n s t a n d s e i i n s ic h s e lb s t
e in B i l d o d e r e in Z e i c h e n . >
I

<§ 4. A n a lo g ie u n d D iffe re n z e n z w isch en d em G egensatz


von P r á s e n ta t io n u n d R e p rá s e n ta tio n in n e r h a lb e in e s
30 ko n kreten A k te s d e r R e p r á s e n ta tio n u n d d e r in d ire k te n
P r á s e n ta tio n b ei d e r W ah rn eh m u n gsv o rstellu n g>

D ie F u n k tio n d e r R e p r á s e n ta tio n h a t o ffe n b a re A n a lo g ie zu r in ­


d ir e k te n P r á s e n t a t io n , d ie w i r o b e n b e s c h r ie b e n h a b e n . D e r G e g e n s a tz
v o n d i r e k t e r u n d i n d i r e k t e r 1 P r á s e n t a t i o n l a g d a r i n , d a s s g e w is s e B e -
35 s t im m t h e ite n e in e s p rá s e n tie rte n G e g e n s ta n d e s in e in e m g e w is s e n
e n g s t e n S i n n e i n d i e E r s c h e i n u n g t r a t e n , a b e r d u r c h e i n e n a u f s ie b e -
zo g e n e n A k t c h a r a k t e r d ie w e ite r e F u n k t i o n ü b e m a h m e n , d ie ü b r ig e n
B e s tim m th e ite n , d ie in d ie s e m e n g s te n S in n e a u s s e rh a lb der E r ­
s c h e in u n g b lie b e n , d o c h in d e n B e r e ic h d e r p r á s e n tie r e n d e n G e s a m t -
40 a u ffa s s u n g z u z ie h e n . Á h n l i c h v e r h á l t e s s ic h m i t d e m G e g e n s a tz v o n
P r á s e n t a t i o n u n d R e p r á s e n t a t i o n i n n e r h a l b e in e s k o n k r e t e n A k t e s d e r

1 Eigentlicher und uneigentticher.


116 BEILAGE I

R e p r a s e n t a t io r í. D e r r e p r á s e n tie r e n d e G e g e n s t a n d e r s c h e in t im S in n e
d e r P r á s e n t a t io n , in d e m n o r m a le n S in n e a ls o , in d e m w ir a u c h v o m
á u s s e r lic h w a h rg e n o m m e n e n G e g e n s ta n d e sa ge n, dass e r e r s c h e in e .
H a l t e n w ir d ie s e n S in n fe s t , s o d ü r f e n w i r d e n r e p r a s e n tie r te n G e g e n -
5 s ta n d n i c h t m e h r a is e r s c h e in e n d e n b e z e ic h n e n . W e n n ic h m ir das
B e r lin e r S c h lo s s in d e r P h a n ta s ie v o rs te lle / s o is t d a s P h a n ta s ie b ild
e in e e c h te E r s c h e i n u n g . W e n n i c h a b e r , d ie s e s B i l d v o r A u g e n , d o c h
n i c h t d ie s B i l d , s o n d e m d a s S c h lo s s s e lb s t v o r s t e l l e n d m e i n e , s o i s t i m
k o m p le x e n A k te z w a r e in zw e ite r G e g e n s ta n d in te n tio n a l g e g e b e n ,
10 a b e r n ic h t in F o r m e in e r z w e it e n E r s c h e in u n g g e g e b e n . F e m e r : W ie
oben d ie s e lb s t n ic h t in d ie E r s c h e in u n g fa lle n d e n B e s tim m th e ite n
d u r c h d ie in d ie s e r e n g s te n E r s c h e in u n g s w e is e a u fg e fa s s te n B e s t i m m t ­
h e ite n z u m itte lb a re r A u ffa s s u n g k a m e n , so is t a u c h h ie r d e r le tz tlic h
in te n d ie rte und n i c h t e r s c h e in e n d e G e g e n s ta n d in d ir e k t a u fg e fa s s t,
15 n á m lic h m it t e ls t d e s z u n á c h s t a u fg e fa s s te n u n d e r s c h e in e n d e n G e g e n -
s ta n d e s .
E s u n te r lie g t k e in e m Z w e if e l, d a s s d ie b e id e rs e itig e n G e g e n s a tze ,
w o f e m w i r a u f d ie l e t z t e n E l e m e n t a r a k t e d e r v o r lie g e n d e n A k t k o m p l i -
k a tio n e n z u r ü c k g e h e n , a u f G le ic h a r tig k e it b e r u h e n . A b e r fr e ilic h s in d ,
20 w enn w ir n a h e r zu s e h e n , a u c h d ie D iffe r e n ze n u n ve rk e n n b a r. D a s
B ild r e p r á s e n tie r t e in O r ig in a l. V e rg e g e n w á rtig e n w ir u n s ir g e n d e in
B e is p ie l v o n E r fü llu n g e in e r B ild r e p r á s e n ta tio n , s o w ir d es e v id e n t,
d a s s b e i d ie s e r R e p r á s e n t a t io n s w e is e n o t w e n d i g z w is c h e n R e p r á s e n -
t a n t u n d R e p r a s e n tie r te m e in V e r h á lt n is (b ild h c h e r ) Á h n h c h k e it b e -
2 5 s te h e . G a n z a n d e rs im F a lle in d ir e k te r P r á s e n ta tio n v o n B e s tim m t­
h e i t e n i n d e r E i n h e i t e in e s k o n k r e t e n A k t e s d e r P r á s e n t a t i o n . Z w a r
k o n n e n w i r , w o h lb e r e c h tig t, d a s V e r h á ltn is zw is c h e n d e n d ir e k t u n d
in d ir e k t p r á s e n tie r te n B e s tim m th e ite n a is e in s o lc h e s z w is c h e n R e-
p rá s e n ta n te n und R e p r a s e n tie r te n fa s s e n : a b e r d ie R e p rá s e n ta tio n
3 0 is t h ie r o ffe n b a r k e in e b ild lic h e .1 Ih r e L e is tu n g b e s te h t in d e r W a h r -
n e h m u n g s v o rs te llu n g n ic h t d a rin , d ie r e p r a s e n tie r te n B e s tim m t­
h e ite n b ild lic h zu v e rg e g e n w á rtig e n , v ie lm e h r d a rin : d ie m i t den
e r s c h e in e n d e n B e s tim m th e ite n zu r E in h e it des G e g e n s ta n d e s ge-
h o r ig e n u n d m i t i h n e n d ie s e E i n h e i t k o n s t it u i e r e n d e n B e s t i m m t h e i t e n
35 z u r E in h e it d e r A u ffa s s u n g z u b r in g e n . D e r R e p r á s e n t a n t fa s s t h ie r
d a s s a c h lic h m i t z u ih m G e h o r i g e a is s o lc h e s a u f , d a h e r t r i t t e r z u -
s a m m e n m it d e m so re p r á s e n tie r te n in d e is m e i n e n d e B e w u s s t s e i n ;
b e id e in ih r e r E i n h e i t k o n s t it u ie r e n d e n e in e n g e m e in te n G e g e n s t a n d .
D e r R e p r á s e n t a n t o p fe r t s ic h s e lb s t n i c h t a u f , u m d e n G e g e n p a r t in
4 0 d e n L ic h tk r e is d e s m e in e n d e n A k t e s z u z ie h e n ; in d e m e r d e m a n d e re n
z u r G e l t u n g v e r h i l f t , w i l l e r s e lb s t G e l t u n g b e h a l t e n .2 D e r k o n k re te
A k t d e r m e in e n d e n P rá s e n ta tio n — w o h lg e m e r k t, in dem Typ u s,
w e lc h e r der á u s s e r e n W a h rn e h m u n g e n ts p r ic h t — is t a ls o e in

1 Nota bene.
2 Das gilt für die symbolische Reprásentation (Kontiguitát in der Wahrnehmung).
Gilt es auch für die analogische Reprásentation?
BE1LAGE I 117

komplexes G e b i l d e , i n w e l c h e m P r á s e n t a t i o n e n , o h n e s i c h j e z u b l o s s e n
Reprasentanten h e r a b z u w ü r d i g e n , d o c h r e p r á s e n t a t i v f u n g i e r e n , u n d
zwar in d e r W e i s e d e r a u f f a s s e n d e n E r g á n z u n g u n d B e r e i c h e r u n g
der durch s i e d i r e k t g e g e b e n e n u m d i e s a c h l i c h m i t z u g e h o r i g e n B e -
5 stimmtheiten. U n d d a s E r g e b n i s d i e s e r V e r s c h m e l z u n g v o n T e i l a k t e n
ist das s c h e i n b a r e i n f a c h e B e w u s s t s e i n d e r W a h m e h m u n g s v o r s t e l -
lung, worin w i e m i t e i n e m S c h l a g e d e r G e g e n s t a n d s e l b s t e r s c h e i n t ,
wahrend u n s f r e i l i c h s c h o n d i e n a c h s t e B e s i n n u n g l e h r t , d a s s „ e i g e n t -
lich” doch n u r d i e e í n e „ S e i t e ” d e s G e g e n s t a n d e s a n s c h a u l i c h i n d i e
10 Erscheinung t r i t t .

<§ 5. V ie ld e u tig k e it d e r T e r m in i P h a n ta sie v o rste ttu n g u n d


P h a n ta sie o b je k t. A n a lo g e U n tersch eid u n gen b ei d en
p h y sisc h -b ild lic h e n Vorstettungen>

Einen w i c h t i g e n U n t e r s c h i e d , d e r u n s i n d e r E r o r t e r u n g d e s l e t z t e n
15 Paragraphen a u f s t i e s s ,1 m ü s s e n w i r , n e b s t e i n i g e n v e r w a n d t e n , j e t z t
in die genauere E r w a g u n g z i e h e n . W i r e r w á h n t e n d i e M o g l i c h k e i t
einer betrachtenden Z u w e n d u n g z u m p r i m a r e r s c h e i n e n d e n P h a n t a s i e -
bild, anstatt, w i e e s i n d e r n o r m a l e n P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g g e s c h i e h t ,
zu dem a b g e b i l d e t e n G e g e h s t a n d . Aequivoce h e i s s t d a s e m e w i e d a s
20 andere das p h a n t a s i e r t e O b j e k t ; u n d w i e d e r h e i s s t d i e d e m e i n e n w i e
dem anderen O b j e k t z u g e w e n d e t e V o r s t e l l u n g e i n e P h a n t a s i e v o r ­
stellung. Ja, d e r l e t z t e r e T e r m i n u s u m f a s s t , d i e V e r w i r r u n g v o l l z u
machen, noch d r e i w e s e n t l i c h u n t e r s c h i e d e n e B e g r i f f e : d i e p r a s e n -
t a t i v e Auffassung, i n w e l c h e r d a s P h a n t a s i e o b j e k t z u r E r s c h e i n u n g
2 5 kommt, und z w a r v o r o d e r a b g e s e h e n v o n a l l e r m e i n e n d e n Z u w e n ­
dung; die i n g l e i c h e r W e i s e v o n d e r Z u w e n d u n g z u s c h e i d e n d e r e -
p r a s e n t a t i v e A u ff a s s u n g d e r P h a n t a s ie , w e lc h e d e n a b g e b ild e te n
Gegenstand g i b t , e n d l i c h d a s P h a n t a s m a , d . i . d e n p r a s e n t i e r e n d e n
sinnlichen I n h a l t , d e s s e n d e u t e n d e A u f f a s s u n g d a s B i l d e r s c h e i n e n
3 0 lasst. Fassen w i r d i e b e í d e n z u e r s t u n t e r s c h i e d e n e n B e d e u t u n g e n
naher ins Auge, b e i w e l c h e n e s s i c h u m z u g l e i c h m e i n e n d e u n d a u f -
fassende Akte h a n d e l t , s o w i r d i h n e n n o c h e i n e w e i t e r e a n z u r e i h e n
sein. Wir verstehen u n t e r P h a n t a s i e o b j e k t e n d i e i n d e r P h a n t a s i e e r ­
scheinenden u n d g e w o h n l i c h a i s B i l d e r f u n g i e r e n d e n O b j e k t e u n d
3 5 sondern;
1) P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g e n 2 a i s A k t e b i l d l i c h - r e p r S s e n t a -
tiver und zugleich m e i n e n d e r A u f f a s s u n g , i n w e l c h e n e i n P h a n t a s i e ­
objekt ais B i l d r e p r á s e n t a n t f u n g i e r t . I c h e r w a h n e s o g l e i c h , d a s s d e r
lassige, aber b e q u e m e A u s d r u c k „ m e i n e n d e A u f f a s s u n g ” i m S i n n e d e r
40 bisherigen Analysen ü b e r a l l e i n e n k o m p l e x e n A k t b e z e i c h n e t , i n
1 Vgl. in vorliegender Textgliederung den § 3. — Anm. d. Hrsg.
2 Ira normalen Sinn.
118 BEILAGE I

w e lc h e m e in m e in e n d e r A k t , d e s s e n S p e zie s a u s d e m je w e ilig e n Z u -
sam m enhang zu e r s e h e n i s t , s ic h auf den G e g e n s ta n d e in e r ih m zu
G r a n d e lie g e n d e n A u ff a s s u n g b e z ie h t .
2) V o r s t e l l u n g e n v o n P h a n t a s i e o b j e k t e n 1 a is A k te
5 p r a s e n ta tiv e r u n d m e in e n d e r A u ffa s s u n g v o n P h a n ta s ie o b je k te n .2
3) V o r s t e l l u n g e n v o n P h a n t a s i e b i l d e r n a is e b e n s o lc h e
A k te w ie d ie e b e n b e s t im m te n , n u r m it d e m U n te rs c h ie d e , d a s s w ir
j e t z t d ie P h a n t a s ie o b je k te a u s d rü c k lic h a is B i l d e r b e z e i c h n e n , a ls o
m it re p ra s e n ta tiv e r F u n k t io n b e h a fte t d e n k e n .
10 D e r U n t e r s c h ie d d e r e rs te n m i t d e n b e id e n fo lg e n d e n V o r s te llu n g s -
a r te n is t u n v e r k e n n b a r u n d b e d a r f n a c h d e m fr ü h e r E r o r t e r t e n k e in e r
n e u e n A n a ly s e . E s i s t b e is p ie ls w e is e e in s ic h tlic h v e r s c h ie d e n e s E r -
le b n is , o b w ir u n s e in fe m e s L a n d in P h a n ta s ie b ild e r n v e r g e g e n w a r ti-
g e n ( z .B . b e i d e r L e k t ü r e e in e r R e is e b e s c h r e ib u n g ) , o d e r o b w i r u n s e r
15 In te re s s e den P h a n ta s ie b ild e r n s e lb s t z u w e n d e n ( z .B . a u s p s y c h o lo -
g is c h e m In te re s s e ). D ie A u ffa s s u n g s g r u n d la g e kann b e id e rs e its d ie -
s e lb e s e in , a b e r d ie m e in e n d e V o r s t e ll u n g r i c h t e t s ic h e in m a l a u f d ie
a b g e b ild e te n G e g e n s ta n d e u n d d a n n n ic h t a u f d ie B i l d e r , d a s a n d e re
M a l a u f d ie B i l d e r u n d d a n n n ic h t a u f d ie a b g e b ild e te n G e g e n s ta n d e .
20 A b e r a u c h d e r fe in e r e U n te r s c h ie d z w is c h e n d e n b e id e n le t z t e n V o r ­
s te llu n g e n is t h e r v o r z u h e b e n , w e il es s ic h o f f e n b a r u m v e r s c h ie d e n e
E r le b n is s e h a n d e lt, je nachdem d ie in d e r P h a n ta s ie e rs c h e in e n d e n
O b j e k t e a is B i l d e r f u n g ie r e n o d e r n i c h t . F r e i l i c h k o n n t e es z w e i f e l h a f t
e rs c h e in e n , o b n ic h t a lie P h a n t a s ie o b j e k te eo ip s o m it d e m C h a ra k te r
2 5 d e r B i l d l i c h k e i t a u f t r e t e n , a u c h w o w i r a u f s ie u n d i h n n i c h t a c h t e n
und uns a u s s c h lie s s lic h m i t d e m p r i m a r e r s c h e in e n d e n O b je k te be-
s c h a ftig e n . W e n n w i r v o n d e r P h a n ta s ie v o r s te llu n g d e s fr e m d e n L a n -
d e s z u r V o r s te llu n g d e r es r e p r a s e n tie r e n d e n B ild e r ü b e r g e h e n , s in d
z w e i F a l l e m o g lic h . I h r e B ild lic h k e it k a n n e in e rs e its s e lb s t m it g e h o r e n
30 z u dem K re is e u n s e re r In te re s s e n . S o z . B . w e n n w ir in e in e r a n z u -
k n ü p fe n d e n b e g r ifflic h e n Ü b e rle g u n g das V e r h a ltn is von B ild und
A b g e b ild e te m e r w a g e n w o lle n . H i e r g e h t d e m b e g r ifflic h e n Denken
e in k o m p liz ie r te s E r le b n is a n s c h a u lic h e r V o r s te llu n g v o r h e r u n d lie g t
i h m z u G r a n d e , i n w e lc h e m d a s B i l d n i c h t b lo s s a is B i l d f u n g i e r t , s o n -
3 5 d e rn zu g le ic h a is T r a g e r d e s B i l d c h a r a k t e r s a u fg e fa s s t u n d g e m e in t
i s t . ( D i e s s e t z t e in e R e f l e x i ó n a u f d ie r e p r á s e n t a t i v e F u n k t i o n v o r a u s .)
A n d e r e r s e its is t a b e r a u c h d e r F a l l m o g lic h , d a s s d ie B ild lic h k e it g a n z
a u s s e rh a lb d e s R a h m e n s lie g t , i n d e m s ic h d a s In te r e s s e b e w e g t . D a s
B i l d in te r e s s ie r t u n s n i c h t a is B i l d v o n i r g e n d e t w a s , s o n d e r n f ü r s ic h ,
4 0 a is d a s s o u n d so e rs c h e in e n d e P h a n ta s ie o b j e k t. D ie s h in d e rt a b e r
n ic h t, d a ss d a s B ild im E rle b n is fo r tfa h r t, B ild z u s e i n ; d a s s e s a ls o
f o r t f á h r t , a is T r a g e r e in e r r e p r a s e n t a t i v e n A u f f a s s u n g z u fu n g ie re n ,
n u r d a ss w e d e r ih r n o c h ih r e m G e g e n s ta n d d ie G u n s t b e s o n d e re r B e -
a c h t u n g z u t e i l w i r d . D i e V o r s t e l l u n g is t j e t z t n i c h t m e h r a is r e p r á s e n -

1 Phantasievorstellungen im modifizierten Sinn.


2 1) und 2) Phantasievorstellung im weiteren Sinn.
BEILAGE I 119

ta tiv e zu b e z e ic h n e n , w e il d e r r e p r a s e n ta tiv e F a k t o r ih r e r w e ite r e n


A u f f a s s u n g s g r u n d la g e f ü r s ie n i c h t s p e z ie ll g r u n d l e g e n d i s t . D e r C h a -
r a k te r d e r V o r s te llu n g is t n u r z u b e s tim m e n d u r c h d e n T e il d e r A u f -
f a s s u n g s e in h e it , d e s s e n G e g e n s t a n d s ie i n s m e i n e n d e B e w u s s t s e i n e r -
5 hebt. D ie F r a g e is t n u n , o b d ie S a c h e ü b e r a l l s o l i e g t , w ie i n d ie s e n
F a l l e n . J e d e n fa lls is t es d o c h d e n k b a r , d a s s in a n d e r e n d ie r e p r á s e n ta -
tive Funktion ü b e r h a u p t n ic h t in A k tio n tr itt. In der T a t g ib t es
F a l l e , d ie m a n i n d ie s e m S in n e s e h r w o h l in te r p r e t ie r e n k a n n . W e n n
wir u n s d e m R e i z e l e b e n d i g e r r e g t e r P h a n t a s i e g a n z h i n g e b e n , u n s in
10 eine p h a n t a s i e r t e W e l t s o r e c h t e i n l e b e n , w o b e i d i e P h a n t a s i e n d u rc h
ih r e n s in n v o lle n Z u s a m m e n h a n g , d u r c h d ie a u s n e h m e n d e L e b e n d ig -
k e it, in d iv id u a lis ie r te F ü l l e , d u r c h S te tig k e it u n d S e lb s ta n d ig k e it d e n
Erscheinungen d e r n o r m a l e n W a h m e h m u n g k a u m n a c h s t e h e n ; d a i s t
von e i n e r r e p r a s e n t a t i v e n F u n k t i o n d e r E r s c h e i n u n g e n , v o n e i n e m
15 ih n e n a n h a f t e n d e n B i l d c h a r a k t e r n i c h t s z u m e r k e n . E r t r i t t e r s t a u f ,
w e n n d ie u m g e b e n d e W i r k l i c h k e it d a s In te r e s s e a u f s ic h z u r ü c k l e n k t
u n d w i r u n s n u n s a g e n : E s i s t b lo s s e E i n b i l d u n g .
A n a lo g e U n te r s c h e id u n g e n g e lte n , w ie n ic h t w e ite r a u s g e fü h rt
w e r d e n m u s s , f ü r d ie a n d e r e G r u p p e b ild lic h e r V o r s t e llu n g e n , w e lc h e
20 a u f s in n lic h e r E m p f i n d u n g b e ru h e n . D ie p h y s is c h -b ild lic h e V o r s te l­
lu n g g e h t a u f d a s S u je t . E i n g a n z a n d e re s E r le b n is is t d ie V o r s te llu n g
d e s B i l d e s s e lb s t a is d e s e r s c h e in e n d e n B i l d r e p r a s e n t a n t e n . A u c h h i e r
k a n n m ó g lic h e rw e is e d a s B e w u s s ts e in d e r B ild lic h k e it g a n z e n tfa lle n ,
w o d u r c h a b e r e in e g e w o h n lic h e W a h r n e h m u n g s v o r s t e l l u n g r e s u ltie r e n
25 w ü r d e . D ie s B e w u s s ts e in im r e in a n s c h a u lic h e n V e r h a lt e n v o n v o m -
h e r e in n i c h t a u f k o m m e n z u la s s e n , i s t d ie L e i s t u n g d e r d e n W i r k l i c h -
k e its s c h e in v o r tá u s c h e n d e n B i l d e r , v o n d e r A r t d e r P a n o p t ik u m s b il-
d e r u .d g l .| O b z w a r w i r i n s o l c h e n F a l l e n e i n b e g r i f f l i c h e s W i s s e n d a v o n
h a b e n , d a s s d ie E r s c h e i n u n g e n b lo s s b ild lic h e s i n d , s o f e h l t d o c h i m
30 a n s c h a u lic h e n E r l e b n i s s e lb s t d a s s o n s t in n ig d a r in v e r w o b e n e r e p r á -
s e n ta tiv e M o m e n t . D a s a b e r is t d a s f ü r d ie a n s c h a u lic h e B ild v o r s te l-
lu n g E n ts c h e id e n d e . W i r h a b e n i n je n e n F a l l e n e c h te W a h m e h m u n g s -
v o rs te llu n g e n , v o n dem Gedanken b e g le ite t, d a s s ih r e G e g e n s ta n d e
b lo s s e B i l d e r s e ie n ; d ie E r s c h e i n u n g s e lb s t g i b t s ic h a b e r a is E r s c h e i -
3 5 n u n g e in e s g e g e n w a r t i g e n O b j e k t s u n d n i c h t a is B i l d . J a s ie e r z w i n g t
s ic h , in n a iv e r B e t r a c h t u n g , d a s a n s c h a u lic h e W a h r n e h m u n g s u r t e il.
D a rin t a u s c h t s ie . I n W a h r h e it g ib t e s v ie lle ic h t e in a n d e re s (n ic h t
e r s c h e in e n d e s ) O b j e k t , z u m e r s c h e in e n d e n i m V e r h a l t n i s d e s O r ig in á i s
zu m B i l d e s t e h e n d . D a s a lie s w is s e n w i r , u n d d o c h b l e i b t d e r S c h e in
40 b e s te h e n , w e il d ie E r s c h e in u n g so g a n z d e n C h a r a k te r d e r n o r m a le n
W a h rn e h m u n g s v o rs te llu n g h a t, dass s ie s ic h d ie D e g r a d a tio n zu
e in e m b lo s s e n R e p ra s e n ta n te n n ic h t g e fa lle n lá s s t . D a s b e g le ite n d e
U r t e i l , es s e i e in b lo s s e s B i l d , p r a g t d e r E r s c h e i n u n g s e lb s t d e n B i l d ­
c h a r a k te r e b e n n ic h t e in .
120 BEILAGE I

<§ 6 . V e r s c h ie d e n a r tig k e it d e r V o r s te llu n g e n d u r c h


P h a n t a s ie b ild e r u n d d e r V o r s te llu n g e n d u r c h p h y s is c h
v e rm itte lte B i l d e r : k o m p liz ie r te r e A u f f a s s u n g s g r u n d la g e b e i d e n
le tz te r e n ; p h y s is c h e s B i l d , B ild o b je k t , B ild s u je t im
5 W e c h s e l d e r B e t r a c h t u n g s r ic h t u n g ; B e t e ilig u n g a n d e r
A u f f a s s u n g s g r u n d la g e >

U n s e r b e so n d e re s In te re s s e g a lt b is h e r den g e m e in s a m e n E ig e n -
tü m lic h k e ite n d e r b e id e n A r t e n b ild lic h e r V o r s te llu n g e n . A u c h w o w ir
s tr e c k e n w e is e d ie E ro rte ra n g d e r e in e n b e v o r z u g t e n , w a r d ie Ü b e r-
10 tra g u n g der gew onnenen E rg e b n is s e auf d ie a n d e re o h n e w e ite r e s
zu v o llzie h e n . E s is t n u n a n d e r Z e i t , a u c h d ie b e id e r s e itig e n U n t e r -
s c h ie d e z u e r fo r s c h e n . V o r s t e ll u n g e n d u r c h P h a n t a s i e b i l d e r u n d V o r ­
s te llu n g e n d u r c h p h y s is c h v e r m it te lt e B ild e r s in d u n v e r k e n n b a r v e r -
s c h ie d e n a rtig e u n d n ie z u v e r w e c h s e ln d e E r le b n is s e . E s m u s s m o g lic h
15 s e in , d ie U n te r s c h ie d e z u b e g r ifflic h e r K l a r h e i t z u b r in g e n .
E in e e rh e b lic h e D iffe re n z s c h e in t zu n a c h s t h in s ic h th c h der zu
G r a n d e lie g e n d e n A u ff a s s u n g s t a t t z u h a b e n . A u f s e ite n d e r p h y s is c h e n
B ild v o r s t e Ü u n g is t s ie , w ie e s s c h e in t, k o m p liz ie r t e r w ie auf s e ite n
der P h a n ta s ie v o rs te llu n g . Bei der le tzte r e n o rd n e t s ic h der g a n ze
2 0 K o m p l e x d e r z u ih r e r E r le b n is e in h e it g e h o r ig e n s in n lic h e n I n h a lt e in
e in e P r á s e n t a t i o n , w o d u r c h s ic h d a s P h a n t a s ie b ild k o n s t it u ie r t .
B e i d e r p h y s is c h e n B ild v o rs te Ü u n g is t d ie s n i c h t der F a ll. H ie r
h a b e n w ir ja n ic h t z w e i, s o n d e m d r e i G e g e n s ta n d e z u u n te r s c h e id e n ,
w e lc h e b e i e in e m s u k z e s s iv e n W e c h s e l d e r B e tr a c h tu n g s r ic h tu n g a u c h
2 5 a is e in z e ln g e m e in te h e r v o r tr e te n : n á m lic h d a s p h y s is c h e B i l d , d a s
d a r g e s te llt e g e is tig e B i l d (d a s e r s c h e in e n d e u n d r e p r a s e n tie r e n d e B i l d ­
o b je k t) u n d e n d lic h d a s B ild s u je t (d a s r e p r á s e n tie r te B i ld o b j e k t ) . Z . B .
ic h b e tr a c h te s o e b e n d e n S tic h d e r R a ffa e ls c h e n T h e o lo g ie , d e r h ie r
a n d e r W a n d h á n g t . Z u n a c h s t a is d ie s e s p h y s is c h e D i n g . I c h w e c h s le
30 n u n d ie B e tra c h tu n g s w e is e , ic h a c h te n ic h t auf das an der W a n d
H ángend e, sondem a u f d a s S u j e t d e s B i l d e s : e in e e r h a b e n e F r a u e n -
g e s ta lt, a u f e in e r W o l k e t h r o n e n d , v o n z w e i d e r b e n E n g e lju n g e n u m -
f l a t t e r t u s w . I c h a n d e r e a b e r m a ls d ie B e tr a c h tu n g s w e is e u n d w e n d e
m ic h v o n d e m v o r g e s te llte n B i l d o b j e k t a u f d a s es v o r s te llig m a c h e n d e
35 B ild , im S in n e d e s r e p r á s e n tie r e n d e n B i l d o b j e k t s . E s is t e in e z ie m lic h
k le in e F r a u e n p u p p e m i t z w e i e r h e b lic h k le in e r e n E n g e l p ü p p c h e n , in
b lo s s e n G r a u n u a n c e n o b j e k t iv g e fa r b t .
D ie b e id e n e rs te n B e tra c h tu n g s w e is e n s in d d ie im g e w o h n lic h e n
L e b e n h e r r s c h e n d e n , d ie d r it t e is t d a s b e s o n d e re In te re s s e d e s K ü n s t -
4 0 le r s u n d d e s P s y c h o lo g e n . I m Ü b e rg a n g v o n d e r e in e n z u r a n d e r e n
fin d e t e in W e c h s e l in d e r m e in e n d e n B e zie h u n g s ta tt, w o d u rc h aus
d e r , w ie es s c h e in t, ü b e r a ll g le ic h e n A u ffa s s u n g s e in h e it im m e r e in
a n d e re r G e g e n s ta n d h e rv o rtritt. D ie zw e ite is t d ie n ó rm a le B ild -
BEILAGE I 121

b e t r a c h t u n g , d a s , w a s w i r h i e r a is d ie p h y s is c h e B ild v o r s te Ü u n g bé-
zeichnen. Z u ih r e m A u ffa s s u n g s g r u n d e tr a g e n a lie d r e i G e g e n s ta n d e
mit b e i . S i n d w ir in d ie B e tr a c h tu n g d e s B ild e s v e r s u n k e n , d .h . d e r
b ild lic h e n R e p r a s e n ta tio n d e s S u je ts z u g e w e n d e t; s o h a b e n w i r d e n
5 a b b ild e n d e n G e g e n s ta n d v o r A u g e n ; n u r d a d u r c h , d a s s e r e rs c h e in t,
k a n n e r d a s „ s e lb s t ” n ic h t e rs c h e in e n d e S u je t v e r g e g e n w á r t ig e n . A n -
d e r e r s e its is t e r n i c h t d a s G e m e i n t e , d a s i m e ig e n tlic h e n S in n e h ie r
V o r g e s t e llte , d a z u w i r d e r n u r i n e in e r e ig e n e n B e t r a c h t u n g , d ie o b e n
ais d i e d r i t t e a n g e r e ih t w a r . Á h n li c h w ie m i t d ie s e m r e p r á s e n tie r e n d e n
10 B ild e , w e lc h e s w i r o b e n m i t d e m P h a n ta s ie b ild e p a r a lle h s ie r t h a b e n ,
scheint e s s i c h m i t d e m p h y s i s c h e n B i l d e z u v e r h a l t e n . E s i s t e i n e r s e i t s
in d e r b i l d l i c h e n V o r s t e l l u n g n i c h t v o r g e s t e l l t , g e s c h w e i g e d e n n , d a s s
es ( i m r i c h t i g e n S i n n ) w a h r g e n o m m e n w a r e . W e n n w i r s i e v o l l z i e h e n ,
also d e m S u j e t z u g e w e n d e t s i n d , m e i n e n w i r j a n u r d i e s e s , g a n z u n d
15 gar n i c h t d a s p h y s i s c h e B i l d , d a s e i n g e r a h m t e u n d b e d r u c k t e P a p i e r .
Dazu b e d a r f e s e i n e s e i g e n e n A k t e s d e r V o r s t e ü u n g b z w . W a h m e h -
mung, d . i . d e r B e t r a c h t u n g s a r t , d i e w i r o b e n a n e r s t e r S t e ü e e r w á h n t
haben. A n d e r e r s e i t s w i r d m a n s a g e n m ü s s e n , d a s s , w e n n a u c h n i c h t
die v o l l e W a h m e h m u n g , s o d o c h d i e i h r e n G e g e n s t a n d b e r e i t s t e l l e n d e
20 Auffassung a u c h i m j e t z i g e n E r l e b n i s z u G r a n d e l i e g e . W a h r e n d w i r
auf d a s S u j e t a c h t e n u n d i n s e i n e r b i l d l i c h e n V o r s t e l l u n g a u f g e h e n ,
haben w i r d o c h d a s p h y s i s c h e B i l d , d a s E i n g e r a h m t e a n d e r W a n d
vor Augen, e s s t e h t a i s d i e s D i n g v o r u n s . — G e n a u e r b e s e h e n i s t d i e s e
Vorstellung n i c h t g a n z k o r r e k t . D a s s i m h a u f i g e n W e c h s e l d e r V o r -
2 5 stellungsrichtung, d e n d i e p s y c h o l o g i s c h e E r f a h r a n g b e z e u g t , a u c h
d i e Wahrnehmung u n d m i t i h r d i e A u f f a s s u n g d e s p h y s i s c h e n B i l d e s
ais des p h y s i s c h e n z u r G e l t u n g k o m m t , i s t s i c h e r . B e z w e i f e l n k a n n
man aber, o b w i r k l i c h b e i d e r n o r m a l e n B i l d b e t r a c h t u n g , d i e a u f d a s
S u je t g e r ic h te t is t , a u c h d a s p h y s is c h e B i l d z u r A u ffa s s u n g s g r a n d la g e
30 gchore. In d e r T a t i s t d ie s n i c h t d e r F a l l . N u r e in e m T e ñ e n a c h t r i t t
es in d ie A u f f a s s u n g e in . E s i s t n a m h c h z u b e m e r k e n , d a s s s ic h i n d ie
A u ffa s s u n g des a b g e b ild e te n G e g e n s ta n d e s n ic h t b lo s s d ie Fa rb e n
und Formen d e r Z e ic h n u n g , s o n d e m a u c h d ie U m r a h m u n g u n d s e lb s t
d ie w e ite r e r a u m lic h e U m g e b u n g o r g a n is c h e i n f ü g t : D a s B i l d s p r i n g t ,
35 sa g e n w ir , a u s d e m R a h m e n , b z w . w i r b lic k e n d u r c h i h n , g le ic h s a m
durch e i n F e n s t e r , i n d e n R a u m s e i n e r O b j e k t e h i n e i n u . d g l .1 I n e i n -
heitlicher A u f f a s s u n g w i r d a l s o d e r a b g e b i l d e t e G e g e n s t a n d m i t d e r
umrahmenden G e g e n s t á n d l i c h k e i t i n e i n e m g e g e n s t a n d l i c h e n Z u -
sammenhang a u f g e f a s s t , d a s A b g e b i l d e t e i n d e r W e i s e d e s b e s o n d e r s
40 Beachteten h e r v o r g e h o b e n , d a s U m r a h m e n d e i n d e r W e i s e d e s „ n e b e n -
b e i Beachteten” z u r ü c k g e s t e l l t .
Genauer g e s p r o c h e n s i n d w i r , j e n a c h U m s t a n d e n , V e r s c h i e d e n e m
zugewendet. O f t e r s a c h t e n w i r a u f d i e U m r a h m u n g g a r n i c h t , v i e l -
mehr ausschliesslich a u f d a s S u j e t : S i e i s t d a n n a u f g e f a s s t , a b e r i m
45 pragnanten Sinne n i c h t w a h r g e n o m m e n u n d n i c h t v o r g e s t e l l t . I n a n -
1 (Adolf von> Hildebraud.
122 BEILAGE I

d e re n F a lle n e r s tr e c k t s ic h d ie S p h a re d e r m e in e n d e n Zuw endung


ü b e r d e n g a n z e n a u fg e fa s s te n Z u s a m m e n h a n g , w ie w e n n w ir ( z .B . in
Reden der oben h e ra n g e zo g e n e n A r t) d a s v o r g e s te llte S u je t in e in e
a u s d r ü c k lic h e B e zie h u n g zu r U m ra h m u n g b r i n g e n , e s a ls o a u c h in
5 d ie s e r B e z ie h u n g m e in e n . I n d e r R e g e l w i r d w o h l d a s e in e m i t d e m
a n d e re n a b w e c h s e ln : W a h r e n d d a s In te re s s e a u f d a s S u je t k o n z e n -
tr ie r t is t, d rá n g t s ic h d ie U m ra h m u n g , ohne je n e n H a u p tzu g des
In te re s s e s e r n s tiic h a b zu le n k e n , z u m o m e n ta n e m B e m e rk e n d u rc h .
In je d e m F a l l e le is te t d a s p h y s is c h e B i l d z u d e r u m fa s s e n d e re n E i n -
10 h e it g e g e n s ta n d lic h e r A u f f a s s u n g , a u s w e lc h e r d ie e in e o d e r a n d e r e
V o r s te llu n g s c h o p f t , z w a r s e in e n B e it r a g . A b e r w i r b e m e r k e n , d a s s
n ic h t d a s g a n ze B i l d , s o n d e m n u r g e w is s e B e s t a n d s t ü c k e d e s s e lb e n
(d ie U m ra h m u n g ) in d ie e in h e itlic h e Um gebung des a b g e b ild e te n
G e g e n s ta n d e s h in e in v e r w o b e n u n d m it ih r z u g e g e n s ta n d lic h e r A u f -
15 fa s s u n g g e b r a c h t w e r d e n . F a s s e n w ir d ie b ild lic h v o r g e s te llte n O b je k t e
a is a u s d e m R a h m e n h e r a u s tr e te n d e a u f , o d e r e r s c h e in t e r u n s a is e in
F e n s t e r , d u r c h w e lc h e s w i r i n ih r e n R a u m (in d ie g e m a lte L a n d s c h a f t
u .d g l .) h in e in s e h e n , s o i s t i n n e r h a l b d ie s e s e in h e it lic h e n Z u s a m m e n -
hanges z w is c h e n W ir k lic h k e it und B ild lic h k e it fü r das p h y s is c h e
20 B ild - D in g o ffe n b a r k e in P l a t z , s o n d e m e b e n n u r f ü r s e in e n R a h m e n .
W as vom B ild e f e h l t , d a s is t je n e r T e i l , d e s s e n p ra s e n tie r e n d e In h a lte
e in e g a n z a n d e r s a r tig e A u f f a s s u n g e r f a h r e n , a is w e lc h e d a s B i l d - D i n g
v e r la n g t , n á m lic h d ie je n ig e , in w e lc h e r d ie r e p r a s e n tie r e n d e u n d r e -
p r a s e n tie r te G e g e n s ta n d lic h k e it g e g e b e n is t .
25 B e m e r k e n s w e r t i s t h ie r n o c h , d a s s , w ie w e i t o d e r e n g e s ic h d a s m e í-
n e n d e B e w u s s ts e in ü b e r d ie a u fg e fa s s te G e g e n s t a n d lic h k e it e r s tr e c k e n
m a g , d o c h d ie b ild lic h e R e p r a s e n ta tio n a n je n e r R a h m e n a u ffa s s u n g
k e in e S t ü t z e f in d e t . D e r R a h m e n ü b t k e in e re p ra s e n tie re n d e F u n k t i o n .
B e s c h ra n k e n w ir , w ie es a m n a tü r lic h s te n i s t , d ie R e d e v o n d e r b ild -
3 0 lic h e n V o r s te llu n g a u f d e n A k t m e in e n d e r Z u w e n d u n g z u e in e m r e p r a -
s e n tie r te n G e g e n s ta n d e , so k o m m t d ie e b e n b e s c h rie b e n e p a r tie lle B e -
te ilig u n g d e s p h y s is c h e n B ild d in g e s a n d e r b ild lic h e n V o r s te llu n g 1 gar
n i c h t i n B e t r a c h t .2 Z u i h r g e h o r t n u r , w a s e b e n r e p r a s e n t a t i v f u n g í e r t ,
oder fü r das R e p ra s e n tie re n d e k o n s titu tiv is t. E rs tre c k t s ic h d ie
3 5 m e in e n d e B e z ie h u n g m i t a u f d ie w a h r g e n o m m e n e B ild u m g e b u n g , so
h a b e n w i r e i n a u s W a h r n e h m u n g u n d B i l d v o r s t e l l u n g k o m p o n i e r t e s *3

1 Spater eingefügt: „unmittelbar”. — Anm. d. Hrsg.


3 Wir werden überhaupt bei den meinenden Akten unterscheiden müssen zwischen
der Auf f a s s u n g s g r u n d l a g e i m e n g e r e n S i nn , ais der Auffassung, die aus-
schliesslich ihren gemeinten Gegenstand konstituiert, und der Auffassungsgrundlage
im w e i t e r e n S i n n , ais der gesamten, sehr viel weiter reichenden Auffassungs-
komplexion, in welcher sich eine mannigfaltige Gegenstandlichkeit konstituiert, aber
nur zu kleinerem Teil in das meinende Bewusstsein tritt. Es besteht eben jeweils ein
ganzes Blickfeld für das meinende Verhalten. Viele Gegenstande sind schon aufge-
fasst, sie stehen so zu unserer Verfdgung; aber nur auf diesen oder jenen blicken wir
besonders hin und machen ihn zum Gegenstand eines meinenden Aktes.
BEILAGE X 123

Erlebnis, w ie d e rg le ic h e n M is c h u n g e n v o n E r le b n is s e ñ v e rs c h ie d e n e r
T y p e n so v ie lfa ltig v o r k o m m e n .1

<§ 7 . I n n e r e G le ic h a r t ig k e it d e s A k t c h a r á k t e r s b ild lic h e r


R e p r a s e n t a t io n , je d o c h á u s s e r e U n te r s c h ie d e b e i b e id e n
5 V o r s t e llu n g s a r te n . D e s id e r a t e in e r A u f k la r u n g d e r in f ie r e n
U n te r s c h ie d e z w is c h e n d e n s in n lic h e n I n h a lt e n :
E m p f in d u n g e n u n d P h a n ta s m e n >

In d e r R i c h t u n g , d ie w i r j e t z t d u r c h fo r s c h t h a b e n , z e ig te s ic h k e in
e rh e b lic h e r in n e r e r U n t e r s c h ie d zw is c h e n P h a n ta s ie v o rs te llu n g und
10 p h y s is c h e r B ild v o r s te llu n g . D i e M o g lic h k e it, b e i d e r le tz te r e n n e b e n
dem a b g e b ild e te n G e g e n s ta n d e noch zw e i G e g e n s ta n d e zu u n te r-
s c h e id e n , b e d e u t e t e j a n i c h t , d a s s d ie s e z w e ifa c h e G e g e n s t a n d l i c h k e i t
(w o m o g lic h noch in g a n z e in z ig a r tig e r W e is e ) z u m r e p r a s e n ta tiv e n
G r a n d e d e r V o r s te llu n g g e h o r e . A u c h b e i d e r p h y s is c h -b ild lic h e n V o r -
15 s te llu n g w a r d ie r e p r a s e n t a t iv e F u n k t i o n n u r a n e in e n G e g e n s ta n d
g e b u n d e n , a n d a s r e p r a s e n tie r e n d e B i l d . I m m e r h i n z e i g t s ic h d a x in e in
U n te r s c h ie d , d a s s d e r R e p r á s e n t a n t b e id e r s e its a u s e in e m v e r s c h ie d e n
g e b a u te n A u ffa s s u n g s g r u n d e h e ra u sg e h o b e n is t. D a s P h a n t a s i e -
b ild is t a u s s e r a lle m Z u s a m m e n h a n g m it d e r „ W ir k lic h k e it ” , d a s is t
20 m it d e m B lic k fe ld m o g lic h e r W a h m e h m u n g . H in g e g e n is t d a s p h y -
s is c h d a r g e s t e llt e B i l d i n d e n W i r k h c h k e i t s z u s a m m e n h a n g i n g e w is s e r
W e is e e in b e z o g e n , o b s c h o n e s d a r i n n i c h t s e lb s t a is W i r k l i c h e s g i l t .
Fe rn e r: B e i der p h y s is c h -b ild lic h e n V o r s te llu n g fu n g ie r t e in zu m
B lic k fe ld d e r W a h r n e h m u n g g e h o r ig e r , w ir k lic h e r G e g e n s ta n d , n a m -
2 5 lic h d a s p h y s is c h e B i l d , a is E r r e g e r d e r b i l d l i c h e n A u f f a s s u n g , s e in e
W a h r n e h m u n g is t d e r A u s g a n g s - u n d D u r c h g a n g s p u n k t f ü r d ie E n t -
w ic k lu n g der b ild lic h e n V o r s te llu n g . B ei der P h a n ta s ie v o rs te llu n g
fe h lt d ie s e e ig e n a r t ig e A n k n ü p f u n g an e in e b e s t im m t e E r s c h e in u n g
im B l i c k f e l d e d e r W a h r n e h m u n g , s ie h a t k e i n e n E r r e g e r . D a je w e ils
30 d ie M o g li c h k e i t b e s t e h t , v o n d e r p h y s is c h -b ild lic h e n V o r s te llu n g z u r
B e tra c h tu n g d ie s e s Erre g e rs (d e s p h y s is c h e n B ild e s a is á u s s e re n
D in g e s ) ü b e r z u g e h e n , s o lie g t s c h o n h ie r in e in s t a r k h e r v o r tr e te n d e r
a u s s e re r U n te r s c h ie d z w is c h e n d e n b e id e r le i V o r s te llu n g e n .2
Aber a u c h e in in n e r e r , n ic h t a u f d ie w e ite r e n A u ffa s s u n g s z u s a m -

1 Im ubrigen ist auch. in der Phantasie der Umfang der meinenden (für sich be-
achteuden) Vorstellung enger ais derjenige der zu Grunde líegenden Auffassung. Das
phantasierte Ding hat ebenfalls seinen phantasierten Hintergrund, seinen gegen-
standhchen Zusammenhang, der da, aber nicht allseitig beachtet ist. Blickfeld der
Phantasie.
2 An dieser Stelle verweist Husserl mit Bleistift auf ,,Beilage M” . Es handelt sich
um ein Blatt, datiert auf 2. Oktober 1898, das er spater dem Vorlesungsmanuskript
von 1904/05 eingefügt hat (vgl. oben Nr. 1, §29 und die entsprechenden Textkiitischen
Anmerkungen). ■ — Anm, d. Hrsg.
124 BEILAGE I

m enhange und A u f f a s s u n g s m o g lic h k e ite n , s o n d e m auf den e n g s te n


A k t d e r b ild lic h e n R e p r a s e n t a t i o n b e z o g e n e r U n t e r s c h i e d b i e t e t s ic h
d a r . D a s P h a n t a s ie b ild u n d d a s p h y s is c h d a r g e s te llte B i l d s in d in n e r -
lic h g le ic h a r t ig , w a s d ie A k t c h a r a k t e r e a n b e la n g t i1 B e id e r s e its s in d es
5 e b e n b ild lic h e R e p r á s e n t a t io n e n : S ie d iffe r ie r e n a b e r d u r c h d ie p r á s e n -
tie r e n d e n s in n lic h e n I n h a lt e . E s s in d a u f d e r e in e n S e ite P h a n t a s m e n ,
a u f d e r a n d e re n E m p fin d u n g e n .
W i r s to s s e n h ie r a u f d ie h e ik le d e s k r ip t iv e F r a g e n a c h d e m U n t e r ­
s c h ie d z w i s c h e n E m p f i n d u n g e n u n d P h a n t a s m e n . Ih re
1 0 B e a n t w o r t u n g b e r ü h r t a b e r n i c h t b lo s s d i e a b s c h lie s s e n d e E r k e n n t n i s
d e r z u le t z t e ro rte rte n U n te r s c h e id u n g e n , a u c h a n d e re , im fo lg e n d e n
z u e r ó r te m d e U n te r s c h ie d e w e r d e n v o n i h r w e s e n tlic h b e tr o ffe n .2

<§ 8 . W a h r n e h m u n g s v o r s te llu n g v o n e in e r a u f d e n se lb e n
G e g e n s ta n d g e ric h te te n P h a n t a s i e - o d e r p h y s is c h - b ü d lic h e n
15 V o r s te llu n g u n te r s c h ie d e n a i s P r a s e n t a t io n g e g e n ü b e r
R e p r a s e n t a t io n . — F r a g e : W ie u n te r s c h e id e t s ic h d ie
W a h r n e h m u n g s v o r s te llu n g e in e s G e g e n s ta n d e s v o n d e r
V o r s te llu n g „ d e s s e lb e n ” G e g e n s ta n d e s a i s P h a n t a s ie o b je k ts
u n t e r d e r A n n a h m e , d a s s d a s P h a n t a s ie o b je k t n ic h t
20 r e p r a s e n t a t iv f u n g ie r t ? >

W i r h a b e n b is h e r e in e M a n n i g f a l t i g k e i t v o n A u f f a s s u n g s - u n d V o r -
s te llu n g s ty p e n u n te r s c h ie d e n : d ie P r a s e n ta tio n e n d e r W a h r n e h m u n g s -
v o rs te llu n g e n , der P h a n ta s ie v o rs te llu n g e n , der p h y s is c h -b ild lic h e n
V o r s te llu n g e n ; in d e n b e id e n le t z te n F a lle n u n te r A n k n ü p fu n g des
2 5 C h a r a k te r s b ild lic h e r R e p r a s e n ta tio n ; d a n n d ie b e z ü g lic h e n V o r s t e l­
lu n g e n s e lb s t; d a z u a u c h d ie V o r s te llu n g e n v o n P h a n ta s ie o b je k te n u n d
P h a n ta s ie b ild e m , e n d lic h von p h y s is c h v e r m itte lte n B ild e m . D ie
K o n s titu tio n d ie s e r v e r s c h ie d e n e n E r le b n is s e h a b e n w i r , z u m a l w a s
d ie d a b e i b e te ilig te n A k t c h a r a k t e r e a n b e la n g t, s tu d ie r t. A b e r noch
3 0 b l e i b t e in ig e s ü b r i g , u m d ie U n t e r s c h i e d e d e r s e lb e n z u a b s c h lie s s e n d e r
K l a r h e i t z u b r i n g e n . S ie h á n g e n s o i n n i g z u s a m m e n , d a s s s ie n i c h t a lie
s o e i n g e h e n d e r E r o r t e r u n g b e d ü r f e n , w i e w i r s ie b e r e i t s d e m U n te r­
s c h ie d e d e r b e id e n A r t e n b ild lic h e r V o r s te llu n g e n g e w id m e t h a b e n .

1 Denken wir uns auch beiderseits die gegenstándliche Beziehung identisch, denken
wir uns námlich, es sei derselbe Gegenstand beiderseits vorgestellt, ja er sei sogar
beiderseits von derselben Seite, durch dieselben in die Erscheinung tretenden Be-
stimmtheiten vorgestellt, so bleibt nur ein Unterschied: vgl. S. 125, Zeile 21 ff.
2 Ausser den klargelegten Unterschieden kommen ubrigens in unserem Fall auch
noch all die Unterschiede in Betracht, welche zwischen Erscheinungen der Phantasie
und denen moglicher Wahrnehmung angenommen werden. Denn dass die physisch
vermittelten Erscheinungen und die Wahrnehmungserscheinungen ganz gleichartig
sind, werden wir alsbald erkennen.
BEILAGE I 125

W ir heben z .B . d ie Fra g e n h e ra u s : W ie u n t é r s c h e i d e t s ic h
e in e W a h r n e h m u n g s v o r s t e l l u n g v o n e in e r a u f d e n -
s e lb e n G e g e n s t a n d g e r ic h t e t e n 1 P h a n t a s i e v o r s t e l -
1u n g, u n d w ie d e r : v o n e in e r a u f d e n s e lb e n G e g e n s t a n d g e r ic h te te n
5 V o r s t e l l u n g d u r c h e in p h y s is c h e s B ild ? H ie r b e d a rf es
k e in e r w e ite r e n Ü b e rle g u n g e n : D ie der W a h rn e h m u n g s v o rs te llu n g
(im e n g e r e n S i n n e ) z u G r u n d e l i e g e n d e A u f f a s s u n g h a t d e n C h a r a k t e r
der2 P r a s e n t a t i o n , a u f d e n G e g e n s e i t e n a b e r d e n C h a r a k t e r d e r b i l d -
lichen R e p r a s e n t a t i o n . W i e s i c h d a n n d i e R e p r a s e n t a t i o n d i f f e r e n -
10 z i e r t , je n a c h d e m e s s i c h u m P h a n t a s i e b i l d e r o d e r p h y s i s c h e B i l d e r
handelt, i s t o b e n v o l l s t a n d i g e r o r t e r t w o r d e n — b i s a u f 3 d e n U n t e r ­
schied z w i s c h e n E m p f i n d u n g e n u n d P h a n t a s m e n .
Umfassendere B e t r a c h t u n g f o r d e r t h i n g e g e n d i e F r a g e : W i e u n t e r -
scheidet sich d i e W a h r n e h m u n g s v o r s t e l l u n g e i n e s G e g e n s t a n d e s v o n
15 der Vorstellung . .d e s s e l b e n ” G e g e n s t a n d e s a i s P h a n t a s i e o b j e k t e s ? D i e
letztere Vorstellung s o l í a l s o k e i n e 4 P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g d e s G e g e n ­
standes (in d e m o b e n p r a z i s i e r t e n n o r m a l e n S i n n e ) s e i n . A u s e i n e r
solchen mag s i e e t w a e r w a c h s e n , i n d e m d a s I n t e r e s s e s i c h a u f d a s
Bildobjekt, s o w i e e s e r s c h e i n t , z u r ü c k w e n d e t ; d e r B i l d c h a r a k t e r m a g
20 dann unbemerkt b l e i b e n o d e r ü b e r h a u p t v e r s c h w i n d e n .
W i r b e ze ic h n e n d a s W a h m e h m u n g s o b je k t u n d d a s P h a n ta s ie o b je k t
a is „ d a s s e l b e ” , w e i l d i e s ie k o n s t i t u i e r e n d e n B e s t i m m t h e i t e n b e i d e r ­
s e i t s ,,d i e s e l b e n ” s in d . D a r u m b r a u c h e n a b e r n ic h t a u c h d ie p r im a r
p r á s e n tie r te n v o n ih n e n h ie r u n d d o r t d ie s e lb e n < z u > s e in . D a s P h a n t a -
25 s ie d in g k a n n u n s v o n e in e r a n d e r e n S e it e e r s c h e in e n w ie d a s g e s e h e n e
D i n g . D e n k e n w i r u n s a u c h i n d ie s e r H i n s i c h t d ie v o l l e G l e ic h h e it h e r -
g e s te llt, so fr a g t es s ic h , w o r in d e r U n te r s c h ie d d e r b e id e n V o r s te llu n ­
g e n n o c h b e s te h e n s o lí. B e id e s s in d V o r s t e llu n g e n d e s s e lb e n O b j e k t s .
S ie s in d g le ic h h i n s i c h t l ic h d e s m e in e n d e n C h a r a k t e r s ; a b e r m a ls g le ic h
30 h in s ic h tlic h d e s C h a r a k t e r s d e r z u G r u n d e lie g e n d e n A u f f a s s u n g e n : E s
s in d P ra s e n ta tio n e n , d a zu P rá s e n ta tio n e n d e s s e lb e n G e g e n s ta n d e s ,
a ls o n i c h t b lo s s d e r A u f f a s s u n g s g a t t u n g , s o n d e m a u c h d e r D ifie re n -,
z ie r u n g n a c h g le ic h . Ü b e r d ie s s o lí d e r G e g e n s t a n d s ic h i n b e id e n v o n
d e r s e lb e n S e ite d a r s t e lle n , a ls o G le ic h h e it b is a u f d ie fe in s te n V e r-
35 z w e ig u n g e n in n e re r U n te rs c h ie d e , in g e g e n s e itig -e in d e u tig e r K o r r e -
s p o n d e n z. Is t d a s P h a n ta s ie o b je k t m it re p r a s e n ta tiv e r F u n k t i o n be-
h a f t e t , o b s c h o n n i c h t 'a i s B i l d g e m e i n t , s o l i e g t d a r i n s c h o n e i n U n t e r ­
s c h ie d . E r b e g r ü n d e t j a f ü r u n s a u c h d ie M o g li c h k e i t , d e n B i l d c h a r a k ­
t e r je w e ils in s m e in e n d e B e w u s s t s e in z u e r h e b e n , u n d d ie s w á r e s c h o n
40 g e n u g , u m z w is c h e n g e s e h e n e m u n d p h a n ta s ie r te m D i n g (m in d e s te n s
a is b i l d lic h e m ) u r t e il e n d z u u n te r s c h e id e n . A b e r w ie , w e n n d a s
P h a n t a s i e o b j e k t e in m a l g a r n i c h t r e p r a s e n t a t i v fu n -

1 Spater eingefügt: „(normalen)” . — Anm. d. Hrsg.


Spater eingefügt: „blossen”. — Anm. d. Hrsg.
Spater eingefügt: ,,die Unterschiede, welche die Erscheinungen nnabhangig von
der Reprasentation betreffen”. — Anm. d. Hrsg.
Spater eingefügt: ,,nórmale”. — Anm. d. Hrsg.
126 BEILAG E I

g ie r t? I s t es d a n n e in W a h r n e h m u n g s o b j e k t , b zw . is t
s e in e A u f f a s s u n g e in e W a h m e h m u n g s a u f f a s s u n g ? M a n w i r d n a t ü r l i c h
a n t w o r t e n : A b g e s e h e n d a v o n , d a s s d ie W e n d u n g d e r A u ff a s s u n g z u r
R e p r á s e n ta tio n b e i je d e m P h a n ta s ie o b je k t v e rm o g e d is p o s itio n e lle r
5 B e z i e h u n g e n m o g l i c h s e in w i r d » s o b e s t e h t d o c h i n j e d e m F a lle n o c h
e in w e ite r e r U n t e r s c h ie d , d e r in d e n p r a s e n tie r e n d e n I n h a lt e n lie g t.
M o g e n ih r e in n e r e n U n te r s c h ie d e n a c h G a t t u n g e n u n d A r t e n e in a n d e r
n o c h s o g e n a u e n ts p r e c h e n , es s in d d o c h a u f e in e r S e ite e m p fu n d e n e
I n h a lte , a u f d e r a n d e re n p h a n ta s ie rte (P h a n ta s m e n ).

10 <§ 9 . D e r a llg e m e in e C h a r a k t e r d e r P r a s e n t a t io n :
e in e n G e g e n s ta n d z u r E r s c h e in u n g z u b r in g e n . —

D ie B e a n tw o r tu n g d e r F r a g e n a c h d e m U n te r s c h ie d
z w is c h e n P h a n t a s ie e r s c h e in u n g e n u n d
W a h r n e h m u n g s e r s c h e in u n g e n z u r ü c k f ü h r e n d a u f d ie
15 A u f k la r u n g d e s U n te r s c h ie d e s z w is c h e n d e n
p r a s e n t ie r e n d e n I n h a lte n >

So 1 s to s s e n w i r ü b e r a ll a u f d e n s e lb e n U n t e r s c h ie d u n d a u s le ic h t b e -
g r e iflic h e n G r ü n d e n . W i r h a b e n in d e n o b e n a u f g e z á h lt e n A k t - E r l e b -
n is s e n m i t K o m p l i k a t i o n e n z u t u n ; a lie n g e m e in s a m i s t d e r U m s t a n d ,
20 d a s s i n ih n e n e in G e g e n s t a n d e r s c h e in t , m .a .W . a lie n lie g t e in e P r á -
s e n t a t i o n z u G r a n d e ( d e n n e b e n d ie s is t d e r p r a g n a n t e S i n n d e s W o r t e s
E r s c h e in u n g ) . D e r a llg e m e in e C h a r a k t e r d e r P r a s e n t a t io n i s t : e in e n
G e g e n s ta n d z u r E r s c h e in u n g < zu > b rin g e n . J e n a c h d e m G e g e n s ta n d e
b e s t i m m t s ic h d e r b e s o n d e r e C h a r a k t e r d e r P r a s e n t a t i o n , u n d w ie d e r
25 n a c h e in e r a n d e r e n R i c h t u n g b e s t i m m t e r s ic h n á h e r je n a c h d e r e r -
s c h e in e n d e n S e it e , d .i . je n a c h d e n z u r d ir e k te n E r s c h e in u n g k o m m e n -
d e n B e s t im m th e it e n . I n a lie n je n e n m a n n ig fa ltig e n A k t e n k a n n , p r in -
z i p i e ll g e s p r o c h e n , d e r s e lb e G e g e n s t a n d v o n d e r s e lb e n S e it e e r s c h e i-
n e n ; a b e r s e lb s t w e n n d ie s d e r F a l l i s t , s c h e in t n o c h e in U n t e r s c h i e d
30 ü b r ig zu b le ib e n , d e m w ir Rechnung tra g e n d u rc h d ie G e g e n ü b e r-
s te llu n g v o n P h a n ta s ie -E rs c h e in u n g e n und W a h rn e h m u n g s -E rs c h e i-
nungen. U n te r P h a n ta s ie -E rs c h e in u n g e n v e rs te h e n w ir n a tü r lic h
E r s c h e in u n g e n , w ie s ie P h a n t a s i e v o r s t e l l u n g e n , g l e i c h g ü l t i g ob n o r-
m a le r o d e r m o d ifiz ie r te r A r t , z u G r a n d e lie g e n , u n t e r W a h m e h m u n g s -
35 E r s c h e i n u n g e n s o lc h e , d ie W a h r n e h m u n g e n o d e r a u c h W a h r n e h m u n g s -
v o r s t e llu n g e n u n d a lie n g le ic h g e o r d n e te n E r le b n is s e n z u G r a n d e lie -

1 Der Text von hier bis unten, S. 130,28ersetztin der Folioausarbeitung einen mit
Deleatur-Zeichen und dem. Vermerk „ausgeschiedene Blátter” versehenen Text, der
in den Textkritischen Anmerkungen wiedergegeben wird (S. 631 ff). — Anm. d. Hrsg.
BEILAGE I 127

gen. Und s o e r g i b t s i c h d i e F r a g e , w a s u n t e r s c h e i d e t P h a n t a s i e -
Er s c h e i n u n g e n u n d W a h r n e h m u n g s - E r s c h e i n u n g e n .
Fiir uns gibt e s n u r e i n e A n t w o r t : W e n n ü b e r h a u p t e i n U n t e r s c h i e d
besteht, so k a n n e r n u r n o c h i n d e n p r a s e n t i e r e n d e n I n h a l t e n l i e g e n .
5 Denn denken w i r u n s , w i e e s o b e n w i e d e r h o l t g e s c h e h e n , d i e A k t -
Bestimmtheit b e i d e r s e i t s v o l l i g g l e i c h ( d e n s e l b e n G e g e n s t a n d v o n d e r ­
riben Seite e r s c h e i n e n d ) , s o k a n n d o c h n u r d i e s ü b r i g b l e i b e n : E s b e ­
steht ein U n t e r s c h i e d z w i s c h e n d e n I n h a l t e n , d e r a u f d e n A k t - C h a r a k -
ter ganz ohne E i n f l u s s i s t . D i e s e l a s s e n s i c h a u s s c h l i e s s l i c h b e s t i m m e n
10 durch die Arten u n d G a t t u n g e n d e r I n h a l t e u n d I n h a l t s m o m e n t e b i s
auf eine einzige, w e l c h e e b e n d e n U n t e r s c h i e d z w i s c h e n E m p f i n d u n g e n
und Phantasmen a u s m a c h t .
*

Der Unterschied z w i s c h e n E m p f i n d u n g u n d P h a n t a s i e e r w i e s s i c h
durch die letzte B e t r a c h t u n g a i s b e s t i m m e n d f ü r d e n U n t e r s c h i e d
15 zwischen W a h r n e h m u n g s e r s c h e i n u n g u n d P h a n t a s i e e r s c h e i n u n g . E s
ist hier aber auf d e n S i n n u n s e r e r u n t e r s c h e i d e n d e n A b s i c h t w o h l z u
achten. E s h a n d e l t s i c h b e i i h r a u s s c h l i e s s l i c h u m i n n e r e U n t e r s c h i e d e
der bezüglichen E r s c h e i n u n g . W i r f r a g e n n i c h t , o b s i e a i s b l o s s e P r a ­
sentation gegeben i s t o d e r z u g l e i c h i n r e p r á s e n t a t i v e r F u n k t i o n , w i r
20 fragen nicht nach d e n m e i n e n d e n A k t e n , d i e s i c h a u f d i e s e A u f f a s s u n -
gen gründen, und e n d l i c h a u c h n i c h t n a c h d e n u m f a s s e n d e n Z u s a m -
menhángen von E r l e b n i s s e n u n d D i s p o s i t i o n e n , z u w e l c h e n d i e v e r -
glichenen E r s c h e i n u n g e n o d e r d i e i n i h n e n g r ü n d e n d e n h o h e r e n A k t e
gehoren. W i r n e h m e n d i e E r s c h e i n u n g r e i n f ü r s i c h u n d f r a g e n , w a s
25 sie in dieser g e d a n k l i c h e n I s o l i e r u n g u n t e r s c h e i d e t .

<§10. In n e re u n d a u s s e r e U n tersch ied e, K la ss e n u n te rs c h ie d e


u n d U n tersch ied e eina/nder p a a r w e is e en tsp rech en d er
E rsc h e in u n g e n d e r W a h rn e h m u n g u n d P h a n ta sie >

Die Frage nach d e m U n t e r s c h i e d z w i s c h e n E rs c h e in u n g e n der


30 Wahrnehmung u n d P h a n t a s i e d i f f e r e n z i e r t s i c h aber noch w e ite r,
wenn wir folgende E r w a g u n g a n s t e l l e n .
A) I n n e r e U n t e r s c h i e d e
I) K la s s e n u n te r s c h ie d e
1)
Wesentliche G a t t u n g s u n t e r s c h i e d e d e r I n h a l t e eo ip so s c h a r f e .
35 Also we s e n t l i c h e K l a s s e n u n t e r s c h i e d e d e r E r s c h e i n u n g .
Der innere U n t e r s c h i e d d e r b e i d e r s e i t i g e n E r s c h e i n u n g e n w i r d e i n
scharfer sein, w e n n e s < e i n > U n t e r s c h i e d i h r e r p r a s e n t i e r e n d e n I n h a l t e ,

Husser!-Are Mv
-i-
128 BEILAGE I

a ls o z w is c h e n E m p f i n d u n g e n u n d P h a n t a s m e n , i s t . E s b e s te h e n h ie r
m e h re re M o g lic h k e ite n . Z w is c h e n E m p fin d u n g e n und P h a n ta s m e n
k o n n te e in g r u n d w e s e n tlic h e r U n te r s c h ie d s e in , e r k o n n t e auf dem
U n te rs c h ie d d e r G a tt u n g im s tr e n g a r tig s te n S in n b e r u h e n , s o w ie e r
5 e tw a z w is c h e n Q u a litá t und In te n s itá t b e s te h t. D e m e n ts p re c h e n d
w a r e n d a n n a u c h d ie E r s c h e im m g d e r W a h m e h m u n g u n d P h a n ta s ie
a u f zw e i w e s e n t l i c h v e r s c h ie d e n e K la s s e n v e r t e ilt .
2) S c h a r fe r , a b e r n ic h t w e s e n tlic h e r < U n te r s c h ie d > .
E m p fin d u n g e n u n d P h a n ta s m e n k o n n te n a b e r n o c h s c h a rf U n te r-
10 s c h ie d e n s e in , ohne auf dem s tre n g e n G a ttu n g s u n te r s c h ie d zu be­
r u h e n . S o w á r e e s , w e n n s ic h d ie D if f e r e n z e n e in e r G a t t u n g s o v e r -
t e ile n w ü r d e n , d a s s d ie e in e n n u r a is p r á s e n t ie r e n d e I n h a l t e v o n W a h r -
n e h m u n g s e r s c h e in u n g e n , d ie a n d e r e n n u r a is p r á s e n tie r e n d e I n h a l t e
von P h a n ta s ie e r s c h e in u n g e n a u ftre te n k o n n te n . B e ru h te z .B . der
15 U n te r s c h ie d a u f d e m M o m e n te d e r I n t e n s i t á t , o d e r e in e m A n a lo g o n
d a v o n , s o k o n n t e n I n t e n s i t á t e n u n t e r h a l b e in e s g e w is s e n W e r t e s a u s -
s c h lie s s lic h d e r P h a n t a s i e , d ie I n t e n s i t á t e n o b e rh a lb e in e s g e w is s e n
W e r t e s a u s s c h lie s s lic h d e r W a h m e h m u n g r e s e r v ie r t s e in . D e r V o r a u s -
s e tz u n g s c h a rfe r U n te r s c h ie d e n h e it k o n n t e d a d u r c h g e n ü g t s e in , d a s s
20 n ic h t e in G r e n z p u n k t , s o n d e m e in Z w is c h e n g e b ie t m ó g h c h e r I n t e n s i-
t á t e n b e s t á n d e , w e lc h e a b e r n ie m a ls r e a l i s i e r t w ü r d e n . E s f á n d e a ls o
b e im Ü b e rg a n g v o n W ahm ehm ung zu P h a n ta s ie e in B r u c h der In -
te n s itá t s ta tt.
3) F lie s s e n d < e r > < U n te r s c h ie d >
25 D a ra n k n ü p f t s ic h a ls b a ld d ie z w e it e M o g lic h k e it . D a s s d e r Ü b e r ­
g a n g e in k o n t i n u i e r li c h e r , d e r U n t e r s c h i e d a ls o e in flie s s e n d e r w á r e ,
in d e m S in n , w ie w ir zw is c h e n h o h e n u n d tie fe n , z w is c h e n s ta r k e n u n d
s c h w a c h e n T o n e n u n te rs c h e id e n .
D e m e n ts p re c h e n d b e s tá n d e im m e r noch e in K la s s e n u n te r s c h ie d
3 0 z w is c h e n d e n E r s c h e in u n g e n , u n d z w a r im e in e n F a l l e in s c h a r fe r , im
a n d e r e n e in flie s s e n d e r .
II) K e in K la s s e n u n te r s c h ie d , nur e in U n te r s c h ie d der e n t-
s p r e c h e n d e n E r s c h e in u n g e n .
W á r e k e in e d ie s e r M o g lic h k e it e n r e a lis ie r t , s o w á r e v o n e in e r K l a s -
35 s e n u n te r s c h e id u n g d e r In h a lte und E rs c h e in u n g k e in e Rede m e h r.
Im m e r h in b lie b e d a n n n o c h d ie M o g lic h k e it ü b r ig , d a s s z w is c h e n je d e r
W a h m e h m u n g s e rs c h e in u n g und d e r ih r e n ts p re c h e n d e n P h a n ta s ie -
e rs c h e in u n g e in g e w is s e r i n h a lt lic h e r U n te rs c h ie d b e s tá n d e , s o fe m
e in e g e w is s e W a h m e h m u n g s e r s c h e i n u n g b e i m Ü b e rg a n g in d ie e n t-
4 0 s p re c h e n d e < P h a n ta s ie e rs c h e in u n g > a l l z e i t g e w is s e in h a l t l i c h e M o d i-
fik a tio n e n e r fü h r e , d ie a n d e re rs e its a b e r b e i W a h m e h m u n g s e r s c h e i-
nungen von a n d e r e n G e g e n s tá n d e n g e n a u s o a u ftre te n k o n n te n . S o
v e r h ie lte es s ic h z . B . , w e n n a lie I n t e n s i t á t e n d e r W a h m e h m u n g b e im
Ü b e rg a n g in d ie P h a n ta s ie e in e k o n s t a n t e In te n s itá ts v e rm in d e ru n g
4 5 e r f ü h r e n , w á h r e n d e s n i c h t a u s g e s c h lo s s e n w á r e , d a s s d ie v e r m i n d e r t e n
In te n s itá te n auch in W ahm ehm ungen vo n a n d e re n G e g e n s tá n d e n
BEILAGE I 129

auftreten w ü r d e n . D i e s e l e t z t e r e n W a h m e h m u n g e n w ü r d e n d a n n
ihrerseits b e i m Ü b e r g a n g i n d i e i h n e n e n t s p r e c h e n d e n P h a n t a s i e -
erscheinungen e i n e i n h a l t l i c h e M o d i f i k a t i o n u m d e n g l e i c h e n B e t r a g
oder von d e r g l e i c h e n Art e r f a h r e n .
5 Es ist klar, d a s s i n d i e s e m F a l l e m e f ü r s i c h g e n o m m e n e W a h r -
nehmungserscheinung o d e r P h a n t a s i e e r s c h e i n u n g a i s s o l c h e n i c h t
charakterisiert w á r e ; n i c h t n á m l i c h d a s Z u s a m m e n - G e g e b e n s e i n e n t -
sprechender E r s c h e i n u n g e n w ü r d e g e n ü g e n , v i e l m e h r m ü s s t e d e r
Unterschied d u r c h á u s s e r e M o m e n t e s i c h a i s U n t e r s c h i e d v o n
10 Wahmehmung u n d P h a n t a s i e k e n n z e i c h n e n . T r o t z d e m w ü r d e n w i r
auch in diesem F a l l s a g e n m ü s s e n , d a s s e i n i n n e r e r U n t e r s c h i e d
zwischen den e n t s p r e c h e n d e n E r l e b n i s s e n d e r W a h m e h m u n g
und Phantasie b e s t e h e . E s w a r e n u r n i c h t e i n s o l c h e r , d e r z u r U n t e r -
scheidung a u s r e i c h t e .
15 B) Á u s s e r e U n t e r s c h i e d e
Besteht k e i n e r l e i i n n e r e r U n t e r s c h i e d , s o i s t d i e M o g l i c h k e i t d e r
Unterscheidung z w i s c h e n d e n E r s c h e i n u n g e n d e r W a h m e h m u n g u n d
Phantasie n i c h t a u f g e h o b e n . D i e U n t e r s c h e i d u n g k o n n t e h i n r e i c h e n -
den Anhalt an d e n a u s s e r e n U n t e r s c h i e d e n h a b e n , a n d e n A k t c h a r a k -
20 teren und d e n u m f a s s e n d e r e n Z u s a m m e n h á n g e n .
Nehmen w i r a l l d a s z u s a m m e n , s o r e s u l t i e r e n v e r s c h i e d e n e F r a g e n :
In Beziehung a u f d i e f ü r s i c h g e n o m m e n e n p r á s e n t i e r e n d e n I n h a l t e d i e
Fragen: Ob E m p f i n d u n g u n d P h a n t a s m a ü b e r h a u p t a i s I n h a l t e v e r -
schiedener K l a s s e n g e l t e n k o n n e n o d e r n i c h t . I m e r s t e r e n F a l l k o n n t e n
25 die Klassen w e s e n t l i c h v e r s c h i e d e n s e i n , n á m l i c h a u f d e r V e r s c h i e d e n -
heit Aristotelischer G a t t u n g b e r u h e n ( z . B . w e n n i n d e r k o n k r e t e n I n -
haltseinheit s i c h e i n v o n i h r u n a b l ó s b a r e s M o m e n t f á n d e , d a s i n n e r -
halb einer u m f a s s e n d e r e n ' G a t t u n g i m e i n e n u n d a n d e r e n F a l l g a t t u n g s -
verschieden w á r e ) . E s k o n n t e n f e m e r d i e U n t e r s c h i e d e a u f k o n t i n u i e r -
30 licher D i f f e r e n z i e r u n g n u r b e r u h e n u n d z u e i n e r s c h a x f e n o d e r f l i e s s e n -
den K l a s s e n s c h e i d u n g A n l a s s g e b e n , j e n a c h d e m e i n B r u c h d e r K o n -
tinuitát s t a t t h a t o d e r n i c h t .
In B e z ie h u n g a u f d ie E r s c h e in u n g a b e r d ie F r a g e n : O b z w is c h e n
W a h m e h m u n g u n d P h a n t a s ie b lo s s á u s s e re o d e r a u c h in n e r e U n t e r -
35 s c h ie d e b e s t e h e n . I m le t z te r e n F a l l , o b es K la s s e n u n te r s c h ie d e s in d
(je n a c h d e m : w e s e n t l i c h e u n d a u s s e r w e s e n t l i c h e , s c h a r f e u n d f l ie s s e n -
d e ) o d e r o b d ie U n t e r s c h ie d e b lo s s d ie P a a r e e in a n d e r e n ts p r e c h e n d e r
E r s c h e in u n g e n b e tr e ffe n .
130 BEILAGE I

<§11. Z u r s y s t e m a tis c h e n B e a n tw o r tu n g d e r F r a g e
n a c h d e m U n te r s c h ie d z w is c h e n W a h r n e h m u n g s - u n d
P h a n t a s ie e r s c h e in u n g e n b e i id e n tis c h e m G e g e n s ta n d :
M o g lic h k e it d e r lin t e r s c h e id b a r k e it b e i v b llig e m M á n g e l
5 a n w e s e n tlic h e n in n e r e n U n te r s c h ie d e n d u r c h a u s s e r e
U n te r s c h ie d e d e r F u n k tio n >

E s i s t f ü r d ie K l a r h e i t d e r U n t e r s u c h u n g s e h r f o r d e r li c h , d ie s e v e r -
s c h ie d e n e n Fra g e n und M ó g lic h k e ite n a u s e in a n d e rz u h a lte n . In der
ü b lic h e n B e h a n d lu n g s w e is e des S to ffe s , d ie u n te r den v ie ld e u tig e n
10 T ite ln „U n te rs c h ie d d e r W a h rn e h m u n g s v o rs te llu n g und P h a n ta s ie -
v o r s te llu n g ” o d e r s c h lic h tw e g „ U n t e r s c h i e d z w is c h e n W a h m e h m u n g
u n d P h a n t a s i e ” e r f o lg t e , i s t d ie s n i c h t g e s c h e h e n u n d k o n n t e d ie s n ic h t
g e s c h e h e n , d a b e i d e r m a n g e lh a ft e n A n a l y s e d ie B e g r iff e E m p f i n d u n g
u n d W a h r n e h m u n g s e r s c h e in u n g , W a h m e h m u n g , u n d W a h r n e h m u n g s -
15 v o r s te llu n g , u n d w ie d e r d ie B e g r iffe P h a n ta s m a , P h a n ta s ie e rs c h e i-
n u n g , P h a n ta s ie v o rs te llu n g u n d V o r s te llu n g von P h a n ta s ie o b je k te n
d u r c h e in a n d e r g in g e n . S o fin d e n w i r in d e n g e w o h n lic h e n D a r le g u n g e n
e in u n k la re s D u r c h e in a n d e r . B a ld h a n d e lt es s ic h um d ie U n te r-
s c h e id u n g der E m p fin d u n g e n und P h a n ta s m e n a is In h a lte n , b a ld
20 w ie d e r u m e m e U n te r s c h e id u n g d e r in ih n e n g r ü n d e n d e n W a h r n e h -
m u n g s e r s c h e in u n g e n und P h a n ta s ie e r s c h e in u n g e n . D a b e i w i r d zw i­
s c h e n in n e r e n und a u s se re n U n te r s c h ie d e n , zw is c h e n K la s s e n u n te r-
s c h ie d e n u n d U n t e r s c h ie d e n e in a n d e r p a a r w e is e e n ts p r e c h e n d e r E r -
s c h e in rm g e n k e in U n t e r s c h ie d g e m a c h t. W o r a u f m a n g e w o h n lic h a u s -
2 5 g e h t , is t d ie F r a g e : W o r a n k a n n m a n E r s c h e in u n g e n d e r b e id e n A r t e n
v o n e in a n d e r u n te r s c h e id e n ? S ie u m fa s s t o ffe n b a r a lie a u fg e w o r fe n e n
F r a g e n u n d is t a is A u s g a n g s f r a g e r e c h t w o h l b r a u c h b a r . I n s y s te m a -
tis c h e r B e a n t w o r t u n g w á r e e t w a so v o r z u g e h e n :1
S te lle n w ir vo re rs t d ie Fra g e nach den A n h a lts p u n k te n fü r d ie
3 0 u r te ils m á s s ig e U n te rs c h e id u n g d e r b e id e rs e itig e n E rs c h e in u n g e n bei
id e n tis c h e m G e g e n s ta n d e , so k a n n n u r z w e ie r le i in B e t r a c h t k o m m e n :
d e r (s e . p r a s e n tie r e n d e ) I n h a l t d e r E r s c h e in u n g e n u n d ih r e F u n k t i o n .2

1 Inhalt — innere Unterschiede


Funktion — aussere Unterschiede
a) Erorterung der ausseren Unterschiede. Die gewohnlichen Merkmale Fülle, Intensi-
tát etc.
b) Erorterung der inneren. Aus unserer Untersuchung geht hervor, dass bei volligem
Mangel innerer Unterschiede doch die ausseren vollig hinreichen wurden, um einen
verschiedenen Charakter der Erlebnisse zu erkláren.
Ob doch innere Unterschiede anzunehmen sind? Sie sind jedenfalls nicht scharf.
Sonst wáren Verwechslungen nicht moglich. Andererseits aber ist es die Frage, ob die
Intensitát das brauchbare Merkmal ist. Haben denn alie Inhalte Intensitát? Oder hat
jeder konkrete Inhaltskomplex ein Moment der Intensitát? Wie ist es bei Phantasie-
vorstellungen von psychischen Akten ?
2 Das eine ergibt die inneren, das andere die ausseren Unterschiede.
BEILAGE I 131

W a s d a s e r s te a n b e l a n g t , s o h e is s e n d ie In h a lte von E r s c h e in u n g e n
m o g lic h e r W ahm ehm ung E m p fin d u n g e n und d ie In h a lte der E r ­
s c h e in u n g e n v o n P h a n ta s ie v o r s te llu n g e n (im n o rm a le n o d e r m o d ifi-
z ie r t e n S in n ) P h a n t a s m e n . E s g e h t h ie r a ls o d ie F r a g e a u f d ie d e s k r ip -
5 tiv e n U n te rs c h ie d e zw is c h e n E m p fin d u n g e n und P h a n ta s m e n . W ir
s te lle n s ie v o r l á u f i g z u r ü c k . W a s a n d e re rs e its d ie F u n k t i o n 1 an­
b e la n g t, so b ie te t s ie m a n n i g f a l t i g e A n h a lts p u n k te fü r d ie u r te ils -
m á s s ig e U n t e r s c h e i d u n g . M e h r o d e r m i n d e r d e u t l i c h u n d d ir e k t b e -
z ie h e n s ic h a u f s ie d ie s á m tlic h e n g e w o h n lic h a u fg e fü h rte n U n te r-
10 s c h e id u n g s m e r k m a le zw is c h e n „W a h r n e h m u n g s v o r s te llu n g e n und
P h a n ta s ie v o rs te llu n g e n ” .
W ir v e r fo lg e n e in e k le in e U n te r lo s u n g . E s w e rd e e in e W a h rn e h -
m u n g s e rs c h e in u n g m it e in e r P h a n ta s ie e r s c h e in u n g v e rg lic h e n . D ie
b e id e n E r s c h e i n u n g e n s in d e in a n d e r je d e n fa lls g le ic h a is E r s c h e i n u n -
15 g e n ; w a s a u f d ie p r á s e n ta tiv e F u n k t i o n h in w e is t. N e h m e n w ir e in m a l
a n , s ie w a r e n e i n a n d e r a u c h g l e i c h , u n d v o l l i g , i n B e z i e h u n g a u f d i e
p rá s e n tie re n d e n In h a lte , es b e s tá n d e n a ls o h ie r u n d d o r t zw is c h e n
E m p fin d u n g e n und P h a n ta s m e n ü b e rh a u p t k e in e in n e r e n U n te r­
s c h ie d e , so k o n n te n U n te r s c h ie d e doch noch b e s te h e n , es k ó n n te
20 b e id e r s e its d u rc h d ie id e n tis c h e n In h a lte e in e v e rs c h ie d e n e Gegen-
s t a n d lic h k e it a u fg e fa s s t s e in . D . h . d ie a u ffa s s e n d e n A k t e w a r e n z w a r
b e id e P r a s e n t a t i o n e n , a b e r t r o t z d e s g le ic