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THE DISPLAY OF BYZANTIUM IN ITALY.

WIE STELLTE SICH BYZANZ, SEINEN UNTERTANEN IN ITALIEN, DEREN


NACHBARN UND DEN EROBERERN DAR?

Vera von Falkenhausen


Rome, Italy

Wie vermutlich viele Teilnehmer an diesem Kongreß – und ich glaube dabei nicht nur für die
zu sprechen, deren Muttersprache nicht Englisch ist – hatte ich bei der Fokalisierung meines
Themas Schwierigkeiten mit der Definition oder den Definitionen des Wortes “display”.
Nach abwägendem Wälzen verschiedener Lexika und Rücksprache mit geduldigen “native
speakers” bin ich schließlich auf folgende Beschreibung meines Themas gekommen: “Wie
stellte sich Byzanz, seinen Untertanen in Italien und deren Nachbarn und schließlich auch den
Eroberern dar?”
Von der Mitte des 6. bis zur zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts gehörten große Teile
Italiens zum byzantinischen Reich, wobei sich allerdings Grenzen und Ausdehnung der
byzantinischen Besitzungen sowie die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung im
Laufe der Jahrhunderte erheblich veränderten: Nord- und Mittelitalien, sowie Kampanien und
Apulien wurden schon seit den siebziger Jahren des 6. Jahrhunderts stetig und unaufhaltsam
von den Langobarden erobert. Nach dem Fall des Exarchats (751) und der anschließenden
karolingischen Intervention reduzierten sich die byzantinischen Territorien in Italien auf
Sizilien, Kalabrien und bescheidene Küstenstriche in Kampanien. Im Laufe der letzten
Jahrzehnte des 9. Jahrhunderts eroberten die Byzantiner Apulien zurück, verloren aber
gleichzeitig Sizilien an die Araber. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts wurden
schließlich alle noch verbliebenen byzantinischen Besitzungen in Italien von den Normannen
erobert. In dem gesamten Zeitraum waren die italienischen Provinzen die äußerste westliche
Peripherie des Reiches, eine Peripherie, in deren militärische Verteidigung im allgemeinen
nicht allzu viel investiert wurde, nicht investiert werden konnte, da der finanzielle Aufwand
vergleichsweise hoch war, während die feindlichen Bedrohungen oder gar die endgültige
Eroberung, nie den Lebensnerv des Reiches trafen. Andererseits konnten aber die Resourcen
der italienischen Provinzen im Bedarfsfall, z. B. nach der Eroberung Ägyptens,
bedeutungsvoll werden, und wurden dann auch entsprechend genutzt. Man denke nur an den
Italienzug Konstans’ II. und dessen Aufenthalte in Rom und Syrakus. Wie in allen periphären
Regionen des Reiches hatte ein großer Teil der italienischen Untertanen oft in ethnicher,
kultureller und religiöser Hinsicht mehr gemein mit den italienischen Nachbarn außerhalb der
byzantinischen Grenzen als mit ihren Mitbürgern im fernen Konstantinopel; oft sprach und
verstand nicht einmal die Hälfte von ihnen griechisch. In dieser Hinsicht sind die italienischen
Provinzen ein durchaus typisches Beispiel für die Zusammensetzung der Reichsbevölkerung.
Untypisch ist dagegen die Quellenlage: kein Teil des Reiches ist in dem behandelten Zeitraum
(6.-12. Jahrhundert)1 so gut dokumentiert wie das byzantinische Italien: das gilt besonders für
die archivalischen Materialien, aber auch für Handschriften, Chroniken und in gewisser
Hinsicht auch für die archäologischen und architektonischen Denkmäler, während
andererseits die konstantinopolitanischen Quellen der Zeit die italienischen Provinzen nur
relativ selten erwähnen; hauptsächlich im Kriegsfall oder anläßlich religiöser Kontroversen.
Wie stellte sich also Byzanz, seinen Untertanen in Italien und deren Nachbarn und
Eroberern dar? In der behandelten Epoche ist Konstantinopel ohne Zweifel der politische
Bezugspunkt für die Oberschicht und für einen Teil der Bevölkerung auch der kirchliche.
Letzters galt zeitweise für Ravenna, Sitz des Exarchen, das sich durch engere Bindung an die
Kaiserstadt bis zu einem gewissen Grade der römischen Jurisdiktion zu entziehen suchte, und

1
Ich beziehe das 12. Jahrhundert mit ein, weil die Byzanzrezeption im normannischen Königreich für
das Thema von großer Bedeutung ist.

1
seit dem 8. Jahrhundert auch für Sizilien, Kalabrien und die Terra Salentina. Die Namen und
Regierungsjahre der byzantinischen Kaiser erscheinen regelmäßig in der datatio der
lateinischen Privaturkunden,2 und die Regierungswechsel in Konstantinopel werden
normalerweise in der lokalen Chronistik vermerkt.3 In den Kirchen wurde für die Kaiser, ihre
Vertreter in Italien und ihr siegreiches Heer gebetet.4 In der Regel wurde in allen
byzantinischen Provinzen mit byzantinischem Geld gezahlt, das bis ins 9. Jahrhundert,
zumindest zu einem kleinen Teil in italienischen Münzstätten (Ravenna, Rom, Catania,
Syrakus) geprägt wurde.5 Aus Konstantinopel kamen die Provinzgouverneure (Exarchen,
Strategen, Katepane und doukes), ein paar höhere Beamte und Militärs und normalerweise
wohl auch die griechischen Metropoliten, während das Gros der mittleren und unteren
Beamten ebenso wie des Offizierscorps’ und der Bischöfe einheimisch war. Manchmal
wurden auch unliebsame Personen aus dem Osten des Reiches nach Italien oder auf die
benachbarten Inseln ins Exil geschickt.6 Aus Byzanz kamen aber auch zahlreiche
hagiographische, literarische, naturwissenschaftliche und philosophische Texte, die im Laufe
der Jahrhunderte von Klerikern und Mönchen aus Neapel und Amalfi und später von Notaren
aus Kalabrien und Sizilien übersetzt wurden.7
Nach Konstantinopel wurden dagegen die wichtigsten Exponenten der einheimischen
Oberschicht zitiert: Heilige, wie Elias der Jüngere (9./10. Jh.)8 und Gregor von Burtscheid
(10.Jh.)9 oder auch der jüdische Wundertäter Shefatiah von Oria (9. Jh.),10 Päpste, wie
Vigilius, Martin I. und Konstantin, Bischöfe, wie die Erzbischöfe von Ravenna11 und Bari,12

2
Die griechischen Urkunden wurden damals normalerweise nur nach Weltjahr und Indiktion datiert,
ohne Erwähnung der regierenden Kaiser.
3
Das gilt in erster Linie für die Annalistik von Bari: Lupus Protospatharius, MGH, Scriptores V, S. 52-
63; Annales Barenses, MGH, Scriptores V, S. 51-56; Anonymi Barensis Chronicon, Muratori, RIS V,
S. 147-156, aber die Namen der regierenden Kaiser werden regelmäßig in den Papst- und
Bischofsbiographien des römischen Liber Pontificalis, und der Gesta episcoporum Neapolitanorum,
MGH, Scriptores rer. Lang. et Ital., S. 402-435, genannt und manchmal auch im Liber Pontificalis
ecclesiae Ravennatis des Agnellus, ibid., passim.
4
Z. B. Codice dipl. barese, I, edd. C. B. Nitto De Rossi – F. Nitti di Vito (Bari 1897), Nr. 18, S. 31
(1032); G. Cavallo, Rotoli di Exultet dell’Italia meridionale (Bari 1973), S. 48 f.
5
Im 10. und 11. Jahrhundert kursierte in Kalabrien auch, aber nicht ausschließlich, der sizilianische
Tarì, eine Goldmünze im Wert von ¼ Dinar also etwa ¼ Nomisma, die auch in den Herzog- und
Fürstentümern der kampanischen Küste geprägt wurde. Der Tarì war einerseits für den täglichen
Geldverkehr bequemer zu benutzen und erlaubte andererseits, die riskanten Goldtransporte aus
Konstantinopel zu reduzieren: V. von Falkenhausen, “La circolazione monetaria nell’Italia meridionale
e nella Sicilia in epoca normanna secondo la documentazione di archivio”, Bollettino di Numismatica
6-7 (1986), S. 57 f. Für die Weiterbenutzung des Nomisma in Kalabrien dagegen: C. Rognoni, Les
actes privés grecs de l’Archivo Ducal de Medinaceli (Tolède), I. Les monastères de Saint-Pancrace de
Briatico, de Saint-Philippe-de Bojoannes et de Saint-Nicolas-des-Drosi (Calabre, XIe-XIIesiècles)
(Paris 2004), 3, S. 77; 7, S. 99; 27, S. 206.
6
Theodori Studitae Epistulae, rec. G. Fatouros, I, (Berlin-New York 1992; CFHB, 31/1), 48, S. 131; II,
549, p. 832.
7
F. Dolbeau, “La vie latine de Saint Euthyme: une traduction inédite de Jean, diacre napolitain”,
MEFRM 94, 1 (1982) S. 315-335; idem, “Le role des interprètes dans les traductions hagiographiques
d’italie du Sud, in Traductions et traducteurs au Moyen Age”, Actes du colloque internationale du
CNRS organisé à Paris, Institut de recherches et d’histoire des textes, les 26-28 mai 1986 (Paris 1989),
S. 145-155; W. Berschin, “Les traducteurs d’Amalfi au XIe siècle”, ibid., S. 163-168; P. Chiesa,
“Ambiente e traduzione nella prima redazione della leggenda di Barlaam e Josaphat”, Studi medievali,
ser. III, 24 (1983), S. 532-535.
8
Vita di sant’Elia il Giovane. Teso inedito con traduzione italiana pubblicato e illustrato da G. Rossi
Taibbi (Palermo 1962; Istituto siciliano di studi bizantini e neoellenici. Testi 7), 66, S. 104-106.
9
Vita Gregorii abbatis prior, MGH, Scriptores XV, 2, S. 1190.
10
Ahima’az ben Paltiel, Sefer Yuhasin. Libro delle discendenze. Vicende di una famiglia ebraica di
Oria nei secoli IX-XI, a cura di C. Colafemmina (Cassano delle Murge 2001), S. 91.
11
Agnellus, 74, S. 328 (Maximian), 110, S. 349 (Maurus), 115, S. 354 (Reparatus), 136 f., S. 366 f.
(Felix).

2
die übrigens alle nach der Wahl eine kaiserliche Bestätigung brauchten, Beamte und, im Falle
von Revolten, auch die Köpfe der besiegten Rebellen13 und die Familienmitglieder der
Rädelsführer als Geiseln.14 Nach Byzanz reiste man aber auch, um sein Recht auf oberster
Ebene zu bekommen, wie z. B. der Abt von S. Giovanni ad Titum in Ravenna.15 Ebenso liefen
die großen Karrieren einiger prominenter Italiener über Konstantinopel. Man denke an die
Patriarchen Methodios und Nikolaos Mystikos, der allerdings schon in jungen Jahren nach
Konstantinopel gekommen zu sein scheint,16 an Argyros, den Sohn des Meles aus Bari, der
sich in derkaiserlichen Umgebung ausgezeichnet hatte, bevor er 1051 zum doux von Italien
ernannt wurde,17 oder auch an Johannicius, den Vorfahren des Agnellus von Ravenna, der in
der kaiserlichen Kanzlei gearbeitet haben soll.18 Ein erhebliches Kontingent von Reisenden an
den Bosporus machten schließlich die italienischen Kaufleute aus Amalfi und Venedig, aus,
und später auch die aus Pisa und Genua, und seit dem Ende des 11. Jahrhunderts auch die
normannischen Ritter aus Süditalien, die im Konflikt mit ihren eigenen Herrschern in
byzantinische Dienste getreten waren.19 In keinem Land Westeuropas gab es in dem
behandelten Zeitraum so viele Möglichkeiten, Byzanz direkt kennen zu lernen, und in keinem
Land wurde es so häufig imitiert. Im folgenden will ich auf einige Aspekte eingehen, an
denen die Byzanzrezeption in Italien in besonderem Maße sichtbar wird, und zwar auf die
Kunst, die Sprache, die hierarchischen Strukturen und die Religion.

Die Kunst 20

Die visuelle Faszination, die Konstantinopel, eine Stadt in der sich ein ungeheueres Potential
an Schönheit, Reichtum und Macht vor dem erstaunten Betrachter ausbreitete, wirkte sich in
Italien auf zwei Ebenen aus. Man wollte einerseits das, was man am Bosporos bewundert
hatte, zuhause reproduzieren, und andererseits etwas oder möglichst viel von den erlesenen
Schätzen erwerben. In den politisch bedeutsameren Städten der italienischen Provinzen
versuchte man, wichtige konstantinopolitanische Bauten zu imitieren, oder besser, heimische
Bauten mit konstantinopolitanischen Namen zu versehen. Um nur einige der bekanntesten
Beispiele zu nennen: der Laternpalast in Rom wurde im 8. Jahrhundert nach dem idealen
Vorbild des Kaiserpalastes in Konstantinopel umgebaut,21 in Ravenna gab es eine Chalke,22
und kürzlich ist mit einigen guten Argumenten die Hypothese vertreten worden, daß sich auch

12
Zu den Missionen des Erzbischofs Nicolaus: V. von Falkenhausen, La dominazione bizantina
nell’Italia meridionale dal IX all’XI secolo (Bari 1978), S. 171; zu Andreas, der sich in Byzanz zum
Judentum bekehrt haben soll: C. Colafemmina, “La conversione al giudasimo di Andrea, arcivescovo
di Bari: una suggestione per Giovanni-Ovadiah da Oppido”, in Giovanni-Ovadiah da Oppido,
proselito, viaggiatore e musicista dell’età normanna. Atti del convegno internazionale Oppido Lucano,
28-30 marzo 2004, a cura di A. De Rosa e M. Perani (Firenze 2005; Associazione ital. per lo studio del
giudaismo. Testi e studi, 16), S. 55-65.
13
Paolo Diacono, Storia dei Longobardi, a cura di L. Capo (Milano 1992; Fondazione Lorenzo Valla.
Scrittori greci e latini), IV, 34.
14
So war z. B. Argyros, der Sohn des Meles, an den byzantinischen Hof gekommen: Chronica
monasterii Casinensis, ed. H. Hoffmann (Hannover 1980), MGH, Scriptores 34, II, 37, S. 238.
15
Agnellus, 131, S. 363 f.
16
Nicholas I, Patriarch of Constantinople, Letters. Greek Text and English Translation by R. J. H.
Jenkins and L. G. Westerink (Washington, D. C. 1973; CFHB, 6), S. XV.
17
von Falkenhausen, La dominazione bizantina, S. 97 f. et passim.
18
Agnellus, 120, S. 357; S. Cosentino, Prosopografia dell’Italia bizantina (493-804) (Bologna 2000),
S. 218 s.
19
D. M. Nicol, “Symbiosis and integration: some Greco-Latin families in Byzantium in the 11th to
13th centuries”, BF 8 (1979), 113-135; J. Nesbitt, “Some observations about the Roger family”, Nea
Rhome 1 (2004), S. 209-217.
20
Da ich kein Kunsthistoriker bin, behandele ich diesen Punkt nur summarisch.
21
R. Krautheimer, Rome: profile of a city, 312-1308 (Princeton 1980), S. 120 f.
22
F. W. Deichmann, Ravenna, Hauptstadt des spätantiken Abendlandes, II, Kommentar, 3. Teil
(Wiesbaden-Stuttgart 1989), S. 53 f.

3
der Name des palermitanischen Stadtviertels Galka von der byzantinischen Chalke ableite.23
In Ravenna gab es ein Blachernenkloster,24 in Ravenna, Rom und Neapel Kirchen, die der S.
Maria in Cosmidin dediziert waren,25 ein Name der bestimmt auf das konstantinopolitanische
Kosmidion zurückgeht, und im praitorion von Bari ein Oratorium der Hagia Sophia.26 Auf
diese Weise versuchten die Untertanen in der Provinz etwas von der Ausstrahlung der
Hauptstadt einzufangen. Das wäre also ein “display of Byzantium in Italy”, denn zweifellos
hat der künstlerische Stil der Hauptstadt mit all seinen politischen und religiösen
Untermalungen den Geschmack der italienischen Untertanen des Reiches und den ihrer
Nachbarn nachdrücklich geprägt. Außerdem gehörte es zum guten Ton, in Byzanz
einzukaufen, und zwar besonders Handschriften, kostbaren Kirchenschmuck oder gar ganze
Kirchenausstattungen. Das liegt auf Hand und gilt nicht nur für alle Provinzen des Reiches,
sondern auch für das ganze mittelalterliche Europa. Trotzdem soll dieser Aspekt auch hier
kurz angeschnitten werden, denn er ist wegen der größeren Überlieferungdichte für Italien
besser darzustellen. Im Wrack eines Schiffes das im 6. Jahrhundert bei Marzamemi in
Südsizilien gescheitert ist, hat man die ganze marmorne Innenaustattung einer Kirche
gefunden (Säulen, Ambo, Chorschranken etc.), die offenbar aus Byzanz importiert werden
sollten.27 Im Sardinien des 10. Jahrhunderts ließen sich die lokalen archontes
Marmorarchitrave mit griechischen Dedikationsinschriften in Konstantinopel anfertigen, die
sie vermutlich nicht einmal selber lesen konnten. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts
importierte der amalfitanische Kaufmann Pantaleone de comite Maurone die in
Konstantinopel erworbenen Bronzetüren für die Kirchen von Montecassino,
Montesantangelo, Amalfi, Atrani und S. Paolo fuori le mura in Rom; 28 etwas später stiftete
der protosebastos Landulf Butrumiles, den Paul Magdalino einleuchtend mit dem
gleichnamigen megas doux und Kommandanten der byzantinischen Flotte in den Jahren
zwischen 1099 und 1108 identifiziert hat, der Kathedrale von Salerno, seiner Heimatstadt,
gleichfalls byzantinische Bronzetüren.29 Daß ein Abt sich seine besten Handschriften und die
erlesensten Gegenstände des Kirchendekors in Konstantinopel erwirbt, ist ein topos in der
byzantinischen Literatur, aber in Italien sind diese Codices, die in den Heiligenviten erwähnt
werden, teilweise noch vorhanden und bis zu einem gewissen Grade identifizierbar. Man
denke z. B. an den Bios des Bartholomäus von Simeri, in dem die Reise des Gründers von S.
Maria del Patir nach Konstantinopel (zu Beginn des 12. Jh.) und seine Rückkehr nach
Kalabrien, bepackt mit Handschriften und Ikonen, beschrieben wird.30 Santo Lucà und
Irmgard Hutter haben wahrscheinlich gemacht, daß die Codd. Vat. gr. 1995, 2037, 2038,
2039, 2040, 2043, 2044, 2045, acht Bände eines ursprünglich zehnbändigen in
Konstantinopel geschriebenen Metaphrasten (ca. 1070/1080), die direkt aus dem Patir in die
vatikanische Bibliothek gelangt sind, zu den Schätzen gehörten, die der kalabresische Abt aus
der Hauptstadt mitgebracht hatte.31 Derselbe Bartholomäus hat aus der Hauptstadt wohl auch

23
M. Scarlata, Configurazioni urbane e habitat a Palermo tra XII e XIII secolo, in Storia di Palermo,
III. Dai Normanni al Vespro (Palermo 2003), S. 171-181.
24
Deichmann, Ravenna, II, Kommentar, 2. Teil (Wiesbaden 1976), S. 341 f.
25
Für Ravenna: Deichmann, Ravenna, II, Kommentar, 1. Teil, (Wiesbaden 1974), S. 251 f.; für Neapel:
B. Capasso, Monumenta ad Neapolitani ducatus historiam pertinentia, I, (Neapoli 1881), S. 160; II, 1,
(Neapoli 1885), S. 234, Reg. 377.
26
G. Robinson, History and Cartulary of the Greek Monastery of St. Elias and St. Anastasius of
Carbone, II, 1, (Rom 1929; Orientalia Christiana, XV, 2), Nr. 54, S. 140.
27
G. Kapitän, “Elementi architettonici per una basilica dal relitto navale del VI secolo di Marzamemi
(Siracusa)”, in XXVII Corso di cultura sull’arte ravennate e bizantina (Ravenna 1980), S. 71-136.
28
G. Matthiae, Le porte di bronzo in Italia (Roma 1971), S. 63-92.
29
Ibid., S. 93-95; P. Magdalino, “Prosopography and Byzantine Identity”, in Fifty Years of
Prosopography. The Later Roman Empire, Byzantium and Beyond, ed. A. Cameron (Oxford 2003), S.
41-56.
30
G. Zaccagni, “Il Bios di san Bartolomeo da Simeri (BHG 235)”, RSBN, n. s. 33 (1996) 25, S. 221 s.
31
S. Lucà, “Osservazioni codicologiche e peleografiche sul Vaticano ottoboniano greco 86”, BollGrott,
n.s. 37 (1983) S. 143 f.; I. Hutter, “Le copiste du Métaphraste. On a center for manuscript production

4
den Kult der Theotokos Hodegetria, die unter den Komnenen eine besondere Verehrung
genoß, mitgebracht. Ihr dedizierte er sein Kloster nach seiner Heimkehr. Ihr Bild zierte
uubrigens auch die Unterkirche der Cappella Palatina in Palermo, die der Admiral
Christodoulos, der Hauptsponsor des Patir hatte errichten lassen.32 Schließlich werden in den
Inventaren auch kleiner griechicher Klöster erstaunliche Schätze aufgelistet, wie z. B. in S.
Giovanni bei Vietri an der amalfitanischen Küste ein turibolo Constantinopilitanum, und
candele Constantinopolitane cum catenelle,33 oder in dem nah gelegenen S. Nicola di
Gallocanta unter anderem yconas undecim Constantinopoleas depictas auro, … candelas
Costantinopoleas vigintiseptem vitreas.34 Soweit ich weiß, kennt man keine auf Goldgrund
gemalten mittelalterlichen Ikonen, die in Italien hergestellt worden sind.
Wenn sich dagegen ein benachbarter langobardischer Fürst in seiner Residenzstadt eine
Sancta Sophia errichtete, und zwar in Form eines Zentralbaus – ich denke an Arechis II. von
Benevent (758-787)35 – dann sollte ein solches Gebäude wohl eher einen Ausdruck seiner
eigenen Machtansprüche darstellen. Ähnliches gilt wohl für die Venezianer, die ihr S. Marco
nach dem Modell der Apostelkirche in Konstantinopel konzipierten oder auch für Abt
Desiderius von Montecassino (1058-1086), der byzantinische Handwerker, hauptsächlich
Mosaizisten, Marmor- und Metallhandwerker, nach Italien kommen ließ, um seine neue
Klosterkirche zu dekorieren.36 Es gilt aber in besonderem Maße für König Roger II. von
Sizilien (1105-1154), der alle künstlerischen Mittel, die Byzanz bieten konnte, und ganz
besonders die Mosaikkunst, einsetzte, um die Macht und den Reichtum seines gerade erst
entstandenen Königreichs öffentlich zu demonstrieren. Diese Werke, die teilweise noch heute
erhalten sind, und einen Eindruck von der byzantinischen Kunst vermitteln, die in den
Kerngebieten des Reiches nur selten überlebt hat, sollten allerdings nicht ein “display of
Byzantium” darstellen, sondern dienten dem “display” der eigenen Größe und Macht mit
byzantinischen Mitteln, die allerdings eklektisch benutzt und mit neuen ideologischen
Inhalten gefüllt wurden.37 Möglicherweise ist auch das Salvator-Patrozinium, das Roger II.
seinen bedeutendsten Gründungen (Messina und Cefalù) gegeben hatte, ein Reflex der seit
dem Ende des 11. Jahrhunderts von den Komnenen gestifteten Christus-Kirchen.38 Wie die
Pantokrator-Kirche in Konstantinopel so war auch Cefalù als königliches Mausoleum geplant.
In anderem Zusammenhang bediente sich Roger II. zu seiner königlichen Selbstdarstellung
auch fatimidischer Ausdrucksmittel.39

in eleventh century Constantinople, in I manoscritti greci tra riflessione e dibattito. Atti del V
Colloquio Internazionale di Paleografia Greca (Cremona, 4 – 10 ottobre 1998), a cura di G. Prato
(Firenze 2000), S. 550 f.
32
V. Zoric, “Arx praeclara quam Palatium Regale appellant: le sue origini et la prima Cappella della
corte normanna”, in F. D’Angelo – V. Zoric, La città di Palermo nel Medioevo (Palermo 2002;
Scrinium. Quaderni ed estratti di Schede medievali, 11), S. 117 f. Das heute sichtbare Fresko der
Hodegetria ist allerdings auf eine etwas spätere Zeit zu datieren.
33
Codex diplomaticus Cavensis, edd. M. Morcaldi, M. Schiani, S. De Stephano, II, Mediolani, Pisis,
(Neapoli 1875), Nr. 382, S. 233 (986).
34
P. Cherubini, Le pergamene di S. Nicola di Gallocanta (secc. IX-XII) (Altavilla Silentina 1990; Fonti
per la storia del Mezzogiorno Medievale, 9), Nr. 76 f., S. 195, 198 (1058), Nr. 88, S. 221 (1065).
35
H. Belting, “Studien zum beneventanischen Hof im 8. Jahrhundert”, DOP 16 (1962), S. 175-193.
36
Leone Marsicano, Cronaca di Montecassino (III 26-33), a cura di F. Aceto e V. Lucherini, (Milano
2001), S. 54-56, 70-74.
37
B. Brenk, “Arte del potere e la retorica dell’alterità: la cattedrale di Cefalù e San Marco a Venezia”,
in Art and Form in Norman Sicily. Proceedings of an International Conference, Rome, 6-7 December
2002, ed. D. Knipp (München 2005), S. 81-100.
38
R. Janin, La géographie ecclésiastique de l’empire byzantin, I. Le siège de Constantinople et le
patriarcat œcuménique, III. Les églises et les monastères (Paris 1962), S. 504-529.
39
J. Johns, “Malik Ifriqiya: the Norman Kingdom of Africa and the the Fatiimids”, Libyan Studies 18
(1987) S. 89-100; idem, Arabic Administration in Norman Sicily. The Royal Diwan (Cambridge 2002),
S. 298-300, et passim.

5
Ein Wort noch zu den Münzen. Philip Grierson hat gezeigt, wie differenziert die einzelnen
byzantinischen Nomismata in den lateinischen Urkunden Apuliens beschrieben werden:
soterikia, stellata, skyphata, etc.40 Die Ikonographie der Nomismata wurde von den
Langobarden als Modell für ihre eignen Prägungen übernommen, während sich das
normannische Münzsystem im wesentlichen an Vorbildern des arabischen Sizilien
orientierte.41 Letzteres ist verständlich, wenn man bedenkt, daß der arabische Tarì ja schon
vor der normannischen Eroberung im byzantinischen Kalabrien in Umlauf gewesen war.
Trotzdem hinterließ auch die Ikonographie der byzantinischen Münzen ihre Spuren: so wurde
der stehende Christus mit der griechischen Legende EMMANOUHL auf den folleis (der
Klasse 1) Konstantins X. zum Vorbild eines Bleisiegels Robert Guiscards,42 während der
silberne Ducalis, den Roger II. 1140, nach der endgültigen Eroberung Apuliens prägte, und
auf dem der normannische König als byzantinischer Kaiser dargestellt ist, eindeutig auf
komnenische Vorbilder zurückgeht.43

Die Sprache

In der lateinischen Chronistik Italiens werden die Byzantiner normalerweise Graeci genannt,
oft, wenn auch nicht immer, mit einem pejorativen Unterton. Wie schon gesagt, sprach und
verstand nur ein Teil, vermutlich der kleinere Teil der byzantinischen Untertanen in Italien
die Sprache der Hauptstadt. Das war durchaus normal im oströmischen Reich, wo nieman
dem die griechische Sprache aufoktroiiert wurde. So sind der Exarchat von Ravenna und
später das Thema Langobardia, abgesehen von der Terra Salentina, immer lateinisch
geblieben. Das gilt sowohl für die literarischen Erzeugnisse, wie für die Sprache der
Urkunden. In mittelbyzantinischer Zeit wurden in Nord- und Mittelapulien die
Privaturkunden immer auf lateinisch ausgestellt;44 nur die höchsten Beamten stellten ihre
Privilegien und Gerichts- und Verwaltungsurkunden auf griechisch aus, denen bei
lateinischen Empfängern gelegentlich auch eine entsprechende Übersetzung beigefügt
wurde.45
Für die Bewohner der lateinischen Regionen war also das Griechische die Sprache der
Regierung in Konstantinopel und konnte als solche Ablehnung oder Bewunderung
hervorrufen. Gregor der Große (590-604) versuchte sich gegen ihren Gebrauch in Italien zu
wehren und bezeichnete sich ausdrücklich als Graecae linguae nescius,46 was insofern

40
P. Grierson, Catalogue of the Byzantine Coins in the Dumbarton Oaks Collection and in the
Whittemore Collection, III, 1 (Washington, D. C. 1973), S. 49-72. Allerdings halte ich Griersons
Hypothese, daß die Bezeichnung solidus skyphatus auf das arabische Wort safah zurückgehe und nicht
von der konkaven Form des Nomisma herrühre, das seit etwa 1045 in Konstantinopel geprägt wurde
(Ph. Grierson, “Nummi Scyphati: the story of a misunderstanding”, Numismatic Chronicle, 7th series,
11 [1971], S. 253-260) für unnötig, denn bei den wenigen Urkunden aus der Zeit vor 1045, in denen
solidi scyphati erwähnt werden, handelt es sich einerseits um eine Fälschung aus normannischer Zeit
und andedrerseits um Stücke, die von den Herausgebern falsch datiert worden sind.
41
L. Travaini, La monetazione nell’Italia normanna (Roma 1995; Istituto storico Italiano per il Medio
Evo. Nuovi studi storici, 28), S. 99-152.
42
A. Engel, Recherches sur la numismatique et la sigillographie des Normands de Sicile et d’Italie
(Paris 1882), S. 82, Nr. 1 (Tafel I, 1); Grierson, Catalogue, III, 2, S. 774-776, Tafel LXIV, 8. 1, 8. 10,
8. 19.
43
Travaini, La monetazione, S. 212-214.
44
Die einzigen mir bekannten Ausnahmen sind zwei in Bari von Fremden ausgestellte griechische
Urkunden: das Testament einer Dame aus Stilo in Kalabrien (Codice diplomatico barese, IV, ed. F.
Nitti di Vito [Bari 1900], Nr. 46, S. 92-94) und die Verkaufsurkunde eines byzantinischen Offiziers,
der nach Konstantinopel zurückberufen worden war (F. Trinchera, Syllabus Graecarum membranarum,
[Neapel 1865], Nr. 25, S. 27-29).
45
Trinchera, Syllabus Graecarum membranarum, Nr. 23, S. 24 f.
46
S. Gregorii Magni Registrum epistolarum, ed. D. Norberg, I (Turnholt 1982; CCSL, 140), Ep. VII,
29, aber das Thema wird auch in den Briefen III, 63, X, 10, XI, 55 angeschnitten.

6
unwahrscheinlich ist, als er Jahre lang (580-586/7) päpstlicher apocrisiarius in
Konstantinopel gewesen war und enge Verbindungen zm kaiserlichen Hof unterhalten hatte.47
Vermutlich handelte es sich um ein programmatisches Nicht-Wissen, weil er wegen der
zunehmenden Hellenisierung des byzantinischen Reiches und besonders des kaiserlichen
Hofes den Rückgang der lateinischen Sprache und damit eine politische Marginalisierung
Roms und Italiens befürchtete. Andererseits wurde auf Grund der Hellenisierung die
griechische Sprache ein immer wichtigeres Mittel für die Kommunikation mit Byzanz und
wurde auch als solches wahrgenommen. Der römische Liber Pontificalis hebt z. B. die
Zweisprachigkeit Papst Leos II. (682-683), eines Sizilianers, eigens hervor: greca latinaque
lingua eruditus.48 In einigen Fällen wird ersichtlich wie Zweisprachigkeit die Karrierechancen
in der Verwaltung verbessern konnte: Agnellus von Ravenna, der selber anscheinend des
Griechischen nicht mächtig war spricht mit größter Bewunderung von den Sprachkenntnissen
seines Vorfahren Johannicius, quia Grece ut Latine utebatur et Latina ut Greca tenebat, und
der deshalb erst vom Exarchen angestellt und schließlich vom Kaiser selbst angefordert
worden sei.49 Das war offensichtlich eine Fähigkeit, die er bewunderte, denn in seiner
Biographie des ersten Bischofs von Ravenna, des Antiocheners Apollinaris, die eine
Kurzfassung der älteren Passio aus dem 7. Jahrhundert, ist, fügt er ausdrücklich hinzu, daß
dieser Graecis et Latinis literis heruditus gewesen sei, eine Qualifikation, von der die Vorlage
nichts weiß.50 Ähnliche Sprachkenntnisse wurden auch den duces von Neapel im 9.
Jahrhundert zugeschrieben, die zwar im Prinzip politisch unabhängig waren, aber aus
taktischen Gründen eine byzantinische Schirmherrschaft anerkannten.51 Von Argyros, dem
Sohn des Meles aus Bari, der zwischen 1051 und 1058 als doux Italias, Kalabrias, Sikelias
kai Paphlagonias, Gouverneur der byzantinischen Provinzen in Italien war, heißt es in einer
beneventanischen Quelle, daß er sapientia et disciplina in greco et latino usque ad unguem
pulitus gewesen sei.52 Sein jüngerer Zeitgenosse, Johannes Italos, dessen Beiname auf eine
Herkunft aus Apulien (Italia), schließen läßt, kam zwar in Konstantinopel zu höchsten
philosophischen Ehren, wird aber von Anna Komnena wegen seines barbarischen
griechischen Aussprache etwas verlacht.53 Auf bescheidenerem Niveau lagen wohl die
Griechischkenntnisse zahlreicher byzantinischer Untertanen in den apulischen Küstenstädten,
deren Namen, wie Grimoaldos, Maraldos, Agenardos oder Teudelmannos, auf langobardische
Herkunft schließen lassen, und die in ungeschickter griechischer Schrift lateinische Urkunden
als Zeugen unterschrieben. Es ist interessant zu beobachten, daß sich solche griechischen
Unterschriften seltener in Urkunden aus im apulischen Hinterland gelegenen Ortschaften
finden als in denen aus den Küstenstädten, wie Bari, Trani oder Conversano, wo
normalerweise die byzantinischen Institutionen präsenter waren als im Hinterland. In noch
anderer Weise wurde schließlich das Griechische in Neapel benutzt, wo es bis ins beginnende
11. Jahrhundert häufig vorkam, daß Aussteller und Zeugen lateinische Privaturkunden in
griechischen Buchstaben (meist in Majuskel aber gelegentlich auch in Minuskel), jedoch in
lateinischer Sprache unterschrieben.54 Sprache und Schrift der Graeci übten offensichtlich auf

47
S. Boesch Gajano, Gregorio Magno. Alle origini del Medioevo (Roma 2004), S. 44-48.
48
Le Liber Pontificalis. Texte, introduction et commentaire par L. Duchesne, I (Paris 1886), S. 359.
49
Agnellus, 120, S. 356 f.
50
Agnellus, 1, S. 280; Passio: AASS, Julii, V, 344-349.
51
V. von Falkenhausen, “La Campania tra Goti e Bizantini”, in Storia e civiltà della Campania. II. Il
Medioevo (Napoli 1992), S. 25 f.; J.-M. Martin, “Hellénisme politique, hellénisme religieux et pseudo-
hellénisme à Naples (VIIe – XIIe)”, Nea Rhome 2 (2005), S. 64-66.
52
H. Tritz, “Hagiographische Quellen zur Geschichte Papst Leos IX.”, Studi Gregoriani 4 (1952), S.
361.
53
A. Rigo, “Giovanni Italo”, in Dizionario biografico degli Italiani 56 (Roma 2001), S. 62-67.
54
F. Luzzati Laganà, “Le firme greche nei documenti del Ducato di Napoli”, Studi medievali, s. III, 23
(1982) S. 729-752. Auf ein ähnliches Phänomen in Gaeta (839) hat A. Jacob, “Gaète, 839. Le
premierexemple daté de minuscule grecque dans l’Italie méridionale”, BollGrott, n. s. 47 (1993), S.
113-120, aufmerksam gemacht.

7
viele Süditaliener eine gewisse Faszination aus, und gab ihnen vielleicht das Gefühl näher an
den Schaltstellen der Macht zu sein.
Im Gegensatz zu anderen Territorien des byzantinischen Reiches, in denen das
Griechische nicht vorherrschte und Zweisprachigkeit eher ein gesellschaftliches Phänomen
war, das heißt, das Privileg einer kleinen gab es in Italien einige Provinzen, die zumindest seit
dem 7. Jahrhundert vollständig gräzisiert waren, und zwar Sizilien und Kalabrien. Es ist oft
und mit großer Vehemenz besonders von italienischer Seite die Ansicht vertreten worden, daß
die griechischen Dialekte, die noch bis vor kurzem in einigen Dörfern im Aspromonte und in
der Terra Salentina gesprochen wurden, entgegen der These von Gerhard Rohlfs kein
großgriechisches Erbe seien, sondern auf byzantinischen Import zurückgingen.55 Für eine
solche frühmittelalterliche Gräzisierung werden unterschiedliche Faktoren verantwortlich
gemacht: die Umsiedlung unter Kaiser Maurikios von Bewohnern aus Patras nach Reggio
Calabria und in den Nordosten Siziliens,56 die Flucht syrischer und palästinensischer Christen
in den Westen nach der persischen und dann arabischen Eroberung des Vorderen Orients,57
die Residenz Kaiser Konstans’ II. in Syrakus (663-668),58 “le grandi immigrazioni dei
Monoteleti e degli Iconoclasti”,59 von denen man allerdings in den Quellen nichts erfährt,60
oder auch die Umsiedlung von Bewohnern des fernen pontischen Herakleia nach Gallipoli im
Süden Apuliens unter Basileios I.61 Dagegen scheint bei den heutigen Sprachforschern die
Ansicht vorzuherrschen, daß in den Teilen Italiens, in denen unter den Römern und im
Frühmittelalter ein griechisches Substrat aus der Antike in einer teilweise zweisprachigen
Gesellschaft überlebt habe, das heißt in Sizilien, Kalabrien und Südapulien, dieses in
byzantinischer Zeit wiederaufgelebt und zur vorherrschenden Sprache geworden sei,62
während die Regionen, in denen ein solches antikes griechisches Substrat nicht vorhanden
war, wie z. B. der Exarchat von Ravenna und Nord- und Mittelapulien, nie auch nur
oberflächlich gräzisiert wurden. Ravenna und Bari waren in unterschiedlichen Epochen je
etwa zweihundert Jahre lang die byzantinischen Provinzhauptstädte in Italien, aber, wie schon
gesagt, blieben beide ebenso wie ihr Hinterland uneingeschränkt lateinisch. Ohne Zweifel
sind dem Prozeß der zweiten Hellenisierung Kalabriens und Siziliens die Einwanderungen
aus Patras, Syrien, Palästina und Ägypten zugute gekommen, sowie die Tatsache, daß etwa in
der Mitte des 8. Jahrhunderts dem Patriarchen von Konstantinopel die kirchliche Jurisdiktion
über Kalabrien und Sizilien zusammen mit der über das östliche Illyricum übertragen worden
war. Aber keiner der genannten Faktoren kann als wirklich ausschlaggebend angesehen
werden. Die griechisch-syrische Einwanderungswelle hatte z. B. im 7. und 8. Jahrhundert
auch Rom erfaßt, wo in den Jahren zwischen 642 und 752 der griechisch-syrische Klerus
zwölf von neunzehn Päpsten gestellt und die Kirchenpolitik sowie die theologische
Diskussion entscheidend bestimmt hatte.63 Trotzdem hat Rom nie aufgehört, eine lateinische
Stadt zu sein.
In Kalabrien, Sizilien (bis zur arabischen Eroberung) und in der Terra d’Otranto hat
dagegen die griechische Sprache in mittelbyzantinischer Zeit und auch noch danach eindeutig

55
Die wichtigste Bibliographie zu dieser endlosen Kontroverse ist in dem ausgewogenen Aufsatz von
F. Fanciullo, “Latinità e grecità in Calabria”, in Storia della Calabria antica. Età italica e romana, ed.
S. Settis (Roma-Reggio Calabria 1994), S. 671-703, aufgelistet.
56
Cronaca di Monemvasia. Introduzione, testo critico, traduzione e note, a cura di I. Dujcev (Palermo
1976; Istituto siciliano di studi bizantini e neoellenici. Testi 12), S. 12.
57
S. Borsari, “Le migrazioni dall’Oriente in Italia nel VII secolo”, La parola del passato 16 (1951), S.
133 f.
58
D. G. Lancia di Brolo, Storia della chiesa in Sicilia nei primi secoli del cristianesimo, II (Palermo
1884), S. 21.
59
B. Spano, La grecità bizantina e i suoi riflessi geografici nell’Italia meridionale, e insolare (Pisa
1965), S. 29 f.
60
Auch die geflüchteten Ikonodulen sind rar.
61
A. Jacob, “Une mention d’Ugento dans la chronique de Skylitzes”, REB 35 (1977), S. 229-235.,
62
Fanciullo, “Latinità e grecità in Calabria”, S. 671-703.
63
Enciclopedia dei Papi, I (Roma 2000), S. 594-659.

8
vorgeherrscht. Alle bekannten schriftlichen Zeugnisse aus diesen Regionen, daß heißt alle
Urkunden, Inschriften und die gesamte bekannte Literatur aus der Zeit zwischen dem 7.
Jahrhundert und der normannischen Eroberung sind griechisch, und das Niveau der
literarischen Produktion aus der Peripherie ist gar nicht schlecht: schließlich stammten der
Patriarch Methodios, Joseph der Hymnograph, der Dichter Konstantin und zahlreiche
beachtliche Hagiographen und Hymnographen aus diesen Provinzen. Während Sizilien nach
der arabischen Eroberung weitgehend arabisiert wurde, wobei sich die restliche griechische
Bevölkerung in den Nordosten der Insel, in das sogennante Val Demone zurückzog, war
Kalabrien bis zur normannischen Eroberung eine griechische Provinz und blieb es auch noch
weit über ein Jahrhundert, nachdem die Eroberung abgeschlossen war. Etwa 80% der
erhaltenen Privaturkunden des 12. Jahrhunderts, die Mehrzahl der Privilegien des Grafen
Rogers I., seiner Witwe Adelasia und seines Sohnes, Rogers II. und ihrer Barone, ebenso wie
die meisten Verwaltungs- und Gerichtsurkunden aus Sizilien und Kalabrien sind auf
griechisch ausgestellt worden.64 Die Predigtsammlung eines Philagathos Kerameus (12.
Jahrhundert), eines Mönchs des Klosters Patir, der auch in der Kathedrale Palermo und in der
Cappella Palatina predigte, fand auch in Byzanz Verbreitung, und die griechischen Gedichte,
die damals in der sizilianischen Hauptstadt verfaßt wurden, halten durchaus den Vergleich mit
byzantinischen Werken aus. Schließlich denke man an die große Anzahl griechischer
Handschriften, die bis in die frühe Neuzeit in Süditalien kopiert wurden.65
Das Festhalten an der Sprache der politischen Vergangenheit auch nach der
normannischen Eroberung hatte einerseits ideologische, im wesentlichen religiöse Gründe,
auf die ich noch zurückkommen werde, und andererseits ganz praktische. Die normannischen
Eroberer waren zwar äußerst tapfere Ritter, aber bar jeglicher Verwaltungserfahrung, und da
die Eroberung Süditaliens im Gegensatz zu der Englands nicht von einer regierenden
Dynastie geplant und durchgeführt worden war, sondern von Rittern, die sich auf eigene Faust
einen Herrschaftsbereich eroberten, den sie sich erst im Nachhinein vom Papst legitimieren
ließen, konnten sie auch keine schriftkundigen Mitarbeiter aus der heimischen Verwaltung
delegieren oder mitbringen. Auch die Zuwanderung von fähigen und gut ausgebildeten
normannischen Klerikern ging anfangs nur zögernd voran, da diese ja gleichzeitig in dem
näheren England ein reiches Betätigungsfeld fanden. Deshalb waren die Eroberer Süditaliens
auf die einheimischen Fachkräfte angewiesen. Das waren in den ehemals langobardischen
Fürstentümern und im byzantinischen Apulien lateinische Notare, die ihre Kenntnisse und
Fähigkeiten in den Dienst der neuen Herrscher stellten, und in Kalabrien griechische. Die
Teilung der eroberten Länder unter die beiden Brüder Hauteville, Herzog Robert Guiskard
und Graf Roger, bei der das südliche Kalabrien und das erst teilweise eroberte Sizilien an die
jüngere Linie fielen, bewirkte, daß das normannische Herzogtum und die Grafschaft
Kalabrien–Sizilien erst einmal getrennte politische Wege gingen. Roger I. und seine Barone
waren bei der Verwaltung der Grafschaft und der dortigen Lehen also auf die einheimischen
griechischen Kräfte angewiesen, zumal da die Normannen den islamischen Untertanen
anfangs äußerst mißtrauisch gegenüberstanden. Infolgedessen wurden die Griechen nicht nur
mit der Verwaltung von Kalabrien betraut, sondern auch in Sizilien eingesetzt. Für zwei bis
drei Generationen sind sie für die normannischen Herrscher unentbehrliche
Regierungswerkzeuge.
Mit den griechischen Notaren und ihrer Sprache zogen auch die byzantinischen
Institutionen in den neuen normannischen Staat ein: erst wurden die Bezeichnungen der in
den byzantinischen Provinzen tätigen Beamten (strategos, katepano, tourmarches, kourator)
übernommen, deren Befugnisse aber den neuen staatlichen Bedingungen angepaßt wurden,

64
“La presenza dei Greci nella Sicilia normanna. L’apporto della documentazione archivistica in lingua
greca”, in Bizantino-Sicula IV, a cura di R. M. Carra Bonacasa (Istituto di studi bizantini e neoellenici.
Quaderni 15; Palermo 2002), S. 31-72;
65
Ein von dem italienischen Ministero dei Beni Culturali gefördertes Forschungsprojekt zur
Katalogisierung aller italo-griechischen Handschriften ist inzwischen unter der Leitung von Santo Lucà
angelaufen.

9
dann wurde auch das Amt des Logotheten, das es in der byzantinischen Provinzialverwaltung
nie gegeben hatte, eingeführt.66 Auch hier sieht man, wie in der Kunst, daß die Normannen
zwar das byzantinische Vokabular (im übertragenen Sinne) übernahmen, aber mit anderen
Inhalten füllten. Ebenso wurde die byzantinische Urkundentechnik in normannischer Zeit
beibehalten, wobei Worte wie sigillion und apodeixis noch in der Anjouzeit benutzt wurden.
Dasselbe gilt für die Bleisiegel mit byzantinischer Ikonographie und oft mit griechischer
Beschriftung, die die normannischen Herrscher bis etwa zum Tode Rogers II. (1154)
verwendeten.67
Nach der Entstehung des normannischen Königreiches (1130), in dem die Bewohner
Kalabriens und Siziliens eine sprachliche Minderheit waren, wurden die griechischen
Verwaltungsbeamten weitgehend obsolet und zunehmend durch Fachkräfte lateinischer
Sprache ersetzt. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts setzte infolgedessen ein Prozeß
der stetigen Latinisierung der griechischen Oberschicht ein, wenn auch in vielen inzwischen
zweisprachigen Familien die griechische Tradition aufrecht erhalten wurde. Einige ihrer
Mitglieder machten sich im 13. Und 14. Jahrhundert als Übersetzer griechischer Texte ins
Lateinische einen Namen,68 aber am Ende überlebte das Griechische hauptsächlich in den
ungebildeten Familien der ländlichen Bevölkerung, die sich besonders hartnäckig mit dem
religiösen griechischen Ritus identifizierten. Gerhard Rohlfs hat z. B. den Satz aus dem
Vorwort der Prosaredaktion des Roman de Troie, zitiert,69 wo es heißt : Et que ce soit voirs,
par toute Sezille parolle on encore en plusours leus grizois, par toute Calabre li païsant ne
parlent se grizois non.70 Was schließlich die geschriebene Sprache angeht, so gibt es seit dem
14. Jahrhundert immer mehr Texte, die zwar in griechischer Schrift, aber in italienischem
Volgare aufgezeichnet wurden.71
Zahlreiche Studien von André Jacob haben gezeigt, daß die griechische Sprache in der
Terra Salentina eine sehr viel größere Vitalität zeigte als in Kalabrien und Sizilien, da der
ständige Kontakt und Austausch mit der byzantinischen Kultur auf dem gegenüberliegenden
Ufer der Adria ihr immer wieder neues Leben gab. Tatsächlich war z. B. der bekannteste
griechische Dichter und Intellektuelle aus dem Umkreis von Friedrich II., Johannes Grassos
oder Johannes von Otranto salentinischer Herkunft. Villeicht stammt von ihm auch die
griechische Übersetzung des Liber Augustalis, die in zwei süditalienischen Handschriften
überliefert ist.72 Man fragt sich nach dem Warum dieser Übersetzung, denn die kaiserlichen
Richter und Verwaltungsbeamten griechischer Herkunft, die inzwischen besser Lateinisch als
Griechisch sprachen und verstanden, hatten damals bestimmt keinen Bedarf für eine
Übersetzung, zumal da diese besonders bei der Übertragung von termini technici aus der
Verwaltung nicht fehlerfrei ist. Vermutlich waren eher ideologische Gründe im Spiel: die
Gesetzgebung war entschieden die erhabenste Tätigkeit eines Monarchen. Für Friedrich II.

66
V. von Falkenhausen, “I logoteti greci nel regno normanno. Uno studio prosopografico”, in
Miscellanea in onore di Vincenzo D’Alessandro, im Druck.
67
Engel, Recherches sur la numismatique et la sigillographie, passim.
68
R. Weiss, “The translators from the Greek of the Angevin court of Naples”, Rinascimento 1 (1950),
S. 218-226 [Nachdruck in: idem, Medieval and Humanist Greek: collected essays (Padova 1977;
Medioevo e Umanesimo, 8), S. 125-133]; G. Fiaccadori, “Umanesimo e grecità d’Occidente”, in I
Greci in Occidente. La tradizione filosofica, scientifica e letteraria dalle collezioni della Biblioteca
Marciana (Venedig 1996), S. XXXVIII-XLIX.
69
Cod. Par. B. N., Ms. franç. 1612, Ende 13. Jahrhundert.
70
Le Roman de Troie en prose, ed. par L. Constans et E. FaraL, I (Paris 1922), S. 4; P. Meyer, “Les
premières compilations françaises d’histoire ancienne”, Romania 14 (1885), S. 70, Anm. 5; G. Rohlfs,
“L'antico ellenismo nell'Italia di oggi (sostrati e riflessi)”, Accademia Nazionale dei Lincei. Colloquio
Le iscrizioni prelatine in Italia, Roma, 14-15 marzo 1977 (Rom 1978), S. 8; Fiaccadori, “Umanesimo”,
S. XXIII f.; V. von Falkenhausen, I Greci in Calabria nei XIII e XIV secoli, im Druck.
71
R. Distilo, ‘Kata Latinon’. Prove di filologia greco-romanza (Roma 1990).
72
Th. Van der Lieck-Buyken, Die Konstitutionen Friedrichs II. von Hohenstaufen für sein Königreich
Sizilien. Ergänzungsband I. Teil: Der griechische Text, Köln-Wien 1978; Codici greci dell’Italia
meridionale, a cura di P. Canart e S. Lucà (Roma 2000), S. 125 f.

10
bedeutete es wahrscheinlich einen “display” seiner kaiserlichen Macht, daß sein Gesetzwerk
auch in der anderen großen Kultursprache der Zeit veröffentlicht wurde.

Die hierarchische Struktur

Die Untertanen des byzantinischen Kaisers waren in ein hierarchisch geordnetes, von Gott
gewolltes System eingebunden, das seinen zeremoniellen Ausdruck in einer streng
gegliederten Pyramide aus Ämtern und Hoftiteln fand, die verliehen wurden, aber auch
gekauft werden konnten. In dieses System ließen sich gegebenenfalls auch halb abhängige
oder ganz unabhängige Fürsten einordnen, die mittels eines Titels in ein symbolisches
Untertanenverhältnis zum Kaiser eingegliedert wurden. Amt und/oder Titel gaben dem
Byzantiner in der kaiserlichen Hierarchie eine fest definierten Position, die durch eine damit
verbundene roga sozusagen vergoldet wurde. Ein entsprechendes System gab es auch für die
kirchlichen Ämter: der Rang eines jeden Bistums war in den Notitiae episcopatuum
festgelegt, während Kleriker und höhere kirchliche Würdentrager mit Ehrentiteln
ausgezeichnet werden konnten, die vom Kleriker der Nea, oder basilikos klerikos, bis zum
Synkellos oder Protosynkellos reichten..
Zu Ämtern und Titeln gehörte auch ein entsprechendes kostbares Gewand, das die Würde
des Trägers und seine Zugehörigkeit zum byzantinischen Establishment gleich kenntlich
machte. Als sich der Fürst von Benevent und Salerno, Arichis II., von Karl dem Großen
bedroht, sich 787 um Hilfe an Kaiser Konstantin VI. wandte, soll er versprochen haben, tam
in tonsura quam in vestibus usu Graecorum perfrui sub eiusdem imperatoris dicione.73 Der
Titel eines kaiserlichen Patrikios traf allerdings erst kurz nach seinem Tod am Hof in Salerno
ein. Auch Meles, einer der führenden Bürger von Bari (Skylitzes nennt ihn dynastes), der
1009 und 1017 zwei gefährliche Revolten gegen die Byzantiner angezettelt hatte, soll more
virum Graeco gekleidet gewesen sein.74 Als er schließlich 1018 außer Landes fliehen mußte,
und am Hof Kaiser Heinrichs II. in Bamberg Asyl fand, verehrte er diesem einen seidenen
Mantel mit in Gold aufgestickter Widmung, der noch heute im Diözesanmuseum in Bamberg
zu bewundern ist. Der Mantel ist keine byzantinische Arbeit, sondern wurde vielleicht in
Regensburg hergestellt,75 aber Idee und Geste der Überreichung eines äußerst kostbaren
Gewandes entspricht ganz den byzantinischen Gewohnheiten. Meles’ Sohn, der schon
mehrfach genannte Argyros magistros, bestes kai doux Italias, Kalabrias, Sikelias kai
Paphlagonias, schenkte 1057 seine goldbesetzte vestis honoris im Wert von 100 Pfund Silber
dem Kloster Farfa,76 während der praipositos Basileios Pediadites, um 1041/1042 glückloser
Kommandant der byzantinischen Truppen in Sizilien, sein purpurnes skaramangion der
Kirche S. Nicola di Calamizzi in Reggio schenkte.77
Jeder Inhaber eines Amtes oder Titels konnte sich als sichtbares und lesbares Zeichen
seiner Position Bleisiegel machen lassen, auf denen Name, Titel und Amt angegeben waren,
und mit dem er Briefe und Urkunden besiegelte. Auch ohne die Unterschrift des Besitzers
dienten sie als Beglaubing des jeweiligen Schriftstückes. Besonders in den letzten
Jahrzehnten haben Ausgrabungen und die Verfeinerung der Methoden in der Sigillographie
gezeigt, wie sich dieses hierarchische System wie ein Netz über das ganze Reich ausbreitete,

73
MGH, Epistulae, III, S. 617.
74
Guillaume de Pouille, La geste de Robert Guiscard, ed. M. Mathieu (Palermo 1961; Istituto siciliano
di studi bizantini e neoellenici. Testi, 4), Lib. I, 14, S. 100.
75
1002-1024. Kaiser Heinrich II. Katalog zur Bayerischen Landesaustellung 2002, herausgegeben von
J. Kirmeier, B. Schneidmüller, St. Weinfurter, E. Brockhoff (Bamberg 2002), S. 382, Abb. 8, S. 13.
76
Gregorio di Catino, Chronicon Farfense, ed. U. Balzani (Roma 1903; Istituto italiano per il
Medioevo. Fonti per la storia d’Italia, 34), S. 202 f.
77
von Falkenhausen, La dominazione bizantina, S. 74 f.; A. Guillou, Le brébion de la Métropole
byzantine de Règion (vers 1050) (Città del Vaticano 1974; Corpus des actes grecs d’Italie du sud et de
Sicile. Recherches d’histoire et de géographie, 4), S. 179.

11
und und in welch hohem Maße auch periphäre Provinzen einbezogen waren. Man denke nur
an die jüngsten Siegelfunde aus Sardinien.78
Während jedoch die Siegel wenig über ihre Besitzer und deren soziales Umfeld aussagen,
sind die süditalienischen Urkunden in dieser Hinsicht viel ergiebiger: die darin genannten
betitelten oder beamteten Personen erscheinen in Texten, die datiert und geographisch genau
lokalisierbar sind. Man kann z. B. den stufenweisen Aufstieg eines Beamten verfolgen oder
auch auf vergleichsweise bescheidener Ebene verwandtschaftliche Beziehungen und lokale
Dynastien feststellen. Man sieht auch, wie schnell dieses System in neu eroberte Gebiete
eindringt: im nordapulischen Lucera setzte z. B. der byzantinische Befehlshaber, der
excubitus Theodor, gleich nach der Eroberung am Ende des 10. Jahrhunderts vier
einheimische Gastalden ein ad seniorandum, iudicandum et regendum,79 aber schon wenige
Jahre später gab es in Lucera einen gleichfalls einheimischen Turmarchen: die
langobardischen Institutionen wurden also schnell durch die byzantinischen ersetzt.80 Es wird
auch deutlich, wie beliebt diese Titel sogar bei den lateinischen Klerikern und Bischöfen
waren. In Bari finden sich unter anderen die lateinischen Zeugenunterschriften von Mel
basilicos cliricos tis Neas et protonotarios und von Leo cubiclisius et basilicon cliricon atque
protonotarius de ista civitate Bari,81 Johannes, Bischof von Trani (belegt zwischen 1053/4
und 1059) führte den Titel eines kaiserlichen Synkellos, während die beiden Erzbischöfe von
Bari, Nicolaus (1035-1061) und Andreas (1061-1066), sogar Protosynkelloi waren.82
Die gesellschaftliche Ordnung der Eroberer der byzantinischen Provinzen – und das gilt
sowohl für die Langobarden und Karolinger, als auch für die Normannen – entbehrte eine
solche hierarchische Struktur, was für die ehemaligen byzantinischen Untertanen oft eine
herbe Enttäuschung darstellte. So beschrieben z. B. im Jahre 804 die Notablen von Rizina in
Istrien etwas nostalgisch die geordneten Zustände in der guten alten Zeit unter den
Byzantinern und beklagten sich vor den Abgesandten Karls des Großen über den Abbau
ihrer Ehrenpositionen mit den Worten: ab antiquo tempore, dum fuimus sub potestate
Graecorum imperii, habuerunt parentes nostri consuetudinem habendi actus tribunati,
domesticos seu vicarios necnon locoservator et per ipsos honores ambulabant ad
communione et sedebant in consessu, unusquisque per suum honorem, et qui volebant
meliorem honorem habere de tribuno ambulabat ad imperatorem, qui ordinabat illum ypato;
tunc ille qui imperialis erat ypatus in omni loco secundum illum magistrum militum
procedebat.83 Ähnlich ging es nach der normannischen Eroberung anscheinend auch vielen
ehemaligen byzantinischen Untertanen aus Süditalien. Noch weit bis ins 12. Jahrhundert
führen besonders in Bari, der ehemaligen Hauptstadt des Katepanats, viele Bürger die
kaiserlichen Titel ihres Vaters oder auch ihre eigenen. Gleichzeitig findet man auch unter den
Mitgliedern der amalfitanischen Oberschicht Träger byzantinischer Hoftitel, was sich aber mit
den anhaltenden Handelsbeziehungen zwischen Konstantinopel und Amalfi erklären läßt.84 In
Tarent wurden dagegen kurioserweise in normannischer Zeit byzantinische Titel und

78
G. P. Spanu – R. Zucca, I sigilli bizantini della Sardinia (Roma 2004; Collana del Dipartimento di
Storia dell’Università di Sassari, 20).
79
V. von Falkenhausen, “Zur byzantinischen Verwaltung von Lucera am Ende des 10. Jahrhunderts”,
Quellen u. Forschungen aus italienischen Archiven u. Bibliotheken 53 (1973), S. 395-406.
80
J.- M.Martin, Foggia nel Medioevo (Galatina 1998), S. 22.
81
Codice diplomatico barese, V, 2, S. 7; 7, S. 16; 9, S. 20,
82
Italia Pontificia, IX, ed. W. Holtzmann (Berlin 1962), S. 235, 290; von Falkenhausen, La
dominazione bizantina, S. 171; L.-R. Ménager, Recueil des actes des ducs normands d’Italie (1042-
1127), I. Les premiers ducs (1046-1087) (Bari 1981; Società di storia patria per la Puglia. Documenti e
monografie, 45), Nr. 44, S. 142-144.
83
C. Manaresi, I Placiti del “Regnum Italiae” (Rom 1955; Istituto storico italiano per il Medio Evo.
Fonti per la storia d’Italia, 92), I, Nr. 17, S. 53 f.
84
V. von Falkenhausen, “Il commercio di Amalfi con Costantinopli e il Levante nel XII secolo”, in
Amalfi, Genova, Pisa e Venezia. Il commercio con Costantinopoli e il vicino Oriente nel secolo XII, a
cura di O. Banti (Pisa 1998; Società storica Pisana. Biblioteca del “Bollettino storico Pisano”. Collana
storica, 46), S. 29 f.

12
Amtsbezeichnungen zu Vornamen: Spatharios, Sohn des Guido, Krites, Sohn des
Theophylakt, Komes Kortes, Sohn des Daniel, Stratelates, Sohn des Johannes, und Gottfried,
Sohn des Stratelates, etc.85 Dem bekannteren Iudex Tarentinus oder Krites Tarantinos, der als
griechischer Mönch ganz konsequent den Namen Klemes, annahm, und der übrigens
tatsächlich unter Wilhelm I. Richter am königlichen Gerichtshof war, hat Evelyn Jamison
einen wichtigen Artikel gewidmet.86
Die Byzantiner waren sich der wohltätigen politischen Wirkung, die die Verleihung
kaiserlicher Titel an abhängige und unabhängige Nachbarfürsten haben konnte, durchaus
bewußt und betrieben eine regelrechte Titel-Diplomatie. Man kann an den kaiserlichen Titeln,
die die duces von Neapel und Amalfi und die langobardischen Fürsten von Benevent, Capua
und Salerno in den Intitulationes ihrer Urkunden führen, einerseits ziemlich genau ablesen,
wann und bis zu welchem Grade Byzanz an ihrer Freundschaft interessiert war; andererseits
kann man auf eventuelle politische Spannungen schließen, wenn diese Titel plötzlich
weggelassen werden.87 Auch die Normannen versuchte man anfangs durch eine regelrechte
Schwemme von Hoftiteln (vom kouropalates abwärts bis zum spatharokandidatos) mit der
dazugehörigen roga zu ködern, die Michael VII Robert Guiscard 1074 zur freien Verteilung
an seine Vassallen überließ.88 Später verteilte man solche Titel eher an Oppositionelle im
normannischen Reich, um dort etwas Unruhe zu schüren, wie z. B. an den Erzbischof
Ubaldus von Trani, der im Jahre 1138 den Titel eines synkellos führte,89 oder an Griechen
innerhalb der normannischen Regierung auf deren mäßigende Intervention man spekulierte.
So ist es vermutlich kein Zufall, daß kurz nach der Boemund-Krise (1107/1108) die beiden
engsten griechischen Mitarbeiter von Adelasia, der Witwe Rogers I., der Notar Bonos und der
Admiral Christodoulos den protonobelissimos-Titel bekamen; 90 tatsächlich hatte sich die
Regentin der Grafschaft von Kalabrien-Sizilien nicht an Boemunds Feldzug gegen Alexios I.
beteiligt, und man könnte sich vorstellen, daß Bonos und Christodoulos ihre Hoftitel
sozusagen als Belohnung für die vorausgegangene Beeinflussung ihrer Herrin bekommen
hatten. In der Schatzkammer der Cappella Palatina in Palermo hat sich der sogenannte
Kodikellos Alexios’ I. zur Ernennung des Christodoulos zum Protonobelissimos, eine
kostbare goldbebeschriftete Purpururkunde, erhalten.91 Wenn auch die älteren byzantinischen
Ernennungsdiplome, die den jeweiligen neuen Würdenträgern überreicht wurden, vermutlich
etwas weniger prachtvoll aussahen, so ist der Christodoulos-Kodikellos doch ein
überzeugendes Beispiel des byzantinischen “Display” im normannischen Sizilien. Vielleicht
ist es kein Zufall, daß Roger II. später die Arenga des Kodikellos in einem Privileg für das
Kloster Patir, dessen Hauptsponsor Christodoulos war, in leicht abgewandelter Form
wiederbenutzte,92

85
Trinchera, Syllabus Graecarum membranarum, Nr. 48, S. 62 f.; G. Robinson, History and Cartulary
of the Greek Monastery of. St. Elias and St. Anastasius of Carbone (Rom 1930; Orientalia Christiana
Analecta, 19, 1), Nr. XXXVI-84, S. 24-29, Nr. XLIV-93, S. 65-67; Le pergamene dell'Archivio
arcivescovile di Taranto, I-II (1083-1258), a cura di F. Magistrale (Galatina 1999), Nr. 6, S. 19-21.
86
E. Jamison, “Judex Tarentinus. The Career of Judex Tarentinus magne curie magister justitiarius and
the emergence of the Sicilian regalis magna curia under William I and the regency of Margaret of
Navarre, 1156-1172”, PBA 53 (1967), S. 290-344.
87
von Falkenhausen, La dominazione bizantina, S. 34-38.
88
H. Bibicou, “Une page d’histoire diplomatique de Byzance au XIe siècle: Michel VII Doukas, Robert
Guiscard et la pension des dignitaires”, Byzantion 29-30 (1959-1960), S. 43-54.
89
von Falkenhausen, La dominazione bizantina, S. 171 f.
90
Für Bonos: K. A. Kehr, Die Urkunden der normannisch-sicilischen Könige. Eine diplomatische
Untersuchung (Innsbruck 1902), Nr. 3, S. 413-415; für Christodoulos: F. Dölger, “Der Kodikellos des
Christodulos in Palermo. Ein bisher unerkannter Typus der byzantinischen Kaiserurkunde”, Archiv für
Urkundenforschung 11 (1929), S. 1-65; Nachdruck in: idem, Byzantinische Diplomatik (Ettal 1956), S.
1-74.
91
Dölger, Der Kodikellos.
92
L. R. Ménager, “Quelques monastères de Calabre à l’époque normande”, BZ 50 (1958), S. 336.

13
Die Religion

Die byzantinischen Kaiser haben im Prinzip immer versucht, die in Konstantinopel definierte
Orthodoxie im ganzen Reich durchzusetzen, aber es wäre unklug gewesen, einem von den
Langobarden halb besetzten und weiterhin von ihnen bedrohten Exarchat von Ravenna
Monothelismus oder Ikonklasmus mit Gewalt aufzwingen zu wollen. Doch zeigt der Fall
Martins I., daß der Kaiser durchaus gewaltsam durchzugreifen gewillt war, wenn er es eben
konnte. Daß Kalabrien und Sizilien zusammen mit dem östlichen Illyricum etwa in der Mitte
des 8. Jahrhunderts von der kirchlichen Jurisdiktion Roms abgetrennt und der des Patriarchen
von Konstantinopel zugeteilt wurden, war zwar die Maßnahme eines ikonoklastischen
Kaisers, hatte aber, wie mir scheint, mit der Bilderverehrung, bzw. deren Ablehnung nichts zu
tun. Es ging dabei wohl eher um eine Anpassung der kirchlichen Realität an die politische,
um nach der langobardischen Eroberung des Exarchats die noch verbliebenen Territorien
einheitlich von Konstantinopel aus zu regieren. Von da an sind die Bischöfe Kalabriens und
Siziliens regelmäßig auf den oekumenischen Konzilien93 und manchmal auch auf
konstantinopolitanischen Lokalsynoden vertreten.94
Nach der Rückeroberung Apuliens unter Basileios I. war Süditalien nicht nur sprachlich,
sondern auch kirchlich zweigeteilt: Apulien und Teile der Basilicata gehörten zur römischen,
Kalabrien und die Überreste Siziliens zur konstantinopolitanischen Obödienz, eine Situation,
die man in Byzanz mehrfach zu korrigieren suchte. Schon Basilieos I. hatte versucht, in
Tarent, einer Stadt in der das griechische Element stark verbreitet war, einen griechischen
Bichof einzusetzen, der in Konstantinopel ordiniert werden sollte, allerdings erfolglos.95 Um
968 richtete dann Nikephoros II. das griechische Erzbistum Otranto mit Suffraganen in der
Basilicata ein. Nach Liudprand von Cremona soll er sogar versucht haben, den lateinischen
Ritus in den byzantinischen Provinzen Italiens zu verbieten,96 aber auch das ohne Erfolg. Im
Gegenzug versuchte Rom über das Erzbistum Salerno seine Jurisdiktion, auf die Basilicata
und Nordkalabrien auszudehnen. Im Endeffekt spielte sich die kirchliche Organisation in
Süditalien so ein, daß Apulien, abgesehen von der Terra Salentina, römisch und Kalabrien
konstantinopolitanisch blieb. Allerdings wurden die Diözesangrenzen der lateinischen
Bistümer den politischen Grenzen der byzantinischen Themen angepaßt, neue Erzdiözesen
wurden da gegründet, wo man kirchliche Einmischung von Seiten der beneventanischen
Kirche fürchtete, und bei der Wahl oder Bestätigung von Bischöfen und Erzbischöfen achtete
man genau auf politische Loyalität. So erklären sich auch die apulischen Synkelloi.
In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts setzte dann eine Bewegung ein, die der
religiöse Spiritualität des griechischen Mönchtums weit über die Grenzen der byzantinischen
Themen und sogar Italiens hinaus zu einer erstaunlichen Popularität verhalf. Die
kontinuierlichen arabischen Angriffe und Razzien auf Kalabrien lösten eine Emigrationswelle
griechischer Kalabresen und Sizilianer nach Apulien, Kampanien und Latium bis nach Rom
aus, die dort zu zahlreichen griechischen Klostergründungen führte. Langobarden, Römer und
sogar die sächsischen Kaiser setzten in den von ihnen gegründeten Klöstern griechische Äbte
ein; selbst Montecassino hatte hatte in den Vierziger Jahren des 11. Jahrhunderts einen
griechischen Abt, und kalabresische Asketen wie der heilige Neilos, der Gründer von
Grottaferrata, und sein vierter Nachfolger, Bartholomäus, der Sizilianer Sabas der Jüngere
und Gregor von Burtscheid, der aus Cassano im nördlichen Kalabrien stammte, hatten einen
erheblichen Einfluß auf den kaiserlichen Hof, den langobardischen Adel in Mittelitalien und
sogar auf den Papst.97 Der griechische Mönch Johannes Philagathos aus Rossano in Kalabrien

93
Italia Pontificia, X, ed. D. Girgensohn (Thur 1975), passim.
94
von Falkenhausen, La dominazione bizantina, S. 161, 164.
95
Italia Pontificia, IX, ed. W. Holtzmann, S. 435-437.
96
Liudprandi Cremonensis opera omnia, ed. P. Chiesa (Turnhout 1998; Corpus Christianorum.
Continuatio Mediaevalis, 156), S. 215 (Legatio, 62).
97
V. von Falkenhausen, “La Vita di San Nilo come fonte storica per la Calabria bizantina”, in Atti del
Congresso internazionale su San Nilo di Rossano (Rossano, 28 sett.-1 ott. 1986) (Rossano –

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war Vertrauter und zeitweise Kanzler Ottos II. für Italien, Abt von Nonantola und Bischof
von Piacenza. Zum Gegenpapst wurde er allerdings gegen den Willen seines Patensohns Otto
III. gewählt und für seinen Ungehorsam hart bestraft.98 Für die positive Rezeption der
byzantinischen monastischen Spiritualität im westlichen Kaiserreich hatte bestimmt auch die
Kaiserin Theophanu den Boden vorbereitet, aber in Italien waren auch andere Faktoren mit
im Spiel: in einer Epoche, in der viele Äbte und Prälaten des Westens oft hauptsächlich an der
Ausübung weltlicher Macht interessiert waren, riefen die strengen asketischen Ideale der
byzantinischen Mönche allgemeine Bewunderung hervor. Man denke nur an Adalbert von
Prag, der unter der geistlichen Führung von Neilos von Rossano Mönch werden wollte,99 an
das Benediktinerkloster auf dem Berg Athos, in dem lateinische Mönche aus den
langobardischen Fürstentümern und aus Amalfi lebten, die am monastischen Leben auf dem
byzantinischen Heiligen Berge, teilhaben wollten. Damals begab sich ein Mönch und späterer
Abt von Montecassino sogar auf den Sinai.100
Andererseits machten die zunehmenden Ost-West-Kontakte auch auf die Unterschiede
zwischen der römischen und der konstantinopolitanischen Kirche in Liturgie, Eucharistie,
kirchlicher Disziplin (Fasten und Priesterehe) und Theologie (Filioque) aufmerksam, die da,
wo Lateiner und Griechen nah bei einander lebten, oft zu Spannungen führten. Im
lateinischen Italien wurden die griechischen Christen oft diskriminiert und in Konstantinopel
die lateinischen. Das hatte Neilos von Rossano, der Jahre lang mit seinen Mönchen in
Valleluce, einer Dépendance von Montecassino, lebte, zu spüren bekommen,101 und geht auch
aus den Aufzeichnungen des Abtes von Grottaferrata, Bartholomäus, aus den Vierziger Jahren
des 11. Jahrhunderts hervor,102 traf aber andererseits auch den zitierten Argyros, einen
Katholiken römischer Observanz, dem der Patriarch von Konstantinopel mehrfach die
Eucharistie verweigert hatte.103 In dieser Situation heißt es von dem lateinischen Erzbischof
von Bari, Byzantius (+ 1035), der übrigens seine Urkunden mit einem griechischen Bleisiegel
beglaubigte, daß er piissimus pater orfanorum et fundator sancte ecclesie episcopatus
Barensis, et cuncte urbis custos ac defensor, atque terribilis et sine metu contra omnes
Grecos gewesen sei.104
Diese Spannungen explodierten schließlich unter zwei Kirchenfürsten, die sich ihrer
Würde in besonderem Maße bewußt waren, Papst Leo IX. und Michael Kerullarios, im
sogenannten Schisma von 1054,105 das für die kirchenpolitische Lage in Süditalien besonders
bedeutungsvoll wurde, weil es zeitlich mit der normannischen Eroberung der byzantinischen
Provinzen zusammenfiel. Die Normannen gaben der römischen Kirche alle eroberten
Territorien zurück und setzten in allen sizilianischen und den meisten kalabresischen
Diözesen lateinische Bischöfe ein. Dagegen wurde der griechische Ritus weder verboten noch
verfolgt, in Sizilien sogar bis zu einem gewissen Grade gefördert.106 Auch wenn in der

Grottaferrata 1988), S. 271-305; eadem, Gregor von Burtscheid und das griechische Mönchtum in
Kalabrien”, in Römische Quartalschrift 93 (1998), S. 215-250.
98
W. Huschner, “Giovanni XVI, antipapa”, in Enciclopedia dei papi, II (Rom 2000), S. 112-116.
99
Vita prior s. Adalberti Pragensis, C. Redactio Casinensis, ed. J. Karwasinska (Warszawa 1962;
Monumenta Poloniae historica, n. s. 4, 1), S. 77 f.
100
A. Pertusi, “Monasteri e monaci italiani all’Athos nell’alto Medioevo”, in Le Millénaire du Mont
Athos (963-1963), I (Wetteren 1963), S. 217-251; V. von Falkenhausen, “La chiesa di Amalfi nei suoi
rapporti con l'impero bizantino (X-XI secolo)”, RSBN, n. s. 30 (1993, aber 1994) 81-115.
101
Vita prior s. Adalberti Pragensis, S. 77 f.
102
S. Lucà, “Graeco-latina del 1045/1046 di Bartolomeo Iuniore, egumeno di Grottaferrata (+ 1055)?”,
Nea Rhome 1 (2004) S. 15.
103
C. Will, Acta et scripta quae de controversiis ecclesiae Graecae et Latinaesaeculo undicesimo
composita extant (Leipzig – Marburg 1861), S. 177.
104
Annales Barenses, MGH, Scriptores V, S. 54.
105
A. Bayer, Spaltung der Christenheit. Das sogenannte morgenländische Schisma von 1054 (Böhlau,
Köln-Weimar-Wien 2004).
106
J. Johns, “The Greek Church and the Conversion of Muslims in Norman Sicily?”, BF 21 (1995), S.
150-153.

15
griechischen Hagiographie der Zeit gelegentlich Episoden von Verfolgung griechischer
Mönche durch die normannische Oberschicht erzählt werden,107 so ist offensichtlich, daß die
griechischen Klöster unter der Schirmherrschaft der normannischen Herrscher und ihrer
Vassallen florierten. Tatsächlich wissen wir erheblich mehr über das griechische Mönchtum
in Süditalien und Sizilien, seine Klöster, seine ausgedehnten Besitzungen, seine Regeln und
seine Bibliotheken, in normannischer Zeit als in byzantinischer. Trotzdem ist eine
Polarisierung des religiösen Lebens im normannischen Reich ganz offensichtlich: die
lateinische Kirche ist der religiöse Ausdruck der Eroberer, die griechische der eines Teils der
Eroberten; Rom sah in den griechischen Christen Gläubige zweiter Klasse, während
Konstantinopel nur die Kalabresen als christianoi orthodoxoi anerkannte.108 Ebenso blieb für
die griechischen Christen aus Süditalien noch Jahrhunderte lang Konstantinopel der religiöse
Bezugspunkt: von dort holte man sich Ikonen und Handschriften 109 und Rat in liturgischen
Fragen; 110 auch die neuere byzantinische theologische Literatur wie die “Dialexis mit den
Franken” des Niketas Stethatos und Theophylakt von Ochrid wurden in Süditalien gelesen
und kopiert.111 Der Erzbischof von Brindisi besaß die Dogmatike Panoplia des Zigabenos, ein
Werk, das er dem griechischen iustitiarius Wilhelms I., dem sogenannten Iudex Tarentinus,
geliehen hatte.112
Auf die Dauer wirkte sich jedoch die zunehmende Latinisierung der griechischen
Oberschicht auch auf deren kirchliche Zugehörigkeit aus: Angehörige der alten Familien wie
der tou Logothetou oder Grapheos, traten in die neuen Bettelorden ein und wurden Bischöfe
lateinischer Diözesen,113 denn in dem angespannten kirchenpolitischen Klima nach 1204, war
es oft opportun sich zur lateinischen Kirche zu bekennen. Außerdem war das intellektuelle
Leben in den lateinischen Kreisen Suditaliens inzwischen bestimmt anregender als in den
griechischen. Ohne die Protektion der alten griechischen Führungsschicht und ohne den
Nachwuchs aus den Reihen der griechischen Intelligenz kam es zur materiellen und geistigen
Verarmung der griechischen Kirchen und Klöster in Süditalien. Auch beim weltlichen Klerus
sah es nicht besser aus. 1343 mußte der griechische Bischof von Oppido ermahnt werden
quod non ordinet personas non aptas Ecclesie, quia ad clericatum assumpsit cerdones,
buczerios, coniugatos, illicteratos et alios.114 Aber gerade die ungebildeten Griechen aus den
Dörfern des Aspromonte hielten mit besonderer Hartnächigkeit am byzantinischen Ritus fest.
Als der Metropolit von Reggio 1334 den Priestern in den griechischen Diözesen seines
Erzbistums, also in Bova, Oppido und Gerace, verbot die Eucharistie mit gesäuertem Brot zu
feiern, kam es zu einem Volksaufstand.115 Das religiöse Erbe von Byzanz wurde also noch
sehr ernst genommen, als aber im 15. Jahrhundert die gelehrten Flüchtlinge aus
Konstantinopel, Bessarion, Athanasios Chalkeopoulos und Konstantin Laskaris versuchten,
die Klöster des Basilianerordens in Süditalien zu reformieren und die Mönche dazu zu
bewegen, sich mit der griechischen Sprache vertraut zu machen, fanden sie kein Echo. Der

107
Zaccagni, “Il Bios di san Bartolomeo da Simeri”, S. 221; Vita di s. Luca, vescovo di Isola Capo
Rizzuto, a cura di G. Schirò (Istituto siciliano di studi bizantini e neogreci. Testi, 2; Palermo 1954), S.
106 f.
108
J. Hergenroether, Monumenta graeca ad Photium ejusque historiam pertinentia (Regensburg 1869),
S. 62 f.
109
Zaccagni, “Il Bios di san Bartolomeo da Simeri”, S. 221.
110
A. Jacob, “La lettre patriarcale du typikon de Casole et l’éveque Paul de Gallipoli”, RSBN, n. s. 24
(1987) S. 143-163.
111
K. Schweinburg, “Die Textgeschichte des Gesprächs mit den Franken des Niketas Stethatos über die
Azymen”, BZ 34 (1934), S. 314-316; S. Lucà, “Graeco-latina del 1045/1046 di Bartolomeo Iuniore,
egumeno di Grottaferrata (+ 1055)? ”, Nea Rhome 1 (2004), S. 146 f.
112
E. Aar, “Gli studi storici in Terra d’Otranto”, Archivio storico italiano IV s., 9 (1882), S. 254.
113
von Falkenhausen, I Greci in Calabria, im Druck.
114
C. Minieri Riccio, Notizie storiche tratte da 62 registri angioini (Napoli 1877), S. 24, 33.
115
G. Garitte, “Deux manuscrits italo- grecs (Vat. Gr. 1238 et Barber. Gr. 475)”, in Miscellanea
Giovanni Mercati, III (Città del Vaticano 1946; Studi e testi, 123), S. 31-40.

16
“display of Byzantium” wurde im Italien des 15. Jahrhunderts von in anderen Regionen und
von ganz anderen sozialen Kreisen rezipiert.

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