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ISSN 1864-1725 3/2019

BiblioTheke 3/2019 x 1

BiblioTheke
Zeitschrift für katholische Bücherei- und Medienarbeit

Highlights, Zahlen und Personen


Öffentlichkeitsarbeit

Honig im Kopf
Altersdemenz in Kinderbüchern

Jenseits von Europa


Afrikas unsichtbare Literaturen

Literaturpraxis
Maxim Biller, Sechs Koffer
2 In h a l t
x BiblioTheke 3/2019

4 Highlights, Zahlen und Personen – lesenswert vereint Janina Mogendorf

8 Honig im Kopf, Altersdemenz in Kinderbüchern Beate Menge

12 Jenseits von Europa, Afrikas unsichtbare Literaturen Manfred Loimeier

16 Vielfalt der Texte – Vielfalt des Lesens, Lesekompetenz Anette Sosna

20 Aufbruch zu neuen (Katalogisierungs-)Ufern Christoph Holzapfel

22 Ich wünsche mir ein Buch Petra Scheeser

24 Bibliotheksstatistik 2018

26 Ich bin Bibfit, der Bibliotheksführerschein Julia Süßbrich

29 Wissen macht Persönlichkeit Stephan Siemens

33 Kennst du das Land..., Bibliotheken der Goethe-Institute Brigitte Döllgast

38 Authentische Vorbilder Helmut Moll

40 Praxisberichte

40 Begeisterung steckt an, 15 Jahre Lesespaß-Aktionen Beate Menge

43 Literatur-Praxis:

43 Maxim Biller, Sechs Koffer Susanne Emschermann

45 Mädelstreffen der KiBüAss 2015/16, Erlebnisbericht Elisabeth Wallbaum

© pixabay.com
BiblioTheke3/2019 Editorial 3

Liebe Leserin, lieber Leser,


vor wenigen Wochen ist mir ein Roman in Afrikas unsichtbare Literaturen vorstellt -
die Hände gefallen, der mich gleich in den etwas, das sich auf jeden Fall zu entdecken
Bann gezogen und in eine skurrile Welt lohnt!
entführt hat. "Skurril" natürlich nur auf
meinem bisherigen westlich geprägten Er- Ebenso spannend ist, was uns Anette Sosna
fahrungshintergrund. Fasziniert las ich über Lesekompetenz in Zeiten der Digitali-
weiter. Es war das Buch "Warten auf Tusker" sierung schreibt. Mit dem Begriff "Digitali-
von Meja Mwangi, übersetzt von Jutta sierung" wird oft Schindluder getrieben,
Himmelreich. Mwangi erzählt dabei ganz der Begriff kann alles oder nichts bedeu-
nebenbei viel über Afrika, über fehlgeleite- ten. Hier tut Aufklärung über Digitalisie-
te ausländische Hilfsprojekte, die Lethargie rung und was sie für das Lesen bedeutet,
der Männer und über Afrikas Frauen, die wieder einmal gut.
wie immer Mwangis eigentliche Heldinnen
sind. Die medienprofile-Rezension urteilt: Und schließlich – die Erfolgsgeschichte
"Ein vergnüglicher Blick hinter die Kulis- von Bibfit, dem Bibliotheksführerschein
sen! Empfehlenswert." für Kindergartenkinder, geht weiter. Julia
Süßbrich stellt Bibfit in dieser BiblioTheke
Katholische Öffentliche Büchereien ent- anschaulich vor. Nächstes Jahr soll Bibfit
führen uns mit ihrem vielfältigen Angebot wieder aufgelegt werden. Machen Sie
manchmal in fremde, aber ebenso span- mit!
nende Gefilde. Auf diesem Weg führt uns
in der vorliegenden Ausgabe der BiblioThe- Ihr
ke Manfred Loimeier weiter, wenn er uns Guido Schröer
4 BiblioTheke 3/2019

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Highlights, Zahlen und Personen –
lesenswert vereint.
Wie der Jahresbericht zur Öffentlichkeitsarbeit beiträgt

Janin a M o g e n d o r f der Bibliotheksstatistik, der auch Buchhaltungsmuf-


feln leicht von der Hand geht. Wer bei der Statistik
„Wir haben uns zum Jahresende mit der Bibliothekssta- fleißig war, hat die beste Vorarbeit für den Jahresbe-
tistik herumgequält, warum sollen wir auch noch einen richt schon geleistet. Jetzt geht es darum, die positive
Jahresbericht schreiben?“ Diese Frage mag so manchem Essenz herauszufiltern und ansprechend zu präsentie-
beim Thema Dokumentation durch den Kopf gehen. Und ren. Denn ein Jahresbericht soll vor allem eines sein:
doch ist der Jahresbericht ein wichtiger Bestandteil guter eine lesenswerte Zusammenfassung der besten Zahlen
Öffentlichkeitsarbeit, denn er rückt Ihre Bücherei ins rechte und schönsten Highlights des Büchereijahres.
Licht. Das sollten Sie sich nur dann entgehen lassen, wenn
Ihnen die Kunden bereits die Bude einrennen, Sie bei Ver- Fakten, Fakten, Fakten – und an die LeserInnen denken
anstaltungen nicht genug Stühle haben, die Fördergelder
aus allen Töpfen fließen und der Lokalreporter regelmäßig Anders als bei der statistischen Erhebung gibt es keine
zum Kaffeekränzchen vorbeischaut. genauen Vorgaben für die Gestaltung und den Inhalt
eines Jahresberichtes. Im Netz finden sich viele posi-
In allen anderen Fällen lohnt sich ein genauerer Blick tive Beispiele, an denen Sie sich orientieren können.
auf den Jahresbericht – den hübschen kleinen Bruder Zunächst aber sollte klar sein, an wen sich der Jahres-
BiblioTheke 3/2019 Jahresbericht 5

bericht wendet. Ist es ein Dank an den Kirchenvor- mehr Information macht. Wählen Sie einen lockeren
stand und weitere Förderer, ein Bericht für die Fach- und gut verständlichen Schreibstil.
stelle des Bistums, eine Information für die Presse oder
eine Broschüre für alle Interessierten, die in der Bü- Verben sind in – sperrige Nomen, Fremdwörter und
cherei ausliegen soll? Abkürzungen out. Also nicht „Aufgrund der Begeisterung
unter den SchülerInnen kam es zu lautstarken Zwi-
Während sich Geldgeber für positive Zahlen und schenrufen während der Lesung.“ Sondern: „Die be-
künftige Ziele interessieren, geht es den lokalen Medi- geisterten SchülerInnen riefen während der Lesung
en um berichtenswerte Veranstaltungen und Ereig- immer wieder laut dazwischen.“ Auch die Länge eines
nisse. KooperationspartnerInnen und MitarbeiterInnen Satzes und die Zahl der Nebensätze spielen eine wich-
freuen sich über einen kompakten Rückblick und eine tige Rolle. Vermeiden Sie Schachtelsätze und lesen Sie
anschauliche Darstellung der erbrachten Leistungen, sich den Text am besten laut vor. So spüren sie kom-
und NutzerInnen informieren sich über Angebote plizierte Stellen schnell auf.
und Dienstleistungen. Dementsprechend können Sie
die Themen des Berichts gewichten. Nicht fehlen Inhaltlich heißt es beim Jahresbericht „Klotzen statt
sollte ein ehrliches Dankeschön an alle – das stärkt die Kleckern“. Blicken Sie auf die Arbeit des Bücherei-
Bindung an die Bücherei und motiviert, sich weiter teams zurück. Was hat Ihnen Freude gemacht, worauf
für ihren Erhalt einzusetzen. sind Sie stolz? Welche Veranstaltungen waren beson-
ders gut besucht, worüber hat die Presse wohlwollend
Vom Rückblick zum Ausblick – ganz schön viel drin berichtet? Eine Mitarbeiterin hat die Kinderecke um-
gestaltet? Bitte ein Foto! Beim Lyrik-Abend im Sep-
Je nach AdressatInnen kann der Umfang des Jahresbe- tember hat sich eine Gruppe zusammengefunden, die
richtes sehr variieren. So reichen der Pfarrei vielleicht sich seither regelmäßig trifft? Erzählen Sie davon! Der
ein bis zwei Seiten, während eine gedruckte Broschüre Büchertisch beim Schulfest hat 195 Euro eingebracht?
durchaus zwölf und mehr Seiten umfassen kann. In Berichten Sie, was Sie damit vorhaben!
allen Fällen sollten Sie den Bericht übersichtlich glie-
dern. Nach einem einleitenden Teil, der das Jahr kurz Zahlen und Fakten
zusammenfasst und bewertet, folgen in der Regel ver-
schiedene Kapitel zu aktuellen Zahlen, Veranstal- Natürlich gehören auch Daten in den Jahresbericht.
tungen, Angeboten und Neuerungen, zu Kooperati- Nehmen Sie sich die Jahresstatistik vor und schreiben
onen und zum Team. Am Ende bietet sich ein Ausblick Sie Ihre Lieblingszahlen heraus. Haben Sie dabei Mut
auf das kommende Jahr an. zur Lücke! Die Entleihzahlen wa-
Bei umfangreichen Jahresbe- ren nicht so rosig, dafür haben
richten macht ein Inhaltsver- Sie mehr neue Büchereiausweise
zeichnis Sinn. ausgegeben als im Jahr zuvor?
Lassen Sie das eine raus und
Stil schreiben Sie das andere rein.
Vielleicht gab es eine positive
Erleichtern Sie LeserInnen den Entwicklung im Vergleich mit
Einstieg: mit einer persön- den vergangenen Jahren – mehr
lichen Ansprache, mit einem jugendliche NutzerInnen, mehr
Zitat, das zur Bücherei passt, Lesungen, mehr ausgeliehene
mit einer humorvollen Anek- Spiele, ein wachsendes Interesse
dote aus dem vergangenen an Zeitschriften-Abos.
Jahr oder einem guten Foto,
das die Bücherei als leben- Schreiben Sie über Lesegewohn-
digen Ort zeigt und Lust auf heiten und Vorlieben. Welchen
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6 J a h r es b e r i c h t BiblioTheke 3/2019

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Anteil haben Romane, Kinderbücher, Sachbücher und richten. Gönnen Sie jedem Event eine Seite, aber hal-
DVDs an der gesamten Ausleihe? Wie entwickeln sich ten Sie sich mit der Zeichenzahl zurück und nutzen
die Ausleihzahlen im Jahresverlauf und vor allem wa- Sie den Raum lieber für gelungene Fotos.
rum? Lassen Sie Ihre LeserInnen nicht mit den
nackten Fakten allein, sondern ordnen Sie sie ein, fin- Ausblick
den Sie Gründe und Zusammenhänge. Schließlich
sind Sie ExpertIn Ihrer Bücherei! Und wenn Sie doch Nicht nur, was gewesen ist, sondern was BesucherInnen
über eine negative Entwicklung schreiben wollen, tun in den kommenden Monaten erwartet, kann für die
Sie es optimistisch und liefern Sie Lösungsansätze mit. LeserInnen des Jahresberichts spannend sein. Viel-
Veranschaulichen Sie Ihre Inhalte mit Grafiken oder leicht ist eine neue Homepage in der Mache, vielleicht
Tortendiagrammen. LeserInnen lieben Bilder, und eine Umbaumaßnahme geplant. Möglicherweise ver-
diese lassen sich ganz einfach mit Excel oder Word größert sich der Bestand, oder Sie organisieren ein
erstellen. Fest, eine Lesung oder eine Exkursion. Wecken Sie In-
teresse und machen Sie neugierig! Das gilt vor allem,
Veranstaltungen wenn der Jahresbericht an Lokalredaktionen oder In-
stitutionen wie Kindergärten oder Vereine im Ort ver-
Sie blicken zurück auf 20 Heimatabende mit dem Bür- sendet wird.
gerverein, fünf AutorInnenlesungen, vier Ausstel-
lungen, eine Karnevalsparty, einen Frühlingsmarkt, Menschliches im Mittelpunkt
eine Bücherrallye, ein Erntedankfest, eine Halloween-
Nacht und einen Weihnachtsbasar? Dann überneh- Die Bücherei lebt von den Menschen – von FreundIn-
men Sie diesen Satz mit einem „Wir“ am Anfang und nen und Förderern, von BesucherInnen und Nutze-
einem Punkt am Ende und suchen sich dann maximal rInnen, von MitarbeiterInnen und Kooperationspart-
fünf Veranstaltungen heraus, über die Sie länger be- nerInnen. Wo eine Bibliotheksstatistik mit Zahlen ar-
BiblioTheke 3/2019 Jahresbericht 7

beitet, kann ein Jahresbericht sehr viel lebendiger da- gle-Bildersuche können Sie unter dem Reiter „Tools“
herkommen. Stellen Sie Ihr Team vor, etwa mit einem die gewünschten Nutzungsrechte auswählen. Die Er-
netten Gruppenfoto, auf dem jede/r ihr/sein Lieb- gebnisseite zeigt dann nur entsprechende Bilder an.
lingsbuch in der Hand hält. Oder Sie ehren eine Vergewissern Sie sich aber lieber zweimal! Oder Sie
langgediente, besonders engagierte Mitarbeiterin. greifen auf das kostenlose Grafikprogramm „catShop“
Vielleicht finden der/die älteste und jüngste Bücherei- des Borromäusvereins zurück, das Fotos zu verschie-
NutzerIn Eingang in den Jahresbericht, vielleicht der/ densten Büchereithemen anbietet. Kostenfreie Bilder
die eifrigste LeserIn oder gar der Bücherei-Hund, der finden Sie außerdem beim Pfarrbriefservice.
jede Woche brav vor der Tür auf sein Herrchen wartet
und sich über Leckerlis freut. Bei selbstgeknipsten Fotos, auf denen Personen zu se-
hen sind, brauchen Sie deren schriftliche Einwilli-
Das Auge isst mit – es kommt auch auf das Äußere an gung, wenn Sie sie im Jahresbericht veröffentlichen
wollen. Das gilt auch, wenn Sie persönliche Daten,
Für den Jahresbericht gelten die gleichen goldenen etwa bei einem MitarbeiterInnen-Jubiläum, hinein-
Regeln wie für Flyer und andere Druckerzeugnisse. Er schreiben. Wollen Sie den Jahresbericht auf die Bü-
sollte optisch klar strukturiert und gut lesbar sein so- cherei-Homepage stellen oder Teile davon bei Face-
wie Infos auf den Punkt bringen. Überfrachten Sie die book posten? Dann sollten Sie diese Verwendungs-
Seiten nicht, gliedern Sie Texte übersichtlich und möglichkeiten in die Einwilligungserklärung aufneh-
stimmen Sie Gestaltungselemente harmonisch aufei- men.
nander ab. Drei Schriftgrößen und zwei Schriftarten
sind genug, sonst wirkt es unübersichtlich. Über- Neues Jahr, neuer Bericht – schreiben lohnt sich
schriften und Anreißer dürfen gern farbig sein. Über-
legen Sie sich ein unaufdringliches, wiederkehrendes Der Jahresbericht ist ein guter und wichtiger Bestand-
Farbkonzept, das den Blick lenkt, aber nicht ablenkt. teil der Öffentlichkeitsarbeit, weil er das positive
Image Ihrer Bücherei stärkt und verbreitet – und zwar
Deckblatt nach Ihren Spielregeln. Büchereien bereichern Dörfer
und Stadtteile, bringen Menschen zusammen und
Eine ansprechende Covergestaltung spielt bei Bü- Kinder zum Lesen. Das ehrenamtliche Engagement,
chern eine wichtige Rolle. Das Gleiche gilt für das das diese Orte lebendig macht, ist wertvoll und unter-
Deckblatt des Jahresberichts, egal ob es sich dabei um stützenswert. All das darf im Jahresbericht der Büche-
ausgedruckte DIN A4-Blätter handelt oder eine Hoch- rei beim Namen genannt und ins Bild gesetzt werden,
glanz-Broschüre. Auch hier gibt es keine konkreten um ihren Stellenwert in der Öffentlichkeit zu zeigen
Vorgaben – lassen Sie sich einfach von anderen Jah- und zu festigen.
resberichten inspirieren. Manche zeigen ein Foto der
Bücherei oder schöne Symbolfotos, andere das Bü-
Janina Mogendorf ist freie Journalistin und wohnt
chereilogo. In jedem Fall sollten Titel und Jahr nicht
mit Mann und Tochter in Königswinter bei Bonn.
fehlen. Liegt der Bericht zum Mitnehmen aus, bietet
Kontakt über www.janina-mogendorf.de
es sich aus Servicegründen an, die Büchereiadresse
und die Öffnungszeiten gleich mit auf das Deckblatt
zu drucken.

Alles was Recht ist – darauf sollten Sie achten

Wie immer gilt bei allen Veröffentlichungen: Augen


auf bei Urheberrecht und Datenschutz. Wer Bilder
oder Clip Arts aus dem Internet verwenden will, muss
darauf achten, dass diese lizenzfrei sind. Bei der Goo-

© Eigens / Fotolia.com
8 B u c h b es p r e c hun g BiblioTheke 3/2019

Honig im Kopf
Altersdemenz in Kinderbüchern

Beat e M e n g e zung der Situation: Als er sie nicht wiedererkennt, ver-


sucht sie sich damit zu trösten, dass es sich wieder nur
Wenn der Opa sich ungeniert im Supermarkt an einer Pa- um einen Streich ihres vertrauten Spielgefährten han-
lette mit Schoko-Nikoläusen bedient, kommt das auch deln kann. Zum Schluss wird gezeigt, dass nicht nur
Kindern komisch vor. Altersdemenz zu verstehen und da- Mia, sondern auch ihr Opa merken, dass „... früher
mit umzugehen, stellt schon Erwachsene vor eine große eben früher war und nie mehr wiederkommt“. Ganz
Herausforderung. Aber dieses vielfach noch mit einem authentisch, unprätentiös und kindgerecht – sowohl
Tabu belegte Thema wird uns in unserer zunehmend ver- auf der Text- als auch in kräftigen Farben auf der Bil-
greisenden Gesellschaft stetig mehr beschäftigen. Diesem debene – werden für Demenz spezifische Szenen
Phänomen trägt auch eine Reihe von Büchern Rechnung, schlaglichtartig erzählt. Gleichzeitig werden die viel-
die bereits für die Kleinsten entwickelt wurden. Einige da- schichtigen Gefühle aller Beteiligten sehr sensibel in
von werden im Wort und Bild zum Ausdruck gebracht. Mias Ge-
Folgenden auf schichte macht Mut: Sie geht mit der veränderten Si-
ihr bibliothera- tuation natürlich um und übernimmt fortan die Rolle
peutisches Po- des Opas, indem sie ihm alltägliche Dinge immer wie-
tential hin ge- der neu erklärt.
nauer betrach-
tet. Auch in Mein Andersopa (Hanser 2018) werden die
Veränderungen, die einem geliebten Opa mit der be-
Opa Rainer ginnenden Demenz widerfahren, aus der Perspektive
weiß nicht seiner Enkelin – eines Kindes im Grundschulalter – er-
mehr (Knese- zählt. Bislang hat Nele ihren Opa, der für sie eine
beck 2018) wichtige Be-
schildert aus zugsperson
der Sicht der ist, als einen
Enkelin alltäg- sehr gepfleg-
liche Szenen ten älteren
des Zusam- Herrn mit
menlebens mit einem Demenzkranken: Eigentlich äußerst ak-
waren Mia und ihr Opa ein eingeschworenes Team. kuratem Äu-
Doch merkwürdig wird es, als Opa Rainer seine ßeren und
Schuhe nicht mehr findet, obwohl sie direkt vor ihm formvollen-
stehen, und Alltagsgegenstände nicht mehr zu benut- deten Um-
zen weiß. Mia reagiert auf sein verändertes Verhalten g a n g s -
mit einer beneidenswerten, für Kinder typischen formen er-
Leichtigkeit bei gleichzeitiger völliger Fehleinschät- lebt, der sich
BiblioTheke 3/2019 Buchbesprechung 9

als Rentner und Witwer mit seinen Hobbies und sei- devolles Miteinander mit Demenzkranken nicht nur
nem Singlehaushalt gut zu beschäftigen weiß. Als sich erreichbar ist, sondern sogar glücklich machen kann.
das schlagartig ändert, reagiert die Enkelin ganz unbe- Diesen Eindruck vermitteln auch die ganzseitigen,
fangen und pragmatisch: „Jetzt passt Opa nicht mehr sehr poetischen Illustrationen. Diese sind darüber hi-
auf mich auf, sondern ich auf ihn“. Aber sie kann den naus durch die verschiedenen Schriftbilder und Colla-
Verlauf der Krankheit nicht aufhalten. Ihr Opa zieht gen im Wechsel von kräftigen Farben zu zarten Stri-
sich immer mehr zurück, wirkt hilflos und depressiv, chen so verschieden gestaltet, wie man sich den Kos-
so dass er schließlich zu Nele und ihrer Mutter zieht. mos eines dementen Menschen vorzustellen hat.
Dass sie nun – je nach Tagesform – zwei Opas hat,
„den von früher und (d)einen Andersopa“, soll Trost Ganz anders
spenden und dokumentiert zugleich die Akzeptanz und noch poe-
der Andersartigkeit. Der Schluss zeigt, dass die Inte- tischer kommt
gration eines Demenzkranken nicht ausgeschlossen Meine Omi, die
ist. Das lässt hoffen! Die in warmen Aquarellfarben Wörter und ich
gehaltenen, erfreulich oft ganzseitigen Illustrationen (Tulipan 2017)
spiegeln spürbar auch auf der Bildebene die sehr in- daher: Statt mit-
nige Beziehung zwischen Opa und Enkelin wider. Sie tels kleiner Sze-
nehmen gleichzeitig den weniger komischen Mo- nen die Krank-
menten in ihrem durch die Krankheit veränderten heit ins Licht zu
Miteinander den rücken, steht
Schrecken. die Darstellung
einer von tiefer
Auf meinem Rü- Liebe und Wertschätzung geprägten Beziehung zwi-
cken wächst ein schen einer Großmutter und ihrem Enkel auf der
Garten (Picus 2016) Grundlage von Wörtern im Mittelpunkt. Denn alle,
zeigt bereits auf der die Mio kennt, „wohnten“ vorher bei der Oma. Eine
ersten Textseite, wunderbare bunte Wörtersammlung – von A wie Au-
dass Fidos Opa „ein genstern bis Z wie Zitronendrops – mit dahinter ver-
bisschen aus dem borgenen Geschichten und Gefühlen nimmt Gestalt
Takt ist“. Das Wort an und bald so viel Raum ein, dass es dem Kind vor-
„Demenz“ taucht kommt, „als würden sie das kleine Zimmer zu einem
aber erst fast am riesengroßen Palast aufblasen“. Eines Tages aber wird
Ende dieser Opa- die Oma immer stiller, und alle Wörter aus ihrer
Enkel-Geschichte Wohnung sind verschwunden. Mio versucht sich zu
auf, was realiter revanchieren, indem er neue Wörter aus seiner Welt
sehr oft dem Ver- mitbringt – vergeblich. Trotz des traurigen Schlusses
halten von Betroffenen und deren Angehörigen ent- vermittelt die letzte Bildseite, die das inzwischen he-
spricht, die sich häufig schwer damit tun, diese Krank- rangewachsene Kind umgeben von einem Gewim-
heit zu akzeptieren. Im Gegensatz dazu werden in die- mel an vertrauten, bildgewordenen Wortschätzen
sem sehr poetischen Bilderbuch völlig wertfrei exem- zeigt, eine tröstende Botschaft: Die Kraft der Sprache
plarisch verschiedene, für Menschen mit Demenz ty- schafft eine Verbindung über Generationen hinweg.
pische Alltagssituationen aus der Sicht des Enkels ge- Die in blauen und orangen Farbabstimmungen ge-
schildert. Dabei wird nichts beschönigt, denn auch die haltenen Illustrationen lassen Wörter lebendig, mit
erschreckenden Momente werden nicht ausgespart. allen Sinnen spürbar werden, perfekt passend zu
Neben Erklärungen werden aber auch verschiedene dem Text, der nur so strotzt vor herrlich lautmale-
Strategien im Umgang mit dementen Menschen offe- rischen Worten. So gelingt es, zwei schwierige The-
riert. Fidos Geschichte macht deutlich, dass ein wür- men genial umzusetzen.
10 B u c h b es p re c h un g BiblioTheke 3/2019

Während es Anders als „Baby Oma“, die bereits dement von der
sich bei den Familie aufgenommen und dort bis zum Schluss be-
bislang vorge- treut wird, entscheidet sich die Familie in Romys Sa-
stellten Titeln lon (Gerstenberg 2018) für die Unterbringung in
allesamt um einem Pflegeheim. Das liegt sicherlich vor allem da-
Bilderbücher rin begründet, dass in diesem Buch, für dessen Lek-
handelt, mit türe man dem Grundschulalter schon entwachsen
denen Kinder- sein sollte, mit der Scheidung der Eltern ein zweites
gartenkinder Thema dominiert. Deshalb muss die fast zehnjährige
trotz der emp- Romy, damit sie während der Arbeitszeiten ihrer
fohlenen Al- Mutter betreut ist, zu ihrer Oma Stine, die ganz und
tersangaben gar nicht dem Klischee einer warmherzigen Bilder-
zunächst auf buchoma entspricht. Zudem ist diese anfänglich
keinen Fall al- noch sehr agil und betreibt einen Frisiersalon, in
lein gelassen dem ihre Enkelin ihr aber erst zur Hand gehen darf,
werden soll- als Oma Stine vergesslich wird. So nähern sich beide
ten, kündigt doch noch an. Deshalb wehrt sich Romy umso vehe-
der Klett-Verlag mit Baby Oma (Klett Kinderbuch menter dagegen, dass ihre Oma dement ist und kein
2017) eine „leichtfüßige Erzählung“ an, die geübten Weg am Pflegeheim vorbeigehen soll. In der Hoff-
LeserInnen zum Ende der Grundschulzeit durchaus nung, dass es heilsam ist, Omas Kopf auf früher zu
zugetraut werden kann. Lumi, die neunjährige Prota- „schalten“, entführt sie diese an ihren Heimatort.
gonistin, ist anfangs wenig angetan, als nach Schließlich muss Romy
dem Tod des Großvaters plötzlich die de- aber doch feststellen, dass
mente Oma einzieht, zu der die gesamte Fa- sie die Lage unterschätzt
milie bislang nur sehr sporadischen Kontakt hat, und ist froh, als ihre
pflegte. Erschwerend hinzu kommt, dass sei- Eltern zur Stelle sind. Der
tens der Eltern erst später Erklärungen für Leser, der auch hier durch
das merkwürdige Verhalten des neuen Mit- die Augen eines Kindes in
bewohners gegeben werden. Doch nach an- die Geschehnisse invol-
fänglichen Berührungsängsten gegenüber viert wird, atmet auf.
der „verrückte(n) Alte(n)“ mit zunehmender Denn nach der halsbre-
„Meckerlaune“ bis hin zum Fremdschämen cherischen Flucht (Der
kommen sich Oma und Enkelin über span- Film „Honig im Kopf" lässt
nende Geschichten aus früheren Zeiten nä- grüßen!) deutet sich ein
her. Aus Sorge, bald nicht mehr die von der Wiedererstarken des Zu-
Oma häufig gebrauchten Wörter zu hören, sammenhalts in der Fami-
beginnt sie ein Oma-Wörterbuch anzulegen lie an. Ganz großes Kino,
und nach deren Tod sogar alle gemeinsamen das auf 171 Seiten traurig-
Erlebnisse aufzuschreiben – für den Fall, dass schön erzählt wird. Man
auch sie „doch mal eine Demenz kriegen darf gespannt sein auf die
sollte“. Die Idee am Ende ist nachahmens- Verfilmung.
wert – zunächst zur akuten Trauerbewälti-
gung, später zur Erinnerung. Die eingestreuten Zeich- Wie in dem überwiegenden Teil der hier vorgestell-
nungen in schwarz-weiß sind wohl dosiert gesetzt: ten Bücher sind auch in Omas Rumpelkammer (Su-
Herrlich der Blick durch das Schlüsselloch auf die vor sanna Rieder 2017) die Hauptrollen weiblich besetzt.
sich hin „dudelnde“ Oma. Die achtjährige Sofie und ihre fast 75-jährige, allein
BiblioTheke 3/2019 Buchbesprechung 11

in einem gro- Demenz aus Kindersicht – eine Perspektive für neues


ßen Haus le- Denken
bende Oma
haben ein sehr Großeltern haben im Leben vieler Kinder einen nicht
vertrautes Mit- zu unterschätzenden Stellenwert. Umso wichtiger ist
einander, ob- es, möglichst früh, bevor ein Familienmitglied an Al-
wohl sie sich tersdemenz erkrankt, mit Kindern darüber ins Ge-
aufgrund der spräch zu kommen. Die in allen vorgestellten Büchern
Entfernung gewählte kindlich-naive Erzählperspektive verschafft
meist nur an Erwachsenen einen Einblick in das, was in den Klei-
Feiertagen und nen vorgeht, wenn sie mit einer solchen Situation
in den Ferien konfrontiert werden. Zugleich können die Bücher al-
sehen. Die len Beteiligten helfen, sich mit der Krankheit in seiner
Enkelin ge- ganzen Bandbreite – von anfänglichen Symptomen
nießt es, in der bis zu denen, die für den weiteren Verlauf typisch sind
mit Schätzen – vorzubereiten und so Irritationen und Ängsten vor-
und Erinner- zubeugen. Sie zeigen Wege auf, einen für alle Seiten
ungsstücken würdevollen Umgang mit Altersdemenz zu finden.
aus Omas Leben vollgestopften Rumpelkammer zu
schlafen und nicht wie zu Hause wie ein kleines Kind https://www.buecherei-beverungen.de/beverungen
behandelt zu werden. Mit dieser kuscheligen
Zweisamkeit ist es jedoch vorbei, als offensichtlich
wird, dass die Oma nicht mehr allein leben sollte.
Während diese sich mit ihrem neuen Aufenthaltsort Beate Menge ist Lehrerin, Büchereileiterin der KÖB
in einem Pflegeheim arrangiert, fällt es ihrer Beverungen und freie Journalistin mit den Schwer-
Enkeltochter viel schwerer. Ausgestattet mit einigen punkten Bilderbuch und Literacy.
aus Omas Rumpelkammer geretteten Schätzen, wagt
sie dann doch den ersten Schritt. Mit 205 Textseiten
handelt es sich um das umfangreichste aktuelle
Kinderbuch zum Thema „Demenz“, das es zu Recht
auf die Empfehlungsliste 2018 für den Katholischen
Kinder- und Jugendbuchpreis geschafft hat. Die in
20 Kapiteln sehr einfühlsam erzählte Oma-Enkelin-
Geschichte, in etwas größerer Schrift gehalten und
als Entree mit jeweils einer ganzseitigen farbigen
Illustration versehen, eignet sich wunderbar zum
gemeinsamen Lesen in der Familie.

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12 BiblioTheke 3/2019

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Jenseits von Europa
Afrikas unsichtbare Literaturen – eine Chance, in andere Welt-
anschauungen und Sprachen einzutauchen

Man fred Lo im e ie r ist das Etikett „Afrika-


nische Literatur“ gleich-
Derzeit wird viel darüber gesprochen, was eigentlich afri- sam nur ein Marketing-
kanische Literatur ist und was afrikanische AutorInnen begriff westlicher Wer-
ausmacht – Herkunft, Wohnort, Schauplatz der Handlung bestrategInnen, um ei-
ihrer Bücher, Lokalkolorit ihrer Sprache? Und wie es nun nen gewissen Bestand
mal so ist, werden afrikanische AutorInnen mit diesen außereuropäischer Lite-
Fragen oft erstmals dann konfrontiert, wenn sie in Europa ratur besser vermitteln
auf Lesereise sind – zu Hause haben sie sich selten gefragt, und verkaufen zu kön-
ob überhaupt und was genau sie als afrikanisch kenn- nen, vergleichbar dem
zeichnet. Auch AutorInnen aus Europa fragen sich schließ- Begriff „Weltmusik“ aus
lich nicht unentwegt, ob sie etwas anderes sein könnten der Pop-Branche. Beides
oder sollten als irgendwie europäische AutorInnen. sind positiv besetzte
Termini, die einerseits
Die französische Literaturwissenschaftlerin Claire eine vielversprechende
Ducournau hat nun in einer umsichtigen Studie, die Weltläufigkeit, anderer-
unter dem Titel „La fabrique des classiques africains“ seits eine ethnische Vielfalt verheißen – und in jedem
(übersetzt etwa: Die Produktionsstätte afrikanischer Fall Sehnsuchtsphantasien oder zumindest Neugier
Klassiker) bisher nur auf Französisch erschienen ist, wecken und die Aufgeschlossenheit des Publikums
eine bemerkenswerte Antwort gefunden. Demnach zertifizieren.
BiblioTheke 3/2019 Afrikanische Literatur 13

Unbekannte Perlen: die unsichtbare Literatur Afrikas spielsweise in Form von Drehbüchern fürs Fernsehen,
als Textbücher für Comics, als Hörstücke für das Radio
Damit unterscheidet Ducournau eine quasi „für den oder für Live-Präsentationen bei Lesungen.
Export“ geschriebene afrikanische Literatur von den
so genannten „unsichtbaren Literaturen Afrikas“ – Ausgezeichnete Literatur: Afrikanische Kurzgeschichten
wie im übrigen auch ihr britischer Kollege Graham
Huggan, der vom Fortdauern einer Erwartungshal- Selbstverständlich steckt dahinter eine gewisse Markt-
tung des Lesepublikums ausgeht, das unvermindert gesetzlichkeit. Literarische Werke für elektronische
nach exotischen Kulissen Ausschau hält. Diese un- Medien wie Hörfunk und Fernsehen werden immer-
sichtbaren Literaturen werden mithin allein inner- hin relativ rasch bezahlt. Und vor allem versprechen
halb Afrikas wahrgenommen – sei es, weil sie aus nicht wenige – von Kulturinstitutionen, Buchverla-
Gründen eines schwierigen Genres wie Epik, eines be- gen, Zeitungen oder Zeitschrif-
grenzten Buchmarkts oder Vertriebsnetzes keine ten gestiftete – Literaturpreise,
Chance auf Wahrnehmung in Europa haben, oder mit denen explizit Kurzge-
aber, weil sie in afrikanischen Sprachen geschrieben schichten ausgezeichnet wer-
sind, für die es keine oder zu wenige literarische Über- den, eine gewisse Aussicht auf
setzerInnen gibt. Oder aber auch deshalb, weil sie als gutes finanzielles Einkommen
orale, also mündliche Werke wie Poesie, Theaterstücke und einen Karrieresprung.
oder Performance nicht vorran-
gig schriftlich aufgezeichnet Bestes Beispiel dafür sind der
werden. Es erstaunt nicht, dass Commonwealth Writers‘ Prize
es mit Ngugi wa Thiong'o ein oder der Caine Prize for African
Autor aus Kongo-Kinshasa war, Writing, der ausschließlich
der auf diese unsichtbaren Lite- Kurzgeschichten prämiert und
raturen Afrikas aufmerksam inzwischen als das beste Sprung-
machte. Thiong'o arbeitet seit brett für englischsprachige Autoren aus Afrika in die
Jahren als Professor in den USA internationale Literaturwelt gilt. Gestiftet hat diesen
über den westlichen Blick auf im Jahr 2000 erstmals vergebenen Preis der britische
Afrika und ist übrigens mit dem Unternehmer Michael Harris Caine, der den Booker-
Roman „Der Fluss dazwischen“ Verlag geleitet und auch den weltweit renommierten
auch auf Deutsch lesbar. Man Booker Prize mitinitiiert hat. Nicht wenige inter-
national erfolgreiche Romane sind aus derart prä-
Gerade diese unsichtbaren Literaturen Afrikas erschei- mierten Kurzgeschichten entstanden: „Die Hälfte der
nen aber in einer Vielfalt, die westlichen Lesern kaum Sonne“ (Luchterhand, München 2007) von Chima-
bewusst sein dürfte. Immerhin liest man in den USA manda Ngozi Adichie zum Beispiel, „Öl auf Wasser“
und in Europa seit geraumer Zeit so gut wie nur noch (Wunderhorn, Heidelberg 2012) des Nigerianers Helon
Prosa – und zwar in Form von Romanen. Selbst die Habila oder „Wir brauchen neue Namen“ (Suhrkamp,
zumindest in englischsprachigen Ländern noch be- Berlin 2014) von NoViolet Bulawayo aus Simbabwe.
liebten Kurzgeschichten haben es hierzulande schon
sehr schwer, Leser zu finden. Gleiches gilt für die im Hinzu kommt, dass auch das Internet gute Publikati-
französischsprachigen Raum so beliebten Essays und onsmöglichkeiten für Kurzgeschichten bietet. Ein-
Manifeste. Diese Fixierung auf Romane ist, was die Li- schlägige Literaturzeitschriften wie „Wasafiri“ – seit
teraturen aus Afrika angeht, eine nicht unbedeutende 2009 gibt es auch den Wasafiri New Writing Prize –,
Hürde. Gerade auch angesichts der raschen gesell- „The New Yorker“ oder „World Literature Today“ wer-
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schaftspolitischen Entwicklungen vor Ort erörtern den damit auch für AutorInnen in Afrika als Foren ih-
AutorInnen in afrikanischen Ländern ihre Themen rer Arbeiten erreichbar, neben den Onlineportalen in
gern in kurzen literarischen Formen – oder aber bei- ihren jeweiligen Heimatländern natürlich. Vorausset-
14 A f r i ka n i s c h e Lite ra tur BiblioTheke 3/2019

zung ist, dass LeserInnen bereit rischen ÜbersetzerInnen. Es reicht ja nicht, die Texte
sind, Belletristik ohne Erwartung allein sprachkompetent zu übertragen, es braucht
einer Druckausgabe online zu rezi- auch ein literarisches Feingefühl – dafür aber eigens
pieren. Und Voraussetzung ist Zulu oder Suahili zu lernen, entlohnt derzeit kein
auch, Belletristik in kurzer litera- Buchmarkt in Europa.
rischer Form und eben nicht nur
als Roman lesen zu wollen. Dabei wäre gerade jetzt ein selten gut geeigneter Zeit-
punkt, Deutschland beispielsweise für Suahili-Literatur
„How to write about Africa?“ zu sensibilisieren. So beschrieb der tansanische Dichter
Dieser berühmte Aufsatz des ke- Mbaraka bin Shomari in seinem 1897 (!) verfassten
nianischen Autors Binyavanga „Uimbo wa Kaizari“, dem „Kaiserlied“, das zum Genre
Wainaina beförderte seine litera- der Suahili-Preislieder zählt, die Ankunft der deutschen
rische Karriere auch in Deutsch- Marine in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika.
land und führte zur Publikation seines Buches „Eines Indes kommen in seinem „Kaiserlied“ die Worte „Auf-
Tages werde ich über diesen Ort schreiben“ (Wunder- stand“, „Kriegsgefangene“, „Widerstand“, „aufhän-
horn, Heidelberg 2013). Erschienen ist der Artikel zu- gen“ oder „marschieren“ auffällig oft vor. Und im We-
erst im Jahr 2006 in der online verfügbaren Literatur- sten Afrikas, in Senegal, summten Frauen aus der
zeitschrift „Granta“. Noch im selben Jahr wurde er in Volksgruppe der Wolof Lieder, in denen sie sich zu
der „Süddeutschen Zeitung“ unter dem deutschen Ti- Zeiten des Ersten Weltkriegs, als ihre Männer auf Seiten
tel „Schreiben Sie so über Afrika!“ nachgedruckt. Frankreichs gegen die Truppen Kaiser Wilhelms kämpf-
ten, über ihre fernen Gegnerinnen lustig machten:
Fremdes Terrain: Die Kriminalliteratur Afrikas „He, Tochter eines Hundes, nimm die Kalebasse und
mach dich zu den Brunnen auf, pack den Reisigbesen
Um den Blick aber wieder zurück nach Afrika zu wen- und mach mir den Hüttenboden sauber“ lautet ein Bei-
den: Das in Europa derzeit so ungemein beliebte Gen- spiel für einen solchen Spottgesang. Voraussetzung: In-
re der Kriminalliteratur wird von LeserInnen in afrika- teresse für epische Gedichte und Lieder.
nischen Ländern nicht minder geschätzt – und ent-
sprechend von den SchriftstellerInnen dort bedient. Weites Feld: Traditionen und Weltsichten in afrika-
Zahllose AutorInnen in Afrika schreiben Kriminalro- nischer Literatur
mane, die es zudem bestens erlauben, gesellschaft-
liche Missstände aufzugreifen und zu kritisieren und Doch auch in übersetzten Roma-
dennoch als literarische Fiktion zu präsentieren. nen aus Afrika sind Elemente aus
den unsichtbaren Literaturen
Dass davon hierzulande so wenig bekannt ist, hat sei- Afrikas enthalten, aber als solche
nen Grund darin, dass ein Großteil dieser Bücher in für westliches Publikum nicht
afrikanischen Sprachen erscheint. Meshack Masondo unbedingt auf Anhieb erkennbar.
aus Südafrika zum Beispiel war einer der ersten Auto- Prinzipiell durchdringen sich in
ren, in dessen Krimis eine wiederkehrende Hauptfigur den afrikanischen Literaturen
ermittelt. Allerdings publiziert Masondo auf Zulu und gern diverse Bildersprachen, wo-
hat zuletzt auch eine literaturwissenschaftliche Studie raus der mosambikanische
über Zulu-Kriminalliteratur geschrieben – auf Eng- Schriftsteller Mia Couto seinen
lisch. In Tansania wiederum hat der inzwischen ver- eigenen literarischen Stil ableite-
storbene Ben R. Mtobwa einen Krimi-Beststeller nach te. Couto, der auf Portugiesisch schreibt und dessen
dem anderen verfasst – auf Suahili. Mehrfach wurden Werk fast vollständig auf Deutsch vorliegt (zuletzt der
seine Bücher verfilmt oder als Hörspiele gesendet. Die Roman „Imani“, Unionsverlag, Zürich 2017), ver-
Schwierigkeit, diese Bücher in Europa wahrzuneh- flicht das Erbe der portugiesischsprachigen Literatur
men, besteht schlicht im Mangel an geeigneten litera- mit Legenden und Überlieferungen der Shona, Nde-
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BiblioTheke 3/2019 Afrikanische Literatur 15

bele und Zulu, den Völkern aus dem südlichen Afrika, sie in den Körper schwangerer Frauen schlüpfen und
deren Literaturen die Kultur Mosambiks beeinflussten damit als reale Körper geboren werden. Igbo- oder
oder prägten. Zugleich arbeitet Couto mit Neuschöpf- Yoruba-Frauen, die nicht schwanger werden, wissen
ungen von Wörtern, um diese Mehrdimensionalität um diese Besonderheit und auch, dass sich diese Gei-
von kultureller Erinnerung und Gegenwart begreifbar sterkinder gern auf Udala-Bäumen niederlassen und
zu machen. Die Handlung seiner Romane, in denen er auf gebärwillige Frauen warten. Setzen sich die Frauen
mitunter auch die Geschichte Afrikas vor der Ankunft ins Laub der Udala-Bäume, erhöht das die Wahrschein-
der Europäer thematisiert, überlagert sich in bisweilen lichkeit einer Schwangerschaft erheblich. Das Problem:
drei Erzählebenen – und zugleich beweisen seine Bü- Nicht selten sehnen sich diese Ogbanje- beziehungs-
cher damit, wie vital das kulturelle Erbe Afrikas das weise Abiku-Kinder in die elterliche Geisterwelt zurück,
gegenwärtige Denken dort weiter gestaltet. was ihnen durch tödliche Krankheiten oder Selbst-
mordversuche gelingt. Mitunter werden sie dann aber
Ein anderes Beispiel für diese immer und immer wieder von der gleichen Mutter neu
Durchdringung von Geistestradi- geboren, bis sie sich an das Diesseits gewöhnt haben.
tionen und gegenwärtigen Welt- Dann wachsen sie zu gewöhnlichen Menschen heran
sichten liefert die in Nigeria aufge- und verlieren dabei ihr magisches Erbe.
wachsene Autorin Akwaeke Eme-
zi. Ihr jüngst erschienener De- Das, was als Aberglaube erscheinen mag, hat eine
bütroman „Süsswasser“ (Eichborn, durchaus religiös-tröstliche Wirkung. Mütter, deren
Köln 2018) ist aus der Perspektive Kinder in frühem Alter oder gar noch als Säuglinge etwa
von Geisterwesen geschrieben den plötzlichen Kindstod sterben, können sich sagen,
und vermischt damit die englische dass ihre Kinder Abikus waren, die in ihr Geisterreich
Literatursprache und Erzählform heimgekehrt sind und dort nicht nur gut versorgt sind
mit der Weltanschauung der Igbo, und weiterleben, sondern möglicherweise sogar von ih-
der im Südosten Nigerias leben- nen erneut geboren werden können. Es ist also ein hoff-
den Bevölkerungsmehrheit. Laut US-RezensentInnen nungsspendendes Bild, das über den frühen Tod eines
handelt der Roman von einem gespaltenen Ich und Kindes womöglich etwas hinwegzutrösten vermag.
von verschiedenen Identitäten, doch schreibt Emezi in
ihrem Roman selbst vom Wesen der Ogbanje. Bei der Lohnende Lektüre: Lesen Sie Afrika!
in Lagos geborenen Autorin
Ayòbámi Adébáyo heißen die- Das zeigt aber auch, dass selbst in Literaturen aus Afri-
se Wesen gemäß den Auffas- ka, die den Weg in den Westen und nach Europa fin-
sungen der Yoruba – der im den, Elemente einer unsichtbaren Narration enthal-
Südwesten Nigerias lebenden ten sein können. Auch das lässt sich aber positiv se-
Bevölkerungsmehrheit – Abi- hen – weniger als Bestürzung darüber, was hierzulan-
ku, wie die Schriftstellerin im de über Afrika noch unbekannt ist, sondern als Ver-
ebenfalls soeben auf Deutsch sprechen darauf, was es aus den afrikanischen Litera-
veröffentlichten Roman turen noch alles zu erfahren und zu lernen gibt.
„Bleib bei mir“ (Piper, Mün-
chen 2018) schreibt. Manfred Loimeier lehrt an der Universität Heidelberg
Afrikanische Literaturen englischer Sprache und hat
Zum besseren Verständnis: jüngst die Einführung „Literaturen aus Afrika. Auf-
Ogbanje oder Abiku – großzü- bruch in ein neues Selbstbewusstsein“ (Brandes &
gig interpretiert, meint beides die Kinder eines Geister- Apsel, Frankfurt am Main 2018) veröffentlicht. In
volks aus einer unsichtbaren Welt. Dieses Geistervolk den Jahren 2014 und 2017 erstellte er Unterrichts-
sehnt sich nach Kontakt zur körperlichen Welt und materialien für den jeweiligen „Fernkurs für Litera-
schickt daher seine Kinder zu den Menschen, indem tur“, der vom Borromäusverein mitgetragen wird.
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Vielfalt der Texte – Vielfalt des Lesens
Medial integrierte Lesekompetenz in Zeiten der Digitalisierung

Anet te So sn a So lesen Kinder und Jugendliche heute

Klagen über die schwierige Situation des Lesens in Deutsch- Auch wenn die Lage sicherlich nicht so dramatisch
land sind inzwischen fast ein Allgemeinplatz in der Medi- ist, wie von den Medien gelegentlich dargestellt, so
enlandschaft. Erst jüngst befasste sich „Die Zeit“ in einem stimmen die Ergebnisse neuerer Studien tatsächlich
seitenlangen Spezial mit dem Lesen der Zukunft. Auf die nachdenklich. Zwar erreichen immerhin 11 % der
provokative Frage „Wozu brauchen Kinder noch Bücher?“ ViertklässlerInnen die höchstmögliche Kompetenz-
folgte eine ausführliche Berichterstattung darüber, wie Bi- stufe beim Lesen, und knapp 43 % lesen jeden oder
bliothekarInnen und WissenschaftlerInnen versuchen, fast jeden Tag zu ihrem Vergnügen (IGLU 2016, S. 15
„das Lesen zu retten“ (Die Zeit, 21. März 2019, S. 65). und 18f.). Auch bleibt die Lage bei den Zwölf- bis
19-Jährigen positiv stabil: Seit 20 Jahren liegt der
Nachdem sich Erwachsene in den vergangenen Jahr- Anteil regelmäßiger LeserInnen konstant bei 40 %;
hunderten hauptsächlich damit beschäftigt haben, das gedruckte Buch wird nach wie vor dem E-Book
was Kinder und Jugendliche lesen (sollen), rücken im gegenüber deutlich vorgezogen. Zu ähnlichen
21. Jahrhundert andere Fragestellungen ins Blickfeld: Ergebnissen kommt die „Kindheit, Internet,
Seit große Vergleichsstudien wie beispielsweise die PI- Medien“-Studie KIM, die für Kinder zwischen sechs
SA-Studie oder die Internationale Grundschul-Lese- und 13 Jahren das Buch noch immer als einen festen
Untersuchung IGLU hierzulande Defizite im Bereich Bestandteil des Medienalltags sieht: 48 % der
der Lesekompetenz aufgedeckt haben, wird vermehrt Befragten dieser Studie lesen regelmäßig in ihrer
darüber diskutiert, ob ausreichend gelesen wird und Freizeit (KIM, S. 80). Und noch immer finden sich
wie sich Lesen heute gestaltet. unter den meistgelesenen Büchern Klassiker wie
BiblioTheke 3/2019 Lesekompetenz 17

„Der Herr der Ringe“ oder auch Titel wie „Harry immer zurückhaltend positiv beantworten. Zurück-
Potter“ und „Eragon“, die auf dem besten Weg dahin haltend, weil in den letzten Jahren zu beobachten ist,
sind, solche zu werden (JIM-Studie 2018, S. 18ff.). dass der Anteil an ViertklässlerInnen mit hoher Lese-
motivation sinkt und
Gleichzeitig gehören in Deutsch- gleichzeitig der Anteil
land 40 % der Schüler-Innen der jener mit niedriger Le-
4. Klasse zur Gruppe der „Weni- semotivation steigt
gleser“, also zu den Kindern, die (IGLU 2016, S. 18).
täglich weniger als 30 Minuten
lesen. Auch ist der Anteil der Kin- Um Lesemotivation zu
der, die sich nie oder fast nie Bü- fördern und den medi-
cher aus der Schulbibliothek oder alen Nutzungsgewohn-
anderen Bibliotheken ausleihen, heiten von Kindern
auf 35 % gestiegen. Ein Fünftel und Jugendlichen ent-
der ViertklässlerInnen in Deutsch- gegen-zukommen,
land erreicht nicht die Lesekom- sind Schulen, Verlage
petenzstufe III, was laut IGLU er- und außerschulische
warten lässt, „dass sie in der Se- Einrichtungen wie Bi-
kundarstufe I mit erheblichen bliotheken aktiver
Schwierigkeiten beim Lernen in denn je. Wie Texte ge-
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allen Fächern konfrontiert sein lesen werden, ist dabei
[werden], wenn es nicht gelingt, sie maßgeblich zu ein wichtiger Bestandteil der Leseförderung. Das be-
fördern“ (IGLU, S. 15). deutet, Leseanreize zu schaffen, die in den heutigen
Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen ankom-
Lesen – eine ganzheitliche Erfahrung men. Tent-Reading (Lesen in kleinen Tipis), Lese-
Apps, Games, AutorInnen auf Instagram und Youtube
Das Medium „Buch“, so zeigen Studien, behauptet – die Liste ungewöhnlich gestalteter Begegnungen mit
seinen Platz also in einem inzwischen durchgängig Büchern und deren AutorInnen ließe sich fortsetzen.
von Medien geprägten Umfeld von Kindern und Ju- „Wenn ein Kind aufrecht an einem Tisch sitzend für
gendlichen und bleibt eine interessante, faszinierende die Schule liest, ist das eine ganz andere Erfahrung, als
Freizeitbeschäftigung (vgl. KIM, S. 22) – zumindest im wenn es mit dem Lieblingsroman im Bett liegt“, so die
Bereich der Befragungen zum Lesen. Denn die belieb- Neurobiologin Theresa Schilhab von der Universität
testen Freizeitbeschäftigungen bei Kindern und Ju- Kopenhagen.
gendlichen sind noch immer Aktivitäten wie Freunde
treffen, draußen spielen, Fernsehen, Sport treiben Lesen als ganzheitliche Erfahrung – so könnte man
und das Spielen von PC-/Konsolen- oder Online-Spie- neuere Forschungstendenzen etwas überspitzt zusam-
len (in dieser Reihenfolge, vgl. KIM, S. 13). Auch die menfassen. Welches Medium dabei gewählt wird,
Nutzungsgewohnheiten in Bezug auf Bibliotheken scheint eher nachrangig zu sein: Im Hinblick auf Lese-
zeigen, dass Kinder und Jugendliche noch immer kompetenz zeichnet sich ab, dass zumindest beim Le-
hauptsächlich Bücher ausleihen und nur gelegentlich sen narrativer Texte keine Unterschiede bei den ge-
digitale Medien wie DVDs, digitale Spiele, Hörspiele wählten Medien festzustellen sind: Ob ein Text am
oder Musik-CDs (KIM, S. 80). Bildschirm in digitalisierter Form oder gedruckt, z. B.
in Buchform, gelesen wird, hat laut Stavanger-Erklä-
Die Frage, ob gelesen wird, lässt sich angesichts einer rung – des Resultats einer groß angelegten europä-
relativ konstant um die 50 % liegenden Anzahl von ischen Metastudie zu den Auswirkungen der Digitali-
Kindern und Jugendlichen, die Interesse am Lesen ha- sierung auf die Lesepraxis – keine Folgen für die
ben und gern oder sehr gern lesen (KIM, S. 22), noch Lesekompetenz. Anders sieht es bei Sachtexten aus:
18 L e s e kom pe te n z BiblioTheke 3/2019

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Hier zeigt sich, dass insbesondere unter Zeitdruck die für etwas – ebenso wie z. B. Farben und Bildelemente
Informationsverarbeitung besser funktioniert, wenn in Bildern oder Geräusche und Ton in Filmen. Zeichen
auf Papier statt am Bildschirm gelesen wird. und die aus ihnen zusammengesetzten, medial vielfäl-
tigen Texte sind stets kommunikative Handlungen
Erweitertes Textverständnis setzt Zeichen desjenigen, der sie produziert. Ein so erweiterter Text-
begriff umfasst auch Schaubilder, Comics, Hörspiele,
Wenn es zutrifft, dass das Verstehen literarischer Texte Spielfilme, Nachrichtensendungen oder multimediale
eher unabhängig vom Trägermedium ist, dann stellt Hypertexte (vgl. Maiwald 2013, S. 359).
sich die Frage, ob es für den Bereich der Lesekompe-
tenz ein so großer Zugewinn sein wird, wenn die tech- Abhängig von unserer Sprache und Kultur verstehen
nische Ausstattung von Schulen künftig durch den Di- wir Zeichen und Zeichengefüge; wir können über sie
gitalpakt erhöht wird – solange nicht parallel dazu sprechen und uns darauf verständigen, was sie bedeu-
speziell auf die Ausstattung hin ausgerichtete Lehr- ten. Das heißt übersetzt: Wir „lesen“ auch dann, wenn
und Lernkonzepte weiterentwickelt werden. Wenn wir ein Bild betrachten, ein Hörspiel hören oder Nach-
„Pippi Langstrumpf“ künftig einfach über Tablet oder richtensendungen sehen. Unter den Bedingungen des
Smartboard statt in Buchform gelesen wird, dann jeweiligen Mediums stellen wir Zusammenhänge her,
führt das noch nicht zwangsläufig zu verbesserter Le- wie wir sie auch in schriftsprachlichen Texten herstel-
sekompetenz. len. Wir verstehen Zeichen (Wörter, Farben, Ge-
räusche etc.), die uns ein bestimmtes Medium auf sei-
Lesekompetenz im Zeitalter der Digitalisierung bedeu- ne Art und Weise anbietet. Längst ist dieser sogenann-
tet vielmehr, Texte in ihren vielfältigen medialen Er- te „erweiterte Textbegriff“ auch Grundlage von Bil-
scheinungsformen wahrzunehmen und entsprechend dungsplänen von Bund und Ländern. Es geht also
zu lesen. Denn was ist ein Text? Texte bestehen zum nicht nur darum, zwischen vertieftem, überflie-
Beispiel aus schriftsprachlichen Zeichen, aus Wort- gendem oder weiteren Möglichkeiten des Lesens ge-
und Satzgefügen, die wir vor uns sehen, wenn wir ein zielt und sicher wechseln zu können, wie dies bei-
Buch oder eine Zeitung lesen. Diese Zeichen stehen spielsweise die Leseforscherin Maryanne Wolf in ih-
BiblioTheke 3/2019 Lesekompetenz 19

rem jüngst erschienenen Buch „Schnelles Lesen, lang- spiel unterscheidet es sich, wie wir den Comicroman
sames Lesen – Warum wir das Bücherlesen nicht ver- „Gregs Tagebuch“ oder den entsprechenden Film dazu
lernen dürfen“ fordert. Grundlegend ist es auch das „lesen“? Wie wirkt die Musik im Trailer zu „Der Junge
Verständnis dafür, dass wir uns in einer vielfältigen im gestreiften Pyjama“ auf uns, und welche Schlüsse
Welt aus Zeichen bewegen, die wir ihrer medialen ziehen wir daraus auf die Romanhandlung? Welche
Form entsprechend lesen. Erzählstrukturen und -inhalte werden aktiviert, um
ein Spiel zum Film erfolgreich zu spielen? Inwiefern
Kinder und Jugendliche dafür zu sensibilisieren, ist unterscheidet sich die Wirkung der Zeichentrickverfil-
ein wichtiger Teil von Leseförderung. Denn dann wird mung von „Heidi“ von derjenigen mit realen Orten
deutlich, dass Lesen nicht einfach eine Freizeitbe- und Schauspielern?
schäftigung oder ein Teil der (oft mit Mühen verbun-
denen) Schulbildung ist, sondern Alltag – fast überall, Fragen wie diese zu stellen, ist Teil einer medial integ-
wo wir uns aufhalten, und bei vielem, mit dem wir rierten Lesekompetenz, die die unterschiedlichen Le-
uns beschäftigen, auch wenn wir gar nicht bewusst seanforderungen verschiedener Medien mit in den
zum Buch gegriffen haben, um uns zur Anregung oder Blick nimmt und damit dem Lesen in einer medial ge-
Entspannung einer Erzählung zu widmen. prägten Welt entspricht. Eltern, LehrerInnen, Biblio-
theken und andere an der Leseförderung beteiligte
Vom Buch zum Spiel: Lesen im Medienverbund Einrichtungen können mit einem verstärkten Be-
wusstsein für die Vielfalt des Lesens wirkungsvoll dazu
Insbesondere erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher beitragen.
weiten sich heute häufig zu einem Medienverbund
Literaturverzeichnis:
aus, also zu einer Vielzahl medialer Formen, in denen
Hörnlein, Katrin: Wozu brauchen Kinder noch Bücher? In: Die Zeit Nr. 13,
der Stoff erscheint. Das kann der Film oder die Serie 21. März 2019, S. 65f.
zum Buch sein – oder umgekehrt das Buch zur Serie –, Maiwald, Klaus: Didaktik der Gebrauchstexte. In: Frederking, Volker/
aber auch Hörspiele und Hörbücher, Comics, Compu- Krommer, Axel/Meier, Christel (Hrsg.): Taschenbuch des Deutschunter-
terspiele oder sogar Gesellschaftsspiele. So gibt es zum richts. Band 2: Literatur- und Mediendidaktik. 2., neu bearbeitete und
erweiterte Auflage. Schneider Hohengehren: Baltmannsweiler 2013, S.
Beispiel für „Harry Potter“ ein eigenes Trivial-Pursuit-
405-426.
Spiel. Zu Romanen wie „Nichts“ von Janne Teller, JIM-Studie 2018. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum
„Tschick“ von Wolfgang Herrndorf oder „Der Junge im Medienumgang 12- bis 19jähriger. https://www.mpfs.de/fileadmin/files/
gestreiften Pyjama“ Studien/JIM/2018/Studie/JIM_2018_Gesamt.pdf, 16.04.2019
von John Boyne exis- KIM-Studie 2016. Kindheit, Internet, Medien. Basisuntersuchung zum
Medienumgang 6- bis 13jähriger.
tieren Trailer oder Aus-
https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/KIM/2016/KIM_2016_
schnitte aus AutorIn- Web-PDF.pdf, 16.04.2019
nenlesungen. Selbst IGLU 2016. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im
„Piggeldy und Frede- internationalen Vergleich
rick“ sind inzwischen h t t p s : / / w w. w. w a x m a n n . c o m / ? e I D = t e x t e & p d f = 3 7 0 0 Vo l l t e x t .
pdf&typ=zusatztext, 16.04.2019
als animiertes Kinder-
Stavanger Declaration Concerning the Future of Reading: http://eread-
buch mit anschlie- cost.eu/wp-content/uploads/2019/01/StavangerDeclaration.pdf,
ßendem Spiel erhält- 16.04.2019
lich. Wolf, Maryanne: Schnelles Lesen, langsames Lesen. Warum wir das
Bücherlesen nicht verlernen dürfen. München 2019.
Bei allen kommerzi-
ellen Interessen, die häufig mit solchen Medienver- Dr. Anette Sosna unterrichtet Fachdidaktik Deutsch
bünden einhergehen (eines der bekanntesten Bei- am Seminar für Ausbildung und Fortbildung der
spiele ist „Der Herr der Ringe“), dienen diese nicht nur Lehrkräfte Esslingen (Gymnasium) und an der Uni-
der Lesemotivation, sondern können auch eine reflek- versität Stuttgart.
tierte Lesekompetenz unterstützen: Worin zum Bei-

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20 K a ta l og i s i erung

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Aufbruch zu neuen (Katalogisierungs-)Ufern

©w
Informationen zur Einführung von RDA & MARC21 im
November 2019

Christ o p h H o lza p fe l gend ein Update machen. Wenn Sie dabei Unterstüt-
zung benötigen, wenden Sie sich bitte an Ihre Fach-
Als Bücherei legen Sie sicher Wert darauf, die Katalogisate stelle oder den Support des Herstellers. Büchereien, die
zu Ihren Bestellungen reibungslos in Ihr Bibliothekssystem andere Systeme einsetzen, sollten sich bei den Herstel-
(also Bibliotheca, BVS o. ä.) importieren zu können. Da- lern erkundigen, ob die Software MARC21-Daten im-
mit das auch so bleibt, sollten Sie prüfen, ob Ihr Biblio- portieren kann. Testdateien stehen auf der Internetsei-
thekssystem MARC21 „versteht“. Denn dieses Datenfor- te des Borromäusvereins zum Download bereit.
mat löst Anfang November auch bei den katholischen Bü-
chereiverbänden das bisherige Format MAB2 ab. Es dient Medienwelten – der neue Onlineshop der ekz
als „Verpackung“ für die Katalogisate nach dem Regelwerk
RDA, auf das die katholischen Büchereiverbände dann die Für die KÖBs bringt die Umstellung auf MARC21 und
Katalogisierung umstellen. Für Büchereien, die noch mit RDA-Katalogisate noch eine weitere Veränderung mit
Buch- und Katalogkarten arbeiten, ist das nicht so aufre- sich. Denn die ekz nimmt in diesem Jahr nach und
gend. Ihnen werden Änderungen an den Karten auffallen nach einen neuen Onlineshop in Betrieb, die „Medi-
(RDA-Katalogisat, s. u.), mehr aber auch nicht. enwelten“. Das hat zunächst nichts mit Ihrem Biblio-
thekssystem zu tun, denn „Medienwelten“ besuchen
Erster Schritt: Software überprüfen Sie mit Ihrem Browser. Doch für die dort bestellten
Titel bekommen Sie nur noch Daten im Format
Wenn Sie BVS 10 oder Bibliothecaplus 6.1 oder 8.0 MARC21. Voraussichtlich im Herbst/Winter wird die
verwenden, stellt der Import von Daten im Format Version freigegeben, die die Funktionen von „Me-
MARC21 kein Problem dar. Wenn bei Ihnen ältere dienservices“ weiterführt und neue Möglichkeiten
Versionen dieser Programme laufen, sollten Sie drin- (z. B. sprechende Kategorien zum Stöbern, klare An-
BiblioTheke 3/2019 Katalogisierung 21

zeige der Lieferbarkeit, gespeicherte Suchen) bietet.


Büchereien, die mit Buch- und Katalogkarten arbei-
ten, können „Medienwelten“ natürlich ebenfalls nut-
zen. Sie bekommen wie gewohnt ihre Karten.

Sollte Ihnen die Umstellung Ihrer Software bis zum


Herbst diesen Jahres nicht möglich sein, bietet die ekz bis
Ende 2020 noch die Möglichkeit, den Shop „Medienser-
vices“ weiter zu nutzen und MAB2-Daten zu beziehen. Kurz erklärt: RDA und MARC21

Auch wenn Sie ältere Titel bestellen, die vor Novem- RDA
ber 2019 katalogisiert wurden, bekommen Sie diese RDA steht für „Ressource, Description and Access“,
Datensätze in Zukunft in MARC21; an den Datensät- was auch nicht verständlicher ist. Heidrun Wiesenmül-
zen selbst haben wir allerdings nichts geändert. ler, Bibliothekswissenschaftlerin und RDA-Expertin,
übersetzt „Ressourcen beschreiben und zugänglich
Kennzeichen eines RDA-Katalogisats machen“. Schon besser, oder? Als Ressource versteht
das Regelwerk jeden Gegenstand, der in Bibliotheken,
Ein RDA-Katalogisat erkennen Sie z. B. daran, dass Archiven, Museen usw. gesammelt wird, vom Nean-
(fast) nichts mehr abgekürzt wird. So wird der Um- dertaler-Zahn über Gerichtsurteile bis zur mp3-Datei.
fang eines Buches als „Seiten“ (und nicht mehr S.) an-
gegeben, statt „Ill.“ oder „zahlr. Ill.“ steht dort in Zu- Wie die drei englischen Worte nahelegen, liegen die
kunft „Illustrationen“ oder „zahlreiche Illustrati- Wurzeln dieses Regelwerks im englischsprachigen
onen“. Auch geben wir den/die ÜbersetzerIn in der Raum. Den Abschied von den bisherigen „Regeln für
Verfasserangabe an, die auf RDA jetzt „Verantwort- die alphabetische Katalogisierung“ – kurz RAK – be-
lichkeitsangabe“ heißt. Was auf den ersten Blick nach schloss ein bei der Deutschen Nationalbibliothek an-
Begriffs-Akrobatik aussieht, berücksichtigt bei nähe- gesiedeltes Gremium bereits 2011. Seite Ende 2015
rem Hinsehen, dass eine Künstlerin wie Rotraud Su- ist RDA der neue Standard. Damit reagierte man auf
sanne Berner eben keine Verfasserin ist, wenn sie ein zwei Entwicklungen: Erstens bestand bei den wissen-
Bilderbuch illustriert, ebenso wenig wie ein/e Überset- schaftlichen Bibliotheken der dringende Wunsch, Ka-
zerIn. talogisate auch international austauschen zu können.
Und zweitens machte die weite Verbreitung der
Weitere Informationen zum Katalogisieren nach RDA OPACs (Online Public Access Catalogue) die Be-
finden Sie in der Arbeitshilfe auf unserer Internetseite schränkungen überflüssig, die der begrenzte Platz auf
(anhand von Beispielen auf BVS bezogen, aber eigent- einer Karte und infolgedessen RAK dem Katalogisat
lich für alle Systeme gedacht): auferlegte (Abkürzungen, Begrenzung der Zahl der
nachgewiesenen Personen usw.). RAK war außerdem
https://www.borromaeusverein.de/buechereiarbeit/ für die Katalogisierung der neuen Medienarten (wie
anleitungen/#c8714 z. B. der eMedien) nicht ausgelegt. Zugleich sind Ti-
telaufnahmen nach den neuen Regeln für Computer
und in zwei BiblioTheke-Artikeln von Gabriele Fischer leichter auszuwerten und weiterzuverarbeiten.
(BiT 2/2017, S. 30-32 und BiT 1/2018, S. 34-35). In der
Online-Version dieses Artikels haben wir außerdem MARC21
einige hilfreiche Links ergänzt. MARC steht für „Machine Readable Cataloging“, ent-
wickelt von der Library of Congress in Washington in
Christoph Holzapfel ist Mitarbeiter im Lektorat des den 60er-Jahren. Die 21 steht für die Weiterentwick-
Borromäusverein e.V. lung im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts.
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Ich wünsche mir ein Buch.
Digitale Buchmöglichkeiten: Das Fachbuch neu denken

P etra Sch e e ser Es wäre doch phantastisch, nach dem gelesenen Ab-
schnitt auf einen Button klicken zu können und die
Ich wünsche mir ein Buch. Ich wünsche mir ein digitales entsprechende Übung direkt anzuhören. Vielleicht
Buch. Ich wünsche mir ein digitales Gesanglehrbuch, das könnte man sie sogar in verschiedenen Tonarten ab-
ich immer dabei haben kann. Auf meinem Smartphone, spielen, so dass jede Stimme individuell unterstützt
auf meinem Tablet, auf meinem Computer. wird. Nahezu perfekt wäre es, wenn ich mir auch in
einem Video anschauen könnte, wie die Übung von
Als ich 2012 mein erstes Lehrbuch für Gesang (SING! Die der Autorin oder dem Autor vorgesungen wird.
neue Vocal School) beim renommierten SCHOTT Verlag
in Mainz veröffentlichte, gab es natürlich schon digitale Auf kaum einer Lehr-CD werden die Übungen in ihrer
Bücher, sogenannte E-Books, aber der Markt für Fachbü- vollen Länge vorgesungen. Der Platz für Audiomateri-
cher orientierte sich noch ganz klar am gedruckten Buch. al auf einer CD ist auf ca. 70 min. begrenzt. Die
Übungen werden also nur kurz angedeutet, und dann
Als ich nun ein zweites Buch veröffentlichen wollte, müssen die SchülerInnen die Übung selbstständig
dachte ich sofort an ein digitales Buch. Wie wunder- weitersingen. Dass dabei immens viele Fehler passie-
voll wäre es, die Übungen gleich direkt auf der Buch- ren, liegt auf der Hand. Gerade in den Randbereichen
seite anklicken und hören zu können. Und wie hilf- und im Bereich des Registerübergangs ergeben sich
reich wäre es, sofort das kleine Video dazu anzu- immer wieder schwierig zu singende Passagen. Ohne
schauen und Fachbegriffe, weiterführende Literatur gute Vorgabe weiß man nicht, wie die Übung an den
etc. über externe Links anklicken zu können. entscheidenden Stellen gesungen werden soll.

Stichwort: Stimmschulung Ich könnte bei einem digitalen Buch auch mehrere
gesungene Vorgaben anbieten – beispielsweise eine
Ich lese meine Bücher und Zeitungen inzwischen hohe und eine tiefe Frauen- sowie Männerstimme.
meist in digitaler Form. Das ist praktisch, und man Wenn man so zwischen vier verschiedenen „Sänge-
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spart Papier. Allerdings gibt es im Bereich musika- rInnen“ wählen kann, ist die Chance groß, dass man
lischer Fachbücher auch 2019 noch keine große Aus- die Übung auch selbst besser bewältigt. Auch Noten-
wahl an E-Books oder Enhanced Books. Dabei hätte material in verschieden Tonarten könnte problemlos
man gerade hier besonders gute Möglichkeiten. zur Verfügung gestellt werden.
BiblioTheke 3/2019 Vision 23

Stichwort: Video und Bewegung Weitere interaktive Teile könnten beispielsweise als
Quiz erscheinen. Am Ende jedes Kapitels werden die
Videotutorials sind heute allgegenwärtig. Egal ob man Inhalte in Form eines Spiels abgefragt. Ich bekomme
ein Kochrezept sucht, eine Sportübung, eine Handar- als LeserIn also direkt ein Feedback, ob ich den Inhalt
beits- oder Heimwerkeranleitung oder einen Kosme- richtig verstanden habe.
tik- oder Frisurtipp – wir alle benutzen und lieben die-
se kleinen Anleitungen und Hilfestellungen. Zukunftsmusik – oder?

Auch im Bereich Musik gibt ein riesiges Angebot im Die modernen Geräte und Devices haben die Mög-
Netz, zugegeben von unterschiedlicher Qualität. Es lichkeit, Musik abzuspielen und auch aufzunehmen.
wäre doch wunderbar, wenn ich meine individuellen Es gibt bereits sehr gute Apps für tonale und rhyth-
Anleitungen direkt in mein digitales Buch einpflegen mische Gehörbildung. Man singt oder hört eine Ton-
könnte. Ich könnte mir langwierige Erklärungen spa- leiter oder ein Intervall, und die App sagt, ob das rich-
ren, und die LeserInnen hätten viel mehr Lust, die tig oder falsch war. Vielleicht ließen sich damit auch
Übungen direkt auszuprobieren. die Qualität und die Lautstärke eines Tones bestim-
men. Klar oder behaucht, mit Vibrato oder ohne?
Ein wichtiges Thema in meinem Unterricht ist die Mein neues Gesanglehrbuch wäre außerdem in Farbe.
Anatomie und Funktionsweise der Stimme. Ich bin der
Meinung, dass man besser damit umgehen kann, Ich gerate ins Schwärmen! Mir ist klar, dass auch ein
wenn man weiß, wie etwas grundsätzlich funktioniert. solches Super-Lehrbuch einen guten Gesanglehrer
Die medizinischen Fachbegriffe und Erklärungen sind nicht ersetzen kann. Ich finde aber, der Schritt in
für den Laien oft schwer zu verstehen. Deshalb wären Richtung kompetentes, professionelles E-Learning im
auch hier bewegte Bilder das Mittel der Wahl. Zum ei- Bereich Gesang wäre wünschenswert.
nen in gezeichneter bzw. animierter Form für die Ein-
steigerInnen, aber auch Stroboskopien, Computerto- Es gibt Portale, die solche Inhalte gegen eine monatli-
mographien etc. für fortgeschrittene LeserInnen. Mu- che Gebühr zur Verfügung stellen. Ich binde mich al-
sik ist Bewegung, Singen ist Bewegung. Ich arbeite im lerdings ungern und kaufe meine Fachliteratur lieber
Unterricht gern mit Hilfsmitteln wie Bändern, Bällen, einmalig. Ich denke, das geht vielen Menschen so. Ich
Strohhalmen etc. Es wäre so viel leichter, sich das in will mein Buch lesen und die digitalen Welten darin
einem Video anzusehen, als eine Fotoreihe mit Erklä- durchstöbern, ich will damit lernen – wann, wo und
rungen durchzulesen. wie ich will. Ich will eben emanzipiert bleiben in der
digitalen Welt.
Stichwort: Verschiedene Tonarten
Petra Scheeser unterrichtet seit 2005 an der Popaka-
Jeder Mensch hat einen individuellen Tonumfang (Ran- demie Mannheim www.popakademie.de und seit
ge). Als Gesanglehrerin ermittle ich diesen Tonumfang 1998 an der Berufsfachschule für Musik in Dinkels-
zu Beginn des Unterrichts und überprüfe ihn immer bühl www.bfs-musik.de. Sie hat ihre Unterrichtsme-
wieder während der Ausbildung. Der Tonumfang ist thode in Form einer zweibändigen Vocal-School
von entscheidender Bedeutung, denn er bestimmt auch (SING!) bei Schott Music veröffentlicht.
die beste Tonart für einen Song. Außerdem bestimmt er
Sie arbeitet als gefragte Studiosängerin für internatio-
die Abschnitte, in denen eine Stimme besonders inten-
nale TV- und Filmproduktionen (u. a. Pokemon, Digi-
siv trainiert werden muss, um den Anforderungen der
mon, Dragonball Z, Hannah Montana, Tinkerbell,
Musik zu genügen. Vielleicht ließe sich also in mein di-
Phineas and Ferb, Die Eiskönigin, Trolls, Die Schöne
gitales Buch auch ein „Rangecheck“ (evtl. in Form einer
und das Biest, LEGO 1+2…).
App) integrieren. Dann könnte der aktuelle Tonumfang
einfach aufgenommen und gespeichert werden. Man Weitere Infos, Bilder, Musik, Videos und Tutorials unter
könnte also eine Verbesserung direkter ablesen. www.petrascheeser.com
24 S ta ti s ti k 3/2019

Bibliotheksstatistik 2018 für die


Kirchliche Büchereiarbeit in Deutschland
Stand: 02.05.2019

(Erz-)Bistum Büchereien Bestand Entleihungen Benutzer Besuch

Anzahl % Medien % Medien % Personen % Personen


Aachen 98 -2,97 338.471 -6,48 613.703 -2,72 23.045 -5,86 215.474
Berlin 7 -36,36 23.678 10,35 5.812 15,92 393 3,15 4.100
Essen 115 -2,54 363.653 0,4 371.280 1,72 16.592 0,34 202.012
Freiburg 222 0 801.009 -0,32 973.073 -0,32 42.944 2,26 327.875
Fulda 50 -5,66 147.303 -4,89 119.177 1 7.023 -2,85 66.559
Hildesheim 37 -7,5 66.306 -7,23 66.593 -9,85 4.210 0,12 39.277
Köln 354 -1,12 1.362.566 -1,09 2.372.222 -2,97 87.215 -5,67 1.155.008
Limburg 76 -2,56 238.384 -2,24 225.052 1,54 10.143 2,32 111.375
Mainz 126 -2,33 538.348 -2,79 744.244 -6,26 29.500 -5,52 382.625
Münster 355 -1,11 1.671.913 -1,46 4.107.818 -3 131.635 -2,36 1.911.337
Osnabrück 145 0 626.174 1,05 1.076.718 -0,46 35.805 10,81 423.552
Paderborn 202 -1,46 762.388 2,24 883.611 1,55 36.362 -7,03 406.211
Rottenburg 102 -0,97 454.000 -1,4 600.950 -3,91 22.796 -5,62 267.671
Speyer 108 -7,69 302.741 -5,13 516.801 1,6 20.802 -13,8 192.860
Trier 140 -2,78 484.189 -0,92 575.789 -3,9 26.887 -2,65 212.656

Summe bv. 2.137 -2,11 8.181.123 -1,21 13.252.843 -2,19 495.352 -2,98 5.918.592
SMB 1.013 -2,22 7.009.934 -2,15 13.135.690 -0,17 459.805 -0,55 5.215.447
Summe kath. 3.150 -2,14 15.191.057 -1,64 26.388.533 -1,19 955.157 -1,82 11.134.039
eliport 752 -2,84 2.230.989 -2,54 2.577.732 -2,32 138.863 11,27 1.646.832
Summe kirchl. 3.902 -2,28 17.422.046 -1,76 28.966.265 -1,29 1.094.020 -0,33 12.780.871

Alle Angaben in Prozent geben die Entwicklung im Vergleich zu den Zahlen des Vorjahres an
(siehe auch BiT 3/2018).
3/2019 Statistik 25

he Erwerbungsmittel
Erwerbungsmittel Veranstaltungen Veranstaltungen
Mitarbeiter(innen) MitarbeiterInnen Umsatz
Gel. Erw. je ME Umsatz
Arbeitsstunden Erw. je ME

% €€ % Anzahl % Personen % €
32,96 291.289 23,61 2.106 -9,54 1.042 -4,32 104.393 1,81 0,86
11,9 3.270 -19,46 84 -41,67 55 1,85 7.301 0,25 0,14
17,7 238.853 2,31 2.088 14,66 983 5,02 85.930 1,02 0,66
16,87 505.131 -3,66 2.026 -9,84 1.722 -2,16 144.922 1,21 0,63
-3,11 84.028 7,3 561 -3,61 287 -3,37 24.106 0,81 0,57
11,35 37.927 1,42 273 -6,51 228 4,59 16.833 1 0,57
-0,14 1.255.468 -1,6 11.311 0,6 4.295 -2,34 413.608 1,74 0,92
23,54 136.445 7,5 1.555 -3,48 736 -4,66 51.205 0,94 0,57
8,57 314.224 -3,25 3.519 -1,7 1.462 -9,86 133.965 1,38 0,58
-0,29 2.026.921 -1,38 10.643 2,15 4.888 -0,24 531.538 2,46 1,21
10,69 475.095 4,7 2.685 9,28 1.810 -2,06 139.118 1,72 0,76
3,65 585.856 9,81 3.025 16,48 1.762 -2,6 143.883 1,16 0,77
1,08 291.637 0,79 1.551 14,63 1.230 23,99 64.471 1,32 0,64
-3,01 195.940 -8,5 2.141 -10,72 904 -1,74 87.000 1,71 0,65
7,51 278.812 -1,86 2.893 16,18 1.194 -4,1 112.696 1,19 0,58

4,31 6.720.896 0,75 46.461 1,97 22.598 -1,15 2.060.969 1,62 0,82
-2,47 4.999.900 0,19 22.108 -0,37 12.048 -2,65 1.309.560 1,87 0,71
1,02 11.720.796 0,51 68.569 1,35 34.646 -1,67 3.370.529 1,74 0,77
37,24 1.087.442 -1,44 10.509 -2,18 5.261 -0,45 516.591 1,16 0,49
4,58 12.808.238 0,34 79.078 0,87 39.907 -1,52 3.887.120 1,66 0,74

Besuche und Veranstaltungen Geleistete Arbeitsstunden


Büchereiarbeit erfährt nach wie vor Büchereiarbeit ist weit überwiegend
stabiles Interesse. Die Zahlen der Ehrenamtsarbeit. Die Zahl von
Besuche und der Veranstaltungen 3.887.120 geleisteten Arbeitsstunden
waren auch 2018 wieder leicht zeigt eindrücklich, was hier für
steigend. Und dies, obwohl meist Kirche und Gesellschaft geleistet
auf Grund von Pfarreizusammen- wird.
legungen einige Büchereien leider
geschlossen worden sind.

Impressum
© Borromäusverein e.V.
Juni 2019
Quellen: Meldungen der (erz-)diözesanen Büchereifachstellen bzw. Auswertungen der Büchereiverbände info@borromaeusverein.de
Borromäusverein e.V. (bv.), Sankt Michaelsbund e.V. (SMB) und Evangelisches Literaturportal e.V. (eliport). www.borromaeusverein.de


26 Bibfit BiblioTheke 3/2019

Ich bin Bibfit


Der Bibliotheksführerschein – eine Erfolgsgeschichte

Julia S üß b r ich die siebte Auflage gedruckt. „Über 28.000 Pakete sind
bis jetzt verkauft, über 620.000 Kinder sind biblio-
Viele Bibliotheken bieten als Öffentlichkeitsarbeit und zur theksfit geworden, und das Projekt wurde 2007 mit
Leseförderung Führungen und weitere Aktionen für Kinder- dem Leseförderpreis 'Auslese' von der Stiftung Lesen
gärten und Schulen an. Ein besonderes Modell ist dabei ausgezeichnet“, freut sich Claudia Herbstmann, die
das Programm des Bibfit-Bibliotheksführerscheins in Ka- Vorsitzende des Sachausschusses Leseförderung im
tholischen Öffentlichen Büchereien. Mittlerweile überneh- Borromäusverein.
men es auch andere öffentliche Bibliotheken.
So werden Kinder Bibfit
Hildegard Pollheim, Leiterin einer Katholischen Öf-
fentlichen Bücherei (KÖB) in Ratingen, hatte 2004 die Aus Kindergärten werden die angehenden Schul-
grundlegende Idee. Sie saß im Sachausschuss Öffent- kinder gruppenweise zu meist vier Veranstaltungen
lichkeitsarbeit und Werbung der Fachkonferenz des eingeladen. Beim ersten Mal lautet das Schwerpunkt-
Borromäusvereins – einer Einrichtung der Katho- thema „Aussuchen und Ausleihen“, dann folgen
lischen Kirche, die den KÖB fast bundesweit (nur für „Vorlesen, Zuhören, Ausmalen“, „Erzählen und Wis-
Bayern ist der Sankt Michaelsbund zuständig) allerlei sen“ und die Büchereiführung. Oft wird auch ein spe-
Dienste leistet: Zusammen mit den Bistumsfachstel- zielles Bücherei-Lied gesungen, gemalt, gebastelt, ge-
len für die Büchereiarbeit unterstützt er spielt.
die KÖB mit Know-how und Material,
auch für die Leseförderung und Öffent- Was geübten BüchereinutzerInnen
lichkeitsarbeit. selbstverständlich scheint, ist für
viele Kinder Neuland: Sie erfahren
Den Sachausschuss für Leseförderung überhaupt erst, dass es Büchereien
gab es damals noch nicht. Weil aber die gibt, sogar bei ihnen um die Ecke.
Leseförderung der KÖB-Leiterin sehr Und das ist wichtig, gerade für Fami-
am Herzen lag und sie bei der Öffent- lien, die von sich aus nicht nach ei-
lichkeitsarbeit davon erzählen wollte, ner Bücherei suchen würden. Wer
erarbeitete sie mit zwei Fachfrauen aus diese oder eine andere Bücherei
zwei Fachstellen das Konzept „Ich bin schon kennt, lernt vielleicht noch et-
Bibfit – Der Bibliotheksführerschein für was dazu, zum Beispiel die Unter-
Kindergartenkinder“, das seit 2006 ver- scheidung von Büchern mit erfun-
fügbar ist. 2.200 Material-Pakete bot denen Geschichten und Sachbü-
der Borromäusverein den KÖB damals chern. Für Überraschung können
über die Fachstellen an. Mittlerweile ist Der „Führerschein“ auch ausleihbare Spiele, CDs und
BiblioTheke 3/2019 Bibfit 27

DVDs sorgen. Bei jedem Termin darf sich jedes Kind zählen zu können, wer ihnen vorliest und welche Bü-
ein Buch aussuchen und ausleihen. Dafür bekommt cher sie am liebsten mögen. Sie genießen es, etwas
es einen Stoffrucksack mit Bibfit-Aufdruck geschenkt. vorgelesen zu bekommen, ein Bild vom Bibfit-Marabu
Es darf das Buch für Fridolin auszumalen, das dann dekoriert wird, und
eine Woche mit in sich bei der Ausleihe beraten zu lassen.
den Kindergarten
nehmen und es sich Jutta Hetfleisch-Brandt leitet ehrenamtlich die kleine
dort vorlesen lassen KÖB Bücherwurm St. Anno in der Cafeteria eines Al-
oder ansehen – was tenzentrums in Köln-Holweide. Im Umfeld dieser
besonders praktisch KÖB leben Menschen aus 30 Nationen zusammen,
ist, falls der Kindergar- viele davon arm an Geld und Bildung. Die Bücherei
ten nur wenige Bü- mit Schwerpunkt auf Leseförderung und Kinderbuch
cher hat. Am Ende der kooperiert für Bibfit mit sechs Kindergärten im Stadt-
Aktion steht meist ein teil. Die Nachfrage ist eigentlich noch größer, aber die
Büchereifest mit feier- KÖB kann die Cafeteria des Altenzentrums nicht je-
© Julia Süßbrich

licher Urkundenüber- den Tag mit Kindergruppen füllen. Einige Heimbe-


gabe vor den Eltern wohnerInnen machen regelmäßig bei Bibfit mit: Sie
an, zu dem die KÖB hören nicht nur beim Vorlesen zu, sondern helfen be-
auch die Presse einla- Rucksack geistert mit Erklärungen aus, wenn auf Bildern Dinge
den kann. von früher abgebildet sind, die die Kinder nicht ken-
nen. Hetfleisch-Brandt und ihre Mitarbeiter bringen
Bibfit – so individuell wie Ihre KÖB so nicht nur nebenbei die SeniorInnen und die Kinder
in Kontakt. Sie pflegen auch einen intensiven Aus-
Das Materialpaket enthält nicht nur die Ausstattung tausch mit den ErzieherInnen aus den Kindergärten,
für die Kinder, sondern auch eine Broschüre für das um das Bibfit-Programm für die Gruppen zu optimie-
KÖB-Team. Diese umfasst konkrete Anleitungen für ren. Denn hierher kommen weniger Kinder, die gut
die Durchführung der einzelnen Treffen, Buch-Tipps Deutsch sprechen und schon mit Büchern und Bü-
und Beispiele für Schreiben an ErzieherInnen, Eltern chereien vertraut sind.
und Presse. Sie regt aber auch dazu
an, das Programm an die Interessen
und Gegebenheiten der einzelnen
KÖB und der Gruppe anzupassen.

In der KÖB Sankt Albertus Magnus in


Köln-Lindenthal zum Beispiel holen
Anja Becker-Haumann und Dagmar
Mainz ihre Führerscheinanwärte-
rInnen vom benachbarten Kindergar-
ten für nur drei Termine in die Bü-
cherei, denn viele kennen die KÖB
sowieso schon und haben auch eige-
ne Bücher. Also brauchen sie ihnen
nicht mehr allzu viel zu erklären und
© Julia Süßbrich

können ihnen die Bücher sogar ver-


trauensvoll mit nach Hause geben.
Für diese Kinder ist es einfach schön,
am großen Tisch in der Bücherei er- Anja Becker-Haumann, Marabu Fridolin, Dagmar Mainz
28 Bibfit BiblioTheke 3/2019

© Julia Süßbrich
Ulrike Siemering, der Bücherwurm, Jutta Hetfleisch-Brandt, Anne Reiferscheidt

Ulrike Siemering, früher Grundschullehrerin, hat sich bieten, weil das Programm die Nähe zu einem Kinder-
mit Fingerspitzengefühl an diese Zielgruppe ange- garten und Ehrenamts-Zeit zu dessen Arbeitszeiten er-
passt. Sie und ihre Kolleginnen machen die Kinder fordert, aber viele schaffen es. Anna Lüttich-Rathenow
Schritt für Schritt mit der Bücherei und dem Medium leitet das Referat Katholische Öffentliche Büchereien
Buch vertraut. Sie zeigen auch anhand von beschä- beim Erzbistum Köln und erklärt: „Die Arbeit mit Kin-
digten Büchern, warum und wie man vorsichtig mit dern ist der Schwerpunkt der Büchereien, und weil
Büchern umgeht. Leicht verständliche Bilderbücher diese Leseförderung fertig im Paket kommt, ist sie –
liest Siemering spielerisch und sehr interaktiv vor, so das sehen wir in unseren Statistiken – das Angebot,
dass sie bemerkt, wie viel die Kinder erfassen, und bei was am meisten angenommen wird“. Ein vergleich-
Bedarf etwas erklären kann. bares gemeinsames Programm scheint es für evange-
lische oder kommunale Büchereien nicht zu geben,
Für die KÖB Bücherwurm ist das Abschlussfest mit denn auch diese greifen sehr gern auf Bibfit zu (neben
Einladung der Eltern enorm wichtig. Bei dieser Feier vielen individuellen Kooperationen mit Kindergärten
erfahren die Eltern, dass ihre Kinder sich in der KÖB und Schulen).
schon auskennen, sie die Bücher kostenlos ausleihen
können und die ganze Familie über die Bilder darin Wie schön, bewundernswert und wichtig, dass aus eh-
sprechen kann – egal in welcher Sprache. So kommen renamtlichem Engagement und passender Unterstüt-
einige Kinder spontan zu einem Bücherei-Ausweis, die zung ein so weitreichendes Programm der Leseförde-
sonst wohl keinen bekommen hätten. Die Bibfit- rung samt Öffentlichkeitsarbeit für Büchereien entste-
Gruppen besuchen außerdem auch anschließend hen kann!
noch einmal im Monat die KÖB, um ihre neuen
Kenntnisse zu festigen und sich an die regelmäßige Mehr Informationen: https://www.borromaeusverein.
Nutzung zu gewöhnen. Dadurch kommen stetig neue de/lesefoerderung/bibfit-bibliotheksfuehrerschein/
KundInnen zur KÖB und Bücher in die Familien.

Julia Süßbrich ist studierte Romanistin und Germani-


Eine Idee zieht Kreise
stin. Ihre Leidenschaft für Kinder- und Jugendliteratur
äußert sich in Übersetzungen aus dem Französischen
Der Bibfit-Bibliotheksführerschein ist eine feste Größe
und Italienischen. Zudem schreibt sie Buchkritiken.
in vielen Büchereien. Nicht alle KÖB können ihn an-
© Erica Guilane-Nachez / Fotolia.com BiblioTheke 3/2019 Wissensvermittlung 29

Wissen macht Persönlichkeit.


Von Philosophen und Bibliotheken

Steph a n Sie m en s
„Ich habe also gehört, zu Naukratis in Ägypten sei einer von
Es scheint auf den ersten Blick selbstverständlich zu sein, den dortigen alten Göttern gewesen, dem auch der Vogel,
dass sich PhilosophInnen für Bibliotheken interessieren. welcher Ibis heißt, geheiligt war, der Gott selbst aber habe
Denn schließlich besteht ein großer Teil der philosophi- Theut geheißen. Dieser habe zuerst Zahl und Rechnung er-
schen Arbeit in der Auseinandersetzung mit in Büchern funden, dann die Messkunst und die Sternkunde, ferner das
dargelegten Gedanken. Und doch war das nicht immer so. Brett- und Würfelspiel, und so auch die Buchstaben. Als
Kein Geringerer als Sokrates bestritt, dass Schreiben und König von ganz Ägypten habe damals Thamus geherrscht in
Lesen eine gute Sache sei. Er hat auch selbst nichts Schrift- der großen Stadt, welche die Hellenen das ägyptische The-
liches hinterlassen. ben nennen. Zu dem sei Theut gegangen, habe ihm seine
Künste gewiesen und begehrt, sie möchten den anderen
Nun ist Sokrates schon seit langem tot, und Biblio- Ägyptern mitgeteilt werden. Thamus fragte, was doch eine
theken gehören in eigentlich allen Ländern zum All- jede für einen Nutzen gewähre, und je nachdem ihm, was
tag und nehmen alle möglichen Medien auf. Auch zu Theut vorbrachte, richtig und unrichtig dünkte, tadelte er
Sokrates’ Zeiten gab es schon Bücher und kurze Zeit oder lobte. Vieles nun soll Thamus dem Theut über jede
später auch Bibliotheken. Daher scheint es sich bei Kunst dafür und dawider gesagt haben, welches weitläufig
Sokrates’ Meinung bestenfalls um eine philoso- wäre, alles anzuführen. Als er aber an die Buchstaben ge-
phische Marotte zu handeln. Soll man sich damit kommen, habe Theut gesagt: Diese Kunst, oh König, wird
noch befassen? Ich denke: Ja! Man kann sich näm- die Ägypter weiser machen und gedächtnisreicher, denn als
lich fragen, warum Sokrates kein Anhänger des ein Mittel für Erinnerung und Weisheit ist sie erfunden. Je-
Schreibens und Lesens war. Platon lässt Sokrates dem ner aber habe erwidert: O kunstreicher Theut, einer weiß,
Phaidros erzählen: was zu den Künsten gehört; ein anderer, zu beurteilen, wie
30 Wi s s e n s v erm ittlun g BiblioTheke 3/2019

viel Schaden und Vorteil sie denen bringen, die sie gebrau- sein? Das Wissen, das Sokrates vorschwebt, kommt
chen werden. So hast auch Du jetzt, als Vater der Buchsta- von innen, weil es als ein individuell angeeignetes
ben aus Liebe das Gegenteil dessen gesagt, was sie bewir- Wissen Ausdruck der sich entfaltenden Seele ist. Es ist
ken. Denn diese Erfindung wird den Seelen der Lernenden mit der Individualität des Wissenden oder der Wis-
vielmehr Vergessenheit einflößen, aus Vernachlässigung der senden verbunden und steht in einem Zusammen-
Erinnerung, weil sie im Vertrauen auf die Schrift nur von hang, einer Gesamtheit des individuellen Wissens. Es
außen vermittels fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich ist nicht isoliert in Einzelheiten nach dem Motto „Fak-
selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für die ten, Fakten, Fakten“, die man nachschlagen kann.
Erinnerung, sondern nur für das Erinnern hast du ein Mittel
erfunden, und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlin- Vom Lernen und dem Umgang mit dem Erlernten
gen nur den Schein bei. Denn indem sie nun vieles gehört
haben ohne Unterricht, werden sie sich auch vielwissend zu Der Zusammenhang des Wissens ist das Resultat der
sein dünken, obwohl sie größtenteils unwissend sind, und Erinnerung. Er führt dazu, dass das Wissen in die Per-
schwer zu behandeln, nachdem sie dünkelweise geworden sönlichkeit des oder der Wissenden integriert ist, ja
statt weise.“ (Phaidros 274c; Übersetzung nach Fried- Ausdruck der Persönlichkeit des oder der Wissenden
rich Schleiermacher.) ist. Diese Integration ist ein notwendiger Schritt der
individuellen Entwicklung. Erst erlernt man etwas,
Platon berichtet im Phaidros über die Ablehnung der und dann lernt man, damit umzugehen. Die Fähig-
Schrift mit Hilfe der Schrift. Das Argument von So- keit, mit dem Wissen umgehen zu können, ist Aus-
krates erscheint autoritär und elitär. Und doch: Ist es druck der Integration des Wissens in die Persönlich-
dasselbe, etwas selbst zu wissen oder etwas nachzu- keit. Übung ist eine wesentliche Form der Integration
schlagen? Das Argument des Sokrates lautet: Gele- des Wissens, seiner Aneignung. (Erst lernen Kinder
senes kommt von außen ohne persönliche Vermitt- sprechen, dann lernen sie, wann sie was sagen sollten.
lung. Dadurch erreicht den Lehrling nur der Schein Erst lernen junge Menschen Autofahren, und dann
der Sache, nicht das Wissen selbst. Man könnte auch lernen sie, wie man sich im Straßenverkehr benimmt.)
sagen: Der/die Lesende verschafft sich einen Zugang
zu in Büchern vermitteltem gesellschaftlichen Wissen. Nachschlagen oder Nachlesen, so der Verdacht des So-
krates, bedeutet den Verzicht auf die Integration des
Dieser Zugang erscheint Sokrates nicht ausreichend, Wissens in die Persönlichkeit, also im Bild gesprochen
weil das nur wie Wissen aussieht. Denn Wissen im ei- darauf, zu lernen, wann man was sagen sollte. Infor-
gentlichen Sinne ist das Wissen von einzelnen Men- mationen zu kennen, ist an sich nach dieser Vorstel-
schen und kann daher nur im unmittelbaren Kontakt lung kein Wissen. Zum Wissen gehört auch eine per-
vermittelt werden. Das Wissen als etwas, was Men- sönliche Entwicklung. Wenn ich das Wissen im un-
schen von innen haben, ist nicht ein Scheinwissen, mittelbaren Kontakt zu einer Lehrperson erhalte,
das zu „Dünkelweisheit“ führt. Es ist ein Wissen, das dann erhalte ich dieses Wissen nicht von außen, son-
ein individueller Mensch in seiner Erinnerung erinnert dern es wird in mir geweckt, ist als ein Bestandteil in
hat. Es kommt nicht von außen, sondern es kommt meiner persönlichen Entwicklung enthalten. Wie das
von innen – aus der Erinnerung. Und dieses – von in- geht, wird in Platons Dialog „Menon“ gezeigt. Wenn
nen kommende – Wissen kann nicht durch Nachlesen ich dagegen ein Buch lese oder ein anderes Medium
oder Nachschlagen, also von außen, ersetzt werden. benutze, um mir Wissen anzueignen, dann kommt
das Wissen von außen, d. h. dann muss eine solche
Bücher und andere Medien enthalten ein gesellschaft- Entwicklung nicht passieren.
liches Wissen, das für die Individuen von außen
kommt. Sokrates sieht die Gefahr, dass das so bleibt, Vom Sammeln und Bewerten von Wissen in Bibliotheken
weil das Gedächtnis und die Erinnerung entlastet wer-
den. Diese Entlastung wird man zugeben. Damit wird Nun ist kein Individuum mehr in der Lage, die Ge-
ja sogar geworben. Aber was soll daran das Problem samtheit des gesellschaftlichen Wissens zu überschau-
BiblioTheke 3/2019 Wissensvermittlung 31

en. Wir brauchen also gesellschaftliche Vermittlungs- im Individuum bezeichnet Sokrates als „dünkelweise“.
formen, die nicht auf individuellen Kontakt be- Wir erleben gegenwärtig, wie gesellschaftlich Diskussi-
schränkt sind. Wir brauchen Bücher. Aber brauchen onen über die Formen des Wissens geführt werden, die
wir auch Bibliotheken? Reicht es nicht, sich nach mit diesem Wort noch zu harmlos umschrieben sind.
Amazon zu richten und dort nachzuschauen, was es
so gibt? Kann das nicht – um eine gegenwärtig be- „Fake News“, „Lügenpresse“, angebliche „geschicht-
liebte Ideologie zu zitieren – der „Markt“ besorgen? liche Fälschungen“ und dergleichen zeigen an, dass
„Dieses Buch wird gern gekauft, also muss es auch gut im Moment ein Nachholbedarf in der bewussten ge-
sein.“ – reicht diese Aussage nicht? sellschaftlichen Aneignung des geschichtlichen und
gegenwärtigen Wissens besteht. Das liegt selbstver-
Wenn Sokrates Recht hat, dann reicht sie nicht. Denn ständlich nicht an den Bibliotheken. Es liegt vielleicht
mit der Anhäufung von Büchern und Medien ist es daran, dass die gesellschaftliche Entwicklung gegen-
nicht getan. Bücher und Medien müssen verfügbar wärtig als so komplex und unbeherrschbar erscheint,
gemacht werden. Da kein Mensch alle Bücher kaufen dass der Wunsch nach einem „autoritären Führer“
kann (das macht nichts, es kann ja auch kein Mensch (wieder-)erwacht, der die gesellschaftliche Entwick-
alle Bücher lesen), braucht man einen zentralen Ort, lung mit Gewalt im Griff hat. Bibliotheken sind eine
an dem Bücher und Medien gesammelt und der Ge- wichtige – wenn auch allein nicht ausreichende – In-
sellschaft (d. h. allen Individuen) zur Verfügung ge- stitution, um den Umgang mit Wissen gesellschaft-
stellt werden: Bibliotheken, Sammelstellen für Bücher lich einzufangen und es in gesellschaftlich angeeig-
und andere Medien. Sie sind eine Art gesellschaftlich netes Wissen zu verwandeln.
organisiertes Gedächtnis. Und mit dem Gedächtnis
ist hier auch die Funktion gesellschaftlicher Erinne- Freilich – und auch das kann man von Sokrates ler-
rung verbunden. Denn Bibliotheken sammeln nicht nen, wenn man es lernen will – gibt es da ein Pro-
nur Bücher, sie bereiten sie auch für NutzerInnen auf blem: Die Aneignung des Wissens erfordert eine Wei-
und bewerten sie bewusst. terentwicklung der Wissenden, in diesem Fall der Ge-
sellschaft. Es ist leicht zu erkennen, dass eine gesell-
Bei Sokrates geschieht der Aneignungsprozess des schaftliche Weiterentwicklung, ein Fortschritt, not-
Wissens in den Menschen von selbst, wenn er nicht wendig ist. Dieser Fortschritt findet bereits statt –
von außen durch Bücher gestört wird. Weil der/die wenn auch in verkehrter Form. Er zeigt sich darin,
LehrerIn sich das Wissen schon angeeignet hat, kann dass die Menschen in der Arbeit ihre Arbeit bearbei-
eine zu lehrende Person dieses Wissen aus sich selbst ten, sich mit dem gesellschaftlichen Sinn ihrer Arbeit
als angeeignetes Wissen erhalten und erlernen. Es ist auseinandersetzen. Durch die Unbewusstheit, in der
immer schon systematisiert, aufbereitet und bewertet. das geschieht, ergibt sich das Kriterium dieser Ausein-
Es ist immer schon Ausdruck einer Entwicklung der andersetzung „von selbst“ – aus der gesellschaftlichen
Persönlichkeit, die von selbst geschieht. (Dieser kann Struktur, in der diese Auseinandersetzung mit der ei-
man sich allerdings verschließen, wie ebenfalls der genen Arbeit stattfindet.
Dialog „Menon“ zeigt.)
In Gesellschaften wie der unseren, die durch die kapi-
Vom Umgang mit Fake News und Lügenpresse talistische Produktionsweise charakterisiert sind, resul-
tiert daraus: Das Kriterium ist die Fähigkeit, Gewinn zu
Das ist im Falle gesellschaftlich angeeigneten Wissens machen in Unternehmen, und die Fähigkeit, Kosten zu
anders. Da bedarf es einer bewussten Aktion von Indi- sparen in solchen Einrichtungen wie Bibliotheken. Da
viduen, die in einem gesellschaftlichen Auftrag das ist ein Widerspruch, der der Bearbeitung bedarf:
Wissen sammeln, aufbereiten, systematisieren und be-
wertet zur Verfügung stellen. Denn sonst droht das Bewusste Sammlung, Systematisierung und Bewer-
Wissen von der geschichtlichen und gesellschaftlichen tung des gesellschaftlichen Wissens einerseits, an-
Entwicklung isoliert zu werden. Solch isoliertes Wissen dererseits im unbewussten Dienst an der Tendenz
32 Wi s s en s v e rm ittlung BiblioTheke 3/2019

© www.pixabay.com
kapitalistischer Gesellschaftsordnungen, an dieser In Leanproduction, in Agilität, in der Selbstorganisati-
wie anderen allgemeinen, gesellschaftlich notwen- on der Arbeit in den Unternehmen wie in den Biblio-
digen Funktionen zu sparen. theken liegt ein Schritt der Weiterentwicklung vor.
Aber er wird nur für die Zwecke genutzt, die sich in
Die Beschäftigten aller Branchen und Firmen setzen einer kapitalistischen Gesellschaft von selbst ergeben.
sich – darin liegt der gegenwärtige Fortschritt – mit Da hat das von Bibliotheken aufbereitete und bewer-
dem gesellschaftlichen Sinn ihrer Arbeit auseinander, tete Wissen eine zentrale Funktion: Es macht sichtbar,
bearbeiten ihre Arbeit, aber nach dem vorausgesetz- dass wir uns, unsere Gesellschaft weiterentwickeln
ten Kriterium des Gewinns bzw. der Sparsamkeit. Sie müssen, so dass wir in der Arbeit die gesellschaftlichen
müssen in der Arbeit praktisch die Frage beantworten, Probleme bearbeiten, die wir durch die Unterordnung
wieviel Energie, wieviel Zeit, wieviel „Men“- und der gesellschaftlichen Arbeit unter Gewinne und Spar-
„Womenpower“ eine Gesellschaft in diesen Bereich samkeitsdiktate mitproduziert haben.
gesellschaftlicher Arbeitsteilung stecken will, was ihre
konkrete Tätigkeit für die Gesellschaft „bringt“ und Stephan Siemens studierte Philosophie in München,
ob das nicht auch „billiger“ zu haben ist. Marburg und Bonn. Er arbeitet unter anderem zu
den Themen „Veränderungen der Organisation der
Die Bibliotheken haben einen Sinn, und dieser Sinn Arbeit“ und „Burnout und Burnout-Prävention“ zu-
kostet Geld. Aber auf diesen Sinn zu verzichten, wäre sammen mit GewerkschaftsvertreterInnen und Be-
nicht nur teuer, es wäre katastrophal. Denn in Biblio- triebsrätInnen. In der von Stephan Siemens gegrün-
theken Mitarbeitende setzen sich nicht nur selbst mit deten Initiative „Meine Zeit ist mein Leben“ wird ein
dem Sinn ihrer Arbeit auseinander, sie könnten das umfassendes Seminar-Angebot zur Auseinanderset-
bewusst tun, das heißt auch, andere Kriterien anzule- zung mit den neuen Formen der Unternehmens-
gen als die sich von selbst ergebenden der Profitabili- Steuerung und der Arbeitsorganisation konzipiert
tät bzw. der Fähigkeit, Geld zu sparen. Sie könnten und angeboten. Privat beschäftigt sich Stephan Sie-
einen Beitrag dazu leisten, dass die Arbeiten jeweils in mens als Philosoph seit 20 Jahren damit, Philosophie
Konfrontation mit den gesellschaftlichen Problemen im Gespräch mit Menschen zu erarbeiten und zu
bearbeitet werden, die mit ihnen verbunden sind – sei vermitteln, die selbst keine philosophische Ausbil-
es den als „ökologisch“ bezeichneten, sei es den die dung haben, und gründete zu diesem Zweck den
Geschlechterverhältnisse betreffenden, sei es den so- „Club Dialektik“ in Köln. https://www.meine-zeit-
zialen und der weltweiten ökonomischen und Ernäh- ist-mein-leben.de/Personen
rungsprobleme.
© Volker Roloff BiblioTheke 3/2019 5 Fragen an... 33

Kennst du das Land...


Die Bibliotheken der Goethe-Institute

Brig itte Dö llg a st Bibliothekskonzepte aus aller Welt

Gesprächsrunden mit deutschen AutorInnen, Leseförde- So entstand in Bratislava eine „Bibliothek der Dinge“.
rung mit deutschen ExpertInnen, Diskussion über neue In Warschau, Prag und an anderen Orten werden „The-
Bibliothekskonzeptionen mit Fachleuten aus Deutsch- menräume“ angeboten. Windhuk entwickelte ein ganz
land, Unterstützung für Deutschlernende und Kulturinte- besonderes Angebot für Kinder. In Istanbul, Amsterdam
ressierte und natürlich ein aktuelles und sorgfältig auf und Rotterdam gab es temporäre Cafés und Bookstores,
die Zielgruppen abgestimmtes Angebot an Medien – all betrieben von syrischen ImmigrantInnen für Künstle-
das und mehr bieten die 95 Bibliotheken der Goethe-In- rInnen, Literaturinteressierte und alle anderen in der
stitute in aller Welt. Insgesamt stehen über 720.000 Me- Bibliothek. Johannesburg hat neben einer „Gamebox“
dien in den Regalen bereit, ergänzt durch ein breites An- auch einen „Hub“, in dem junge Start-ups an ihren Ent-
gebot (über 20.000 Titel) der Onleihe, das kostenfrei al- wicklungen arbeiten können, und Belgrad beherbergt
len Interessierten im Ausland zur Verfügung steht. in der Bibliothek eine kuratierte Kunstgalerie.

In den letzten Jahren hat sich viel bei den Biblio- Bibliotheken entwickeln weltweit innovative Konzepte,
theken der Goethe-Institute getan. Über ein Drittel um für ihre Zielgruppen attraktive „dritte Orte“ zu wer-
der Bibliotheken wurden neu konzipiert und neu den, die neben den beiden anderen Orten (Arbeit und Zu-
ausgestattet. Dabei ging es immer darum, ortsspezi- hause) als kommerzfreie und vielseitig gestaltete Stätten
fische Konzeptionen und Angebote für die Bedürf- der Begegnung und der individuellen Fortbildung dienen.
nisse der Zielgruppen der Informations- und Biblio- Im Folgenden werden die Bibliotheken der Goethe-Insti-
theksarbeit zu entwickeln. tute in Kairo und Warschau etwas näher vorgestellt.
34 5 F r a g en an. . . BiblioTheke 3/2019

© Sabry Khaled
5 Fragen an ... Die Bibliothek des Goethe-Instituts in Kairo anstaltungsreihen für Jugendliche und junge Erwach-
sene im Hinblick auf den Umgang mit digitalen Medi-
1. Welche Zielgruppen wollen Sie mit Ihren Angeboten be- en anbieten, um ein Bewusstsein für Chancen und
sonders ansprechen? Risiken der digitalen Welt zu schaffen. Andererseits
Die Angebote der Bibliothek des Goethe-Instituts in wird dieser Raum auch Dritten zur Nutzung überlas-
Kairo richten sich in erster Linie an Studierende der Stu- sen, da viele Initiativen andernorts keine Räumlich-
dienrichtungen Germanistik, Übersetzung und benach- keiten mehr haben.
barter Studiengänge sowie natürlich die Gruppe der
DeutschlernerInnen, die bei uns am Institut, aber auch 2. Welche Projekte haben Sie entwickelt, um die internati-
anderswo die deutsche Sprache erlernt. Mit dem Umzug onale Vernetzung im Bibliotheks- und Informationsbereich
der Bibliothek an den neuen Standort im Stadtteil Dok- voranzutreiben?
ki war es möglich, einen Raum zu gestalten, der sich Über viele Jahre hat sich der Informationsbereich auf
von vielen anderen Bibliotheken im Land unterschei- die Fort- und Weiterbildung von Fachleuten aus der
det. Mit einer Sitzlandschaft in der Mitte des Raums, Verlags- und Übersetzerszene konzentriert, teilweise
dem Medienbestand, Arbeitstischen und weiteren be- auch junge NachwuchsautorInnen aus Ägypten in
quemen Sitzelementen drumherum lädt die Bibliothek Schreibwerkstätten gefördert. Erst 2016 hat sich der Bi-
zum Lernen, Verweilen und auch Begegnen ein. Viele bliotheksbereich stärker dem Bibliothekswesen des
junge Leute nehmen dieses Angebot sehr gern in An- Gastlandes zugewandt. Dazu wurde eine Besucherreise
spruch, da sie andernorts oder auch zu Hause oftmals von SchulbibliothekarInnen aus Ägypten, dem Liba-
nicht den Platz oder die Ruhe zum Arbeiten haben. non, den Palästinensischen Gebieten sowie Marokko
nach Deutschland organisiert, um sie einerseits unter-
Mit unseren Vorleseveranstaltungen sprechen wir Fa- einander zu vernetzen und andererseits Erfahrungen
milien mit Kindern zwischen vier und elf Jahren an, zu vermitteln, wie Schulbibliotheken und deren Ange-
bei denen entweder die Kinder Deutsch lernen, an ei- bote in die Curricula integriert werden können.
ner deutschen Schule sind oder eines der beiden El-
ternteile deutschsprachig ist. Obgleich diese Reise bei den Teilnehmenden für viele
Aha-Momente gesorgt hat, kam es im Anschluss da-
Im Sommer dieses Jahres wird die Bibliothek um eine ran dann doch nicht sofort zu Anschlussprojekten
zweite Fläche erweitert. Dieser als Experimentier- und oder -aktivitäten. Erst mit der Teilnahme eines Kairoer
Kreativraum konzipierte Ort wird mit zahlreichen Schulbibliothekars an der von der Hochschule der
weiteren, unterschiedlich dimensionierten Arbeits- Medien und dem Goethe-Institut organisierten Inter-
plätzen und modernster Technik ausgestattet. In die- national Summer School im Sommer letzten Jahres
sem Raum möchten wir einerseits verschiedene Ver- hat das Thema wieder Fahrt aufgenommen.
BiblioTheke 3/2019 5 Fragen an... 35

Unter dem Titel: „Schulbibliothek: Das Klassenzim-


mer von morgen“ wird in diesem Jahr ein mit Sonder-
mitteln des Auswärtigen Amtes gefördertes Projekt ge-
startet, das speziell für SchulbibliothekarInnen von
öffentlichen Schulen auf einer eLearning-Plattform

© Roger Anis
speziell auf die Bedürfnisse und Anforderungen dieser
Gruppe zugeschnittene Lernmodule zur Verfügung
stellt. Diese werden von ExpertInnen aus Deutsch-
land entwickelt, nachdem es ein mehrtägiges Work- cherInnen respektvoll und tolerant verhalten. Darüber
shop-Treffen in Kairo gab, um den Bedarf genau abzu- hinaus bieten wir mit Veranstaltungen zu ausgewähl-
stimmen. Das ist von besonderer Wichtigkeit, um ten Büchern auch die Möglichkeit, sich kritisch mit
auch beim ägyptischen Erziehungsministerium, das Themen aus dem Gastland auseinanderzusetzen, was
als Partner dabei ist, die entsprechend zertifizierte An- andernorts nicht oder nur noch bedingt möglich ist.
erkennung zu bekommen.
4. Wie gliedert sich die Bibliothek des Goethe-Instituts in
3. Mit welchem Ihrer Angebote haben Sie ein Alleinstel- die Bibliotheksszene Ihres Landes ein?
lungsmerkmal in Ihrem Land? Die Bibliothek des Instituts in Kairo nimmt aufgrund
Natürlich ist als erstes und am deutlichsten sichtbares Al- all der genannten Aspekte eine einzigartige Position
leinstellungsmerkmal das deutschsprachige Medienange- in der lokalen bzw. auch nationalen Bibliotheksszene
bot der Bibliothek zu nennen. Obgleich es zahlreiche ein und stellt an der einen oder anderen Stelle sicher-
Universitäten gibt, an denen man Germanistik studieren lich eine Art Modellbibliothek dar. Im Zuge der Annä-
kann, sind die Bestände an den Universitätsbibliotheken herung an die bibliothekarische Fachszene bleibt zu
häufig zu alt, in keinem ansprechenden Zustand oder prüfen, ob und inwieweit eine stärkere Anbindung an
können teilweise gar nicht ausgeliehen werden. Nicht zu- die nationale Bibliothekswelt sinnvoll und erstrebens-
letzt aus diesem Grund kommen zu uns zahlreiche Stu- wert ist. Gerade das Verständnis, die Bibliothek eines
dierende, nicht nur aus Kairo, sondern auch aus der Um- ausländischen Kulturinstituts zu sein, gibt uns Mög-
gebung, teilweise sogar bis aus Oberägypten. lichkeiten, die andere Institutionen nicht haben oder
die durch eine zu starke Eingliederung in die natio-
Auch die „Onleihe“ als unsere digitale Bibliothek ist nale Szene beschränkt werden könnten.
ein Angebot, welches man in dieser Form sonst in
Ägypten nicht finden kann. Natürlich ist uns bewusst, 5. Was war Ihr schönstes Erlebnis im Kontext Ihrer Arbeit
dass wir mit diesem Angebot nur eine spezielle Perso- in der Bibliothek?
nengruppe erreichen können, nämlich die, welche be- Im Laufe der Zeit hat man viele schöne Erlebnisse, da
reits über gute Deutschkenntnisse verfügt. Dafür er- fällt es schwer, ein schönstes zu benennen. Aber eines
möglicht uns dieser Service, auch Personen außerhalb aus der jüngeren Vergangenheit fällt mir dann doch
des Einzugsbereichs der Bibliothek zu erreichen, was ein, auch weil es eine besondere Anerkennung bedeu-
im Falle von Kairo mit seinen Millionen von Einwoh- tet. Ende Februar dieses Jahres war der Vizepräsident
nern und dem täglichen Verkehrsaufkommen natür- des Bundestages, Thomas Oppermann, zu Gast im
lich dann auch die Bürger aus den verschiedenen Goethe-Institut und hat auch die Bibliothek besichtigt.
Stadtteilen der Metropole selbst meint. Nach einer kleinen Führung und einem Gespräch über
unsere Arbeit sagte er, dass er ein richtig gutes Gefühl
Und nicht zuletzt wäre als Alleinstellungsmerkmal un- hat, dass hier das Geld der Bundesrepublik Deutsch-
serer Bibliothek der Leitgedanke zu nennen, ein Frei- land für den Kulturdialog genau richtig eingesetzt ist.
raum und geschützter Ort zu sein. Hier können Men-
schen zusammenkommen, egal welchen Geschlechts, Die Fragen beantworteten Abier Megahed (AM), Bibliotheksleiterin
welcher Hautfarbe, politischer oder religiöser Einstel- am Goethe-Institut Kairo, und Sven Mensing, Leiter der Informations-
lung etc., solange sie sich gegenüber den anderen Besu- arbeit der Goethe-Institute in der Region Nordafrika/Naher Osten.
36 5 Fr a g en an. . . BiblioTheke 3/2019

© Goethe Institut I Foto: Adam Burakowski


5 Fragen an ... Die Bibliothek des Goethe-Instituts in Die Bestände der Bibliothek an sich werden in erster
Warschau Linie von Deutschlernenden und Deutschlehrenden
benutzt, aber auch von kulturinteressierten Biblio-
1. Welche Zielgruppen wollen Sie mit Ihren Angeboten be- theksbesucherInnen, die sich für Deutschland, insbe-
sonders ansprechen? sondere für kulturelle Aspekte, interessieren. Die Be-
Die Angebote der Bibliotheks- und Informationsarbeit standsschwerpunkte liegen infolge dessen bei Deut-
des Goethe-Instituts Warschau hinsichtlich der Zielgrup- scher Gegenwartsliteratur und dem Medienangebot
pen beziehen sich zum einen auf die Projektarbeit, zum „Deutsch als Fremdsprache“.
anderen auf den Perso-
nenkreis, dem die origi- 2. Welche Projekte haben Sie entwi-
nären Angebote der Bi- ckelt, um die internationale Vernet-
bliothek in physischer zung im Bibliotheks- und Informati-
wie auch digitaler Form onsbereich voranzutreiben?
© Goethe Institut I Foto: Adam Burakowski

zu Verfügung gestellt Als ein Schwerpunkt der Projekt-


werden. Was die Pro- arbeit der Informations- und Bi-
jektarbeit mit pol- bliotheksarbeit kann der inhalt-
nischen und deutschen liche Fokus auf Kinder- und Ju-
Partnerinstitutionen gendmedien angesehen werden.
angeht, stehen Koope- Das Goethe-Institut Warschau
rationen mit Akteuren veranstaltet alle zwei Jahre einen
im Bildungs-, Informa- deutsch-polnischen Kinderbuch-
tions- und Wissensbe- salon, auf dem sich deutsche und
reich erkennbar im Vordergrund. Konkret bedeutet das, polnische Institutionen vernetzen und präsentieren
dass mit den Zielgruppen der VerlegerInnen und Über- können. Ein Format, das im internationalen Kontext
setzerInnen, mit Informationsfachleuten und Persön- die Möglichkeit bietet, sich innovativ mit dem The-
lichkeiten aus der Kreativwirtschaft Projekte realisiert ma „qualitätsvolle Kinder- und Jugendmedien“ aus-
werden, die zunehmend den digitalen Kontext berück- einanderzusetzen. Einen hohen Stellenwert nimmt
sichtigen. Gleichwohl orientiert sich die Projektarbeit in die Zielgruppe der LiteraturübersetzerInnen ein. Hier
Warschau auch auf Präsenzformate und Veranstal- ist das Goethe-Institut Warschau dahingehend aktiv,
tungen, die in mehr und mehr digital ausgerichteten All- dass Residenzprogramme in Deutschland und Polen
tagswelten als bedeutsam angesehen werden. sowie Workshops oder Fachveranstaltungen angebo-
© Goethe Institut I Foto: Adam Burakowski BiblioTheke 3/2019 5 Fragen an... 37

ten werden. Partner sind hochkarätige Einrichtungen 5. Was war Ihr schönstes
wie das Literarische Colloquium oder der Deutsche Erlebnis im Kontext Ihrer
Übersetzerfonds in Berlin bzw. die InitiatorInnen der Arbeit in der Bibliothek?
nationalen Übersetzertage in Danzig. Im Kontext der Arbeit
gehören zu den schöns-
3. Mit welchem Ihrer Angebote haben Sie ein Alleinstel- ten Erlebnissen (Plural!)
lungsmerkmal in Ihrem Land? die Begegnungen mit
Die genannten Initiativen wie auch das seit Jahren anderen Menschen im
aufgebaute Netzwerk mit deutschen und polnischen Gastland beziehungs-
Organisationen sind sicher ein Alleinstellungsmerk- weise aus Deutschland,
mal der projektbezogenen Informations- und Biblio- die kreativ, künstlerisch
theksarbeit. Die ästhetisch ansprechenden Räumlich- und intellektuell das
keiten der Bibliothek im Goethe-Institut Warschau kulturelle Angebot der
können außerdem als ein Alleinstellungsmerkmal be- Bibliothek des Goethe-
trachtet werden, denn hier kann man „Deutschland Instituts Warschau er-
erlesen und erleben“. weitert haben. Hier sind
zweifelsohne diskursive © Goethe Institut I Foto: Adam Burakowski
4. Wie gliedert sich die Bibliothek des Goethe-Instituts in oder andere facettenreiche Veranstaltungen in Erin-
die Bibliotheksszene Ihres Landes ein? nerung geblieben. Überdies sind Wiedersehen mit Au-
Die Bibliothek des Goethe-Instituts Warschau ist eine torInnen und KünstlerInnen sowie „Personen aus der
Öffentliche Bibliothek, die Informationen in phy- Zeigeschichte“, die man bereits an anderen Dienstor-
sischer und digitaler Form frei zugänglich für jede und ten als Gäste begrüßen durfte, positiv im Bewusstsein
jeden bereithält und sich als „kulturelles Schaufenster verankert.
nach Deutschland“ versteht. Sie ist eingebunden in
das Netzwerk der anderen auswärtigen Kulturinsti- Die Fragen beantwortete Markus Kedziora, Leitung Infor-
tute, die in Warschau präsent sind, und unterhält Ver- mation und Bibliothek im Goethe-Institut Warschau.
bindungen zum Polnischen Bibliotheksverband, zur
Polnischen Buchkammer als auch zur Polnischen Na-
tionalbibliothek. Abgesehen davon existieren Koope- Brigitte Döllgast ist Leiterin des Bereichs Bibliotheken
rationen mit lokalen öffentlichen Bibliotheken in in der Zentrale des Goethe-Instituts in München.
Warschau und in den Regionen Polens.
38 Gl a u b en s ze ugInne n BiblioTheke 3/2019

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Authentische Vorbilder
Das deutsche Blutzeugenverzeichnis des 20. Jahrhunderts

H elmut M o ll „Pädagogik der Heiligkeit“ (Papst Johannes Paul II.)

In seinem Apostolischen Schreiben Tertio millennio adve- Papst Johannes Paul II. hat die BlutzeugInnen einge-
niente aus dem Jahr 1994 rief Papst Johannes Paul II. die bunden in eine „Pädagogik der Heiligkeit“. Die Wege
Weltkirche dazu auf, die Martyrologien auf den jüngsten der Heiligkeit, so der Heilige Vater in seinem Aposto-
Stand zu bringen: „Am Ende des zweiten Jahrtausends ist lischen Schreiben Novo millennio ineunte aus dem
die Kirche erneut zur Märtyrerkirche geworden. Die Verfol- Jahr 2001, „erfordern eine wahre und eigene Pädagogik
gung von Gläubigen – Priestern, Ordensleuten und Laien der Heiligkeit, die sich den Rhythmen der einzelnen
– hat in verschiedenen Teilen der Welt eine reiche Saat von Personen anzupassen vermag. Diese Pädagogik wird
Märtyrern bewirkt. Das Zeugnis für Christus bis hin zum den Reichtum dessen, was allen vorgelegt wird, verbin-
Blutvergießen ist zum gemeinsamen Erbe“ geworden (Nr. den müssen mit den überkommenen Formen der Hilfe
37). durch Personen und Gruppen sowie mit den jüngeren
Formen, die sich in den Verbänden und den von der
Während des Konsistoriums der Kardinäle beriet der Kirche anerkannten Bewegungen finden“ (Nr. 31).
Heilige Vater, wie das Heilige Jahr 2000 vorbereitet
und durchgeführt werden sollte. Die Versammlung „Wiedererstarken der Kirche” (Papst Benedikt XVI.)
der Kardinäle empfahl, es müsse „von den Ortskir-
chen alles unternommen werden, um durch das Anle- Papst Benedikt XVI. betonte während seiner am 25. April
gen der notwendigen Dokumentation nicht die Erin- 2005 in der Patriarchalbasilika St. Paul vor den Mauern
nerung zu verlieren an diejenigen, die das Martyrium gehaltenen Homilie die Aktualität der Weisungen seines
erlitten haben“ (Nr. 37). Vorgängers, als er ausführte: „Das 20. Jahrhundert war,
BiblioTheke 3/2019 GlaubenszeugInnen 39

wie wir alle wissen, eine Zeit des Martyriums. Dies hat in zeugInnen aus der Zeit des
besonderer Weise Papst Johannes Paul II. hervorgeho- Nationalsozialismus, des
ben, der die Kirche aufforderte, ‚das Martyrologium zu Kommunismus, dem Rein-
aktualisieren’, und der zahlreiche Märtyrer der jüngeren heitsmartyrium sowie aus
Geschichte selig und heilig sprach. Wenn also das Blut den Missionsgebieten. Sie
der Märtyrer der Same neuer Christen ist, dann können bilden die eiserne Ration für
wir berechtigterweise zu Beginn des dritten Jahrtausends unsere Gegenwart. Mit dieser
ein neues Wiedererstarken der Kirche „Wolke von
erwarten, vor allem dort, wo sie um Z e u g e n “
des Glaubens und der Verkündigung (Hebr 12,1)
des Evangeliums willen besonders ge- können wir
litten hat“ (VAS 168, 45). mit geradem
Rücken und erhobenen Hauptes un-
Der deutsche Papst vertiefte diese seren Weg in die Zukunft gehen.
Gedanken in seinem Nachsynoda-
len Apostolischen Schreiben über Zwei Beispiele: Die jüdische Philoso-
die Eucharistie aus dem Jahre 2007 phin Dr. Edith Stein, die aus freien Stü-
mit folgenden Worten: „Das Zeug- cken katholisch wurde und 1942 in
nis bis zur Selbsthingabe, bis zum den Gaskammern des KZ Auschwitz
Martyrium, ist in der Geschichte der starb, gilt heute als Vorbild gebildeter
Kirche immer als Höhepunkt des Dr. Edith Stein Frauen. Seit 1998 ist sie Patronin Euro-
neuen geistigen Gottesdienstes an- pas. Der siebenfache Familienvater
gesehen worden: ‚Bringt euch selbst und Journalist Nikolaus Groß über-
als Opfer dar’ (vgl. Röm 12,1). Man wand die natürliche Todesfurcht, als er
denke zum Beispiel an den Bericht 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet
über das Martyrium des hl. Polykarp wurde. Im Jahre 2001 wurde er selig
von Smyrna, eines Schülers des hl. gesprochen.
Johannes: Das ganze dramatische
Ereignis ist wie eine Liturgie, ja wie Diese und alle weiteren Glaubenszeug-
ein Eucharistie-Werden des Märty- Innen bewahren unsere gegenwärtige
rers selbst beschrieben“ (Nr. 85). Generation davor, eine Diktatur über
die Glaubensvergangenheit auszuüben.
GlaubenszeugInnen als Vorbilder Die Verehrung dieser großen Vorbilder
unseres Glaubens unseres Glaubens sichert zugleich die
Nikolaus Groß geistliche Priorität der Kirche.
Das im Auftrag der Deutschen Bi-
schofskonferenz von mir herausgegebene zweibän- Prälat Prof. Dr. Helmut Moll ist Delegat der Deut-
dige Hauptwerk „Zeugen für Christus. Das deutsche schen Bischofskonferenz für das Martyrologium des
Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ (7., überarbeite- 20. Jahrhunderts und Beauftragter des Erzbistums
te und aktualisierte Auflage Paderborn 2019) enthält Köln für Selig- und Heiligsprechungsverfahren.
die Lebensgeschichten von mehr als 900 Glaubens-

Ein interessanter Artikelhinweis: Dr. Maik Schmer- Siehe: https://www.hsozkult.de/journal/id/zeitschrif-


bauch, Der Borromäusverein im Bistum Hildesheim zur tenausgaben-11625
Zeit des Nationalsozialismus 1933-1945 in der zeit- Eine interessante Abhandlung zur Geschichte des bv.
schrift „Auskunft". und der Pfarrbibliotheken.
40 BiblioTheke 3/2019

Das Interessanteste in vielen


Zeitschriften steckt meist eher in

Praxisberichte
den alltäglichen, lebens- und
berufspraktischen Beiträgen als in
den bedeutsamen Grundsatzartikeln.
So ist es wohl auch in dieser
Zeitschrift BiblioTheke.
Schreiben Sie uns Ihre Berichte:
schroeer@borromaeusverein.de

Begeisterung steckt an
Zuhören, basteln, spielen: 15 Jahre Lesespaß-Aktionen

Beat e M en g e

Als ich vor über 15 Jahren meine eh-


renamtliche Arbeit in der KÖB in Be-
verungen aufnahm, gab es bereits
das Format „Lesespaß-Aktionen“. An
jedem letzten Samstag eines Monats
finden diese statt – zu einem Bilder-
buch für Kinder ab vier Jahren bis zur
ersten und zweiten Klasse. Nach
dem gemeinsamen Betrachten wird
der Inhalt kreativ „aufgearbeitet“,
und das über die, oft vor allem bei
Jungen recht unbeliebten, Ausmal-
vorlagen hinaus. Das vordringlichste
Ziel ist es, auf diesem Weg Spaß zu
entfachen am Buch, das heute nur sen Bereich der frühen Leseförde-
noch ein Medium unter vielen dar- rung einzusteigen, der heute mehr Immer auf der Suche nach pas-
stellt, mit denen Kinder aufwachsen. denn je eines der Hauptanliegen der senden Bilderbüchern, lasse ich –
Wir möchten in den Kindern die KÖBs ist. Doch es gestaltete sich gar egal, wo ich bin – keine Buchhand-
Vorfreude auf ein nächstes Buch we- nicht so einfach, passende Bilderbü- lung aus. Dort nutze ich die Gele-
cken und sie im Idealfall für das Le- cher zu finden und dazu auch noch genheit, die Titel genauer unter die
sen begeistern. kreative Arbeiten zu konzipieren. So Lupe zu nehmen, welche ich bereits
entstand die Idee, besonders gelun- online (unter https://www.borro-
Dank meiner eigenen Kinder bin ich gene Lesespaß-Aktionen online allen maeusverein.de/medienprofile/kin-
zum glühenden Fan von Bilderbü- MultiplikatorInnen zugänglich zu derbuecher/bilderbuecher/) „ge-
chern geworden, die es in meiner machen. Das war vor zehn Jahren, sichtet“ habe. Am liebsten sind mir
Kinderzeit kaum gab. Deshalb war und nahezu alle Titel sind immer Bilderbücher mit skurrilen Charakte-
ich sofort Feuer und Flamme, in die- noch auf dem Markt zu haben. ren und Situationen, die ich mit
BiblioTheke 3/2019 Lesespaß- Aktionen 41

größtem Vergnügen selber lesen Eine irreale


und vorlesen kann. Denn die Quali- Geschichte,
tät der Vorlesesituation trägt mit die in der
dazu bei, Neugierde und Interesse Wirklichkeit
an Büchern zu wecken. ihren Sitz
hat, aber
Bilderbücher mit Geschichten, die den kind-
typische Alltagssituationen eines lichen Be-
Kindes widerspiegeln und so einen trachter für
wichtigen Beitrag zur Identifikation einen Mo-
leisten, überwiegen in vielen Kitas. ment –
Kinder brauchen aber auch Bücher, oder län-
die sie von Anfang an „packen“ und ger – glauben
ihnen einfach Spaß machen. Das er- lässt, dass es doch so passiert sein immer wieder unseren kleinen Bü-
reichen oft Titel, in denen eine dem könnte. Dazu trägt sicher auch die chereigästen, denen wir es häufig
Kind unbekannte Welt gezeigt wird, mit nicht zu vielen Details überfrach- anlässlich eines Lesefestes zum Ab-
die phantastische und kuriose mit tete, relativ einfache Bebilderung schluss der Bibfit-Aktionen als Lese-
realistischen Elementen kombiniert. bei, die jeweils eine ganze Seite ein- spaß-Aktion präsentieren. Es erregt
Auch aus solchen Geschichten lernt nimmt. nicht nur Aufsehen ob seines außer-
ein Kind fürs Leben: Seine Vorstel- gewöhnlichen Formats, sondern
lungskraft wird geweckt, es wird Überhaupt stellt die Art der Illustrati- auch durch die Konzentration auf
zum Nachdenken angeregt – viel- on – nicht zu „wuselig“ und experi- wenige Farben, die, ebenso wie die
leicht auch ein erster Schritt in Rich- mentell – ein wesentliches Kriterium Geschichte selbst, zunächst für Irri-
tung einer Kultur der Toleranz und bei der Auswahl dar. Nur so kann es tationen sorgen. Dazu kommt als
Offenheit. gelingen, die Konzentration und weiteres Auswahlkriterium ein über-
kindliche Freude am Entdecken bzw. raschender Schluss, der zum ge-
Manchmal reichen mir schon das Miterzählen auch in großer Runde meinsamen Fortsetzen der Ge-
Cover und der Titel, um sicher zu beim gemeinsamen Betrachten eines schichte einlädt.
sein, dass ich ein vielversprechendes Bilderbuches zu erhalten. Dieses Ar-
Buch in Händen halte. So ging es gument lässt mich auch eher zu Oft packt mich die Begeisterung für
mir z. B. bei dem Titel Der Wal im „normal großen“ (ca. 24 x 24 cm) ein neues Bilderbuch, aber ich habe
Wasserturm (Moritz, 4. Aufl. 2016): und Büchern auf Anhieb so gar keine Ideen für
im XL-Format mögliche Aktionen. Ganz anders
greifen, von erging es mir zuletzt bei Der Tag, an
denen es leider dem wir Mama rollten (Gerstenberg
viel zu wenige 2017): eine realistische und gleich-
gibt. zeitig humorvolle Geschichte, noch
dazu großflächig und witzig illus-
Eins davon, triert. In diesem Zusammenhang er-
365 Pinguine innere ich mich gern an den kleinen
(jetzt neu auf- Karl, der alles um sich herum und
gelegt vom sich selbst vergaß. So bemerkte er
A l a d i n - Ve r - gar nicht, dass seine Brille, die er erst
lag), hatte es just vor der Lesespaß-Aktion vom
mir sofort an- Optiker abgeholt hatte, überall auf
getan. So er- seinem Kopf saß, nur nicht da, wo
geht es auch sie hingehörte.
42 L es es p a ß - A ktio n e n BiblioTheke 3/2019

Um ein Gespür dafür zu bekommen, Zeitungspapier,


wie es sein muss, sich nur noch rol- der im Mittel-
lend fortbewegen zu können, kam punkt der Spiel-
der Gedanke, Kreisel zu basteln. Die- runde zu dem
se kreative Umsetzung vereint meh- alten Kinderlied
rere Aspekte, von denen ich mich „Mein Hut, der
bei meiner Ideenfindung leiten lasse: hat drei Ecken,
Es entsteht ein „Spielmittel“, das die drei Ecken hat
Kinder gern – und stolz, da von ih- mein Hut“
nen selbst produziert – mit nach steht. Auch
Hause tragen. Dort wird es vorge- hier werden
führt, gespielt, und es wird dafür zeitgleich Ko-
sorgen, dass das Buch länger leben- ordinations-
dig in Erinnerung bleibt, und Lust und Konzen-
auf die nächste Geschichte wecken. trationsvermögen trainiert. den letzten 15 Jahren einiges verän-
Außerdem handelt es sich um ein dert (s. a. Bericht „10 Jahre Lese-
nicht mehr so gebräuchliches Spiel, Eigentlich lautet mein Credo für die spaß-Aktionen. Jubiläen verleihen
das noch dazu ganz nebenbei die Bastelaktionen: Sie sollten unkompli- Flügel“ in BiblioTheke 3/2013). Aber
Augen-Hand-Koordination sowie ziert in der Vorbereitung und Durch- das Format „Lesespaß-Aktionen“ ist
Konzentration und Ausdauer schult. führung (z. B. kein Heißkleber) sein, nach wie vor ein wesentlicher Be-
Und – last but not least – soll die Er- also ohne viel Hilfestellung seitens standteil unserer Leseförderung:
fahrung gemacht werden, dass Din- der Erzieher fabriziert werden kön- Nicht nur am festen Termin einmal
ge, die man zu Hause achtlos ent- nen, so dass die Kinder nicht den im Monat, sondern auch im Rahmen
sorgt, zu etwas Neuem aufgewertet Spaß daran verlieren und stolz auf des Lesefestes zum Abschluss der
werden können (Stichwort „Upcy- ihr Erzeugnis sein können. Manch- bibfit-Aktionen, als Beitrag zum Pa-
cling“), was darüber hinaus auch mal geht aber auch die Freude am tronatsfest und zum Ferienpro-
den Geldbeutel schont. Basteln mit mir durch, so dass ich gramm örtlicher Vereine oder auch
von einer anfänglichen Idee nicht mal als „Lesespaß-Aktion unter-
Gänzlich kostenfrei und am we- mehr loskomme: Der zu Anton und wegs“ zu Gast in einem Kindergar-
nigsten aufwändig gestaltete sich Stups (Thienemann 2017) zu ba- ten in der Vorweihnachtszeit. (htt-
eines meiner „jüngsten“ Konzepte stelnde Hund bedarf schon im Vorhi- ps://www.buecherei-beverungen.
zu Der fliegende Hut (Aladin 2017): nein sowie bis zur endgültigen Fer- de/beverungen/veranstaltungen)
Gebastelt wird ein Malerhut, ganz tigstellung der Mithilfe von Betreue-
klassisch aus rInnen. Aber es lohnt Mehr Informationen: https://www.
sich! Ich höre immer buecherei-beverungen.de/bever-
wieder von Erziehe- ungen
rInnen, Eltern oder
manchmal auch
von den Kindern
selbst, dass sie zu
Hause noch damit
gespielt haben.

In unserer Büche-
rei, die inzwischen
„Die Bücherei“
heißt, hat sich in
BiblioTheke 3/2019 Literatur- Praxis 43

Maxim Biller, Sechs Koffer


Susa n n e E m sch e r mann Kapiteln auf. Er wird nie direkt
mit seinem Namen angespro-
medienprofile-Rezension von Helmer Passon chen, sondern erhält von sei-
Der bekannte und außerordentlich produktive nen Familienmitgliedern Spitz-
deutsche Autor erzählt in diesem schmalen, weit- oder Kosenamen. Jedes einzel-
gehend autobiografischen Roman von seiner jü- ne Kapitel lässt sich dennoch
disch-russischen Familie, die am Ende nach der einer Person zuordnen. Versu-
Flucht aus der Sowjetunion – darauf spielt wohl chen Sie, sich chronologisch
der Titel an – nun in der ganzen Welt verstreut durch das Buch zu arbeiten.
lebt. Vor allem geht es aber um ein bisher nicht
gelüftetes Familiengeheimnis, nämlich um die Kapitel 1 – Sjoma
Frage, welcher seiner vier Söhne den eigenen Vater, den Das Buch beginnt im Mai 1965, als der Vater der Haupt-
sie alle jiddisch „Taten“ nannten, denunziert und damit figur in Prag am Schreibtisch sitzt. An diesem Tag wird
seine Hinrichtung verschuldet hatte. War es Dima, der sein Bruder Dima aus dem Gefängnis entlassen. Er hat
selbst fünf Jahre im Gefängnis war, aber schon vorzeitig fünf Jahre wegen Republikflucht und Devisenbesitz ein-
entlassen wurde, weil er eine Verpflichtungserklärung gesessen. Wie schildert Sjoma das Verhältnis zu seiner
unterschrieben hatte? Oder war es Natalia Gelernter, die Schwägerin Natalia? Wen hält er für schuldig am Tod
Frau Dimas, die mondäne Filmemacherin, das „Flitt- seines Vaters?
chen“, wie die Mutter des Erzählers, von Eifersucht ge-
plagt, sie nannte? Oder Lev, das schwarze Schaf in der Kapitel 2 – Rada
Familie, der mit niemand redete, oder gar der Vater des Wir befinden uns einen Tag vor Kapitel eins. Die Mutter
Erzählers? Diese Fragen verfolgen den Erzähler schon des Erzählers hat ein schlechtes Gewissen. Sie hat ihren
von Kindheit an und lassen ihn ein Leben lang nicht los. Chef Mirek Scheinpflug geküsst, der ihr seit einiger Zeit
Auch dem Leser bleibt es überlassen, seine Schlüsse aus Avancen macht. Sie sehnt sich nach Zweisamkeit, die in
all diesen Mutmaßungen zu ziehen. Der besondere Reiz ihrer beengten Wohnung kaum möglich ist. Ihr Verhält-
dieses Romans liegt allerdings neben der sprachlichen nis zu Natalia ist sehr angespannt. Warum hasst sie ihre
Virtuosität und der kompositorischen Raffinesse darin, Schwägerin? Wen macht Rada für die Hinrichtung ihres
dass diese Kriminalhandlung eingebettet ist in ein schil- Schwiegervaters verantwortlich?
lerndes Psychogramm dieser interessanten, intriganten,
aber trotzdem liebenswerten Familie. Sehr anregend Kapitel 3 – Dima
auch, wie souverän der Autor mit verschiedenen Erzähl- Dieses Kapitel ist mit Abstand das längste des Romans. Es
perspektiven spielt. Empfehlenswert. spielt zehn Jahre später, im Sommer 1975. Der Erzähler
ist 15 Jahre alt und fährt zu seinem Onkel Dima, der in
Bevor Sie über den Roman sprechen, überlegen Sie viel- die Schweiz emigriert ist. Der Junge lebt mit seiner
leicht einmal gemeinsam, welche Personen eine Rolle Schwester und seinen Eltern inzwischen in Hamburg.
spielen, und notieren sich diese. Da sind zuerst der Groß- Mitten in der Pubertät ist er hauptsächlich an Sex und an
vater Schmil und seine vier Söhne Wladimir, Lev, Dima seiner Cousine Ettie interessiert. Im Schreibtisch seines
und Sjoma. Dima ist mit Natalia verheiratet und hat eine Onkels entdeckt er dessen Akte des tschechischen Staats-
Tochter, Ettie. Sjoma und seine Frau Rada haben zwei sicherheitsdienstes. Was erfährt der jugendliche Erzähler
Kinder, Jelena und den Ich-Erzähler. Diese zehn Personen aus Dimas Akte? Wie beschreibt er Dimas und Natalias
sind die Hauptakteure. Ehe? Zusammen mit seinem Onkel schaut er sich den
Film „Hanka Zweigová“ an, den seine Tante noch in der
Wer hat denn diese Geschichte nun erzählt? Und was hat ÇSSR gedreht hat. Der Film erzählt die Geschichte einer
es mit den sechs Koffern auf sich? Keine einfachen Fra- jungen Holocaust-Überlebenden. Was sagt dieser Film
gen! Die Stimme des Ich-Erzählers taucht in allen sechs über die politische Situation während seiner Entstehung
44 L i te r a tu r - Pra x is BiblioTheke 3/2019

aus? Wieviel Natalia steckt in diesem Film? Wie ändert während der Lektüre des Romans? Wer hat wen verraten?
sich das Verhältnis des Erzählers zu seinem Onkel wäh- Antisemitismus
rend seines Aufenthaltes in Zürich? Kommen sich die bei- Auf Seite 128 berichtet der Erzähler von seinem ersten
den näher? antisemitischen Erlebnis in einem Lokal in München. An
welchen Stellen im Buch werden noch antisemitische
Kapitel 4 – Natalia Haltungen deutlich?
Die Handlung setzt Jahrzehnte später nach dem Tod von
Sjoma und Natalia ein. Der Autor stellt die bereits verstor- Dingsymbole
bene Natalia in den Mittelpunkt, indem er einen langen Welche Dinge tauchen in mehreren Kapiteln auf? Was hat
Brief zitiert, den seine Tante vor Jahren an seinen Vater es mit dem Prager Familiensofa auf sich? Wo stehen klei-
geschrieben hat. Wie stellt sie ihr Verhältnis zu Sjoma dar? ne rote Nachttischlampen? Gehen Sie auf Spurensuche!
Was erzählt sie über ihre Arbeit in einem sozialistischen
Regime? Wie verändert ihr Brief unsere Sichtweise? Fazit
Welche Person im Roman ist Ihnen besonders nahege-
Kapitel 5 – Lev kommen? Welche Version der Geschichte ist glaubwür-
Der Erzähler führt uns wieder zurück ins Jahr 1986 – zum dig? Wen halten Sie für schuldig am Tod des Familieno-
14. November, dem Tag, als Dima beerdigt wird. Lev berhauptes?
und sein Bruder Sjoma haben sich 20 Jahre lang nicht
gesehen. Lev erinnert sich an den 2. Weltkrieg und an die Abschlussrunde
Schauprozesse in den 50er-Jahren. Er war als Wirtschaft- Wie sieht es in unseren Familien aus? Gibt es offene Ge-
sattaché in Ostberlin und ist nicht nach Prag zurückge- heimnisse, über die nicht gesprochen wird? Manche/n
kehrt, da auch ihm Verhaftung und Hinrichtung drohten. LeserIn mag der Roman angeregt haben, über die eige-
Warum hat er mit seiner Familie gebrochen, und wo ne Familie nachzudenken.
fühlt er sich schuldig? Warum bleibt der Ich-Erzähler hier
auf Distanz? Weiterführende Lektüre
Maxim Biller ist nicht der Einzige aus seiner Familie, der
Kapitel 6 – Jelena Schriftsteller geworden ist. Auch seine Mutter Rada und
20 Jahre später veröffentlicht die Schwester des Erzählers seine Schwester Elena schreiben. Vielleicht möchten Sie
einen Roman über den Tod ihres Großvaters. Woran erin- mehr über diese Familie erfahren? Es wäre interessant,
nert sie sich? Was erzählt sie der NDR-Redakteurin am zum Vergleich die Bücher „Melonenschale: Lebensge-
Schluss der Geschichte? schichten der Lea T.“ von Rada Biller und „In welcher
Sprache träume ich? Die Geschichte meiner Familie“ von
Der Roman von Maxim Biller spielt vor dem Hintergrund
der „Katastrophen des 20. Jahrhunderts“: Der 2. Welt-
krieg, der Holocaust, der kalte Krieg, der Einmarsch der
Russen in die ÇSSR sind nur einige der historischen Ereig-
nisse, die erwähnt werden. Informieren Sie sich vor oder
während der Lektüre ein wenig über die Geschichte der
Tschechoslowakei. Neben Wikipedia bietet die Bundes-
zentrale für politische Bildung umfangreiches Informati-
onsmaterial. http://www.bpb.de/suche/?suchwort=tsch
echoslowakei&suchen=Suchen

Wahrheit und Lüge


Achten Sie auf die unterschiedlichen Darstellungen der Er-
eignisse. Wo unterscheiden sich die Erinnerungen der Pro-
tagonistInnen? Wie verändert sich unsere Sicht der Dinge
BiblioTheke 3/2019 Erlebnisbericht 45

Mädelstreffen der KiBüAss 2015/2016.


Ein Ausflug nach Wuppertal

Elisab e th Wa llb a u m telunterkunft für alle in der Nähe des uns – beginnend an der Stadtkirche
Bahnhofes gefunden hatte, begann St. Laurentius – die verschiedenen
Im Jahr 2015/2016 nahmen 25 Teil- die intensive Planung. Baustile und führte uns weiter in das Vier-
nehmerinnen an der Weiterbildung tel, wo früher die Fabrikanten wohnten.
zur „Kirchlichen Bücherei-Assisten- Am Freitagnachmittag erreichten alle
tin“ teil. Nach dem Abschluss dieses das Ziel Wuppertal. Bei der Begrü- Dieses villenreiche Viertel unterschei-
Kurses fanden noch zwei Aufbaumo- ßung freuten wir uns über das Wie- det sich maßgeblich vom Ölberg.
dule statt, die auch von einem Teil dersehen. Ein gemeinsames Abend- „Ölberg“ wird das nicht weit ent-
der KiBü-Asse besucht wurden. Als essen in einem griechischen Restau- fernte Viertel genannt, in dem die Ar-
diese Module beendet waren, kam rant mit vielen Gesprächen beschloss beiter wohnten. Sie hatten bis 1920
die Idee auf, ein Treffen aller interes- den ersten Abend. Am Samstagmor- keinen Strom, weshalb abends
sierten ehemaligen Teilnehmerinnen gen trafen wir uns zum gemeinsamen Öllampen aufgestellt mussten. Die
zu organisieren. Frühstück. Da die Stadt Wuppertal Führung endete mit einer Tasse Kaf-
aus Berg und Tal besteht, entschlos- fee am Laurentiusplatz. Der nächste
Im Laufe des letzten Jahres drangen sen wir uns, mit dem Bus zur Unibi- Programmpunkt führte uns wieder in
immer wieder Informationen an mein bliothek zu fahren, wo wir eine sehr die Südstadt. Hier konnten wir alle
Ohr: „Wir müssen uns treffen.“ Nach- interessante Führung durch die wis- die KÖB St. Suitbertus besichtigen, in
dem weiter nichts Konkretes geschah, senschaftliche Bibliothek bekamen. der ich arbeite. Beeindruckt, wie gut
kam mir die Idee, ein Treffen in Wup- man einen kleinen Raum mit Medien
pertal zu organisieren. Damals wusste Der Weg führte uns weiter auf die füllen kann, zogen wir zurück zum
ich noch nicht, dass die Schwebe- Südhöhen Wuppertals. Wegen des Hotel, um eine kurze Pause einzule-
bahn monatelang nicht fahren sollte. bestehenden Nebels konnten wir lei- gen. Für den Abend hatte ich Thea-
der nicht die gute Sicht über Wup- terkarten besorgt, und wir sahen uns
Ich schrieb alle ehemaligen Kursteil- pertal genießen. Durch ein Waldge- das Stück „Muttersohn“ an. Müde
nehmerinnen an und lud sie nach biet erreichten wir das Restaurant und zufrieden kehrten wir anschlie-
Wuppertal ein. Schnell überlegte ich „Königshöhe“. Hier konnten wir in ßend ins Hotel zurück.
mir verschiedene Programmpunkte, gemütlicher Atmosphäre unser Mit-
die gut aufeinander abgestimmt sein tagessen einnehmen. Anschließend Beim gemeinsamen Frühstück am
sollten. Ungefähr die Hälfte der Teil- fuhren wir wieder mit dem Bus ins Sonntagmorgen wurde das nächste
nehmerinnen sagte spontan ihre Tal der Wupper, wo uns ein gebür- Treffen im kommenden Jahr verein-
Teilnahme für das ausgesuchte Wo- tiger Wuppertaler sehr unterhaltsam bart. Alle waren glücklich über das
chenende zu. Nachdem ich eine Ho- durch den Stadtteil führte. Er zeigte gelungene Wochenende.
46 BiblioTheke 3/2019

Wir für Sie – Borromäusverein

Der Borromäusverein e.V. ist eine Medieneinrichtung der Katho-


lischen Kirche. Als Dachverband für die katholische Büchereiarbeit Ihre Ansprechpartner
arbeitet er eng mit den diözesanen Büchereifachstellen der 15 Mit- und Kontaktdaten
gliedsdiözesen zusammen. Sein Lektorat gibt einen kompetenten
Überblick über die Neuer­ scheinungen des Marktes und spricht Medien­ - Borromäusverein e.V.:
em­pfehlungen insbesonde­re für Büchereien aus.
Lektorat 0228 7258-401
Er setzt sich für die Leseförderung ein und entwickelt entsprechende Ange- Bildung 0228 7258-405
bote. Weitere Dienstleistungen sind die Bildungsangebote zur Förderung der Redaktion 0228 7258-409
bibliothekarischen, literarischen und spirituellen Kompetenz. Er unterstützt Leitung 0228 7258-409
die Ehrenamtlichen mit Materialien für die Arbeit in der Bücherei und infor- LeseHeld 0228 7258-410
miert online und in der BiblioTheke über büchereirelevante Themen. Lesen libell-e.de 0228 7258-411
Sie mehr in den jeweiligen Rubriken unter  www.borromaeusverein.de
Fax 0228 7258-412
Besuchen Sie den Borromäusverein auf Facebook, lesen Sie, was andere im E-Mail info@borromaeusverein.de
Netzwerk Bücherei so machen oder posten Sie selbst etwas. Und erhalten Sie Internet www.borromaeusverein.de
Hinweise auf Anmeldeschluss, letzte Plätze in Kursen u.  Ä. www.facebook.com/ www.medienprofile.de
borromaeusverein.

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Herausgeber und Verlag: Redaktion: Der Ausschuss Profil und Kommunikation


Borromäusverein e.V., Guido Schröer V.i.S.d.P., steht als beratendes Organ zur Verfügung.
Wittelsbacherring 9, 53115 Bonn 0228 7258-409, Ein Teil der Bilder sind von fotolia und von
ISSN 1864-1725; 32. Jahrgang 2019 info@borromaeusverein.de www.pixabay.com.
Preise: Einzelbezug 6 E, Jahresabo. Copyright und Nachdruck: Namentlich gekennzeichnete Artikel geben
inkl. Porto 20 E, für Katholische öffent- © Borromäusverein e.V. Bonn nicht unbedingt die Meinung des Heraus­
liche Büchereien gelten besondere Nachdruck nur mit Genehmigung. gebers wieder.
Konditionen. Redaktionsschluss: Einem Teil der Ausgabe liegen Infos der
Layout: Sibylle Preißler, 1. Februar, 1. Mai, 1. August, 1. November diözesanen Büchereifachstellen bei.
Bernward Medien GmbH, Hildesheim Erscheinungsdatum: www.borro-
Druck: Fischer Druck GmbH, Peine 1. Woche im Januar, April, Juli, Oktober maeusverein.de
 Publikationen
BiblioTheke 3/2019 Diözesane Büchereifachstellen 47

Aachen Hildesheim Osnabrück


Fachstelle für Büchereiarbeit im Fachstelle für kirchliche Fachstelle für Katholische
Katechetischen Institut Büchereiarbeit im Bistum Hildesheim öffentliche Büchereien
Eupener Str. 132, 52066 Aachen Domhof 24, 31134 Hildesheim in der Diözese Osnabrück
Tel. 0241 60004-20, -21, -24 , -25 Tel. 05121 307-880, -883 Domhof 12, 49716 Meppen
fachstelle@bistum-aachen.de Fax 05121 307-881 Tel. 05931 912147
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www.bistum-hildesheim.de koeb@bistum-os.de
Berlin www.bistum.net/koeb
Fachstelle für Katholische öffentliche Köln
Bü­chereien im Erzbistum Berlin Generalvikariat Paderborn
Niederwallstr. 8–9, 10117 Berlin Fachstelle Katholische öffentliche Büche­reien IRUM – Institut für Religionspädagogik
Tel. 030 32684540 Marzellenstraße 32, 50668 Köln und Medienarbeit im Erzbistum Paderborn
Fax 030 326847540 Tel. 0221 1642-1840 – Büchereifachstelle –
kath.bildungswerk@erzbistumberlin.de Fax 0221 1642-1839 Am Stadelhof 10, 33098 Paderborn
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Essen buechereifachstelle@erzbistum-paderborn.de
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www.nimm-und-lies.de Fax 06131 253-408 Große Pfaffengasse 13, 67346 Speyer
buechereiarbeit@bistum-mainz.de Tel. 06232 102184
Fulda www.bistum-mainz.de/buechereiarbeit Fax 06232 102188
Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars, buechereifachstelle@bistum-speyer.de
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Fulda Bischöfliches Generalvikariat,
Domdechanei 4, 36037 Fulda Hauptabteilung Seelsorge, Referat Büchereien Trier
Tel. 0661 87-564 Rosenstr. 16, 48143 Münster Bischöfliches Generalvikariat, Strategiebereich 3:
Fax 0661 87-500 Tel. 0251 495-6062 Kommunikation und Medien, Arbeitsbereich
buechereifachstelle@thf-fulda.de Fax 0251 495-6081 Medienkompetenz/Büchereiarbeit
www.bib.thf-fulda.de buechereien@bistum-muenster.de Mustorstr. 2, 54290 Trier
www.bistum-muenster.de Tel. 0651 7105-259
Fax 0651 7105-520
buechereiarbeit@bgv-trier.de
www.bistum-trier.de
Gästebuch
„Stärker noch als das Blei in der Flinte hat das Blei im Setzkasten die Welt verändert.“

Johannes Gutenberg

Rundlauf