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Von den Autoren autorisierte Übersetzung von Siegfried Schmitz (Band I),

Modeste zur N edden Pferdekamp (Band II) und Christian Spiel (Band III)

Der Übersetzung liegt folgende Ausgabe zugrunde:


A. Malamat, H. Tadmor, M. Stern, H. H. Ben-Sasson, S. Ettinger:
‫ ״‬A H istory of the Jewish People‘4. Edited by H. H. Ben-Sasson.
London: Weidenfeld and Nicolson / Cambridge: Harvard University Press 1976
© Dvir Publishing House, Tel Aviv 1969

Die erste deutsche Ausgabe dieses Buches erschien in den Jahren 1978
(Band I, Neuauflage 1981), 1979 (Band II) und 1980 (Band III)
im Verlag C. H. Beck.
2. Auflage des Gesamtwerks (Beck’s Historische Bibliothek). 1992
3. Auflage des Gesamtwerks (Becks Historische Bibliothek). 1995
4. Auflage des Gesamtwerks (Sonderausgabe). 1995

Mit 28 Karten im Text

5., um ein N achw ort erweiterte Auflage des Gesamtwerks (Sonderausgabe). 2007

Für die deutsche Ausgabe:


© Verlag C. H. Beck o H G , München 1978 (I), 1979 (II), 1980 (III), 2007
Umschlagentwurf: Konstanze Berner, München
Umschlagbild: Darstellung Aarons, der O l in die Lampen
des siebenarmigen Leuchters gießt; aus einer um 1280 in Ostfrankreich
entstandenen Sammlung von Traktaten, British Museum, London
Satz: Fotosatz Amann, Aichstetten
Druck und Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm
Printed in Germany
ISB N 978 3 406 55918 I

www.beck.de
Inhaltsverzeichnis

Erstes Buch
Von den Anfängen bis zum 7. Jahrhundert
Von Abraham M alamat, H ayim Tadmor, M enahem Stern, Shmuel Safrai

Erster Teil
U rsprünge und Frühgeschichte
Von Abraham Malamat

1. E in f ü h r u n g ............................................................................................. 3
2. Kanaan vor und während der israelitischen L a n d n a h m e ................ 12
3. Die Anfänge Israels................................................................................ 35
4. Der Einbruch in Kanaan und die S eß haftw erd ung .......................... 59
5. Die R ic h te rz e it....................................................................................... 85
6. Der Kampf gegen die P hilister............................................................. 102

Zweiter Teil
Die Zeit des Ersten Tempels, die babylonische G efangenschaft
und die R estauration
Von Hayim Tadmor

7. Das vereinte K ö n ig re ic h ....................................................................... 115


8. Die Zeit der zwei R e ic h e ....................................................................... 138
9. D er Niedergang, der Wiederaufstieg und die Zerstörung des
Königreiches I s r a e l ................................................................................ 155
10. Das Reich Juda vom Untergang Samarias bis zum Untergang
Jerusalem s................................................................................................ 174
11. Die babylonische Gefangenschaft und die R e s ta u ra tio n ................ 199
VI Inhaltsverzeichnis

Dritter Teil
D ie Zeit des Zw eiten Tempels
Von M enahem Stern

12. Palästina unter der Herrschaft der hellenistischenKönigreiche . . 231


13. Das Gesellschafts‫ ־‬und Regierungssystem Judäas unter den Ptole­
mäern und S e le u k id e n 238
14. Die Dekrete gegen die jüdische Religion und die Gründung des
hasmonäischen S ta a te s ........................................................................... 249
15. Der H a sm o n ä e rsta a t.............................................................................. 269
16. Die politische und soziale Geschichte Judäas unter der Römer­
herrschaft ................................................................................................ 295
17. Die jüdische Diaspora in der Zeit des Zweiten T e m p e ls ................ 341
18. Religion und L ite r a tu r .......................................................................... 347
19. Der Große A u f s ta n d ............................................................................. 364

Vierter Teil
Das Zeitalter der M ischna und des Talmuds (70-640)
Von Sbmuel Safrai

20. Die besonderen Merkmale des Z e ita lte r s .......................................... 377


2 1. Die Juden im Land Israel von 70 bis 3 3 5 .......................................... 385
22. Von der römischen Anarchie bis zur Abschaffung des Patriarchats
(235- 4*5) ................................................................................................ 421
23. Von der Abschaffung des Patriarchats bis zur arabischen Erobe­
rung (4 2 5 - 6 4 0 ) ....................................................................................... 438
24. Die Länder der D ia sp o ra ....................................................................... 447
Quellenangaben zum Ersten B u c h ............................................................ 470

Zweites Buch
Vom 7. bis zum 17. Jahrhundert
Das Mittelalter
Von H aim H illel Ben-Sasson

1. E i n f ü h r u n g ......................................................................................................... 473
2. Die Diaspora, ihre Gestaltung und die Tätigkeitsarten der Juden
zu Beginn des M itte la lte rs .................................................................... 483
3. Auswirkungen des religiösen Judenhasses.......................................... 495
4. Blüte der zentralen Führung und Aufstieg der lokalen Führung . . 518
Inhaltsverzeichnis V II

5. Das gesellschaftliche und kulturelle Leben der Juden bis Ende des
11. Jahrhunderts ................................................................................... 540
6. Die Stellung der jüdischen Gemeinden und ihre Wirtschaftsstruk­
tur 1096-1348.......................................................................................... 567
7. Veränderungen in der Rechtsstellung und der Sicherheit der
J u d e n ....................................................................................................... 585
8. Lokale Institutionen und Gelehrte übernehmen die Führung .. . 600
9. Gesellschaftliches Leben und kulturelle L e istu n g ............................. 634
10. Gründung neuer Niederlassungen nach dem Zusammenbruch der
a l t e n .......................................................................................................... 687
11. D ruck des Volkes auf den Status der J u d e n ...................................... 702
12. Selbstverwaltung der Juden bis zur R e fo rm a tio n ............................. 724
13. Geistige und soziale K re a tiv itä t.......................................................... 748
14. Niederlassungen und wirtschaftliche Aktivitäten der Juden im 16.
und 17. Jahrhundert ............................................................................. j6 8
15. Veränderungen in der rechtlichen und sozialen Stellung der Juden 790
16. Autonomie: Institutionen und T end enzen.......................................... 805
17. Die sozialen Ideale des Judentums im ausgehenden Mittelalter . . 844

Drittes Buch
Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Die Neuzeit
Von Sbmuel Ettinger

1. E in f ü h r u n g ............................................................................................. 887
2. Wanderungsbewegungen und wirtschaftliche Tätigkeit im 17. und
18. J a h r h u n d e r t....................................................................................... 895
3. Die Haltung der europäischen Gesellschaft gegenüber den Juden
im 17. und 18. Ja h rh u n d e rt.................................................................... 906
4. Die Rechtsstellung der Juden in den absolutistischen Staaten und
während der Französischen R ev o lu tio n ............................................. 917
5. Das innere Ringen im osteuropäischen J u d e n t u m .......................... 935
6. Die jüdische Gemeinschaft in West- und M itteleuropa................... 951
7. Demographische Veränderungen und wirtschaftliche Betätigun­
gen im 19. Jahrhundert .......................................................................... 967
8. Der Kampf um die Emanzipation in West- und Mitteleuropa . . . 980
9. Das Ringen um Emanzipation in O s te u r o p a ................................... 997
10. Integration in die nichtjüdische Welt während des 19. Jahrhun­
derts .......................................................................................................... 1012
V III Inhaltsverzeichnis

i!.Ideologische Veränderungen in der jüdischen Gesellschaft wäh­


rend des 19. Jahrhunderts ...................................................................... 1023
12. Die neuen jüdischen Organisationsstrukturen in Westeuropa im
19. Ja h rh u n d e rt........................................................................................ 1039
13. Das Scheitern der Emanzipation, der Überlebenskampf und die
nationale Wiedergeburt (1881-1948)................................................... 1047
14. Demographische Veränderungen und wirtschaftliche Betätigung
am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Ja h rh u n d e rts....................... 1055
15. D er moderne Antisemitismus und das Auftreten antisemitischer
P arte ie n ..................................................................................................... 1068
16. Antisemitismus als offizielle Regierungspolitik in O steuropa . . . . 1081
17. Die wachsende jüdische Nationalbewegung und die Entfaltung
eigenständiger politischer A k tiv itä t..................................................... 1094
18. Die jüdische sozialistische Bewegung vor dem Ersten Weltkrieg . . 1115
19. Die Entwicklung des jüdischen Zentrums in Palästina vor der Be­
setzung durch die B r ite n ........................................................................ 1123
20. Die Entfaltung der neuen jüdischen Kultur: die Stärkung der
Bande zwischen jüdischen Gemeinschaften und deren Rolle in der
nichtjüdischen Gesellschaft ................................................................. 1138
21. Neue Tendenzen in der Entwicklung des jüdischen Volkes nach
dem Ersten Weltkrieg ............................................................................ 1152
22. Juden als nationale Minderheit in O st- und Mitteleuropa zwi­
schen den beiden Weltkriegen ............................................................. 1164
23. Die Juden in der Sowjetunion zwischen den K riegen....................... 1183
24. Das amerikanische und westeuropäische Judentum zwischen den
K rie g e n ..................................................................................................... 1202
25. Die zionistische Bewegung und die Naitonale Heimstätte zwi­
schen den beiden Weltkriegen ............................................................. 1214
26. Der Zweite Weltkrieg und der H o lo c a u s t.......................................... 1249
27. Das Ringen um die Unabhängigkeit und die G ründung des Staa­
tes Israel ................................................................................................... 1277
28. Die Diaspora nach dem Zweiten W eltkrieg........................................ 1306
29. Die Konsolidierung des Staates Israel ................................................. 1321

N achw ort .Von Michael B r e n n e r ............................................................... 1349


Verzeichnis der Karten ................................................................................ 1357
Literaturhinweise ......................................................................................... 1359
R egister........................................................................................................... 1367
E R ST E S B U C H

Von den Anfängen bis zum


7. Jahrhundert

Von Abraham Malamat, Hayim Tadmory


Menahem Stern, Shmuel Safrai
Erster Teil

Ursprünge und Frühgeschichte


V o n A b ra h a m M a la m a t
i . Einführung

Das Volk und sein Land


Die frühe Geschichte der Israeliten beschränkt sich nicht allein auf das Ge­
biet Palästinas, sondern ist auf mannigfaltige Weise mit den Ländern des
alten Vorderen Orients verknüpft, die sich im Norden, Nordosten und Süd­
westen erstreckten. An der einen Flanke lag Mesopotamien, das Land, in dem
die Hebräer ihren Ursprung hatten und in das die Israeliten Jahrhunderte
später in einem Zustand der Schwäche zurückkehren sollten. Denn als As­
syrien und Babylonien den Königreichen Israel und Juda die nationale Un­
abhängigkeit raubten, wurde deren führende Schicht dorthin ins Exil geführt,
aus dem später eine wiedererstarkte N ation hervorging. An der anderen
Flanke lag Ägypten, das Land am Nil, das über Generationen hinweg den
hebräischen Stämmen eine Zuflucht bot und zusammen mit der angrenzenden
Halbinsel Sinai einen Schmelztiegel bildete, in dem das Volk Israel heran­
reifte und zusammenwuchs.
Die Geschichte der alten Hebräer hat zwar in diesem weiten geographi­
schen Raum ihre Spuren hinterlassen, seine nationale Identität und histori­
sche Wirkung erlangte das Volk aber erst, nachdem es sich im Gelobten Land
- ‫ ״‬das liebe Land, den allerschönsten Besitz unter den Völkern‫( ״‬Jeremia
3,19) - niedergelassen hatte. Der Zusammenhang zwischen dem Volk und
seiner geistigen Bestimmung sowie zwischen diesen beiden Größen und dem
Heiligen Land verfestigte sich im Bewußtsein der Israeliten als die wichtigste
religiöse Grundvoraussetzung. Sie prägte ihre gesamten nationalen und reli­
giösen Wertvorstellungen, sonderte die Israeliten von den anderen Nationen
ab und diente ihnen zum Ausdruck ihrer Eigenständigkeit. So formte sich die
nationale Synthese von Volk und Staat, die sie erstrebt hatten und die sogar
noch nach ihrem Zerfall im Herzen des Volkes während der langen und be­
schwerlichen Jahre des Exils als eine Quelle der Inspiration und Zuversicht
weiterlebte - eine Kraft, die vor allem aus der Erkenntnis erwuchs, ein aus­
erwählt es Volk zu sein, das einem gelobten Land zugehörte.
Der Auszug aus der angestammten Heimat in dieses Gelobte Land und die
Mühsale der anschließenden Wanderungen blieben im Gedächtnis des Volkes
stets gegenwärtig. In der T at läßt sich nach Auffassung der Bibel der An­
spruch eines Volkes auf ein bestimmtes Land nicht aus seiner Autochthonie
begründen, sondern allein durch göttlichen Ratschluß, der den Völkern
Schranken setzt, der den einen Land zuweist und die anderen aus ihren
Wohnsitzen vertreibt, und zwar im Rahmen eines Meisterplans, der auf sitt-
4 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

liehen Grundsätzen beruht. Dies war eine Auffassung, welche der Geschichte
eine dynamischere Dimension gab.
Die Beziehung zwischen Israel und dem Heiligen Land wurde mit dem
Befehl Gottes an Abraham, den ersten Erzvater, festgelegt: ‫ ״‬Gehe aus dei­
nem Vaterlande und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause
in ein Land, das ich dir zeigen w ill“ (Genesis 12,1). Abrahams Gehorsam ge­
genüber diesem Befehl stellt eine Wende in der Geschichte der Menschheit
dar und den Beginn eines historischen Prozesses, dessen Kulminationspunkt
noch immer aussteht. Durch diese Tat wurde das Land Kanaan in das Land
Israel verwandelt, woraus sich das komplizierte Verhältnis zwischen Israel
und den alteingesessenen Völkerschaften Kanaans ergab. Ursprünglich, im
zweiten vorchristlichen Jahrtausend, w ar Israel gewiß nur ein untergeordne­
ter Faktor im Bereich der in Kanaan wohnenden Kräfte. Doch im Laufe der
Zeit nahm seine Macht zu, und im letzten Viertel des zweiten Jahrtausends
v. Chr. bestimmte Israel sogar die Geschicke dieser Region. Und am Ende
gilt als erwiesen, daß Israel, gemessen an seiner Bevölkerungszahl, an der
Ausdehnung und am natürlichen Reichtum seines Landes, auf die Mensch­
heitsgeschichte einen überproportionalen Einfluß ausgeübt hat.

Palästina unter den Ländern des A lte n O rients


Das Land, das die Wechselfälle der israelitischen Geschichte in biblischer Zeit
erlebte, war ein schmaler, bestenfalls etwa 130 Kilometer breiter Streifen,
der im Westen vom Mittelmeer und im Osten von der Arabischen Wüste
begrenzt wurde. Er liegt am südwestlichen Ende einer Reihe von Ländern,
die sich halbkreisförmig vom Persischen Golf bis zur Halbinsel Sinai erstrek-
ken. Dieses Gebiet wird als ‫ ״‬Fruchtbarer Halbmond‫ ״‬bezeichnet - ein Be­
griff, der die geophysikalische Vorzugsstellung dieses Landstreifens gegen­
über der Arabischen Wüste und den sie umschließenden Gebirgen treffend
charakterisiert. Im Südwesten Palästinas schließen sich die Halbinsel Sinai
und das fruchtbare N iltal an, während das Land im Norden ohne erkenn­
bare Veränderung der Landschaft in Syrien übergeht. Syrien und Palästina
bilden geographisch - und in geringerem Maße auch historisch - gewisser­
maßen eine Einheit, die sich vom Eufrat bis zum „Bach Ägyptens“, dem
heutigen Wädi el-Arisch, erstreckt; diese Region wird in Keilschriftdokumen­
ten aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. als ebir näri („jenseits des Flusses [Eu­
fra t]‫ ) ״‬bezeichnet. Palästina stellt somit eine Brücke oder einen Korridor
zwischen Asien und Afrika dar. Das Mittelmeer im Westen und die Ausläufer
der Wüste im Osten gaben einen Ausblick auf die ägäische Welt beziehungs­
weise auf die Nomadenstämme der Arabischen Wüste frei. Auch hatte Palä­
stina Zugang zu zwei Meeren, denn der Golf von Elat in der Südostecke des
Landes verband es mit dem Roten Meer und mit den Ländern am Indischen
Ozean.
Karte i : Der Vordere Orient im 2. Jahrtausend v,, Chr.
6 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

Diese geographische Lage an einem Schnittpunkt der Alten Welt bewirkte


heftige Umwälzungen in der Geschichte der Bevölkerung. Sie prägte alle
Aspekte des Daseins, die geistigen wie die materiellen, die wirtschaftlichen
wie die demographischen, und beeinflußte insbesondere den politischen und
militärischen Bereich.
Kulturell gesehen, war das Land vor allem den ständigen Einflüssen ausge­
setzt, die von den ältesten Zivilisationen des Nahen Ostens, Mesopotamien
und Ägypten, ausgingen - Zivilisationen, die ihre Vormachtstellung gegen
Ende des vierten Jahrtausends begründet hatten. Aber auch die kulturelle
Ausstrahlung Anatoliens erreichte Palästina über Syrien, ebenso die des ägäi-
schen Raums, die sich zumal in der mykenischen Epoche von Westen her
bemerkbar machte. Diese mächtigen Kulturen jener Zeit stießen in Palästina
aufeinander, doch noch häufiger gerieten sie in Konflikt mit den verschiede­
nen einheimischen Regionalkulturen, unter denen die kanaanäische führend
war. Zuzeiten kam jedoch auch eine Symbiose zustande. Die Folge von alle­
dem war, daß sich auf dem Boden Palästinas sowohl in geistiger als auch in
materieller Hinsicht große schöpferische Energien ansammelten, die eine
ständige Veränderung und Erneuerung bewirkten und ein Absinken in läh­
mende Passivität verhinderten.
Palästina und Syrien dienten als Länder des Durchgangs und der Begeg­
nung; hier liefen viele Straßen zusammen: die internationalen Transportwege
zwischen dem N iltal und dem Eufrat sowie Kleinasien, auf denen die H an­
delskarawanen einherzogen, sodann die Karawanenrouten, die weit nach
Arabien und sogar bis ins Land Saba hineinführten, und außerdem die See­
verbindungen zu den großen Häfen vor allem Phöniziens. Die wirtschaft­
liche Bedeutung von Syrien und Palästina beruhte jedoch nicht nur auf die­
sen günstigen Verkehrsverbindungen, die von der Bevölkerung voll ausge­
nutzt wurden, sondern auch auf den verschiedenen Naturprodukten. An
erster Stelle standen die Wälder. Das Holz aus diesen Wäldern, insbesondere
der Zedern des Libanon, war bei den Herrschern von Mesopotamien und
Ägypten sehr begehrt; dort war dieser lebenswichtige Rohstoff Mangelware,
und sein Import wurde zu einer Frage des persönlichen Prestiges. Kanaan war
berühmt als das Land, in dem ‫ ״‬die sieben A rten“ gediehen - Weizen, Gerste,
Weinstöcke, Feigenbäume, Granatäpfel, Ulbäume und Honig (Deuterono­
mium 8,8) und diese Segnungen der N atur spielen eine wichtige Rolle so­
wohl in altägyptischen Berichten (z.B. in der Sinuhe-Erzählung aus dem
20. vorchristlichen Jahrhundert) als auch in den Verzeichnissen der Waren,
die zum Export nach Ägypten (vgl. auch S. i8 f.) und Mesopotamien be­
stimmt waren, wie die Mari-Texte bezeugen (zu diesen Texten vgl. S. 47 ff.)
E inführung 7

G eopolitische F aktoren
Jahrhundertelang weckten Palästina und Syrien die Begehrlichkeit altorien­
talischer Mächte und ihrer Herrscher, denn aus der Hegemonie über diese
Region ergaben sich bedeutende wirtschaftliche und politische Vorteile. In­
folgedessen waren die beiden Länder lange Zeit in sich wiederholende Aus­
einandersetzungen zwischen verschiedenen Staaten verwickelt, die sie zu
unterjochen trachteten, und sie erlebten nur kurze Perioden des Friedens und
der Autonomie. Das Gebiet westlich des Eufrat wurde zum Zankapfel zwi­
schen Ägypten und den sich ständig abwechselnden Mächten im Norden und
Nordosten. Die Herrschaft darüber war für diese Staaten von entscheidender
Bedeutung, wenn sie ihren Status als Großreiche und internationale Mächte
behaupten wollten. Ohne diese Vorherrschaft blieben sie Regionalstaaten in
Afrika, Mesopotamien und Kleinasien von untergeordnetem Rang. Darüber
hinaus war Palästina ein strategisch wichtiger Brückenkopf, dessen Erobe­
rung für jede kriegführende Großmacht Voraussetzung zum Angriff auf den
Gegner war. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß Palästina und Syrien
häufiger als jede andere Region der Antike zum Schauplatz internationaler
Auseinandersetzungen wurden. Zu allem Überfluß saßen im Osten und We­
sten unerbittliche Feinde in Gestalt räuberischer Wüstenstämme und seefah­
render Völkerschaften, die sich allerdings hinsichtlich ihrer militärischen
Stärke nicht mit den mächtigen Staaten vergleichen konnten, die an der
nördlichen und südlichen Grenze entstanden waren.
Was die geopolitische Lage betraf, so war Syrien-Palästina eingekeilt
zwischen den Großmächten im Norden und im Süden, deren Ehrgeiz es war,
die Kontrolle über die Verkehrswege, die durch diese Region führten, zu er­
langen. Im Grad ihrer inneren Geschlossenheit und Stabilität und auch im
Ausmaß ihres physischen und demographischen Einflusses auf die Verhält­
nisse in Palästina unterschieden sich diese Mächte erheblich voneinander. In
der gesamten biblischen Epoche gab es südlich von Palästina nur ein einziges
Land, das von einem einzigen Volk besiedelt war, nämlich Ägypten. Aller­
dings kam es auch dort mehrmals zum Wechsel der Dynastien, so daß dyna­
mische, aggressive und weniger aggressive Herrscher aufeinander folgten.
Palästina und weite Landstriche Syriens spürten Ägyptens starke H and am
meisten in der Zwölften, Achtzehnten, Neunzehnten und Zwanzigsten D y­
nastie - das heißt während mehr als der Hälfte des zweiten Jahrtausends
aber auch in den nachfolgenden 500 Jahren unter der Zweiundzwanzigsten
und Sechsundzwanzigsten Dynastie, als Ägypten seine Eroberungsversuche
erneuerte. Doch nicht ein einziges Mal in all diesen Jahrhunderten der U nter­
drückung wurde der Versuch unternommen, ägyptische Bevölkerungsgrup­
pen in Palästina anzusiedeln.
Die relative Einheitlichkeit Ägyptens in ethnischer und politischer H in­
sicht stand in krassem Gegensatz zum Gebiet nördlich von Palästina, das
8 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

eine bunte Vielfalt von Völkern und Staaten beherbergte, von denen manche
zur gleichen Zeit den Schauplatz der Geschichte betraten, andere einander in
rascher Folge ablösten. Im Unterschied zum Süden drangen aus diesen nörd­
lichen Gebieten im Lauf der Zeit stattliche Bevölkerungsgruppen in Syrien
und Palästina ein und veränderten den Charakter dieser Länder. Archäolo­
gische Funde in Palästina haben gezeigt, daß eine Einwanderung aus dem
Norden gegen Ende des vierten und zu Beginn des dritten Jahrtausends und
dann noch einmal im 24. Jahrhundert (die sogenannte Bet-Jerach-Kultur)
stattgefunden hat. Für die Zeit des zweiten Jahrtausends belegen zudem
historische Quellen das Eindringen fremder Bevölkerungsgruppen aus dem
Norden. An der Wende vom dritten zum zweiten Jahrtausend wurde das
Land von westsemitischen Stämmen, den Amoritern, überflutet, denen die
H urriter und sogar einige kleine indoarische Gruppen folgten. Gegen Ende
des zweiten Jahrtausends drangen aramäische Stämme nach Syrien und
Nord-Transjordanien ein, und Syrien - wie im geringeren Maße Palästina -
nahm zudem auch anatolische Elemente in sich auf. Jede Macht, die sich im
Norden bildete, versuchte Teile von Syrien zu erobern oder ihren Einfluß
dort zu verstärken. Doch erst im ersten Jahrtausend wagte man sich weit
nach Süden ins eigentliche Palästina vor. Damals dehnten Assyrien, Babylo­
nien und Persien ihre Eroberungszüge auf dieses Land aus, unter anderem,
um dessen erneute Unterstellung unter die ägyptische Hegemonie zu ver­
hindern.
Die militärische Geschichte Syriens und Palästinas ist eine kontinuierliche
Folge von Eroberungen und Unterdrückungen der örtlichen Bevölkerung
durch verschiedene Mächte. Gleichzeitig aber kam es zu Auseinandersetzun­
gen zwischen den potentiellen Eroberern, die alle eine Stärkung ihrer eigenen
Machtposition erstrebten. Es liegt auf der Hand, daß diese internationalen
Reibereien und der ‫ ״‬Kalte Krieg“ zwischen den Mächten in Palästina eine
Atmosphäre politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit erzeugten. Die
ständigen Eroberungs- und Raubzüge zehrten an der Lebenskraft und dem
natürlichen Reichtum des Landes. Die Rivalität der Großmächte und ihr
Ringen um Einfluß in dem eroberten Land schürten noch die Auseinander­
setzungen der ohnehin zerstrittenen lokalen Herrscher und Gruppen in Sy­
rien-Palästina. Das Bild dieser Auseinandersetzungen zeichnet sich in der
letzten H älfte des zweiten Jahrtausends deutlich ab, in der Zeit des Zusam­
menpralls zwischen Ägypten und dem Königreich von Mitanni und später
den Hethitern, als Syrien-Palästina in Dutzende von kleinen Königreichen
zerfiel. Aber auch im zweiten Viertel des ersten Jahrtausends kam es zu einer
heftigen Auseinandersetzung, diesmal innerhalb des Volkes Israel. Dabei ging
es um die Frage, ob man sich im Machtkampf zwischen Assyrien (und später
Babylonien) und Ägypten nach ‫ ״‬N orden“ oder ‫ ״‬Süden“ orientieren solle.
Ein Ausdruck des Protests gegen diese Situation findet sich in den Worten,
die der Prophet Jeremia an Juda richtet: ‫ ״‬Was hilft’s dir, daß du nach
E inführung 9

Ägypten ziehst und willst vom Nil trinken? Und was hilft’s dir, daß du nach
Assyrien ziehst und willst vom Euphrat [Eufrat] trinken?“ (Jeremia 2,18).
Mit einem Wort: Palästina und Syrien wurden heftiger als alle anderen
Länder des Alten Orients in die Machtkämpfe hineingezogen, und ihre Ein­
wohner waren sehr häufig die Leidtragenden dieser internationalen Kon­
flikte.

D ie israelitische S ou verä n itä t über Palästina


Die geopolitischen Verhältnisse hemmten die Unabhängigkeitsbewegungen
und den nationalen Zusammenschluß Palästinas, während die Abhängigkeit
von der einen oder anderen Großmacht und innere Streitigkeiten fast zum
Dauerzustand geworden waren. Um sich von der Knechtschaft befreien und
politische Selbständigkeit erlangen zu können, mußten die Bewohner Palä­
stinas auf den seltenen Augenblick warten, in dem die Mächte im Norden
und im Süden gleichzeitig an Bedeutung verlieren würden. Und mit einer
solchen äußeren Entwicklung mußte auf seiten der ansässigen Bevölkerung
das Bewußtsein einer nationalen Bestimmung einhergehen.
Dieser verheißungsvolle Augenblick ergab sich im letzten Viertel des zwei­
ten Jahrtausends mit dem Zusammenbruch des Hethiterreiches im Norden
und dem Niedergang der ägyptischen Macht im Süden, als Assyrien noch
nicht zu einem entscheidenden Faktor in Vorderasien aufgestiegen war. Es
bestanden also günstige Voraussetzungen für das Erstarken und die Befrei­
ung der in Syrien und Palästina lebenden Völker sowie für einen Aufstieg
und die Konsolidierung neuer nationaler Gruppen. Tonangebend waren die
israelitischen Stämme im Süden und die Aramäer im Norden dieser Region.
Jetzt begann auch die interne Auseinandersetzung um die Vorherrschaft in
Palästina. Die Israeliten spielten dabei eine führende Rolle; sie gingen aus
dem Prozeß siegreich hervor und brachten damit einen Wandel in das Schick­
sal des Landes, das jetzt zum erstenmal ‫ ״‬von Dan bis Beerscheba‫ ״‬autonome
Herrschaft erfuhr.
Eine nationale Errungenschaft dieses Ranges ist durchaus nicht gering zu
bewerten. Die Topographie des Landes erschwerte die Schaffung einer poli­
tischen Einheit, die das gesamte Palästina umgreifen sollte, in hohem Maße.
Die Schwierigkeit bestand in der ungewöhnlich vielfältigen physikalischen
Struktur und in der starken Differenzierung und Gegensätzlichkeit seiner
Teile. Diese topographischen Merkmale werden besonders deutlich, wenn
man das Land von Westen nach Osten überblickt. Streifenartig verlaufen
die einzelnen Landschaften hintereinander: die Küstenebene, das Bergland
und das Jordantal. Im Süden erstreckt sich das weite halbaride Gebiet von
Negev und Araba, während jenseits des Jordans eine gebirgige Hochebene
aufsteigt, hinter der sich die Wüste ausdehnt. Der größte Teil Westpalästinas
ist ein Bergland, das von zahllosen Tälern durchschnitten wird. Schon der
io Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

biblische Autor nannte es ein Land der ‫ ״‬Berge und Täler“ (Deuterono­
mium i i , i i ).
Diese geophysikalische Mannigfaltigkeit sowie die beträchtlichen Schwan­
kungen im Klima und in den Niederschlagsmengen schufen besondere ökolo­
gische Voraussetzungen für jeden Teil dieser Region, die wiederum in hohem
Maße das wirtschaftliche und soziale Gefüge der Bevölkerung, aber auch
ihre Kultur und politische Struktur geprägt haben. Das Ungleichgewicht
zwischen diesen verschiedenen Faktoren (das sich vornehmlich in der Ent­
wicklung unterschiedlicher Lebensformen in den jeweiligen geographischen
Sektoren bemerkbar macht) ist demnach in erster Linie durch die Morpholo­
gie des Landes bedingt. Die bewaldeten Bergregionen und die Ränder der
Wüste, wo die Menschen ihren Lebensunterhalt vor allem durch Weidewirt­
schaft bestreiten mußten, waren ökonomisch und kulturell rückständig; in
den fruchtbaren Ebenen und Niederungen hingegen, die intensive Landbe­
bauung und dichte Besiedlung ermöglichten, entstanden ein blühendes W irt­
schaftsleben und materieller Wohlstand. Doch zur inneren Entwicklung des
israelitischen Volkscharakters und religiösen Bewußtseins hat das von N atur
aus isolierte Bergland weit stärker beigetragen. Die Küstenebene spielte in
der Geschichte des Landes nur eine untergeordnete Rolle. Im Gegensatz zur
phönizischen Küste im Norden besaß Palästina kaum Buchten oder natür­
liche Häfen, die die Entstehung von nennenswerten Hafenstädten begünstigt
hätten.
Die naturgegebene Aufsplitterung des Landes in verhältnismäßig kleine
Siedlungsgebiete bedingte einen deutlichen Mangel an politischem und ter­
ritorialem Zusammenhalt. Ihr Einfluß schlug sich auch in der buntgescheck­
ten Bevölkerungsstruktur nieder, die das Land Kanaan vor der Einwande­
rung der Israeliten kennzeichnete. Sowohl ägyptische Quellen, vor allem aus
der zweiten H älfte des zweiten Jahrtausends, als auch zahllose Bibelstellen
sind eindeutige Belege für diese Heterogenität. In der Bibel ist beispielsweise
wiederholt von sieben ‫ ״‬Völkern“ die Rede, und bei einer Gelegenheit erhöht
sich die Zahl sogar auf zehn (Genesis 15,19-21). In dem Bericht, den die
Kundschafter Mose erstatten, wird die bevölkerungsgeographische Vielfalt
des Landes betont: ‫ ״‬Es wohnen die Amalekiter im Südland, die Hethiter und
Jebusiter und Amoriter wohnen auf dem Gebirge, die Kanaanäer aber woh­
nen am Meer und am Jordan“ (Numeri 13,29). Bezeichnend für diese Zer­
splitterung ist die Aufzählung der einunddreißig (nach der Septuaginta drei­
ßig) kanaanaischen Könige, die von Josua besiegt wurden (Josua 12). Die
El-Amarna-Texte aus dem 14. Jahrhundert verstärken diesen Eindruck noch.
Aus dem bisher Gesagten geht hervor, daß in der Geschichte des Landes
ein erstaunlicher Wandel eintrat, als die Israeliten die naturgesetzten Be­
schränkungen überwanden, ein einheitliches politisches und administratives
System errichteten und eine nationale Kultur innerhalb eines souveränen
Gemeinwesens entwickelten, das das ganze Land zu beiden Seiten des Jor-
E inführung II

dans umfaßte. Indem sie sich das komplizierte Spiel der internationalen Be­
ziehungen zunutze machten, gelang ihnen im Lauf der Zeit die Errichtung
eines ausgedehnten Königreiches, wodurch Palästina zum erstenmal in seiner
Geschichte zu einem wichtigen politischen Faktor im Vorderen Orient wurde.
Israel nahm unter den Völkern insofern eine einzigartige Stellung ein, als es
dem Land Kanaan, diesem klassischen Durchgangsland, eine relativ lange
Periode der politischen Souveränität und der nationalen Autonomie be­
scherte.
Politik und Geschichte dieses Volkes von der Landnahme bis zur Zerstö­
rung des Ersten Tempels sind an sich schon Ausdruck eines leidenschaftlichen
Streb’ens nach Einheit, das sich gegen die in der Landesnatur angelegten Auf­
lösungstendenzen richtete. Doch ist die Geistesgeschichte der Israeliten nicht
weniger repräsentativ für die ungeheuren Anstrengungen, die das Volk auf
sich nahm, um seine religiösen Werte und kulturellen Errungenschaften an­
gesichts der starken Einflüsse zu behaupten, die damals von außen auf es
einwirkten. Denn dieses Ringen um Eigenständigkeit verlieh der in Ent­
stehung begriffenen Kultur Israels ihren unverwechselbaren nationalen Cha­
rakter und prägte das einzigartige Vermächtnis, das sie der Menschheit hin­
terlassen hat.
2. Kanaan vor und während der
israelitischen Landnahme

D ie politische u n d kulturelle S itua tio n u m die M itte des zw e ite n


Jahrtausends
Unsere Kenntnisse des Landes Kanaan vor der Mitte des zweiten Jahrtau­
sends sind lückenhaft. Doch für die Zeit danach besitzen wir einen ver­
gleichsweise vollständigen und zusammenhängenden Überblick über die Ge­
schichte und Zivilisation des Landes. Diese Darstellung ist von erheblicher
Bedeutung hinsichtlich der israelitischen Geschichte, denn sie läßt Rück­
schlüsse auf Israels frühe Entwicklung und zuweilen sogar die Rekonstruktion
der tatsächlichen historischen Ereignisse zu.
Um die Mitte des zweiten Jahrtausends traten im Vorderen Orient, auch
in Palästina, gewisse ethnische, politische und kulturelle Strukturverände­
rungen ein. Mit der Gründung des Neuen Reiches wurde Ägypten die füh­
rende Macht in Kanaan, und zwar vom 16. bis zum 12. Jahrhundert (Acht­
zehnte bis Zwanzigste Dynastie). Von der entgegengesetzten Seite übte das
Königreich von Mitanni im oberen Mesopotamien, das seinen Zenit im
15. Jahrhundert erlebte, zunehmend Druck auf Kanaan aus. Mitanni wurde
später vom Reich der Hethiter abgelöst, das sich vom zweiten Viertel des
14. Jahrhunderts bis zu seinem Zerfall gegen Ende des 13. Jahrhunderts
zur Vormacht in Syrien aufschwang. Nach dem Zusammenbruch des H ethi­
terreiches und dem Niedergang Ägyptens drang übers Meer ein neues Ele­
ment nach Kanaan vor - die ‫ ״‬Seevölker“, vor allem die Philister. Diese
Situation ermöglichte es schließlich um 1100 den Assyrern, einen lange geheg­
ten Plan zu verwirklichen und an der Mittelmeerküste Fuß zu fassen, und für
kurze Zeit beherrschten sie die phönizische Küste. Eine ausführliche Darstel­
lung dieser Entwicklungen folgt weiter unten.
Vor der Mitte des zweiten Jahrtausends waren bereits in steigender Zahl
H urriter und sogar gewisse indoarische Volksgruppen von Mitanni kommend
nach Kanaan eingeströmt, das in zahlreiche kleine Königtümer aufgespalten
w ar - eine Hinterlassenschaft der voraufgehenden politischen Umstände.
Obwohl die fremden Eindringlinge der eingesessenen kanaanäischen Bevöl­
kerung zahlenmäßig unterlegen waren, gelang es ihnen dank ihrer techni­
schen und militärischen Überlegenheit, die sich vor allem auf den Einsatz von
Kriegs wagen stützte, die Herrschaft über viele Stadtstaaten an sich zu reißen.
Doch am Ende wurde diese nichtsemitische Elite von der eingeborenen Be­
völkerung assimiliert und ging mit ihr eine Symbiose ein: Im geistigen Be-
Kanaan v o r u n d w ährend der israelitischen Landnahm e *3

reich behielten die kanaanäische Sprache und religiöse Praxis die Oberhand,
während sich in den materiellen, sozialen und kulturellen Belangen das
fremdländische Element durchzusetzen vermochte.
Die historische Entwicklung Kanaans während dieser Epoche läßt sich nur
durch wenige und sporadische Zeugnisse belegen, die aus dem Land selbst
stammen. Die Annahme, daß diese Region eine der größten Kulturleistungen
der Menschheit, nämlich die Erfindung des Alphabets, hervorgebracht habe,
ist einleuchtend. Diese Schrift, das Paläohebräische oder Phönizische, nahm
ihre endgültige Gestalt erst gegen Ende des zweiten Jahrtausends an. Aus
früherer Zeit haben sich nur spärliche Reste von linearen alphabetischen
Inschriften (die sogenannte ‫ ״‬protokanaanäische“ Schrift) erhalten, etwa aus
den Fundstätten von Sichern, Geser und Lachisch. Diese Inschriften sind
wegen ihres lakonischen Charakters nur von geringem historischem Wert.
Infolgedessen muß man sich an die Keilschrift- und Hieroglyphentexte hal­
ten, die allerdings in Palästina selten sind. Sie sind wohl deshalb so selten,
weil Kanaan in den ägyptischen Einflußbereich geriet, in dem man Papyrus,
also ein vergängliches Material, für geschriebene Mitteilungen benutzte; eine
Ausnahme bilden nur die Schreiben politischer und diplomatischer N atur
(vgl. S. 20 ff.). Syrien andererseits gehörte zum Umkreis der nördlichen Zivi­
lisationen, wo ebenfalls die Keilschrift und die akkadische Sprache für den
alltäglichen Schriftwechsel verwendet wurden. Größere Archive sind in Ala-
lach (aus dem 17. und 15. Jahrhundert) und insbesondere in Ugarit (aus dem
14. und 13. Jahrhundert) entdeckt worden. Diese Funde gestatten es uns, tief
in die damalige politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und rechtliche
Struktur, aber auch in das geistige und religiöse Leben einer syrischen Stadt
einzudringen. Die altsyrischen Städte waren höchstwahrscheinlich ein Ge­
genstück der kanaanäischen Stadtstaaten, die ihrerseits einen nachweisbaren
Einfluß auf die Gestaltung der israelitischen Städte gehabt haben.
An der Spitze eines Stadtstaates stand in der Regel ein Herrscher, der in
inneren Angelegenheiten eine große Machtfülle besaß. Ihm zur Seite standen
die Marjannu, eine aristokratische Klasse von Kriegswagenlenkern hurri-
tischer und indoarischer Abkunft, die das militärische und administrative
Rückgrat des Stadtstaates darstellte. Daneben gab es noch eine Klasse von
Landbesitzern, zu der die Bauern, Handwerker und Kaufleute gehörten, die
teils private Bürger waren, teils in königlichen Diensten standen. Mit der Zeit
büßte die Marjannu-Aristokratie ihre Macht zugunsten der ‫ ״‬Mittelschicht‫״‬
ein, die aufstieg, als sich die Bedürfnisse der Herrscher wandelten. Die un­
terste Stufe innerhalb der freien Bürgerschaft bildeten die Leibeigenen, die
für den Königspalast oder die Grundherren arbeiten mußten. Es haben sich
detaillierte Verzeichnisse erhalten, in denen die verschiedenen Berufe aufge­
führt sind: Soldaten, Baumeister, Schmiede, Steinmetzen, Gerber, Töpfer,
Weber, Bäcker, Tuchwalker, Parfümhersteller, Holzhacker und Wasserschöp­
fer. Alle waren in Zünften organisiert, und das technische Wissen, das zu den
Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

verschiedenen Berufen notwendig war, ging vom Vater auf den Sohn über.
Die Priesterschaft hatte eine bevorzugte Stellung inne, war aber gleichfalls
dem König untertan.
Die umfangreichen literarischen Zeugnisse, die in Ugarit in einem dem
Kanaanäischen nah verwandten Dialekt und unter Verwendung eines Son­
deralphabets in Keilschrift geschrieben wurden, haben erstmals Licht in die
Religion, die Mythologie, die Epik und die Dichtung gebracht, die ein ge­
meinsames Erbe Syriens und Palästinas darstellen. Bis dahin hatte man diese
literarische Überlieferung nur ungefähr aus vergleichsweise späten Dokumen­
ten, etwa aus der Bibel oder gar aus griechischen oder römischen Quellen,
erschließen können. Aus den Funden in Ugarit erfahren wir nun, daß das
kanaanäische Pantheon von El und seiner Hauptgemahlin Aschera beherrscht
wurde. Die anderen wichtigen Gottheiten waren die Nachkommen dieser
beiden: Baal, der Gott des Sturms und der Fruchtbarkeit; dessen Bruder und
Nebenbuhler Mot, der Gott des Todes und der Unterwelt (Jeremia 9,21 und
Habakuk 2,5); ferner die Schwester der beiden, die Göttin Anat, die an
Schönheit und Tapferkeit alle übertraf. Diesen Gottheiten eng verbunden
war der bisher unbekannte Kotar, der Schutzgott aller Handwerker und
insofern ein Gegenstück zum griechischen Hephaistos. Die reichen Bestände
des ugaritischen Schrifttums, in dessen Mittelpunkt der Fruchtbarkeitsmy­
thos von Baal, Mot und Anat steht, sind von unschätzbarem Wert, denn sie
erhellen die Ursprünge und das Wesen der biblischen Dichtung und des früh­
hebräischen epischen Stils.
Trotz alledem bleiben unsere Kenntnisse des gesellschaftlichen und geisti­
gen Lebens in Kanaan bruchstückhaft. Im Gegensatz zu den spärlichen epi­
graphischen Funden hat die intensive Grabungstätigkeit in Palästina im letz­
ten halben Jahrhundert einen Großteil der materiellen Kultur dieses Landes
ans Licht gebracht. Wir wissen inzwischen, daß ein neues und glänzendes
Kapitel seiner Geschichte kurz vor der Mitte des zweiten Jahrtausends auf­
geschlagen wurde, in jener Epoche also, die man als späte Bronzezeit (1550
bis 1200) bezeichnet. Die Zivilisation der Spätbronzezeit enthüllt sich in
ihrer ganzen Herrlichkeit in den Fundstätten von Hazor, Megiddo, Taanach
und Bet-Schean im Norden, Sichern, Tirza und Bct-El im zentralen Bergland
und neuerdings Afek(Rosch ha‫־‬cAyin) in der Scharonebene. Die Schefela und
das südliche Bergland sind vertreten durch Geser, Bet-Schemesch, Lachisch
und Teil Bet Mirsim (nach Meinung mancher Forscher der Sitz des alten
Kirjat-Sefer). An der Meeresküste sind Teil el‫־‬Addschül, Aschdod und Jaffa
die bedeutendsten Fundstätten, während für den nördlichen Negev die Orte
Teil Dschemme, Teil el-Färca und Teil esch-Scherra zu nennen sind. Er­
gänzend zu den Fundorten im westlichen Palästina müssen noch die Ausgra­
bungen erwähnt werden, die in den letzten Jahren in Transjordanien auf
Teil Der Alla (möglicherweise das alte Sukkot) und Teil es- Sacldlje (entwe­
der Zafon oder Zaretan) am Rande des Jordantals gemacht worden sind.
K anaan v o r an d w ährend der israelitischen Landnahm e

Aus archäologischen Funden und ägyptischen Reliefs mit Darstellungen


kanaanäischer Städte kann man erschließen, daß diese Städte von Zitadellen
gekrönt waren, die sich auf einer Akropolis erhoben. Die Zitadelle umschloß
in einer einheitlich gestalteten Anlage den Königspalast und in den meisten
Fällen auch einen Tempel. Die gesamte Stadt war von dicken Mauern umge­
ben, in die ein befestigtes Tor eingelassen war. Diese Verteidigungsanlagen
sind ein Zeichen für die prekäre Sicherheitslage, in der sich die kanaanäischen
Stadtstaaten befanden. Auch die bildende Kunst und das Kunsthandwerk
Kanaans lassen sich durch das reiche archäologische Material belegen. Als ein
Beispiel für die große Kunstfertigkeit der Kanaanäer seien nur die hervorra­
genden Elfenbeinschnitzereien ausMegiddo genannt. In jener Epoche florierte
auch der Handel. Die Handelsbeziehungen reichten nachweislich bis weit in
den ägäischen Raum hinein, wie die importierte mykenische Keramik bezeugt.
Die Haupterwerbszweige, durch welche die phönizischen Küstenstädte Be­
rühmtheit erlangten, waren die Tuchherstellung und -färberei. Manche For­
scher nehmen sogar an, daß der Name Kanaan, genauso wie Phönizien,
etymologisch mit diesem Gewerbe zusammenhängt und ursprünglich den
Purpurfarbstoff oder später die mit ihm handelnden Kaufleute bezeichnete
(vgl. Kanaanäer = Händler: Sprüche 31,24 und andernorts).
Aus dem in Palästina aufgefundenen archäologischen und epigraphischen
Material ergibt sich allerdings kein zufriedenstellendes Bild vom Ablauf des
historischen Geschehens in Kanaan. Um die Lücken auszufüllen, müssen wir
uns weitgehend auf unterschiedliche ägyptische Quellen verlassen, vor allem
auf die Berichte der ägyptischen Könige von ihren Expeditionen nach K a­
naan. Zusätzliche Informationen stammen aus den hethitischen königlichen
Archiven, die man in Bogazköy, der alten H auptstadt Chattuscha, ausge­
graben hat.

D ie Feldzüge T h u tm o sisy H L u n d die G ründung einer ägyptischen


P ro v in z in K anaan
Nachdem die Herrschaft der Hyksos in Ägypten gebrochen war, unternah­
men die ersten Herrscher der Achtzehnten Dynastie ausgedehnte Feldzüge
in Asien, um die in Kanaan noch immer vorhandene Bedrohung durch die
Hyksos von Ägypten fernzuhalten. Außerdem verfolgten die Ägypter den
Plan, in Palästina und Syrien ihre Hegemonie zu erneuern, die im 20. und
19. Jahrhundert bestanden hatte und nach der Zwölften Dynastie verloren­
gegangen war. Amosis I. (1570-1545), der Begründer der Achtzehnten D y­
nastie, bedrängte die Stadt Scharuhen (der heutige Teil el-Färca), nachdem
er die Hyksos-Hauptstadt Avaris unterworfen hatte. Die Stadt Scharu­
hen, die später in das Stammesgebiet Simeons eingegliedert wurde (Josua
19,6), hatte den Hyksos als Basis im westlichen Negev gedient und kontrol­
lierte die Straße nach Ägypten. Sie fiel erst nach einer dreijährigen Bela­
16 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

gerung durch die Ägypter. Die langen Belagerungszeiten hier und anders­
wo bezeugen die Überlegenheit der kanaanäischen Verteidigungsmaßnahmen
beim Ansturm der Ägypter. Nach der Einnahme von Scharuhen errichteten
die Ägypter einen Brückenkopf in Kanaan, der bis zum Ende der Achtzehn­
ten Dynastie in ihrer Gewalt blieb und ihnen immer wieder weitreichende
Einfälle in Asien ermöglichte.
Über die Kriegszüge von Amenophis I., dem Sohn Amosis* I., haben sich
keine direkten Berichte erhalten. Doch auf einer Tonscherbe, die im Grab
des Amenophis entdeckt wurde, taucht der Name des Landes Kedem auf, der
der Forschung bereits aus der Sinuhe-Erzählung des 20. Jahrhunderts sowie
aus verschiedenen Hinweisen in der Bibel bekannt war. Er bezieht sich offen­
bar auf die Ostgrenze Syriens. Amosis’ Enkel Thutmosis I. unternahm einen
Feldzug in Asien und erreichte dabei Naharin, also das Königreich Mitanni.
Er überschritt den Eufrat, an dessen Ufer er in der Manier altorientalischer
Eroberer eine Stele errichtete, um die äußerste Grenze seiner Eroberungen
zu markieren. Sein Sohn und Nachfolger Thutmosis II. führte ebenfalls
Krieg in Nordsyrien. In seiner Regierungszeit ist erstmals von Kämpfen ge­
gen die Schasu (besser Schosü, vgl. den biblischen Begriff schösim) die Rede,
jene Beduinenstämme, die an der Süd- und Ostgrenze Kanaans ein Nomaden­
leben führten und sogar in das Bergland vorstießen, wo sie während des
ganzen Neuen Reiches dem ägyptischen Regime zusetzten. Alle militärischen
Unternehmungen der Ägypter waren bis dahin vorwiegend Beutezüge. Erst
Thutmosis III. (1490-1436) gelang die endgültige Unterwerfung Kanaans.
Thutmosis III., der Architekt des ägyptischen Imperiums, erkannte, daß er
Palästina und Syrien annektieren mußte, wenn er aus Ägypten eine ‫ ״‬Groß­
macht“ machen wollte. Er erreichte sein Ziel, indem er einen systematischen
Eroberungsfeldzug bis zum Eufrat führte und in den unterworfenen Gebieten
eine ägyptische Verwaltung einrichtete. Die Beherrschung Palästinas und
Syriens war indes kein leichtes Unterfangen, da die Stadtstaaten um jeden
Preis ihre Unabhängigkeit zu bewahren versuchten. Die ‫ ״‬Kleinfürsten“ des
Landes, die gewöhnlich miteinander im Streit lagen, schlossen sich jetzt in
Bündnissen zusammen, die vom Königreich Mitanni unterstützt wurden. Die
Führung in dieser Koalition übernahm das Königreich Kadesch am Orontes
in Zentralsyrien. Thutmosis III. mußte insgesamt siebzehn asiatische Feld­
züge führen, auf denen er seinen Besitzstand allmählich nach Norden aus­
dehnte. Die meiste Energie verwendete er jedoch darauf, die sich ständig
wiederholenden Aufstände der unterworfenen Herrscher zu unterdrücken.
Der gesamte südliche Küstenstreifen war dagegen fest in ägyptischer H and,
wie wir aus der Tatsache schließen können, daß Gaza (das damals sogar
einen ägyptischen Namen trug) und Jaffa in den Listen der Eroberungen
nachfolgender Pharaonen nicht mehr als Neuerwerbungen aufgeführt sind.
Thutmosis‫ ״‬erster Feldzug (ca. 1469), der in seinen Annalen ausführlich be­
schrieben wird, bildete die Grundlage für alle seine späteren Eroberungen.
Kanaan v o r und w ährend der israelitischen Landnahm e /7

Allem Anschein nach war er gegen eine Offensivaktion der Kanaanäer ge-
richtet, durch die man den ägyptischen Bestrebungen zuvorkommen wollte.
Diese These könnte erklären, warum sich bereits innerhalb eines knappen
Monats, nachdem Thutmosis* Heer asiatischen Boden betreten hatte, eine
große Streitmacht der verbündeten Kanaanäer bei Megiddo den Ägyptern
entgegenstellte. Einer Inschrift zufolge umfaßte dieses Bündnis 330 H err­
scher und w ar somit die größte Koalition, die sich jemals gegen Ägypten
richtete.
Zu Beginn des Feldzuges durchquerte die ägyptische Armee in Tagesetap­
pen von fast 25 Kilometern die Halbinsel Sinai mit dem Ziel Gaza. Dann
verlangsamte sich das Tempo, wahrscheinlich infolge des kanaanäischen Wi­
derstandes. Thutmosis zog über die Scharonebene nach Yehem (Chirbet
Yemma), südlich des Zugangs zum Wädi Ara, dem wichtigsten Paß zum
Norden. Er schlug die Bedenken seiner Feldherren in den Wind und führte
sein Heer durch diese enge, gefährliche Schlucht, die damals noch dicht be­
waldet war. Unter Ausnutzung des Überraschungsmoments griff er Megiddo
an, das eine Schlüsselstellung für den gesamten Norden Palästinas innehatte.
Nach einer siebenmonatigen Belagerung ergab sich die Stadt, und Thutmosis
selbst bezeichnete diesen Erfolg als genauso bedeutend wie ‫ ״‬die Eroberung
von tausend Städten“. Zur selben Zeit eroberten die Ägypter auch Janoam
am Jordan, unweit der Stelle, wo der Fluß den See Gennesaret verläßt, sowie
mehrere weiter nördlich im Libanontal gelegene Städte. Diese Städte mußten
einen jährlichen Tribut zahlen, der für den Amontempel in der ägyptischen
H auptstadt bestimmt war. Thuti, einer von Thutmosis* Feldherren, nahm
die Hafenstadt Jaffa ein; das geht aus einer ägyptischen Erzählung hervor,
in der es heißt, daß die Soldaten in der Weise Ali Babas und der vierzig
Räuber in die Stadt geschmuggelt wurden.
Die kanaanäischen Städte, die Thutmosis auf seinem ersten Feldzug er­
oberte, sind offensichtlich alle in seiner ‫ ״‬kürzeren“ geographischen Liste der
asiatischen Städte enthalten, in der 119 Orte in Palästina und Südsyrien
aufgezählt werden. Die meisten Städte lagen an der Via Maris, also an der
durch die Küstenebene führenden Durchgangsstraße samt ihren verschiede­
nen Abzweigungen, in den Ebenen von Jesreel und Bet-Schean sowie im
Libanontal. Andere waren in Galiläa und im nördlichen Transjordanien
gelegen. Kaum vertreten in dem Verzeichnis sind die gebirgige Region im
Landesinnern, der Negev und das mittlere und südliche Transjordanien -
Gebiete, die für Ägypten von untergeordneter Bedeutung und nur nominell
seiner Oberhoheit unterstellt waren. Zusammenfassend kann man sagen, daß
das gesamte Flachland unterworfen wurde, während die gebirgigen Regionen
ihre Unabhängigkeit behielten.
Auf seinen nachfolgenden Feldzügen stieß Thutmosis weiter nach Syrien
vor und eroberte Kadesch, das Zentrum des Widerstandes. Seine achte Expe­
dition, die Krönung nicht nur seiner, sondern aller ägyptischen Asienfeld-
18 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

züge, unternahm er, um den König von Mitanni zu besiegen. Er überschritt


den Eufrat und zwang diesen mächtigsten Widersacher Ägyptens in Syrien
zum Rückzug. Doch die Herrschaft über dieses ferne Land war nur von kur­
zer Dauer. In den folgenden Jahren brachte Mitanni in N ord- und Zentral­
syrien ein antiägyptisches Bündnis zustande. Dagegen hatten die Ägypter
die phönizische Küste fest in der H and; die Hafenstädte wie Byblos und
Sumur wurden zu wichtigen Bollwerken der ägyptischen Vorherrschaft. Die
phönizischen Küstenstädte waren nicht nur wichtig als die Getreidespeicher
Kanaans, die der Verproviantierung des ägyptischen Heeres dienten, sondern
auch als Verwaltungszentren für ganz Syrien und als Basen, die den ungehin­
derten Verkehr mit dem ägyptischen Mutterland garantierten.
Durch seine Eroberungszüge schuf Thutmosis III. die Grundlage für eine
ägyptische Provinz in Palästina und Syrien. Obgleich später der nördliche
Teil verlorenging, blieb die von Thutmosis eingeführte Provinzialverwaltung
in ihren Grundzügen bis zum Untergang der ägyptischen Vormachtstellung
in Asien erhalten. Er überzog das Land mit einem engmaschigen zivilen und
militärischen Kontrollsystem, das den Statthaltern unterstand. Steuerbeamte
und Aufseher überwachten die Eintreibung der Tributzahlungen und die
Einhaltung der Vorschriften. Sie wurden unterstützt von kleinen Garnisonen
in den größeren Städten. Überdies ließ Thutmosis strategisch wichtige Städte
wie Megiddo (und Bet-Schean?) zu Festungen ausbauen, was durch Ausgra­
bungen erwiesen wurde; das gleiche gilt für Orte im Libanon, wie aus ent­
sprechenden Inschriften hervorgeht. Der bedeutendste ägyptische Stützpunkt
in Asien befand sich in Gaza, anscheinend dem Hauptquartier des ägyptischen
‫ ״‬Statthalters“. In der Regel durften die Regionalkönige, die sich friedlich
unterworfen hatten, im Amt bleiben, doch aus ihrer Familie wurden Geiseln
nach Ägypten geschickt, um dort am H of erzogen zu werden. Diese Praxis
sollte die Ägyptisierung Kanaans fördern, denn wenn die Geiseln zurück­
kehrten, galten sie in jeder Hinsicht als verläßliche Vertreter der ägyptischen
Interessen.
Auf diese Weise wurde in den von Ägypten besetzten asiatischen Gebieten
eine gut funktionierende Kolonialverwaltung geschaffen. Das wirtschaftliche
Potential des Gebietes wurde gründlich ausgebeutet, wie nicht nur aus den
Tribut- und Beutelisten des Thutmosis und seiner Beamten, sondern auch aus
zahlreichen Flachreliefs in ägyptischen Tempeln und Grabmalereien hervor­
geht. Sehr viele Arbeitskräfte wurden innerhalb der Provinz zwangsver­
pflichtet, männliche wie weibliche Sklaven mußten den Weg nach Ägypten
antreten und dort im Palast, in den verschiedenen Tempeln oder auf den
Gütern der hohen Beamten arbeiten. Die Ägypter transportierten reiche
Beute ab und trieben jährliche Abgaben ein, deren Verzeichnisse uns einen gu­
ten Überblick über die Landesprodukte Kanaans geben. An erster Stelle stan­
den landwirtschaftliche Erzeugnisse, vor allem Getreide und ö l, außerdem
Bauholz (unter anderem die berühmten Zedern des Libanon). Auch Kupfer
Kanaan v o r un d während der israelitischen Landnahm e '9

gelangte nach Ägypten, desgleichen Halbedelsteine, Luxusgüter, Erzeugnisse


des Kunsthandwerks und natürlich Kriegsgerät. In großen Mengen wurde
Vieh nach Ägypten gebracht, vor allem Pferde, für deren Zucht Palästina
und Syrien berühmt waren. Sogar exotische Tiere, darunter auch syrische
Bären und Elefanten, und Pflanzen schaffte man zur Bereicherung der kö­
niglichen zoologischen und botanischen Gärten nach Ägypten. Diese Importe
waren ohne Zweifel dazu bestimmt, das Ansehen der ägyptischen Herrscher
zu erhöhen und die große Ausdehnung ihrer Besitzungen zu demonstrieren.

Die Feldzüge A m e n o p h is9 II. u n d T h u tm o sis* IV .


Die politischen und administrativen Methoden, die Thutmosis III. in Asien
angewandt hatte, blieben vorbildlich für seine Nachfolger, die gleichfalls in
Kanaan wiederholt militärisch eingreifen mußten, um lokale Aufstände nie­
derzuschlagen. Amenophis II. ( i 439-1406), der unmittelbare Thronfolger,
unternahm drei solche Feldzüge in Asien. Auf dem ersten wurde eine Revolte
im Lande von Tahsi (der biblische Tahasch, einer der ‫ ״‬Söhne“ Nahors [Ge­
nesis 22,24]) südlich von Kadesch unterdrückt, an der mindestens sieben
Stammesfürsten beteiligt waren. Mehrere Jahre darauf mußte Amenophis
abermals gegen Nordsyrien ziehen, wo, vermutlich mit Unterstützung von
Mitanni, eine neue Revolte ausgebrochen war. Auf dem Rückweg eroberte
der ägyptische König die wichtige Hafenstadt Ugarit und marschierte über
Kadesch und die Wälder von Labu (in der Bibel Lebo-Hamat) in die Scharon­
ebene. D ort fingen seine Soldaten einen Boten des Mitanni-Herrschers ab,
der eine Schrifttafel bei sich trug (sehr wahrscheinlich mit einer Botschaft
in Keilschrift). Daraus ergibt sich, daß sich die von Mitanni gegen Ägypten
ins Werk gesetzten diplomatischen und subversiven Bestrebungen nicht nur
auf den Norden beschränkten, sondern auch auf Südpalästina Übergriffen.
Amenophis’ letzter Feldzug, im neunten Jahr seiner Regierung, war eineStraf-
expedition gegen aufständische Kanaanäer, denen sich auch die halbnomadi­
schen Bewohner der Scharonebene angeschlossen hatten. Er stieß bis Anaharat
(das später zum Stammesgebiet von Issachar gehörte [Josua 19,19]) im öst­
lichen Untergaliläa vor, also offenbar bis Teil el-Mucharchasch am Ein­
gang zum Wädi el Blre. Auf dem Heimweg schlug er sein Lager ‫ ״‬in der
Umgebung von Megiddo“ auf, wo er einen rebellischen König aus dem K ar­
melgebiet durch einen pharaonentreuen Herrscher ersetzte - eine verbreitete
Praxis in der ägyptischen Besatzungszeit.
Damals war Megiddo ein wichtiger Stützpunkt der Ägypter, wie die dort
gemachten archäologischen Funde und das im etwa 7 Kilometer südöstlich
gelegenen Taanach entdeckte akkadische Archiv beweisen. Die Schrifttafeln
von Taanach, die umfangreichsten Keilschriftfunde in Palästina, vermitteln
uns einen lebendigen Eindruck von den Problemen und Beziehungen der ka­
naanäischen Kleinfürsten in der zweiten H älfte des 15. Jahrhunderts. Die
20 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

Verbindungen, die zwischen den Stadtstaaten Kanaans bestanden, reichten


oft sehr weit, wie etwa im Falle von Taanach mit der Region von Bet-Schean.
In einem Brief ist davon die Rede, daß der König von Taanach auf dringen­
den Befehl der ägyptischen Obrigkeit eine bewaffnete Streitmacht nach
Megiddo entsenden und gleichzeitig dem Absender der Botschaft eine Geld­
summe sowie bestimmte ‫ ״‬Geschenke‫ ״‬überbringen solle. Der Befehl stammte
von einem hochgestellten Ägypter namens Amenophis. In einem anderen
Schreiben tadelt dieselbe Person den König von Taanach, weil er keine Sol­
daten zur Verfügung gestellt habe und nicht persönlich in Gaza erschienen
sei. Der Schreiber war womöglich niemand anders als Amenophis II., der auf
seinem Feldzug in Palästina die kanaanäischen Herrscher der an seiner
Marschroute liegenden Städte au ff orderte, ihm militärischen Beistand zu lei­
sten. Darüber hinaus veranschaulicht die Fülle der auf den Schrifttafeln ver-
zeichneten Eigennamen die komplexe ethnische Struktur dieser Region. Die
Mehrzahl der Bewohner war zwar westsemitischer, kanaanäischer Abstam­
mung, aber auch die H urriter treten stark in Erscheinung. Wie gemischt die
Bevölkerung Kanaans war, geht auch aus den Listen der Gefangenen hervor,
die von Amenophis II. nach Ägypten transportiert wurden. Anhand dieser
Listen lassen sich ganze Bevölkerungsgruppen, aber auch gesellschaftliche
Klassen und Berufsstände unterscheiden.
Die militärischen Unternehmungen von Thutmosis IV. (1406-1398), dem
Sohn des Amenophis, sind weitaus weniger gut belegt als die seiner Vorfah­
ren. Über seine Feldzüge in Kanaan erfährt man jedoch einiges aus Andeu­
tungen in seinen eigenen Inschriften und in denen seiner Beamten. Er wurde
immerhin von seinen Zeitgenossen als ‫ ״‬der Eroberer des Landes H aru [H u ru ]“
bezeichnet, so lautete der im Neuen Reich gebräuchliche ägyptische Name
für Syrien-Palästina. Auf dem Streitwagen, den man in seinem Grab bei
Theben entdeckt hat, finden sich bildliche Darstellungen von Schlachten in
Kanaan, die unter anderem auch jene Schasu-Beduinen zeigen, welche der
ägyptischen Herrschaft zunehmend Schwierigkeiten bereiteten. In einer sei­
ner Grabinschriften werden Gefangene aus Geser erwähnt, was auf die Er­
oberung dieser Stadt schließen läßt. Dem entspräche auch der Inhalt eines
Briefes, der in Geser selbst gefunden wurde und in dem der Verfasser vom
dortigen König eine Loyalitätserklärung sowie die Bereitstellung von Lebens­
mitteln für einen demnächst in Geser eintreffenden Gesandten verlangt, die
zweifellos als Proviant für die ägyptischen Streitkräfte bestimmt waren.
In Inhalt und Stil stimmt dieser Brief weitgehend mit mehreren Schreiben
aus dem El-Amarna-Archiv überein, die von Ägypten aus an verschiedene
kanaanäische Könige, zumal an die von Achschaf und Aschkelon, gerichtet
waren. Die obenerwähnte Botschaft mag durchaus während eines Feldzugs
in Kanaan von Thutmosis IV. persönlich an den König von Geser ergangen
sein, und als dieser sich nicht fügen wollte, wurde die Stadt angegriffen.
Weitere Einzelheiten über die asiatischen Feldzüge Thutmosis* IV. können
Kanaan v o r u nd w ährend der israelitischen Landnahm e ZI

indirekt aus der El-Amarna-Korrespondenz erschlossen werden, in der die


kanaanäischen Herrscher gelegentlich auf die militärischen Aktionen der
früheren ägyptischen Könige verweisen. So erklärt der König von Byblos in
einem Schreiben an Amenophis III., seine Stadt sei dessen Vater (Thutmo­
sis IV.) treu ergeben gewesen, der in eigener Person die phönizische Küste
besucht habe, um die ägyptischen Vasallengebiete zu kontrollieren. Dies deckt
sich mit der Aussage in einer Inschrift Thutmosis‫ ״‬IV., nach der er in das
Land Retenu gekommen sei, um Zedern zu fällen. Der Name Retenu, in
ägyptischen Quellen eine der ältesten Bezeichnungen für das Land Kanaan,
bezieht sich in diesem Falle speziell auf das Gebiet des Libanongebirges.
Thutmosis IV. war der letzte Herrscher der Achtzehnten Dynastie, der
sich auf militärische Unternehmungen in Asien einließ. Seine Nachfolger,
Amenophis III. und IV. (sowie Tut-ench-Amun), begnügten sich offensicht­
lich damit, Palästina aus der Ferne zu regieren, bis dort die ägyptische Ober­
herrschaft in der zweiten H älfte des 14. Jahrhunderts vollständig zusam­
menbrach. Die geographischen Listen Amenophis* III. enthalten keine ein­
deutigen Hinweise auf asiatische Feldzüge. Sofern es sich dabei nicht um
bloße Abschriften von Ortsnamenverzeichnissen seiner Vorgänger handelt
(zumal dort, wo es um Nordkanaan geht), wird hier allenfalls die Existenz
von wirtschaftlichen und sonstigen Beziehungen zu diesen Regionen angedeu­
tet. Von großem Interesse ist eine weitere geographische Liste, die erst kürz­
lich publiziert wurde und in der Orte genannt sind, die in den bisher bekann­
ten ägyptischen Quellen nicht vorkamen, so zum Beispiel Raphia an der
Südküste und En-Schasu, eine Nomadensiedlung an einem Brunnen (die
vielleicht auch in den El-Amarna-Texten erwähnt wird). Ein Gebiet, das als
‫ ״‬Land der Schasu J-H -W (A )a bezeichnet wird und entweder auf der H alb­
insel Sinai oder in der Negevwüste zu lokalisieren ist, hat für uns besondere
Bedeutung. Der Name J-H-W(A) und seine geographische Fixierung im
Bereich des Sinai rufen die Jahwe-Theophanie vor Mose in Erinnerung (vgl.
S. 57). Andere Namen beziehen sich überraschenderweise auf den ägäischen
Raum und auf Griechenland: Knossos auf Kreta, die Insel Kythera unweit
der Peleponnes, Nauplia, Messene und Mykene und vielleicht sogar Ilion
(Troja). Dadurch werden Verbindungen zu Ländern jenseits des Mittelmee­
res ebenso nahegelegt wie durch eine Gruppe von Rollsiegeln im syrisch-
akkadischen Stil, die vor kurzem in der Nähe von Theben in Griechenland
aufgefunden worden sind.

D ie politische K onstellation in der E l-A m a rn a-E po che


Die ausführlichste und aufschlußreichste Darstellung des Landes Kanaan im
zweiten Jahrtausend, die zugleich mittelbar die Frühgeschichte Israels er­
hellt, stammt aus dem zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts, also aus der
El-Amarna-Zeit. El-Amarna ist der moderne Name einer Grabungsstätte in
22 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

Mittelägypten, wo einst das antike Achetaton stand, die neue H auptstadt


Amenophis* IV. (1369-1353), die vorübergehend an die Stelle Thebens trat.
Dort ist im Jahr 1887 und daran anschließend ein umfangreiches Staats­
archiv zutage gefördert worden, das den diplomatischen Schriftwechsel von
Amenophis IV. sowie den seines Vaters Amenophis III. aus dessen letzten
Regierungsjahren enthält. Es umfaßt mehr als 350 Briefe, die fast ausschließ­
lich in akkadischer Sprache, der Lingua franca des Vorderen Orients jener
Zeit, abgefaßt sind. Zu einem Teil handelt es sich um Briefe, die zwischen
den ägyptischen Königen und anderen souveränen Herrschern gewechselt
wurden, doch ungefähr die Hälfte des Archivs betrifft die Korrespondenz
mit Vasallen in Palästina und an der phönizischen Küste. Die Mehrzahl die­
ser Schreiben ist an den Ägypterkönig gerichtet, aber es sind auch einige we­
nige Kopien von Briefen des Königs oder seiner Beamten an Kleinfürsten in
Kanaan vorhanden.
Aus der Korrespondenz geht deutlich hervor, daß die Machtstellung der
Ägypter in Kanaan merklich abgebröckelt war und daß sich das Sicherheits­
problem in der gesamten Provinz sehr verschärft hatte. Man liest von wie­
derholten Überfällen auf Karawanen und von der Hilflosigkeit der Ägypter
gegenüber Nomaden (z. B. dem Sutu-Stamm) und räuberischen Banden, wie
etwa den Chabiru (vgl. S. 52). Die letzteren verdingten sich häufig als
Söldner bei einheimischen Potentaten. Obwohl Ägypten unter Amenophis III.
und IV. in mancher Hinsicht, vor allem auf kulturellem Gebiet, eine Blüte­
zeit erlebte, war seine Macht in Asien rapide zurückgegangen. Den religiösen
Reformen in Ägypten, die Amenophis IV. durchsetzte, hat man einen gewis­
sen Einfluß auf die Religion Israels zugeschrieben. Die Verehrung des Son­
nengottes Aton wurde zur Staatsreligion erhoben, und der König selbst gab
sich den Namen Achenaten (Echnaton), ‫ ״‬Ruhm des A ton“. Doch diese Neue­
rung, deren Auswirkung auf den Monotheismus Israels von manchen stark
überbewertet worden ist, blieb nur eine Übergangsepisode und galt schon
nach dem Tod Amenophis* als Ketzerei. Trotz seiner politischen Schwäche
vernachlässigte Amenophis die ägyptische Verwaltung in Kanaan nicht völ­
lig. Manches deutet darauf hin, daß er an Asien interessiert war, und er
scheint sogar eine großangelegte militärische Aktion in dieser Region geplant
zu haben, die aber offenbar nie zustande kam. Auf jeden Fall gelang es ihm
und seinem Vater, ihre Autorität in Kanaan und an der phönizischen Küste
aufrechtzuerhalten; sie bedienten sich dabei des altbewährten Grundsatzes
‫ ״‬Divide et impera“, indem sie Intrigen und Streitigkeiten unter den einhei­
mischen Herrschern förderten.
Das El-Amarna-Archiv, dem wir in der Hauptsache unsere Informationen
über die ägyptische Kolonialherrschaft in Asien verdanken, enthüllt auch
die Rolle, die Palästina im Rahmen des ägyptischen Weltreiches spielte. Das
eigentliche Kanaan, dessen Mittelpunkt Gaza bildete, war die südlichste von
drei asiatischen Provinzen. Es umfaßte das ganze westliche Palästina, er-
K anaan v o r un d w ährend der israelitischen Landnahm e

streckte sich längs der Küste nordwärts bis Tyrus, später sogar bis Byblos,
und schloß in Transjordanien die Stadtstaaten Zafon und Pella im Süden und
das Golan- und Baschangebiet im Norden ein. Die Provinz wurde verwaltet
von einem ägyptischen Kommissar, dessen Titel auf akkadisch rabisu und
auf kanaanäisch sökirtu (‫ ״‬Agent‫ ) ״‬lautete. Im Gegensatz zur ägyptischen
Verwaltung in Nubien w ar dieser Beamte dem König unmittelbar verant­
wortlich. Solche Kommissare überwachten die Herrscher der einzelnen Stadt­
staaten, die oft mit dem akkadischen Titel hazannu bezeichnet wurden, was
ungefähr soviel wie Bürgermeister oder Gouverneur bedeutet. Der Titel sollte
ihnen ihre Unterordnung unter die ägyptischen Herren klarmachen, die sie
in ihrem Amt bestätigten; untereinander redeten sie sich weiterhin als ‫ ״‬Kö­
nig“ an.
Die ägyptische Herrschaft in Kanaan stützte sich somit auf Vasallenkö­
nige, die mit den ägyptischen Beamten eng zusammenarbeiteten. Deren Be­
fehlsgewalt unterstanden in Garnisonen zusammengefaßte Ägypter und zu­
weilen auch ‫ ״‬Kuschiter“ (Nubier). Diese bewaffneten Einheiten waren
zahlenmäßig klein, wie man aus den bescheidenen Ersuchen um Verstärkun­
gen ablesen kann, die von den Stadtfürsten unterbreitet wurden; so forderte
zum Beispiel Megiddo hundert Soldaten an, Jerusalem und Geser begnügten
sich gar mit fünfzig. Auch die Versorgung mit Waffen w ar dürftig, wie ein
zeitgenössischer Brief aus Teil el-HesI beweist, in dem ein Kleinfürst meldet,
daß er sechs Bogen, drei Dolche und drei Schwerter benötige. Für größere
militärische Operationen mußte Ägypten ein Expeditionskorps entsenden.
Das war das ‫ ״‬Heer der Bogenschützen“, eine bewegliche Streitmacht, in der
sich die Schnelligkeit des Streitwagens mit der Schlagkraft des Bogens ver­
banden.
Die Hauptbedeutung der El-Amarna-Briefe für die Geschichte Palästinas
(und des frühen Israel) liegt darin, daß sie neues Licht auf die einzelnen
kanaanäischen Stadtstaaten werfen - auf die zwischen ihnen bestehenden
schwankenden Beziehungen, auf ihre Reibereien und Feindschaften, ihre
Bündnisse und ihre zuweilen breitangelegten Koalitionen. Zusammen mit
den aus derselben Zeit stammenden Dokumenten aus den Hethiterarchiven
von Chattuscha und dem später entdeckten Archiv von Ugarit sind die El-
Amarna-Briefe eine Bestätigung für die heikle Situation dieser Königtümer,
vor allem in Syrien. Syrien, das zwischen Mitanni und dem Hethiterreich
(Hatti) wie in einem Schraubstock eingespannt war, sah sich zugleich zwi­
schen den beiden Polen Ägypten und H atti hin und her gerissen. Ein solches
Dilemma hatte notwendigerweise militärisches Lavieren und politische
Doppelzüngigkeit zur Folge. H atti wurde zu einem starken Widersacher
Ägyptens, als der mächtige Hethiterkönig Schuppiluliuma die mitannische
Hegemonie in Syrien beseitigte und bis Damaskus und ins Libanontal vor­
stieß. Tatsächlich zogen viele Staaten in Syrien die Hethither den ägypti­
schen Herren vor, da sie im Umgang mit ihren Vasallen mehr Geschick und
*4 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

Beweglichkeit bewiesen und einen wirksameren militärischen Schutz garan­


tierten. Der dreiseitige Wettstreit, den die großen Rivalen Ägypten, H atti
und das im Niedergang begriffene Mitanni um die Loyalität der syrisch­
palästinischen Herrscher austrugen, störte das empfindliche Machtgleichge­
wicht in der gesamten Region.
Ungeachtet der unstabilen politischen Verhältnisse blieb Ägypten H err in
Palästina und trug weiterhin die Verantwortung für die Bevölkerung des
Landes. So führte, um nur ein Beispiel zu zitieren, der babylonische König
Burnaburiasch II. Klage bei Amenophis IV., als eine seiner Karawanen in
der Stadt H annaton im Tal von N etofa (später zum Stammesgebiet von
Sebulon gehörend [Josua 19,14]) ausgeraubt und mehrere babylonische
Kaufleute ermordet wurden: ‫ ״‬Kanaan ist dein Land, und seine Könige sind
deine Diener. In deinem Land bin ich beraubt worden. Binde sie [die Mör­
der] und ersetze das Geld, das sie gestohlen haben. Und töte die Menschen,
die meine Diener getötet haben, und rache deren Blut.“
Im Norden erstreckte sich der ägyptische Herrschaftsbereich bis zum
N ordrand der Ebene des Libanon, und diese Demarkationslinie wurde von
den Hethitern anerkannt. Folglich galt der Vorstoß Schuppiluliumas in das
südlich der Grenze gelegene Land Amqi als Übergriff auf ägyptisches Ter­
ritorium. Dies entspricht sogar hethitischer Geschichtsdeutung, nach der die
Grenzverletzung mit der schweren Plage, welche anschließend ihr Land
heimsuchte, in Verbindung gebracht wird. Gleichwohl ermutigten das An­
wachsen der hethitischen Macht in Syrien und die Schwächung Ägyptens die
Chabiru zu weiteren Raubzügen. Mehrere einheimische Herrscher, zumal im
zentralen Bergland und in Amurru im Norden, verbanden sich mit ihnen in
der Absicht, das ägyptische Joch abzuschütteln. Angesichts der Hilflosigkeit
der ägyptischen Obrigkeit nahm der Widerstand der Regionalherrscher zu.
Im Norden Palästinas kam es zu einem Streit zwischen den beiden wichtig­
sten Stadtstaaten, nämlich Aschtarot im Baschangebiet und Hazor, das sich
nach Osten über den Jordan und nach Westen bis zur Küste auszudehnen
versuchte. Doch im Flachland, in der Jesreel-, der Scharonebene und im Kü­
stenstreifen, die für die ägyptische Wirtschaft lebenswichtig waren und zum
Teil königlichen Landbesitz darstellten, blieb die Vormachtstellung der
Ägypter während dieser Periode einigermaßen erhalten. Biridija, der Fürst
von Megiddo, verwirklichte sogar im Auftrag des ägyptischen Königs in der
Jesreelebene ein großes landwirtschaftliches Programm, zu dem er Zwangs­
arbeiter aus den verschiedensten Gegenden heranzog. Weiter südlich bildete
Jaffa ein ägyptisches Verwaltungszentrum, in dem sich zugleich die könig­
lichen Speicher befanden. Einer späteren ägyptischen Quelle zufolge (Pa­
pyrus Anastasi I) galt diese Stadt auch als Zentrum der Lederverarbeitung
und der Waffenherstellung. Für die mittlere Bergregion haben uns die El-
Amarna-Dokumente die Namen von zwei Stadtstaaten überliefert, die bei
der israelitischen Eroberung und Besiedlung eine wichtige Rolle spielen soll-
K anaan v o r u nd w ährend der israelitischen L andnahm e

ten: Sichern und Jerusalem. Labaju, der Herrscher von Sichern, der ein ge­
schworener Feind der Ägypter war, hatte sein Herrschaftsgebiet über das
Gebirgsland des (nachmaligen) Efraim und Manasse ausgedehnt und mit
Unterstützung der Chabiru Megiddo belagert. Im Osten reichte seine Macht
bis zu den Bergen von Gilead und im Westen bis zur Scharonebene. Zusam­
men mit Milkili, dem Herrscher von Geser (sein ehemaliger Gegner und jet­
ziger Bundesgenosse), übten Labaju und seine Nachkommen ständig Druck
auf Jerusalem und sogar auf noch weiter südlich gelegene Städte wieLachisch
und Aschkelon aus.
Jerusalem selbst blieb jedoch eine pharaonentreue Enklave, und sein König
Abdi-Chepa (so und nicht Puti-Chepa lautet offensichtlich die korrekte Les­
art des Namens) bekleidete sogar einen ägyptischen militärischen Rang. In
seinen Briefen ersucht er seinen Oberherrn um militärischen Beistand im
Kampf gegen die räuberischen Chabiru und andere Feinde. Zu den letzteren
zählt er die Herrscher von Sichern, Geser, Gat, Lachisch und Aschkelon. Im
besonderen führt er Klage über subversive Aktionen an seiner Nordwest­
grenze: den Überfall auf eine seiner Karawanen im Tal von Ajalon; die Er­
oberung der nahegelegenen Städte Bet-Horon und Rubute (diese Stadt konn­
te noch nicht eindeutig identifiziert werden); die Versuche, seine Herrschaft
in Keila (Chirbet QTlä) an der südwestlichen Grenze zu untergraben. Das
Schicksal Jerusalems ist bezeichnend für die gefährliche Isolierung verschie­
dener kanaanäischer Stadtstaaten und gleichzeitig für die zeitweiligen Bünd­
nisse, die zwischen ihnen bestanden. Ein Musterbeispiel für solche weitge­
spannten Zweckbündnisse auf Zeit ist das Ersuchen um militärische Unter­
stützung gegen die Chabiru, das Abdi-Chepa und Schuwardata, der H err­
scher von Hebron oder Gat, an die Könige von Akko und Achschaf an der
fernen nördlichen Küstenregion richteten.
Die ‫ ״‬diplomatische Akte“ Jerusalem, die im El-Amarna-Archiv entdeckt
wurde, enthüllt nicht nur die komplexen Probleme und Anstrengungen die­
ses kanaanäischen Stadtstaates, der um seine territoriale Integrität, ja um
sein Überleben kämpfte, sondern sie erhellt indirekt auch den biblischen Be­
richt über den Status und die Geschicke des frühen Jerusalem. N ur wenige
Generationen später kam es zu dem Einfall der Israeliten in Kanaan. Diese
Invasion erfolgte offenbar im Grenzgebiet zwischen den Königreichen von
Sichern und Jerusalem, den beiden politischen Faktoren im Bergland, wie
aus den El-Amarna-Texten hervorgeht. Auch wenn zur Zeit Josuas die poli­
tische und militärische Lage des Königreichs Jerusalem ganz anders aussah,
seine strategische Position war noch ungefähr die gleiche wie in der El-
Amarna-Zeit (vgl. 4. Kapitel, S. 71 f.)• Die ethnische Zusammensetzung der
Jerusalemer Bevölkerung zeigt sich schon im Namen Abdi-Chepa: der erste
Bestandteil ist kanaanäisch, und der zweite enthält den Namen einer hurri-
tisch-hethitischen Göttin. Ein ähnliches Bild ergibt sich aus dem biblischen
Hinweis auf die Hethiter, die sich Seite an Seite mit den alteingesessenen
26 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

Kanaanäern und Emoritern in der Stadt niedergelassen hatten (vgl. ‫ ״‬Urija


der H ethiter“ aus Jerusalem sowie Ezechiel 16,3). Die im vorisraelitischen
Jerusalem ansässigen Jebusiter waren höchstwahrscheinlich ein kleinasiati­
scher Stamm. Darüber hinaus lassen die literarische Form und der blumige
Stil der aus Jerusalem stammenden El-Amarna-Briefe mit ihrem starken
Anteil kanaanäischer Spracheigentümlichkeiten den Schluß zu, daß die Stadt
ein Zentrum der Schreibkunst war. Nach ihrer Umwandlung in die H aupt­
stadt Israels unter David war sie durchaus in der Lage, eine bedeutende Rolle
bei der Assimilierung der kanaanäischen Kultur und bei der Weitergabe der
Regierungspraxis an die Israeliten zu spielen.

K anaan zu r Z eit der israelitischen L a ndnahm e


Der Niedergang der ägyptischen Macht in Asien nach dem Zerfall der Acht­
zehnten Dynastie in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts gab den noma­
dischen und halbnomadischen Stämmen Gelegenheit, vom Osten her immer
tiefer in die fruchtbaren Ackerbaugebiete vorzudringen. Zu diesen Eindring­
lingen, welche die Absicht hatten, sich dort niederzulassen, gehörten die Is­
raeliten und verwandte Stämme, aber auch Bewohner des südlichen Trans­
jordaniens - die Edomiter, Moabiter und Ammoniter (vgl. 4. Kapitel).
Unter Horemheb, der den ägyptischen Thron usurpiert hatte, versuchten
die Ägypter ihre Autorität in Kanaan wiederherzustellen, doch ohne Erfolg.
Unser besonderes Interesse gilt indes den Reliefs in Horemhebs Grab, auf
denen typische Gesichter von Gefangenen aus Palästina und möglicherweise
aus Syrien abgebildet sind, unter anderem bärtige Semiten und Hethiter.
Diese Darstellungen bezeugen eindeutig das bunte Völkergemisch im Kanaan
jener Zeit. Mit dem Anbruch der Neunzehnten Dynastie gegen Ende des
14. Jahrhunderts wurde die Orientierung nach Osten zu einem dominieren­
den Merkmal der ägyptischen Außenpolitik. Die Ägypter eroberten ihre
Vormachtstellung in Asien zurück, allerdings in einem kleineren Rahmen
als unter Thutmosis III. Symptomatisch für die verstärkten Beziehungen zu
Kanaan unter dieser Dynastie ist die ungewöhnlich große Zahl von zeitge­
nössischen ägyptischen Dokumenten, die in Palästina zutage gefördert wur­
den. Umgekehrt erreichte der kanaanäische Einfluß in Ägypten damals sei­
nen Höhepunkt; dafür sprechen einerseits die zahlreichen Gottheiten K a­
naans, die in das ägyptische Pantheon aufgenommen wurden, und anderer­
seits die ausgiebige Verwendung von kanaanäischen Wörtern in der ägyp­
tischen Literatur.
Die erfolgreichen Expeditionen Sethos’ I. (1308-1290) nach Kanaan sind
belegt durch mehrere Stelen (in Bet-Schean, Teil esch-Schihab im nördlichen
Gilead und Tyrus), durch die geographischen Listen der eroberten kanaa­
näischen Städte und durch eine einzigartige Reihe von Reliefs (mit dazuge­
hörigen Inschriften) im Amontempel von Karnak. Die Reliefdarstellungen
K anaan v o r u nd w ährend der israelitischen Landnahm e 27

geben uns im einzelnen Auskunft über die Marschroute der Ägypter, die sie
im Norden der Sinai-Halbinsel nach Raphia führte. Abgebildet sind unge­
fähr zwanzig Festungen und befestigte Brunnen, die sich über diese Route
verteilen. Wir erfahren von der Einnahme ‫[ ״‬der Stadt] Kanaans‫ ״‬- gemeint
ist offenkundig Gaza von der Eroberung Janoams am Ausfluß des Jor­
dans aus dem See Gennesaret und der Eroberung von Kadesch. Es ist jedoch
fraglich, ob sich die letztere Angabe auf Kadesch am Orontes bezieht, denn
obgleich sich dort eine Stele Sethos* befindet, bleibt unklar, ob er tatsächlich
eine so weit nördlich gelegene Stadt erobert hat. Wahrscheinlich ist eher die
Festungsstadt Kadesch in Obergaliläa gemeint. Neben Abbildungen der ka-
naanäischen Festungen und der sie umgebenden Landschaften enthalten die
Reliefs auch Darstellungen von wilden Schasu-Beduinen, von kanaanäischen
Kriegern, von ‫ ״‬den großen Fürsten des Libanon“, die Zedern für Ägypten
fällen (vgl. i Könige 5,20), und sogar von Hethitern, mit denen die Ägypter
im südlichen Syrien durchaus zusammengestoßen sein können. Sethos* geo­
graphische Liste läßt darauf schließen, daß es sein Hauptziel war, die ägyp­
tische Hegemonie in der Ebene von Bet-Schean, in Galiläa und an der phöni-
zischen Küste wiederherzustellen, an der zwischen Akko und Ullasa im N or­
den mehrere Städte aufgezählt sind.
Die beiden Siegesstelen von Bet-Schean, die anscheinend auf Sethos* erstes
Regierungsjahr zu datieren sind, geben uns zusätzliche Aufschlüsse über die
Gegend im allgemeinen wie auch über die politisch-militärische Lage, mit der
sich der König konfrontiert sah. Eine Stele berichtet von der Unterdrük-
kung eines Aufstandes des Herrschers von Hamat, der Bet-Schean weiter
nördlich angegriffen und, gemeinsam mit den Einwohnern von Pella in Trans­
jordanien, die Stadt Rehob belagert hatte (Teil es-Sarem, etwa 5 Kilometer
südlich von Bet-Schean). Die zweite Stele wurde errichtet zum Gedenken an
den ägyptischen Sieg über die cApiru (die ägyptische Entsprechung des akka-
dischen Wortes Chabiru oder Chapiru [vgl. S. 52]), die über die Hügel
Untergaliläas ausgeschwärmt waren und die dort ansässige Bevölkerung be­
drohten. All dies deutet auf die Infiltration Galiläas durch nomadische Grup­
pen hin, die Vorläufer der israelitischen Stämme im Norden des Landes ge­
wesen sein können. Das ist um so wahrscheinlicher, als in Sethos* geographi­
schen Listen zum erstenmal der Name Aser auftaucht, der später für den
israelitischen Stamm Ascher verwendet wird.
Unter Sethos* Nachfolger Ramses II. (1290-1224) erreichten die Ausein­
andersetzungen zwischen Ägyptern und Hethitern um die Vorherrschaft in
Asien ihren Höhepunkt in der Schlacht von Kadesch am Orontes. Diese
Schlacht, die im fünften Jahr der Regierung Ramses (1285 v.C hr.) statt­
fand, war der heftigste Zusammenprall der beiden streitenden Parteien, die
jeweils von zahlreichen Bundesgenossen unterstützt wurden. Im Dienst der
Ägypter stand unter anderem ein Kontingent der ‫ ״‬N aruna von Amurru“ (eine
Elite-Infanterieeinheit, welche den kanaanäisch-hebräischen Namen nearim
28 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

trug), während die hethitische Streitmacht durch Truppen aus Nordsyrien


sowie West- und Nordanatolien verstärkt wurde. In den ägyptischen Tem­
peln der Ramseszeit finden sich viele Darstellungen der Schlacht von Ka­
desch, in denen sie als der bedeutendste Sieg des Ramses gefeiert wird.
Trotz dieser Selbstverherrlichung w ar die Entscheidungsschlacht für Ramses
eher ein Debakel, denn sein Hauptziel, die Eroberung von Kadesch, erreichte
er nicht. Die Hethiter gewannen das Land von Amurru zurück, das sich für
kurze Zeit Ägypten angeschlossen hatte, und drangen weit nach Süden bis
in die Gegend von Damaskus (Api) vor, das einem hethitischen Dokument
zufolge eine Zeitlang unter die Oberhoheit der Hethiter geriet.
Das Fiasko der Ägypter bei Kadesch hatte einen Rückgang ihrer Macht in
Kanaan zur Folge. Etwa drei Jahre später sah sich Ramses gezwungen, eine
Expedition nach Obergaliläa zu führen, um dort aufsässige Stadtstaaten wie
Akko und Merom niederzuhalten, in deren Umgebung es Jahrzehnte darauf
zum militärischen Zusammenstoß zwischen den Israeliten und Kanaanäern
kam (vgl. S. 71). Weitere Eroberungszüge in den Norden sind durch Ram-
ses’ Stelen in Bet‫־‬Schean, Tyrus, Byblos und Schech Saad in der Baschan-
region belegt. Auf dem Monument, das am zuletzt genannten O rt entdeckt
wurde und unter dem Namen ‫ ״‬Hiob-Stein“ bekannt ist, wird der semitische
Gott El-Kon(eh)-safon erwähnt, eine Variante von Baal-Zefon, den wir aus
Ugarit und aus der Bibel kennen und auf den das biblische El celjon qoneh
schamajim wa-ares (Genesis 14,19) anspielt. Ramses1Beziehungen zum nörd­
lichen Transjordanien werden außerdem durch den Umstand bestätigt, daß
ein hochgestellter kanaanäischer Beamter in Ägypten, ein gewisser Ben-Asan,
aus der Stadt Siri(Ser)-Baschan stammte, die in den Archiven von El-Amarna
und Ugarit erwähnt wird. Ramses beschränkte indes seine militärischen Ak­
tionen nicht auf den nördlichen Teil des Landes. Aus kürzlich aufgefundenen
Quellen kann man schließen, daß er auch für den Süden großes Interesse
hegte. Ausgrabungen in Jaffa haben ergeben, daß die Stadt während seiner
Regierungszeit zerstört und wiederaufgebaut worden ist, und in einer In­
schrift am Stadttor wird sogar sein Name erwähnt. Eine detaillierte Relief­
darstellung aus seiner Zeit, welche die Einnahme von Aschkelon schildert, ist
bereits seit langem bekannt. Neuentdeckte geographische Listen stützen die
Ansicht, daß Ramses sich das gesamte Küstengebiet von Dor im Norden bis
Raphia im Süden untertan gemacht hat, während er im Südosten die Schasu-
Beduinenstämme in Negev und Sei'r unterwarf.
Besonders aufschlußreich sind die Reliefs und dazugehörigen Inschriften
an einer vor einiger Zeit in Luxor freigelegten Tempelwand, die Ramses’
Feldzug in Moab beschreiben. Diese Darstellung einer militärischen Expedi­
tion im südlichen Transjordanien ist der erste Beleg für das Interesse der
Ägypter an dieser entlegenen Gegend. Sie ermöglicht uns nunmehr auch die
Deutung einer eigenartigen Stele aus dem D orf Balu'a im nördlichen Moab,
die offensichtlich in die Regierungszeit des Ramses zu datieren ist. Die
Karte 2: Kanaan
Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

Stele enthält ein Relief in ägyptischem Stil, auf dem ein von Gottheiten
flankierter moabitischer Herrscher (kann es vielleicht der in Numeri 21,26
erwähnte ‫ ״‬erste König der Moabiter“ sein?) dargestellt ist, und sie trägt eine
rätselhafte Inschrift in einer augenscheinlich pseudohieroglyphischen Schrift.
Das erst kürzlich bei Timna im südlichen Araba entdeckte Kupferbergwerks­
zentrum (in dem offensichtlich Midianiter beschäftigt waren) und das dazu­
gehörige Heiligtum sind im Zusammenhang mit Ramses* Feldzug nach Moab
von besonderer Bedeutung, denn zu den Funden gehören auch mehrere In­
schriften, die auf ihn zurückgehen. Die inzwischen bewiesene Anwesenheit
von Ägyptern und Midianitern in diesem Gebiet ist gleichfalls wichtig für
eine Neubewertung der biblischen Tradition von Exodus und der Eroberung
Kanaans, da die Araba und Süd-Transjordanien in jener Periode für die
Israeliten eine große Rolle gespielt haben (vgl. 4. Kapitel, S. 60 ff.).
Der kalte Krieg zwischen Ägypten und den Hethitern nach der Schlacht
von Kadesch führte schließlich im Jahre 1269 zum Abschluß eines Friedens­
vertrages zwischen Ramses II. und Chattuschilisch III. Der ausführliche Ver­
tragstext enthält jedoch keine genauen Angaben über den vereinbarten Grenz­
verlauf. Es hat allerdings den Anschein, als decke sich die Demarkationslinie
mit der in der Bibel (Numeri 34) beschriebenen Nordgrenze des Landes K a­
naan. Dies war eine geopolitische Wirklichkeit, mit der sich die ins Land
eindringenden Israeliten abzufinden hatten. Sie findet in der Tat auch ihren
Niederschlag in der Umschreibung des Gelobten Landes in Josua 1,4: ‫ ״‬Von
der Wüste an und diesem Libanon [d. h. von der Grenze des ägyptischen
Herrschaftsgebiets] bis an den großen Strom Euphrat [Eufrat] - das ganze
Land der Hethiter . . . bis an das Meer gegen Sonnenuntergang [d. h. hethi-
tische Besitzungen in Syrien].‫ ״‬Demnach blieben die Region von Damaskus
und das Gebiet bis Lebo-Hamat in den nördlichen Ausläufern des Libanon­
tals im Besitz der Ägypter. Während das Land Amurru der hethitischen
Oberhoheit unterstand, erstreckte sich die ägyptische Herrschaft an der Mit­
telmeerküste bis hinauf nach Sumur, nördlich von Byblos. Tatsächlich wer­
den Damaskus und Sumur im Papyrus Anastasi I als jeweils östlichster und
nördlichster Stützpunkt der Ägypter in Asien genannt; dieser Text gibt die
geographische Begrenzung der ägyptischen Besitzungen in Asien in der zwei­
ten Hälfte von Ramses’ Regierungszeit wieder.
Der Papyrus Anastasi I, ein wichtiges Dokument, das ein ägyptischer
Schreiber in Form eines satirischen Briefes abgefaßt hat, stellt für Kanaan
eine einzigartige Informationsquelle dar; es ist eine Art ‫ ״‬Führer“, der auf
die Bedürfnisse des ägyptischen Heeres und speziell des mehir (ein kanaa-
näischer Begriff, der eine Eliteeinheit bezeichnet) abgestimmt war. Der Pa­
pyrus enthält eine anschauliche Beschreibung der Landschaftsformen, der
größeren Städte des Landes, der verschiedenen Volksgruppen und vor allem
des Straßennetzes. Auch die Verproviantierung eines ägyptischen Expedi­
tionskorps durch die einheimische Bevölkerung wird erwähnt, ein Beleg für
Kanaan v o r u nd w ährend der israelitischen Landnahm e

den Wohlstand der Städte in der Ebene, zumal jener an der Küste (z.B.
Jaffa). Auf der anderen Seite wird das Bergland als sehr unsicher geschildert,
was seinen Grund in Überfällen der Schasu-Beduinen und anderer Räuber
hatte, zu denen mittlerweile wohl auch die Israeliten zu zählen waren, die
sich seit kurzem hier festgesetzt hatten. Der Bericht über die Heldentat, die
der Anführer eines als Ascher bekannten Stammes vollbrachte, erinnert an
die Glanzleistungen Simsons oder der Helden Davids.
Die Beziehungen zwischen Ägypten und H atti in der Regierungszeit Mer-
neptahs (1224-1214) und des hethitischen Königs Tudhalija IV. (ca. 1250
bis 1220) waren friedlich bis zum Untergang des Hethiterreiches. Ein eini­
gender Faktor war die gemeinsame Bedrohung durch die Seevölker (vgl.
6. Kapitel, S. 102 ff.), die die Bevölkerung Westanatoliens aufschreckten, aber
auch, im Verein mit den Libyern, im fünften Regierungsjahr Merneptahs
einen Angriff auf Ägypten unternahmen. Zu Beginn seiner Regierungszeit
war der Ägypterkönig gezwungen, einen allgemeinen Aufstand niederzu­
schlagen, der in Kanaan, von Aschkelon und Geser im Süden bis Janoam im
Norden, aufgeflackert war, wie wir einer Stele entnehmen können, die aus
dem fünften Jahr seiner Regierung stammt. Die Siegeshymne auf dieser Stele,
in der Merneptah sich eines großen Sieges rühmt, ist von höchster Bedeutung,
da hier zum erstenmal außerhalb der Bibel der Name ‫ ״‬Israel“ erwähnt wird.
Bei der Aufzählung der besiegten Völker verkündet der König: ‫ ״‬Israel liegt
brach, es hat keinen Samen (mehr).“ Die überragende Bedeutung, die diese
Erwähnung für die israelitische Geschichte und für die Chronologie der israe­
litischen Eroberung hat, wird weiter unten erörtert (vgl. S. 53 f. und 65).
Bruchstückhaft erhaltene Tagebücher von ägyptischen Beamten, die an
der Ostgrenze Ägyptens und auf der Halbinsel Sinai stationiert waren, geben
uns wertvolle Auskünfte über die Erneuerung von Merneptahs Macht in
Kanaan, vor allem in Zentren wie Gaza und Tyrus an der Küste und sogar
in bestimmten Gebieten des Berglandes (Papyrus Anastasi III). Unter den
Personen, die die Grenzstationen passierten und deren Reiserouten von den
ägyptischen Behörden im einzelnen registriert wurden, befanden sich auch
Offiziere, die von den ‫ ״‬Brunnen des Merneptah im gebirgigen Land“ zurück­
kehrten. Manche Gelehrte sehen darin eine Anspielung auf die ‫ ״‬Neftoach-
Quelle [m ajan me nephtoah] “, einen Grenzpunkt zwischen Benjamin und
Juda bei Jerusalem (Josua 15,9 und 18,15). Diese These stützt sich auf die
Möglichkeit, daß der Konsonant ‫ ״‬r “ in Merneptah damals nicht ausgespro­
chen wurde, so daß der Name wie ‫ ״‬Meneptah“ klang; ein hebräischer Schrei­
ber könnte somit den Namen als ‫ ״‬die Wasser von [me] N efta“ mißverstan­
den haben und daraus sei die absonderliche hebräische Fassung ‫ ״‬Brunnen
der Wasser von N eftoach“ entstanden. Allerdings deuten verschiedene In ­
schriften darauf hin, daß Merneptah, genauso wie seine Vorfahren Ramses
und Sethos, mehrere Ortschaften nach sich selbst benannte, unter anderem
Festungen in Kanaan und auf der Halbinsel Sinai.
3* Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

D er N iedergang der ägyptischen V o rherrscha ft in K anaan


Der Tod Merneptahs und die darauffolgende Schwächung der ägyptischen
Herrschaft in Kanaan hatten keinen plötzlichen Bruch in den Beziehungen
zwischen den beiden Ländern zur Folge; archäologische Belege aus Palästina
lassen vielmehr den Schluß zu, daß die Kontakte weiterbestanden. Ein Krug,
den man bei Teil el-Färca, dem antiken Scharuhen, im westlichen Negev
gefunden hat, trägt den Namen Sethos II., und auf einem anderen, der aus
Teil Der Alla (wahrscheinlich das alte Sukkot) am Fluß Jabbok in Trans­
jordanien stammt, erscheint der Name von Sethos* Gemahlin Ta-usert. Wei­
tere Funde in Teil Der Alla aus jener Zeit bezeugen den Einfluß der Seevölker
selbst in dieser abgelegenen Gegend (vgl. S. 109). In einer Tagebucheintra­
gung eines Grenzbeamten aus jener Zeit wird ein Beduinenstamm erwähnt,
der mit seinem Vieh aus dem Land Edom in das Gebiet des östlichen Deltas
zog, also in das biblische Land Goschen (Papyrus Anastasi VI; vgl. S. 52).
Die Nomaden waren auf der Suche nach ergiebigeren Weideplätzen, und der
Bericht über ihren Zug erinnert an die Wanderungen der israelitischen Vor­
fahren.
Das Ende der Neunzehnten Dynastie um 1200 war eine Zeit allgemeiner
Anarchie, in der ein obskurer Usurpator die Macht an sich riß. Die Identität
dieses Emporkömmlings, der den Namen Irsu trug, ist umstritten, doch seine
Bezeichnung als ‫ ״‬H a ru “ läßt auf seine hurritisch-asiatische Abkunft schlie­
ßen. Von dieser Episode einer vermutlich vom Norden ausgehenden Invasion
Ägyptens, die freilich nur in einer späteren ägyptischen Quelle belegt ist, er­
gibt sich vielleicht eine Verbindung zu den Vorgängen in Palästina, wie sie
im Bericht der Bibel über Kuschan Rischatajim (Kusan-Risathaim), den
König von Aram-Naharajim und ersten Unterdrücker Israels im Zeitalter
der Richter (Richter 3,3-10), ihren Niederschlag gefunden haben. Dieser
rätselhafte Bericht geht davon aus, daß in einer frühen Phase der israeliti­
schen Besiedlung ein Herrscher aus Nordsyrien in das südliche Palästina ein­
gefallen ist, ein Ereignis, das chronologisch in die Zeit des Ausgangs der
Neunzehnten Dynastie in Ägypten passen könnte. Doch man kann sich
schwer vorstellen, daß ein Herrscher aus Aram-Naharajim (d. h. aus dem
Eufratgebiet) einen solchen gewaltigen Feldzug unternommen haben soll, nur
um die Region von Juda zu unterwerfen. Läßt man sich nicht auf eine frag­
würdige Emendation des biblischen Textes ein und liest nicht ‫ ״‬König von
Edom“ an Stelle von ‫ ״‬König von Aram [-N aharajim ]“, so wird die Vermu­
tung wahrscheinlicher, daß das eigentliche Ziel dieses Königs die Eroberung
Ägyptens war. Der Kampf mit Israel wäre dann nur noch eine Begleiterschei­
nung und der biblische Bericht entspräche der Grundtendenz der Bibel, um­
fassendere historische Vorgänge auf den begrenzten Rahmen der Geschichte
Israels zu beziehen. Im größeren Zusammenhang der Geschichte des Alten
Orients muß somit die Befreiung Israels durch Otniel ben Kenas auf jene
K anaan v o r u n d w ährend der israelitischen Landnahm e 33

allgemeine Niederlage der nach Ägypten vordringenden Invasoren durch


Sethnacht, den Begründer der Zwanzigsten Dynastie, bezogen werden.
Ramses III. (1198-1166 oder nach der ‫ ״‬niederen“ Chronologie 1182-1150),
dem Sohn und Nachfolger Sethnachts und dem letzten bedeutenden Pharao
des Neuen Reiches, gelang zum letztenmal die Wiederherstellung der ägypti­
schen Oberhoheit in Kanaan. Seine Kriegszüge richteten sich in erster Linie
gegen die Seevölker, die damals die Ostküste des Mittelmeers bestürmten.
Das war ein Kampf auf Leben und Tod, der nicht nur Kanaan, sondern dem
Besitz von Ägypten selbst galt. Diese Ereignisse werden eingehender im K a­
pitel über die Philister behandelt (6. Kapitel, S. 102 ff.); die Philister treten
erstmals in den Inschriften Ramses* III. in Erscheinung. Im Augenblick wol­
len wir uns auf die anderen Unternehmungen Ramses* III. beschränken, die
Kanaan unmittelbar betrafen.
Abgesehen von seinen Feldzügen gegen die Seevölker in Kanaan, ver­
mochte Ramses mit Erfolg die Schasu-Beduinen von Seir abzuwehren, die
einen zunehmenden Druck auf die ägyptische Grenze ausübten. Darüber
hinaus ließ er mehrere kanäaräische Städte, vor allem längs der Via Maris,
zu Festungen ausbauen; eine davon erhielt seinen Namen: Migdol Ramses
(‫ ״‬Ramses* Festung“). Von dieser letzten kurzen Periode der ägyptischen
Vorherrschaft zeugen archäologische Funde, darunter zahlreiche Gegenstän­
de, die den Namen Ramses* III. aufweisen, zum Beispiel eine Vase aus Geser,
Elfenbeinschnitzereien aus Megiddo sowie die kürzlich entdeckten Tonscher-
ben von Timna in der Araba. Die Funde aus Bet-Schean sind besonders be­
zeichnend für die erneuerte Macht der Ägypter; Ramses ließ die Stadt wieder
aufbauen. Sogar sein Standbild und Inschriften der Kommandanten der dor­
tigen ägyptischen Garnison wurden hier ausgegraben. Unter Ramses III.
erlebte Kanaan die Errichtung von vielen Heiligtümern und Stelen zu Ehren
verschiedener Gottheiten - in größerer Zahl als in allen anderen Epochen.
Die angestammten Götter des kanaanäischen Pantheon wurden in diesen
heiligen Stätten Seite an Seite mit den ägyptischen Göttern dargestellt, of­
fensichtlich in dem Bestreben, die Hegemonie Ägyptens über das Land zu
legitimieren. Die Tempel waren auch von großer wirtschaftlicher Bedeu­
tung, denn sie dienten als Aufbewahrungsorte für die Geschenke und Tribute
der kanaanäischen Bevölkerung. Zu den umfangreichen Besitztümern des
Hauptgottes Amon, wie sie im Großen Harris-Papyrus aufgeführt sind, ge­
hörten neun Städte im Lande H aru (Kanaan), die wahrscheinlich so etwas
wie Tempellatifundien und Zentren der Priesterwohnsitze waren. Möglicher­
weise dienten sie den späteren israelitischen Levitenstädten, die wir aus der
Bibel kennen, als Vorbild.
Nachdem Ramses III. gestorben war, ging die ägyptische Herrschaft in
Kanaan sehr schnell ihrem Ende entgegen. Das späteste Zeugnis des ägypti­
schen Einflusses ist eine Statue Ramses* VI. in Megiddo, die aus der Mitte
des 12. Jahrhunderts stammt. Der Prestigeverlust der Ägypter sogar an der
34 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

phönizischen Küste, die ihnen seit Jahrhunderten untertan war, wird un­
zweideutig bezeugt durch den Bericht eines ägyptischen Abgesandten namens
Wen-Amon, der zu Beginn der Einundzwanzigsten Dynastie (ca. 1080) eine
Reise nach Byblos unternahm. Gegen den ägyptischen Einfluß richteten sich
unter anderem das aufstrebende Assyrien und sein aggressiver Herrscher
Tiglat-Pileser I. (1114-1076), der im Libanon und im phönizischen Küsten­
gebiet einfiel. Drei Küstenstädte, Arvad, Byblos und Sidon, wurden ihm
tributpflichtig. Von daher verstehen wir, warum Wen-Amon und andere
ägyptische Abgesandte, die Zakar-Baal, dem König von Byblos, damals ihre
Aufwartung machten, mit solcher Verachtung behandelt wurden. Ägypten
versuchte anscheinend Beziehungen zu Assyrien anzuknüpfen, der emporstre­
benden politischen Macht im phönizischen Küstenraum. Das ergibt sich dar­
aus, daß der Pharao - wahrscheinlich durch phönizische Mittelsmänner -
dem assyrischen König zum Zeichen seines guten Willens exotische Niltiere
übersandte.
Das Vordringen Assyriens nach Westen war jedoch zunächst nur eine vor­
übergehende Episode, und erst nach mehr als zwei Jahrhunderten konnte es
an der Küste des Mittelmeeres wirklich Fuß fassen. Die Eroberungsbestre­
bungen Tiglat-Pilesers und seiner Nachfolger in Syrien wurden durch die
aramäischen Stämme vereitelt, die zum erstenmal in den Inschriften des
Assyrerkönigs ausdrücklich genannt werden. Seit dem Ende des 12. Jahrhun­
derts waren die Aramäer in großen Massen in Syrien und in die Eufratregion
eingedrungen. Ihre Hartnäckigkeit und Tiglat-Pilesers Unfähigkeit, ihnen
Einhalt zu gebieten, erhellen aus der Tatsache, daß der assyrische König
achtundzwanzig Feldzüge über den Eufrat führen mußte, auf denen er die
Aramäer bis zur Oase von Tadmor (Palmyra) und sogar bis zum Libanon
verfolgte. Etwa drei Generationen später kämpften die Aramäer, die sich in
der Zwischenzeit in mehreren Staaten organisiert hatten, mit Saul und David
um die Vorherrschaft im Libanon und nördlichen Transjordanien. Innerhalb
Palästinas, wo die Macht der Ägypter zusammengebrochen und Assyrien
noch nicht zu einem Machtfaktor auf gestiegen war, w ar das 12. und 11.
Jahrhundert von wachsenden internen Streitigkeiten gekennzeichnet, in de­
nen Israel bald eine dominierende Rolle spielte. Die Israeliten mußten sich
abwechselnd mit der eingesessenen kanaanäischen Bevölkerung, den trans­
jordanischen Königtümern, mit räuberischen Wüstenstämmen im Osten und
schließlich im Westen mit den Philistern, einem besonders erbitterten und
zähen Gegner, auseinandersetzen.
3• Die Anfänge Israels

D ie P roblem atik der biblischen Ü berlieferung


Die Entstehung aller Völker und Sprachen ist in Dunkelheit gehüllt, und im
allgemeinen haben sich nur wenige und undeutliche Erinnerungen von be­
grenztem historischem Wert erhalten. Unter den Völkern des Alten Orients
hat allein Israel eine organische, weitverzweigte Überlieferung - den Pen­
tateuch und das Buch Josua - hinterlassen, die seine Ursprünge und sein Ge­
schick in der Zeit seiner Konsolidierung als einer wirklichen historischen
Größe betrifft. Es ist möglich, daß ähnliche Überlieferungen auch bei den
Nachbarvölkern Israels vorhanden waren, wie man einer Aussage des Pro­
pheten Amos (9,7) entnehmen kann: ‫ ״‬Habe ich nicht Israel aus Ägyptenland
geführt und die Philister aus Kaphtor [Kaftor] und die Aramäer aus Kir?‫״‬
Mit anderen Worten: noch 400 Jahre nach der Einwanderung der Philister
und Aramäer in iljre geschichtlichen Wohngebiete ist das Echo ihres U r­
sprungs und ihres Auszugs aus der früheren Heimat vernehmbar. Doch die
Tatsache bleibt bestehten, daß von keinem anderen Volk der biblischen Zeit
als von Israel ein so detaillierter Bericht über seine Frühgeschichte oder eine
so vollständige und zusammenhängende Darstellung auf uns gekommen ist,
wie sie die Geschichte der Patriarchen und die Erzählungen vom Exodus und
von der Landnahme enthalten.
Hier stellt sich sogleich eine prinzipielle Frage, deren Beantwortung grund­
legend ist für jede Deutung der historischen Anfänge Israels: Wie ist die
biblische Überlieferung (oder, genauer gesagt, sind die biblischen Überliefe­
rungen) unter dem Gesichtspunkt der geschichtlichen Authentizität zu be­
werten? Das Problem betrifft natürlicherweise den historischen Ablauf in
seinen Grundzügen, wie er sich uns im Bericht der Bibel darstellt: die U r­
sprünge der Patriarchensippe in Mesopotamien und ihr Zug nach Kanaan;
die sozialen und religiösen Lebensformen Abrahams, Isaaks und Jakobs; die
Knechtschaft in Ägypten und der anschließende Exodus; die Wüsten Wande­
rungen und die endgültige Inbesitznahme des Gelobten Landes. Kann dieser
Bericht ganz oder teilweise als ein getreues Abbild der historischen Wirklich­
keit angesehen werden?
Die Beschaffenheit der Quellen, die dem Historiker zur Verfügung stehen,
impliziert eine methodische Schwierigkeit. Der Historiker muß seine Rekon­
struktion der Anfänge Israels auf das Selbstzeugnis von Israeliten stützen
und dabei stets die Begrenztheit bedenken, die solchen internen Zeugnissen
anhaftet. Das reiche außerbiblische Quellenmaterial, das wir heute besitzen,
3* Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

hat trotz seiner Gewichtigkeit vorerst nur den Wert von indirekten Indizien­
beweisen (s. unten). Darüber hinaus muß sich der Historiker bewußt sein,
daß die Aussagen der Bibel in ihrer gegenwärtigen Form erst Generationen
nach den jeweils beschriebenen Ereignissen und aufgrund mündlicher Über­
lieferungen und älterer schriftlicher Quellen von unterschiedlichem Charak­
ter und Wert formuliert worden sind. Die biblische Tradition, wie sie sich
uns darbietet, bildet ein organisches, chronologisches Ganzes, das erst nach
langwierigen, vielfältigen literarischen Bemühungen, in deren Verlauf die
Quellen gesichtet, umgearbeitet und ineinander verwoben wurden, seine end­
gültige Gestalt erhielt. Dieser komplizierte Vorgang mag sich so abgespielt
haben, wie es die Bibelkritik mit ihrer klassischen ‫ ״‬Dokumenten-Hypothese‫״‬
dargetan hat, oder wohl eher entsprechend der Sicht der ‫ ״‬formgeschichtli­
chen“ und der ‫ ״‬überlieferungsgeschichtlichen‫ ״‬Forschung, die neuerdings zu­
nehmend an Einfluß gewinnt und davon ausgeht, daß kleine literarische
Einheiten zu größeren Traditionskomplexen und ‫ ״‬Themen‫ ״‬verschmolzen
worden sind. Im übrigen ist die vereinfachende, lineare Darstellung der
Frühgeschichte Israels das Ergebnis einer späteren schematischen Deutung
und einer spezifisch historiosophischen Tendenz, derzufolge schon die frühen
Entwicklungsphasen der Hebräer in einen größeren nationalen, panisraeliti-
schen Rahmen gestellt wurden (zur Überlieferung der Landnahme vgl. S. 59,
zum Charakter des Buches der Richter vgl. S. 85). Wie also läßt sich das
alte und authentische Quellenmaterial von den späteren und tendenziösen
Zutaten trennen, die es durchsetzen und ihm seine endgültige Form ver­
leihen?
Seit den ersten Anfängen der modernen Bibelkritik haben die Gelehrten
sich bemüht, dieses schwierige Problem zu lösen. Manche der vorgeschlage­
nen Lösungen sind weit hergeholt, und nur wenige können hier kurz darge­
stellt werden. Mit allen Risiken, die eine Verallgemeinerung in sich birgt,
darf festgestellt werden, daß deutsche protestantische Forscher mit mehr
oder weniger großer Entschiedenheit eine vorwiegend negative Haltung in
der Frage der Historizität der biblischen Tradition von der Frühgeschichte
Israels eingenommen haben, während andere Forscher (selbstverständlich mit
Ausnahmen), zumal in den Vereinigten Staaten und Israel, dieser Tradition
positiver gegenüberstehen. Die Wellhausen-Schule sprach ihr jegliche Glaub­
würdigkeit ab und betrachtete die biblische Überlieferung lediglich als Pro­
jektion späterer Epochen, vor allem der Königszeit. So sah man, um nur ein
Beispiel zu nennen, in dem Zwist zwischen Jakob und Esau und in der Be­
vorzugung des ersteren durch den väterlichen Segen die Projektion der Feind­
schaft zwischen Israel und Edom zur Zeit der Monarchie und der Unter­
werfung Edoms durch David. Im Laufe der Jahre hat die Wellhausen-Schule
eine Reihe von teilweise abwegigen Theorien und Erklärungen hervorge­
bracht, so etwa die ‫ ״‬mythologische“ Interpretation um die Jahrhundert­
wende. Die Vertreter dieser Auffassung behaupteten, die Patriarchen Israels
Die A n fä n g e Israels 37

seien im Grunde Göttergestalten gewesen, die in der Tradition in gewöhn­


liche Sterbliche verwandelt wurden, und sie deuteten die gesamten biblischen
Erzählungen von Israel bis zum Anbruch der Monarchie im mythologischen
Sinn.
Die gegenwärtig herrschende Auffassung, die aus der Schule Wellhausens
hervorgegangen ist, mit unterschiedlichen Modifizierungen auch von vielen
Wissenschaftlern und Bibelforschern außerhalb Deutschlands akzeptiert wird,
hat in den Arbeiten von A. A lt und M. N oth (s. Bibliographie) ihre beste
und umfassendste Darstellung gefunden. Demnach konstituierte sich Israel
erst auf dem Boden Kanaans als Volk, und zwar zu einem relativ späten
Zeitpunkt, nämlich nicht vor dem 12. vorchristlichen Jahrhundert. In die­
sem Prozeß entstand aus vorher getrennt lebenden Sippen und Stämmen ein
Zwölfstämmesystem, für das der Glaube an einen gemeinsamen Gott, Jahwe,
konstitutiv war. Vor allem N oth vertritt die Auffassung, daß sich der Zu­
sammenschluß der Stämme im Stil der griechischen, speziell der delphischen
Amphiktyonie vollzogen habe. Auch die Israeliten, so meint er, organisierten
sich um ein gemeinsames Kultzentrum, das angeblich zunächst in Sichern,
später in Bet-El und schließlich in Schilo gelegen war. Die Überlieferung,
die den israelitischen Stämmen einen gemeinsamen Ursprung und ein über­
einstimmendes Schicksal vor ihrer Landnahme in Kanaan zuspricht, wird
somit zwangsläufig verworfen. Die Berichte über eine grundsätzliche mili­
tärische Eroberung des Landes werden gleichfalls für unhistorisch gehalten;
denn die betreffenden Wissenschaftler sehen in der israelitischen Invasion
eher eine friedliche Infiltration, die im Rahmen des normalen Weidewechsels
erfolgte, also aus der jahreszeitlich bedingten Suche nach neuen Weidegrün­
den, auf der die Halbnomaden vom Rand der Wüste in die Ackerbaugebiete
vordrangen. Eine noch extremere These wird neuerdings von G. Mendenhall
(s. Bibliographie) vertreten, der sogar die Vorstellung ablehnt, die Israeliten
seien in größerer Zahl von außen nach Kanaan eingedrungen. Er behauptet
statt dessen, die Hebräer hätten sich aus der dekadenten städtischen Gesell­
schaft Kanaans zurückgezogen und sich zu einer religiösen Gemeinschaft
zusammengeschlossen.
In dem Bestreben, die biblische Überlieferung in der uns vorliegenden
Form einleuchtend zu erklären, greift die von Alt und Noth repräsentierte
kritische Schule zu einer bestimmten Technik der literarischen Analyse. Einer
ihrer Grundpfeiler ist die ätiologische Erklärung, in der man einen entschei­
denden Faktor bei der Entstehung der erzählenden Partien im Pentateuch
und Buch Josua erblickte; Beispiele aus dem Landnahme-Komplex sollen
weiter unten beigebracht werden. Hier wollen wir nur auf eine andere These
eingehen, nämlich auf die vermeintliche tendenziöse ‫ ״‬Nationalisierung“ der
biblischen Überlieferungen, die nach Ansicht der genannten Autoren u r­
sprünglich stammesmäßig und lokal begrenzter N atur waren. Diese alter­
tümlichen Traditionen, die den einzelnen Stämmen während ihrer Wände-
38 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

rungen am Rand des Kulturlandes zu eigen waren, wurden nach der Land­
nahme auf Kanaan übertragen und schließlich mit den neuen Gebieten ver­
bunden (daher der grundlegende Begriff der ‫ ״‬Ortsgebundenheit‫) ״‬. Mehr
noch: Kultstätten wie Sichern und Bet-El in der Darstellung der Patriarchen­
zeit und Sichern und Gilgal im Landnahmebericht prägten die endgültige
Formulierung der biblischen Erzählungen. Sobald die Stämme zum Volk
Israel verschmolzen waren, wurden die Stammesepen ‫ ״‬nationalisiert‫ ״‬, das
heißt, sie erhielten einen nationalen pan-israelitischen Charakter. Nach die­
ser Deutung waren Abraham, Isaak und Jakob zunächst nichts weiter als
Häupter einzelner Stammesgruppen, deren ursprünglicher Wohnsitz der
Wüstensaum Palästinas war. Erst auf einer späteren Stufe schuf die biblische
Tradition die genealogische Verknüpfung zwischen den Erzvätern, die da­
durch zu gesamt-israelitischen Gestalten wurden. Mit einem Wort: diese und
ähnliche wissenschaftlichen Schulen betrachten die biblische ‫ ״‬Geschichte“
vor der Richterzeit ihrem Wesen nach vor allem als eine literarische Fiktion.
Die hier vertretene Auffassung und Bewertung der biblischen Tradition
unterscheidet sich weitgehend von den bisher angeführten Meinungen. N a ­
türlich kann man darüber geteilter Ansicht sein, ob die Erforschung der
israelitischen Vorgeschichte jemals über das Stadium der Hypothese hinaus
gelangen wird. Vielleicht war die biblische Überlieferung lediglich bestrebt,
ein ursprünglich von den Israeliten entworfenes Konzept von ihren Anfän­
gen darzubieten. Angesichts des tiefen historischen Bewußtseins, das Israel
zu eigen war, empfiehlt es sich, bei jedem Versuch, die tatsächlichen Ereig­
nisse zu rekonstruieren, die biblische Überlieferung als Grundlage einer Ar­
beitshypothese zu betrachten. Ein solches Vorgehen führt sicherlich zu einer
positiveren Bewertung dieser Überlieferung. Eine ähnliche, jedoch konservati­
vere Einstellung vertritt die in der letzten Generation vielbeachtete Albright-
Schule, nach deren Auffassung die biblische Tradition weitgehend als G rund­
lage für die Aufhellung der israelitischen ‫ ״‬Frühgeschichte“ herangezogen wer­
den kann. In diesem Zusammenhang muß dem tiefverwurzelten israelitischen
Glauben, daß alle Stämme Israels von denselben Ahnen abstammen, große
Bedeutung beigemessen werden; denn auf einer solchen Basis ist die Existenz
eines nationalen Organismus zu erklären, der schließlich, allen natürlichen
Hindernissen zum Trotz, das Land zu beiden Seiten des Jordan umfaßte (vgl.
1. Kapitel, S. 9 ff.)•
Wir müssen also die biblische Voraussetzung anerkennen, daß Israels end­
gültiger Landnahme in Kanaan eine längere Periode des Nomadentums vor­
ausging, in der das Volk einen Prozeß der nationalen Konsolidierung durch-
machtc. In der Bibel finden sich vage Anspielungen auf mehrere Zentren, die
bei der Volkwerdung eine wichtige Rolle gespielt haben sollen: Penuel (un­
weit der Jabbokmündung in Transjordanien) oder, nach einer anderen Tra­
dition, Bet-El, wo Jakob, der Heros eponymos des Stammesverbands, den
Namen Israel erhielt (Genesis 32,29 ff. und 35, 10 ff.; vgl. Hosea 12,5); Si-
Die A nfänge Israels 39

chem, wo Jakob ein Stück Land erwarb und einen Altar errichtete «und
nannte ihn Gott ist der Gott Israels** (El-Elohe Israel; Genesis 33,18-ao);
schließlich Kadesch-Barnea im nordöstlichen Sinai, auch En-Mischpat ge­
nannt - es handelt sich hier um kultisch-juridische Benennungen wo sich
die israelitischen Stämme zum Angriff auf Kanaan versammelten (vgl. S. 55 f.
und S. 68 f.). Die biblische Überlieferung läßt einen Schwund im nationalen
Zusammenhalt Israels erkennen, vom Zustand der Stammeseinigkeit am Be­
ginn seiner Geschichte und während der Landnahme bis zu einem Stadium
der Zersplitterung in der Richterzeit. Doch darin drückt sich nicht notwen­
digerweise die tendenziöse Haltung einer späteren Geschichtsschreibung aus.
Hier spiegelt sich im Gegenteil wohl eher die objektive Situation des Über­
gangs vom Nomadentum, in dem das Individuum oder die kleine Gruppe
nur durch den Zusammenschluß in einem größeren Gemeinwesen Sicherheit
findet, zu der Phase des Seßhaftwerdens, in der Stammes- oder Familien­
bande zur Auflösung neigen.
Die Neubewertung der biblischen Tradition wird nachhaltig gestützt durch
die Erkenntnisse, die sich aus der Fülle des neuerdings entdeckten außer­
biblischen Quellenmaterials ergeben. Die Albright-Schule und noch entschie­
dener Yehezkel Kaufmann haben die negative Einstellung zur Tradition,
wie sie vornehmlich von der Alt-Noth-Schule vertreten wurde, in Frage ge­
stellt. Kaufmann argumentierte hiergegen recht überzeugend, verfiel aber
dann in das entgegengesetzte Extrem, indem er selbst den Details der bibli­
schen Überlieferung fast blindlings vertraute. Es geht sicherlich zu weit,
wenn man wie er behauptet, die Anordnung der großen literarischen Kom­
plexe der Bibel seien ein genaues Spiegelbild der objektiven historisch-chro­
nologischen Abläufe (s. Bibliographie und 4. Kapitel). Auch bei einer posi­
tiveren Einschätzung der biblischen Überlieferung müssen wir uns vor den
Gefahren einer fundamentalistischen Einstellung hüten. Ganz abgesehen von
späten theologischen Reflexionen und einer dogmatisch-tendenziösen Redak­
tion, sind ohne Zweifel manche Ausschmückungen legendärer A rt und spä­
tere anachronistische Hinzufügungen in den Bibeltext eingedrungen, die
sich durch kritische Untersuchungen nachweisen lassen. Im Bewußtsein, daß
die biblische Überlieferung gleicherweise altes wie junges Material enthält,
wollen wir in den folgenden Abschnitten bei der Behandlung der biblischen
Quellen eine dialektische Haltung einnehmen - im Gegensatz zu den bisher
beschriebenen einseitig-radikalen Methoden.

D ie P atriarchen in der Bibel u n d in der m odernen W issenschaft


Wissenschaftler, die die biblische Überlieferung im Grundsatz akzeptieren,
nennen als Zeitpunkt für den Auszug aus Ägypten und die Eroberung K a­
naans übereinstimmend das 13. Jahrhundert v.C hr., zumindest was die ent­
scheidenden Phasen dieser Vorgänge betrifft. Die Datierung der ‫ ״‬Patriar­
40 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M a(amat)

chenzeit“ ist jedoch stärker umstritten. Die Befürworter einer Frühdatierung,


zu denen Gelehrte wie Albright, Glueck, Speiser, de Vaux und auf israeli­
scher Seite Yeivin gehören (s. Bibliographie), verlegen die Epoche in die
erste H älfte des zweiten Jahrtausends, also in die mittlere Bronzezeit. Neben
anderen Belegen führen sie zur Stützung dieser Hypothese die archäologi­
schen Funde aus Transjordanien und dem Negev an, ferner die Mari-Doku­
mente aus Mesopotamien und die Ächtungstexte aus Ägypten. Aus den ent­
sprechenden Bibelstellen gehe hervor, daß die israelitische Knechtschaft im
Land Ägypten 40c oder 430 Jahre währte (vgl. Genesis 15,13, beziehungs­
weise Exodus 12,40-41). Im Gegensatz zu diesen Wissenschaftlern befürwor­
tet die Mehrheit der Gelehrten, insbesondere Kaufmann, Gordon und Eiß-
feldt (s. Bibliographie), einen Zeitpunkt im 14. Jahrhundert, unmittelbar
vor der Periode der Eroberung und Seßhaftwerdung und zeitgleich mit der
El-Amarna-Epoche. Auch in diesem Fall können sich die Argumente auf
biblische Quellen stützen: Die Zahl der Generationen wird sorgfältig regi­
striert (Genesis 15,16: ‫ ״‬Sie aber sollen erst nach vier Menschenaltern wieder
hierher kommen‫ ;) ״‬Mose, der höchstwahrscheinlich im 13. Jahrhundert ge­
lebt hat, gehörte der vierten Generation nach Jakob an (Jakob - Levi -
Kohat - Amram - Mose). In beiden Fällen ist jedoch bei der Bewertung der
biblischen chronologischen Angaben Skepsis angezeigt: Die Bedeutung der
absoluten Zahlen (400 oder 430) ist noch immer nicht hinreichend geklärt;
auch verbietet es sich, den selektiven genealogischen Listen einen größeren
chronologischen Wert beizumessen; so steht zum Beispiel der sehr lückenhafte
Stammbaum des Mose in schroffem Gegensatz zu dem seines Zeitgenossen
Josua, den zehn Generationen von Jakob trennen (1 Chronik 7,22-27).
Alle Versuche, die Patriarchen einigermaßen exakt zu datieren, sind von
vornherein zum Scheitern verurteilt, denn es ist durchaus fragwürdig, ob
man bei dem sogenannten ‫ ״‬Patriarchcnzeitalter‫ ״‬überhaupt von einem fest-
umrissenen Zeitabschnitt sprechen kann, selbst wenn man die biblische Über­
lieferung als solche akzeptiert. Es scheint vielmehr so, als hätten sich in die­
sem Erzählzyklus Reminiszenzen an jahrhundertelange historische Vorgänge
niedergeschlagen, die möglicherweise bis zu den westsemitischen Wanderun­
gen innerhalb des ‫ ״‬Fruchtbaren Halbmonds“ zurückreichen, welche immer
mehr in westlicher Richtung verliefen und ihren Höhepunkt im ersten Vier­
tel des zweiten Jahrtausends erreichten. Die ausgedehnte Zeitspanne wurde
dann in der biblischen Erzählung zu einer bloßen Drei-Generationen-Folge
zusammengerafft ‫ ־־‬Abraham, Isaak und Jakob. (Die Zeitspanne wäre be­
deutend länger, wenn sich die vor kurzem bekanntgewordenen sensationellen
Funde aus dem in Nordsyrien gelegenen Ebla aus der Mitte des dritten Jahr­
tausends als für die Patriarchenzeit relevant erweisen sollten.)
Doch so sehr sich auch die Bibel für die drei Patriarchen als Individuen
und als Repräsentanten historischer Epochen interessiert, sie befaßt sich noch
mehr mit ihrer Rolle als Träger einer doppelten göttlichen Verheißung, deren
Die A n fä n g e Israels 4*

Inhalt die Vervielfältigung ihrer Nachkommenschaft, die das Volk Israel


bilden soll, und die dauerhafte Inbesitznahme des Landes ist. Diese beiden
Leitmotive kehren immer wieder, so in der Verheißung Gottes an Abraham:
‫ ״‬Und ich will dich zum großen Volk machen . . . Deinen Nachkommen will
ich dies Land geben“ (Genesis 12,2 und 7 und andernorts). Die Patriarchen
waren folglich die Empfänger der göttlichen Offenbarung und eines Bundes
mit Gott, dessen Grundtenor die Bestimmung zum Auserwählten Volk war.
Der ‫ ״‬Gott der Väter“ ist ein exklusiver Schutzgott, der eine innige Bezie­
hung zur Patriarchenfamilie unterhält und sie auf ihren Wanderungen be­
schützt. Doch gleichzeitig ist er ein namenloser Gott, der mit verallgemei­
nernden Appellativen bedacht wird: ‫ ״‬Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“,
‫ ״‬die Furcht Isaaks“ und ‫ ״‬der Mächtige Jakobs“. Dieser Gott offenbarte
sich den Patriarchen in ihren Lagern in Kanaan, auch hier wieder mit allge­
meinen Benennungen: ‫ ״‬Ewigwährender G ott“, ‫ ״‬der Allerhöchste G ott“ und
vor allem El Schaädai (meist übersetzt als ‫ ״‬der Mächtige“). Zuweilen wird
er mit bestimmten Örtlichkeiten in Verbindung gebracht, etwa als El Rot
oder El Bet-El. Gewiß, diese Bezeichnungen beziehen sich möglicherweise auf
kanaanäische Gottheiten von ursprünglich regionaler Bedeutung, wie man
den ugaritischen Dokumenten entnehmen kann, in denen ‫ ״‬El“ an der Spitze
des kanaanäischen Pantheons steht (vgl. S. 14). Doch die Patriarchen er­
füllten diese Namen mit ihren eigenen Gottesvorstellungen. Wie dem auch
sei, die Offenbarung Jahwes und eines wahrhaft monotheistischen Glaubens
scheint eher in die Zeit Moses zu passen, und ihr Auftauchen in der Genesis
muß somit als Anachronismus gewertet werden (vgl. S. 43 und 57 f.).
Obwohl die Wanderungen im Land Kanaan in der Genesis als religiös
motiviert geschildert werden - gemeint ist damit die Heiligung der verschie­
denen Stätten durch Altäre und massebot beschreibt die biblische Quelle
die Patriarchen sehr anschaulich als Halbnomaden, die es gewohnt sind, in­
nerhalb der Grenzen des zentralen Berglands und des Negev von einem O rt
zum anderen zu ziehen und ihre Zelte in der Umgebung der kanaanäischen
Städte aufzuschlagen. Sie lagern in der Umgebung von Sichern (Genesis 12,6
und 33,18), zwischen Bet-El und Ai (Genesis 12,8), in der N ähe von Hebron
(Genesis 13,18 und 35,27), bei Beerscheba (Genesis 26,25) und ‫ ״‬jenseits von
Migdal-Eder“ (Genesis 35,21). Sie genossen den Schutz der kanaanäischen
Herrscher und schlossen in der Regel Verträge mit ihnen, wie aus den Bezie­
hungen Abrahams zu Melchisedek, dem König von Salem (Genesis 14,18-20),
und Abimelech, dem Herrscher von Gerar (Genesis 20 und 26), zu ersehen
ist. Ein weiterer Beleg findet sich in jener Episode, in der Abraham von dem
Hethiter Efron die Höhle Machpela erwirbt (Genesis 23). Manchmal streif­
ten die Patriarchen auf der Suche nach Weideplätzen fern von ihrem H aupt­
lager umher, wie es beispielsweise von den Söhnen Jakobs berichtet wird, die
aus dem Tal von Hebron in die Gegend von Sichern und Dotan zogen, ‫ ״‬um
das Vieh ihres Vaters zu weiden“ (Genesis 37,12 ff.).
42 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

Es besteht kein Anlaß, die halbnomadische Lebensweise der Patriarchen


abzustreiten und die neuerdings verbreitete Ansicht zu übernehmen, die Pa­
triarchen hätten ausschließlich von den Erträgen des internationalen K ara­
wanenhandels gelebt. Manche Forscher sind sogar noch weiter gegangen und
haben sie als Großkaufleute (merchant princes) bezeichnet. Doch in diesem
Punkt muß man wohl den unzweideutigen Aussagen der Bibel Glauben
schenken, in denen die Existenz der Patriarchen als die typischer Herden­
besitzer beschrieben wird, die ihren Lebensunterhalt mit ihrem Vieh und nur
vereinzelt mit Landwirtschaft verdienten, wie es von Isaak während seines
Aufenthalts in Gerar berichtet wird (Genesis 26,12). Dieser soziale und w irt­
schaftliche Aspekt steht auch mit ihrer ausgesprochen patriarchalisch-stam-
meshaften Lebensform im Einklang.
Wenn man die Berichte über die Patriarchenzeit auf den Grad ihrer histo­
rischen Glaubwürdigkeit hin untersucht, fällt sofort ihre Doppelnatur auf,
auf die wir bereits in unseren einleitenden Bemerkungen über die ‫ ״‬Frühge­
schichte‫ ״‬Israels angespielt haben. Auf der einen Seite enthalten sie frühes,
authentisches Material und auf der anderen späte, anachronistische Vorstel­
lungen. Zuweilen wirken die Patriarchentraditionen milieuecht und stimmen
auf verblüffende Weise mit der Umwelt vor der Landnahme überein, wie
sie durch Ausgrabungen der letzten Jahre belegt worden ist (vgl. S. 4 4 ff-);
das betrifft vor allem die gesellschaftlichen und rechtlichen Strukturen, die
mannigfaltigen Glaubensvorstellungen und Bräuche, das demographische Ge­
füge und die Nomadenwanderungen. In vielen Einzelheiten steht die Pa-
triarchenüberlicferung in direktem Widerspruch zu dem, was wir über die
späteren Epochen der Landnahme und des Königtums wissen, oder sie ergibt
zumindest in einem späteren Kontext keinen rechten Sinn. Deshalb läßt sich
schwerlich die Behauptung aufrechterhalten, der allgemeine Hintergrund
des Bibelberichts spiegele lediglich spätere Zustände wider. Um nur ein nahe­
liegendes Beispiel anzuführen: Die Personennamen der Patriarchen und ihrer
Familienangehörigen kommen zum größten Teil in der späteren israelitischen
Geschichte nicht mehr vor, doch andererseits tauchen onomastische Paralle­
len häufig in akkadischen und ägyptischen Texten auf, die aus der Zeit
vor dem letzten Viertel des zweiten Jahrtausend stammen. Das bedeutet,
daß die Namen der Patriarchenerzählungen einer frühen onomastischen
Schicht angehören. Es ist tatsächlich erstaunlich, in welchem Ausmaß die
Überlieferung zuweilen archaische Details bewahrt hat - Details, deren ur­
sprüngliche Bedeutung selbst den späteren Redakteuren entgangen ist.
Andererseits ergibt sich bei einer sorgfältigen Analyse dieser Überliefe­
rung, daß unmittelbar neben zweifelsfrei alten Elementen eine Reihe von
Anachronismen stehen, die auf eine späte Abfassung des Buches Genesis hin­
deuten. Einige der auffälligeren Anachronismen wurden bereits von den
Kommentatoren des Mittelalters aufgespürt (z. B. Ibn Esras Kommentar zum
Anfang des Buches Deuteronomium), andere sind weniger offensichtlich und
Die A nfä nge Israels 43

enthüllen sich nur bei genauester Prüfung. Diese späten Bestandteile wurden
in die verschiedenen Bereiche des Patriarchenberichts eingefügt, so etwa die
schon genannte monotheistische Konzeption oder die durchgängige Verwen­
dung des Tetragramms (JH W H = Jahwe).
Ein typischer Anachronismus, dem man in der Beschreibung der patriar­
chalischen Lebensweise begegnet, ist die Erwähnung des Kamels (Genesis
i 2 ,i 6; 24,10; 30,43; 31,17 u.ö.). Tatsächlich wurde das Kamel frühestens im
12. Jahrhundert domestiziert und in Karawanen als Tragtier verwendet
(vgl. S. 91). Dieses Detail ist keineswegs nebensächlich, denn es verweist auf
den grundlegenden Unterschied zwischen den ausschließlich nomadisch le­
benden Wüstenbewohnern, die Kamele besaßen, und den Halbnomaden, wie
sie durch die Patriarchen verkörpert werden. Die letzteren lebten zwischen
der seßhaften Bevölkerung oder zumindest an den Rändern des Kulturlandes,
und auf ihren Wanderzügen waren sie auf den Esel als Transportmittel an­
gewiesen. Derartige Anachronismen sind im geographischen und ethnogra­
phischen Bereich besonders zahlreich. Ein Beispiel für die geographischen
Anachronismen ist die Verwendung des späteren israelitischen Namens Dan
(Genesis 14,14; vgl. Raschis Kommentar zu dieser Stelle) für die vor der
Landnahme Lajisch genannte Stadt, die in den ägyptischen Ächtungstexten
und jetzt auch in den Mari-Dokumenten belegt ist (vgl. S. 48). Im ethno­
graphischen Bereich fallen vor allem die Philister auf, und zwar in der Epi­
sode von Isaak und Abimelech, dem König von Gerar, der hier mit dem
Titel ‫ ״‬König der Philister“ bedacht wird (Genesis 26,1; 14,18) - und dies
trotz seines unverkennbar kanaanäischen Namens. In Wirklichkeit tauch­
ten die Philister erstmals am Anfang des 12. Jahrhunderts in Kanaan auf
(vgl. 6. Kapitel), und erst in einem späteren Stadium setzten sie Könige an
Stelle der Seranim oder ‫ ״‬Tyrannen“ ein, die bis dahin geherrscht hatten.
Eine solche historische Diskrepanz scheint auch bei den Aramäern vorzu­
liegen, mit denen die Ahnherren Israels in der Bibel in enge Beziehung ge­
bracht werden. Nicht nur war Abraham ein Verwandter der Aramäer, son­
dern auch sein Sohn Isaak und sein Enkel Jakob knüpften familiäre Bande
zu dem Aramäer Laban (Genesis 25,20) und bezeichneten sich wohl deshalb
selber als ‫ ״‬Aramäer“ (Deuteronomium 26,5). Darüber hinaus wurde ihre
angestammte Heimat Paddan-Aram oder Aram-Naharajim genannt (Gene­
sis 24,10; 25,20 und 28,2). Doch die Existenz der aramäischen Stämme wird
von außerbiblischen Quellen nicht vor dem Ende des 12. Jahrhunderts be­
stätigt (vgl. S. 34), als sie in großer Zahl die Region überfluteten, die in der
Bibel Aram-Naharajim heißt (d.h. Dschesireh, das das Habor-Eufrat-Ge-
biet umfaßt). Tatsächlich wird diese Region in den älteren außerbiblischen
Zeugnissen einfach als Naharajim bezeichnet. Das aramäische Element in
den Patriarchenerzählungen ist also offenbar ein später eingefügter Ana­
chronismus. Die verbreitete These, die Israeliten seien aramäischer oder ‫ ״‬pro-
toaramäischer“ Abstammung, entbehrt somit einer gesicherten Grundlage.
44 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

Die Hebräer müssen vielmehr mit einer älteren westsemitischen Volksgruppe


in Beziehung gesetzt werden, die man im wissenschaftlichen Sprachgebrauch
als Amoriter bezeichnet (abgeleitet von der akkadischen Benennung *Amur-
ru “ - nicht zu verwechseln mit den biblischen Emoritern), die erstmals gegen
Ende des dritten Jahrtausends im ‫ ״‬Fruchtbaren Halbm ond“ auftauchen. U r­
sprung und Bedeutung des Wortes cibri (‫ ״‬Hebräer“), das sowohl auf die
Israeliten als auch auf das Land Kanaan oder einen Teil desselben (‫ ״‬das Land
der Hebräer“ [Genesis 40,15]) und im besonderen auf Abraham, den Stamm­
vater der Nation, angewandt wurde, wird auf Seite 51 f. erläutert.

D ie Patriarchen im Lichte der neueren E n td ecku ng en


Zahlreiche Funde, die vor allem im letzten halben Jahrhundert gemacht
worden sind, haben den Hintergrund enthüllt, vor dem sich die Geschichte
der Hebräer entfaltete. Viele Belege betreffen die frühen westsemitischen
Stämme in Mesopotamien, mit denen, wie bereits angedeutet, die Patriarchen
in Beziehung standen. Darüber hinaus besitzen wir inzwischen eine gründ­
lichere Kenntnis des Landes Kanaan und seiner Bewohner in den Jahrhun­
derten vor der Landnahme und der Konsolidierung Israels innerhalb seiner
Grenzen. Allerdings ist bislang kein direkter Beleg oder ‫ ״‬wissenschaftlicher“
Beweis für die Existenz der Patriarchen zutage gefördert worden, aber es ist
nicht angemessen, einen solchen Beweis zu fordern. Für unsere Zwecke ge­
nügt es, wenn die wesentlichen Aussagen und viele Einzelheiten des Patriar­
chenberichts mit den durch die Funde erhärteten historischen Realitäten in
Übereinstimmung gebracht werden können. In dieser Hinsicht aufschluß­
reich ist die Tatsache, daß die Namen von verschiedenen Vorfahren Abra­
hams (Genesis 11), unter ihnen Serug, Terach und vor allem Nahor, in frühe­
ren oder späteren außerbiblischen Quellen als Ortsnamen in der Harran-Re-
gion auftauchen, der Urheimat der Hebräer (Nahor erscheint als Ortsname
sogar in der Bibel [Genesis 24,10]). Obwohl den außerbiblischen Belegen nur
eine ergänzende Funktion zukommt, ist ihre typologische Bedeutung be­
trächtlich. Die epigraphischen Quellen nehmen dabei den höchsten Rang ein,
während die rein archäologischen Funde an zweiter Stelle rangieren. Wir
werden zunächst einige der neueren archäologischen Funde besprechen, die
für jede Bewertung der Patriarchenüberlieferung wesentlich sind; das gilt
insbesondere für das Material aus dem Palästina der mittleren Bronzezeit,
also aus der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends.
Da die Patriarchen keine festen Wohnsitze hatten und auch keiner städti­
schen Zivilisation angehörten, sondern vielmehr zeltbewohnende Halbno­
maden waren, kann die Archäologie nur wenig über ihre Lebensweise aus-
sagen; aber sie kann uns einige Auskunft über die bei ihnen übliche Art der
Bestattung geben. Wir erfahren beispielsweise aus der Bibel von einem Fa­
miliengrab in der Höhle von Machpela am Rande von Hebron (Genesis 23),
Die A n fä n g e Israels

und an einer anderen Stelle heißt es, Rahel sei während eines Wanderzugs
ihrer Familie unterwegs gestorben ‫ ״‬und wurde begraben an dem Wege nach
Ephratha [Efrata], das nun heißt Bethlehem [Betlehem]. U nd Jakob richtete
einen Stein auf über ihrem Grabe; das ist das Grabmal Rahels bis auf diesen
Tag‫( ״‬Genesis 35,19-20). Diese Bestattungsweisen unterscheiden sich vonein­
ander, doch beide sind typisch für halbnomadische Stämme, die ihre Toten
unterwegs begraben mußten oder die in der Nähe der kanaanäischen Städte
lagerten und die dort vorhandenen Begräbnisplätze benutzten. Beide Formen
werden durch Ausgrabungen in Palästina bestätigt, die sich auf die mittlere
Bronzezeit beziehen. Wir kennen sowohl vereinzelte Grabstätten am Weges­
rand (insbesondere die sogenannten Tumuli) als auch die (einer späteren
Phase angehörenden) Familiengräber im Umkreis von Städten wie zum
Beispiel Jericho. D ort bargen die Gräber im Durchschnitt zwanzig Skelette,
die von Männern, Frauen und Kindern stammten. Die Archäologin K. Kenyon
(s. Bibliographie) hat diese Gräber freigelegt und nimmt zu Recht an, daß
sie mehrere Generationen lang benutzt wurden, was mit dem biblischen Be­
richt über die Höhle von Machpela genau übereinstimmt. Demnach w irkt
diese Episode kaum befremdlich und braucht nicht als eine ätiologische Le­
gende aufgefaßt zu werden, wie es die Vertreter der Alt-Noth-Schule tun.
Die Verhandlungen, die Abraham mit dem Hethiter Efron beim Erwerb der
Grabstätte führte, entsprechen offensichtlich auch den antiken Geschäfts­
praktiken, wie sie zumal im hethitischen Gesetzeskodex festgelegt waren.
Der herangezogene Bericht der Bibel, der den Unterschied zwischen einer
eingesessenen städtischen Bevölkerung und den einen Bestattungsplatz su­
chenden Nomadengruppen illustriert, kann überdies zur Klärung eines wei­
teren archäologischen Phänomens beitragen; denn in einigen Fällen weicht
die Keramik der mittleren Bronzezeit, die man innerhalb des städtischen
Siedlungsraums ausgegraben hat, erheblich von jener ab, die in den umlie­
genden Friedhöfen aufgefunden worden ist.
Die Oberflächenuntersuchungen, die Nelson Glueck und andere in den
fünfziger Jahren im Negev gemacht haben, lassen aber noch eine andere
Schlußfolgerung von möglicherweise historischer Bedeutung zu. Wir wissen
heute, daß dort in der mittleren Bronzezeit I Dutzende von Siedlungen be­
standen. Um 1900 v. Chr. oder etwas später wurden diese ständigen Nieder­
lassungen zerstört, und der Negev blieb bis zum 13./12. vorchristlichen Jah r­
hundert brach. Wie verhält sich dieses Bild zur Darstellung in der Patriar­
chenüberlieferung? In der Bibel heißt es: »Abraham aber zog von dannen
ins Südland und wohnte zwischen Kadesch und Schur und w ar ein Fremd­
ling zu G erar‫( ״‬Genesis 20,1); ‫ ״‬Isaak aber war gezogen zum Brunnen des
,Lebendigen, der mich sieht* [Lahai-Roi], und wohnte im Südlande‫( ״‬Ge­
nesis 24,62) - möglicherweise reflektieren diese Verse ein besiedeltes Gebiet,
das sich in einer Phase des Friedens und der Sicherheit befand. In der T at
betrachten Glueck und auch Albright, der sich hier dessen Auffassung an­
46 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

schließt, dies als einen schlüssigen Beweis für die Verlegung der Patriarchen­
zeit in den Beginn des zweiten Jahrtausends. Sie gehen sogar noch weiter
und vertreten die These, daß auf die allgemeine Verheerung des Negevs und
des Transjordanlandes südlich des Jarmuk-Flusses (vgl. S. 65) im 14. Ka­
pitel der Genesis angespielt werde. Dieses Kapitel bewahre also eine ver­
schwommene Überlieferung, die anscheinend eine historische Grundlage hat.
Während eines gemeinsamen Feldzugs, der vier Könige aus dem Norden und
Osten unter Führung des Herrschers von Elam auf der transjordanischen
‫ ״‬Königsstraße“ bis zum Negev und Sinai führte, wurden fünf Regionalfür­
sten im südlichen Bereich des Toten Meeres besiegt und das gesamte Gebiet
verwüstet. Nach der Beschreibung der Bibel lehnten sich die halbnomadischen
Patriarchen jedoch mit Vorliebe an städtische Zentren an; diese Eigentüm­
lichkeit ist in Kanaan für die Jahrhunderte unmittelbar vor der mittleren
Bronzezeit II nicht nachweisbar. Tatsächlich passen die archäologischen Be­
funde aus dieser späteren Periode (insbesondere aus dem 19.-17. Jahrhundert)
weit mehr zu der Patriarchenüberlieferung, denn in ihnen spiegelt sich die
dimorphe Struktur der Bevölkerung - ein Nebeneinander von bedeutenden
befestigten Städten und umliegenden offenen Siedlungen.
Wie bereits gesagt, sind für die Aufhellung des historischen Hintergrunds
der Patriarchenzeit die reichen epigraphischen Funde noch wichtiger als die
archäologischen Belege - die Zehntausende von Keilschriftdokumenten aus
Syrien und dem Irak sowie die weniger bedeutsamen ägyptischen Quellen.
In Palästina selbst sind nur wenige Inschriften aus dem zweiten Jahrtausend
entdeckt worden, allesamt von geringem historischem Wert. N ur einige we­
nige der großen Funde der letzten fünfzig Jahre können hier behandelt wer­
den, und auf eine Erörterung der ugaritischen Texte, die seit 1929 in Räs
Schamra an der nordsyrischen Küste ausgegraben wurden, müssen wir völlig
verzichten. Diese Texte, so wichtig sie auch für die Geschichte und Kultur
Syriens sind, haben für die Bibelwissenschaft hauptsächlich Bedeutung in
linguistischer und literarischer Hinsicht (vgl. S. 14f.; zu den etwaigen Be­
rührungspunkten mit der Patriarchengeschichte s. Bibliographie unter C. H.
Gordon).
Was die ägyptischen Quellen angeht, so kommt den sogenannten Äch­
tungstexten eine Sonderstellung zu, da sie sehr viel Licht auf die Verhältnisse
in Kanaan werfen. Sie bestehen aus mehreren Gruppen, die ungefähr fünfzig
Jahre auseinanderliegen und aus dem 19. Jahrhundert und aus der ersten
Hälfte des 18. Jahrhunderts stammen. Die ältere Gruppe, die K. Sethe pu­
bliziert hat, umfaßt Inschriften auf Tongefäßen, während die von G. Posener
veröffentlichte jüngere Gruppe aus Inschriften auf kleinen Tonfiguren be­
steht, die Ägyptens Vasallenkönige symbolisieren. Eine Serie letzteren Typs,
die vor einiger Zeit in Mirgissa in Nubien ausgegraben wurde, ist zeitgleich
der obengenannten Gruppe der Tongefäße (s. Bibliographie unter Posener).
Die Inschriften - magische Texte, die jegliche Bedrohung der ägyptischen
Die A n fän ge Israels 47

Herrschaft abwehren sollten - enthalten lange Listen von potentiellen Fein­


den, die mit Flüchen und Verwünschungen bedacht werden. In der jüngeren
Gruppe werden etwa sechzig kanaanäische Herrscher und Orte aufgezählt,
deren Namen uns wichtige Aufschlüsse geben über die ethnische Zusammen­
setzung der damaligen Bevölkerung Kanaans, aber auch über die ägyptischen
Einflußsphären in Asien während des Mittleren Reiches.
Aus diesen Texten geht eindeutig hervor, daß die Herrscherdynastien in
Kanaan westsemitischen Ursprungs waren. Das beweisen die Herrscher­
namen, in denen häufig Bestandteile wie cab (‫ ״‬Vater“), cam (‫ ״‬Sippe“),
schem (‫ ״‬N am e“, ‫ ״‬R uf“) und die Namen der Götter El und H adad Vorkom­
men; auch der Eigenname Aburahan taucht auf, der von besonderem Inter­
esse für uns ist. Nicht weniger aufschlußreich sind die vielen kanaanäischen
Ortsnamen, die in diesen Quellen erstmals belegt sind. Die Listen lassen auf
einen beschleunigten Prozeß der Urbanisierung in Kanaan und auf die Zer­
splitterung des Landes in zahlreiche Stadtstaaten schließen. Erhalten haben
sich hier die altertümlichen Namen von Städten wie Lajisch (das spätere
Dan) und die ursprünglichen Namen östlicher Grenzgebiete wie Schutu (Set)
und Kuschu, die noch im biblischen Sprachgebrauch als archaische Äquiva­
lente für Moab (die ‫ ״‬Söhne Sets“ [Numeri 24,17]) und Midian (‫ ״‬die Hütten
von Kuschan“ [Habakuk 3,7]) verwendet werden.
Es ist höchst aufschlußreich, daß die Stadtstaaten vorzugsweise im Flach­
land anzutreffen sind und daß nur Sichern und Jerusalem als im zentralen
Bergland gelegen genannt werden. Beide Orte stellen auch in den späteren
El-Amarna-Briefen die beherrschenden Zentren in diesem Gebiet dar (vgl.
S. 25). Dagegen fanden die Wanderungen der Patriarchen im zentralen
Bergland und im Negev statt. Es ist aufschlußreich, daß die Ächtungstexte
und die Patriarchenerzählungen völlig verschiedene geographische Bereiche
betreffen. Daß die Patriarchen den fruchtbaren Ebenen des Landes fernblie­
ben, hängt nicht mit einer primitiven Lebensweise zusammen, sondern mit
ihrem Unvermögen, in den bereits dicht besiedelten Tälern und Ebenen Fuß
zu fassen. Daher wandten sie sich den dünn bevölkerten und bewaldeten
Bergregionen und dem Negev zu.
Wir wenden uns nun den Entdeckungen in Mesopotamien, der angestamm­
ten Heimat der Hebräer, zu und hier als erstes den bedeutsamen Funden aus
der Stadt Mari (der moderne Teil Harlri), die am Ufer des Eufrats etwa
25 Kilometer nördlich der syrisch-irakischen Grenze liegt. Die 1933 an dieser
Stelle begonnenen Ausgrabungen haben einen Palast von ungewöhnlicher
Ausdehnung und Pracht freigelegt, der aus der altbabylonischen Zeit stammt,
als Mari von westsemitischen Dynastien regiert wurde. Man hat in den kö­
niglichen Archiven der Stadt ungefähr 20 000 Dokumente entdeckt, von de­
nen bislang nur ein kleinerer Teil publiziert worden ist. Welch große Bedeu­
tung diese Funde für die Erhellung der Ursprünge der Hebräer (und für die
Bibelwissenschaft insgesamt) haben, ergibt sich schon aus den in den Mari-
48 Ursprünge un d Frühgeschichte (A . M alam at)

Texten enthaltenen offensichtlichen Bezugspunkten zur frühen israelitischen


Geschichte im allgemeinen und der Patriarchenüberlieferung im besonderen.
Chronologisch betrachtet, datieren die Mari-Dokumente aus dem Ende
des 19. und der ersten H älfte des 18. Jahrhunderts (gemäß der sogenannten
‫ ״‬mittleren‫ ״‬Chronologie; nach der ‫ ״‬niederen‫ ״‬Chronologie sind sie etwa 64
Jahre später anzusetzen), also aus einer Zeit, die sich mehr oder weniger in
der Patriarchenüberlieferung widerspiegelt (vgl. S. 40). Geographisch ge­
sehen, lag die Gegend von Aram-Naharajim im Horizont der Mari-Texte,
und tatsächlich sind auch H arran und Nahor, die in der Bibel als ursprüng­
liche Wohnsitze der Patriarchensippe genannt werden, in den Mari-Funden
als wichtige Städte und Zentren nomadischer und halbnomadischer Stämme
gut belegt. Darüber hinaus gewinnt nun der biblische Bericht, der von den
Wanderungen der Patriarchen zwischen Aram-Naharajim und Kanaan
spricht, einen realistischen Hintergrund, und zwar dank der vielfältigen
Hinweise in den Mari-Texten auf Wanderungen von Stämmen und K arawa­
nenzüge zwischen der Eufrat-Region und Südsyrien (das Land Amurru),
sowie Nordpalästina bis hinunter nach Hazor. Entsprechend erhält auch die
schematische biblische Genealogie von Abrahams Bruder Nahor einen kon­
kreteren Hintergrund. Nahors Nachkommenschaft wird in zwei geographi­
sche Gruppen geteilt (Genesis 22,20-24): Er selber sowie die acht ‫ ״‬Söhne‫ ״‬,
die ihm seine Ehefrau gebar, repräsentieren das Gebiet von Aram-Naharajim,
wohingegen die Nachkommen, die er mit einer Nebenfrau hatte, mit Ö rt­
lichkeiten in der Libanonebene und der oberen Jordan-Region in Verbindung
gebracht werden. Die Abstammung von einer Nebenfrau dürfte hier den
Abzug von Sippen aus deren Urheimat zu fernen Gegenden andeuten (nähere
Erläuterungen hierzu auf S. 80), in diesem Fall die Abwanderung von Stam­
meseinheiten aus der Umgebung von N ahor in westliche Richtung nach N o rd­
kanaan. Falls diese Vermutung zutrifft, könnte das genealogische Schema
der Nahoriter in der Bibel eine beziehungsreiche Parallele zu den Wander­
zügen der Patriarchen selbst darstellen.
Die ‫ ״‬K anaanäer‫ ״‬als solche (kinahnu) tauchen in einem jüngst veröffent­
lichten Dokument aus Mari auf, wodurch sich nunmehr ihre urkundliche Er­
wähnung um mehrere Jahrhunderte zurückdatieren läßt. Von den Städten
in Palästina selbst nennen die Mari-Archive vor allem H azor (mit dem dor­
tigen Herrscher Ibni-Addu), von dessen diplomatischen und kommerziellen
Beziehungen zu Mari mehrfach die Rede ist, und Lajisch, das als Bestim­
mungsort einer Zinnlieferung erwähnt wird. Die dominierende Stellung die­
ser beiden Städte wird auch durch die ungefähr gleichzeitigen jüngeren
Ächtungstexte und besonders durch die neuerdings an beiden Orten durchge­
führten Ausgrabungen bestätigt.
Große Bedeutung ist den ethnischen und linguistischen Verbindungen zwi­
schen Mari und dem frühen Israel beizumessen; die meisten Einzelpersonen
und Stämme, die in den Mari-Texten erwähnt werden, sind wie die Stamm-
Die A nfä nge Israels 49

väter der Israeliten westsemitischer Herkunft, und sie sprechen Dialekte, die
der ältesten Schicht des Hebräischen nah verwandt sind. Diese Beziehung
wird durch die vielen Eigennamen erhärtet, die den in Israel vorherrschenden
Namen entsprechen, zumal jenen in den Patriarchen- und Exoduserzählun­
gen; als Beispiele seien nur einige wenige genannt: Abram, Jakob, Lea, La­
ban und Ismael. Ferner waren in Mari zahlreiche typisch westsemitische
Begriffe und Lehnwörter im Umlauf, die ihre Entsprechungen im biblischen
Hebräisch haben, aber dem Akkadischen, in dem die Mari-Texte abgefaßt
wurden, fremd sind (vgl. Bibliographie unter A. Malamat). Die eigentliche
Bedeutung von Mari liegt indes im soziologischen Bereich, denn die Schilde­
rungen des dortigen Stammeslebens geben uns höchst wertvolle Aufschlüsse
über die nomadische und seßhafte Phase der israelitischen Stämme, über das
Wesen und die Struktur einer patriarchalischen Stammesgesellschaft und
ihren Übergang vom Nomadenleben zur Seßhaftigkeit und schließlich auch
über ihre Wechselbeziehungen mit der eingesessenen städtischen Bevölkerung.
Aus den vielfältigen Hinweisen auf Stammesbräuche und -institutionen, die
ein biblisches Pendant haben (vgl. S. 76, 86 f. sowie Bibliographie unter
A. Malamat), sei hier nur das in Mari verbürgte Ritual eines Bundesschlusses
durch die Schlachtung eines Tieres herausgegriffen. Eine Parallele zu diesem
Ritus kann man im Bundesschluß zwischen Gott und Abraham erblicken
(Genesis 15,9f.; vgl. Jeremia 34,18 f.).
Eine weitere Quelle eröffnet uns eine neue Perspektive für die Beurteilung
der Familienbeziehungen und Rechtspraktiken der biblischen Patriarchen,
aber auch allgemeine Einblicke in ihr alltägliches Dasein. Es sind die Tau­
sende von Dokumenten, die man in Nuzi entdeckt hat, einer jenseits des
Tigris in der Nähe des heutigen Kirkuk gelegenen Stadt. Diese Dokumente
enthüllen vor allem die Kultur der Hurriter, denn im späten 16. und im 15.
Jahrhundert stellte Nuzi ein wichtiges Verwaltungszentrum des Königreiches
Mitanni dar, dessen Bevölkerung vorwiegend hurritischen Ursprungs war
(vgl. S. 12). Doch hatten sich die H urriter (die H oriter der Bibel?) bereits
früher im Gebiet von H arran ausgebreitet und waren später nach Syrien und
Palästina gelangt. Demnach können sie sehr wohl auf das ursprüngliche
ethnische und kulturelle Gefüge der Hebräer eingewirkt haben, so wie sie
später die israelitischen Stämme in Palästina beeinflußten. Von daher sind
die Nuzi-Dokumente für die Erforschung von Israels Frühzeit wichtig. Das
detailreiche Quellenmaterial, das aus den Privatarchiven der Notablen und
der hohen Beamten der Stadt zutage gefördert wurde, hat die Gelehrten
mehrfach zur Neubewertung der biblischen Berichte veranlaßt. Man versteht
sie nun weniger als rein literarische Schöpfungen, sondern als konkreten Nie­
derschlag der rechtlichen und sozialen Verhältnisse, die im größeren Teil des
zweiten Jahrtausends sogar über Nuzi hinaus in Mesopotamien vorherrsch­
ten, da die H urriter insbesondere als Kulturvermittler wirkten. Später ver­
loren diese Praktiken an Bedeutung oder gerieten sogar in Vergessenheit.
SO Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

Von den zahlreichen Beispielen, die diese Auffassung untermauern, kön­


nen hier nur einige erwähnt werden (im übrigen s. Bibliographie unter C. H.
Gordon und E. A. Speiser). Da ist zunächst der Bericht über den kinderlosen
Abraham, der seinen gesamten Besitz dem zu seinem Haushalt gehörenden
Diener Elieser vermachen will. Doch Gott sprach zu ihm: ‫ ״‬Er soll nicht dein
Erbe sein, sondern der von deinem Leibe kommen wird, der soll dein Erbe
sein“ (Genesis 15,4). Die Situation klärt sich sofort, wenn man sie im Lichte
der in Nuzi üblichen Praxis betrachtet, derzufolge ein kinderloser H err einen
Gefolgsmann als seinen Erben einsetzen konnte, aber nach der Geburt eines
natürlichen Sohnes diesem das Haupterbe zufiel. Die nuzischen Familiengesetze
stehen auch im Einklang mit dem Verhalten von Sara und Rahel, die aus
Furcht vor Kinderlosigkeit ihren Ehemännern ihre Mägde zum Weibe gaben,
damit diese ihnen Kinder gebären sollten (Genesis 16,2 f. und 30,1-4). In
nuzischen Eheverträgen ist zuweilen eine entsprechende Klausel enthalten,
die eine unfruchtbare Gattin verpflichtet, dem Ehemann ihre Magd zuzu­
führen, um die Nachkommenschaft zu sichern. Die merkwürdige Episode, in
der Esau sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht verkauft, bekommt einen
konkreten Sinn, wenn man bestimmte Geschäftsurkunden aus Nuzi zum
Vergleich heranzieht. In einer dieser Urkunden ist vom Verkauf des Erst­
geburtsrechts an einen jüngeren Bruder die Rede, bei dem der ältere den
Kaufpreis von drei Schafen erhielt. Einige Forscher führen auch die Aneig­
nung von Labans Terafim oder Hausgöttern durch Rahel auf eine nuzische
Sitte zurück, wonach der Familienbesitz manchmal auf den Inhaber der
Hausgötter übergehen konnte, die eine symbolische rechtliche Bedeutung
hatten.
Solche biblischen Geschichten galten früher als unstatthafte Abweichun­
gen oder gar als Zeichen für eine angebliche moralische Verworfenheit der
Patriarchen und ihrer Sippen. Doch aufgrund der neuen Erkenntnisse, die
wir heute besitzen, fügen sich diese Verhaltensweisen oftmals gut in die Da­
seinsformen ein, die im größeren Teil des zweiten Jahrtausends im Alten
Orient allgemein üblich waren.

Israel in Ä g y p te n
Daß die außerbiblischen Quellen über den Zug der Israeliten nach Ägypten,
ihren Aufenthalt im Lande Goschen und den anschließenden Exodus nach
Kanaan schweigcn, ist kein schlüssiges Argument gegen die biblische Über­
lieferung. Denn unter typologischem Gesichtspunkt stehen wir auf recht so­
lidem Boden, da der biblische Bericht in allgemeinen Umrissen wie in vielen
Einzelheiten historische Phänomene des zweiten Jahrtausends erscheinen läßt,
deren grundlegende Elemente sich in den ägyptischen Quellen widerspiegeln.
Die Niederlassung der Israeliten in Goschen (das ist im Östlichen Nildelta)
und Josefs schneller Aufstieg zum Wesir am Pharaonenhof sind dafür ein
Die A nfäng e Israels S1

Beispiel (‫ ״‬Und nun, ihr habt mich nicht hergesandt, sondern Gott; der hat
mich dem Pharao zum Vater gesetzt und zum Herrn über sein ganzes Haus
und zum Fürsten in ganz Ägyptenland‫[ ״‬Genesis 45,8; vgl. auch Genesis
41,40-45]). Josefs Ernennung ist von vielen Forschern mit der Herrschaft
der Hyksos in Ägypten in den Jahren 1720-1570 in Beziehung gesetzt wor­
den. Viele semitische Herrscher kamen unter den Hyksos an die Macht (wäh­
rend der Fünfzehnten und Sechzehnten Dynastie); deren H auptstadt war
Avaris (eher bei Qantir als in Tanis, dem biblischen Zoan, gelegen), das im
östlichen Nildelta, also in der Nähe von Goschen lag. Diese Herrscher tru­
gen so charakteristische Namen wie Jakub-Her, Anat-Her, Hijan und Cha-
mudi. Der ägyptische Sieg über die Hyksos und deren teilweise Vertrei­
bung aus Ägypten (vgl. S. 15) wurden in der Tat schon sehr früh, wenn
auch recht vage, mit den Israeliten und deren Auszug unter Mose in Verbin­
dung gebracht, und zwar vonManetho, dem ägyptisch-hellenistischen Schrift­
steller des 3. Jahrhunderts v. Chr., der von Josephus (Gegen Apion I, 14 ff.)
zitiert wird.
Es gibt indes keine eindeutigen Belege für diesen Zusammenhang mit der
Bibel, da er der tatsächlichen Chronologie des Exodus widerspricht. Auch
die allgemeine ägyptische Atmosphäre, die in den Josef-Erzählungen herrscht
und in sich stimmig ist, verweist auf eine viel spätere Zeit. Die Abwanderung
der Israeliten nach Ägypten läßt sich allgemein in Verbindung bringen mit
dem ständigen Strom westsemitischer Elemente von Kanaan in das Land am
Nil, der bereits am Ende des dritten Jahrtausends eingesetzt hatte. Manche
Neuankömmlinge errangen hohe Stellungen im Staat. Diese semitische Ein­
wanderung in kleineren oder größeren Gruppen war im wesentlichen fried­
lich und vor allem durch den Handel motiviert, wie es beispielsweise durch
die bekannte Karawanenszene in dem Beni-Hasan-Grab in Mittelägypten
bezeugt wird. Weitere Gründe für solche Wanderbewegungen waren H un­
gersnöte in Kanaan und der Verkauf in die ägyptische Sklaverei. All dies
hat in den Patriarchenberichten seinen Niederschlag gefunden.
Die ägyptischen Quellen sind in dieser Hinsicht sehr aufschlußreich. So
entdeckte man in einer Liste von Sklaven, die auf den Besitzungen eines
Adligen des 18. Jahrhunderts beschäftigt waren (Papyrus Brooklyn, N r.
35.1446), eine ganze Reihe von ausgesprochen westsemitischen Namen, und
dabei fällt einem sofort Josefs Stellung im Hause des Potifar ein. In einem
anderen Verzeichnis aus der Mitte des 15. Jahrhunderts (Papyrus Leningrad,
N r. 1116A) werden Marjannu-Adlige erwähnt, die aus Städten wie Megiddo,
Taanach, H azor und Aschkelon kamen und den Pharao um Weizen und
Bier angingen, nicht anders als die Söhne Jakobs, die nach Ägypten zogen,
um ihre Lebensmittel Vorräte aufzufüllen. Besonders eindrucksvoll ist eine
andere Parallele zu der durch eine Hungersnot in Kanaan ausgelösten Ab­
wanderung der Jakobssöhne und noch vorher der Familie Abrahams nach
Ägypten. Ein ägyptischer Grenzbeamter unterrichtet seinen Vorgesetzten
5* Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

vom Durchzug eines Nomadenstammes von Südpalästina zum östlichen N il­


delta. Er schreibt: ‫ ״‬Wir haben die Beduinenstämme [Schasu] von Edom
durch die Festung des Merneptah, die in Tjeku [offensichtlich das Gebiet von
Sukkot in Goschen] liegt, passieren lassen bis zu den Teichen von Pe(r)-
Atum [das biblische Pitom] des Merneptah in Tjeku, um sie und ihr Vieh
durch den guten Willen des Pharao am Leben zu erhalten“ (Papyrus Ana-
stasi VI; vgl. S. 32).
Ein indirekter Beleg für den Aufenthalt der Israeliten in Ägypten läßt sich
darin erblicken, daß dort Volksgruppen lebten, die als cApiru bezeichnet
und in Urkunden aus der Zeit zwischen der Mitte des 15. und der Mitte des
12. Jahrhunderts erwähnt werden. Es besteht kaum Zweifel, daß der Name
cApiru im ägyptischen Sprachgebrauch gleichbedeutend ist mit den Chapiru
oder Chabiru, die in akkadischen Texten seit dem Ende des dritten Jahrtau­
sends etwa 1000 Jahre lang eine wichtige Rolle spielen, und zwar in den
Mari- und Nuzi-Dokumenten sowie in den Briefen der El-Amarna-Zeit.
Höchstwahrscheinlich existiert eine Beziehung zwischen diesen Termini und
dem biblischen Namen ‫ ״‬H ebräer“ (cibrl); manche Wissenschaftler gehen
von einer völligen linguistischen und begrifflichen Übereinstimmung aus,
während andere nur einen inhaltlichen Zusammenhang annehmen. Wieder
andere streiten jede mögliche Beziehung ab. Die Chabiru stellten eine in
räumlicher wie zeitlicher Hinsicht weitverbreitete Gruppe dar; ihr Bereich
erstreckte sich von Babylonien im Süden bis Anatolien und Palästina im
Norden und Westen. Außerdem waren ihre Eigennamen aus völlig verschie­
denartigen Sprachen abgeleitet. Daraus muß man wohl den Schluß ziehen,
daß der Terminus Chabiru nicht ein bestimmtes Volk oder eine Volksgruppe
bezeichnet, sondern eher eine soziale Gruppierung, deren genaue Definition
allerdings noch nicht geklärt ist. Auf jeden Fall bezieht sich der Begriff auf
eine niedere gesellschaftliche Schicht, die wegen der in ihr enthaltenen lan­
desfremden Elemente oder aus anderen Gründen außerhalb des normalen
sozialen und rechtlichen Gefüges stand, kaum anders als die gerim (‫ ״‬Fremd­
linge“) der Bibel.
Falls zwischen cibrl (‫ ״‬Hebräer“) und cApiru oder Chabiru überhaupt ein
Zusammenhang besteht, dann muß der erstere Begriff ursprünglich ebenfalls
eine soziale Schicht bezeichnet haben. Aus dieser Sicht erhält der Ausdruck
cebed cibrl (‫ ״‬hebräischer Sklave“) einen neuen Aspekt (Exodus 21,2 u. ö.);
das gleiche gilt für andere Belege des Wortes cibrl, etwa als ‫ ״‬Abram der
H ebräer“ (Genesis 14,13), der ein Fremdling in Kanaan war und nicht das
volle Bürgerrecht besaß. Dieser Auffassung entspräche auch der niedere Sta­
tus der Israeliten in Ägypten, die dort als Halbsklaven des Pharao lebten, dem
sie direkt untertan waren: ‫ ״‬Denn ihr wart Fremdlinge [gerim] in Ägypten­
land.“ Augenscheinlich infolge historischer Umstände dieser Art haftete die
Benennung ‫ ״‬Hebräer“ an den Israeliten als Gruppenbezeichnung; in der
Bibel selbst jedoch nahm der Begriff eine eindeutig ethnische Färbung
D ie A n fä n g e Israels 53

an. Der biblische Gebrauch des Wortes ‫ ״‬Hebräer‫ ״‬zur Kennzeichnung einer
nationalen Einheit beschränkt sich auf die Josef- und Mose-Erzählungen und
auf die Darstellung der Auseinandersetzung zwischen den Israeliten und
Philistern im i. Buch Samuel. Grundsätzlich ist die Benennung auf die Israe­
liten als solche in ihrer Konfrontation mit fremden Völkern - mit den Ägyp­
tern, Kanaanäern und Philistern - beschränkt. Es ist fraglich, ob man auf
der Grundlage des Eponyms Eber, der sechs Generationen vor Abraham
erscheint (Genesis 11,14 ff.), in das biblische W ort ‫ ״‬Hebräer“ eine allgemei­
nere Bedeutung hineinlesen darf, eine Bedeutung, die sich auf einen weiteren
Rahmen als nur Israel bezieht. Der Personenname Eber leitet sich offenkun­
dig von *ibri her - nicht umgekehrt - , und im Laufe der Zeit wurden diese
Begriffe mit dem geographischen Ausdruck ceber han-nahar (‫ ״‬jenseits des
Flusses‫ ) ״‬in Verbindung gebracht. Der ägyptische Terminus cApiru hatte
im Gegensatz dazu eine umfassendere Bedeutung; er bezeichnete die verschie­
denen ausländischen Zwangsarbeiter in Ägypten, bei denen es sich tatsäch­
lich größtenteils um Semiten aus Kanaan handelte, zu denen aller W ahr­
scheinlichkeit nach auch die Israeliten gehörten.
Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang das Dekret eines ägyptischen
Beamten unter Ramses II., wenn sich auch nicht mit Sicherheit sagen läßt,
ob sich der Hinweis auf die als Bauarbeiter beschäftigten cApiru wirklich
auf die Israeliten bezieht: ‫ ״‬Man verteile Getreiderationen an die Soldaten
und an die cApiru, die Steine zum großen Pylon des Ramses heranschaf­
fen‫( ״‬Papyrus Leiden 348). Das erinnert uns unmittelbar an die Fronarbeit
der Israeliten in Ägypten: ‫ ״‬Und man setzte Fronvögte über sie, die sie mit
Zwangsarbeit bedrücken sollten. Und sie bauten dem Pharao die Städte
Pitom und Ramses zu Vorratshäusern“ (Exodus 1,11). Diese aufschlußreiche
Textstelle wirkt authentisch und betrifft die Bautätigkeit der frühen Könige
der Neunzehnten Dynastie, die wegen ihrer stark nach Asien orientierten
Außenpolitik ihre Residenzen in das Östliche Nildelta verlegt hatten, also in
die Nachbarschaft des biblischen Landes Goschen, das anachronistisch auch
als „Land Ramses‫ ״‬in der Josef-Erzählung (Genesis 4 7 , 1 1 ) oder als „Gefilde
von Zoana (Psalm 78,12), d.h. Tanis, bezeichnet wurde. Zumal Ramses II.
ist berühmt für die umfangreichen Bauvorhaben, die er in seiner langen Re­
gierungszeit (1290-1224) ausführte. Er gründete eine neue Hauptstadt, an­
scheinend an der Stelle der alten Hyksos-Stadt Avaris, und gab ihr seinen
Namen Pe(r)-Ramses, „das Haus des Ramses‫ ״‬. Neben anderen Anlagen,
welche die Zugänge zur Sinai-Halbinsel bewachten, baute er eine Stadt aus
mit Namen Pe(r)-Atum, „das Haus des (Gottes) Atum‫ ״‬, sehr wahrscheinlich
Teil el-Maschüta im Wadi Tümllät (das Gebiet des Landes Goschen). Diese
beiden Städte sind in der Tat mit den oben erwähnten biblischen Städten
Pitom und Ramses identisch - das „r‫ ״‬in Per-Atum wurde in jener Zeit nicht
gesprochen, so daß der Name wie Pitom klang.
Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich also bei Ramses II. um den
54 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

Pharao, der die Israeliten unterdrückte und in dessen langer Regierungszeit


der Auszug stattfand; vielleicht geschah dies während seiner Zusammenstöße
mit den Schasu-Beduinen in Seir (vgl. S. 28). Wenn man jedoch Exodus 2,23
irgendeine historische Glaubwürdigkeit zubilligt - dort ist vom Tode des
Pharao, der die Israeliten versklavte, die Rede dann muß der Auszug aus
Ägypten unter Memeptah, dem Nachfolger des Ramses, stattgefunden ha­
ben. Die Siegesstele des Memeptah, die aus seinem fünften Regierungsjahr
stammt (ca. 1220), ist jedenfalls ein zusätzlicher Beleg dafür, daß der Auszug
schon stattgefunden hatte. Auf diesem Monument rühmt sich Merneptah, er
habe ‫ ״‬Israel‫ ״‬besiegt; das kriegerische Zusammentreffen hat ohne Zweifel
in Kanaan, nicht aber (wie manche behaupten) auf der Sinai-Halbinsel statt­
gefunden, denn es wird im Zusammenhang mit der Eroberung von Aschkelon,
Geser und Janoam erwähnt. Die genaue Bedeutung des Begriffs ‫ ״‬Israel“, der
hier zum erstenmal in einer außerbiblischen Quelle auftaucht, ist allerdings
fragwürdig. Bezeichnet er Israel in seiner Gesamtheit oder lediglich mehrere
(nördliche) Volksstämme? Und kann der Umstand, daß sich der hierogly-
phische Determinativ eher auf ein Volk als auf ein Land bezieht, als Zeichen
dafür gelten, daß sich die Israeliten noch nicht in einem festen Wohnsitz oder
einem bestimmten Gebiet niedergelassen hatten? In jedem Fall darf man aus
dem bisher Gesagten schließen, daß der Auszug und die Landnahme, zumin­
dest in ihren entscheidenden Phasen, in das 13. Jahrhundert v. Chr. fallen;
im letzten Viertel dieses Jahrhunderts hatten sie ihren Kulminationspunkt
bereits erreicht.
Diese chronologische Schlußfolgerung wird von anderer Seite gestützt,
zumal von der Archäologie (vgl. S. 65), vielleicht aber auch durch die chro­
nologischen Aussagen der Bibel selbst. Nach den Zeitangaben in 1 Könige 6,1
fand der Exodus 480 Jahre vor dem Bau des Salomonischen Tempels (ca.
970 v. Chr.) statt. Die Zahl scheint typologisch zu sein und basiert auf der
Addition der Zeitspanne von zwölf Generationen, denn der Bibel nach um­
faßt eine Generation einen Zeitraum von vierzig Jahren (vgl. Psalm 9^10
und die typologischen Zahlen im Buch der Richter). Legt man die realisti­
schere Generationendauer von fünfundzwanzig Jahren zugrunde, dann er­
gibt sich eine Zwischenzeit von 300 Jahren, der Exodus hätte danach also
um die Mitte des 13. Jahrhunderts stattgefunden. Auf eine ähnliche Datie­
rung führt die Rede des Richters Jiftach an den König der Ammoniter
(Richter 11,26), wonach die Besiedlung Transjordaniens durch die Israeliten
300 Jahre vor die Zeit Jiftachs zurückreicht. Er ist in das frühe 11. Jahrhun­
dert zu datieren. Wendet man hier die gleiche Berechnung wie oben an, so
schrumpft die genannte Zahl auf ungefähr 180 Jahre zusammen, und die
Anfänge der israelitischen Niederlassung in Transjordanien fielen dann
gleichfalls in die Mitte des 13. Jahrhunderts.
Die A n fä n g e Israels SS

E xodus u n d O ffen b a ru n g v o m Berg Sinai


Die Tatsache, daß für den Exodus und die Eroberung Kanaans außerbiblische
Zeugnisse fehlen, läßt sich sehr wahrscheinlich damit begründen, daß diese
Ereignisse international nicht von solch überragender Bedeutung waren, um
in den zeitgenössischen Quellen unbedingt Spuren hinterlassen zu müssen.
Für die Israeliten hingegen wurde die Überlieferung von der Befreiung aus
dem ‫ ״‬Haus der Knechtschaft‫ ״‬und der Wanderung durch die Sinai-Halb­
insel zum Land der Verheißung zu einem Eckpfeiler ihres Glaubens, wie
nicht nur im Pentateuch und in den Geschichtsbüchern der Bibel, sondern
auch in den Schriften der Propheten (z.B. Hosea 11,1; Amos 9,7; Jeremia
2,6) sowie in den Psalmen (z.B. Psalm 78,12 f. und 81,6) belegt ist. Der
biblische Bericht über Exodus und Wüstenzug trägt jedoch zugegebenerma­
ßen das Gepräge einer volkstümlichen Erzählung und ist von legendären Zü­
gen durchsetzt. Dennoch enthalt er authentische historische Details, die sich
besonders klar herausschälen lassen, wenn man sie mit den einschlägigen
Parallelen typologischer Art in ägyptischen Quellen vergleicht.
In dieser Beziehung besonders ergiebig sind die bereits erwähnten Berichte
von ägyptischen Beamten, die im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts an der
Sinai-Grenze stationiert waren (Papyri Anastasi III, V, VI). Aus ihnen geht
hervor, daß die Grenze streng bewacht wurde und daß für ihre Überquerung
in beiden Richtungen eine Sondererlaubnis der ägyptischen Behörden erfor­
derlich war. Diese Tatsachen erklären, warum Mose und Aaron den Pharao
immer wieder ersuchten, den Israeliten das Verlassen des Landes zu gestatten.
Die Flucht der Israeliten um Mitternacht, nach Ablehnung ihrer Gesuche, hat
eine partielle Parallele in einem älteren ägyptischen Dokument, in derSinuhe-
Erzählung. Dieser Flüchtling aus dem Ägypten der Zwölften Dynastie über­
schritt auf seinem Weg nach Kanaan die Sinai-Grenze im Schutze der Dun­
kelheit. In ähnlicher Weise berichtet ein Brief des Kommandanten der Stadt
Tjeku (offensichtlich ist Sukkot gemeint, die erste Station auf der Flucht
der Israeliten aus Ägypten, die im biblischen Bericht erwähnt wird) von der
Verfolgung zweier entlaufener Sklaven, die durch die Grenzbefestigungen in
die Sinai-Halbinsel entkommen waren, und zwar nördlich von Migdol, das
ebenfalls im Exodusbericht genannt wird (Papyrus Anastasi V, der aus dem
Ende des 13. Jahrhunderts stammt). Die ägyptischen Grenzanlagen hatten
also unter anderem die Funktion, die Flucht von Zwangsarbeitern zu ver­
hindern, was jedoch nicht immer gelang. Das kann man den Quellen ent­
nehmen, die nicht nur die geglückten Fluchtversuche von Einzelpersonen
bestätigen, sondern auch den Auszug von 600 000 israelitischen Kriegern und
ihren Familien, wie es im Exodus 12,37 heißt (zur Interpretation dieser über­
triebenen Zahlenangabe vgl. S. 78).
Nach dem biblischen Bericht mieden die Israeliten auf ihrem Zug durch
die Wüste den kürzesten Weg nach Kanaan - ‫ ״‬den Weg durch das Land der
Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

Philister, der am nächsten war; denn Gott dachte, es könnte das Volk ge­
reuen, wenn sie Kämpfe vor sich sähen, und sie könnten wieder nach Ägyp­
ten umkehren‫( ״‬Exodus 13,17). Auch diese Aussage gewinnt eine neue Be­
deutung im Lichte der damaligen Wirklichkeit, denn (wie auf S. 27 erwähnt)
der ‫ ״‬Weg durch das Land der Philister‫ ״‬, der ein Teilstück der internationa­
len Route längs der Sinaiküste bildete, war unter Sethos I. um 1300 v.C hr.
durch ein dichtes Netz von Festungsanlagen gesichert worden. Da die Israeli­
ten dort leicht in eine Falle hätten geraten können, ließen sie sich auf ihren
langwierigen und beschwerlichen Marsch ein. Trotz der ausführlichen Weg­
beschreibungen in den Büchern Exodus und Numeri ist es unmöglich, die
Marschroute der Israeliten durch die Sinai-Halbinsel und Südpalästina mit
einiger Zuverlässigkeit zu rekonstruieren, denn bei den allermeisten Stationen
handelt es sich um nur vorübergehend benutzte Lagerplätze, die sich nicht
genau lokalisieren lassen. Das gleiche gilt für die Lage von Jam-Suf (‫ ״‬das
Schilfmeer‫ ״ = ״‬Rotes Meer‫ ״‬der Bibel) und des Berges Sinai. Verschiedene
mittelalterliche Exegeten verlegten beide Örtlichkeiten in den Süden, die
erstere in den Golf von Suez oder die Bitterseen, beziehungsweise in den
Golf von Elat, die zweite auf den Dschebel Mussa („Berg des Mose‫ ) ״‬im
südlichen Teil der Halbinsel; diese Tradition geht jedoch nur bis auf byzan­
tinische Zeiten zurück. Viele moderne Forscher sprechen sich hingegen für
den Norden der Sinai-Halbinsel aus: Das „Schilfmeer‫ ״‬oder „RoteMeer‫ ״‬ent­
spräche demnach dem Menzale-See (in ägyptischen Quellen Tjouf genannt,
woraus im Hebräischen Suf wird) oder dem weiter östlich gelegenen Sirbo-
nischen See (Sabchat el‫־‬BardawIl), einem Lagunensee. Das zuletzt genannte
seichte Gewässer kann man an mehreren Stellen zu Fuß durchschreiten, und
wenn jemand den schmalen Landstreifen überquert, der die Lagune vom
Mittelmeer trennt, so sieht er sich beiderseits vom Wasser eingeschlossen -
„und das Wasser w ar ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken“ (Exo­
dus 14,29). Als Berg Sinai käme danach einer der Gipfel östlich von Ka-
desch-Barnea in Betracht, vor allem der Dschebel Halal (vgl. die in der Biblio­
graphie aufgeführten Atlanten).
Tatsächlich lassen sich beide Hypothesen - sowohl die „nördliche“ als
auch jene, die von einem weiten Umweg im Süden ausgeht - durch geogra­
phische Identifizierungen unterstützen, so schwach und ungewiß diese auch
sein mögen. Ein Hinweis auf die nördliche Route könnte in den Stationen
bestehen, die zu Beginn des israelitischen Auszuges erwähnt werden: Migdol
und Pi-Hahirot, vermutlich am alten pelusischen Arm oder auf einem künst­
lichen Kanal des Nils gelegen, sowie Baal-Zefon (Exodus 14,2). Baal-Zefon
entspricht offenbar dem Berg Kasios der klassischen Zeit, eine Stätte, die den
Seefahrern seit jeher heilig war; sie liegt bei Räs Qasrün auf der schmalen
Landzunge, die den Sirbonischen See umschließt und wurde vor kurzem von
Archäologen untersucht. Doch an anderer Stelle in der Bibel findet sich ein
deutlicher Hinweis darauf, daß mit Jam-Suf der Golf von Elat gemeint
Die A n fä n g e Israels 57

ist. Vielleicht haben wir es bei den oben erwähnten Widersprüchen gar nicht
mit konkurrierenden literarischen Überlieferungen zu tun, wie zumeist ange­
nommen wird, sondern vielmehr mit zeitlich verschiedenen, tatsächlichen
Wanderbewegungen, entsprechend der unten ausgeführten Auffassung, daß
die Landnahme Palästinas in mehreren Phasen erfolgte (vgl. S. 68 ff). Die
wichtigste Basis für die Wanderzüge der Israeliten war auf jeden Fall die
bedeutende Oase Kadesch-Barnea, die mit dem heutigen Teil el-Quderat im
Nordosten der Sinai-Halbinsel identisch ist und an einer großen Quelle liegt,
wo sich viele Menschen ‫ ״‬eine lange Zeit“ aufhalten konnten (Deuterono­
mium 1,46; zur Bedeutung dieses Ortes vgl. S. 39 und 69).
Ungeachtet des Nebels, in den Exodus und Landnahme gehüllt sind, fügen
sich die Ereignisse selber sehr wohl in den allgemeinen Rahmen jener Zeit,
in der amorphe Volksgruppen zu nationalen Einheiten zusammenwuchsen,
die um ihre territoriale Integrität und politische Souveränität rangen. Unge­
fähr gleichzeitig entwickelten sich Edom, Moab und Ammon zu Nationen
(vgl. S. 65), die im Gegensatz zu Israel schon früh unabhängige Königreiche
bildeten. Israels Übergang von einer bloßen Stammesgruppierung zur N a­
tionalstaatlichkeit könnte sich sehr wohl in der religiösen Metamorphose wi­
derspiegeln, die durch die Offenbarung am Berge Sinai symbolisiert wird.
Diese Episode gehört jedoch nach Meinung mancher Forscher einer Tradi­
tion an, die ursprünglich mit dem Exodusthema nichts zu tun hatte und erst
später in den jetzigen Zusammenhang zwischen Exodus und Landnahme ein­
gefügt wurde. Welche Auffassung auch zutreffen mag, die biblische Tradi­
tion schreibt die Verkündigung dieser revolutionären Ideologie jedenfalls der
bedeutenden Persönlichkeit des Mose zu, einem Leviten. Im Bewußtsein des
Volkes nimmt er unter allen Propheten den ersten Rang ein, als Gesetzgeber
und Richter, als Feldherr im Kampf, als Staatsmann und charismatischer
Anführer der Israeliten auf ihrem Weg aus der Knechtschaft in die Freiheit,
der seinen Schöpfer unmittelbarer erblickte als alle anderen Menschen und der
von ihm das Gesetz für sein Volk und die gesamte Menschheit empfing. Der
spirituelle Wandel wurde in Gang gesetzt durch die Offenbarung Gottes und
seines unaussprechlichen Namens JH W H , die Mose zuteil wurde. Der bibli­
schen Überlieferung zufolge wurde hier der Gott Moses mit dem der Pa­
triarchen gleichgesetzt: ‫ ״‬Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams,
der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“ (Exodus 3,6); ‫ ״‬Und bin erschienen
Abraham, Isaak und Jakob als der allmächtige Gott, aber mit meinem N a ­
men ,H err‘ [Jahwe] habe ich mich ihnen nicht offenbart“ (Exodus 6,3).
Die Forscher haben verschiedene Erklärungen des Namens Jahwe und
seines Ursprungs vorgeschlagen. Manche meinen, seine Wurzeln lägen in al­
ten religiösen Vorstellungen, die mit den Uranfängen der Hebräer verknüpft
seien —eine Anschauung, die sich durch verschiedene Eigennamen aus den
Mari-Texten untermauern läßt. Jedoch erscheint die theophore Komponente
des Namens jahu oder jo (eine Kurzform von Jahwe) in hebräischen Per-
!8 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

sonennamen erst bei Jochebed, der Mutter des Mose. Die sogenannte Midia-
niter- oder Keniterhypothese über den Ursprung des Namens Jahwe grün­
det sich dagegen auf die Tatsache, daß die göttliche Offenbarung im
brennenden Dornbusch und am Berge Sinai auf midianitischem Gebiet statt­
fand. Erhärtet wird diese Ansicht durch die einzigartige Rolle von Jitro,
dem Midianiterpriester und Schwiegervater Moses; ihm schreibt die biblische
Tradition die Einführung rechtlicher Institutionen bei den Israeliten zu (Exo­
dus 18). Zusätzliche Unterstützung erfährt diese Hypothese durch die Ent­
deckung des Toponyms ‫ ״‬Land der Schasu J-H-W (A)“ in den geographischen
Listen Amenophis’ III. und Ramses’ II.; jene stammt aus der Zeit vor Mose,
dies ist mit ihm zeitgleich (vgl. S. 2 1). In beiden Fällen wird diese Orts­
angabe auf die Sinai-Halbinsel oder das Land Seir bezogen, eine Region, die
in der Bibel, auch außerhalb des Exodus-Kontextes, als die Stätte der gött­
lichen Offenbarung bezeichnet wird (vgl. Deuteronomium 33,2; Richter
5,4; Habakuk 3,3; Psalm 68,9).
Woher auch der Name Jahwe stammen mag, die eindeutige Tatsache
bleibt bestehen, daß diese grundlegende religiöse Neuerung - der monotheisti­
sche Glaube - ein spezifisch israelitisches Phänomen darstellt, zu dem die
pagane Welt ringsum praktisch nichts beigetragen hat. Sie unterscheidet
sich von dem Sippenkult der Patriarchen, der allenfalls monolatrisch war,
das heißt, sich an einen einzigen Gott richtete, ohne die Existenz anderer
Gottheiten zu negieren. Der Monotheismus hingegen gründet sich auf eine
polare Anschauung, in der Jahwe sowohl als universal-kosmische Gottheit
als auch als ein Nationalgott erscheint. Der ‫ ״‬Bund“ ist fortan nicht mehr
nur ein Vertrag mit einem auserwählten Volk; er umfaßt nun eine voll ent­
wickelte soziale und moralische Botschaft, deren Konzentrat die Zehn Ge­
bote darstellen. Obgleich in der Bibelforschung die Vorstellung der Evolu­
tion vorherrscht, scheint der Monotheismus nicht das Produkt späterer theo­
logischer Spekulation zu sein; vielmehr muß man ihn, in Übereinstimmung
mit Y. Kaufmanns Auffassung, als einen dominierenden historischen und so­
ziologischen Faktor betrachten, der seit den ersten Anfängen der israeliti­
schen Volkswerdung wirksam war und das Bewußtsein der Stämme beim
Einzug in das Gelobte Land beseelte. Darin liegt die eigentliche Bedeutung
des Exodus und der Sinaioffenbarung.
4• Der Einbruch in Kanaan und
die Seßhaf twerdung

D ie Eroberung in der biblischen Ü berlieferung


Mit der Epoche der Landnahme durch die israelitischen Stämme begeben wir
uns von der Vorgeschichte Israels an die Schwelle der eigentlichen Geschichte.
Die ‫ ״‬offizielle“ oder ‫ ״‬kanonische“ Darstellung in der Bibel ist ganz eindeu­
tig. Palästina beiderseits des Jordans wurde ihr zufolge in einer vergleichs­
weise kurzen militärischen Operation eingenommen, an der alle zwölf Stäm­
me gemeinsam mitwirkten, zunächst unter der Führung von Mose und später
unter Josua. Die Ansiedlung erfolgte gleichfalls nach einem einfachen Sche­
ma, denn das eroberte Gebiet wurde nach einem im voraus festgelegten Plan
unter die Stämme verteilt. Jene Stämme, die sich in Transjordanien nieder­
ließen, erhielten ihren Anteil von Mose selbst (Numeri 32 und Josua 13,8 ff.),
während den anderen ihr Land von Josua zugewiesen wurde, wobei in sieben
Fällen das Los entschied (Josua 18).
Der vereinfachende biblische Bericht über einen einzigen gesamtisraeliti­
schen Eroberungszug, der hier als ein geschlossener und organischer Vorgang
erscheint, steht im Einklang mit der tendenziösen und schematischen Be­
trachtungsweise, mit der spätere Redakteure die frühen Geschicke des Volkes
erfaßten (vgl. S. 36). In Wahrheit war die historische Wirklichkeit sehr viel
komplexer. Erst im nachhinein wurden die verschiedenen Phasen langwieri­
ger militärischer Unternehmungen und verwickelter historischer Prozesse zu
einer einheitlichen, organischen Erzählung verschmolzen. Wie so häufig in
Nationalepen rückten auch hier herausragende Heldengestalten - Mose und
Josua - in den Vordergrund. Doch unabhängig von der Frage, wann das
Buch Josua (das den größten Teil des Quellenmaterials enthält) oder das
Buch Numeri und das erste Kapitel des Buches der Richter (in welches weni­
ger Material eingeflossen ist) entstanden sein mögen, ergibt die große Fülle
der Quellen eine historische Grundlage für mannigfache Rekonstruktionen
der Ereignisse, wobei diametral entgegengesetzte Auffassungen und sogar
abweichende Lehrmeinungen innerhalb ein- und derselben Schule möglich
sind.
Obwohl also der biblische Bericht in späteren Generationen aufgrund un­
terschiedlicher historiosophischer Auffassungen so umgestaltet wurde, daß
wir ihn nicht unkritisch akzeptieren dürfen, sollten wir weder die Tradition
völlig beiseite schieben noch die gewaltsame Besetzung Kanaans durch die
Israeliten abstreiten, wie es in den radikaleren Theorien geschieht (vgl. die
60 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

einleitenden Bemerkungen im 3.Kapitel, S.36f.).D ie verbreitetste dieser The­


sen, die von der Alt-Noth-Schule vorgetragene, stellt sozusagen die gesamte
biblische Tradition auf den Kopf und geht von einer ursprünglich friedlichen
Inbesitznahme des Landes aus. Man gibt zwar zu, daß gewisse kanaanäische
Städte von den Israeliten zerstört worden sind, aber das sei nur das letzte
Stadium eines allmählichen Infiltrationsprozesses gewesen. In der biblischen
Beschreibung habe dagegen die kriegerische Endphase die voraufgehende
friedliche Phase überlagert.
Wir haben bereits die Ansicht erwähnt, nach welcher der biblische Bericht
im Grunde die ‫ ״‬Nationalisierung“ von ausgesprochen stammesgebundenen,
lokalen Traditionen darstelle. Dementsprechend wurde der Eroberungserzäh­
lung ein spezifisch benjaminitischer Ursprung zugeschrieben. Wir wollen hier
einen weiteren Grundsatz der Alt-Noth-Schule überprüfen, der bei der Be­
wertung der literarischen Entstehung des Eroberungszyklus im ersten Teil
des Buches Jpsua (1-11) durchgehend Anwendung findet. Es handelt sich
dabei um die ätiologische Deutung, der zufolge kausale Erklärungen für be­
stimmte Phänomene geschaffen wurden, seien es Erklärungen von Orts- oder
Personennamen, von Bräuchen oder von bestimmten physischen Tatbestän­
den. Mit anderen Worten: Eine Erzählung wird erfunden, um einen auffälli­
gen gegenwärtigen Tatbestand aus einem Ereignis in der Vergangenheit ra­
tional zu deuten.
Ein klassisches Beispiel ist die Beschreibung der Jordan-Durchquerung und
der Errichtung von zwölf Steinen in Gilgal auf Josuas Geheiß: «. . . damit
sie ein Zeichen seien unter euch. Wenn eure Kinder später einmal fragen:
Was bedeuten euch diese Steine?, so sollt ihr ihnen sagen: Weil das Wasser
des Jordan weggeflossen ist . . . sollen diese Steine für Israel ein ewiges An­
denken sein. D a taten die Kinder Israel, wie ihnen Josua geboten hatte, und
trugen zwölf Steine mitten aus dem Jordan . . . nach der Zahl der Stämme
Israels . . . diese sind noch dort bis auf den heutigen Tag“ (Josua 4,6-9).
Man nimmt an, daß der Impuls, derartige rationale Erklärungen zu bieten,
auch bei anderen Geschichten wirksam geworden sei, selbst dort, wo solche
Erklärungen nicht ausdrücklich angeführt werden. Die Formel ‫ ״‬bis auf die­
sen Tag“ oder ‫ ״‬bis auf den heutigen Tag“, die solche Erzählungen beschließt,
ist nach Meinung dieser Wissenschaftler ein eindeutiges Indiz für ihren ätio­
logischen Charakter. In diesem Sinne werden die Überlieferungen, in denen
die Einnahme von Jericho und Ai, das Vergehen Achans sowie die Erhängung
der fünf Amoriterkönige an fünf Bäumen und ihre anschließende Bestattung
in der Höhle von Makkeda dargestellt sind, als Ätiologien verstanden. Der
Bund zwischen den Gibeonitern und Israel, durch den die ersteren zur Knecht­
schaft bestimmt werden, und die Aufnahme der kanaanäischen Familie Ra-
hab in die israelitische Gemeinschaft gelten als weitere einschlägige Beispiele.
Doch selbst dort, wo in den Eroberungserzählungen solche ätiologischen
Motive nicht zu bestreiten sind, sollte man sie lediglich als sekundäre Fakto­
D er Einbruch in Kanaan und die Seßhaftw erdung 6z

ren in der literarischen Ausgestaltung der Erzählungen werten. Folglich


sollte man die den Erzählungen zugrunde liegende historische Basis und den
durch sie bezeugten gewaltsamen Einbruch nicht negieren.
Auf der anderen Seite müssen wir zugeben, daß der vereinfachende und
tendenziöse Bericht, der sich aus der ‫ ״‬offiziellen“ Version der Vorgänge er­
gibt, einer exakten kritischen Prüfung nicht standhält. Tatsächlich sind in
den biblischen Quellen zahlreiche Brüche und sogar Widersprüche enthalten,
von denen hier nur einige wenige genannt werden können. Zum Beispiel be­
steht, wie bereits gesagt, in der Bibel die unverkennbare Tendenz, Mose und
Josua Heldentaten und Eroberungen zuzuschreiben, die verschiedenen Pe­
rioden angehören und in Wirklichkeit das Werk einzelner Personen oder
Stammesgruppen waren. So spricht Numeri 21 von der Besetzung Transjor­
daniens durch Mose und ganz Israel, während an anderer Stelle im selben
Buch (Numeri 32,39-42) gesagt wird, daß die Eroberungen durch die Stam­
mesangehörigen von Machir (‫ ״‬Sohn Manasses“), von Jair (ebenfalls ein
‫ ״‬Sohn Manasses“) und durch einen gewissen Nobach (Vertreter einer nicht
näher bekannten Stammesgruppe) selbständig gemacht wurden. In gleicher
Weise wird die Eroberung von Hebron und Debir, die offiziell Josua zuge­
schrieben wird (Josua 10,36-39), an einer anderen Stelle (Josua 15,13-19,
Richter 1,10-16; vgl. auch S. 83) auf die Sippen des Kaleb und Kenas
zurückgeführt, die sich später dem Stamm Juda anschlossen. Ein besonders
auffälliger Beleg für die Tendenz der Bibel, Josua zum Eroberer von fast
ganz Kanaan zu erheben, findet sich in der Liste der einunddreißig (in der
Septuaginta dreißig) besiegten Könige in Josua 12. Im Gegensatz zu mehre­
ren Städten, deren Einnahme tatsächlich im Zusammenhang der Feldzüge
Josuas erwähnt wird, fehlt in dieser Liste bei anderen der geringste Hinweis
auf eine Eroberung; dies gilt unter anderem für Adullam in der Schefela,
Tappuach, Hefer und Tirza im zentralen Bergland und Taanach und Me-
giddo in der Jesreelebene. Die Stadt Bet-El, die in der Liste registriert ist,
wurde einer anderen Version zufolge ‫ ״‬nach dem Tod Josuas“ durch das
‫ ״‬Haus Josef“ allein erobert (Richter 1,22-26).
Deutliche Widersprüche in den Aussagen der Bibel ergeben sich im Zu­
sammenhang mit dem Schicksal einzelner Städte wie Jerusalem, Horma und
Hazor (über die Eroberung Hazors vgl. S. 88). Alle drei sind in der Liste
der von Josua besiegten Kanaanäerkönige enthalten. Die biblischen Berichte
über die Kämpfe gegen Horma (vielleicht Teil el Milh oder Tel Masos
östlich von Beerscheba) weichen stark voneinander ab. Eine Version spricht
von einem israelitischen Versuch zu Moses Lebzeiten, von Süden her in das
Land vorzustoßen, der bei Horma mit einer schmählichen Niederlage en­
dete (Numeri 14,40-45 und Deuteronomium 1,44); an einer anderen Stelle
ist von einem erfolgreichen Vorstoß in dieser Richtung die Rede (Numeri
21»13‫ ;) ־‬ein dritter Bericht verlegt die Einnahme von Horma in die Zeit nach
Mose und Josua und bezeichnet sie als das alleinige Verdienst der Stämme
62 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

Juda und Simeon (Richter 1,17). Auch über das Schicksal Jerusalems in der
Zeit vor David existieren verschiedene, teils widersprüchliche Versionen. In
der einen heißt es, Josua habe den dortigen König, Adoni-Zedek, der eine
Koalition der Amoriter anführte, bei Gibeon geschlagen, aber dessen eigene
Stadt sei nicht erobert worden (Josua 10,1 ff. und 12,10). Im Buch der Rich­
ter (1,8) wird dagegen berichtet, nach dem Tode Josuas sei der Stamm Juda
durch das Gebirge Efraim nach Süden gezogen und habe die Stadt Jerusalem
erobert und in Brand gesteckt. Nach einer anderen Darstellung gelang es
Juda nicht, die Bewohner der Stadt zu vertreiben, und ‫ ״‬so blieben die Jebu-
siter mit denen von Juda in Jerusalem wohnen bis auf diesen Tag‫( ״‬Josua
15,63); andernorts (Richter 1,21) wird dieselbe Überlieferung den Bejamini-
ten zugeschrieben. Hingegen erscheint Jerusalem in dem Bericht über die
Greueltat in Gibea noch in der Zeit der Richter als eine fremde, jebusitische
Stadt, ‫ ״‬die nicht von den Kindern Israel“ ist (Richter 19,11 f.). Tatsächlich
geriet Jerusalem erst unter David endgültig in die Gewalt der Israeliten.
N un betreffen diese Diskrepanzen lediglich die Eroberung einzelner Städte
und Landschaften. Weit tiefgreifender sind indes die unterschiedlichen Über­
lieferungen, die sich auf die Eroberung von Transjordanien und Palästina
insgesamt beziehen. Der ‫ ״‬offizielle“ Bericht betont immer wieder, daß die
Israeliten den Süden Palästinas und Transjordaniens umgangen hätten, um
den schon bestehenden Königreichen Edom, Moab und Ammon auszuwei­
chen. Die einzige Alternative für sie bestand darin, einen Durchgang zu er­
zwingen (was sich jedoch als undurchführbar erwiesen hätte). Die Bibel be­
gründet den Entschluß zu diesem Umweg mit einem göttlichen Befehl- der
einen Krieg zwischen den Israeliten und den ihnen verwandten Völkerschaf­
ten verhindern sollte (Numeri 20,14-21 und 21,4,11-20; Deuteronomium 2,
1-3,9,13,19; vgl. auch Richter 11,17 f.). Doch im Gegensatz zu dieser vor­
herrschenden Meinung ergibt sich aus einer genauen Analyse der in Numeri
33,37-49 aufgeführten Ortsliste ein völlig anderes Bild. In der Beschreibung
der Exodusroute wird eine Wegstrecke erwähnt, die vom ‫ ״‬Berg H ör am
Rande des Landes Edom“ bis Abel-Schittim in der moabitischen Ebene führ­
te, also mitten ins Gebiet von Edom und Moab. Dieser Beleg, der zugegebe­
nermaßen verhältnismäßig spät anzusetzen ist, enthält nicht den geringsten
Hinweis darauf, daß sich jene Völker den durchziehenden Israeliten wider­
setzt hätten oder daß es zu einem Zusammenstoß mit dem Amoriterkönig
Sihon gekommen wäre.
Hinsichtlich der israelitischen Eroberung Westpalästinas bietet das erste
Kapitel des Richter-Buches eine abweichende Variante, die man entweder als
eine weitere Version der tatsächlichen Vorgänge betrachten kann oder als
eine Schilderung der Ereignisse ‫ ״‬nach dem Tod Josuas“, wie es im ersten
Satz des Kapitels heißt. Mehrere der mit diesem Kapitel zusammenhängen­
den Probleme, etwa der Hinweis auf die Eroberung von Jerusalem, Hebron,
Debir, Bet-El und Horma. sind bereits beleuchtet worden. Der biblische Er-
SidOTjJ Damaskus*
D ie Kriege Israels während der Landnahme

Tyrus^ l #Lsuisch (Dan) (erobert yoh D an)


Abel-Bet-Maacha

/ \ / / . Kadesch

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/ c* vonMerom ™,zor

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/ / S );firza,™” ,‘5 \TZafon /
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‫ ׳‬V / ‫ ' ׳‬Aruraa S u k k o l^ P t n u t K
I® Zaretan*/ M fe fe ) ,„ N

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F R A I M\ o * _ü \ k7> ‫ ״‬A
Jasc* srjl ,Kabbat-Aramon
B et-E lj

K e ram i ‫ ־‬4 ‫ ־‬M in ‫ ״‬i ^


G e ser•
/ = =» 2 o r/Gibe0v ^ e‫־‬aa J‫־‬nchW Sc*hi‫' ״‬i;\H‫־‬scht>01‫׳‬
Aschdod. ^*Ekrön* ’■ = ^ A % B E N ■• A M IN % t t -Pegor•
/ Sch‫ ־ ״ ־ ־‬sc^Aja|on * * J e r u s a l e m /
/ . a i • ^Aseka
rGat* // B e t l e h e m < '
Makkeri^1 IV• . Adullam/

• Stadt
® Richterstadt
^ Schlacht
^ Feldzüge, die Mose und Josua
zugeschrieben werden
‫״‬- — y Feldzüge der südlichen Stämme, nach Richter 1
= — > Kriege der Richter
= — Vordringende Philister #Tamar Ccaita.J(nusAUM

Karte 3: Die Kriege Israels während der Landnahme


64 Ursprünge un d Frühgeschichte (A . M alam at)

zähler verweist offenbar auf verschiedene Eroberungen, die schon Josua und
sogar Mose gemacht haben (z.B. Horma), gibt aber gleichzeitig eine aus­
führliche Liste von kanaanäischen Enklaven in den einzelnen Stammesgebie­
ten, die noch nicht unterworfen wurden. Doch der erstaunlichste Aspekt von
Richter 1 ist, daß hier - gegenüber der Darstellung im Buch Josua - die
Landnahme als das Resultat mehrerer getrennter Eroberungszüge bezeichnet
wird, die einzelne Stämme ohne einen nationalen Anführer unternahmen.
Im Mittelpunkt steht der Stamm Juda, der von der kanaanäischen Stadt
Besek (Chirbet Ibzik, nordöstlich von Sichern) durch das zentrale Bergland
in südlicher Richtung vordrang, zuerst gegen Jerusalem und dann weiter auf
dem judäischen Gebirge und in der Schefela bis Horma am Rande des Negev.
Juda wird sogar die Besetzung von Gaza, Aschkelon und Ekron zugeschrie­
ben, die im Buch Josua als ‫ ״‬noch einzunehmen‫( ״‬Josua 13,1-6) bezeichnet
werden, also außerhalb des israelitischen Gebiets lagen (allerdings verneint
die Septuaginta-Fassung von Richter 1,18 die Einnahme dieser Philister­
städte). Das erste Kapitel im Buch der Richter entwirft im Bericht über die
israelitische Eroberung Westpalästinas also im Detail wie im Grundsätzlichen
ein völlig anderes Bild als das Buch Josua.
Die Problematik des mannigfaltigen biblischen Zeugnisses verbietet es uns
somit, die literarische Überlieferung der Bücher Numeri, Josua und Richter
als einen verläßlichen historischen Bericht oder eine chronologisch einwand­
freie Darstellung der Eroberung und Seßhaftwerdung zu akzeptieren. We­
gen der realen oder manchmal imaginären Diskrepanzen zwischen den ver­
schiedenen Traditionen bleiben uns nur zwei Möglichkeiten: Entweder be­
trachtet man diese als tendenziös gefaßte Erzeugnisse verschiedener Autoren,
die ein und dieselben Ereignisse beschreiben, oder man versteht sie als Nie­
derschlag von komplexen und vielschichtigen historischen Vorgängen. Der
letzteren Möglichkeit ist im allgemeinen der Vorzug zu geben, wie aus den
anschließenden Ausführungen erhellt. Ähnliche Widersprüche finden sich
übrigens auch in den literarischen Dokumenten anderer Völker, die umfas­
sende nationale Eroberungen beschreiben, so etwa im Homerischen Epos
vom Trojanischen Krieg oder in den Berichten über die arabische Eroberung
Palästinas im 7. nachchristlichen Jahrhundert, in denen man neuerdings auf­
schlußreiche Parallelen zur israelitischen Landnahme erblickt hat, zumindest
was die Methodologie betrifft.

D er archäologische B e fu n d
Angesichts des problematischen Charakters der biblischen Überlieferung ge­
winnen die epigraphischen und archäologischen Quellen erhöhtes Gewicht.
Eine solche Quelle von überragender Bedeutung für jeden Versuch, die Land­
nahme Kanaans zu rekonstruieren, ist die Erwähnung Israels auf der Mer-
neptah-Stele, welche die militärischen Erfolge Ägyptens in Kanaan um das
Der Einbruch in K anaan und die Seßhaftw erdung

Jahr 1230 oder 1220 v.C hr. verzeichnet (entsprechend der ‫ ״‬hohen“ oder
‫ ״‬niedrigen" Datierung [vgl. S. 54]). Andere epigraphische Zeugnisse aus
der Zeit Sethos‫ ״‬I., Ramses* II. und Merneptahs wurden bereits erwähnt
(vgl. S. 26 ff.) weitere sollen im Verlauf dieser Darstellung herangezogen wer­
den. Zunächst aber wollen wir uns mit dem Beitrag der archäologischen
Funde befassen, die in Palästina bei systematischen Grabungen oder Sonda-
gen ans Licht gekommen sind, sowie mit den Ergebnissen von Oberflächen­
untersuchungen.
Der Zug der Israeliten durch den Negev, die Araba und Transjordanien
gewinnt aufgrund der Untersuchungen, die seit den dreißiger Jahren in die­
sen Gebieten gemacht werden, erheblich schärfere Konturen. Nach der Zer­
störung der permanenten Siedlungen in Transjordanien südlich des Flusses
Jarmuk, die im 19. Jahrhundert v. Chr. erfolgte, scheint diese Region (mit
Ausnahme einiger wichtiger Zentren) jahrhundertelang unbewohnt geblieben
zu sein, bis sie zu Beginn des 13. Jahrhunderts neu besiedelt wurde. Das be­
deutet, daß die Entstehung der Königreiche Edom, Moab und Ammon in die
Anfänge des 13. Jahrhunderts verlegt werden muß, obwohl die neuesten
Grabungen in Tawilan und Busera (das biblische Bozra) im nördlichen Edom
darauf schließen lassen, daß die Besiedlung dort viel später begann. Geht
man von dieser chronologischen Basis aus, kann man die Daten der israeliti­
schen Einfälle erschließen, wie sie sich in den soeben erörterten widersprüch­
lichen biblischen Überlieferungen spiegeln. Der Bericht, der von einem Feld­
zug innerhalb der Grenzen dieser Länder handelt, bezieht sich also auf einen
Vorstoß, der zeitlich vor der Entstehung der Königreiche Edom und Moab
liegt. Die andere Tradition, in der von dem weiten Umweg die Rede ist, setzt
hingegen die Existenz dieser beiden Reiche voraus, die sich einem Eindringen
in ihr Territorium widersetzten. Sehr aufschlußreich ist in diesem Zusam­
menhang die Entdeckung eines dichten Netzes von Grenzbefestigungen im
Westen und Süden Ammons, deren Grundriß entweder quadratisch oder
rechteckig (der kasr-Typ) oder rund w ar (wie z.B . Rudschm el-Malfuf).
Auf diese Festungsanlagen, die wahrscheinlich in der frühen Eisenzeit ent­
standen sind, scheint die Bibel anzuspielen, wenn sie davon spricht, daß die
Israeliten diese Region nicht zu erobern vermochten; ‫ ״‬denn die Grenzen der
Kinder Ammon waren fest‫( ״‬Numeri 21,24).
Im südlichen, mittleren und nördlichen Teil Westpalästinas sind inzwi­
schen viele Städte ausgegraben worden, die nach Aussage der Bibel von den
eindringenden Israeliten erobert wurden. Die Archäologen konnten zahlrei­
che biblische Angaben nachdrücklich bestätigen, denn sie haben Belege für
eine gewaltige Zerstörungswelle gegen Ende der späten Bronzezeit zutage
gefördert - zweifellos das Werk der Israeliten (was freilich von vielen Ge­
lehrten bestritten wird). In einigen Fällen haben die Funde indes neue Pro­
bleme aufgeworfen; das schwierigste betrifft die Eroberung von Ai, die in
Josua 7-8 eingehend beschrieben wird. Diese Stadt ist eindeutig auf dem
66 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

modernen Et-Tell anzusetzen, der etwa 2,5 Kilometer ,.östlich von Bet-El‫״‬
liegt (Josua 7,2). Der heutige Name bezeichnet genauso wie Ai ‫ ״‬eine Ruine“,
und tatsächlich wird der hebräische Name stets mit dem bestimmten Artikel
verwendet, wodurch sein appellativer Charakter zum Ausdruck kommt. Die
Ausgrabungen haben jedoch erwiesen, daß die Stätte schon länger als ein
Jahrtausend vor der israelitischen Invasion unbewohnt war. Man hat diese
Schwierigkeit mit weithergeholten Theorien aus der Welt zu schaffen ver­
sucht, doch bislang noch keine befriedigende Lösung gefunden. Möglicher­
weise sei die Eroberung der antiken Stadt Ai, wie ein Gelehrter einmal
meinte, eine leichtere Sache gewesen als die Lösung des historischen Problems,
das sie uns heute stellt.
Auch die Funde in Jericho stehen nicht im Einklang mit dem biblischen
Bericht über die Zerstörung dieser Stadt. Die neueren archäologischen Aus­
grabungen haben gezeigt, daß die berühmten Mauern, um die sich die bibli­
sche Erzählung dreht, der mittleren Bronzezeit angehörten, also der ersten
Hälfte des zweiten Jahrtausends, und nicht den Tagen der israelitischen
Landnahme. Dennoch ist der Bibelbericht im wesentlichen keineswegs eine
bloße Fiktion. Im 14. und vielleicht sogar noch im frühen 13. Jahrhundert
bestand in Jericho eine relativ kleine und unbefestigte Siedlung, und aller
Wahrscheinlichkeit nach wurde diese Siedlung von den Israeliten verwüstet
(vgl. S. 74). Die biblische Volkserzählung vom Einsturz der Mauern ent­
stand möglicherweise unter dem Eindruck der noch sichtbaren Überreste der
einst gewaltigen Festungsanlage. Die Geschichte Gibeons ist ebenfalls in
Frage gestellt worden, da Grabungen an dieser Stätte (heute El-Dschib) keine
Schicht aus der späten Bronzezeit zutage gefördert haben. Man hat jedoch
in mehreren Gräbern dort Keramik aus jener Periode entdeckt, die darauf
hindeutet, daß die Gegend damals zumindest zeitweilig besiedelt war. Die
Bewohner waren möglicherweise neu zugewandert, so wie die Gibeoniter
- nach der biblischen Erzählung - Josua gegenüber behaupteten (‫ ״‬Deine
Knechte sind aus sehr fernen Landen gekommen“ [Josua 9,9]); allerdings
wertet die Bibel diese Behauptung als eine List, mit der die Israeliten ge­
täuscht werden sollten. Die Gibeoniter waren hivitischer Abstammung und
können durchaus kurz zuvor aus dem fernen Norden (aus Südanatolien?)
gekommen sein. Wie dem auch sei, die Anmerkung ‫ ״‬denn Gibeon war eine
große Stadt wie eine der Königsstädte“ (Josua 10,2) ist höchstwahrscheinlich
von einem späteren Redakteur eingefügt worden, zu einer Zeit, als Gibeon
bereits eine zentrale Stellung innerhalb des judäischen Königreiches erlangt
hatte.
Im Gegensatz zu diesen drei Divergenzen zwischen der Bibel und den
archäologischen Befunden (die alle Josuas ersten Vorstoß in die mittlere Re­
gion des Landes betreffen) wird der biblische Bericht im allgemeinen durch
die Ausgrabungen erhärtet. So wurden die Städte Lachisch und wohl auch
Kirjat-Sefer/Debir und Eglon (wahrscheinlich Teil el-HesI westlich von La-
Der Einbruch in Kanaan und die Seßhaftw erdung *7

chisch), deren Einnahme Josua zugeschrieben wird (Josua 10,31 ff.), tatsäch­
lich in der zweiten H älfte des 13. Jahrhunderts zerstört. Es ist sehr bezeich­
nend, daß nach dem Zeugnis der Archäologie auch H azor im Norden, dessen
Verwüstung die Bibel so anschaulich schildert, in dieser Zeit tatsächlich zer­
stört wurden Hier liefern die Ausgrabungen darüber hinaus einen Beweis für
die Aussage der Bibel: ‫ ״‬denn Hazor war vorher die Hauptstadt aller dieser
Königreiche‫( ״‬Josua 11,10). Am Fuße des eigentlichen Teil, also der Ober­
stadt, befand sich eine riesige Unterstadt, die sich über ein Areal von 70 H ek­
tar erstreckte - die größte Stadtanlage, die bisher in Palästina ausgegraben
wurde. Es hat den Anschein, als sei auch Bet-El in der zweiten H älfte des
13. Jahrhunderts zerstört worden.
Hingegen haben die neueren Grabungen in Sichern keine Schicht freige­
legt, die auf Zerstörungen im Ausgang der späten Bronzezeit hindeutet. Hier
ist eine ununterbrochene Besiedlung bis zum Ende des 12. Jahrhunderts nach­
weisbar, ein Befund, der auch mit den biblischen Zeugnissen übereinstimmt.
Abgesehen von spärlichen Spuren einer früheren Eroberung der Stadt (vgl.
S. 94), von der in den Patriarchenberichten die Rede ist - in der Ge­
schichte von Dina (Genesis 34) und anläßlich des Segens, den Jakob Josef
erteilte (Genesis 48,22) - , läßt nichts auf gewaltsame Umwälzungen vor der
späteren Richterzeit schließen. Josua zieht sogar unbehindert nach Sichern
und ruft dort die israelitischen Stämme zusammen, um einen Bund mit Gott
zu schließen (Josua 24). Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang der in
Sichern ausgegrabene heilige Bezirk, der einen Tempel, einen Altar und meh­
rere Stelen aus der mittleren Bronzezeit umfaßt. Dies deutet darauf hin, daß
Sichern ein altes Kultzentrum war, dessen Aura der Heiligkeit auch die is­
raelitische Patriarchen- und Josua-Uberlieferung durchdrang.
Sichern bildet somit eine auffällige Ausnahme in dem archäologischen Ge­
samtbild, das sonst durch verbreitete Zerstörung gekennzeichnet ist. Auf den
vernichteten kanaanäischen Städten entstanden neue Siedlungen, manchmal
fast unmittelbar nach der Zerstörung, wie beispielsweise in Teil Bet Mirsim
und Bet-El. Diese Siedlungen blieben unbefestigt, und im Vergleich zu ihren
Vorgängern waren sie bescheiden. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist H a­
zor, dessen gewaltige Unterstadt nach der Zerstörung nie wieder aufgebaut
wurde; selbst der eigentliche Stadthügel trug in der darauffolgenden Periode
lediglich eine ärmliche Niederlassung von Halbnomaden. Die neuen Sied­
lungen, die sich hinsichtlich ihrer materiellen Kultur beträchtlich von den
kanaanäischen Städten unterschieden, waren unbestreitbar israelitisch. Das
beweist auch die Kontinuität in der materiellen Kultur dieser Phase und der
darauffolgenden des israelitischen Königtums. Die Ausgrabungen bezeugen
ferner, daß um die Wende vom 13. zum 12. Jahrhundert in vorher niemals
bewohnten Gebieten eine intensive israelitische Kolonisierung einsetzte. Viele
Siedlungen entstanden jetzt auf jungfräulichem Boden, vor allem im Berg­
land Efraims und Benjamins (vgl. S. 77), aber auch im östlichen Teil Judas.
68 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

Die archäologischen Oberflächenuntersuchungen von Obergaliläa und Gilead


weisen gleichfalls eine Reihe von neuen kleinen Ansiedlungen nach. Mit der
Zerstörung der kanaanäischen Städte und der Gründung israelitischer Nie­
derlassungen ging die späte Bronzezeit zu Ende, und es begann eine neue
Ära - die Eisenzeit.

D ie R e k o n stru k tio n des E inbruchs


Die Analyse der vielfältigen Quellen, die sich auf die Landnahme beziehen,
ergibt das Bild eines komplexen, sich aus mehreren Phasen zusammensetzen­
den Vorgangs, sowohl im transjordanischen Gebiet als auch in Westpalästina.
Ebenso wenig deutet der archäologische Befund auf einen einzigen Erobe­
rungszug hin. Zwar wurden mehrere kanaanäische Städte in der zweiten
H älfte des 13. Jahrhunderts zerstört, aber es wäre eine allzu grobe Verein­
fachung, wollte man annehmen, daß sie alle gleichzeitig in Schutt und Asche
sanken. Jericho wurde, wie bereits angedeutet, mehrere Jahrzehnte zuvor
zerstört. Deshalb vertreten manche Wissenschaftler die Ansicht, daß die
Israeliten in mehreren Wellen eingedrungen seien; umstritten ist jedoch die
Zahl dieser Invasionen, ihre genaue Datierung, ihr jeweiliger Verlauf und
die Identität der Stämme, die jeweils an ihnen beteiligt waren. Einen über­
aus wichtigen Hinweis zur letzten dieser Fragen stellt die Einteilung des
israelitischen Zwölfstämmesystems entsprechend den Stammesmüttern dar -
das heißt danach, ob sich ein bestimmter Stamm von Rahel oder von Lea
(oder von deren jeweiligen Mägden Bilha und Silpa) herleitete. Da diese
Gruppierung hinsichtlich der späteren Wohnsitze der Stämme oder in sonsti­
gen historischen Zusammenhängen keinen Sinn ergibt, spiegelt sie vermut­
lich eine Situation wider, wie sie vor der endgültigen Seßhaftwerdung der
israelitischen Stämme bestand (vgl. S. 79 ff.).
Eine solche Annahme setzt zumindest zwei Hauptphasen des israelitischen
Einbruchs voraus, die wahrscheinlich durch eine kurze Zwischenzeit von­
einander getrennt waren: erstens die der sogenannten ‫ ״‬Lea“-Stämme, die von
Juda angeführt wurden; zweitens die der ‫ ״‬Rahel“-Stämme unter der Füh­
rung des ‫ ״‬Hauses Josef“. Die Stämme, die den Mägden oder Nebenfrauen
zugeordnet waren - Gad und Ascher der einen, Dan und N aftali der ande­
ren -, werden als bloße ‫ ״‬Anhängsel“ betrachtet, die in der israelitischen Kon­
föderation einen geringeren Status besaßen; nach der Auffassung mancher
Gelehrten sind sie von den anderen Stammesgruppen getrennt in Kanaan
eingedrungen (zu einer abweichenden Meinung vgl. S. 79 f.).
Die heutzutage und auch schon in den letzten Generationen vorherrschen­
de Auffassung behauptet, daß die ‫ ״‬Lea“-Stämme vor den ‫ ״‬Rahel“-Stämmen
in Palästina eindrangen. Zu den neueren Vertretern dieser Lehrmeinung ge­
hören de Vaux und auch Yeivin (s. Bibliographie), der sogar drei aufeinan­
derfolgende Eroberungswellen unterscheidet: Ascher und N aftali bahnten
Der Einbruch in Kanaan und die Seßhaftw erdung 69

sich gegen Ende des 14. Jahrhunderts einen Weg nach Galiläa; die ‫ ״‬Lea“-
Stämme kamen um 1300 dort an; und die ‫ ״‬Rahel“-Gruppe folgte ungefähr
eine Generation später. Doch neuerdings hat die entgegengesetzte, haupt­
sächlich von Albright und danach auch von Mazar verfochtene These an
Boden gewonnen, nach der die „Rahel“-Stämme den anderen Gruppen vor­
ausgingen. Übrigens enthalten auch die rabbinischen Quellen Andeutungen,
die besagen, daß der Stamm Efraim vorzeitig dreißig Jahre vor den rest­
lichen Stämmen aus Ägypten ausgezogen sei (vgl. Mechilta des Rabbi Is-
mael, Beschalach I; die talmudischen und mittelalterlichen jüdischen Kom­
mentare zu Exodus 13,17 sowie 1 Chronik 7,22; das aramäische Targum zum
genannten Vers und zu Psalm 78,9). Wir wollen hier in großen Zügen den
Verlauf der Eroberung rekonstruieren und beziehen uns dabei vor allem auf
Mazar, der beträchtliches Quellenmaterial verarbeiten konnte, ohne zu allzu
komplizierten Hypothesen Zuflucht zu nehmen (s. Bibliographie).
Demnach war die Oase Kadesch-Barnea der Ausgangspunkt für beide
Wellen, die nach Kanaan vordrangen, also für die Gruppen der „Rahel“- und
„Lea“-Stämme. Die erste Welle, die von Josua, einem Efraimiten, angeführt
wurde, stieß um 1300 v.C hr. durch Edom und Moab vor (vgl. das Itinera-
rium in Numeri 33), da diese Völker sich noch nicht als Königreiche etabliert
hatten. Nachdem die Eindringlinge bis Abel-Schittim in der Ebene von Moab
gekommen waren, überschritten sie den Jordan und begannen nach der Ein­
nahme Jerichos den Aufstieg in das zentrale Hochland. Bei Gibeon besiegten
sie eine Konföderation der Amoriter und gewannen auf diese Weise das
umgebende Gebiet im Westen und Norden der Stadt. Von hier aus breiteten
sich die „Rahel “-Stämme über das gesamte Gebirge Efraim aus; mehrere
Gruppen drangen sogar nordwärts in Galiläa ein und erreichten noch später
Gilead und Baschan in Transjordanien.
Die zweite Welle, die aus den „Lea“-Stämmen bestand, war bereits ge­
zwungen, den Königreichen Edom und Moab auszuweichen, stieß jedoch
unterwegs auf das Reich des Amoriterkönigs Sihon mit der H auptstadt
Heschbon. Dieser Pufferstaat zwischen Moab und Ammon war erst kurz
vor der israelitischen Invasion entstanden, denn seine Gründung hing, der
hier wiedergegebenen Theorie zufolge, mit den Nachwehen der Schlacht von
Kadesch zusammen, in der Ramses II. und die H ethiter aufeinandergetroffen
waren (vgl. S. 27). Die Hethiter waren, vermutlich gemeinsam mit ihren
amoritischen Bundesgenossen, aus Amurru in Mittelsyrien in die Region von
Damaskus vorgestoßen, wobei man annehmen darf, daß jene Bundesgenos­
sen, also die Amoriter, noch weiter nach Süden drängten. Nachdem die Is­
raeliten Sihon bei Jahaz eine Niederlage beigebracht hatten, drangen sie
weiter nach Norden in amoritisches Territorium vor - in das Land Jaser
und das Herrschaftsgebiet Ogs, des Königs von Baschan (Numeri 21,21 ff.).
Die Stämme Rüben und Gad nahmen das südliche und mittlere Transjor­
danien zwischen den Flüssen Arnon und Jabbok in Besitz.
70 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

Der weitere Verlauf des zweiten Eroberungsfeldzuges in die westlichen


Teile Palästinas liegt möglicherweise der Überlieferung im 1. Kapitel des
Buches der Richter zugrunde, demzufolge die von Juda angeführten Israeli­
ten den Jordan offensichtlich weiter nördlich von Jericho überschritten.
Nachdem sie zunächst Besek im Bergland von Manasse eingenommen hatten,
zogen sie nach Süden in das judäische Gebirge und zur Küstenebene; auf
ihrem Weg zerstörten sie die Stadt Jerusalem. Ungefähr zur selben Zeit, im
späten 13. Jahrhundert, wurden die Städte im südlichen Teil des judäischen
Gebirges und im nördlichen Negev - Hebron, Debir und Horma - von
Stämmen erobert, die Juda nahestanden, also von den Kalebitern, Kenasi-
tern und Kenitern, die von Süden her vorgedrungen waren. Dieser Bericht
über die Einnahme des südlichen Landesteils wird ergänzt durch Josua 10,
28-39, wo die Eroberung der Städte am westlichen Gebirgsabfall und in der
Schefela - Makkeda, Libna, Lachisch und Eglon - erwähnt ist. Die Ausein­
andersetzung mit den Kanaanäern im Norden (Josua 11,1-15) wurde ge­
meinsam von den ‫ ״‬Lea“-Stämmen Issachar und Sebulon, die sich vom zen­
tralen Bergland aus nach Norden auszubreiten vermochten, und den ‫ ״‬Rahel“-
Stämmen betrieben, die in der Zwischenzeit an Zahl und Stärke zugenommen
hatten.
Diese Darstellung der Eroberung und Landnahme bleibt natürlich, ge­
nauso wie andere Rekonstruktionsversuche, hypothetisch. Die Überlegungen
und Schlußfolgerungen hängen weitgehend davon ab, wieviel Glaubwürdig**
keit und Gewicht man den jeweiligen biblischen und außerbiblischen Anga­
ben beimißt. Es wäre deshalb wohl besser, den Vorgang der Eroberung unter
typologischem Gesichtspunkt zu behandeln - also nur die allgemeinen Phä­
nomene zu betrachten, wie wir es im Zusammenhang mit dem Exodus getan
haben (vgl. S. 50 ff.) - und die wesentlichen, grundlegenden Tatbestände her­
auszuschälen; dadurch würde das prätenziöse Unterfangen vermieden, den
tatsächlichen Ablauf des Geschehens im Detail zu rekonstruieren. Im folgen­
den Abschnitt wollen wir die Eroberung vom militärischen Standpunkt aus
untersuchen, doch zuvor sollen einige der grundsätzlichen Aspekte dieses
geschichtlichen Vorgangs besprochen werden.
Die Israeliten waren nach dem Auszug aus Ägypten außerstande, sich
direkt von Süden einen Zugang nach Kanaan zu erzwingen, weil die Ägyp­
ter die Via Maris kontrollierten (vgl. S. 63) und weil die südliche Flanke
des Landes stark befestigt war. Jeder Versuch in dieser Richtung war von
vornherein zum Scheitern verurteilt, wie der Zwischenfall bei Horma be­
zeugt (Numeri 14,40 ff.). Deswegen sahen sich die Israeliten zu einem groß­
angelegten Umgehungsmanöver durch Transjordanien gezwungen und muß­
ten über die Furten des Jordans nach Kanaan vorstoßen. Von großer chrono­
logischer und nicht nur politisch-militärischer Bedeutung ist jene Bibelstelle,
in der von dem Zusammenstoß mit dem Amoriterkönig Sihon die Rede ist:
‫ ״‬. .. und er hatte zuvor mit dem (ersten) König der Moabiter gekämpft und
Der E inbruch in K anaan und die S eßhaftw erdung 71

ihm all sein Land abgewonnen bis zum Arnon“ (Numeri 21,26). Das Ein­
treffen der Israeliten oder vielmehr einer ihrer Eroberungswellen wird hier
kurz nach der Gründung des Königreiches Moab angesetzt, die, wie erwähnt,
auf die erste H älfte des 13. Jahrhunderts zu datieren ist. Wenn wir davon
ausgehen, daß Sihons eigenes Königreich im Gefolge der Schlacht von Ka-
desch entstand, das heißt kurz nach 1285 v. Chr. (vgl. S. 27, 69), lassen sich
die vorangegangenen Ereignisse noch exakter datieren. Auf jeden Fall wech­
selte das fruchtbare Gebiet zwischen dem Arnon und dem Jabbok in der
ersten H älfte des 13. Jahrhunderts mehrmals den Besitzer. Zuerst bemäch­
tigten sich die Moabiter des südlichen Teils dieser Region, während der N or­
den offenbar von den Ammonitern besetzt war. Bald darauf fiel das ganze
Gebiet an das Reich Sihons und ging schließlich in die H ände der Israeliten
über. Nunmehr müssen auch die Ägypter in die damaligen regionalen Macht­
kämpfe einbezogen werden; das ergibt sich aus dem Feldzug Ramses‫ ״‬II. nach
Moab, auf dem er sogar Städte nördlich des Arnon erobern konnte (vgl.
S. 28).
Zwei entscheidende militärische Konfrontationen mit den Kanaanäern
spielten bei der Eroberung Westpalästinas eine besondere Rolle - die eine
im Süden bei Gibeon und die andere in Obergaliläa und von ihrem Aus­
gang hing die Besiedlung des Landes durch die Israeliten ab. Der Vertrag,
den die Gibeoniter (sie bildeten zusammen mit den Städten Kefira, Beerot
und Kirjat-Jearim den hivitischen Bund) mit den einfallenden Israeliten
schlossen, entblößte die Nordwestflanke des Königreiches Jerusalem und
gefährdete die gesamte militärische Disposition der kanaanäischen Städte im
Westen des Berglandes. Diese Situation hatte eine scharfe Reaktion Adoni-
Zedeks, des Königs von Jerusalem, zur Folge, der eine Allianz von fünf
kanaanäischen Stadtstaaten - außer Jerusalem: Hebron, Jarmut, Lachisch
und Eglon - anführte und das abtrünnig gewordene Gibeon angriff, dem
jetzt die Israeliten zu Hilfe eilten. Der Sieg der Israeliten ebnete diesen den
Weg zur Vorherrschaft über die westlichen Gebirgshänge (Josua 10). Im
zweiten Fall errangen die Israeliten einen entscheidenden Sieg über eine
Koalition von vier kanaanäischen Stadtstaaten im Norden unter Führung
Jabins, des Königs von Hazor, in der Schlacht an den Wassern von Merom
in Nordostgaliläa (die Stadt Merom lag vermutlich schon seit der Eroberung
durch Ramses* II. in Trümmern [vgl. S. 28]). Der nächste Schritt war nun
die Zerstörung der Stadt H azor selbst, die das Zentrum der kanaanäischen
Macht im Norden darstellte (Josua 11,1-15).

M ilitärische A sp ek te der Eroberung


Selbst wenn wir die zentrale Aussage der Bibel, nämlich die gewaltsame
Landnahme in Kanaan durch die Israeliten akzeptieren (die, wie gesagt,
auch durch die archäologische Evidenz gestützt wird), bleibt die Frage,
7* Ursprünge un d Frühgeschichte (A . M alam at)

worauf denn der militärische Erfolg Israels beruhe. Wie konnten die halb­
nomadischen israelitischen Stämme, die kaum eine kriegerische Tradition
hatten und nur dürftig ausgerüstet waren, einen überlegenen kanaanäischen
Gegner überwinden, der über eine lange kriegerische Tradition und eine
hochentwickelte Technologie verfügte? Wie konnten sie den Sieg davontra­
gen über mächtige kanaanäische Festungsstädte, die ihnen ‫ ״‬bis an den H im ­
mel ummauert‫ ״‬erschienen (Deuteronomium 1,28)? Verwunderung hierüber
wurde bereits in der Antike laut. So fragte der jüdisch-hellenistische Schrift­
steller Demetrios, der im 3. Jahrhundert lebte, genauso wie Josephus (Jü­
dische Altertümer II, 16.6), woher die Israeliten ihre Waffen hatten, als sie
nach Kanaan eindrangen. Beide Autoren verfielen auf die naive Antwort, die
militärische Ausrüstung stamme von den im Roten Meer ertrunkenen Ägyp­
tern.
Der israelitische Erfolg angesichts der militärischen Überlegenheit der Ka-
naanäer wird begreiflich, wenn wir bestimmte Faktoren berücksichtigen, die
eine verhältnismäßig schnelle Besetzung des Landes erleichterten, zumindest
der gebirgigen Landesteile. Dazu gehörten die Verarmung Kanaans infolge
der Ausbeutung durch Ägypten, die prekäre Sicherheitslage (die sich deut­
lich in den El-Amarna-Briefen und im Papyrus Anastasi I widerspiegelt) und
vor allem die ständigen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen ka­
naanäischen Stadtstaaten. Die internen Streitigkeiten waren verschärft wor­
den durch die ägyptische Politik des ‫ ״‬Divide et impera“ und bewirkten, daß
das Land am Vorabend vor dem Einfall der Israeliten politisch zersplittert
und uneins war. Die von religiösem und nationalem Eifer erfüllten Israeliten
stießen auf eine kanaanäische Bevölkerung, der jedes übergreifende National­
bewußtsein fehlte und die nicht in der Lage war, gegen die Eindringlinge
geschlossen Front zu machen. Die beiden oben erwähnten kanaanäischen
Koalitionen spielten im Grunde keine entscheidende Rolle; die südliche hatte
sich überdies ursprünglich nur gegen die Gibeoniter zusammengeschlossen.
Niemand kam Jericho oder Ai in der Stunde der N ot zu Hilfe. Selbst der
Beistand, den der König von Geser dem belagerten Lachisch leistete (Josua
10>33), war offenbar nur eine Folge der ägyptischen Politik, die beide Städte
zu gemeinsamer Verteidigung verpflichtete. Geser und Lachisch waren näm­
lich im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts wichtige Verwaltungszentren der
ägyptischen Kolonialherrschaft, wie aus ägyptischen Dokumenten hervor­
geht.
Ein weiterer Faktor, der die Machtübernahme durch die Israeliten för­
derte, war die heterogene Bevölkerungsstruktur Kanaans, die in den bibli­
schen Quellen vielfach bezeugt ist (vgl. S. 10). Die Israeliten nutzten die
natürlichen Gegensätze zwischen den verschiedenen ethnischen und nationa­
len Elementen Kanaans geschickt aus, wie es der Separatfrieden mit den hivi-
tischen Gibeonitern beweist (Josua 9,7). In diesem Zusammenhang ist es von
Bedeutung, daß die Einwohnerschaft von Sichern zumindest teilweise ihren
Der E inbruch in Kanaan u n d die Seßhaftw erdun g 73

Ursprung auf die Hiviter zurückführte (Genesis 34,2); zur Zeit der israeli­
tischen Landnahme lag die Leitung der Stadt in den Händen einer Oligar­
chie, der sogenannten ‫ ״‬Herren von Sichern“, so wie auch Gibeon von einem
Rat der Ältesten und nicht von einem Alleinherrscher regiert wurde. Auch
Sichern unterstellte sich kampflos der israelitischen Herrschaft (vgl. S. 67).
Ebenso ist überliefert, daß in Jerusalem Israeliten und Jebusiter Seite an
Seite lebten (Josua 15,63 und Richter 1,21), was auf friedliche Beziehungen
zwischen den beiden Gruppen schließen läßt. Anscheinend stammten die Je­
busiter von nördlichen (anatolischen?), mit den Hivitern verwandten Völ­
kern ab und waren zur Zeit des israelitischen Einbruchs oder kurz vorher
nach Jerusalem eingewandert.
Der kanaanäische Widerstand wurde zu einem erheblichen Teil durch die
spezifischen israelitischen Methoden der Kriegsführung überwunden, die im
biblischen Bericht klar zum Ausdruck kommen. Augenscheinlich besaßen die
Israeliten einen hervorragenden Nachrichtendienst, wie man den ausführ­
lichen Instruktionen entnehmen kann, die Mose angeblich den zwölf nach
Kanaan entsandten Kundschaftern gab, wonach diese nicht nur streng mili­
tärische, sondern auch wirtschaftliche und demographische Informationen
ausspionieren sollten (Numeri 13,19-20). Wir erfahren, daß Jaser und Bet-El
ausgekundschaftet wurden (Numeri 21,32 und Richter 1,23) und daß vor
dem Angriff Spione nach Jericho und Ai gesandt wurden, um die gegneri­
sche Position auszuforschen. Die anfängliche Niederlage der Israeliten bei
Ai war zweifellos die Folge einer falschen Einschätzung der Verteidigungs­
streitmacht (‫ ״‬Laß nicht das ganze Kriegsvolk hinaufziehen, sondern etwa
zwei- oder dreitausend Mann sollen hinaufziehen und Ai schlagen, damit
nicht das ganze Volk sich dorthin bemühe; denn ihrer sind wenige“ [Jo­
sua 7,3]).
Große Aufmerksamkeit schenkten die Israeliten auch den ‫ ״‬logistischen“
Problemen, etwa der Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Bedarfs­
gütern; das ergibt sich aus der Tatsache, daß Josua vor der Jordanüberschrei­
tung Vorräte für das gesamte Volk bereitstellen ließ (Josua 1,10-11), aber
auch daraus, daß die Invasion in das Frühjahr verlegt wurde, und zwar auf
den 10. Nisan (Josua 4,19), als die Ernte in der Ebene von Jericho bereits
reif war und die Israeliten ‫ ״‬von der Ernte des Landes Kanaan in diesem
Jah r“ (Josua 5,10-12) zehren konnten. Wie andere Invasoren (vgl. die Mi-
dianiter-Uberfälle in den Tagen Gideons, S. 92) raubten auch die Israeliten
Vieh und Feldfrüchte, wodurch sie dem Feind die Nahrung entzogen und
zugleich Proviant für die eigenen Truppen gewannen (Josua 8,27 und 11,14).
Eine weitere strategische und logistische Maßnahme ist der ‫ ״‬offiziellen“
Darstellung der Eroberung zu entnehmen, derzufolge das nahe bei Jericho
gelegene Gilgal nach der Jordanüberquerung eine bevorzugte Position als
Basislager beibehielt, zu dem die Israeliten nach jeder neuen Aktion während
ihres Südfeldzuges zurückkehrten (Josua 9,6 und 10,6-9,15,43). Dieses er­
74 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

staunliche Faktum hat viele Gelehrte veranlaßt, hier eine spätbenjamini-


tische liturgische Tradition anzunehmen, die mit der vermeintlich kultischen
Bedeutung von Gilgal zusammenhing. Doch war Gilgal, vom militärischen
Standpunkt aus, ein entscheidend wichtiger Brückenkopf für alle Vorstöße
aus der Moab-Ebene in das westliche Palästina. Das Heer kehrte wohl stets
nach Abschluß seiner ausgedehnten Unternehmen zu dieser Basis zurück, um
die Verbindung zu den israelitischen Reserven jenseits des Flusses in Trans­
jordanien wiederherzustellen.
Die Israeliten standen vor einem doppelten militärischen Problem: erstens
die starken kanaanäischen Festungsstädte, deren Einnahme selbst für die
mächtige ägyptische Kriegsmaschinerie äußerst schwierig war (vgl. z.B.
S. 15 ff.); zum anderen konnten die Kanaanäer ein gut ausgebildetes Berufs­
heer ins Feld führen, zu dem überlegene Streitwageneinheiten gehörten, wäh­
rend die Israeliten nur über Infanterie verfügten. Eine genaue Analyse der
Schlachtschilderungen während der Landnahme und sogar noch bis in den
Beginn der Monarchie ergibt, daß dieses Ungleichgewicht durch den soge­
nannten militärischen ‫ ״‬indirect approach“ wettgemacht wurde. Mit anderen
Worten: die Israeliten waren bestrebt, Frontalangriffe auf kanaanäische
Festungsanlagen zu vermeiden, und verließen sich lieber auf Kriegslisten,
Täuschungsversuche und Ablenkungsmanöver als auf den offenen Kampf.
Das einzige Beispiel einer Belagerung durch die Israeliten betrifft Jericho,
doch auch hier ist nicht von einem direkten Angriff die Rede, sondern viel­
mehr von einem durch Wunder bewirkten Fall der Stadt (vgl. jedoch Josua
24,11, wo ein regelrechter Kampf mit deren Bewohnern angedeutet wird).
Von Bet-El (Richter 1,22-25) und später von Jerusalem heißt es ausdrück­
lich, daß sie durch List und nicht in einer offenen Belagerungsschlacht einge­
nommen wurden. Die Berichte über die Eroberung von Ai und Gibea im
Lande Benjamin - Gibea wurde in einem Stammeskrieg verwüstet (vgl.
S. 100) - enthalten eingehende Schilderungen der israelitischen Kriegslisten.
Beide Städte wurden eingenommen, indem ein Teil der Belagerungstruppen
eine Scheinflucht inszenierte, um die Verteidiger fortzulocken und so einer
im Hinterhalt liegenden anderen Streitmacht die Möglichkeit zu eröffnen,
die jeweilige Stadt kampflos zu besetzen (Josua 8 und Richter 20,39 ff.). Es
ist besonders aufschlußreich, daß in beiden Fällen der endgültigen Eroberung
offensichtlich erfolglose Attacken der Israeliten vorausgingen, die zu einer
echten Flucht gezwungen wurden; der folgende vorgetäuschte Abzug diente
also dazu, die Feinde in Sicherheit zu wiegen. In anderen Fällen wurden
kanaanäische Festungen eingenommen, nachdem ihre Streitkräfte in einer
offenen Feldschlacht besiegt worden waren. Das gilt beispielsweise für meh­
rere Festungen im Süden nach der Schlacht von Gibeon und für die Stadt
H azor nach der Schlacht an den Wassern von Merom (vgl. S. 71).
In diesen und anderen Schlachten überwanden die Israeliten die überle­
genen kanaanäischen Truppen durch hervorragend geplante Aktionen, bei
Der Einbruch in K anaan und die Seßhaftw erdung 7}

denen das Überraschungsmoment eine große Rolle spielte. Vor der Schlacht
von Gibeon sind die Israeliten der Erzählung nach während der N acht vom
etwa 20 Kilometer entfernten Gilgal aus aufgestiegen und haben dabei einen
Höhenunterschied von mehr als tausend Metern überwunden, um die D un­
kelheit und den Uberraschungseffekt voll ausnutzen zu können: ‫ ״‬So kam
Josua plötzlich über sie; denn die ganze Nacht war er heraufgezogen von
Gilgal“ (Josua 10,9). Die Schlacht fand offenbar beim ersten Morgengrauen
statt, wie auch aus dem Zitat aus dem Buch Jaschar hervorgeht: ‫ ״‬Sonne,
stehe still zu Gibeon, und Mond, im Tal Ajalon“ (Josua 10,12). Diese rheto­
rische Wendung bezeichnet den Zustand der N atur in den frühen Morgen­
stunden, wenn man den Mond im Westen über dem Tal von Ajalon nieder­
gehen sieht, während im Osten die Sonne über Gibeon emporsteigt. N ach­
dem die Israeliten den Feind schon im Morgengrauen zersprengt hatten, ver­
folgten sie die fliehenden Überreste der kanaanäischen Streitkräfte über Bet-
Horon hinaus. Ähnliche Operationen, bei denen auf einen Nachtmarsch der
Angriff am frühen Morgen folgte, sind auch bei späteren Kriegshandlungen
bezeugt, so etwa bei der Schlacht Gideons mit den Midianitern (vgl. S. 91 f.),
bei Abimelechs Angriff auf Sichern (Richter 9,34) und bei Sauls Kampf mit
den Ammonitern und Philistern (1 Samuel 11,11 und 14,36; vgl. auch Ab­
rahams nächtlichen Überfall auf den Feind, der seinen Neffen Lot gefangen­
genommen hatte, in Genesis 14,15).
Das Überraschungsmoment war auch ein entscheidender Faktor in einer
anderen größeren Kampfhandlung, die Josua zugeschrieben wird, nämlich
in der Schlacht an den Wassern von Merom, in der die Kanaanäer ihre
Streitwagen einsetzten (Josua 11,7; man beachte auch hier das Adverb ‫ ״‬plötz­
lich“). Dieselbe Waffengattung bildete das Hauptproblem in der Schlacht
Deboras und Baraks gegen Sisera, der angeblich 900 eiserne Streitwagen be­
saß. Obwohl die Bibel diese Episode in allen Einzelheiten schildert (vgl.
S. 88 ff.), wird die eigentliche Schlacht nur grob skizziert, so daß ihr Verlauf
schwer zu rekonstruieren ist. Doch ist zwischen den Zeilen erkennbar, wie
sorgsam die Israeliten die topographischen (vgl. S. 89 f.) und klimatischen
Gegebenheiten ausnutzten, um die kanaanäischen Streitwagen auszuschalten.
Die israelitische Führung verzögerte anscheinend den Angriff bis zur Regen­
zeit, die die Jesreelebene in einen einzigen unwegsamen Sumpf verwandelte,
und machte dadurch die Wagen der Kanaanäer manövrierunfähig; deshalb
die Anspielungen auf die schweren Regenfälle in der Beschreibung der Theo-
phanie zu Beginn des Deboraliedes (Richter 5,4-5) und die Erwähnung des
‫ ״‬gnädigen Regens“ in einem Psalmvers, der sich auf den Krieg Deboras
bezieht (vgl. Psalm 68,9-10), deshalb die poetische Beschreibung des ange­
schwollenen Flusses Kischon (Richter 5,21) und der Hinweis auf die T at­
sache, daß Sisera selber seinen Streitwagen, der anscheinend im Schlamm
steckengeblieben war, aufgeben und zu Fuß fliehen mußte, um sein Leben
zu retten (Richter 4,17)•
7* Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

D ie S eß h a ftw e rd u n g der S tä m m e
Trotz ihrer militärischen Tüchtigkeit gewannen die Israeliten nur in den
gebirgigen Landesteilen die Oberhand; in den Niederungen wurden sie durch
die Hauptwaffe des Feindes in Schach gehalten, die Streitwagen, die es ihnen
unmöglich machten, die Kanaanäer zu verdrängen. Die Bibel unterstreicht
diesen Aspekt nachdrücklich, einmal im Hinblick auf das ‫ ״‬Haus Josef“
(Josua 17,16-18), ein andermal mit Bezug auf Juda: ‫ ״‬Dennoch war der H err
mit Juda, daß es das Gebirge einnahm; es konnte aber die Bewohner der
Ebene nicht vertreiben, weil sie eiserne Wagen hatten“ (Richter 1,19). Die
israelitische Überlegenheit im Gebirge und ihre Unterlegenheit in der Ebene
spiegeln sich Generationen später in den Worten an Ben-Hadad, den König
von Aram-Damaskus: ‫ ״‬Ihre Götter sind Berggötter, darum haben sie uns
überwunden. Aber wenn wir mit ihnen in der Ebene kämpfen könnten - was
gilt’s, wir wollten sie überwinden!“ (1 Könige 20,23). So blieben viele kanaa-
näische Enklaven innerhalb der verschiedenen Stammesgebiete, vor allem in
der Jesreelebene, bestehen, und mehrere davon wurden Israel im Laufe der
Zeit tributpflichtig (vgl. die in den Stammesterritorien gelegenen Städte des
negativen Besitzverzeichnisses in Richter 1,21-35, ferner Josua 16,10). Jene
Israeliten, die im Flachland Fuß zu fassen vermochten, litten zunächst unter
der Unterjochung durch die Kanaanäer. Das wird unumwunden zugegeben
in Jakobs Segen für Issachar, dessen Stamm der östliche Teil der Jesreelebene
und die Ebene von Bet-Schean zugewiesen werden: ‫ ״‬. . . da hat er [Issachar]
seine Schultern geneigt, zu tragen, und ist ein fronpflichtiger Knecht gewor­
den“ (Genesis 49,15). Die hebräischen Wörter in diesem Vers (das Verb
sabal und das Substantiv mas) bedeuten soviel wie Zwangsarbeit; die stamm­
verwandten akkadischen Begriffe (siblu und massu) kommen in den Mari-
und El-Amarna-Briefen vor, in denen im einzelnen beschrieben wird, worin
eine solche Zwangsarbeit bestand.
Zusammenfassend kann man sagen, daß sich die israelitische Ansiedlung
zunächst vorwiegend auf das Bergland konzentrierte, das von den Kanaa-
näern nur dünn besiedelt war, und allein dort errang Israel den Status der
Hegemonie. In diesen ‫ ״‬leeren“ Bergzonen wurde Land für größere Nieder­
lassungen hauptsächlich durch Waldrodungen urbar gemacht, wie wir Josuas
Anweisungen an die Nachkommen Josefs entnehmen können, die dringend
Siedlungsland verlangten: ‫ ״‬. . . das Gebirge soll dein sein, wo der Wald ist;
dort kannst du roden, und er soll dein sein, so weit er reicht“ (Josua 17,
14-18). Die intensive Rodungstätigkeit und die Besiedlung von bis dahin
unbewohnten Gebieten bewirkten eine durchgreifende Veränderung der
Landschaft, die vor dem Eintreffen der Israeliten dichte Wälder aufwies,
wovon vor allem ägyptische Quellen sprechen. Bei der Urbarmachung des
Landes bedienten sich die Siedler besonderer Techniken, etwa der mit Mörtel
verputzten Zisternen, die die Speicherung von Regenwasser ermöglichten
D er Einbruch in Kanaan un d die Seßha ftw erd ung 77

(vgl. Mischna Abot 2,8: »Eine verputzte Zisterne, die keinen Tropfen ver­
liert“), und schufen auf diese Weise die Voraussetzung für die Besiedlung
zusätzlicher Gebiete. Eine bedeutsame technische Neuerung, die in den nörd­
licher gelegenen Ländern, zumal bei den Hethitern, schon vorher gebräuch­
lich war, in Palästina aber erst seit dem 12. Jahrhundert belegt ist, war die
Herstellung von Eisengeräten. Solche Geräte erwiesen sich bei der Landbe­
bauung im Gebirge und bei der Rodung als weit wirkungsvoller als die bis­
her verwendeten Kupfer- und Bronzewerkzeuge, von eisernen Waffen ganz
zu schweigen.
All dies gestattete eine ausgedehnte Besiedlung sowohl in Transjordanien,
vor allem in der Adschlun-Region nördlich des Flusses Jabbok, als auch in
Galiläa und im zentralen Bergland des westlichen Palästina. Die biblischen
und insbesondere die archäologischen Zeugnisse beweisen eindeutig, daß die
intensive Besiedlung vornehmlich im Lande Benjamin und in den umliegen­
den nördlichen und südlichen bergigen Regionen ihren Anfang nahm. Einige
kanaanäische Städte, die unterschiedlich lange in Trümmern gelegen hatten
- unter anderem Bet-El, Ai und Mizpa (Teil en-Nasbe) wurden jetzt wie­
der besiedelt, doch in der Hauptsache wurden Niederlassungen, zum Beispiel
Gibea, Geba, Michmas, Rama, Anatot und Asmawet in Benjamin, gegründet.
Höchstwahrscheinlich beschränkte sich das ursprüngliche Siedlungsgebiet für
mehrere israelitische Stämme auf den Mittelteil des zentralen Berglandes. Erst
in späteren Stadien und nach dem raschen Anwachsen der Bevölkerung zogen
Stammesgruppen in die Gebiete, die als ihre ‫ ״‬historischen“ Wohnsitze gelten.
In diesem Sinne läßt sich der Prozeß der israelitischen Landnahme weit­
gehend als eine zentrifugale Bewegung auffassen, die vom zentralen Gebirge
ausging und nach und nach die Ebenen und die Peripherie Palästinas beider­
seits des Jordans erfaßte. Diese Expansion hatte ihre Ursache in der Bevöl­
kerungszunahme und in dem Unvermögen der Israeliten, sich in den ur­
sprünglichen Wohnsitzen zu halten.
Das Schicksal des Stammes Dan, also des einzigen Stammes, dessen Ab­
wanderung in der Bibel ausführlich dargestellt wird (Richter 17-18), ist
symptomatisch für den Landnahmeprozeß im allgemeinen. Diesem Stamm
gelang es nicht, in der an das benjaminitisch-judäische Territorium angrenzen­
den Schefela Fuß zu fassen, da er sich zwischen den Emoritern im Westen
(Richter 1,34) und den Israeliten im Osten eingekeilt fand. Ein Teil des
Stammes mußte sich ein neues Territorium suchen, während die übrigen im
Süden blieben, in Mahane-Dan (‫ ״‬das Lager von D an“), ohne daß sie per­
manente Seßhaftigkeit erlangten, wie es aus der Simson-Erzählung hervor­
geht. Die Bewegungen der anderen Stämme lassen sich eventuell aus der Dan-
Episode erschließen, die man als eine A rt von Miniatur des gesamten Exodus-
und pan-israelitischen Landnahmezyklus betrachten könnte. Auch beim
Stamm Dan ging dem eigentlichen Eroberungszug die Tätigkeit von Kund­
schaftern voraus. Fünf angesehene Stammesmitglieder (im Exodus-Bericht
78 Ursprünge u n d Frühgeschichte (A . M alam at)

sind es zwölf) wurden von Zora und Eschtaol aus entsandt, um zur Besied­
lung geeignetes Land zu suchen. Ein passender Landstrich wurde bei Lajisch
an der Nordostgrenze Palästinas entdeckt (denn alle dazwischen liegenden
Gebiete waren bereits von den Israeliten besetzt). Darüber hinaus erschienen
Lajisch und seine Umgebung für eine Eroberung und Besiedlung besonders
geeignet, wie die Kundschafter selbst bestätigten: ‫ ״‬. . . Sie waren reich an
Besitz . . . es fehlte ihnen nichts an alledem, was es auf Erden gibt“, und sie
‫ ״‬sahen das Volk, das darin war, sicher wohnen in der Weise der Sidonier,
ruhig und sicher . . . und sie waren ferne von den Sidoniern und hatten mit
Aramäern nichts zu tun“ (Richter 18,7-10). Mit anderen Worten: Lajisch
lag zwar im Einflußbereich der phönizischen Küste, war aber infolge der
großen Entfernung von seinen ‫ ״‬Schutzherren‫ ״‬völlig isoliert und somit lcicht
zu erobern. Neuere Ausgrabungen auf Tel Dan (Teil el-Qädi) haben bestä­
tigt, daß die Stadt tatsächlich in der frühen Eisenseit zerstört und neubesie­
delt wurde.
Ein weiteres, für die militärischen Operationen charakteristisches Detail
ist die Zahl der kämpfenden Krieger Dans: „sechshundert Mann, gerüstet
mit ihren Waffen“ (Richter 18,11), nach biblischen Maßstäben also ein kom­
plettes Regiment. Man erinnere sich, daß beim Auszug aus Ägypten 600 000
Fußsoldaten genannt wurden - zweifellos eine typologische Zahl, die augen­
scheinlich 1000 derartige „Regimenter“ von 600 Mann umschreiben und da­
mit ein riesiges Heer symbolisieren soll. Ein anderes charakteristisches Merk­
mal der Dan-Episode ist die Befragung eines Priesters nach einem Orakel,
um zu entscheiden, „ob unser Weg, den wir gehen, auch zum Ziel führt“
(Richter 18,5). Eine ähnliche Funktion erfüllte im Exodusbericht der Priester
Eleasar, „der soll für ihn mit den heiligen Losen den Herrn befragen. Nach
dessen Befehl sollen aus- und einziehen er und alle Kinder Israel mit ihm und
die ganze Gemeinde“ (Numeri 27,21 ff.). Und wie die Stiftshütte, welche die
Israeliten auf ihrem Zug durch die Wüste begleitet hatte, nach Abschluß der
Eroberungskampagne in Schilo errichtet worden war (Josua 18,1), so stellten
die Daniten das Götterbild Michas in Lajisch, ihrem endgültigen Bestim­
mungsort, auf, nachdem sie es auf dem ganzen Weg mit sich geführt hatten.
Die Umbenennung von Lajisch in Dan nach der Zerstörung und Wiederbe­
siedlung der Stadt ist gleichfalls ein für die Landnahmeepisode typischer
Vorgang. Kirjat-Arba wurde zu Hebron und Kirjat-Sefer zu Debir; Zefat
erhielt den Namen Horma und Lus den Namen Bet-El (Richter 1,10 f., 17,
23). Wie Lajisch wurden mehrere Orte im nördlichen Transjordanien um­
benannt, in Anlehnung an die Stammeseinheiten, die sie eroberten und dann
bewohnten, so etwa Jai'r und Nobach (Numeri 32,41 f.; vgl. auch S. 61).
Das Schicksal Dans - die Aufsplitterung in Untergruppen, von denen eine
schließlich zum Weiterziehen gezwungen war - blieb auch den anderen
Stämmen nicht erspart. Diesen Vorgang kann man allerdings nur indirekt
erschließen, denn die Bibel gibt lediglich ein Gesamtbild des Abschlusses der
Der Einbruch in Kanaan und die Seßhaftw erdung 79

Ansiedlung mit dem endgültigen Grenzverlauf der verschiedenen Stammes­


gebiete (Josua 13-19). Doch es besteht kein Zweifel, daß diesem Endergebnis
ein dynamischer und komplizierter Prozeß von Stammesbewegungen vor­
ausging, auf den auch in den biblischen Quellen allenthalben angespielt wird.
Manche Spuren sind noch in den Beschreibungen der Stammesterritorien
erkennbar; besonders aufschlußreich sind in diesem Zusammenhang jedoch
die Geschlechtsregister der einzelnen Stämme sowie drei weitere Quellen,
in denen ihr Status und ihre Charakterzüge umrissen werden: der Segen
Jakobs (Genesis 49), der Segen Moses (Deuteronomium 33) und das Debora­
lied (Richter 5). So widerspricht, um nur ein Beispiel zu geben, die Aussage
über Sebulon im Jakobsegen - ‫ ״‬Sebulon wird am Gestade des Meeres woh­
nen und am Gestade der Schiffe und reichen bis Sidon“ (Genesis 49,13) - der
Beschreibung seiner Stammesgrenzen in Josua 19,10-16, wo Sebulons Gebiet
sich auf das Innere Untergaliläas beschränkt und nicht mehr bis zur Meeres­
küste reicht. Der Jakobsegen deutet also darauf hin, daß der Stamm Sebulon
zu einer bestimmten Zeit (vielleicht nach dem Sieg Deboras) ein größeres
Territorium besaß, das dann aber später, als sich der Stamm Ascher weiter
ausbreitete, zusammenschrumpfte.

Die L andnahm e im Spiegel der Stamm esgenealogien


Für die Rekonstruktion des Landnahmevorgangs stellen die Geschlechtsregi­
ster der einzelnen Stämme (besonders die in 1 Chronik 2-9) eine wesentliche
Quelle dar, die im Alten Orient ohne Beispiel ist. Vergleichbares findet sich
nur viel später in islamischer Zeit, bezogen auf arabische Stämme. Diese Re­
gister geben einen schematischen Überblick über das innere Stammesgefüge
und verweisen zugleich auf die ständigen Umgruppierungen innerhalb der
Stämme, auf den Aufstieg und Niedergang der verschiedenen Stammesteile
sowie deren Auflösung und schließliche Verschmelzungen. Andererseits re­
flektieren sie die Wanderbewegungen einzelner Gruppen zu neuen Stammes­
gebieten, seien diese nahe oder fern gelegen. Die Bedeutung der komplizierten
Stammbäume und die historischen Informationen, die in ihnen enthalten sind,
sind bisher noch nicht vollständig erfaßt worden. Doch ein Schlüssel zu ihrer
Interpretation ergibt sich bereits aus dem besonderen System, das die Kompi-
latoren dieser Verzeichnisse angewendet haben. Die Benutzung des Konzepts
der normalen Familie und ihrer Beziehungen ist sicherlich symbolisch zu
erklären. So muß stets dort, wo von ehelichen Verbindungen die Rede ist, ta t­
sächlich die Vereinigung von zwei Stammesgruppen angenommen werden.
Wenn eine Sippe innerhalb des Rahmens ihrer ‫ ״‬Familie“ als die erstgeborene
bezeichnet wird, können wir davon ausgehen, daß damit die älteste oder
mächtigste Einheit des Stammes gemeint war. ‫ ״‬Töchter“ hingegen repräsen­
tieren Sippen oder Wohnsitze, die von einem städtischen Zentrum abhängig
waren und ihm unterstanden, wie es durch die Formel ‫ ״‬die Stadt und all ihre
8о Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

Töchter“ angedeutet wird. Die Verbindung mit einer Konkubine bedeutet


vermutlich die Vereinigung mit fremden oder in den Augen der Israeliten
tieferstehenden Volksgruppen (vgl. i Chronik 7,14). Eine Ahnenreihe, die
auf eine Konkubine oder Nebenfrau zurückgeht, versinnbildlicht wahr­
scheinlich die Abwanderung einer Sippe aus dem angestammten Wohnsitz
in die Randgebiete, gemäß der im Altertum praktizierten Sitte, wonach die
Familie vielfach die Nachkommen einer solchen Nebenfrau ausstieß (vgl.
die Geschichte Hagars und Ismaels und das Schicksal, das der Nachkommen­
schaft von Abrahams Konkubinen zuteil wurde [Genesis 25,6], sowie das
Geschick Jiftachs in Richter 11,1-2). Auf diese Weise läßt sich vielleicht die
Tradition erklären, wonach bestimmte israelitische Stämme - Gad, Naftali,
Dan und Ascher - von den Nebenfrauen der Patriarchen abstammen: Alle
diese Stämme ließen sich an der Östlichen und nördlichen Peripherie des
israelitischen Siedlungsraumes nieder. Bei Dan und höchstwahrscheinlich auch
bei Ascher (vgl. 81) läßt sich die Abwanderung aus dem Kernland nach
Nordpalästina belegen.
Die Geschlechtsregister werden hier hauptsächlich herangezogen, um die
Wanderbewegungen von Stammeseinheiten aufzuhellen, die vom zentralen
Bergland zu den Randzonen des Siedlungsgebiets verliefen - ein Phäno­
men, das sich teilweise in der mehrfachen Nennung desselben Geschlech­
ternamens in den verschiedenen Stammbäumen spiegelt. Ein auffälliges Bei­
spiel ist die Genealogie des Stammes Ascher (1 Chronik 7, 30 ff.), dessen
Abkömmlinge vielfach mit der zentralen Bergregion verbunden sind. D a­
zu gehörten Beria, Jaflet, Schual und Schelesch oder Schilscha, deren
Namen identisch sind mit jenen der Sippen und Grenzgebiete zwischen
Efraim und Benjamin (Josua 16,3 und 1 Samuel 9,4 und 13,17). Aus der N a ­
mensidentität kann man schließen, daß Gruppen dieser Sippen, wie etwa die
Daniten, in ihren ursprünglichen Wohnsitzen nicht Fuß fassen konnten und,
da sie sich zwischen den verschiedenen Stämmen eingekeilt fühlten, ins ent­
fernte Westgaliläa fortzogen, wo sie sich innerhalb des Rahmens von Ascher
festsetzten. In diesem Zusammenhang ist es interessant, daß die Mehrzahl
der Ascher-Sippen ihre Abstammung von Heber (wörtlich ‫ ״‬Vereinigung“)
herleitete - offensichtlich nichts weiter als ein symbolischer Name für eine
Gemeinschaft von Sippen, die durch ihre gemeinsame Wanderung mitein­
ander verbunden waren, wie man der Verwendung des stammverwandten
Begriffs hibrum in den Mari-Dokumenten entnehmen kann (vgl. Heber der
Keniter, der sich von den Kenitern trennte und in die Jesreelebene zog [Rich­
ter 4,17]). Im Stammbaum Aschers umfaßt ‫ ״‬Heber, der Sohn Berias“ folg­
lich jene von Beria abstammenden Geschlechter, die vielleicht zusammen
nach Norden wanderten, im Gegensatz zu den anderen Beria-Abkömmlin-
gen, die in ihren südlichen Wohnsitzen blieben und in die Stämme Efraim
und Manasse integriert wurden (1 Chronik 7,23 und 8,13).
Einige Anzeichen deuten darauf, daß Sippen der Stämme Issachar und
D er E inbruch in Kanaan u nd die S eßhaftw erdung 8i

Manasse zunächst im zentralen Bergland wohnten und erst später in die Ebe­
nen von Jesreel und Bet-Schean und nach Untergaliläa abwanderten. Es gibt
in der Bibel nämlich eine bezeichnende Äußerung über den ersten der ‫ ״‬klei­
nen“ Richter: ‫ ״‬Tola, ein Mann aus Isaschar [Issachar], ein Sohn Puas, des
Sohnes Dodos. Er wohnte in Samir [Schamir] auf dem Gebirge Ephraim
[Efraim ]‫( ״‬Richter 10,1; vgl. S. 86). Tola undPua repräsentieren bedeutende
Geschlechter im Stamme Issachar (i Chronik 7,1; vgl. dort einen weiteren
‫ ״‬Sohn“ Issachars - Schimron dessen Name offensichtlich mit dem oben­
genannten Schamir oder auch mit Schemer, dem ursprünglichen Besitzer des
Hügels Samaria, zusammenhängt); doch das Stammesoberhaupt Tola ist im
frühen Stadium der Richterzeit im Bergland von Efraim ansässig. Daß auch
der Stamm Manasse nach Norden zog, ergibt sich aus der eigenartigen Be­
schreibung von dessen nördlicher Gebietsgrenze, die nicht genau festgelegt
ist, sondern nur vage umschrieben werden kann: ‫ ״‬Manasse stößt an Asser
[Ascher] im Norden und an Isaschar [Issachar] im Osten. Es hatte aber
Manasse im Gebiet von Isaschar und Asser: Beth-Schean [Bet-Schean] und
seine O rts c h a fte n ...“ (Josua 17,10-11). In der Fortsetzung dieses Verses
werden mehrere Manasse-Enklaven im Gebiet der nördlichen Nachbarn
aufgezählt. Man darf wohl annehmen, daß eine derartige Enklave im Stam­
mesgebiet Issachars die Stadt O fra war, der Geburtsort Gideons, der seine
Herkunft auf das Geschlecht Abieser des Manasse-Stammes zurückführte
(Richter 6,15; vgl. auch S. 91 f. und die Landkarte auf S. 63).
Das wichtigste Aufnahmebecken für den Bevölkerungsüberschuß im zen­
tralen Bergland waren die ausgedehnten Flächen im Transjordanland, das
fruchtbare Land Gilead und insbesondere die spärlich besiedelten Gebiete
nördlich des Flusses Jabbok. In der Tat können wir aus den Geschlechts­
registern und aus anderen biblischen Aussagen schließen, daß Teile aller
Stämme des zentralen Berglandes in einer größeren Wanderbewegung in das
Ostjordantal gezogen waren. Die Hauptrolle spielte dabei der Stamm Ma­
nasse; die Bibel spricht ausdrücklich davon, daß sich ‫ ״‬Halb-Manasse‫ ״‬in
einem Gebiet niederließ, welches sich vom Norden Gileads bis nach Basch an
erstreckte. Die meisten Angehörigen dieses östlichen Halbstammes leiteten
sich sicherlich von Machir her, den das Siegeslied Deboras noch als Stammes­
einheit im zentralen Bergland westlich des Jordans anführt (Richter 5,14).
Doch alle Geschlechtsregister bezeichnen Machir bereits als den ‫ ״‬Vater Gi­
leads‫ ״‬und den „SohnManasses‫( ״‬Josua 17,1; 1 Chronik 7,14 u. ö). Das heißt:
Machir oder vielmehr die „Hälfte der Söhne Machirs‫( ״‬Josua 13,31) war
nach Osten gezogen und hatte Gebiete in Gilead und Baschan erobert (N u­
meri 32,39 und Josua 17,1); im Lauf der Zeit wurde der halbe Stamm Machir
in das übergreifende Stammesgefüge von Manasse integriert. Letzterer T at­
bestand spiegelt sich auch in folgender Bibelstelle: „Auch die Söhne von
Machir, Manasses Sohn, wurden dem Hause Josephs [Josefs] zugerechnet‫״‬
(Genesis 50,23). Solche Abwanderungen kann man gleichfalls für manche
82 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

efraimitischen Gruppen annehmen. Diese waren nach Gilead eingedrungen,


worauf sowohl der Name des dortigen ‫ ״‬Waldes Efraim“ hindeutet (2 Sa­
muel 18,6), in dem später Abschalom getötet wurde, als auch der Bruderstreit
zwischen Efraim und Gilead in Transjordanien zur Zeit Jiftachs (vgl. S. 99).
Der Stamm Benjamin war besonders hart betroffen, denn er lebte zusam­
mengedrängt in einer engen Bergregion zwischen den Stämmen Efraim und
Juda und wurde im Westen von einer fremdländischen Bevölkerung in Schach
gehalten. Kein Wunder, daß sich ihm das ostjordanische Gebiet als ein Aus­
weichquartier für seinen Bevölkerungsüberschuß anbot. In der Bibel finden
sich tatsächlich mehrere Hinweise auf enge Beziehungen, die zwischen Ben­
jamin und den Bewohnern Nordgileads bestanden, so zum Beispiel das auf­
fällige Fehlen von Jabesch-Gilead bei der Strafaktion aller Stämme gegen
Benjamin und umgekehrt die militärische Hilfe, die der Benjaminiter Saul
dieser Stadt leistete (vgl. S. 101). Solche Bindungen werden auch in den Ge­
schlechtsregistern angedcutet, in denen identische Namen sowohl im Stamm­
baum Benjamins als auch bei den verschiedenen transjordanischen Stämmen
erscheinen: Manasse oder, genauer, Machir, der Vater Gileads (die Geschlech­
ter Schuppim und Huppim; 1 Chronik 7,12, im Vergleich zu Vers 15); Rüben
(das Geschlecht Bela; 1 Chronik 8,1, im Vergleich zu 5,8); Gad (das Ge­
schlecht Ezbon; i Chronik 7,7, im Vergleich zu Genesis 46,16). In Anlehnung
an den biblischen Sprachgebrauch im Falle von Manasse und Machir ist es
somit möglich, von einem ‫ ״‬Halb-Stamm“ Benjamin zu sprechen, dessen
Wohnsitz östlich des Jordans lag. Ein Echo dieser Expansion ist noch in
Obadjas Weissagung vernehmbar, in der es heißt, daß ‫ ״‬Benjamin das Ge­
birge Gilead“ besitzen werde (Obadja 1,19). Das gleiche gilt für den Stamm
Juda, über dessen bedeutenden Vertreter die Bibel sagt: ‫ ״‬Danach kam Hez-
ron zu der Tochter Machirs, des Vaters Gileads, und er nahm sie . . . und sie
gebar ihm Segub. Segub aber zeugte Ja ir“ (1 Chronik 2,21 f.). Demnach wa­
ren Familien der weitverzweigten Hezron-Sippe, die ihre Abkunft sowohl
von Juda als auch von Rüben herleitete (1 Chronik 4,1 und 5,3), in das Land
Gilead gewandert, wo sie sich mit den dort seßhaft werdenden Machiritern
vermischten und zusätzlich fremde halbnomadische Stämme wie Segub und
Machir, die in dieser Gegend umherzogen, absorbierten.
Letzteres verweist auf eine weitverbreitete Erscheinung, die auch in den
Geschlechtsregistern ihren Niederschlag gefunden hat, nämlich auf die Assi-
milierung oder Absorbierung fremder Elemente durch die israelitischen Stäm­
me während des Seßhaftwerdens. Dies geschah entweder durch faktische
Verschmelzung der Volksgruppen oder durch Integrierung der ehemaligen
kanaanäischen Siedlungen in die israelitischen Stammesgebiete, vor allem in
den Stammesgebieten Judas, Efraims und Manasses (die Stadt Sichern wird
beispielsweise als ein ‫ ״‬Sohn“ in der Genealogie Manasses genannt). Am
Stamm Juda läßt sich der Vorgang des Seßhaftwerdens und der Konsolidie­
rung besonders gut verfolgen, und zwar wegen der sehr ausführlichen Dar-
D er Einbruch in Kanaan un d die Seßhaftiverdnng *3

Stellung seines Gebietes (Josua 15) und aufgrund der verzweigten Stamm­
bäume, welche die biblischen Chronisten aufgezeichnet haben, weil sie die­
sem Stamm ein spezielles Interesse entgegenbrachten (1 Chronik 2 und 4,
1-23). Diese Register verraten die komplexe Struktur des Stammes Juda,
die sich aus seiner Expansion im Süden des Landes ergab - im Gebirge, in
der Schefela und am Rande des Negevs - , wo einerseits ältere kanaanäische
und horitische Bevölkerungsgruppen existierten und andererseits Stämme
lebten, die gleich den Israeliten einen Prozeß des Seßhaftwerdens durch­
machten. Die starke Beimischung fremder Elemente wird schon in der Ein­
leitung der Juda-Genealogie angedeutet, wo drei der fünf direkten N ach­
kommen Judas als Kinder einer kanaanäischen Frau bezeichnet werden
(1 Chronik 2,2 f.; vgl. Judas Affäre mit Tamar in Genesis 38). Das Ausmaß
dieser Verschmelzung mit der eingesessenen Bevölkerung läßt sich aus den
zahlreichen kanaanäischen und mehreren hurritischen Namen ablesen, die in
den Registern enthalten sind. Zumal in Juda zeigt sich die Absorption von
verwandten Volksgruppen, die zur Zeit der israelitischen Landnahme an der
südlichen Randzone des Landes entlangzogen, unter ihnen die Keniter, die
Kenasiter, die Jerachmeeliter und die Kalebiter. Einige kalebitische Gruppen
drangen nach Norden bis Hebron und Betlehem vor und wurden zu einem
herausragenden ethnischen Bestandteil im sich konsolidierenden Juda.
Während die Eingliederung von fremden Elementen in den Stamm Juda
verhältnismäßig einfach vonstatten ging, schlossen andere Stämme sich stren­
ger von ihnen ab. Ursprünglich scheint die israelitische Stammesgesellschaft
die Heirat innerhalb der Gruppe begünstigt zu haben, wie es der patriarcha­
lische Brauch der Ehe mit Blutsverwandten bezeugt. Dieser Grundsatz der
Endogamie machte im Laufe der Seßhaftwerdung einer zunehmend exoga-
men Tendenz Platz, vor allem bei den Stämmen, die in ihren ständigen
Wohnsitzen mit großen fremden Bevölkerungsteilen zusammenstießen. Außer
bei Juda zeigt sich diese Tendenz am stärksten im Stamme Simeon, der selbst
nach der Landnahme halbnomadisch blieb und auf seinen Wanderzügen ent­
lang der Landesgrenzen sowohl mit den Kanaanäern als auch mit den süd­
lichen Wüstennomaden in Berührung kam. Einer der wichtigsten Nachkom­
men Simeons hatte eine Kanaanäerin unter seinen Vorfahren (Genesis 46,10),
während zwei andere, Mibsam und Mischma, dieselben Namen wie die Söhne
Ismaels trugen (1 Chronik 4,25 sowie Genesis 25,13^). Auf die exogamen
Neigungen des Stammes wird auch in der Baal-Pegor-Episode angespielt, in
der es heißt, daß sich die Simeoniter mit Midianiterinnen einließen (Numeri
25,6,14-15). Könnte sich etwa eine Kritik an solchen exogamen Tendenzen
in der Erzählung von der Schändung Dinas (Genesis 34) niedergeschlagen
haben, in der sich die endgültige Untersagung des Konubiums zwischen
Israeliten und Sichemiten widerspiegelt?
Unsere Ausführungen über die Landnahme, wie sie sich in den Geschlechts­
registern spiegelt, sollen abgeschlossen werden mit einem aufschlußreichen
84 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

Bibelzitat, in dem die Übertragung des Erstgeburtsrechts innerhalb der ver­


schiedenen israelitischen Stämme und damit eine Verschiebung der Macht­
verhältnisse innerhalb des nationalen Gesamtgefüges bezeugt wird: ‫ ״‬Die
Söhne Rubens, des Erstgeborenen Israels - denn er war zwar der Erstgebo­
rene, aber weil er seines Vaters Bett entweihte, wurde sein Erstgeburtsrecht
gegeben den Söhnen Josephs, des Sohnes Israels, doch wurde er nicht in das
Geschlechtsregister als Erstgeborener aufgezeichnet; denn Juda war mächtig
unter seinen Brüdern, und einem aus seinem Stamme wurde das Fürstentum
gegeben, Joseph aber erhielt das Erstgeburtsrecht“ (1 Chronik 5,1 f.). Das
heißt, daß der Stamm Rüben, der wie Simeon weiterhin halbnomadisch lebte,
seine einstige Vorrangstellung und die Position der Primogenitur eingebüßt
hatte (vgl. Genesis 49,3 f. und Deuteronomium 33,6). Die Josef-Stämme wa­
ren nun im Aufstieg begriffen, aber letztlich sollte der erste Rang doch an
Juda fallen. Auf der anderen Seite wird die wachsende Bedeutung Efraims
innerhalb des ‫ ״‬Hauses Josef“ in der Epoche der Seßhaftwerdung dadurch
angezeigt, daß Manasses Erstgeburtsrecht auf seinen jüngeren Bruder Efraim
überging, wie aus dem Segen Jakobs für seine Enkel zu entnehmen ist (Ge­
nesis 48,13-20; vgl. S. 100).
j. Die Richterzeit

Die Herrschaft der Richter


Jede historische Untersuchung der Richterzeit muß sich notwendigerweise
auf die Sammlung von Erzählungen stützen, die im Buch der Richter selbst
zusammengefaßt sind, daneben auf einige wenige Aussagen in anderen bibli­
schen Quellen. Für die Geschichtsphilosophie des Rahmens, in den die ein­
zelnen Geschichten eingebettet sind, ist eine doppelte Schau kennzeichnend,
die Auffassung von der historischen Periodizität und die Tendenz zu einer
panisraelitischen Perspektive. Die erstere versteht diese Epoche als eine
Abfolge zyklisch wiederkehrender Ereignisse, die in aufeinanderfolgenden
Phasen ablaufen: der Rückfall des Volkes in den Götzendienst, seine an­
schließende Unterwerfung durch Fremdvölker, seine Bitte um göttlichen
Beistand und seine schließliche Erlösung durch einen Retter, der eine lange
Zeit des Friedens einleitete. Diese zyklische Auffassung der Geschichte zwang
dem Buch der Richter eine scheinbar chronologische Folgerichtigkeit auf, die
man freilich nicht so ohne weiteres akzeptieren kann. Das gleiche gilt für
die panisraelitische Perspektive (vgl. S. 36), durch welche die Vorgänge in
den einzelnen Stämmen und die Tätigkeit der Richter auf eine breite, na­
tionale Ebene gestellt werden. Aber so übertrieben dies auch erscheinen mag,
die historische Realität der Epoche läßt immerhin den Schluß zu, daß in der
Regel mehrere Stämme gleichzeitig von einem fremden Unterdrücker unter­
worfen wurden und daß auch die Befreiung von einem solchen Druck das
gemeinsame Vorgehen einer Gruppe von Stämmen voraussetzte.
In Anlehnung an den Soziologen Max Weber haben manche Historiker
die Herrschaft der Richter als den Versuch gedeutet, einen Führungsstil zu
begründen, der auf persönlichem Charisma beruhte. Insofern unterscheidet
er sich von der ‫ ״‬traditionellen A utorität“ der Ältesten und Stammesober­
häupter, aber auch von der institutionalisierten Autorität des späteren Kö­
nigtums (vgl. Zweiter Teil). Die charismatische Regierungsform erwächst
aus dem Glauben des Volkes, daß in einer Krisenzeit eine Persönlichkeit auf-
tritt, die zu Gott in besonderer Beziehung steht und von ihm begünstigt wird,
was sich in göttlichen Offenbarungen an den Richter und in seinen außer­
ordentlichen Heldentaten auswirkt. Dieser Herrschaftstyp entsteht spontan
und ist persönlich geprägt, gründet sich also nicht auf eine soziale Schicht
oder Position und braucht keinen bürokratischen Apparat. Solche Autorität
kann auch nicht vererbt werden. Der Ruf nach einem Anführer in Zeiten
der Bedrängnis bewirkt, daß sich das Volk freiwillig um diese Person schart,
86 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

sich völlig abhängig von ihr fühlt und daß ein religiöses Erwachen durch das
ganze Volk geht. In diesem Sinne war die politische Herrschaft der Richter
ein lockeres und sporadisches System; das Alltägliche besorgten die Fa­
milienoberhäupter und die Ältestenräte. Doch während dieser Zeit begann
die patriarchalische Autorität innerhalb der Stammesverbände zu schwinden,
eine Folge der zunehmend seßhaften Lebensweise der Israeliten, ihrer feste­
ren Bindung an Grund und Boden und ihrer partiellen Anpassung an die
kanaanäische städtische Umwelt. Dies wiederum führte dazu, daß die terri­
torialen Bindungen den Vorrang vor den Sippen- und Blutsbanden erhielten.
Die charismatischen oder sogenannten großen Richter, die das Volk in
Zeiten der N ot befreiten, waren (entsprechend der Reihenfolge im Buch der
Richter) Otniel, Ehud, Debora (und Barak), Gideon, Jiftach, Simson (der
allerdings keinen Volksanhang hatte) und möglicherweise Schamgar ben
Anat, dessen Taten in einem einzigen Vers gewürdigt werden (Richter 3,31).
Das Buch lenkt die Aufmerksamkeit außerdem auf einen anderen Richtertyp,
die sogenannten ‫ ״‬kleinen“ Richter, denen keine Befreiungstaten zugeschrie­
ben werden, die aber allem Anschein nach hochangesehene Vertreter ihres
jeweiligen Stammes waren: Tola ben Pua (von Issachar), Jair der Gileaditer,
Ibzan aus Betlehem (vielleicht in Sebulon), Elon der Sebuloniter und Abdon
aus Piraton im Gebirge Efraim (Richter 10,1-5 und 12,8-15).
Nach einer weitverbreiteten wissenschaftlichen Auffassung bekleideten die
‫ ״‬kleinen“ Richter in sukzessiver Folge ein gesamtisraelitisches Amt. Im Un­
terschied zu den Rettergestalten fungierten sie angeblich auf dem Gebiet der
Rechtspflege, sei es, daß sie im Rahmen der normalen Rechtsprechung wirk­
ten, sei es, daß sie für das ‫ ״‬amphiktyonische Recht“ und seine Verkündigung
verantwortlich waren. Gleichzeitig geht man vielfach davon aus, daß ein
später Redakteur des Buches der Richter (der sogenannte ‫ ״‬Deuteronomist“)
besonders in dem von ihm verfaßten Rahmen des Richterbuches sekundär
die Gleichsetzung zwischen Rettern (‫ ״‬großen Richtern1‘) und Richtern (‫ ״‬klei­
nen Richtern“) vollzog und so das Bild eines charismatischen Richteramtes
schuf. Diese Auffassungen sind jedoch nicht haltbar, vor allem nicht die
These, daß der Begriff schofet (‫ ״‬Richter“) zur Bezeichnung eines charisma­
tischen Führers erst durch eine spätere Redaktion eingeführt wurde und den
vermeintlich älteren Begriff moschia (‫ ״‬Retter“) verdrängt habe. In Wahrheit
geht aus außerbiblischen Quellen hervor, daß sich das Wort schofet und seine
Ableitungen nach altem westsemitischem Sprachgebrauch in erster Linie auf
Führung oder Herrschaft, nicht aber auf juristische Tätigkeiten beziehen. Die
Mari-Texte bezeugen, daß der Begriff bereits im ersten Viertel des zweiten
Jahrtausends verwendet wurde und einen bedeutenden Stammesvertreter be-
zeichnete, dessen Autorität weit über die bloße richterliche Tätigkeit hinaus­
reichte. Der Titel bedeutet im Phönizischen (insbesondere im Punischen;
suffetes in lateinischer Transkription) und vielleicht auch in den ugaritischen
Quellen soviel wie ‫ ״‬Oberhaupt“ oder ‫ ״‬Gouverneur“.
Die R ichter zeit 87

Die Wurzel schafat, ob auf ‫ ״‬große‫ ״‬oder ‫ ״‬kleine“ Richter bezogen, be­
deutet demnach H errschaft über das Volk; das W ort umfaßt sicherlich auch
die richterlichen Funktionen, aber grundsätzlich zugleich die Errettung des
Volkes vor einem Feind. Die scharfe Unterscheidung in der Bibel zwischen
den Rettergestalten und den ‫ ״‬kleinen“ Richtern hat ihren Grund höchst­
wahrscheinlich darin, daß die entsprechenden Überlieferungen verschiede­
nen literarischen Quellen entnommen wurden, auf die sich die Kompilatoren
des Richterbuches stützten. W ährend die Taten der ‫ ״‬großen“ Richter als
Volkssagen überliefert wurden, sind die Aussagen über die ‫ ״‬kleinen“ Richter
aus Familienchroniken abgeleitet und beschränken sich lediglich auf Angaben
zur Stammeszugehörigkeit, zu O rt und Dauer der Amtsausübung, zur Be­
gräbnisstätte und zur Zahl der Nachkommen.
Es darf angenommen werden, daß sich die kleinen Richter gleichfalls als
militärische Führer betätigen konnten (vgl. Richter 10,1), obgleich sich im
Buch der Richter selbst kein Hinweis auf eine solche Tätigkeit erhalten hat.
Der Gileaditer Jair ist vielleicht ein Beispiel dafür, denn mehrere Bibelstellen
außerhalb dieses Buches beziehen sich auf seine Kriegstaten im nördlichen Ost­
jordanland (vgl. Numeri 32,41 und 1 Chronik 2,22). Umgekehrt sind die
‫ ״‬großen“ Richter oft im Stil der ‫ ״‬kleinen“ Richter porträtiert, so etwa im
Falle von Gideon und Jiftach, an deren Berichte Details, die für die letztere
Gruppe typisch sind, angefügt werden (Richter 8,29-32 und 12,7), oder bei
Debora, deren Ruhm sich weniger auf ihre kriegerischen Taten als auf ihre
Rechtsprechung in der Gegend von Rama und Bet‫־‬El gründete (Richter
4,4 f.). Die Interrelation zwischen den beiden Richtertypen wird auch durch
Josua bezeugt, der neben seiner militärischen Funktion auch die Aufgabe
eines Schiedsrichters zwischen den Stämmen wahrnahm, wenn er zum Beispiel
von den ‫ ״‬Nachkommen Josefs“ angerufen wurde, um über ihre Forderung
nach weiterem Landbesitz zu entscheiden (Josua 17,14 ff.).
Trotz all seiner Mängel bleibt das Buch der Richter eine wertvolle Ge­
schichtsquelle, die uns über die damalige Lebensweise und die Lebensbedin­
gungen Auskunft gibt. Die Geschichte Ruts ergänzt die Darstellung der all­
gemeinen Zustände ‫ ״‬zu der Zeit, als die Richter richteten“ (Rut 1,1). Bei der
Auswahl der Erzählungen des Richterbuchs hat der Kompilator offensicht­
lich eine paradigmatische Absicht verfolgt: Da er das Einzigartige in seinen
Modellen herausstellen wollte, vermied er Wiederholungen in bezug auf die
Stammeszugehörigkeit des Richters, im Typ der Feinde, die es zu bekämpfen
galt, und in den betroffenen Landesteilen, während gleichzeitig die charakte­
ristischen Eigenarten der einzelnen Auseinandersetzungen hervorgehoben
werden. So schildert die Debora-Episode eine Konfrontation mit der altein­
gesessenen kanaanäischen Bevölkerungsgruppe im Norden des Landes; die
Gideon-Erzählung konzentriert sich auf den Zusammenprall mit nomadisie­
renden Wüstenräubern aus dem Osten; den Ehud- und Jiftach-Berichten
liegt die Auseinandersetzung mit den Königreichen des Ostjordanlandes zu­
88 Ursprünge un d Frühgeschichte (A . M alam at)

gründe (Moab und Ammon); der Simson-Zyklus schließlich beschreibt die


israelitische Reaktion auf die Bedrohung durch die Philister im Westen.

D eboras F reiheitskam p f
Die wachsende Macht und die zahlenmäßige Zunahme der israelitischen
Stämme veränderten die Bevölkerungsstruktur des Landes und hatten Aus­
wirkungen auf die eingesessenen Bewohner, die beträchtliche Teile ihres
Landbesitzes abtreten mußten. Dies führte zu der verhängnisvollsten Konfron­
tation, die Israel in der Richterzeit erlebte - zum Kampf Deboras und Ba­
raks gegen die Kanaanäer. Wie die anderen kriegerischen Auseinandersetzun­
gen unter den Richtern war auch diese im Grunde ein dem Volk aufgezwun­
gener Verteidigungskrieg. Die Kanaanäer versuchten offenbar in einer letz­
ten großen Anstrengung im Norden des Landes, das Rad der Geschichte
zurückzudrehen.
Dieser Kampf wirft schwierige chronologische Probleme auf, weil er in
zweifacher Form, in Poesie und Prosa, überliefert ist (Richter 4 und 5) und
weil zu der in Josua 11,1-15 geschilderten Schlacht an den Wassern von
Merom und Einnahme von H azor ein unübersehbarer Widerspruch besteht
(vgl. S. 71). Was den Josuabericht angeht, so liegt die Schwierigkeit nicht
unbedingt im Namen des Kanaanäerkönigs Jabin, der in beiden Zusammen­
stößen mit den Israeliten auf taucht; er mag in H azor lediglich ein dynasti­
scher Name gewesen sein. Doch wirklich irritierend ist die Erwähnung von
H azor als dem Mittelpunkt großangelegter kanaanäischer Bündnisse in bei­
den Begegnungen. Man kann sich nicht vorstellen, daß Hazor, das der Bibel
zufolge von Josua dem Erdboden gleichgemacht wurde, mehrere Generatio­
nen später eine Hauptrolle in einer kanaanäischen Konföderation gespielt
haben könnte. Darüber hinaus beweisen die Grabungen in Hazor, daß die
Stadt in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts vollkommen zerstört wur­
de (vgl. S. 67) und bis zum Salomonischen Zeitalter nur als eine kleine,
offene Siedlung existierte.
Das Dilemma läßt sich möglicherweise beseitigen, wenn man den Namen
H azor in der Debora-Episode - und vermutlich auch den Namen Jabin -
als spätere Interpolation aufgrund der ähnlichen Erzählung im Buch Josua
betrachtet. Tatsächlich werden H azor und Jabin im Buch der Richter nur
beiläufig erwähnt, und sie beide passen nicht recht in den topographischen
und den militärischen Zusammenhang des Debora-Berichts. Es war selbstver­
ständlich Sisera aus Haroschet-Gojim, der die Kanaanäer in die Schlacht
führte, und das ergibt ein völlig anderes Bild als die Darstellung im Buch
Josua. Als Alternative bietet sich die Zusammenfassung der Deboraschlacht
und des Kampfes an den Wassern von Merom als zwei eng zusammenhängen­
de Phasen eines einzigen militärischen Konflikts an; der Debora-Feldzug ginge
demnach der Schlacht Josuas voraus und fiele in eine Zeit, als das Königreich
Die R ich terzeit 89

Hazor noch mächtig war. Doch diese These widerspricht der biblischen chro­
nologischen Reihenfolge und würde, wenn man die Ausgrabungen in H azor
zugrunde legt, bedeuten, daß man die Deboraschlacht mindestens in das
dritte Viertel des 13. Jahrhunderts zurückverlegen müßte - eine höchst un­
wahrscheinliche Datierung.
Es scheint vielmehr, daß der Krieg Deboras erst im späten 12. Jahrhundert
stattfand; das ergibt sich aus bestimmten Hinweisen in Deboras Siegeslied.
Das Lied verweist beispielshalber auf Schamgar, eben jenen Befreier, der
600 Philister (ein komplettes ‫ ״‬Regiment“) vernichtete und dadurch Israel
rettete (Richter 5,6; ob Schamgar israelitischer oder kanaanäischer Abkunft
war, ist ungeklärt). Doch ein derartiger Kampf, der vermutlich im Norden
des Landes ausgetragen wurde, hätte nicht vor dem frühen 12. Jahrhundert
stattfinden können, als die Philister erstmals in Kanaan auftauchten (vgl.
S. 102 ff.). Und zu Deboras Krieg kam es erst nach diesem Ereignis. Ein weite­
rer Beleg zugunsten einer vergleichsweise späten Datierung der Debora-Epi­
sode ist jene Stelle im Lied, die Dan zwischen Gilead und Ascher aufzählt; das
bedeutet, daß dieser Stamm bereits in seine Wohnsitze im Norden abgewan­
dert war (vgl. S. 81). In diesem Zusammenhang ist es interessant, daß das
Triumphlied Deboras das Schlachtfeld nach ‫ ״‬Taanach am Wasser Megiddos“
verlegt (Richter 5,19), nicht nach Megiddo selbst. Daraus könnte man schlie­
ßen, daß diese bedeutende Stadt damals in Trümmern lag; deshalb wird an­
genommen, daß der Debora-Feldzug in der Zeit zwischen der Zerstörung
von Stratum VII in Megiddo und der Erbauung von Stratum VI (ca. 1125
v. Chr.) stattgefunden hat. Das Datum würde mit den Ergebnissen der neue­
ren Grabungen in Taanach übereinstimmen, nach denen diese kanaanäische
Stadt im späten 12. Jahrhundert noch existierte, dann aber lange Zeit unbe­
wohnt blieb. Diese Tatsache verbietet andererseits jeden Versuch, die Schlacht
in das 11. Jahrhundert hinunterzudatieren.
Bei der Rekonstruktion der Debora-Episode muß man sich sowohl auf den
späten Prosabericht stützen als auch selbstverständlich auf das Lied selbst,
das ohne Zweifel früh entstanden ist, vielleicht sogar kurz nach dem in ihm
geschilderten Geschehen. Die beiden Quellen scheinen einander zu widerspre­
chen, können sich aber in Wahrheit ergänzen. Die Hauptdifferenzen zwi­
schen ihnen - die Zahl der beteiligten Stämme und die Topographie der
Schlacht - spiegeln offensichtlich verschiedene Stadien desselben Feldzuges
wider. N aftali und Sebulon trugen die Hauptlast des Kampfes, da nur sie
sowohl im Lied wie in der Erzählung genannt werden. Die 10000 Krieger,
welche die beiden Stämme aufboten, wurden von Barak ben Abinoam aus
Kedesch-Naftali zum Berg Tabor geführt. Als militärische Operationsbasis
besaß der Berg eindeutige Vorteile: Von ihm aus konnten die Israeliten die
Bewegungen des Gegners gut beobachten, und er gab ihnen die Möglichkeit,
ihre Streitkräfte außer Reichweite der kanaanäischen Streitwagen aufzustel­
len und die Initiative zum Angriff zu ergreifen. Der Feind seinerseits war
90 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

gezwungen, seine Truppen am Fuße des Berges Tabor zu konzentrieren, in


dem schmalen Tal, wo sich die Streitwageneinheit kaum entfalten konnte.
Die israelitische Taktik, die Manövrierfähigkeit der feindlichen Streitwagen
durch das Warten auf günstige Witterungsverhältnisse auszuschalten, haben
wir bereits weiter oben erwähnt (vgl. S. 75).
Die nachfolgenden Ereignisse scheinen im Lied ziemlich genau überliefert
zu sein. Als sich der geschlagene Feind zum Westrand der Jesreelebene zu­
rückzog, stieß er auf ein neues Hindernis - den vom Regen angeschwollenen
Bach Kischon. Hier kam es zum letzten und entscheidenden Treffen. Viel­
leicht stießen die Gebirgsstämme Efraim, Benjamin und Machir erst in dieser
letzten Phase dazu, wie es auch in der Schlacht unter Gideon geschah, an der
sich die Efraimiter erst beteiligten, als der Feind bereits Hals über Kopf floh.
Sisera, der vom Schlachtfeld geflohen war, wurde von Jael im Zeltlager des
Keniters Heber erschlagen. Dieser Klan der Keniter hatte bis dahin freund­
schaftliche Beziehungen sowohl zu den Kanaanäern als auch zu den Israeli­
ten unterhalten (mit denen er verwandt war [Richter 4,11,17]), doch ange­
sichts des israelitischen Sieges gab er seine Neutralität auf.
Deboras Kriegszug markiert den Höhepunkt der nationalen Solidarität
gegen die fremden Unterdrücker in der gesamten Richterzeit - von Benjamin
im Süden bis Naftali im Norden. Es ist kein Zufall, daß von allen Stämmen
diejenigen, die in den Gebirgsgegenden wohnten, die militärische Initiative
ergriffen. D a sie unter dem kanaanäischen Druck am wenigsten zu leiden
hatten, waren sie am ehesten imstande, sich gegen den Feind zu erheben. Die
Stämme in der Ebene, die von der Niederlage der kanaanäischen Unterdrük-
ker am meisten profitierten, waren dagegen in einer heikleren Lage und zum
Widerstand weniger fähig (vgl. S. 76). Der Sieg Israels hatte zur Folge, daß
seine Position in der Jesreelebene gestärkt und zum erstenmal eine territo­
riale Kontinuität zwischen den Stämmen in Galiläa und denen in der Zen­
tralregion des Landes hergestellt wurde.

G ideons K a m p f gegen die 'W üstenstämme


Deboras Sieg über die Kanaanäer scheint für die nördlich gelegenen israeli­
tischen Siedlungen eine neue Gefahr heraufbeschworen zu haben. Durch die­
sen militärischen Erfolg wurde die kanaanäische Machtstruktur im Norden
und damit die allgemeine Sicherheit stark unterhöhlt —das Land war jetzt
offen für Überfälle, vor allem seitens der Wüstenstämme aus dem Ostjordan­
land. Vorstöße von Nomadenhorden aus dem Osten und Süden in die land­
wirtschaftlich kultivierten und besiedelten Gebiete waren ein wiederkehren-
des historisches Phänomen in Zeiten politischer und militärischer Unsicher­
heit in Palästina, zu denen auch die Periode der israelitischen Landnahme
zählt. Dieser Situation wurde erst unter der stabilen Regierung König Davids
ein Ende gesetzt. Daß die Debora- und Gideon-Erzählungen im Buch der
Die R ichterzeit 9*

Richter so dicht nebeneinander stehen, ist also von historischer Logik und
nicht das Ergebnis einer späteren willkürlichen Redaktion.
Die Nomaden fielen - in lockeren Verbänden zusammengeschlossen - vom
Rand der Wüste in das Land ein. Meist gab eine einzige Gruppe in dem ge­
samten Stammesverband den Ton an und prägte ihr den Siegel auf - einmal
waren es die Midianiter, ein andermal die Amalekiter, Hagariter oder Is-
maeliter. Zur Zeit Gideons führten die Midianiter, im 13. und 12. Jahrhun­
dert auf dem Höhepunkt ihrer Macht, die Welle der Wüstenräuber an; zu
ihnen gesellten sich die Amalekiter und Bene Qedem (Richter 6,3 und 7,12).
Die Midianiter hielten sich vor allem in den Randgebieten des Ostjordan-
1an des auf; von daher erklären sich ihre besonderen Beziehungen zu Moab
und zum Amoriterreich des Königs Sihon (Numeri 22,4 ff. und Josua 13,21),
aber auch ihr Zusammenstoß mit den Israeliten in den Tagen Moses (Numeri
25 und 31).
Der gesamte Bereich, in dem sie nomadisierend umherschweiften, erstreckte
sich jedoch sehr weit, von Ägypten im Süden bis zum Eufratgebiet im N or­
den; Ausläufer reichten sogar bis zum Lande Saba in Südarabien. Die weiten
Wanderwege und auch der allgemeine Wohlstand der Wüstenstämme wa­
ren ein Resultat der Domestikation des Kamels und seiner im großen Stil be­
triebenen Zucht, die bereits im frühen 12. Jahrhundert begonnen hatten. In­
zwischen war das Kamel der wichtigste Wirtschaftsfaktor in den arabischen
Wüstenzonen geworden, und es wurde darüber hinaus auch für militärische
Zwecke eingesetzt.
Der Midianitereinfall zur Zeit Gideons, der offensichtlich gegen Ende des
12. Jahrhunderts stattfand, zielte auf die Ebenen von Bet-Schean und Jesreel
und auf die dahinter liegenden fruchtbaren Küstenstriche. Die weiten Vor­
stöße, die bis Gaza reichten (Richter 6,4), wurden erleichtert durch den Nie­
dergang der kanaanäischen Stadtstaaten und durch den Schwund der ägyp­
tischen Vormachtstellung längs der Via Maris in der zweiten H älfte des
12. Jahrhunderts (vgl. S. 33). In der A rt von Wüstenräubern fielen die Mi-
dianiterhorden, Männer, Frauen und Kinder, zur Erntezeit in die Ackerbau­
gebiete ein und plünderten die Felder. Die ländliche israelitische Bevölkerung
war diesen Überfällen hilflos ausgeliefert: Da sie in offenen Siedlungen leb­
ten, waren sie gezwungen, ‫ ״‬in den Bergen Schluchten . . . und Höhlen und
Festungen“ anzulegen (Richter 6,2), um ihr Leben und ihre Ernten zu retten.
Sie fühlten sich bei ihrer Arbeit ständig bedroht, wie jene Episode in der
Bibel beweist, in der Gideon seinen Weizen in der Weinkelter drischt, ‫ ״‬da­
mit er ihn berge vor den Midianitern“ (Richter 6,11). Diese Atmosphäre der
Unsicherheit scheint auch durch die archäologischen Funde bestätigt zu wer­
den: Man hat beispielsweise mitten in einer Siedlung zahlreiche Getreide­
gruben entdeckt, in denen augenscheinlich die Ernte vor den räuberischen
Banden in Sicherheit gebracht wurde.
Die Initiative in diesem Befreiungskampf ergriff der Manassiter Gideon,
9* Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

Sohn des Joasch aus der Sippe Abieser. Wie bei anderen Kriegen in der Zeit
der Richter ging auch hier der eigentlichen militärischen Auseinandersetzung
eine nationale religiöse Erweckungsbewegung voraus. Doch nur im Falle Gi­
deons werden Einzelheiten der religiösen Reform mitgeteilt, nämlich die Be­
seitigung des Baal-Aschera-Kults in seiner Geburtsstadt Ofra. Dieser Vor­
gang hat eine Parallele in der Ausschaltung der fremden Kulte durch Saul
vor dessen Entscheidungsschlacht gegen die Philister (1 Samuel 28,3; vgl.
Zweiter Teil). Neben seinen eigenen Stammesangehörigen rief Gideon Krie­
ger von Ascher, Sebulon, N aftali und später auch von Efraim zum Kampf
gegen die Midianiter auf.
Die Beschreibung von Gideons Kriegszug ist mit so vielen topographischen
und militärischen Details angereichert, daß man den Ablauf der Schlacht
ziemlich genau rekonstruieren kann. Die Midianiter lagerten ‫ ״‬nördlich von
dem Hügel More [Gibeat Hamore] im T al“ (Richter 7,1). Gemäß einer An­
spielung in Psalm 83,11, wo Vorgänge aus der Richterzeit zusammengefaßt
sind, ist damit En-Dor gemeint, das in der Ebene zwischen dem Hügel More
und dem Berg Tabor lag. Gideon und seine Leute verbargen sich auf den
Hängen des Gilboa-Gebirges oberhalb der Quelle von En-Harod - außerhalb
der Reichweite der Feinde, dem Beispiel des Barak folgend. Das militärische
Problem für die Israeliten bestand damals in der zahlenmäßigen Überlegen­
heit des Gegners und dessen geschicktem militärischem Umgang mit den Ka­
melen; beides machte eine neue Taktik erforderlich. Gideon sah die taktische
Lösung in einem Nachtangriff, der die Vorteile des Feindes zunichte machte.
Durch die sorgfältige Planung und erfolgreiche Durchführung dieser Opera­
tion wurde sie zu einem klassischen Beispiel für die A rt und Weise, wie eine
kleine, schlecht ausgerüstete Streitmacht einen weit stärkeren Gegner be­
zwingen kann.
Im Schutze der Dunkelheit nutzte Gideon die Faktoren des Überraschungs­
moments und der psychologischen Kriegsführung voll aus, mit deren Hilfe
er bei den Feinden totale Verwirrung anrichtete. Bei Tagesanbruch strebten
die Midianiter in panischer Flucht dem Jordantal zu. Gideons Taktik hatte
sich als ein voller Erfolg erwiesen, und sein glänzender Sieg galt als Vorbild
für spätere Generationen, die sich noch lange an den ‫ ״‬Tag Midians“ (Jesaja
9,3) erinnerten. Wie bei Nomadenhorden üblich, versuchte sich der geschla­
gene Feind so schnell wie möglich in die Wüste zurückzuziehen. Um das zu
verhindern, schnitt Gideon mit Unterstützung der Efraimiter den Flüchten­
den den Rückweg ab. Er besetzte die Furten des Jordans und nahm gleich­
zeitig die riskante und langwierige Verfolgung der fliehenden Midianiter
auf. Bei Karkor im Wädi Sirhan überraschte er die lagernden Feinde aber­
mals, und es gelang ihm sogar, die beiden midianitischen Anführer Sebach
und Zalmunna gefangenzunehmen. Auf dem Heimweg bestrafte er die Älte­
sten von Sukkot, die ihm ihre Unterstützung versagt hatten, und besonders
streng verfuhr er mit der unbotmäßigen Stadt Penuel, deren Einwohner er
Die R ichterzeit 9J

umbringen und deren Zitadelle er schleifen ließ - all dies, weil sich die bei­
den Städte aus Angst vor Repressalien durch die Midianiter geweigert hatten,
seine Truppen mit Proviant zu versorgen.

Erste A n sä tze z u r M onarchie


Aus dem Wunsch, die sporadische Herrschaft charismatischer Anführer zu
‫ ״‬veralltäglichen“ (im Sinne Max Webers) und damit dauerhafter zu gestal­
ten - eine Tendenz, die auch anderswo mit einer solchen Regierungsform
verbunden ist - , erwuchsen Bestrebungen, das Richteramt durch das des
dynastischen Königtums zu ersetzen. Die ersten Versuche stießen allerdings
auf internen Widerstand. So wie Saul nach seinem Triumph über die Am-
moniter die Königswürde angeboten wurde (zumindest einer biblischen Ver­
sion zufolge - i Samuel n ) , so waren einige Generationen früher ‫ ״‬die Män­
ner von Israel“ an Gideon herangetreten, um ihn nach seinem glanzvollen
Sieg über die Midianiter auf den Thron Israels zu erheben. Doch Gideon gab
ihnen die klassische Antwort: ‫ ״‬Ich will nicht Herrscher über euch sein, und
mein Sohn soll auch nicht Herrscher über euch sein, sondern der H err soll
Herrscher über euch sein“ (Richter 8,23), womit er ausdrücken wollte, daß
die Ernennung eines sterblichen Königs mit der Vorstellung vom Königtum
Gottes unvereinbar sei. Ob Gideon diese Äußerung tatsächlich getan hat oder
ob sie ihm von einem Redakteur in den Mund gelegt wurde, sie ist jedenfalls
nicht notwendigerweise Ausdruck einer späteren theokratischen Ideologie,
sondern scheint genau die Stimmung wiederzugeben, die in der Richterzeit
vorherrschte, als man fest an die Freiheit und Gleichheit des Individuums
glaubte.
Einen noch schärferen Ausdruck der antimonarchischen Tendenz jener
Epoche findet sich in der Parabel Jotams, in der das Königtum als eine nich­
tige, absolutistische Einrichtung charakterisiert wird. Doch wenn auch die
Opposition gegen eine solche Neuerung anhielt, das Angebot, das man Gi­
deon machte, verrät genauso wie Jotams Verdikt, daß damals zumindest
gewisse Kreise ernsthaft dem Gedanken nachgingen, die charismatische H err­
schaftsform zu institutionalisieren. Dieselbe Haltung zeigt sich auch in Jif-
tachs Forderung, als ‫ ״‬H aupt über alle, die in Gilead wohnen“, anerkannt
zu werden; das bedeutet, daß er als oberster Souverän herrschen wollte - im
Frieden wie im Kriege (vgl. S. 98).
Obwohl Gideon die Königswürde ablehnte, gewann er durch seinen mili­
tärischen Erfolg großes Ansehen, und er übte seine Macht sowohl im admi­
nistrativen als auch im religiösen Bereich aus (z. B. die Aufstellung des
ephod in Ofra, wodurch diese Stadt in ein Kultzentrum verwandelt wurde).
Er traf jedoch keine Vorkehrungen für einen Nachfolger, und so kam es
unter seiner zahlreichen Nachkommenschaft zu einer mörderischen Ausein­
andersetzung, nachdem er ‫ ״‬in hohem Alter“ gestorben war. Abimelech, der
94 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

Sproß aus Gideons politischer Einheirat in eine aristokratische Familie aus


Sichern, nutzte seine verwandtschaftlichen Beziehungen, um sich von seinen
Brüdern zu befreien und die Macht in dieser fremden Stadt an sich zu reißen.
Die oligarchische Führungsclique von Sichern unterstützte Abimelechs An­
spruch auf die Königswürde aus politischen und wirtschaftlichen Gründen,
aber auch, weil sie seit langem an die monarchische Tradition der Kanaanäer
gewöhnt war. Doch der Plan schlug fehl. Nachdem Abimelech mit Unter­
stützung eines Söldnerkontingents den nördlichen Teil des zentralen Berg­
landes in seine Gewalt bekommen hatte, gab er Sichern als Königsresidenz
auf und wurde für den Adel der Stadt zu einem politischen und wirtschaft­
lichen Rivalen. Aus dieser Situation erwuchsen die anschließenden Reibereien
zwischen den beiden Parteien. Unterdessen stachelte Gaal ben Ebed die Ein­
wohner Sichems zur Rebellion auf, wobei er sich die sozialen (und vielleicht
auch die rassischen) Spannungen unter den verschiedenen Volksgruppen der
Stadt zunutze machte. Anscheinend hatte sich Gaal mit dem alteingesessenen
Landadel, der sich von ‫ ״‬Hamor, dem Vater von Sichern“ herleitete (Richter
9,28), gegen die übrige kanaanäische Bevölkerung zusammengetan, vor allem
gegen die Anhänger Abimelechs, an deren Spitze Sebul, ‫ ״‬der Stadthaupt­
mann“, stand. Der Aufstand wurde von Abimelech grausam niedergeschla­
gen; er machte die Stadt dem Erdboden gleich und streute in einer symbo­
lischen Geste Salz auf die Trümmer.
Die Grabungen in Sichern haben in der Tat eindeutige Belege für die völ­
lige Zerstörung der Stadt am Ende des 12. Jahrhunderts zutage gefördert.
Darüber hinaus steht heute fest, daß das damalige Sichern eine Unterstadt
und eine Akropolis umfaßte, die auf einem Fundament aus festgestampfter
Erde errichtet worden war - offensichtlich das Bet-Millo (Richter 9,6). Hier
flankierten zwei Türme den Eingang zu einem großen Gebäudekomplex, der
zugleich Festung und Tempel war (vgl. S. 67). Das muß die biblische ‫ ״‬Burg
von Sichern“ mit dem ‫ ״‬Gewölbe des Tempels des Baal-Berit“ gewesen sein
(Richter 9,46), wo die Einwohner von Sichern nach dem Fall der Unterstadt
Zuflucht suchten. Ein ähnliches Schicksal ereilte die Stadt Tebez, die sich
ebenfalls gegen Abimelech erhoben hatte. Auch dort zogen sich die Einwoh­
ner nach der Einnahme der unteren Stadt in die ‫ ״‬starke Burg“ oder den
Festungstempel zurück, und zwar in den höchsten Teil des Gebäudes, das
‫ ״‬Dach der Burg“ (Richter 9,51). Hier wurde Abimelech durch einen Mühl­
stein getötet, der seinen Kopf traf, als er sich der Mauer näherte. Die Art
und Weise, wie er zu Tode gekommen war, diente noch Generationen später
als exemplarische Warnung vor den Gefahren eines Belagerungskrieges (vgl.
2 Samuel 11,21).
Abimelechs Regierungssystem war von dimorpher Natur, es verband die
Herrschaft über ein kanaanäisches urbanes Zentrum mit der über eine isra­
elitische Stammeseinheit. Überdies war sein Regierungsstil von dem monar­
chischen Vorbild der Kanaanäer geprägt und fand Unterstützung bei der
Die R ichterzeit 95

fremdländischen Bevölkerung, nachdem er unter seinem eigenen Volk ein


Blutbad angerichtet hatte. Kein Wunder, daß ein solches Experiment schon
nach kurzer Zeit zum Scheitern verurteilt war und daß die biblische Tradi­
tion in Abimelech weder einen König noch einen Richter, sondern lediglich
einen Despoten erblicken konnte: ‫ ״‬Als nun Abimelech drei Jahre lang über
Israel Gewalt ausgeübt hatte [waj-jäsar] . . (Richter 9,22). Seine H err­
schaft, die jedes Charismas eines Saul oder David entbehrte und ihre Legiti­
mation nicht aus der israelitischen Tradition herleiten konnte, war lediglich
ein mißglückter Ansatz zum Königtum. Die Zeit war für die Errichtung der
Monarchie in Israel noch nicht reif.

Z usam m enstöße m it den V ö lk e rn des O stjordanlandes


Die wachsende Bevölkerungszahl und Macht der israelitischen Siedler führ­
ten zu ständig zunehmenden Spannungen nicht nur mit den Völkerschaften
im Wcstjordanland, sondern auch mit den transjordanischen Nachbarn. Im
Gegensatz zu den alteingesessenen Kanaanäern waren die Israeliten im Ost­
jordanland mit Völkern konfrontiert, die ihnen ethnisch nahestanden, eben­
falls erst vor kurzer Zeit zugewandert waren und deshalb einen ähnlichen
Prozeß der Seßhaftwerdung durchmachten (vgl. S. 65). Zu offenen Aus­
einandersetzungen kam es hier mit den Moabitern und Ammonitern. Edom
lag außerhalb der israelitischen Interessensphäre, und selbst in den weiten,
dünnbesiedelten Gebieten Transjordaniens nördlich des Jabbok führte weder
die israelitische noch die aramäische Expansion zu einem ernsthaften Zu­
sammenstoß. Man hat zuweilen behauptet, daß Kuschan-Rischatajim - nach
dem Buch der Richter der erste Unterdrücker Israels, der am Ende von
Otniel ben Kenas überwunden wurde - ein König von Edom und nicht, wie
es der Bibeltext sagt, von Aram-Naharajim (in der Eufratregion) war (Rich­
ter 3,8); aber diese Behauptung ist nicht überzeugend (vgl. S. 32).
In dem blühenden Gebiet zwischen den Flüssen Jabbok und Arnon w ar
die Situation anders, denn hier streute die N atur überaus großzügig ihre
Gaben aus, und der rasche Bevölkerungszuwachs erreichte schon bald den
Sättigungsgrad. Der beschränkte Lebensraum dieser Gegend, die im Osten
von der Wüste und im Westen vom Jordan begrenzt war, war die Ursache
für eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen den israelitischen Stäm­
men und Moab und Ammon, aber auch zwischen diesen beiden Königreichen
selbst. Die geopolitischen Bedingungen in diesem Gebiet gaben also Anlaß
zu einem heftigen Streit um den beengten Raum, auf dem zwei benachbarte
Mächte nicht gleichzeitig gedeihen konnten.
Wenn man die in der Bibel verstreuten Informationen und Andeutungen
kombiniert, zeichnet sich eine zyklische Veränderung in der regionalen
Machtstruktur ab. Der Aufstieg Moabs unter König Eglon bedeutete eine
Schwächung der benachbarten israelitischen Stämme wie auch des Reiches
Ursprünge u nd Frühgeschichte (A . M alam at)

Ammon. Ammons Abhängigkeit von Moab läßt sich möglicherweise aus der
Tatsache folgern, daß es den Moabitern Hilfstruppen für deren Kampf ge­
gen Israel bereitstellen mußte (Richter 3,13). Moabs Herrschaft über die
Wüstenrandgebiete ergibt sich wohl auch daraus, daß die Amalekiter in den­
selben Krieg hineingezogen wurden. Andererseits muß der Sieg des Richters
Ehud über Moab eine Stärkung der drei Nachbarn - Israel, Ammon und
Edom - nach sich gezogen haben. Der Weg war nunmehr offen für eine
israelitische Einwanderung aus dem Westen nach Moab; dabei kam es auch
zu Heiraten zwischen Israeliten und Moabitern, wie aus dem Buch Rut und
den Geschlechtsregistern Judas und Benjamins hervorgeht (vgl. 1 Chronik
4,22 und 8,8). Die Vorherrschaft Ammons über Moab wiederum spiegelt sich
in dem Meinungsaustausch zwischen Jiftach und dem König von Ammon
(Richter 11,12 ff.). Der letztgenannte spielt in diesem Disput die Rolle eines
H errn auch über das Land Moab oder zumindest über dessen nördliche Ge­
biete, so daß er sich erlauben kann, diesbezügliche territoriale Forderungen an
Israel zu stellen.
Was Edom betrifft, so hat sich in der Liste der Edomiterkönige eine auf­
schlußreiche Notiz erhalten, die besagt, daß Edoms König H adad ben Bedad
die Midianiter ‫ ״‬auf dem Felde der Moabiter“ geschlagen habe (Genesis 36,
35). Das kann bedeuten, daß Moab allein nicht imstande war, die einfallen­
den Wüstenstämme zurückzudrängen; es könnte aber auch ein Hinweis auf
die tatsächliche Oberhoheit Edoms über Moab sein. Der erwähnte Edomiter-
könig herrschte etwa fünf Generationen vor Saul oder David, also um 1100,
kurz vor dem Auftreten Jiftachs. Man darf annehmen, daß in der Zwischen­
zeit die moabitische Souveränität eingeschränkt worden war; erst nachdem
Ammon von Jiftach und noch eindeutiger von Saul im späten 11. Jahrhun­
dert geschlagen worden war, konnte Moab seine einstige Position wieder­
erlangen. Wir besitzen zwar keinen chronologischen Beweis, der es uns er­
laubte, Moabs ehemalige Blütezeit unter König Eglon und die ihm von Ehud
beigebrachte Niederlage genau zu datieren, aber sie haben sich sicherlich im
12. Jahrhundert ereignet.
Der Aufstieg Moabs zu einer bedeutenden politischen Macht hängt mit
seiner Expansion über den Amon nach Norden, in das fruchtbare Tafelland,
die ‫ ״‬Ebene von Moab“, zusammen (die, abgesehen von ihrer Fruchtbarkeit,
auch strategisch wichtig war, weil von ihr aus die Jordanübergänge kon­
trolliert werden konnten). Dies war die Ausgangsposition, von der aus Moab
unter Eglon über das Westufer des Jordans vordrang und das Territorium
Benjamins unterwarf. Israels Befreiungskrieg wurde von Ehud ben Gera er­
öffnet, dem Abkömmling einer vornehmen benjaminitischen Familie, die
noch zur Zeit Davids wohlbekannt war (Genesis46,21 und 2 Samuel 16,5).E r
muß schon vorher eine führende Rolle in seinem Stamm gespielt haben, denn
er leitete die Delegation, die dem Moabiterkönig Tribute überbrachte, nach
der Art eines Vasallenfürsten, der vor seinem Oberherrn zu erscheinen hat.
Die R ichterzeit 97

Die volkstümliche Aura der Ehud-Erzählung zeigt sich besonders deutlich


in der detaillierten Beschreibung von Ehuds Heldenmut und von Eglons Er­
mordung, während die tatsächlichen Kriegsereignisse nur kurz umrissen wer­
den (Richter 3,12 ff.). Die vagen topographischen Angaben gestatten uns
nicht, den Hergang im einzelnen zu rekonstruieren, auch wenn uns die an­
schauliche Schilderung von Ehuds Taten einen Einblick in die von ihm ange­
wandte geschickte Taktik gewährt. Ehud verließ sich bei seinem Vorgehen
auf eine besondere körperliche Eigenart, nämlich auf seine Linkshändigkeit
oder vielmehr auf seine Übung im linkshändigen Gebrauch der Waffe, auf
den sich auch seine Stammesgenossen verstanden (Richter 20,16). Seinen
Dolch (‫ ״‬eine Elle lang“) trug er, im Gegensatz zur üblichen Praxis, festge­
gürtet auf der rechten Hüfte, so daß er ihn mit einer unerwarteten Bewegung
der linken H and ziehen und den König erstechen konnte. Als der König tot
und der Feind führerlos war, richtete sich der Aufstand gegen die moabiti-
schen Streitkräfte, die den Westen Palästinas besetzt hielten und nun von
dort vertrieben wurden. Der Gegner erlitt schwere Verluste an den Über­
gängen des Jordans, die von den Israeliten nach der bewährten Methode, die
sie in der Richterzeit mehrfach anwandten, erobert worden waren. Ehud er­
rang einen entscheidenden Sieg über die Moabiter, auf den nach den Worten
der Bibel achtzig Jahre des Friedens folgten - also ein Zeitraum, der genau
zwei Generationen umfaßt. Keine andere Rettungsaktion in der Epoche der
Richter hat eine so lange Periode der Sicherheit zur Folge gehabt.
Nach Moabs Niedergang erstarkte das Königreich Ammon zu Beginn des
11. Jahrhunderts und bedrohte erneut die israelitischen Siedlungen im Ost­
jordanland. Auch Gideons Sieg über die Midianiter und der des Edomiter-
herrschers H adad um 1100 v. Chr. trugen zu Ammons Aufstieg bei. Dieses
Reich lag am Rand der Wüste und hatte deshalb mehr als andere Gebiete
unter den Übergriffen der räuberischen Nomadenstämme zu leiden. Sobald
diese Gefahr beseitigt war, konnte es sich der wirksamen Kontrolle des Ka­
rawanenhandels zuwenden, die Ammon großen wirtschaftlichen Wohlstand
bescherte. Aufgrund seiner geographischen Lage war Ammon imstande, die
Kreuzungen der Handelswege zu überwachen, vor allem einen Teil der ‫ ״‬Kö­
nigsstraße“, jener internationalen Route, die Syrien mit dem Golf von Elat
und der arabischen Halbinsel verband.
Nachdem Ammon seine Macht gefestigt hatte, dehnte es sein winziges
Gebiet um die H auptstadt Rabbat-Ammon nach Norden und Westen aus,
bis zu der vom Jabbok umschlossenen fruchtbaren el‫־‬Buqeca‫־‬Region und
in das Gebiet von Gilead. Doch begnügte es sich nicht mit der Oberherrschaft
bis zum Jordan; seine Ambitionen erstreckten sich auch auf die Gebiete
Efraim, Benjamin und Juda. Der biblische Erzähler läßt die großangelegte
ammonitische Offensive aus dem Osten gegen die Israeliten zeitlich mit dem
wachsenden Druck zusammenfallen, den die Philister im Westen ausübten
(Richter 10,7 ff.) - was tatsächlich der historischen Situation in der ersten
9S Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

Hälfte des n . Jahrhunderts entspricht. Als dem von den Stämmen Gad und
dem Halbstamm Manasse dicht besiedelten Land Gilead Gefahr drohte, ließ
die Reaktion der Israeliten nicht lange auf sich warten. In ihrer Bedrängnis
wandten sich die Ältesten Gileads an Jiftach, der, da unebenbürtig, von
seines Vaters Erbteil vertrieben worden war. Jiftach verfügte über eine Ban­
de von Freibeutern, und mit Hilfe dieser Privatarmee errang er die Führungs­
position in der Befreiungsbewegung. In seinem Aufstieg zur Macht glich er
Gideon, Abimelech und David oder auch Reson ben Eljada von Damaskus,
die sich alle mit bewaffneten Banden umgaben. Nach langwierigen Ver­
handlungen mit den Ältesten übernahm Jiftach die Doppelrolle als .,Haupt
und Oberster“, was besagt, daß er fortan Herrscher über Gilead in Kriegs­
und Friedenszeiten war (Richter 11,5 ff.).
Die Israeliten zogen ihre Truppen in Mizpa zusammen, dem kultischen
und politischen Zentrum Gileads, das schon in der Patriarchenzeit be­
sonderen Rang besaß (Genesis 31,48). Ihnen direkt gegenüber, in der ‫ ״‬Stadt
Gilead“, hatten die Ammoniter ihr Lager aufgeschlagen. Zunächst hielt sich
Jiftach zurück und versuchte sein Glück auf dem Verhandlungswege. Ob­
wohl die Formulierungen dieser diplomatischen Verhandlungen deutlich die
Handschrift der späteren (deuteronomistischen) Redaktion verraten, bleiben
sie eine gewichtige historische Quelle, die uns über die Ansprüche der beiden
Parteien auf das umstrittene Gebiet zwischen Jabbok und Amon Auskunft
gibt. Jiftach brachte ein zweifaches Argument vor: Er verwies darauf, daß
die Israeliten die Herrschaft über dieses Gebiet dem Amoriterkönig Sihon
und nicht Ammon oder Moab abgerungen hätten und daß sie aufgrund einer
dreihundertjährigen ununterbrochenen Besiedlung ein Besitzrecht hätten
(hinsichtlich der wirklichen Zeitangaben vgl. S. 54). Die Gegenforderung
der Ammoniter stützte sich offenbar darauf, daß sie die Region schon vor
den Amoritern besessen hätten.
Nach dem Scheitern der Verhandlungen eröffnete Jiftach den Angriff auf
die Verteidigungslinie an der Westgrenze Ammons, ‫ ״‬von Aroer an bis hin
nach Minnith, zwanzig Städte und bis nach Abel-Keramim“ (Richter 11,33).
Das hier erwähnte Aroer ist nicht die bekannte Stadt am Ufer des Arnons,
sondern ein weiter nördlich gelegener Punkt: ‫ ״‬Aroer, das östlich von Rabba
[Rabbat-Ammon] liegt“ (Josua 13,25); die zwanzig Städte waren zweifellos
kleinere Grenzbefestigungen, die Rabbat-Ammon im Westen und Süden ab­
schirmten (vgl. S. 65). Die ammonitische H auptstadt blieb jedoch für Jiftach
uneinnehmbar, und sein Sieg war auch nicht von langer Dauer, denn schon
nach ungefähr zwei Generationen, kurz vor Sauls Krönung, unternahmen
die Ammoniter abermals einen Feldzug weit in den Norden und belagerten
die Stadt Jabesch-Gilead.
Die R ichterzeit 99

D er B ruderkrieg
Im Gefolge von Jiftachs Krieg mit den Ammonitern ereignete sich ein tragi­
scher Zwischenfall in der Geschichte der israelitischen Stämme - der Aus­
bruch einer grausamen und blutigen Fehde zwischen den Gileaditern und
den Efraimiten. Die tiefere Ursache scheint Efraims Bestreben gewesen zu
sein, über die israelitische Niederlassung in Gilead zu dominieren, und dabei
wurde es höchstwahrscheinlich von den vielen Efraimiten unterstützt, die
dorthin ausgewandert waren - die Gileaditer werden nämlich ‫ ״‬als Flücht­
linge aus Efraim** bezeichnet (Richter 12,4; vgl. S. 81 f.). Die Efraimiten zo­
gen zur Stadt Zafon (die im Zusammenhang von Gads Stammesgebiet genannt
wird und anscheinend identisch ist mit Teil es-SacIdije im Osten der Jor­
dansenke), vermutlich in der Absicht, Mizpa, die Residenz Jiftachs, zu er­
reichen. Sie mußten jedoch eine Niederlage hinnehmen und versuchten in­
folgedessen, in ihr angestammtes Territorium am Westufer des Jordans zu
entkommen, wurden aber hingeschlachtet, als sie heimlich den Fluß überque­
ren wollten. In diesem Zusammenhang erwähnt die Bibel ein interessantes
D etail: Die Efraimiten wurden daran erkannt, daß sie die Parole schibboleth
als sibboleth aussprachen (Richter 12,6). Dies ist ein wertvoller Hinweis auf
die sprachlichen Besonderheiten der Efraimiten und läßt vielleicht auf allge­
meine Dialektunterschiede zwischen den israelitischen Stämmen schließen.
Ein fernes Echo des blutigen Geschehens kann man vielleicht noch in Hoseas
Bemerkung vernehmen: ‫ ״‬Gilead ist eine Stadt voller Übeltäter, befleckt von
Blutschuld‫( ״‬Hosea 6,8).
Der Stammesstreit in den Tagen Jiftachs flammte auf, als sich die Efrai­
miten darüber beschwerten, daß man sie nicht zum Krieg gegen die Ammo-
niter auf gerufen habe (Richter 12,1). Einen ähnlichen Vorwurf hatten die
Efraimiten gegen Gideon erhoben, nachdem dieser die Midianiter besiegt
hatte; Gideon beschwichtigte sie, indem er sie zur Teilnahme an der Verfol­
gung des fliehenden Feindes aufforderte und ihnen damit die Möglichkeit
gab, einen beträchtlichen militärischen Erfolg zu erringen (Richter 7,24 und
vgl• Jesaja 10,26). Es gab aber auch den umgekehrten Vorgang; gegen-
5 ntige Ressentiments konnten dadurch entstehen, daß eine Stadt oder ein
Stamm sich weigerte, verwandten Gruppen in Zeiten der Gefahr beizuste­
hen. Wir haben bereits an anderer Stelle dargelegt (vgl. S. 92), wie Gideon
sich an den Einwohnern von Sukkot und Penuel rächte, weil sie seine Trup­
pen bei der Verfolgung der Midianiter nicht mit Nahrungsmitteln versorgen
wollten. Ein weiteres markantes Beispiel für versagte Hilfeleistung wird im
Zusammenhang mit Deboras Krieg gegen die Kanaanäer genannt: In ihrem
Triumphlied wirft sie den Stämmen Rüben, Gilead, Dan und Ascher und ins­
besondere der Stadt Meros vor, ‫ ״‬daß sie nicht kamen dem Herrn zu Hilfe,
zu Hilfe dem Herrn unter den Helden“ (Richter 5,23).
Die Auseinandersetzungen zwischen den Stämmen erwuchsen vor allem
100 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

aus den gespannten Beziehungen oder gar offenen Feindseligkeiten zwischen


den Siedlern zu beiden Seiten des Jordans. In keinem einzigen Freiheits­
kampf, aus welchen Gründen er auch entstanden sein mochte, schlossen sich
die Bewohner auf beiden Seiten des Jordans zusammen. Vielleicht lag in
diesem Mangel an Solidarität die Ursache für die in der Bibel ständig wieder­
holte Forderung, die zweieinhalb transjordanischen Stämme sollten bei der
Eroberung Westpalästinas die Führung übernehmen. Der Antagonismus der
beiden Volksteile spiegelt sich auch in dem Bericht Josua 22 über die Errich­
tung eines Altars durch die transjordänischen Stämme ‫ ״‬an den Grenzen des
Landes Kanaan, bei den Steinkreisen des Jordan“, was diese Stämme folgen­
dermaßen begründeten: ‫ ״‬Haben w ir’s nicht vielmehr aus Sorge darum getan,
daß wir dachten: künftig könnten eure Söhne zu unseren Söhnen sagen: ,Was
geht euch der Herr, der Gott Israels, an?*“ (Josua 22,24). Die westlichen
Stämme ließen sich jedoch nicht überzeugen, weil sie darin einen Versuch
sahen, dem Heiligtum von Schilo Konkurrenz zu machen, und drohten sogar
mit Krieg. Ihr Zorn ließ erst nach, als der Altar als eine nationale, einigende
Einrichtung und nicht als ein trennendes kultisches Symbol definiert wurde.
Die verschiedenen Streitigkeiten zwischen den Stämmen wurden haupt­
sächlich vom Stamm Efraim geschürt, der um seine Vorrangstellung fürch­
tete. Er ließ sich auf Auseinandersetzungen mit allen ihn umgebenden Stäm­
men ein, nachdem diese durch die Siege des Manassiters Gideon, des Gileadi-
ters Jiftach und des Benjaminiten Ehud an Ansehen gewonnen hatten. Ja,
Efraim war auch die treibende K raft hinter dem Angriff aller Stämme auf
Benjamin, bei dem es um die Schandtat von Gibea - die Vergewaltigung und
Ermordung eines Kebsweibes - ging; dieses Unternehmen wurde zum größten
und heftigsten Stammeskrieg der Richterzeit. Dem biblischen Bericht zufolge
war zwar das heimtückische Verbrechen auf benjaminitischem Boden der An­
laß zu diesem Bruderzwist, doch lag die eigentliche Ursache im Streit um die
Stammeshegemonie.
Das grausige Geschehen in Gibea (Richter 19-21) spiegelt eine alte histo­
rische Überlieferung (vgl. die Verweise auf die ‫ ״‬Tage von Gibea“ in Hosea
9,9; vgl. 5,8). Dies gilt, obwohl die Authentizität des Berichts wegen seiner
Tendenz und literarischen Ausschmückung vielfach bezweifelt wird. Chro­
nologisch läßt sich die Episode wohl einordnen zwischen die Zeit Jiftachs
(da von der fortdauernden Feindschaft zwischen Efraim und den Gileaditern
die Rede ist, wobei Efraim der eigentliche Anstifter der Strafaktion gegen
Jabesch-Gilead ist) und Sauls Thronbesteigung, die einige Jahrzehnte später
erfolgte. Die Gibeaerzählung wirft ein bezeichnendes Licht auf die besonders
freundschaftlichen Beziehungen zwischen Benjamin und den Einwohnern von
Jabesch-Gilead, der einzigen Gruppe in ganz Israel, die sich weigerte, gegen
Benjamin zu ziehen, und deshalb furchtbar leiden mußte (Richter 21,5 ff.).
Diese Fakten passen zu den Ereignissen am Vorabend von Sauls Regierungs­
zeit: Die bereits stark in Mitleidenschaft gezogene Stadt Jabesch-Gilead
Die R ichterzeit 101

wurde von den Ammonitern bedrängt, aber ihre Einwohner wandten sich
nicht an das nahe Efraim, sondern an das entfernte Benjamin um Beistand.
Und es war Saul aus dem Stamme Benjamin, der ihnen zu Hilfe eilte.
Die Gibea-Episode ist mit aufschlußreichen Details über die sozialen, in­
stitutionellen, militärischen und religiösen Zustände angereichert. Wir erfah­
ren zum Beispiel, daß Bet-El ein religiöses Zentrum darstellte, denn »es war
aber zu jener Zeit die Lade des Bundes Gottes dort4‫( ״‬Richter 20,27). Beson­
ders aufschlußreich ist die Beschreibung der urtümlichen israelitischen ‫ ״‬De­
mokratie“, deren wichtigste Organe die ‫ ״‬Gemeinde“ (*edah) und eine A rt
Volksversammlung waren, welche die höchste gesetzgeberische und militä­
rische Autorität verkörperten (Richter 20,1 ff.). In dieser Episode wird das
Heer auf grausige Weise zusammengerufen, nämlich durch den zerstückelten
Leichnam des Kebsweibes, von dem jedem Stamm ein Teil überbracht wurde;
das erinnert an die Methode, die Saul vor seinem Krieg gegen Ammon an­
wandte, und an andere Beispiele in primitiven Stammeskriegen im Alten
Orient. Die eigentliche Bedeutung der Gibea-Geschichte liegt jedoch darin,
daß wir es hier mit dem einzigen Fall in der Richterzeit zu tun haben, in dem
es zu einem gemeinsamen Vorgehen des gesamtisraelitischen Stämmebundes
(mit Ausnahme des bestraften Gliedes) kam, das nicht von einem Richter
oder König, sondern von den repräsentativen Bundesinstitutionen in die
Wege geleitet wurde.
6. Der Kampf gegen die Philister

D ie Invasio n der S eevölker u n d die Zerstörung der K üstenstädte


Der Überfall der Philister auf die Küste Palästinas war Bestandteil einer
größeren Angriffswelle der Seevölker im gesamten östlichen Mittelmeer­
raum, von der alle angrenzenden Länder direkt oder indirekt betroffen
wurden. Um 1200 v.C hr. brach das Hethiterreich nach jahrhundertelanger
Blütezeit zusammen; Ägypten näherte sich seinem Tiefpunkt, und längs der
syrisch-palästinischen Küste brachen viele Hafenstädte zusammen. Auf dem
griechischen Festland und auf den ägäischen Inseln war die einst blühende
mykenische Kultur bedroht und ging bald darauf unter. Tiefgreifende Ver­
änderungen vollzogen sich auf der ethnischen und politischen Landkarte des
Nahen Ostens. In Kleinasien folgte auf die ethnische Umgruppierung eine
Bevölkerungsbewegung aus dessen südlichen Teilen nach Syrien (und viel­
leicht noch weiter südwärts); und auf Zypern wie in Palästina konnten neue
Völkerschaften (die Philister waren nur eine von ihnen) vom ägäischen Raum
her Fuß fassen. In Griechenland fielen dorische Stämme ein, und eine indo­
germanische Welle erreichte Italien und die umliegenden Inseln. Dieser Stru­
del von Ereignissen läßt sich nicht auf einen einzigen historischen Faktor
zurückführen, doch es ist sicher, daß die Seevölker dabei eine führende Rolle
spielten und eine Kettenreaktion auslösten, die in drei Kontinenten ihre Spu­
ren hinterließ.
Die erste Welle brach sich im westlichen Teil des Nildeltas während des
fünften Regierungsjahrs Merneptahs (ca. 1220; vgl. S. 31). Diesem gelang
es, die Eindringlinge zurückzuschlagen, aber neue, mächtigere Wellen bra­
chen in den Tagen Ramses‫ ״‬III. über die östlichen Küsten des Mittelmeers
herein und überfluteten die Insel Zypern und Länder wie Amurru und
Dschahi in Syrien und Palästina. Der Krieg zwischen den Ägyptern und den
Eindringlingen, der zu Lande wie zu Wasser geführt wurde, erreichte seinen
Höhepunkt in Ramses* achtem Regierungsjahr, wie seine zahlreichen Reliefs
bezeugen (vgl. S. 106 f.). Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammen­
hang die ausdrückliche Erwähnung der Philister —ihr erster Beleg in außer­
biblischen Quellen (ca. 1198, 1187 oder 1162 v.C hr., entsprechend der ‫ ״‬ho­
hen“, der - vorzuziehenden —‫ ״‬mittleren“ oder der ‫ ״‬niederen“ Chronologie).
Dies mag sehr wohl der Zeitpunkt gewesen sein, zu dem sie erstmals in jenem
Land auftauchten, dem sie schließlich ihren Namen gaben: Palästina. In der
Regel stehen die Philister am Anfang der Seevölkerlisten, in Ramses’ In­
schriften - wahrscheinlich ein Hinweis auf die Bedeutung, die man ihnen bei­
D er K a m p f gegen die Philister ioj

maß. Nah verwandt mit den Philistern waren die Tjeker, die sich weiter
nördlich an der Küste Palästinas niederließen. Ein Jahrhundert nach dem
Einfall der Seevölker berichtet der ägyptische Abgesandte Wen-Amon von
einem Tjeker-Königreich bei der Hafenstadt Dor an der Karmelküste und
von den Piratenschiffen der Tjeker vor der phönizischen Küste. Höchst­
wahrscheinlich siedelten sich die Tjeker auch auf Zypern an,
Spuren der Katastrophe, die über die Ostküste des Mittelmeers herein­
brach, haben sich in vielen Hafenstädten und vereinzelt auch im Binnen­
land gefunden. Die Ausgrabungen beweisen, daß mehrere damals verwüstete
Hafenstädte nie wiederaufgebaut wurden oder zumindest ihre einstige Be­
deutung nicht wiedererlangt haben (zum Beispiel Alalach undU garit in N ord­
syrien), während andere schon nach kurzer Zeit wieder aus der Asche erstan­
den. Jaffa, Aschdod und Aschkelon an der philistäischen Küste sind nur
einige der Städte, die von den Seevölkern neu besiedelt wurden. Die Zerstö­
rung der phönizischen Hafenstädte, für die uns archäologische Belege fehlen,
ist uns aus einer späten Überlieferung bekannt, die der römische Geschichts­
schreiber Justin bewahrt hat. Er spricht von einem Sieg des Königs von
Aschkelon (vermutlich bereits unter der Oberhoheit der Seevölker) über die
Bewohner von Sidon, die nach der Zerstörung dieser Stadt ‫ ״‬die Stadt Tyrus
im Jahr vor dem Untergang Trojas gründeten“. Nach diesem Bericht lag
Tyrus damals also in Trümmern und wurde von den Sidoniern wiederaufge­
baut, eine Überlieferung, die auch in die Schriften des Josephus Eingang
gefunden hat.
Die Umwälzungen, welche die Seevölker bewirkten, werden in einem Brief­
wechsel wieder lebendig, der erst vor wenigen Jahren in den königlichen
Archiven von Ugarit entdeckt wurde und aus der Zeit kurz vor dem Unter­
gang der Stadt datiert. In einem Brief w arnt ein zypriotischer Herrscher den
letzten König von Ugarit vor einem andrängenden Feind (dessen Name nicht
genannt wird) und rät ihm, sofort Vorkehrungen gegen die bevorstehende
Invasion zu treffen. Der ugaritische König berichtet seinerseits, vielleicht in
Beantwortung dieses Schreibens, von der Landung einer Kommandoabteilung
der Seevölker: ‫ ״‬Soeben sind sieben Schiffe hier angekommen, die uns großen
Schaden zugefügt haben. Wenn weitere feindliche Schiffe auftauchen, teile
es mir bitte mit, damit ich Bescheid weiß.“ Einem anderen Brief können wir
entnehmen, daß eine feindliche Flotte ugaritische Schiffe überraschend ange­
griffen hat. In einem weiteren Schreiben meldet kein Geringerer als der
Hethiterkönig persönlich, daß der Feind - wahrscheinlich die Seevölker und
ihre Verbündeten - in sein Land eingedrungen sei, und er beschwört den
König von Ugarit, ihm schnellstens Lebensmittel zu senden, weil sein Volk
unter einer schweren Hungersnot leide. Der genaue Zeitpunkt, zu dem Uga­
rit und die anderen Küstenstädte untergegangen sind, ist freilich schwer zu
bestimmen. Es mag schon im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts gewesen
sein, gleich nach dem ersten Ansturm der Seevölker zur Zeit Merneptahs.
104 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

Doch können die Städte auch erst eine Generation später erobert worden sein,
zu jener Zeit, als das Hethiterreich endgültig zusammenbrach. Auf jeden Fall
steht inzwischen fest, daß den Masseninvasionen der Seevölker in den Tagen
Ramses’ III. wiederholte Übergriffe auf die Küste Palästinas und Syriens
voraufgingen.
Ramses III. versperrte den Seevölkern den Zugang zum ägyptischen Mut­
terland, aber er konnte ihr Vordringen in Palästina nicht verhindern. Um
die Gefahr von seinem eigenen Land abzuwehren, bemühte er sich offensicht­
lich um einen Modus vivendi mit den Seevölkern, vor allem mit den Phili­
stern, indem er ihnen gestattete, sich in Kanaan niederzulassen, und sie an­
schließend als Instrument der ägyptischen Politik benutzte. Die biblischen
Quellen lassen in der Tat den Schluß zu, daß sich die Philister in eben jenen
Gebieten ansiedelten, die früher der ägyptischen Oberhoheit unterstanden
hatten, also in der südlichen Küstenebene Palästinas und in den Ebenen von
Jesreel und Bet-Schean. Zusammen mit anderen Gruppen der Seevölker wa­
ren sie wahrscheinlich als Garnisonen in Verwaltungszentren wie Gaza im
Süden und Bet-Schean im Norden stationiert, wo sie sich bei der Niederschla­
gung lokaler Aufstände als nützlich erwiesen. Mit dem Niedergang der ägyp­
tischen Herrschaft in Palästina traten die Philister ganz selbstverständlich
das Erbe der Ägypter an, was zu den heftigen Auseinandersetzungen mit
dem Volk Israel führte.

H e r k u n ft u n d K u ltu r der P hilister

Nach den biblischen Zeugnissen, die sich zweifellos auf die philistäische
Überlieferung stützen, waren die Philister ursprünglich in Kaftor beheimatet,
wie der alte Name für Kreta oder die gesamte ägäische Region lautete (so
z. B. in Amos 9,7; vgl. auch S. 35). Wie die Werke der späthellenistischen
Schriftsteller Hinweise auf die Wanderungen der Philister und anderer mit
den Seevölkern verbundenen Völkerschaften enthalten, so finden sich auch
beim Propheten Amos etwa vier Jahrhunderte nach dem Auftreten der Phi­
lister in Palästina noch Andeutungen auf deren Ursprung. Der Prophet war
möglicherweise mit einem philistäischen Epos vertraut, das ihre Ankunft in
der neuen Heimat verherrlichte, entsprechend der von Israel gepflegten Exo­
dustradition. Jeremia noch betrachtete die Philister als ‫ ״‬den Rest derer, die
gekommen sind von der Insel K aphtor“ [Kaftor] (Jeremia 47,4), und auf
ihre Verwandtschaft mit den Kaftoritern wird auch andernorts in der Bibel
angespielt (Genesis 10,14 und Deuteronomium 2,23). Andere Bibelaussagen
stellen die Philister neben die Kreter (Ezechiel 25,16 und Zefanja 2,5); die
Verbindung mit den Kretern wird gleichfalls bestätigt durch die Beschrei­
bung des westlichen Negevs als ‫ ״‬Negev der Kereter“, der einen Teil des
Philistergebietes bildete, ebenso durch Davids Söldnertruppen, ‫ ״‬die Krethi
und Plethi“, wobei der obskure letztere Name augenscheinlich nur eine Va-
D er K a m p f gegen die Philister jo ;
riante von ‫ ״‬Philister‫ ״‬ist. Einen indirekten Beleg für den kretischen U r­
sprung der Philister enthält vielleicht auch der sogenannte Diskus von Pha-
stos, der auf K reta entdeckt wurde und aus der Mitte des zweiten Jahrtau­
sends stammt. Die Schrift ist bislang noch nicht einwandfrei entziffert, aber
ein Piktogramm, das auf dem Diskus mehrmals wiederkehrt, stellt den Kopf
eines Mannes dar, der den für die Philister typischen federgeschmückten
K opfputz trägt.
In diesem Punkt entspricht die biblische Überlieferung der ‫ ״‬ägäischen*
Hypothese, die davon ausgeht, daß die Philister und die Seevölker im allge­
meinen von den ägäischen Inseln und vom griechischen Festland ausgezogen
sind. Dieser Auffassung steht die ‫ ״‬anatolische“ Hypothese entgegen, die ihre
H eimat an die West- und Südküste Kleinasiens verlegt. Man versucht die
zweite Theorie mit der Tradition der griechischen Sage abzustützen, wo­
nach Perseus und Mopsus, die mit den Danaern (einem Seevolk) und Klein­
asien verbunden sind, in den Küstenstädten Palästinas Krieg führten - Per­
seus kämpfte mit einem Seeungeheuer vor Jaffa, und Mopsus eroberte Asch-
kelon. Doch die wichtigste Untermauerung dieser These findet sich bei späten
klassischen Historikern, die etwa Lydien als Heimatland der Philister be­
trachten und nach deren Beschreibung der Kopfschmuck der Karier dem
Federhelm der Philister gleicht. Die Widersprüche in den Auffassungen vom
Ursprung der Seevölker ließen sich vielleicht dadurch auflösen, daß man sich
auf jene klassische Überlieferung beruft, die auch von Herodot vertreten
wird, der den Ursprung selbst der Völker des westlichen Kleinasiens (etwa
der Lydier und Karier) auf Kreta zurückführt. Leider ist der historische
W ert dieser Überlieferung fragwürdig. Die scharfe geographische Trennung,
die sowohl bei der ‫ ״‬ägäischen* als auch bei der ‫ ״‬anatolischen“ Lehrmeinung
vorausgesetzt ist, scheint indes allzu starr und künstlich. Für Seefahrer vom
Schlage der Seevölker bildeten die Küsten Kleinasiens und Griechenlands
wie auch die ägäischen Inseln sicherlich eine geschlossene, organische Welt,
in der sie durch ein dichtes N etz von Beziehungen miteinander verknüpft
waren. Der Vorstoß der Seevölker und der zu ihnen gehörenden Philister
erfolgte somit sowohl von der Ägäis als auch von der kleinasiatischen Küste
aus.
Über diese geographischen Aspekte hinaus hat auch die ethnische und lin­
guistische Identität der Philister den Historikern und Philologen Rätsel auf­
gegeben. Die sehr wenigen philistäischen Wörter und Eigennamen, die sich
erhalten haben, geben nur geringe Anhaltspunkte. Der charakteristischste
Begriff seren (die Bibel verwendet übrigens nur den Plural seranim), mit dem
die Herrscher der Philisterstädte bezeichnet wurden, entspricht in Form und
Bedeutung dem griechischen tvqolvvoc;; allerdings scheint das W ort aus
einer frühen indogermanischen Sprache in das Griechische eingedrungen zu
sein. Weitere offensichtlich philistäische Wörter sind qova oder kova
(‫ ״‬H elm “) und *argaz (‫ ״‬Kasten“), bei denen man ebenfalls indogermanische
106 Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alam at)

Etymologien zugrunde legt. Zwei eindeutig philistäische Eigennamen in der


Bibel lauten Goliat und Achisch (,Ayxovg in der Septuaginta), der Name
des Herrschers von Gat. Den ersten hat man mit dem Namen des lydischen
Königs Alyattes (frühere Form Walwatta) und den zweiten mit dem H o­
merischen Helden Anchises verglichen, der illyrischer Abstammung war und
in der Ilias vorkommt. Vor kurzem sind verschiedene Namen von eindeutig
philistäischen Herrschern, die im Wen-Amon-Bericht erwähnt werden, als
typisch für die südwestanatolische oder luwische Dialektgruppe erkannt
worden (eine indogermanische Sprache mit sehr alten anatolischen Beimi­
schungen). Aus alledem geht hervor, daß die Philister, wie die anderen See­
völker auch, Indogermanen waren; doch welchem bestimmten Zweig sie
angehörten, ist bisher noch nicht geklärt. Man hat in ihnen Luwier oder
Illyrer (Stämme, die auf dem Balkan beheimatet waren, wofür angeblich die
Namen des Orts Palaiste und des Flusses Palaistinos in Illyrien sprechen)
oder gar die geheimnisvollen Pelasger vermutet (die in den Quellen als die
vorgriechischen Bewohner Griechenlands, der ägäischen Inselwelt und der
Westküste Kleinasiens bezeichnet werden). Diese beiden Auffassungen schlie­
ßen einander nicht aus, da zwischen den Pelasgern und den Illyrern tatsäch­
lich eine gewisse Affinität besteht.
Vor allem aber zeugt die materielle Kultur der Philister, deren Überreste
in Palästina ausgegraben wurden und die sich von der dort heimischen Kul­
tur wesentlich unterscheidet, von intensiven Beziehungen zu den Ländern des
östlichen Mittelmeerraums. Diese Verwandtschaft zeigt sich am ausgeprägte­
sten in der Keramik der Philister, die sich von der spätmykenischen Keramik
(bekannt als Mykenisch III C 1) her leitet, wie sie auf Zypern, Rhodos, an
der südanatolischen Küste und sogar auf dem griechischen Festland ausge­
graben worden ist. Die philistäischen Töpferwaren des 12. und der ersten
H älfte des 11. Jahrhunderts sind typisch zweifarbig (rot und schwarz) und
mit geometrischen und Tierornamenten verziert, unter denen Vogel- und
Fischmotive vorherrschen. Neben Alltagsgeschirr hat man rituelle Gefäße
und Tonfigurinen bei den Ausgrabungen in Aschdod und Geser gefunden;
diese Funde weisen spätmykenische Stileigentümlichkeiten auf. Mehrere Sie­
gel, die ägäischen Einfluß verraten, wurden in philistäischen Schichten in
Megiddo, Teil Qasile, Teil el-Farca (Scharuhen) und Aschdod entdeckt (die
Siegel von der zuletzt genannten Fundstätte tragen sogar Zeichen, die der
zyprisch-minoischen Schrift ähneln). Weitere Funde, die (obgleich auf ägyp­
tische Vorbilder zurückgehend) vielfach auf die Philister und die anderen
Seevölker verweisen, sind die anthropoiden Tonsärge von Teil el-Färca,
Lachisch und Bet-Schean. Der Kopfschmuck, der auf den Sargdeckeln dar­
gestellt ist, insbesondere bei den Funden in Bet-Schean, hat große Ähnlichkeit
mit den charakteristischen Helmen der philistäischen Soldaten, wie sie auf
ägyptischen Reliefs aus der Zeit Ramses‫ ״‬III. abgebildet sind.
Diese Reliefs im Ramses-Tempel von Medlnet H äbü bei Theben geben
Der K a m p f gegen die Philister /07

uns eine klare Vorstellung von der körperlichen Erscheinung und der Be­
waffnung der Philister und der anderen Seevölker. Sie zeigen auch ihre
Kriegsschiffe, Streitwagen und Transportkarren. In gewissen Details wei­
chen die Darstellungen der Waffen etwas von der Beschreibung Goliats in
der Bibel ab (i Samuel 17,4-7); aus der Kombination der beiden Quellen
ergibt sich der Eindruck eines hochgewachsenen Volkes, die Männer glatt
rasiert (in diesem Punkt unterscheiden sie sich von den Semiten) und bewaff­
net im vornehmsten Stil der ägäischen und homerischen Krieger. Goliat trägt
einen ‫ ״‬ehernen Helm‫ ״‬, einen Schuppenpanzer und ‫ ״‬eherne Schienen an sei­
nen Beinen“. Der biblischen Erzählung zufolge bedienten sich die schwer-
bewaffneten Krieger oft eines Schildträgers; die Angriffswaffen bestanden
aus einem Wurfspieß und einem Langschwert mit gerader Klinge. Der Bogen
gehörte zunächst nicht zur Ausrüstung, wurde aber offenbar später einge­
führt (vgl. i Samuel 31,3). Ein wichtiger Hinweis in der Goliat-Erzählung
bezieht sich auf die eiserne Spitze seines Spießes, eine Neuheit in der palästi­
nischen Kriegsausrüstung (allerdings sollte man hier statt ‫ ״‬Spieß“ vielleicht
eher ‫ ״‬Schwert“ lesen, das im weiteren Verlauf der Darstellung auftaucht,
aber in der Beschreibung von Goliats Bewaffnung fehlt). Die Eisenherstel­
lung muß in der Tat als eine besondere technische Fertigkeit der Philister
betrachtet werden, eine Errungenschaft, die ihren militärischen Erfolg ver­
bürgte (vgl. S. 110). Eiserne Gegenstände aus dem 12. und 11. Jahrhundert
sind an den Fundorten entdeckt worden, mit denen die Philister direkt oder
indirekt in Berührung gekommen sind, zum Beispiel in Teil Qasile, Teil
Dschemme, Teil el‫־‬Färca, Teil cEtun, Teil el‫־‬Fül und Megiddo.
Die materielle Kultur der Philister war von Anfang an eklektisch. Da die
Philister im Verlauf ihrer Wanderungen und später als Siedler in Kanaan
verschiedene Einflüsse aufnahmen, neigten sie dazu, sich mit ihrer Kultur
rasch der jeweiligen Umwelt so weit anzupassen, daß diese ihren eigenstän­
digen Charakter vollständig verlor. So nahm die Qualität der oben beschrie­
benen Philisterkeramik immer mehr ab, bis diese Keramik in der zweiten
H älfte des 11. Jahrhunderts völlig verschwand. Der Assimilationsprozeß
war noch ausgeprägter im nichtmateriellen Bereich, etwa in der Übernahme
der kanaanäischen Sprache und in der Anpassung an die kanaanäische Re­
ligion. Das Pantheon der Philister, wie es in der Bibel erscheint, ist eindeutig
kanaanäisch; es umfaßt Götter wie Dagon, zu dessen Ehre Heiligtümer in
Gaza, Aschdod und Bet-Schean errichtet wurden (Richter 16,23; 1 Samuel
5,1-7 und i Chronik 10,10), oder Baal-Zebub (korrekter als Baal-Zebul zu
lesen), dessen Kult in Ekron gepflegt wurde (2 Könige 1,2 ff.). Diese beiden
Gottheiten waren schon vorher verehrt worden, vor allem in der Hafenstadt
Ugarit, wo sich interessanterweise offenbar viele Kaufleute aus Aschdod
niederließen. Vor kurzem hat man jedoch in Aschdod (die Figurine einer
weiblichen Gottheit) und in Teil Qasile (ein vollständiges Heiligtum) Über­
reste entdeckt, die auf einen eigenen philistäischen Kult hindeuten.
jo8 Ursprünge un d Frühgeschichte (A . M alam at)

D ie H egem onie der Philister in Palästina u n d die Kriege m it den


Israeliten
Kulturell haben sich die Philister zwar bereitwillig an die eingesessene Be­
völkerung des Landes angepaßt, aber in politischer und militärischer H in­
sicht erlangten sie als Erben der schwindenden ägyptischen Macht während
der zweiten H älfte des 12. Jahrhunderts in Palästina die Vorherrschaft -
eine Position, die sie erst zur Zeit Davids einbüßten. Die philistäische Sied­
lungstätigkeit konzentrierte sich, zunächst noch unter der Ägide Ägyptens,
auf die fruchtbare Küstenebene im Süden des Landes. Das Gebiet, in der
Bibel als ‫ ״‬alle Gebiete der Philister“ bezeichnet, erstreckte sich ‫ ״‬vom Schihor
an, der vor Ägypten fließt, bis zum Gebiet Ekrons nach N orden“ (Josua
13,2 f.). Die Philister gründeten hier fünf große Städte, drei an oder nahe der
Küste (Gaza, Aschkelon und Aschdod) und zwei (Gat und Ekron) weiter
östlich in der Küstenebene. Die ersten drei blieben relativ lange ägyptische
Zentren, wie aus ihrer Erwähnung in einer ägyptischen Urkunde (‫ ״‬Onoma-
stikon von Amenope“) aus dem späten 12. Jahrhundert her vorgeht. In Asch­
dod wurde darüber hinaus auf einem Pfosten des Stadttores eine ägyptische
Inschrift aus der Neunzehnten oder Zwanzigsten Dynastie entdeckt. Gat
(vielleicht Teil es-Säfi) und Ekron (wahrscheinlich Chirbet el-Muqannac)
wurden hingegen offensichtlich erst später von den Philistern auf den Trüm­
mern der kanaanäischen Siedlungen erbaut. Der Bibel zufolge waren die
Philister nicht in einem Nationalstaat mit einem einzigen Herrscher an der
Spitze zusammengeschlossen (vgl. S. 43); sie bildeten vielmehr eine Konfö­
deration von Stadtstaaten, die sich um ein zentrales Heiligtum gruppierten.
In seiner Blütezeit umfaßte dieser Bund alle fünf Städte - die philistäische
Pentapolis (Josua 13,2, Richter 3,3 und 1 Samuel 6,4, 16-18) geleitet von
den fünf lokalen Seranim, in deren Händen die höchste politische, militäri­
sche und religiöse Macht lag. In schwierigen Zeiten kamen sie zusammen und
handelten gemeinsam aufgrund von Mehrheitsbeschlüssen (vgl. 1 Samuel
5,8-11 und 29,1-7). Die Konföderation der fünf Städte scheint sich freilich
erst in einem späteren Stadium herausgebildet zu haben, vielleicht kurz vor
der Schlacht von Afek um die Mitte des 11. Jahrhunderts. Es ist gewiß auch
kein Zufall, daß im Simson-Bericht, der eine frühere historische Phase wider­
spiegelt, nur Gaza und Aschkelon erwähnt werden, obwohl die drei anderen
Städte dem Schauplatz der Heldentaten Simsons näher lagen. Am meisten
überrascht das völlige Fehlen von Ekron in der Umgebung von Timna; der
Grund dafür ist sicherlich in dem Umstand zu suchen, daß Ekron erst später
in die Konföderation aufgenommen wurde. Umgekehrt stellen wir fest, daß
die Berichte über die Schlacht von Afek und die anschließende Erbeutung
der Bundeslade die Namen Aschdod, Gat und Ekron erwähnen; Timna hin­
gegen fehlt hier, obwohl es am Weg von Ekron nach Bet-Schemesch lag, auf
dem die Bundeslade den Israeliten zurückgebracht wurde.
D er K a m p f gegen die Philister /09

Des weiteren darf man annehmen, daß der philistäische Bund keine sta­
tische Organisation war. Im Lauf der Zeit verlagerte sich sein Schwerpunkt
von einer Stadt zur anderen, zumindest was die Konfrontation mit Israel
betrifft. Anfangs bildete anscheinend Gaza den Mittelpunkt, das diese Funk­
tion der dort befindlichen ägyptischen Verwaltung Kanaans verdankte (vgl.
S. 18). Das kann man aus der Simson-Erzählung schließen, in der es heißt,
daß dieser Richter schließlich dorthin gebracht wurde und daß sich die An­
führer der Philister im dortigen Tempel versammelten (Richter 16,23). Dann
verschob sich das Zentrum nach Aschdod, das im Krieg von Afek die H aupt­
rolle spielte; jetzt war es der Dagon-Tempel in Aschdod, in den die heilige
Lade der Israeliten als Trophäe überführt wurde. Erst später ging die Macht
auf G at und Ekron über (1 Samuel 5,1 ff.). Gegen Ende des 11. Jahrhunderts
nahm offenbar G at die Vorrangstellung ein, was sich aus der Tatsache ergibt,
daß es zur Zeit Sauls und Davids die wichtigste Stadt der Philister darstellte.
Von der Küstenregion schwärmten die Philister und die anderen Seevölker,
die ins Land eingedrungen waren, ostwärts, ein Vorgang, der durch die Be­
völkerungszunahme und den Zustrom neuer Einwanderer beschleunigt wur­
de. Die verschiedenen Richtungen dieser Bewegung sind aus den archäologi­
schen Funden abzulesen, besonders aus der Verbreitung recht zahlreicher
Philisterkeramik, die, wie gesagt, aus dem späten 12. und dem frühen 11.
Jahrhundert stammt. An zwei bedeutenden Orten an den Verbindungslinien
zwischen der Küstenebene und dem Bergland - in Geser und Bet-Schemesch -
ist eine Fülle philistäischer Keramik ausgegraben worden. Unterschiedliche
Mengen konnten auch am N ordrand des Negev, in Teil esch-Scherfa und
Tel Masos im Westen beziehungsweise Osten von Beerscheba, zutage geför­
dert werden, gleichfalls längs der Via Maris bei Afek (Rosch ha‫־‬cAyin),
Megiddo und Affula. Erstaunlicherweise hat man unlängst philistäische Töp­
ferwaren sogar im Norden in Dan ausgegraben, doch diese weite Verbreitung
ist wohl eher dem Handel als einer tatsächlichen Besiedlung zuzuschreiben. Ein
weiterer überraschender Fund von Philisterkeramik wurde vor kurzem auf
Teil Der Alla (wahrscheinlich das alte Sukkot) in Transjordanien gemacht,
was darauf schließen läßt, daß der Einfluß der Seevölker selbst bis in diese
entlegene Gegend reichte. In einer etwas älteren Grabungsschicht haben sich
dort Tontäfelchen erhalten, deren Inschriften allerdings noch nicht über­
zeugend entziffert werden konnten; sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit
der minoischen Linearschrift, was wiederum auf eine ägäische Quelle hin­
deuten würde. Auch hier sind die Seevölker sicherlich im Gefolge der Ägyp­
ter nachgerückt (vgl. S. 32 f.).
Das Vordringen der Philister in das Innere der gebirgigen Landesteile und
die Festigung ihrer Herrschaft über einen großen Teil der israelitischen Be­
völkerung sind hauptsächlich durch Aussagen der Bibel, aber auch durch ar­
chäologische Funde belegt. Philistäische Töpferwaren sind in Teil Bet Mirsim
und nordöstlich davon in den Gräbern von Teil eEtun, in Bet-Zur in den
i io Ursprünge und Frühgeschichte (A . M alamat)

judäischen Bergen und in Bet-El und Mizpa im zentralen Gebirge aufge­


taucht. Es ist sogar möglich, daß die Festung von Teil el-Fül (Gibea im Lande
Benjamin), die aus der zweiten Hälfte des n . Jahrhunderts stammt, eben­
falls von den Philistern errichtet wurde. Die Bibel spricht von philistäischen
Statthaltern in Gibeat-Elohim, das vermutlich mit diesem Gibea identisch
war (i Samuel 10,5), in Geba (1 Samuel 13,3) und in Betlehem in den ju­
däischen Bergen (der Text in 2 Samuel 23,14 spricht von einer Garnison der
Philister, während die Parallelstelle in 1 Chronik 11,16 lautet: ‫ ״‬der Militär­
gouverneur der Philister saß damals in Betlehem‫) ״‬.
Die Philister erlangten die Oberherrschaft über die Kanaanäer und Is­
raeliten dank ihrer technischen und militärischen Überlegenheit, die ihrerseits
auf einer perfekten Ausrüstung und einem gut ausgebildeten Berufsheer ba­
sierte, das von einer militärischen Elite geführt wurde. Die Organisations­
form der Streitkräfte im Philisterkrieg zur Zeit Sauls wird durch zwei Be­
griffe gekennzeichnet: maschhit und massah (1 Samuel 13,17 und 23). Mit
dem ersten sind die beweglichen Expeditionskommandos gemeint, die von
den philistäischen Basen aus Streifzüge unternahmen, und der zweite be­
zeichnet kleine Garnisonen, die in strategisch günstig gelegenen Städten im
Landesinnern stationiert waren. In dieser Zweiteilung und in anderen mili­
tärischen Belangen nahmen sich die Philister das System der ägyptischen
Besatzungstruppen in Kanaan zum Vorbild, wie beispielsweise aus den El-
Amarna-Dokumenten erhellt. Wie bei den Ägyptern wurde das Philisterheer
von Streitwagen unterstützt (1 Samuel 13,5), die im Zusammenspiel mit den
Bogenschützen vorgingen. Dies ergibt sich aus einer Kombination von 1 Sa­
muel 31,3 und 2 Samuel 1,6, wo es heißt, daß Saul auf dem Gebirge Gilboa
hart bedrängt wurde - im ersten Fall durch Bogenschützen und im zweiten
durch Streitwagen. Der maschhit der Philister teilte sich zuweilen in drei Ge­
fechtsformationen (1 Samuel 13,17), ganz im Stil der Strafexpedition Se-
thos’ I. in die Ebene von Bet-Schean (vgl. S. 27). Mit Hilfe dieser Einheiten
konnten die Philister jeden israelitischen Aufstand im Keim ersticken, Ab­
gaben erzwingen und, was die Lage der Israeliten noch verschlimmerte, das
Monopol der Metallverarbeitung aufrechterhalten. Auf solche Weise erreich­
ten sie ein doppeltes Ziel: die Wiederbewaffnung der Israeliten zu verhindern
und die Entwicklung ihrer ‫ ״‬Industrie“ zu hintertreiben (1 Samuel 13,19-22).
Hinweise auf die komplizierten Beziehungen zwischen den Philistern und
den Israeliten während der Richterzeit sind in der Simson-Erzählung ent­
halten. Trotz ihres legendenhaften und anekdotischen Beiwerks gibt die Er­
zählung die Schwankungen in diesem Verhältnis getreulich wieder, von der
Entwicklung gutnachbarlicher Beziehungen und sogar gelegentlichen eheli­
chen Verbindungen bis zu den Auseinandersetzungen, die sich in blutigen
Kämpfen entluden. Obgleich Simson ein Repräsentant des Stammes Dan ist,
befaßt sich der Bericht im Grunde mit dem Druck der Philister auf Juda,
das bereits teilweise in ihre Hände gefallen war (Richter 15,11). Der ent­
Der K a m p f gegen die Philister III

scheidende Augenblick in der Auseinandersetzung zwischen Israeliten und


Philistern kam in der Mitte des 11. Jahrhunderts, mit der Schlacht von Eben-
Eser und Afek, in der die Stämme des ‫ ״‬Hauses Josef“, die bis dahin ihre
Unabhängigkeit im zentralen Bergland bewahren konnten, eine schwere Nie­
derlage erlitten (i Samuel 4). Welches Ziel die Philister in diesem Feldzug
verfolgten, ergibt sich daraus, daß sie ihre Truppen bei Afek (Tel Rosch ha-
cAyin) am westlichen Zugang zum Gebirge Efraim zusammenzogen. Die
Israeliten, die ihnen gegenüber in Eben-Eser (in der Nähe von Migdal-Zedek)
Stellung bezogen, versuchten dem Feind den Weg in das Kerngebiet des
Berglandes abzuschneiden, doch sie wurden geschlagen und ihr Zentrum in
Schilo zerstört. Diese Zerstörung wird im biblischen Bericht nicht ausdrück­
lich erwähnt, wird aber durch die Grabungen an dieser Stätte und an ande­
ren wichtigen, damals verwüsteten Orten bestätigt. Die Zerstörung
von Schilo und die totale Niederlage der Israeliten kehren als bittere Erinne­
rung in späteren Teilen der Bibel wieder (Jeremia 7,12-14 und 26,9; Psalm
78,60; vgl. auch die poetische Passage in Deuteronomium 32,21 ff., die mög­
licherweise gleichfalls auf diese Ereignisse anspielt).
Die Niederlage erscheint noch einschneidender, wenn man sich die frühere
Bedeutung Schilos vor Augen hält. Die Stadt war das wichtigste (wenn auch
nicht das einzige) nationale und religiöse Zentrum, wo sich das Heiligtum
mit der Bundeslade befand. Hier stand das Haus des Priesters Eli, und hier
kamen die Israeliten an Festtagen und zu Versammlungen zusammen (Rich­
ter 21,19 und 1 Samuel 1,3 ff.). Elis Söhne Hofni und Pinhas kamen in der
Schlacht ums Leben, und wenig später starb auch ihr Vater. (Elis priesterliche
Abkunft ist nicht zur Gänze bekannt, aber seine Nachkommen übten ihr
heiliges Amt bis zur Zeit Salomos aus.) Israels Leid vergrößerte sich noch,
als die Philister sich der Bundeslade bemächtigten, die man eilends auf das
Schlachtfeld getragen hatte. Jener Akt symbolisierte die Unterwerfung des
gesamten israelitischen Stämmebundes. Von nun an herrschten die Philister
uneingeschränkt, zumindest über die Israeliten im Mittelteil des Landes.
Doch in dieser schweren Zeit nahte die Rettung in Gestalt des Propheten
und Richters Samuel, der das Volk Israel befreien und ihm neuen Mut ma­
chen sollte. Die Niederlage, die Israels Existenz auszulöschen drohte, führte
einen grundlegenden Wandel im Leben des Volkes herbei und verlieh dem
Wort ‫ ״‬Der Ruhm Israels vergeht nicht“ (1 Samuel 15,29; neuen Sinn. Im
Kampf auf Leben und Tod gegen die philistäischen Unterdrücker erwachten
die in ihm schlummernden Kräfte, und im letzten Viertel des 11. Jahrhun­
derts konstituierte sich die israelitische Nation als Monarchie.
Z w e ite r Teil

Die Zeit des Ersten Tempels,


die babylonische Gefangenschaft
und die Restauration

V o n H a y im T a d m o r
7• Das vereinte Königreich

D er Seher Sam uel


In den finsteren Zeitraum von der Zerstörung Schilos bis zum Beginn von
Sauls Krieg gegen die Philister fällt die Amtszeit Samuels, des ‫ ״‬Sehers‫( ״‬ca.
1050 v. Chr.). Die biblischen Bücher, die seinen Namen tragen, enthalten nur
eine bruchstückhafte Darstellung seiner Tätigkeit, und aus den vorhandenen
Quellen läßt sich schwerlich ein geschlossenes Bild von dieser religiösen und
politischen Führergestalt gewinnen. Er war ein Richter (auch seine Söhne
amtierten als Richter in Beerscheba [vgl. 1 Samuel 8,2]), der als charismati­
scher Volksführer bis zum Anbruch der Monarchie eine wichtige Rolle spielte.
Sein Betätigungsfeld war das Land Benjamin und Efraim, das damals von
den Philistern sehr unterdrückt wurde. Doch außerdem ging er bei einem
Priester am Heiligtum zu Schilo in die Lehre und brachte in den überregio­
nalen Heiligtümern Opfer dar. Sowohl in der Mischna als auch in einem
Fragment der Schriftrollen vom Toten Meer wird er als »Nasiräer“ und
‫ ״‬Seher“ bezeichnet, der durch Orakel die Zukunft vorherzusagen vermochte.
Doch seine Beziehung zum institutionellen Prophetentum erscheint nicht sehr
klar, obwohl er in 1 Samuel 19,20 als ‫ ״‬an der Spitze“ einer ‫ ״‬Schar von Pro­
pheten“ stehend genannt wird, die eine bedeutende religiöse und soziale
Macht verkörperte. Diese Prophetengilde förderte die nationale Erweckungs­
bewegung, die schließlich die Einsetzung des Königtums und die Befreiung
vom philistäischen Joch herbeiführte. Ein anderer wichtiger Faktor ist der
Umstand, daß Samuels Amt auf seine Söhne überging. Er setzte sie ‫ ״‬als Rich­
ter über Israel ein . . . zu Beerscheba“ (1 Samuel 8,1-2). Ihr Führungsanspruch
beruhte allein darauf, daß sie die Söhne des allgemein anerkannten Volks­
führers waren. Diese Tatsache als solche ist sehr bedeutsam im Zusammen­
hang mit dem Verlangen des Volkes nach einer kontinuierlichen, erblichen
politischen Führung, also dem Königtum.
Der letzte Abschnitt von Samuels Laufbahn ist in den Quellen etwas de­
taillierter belegt, i Samuel 9-10 schreibt ihm die Wahl und Krönung Sauls,
des ersten Königs, zu, obgleich er persönlich der Institution der Monarchie
ablehnend gegenüberstand. N ur sehr widerstrebend fügte er sich dem Willen
des Volkes: ‫ ״‬Setze nun einen König über uns, der uns richte, wie ihn alle Hei­
den haben“ (1 Samuel 8,5). Die Bibel berichtet ausdrücklich, daß Samuel den
neuen Monarchen Saul zunächst unterstützte, dann aber mit ihm in Streit
geriet und sich aus dem aktiven politischen Leben zurückzog, während er
gleichzeitig die aufstrebende Führergestalt David förderte. Die historische
ii6 Zeit des Ersten Tempels un d babylonische Gefangenschaft (H . T adm or)

Glaubwürdigkeit dieses Berichts ist vielfach angezweifelt worden, zumal da


die Bücher Samuel, die in einem Saul-feindlichen und David-freundlichen
Geist abgefaßt wurden, in ihrer Darstellung Samuels den Versuch machen,
den letzten Führer der Richterzeit unter Ausschluß von Sauls Geschlecht mit
dem Begründer der permanenten königlichen Dynastie unmittelbar in Ver­
bindung zu setzen.

K ö n ig Saul
Es ist schwer, den historischen Wert der widersprüchlichen Überlieferungen,
die sich auf Sauls Thronbesteigung beziehen, richtig einzuschätzen. Saul
scheint sich nach dem Muster der Führerpersönlichkeiten der Richterzeit als
Feldherr einen Namen gemacht zu haben, als er der transjordanischen Stadt
Jabesch-Gilead zu Hilfe eilte, deren Bewohner seinem Stamm, den Benjami-
nitern, verwandtschaftlich nahestanden (vgl. Richter 21,8 ff.). Nachdem er
dort die Ammoniter geschlagen hatte, wurde er in Gilgal unweit des Jordans
zum König gekrönt (1 Samuel 11,15).
Nach diesem Sieg wandte er sich folgerichtig gegen Israels Hauptfeind,
die Philister, und sein Kampf gegen sie bestimmte den letzten Teil seiner
Regierungszeit. Der langwährende Streit begann mit Sauls Sieg über eine
philistäische Garnison zwischen Geba und Michmas (1 Samuel 14,5), wo er
die in der Epoche der Richter übliche Taktik anwandte: ein Scheinmanöver,
auf das ein Überraschungsangriff folgte. Mit diesem Sieg brachen im gesam­
ten Bergland von Benjamin und Efraim die Feindseligkeiten offen aus. Die
Auseinandersetzung wird in epischer Breite als ein ‫ ״‬Ein-Tage-Kriega geschil­
dert, eine literarische Formel, die der Bibelerzähler gern bei der Beschreibung
von Feldzügen benutzt, die für die jeweilige Region entscheidend waren, so
zum Beispiel auch bei Josuas Schlacht bei Gibeon. Der Abschluß dieses ersten
Feldzuges und auch der nachfolgenden wird mit äußerster Knappheit berich­
tet: ‫ ״‬Aber Saul ließ von den Philistern ab und zog hinauf, und die Philister
zogen in ihr Land. Als Saul die Königsherrschaft über Israel erlangt hatte,
kämpfte er gegen alle seine Feinde ringsumher: gegen die Moabiter, die Am­
moniter, die Edomiter, gegen die Könige Zobas und gegen die Philister. Und
wo er sich hinwandte, da gewann er den Sieg“ (1 Samuel 14,46-47). Über
seine anderen Kriege erfahren wir nichts, außer über den gegen Amalek
(1 Samuel 15,1-9), der freilich nur angeführt wird, um darzutun, daß Saul
seine Krone einbüßte, weil er Samuels Anweisungen nicht befolgt hatte. Doch
letzten Endes gelang es Saul aufgrund seiner Machtposition in seiner Ge­
burtsstadt Gibea (das heutige Teil el-Fül, etwa 5 Kilometer nördlich von
Jerusalem), die meisten israelitischen Stämme zu einigen. In sozialer und
politischer Hinsicht war Sauls Regierungszeit eine Übergangsepoche. Das
Stammes- und Patriarchensystem wurde durch neue Entwicklungen ver­
drängt, die allerdings erst in den Tagen Davids und Salomos voll zur Geltung
Das vereinte K önigreich 117

kamen. Was seine Persönlichkeit angeht, so war Saul ein tapferer Soldat, der
sich (im Gegensatz zu den Kanaanäerkönigen) nichts aus höfischem Gepränge
machte, und vor allem eine charismatische Führerpersönlichkeit (i Samuel
10,10; i i , 6 ) . Diese Eigenschaften lassen den Schluß zu, daß der erste König
in der israelitischen Gesellschaft der Richterzeit verwurzelt und von deren
Vorstellungswelt und Lebensstil geprägt war. In der Tat spricht vieles dafür,
Saul als den letzten ‫ ״‬Richter“ und zugleich als den ersten König zu be­
trachten.
Im militärischen Bereich führte Saul wichtige Neuerungen ein. Angesichts
seiner großen Aufgaben wollte er sich nicht mehr mit bunt zusammengewür­
felten Kriegerhaufen begnügen, die im Ernstfall dem Ruf ihres Anführers
Folge leisteten, aber nach Beendigung des Krieges sofort wieder zu ihren
Stämmen und auf ihre Landsitze zurückkehrten. Ein stehendes Heer wurde
notwendig: ‫ ״‬Und wo Saul einen starken und rüstigen Mann sah, den nahm
er in seinen Dienst“ (i Samuel 14,52). Obwohl dieses Heer in Einheiten von
hundert und tausend Mann gegliedert wurde (1 Samuel 22,7), beruhte seine
Organisationsform weiterhin auf der traditionellen Stammes- und Territo­
rialstruktur. So dienten beispielsweise alle Söhne Isais (Davids Vater) in
derselben Einheit (1 Samuel 17,18).
Die größte Veränderung, die sich unter Saul vollzog, betrifft das gesell­
schaftliche Gefüge. Eine neue Schicht, die dem König besonders verbunden
war, stieg auf, und sie setzte sich natürlich aus Mitgliedern seiner Familie
und seines Stammes zusammen. Saul belehnte sie mit Grundbesitz (vgl. 1 Sa­
muel 22,7); dabei handelte es sich offensichtlich um Ländereien, die vorher
den Philistern gehört hatten oder den gibeonitischen Städten abgenommen
worden waren. Diese Städte hatten bis dahin ihre Autonomie bewahren
können (vgl. Erster Teil), die jedoch jetzt von Saul rücksichtslos zerschlagen
wurde (vgl. 2 Samuel 21,1-5). Daß ein Herrscher die ihm Nahestehenden
mit Landbesitz belohnte, w ar in Israel neu, aber in den Staaten des Alten
Orients durchaus üblich. Eine Parallele findet sich in den akkadischen U r­
kunden aus den königlichen Archiven von Ugarit, die aus dem 14. und 13.
Jahrhundert v.C hr. stammen. Diese Dokumente bestätigen das ‫ ״‬Königs­
recht“, wie es 1 Samuel 8,11 ff. umschrieben ist, als das Recht des Monar­
chen, Männer für sein Heer zu rekrutieren und landwirtschaftliche Produkte
mit dem Zehnten zu belegen. Er durfte auch die Hofbeamten (‫ ״‬königliche
Diener“) von allen derartigen Pflichten entbinden. (Der Fachausdruck für
dieses Recht lautet in den akkadischen Dokumenten aus Ugarit zukku, ‫ ״‬rei­
nigen“, was soviel wie ausnehmen oder befreien bedeutet [vgl. 1 Samuel
17*25])•
In Israel stießen diese Veränderungen auf erheblichen Widerstand. Der
Bibelerzähler formuliert den Widerstand in der scharfen Kritik an der Ge­
waltherrschaft, die er Samuel selbst in den Mund legt (1 Samuel 8,10). Der
Ankündigung, ‫ ״‬das wird des Königs Recht sein, der über euch herrschen
j!8 Z eit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

w ird“, folgt eine ausführliche Aufzählung königlicher Verhaltensweisen, in


denen das Königsrecht sich äußert. Die Verdammungsrede betont immer wie­
der, daß gewaltsame und willkürliche Konfiskationen, die Ausbeutung des
Individuums und die Beschlagnahme seines Eigentums durch den Herrscher
die Hauptkennzeichen der Monarchie seien. Die Übersicht schließt mit der
ominösen Bemerkung: ‫ ״‬Wenn ihr dann schreien werdet zu derZeit über euren
König, den ihr euch erwählt habt, so wird euch der H err zu derselben Zeit
nicht erhören“ (i Samuel 8,18). Mit anderen Worten: sobald die Monarchie
einmal eingeführt ist, gibt es kein Entkommen mehr aus der Tyrannei. Dieser
Ausbeutung durch den König stellt der Erzähler in Samuels Rede die Be­
scheidenheit und Güte des traditionellen ‫ ״‬Richters“ gegenüber: ‫ ״‬Ich aber bin
alt und grau geworden. . . Ich bin vor euch hergegangen von meiner Jugend
an bis auf diesen Tag. Hier stehe ich. Nun tretet gegen mich auf . . . Wessen
Rind oder Esel hab ich genommen, wem hab ich Gewalt oder Unrecht getan?
Aus wessen H and hab ich ein Geschenk angenommen, um mir damit die
Augen blenden zu lassen?“ (i Samuel 12,2-3).
Der letzte Abschnitt von Sauls Regierungszeit stand tatsächlich unter dem
Zeichen des Konflikts zwischen einem zunehmend tyrannischen König und
der traditionellen Führungsschicht, die bis dahin an der Macht war. In der
biblischen Erzählung erscheint dieser Gegensatz als Antagonismus zwischen
Saul und Samuel. Möglicherweise gehörte auch die von Saul angeordnete
Ermordung der Priester von Nob (1 Samuel 22,16-18) mit zu der Auseinan­
dersetzung zwischen diesen beiden sozialen Elementen. David, Sauls jugend­
licher Rivale, nutzte den Konflikt geschickt aus und zog daraus den größten
Gewinn.
Viele Episoden im ersten Buch Samuel schildern Davids Aufstieg an Sauls
Hof. Obwohl der Herausgeber dieses Buches Saul nicht wohlgesonnen war
und David nachträglich zu glorifizieren trachtete, erscheint Saul gegen Ende
seines Lebens als eine zerrissene und tragische Persönlichkeit. Möglicherweise
war es dieser innere Machtkampf in der jungen Monarchie Israels, der die
Philister zu der Annahme verführte, die Zeit sei reif, mit Saul und seinem
Königtum endgültig abzurechnen. Sauls letztes Gefecht bei Gilboa wird in
den Quellen ausführlich geschildert. Anscheinend wandten die Philister hier
eine völlig neue Strategie an. Sie richteten ihren Angriff auf die schwächsten
Stellen in Sauls Königreich, nämlich auf die übriggebliebenen kanaanäischen
Städte in der Jesreelebene und der Ebene von Bet-Schean, die offenbar noch
immer halb autonom waren. Vielleicht hatten sie die Absicht, sein Reich in
zwei Hälften zu teilen oder wollten Saul zwingen, von den Bergen in die
Ebene hinabzusteigen, wo sie die Überlegenheit ihrer Streitwagen ausspielen
konnten. Saul blieb keine andere Wahl, als sich in den Ausläufern des Gilboa-
Gebirges zum Kampf zu stellen (1 Samuel 28,4 und 29,1 ff.). Seine Armee
wurde geschlagen, und er starb mit seinen Söhnen den Heldentod. Die Phili­
ster besetzten Bet-Schean, und obgleich von einem Vordringen ihrerseits ins
Das vereinte Königreich ii9

Bergland nichts berichtet wird, darf man davon ausgehen, daß sie ihre H err­
schaft über das gesamte Territorium von Sauls ehemaligem Königreich aus­
dehnten. Das Ergebnis der Niederlage war die Spaltung des Königreiches.
Während die Gebiete jenseits des Jordans und in den Bergen Sauls Sohn
Eschbaal (oder Isch-Boschet) und seinem mächtigen General Abner treu
blieben, wurde im Süden David als König von Juda eingesetzt.

Die Regierungszeit Davids (1004-965)


Die davidische Ära ist von allen Epochen der biblischen Geschichte am um­
fassendsten und ausführlichsten belegt. Wie in den großen Königreichen des
Alten Orients üblich, waren auch an Davids H of Schreiber angestellt, deren
Aufgabe es war, die vielfältigen Bedürfnisse des wachsenden Staatswesens
zu registrieren. Sowohl die Volkszählung (vgl. 2 Samuel 24) als auch die Be­
steuerung der Ländereien setzten schriftliche Aufzeichnungen voraus und
führten zur Aufstellung von geographischen Listen, in denen Stammes- und
Sippengrenzen sowie detaillierte Genealogien festgehalten wurden. Dieses
wertvolle historische Material ist in den ersten neun Kapiteln des 1. Buchs
der Chronik und in Josua 15-16 enthalten. Doch die Hauptquelle für die
davidische Zeit bildet der Bericht über David selbst, in dem seine Herkunft,
sein Kampf mit Saul um den Thron (1 Samuel 18-26), seine Regierungstätig­
keit und schließlich der Nachfolgestreit zwischen seinen Söhnen (2 Samuel
10-20) beschrieben wird. Diese Erzählung ist ein einzigartiges Dokument in
der historischen Literatur des Alten Orients. Da sie realistisch und mit selte­
nem schriftstellerischem Talent abgefaßt ist, gewährt sie dem Leser einen
guten Einblick in die sozialen Zustände am königlichen Hof. Ihre Einzigar­
tigkeit liegt darin, daß der Verfasser bei der Darstellung seines Helden stets
moralische Maßstäbe anlegt. So wird es beispielsweise dem erhabenen H err­
scher als ein schwerwiegendes Vergehen angerechnet, daß er den Hethiter
Urija in den Tod schickte, um dessen Frau heiraten zu können. Folgerichtig
wird sein persönliches Mißgeschick innerhalb seiner Familie - Amnons Er­
mordung und Abschaloms Aufstand - als göttliche Strafe für diese U ntat
aufgefaßt: »Nun, so soll von deinem Hause das Schwert nimmermehr lassen‫״‬
(2 Samuel 12,10). Die Anwendung solcher Kriterien auf den ‫ ״‬Gesalbten des
H errn‫ ״‬, den Dynastie-Gründer, bezeugt ein Maß an literarischer Freiheit,
das nirgendwo sonst im Alten Orient zu finden ist. In der geschichtlichen
Darstellung von König Davids Epoche offenbart sich somit ein Neuerungs­
streben, das dem revolutionären und fortschrittlichen Geist seiner Regie­
rungszeit entspricht.
120 Zeit des Ersten Tempels u nd babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

Davids Aufstieg
Aufgrund des Quellenmaterials lassen sich in Davids Aufstieg vier Phasen
unterscheiden. Die erste umfaßt die Zeit vom A uftritt Davids, des Sohnes
Isais aus Betlehem, am H o f von König Saul bis zu seiner Vermählung mit
dessen Tochter Michal. Diese Phase wird in zwei Versionen bzw. zwei ver­
schiedenen Überlieferungen geschildert. Die erste (i Samuel 16,14 ff•) bericht-
tet von ‫ ״‬einem Mann, der des Saitenspiels kundig ist‫ ״‬und von seinen H er­
den weg an den königlichen H of geholt wird, um König Saul auf der H arfe
vorzuspielen, wenn dieser von einem ‫ ״‬bösen Geist“ heimgesucht wird. Saul
‫ ״‬gewann ihn sehr lieb, und er wurde sein W affenträger“ (1 Samuel 16,21).
Nach der anderen Version (1 Samuel 17) lernte Saul David erst kennen,
nachdem der Jüngling den Riesen Goliat im Tal von Socho erschlagen hatte.
Beiden Überlieferung gemeinsam ist die Tatsache, daß David mit der Zeit
ein erfolgreicher und überaus beliebter militärischer Befehlshaber wurde.
In der zweiten Phase entkommt David dem eifersüchtigen Saul, der ihn zu
töten versucht, und flieht im Grenzgebiet des Stammes Juda von einem Ver­
steck zum anderen. Er wird Anführer einer Gruppe von Verfolgten und Aus­
gestoßenen, die in der bestehenden Gesellschaftsordnung keinen Platz finden
können - ‫ ״‬allerlei Männer, die in N ot und Schulden und verbitterten H er­
zens waren; und er wurde ihr Oberster“ (1 Samuel 22,2). Seine Gefolgschaft
bestand anfangs aus 400 Männern und wuchs auf 600 an. Den Kern bildeten
die dreißig Krieger, deren Namen und H erkunft in 2 Samuel 23 und 1 Chro­
nik 11 verzeichnet sind. Die meisten stammten aus Juda und Benjamin und
nur einige wenige aus den benachbarten Völkerschaften. Im wesentlichen
glich diese Truppe den ‫ ״‬losen, verwegenen M ännern“ (Richter 9,4 und 11,3),
jenen besitzlosen Randgruppen der Gesellschaft, die bereits im Zusammen­
hang mit Abimelech und Jiftach in Erscheinung getreten waren. Diese Grup­
pen stellten natürlich eine Bedrohung der etablierten Stammesgesellschaft
dar. Vor allem deswegen fanden David und seine Anhänger nicht einmal in
ihren eigenen Stämmen Unterstützung. Die südlichen Stämme, hauptsächlich
Schafhirten, hielten Saul die Treue, der sie in der Vergangenheit vor den
Amalekitern beschützt hatte. David mußte deshalb in die Wüste ausweichen,
wo er jedoch auch keine Zuflucht fand. Nach einiger Zeit kollaborierte er
sogar mit den Philistern, den traditionellen Feinden Israels, und wurde ein
Proteg£ des Königs von Gat, Achisch, von dem er die Stadt Ziklag in der
Nähe von Lachisch am südwestlichen Zugang zu Juda erhielt. In dieser, der
dritten Phase geriet David zwischen Hammer und Amboß: Auf der einen
Seite mußte er den Philistern seine Loyalität beweisen, also als Feind Israels
auftreten, und auf der anderen erstrebte er Beziehungen zu den Ältesten der
Stämme im südlichen Juda, zu den Kalebitern, den Jerachmeelitern und den
Kenitern in Hebron. Um ihre Gunst zu erringen, fiel er nach Sauls Vorbild
über ihre Erzfeinde, die Amalekiter, her.
Das vereinte Königreich 121

In der schweren Krise, die auf Sauls Niederlage und Tod in Gilboa folgte,
lockerten sich die Bindungen zwischen Juda und den Stämmen im Norden,
und dadurch bot sich David die Möglichkeit, innerhalb der Grenzen von
Juda Fuß zu fassen. M it seiner Familie und seiner gesamten Anhängerschaft
zog er nach Hebron, ‫ ״‬und sie wohnten in den Städten von Hebr on2) ‫ ״‬Sa­
muel 2,2-3). Die Ältesten von Juda, die sich vor vollendete Tatsachen gestellt
sahen, arrangierten sich mit David und erhoben ihn zum König von Juda.
Das geschah indes nicht so sehr aus Angst als vielmehr in der Hoffnung,
daß seine schlagkräftige Armee sie vor ihren Feinden beschützen möge.
Durch diesen Vorgang wurde in gewisser Weise eine Lage wiederhergestellt,
wie sie in der Richterzeit bestanden hatte, als Juda von den übrigen Stämmen
getrennt war,
Davids Krönung in Hebron markiert die vierte Phase in seinem Aufstieg
zur Macht. Nach 2 Samuel 2,11 und 5,5 herrschte David in Hebron sieben
Jahre und sechs Monate lang über Juda; die Dauer seines Aufenthalts und
die Reihenfolge der Ereignisse lassen sich jedoch nicht genau fixieren. Seine
Regierungszeit in Hebron stand im Zeichen heftiger Auseinandersetzungen
zwischen den Truppen Abners, der die von den nördlichen Stämmen als le­
gitim anerkannte Dynastie Sauls repräsentierte, und denen Joabs, der Davids
Heer befehligte. Sauls Sohn Eschbaal wurde, soweit sich das feststellen läßt,
bereits zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung getötet (vgl. 2 Samuel 2,10),
doch es verging einige Zeit, bis die nördlichen Stämme David als König von
Israel anerkannten. In dieser Übergangsphase, in der Eschbaal noch am Le­
ben war, verhandelte Abner, der Regent der Saul-Dynastie, heimlich mit
David; er schloß einen Pakt mit ihm und sagte ihm die Unterstützung ganz
Israels zu. Als Preis dafür verlangte er, daß er an Stelle von Joab Davids
Oberbefehlshaber werde. Die Rolle des Oberbefehlshabers als des starken
Mannes am Hofe erhellt aus dem Bericht über Abners Ermordnung (2 Sa­
muel 3,27-39). Joab, der Abner in einer Blutfehde tötete, erhielt nur einen
Verweis. David konnte nicht mehr tun, als Abners Tod zu beklagen und
festzustellen, Joab und dessen Bruder seien ‫ ״‬härter als ich* und die Bestra­
fung müsse der göttlichen Gerechtigkeit überlassen bleiben (ibid. 39).
Der Tod von Eschbaal und Abner bedeutete das Ende der Dynastie Sauls.
Jetzt kamen die Ältesten Israels nach Hebron und boten David das König­
tum an (2 Samuel 5,1-3), offensichtlich weil ihnen klargeworden war, daß
nunmehr er als einziger imstande war, das Volk im Krieg gegen die Philister
zu führen. Die Wahl erfolgte in Form eines Bundes zwischen David und den
Ältesten, der ‫ ״‬vor dem H errn“ besiegelt wurde, das heißt im lokalen Heilig­
tum zu Hebron. Dieser Bund sollte später in kritischen Augenblicken von
Davids Regierung den Gang der Ereignisse bestimmen. Bis zum Ende seiner
Herrschaft blieb David König von Juda und Israel, also von zwei Gemein­
wesen, die sowohl institutionell als auch in den Augen der Bevölkerung von­
einander getrennt waren.
122 Zeit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

David als König von Israel


Als David im Jahre 1004 König von ganz Israel wurde, verfolgte er dieselben
Ziele wie Saul: Befreiung des Landes vom Philister-Joch und Vereinigung
unter seiner Herrschaft. Die Quellen lassen weder für die Reihenfolge von
Davids Kriegen gegen die Philister noch für die einzelnen Stadien der Ver­
einigung eindeutige Schlüsse zu. Die historischen Chroniken (die wichtigsten
sind 2 Samuel 8 und 10) berichten nur summarisch über seine Feldzüge ge­
gen die benachbarten Völker von Moab, Ammon, Edom und Aram und über
seine Raubzüge ins Land der Philister. Letztere müssen bereits begonnen ha­
ben, als er noch in Hebron weilte, und nach der Eroberung von Jebus (Jeru­
salem) nahmen sie an Heftigkeit zu. Die Hauptgefechte fanden offensicht­
lich in der Umgebung von Betlehem und Jerusalem statt (2 Samuel 5,17-24).
In einer Reihe von Schlachten, in denen er mehr als einmal sein Leben aufs
Spiel setzte (vgl. 2 Samuel 21,15-17), gelang es David, die Philister aus dem
Gebirge zu vertreiben und bis an dessen Ausläufer zurückzudrängen. Es ist
anzunehmen, daß die fünf Philisterstädte am Ende dieser Feldzüge einen
Vertrag mit David schlossen und wahrscheinlich sogar seine Oberhoheit an­
erkannten. Jedenfalls haben die Philister seit den Tagen Davids bis zum
Tode Usijas nie wieder Juda angegriffen oder seine Grenzen verletzt. Die
jahrhundertelange Feindschaft mit den Philistern war zu Ende. Wir finden
sogar kretische und philistäische Einheiten (die als Kereter und Peleter bzw.
‫ ״‬Krether und Plether“ bezeichnet werden) in Davids Diensten, desgleichen
einen militärischen Befehlshaber namens Ittai von Gat, der mit seiner Gatiter-
Truppe seit Davids Aufenthalt in Gat dem König diente (2 Samuel 15,18)
und ihm auch während Abschaloms Aufstand die Treue hielt.
Nach dem Sieg über die Philister scheint David die verbleibenden kanaa-
näischen Enklaven wie Megiddo, Taanach und Bet-Schean annektiert zu
haben. In der Bibel werden solche Annexionen nicht ausdrücklich erwähnt,
mit Ausnahme lediglich von Jerusalem, dessen Besetzung die Möglichkeit für
engere Bindungen zwischen Juda, Benjamin und den nördlichen Stämmen
schuf. Als ‫ ״‬neutrale“ Zone, die keinem Stamm gehörte und kraft Eroberungs­
recht in das persönliche Eigentum des Königs überging, war Jerusalem als
seine H auptstadt geradezu prädestiniert. Indem er es dazu machte, unter­
strich David seinen alle Stämme überspannenden Status als König von Juda
wie von Israel. Dank ihrer topographischen Lage war die Stadt eine natür­
liche Festung, sie erhöhte die Sicherheit des Königs und festigte seine Posi­
tion. David zog in Jerusalem nicht nur seine Minister und Krieger zusam­
men, sondern ließ auch das Symbol der Stammeseinheit, die Bundeslade,
dorthin bringen, zusammen mit der Priesterfamilie der Söhne Abjatars, der
Abkömmlinge Elis, der Priester in Schilo gewesen war (1 Samuel 14,3; 22,
9 und 20). Auf diese Weise verwandelte David seine neue Hauptstadt zu­
gleich in ein religiöses Zentrum.
Das vereinte Königreich **3

Nachdem die geographische Einheit Israels vollendet war, wandte David


seine Aufmerksamkeit ehrgeizigen Expansionsplänen zu, die durch die inter­
nationale Lage sehr begünstigt wurden. Die großen Reiche, die das Schicksal
des westlichen Asien am Vorabend der israelitischen Eroberung bestimmt
hatten, befanden sich jetzt in einer Periode des Verfalls. Ägyptens Größe war
vergangen, das hethitische Königreich bereits vor zwei Jahrhunderten zer­
stört worden, Assyrien hatte seinen Aufstieg zur Großmacht noch nicht be­
gonnen. Nach Israels Sieg über die Philister waren die aramäischen Staaten
in Syrien, angeführt von Aram-Zoba, seine Hauptrivalen. Die Auseinander­
setzung mit ihnen sollte die Stellung von Davids Königreich in den damali­
gen internationalen Machtverhältnissen klären, obwohl es nicht David war,
der den unvermeidlichen Krieg eröffnete. Dieser ergab sich vielmehr aus
einem Streit zwischen Israel und seinen östlichen Nachbarn jenseits des Jor­
dans, den Ammonitern (vgl. Erster Teil zu den frühen Beziehungen zwischen
den Stämmen Israels und Ammon), die Aram-Bet-Rehob, Aram-Zoba und
den König von Maacha um Hilfe anriefen (2 Samuel 10,6). In dem erbitter­
ten Ringen, das daraus erwuchs, kam es zu drei entscheidenden Treffen. Die
erste Schlacht in der Nähe von Rabbat-Ammon wurde an zwei Fronten aus­
getragen: Die königliche Leibwache kämpfte gegen die Ammoniter, während
die ‫ ״‬jungeMannschaft in Israel“ sich denAramäern entgegenstellte (2 Samuel
10,9 ff.). Die zweite Schlacht, bei der ein aramäischer Staatenbund beider­
seits des Eufrats der Gegner war, fand bei Helam in Baschan statt. Im dritten
Fall griff David Hadad-Eser, den König von Zoba, an, als dieser sich offen­
bar im Krieg mit den Assyrern befand (2 Samuel 8,3-6). Er schlug H adad-
Eser, eroberte Damaskus und dehnte sein Reich bis zum Eufrat aus.
Mit der Eroberung von Moab und Edom breitete sich das Königreich
Israel über den geopolitischen Rahmen Kanaans und dessen nächsten Nach­
barn aus, um Einfluß auf die internationale Handelspolitik zu gewinnen;
der König kontrollierte nunmehr die gesamte wichtige Handelsroute von
Edom nach Damaskus, die unter dem Namen ‫ ״‬Königsstraße“ bekannt ist.
Im Norden grenzte Davids Reich an den neohethischen Staat Hamat, der
von Aram-Zoba unterdrückt worden war. Toi, der König von Hamat, er­
kannte Davids Oberhoheit an und übersandte ihm Geschenke (2 Samuel
8,9-10). Im Nordwesten reichte Davids Einfluß bis zu den phönizischen
Hafenstädten Tyrus und Sidon, mit denen er ein enges Bündnis schloß, das
sich unter Salomo noch mehr festigte. Durch dieses Bündnis, das den Inter­
essen beider Staaten diente, erÖffneten sich für Davids Königreich neue w irt­
schaftliche Horizonte. Nun konnte Israel ö l und Getreide nach Tyrus lie­
fern und erhielt dafür Zedernholz, Kupfer und allerlei Luxusgüter für den
königlichen Hof.
In diesem aufblühenden Reich vollzogen sich tiefgreifende soziale und
administrative Veränderungen. Der H of war zum Verwaltungsmittelpunkt
geworden und hatte eine neue Schicht entstehen lassen, die Hofbeamten, die
!24 Z eit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

den neuen Titel ‫ ״‬königliche Diener“ erhielten. Beim Aufbau dieser neuen
Verwaltung folgte David dem bewährten Vorbild der alten kanaanäischen
Städte und verschiedener Nachbarländer. Ja, man nimmt allgemein an, daß
mehrere hohe Beamte Davids, etwa der Hofschreiber Schawscha (oder Sche-
wa) und Adoram, der Aufseher der Frondienste, keine gebürtigen Israeliten
waren, wie sich aus ihren Namen und der Art ihrer Ämter ergibt.
Ein Verzeichnis von Davids führenden Hofbeamten findet sich in 2 Sa­
muel 8,16-18 (vgl. auch i Chronik 18,15-17) und in 2 Samuel 20,23-26.
An der Spitze beider Listen steht der Oberbefehlshaber Joab, der das Kom­
mando ‫ ״‬über das H eer“, beziehungsweise ‫ ״‬über das ganze Heer Israels“
führte. Ein anderes hohes militärisches Amt bekleidete der Befehlshaber der
Kereter und Peleter, also der königlichen Leibwache. Die Listen verzeich­
nen mehrere Ämter, die man heute dem diplomatischen Dienst und der Zi­
vilverwaltung zuordnen würde und die es bis dahin, soweit sich feststellen
läßt, in Israel nicht gegeben hatte. Wie gesagt, deuten die Namen der Amts­
inhaber und die Definition ihrer Aufgaben darauf hin, daß diese Ämter nach
dem Muster der staatlichen Verwaltungen und der Königshöfe in der Region
geschaffen worden waren. Da gibt es zum Beispiel einen Mazkir (‫ ״‬Schrift­
führer“), höchstwahrscheinlich ein Herold, der die königlichen Erlasse ver­
kündete, oder einen Sofer (‫ ״‬Schreiber“), der vor allem für die Korrespondenz
mit den benachbarten Herrschern zuständig war und deshalb mit fremden
Sprachen und mit dem zeitgenössischen diplomatischen Protokoll vertraut
sein mußte. Diese Ämter wurden zu einem wesentlichen Bestandteil der kö­
niglichen Hofhaltung. Selbst nach der Spaltung des Königreiches behielt
Juda Davids Verwaltungssystem bei; die Posten des Herolds und des Schrei­
bers blieben bis zur Zerstörung des Tempels bestehen. Als Sanherib in der
Regierungszeit Hiskijas in Juda einfiel, gehören die Inhaber dieser beiden
Ämter zu der dreiköpfigen Delegation, die von einem ‫ ״‬Hofmeister“ geleitet
wird (2 Könige 18,18), dessen Amt anscheinend erst nach David eingeführt
wurde (vgl. i Könige 4,6) und dem des ‫ ״‬Hausmeiers“ oder ‫ ״‬Palastaufsehers“
an den Höfen der assyrischen Könige entspricht. Ein weiterer wichtiger
Amtsträger, der allerdings erst nach Abschaloms Aufstand erscheint, war
Adoram (oder Adoniram), dem die Frondienste (hebräisch ha-mas) unter­
standen und dessen Stellung unter Salomo zunehmend an Bedeutung gewann.
Zwei andere Minister, die in den Verzeichnissen im 2. Buch Samuel nicht
Vorkommen, werden in den erzählenden Partien erwähnt: ‫ ״‬Davids R at­
geber“ Ahitofel (2 Samuel 15,12) und ‫ ״‬der Freund Davids“, der Arkiter
Huschai (2 Samuel 15,37). Einiges über deren Obliegenheiten erfahren wir
aus der Geschichte von Abschalom, in der davon die Rede ist, daß der rebel­
lische Prinz ihren R at in Fragen der allgemeinen Politik und der militäri­
schen Taktik einholte (2 Samuel 16,15 ff.). Höchst aufschlußreich für die
Wirtschaftsgeschichte und die wirtschaftliche Lage des Königreichs ist die
Liste der Minister, die ‫ ״‬über die Vorräte des Königs“ wachten (1 Chronik
Das vereinte Königreich **5

27,25-31). Diese Liste wurde zwar von späteren Historiographen zusammen­


gestellt, scheint aber authentisch zu sein. Sie verzeichnet die für die verschie­
denen Wirtschaftszweige Verantwortlichen: für die königlichen Vorratshäu­
ser auf dem Lande, in Städten, Dörfern und Festungen; die Feldarbeiter
und Ackerbauern; die Weinberge; die Erzeugnisse der Weinberge und die
Weinkeller; die ölbäum e und die Maulbeerbäume in der Ebene und die Ö l­
vorräte; das Weidevieh in der Scharonebene und das Vieh in den Tälern;
die Kamele (die ‫ ״‬Obil, dem Ismaeliter“ unterstehen); die Esel und die Schafe.
Diese Aufzählung, die in der gesamten biblischen Zeit einzig dasteht, umfaßt
die verschiedensten Bereiche eines extensiven agrarischen Gemeinwesens. Sie
ist aber auch ein Zeugnis für das beträchtliche Anwachsen des königlichen
Eigentums, das dem Herrscher ein hohes Maß an Unabhängigkeit verschaffte.
Ein weiteres Phänomen, das für die neue Dynastie von großer Bedeutung
war, ist die Lehre vom Bund zwischen dem Gott Israels und dem davidischen
Königshaus nach dem Vorbild des Sinai-Bundes zwischen Israel und seinem
Gott. Die neue Ideologie hat ihren Niederschlag in den Hofpsalmen gefun­
den: ‫ ״‬Ich habe einen Bund geschlossen mit meinem Auserwählten, ich habe
David, meinem Knechte, geschworen: Ich will deinem Geschlecht festen
Grund geben auf ewig und deinen Thron bauen für und für“ (Psalm 89,3-4;
vgl. auch Psalm 132,10-14). Die Schlußfolgerung aus dieser Hofideologie
lautete, daß der König einen sakralen Status und das Recht zur Ausübung
kultischer Funktionen besaß. Eine klare Formulierung dieser Auffassung fin­
det sich im 110. Psalm, der augenscheinlich von einem H of dichter an den
König gerichtet ist: »Der H err hat geschworen, und es wird ihn nicht ge­
reuen: ,Du bist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchisedeks.‘“ Dadurch
wird eine Verbindung hergestellt zwischen dem König von Israel, dessen
H auptstadt Jerusalem ist, und Melchisedek, der in diesem Psalm den Prie­
ster-König von Jerusalem in der vorisraelitischen Überlieferung repräsen­
tiert (vgl. Genesis 14,18). Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß Davids
Söhne als Priester ihres Amtes walteten (2 Samuel 8,18). Der Chronist, der
dies für einen Irrweg hielt, ersetzte das Wort ‫ ״‬Priester“ durch ‫ ״‬die Ersten
an der Seite des Königs“ (1 Chronik 18,17). Dieser Hinweis und die Tatsache,
daß in den Listen der königlichen Minister auch die Priester Abjatar (aus
dem Geschlecht Elis) und Zadok Vorkommen, die nach 1 Chronik 16,39 vor­
her ‫ ״‬auf der Höhe bei Gibeon“ Dienst getan hatten, lassen den Schluß zu,
daß die Priesterschaft ganz und gar der Krone untergeordnet war.

Abschaloms Aufstand
Trotz Davids politischen und militärischen Erfolgen und der Verwaltungs­
reform, die er vollzogen hatte, war das neue Regime nicht geeignet, schnell
und tief im Leben des Volkes Wurzeln zu schlagen. Das neue Verwaltungs­
system und die raschen politischen und sozialen Veränderungen innerhalb
i 26 Zeit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft ( H. Tadm or)

kurzer Zeit wirkten sich insbesondere auf die überkommenen Institutionen


des Volkes aus. Der Aufstieg eines neuen Standes von ‫ ״‬königlichen Ministern
und Dienern“ zerstörte zwar nicht die Macht und das Ansehen der Ältesten
und der patriarchalischen Stammesinstitutionen aus der Zeit vor dem König­
tum, schwächte sie aber erheblich. In bestimmten Teilen des Volkes, vor al­
lem bei den Stämmen des Nordreichs, wuchs die Unzufriedenheit mit dem
Regime, die ganz spontan in Abschaloms Aufstand zum Ausbruch kam.
Die Geschichte dieses Aufstands, die fast gleichzeitig mit den geschilderten
Ereignissen niedergeschrieben wurde, ist ein bemerkenswertes Dokument. Es
gewährt uns einen tiefen Einblick in das soziale Gefüge des alten Israel, in­
dem es die Kluft zwischen den alten Institutionen aus der Richterzeit und
den vom König neugeschaffenen Institutionen sichtbar macht. Abschalom
wurde von zwei Gruppen unterstützt, von den ‫ ״‬Ältesten Israels“ und von
den ‫ ״‬Männern von Israel“. Diese beiden Begriffe stellen keine Synonyme
dar, denn die Quellen unterscheiden sehr sorgfältig zwischen ihnen, ebenso
zwischen ihnen und den ‫ ״‬Dienern Davids“. Die Wendung ‫ ״‬die Männer von
Israel“ ist keine bloße rhetorische Figur, sondern ein Terminus technicus für
die Volksmiliz, die bei einem nationalen Notstand zu den Waffen gerufen
wurde. Er wurde offenbar absichtlich verwendet, um den Willen des Volkes
auszudrücken, der sich auch in der erstaunlichen Tatsache bekundet, daß
David praktisch allein dastand, sobald sich die Nachricht von Abschaloms
Aufstand verbreitete. N ur einige wenige enge Mitarbeiter, seine Minister
und seine Söldner - die Kereter und Peleter, die per definitionem eine aus­
ländische Truppe waren - standen zu ihm. Es ist nicht einmal sicher, ob
Davids berühmte ‫ ״‬dreißig starke Männer“ dem König die Treue hielten.
Für den frühen Erfolg des Aufstandes und für Abschaloms Fähigkeit, die
Ältesten und die Volksmiliz auf seine Seite zu ziehen, gibt es vor allem zwei
Gründe. Erstens hatte er versprochen, die alten Regierungsformen wieder­
herzustellen. Der neue Verwaltungsapparat, durch den David sie ersetzt
hatte, bildete in den Augen des Volkes eine Schranke zwischen ihm und dem
König, von dem es Gerechtigkeit erwartete. Abschaloms Versprechungen wa­
ren deswegen ein ideales taktisches Manöver, um die Unterstützung des Vol­
kes zu gewinnen; wir wissen nicht, ob der Prinz, der väterlicher- und müt­
terlicherseits aus einem königlichen Geschlecht stammte (2 Samuel 3,3) und
wohl kaum mit den Vorstellungen des Volkes sympathisierte, darin mehr
sah als eben ein taktisches Manöver. Als Abschalom in Jerusalem einmar­
schierte und den Thron bestieg, versäumte er nicht, die Ältesten Israels als
königliche Berater selbst in Fragen der Kriegsführung heranzuziehen (vgl.
2 Samuel 17,4) - eine Abmachung, der in keinem Fall eine lange Lebens­
dauer beschieden gewesen wäre und die tatsächlich schon mit dem Ende des
Aufstandes hinfällig wurde.
Die zweite Voraussetzung für Abschaloms Erfolg war der Fortbestand
des Deleph (‫ ״‬Tausendschaft“ oder ‫ ״‬erweiterte Familie“), der grundlegenden
Das vereinte Königreich **7

militärischen Organisationsform aus der Zeit vor dem Königtum. Wenn die
Männer nach Maßgabe ihrer Sippe oder ihres Stammes eingezogen wurden,
sammelten sie sich ‫ ״‬zu Tausenden“. Trotz all seiner Neuerungen auf militä­
rischem Gebiet hatte David dieses Rekrutierungssystem beibehalten, wodurch
die Ältesten weiterhin ihren Einfluß im Heer und im Volk geltend machen
konnten. Die Familienoberhäupter oder Ältesten, die sich entschlossen, Ab-
schalom zu unterstützen, konnten demnach ‫ ״‬die Männer von Israel“ mühe­
los dazu bewegen, diesem Beispiel zu folgen. Als David die Nachricht erhielt:
‫ ״‬Jedermanns Herz in Israel hat sich Absalom [Abschalom] zugewandt“
(2 Samuel 15,13), war ihm klar, daß mehr oder weniger das ganze Land ge­
gen ihn war, und er ergriff die einzige Chance, die ihm noch blieb - die
Flucht. Selbst als es David gelang, eine Streitmacht (hauptsächlich aus dem
Ostjordanland) gegen die Rebellen aufzubieten, handelte es sich, wie in der
Bibel ausdrücklich festgestellt wird, um ‫ ״‬die Männer Davids“, die ‫ ״‬das Heer
Israels“ besiegten (2 Samuel 18,7).

Veränderungen am Ende von Davids Regierungszeit


Aus Abschaloms Aufstand zog David den Schluß, daß er künftig stärker auf
die überkommenen Machtstrukturen der Stämme Rücksicht nehmen müsse,
eine Entscheidung, die das Schicksal des vereinten Königreiches nachhaltig
beeinflußte. Er entschloß sich, das Ziel der Stammesgleichheit aufzugeben,
an dem er sich bislang orientiert hatte und aus den ‫ ״‬Männern von Juda“,
also dem sozialen und militärischen Rückhalt seines eigenen Stammes, eine
loyale ‫ ״‬Hausmacht“ aufzubauen. Dieser Entschluß fand seinen Niederschlag
darin, daß ‫ ״‬die Männer von Juda“ - nicht ‫ ״‬die Männer von Israel“ - David
und seinen Hofstaat über den Jordan geleiteten (2 Samuel 19,41-43), sowie
in der Ablösung Joabs durch Amasa, Abschaloms ehemaligen Oberbefehls­
haber, der die Miliz Judas repräsentierte. Diese Bevorzugung Judas, die es
früher nicht gegeben hatte, bildete den Hintergrund für einen neuen Auf­
stand der ‫ ״‬Männer von Israel“ - damit ist‫ ״‬diesmal nur die Armee der nörd­
lichen Stämme gemeint - , die sich von David lossagten, obwohl sie sich auf
die Kunde von Abschaloms Tod hin bereit erklärt hatten, ‫ ״‬den König zu­
rückzuholen in sein H aus“ (2 Samuel 19,12). Der Anführer dieser Erhebung
war Scheba ben Bichri aus dem Stamme Benjamin.
Die Rebellen forderten eine getrennte Union der Nordstämme (vielleicht
unter der Herrschaft eines Königs aus dem Hause Sauls [vgl. 2 Samuel 16,
1-8]), wie sich aus einer Äußerung ergibt, die ihrem Anführer zugeschrieben
wird: ‫ ״‬Wir haben kein Teil an David noch Erbe am Sohn Isais [Jesses]. Ein
jeder gehe in sein Zelt, Israel!“ (2 Samuel 20,1). Die Nachwirkungen von
Abschaloms Aufstand bildeten wohl die ersten Anzeichen für den Bruch
zwischen den beiden Landesteilen, die sich nach dem Untergang des vereinten
Königreiches voneinander trennen sollten. David muß gespürt haben, daß
iiS Z e it des Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H . T a d m or)

die Forderungen der Nordstämme eine solche Spaltung herbeiführen könn­


ten; deshalb erfüllte ihn Schebas Aufstand mit solcher Sorge, die er Abischai
gegenüber äußert: ‫ ״‬N un wird uns Scheba, der Sohn Bichris, mehr Schaden
tun als Absalom [Abschalom]“ (2 Samuel 20,6).
Schebas Aufstand wurde schon im Anfangsstadium niedergeschlagen, al­
lerdings nicht von den ‫ ״‬Männern von Judaa, die Amasa zusammenzumfen
versuchte. David entsandte die ‫ ״‬Leibwache“, sein Berufsheer, gegen Scheba,
und Amasa, der die ihm vom König gesetzte Aufgabe nicht erfüllt hatte,
wurde von Joab erschlagen. Scheba, der nach Abel-Bet-Maacha in Ober-
galiläa geflohen war, wurde von den Einwohnern der Stadt hingerichtet,
und der innere Friede w ar wiederhergestellt. David kehrte nach Jerusalem
zurück und errichtete seinen Hofstaat aufs neue, doch überlebte er diesen
Triumph nicht lange.
Die Glut des Widerstands war nicht ganz erloschen, wie ein Vorfall am
Ende von Davids Leben zeigt, als sein Sohn Adonija versuchte, die Unter­
stützung des Volkes zu gewinnen und eine eigene Partei zu gründen. Um den
Fortbestand der Dynastie zu sichern und ihrem Verfall nach seinem Tode
vorzubeugen, erhob er noch zu seinen Lebzeiten Salomo, den Sohn seiner
Lieblingsfrau Batseba, auf den Thron. Damit überging er mehrere ältere
Sohne. Adonija, der Älteste nach dem Tode Abschaloms, fand Unterstützung
bei den altgedienten Ministern, darunter Joab und Abjatar; doch Salomo
vermochte sich durchzusetzen, und mit Hilfe von Benaja ben Jojada, dem
Befehlshaber der Leibwache, brachte er seine sämtlichen Widersacher um
und wurde der unumstrittene König von Israel und Juda.

Salom os R egiernngszeit (96 5 -9 2 8 )


Wie David ist auch Salomo von dem biblischen Geschichtsschreiber umfassend
und ausführlich dargestellt worden, allerdings entsprechend den gewandelten
Verhältnissen in einer ganz anderen Weise. Die Perspektive hatte sich geän­
dert, und der biographische Bericht über eine herausragende Persönlichkeit
wird nunmehr ersetzt durch eine Chronik - ‫ ״‬das Buch von den Taten Salo­
mos“ - mit völlig anderer Auffassung von den geschichtsbildenden Kräften
(1 Könige 11,41). In seiner Beschreibung der Salomonischen Ära führt der
Erzähler die politische Ruhe und den wirtschaftlichen Wohlstand unter die­
sem König auf dessen göttliche Weisheit zurück. Salomo gehörte offensicht­
lich dem Kreis der Weisheitslehrer an, deren Ideologie ihren treffendsten
Ausdruck im Buch der Sprüche gefunden hat, das traditionsgemäß dem Mon­
archen zugeschrieben wird, welcher ‫ ״‬weiser war als alle Menschen“. Sein
Reichtum, sein hervorragender politischer Spürsinn und sein juristisches Ge­
nie gelten als Ausfluß der ‫ ״‬Weisheit, die ihm Gott ins Herz gegeben hatte“,
als er den Thron bestieg. Darüber hinaus wird Salomo nicht nur als ein weiser
König, sondern als der Vater der Weisheit in Israel dargestellt: ‫ ״‬. . . daß die
Karte 4: Das vereinte Königreich
/ jo Z eit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft ( H . T adm or)

Weisheit Salomos größer war als die Weisheit von allen, die im Osten woh­
nen, und als die Weisheit der Ägypter. Und er war weiser als alle Menschen,
auch weiser als Ethan [Etan], der Esrachiter, Heman, Kalkol und Darda,
die Söhne Mahols, und war berühmt unter allen Völkern ringsum. Und er
dichtete dreitausend Sprüche und tausendundfünf L ieder. . . Und aus allen
Völkern kam man, zu hören die Weisheit Salomos.. .a (i Könige 4,30—34).
Daß Salomo in dieser übertriebenen Form gerühmt wird, braucht uns nicht
zu überraschen. In seiner langen und fast völlig friedlichen Regierungszeit
wurde das vereinte Israel zu einem großen und reichen, mächtigen und ein­
flußreichen Königreich, das als führender Staat zwischen Ägypten und Klein­
asien hohes Ansehen genoß. Als Beweis dafür kann Salomos Vermählung mit
der ‫ ״‬Tochter Pharaos“ gelten. Der Pharao hätte seine Tochter gewiß nicht
einem Ausländer zur Frau gegeben, wenn nicht gewichtige diplomatische
und politische Gründe dafür gesprochen hätten.

Salomos Reich im Rahmen des Alten Orients


Das Salomonische Königreich umfaßte alle von David eroberten Gebiete:
Edom, Moab, Ammon und Aram-Damaskus. Darüber hinaus grenzte es an
Hamat, das bedeutende neohethitische Königreich in Nordsyrien, das mög­
licherweise politisch Salomos Vorherrschaft unterstand. Als der einzige H err­
scher über die wichtigsten, Mesopotamien und Syrien mit Ägypten verbin­
denden Handelswege, einschließlich der ‫ ״‬Königsstraße‫ ״‬östlich des Jordans
und der durch das Philisterland verlaufenden ‫ ״‬Seeroute‫ ״‬oder Via Maris,
genoß er viele politische und wirtschaftliche Vorteile. So kontrollierte er den
arabischen Handel, dessen wichtigste Güter Weihrauch, Myrrhe und Gewürze
waren. Dieser Handel begann sich im 10. Jahrhundert im großen Stil zu ent­
wickeln und erreichte bald einen beträchtlichen Umfang. Die Gewürze und
anderen Luxusgüter kamen aus Saba (in Südarabien) und waren an den H ö­
fen der syrischen und mediterranen Herrscher sehr begehrt. Da der Handel
vor allem in den Händen der Bewohner von Saba lag, deren Niederlassungen
sich in Nordarabien befanden, spricht vieles für die historische Glaubwür­
digkeit der Erzählung, derzufolge die Königin von Saba Jerusalem besuchte,
um Geschäftsbeziehungen anzuknüpfen.
Die zunehmende Bedeutung von Salomos Königreich für den internationa­
len Handel und der dadurch bedingte wirtschaftliche Fortschritt ließen enge
Beziehungen zwischen Israel und den Nachbarstaaten entstehen, zumal mit
Tyrus, das damals als das größte Handelszentrum an der phönizischen Küste
immer wichtiger wurde. Die beiden Staaten ergänzten einander auf w irt­
schaftlichem Gebiet: Salomo lieferte Hiram, dem König von Tyrus, von
seinem landwirtschaftlichen Überschuß und erhielt dafür Baumaterial, vor
allem Zedernholz. Aus den engen wirtschaftlichen Bindungen ging ein ge­
meinsames Unternehmen hervor, die Einrichtung einer Schiffahrtsroute zwi-
Das vereinte Königreich nt

sehen Ezjon-Geber an der Küste des Roten Meeres und Ofir, das wahrschein­
lich an der afrikanischen Ostküste lag. Damit verfolgten Salomo und Hiram
die Absicht, ohne Zwischenhändler mit den Lieferanten der wichtigsten Lu­
xusgüter der Zeit, insbesondere von Elfenbein, Gold, Edelhölzern (almug,
das früher mit ‫ ״‬Koralle“ übersetzt wurde, aber vermutlich identisch ist mit
dem akkadischen elammakku oder Sandelholz), exotischen Tieren und Vö­
geln, Handel zu treiben. Der Erwerb von seltenen Tieren für einen Palastzoo
war in Herrscherkreisen gang und gäbe und ist für die Höfe der assyrischen
Könige vom 11. bis 9. Jahrhundert belegt.
Ober Tyrus und die neohethitischen Königreiche Nordsyriens führte Sa­
lomo Metalle ein: Kupfer aus Zypern und Eisen aus Kleinasien. Kupfer
wurde hauptsächlich für Tempelgefäße und Eisen für Werkzeuge und W af­
fen verwendet. Aus dem Land Qu3e (Kilikien) in Kleinasien stammten die
Pferde, die in Ägypten gegen Prunkwagen (offenbar für Prozessionen und
feierliche Umzüge) eingetauscht wurden. Die Wagen wiederum verkaufte
man weiter an die neohethitischen Reiche im Norden. Der Handel unterstand
den ‫ ״‬Kaufleuten des Königs“, die entweder als Beamte oder als halbauto­
nome Agenten fungierten. Agenten dieser A rt traten erstmals unter Salomo
in Erscheinung (1 Könige 10,28 f.). Der blühende Handel war indes nur ein
Aspekt der wirtschaftlichen Expansion des Landes. In der langen Friedens­
zeit konnten sich auch neue Produktionsverfahren entwickeln. Durch die
neuen Pflüge mit eisernen Scharen wurde mehr Ackerland erschlossen, und
die erwirtschafteten Überschüsse konnten in die Nachbarländer exportiert
werden.
Ein unverkennbares Zeichen für den ökonomischen Fortschritt in jener
Zeit ist die rege Bautätigkeit im ganzen Land. Die damals entstandenen Bau­
werke, die der Spaten der Archäologen zutage fördert, weisen einen neuen
Stil au f: behauene Steine und protoäolische Kapitelle fanden allgemein Ein­
gang in die Palastarchitektur. Die Städte wurden nach einem einheitlichen
architektonischen Schema befestigt, mit massiven Mauern und raffinierten
Torbauten, wie die Grabungen in Megiddo, Geser und Hazor bezeugen. Be­
sonders sorgfältig wurde der Ausbau der ‫ ״‬Residenz“ Jerusalem geplant. Sie
dehnte sich nach Norden aus, wo der Königspalast und der Tempel entstan­
den, und wurde weit über die Grenzen der ‫ ״‬Davidsstadt“ hinaus erneuert
und befestigt. Beim Bau des Tempels zog Salomo tyrische Fachleute heran
und für die Gestaltung dienten offenbar nordsyrische Tempelanlagen als Vor­
bild. Die Dimensionen dieses prachtvollen Tempels waren für die Israeliten
ebenso neu wie die Form und der Symbolismus der kultischen Gefäße, die
eigens für den Gebrauch im Tempel angefertigt wurden. Gleich neben dem
neuen Tempel und möglicherweise mit ihm verbunden stand der königliche
Palast, dessen Bau dreizehn Jahre dauerte. Auf diese Weise verwandelte
Salomo Jerusalem in eine Königs- und Tempelstadt, ganz im Sinne Davids,
der seine neue H auptstadt zum Kultzentrum des Königreiches hatte machen
ij2 Zeit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

wollen. Doch die Errichtung eines Tempels für den Gott Israels in einer
einstmals fremden Stadt, die in den Stammestraditionen nicht vorkam, fand
zweifellos nicht den Beifall der alten religiösen Zentren, die im Leben des
Volkes noch immer eine wichtige Rolle spielten. Daß die Bundeslade in den
Jerusalemer Tempel überführt worden war, genügte offensichtlich nicht, um
dem neuen Heiligtum die nötige Anerkennung zu verschaffen. Die religiös
motivierte Unzufriedenheit mit Jerusalem mag einer der Hauptgründe für
den Aufstand gewesen sein, der nach Salomos Tod ausbrach.
Um die Monarchie zu festigen und das Ansehen Jerusalems und des Tem­
pels zu erhöhen, organisierte Salomo das Kultpersonal im Tempel und im
Regierungsapparat nach seinen Vorstellungen. Die einschlägigen Darstellun­
gen datieren zwar aus der Zeit des Zweiten Tempels (i Chronik 23-26), aber
sie geben vermutlich die Maßnahmen Salomos oder vielleicht sogar Davids
getreulich wieder. Geht man von dieser Annahme aus, scheint die Absicht
bestanden zu haben, die landlosen Leviten als eine eigene Klasse von könig­
lichen Beamten über die Verwaltungszentren des Landes zu verteilen (vgl.
Verzeichnis der Levitenstädte in Josua 21 und 1 Chronik 6), doch der Auf­
rührer Jerobeam entließ wahrscheinlich diese Kultbeamten wegen ihrer An­
hänglichkeit an das Haus David und setzte andere an ihre Stelle (1 Kö­
nige 12,31).

Die Belastung des Volkes durch Steuern und Dienstleistungen


Salomos gewaltige Bauvorhaben, zumal die Errichtung des Tempels, konn­
ten nur mit Hilfe von Frondienst (ha-mas) und Zwangsrekrutierung von A r­
beitskräften (sebel, abgeleitet von einem Begriff, der ursprünglich das Tragen
von Körben bei Erdarbeiten bezeichnete) verwirklicht werden. Die zeitlich
begrenzte Aushebung von Fronarbeitern im Dienste des Königs galt für ganz
Israel (mit Ausnahme von Juda) und wurde streng gehandhabt. Salomos
Chronist spricht von 70 000 ‫ ״‬Lastträgern“, von 80 000 ‫ ״‬Steinhauern im Ge­
birge“, von 3300 ‫ ״‬Vögten Salomos, die über die Arbeiten gesetzt waren“ und
von 30 000, die reihum, jeden Monat 10 000, zum Libanon geschickt wurden,
um Bauholz herbeizuschaffen (1 Könige 5,13-16). Der Chronist berichtet
ferner, daß diese Zwangsmaßnahmen nicht nur über einen Teil der israeliti­
schen Bevölkerung verhängt wurden, sondern auch und vor allem über die
restlichen Kanaanäer (1 Könige 9,20-23), die auf den Baustellen des Königs
ständig Zwangsarbeit leisten mußten. Der Frondienst, ein für Israel völlig
neues Phänomen, erzeugte eine Verbitterung, die sich zu gegebener Zeit in
Rebellion äußerte.
Eine weitere Belastung für das Volk war der Zwang zur Bereitstellung von
Lebensmitteln für den H of und für das Heer, das vorwiegend in Jerusalem,
aber auch in den speziellen Garnisonen und Festungsstädten stationiert war.
Diese Streitmacht scheint hauptsächlich aus einer Artillerie bestanden zu ha­
Das vereinte Königreich *33

ben, die vielleicht schon von David eingeführt worden war und unter Salomo
das Rückgrat der Armee bildete. Der Umgang mit Streitwagen bedingte
den ständigen Unterhalt einer Truppe von sehr gut ausgebildeten Soldaten
unter dem Kommando von königlichen Trabanten. Deshalb mußten für diese
Elitetruppen zahlreiche Festungen und Garnisonstädte gebaut werden ( i Kö­
nige 9,15-19). Bei Ausgrabungen hat man in diesen Städten die Überreste
von Gebäuden und mächtigen Befestigungsanlagen freigelegt, die sie als mili­
tärische und administrative Zentren ausweisen. Die einheitliche Anlage der
Stadttore von Geser, Megiddo und H azor bestätigen, daß in jener Epoche
die Planung der Festungen zentral gelenkt wurde.
Um die Versorgung dieser großen Streitmacht und der vielen Beamten zu
sichern, wurden Steuern festgesetzt und eingetrieben. Das Land war in zwölf
Bezirke eingeteilt, die 1 Könige 4,7-19 verzeichnet sind. Die peinliche Stren­
ge, mit der darauf geachtet wurde, daß jeder Bezirk seine Pflichten gegenüber
dem König und dessen H of erfüllte, ist gewiß eine weitere Neuerung, die auf
Salomo zurückgeht. Es fällt auf, daß in der genannten Liste der zwölf Be­
zirke, die zur Unterstützung des Königs verpflichtet waren, der Name Juda
fehlt. Als königlicher Bezirk genoß Juda besondere Rechte; diese privilegierte
Stellung, die auf Abschaloms Aufstand hin begonnen hatte, band Juda noch
enger an das Königshaus, ein Umstand, der sich bei der Spaltung des König­
reiches als entscheidend erwies. Der wachsende Reichtum des Hofes und die
Rangerhöhung der Minister sowie das Abgaben- und Fronsystem verbreiter­
ten die Kluft zwischen der Gesamtbevölkerung und der neuen Oberschicht.
Diese Polarisierung verstärkte sich gegen Ende von Salomos Regierungszeit,
als das Königreich offenbar eine politische und wirtschaftliche Krise durch­
machte. Einen Erweis für die Bedrängnis, in die der Staat geriet, bietet viel­
leicht der Abschnitt 1 Könige 9,11-13, in dem es heißt, daß Salomo an Hiram
zwanzig Städte abtrat, das sogenannte Land Kabul (vermutlich der gesamte
Küstenstreifen von Tyrus bis südlich von Akko), eine wichtige und frucht­
bare Region, die fortan im Besitz der Sidonier blieb. Salomo war wohl nicht
in der Lage, die von Tyrus gelieferten Rohstoffe zu bezahlen, und so beglich
er seine Schulden durch die Übereignung von bewohnten Städten.

Die Krise
In der zweiten H älfte von Salomos Regierungszeit änderte sich auch die
internationale Situation von Grund auf. Um das Jahr 945 trat in Ägypten
ein dynastischer Wechsel ein. Der Begründer der neuen Dynastie (der Zwei­
undzwanzigsten), Schischak, war Salomo, der dem vorangegangenen H err­
schergeschlecht durch Heirat verbunden war, feindlich gesonnen. Einige Zeit
später kam es zu Aufständen in Aram und Edom, den nordöstlichen und
südöstlichen Enden des Salomonischen Reiches. Salomo schlug den Aufstand
in Edom nieder, aber dessen Anstifter fand Zuflucht bei Schischak. Der Auf­
134 Z eit d es Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft ( H. T adm or)

stand in Aram war jedoch erfolgreich. Dort gründete der Aramäer Reson
ben Eljada eine unabhängige Dynastie in Damaskus, wodurch Aram für Sa­
lomos Reich verlorenging (i Könige 11,23-24). Dies hatte zur Folge, daß
die Handelseinkünfte des Königs sich verringerten und die Unterhaltskosten
für die Armee im Norden des Landes sich zugleich erhöhten; zudem war Sa­
lomo gezwungen, die Befestigung der Städte längs der ägyptischen Grenze
zu beschleunigen. Zur selben Zeit wurde auch Jerusalem zur Festung ausge­
baut und der millo (Aufschüttung) errichtet. Dies war offenbar der Hinter­
grund für den Ausbruch des Aufstands gegen Salomo. Jerobeam ben Nebat,
dem die Fronarbeiter unterstanden, die aus Efraim nach Jerusalem geholt
worden waren, um die Befestigungsanlagen zu bauen, ‫ ״‬hob die H and auf
gegen den König1) ‫ ״‬Könige 11,27). Die Darstellung in 1 Könige 11 enthält
keine Einzelheiten über den Aufstand, doch eine zusätzliche Textstelle in der
Lukianischen Version der Septuaginta berichtet, daß Jerobeam die Stadt
Tirza in Efraim einnahm und dort Zuflucht suchte. Es kann sogar sein, daß
sein symbolischer Name Jerobeam, der im Hebräischen soviel wie ‫ ״‬der da
streitet für sein Volk“ bedeutet, nur ein Beiname war, den ihm seine Anhän­
ger gegeben hatten. Jerobeam mußte schließlich nach Ägypten fliehen, wo
ihm Schischak Asyl gewährte. Dort wartete er auf eine günstige Gelegenheit,
die sich ihm bot, als Salomo starb und dessen Sohn Rehabeam den Thron
bestieg.
Laut i Könige 11 spielte der Prophet Ahija aus Schilo eine entscheidende
Rolle in Jerobeams Aufstand; er sagte die Teilung des Reiches voraus und
unterstützte Jerobeam anfänglich. Es ist sehr gut möglich, daß er dem Hause
Eli entstammte, jener bedeutenden Priesterfamilie, die in Schilo gelebt hatte,
aber für den Dienst am Tempel zu Jerusalem zugunsten von Zadok übergan­
gen wurde. Wahrscheinlich stand Ahija nicht allein, sondern für eine Gruppe
von Propheten, die den traditionalistischen Standpunkt tatkräftig verfochten.
Salomos Historiograph im 1. Buch der Könige mißt der Krise in den
letzten Regierungsjahren nicht allzuviel Bedeutung bei. In der geschicht­
lichen Überlieferung blieb Salomo der Monarch, der den Wohlstand und den
Frieden repräsentierte. Er wird geschildert als der Erbauer des Tempels, als
der Herrscher, in dessen Tagen Juda und Israel so zahlreich waren ‫ ״‬wie der
Sand am Meer, und sie aßen und tranken und waren fröhlich1) ‫ ״‬Könige
4,20). Die Schwierigkeiten in seinen letzten Jahren erklärte man als Strafe
dafür, daß er Götzenkult am Hofe zugelassen habe, als seine ausländischen
Frauen das Herz des alternden Königs umgarnten (1 Könige 11,4).

Die Teilung des Reiches


Als Rehabeam 928 den Thron bestieg, regte sich der Widerstand weit stärker
als zuvor. Das zeigte sich auf spektakuläre Weise bereits beim Krönungs­
zeremoniell. Gewiß, es gab in Israel für die Königskrönung noch keine feste
Das vereinte Königreich *SS

Stätte und auch keine durch Tradition geheiligten Formen, doch David und
Salomo waren bestrebt gewesen, Jerusalem zum Mittelpunkt der geeinten
Nation zu machen. Vor allem Salomo hatte sich sehr viel Mühe gegeben,
dies zu erreichen. Es wäre deshalb nur natürlich gewesen, wenn das Volk sich
in der H auptstadt Jerusalem versammelt hätte, um Salomos Sohn und Nach­
folger zu krönen. Doch die führenden Männer Israels kamen in Sichern zu­
sammen und forderten, daß die Krönung dort stattfinden solle. Dieser An­
spruch zeigt eindeutig, daß die Nordstämme Israels sich als eine von Juda
getrennte Einheit empfanden. Die Lage war offensichtlich so ernst, daß sich
Rehabeam zum Nachgeben gezwungen sah und nach Sichern zog. Schon dies
war ein Zeichen für die Kompromißbereitschaft des neuen Königs. Der Ver­
sion in i Könige 12 zufolge trat als Sprecher des Volkes der Rebell Jerobeam
auf, der nach Salomos Tod aus Ägypten zurückgekehrt war; nach einer zwei­
ten Version in i Könige 12,20 wurde er erst nach dem Bruch zurückberufen.
Die Konfrontation zwischen Rehabeam und den Anführern des Volkes
wird in kritischer und sogar leicht humoristischer Form geschildert. Zweifel­
los stammt der Bericht von jenem Historiographen aus dem Kreis der Weis­
heitslehrer, der auch für das ‫ ״‬Buch von den Taten Salomos“ verantwortlich
zeichnete (vgl. S. 128). Der gleiche Maßstab, nach dem Salomo beurteilt und
für weise befunden wurde, wird jetzt in negativer Weise an Rehabeam ange­
legt. Er wird als töricht getadelt, weil er nicht von den älteren königlichen
Beratern lernen wollte, sondern sich von unerfahrenen jungen Männern irre­
leiten ließ. Der Bericht erwähnt die Forderung des Volkes (hier auch als
‫ ״‬Gemeinde“ bezeichnet) nach Aufhebung des Frondienstes, der Hauptbela­
stung, die Salomo ihm aufgebürdet hatte. Die Forderung wird ganz knapp
formuliert: ‫ ״‬Mache du nun den harten Dienst und das schwere Joch leichter,
das er uns auferlegt hat, so wollen wir dir untertan sein“ (1 Könige 12,4).
Rehabeam wird ersucht, eine Reform zu verkünden, die dem akkadischen
andurarum oder misharum entspricht, einer Proklamation, wie sie die baby­
lonischen Könige des zweiten Jahrtausends bei der Thronbesteigung erließen
(allerdings betraf das babylonische AndurarHm die Befreiung von Schulden,
nicht vom Frondienst). Der Erzählung zufolge hörte Rehabeam nicht auf
seine bejahrten Berater, ‫ ״‬die vor seinem Vater Salomo gestanden hatten“. Sie
rieten dem jungen König, er solle mit dem Volk zunächst einen Kompromiß
schließen und es besänftigen und dann nach der Machtübernahme seine
A utorität durchsetzen. Rehabeam ging darauf nicht ein, sondern befolgte den
Rat der ‫ ״‬Jüngeren, die mit ihm aufgewachsen waren und vor ihm standen“,
nämlich der jungen Minister der neuen Generation, seiner Altersgenossen,
die an die autoritäre Herrschaftsform gewöhnt waren, die keinerlei Rück­
sicht auf die öffentliche Meinung nahm. Die Antwort des Königs schloß mit
der barschen und hochfahrenden Drohung: ‫ ״‬Mein Vater hat euch mit Peit­
schen gezüchtigt; ich will euch mit Skorpionen züchtigen“ (1 Könige 12,11).
In ihrer Erwiderung bediente sich die Versammlung der vertrauten Formel,
/ j6 Z eit des Ersten Tempels un d babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

die bereits bei der Revolte von Scheba ben Bichri ausgesprochen worden
war: ‫ ״‬Was haben wir für Teil an David oder Erbe am Sohn Isais? Auf zu
deinen Hütten, Israel! So sorge nun du für dein Haus, David!“ (i Könige
i2 ,i 6). Die Forderungen waren im Grunde sozialer und wirtschaftlicher Art,
doch Aufstand und Bruch orientierten sich an Demarkationslinien, die schon
lange vorher deutlich sichtbar geworden waren (vgl. S. 127). Von hier aus
war es nur noch ein Schritt bis zur tatsächlichen Teilung des Reiches, zur
Trennung von Juda und Israel, von N ord und Süd. Die historische Ursache
der Spaltung war in erster Linie die schwache Bindung zwischen den beiden
Teilen. Sie war durch Davids ungewöhnliche Anstrengungen vorübergehend
gestärkt und durch die K raft seiner Persönlichkeit aufrechterhalten worden.
Doch ungeachtet seiner übermenschlichen Bemühungen um die Einheit des
Landes war es weder ihm noch seinem Sohn gelungen, die historisch beding­
ten großen Differenzen zwischen den beiden Teilen aus der Welt zu schaffen.
Judas Sonderstatus innerhalb des Reiches, wie er nach Abschaloms Aufstand
festgelegt worden war, trug zur Spaltung bei. Rehabeam erntete, was seine
Vorfahren gesät hatten.
Es ist erstaunlich, daß sich Rehabeam ohne weiteres mit dieser Situation
abfand und nicht einmal, wie seinerzeit David, den Versuch unternahm, den
Aufstand mit seinen Streitkräften niederzuschlagen. Die Verhältnisse müssen
demnach andere gewesen sein. Vielleicht fürchtete er sich vor Schischak von
Ägypten, dem Schutzherrn Jerobeams, der nur auf eine Gelegenheit wartete,
über das Königreich herzufallen. Jedenfalls zog er eine friedliche Einigung
vor und entsandte Adoram, der für den Frondienst zuständig und inzwischen
ein alter Mann war, offensichtlich mit dem Auftrag, Konzessionen auszu­
handeln. Es war jedoch schon zu spät. Der Aufstand hatte bereits zu weit um
sich gegriffen, und Adoram, der die verhaßte Institution der Fron repräsen­
tierte, wurde gesteinigt; Rehabeam entkam mit knapper N ot nach Jerusalem.
So brach das vereinte Königreich Israel nach einem Jahrhundert ausein­
ander. In dieser Zeit hatte sich das Königtum allerdings so fest etabliert, daß
die Rebellen - offenbar die Überbleibsel der einstigen stammesmäßigen und
patriarchalischen Führungsschicht - es nicht einmal aus Anlaß der Spaltung
abzuschaffen trachteten. Die beiden getrennten Staatswesen, das Königreich
Juda und das Königreich Israel (das vor seiner Zerstörung im 7. Jahrhundert
auch den Namen Efraim trug), umfaßten nicht das gesamte Gebiet, über das
einst David und Salomo geherrscht hatten. Ammon, Moab und Edom brök-
kelten ab und wurden selbständig. Die Städte der Philister erstarkten und
unternahmen Raubzüge in Richtung auf das Tal von Ajalon. Der politische
Einfluß jedes der beiden Königreiche war augenscheinlich sehr viel geringer
als der des ehemaligen geeinten Reiches. Ihre Wirtschaftsstruktur war da­
durch beeinträchtigt, daß sie jetzt von den Handelswegen jenseits des Jor­
dans abgeschnitten waren. Auf Juda wirkte sich die Krise nicht so stark aus,
da die königliche Schatzkammer in Jerusalem noch nicht leer war und der
Das vereinte Königreich 1J 7

H of noch immer über finanzielle Reserven verfügte. Das größere Königreich


Israel, das sich über das ganze Land nördlich von Benjamin erstreckte, war
der Haupterbe der geeinten Monarchie. Hinsichtlich der Bevölkerungszahl
und der natürlichen Hilfsquellen übertraf es Juda bei weitem, dessen Land
weniger fruchtbar w ar und dessen Wirtschaft vor allem auf Viehzucht be­
ruhte. Da der Aufstand von der Ideologie der vormonarchischen Stammes­
organisation bestimmt war und da die ‫ ״‬Knechte des Königs® - Salomos ein­
stige Beamtenschaft - für den Dienst in der neuen Verwaltung ungeeignet
waren, dauerte es geraume Zeit, bis die Könige von Israel ihre Macht gefe­
stigt und das Verwaltungswesen neu geordnet hatten. Symptome dieses Vor­
gangs waren die zahlreichen heftigen dynastischen Erschütterungen im nörd­
lichen Königreich, mit denen wir uns weiter unten befassen werden.
8. Die Zeit der zwei Reiche

Die Beziehungen zwischen den beiden Reichen


Die beiden getrennten Königreiche Israel und Juda bestanden nebeneinander
von der Spaltung im Jahre 928 v. Chr. bis zum Untergang von Samaria im
Jahre 720. Diese zwei Jahrhunderte lassen sich in fünf Perioden einteilen:
1. Konsolidierung der beiden unabhängigen Reiche; 2. enges Bündnis; 3. Nie­
dergang in beiden Reichen; 4. erneute Expansion; 5. Eroberung durch die
Assyrer und Ende des Nordreichs.
Obwohl Israel und Juda politisch ständig miteinander rivalisierten und
einander zuweilen sogar bekämpften, war das Band, das sie zusammenhielt,
sehr viel stärker als die trennenden Faktoren. Das nationale Bewußtsein, wie
es sich in der Literatur der gesamten Epoche der beiden Reiche widerspiegelt,
war das eines einzigen Volkes, das in zwei getrennten Staaten lebte. Die
politischen Grenzen vermochten die naturgegebene wirtschaftliche Einheit
eines so kleinen Landes nicht zu sprengen; eine Wirtschaftskrise in dem einen
Staat führte unweigerlich zu Niedergang oder Krise im anderen, und Pe­
rioden des Wachstums und der Expansion betrafen im allgemeinen beide
Königreiche gleichzeitig. Obgleich sich Zentren und Formen der Gottesver­
ehrung voneinander unterschieden, blieben die Gemeinsamkeiten des nationa­
len, religiösen und historischen Bewußtseins erhalten. Doch auch die Unter­
schiede zwischen den beiden Reichen traten deutlich zutage. Die politische
Geschichte von Juda war gekennzeichnet durch das kontinuierliche Regiment
einer einzigen, der davidischen, Dynastie. Die dynastische Stabilität verbürgte
die Kontinuität der Regierung und ersparte Juda die blutigen inneren Aus­
einandersetzungen, in welche die Thronprätendenten in Israel verstrickt wur­
den. Für diese Stabilität lassen sich mehrere Gründe anführen: die Aura der
Heiligkeit, die König David umgeben hatte und auch auf seine Nachfolger
übertragen wurde; die engen Bindungen zwischen dem Königshaus und dem
Tempel; schließlich die Tatsache, daß dieses Königreich hauptsächlich auf
dem Stamm Juda und dessen Nachkommen, also auf einer historisch ge­
wachsenen und homogenen Einheit beruhte. Daß die Bevölkerung Judas die
Dynastie Davids bedingungslos als allein legitim akzeptierte, war die Vor­
aussetzung für diese erstaunliche dynastische Stetigkeit, die sich im Südreich
über mehr als 350 Jahre erstreckte.
Von besonderer Bedeutung war die Idee eines Bundes zwischen dem Gott
Israels und dem Geschlecht Davids, die ihren treffendsten Ausdruck in Na-
tans Weissagung gefunden hat: ‫ ״‬Darum sollst du nun so zu meinem Knechte
Die Z eit der zw e i Reiche '39

David sagen: So spricht der H err Zebaoth: Ich habe dich genommen von
den Schafhürden, damit du Fürst über mein Volk Israel sein sollst. . . Wenn
nun deine Zeit um ist und du dich zu deinen Vätern legst, will ich dir
einen Nachkommen erwecken, der von deinem Leibe kommen wird; dem
will ich sein Königtum bestätigen. . . Aber dein Haus und dein Königtum
sollen beständig sein in Ewigkeit vor mir, und dein Thron soll ewiglich be­
stehen“ (2 Samuel 7,8-16). Diese Vorstellung von einem göttlichen Bund, die
im Königtum Davids ihren Usprung hatte und im Zeitalter Salomos weiter
bekräftigt wurde, ging davon aus, daß der Gott Israels David ausersehen
habe, über ganz Israel zu herrschen, es zu hüten wie ein ‫ ״‬H irte“ (‫ ״‬H irte“
ist der gebräuchliche Beiname eines mesopotamischen Königs in seiner Eigen­
schaft als ‫ ״‬Quelle der Gerechtigkeit“). Darüber hinaus war diese göttliche
Autorität nicht nur David selber verliehen, sondern allen seinen Nachkom­
men. Bestimmte Psalmen, die von Hofdichtern verfaßt worden sind (bei­
spielsweise 89 und 132), geben diese Auffassung wieder: ‫ ״‬Ich habe gefunden
meinen Knecht David; ich habe ihn gesalbt mit meinem heiligen ÖL Meine
H and soll ihn erhalten, und mein Arm soll ihn stärken. Die Feinde sollen ihn
nicht überwältigen, und die Ungerechten ihn nicht demütigen; sondern ich
will seine Widersacher vor ihm zerschlagen und, die ihn hassen, zu Boden
stoßen; aber meine Treue und Gnade soll bei ihm sein, und sein H aupt soll
erhöht sein in meinem Namen. Seine H and lasse ich herrschen über das Meer
und seine Rechte über die Ströme. Er wird mich nennen: Du bist mein Vater,
mein Gott und H ort, der mir hilft. Und ich will ihn zum erstgeborenen Sohn
machen, zum Höchsten unter den Königen auf Erden. Ich will ihm ewiglich
bewahren meine Gnade, und mein Bund soll ihm fest bleiben. Ich will ihm
ewiglich Nachkommen geben und seinen Thron erhalten, solange der H im ­
mel w ährt“ (Psalm 89,21-30).
Die Psalmen enthalten noch einen weiteren Grundgedanken: die göttliche
Erwählung Jerusalems als Gottes einziger legitimer Wohnstatt (der ursprüng­
liche Name ‫ ״‬Davids Stadt“ [cFr D avid] wird in den Psalmen durch das poe­
tische, vordavidische W ort ‫ ״‬Zion“ ersetzt). In der Vorstellung vom Bund
sind also drei Elemente untrennbar miteinander verwoben: die göttliche Er­
wählung Davids, der ewige Bestand seiner Dynastie kraft dieser Erwählung
und die Bestimmung Jerusalems zum Wohnsitz Gottes.
Im Gegensatz zu Juda wechselten im Nordreich die Dynastien häufig, was
jeweils mit der Ausrottung der entthronten Königsfamilie verbunden war.
Jeder Wechsel bedeutete nicht nur die Beseitigung der gesamten Anhänger­
schaft des bisherigen Herrschers, sondern bewirkte auch radikale Verände­
rungen in der Verwaltung und den Regierungsmethoden. Das Haus Jehu,
das sich in Israel am längsten an der Macht hielt, überdauerte nur vier Gene­
rationen. Der häufige Herrscherwechsel in Israel ist jedoch nicht auf etwaige
ideologische Unterschiede zwischen Israel und Juda zurückzuführen, etwa
dergestalt, daß man im Nordreich die erbliche Monarchie abgelehnt habe.
140 Zeit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

Die Ansicht, daß Israel das Charisma als das alleinige Kriterium des König­
tums anerkannte, während Juda das dynastische System zum Prinzip erhob
- eine Ansicht, die in jüngster Zeit bei durchaus ernstzunehmenden Gelehrten
an Boden gewonnen hat - , läßt sich kaum mit den Tatsachen in Einklang
bringen. Die Idee des nicht-erblichen Königtums war dem Alten Orient, des­
sen integraler Bestandteil Israel stets war, völlig fremd. Dynastien scheiterten
nicht infolge mangelnden Charismas, sondern aus politischer Schwäche. Der
wahrscheinlichste Grund für die Instabilität im Norden lag in der sozialen
und demographischen Zusammensetzung des Volkes. Das Nordreich war
nicht nur sehr viel größer als Juda, sondern beherbergte auch eine hetero­
genere Bevölkerung. Die Interessen der einzelnen Landesteile gingen vielfach
auseinander, das Sozialgefüge war uneinheitlicher als in Juda, und die so­
zialen Konflikte nahmen schärfere Formen an. Die Kombination dieser Fak­
toren - weniger ideologische Grundsätze - prägte die politische Geschichte
des Landes. Das Auf und Ab gegensätzlicher Kräfte verhinderte, daß eine
einzelne Dynastie lange genug am Ruder blieb, um ihre Macht fest zu etablie­
ren, im Gegensatz zum davidischen Königshaus in Juda, wo jeweils einer
der Söhne die Nachfolge antrat, wenn ein König ermordet wurde. Außerdem
nahm in Israel der Einfluß der Armee ständig zu. Erfolgreiche Heerführer
erhoben mehr als einmal Anspruch auf die Krone; tatsächlich entstanden
dynastische Revolten häufig in Militärlagern oder zu Kriegszeiten. Im N ord-
reich bildeten die frühen Propheten, etwa Ahija aus Schilo (i Könige 11,29),
Jehu ben H anani (1 Könige 16,1) und Elischa (2 Könige 9,1), einen bedeu­
tenden politischen Faktor, denn ihre Zustimmung verlieh diesen Revolten
das Siegel göttlicher und menschlicher Billigung.

Die historischen Quellen


Die Geschichte der beiden Königreiche von der Spaltung bis zum Untergang
Judas ist uns in den Büchern der Könige und der Chronik überliefert. Diese
Bücher erhielten zwar erst nach der Tempelzerstörung ihre endgültige Gestalt
(die Bücher der Könige gegen Ende der babylonischen Gefangenschaft und
die Bücher der Chronik im 4. vorchristlichen Jahrhundert), aber sie stützen
sich auf älteres Quellenmaterial, das zum Teil in ihnen erhalten ist. Bei der
Abfassung der synchronen Geschichte beider Reiche nahmen der ursprüng­
liche Autor und der spätere Bearbeiter der Königsbücher in den ihnen vor­
liegenden Quellen nur wenige Änderungen vor. Der Verfasser der Chronik
dagegen gestaltete sein Quellenmaterial erheblich um, indem er die Ereignisse
in aller Ausführlichkeit und in der Sprache seiner Zeit erzählte. Auf jeden
Fall benutzten die Autoren beider Berichte eine große Fülle von Quellen.
Dem Verfasser der Königsbücher standen Dokumente aus den königlichen
Archiven von Israel und Juda zur Verfügung, in denen die Geschichte der
beiden Reiche und die wichtigsten Taten der einzelnen Herrscher verzeichnet
Die Z eit der zw e i Reiche I4i

waren. Häufig verweist er auf die ‫ ״‬Chronik (im Hebräischen sefer dibre haj-
jämin) der Könige von Israel“ und die ‫ ״‬Chronik der Könige von Juda“
(z. B. in i Könige 14,29; 15,23, 31 und 16,27). Diese Bücher sind anscheinend
so etwas wie halboffizielle Geschichtsdarstellungen im Stil der assyrischen
Chroniken des 13. bis 11. Jahrhunderts und der babylonischen Chroniken
des 8. bis 6. Jahrhunderts. Sie enthielten vermutlich biographisches Fakten­
material, Berichte über die Unternehmungen des Königs, über seine Kriege
und Bauvorhaben sowie viele wertvolle chronologische Angaben, die von
den späteren Herausgebern umgearbeitet wurden. Der Verfasser der Königs­
bücher verwendete ferner die Aufzeichnungen aus dem Tempel in Jerusalem,
in denen die wichtigsten Ereignisse der Tempelgeschichte aufgeführt waren.
Aus dieser Quelle stammen offensichtlich die Schilderung der Kult-Reform
und die Informationen über das Schicksal des Tempelschatzes. Ein Auszug
aus den Tempelaufzeichnungen ist der Text in 1 Könige 14,25-28, der die
Folgen des Feldzugs von Pharao Schischak im fünften Regierungsjahr Reha-
beams schildert; damals mußten dem Pharao die Tempel- und Palastschätze
als Tribut ausgeliefert werden. Ein weiteres Beispiel bietet 2 Könige 18,
14-16, wo Hiskijas Tributzahlungen an den Assyrerkönig Sanherib im Jahre
701 verzeichnet sind (vgl. S. 178).
Eine Quelle, die die Editoren weitgehend herangezogen haben, sind die
Berichte über die Propheten, zumal die frühen Propheten des 9. Jahrhun­
derts. Zu diesem Komplex gehören die Elija- und Elischa-Zyklen (1 Könige
17 bis 2 Könige 10), in denen sich wichtige historische Einzelheiten der Zeit
erhalten haben: die Geschichte von Ahab im Elija-Zyklus, die Darstellung
von Jehus Aufstand und der Abhängigkeit von Aram (zur Zeit von Joahas)
im Elischa-Zyklus. Ein weiterer Zyklus von Prophetenerzählungen, der in
die Bücher der Könige aufgenommen wurde, rankt sich um den Propheten
Jesaja und dessen Beziehungen zu Hiskija, dem König von Juda. Auch diese
ursprünglich gesonderte Texteinheit wurde der Sammlung von Jesajas Weis­
sagungen angefügt, die seine Schüler aufbewahrt und überliefert hatten.
Diese reichen und vielgestaltigen historischen Quellen wurden im 6. vor­
christlichen Jahrhundert, gegen Ende der babylonischen Gefangenschaft, be­
arbeitet. Sowohl der Verfasser als auch der Bearbeiter haben in der Auswahl
und der Darstellung der Ereignisse persönlich Stellung genommen. Ihr Be­
richt konzentriert sich auf die Könige, und sie äußern zu jeder historischen
Persönlichkeit unverhohlen ihre Zustimmung oder ihr Mißfallen. Ihr H aupt­
kriterium ist das korrekte Kultgebaren, weniger die moralischen und gesell­
schaftlichen Maßstäbe, welche die prophetische Literatur auszeichnen. Folg­
lich gelten Könige, die den Kult reformiert und die bämot (die lokalen Hei­
ligtümer, die meist als ‫ ״‬Höhen“ bezeichnet werden) zugunsten eines im Tem­
pel von Jerusalem zentralisierten Kults abgeschafft haben, als gerecht und
rechtschaffen. Diese deuteronomische Ideologie des 7. und 6. Jahrhunderts
(vgl. S. 188) stellte Jerusalem und den Tempel in den Mittelpunkt und dis­
142 Zeit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

qualifizierte die Könige von Israel, die allein dadurch allesamt ‫ ״‬übel handel­
ten in den Augen des H errn“, daß sie von dem kultischen Zentrum geschieden
waren. Doch diese unbeirrte Meinung hinderte weder den Verfasser noch
den Bearbeiter der Königsbücher, vereinzelte Informationen, gelegentlich so­
gar mit positivem Einschlag, über die Leistungen selbst jener Könige von
Israel mitzuteilen, die sie für Sünder hielten. Ein anschauliches Beispiel findet
sich in der Darstellung Jerobeams II., der ‫ ״‬tat, was dem H errn mißfiel, und
ließ nicht ab von allen Sünden Jerobeams, des Sohnes Nebats, der Israel
sündigen machte“. Doch gleichzeitig heißt es: ‫ ״‬Er stellte wieder her das
Gebiet Israels von H amath [Lebo-Hamat] an bis ans Salzmeer [Araba],
nach dem Wort des Herrn, des Gottes Israels, das er geredet hatte durch sei­
nen Knecht Jona, den Sohn Amittais, den Propheten, der von Gath-Hepher
[Gat-Hefer] war. Denn der H err sah den bitteren Jammer Israels ... und er­
rettete sie durch Jerobeam, den Sohn des Joas [Joasch]“ (2 Könige 14,24-27).
Historisches Material, das auf die geistigen und sozialen Verhältnisse in
Israel und Juda einiges Licht wirft, ist auch in den Büchern der ‫ ״‬Schrift-
Propheten“ Amos, Hosea, Jesaja und Jeremia enthalten. Hier haben die spä­
teren Herausgeber, im Unterschied zu den Büchern der Könige, den Vorlagen
nicht ihre eigene Meinung aufgeprägt; im übrigen bieten diese Bücher histo­
rische Informationen aus erster Hand, die nirgendwo sonst in der Bibel zu
finden sind und deren außerordentliche Exaktheit oft gerühmt worden ist.
So wird zum Beispiel die Stelle Jesaja 20,1: ‫ ״‬Im Jahr, da der Tartan nach
Asdod [Aschdod] kam, als ihn gesandt hatte Sargon, der König von Assyrien,
und er gegen Asdod kämpfte und es eroberte“, belegt durch die assyrische
‫ ״‬Eponymische Chronik“ (deren Chronologie unumstritten ist), in der es heißt,
daß sich Sargon in dem fraglichen Jahr, 712, in Assyrien selbst aufhielt. Diese
Version widerspricht zwar den Annalen, in denen sich der König persönlich
der Eroberung von Aschdod rühmt, scheint aber historisch korrekt zu sein.
Entgegen Sargons Behauptung in den Annalen wurde Aschdod nicht von
ihm selbst erobert, sondern von seinem Stellvertreter (turtanu im Akkadi­
schen, deshalb das biblische ‫ ״‬T artan“), der die assyrische Armee befehligte -
genauso, wie es am Anfang von Jesaja 20 beschrieben wird.
Eine weitere bedeutende Quelle stellen die hebräischen, aramäischen usw.
Inschriften dar, die seit dem vorigen Jahrhundert ausgegraben worden sind.
Das bekannteste Zeugnis dieser Art ist der Mescha-Stein, noch immer die
wichtigste königliche Inschrift aus biblischer Zeit, die den Bericht in 2 Kö­
nige 3 ergänzt. Der einzige offizielle oder halboffizielle epigraphische Beleg
in hebräischer Schrift, der sich auf Stein erhalten hat, ist die ‫ ״‬Schiloach-In-
schrift“ im Schiloach-Tunnel, aus der Zeit von König Hiskija.
Wertvolle Aufschlüsse über die Verwaltung und die sozialen Zustände in
Israel und Juda verdanken wir auch den Ostraka. Am bekanntesten sind die
Tonscherben von Samaria aus dem 8. Jahrhundert v. Chr., die Lachisch-
Briefe aus der Endzeit Judas, die unlängst in Arad gefundenen Briefe und
Die Z eit der zw e i Reiche *43

Verwaltungsurkunden und ein Brief von Metzad tfaschavjahu aus der Zeit
Joschijas. Von besonderem Interesse sind Siegel und Siegelabdrücke auf Ton­
gefäßen. Man nimmt an, daß letztere die Verwaltungseinteilung Judas gegen
Ende der Epoche des Ersten Tempels wiedergeben, doch ihre exakte Bedeu­
tung ist noch immer ungeklärt.
Ägyptische Quellen aus jener Zeit sind relativ dünn gesät; am informativ­
sten ist die Liste der von Pharao Schischak eroberten Städte auf den Wänden
seines Tempels zu Karnak in Ägypten. Die Keilschriftfunde dagegen sind
besonders reichhaltig; sie beginnen mit assyrischen Dokumenten, an die sich
babylonische anschließen. Die Könige von Assyrien, die Feldzüge in das alte
Syrien und Palästina vortrugen, haben manchmal Einzelheiten ihrer Un­
ternehmungen berichtet oder in ihren historischen Inschriften zumindest die
Namen der Könige von Israel, die gegen sie kämpften oder ihnen Tribute
sandten, erwähnt. Von diesen Quellen sind am berühmtesten die Annalen
von Salmanassar III., in denen die Könige Ahab und Jehu genannt werden;
ferner die Inschriften von Tiglat-Pileser III. und Sargon, die bis zur Zerstö­
rung des Nordreiches dort einfielen, sowie die Annalen Sanheribs, die seine
Strafexpedition gegen Juda in aller Ausführlichkeit beschreiben. Da die Auf­
zeichnungen der assyrischen Könige in der Regel kurz nach den geschilderten
Ereignissen entstanden, sind sie wahrscheinlich zuverlässiger als die Ge­
schichtsbücher der Bibel. Allerdings sind sie vermutlich auch tendenziöser
als die biblischen Berichte, da sie von vornherein als Lobpreis und Danksa­
gung an die assyrischen Götter, vor allem den H auptgott Assur, verfaßt wur­
den, die dem König den Sieg verliehen hatten. Die assyrischen Hofhistorio­
graphen pflegten keine Niederlagen zu verzeichnen; deswegen sind diese U r­
kunden offensichtlich einseitig, was so weit geht, daß sogar imaginäre Siege
aufgeführt werden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Behauptung Sargons in
seinen Annalen, er habe Samaria in seinem ersten Regierungsjahr (721) ein­
genommen - eine Aussage, die nicht stimmen kann, da aus anderen Quellen
hervorgeht, daß er in jenem Jahr Assyrien nicht verlassen hat. Erst 720, im
zweiten Jahr seiner Regierung, schlug er die Rebellion im Westen nieder,
indem er Samaria zurückeroberte, das 722 von seinem Vorgänger Salmanas­
sar V. besetzt worden war. Der biblische Bericht 2 Könige 17,3-6, in dem
festgestellt wird, daß Salmanassar Samaria eroberte, ist deshalb glaubwür­
diger.
Etwas objektiver sind die neubabylonischen Chroniken, welche die Jahre
745-S38 umfassen, Diese Zeugnisse, die den Höhepunkt der babylonischen
Geschichtsschreibung darstellen, waren keine offiziellen Dokumente zur Glo­
rifizierung von Gott und König; folglich enthalten sie auch Informationen
über Niederlagen der Könige von Assyrien und Babylonien. Besonders wich­
tig ist die Chronik über Nebukadnezzar II., die die Angaben über die letzten
Tage Judas im zweiten Königsbuch und bei Jeremia ergänzt.
!44 Z eit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft ( H . Tadm or)

Selbständige Konsolidierung
Im ersten Königsbuch hat sich über die administrativen und militärischen
Maßnahmen Jerobeams, der das nördliche Königreich Israel gründete, nur
sehr wenig erhalten. Es besteht jedoch Grund zu der Annahme, daß Jerobeam
bei der Schaffung getrennter Institutionen für den neuen Staat die Salomo­
nische Einteilung in Verwaltungsbezirke beibehielt, nicht aber den anstößi­
gen Frondienst. Anders als Salomo verzichtete er auf eine ständige H aupt­
stadt; er wechselte seinen Wohnsitz mehrere Male und hielt H of in Sichern,
Penuel und Tirza (vgl. i Könige 12,25 un(^ 14,17)‫ ״‬Über die Kultreformen
Jerobeams hingegen berichtet der Verfasser der Königsbücher, der dessen
Neuerungen und Motiven, wie gesagt, sehr kritisch gegenüberstand, zahl­
reiche Einzelheiten: ‫ ״‬Und der König hielt einen R at und machte zwei gol­
dene Kälber und sprach zum Volk: Es ist zuviel für euch, daß ihr hinauf
nach Jerusalem geht; siehe, da ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland
geführt hat. Und er stellte eins in Bethel [Bet-El] auf, und das andere tat er
nach Dan. Und das geriet zur Sünde, denn das Volk ging hin vor das eine in
Bethel und vor das andere in Dan. Er baute auch ein Höhenheiligtum (bet-
bämöt) und machte Priester aus allerlei Leuten, die nicht von den Söhnen Levi
waren. Und er machte ein Fest am fünfzehnten Tag des achten Monats wie
das Fest in Juda und opferte auf dem Altar. So tat er in Bethel, daß er den
Kälbern opferte, die er gemacht hatte, und bestellte in Bethel Priester für die
Höhen, die er gemacht hatte“ (1 Könige 12,28-32).
Bis heute geben die Beschaffenheit und Bedeutung von Jerobeams Kälbern
der Forschung ein Rätsel auf. Der Verfasser der Königsbücher sieht in ihnen
etwas völlig Neues und eine grundsätzliche Abweichung von der überkom­
menen kultischen Praxis. Da jedoch Jerobeam mit Hilfe der konservativen
Kräfte in den Stämmen die Königswürde erlangte, hat er wohl auch auf die
konservativen Anschauungen in seinem Reich Rücksicht genommen. Jeder
Versuch, die Kälber als Elemente eines fremdländisches Kults, etwa der Ver­
ehrung des ägyptischen Stiergottes Apis, darzustellen, ist daher abwegig,
zumal da Jerobeam mit einem solchen revolutionären Schritt - der Einfüh­
rung eines fremden Gottes - gerade gegen die religiösen Vorstellungen der
israelitischen Stammesgemeinschaft verstoßen hätte, die ihn auf den Thron
gehoben hatte. Selbst wenn den Kälbern etwas Neuartiges angehaftet hätte,
hätten sie nicht etwas vollkommen Neues sein können. Nach einer These
w ar das Kalb - eine abschätzige Bezeichnung für einen jungen Stier - tat­
sächlich eine archaische Verkörperung des Gottes Israels, die auf eine alte
Aaronitische Überlieferung zurückging, abgeleitet aus der kanaanäischen
Ikonographie (vgl. Exodus 32,1 ff.); sogar der Ausruf ‫ ״‬siehe, da ist dein
Gott, Israel“ (1 Könige 12,28) erinnert an Aaron (Exodus 32,4). Nach einer
anderen Auffassung, die weithin Anerkennung gefunden hat, waren Jerobeams
Kälber keine Götterbilder, sondern nur das Podest, auf dem, wie man glaub­
Die Z e it der zw e i Reiche *45

te, der Gott Israels thronte. Darstellungen von Göttern, die sich auf einem
tierförmigen Sockel erheben, waren im Alten Orient weit verbreitet. Das
Motiv ist uns aus der syrisch-phönizischen und mesopotamischen Kunst ver­
traut und erscheint stets in Form einer männlichen oder weiblichen Gestalt,
die auf dem Rücken eines geflügelten Stiers, eines Bullen, einer Sphinx (des
biblischen Cherub), einer Löwin usw. steht. Doch in der Bibel ist keine Rede
von einer solchen menschlichen Figur. Es ist darum anzunehmen, daß Jero­
beam bei seinem neuen Tempel von der Jerusalemer Tradition abwich, indem
er einen andersartigen göttlichen Thron errichtete - nicht in Gestalt von
Cherubim wie in Salomos Tempel, sondern in Gestalt eines Stiers, also eines
alten, sogar vorisraelitischen Symbols, auf dem, wie man glaubte, der Gott
Israels seinen Sitz nahm.
Auch die Standorte von Jerobeams neuen Heiligtümern bedeuten keinen
völligen Bruch mit dem Alten: Bet-El war nach der Väter-Überlieferung die
Stätte der Theophanie in der Erzählung von Jakobs Traum (Genesis 28). Es
blieb das unumstrittene (und später sogar das wichtigste) religiöse Zentrum
des Nordreiches (vgl. Amos 7,13). Obgleich der religiöse Ursprung von Dan
nicht ganz klar ist, scheinen die dortigen Priester ihre H erkunft von Mose
abgeleitet zu haben, im Gegensatz zur Aaronitischen Abstammung, auf die
sich die Priesterschaft des Salomonischen Tempels berief (vgl. Richter 18,30,
wo der ‫ ״‬Sohn Manasses“ eine alte Emendation für ‫ ״‬der Sohn des Mose“
darstellt).
Eine weitere Neuerung, die Jerobeam einführte, w ar die Begehung des
Laubhüttenfestes am fünfzehnten Tag des achten Monats, einen Monat spä­
ter als in Jerusalem. Auch in diesem Fall erneuerte er wahrscheinlich eine
alte Praxis der Nordstämme. Zudem konnte sich Jerobeam nicht auf die
Loyalität der Leviten verlassen, die dem Tempel von Jerusalem treu geblie­
ben waren und dem Hofe nahestanden, nachdem sie unter den Königen der
Davidischen Dynastie Verwaltungsämter innegehabt hatten. Für seine Hei­
ligtümer bestellte Jerobeam deshalb eine neue Klasse von Priestern, die nach
i Könige 12,31 nicht zu den Leviten gehörten, sondern ‫ ״‬aus allerlei Leuten
[wörtlich ,Ränder‘] “ ausgewählt wurden (manche Forscher beziehen diesen
Begriff nicht auf die unterste Schicht, sondern auf die Söhne der Vornehmen).
Jerobeams Königreich hatte gleich zu Beginn eine schwere politische und
militärische Probe zu bestehen. Fünf Jahre nach der Teilung des Landes ‫ ״‬zog
Schischak, der König in Ägypten, herauf gegen Jerusalem“ (1 Könige 14,25).
Die Liste der von ihm eroberten Städte umfaßt ungefähr 150 Namen, die
zum größten Teil zum Reich Israel gehörten. Er eroberte Geser, verheerte
das Tal von Sukkot, das Tal von Bet-Schean und die Jesreelebene und kehrte
dann nach Ägypten zurück, nachdem er die meisten befestigten Städte seines
einstigen Schützlings Jerobeam in Trümmer gelegt hatte. In Megiddo, das in
der Liste erwähnt wird, haben Ausgrabungen ein Bruchstück einer von Schi­
schak errichteten Stele zutage gefördert. Juda wurde weniger in Mitleiden­
146 Zeit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft ( H . Tadm or)

schaft gezogen. Jerusalem blieb verschont, nachdem Rehabeam einen hohen


Tribut entrichtet hatte: Er übergab dem Eindringling die Schätze des Tempels
und des Königspalastes.
Trotz des Schadens, den Schischak dem Land zugefügt hatte, blieb sein
Feldzug nur eine Episode. Er starb bald darauf, und seine Erben setzten seine
aggressive Politik nicht fort. Rehabeam nutzte die Jahre nach dem Krieg
zur Befestigung und Stärkung von Juda. Er scheint aus der Invasion eine
Lehre gezogen zu haben, denn seine größte Leistung war der Bau einer Fe­
stungskette entlang der westlichen und südlichen Grenze seines Reiches. Im
2. Buch der Chronik hat sich eine detaillierte Aufzählung dieser Festungs­
anlagen erhalten: ‫ ״‬Rehabeam aber . . . baute Städte in Juda zu Festungen
aus, nämlich: Bethlehem, Etam, Thekoa, Beth-Zur, Socho, Adullam, Gath,
Marescha, Siph, Adorajim, Lachisch, Aseka, Zora, Ajalon und Hebron. Das
waren die festen Städte in Juda und Benjamin“ (2 Chronik 11,5-10). Bau­
vorhaben dieses Ausmaßes verlangten große Opfer von dem kleinen unab­
hängigen Reich und bedeuteten eine erhebliche Belastung für die Bevölke­
rung. Doch offensichtlich war Juda imstande, diese Last zu tragen, und am
Ende von Rehabeams Regierung und noch mehr unter dessen Sohn Abija
vermochte es seine Grenze nach Norden zu verschieben. Es war die Schwäche
Jerobeams nach der Invasion Schischaks, die Juda ermutigte, einen Krieg
gegen das Nordreich zu wagen (2 Chronik 13,2-19). Abija errang einen ent­
scheidenden Sieg und eroberte die südlichen Ausläufer des Berglandes von
Efraim, einschließlich des bedeutenden religiösen Zentrums Bct-El und der
Grenzstadt Jeschana. Diese schwere Niederlage Jerobeams und sein Versagen
im Krieg gegen die Philister, die bis Gibbeton vordrangen (1 Könige 15,27),
trugen mit bei zum Zusammenbruch seiner Dynastie unter seinem Sohn Na-
dab. Der Aufstand, der bald nach Jerobeams Tod losbrach, begann in den
Reihen der Armee, die damals vor Gibbeton lag. Der Befehlshaber, Bascha
ben Ahija aus dem Stamme Issachar, brachte die gesamte Familie Jerobeams
um und bestieg selber den Thron (906-883).
Sowohl in der Organisation und Verwaltung des Landes als auch auf mili­
tärischem Gebiet war Bascha erfolgreicher als seine Vorgänger. Er eroberte
nicht nur von Juda den südlichen Teil des Berglandes von Efraim zurück,
sondern nahm auch die judäische Festung Rama ein (1 Könige 15,17). Doch
die Entfremdung zwischen den beiden Königreichen konnte nicht ohne Folgen
bleiben. Asa, der König von Juda, wandte sich an Ben-Hadad I. von Da­
maskus, schickte ihm Geschenke und ersuchte ihn um Beistand (1 Könige
15,18-19). Ben-Hadad kam und eroberte die Festungen des Landes Naftali
in Ostgaliläa: ‫ ״‬. . . und [er] schlug Ijjon und Dan und Abel-Bet-Maacha,
das ganze Kinnereth samt dem ganzen Lande N aphtali“ (1 Könige 15,20).
Diese vernichtende Niederlage des Nordreiches, vermutlich im letzten Re­
gierungsjahr Baschas (die Lesart ‫ ״‬im sechsunddreißigsten Ja h r“ in 2 Chronik
i6 ,i müßte wohl durch ‫ ״‬im sechsundzwanzigsten Jah r“ ersetzt werden),
Die Z e it der zw ei Reiche *47

scheint verhängnisvolle Auswirkungen auf seine Dynastie gehabt zu haben.


Schon bald sollte sich das Schicksal von Jerobeams Geschlecht wiederholen:
Es kam zu einer Revolte gegen den König, die durch eine militärische Nieder­
lage des jungen Staates ausgelöst wurde.
Der Rebell war Simri, ‫ ״‬der Oberste über die H älfte der [Kriegs-]Wagen“.
Nach i Könige 16,9-10,15 ermordete Simri Ela ben Bascha, während Israels
Armee gegen die Philister kämpfte und die Belagerung von Gibbeton wie­
deraufgenommen hatte. Die Stärke der Armee und ihr wachsender Einfluß
im Staate verlieh den Feldherren neue Macht, und verschiedene Truppenteile
setzten vorübergehend ihre Generäle auf den Thron. Simri wurde nur von
einem Teil der Armee unterstützt, nämlich von den Kriegswageneinheiten,
die sich aus jungen Edelleuten zusammensetzten und die Simri ja nur ‫ ״‬zur
H älfte“ befehligte. Als die Kunde von dem Aufstand die Belagerer von
Gibbeton erreichte, beeilten sie sich, ihren Anführer Omri an Stelle des toten
Königs Ela zu krönen. Omri zog mit seinen Truppen gegen Tirza, und Simri
kam bei der Belagerung dieser Stadt in einer Feuersbrunst um.
Ein Teil der Armee, anscheinend die Einheit, die im Norden gegen Aram
stationiert war, erkannte Omri nicht an und wählte Tibni ben Ginat zum
König, der gleich Omri wahrscheinlich ebenfalls General war. Die beiden
Rivalen machten sich vier Jahre lang den Thron streitig, und erst nach dem
Tod Tibnis wurde Omri König ‫ ״‬über Israel“ (1 Könige 16,22-23). In seiner
kurzen Regierungszeit gelang es dem neuen König, die Lage im Lande zu
normalisieren, und somit wurde er zum Begründer der ersten stabilen Dyna­
stie im Nordreich.

Die Zeit des engen Bündnisses


Wir wissen nicht sehr viel über die lange Regierungszeit Asas, des Königs
von Juda (908-867). Die Gottesdienstreformen, die er durchführte, vor allem
aber die Entfernung seiner Mutter Maacha aus dem Amt der geblräh, also
der mit Exekutivgewalt ausgestatteten Position der ‫ ״‬Königinmutter“, fanden
den Beifall des biblischen Geschichtsschreibers. Der Anlaß war ausschließlich
religiös: Sie wurde dafür bestraft, daß sie ein Schandbild (mifleseth) der
Aschera gemacht hatte; mit diesem abwertenden Wort ist hier ein Bild der
bekannten tyrischen Göttin gemeint. Eine spätere Überlieferung, die sich in
2 Chronik 15,10-15 erhalten hat, spricht von einer weiteren und umfassen­
deren Reform, die Asa im fünfzehnten Jahr seiner Regierung durchsetzte,
doch die Glaubwürdigkeit dieser Tradition ist zweifelhaft, ebenso wie der
Bericht über die Invasion des ‫ ״‬Äthiopiers“ Serah im Süden des Landes
(2 Chronik 14,9-15). Weder die Geschichte von der wunderbaren Niederlage
Serahs bei Marescha noch seine Identität sind bislang bestätigt worden, ob­
wohl manche Gelehrte Serah mit dem ägyptischen König Osorkon I. gleich­
setzen.
148 Z e it des Ersten Tempels un d babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

Während Joschafat in Juda und Omri und Ahab in Israel herrschten, voll­
zogen sich einige grundlegende Wandlungen im Verhältnis der beiden Reiche
zueinander und in ihren Beziehungen zu den Nachbarstaaten, aber auch in
der inneren administrativen und kultischen Struktur. Die drei Könige hatten
eingesehen, daß die militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Schwe­
sterstaaten ein Ende haben mußten und ein enges Bündnis beiden Nutzen
bringen würde, auch wenn Juda damit sein langersehntes Ziel, die Wieder­
herstellung seiner Hegemonie über das vereinte Königreich, aufgeben mußte.
Das Bündnis wurde bekräftigt durch eine H eirat von Joram, dem Sohn Jo-
schafats, mit Atalja, der Tochter Omris und Schwester Ahabs (nach einer
anderen Überlieferung war sie die Tochter Ahabs), Der weitere Verlauf der
Geschichte bestätigte die Richtigkeit dieser Annäherung. Der Bund zwischen
Juda und Israel führte eine Periode des Friedens und Wohlstands für beide
Staaten herbei.
Eine faktenreiche, wenngleich späte Überlieferung in 2 Chronik 17 schreibt
Joschafat weitreichende Reformen zu. Er beseitigte die ‫ ״‬Opferhöhen“ und
verbreitete das ‫ ״‬Buch der göttlichen Weisung“ (2 Chronik 17,6-9); er ver­
stärkte das Heer und baute Festungen und Vorratsstädte (2 Chronik 17,1-2,
12-19); er setzte in den befestigten Städten Judas Richter ein und schuf in
Jerusalem eine höchste juristische Instanz, an der die Leviten, die Priester
und die Familienoberhäupter beteiligt waren (2 Chronik 19,5-11). Es ist
jedoch schwierig, die authentischen historischen Elemente aus dieser Über­
lieferung herauszukristallisieren, denn diese trägt unverkennbar den Stempel
der jüngeren Zeit, in der die Bücher der Chronik abgefaßt wurden. Ebenso­
wenig ist klar, nach welchem Wertsystem die von Joschafat eingesetzten
Richter, also die Ältesten und Priester, vorgingen. Daß sie über einen stren­
gen, schriftlich fixierten Gesetzeskodex verfügten, ist kaum anzunehmen. Mit
ziemlicher Sicherheit spielten regionale Sitten und althergebrachte Praktiken
bei der damaligen Rechtsfindung eine entscheidende Rolle, nicht anders als
zu der Zeit, da David verkündete: ‫ ״‬Wie der Anteil derjenigen, die in den
Kampf gezogen sind, so soll auch der Anteil derjenigen sein, die beim Troß
geblieben sind; jeder soll den gleichen Anteil haben. Und so blieb es weiter­
hin von diesem Tag an; und er machte es zu Satzung und Recht für Israel
bis auf diesen Tag“ (1 Samuel 30,24-25). Zum Vergleich kann darauf hinge­
wiesen werden, daß die ‫ ״‬Gesetzbücher“ Mesopotamiens, etwa die Gesetzes­
sammlung des Hammurabi, nicht als Grundlage für alltägliche Entscheidun­
gen dienten, sondern vielmehr als eine Zusammenfassung der Rechtspraxis
und -theorie. Auch in Mesopotamien wurden Streitfälle nach überkommenen
lokalen Bräuchen entschieden. Das ‫ ״‬geschriebene Recht“ in der Bibel und
in Mesopotamien sollte deshalb nicht mit modernen Gesetzbüchern verwech­
selt werden; diese alten Gesetzeswerke waren eher literarische Zusammenfas­
sungen als Instrumente der Legislative.
Die Herrschaft Omris (882-871) und vor allem die seines Sohnes Ahab
Die Z eit der zw ei Reiche *49

(871-852) eröffneten eine neue Epoche in der Geschichte des Nordreiches.


Wie Salomo schloß Omri ein enges Bündnis mit Etbaal, dem ‫ ״‬König der Si-
donier“ und Gründer einer neuen Dynastie in Tyrus. Entsprechend der üb­
lichen Praxis in den alt-orientalischen Staaten wurde der Vertrag durch eine
königliche H eirat zwischen Omris Sohn Ahab und Etbaals Tochter Isebel
besiegelt.
Omri hatte große Erfolge im südlichen Transjordanien, wo er siegreich
gegen die Moabiter unter KmSyt, dem Vater Meschas, kämpfte. Auf dem
Mescha-Stein heißt es über ihn: ‫ ״‬Und er bedrängte Moab lange Zeit, denn
Kamoü zürnte seinem Land. Und es folgte ihm sein Sohn. Und er sprach: Ich
will Moab bedrängen.“ Moab muß eine schwere Niederlage erlitten haben,
die den Moabitern als eine lange Zeit der Knechtschaft in Erinnerung blieb,
wiewohl Israels Herrschaft über ihr Land nur wenige Jahre dauerte.
Es ist nicht geklärt, ob Omri auch gegen die Aramäer im nördlichen Trans­
jordanien erfolgreich war. Die Beziehungen zwischen Aram und Israel wer­
den i Könige 20,34 erwähnt, im Zusammenhang mit den Verhandlungen
zwischen Ahab und Ben-Hadad II. nach dem Sieg Israels über letzteren.
D ort wird folgende Äußerung Ben-Hadads zitiert: ‫ ״‬Die Städte, die mein
Vater deinem Vater genommen hat, will ich dir zurückgeben; und mache du
dir Märkte in Damaskus, wie mein Vater in Samaria getan hat.“ Diese
Stelle scheint indes ein Dialog zu sein. Wenn die einleitenden Worte ta t­
sächlich von Ben-Hadad an Ahab gerichtet sind (und nicht von Ahab an
Ben-Hadad, wie manche Forscher vermuten), dann bedeuten sie, daß die
Aramäer einst einen Sieg über Omri errangen und ihre Kaufleute ein Frei­
handelsrecht für Samaria erhielten. Doch wenn der erste Teil des Zitats von
Ahab stammt, müßte das genaue Gegenteil zutreffen; das heißt, Omri hätte
Ben-Hadad besiegt und einige seiner Städte erobert. Die Frage muß offen
bleiben, wenn auch mehr für die erste Möglichkeit spricht.
Der eindeutigste Beweis für Omris Stärke und Unabhängigkeit ist die
Tatsache, daß er, wie David, eine neue H auptstadt gründete. Erbaut im
Gebiet von Issachar auf dem Gebirge Efraim, also möglicherweise in der
Gegend, aus der seine Familie stammte, lag sie an der Haupthandelsstraße,
die nach Norden führte.
Nach i Könige 16,24 nannte er sie Samaria (hebräisch Schom ron\ weil er
sie von Schemer erwarb, dem ursprünglichen Eigentümer des Landes. Dies ist
freilich eine späte ätiologische Deutung. Kein Gründer einer Königsstadt
benannte diese jemals nach dem ehemaligen Besitzer, zumal nicht in einem
Fall wie diesem, in dem das Land rechtmäßig erworben worden war: denn
Omri hatte dafür den vollen Preis bezahlt. Die Regeln für den Landbesitz
waren traditionsgemäß so streng, daß nicht einmal ein König sich Land an­
eignen konnte, es sei denn durch Kauf. (Als beispielsweise Sargon II. von
Assyrien eine neue Hauptstadt zu errichten beschloß, die den Namen Dur
Scharrukin [Khorsabad] erhielt, erwarb er das Land vom Besitzer zum vol­
ijo Zeit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

len Kaufpreis, und sogar die königliche Urkunde, in der die Verkaufsbedin­
gungen festgehalten sind, hat sich erhalten.)
Der Name Samaria läßt eindeutig darauf schließen, daß die H auptstadt
an der Stelle eines Dorfes entstand, dessen Namen sie übernahm und weiter­
führte. Der angemessene Name für Omris Hauptstadt hätte ‫ ״‬Haus [oder
Stadt] Omris‫ ״‬lauten müssen. Doch so hieß bereits das Herrschergeschlecht;
Bet Omri (Bit Humri in den assyrischen Inschriften, wörtlich ‫ ״‬Das Haus
Omris‫ ) ״‬blieb selbst nach dem Sturz von Omris Dynastie der offzielle Name
des Königreiches Israel, wie aus assyrischen Quellen hervorgeht. Ähnlich
tragen in den assyrischen Dokumenten die Staaten Gosan, Arpad und D a­
maskus die Namen der jeweils herrschenden Dynastien - Bit Bahian, Bit
Agusi und Bit Hasael.
Ahab, der offenbar in den letzten Regierungsjahren seines Vaters dessen
Mitregent war, führte Omris Politik fort und entwickelte sie weiter. Unter
ihm wurde das Königreich Israel zu einem der wichtigsten Staaten in der
gesamten Region, der sich dank der Entfaltung von Handel und Gewerbe
einer wirtschaftlichen Blüte erfreute, die von territorialen Expansionen und
zunehmender Verstädterung begleitet war. In der Periode der friedlichen
Koexistenz mit Juda entfaltete sich Israel zu einem wirtschaftlichen und
politischen Zentrum, das durch die bestehenden Handelswege Juda mit Tyrus
verband. Ja, wahrscheinlich haben diese Allianz und die daraus erwachsen­
den wirtschaftlichen Bedürfnisse Joschafat bewogen, Edom zurückzuerobern,
um sich auch der einträglichen arabischen Handelswege zu bemächtigen.
Die „Königsstraße‫ ״‬, die durch das östliche Transjordanien nach Nordarabien
verlief, unterstand nunmehr der Kontrolle Judas und Israels.
Vermutlich war der Streit um die transjordanischen Handelsstraßen der
Anlaß zu den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Aram und Israel.
Falls diese Vermutung zutrifft, müßten sie in den Beginn von Ahabs Regie­
rungszeit datiert werden, nicht in das Ende, wie es der Text i Könige 22,1
nahezulegen scheint. Anfänglich behielt Ben-Hadad II. die Oberhand, doch
später gelang es Ahab, ihm mehrere Niederlagen beizubringen und ihn sogar
gefangenzunehmen (1 Könige 20). Nach diesem Sieg ergriff Ahab eine diplo­
matische Initiative von höchster Bedeutung: Er schloß mit Ben-Hadad und
dem neohethitischen Reich H am at ein Bündnis, das zum wichtigsten mili­
tärischen Ereignis seiner Regierungszeit wurde. Der Grund für diese unge­
wöhnliche Annäherung zwischen den Erbfeinden war der Aufstieg Assyriens
im 9. Jahrhundert zu einer aggressiven, militanten Macht, die den Frieden
und die Sicherheit von Damaskus, Ham at und Samaria gleichermaßen be­
drohte.
Die Z eit der zw ei Reiche *f*

Die assyrische Herausforderung


Unter Assurnasirpal II. (884-859) und dessen Sohn Salmanassar III. (859 bis
824) wurde Assyrien durch seine alljährlichen bewaffneten Überfälle die
größte Bedrohung für die Königreiche westlich des Eufrats. Diese Situation
verschärfte sich unter Assurnasirpal, dessen Inschriften die grausamen Maß­
nahmen gegen die neohethitischen und aramäischen Staaten Nordmesopota­
miens und Nordsyriens ausführlich schildern.
Assyriens Stärke beruhte auf seiner überaus schlagkräftigen Armee, die
sich durch eine starke Kampfwageneinheit und eine hochentwickelte Belage­
rungstechnik auszeichnete. Mit ihren Raubzügen verfolgten die Assyrer vor
allem die Absicht, in den reichen Staaten Nordsyriens Beute zu machen -
Gold, Silber, Luxusartikel und insbesondere Rohstoffe für den Bau von As-
surnasirpals neuer H auptstadt Kalach (Teil Nimrud). Die zahllosen Gefan­
genen, die man auf diesen Expeditionen machte, wurden nach Assyrien ge­
schafft und bei den Bauarbeiten eingesetzt; später ließen sich einige von
ihnen in der neuen H auptstadt nieder.
Salmanassar III. setzte die assyrische Expansion nach Westen fort, doch
die Lage hatte sich inzwischen geändert, und seinem mächtigen militärischen
Apparat stellten sich zwei Bündnisse entgegen: das der nordsyrischen und
südanatolischen Staaten und das der ‫ ״‬Zwölf Könige von H atti [Syrien] und
der Küste“. Der ‫ ״‬Kurkh-Monolith“, eine Stele aus Salmanassars sechstem
Regierungs jahr, verzeichnet die Partner des zuletzt genannten Bundes: an
der Spitze Damaskus und Hamat, unmittelbar gefolgt von ‫ ״‬Ahab von Is­
rael“. Angeschlossen waren ferner die phönizischen Städte, die Araber (die
hier erstmals urkundlich erwähnt werden) und eine symbolische Hilfstruppe
aus Ägypten. Die Steleninschrift beschreibt des weiteren die Entscheidungs­
schlacht des Jahres 853 zwischen Assyrien und dem Bund der zwölf Könige
bei Karkar im nördlichen Syrien. Die vollständige Liste der Beteiligten und
ihrer Streitkräfte lautet:

1. 1200 Streitwagen, 1200 Reiter, 20000 Mann [Fußsoldaten] von Adad-


idri [d. h. Hadad-Eser] aus Damaskus.
2. 700 Wagen, 700 Reiter, 10000 Mann von Irhuleni aus Hamat.
3. 2000 Wagen, 10 000 Mann von Ahab dem Israeliten.
4. 500 Mann aus Byblos [Gebal; eine gegenüber der früheren Lesart Qu^e-
Kilikien bevorzugte Form].
5.1000 Mann aus Ägypten [Musri].
6. 10 Streitwagen, 10000 Mann - aus Arqa.
7. 200 Mann von Matan-baal aus Arvad.
8. 200 Mann - aus Usnu.
9.10000 Mann von Adoni-Baal aus Sianu.
10. 1000 Kamele von Gindibu dem Araber.
f 52 Zeit des Ersten Tempels u nd babylonische G efangenschaft (H . T adm or)

i i . 30 Streitwagen, ( . ..) Mann von Bascha, dem ‫ ״‬Sohn des Rehob“ [d.h.
dem König von Bet-Rehob], vom Berg Amana [Antilibanon oder Am­
mon].

Es ist bemerkenswert, daß die Streitwageneinheit Israels die aller anderen


Verbündeten übertraf: ein Beleg für Israels militärisches und wirtschaftliches
Potential am Vorabend der Schlacht von Karkar.
Salmanassar errang in dieser Schlacht keinen Sieg, und so wurden die
Kampfhandlungen in den Jahren 849, 848 und 845 wiederauf genommen.
Doch im Gegensatz zur Schlacht von K arkar wissen wir nichts Genaueres
über diese Feldzüge, die in den assyrischen Quellen nur ganz kurz erwähnt
werden, und es ist unbekannt, ob Israel überhaupt daran beteiligt war. Wie
dem auch sei, eine prophetische Erzählung in 1 Könige 22 (deren Historizität
allerdings angezweifelt wird) berichtet, daß Ahab in einer Schlacht ums Le­
ben kam, die er und Joschafat bei Ramot-Gilead gegen Ben-Hadad (wahr­
scheinlich eine Bezeichnung für Hadad-Eser) austrugen. Diese Schlacht müß­
te in das Jahr 852 datiert werden, also nur ein Jahr nach der Schlacht von
Karkar, als Israel und Aram noch Bundesgenossen waren. Es ist fraglich, ob
der Bund - der nach der biblischen Version von Ahab gebrochen wurde - von
seinem Sohn Joram erneuert worden ist und ob Israel nach K arkar weiterhin
dem Bund der ‫ ״‬Zwölf Könige von Syrien und der Küste“ angehörte.

Die religiöse und soziale Gärung und Jehus Aufstand


Die engen wirtschaftlichen und militärischen Bindungen zwischen Israel und
den syrisch-phönizischen Staaten, vor allem Tyrus, hatten zur Folge, daß
diese Gebiete zunehmend kulturellen und religiösen Einfluß auf Israel aus­
übten. Diese Einflüsse, durch die H eirat Ahabs mit Isebel, der Tochter des
tyrischen Königs, noch verstärkt, fanden ihren Niederschlag in der Über­
nahme künstlerischer Motive aus Phönizien (zum Beispiel in den samaritani-
schen Elfenbeinschnitzereien) und in der Einführung des Melkart-Kults, der
Verehrung des tyrischen Baals, am königlichen Hof.
Ein Baal-Tempel, an dem tyrische Priester ihren Dienst versahen, wurde
in Samaria erbaut. Es ist anzunehmen, daß die oberen Klassen, etwa die
Staatsbeamten und die Höflinge, dem Beispiel des Königs weitgehend folg­
ten. Der plötzliche Wohlstand von Kaufleuten und Höflingen in der neuen
Metropole ließ zweifellos die Polarisierung zwischen dieser Gruppe und der
konservativen Landbevölkerung scharf hervortreten. Obwohl in der Bibel
keine Einzelheiten berichtet werden, veranschaulicht etwa der Bericht über
N abot aus Jesreel den inneren Zwiespalt, der den Propheten in die Oppo­
sition gegen den H of drängte. Zwei Aspekte sind für die Erzählung 1 Könige
21 bezeichnend. Der eine ist die Lebenskraft der patriarchalischen Grund­
sätze, die im Reich Israel noch immer eine große Rolle spielten und die es
Die Z e it der zw e i Reiche *S3

selbst dem König nicht gestatteten, sich das Erbe eines Untertanen gegen des­
sen Willen anzueignen. Auch Ahab wagte es nicht, die durch die Tradition
geheiligten Besitzrechte des Individuums anzutasten. Der zweite Aspekt ist
der Niedergang der öffentlichen Institutionen. Die Ältesten des Gemein­
wesens werden nicht nur als machtlos, sondern als regelrecht korrupt darge­
stellt, denn sie beteiligen sich bedenkenlos an einem Justizmord auf Geheiß
der Königin. Der Charakter dieser Königin aus Tyrus und ihre Verachtung
für Gesetz und Bürgerrechte werden knapp, aber eindrucksvoll geschildert.
Sie verspottet den schwachen König, der einsieht, daß die Rechte des einzel­
nen seinen Wünschen entgegenstehen: ‫ ״‬Du bist doch König über Israel. . .
Ich werde dir den Weinberg Naboths, des Jesreeliters, verschaffen“ (i Kö­
nige 21,7). Mit arrogantem Zynismus beruft sie sich auf einen alten und all­
gemein akzeptierten Rechtsgrundsatz, wonach jeder, der ‫ ״‬Gott und den
König“ lästert, sein Leben verwirkt hatte: Königin Isebel befiehlt den Älte­
sten, Nabot aufgrund falscher Aussagen zum Tode zu verurteilen und sein
Eigentum zu konfiszieren, mit stillschweigender Billigung des Königs und
der Richter.
In diesem grundlegenden Konflikt erweisen sich die Propheten als die
Fürsprecher des Gesetzes und der Menschenrechte. Das Vorgehen des Königs
wird verdammt in Elijas unsterblichem Aufschrei gegen den Tyrannen: ‫ ״‬Du
hast gemordet, dazu auch fremdes Erbe geraubt“ (1 Könige 21,19). Die Aus­
einandersetzungen zwischen der Prophetenbewegung und der königlichen
Familie erreichen ihren Höhepunkt in einer anderen Prophetenerzählung,
im Gottesurteil auf dem Berg Karmel (1 Könige 18-19). Hier kämpft Elija
einen einsamen Kampf gegen die Königin und ihre Propheten des tyrischen
Baal und stellt das Volk vor eine ungleiche Wahl: ‫ ״‬Wie lange hinket ihr auf
beiden Seiten? Ist der H err Gott, so wandelt ihm nach; ist’s aber Baal, so
wandelt ihm nach“ (1 Könige 18,21). Zum erstenmal richtet sich eine ironi­
sche Polemik gegen den Götzendienst: ‫ ״‬Als es nun Mittag wurde, verspottete
sie Elia und sprach: Ruft laut! Denn er ist ja ein Gott; er ist in Gedanken
oder hat zu schaffen oder ist über Land oder schläft vielleicht, daß er auf­
wache“ (1 Könige 18,27) “ Motiv, das später in der klassischen Prophetie
wiederkehren wird (Jesaja 44,12-17). Doch in dieser Phase waren Elija und
bnei hanebiim (‫ ״‬die Prophentenjünger“) noch nicht stark genug. Ihre Be­
wegung versagte zeitweise. Die Auffassungen, für welche die Propheten ein­
traten, gingen aber trotz Elijas Scheitern nicht unter, sie fanden sogar Unter­
stützung bei Hofe - Obadja verbarg zum Beispiel einige Propheten vor den
Nachstellungen der Königin.
Schon nach kurzer Zeit erstarkte die Bewegung wieder, und die Propheten
konnten nun öffentlich gegen die Politik des Herrscherhauses auftreten, an
dessen Spitze inzwischen Ahabs Sohn Joram (851-842) stand. Jetzt wurden
sie nicht mehr von Elija angeführt, sondern von seinem Schüler und geistigen
Erben Elischa ben Schafat, einem Bauern aus Transjordanien.
if4 Z €lt d es Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

Eine der Hauptursachen für den Untergang der Omriden-Dynastie waren


Jorams militärische Fehlleistungen. Um 850, kurz nach Ahabs Tod, führte
er Krieg gegen Moab, um dadurch den Aufstand von Mescha niederzuschla­
gen. Obwohl er von Juda unterstützt wurde, spielte er keine rühmliche Rolle.
Die Verbündeten belagerten Kir-Moab, Meschas Hauptstadt, konnten sie
aber nicht einnehmen. Der Bericht in 2 Könige 3 (wiederum eine später be­
arbeitete Prophetenerzählung) schließt mit einem grellen Detail: Mescha
opferte seinen erstgeborenen Sohn seinem Gott Kemosch, offenbar in einer
Zeremonie, die auf den Mauern der belagerten Stadt stattfand. Die Moabiter
behielten am Ende die Oberhand und gewannen ihre Unabhängigkeit zurück.
Ein weiterer Rückschlag folgte im Krieg zwischen Israel und Aram. Um 843
starb Ben-Hadad oder wurde getötet, und Hasael, sein Feldherr, bestieg den
Thron. Dieser dynastische Wechsel in Damaskus bewog Joram, einen Krieg
vom Zaun zu brechen, in dem er das gesamte Golan- und Baschan-Gebiet
zurückerobern wollte, das seit Ben-Hadad I. zu Aram gehörte. In einer
Schlacht bei Ramot-Gilead, das den südlichsten Punkt der aramäischen Ex­
pansion östlich des Jordans markierte, wurde Jorams Heer geschlagen und
er selber verwundet. Zu diesen militärischen Mißerfolgen kam während sei­
ner Regierungszeit noch eine schwere Dürre hinzu (2 Könige 4,38-41), die
eine wirtschaftliche Krise ausgelöst haben muß. Daraufhin brach in der Ar­
mee eine Meuterei aus. Der Aufruhr wurde geleitet von Jehu ben Nimschi,
einem General; nach 2 Könige 9 ging jedoch die Initiative von Elischa aus.
Der Abgesandte des Propheten, einer der ‫ ״‬Prophetenjünger‫ ״‬, traf im Heer­
lager von Ramot-Gilead ein und salbte heimlich Jehu zum König, verlieh
ihm also das Recht, das Haus Ahab zu zerstören. Sobald dies die anderen
Offiziere erfuhren, ‫ ״‬da nahm jeder eilends sein Kleid und legte es vor ihn
hin auf die hohen Stufen, und sie bliesen die Posaune und riefen: Jehu ist
König geworden!2) ‫ ״‬Könige 9,13). An der Spitze des Heeres zog Jehu gegen
Jesreel, die Winterresidenz des Königs. Er brachte Joram um und zog weiter
nach Samaria, wo er Isebel und Ahasja, den jugendlichen König von Juda,
entweder ein Vetter oder ein Neffe von Joram, hinrichten ließ. Die Revolte
kulminierte in der Ausrottung von Ahabs gesamter Nachkommenschaft und
all jener, die dem tyrischen Baal gedient hatten; auch der Baal-Tempel wurde
zerstört. Bei dieser Zerstörung unterstützten Jehu die Rechabiter, eine
Sekte von Wüsteneinsiedlern, die eifersüchtig über den reinen Gottesdienst
wachten. Manche Wissenschaftler vermuten, daß Elija ursprünglich aus die­
ser Gruppe hervorgangen ist. Das Ziel des Aufstandes war damit voll er­
reicht. Das Haus Omri war vernichtet und der Kult des tyrischen Baals aus­
gelöscht - er sollte in Israel nie wieder auftauchen. Politisch und religiös
betrachtet war das Jahr 842 ein Wendepunkt in der Geschichte Israels.
9• Der Niedergang, der Wiederaufstieg und die
Zerstörung des Königreiches Israel

Der Niedergang
Jehus Aufstand war insofern erfolgreich, als er fremdländische Einflüsse,
vor allem im kultischen Bereich, ausschaltete, aber die Folgen waren sowohl
für Israel als auch für Juda verhängnisvoll. Seit Jehus Herrschaft erlebte
Israel eine etwa vierzigjährige Periode des Niedergangs, eine der schlimmsten
Zeitabschnitte in der Geschichte beider Reiche.
Die dramatischen Ereignisse des Jahres 842 hatten weitreichende poli­
tische Konsequenzen. Das Bündnis zwischen Israel, Juda und Tyrus, das
seit den Tagen Ahabs und Joschafats bestanden hatte, brach auseinander.
Das Nordreich stand allein gegen seinen historischen Feind Aram-Damaskus,
der unter dem ehrgeizigen und energischen Hasael zu einer bedeutenden
Macht aufgestiegen war.
Der Bund der ‫ ״‬Zwölf Könige von Syrien und der Küste‫ ״‬, der in den letz­
ten Jahren Ahabs und während des größten Teils von Jorams Regierungszeit
für Stabilität in der gesamten Region gesorgt hatte, basierte auf der Ein­
dämmung der traditionellen Feindschaft zwischen Israel und Aram und zwi­
schen Aram und Hamat. Da er jedoch eigentlich nur in einem Vertrag zwi­
schen den regierenden Dynastien bestand, war es nicht verwunderlich, daß
das Bündnis aufhörte zu existieren, als in Aram und Israel ein dynastischer
Wechsel eintrat, und am Ende konnte Salmanassar III. von Assyrien in die
Region einfallen. Im Jahre 841 rückten die Assyrer auf Damaskus zu. Hasael
wurde besiegt; die assyrische Armee erreichte H auran und stieß von dort
zum ‫ ״‬Berg Ba3ali-rasiu vor, womit vielleicht der Berg Karmel oder rösch
han-niqräh gemeint ist. Unterwegs empfing Salmanassar Tributzahlungen
vom tyrischen König und von Jehu, dem König Israels, den die assyrischen
Inschriften als ‫ ״‬Jehu, Sohn des Omri“ bezeichnen, also als Herrscher über
das Königreich Bit Humri, d. h. ‫ ״‬das Haus Omris“ (vgl. S. 150). Auf dem
‫ ״‬Schwarzen Obelisken‫ ״‬von Kalach ist wahrscheinlich die Entrichtung des
Tributs im Jahre 841 dargestellt.
Einige Jahre später gab Salmanassar Syrien-Palästina auf und wandte sich
dem südlichen Anatolien zu. Befreit vom assyrischen Druck, zumal nach
Salmanassars Tod, erstarkte Aram allmählich wieder, bis es schließlich die
Vorherrschaft über Süd- und Mittelsyrien errang. Dieser Prozeß wurde fort­
gesetzt und abgeschlossen von Hasaels Sohn Ben-Hadad III.
Schon zu Jehus Lebzeiten hatte Hasael das Land Gilead (von Baschan
ij 6 Zeit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft ( H . Tadm or)

bis zum Fluß Arnon) erobert und sich auf diese Weise Ammon, Moab und
Edom tributpflichtig gemacht. 814 unternahm er eine militärische Expedi­
tion in israelitisches Gebiet, erhielt ansehnliche Tributzahlungen von Juda,
stieß bis zum philistäischen Gat vor und zwang höchstwahrscheinlich dem
ganzen Philisterland sein Regime auf. Diese Ereignisse fielen in die letzten
Jahre von Jehus Regierungszeit.
Die Herrschaft von Jehus Sohn Joahas (814-800) bezeichnet den Tief­
punkt in der Geschichte des Nordreiches, denn der König war kaum mehr
als ein Vasall Hasaels und Ben-Hadads III. Israels Schwäche dokumentiert
sich in einer Aussage 2 Könige 13,7: ‫ ״‬Denn es waren vom Kriegsvolk des
Joahas nicht mehr übriggeblieben als fünfzig Gespannpferde, zehn Wagen
und 10 000 Mann Fußvolk. Denn der König von Aram hatte sie umgebracht
und sie gemacht wie Staub beim Dreschen.“ Diese Verfallszeit spiegelt sich
auch im Zyklus der Elischa-Erzählungen 2 Könige 5-7. Obgleich Joahas hier
nicht mit Namen genannt wird, ist er vermutlich der erwähnte ‫ ״‬König Is­
raels“, der den aramäischen General Naaman vom Aussatz heilen sollte und
der den zahlreichen Überfällen der Aramäer wehrlos ausgeliefert war (2 Kö­
nige 5,6 und 6,8-23). Die Prophetenerzählungen bezeugen authentisch, in
welch hohem Maße der König von Israel damals Aram untertan war. Es
spricht viel für die Auffassung, daß diese Epoche auch den ‫ ״‬Weissagungen
wider die Völker“ in Amos 1-3 zugrunde liegt. Hier werden Geschehnisse
verdammt, die sich mehrere Generationen vor Amos zutrugen - die Grau­
samkeiten der Aramäer (‫ ״‬weil sie Gilead mit eisernen Dreschschlitten gedro­
schen haben“ [Amos 1,3]) und der Ammoniter (‫ ״‬weil sie die Schwangeren in
Gilead aufgeschlitzt haben, um ihr Gebiet zu erweitern“ [Amos 1,13]).
Paradoxerweise wurde Israel ausgerechnet von den Assyrern befreit. Adad-
nirari III. (810-782) richtete die assyrischen Ansprüche erneut gegen We­
sten. Er besiegte Arpad und dessen Verbündete in Nordsyrien und beschloß
dann, die aramäische Hegemonie über Mittel- und Südsyrien zu beseitigen.
796 führte er den entscheidenden Schlag gegen Damaskus; unter Berufung
darauf, daß er die Stadt selbst besetzt habe, trieb er von ihrem König einen
großen Tribut ein. Eine Stele Adad-niraris, die kürzlich in Teil el-Rima im
Irak entdeckt wurde, feiert seine syrischen Feldzüge: Die Inschrift erwähnt
neben der Niederlage des Königs von Aram auch die Tributzahlungen, die
Joasch von Samaria entrichtete. Es scheint, daß Joasch - genauso wie Jehu im
Jahre 841 - bei den Assyrern Beistand gegen Damaskus suchte und durch
seine Tribute Adad-nirari als Schiedsrichter, wenn nicht gar als Schutzherrn
über die syrisch-palästinischen Staaten anerkannte.
Eine andere Quelle, die ‫ ״‬Nimrud-Tafel“, vervollständigt unser Wissen
über diese Vorgänge. Es hat den Anschein, als ob nicht nur Israel, sondern
auch Ammon, Moab und Edom die assyrische Oberhoheit anerkannten. Doch
vorerst hatte Assyrien noch nicht seine spätere Machtposition errungen und
ein halbes Jahrhundert lang konnte Israel unter Jerobeam, dem Sohn des
Niedergang , W iederaufstieg un d Zerstörung des Königreiches Israel

Joasch, die Nachfolge Arams als führender Staat im syrisch-palästinischer


Raum antreten.
Die Niederlage von Damaskus findet in der Bibel nur einen sehr schwachen
Widerhall: ‫ ״‬Und der H err gab Israel einen Retter, der sie aus der Gewalt
der Aramäer befreite2) ‫ ״‬Könige 13,5). Von diesem Zeitpunkt an begann
sich die Lage Israels zu bessern, und Joasch (800-784) gelang es, einen be­
trächtlichen Teil seines ehemaligen Territoriums zurückzugewinnen: »Joas
aber gewann die Städte zurück aus der H and Ben-Hadads, des Sohnes H a-
saels, die er im Kampf seinem Vater Joahas genommen hatte. Dreimal schlug
ihn Joas und gewann so die Städte Israels zurück“ (2 Könige 13,25). Die
Gruppe der Propheten, an ihrer Spitze der ehrwürdige Elischa, ermunterte
den König von Israel, einen nationalen Befreiungsfeldzug zu wagen und
Aram endgültig zu besiegen (2 Könige 13,19). Der H aß gegen Aram war ty­
pisch für die Prophetenbewegung jener Zeit, nicht anders als früher (vgl.
1 Könige 20,35-43).
Auch in Juda kam es während der aramäischen Vorherrschaft zu wichti­
gen Veränderungen. Nach dem Tode Ahasjas im Jahre 842 übernahm seine
Mutter Atalja die Macht. Der biblische Berichterstatter beschuldigt sie in
2 Könige 11 eines furchtbaren, wenngleich unwahrscheinlichen Verbrechens:
Sie habe die gesamte königliche Familie, vermutlich auch ihre eigenen Enkel,
niedergemetzelt, um sich den Thron zu sichern. Da dem Brauch im Alten
Orient zufolge die Frauen jedoch allenfalls als Regentinnen, nicht aber als
Königinnen aus eigenem Recht regierten, wäre dieses Verbrechen selbst­
zerstörerisch gewesen, es sei denn, es habe sich um eine irrationale Wahnsinns­
tat gehandelt. Vermutlich warf der Erzähler Atalja Verbrechen vor, die sie
schwerlich begangen haben kann, zumal da in Juda bereits unter Ataljas
Gemahl Joram ein Prinzenmassaker stattgefunden hatte (2 Chronik 21). Die
ablehnende Haltung des Erzählers gegenüber Atalja scheint sich daraus zu
erklären, daß sie, genauso wie Isebel in Samaria, den Kult des tyrischen Baal
in Juda einführte: sie ließ in der N ähe von Jerusalem einen Baal-Tempel
errichten und setzte M attan als Priester ein, dessen Name die Vermutung
nahelegt, daß er ein Tyrer war. Die Ereignisse, die Ataljas Herrschaft ein
Ende machten, sind ebenfalls in 2 Könige 11 und in einem von dieser Erzäh­
lung abhängigen Parallelbericht (2 Chronik 23) geschildert. Der bereits frag­
würdige Bericht in 2 Könige bedient sich altbekannter literarischer Klischees:
Die Schwester des erschlagenen Königs versteckt dessen jüngsten Sohn, hält
ihn sechs Jahre lang verborgen und bereitet im siebten Jahr eine Verschwö­
rung gegen Atalja vor. Die Königin wird getötet und der kleine Prinz Joasch
im Tempel im Rahmen eines eindrucksvollen öffentlichen Zeremoniells ge­
krönt. ‫ ״‬Und Jojada [der Hohepriester] . . . setzte ihm die Krone auf und
gab ihm die Ordnung, machte ihn zum König und salbte ihn und sie klatsch­
ten in die Hände und riefen: Es lebe der König!. . . Siehe, da stand der König
an der Säule, wie es Brauch war, und die Hauptleute und die Trompeter bei
j Z e i t des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

dem König; und alles Volk des Landes war fröhlich und blies die Trompeten“
(2 Könige 11,12-14). Der Anführer dieser Revolution war der Hohepriester
Jojada, der Onkel des Joasch, und die Hauptbeteiligten waren die Tempel­
garde und die ‫ ״‬Läufer“, offensichtlich eine Einheit der Palastwache. Die
Rolle der Priesterschaft war allerdings von entscheidender Bedeutung: Die
Krönung wurde besiegelt durch einen Bund zwischen dem Gott Israels und
dem König samt dem Volk, ‫ ״‬daß sie des H errn Volk sein sollten“ einerseits,
und ‫ ״‬desgleichen auch zwischen dem König und dem Volk“ (2 Könige 11,17).
Bei der Krönung von Joasch tritt *am ha- ares (‫ ״‬alles Volk des Landes“)
sowohl beim Aufstand als auch bei der Zerstörung des Baal-Tempels aktiv
beteiligt auf. Wenn die Erwähnung von 3am ha- ares kein Anachronismus
ist, also eine Interpolation des späteren Herausgebers, dann träte diese wich­
tige Institution Judas hier zum erstenmal in Erscheinung. In der Folgezeit,
während der letzten Jahrzehnte des Reiches Juda, sollte ‫ ״‬alles Volk des Lan­
des“ noch mehrmals auftreten, mit dem speziellen Auftrag, bei einer Störung
der normalen Thronfolge den neuen König zu wählen.
Die ungewöhnlichen Umstände, unter denen Joasch den Thron bestieg,
hatten wesentliche Auswirkungen auf den Status des Tempels und der Prie­
ster in Juda. Bis zu dieser Zeit weist nichts auf eine Einmischung der Priester­
schaft in politische Angelegenheiten hin. Jetzt aber, infolge des großen An­
teils, den Jojada an der Wiedereinsetzung des rechtmäßigen Königsge­
schlechts hatte, erscheint der Priester als derjenige, der für die Rechte der
davidischen Dynastie eintritt. Solange der König minderjährig war und
Jojada die Regentschaft innehatte, wurde die hohe politische Stellung des
Hohenpriesters weiter gestärkt. Von daher erklärt sich vielleicht der spätere
Konflikt zwischen Joasch und seinen Beratern einerseits und zwischen ihm
und den Tempelpriestern andererseits (vgl. 2 Chronik 24,17). Einer der
Gründe muß der Disput um die Aufsicht über die Einkünfte des Tempels ge­
wesen sein. Nach dem Bericht 2 Könige 12, der den Tempelannalen entnom­
men ist, vernachlässigten die Priester die Ausbesserung des Tempels, die zu
ihren Pflichten gehörte. Joasch änderte diesen Zustand und bestimmte, daß
die Priester ‫ ״‬vom Volk kein Geld mehr nehmen sollten“ (2 Könige 12,9).
Gleichzeitig veranstaltete er eine große Kollekte, deren Ertrag ausschließlich
für die Ausbesserung des Tempels verwendet wurde. Ein weiterer strittiger
Punkt scheint der Tribut gewesen zu sein, den Joasch im Jahre 841 an Ha-
sael von Aram entrichten mußte und den er aus dem Tempelschatz nahm
(2 Könige 12,18 f.). Die wiederholten Auseinandersetzungen zwischen dem
König und der Priesterschaft, ebenso die wirtschaftlichen Schwierigkeiten,
die aus der geographischen Isolierung des Landes und dem Verlust der H an­
delsverbindungen mit Syrien und Phönizien erwuchsen, erreichten ihren H ö­
hepunkt, als sich Juda schließlich Hasael und Ben-Hadad III. politisch un­
terwarf. Vor diesem Hintergrund interner Streitigkeiten und politischen
Verfalls wurde Joasch von zwei seiner ‫ ״‬Großen“ ermordet.
Niedergang, W iederaufstieg u n d Zerstörung des Königreiches Israel i;9

Unter seinem Nachfolger Amazja (798-769) besserte sich Judas politische


Lage vorübergehend. Aus Gründen, die wir nicht kennen, gelang es dem
neuen König, Judas Armee wiederaufzubauen und einen erfolgreichen Krieg
gegen Edom zu führen, das ungefähr vierzig Jahre zuvor unter Amazjas
Großvater Joram seine Unabhängigkeit errungen hatte (2 Könige 8,22). Er
besiegte Edom (2 Könige 14,7) und eroberte die Stadt Sela (‫ ״‬Fels“, w ahr­
scheinlich die edomitische Hauptstadt), konnte aber nicht bis ans Rote Meer
vorstoßen. Dieser militärische Machtzuwachs Judas ist vielleicht eine Erklä­
rung für jene merkwürdige Episode 2 Könige 14,8, in der Amazja den israeli­
tischen König Joasch zu einer militärischen Auseinandersetzung herausfor­
dert. Amazja mag tatsächlich den vergeblichen Versuch gemacht haben,
Joasch zur Unterzeichnung eines Vertrages zwischen den beiden Königrei­
chen zu zwingen, und dieser Versuch ging der Herausforderung voraus und
bewog Joasch zu seiner sonderbaren Antwort (2 Könige 14,9—10). Man hat
auch die Vermutung geäußert, Amazjas Vorgehen sei von dem Wunsch be­
stimmt gewesen, den Mord an seinem Großvater durch den Gründer der
Jehu-Dynastie zu rächen. Jedenfalls endete das Ganze damit, daß Juda in
einer Schlacht bei Bet-Schemesch unterlag. Amazja geriet in Gefangenschaft,
Joasch drang bis Jerusalem vor, und zum erstenmal in der Geschichte Judas
wurde die Stadtmauer durchbrochen und die Stadt selbst eingenommen. Der
König von Israel plünderte die Tempelschätze und verschleppte Gefangene
und Geiseln nach Samaria. Amazja wurde später freigelassen, doch in den
nächsten fünfzehn Jahren mußte er wahrscheinlich die Macht mit seinem
Sohn Usija teilen, der als Mitregent fungierte (2 Könige 14,17; man beachte,
daß es im Text ‫ ״‬lebte“ und nicht ‫ ״‬herrschte“ heißt). Nachdem Amazja von
Verschwörern getötet worden war, griff ‫ ״‬das ganze Volk von Juda“ ein und
krönte Usija (Asarja) zum König (2 Könige 14,21 und 2 Chronik 26,1).
Der Ausdruck ‫ ״‬das ganze Volk von Juda“ darf nicht wörtlich verstanden
werden, denn es ist unwahrscheinlich, daß bei dieser Krönung mehr Men­
schen beteiligt waren als bei anderen. Er sollte vielmehr zu dem späteren
Terminus ‫ ״‬Volk des Landes“ in Beziehung gesetzt werden, einer Volksver­
sammlung und der größten Körperschaft, durch welche die Gemeinschaft
überhaupt an politischen oder staatlichen Vorhaben beteiligt war. Sie war
ein ziviles Gremium, so wie ‫ ״‬die Männer von Israel“ zur Zeit Davids (vgl.
S. 127) eine militärische Einrichtung waren.
Die Chronologie der Könige Judas in dieser Periode ist schwer zu rekon­
struieren. Offenbar fiel Amazjas Niederlage in das vierzehnte Jahr seiner
Regierungszeit, dem das vorletzte Regierungsjahr von Joasch in Israel ent­
spricht (785-84). Es ist anzunehmen, daß Usija nicht erst nach der Ermor­
dung seines Vaters in Lachisch, also nach dessen neunundzwanzigjähriger
Herrschaft, den Thron bestieg, sondern schon früher, kurz nach der Schlacht
von Bet-Schemesch, als Amazja in Gefangenschaft geriet und nach Samaria
verschleppt wurde. Demnach hätte Usija zu Lebzeiten seines Vaters fünf­
i6 o Z eit des Ersten Tempels un d babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

zehn Jahre lang regiert, und diese Jahre wurden seiner Gesamtregierungszeit
zugerechnet. Seine Herrschaft müßte somit von 785/84 bis 7 3 4 / 3 3 angesetzt
werden.

Israel u n ter Jerobeam II.


Die langen Regierungszeiten von Usija in Juda und von Jerobeam ben Joasch
in Israel (784-748) verlaufen ungefähr parallel und markieren eine Epoche
des Wohlstands und Erfolgs nach einer langen Periode des Niedergangs.
Diese Aufwärtsentwicklung ist nicht nur auf die Schwächung von Aram-
Damaskus und das Ende seiner Vorherrschaft über Syrien-Palästina zurück­
zuführen, sondern auch auf die engen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen
zwischen den beiden Königreichen während dieses halben Jahrhunderts.
Uber Jerobeams Kriege und die Größe seines Reiches sind wir nur lücken­
haft informiert. Seine Herrschaft war sicherlich die bedeutendste Zeit in der
Geschichte des Nordreichs, doch ironischerweise erfahren wir über seine Er­
oberungen lediglich, daß er ‫ ״‬das Gebiet Israels von Ham ath [Lebo-Hamat]
bis ans Salzmeer [A raba]“ ( 2 Könige 1 4 , 2 5 ) wiederherstellte, und daß ‫ ״‬er
Damaskus und Hamath wieder an [Juda in] Israel gebracht hat 2) ‫ ״‬Könige
1 4 , 2 s ) . Die Formulierung ‫ ״‬Juda in Israel‫ ״‬kommt sonst nirgendwo vor, und
ihr Sinn bleibt dunkel. Mit anderen Worten: Jerobeam machte sich sowohl
Syrien als auch das Ostjordanland bis hinunter zum Toten Meer untertan.
Die einzelnen Phasen und Daten dieser territorialen Expansion sind nicht
bekannt, aber vermutlich führte er schon gleich nach seinem Regierungsan­
tritt einen Krieg gegen die Aramäer, bei dem es um den Besitz des Ostjor­
danlandes ging. Man nimmt an, daß sich Amos1 Aussage ‫ ״‬die ihr euch freut
über Lo-Dabar und sprecht: Haben wir nicht durch unsere K raft Karnajim
genommen?“ (Amos 6 , 1 3 ) auf zwei frühe Siege über die Aramäer bezieht -
auf den einen bei Lo-Dabar in Gilead und den anderen bei Karnajim in Ba-
schan. Auf jeden Fall kam Damaskus selbst erst unter israelische Oberhoheit,
nachdem Aram 7 9 6 von Adad-nirari III. (vgl. S. 1 5 6 ) und 7 7 3 von einem
seiner Nachfolger besiegt worden war; doch wieviel Zeit darüber verging,
ist nicht genau bekannt. Für die Geschichte Israels und Assyriens in dieser
Periode fehlt uns das Quellenmaterial - und die Jahre 7 9 6 - 7 4 5 sind nur
spärlich belegt. Das Beste, was wir besitzen, sind die lakonischen Angaben in
den assyrischen ‫ ״‬Eponymen-Chroniken“, in denen jeweils die wichtigsten
Ereignisse des Jahres verzeichnet sind. Aus diesen Angaben geht hervor, daß
die Assyrer in den Jahren 7 7 2 - 7 6 5 und abermals 7 5 5 und 7 5 4 Kriegszüge in
die nordsyrischen Gebiete Arpad und Hadrach unternahmen. Eine andere
Quelle, die urartäischen Königsinschriften, gewährt uns einen gewissen Ein­
blick in die Geschichte Westasiens während jener Jahre. Dies war nämlich
die Zeit, in der Urartu (das biblische Ararat und das moderne Armenien)
seinen Aufstieg begann. Im zweiten Viertel des 8. Jahrhunderts wurde es zu
N iedergang , W iederaufstieg und Zerstörung des Königreiches Israel i6r

einem führenden Königreich im östlichen Anatolien, und sowohl Syrien als


auch Assyrien waren dem ständig wachsenden Druck ausgesetzt, den die
urartäischen Invasionen auf ihre N ord westgrenzen ausübten. Die assyrischen
Könige konnten nicht länger an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen und kon­
zentrierten ihre Anstrengungen darauf, ihre Stellung in der Region Arpad
in Nordsyrien zu behaupten. Deswegen darf man davon ausgehen, daß die
Eroberung von Damaskus durch Jerobeam nicht gegen den Willen der As-
syrer erfolgte, sondern vielleicht sogar deren Plänen entgegenkam, die Macht
Arams zu brechen. Somit erhielt Jerobeam eine Gelegenheit, sich an der Er­
oberung zu beteiligen und H err über das Land südlich von Ham at zu wer­
den. Es ist durchaus möglich, daß H am at Israels Oberhoheit anerkannte, so
wie in den Zeiten Davids und Salomos.
Jerobeams Regierungszeit war zugleich eine Periode der wirtschaftlichen
Entfaltung und Konsolidierung. Israel beherrschte jetzt wieder die wichtigen
Handelswege, die Mesopotamien und Anatolien mit Ägypten verbanden. Die
Eroberung von Baschan und Hauran, einst die Kornkammern Israels, stellten
die so lange entbehrte stabile ökonomische und agrarische Basis wieder her.
Um die erneuerte Herrschaft über Nordgilead, Baschan und Hauran zu fe­
stigen, wurden diese Gebiete einer großangelegten israelitischen Besiedlung
geöffnet. Aus dem Geschlechtsregister i Chronik 5, dem anscheinend ein
Zensus nach der neuen Bevölkerungsverteilung zugrunde liegt, geht hervor,
daß der Stamm Gad bis zum Hermon vorgedrungen war und der Stamm
Rüben seine Herden sogar am Eufrat weidete. Fortan gewannen die Bewoh­
ner von Gilead im Nordreich zunehmend an Bedeutung. Von den vier letzten
Königen Israels, welche die Macht gewaltsam an sich rissen, stammten drei
aus Gilead.
Der Wohlstand unter Jerobeam bestimmte auch Tempo und Ausmaß der
Bautätigkeit. Grabungsfunde aus Samaria - vor allem die elfenbeinernen
Möbelintarsien - bezeugen die Pracht des damaligen Königspalastes. Der
steigende Reichtum der herrschenden Klassen Israels vertiefte ohne Frage
die bereits bestehenden sozialen Gegensätze. Unser wichtigster Zeuge für die
sozialen Zustände zur Zeit Jerobeams ist Amos, ein Prophet aus dem Dorf
Tekoa in Juda, der seine Stimme gegen die Unterdrückung der Armen und
die Perversion des Rechts erhob. Amos verurteilte die oberen Schichtcn, die
in dieser Zeit der Ruhe und des Friedens allein vom Wohlstand profitierten.
Doch gleichzeitig klingt in einem Teil seiner Weissagungen ein anderer Ton
an, der darauf hindeutet, daß mit dem Ende von Jerobeams Herrschaft diese
Stabilität ins Wanken geriet und der Wohlstand seinem Ende zuging. N atu r­
katastrophen wie Dürrezeit und Heuschreckenplage beschleunigten die Krise.
Besonders hart betroffen waren die Landlosen und die ganz Armen, die von
den reichen Landbesitzern ausgebeutet wurden. Diese horteten die Ernteüber­
schüsse aus den guten Jahren und verkauften sie in den Dürrejahren zu über­
höhten Preisen, kurzum, sie verkauften ‫ ״‬die Unschuldigen für Geld und die
!62 Z eit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

Armen für ein Paar Schuhe“ (Arnos 2,6). Die scharfen sozialen Gegensätze
erschütterten die Grundfesten des Gemeinwesens. Der Umstand, daß solche
bitteren prophetischen Schmähungen Öffentlich ausgesprochen werden konn­
ten, ohne eine Massenreaktion gegen den Propheten zu bewirken, scheint ein
Zeichen dafür zu sein, daß die Bevölkerung insgesamt seinen Worten zu­
stimmte und sich mit ihnen identifizierte. Obwohl selbst Amazja, der Hohe­
priester am Tempel in Bet-El, den König warnte: ‫ ״‬Amos macht einen Auf­
ruhr gegen dich im Hause Israel; das Land kann seine Worte nicht ertra­
gen“ (Amos 7,10), wurde der ‫ ״‬Aufrührer“ nicht vor Gericht gestellt. Offen­
sichtlich stellten die Propheten schon zu Jerobeams Lebzeiten einen erheb­
lichen Machtfaktor dar; das gilt noch mehr für die Zeit nach seinem Tod, als
die unterschwelligen Unruhen offen ausbrachen.

Die Schrift-Propheten
Die prophetische Bewegung, die für die ‫ ״‬wahre Verehrung“ des Gottes Is­
raels und gegen das Eindringen fremder Götter in der Zeit Ahabs gekämpft
hatte und während der aramäischen Unterdrückung maßgeblich an der O r­
ganisation des Widerstandes beteiligt war, erfuhr nach den Siegen Jero­
beams IL'abermals eine drastische Veränderung. Es gilt als sicher, daß Pro­
pheten wie Jona ben Amittai, der den Aufstieg Israels und die Niederlage
Arams voraussagte (2 Könige 14,25), nunmehr dem Hofe nahestanden, wenn
sie nicht gar zu ‫ ״‬Hofpropheten“ wurden. Damit verkehrte sich die tradi­
tionelle kritische Einstellung der Propheten gegenüber dem König, seinem
H of und den dort üblichen religiösen Praktiken und Lehren in ihr Gegenteil.
Anstatt sich mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit und ähnlichen Problemen
zu befassen, waren die Propheten augenscheinlich mehr darauf bedacht, na­
tionalistische Erwartungen zu fördern, indem sie verhießen, daß ‫ ״‬der Tag
des H errn“ unmittelbar bevorstehe, an dem der Gott Israels alle bestrafen
und die Erbfeinde Israels vernichten werde (vgl. Amos 5,18 und Joel 3,14).
Mit Amos trat etwas Neues in Erscheinung. Seine Erklärung ‫ ״‬Ich bin kein
Prophet, noch ein Prophetenjünger, sondern ich bin ein H irt, der Maulbeeren
züchtet“ (Amos 7,14), sagt aus, daß er keiner der berufsmäßigen Weissager
war, die von ihrer Prophetengabe lebten (vgl. x Könige 14,3 und 2 Könige
4,42); er war vielmehr wirtschaftlich unabhängig und verdiente seinen Un­
terhalt als Viehzüchter (wahrscheinlich die eigentliche Bedeutung von boqer,
‫ ״‬H irt“) und als Pflanzer von Maulbeerbäumen, deren Früchte als Viehfutter
dienten. In seinen Prophetien ist nicht von Vorzeichen, Wundern und eksta­
tischen Zuständen die Rede, und er gehörte auch keiner der politisch aktiven
Prophetengilden an. Sein Hauptanliegen war die soziale Gerechtigkeit als
oberster Maßstab im Leben des Volkes und Staates. Deshalb verwarf er den
offiziellen Kultbetrieb, vor allem die Opfer der Reichen und der Herrscher,
die das Recht zur Unterdrückung der Armen mißbrauchten: ‫ ״‬Ich bin euren
Niedergang , Wiederaufstieg und Zerstörung des Königreiches Israel I6j

Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht rie­
chen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich
keinen Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.
. . . Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie
versiegender Bach . . . spricht der Herr, der Gott Zebaoth heißt“ (Amos
5,21-27). Dieses Thema, das in den Weissagungen Jesajas weiterentwickelt
und noch stärker hervorgehoben werden sollte, wurde zum Leitmotiv der
späteren prophetischen Botschaft.
Amos darf als der erste der ‫ ״‬Schrift-Propheten“ gelten, deren Eintreten
für soziale Gerechtigkeit in den Kulturen des Alten Orients ohne Beispiel ist.
Nicht zufällig ging diese Bewegung vom Nordreich aus, denn in den Tagen
Jerobeams II. waren dort die sozialen Gegensätze schärfer als in Juda, das
im wesentlichen ein Agrarland blieb und sich seine Stabilität bewahrte.

Judas Höhepunkt unter Usija/Asarja


Usija wird 2 Könige 15 Asarja genannt. Möglicherweise sind die beiden For­
men nur Varianten desselben Namens. Seine lange Regierungszeit, die 2 Kö­
nige sehr kurz, 2 Chronik 26, einer verläßlichen historischen Quelle, aber
ausführlicher beschrieben wird, markierte eine Blütezeit, wie sie Juda seit
der Teilung des Reiches nicht mehr erlebt hatte. Sobald Usija seine Macht
gefestigt hatte, setzte er den Krieg gegen Edom fort. Schon bald eroberte er
Elot (d.h. Elat am Roten Meer), womit er die Besetzung Edoms abschloß
und die Kontrolle über die wichtigen Handelswege erlangte, die durch dieses
Gebiet verliefen. Um die arabischen Karawanenstraßen im nördlichen Sinai
besser in den Griff zu bekommen, eroberte und befestigte er auch die zentral
gelegene Oase Kadesch-Barnea, deren Überreste bei archäologischen Grabun­
gen zutage getreten sind. Im Verlauf dieses Feldzuges besiegte er die Meuni-
ter, einen arabischen Nomadenstamm, der einer assyrischen Quelle zufolge
im Norden der Sinai-Halbinsel zu Hause war und seine Wanderzüge bis zur
ägyptischen Grenze ausdehnte. Sein Ziel, die Kontrolle über die Handels­
wege, verfolgte Usija auch in einem Feldzug gegen Philistäa, dem ersten in
der Geschichte Judas seit Davids Zeiten. Er eroberte Jabne und ‫ ״‬baute Fe­
stungen um Asdod und im Philisterland“ (2 Chronik 26,6), das heißt Sied­
lungen und Festungen im nördlichen Teil der Küstenhandelsstraße. Wie in
den Zeiten des vereinten Königreiches unterstanden nun Juda die beiden
großen Handelsverbindungen, die durch sein Territorium führten, und da­
durch wuchsen die Einkünfte aus dem internationalen Handel. Die w irt­
schaftliche Erholung Judas zeigt sich nicht nur in Handel und Gewerbe,
sondern auch in großen landwirtschaftlichen Projekten, die vor allem im
Negev verwirklicht wurden. Usija war der einzige König Judas, von dem es
heißt, daß ‫ ״‬er Lust am Ackerbau hatte“ (2 Chronik 26,10), eine Bemerkung,
die sein großes persönliches Interesse an der Landwirtschaft bezeugt.
164 Z eit des Ersten Tempels un d babylonische G efangenschaft ( H . Tadm or)

In der Tat haben die archäologischen Bestandsaufnahmen und Grabungen


im Negev während des letzten Jahrzehnts eindrucksvolle Überbleibsel aus
jener Zeit ans Licht gebracht: von Mauern und Türmen umgebene Festungen,
weitab vom bewohnten Gebiet. Mehrere der Türme dienten offensichtlich
als Wachttürme, von denen aus die Handelsstraßen und Weidezonen kon­
trolliert wurden.
Usija reorganisierte auch die Armee und rüstete sie mit neuen Waffen aus:
‫ ״‬Schilde, Spieße, Helme, Panzer, Bogen und Schleudersteine“ (2 Chronik
26,14). Durch besondere Maßnahmen wurde das Verteidigungssystem der
H auptstadt verbessert: ‫ ״‬. . . und [er] machte in Jerusalem kunstvolle Ge­
schütze, die auf den Türmen und Ecken stehen sollten, um mit Pfeilen und
großen Steinen zu schießen“ (2 Chronik 26,15).
Nachdem Usija den Staat politisch wie ökonomisch stabilisiert hatte, ver­
langte er das Recht der Beteiligung am Tempeldienst. Dieses königliche Vor­
recht hatte tiefe historische Wurzeln, denn schon Salomo und dessen Brüder
hatten bei religiösen Riten mitgewirkt (vgl. 2 Samuel 8,18). Doch seit vielen
Generationen, zumal seit den Tagen von Usijas Großvater Joasch, waren die
Aktionsbereiche des Königs und der Priesterschaft sehr genau abgegrenzt.
Folglich stieß Usija, nach einer späten priesterlichen Überlieferung 2 Chronik
26, auf den heftigen Widerstand der Priester, als er versuchte, auf dem Altar
ein Rauchopfer darzubringen. Dieselbe Quelle deutet auch Usijas H autkrank­
heit (Aussatz) als eine Strafe für diese Profanierung: ‫ ״‬Da wurde Usija zor­
nig, als er bereits ein Räuchergefäß in der H and hatte, um zu räuchern; und
wie er so über die Priester zornig wurde, brach der Aussatz aus auf seiner
Stirn“ (2 Chronik 26,19). In einer späteren Priestertradition, die sich bei
Josephus erhalten hat, wird diese Legende weiter ausgeschmückt und um das
Motiv eines Erdbebens erweitert (es ist bei Amos 1,1 und Sacharja 14,5 ge­
schichtlich verbürgt), das sich ereignete, als der König sich in den Tempel­
dienst einzumischen versuchte: ‫ ״‬. . . ward sein Sinn hochmütig, und aufge­
bläht durch vergänglichen Reichtum, verachtete er das Unsterbliche und
Ewige .. . Als nämlich einst ein Fest gefeiert wurde . . . zog er Priesterkleider
an und begab sich in den Tempel . . . Der Hohepriester . . . suchte ihn daran
zu hindern . . . Usija aber drohte ihnen mit dem Tode . . . Da erbebte die
Erde, der Tempel spaltete sich, und es brach aus ihm ein glänzendes Sonnen­
licht hervor, das auf des Königs Antlitz fiel; und sogleich ergriff ihn der
Aussatz“ (Josephus, Jüdische Altertümer IX, 10,4). Einen schlüssigen Beweis
für die Erkrankung des Königs liefert die aramäische Inschrift auf einem
Grabstein aus der Zeit des Zweiten Tempels. Sie lautet: ‫ ״‬Hierher wurden
gebracht die Gebeine Usijas, des Königs von Juda. Nicht öffnen!“ Offen­
sichtlich wurde der Leichnam des ‫ ״‬aussätzigen“ Königs nicht auf dem könig­
lichen Friedhof bestattet, sondern anderswo, wo man ihn später fand und mit
einem neuen Grabstein nochmals beerdigte.
Usijas Sohn Jotam kam in den letzten Lebensjahren seines Vaters an die
Niedergang , W iederaufstieg und Zerstörung des Königreiches Israel !6}

Macht, als diesen die Krankheit offiziell hinderte, eine aktive Rolle im öf­
fentlichen Leben zu spielen. Was die Chronologie angeht, so sollte man die
Herrschaft Jotams in die zweiundfünfzigjährige Regierungszeit Usijas ein­
beziehen; seine Regentschaft ist also auf die Jahre von 75 8 bis 743 zu datie­
ren. Jotam, der die Wachstums- und Expansionspolitik seines Vaters fort­
setzte, besiegte die Ammoniter und trieb hohe Tributzahlungen von ihnen
ein (2 Chronik 27,5). Wir wissen nicht, ob dieser Vorstoß nach Transjorda­
nien im Einvernehmen mit Jerobeam II. von Israel erfolgte, aber es spricht
einiges dafür. Ein halber Beweis kann aus der Tatsache abgeleitet werden,
daß die Namen Jotam und Jerobeam in einem Passus Vorkommen, der sich
auf eine Volkszählung in Transjordanien bezieht: ‫ ״‬Diese wurden alle auf­
gezeichnet zur Zeit Jotams, des Königs von Juda, und Jerobeams, des Königs
von Israel“ (1 Chronik 5,17). Volkszählungen und genealogische Nachfor­
schungen dieser A rt wurden gewöhnlich in Zeiten territorialer Expansion
und neuer Siedlungsmaßnahmen veranstaltet.
Der politische Aufstieg in Israel war dem in Juda voraufgegangen, doch
begann jetzt auch das Südreich wachsende Macht zu demonstrieren. Das wird
besonders deutlich in den letzten Lebensjahren Jerobeams, und es ist durchaus
möglich, daß Juda nach seinem Tod die Vorherrschaft über ganz Israel und
vielleicht sogar über Aram errang. Diese Vermutung wäre bestätigt, wenn
Usija/Asarja tatsächlich mit dem Azrijau in den Annalen Tiglat-Pilesers
identisch wäre (vgl. S, 166).
Mit Jerobeams Tod setzte im Reich Israel der Verfall ein. Sein Sohn Se-
charja und die übrigen Mitglieder von Jerobeams Familie wurden sechs Mo­
nate nach dem Thronwechsel ermordet. Der neue König Schallum ben Ja-
besch (der aus Jabesch in Gilead stammte) trug die Krone nur einen Monat
lang, dann wurde er von Menahem ben Gadi (vermutlich aus dem Stamm
Gad) umgebracht. Diesem gelang es, zumindest die innere Stabilität Israels
teilweise wiederherzustellen, nicht aber seine einstige politische Bedeutung.
Menahems Machtübernahme scheint von Greueltaten begleitet gewesen zu
sein, insbesondere von der Ausrottung einer ganzen Stadt: ‫ ״‬Damals schlug
Menahem die Stadt Tiphsach [Tifsach; nach einer Version der Septuaginta
müßte die richtige Lesart wohl Tappuach lauten] und alle, die darin wa­
ren . . . und alle ihre Schwangeren ließ er aufschlitzen“ (2 Könige 15,16;
vgl. ähnliche frühere Greueltaten 2 Könige 8,12 und Amos 1,13).
Die kritische Zeit nach Jerobeams Tod spiegelt sich in den Weissagungen
von Hosea ben Beeri. Aufgrund innerer Kriterien sollte Hosea dieser Epoche
zugerechnet werden und nicht einer späteren, wie es zumeist geschieht. Selt­
samerweise wird in seinen prophetischen Texten Aram nicht als ein selbstän­
diger politischer und militärischer Machtfaktor erwähnt, und Assyrien stellt
noch keine Gefahr für Israel dar. Im Gegenteil: Assyrien gilt sogar als ein
potentieller Verbündeter: ‫ ״‬. . . sie schließen mit Assur einen Bund“ (Hosea
12,2; vgl. auch 14,3). Der Verlust von Galiläa und Transjordanien an Assy­
!66 Zeit des Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H . Tadm or)

rien und die Vertreibung der Bewohner werden nicht ausdrücklich erwähnt -
Vorgänge, die Hosea sicherlich kommentiert hätte, wenn sie bereits stattge­
funden hätten.

Die Zerstörung Israels durch Assyrien


Als das Nordreich innerlich zu zerfallen begann, vollzog sich in den politi­
schen Machtverhältnissen im gesamten Alten Orient eine radikale Verände­
rung. Tiglat-Pileser III., der 745 den Thron bestieg, machte Assyrien zu
einem Weltreich, das ein Jahrhundert lang den vorderasiatischen Raum eben­
so grausam wie wirksam beherrschte. Wie seine großen Vorgänger des 9. Jahr­
hunderts wandte er sich vor allem gegen Urartu im Westen und Norden.
Auf mehreren Eroberungszügen besiegte er diesen Rivalen und zugleich des­
sen Bundesgenossen Arpad, das dominierende aramäische Königreich in N ord­
syrien. Innerhalb von drei Jahren wurde Arpad erobert und annektiert. Die
assyrische Grenze stieß nun an H am at in Mittelsyrien, und Tiglat-Pileser
richtete seinen Vorstoß eindeutig auf die ägyptische Grenze im Süden.
In dieser Situation spielte Juda eine wichtige Rolle, aber was damals im
einzelnen geschah, ist nicht völlig klar. Der biblische Berichterstatter hüllt
sich in Schweigen, und die Inschriften Tiglat-Pilesers sind nur bruchstück­
haft auf uns gekommen. Ein erhaltenes Fragment seiner Annalen spricht von
einem gewissen Azrijau, der anscheinend um 738 ein gegen Assyrien gerich­
tetes Bündnis anführte. Doch die Identität dieses Azrijau gibt den Gelehrten
seit mehr als einem Jahrhundert Rätsel auf. In der früheren Forschung
wurde das Bruchstück einer Tontafel, in der ein Land Ja’udi vorkommt,
mit diesen Ereignissen in Verbindung gebracht. Vom Namen des Königs die­
ses Landes ist nur die Endung -jau erhalten, was für gewöhnlich in [Azrijjau
ergänzt wurde. Außerdem nahm man allgemein an, es handle sich um einen
König von Sam al (Zenjirli) in Südanatolien, dessen Herrscher sich als ‫ ״‬die
Könige von Y*dyu bezeichneten. Die Könige von Sam al sind uns zwar
aus aramäischen und Keilschriftquellen gut bekannt, aber keiner von ihnen
trägt den Namen Azrijau. Im übrigen war Sambal ein kleiner und geopoli-
tisch unbedeutender Staat und kommt somit als Führungsmacht einer Allianz
kaum in Betracht. Dazu kommt, daß das Land Juda in assyrischen Inschrif­
ten ausnahmslos in der Form ‫ ״‬Ja’udi“ erscheint, während der kleine Staat
in Südanatolien nie anders als Sarnal(aH) heißt. Zudem hat sich kürzlich
herausgestellt, daß der Name des Königs auf dem erwähnten Fragment
[Hazaqijjau, d.h. Hiskija zu lesen ist; demnach bezieht sich diese Inschrift
auf einen assyrischen Einfall in Juda (Ja’udi) nicht unter Tiglat-Pileser,
sondern unter Sargon, vielleicht sogar auf Sanheribs bekannten Feldzug
vom Jahre 701. Somit ist die Identität des Azrijau aus den Annalen des
Tiglat-Pileser weiterhin ungeklärt.
Der wichtigste Schlüssel zu Azrijaus Identität ist jedoch die Tatsache, daß
N iedergang , W iederaufstieg un d Zerstörung des Königreiches Israel i 6j

der Name eine hebräische und nicht eine aramäische Form aufweist (im Ara­
mäischen müßte es Idri-jau heißen; vgl. etwa Adad-idri, König von Damas­
kus). Der Gesuchte muß demnach Israelit oder Judäer gewesen sein. Obwohl
es nicht auszuschließen ist, daß damals der Herrscher eines nordsyrischen
Königtums einen israelischen Namen getragen haben könnte, ist der w ahr­
scheinlichste Kandidat doch Usija/Asarja, der König von Juda‫ ״‬da in allen
syrisch-palästinischen Staaten jener Zeit kein anderer AsarjaA4 zn/d# zu fin­
den ist. Wenn dem so wäre, könnten wir folgern, daß Juda mit seinem star­
ken Heer sich in diesem gefährlichen und entscheidenden Stadium der syrisch-
palästinischen Geschichte zum Anführer eines Bündnisses gegen Assyrien
aufschwang. Doch die Annalen Tiglat-Pilesers, die jene Jahre (743-738) be­
handeln, sind nur sehr spärlich überliefert, so daß aus ihnen kein schlüssiges
Bild von Usijas oder Asarjas Rolle zu gewinnen ist. Solange keine weiteren
Funde neue und unmißverständliche Belege liefern, läßt sich das Rätsel
Azrijau nicht befriedigend lösen.
Aus den fragmentarischen Annalen Tiglat-Pilesers geht jedoch eines ganz
eindeutig hervor: Um 738 mußten die Könige von Südanatolien, Syrien und
Palästina - unter anderem Menahem von Samaria (vgl. auch 2 Könige 15,
19-20) und Rezin von Damaskus - Tribute zahlen. Das Verzeichnis der
Tribute vermittelt einen anschaulichen Eindruck von dem reichen und vielge­
staltigen Wirtschaftsleben in dieser Region: ‫ ״‬Gold, Silber, Zinn, Eisen, Ele­
fantenhäute, Elfenbein, bunte Gewänder, Leinenkleider, Wolle in bläulich­
purpurnen und rötlich-purpurnen Farben, Sandelholz und Buchsbaumholz
. . . Pferde, Maultiere, Rinder und Schafe, Kamele, Kamelstuten mit Jung­
tieren.“
Die Ereignisse der Jahre 743-738 bezeichnen den Wendepunkt im politi­
schen Schicksal Israels und Judas. Um diese Zeit gelang es Rezin, dem König
von Damaskus und Begründer einer neuen Dynastie, die umstrittenen Län­
dereien in Transjordanien - Baschan, Golan und Nordgilead - für Aram
zurückzugewinnen. Das Gebiet von Aram erstreckte sich nun (allerdings nur
für kurze Zeit) vom Libanon bis Baschan und Ramot-Gilead, also bis zur
historischen Grenze Israels. Wie schon in der Vergangenheit brachte der Auf­
stieg Arams im Norden die Wiederbelebung eines unabhängigen Staatswesens
in Edom mit sich. Kurz nach 738 lehnte sich Edom mit Erfolg gegen Juda
auf, das alle seine Besitzungen jenseits des Jordans einbüßte. Gleichzeitig
verlor es auch die Vorherrschaft über Philistäa und das Gebiet um Aschdod.
Die Philister fielen in Juda ein und verwüsteten das Land bis zum Fluß
Ajalon: ‫ ״‬Auch die Philister fielen ein in die Städte im Hügelland und im
Südlande [Negev] Judas und eroberten Beth-Schemesch, Ajalon, Gederoth
und Socho mit seinen Ortschaften und Timna mit seinen Ortschaften und
Gimso mit seinen Ortschaften und wohnten darin“ (2 Chronik 28,18). Usijas
Enkel Ahas, der seinem Vater Jotam als Usijas Mitregent folgte, bemühte
sich vergebens, Judas Vorrangstellung zu behaupten. Ein schwerer Schlag
!68 Z eit des Ersten Tempels u n d babylonische Gefangenschaft (H . T adm or)

traf ihn 734, als Tiglat-Pileser mit seinem Heer aus Nordsyrien vorrückte
und längs der Mittelmeerküste von Phönizien bis Philistäa marschierte. N ach­
dem sich die nordphilistäischen Städte ergeben hatten, eroberten die Assyrer
Gaza und stießen bis zum »Bach Ägyptens“ vor, wo Tiglat-Pilseser eine Stele
errichten ließ, um seinen Sieg zu feiern und diesen fernen Punkt seines Im­
periums zu markieren. Die Tributliste in den Annalen Tiglat-Pilesers ver­
merkt, daß zu den Zahlungspflichtigen auch Ahas, der König von Juda (er
wird mit seinem vollen Namen Jauhazi, d.h. Jehoahas, genannt), sowie
sieben andere philistinische und transjordanische Monarchen gehörten, die
bisher Juda untertan gewesen waren. Obgleich Tiglat-Pileser in diesem Sta­
dium keine weiteren Schritte zur Annexion unternahm, muß allein der
Durchzug des riesigen assyrischen Heeres durch Syrien und Palästina un­
mittelbare politische Auswirkungen gehabt haben.
Der Aramäer Rezin und Pekah ben Remalja, der neue König von Israel,
der mit Rezins Unterstützung Menahems Dynastie gestürzt hatte (ca. 735/34),
planten einen Angriff auf Juda. Sie wollten Ahas entthronen und das da-
vidische Königshaus durch einen gewissen Ben-Tabeal (Jesaja 7,6), vielleicht
ein transjordanischer Prinz, ersetzen. Nach 2 Könige 16,5 und Jesaja 7,1
zogen die Verbündeten nach Jerusalem und belagerten die Stadt. In diesem
kritischen Augenblick wandte sich Ahas an Tiglat-Pileser um Beistand. Der
Hilfeschrei ist der eines Vasallen an seinen Oberherrn: ‫ ״‬Ich bin dein Knecht
und dein Sohn; komm herauf und hilf mir aus der H and des Königs von
Aram und des Königs von Israel, die sich gegen mich aufgemacht haben“
(2 Könige 16,7). Dementsprechend übersandte Ahas reiche Geschenke, die
aus dem Königspalast und dem Tempel stammten (2 Könige 16,8). Tiglat-
Pileser marschierte wunschgemäß in das Land ein; in den beiden folgenden
Jahren (733-732) zog er nach Aram, eroberte eine befestigte Stadt nach der
anderen und belagerte Damaskus, das schließlich 732 fiel. Rezin fand den
Tod, und Aram-Damaskus verlor seine staatliche Unabhängigkeit; es wurde
eine assyrische Provinz mit Damaskus als Verwaltungsmittelpunkt. Ein ähn­
liches Schicksal ereilte Israel. Das assyrische Heer fiel in Galiläa ein und er­
oberte Ijon, Dan, Abel-Bet-Maacha, H azor sowie viele andere Städte in den
Bergen von N aftali und im Tal von Bet-Netofa (2 Könige 15,29). Eine frag­
mentarische assyrische Quelle berichtet, daß aus diesen Gebieten 13 520 Men­
schen nach Assyrien verschleppt wurden.
Tiglat-Pileser III., dessen Begabung nicht nur auf militärischem Gebiet
lag, führte verschiedene bedeutende Neuerungen ein, die von seinen Nachfol­
gern weiterentwickelt wurden und der Geschichte dieser Region ihren Stem­
pel aufdrückten. Die erste und auffälligste war die Umwandlung der erober­
ten Staaten in assyrische Provinzen, die von assyrischen Statthaltern, meist
hochgestellten Höflingen, verwaltet wurden. Am bedeutsamsten aber waren
wegen ihrer Radikalität und ihrer Auswirkungen auf die spätere Geschichte
Israels die immer perfekter durchgeführten Massendeportationen und Um-
Niedergang , W iederaufstieg u n d Zerstörung des Königreiches Israel 169

Siedlungen, fortan das besondere Merkmal des assyrischen Imperialismus.


Die Deportationen erfolgten in Form eines zwangsweisen Bevölkerungsaus­
tausches: Ausgewählte Bürger, hervorragende Handwerker und Soldaten
wurden aus den neueroberten Provinzen im Westen geholt und entweder in
den assyrischen Gebieten, die durch die Kriege des 9. Jahrhunderts entvöl­
kert worden waren, vor allem im Bezirk von Gosan, oder an der N ord- und
Nordostgrenze des Reiches (in Medien) wieder angesiedelt. Umgekehrt w ur­
den aramäische und chaldäische Stämme aus Babylonien als Kolonisten in
die westlichen Provinzen deportiert. Auf diese Weise wurde die Macht der
besiegten Völker gebrochen, denn sie büßten ihre Elite ein, und die neuen
Siedler vermischten sich mit ihnen und ließen eine Mischkultur entstehen,
die vorwiegend aramäisch geprägt und Assyrien treu ergeben war.
Was Israel betrifft, so annektierte Tiglat-Pileser offenbar Galiläa, das er
733/32 eroberte; es wurde in der Folgezeit als Provinz Magidda bezeichnet,
deren Mittelpunkt die Stadt Megiddo war. Da nur ein Teil der Bevölkerung
deportiert wurde und eine ansehnliche israelitische Volksgruppe im Lande
blieb, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob auch Galiläa von Auslän­
dern besiedelt wurde. Jedenfalls gibt es keine Beweise dafür, daß in Galiläa
eine neue ethnische Mischung aus Israeliten und Kolonisatoren entstand, wie
es in Samaria der Fall war (vgl. S. 171). Die Bevölkerung von Transjorda­
nien, ob nun aus dem von Rezin oder von Israel beherrschten Gebiet, trat
gleichfalls in den Jahren 733/32 den Weg ins assyrische Exil an. Die Grenze
des Assyrerreiches verlief nunmehr von Transjordanien durch die Jesreel-
ebene bis Akko, das damals zu Tyrus gehörte.
Israels Niederlage und der Verlust von zwei Dritteln seines Staatsgebietes
hatte politische Wirren zur Folge, die in einem neuen Staatsstreich kulmi­
nierten. Pekah ben Remalja, der auf Damaskus vertraut hatte, wurde umge­
bracht und durch Hoschea ben Ela ersetzt, der 732 den Thron bestieg und
ein Jahr später von Tiglat-Pileser bestätigt wurde. Nach dem Verlust von
Galiläa und Transjordanien blieb dem Königreich Israel nur noch Samaria,
im Grunde kaum mehr als das Efraim-Gebirge. Doch selbst in dieser Lage
wollte Israel seine Niederlage nicht hinnehmen, und Hoschea wandte sich
an Assyriens Erzfeind Ägypten. Nach 2 Könige 17,4 entsandte er eine Dele­
gation ‫ ״‬zu So, dem König von Ägypten“. Die landläufige Gelehrtenmeinung,
dabei habe es sich um den Nubierkönig Schabaka gehandelt (vgl. S. 175),
hat sich als unwahrscheinlich herausgestellt. ‫ ״‬So“ könnte eine verderbte
Form von Osorkon IV. sein, dem Namen des letzten Pharaos der Zweiund­
zwanzigsten Dynastie. Es ist freilich auch möglich, daß ‫ ״‬So“ überhaupt kein
Herrschername ist, sondern die hebräische Schreibung von Sais, einer großen
Stadt im Nildelta, Sitz des mächtigen Herrschers Tephnakhte und seines
Sohnes Bokchoris. Offenbar wurde Hoschea ägyptische Hilfe zugesagt, denn
er stellte die Tributzahlungen an Assyrien ein. Es wäre denkbar, daß der
Entschluß zum Aufstand durch den Tod Tiglat-Pilesers III. im Winter 727/26
ly o Zeit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft (H . T adm or)

und durch die Thronbesteigung seines Sohnes Salmanassar V. (727-722)


beschleunigt worden ist. Der Tod des großen Eroberers erweckte neue H off­
nung in den Vasallenstaaten und steigerte ihre Erwartung, daß Assyrien
nicht mehr imstande sein könnte, sein riesiges Reich zusammenzuhalten. Vor
diesem Hintergrund richtete Jesaja vermutlich seine prophetische Warnung
an einen der Vasallen: ‫ ״‬Freue dich nicht, ganz Philisterland, daß der Stock,
der dich schlug, zerbrochen ist! Denn aus der Wurzel der Schlange wird eine
giftige N atter kommen, und ihre Frucht wird ein feuriger fliegender Drache
sein“ (Jesaja 1 4 , 2 9 ).
Da keine assyrischen Urkunden aus der Regierungszeit Salmanassars V.
auf uns gekommen sind, wissen wir auch nichts Genaueres über den Krieg
gegen Hoschea. Es ist wohl anzunehmen, daß Hoschea beim Einmarsch der
assyrischen Truppen die Sinnlosigkeit des Widerstandes einsah und sich er­
gab. Er wurde von Salmanassar gefangengenommen und nach Assyrien ver­
schleppt. Salmanassars Truppen schlossen Samaria ein, doch die Stadt konn­
te, obwohl sie keinen König hatte, den Assyrern fast zwei Jahre lang Wider­
stand leisten; sie fiel erst im Winter 722/21. Eine babylonische Chronik ver­
meldet lakonisch, Salmanassar habe ‫ ״‬Schamara’in besiegt“ (so lautet die
aramäische Form von Samaria). Der König ist wohl kurz danach gestorben;
vielleicht wurde er auch während eines Aufstands umgebracht. Jedenfalls
scheinen innere Unruhen in Assyrien bewirkt zu haben, daß die Armee im
Winter 722/21 oder im Frühjahr 721 abzog und nach Hause zurückkehrte.
Ein neuer Herrscher, der kein direkter Thronfolger war, riß die Macht an
sich und maßte sich den Namen Sargon an, nach dem Gründer des König­
reiches Akkad 1700 Jahre zuvor. Ein Aufstand, der sich im gesamten Assy-
rerreich westlich des Eufrats ausbreitete, ließ in Israel und in anderen Pro­
vinzen die Hoffnung auf Befreiung aufkommen; es erhoben sich nicht nur die
Gebiete, die sich, wie Gaza, ein gewisses Maß an Selbständigkeit bewahrt
hatten, sondern auch erst kurz zuvor etablierte Provinzen wie Hadrach und
Damaskus. Unter der Führung von H am at und den philistäischen Städten,
vor allem Gaza, kam eine neue syrisch-palästinische Allianz zustande.
Ägypten sagte diesem unglückseligen Bündnis aktiven militärischen Bei­
stand zu.
In seinem zweiten Regierungs jahr, 720, sammelte Sargon seine Truppen,
um die Aufstände westlich des Eufrats niederzuschlagen. In einer Reihe von
raschen Aktionen besiegte er den König von H am at und fiel in Philistäa
ein. Bei Raphia, vor den Toren Ägyptens, stellte er sich der ägyptischen Ar­
mee zum Kampf. Die Annalen Sargons berichten, daß die Ägypter geschla­
gen wurden und daß der Feldherr floh ‫ ״‬wie ein Hirte, dem seine Herde
geraubt worden ist“. Auf dem Rückmarsch eroberten die Assyrer Gaza und
stießen nach Samaria vor, wo nach Salmanassars Tod noch immer Unruhen
herrschten. Sargon setzte einen Statthalter ein und erhob die Stadt zum
Zentrum der neuen assyrischen Provinz Samaria. Ober die Einnahme von
N iedergang , W iederaufstieg un d Zerstörung des Königreiches Israel 171

Samaria berichtet er in seinen Annalen: ‫ ״‬Ich eroberte Samaria, nahm die


27 290 Menschen, die dort lebten, als Kriegsbeute, beschlagnahmte dortselbst
50 [oder 200] Streitwagen, und die restlichen Bewohner siedelte ich in As­
syrien an. Ich baute die Stadt Samaria wieder auf und machte sie größer,
als sie gewesen war. Menschen aus den Ländern, die ich erobert hatte, siedelte
ich in ihr an und unterwies sie in ihren besonderen [wahrscheinlich techni­
schen] Fertigkeiten. Ich setzte über sie meinen H of beamten als Statthalter
und forderte von ihnen Steuern wie von den Bürgern Assyriens“ (Sargons
Annalen und ‫ ״‬Prunkinschrift“, rekonstruierter Text).
Samaria wurde von Kolonisatoren wiederbesiedelt, die aus anderen Teilen
des assyrischen Reiches verschleppt worden waren. Im Jahre 716 machte
Sargon dort die Nomadenstämme seßhaft, die er im selben Jahr besiegt hatte.
Die assyrischen Inschriften geben über diese Deportationen nach Samaria
keine weiteren Auskünfte, aber 2 Könige 17 verzeichnet die H erkunft und
die Gottesdienstformen der neuen Siedler. Laut dieser späten Quelle stamm­
ten sie ‫ ״‬von Babel, von Kutha [K uta], von Ava [Awa], von Hamath [H a­
mat] und Sepharwajim [Sefarwajim]2) ‫ ״‬Könige 17,24). Bei Kuta handelt
es sich um die bekannte babylonische Tempelstadt; über die Lokalisierung der
übrigen dort aufgeführten Städte dagegen ist viel diskutiert worden. Neuere
Forschungen haben ergeben, daß Sefarwajim in Chaldäa lag, während Awa
und H am at wohl in Süd-Ost-Babylonien zu suchen sind. D a Sargon ein be­
geisterter Anhänger der babylonischen Kultur und ein Förderer der baby­
lonischen Tempelstädte war, ist schwerlich anzunehmen, daß er tatsächlich
die Bewohner von Kuta, einer heiligen babylonischen Stadt, umgesiedelt hat.
Wahrscheinlicher ist, daß sein anti-babylonisch eingestellter Sohn und Nach­
folger Sanherib, der mehrere Feldzüge gegen Babylonien führte und viele
Tausend Einwohner verschleppte, für die Verbannung der Menschen aus Ba­
bylon und Kuta nach Samaria verantwortlich war. Der Erzähler von Esra
4,2,10 merkt an, daß sowohl Asarhaddon als auch Osnappar (offensichtlich
Asarhaddons Sohn Assurbanipal) Fremde in Samaria ansiedelten. Diese ka­
men vermutlich aus Medien und Elam.
Zunächst verehrten die neuen Siedler noch ihre eigenen Götter, doch im
Lauf der Zeit vermischten sie sich untereinander und mit den verbliebenen
israelitischen Bewohnern Samarias (2 Könige 17). Der biblische Bericht er­
wähnt hier ein aufschlußreiches Detail, das die allmähliche Einbürgerung
der fremdländischen Bevölkerungsgruppen betrifft. Einige von ihnen wurden
von Löwen angefallen und appellierten an den assyrischen König mit fol­
genden Worten: ‫ ״‬Die Völker, die du hergebracht und mit denen du die
Städte Samariens besetzt hast, wissen nichts von der Verehrung [hebräisch
mischpat, ‫ ״‬Gesetz“] des Gottes dieses Landes. Darum hat er Löwen unter sie
gesandt, und siehe, diese toten sie.“ Daraufhin schickte der König einen Prie­
ster der verbannten Israeliten, und dieser lehrte sie ‫ ״‬die Verehrung des Got­
tes des Landes“ (2 Könige 17,26-27). Ein instruktiver Vergleich, der die Er­
ij2 Zeit des Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H . Tadm or)

ziehung der Verbannten durch die Obrigkeit beleuchtet, findet sich in dem
oben angeführten Bericht über den Untergang Samarias und in der Darstel­
lung des Baus von Sargons neuer H auptstadt Dur Scharrukin (Khorsabad).
Demnach holte Sargon in seine neue Metropole ‫ ״‬Menschen von den vier
Enden der Erde, die eine seltsame Zunge und eine verworrene Sprache spre­
chen, Bewohner der Berge und der Ebene . . . Diese Verbannten“, so berichtet
Sargon in seiner ‫ ״‬Zylinder-Inschrift“, ‫ ״‬habe ich geeint und dortselbst ange­
siedelt. Ich sandte Assyrer, die in allen Künsten wohlbewandert waren, als
Verwalter und Aufseher zu ihnen, um sie zu lehren, Gott und den König
zu fürchten.“
Mit anderen Worten: Die Assyrer betrachteten es als eine der H auptauf­
gaben ihres Staates, die heterogenen Volksgruppen in den großen Städten
und Provinzen des Reiches miteinander zu verschmelzen und in regional ge­
schlossene Einheiten innerhalb einer assyrianisierten Gesellschaft zu verwan­
deln. Auf solche Weise bildete sich vor der persischen Epoche in Samaria
eine neue ethnische und religiöse Gruppierung heraus, der Kern dessen, was
später den Namen Samaritaner erhielt.
N ur geringe Informationen haben sich erhalten über die zehn Stämme,
die nach Assyrien verbannt wurden und deren Schicksal es war, kommenden
Generationen als Gegenstand spekulativer Legendenbildung und messiani-
scher Hoffnungen zu dienen. Es ist lediglich bekannt, daß die meisten Ver­
bannten in der Umgebung von Gosan am Fluß H abor angesiedelt wurden.
Diese Region, eine der wichtigsten der westassyrischen Provinzen, war im
Verlauf der Kriegszüge Assurnasirpals II. gegen Ende des io. und während
des 9. Jahrhunderts verwüstet und seit der Zeit Tiglat-Pilesers III. allmäh­
lich wieder bewohnbar gemacht worden. Andere Exulanten mußten sich in
Medien niederlassen, wo sie anscheinend als Garnisonstruppen im Rahmen
der assyrischen Armee dienten. Diese Methode, geschlossene militärische Ein­
heiten aus eroberten Gebieten in die assyrische Armee einzugliedern, war all­
gemein üblich. Sargon übernahm beispielsweise 50 (oder nach einer anderen
Quelle 200) Kampfwagen aus Samaria in seine königliche Garde, und San-
herib integrierte Hiskijas Elitekorps. Von daher erklärt sich vielleicht, wieso
im assyrischen Heer ein Offizier namens Hilkijahu, d. h. Hilkija, diente, der
in einer kürzlich in Kalach aufgefundenen Urkunde aus der Zeit Sargons
erwähnt wird. Assyrische Dokumente aus Gosan selbst enthalten ebenfalls
einige Namen, die bezeugen, daß dort noch im 7. Jahrhundert eine Gemeinde
von Israeliten existierte. Eine Urkunde erwähnt zwei Beamte aus Gosan na­
mens Paltijahu und Nirijahu. Dies sind freilich nur spärliche Auskünfte.
Immerhin kann man davon ausgehen, daß ein Teil der verbannten Stämme,
die noch in den Tagen Jeremias und Ezechiels als eigenständige Volksgruppe
bestanden (vgl. Jeremia 31,7 und Ezechiel 37,19-22), sich später nach ihrer
Rückkehr mit den aus Juda Vertriebenen vereinigten. Die Mehrheit wurde
indes von der sie umgebenden aramäischen Bevölkerung assimiliert und teilte
N iedergang , W iederaufstieg un d Zerstörung des Königreiches Israel /7 j

somit das Schicksal aller ethnischen Gemeinschaften, die von den Assyrern
deportiert und einer zwangsweisen Assyrianisierung unterworfen wurden.
Die Ausbreitung des Aramäischen als der Lingua franca im Assyrerreich,
vor allem im Westen, beschleunigte diesen Prozeß.
Es ist auch kaum anzunehmen, daß sich Juda den Auswirkungen der assy­
rischen Kulturpolitik völlig zu entziehen vermochte; 2 Könige 16,10 ff. be­
richtet, daß sich Ahas kurz nach dem Fall von Damaskus (732) ins Lager
Tiglat-Pilesers begab und für den Tempel in Jerusalem die Kopie eines ara­
mäischen Altars anfertigen ließ. Ahas hatte offenbar beschlossen, ein assyri­
scher Vasall zu werden, und zwar nicht nur in politischer, sondern auch in
kultureller und religiöser Beziehung, und das bedeutete im Westen die Über­
nahme aramäischer Sitten und religiöser Symbole, ja sogar der aramäischen
Sprache. Dieser Trend zeigt sich besonders deutlich in der Regierungszeit
Manasses, der im eklatanten Gegensatz zu den religiösen Praktiken seiner
Vorfahren Elemente des aramäischen Kults nach Jerusalem verpflanzte.
i o. Das Reich Juda vom Untergang Samarias bis zum
Untergang Jerusalems

Die Regierungszeit Hiskijas


Nach dem Untergang Samarias empfanden sich die Könige von Juda als die
natürlichen Nachfolger der Könige Israels und versuchten ihren Schutz und
Einfluß auf jene Einwohner auszudehnen, die nicht verschleppt worden w a­
ren. Gleichzeitig waren sie bestrebt, nach Norden in die früher von Israel
beherrschten Gebiete vorzudringen.
Diese Ziele bestimmten die Politik Hiskijas (727-698). Wie sein Vater
vermied er es, sich an den verschiedenen Aufständen gegen Assyrien zu be­
teiligen. Aus Israels Abfallversuch unter Hoschea ben Ela, der die Zerstö­
rung des Königreiches Samaria zur Folge hatte, hielt er sich heraus. Daher
waren das Ende der Regierungszeit Ahas* und der größte Teil seiner eigenen
Regierungszeit friedliche Perioden, die Juda die Möglichkeit gaben, sich so­
wohl politisch als auch wirtschaftlich zu erholen. Die Früchte dieser Stabili­
tät waren Bevölkerungswachstum und eine rege Bautätigkeit. Hiskija gelang
es außerdem, die Südgrenze Judas, vor allem im Negev, zu erweitern. Ob­
gleich er Assyrien tributpflichtig war, stieg Juda unter seiner Herrschaft
zum wichtigsten Staat zwischen Assyrien und Ägypten auf.
Im letzten Teil seiner Regierungszeit wurde Hiskija jedoch in die Ausein­
andersetzung zwischen Ägypten und Assyrien hineingezogen, bei der es um
die Ebene von Philistäa und um die nach Ägypten führenden Handelsstraßen
ging. Im Jahre 716 tauchten die Assyrer wieder in Philistäa auf, in bedroh­
licher Nähe der ägyptischen Grenze. Sargons Truppen erreichten ‫ ״‬die Stadt
am Bach Ägyptens‫ ״‬, wo offenbar eine assyrische Garnison entstand. Die As­
syrer hatten großes wirtschaftliches Interesse daran, Ägypten für den H an­
delsverkehr zu erschließen. In einem fragmentarischen Passus aus Sargons
Annalen, der insofern einzigartig ist, als er sich nicht nur auf militärische
Angaben beschränkt, heißt es: ‫ ״‬Ich öffnete die verschlossene [Hafenstadt
oder Grenze] Ägyptens, und ich vermischte die Assyrer und Ägypter und
ließ sie [miteinander] Handel treiben.“ Die Reaktion der Ägypter war un­
einheitlich: Der schwache Pharao Osorkon IV. (Schilkanni in den assyri­
schen Quellen) fand sich mit der Anwesenheit der Assyrer ab und sandte
Sargon Geschenke, die dieser als Tribut betrachtete. Andere Gruppen in
Ägypten bemühten sich hingegen weiterhin, die Assyrien benachbarten Va­
sallenstaaten zum Aufstand aufzuwiegeln. Zur selben Zeit erhob sich im
Das Reich Juda v o m Untergang Samarias bis zu m Untergang Jerusalems 175

Süden Ägyptens eine kriegerische nubische Dynastie, die sich anschickte, ihre
Vorherrschaft über ganz Ägypten auszudehnen und die ägyptische Macht
so zu stärken, daß sie den Assyrern die Herrschaft über Palästina streitig
machen konnte.
Vorspiel zu den Ereignissen des Jahres 712 war ein Putsch in Aschdod.
Anti-assyrische Extremisten stürzten den Vasallenkönig der Stadt und er­
setzten ihn durch einen Anführer namens Jamani. Dieser ehrgeizige Philister
erkannte, daß Aschdod allein den Assyrern nicht entgegentreten konnte, und
versuchte eine große Allianz von Vasallenstaaten zustande zu bringen, zu der
schließlich nicht nur alle anderen Philisterstädte, sondern auch Edom, Moab
und Juda gehörten. Er nahm Verbindung zum ‫ ״‬Pharao-König von Ägyp­
ten“ (wie er in Sargons Inschrift genannt wird) auf, der ihm militärischen
Beistand zusagte.
Als Sargon von dem Putsch erfuhr, entsandte er sofort sein Heer unter
dem Befehl seines Stellvertreters, des turtanu (vgl. S. 142), um den Aufstand
in dieser abgelegenen und gefährdeten Gegend niederzuschlagen (Jesaja 20,1).
Auf dem Marsch nahm die assyrische Armee mehrere befestigte Städte an
den Grenzen Philistäas und Judas ein. Sie stieß bis Aschdod vor, eroberte die
Stadt nach einer kurzen Belagerung und verwandelte sie in eine assyrische
Provinz (Asdudi). Überreste der Stele, die Sargon zur Feier seines Sieges
errichtete, sind kürzlich bei Grabungen in Aschdod ans Licht gebracht wor­
den. Der ägyptische Pharao konnte Jamani nicht zu Hilfe eilen, da sein Land
mittlerweile vollständig in die Hände der nubischen Fürsten gefallen war, die
in Ägypten die Fünfundzwanzigste Dynastie begründeten. Der neue König
Schabaka war offensichtlich Assyrien gegenüber positiver eingestellt, und als
Jamani am nubischen Hofe Zuflucht suchte, wurde er abgewiesen und Sar­
gon in Ketten ausgeliefert. Hiskija war es gerade noch gelungen, sich aus
diesen allgemeinen Wirren herauszuhalten. Im entscheidenden Augenblick
sagte er sich von Jamani los und kam fast ohne Verluste davon.
Hiskija blieb ein zuverlässiger assyrischer Vasall. Doch sein eigentliches
Ziel verlor er nicht aus den Augen, und sobald die nubische Dynastie eine
gegen Assyrien gerichtete Politik zu betreiben begann, beeilte er sich, mit
ihr zusammenzuarbeiten. Die Gelegenheit zum Handeln ergab sich 705, nach­
dem Sargon in einer fernen Provinz auf dem Schlachtfeld gefallen war. Die
ungewöhnlichen Begleitumstände seines Todes - seine Leiche konnte nicht
gerettet werden - galten den unzufriedenen Vasallen als ein Omen, und sie
nutzten die Chance, um einen großangelegten Aufstand zu entfesseln. In
Babylon riß Assyriens Erzfeind, der Chaldäer Merodach-Baladan, die Macht
an sich und übernahm wieder die Herrschaft, die er im ersten Teil von Sar­
gons Regierungszeit ausgeübt hatte. Im Westen hatte sich gleichfalls eine
Veränderung vollzogen. Der energische nubische Pharao erblickte in Sar­
gons Tod eine günstige Gelegenheit, die ägyptische Herrschaft über Philistäa
zu erneuern. Auch Hiskija war der Ansicht, daß die assyrische Vorherrschaft
iy 6 Zeit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft (H . T adm or)

Sargons Tod nicht überdauern könne. Er leitete deshalb ein Bündnis in die
Wege, an dem sich Aschkelon und Ekron aktiv beteiligten. Hiskija und seine
philistäischen Bundesgenossen hätten freilich die assyrische Macht wohl kaum
so offen herausgefordert, wenn sie nicht auf die Unterstützung des Nubier­
königs in Ägypten hätten zählen können.
Mit Merodach-Baladan II., dem chaldäischen König von Babylon, scheint
Hiskija ebenfalls ein enges Bündnis eingegangen zu sein. Jesaja 39 ist von
einer diplomatischen Abordnung die Rede, die Merodach-Baladan nach Je­
rusalem entsandte. Ob dieses Ereignis während des Aufruhrs in Aschdod im
Jahre 712 oder erst 705 nach Sargons Tod stattfand, ist noch nicht geklärt,
aber es ist jedenfalls ein Zeichen für die Bedeutung Judas im Kreise der
Staaten, die sich noch immer der assyrischen Macht zu widersetzen ver­
mochten.
Hiskija rechnete damit, daß die assyrische Armee sehr wahrscheinlich Je­
rusalem belagern werde, darum bereitete er die Stadt auf den Angriff vor
und verstärkte ihre Mauern. Lebensmittelvorräte wurden angelegt, und
durch den Schiloach-Tunnel, der von der Gihonquelle bis zu einem Punkt
innerhalb der Stadtmauern führte, wurde die Wasserversorgung verbessert.
Das w ar eine erstaunliche technische Leistung, denn der 400 Meter lange
Tunnel wurde von beiden Enden zugleich durch massiven Fels vorangetrie­
ben. Die Inschrift an der Stelle, wo sich die beiden Arbeitertrupps begegne-
ten, wurde 1880 entdeckt; sie gehört zu den bekanntesten hebräischen epi­
graphischen Zeugnissen aus biblischer Zeit.
Sargons Nachfolger Sanherib (705-681) konnte sich mit Hiskijas Auf­
stand erst befassen, nachdem er 702 Babylon unterworfen hatte. Ungefähr
ein Jahr später, im Frühjahr 701, rückte er an der Spitze einer großen Armee
längs der phönizischen Küste vor. Seine fast gleichzeitig entstandenen Anna­
len schildern die nachfolgenden Ereignisse in aller Ausführlichkeit. In der
Nähe von Tyrus nahm er die Tribute jener Vasallen entgegen, die sich nicht
aufgelehnt hatten oder zur Unterwerfung bereit waren, unter ihnen die Kö­
nige von Ammon, Moab und Edom (seltsamerweise wird in diesem Zusam­
menhang auch ein König von Aschdod erwähnt). Von dort stieß er an der
Küste entlang nach Philistäa vor. Nach der Eroberung von Jaffa und der
umliegenden Region, die zu Aschkelon gehörte, ergab sich auch diese Stadt,
und ein neuer König wurde eingesetzt. Dann eröffnete Sanherib die Belage­
rung von Ekron, doch zu diesem Zeitpunkt trafen die versprochenen ägypti­
schen Hilfstruppen ein. In der Ebene von Elteke kam es zur Schlacht zwi­
schen den beiden großen Heeren. Sanheribs Darstellung dieser Schlacht als
eines großen Sieges scheint übertrieben zu sein; wahrscheinlich blieb der
Kampf unentschieden, denn der Assyrerkönig sah nach der Schlacht von
einer Verfolgung der nubischen Truppen ab. Statt der zu erwartenden Beute­
liste, die üblicherweise auf die Schilderung einer gewonnenen Schlacht folgt,
begnügt sich der assyrische Hofhistoriograph mit einem Bericht von der Be-
;TifcG arimmi
iy 8 Z eit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

strafung Ekrons und der Einnahme von Elteke und Timna, zweier unbedeu­
tender Städte in der Umgebung.
Nunmehr wandte sich Sanherib Hiskija zu. Die wohlbekannte Darstellung
dieses Feldzuges gegen Hiskija gehört zu den detailliertesten außerbiblischen
Quellen, und der Vergleich zwischen ihr und dem Bericht in der Bibel ist
nach wie vor ein umstrittenes Problem der biblischen Geschichtsforschung.
Gemäß den Annalen, die mehrere Monate nach dem Feldzug abgefaßt wur­
den, belagerte und eroberte das assyrische Heer sechsundvierzig ‫ ״‬stark um­
wallte Städte sowie kleinere Städte in der Umgebung“. In den Annalen wer­
den sie nicht mit Namen genannt, mit Ausnahme der judäischen Festung
Lachisch, in der Sanherib sein Lager aufschlug. Die Hofkünstler, die den
Palast Sanheribs in Ninive ausschmückten, haben die Erstürmung von La­
chisch und die Einnahme und Plünderung der Stadt auf Steinplatten in Re­
liefs festgehalten. Von allen Reliefs, die sich von Sanheribs Palast erhalten
haben, ist dies die kunstvollste und eindringlichste Darstellung der Erobe­
rung einer feindlichen Festung. Den Annalen zufolge war der nächste Schritt
die Belagerung von Jerusalem. Sanherib behauptet, er habe die Stadt einge­
schlossen und vollständig abgeschnitten; Hiskija war gefangen ‫ ״‬wie ein Vo­
gel im Käfig“, und ‫ ״‬das Verlassen der Stadttore habe ich völlig unmöglich
[wörtlich ,tabu‘] gemacht“, so daß selbst Judas Eliteeinheit (urbi, eine ara­
mäische und hebräische Bezeichnung für Stoßtruppen) nicht eingesetzt wer­
den konnte. An dieser Stelle wird der assyrische Bericht unzusammenhän­
gend: Hiskija, überwältigt von der ‫ ״‬ehrfurchteinflößenden Ausstrahlung“
Sanheribs, beschloß, sich zu ergeben und sein Vasallenverhältnis neu zu be­
stätigen. Nach Sanheribs Abzug entrichtete er hohe Tribute an Ninive, die in
ungewöhnlicher Ausführlichkeit aufgezählt werden: ‫ ״‬Dreißig Talente Gold,
800 Talente Silber, wertvolles Antimon, große Karneolblöcke, Betten [ein­
gelegt] mit Elfenbein, Stühle [eingelegt] mit Elfenbein, Elefantenhäute, El­
fenbein, Ebenholz, buntverbrämte Gewänder, Leinengewänder, Wolle [ein­
gefärbt] in rotem Purpur und blauem Purpur, Gefäße aus Kupfer, Eisen,
Bronze und Zinn, Streitwagen, Schleudern, Lanzen, Rüstungen, Dolche für
den Gürtel, verschiedene Sorten Pfeile, zahllose Prunkgeschirre und Kriegs­
geräte, dazu seine Tochter, seine Palastfrauen, seine männlichen und weibli­
chen Musikanten, die er mir nach Ninive, meiner königlichen Stadt, nach­
geschickt hatte, und außerdem entsandte er seinen persönlichen Botschafter,
der die Tribute überbrachte und mir huldigte“ (der ‫ ״‬Rassam-Zylinder“ des
Sanherib).
Der biblische Bericht ist noch verwirrender. Bei seiner Analyse ergibt sich,
daß er auf zwei Quellen beruht: 1. 2 Könige 18,14-16 ist ein Auszug aus
einer Tempelchronik und verzeichnet die genaue Geldsumme, die als Tribut
gezahlt, sowie das Silber, das Sanherib ausgehändigt wurde und aus dem
Tempelschatz stammte, beziehungsweise dadurch zusammenkam, daß man
die silberne Verkleidung von den Tempeltoren und -säulen ablöste.
Das Reich Juda v o m Untergang Samarias bis zu m Untergang Jerusalems 179

2. 2 Könige 18,13; 18,17-19,37 und Jesaja 36-37 bilden eine Propheten­


erzählung, die ursprünglich in einen größeren Zyklus von Prophetenerzäh­
lungen über Jesaja und Hiskija gehört. Dieser Zyklus umfaßt drei Erzäh­
lungen, die wahrscheinlich in folgender Weise anzuordnen sind: a) Hiskijas
Krankheit im vierzehnten Jahr seiner Regierung (713) und seine wunderbare
Heilung, angekündigt durch das Zeichen des Schattens, der auf Ahas* Son­
nenuhr zehn Striche zurückwanderte (2 Könige 20,1-11 und Jesaja 38);
b) die Abordnung, die Merodach-Baladan zu Hiskija sandte (vgl. S. 176),
und Jesajas Widerstand gegen Hiskijas politische Annäherung an Babylon,
das in der Tat Judas Hauptfeind war, allerdings erst mehr als hundert Jahre
später (2 Könige 20,12-19 und Jesaja 39); c) Sanheribs Einfall in Juda und
die wunderbare Rettung Jerusalems, wie sie von Jesaja vorausgesagt worden
war (2 Könige 18,13; 18,17-19,37 und Jesaja 36-37).
Die zweite Quelle ist jedoch nicht einheitlich und besteht aus zwei eng
miteinander verwobenen Uberlieferungssträngen; beide enthalten eine (über­
raschenderweise hebräisch gehaltene) Ansprache des Rabschake, des ‫ ״‬Erz­
schenken“ und Abgesandten Sanheribs, der die belagerte Stadt zur sofortigen
Übergabe aufforderte, sowie die Antwort Jesajas und die Geschichte von der
Rettung Jerusalems. N ur der zweite und möglicherweise spätere Überlie­
ferungsstrang weist das Motiv von der wunderbaren Rettung der Stadt auf:
‫ ״‬Und in dieser Nacht fuhr aus der Engel des H errn und schlug im Lager von
Assyrien 185 000 Mann. Und als man sich früh am Morgen aufmachte, siehe,
da lag alles voller Leichen“ (2 Könige 19,35). Nach der älteren Überliefe­
rung kehrte Sanherib auf ein Gerücht hin nach Assyrien zurück und wurde
ermordet: ‫ ״‬Siehe, ich will einen Geist über ihn bringen, daß er ein Gerücht
hören und in sein Land zurückziehen wird, und will ihn durchs Schwert
fällen in seinem Lande“ (2 Könige 19,7). Jesajas Vorhersage wird somit be­
stätigt durch das Ende dieser Erzählung: ‫ ״‬So brach Sanherib, der König von
Assyrien, auf und zog ab, kehrte um und blieb zu Ninive. Und als er anbe­
tete im Hause seines Gottes Nisroch, erschlugen ihn mit dem Schwert seine
Söhne Adrammelech und Sarezer, und sie kamen ins Land Ararat [Arme­
nien; assyrisch U rartu]. Und sein Sohn Asarhaddon ward König an seiner
Statt“ (2 Könige 19,36 f.).
Die Diskrepanz zwischen der Prophetenerzählung einerseits, die von San­
heribs wunderbarer Niederlage spricht, und dessen eigenem Bericht, in dem
von einem Sieg die Rede ist, bewegt die Gemüter der Gelehrten seit der Ent­
zifferung dieser Annalen in der Frühzeit der Assyriologie. Dieser Wider­
spruch sowie der Umstand, daß die Prophetenerzählung (2 Könige 19,9 und
Jesaja 37,9) ‫ ״‬Tirhaka [ägyptisch Taharqua], den König von Äthiopien [d. h.
von Nubien]“ als ägyptischen König nennt (der jedoch erst 690 den Thron
bestieg), während der Nubierkönig, der bei Elteke gegen Sanherib kämpfte,
sein Vorgänger gewesen sein muß, hat mehrere Forscher zu der Annahme
veranlaßt, daß Sanherib tatsächlich zwei Expeditionen nach Palästina unter­
i 8o Z eit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

nommen habe. Die erste, im Jahre 701, die sowohl in den Annalen als auch
in der ersten biblischen Quelle geschildert wird, endete mit der Unterwerfung
Judas unter Assyrien. Der zweite Feldzug soll in die Jahre 688-681 fallen,
also in eine Zeit, für die uns offizielle historische Zeugnisse fehlen. Dieser
zweite Feldzug habe mit Sanheribs Niederlage geendet und sei somit die
Grundlage für den Bericht in der zweiten Bibelquelle. Die These von den
zwei Feldzügen läßt sich indes nicht aufrechterhalten. Im assyrischen Quel­
lenmaterial findet sich keinerlei Beleg, der auf einen weiteren Krieg San­
heribs gegen Juda schließen ließe. Es besteht im Gegenteil Grund zu der An­
nahme, daß sich Sanherib nach seinem Feldzug von 701 nicht weiter für das
Gebiet im Westen interessierte. Er gab die expansionistische Politik seines
Vaters auf und konzentrierte sich auf seine gewaltigen Bauprojekte, vor
allem auf die Umgestaltung Ninives zu seiner neuen Hauptstadt. Sanherib
fand sich bewußt mit der de-facto-Unabhängigkeit Judas und der philistä-
ischen Städte ab und gab sich damit zufrieden, daß sie als Vasallenstaaten
eine Pufferzone zwischen Assyrien und der aufstrebenden Macht der nubi-
schen Dynastie bildeten. Erst unter seinem Sohn Asarhaddon (681-669)
kehrte Assyrien zu der imperialistischen Westpolitik Sargons zurück. Asar-
haddons erster Feldzug im Jahre 679 richtete sich gegen den ‫ ״‬Bach Ägyp­
tens‫ ״‬, mit dem Ziel einer Wiederherstellung der assyrischen Vorherrschaft in
Philistäa, die in der Regierungszeit seines Vaters zusammengebrochen war.
Asarhaddons Hauptgegner war Tirhaka, mit dem er und sein Sohn Assur-
banipal sich eine Schlacht nach der anderen lieferten, bis Assyrien schließlich
Ägypten eroberte. Die Annahme eines zweiten Feldzuges scheint auch aus
methodologischen Erwägungen unhaltbar.
Das Vorhandensein von zwei widersprüchlichen Berichten auf seiten der
beiden gegnerischen Parteien braucht uns nicht zu überraschen, es ist in der
Geschichte nichts Ungewöhnliches. In diesem Fall stimmen die beiden zeit­
genössischen Quellen (die Annalen Sanheribs und der Bericht in der ersten
Bibelquelle) sogar auffallend überein. N ur die späte Prophetenerzählung der
zweiten Quelle stellt ein Problem dar. Diese Erzählung, die vermutlich in
der zweiten H älfte des 7. Jahrhunderts abgefaßt wurde, entstand fünfzig
Jahre nach dem fraglichen Ereignis; sie betont die Richtigkeit von Jesajas
Prophezeiung, daß Jerusalem Sanherib überdauern werde. In Wirklichkeit
zieht der Prophetenbericht die Geschehnisse zusammen: Sanheribs Ermor­
dung durch seine Söhne wird so dargestellt, als habe sie unmittelbar nach
seiner Rückkehr von Juda nach Ninive stattgefunden, während sie tatsäch­
lich erst 21 Jahre später erfolgte. (Die gleiche Methode wird in einer baby­
lonischen Chronik angewandt, die den Tod eines assyrischen Königs aus
dem 13. Jahrhundert namens Tukulti N inurta I. als Folge der Entweihung
Babylons beschreibt, obwohl der König erst ungefähr 30 Jahre später starb.)
Die Erwähnung Tirhakas könnte auf denselben Vorgang zurückzuführen
sein, bei dem der Name eines allgemein bekannten Königs, der wiederholt
Das Reich Juda v o m Untergang Samarias bis zu m Untergang Jerusalems 181

gegen Assyrien kämpfte, den eines weniger bekannten Nubiers, des eigent­
lichen Gegners von Sanherib, überlagerte. Gleichwohl ist es durchaus mög­
lich, daß der Kronprinz Tirhaka (der, wie man inzwischen glaubt, zur Zeit
des Feldzugs ein junger Mann war) der nominelle Befehlshaber der ägypti­
schen Armee bei Elteke war.
Sanheribs Bericht über die Ereignisse des Jahres 701 beantwortet freilich
nicht die Hauptfrage, was ihn denn wohl bewog, so plötzlich nach Ninive
zurückzukehren und sogar Hiskijas Tributleistungen im Stich zu lassen. Für
seinen übereilten Abzug sind unterschiedliche Gründe genannt worden: Er
könnte nach der Schlacht von Elteke gegen die Nubier seine Schwäche er­
kannt haben; vielleicht verlangte, wie der Prophetenbericht andeutet, irgend­
eine Krise in der Heimat (das ‫ ״‬Gerücht“) seine Heimkehr; möglicherweise
war auch, wie einige Bibelkenner vermuten, eine Seuche in seinem Heerlager
ausgebrochen. Ein Widerhall von Sanheribs plötzlichem Aufbruch findet sich
auch in einer späten ägyptischen Erzählung, die Herodot (II, 141) auf ge­
zeichnet hat. H ier ist davon die Rede, daß Sanherib, der als ‫ ״‬König der
Assyrer und der Araber“ bezeichnet wird, bei Pelusium auf dem Marsch
nach Ägypten eine Niederlage erlitt. Die Erzählung berichtet (II, 141), Feld­
mäuse hätten das Lager des Sanherib überfallen und die Bogen und Schild­
griffe der Soldaten aufgefressen; als dies am nächsten Tag entdeckt worden
sei, habe das gesamte Heer die Flucht ergriffen. In dieser Geschichte sehen
manche einen Hinweis darauf, daß Sanheribs Armee von der Beulenpest be­
fallen worden sei, die von Ratten und Mäusen übertragen wird. Wie dem
auch sei: die Tatsache, daß Sanherib und sein riesiges Heer Juda zum größten
Teil verwüsteten, aber dessen H auptstadt nicht einzunehmen vermochten,
erschien den nachfolgenden Generationen tatsächlich als ein Wunder. Bis da­
hin hatte die assyrische Kriegsmaschinerie als unüberwindlich gegolten, da
sie imstande war, jeden Rebellen im Westen zu vernichten, sich sein Land
anzueignen und sein Volk zu verbannen. Die bloße Tatsache, daß das assy­
rische Reich Jerusalem nicht eroberte und annektierte, obgleich es nur unge­
fähr 15 Kilometer von der Grenze des Reichs entfernt war, erschien als eine
Erfüllung des göttlichen Planes, wie ihn Jesaja verkündet hatte: daß Juda
durch Sanherib bestraft, aber nicht endgültig vernichtet werden sollte.
Jerusalem war das Schicksal Samarias erspart geblieben, das Land jedoch
durch den Krieg schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Viele Städte
lagen in Trümmern; Tausende von Bewohnern waren nach Assyrien depor­
tiert worden (Sanherib spricht von 200 150 Verbannten); Judas Territorium
wurde verkleinert, Teile davon wurden den Philistern übergeben. Dennoch
wuchs gleichzeitig das Ansehen Jerusalems als einer unter göttlichem Schutz
stehenden Tempelstadt, und die prophetischen Kreise, die Jesajas Weissagun­
gen bewahrten und tradierten, betonten selbstverständlich die Rolle, die
Jesaja, der Prophet der Befreiung, im kritischen Augenblick der judäischen
Geschichte gespielt hatte. (Das Ansehen dieser Prophetie und die Vorstel­
iS 2 Z eit des Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H . Tadm or)

lung von der Unverletzlichkeit Jerusalems, die in der Belagerung von 701
ihren Ursprung hatte, trugen später zu den Reformen unter Joschija bei.)
Jesaja, der bedeutendste der klassischen Propheten, griff aktiv in das poli­
tische Leben Judas ein. Obwohl er sozial der Oberschicht angehörte, setzte
er sich in der Nachfolge von Amos als ein Prophet des Protests für die Ar­
men und Unterdrückten ein, die er regelmäßig als ‫ ״‬mein [Gottes] Volk“
bezeichnete. Soziale Gerechtigkeit und nicht so sehr der Kult oder mili­
tärische Stärke sollte nach seiner Auffassung Judas eigentliche Aufgabe sein.
Deshalb dürfe sich das Land nicht auf ‫ ״‬Pferd und Wagen“ oder auf die
von Ägypten versprochene Hilfe verlassen. Ja, es solle sich nicht gegen Assy­
rien erheben. Die Existenz dieses heidnischen Eroberers stehe nicht im Ge­
gensatz zu der Vorstellung von der göttlichen Lenkung der Geschichte und
von der besonderen Rolle, die Juda in der Geschichte spiele. Der assyrische
Herrscher sei nur ein Werkzeug in der H and des Gottes Israels und er werde
vernichtet werden, sobald er, ohne sich dessen bewußt zu sein, seine Funktion
erfüllt habe. Hiskija solle darum von der Rebellion ablassen und seine ganze
Energie der inneren Reform zuwenden (Jesaja 30,1-18). Doch so sehr sich
Jesaja auch den politischen Ambitionen des Königs widersetzte, er blieb ein
glühender David-Anhänger und pries die Rolle vom rechtmäßigen ‫ ״‬Reis aus
dem Stamm Isais [Jesse]“ (Jesaja 11,1) und des Jerualemer Tempels am
‫ ״‬Ende der Tage“, das heißt nach dem unausbleiblichen Untergang Assyriens
in nicht allzu ferner Zukunft. Dann werde ‫ ״‬von Zion Weisung ausgehen,
und des Herrn Wort von Jerusalem“ und ein allgemeiner Frieden herrschen
(Jesaja 2,3).
Es war nur natürlich, daß Jesaja sich gegenüber Sanheribs kriegerischen
Unternehmungen ambivalent verhielt: Auf der einen Seite begrüßte er die
Assyrer als die Vollzieher der Strafe für Judas Missetaten; andererseits je­
doch reagierte er, als Jerusalem und das Haus David von der Ausrottung
bedroht waren (die unvermeidliche Folge einer Übergabe der Stadt), sehr
heftig auf die Schmähworte des Rabschake und prophezeite den bevorste­
henden Sturz Sanheribs.
Trotz der späteren literarischen Umgestaltung hat der biblische Text
höchstwahrscheinlich im wesentlichen den originalen Wortlaut der Reden,
die Jesaja in jener Zeit der Krise gehalten hat, bewahrt: ‫ ״‬Darum spricht der
H err über den König von Assyrien: Er soll nicht in diese Stadt kommen und
soll auch keinen Pfeil hineinschießen und mit keinem Schild davor kommen
und soll keinen Wall gegen sie aufschütten; sondern auf dem Weg, den er
gekommen ist, soll er wieder heimkehren . . . spricht der Herr. Denn ich will
diese Stadt schützen, daß ich sie errette um meinetwillen und um meines
Knechtes David willen“ (Jesaja 37,33-35). Diese Prophetie der Hoffnung
hebt sich deutlich ab von der seines Zeitgenossen Micha, der nicht wie Jesaja
an die Unverletzlichkeit Jerusalems glaubte. Wegen der schreienden sozialen
Ungerechtigkeiten seitens der führenden Vertreter Judas würden, so meinte
Das Reich Juda v o m Untergang Samarias bis zu m Untergang Jerusalems 18j

er, Jerusalem und der Tempel nicht dem Schicksal Schilos entgehen (Micha
3,12). Doch auch er glaubte an die universale Bedeutung des Tempels und dei:
davidischen Herrschaft in Zion am ‫ ״‬Ende der Tage“ (Micha 4).
Ein strittiger Punkt in der Geschichte von Hiskijas Regierung ist schließ­
lich die zeitliche Fixierung seiner Kultreformen. ‫ ״‬Er entfernte die Höhen
und zerbrach die Steinmale und hieb das Bild der Aschera um und zerschlug
die eherne Schlange, die Mose gemacht hatte. Denn bis zu dieser Zeit hatte
ihr Israel geräuchcrt, und man nannte sie Nehuschtan. Er vertraute dem
Herrn, dem Gott Israels, so daß unter allen Königen von Juda seinesgleichen
nach ihm nicht war noch vor ihm gewesen ist“ (2 Könige 18,4-5).
Diese Reformen, deren Ziel es war, die Kultstätten außerhalb Jerusalems
abzuschaffen und dadurch die Bedeutung des Tempels zu erhöhen und die
Praxis der Gottesverehrung zu läutern, werden sehr eingehend in einer spä­
ten und zweifelhaften Tradition (2 Chronik 29-31) beschrieben. Sie werden
dort in das erste Regierungsjahr Hiskijas (726) verlegt, doch besteht Grund
zu der Annahme, daß sie in einen etwas späteren Abschnitt seiner Regierung
fallen. Es wäre möglich, sie kurz nach dem Untergang Samarias, also noch
zur Zeit Sargons, anzusetzen; nach einer anderen Auffassung sind sie in die
Jahre 705-701 zu datieren. Welche Datierung auch zutreffen mag, es steht
fest, daß die Erhebung des Tempels zur einzigen rechtmäßigen Kultstätte
nicht nur eine Demonstration der Frömmigkeit seitens des Königs war, son­
dern auch eine wohlberechnete Maßnahme, mit der er seine Kontrolle über
den Gottesdienst und die Priesterschaft festigen wollte.

Die Regierungszeit Manasses


Hiskija starb wenige Jahre nach Sanheribs Kriegszug, und sein Sohn Manasse
bestieg den Thron, als er noch ein Kind war. Er regierte fünfzig Jahre lang
und war zumeist ein treuer Vasall Assyriens. Im 2. Buch der Könige und in
der späteren biblischen Tradition erscheint er als ein Abtrünniger und Erz­
frevler. Er gab nicht nur die Gottesdienstreformen seines Vaters preis, son­
dern führte sogar die Verehrung fremder Götter im Tempel ein:
‫ ״‬Und er tat, was dem Herrn mißfiel, nach den greulichen Sitten der Hei­
den, die der H err vor Israel vertrieben hatte, und baute wieder die Höhen
auf, die sein Vater Hiskia [Hiskija] zerstört hatte, und richtete dem Baal
Altäre auf und machte ein Bild der Aschera, wie Ahab, der König von Israel,
getan hatte, und betete alles Heer des Himmels an und diente ihnen. Und er
baute Altäre im Hause des Herrn, von dem der H err gesagt hatte: Ich will
meinen Namen zu Jerusalem wohnen lassen; und er baute allem Heer des
Himmels Altäre in beiden Vorhöfen am Hause des Herrn. Und er ließ seinen
Sohn durchs Feuer gehen und achtete auf Vogelschrei und Zeichen und hielt
Geisterbeschwörer und Zeichendeuter; so tat er viel von dem, was dem Herrn
mißfiel, um ihn zu erzürnen. Er stellte auch das Bild der Aschera, das er
184 Zeit des Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H. Tadmor)

gemacht hatte, in das Haus, von dem der H err zu David und zu seinem Sohn
Salomo gesagt hatte: In diesem Haus und in Jerusalem, das ich erwählt habe
aus allen Stämmen Israels, will ich meinen Namen wohnen lassen ewiglich“
(2 Könige 21,2-7).
Manasses Götzendienst gilt als der unmittelbare Anlaß für Jerusalems
Untergang. Selbst Joschijas Reformen vermochten die Schandtaten seines
Vorgängers nicht wiedergutzumachen. Die Prophetin H ulda erwiderte auf
eine entsprechende Frage Joschijas, daß das Land trotz der Rechtschaffen­
heit des Königs verdammt sei (2 Könige 22), und Jeremia stellte ausdrücklich
fest, daß das Gebet all seine Wirkung verloren habe, ‫ ״‬um Manasses willen,
des Sohnes Hiskias [Hiskijas], des Königs in Juda, für alles, was er in Jeru­
salem begangen h at“ (Jeremia 15,4).
Wie sahen nun Manasses kultische Neuerungen aus? Der erste Schritt be­
stand in der Rücknahme der von Hiskija durchgesetzten Zentralisierung des
Gottesdienstes und der Wiedereinführung der lokalen Kultstätten (der ‫ ״‬H ö ­
hen“). Dies war an sich noch keine heidnische Maßnahme, sondern lediglich
eine kultische Praxis, die kurz zuvor von der deuteronomistischen Bewegung
geächtet worden war. Doch darüber hinaus errichtete er fremden Göttern
Altäre im Tempel und förderte den assyrischen Astralkult in ganz Juda. Und
schließlich ließ er seinen Sohn durchs Feuer gehen, das heißt, er weihte ihn
dem Molech oder Moloch (2 Könige 21,6).
In der außerbiblischen Forschung ist das Wesen dieser Kultelemente neuer­
dings exakt untersucht worden. Die Verehrung von Himmelskörpern, der
Sonnen- und Mondscheibe, ist im alten Palästina, Syrien und Anatolien des
2. vorchristlichen Jahrtausends allenthalben belegt. Doch nur im assyrischen
Reich erfreute sie sich allgemeiner Beliebtheit. Wenn wir lesen, daß Joschija
die der Sonne geweihten Pferde und Wagen abschaffte (2 Könige 23,11), so
muß es sich dabei um eine von Manasses kultischen Neuerungen gehandelt
haben. (Weiße Pferde, die dem Sonnen- und Mondgott heilig waren, finden
sich in den assyrischen Urkunden aus jener Zeit.) Der Passus in 2 Könige 21
beschuldigt Manasse außerdem, er habe die Wahrsagerei eingeführt. In As­
syrien war jene Epoche das goldene Zeitalter der Wahrsagerei; Astrologen
und Zeichendeuter spielten eine große Rolle am Königshof, zumal unter
Asarhaddon. Der Molechkult läßt sich vermutlich von der aramäischen Sitte
ableiten, die Kinder Adad, der aramäisch-assyrischen Hauptgottheit, zu
weihen, indem man sie ‫ ״‬durchs Feuer schickte“, was zugleich ein Akt der
Zeichendeutung und ein Opfer war. Das aramäische Element der assyrischen
Kultur herrschte bereits seit der Mitte des 8. Jahrhunderts in Juda vor, wie
die Neuerungen bezeugen, die Manasses Großvater Ahas in den Tempeldienst
einbrachte (2 Könige 16,10-18).
War die Einführung dieser neuen Kultformen in das judäische Hofleben
und in den Tempel eine wohlüberlegte Maßnahme Manasses, mit der er seine
Loyalität als Vasall Assyriens demonstrieren wollte? Oder war es nur der
Das Reich Juda v o m Untergang Samarias bis zu m U ntergang Jerusalems i 8j

unmittelbare Einfluß einer besonders starken militärischen Präsenz der As­


syrer in seiner Regierungszeit, der ihn zu seiner Apostasie bewog? D arauf
gibt es gegenwärtig noch keine eindeutige Antwort. In jedem Fall geht aus
neueren Forschungen deutlich hervor, daß die Assyrerherrscher von ihren
Vasallen nicht die Übernahme ihrer religiösen Praktiken verlangten. Welche
Gründe Manasse auch gehabt haben mag, sein Götzenkult wurde von vielen
seiner Zeitgenossen als eine Verirrung und aus der Sicht späterer Generationen
als Judas schlimmste Sünde betrachtet.
Manasses Regierungszeit war die Periode des stärksten assyrischen Drucks
auf Juda. Es war die Zeit der wiederholten assyrischen Westfeldzüge, die auf
die Unterwerfung Ägyptens abzielten. Asarhaddon (681-669) begründete
die assyrische Vorherrschaft in Philistäa von neuem, er vertrieb die nubische
Armee Tirhakas, aber vor den Toren Ägyptens mußte er eine schwere N ie­
derlage hinnehmen. Doch 671 kehrte er zurück, und diesmal gelang es ihm,
in Ägypten einzudringen und das Nildelta zu besetzen. Er starb während
eines weiteren Ägyptenfeldzuges im Jahre 669, aber sein Sohn Assurbanipal
(668-627) setzte das militärische Unternehmen fort und eroberte und plün­
derte schließlich die im Süden gelegene H auptstadt Theben. Die Herrschaft
der Nubier in Ägypten war damit zu Ende. Die Verstrickung Judas in die
imperialistische Politik der Assyrer erhellt aus der Tatsache, daß Manasse
sich mit seinem Heer an einem von Assurbanipals ägyptischen Feldzügen be­
teiligte. Erst als sich die Assyrer aus Ägypten zurückzogen (seit 656), ließ
der Druck auf Juda offenbar etwas nach, auch wenn die assyrische H err­
schaft über das Land mindestens bis 649 andauerte, wie aus den in Geser
aufgefundenen assyrischen Verwaltungsurkunden hervorgeht. Unterdessen
wuchsen in Assyrien die inneren Schwierigkeiten. Die Macht des Reiches
war durch die langen Kriege in Babylonien und Elam erschöpft. Schließlich
wurde auch die Bedrohung aus dem Norden zu einer echten Gefahr: Die
Kimmerier drangen gegen die N ord westgrenze des Reiches vor. Dieses Zu­
sammentreffen von Umständen erweckte in Juda Hoffnungen auf eine Be­
freiung vom assyrischen Joch, die in den Tagen Joschijas, des Enkels von
Manasse, Wirklichkeit werden sollte.
Eine Stelle in 2 Chronik 33, wo gewisse Ereignisse aus der Regierungszeit
Manasses berichtet werden, gibt den Historikern nach wie vor ein Rätsel auf.
Es heißt dort, Manasse sei vom Assyrerkönig. offensichtlich wegen Hochver­
rats und Rebellion, gefangen genommen und in Babylon eingekerkert wor­
den, habe aber zum Herrn gebetet und daraufhin die Freiheit wiedererlangt.
Nach seiner Rückkehr nach Jerusalem habe er sich darangemacht, die Stadt
zu befestigen. Ob diese Geschichte eine historische Grundlage hat, ist eine
offene Frage, doch ist es immerhin möglich, daß man in Jerusalem die äuße­
ren Festungsanlagen verstärkte, als der assyrische Druck gegen Ende von
Manasses Herrschaft nachzulassen begann (2 Chronik 3 3 , 1 4 ) .
Ein weiteres historisches Problem ist die Ermordung von Manasses Sohn
!86 Z eit des Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H . Tadm or)

Amon, zu der es bereits zwei Jahre nach dessen Thronbesteigung kam. Viel­
leicht hängt sein Tod mit religiösen Bewegungen in Juda zusammen, die un­
ter Joschija offen in Erscheinung traten. Doch konnten die Verschwörer ihren
Anfangserfolg nicht weiter nutzen. Mm ha-aresy ‫ ״‬das Volk des Landes“,
intervenierte und setzte Amons achtjährigen Sohn Joschija auf den Thron
(dieselbe Körperschaft veranlaßte später auch die Thronerhebung eines Jo-
schija-Nachfolgers), Es ist hier anzumerken, daß ‫ ״‬das Volk des Landes“
nicht den Adel, die Priester und die (offiziellen Hof-)Propheten umfaßte,
also jene Schichten, die mit H of oder Tempel in Verbindung standen (vgl.
Jeremia 1,18 und Ezechiel 22,26-29).

Die Regierungszeit Joschijas


Obwohl die Ereignisse in den letzten Regierungsjahren Assurbanipals in
Dunkel gehüllt sind, kann man davon ausgehen, daß sich um diese Zeit die
Bindungen zwischen den entlegeneren Provinzen, einschließlich Judas, und
dem Zentrum des assyrischen Reiches gelockert hatten. In Philistäa nahm
Ägyptens Macht wieder zu: Nach einer von Herodot (II, 157) überlieferten
Tradition eroberte Psammetich I. (669-610), der Gründer der Sechsund­
zwanzigsten Dynastie, Aschdod von den Assyrern zurück. Der Tod Assur­
banipals im Jahre 627 beschleunigte die große Krise des Reiches. Babylon
erhob sich im selben Jahr und erlangte seine Unabhängigkeit unter dem
Chaldäerfürsten Nabopolassar, der das neubabylonische (chaldäische) Reich
gründete. Assyrien selbst hatte wohl unter internen Auseinandersetzungen zu
leiden: Es kam zu einem Krieg zwischen Assur-etil-ilani (627-623), dem
Sohn Assurbanipals, und seinem Bruder Sin-scharischkum (623-612), und
einige Jahre lang war das Reich vermutlich zwischen zwei rivalisierenden
Regierungszentren mit eigenen Eponymen aufgeteilt. Vor diesem H inter­
grund entwickelte sich in Juda nach Jahrzehnten ununterbrochener Knecht­
schaft eine gegen Assyrien gerichtete Freiheitsbewegung. Judas wachsende
Unabhängigkeit, die anscheinend stufenweise und ohne Blutvergießen errun­
gen wurde, fand ihren Niederschlag in zwei überaus bedeutsamen Aktionen
des jungen Königs: Juda bemächtigte sich des südlichen Teils der Provinz
Samaria, die offenbar inzwischen von Assyrien aufgegeben worden war, und
im Innern erwirkte Joschija eine grundlegende Reform des Gottesdienstes.
Das waren nur zwei Aspekte der nationalen und religiösen Erneuerung in
Juda - der letzten vor dem Untergang.
Joschijas Reform, die vor allem in der Abschaffung der für das Zeitalter
Manasses charakteristischen fremden Kulte bestand, ist 2 Könige 22-23 aus‫־‬
führlich beschrieben. Demnach hatten die Reformbestrebungen ihren U r­
sprung in einem Bund, der auf die Entdeckung eines ‫ ״‬Gesetzbuches“ im
‫ ״‬Hause der H errn“ in Joschijas achtzehntem Regierungsjahr hin zustande
kam. Zudem wurden die Reformen in den augenscheinlich sehr kurzen Zeit­
Das R eich J u d a v o m U ntergang Samarias bis z u m Untergang Jerusalems i 8j

raum zwischen Bundesschluß (2 Könige 23,3) und der Feier des Paschafestes
(2 Könige 23,21) zusammengedrängt. Keine dieser Angaben dürfte exakt zu­
treffen, denn die Reformen müssen sich über eine längere Zeit hingezogen
haben und sind wohl nicht notwendigerweise auf die Entdeckung des ‫ ״‬Ge­
setzbuches“ zurückzuführen. Deshalb ist einem abweichenden Bericht, der
2 Chronik 34,3 steht und Joschijas Reformen in dessen zwölftes Regierungs­
jahr (628) verlegt, zweifellos der Vorzug zu geben. Obgleich der Verfasser
der Chronikbücher im Verdacht steht, die Geschichte nach seinem Gutdün­
ken umgeschrieben und die Chronologie seinen theologischen Auffassungen
angepaßt zu haben, liegt es in diesem Fall auf der Hand, daß Joschija seine
Reformen zu einem früheren Zeitpunkt eingeleitet haben muß, das heißt am
Ende von Assurbanipals Herrschaft, als das Assyrerreich im Westen ge­
schwächt war.
Wahrscheinlich beseitigte Joschija bereits in der ersten Phase seiner Refor­
men die Sonnenwagen, die Gefäße des Baals- und Ascherakults und die
‫ ״‬Häuser für die Aschera“, also die alten kultischen Symbole, die aus Phöni-
zien stammten (2 Könige 23,4 und 11). Der nächste Schritt war die Ab­
schaffung der ‫ ״‬H öhen“ (bämöt) im ganzen Land (2 Könige 23,8 und 2 Chro­
nik 34,6). Diese Aktion kulminierte ln der Zerstörung des altehrwürdigen
Kultzentrums von Bet-El, das selbst nach dem Untergang Samarias Israels
wichtigste K ultstätte geblieben war. Ferner zog Joschija die Priester der bä­
m öt, der regionalen Kultstätten, in Jerusalem zusammen, obwohl ihnen die
Darbringung von O pfern im Tempel untersagt war (2 Könige 23,9). Selbst­
verständlich stärkten diese Maßnahmen die Position Jerusalems und des Tem­
pels als des einzigen und unumstrittenen Heiligtums, und sie bestätigten nach­
drücklich den Anspruch des Königs aus dem Hause Davids auf die recht­
mäßige H errschaft über ganz Israel.
Der H öhepunkt der Reform fiel in das achtzehnte Regierungsjahr Jo­
schijas (622/21), als bei den Instandsetzungsarbeiten am Jerusalemer Tempel
ein ‫ ״‬Gesetzbuch" gefunden und dem König vorgelesen wurde: ‫ ״‬Und der
Hohepriester H ilkia [H ilkija] sprach zu dem Schreiber Schaphan [Schafan]:
Ich habe dies Gesetzbuch gefunden im Hause des Herrn. Und Hilkia gab
das Buch Schaphan, und der las e s . . . Dazu sagte der Schreiber Schaphan
dem König: Der Priester H ilkia gab mir ein Buch. Und Schaphan las es vor
dem König“ (2 Könige 22,8,10).
Die Identifizierung dieses Buches ist ein zentrales Problem der Bibelfor­
schung. Es w ird allgemein angenommen, daß es sich bei dem ‫ ״‬Gesetzbuch“
um das Buch Deuteronomium oder zumindest um einen wesentlichen Teil
desselben gehandelt habe, vor allem um den von Mose ausgesprochenen Fluch
(Deuteronomium 28 ff.). Es ist das einzige Buch der Bibel, in dem das abso­
lute Verbot enthalten ist, G ott anderswo als in der auserwählten Stadt zu
verehren (Deuteronomium 12,5). Die neuere Forschung hat gezeigt, daß das
Buch Deuteronomium als ein ‫ ״‬Bund“, eine Vereinbarung zwischen Israel und
!88 Zeit des Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H . Tadm or)

seinem Gott, angelegt ist; es stellt in der Tat einen Vertrag dar, in dem Israel
ein Lehnsverhältnis zu seinem Gott, dem Feudalherrn, eingeht. Ein Bruch
des Bundes würde, wie es in ähnlichen Lehns- oder Vasallen Verträgen jener
Zeit festgelegt ist, eine außerordentlich schwere Strafe nach sich ziehen -
in erster Linie die Ausrottung der Bevölkerung und die Zerstörung des Kö­
nigtums. Der Bund wird besiegelt durch eine Reihe von Verwünschungen
(Deuteronomium 28), die den Fluchformeln ähneln, welche in kürzlich ent­
deckten Vasallen Verträgen aus der Zeit Asarhaddons enthalten sind.
Die große Bedeutung, die man der Entdeckung des Buches beimaß, und
die Auswirkungen dieser Entdeckung werden 2 Könige 22-23 eingehend
geschildert: ‫ ״‬Als aber der König die Worte des Gesetzbuches hörte, zerriß er
seine Kleider. Und der König gebot dem Priester Hilkia und Ahikam, dem
Sohn Schaphans, und Achbor, dem Sohn Michajas, und Schaphan, dem
Schreiber, und Asaja, dem Kämmerer des Königs, und sprach: Geht hin und
befragt den H errn für mich, für das Volk und für ganz Juda über die Worte
dieses Buchs, das gefunden ist; denn groß ist der Grimm des Herrn, der über
uns entbrannt ist, weil unsere Väter nicht den Worten dieses Buchs gehorcht
haben und nicht alles taten, was darin geschrieben ist“ (2 Könige 22,11-13).
Aufgerüttelt durch die Worte in dem neuentdeckten Buch des Bundes, be­
rief Joschija die Vertreter des Volkes nach Jerusalem: ‫ ״‬Und der König ging
hinauf ins Haus des H errn und alle Männer Judas und alle Einwohner von
Jerusalem mit ihm, Priester und Propheten, und alles Volk, klein und groß.
Und man las vor ihren Ohren alle Worte aus dem Buch des Bundes, das im
Hause des H errn gefunden w ar“ (2 Könige 23,2). Die Worte des Buches w ur­
den also öffentlich vorgelesen, und man schloß einen Bund im Rahmen einer
eindrucksvollen Zeremonie. Im wesentlichen forderte dieser neue Bund die
Eliminierung aller fremden Kulte, die völlige Abschaffung der ‫ ״‬Höhen“ und
die Zentralisierung der Gottesverehrung an der ‫ ״‬Stätte, die der Herr, euer
Gott, erwählen wird . . daß er seinen Namen daselbst wohnen läßt“ (Deu­
teronomium 12,5), was man auf den Tempel zu Jerusalem bezog. Das große
nationale und religiöse Erwachen erreichte seinen Höhepunkt in der Feier
des Paschafestes in Jerusalem, ‫ ״‬denn es war kein Pascha so gehalten worden
wie dies von der Zeit der Richter an, die Israel gerichtet haben, und in allen
Zeiten der Könige Von Israel und der Könige von Juda“ (2 Könige 23,22).
Augenscheinlich glaubten sowohl der König als auch das Volk, daß eine neue
Ära in der Geschichte Israels angebrochen sei, nachdem Manasses fremde
Götter und die bämöt abgeschafft worden waren, nachdem Bet-El vollkom­
men zerstört und Jerusalem zum einzigen legitimen Zentrum der Gottesver­
ehrung aufgestiegen war. Diese Reformen und die damit verbundene deute-
ronomistische Bewegung haben tatsächlich in der Geschichte Israels eine ent­
scheidende Rolle gespielt. Sie bewirkten eine Erneuerung jener nationalen
Werte, die in der geschichtlichen Tradition Israels wurzelten, wie sie im
Sinai-Bund ihren Niederschlag gefunden hatte.
Das R eich Ju d a v o m Untergang Samarias bis zu m Untergang Jerusalems 189

Aus der neuen Bewegung erwuchs eine neuartige historiographische Kon­


zeption, die den Büchern der Könige zugrunde liegt. Ein zeitgenössischer H i­
storiker in Jerusalem machte sich daran, die Geschichte Israels bis zur dama­
ligen Gegenwart von einem kritischen Standpunkt aus aufzuzeichnen, wobei
er sich von zwei Grundvoraussetzungen leiten ließ: 1. das Nordreich w ar
zerstört worden, weil es den Jerusalemer Tempel abgelehnt hatte; somit war
Jerobeam I. der erste ‫ ״‬Sünder“, und seine ‫ ״‬Sünde“ wurde von allen seinen
Nachfolgern wiederholt; 2. das Haus Davids war die einzige rechtmäßige
Dynastie, die kraft des Bundes herrschte, den G ott mit David geschlossen
hatte; deshalb zogen die kultischen Verirrungen der judäischen Könige und
ihre Hinwendung zu den ‫ ״‬H öhen“ und zur Abgötterei nicht die Zerstörung
Judas nach sich, sondern lediglich die vorübergehende Züchtigung eines be­
stimmten Königs. A uf diese Weise wurde eine Beziehung hergestellt zwischen
Jerobeams erster ‫ ״‬Sünde“, die darin bestand, daß man den Gott Israels vor
dem A ltar zu Bet-El anbetete, und der Zerstörung ebendieses Altars durch
Joschija, die ungefähr 300 Jahre später erfolgte. Der Geschichtsschreiber
nahm sich sogar die Freiheit, eine höchst merkwürdige Voraussage - eindeu­
tig ein vaticinium ex eventu - einem judäischen Propheten in den Mund zu
legen, der sich an den A ltar von Bet-El wendet, während Jerobeam dort ein
O pfer darbringt: ‫ ״‬Altar, Altar! So spricht der H err: Siehe, es wird ein Sohn
dem Hause D avid geboren werden, mit Namen Josia [Joschija]; der wird auf
dir schlachten die Priester der Höhen, die auf dir opfern, und wird Menschen­
gebein auf dir verbrennen“ (1 Könige 13,2). Derselbe Historiker schildert in
2 Könige 23,15-18, wie sich diese Weissagung erfüllte, als Joschija den Altar
zu Bet-El beseitigte. Joschijas Regierungszeit markiert das Ende einer Epo­
che, einer Epoche kultischer Verfehlung und ihrer Bestrafung, und den Be­
ginn eines neuen Zeitalters unter den Auspizien eines neuen Bundes. Diese
Perspektive steht im Einklang mit der Tatsache, daß Joschijas Regierungszeit
und seine Reformen sowie die langersehnte Unabhängigkeit Judas mit dem
Niedergang und Untergang des scheinbar unbesiegbaren assyrischen Reiches
zusammenfielen.
Joschijas Regierungszeit w ar zugleich eine Epoche der territorialen Expan­
sion und des wirtschaftlichen Wohlstands. Wie bereits erwähnt, hoffte er, die
Überreste des Nordreiches unter seiner Herrschaft zu vereinen. Im Anfangs­
stadium dieser Expansion breitete sich Juda von Geba im Efraim-Gebirge
bis Beerscheba im Süden aus und drang später vielleicht sogar bis Galiläa
vor. Die archäologischen Funde beweisen, daß auch im Negev damals reges
Treiben herrschte. Im Westen stieß Joschija nach Nordphilistäa vor und
kontrollierte wiederum die Handelsroute an der Küste. Belege dafür haben
sich in der vor kurzem ausgegrabenen Festung Metzad IJaschavjahu nörd­
lich von Aschdod an der Küste gefunden. Der König besiedelte diese Region
mit Kolonisatoren oder Leibeigenen; einer von ihnen beschwert sich in einem
Brief über einen Offizier, der ihm sein Gewand abgenommen hatte, weil er
i<)2 Z eit des Ersten Tempels un d babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

sars und Nebukadnezzars bezieht, heißt es wie folgt: ‫ ״‬In dem einundzwan­
zigsten Jahr blieb der König von Akkad [Babylon] in seinem eigenen Land,
Nebukadnezzar, sein ältester Sohn und Kronprinz, versammelte [das baby­
lonische Heer] und übernahm den Befehl über seine Truppen; er marschierte
nach Karkemisch, das am Ufer des Eufrats liegt, und überschritt den Fluß,
um der ägyptischen Armee entgegenzutreten, die in Karkemisch lagerte. . .
Sie kämpften miteinander, und die ägyptische Armee zog sich vor ihm zu­
rück. Er vollendete ihre Niederlage [so schnell, daß] keine Waffe sie er­
reichte. Im Gebiet von H am at überholten und schlugen die babylonischen
Truppen sie dermaßen, daß kein einziger Mann in seine Heimat [entkam].“
(Der genaue Zeitpunkt dieser Schlacht ist sehr bedeutsam für die biblische
Chronologie dieser Periode; Jeremia 46,2 verlegt sie ausdrücklich in das
vierte Jahr von Jojakims Regierung.)
Nebukadnezzar stieß in diesem Jahr nicht mehr nach Palästina vor. Kurz
nach der Schlacht von Karkemisch folgte er seinem Vater auf den babyloni­
schen Thron. Erst 604/603 schloß er seinen Feldzug siegreich ab. Sechs Mo­
nate lang ‫ ״‬zog er ohne W iderstand“ in Syrien und Phönizien umher, wie es
in der babylonischen Chronik heißt. Dann wandte er sich nach Süden und
gegen Philistäa.
Philistäa hatte seit den Tagen der assyrischen Herrschaft einen Sonder­
status behalten. Die Könige von Assyrien beherrschten zwar offiziell die
großen Philisterstädte, von Ekron im Norden bis Gaza im Süden, aber
gleichzeitig unterhielten diese Städte enge Beziehungen zu Ägypten. Diese
Bindung war vor allem historisch bedingt, denn Philistäa unterstand zu
Beginn von Sauls Regierungszeit und, soviel wir wissen, auch teilweise zur
Zeit Salomos nominell der ägyptischen Oberhoheit. Deswegen bewiesen die
Assyrerkönige mehr als einmal eine gewisse Flexibilität gegenüber den auf­
sässigen philistäischen Städten und eine gewisse Großzügigkeit, wenn es um
deren Bestrafung ging. Am Ende von Assurbanipals Regierungszeit (gegen
Ende des 7. Jahrhunderts) erneuerte Ägypten seine direkte Einmischung in
die Angelegenheiten Philistäas; es wurde zur Führungsmacht und verdrängte
die Assyrer. Die Philisterkönige schworen dem Pharao ihren Treueid und
wurden ägyptische Vasallen.
Enge Bindungen zwischen den Philisterstädten und Ägypten gehen aus
dem Bruchstück eines aramäischen Briefes hervor, das in Sakkara in Ägyp­
ten entdeckt wurde. Ein Philisterkönig (der Name seiner Stadt hat sich nicht
erhalten, doch offensichtlich handelt es sich um Aschdod oder Gaza) bittet
hier den Pharao um Beistand, weil die Truppen ‫ ״‬des Königs von Babylon
bis Afek vorgedrungen sind und damit befgonnen haben . . . ] Denn der Herr
der Könige, der Pharao, weiß, daß [Dein] Diener [dem König von Babylon
nicht allein widerstehen kann. Er möge darum geruhen,] eine Streitmacht zu
senden, um mir beizustehen. Er möge mich nicht im Stich lassen. [Denn Dein
Diener ist dem Herrn treu ergeben,] und Dein Diener gedenkt seiner Freund-
Das Reich ]u d a v o m Untergang Samarias bis zu m Untergang Jerusalems i$ j

lichkeit, und dieses Gebiet [ist Eigentum meines Herrn. Doch wenn der K ö­
nig von Babylon es sich nimmt, wird er einsetzen] einen Statthalter in dem
L a n d .. .‫( ״‬Nach der Übersetzung und Ergänzung des Textes von H . L. Gins­
berg). Die genaue Datierung dieses Briefes ist noch umstritten, doch er spie­
gelt eindeutig das Souverän-Vasallen-Verhältnis und die Erwartung der ägyp­
tischen Unterstützung wider.
Die bedeutendste Stadt in Nordphilistäa w ar Aschkelon, das als großer
Hafen besonders enge Beziehungen zu Ägypten unterhielt. Jetzt wurde es
Nebukadnezzars Angriffsziel. Seine Bewohner beschlossen, sich nicht zu er­
geben, da ihnen offenbar militärischer Beistand aus Ägypten zugesichert
worden war. Die Stadt wurde belagert und eingenommen und mußte schwer
dafür büßen, daß sie sich den babylonischen Herren widersetzt hatte. Der
König wurde gefangengenommen, das Volk ins babylonische Exil geführt,
die Stadt geplündert und verheert - ‫ ״‬in einen Berg und Haufen von Trüm­
mern verwandelt“, wie es in der Chronik heißt.
Aschkelon war eine Warnung an Ägypten und an die anderen palästini­
schen Stadtstaaten, die noch immer zwischen Babylon und Ägypten schwank­
ten. Jojakim geriet in Panik; sein fester Glaube an die Macht Ägyptens war
erschüttert. ‫ ״‬Es begab sich aber . . . daß man ein Fasten ausrief vor dem
Herrn für alles Volk zu Jerusalem und für alles Volk, das aus den Städten
Judas nach Jerusalem kam “ (Jeremia 36,9). Das Fasten wird auf den neun­
ten Monat in Jojakims fünftem Regierungsjahr datiert. Die Bedeutung dieses
Datums zeigte sich nach der Veröffentlichung der babylonischen Chronik,
die Nebukadnezzars Herrschaft betrifft, denn da stellte sich heraus, daß
sein Angriff auf Aschkelon in denselben Monat fiel. In diesem kritischen
Augenblick, als man den Ansturm der Babylonier erwartete, las Jeremias
Schreiber Baruch ben Nerija dem Volk, das sich im Tempel versammelt
hatte, eine Schriftrolle mit Jeremias Weissagungen vor, die im Jahr zuvor
zusammengestellt worden waren, also unter dem Eindruck des babyloni­
schen Sieges bei Karkemisch. Jeremias Botschaft besagte, daß Nebukadnezzar
ein Werkzeug des göttlichen Zornes sei. D er König der Chaldäer erfülle
einen göttlichen Plan, indem er alle Länder und insbesondere das sündige
Juda züchtige. Aber die Zeit der Züchtigung sei auf siebzig Jahre beschränkt.
(Die literarische Formel von den siebzig Jahren der Bedrängnis wird im
prophetischen Schrifttum Assyriens und Judas auf die Dauer eines Men­
schenlebens bezogen [vgl. Jesaja 23,15].) Am Ende dieser Zeitspanne, ‫ ״‬wenn
aber die siebzig Jahre um sind, will ich heimsuchen den König von Babel
und jenes Volk, spricht der Herr, um ihrer Missetat willen, dazu das Land
der Chaldäer und will es zur ewigen Wüste machen** (Jeremia 25,12).
Jeremias Vision der bevorstehenden Zerstörung ergrimmte Jojakim; er
ergriff die Schriftrolle, dann ‫ ״‬schnitt er sie ab mit einem Schreibmesser und
warf sie ins Feuer“ (Jeremia 36,23). Der Prophet versteckte sich, um nicht
wegen Verrats bestraft zu werden. Es ist noch immer ungeklärt, ob sich Joja-
i $4 Z eit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

kim in diesem Jahr der babylonischen Herrschaft unterwarf oder erst im


darauffolgenden, als Nebukadnezzar einen Feldzug in das Gebiet von Jeru­
salem unternahm. Die babylonische Chronik ist an dieser Stelle beschädigt,
und der Name der auf diesem Feldzug eroberten Stadt fehlt, es könnte auch
Gaza gewesen sein. Auf jeden Fall brachten die Babylonier ganz Philistäa
und Juda in ihre Gewalt.
Wie die meisten seiner Berater glaubte Jojakim, daß die chaldäischen
Herrscher in Babylon nicht imstande sein würden, Palästina gegen die be­
waffnete Macht Ägyptens zu halten. Das chaldäische Babylonien war ein
neues Phänomen im Alten Orient, und man bezweifelte deshalb, daß es
lange Bestand haben würde. Ägypten lag geographisch viel näher, und die
Pharaonen hatten sich niemals der harten Methoden der Assyrer und Baby­
lonier bedient. Jojakim fühlte sich darum Ägypten sehr verbunden, und
der Treuschwur, den er dem babylonischen Eroberer geleistet hatte, war
nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. Ein scheinbarer Beweis für Nebukad-
nezzars Schwäche folgte bereits im Winter 601/600. Der Babylonierkönig
griff Ägypten an, wurde aber zurückgeschlagen. Der O rt der Schlacht ist
unbekannt, er lag aber wahrscheinlich irgendwo im Süden Philistäas. Die
Niederlage der Babylonier bewog Jojakim, die Entrichtung des üblichen
Vasallentributs zu unterlassen und einen Aufstand auszurufen. Für kurze
Zeit schien er damit Erfolg zu haben. Der besiegte König von Babylon reor­
ganisierte sein Heer und hielt sich fast drei Jahre lang von Philistäa und
Juda fern. Dann, im Winter des Jahres 598, fiel er in Juda ein. In diesem
verhängnisvollen Augenblick - während sich die babylonische Armee Jeru­
salem näherte - starb Jojakim. Sein achtzehnjähriger Sohn Konjahu (oder
Jojachin) bestieg noch rechtzeitig den Thron, um die Stadt den babylonischen
Belagerungstruppen zu übergeben. ‫ ״‬Aber Jojachin, der König von Juda,
ging hinaus zum König von Babel mit seiner Mutter, mit seinen Großen, mit
seinen Obersten und Kämmerern“ (2 Könige 24,12).
Der Fall Jerusalems wird in der Chronik des Nebukadnezzar kurz be­
schrieben: ‫ ״‬Im siebten Jahr, im Monat Kislew, versammelte der König von
Akkad [Babylon] seine Truppen, marschierte ins Hatti-Land und belagerte
die ,Stadt Juda‘, und am zweiten Tage des Monats Adar nahm er die Stadt
ein und setzte den König gefangen. Er ernannte dort einen König seiner
eigenen Wahl, empfing einen großen Tribut und sandte [sie] nach Babylon.“
Fürs erste rettete Jojachins Unterwerfung Jerusalem, doch der Preis war
hoch. Der König mit seinem Hofstaat wurde nach Babylon gebracht. Der
Tempel und die Schatzkammern des Königs wurden geplündert, und 10000
Menschen, vor allem ausgewählte Soldaten und Handwerker, gerieten in
Gefangenschaft und wurden nach Babylonien verschleppt. Jojachins Onkel
Mattanja bestieg den Thron und erhielt den Namen Zidkija.
Die Eroberung von Jerusalem wird in der babylonischen Chronik auf den
zweiten Tag des Adar datiert. Da es jedoch bei den babylonischen Königen
Das Reich Juda v o m Untergang Samarias bis zu m Untergang Jerusalems 19 j

Brauch war, zu Beginn des Nisan in Babylon anwesend zu sein, um an der


Neujahrsfeier teilzunehmen, kann man wohl davon ausgehen, daß Nebu-
kadnezzar die Stadt nach ihrer Einnahme verließ und einen ihm unterstellten
König sowie vermutlich babylonische Offiziere zurückließ, die seine Depor­
tationsbefehle auszuführen hatten. Die 10 000 Verbannten (eine runde Zahl)
wurden von ihren Familien begleitet und wahrscheinlich in Gruppen nach
Babylonien abtransportiert (vgl. Jeremia 52,28 ff.). Im darauffolgenden
Jahr, 596, trat Zidkija sein Königsamt erst richtig an.
In Zidkijas erstem Regierungsjahr war die Lage in Juda äußerst schwierig.
Die neue, noch unerfahrene Regierung, die den exilierten H of ersetzte, er­
wies sich als recht militant und überraschenderweise als entschieden anti­
babylonisch. Auch die Propheten differierten stark: Während Jeremia und
seine wenigen Anhänger auf seiten der gemäßigten Partei standen (die sich
aus geschlossenen Sippen zusammensetzte, da jede Familie eine politische
Haltung vertrat), sagten die nationalistischen Propheten, wie etwa Hananja
ben Asur (vgl. Jeremia 28,1), den Untergang Babylons innerhalb kurzer Zeit
voraus. Einige Vertreter der letzteren Gruppe agitierten unter den Exilierten
und wurden daraufhin von Nebukadnezzar hart bestraft (Jeremia 29,21 f.).
Diese Gruppe wurde zwar von Jeremia als ‫ ״‬falsche Propheten“ bezeichnet,
übte aber einen‫ ׳‬erheblichen Einfluß auf die in Jerusalem verbliebene Bevöl­
kerung und auf den König aus.
Zidkijas Position war problematisch, da er ja im Grunde nur Regent, nicht
König war. Jojachin lebte zwar im Exil, wurde aber von Nebukadnezzar
respektvoll behandelt; er durfte sogar seine Besitzungen in Juda behalten
und von seinen eigenen Leuten verwalten lassen. Babylonischen Verwaltungs­
urkunden aus dem dreizehnten Regierungsjahr Nebukadnezzars zufolge er­
hielten Jojachin und seine fünf Söhne ihre Lebensmittelrationen aus der
königlichen Vorratskammer, und Jojachin führte weiterhin den Titel »König
von Ju d a“. (Die Behandlung, die ihm zuteil wurde, war nichts Ungewöhn­
liches: Die verbannten Könige von Aschkelon, Aschdod und Gaza, aber auch
die Handwerker, die aus Ägypten, Tyrus, Lydien und selbst Griechenland
stammten, wurden vom Königshof verpflegt.) Für die exilierten Judäer und
vermutlich auch für viele der Daheimgebliebenen war Jojachin der einzige
rechtmäßige Herrscher. Zwischen den Verbannten und der in Juda zurück­
gebliebenen Bevölkerung bestanden rege Beziehungen; so drangen Gerüchte
über Vorgänge in Babylon sehr schnell nach Juda. Gegen Ende des Jahres
595 traf die Kunde von einem Aufruhr in Babylonien in Jerusalem ein und
weckte Hoffnungen auf die Befreiung der Gefangenen.
Kurz danach, im Jahre 594, starb der ägyptische Pharao Necho. Auf ihn
folgte sein Sohn Psammetich II., ein großer Kriegsheld, der für seine militä­
rische Tüchtigkeit berühmt war. Dieser Wechsel zwang die palästinischen
Staaten zu einer politischen Neuorientierung, und in Jerusalem trafen sich,
wahrscheinlich geheim, Abgesandte aus Edom, Moab, Ammon, Tyrus und
i $6 Z eit des Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H . Tadm or)

Sidon. Das Hauptthema ihrer Zusammenkunft war selbstverständlich das


Verhältnis dieser Länder zu Babylonien, wie aus Jeremias Mahnung hervor­
geht: ‫ ״‬N un aber habe ich alle diese Länder in die H and meines Knechtes
Nebukadnezar, des Königs von Babel gegeben und auch die Tiere auf dem
Felde, daß sie ihm untertan sein sollen. Und es sollen alle Völker ihm dienen
und seinem Sohn und seines Sohnes Sohn, bis auch für sein Land die Zeit
kommt, daß es vielen Völkern und großen Königen untertan sein muß. Das
Volk aber und das Königreich, das dem König von Babel, Nebukadnezar,
nicht untertan sein w ill. . . das will ich heimsuchen mit Schwert, Hunger und
Pest, spricht der H e rr‫( ״‬Jeremia 27,6-8).
Im selben Jahr unternahm Nebukadnezzar zwei Feldzüge nach Palästina,
um dort die babylonische Präsenz zu bekräftigen. Leider setzt unsere H aupt­
quelle für diese Ereignisse, die babylonische Chronik der Regierungszeit Ne-
budkadnezzars, mit dem Jahr 594 aus, und für die letzten Tage Judas stehen
uns außer der Bibel keinerlei Zeugnisse zur Verfügung. Höchstwahrschein­
lich hatte Nebukadnezzar von dem oben erwähnten Treffen in Jerusalem
erfahren, jedenfalls machte sich Zidkija schon bald auf den Weg nach Ba­
bylon, um Tribute auszuhändigen und seine Loyalität erneut zu versichern
(vgl. Jeremia 51,59).
In diesem Stadium nahm Judas politisches Doppelspiel eine unheilvolle
Wendung. Einerseits hatte Zidkija Nebukadnezzar einen Vasalleneid ge­
schworen, andererseits wurde er immer stärker in die ägyptische Einfluß­
sphäre hineingezogen. Es gibt Anhaltspunkte dafür, daß judäische Soldaten
nach Ägypten entsandt wurden, um Psammetich in seinem Krieg gegen den
äthiopischen König zu unterstützen. Dies geschah offensichtlich 592, also in
Psammetichs viertem Regierungsjahr. Wir wissen nicht, ob die judäischen
Soldaten als Söldner in ägyptische Dienste traten oder ob - was am w ahr­
scheinlichsten ist - dieser militärische Beistand Bestandteil eines Geheimver­
trages zwischen den beiden Königen war. Somit war Zidkija, der Vasall
Babyloniens, gleichzeitig ein Bundesgenosse Ägyptens - wenn nicht gar ein
Untergebener. Im darauffolgenden Jahr bereisten ägyptische Boten Juda in
einer besonderen Mission, und Juda wurde zu einem wesentlichen Faktor in
dem Plan der Ägypter, die Vorherrschaft über Palästina zurückzugewinnen.
Der Entschluß zum Aufstand fiel anscheinend im gleichen oder im folgenden
Jahr, nachdem Psammetich Zidkija die Zusicherung gegeben hatte, ihm im
N otfall zu helfen. Wann genau die Rebellion ausbrach, ist, wie gesagt, nicht
klar, doch werden die Vorbereitungen wohl schon bald nach Psammetichs
Beistandszusage begonnen haben. Der Pharao starb jedoch 589, und Apries
(der biblische Hofra) folgte ihm auf dem Thron. Nebukadnezzar erkannte,
daß der dynastische Wechsel in Ägypten der geeignete Augenblick für eine
Invasion in Juda war.
Das genaue Datum der letzten Belagerung Jerusalems und des Untergangs
der Stadt ist noch immer umstritten. Die Meinungsverschiedenheiten sind
Das Reich Juda v o m Untergang Samarias bis zu m Untergang Jerusalems 197

darauf zurückzuführen, daß man sich nicht einig ist, wie die Regierungsjahre
in Juda berechnet werden müssen. Das Regierungsjahr begann entweder im
Frühjahr mit Nisan, dem ersten Monat, oder im Herbst mit Tischri, dem
siebten Monat. (Die Monate wurden vom Frühjahr ab gezählt.) Wenn das
Regierungsjahr tatsächlich im Frühjahr begann, dann wurde die Belagerung
von Jerusalem mitten im Winter 587 eröffnet, das heißt in Zidkijas neuntem
und in Nebukadnezzars siebzehntem Jahr.
Die Ägypter standen zu ihrem Wort. Die ägyptische Armee kam Juda zu
Hilfe und konnte den Belagerungsring um Jerusalem zeitweilig durchbre-
chen (Jeremia 37,5). Was die vermutliche Konfrontation zwischen Ägyp­
tern und Bayloniern anbelangt, so sind darüber keinerlei Nachrichten erhal­
ten. Doch zogen sich die Ägypter offensichtlich zurück und überließen den
Jerusalemern die Verteidigung ihrer Stadt. Ihre verzweifelte Lage spiegelt
sich in den Weissagungen des Jeremia und auch in der Tatsache, daß während
der Belagerung sämtliche Sklaven freigelassen wurden. (Ironischerweise wur­
den diese befreiten Sklaven wieder eingefangen, als die babylonische Armee
mit den Truppen Hofras zusammenstieß.) Es ist durchaus möglich, daß die
Städte nördlich von Jerusalem, also im Gebiet von Benjamin, vor den Baby­
loniern kapitulierten und deshalb wohl von Deportationen verschont blieben.
Aber andere befestigte Städte in Juda wurden gleichfalls belagert und einge­
nommen. Man nimmt an, daß sich die Lachisch-Briefe auf diese Endphase
des Krieges beziehen, als Lachisch und Aseka (das in einem der Briefe er­
wähnt wird) im letzten Verteidigungskampf lagen (vgl. Jeremia 34,7).
Jerusalem trotzte den Angriffen der gewaltigen babylonischen Kriegs­
maschine bis zum Sommer 586. Der Widerstand wurde durch steigende H un­
gersnot und Wassermangel gebrochen. Am Ende schlugen die Feinde eine
Bresche in die Mauer und eroberten die Stadt. Zidkija floh, wurde aber
schnell eingeholt (2 Könige 25,5). Er wurde Nebukadnezzar im Lager des
Siegers bei Ribla im Libanon-Tal vorgeführt und grausam bestraft. Seine
Kinder wurden vor seinen Augen erschlagen, er selber wurde anschließend
geblendet - die übliche Strafe für den Bruch des Vasalleneids. Dann schaffte
man den gedemütigten König in Ketten nach Babylon.
Das eigentliche Ende Judas kam mit der völligen Zerstörung Jerusalems
und des Tempels, die in 2 Könige 25,8 ff. ausführlich beschrieben ist:
‫ ״‬Am siebten Tage des fünften Monats, das ist das neunzehnte Jahr Nebu-
kadnezars, des Königs von Babel, kam Nebusaradan, der Oberste der Leib­
wache, als Feldhauptmann des Königs von Babel nach Jerusalem und ver­
brannte das Haus des H errn und das Haus des Königs und alle Häuser in
Jerusalem; alle großen Häuser verbrannte er mit Feuer. Und die ganze Macht
der Chaldäer, die dem Obersten der Leibwache unterstand, riß die Mauern
Jerusalems nieder. Das Volk aber, das übrig war in der Stadt, und die zum
König von Babel abgefallen waren und was übrig war von den Werkleuten,
führte Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, weg.“
ij 8 Z e it des Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H . Tadm or)

Zusammen mit dem Rest der Einwohner - ausgenommen die Armen, die
zurückgelassen wurden, um das Land in Juda zu bestellen - schaffte Nebu-
saradan reiche Siegesbeute aus der Stadt, darunter auch den Schatz des Kö­
nigs und die Kultgefäße aus dem Tempel.
Der biblische Erzähler berichtet all dies in einem spröderen Stil, als er
für das übrige 2. Königsbuch charakteristisch ist. Es ist kein Zufall, daß der
Historiograph, der das 25. Kapitel verfaßte und an das ältere Buch der Kö­
nige anfügte, einen trockenen Chronistenstil wählte und auf die für das Buch
selbst so typischen Werturteile verzichtete. Die zeitliche Nähe zu diesen tra ­
gischen Ereignissen und ihre Dimensionen bewogen ihn zu ungewöhnlicher
Zurückhaltung. Seine Erzählung ist schmucklos; er ist offenbar unfähig,
das Geschehen zu kommentieren, und beschränkt sich auf die bloße Bericht­
erstattung.
Eine dichterische Reaktion auf die Zerstörung Jerusalems entstand wenig
später: ‫ ״‬Der H err ist wie ein Feind geworden; er hat Israel vertilgt. Er hat
zerstört alle Paläste und hat die Burgen vernichtet; er hat der Tochter Juda
viel Jammer und Leid gebracht‫( ״‬Klagelieder 2,5).
1 1 . Die babylonische Gefangenschaft und die Restauration

Die biblischen Quellen


Im Gegensatz zur Zeit des Ersten Tempels, über die in den Samuel- und Kö­
nigsbüchern berichtet wird, ist die Periode der Restauration nicht durch eine
einheitliche historische Darstellung belegt. Unsere Informationen stammen
aus heterogenen Quellen, deren Zuverlässigkeit oft in Frage gestellt worden
ist, und die Folge davon sind unterschiedliche Rekonstruktionen dieser Pe­
riode. N ur zwei Abschnitte innerhalb der Epoche sind angemessen dokumen­
tiert: zum ersten die Zeit vom Edikt des Kyros (538) bis zur Vollendung des
Zweiten Tempels (515), zum zweiten der Zeitraum vom Auftreten Esras
(458) bis zum Ende von Nehemias Amtszeit als Statthalter in Juda (ca. 430).
Die wichtigsten biblischen Quellen für diese Zeitabschnitte sind die prophe­
tischen Texte von Deuterojesaja, Haggai und Sacharja r-8, die aramäischen
Zeugnisse, die im Buch Esra zitiert werden, und insbesondere die ‫ ״‬Memoiren‫״‬
Nehemias und die Erzählung Esras, die vielleicht schon am Ende der persi­
schen Zeit zu einem einzigen Buch zusammengefaßt wurden.
Die Bücher der Chronik, wahrscheinlich im frühen 4. Jahrhundert in Je­
rusalem entstanden, sind eine weitere Quelle für die fragliche Periode. Ob­
wohl sie insgesamt die Geschichte des Ersten Tempels behandeln, spiegeln
sich in ihnen gewisse Aspekte der Zeit, in der sie geschrieben wurden. Die
Bedeutung, die der Autor - der ‫ ״‬Chronist“ - den Geschlechtsregistern bei­
mißt (1 Chronik 1-9), ist bezeichnend für den hohen Stellenwert solcher Re­
gister in einer Zeit, in der die Menschen ihren Anspruch auf die angestamm­
ten Wohnsitze erneuerten und Unterlagen für die Bestätigung ihres Status
in der Gemeinschaft der Heimkehrer benötigten. Ein noch größeres Interesse
für genealogische Belege zeigen die Verfasser und Redakteure des Esra- und
Nehemia-Buches. Daß sich der Chronist so angelegentlich mit dem Tempel
und dem Kultpersonal, zumal mit den Leviten, beschäftigt, verweist auf die
zentrale Rolle, die der Tempel im Leben des judäischen Volkes spielte. Sein
Versuch, die Persönlichkeit Davids, Salomos und anderer judäischer Könige
zu glorifizieren - im Gegensatz zu der kritischen Einstellung, die ihnen ge­
genüber in den (von ihm benutzten) Samuel- und Königsbüchern vor­
herrscht ist ein Zeichen dafür, daß die Periode der davidischen Monarchie
als das Goldene Zeitalter angesehen wurde. Schließlich könnte auch die Be­
deutung, die der Chronist den Überresten des Nordreichs Israel für die kul­
tischen Reformen in Jerusalem unter Hiskija und Joschija beimißt, darauf
hindeuten, daß er kein Anhänger der isolationistischen Lehren Esras und Ne-
200 Zeit des Ersten Tempels und babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

hemias war. Doch aus verschiedenen Gründen ist es vorerst unmöglich, sein
Werk als Quelle für die persische Zeit richtig einzuschätzen. Zum ersten wis­
sen wir nicht, welche Gruppierung er repräsentierte, als er die Chroniken
verfaßte. Zweitens können wir noch immer nicht einwandfrei unterscheiden
zwischen authentischem Quellenmaterial aus der Zeit des Ersten Tempels
und dessen späterer Bearbeitung durch den Chronisten. Darüber hinaus ist
die Frage, ob der Text das Werk eines einzigen Verfassers, des Chronisten,
ist oder von mehreren Autoren zu verschiedenen Zeiten abgefaßt wurde, auch
heute noch ziemlich umstritten. Eindeutig ergibt sich jedoch, daß die allge­
mein verbreitete Meinung, der Chronist sei auch der Autor des Buches Esra
und/oder der Redakteur des vereinten Buches Esra und Nehemia gewesen,
einer kritischen philologischen Analyse nicht standhält.
In den apokryphen Büchern Judit und Tobias (Tobit), die gegen Ende der
Perserzeit entstanden, zeigt sich gleichfalls eine gewisse isolationistische Ten­
denz, doch ist ihr historischer Kern schwer zu ermitteln. Man hat bisher
keine Dokumente entdeckt, welche die im Buch Ester enthaltene Erzählung
bestätigen, obgleich hier das Leben am Hofe des persischen Herrschers an­
schaulich und exakt beschrieben wird. Die Bedeutung dieser Bücher für die
jüdische Geschichte besteht darin, daß sie die frühesten Texte sind, die das
Gemeinschaftsleben in der Diaspora schildern, und außerdem die ersten Be­
lege für jene virulente antijüdische Einstellung, die sich immer wieder gegen
größere jüdische Diasporagemeinden richtete.
Besondere Beachtung verdient das zeitgenössische epigraphische und ar­
chäologische M aterial: die Papyri von Elephantine und die kürzlich entdeck­
ten Papyri von Wadi Dalijeh; außerdem Ostraka, Münzen, Siegel und an­
dere Reste der materiellen Kultur. Diese Funde leisten wertvolle Dienste bei
der Ausfüllung der Lücke zwischen dem Ende von Nehemias Amtszeit und
der mazedonischen Eroberung. Hinsichtlich dieser späteren Phase der Ge­
schichte Judas unter den Persern liefern uns Josephus’ ‫ ״‬Jüdische Altertümer“
und die fragmentarisch erhaltenen Schriften hellenistischer, römischer und
byzantinischer Historiker wichtige Aufschlüsse.

Die Nachwirkungen der Zerstörung


Nach der Zerstörung Jerusalems und der Wegführung nach Babylonien
dehnte sich der territoriale Horizont der jüdischen Geschichte über das eigent­
liche Juda hinaus auf weitere Bereiche aus. Er umschloß nunmehr nicht nur
die in Juda Zurückgebliebenen, sondern auch die Diasporagemeinden in Ba­
bylonien, Ägypten und später in Kleinasien. Zunächst bewahrten die jüdi­
schen Gemeinwesen, die fernab von den Grenzen Palästinas entstanden, ihre
religiöse, nationale und kulturelle Eigenart. Doch später nahm ihre Entwick­
lung einen unterschiedlichen Verlauf, je nach ihrer rechtlichen Situation und
den historischen Bedingungen, denen sie unterworfen waren.
Die babylonische G efangenschaft u n d die R estauration 201

Für die Geschichte Judas während der babylonischen Gefangenschaft gibt


es nur sehr wenige Quellen. Aus der Darstellung Jeremia 3 2 ff. und 2 Könige
24-25 geht hervor, daß die Verwüstung allgemein w ar und daß nur die Ar­
men im Lande blieben, die ‫ ״‬Weingärtner und Ackerleute“. Was die Gesamt­
zahl der Verschleppten anbetrifft, so schwanken die Schätzungen: 10000
Personen gingen mit Jojachin ins Exil (vgl. S. 1 9 4 ) , doch es ist ungewiß, ob
diese Zahl die Familienoberhäupter oder die Gesamtheit der Vertriebenen
bezeichnet. Im Gegensatz zu dieser, selbst wenn sie sich auf Einzelpersonen
beziehen sollte, großen Zahl, erwähnen die Quellen erstaunlich wenige Ver­
bannte aus Jerusalem: 8 3 2 zur Zeit der Zerstörung des Tempels und 7 4 5 nach
der Ermordung Gedaljas (Jeremia 5 2 , 2 9 - 3 0 ) . Es besteht jedoch kein Zweifel,
daß sehr viele Menschen Juda während des Krieges oder unmittelbar nach
der Zerstörung verließen und sich in alle Richtungen zerstreuten - nach
Samaria, Edom, Moab, Ammon oder Ägypten. Die Ausgrabungen, die man
in Teil Bet Mirsim, Bet-Schemesch, Lachisch und Ramat Rahel gemacht hat,
legen Zeugnis ab für das Ausmaß der Verwüstung. Die Überreste zeigen
deutliche Spuren der Zerstörung, welche die Folge von grausamen Kämpfen
und Schlachten in den letzten Jahren von Judas Unabhängigkeit waren.
Gleichzeitig blieben mehrere Städte im Norden von Jerusalem, zum Beispiel
Bet-El, Mizpa und Gibeon, von der Vernichtung völlig verschont, und man
nimmt heute an, daß diese Region - das Land Benjamin - sich im Jahre 5 8 8 ,
zu Beginn des Krieges, den Babyloniern unterwarf und deshalb der Verhee­
rung entging. Mizpa konnte also Gedalja ben Ahikam als Residenzstadt die­
nen. Gedalja, der Enkel von Joschijas Schreiber Schafan und offenbar ein
Führer der Gemäßigten, die sich gegen den Aufstand in Juda aussprachen,
wurde zum Statthalter in dem Gebiet bestellt, das nach der Zerstörung von
5 8 6 von Juda noch übriggeblieben war. Als die Babylonier sich aus Juda zu­
rückzogen, sammelten sich die versprengten Soldaten und Offiziere nach und
nach in Mizpa.
Gedaljas erste und wichtigste Reform bestand darin, daß er den Status
der besetzten Gebiete legalisierte, indem er diejenigen, die das Land innehat­
ten und bebauten, zu Eigentümern erklärte. K raft dieser ungewöhnlichen
Maßnahme nahmen die ‫ ״‬Ärmsten des Landes“, also jene, die nicht verbannt
worden waren, das Land in Besitz. Gedalja sah seine Hauptaufgabe darin,
das Leben in Juda zu normalisieren. Seine Politik findet ihren Ausdruck in
einer Erklärung, die Jeremia 40,9 f. wiedergegeben ist: ‫ ״‬Fürchtet euch nicht,
den Chaldäern untertan zu sein; bleibt im Lande und seid dem König von
Babel untertan, so wird’s euch wohlgehen. Siehe, ich bleibe hier in Mizpa
und habe die Verantwortung vor den Chaldäern, die zu uns kommen; ihr
aber sollt Wein und Feigen und ö l ernten und in eure Gefäße tun und sollt in
euren Städten wohnen, die ihr wieder in Besitz genommen habt.“ Diese Aus­
sage deckt sich mit der Auffassung, daß das Land rechtens jenen gehöre, die
es ‫ ״‬physisch“ in Anspruch nahmen, wie es die bei Ezechiel zitierten Formeln
202 Z eit des Ersten Tempels u n d babylonische Gefangenschaft (H . Tadm or)

bezeugen: ‫ ״‬. . . die Bewohner jener Trümmer im Lande Israel sprechen:


Abraham war ein einzelner Mann und nahm dies Land in Besitz; wir aber
sind viele, so gehört uns das Land erst recht“ (33,24), und: ‫ ״‬. . . aber uns ist
das Land zum Eigentum gegeben“ (11,15). Das Schicksal der Israeliten und
der anderen Völker, die nach Assyrien verbannt worden waren, hatte diese
Generation gelehrt, daß Verbannte nie mehr in ihre Heimat zurückkehren.
Folglich betrachteten sich die in Juda Zurückgebliebenen als die einzigen
Überlebenden des Volkes - eine Auffassung, welcher der Prophet Ezechiel
heftig widersprach.
Doch Gedaljas Regierung ging schon bald zu Ende - er wurde von einem
Mitglied der königlichen Familie ermordet. Der Mörder, Jischmael ben N e­
tanja, muß Gedalja für einen Verräter gehalten haben. Es ist auch durchaus
möglich, daß er vom König von Ammon gedungen worden war, der offen­
sichtlich einen Teil von Juda besetzen wollte. Jedenfalls kündigte dieser
Mord das Ende der letzten Autonomiebestrebungen Judas an.
Aus Angst vor der Rache der Babylonier beschlossen die ‫ ״‬Hauptleute des
Heeres“ und die Einwohner von Mizpa, nach Ägypten zu fliehen; den Pro­
pheten Jeremia nahmen sie mit. Diese tragischen Ereignisse werden aus der
Sicht des gealterten Propheten in aller Ausführlichkeit beschrieben (vgl. Je­
remia 40-44). Der Tag, an dem Gedalja ermordet wurde (der dritte Tag des
siebten Monats), wurde als Fasttag eingesetzt und selbst noch in der Zeit der
babylonischen Gefangenschaft als solcher begangen, genauso wie der neunte
Tag des Ab (Sacharja 8,19).
Das neubabylonische Reich hielt sich zwar in der Verwaltung an das assy­
rische Muster, ging aber in seiner Politik gegenüber den Exilierten andere
Wege. Soviel wir wissen, gab es bei den Babyloniern keinen zweiseitigen ge­
waltsamen Bevölkerungsaustausch, sondern nur eine einseitige Deportation
von besiegten Völkern nach Babylonien, das damals sehr viele Menschen
brauchte, um seine in den Kriegen mit Assyrien verheerten Gebiete wieder­
zubesiedeln. Benötigt wurden auch tüchtige Handwerker und Arbeiter für
die Bauvorhaben im ganzen Land, vor allem in der Stadt Babylon; infolge­
dessen brachte Nebukadnezzar keine neuen Siedler in das verwüstete Juda
oder nach Aschkelon, das schon früher zerstört worden war, sondern überließ
diese Gebiete einfach sich selbst. Ja, er scheint sie sogar absichtlich als Trüm­
merwüste erhalten zu haben, um eine Pufferzone zwischen Babylon und
Ägypten zu schaffen. Die Folge dieser Politik war, daß die zurückkehrenden
Verbannten nach ihrem Eintreffen in der Heimat auf keinen Widerstand von
außen stießen, auch wenn die Edomiter offenbar von Osten und Süden her
in das Territorium Judas vorgedrungen waren und sich nach Norden fast bis
Hebron ausgebreitet hatten. Über die Organisation oder Geschichte des Lan­
des Juda von 586 bis zur Heimkehr im Jahre 538 ist nichts bekannt. H in­
gegen haben wir aufschlußreiche Nachrichten über die unter Nebukadnezzar
im babylonischen Exil lebenden Judäer, vor allem aus dem Buch des Ezechiel,
Die babylonische G efangenschaft u nd die R estauration 20j

jenes Propheten, der als junger Mann mit Jojachin nach Babylonien depor­
tiert worden war.

Die Exilierten in Babylonien


Die aus Juda Exilierten wurden am ‫ ״‬Fluß Kebar“ angesiedelt, einem wich­
tigen Bewässerungskanal unweit der Stadt N ippur (Ezechiel 1,1). Daß die
Wahl auf dieses Gebiet fiel, scheint kein Zufall gewesen zu sein. N ippur
hatte zur Zeit des Assurbanipal den Assyrern als Festung in Babylonien ge­
dient, zumal dann auch in den Kriegen zwischen seinen Erben und Nabopo-
lassar, und war zum großen Teil verwüstet worden. Es ist durchaus möglich,
daß die Bewohner, die Assyrien die Treue gehalten hatten, umgebracht oder
deportiert wurden. Die Namen der anderen Stätten, an denen die judäischen
Exilierten angesiedelt wurden, weisen auf eine ähnliche Situation hin. Sie alle
haben mit Zerstörung und Untergang zu tun: Tell-Abib, »die Stätte, die ver­
heert wurde wie durch die Flut‫( ״‬abübu im Akkadischen); Tell-Melah, ‫ ״‬Salz­
hügel“, das heißt ein Trümmerfeld, das mit Salz bestreut wurde zum Zeichen
dessen, daß auf ihm nie mehr etwas wachsen solle; Tell-Harsa, vielleicht
‫ ״‬eine Ruine, die mit Scherben bedeckt w ar“. Die neuen Siedler widmeten
sich vorwiegend der Landwirtschaft. Andere Judäer, vor allem Handwerker
und tüchtige Arbeiter, wurden nach Babylon gebracht und bei den Bauvor­
haben Nebukadnezzars beschäftigt. Die wirtschaftlichen Dokumente aus
Babylon, in denen die Lebensmittelzuweisungen des Jahres 592 für Jojachin,
den deportierten König von Juda, und seine fünf Söhne verzeichnet sind
(vgl. S. 195), führen auch eine Reihe von anderen Judäern auf: Gadiel,
Semahjahu und den Gärtner Schelemjahu. (In diesen Dokumenten werden
auch Verbannte aus anderen Ländern erwähnt: Seeleute und Sänger aus
Aschkelon; 116 Tyrer, von denen mehr als 100 Seeleute waren; Tischler
aus Byblos und Arvad; ferner Elamiter, Meder, Perser und Ägypter sowie
griechische und lydische Handwerker.)
Die aus Juda Verbannten behielten das soziale Gefüge ihrer Sippeneinhei­
ten bei, wie die Geschlechtsregister in Esra 2 und Nehemia 7 bezeugen.
Jojachin, der König, die Adligen und die Priester werden von Ezechiel nie­
mals direkt erwähnt. Die einzigen führenden Persönlichkeiten, mit denen
der Prophet zu tun hatte, waren die ‫ ״‬Ältesten“, also die traditionellen Ober­
häupter (Jeremia 29,1 und Ezechiel 8,1 und 20,3).
Das Buch Ezechiel gibt freilich nicht nur über die sozialen Verhältnisse
der Verbannten Auskunft; seine eigentliche Bedeutung besteht darin, daß es
in vielerlei Hinsicht die Sehnsüchte, Konflikte und Hoffnungen der Exilier­
ten widerspiegelt, ihre psychologische Verfassung und ihre geistige Haltung.
Die erste Welle der Verbannten, also jene, die mit Jojachin fort mußten,
betrachteten die Gefangenschaft als nur vorübergehend. Sie rechneten mit
der unmittelbar bevorstehenden Niederlage des jungen neubabylonischen
204 Z e it des Ersten Tem pels u n d babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

Reiches und mit ihrer anschließenden Rückkehr nach Juda sowie mit der
Rückführung der beschlagnahmten Tempelgefäße. Gegen diese eitle H off­
nung wandten sich Jeremia und Ezechiel, die immer wieder die Zerstörung
Jerusalems und des Tempels voraussagten. Doch ihr Optimismus, den die
sogenannten ‫ ״‬Propheten der Erlösung‫ ״‬- von Jeremia als falsche Propheten
verurteilt - noch schürten, hinderte die Exilierten, den Propheten des Unter­
gangs Glauben zu schenken. Als dann der Tempel 586 tatsächlich zerstört
wurde, brach der falsche Optimismus zusammen und schlug in tiefe Ver­
zweiflung um. Diese Enttäuschung hat Ezechiel unmittelbar eingefangen.
Die Menschen spürten jetzt die ganze Last ihrer Verfehlungen und vor allem
der ihrer Väter. Dagegen hat Ezechiel die persönliche Haftung hervorgeho­
ben: ‫ ״‬Der Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters, und der Vater soll
nicht tragen die Schuld des Sohnes“ (Ezechiel 18,20). Die Generation Joja-
chins und Zidkijas werde nicht für die Sünden Manasses bestraft, so argu­
mentierte er, sondern für ihre eigenen Schandtaten. N ur Reue könne die
Strafe ab wenden. Nach der Zerstörung erkannten die Verbannten die Macht
ihrer Herren und sahen ein, daß das Exil den völligen Bruch mit der inzwi­
schen verwüsteten Heimat bedeutete. Der allgemeinen Klage ‫ ״‬Unsere Ge­
beine sind verdorrt, und unsre Hoffnung ist verloren“ (Ezechiel 37,11), setzte
der Prophet seine ‫ ״‬Vision der verdorrten Gebeine“ entgegen, in der diese
wieder mit Fleisch umkleidet werden (Ezechiel 37,1-10).
Ohne Zweifel trugen Ezechiels Bemühungen Früchte. Wir wissen zwar
nur wenig über das geistige Leben der Verbannten, aber es ist unverkennbar,
daß sich in der religiösen und kulturellen Vorstellungswelt der Exilgemein­
schaft ein entscheidender Wandel vollzog. Synkretistischer Götzenkult und
Fetischismus, die am Ende der Zeit des Ersten Tempels noch immer vorhan­
den waren, scheinen verschwunden zu sein. Ein wesentlicher Faktor war das
Gefühl der Reue über die kultischen Verirrungen Manasses und seiner Zeit.
Wie in den religiösen Auffassungen der Babylonier und Assyrer wurden Zer­
störung und Exil als Manifestationen des göttlichen Zorns betrachtet. N ur
die Ausrottung des Unrechts und seine Sühne konnten die Gnade Gottes wie­
derherstellen. Diese Einstellung hat eindeutige Parallelen in den Schriften der
babylonischen Historiker jener Zeit. Die Zerstörung Babylons im Jahre 689
durch Sanherib, den König von Assyrien, wurde als die Strafe des babyloni­
schen Hauptgottes M arduk gedeutet, der über die Sünden der Einwohner
ergrimmt sei. (Einer assyrischen Darstellung aus der Zeit Asarhaddons zu­
folge wurde Babylon nicht wegen eines Kultvergehens zerstört, sondern we­
gen sozialer und moralischer Verfehlungen - Totschlag, Bürgerkrieg und
sittlicher Verfall.) In ähnlicher Weise wurde auch in einer späteren Inschrift
des Nabonid die 610 erfolgte Zerstörung von H arran (die letzte Hauptstadt
Assyriens und das Zentrum der Verehrung des Mondgottes Sin) als göttliche
Strafe aufgefaßt: ‫ ״‬Sin, der König der Götter, war erzürnt über seine Stadt
und seinen Tempel [von E-foul-hul] und fuhr hinauf zum Himmel. Die Stadt
Die babylonische G efangenschaft u nd die Restauration 20$

[H arran] und die Menschen, die in ihr waren, wurden von Verzweiflung
erfüllt.“ Erst als die ‫ ״‬vorbestimmte Zeit der Bedrängnis‫ ״‬vorüber war, ‫ ״‬be­
sänftigte sich sein Zorn . . . er war versöhnt“ und geruhte, in seine Stadt und
seinen Tempel zurückzukehren, den sein eifriger Anhänger Nabonid wieder-
auf gebaut hatte.
Der religiöse und geistige Wandel, der sich in den Verbannten damals voll­
zog, war ein Ausdruck isolationistischer Tendenzen, des Verlangens nach
vollständiger Absonderung von der bedrückenden fremden Umwelt. Doch
in der gleichen Periode hatten auch manche weltlichen babylonischen Ein­
flüsse tiefe Wirkungen. Das zeigt sich in den babylonischen Namen, die sich
einige Exilierte zulegten, sogar Mitglieder der judäischen Königsfamilie;
so wurde zum Beispiel Jojachins Enkel Serubbabel (Zer-bäbili, wörtlich
‫ ״‬Same Babylons“) genannt. Eine weitere bedeutsame Veränderung w ar die
Übernahme der babylonischen Monatsnamen - Nisan, Ijjar, Siwan usw. ‫*־־‬,
die das ursprüngliche israelitische System der Monatszählung (erster, zweiter,
dritter Monat usw.) verdrängten. Auch das Aramäische, die Lingua franca
in Babylonien und im westlichen Teil des persischen Reiches, bewirkte eine
Veränderung: die alte hebräische Schrift wurde durch die aramäische K ur­
sive ersetzt.
Im literarischen Bereich macht sich gleichfalls babylonischer Einfluß be­
merkbar. So wurden die Bücher der Könige (vgl. S. 141) nach dem Vorbild
der babylonischen Chroniken zu synchronen Annalen umgestaltet. Umgear­
beitet wurde vor allem der chronologische Rahmen: die Daten der Könige
von Juda wurden an die der Könige Israels angeglichen. Die gesamte D ar­
stellung wurde auf den neuesten Stand gebracht bis zum Jahre 561, als Joja-
chin von Ewil-Merodach, dem Nachfolger Nebukadnezzars, aus der Ge­
fangenschaft befreit wurde (2 Könige 25,27-30). (Die Umstände von Joja­
chins Gefangenschaft liegen im dunkeln. Sein rechtlicher Status zu Beginn
von Nebukadnezzars Regierungszeit war der eines exilierten Königs;
vgl. S. 195).

Der Untergang Babylons und der Aufstieg Persiens


Die letzten Jahre des babylonischen Reiches waren geprägt von weitreichen­
den Veränderungen. Im Jahre 55 6 bemächtigte sich Nabonid des Throns, ein
hoher Beamter fortgeschrittenen Alters (wahrscheinlich aramäischer Ab­
kunft), der einer in H arran ansässigen Familie entstammte und sich dem
Kult des Mondgottes verschrieben hatte. Anders als andere babylonische
Könige war er gebildet und stark interessiert an der Vergangenheit Baby­
loniens sowie an Wahrsagerei. Doch war er seit seinem Regierungsantritt
hauptsächlich bestrebt, dem Kult des Mondgottes Sin Vorrang zu geben vor
der Verehrung der anderen babylonischen Gottheiten. Wegen seiner kulti­
schen Reformen geriet er in Konflikt mit den Priestern der großen babyloni-
2o6 Zeit des Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H . Tadm or)

sehen Tempelstädte, verließ Babylon und hielt sich zehn Jahre lang in Teima
im nördlichen Arabien auf. Sein Sohn Bel-schar-usur (der Belschazzar des
Buches Daniel) übernahm während seiner Abwesenheit die Regentschaft.
Während des Jahrzehnts, das Nabonid in Teima verbrachte (552-543),
veränderte sich das Gleichgewicht der politischen Kräfte in dieser Region
drastisch. Damals wurde das Bergland des heutigen Iran, Kurdistan und der
Türkei von den Medern beherrscht, deren König ein Verbündeter Babylo­
niens war. Doch 550 erhob sich Kyros von Anschan (Persien), ein Vasall des
medischen Herrschers Astyages, gegen seinen Oberherrn und besiegte ihn; er
eroberte dessen H auptstadt Ekbatana und gründete das persische Reich, das
somit Medien ablöste. Er führte dann mehrere Kriege, um sein Königreich
zu konsolidieren und nach Westen auszuweiten. 546 besetzte Kyros Sardes
(Sefarad bei Obadja 20), die H auptstadt von Lydien, dem damals führenden
Staat in Kleinasien. Dann wartete er auf eine günstige Gegenheit für den An­
griff auf Babylon, das noch immer die unbestrittene Führungsmacht im west­
lichen Asien war.
Als Nabonid 543 aus Teima zurückkehrte, sah er sich einer zunehmenden
Unzufriedenheit innerhalb der Priesterschaft in den großen babylonischen
Städten gegenüber. Besonders unzufrieden waren die Tempelverwalter, die
in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten waren, weil die Krone sich die
Tempelschätze angeeignet hatte. Die Erbitterung wuchs noch, nachdem N a ­
bonid die Instandsetzung von E-hul-hul, dem Sin-Tempel in H arran, abge­
schlossen hatte. Jetzt waren die Voraussetzungen günstig für Kyros* Vorstoß
nach Babylon, und wir haben sogar guten Grund zu der Annahme, daß die
Anführer der Opposition gegen Nabonid, insbesondere die Priester des Mar-
duk in Babylon und die des Nabu in Sippar, gegen ihn konspirierten und Ky­
ros heimlich aufforderten, Babylonien zu ‫ ״‬befreien“. Ob nun Kyros tatsäch­
lich schon vor seinem Einmarsch zum König von Babylonien gekrönt wurde
oder ob ihm dort lediglich ein Großteil der Bevölkerung Sympathien entge­
genbrachte, er erhob jedenfalls den Anspruch, der rechtmäßige König von
Babylon und zu diesem Amt durch die babylonischen Götter berufen zu sein.
Im Gegensatz zu den Medern betrachteten ihn die Babylonier nicht als einen
Barbaren, sondern von Anfang an als einen legalen König - ein Phänomen,
das in der Geschichte Mesopotamiens ohne Beispiel ist.
In Erwartung eines persischen Angriffs ließ Nabonid 539 die Götterbilder
aus den Tempeln mehrerer babylonischer Städte in die H auptstadt schaffen.
Auch dieses Vorgehen wurde als Sakrileg aufgefaßt und stärkte damit die
Position seiner Gegner. Zum gleichen Zeitpunkt rückte Kyros gegen das
eigentliche Babylonien vor; Sippar, eine bedeutende babylonische Tempel­
stadt, ergab sich seinen Streitkräften, und Babylon selber fiel kampflos in
seine Hände. Während Nabonid die Flucht ergriff, zog Kyros freudig be­
grüßt in Babylon ein; er wurde sogleich als babylonischer Monarch aner­
kannt und erhielt den Titel ‫ ״‬König von Babylon und König der Länder“,
Die babylonische G efangenschaft u nd die Restauration 207

den die persischen Herrscher fortan in babylonischen Rechtsurkunden be­


nutzten.
Kyros machte als erstes Nabonids Reformen rückgängig und ließ die G öt­
terstatuen wieder in ihre Heiligtümer zurückbringen. Dadurch erschien er
als Wiederhersteller von Religion und Ordnung in Babylon und als der
Wohltäter aller Völkerschaften, über die er sich gesetzt hatte. Er rühmte sich
sogar, er habe alte Kultstätten (wie beispielsweise Assur, Akkad und Eschnun-
na), die vor vielen Jahrhunderten zerstört worden waren, wieder instandge­
setzt. Dieser Anspruch sollte allerdings nicht so wörtlich verstanden werden.
Am Anfang von Kyros* Regierungszeit verfaßte der königlich-babyloni­
sche Schreiber die folgende Inschrift zum Ruhme des neuen Monarchen:
‫ ״‬Als ich [Kyros] die Stadt Babylon friedlich betrat und zur Freude aller
[meinen] Königsstuhl im Palast des Herrschers aufstellte, [wandte] der große
H err Marduk die Herzen der vielen Einwohner Babylons [mir in Liebe zu],
und täglich war ich bemüht, ihn anzubeten. Meine riesigen Heere zogen
friedlich durch Babylon, ich ließ nicht zu, daß einer das Volk von [Sumer]
und Akkad erschreckte. Ich waltete in Frieden als H irte in Babylon und in
allen heiligen Städten. Das Volk von Babylon, dem er [Nabonid] gegen den
Willen der Götter das Joch auferlegt hatte, das ihnen nicht ziemte, befreite
ich von seinen Leiden, und ich nahm ihre Bürde ab. Daraufhin freute sich
Marduk, der große Herr, über meine tugendhaften Taten und segnete mich
gnädig - Kyros, den König, der ihn anbetet, Kambyses, meinen Sohn, den
Sproß meiner Lenden, und mein ganzes Heer; und in Eintracht vor ihm
preisen wir seine allerhöchste Göttlichkeit. Alle Könige der Welt vom Oberen
Meer bis zum Unteren Meer, jene, welche [ . . . ] bewohnen, und [alle] Noma­
denkönige des Westens, die Zeltbewohner, brachten ihre köstlichen Gaben
nach Babylon und küßten mir die Füße. Von [Ninive] bis zu den Städten
Assur, Schuschan und Akkad, das Land Eschnunna und die Städte Zamban,
Meturnu, Der und bis zu den Grenzen des Landes der Gutier [d. h. die H och­
landbewohner von Kurdistan] jenseits des Tigris, deren Tempel zerstört w or­
den sind in einer fernen Vergangenheit - [all diesen] habe ich ihre eigenen
Götter zurückerstattet und wiedergegeben, und ich habe sie erhoben auf ihre
ewigen Sitze. Ich habe alle ihre [zerstreuten] Völker versammelt und ihnen
ihre Wohnsitze wiedergegeben.“ (‫ ״‬Kyros-Zylinder“, Zeilen 22-32; neue
Übersetzung des Verfassers.)

Das Edikt des Kyros


Das Edikt des Kyros an die im babylonischen Exil lebenden Judäer, das
ihnen den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem gestattete, ist ein weiteres
Dokument seiner Restaurationspolitik. Der Originaltext, der wahrscheinlich
aramäisch geschrieben war, ist nicht auf uns gekommen. Doch eine kurze
hebräische Zusammenfassung hat sich Esra 1,2-3 erhalten: ‫ ״‬So spricht Cyrus
2oS Zeit des Ersten Tem pels un d babylonische Gefangenschaft (H . T a dm or)

[Kyros], der König von Persien: Der Herr, der Gott des Himmels, hat mir
alle Königreiche der Erde gegeben, und er hat mir befohlen, ihm ein Haus zu
Jerusalem in Juda zu bauen. Wer nun unter euch von seinem Volk ist, mit
dem sei sein Gott, und er ziehe hinauf nach Jerusalem in Juda und baue das
Haus des Herrn, des Gottes Israels. Das ist der Gott, der zu Jerusalem ist.‫״‬
In Aufbau, Stil und Wortschatz ähnelt dieses im Buch Esra wiedergegebene
Edikt anderen Urkunden jener Zeit. Auch geht aus dem vorangestellten Ein­
leitungssatz hervor, daß es im ersten Regierungsjahr des Kyros erlassen w ur­
de, das heißt offensichtlich, in seinem ersten Jahr als König von Babylonien
(538), vielleicht im Rahmen der Neujahrsfestlichkeiten. Gleichzeitig wurde
eine aramäische Version, die sich Esra 6 findet, für die königliche Kanzlei
angefertigt. Sie enthält die Maße des Tempels und stellt ausdrücklich fest,
daß die Mittel für den Wiederaufbau aus der königlichen Schatzkammer
genommen werden sollten (Esra 6,3-5). Die Instandsetzung von Tempeln im
ganzen Reich, auch jener der besiegten Völker, war eine wichtige Kompo­
nente in der Politik der religiösen Toleranz, welche die nachfolgenden persi­
schen Herrscher verfolgten; allerdings ist es möglich, daß diese Maßnahme
zunächst nur den politischen Interessen des Kyros bei seiner Eroberung Ba­
byloniens dienen sollte.
Die Einnahme Babylons durch Kyros wurde begeistert begrüßt und be­
wirkte eine nationale Wiedergeburt, die in den Worten des anonymen Pro­
pheten, der allgemein als Deuterojesaja bezeichnet wird, ihren Niederschlag
gefunden hat. Im Einklang mit der prophetischen Ideologie, die in den gro­
ßen Reichen des Orients lediglich göttliche Instrumente zur Bestrafung des
sündigen Israel oder Juda sah (Jesaja 10,5 ff. und Jeremia 25,9 ff.), verkün­
dete Deuterojesaja, der Aufstieg des Kyros und dessen Eroberung der Welt
- zumal Babylons - dienten nur dem Wohle Israels. Deuterojesaja bedient
sich freilich einer ungewöhnlichen Terminologie, denn er nennt Kyros den
‫ ״‬Gesalbten des H errn‫( ״‬im Hebräischen maschiah). Dieser Begriff wurde ur­
sprünglich ausschließlich auf Saul und David angewendet (1 Samuel 26,23;
2 Samuel 19,21), und in diesem Kontext bedeutet er mutmaßlich eher „Bote‫״‬
als „Gesalbter‫ ״‬. „So spricht der H err zu seinem Gesalbten, zu Cyrus, den
ich bei seiner rechten H and ergriff, daß ich Völker vor ihm unterwerfe und
Königen das Schwert abgürte, damit vor ihm Türen geöffnet werden und
Tore nicht verschlossen bleiben. Ich will vor dir hergehen und das Bergland
eben machen, ich will die ehernen Türen zerschlagen und die eisernen Riegel
zerbrechen und will dir heimliche Schätze geben und verborgene Kleinode,
damit du erkennst, daß ich der H err bin, der dich beim Namen ruft, der Gott
Israels. Um Jakobs, meines Knechtes, und um Israels, meines Auserwählten,
w il le n ...‫( ״‬Jesaja 45,1-4; vgl. auch 44,25-28). Diese Verherrlichung des
Kyros mag überraschend wirken, aber sie ist durchaus begreiflich angesichts
der allgemeinen Haltung, die man ihm gegenüber im Jahre 539, unmittelbar
nach dem Einmarsch in Babylon, einnahm.
Die babylonische Gefangenschaft u nd die Restauration 20$

Während Kyros, der ,»Gesalbte des H errn “, im Weltbild des Deuterojesaja


eine große Rolle spielt, wird der davidischen Dynastie bei der nun einsetzen­
den Restauration keine Rolle zugeteilt. Im Unterschied zu den Propheten
aus der Zeit des Ersten Tempels, für die Tempel und Haus Davids eine Ein­
heit bildeten, ignoriert dieser spätere Prophet das Königshaus David fast
vollständig. Der Tempel wird wiedererrichtet und Jerusalem wiederaufge­
baut werden, aber ‫ ״‬die beständigen Gnaden Davids“ (Jesaja 5 5 , 3 ) , also der
ewige Bund mit der davidischen Dynastie (vgl. Psalm 89), werden nunmehr
auf das Volk ausgedehnt. Ein neuer ewiger Bund mit Israel ist in der T at
ein zentrales Motiv in den Weissagungen Deuterojesajas: ‫ ״‬Denn es sollen
wohl Berge weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll nicht von
dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der
Herr, dein Erbarmer“ (Jesaja 54,10). Deuterojesaja weist die Wiedereinset­
zung der Davididen nicht ausdrücklich zurück, doch in seiner Vision wird
die Erhabenheit des davidischen Herrschers als des gerechten und recht­
schaffenen Fürsten (Jesaja n , i - i o ) ersetzt durch die Herrlichkeit des wie­
dererstandenen Jerusalems:
‫ ״‬Hebe deine Augen auf und sieh umher: diese alle sind versammelt und
kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Tochter
auf dem Arme hergetragen werden. Dann wirst du deine Lust sehen und vor
Freude strahlen, und dein H erz wird erbeben und weit werden, wenn sich
die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker
zu dir kommt. Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen
Kamele aus Midian und Epha [Efa]. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold
und Weihrauch bringen und des H errn Lob verkündigen. Alle Herden von
Kedar sollen zu dir gebracht werden, und die Widder Ncbajoths [Nebajots]
sollen dir dienen. Sie sollen als ein wohlgefälliges Opfer auf meinen Altar
kommen; denn ich will das Haus meiner Herrlichkeit zieren. . . Fremde
werden deine Mauern bauen, und ihre Könige werden dir dienen. Denn in
meinem Zorn habe ich dich geschlagen, und in meiner Gnade erbarme ich
mich über dich. Deine Tore sollen stets offen stehen und weder Tag noch
Nacht zugeschlossen werden, daß der Reichtum der Völker zu dir gebracht
und ihre Könige herzugeführt werden. Denn welche Völker oder König­
reiche dir nicht dienen wollen, die sollen umkommen und die Völker verwü­
stet werden. Die Herrlichkeit des Libanon soll zu dir kommen, Zypressen,
Buchsbaum und Kiefern miteinander, zu schmücken den O rt meines Heilig­
tums; denn ich will die Stätte meiner Füße herrlich machen. Es werden ge­
bückt zu dir kommen, die dich unterdrückt haben, und alle, die dich gelästert
haben, werden niederfallen zu deinen Füßen und dich nennen, ,Stadt des
H errn‫״‬, ,Zion des Heiligen Israels‘“ (Jesaja 60,4-14).
Diese poetische Bildersprache hat gewiß wenig Ähnlichkeit mit den tradi­
tionellen prophetischen Beschreibungen Jerusalems oder mit der Wirklichkeit
jener Zeit. Dahinter steht vielmehr die Stadt Babylon in all ihrem Glanz.
2 io Zeit des Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H . Tadm or)

Babylon, der Mittelpunkt eines Weltreiches, herrlich wiederaufgebaut und


ausgeschmückt durch Nebukadnezzar II., wird in den Inschriften der neu­
babylonischen Könige in vergleichbaren Worten geschildert. Somit führt
Dcuterojesaja ein völlig neues Element in die biblische Rhetorik ein - die
überhöhte Darstellung Jerusalems, ein Thema also, das in der nachfolgenden
jüdischen Literatur immer wiederkehrt.

Heimkehr und Wiederaufbau


Das Edikt erweckte enthusiastische Hoffnungen. Schon die Genehmigung
zum Wiederaufbau des Tempels aus Mitteln des königlichen Schatzes war
ein Ansporn zur Heimkehr. Bereits 538, im Jahr der Verkündung des Edikts,
wurde die erste Gruppe von Heimkehrern organisiert. Ihre Zahl wird mit
43 360 angegeben (Esra 2,64), dazu 7337 Bedienstete und mehr als 200 männ­
liche und weibliche Musikanten. Vermutlich sind diese Angaben als die Ge­
samtzahl aller Rückkehrer der verschiedenen Wellen während der Regie­
rungszeit des Kyros und seiner Nachfolger zu verstehen, und manche Fach­
leute nehmen an, daß auch die Heimkehrer aus der Zeit Esras und Nehemias
mitgerechnet sind. Begreiflicherweise setzte die Rückkehrbewegung eine Zeit­
lang aus, als Kambyses in Ägypten Krieg führte. Ungeachtet der enthusiasti­
schen Aufrufe von Deuterojesaja zum unverzüglichen Aufbruch aus dem
‫ ״‬Land der Chaldäer“ zog es eine beträchtliche Zahl von Exilierten offenbar
vor, in Babylonien zu bleiben. Wahrscheinlich waren diese Leute dort bereits
heimisch geworden und lebten in guten wirtschaftlichen Verhältnissen. Die
überwiegende Mehrheit war ja auch in Babylonien geboren und fühlte sich
von Verheißungen eines fernen Heimatlandes, das sie nie gesehen hatte,
nicht sonderlich angesprochen.
Die erste Heimkehrerwelle wurde von Scheschbazzar, ‫ ״‬dem Fürsten Ju ­
das“ angeführt (Esra 1,8); er ist möglicherweise identisch mit Schenazzar,
dem Sohn Jojachins (1 Chronik 3,18). Es war Scheschbazzar, dem der per­
sische Schatzmeister die Tempelgefäße übergab. Der Ehrentitel ‫ ״‬Fürst Judas“
ist gleichbedeutend mit dem Begriff, den Ezechiel in seiner Vision der wie­
derhergestellten judäischen Monarchie verwendete. Dies bedeutet freilich
nicht, daß Kyros die Absicht hatte, in Juda wieder die Monarchie einzufüh­
ren; sein Hauptanliegen war tatsächlich der Wiederaufbau des Tempels in
Jerusalem. Die Struktur des persischen Imperiums ließ keine Vasallenkönige
zu, nur ‫ ״‬Statthalter“, von denen einige allerdings Abkömmlinge regionaler
Dynastien gewesen sein mögen. Es ist möglich, daß Scheschbazzar zum Statt­
halter (peha) in Juda bestellt worden war, worauf Esra 5,14 hinzudeuten
scheint. Im weiteren Verlauf kommt Scheschbazzar in den Quellen nicht
mehr vor. Seine Stelle als peha von Juda wird von Serubbabel, dem Sohn
Schealtiels und Enkel Jojachins, eingenommen, dessen politisches Wirken
hauptsächlich in die Zeit Darius’ I. fällt.
Samaria
P i e Rückkehr nach Z i o n

Sichern

S A M A R I A

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Karte 6: Die Rückkehr nach Zion


212 Z eit des Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H . Tadm or)

Im Edikt des Kyros geht es nur um den Tempel in Jerusalem; das restliche
Juda wird mit keinem Wort erwähnt. Man kann sogar davon ausgehen, daß
der Jerusalemer Tempel, zumindest in der ersten Zeit, von allen im persischen
Reich allgemein üblichen Steuern befreit war. Hingegen mußten die Einwoh-
ner Judas anscheinend Abgaben zahlen und Frondienste leisten, wie es persi-
sehen Untertanen geziemte (Esra 4,12-16). Die gleiche Politik betrieben
Kyros und seine Nachfolger in mehreren anderen Provinzen des Reiches, wo
ebenfalls bestimmte Tempel von Fron und Besteuerung ausgenommen waren.
Auf diese Weise verpflichtete sich die persische Obrigkeit die Priesterklasse
und sicherte sich deren Loyalität durch wirtschaftliche Privilegien.
Der Ablauf der Ereignisse während der Bauarbeiten am Zweiten Tempel
und die Frage nach den führenden Männern in dieser Zeit sind noch immer
ungeklärt. Nach Esra 3 waren der Priester Jeschua, der Sohn Jozadaks, und
Serubbabel, der Sohn Schealtiels, die Anführer der Heimkehrer, und ihre
erste Maßnahme bestand darin, daß sie einen Altar an der Stätte des Tempels
errichteten und auf ihm Opfer darbrachten. Der nächste Schritt, der ‫ ״‬im
zweiten Jahr nach ihrer Ankunft beim Hause Gottes in Jerusalem“ (Esra
3,8) folgte, war die feierliche Grundsteinlegung für den Tempel - ‫ ״‬und sie
stimmten den Lobpreis an“ (Esra 3,11). Nach Esra 4 wurde der Wiederauf-
bau unterbrochen und erst im zweiten Regierungsjahr Darius* I., also 520,
wiederaufgenommen (Esra 4,24). Auch zu diesem Zeitpunkt waren Jeschua
und Serubbabel die Führer des Volkes. Die Propheten Haggai und Sacharja
sprachen den beiden in ihren Weissagungen Mut zu und drängten sie, beson-
ders Serubbabel, der inzwischen als peha (‫ ״‬Statthalter“ [Haggai 1,1]) be-
zeichnet wurde, die Arbeiten zu beschleunigen. Zumal bei Haggai 2,15 (‫ ״‬be-
vor ein Stein auf den ändern gelegt war am Tempel des H errn “) und 2,18
(‫ ״‬von dem Tag an, da der Tempel des H errn gegründet ist“) gewinnt man
den Eindruck, daß der Tempel erst in den Tagen des Darius vollendet wurde.
Ergänzend heißt es in einer aramäischen Urkunde, die sich auf den Wieder-
aufbau unter Kyros bezieht: ‫ ״‬Da kam jener Scheschbazzar und legte den
Grund zum Hause Gottes zu Jerusalem. Seit der Zeit baut man, und es ist
noch nicht vollendet“ (Esra 5,16). Um diesen Widerspruch zu erklären,
nimmt man an, daß Serubbabel und Jeschua nur der zweiten Periode, der
des Darius, angehören und daß ihre frühere Erwähnung eine redaktionelle
Zutat ist. Andererseits können sie durchaus in beiden Zeitabschnitten tätig
gewesen sein: 538, als Scheschbazzar Statthalter und offiziell für den Wie-
deraufbau zuständig war, waren Serubbabel und Jeschua die Volksführer,
während in der späteren Phase (520) Serubbabel zum persischen Statthalter
in Juda aufgestiegen war.
Es ist unwahrscheinlich, daß Darius für eine kleine westliche Provinz in
den Jahren 522/21 einen Statthalter ernannte, denn damals war er mit der
Niederschlagung eines Aufstands beschäftigt, der sich in seinem ganzen Reich
auszubreiten drohte. Es spricht also vieles dafür, daß Serubbabel schon vor­
Die babylonische G efangenschaft u nd die Restauration 213

her ernannt wurde, entweder in den letzten Jahren des Kyros oder unter
Kambyses. Man hat auch die Meinung vertreten, daß in der Regierungszeit
des Kambyses eine weitere Gruppe nach Juda zurückgekehrt sei. Jedenfalls
steht fest, daß die Wiederaufbauarbeiten längere Zeit ruhten. Haggai, ein
Augenzeuge der Ereignisse (1,2), verweist unzweideutig auf das Volk, das
der Meinung war: ‫ ״‬Die Zeit ist noch nicht da, daß man des Herrn Haus
baue“, wohingegen der Historiker in Esra 4,1-5 für die Verzögerung die
‫ ״‬Widersacher Judas und Benjamins“ verantwortlich macht; ‫ ״‬das Volk des
Landes . . . schreckt sie vom Bauen ab. Und sie dingten Ratgeber gegen sie
und hinderten ihr Vorhaben . .
Schon in den Anfängen ergaben sich Konflikte zwischen den Heimkehrern
und dem ‫ ״‬Volk des Landes“ (Esra 4,4), das gleichfalls seinen religiösen Eifer
bekundete: ‫ ״‬Denn auch wir suchen euren Gott gleichwie ihr, und haben ihm
geopfert seit der Zeit Asarhaddons, des Königs von Assur, der uns hierher
gebracht hat“ (Esra 4,2).
Diese Gruppe forderte die Beteiligung am Wiederaufbau des Tempels. Die
Antwort Serubbabels und der anderen ‫ ״‬Obersten“ war eindeutig: ‫ ״‬Es ziemt
sich nicht, daß ihr und wir miteinander das Haus unseres Gottes bauen, son­
dern wir allein wollen bauen dem Herrn, dem Gott Israels, wie uns Cyrus,
der König von Persien, geboten h at“ (Esra 4,3). Auch die Frage nach der
Identität der ‫ ״‬Widersacher Judas und Benjamins“ konnte bis heute nicht
zweifelsfrei geklärt werden. Nach allgemein akzeptierter Auffassung, die
sich auf den oben erwähnten Passus in Esra 4,2 stützt, waren es die Ab­
kömmlinge der fremdländischen Siedler, welche die Assyrerkönige nach Sa-
maria gebracht hatten - eine Volksgruppe, die später als Samaritaner be­
zeichnet wurde. Daneben besteht jedoch die These, bei dieser zurückgewiese­
nen Gruppe habe es sich um die Nachkommen der ursprünglichen Israeliten
oder der nicht exilierten Judäer gehandelt.
Man kann davon ausgehen, daß die regionalen persischen Statthalter, im
besonderen der Statthalter von Samaria, der wiederum dem Statthalter des
Transcufrat (Abar-Nahara) unterstellt war, sich den Streit zwischen den
‫ ״‬Widersachern Judas und Benjamins“ und den Heimkehrern zunutze mach­
ten, um den Wiederaufbau zu hintertreiben. Diese Statthalter konnten kein
Interesse daran haben, daß Jerusalem als ein administratives und religiöses
Zentrum wiedererstand, das mit Samaria konkurrieren würde, und sie haben
vermutlich der Durchführung des Edikts alle möglichen Hindernisse in den
Weg gelegt.
Auch Kyros selbst w ar offensichtlich nicht länger daran interessiert, Son­
derrechte für den Wiederaufbau zerstörter Kultzentren zu gewähren. Seine
Anstrengungen richteten sich jetzt auf die Konsolidierung des Reiches und
auf die Expansion nach Osten. Er starb 530, als er in den östlichen Randge­
bieten des Irans gegen die Skythen kämpfte. Sein Sohn Kambyses betrieb
erneut die persische Expansion nach Westen. Er fiel in Ägypten ein, besiegte
214 Z eit d*s Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H . Tadm or)

den letzten Herrscher der Sechsundzwanzigsten Dynastie und machte sich


- wie Kyros in Babylon - zum König von Ägypten. Durch seine Vermählung
mit der Tochter des abgesetzten Pharao versuchte er seine Herrschaft nach­
träglich zu legitimieren. Seine Taten wurden gefeiert in Hieroglyphen­
inschriften, die den ägyptischen Göttern huldigten. Kambyses* kurze Regie­
rungszeit wird im Buch Esra nicht erwähnt, das seinen Bericht im zweiten
Jahr des Darius wiederaufnimmt.
Nach dem Tod des Kambyses und der Thronbesteigung Darius‫ ״‬I. (der
einem rivalisierenden Zweig der Königsfamilie angehörte) im Jahre 522
kam es allenthalben im Perserreich zu Aufständen - von Medien, wo sich
der Adel gegen Darius auflehnte, bis Elam, Babylonien und Kleinasien. Erst
519, am Ende seines zweiten und zu Beginn seines dritten Regierungsjahres,
bekam Darius das gesamte Reich fest in die Hand. Es gibt keinerlei Anhalts­
punkte dafür, daß sich auch die Länder im Westen, insbesondere Ägypten,
erhoben hatten. Auf jeden Fall wurde die Arbeit am Tempel in Darius’
zweitem Regierungsjahr wieder aufgenommen. Ein Echo der Wirren im Per­
serreich ist in den Weissagungen Haggais und Sacharjas vernehmbar, der
letzten ‫ ״‬Schrift“-Propheten. Im sechsten Monat des zweiten Jahres von Da-
rius’ Regierung (520) rief Haggai das Volk und die Anführer auf, von neuem
an den Bau des Tempels zu gehen (Haggai 1,14). Im Zusammenhang mit
dem Wiederaufbau wuchs die Hoffnung auf die Erneuerung des Königtums
unter der davidischen Dynastie, und diese Hoffnung knüpfte sich natur­
gemäß an die Person Serubbabels:
‫ ״‬Und des Herrn W ort geschah zum zweitenmal am vierundzwanzigsten
Tage des Monats zu Haggai: Sage Serubbabel, dem Statthalter von Juda:
Ich will Himmel und Erde erschüttern und will die Throne der Königreiche
Umstürzen und die mächtigen Königreiche der Heiden vertilgen und will
umwerfen die Wagen und die darauf fahren; Roß und Reiter sollen fallen,
ein jeder durch des ändern Schwert. Zur selben Zeit, spricht der H err Ze­
baoth, will ich dich, Serubbabel, du Sohn Schealtiels, meinen Knecht, neh­
men, spricht der Herr, und dich wie einen Siegelring halten; denn ich habe
dich erwählt, spricht der H err Zebaoth‫( ״‬Haggai 2,20-23).
In der Vision Sacharjas, die aus derselben Zeit stammt, spiegelt sich ein
gewisser Konflikt zwischen Serubbabel und Jeschua, dem Hohenpriester,
doch worum es dabei im einzelnen ging, ist uns nicht überliefert. Sacharja
hegte ebenfalls die Hoffnung auf die Wiedereinsetzung der davidischen D y­
nastie unter Serubbabel, den er ‫ ״‬meinen Knecht, den Sproß“ nennt (Sacharja
3,8; das hebräische Wort semab, ‫ ״‬ein Sproß“, bezeichnet einen Nachkommen
der Davididen [vgl. Jeremia 23,5]). Er war indes der Meinung, daß in der
Führung Judas Platz für einen Fürsten wie für einen Priester sei: ‫ ״‬So spricht
der H err Zebaoth: Siehe, es ist ein Mann, der heißt ,Sproß‘; denn unter ihm
wird’s sprossen, und er wird bauen des Herrn Tempel. Ja, den Tempel des
H errn wird er bauen und er wird herrlich geschmückt sein und wird sitzen
Die babylonische G efangenschaft u nd die R estauration 21$

und herrschen auf seinem Thron. Und ein Priester wird sein zu seiner Rech­
ten, und es wird Friede sein zwischen den beiden“ (Sacharja 6,12-13).
Der Wiederaufbau des Tempels kam nur langsam voran. Als Tattenai,
der neuernannte Statthalter von Transeufrat, von den Bauarbeiten erfuhr,
bestritt er den Heimkehrern das Recht, ihren Tempel wiederaufzubauen,
und trug die Angelegenheit Darius vor (Esra 5 , 3 - 1 7 ) . Da das Edikt des Kyros
mündlich verkündet worden war und der geschriebene Text, der für das of­
fizielle Archiv bestimmt war, sich nicht in Jerusalem befand, konnten die
Tempelbauer nicht beweisen, daß sie tatsächlich mit Genehmigung des Kö­
nigs handelten. Darius ließ in den königlichen Archiven zu Ekbatana (Ach-
metha) nachforschen, wo das Originaldokument gefunden wurde, und gab
Anweisungen, den Tempelbau zu vollenden und die Kosten aus der Schatz­
kammer der Satrapie zu decken (Esra 6,1-12). Darius* Auftrag enthielt die
zusätzliche Bedingung, daß im fertigen Tempel ein Opfer für den König und
seine Söhne darzubringen sei. Fortan w ar dies eine regelmäßig geübte Praxis
in der Zeit des Zweiten Tempels, die bis zum großen Aufstand gegen die
Römer im Jahre 68 n. Chr. erhalten blieb. Die Vollendung des Tempelbaus
fiel in das sechste Regierungsjahr des Darius (516/15) und wurde mit einem
fröhlichen Paschafest gefeiert.

Von Serubbabel zu Esra


Daß der Tempel genau einundsiebzig Jahre nach seiner Zerstörung vollendet
wurde, ist von besonderer Bedeutung. Es gibt Anhaltspunkte dafür, daß Je­
remias ursprüngliche Prophezeiung einer siebzigjährigen Leidenszeit (Jeremia
25,11) in und nach dem Exil umgedeutet wurde. Eine deutliche Anspielung
findet sich Sacharja 7,5: »Sage allem Volk im Lande und den Priestern und
sprich: Als ihr fastetet und Leid trugt im fünften und siebenten Monat diese
siebzig Jahre lang, habt ihr da für mich gefastet?“ Vielleicht also waren die
Heimkehrer, eingedenk der Untergangsprophezeiung Jeremias, bestrebt, den
Wiederaufbau mit Ablauf der siebzig Jahre abzuschließen, in der Erwartung,
daß die Zeit des göttlichen Zorns damit vorüber sei und eine neue Epoche
der göttlichen Gnade beginnen werde.
An diesem Punkt jedoch bricht die Überlieferung ab. Die Zeit zwischen
der Fertigstellung des Tempels und dem Auftreten Esras, des Schreibers, im
Jahre 458 - mehr als ein halbes Jahrhundert - ist kaum belegt. Serubbabel
wird nicht mehr erwähnt, und man nimmt an, daß er nach Persien zurückbe­
ordert wurde, da einer seiner Nachkommen (Hattusch) zusammen mit Esra
zurückkehrte (Esra 8,2 und 1 Chronik 3,22). Es liegt nahe, daß das Ver­
schwinden Serubbabels eine Erhöhung des Hohenpriesters zur Folge hatte.
Der Primat des Hohenpriesters, der zugleich der Verwalter von Tempel und
Tempelbezirk war, stünde im Einklang mit der persischen Praxis in den
Kultzentren des ganzen Reiches. Ein anderes Merkmal dieser Periode sind
2 i6 Z eit des Ersten Tempels un d babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

die engen Beziehungen, die sich zwischen den Familien des Hohenpriesters
- den hohen Adligen und Beamten in Jerusalem - und den führenden Fami­
lien in Samaria entwickelten. Letztere betrachteten sich als zu Israel gehörig,
und wenn sie auch in den Tagen des Kyros von der Beteiligung am Wieder­
aufbau des Heiligtums ausgeschlossen worden waren, wurden sie doch jetzt
in Jerusalem zu einem einflußreichen und sogar maßgeblichen Faktor. Die
religiösen und kulturellen Unterschiede fielen offenbar nicht mehr ins Ge­
wicht. Die samaritanische Oberschicht akzeptierte Jerusalem und den Tem­
pel als ihr religiöses Zentrum und scheint die Autorität des Hohenpriesters
von Jerusalem in allen Fragen des Gottesdienstes und der religiösen Obrigkeit
anerkannt zu haben. Höchstwahrscheinlich setzte die religiöse Führungs­
schicht in Jerusalem die universalistische Haltung fort, die in den Büchern
Sacharjas und Deuterojesajas ihren Niederschlag gefunden hatte (Sacharja
2 , i i und 8 , 2 3 ; Jesaja 5 6 , 3 - 7 ) . Doch das religiöse Erwachen in der babylo­
nischen Diaspora um die Mitte des 5. Jahrhunderts, das Esra und Nehemia
nach Juda führte, sollte diesem Zustand ein Ende machen.
Die bewegte Regierungszeit des Xerxes (Ahasveros, 483-465) und seine
griechischen Feldzüge haben in den biblischen Quellen kaum Spuren hinter­
lassen. Obwohl ein Brief mit Klagen über die Bewohner von Juda und Jeru­
salem (Esra 4,6) dem König zu Beginn seiner Regierungszeit zugestellt wurde
(der Brief selbst ist nicht erhalten), hat sich die Lage in dieser Region an­
scheinend nicht geändert. Erst unter Artaxerxes I. (464-424) nahmen äußere
Geschehnisse Einfluß auf das Schicksal von Juda. Die Athener, unterstützt
vom Delischen Seebund, verstärkten ihren Krieg gegen die Perser, und ihre
Flotte leistete einem ägyptischen Fürsten Beistand, der sich gegen Persien
erhoben hatte.
Dieser Aufstand zog sich über mehrere Jahre hin. 456 fiel der Satrap von
Abar-Nahara (Transeufrat) in Ägypten ein, und 454 nahm er den ägypti­
schen Rebellen gefangen. Vor diesem Hintergrund erteilte Artaxerxes 458,
in seinem siebten Regierungsjahr, Esra die Genehmigung, eine weitere Gruppe
von Heimkehrwilligen nach Juda zurückzuführen. Sehr wahrscheinlich lie­
ßen sich die Perser dabei von dem Gedanken leiten, daß sich die Beziehungen
zum fernen Juda durch das Eintreffen von neuen Siedlern, die dem Reich
treu ergeben waren, festigen würden.
Wir besitzen keine Belege für die Entwicklung und Geschichte der jüdi­
schen Diaspora in Babylonien. Unsere einzige Quelle ist das Keilschriftarchiv
der großen babylonischen Familie Muraschu, das in N ippur entdeckt wurde
und in dem - neben einigen anderen Volksgruppen - zahlreiche Juden er­
wähnt werden, die sich in verschiedenen Wirtschaftszweigen betätigten. Ihre
Namen erkennt man an dem Wortelement jau (geschrieben jama und ausge­
sprochen jo): Hananijama, Gadalijama, Tubijama, Sebadaijama (== Ha-
nanja, Gedalja, Tobija Sebadja). Manche trugen auch babylonische oder
persische Namen. Sie waren in der Landwirtschaft, beim Fischfang und in
Die babylonische G efangenschaft und die Restauration 217

untergeordneten Verwaltungsfunktionen beschäftigt. Daß sie bereits Handel


getrieben hätten, ist nicht bezeugt. Obgleich sich die jüdische Gemeinde im
Persien der Achämeniden ganz heimisch fühlte, blieb sie ihrer ursprünglichen
Heimat verbunden. Sie betonte ihre religiöse Exklusivität, doch im Unter­
schied zu den Juden in Elephantine (vgl. S. 225) errichtete sie ihrem Gott
keinen Tempel. Die Gottesverehrung w ar inzwischen dezentralisiert. An­
scheinend traf sich jede Gemeinde in einer Versammlung (kinischtu, ein ara­
mäisches Lehnwort im Babylonischen; daher knesset im mischnischen H e­
bräisch), und man darf wohl annehmen, daß aus den Versammlungshäusern
Andachtsstätten wurden. Falls dies zutrifft, dann liegen hier die Ursprünge
der Synagoge, die dann zum Mittelpunkt der jüdischen Gemeinden wurde.
Es entwickelte sich zweifellos ein natürliches Interesse für die gottesdienst­
lichen Formen und die religiösen Ausdrucksformen, vor allem aber für die
religiösen Vorschriften. Es ist ferner anzunehmen, daß die Leiter der Gemein­
den, wie etwa Esra, sich persönlich für die Kodifizierung und Bewahrung
wichtiger Teile des Mosaischen Gesetzes einsetzten. Somit wurde ihr Gefühl
der Exklusivität gegenüber der babylonischen Gesellschaft noch dadurch
verstärkt, daß sie bestimmte *Reinheits ‫ ״‬-Gebote befolgten, wie sie für die
Priesterschaft, der Esra angehörte, typisch waren (die Eigenbezeichnung
‫ ״‬das heilige Volk“ [Esra 9,2] bringt die separatistische Einstellung der Prie­
ster zum Ausdruck). Dieser Exklusivitätsanspruch geriet dann in Konflikt
mit der Auffassung, die in der Jerusalemer Priesterschaft vorherrschte und
offensichtlich auch von vielen anderen Priestern in Juda vertreten wurde.
Hinsichtlich der Chronologie von Esras und Nehemias Wirken gehen die
Ansichten weit auseinander. Manche Gelehrte sind der Meinung, die bibli­
sche Reihenfolge müsse umgekehrt werden und Esra gehöre nicht in die Re­
gierungszeit Artaxerxes‫ ״‬I., also vor Nehemia, sondern in die Zeit Artaxer-
xes’ II. - etwa fünfzig Jahre nach Nehemia. Andere schlagen einen Kompro­
miß vor, indem sie Esras Auftreten in das siebenunddreißigste Regierungs­
jahr Artaxerxes* I. (428), auf jeden Fall aber in die Zeit nach Nehemia
verlegen.
Tatsächlich ergeben sich zahlreichere methodologische Probleme, wenn man
davon ausgeht, daß Esra später w ar als Nehemia, als wenn man sich der
Auffassung anschließt, daß er ihm vorausging. Die schwierige Lage in Juda
vor Esras Ankunft, wie sie im Buch Esra geschildert wird, paßt schwerlich
zu der Periode, die auf Nehemias erfolgreiches Wirken folgte. Da es keinen
eindeutigen Beweis gibt, der eine Umkehrung der in der Bibel überlieferten
Reihenfolge rechtfertigen würde, sollte die Folge Esra-Nehemia beibehalten
werden.
218 Zeit des Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H . Tadm or)

Esra, ‫ ״‬der Schreiber*


Esra traf im fünften Monat des Jahres 458 in Jerusalem ein und brachte eine
offizielle Bestallungsurkunde (persisch nischtevan) mit, die ihn bevollmäch­
tigte, im Einklang mit dem ‫ ״‬Gesetz des Gottes des Himmels“ Richter zu er­
nennen und selber Recht zu sprechen. Wer das ‫ ״‬Gesetz des Gottes des Him ­
mels“ und das Gesetz des Königs nicht befolgte, sollte hart bestraft werden
(Esra 7,26). Es ist noch immer nicht geklärt, ob sich Esras Amtsgewalt über
alle erstreckte, die in Juda und in der Transeufrat-Provinz (die fünfte Satra-
pie des Perserreiches) dem ‫ ״‬Gesetz des Gottes des Himmels“ unterstanden,
oder ob sie auf die Gemeinschaft der aus Babylon Heimgekehrten {bene
ha-golah, siehe unten) beschränkt war.
Der König erteilte Esra zudem die Vollmacht, eine Sonderzuwendung aus
dem königlichen Schatz in Empfang zu nehmen und im Tempel zu Jerusalem
die Darbringung von Opfern für das Wohlergehen des Königs und seiner
Familie wiedereinzuführen. Ferner stattete er den Tempel mit silbernen und
goldenen Gefäßen aus, nach dem Vorbild der babylonischen Könige, die den
Tempeln in den heiligen Städten Schenkungen zu machen pflegten. Darüber
hinaus ist ausdrücklich festgestellt, daß Esras Begleiter (insgesamt 1500 Men­
schen, darunter Priester, Leviten, Sänger, Torwächter usw.) von allen könig­
lichen Zöllen, Steuern, Abgaben und Auflagen befreit sein sollten. Wenn
diese Privilegien und der Bericht in Esra 8 tatsächlich der Wahrheit entspre­
chen, dann bedeutet dies, daß Esra als Anführer der Heimkehrer außerge­
wöhnliche Vorrechte genoß - ein Zeichen für seinen hohen Rang. Vielleicht
war er als ‫ ״‬der Schreiber“ der Thora (Weisung) bereits der höchste Beamte
der jüdischen Gemeinde in Babylonien. Das Buch Esra stattet ihn sogar mit
einer priesterlichen Ahnenreihe aus, die bis zu den Aaroniten zurückreicht
(Esra 7,1-5).
Wie aus den Bruchstücken seiner ‫ ״‬Memoiren“ und aus den erzählenden
Partien des Buches Esra zu erschließen, bestand Esras Hauptanliegen darin,
die Gemeinschaft der Rückkehrer in Juda von all denen abzusondern, die
nicht im Exil gelebt hatten. Die Gemeinschaft, an die Esra sich wendet, wird
in der Tat ständig als bene ha-golah oder kabal ha-golah bezeichnet (‫ ״‬das
Volk des Exils“ oder ‫ ״‬die Gemeinde des Exils“). Seine Gegner nennt er hin­
gegen ‫ ״‬die Völker des Landes“ (eine Pluralform von zam ha-3ares), wo­
mit er die Heiden meinte. So wurde der Begriff 3am ha-ares, der zur Zeit
des Ersten Tempels die Volksgemeinschaft und Volksherrschaft bezeichnete
(vgl. S. 186), von Esra in eine abwertende Bezeichnung verwandelt. Zu die­
sen ‫ ״‬Völkern des Landes“ gehörten indes alle, die nicht ins Exil gezogen wa­
ren, insbesondere aber die neuen Anhänger der jüdischen Religion, vor allem
der Gottesverehrung im Tempel von Jerusalem. D arauf beziehen sich offen­
bar Esras Bemühungen, Ehen mit Heidenfrauen zu unterbinden - eine beim
Adel und unter der vornehmen Priesterschaft weit verbreitete Praxis.
Die babylonische Gefangenschaft u nd die Restauration 219

Nach monatelanger Erziehungsarbeit unter der Bevölkerung rief Esra diese


am zwanzigsten Tag des neunten Monats (Winter 458) in Jerusalem zusam­
men und legte ihr, vor allem den Häuptern der maßgeblichen Familien,
kraft der ihm verliehenen Autorität eine revolutionäre Forderung vor - sie
sollten sich von ihren fremden Frauen trennen. Esra 10,18-44 enthält eine
Aufzählung der Priester und Leviten, ‫ ״‬die sich fremde Frauen genommen“
hatten. Doch an dieser Stelle (Esra 10,44) bricht die Überlieferung ab. Mög­
licherweise sah sich Esra in dieser Phase gezwungen, seinen Befehl zurückzu­
nehmen, und zwar aufgrund der internationalen Lage oder wegen der Klagen
von seiten der vornehmen Jerusalemer Familien, die von seinen weitreichen­
den Maßnahmen betroffen waren.
Wir besitzen keine Informationen über Esras Tätigkeit in den folgenden
vierzehn Jahren, nach deren Ablauf er zusammen mit Nehemia wiederauf­
taucht (Nehemia 12,26). Vielleicht reiste er zu seiner Gemeinde in Babylonien
und kehrte erst nach Jahren wieder zurück, doch könnte er auch als Schrift­
gelehrter und Gesetzeslehrer in Juda geblieben sein.
In den Jahren zwischen der Mission Esras und der Ankunft Nehemias gab
es in Syrien, Palästina und Ägypten zahlreiche Veränderungen. Der Auf­
stand in Ägypten wurde 454 unterdrückt, doch bald darauf erhob sich Me-
gabyzos, der Satrap von Transeufrat, gegen den persischen Oberherrn. Nach
einiger Zeit kamen die beiden zu einer Übereinkunft, und der König setzte
Megabyzos wieder in sein früheres Amt ein.
Vielleicht geschah es unter dem Eindruck dieser Unruhen, daß die Gemein­
de in Jerusalem die Stadtmauern wiederaufzubauen beschloß (obgleich es
auch Tempelstädte ohne Schutzmauern gab). Der Vorgang als solcher wird
vom Herausgeber des Buches Esra nicht berichtet, und auch das Datum ist
nicht überliefert. Doch der Herausgeber nahm in seine aramäischen Doku­
mente auch einen Text auf, der sich auf dieses Ereignis bezieht, auch wenn
er augenscheinlich nicht an der chronologisch richtigen Stelle steht. Es han­
delt sich dabei um eine Petition an den König, verfaßt von Rehum und ge­
schrieben von Schimschai, dem Schreiber, und dem Rat in Samaria. Diesem
Rat gehörten auch Babylonier und Elamiter an, die Osnappar (Assurbanipal),
der König von Assyrien, nach Samaria verbannt hatte. Es ist bemerkenswert,
daß diese Bewohner von Samaria, die 200 Jahre zuvor ins Exil geschickt
worden waren, in einem Schreiben an den persischen H of ihre vornehme
Abstammung und ihre Verwandtschaft mit den persischen Herren betonten,
um sich auf solche Weise von der übrigen Bevölkerung Samarias abzuheben.
Sie argumentierten in ihrer Beschwerde, daß sich die Einkünfte der Krone
verringern würden, falls die Stadt Jerusalem völlig wiederaufgebaut und die
Mauern vollendet werden sollten, denn Jerusalem sei eine ‫ ״‬aufrührerische
und böse Stadt‫ ״‬seit unvordenklichen Zeiten. Man kann wohl davon ausge­
hen, daß die in Esra 4,8-16 wiedergegebene Version authentisch ist. Offen­
sichtlich hatte die Verleumdung Erfolg. Die Vornehmen und Beamten in
220 Z eit des Ersten Tempels un d babylonische Gefangenschaft (H . T a dm o r)

Samaria erhielten die Vollmacht, nach Jerusalem zu kommen und dem Wie­
deraufbau ein Ende zu bereiten (Esra 4,23). Esras Mission scheint gescheitert
zu sein.

Nehemias Reformen
Nehemia, der Sohn des Hachalja, trat im Jahre 445 als Statthalter von Juda
in Erscheinung, dreizehn Jahre nach Esras Ankunft. Unsere einzige Quelle
für die Geschichte dieses Zeitabschnitts ist das ‫ ״‬Erinnerungsbuch‫ ״‬, das seinen
Namen trägt, aber keine Angaben über seine H erkunft macht. Dieses einzig­
artige Dokument ist das erste der authentischen, in der ersten Person abge­
faßten Memoirenwerke der Bibel. Es beginnt unvermittelt im zwanzigsten
Regierungsjahr von Artaxerxes I., als Nehemia, ein Mundschenk des Königs
und somit ein Höfling des höchsten Ranges, offenbar von einer Delegation
aus Jerusalem von dem mißglückten Mauerbau erfuhr: ‫ ״‬Und sie sprachen
zu mir: Die Entronnenen, die zurückgekehrt sind aus der Gefangenschaft,
sind dort im Lande in großem Unglück und in Schmach; die Mauern Jeru­
salems liegen zerbrochen, und seine Tore sind mit Feuer verbrannt“ (Nehemia
1,3). Nehemia schildert dann seinen Kummer und Gram und zeichnet das
lange Gebet auf, das er aus diesem Anlaß gesprochen hat (1,4-11).
Als der höchste jüdische Beamte am persischen H o f fühlte er sich ver­
pflichtet, beim König zu intervenieren. Vier Monate vergingen, bis er dem
König die ungewöhnliche Bitte vortrug, von seinem Amt entbunden und ent­
sandt zu werden ‫ ״‬nach Juda . . . , in die Stadt, wo meine Väter begraben sind,
damit ich sie wieder aufbaue“ (Nehemia 2,5). Obwohl ein solches Anliegen
in den Augen des persischen Königs suspekt erscheinen mochte (waren doch
Satrapen-Aufstände durchaus an der Tagesordnung), erteilte dieser Nehemia
die gewünschte Erlaubnis und gab ihm Briefe mit an die Statthalter der Pro­
vinzen jenseits des Eufrats und den ‫ ״‬Aufseher über die Wälder des Königs“
(wahrscheinlich im Libanon), der das Bauholz für die Tore der Tempelfe­
stung und der Stadtmauer und für das Haus des neuen Statthalters in Jeru­
salem liefern sollte.
Obwohl der knappe Bericht von Nehemias Frömmigkeit, von der Bosheit
seiner Widersacher und von seinen eignen Leistungen erzählt, erkennt man
hinter der Darstellung das wohlberechnete Vorgehen eines geschickten Staats­
mannes. Nehemias dringlichstes Vorhaben war der Wiederaufbau der Stadt­
mauern. Die Aufgabe, die Nehemia 3-4 beschrieben wird, wurde von der Be­
völkerung begeistert begrüßt; es bildeten sich Arbeitstrupps, die jeweils einen
Mauerabschnitt errichteten. Der gesamteBau dauerte nur zweiundfünfzig Tage.
In den beiden Generationen vor Nehemias Eintreffen in Jerusalem hatte
die soziale Polarisierung in Juda immer schärfere Formen angenommen.
Während der Adel, die höhere Beamten- und Priesterschaft in relativem
Wohlstand lebten, litten die Bauern und die kleinen Landbesitzer unter Dür­
D ie babylonische G efangenschaft u nd die Restauration 221

rekatastrophen, Hungersnot und Steuern, so daß Hörigkeit und Sklaventum


allgemein verbreitet waren. Die N ot der Armen äußerte sich in dem Appell,
den sie an Nehemia richteten: ‫ ״‬Unsere Äcker, Weinberge und Häuser müs­
sen wir versetzen, damit wir Getreide kaufen können in dieser H ungerzcit. . .
und siehe, wir müssen unsere Söhne und Töchter als Sklaven dienen lassen,
und schon sind einige unserer Töchter erniedrigt worden, und wir können
nichts dagegen tun, und unsere Äcker und Weinberge gehören ändern“ (Ne­
hemia 5 , 3 - 5 ) • Nehemia entschied sich für eine radikale Lösung: Schulden­
erlaß und Rückgabe des Ackerlands an die verarmten Besitzer. Er realisierte
sie kraft seiner Vollmachten als persischer Statthalter in Juda, die es ihm
offensichtlich gestatteten, in kritischen Augenblicken extreme Maßnahmen
zu ergreifen. Doch in diesem Fall vermied es Nehemia, die Reformen dem
Volk einfach aufzuzwingen; er nahm vielmehr Zuflucht zum Mittel der
Überredung. Er rief die Menschen zu einer außerplanmäßigen ‫ ״‬großen Ver­
sammlung“ nach Jerusalem zusammen (Nehemia 5,7), wo die Wohlhaben­
deren augenscheinlich in der Minderheit waren. Dank seines Überzeugungs­
vermögens und mit Berufung auf den Willen des Volkes und seine eigene
Autorität konnte er die genannten Reformen verkünden. Die Oberschicht
mußte vor der Versammlung öffentlich beschwören, daß die Maßnahmen
unverzüglich in die Tat umgesetzt würden.
Solche umfassenden sozialen Reformen waren zwar ungewöhnlich, aber
nicht einmalig in der Geschichte Israels und des Alten Orients. Sie erinnern
an die ylttrf#r<irjW7-Edikte, welche die babylonischen Könige anläßlich ihrer
Thronbesteigung erließen. Ähnliche außerordentliche Maßnahmen hatte Re-
habeam gefordert (vgl. S. 135), und Zidkija entschloß sich während der Be­
lagerung von Jerusalem zu einem vergleichbaren Schritt. Auch im antiken
Griechenland und Rom waren derartige Agrarreformen keine Seltenheit.
Das bekannteste Beispiel dafür sind die Gesetze Solons im Athen des 6. vor­
christlichen Jahrhunderts, doch Nehcmias Maßnahmen haben mehr Ähn­
lichkeit mit denen der zeitgenössischen Tyrannen in Jonien und Sizilien.
Eine weitere bedeutende Reform, die später unter Nehemia verwirklicht
wurde, betraf die Erhöhung der Einwohnerzahl von Jerusalem durch einen
Erlaß, laut dem sich zehn Prozent der Bevölkerung dort niederlassen sollten.
Dies stand im Einklang mit einer ähnlichen spätgriechischen und hellenisti­
schen Praxis, dem Synoikismos, also der Zwangsumsiedlung von Teilen der
Landbevölkerung in die städtischen Zentren.
Andere Reformvorhaben Nehemias bezogen sich auf den Tempel. Nehe­
mia muß, obwohl er weder Priester noch Levit war, erkannt haben, daß eine
Statusverbesserung von Tempel und Priesterschaft die Position Jerusalems
stärken würde, und war deshalb um eine solide wirtschaftliche Grundlage
für den Tempel und die Stadt bemüht. Er setzte die regelmäßige Entrich­
tung des Zehnten durch, der gebräuchlichsten Abgabenform der Tempelstädte
im Mesopotamien des 6. und 5. Jahrhunderts. Die wichtigsten Änderungen
222 Zeit des Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H . Tadm or)

in diesem Bereich galten den Priesterklassen. Die ärmeren Priester und die
Leviten hatten ihre Einkünfte (die Pfründen oder isku der babylonischen
Tempel) eingebüßt, während einige wenige Priesterfamilien sich die Verwal­
tung des Tempelschatzes gesichert hatten und die Gaben in Empfang nahmen,
die in Form von landwirtschaftlichen Produkten nach Jerusalem gelangten.
Es scheint, daß Nehemia vor allem bestrebt war, die Leviten, die ärmste
Gruppe der Priesterschaft, wirtschaftlich abzusichern. Er wies ihnen wieder
ihre Pfründen an und schuf für sie neue Posten als Torhüter und Wächter
im Tempelbezirk.
Von besonderer Bedeutung waren Nehemias Bemühungen, die auf eine
strenge Einhaltung des Sabbats abzielten. Das ist nicht verwunderlich, denn
die Sabbatruhe war zu einem wesentlichen Merkmal der jüdischen Gemein­
den in der Diaspora geworden. Die Durchführung des Sabbatgebots wurde
den Leviten anvertraut. ‫ ״‬Und vor dem Anbruch des Sabbats, als es in den
Toren Jerusalems dunkel wurde, ließ ich die Tore schließen und befahl, man
sollte sie erst nach dem Sabbat auftun. Und ich stellte einige meiner Leute an
die Tore, damit man keine Last hereinbringe am Sabbattag“ (Nehemia 13,19)-
Es versteht sich von selbst, daß solche umstrittenen Maßnahmen auf star­
ken Widerstand stießen. Der Hauptgegner war Sanballat, der Statthalter
von Samaria. Obwohl er einen babylonischen Namen (Sin-uballit) trug und
von Nehemia als Horoniter bezeichnet wurde (vielleicht eine Anspielung
auf Harran, das Zentrum des Sin-Kults?), war er ein Anhänger des Jerusale­
mer Tempels und des Gottes Israels (dies zeigt sich in den Namen seiner
Söhne Delaja und Schelemja, der späteren Statthalter von Samaria; vgl.
S. 224). Nehemia hat ihn auch niemals des Götzendienstes bezichtigt. Der
zweite Gegner, der gewöhnlich im Zusammenhang mit Sanballat genannt
wird, war der Ammoniter Tobija. Nehemia bezeichnet ihn zwar als ‫ ״‬Knecht“
(offenbar ein Wortspiel mit Tobijas offiziellem Titel ‫ ״‬Königsknecht“), aber
er war ein Vertreter der einflußreichsten Grundbesitzerfamilie in Ammon.
Die aus Judäa stammende Sippe der Tobijaden sollte etwa zweihundert
Jahre nach Nehemia die prominenteste in Jerusalem werden. Ein dritter Wi­
dersacher, den Nehemia erwähnt, war der Araber Geschem, anscheinend der
König der Kedariter, eines mächtigen nordarabischen Stammesverbandes,
der das Monopol für den einträglichen Weihrauchhandel innehatte.
Ebenfalls in der Opposition befand sich Eljaschib, der Hohepriester in
Jerusalem. Sein Widerstand war nicht so eindeutig wie der Sanballats oder
Tobijas, und er wird in Nehemias Bericht nicht negativ gezeichnet. Doch
seine engen Verbindungen mit den beiden anderen Gegnern liegen auf der
H and: Eljaschibs Enkel war mit Sanballats Tochter verheiratet, und Tobija,
der zweifellos dem Laienstand angehörte, verfügte über eine eigene Kammer
im Tempel. Auch hier griff Nehemia scharf durch. Er vertrieb Tobija und
hob dessen Sonderrechte auf, und während seiner zweiten Amtsperiode (nach
432) verbannte er Eljaschibs Enkel aus Jerusalem.
Die babylonische Gefangenschaft u nd die Restauration 22j

Diese Entscheidung stand im Zusammenhang mit der ‫ ״‬Reinigung“ des


jüdischen Gemeinwesens. Nehemia hing der isolationistischen Ideologie Es-
ras an, die für die babylonische Diaspora typisch war. Die Mischehen mit
fremdländischen Frauen waren wiederum zu einem zentralen Problem ge­
worden. Nehemia wird zwar von Esra nicht namentlich genannt, aber bei
der Verstoßung der heidnischen Ehefrauen wirkten beide mit - eine Maß­
nahme, die ihren Höhepunkt in einer Volksversammlung erreichte.
Die einzige Anspielung auf dieses Ereignis in Nehemias Bericht findet sich
13,1, wohingegen der Geschichtsschreiber, der die Bücher Esra und Nehemia
- vermutlich am Ende des 3. Jahrhunderts - herausgab und zusammenfügte,
sehr beredt in der dritten Person von den Vorgängen des ‫ ״‬siebenten Monats“
in Jerusalem zu erzählen weiß (Nehemia 8-10). Seine Darstellung, deren
Glaubwürdigkeit angezweifelt worden ist, ist in Nehemias eigene Erinne­
rungen eingebettet. Der Höhepunkt der Versammlung war die Unterzeich­
nung einer Bundesakte durch den Statthalter Nehemia, dem sich die Priester,
die Leviten und die Familienoberhäupter anschlossen (Nehemia 10,1 ff.). Das
Hauptstück des Bundes war die Absonderung von den ‫ ״‬Völkern des Lan­
des“ (Nehemia 10,30-31). In anderen Punkten ging es um die Pflichten des
Volkes gegenüber dem Tempel und um die Einführung einer Tempelsteuer,
die pro Kopf den ‫ ״‬dritten Teil eines Silberstücks“ betrug (Nehemia 10,30-40).
Nehemias Persönlichkeit und Stellung boten eine Gewähr dafür, daß sei­
nen Reformen einiger Erfolg beschieden war. Man darf wohl annehmen, daß
die Mehrheit der Bevölkerung Judas ihm folgte, obgleich die Familie des
Hohenpriesters ihren Widerstand nicht aufgab. Nehemias endgültige Ab­
reise nach Persien, am Schluß seiner zweiten Amtszeit, markiert das Ende
seines Memoirenwerks und damit unserer Hauptquelle für die Geschichte
dieser Epoche. Für die anschließende Zeit bis zum Untergang des persischen
Reiches fehlen uns Urkunden, die aus erster H and über die Geschichte Judas
berichten. Wir müssen auf die archäologischen und epigraphischen Befunde
zurückgreifen, um Licht in diese Periode zu bringen. Anscheinend übertrug
Nehemia seinem Bruder Hanani die Verantwortung für Jerusalem und viel­
leicht für ganz Juda (sein Titel lautete ‫ ״‬Statthalter der Festung“). Im Jahre
419 richtete die jüdische Militärkolonie in Elephantine eine Anfrage bezüg­
lich des Paschafestes an einen gewissen Hananja in Jerusalem, der mit
Nehemias Bruder H anani identisch sein könnte. In den Papyri von Elephan­
tine taucht als Statthalter von Juda ein gewisser Bagohi auf. Nach dem N a­
men zu schließen, w ar er ein Perser, doch andererseits stoßen wir in Esra 2,2
auf einen Juden, der den gleichen Namen in anderer Schreibung (Bigwai)
führt. Josephus (Jüdische Altertümer X I, 7) berichtet, daß Bagohi (grie­
chisch Bagoas) Joschua, den Enkel des Hohenpriesters Eljaschib, in dessen
Streit mit seinem Bruder Johanan um den Posten des Hohenpriesters unter­
stützte. Als Joschua im Tempel ermordet wurde, verhängte Bagohi eine harte
Strafe über Johanan und die Einwohner von Jerusalem.
224 Zeit des Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H . Tadmor)

Jehad, Samaria und Elephantine


Der Status von Juda als einer geschlossenen administrativen Einheit mit
autonomer Verwaltung wird bezeugt durch Münzen mit der Aufschrift ‫ ״‬Je-
hud“ - Juda auf aramäisch, die offizielle Verwaltungssprache im westlichen
Teil des persischen Reiches. Die Provinzen wurden von der Zentralregierung
hart besteuert und mußten die Zahlungen in Silber und Gold entrichten.
Jede Provinz war außerdem verpflichtet, den jeweiligen Statthalter und des­
sen H of zu unterstützen (‫ ״‬die Einkünfte als Statthalter“ [Nehemia 5,14];
Nehemia betont jedoch, daß er diese Steuern nicht eintrieb, sondern für sei­
nen Unterhalt selbst aufkam). Darüber hinaus erhoben die einzelnen Provin­
zen von der Bevölkerung Steuern, die für die Verwaltung und das Militär
bestimmt waren. Münzen, Siegel und Siegelabdrücke aus dieser Zeit, zumal
aus dem 4. Jahrhundert, lassen auf eine gewisse fiskalische Autonomie der
Provinzen schließen. Während nur die Zentralregierung Silbermünzen von
hohem Nennwert ausgeben konnte, ließen die lokalen Behörden in Juda
winzige Münzen von geringem Wert prägen.
Juda war in Bezirke eingeteilt, die jeweils über einen eigenen Beamtenstab
verfügten. Im Süden reichten die Grenzen bis in die Nähe von Hebron, im
Norden verliefen sie jenseits von Bet-El, und im Westen erstreckten sie sich
bis Lydda und Ono. Die Ausläufer des Gebirges und die Küstenebene waren
von Aschdod beherrscht. Gegen Ende der persischen Zeit drangen die Phö­
nizier, die in der Küstenebene Kolonien errichtet hatten, ins Landesinnere
vor. Sie gründeten sidonische Niederlassungen in Juda, von denen eine Mare-
scha im südlichen Teil des Berglandes war. Der Süden war in der H and der
Edomiter, die schon bald Idumäer genannt wurden; sie drangen bis Hebron
vor und besiedelten den gesamten judäischen Negev. Die hier umrissenen
Grenzen Judas wurden erst unter den Hasmonäern erweitert (vgl. D ritter
Teil).
Aramäische Papyri, die in den Höhlen von Wadi Dalijeh und im Jordantal
entdeckt worden sind, geben uns Aufschluß über die Geschichte Samarias.
Es scheint, daß Hananja, der Sohn Sanballats, im Jahre 354 Statthalter von
Samaria war. Sein Vater muß Sanballat II. gewesen sein, der Enkel von
Nehemias Zeitgenossen und Statthalter von Samaria in der ersten Hälfte
des 4. Jahrhunderts. Ein dritter Sanballat, offenbar der Sohn Hananjas, war
Statthalter in Samaria, als Alexander der Große Asien eroberte. Die Tochter
Nicaso des zuletzt genannten Sanballats, der bei Josephus vorkommt (Jüdi­
sche Altertümer X I, 306-312), heiratete Manasse, ein Mitglied einer Hohen­
priesterfamilie in Jerusalem. Laut Josephus wurde dieser Manasse von den
Ältesten aus Jerusalem vertrieben, woraufhin er sich nach Samaria begab und
mit Sanballats Unterstützung einen Tempel auf dem BergGarizim bei Sichern
errichtete. Er wurde dann zum Hohenpriester an der neuen Kultstätte einge­
setzt. Doch während dieser Vorgänge zerstörte Alexander der Große die
Die babylonische Gefangenschaft und die Restauration

Stadt Samaria als Vergeltung für die Ermordung seines Statthalters und
besiedelte sie mit mazedonischen Kolonisatoren. Die kritische Situation fiel
zeitlich zusammen mit der Erbauung des Heiligtums auf dem Berg Garizim,
die ein Schritt war auf dem Wege zur endgültigen Scheidung zwischen den
sogenannten Samaritanern (oder Sichemiten) und Jerusalem in späthelleni­
stischer Zeit.
Recht gut sind wir informiert über das Leben der jüdischen Soldaten auf
der Insel Jeb oder Elephantine in der Nähe von Syene (heute Assuan) im
südlichen Ägypten. Die in Elephantine entdeckten aramäischen Papyri und
Pergamentrollen bezeugen, daß dort eine jüdische Militärkolonie bestand,
die unter dem Namen ‫ ״‬die jüdische Truppe“ bekannt war. Die Familien w a­
ren zu militärischen Einheiten zusammengefaßt, und ihr religiöses Zentrum
war ein Tempel, der Jahu, dem Gott Israels, geweiht war und in dem Opfer
dargebracht wurden. Offenbar ähnelte das Bauwerk dem Tempel von Jeru­
salem (das gilt auch für den Onias-Tempel, der später in Leontopolis in
Ägypten errichtet wurde). Wir wissen nicht genau, wann diese Militärkolonie
entstanden ist, vermutlich jedoch unter den ägyptischen Herrschern der
Sechsundzwanzigsten Dynastie, also im 6. Jahrhundert. Nach Aussage der
in Elephantine lebenden Juden existierte der Tempel bereits, als Kambyses
Ägypten eroberte (525). Neben den Juden wohnten dort noch andere Solda­
ten, hauptsächlich Aramäer, und als gemeinsame Sprache diente das A ra­
mäische. Das Schicksal dieser jüdischen Kolonie war im Jahre 399, mit dem
Ende der persischen Periode in Ägypten besiegelt, als die Neunundzwanzig­
ste Dynastie wieder die Herrschaft übernahm. Neben Elephantine gab es in
Ägypten noch andere Zentren, wo jüdische Soldaten im Dienst der persi­
schen Könige stationiert waren, so etwa Migdol; ob die Juden dort allerdings
über eine eigene Kultstätte verfügten, ist nicht bekannt. Die Juden von Ele­
phantine fühlten sich dem Jerusalemer Tempel eng verbunden, wie sich aus
ihren Briefen nach Jerusalem ergibt, in denen sie um Hilfe und Vermittlungs­
dienste baten oder um Anweisungen für die großen Feste, zum Beispiel das
Paschafest. Die Briefe stammen vorwiegend aus dem 5. und frühen 4. Jahr­
hundert. Die Abhängigkeit dieser Juden von Jerusalem und dem Tempel,
nicht nur in Fragen des Glaubens, des Gottesdienstes und der Festvorschrif­
ten, sondern auch hinsichtlich ihres Existenzkampfes und der Verteidigung
ihres Heiligtums, ist ein Zeichen dafür, daß während der gesamten persischen
Herrschaft trotz der großen Entfernung enge Bindungen zwischen der Dia­
spora und Jerusalem bestanden. Diese Bindungen blieben bestehen und wur­
den später in der hellenistischen und römischen Zeit noch intensiviert.
Die letzten Jahre der Herrschaft der Perser in Palästina waren gekenn­
zeichnet durch ihre militärischen Aktionen zur Unterdrückung der vielen
Aufstände, die allenthalben ausbrachen, zumal in der Küstenregion. Auch
hier wieder ergänzen die archäologischen Funde die spärlichen historischen
Zeugnisse. Wahrscheinlich besetzte Nepheritis, der Begründer der Neunund­
226 Zeit des Ersten Tempels u nd babylonische G efangenschaft (H . Tadm or)

zwanzigsten Dynastie und einer kurzlebigen Periode ägyptischer Autonomie


(der letzten in der Perserzeit), die südliche Küstenebene bis Geser. Sein Nach­
folger dehnte seine Herrschaft bis Tyrus und Sidon und bis zur Nordküste
aus. Doch zu einem Zeitpunkt um das Jahr 380 eroberten die Perser das
Gebiet zurück. Um 360 wiederum erhoben sich die westlichen Satrapien mit
Hilfe Ägyptens. Der letzte Aufstand fand im Jahre 345 in Sidon statt - an
ihm beteiligte sich auch der König von Zypern - und wurde brutal nieder­
geschlagen von den Persern, die Sidon und verschiedene benachbarte Städte
an der Nordküste einäscherten und dem Erdboden gleichmachten. Eine späte
byzantinische Überlieferung berichtet von der Verbannung jüdischer Gefan­
gener nach Hyrkanien am Kaspischen Meer; in einer anderen späteren Quelle
heißt es, daß Artaxerxes Jericho zerstört habe. Manche Gelehrte vertreten
deshalb die Meinung, daß Juda an dem Aufstand von 345 beteiligt war und
mit der Zerstörung Jerichos und der Verbannung der Bewohner dafür be­
straft wurde. Doch das ganze Geschehen bleibt dunkel und die Teilnahme
Judas an der Erhebung stellt noch immer ein ungelöstes Problem dar. Die
Revolte im Westen wurde, wie gesagt, erstickt, Zypern bestraft und Ägypten
343/42 von den Persern zurückerobert. Aber das war ihr letzter militärischer
Erfolg. 334/33 schlug Alexander der Große sie am Granicus und bei Issus
und eroberte anschließend Phönizien, Philistäa und, im Jahre 332, auch
Ägypten. N ur Tyrus und Gaza versuchten den Mazedoniern Widerstand zu
leisten, aber auch sie fielen nach mehrmonatiger Belagerung. Anderswo fand
man sich leichter mit den neuen Herren ab. Josephus (Jüdische Altertümer
X I, 338) berichtet, daß jüdische Abgesandte Alexander willkommen hießen
und daß er ihnen gestattete, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben. Demnach
setzte Alexander die persische Politik der Nichteinmischung in die religiösen
Angelegenheiten der unterworfenen Völker fort. Der Hohepriester in Jeru­
salem wurde von den mazedonischen Herrschern als direkter Repräsentant
des jüdischen Volkes betrachtet, und der politische Status Jerusalems als
einer Tempelstadt blieb vorerst ein stabiler Faktor in der sehr Wechsel vollen
jüdischen Geschichte des hellenistischen Zeitalters.

Epilog
Wir haben in diesem Überblick den Versuch gemacht, die politische und so­
ziale Geschichte Israels in einem Zeitraum von 700 Jahren nachzuzeichnen,
von seinen Anfängen als einer nationalen Monarchie bis zu seiner Verwand­
lung in ein autonomes, ethnisch-religiöses Gemeinwesen in der Perserzeit.
Ausgespart wurden dabei sowohl die Religionsgeschichte Israels als auch die
Geschichte der biblischen Literatur, da eine angemessene Behandlung dieser
Themen der Bibelforschung Vorbehalten bleibt.
Die Bedeutung der hier beschriebenen Epoche für unsere Zeit besteht dar­
in, daß sich in ihr bestimmte Institutionen und Ideen entfaltet haben, die
Die babylonische G efangenschaft u n d die Restauration 227

nicht nur den Gang der jüdischen Geschichte bis zum heutigen Tag entschei­
dend bestimmt, sondern auch das Wesen der abendländischen Kultur nach­
haltig beeinflußt haben.
Die erste dieser Institutionen war die Monarchie und im besonderen die
davidische Monarchie. Die Gestalt Davids wurde zum Sinnbild des idealen
Monarchen. Sein Reich war das ‫ ״‬Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit“,
das nach der babylonischen Gefangenschaft und dem Erlöschen der Mon­
archie als politischer K raft fortbestand als Teil eines eschatologischen Plans,
in dem ‫ ״‬der Sohn Davids“ zu einem nationalen und zugleich universalen
Erlöser wurde - zum Messias, der am Ende Frieden und Gerechtigkeit brin­
gen sollte.
Eng verbunden mit der Monarchie waren ihre beiden wichtigsten Mani­
festationen; die H auptstadt Jerusalem und der Tempel. Die Bedeutung des
letzteren drückt sich schon in unserer Terminologie aus: die Zeit des Ersten
Tempels. Die Zerstörung dieser beiden Symbole markiert das Ende einer
Epoche, und die Zeit der ‫ ״‬Heimkehr nach Zion“ ist untrennbar verknüpft
mit dem Wiederaufbau des Tempels und der Stadt. Tatsächlich wird die ge­
samte jüdische Geschichte der Perserzeit von Jerusalem und seinem Tempel
beherrscht.
Die prophetische Bewegung - die unverhüllte Kritik an der Monarchie
und dem Tempelkult - ist eine weitere bedeutsame Entwicklung in jener
Epoche. Die Propheten waren maßgeblich beteiligt an der Einsetzung der
Könige, aber sie enthüllten und tadelten auch deren Versagen und Fehlver­
halten und schützten die überkommenen Rechte des Volkes gegen die Über­
griffe der Monarchie. Den Bemühungen der Propheten, ein ethisches und
soziales Wertsystem als Richtschnur für das Leben des Volkes zu schaffen,
lag als Prinzip der Bund zwischen Israel und seinem Gott zugrunde, eine
Idee, die ihren Ursprung in der Frühzeit der Geschichte Israels hat und ihren
reinsten Ausdruck im Gesetzeskodex des Buches Deuteronomium fand. Ge­
mäß der Lehre der Propheten hatte der Bruch dieses Bundes die Verbannung
zur Folge. Die Bedeutung des Bundes wurde freilich nicht nur von den Pro­
pheten erkannt. Er bildet vielmehr von Anfang an den Kern der religiösen
Ideologie Israels; und unter allen Völkern der Alten Welt war, soviel wir
wissen, Israel das einzige Gemeinwesen, das sein Verhältnis zu seinem Gott
in die Form eines Vertrages faßte. Ja, der Bund (formuliert als ein Vasallen­
vertrag) wurde zum Leitmotiv der gesamten Epoche: der Bund Abrahams,
der Bund am Berg Sinai und deren Bestätigung durch Joschija und Nehemia.
Während der ganzen Epoche war das Volk zum ersten Male in der jüdi­
schen Geschichte zwei zerstörerischen Kräften ausgesetzt, der Zerstörung
und der Verbannung - der Zerstörung und Verbannung der ‫ ״‬zwölf Stämme“
Israels durch Assyrien; der Zerstörung und Verbannung Judas durch Baby­
lonien. Durch ihre schiere Gewalt wurden diese Ereignisse zu Marksteinen
der Geschichte. Als das Nordreich zerstört wurde, führte Juda die Tradi­
228 Z eit des Ersten Tempels und babylonische Gefangenschaft (H . Tadm or)

tionen von ‫ ״‬Gesamt-Israel“ fort. Als Juda zerstört und nach Babylonien ins
Exil geführt wurde, verlief die jüdische Geschichte nach einem neuen Grund­
schema: eine lebenskräftige Diaspora in symbiotischer Koexistenz mit dem
Volk in der Heimat. Seit der babylonischen Gefangenschaft und während
der gesamten Perserzeit erlebte die Gemeinschaft der Juden die Herausbil­
dung von Organisationsformen des Zusammenlebens, von religiösen H altun­
gen und sozialen Konzeptionen, die beispielhaft werden sollten für die Be­
gegnungen der jüdischen Diaspora mit ihrer Umwelt von der hellenistischen
Zeit an. Die erste jüdische Diaspora versuchte sogar - wie die Aktivitäten
Esras und Nehemias bezeugen - , dem Volk in Juda ihre eigenen Vorstellun­
gen aufzuprägen, und diese Selbstbehauptung wurde mehr oder weniger zu
einem wesentlichen Merkmal der Beziehungen zwischen Mutterland und
Diaspora, wodurch jüdische Existenz bis zum heutigen Tage gekennzeichnet
Dritter Teil

Die Zeit des Zweiten Tempels


Von Menahem Stern
12. Palästina unter der Herrschaft der
hellenistischen Königreiche

Der politische Hintergrund


Bis gegen Ende des vierten vorchristlichen Jahrhunderts gehörte Palästina
zum Einflußbereich der großen östlichen Reiche (Ägypten, Babylonien und
Persien [vgl. Erster und Zweiter Teil]). Seine politische Geschichte wurde
geprägt durch das Gleichgewicht der Kräfte, die den Aufstieg oder Unter­
gang dieser Mächte bestimmten. Seit dem Ende des 4. Jahrhunderts bis zum
Sieg des Islams im 7. Jahrhundert n. Chr. zählte Palästina, wie seine N ach­
barländer, zu jenen Staaten, deren Kultur unter dem Einfluß der griechischen
und später der römischen Welt stand. Erste Spuren des griechischen Ein­
flusses im Osten, auch in Palästina, sind bereits vor dem 4. Jahrhundert nach­
weisbar, aber Regierungen mit einer unverkennbar griechischen Komponente
entwickelten sich im Osten erst, nachdem Alexander der Große Persien be­
siegt hatte und seine Erben ihre Stellung in den eroberten Ländern festigen
konnten - das heißt, gegen Ende des 4. Jahrhunderts. Die mazedonische Er­
oberung markiert somit den Beginn einer neuen Epoche in der Geschichte
des Alten Orients. Seit dem vorigen Jahrhundert bezeichnen die Historiker
diese Epoche als die ‫ ״‬hellenistische“ Zeit und die dazugehörige Zivilisation
und Kultur als ‫ ״‬Hellenismus“.
Alexander nahm Palästina im Jahre 332 sehr schnell in Besitz. Die Städte
leisteten seinen Heeren keinen Widerstand, abgesehen nur von Gaza, wo sich
die persische Garnison verzweifelt wehrte. Der König blieb jedoch nicht
lange in Palästina; die Eroberung wurde von seinen Generälen zu Ende ge­
führt, die auch das Fundament der hellenistischen Herrschaft im Lande
legten.
Als Alexander 323 starb, wurde der gesamte Orient mit einer Welle von
Kriegen überschwemmt, den Kriegen der Diadochen oder ‫ ״‬Nachfolger“, die
sich um das Erbe stritten. Palästina wechselte mehrere Male den Besitzer,
was für seine Städte und seine Bevölkerung katastrophale Folgen hatte. Im
Jahre 301 fiel es schließlich Ptolemäus I. von Ägypten zu, und es blieb unter
ptolemäischer Herrschaft bis 200, doch auch nach diesem Zeitpunkt war
seine Geschichte noch viele Jahre lang mit der des ptolemäischen Ägyptens
verbunden.
Die Herrschaft der Ptolemäer im Palästina des 3. Jahrhunderts war nicht
unangefochten. Die andere große mazedonische Dynastie, die Seleukiden, die
sich in Syrien, Mesopotamien und anderen Regionen festgesetzt hatten, erhob
*3* Die Z eit des Z w eiten Tempels (M. Stern)

gleichfalls Ansprüche auf Palästina. Das ptolemäische Regime in einem Land,


das ihrem Kerngebiet so nahe war, konnte die Seleukiden nicht gleichgültig
lassen; für die Ptolemäer hingegen, wie für alle ägyptischen Herrscher von
alters her (vgl. Erster Teil), w ar Palästina als vorgeschobene Bastion zur
Verteidigung Ägyptens von großer strategischer Bedeutung - und im übrigen
war das Land in wirtschaftlicher Hinsicht nicht weniger wertvoll als in
militärischer. So wurde Palästina zum Zankapfel zwischen den beiden gro­
ßen hellenistischen Dynastien. Im 3. Jahrhundert behielten die Ptolemäer
meistenteils die Oberhand, und erst als Antiochus III. (223-187) den Seleu-
kidenthron bestieg, konnten die syrischen Herrscher die Initiative ergreifen.
In seinen ersten Regierungsjahren gelang es ihm, den größten Teil des Landes
zu erobern, doch 217 wurde er von Ptolemäus IV. Philopator bei Raphia
geschlagen und verlor alles, was er gewonnen hatte. Nach einiger Zeit ver­
suchte er erneut, Palästina zu erobern, und im Jahre 200 errangen seine
Truppen unweit der Jordanquellen einen entscheidenden Sieg (in der Schlacht
von Paneas). Damit ging die Kontrolle über Palästina von den Ptolemäern
an die Seleukiden über, auch wenn die ersteren ihren Verlust teils in offenen
Kriegen, teils durch Einmischung in die syrischen Erbfolgestreitigkeiten oder
sogar durch dynastische Eheschließungen wieder wettzumachen trachteten.
An Dauer und Kontinuität übertraf die ptolemäische Herrschaft in Palä­
stina alle anderen fremden Mächte vom Untergang Persiens bis zum Beginn
der römischen Besetzung, und die Regierungsformen und -einrichtungen so­
wie die kulturellen und wirtschaftlichen Einflüsse, die sich in der ptole-
mäischen Epoche entfalteten, blieben bestimmend bis zur römischen Zeit.
In Ägypten selbst führten die Ptolemäer ein stark zentralisiertes Verwal­
tungssystem ein, das die Entwicklung städtischen Lebens in der A rt der Polis
hemmte. Doch in den übrigen Teilen ihres Reiches übernahmen sie im allge­
meinen die Praktiken der anderen hellenistischen Herrscher und förderten
die Gründung von griechischen Städten.

Palästinas Grenzen und seine Stellung in der hellenistischen


Verwaltungseinheit
Unter den Ptolemäern war Palästina kein festumrissener Verwaltungsbezirk
innerhalb des Königreiches. Der Name ‫ ״‬Palaistine‫ ״‬, den klassischen grie­
chischen Schriftstellern wie Herodot und Aristoteles bereits vertraut, hatte
in der hellenistischen Epoche keinerlei politische oder administrative Bedeu­
tung. Für die Ptolemäer war das Territorium Palästinas lediglich ein Teil
jener Region, die in ihren Dokumenten als ‫ ״‬Syrien und Phönizien‫ ״‬bezeich­
net wird. Die Grenzen Syriens und Phöniziens waren nicht festgelegt, denn
sie verschoben sich je nach dem militärischen Kräfteverhältnis zwischen dem
Ptolemäer- und dem Seleukidenreich. Doch steht außer Zweifel, daß das
ptolemäische Syrien und Phönizien für weite Abschnitte des 3. Jahrhunderts
Palästina unter der H errschaft der hellenistischen K önigreiche 233

s o w o h l das westliche Palästina und Transjordanien als auch Tyrus und Sidon
umfaßten.
In Syrien und Phönizien regierte offenbar ein Statthalter mit dem Titel
strategos, der die höchste militärische und zivile Macht ausübte. Wegen der
häufigen Kriege mit den Nachbarmächten war der strategos gewöhnlich ein
erfahrener Soldat. Ihm zur Seite stand ein oberster Finanzbeamter, der für
die Staatseinkünfte zuständig war.
Syrien und Phönizien waren in kleinere Verwaltungseinheiten eingeteilt,
die sogenannten Hyparchien. Es ist anzunehmen, daß deren Grenzen durch­
weg der historischen Unterteilung des Landes entsprachen, wie sie sich in
früheren Zeiten entwickelt hatte. Die Hyparchien waren ihrerseits in noch
kleinere Verwaltungsgebiete gegliedert (nomoi oder Toparchien). Im wesent­
lichen blieb diese Gliederung bis zum Ende der Zeit des Zweiten Tempels
bestehen. Die Gebiete innerhalb der Grenzen der Hyparchien hatten in recht­
lich-wirtschaftlicher Beziehung keinen einheitlichen Status. Manche galten
als königliche Domänen und wurden von den eingesessenen Bauern bebaut,
die dadurch zu Lehnsleuten wurden und hohe Abgaben zu entrichten hatten.
Doch scheint nur ein kleiner Teil des Grund und Bodens in das Eigentum der
Krone übergegangen zu sein; alles übrige blieb in privater Hand.
Ein beträchtlicher Teil des Landes wurde geprägt durch seinen ethnischen
Charakter, das heißt, der Status einer Region leitete sich ab von dem Volk
oder ethnos, dem die jeweiligen Bewohner zugehörten (zum Beispiel Judäa,
Samaria, Edom). Diese Gebiete waren in das System der etablierten Verwal­
tungseinteilung eingebettet, und ein Teil ihres Grund und Bodens gehörte
ebenfalls der Krone. In Gegenden mit einer einheitlichen ethnischen Struktur
waren die ptolemäischen Behörden gezwungen, auf die regionalen Traditio­
nen und Führungsgruppen Rücksicht zu nehmen.

Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur und in den hellenistischen


Städten
Zu den wichtigsten Auswirkungen der hellenistischen Herrschaft in Palästina
gehörten die Veränderungen in der ethnischen Zusammensetzung der Bevöl­
kerung und in ihren Organisationsformen. Bis zur griechischen Eroberung
hatten die Bewohner - Juden, Phönizier, Samaritaner, Edomiter oder N a-
batäer - von altersher in ihren angestammten Gebieten gelebt. Das Landes-
innere war von Juden und Samaritanern bewohnt, die Küstenebene größten­
teils von Phöniziern; im Süden bildeten die Nabatäer, die,iie.EdpiIUXer‫׳״‬.aus.
ihren alten Wohnsitzen vertrieben hatten, die stärkste Volksgruppe, während
die Edomiter nach Norden gezogen waren und sich in den Bergen von H e­
bron und in Marescha, bis hinauf nach Bet-Zur, angesiedelt hatten. Als Folge
der Eroberung trat eine neue ethnische Gruppe, die der Mazedonier und Grie­
chen, auf den Plan. Freilich hatten schon in der Perserzeit griechische Kauf-
234 Die Z eit des Z w eiten Tempels (M. Stern)

leute und Söldner eine gewisse Rolle im Lande gespielt, doch die Zahl der
Griechen, die sich hier wirklich niederließen, und deren Einfluß müssen sehr
gering gewesen sein. Erst nach der Eroberung entstanden größere griechische
Niederlassungen. Auch griechische Militärkolonien wurden damals gegründet;
selbst die alten Städte des Landes machten einen Wandel durch, und der Ein­
fluß der hellenistischen Städte strahlte auf das Leben des Volkes aus. Bei den
weitaus meisten hellenistischen Städten in Palästina handelte es sich ja um
alte Städte, die sich nun die Regierungsformen und sozialen Verhaltenswei­
sen der griechischen Polis zu eigen machten. Die oberen Schichten der ange­
stammten Bevölkerung schlossen sich schon bald an die Neubürger aus Grie-
chenland an. Die Phönizier gingen in diesem Punkt am weitesten und waren
bereits nach kurzer Zeit die Wegbereiter der Hellenisierung in Palästina.
Die bedeutendsten Zentren des neuen Lebensstils waren Gaza und Aschkelon
an der Südküste, Akko (Ptolemais) nördlich des Karmels sowie Jaffa und
Dor in der Mitte. Neben den griechischen Städten der Küstenebene entstan­
den hellenistisch gefärbte städtische Siedlungen auch in Transjordanien und
in der Umgebung des Sees Gennesaret. Viele griechische Niederlassungen in
Transjordanien gehen auf die ersten Anfänge der Hellenisierung in Palästina
zurück. Die Stadt Philadelphia, Nachfolgerin des alten Rabbat-Ammon,
war bereits unter Ptolemäus Philadelphus (285-246) ein bedeutender Mittel­
punkt. In Transjordanien war zwar die städtische Tradition nicht so stark
verwurzelt wie im Küstenland, aber allmählich entwickelte sich dort eine
griechische Zivilisation, die der des westlichen Palästina in nichts nachstand.
Die berühmteste transjordanische Stadt der hellenistischen Epoche war ohne
Zweifel Gadara. die mehrere Schriftsteller hervorbrachte, welche in der zeit­
genössischen griechischen Literatur hohes Ansehen genossen. Die hellenisti­
schen Städte Transjordaniens unterhielten enge Beziehungen zu Bet-Schean,
das unter seinem griechischen Namen Skythopolis in die Geschichte einging.
Was das Regierungssystem in diesen Städten angeht, so lassen sich keine
festen Regeln aufstellen. Im Anfangsstadium der hellenistischen Epoche wa­
ren sie eng an den Staat gebunden, besaßen Garnisonen und bezahlten Steu­
ern an den königlichen Kämmerer. Offensichtlich errangen einige schon
früh den Status einer Polis. In anderen Städten entwickelte sich die Polis-
Struktur nur allmählich, und ihre Unabhängigkeit nahm zu, je mehr die
Macht der hellenistischen Königreiche schwand.
Im Landesinnern verlief der Hellenisierungsprozeß langsam: die Städte
und Dörfer bewahrten ihren ursprünglich semitischen Charakter. Die einzige
Ausnahme bildete die Stadt Samaria (Schomron), wo sich die Mazedonier
seit Beginn der hellenistischen Zeit ansiedelten und das Leben bestimmten.
Das Vordringen des Hellenismus zeigt sich besonders deutlich auch im idu-
mäischen Marescha (Teil Sandahanna), das die Verbindungsstraße zwischen
dem Südwesten und Jerusalem kontrollierte und zum Mittelpunkt der pto-
lemäischen Verwaltung aufstieg. Die Bannerträger der hellenistischen Strö-
Palästina u n ter der H errscha ft der hellenistischen Königreiche 23 j

m ungen in Idum äa waren hellenisierte Sidonier; doch allgemein betrachtet


setztesich der Hellenismus in Idumäa längst nicht so stark durch wie in der
Küstenebene.

D ie H a ltu n g des ptolem ä isch en R egim es gegenüber d en verschiedenen


B evö lkeru n g sg ru p p en
Die Behörden zogen eine scharfe Trennungslinie zwischen den griechischen
Siedlern und der hellenisierten Oberschicht einerseits und dem einfachen Volk
andererseits. Aus einem Erlaß des Königs Ptolemäus Philadelphus erfahren
wir von Spannungen zwischen den beiden Gruppen und vom Kampf der
alteingesessenen Bevölkerung gegen die Versklavung durch die Griechen. Die
Reßierun^ stellte sich auf A\e Seite rfes Vollem und ließ nicht zu, daß es von
der Oberschicht nach Belieben ausgebeutet wurde. Der uns überlieferte Erlaß
verbietet in eindeutigen,Porten,dÄ■?.,Unter^rjicl^unfc,^ S m k& m xksn.S Sr
völkerunfl. Er läßt außerdem erkennen, daß die Behörden mchts gegen dauer-
hafte Verbindungen zwischen Soldaten und Frauen aus dem Volke einzu­
wenden hatten - eine Einstellung, die bei der Integration der verschiedenen
Volksgruppen und in den Wechselbeziehungen zwischen Hellenismus und
östlicher K ultur eine wichtige Rolle spielen sollte.
Das Hauptinteresse der ptolemäischen Obrigkeit in Palästina galt indes
den regelmäßigen Steuereinnahmen und der inneren Sicherheit. Um die Be­
steuerung in den einzelnen Bezirken effektiver zu gestalten, bauten die Pto­
lemäer ein weitverzweigtes System der Steuereintreibung aus, dem das ägyp­
tische Modell zugrunde lag. Sie übertrugen sogar die Zuständigkeit für die
Eintreibung der Steuern eines Bezirks an die jeweilige Oberschicht und ver­
liehen das Recht, die Abgaben der Städte und Dörfer einzuziehen, wohlha­
benden Einheimischen, von denen manche nach Alexandria reisten, um sich
dieses Privileg zu sichern. Das Steuerprivileg für eine Stadt oder einen Be­
zirk ging an die prominenten Bürger, die das höchste Gebot machten und
die sich zuweilen auch noch für andere Städte bewarben.
Diese Steuereinnehmer, die mit ihrem Eigentum für das gesamte Steuer­
aufkommen bürgten, hatten natürlich ein Interesse daran, die Abgabensätze
möglichst hochzutreiben, denn was nach Abführung der vereinbarten Summe
an das königliche Schatzamt übrigblieb, wanderte in ihre eigene Tasche. Es
entstand also eine Kapitalistenklasse, die mit der Regierung zusammenarbei­
tete und beim Volk verhaßt war. Die Methoden der Steuereintreibung führ­
ten häufig zu Reibereien und waren angetan, die Spannungen zwischen Re­
gierenden und Regierten zu erhöhen. Die Obrigkeit versuchte die Belastung
des Volkes zu verringern, indem sie die Gewinne der Steuereinnehmer be­
grenzte, doch gleichzeitig begünstigte sie die Denunzierung, um einer zuneh­
menden Mißachtung der Steuerpflicht und der Verordnungen vorzubeugen.
236 Die Z eit des Z w eiten Tem pels (M. Stern)

Verteidigung und Verwaltung


Ein anderes Problem, dem sich die Ptolemäer gegenübersahen, war die mili­
tärische Situation in Palästina.,Da Palästina in jeder Hinsicht ein Grenzland
war, mußten sie dort ständig große Truppenkontingente unterhalten. Die
Verteidigungsstreitkräfte des Königreiches setzten sich aus verschiedenen
Elementen zusammen: es waren Söldnereinheiten, die aus allen Teilen Grie­
chenlands kamen und als Garnisonen in den größeren Städten und Festungen
stationiert wurden; des weiteren die Männer aus den Militärkolonien« die
normalerweise das Land bestellten, aber in Kriegszeiten zum Militärdienst
herangezogen wurden und die Reihen der königlichen Armeen verstärkten.
Die Ptolemäer versuchten offenbar die militärische Stärke ihres Reiches zu
erhöhen, indem sie Grundbesitz an Siedler unterschiedlicher H erkunft verga­
ben, die zum Ausgleich dafür im Ernstfall Kriegsdienste leisten mußten. H er-
angezogen wurden auch die Bürger der griechischen Städte, die bei Gefahr
ihre jeweilige Stadt zu verteidigen hatten, aber nicht zum Dienst im Ausland
verpflichtet waren.
Im großen und ganzen änderte sich an der hellenistischen Verwaltung
wenig, als die Seleukiden Palästina eroberten. Sämtliche Gebiete, die vorher
im Besitz der Ptolemäer gewesen waren, erhielten nun den Sammelnamen
Coele-Syrien und Phönizien. Die Verwaltung wurde einem königlichen Statt­
halter im Range eines strategos übertragen, der in dem ihm unterstehenden
Gebiet auch als Hoherpriester des Königskults fungierte. Seine Residenz
war anscheinend die Stadt Akko (Ptolemais). Im allgemeinen behielten die
Seleukiden die von den Ptolemäern vorgenommene Einteilung des Landes
bei. Sie wurde erst nach dem Sieg der Hasmonäer abgeschafft, die auch die
vorhandene Verwaltungsstruktur durch ein neues, den gewandelten Verhält­
nissen angepaßtes System ersetzten.

Das Wirtschaftsleben
Palästina hatte teil an der wirtschaftlichen Blüte» die das Ptolemäerreich in
seiner großen Zeit erlebte. Der wirtschaftliche Fortschritt beruhte sowohl
auf der Entwicklung der Handelsbeziehungen zu Ägypten und anderen Tei­
len des Königreiches als auch auf einer rationelleren Produktion, vor allem
in der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft in Ägypten profitierte beträcht­
lich von der griechischen Einwanderung. Unter Ptolemäus Philadelphus wur­
den große Brachlandgebiete in ertragreiches Ackerland umgewandelt; viel­
fach wurden hohe Beamte und Hofleute mit Grund und Boden belehnt unter
der Bedingung, daß sie ihn nutzbringend bewirtschafteten. Es ist nicht ein­
fach, diesen Vorgang in allen Einzelheiten zu rekonstruieren, doch die Me­
thoden, welche die Ptolemäer in Ägypten anwandten, scheinen sich auch in
Palästina bewährt zu haben. Um möglichst große Ernteerträge zu erzielen,
führten die griechischen Grundherren wesentliche Verbesserungen in die pa­
Palästina u n ter d er H errschaft der hellenistischen Königreiche

lästinische Landwirtschaft ein, und die einheimischen Bauern zogen daraus


Nutzen.
Uber die Handelsbeziehungen besitzen wir mehr Informationen als über
die Landwirtschaft. ^Palästina war augenscheinlich ein wichtiges Glied im
ökonomischen Gefüge des ptolemäischen Reiches. Es war ein Hauptexpor-
te^ v on i^ ü tern , d i d m l s k n ^ vojhandfcnjYiugn,
aber jn_ flgypten Seltenheittwprr hp<aftgn■ Noch wichtiger war Palästinas
Rolle als Umschlagplatz für Waren aus fernen Ländern; in dieser Funktion
trug es erheblich zum Ausgleich der ägyptischen Handelsbilanz bei. Obwohl
Ägypten damals als eine der größten Kornkammern der Welt galt, wurde,
wie wir wissen, syrisches Getreide von palästinischen Häfen aus nach Ägvp-
ten verschifft. Ein anderer Exportartikel w ar hochwertiges DL D a das in
Ägypten erzeugte ö l nicht viel taugte und nicht dem Geschmack der grie­
chischen Siedler entsprach, wurde Palästina zu einem HauptfieFeranten
Ägyptens für Q ualitätsöl. Ein typisch palästinisches Exportgut war der
Asphalt vom Toten Meer, den die Ägypter für die Mumifizierung ihrer Ver­
storbenen benötigten. Auch der Balsam, der in Hainen bei Jericho und En-
Gedi gedieh, w ar ein Produkt von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Sogar
Sklaven wurden von Palästina ausgeführt. In den Papyri ist vorwiegend von
Knaben und Sklavenmädchen die Rede. Sowohl angesehene einheimische
Bürger als auch Griechen trieben Sklavenhandel. Die aus Palästina stam­
menden Sklaven arbeiteten vor allem im Haushalt und weniger auf den Fel­
dern, die von den ägyptischen Pächtern selber bestellt wurden.
Zur Versorgung des griechischen Bevölkerungsteils und der Garnisonen in
den palästinischen Städten und Festungen mußten zudem Waren, zum Bei­
spiel Wein, von den Ägäischen Inseln eingeführt werden. Die AmpHoren-
griffe, die man in großer Zahl in den Zitadellen von Bet-Zur, Geser, Samaria
und andernorts gefunden hat, sind ein Beleg für die umfangreichen Exporte
von Rhodos nach Palästina. Neben dem Rhodoswein erfreuten sich auch die
Weine von Knidos und Thasos großer Beliebtheit. Eine wichtige Funktion
erfüllte Palästina, wie gesagt, als Transitland. Die ptolemäischen Herrscher
hatten großen Bedarf an bestimmten Gütern, die aus dem Osten importiert
wurden. Manche dieser Im porte - Parfüme, Gewürze, Seide und Elfenbein -
waren für den Königshof und die Tempel bestimmt; die übrigen wurden in
die Länder der Ägäis weiterexportiert und bildeten für die Ptolemäer eine
wichtige Einnahmequelle. Der Handelsweg, auf dem diese Waren befördert
wurden, verlief von Südarabien zur nabatäischen H auptstadt Petra, von
dort nach G aza und, zu Lande oder zur See, weiter nach Ägypten (vgl.
Erster und Zweiter Teil). Als einem Umschlagplatz für Waren, die für
Ägypten bestimmt waren, kam Palästina infolge der beide Länder verbin­
denden günstigen Land- und Seewege ständig wachsende Bedeutung zu.
13• Das Gesellschafts- und Regierungssystem Judäas
unter den Ptolemäern und Seleukiden

Judäa und die Juden im Gefüge der hellenistischen Königreiche


Bis 2um Hasmonäeraufstand war Judäa ein eigenständiges Gemeinwesen,
eines der vielen, aus denen die ptolemäische Verwaltungseinheit Syrien und
Phönizien bestand, und in späteren Jahren ein Bestandteil der Seleukiden-
provinz Coele-Syrien und Phönizien. Die Identität der Provinz Jahud (Ju­
däa) w ar in den Zeiten der Perserherrschaft begründet worden (vgl. Zweiter
Teil), und auch ihr griechischer Name ‫ ״‬Ioudaia“ bestätigte diese Identität.
In den Augen der Ptolemäer und Seleukiden war das von Ioudaioi bewohnte
Judäa eine N ation (ethnos), deren Zentrum Jerusalem bildete.

Die Autonomie Judäas und Jerusalems: der Hohepriester und die


Gerusia
Jerusalem war nicht nur die H auptstadt, sondern auch die größte Stadt
Judäas. Doch bis zu den Reformen unter Antiochus Epiphanes besaß es we­
der den Status noch die Institutionen einer Polis, obwohl seine Beziehungen
zum Gesamtterritorium von Judäa denen der griechischen Städte zu ihrem
Umland in gewisser Weise entsprachen. Die Regierung des autonomen Ter­
ritoriums Judäa w ar dem Hohenpriester und dem R at der Ältesten, der Ge­
rusia, übertragen. Damit blieb das judäische Regierungssystem im Grunde
dem während der Perserherrschaft entwickelten Modus gleich (vgl. Zweiter
Teil). Die Gerusia, die in der gesamten griechischen Welt verbreitet war,
wies trotz ihres griechischen Namens nur wenige Merkmale des griechischen
Systems auf; sie war vielmehr eine direkte Nachfolgerin des Rats der ‫ ״‬Älte­
sten von Juda“ aus der Perserzeit.
Die Hohenpriester waren Zadokitej! fW {*1*^ der vier-
undzwanzig Abteilungen der Priesterschaft) und ausnahmslos Abkömmlinge
von Jeschua ben Jozadak, dem H ohenpriester währenc} Wiederaufbaus
dg«; T em p e ls (v g l. Zweiter Teil). Das Amt ging vom Vater auf den Sohn
über; wenn der gesetzliche Erbe noch zu jung für das Amt war, wurde ein
Bruder oder Onkel des verstorbenen Hohenpriesters eingesetzt. Der Hohe­
p riester amtierte auf Lebenszeit (nur Antiochus Epiphanes brach mit dieser
Übung), und Juden und Ausländer betrachteten ihn gleichermaßen als den
Führer des Volkes. ‫ ״‬Die Juden haben keinen König. Die Leitung der Nation
wird regelmäßig einem Priester anvertraut, der seinen Kollegen an Weisheit
Gesellschafts- u nd Regierungssystem Judäas unter Ptolemäern und Seleukiden 2 39

und Tugend überlegen ist und den sie als Hohenpriester bezeichnen.“ So
heißt es bei Hecataeus, einem heidnischen Geschichtsschreiber aus der Früh­
zeit des Hellenismus (zitiert in Diodorus Siculus, Bibliotheca Historica XL,
3.5). Der Hohepriester war somit nicht nur das religiöse Oberhaupt, sondern
auch der politische Führer des Volkes. Er besaß die höchste Herrschergewalt
über den Tempel, die auch die Verantwortung für die Sicherheit der H aupt­
stadt und ihre regelmäßige Wasserversorgung einschloß. Er stand außerdem
der Gerusia vor und w ar zuständig für die Eintreibung der königlichen
.Steuern.‫״‬
Der Einfluß des Hohenpriesters hing weitgehend von der K raft seiner
Persönlichkeit ab. Ein Hoherpriester wie Simeon, der Sohn Onias* II., drückte
der Entwicklung der gesamten Nation seinen Stempel auf. Es ist aufschluß­
reich, mit welcher Begeisterung Ben Sira (Jesus Sirach) sich über ihn äußert:

Der Größte unter seinen Brüdern und der Ruhm seines Volkes war
Simeon, der Sohn des Johanan, der Hohepriester,
in dessen Geschlecht das Haus ausgebessert
und in dessen Tagen der Tempel befestigt wurde;
in dessen Geschlecht ein Teich gegraben wurde,
ein Reservoir wie das Meer an Menge;
in dessen Tagen die Mauer gebaut wurde,
die Festungszinnen am Tempel des Königs;
der sein Volk vor Räubern sicherte
und die Stadt vor Feinden befestigte.
Wie prächtig w ar er, wenn er aus dem Zelt hervorschaute,
wenn er hervor tra t hinter dem Vorhänge:
Wie der Morgenstern zwischen Wolken hervor,
und wie der volle Mond in den Tagen des [Pascha‫] ־‬Festes.
(Ben Sira jofi-6)
Andererseits mußte Onias II. einen Teil seiner Macht und seines Einflusses
an Josef ben Tobija in Transjordanien abtreten. Sogar im Tempel selbst
hatte der Hohepriester Rivalen. U nter der Seleukidenherrschaft, in der Zeit
von Onias III., dem Sohn Simeons, lebte ein anderer Priester mit Namen
Simeon, der die Leitung des Tempels innehatte und dabei mit dem Hohen­
priester in Streit geriet.
Dem H ohenpriester stand die Gerusia zur Seite. Vermutlich w ar sie ihm
offiziell sogar übergeordnet; das gilt zumindest für das Ende des 3. Jahr­
hunderts. Neben den ranghohen Priestern gehörten der Gerusia jene Fami­
lienoberhäupter an, welche die Interessen der judäischen Provinzstädte ver­
traten. In den Urkunden der hellenistischen Könige w ar es offensichtlich
üblich, der Gerusia den Vorrang vor dem Hohenpriester einzuräumen, doch
als die Hasm onäerdynastie ihre Stellung festigte und das hohenpriesterliche
Amt an Angehörige dieses Geschlechts überging, wurde der Hohepriester im-
240 Die Z eit des Z w eiten Tem pels (M . Stern)

mer häufiger vor dem Ältestenrat genannt. In dieser Änderung spiegelt sich
die Verschiebung der Machtverhältnisse nach dem Aufstand der Hasmonäer.j
Die Quellen berichten auch von Versammlungen des Jerusalemer Volkes
im Tempelhof. Diese Zusammenkünfte fanden nicht regelmäßig statt, und es
ist fraglich, ob sie eine klar umrissene Funktion hatten, so wie die ekklesiai
der griechischen Städte. Wahrscheinlich traf man sich nur bei außerordent­
lichen Anlässen, wenn besonders wichtige Entscheidungen anstanden. Eine
derartige Versammlung billigte beispielsweise die Entsendung von Josef ben
Tobija nach Alexandria. Wenn es um Entscheidungen konstitutioneller Art
ging, wurde das ganze Volk Judäas zusammengerufen. Solche Veranstaltun­
gen bezeichnete man als bak-knesset hag-gedolah (die Große Versammlung).
Die Fremdherrscher anerkannten die ‫ ״‬angestammten Gesetze“ der luden
als bindende Norm für das gesamte Gebiet des autonomen Judäa. Diese -
Gesetze bestanden im wesentlichen aus dem Gesetz des Mose, wie es von
den maßgeblichen Autoritäten Judäas interpretiert wurde. Aufgrund der
königlichen Bestätigung besaß die autonome Obrigkeit Jerusalems sogar die
Vollmacht, die gesamte jüdäische Bevölkerung zur Einhaltung der Thora­
vorschriften zu zwingen und den Götzendienst im ganzen Land zu unter­
binden. Doch die Regierung gewährte den Juden nicht nur Rechte, sie bür­
dete ihnen auch Pflichten auf. Als Teil des ptolemäischen oder seleukidischp
Königreiches mußte Judäa hohe Steuern an den königlichen Schatzmeister
abführen, die die Bauern während der gesamten hellenistischen Herrschaft
stark belasteten. Aus einem Erlaß, den Antiochus III. nach der Eroberung
Jerusalems verkündete, geht hervor, daß die jüdische Bevölkerung neben den
Grundsteuern noch verschiedene andere Abgaben entrichtete, unter anderem
eine A rt Kopfsteuer. Wir wissen auch von einer Salz- und einer Kronsteuer.
Die letztere war zunächst ein Geschenk, durch welches das Volk seine Teil­
nahme an freudigen Ereignissen im Königshaus ausdrückte, doch im Laufe
der Zeit wurde daraus eine bedrückende Zwangsabgabe. Neben den direkten
Steuern zahlten die Judäer hohe Zölle auf Importgüter, selbst wenn diese
nur von einem Bezirk in den anderen befördert wurden.
Im großen und ganzen behielten die Seleukiden das jüdäische Steuersystem
der Ptolemäer bei. Antiochus III. gewährte den Juden eine gewisse Zahlungs­
erleichterung, weil ihm die Bewohner Jerusalems in seinem Kampf gegen
die ptolemäischen Garnisonen militärischen Beistand geleistet hatten und
weil er sich die Sympathien seiner neuen Untertanen für die Zukunft sichern
wollte. In diesen Zusammenhang gehört auch eine Zuwendung des Königs
für den Wiederaufbau Jerusalems, das im Krieg schwer gelitten hatte.
Aus einem wertvollen Dokument, das sich in 1 Makkabäer 10 erhalten
hat (ein Brief Demetrius‫ ״‬I. von Syrien, in dem er den Juden verschiedene
Steuererleichterungen zusagt), erfahren wir, daß zur Zeit des Autors ein
Drittel der Feldfrüchte und die H älfte der Obsternte an den königlichen
Schatzmeister abgeführt wurden, außerdem die Salz- und Kronsteuer und
Gesellschafts- und Regierungssystem Judäas unter Ptolemäern u nd Seleukiden 241

noch weitere Abgaben. Es scheint jedoch, daß dieses Dokument eher die ver­
änderten Steuersätze und Eintreibungsmethoden nach dem Erlaß der Straf­
gesetze des Antiochus Epiphanes widerspiegelt als die für die gesamte helle­
nistische Periode typischen Zustände. Andererseits ist es durchaus möglich,
daß die Situation auch vor Antiochus Epiphanes schon mehr oder weniger
gleich ‫׳‬war, selbst wenn die Steuersätze etwas niedriger lagen.

Der Tempel und die Priesterschaft


Der Brennpunkt des religiösen, politischen und sozialen Lebens in Judäa war
der Tempel. Der griechische Historiker Polybios, der im zweiten vorchrist­
lichen Jahrhundert lebte, definierte die Juden als ein Volk, das rings um den
berühmten Tempel von Jerusalem lebte (zitiert in Josephus, Jüdische Alter­
tümer X II, 136). Im Gegensatz zu anderen östlichen Tempeln w ar der Jeru­
salemer Tempel nicht reich an Grundbesitz. Der Lebensunterhalt der Priester
und Leviten oblag gemäß den Vorschriften der Thora dem gesamten Volk,
das zur Ablieferung von Opfergaben und Zehnten verpflichtet war. Aller­
dings hatte die Thora keine regelrechte Steuer für die Erhaltung des Tem­
pels, die täglichen Gottesdienste usw. festgesetzt. Nehemia (vgl. Zweiter
Teil) war der erste, der von allen Judäern eine Abgabe in Höhe eines Drittel-
Schekels erhob (Nehemia 10,33), um die Kosten des Tempels zu decken.
Wieweit dieser Brauch von da an bis zur Zeit der Hasmonäer erhalten blieb,
läßt sich nicht sicher sagen, doch wir wissen, daß zu den Tempeleinkünften
auch Geldbeträge der heidnischen Könige gehörten, die zur Finanzierung
des täglichen Opfers beitrugen. Aufgrund seines besonders heiligen Charak­
ters diente der Tempel außerdem als Aufbewahrungsort für Vermögens­
werte, etwa für das Geld der Witwen und Waisen oder der Reichen, die an­
gesichts der oft unsicheren Lage des Landes um ihr Kapital fürchteten.
D ie Elite im hellenistischen Judäa waren die Priester, von denen einer, der
H ohepriester, das unbestrittene Oberhaupt der Nation war. Die Priester­
schaft stellte einen Teil der Gerusiamitglieder und die meisten wichtigen
‫ ״‬Funktionäre‫ ״‬. In den Augen der Ausländer war Judäa ein Land, das Prie­
ster regierten, welche zahlreiche Vorrechte genossen, nicht zuletzt auf w irt­
schaftlichem Gebiet. Ben Sira ermahnte seine Mitbürger, der Priesterschaft
den schuldigen Respekt zu erweisen:

Mit deiner ganzen Seele fürchte den Herrn


und seine Priester halte in Ehren.
Mit all deiner K raft liebe den, der dich erschaffen hat,
und seine Diener laß nicht im Stiche.
Fürchte den H errn und ehre den Priester
und gib ihm seinen Teil, wie es dir anbefohlen ist von Anfang an . . .
(Ben Sira 7,29-31)
242 Die Z eit des Z w eiten Tem pels (M. Stern)

Viele Priester lebten in Landstädten und Dörfern, begaben sich aber regel­
mäßig nach Jerusalem zum Dienst im Tempel, wenn sie als Wächter an der
Reihe waren, ebenso zum Paschafest, zu Pfingsten und zum Laubhüttenfest.
Die gesamte Priesterschaft war in vierundzwanzig Wachen eingeteilt, die
abwechselnd den Tempeldienst versahen.
Die Angehörigen des Priesterstandes waren einander nicht alle gleichge­
stellt, denn die Anteile der führenden Priester und der Laienpriestcr stimm­
ten nicht überein mit denen der Leviten. In der Thora war zwar bestimmt,
wie die Einnahmen aus Geschenken, Zehnten und andere Abgaben zwischen
Priestern und Leviten aufgeteilt werden sollten, aber in der Zeit des Zweiten
Tempels, in der die Zahl und der Einfluß der Leviten abgenommen hatten,
beanspruchten die Priester den Löwenanteil des Zehnten, der gemäß der
Thora den Leviten zustand. Wie wir den Büchern Judit und Tobias, die viel­
leicht auf die Perserzeit zurückgehen, und auch dem 1. Makkabäerbuch ent­
nehmen können, wurden die Abgaben nach Jerusalem gebracht, aber nicht
auch sogleich von den Bauern verteilt. Da alle Abgaben in Jerusalem zu-
sammenflossen, gelangten sie in die Hände der Hohenpriester und der Zen­
tralbehörden, und die Masse der Priester und Leviten wurde dadurch noch
abhängiger von der priest erlichen Oberschicht.
Es gab mehrere prominente Priesterfamilien neben der des Hohenpriesters,
die im gesellschaftlichen und politischen Leben der Juden eine wichtige
Rolle spielten. Eine davon war das Haus Hakoz. lohanan ben Hakoz war
der Mann, der nach der Eroberung die Verhandlungen mit Antiochus I I I .
über die Sicherung der Rechte Terusalems führte. Sein Sohn F u p olem n s
führte die Delegation an, die Judas der Makkabäer nach Rom entsandte.
Eine andere bedeutende Priesterfamilie war die der Bilga; zu ihren Mitglie­
dern gehörten Simeon, Menelaos und Lysimachos, welche die Stellung^ des
rechtmäßigen Hohenpriesters untergruben und zu Wegbereitern der helleni­
stischen Bewegung wurden. Simeon hatte das Amt des Tempelverwalters
inne, und Menelaos drängte den amtierenden Hohenpriester aus seiner Stel­
lung. Aus einer Priesterfamilie stammte auch Jose ben Joezer, einer der
größten jüdischen Weisen seiner Zeit. Sein Verwandter Jakim-Alkimos wur­
de vom Syrerkönig Demetrius I. während des Hasmonäeraufstands zum
Hohenpriester ernannt. In der Zeit des Zweiten Tempels machten die füh­
renden Priesterfamilien die endogame Ehe zur Regel, doch wenn es ihnen
angebracht erschien, gingen sie auch eheliche Verbindungen mit einflußrei­
chen Familien ein, die nicht zur Priesterschaft gehörten.

D as H a u s Tobija

D ie erste Familie außerhalb der Priesterschaft, die im Judäa des 3. Jahr-


hunderts eine grofce Bedeutung erlangte, war^öhne Zweifel das Ü a u i- J ii;
Jbija,. eine alte Sippe, deren Aufstieg auf die Zeit des Ersten Tempels zurück-
Gesellschafts- u nd Regierungssystem Judäas u nter Ptolemäern und Seleukiden 243

geht. Die Basis ihrer Macht w ar das südliche Gilead, wo sie über Ländereien
verfügte, die unter dem Namen ‫ ״‬das Land des Tobija“ bekannt waren. Der
Einfluß der Tobijaden nahm unter den Persern noch zu. In den Tagen Nehe-
mias verbündete sich Tobija durch Heirat mit maßgeblichen Jerusalemer
Bürgern und wurde einer der Hauptwidersacher der national-religiösen Poli­
tik Esras und Nehemias. Einer seiner Nachkommen, jener Tobija, der ein
Zeitgenosse des Ptolemäus Philadelphus war, befehligte eine Militärkolonie
in der ‫ ״‬Zitadelle von Ammon‫ ״‬, die sich aus Juden und Heiden zusammen­
setzte. Die P tolemäer brauchten die Tobijaden, um ihr Regime in Transjor-
d?njfiL_ZM f e s t ig e n . Wir besitzen Papyri, welche bezeugen, daß Tobija am
ptolemäischen H of wohlbekannt war und mit dem königlichen Finanzmini­
ster Apollonius im Briefwechsel stand. Er lieferte König Ptolemäus auch
seltene Tiere. Tobija heiratete die Schwester des Hohenpriesters Onias II.
und mehrte dadurch sein Ansehen in Jerusalem. Der Einfluß des Hauses To-

Josef ben Tobija war ein getreuer Schüler seines Vaters. Er knüpfte noch
engere Beziehungen zum H of in Alexandria und verlagerte sein Wirkungs­
feld von Transjordanien nach Westpalästina. Als das Verhältnis zwischen
dem Hohenpriester Onias II. und den ptolemäischen Behörden gespannter
wurde, eröffneten sich Josefs Ehrgeiz neue Möglichkeiten. Es gelang ihm,
den Wirkungskreis des Hohenpriesters beträchtlich einzuengen, und er ge­
wann sogar die Unterstützung der Volksversammlung im Tempelhof, die
ihn beauftragte, Tudäa am Königshof zu vertreten.
Doch seine eigentliche Macht stützte sich auf seine Positionen außerhalb
Judäas. Als königlicher Steuerpächter besaß er Befugnisse wie es sie im hel­
lenistischen ludäa bislang noch nie gegeben hatte, sogar die griechischen
Städte gehörten in sein Gebiet. In diesem Amt wurde er von der königlichen
Regierung unterstützt, und er bewies ein erstaunliches Durchsetzungsver­
mögen, wenn es um die Eintreibung von Steuern ging. Offenbar waren viele
hochgestellte Juden der Jerusalemer Gesellschaft in seine Aktivitäten ver­
strickt und kamen auf diese Weise in engeren Kontakt mit den nichtjüdischen
Kapitalisten im ptolemäischen Syrien. Während die einstigen jüdischen Füh­
rungspersönlichkeiten seit Nehemia sich ihre spezifisch jüdische Einstellung
bewahrt hatten, näherten sich Josef ben Tobija und sein Kreis mehr der
palästinischen Haltung an; Josef war in Samaria genauso zu Hause wie in
Judäa. Seine geschäftlichen Unternehmungen brachten viel Kapital nach
Judäa und vergrößterten den jüdischen Einfluß in verschiedenen Regionen
Palästinas. Mit dem Einströmen neuen Kapitals in den jüdischen Bereich
drangen dort auch die im hellenistischen Palästina des 3. Jahrhunderts übli­
chen Sitten und Lebensauffassungen ein, die nun die überkommenen jüdi­
schen Daseinsformen bedrohten. Doch wenn sich Josef und sein Kreis immer
mehr mit der palästinischen Oberschicht identifizierten, so hinderte ihn das
nicht, seine Steuern mit rigorosen Methoden einzutreiben, was in den Herzen
244 Die Z eit des Z w eiten Tempels ( M . Stern)

der nichtjüdischen Bevölkerung eine bittere Feindseligkeit erzeugte und so­


gar zu Spannungen zwischen Juden und Heiden in verschiedenen Landes­
teilen Palästinas führte.
Der Aufstieg der Tobijaden, die den Hohenpriester aus gewissen Bereichen
des öffentlichen Lebens verdrängten, sowie die kulturellen und sozialen Fol­
gen ihrer Politik stießen aber auch bei einem großen Teil der Jerusalemer
Einwohnerschaft, der an der neuen Prosperität nicht teilhatte, auf heftigen
Widerstand, und die traditionsfeindliche Stimmung, die sich in der Stadt
auszubreiten begann, wurde weitgehend abgelehnt. Die Klassengegensätze,
die sich aus der Kluft zwischen Arm und Reich ergaben, nahmen im ganzen
Land zu:
Welche Eintracht kann es geben zwischen der Hyäne und dem Hunde,
und welche Eintracht zwischen dem Reichen und dem Armen?
Die Jagdbeute der Löwen sind die Wildesel in der Steppe:
Ebenso dienen auch die Armen den Reichen zur Weide.
Ein Greul ist dem Hochmütigen die Demut:
Ebenso ist auch der Arme dem Reichen ein Greuel
(Ben Sira 13,18-20)

Im Haus Tobija kam es schließlich zu einem tödlichen Streit zwischen Josefs


jüngstem Sohn Hyrkanus und seinen Brüdern. In der Seleukidenzeit ergriff
Hyrkanus Partei für den Hohenpriester Onias III.; seine Brüder hingegen
wollten Onias absetzen und gegen einen Hohenpriester aus einer Priesterfa­
milie austauschen, die ihre Ansichten und Pläne unterstützte. Nachdem ein
Mitglied dieser Familie, Simeon, Tempel Verwalter geworden war, wurde
dessen Bruder Menelaos von Antiochus Epiphanes zum Hohenpriester be­
stellt. Beide Brüder unternahmen zusammen mit den Tobijaden den Versuch,
die Prinzipien des Judentums zu zersetzen, die Esra, Nehemia und deren
Nachfolger eingeführt hatten.

Der Einfluß des Hellenismus


Der langanhaltende Einfluß des Hellenismus im kulturellen und sozialen
Bereich, das ptolemäische und seleukidische Verwaltungssystem und die ma­
teriellen Fortschritte in der Landwirtschaft, in der Stadtplanung und im
Finanzwesen bewirkten insgesamt auch in Judäa tiefgreifende Veränderun­
gen. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Siedlungen der Juden in Palästina
- ob in Judäa oder anderswo - rings von einer fgind^eligeq n k htjüdischsn
B e v ö lk e r un g umgeben waren. Und diese Bevölkerung, obwohl sehr unter­
schiedlicher ethnischer Herkunft, schloß sich nun unter der hellenistischen
Regierung zu einer gewissen hellenisierten Einheit zusammen. Bisher hatten
sich nur die Tuden durch ihre Einheit ausgezeichnet, doch jetzt bildete sich
ein syrisch-griechischer Block, und es erhob sich die entscheidende Frage^ob
G esellschafts- u n d Regierungssystem Judäas u nter Ptolem äern u n d Seleukiden 24j

die iüdische_Nat_ion als eine wichtige K ra ftin Palästina ihre Eigenständigkeit


^ x d e jb e w a ji^ n k^ würde sie ihren spezifischen nationalen, reli­
giösen und kulturellen Charakter einbüßen und zu einer der vielen Gruppie­
rungen werden, die als Träger der hellenistischen Zivilisation in Palästina
fungierten, so wie sie ja auch ihre politische Selbständigkeit verloren hatte
und zu einer der vielen Einheiten im syrisch-phönizischen Staatsverband
abgesunken w ar. Um 200 schien der Hellenismus den Sieg davongetragen zu
habenj der äußere Glanz und die materielle Überlegenheit der dominieren-
den Zivilisation drohte die K ontinuität des Tudentums zu gefährden oder
zumindest die jüdische Eigenart der führenden Schicht zu zerstören. Die
Oberschicht - Priester wie Laien - paßte ihre Denkweise und ihren Lebens­
stil^ zunehmend den entsprechenden Gruppen der nichtjüdischen Bevöflce-
rungsteile an. T endenzen, die nie völlig verschwunden waren, kamen wieder
voll zur Geltung: Opposition gegen einen betonten jüdischen Partikularis-
mus und das Streben nach Verschmelzung mit den höheren Klassen der heid-
nischen Gesellschaft. Auch die anderen Klassen gerieten immer mehr unter
den Einfluß einer allgemeinen hellenistischen Atmosphäre. Viele Juden wohn­
ten in Städten, deren Einwohner größtenteils hellenisiert waren, und jüdische
Kaufleute, die mit weit entfernten ausländischen Städten Handel trieben,
übernahmen mit den Handelsgütern der Griechen auch deren Kultur und
gaben sie an ihre jüdischen Mitbürger weiter.
Der hellenistische Einfluß in Judäa zeigt sich vor allem auf dem Gebiet
der materiellen Kultur. Die Jehud-Münzen der Perserzeit kopierten die athe­
nischen Prägungen, und anscheinend wurde Jerusalem allmählich vom grie­
chischen Geldwesen erobert. Auch in der Architektur und Kunst machte sich
hellenistischer Einfluß bemerkbar. Die Verbreitung griechischer N am enjm r~-
ter_ den luden w ar ein äußerliches Zeichen für die Hellenisierung Judäas.
Im 3. Jahrhundert waren griechische Namen noch eine Seltenheit gewesen
- selbst der Sohn des Tobija trug einen hebräischen Namen - , doch um das
Jah r 200 kamen sie in allen Schichten, selbst in den Hohenpriesterfamilien,
immer häufiger vor, durchaus nicht mehr nur bei jenen Juden, die sich von
der jüdischen Tradition losgesagt hatten. U nter seinem griechischen Namen
ist einer der größten jüdischen Weisen jener Zeit bekannt, Antigonos von
Socho, und w ir finden griechische Namen selbst unter den Offizieren des
Makkabäers Judas. Besonders beliebt waren sie in der Jerusalemer Ober­
schicht und in Gebieten, die an hellenisierte heidnische Volksgruppen an­
stießen. N u r in einem Teil der Landstädte und in den Dörfern Judäas und
Südsamarias konnte diese Sitte keine Wurzeln schlagen: So trug beispiels­
weise kein einziger Sohn des Hasmonäers Mattatias einen griechischen
Namen.
Trotzdem muß festgehalten werden, daß die griechische Zivilisation um
das Jahr 200 in Judäa noch nicht sehr tief verwurzelt war. Zwar eigneten
sich die Juden aufgrund ihrer Kontakte mit den Nachbarn und der könig-
246 Die Z eit des Z w eiten Tempels (M . Stern)

liehen Verwaltung die griechische Umgangssprache an und griechische Wör­


ter drangen in das Hebräische ein, aber es ist zu bezweifeln, ob viel Jud.äer
die fremde Sprache so gut beherrschten, daß sie die Klassiker der griechi­
schen Literatur und Philosophie lesen konnten. Daß gewisse griechische Ideen
in das jüdische Schrifttum des damaligen Palästinas Eingang fanden, ist nur
eine Bestätigung für die Ausstrahlung des allgemeinen kulturellen H inter­
grunds; als ernsthafter Beweis für irgendeinen direkten Einfluß der griechi­
schen Literatur auf das Judentum darf dies nicht gewertet werden. Selbst in
Büchern wie Ekklesiastes (Prediger) und Ben Sira (Jesus Sirach) läßt sich
schwerlich ein nachhaltiger Einfluß des griechischen Geistes nachweisen.

Die jüdische Expansion über Judäa hinaus


N ur ein Teil der palästinischen Juden lebte innerhalb der Verwaltungsgren­
zen des autonomen Judäas. Seit dem Ende der Perserzeit hatte die Zahl der
Juden in Palästina ständig zugenommen, und Judäa - von Bet-Zur im Süden
bis Bet-El im Norden - konnte sie nicht mehr alle aufnehmen. Juden siedel­
ten sich also außerhalb seiner Grenzen an. Die jüdische Bevölkerung war
besonders dicht in den drei Bezirken Südsamarias - Lydda, Efraim und
Ramatajim. Politisch und verwaltungsmäßig gehörten diese Bezirke zu Sa-
maria, aber ihre Bewohner blieben in allen religiösen und nationalen Belan­
gen Juden im vollsten Sinn des Wortes und deshalb dem Tempel von Jerusa­
lem verbunden. Natürlich strebten manche auch die politische Vereinigung
mit Judäa an, und während des Hasmonäeraufstandes zählten die Juden aus
den Bergen nördlich und nordwestlich von Jerusalem und aus der Ebene
von Lydda zu den tapfersten Kriegern. Selbst die eigentliche Wiege der
Revolte, Modein, muß außerhalb Judäas, in der Gegend von Lydda, vermu­
tet werden.
Eine weitere große jüdische Bevölkerungsgruppe war im Nordwesten Sa-
marias konzentriert. Diese Gruppe bestand möglicherweise aus altisraeliti­
schen Eingesessenen, vermischt mit Siedlern aus Judäa; doch woher sie auch
stammten, sie waren in national-religiöser Hinsicht ein Bestandteil des jüdi­
schen Volkes, dessen Mittelpunkt der Jerusalemer Tempel bildete. Die jüdi­
sche Bevölkerung Westgaliläas, die sich auf Leben und Tod gegen die Expan­
sion der hellenistischen Städte Akko (Ptolemais) und Tyrus wehren mußte,
ist wohl als ein Ableger der von Juden dicht besiedelten Nordwestregion
Samarias zu betrachten. Sehr viele Juden lebten auch im östlichen und m itt­
leren Galiläa, zum Beispiel in Arbel. Während des Aufstandes bewiesen die
Bewohner dieses Ortes ihre Loyalität gegenüber dem jüdischen Volk durch
den Mut, mit dem sie dem Seleukidengeneral Bakchides widerstanden, dessen
große Armee im Jahre 160 gegen Jerusalem vorrückte. Tatsächlich war die
Kontinuität der alten israelitischen Siedlungen im Norden des Landes nie
abgerissen, und selbst die Gründung der hellenistischen Städte in den Rand­
G esellschafts - u n d Regierungssystem Judäas unter Ptolemäern und Seleukiden 247

zonen Galiläas und die Entstehung großer hellenistischer Domänen hinter­


ließen hier kaum Spuren.
Jüdische Bevölkerungskonzentrationen gab es auch östlich des Jordans,
teils in dem Gebiet, wo die Besitzungen der Tobijaden lagen, teils weiter
nördlich. Juden lebten in Skythopolis (Bet-Schean), wo die Beziehungen zu
den nichtjüdischen Nachbarn besser waren als in anderen Gegenden, und
auch in den Küstenstädten, etwa in Jaffa. Sie alle nahmen, obwohl außerhalb
der Grenzen Judäas wohnend, regen Anteil an seinem öffentlichen und gei­
stigen Leben. Weder die in der hellenistischen Bewegung führenden Tobija­
den noch die Hasmonäer, die sich an die Spitze der Revolte gegen die helle­
nistische Oberherrschaft stellten, stammten aus Jerusalem; sie waren behei­
matet in Gebieten, die offiziell nicht zu Judäa gehörten. Der große Weise
Jose ben Joezer w ar gebürtig aus Sereda in Südsamaria, und ein anderer be­
rühmter Gelehrter, N ittai der Arbeliter, kam aus Arbela in Ostgaliläa.
Außerhalb der festgefügten national-religiösen Gemeinschaft der Juden
standen die Samaritaner in Zentraisamaria, die sich um ihren eigenen Tem­
pel auf dem Berg Garizim scharten. Durch den Bau des Tempels, gegen Ende
der Perserzeit, erhöhte sich das Ansehen Sichems, aber die Hauptursache für
die Erneuerung des städtischen Lebens dort waren die Veränderungen in der
Stadt Samaria: sie wurde eine mazedonische Kolonie und hatte somit als
Zentrum der Samaritaner ausgespielt. In der Zeit des Hellenismus bezeich-
nete man die Samaritaner als die Leute, die ‫ ״‬in Sichern lebten‫ ״‬. Diese Ver­
schiebung läßt sich eindeutig durch die archäologischen Funde beweisen, aus
denen hervorgeht, daß Sichern nach jahrhundertelanger Unterbrechung wie­
der zu einer bedeutenden Siedlung geworden war. Zu Beginn der Seleukiden-
herrschaft erlebte die Stadt offenbar eine wirtschaftliche Blüte, mit der es
jedoch zu Ende war, als sich die politische Situation nach den Dekreten des
Antiochus Epiphanes verschlechterte. Über den politischen Status des helle­
nistischen Sichern wissen w ir so gut wie nichts. Daß die Stadt keine Polis
wurde, ist gewiß, doch besaß sie anscheinend einen Rat (Boule), der auch das
samaritanische Gemeinwesen gegenüber den königlichen Behörden vertrat.

Die Zahl der Juden


Die Quellen, die uns zur Verfügung stehen, zeigen eindeutig, daß die Zahl
der in Judäa und in ganz Palästina lebenden Juden während der persischen
und hellenistischen Epoche, wie erwähnt, erheblich stieg - so sehr, daß aus­
ländische Beobachter schon zu Beginn der hellenistischen Zeit nach Erklä­
rungen für dieses rapide Anwachsen der jüdischen Bevölkerung suchten. Wir
besitzen nur wenige Angaben über die Zahl der palästinischen Juden, und
sie sind nicht immer absolut zuverlässig. So behauptet Hecataeus (zitiert in
Josephus, Gegen Apion I, 197), die Stadt Jerusalem habe 120 000 Einwohner
gehabt, und im Aristeas-Brief (vgl. S. 362) ist von 100000 jüdischen Gefan­
248 Die Z eit des Zw eiten Tempels (M. Stern)

genen die Rede, die unter Ptolemäus I. nach Ägypten verbannt wurden.
Realistischer sind die Zahlen der jüdischen Soldaten, die im Zusammenhang
mit den Feldzügen während der hasmonäischen Revolte genannt werden.
Wir erfahren, daß der Makkabäer Judas auf seinem Marsch nach Gilead im
Jahre 164 8000 Mann befehligte (1 Makkabäer 5,20), und zur selben Zeit
kämpften 3000 Juden unter dem Kommando seines Bruders Simeon im west­
lichen Galiläa. Die höchste Zahl jüdischer Soldaten, die in den Quellen vor­
kommt - 40 000 wird für die Streitmacht angegeben, mit der der Hasmo-
näer Jonatan gegen Tryphon zog (1 Makkabäer 12,41).

Die Beziehungen zwischen den Juden Palästinas und der Diaspora


Auch außerhalb Palästinas lebten große jüdische Bevölkerungsgruppen. Das
judäische Volk hatte selbstverständlich ein besonders enges Verhältnis zu
den Juden, die weiterhin im babylonischen Exil lebten, aus dem sie selber
heimgekehrt waren. Unter den Ptolemäern wurden die Juden Palästinas
jedoch von den jüdischen Gruppen in Babylonien und anderen Teilen des
Seleukidenreiches abgeschnitten; gleichzeitig bahnten sich engere Beziehun­
gen zum ägyptischen Judentum an.
In der Anfangsphase des Hellenismus nahm die jüdische Wanderung von
Palästina nach Ägypten zu. Die Übersiedlung vollzog sich teils freiwillig
und beruhte auf der Anziehungskraft der besseren wirtschaftlichen Verhält­
nisse im ptolemäischen Ägypten; zum Teil erfolgte sie aber auch unter
Zwang, denn viele Juden wurden von den ptolemäischen Heeren, die in den
wiederholten Kriegen der frühen hellenistischen Periode durch Palästina
zogen, gefangengenommen und versklavt. Der Umstand, daß Ägypten und
Palästina derselben ptolemäischen Regierung unterstanden, förderte die Ent­
wicklung engerer Bindungen: Hochgestellte Judäer besuchten häufig Alex­
andria in privaten Geschäften oder im öffentlichen Auftrag und stellten
Verbindungen zu den in Ägypten lebenden Juden her. Daß das ägyptische
und palästinische Judentum in Kontakt blieben, ergibt sich auch daraus, daß
literarische Werke, die in Palästina hebräisch abgefaßt worden waren, zum
Beispiel das Buch Ben Sira, für die Juden in Ägypten ins Griechische über­
setzt wurden.
Die Beziehungen zwischen den judäischen Juden und denen in der Diaspora
waren weitgehend abhängig vom politischen Status und Streben Palästinas,
wie sie durch die Rivalität der ptolemäischen und seleukidischen Dynastie
geprägt wurden. Wenn Palästina sich vom ptolemäischen Regime löste, lok-
kerten sich auch die Bande zu den Juden in Alexandria, und ein Sieg der
Seleukiden hatte zur Folge, daß die Beziehungen zum babylonischen Juden­
tum wiederaufgenommen wurden.
14• Die Dekrete gegen die jüdische Religion
und die Gründung des hasmonäischen Staates

Die Anfänge der Seleukidenherrscbaft


Antiochus III. (223-187), der seleukidische Eroberer Palästinas, änderte we­
nig an den Regierungs- und Lebensformen, wie sie im ptolemäischen und im
Grunde auch im persischen Judäa bestanden hatten. Er gestattete Judäa, sein
traditionelles Regierungssystem beizubehalten, und gewährte sogar den Ju ­
den zusätzliche Privilegien: Erlaß aller königlichen Steuern für einen Zeit­
raum von drei Jahren, Herabsetzung des Steuersatzes um ein Drittel und
Befreiung von allen Abgaben für die Tempelsänger und die Gerusia. Dieser
Zustand hielt unter Antiochus* Sohn Seleukus IV. an. Aber die politische
und finanzielle Krise, die über die seleukidische Monarchie hereinbrach, hat­
te eine Änderung der Innenpolitik zur Folge. Die Niederlage Antiochus‫ ״‬III.
im Krieg gegen die Römer und der Friede von Apamea (188) hatten dem
Seleukidenregime hohe Reparationen auferlegt, die an die Römische Repu­
blik zu zahlen waren. Als politische Macht verlor das Seleukidenreich viel
von seinem internationalen Ansehen und hatte ständig finanzielle Schwie­
rigkeiten, die sich in der Einstellung der Zentralregierung zu den verschie­
denen Völkern des Reiches widerspiegelten. Die seleukidischen Könige sahen
sich gezwungen, Geld aufzutreiben, wo sie nur konnten, und es bestand für
sie kein Anlaß, an den gewaltigen Schätzen vorbeizugehen, die in den alten
begüterten Tempeln ihres Reiches aufbewahrt wurden. Ja, Antiochus III.
fand den Tod, als er einen berühmten elamitischen Tempel plündern wollte.
Und als Seleukus IV. sich Geld aus der Schatzkammer des Jerusalemer
Tempels zu beschaffen versuchte, handelte er keineswegs in der Absicht, die
jüdische Religion zu beleidigen, sondern nur aus schlichten finanziellen Grün­
den. Doch kann man dieses Vorgehen als die erste Phase in der Auseinander­
setzung zwischen den Juden und dem seleukidischen Königtum betrachten.

Politische Bestrebungen und Aktionen der Juden bis zur Regierungszeit


des Antiochus Epiphanes
Bei einer Bewertung der jüdischen Politik in den Jahren vor dem Hasmonäer-
aufstand muß man bedenken, daß die volle Unabhängigkeit und die Wieder­
herstellung des alten jüdischen Königtums in all seinem Glanz nicht das
eigentliche Hauptziel der jüdischen Führungsschicht waren. Ihr tatsächliches
Streben, das auch ihr Verhalten gegenüber der Zentralregierung bestimmte,
war auf die Aufrechterhaltung und Stärkung der jüdischen Autonomie ge­
250 Die Z eit des Z w eiten Tempels (M . Stern)

richtet. In ihren militärischen Unternehmungen verbanden sich die Judäer


mit beiden hellenistischen Mächten, immer in der Hoffnung, mehr Vorrechte
von der königlichen Regierung zu erwirken oder territoriale Verbesserungen
an den Grenzen des autonomen Judäas zu erreichen. Dennoch kam es in den
Landstädten und Dörfern gelegentlich zu Zusammenstößen zwischen den
Einheimischen und den Repräsentanten der Zentralregierung, die meist auf
das natürliche Spannungsverhältnis der hoch besteuerten judäischen Land­
bevölkerung zu den Behörden zurückzuführen waren. H in und wieder er­
reichten auch die Beziehungen zwischen den Juden und ihren unmittelbaren
Nachbarn einen Punkt, an dem es zu Konflikten kam. Die Ausbreitung der
jüdischen Bevölkerung in die an Judäa angrenzenden palästinischen Gebiete
und der verständliche Wunsch dieser Gebiete nach einer Vereinigung mit
Judäa führten oft zu Reibereien zwischen den Juden und ihren Nachbarn,
zumal mit den Idumäern und Samaritanern, Reibereien, die offenbar nur
deshalb nicht in Krieg ausarteten, weil die fremden Herren es durch ihre
Wachsamkeit verhinderten. Die feindselige Haltung der Juden zu ihren
Nachbarn in der damaligen Zeit spiegelt sich in den Schriften Ben Siras:
Gegen zwei Völker empfindet meine Seele Abscheu,
und das dritte ist kein Volk:
Die da seßhaft sind im Gebirge Seir und die Philister
und das törichte Volk, das zu Sichern wohnt.
(Ben Sira $0,25-26)
Doch ganz abgesehen von der Tagespolitik, blieb auch in den Jahren vor
dem Aufstand in den Herzen der Juden die Hoffnung lebendig, daß ihre
Unterdrückung nur ein vorübergehender Zustand sei und die Größe Israels
Wiedererstehen werde. Sie waren sich durchaus bewußt, daß das ‫ ״‬Erbe ihrer
Väter“ (vgl. die Worte des Hasmonäers Simeon in 1 Makkabäer 15,33) das
gesamte Land Israel umfasse, das Rechtens den Juden gehöre. Diese Hoffnung
auf die Wiedergeburt der hebräischen Nation inspirierte nicht nur messiani-
sche Visionäre und eifernde Zeloten, sondern auch einen so maßvollen Mann
wie Ben Sira:
Erneuere die Zeichen und wiederhole die Wundertaten,
verherrliche deine H and und deinen rechten Arm!
Errege deinen Groll und schütte deinen Zorn aus,
vertilge den Widersacher und reibe den Feind a u f!. . .
Vereinige [wieder ] alle Stämme Jakobs
und setze sie in den Besitz des Landes, wie es in der Vorzeit war!
Erbarme dich des Volks, das nach deinem Namen genannt ist,
und Israels, das du dem Erstgeborenen gleichgestellt h a st. . .
Lege ein Zeugnis ab für die, die von Anfang an deine Knechte waren,
und richte auf die Verheißungen, die in deinem Namen ergingen.
(Ben Sira 36)
Die D ekrete gegen die jüdische Religion 2]i

Antiochus Epiphanes und die Veränderungen in Judäa


Die Regierungszeit des Antiochus Epiphanes (175-164) bezeichnet einen
Wendepunkt in der Geschichte des jüdischen Volkes. Es war eine Zeit großer
politischer wie militärischer Aktivität. Nachdem das Seleukidenreich infolge
der Niederlage von Antiochus* Vater im Krieg gegen die Römer große Men­
schenverluste zu beklagen hatte, war er bestrebt, die Lücke mittels der Res­
sourcen wieder aufzufüllen, die ihm innerhalb des Königreiches zur Verfü­
gung standen, und zu diesem Zweck beschleunigte er die Hellenisierung in
den Ländern, die seiner Herrschaft unterstanden. Zu keiner Zeit in der Ge­
schichte der Seleukidendynastie, abgesehen von der Anfangsphase ihres Be­
stehens, wurden so viele Städte gegründet wie unter Antiochus Epiphanes;
dabei handelte es sich freilich nicht um echte Neugründungen, sondern um
bereits bestehende Städte, denen Antiochus einen neuen Status verlieh, um
die Hellenisierung voranzutreiben. Die Zahl seiner Stadtgründungen wird
von den modernen Gelehrten im allgemeinen überschätzt.
In den ersten sieben Regierungsjahren konzentrierte Antiochus Epiphanes
seine politischen und militärischen Aktionen auf die Südgrenze seines König­
reiches - die Grenze zum ptolemäischen Ägypten. Somit kam Judäa als
Pufferstaat besondere Bedeutung zu. Von Anfang an zeigte Antiochus großes
Interesse für alles, was in Palästina vorging, und eine Tendenz zur Einmi­
schung in die inneren Angelegenheiten Jerusalems. Der Hohepriester
Onias III. wurde auf seinen Befehl hin abgelöst von seinem Bruder Jason,
der dem Hellenismus zuneigte pnd überdies dem König versprochen hatte,
mehr Steuern aufzubringen als sein Vorgänger. Mit Zustimmung des An­
tiochus setzte Jason weitreichende Veränderungen im politischen und sozia­
len Gefüge Jerusalems durch. Sie zielten darauf ab, die Stadt in eine Polis zu
verwandeln, die den Namen Antiochia erhalten sollte. Das erforderte die
Einführung von griechischen p n l i m r h e n n n H W i r t r p l l p n T n s t i t m i n n g n in der
jüdischen Hauptstadt.
Die spektakulärste Institution war das ,,Gymnasium“, ein Merkmal^ aller
griechischen Städte und der Mittelpunkt ihres gesellschaftlichen Lebens. Die
Atmosphäre, die es umgab, erregte Anstoß bei den Juden, die ihrem Glauben
treu geblieben waren, denn die Tradition des Gymnasium« war im grlgchl-
schen Heidentum verwurzelt und mit dem Herakles- und H ermeskult ver-
knüpft. Es ist zwar unwahrscheinlich, daß Jason den Kult fremder Götter
in Jerusalem einführte, aber das Klima, das durch das Gymnasium in der
Stadt entstand, muß gleichsam mit Heidentum gesättigt gewesen sein. Schon
nach kurzer Zeit war der Tempel als Zentrum des gesellschaftlichen Lebens
in den Hintergrund gerückt. In 2 Makkabäer 4,14 wird mit unverhohlener
Bitterkeit berichtet, daß die Priester ihre Aufgaben im Tempel vernachläs­
sigten und statt dessen die Wettkämpfe im Gymnasium besuchten.
Getreu den Auffassungen der Tobijaden und ihrer Anhänger, gab sich Ja ­
*5* Die Z e it des Z w eiten Tempels (M . Stern)

son alle Mühe, die neue Polis in das kulturelle Leben des hellenistischen Sy­
riens zu integrieren. Das neue Antiochia (Jerusalem) war durch eine Delega­
tion bei den Spielen zu Ehren des tyrischen Herakles (Melkart) vertreten -
ein wichtiger Schritt auf dem Wege zur Zerstörung des spezifischen Erschei­
nungsbildes der Stadt. Doch Jason hielt sich nicht lange als Hoherpriester
und als Oberhaupt der Polis Jerusalem. Am Vorabend des Krieges gegen
das ptolemäische Ägypten erschien er Antiochus nicht vertrauenswürdig ge­
nug. Er wurde 171 durch Menelaos ersetzt, der nicht aus der hohenpriester-
lichen Familie stammte. D er dem König bis zur Unterwürfigkeit ergebene
Menelaos war im Grunde nichts weiter als ein gewöhnlicher Beamter der
königlichen Verwaltung. Die verheißenen großen Geldsummen - die er nur
aufbringen konnte, indem er das iudäische Volk grausam auspreßte und den
Tempelschatz plünderte - müssen dem chronisch an finanziellen Schwierig­
keiten leidenden König sehr willkommen gewesen sein. Die Beziehungen zwi­
schen der seleukidischen Monarchie und den Institutionen des autonomen
Judäas wurden jetzt auf eine völlig veränderte Basis gestellt. Aus dem H o­
henpriester, bisher der Vertreter des jüdischen Volkes und seiner Interessen,
wurde nun ein Repräsentant der Krone - der Statthalter des Antiochus ln
Jerusalem und sein Hauptpartner bei der Verwirklichung seiner judäischen
Politik.
Unterdessen hatten sich im politischen und militärischen Bereich wichtige
Ereignisse abgespielt. Der Ptolemäerkönig hatte Antiochus den Krieg er­
klärt, in der Absicht, das südliche Syrien und Palästina zurückzugewinnen,
und Antiochus hatte die Herausforderung angenommen. Schon bald drehte
er den Spieß um: Er fiel in Ägypten ein und verwandelte das Niltal in ein
Schlachtfeld. Im Jahre 168 schickte sich Antiochus an, Alexandria, die
H auptstadt des ptolemäischen Ägyptens, zu erobern und die herrschende
Dynastie vom Thron zu stoßen. N ur die Intervention der Römischen Repu­
blik bewahrte Ägypten vor einer Annexion durch die Seleukiden. Antiochus
mußte die eroberten Gebiete wieder aufgeben und trat in einem Anfall von
Depression den Heimweg an. ‫ ״‬Und nach einer bestimmten Zeit wird er wie­
der nach Süden ziehen; aber es wird beim zweiten Mal nicht so sein wie beim
ersten Mal. Denn es werden Schiffe aus Kittim gegen ihn kommen, so daß
er verzagen wird und umkehren muß. Dann wird er gegen den heiligen
Bund ergrimmen . . . “ (Daniel 11,29-30).
Antiochus‫ ״‬Krieg gegen Ägypten stand in engem Zusammenhang mit be­
deutsamen Entwicklungen in Judäa. Auf dem Rückweg von der ersten Inva­
sion Ägyptens hatte der König, unterstützt von Menelaos, die unermeßli­
chen Schätze des Tempels geraubt und dadurch den Zorn der Juden erregt,
die in dieser Tat einen schweren Schlag gegen die judäische Autonomie er­
blickten und eine absichtliche Beleidigung alles dessen, was ihnen heilig war.
Während Antiochus 168 seinen letzten Feldzug gegen Ägypten führte, ging
das Gerücht von seinem Tod in Judäa um und löste in mehreren Städten im
Die D ekrete gegen die jüdische R eligion *S3

Süden des Königreiches, auch in Jerusalem, Revolten aus. Jason, der abge­
setzte Hohepriester, kehrte nach Jerusalem zurück ‫ ־־־‬möglicherweise auf
Betreiben des ptolemäischen Hofes - und übernahm dort erneut die Macht.
Doch sobald Antiochus nach der römischen Intervention aus Ägypten heim­
gekehrt war, riß er Jerusalem wieder an sich. Um die Stadt zu bestrafen
und seinen Anspruch auf sie für die Zukunft zu sichern, verpflanzte er eine
ausländische Kolonie auf die Akra, ihre Zitadelle. Den Ausländern schlossen
sich die extremistischen Hellenisten aus der Gefolgschaft des Menelaos an.
Noch waren keine Dekrete gegen die jüdische Religion erlassen worden, aber
durch die bloße Tatsache, daß nunmehr Nichtjuden und extreme Helleni­
sten - die sich von den ersteren kaum unterschieden - die H auptstadt Judäas
beherrschten, verlor diese ihre Eigenart als heilige Stadt der Juden und ver­
wandelte sich in eine heidnische Stadt, in der der Götzenkult blühte. Die
fremden Siedler hatten ihre Götter mitgebracht, uifd Menelaos* Hellenisten
unternahmen nichts dagegen. Für viele Juden w ar diese Lage unerträglich.
Abgestoßen von dem immer stärkeren Vordringen der fremden Kulte in Je­
rusalem, verließen sie die Stadt und suchten Zuflucht in den Wüstengebieten
im Osten und Südosten oder in den Dörfern und Landstädten im Norden
und Nordwesten.

Religiöse Verfolgung

Ausübung der jüdischen Religion in Tudäa ~~und später auchTn anderen


Bezirken - und drohte jedem Tuden die Todesstrafe an, der seine Kinder be­
schneiden oder den Sabbat halten würde. Die Behörden zwangen die jüdische
Bevölkerung sogar, an heidnischen Riten teilzunehmen und verbotene Spei­
sen, insbesondere Schweinefleisch, zu essenj der TempePwurde geschändet
und dem olympischen Zeus geweiht.
Der Polytheismus gilt im allgemeinen als von N atur aus tolerant, und es
ist erwiesen, daß Antiochus in anderen Ländern seines Reiches auf jeglichen
religiösen Zwang verzichtete. Die Priester Babyloniens und anderer Völker
behielten ihren traditionellen religiösen Lebensstil bei und dienten weiterhin
ihren Göttern. Antiochus selber hatte eine besondere Vorliebe für den Kult
des olympischen Zeus, wie die Münzen beweisen, die er schlagen ließ; es
besteht jedoch kein Grund zu der Annahme, daß diese Vorliebe ihn bewogen
hätte, andere Kultformen herabzusetzen - mit Ausnahme der jüdischen Re­
ligion, die er erbarmungslos verfolgte. Offensichtlich brachten die^ l_angwäh-
renden Spannungen in Judäa den König.zu der Erkenntnis, daß die jüdische
Religion mit ihrem militanten Monotheismus hinter dem halsstarrigen Wi­
derstand steckte^mit dem die Juden allen Neuerungen begegne;enT welche
e r in ihxgmXand ejQfühtfeaJKolljte, .und daß die.ser.Widerstand^die^Sicherheit
an der fiiidgrenzg sein££.R.eiche&.gefährdete. Außerdem ist es durchaus denk­
*54 Die Z eit des Z w eiten Tempels (M . Stern)

bar, daß er gegen die jüdische Religion, die seinem ganzen Weltbild wider­
sprach, persönlich eine starke Abneigung empfand. Jedenfalls böte diese
Kombination von Machtpolitik und privatem Abscheu vor dem jüdischen
Monotheismus eine Erklärung für seine neue Politik. Im übrigen war An-
tiochus von Hause aus ein aggressiver und wagemutiger Mann, der vor un­
konventionellen Mitteln oder ungewöhnlichen Methoden nicht zurück­
schreckte.
Die Realisierung der von ihm beschlossenen politischen Maßnahmen schien
gesichert, da er sich auf die Mitwirkung der extremen Hellenisten unter den
Juden und insbesondere auf deren Anführer Menelaos voll und ganz verlas­
sen konnte. Doch augenscheinlich erkannte er nicht, wie dünn der hellenisti­
sche Firnis war, denn die bereitwillige Kooperation dieser Gruppe verleitete
ihn zu der Annahme, die gesamte jüdische Oberschicht werde ihn gegen die
seiner Herrschaft feindlichen Elemente unterstützen, deren Anhänger sich
hauptsächlich aus den unteren Klassen rekrutierten. In Wahrheit hatten Me­
nelaos und seine Gefolgsleute jedoch keine echte Basis im jüdischen Volk. Die
Hellenisten hatten durch Antiochus* neue Politik nichts zu verlieren, weil
sie sich dem jüdischen Glauben innerlich nicht mehr verbunden fühlten, und
indem sie sich sogar von der überwiegenden Zahl der Priester trennten, hat­
ten sie sich selber aus dem Gewebe der jüdischen Gesellschaftsstruktur her­
ausgelöst. Diese Gruppe folgte Antiochus, bis sie durch die Gewalt der Er­
eignisse hinweggefegt wurde; nach der Hasmonäerrevolte blieb von ihr keine
Spur mehr im jüdischen Volk. Die Dekrete des Antiochus und die Empörung,
die sie bei den treuen Anhängern des Judentums hervorriefen, führten in der
jüdischen Geschichte zu einer Wendung. Entgegen den Erwartungen des Kö­
nigs stand die große Mehrheit des jüdischen Volkes fest zu ihrer religiösen
Überzeugung, und Menschen aller Gesellschaftsschichten waren bereit, ihr
Leben für ihren angestammten Glauben dahinzugeben. Die aufrichtige und
kompromißlose religiöse Haltung der jüdischen Massen war tief verwurzelt.
Schon in früheren Zeiten hatten die Juden bewiesen, daß sie nicht zögerten,
ihr Leben zu opfern, wenn die Religion es von ihnen forderte, doch jetzt,
zum erstenmal in der Menschheitsgeschichte, wurde die Welt Zeuge eines
Massenmartyriums. Die Taten der M ärtyrer und der Frommen in jener Zeit
der religiösen Verfolgung sollten für Juden und Nichtjuden aller Zeiten bei­
spielhaft bleiben.
Wie so oft in der Zukunft ging mit dem Martyrium eine gesteigerte escha-
tologische Sehnsucht einher. Es wuchs der Glaube, daß eine Zeit der gött­
lichen Vergeltung angebrochen sei, in der das Reich des Bösen zusammen­
brechen werde, und daß sich damit die Prophetie vom ‫ ״‬Ende der Tage“
erfüllen müsse. Angesichts des Versuchs der gewaltsamen Hellenisierung ent­
wickelte sich bei den Gläubigen ein neues und verstärktes Treueverhältnis
zur Religion Israels.
Die D ekrete gegen die jüdische Religion *SS

Die Bedeutung des Hasmonäeraufstands


In ganz Judäa und Südsamaria, in den Gruppen, die seit der Umgestaltung
der Jerusalemer Regierung in den Wüstengebieten aktiv geworden waren,
und in der jüdischen Landbevölkerung von N ordjudäa und der Lydda-Ebene,
entstand eine mächtige Bewegung des Widerstands gegen die syrische Obrig­
keit. Schon nach kurzer Zeit wurde aus dieser Bewegung eine schlagkräftige
Streitmacht, angeführt von den Hasmonäern, einer Priesterfamilie aus Mo-
dein in der Gegend von Lydda, an deren Spitze ein Priester namens Mat-
tatias stand. Die Hasmonäerfamilie, die zur ‫ ״‬Wache“ von Jojarib gehörte,
genoß in jüdischen Kreisen hohes Ansehen und war für die Massen Vorbild
und Ansporn. In den folgenden 130 Jahren sollte diese Familie einen wich­
tigen Platz in der Geschichte des Judentums einnehmen.
Glaubenstreue Juden hatten schon des öfteren schwere Prüfungen durch­
gestanden, zum Beispiel während der Prophetenverfolgungen unter Ahab
und Isebel oder unter König Manasse, als ihnen fremdländische Kulte auf­
gezwungen wurden (vgl. Zweiter Teil). Doch war das Judentum wohl nie
zuvor in einer solchen Gefahr vollständiger Ausrottung wie während der
systematischen, mitleidlosen Verfolgung, die Antiochus Epiphanes durch sei­
ne Dekrete angeordnet hatte. In jenen Jahren lebte die große Mehrheit des
Volkes unter seleukidischer Herrschaft, in Palästina genauso wie anderswo.
Zwar gab es auch Juden außerhalb des Seleukidenreiches - in Ägypten, in
Kyrene, in Kleinasien und in Teilen des Orients, die damals nicht Antiochus
unterstanden - , aber es ist zu bezweifeln, ob diese Gemeinschaften materiell
und spirituell stark genug gewesen wären, die Nation lebendig zu erhalten
oder zu erneuern, falls das palästinische Zentrum zerstört worden wäre oder
seine Identität verloren hätte. Der Fortbestand des jüdischen Volkes, der
solche Auswirkungen auf die Weltgeschichte hatte, wurde sichergestellt durch
den Kampf der Hasmonäer und die Standfestigkeit der judäischen Bevölke­
rung im vierten Jahrzehnt des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts.

Die Gründe für den Erfolg des Aufstands

ln militärischer und politischer Hinsicht wurde der Ausgang des Konflikts


durch eine Reihe von inneren und äußeren Faktoren bestimmt. Der wichtig­
ste war wohl die unerschütterliche Treue der jüdisch