Sie sind auf Seite 1von 32

Das laute Schweigen: Ein Jahr nach Robert Enkes Tod/Sport

L, NL, P (Cont.), SLO,

SK: Q 2,70; dkr. 20; £ 2,70; kn 25; sfr. 4,80;

czk 80; TL 13,25; Ft 690

A,

B,

E,

F, GR,

I,

DEFGH

NEUESTE NACHRICHTEN AUS POLITIK, KULTUR, WIRTSCHAFT UND SPORT

DEUTSCHLAND-AUSGABE

HF2

HK2

HS2

HH2

München, Mittwoch, 10. November 2010

66. Jahrgang / 45. Woche / Nr. 260 / 2,00 Euro

November 2010 66. Jahrgang / 45. Woche / Nr. 260 / 2,00 Euro (SZ) Selbst ausgepichte

(SZ) Selbst ausgepichte Operettenfreun- de können Eduard Künnekes „Vetter aus Dingsda“ nicht korrekt nacherzählen. Es geht darin um die junge Julia, deren Vet- ter Roderich nach Ostasien, nach Dings- da, ausgewandert ist und ihr Treue ge- schworen hat. Bis er wiederkehrt, muss sie sich der prospektiven Heiratskandi- daten August Kuhbrot und Egon von Wil- denhagen erwehren, und zu allem Über- fluss taucht auch noch ein „armer Wan- dergesell“ auf, der sich später als August Kuhbrot zu erkennen gibt, wohingegen Roderich – doch was soll’s, die Musik ist gut, und wer nach der Aufführung die Gelegenheit hat, ein Wirsinggericht zu es- sen, sollte das tun. Schließlich ist der Wir- sing, wie der Stern einmal schrieb, „Der Vetter aus Dingsda“, eine sowohl unter Kohl- als auch unter Operettenfans bis dahin unbekannte Identität. Da dies in einem Lifestyle-Text stand, musste es nicht begründet werden. Trotz- dem fragt man sich, wie dergleichen zu- stande kommt, wo doch einerseits die Mu- sik Künnekes schön zu Herzen geht, an- dererseits die Zeit noch gar nicht lange zurückliegt, da man den Wirsing so koch- te, als hasse man ihn. Man drehte die brühheißen Blätter durch den Fleisch- wolf, bereitete eine dicke Mehlschwitze und richtete den Gemüsebrei darin der- art an beziehungsweise zu, dass der Wir- sing den Kindern ähnlich zuwider wurde wie der Spinat – auch er so ein Vetter aus Dingsda, den man uns als Rose von Stam- bul unterjubeln wollte. Das hat sich ge- ändert, der Wirsing gilt als das, was er ist und immer war, nämlich als fein. Wer heute, und sei es nur für eine Retroparty, den Wirsing in einem Teigerl zubereitet, ist in der Gemeinschaft der bewussten Esser nicht mehr satisfaktionsfähig, son- dern bekommt zu Weihnachten antiqua- risch „Das große Buch der hellen und dunklen Einbrennen“ geschenkt. Der Presse ist dieser, je nun, Paradig- menwechsel nicht verborgen geblieben, und so kündigt sie den neuen Wirsing jedes Jahr an, als wär’s der erste in der Geschichte, ein Ritual wie beim Beau- jolais nouveau, dessen Ankunft ja auch immer beinahe wie die des Messias gefei- ert wird. Das Problem an der Sache ist, dass der Wirsing, wiewohl ein Kreuzblüt- lergewächs, keinerlei Aura und Ausstrah- lung hat, weswegen sich die Lebensmit- telpoesie an ihm nur schwer zu entflam- men vermag. „Krauskopf“ ist die einzige Metapher, die sich für ihn gefunden hat, und an ihr hängen sich die Kollegen von den Agenturen auf, wenn sie wie jetzt zu melden haben, dass es frischen Wirsing gibt: „der gesunde Krauskopf“, „der viel- seitige Krauskopf“, „ein Krauskopf ganz ohne Friseur“ – mehr ist da nicht drin. Mustergültig hat dieses Feld einst der Dichter und Nobelpreisträger Paul Hey- se bestellt, nur leider nicht zugunsten des Wirsings. „Sei mir gegrüßt“, schrieb er, „du Held im Schaumgelock!“ Er meinte das Bockbier.

Heute in der SZ

Kraftwerk Wie Siemens-Chef Peter Löscher den Konzern in drei Jahren verändert hat. Von Martin Hesse

3

Prinzip Gorleben Der deutsche Atommüll galt als entsorgt, weil er die Politik nicht mehr störte. Leitartikel von Michael Bauchmüller

4

Die Neuen am Himmel Der Guide Michelin zeigt sich großzügig und ernennt fünf weitere Zwei-Ster-

10

Ein hoffnungsloser Fall

Kristina Schröder, Alice Schwarzer und

11

der

Absender der Atombombe Künftig lässt sich nach einer nuklearen Explosion ermitteln, wo der Sprengsatz

gebaut

16

Es wird weiter gebohrt Die Krise ist vorbei, die Ölindustrie plant bereits neue Großprojekte – in der

Tiefsee und der

19

Die Erfahrung pausiert Eishockey-Bundestrainer Uwe Krupp be-

ruft acht Neulinge für den Deutschland

Cup in

28

TV- und Radioprogramm Rätsel/Schach München · Bayern Familienanzeigen

32

28

31

30

Süddeutsche Zeitung GmbH Hultschiner Straße 8 81677 München;Telefon 089/21 83-0, Telefax -9777; redaktion@sueddeutsche.de Anzeigen: Telefon 089/21 83-10 10 (Immobilien- und Mietmarkt), 089/21 83-10 20 (Motormarkt), 089/21 83-10 30 (Stellenmarkt, weitere Märkte). Abo-Service: Telefon 089/21 83-80 80, www.sueddeutsche.de/abo

4

3 1 0 4 5 190655 802008
3 1 0 4 5
190655
802008
80, www.sueddeutsche.de/abo 4 3 1 0 4 5 190655 802008 Der große Regen Freiluftveranstaltungen sind in

Der große Regen

Freiluftveranstaltungen sind in Indonesien stets mit einem gewissen Risi- ko behaftet. In dem tropi- schen Land kann es von einer auf die andere Minu- te so fürchterlich zu schüt- ten anfangen, dass nur die Flucht vor der Flut bleibt. So erging es auch der Militärkapelle, die am Dienstag US-Präsi- dent Barack Obama in Jakarta begrüßen sollte. Kurz bevor Obama ein- traf, scheuchte ein Guss die Musiker vom Platz. Empfangen wurde der Amerikaner, der als Jun- ge einige Jahre in Indone- sien gelebt hatte, dann aber trotzdem mit allen Ehren. (Seite 8) Foto: AFP

Nach Nullrunde in diesem Jahr

Etwas mehr Geld für Rentner

Wegen der unerwartet guten Konjunktur können 20 Millionen Ruheständler mit leichtem Anstieg der Bezüge rechnen

Von Thomas Öchsner

Würzburg – Die 20 Millionen Rent- ner in Deutschland können 2011 mit einer leichten Erhöhung ihrer Altersbe- züge rechnen. Die Deutsche Rentenver- sicherung (DRV) erwartet ein Plus von etwa einem Prozent. 2010 hatte es wegen der Wirtschaftskrise keinen Auf- schlag gegeben. Die zunächst erwar- tete Serie von Renten-Nullrunden scheint damit jetzt auszubleiben.

Noch Anfang des Jahres waren sich die Experten einig gewesen: Die Ruhe- ständler würden bei der Rentenanpas- sung, die stets zum 1. Juli fällig wird, auch 2011 leer ausgehen. Dies gilt nun aufgrund der überraschend guten Kon- junkturentwicklung als ausgeschlossen. Die Vorstandsvorsitzende der DRV, An- nelie Buntenbach, sagte am Dienstag bei einer Tagung in Würzburg: „Die Chan- cen für eine Rentenerhöhung haben sich

verbessert.“ Diese werde zwar nicht üp- pig ausfallen, „aber höher als bisher an- genommen“. Die genaue Höhe der Rentenanpas- sung lässt sich erst im Frühjahr genau be- rechnen, weil sie maßgeblich von der Ent- wicklung der Löhne in diesem Jahr ab- hängt. Diese steigen bislang, nicht zu- letzt wegen des starken Abbaus der Kurz- arbeit, stärker als erwartet. Die Renten- versicherung kalkuliert mit einem durch- schnittlichen Plus von drei Prozent. Nor- malerweise müssten die Renten ähnlich stark zulegen. Dies verhindern jedoch mehrere Klauseln im Rentenrecht, die da- für sorgen sollen, dass die Beiträge für die Jüngeren möglichst stabil bleiben. Im kommenden Jahr macht sich hier besonders die Rentengarantie bemerk- bar. Diese Schutzklausel hat die Ruhe- ständler 2010 vor Rentenkürzungen be- wahrt. Die Kosten dafür müssen die Rent- ner aber in den nächsten Jahren abtra- gen, bis das Minus wieder ausgeglichen

ist. Ohne diesen Ausgleich könnte das Rentenplus im nächsten Jahr doppelt so hoch ausfallen, schätzt die DRV. Statt et- wa einem Prozent zusätzlich wäre also so- gar ein Aufschlag von etwa zwei Prozent herausgesprungen. In den Folgejahren könnten die ver- schiedenen Dämpfungsfaktoren bei der Rente sogar dazu führen, dass das Alters- geld prozentual weniger stark steigt als die Leistungen für Hartz-IV-Empfänger. „Sollten tatsächlich die Regelsätze höher als die Renten angepasst werden, könnte dies die Akzeptanz der gesetzlichen Ren- tenversicherung in der Bevölkerung be- lasten“, sagte Buntenbach. Sie rechnet damit, dass der Ausgleichsbedarf in Westdeutschland 2015 abgeschlossen ist. In Ostdeutschland könnte dies ein Jahr früher der Fall sein. Erst dann dürften die Rentner wieder auf stärkere Erhöhun- gen hoffen, sofern es mit der Konjunktur und damit auch mit den Löhnen weiter aufwärts geht. Zwischen 2004 und 2006

mussten sie bereits drei Renten-Nullrun- den in Kauf nehmen. 2009, kurz vor der Bundestagswahl, hatte es dagegen die höchste Rentenerhöhung seit mehr als zehn Jahren gegeben. Dem möglichen Plus 2011 stehen aller- dings neue Belastungen gegenüber. So steigt auch für Rentner zum 1. Januar der Krankenversicherungsbeitrag um 0,3 Punkte. Außerdem kommen auf sie teil- weise Zusatzbeiträge für die Kranken- kasse zu, die sie allein zahlen müssen. Die Beitragszahler müssen vorerst wei- ter auf niedrige Abgaben warten. Nach der jetzigen Kalkulation soll der Satz bis einschließlich 2013 bei 19,9 Prozent des sozialversicherungspflichtigen Brutto- lohns bleiben. Erst 2014 könne er dann auf 19,3 Prozent sinken, sagte Bunten- bach. Eine frühere oder stärkere Entlas- tung wäre möglich gewesen, hätte die Bundesregierung mit ihrem Sparpaket nicht unter anderem die Zuschüsse für Langzeitarbeitslose gekürzt.

V ielleicht schafft es Günther Jauch ja dieses Mal. Im Frühjahr war er noch

zu spät gekommen, obwohl er eigens früh aufgestanden war und sich morgens bei Aldi angestellt hatte. Für ein ganz besonderes Objekt der Begierde: ein Nachtsichtgerät. Besonders handlich, mit prima Restlichtverstärker. Im Früh- jahr war es ganz schnell vergriffen. Doch nun bringt Aldi Nord wieder ein solches Gerät auf den Markt: 119 Euro, „erstklas- sige Lichtverstärkung“, die Infrarot- Beleuchtung „leistungsstark und spar- sam“, dazu drei Jahre Garantie vom Hersteller. Früher galten Nachtsichtgeräte als Werkzeug dubioser Gesellen. Wenn an der Grenze zu Pakistan bärtige Jünglin- ge aus Deutschland gefasst wurden, hat- ten sie im Rucksack gern mal ein Nacht- sichtgerät – untrügliches Zeichen für die Geheimdienste, dass die Männer nicht auf Kulturreise an den Indus waren, son- dern eher zu ihren Brüdern im Heiligen Krieg. Und jedem, der den Film „Das

Es werde Licht

Nachtsichtgeräte sind im Trend – sogar Discounter verkaufen sie

Schweigen der Lämmer“ gesehen hat, ist die Szene unvergesslich, als sich der irre Serienmörder mit einem Nachtsichtge- rät vor den Augen der FBI-Agentin Clarice Starling nähert, die im dunklen Mordhaus nur auf ihr Gehör und den Tastsinn angewiesen ist. Und der Mörder kommt immer näher. Damals galten Nachtsichtgeräte noch als geheimnisvoll. Später dann wurden damit reihenweise Bundespolizisten aus- gerüstet, damit sie im Dunklen an der Grenze schneller Schleuserbanden auf- stöbern konnten, die durch den Wald has- teten. Noch in 300 Metern Entfernung konnten sie dabei die Gestalten erken- nen. Und Jäger besorgten sich die Tech- nik, damit sie erfolgreicher auf der Pirsch waren und das Wild im dunklen Wald erkennen konnten.

Es gibt zweierlei Geräte. Die Infrarot- geräte funktionieren, indem sie Licht aus- strahlen, das für das menschliche Auge unsichtbar ist. Die Infrarotstrahlung wird reflektiert und in sichtbares Licht umgewandelt. Andere Geräte nutzen das Restlicht von Mond und Sternen und ver- stärken es. Das Bild erscheint grün, es er- laubt Einblicke, die dem menschlichen Auge ohne Technik verborgen bleiben. Bei guten Geräten wird das Licht elektro- nisch um das 80 000fache, beim Militär sogar bis zum 100 000fachen verstärkt. Damit allerdings ist bei Geräten von Aldi oder Lidl nicht zu rechnen. Was früher Polizei oder Jägern vorbe- halten war, scheint nun Gemeingut zu werden. Halb Deutschland deckt sich of- fenbar mit Nachtsichtgeräten ein und macht die Nacht zum Tage. Kölner Tier-

freunde besuchen jeden Monat mitten in der Nacht den Zoo – ausgerüstet mit Nachtsichtbrillen, damit sie die nachtak- tiven Tiere besser beobachten können:

Eulen zum Beispiel, die aber fast schon wieder zu schnell fliegen für das mensch- liche Auge – mit oder ohne Nachtsichtge- rät. Die Autoindustrie bietet als Sonder- ausrüstung Nachtsichtgeräte an, mit de- nen man noch in 400 Metern Entfernung Hindernisse auf der Fahrbahn erkennen kann – Rehe, Menschen oder auch andere Autos. Und selbst in den Kinosälen sind Nachtsichtgeräte im Einsatz: auf der Su- che nach Raubkopierern, die die neu- esten Filme aufnehmen und verhökern. Günther Jauch braucht sein Nacht- sichtgerät sicher nur dafür, um zu sehen, ob brandenburgische Wildschweine durch seinen Garten robben. Vielleicht aber schaut der ein oder andere auch ganz gern mal in Nachbars Garten – oder durch dessen Fenster. Natürlich nur, um sich zu vergewissern, dass dort alles in

Ordnung ist.

Annette Ramelsberger

Schröder: Bush lügt

Altkanzler bestreitet Aussage des früheren US-Präsidenten, er habe ihm Unterstützung für den Irak-Krieg zugesagt

Von Nico Fried

Berlin – Die heftigen deutsch-amerikani- schen Differenzen über den Irak-Krieg vor sieben Jahren haben ein Nachspiel:

Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder hat am Dienstag die Behaup- tung des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush entschieden zurückge- wiesen, Schröder habe sich im Januar 2002 für einen militärischen Einsatz im Irak ausgesprochen. „Der frühere ameri- kanische Präsident Bush sagt nicht die Wahrheit“, erklärte Schröder in einer Re- aktion auf Bushs Memoiren, die am Dienstag in den USA erschienen sind. Die damalige Bundesregierung habe eine Unterstützung für einen Krieg im Irak nur für den Fall in Aussicht gestellt, dass sich der Irak – wie zuvor Afghanistan – als Zufluchtsort für Al-Qaida-Terroris- ten erweisen würde.

Bush schreibt in seinen Memoiren mit dem Titel Decision Points (etwa: Weg- marken der Entscheidung), dass er sich im Vorfeld des Irak-Krieges von Schrö- der getäuscht gefühlt habe. Der damali- ge Bundeskanzler habe ihm bei einem Treffen im kleinen Kreis im Weißen Haus am 31. Januar 2002 die volle Unterstüt- zung für die Irak-Politik zugesagt. Er ha- be dem Kanzler bei dem Gespräch klar- gemacht, dass er als letzte Option auch mit militärischer Gewalt gegen den iraki- schen Diktator Saddam Hussein vorge- hen würde, schreibt Bush. Schröder habe geantwortet: „Was für Afghanistan rich- tig ist, ist auch für den Irak richtig. Natio- nen, die den Terrorismus unterstützen, müssen mit Konsequenzen rechnen. Wenn Sie es schnell und entschieden erle- digen, dann bin ich mit Ihnen.“ Bush fährt fort: „Dies habe ich als Erklärung der Unterstützung aufgenommen.“ Vor

den Bundestagswahlen in Deutschland im Sommer 2002 „hatte Schröder plötz- lich einen anderen Dreh“, schreibt Bush. Da habe der Kanzler plötzlich öffentlich gegen eine Invasion im Irak opponiert. Anders als Bush legt Schröder Wert auf die Konditionierung seiner Aussage. Schon in seinen eigenen Memoiren hatte der Ex-Kanzler 2006 von der Reise nach Washington berichtet. Demnach habe er dem amerikanischen Präsidenten klarge- macht, „dass für den Irak das Gleiche zu gelten habe wie für Afghanistan, sofern es darum gehe, gemäß der Entschließung des UN-Sicherheitsrates zu handeln, wo- nach kein Land, das Terroristen beher- bergt oder schützt oder sonstwie begüns- tigt, ungeschoren davonkommen wer- de“. Schröder fügt in seinem Buch hinzu:

„Dann, aber nur dann, hätten uns die USA an ihrer Seite.“ Am Dienstag er- gänzte Schröder, die von der US-Regie-

rung hergestellte Verbindung zwischen dem Irak und dem Terrorismus habe sich als „falsch und konstruiert“ erwiesen. „Die Begründungen der Bush-Adminis- tration für den Irak-Krieg basierten, wie wir heute wissen, auf Lügen“, so Schrö- der in seiner Erklärung. Das Zerwürfnis über den Irak-Krieg habe sein Verhältnis zu Schröder zerrüt- tet, schreibt Bush. „Ich schätze persönli- che Diplomatie und lege viel Wert auf Vertrauen“, so der Ex-Präsident. „Als dieses Vertrauen verletzt wurde, war es schwierig, noch einmal eine konstruktive Beziehung zu haben.“ Schröder sei „ei- ner der am schwierigsten zu durchschau- enden Staatsmänner“ gewesen, mit de- nen er als Präsident zu tun hatte. Beson- ders getroffen fühlte sich Bush von ei- nem Vergleich mit Hitler, den die damali- ge Bundesjustizministerin Herta Däub- ler-Gmelin gezogen haben soll. (Seite 2)

Blockade bei Autoabgasen

Berlin und Paris verhindern scharfe EU-Grenzwerte

Brüssel – Aus Rücksicht auf die heimi- sche Autoindustrie blockieren die Regie- rungen in Berlin und Paris ambitionierte Abgasvorschriften für Vans und Liefer- wagen. „Wir sind überrascht, wie eifrig Deutschland und Frankreich versuchen, alle auf dem Tisch liegenden Vorschläge zu verwässern“, sagte ein belgischer Re- gierungsvertreter der Süddeutschen Zei- tung. Belgien sitzt der Europäischen Uni- on derzeit als Ratspräsidentschaft vor und leitet damit die Verhandlungen zur Einführung von Kohlendioxid-Grenz- werten für leichte Nutzfahrzeuge. Vor ei- nem Jahr hatte die EU-Kommission vor- geschlagen, den Ausstoß von klimaschäd- lichem Kohlendioxid für leichte Nutz- fahrzeuge zu begrenzen. Danach sollen bis zum Jahr 2020 die Emissionen min- destens um ein Fünftel im Vergleich zu 1990 reduziert werden. Leichte Transpor- ter werden vor allem von Handwerkern, Kurierdiensten und Einzelhändlern ge- nutzt. Auf diese Fahrzeuge entfallen knapp zwei Prozent aller Emissionen in Europa. Lieferwagen machten 2008 elf

Prozent aller neu zugelassenen Fahrzeu- ge aus. Die größten Hersteller sind Fiat, Renault, Peugeot, Volkswagen und Daim-

ler. (Seite 6)

gam

Polizei rügt Regierung für Castor-Transport

Berlin – Die Gewerkschaft der Polizei hat den Atommülltransport nach Gor- leben als „Fanal fataler politischer Irr- fahrten“ gewertet. Der Vorsitzende Kon- rad Freiberg sagte: „Es war ein großer po- litischer Fehler, den mühsam errungenen Atomkonsens aufzukündigen.“ Die Poli- zei sehe sich in die Rolle des „Erfüllungs- gehilfen politischen Machterhalts“ ge- drängt. Die Deutsche Polizeigewerk- schaft forderte wegen der Belastung der Polizisten beim Castor-Einsatz die Absa- ge aller Fußball-Bundesligaspiele am Wochenende. (Seite 6) SZ

Schäubles Sprecher tritt zurück

Berlin – Der Sprecher von Finanzminis- ter Wolfgang Schäuble (CDU), Michael Offer, gibt seinen Posten auf. Offer zog damit die Konsequenz aus einem Vorfall vergangene Woche, als der Minister sei- nen Sprecher öffentlich für dessen Vorbe- reitung einer Pressekonferenz kritisiert hatte. Schäuble teilte am Dienstag mit, er habe Offer auf dessen Wunsch hin von seiner Funktion entbunden. Der frühere Sprecher wird aber weiter im Finanzmi- nisterium arbeiten. (Seiten 3 und 4) SZ

Agrarsubventionen nicht mehr im Internet

Berlin – Bundesregierung und Länder ha- ben beschlossen, die Namen der Empfän- ger von EU-Agrarbeihilfen von sofort an nicht mehr im Internet zu veröffentli- chen. Das teilte Agrarstaatssekretär Ro- bert Kloos mit. Zuvor hatte der Europäi- sche Gerichtshof EU-Vorschriften über die Veröffentlichung der Zahlungsemp- fänger wegen datenschutzrechtlicher Be- denken teilweise für ungültig erklärt. Die Umweltschutzorganisation Green- peace sprach von einem „Pyrrhus-Sieg“ der Bauern. (Seite 4 und Wirtschaft) dku

Nikolaus Schneider führt Evangelische Kirche

München – Die Synode der Evangeli- schen Kirche in Deutschland hat Niko- laus Schneider zum Ratsvorsitzenden ge- wählt. Der 63-Jährige hatte bereits nach dem Rücktritt seiner Vorgängerin Mar- got Käßmann im Februar das Amt über- nommen und wurde nun vom Kirchen- parlament bestätigt. Der Präses der evan- gelischen Kirche im Rheinland ist damit oberster Repräsentant von fast 25 Millio- nen Protestanten. Zu Schneiders Stellver- treter wurde der sächsische Landesbi- schof Jochen Bohl gewählt. (Seite 5) SZ

Dax i

Dow j

Euro j

Xetra Schluss

N.Y. 18 Uhr 11 393 Punkte

18 Uhr

6788 Punkte

1,3872 US-$

+ 0,55 %

– 0,13 %

– 0,0050

Das Wetter

München – Vor allem zwischen Mittel- rhein und der Ostseeküste kräftiger Regen. Entlang der Donau nur wenige Tropfen, sonst im Osten und Südosten bei etwas Sonnenschein weitgehend tro- cken. Temperaturen fünf bis elf Grad. (Seite 31)

Seite 2 / Süddeutsche Zeitung Nr. 260

HF2

THEMA DES TAGES

Mittwoch, 10. November 2010

Er spaltete die Welt mit seinem Irak-Krieg. Er hin- terließ sein Land hochverschuldet und moralisch zerrüttet. Als einer der unbeliebtesten Präsiden- ten in der Geschichte der USA trat er vor zwei Jah- ren ab. Nun meldet sich George W. Bush mit einer

Die Autobiographie des George W. Bush

scher Anschläge rechtfertigt Bush die Folterung von Al-Qaida-Führern. Und wer nicht für ihn ist, der ist immer noch gegen ihn – zum Beispiel Gerhard Schröder, der ihm als Bundeskanzler beim Irak-Feldzug die Gefolgschaft verweigerte.

Autobiographie zurück, um seinen Rang in der Ge- schichte zu beanspruchen. An seinem Weltbild hat sich nichts geändert. Mit der Abwehr terroristi-

Wieder im Krieg

George W. Bush verteidigt seine Präsidentschaft in einem Buch, doch selbst die eigene Partei hält ihn für einen Versager

Von Reymer Klüver

I n Dallas kamen die Ersten am Montag

um zwei Uhr mittags. Decken hatten

sie dabei und Campingstühle und stell-

ten sich vor dem „Borders Bookstore“ in der Preston Road an. Hier, in seiner Wahl- heimat, wollte George W. Bush, 43. Präsi- dent der Vereinigten Staaten und seit fast zwei Jahren Pensionär, am Dienstag- vormittag mit einer Signierstunde seine Buchtour quer durch den Kontinent be- ginnen. Bush hat seine Memoiren geschrieben. „Decision Points“ lautet der Titel, viel- leicht am ehesten mit „Momente der Ent- scheidung“ zu übersetzen. Sie sind 477 Seiten lang, er hat sie zusammen mit einem jungen Redenschreiber abgefasst. Darin erzählt Bush von Zäsuren, die sein Leben und seine Präsidentschaft präg- ten: Wie er als Teenager eine Fehlgeburt seiner Mutter miterlebt hat, wie er vom Trinken losgekommen ist, und wie er den einsamen Entschluss fasste, die Truppen im Irak zu verstärken. Mit einem „media blitz“, wie die Ame- rikaner das nennen, mit einer sorgfältig orchestrierten Offensive von Fernseh-, Rundfunk- und Zeitungsinterviews wird

Er hat den Staatssektor ausgebaut – eine Todsünde in den Augen der Tea Party.

das Buch in dieser Woche vermarktet. Der Fernsehsender NBC brachte am Mon- tagabend zur besten Sendezeit ein ein- stündiges Interview mit Bush, zum Teil in einer Kirche aufgenommen. Sean Han- nity vom Lieblingssender der Rechten, Fox News, war auf der Bush-Ranch in Crawford zu Gast. Bush ist bei Oprah Winfrey, der Königin der Talkshows (und einstigen Unterstützerin Barack Obamas), er spricht live mit dem erzkon- servativen Radiomoderator Rush Lim- baugh und geht sogar in die Late-Night- Show von Jay Leno. Zum ersten Mal nach fast zwei Jahren nimmt Amerika seinen abgelegten Präsi- denten wieder zu Kenntnis. Das hat na- türlich damit zu tun, dass das Land die- sen Mann nach dem Einzug Barack Oba- mas ins Weiße Haus zunächst so schnell wie möglich vergessen wollte. Aber es liegt auch am äußerst zurückgezogenen Leben, das Bush sich selbst auferlegt hat. Seit seinem Abschied aus Washington am 20. Januar 2009 hat er sich kaum ein- mal in der Öffentlichkeit gezeigt. Des- halb ist es jetzt ein wenig so, wie die New York Times treffend schreibt, als begeg- ne man nach Jahren der Trennung einem früheren Partner auf der Straße: „Der Ex scheint zugleich unheimlich der Alte ge-

Straße: „Der Ex scheint zugleich unheimlich der Alte ge- „Mission erfüllt“, meldete Bush am 1. Mai

„Mission erfüllt“, meldete Bush am 1. Mai 2003 auf dem Flugzeugträger Abraham Lincoln: Der Irak-Krieg sei gewonnen. Ein historischer Irrtum.

Foto: Reuters

blieben zu sein, und doch wirkt er merk- würdig reduziert.“ Tatsächlich zeigt sich der Mann, an dem im Weißen Haus alle Kritik abzu- prallen schien, auf den ersten Blick unge- wöhnlich selbstkritisch. Es ist fast eine Litanei von Fehlern, die er einräumt. Ja, sagt Bush, „ich hätte einiges besser ma- chen können.“ Er hätte nach der Invasi- on nicht so schnell wieder die Truppen aus dem Irak abziehen sollen. Anstatt sich am Umbau der Rentenversicherung zu verkämpfen, die im Kongress unter- ging, hätte er eine längst überfällige Ein- wanderungsreform durchsetzen sollen. Und nach dem Hurrikan Katrina habe er, der sich sonst klarer und eindeutiger Entscheidungen rühmt, nicht entschie- den genug gehandelt. Er hätte in Baton Rouge, der Hauptstadt Louisianas, lan- den sollen, anstatt in Airforce One nur

über New Orleans hinwegzufliegen und sich dabei fotografieren zu lassen. „Das war ein großer Fehler“, sagt er, „das gab meinen Kritikern die Gelegenheit, meine Präsidentschaft zu untergraben.“ Doch zugleich zeigt sich die alte Unbe- irrtheit, die unbekümmerte Immunität gegenüber dem Urteil anderer. Er vertei- digt das Waterboarding, die umstrittene Verhörmethode, bei der Gefangene das Gefühl haben, ertrinken zu müssen, als „rechtmäßig, weil es die Anwälte so ge- sagt haben. Ich bin kein Anwalt, aber man muss dem Urteil der Leute um einen herum trauen. Und das habe ich.“ Außer- dem seien nur drei Gefangene der Tortur unterzogen worden. Er verteidigt den Einmarsch in den Irak: „Ich glaube nicht, dass es die falsche Entscheidung war.“ Und er sagt, dass er nicht mehr hät- te unternehmen können, um die Anschlä-

ge vom 11. September 2001 zu verhin- dern: „Wir hatten keine soliden Geheim- diensterkenntnisse.“ Tatsächlich wurde er Anfang August 2001 über die Bedro- hung durch al-Qaida unterrichtet. Der Titel des Briefings: „Bin Laden entschlos- sen, in den USA zuzuschlagen“. Politische Überraschungen enthalten die Memoiren kaum. Man erfährt, dass sein Vize Dick Cheney ihm vor dem Ende seiner Amtszeit den Rücktritt angeboten hat, den er erst nach mehrwöchiger Be- denkzeit abgelehnt habe, „weil ich ihn mag“. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld habe er nach den Vorgängen in Abu Ghraib, wo US-Soldaten irakische Gefangene misshandelten, aus dem Grund nicht rausgeworfen, weil er kei- nen Nachfolgekandidaten parat hatte. Politischen Einfluss hat Bush – im Ge- gensatz etwa zu seinem Vorgänger Bill

Clinton – nicht mehr. Selbst unter Bushs Parteifreunden gilt seine Präsident- schaft als Reinfall. Auch wenn er gewisse Sympathie für die Tea-Party-Bewegung erkennen lässt – „Ich sehe, dass die Demo- kratie funktioniert“, sagt er in einem In- terview – , wird diese von den neuen Rech- ten nicht erwidert. Erst am Montag hielt ihm sein Nachfolger als Gouverneur von Texas, Rick Perry, vor, als Präsident „big government“ betrieben zu haben, also den Staatssektor ausgebaut zu haben. Das ist eine Todsünde in den Augen der Tea-Party-Leute, die Bush auf alle Zei- ten diskreditiert. George Bush hat noch Hoffnung, dass sich das Urteil über seine Präsident- schaft wandelt: „Ich hoffe, dass sie ein- mal als erfolgreich eingestuft wird“, sag- te er im Fernsehinterview am Montag, „aber dann werde ich längst tot sein.“

Wenn Waffenbrüder Gefühle zeigen

Der ehemalige US-Präsident rühmt Tony Blair als treuesten Verbündeten und behauptet, dass ihm sein Ruf in Europa immer ziemlich egal gewesen sei

Von Wolfgang Koydl

E in wenig haben sie ja immer an zwei Schuljungen erinnert, die gemeinsam

einen Streich ausheckten. Das galt vor al- lem, wenn der Brite den Amerikaner auf dessen Ranch in Texas besuchte: das bu- benhafte Grinsen, die knallengen Jeans, die brüderlich geteilte Zahnpasta. Das Verhältnis zwischen dem amerikani- schen Präsidenten George W. Bush und dem britischen Premierminister Tony Blair war immer noch ein wenig speziel- ler als das Verhältnis der beiden Staaten. Kein Wunder also, dass Bush nun der Londoner Times ein Interview anlässlich der Vorstellung seiner Memoiren gewähr- te. Und noch weniger ein Wunder ist es,

wie dick das Lob des Ex-Präsidenten für den Ex-Premier ausfiel. Die Times woll- te gar einen Vergleich mit dem legendä- ren Kriegspremier Winston Churchill herausgehört haben. Zusammengeschweißt wurden Bush und Blair durch den gemeinsam begon- nenen Irak-Krieg, und der Brite hat die- sem Unternehmen sogar seine Popularität daheim auf den Inseln geopfert. Mehr noch: Nie zuvor war das Misstrauen der Briten gegenüber den Anglo-Cousins jen- seits des Atlantiks größer als zu Zeiten der Männerfreundschaft zwischen Bush und Blair. Und so richtig erholt hat sich das Verhältnis bis zum heutigen Tag nicht. Bush kannte die Nöte seines britischen Freundes, und erstmals enthüllt er nun,

dass er Blair einen Ausweg aus dem Irak-Unternehmen angeboten hatte. Als Blair Gefahr lief, über eine Abstimmung im Unterhaus wegen des Kriegs zu stür- zen, habe er ihm angeboten, aus der Sa- che auszusteigen, vertraute Bush nun der Times an. Aber Blair sei bei der Stange geblieben. „Ich bin dabei“, habe Blair ge- sagt. „Und wenn meine Regierung stürzt, sei’s drum.“ Starke Worte, hehre Empfindungen, beides zieht sich durch das ganze Ge- spräch. Die umstrittene Verhörmethode des Waterboarding etwa verteidigt Bush nicht nur; er bezeichnet sie nachgerade als Selbstverständlichkeit, weil es galt, die Nation zu verteidigen. So seien meh- rere Anschläge verhindert und damit un-

zählige Menschenleben gerettet worden, unter anderem bei bereits fest geplanten Attacken auf den Londoner Zentralflug- hafen Heathrow und auf Canary Wharf, das Finanzzentrum der britischen Haupt- stadt. Die Times, die am Dienstag mit dem Vorabdruck der Bush-Erinnerungen be- gann, fragte den Ex-Präsidenten unver- blümt und direkt, ob der in amerikani- sche Hände gefallene Al-Qaida-Führer Chalid Scheich Mohammed dieser Verhör- methode unterzogen worden sei. „Damn right“, antwortete Bush: verdammt rich- tig. „Wir fangen den Kerl, den wichtigs- ten Qaida-Führer, der 3000 Menschen (bei den Anschlägen vom 11. September in New York und Washington) getötet

hat. Wir hatten das Gefühl, dass er Infor- mationen über einen weiteren Angriff be- sitzt. Er sagt: Ich rede mit euch, sobald mein Anwalt da ist. Ich sage: Welche Op- tionen gibt es und welche sind rechtmä- ßig.“ Und dann gab Präsident Bush seine Einwilligung: Man fesselte Mohammed, legte ihm einen Lappen aufs Gesicht und goss Wasser darauf, so dass er zu ertrin- ken glaubte. Großbritannien gehört zu den Ländern, die das Waterboarding als Folter betrachten. Bush ließ dann noch in dem Interview durchblicken, wie sehr ihn sein Ruf in Eu- ropa und speziell in Großbritannien ge- kümmert habe. Gar nicht, sagte er. Sein Ruf sei ihm schon in seiner Zeit als Präsi- dent ziemlich egal gewesen.

Aktuelles Lexikon

Schöpfung

Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus spricht sich gegen Gen- tests an Embryonen aus und warnt da- vor, sich in die Schöpfung einzumischen. Unter einer Schöpfung kann man jede große und originelle menschliche Hervor- bringung verstehen, hier jedoch meint der Begriff etwas Doppeltes: einerseits das Geschaffene, die Welt in der Vielfalt ihrer Erscheinungen und Lebensformen, andererseits den freien Akt, „wodurch Gott vermöge seiner Allmacht, Weisheit und Güte aus dem Nichts“ (Herders Kon- versations-Lexikon 1907) Welt und Kos- mos erschaffen hat. Dem christlich-euro- päischen Kulturkreis ist dieser Akt aus dem Buch „Genesis“ vertraut, einer den unfassbaren Vorgang bildhaft darstellen- den Erzählung, die einem sehr engen Ver- ständnis freilich als sachlich zutreffend gilt (Kreationismus). Die Vorstellung, wo- nach die Welt durch eine personifizierte Macht aus einem präexistenten Nichts oder Chaos geschaffen worden sei, findet man auch in anderen Kulten und Religio- nen. Ihr setzen die Naturwissenschaften das Konzept entgegen, dass das gesamte All aufgrund physikalischer Prinzipien entstanden sei, also aus sich selbst. Was indessen die Einmischung in die Schöp- fung angeht, so hat sie zwar den Ruf des Anmaßenden und Unbefugten. Sie kann sich aber darauf berufen, dass Gott den Menschen auftrug, sich die Erde unter- tan zu machen (Genesis 1, 28), sie eigen- schöpferisch auszugestalten. us

„Engagiert und warmherzig“

Das Urteil über Angela Merkel

Von Nico Fried

A ngela Merkel trat ein schweres Erbe an, als die neue Bundeskanzlerin

2005 das erste Mal in die USA reiste. Ei- nen Gutteil davon hatte sie sich selbst ein- gebrockt, denn die gelinde gesagt diffuse Haltung der Oppositionsführerin Angela Merkel zum Irak-Krieg war in Deutsch- land noch nicht vergessen. In Washing- ton hingegen war man gespannt auf die Neue, die als Nachfolgerin des in Ungna- de gefallenen Gerhard Schröder kam. Dessen persönliches Verhältnis zu George W. Bush war seit dem Streit über den Irak-Krieg zerstört. Offiziell hatte man sich zwar versöhnt, hatte bei einem Treffen im September 2003 in New York die Hände geschüttelt. Aber in Wahrheit ging nichts mehr zwischen den beiden. Der Präsident, 2004 zum Bedauern vie- ler Deutscher gegen seinen demokrati- schen Herausforderer John Kerry erfolg- reich und damit für eine zweite Amtszeit wiedergewählt, begegnete Merkel mit einer beispiellosen Charme-Offensive und stilisierte die ehemalige DDR-Bürge- rin geradezu zum personifizierten Sym- bol für die Segnungen von Freiheit und Demokratie. Tatsächlich unterhielten sich Bush und Merkel immer wieder über Merkels Erfahrungen in der Diktatur. Später ließ die Kanzlerin sogar einmal zu Hause in Deutschland erkennen, dass sie sich so viel aufrichtiges Interesse an der DDR auch von manchem Westdeutschen gewünscht hätte. In seinem Buch schreibt Bush über Merkel: „Angela war vertrauenswürdig, engagiert und warmherzig.“ Sie sei „schnell zu einem meiner engsten Freun- de auf der Weltbühne“ geworden. Im Sep- tember 2007 war Merkel zu Gast auf Bushs privater Ranch in Crawford. Ihren härtesten Zusammenprall hatten der Prä- sident und die Kanzlerin wohl auf dem Nato-Gipfel in Bukarest. Damals wollte Bush Georgien und die Ukraine den Weg ins transatlantische Bündnis ebnen, was Merkel vehement ablehnte. Die direkte Art der Kanzlerin imponierte Bush. Bei ihr, so soll er ihr einmal bei anderer Gele- genheit gesagt haben, wisse er jedenfalls, woran er sei. Bei ihrem Vorgänger sei das anders gewesen.

SUEDDEUTSCHE ZEITUNG (USPS No. 0541550) is published daily except Sunday and holidays by Sueddeutsche Zeitung GmbH. Subscription price for USA is $ 590 per annum. K.O.P.: German Language Pub., 153 S Dean St, Englewood, NJ 07631. Periodicals postage is paid at Englewood, NJ 07631 and additional mailing offices. Postmaster: Send address changes to: SUEDDEUTSCHE ZEITUNG, GLP, POBox 9868, Englewood, NJ 07631.

D aniel Cohn-Bendit, der frühere Dezernent für multikulturelle An- gelegenheiten in Frankfurt am

Main, erklärte einmal, woran er erkann- te, dass die 68er-Bewegung in Deutsch- land gesiegt habe – an einem Spruch sei- nes konservativen Amtsnachfolgers. Der Spruch lautete: „Mit den Muslimen klappt das nicht, die schikanieren ihre Frauen.“ Dass Multikulti gescheitert sei, hören wir seit Jahren, zuletzt von der Bundeskanzlerin, die das übrigens nur werden konnte, weil ’68 und ’89 geklappt haben. Gleichberechtigung der Frau ge- lungen, Integration der Einwanderer ge- scheitert?

Auch wenn derzeit aus allen Rohren ge- schossen wird: Multikulti lebt und wird auch noch gewinnen. Der Importeur des Begriffs (ich habe den Namen der Band des Trompeters Don Cherry 1990 als Ti- tel eines Buches verwendet) darf viel- leicht klarstellen, was Cohn-Bendit, aber auch Heiner Geißler und andere sei- nerzeit unter Multikulturalismus ver- standen haben. Nämlich nicht, wie Ange- la Merkel vor der jauchzenden JU zu for- mulieren beliebte: „Jetzt machen wir hier mal Multikulti und leben so ne- ben’ander her und freuen uns über’nan- der“ (so der Original-Ton). Wer die frü- hen Plädoyers und viele nachfolgende Studien gelesen hat, weiß, dass niemand Beliebigkeit oder die Scharia gefördert, sondern die republikanische Integration der Verschiedenheit gefordert hat.

Außenansicht

Multikulti kommt erst noch

Die Union droht den Zuwanderern – und wundert sich über Probleme, die sie selbst geschaffen hat

Von Claus Leggewie

Dazu zählten unter anderem die Ab- kehr von einem völlig antiquierten Staatsangehörigkeitsrecht, eine zu- kunftsfeste Arbeits- und Sozialpolitik, die Gewährung der im Grundgesetz ga- rantierten Religionsfreiheit und natür- lich Bildungsanstrengungen aller Art. Die Probleme, die heute unter den Stich- wörtern Parallelgesellschaft und Schul- versagen notiert werden, wurden von den Befürwortern von Multikulti ziem- lich genau vorhergesagt. Sie waren die wirklichen Realisten.

Adressaten ihrer Kritiken und Vor- schläge waren die Partei Helmut Kohls und Teile der ebenso einwanderungs- feindlichen SPD, die genau das prakti- ziert haben, wofür die Kohl-Nachfolge- rin Merkel heute „Multikulti“ verant- wortlich macht: nämlich mit mutter-

sprachlichem Unterricht, mit aus der Türkei eingeflogenen Hodschas, mit pre- kären Arbeitsverhältnissen und verwei- gerten Bürgerrechten „so neben’ander herzuleben“ – weil man sich eingebildet hatte, die Gastarbeiter würden alsbald nach Hause fahren und nach erfolgtem Anwerbestopp ihre Familien nicht nach Deutschland holen. Phantasterei war das.

Jetzt regt sich die Kanzlerin auf, um abzulenken von mindestens zwanzig Jah- ren Versäumnissen der Einwanderungs- und Integrationspolitik, die ihre Partei verschuldet hat. Die Union gleicht El- tern, die über ihre pubertierenden Kin- der meckern und vergessen, dass sie selbst die Erziehungsberechtigten wa- ren. Und da sie (nicht irgendeine Multi- kulti-Partei) jahrelang die Zügel schlei-

fen ließ, schlägt sie jetzt autoritäre Maß- nahmen gegen „Integrationsverweige- rer“ vor, an deren Praktikabilität ernst- haft niemand glaubt.

Es gibt in der CDU Menschen wie Ar- min Laschet, den früheren Integrations- minister von Nordrhein-Westfalen, und Maria Böhmer, die für das Thema zustän- dige Staatsministerin im Kanzleramt. Aber es ist eine Schande, dass diese bei- den, die es ja besser wissen, auch vor dem Sarrazinismus einknicken und es Indus- trievertretern überlassen, den populisti- schen Blödsinn von Horst Seehofers For- derung nach einem Einwanderungsstopp aus anderen Kulturkreisen als solchen zu kennzeichnen. Die Bundesrepublik Deutschland, die es in den 1990er Jahren mit ungeregelter Einwanderung ge- schafft hat, selbst die Vereinigten Staa- ten zu übertreffen, ist netto längst zum Auswanderungsland geworden. Nicht zu- letzt, weil Menschen, die hier ihre Bil- dung erworben haben, nun mit guten Qualifikationen quasi „zurück“ gehen.

Das ist auch nur konsequent, wenn man die Stimmung eines Landes ermisst, das sich mit einem Panik-Titel wie „Deutschland schafft sich ab“ präsen- tiert, das seine schlechte Laune ausstellt und neue Einwanderer regelrecht ab- schreckt. Nur: Wer füllt dann Hundert- tausende freie Ingenieurs- und Fachar- beiter-Stellen aus, wer pflegt eines Tages die geifernden Blogger, die jetzt zur Hatz

auf die Multikulti-Phantasten blasen? „Die gestörte Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft lähmt die schöpfe- rischen Potenzen unserer Gesellschaft und behindert die Lösung der anstehen- den lokalen und globalen Aufgaben. Wir verzetteln uns in übelgelaunter Passivi- tät und hätten doch Wichtigeres zu tun für unser Leben, unser Land und die Menschheit.“ Dieser Text dürfte Angela Merkel bekannt vorkommen: Es ist der Gründungsaufruf des Neuen Forums von 1989. Aber er passt auf das Sarra- zin-Land von heute.

Das Bürgertum mobbt heute Einwan- derer und vermeintliche Multikul- ti-Phantasten; das ist das Ergebnis der Sarrazin-Debatte. Nach der verweiger- ten Integration der Juden in den Alltag der deutschen Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert versagt es damit – ausge-

im 19. und 20. Jahrhundert versagt es damit – ausge- Claus Leggewie, 60, ist Direktor des

Claus Leggewie, 60, ist Direktor des Kulturwissen- schaftlichen Insti- tuts Essen. Foto: dpa

rechnet von der „christlich-jüdischen Leitkultur“ schwadronierend – womög- lich ein zweites Mal, nun bei der Anerken- nung des säkularen Islams als Teil Deutschlands. Wer den Islam im Westen pauschal zum Fremdkörper erklärt, be- treibt das Geschäft der Islamisten, die ge- nau dasselbe behaupten.

Die Union Helmut Kohls war die Euro- pa-Partei, heute sind dies die Grünen. Deutsche Leitkultur statt Multikulti:

Das wäre ein Verfassungsbruch. Die Nor- men westlicher Demokratien mögen be- stimmten Traditionen entstammen, zum Beispiel christlich-jüdischen Wurzeln. Sie dürfen damit aber nicht verschmel- zen und für den Kulturkampf gegen ande- re Traditionen präpariert werden.

Die Christen-Partei mag noch so viel Abendland in ihr Grundsatzprogramm hineinphantasieren, der multikulturelle Alltag wird sich – einschließlich seiner von niemandem bestrittenen unerfreuli- chen Kehrseiten – weiterentwickeln. Und mit seinen besseren Seiten wird er hoffentlich die Talente ins Land locken, die eine vergreisende Mehrheitsgesell- schaft derzeit mit Fleiß vergrault. Multi- kulti-Schelte – wie langweilig! Es wird Zeit, Schluss mit der Angst vor Fremden zu machen und eine Politik zu verfolgen, die nicht mit Statistiken und Schlagwor- ten um sich wirft, sondern kühl, men- schenfreundlich und zukunftsoffen zu- gleich ist.

Mittwoch, 10. November 2010

DIE SEITE DREI

Kraftwerk

Süddeutsche Zeitung Nr. 260 / Seite 3

Eine Korruptionsaffäre, schlechte Geschäfte und viele Selbstzweifel – das war Siemens, als Peter Löscher dort Chef wurde. Drei Jahre später steht der Konzern gut da, und die Mitarbeiter sehen den spröden Mann an der Spitze nicht mehr als Fremden.

Von Martin Hesse

München – Er hat eine kleine Vorliebe für programmatische Sätze. Auch des- halb ist er wahrscheinlich dort, wo er ist. An der Spitze des größten deutschen Industriekonzerns. Und so fängt Peter Löscher ein Gespräch gleich mal mit so einem Satz an: „Ich wollte Siemens nie von meinem Schreibtisch am Wittels- bacher Platz aus führen“, sagt Löscher. Dort, in der Belle Etage des rosa Pa- lais, sitzt er jetzt und sucht in seinen Unterlagen nach einem Brief, den er vor einiger Zeit bekommen hat. In der Ecke seines Büros steht eine Nachbildung des Zeiger-Telegrafen, auf dem Gründer Werner von Siemens das Unternehmen aufbaute. Seit gut drei Jahren führt Löscher nun Siemens. Er half dem Unter- nehmen, einen heftigen Korruptions- skandal zu überwinden, der Siemens rund drei Milliarden Euro gekostet hat und viel Selbstvertrauen. Er wurde zu einem der bestbezahlten Manager Deutschlands, sieben Millionen Euro ver- diente er 2009. Und jetzt will Löscher erklären, was Siemens für ihn bedeutet, wofür das Unternehmen steht. Peter Löscher zieht den Brief aus einem Stapel Papiere. Er komme von einem Mann, der vor mehr als 40 Jahren in Washington als Arzt für die Regierung gearbeitet hat. Dieser Mann hatte die Idee, dass der neue Präsident Richard Ni- xon im Januar 1969 zur Sicherheit einen der damals neuen tragbaren Herzschritt- macher zur Verfügung gestellt bekom- men solle. Siemens, liest Löscher vor, sei damals das einzige Unternehmen in den Vereinigten Staaten gewesen, das zwei solche Geräte gehabt habe. Sie wogen 35 Pfund. Ein Siemens-Mitarbeiter habe dann keine Mühen gescheut, die Geräte im Schneesturm von Chicago nach Washington zu bringen.

Siemens-Mitarbeiter motzen und maulen gern. Und dann marschieren sie für die Firma.

Ein Siemens-Mitarbeiter. Wer auch sonst? Das ist die Botschaft des Briefes, und das ist auch Löschers Botschaft. Deshalb hat Peter Löscher diesen Brief auch vor ein paar Wochen in Berlin vorgelesen. Im Hotel Intercontinental trat der 1,95-Meter-Mann vor gut 600 Sie- mens-Manager. Aus München und Erlan- gen, aus Wien, London und anderswo wa- ren sie in jene Stadt gekommen, in der das Unternehmen vor 163 Jahren gegrün- det wurde. Einmal jährlich suchen die Führungskräfte des Konzerns hier Orien- tierung. Oft kamen in den vergangenen Jahren verunsicherte, niedergedrückte Manager. Die Korruptionsaffäre, mäßige Geschäfte, Stellenabbau – das alles nag- te am Selbstbewusstsein. Doch dieses Mal war es anders. Und nun, wenige Wochen nach dem Berliner Treffen, an diesem Donnerstag, wird der Konzern eines der besten Ergebnisse der Geschich- te vorlegen. Der Schmiergeldskandal ist juristisch weitgehend aufgearbeitet, wirt- schaftlich spielt er keine Rolle mehr. Pe- ter Löscher hat zwei Probleme weniger. Wenn er gut drauf ist, hat der 53-jähri- ge Konzernchef etwas George-Clooney- haftes, mit den eisgrauen Haaren und dichten Augenbrauen. Wie der Schau- spieler versteht er es dann, einen Mund- winkel leicht hochzuziehen und die Lach- fältchen in den Augenwinkeln aufzufä- chern. Und manchmal bedient er dann mit seinen Worten eine alte Sehnsucht der Siemensianer: „Wir sind auf Augen- höhe mit General Electric.“ Generationen von Siemens-Managern haben dem amerikanischen Mischkon- zern nachgeeifert, doch erreicht haben sie ihn sehr lange nicht mehr. Heute ver- dient Siemens in vielen Bereichen genau- so gut wie General Electric, und in eini- gen zukunftsträchtigen Bereichen wie der Windenergie liegt der Konzern sogar

Bereichen wie der Windenergie liegt der Konzern sogar Ich bin einer von euch: Peter Löscher hat

Ich bin einer von euch: Peter Löscher hat hart daran gearbeitet, von der Siemens-Familie akzeptiert zu werden.

vorn. Dass Löscher das heute ausspricht, den Rivalen direkt angeht, gilt in der Branche als ungeheuerlich. Man bekämpft sich, aber man spricht nicht übereinander. Löscher bricht dieses Tabu, denn er weiß jetzt, wie er seinen Leuten Selbstbewusstsein geben kann. Als Löscher an einem sonnigen Sonn- tag im Mai 2007 erstmals in der Konzern- zentrale am Wittelsbacher Platz aufge- taucht ist, hinterließ er einen ganz ande- ren Eindruck. „Löscher wirkte ver- stockt“, sagt einer, der damals dabei war. Er sei anfangs als geradezu autis- tisch betrachtet worden. Ein zahlenfi- xierter, kühler Analytiker. Vor allem aber galt Löscher vielen als Marionette. Die Fäden, so hieß es, halte der Mann in den Händen, der ihn an jenem Früh- lingstag einer verblüfften Öffentlichkeit vorstellte: der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme. Die Machtverhältnis- se schienen klar zu sein. Hier Cromme, der bei Siemens den Aufräumer nach dem Korruptionsskandal gab; der vollge- sogen war mit deutscher Industriege- schichte. Dort Löscher, ein österreichi-

scher Niemand, der als Manager bei Hoechst und den US-Konzernen General Electric und Merck bisher nur Insidern aufgefallen war – der erste Siemenschef, der nicht im Unternehmen groß gewor- den ist. Löscher hat seither immer versucht, den Eindruck zu verwischen, dass er ein Fremder in der Siemens-Welt ist. „Ich bin in einer Siemens-Stadt groß gewor- den“, sagt er. In Villach, im österreichi- schen Kärnten, war Siemens in seiner Jugend einer der größten Arbeitgeber. Später, als er bei GE arbeitet, sieht er mit dem Blick des Konkurrenten nach Mün- chen. Und seit er den Konzern führt, be- ruft Löscher sich immer wieder auf Wer- ner von Siemens und die Gründerfami- lie. Ich bin einer von euch, so soll es sein. Doch als er 2007 kam, hingen noch im- mer viele an Heinrich von Pierer, Mr. Sie- mens, der den Konzern 15 Jahre lang patriarchalisch geführt hatte. „Siemens lebt von einem unsäglichen Gehorsam seiner Mitarbeiter“, sagt einer, der lange dabei war. Motzen, maulen, aber dann doch marschieren, sei die Devise. Erst

jetzt, allmählich, marschieren sie für Löscher. Löscher hat sich von den Über- vätern Cromme und Pierer emanzipiert. Und dass er in München angekommen ist, das konnte man schon im Sommer dieses Jahres beobachten.

Den Konzern möchte er zu dem machen, was Barcelona für den Fußball ist.

Damals, in den Tagen der Fußballwelt- meisterschaft, hatte Siemens auf dem Wittelsbacher Platz eine Public-Vie- wing-Arena aufgebaut, und auf der Büh- ne saßen – Peter Löscher und Louis van Gaal. Mit dem niederländischen Trainer des FC Bayern verbindet den Sie- mens-Chef eine gemeinsame Vergangen- heit. Vater und Großvater von Löschers Frau waren einst Präsidenten des FC Bar- celona, auch seine drei Kinder sind Mit- glieder des Clubs, in dem van Gaal große Erfolge feierte. Und so wie van Gaal beim FC Bayern alles auf den Kopf stell-

Foto: Volker Hinz/Picture Press/Stern

te, um seine Fußball-Philosophie durch- zusetzen, so ließ auch Löscher bei Sie- mens keinen Stein auf dem anderen. Doch wenn es um Vorbilder geht, dann spricht Löscher über einen anderen Fuß- balltrainer. Als er Anfang der neunziger Jahre nach Spanien kam, hatte sein Schwiegervater dort einen Mann namens Johan Cruyff engagiert. Wenn der Sie- mens-Chef darüber spricht, fängt er an zu schwärmen. Cruyff habe eine Philoso- phie entwickelt, die den FC Barcelona bis heute präge und die viele Mannschaf- ten nachzuahmen versuchten. „Mein Idealbild von Siemens wäre, für die Un- ternehmenswelt das zu sein, was Barcelo- na für den Fußball ist“, sagt Löscher. Cruyffs Philosophie war die des „voet- bal total“, der jedem Spieler Verantwor- tung überträgt. Löscher hat erst einmal das Chef-Prinzip eingeführt. Wo früher bei Siemens breit besetzte Gremien Beschlussvorlagen abnickten, schuf Löscher klare Zuständigkeiten. Drei Vor- stände verantworten die drei Sektoren Industrie, Energie und Medizintechnik, 14 Divisionschefs die Geschäftsbereiche

von der Gebäudetechnik bis zum Trans- portgeschäft. Fehler sollten sich die ver- antwortlichen Manager nur einmal erlau- ben. „Er ist sehr fordernd, und das ist gut so“, sagt René Umlauft, Chef der Divisi- on Erneuerbare Energien. Umlauft gehört zu jener neuen Füh- rungsriege bei Siemens, die Löscher viel verdankt und das Unternehmen heute prägt. Und er steht für das zweite Ele- ment der Löscher-Doktrin. Vor zwei Jah- ren rief der Österreicher die grüne Revo- lution aus. Siemens solle zum führenden Anbieter von Umwelttechnologie wer- den. Er fragte seine Leute, ob sie wüss- ten, wie viel Geld sie mit Umwelttechno- logien umsetzen. „Kein Mensch konnte mir das beantworten“, erzählt Löscher. Er erfand das Umweltportfolio, ein Sam- melsurium von Produkten aus allen Geschäftsbereichen, die positiv auf die Umwelt wirkten. Er übergab Barbara Kux, der ersten Frau im Siemensvor- stand die Verantwortung für dieses Um- weltportfolio. Binnen zwei Jahren wuchs der Umsatz mit der grünen Technologie um neun auf 28 Milliarden Euro, 2014 sol- len es 40 Milliarden sein.

Er hat ein Gespür für Trends. Aber mit der grünen Revolution meint er es offenbar ernst.

Löscher versteht es zwar, das grüne Image zu inszenieren. Wenn er aber selbst von diesem Wandel spricht, klingt das oft einstudiert und schablonenhaft. Immer wieder schnarrt er mit seinem leichten Kärntner Dialekt Parolen vom grünen Infrastruktur-Konzern in die Mikrofone. Und um zu zeigen, wie ernst es ihm damit ist, klettert Löscher auf Windräder. Aber auch kritische Umwelt- analysten räumen inzwischen ein, dass der Österreicher es offenbar ernst meint mit der grünen Revolution. Doch das Gespür für einen Trend erklärt Löschers Erfolg noch nicht. Viel- leicht liegt der Schlüssel in einem Berufs- wunsch, den er einmal hegte. Als Löscher in die erste Klasse der Volksschule in Vil- lach ging, schrieb er in einem Aufsatz, er wolle Diplomat werden. Und Leute, die ihm heute nahestehen, sprechen ihm so- gar diplomatisches Geschick zu. „Er ist einer, der zuhören kann, nicht perma- nent selbst redet, und wenn er es tut, dann meist nicht krachend und laut“, sagt einer seiner Mitarbeiter. Manchmal, wenn Löscher mal wieder vor einer Versammlung steht, hebt er die ausge- breiteten Arme leicht an, als setze er zu einer vorsichtigen Umarmung an. Dieser Umarmung erliegen Politiker und Mana- ger, Arbeitnehmer – und manchmal auch Gewerkschafter. Als der Betriebsrat bald nach Lö- schers Antritt 2007 seine Jahresversamm- lung abhielt, rechnete niemand mit einem Auftritt des neuen Chefs. Doch plötzlich war Löscher da. „Er kam über- raschend, stellte sich ohne Visier und Schutzanzug den Arbeitnehmern und sagte: ,Ich bin euer neuer Chef‘“, sagt Gesamtbetriebsratschef Lothar Adler. Dennoch sah es lange nicht so aus, als würde Löschers spröder Charme bei den Arbeitnehmern verfangen. Noch 2008 brachte er die Belegschaft gegen sich auf. 17 000 Stellen ließ er abbauen, vor allem im oberen und mittleren Management. „Es geht jetzt um die Lehmschicht“, sag- te Löscher. Er meinte jene Angestellten zwischen Konzernspitze und den Ingeni- euren und Arbeitern an der Basis. Er redete über Menschen und sprach von Lehm. Heute ist Löscher vorsichtiger mit Formulierungen – diplomatischer eben. Doch klar ist: Auch von diesem Satz Löschers ist etwas hängengeblieben bei Siemens. Denn es liegen ja nur zwei Jah- re zwischen den Worten von der Lehm- schicht und der schönen Rede mit dem Brief aus Washington. Und nicht alle bei Siemens waren auf diesem Weg so schnell wie Peter Löscher.

Ein Mann, ein Wort

Er macht nicht mehr mit: Wolfgang Schäubles gedemütigter Sprecher Michael Offer tritt ab.

Von Guido Bohsem und Stefan Braun

Berlin – Michael Offer reagierte schon seit Tagen nicht mehr auf Anfragen. Er, der Sprecher, sprach nicht mehr. Am Samstag, so heißt es, war er noch zum Weitermachen entschlossen. Da wollte er die Sache noch durchziehen. Er wollte alles ausbaden für Wolfgang Schäuble. So weit reichte seine Loyalität und die Achtung vor seinem Chef, dem Finanzminister, vor dem Mann, der ihn gedemütigt hatte. Wahrscheinlich regis- trierte er nur langsam, was Schäuble da mit ihm gemacht hatte. Manchmal weint man ja erst, wenn man getröstet wird. Offer ist das Opfer einer öffentlichen Erniedrigung, einer Bloßstellung vor allen. Mehr als eine halbe Million Men- schen haben sich im Internet das Video angeschaut, auf „Spiegel Online“, „sued- deutsche.de“ oder auf „Youtube“. Der Film dauert genau drei Minuten und 58 Sekunden. Zu sehen ist eine Szene, wie sie in vielen Büros in Deutschland ziem- lich oft passiert: Ein Chef demütigt einen Mitarbeiter, weil er unzufrieden ist. Immer verletzt das den Stolz des Mitar- beiters, und es geht auch um Würde, wenn es vor Zeugen passiert. Selten aber werden solche Entgleisung wohl von mehr als 50 Journalisten beobachtet, von einem halben Dutzend Kameras aufge- zeichnet, abends im „Heute Journal“ ge-

zeigt und immer wieder im Internet. Wie ist das, wenn eine solche Demütigung vor den Augen der Nation stattfindet? Wenn die Begebenheit hunderttausendfach wie- derholt und kommentiert wird? Michael Offer hat dieses Gefühl der Entblößung am Ende nicht mehr aus- gehalten. Am Dienstag bat er Schäuble, ihn von seinen Aufgaben zu entbinden. Fünf Tage lang versuchte Offer mit dem Erlebnis klarzukommen, weiterzuarbei- ten und zu funktionieren. Dann schmiss er hin. Diese fünf Tage sind ein politi- sches Lehrstück über Würde und Härte in der Politik und wie die Akteure damit umgehen. Der vergangene Donnerstag hätte ein guter Tag werden können für Wolfgang Schäuble. Er konnte mit einem exzellen- ten Ergebnis der Steuerschätzung rech- nen. Gewaltige Einnahmen gab es zu ver- künden, deutlich mehr als alle Experten erwartet hätten. Die Schätzer rechnen gewöhnlich bis Mittag. Erst dann erhält das Ministerium die Zahlen. Es bleibt nicht viel Zeit, eine Presseerklärung vor- zubereiten und sie zu verteilen. Es nicht rechtzeitig geschafft zu haben, das war Offers Fehler. Schäuble sah seinen Auftritt gefähr- det und seine Botschaft. Zahlen zu verle- sen, ist ihm seit je ein Graus. Zornig brach er die Pressekonferenz ab und ver- ließ das Podium. Erklärungsversuche ließ er nicht gelten: „Reden Sie nicht,

ließ er nicht gelten: „Reden Sie nicht, Es hätte ein guter Tag werden können. Aber dann

Es hätte ein guter Tag werden können. Aber dann machte Wolfgang Schäuble (links) lieber seinen Pressesprecher Offer fertig. Foto: dpa

Herr Offer, sondern sorgen Sie dafür, dass die Zahlen jetzt verteilt werden!“ Ein paar Journalisten lachten über Schäubles Ausbruch. Nach zwanzig Minuten kehrte Schäuble zurück, ließ es aber nicht dabei bewenden, sondern rief nach Offer, der weitere Unterlagen aus- gab: „Wir warten noch, bis der Herr Offer da ist“, sagte Schäuble grinsend an

sein Publikum gerichtet. „Er soll den Scherbenhaufen schon selber genießen.“ Zu diesem Zeitpunkt lachte keiner mehr. Diese Pressekonferenz war längst ein Haufen Scherben. Und das lag nicht an Offer, sondern an Schäuble. Das hervor- ragende Ergebnis der Steuerschätzung rückte in den Hintergrund. Was sich fest- setzte, war der Eindruck eines Ministers,

der die öffentliche Demütigung eines Mitarbeiters ganz offensichtlich als Führungsinstrument versteht. Vor allem in konservativen und bürger- lichen Kreisen regte sich Unmut. Unzäh- lige Mails, Faxe und Kurznachrichten erreichten schon am Freitag die Mitarbei- ter des Finanzministeriums, und der Tenor war einhellig: „Das gehört sich nicht.“ Damit ist die Geschichte allerdings noch lange nicht erzählt. Denn es gibt im Berliner Regierungsviertel auch jene, die Schäuble als Chef und Vorgesetzten ganz anders erlebt haben und aufrichtig davon erzählen können. Sie schildern Schäuble als genau das, was er vor laufen- den Kameras nicht war: einen Chef, der „auch den einfachsten Mitarbeiter im Ministerium nie unfreundlich und erst recht nicht respektlos behandelt“ habe. Sie haben ihn als Innenminister erlebt. Das Verhältnis zwischen Offer und dem Finanzminister galt schon seit länge- rem als gespannt. Offer wollte offensiv sprechen, Schäuble wollte Zurückhal- tung. Erklären durfte Offer daher nur, was Schäuble abnickte, und das war nicht viel. Als der Stern über Schäubles Erwägungen berichtete, wegen seiner Krankheit zurückzutreten, bezeichnete Offer das eine halbe Regierungs-Presse- konferenz lang als „reine Spekulation“. Dazu muss man wissen, dass diese Formulierung nach den Berliner Gepflo-

genheiten kein Dementi ist. Man versteht es eher als: „Ich kann dazu nichts sagen, aber richtig falsch ist es nicht.“ In besag- ter Pressekonferenz jedenfalls erhielt Offer auf einmal eine SMS und verblüff- te danach plötzlich mit einem harten Dementi. „Da ist nichts dran“, ließ er wis- sen. Ein Kommunikations-Desaster für ihn und für Schäuble Am Sonntag reagierte Schäuble auf die Kritik, die ihm entgegenschlug, weil er Offer bei der Steuerschätzung runter- geputzt hatte. Doch mehr als eine Erklä- rung bot er in dem Interview der Bild am Sonntag nicht an, zu einer Entschuldi- gung rang er sich nicht durch. Womög- lich sieht er seine Politik durch die Affä- re gefährdet. Vielleicht wittert er einen Punkt, den die FDP gegen ihn nutzen könnte. Vielleicht. Es ist schwer, Schäubles viele Facet- ten zu lesen. Klar ist lediglich: Der Vorfall und der Umgang damit zeugen nicht von Souveränität, sondern von Nervosität. Vor Jahren ist einem seiner Vorgänger im Amt ein ähnlicher Fehler unterlaufen. Während einer Pressekonferenz zischte der schlecht gelaunte Minister seinen Mitarbeitern zu: „Ihr mit eurer Scheiß- Steuerreform.“ Das Publikum im Saal hörte es nicht, doch der Dokumentati- ons-Sender Phoenix übertrug ihn live. Wenige Wochen später trat Oskar Lafon- taine von seinen Ämtern zurück.

Seite 4 / Süddeutsche Zeitung Nr. 260

HBG

MEINUNG

Mittwoch, 10. November 2010

Das Prinzip Gorleben

Von Michael Bauchmüller

Im Wendland kehrt nun wieder Ruhe ein. Demonstranten lösen ihre Camps auf, die Landwirte widmen sich wieder ihren Äckern. Tief unten im Salzstock kehren Bergleute derweil an ihre Arbeit zurück. Nach zehn Jahren Pause treiben sie wieder Bohrungen ins Salz und berei- ten neue Stollen vor. Sie verrichten uner- müdlich ein Werk, das sie wohl kaum werden vollenden können. Wenn das Endlager-Projekt Gorleben überhaupt ei- ne Zukunft hat, dann als Mahnmal für ein kollektives Politikversagen. Ein Ort, an dem die Bundesrepublik sich „entsor- gen“, sich das Mehrgenerationen-Pro- blem Atommüll guten Gewissens vom Halse schaffen kann, wird Gorleben wohl kaum mehr. Seit 30 Jahren hat sich keine Regie- rung um die Lösung des Problems ver- dient gemacht. Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte zwar Vorbehalte gegen Gorleben, willigte aber doch ein: Die nie- dersächsische Landesregierung ließ ihm keine Wahl, und er verlangte auch keine. Die Regierung von Helmut Kohl trieb die Erkundung voran und machte Pläne und Vorgaben so lang passend, bis nichts mehr dem Projekt entgegenstand. Erst die rot-grüne Koalition unter dem Nie- dersachsen Gerhard Schröder äußerte Zweifel am Salzstock. Doch ließ sie sich so viel Zeit für Studien und Expertisen, dass sie für die Schlüsse daraus keine mehr hatte. Und Kanzlerin Angela Mer- kel? Deren große Koalition trat auf der Stelle – und ihre schwarz-gelbe Koaliti- on macht da weiter, wo jene von Helmut Kohl aufhörte. Sie treibt das Endla- ger-Projekt Gorleben gegen alle Wider- stände weiter und feiert das noch als mu- tigen Kampf im Interesse künftiger Gene- rationen. In Wirklichkeit steuert sie un- verdrossen in die Sackgasse. Die Entsorgung von Atommüll ist ein undankbares, schmutziges Geschäft. Kei- ne Wahl lässt sich damit gewinnen, das Problem endgültig lösen zu wollen. Wohl aber kann die Suche nach dem richtigen Standort, die Suche überall in der Repu- blik, wertvolle Stimmen kosten. Gorle- ben war deshalb immer die bequeme Lö- sung für ein unbequemes Problem. We- nig besiedelt, nahe der einstigen DDR- Grenze, strukturschwach. Und dann noch ein Salzstock untendrunter. Wer wollte da nicht zugreifen? Diese Art Pragmatismus prägt seit Jahrzehnten den Umgang des Bundes mit Atommüll. Als die Zwischenlager für Forschungsmüll an ihre Grenzen gelang- ten, musste rasch das Atommülllager As- se her; Forscher erklärten den Salzstock für zuverlässig auf Jahrhunderte hinaus. Später sickerte Wasser ein, der Salzstock Asse wurde zum Problem. Als sich der Müll irgendwann wieder türmte, machte

eine Umweltministerin namens Angela Merkel den Weg ins marode DDR-Atom- mülllager Morsleben frei – bis Gerichte den Klagen von Umweltschützern statt- gaben. Heute wird Morsleben mit Milliar- denaufwand verschlossen. Entsorgung? Beim Atommüll galt in diesem Land stets als entsorgt, was nirgends mehr störte. Dieser Logik folgt auch der Umgang mit dem riskantesten deutschen Atom- müll, den hochradioaktiven Abfällen aus deutschen Kernkraftwerken. Anstatt erst Kriterien für ein Endlager festzule- gen und dann eines zu suchen, verfuhren die Freunde Gorlebens stets andersher- um. Erst legten sie den Ort fest, dann die Regeln. Erst vergruben sie Milliarden, ir- gendwann später wollen sie Einwände und Umweltwirkungen prüfen. Für ein Bauvorhaben ein eher unübliches Verfah- ren, aber in diesem Fall geht es wohl um eine höhere Sache: Der Müll muss weg. An dieses Prinzip knüpft die jetzige Bundesregierung nahtlos an. Für die wei- teren Arbeiten unter Tage greift sie auf ein altes, längst novelliertes Bergrecht zu- rück und spart sich so die Beteiligung der Öffentlichkeit; an der wichtigen vorläufi- gen Sicherheitsanalyse dürfen Experten mitwirken, die sich seit Jahren für Gorle- ben verkämpfen; Mahner auch innerhalb des Regierungsapparates werden ausge- bootet. Nur begreift anscheinend auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen die Paradoxie seines Handelns nicht. Je eiliger er die Erkundung Gorlebens durchzieht, desto berechtigter werden die Vorbehalte dagegen. Röttgen will den Fortschritt und vereitelt ihn zugleich. Atommüll ist ein Problem für Generati- onen. Im konkreten Fall heißt das: Die nächste Generation wird sich damit be- schäftigen dürfen, dass die vorvorletzte die Atomenergie wollte und die vorletzte auf ein Endlager setzte, das mit hoher Wahrscheinlichkeit entweder am öffent- lichen Widerstand oder an Gerichten scheitern wird. Das Projekt Gorleben wird sich nicht dauerhaft durch den Ein- satz Tausender Polizisten verteidigen las- sen. Es lässt sich auch nicht dadurch legi- timieren, dass Staat und Atomwirtschaft bald noch ein paar hundert Millionen Eu- ro dort investieren werden. Gesellschaft- liche Akzeptanz für Großprojekte lässt sich nicht erkaufen. Sie lässt sich nur er- werben durch volle Information und Be- teiligung. Die Währung ist Vertrauen. Kein Zweifel, die Bundesrepublik muss ihr Atomproblem im eigenen Land lösen. Und wo immer ein Endlager entste- hen soll, wird es auf Widerstände treffen. Aber überzeugen können dann nur geolo- gische, fachliche Argumente und ein or- dentliches Verfahren – nicht Sachzwän- ge und Opportunitäten. Das Prinzip Gor- leben wird nicht mehr funktionieren.

Versteckte Subventionen

Die Liste war eine Dokumentation des Versagens der Ilse Aigner. Sie war ein öf- fentlicher Beweis, dass von der Politik der Landwirtschaftsministerin vor allem Agrarkonzerne und Großgrundbesitzer profitieren, während Kleinbauern kaum geholfen wird. Nun ist die Liste der Emp- fänger der Agrarsubventionen aus dem Internet verschwunden, Aigner hat sie nur vier Stunden nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes entfernen lassen. So kann niemand mehr nach- schauen, wo die Milliarden an Steuer- geld – über den Umweg Brüssel – landen. Eigentlich lässt die Ministerin keine Gelegenheit aus, um sich als Streiterin für die Rechte der Verbraucher zu insze- nieren. Doch ihr Kampf gegen den Etiket- tenschwindel und für Transparenz endet offenbar dort, wo es um die eigene Poli- tik geht. Denn der Gerichtshof hat gar nicht gefordert, die Liste zu löschen. Die

Richter machten sogar ausdrücklich klar, dass sich ihr Urteil nicht auf bereits veröffentlichte Daten bezieht. Sie bemän- gelten vielmehr, dass die Beihilfen, die an Privatpersonen ausgezahlt werden, zu pauschal angegeben werden. Wie lan- ge haben die Bauern Beihilfen erhalten, wofür und wie häufig wurden sie ausge- zahlt – all das ist in den Listen nicht er- sichtlich, kritisiert das Gericht. Statt als Verbot einer Veröffentli- chung lässt sich das Urteil als Aufforde- rung interpretieren, die Subventionen aussagekräftiger zu dokumentieren. Die Öffentlichkeit soll wissen, ob das Geld vor allem dafür ausgegeben wird, dass Bauern ihre Höfe auf Biobetrieb umstel- len oder ob sie lieber neue Ställe für die Massentierhaltung bauen. Will Aigner bei ihrer Forderung nach Transparenz glaubwürdig bleiben, muss sie im eige- nen Haus damit anfangen. mkf

Schäubles Scherbenhaufen

Michael Offer hat fünf Tage ge- braucht, bis er seinen Rücktritt als Spre- cher des Bundesfinanzministers erklärt hat. Es waren fünf Tage, in denen Wolf- gang Schäuble die Möglichkeit gehabt hätte, sich zu entschuldigen für die öf- fentliche Bloßstellung seines Sprechers. Der Minister aber rang sich nur den Satz ab, er habe „vielleicht überreagiert“. Das heißt: vielleicht auch nicht. So etwas ist keine Entschuldigung, sondern eine Unverschämtheit. Schäubles Versäum- nis schadet ihm noch einmal mindestens in dem Maße, in dem er sich allein schon mit seinem Auftritt geschadet hat. Politik ist ein hartes Geschäft. Politi- ker sind auch nur Menschen. Und jeder Mensch macht Fehler – alles richtig. Ent- scheidend ist, was danach kommt. Schäuble hat schon während seiner De- mütigung Offers am Donnerstag kein En- de gefunden. Er hat immer noch einmal

nachgelegt, seinen Untergebenen immer noch einmal gepiesackt. Spottlust hat er das schließlich genannt. Sehr witzig. Im Internet ist das Video von der Pres- sekonferenz bereits hunderttausendfach aufgerufen worden. Was man dort sieht und hört, bestätigt jede Menge Vorurtei- le gegen die Politik: ein arroganter Minis- ter, ein serviler Beamter – und offenbar auch einige Journalisten, die das alles lus- tig finden. Anders gesagt: Dieses Video zeigt den Berliner Betrieb von seiner schlimmen, von seiner zynischen, von sei- ner abstoßenden Seite. Schäuble aber war nicht nur der Verantwortliche für dieses Debakel, er war der Beteiligte, der mit einer ehrlichen Entschuldigung man- ches wieder hätte gutmachen können. Ihm hätte man das abgenommen. Jetzt bleibt ihm nur, um es in seinen eigenen Worten zu sagen, den Scherbenhaufen zu genießen, den er angerichtet hat. nif

Seichte deutsche Rede

Nein, man muss sich nicht aufregen über die Forderung, die deutsche Spra- che ins Grundgesetz zu schreiben. Es wä- re nicht weiter schlimm, wenn künftig et- was so Selbstverständliches im Artikel 22 stünde, gleich hinter der Bundesflag- ge „schwarz-rot-gold“. Es wäre nur ein wenig lächerlich. „Die Sprache in der Bundesrepublik ist Deutsch“. Was sonst? Stünde es schon seit 60 Jahren so in der Verfassung, dann wäre das halt so überkommen aus einer Zeit, in der so wenig selbstverständlich war. Heute einen solchen Satz ins Grund- gesetz zu schreiben, wäre ein Zeichen von fehlendem Selbstbewusstsein und von rührender Furchtsamkeit. Für Ge- richte und im Verkehr mit Behörden ist das Deutsche ohnehin in den Gesetzen vorgeschrieben. Natürlich ist die Spra- che in Deutschland weder Englisch noch Türkisch. Aber wer das aktuell so beto-

nen muss, zeigt eigentlich nur, dass er ge- wisse Zweifel daran hat. Sprache ist al- ler Integration Anfang. Daher ist Deutsch in den Kindergärten und Schu- len viel wichtiger als im Grundgesetz. Ein Satz im Grundgesetz ersetzt keinen Platz im Sprachkurs. Es geht nicht dar- um, das Selbstverständliche ins Grundge- setz zu schreiben, sondern dafür zu sor- gen, dass es selbstverständlich ist und bleibt. Das erreicht man nicht mit einer neuen Grundgesetzformulierung, son- dern mit einer klugen Integrationspoli- tik. Und um der Bahn den „meeting po- int“ auszutreiben, braucht man kein Grundgesetz, sondern nur einen Bahn- Vorstand, der halbwegs bei Verstand ist. Die deutsche Sprache ist die tiefste, die deutsche Rede die seichteste. So hat einst Karl Kraus gespottet. Die Forde- rung, Deutsch ins Grundgesetz zu schrei- ben, gehört zur seichten Rede. pra

Grundgesetz zu schrei- ben, gehört zur seichten Rede. pra Ausverkauf SZ-Zeichnung: Pepsch Gottscheber Eine Bremse für

Ausverkauf

SZ-Zeichnung: Pepsch Gottscheber

Eine Bremse für die Arzneimittel-Preise

Röslers Gesetz ist besser als nichts, seine Wirksamkeit aber muss es noch beweisen

Von Nina von Hardenberg

Medizinische Forschung kann Leben retten. Wer schwer erkrankt ist, hängt oft all seine Hoffnung daran, dass ein neu- es Medikament erfunden wird. Die Phar- maindustrie hat diese Hoffnung aber in letzter Zeit immer wieder bitter ent- täuscht. Zwar kommen in Deutschland jedes Jahr etwa 30 neue Wirkstoffe auf den Markt. Knapp die Hälfte davon ent- puppen sich aber als Scheininnovatio- nen. Dem Patienten nutzen diese Produk- te wenig, den Firmen umso mehr: Denn für neue patentgeschützte Medikamente dürfen sie die Preise frei festsetzen – die- se Regel ist in Europa fast einmalig. Sie gehört seit langem geändert. Bei aller Kritik im Detail muss man Ge- sundheitsminister Philipp Rösler darum an dieser Stelle loben: Das Arzneimittel- gesetz, das am Donnerstag im Bundestag verabschiedet werden soll, greift ein un- haltbares Privileg der Pharmaindustrie an. Es war Röslers erste große Schlacht mit der Pharmalobby – und man kann sa-

gen, dass er sich im Interesse der Bürger tapfer geschlagen hat. Gewonnen aber ist der Kampf noch nicht. Seine Ankündi- gung mit dem „Preismonopol der Phar- mabranche“ zu brechen, war darum viel- leicht etwas zu vollmundig. Auf der Haben-Seite des Ministers steht immerhin ein neues innovatives Kontrollinstrument: Erstmals wird in Deutschland künftig jede Arznei nach ih- rer Einführung einer schnellen Nutzenbe- wertung unterzogen. Stellt sich dabei heraus, dass ein Mittel nicht mehr nutzt als herkömmliche Präparate, so darf es auch nicht teurer sein als diese. Zum ers- ten Mal greift der Gesetzgeber damit mas- siv in die Preisgestaltung auch für neue patentgeschützte Medikamente ein. Das ist wichtig, denn diese wenigen teuren Medikamente sind fast allein da- für verantwortlich, dass die Ausgaben für Arzneimittel immer wieder steigen und im Budget der Krankenkassen inzwi- schen mehr ausmachen als alle Arztbe- handlungen zusammen. In der Gesund- heitspolitik ist das eine Zäsur, die die

Arzneimittelversorgung in Deutschland verbessern könnte. Wenn die Reform so wirkt, wie der Gesundheitsminister sich das wünscht, dürften Pharmafirmen künftig weniger Anreiz haben, Scheinin- novationen mit aller Macht in den Markt zu drücken. Doch es gibt auch Zweifel: Kritiker be- mängeln, dass Rösler sein hehres Ziel mit den falschen Instrumenten verfolgt. So ist der Nutzen eines neuen Medikaments in den ersten Monaten oft noch schwer zu bewerten. Eine verpflichtende spätere Kontrolle ist aber nicht vorgesehen. Auch war es falsch, Medikamente gegen seltene Erkrankungen von den frühen Kontrollen auszunehmen. Auch Patien- ten mit seltenen Leiden wollen Mittel, die wirklich nutzen. Sicher ist, dass die Pharmaindustrie auch bei diesem Gesetz mit der Zeit Ni- schen finden wird, um die Regeln auszu- hebeln. Arzneimittelgesetze wirken im- mer nur kurzfristig und müssen dann nachgebessert werden. Rösler wird also einen weiteren Schlachtplan brauchen.

PROFIL

M an nennt ihn „Diplomator“, und das ist untertrieben. Jean-David Levitte ist nicht nur diplomati-

scher Berater des französischen Präsiden- ten, sondern auch heimlicher Außenmi- nister. Der wahre Amtsinhaber Bernard Kouchner hat wenig mitzureden in Paris. Wichtige Entscheidungen fallen im Ély- sée-Palast. Dort wirkt Levitte. Jeden Morgen gehört er im Grünen Salon zu den Auserwählten, die Nicolas Sarkozy beraten und die Geschicke der Republik bestimmen. Diese Rolle füllt der schlan- ke, hochgewachsene Mann bravourös aus. Le Monde schrieb, der „Diplomat der Diplomaten“ sei so perfekt, dass er außerirdisch wirke. In Zukunft wird die Bedeutung des Ju- risten und Sinologen noch steigen. Frank- reich übernimmt in Kürze die Präsident- schaft der G-20- und G-8-Staatengrup- pe, und Levitte ist dabei einer der beiden Sherpas, der diplomatischen Chefunter- händler. Sarkozy wiederum will im letz- ten Drittel seiner Amtszeit versuchen, in der Außenpolitik Ruhm zu erringen. Da- zu braucht er Levitte. Dem 64-jährigen Familienvater wird manchmal vorgeworfen, er sei ein perfek- ter Diener vieler Herren, ein Mann ohne eigene Ansichten. Das ist ungerecht. Le- vitte hat eine klare Idee von der Welt, wie sie sein sollte: Statt der Supermacht USA führen mehrere Großmächte. Eine davon ist Europa. Dabei herrscht ein

Foto: Images
Foto: Images

Jean-David Levitte Französischer Chefdiplomat mit Liebe zur Perfektion

„harmonischer Multilateralismus“, wie er sich ausdrückt. Damit es so weit kommt, müssen die Vereinten Nationen, die G 8 und die G 20 noch ihre Rollen fin- den. Der Sherpa will mit vorangehen und beweisen, dass französische Kultur und Diplomatie der Welt viel geben können. Dabei spöttelte der britische UN-Bot- schafter Jeremy Greenstock einmal, Le- vitte sei „der französischste aller Diplo- maten, obwohl er keinen Tropfen franzö- sischen Blutes besitzt“. Seine Mutter

war holländisch-südafrikanischer Ab- stammung, sein Vater jüdischer Ukrai- ner. Seine Großeltern wurden in Ausch- witz ermordet. Der Vater rettete im be- setzten Frankreich jüdische Kinder vor dem Tod. Levitte selbst wurde in Frank- reich geboren, trat vor 40 Jahren in den diplomatischen Dienst ein, arbeitete in Hongkong und Peking und wirkte unter Präsident Jacques Chirac schon einmal als Chefdiplomat. Im Jahr 2000 wurde er Botschafter bei den UN in New York, 2002 Botschafter in Washington. In diese Zeit fiel der Streit um den Irak- Krieg. Der kultivierte, charmante Levit- te zeigte, dass in ihm ein Kämpfer steckt. Er organisierte im Sicherheitsrat den Wi- derstand gegen die USA und verwahrte sich in Washington gegen die anti-franzö- sische Hetze in vielen US-Medien. Manchmal las er Amerikanern eine Aus- wahl der Schmähungen vor und ersetzte das Wort „Franzosen“ durch „Juden“. So wollte er ihnen die Augen öffnen. Wer Levitte in den Pariser Palästen der Macht begegnet, ahnt kaum etwas von diesem Kampfgeist. Der Chefdiplo- mat hat für jeden ein freundliches Wort, plaudert geistreich, mit feinem Humor. Die Première Dame Carla Bruni soll ge- höhnt haben: „Ach, Jean-David, Sie sind derart perfekt. Nie eine Geste zu viel, im- mer gut frisiert.“ Levitte kann mit sol- chem Spott leben, solange Carlas Ehe- mann weiter auf ihn hört. Stefan Ulrich

Annäherung durch Reisefreiheit

Europa tut gut daran, die Balkanstaaten auch für kleine Fortschritte zu belohnen

Von Enver Robelli

Die Festung Europa macht die Türen auf. Schon von Dezember an dürfen Bür- ger von Albanien und Bosnien-Herzego- wina mit einem biometrischen Pass, aber ohne Visum in den Schengenraum einrei- sen. Die neue und lang ersehnte Freiheit gilt auf Bewährung. Die EU behält sich das Recht vor, wieder Hürden zu errich- ten, sollten die Bürger der beiden Länder die Reisefreiheit dazu missbrauchen, in Westeuropa Asyl zu suchen. Mit ähnli- chen Strafmaßnahmen müssen auch Ser- ben, Montenegriner und Mazedonier rechnen, wenn sie dies tun. Für ihre Staa- ten gilt die Visafreiheit bereits seit einem Jahr. Und seit einem Jahr gibt es auch im- mer mehr Roma und Albaner aus Südser- bien und Mazedonien, die Opfer von dubi- osen Reiseagenturen werden, die ihnen weismachen, einige EU-Länder gewähr- ten ihnen doch großzügig Aufnahme. Die Regierungen der Balkanländer ha- ben es versäumt, ihre Bürger rechtzeitig darüber zu informieren, was die unge- wohnte Freiheit bedeutet, dass sie nun reisen, aber nicht in der EU arbeiten dür- fen. Dennoch: Trotz der Furcht in eini- gen Schengenstaaten ist der große An- sturm von Balkan-Flüchtlingen bislang ausgeblieben. Die Aufhebung der Vi- sumspflicht für die Balkanländer – mit Ausnahme des Kosovo – ist eine richtige

Entscheidung. Der Visumzwang hat in den letzten zwei Jahrzehnten meistens die Falschen getroffen, vor allem Studen- ten, Geschäftsleute, Jugendliche, Vertre- ter der Zivilgesellschaft. Also Menschen, die Europa braucht, um auf dem Balkan seine Werte zu vermitteln. Der Zwang hat die EU auch nicht vor kriminellen Banden vom Balkan geschützt. Wenn ein Verbrecher nach Europa gelangen will, dann bettelt er nicht bei der deutschen Botschaft in Tirana um eine Einreiseer- laubnis. Es ist primär eine Aufgabe der Polizei, das organisierte Verbrechen zu bekämpfen. Hier muss die EU den Druck auf die Balkanländer verstärken: Diese müssen enger zusammenarbeiten und die Gefahren gemeinsam abwehren. Wie das geht, zeigen die Polizeidienste von Kroatien und Serbien. Die neue Reisefreiheit gibt den Bür- gern des Balkans das Gefühl, ein Teil Eu- ropas zu sein. Das zeigen die Freudenfei- ern in Albanien, dessen Bewohner seit der Unabhängigkeit des Landes vom Os- manischen Reich im Jahr 1912 nie ohne Visa nach Westeuropa reisen konnten. In Bosnien jubeln die Menschen, weil nach 20 Jahren Isolation endlich die „Schen- genmauer“ gefallen ist, die das Land von Europa trennte. Die EU tut gut daran, wenn sie die lokalen Eliten mit solchen Geschenken belohnt für die oft nur müh- sam erreichten Fortschritte. Nur die Aus-

sicht auf eine EU-Integration zwingt die Politiker in Südosteuropa, aktiv zu wer- den, die Bürokratie abzubauen und die Wirtschaft zu reformieren. Wer die Bedingungen nicht erfüllt, darf sich aber auch keine Hoffnungen auf eine Annäherung an die EU machen. Albanien ist so ein Fall. In ihrem jüngs- ten Fortschrittsbericht kritisieren die Brüsseler Prüfer die jahrelange Läh- mung der Innenpolitik in Tirana, die schlecht funktionierenden Institutionen und die allgegenwärtige Korruption. Aus diesen Gründen verweigert die EU-Kommission dem Land vorerst den Kandidatenstatus. Das ist ein Novum. Um diese Schlappe zu kaschieren, feiert die albanische Regierung umso ausgiebi- ger die Aufhebung der Visumspflicht. Die Bevölkerung Montenegros kann sich dagegen freuen: Die EU-Kommissi- on empfiehlt, der Zwergrepublik den Kandidatenstatus zu verleihen. Das ist aber keine Garantie für eine baldige Mit- gliedschaft. Mazedonien ist seit fünf Jah- ren Beitrittskandidat, die Verhandlun- gen haben jedoch noch nicht einmal be- gonnen. Sie werden wegen des schier end- losen Namensstreits derzeit auch von der griechischen Regierung blockiert. Es wä- re höchste Zeit, dass die EU die balkani- schen Streithähne zu einer Einigung zwingt, damit die Wettfahrt nach Brüs- sel in Schwung kommt.

Blick in die Presse

Tag der Scham und Freude

Die Braunschweiger Zeitung schreibt zur Debatte um die Volksferne der Politik und zum Gedenken an den geschichtsträchtigen 9. November:

„Der Staat hat sich vom Volk entfernt. Das ist kein Schicksal, sondern das Er- gebnis mangelnder Sensibilität für die Wünsche, Sorgen, Nöte und Ängste der Menschen. Dieses Manko lässt sich behe- ben – und es sieht so aus, als sei die Poli- tik aufgewacht. Der 9. November 2010 könnte somit ein inoffizielles Datum sein: An diesem Tag des freudigen und des schamvollen Gedenkens an geschicht- liche Ereignisse sollte die Politik sich dar- an erinnern, dass sie im Dienst der Bür- ger und des Gemeinwesens steht. Und die Menschen sollten nicht vergessen, dass Demokratie nicht zum Nulltarif zu haben ist. Engagement ist unverzicht- bar, an jedem Tag.“

Am Volk vorbei

Die österreichische Tageszeitung Der Stan- dard (Wien) kommentiert die Atom-Diskussi- on und die Proteste gegen die Castor-Trans- porte:

„Nicht ein paar Chaoten muss Merkel bei den nächsten Wahlen fürchten. Viel schlimmer wiegt, dass die Verlängerung der AKW-Laufzeiten von der Mehrheit der Deutschen nicht goutiert wird. Die Kanzlerin regiert in dieser Sache schlicht an ihrem eigenen Volk vorbei. Viel hat die schwarz-gelbe Regierung in ihrem ersten Jahr nicht zustande ge- bracht. Doch ausgerechnet in der umstrit- tenen Atomfrage zeigte Merkel jene Ent- scheidungsfreudigkeit, die sich viele von ihr auch anderswo wünschen. Längere Laufzeiten für Atommeiler bedeuten noch mehr Atommüll. Das wissen nicht nur die Menschen im niedersächsischen Wendland, sondern auch jene in Ba- den-Württemberg. Und dort wird im März 2011 gewählt.“

Alles für Lolita

Die französische Zeitung Dernières Nou- velles d’Alsace (Straßburg) äußert sich zum Privatleben des italienischen Regierungs- chefs Silvio Berlusconi:

„Wie bewundernswert doch unsere ita- lienischen Nachbarn sind! Nach dem Krieg haben sie Jahrzehnte ohne echte Regierung verbracht, zum größten Nut- zen ihrer – vor allem parallelen – Wirt- schaft. Mutig haben sie die ,bleiernen Jahre‘ der terroristischen Ultra-Linken ertragen. Sie widerstehen der Mafia und tolerieren seit fünfzehn Jahren Silvio Berlusconi. Seine Streiche, seinen Spott, sein vulgäres Auftreten eines ,Neurei- chen‘, der glaubt, ihm sei alles erlaubt – bis hin zur Beugung der Justiz. Nun steht Italien vor der Regierungskrise. Und all das für eine neue ,Lolita‘, noch eine!“

DEFGH

Herausgegeben vom Süddeutschen Verlag vertreten durch die Gesellschafterversammlung

Chefredakteur: H. W. Kilz Stellvertretende Chefredakteure: K. Kister, W. Krach

Außenpolitik: S. Kornelius, C. Schlötzer; Innenpolitik:

Dr. H. Prantl; Seite Drei: A. Gorkow; Investigative

Recherche: H. Leyendecker, N. Richter; Kultur:

A. Kreye, Dr. T. Steinfeld; Wirtschaft: Dr. M. Beise;

Sport: K. Hoeltzenbein; Wissen: Dr. P. Illinger; Gesell-

schaft und Panorama: T. Rest; Wochenende:

G.

Matzig; Mobiles Leben: J. Reichle; Beilagen:

W.

Schmidt; München, Region und Bayern: C. Krügel,

U.

Schäfer; P. Fahrenholz, C. Mayer, A. Ramelsberger; Bild: J. Buschmann; Grafik: D. Braun

Chefkorrespondent: S. Klein

Geschäftsführende Redakteure:

Dr. H. Munsberg, R. Roßmann Chef vom Dienst: C. Matthäus

Leitende Redakteure:

Prof. Dr. J. Kaiser, N. Piper, E. Roll

Die für das jeweilige Ressort an erster Stelle Genannten sind verantwortliche Redakteure im Sinne des Gesetzes über die Presse vom 3. Oktober 1949.

Anschrift der Redaktion:

Hultschiner Straße 8 81677 München, Tel.(089) 21 83-0; Nachtruf: 21 83-7708; Nachrichtenaufnahme: 21 83-481; Fax 21 83-97 77; E-Mail: redaktion@sueddeutsche.de.

Berlin: N. Fried, C. Hulverscheidt (Wirtschaft), Französi- sche Str. 47, 10117 Berlin, Tel. (030) 20386650; Erfurt:

C. Kohl, Markstr. 38 a, 99084 Erfurt, Tel. 0361-6011605;

Düsseldorf: B. Dörries, Bäckerstr. 2, 40213 Düsseldorf,

Tel. (0211) 54 05 55-0; Frankfurt: H. Einecke, Kleiner

Hirschgraben 8, 60311 Frankfurt, Tel. (069) 2 99 92 70;

Hamburg: R. Wiegand, Poststr. 25, 20354 Hamburg, Tel. (040) 46 88 31-0; Karlsruhe: Dr. W. Janisch, Sophien-

str.

99, 76135 Karlsruhe, Tel. (0721) 84 41 28; Stuttgart:

D.

Deckstein, Rotebühlplatz 33, 70178 Stuttgart, Tel.

(0711) 24 75 93/94

Geschäftsführer:

Dr. D. Haaks, Dr. R. Rebmann, Dr. K. Ulrich

Anzeigen: J. Maukner (verantwortlich). Zurzeit ist die An- zeigenpreisliste Nr. 74 vom 1. Oktober 2010 gültig. Das Abonnement kostet in Bayern monatlich 41,90 Euro, außerhalb Bayerns 43,90 Euro; Studenten, Wehr- und Zivildienstleistende zahlen, nach Vorlage einer entspre- chenden Bescheinigung, 21,50 Euro, jeweils inkl. Mehr- wertsteuer (Auslandspreise auf Anfrage). Bank-

5 54 18 03, BLZ:

700 100 80. Erscheint die Zeitung durch höhere Gewalt oder Streik nicht, besteht kein Anspruch auf Entschädi- gung. Abonnements können schriftlich mit einer Frist von

vier Wochen zum Monatsende beziehungsweise zum Ende eines Vorauszahlungszeitraums gekündigt werden. www.sueddeutsche.de/abo Anschrift des Verlages:

Süddeutsche Zeitung GmbH, Hultschiner Straße 8, 81677 München; Großkundenadresse: Süddeutsche Zei- tung GmbH, 80289 München. Telefon (0 89) 21 83-0, Telegrammadresse: süddeutsche Anzeigen: Telefax: (0 89) 21 83-7 95. Telefonische Anzeigenaufnahme: Tel. 089/21 83-10 10

(Immobilien-/Mietmarkt), Tel. 089/21 83-10 20 (Motor- markt), Tel. 089/21 83-10 30 (Stellenmarkt, weitere Anzeigenmärkte). Vertrieb: Abonnenten-Service

Tel. 089/21 83-80 80, Telefax 089/21 83-82 07.

Pförtner: 0 89/21 83-4 11. Druck:

Süddeutscher Verlag Zeitungsdruck GmbH, Zamdorfer Straße 40, 81677 München www.sv-zeitungsdruck.de Jeder Freitagsausgabe liegt das „Süddeutsche Zeitung Magazin“ bei. Bei Feiertagen abweichende Erschei- nungstermine. Der Verlag übernimmt für unverlangt zugesandte Unterlagen oder Gegenstände keine Haf- tung. Eine Verwertung der urheberrechtlich geschützten Zeitungsbeiträge, Abbildungen, Anzeigen etc., auch der in elektronischer Form vertriebenen Zeitung, insbesonde- re durch Vervielfältigung, Verbreitung, Digitalisierung, Speicherung in Datenbanksystemen bzw. Inter- oder Intranets, ist unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urhebergesetz nichts anderes ergibt. Die Rechte für vorstehende Nutzungen, auch für Wiederveröffentli- chung (Syndication) bietet die Dokumentations- und In- formations Zentrum München GmbH (DIZ), Tel. 089/2183-9323 / www.diz-muenchen.de, Rechte für elek- tronische Pressespiegel die PMG Presse-Monitor GmbH, Tel. 030/28493-0, www.presse-monitor.de Überregionales Pflichtblatt an allen deutschen Börsen.

verbindung: Postbank München

Zur Herstellung der Süddeutschen Zeitung wird Recycling-Papier verwendet.

Mittwoch, 10. November 2010

POLITIK

HF2

Süddeutsche Zeitung Nr. 260 / Seite 5

Freundlich, politisch – und sehr kämpferisch

Nikolaus Schneider, der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, will seine Positionen und seinen Glauben offensiv vertreten

Von Matthias Drobinski

Hannover – Er herzt sie alle: den in Eh- ren ergrauten Bischof wie die junge Syn- odale. Lange küsst er seine Frau Anne, die eine Rose für ihn in der Hand hält. Nur vier von 144 Teilnehmern stimmten gegen ihn, da darf man schon mal ge- rührt sein. Nikolaus Schneider, der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kir- che in Deutschland, geht ans Pult im fens- terlosen Tagungssaal des freudlosen Ho- tels am Flughafen Hannover. Er dankt dafür, dass „die Probezeit endlich zu En- de ist“. Sie begann für ihn im Februar, als die EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann nach einer Alkoholfahrt zu- rücktrat und Schneider das Amt vorläu- fig übernahm. Er erinnert an den 9. No- vember, die Reichspogromnacht, den Mauerfall und sagt, er wolle, „dass wir ein Zeugnis für die Menschenfreundlich- keit Gottes ablegen“. Man muss Niko- laus Schneider, der nun der wichtigste Vertreter von 24,5 Millionen Protestan- ten in Deutschland ist, einfach gern ha- ben, wie er da steht mit seiner Knollenna- se, den großen Ohren, dem freundlichen Gesicht, wie er sich freut und doch die Fä- higkeit zur Selbstironie behält. Wolfgang Huber, sein Vor-Vorgänger, dominierte die Kirche mit intellektueller Schärfe, Margot Käßmann schwebte manchmal über ihr, Nikolaus Schneider lebt in ihr. Er ist Teamspieler, ein begeis- terter Fußballer und Torwart – ein klei- ner Torwart allerdings. Die müssen im- mer ein wenig schneller reagieren und die Flugbahn des Balles besser kennen

als lange Kerle. Er sammelt Menschen um sich, die tun, was er will – weil sie es selbst wollen oder es zumindest glauben. So auch an diesem Morgen: Es hatte Gegrummel gegeben unter den Synoda- len. Zwei Kandidaten gab es für zwei neue Ratsmitglieder, manchen war das zu wenig. Zudem hielten viele den sächsi- schen Bischof Jochen Bohl, den Schnei- der als Stellvertreter wünschte, für we- nig profiliert. „Druck mache ich jetzt nicht“, sagte Schneider halblaut. Das führt in der Kirche oft zum Gegenteil des Gewünschten; „vor Gericht, auf hoher See und auf Synoden ist man in Gottes Hand“, fügte er hinzu, grinste – und be- kam seinen Willen. Bohl und die Ratsmit- glieder Edeltraud Glänzer und Christia- ne Tietz wurden problemlos gewählt. Es gibt die These, dass in einer Gesell- schaft, in der das Casting mittlerweile zum Alltag gehört, keine Institution mehr darum herumkommt, ihre Füh- rungsfiguren auch nach dem Gla- mour-Faktor auszusuchen. Wenn einer der Gegenbeweis dazu ist, dann ist es Ni- kolaus Schneider. Das ist sein Nachteil, sagen manche, die Käßmanns Charisma vermissen. Das ist aber auch seine Stär- ke. Er hat sich uneitel in den Dienst der Sache gestellt, als Käßmann ihr Amt auf- gab, hat mit 63 Jahren noch einmal sein Leben umgeworfen: Noch zwei Jahre Prä- ses im Rheinland, dann sollte der Ruhe- stand kommen. Jetzt musste er eine ge- lähmte EKD zusammenhalten, ihr Seel- sorger sein. Der ist ein Übergangskandidat, sagt man bei so jemandem schnell, damit aber

Einig bei Pass und Gebet

Ehen zwischen Muslimen und Christen werden seltener

W er mit einem nichtmuslimischen Partner über den Glauben strei-

tet, riskiert die Scheidung – davor war- nen die Ehevermittler vom Islami-

schen Heiratsinstitut. Sie liefern die Lösung gleich mit: Bei ihnen können heimische Gläubige gezielt den Mus- lim oder die Muslima fürs Leben su- chen. Die Münchner Ehevermittlung hat auch eine klare Zielgruppe: Auf ih- rer Homepage sind junge Kopftuch- frauen zu sehen, smarte Männer und ein alter Herr mit Kufiya, dem arabi- schen Kopfschmuck für Männer. Das

Ausländische Partner sind bei Einheimischen nicht mehr sehr beliebt.

Angebot entspricht einem Trend: Mus- lime und Christen in Deutschland hei- raten immer seltener untereinander, auch Ausländer sind bei Deutschen nicht mehr so beliebt wie früher. Dies ergibt sich aus einer Untersu- chung, die das Bundesamt für Migrati- on und Flüchtlinge (Bamf) vorgelegt hat. Demnach ehelichte vor sechs Jah- ren noch jeder elfte deutsche Mann ei- ne Ausländerin, im Jahr 2008 war es nur noch jeder 16. Deutsche Frauen entscheiden sich noch seltener, näm- lich nur in 4,8 Prozent der Fälle, für ei- nen Mann mit ausländischem Pass. Auch hier sinkt der Anteil seit Jahren. Ähnlich sieht es bei muslimischen Männern aus: Sollte es vor zehn Jah-

ren nur zu etwa 43 Prozent eine Musli- ma sein, ist es nun zu fast 66 Prozent ei- ne Frau des eigenen Glaubens. Offen- bar spiegeln sich in der Entwicklung auch die Debatten um islamistischen Terror und Integrationsprobleme wie- der; zumindest ist der Einbruch nach den Terroranschlägen vom 11. Septem- ber 2001 auffällig. „Der Ruf der musli- mischen Männer hat gelitten“, sagt die Vorsitzende des Verbandes binationa- ler Familien und Partnerschaften (iaf), Hiltrud Stöcker-Zafari, die selbst mit einem Iraner verheiratet ist. Eltern und Freunde würden kritischer gegen- über muslimischen Partnern, das gelte aber auch für die möglichen Heirats- kandidaten selbst. Hinzu kommen strengere Gesetze:

Partner bekommen immer schwieriger ein Besuchervisum für Deutschland, wer dauerhaft bleiben will, muss erst einen Deutschtest im Ausland beste- hen. „Zudem wird oft eine Scheinehe unterstellt und viel von den Behörden geschnüffelt“, sagt Stöcker-Zafari. Viele bleiben lieber unter sich – die- sen Trend machen die Forscher des Bundesamtes vor allem bei Türken aus. Diese heirateten unter allen Mi- grantengruppen am seltensten einen Deutschen. Binationale Ehen sind so mehr denn je die Ausnahme. Immerhin eine Nation stemmt sich gegen diesen Trend: die Italiener. Männer mit italie- nischen Wurzeln stehen bei deutschen Frauen offenbar weiter hoch im Kurs – gut ein Drittel von ihnen ist mit einer Deutschen verheiratet. Roland Preuß

Man spricht deutsch

Neuer Vorstoß für die Landessprache im Grundgesetz

Von Susanne Klaiber

Berlin – Vier Pakete hat Bundestagspräsi- dent Norbert Lammert (CDU) am Diens- tag bekommen. Vier Pakete, in denen sich etwa 46 000 Unterschriften von Men- schen befinden, die Deutsch als Landes- sprache im Grundgesetz verankert sehen wollen. Gesammelt haben die Unter- schriften zwei Vereine, die das schon lan- ge fordern: der Verein Deutsche Sprache (VDS) und der Verein für Deutsche Kul- turbeziehungen im Ausland (VDA). Lammert sagte, manche behaupteten, die Vereine verfolgten ihr Ziel mit „pene- tranter Sturheit“. Doch seiner Meinung nach verträgt das Thema diese Pene- tranz. Der Bundestagspräsident hatte diesen Schritt schon 2006 vorgeschlagen. „Deutschland ist von allen deutschspra- chigen Ländern das einzige, das die Spra- che nicht in der Verfassung regelt“, sagte er damals. Auch die Mehrheit der

Verfassung regelt“, sagte er damals. Auch die Mehrheit der Bundestagspräsident Lammert nimmt die Unterschriften

Bundestagspräsident Lammert nimmt die Unterschriften entgegen, die für Deutsch im Grundgesetz votieren. ddp

EU-Staaten lege ihre Landessprache in der Verfassung fest. Hartmut Koschyk (CSU), Staatssekre- tär und VDA-Vorsitzender, sagt, die deut- sche Sprache sei das „einigende Band un- serer Nation“. Bekäme sie Verfassungs- rang, verspreche er sich davon ein Signal für bessere Integration. Lammert argu- mentiert, dass, hätte es diese Festlegung schon gegeben, dem Land womöglich ei- nige Debatten erspart geblieben wären – und verweist dabei auf die Diskussion, ob Deutsch an Schulen außerhalb des Un- terrichts vorgeschrieben werden dürfe. Für die Änderung in Frage kommt, so

Die Initiative bräuchte zwei Drittel aller Stimmen im Deutschen Bundestag.

sehen es beide Vereine, Artikel 22 des Grundgesetzes. Darin wird Berlin als Hauptstadt definiert, und die Farben Schwarz, Rot und Gold werden für die Bundesflagge festgelegt. Dass Deutsch Amts- und Gerichtssprache ist, regeln bislang einfache Gesetze: das Verwal- tungsverfahrens- sowie das Gerichtsver- fassungsgesetz. Ob die Initiative die nöti- ge Zweidrittelmehrheit in Bundestag und Bundesrat bekommt, ist indes offen. Der CDU-Parteitag hatte seine Zustim- mung zwar schon 2008 gegen den Willen der Kanzlerin beschlossen, und der zu- ständige Ausschuss von Union und FDP wollte die Forderung in den Koalitions- vertrag aufnehmen. Doch das scheiterte an Rechts- und Innenpolitikern beider Seiten. Unterstützung erhält der Vorstoß von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD). Zur Süddeutschen Zei- tung sagte er: „Wir sollten der deutschen Sprache Verfassungsrang geben. Das ist ein Vorschlag, der Selbstverständliches fordert.“ Grünen-Parlamentsgeschäfts- führer Volker Beck sagte hingegen, Selbstverständlichkeiten hätten nichts in der Verfassung zu suchen. (Seite 4)

hätten nichts in der Verfassung zu suchen. (Seite 4) Ihm fehlt der Glamour, aber Deutsch- lands

Ihm fehlt der Glamour, aber Deutsch- lands Protes- tanten schät- zen die uneit- le Art von Nikolaus Schneider, hier bei einem Gottesdienst in der Duis- burger Salva- torkirche.

Foto: Reuters

würde man Nikolaus Schneider unter- schätzen. Am Morgen des Dienstags noch hatte er die Castor-Blockaden als le- gitime Protestform bezeichnet, in seinem Ratsbericht sich gegen eine Verlänge-

rung der Atomlaufzeiten ausgesprochen und sich skeptisch zum Bundeswehr-Ein- satz in Afghanistan geäußert – so nett, dass niemand wirklich empört sein kann, so klar, dass deutlich wird, wofür der

neue Ratsvorsitzende steht. Am meisten hat er in der Debatte um die Präimplanta- tionsdiagnostik (PID) riskiert. Es gibt ei- nen Beschluss der EKD aus dem Jahr 2003, der fordert, die genetische Untersu- chung künstlich gezeugter Embryonen zu verbieten. Er aber hat Sympathie für jene Paare geäußert, die sich zu dieser Un- tersuchung entschließen, und sich für ei- ne begrenzte Freigabe der PID ausgespro- chen. Das hat ihm empörte Anrufe aus der katholischen Bischofskonferenz ein- gebracht und Widerspruch aus den eige- nen Reihen. Schneider ist bei seiner Posi- tion geblieben, er wolle „die Debatte er- möglichen“, sagt er. Jetzt, wo er gewählt ist, will er seine Positionen noch offensi- ver vertreten. Nun stehe ein Sozialpfarrer an der Spitze der EKD, sagen jene, denen die evangelische Kirche zu politisch ist. Die Zuschreibung „Sozialpfarrer“ stimmt in- sofern, als dass Schneider in den 80er Jah- ren tatsächlich einer war – in Duis- burg-Rheinhausen, wo die Arbeiter um

den Erhalt ihres Stahlwerkes kämpften, und Schneider oft genug in einem der zahlreichen Demonstrationszüge zu fin- den war. Seinen Ratsbericht allerdings hat Schneider am Sonntag demonstrativ fromm begonnen, um möglichen Kriti- kern zu zeigen: Das gehört genauso zu

„Übergangskandidat“,

„Sozialpfarrer“:

Schneider hatte nicht nur Fans.

mir. Er hat sich, aus einem religionsfer- nen Elternhaus stammend, seinen Glau- ben erkämpft, und manchmal war es schwer, diesen nicht zu verlieren. Vor fünf Jahren starb Meike, die jüngste Tochter der Schneiders, an Leukämie. Ei- ne tiefe Lebenskrise sei das gewesen, sagt er. Der Glaube aber habe seine Fami- lie bestärkt – der Glaube an den trotz al- lem menschenfreundlichen Gott, von dem er kurz nach seiner Wahl redet.

lufthansa.com Überall einchecken Ein Produkt von Lufthansa. Einfach QR Code fotograieren und die Lufthansa Mobile
lufthansa.com
Überall einchecken
Ein Produkt von Lufthansa.
Einfach QR Code fotograieren und
die Lufthansa Mobile App downloaden.
Grenzenlos mobil mit
der Lufthansa Mobile App.
Ganz egal, wo Sie gerade sind, mit der prämierten Lufthansa App für Ihr iPhone,
BlackBerry und weitere Smartphones sind Sie immer aktuell informiert.
Ob Flugpläne, Flugbuchung, Einchecken, Sitzplatzauswahl oder Flugstatus –
hier haben Sie alles auf Ihrem Display. Mehr unter lufthansa.com

Seite 6 / Süddeutsche Zeitung Nr. 260

HF2

POLITIK

Mittwoch, 10. November 2010

Inland

Kompromiss möglich

München – Im Koalitionsstreit über eine leichtere Zuwanderung von Fachkräften zeichnet sich ein möglicher Kompromiss ab. Die Unionsfraktion zeigte sich am Dienstag nach einem Treffen von Innen- und Rechtspolitikern offen für neue Vor- schläge der FDP. „Das geht in die richti- ge Richtung, wir sind da selbstverständ- lich gesprächsbereit“, sagte der Unions- fraktionsvize Günter Krings der Süd- deutschen Zeitung. Die FDP hatte bei dem Treffen gefordert, dass Qualifizierte künftig ab einem Jahreseinkommen von mindestens 40 000 Euro (bisher 66 000) für zwei Jahre ins Land dürfen sollen; zu- dem müssten die gesetzlichen Regeln ver- einfacht und bürokratische Verfahren be- schleunigt werden: Wenn die Behörde nicht binnen zwei Wochen über einen Einwanderungsantrag entscheide, solle dieser Antrag als genehmigt gelten. Krings lobte, die FDP habe damit erst ein- mal Abstand von einem Punktesystem für Zuwanderung genommen, das die Union ablehnt. Er stimme mit der FDP überein, dass die Gesetze vereinfacht werden müssten. „Auch über eine Sen- kung der Einkommensgrenzen kann man reden, solange ein konkreter Arbeits- platz nachgewiesen wird“, sagt er. rpr

Demjanjuk-Prozess dauert

München – Der Prozess gegen den mut- maßlichen Wachmann im Vernichtungs- lager Sobibor, John Demjanjuk, 90, vor dem Münchner Landgericht wird mit gro- ßer Wahrscheinlichkeit bis mindestens Ende Februar 2011 dauern. Der Vorsit-

zende Richter Ralph Alt verteilte am Dienstag an die Verfahrensbeteiligten ei- ne entsprechende Terminvorschlagsliste. Bisher waren Verhandlungen bis zum 22. Dezember angesetzt, der Prozess hat- te am 30. November 2009 begonnen. Dem Angeklagten wird Beihilfe zum Mord an mehr als 27 900 Juden im Jahr 1943 vorgeworfen. Demjanjuk klagte er- neut über große Schmerzen, der medizini- sche Gutachter hält ihn aber nach wie

vor für verhandlungsfähig.

rop

Michelle Obama kommt

Ramstein – Die Frau des US-Präsiden- ten, Michelle Obama, trifft sich am Don- nerstag mit Bettina Wulff, der Frau des Bundespräsidenten, auf dem US-ameri- kanischen Luftwaffen-Stützpunkt Ram- stein. Das bestätigten das Polizeipräsidi- um Westpfalz und die Ramstein Air Ba- se. Die amerikanische First Lady werde dort mit US-Soldaten und ihren Fami- lien sprechen, hieß es weiter. Der Süd- westrundfunk berichtete, Michelle Oba- ma wolle darüber hinaus verwundete Sol- daten im Militärhospital Landstuhl und einige Einrichtungen der US-Militärge- meinde Kaiserslautern besuchen. Die Po- lizei konnte dies nicht bestätigen. Sie teil- te allerdings mit, dass es wegen des Be- suchs am Donnerstagmittag zu „kurzzei- tigen minimalen Verkehrsbeeinträchti- gungen“ am Autobahnkreuz Land- stuhl-West kommen könne. Anlass für den Besuch Michelle Obamas ist der „Ve- terans Day“, ein amerikanischer Feier- tag zu Ehren der Kriegsveteranen. Es wird das erste Zusammentreffen zwi- schen Michelle Obama und Bettina Wulff sein. Die Gesprächsthemen waren zunächst nicht bekannt. dapd

„Platz des 9. November“

Berlin – In Berlin ist an den Mauerfall am 9. November vor 21 Jahren erinnert wor- den. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) übergab vor dem ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße in Pankow den neuen „Platz des 9. November 1989“. Eingeleitet wurde der Gedenktag mit einem Posaunenruf an der Gedenkstätte Berliner Mauer, Ber- nauer Straße. Dort legten Bürgerrechtler und Vertreter von Opferverbänden im Beisein von Wowereit Rosen nieder. Auf

Opferverbänden im Beisein von Wowereit Rosen nieder. Auf Blumen erinnern an die Opfer der Berliner Mauer.

Blumen erinnern an die Opfer der

Berliner Mauer.

Foto: AFP

dem neuen Platz erinnern Informations- tafeln und Fotos aus der Nacht des Mau- erfalls an die historischen Stunden. Be- grenzt wird er von einer original erhalte- nen Mauer. Wowereit sagte, in dieser Nacht hätten nicht die Mächtigen, son- dern ganz normale Menschen aus Ost-Berlin und „solche, die im Geist ihre Uniform ablegten und besonnen agier- ten“, Weltgeschichte geschrieben. dapd

Mappus für Steuersenkung

Stuttgart – Baden-Württembergs Minis- terpräsident Stefan Mappus (CDU) hält Steuersenkungen vor der Bundestags- wahl 2013 für möglich. „Wir wollen die unteren und mittleren Einkommensgrup- pen entlasten, sobald es geht“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa in Stutt- gart. Das werde frühestens 2012 möglich sein. Nach der Krise müsse jetzt gespart werden, um den Haushalt in den Griff zu bekommen. Aus der FDP-Spitze kam Kri- tik an immer neuen Vorschlägen aus der CDU zur Steuerpolitik. dpa

92 Stunden und 24 Minuten

Der längste Castor-Transport der Geschichte ist vorbei – die Polizei ist erschöpft, doch die Demonstranten rüsten sich schon für neue Proteste

Von Jens Schneider

Gorleben – Es ist weit nach Mitternacht, und die Straße vor dem Zwischenlager von Gorleben ist jetzt ein kilometerlan- ges Nachtlager. In Decken und Schlafsä- cke, auch goldglitzernde wärmende Fo- lien gehüllt liegen gut 3000 Blockierer, die meisten versuchen zu schlafen. Längst wollte die Polizei die Straße räu- men, sie hat es auch angekündigt, dann ist nichts passiert. Es kommen sogar noch mehr Menschen durch den Wald. Sie setzen sich noch dazu. Dann soll es so weit sein. Die Polizei kündigt über den Lautsprecher an, diese letzte und längste Straßenblockade ge- gen den Castor-Transport zu räumen, der seine letzte Etappe von Dannenberg ins Zwischenlager fahren soll. Die Leute

ganz vorn könnten schon ihre Sachen zu- sammenpacken, verkündet einer der Or- ganisatoren von der Kampagne „x-tau- sendmalquer“ über Megafon. „Bleibt ent- spannt, bleibt ruhig! Wir halten euch auf dem Laufenden!“ Vorn in einer der ers- ten Reihen setzt sich die Sozialpädago- gin Bianca, 31, aufrecht hin. Verschla- fen, aber gelassen. Die junge Frau aus Bonn hat für diese Tage freigenommen. Sonntag früh ist sie mit durchs Unter- holz auf die Straße gezogen, nun harrt sie die zweite Nacht aus. Sie will abwarten, ob sie sich wegtragen lässt. Erst mal se- hen, wie die Polizei zupackt. Neben ihr wartet Andreas aus Lüchow. Er ist 43, IT-System-Elektroniker. Am Nachmit- tag hat er sich dazu gesetzt. Beginnt die Räumung, will er freiwillig gehen. „Die Polizisten sind am Ende“, sagt er. „Man

muss es ihnen nicht noch schwerer ma- chen.“ Weiter vorn hält ein junger Ver- käufer aus Salzwedel ein Schild mit der Aufschrift „Gorleben 21“ in die Kame- ras. Er ist kräftig gebaut. „Wenn die durch wollen“, sagt er, „ müssen sie mich schon wegtragen.“ Die Leute hinter ihm singen. „Don’t worry, be happy“ und „Die Gedanken sind frei“. Dazwischen beantworten sie Reporter-Fragen nach dem Warum: Sie sprechen von verlängerten AKW-Lauf- zeiten und Ungereimtheiten bei der End- lagersuche, verblüffend detailliert, so mitten in der Nacht. Am Polizeigitter, hinter dem die Beamten ruhig warten, setzt ein älterer Herr auf die Frage nach dem Protest zu einem kleinen Vortrag zur Geologie der Gegend an, die gegen ein Endlager spreche. Er hat ein kleines

Unternehmen in einem Nachbarort. Der jüngste Sohn blockiert, auch seine Lehr- linge, er hat ihnen frei gegeben. Sie werden in dieser Nacht nicht mehr ins Bett kommen. Denn die Polizei-Ein- heit, die sich gerade bereitgestellt hatte, um die ersten Demonstranten wegzutra- gen, wird wieder abgezogen. Es fehlen der Einsatzleitung offenbar Kräfte. Wie- der haben Bauern alle Zufahrtswege mit ihren Traktoren verstellt. Auch gibt es keine Eile, weil in Dannenberg die Aus- fahrt aus dem Zwischenlager von Green- peace blockiert ist. Ein erstaunlicher Coup: Seit dem Morgen kontrollierte die Polizei jedes Auto, das in die Stadt fährt. Greenpeace tarnte sich mit einem Bier-Laster einer Brauerei aus Hessen, samt Werbe-Slogan: „So herzerfri- schend anders“. Im Inneren haben sich

„So herzerfri- schend anders“. Im Inneren haben sich Castor-Gegner wärmen sich an Lagerfeuern,
„So herzerfri- schend anders“. Im Inneren haben sich Castor-Gegner wärmen sich an Lagerfeuern,
„So herzerfri- schend anders“. Im Inneren haben sich Castor-Gegner wärmen sich an Lagerfeuern,

Castor-Gegner wärmen sich an Lagerfeuern, Robin-Wood-Aktivisten seilen sich ab: Szenen des Protests im Wendland.

Fotos: Reuters (2), dpa

Merkel und Sarkozy blockieren Klimaschutz

Berlin und Paris gegen schärfere Abgaswerte für Lieferwagen / Elf Prozent aller Neuzulassungen in der EU betroffen

Cerstin Gammelin

Brüssel – Aus Rücksicht auf die heimi- sche Autoindustrie blockieren die Regie- rungen in Berlin und Paris schärfere Ab- gasvorschriften für Vans und Lieferwa- gen in der Europäischen Union (EU). „Wir sind überrascht, wie eifrig Deutsch- land und Frankreich versuchen, alle auf dem Tisch liegenden Vorschläge zu ver- wässern“, sagte ein belgischer Regie- rungsvertreter der Süddeutschen Zei- tung. Belgien sitzt der EU derzeit als Ratspräsident vor und leitet damit die Verhandlungen zur Einführung von Koh- lendioxid-Grenzwerten für leichte Nutz- fahrzeuge. Die Regierungen in Berlin und Paris „verhindern gemeinschaftlich jeden Fort- schritt“, sagte der Belgier weiter. Man ha- be nicht erwartet, dass ausgerechnet die zwei größten europäischen Länder, die für die Europäische Union stets eine Füh- rungsrolle im internationalen Klima- schutz reklamieren, drei Wochen, bevor die Weltklimakonferenz im mexikani- schen Cancun beginnt, selbst zu Blockie-

rern werden. „Wenn es darum geht, Ab- sichtserklärungen praktisch umzuset- zen, ist keiner bereit, sich zu bewegen“, hieß es am Dienstag in Brüssel. Beson- ders ärgerlich sei, dass Frankreich, des- sen Autokonzerne die ambitionierten Zie- le leicht erfüllen könnten, dennoch die deutschen Forderungen unterstütze. Vor einem Jahr schlug die Europäi- sche Kommission vor, den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid für leichte Nutzfahrzeuge zu begrenzen. Das soll Hersteller motivieren, moderne An- triebstechnologien zu entwickeln und zu- gleich die europäischen Klimaziele zu er- füllen. Bis 2020 will die EU die Emissio- nen mindestens um ein Fünftel im Ver- gleich zu 1990 reduzieren. Leichte Trans- porter werden vor allem von Handwer- kern, Kurierdiensten und Einzelhänd- lern genutzt. Auf sie entfallen knapp zwei Prozent aller Emissionen in Euro- pa. Lieferwagen machten 2008 elf Pro- zent aller neu zugelassenen Fahrzeuge aus. Die größten Hersteller sind Renault, Peugeot, Volkswagen, Daimler und Fiat. Die Behörde schlug vor, die Emissionen

in zwei Schritten zu reduzieren. Derzeit stoßen die Wagen durchschnittlich 190 Gramm Kohlendioxid pro gefahrenem Kilometer aus. Dieser Wert sollte bis 2015 auf 175 Gramm und bis 2020 auf 135 reduziert werden. Diese Emissions- grenze ist allerdings nur ein Richtwert, der für den Durchschnitt aller von einem Hersteller produzierten Fahrzeuge gilt.

Das EU-Parlament will sich nicht mit verwässerten Zielen zufriedengeben.

Die Autoindustrie intervenierte umge- hend. Der Verband der Automobilindus- trie (VDA) forderte, die Einführung des ersten Grenzwertes auf 2018 zu verschie- ben. Das für 2020 vorgesehene Limit müs- se aufgegeben werden, es sei „vollkom- men unrealistisch“, schrieb der VDA. In- zwischen ist der Verband zufriedener. Es sei gelungen, „einer Mehrheit in der Poli- tik klarzumachen, dass wir realistische Ziele benötigen“, hieß es auf Anfrage.

Tatsächlich ist von dem ursprüngli- chem langfristigen Ziel keine Rede mehr. Die Bundesregierung plädiert für 155 Gramm, wird dabei allerdings nur von Frankreich, Italien und drei kleineren Ländern unterstützt, in denen ebenfalls Autos hergestellt werden. Ihnen gegen- über steht eine Gruppe von zehn Län- dern, die strengere Vorschriften fordern. Die belgische Ratspräsidentschaft schließt nicht mehr aus, dass sich die eu- ropäischen Regierungen letztendlich auf einen Grenzwert einigen, „der vollkom- men nutzlos ist, weil er keine technologi- schen Verbesserungen bringt“. Die Auto- hersteller müssten praktisch nichts tun. Das EU-Parlament will sich nicht mit den verwässerten Grenzwerten zufrie- den geben. „Die EU kann nicht internati- onal auf harte Klimaschutzziele dringen und zu Hause die Industrie schützen wol- len. Wir brauchen ambitioniertere Ziele, sonst verlieren wir die Technologiefüh- rerschaft und verkaufen am Ende gar kei- ne Fahrzeuge mehr“, fordert der EU-Ab- geordnete Karl-Heinz Florenz (CDU), Be- richterstatter zum Klimaschutz.

Aktivisten mit Beton so verankert, dass die Polizei den Laster nicht wegfahren kann, ohne sie zu verletzen. Sie braucht 13 Stunden für eine Lösung. Vor dem Zwischenlager erbitten Spre- cher der Blockade mehr Scheinwer- fer-Licht für die Räumung, damit nie- mand verängstigt wird. Ein führender Be- amter will darauf eingehen, bekennt aber: „Ich habe keine unendlichen Mit- tel.“ Als er später nach seinem Plan für die Nacht gefragt wird, sagt er zu den Blo- ckade-Sprechern: „Wir hatten mal einen Zeitplan, der hat sich erledigt.“ Die Gewerkschaft der Polizei kriti- siert den Transport später als „Fanal fa- taler politischer Irrfahrten“. Ihr Chef Konrad Freiberg nennt es einen „großen politischen Fehler, den mühsam errunge- nen Atomkonsens aufzukündigen.“ Auch sei die Polizei über Jahre personell geschwächt worden. „Die intransparen- te, widersprüchliche und einseitig gön- nerhaft erscheinende Politik der Regie- rung“, sagt er, „treibt die Bürgerinnen und Bürger zu Recht auf die Straße.“ Erst am frühen Morgen beginnt die Räu- mung vor dem Zwischenlager. Es dauert Stunden, bis alle von der Straße getragen sind.

Greenpeace-Aktivisten haben sich mit einem Bier-Laster getarnt.

Um 8.34 Uhr erreicht der Transport schließlich das Lager. Es wird der längs- te aller Zeiten, am Ende braucht er 92 Stunden und 24 Minuten. Aber geht es darum? Einen Rekord? Wozu das alles? Sollen die Kosten hochgetrieben wer- den? Kein Castor-Gegner hat daran ge- glaubt, den Transport aufzuhalten. Der Protest soll, hofft die Bürgerinitiative Lü- chow-Dannenberg, eine bundesweite De- batte auslösen. Es gehe nicht an, „dass Gorleben als Atommüll-Endlager ausge- baut werden soll, ohne Vorgespräche, al- ternativlos, ohne eine formale rechtliche Beteiligung der Bevölkerung“, sagt ihr Sprecher Wolfgang Ehmke. Es hat einzel- ne Ausschreitungen gegeben, aber nicht die von manchen heraufbeschworene „Schlacht um Gorleben“. Doch an die- sem Morgen enden Tage des Ausnahme- zustands, die freilich viele in der Region so gewollt haben. Es werden wohl nicht die letzten sein. Stunden nach dem Transport hat das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie am Dienstag in Hannover den Sofortvollzug angeordnet: Die Erkun- dungsarbeiten für das mögliche Atom- müllendlager in Gorleben können wieder aufgenommen werden.

Bahn schützt Beschäftigte

München – Die Deutsche Bahn (DB) hat nach eigenen Angaben Vorkehrungen ge- troffen, um die Sicherheit ihrer Beschäf- tigten im Stuttgarter Hauptbahnhof zu gewährleisten. So seien „wesentlich mehr“ Streifen des Bahn-Tochterunter- nehmens DB Sicherheit im Bahnhof un- terwegs, teilte eine Konzernsprecherin auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung mit. Der Konzern reagierte damit auf Briefe der Gewerkschaftsvorsitzenden Alexander Kirchner (Transnet) und Klaus-Dieter Hommel (GDBA). Diese hatten an den DB-Personalvorstand, das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 und den Schlichter Heiner Geißler geschrie- ben. Bahnbeschäftigte in Stuttgart wür- den beleidigt, bedroht und bespuckt. Am Service-Point sowie auf Bahnsteigen würden Beschäftigte sogar tätlich ange- griffen. Viele von ihnen hätten mittler- weile Angst, zur Arbeit zu gehen. An Gan- golf Stocker, Sprecher des Stuttgarter Aktionsbündnisses gegen S 21, geht der Gewerkschafter-Appell vorbei. „Wir sa- gen den Demonstranten stets ausdrück- lich, sie sollen nett sein auch zu den Be- fürwortern von Stuttgart 21.“ dad, de.

„In Berlin bin ich nur auf Montage“

Daniel Bahr, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, will den Landesvorsitz der FDP in Nordrhein-Westfalen übernehmen

A ls Daniel Bahr (FDP) am Dienstag- morgen von Berlin nach Düsseldorf

flog, traf er im Flugzeug Norbert Rött- gen (CDU). Das Gespräch sei ein zu- tiefst ernsthaft-sachpolitisches gewe- sen, berichtete Bahr später: über den Castor. Bahr und Röttgen werden sich wohl noch öfters treffen im Flugzeug, sie werden in den kommenden Monaten vielleicht auch mal die Zeit dafür fin- den, darüber zu sprechen, wie es ist, den größten Landesverband der jeweiligen Partei von Berlin aus zu führen. Sie wer- den darüber reden können, ob es eine gu- te Idee war, dass FDP und CDU nach dem Machtverlust in Nordrhein-Westfa- len ihre Machtlosigkeit auf viele Schul- tern verteilen, Parteichefs auswählen, die in Berlin eigentlich ganz gut zu tun haben. Es kann ein Fehler sein, aber auch ein Vorteil. Daniel Bahr, 34, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, hat in den vergangenen Wochen in die Partei hineingehorcht, wie seine Chancen ste- hen, den Landesverband zu führen, so wie es auch der Europaabgeordnete Alexander Graf Lambsdorff machte und die Bundestagsabgeordnete Gisela Piltz. Lambsdorff hatte zwar die Unter- stützung des scheidenden Parteichefs Andreas Pinkwart, aber sonst nicht ge- nug Leute, die ihn wählen würden, Bahr sah auch die Anhänger von Piltz

ihn wählen würden, Bahr sah auch die Anhänger von Piltz Will Andreas Pinkwart beerben: Daniel Bahr

Will Andreas Pinkwart beerben: Daniel Bahr ist designierter Landesvorsitzen-

der der FDP in Nordrhein-Westfalen.

Foto: dpa

hinter sich. Manch einer in der FDP hat- te auch mit einer Reihe von Regional- konferenzen und anschließender Mit- gliederbefragung geliebäugelt, die bei der CDU zumindest zu einer kleinen Aufbruchstimmung geführt hatten.

Dort gab es aber zwei Kandidaten für den Landesvorsitz, bei der FDP ist Bahr der einzige. Wer in Nordrhein-Westfa- len den Landesverband führt, der steigt auch in der Bundespartei auf. Bahr sag- te am Dienstag, er wolle dabei mithel-

fen, die FDP wieder zu einer Partei zu machen, die „sympathisch“ rüberkom- me, was in der jüngsten Vergangenheit nicht unbedingt der Fall war. Bahr nannte keine Namen, meinte aber Gui- do Westerwelle und sagte, die FDP sei „in den vergangenen Jahren häufig nur über eine Person wahrgenommen wor- den“. Das müsse sich ändern. Zu Oppo- sitionszeiten sei es richtig gewesen, „ein Zugpferd zu haben statt vier Ponys“, nun müsse sich die Aufmerksamkeit aber auf mehrere Personen verteilen. Daniel Bahr soll eine von ihnen sein. Andere Parteien hatten den Anden- pakt, die jungen Wilden oder die Netz- werker. Wenn man so will, haben die Li- beralen nun die Ponys: Junge Leute wie Bahr, Generalsekretär Christian Lind- ner, 31, und Gesundheitsminister Phi- lipp Rösler, 37, die eine andere Partei wollen als Guido Westerwelle. Bahr sagte, es sei ungerecht, die FDP nur auf das Thema Steuersenkungen zu reduzieren, wie es derzeit geschehe. „Der ganzheitliche Anspruch der Frei- heitspartei FDP muss wieder deutlicher werden: Freiheit für alle Lebenslagen.“ Die Situation der FDP in Nord- rhein-Westfalen ist nun erst einmal so, dass man sich nach fünf Jahren Regie- rung in der Opposition wiederfindet und in den Umfragen auf null zu- rauscht. Bahr sagt, man könne es än-

dern, er wolle versuchen, dass die Wahr- nehmung der Landespartei nicht mehr so sei, als ob Partei und Fraktion gegen- einander arbeiteten. Dieser Eindruck war auch nicht ganz unbegründet, Pink- wart und der Fraktionschef Gerhard Papke waren doch recht unterschiedli- che Temperamente. Während Pinkwart nach der Landtagswahl im Mai mit den Grünen und der SPD ernsthaft sondier- te, saß Papke neben ihm und sagte nein zu allem.

Wer den Landesverband in NRW führt, der steigt in der Bundespartei auf.

Auch jetzt müsse es verschiedene Rol- len geben in der FDP, findet Bahr: „Flo- rett und Säbel“ – nur solle man als Team auftreten. Er selbst will häufig im Land präsent sein, sagte er und gab in Kurzform seinen sehr nordrhein-west- fälischen Lebenslauf wieder. Er wohne in Münster und fühle sich da wohl. „In Berlin bin ich nur auf Montage“, sagte Bahr. Wenn er Pech hat, wird er in Nord- rhein-Westfalen bald tiefer verwurzelt sein, als ihm lieb ist. Sollte es bald Neu- wahlen geben, darf er die Liberalen als Spitzenkandidat vor der Bedeutungslo- sigkeit retten. Bernd Dörries

Mittwoch, 10. November 2010

POLITIK

HF2

Süddeutsche Zeitung Nr. 260 / Seite 7

Massengrab in Slowenien

Opfer sind offenbar bei Kriegsende getötete Deutsche

Zagreb – Die slowenischen Behörden ha- ben den Fund eines Massengrabs bestä- tigt, in dem möglicherweise Tausende am Ende des Zweiten Weltkriegs erschos- sene Deutsche verscharrt wurden. Ver- mutlich seien sie im Mai oder Juni 1945 ermordet worden, sagte der Chef der Re- gierungsbehörde für die Massengräber in Slowenien, Marko Strovs. Fachkräfte un- tersuchen seit Tagen den Fundort zwi- schen Mostec und Dubova an der Grenze zu Kroatien. Das Grab sei rund 186 Me- ter lang und bis zu vier Meter breit. Laut Strovs ist es offensichtlich, dass die Op- fer getötet wurden. Dass es in dieser Region Massengräber gibt, hatte schon 2002 der damals 79-jäh- rige Anton Zupancic kroatischen Medien bestätigt. Zupancic war 1945 einer der Arbeiter, die die Opfer vergraben muss- te. Unter den Toten in dem Massengrab bei Mostec befinden sich offenbar Ange- hörige der hauptsächlich aus Volksdeut- schen bestehenden Division „Prinz Eu- gen“. Sie waren bei Zidani Most, einer Ortschaft in der zentralslowenischen Un- tersteiermark, von Partisanen gefangen genommen worden. Für die Hinrichtun- gen wird meist der Partisanen-Geheim- dienst Ozna („Abteilung für den Volks- schutz“) verantwortlich gemacht. Die Oz- na war der Kommunistischen Partei Ju- goslawiens unterstellt. Manche Histori- ker in Slowenien und Kroatien sind über- zeugt, dass der Oberbefehlshaber der Par- tisanen, Josip Broz Tito, die Hinrichtun- gen befahl. Auch „interne Feinde“ be- kämpfte er. Die Massenmorde der siegreichen jugo- slawischen Partisanen waren in Sloweni- en lange ein Tabuthema. Man hat dar- über bis zum Fall des Kommunismus und zur Unabhängigkeitserklärung von Jugo- slawien zu Beginn der neunziger Jahre nur geflüstert, offen reden durfte nie- mand. Erst die Demokratisierung und der EU-Beitritt haben in Slowenien eine Debatte über die Verbrechen der Partisa- nen nach dem Zweiten Weltkrieg mög- lich gemacht. Es gibt inzwischen Studien über die dunkle Vergangenheit, Ausstel- lungen und Tagungen werden organi- siert, die Medien berichten ausführlich. Das Wahrheitsmonopol haben nicht mehr der Bund der Kommunisten und die Veteranen der Partisanenbewegung. Nach Regierungsangaben befinden sich in Slowenien mehr als 500 Massengräber mit tatsächlichen oder vermeintlichen Nazi-Kollaborateuren und Klassenfein- den. Dies hat am Image Titos gekratzt, der bis 1980 den Vielvölkerstaat Jugoslawi- en zusammenhielt und hohes Ansehen in Ost und West genoss. Der unkritische Umgang mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs hat in Slowenien dazu ge- führt, dass die Partisanenbewegung oft verklärt wird. Im Jahr 1945, kurz vor dem Rückzug der Wehrmacht aus Jugo- slawien, flohen Tausende kroatische Us- tascha, slowenische Domobranci (Heim- wehren) und serbische Tschetniks nach Norden. Viele wurden in Slowenien von Partisanen abgefangen und erschossen. Die Leichen finden die Behörden nun in Fels- und Erdspalten im Karstgebiet, in alten Minen und Steinbrüchen. enr

im Karstgebiet, in alten Minen und Steinbrüchen. enr Innenpolitisch hat Bulgariens Präsi- dent Georgi Par- wanow

Innenpolitisch hat Bulgariens Präsi- dent Georgi Par- wanow (rechts) viel Ärger – ihm werden Kontakte zur orga- nisierten Krimi- nalität vorgewor- fen. Und auch außenpolitisch be- fand er sich am Dienstag in der Gesellschaft eines Mannes, den ande- re europäische Staatschefs derzeit eher meiden: Syri- ens Präsident Baschar al-Assad war in Sofia zu

Gast. Foto: AP

Der Spitzel und der Traktor

Bulgariens Präsident arbeitete einst für den kommunistischen Geheimdienst, nun soll er Kontakte zur Mafia haben

Von Klaus Brill

Prag – Der bulgarische Präsident Georgi Parwanow bereitet offenbar die Grün- dung einer neuen politischen Bewegung vor. Er will damit ein Gegengewicht zur konservativen Regierung schaffen und auch nach seinem Ausscheiden aus dem höchsten Staatsamt im nächsten Jahr Einfluss nehmen. Nach Presseberichten aus Sofia erwartet man für diesen Don- nerstag eine Erklärung des 53-Jährigen, der früher der Kommunistischen Partei angehörte und die daraus hervorgegange- ne Sozialistische Partei von 1996 bis 2001 als Vorsitzender führte. Parwanow ist einer der beliebtesten Politiker im Land. Zugleich ist er höchst umstritten, weil er im Kommunismus für den Staats- sicherheitsdienst tätig war und Kontakte ins Milieu des organisierten Verbrechens unterhalten soll. Erst vor zwei Wochen hatte ihn der konservative Innenminister Tswetan Tswetanow unverblümt beschuldigt, er habe enge Verbindungen zu dem mut- maßlichen Kriminellen und früheren Ge- heimagenten Alexej Petrow („der Trak- tor“), der im Februar als Chef eines Ma- fia-Rings verhaftet worden war. Parwa- now habe Petrow „politischen Rück- halt“ gegeben. Das Gleiche hatte auch der konservative Abgeordnete und frühe- re Leiter des bulgarischen Fahndungs- büros, Atanas Atanasow, behauptet. Der Präsident entgegnete darauf, Minister Tswetanow versuche offenkundig, von seiner eigenen „höchst unangenehmen Si-

tuation“ abzulenken, nachdem er des zweifelhaften Besitzes verschiedener Wohnungen beschuldigt worden war. Der Vorgang ist inzwischen zum Ge- genstand heftiger Auseinandersetzun- gen geworden und gibt einen Vorge- schmack auf die Präsidentschaftswahl im Herbst 2011. Parwanow, als Kandidat der Sozialisten 2001 gewählt, kann dann nach zwei Amtsperioden laut Verfassung nicht mehr antreten. Für die bürgerliche Bewegung Gerb des seit über einem Jahr regierenden Ministerpräsidenten Boiko Borissow ist als Kandidat Innenminister Tswetanow im Gespräch, ein langjähri- ger Vertrauter Borissows. Tswetanow war der beliebteste Politiker im Land, nachdem er sich durch spektakuläre Fest- nahmen als entschiedener Kämpfer ge- gen das organisierte Verbrechen profi- liert hatte. Wegen der Wohnungsaffäre

fiel er in Umfragen aber hinter Parwa- now und Borissow zurück. Dem 45-jährigen Innenminister wird von dem Politiker Jane Janew, dem Füh- rer einer rechtsgerichteten Splitterpar- tei, vorgeworfen, er sei in den vergange- nen Jahren verdächtig rasch reich gewor- den, und zwar aufgrund von Beziehun- gen zu der als hochkorrupt geltenden Par- tei der türkischen Minderheit. Tsweta- now bestritt dies, räumte aber ein, dass er sechs Wohnungen besitze. Er habe die- ses Eigentum jedoch schon vor Jahren de- klariert, zum Teil handele es sich um Ob- jekte, die ihm Eltern und Schwiegerel- tern vererbt hätten. Die Angelegenheit wird derzeit amtlich untersucht. Tsweta- now hat auch schon dem Parlament Aus- kunft gegeben. Die Diskussion um dubio- se Beziehungen zwischen Politikern und Kriminellen ist dadurch neu belebt wor-

ANZEIGE

und Kriminellen ist dadurch neu belebt wor- ANZEIGE den, doch ist es schwer, sich ein unpartei-
und Kriminellen ist dadurch neu belebt wor- ANZEIGE den, doch ist es schwer, sich ein unpartei-

den, doch ist es schwer, sich ein unpartei- isches Urteil zu bilden. Zu einem Kristallisationspunkt könn- ten die Aktivitäten des vor kurzem aus dem Gefängnis in den Hausarrest entlas- senen Mafia-Verdächtigen Alexej Pe- trow werden, der seine Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl und neue Ent- hüllungen angekündigt hat. Er wurde bei seiner Festnahme im Februar ebenso wie 13 weitere Personen des Drogenhan- dels, der Schutzgeld-Erpressung, der Geldwäsche, der Bestechung, des Steuer- betrugs und der Steuerung von Prostitu- iertenzirkeln beschuldigt. Der promo- vierte Ökonom gehörte früher zu einer Spezialeinheit des Innenministeriums, die für den Kampf gegen Terroristen trai- niert wurde und als „die Barette“ be- kannt war. Zeitweise besaß er zusammen mit dem heutigen Ministerpräsidenten Borissow in den neunziger Jahren eine Firma. Darauf wies jetzt immer wieder auch Präsident Parwanow hin. Sein Vorstoß für eine neue politische Bewegung hat einen seit langem schwe- lenden Konflikt aufflammen lassen. Bo- rissow sagte, Parwanow breche die Ver- fassung, denn diese verwehre dem Präsi- denten eine Einmischung in die Politik und verlange „strenge Überparteilich- keit“. Bulgarien habe ab sofort keinen Präsidenten mehr. Daraufhin warf Par- wanow dem Regierungschef vor, er habe die Nation gespalten. Borissow agiere nicht als Ministerpräsident aller Bulga- ren, sondern nur einer Partei und rufe da- mit soziale Proteste hervor.

Ausland

Wahlboykott in Jordanien

Amman – Überschattet von einem Boy- kott der größten Oppositionsgruppe ha- ben die Jordanier am Dienstag ein neues Parlament gewählt. Die fundamentalisti- sche Islamische Aktionsfront sieht sich durch das neue Wahlrecht benachteiligt. Erwartet wurde daher ein klarer Sieg re- gierungsnaher Kandidaten, vor allem von Stammesangehörigen mit Verbin- dungen zu König Abdullah II. Vor der Wahl, bei der 763 Bewerber für die 120 Sitze im Parlament kandidieren, spielten vor allem die Wirtschaftslage und Ärger über Israel eine Rolle. Trotz eines Auf- rufs von Ministerpräsident Samir Rifai lief die Stimmabgabe nur schleppend an. Die islamistische Opposition trat nicht an mit der Begründung, dass das neue Wahlrecht Stimmen aus der Stadt ent- werte. Dort bekommen die radikalen Par- teien traditionell mehr Stimmen als auf dem Land. Fast 80 Prozent der Jordanier leben in Ballungsräumen. Die Unterstüt- zer des Königs kommen hingegen über- wiegend aus Wüstenregionen. dapd

Ex-Diktator gestorben

Buenos Aires – In Argentinien ist Ex-Mi- litärmachthaber Emilio Eduardo Masse- ra im Alter von 85 Jahren gestorben. Der frühere Admiral erlag am Montag in Bue- nos Aires einem Herzstillstand, wie die Zeitung Página/12 berichtete. Massera galt als ideologischer Kopf der letzten Mi- litärjunta, die sich im März 1976 an die Macht geputscht hatte. Als Marinechef trug Massera die Verantwortung für die Marineschule Esma, die während der Diktatur in ein Folterzentrum verwan- delt wurde. Dort sollen mehr als 5000 Re- gimegegner ermordet worden sein. Mas- sera wurde 1985 wegen Mordes, Entfüh- rung und Folter zu lebenslanger Haft ver- urteilt. 1990 wurde er begnadigt und stand zuletzt unter Hausarrest. epd

General verurteilt

Montevideo – Erstmals ist in Uruguay ein aktives Mitglied der Streitkräfte we- gen Menschenrechtsverletzungen wäh- rend der Zeit der Militärdiktatur in Haft gekommen. General Miguel Dalmao kam am Montag in Gewahrsam, weil ein Ge- richt ihn schuldig sprach, 1974 den Tod einer Kommunistin in Militärhaft verur- sacht zu haben. Sollte ein Berufungsver- fahren zu dem gleichen Ergebnis kom- men, drohen dem General bis zu 30 Jahre Gefängnis. Nach der Militärdiktatur zwi- schen 1973 und 1985 wurde eine Amnes- tie für die Armee erlassen, über deren An- wendung aber Gerichte befinden. dapd

Vermögen werden geprüft

Paris – Das höchste französische Beru- fungsgericht hat am Dienstag einem Un-

tersuchungsverfahren gegen drei ehema- lige und amtierende afrikanische Präsi- denten zugestimmt. Es geht um die in Frankreich verbliebenen Vermögenswer- te des verstorbenen Präsidenten Gabuns, Omar Bongo, des Präsidenten von Kon- go-Brazzaville, Denis Sassou-Nguesso, und des Präsidenten Äquatorialguineas, Teodoro Obiang. Transparency Internati- onal hat ihnen vorgeworfen, Teile des Vermögens ihrer Heimatländer verun-

treut zu haben.

dapd

EU lässt Albanien warten

Brüssel verwehrt dem Land wegen mangelnder Reformen den Kandidatenstatus

Von Martin Winter

Brüssel – Kroatien hat seine Aussichten auf eine EU-Mitgliedschaft verbessert. „Die Verhandlungen sind in die letzte Phase eingetreten“, sagte EU-Erweite- rungskommissar Stefan Füle am Diens- tag. Einen konkreten Termin für den Bei- tritt gibt es aber noch nicht. Bei anderen Kandidaten und solchen, die es werden wollen, ist die Aussicht schlechter. In ei- nigen Ländern habe „der Reformeifer nachgelassen“, klagt die EU-Kommissi- on in ihrem Herbstbericht zur Erweite- rung. Dabei geht es vor allem um Aspiran- ten vom westlichen Balkan wie Serbien, Bosnien-Herzegowina, Albanien oder Montenegro. Albanische Hoffnungen auf eine Emp- fehlung der Kommission, dem Land den

Kandidatenstatus zu verleihen, erfüllten sich am Dienstag nicht. Zu groß sind die politischen und wirtschaftlichen Proble- me. Vor allem hänge Tirana bei der Rechtsstaatlichkeit weit zurück, und auch die letzte Wahl habe nicht gerade europäischen Standards entsprochen, sagte ein Diplomat in Brüssel. Auch in Montenegro wird man sich eventuell noch gedulden müssen. Nach- dem es darüber am Montag zu einer, wie es hieß, „lebhaften Debatte“ zwischen den Mitgliedsländern und Brüssel gekom- men war, überprüfte die Kommission am Dienstag erneut, ob sie für den Klein- staat jetzt schon den Kandidatenstatus empfehlen kann. Entscheiden können über den Status nur die Mitgliedsländer. Der Türkei, mit der seit 2006 über den Beitritt verhandelt wird, attestiert die

Kommission gewisse Fortschritte. Die jüngste Verfassungsänderung sei „ein wichtiger Schritt in die richtige Rich- tung“. Nun müssten die Reformen aber auch in die Wirklichkeit umgesetzt wer- den. Vor allem die Bürgerrechte, die Mei- nungsfreiheit und die Pressefreiheit müssten sowohl rechtlich wie praktisch „gestärkt werden“. Deutliche Mängel ge- be es immer noch bei der Religionsfrei- heit. Abgesehen vom Streit zwischen der Türkei und Zypern, der die gesamten Bei- trittsverhandlungen behindert, wird An- kara von Brüssel aufgefordert, auch sei- ne Grenzstreitigkeiten mit Griechenland beizulegen. Griechenland hatte sich mehrmals über die Verletzung seines Luftraums und seiner Gewässer durch türkische Flugzeuge und Schiffe be- schwert. (Seite 4)

„Wir Europäer gehören zusammen“

EU-Präsident Van Rompuy warnt in Berlin vor deutsch-französischen Alleingängen

Von Martin Winter

Brüssel – Nachdem die Verärgerung in der Europäischen Union über angebliche deutsch-französische Alleingänge wäh- rend der Finanzkrise gewachsen ist, kriti- siert nun auch der Vorsitzende des Euro- päischen Rates, Herman Van Rompuy, Paris und Berlin. Allerdings sehr vorsich- tig. Im Verlauf einer Rede zum Jahrestag des Mauerfalls sagte er laut Manuskript am Dienstagabend in Berlin, dass die deutsch-französische Freundschaft für die Eurozone zwar eine „notwendige Vor- aussetzung für Erfolg ist, aber keine hin- reichende“. Für einen wirklichen Erfolg müssten die Interessen „aller berücksich- tigt werden“. Zugleich warnte Van Rompuy davor, die Forderung nach einer Änderung der

europäischen Verträge, die Bundeskanz- lerin Angela Merkel auf dem EU-Gipfel Ende Oktober durchgesetzt hatte, in eine Generalüberholung der EU ausarten zu lassen. Die verabredete „begrenzte Ver- tragsänderung“ zur Vorbereitung auf künftige Krisen der Eurozone sei „essen- tiell“, räumte Van Rompuy ein, der sich selbst lange dagegen gewehrt hatte. Aber man solle sich davor hüten, nun die De- batte über Ziel und Architektur der EU neu zu eröffnen. „Wir haben Wichtigeres zu tun.“ Dazu zählt er unter anderem die Erwei- terung der EU um die Länder des westli- chen Balkan. Mit dem Fall der Mauer sei auch der Vorhang gefallen, der Europa so lange geteilt habe. Sich für neue Mit- glieder zu öffnen, bedeute zwar noch nicht, wirklich zusammenzuwachsen.

Aber es mache doch ein für alle Mal klar, dass „wir Europäer zusammengehören“. Mit Blick auf die in vielen EU-Ländern virulente Debatte über kulturelle Diffe- renzen sagte Van Rompuy in Berlin, dass man in „unseren Gesellschaften“ bei al- len Unterschieden ein Gefühl für das „Zusammengehören“ haben müsse. Das, was den Europäern bei allen kulturellen Unterschieden gemeinsam sei, seien „De- mokratie, Bürgerrechte und Rechts- staat“, so Van Rompuy. Angesichts der zunehmend schlechten Stimmung in der EU warnte Van Rom- puy vor „Euro-Skepsis“. Der größte Feind Europas sei die Angst. „Angst führt zu Egoismus, Egoismus zu Nationa- lismus und Nationalismus zu Krieg.“ Nichts, fügte er hinzu, „wurde jemals auf Angst gebaut“.

Neues Feuer für Österreichs Grüne

Die Ökopartei wird künftig wahrscheinlich die Hauptstadt Wien mitregieren – dadurch könnte sie im ganzen Land frischen politischen Schwung bekommen

Von Michael Frank

Wien – Ausgerechnet im Augenblick der Verzagtheit, der existenzbedrohlichen Schwäche, schickt sich die Grüne Alter- native Österreichs an, in der Bundes- hauptstadt Wien den Ton anzugeben. Bürgermeister ist zwar immer noch der Sozialdemokrat Michael Häupl. Gelin- gen aber die Koalitionsverhandlungen von Grünen und SPÖ unter dem roten Stadtoberhaupt, die sich derzeit in der Endphase befinden, dann könnten Öster- reichs Grüne wieder Tritt fassen. Wien ist ein Stadtstaat, Häupl einer der mächtigsten Männer der Republik. Gleichwohl hat er im Oktober im ver- meintlich ewig roten Wien mit seiner SPÖ die absolute Mehrheit verloren. Die zwar liberale, aber in der Hauptstadt sehr geschwächte Volkspartei (ÖVP) wä- re als Partner billig zu haben gewesen. Österreich ist des schwarz-roten Kartells jedoch überdrüssig, das den rechtsradika- len Freiheitlichen (FPÖ) unter Heinz- Christian Strache knapp 26 Prozent der Wählerstimmen zutrieb. Kaum einer mag sich vorstellen, wie stark die FPÖ würde, wenn die Zusammenarbeit mit ihr in der Hauptstadt – wie einst im Bund – neu aufgelegt würde. Zwar haben auch

die Grünen in Wien erstmals seit ihrer Gründung Einbußen erlitten. Doch da Häupl standhaft jeden Bund mit der FPÖ ausschließt, bleibt nur das Modell Rot-Grün. Dass sie in die Stadtregierung wollen, haben die Grünen mehrmals laut gesagt. Viele Wähler sahen das Pro- gramm der Öko- und Menschenrechts- partei auf die Sehnsucht nach Macht re- duziert, zumal ihre umweltpolitischen Forderungen von der Konkurrenz mitt- lerweile in Teilen übernommen wurden. Zudem haben Österreichs Grüne keine breite Basis. Sie wurzeln in den Protest- bewegungen gegen das Kernkraftwerk Zwentendorf und die Verbauung der Do- nauauen bei Hainburg. Aber aufgrund ih- rer niedrigen Mitgliederzahl funktio- niert die basisdemokratische Entschei- dungsfindung nicht: Mit winzigen Mit- gliederbewegungen lassen sich ganze Parteibezirke manipulieren. Die Partei regt nicht mehr auf, das visionäre Feuer ist dahin. Ein führender Funktionär klagt: „Es wird Zeit, dass wir endlich mal wieder als Kommunisten beschimpft werden!“ Kritischen Bürgern sind die Grünen zu „normal“ geworden. Ihr lang- jähriger Bundessprecher Alexander Van der Bellen, ein Heiliger in Österreichs Po- litik, hatte aber genau das gewollt. Der

in Österreichs Po- litik, hatte aber genau das gewollt. Der Die Wiener Grünen-Chefin Maria Vassilakou ist

Die Wiener Grünen-Chefin Maria Vassilakou ist eine kantige, aber klar formulie-

rende Verhandlungspartnerin, die meint, was sie sagt.

Foto: Reuters

scharf denkende, freundliche Wirt- schaftsprofessor sorgte dafür, dass die Grünen den Nimbus der Aufrührer verlo- ren. Er wurde der populärste Politiker Österreichs – und seine Partei gleichzei- tig so belanglos, dass sie den Wählern in der Galerie bürgerlicher Langweiler nicht mehr auffällt. Als Van der Bellen sein Amt an die von mangelnder Fortune verfolgte Eva Glawischnig weitergab, be- rief man sich gleichsam auf die natürli- che Erbfolge, anstatt eine programmati- sche Debatte zu führen. Schließlich box- te man den sperrigen Europa-Politiker Johannes Voggenhuber hinaus, die ein- zig international renommierte Figur in der Partei. Dabei mangelt es an markan- tem Nachwuchs: Trotz scheinbarer Ju- gendlichkeit sind beängstigend viele Grü- ne unter Österreichs dienstältesten Politi- kern. Maria Vassilakou, die Vorsitzende der Stadtpartei, hatte all das im Wahlkampf am Bein. Die in Griechenland gebürtige Wienerin – Athen wollte sie schon als Staatssekretärin zurückholen – ist erfri- schend unwienerisch: Hier, wo selbst Feinde in heuchlerischer Freundlichkeit miteinander verkehren, agiert Vassila- kou direkt, fast schroff. So ist sie eine kantige, aber klar formulierende Ver-

handlungspartnerin, denn sie meint, was sie sagt – gegen jede örtliche Tradition. Wenn sie also radikal verringerte Preise für die öffentlichen Verkehrsmittel, den ökologischen Umbau des in Wien so wich- tigen öffentlichen Wohnbaus und die Senkung der Sozialwohnungsmieten for- dert, dann sind das keine billigen Paro- len. Vielmehr wird um diese Punkte in den Koalitionsverhandlungen besonders intensiv gerungen. Häupl und die Wendigeren in seiner durch Jahrzehnte der Macht überheblich gewordenen Wiener SPÖ haben den Grü- nen schon immer gut zugehört: Projekte wie das erste mit erneuerbaren Rohstof- fen beheizte städtische Großkraftwerk wurde gleichsam in einem stillen Abkom- men mit den Grünen und gegen den an- fänglichen Widerstand der Stadtwerke gebaut. Der vorzüglich organisierte öf- fentliche Verkehr trägt, wie vieles, in Wien längst eine grünere Handschrift als anderswo. Und nun soll Rot-Grün also offiziell werden. Für die alte Metropole kann das wie eine Frischzellenkur wirken. Und es könnte die verblassende Originalität der heute so grauen Grünen in der ganzen Re- publik neu befeuern. Sonst grünt bald nichts mehr in Österreich.

Seite 8 / Süddeutsche Zeitung Nr. 260

HF2

POLITIK

Mittwoch, 10. November 2010

Zeitung Nr. 260 HF2 POLITIK Mittwoch, 10. November 2010 Kurzbesuch in der alten Heimat: US-Präsident Barack

Kurzbesuch in der alten Heimat: US-Präsident Barack Obama mit Indonesiens Staatschef Susilo Bambang Yudhoyono in Jakarta.

Foto: AFP

Brücke zum Islam

Obama wirbt in Indonesien um Vertrauen der Muslime

Von Tobias Matern

Delhi – Seine alte Schule wird er wohl nicht besuchen. Dabei haben die Kinder dort extra ein Lied für ihn einstudiert. Aber die Zeit ist zu knapp bemessen. US-Präsident Barack Obama ist am Dienstag nach seiner dreitägigen Indien- reise mit Ehefrau Michelle zu einem Kurzbesuch in Indonesien eingetroffen. In dem südostasiatischen Land hatte er einen Teil seiner Kindheit verbracht. Kei- ne 24 Stunden nach Landung der Air Force One in Jakarta wollte er an diesem Mittwoch bereits nach Seoul weiterflie- gen, um dort an einem Treffen der G-20-Staaten teilzunehmen. Als Obama vor zwei Jahren ins Weiße Haus einzog, registrierten dies gerade die Menschen in Indonesien mit großem Stolz – schließlich verweisen sie hier gern auf die Jahre 1967 bis 1971, die er mit seiner Mutter und deren zweitem Ehemann in Jakarta verbrachte. Inzwi- schen sehen sie Obama – als Amtsinha- ber – wesentlich nüchterner. Enttäuscht sind die Indonesier vor allem darüber, dass der Präsident zwei bereits geplante Besuche kurzfristig abgesagt hatte. Im März musste er in Washington um seine Gesundheitsreform kämpfen, im Juni be- schäftigten ihn die Folgen der Ölkatastro- phe im Golf von Mexiko. Um zusätzli- chen Enttäuschungen vorzubeugen, ließ Obamas Sprecher Robert Gibbs schon vor der Ankunft wissen, dass der promi- nente Besucher wohl einige Stunden frü- her als geplant das Land wieder verlas- sen müsse. Als Grund nannte er den Vul- kan Merapi und die damit verbundenen Einschränkungen des Luftverkehrs.

Am Abend traf Obama den indonesi- schen Staatschef Susilo Bambang Yud- hoyono im Präsidentenpalast. Es fühle sich „wunderbar an, endlich zurück in In- donesien zu sein“, sagte der US-Präsi- dent anschließend. Das Gespräch drehte sich um Sicherheitsfragen, den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen und die Zu- sammenarbeit beim Klimaschutz. Auch einigten sich die Präsidenten auf eine ver- stärkte Kooperation im Kampf gegen den Terrorismus. In keinem anderen Land der Welt le- ben so viele Muslime wie in Indonesien. Obama wollte nicht nur eine der größten Moscheen der Welt in Jakarta besuchen,

Zweimal verschob Obama den Besuch in Jakarta wegen innenpolitischer Probleme.

sondern auch eine Rede halten, die – wie jene von Kairo im vergangenen Jahr – an die gesamte islamische Welt gerichtet sein soll. Der Präsident sagte zuvor, er ha- be sich große Mühe gegeben, die Bezie- hungen der USA zu muslimischen Gesell- schaften zu verbessern. Dennoch seien „Missverständnisse und Misstrauen“ noch nicht ausgeräumt. „Wir versuchen sicherzustellen, dass wir Brücken bau- en“, sagte er. Jedoch ist in der muslimischen Welt die Enttäuschung über Obama groß. Der Sprecher einer islamistischen Gruppe in Indonesien diffamierte ihn vor seiner Re- de und verglich ihn mit George W. Bush:

„Sie unterdrücken Muslime, sie haben beide Blut an ihren Händen.“

Israel torpediert Friedensprozess

USA und EU kritisieren neue Siedlungspläne

Tel Aviv – Mit der Ankündigung neuer Siedlungsbau-Vorhaben hat Israel er- neut heftige internationale Kritik provo- ziert. Veröffentlicht wurden nun Pläne für insgesamt mehr als tausend neue Wohnungen im arabischen Ostteil von Je- rusalem sowie für ungefähr 800 Wohnein- heiten in der Siedlungsstadt Ariel im Westjordanland. Damit werden alle Be- mühungen der USA und der Europäer im nahöstlichen Friedensprozess konterka- riert. Sie haben seit Wochen vergeblich versucht, Israels Regierung zur Neuaufla- ge eines im September ausgelaufenen Siedlungsbaustopps zu bewegen, um die Palästinenser wieder an den Verhand- lungstisch zu holen. Auffällig ist, dass die neuen Baupläne just zu einer Zeit publik gemacht wer- den, in der Premierminister Benjamin Ne- tanjahu durch die Vereinigten Staaten reist. Nach einem Eklat im März, als grö- ßere Bauvorhaben angekündigt worden waren, als sich gerade US-Vizepräsident Joe Biden in Israel aufhielt, hatte die Re- gierung in Jerusalem versprechen müs- sen, sich künftig mehr Zurückhaltung aufzuerlegen und solche Affronts zu ver- meiden. Offenbar wurde diese Überein- kunft nun gebrochen, wobei es offen blieb, ob Netanjahu vorab von der Veröf- fentlichung der Pläne informiert worden war. In jedem Fall aber ist dies eine neuerli- che Belastung für das amerikanisch-isra-

Die Palästinenser drohen mit der einseitigen Ausrufung eines eigenen Staates.

elische Verhältnis, das ohnehin seit dem Amtsantritt von Präsident Barack Oba- ma ständigen Wechselbädern ausgesetzt ist. Mit einiger Spannung wird verfolgt, ob Obama nach den Kongresswahlen wie- der einen schärferen Ton gegenüber Isra- el anschlägt, wie er das bereits im Streit um den Siedlungsbau im Frühjahr getan hatte. Zwar hat ihn die Wahlniederlage gewiss geschwächt. Aber er könnte ver- sucht sein, den innenpolitischen Rück- schlag durch außenpolitische Erfolge kompensieren zu wollen und sich mit neu- em Nachdruck für einen nahöstlichen Ausgleich einsetzen. In Jerusalem schlägt mit Blick darauf die Stunde der Taktierer. Die Bau-An- kündigung zu diesem kritischen Zeit- punkt könnte von der Regierung als Ver- suchsballon gedacht sein – um auszulo- ten, wie weit sie jetzt bei Obama gehen kann. In einer ersten Reaktion verurteil- te das US-Außenministerium die Vorha- ben relativ scharf. „Wir sind tief ent- täuscht von der Ankündigung der fortge- schrittenen Planung neuer Wohneinhei- ten in sensiblen Bereichen von Ost-Jeru- salem“, hieß es. Dies „untergrabe das Ver- trauen“ in den Friedensprozess. Am Don- nerstag dürfte das Thema im Mittel- punkt eines Treffens von Netanjahu mit Außenministerin Hillary Clinton stehen. Gegenwind bekam Netanjahu bereits bei einem Gespräch mit Ban Ki Moon in New York zu spüren. Der UN-Generalse- kretär zeigte sich dabei sehr besorgt über den Siedlungsbau. Aus Brüssel forderte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ash- ton Israel auf, die Pläne sofort rückgän- gig zu machen. „Die Siedlungen sind nach internationalem Recht illegal, sind ein Hindernis für den Frieden und ma- chen eine Zwei-Staaten-Lösung unmög- lich“, erklärte sie. Der palästinensische Chef-Unterhändler Saeb Erekat sieht in den jüngsten Ankündigungen einen Be- weis dafür, dass „Netanjahu alle Türen zuschlägt und den Verhandlungsprozess zerstören will“. Als Reaktion drohte er er- neut mit der einseitigen Ausrufung eines Palästinenserstaats. Peter Münch

„Warum soll der Präsident Wahlen fälschen?“

Ein Besuch bei Europas letztem Diktator: Wie Weißrusslands Staatschef Alexander Lukaschenko versucht, sich dem Westen zuzuwenden

Von Frank Nienhuysen

Minsk – Bei Alexander Lukaschenko herrscht Ordnung, das muss noch mal ge- sagt werden. Und zwar von seinem Pres- sesprecher. Er weist mit dem Arm nach oben und erklärt präzise wie ein Thea- ter-Regisseur die strenge Choreographie der nächsten Minuten. „Der Präsident kommt von dort und geht zunächst die Treppe hinunter. Er wird sich hier hin- stellen, Sie zwei, drei Minuten lang be- grüßen, dann wird Tee serviert. Erst wenn der Tee serviert ist, beginnt das In- terview.“ Es soll dabei kein Durcheinan- der entstehen, also hat der Sprecher noch eine Bitte an die Journalistengruppe, die seit einer Stunde an dem runden Tisch wartet. Die Fragen sollten in einer festge- legten Reihenfolge gestellt werden, „ent- weder im Uhrzeigersinn oder gegen den Uhrzeigersinn“. Nun also kommt Weißrusslands Präsi- dent die Treppe herunter, und das Ritual scheint seinen Lauf zu nehmen. Mit sei- nen großen Händen begrüßt er einzeln die Gäste, und eine Abordnung blau ge- kleideter Damen serviert den Tee. Dann aber bestellt Lukaschenko seinen Tee wieder ab und ordert Kaffee. Spontan lässt er sogar ungeregelte Fragen zu, der Uhrzeigersinn wird nun doch nicht benö- tigt. Einen Monat vor der Präsidenten- wahl zeigt sich der Staatschef flexibel, die Ordnungen verschwimmen, auch in der Politik. Mit dem vertrauten Bruder- staat Russland liegt Lukaschenko seit langem im Streit, der Westen dagegen wird für Weißrussland wieder wichtig. Lukaschenko hat in seine Minsker Re- sidenz gebeten, in einen weißen neoklas- sischen Bau im Zentrum der Stadt. Ent- spannt sitzt er in dem kleinen, hellbrau- nen Gästesaal, hinter sich die Präsidial- flagge und die rot-grüne Landesfahne. Die Fragen können kommen, an seinem vierten Wahlsieg muss er ja nicht zwei- feln. Seit 16 Jahren regiert der Mann mit dem Schnauzbart das Land, das an der Ostgrenze der Europäischen Union liegt und doch für viele noch immer Terra in- cognita ist. In diesen Wochen aber pflegt Lukaschenko so etwas wie den Tag der of- fenen Tür. Gerade erst war Kanzleramts-

chef Ronald Pofalla in Minsk, ein paar Ta- ge vorher war Guido Westerwelle gekom- men, es war der erste Besuch eines deut- schen Außenministers seit 15 Jahren. Das hatte natürlich seinen Grund, denn demokratische Wahlen hat es in Weiß- russland seit dieser Zeit nicht gegeben. Der Westen wünscht, dass es diesmal ehr- lich zugehen solle bei der Abstimmung. Deshalb stellte er trotz aller Skepsis schon mal vorsorglich eine üppige Milli- ardenhilfe in Aussicht. Nun aber hält Lukaschenko die Gele- genheit für gekommen, die Meinung des Auslands als unplausibles Vorurteil zu entlarven. „Wer hat die These in die Ge- hirne von Journalisten gesetzt, dass Wah- len gefälscht werden? Warum soll der Präsident Wahlen fälschen“, fragt er, „wenn er laut der neuesten Umfrage eine Zustimmung beim Volk von 70 Prozent hat?“ Natürlich teilt er auch die im Wes- ten kursierende Einschätzung nicht, er sei der letzte Diktator Europas. „Sie spre- chen mit ihm an einem Tisch, Sie streiten

sich mit ihm, zeichnen alles auf, gehen wieder und schreiben, was Sie wollen. Ist das eine Diktatur?“ Mitarbeiter des weißrussischen Staats- fernsehens zeichnen die Gesprächsrunde auf, von der ein paar Stunden später im Radio eine Nachrichtenmeldung zu hö- ren ist. Präsident Lukaschenko habe sei-

Mit den einstigen Freunden im Kreml hat sich Lukaschenko überworfen.

ne Bereitschaft zu einer engeren Zusam- menarbeit mit der Europäischen Union gezeigt, heißt die wichtigste Botschaft, die in das Land gestreut wird. Weißruss- land, das ist klar, muss sich öffnen. Jahrelang ist das Land durch niedrige Gaspreise vom großen Nachbarn Russ- land ernährt worden. Doch weil Moskau sich diese Großzügigkeit nicht mehr leis- ten will, begann ein schwerer Konflikt.

Inzwischen ist der slawische Bruder- streit chronisch geworden und nahtlos in ein Stadium der persönlichen Dauerkrän- kung geglitten. Kremlchef Dmitrij Med- wedjew erhob sich zuletzt sogar als selbsternannter Demokratie-Hüter und deutete an, dass er den Wahlausgang in Weißrussland am 19. Dezember einfach nicht anerkennen werde. Für Lukaschen- ko wäre dies natürlich ein Problem, denn dann könnte er schlecht nach Moskau rei- sen und selber über das Niveau künftiger Gaspreise verhandeln. Und so klopft er nun unruhig mit dem kräftigen Finger auf den Tisch und sagt trotzig: „Wir be- stehen nicht darauf, dass Russland die Wahl anerkennt. Es hat sich offensicht- lich noch nicht daran gewöhnt, dass Weißrussland ein eigenständiges Land ist und keine russische Provinz.“ Er schimpft auf Russland, die Politik von Gazprom sei eine Katastrophe, und er zieht missmutig die Augenbraue hoch auf die Frage, ob es womöglich mit einem künftigen Kollegen Putin wieder besser

womöglich mit einem künftigen Kollegen Putin wieder besser Allgegenwärtig ist Weißrusslands Staatschef Alexander

Allgegenwärtig ist Weißrusslands Staatschef Alexander Lukaschenko in der Hauptstadt Minsk.

Foto: Laif

Bundeswehr-Kommission: Rüstungsexporte erleichtern

Strenge deutsche Regeln sollen gelockert werden / Waffen-Industrie fürchtet Einbußen wegen Etatkürzungen

Von Peter Blechschmidt

Berlin – Die deutsche Rüstungsindustrie hat schon bessere Zeiten erlebt. Ihr Image ist schlecht, weil viele ihrer Pro- dukte zu spät oder mängelbehaftet bei ih- rem Hauptkunden, der Bundeswehr, an- kommen. Im Wehretat drohen drastische Kürzungen, was nicht ohne Auswirkun- gen auf die Beschaffung neuen Geräts bleiben kann. In Karl-Theodor zu Gut- tenberg steht ein neuer Mann an der Spit- ze des Verteidigungsministeriums, der vorsorglich schon mal deutlich gemacht hat, dass Industrie-Interessen bei ihm nicht oberste Priorität haben. In dieser Situation plädiert einer der führenden Repräsentanten der Rüstungswirtschaft, Airbus-Chef Thomas Enders, für eine neue Partnerschaft zwischen Wirtschaft und Politik. In einem nächste Woche erscheinen- den Beitrag für die Gneisenau-Blätter, der internen Publikation der Offiziers- schule der Luftwaffe, fordert Enders, Schluss zu machen „mit unrealistischen Anforderungen, mit überzogenen Ver- sprechungen und mit der Vertagung von Problemen in die Zukunft“. Kooperation gelinge nur, „wenn wir realistisch und ehrlich zueinander sind“. „Gerade bei klammen Verteidigungsetats können wir es uns nicht leisten, die jeweils andere Seite zu überfordern“, schreibt Enders.

In Zukunft müssten Risiken mit Augen- maß gleichmäßig verteilt und gemeinsa- me Projekte so aufgelegt werden, „dass sie für beide Seiten von Nutzen sind“. Enders weiß, wovon er redet. Gerade erst haben sich Airbus und die Mutterge- sellschaft EADS mit den sieben Bestel- ler-Nationen auf neue Regeln für die Be- schaffung des Militär-Airbus A400M ge- einigt. Das Milliardenprojekt, das mitt-

A400M ge- einigt. Das Milliardenprojekt, das mitt- Deutscher Exportschlager: der Kampf- panzer vom Typ Leopard

Deutscher Exportschlager: der Kampf-

panzer vom Typ Leopard 2.

Foto: dpa

lerweile gut vier Jahre in Verzug ist, dürf- te Airbus noch lange Zeit rote Zahlen be- scheren. Umgekehrt haben die sieben Staaten Mehrkosten von rund 2,5 Milliar- den Euro akzeptiert. Deutschland und Großbritannien erbringen ihren Anteil dadurch, dass sie zum ursprünglich ver- einbarten Preis nur 53 statt 60 (Deutsch- land) beziehungsweise 22 statt 25 (Groß- britannien) Maschinen erhalten. Auch der vor einem Jahr gegründete Verband der Sicherheits- und Verteidi- gungsindustrie vernimmt die Botschaft der Stunde. Er mahnte dieser Tage, ne- ben verstärkter internationaler Koopera- tion bedürfe es „nationaler Entwick- lungsvorhaben“, damit die deutsche In- dustrie „im internationalen Maßstab wei- ter existieren kann“. Dazu sei eine „Ent- wicklungspartnerschaft“ zwischen Bun- deswehr und Wirtschaft notwendig. So schlecht, wie das öffentliche Weh- klagen vermuten lässt, stehen die Chan- cen für die Industrie allerdings gar nicht. Die Strukturkommission der Bundes- wehr unter Vorsitz des Chefs der Bundes- agentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, betont in ihrem kürzlich vorgelegten Be- richt die Bedeutung einer leistungsfähi- gen Rüstungsindustrie. „Der Erhalt des Know-how und der Stärken dieses Be- reichs bedarf besonderer Aufmerksam- keit und sollte gefördert werden“, heißt es in dem Bericht der Kommission.

Besonders ein Vorschlag wird von der Industrie freudig aufgegriffen. Weil die Beschaffungen der Bundeswehr künftig die Kapazitäten der Produzenten noch weniger auslasten dürften als bisher, soll- te die Industrie beim Export „wirksam unterstützt“ werden „durch Verzicht auf deutsche Sonderlösungen“. Die von der Industrie als besonders restriktiv emp- fundenen Rüstungsexportrichtlinien soll- ten „an europäische Standards“ angegli- chen werden. Aus dem Verteidigungsmi- nisterium ist zu hören, dass dieser Gedan- ke bei Guttenberg nicht auf taube Ohren stößt. Gerade dies sieht die Opposition aller- dings skeptisch. Bei der Entscheidung über Rüstungsexporte müssten sicher- heitspolitische Überlegungen den Vor- rang behalten vor den Interessen der In- dustrie, sagt der Haushalts- und Wehrex- perte der Grünen-Bundestagsfraktion, Alexander Bonde. Aber auch für die Bun- deswehr müsse der Primat der Politik gel- ten, und das bedeute, es dürfe nur ange- schafft werden, was die Streitkräfte wirklich benötigen, und nicht, was die In- dustrie verkaufen wolle. Auch der Grüne hält allerdings eine vernünftige Zusam- menarbeit mit der Rüstungswirtschaft für notwendig. Für Thomas Enders von Airbus bedeutet das ein „nüchternes Ver- ständnis über gemeinsame Interessen, aber auch Divergenzen“.

laufen könne als mit Medwedjew. „Ach, das sind nur Nuancen“, sagt er. Es dauert nicht mehr lange, da öffnet sich eine Sei- tentür und blau gekleidete Damen brin- gen frischen Tee. Nach eineinhalb Jahrzehnten steckt Lukaschenkos Dauerherrschaft plötz- lich mitten in einer ungewohnten Phase. Sein Zerwürfnis mit Moskau zwingt ihn zu neuen Bündnissen, und es ist sichtbar, wie sehr ihn dies herausfordert. Der auto- ritäre Präsident will in Europa werben, ohne unterwürfig zu klingen. Er ruft Deutschland zu Investitionen auf und sagt doch, „glauben Sie nicht, dass es für uns eine Katastrophe wäre, ob Firmen in- vestieren oder nicht“. Er hätte gern das Gütesiegel der Demokratie und kann doch nicht leugnen, dass sein Land, sein System nun einmal anders ist. Nur wie ge- nau, das kann auch der Präsident nicht recht erklären. „Unser System kann ei- nem gefallen oder nicht“, sagt er. Wich- tig sei schließlich, dass es bestehe und sich entwickle. „Die Welt ist mannigfal- tig, warum sollen alle gleich sein? Unser Volk hat seine Tradition, seine Mentali- tät und seine Interessen.“ Und er sei zu- tiefst davon überzeugt, „dass ich ein gu- ter Politiker bin“. Ein Politiker, der am Ende die Todesstrafe in seinem Land

Der Präsident schließt eine EU-Mitgliedschaft seines Landes nicht aus.

noch einmal rechtfertigt. Und der einen Staat regiert, der mitten in Europa liegt und ihm doch so fern bleibt. Eine EU-Mit- gliedschaft, irgendwann vielleicht? „Un- möglich ist nichts, im philosophischen Sinne“, sagt Lukaschenko. „Für die EU waren wir bisher ein Schurkenstaat, des- halb habe ich mich damit nicht befasst.“ Ein letztes Mal bringen die Damen Tee. Zwei Stunden sind vorbei, Luka- schenko verabschiedet sich und lädt er- neut ein, zur Präsidentenwahl im Dezem- ber, zur Eishockey-Weltmeisterschaft, die 2014 erstmals in Weißrussland statt- findet. „Wir tun alles, dass sich das Land dann von seiner besten Seite zeigt.“

Google-Karte löst Grenzstreit aus

San José – Die Organisation Amerikani- scher Staaten (OAS) vermittelt in einem Grenzstreit zwischen Costa Rica und Ni- caragua, in dem auch eine angeblich feh- lerhafte Landkarte des Internetunterneh- mens Google eine Rolle spielt. OAS-Ge- neralsekretär José Miguel Insulza been- dete am Montag eine Mission in den bei- den Staaten, am Dienstag wollten die OAS-Botschafter in Washington über sei- nen Bericht beraten. Die costa-ricani- sche Regierung erhebt den Vorwurf, dass Soldaten aus dem Nachbarland die Gren- ze überquert, auf der Calero-Insel ein Zeltlager errichtet und dort die nicaragu- anische Flagge gehisst hätten. Der Kom- mandeur des nicaraguanischen Militär- trupps entgegnete, er habe sich auf eine Landkarte von Google gestützt. Das Un- ternehmen räumte in der vergangenen Woche einen Fehler in seiner Karte ein, der behoben werde. Der nicaraguanische Außenminister Samuel Santos wandte sich jedoch gegen eine Überarbeitung der Google-Karte und bezeichnete diese als „korrekt“. Die costa-ricanische Präsi- dentin Laura Chinchilla kündigte ihrer- seits an, dass sie die Angelegenheit not- falls vor den UN-Sicherheitsrat bringen wolle. Costa Rica, das keine Armee hat, hatte in der vergangenen Woche Sicher- heitskräfte in das Grenzgebiet entsandt. Zwischen Costa Rica und Nicaragua hat es seit dem 19. Jahrhundert immer wie- der Grenzkonflikte gegeben. AFP

0% EFFEKT. JAHRESZINS. 24 MONATE LAUFZEIT. ALLE PRODUKTE AB € 240. 0% EFFEKT. JAHRESZINS. 24
0% EFFEKT. JAHRESZINS. 24 MONATE LAUFZEIT. ALLE PRODUKTE AB € 240.
0%
EFFEKT. JAHRESZINS. 24 MONATE
LAUFZEIT. ALLE PRODUKTE AB € 240.
ZUSATZKOSTEN. AKTIONSZEITRAUM BIS 24.12.2010.
ZUSATZKOSTEN. AKTIONSZEITRAUM BIS 24.12.2010.
GANZ GANZ OHNE OHNE

Seite 10 / Süddeutsche Zeitung Nr. 260

HF2

PANORAMA

Mittwoch, 10. November 2010

Die neuen Sterne

Der Guide Michelin zeigt sich großzügig und ernennt fünf weitere Zwei-Sterne-Köche – in der Topliga bleibt alles beim Alten

Von Patricia Bröhm

D er November ist eine unruhige Zeit in der deutschen Spitzengas- tronomie. Während neugierige Gäste versuchen, zwischen Amu-

se-Bouches und Vorspeise den Oberkell- ner in eine Fachsimpelei über die Miche- lin-Chancen ortsansässiger Restaurants zu verwickeln, werden auch in den Kü- chen Gerüchte gestreut. Er wisse aus „tod- sicherer Quelle“, so raunt der Souschef dem Küchenchef zu, dass der namhafte Kollege den dritten Stern verlieren wer- de. Selbst einem so erfahrenen Mann wie Thomas Bühner vom Restaurant „La Vie“ in Osnabrück dürfte es zuletzt schwer ge- fallen sein, sich auf seine Essenz von der Wildtaube oder sein Reh mit „Pilzerde“ zu konzentrieren – wurde er doch ganz of- fiziell vom Michelin als „Hoffnungsträ- ger“ auf einen dritten Stern gehandelt. Nun aber liegen die Ergebnisse vor, und es zeigt sich wieder: Der Michelin tut viel für sein Image, möglichst nicht kalku- lierbar zu sein. Im Drei-Sterne-Lager bleibt alles beim Alten. Alle Spekulatio- nen haben sich damit als das erwiesen, was molekulare Köche gern auf ihren Tel- lern servieren: heiße Luft. Dafür aber rü- cken Kollegen ins Blickfeld, die man bei allem Wirbel um die drei Sterne leicht übersieht: Die Talente in der zweiten Rei- he. Fünf neue deutsche Zwei-Sterne-Kö- che küren die Michelin-Tester, und das ist zumindest eine kleine Sensation.

Deutschlands kulinarischer Erfolg ging dem Establishment in Frankreich wohl etwas zu schnell.

Drei Frischgekürte sind an Deutsch- lands mit Sternen bisher nicht so reich ge- segneten Küsten zu Hause: Kevin Fehling vom Belle Epoque in Lübeck-Travemün- de, Alessandro Pape vom Fährhaus in Munkmarsch auf Sylt und Markus Keb- schull vom Sterneck in Cuxhaven. Dazu kommen weiter südlich Christoph Rainer von der Villa Rothschild (Königstein/Tau- nus ) und Andreas Krolik vom Park-Res- taurant in Brenner’s Parkhotel (Ba- den-Baden). Damit wird eine neue Gene- ration bekannt – wenn auch ein roter Fa- den für die Entscheidung der Michelin-In- spektoren beim unterschiedlichen Stil die- ser Küchenchefs nicht auszumachen ist. Krolik und Kebschull pflegen eine klas- sische Küche, während Fehling, Rainer und Pape mehr Wert auf eine völlig eigene Handschrift legen. Der erst 33-jährige Fehling, talentiert wie ehrgeizig, hat sein Handwerk bei Deutschlands bestem Kü- chenchef Harald Wohlfahrt perfektio- niert und sich im Norden rasch einen Na- men als Kreativer gemacht. Mit Gerichten wie einer an der Karkasse gegarten Nan- taiser Entenbrust, die er mit Kirschgâte-

Kreuzfahrt-Schiff nach Brand in Seenot

Mexiko-Stadt – Ein Kreuzfahrt-Schiff mit 4466 Menschen an Bord ist nach ei- nem Brand im Maschinenraum vor der Küste Mexikos in Seenot geraten. Wie die Reederei Carnival Cruise Lines am Montagabend (Ortszeit) mitteilte, trieb das 113 000 Tonnen schwere Riesen- schiff Carnival Splendor antriebslos et- wa 150 Seemeilen südlich von San Diego vor der mexikanischen Küste. Es habe keine Verletzten gegeben, hieß es auf der Carnival-Webseite. Allerdings wurde von Panikattacken bei einigen Passagie- ren berichtet. Bereits den zweiten Tag ge- be es an Bord keinen Strom und die Gäs- te bekämen lediglich kaltes Essen. Es sei- en keine Deutschen, Schweizer oder Ös- terreicher an Bord. Schlepper sollen nun den Ozeanriesen ins mexikanische Ense- nada ziehen. Dort sollen die 3299 Passa- giere und 1167 Besatzungsmitglieder das Schiff verlassen können. dpa

Zwei Kumpel sterben in chilenischem Bergwerk

Santiago de Chile – Nur knapp einen Mo- nat nach der spektakulären Rettung von 33 Bergleuten in Chile sind bei einer Ex- plosion in einer illegalen Mine zwei Kum- pel getötet worden. Ein weiterer wurde am Montag schwer verletzt. Die Kupfer- mine Los Reyes liegt in der Nähe des Bergwerks San José in der Atacama-Wüs- te, in dem 33 Bergleute bis zum 13. Okto- ber unter Tage eingeschlossen waren. Der glückliche Ausgang der Rettung hat- te damals weltweit Aufsehen erregt. Für die Kupfermine Los Reyes in der Region Puquios 65 Kilometer östlich von der Stadt Copiapó habe es keine Betriebsge- nehmigung gegeben, teilte Bergbauminis- ter Laurence Golborne mit. dpa

Haus von Josef Fritzl soll abgerissen werden

Wien – Das Wohnhaus samt Kellerverlies des österreichischen Inzesttäters Josef Fritzl soll abgerissen werden. Das berich- tet die österreichische Zeitung Kurier. Viele Menschen im Ort Amstetten hätten den Wunsch, dass das Gebäude vollkom- men verschwindet, sagte der St. Pöltner Konkursrichter Markus Sonnleitner dem Blatt. Fritzl hatte seine Tochter 24 Jahre lang in einem Kellerverlies gefangen ge- halten, missbraucht und mit ihr sieben Kinder gezeugt. Über der Erde führte er mit seiner Ehefrau ein scheinbar norma- les Leben. Im April 2008 wurden durch ei- ne Erkrankung eines der Kinder seine Verbrechen bekannt und lösten weltweit

Entsetzen aus.

dpa

Verbrechen bekannt und lösten weltweit Entsetzen aus. dpa Das sind die Sterne aus Sicht des Hubble-Teleskops.

Das sind die Sterne aus Sicht des Hubble-Teleskops. Die Sterne aus Sicht des Gastronomieführers Michelin sind mit 237

ausgezeichneten Lokalen in Deutschland nicht ganz so zahlreich, doch es werden von Jahr zu Jahr mehr.

Foto: rtr

au und Mon-Chéri-Jus serviert, setzt er sich nonchalant über Gourmet-Konventi- onen hinweg. Ein Senkrechtstart gelang dem 36-jährigen Christoph Rainer, der bei Heinz Winkler in Aschau und als Sous- chef bei Dieter Müller und Nils Henkel auf Schloss Lerbach die große Küche ver- innerlichte. Erst seit März 2007 steht er in der Villa Rothschild am Herd, schon im selben Jahr gab es den ersten Stern, nun den zweiten. Die Gäste schätzen seine op- tisch gestylte Küche, die spielerisch kom-

plexe Kombinationen präsentiert und mit klassischen Edelprodukten gern frecher umgeht, wenn Rainer etwa dem bretoni- schen Steinbutt mit einem Auszug von Kö- nigskrabbe und Koriander sowie einem Pi- mento-Ingwer-Fumet Pepp verleiht. Auch im Ein-Sterne-Lager hat sich viel getan: Insgesamt 26 Mal vergeben die Mi- chelin-Inspektoren den Stern neu (14 Lo- kale verloren ihren Stern). Und auch hier wurden sehr unterschiedliche Stilrichtun- gen bedacht. Unter den Ausgezeichneten

sind Nachwuchstalente wie Jens Fischer vom Restaurant Freundstück in Deides- heim oder Stefan Hartmann vom gleichna- migen Lokal in Berlin, aber auch ein Alt- meister wie Otto Koch, der nach Jahren wieder in seiner Heimat München auf- tischt. Erwähnenswert ist der Stern für das Nagaya in Düsseldorf: Erstmals wird hierzulande ein japanisches Lokal ausge- zeichnet. Insgesamt, sagt Michelin-Chef- redakteur Ralf Flinkenflügel etwas wol- kig, könne man von einer „sehr dynami-

schen Entwicklung“ in der Spitzengastro- nomie sprechen. Er bestätigt den Trend, dass die Zahl qualitativ hervorragender Restaurants in Deutschland seit Jahren wächst: „Wir haben 51 Ein-Sterne-Res- taurants mehr als vor fünf Jahren, die Zahl der Zwei-Sterne-Häuser ist in dem Zeitraum von 14 auf 23 gestiegen, die der Drei-Sterne-Häuser von fünf auf neun.“ Doch muss man auch fragen, warum sich die Tester seit zwei Jahren in Deutsch- land mit der Neuvergabe der Höchstwer- tung so zieren – zumal es in Thomas Büh- ner und Christian Jürgens ernsthafte Kan- didaten gibt. Michelin-Chef Flinkenflü- gel sagt nur vage, dass beide „über das nö- tige Potential verfügen“. Warum es trotz- dem nicht gereicht hat, werde er ihnen un- ter vier Augen mitteilen. Unter Flinkenflü- gels vor zwei Jahren nach Paris gewechsel- ter Vorgängerin Juliane Caspar hatte es binnen fünf Jahren sieben neue Drei-Ster- ne-Köche gegeben. Vielleicht ging das dem französischen Establishment dann doch etwas zu schnell mit dem kulinari- schen Aufschwung im Nachbarland. Vielleicht aber ist Paris derzeit auch zu sehr mit sich selbst beschäftigt: Nachdem es über Monate kolportiert worden war, erklärte Jean-Luc Naret, Chef aller Miche- lin-Guides weltweit, Ende Oktober sei- nen Rücktritt. Naret hatte die Expansion mit neuen Michelin-Führern in Amerika und Asien vorangetrieben, wurde in der Szene aber kritisiert, er pflege übergroße Nähe zu einigen Küchenchefs. Ein Nach- folger ist noch nicht offiziell, wird aber wohl aus den eigenen Reihen kommen.

Die Ausgezeichneten auf einen Blick

Der deutsche Drei-Sterne-Club zählt weiterhin neun Mitglieder: Ha- rald Wohlfahrt (Schwarzwaldstu- be/Baiersbronn), Helmut Thieltges (Waldhotel Sonnora/Witt- lich-Dreis), Joachim Wissler (Vendô- me/Bergisch Gladbach), Christian Bau (Schloss Berg/Perl-Nennig), Ju- an Amador (Amador/Langen), Klaus Erfort (Gästehaus Erfort/Saarbrü- cken), Claus-Peter Lumpp (Bar- eiss/Baiersbronn), Sven Elverfeld (Aqua/Wolfsburg) und Nils Henkel (Schloß Lerbach/Bergisch-Glad- bach). Mit insgesamt neun Drei-Ster- ne-Häusern ist Deutschland nach Frankreich derzeit in Europa das Land mit den meisten Adressen der höchsten gastronomischen Auszeich- nung. Dazu kommen 23 Zwei-Ster- ne-Restaurants und 205 Häuser mit einem Stern. Im gastronomischen Städteranking führt Berlin mit insge- samt 13 Sternen, dicht gefolgt von München (12) und Hamburg (10).

Gericht tauscht Schöffen wegen Trunkenheit aus

Erneute Panne im Winnenden-Prozess: Laienrichter lag stark alkoholisiert in der Stuttgarter Innenstadt und beschimpfte Polizisten

Von Hans Holzhaider

Stuttgart – Pleiten, Pech und Pannen beim Prozess gegen den Vater des Amok- täters von Winnenden: Nachdem das Ge- richt schon in Abwesenheit des Angeklag- ten verhandeln muss, weil dieser nach an- geblichen Morddrohungen nicht mehr an der Verhandlung teilnehmen möchte, musste jetzt einer der beiden Schöffen ausgetauscht werden. Das Gericht gab am Dienstag einem Antrag der Staatsan- waltschaft statt, den 59-jährigen Laien- richter wegen der Besorgnis der Befan- genheit abzulehnen. Der Mann war vor dem letzten Verhandlungstag kurz nach Mitternacht mitten in Stuttgart stark be-

trunken von der Polizei auf einem Bürger- steig liegend vorgefunden worden, neben sich eine Aktentasche, in der sich Teile der Anklageschrift und handschriftliche Notizen aus dem Prozess befanden. Als die Polizisten ihn aufweckten, sagte er, er sei Schöffe im Winnenden-Prozess, und die Beamten sollten „vorsichtig sein, dass sie das nicht bereuen“. Als ihn die Polizisten im Streifenwagen zur Aus- nüchterung in Gewahrsam nahmen, be- schimpfte er sie als „Idioten“ und „Scheißkerle“. Nach diesem Vorfall, so die Staatsanwaltschaft, sei zu befürch- ten, dass der Schöffe „staatliches Han- deln“ – also die Aktivitäten der Polizei in Bezug auf den Amoklauf von Winnenden

– „nicht mehr mit der gebotenen Sach- lichkeit beurteilen“ könne. Der Vorsitzende Richter Reiner Skujat teilte mit, der Schöffe habe sein „außeror- dentliches Bedauern“ zum Ausdruck ge- bracht und sich „aufrichtig entschul- digt“. Gleichwohl gehe sein Verhalten „weit über die Grenze des Tolerierbaren hinaus“. Das Ehrenamt des Laienrich- ters stelle „hohe Ansprüche an die Rechtstreue und die rechtsstaatliche Ge- sinnung“ eines Schöffen. In weiser Vor- aussicht hatte das Gericht von Prozessbe- ginn an einen Ergänzungsschöffen be- stimmt, der nun einspringen konnte. An- dernfalls wäre das Verfahren geplatzt. Nachdem diese unangenehme Formalie

abgewickelt war, berichteten zwei ehe- malige Mitschüler des 17-jährigen Tim K., der bei seinem Amoklauf an der Al- bertville-Realschule in Winnenden 15 Menschen getötet hatte, von einem Be- such in Tims Elternhaus, in dessen Ver- lauf Tims Vater ihnen sein Waffenarse- nal vorgeführt hatte. Die Schüler hatten im Keller des Hauses gepokert, als der Va- ter sie in den Raum führte, in dem er neun Gewehre und mehrere Handfeuer- waffen in einem Stahlsafe verwahrte. Sie hätten nicht sehen können, wie der Vater den Waffenschrank öffnete, sagten die beiden Zeugen. Auch ob Tim die Kombi- nation des Safeschlosses kannte, wuss- ten sie nicht.

Brennende Ungewissheit

Vor zehn Jahren starben 155 Menschen bei der Feuerkatastrophe im Tunnel der Kapruner Gletscherbahn. Viele Fragen bleiben offen.

Von Michael Frank

Wien – Das Ereignis, das sich am Don- nerstag zum zehnten Mal jährt, gilt heute in Österreich als das schwerste Unglück, das die Nation nach dem Krieg heimge- sucht hat: Am 11. November des Jahres 2000 fängt der Zug „Gletschergams“ im Kapruner Tunnel Feuer. 155 Menschen sterben. Die „Gletschergams“ ist eines von zwei Fahrzeugen im System „Glet- scherdrache“, einer sogenannten Stand- seilbahn, die täglich Tausende auf Schie- nen durch einen langen Tunnel auf die Gletscherpisten des Kitzsteinhorns beför- dert. Dies geschieht im Pendelverkehr – ein Zug fährt aufwärts, einer abwärts. Die Katastrophe von Kaprun gilt vielen auch als eine der schändlichsten Justizaf- fären der neueren Geschichte. In der unteren Fahrerkabine der berg- wärts fahrenden „Gletschergams“ ent- zündet sich auslaufendes explosives Hy- drauliköl an einem überhitzten Heizlüf- ter, der es den Fahrern beim Aufenthalt in den Stationen warmmachen soll. Ra- sant greift das Feuer auf den Zug über, der keine Notausgänge hat. Da am Kopf- ende des Tunnels auf dem Gletscher die Nottüren nicht geschlossen sind oder im Luftdruck aufspringen, entsteht ein Sturm wie in einem Kamin. Menschen und Material verglühen. Verzweifelt schlagen die Menschen mit Skiern und Stöcken Fenster ein, springen auf den Be- gleitweg und flüchten nach unten, also entgegen dem Luft- und Feuerstrom. Das rettet sie. Die Flucht nach oben en- det im Glutstrahl. Betreiber und Politi- ker versprechen unbürokratische Hilfe und lückenlose Aufklärung. Neun Jahre

Hilfe und lückenlose Aufklärung. Neun Jahre Ein überhitzter Heizlüfter war für das Bahnunglück von

Ein überhitzter Heizlüfter war für das Bahnunglück von Kaprun verantwortlich. Das juristische Hickhack dauert bis heute an. Foto: oh

danach titelt die Hamburger Wochenzei- tung Die Zeit: „Die Schande von Ka- prun“. Zehn Jahre danach stellt der Wie- ner Kurier lakonisch fest: „Es wurden rechtsstaatliche Minimal-Anforderun- gen missachtet.“ Auch deshalb leiden die Hinterbliebenen noch immer. Im österrei- chischen Fernsehen bestätigt die Mutter eines jugendlichen Opfers, dass beson- ders ein Eindruck die Hinterbliebenen nicht zur Ruhe kommen lasse: Dass im In- teresse der Ski- und Tourismusnation Ös- terreich, die weiter ihre Geschäfte ma- chen möchte, die Schuldfrage an diesem Massaker nicht korrekt und über jeden Zweifel erhaben geklärt worden sei. Tatsächlich muss sich damals ein ein-

zelner Richter durch die Katastrophe wühlen und über die Schuld von 16 Ange- klagten aus Betriebsgesellschaft, Techni- kern und Behörden entscheiden. 2004 ur- teilt er: Freispruch für alle. Der Richter sei überfordert oder befangen gewesen, heißt es noch heute. Das Oberlandesge- richt in Linz bestätigt das Urteil. Dabei weiß man, dass die Heizlüfter beim Ein- bau auseinandergenommen wurden, was den Dichteschutz gegen Flüssigkeiten aufhob. Dabei weiß man, dass die Herstel- lerfirma ausdrücklich den Einbau in Fahrzeugen verboten hat. In Österreich aber laufen die Züge als „Verkehrsbe- triebsmittel“, eine für Laien kaum nach- vollziehbare Spitzfindigkeit. Am Ende

scheint die Verantwortung am deutschen Lüfter-Produzenten hängenzubleiben. Eine deutsche Staatsanwaltschaft zer- pflückt das österreichische Verfahren. Sie bekommt nicht einmal alle Beweis- mittel in die Hand. Gutachter erklären sich dem psychi- schen Druck nicht gewachsen. Beschul- digte gehören Gremien an, die Gutach- ten erstellen. Gutachter arbeiten für den Staat, der gegebenenfalls seine Aufsichts- pflicht verletzt hat. Experten in Öster- reich und Deutschland widersprechen einander diametral. Die Opfer geraten in eine unwürdige Entschädigungsschlacht, die damit en- det, dass mit einem aus Sicht vieler Betei- ligter faulen Abkommen „Rechtsfrie- den“ geschaffen wird. Tricks amerikani- scher Anwälte führen dazu, dass die euro- päischen und asiatischen – unter ihnen viele Japaner – Hinterbliebenen mit etwa 30 000 Euro, die der amerikanischen mit etwa 200 000 Euro entschädigt werden. Bemühungen, das ganze Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Men- schenrechte anzufechten, scheitern. Sie sollen mit angeblich neuen Erkenntnis- sen wieder aufgenommen werden: So sei das hochexplosive Hydrauliköl, das in dem überlasteten Heizlüfter die Explosi- on ausgelöst hat, regelwidrig gewechselt worden. Anwälte fordern die Wiederauf- nahme des Verfahrens. Die Gerichte aber sagen: Alles ist rechtlich erledigt. Im Fall Kaprun mangelt es eben allent- halben an Sensibilität. Bei der offiziellen Trauerfeier im Salzburger Dom lässt der damalige katholische Erzbischof ein la- teinisches Requiem lesen. Die Mehrzahl der Opfer aber sind keine Christen.

Heute bei

Heute bei Nimm zwei Wer Spitzenkräfte anlocken will, muss auch an deren Partner denken. Unterneh- men

Nimm zwei

Wer Spitzenkräfte anlocken will, muss auch an deren Partner denken. Unterneh- men und Hochschulen fördern inzwi- schen Karrieren im Doppelpack. www.sueddeutsche.de/dualcareer

Alles futsch

Erst war nur das Geld weg, dann auch das Ansehen: Bei Talkmasterin Maisch- berger diskutieren die Gäste über das Leben mit der Pleite. Eine Nachtkritik. www.sueddeutsche.de/medien

DIE FRAGE

Werden heterosexuelle Paare diskriminiert?

Ein britisches Paar will gegen „sexuelle Apartheid“ vorgehen und das Recht auf Eintragung einer heterosexuellen Lebens- partnerschaft einklagen. Diese werde ge- nauso diskriminiert wie die Homo-Ehe.

Bettina Heiderhoff, Professorin für Bür- gerliches Recht an der Uni Hamburg: „In Deutschland können Hetero-Paare ent- weder heiraten oder sie lassen es bleiben. Das Bundesverfassungsgericht sagt: Die ,Ehe‘ gibt es zwischen Mann und Frau, die ,Partnerschaft‘ nur zwischen Men- schen gleichen Geschlechts. Eine Klage wegen Diskriminierung hätte keine Chance. Artikel 6 Grundgesetz schreibt den Schutz der Ehe vor, dazu gehört nach ganz herrschender Auffassung auch der Schutz vor konkurrierenden Entwürfen. Eine Frage aber wird trotz- dem viel diskutiert: Muss es für Men- schen, die die Ehe etwa aus religiösen Gründen ablehnen, eine rein zivile Alter- native geben? In Frankreich ist das der Fall, in Deutschland ist es sehr unwahr- scheinlich. Wollen Hetero-Paare nicht heiraten, aber ihre Bindung manifestie- ren, dann müssen sie einen privaten Ver- trag schließen und darin alles regeln.“

LEUTE

Clemens, Baby aus Ballenstedt im Harz, hat 15 Tage nach seiner Geburt einen Be- scheid zur „Erfassung von Wehrpflichti- gen“ erhalten. Wegen einer Panne teilte die Stadt dem Säugling mit, dass seine Daten an das Kreiswehrersatzamt weiter- gereicht würden und er sich Auslandsauf- enthalte von mehr als drei Monaten ge- nehmigen lassen müsse. Der Vater des Kindes hat laut Bild schon an Bundesver- teidigungsminister Karl-Theodor zu Gut- tenberg geschrieben und seinen Sohn als Marinetaucher empfohlen: „Clemens war schon beim Babyschwimmen und gluckerte unter wie ein U-Boot.“

beim Babyschwimmen und gluckerte unter wie ein U-Boot.“ Tiger Woods , 34, geschiedener Pro- figolfer, wird

Tiger Woods, 34, geschiedener Pro- figolfer, wird sei- ne Affären nicht los. Wie der On- line-Dienst tmz be- richtet, haben gleich mehrere ehemalige Gelieb- te Flüge zu einem Turnier in Kalifor- nien gebucht, das Woods im Dezem- ber spielen wird. Mindestens zwei Damen bereiten sich an- geblich operativ auf ein mögliches Wie- dersehen vor. Sie wollen sich bei dem Tur- nier im Sherwood Country Club mit „neu- en Brüsten“ präsentieren. Foto: Reuters

Verena Kerth, 29, Radiomoderatorin und Martin Krug, 52, Filmproduzent, sind kein Paar mehr. „Ja, wir haben uns ge- trennt“, sagte die Ex-Freundin von Oli- ver Kahn zu Bunte. „Ja, das stimmt“, sag- te der Ex-Mann von Veronica Ferres zu Bild. Kerth zufolge habe es zuletzt Diffe- renzen gegeben, „die wir nicht in den Griff bekommen haben“. Die Trennung sei trotz der Schwierigkeiten „in aller Freundschaft“ vollzogen worden.

Charlie Crist, 54, scheidender Gouver- neur von Florida, will Jim Morrison fast 40 Jahre nach dessen Tod begnadigen. Crist wolle erreichen, dass ein Hafturteil gegen den Doors-Sänger wieder aufgeho- ben werde, teilte seine Sprecherin mit. Morrison war nach einem Konzert im März 1969 in Miami, bei dem er dem Pu- blikum seinen Penis gezeigt haben soll, wegen Unsittlichkeit, Exhibitionismus und Trunkenheit angeklagt worden. Ob- wohl es kein einziges Foto zu der Szene gibt, wurde er zu acht Monaten Haft ver- urteilt. Der Sänger legte Berufung ein, starb jedoch kurz darauf in Paris.

Malmö: Verdächtiger Schütze bestreitet Taten

Stockholm – Der mutmaßliche Hecken- schütze von Malmö muss für mindestens zwei Wochen in Untersuchungshaft blei- ben. Das entschied ein Gericht am Diens- tag und folgte damit den Wünschen der Staatsanwaltschaft. Der 38-jährige Ver- dächtige stritt bei der einstündigen Ver- handlung alle Vorwürfe ab. Staatsanwäl- tin Solveig Wollstad beantragte den Haft- befehl vorerst wegen Mordes und fünffa- chem Mordversuchs. Es kämen aber mög- licherweise noch mehr Anklagepunkte hinzu, erklärte sie. Gerüchte, wonach ei- ne in der Wohnung des Mannes gefunde- ne Waffe mit Hilfe kriminaltechnischer Untersuchungen zweifelsfrei als Tatwaf-

fe identifiziert werden konnte, bestätigte

sie nicht.

ghe

FEUILLETON

Mittwoch, 10. November 2010

HF2

Süddeutsche Zeitung Nr. 260 / Seite 11

Wozu wir fähig sind

Martin Walser, Günter de Bruyn und die Frage, wofür das deutsche Volk nun stehen soll

Soeben hatten Günter de Bruyn und Martin Walser je ein schweres „Buch mit sieben Siegeln“ überreicht bekommen. Denn die aus Eisen und Stahl geschmiede- te Plastik gehört zum „Preis der Deut- schen Gesellschaft für Verdienste um die deutsche und europäische Verständi- gung“, den die beiden Schriftsteller am 9. November im Atrium der Deutschen Bank in Berlin-Mitte entgegennahmen. Das Buch mit sieben Siegeln stammt aus der Offenbarung des Johannes. Die im Ja- nuar 1990 gegründete Deutsche Gesell- schaft vergibt es als Symbol der Zeiten- wende: „Das Brechen der Siegel birgt die Chance zu einem Neubeginn.“ Die ergriff denn auch sogleich Martin Walser. Zunächst mochte es scheinen, als wolle er an die Laudatio des Bundestags- präsidenten Norbert Lammert nahtlos an- knüpfen, der ihn und Günter de Bruyn als westlichen und östlichen Repräsentanten der Kulturnation und Einheit der Deut- schen in der Epoche ihrer Trennung in zwei Staaten gewürdigt hatte. Fast mit denselben Zitaten schien Walser noch ein- mal eine kleine Laudatio auf sich selbst halten zu wollen. Es war aber nicht die deutsche Einheit, auf die Martin Walser im Titel seiner Dankesrede zielte: „Wozu wir fähig sind“. Und die kleine Laudatio auf sich selbst hatte er nur gehalten, um zu sagen: Wenn ich damals recht hatte, seid ihr gut beraten, wenn ihr auch heute meine Mahnungen nicht in den Wind schlagt. Sie gelten nicht mehr der geteil- ten, sie gelten der gegenwärtigen Nation, der Nation, die sich im Krieg befindet. „Wir führen Krieg.“ Das sagt nicht nur Martin Walser in dieser Dankesrede, das sagt inzwischen auch der Bundesverteidi- gungsminister. Walser aber ruft die „frei- en Intellektuellen“ dazu auf, sich endlich dem Kriegszustand zu stellen, und die ge- einten Deutschen dazu, der „Wir sind das Volk!“-Parole eine Nachfolgerin zu ge- ben und sich unter der Forderung zu ver- sammeln: „Wir gehen erst wieder wählen, wenn ihr aufhört, Krieg zu führen.“ Martin Walser gehört, wie Willy Brandt und Lothar de Maizière, Heiner Müller und Jens Reich, Johannes Rau und Markus Meckel zu den Gründungsmitglie- dern der „Deutschen Gesellschaft“. Die Bundeskanzlerin, an die er seine Mah- nung adressiert, ist nicht im Saal, aber sie war gemeinsam mit Wolfgang Thierse die erste Trägerin des Preises, den Walser ge- rade erhalten hat. Er ist berühmt dafür, die Rechte der Empfindungen in der Poli- tik zu reklamieren. Er ist aber zugleich ein Virtuose in den Kunstgriffen der Rhe- torik. Ihr verdankt er das Gerüst dieser

Dankesrede: Dass im Jahr 2010 der Rück- zug der deutschen Truppen aus Afghanis- tan die Aufgabe ist, die in den Jahren vor 1989/90 die deutsche Einheit darstellte. Es sind viele Parlamentarier im Raum, aktuelle und ehemalige. Der Beifall für Walser ist groß. Die Wirkung seiner Rede auf die Afghanistan-Politik der Bundesre- gierung wird es nicht sein. Auch wenn der Mahner und Warner Walser mit dieser Re- de sehr viel weniger einsam ist, als er es mit seinem Festhalten an der deutschen Einheit je war. Aber diese Rede macht klar, wer hier ausgezeichnet wurde. Ei- ner, der am Beginn des Zweiten Weltkrie- ges ein Junge in der Provinz war, in der jungen Bundesrepublik nach 1945 erwach- sen wurde, dessen Bekenntnis zur Nation den Refrain mitführt, „dass Deutschland überhaupt keinen Krieg mehr führen darf“ und dessen vom Vietnam-Krieg be- förderte Skepsis gegen die Weltmacht USA in die Forderung mündet: „keine in Washington geführten Kriege mehr mit- machen“.

Die deutsche Sprache war eine Frage des Widerstands

Sein preußisch-märkischer Generati- onsgefährte Günter de Bruyn reagierte auf seine Weise auf das schwere Buch mit sieben Siegeln durch eine Demonstration lebenslang erprobter Sprachempfindlich- keit. Er zeichnete so humorvoll wie uner- bittlich die Verbindungslinien nach, die von seiner in der DDR erworbenen Aversi- on gegen die sprachlichen Zumutungen der Bürokratie und politischen Rhetorik zu der Skepsis führen, mit er in den Jah- ren nach der wiedergewonnenen politi- schen Einheit der Deutschen die neuen Sprachregelungen betrachtete: „Wer will, kann also bejubeln, dass nun auch in Rostock und Dresden die Kaufhallen zu Supermärkten und die Fahrkarten zu Ti- ckets wurden und das Einkaufen nun Shoppen heißt. Ich gehöre zu jenen, die die Highlights weiterhin für Höhepunkte halten.“ Gewiss, das Deutsche habe schon viel verkraftet, auch dass zeitweilig seine Eliten Französisch sprachen, habe es gut verdaut. Aber nur, weil es immer auch den Widerstand gegen Leute wie Fried- rich den Großen gegeben habe, der die deutsche Literatur verachtete. Die Sprache Günter de Bruyns wäre das ideale Medium, um darin die von Mar- tin Walser geforderte Auseinanderset- zung über die Deutschen im Kriegszu- stand zu führen. LOTHAR MÜLLER

Ein hoffnungsloser Fall

Kristina Schröder, Alice Schwarzer und der Feminismus

Dass die Familienministerin Kristina Schröder unvorsichtig gewesen sei, als sie dem Spiegel ein Interview gab, wird man ihr nicht vorwerfen können: „Ich glaube, dass zumindest der frühe Femi- nismus teilweise übersehen hat, dass Partnerschaft und Kinder Glück spen- den“, sagte sie. „Es ist nicht der einzige Weg, aber es ist doch für viele Menschen der wichtigste.“ Und in einem Versuch, den Feminismus der frühen siebziger Jah- re zu beschreiben, erklärte sie, es habe da- mals eine „radikale Strömung“ gegeben, die eine „Lösung der Benachteiligung der Frau“ in der Homosexualität gefun- den haben wollte. Nun, mit Letzterem hat Kristina Schröder historisch recht:

Es gab diese Bewegung, und sie gehörte zu einer Radikalisierung des Feminis- mus, die im Mann den Feind schlechthin erkannte, die Frauencafés und Frauen- discos hervorbrachte und selbst vor der reichlich reaktionären Forderung, die Geschlechtertrennung im Schulunter- richt wiedereinzuführen, nicht zurück- wich. Und was die erste Aussage betrifft:

Sie ist so allgemein gehalten, dass ihr kaum zu widersprechen ist, zumindest in- sofern, als Partnerschaft und Kinder das Glück nicht ausschließen müssen. Dass Kristina Schröder mit diesen Sätzen eine erschöpfende Auskunft zu Vergangen- heit und Gegenwart des Feminismus ge- ben wollte – auf den Gedanken wäre sie selbst vermutlich nicht gekommen. Genau diese Auskunft aber verlangt Alice Schwarzer in einem offenen Brief, der auf ihrer Website veröffentlicht ist und die Bild-Zeitung zu der Schlagzeile

Der Feminismus stellt gern dar, was er nicht errungen hat

anregte: „Bizarrer Sex-Streit“. Und das vermeintliche Versagen vor den Ansprü- chen, die Alice Schwarzer, die „frühe Fe- ministin“, an die Ministerin stellt, wird zum Anlass einer Abrechnung, in deren Verlauf Kristina Schröder nicht nur, im Duktus einer entfesselten Oberlehrerin, als „hoffnungsloser Fall“ und „ungeeig- net“ abgefertigt wird, sondern auch er- klärt wird, wofür Alice Schwarzer den Feminismus tatsächlich hält: nämlich für die „folgenreichste soziale Bewegung des zwanzigsten Jahrhunderts“, der nicht nur Kristina Schröder ihre Karrie- re zu verdanken habe. Vielmehr habe sie Anstöße gegeben „für eine Welt, in der Frauen endlich davon ausgehen können, dass sie alles können, was Männer kön- nen – und umgekehrt (Stichwort Vater- schaftsurlaub). Eine Welt, in der die von Ihnen so wohlfeil im Munde geführte ,Partnerschaft‘ nicht mehr länger reine Theorie sein muss, sondern echte Chan- cen hat.“ Diese Auskunft aber ist histo-

risch nicht richtig, sondern Zeugnis ei- ner schon gewaltigen Selbstüberhebung. Zwar stimmt es, dass auch in Deutsch- land die Frauen erst nach dem Zweiten Weltkrieg rechtlich den Männern gleich- gestellt wurden, und es war die soziallibe- rale Koalition in den frühen siebziger Jahren, die mit einer Reform des Ehe-, Renten- und Arbeitsrechts die letzten Re- likte einer formalen Ordnung beseitigte, nach der sich eine Frau nur über ihren Ehemann auf die Gesellschaft beziehen konnte. Eine exklusive Errungenschaft des Feminismus hingegen war diese Ent- wicklung nicht. Vielmehr blühte diese weibliche Volksbewegung erst auf, als die Politik ihr längst entgegenkam, als die Wirtschaft auf diese Ressource an Ar- beitskraft nicht mehr verzichten wollte, als der freie Wettbewerb alle ständi- schen, geschlechtlichen und kulturellen Unterschiede längst aufzulösen begon- nen hatte. Und doch glauben nach wie vor viele Frauen aus der ersten Generati- on der voll berufstätigen und selbständi- gen Frauen – und zu ihnen gehört Alice Schwarzer –, dass der gesellschaftliche Wandel, der sich an ihnen darstellt, von ihnen allein durchgesetzt worden sei. Nicht nur Alice Schwarzer überschüt- tet nun Kristina Schröder mit Vorwürfen und Einwänden. In ihrer Selbstgefällig- keit und Bosheit mag sie einzig sein, aber sie zieht einen ganzen Schwarm von Poli- tikerinnen hinter sich, die alle finden, Frau Schröder habe nicht nur „keinerlei Verständnis für die historische Bedeu- tung des Feminismus“ (Manuela Schwe- sig), sondern unterschätze auch nach wie vor die Benachteiligung der Frau, wie sie sich in ungleicher Bezahlung, mangeln- der Vereinbarkeit von Beruf und Fami- lie, fehlender Präsenz in Führungspositi- onen und dergleichen äußere. Das aber sind zwei sehr verschiedene Dinge: Denn die Politik kann zwar die rechtliche Gleichstellung der Frau durch- setzen. Die gesellschaftliche Gleichstel- lung aber hat sie nie erreicht, und das be- ginnt bei der Doppelbelastung durch Fa- milie und Beruf, die ja auch ein, wenn- gleich wenig erwünschtes Produkt der Emanzipation ist, und endet noch nicht bei den Frauen in den Vorständen. Denn es stimmt nicht, dass die Wirtschaft die Frauen nicht gleichstellt – sie tut es, aller- dings kaum nach juristischen Maßstä- ben, sondern nach ökonomischen, und da fällt der Mutterschutz ebenso in Be- tracht wie die Fähigkeit, sich im mörderi- schen Wettbewerb innerhalb eines Vor- stands durchsetzen zu können. In Wirt- schaft und Gesellschaft geht es also gera- de nicht um Repräsentation – und vor al- lem darin haben es die Frauen zu etwas gebracht –, sondern um handfeste Interes- sen. Sie aber werden nicht angenehmer, wenn sie auch von Frauen wahrgenom- men werden. THOMAS STEINFELD

sie auch von Frauen wahrgenom- men werden. THOMAS STEINFELD Endstation Tutti-Frutti – der Hollywoodschauspieler Johnny

Endstation Tutti-Frutti – der Hollywoodschauspieler Johnny Marco (Stephen Dorff) lässt sich im italienischen Fernsehen vorführen.

Foto: Tobis

Peter Pan, traurig und einsam

Chronik unserer rastlosen Unbeweglichkeit: Sofia Coppolas neuer Film „Somewhere“

Das Chateau Marmont ist als Ort für eine Geschichte über Hollywood schon mal eine gute Wahl. Erstens, weil dann in jeder Kritik irgendeine lustige Star-An- ekdote steht, die in diesem Hotel spielt; und zweitens, weil es parabelhaft steht für die Menschen, die es bewohnen und die Sofia Coppola in ihrem neuen Film „Somewhere“ beschreibt. Eigentlich ist das Chateau Marmont nämlich nicht ge- rade das Burj al Arab. Aber hier wurden Filmlegenden gestrickt, bis das Haus selbst zur Legende wurde, es wurde als Sehnsuchtsort ausgerufen, vor so langer Zeit schon, dass keiner mehr fragt, war- um. Mit Stars ist es ja auch oft so: Ihre Normalsterblichkeit ist in Vergessenheit geraten, und einer wie Johnny Marco, der Mann, um den „Somewhere“ kreist, ist dann jahrelang zu Gast in einem Schauspielerleben, obwohl er eigentlich gar nichts in sich hat, was er spielen könnte. Schon die erste Ankündigung zu Sofia Coppolas neuem Film klang nach einer neuen Fassung ihres größten Erfolgs „Lost in Translation“ – aber nun ist dann doch einiges anders. Den selbstironi- schen Hotelbewohner Bill Murray, ge- strandet in Tokio, musste man einfach lie- ben; Johnny Marco (Stephen Dorff) in „Somewhere“ macht es einem schon schwer, wenn man nur versucht, ihn zu mögen. Er ist einigermaßen erfolgreich, ein anderes Zuhause als das Chateau Marmont hat er nicht – he can check out anytime, but he can never leave. Man kann sich nicht vorstellen, dass er, gäbe es ihn wirklich, ein besonders großer Mi- me wäre. Er treibt an der Oberfläche, durch gleichförmige, sinnlose Tage im Hotel, angefüllt mit schönem Schrott. Die Stripperinnen, die er sich ans Bett be- stellt, können ihn jedenfalls nicht am Ein-

schlafen hindern. Eine Assistentin regelt das wenige, was er zu erledigen hat, und nichts davon sieht besonders angenehm aus. Für eine Maske, die er in seinem nächsten Film tragen wird, wird ihm das Gesicht mit Plastikmasse zugespachtelt, und dann muss er regungslos da sitzen und warten, dass die Maske trocknet. Das erfordert keine Schauspielkunst, bloß Leidensfähigkeit. Die braucht er auch, als er sich in einer italienischen Fernsehshow – kurzer Wechsel in ein an- deres Hotel – lächerlich machen lässt, und für die Pressekonferenz, zu der ihn die Assistentin schickt: „Was ist Ihr Fit- ness-Geheimnis?“ – eine wunderbare Sze- ne, surreal und treffend gleichermaßen, groteske Realität im Zeitraffer. Plötzlich steht seine elfjährige Tochter Cleo (Elle Fanning) vor der Hotelzimmertür, er soll auf sie aufpassen, bis sie ins Feriencamp fährt. Sie ist dann tatsächlich alles, was in diesem Leben eine Rolle spielen könn- te, würde er es denn zulassen für mehr als einen Augenblick – aber er lässt die Zeit mit ihr verrinnen wie ein Schlaf- wandler. Man hätte diese Geschichte na- türlich weitertreiben können, ins tränen- reiche Happy End oder ins spektakuläre Desaster – das entspräche dann aber so ganz und gar nicht Sofia Coppolas Art, Filme zu machen. Es gibt noch einen großen Unterschied zu „Lost in Translation“ – im Vergleich wirkt der fast geschwätzig. Es ist eine ziemlich große Herausforderung für Dorff, diese Sprachlosigkeit so zu spie- len, dass man eine Ahnung davon be- kommt, dass die Emotionen, die er nicht ausdrücken kann, irgendwo in ihm sind. Dorff macht das gut. Er ist selbst mal ein hoffnungsvolles Nachwuchstalent gewe- sen und dann in der dritten Liga ver- schwunden – es zeugt von Mut, dass So-

fia Coppola ihm zugetraut hat, diese Rol- le zu spielen. Aber sie hat eben ziemlich viel Chuzpe – eine Selbstsicherheit in der Inszenierung, Mut, ihr eigenes Ding durchzuziehen, mehr, als Frauen sich oft in Hollywood (und anderswo) erlauben können. „Somewhere“ ist ihr vierter Spielfilm, sie hat dafür bei den Filmfest- spielen in Venedig den Goldenen Löwen bekommen, und man kann inzwischen sa- gen: Keine Frau hat es in der Filmregie weiter gebracht als sie. Natürlich kommt es nicht von ungefähr, dass dies ausge- rechnet der Tochter eines großen Regis-

Er treibt an der Oberfläche, durch sinnlose, gleichförmige Tage.

seurs gelungen ist. Vielleicht hätte Sofia es ohne Francis Ford Coppola nicht ge- schafft. Aber sie hätte es schaffen sollen. Sofia Coppola ist der seltene Fall einer Kronprinzessin, die gefördert und gehät- schelt und ermutigt wurde, ohne zum Spiegelbild erzogen zu werden. Von der Art der Regie ihres Vaters, von seiner Dramaturgie hat sie sich jedenfalls nicht viel abgeschaut. Sie erzählt aktionsarme Geschichten, im Fall von „Somewhere“ manchmal provozierend langsam, alles kreist um die Figuren – das sind schon fast weibliche Tugenden, die sie von ih- rem Vater unterscheiden. Auf Johnny Marco blickt sie mit Milde, aber ohne Mit- leid, eher mit Verwunderung. Aber man hat schon den Eindruck, sie sei all ihren Charakteren tatsächlich irgendwann be- gegnet – dem somnambulen Johnny, Cleo, die einerseits hingerissen ist von dem Lotterleben, an dem sie für ein paar Wochen teilhat, und andererseits doch spürt, dass hier nichts wichtig ist, auch

Spektakel der anderen Art

Die Kunst wohnt längst in großen Hallen – das verändert ihr Verhältnis zum Massenpublikum

Die Wachsleute sind wieder da. Zu- letzt sah man sie in der Nische einer spa- nischen Kirche, wo sie aus Glasaugen die Gläubigen fixieren. Oder bei Madame Tussauds in Berlin. Seit dem Mittelalter gilt Wachs als das Material, das Haut am ähnlichsten ist – und deshalb überall zum Einsatz kommt, wo die Kunst auf Le- bensnähe pocht. Jetzt bewohnen Wachs- puppen den gigantischen künstlichen Plattenbau von Elmgreen & Dragset im ZKM Karlsruhe (SZ vom 9. November). Im Hamburger Bahnhof in Berlin wird Leben derweil nicht simuliert, sondern vorgeführt: in Gestalt der pinkelnden Rentiere und trinkenden Kanarienvögel, die der Künstler Carsten Höller ausstellt (SZ vom 8. November). Im Vergleich gera- dezu klassisch verfremdend geht Ai Wei- wei vor, der die Turbinenhalle der Londo- ner Tate Modern nicht mit Sonnenblu- menkernen füllt, sondern mit deren Nachbildungen (SZ vom 15. Oktober). Als die Kunst die verlassenen Indus- triegebäude und andere Hallen bezog, schien es, als würde sich vor allem die Welt der Arbeit wandeln. Einige Jahre später lässt sich sagen: Die riesigen Räu- me haben auch die Kunst verändert. Sie

kann sich nicht mehr im white cube aus- ruhen und so tun, als sei der Museums- saal eine tabula rasa. Die neue Umge- bung erfordert zweierlei: Werke, die es mit großen Formaten aufnehmen können – und eine Kunst, die sehr viele Men- schen anzieht. Denn ohne Publikum wirkt vielleicht ein musealer Ausstel-

Eine Ausstellung braucht keine nacherzählbare Geschichte

lungsraum immer noch besinnlich. In ei- ner Werkshalle dagegen verliert sich die Kunst, wenn sie nicht massenweise be- trachtet wird. Dass sehr viel Wand und sehr viel Luft eine besondere Sensibilität erfordern, führt seit Jahren Chris Dercon in der Naziarchitektur des Münchner Hauses der Kunst vor. Er wurde wohl nicht zuletzt deshalb kürzlich als Ta- te-Modern-Chef nach London berufen. Nun schadet es der Kunst nicht, wenn sie sich um maximale Sichtbarkeit be- müht. Problematisch wird es erst, wenn sie die Massenkultur – sei es den Jahr- markt des 19. Jahrhunderts oder den heu-

tigen Starkult von Kino und Pop – nicht nur kommentiert, sondern auch noch nachahmt. Dann wird die Kunst zur showfixierten Geschichtenmacherin und verliert sich im Nacherzählbaren, an- statt mit visuellen Gegenbildern zu expe- rimentieren. Storytelling ist Sache von Film, Bühnenkunst, Literatur. Im Muse- um ist alles möglich, auch das Spektakel, aber es sollte sich von der Welt da drau- ßen und von den anderen Künsten und Unterhaltungen unterscheiden. Bekanntlich verkaufen die deutschen Museen vielfach mehr Eintrittskarten als die Fußballstadien. Die Zahlen im dreistelligen Millionenbereich liegen über denen der Bühnen und sind nicht weit von denen der Kinos entfernt. Diese vielen Leute kommen nicht, weil sie se- hen wollen, was sie schon kennen. Man kann ihnen auch mal etwas zumuten wie es etwa ein Urvater der körperlich erfahr- baren Raumkunst, Gregor Schneider, mit seinen Zellen und muffigen Kriech- kammern tut. Es reicht, wenn der Muse- umsbesucher sich selbst lebendig fühlt. Das geschieht durch die Ästhetik des Hier und Jetzt und nicht durch storyfi- xierte Gigantomanie. KIA VAHLAND

sie nicht; oder das Starlet, mit dem John- ny mal was hatte, und die bereit ist, sich von jedem Fünkchen Würde zu verab- schieden, um ihn zurückzuerobern. Es ist viel darüber spekuliert worden, wie viel Coppola von sich selbst sie in „Somewhe- re“ preisgibt – aber da spricht wohl weni- ger die Tochter aus ihr (sie ist in weiten Teilen fern von Hollywood im Napa Val- ley aufgewachsen) als die Mutter, die ih- ren inneren Johnny Marco unterdrückt. Johnny ist ein trauriger, einsamer Peter Pan, ein um sich selbst kreisendes, ewi- ges Kind. So wie die selbstmörderischen Schwestern in Coppolas „The Virgin Sui- cides“, wie ihre „Marie Antoinette“ wei- gert er sich, erwachsen zu werden. Sie erzählt immer wieder aus Holly- wood (auch Marie Antoinette ist bei ihr ja ein Popstar), und in ihren Bildern spie- gelt sich eine Welt, die von der Unterhal- tungsindustrie besessen ist, ihr einen grö- ßeren Stellenwert einräumt als der Poli- tik, Johnnys Lebensstil für das Maß aller Dinge hält. Irgendwann einmal, wenn die Generation, der die 39-jährige Sofia Coppola angehört, auf ihr Leben zurück- blickt, wird man vielleicht erkennen kön- nen, was für eine großartige Chronistin sie ist. Johnnys rastlose Unbeweglichkeit erzielt einen schönen Effekt: Je weniger auf der Leinwand passiert, je länger Johnny ziellos mit seinem schwarzen Fer- rari durch Los Angeles kurvt, desto mehr erfüllt er einen mit innerer Unruhe. Er müsste etwas tun, irgendetwas ändern, aber er weiß nicht mal, wo er anfangen soll. Und so sind wir letztlich alle. SUSAN VAHABZADEH

SOMEWHERE, USA 2010 – Regie und Buch: Sofia Coppola. Kamera: Harris Sa- vides. Schnitt: Sarah Flack. Mit: Stephen Dorff, Elle Fanning. Tobis, 98 Minuten.

HEUTE

FEUILLETON

Nur ein Klumpen Farbe

Eine große Ausstellung in Wuppertal zeigt, wie Pierre Bonnard zu einer neuen malerischen Intimität fand Seite 12

Der Koffer der Pandora

Die sagenumwobenen Bilder aus Robert Capas mexikanischem Koffer in einer New Yorker Schau Seite 13

LITERATUR

Bierkonzert mit Grubenpferd

Ein Band mit Briefen und Erzählungen dokumentiert Alfred Döblins Zeit als Militärarzt in Lothringen Seite 14

MEDIEN

Katastrophe mit Vorteilen

Widerstand gegen die Haushaltsabgabe regt sich in der Wirtschaft – auch mit fragwürdigen Argumenten Seite 15

WISSEN

Immer auf die Starken

Sklavenhalter-Ameisen attackieren be- vorzugt mächtige Gegner Seite 16

www.sueddeutsche.de/kultur

Seite 12 / Süddeutsche Zeitung Nr. 260

FEUILLETON

Mittwoch, 10. November 2010

Doppelbegabung

Der Geiger Maxim Vengerov ist nach dreijähriger Pause zurück

Zumindest für eine längere Zugabe will der Stargeiger Maxim Vengerov wie- der zur Violine greifen beim Konzert in der Münchner Philharmonie am kom- menden Samstag. Zuvor dirigiert er das Menuhin Festival Orchestra Gstaad mit dem Solisten Fazil Say. Vor drei Jahren hatte sich Vengerov so schwer an der Hand verletzt, dass er das Geigenspiel ganz aufgeben musste. Er selber rechne- te nicht mehr damit, jemals wieder spie- len zu können. Vengerovs Karriereende erregte weltweit aufsehen, denn der noch vor Vadim Repin berühmteste Schüler von Zachar Bron galt bis dahin als unum- schränkter Spitzenvirtuose. Zwei Jahre

nach seiner Verletzung verfolgte Venge- rov dann zielstrebig eine Dirigentenkarri- ere, die er auch nicht aufgeben will. Schon während seines Geigenstudiums hatte er sich intensiv dem Dirigieren ge- widmet. Möglicherweise wird man Ven- gerov also in Zukunft sowohl als Geigen- virtuosen wie auch als Dirigenten erle-

ben.

ANZEIGE

mau

Nur fürs Web gemacht– Die Woche im Netz. www.sueddeutsche.de/ multimedia FilmFlimmern Die Kino-Video-Vorschau
Nur fürs Web gemacht–
Die Woche im Netz.
www.sueddeutsche.de/
multimedia
FilmFlimmern
Die Kino-Video-Vorschau
Speak Schneider –
Das Sprach-Videoblog
2 um 2 – Udos Erben
Der Fußball-Schlagabtausch
Summa Summarum
Korrekturen eines Marktwirtschaftlers
Das Streiflicht als Podcast
www.sueddeutsche.de/multimedia

NACHRICHTEN

Der kriselnde Playboy verkauft seine Kunstsammlung. Die Werke werden am 8. Dezember in New York bei Christie’s versteigert. Unter den Objekten ist eine Fotografie von Marilyn Monroe für das erste Playboy-Cover, veröffentlicht im Dezember 1953. Sie wird auf 10 000 bis 15 000 Dollar geschätzt. Zuletzt musste Playboy Enterprises einen Verlust von 5,4 Millionen Dollar verbuchen.

Die Berliner Akademie der Künste zeigt erstmals den Nachlass des Fotogra- fen Erwin Blumenfeld. Mit dem Archiv des Künstlers (1897-1969) sei das vermut- lich letzte Schriftgutarchiv des Kreises der Berliner Dadaisten erworben wor- den, das sich noch in privater Hand be- fand, teilte die Akademie mit.

Die Berliner Nationalgalerie hat 13 be- deutende Werke zeitgenössischer Künst- ler als Dauerleihgabe von der Haubrok Foundation erhalten, darunter Arbeiten von Martin Creed, Olafur Eliasson, Tobi- as Rehberger, Gregor Schneider und Pao- la Pivi. Als Erstes wird die Performance „This is propaganda“ des Berliner Künst- lers Tino Sehgal präsentiert, dessen Aus- stellung im Guggenheim Museum in New York Aufsehen erregt hatte. dapd, dpa

Der Mensch ist ein Klumpen Farbe

Eine große Ausstellung in Wuppertal zeigt, wie Pierre Bonnard zu einer neuen malerischen Intimität fand

Die vorzüglich vorbereitete, große Bon- nard-Ausstellung in Wuppertal ist zwar nur indirekt mit den Kulturhaupt- stadt-Aktivitäten der Ruhr-Region ver- knüpft, doch da sie als inhaltlich logi- sche Fortsetzung der vom Publikum über- rannten Essener Ausstellung „Die Im- pressionisten in Paris“ erlebt werden kann, ist allen Besuchern des Essener Folkwang Museums der Umweg über Wuppertal oder der kurze Abstecher dorthin dringend anzuraten. In Essen, in der glanzvollen Abfolge von Gemälden und Fotografien aus dem Paris des gro- ßen Umbruchs, hängen auch drei vorzüg- lich in den Kontext passende Gemälde von Bonnard – so wie umgekehrt in Wup- pertal einige Protagonisten der Essener Ausstellung, Renoir, Caillebotte, Cé- zanne, Gauguin, Vallotton und der Litho- graf und Fotopionier Rivière mit ihren Paris-Bildern zu ergiebigen Vergleichen mit Bonnard herangezogen werden. Tatsächlich hat sich Pierre Bonnard (1867 – 1947), der später recht unstet zwi- schen seinen Lieblingsorten in Frank- reich hin- und herreiste, in seinen ersten Arbeitsjahren kaum aus Paris hinausbe- wegt. Doch nicht das quirlige Leben auf den Straßen, nicht die Reize und Verlo- ckungen der rapide sich wandelnden Weltstadt haben ihn angezogen, sondern zunächst fast ausschließlich häusliche Si- tuationen, Innenraumansichten mit Frau- en bei häuslicher Arbeit und spielenden Kindern, also familiäre Szenen, wie er, der überzeugte Junggeselle, sie allenfalls in den Wohnungen seiner verheirateten Schwester und bei gemeinsamen Ferien- aufenthalten mit der Verwandtschaft auf dem ererbten Landgut in Savoyen er- leben konnte. Bonnard selber hat seinen Status als

Exakt gezogene Linien sucht man bei Bonnard vergeblich

Beobachter, der sich still im Hintergrund hält oder aus dem Nachbarzimmer zu- schaut, aber keine Bindungen eingeht, über Jahrzehnte hinweg geschickt kon- servieren können: Erst im Alter von 59 Jahren war er bereit, sein Lieblingsmo- dell Marthe, mit dem er seit Jahrzehnten zusammenlebte – ein ganzes Stück Ma- lereigeschichte ist mit diesem Namen ver- bunden – , zu heiraten. Modern an seiner anfänglichen Art zu malen waren nicht die bürgerlichen Moti- ve, die er wählte, sondern die Konse- quenz, mit der er die Konturen der abge- bildeten Figuren und Objekte auflöste, in einem Kontinuum flockig gesetzter ge- dämpfter Farben aufgehen ließ. Und auch die Zeichnungen und die Plakatent- würfe der Zeit vor der Jahrhundertwen- de sind ganz malerisch entwickelt: Sie er- gehen sich in lockeren, spontanen Ges- ten: Exakt gezogene Linien, die eine Fi- gur präzis umzirkeln, wie es der aufkom- mende Jugendstil gerne gehabt hätte, sucht man bei Bonnard vergeblich. Was er von den japanischen Farbholzschnit- ten, die damals allen Graphikvirtuosen als Vorbilder dienten, übernahm, waren nicht die prägnanten Umrisslinien und die kühlen Einheitsfarben, sondern die Eigenheiten der asiatischen Raumdar- stellung, die Flächigkeit der Gegenstän- de und die irregulären Perspektiven, mit denen die abgebildeten Dinge komposito- risch zusammengefasst wurden: Über- groß nahe und winzige ferne Motive pral- len schroff aufeinander; Bonnard verzich- tet also auf eine Staffelung im Bild, auf räumliche Tiefe in der Komposition. Die- sem subtilen, psychologisch wirksamen Stilmittel hat der Maler immer wieder große Wirkungen abgewonnen.

hat der Maler immer wieder große Wirkungen abgewonnen. Pierre Bonnard: „Stehender Akt“ (1913, Privatbesitz).

Pierre Bonnard: „Stehender Akt“ (1913, Privatbesitz). Die Bewegung des Aktmo-

dells könnte von einer Fotografie abgeschaut sein.

Abb.: Katalog

Anregen ließ sich Bonnard, wie viele seiner Pariser Kollegen, auch vom neuen Bildmedium Fotografie und seinen for- malen Zufälligkeiten und Zwängen. Wann er selber begonnen hat mit einer Kamera zu experimentieren, lässt sich nicht präzise datieren. Doch wenn man die Fotos, die er meist in intimem Rah- men gemacht hat, mit den motivisch ähn- lichen Gemälden vergleicht, wird einem sofort klar, dass die aparten Unregelmä- ßigkeiten in den Bildern, die abgeschnit- tenen Köpfe, die auffälligen Zufallsaus- schnitte, die schroffen Überschneidun- gen und die unklassischen Asymmetrien direkt auf die formalen Unvollkommen- heiten von Laienfotos zurückgehen, die mit primitiven Kameras ohne zentrieren- den Sucher gemacht wurden. Besonders die vom Verstand nicht ei- gens kontrollierten Spontanbewegungen seiner weiblichen Modelle versuchte Bon- nard erst mit der Kamera einzufangen und dann ins Bild zu übertragen. So hat Marthe, wenn sie sich etwa der Kleider entledigte (unser Bild), wenn sie sich un- beobachtet und ohne Hüllen durch den Garten oder die Wohnung bewegte oder

sich in der im Zimmer auf dem Boden lie- genden flachen Badeschüssel wusch, ei- ne Fülle überraschend lebendiger, akade- misch ungebräuchlicher Bewegungsmoti- ve geliefert. Da sich die Lebensgefährtin, wohl einer Hautempfindlichkeit wegen, mit zunehmendem Alter immer häufiger und zwanghafter dem Reinigungsritual unterzog, und da Bonnard, wie sein gro- ßes Vorbild Degas, die voyeuristischen Reize des Beobachtens intimer Handlun- gen aus sicherem Abstand mehr und mehr als bildnerische Anregung zu be- greifen und zu genießen begann, konnte sich über die Jahre hinweg ein eigenes sinnliches Genre entwickeln, in dem Bon- nard formal wie farblich kühn neue We- ge einschlug. Den frechsten Zufallsausschnitt hat der Maler wohl 1925 in dem Bild „Akt in der Badewanne“ (Tate Gallery) geliefert. In dem extremen Hochformat stößt eine überlange Badewanne, in der sich die aus- gestreckten Beine und der Unterleib der Badenden abzeichnen, so von unten her senkrecht hoch ins Bild, dass die steil von oben betrachtete Wanne fast die gesamte rechte Hälfte des Gemäldes einnimmt.

Von links aber schiebt sich der Umriss ei- ner männlichen Figur im Bademantel ins Bild. Von beiden Menschen sind in der ex- trem in die Höhe gezogenen Komposition also jeweils nur die in entgegengesetzte Richtungen weisenden unteren Extremi- täten zu sehen, was den Eindruck er- weckt, als habe die Kommunikation zwi- schen den beiden fragmentierten Figu- ren längst aufgehört. Als Betrachter des Hochformats, oder besser gesagt: als Zu- schauer des Geschehens, wird man jeden- falls das Gefühl nicht los, dass diese inti- me Szene durch einen Türrahmen beob- achtet worden ist. Tatsächlich hat Bonnard den Blick der Betrachter sehr oft durch Türen und ho-

Nicht das Leben abmalen, sondern der Malerei zu Leben verhelfen

he Spiegel in angrenzende Räume hinein oder durch offene Fenster und Fenstertü- ren hinaus auf Balkone, auf Gartenterras- sen und in Gärten hinein gelenkt. Ja die perspektivisch stark verkürzende Ein- sicht in mehrschichtige Raumfolgen soll- te eine seiner großen Spezialitäten wer- den. Und da die inszenierte Simultanität von Innen und Außen, aber auch die alter- nativen Genres Landschaft und Stillle- ben, die er nach der Jahrhundertwende zu entdecken begann, frische, unver- brauchte Farb-Akkorde spendierten, ließ sich Bonnard mehr und mehr auf waghalsige Experimente mit Farben ein:

Er entwickelte einen leuchtenden Kolo-

rismus, der ihn so weit weg von seinen im- pressionistischen Vorbildern in die Mo- derne hineintrug, dass am Ende nur noch wenige Kollegen – Matisse hat ihn nach seinem Tod als einen der ganz Großen ge- priesen – zu ihm hielten. Seinem künstlerischen Ideal, nicht das Leben abmalen, sondern der Malerei zu einem eigenen Leben verhelfen zu wol- len, ist er jedenfalls mit zunehmendem Alter immer näher gekommen. In seinem atmosphärisch reichen Ausblick über die Terrasse des Uhlenhorster Fährhauses auf die Außenalster in Hamburg von

1913 rücken die an den Tischen locker

verteilten, sommerlich hell gekleideten

Herrschaften zu einem dichten hellen Block zusammen, der sich vor dem tief- leuchtenden abendlichen Blau der Alster wie eine traumhafte Lichterscheinung aufbaut. Im extremen Querformat „Son- nige Terrasse“, das zwischen 1939 und

1945 entstanden ist, lösen sich die bauli-

chen Andeutungen , zwischen denen man auf den Strand blickt, nahezu vollkom- men in einem Meer warmtöniger Farb- punkte auf. Und in einem seiner letzten Bilder „Badende am Ende des Tages“ fi- gurieren die Menschen als goldrote Farb- klumpen, die wie fette Flocken auf dem violettschwarzen Meer sitzen. Aus den letzten Jahrzehnten Bonnards hätte man in Wuppertal gerne noch zwei, drei der farbig glühenden Großformate als Beweisstücke gesehen. Doch das ist der einzige kleine Einwand gegen diese gut vorbereitete Ausstellung, die auch der großzügigen Präsentation wegen zu loben ist. Die Titel und Daten der einzel- nen Objekte muss man nicht in gebück- ter Haltung von irgendwelchen tief ange- brachten winzigen Täfelchen ablesen. Al- le nötigen Angaben sind gut lesbar so hoch über den Bildern auf die Wände ge- schrieben, dass die Betrachter sich beim Betrachten und Lesen nicht gegenseitig stören. GOTTFRIED KNAPP

„Pierre Bonnard. Magier der Farbe“ im Von der Heydt-Museum Wuppertal bis 30. Januar. Katalog: 35 Euro. www.von-der-heydt-museum.de

Skandalös ist in Leipzig nur die Kulturpolitik

Die Arbeit von Intendant Sebastian Hartmann am Centraltheater hat viel böse Kritik auf sich gezogen, wirkt aber bei näherem Betrachten recht unaufgeregt

Wenn man nur glaubt, was man liest, dann muss das Leipziger Centraltheater ein Flegelreich sein, wo ein Haufen Thea- ter-Orks unter Führung eines Bal- kan-Machos Bürgerkrieg gegen den gu- ten Geschmack spielen. Seit zweieinhalb Jahren, seit Sebastian Hartmann hier In- tendant ist, herrschen auf der Bühne of- fensichtlich gotische Verhältnisse, wo Männer sich grölend mit irgendwelchen ekligen Substanzen beschmieren, wäh- rend die Frauen verdinglicht als Straps- halter ihre Reize prostituieren. Nackt- heit, Blödelei und Stückzertrümmerung lautet die Grammatik der neuen „Leipzi- ger Handschrift“, die eher eine Keil- als eine Sütterlinschrift sei – jedenfalls, wenn man dem Tenor der Verrisse in Zei- tungen und Internetforen sowie dem zu- ständigen Kulturdezernenten Glauben schenkt, der auch mal in eine Vorstellung hineinruft, wie schrecklich er sie findet. Diesen teilweise mit Hass gewürzten Abgesang in den Ohren findet man sich im Centraltheater am Rande des Leipzi- ger Zentrums in einer zunächst vollkom- men gegensätzlichen Atmosphäre wie- der. In dem pseudoklassizistischen Bau mit seinem unscheinbaren Seitenein- gang geht es zu wie in einem ganz norma- len Stadttheater im Zeitalter dramaturgi- scher Gesamtkonzepte. Die Programm- hefte sind, obwohl sie nicht aussehen wie anständig aufgemachte Lehrmittel, dem Dienst am Zuschauer gewidmet – und das Publikum zeigt sich in einer gesun- den Altersmischung von Kostüm mit Bro- sche bis zu Sweater mit Piercing. Das, was man auf den beiden Bühnen des Schauspielhauses, dem Großen Haus und dem Experimentierraum „Skala“, in den vergangenen Monaten so zu sehen be- kam, bestätigt zwar trotzdem viele Vorur-

teile über den Bildungs-Dschihad ohne Grübelzwänge, den man Sebastian Hart- mann unterstellt. Man macht sich gern nackig, der gute Ton gleicht eher dem fa- miliären Brüllen am zweiten Weihnachts- tag als dem Sakrallatein der moralischen Anstalt, und die komische Solonummer bekommt meist den Vorzug vor dem schmerzlichen Konflikt. Aber von seriel- ler Monotonie und Vandalismus zum Selbstzweck ist dieses Theater trotzdem genauso weit entrückt, wie vom Dornrös- chenschlaf der Vorgänger-Intendanz von Wolfgang Engel, den zu beenden Hart- mann bestellt war. Tat der neue Chef zu Beginn seiner In- tendanz 2008 im Fieber der Erneuerung manche Äußerung, die geschrieben arro- gant klang, so hat der Stellungskrieg um das Centraltheater, der sich daraus ent- wickelte, längst andere Gründe. Das überregionale Feuilleton fühlte sich durch Hartmanns Walten an die glückli- chen Zeiten der Berliner Volksbühne un- ter Frank Castorf erinnert, wo Hart- manns Idee von Theater geprägt wurde, und nölt über das Epigonentum. Die loka- le Opposition aber gewinnt ihre Gereizt- heit aus jener Bach- und Barock-Be- schaulichkeit, die sich zu vornehm fühlt, um sich im Theater anschreien zu lassen. Nüchtern betrachtet ist Skandal in Leipzig allerdings kaum zu erleben. Je- denfalls nicht in der Kunst. Denn wenn man die Voraussetzung einmal akzep- tiert hat, dass Hartmann sich keine Cas- torf-Amnesie verschreiben will, dann kann man in der vermeintlichen Metasta- se durchaus die gesunde Entwicklung entdecken. Und die ist stadttheater-taug- lich im produktiven Sinne, weil die Hart- mann-Gang in Leipzig inzwischen Ge- gensätze zulässt. Seine eigene Thea-

ter-Philosophie, dass Bilder stärker sind als Worte und „die Sprache nur ein klei- nes Zündholz in einem großen Panorama der Gefühle sei“, die Hartmann immer wieder den Vorwurf des oberflächlichen Spektakels einbrachte, steht eine Drama- turgie unter Uwe Bautz entgegen, die eher im Geiste Heiner Müllers Thesen und Diskurse kreuzt. Im aktuellen Spielplan, der dem The- ma „Deutschland“ gewidmet ist, findet sich dieses Spannungsverhältnis in ver- schiedenen Produktionen wieder. Wäh- rend Jürgen Kruse aus Hofmannsthals „Jedermann“ seine plüschige Rocker-Me- lancholie mit viel Stoff, blonden Engeln, lauten Kaspern und sentimentalem Juke- box-Gedudel zieht, verwandelt Mirko

und sentimentalem Juke- box-Gedudel zieht, verwandelt Mirko Eine Szene aus Hartmanns Adaption des „Zauberbergs“.

Eine Szene aus Hartmanns Adaption des „Zauberbergs“. Foto: David Baltzer

Borscht in „Deutschland tanzt nicht“ sei- ne satirische Suche nach nationalisti- schen Subtexten in eine Diskussi- ons-Apokalypse. Drei bucklige Frauen, die in einem hohlen Baum leben und Kar- toffelpuffer braten, sprechen wie Rosa Luxemburg als kahle Sängerin über die Fettflecken des deutschen Stolzes. Und auch die letzte Spielzeiteröffnung im September bot den Kampf zwischen Er- kenntnis- und Erlebnistheater in einem Doppelgespann. Der neue Hausregisseur Robert Borgmann verwickelte in „Vater- mord“ deutsche Biografien von Heideg- ger bis Einar Schleef in ein wildes Konti- nuum zerstörerischer Streitigkeiten, und

Die Zuschauerzahlen gehen kontinuierlich nach oben

Martin Laberenz richtete Schillers „Räu- ber“ als unterhaltsamen Castorf-Gottes- dienst mit fetten Bildern an. Und der Geschmähte selbst? Nach ei- nem ebenfalls stark volksbühnisierten Kladderadatsch über Wim Wenders’ Film „Paris, Texas“ mit Heike Makatsch nahm sich Sebastian Hartmann nun Tho- mas Manns Roman „Der Zauberberg“ vor. Doch statt die näselnd-ironische Ne- bensatz-Sinfonie über Geist und Verfall, die Thomas Mann auf 1000 Seiten klin- gen lässt, ins peinliche Verhör der Kalau- er und Nacktringkämpfe zu nehmen, ge- währt Hartmann der fünfstündigen In- szenierung einen roten Faden Konfliktge- schichte. Hans Castorp (der natürlich häufiger mal „Castorf“ genannt wird) entwickelt sich nicht in Gags, sondern in Dialogen, und Auseinandersetzung prägt auch die anderen Figuren. Dabei

entstehen zwar durchweg Charaktere, die sich von den Mann’schen Wesenszü- gen der Verschämtheit und des verbalen Auftrumpfens deutlich unterscheiden. Als Nacherzählung im Sinne moderner Stadtneurotiker funktioniert diese Adap- tion aber erstaunlich homogen, abwechs- lungsreich und unbemüht. Vom Scheitern Hartmanns in Leipzig ist dann in diesen Tagen auch kaum et- was zu spüren. Seine Zuschauerzahlen gehen nach oben und nehmen das Fern- ziel 100 000 Besucher ins Visier. Das Be- triebsergebnis ist zufriedenstellend. Das breit aufgestellte Programm mit vielen Uraufführungen, einem großen Kinder- und Jugend-Projekt, Kunst und Musik durchlebt die Gezeiten von Ge- und Miss- lingen, die jedes ambitionierte Theater kennt. Und die anfänglichen Irritationen der bürgerlichen Schicht haben sich dank Zuschauerkonferenzen, wieder ein- geführten Publikumsgesprächen und an- deren pädagogischen Maßnahmen in sar- kastisch gefärbte Neugier verwandelt. Skandalös in Leipzig ist allein die Kul- turpolitik. Besagter Kulturdezernent, der das Theater nicht mag, Michael Fa- ber, beugte sich nämlich gerade kurzfris- tigen Sparanforderungen der Landesre- gierung in Höhe von 2,5 Millionen Euro, die nicht nur das Centraltheater, son- dern auch die Oper und das Gewandhaus- orchester ruinieren würden. Wie in Ham- burg formieren sich auch in Leipzig dage- gen gerade Bürgerproteste, während der Kulturbürgermeister in der heißen Phase – wie sein Hamburger Geisteskollege Reinhard Stuth – in den Urlaub fuhr. Gegen solche Flegeleien ist der goti- sche Urlaub, den das Centraltheater an- bietet, der eindeutig klügere Vandalis- mus. TILL BRIEGLEB

In Pubertät vereint

An der Wiener Burg gibt es Neues über Kristin Worrall

Vermutlich war man im Frühjahr die- ses Jahres am Wiener Burgtheater am meisten verwundert: „Life and Times – Episode 1“ war zum Berliner Theatertref- fen eingeladen worden. Zwar ist es für die Burg nichts Ungewöhnliches, zur Leistungsschau der deutschsprachigen Theater zu reisen, aber erstens hatte die Aufführung einen amerikanischen Text, der zweitens auch noch mehr oder weni- ger gesungen wurde, und drittens gehö- ren die für die Produktion Verantwortli- chen gar nicht zur Burg: Das Nature The- ater of Oklahoma, im Kern bestehend aus Kelly Copper und Pavol Liska, ist ei- ne New Yorker Performance-Gruppe, die seit 1997 zu den Lieblingen der euro- päischen Theaterfestivals gehört. Am Wiener Staatsbetrieb hat sie sich in für beide Seiten fruchtbarer Symbiose einge- nistet und bringt jedes Jahr eine neue Epi- sode aus dem Leben der Kristin Worrall heraus. Denn auf stundenlangen Telefon- gesprächen mit dem Mitglied der Compa- ny beruht die auf insgesamt zehn Abende angelegte Unternehmung. Teil eins umfasste Kristin Worralls frü- heste Kindheit bis etwa zum Alter von sechs Jahren, und allein die Tatsache, dass man daraus einen dreieinhalbstündi- gen, aus Erinnerungsfragmenten zusam- mengebastelten Abend erstellen konnte, lässt die vermeintliche Authentizität der Textgrundlage als einen reinen coup de théâtre erscheinen. Doch offenbar gieren die Theater nach einer Wahrheit, die letztlich nur in den Empfindungen jedes einzelnen Zuschauers entstehen kann. Auch wenn Copper und Liska ihr Materi- al irgendwie dem Leben selbst abhor- chen, entscheidender ist bei ihren Arbei- ten etwas ganz anderes: die Form. In „Episode 1“ schaute man auf ein nicht endendes Gehopse, der sozialisti- schen Massengymnastik Spartakiade nachempfunden, lauschte im Sprechge- sang vorgetragenen Banalitäten aus dem Alltagsleben eines Kleinkinds und hörte einer Band zu, deren herausragendes klangliches Merkmal eine Ukulele war. „Episode 2“ ist viel dichter gefügt. Die Musik, nun vom Band, entwarfen Robert M. Johanson und Julie LaMendola mit ei- nem fiependen Computerprogramm – ein Klangteppich, gewirkt aus Bestandteilen verschiedener Rock’n’Roll-Stile, in ent- scheidenden Momenten garniert mit nu- ancierten Anklängen an Bands wie Gene- sis: Dauerbewegungsmusik mit klangli- chen Schatten der Erinnerung. Im Kasino des Burgtheaters steht ein niedriges, zwölf mal vier Meter großes, schwarzglänzendes Podest, darauf ein Typ, Johanson, und fünf Frauen, alle tra- gen monochrome Adidas-Anzüge, Johan-

Frauen, alle tra- gen monochrome Adidas-Anzüge, Johan- Naturtheater: Fumiyo Ikeda, Julie La- Mendola, Sabine Haupt

Naturtheater: Fumiyo Ikeda, Julie La- Mendola, Sabine Haupt Anna Stöcher

son dazu noch einen gewagten Por- no-Schnauzer. Eine der Damen, Sabine Haupt, gehört zum Burgtheater, eine, Fu- miyo Ikeda, zur Tanzcompagnie Rosas, die restlichen drei gehören zum Nature Theater of Oklahoma, dessen Name aus Kafkas „Amerika“-Roman entlehnt ist – ein merkwürdiger Welttheaterbetrieb, der allen Menschen Glück verheißt. Angesichts der ostentativen Dauer- freundlichkeit der Akteure scheint der Name gerechtfertigt. Mit einem erstaun- ten Lächeln singen sie, vor allem Johan- son und die stimmlich hell und klar ver- zaubernde Julie LaMendola von Freund- schaften, die enden und neu beginnen. Vom ersten Kuss, vom ersten Tanzabend, von Eltern, die immer merkwürdiger wer- den, weil man selbst immer merkwürdi- ger wird. Die Pubertät, Kristins Pubertät beginnt, und damit auch die Pubertät je- des Zuschauers. Im Idealfall tauchen ei- gene Erlebnisse im Gedächtnis auf, die man lange und lieb vergessen glaubte, weil man nicht andauernd an die pein- lichste Zeit seines Lebens denken will, in- klusive Teenager-Existentialismus, ech- te oder behauptete Depression. Sehr arios, pathosschwanger ist der Gesang, weil ja die kleinen Geschichten damals für Kristin ganz riesengroß wa- ren. Dazu bewegen sich die sechs im Stil einer Highschool-Ball-Choreographie, kurz schauen drei fesche Burgthea- ter-Jungs aus dem ersten Teil vorbei, kurz auch füllt eine Statistenmasse das Podest, und sei es nur um deutlich zu ma- chen, dass Kristin in einer Phase ist, in der sie von niemandem etwas wissen will. Da stehen dann links 24 Menschen und rechts LaMendola, die aus ihren gro- ßen dunklen Augen schaut, als breche ge- rade ihr Herz. So sehr hier die Banalität des Blöden ausgebreitet wird, in einer Art amerikanischem Sprachdadaismus, so sehr fräst sich der Sog dieser exakt durchgearbeiteten Gedächtnis-Show ins eigene Hirn. Und wenn man nur für ei- nen Moment an eine eigene, sehr frühe Liebesniederlage denkt, dann hat einen der Abend schon überrumpelt. Fortset- zung folgt. EGBERT THOLL

Mittwoch, 10. November 2010

FEUILLETON

HF2

Süddeutsche Zeitung Nr. 260 / Seite 13

NEU AUF CD

Zweifel

Bernard Haitink dirigiert Bruckners Fünfte angemessen zerfahren

Von allen Sinfonien Anton Bruckners ist die Fünfte die kühnste, weil sie sich in ein Gestrüpp hartnäckig wiederkehren- der Motive verläuft. Sie treibt den Hörer in eine Wirrnis, aus der es kein Entkom- men gibt. Das Katastrophische, das Bruckner immer auszeichnet, ist hier kompromisslos auf die Spitze getrieben. Erst in seiner Neunten wagte er wieder, an so hörerfeindliche Musik anzuknüp- fen. Vor neun Monaten dirigierte Ber- nard Haitink, einer der ganz großen

Monaten dirigierte Ber- nard Haitink, einer der ganz großen Bruckner-Inter- preten, die Fünf- te mit den

Bruckner-Inter-

preten, die Fünf- te mit den Sinfo- nikern des Bayeri- schen Rundfunks in München. Der jetzt erschienene Live-Mitschnitt (BR-Klassik) be- legt eine auf jedes Partiturdetail achtende Lesart. Im Zen- trum stehen bei Haitink die vielen Zu- sammenbrüche und das häufige Abrei- ßen der Musik. Die mit urtümlich dunk- lem Klang ausgespielten Eruptionen und Klanggewitter wirken deshalb umso zer- fahrener. Haitinks Version der Fünften ist das Porträt eines Komponisten, der allzu gern ans gigantische Gelingen glau- ben würde, den dann jedoch übermächti- ge Zweifel immer wieder zum Innehalten zwingen. REINHARD J. BREMBECK

Liebe

Der Jazz-Saxophonist Roscoe Mitchell vollbringt ein Wunder

Wenn dieses Album durchgelaufen ist, weiß man nicht so genau, was man gehört hat. Dass man etwas ganz besonderes ge- hört hat, das weiß man. Dass man gern dabei gewesen wäre, 2007 in Burghau- sen, das weiß man auch. Der Bayerische Rundfunk hat den Auftritt von Roscoe Mitchells Note Factory mitgeschnitten. Steve Lake, dessen exorbitante Rolle für den langen Atem des Münchner ECM-La- bels leider immer noch unbeschrieben ist, hat abgemischt. So bleibt wenigstens ein akustischer Abdruck dieses wohl ma- gischen Moments, genannt „Far Side“ (ECM). Da wir es angeblich mit der fa- brikmäßigen Fertigung von Noten zu tun haben, mag eine Beschreibung der Ver- suchsanordnung weiterhelfen:

zwei illustre Trios – Bass/Kla- vier/Schlagzeug – flankieren zwei Bläser, den Trom- peter Corey Wil- kes und den Saxo- phonisten Roscoe Mitchell. Den Roscoe Mitchell. Gründer des Art Ensembles of Chicago. Sein An- blick allein teilt Brot in handliche Schei- ben. Klaviere fliegen durch die Luft (Vi- jay Iyer hintendrein). Es herrscht Stille. Es droht Sturm. Es tobt der Orkan. Solo. Ruhe kehrt ein. Ein Sonnenaufgang in der Wüste gleich hinter Chicago links. Die Kavallerie kommt. Die Kavallerie siegt. Sonnenuntergang und Schnitt. Vielleicht kann man sagen: Ein Leben nimmt hier Klang an. Die Erfahrung aus fast fünf Jahrzehnten wilder, ungezügel- ter, frustrierend scheiternder, triumphal aufscheinender Musik kann sich hier mit Hilfe kongenialer Kollegen, Freunde ab- scheiden, Essenz werden. Demnächst bei ihrem Wunderheiler um die Ecke. KARL BRUCKMAIER

bei ihrem Wunderheiler um die Ecke. KARL BRUCKMAIER Hoffnung Elvis Costello bereitet sich auf sein Alterswerk

Hoffnung

Elvis Costello bereitet sich auf sein Alterswerk vor

Der Pop und das Alter haben kein ein- faches Verhältnis. Elvis Costello zum Bei- spiel ist 56 Jahre alt. Rockmusiker haben da ihre Sturm-und-Drang-Phase schon ewig hinter sich (wenn sie denn eine hat- ten), sie sind aber auch noch nicht alt ge- nug, um als große Alte zu gelten und je- der Kritik enthoben zu sein. Mit anderen Worten: Sie sind längst nicht mehr die Rolling Stones von 1966 – aber eben auch noch nicht die Rolling Stones von heute. Elvis Costello hängt also zwischen den Stühlen, aber dafür schlägt er sich wa- cker: Mal probiert er es mit Kammermu- sik, dann rockt er wie mit 20, im vergan- genen Jahr hat er, der britische Teetrin- ker, gemeinsam mit dem amerikanischen Produzenten T-Bone Burnett ein Coun- try-Album aufge- nommen. Und weil das nicht übel war, erzäh- len die beiden die Geschichte jetzt einfach noch ein bisschen weiter. Schade ist nur, dass der zweite Teil der Geschichte nicht so wahnsinnig spannend ist. Bitte, man kann rein gar nichts gegen diese Platte sagen, die Texte sind ordentlich, die Instrumentierung ist hübsch, viel Steel-Gitarre und America- na-Geschraddel, ab und zu bleibt eine Melodie hängen. Aber das alles hat we- der die Wucht eines Jugend- noch die Würde eines Alterswerks. Trotzdem, in manchen Wendungen, in manchen Sät- zen und halb gekrächzten Silben wird er- kennbar: Aus dem Augenwinkel schaut Costello schon mal, wie das so laufen könnte, später, mit weißen Haaren und noch mehr Lebenserfahrung. Bis zum großen Alterswerk dauert es eben noch ein bisschen. Wir sprechen uns in 10 Jah- ren wieder. MAX FELLMANN

Wir sprechen uns in 10 Jah- ren wieder. MAX FELLMANN Am Ende: Republikanische Soldaten auf dem
Wir sprechen uns in 10 Jah- ren wieder. MAX FELLMANN Am Ende: Republikanische Soldaten auf dem

Am Ende: Republikanische Soldaten auf dem Weg in ein französisches Internierungslager, 1939 aufgenommen von Robert Capa.

Foto: Estate of Cornell Capa / ICP

Der Koffer der Pandora

Eine New Yorker Ausstellung zeigt erstmals, was auf den Bildern zu sehen ist, die in Robert Capas sagenumwobenem mexikanischen Koffer steckten

Als Cornell Capa sich 1999 auf die Su- che nach dem „mexikanischen Koffer“ machte, einem sagenumwobenen Konvo- lut verschollener Negative seines Bru- ders, des legendären Fotoreporters Ro- bert Capa, ging es ihm vor allem darum, die Wahrheit zu finden. Er wollte bewei- sen, dass es sich bei Capas ikonischem Fo- to „Falling Soldier“ aus dem spanischen Bürgerkrieg nicht um eine propagandisti- sche Inszenierung handelt. Gelungen ist ihm das nicht. Das Negativ und die ande- ren Bilder des Films, die den Kontext die- ser Szene hätten erhellen können, blei- ben vermisst. Umsonst waren seine jahrelangen Re- cherchen dennoch nicht: Der über Umwe- ge nach Mexico City gelangte Koffer, in den Capa 1939, vor seiner Abreise in die USA, 4500 Negative aus dem spanischen Bürgerkrieg gepackt hatte, existierte tat- sächlich. In den drei Pappschachteln, die 2007 in New York geöffnet wurden, fan- den sich dann aber nicht nur Bilder von ihm selbst, sondern auch von seiner da- maligen Freundin Gerda Taro und von David Seymour, der später mit Capa und Henri Cartier-Bresson die Agentur Ma- gnum gründete. Die Bilder haben die 70 Jahre dank des trockenen Klimas ohne Schaden überstanden. Nun zeigt das New Yorker International Center of Pho- tography sie erstmals öffentlich. Die Ausstellung ist eine Offenbarung, und das nicht nur der vielen bislang unbe- kannten Fotos wegen. An den Dutzenden Kontaktbögen, die dicht an dicht an den Wänden hängen, lässt sich auf einmalige Weise nachvollziehen, wie der moderne Fotojournalismus erfunden wurde.

Was die Ausstellung auch erzählt, ist die filmreife Geschichte der drei. Alle noch in ihren frühen Zwanzigern, trafen sie sich 1934 in Paris: Endre Friedman, der sich als Fotograf durchschlug, stammte aus Ungarn und nannte sich Ro- bert Capa, weil der Name amerikanisch klang und an den des Regisseurs Frank Capra erinnerte. Die deutsche Jüdin Ta- ro, die als Bildredakteurin arbeitete, hieß eigentlich Gerta Pohorylle. Ihren Nachnamen entlieh sie dem japanischen Künstler Taro Okamoto. Seymour wurde als Dawid Szymin in Polen geboren. In den Magazinen, die er mit seinen Bildern belieferte, war er einfach nur „Chim“. Statt über Entwurzelung und Entfrem- dung zu weinen wie viele Emigranten, kultivierten sie diese und erfanden sich mit der Absicht, mit ihren Bildern inter- nationale Marken zu werden, neu. Illusi-

Die Bilder feiern ein Heldentum der gutmütigen Bescheidenheit

onslos, unsentimental, überall so fremd wie zu Hause. Wie Werkzeuge konstruier- ten sie sich, um der Kriegsmaschinerie des 20. Jahrhunderts ins Auge zu sehen. Doch sie waren keine Zyniker. Im Ge- genteil. Als sie 1936 nach Spanien aufbra- chen, um den Kampf gegen Franco zu do- kumentieren, verstanden sie sich als Pro- pagandisten, als Kämpfer mit der Kame- ra. Aus all diesen Bildern spricht denn auch eine unübersehbare Sympathie, die Berichterstatter und Fotografierte ver- bindet.

Zumindest anfangs malen Taro, Capa und Chim ein fast pittoreskes Bild vom Krieg: Als habe es die Materialschlach- ten des Ersten Weltkriegs nicht gegeben, als würde nicht wenige Jahre später die industriell organisierte Totalzerstörung des Zweiten beginnen, zeigen sie ein folk- loristisches Kämpfen, ein Heldentum der Gutmütigkeit und Bescheidenheit. Zwi- schen den Bildern von Schlachten finden sich auf den Negativstreifen Aufnahmen von Kindern auf dem Weg zur Schule, von Palmen, von Bauern bei der Heuern- te. Mit dem Kampf der Republikaner fei- erten die drei auch die Schönheit des Lan- des und die Würde ihrer Bewohner. Teils steckte dahinter bewusste Idealisierung. Teils gehörte dieser weitschweifende, eth- nologisch interessierte und noch nicht ausschließlich auf die Nachrichtenherde fixierte Blick aber auch zu dem von den dreien damals mitentwickelten Genre der Fotoreportage. Deren andere Qualität bestand im Er- zählen. Der Anregung des Kinos folgend, dachten sie beim Fotografieren weniger an Einzelbilder denn an Sequenzen. Und so präsentierten die Magazine, vom fran- zösischen Regards über die Arbeiter Illus- trierte Zeitung bis zu Life ihre Fotos auch. Statt nur die jüngsten Ereignisse zusammenzufassen, erzählen sie exem- plarische und vor allem bewegende Epi- soden. Dass dem heutigen Betrachter ei- niges davon manipulativ und melodrama- tisch erscheint, kann man den Pionieren dieses Genres kaum vorwerfen. Weil die New Yorker Ausstellung nicht nur die besten und für die Veröf- fentlichung ausgewählten Aufnahmen

zeigt, sondern vergrößerte Kontaktbö- gen der Filme, lässt sich nachverfolgen, wie diese Geschichten entstanden und welche wechselnden Positionen die Foto- grafen dabei einnehmen: Wie oft etwa Ta- ro vergeblich versuchte, der Menge, die sich nach dem Luftangriff auf Valencia

Capa fotografiert noch Soldaten, während er um sein Leben läuft

1937 vor dem Leichenschauhaus dräng- te, ein Gesicht zu geben, bis eine in ban- gen Gedanken verlorene Frau schließlich durch die Gitterstäbe sah. Und wie sich die Ereignisse für die Fotografen selbst entwickelten: Nach der Aufnahme dieser Frau geht auch Taro ins Leichenschau- haus und macht dort die schockierends- ten Aufnahmen der Ausstellung. Was diesen neuen Fotojournalismus ebenfalls ausmachte, war die Nähe, wenn nicht die direkte Beteiligung des Reporters am Geschehen. Auch hier spre- chen die Kontaktbögen eine klarere Spra- che als die publizierten Bilder: Viele Auf- nahmen sind verwackelt und falsch be- lichtet; und die Gruppe von um ihr Leben rennenden Soldaten fotografierte Capa ganz offensichtlich, während er selbst um sein Leben rannte. Capa besaß von den dreien das größte dramatische Talent. Viele seiner Bilder sehen aus wie Stills aus Actionfilmen. Chim hingegen bemüht sich selbst in den chaotischsten Momenten um Zurückhal- tung und Disziplin. Taro, die erst kurz vor der Abreise nach Spanien zu fotogra-

Welt ohne Würde

Jens Kilians Bühnenaufbau versinnbildlicht die Ausweglosigkeit in Richard Wagners „Walküre“ an der Oper Frankfurt

Es war nicht unbedingt zu erwarten, dass die ehrgeizige Nachwuchs-Regisseu- rin Vera Nemirova nach durchwachse- nen, auch gefloppten Inszenierungen nun in Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ reüssieren würde. Gleich- wohl überzeugte die Produktion der „Walküre“ an der Oper Frankfurt unter der bewährten musikalischen Gestal- tung durch das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Leitung von Se- bastian Weigle, auch wenn es diesmal ei- nen müderen Eindruck hinterließ. Die In- szenierung gelang dennoch stimmig: Ein- mal durch die prägnanten Kostüme von Ingeborg Bernerth, zum anderen aber durch die Lichtkonzeption von Olaf Win- ter und das Bühnenbild von Jens Kilian. Der hat hinreichend Erfahrung nicht nur mit Theater, Oper und Wagner im speziel- len, sondern auch mit Regisseuren wie Jossi Wieler oder Martin Kusej, mit dem er Mozarts „Titus“ bei den Salzburger Festspielen entwarf. Für die Frankfurter „Walküre“ griff er historisch weit zurück in die Zeit der wunderbaren geometrischen Formen, man glaubt sich beinahe in die Welt Os- kar Schlemmers versetzt, wenn Kilian die bühnenfüllenden konzentrischen Kreisbahnen mal zur geschlossenen Spielfläche verdichtet, mal zu kosmisch luftigen Bahnen auffächert. Wie elegant

die gewichtigen Sängerinnen und Sän- ger hier im Kosmos spazieren, wie leicht- füßig sie über die Rampen schweben! Dieses Kreiselkonstrukt ist aber weit mehr als nur ein praktisch zu handhaben- der Rampenzirkus. Es versinnbildlicht vielmehr ebenso permanent wie unter- schwellig die gerade in der „Walküre“ für alle folgenden Ring-Abende angeleg- ten unauflöslichen Konflikte in ihrem Werden und Nicht-mehr-vergehen, in ih- rer Grenzenlosigkeit, in ihrer quälenden Präsenz. Wenn Wotan seine Runden dreht, aber auch wenn die lederbewams- ten Walküren ihre Speere in den Himmel recken – sogleich werden Macht und Stolz aufgrund der optischen Eingebun- denheit in diesen Kreiselkosmos zu ver- geblich dummer Anstrengung. Die stärkeren Szenen entstehen fast lo- gisch dann oft in Randgebieten, an den Grenzflächen oder unterhalb der Ram- pen, die wie Autobahnbrücken den Raum überwölben, so dass das traute Heim der Sieglinde, in das der Zwillings- bruder Siegmund nichtsahnend hinein- stolpert, im Grunde nicht viel mehr her macht als ein Penner-Schlafplatz. Für die beiden aber ist es ein Schloss, und für den Hausherrn Hunding erst recht, der nur die Schemen seiner Vorurteile wahr- nimmt, kaum aber die Abbilder der prak- tischen Wirklichkeit selber. Und natür-

Abbilder der prak- tischen Wirklichkeit selber. Und natür- Unter den Brücken: Eva-Maria West- broek, Frank von

Unter den Brücken: Eva-Maria West- broek, Frank von Aken M. Rittershaus

lich ist dieses Wiedererkennen der Ge- schwister und nun auch Liebenden desto rührender, je erbärmlicher die reale Au- ßenhülle sich zeigt, je abgerissener die Umgebung, je unbehauster die Woh-

nung. Wenn es sonst nichts sicher gibt auf der Welt, so lasst uns doch das biss- chen Liebe, so ungefähr spricht das Büh- nenbild. Aber Frau Wotan muss da natür- lich dazwischenfahren und sagen, nein, auch die Liebe gibt es hier nicht, schon gar nicht um den Preis des Ehebruchs und gar der Geschwisterliebe. Es gibt aber gar kein Entrinnen, sagen die stehenden Kreise, die allumfassen- den geschwungenen Bahnen. Wohin flie- hen? Von einer Umlaufbahn auf eine be- nachbarte? Der Erdengrund scheint völ- lig entzogen, so wie die Gründe für alles Handeln und Geschehen immer undurch- sichtiger und fragwürdiger werden, je mehr davon erklärt wird, je eindringli- cher darüber gesungen wird. Am Ende gibt es überhaupt kein richtiges Handeln mehr, Brünnhilde glaubt, den Willen Wo- tans zu erfüllen, und muss feststellen, dass sie genau das Gegenteil getan hat. Die stärkste aller Frauen, schwächelt, fällt, muss sich dem Urteil des Götterva- ters unterwerfen. Aber auch der dreht sich um sich selber: Er liebt seine Tochter abgöttisch und muss sie bestrafen wie ei- nen Wurm. Diese „Walküre“ ist der Be- ginn eines großartig unwürdigen Schau- spiels, in dem an drei weiteren fünfstün- digen Abenden eigentlich nur noch um ein würdiges Ende gerungen wird. Ver- geblich natürlich. HELMUT MAURÓ

fieren begonnen hatte, hat eine eher im- pressionistische Sensibilität. Wenn sie zerbombte Häuser fotografiert, dann auch mal ohne deren nun obdachlosen Be- wohner. Doch den Spitznamen „die klei- ne Blonde“ hat diese ganz offensichtlich bewundernswerte Frau, wie ihre gnaden- losen Bilder der Toten von Valencia zei- gen, nicht verdient. 1937, kaum ein Jahr nachdem die drei mit erstaunlich leich- tem Herzen nach Spanien aufgebrochen waren, starb sie bei Madrid, zerquetscht von einem Panzer. Und weil sie die erste Fotoreporterin war, die in einem Krieg umkam, wurde ihr Tod selbst zu einer je- ner Geschichten, die Magazine in der gan- zen Welt druckten. Etwa um dieselbe Zeit machte sich auch unter den Kämpfern Verzweiflung breit. Was begann wie ein Aufstand listi- ger Bauern, wird zusehends grauenhaf- ter: Da sitzt ein Toter in einem kahlen Baum, die kalten Hände um die Äste ge- krallt; da rennt ein Vater mit seinem blu- tenden Sohn im Arm in ein 60 Kilometer entferntes Krankenhaus; da spielen trau- matisierte Kinder in Ruinen. Und alles endet mit den Szenen aus der wüstenarti- gen Landschaft im französischen Arge- lès, wo Tausende über die Grenze geflüch- tete Franco-Gegner interniert wurden. Erschöpft, zermürbt, allein kauern sie im Sand wie Nomaden. Der Zweite Welt- krieg hatte da noch nicht einmal begon- nen. JÖRG HÄNTZSCHEL

The Mexican Suitcase, bis 9 Januar, Inter- national Center of Photography, New York. www.icp.org. Der Katalog kostet 98 Dollar.

Phrasenmäher

Hzl

Vokale sind die Seele der Sprache, Konsonanten ihr dürrer, harter Knochen- bau. Am Wort Seele selbst kann man das schön zeigen: die drei E’s, weit ausge- spannt zwischen dem stimmhaften S und dem dünnen l bringen das Wort zum Schwingen, ja geben ihm die Flügel, die die Seele nun mal braucht. Ließe man sie weg, es bliebe nichts als SL, was zur Not die Abkürzung einer Mercedesklasse ist, aber sicher nichts Lebendiges. Nun ist Ökonomie alles in unseren Zei- ten: Jobs, Verwaltungen, selbst Mercedes- produktionskosten müssen verschlankt werden. Warum also nicht auch die Grü- ße: In vielen Kurzmitteilungen verab- schieden sich die Leute nicht mehr mit lieben Grüßen oder adjektivischer Herz- lichkeit, sondern mit deren konsonanti- schen Stümmelvarianten: lg, hzl. Nun werden bei der zeitökonomischen Optimierung der Herzlichkeit zwei Buch- stabenpakete eingespart: vorne „er“, hin- ten „ich“. So lässt derjenige, der mir schreibt, in der Abschiedsformel, die ja gerade ausdrücken soll, dass er mir mit warmem Herzen zugetan ist, sich und mich weg. Der Konsonantenklumpen, der übrig bleibt, klingt wie ein phoneti- scher Auffahrunfall der SL-Klasse. Das Schreiben der fünf fehlenden Buchsta- ben würde den geübten Simser eine Se- kunde kosten. Aber noch die kleinste Zeiteinheit ist heute schließlich Geld. In diesem Sinne: gnz, gnz hzl, lx

Seite 14 / Süddeutsche Zeitung Nr. 260

HF2

LITERATUR

Mittwoch, 10. November 2010

Bierkonzert mit Grubenpferd

Ein Band mit Briefen und Erzählungen dokumentiert Alfred Döblins Zeit als Militärarzt in Lothringen

Sollte das Saarland demnächst als Bun- desland aufgelöst und mit Rhein- land-Pfalz und anderen Nachbarterritori- en verschmolzen werden, es würde trotz- dem nicht untergehen. Unauslöschlich ist es auf der Festplatte der europäischen Kulturgeschichte gespeichert, weil in den vergangenen 30 Jahren Literaten, Histori- ker und Philologen die Eigenarten dieses Landstrichs an der Grenze zu Luxemburg und Lothringen eingehend erkundet und beschrieben haben. Nicht nur der Erzäh- ler Ludwig Harig und der Dichter Johan- nes Kühn wären hier zu nennen, sondern auch eine Riege von Geschichtsschrei- bern, die in Dutzenden detaillierter Stu- dien die Industrievergangenheit und die Bergmannstradition ebenso durchleuch- tet haben wie die Territorialhistorie, das wechselhafte Verhältnis zu Frankreich oder die leidenschaftlichen „Saarkämp- fe“ der Jahre 1935 und 1955. Damals war die Saar-Region ein internationaler Kri- senherd, zweimal ging es bei Volksabstim- mungen darum, ob das Land der Halden und Hügel zu Deutschland oder Frank- reich gehören oder einen vaterlandsfreien Sonderstatus haben sollte. Einer dieser Heimat-Forscher der höhe- ren Art ist der Germanist Ralph Schock. 1985, zum 50. Jahrestag des ersten Refe- rendums, edierte er die Texte bekannter Schriftsteller, die einst die Saarländer ver- gebens mahnten, nur ja nicht Ja zu Hit- ler-Deutschland zu sagen. Thomas, Hein- rich und Klaus Mann waren ebenso darun- ter wie Bertolt Brecht, Alfred Kerr oder Kurt Tucholsky. Ralph Schock gehört zu-

Von 1914 bis 1917 war der Neurologe Döblin in einem Lazarett in Saargemünd stationiert

dem seit 1994 zu den Betreuern der kriti- schen Gesamtausgabe der Werke Gustav Reglers, eines saarländischen Romanci- ers, der sich in den Kämpfen des 20. Jahr- hunderts getummelt hatte, von der Münchner Räterepublik über den Spani- schen Bürgerkrieg bis ins mexikanische Exil. Als junger Kommunist hatte Regler gegen die Nazis agitiert, war aber von den eigenen Genossen verfolgt und verleum- det worden, weil er sich nach dem Hit- ler-Stalin-Pakt von ihnen abgewandt hat- te. Für solche Gestalten war im kleinen saarländischen Kosmos erst Platz in den 1980er Jahren, als sich die nationalen Lei- denschaften langsam legten. Indes hat Schock als literarischer Ar- chäologe auch all jene Autoren ins Auge gefasst, die von außerhalb an die Saar ka- men und notierten, was sie dort erfuhren. Joseph Roth zum Beispiel weilte 1927 ein paar Tage in Saarbrücken und Neunkir- chen und schrieb darüber in der Frankfur- ter Zeitung – was im Saargebiet hellen Zorn erregte. „Der Bahnhof von Saarbrü- cken ist der traurigste aller Bahnhöfe, in denen ich jemals ausgestiegen bin“, notier- te der österreichische Autor und berichte- te des weiteren sehr interessant von sei- nem Besuch in einem Bergwerk und ei- nem Warenhaus. Hermann Hesse kam 1912 zu einer Le- sung nach Saarbrücken und wurde dort von einer Vereinigung wohlsituierter Kul- turspießer in einer Weise empfangen, dass er sich eine Gaudi daraus machte, das Er- lebnis in seiner eleganten Erzählung „Au- toren-Abend“ zu karikieren. Als Ort der Handlung wird darin ein Provinznest na- mens Querfurt benannt, aber „das Städt- chen war Saarbrücken, und es ist alles wörtlich wahr, Philisterhaus mit golde-

und es ist alles wörtlich wahr, Philisterhaus mit golde- Bildnis Alfred Döblins 1913. Ein Jahr später

Bildnis Alfred Döblins 1913. Ein Jahr später diente er als Arzt im Ersten Weltkrieg.

Abb.: Städel Museum/Artothek

nem Stuhl und Papagei, Vorlesung in halb- leerem Sälchen überm Riesensaal mit Bierkonzert, und alles“, wie Hesse 1953 in einem Brief schrieb. Ralph Schock, der im Hauptberuf Lite- raturredakteur beim Saarländischen Rundfunk ist, hat sich die Mühe gemacht, diesen Brief aufzustöbern und Hesses Er- zählung mit einigen Begleittexten und Er- läuterungen herauszugeben. Auch die Re- portagen Joseph Roths von der Saar hat er, sorgfältig ediert und kommentiert, als Sonderausgabe veröffentlicht. Alfred Di- wersy, der Verleger des saarländischen Gollenstein-Verlages, hat ihm für solche Unternehmungen eine ganze Buchreihe mit dem Titel „Spuren“ anvertraut, die mittlerweile auf sieben Bände angewach- sen ist und fortgeführt wird. Eines der interessantesten Glieder der Serie ist ein Buch mit Briefen und Erzäh- lungen von Alfred Döblin, die dieser zwi- schen 1914 und 1917 in Saargemünd ver- fasst hat, einer lothringischen Kleinstadt, direkt an der Grenze zum Saarland gele- gen. „Ich bin oft herübergewandert durch das wundervolle Saartal, durch die herrli- chen Wälder und Berglandschaften,“ schrieb er später einem Saarbrücker Jour- nalisten. „Saarbrücken war mir damals doch die ‚Großstadt‘.“ Der junge Döblin, approbierter Neuro- loge, war in Saargemünd im Ersten Welt-

krieg als Militärarzt in einem Lazarett stationiert und berichtete brieflich sei- nem Freund Herwarth Walden in Berlin, dem Herausgeber der Zeitschrift Der Sturm, was ihn „in diesem lothringischen Nest“ bewegte: der Dienst, der Tratsch der Kollegen, das Schreiben und der Krieg, der mit Kanonaden aus Verdun von sich hören ließ. Und dann die Leute, „bäuerische Leute mit schiefen, schwar- zen Filzhüten, den langen Shawl halbitali- enisch um Hals und Schulter“, wie der Au- tor notierte. „Ein sonderbarer Misch- masch von Volk, höflich, freundlich, auch

Wie ein Schatzgräber trägt der Herausgeber das Erbe einer Region zusammen

zu uns in der Uniform, aber wer kennt die Gesinnung.“ Es sind unter anderem Trouvaillen die- ser Art, die Ralph Schock im Sinn hat, wenn er sagt: „Ich will das, was literatur- historisch hier gewesen ist, aufdecken und anderen zeigen.“ Was eine Region als ihr Erbe der Vergangenheit betrachtet, kann jederzeit neu definiert werden, und dazu trägt der Schatzgräber Schock ent- schieden bei. Wobei er als Region nicht nur das Saarland ansieht, sein Blick geht

über die Grenzen hinaus. „Ich gebe dieser Region ihre unbekannte, ihre vergessene, ihre verdrängte, ihre verbotene Geschich- te wieder“, sagt er. „Und gleichzeitig auch mir selber.“ Als Herausgeber lässt er größte Akku- ratesse walten, scheut Mühen nicht und Reisen in die Archive. Manche Textfas- sung verfolgt er zurück bis zur Hand- schrift im Marbacher Literaturarchiv, manches Lichtbild hat er lang gejagt. Um die Atmosphäre abgelebter Zeiten zu evo- zieren, gab er dem Roth-Buch Fotos des einstigen Saarbrücker Hauptbahnhofs und eines blinden Grubenpferdes bei. Im Döblin-Werk werden Wohnadressen iden- tifiziert, Kameradenfotos und ein Saarge- münder Stadtplan gezeigt. Aus detaillier- ten Erläuterungen zum biographischen Hintergrund erfährt man, dass Döblin und seine Frau nicht in Berlin oder Paris, sondern in dem Vogesen-Dorf Housseras beerdigt sind. Ihr zweiter Sohn Wolfgang, ein genialer Mathematiker, hatte sich dort 1940 als französischer Soldat im An- gesicht der feindlichen Deutschen umge- bracht. KLAUS BRILL

ALFRED DÖBLIN: Meine Adresse ist Saargemünd. Spurensuche in einer Grenzregion. Herausgegeben von Ralph Schock. Gollenstein Verlag, Merzig 2009. 320 Seiten, 21,90 Euro.

Glutauge

Matthias Schultheiss’ „Reise mit Bill“ wirkt aus der Zeit gefallen – aufregend gezeichnet ist sein Comeback aber doch

Er war ein Star. Wenn in den achtziger Jahren deutsche Leser von einer Comic- Szene träumten, die so lebhaft sein sollte wie etwa in Frankreich, dann war immer von ihm die Rede, von Matthias Schult- heiss. Der Hamburger Künstler war sei- ner spärlichen heimischen Konkurrenz weit voraus. Mit Serien wie „Die Wahr- heit über Shelby“ und „Die Haie von La- gos“ bewies er, dass er nicht nur lebhaft- dramatische Bilder aufs Papier bannen, sondern auch spannende Abenteuersto- ries für Erwachsene erzählen konnte. Mit seiner drastischen Darstellung von Sex und Gewalt machte er sich aller- dings nicht nur Freunde; künstlerische Freiheit wurde im Comic damals noch un- ter dem Aspekt des Jugendschutzes be- trachtet. Und so fulminant diese Karrie- re begonnen hatte, so plötzlich brach sie ab. Nach Versuchen, in den USA und Ja- pan Fuß zu fassen, gab Schultheiss das Zeichnen auf und verdingte sich beim Fernsehen. Jetzt meldet er sich nach rund 15-jäh- riger Pause wieder zurück, und zwar mit Nachdruck: Nahezu 300 Seiten umfasst seine Graphic Novel „Die Reise mit Bill“. Erzählt wird von Luke, der mit Tweety, seiner kleinen Tochter, durch die Verei- nigten Staaten fährt. Ziellos lassen sie sich treiben; woher sie kommen, bleibt of- fen. Luke möchte Tweety „die Schönheit der Welt“ zeigen und verzweifelt daran, überall nur „traurige und kranke Men- schen“ zu finden. Eines Tages lesen sie am Rande des Highways den dicken Vete- ranen Bill auf, der bei einem Hubschrau- berabsturz zum Krüppel geworden ist. Er ist überzeugt davon, dass es irgendwo einen Schamanen gibt, der seine verlore- nen Beine wieder wachsen lassen kann. Ein Weg zu dritt beginnt, der vom Missis- sippi-Delta bis ins schneebedeckte Kana- da führt. Wann genau die Geschichte spielt, ist unklar. Die USA, die Schultheiss schil-

spielt, ist unklar. Die USA, die Schultheiss schil- Fremder Planet: In leuchtenden Rot-, Blau- und Gelbtönen

Fremder Planet: In leuchtenden Rot-, Blau- und Gelbtönen phantasiert Matthias

Schultheiss über den amerikanischen Süden.

Abb. aus dem besprochenen Band

dert, sind jedenfalls in den Sechzigern, Siebzigern stecken geblieben: Man fährt in großen, klapperigen Autos herum, es gibt weder Mobiltelefone noch Internet, und der Ku-Klux-Klan macht Jagd auf Schwarze. Vor allem aber wird der Geist dieser Epoche beschworen: „Die Reise mit Bill“ ist ein gezeichnetes Road Mo- vie, das an „Easy Rider“, an Filme von Monte Hellman und Wim Wenders anzu- knüpfen versucht. Das wirkt aus der Zeit gefallen, wäre aber tolerabel, würde Schultheiss nicht auch den spirituellen Obsessionen der Hippie-Zeit gründlich nacheifern. Je weiter die Handlung vor- anschreitet, desto esoterischer wird’s – und am Ende muss man schon ein großer Verehrer von Castañeda oder Alejandro Jodorowsky sein, um an diesem Comic Spaß zu haben. Ebenfalls nicht sehr glücklich ist der Umgang mit Worten. Die Dialoge ste- cken voll überflüssiger Wiederholungen, und die Erzählereinschübe tendieren stark ins Pathetisch-Sentimentale. Es ist, als traute Schultheiss der Aussage- kraft seiner Bilder nicht – und dies sehr zu Unrecht: Denn „Die Reise mit Bill“ zeigt auch, dass er nach wie vor ein auf- regender Zeichner ist. Vom Film hat er sich viel abgeschaut; für Plansequenzen und subjektive Kameraeinstellungen fin- det er bestechende Äquivalenzen. Am stärksten ist er, wenn er in leuchtenden Rot-, Blau- und Gelbtönen über den tie- fen Süden der USA phantasieren kann. Schultheiss’ Sonne ist ein Glutauge, und seine Wüste gleicht der Oberfläche eines fernen, fremden Planeten. Es sind solche Bilder, die einen über dieses Comeback doch froh sein lassen. CHRISTOPH HAAS

MATTHIAS SCHULTHEISS (Text und Zeichnungen): Die Reise mit Bill. Split- ter Verlag, Bielefeld 2010. 288 Seiten, 29,90 Euro.

Welche Tanten braucht das Leseland?

Wenn gute Literatur nur die sein soll, die wenigen gefällt, wird der Dogmatiker zum Snob / Von Martin Ebel

In der SZ vom 8. November hatte der Literaturkritiker Helmut Böttiger unter dem Titel „Seine Majestät, das große Lesepublikum“ den Konformitätsdruck sowie einen restaurativen Kunstbegriff beklagt, dem sich die literarische Kritik zunehmend beuge. Alles, was nicht dem Mainstream realistischen Erzählens ent- spreche, werde, so Böttiger, zunehmend als esoterisch abgekanzelt. In dieser Aus- gabe antwortet nun Martin Ebel, Litera- turredakteur des Zürcher „Tages-Anzei- gers“, auf Böttigers Thesen.

Rundumschläge sind lustig zu lesen. Wer vieles schlägt, wird manches treffen – auch viel Luft. Der geschätzte Kollege Helmut Böttiger fängt bei Kafka und Proust an und endet bei Arno Schmidt, nicht ohne Joyces „Ulysses“ zu verges- sen. Von diesen Heiligen der Moderne na- hezu vollständig eskortiert, attackiert er die mangelnde Würdigung der beiden Au- toren Thomas Lehr und Reinhard Jirgl durch bestimmte, nicht namentlich ge- nannte Kritiker; weitet den Blick dann auf das Unheil der empirischen Leserfor- schung, die zynisch-angepassten Kultur- redakteure des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und den Börsenverein des Deutschen Buchhandels aus mitsamt dem von diesem ins Leben gerufenen Deutschen Buchpreis. Wahrlich, ein fins- terer Verschwörungszusammenhang! Jirgl und Lehr – klar, zwei großartige Autoren, die das Leben eines Lesers, der sich auf sie einlässt, bereichern können. Dass sie nicht ganz viele solcher Leser er- reichen können, ist unbestreitbar. Es ist den Autoren bewusst. Sie schreiben nicht für alle, sondern für die richtigen Leser: mit Zeit, Interesse, der Bereit- schaft zur Konzentration und, unver- meidlich wohl auch, einer gewissen Lese- erfahrung. Ihre Zahl ist begrenzt, nicht ganz so klein wie die „Enzensbergersche Konstante“ für anspruchsvolle Lyrik – angeblich 1354 –, aber fünfstellig wohl auch nur mit Mühe. Noch so große päd- agogische Anstrengungen der Vermitt- lungsinstanzen können diese Zahl nicht sehr weit nach oben treiben. Das weiß Böttiger natürlich. Ihn är- gert, dass es in dieser Lage tatsächlich Mitglieder der Vermittlungsinstanzen gibt, die nicht alles in ihrer Macht stehen- de tun, um Jirgl und Lehr (und vergleich- baren Autoren) zu mehr Lesern zu verhel- fen. Die, anstatt die typografischen und Interpunktions-Hürden niedrigzureden, die beide Autoren aus guten Gründen auf- richten, auf diese Hindernisse eigens hin- weisen, sich sogar respektlose Kritik an ihnen erlauben. Damit, so die kühne Kon- sequenz Böttigers, machen sie sich ge- mein mit all denen, die für Niveauverlust im geistigen Leben stehen. Zu ästheti- schen Handlangern der Quotenhengste in den Führungsetagen der großen Zei- tungen und Sender. Die Unterzeile schnürt einen kausalen Schuh daraus: Es ist Konformitätsdruck, der die ästheti- schen Urteile beeinflusst. Wenn wir dem Schuh die Bänder wie- der lösen, ergibt sich: Reinhard Jirgl, der gerade den Büchner-Preis erhalten hat (Laudator: Helmut Böttiger), ist in den deutschen Feuilletons einer der meistge-

priesenen Autoren der Gegenwart. Nur wenige Rezensenten sind anderer Mei- nung. Thomas Lehrs jüngster Roman ge- fiel vor allem dem Zeit-Rezensenten nicht; außerdem hat er, obwohl als Favo- rit bereits vorab gefeiert, den Deutschen Buchpreis 2010 nicht bekommen. Das mag hart sein, als Diagnose für den allge- meinen Niedergang ästhetischer Urteile unter dem Konformitätsdruck der Le- ser- und Zuschauerzahlen taugt er nicht. Mit dem Deutschen Buchpreis legt Böt- tiger schließlich das lange verborgene Ziel seiner Polemik offen – und seinen äs- thetischen Dogmatismus. Der Preis, der zu Böttigers Bedauern dem Büchner- Preis den Rang abgelaufen habe (aber hat Letzterer das nicht auch durch seltsa- me Entscheidungen in den letzten Jahren selbst befördert?), sei ein bloßes Kom- merzinstrument des Buchhandels, das „verkäufliche“ und „am gefahrlosesten der Tante unter den Weihnachtsbaum zu legende“ Titel zu fördern erfunden wur- de. Die als Objektivitätsfeigenblatt einge- setzte Jury sei natürlich großem „Druck“ ausgesetzt, dem nur Teile und nur gele- gentlich standzuhalten vermöchten (die anderen nicht? Böttiger kennt genug Ju- roren, um zu wissen, wie die ticken: Je-

Wer immer noch der Avantgarde das Feld freikämpft, hängt einem Anachronismus nach

denfalls nicht, wie die Preisstifter es gern hätten). Arno Geiger, Sieger von 2005, und Uwe Tellkamp (2008) dienen ihm dann als Belege für den reinen Kommerz- charakter des Preises. Der eine produzie- re „Konsensschrott“, der andere bediene bloß die Sehnsucht nach Bürgerlichkeit und Ohrensesseln. Dass sowohl Geigers als auch Tell- kamps Roman an Komplexität und Reich- tum den Vergleich mit Jirgl und Lehr gut aushalten: Das zu bestreiten ist zwar leicht, es begründet zu bestreiten aber schwierig bis unmöglich. Böttiger ver- sucht es nicht einmal. Für einen Dogmati- ker steht ja ohnehin fest, was gute und schlechte Literatur ist. Wenn die gute auch noch diejenige ist, die nur wenigen gefällt oder zugänglich ist, nicht mal al- len Kritikern, wird der Dogmatiker zum Snob, der sich in seinem fortgeschritte- nen Geschmack spiegeln darf. Der im- mer noch der Avantgarde das Feld frei- kämpfen muss, auch wenn niemand mehr sagen kann, wo und was hier und heute Avantgarde sein kann. Da wird es anachronistisch, da muss dann histo- risch-soziologisch nichts mehr passen, da darf das Bürgertum als Kampf- und Hassbegriff wieder herhalten, ein Be- griff aus jenen seligen Zeiten, da es nur ei- ne gute Klasse gab: Das Proletariat. Das las allerdings weder Joyce noch Proust. Zum Schluss fragt sich nur noch, was Helmut Böttiger seiner Tante unter den Weihnachtsbaum legt. Wirklich den „Turm“? Dann kann man ihm zu einer solchen Tante nur gratulieren. Mit sol- chen Tanten ist das Leseland noch nicht verloren. Vielleicht kann sie sich sogar von Tellkamp zu Jirgl „hochlesen“.

Ideal der Anspruchslosigkeit

Ein Muster der Gattung: Das Leben des heiligen Martin

Welch fabelhafte Autorität der heilige Martin genoss! Es war noch vor seiner Weihe zum Bischof von Tours, als sich sei- ner Einsiedlergemeinschaft ein Kate- choumene anschloss, der bald krank wur- de und während einer Reise Martins starb. Für einen Katechoumenen, der sich auf die Taufe ja noch vorbereitete, war das eine missliche Lage, doch der Heilige, von der Reise zurückgekehrt, er- weckte den Toten wieder zum Leben. Die- ser aber hatte schon seine Erfahrungen im Jenseits gemacht, über die er später gerne sprach: „Seines Körpers entledigt“ habe er vor dem Richterstuhl gestanden und den üblen Spruch gehört, er sei an ei- nen dunklen Ort mit „gemeinem Gesin- del“ zu verbringen. In dem Moment aber hätten zwei Engel dem Richter hinter- bracht, der Delinquent sei derjenige, für den Martin gerade bitte. Alles löste sich zum Besten.

Das Heil der Welt

Die Geschichte wird in der Martinsvi- ta des Sulpicius Severus berichtet, die Gerlinde Huber-Rebenich gerade für den Reclam-Verlag herausgegeben und übersetzt hat. Das ist ein Buch, das wirk- lich fehlte, von kaum zu überschätzender Bedeutung für das europäische Mittelal- ter. Sulpicius Severus lieferte mit der Ge- schichte des heiligen Martin das große Muster der Hagiographie, über Jahrhun- derte eine der meistgelesenen Schriften. Der Autor hatte aber auch etwas zu bie- ten. Um 355 geboren, genoss er gute rhe- torische Ausbildung. Nach dem frühen Tod seiner Frau und unter dem Eindruck der Begegnung mit Martin trennte er sich weitgehend von seinem reichen Familien- besitz, zog sich auf ein Landgut zurück, lebte dort in mäßiger Askese und verfass- te seine Martin-Schriften, von denen die „Vita“ die berühmteste ist. In der Vorrede, die viele spätere Auto- ren aufgriffen, bekennt er topisch seine li- terarische Ungeschicklichkeit, entschul- digt sich aber damit, dass das „Heil der Welt“ nicht von Rednern, sondern von Fi- schern gepredigt worden sei. Und ganz

grundsätzlich gegen die heidnisch-anti- ke Welt gerichtet: Was nutze es, von den Kämpfen Hektors und der Philosophie des Sokrates zu wissen? Das passte gut zu Martin, der anschei- nend keine literarische Bildung besaß. Sein Biograph aber war tatsächlich sehr gebildet und machte das seinem Publi- kum auch deutlich. Die Vorrede ist ge- spickt mit Anspielungen auf die Klassi- ker; an ihnen, vor allem an Sallust und Ta- citus, hat Severus auch seinen Stil ge- schult. Ein Ideal sprachlicher Anspruchs- losigkeit wird formuliert, doch der Ken- ner verstand: Hier wird nicht aus geistiger Armut gesprochen. Und was ist mit dem historischen Mar- tin von Tours? Was wir über ihn wissen, wissen wir fast ausschließlich von Sulpici- us Severus, der sich weniger als Histori- ker verstand denn als Verkünder einer hö- heren geistlichen Wahrheit. So viel aber scheint sicher: Martin wurde um 336 (viel- leicht auch 316) geboren, trat auf Geheiß des Vaters ins römische Heer ein und be- kleidete dort einen höheren Rang, bis er 356 seinen Abschied nahm. Er wandte sich dem Christentum zu, lebte eine Weile mönchisch und wurde 371 zum Bischof von Tours gewählt. 397 starb er. Seine kir- chenpolitischen Leistungen interessier- ten Sulpicius Severus wenig, mehr seine geistlichen Tugenden, vor allem die asketi- schen, und natürlich die Wundertaten. Die Verachtung der Welt bedeutet na- mentlich Verachtung der Großen, so hat die Martinsvita eine egalitäre Tendenz. Kräftig hebt ihr Autor hervor, dass bei der Bischofswahl einige Amtsbrüder Ein- wände hatten, weil sie Martin für zu roh und ungepflegt hielt. Das Volk aber habe mit seinem „gesünderen Urteil“ diese Ein- wendungen verlacht. Nicht erstaunlich, dass Martin zu einem der populärsten Hei- ligen wurde. STEPHAN SPEICHER

SULPICIUS SEVERUS: Vita sancti Mar- tini/Das Leben des heiligen Martin. La- teinisch/Deutsch. Übersetzung, Anmer- kungen und Nachwort von Gerlinde Hu- ber-Rebenich. Reclam, Stuttgart 2010. 128 Seiten, 4 Euro.

Mittwoch, 10. November 2010

MEDIEN

HBG

Süddeutsche Zeitung Nr. 260 / Seite 15

2010 MEDIEN HBG Süddeutsche Zeitung Nr. 260 / Seite 15 Man kann im Hotel natürlich auch

Man kann im Hotel natürlich auch nur lesen:

Die Besitzer zah- len die Rundfunk- gebühr so oder so. Künftig be- misst sie sich nach Mitarbei- tern und Filialen. Der Deutsche Hotel- und Gast- stättenverband kritisiert deshalb die geplante Ab- gabenordnung. Doch für die meisten Hotels ergäbe sich sehr wahrscheinlich sogar eine gerin- gere Last als bisher.

Foto: Bernhard

Foerth/

dieKleinert.de

Eine Katastrophe mit Vorteilen

Die Haushaltsabgabe wird kommen. Widerstand regt sich noch in der Wirtschaft – auch mit fraglichen Argumenten

Für den privaten GEZ-Zahler soll von 2013 an alles ganz einfach werden. Dann überweist er monatlich 17,98 Euro und kann sich fortan seine ganze Wohnung mit Fernsehern, Radios und internetfähi- gen Computern zustellen und einen Fuhr- park zusammenkaufen – an der Abgaben- höhe ändert sich nichts. Genaugenommen ist das Thema Rund- funkgebühr mit dem Begleichen von 215,76 Euro im Jahr nicht beendet. Es soll ja vorkommen, dass der private GEZ-Zahler auch einmal in einem Hotel- zimmer mit Fernseher übernachtet, dass er sich in einer Kneipe ein Fußball-Län- derspiel anschaut oder dass er in einem Mietwagen mit Radioempfang unter- wegs ist. Das alles kostet: auch Rund- funkgebühren. Bezahlen muss in diesem Fall das Unternehmen. Die von den Ministerpräsidenten im Grundsatz beschlossene Gebührenre- form, die Einführung der Haushaltsab- gabe von 2013 an, trifft auch die Unter- nehmen. In Teilen der deutschen Wirt- schaft regt sich längst Widerstand gegen die Neuregelung. Derzeit liegt der Staats- vertrag den Landtagen zur Prüfung vor, beim nächsten Treffen der Ministerpräsi- denten am 15. Dezember soll er unter-

zeichnet werden, die Ratifizierung ist En- de 2011 möglich. Die Haushaltsabgabe, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung von 22 Verbän- den bereits im Oktober, „führt zu einer versteckten Erhöhung“ der Rundfunkge- bühren. Nach dem bisherigen Reformvor- schlag entstünden Zusatzbelastungen von mindestens 250 Millionen Euro und damit ein Ausgabenanstieg von mehr als 50 Prozent, argumentierten die Wirt- schafts-Lobbyisten, die den Umstieg von der gerätebezogenen Abgabe auf eine Pauschale trotzdem befürworten. Wie bei den privaten Haushalten ist für Unternehmen künftig nicht mehr die Zahl der Geräte entscheidend. Stattdes- sen hängt die Höhe der Gebühr von der Zahl der Mitarbeiter pro Betriebsstätte ab. Keine Rolle spielt, ob sich dort über- haupt ein Rundfunkgerät befindet und ob jemand dieses Rundfunkgerät nutzt. Die Beiträge sind gestaffelt: Für bis zu acht Mitarbeiter ist ein Drittel der allge- meinen Gebühr fällig, für neun bis 19 Mit- arbeiter der übliche Gebührensatz. Be- triebsstätten mit 20 000 und mehr Mitar- beitern müssen 17,98 Euro multipliziert mit dem Faktor 180 bezahlen. Insofern leiden, anders als von den Wirtschaftsver-

bänden behauptet, längst nicht alle Be- triebe unter der Veränderung. Viele Un- ternehmen mit weniger als 20 Mitarbei- tern profitieren sogar davon. Mitentscheidend ist dabei die Katego- rie „Betriebsstätte“. Bei der Haushalts- abgabe wird nicht die komplette Firma eingeschätzt, sondern die Gebühren fal- len pro Arbeitsort an – was Unternehmen mit vielen Filialen gegenüber den zentra- lisierten benachteiligt. So müsste zum Beispiel ein Betrieb mit einer Filiale und 200 Mitarbeitern künf- tig 71,92 Euro monatlich zahlen, ein Be- trieb mit vier Filialen und jeweils 50 Mit- arbeitern schon 287,86 Euro und ein Be- trieb mit zehn Filialen und jeweils 20 Mit- arbeitern 359,60 Euro. „Für Filialbetrie- be ist es sehr teuer und eine mittlere bis sehr große Katastrophe“, sagt ein Spre- cher des Deutschen Hotel- und Gaststät- tenverbandes (Dehoga). Die Gegner des derzeitigen Vertrags- textes fordern zwei Änderungen. Zum ei- nen soll das komplette Unternehmen statt seiner einzelnen Betriebsstätten Be- messungsgrundlage werden, zum ande- ren Teilzeitkräfte nur anteilig berechnet werden. Dass sich dabei ausgerechnet der Dehoga zum Kritiker aufschwingt,

ist grotesk. Zum Dehoga zählt auch der Hotelverband, und ausgerechnet der be- kam kürzlich mit der Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes für Übernachtun- gen ein großes Geschenk von der Bundes- regierung. Bislang zahlte ein Hotelbesitzer für die ersten 50 Zimmer die Hälfte und für alle anderen Zimmer 75 Prozent des aktu- ellen Gebührensatzes. Der Vertrags- entwurf zur Haushaltsabgabe sieht vor, dass Hotels von 2013 an wie alle anderen Betriebe je nach Belegschaftsgröße zah- len. Und der Gebührensatz wird pro Zim- mer auf einheitlich 33 Prozent abge- senkt. Dem Verband liegen zwar noch keine Zahlen vor, aber für die meisten Ho- tels ergäbe das künftig sehr wahrschein- lich eine geringere Abgabenlast. Doch selbst diese positiven Effekte rei- chen manchen Wirtschaftsvertretern nicht aus. Sie halten die Tatsache, dass je- mand privat und bei der Arbeit Rund- funkgebühren leisten muss, für system- widrig. „Richtig und konsequent wäre es“, so verbreitet der Hotel- und Gaststät- tenverband, „mit Einführung der Medienabgabe die Betriebe von den Rundfunkgebühren zu befreien.“ JOHANNES AUMÜLLER

Grenzerfahrung im Mainstream

Veronica Ferres kämpft in einem Film über das Scheitern von Beziehungen und hat dabei ein paar seltene Momente

Es gibt Stadtteile in Berlin, in denen Frauen um die 30 beschließen, für immer wie mit 29 zu leben. Es gibt Magazine aus München, die wissen, wie 30-Jährige als Eltern glücklich werden. Und es gibt Fil- me mit Veronica Ferres, in denen Veroni- ca Ferres als der Gegenentwurf einer Le- benswirklichkeit aufgebaut wird, die man vielleicht gar nicht kennen möchte. Für Frauen um die 30 in Prenzlauer Berg/Berlin und für Eltern um die 30 vom Gärtnerplatz/München sind Filme mit Veronica Ferres eigentlich nicht ge- macht. Das ließe sich statistisch belegen, das kann man geschmacklich festma- chen. Rosannas Tochter, die Geschichte eines traumatisierten 14-jährigen Mäd- chens, bildet da jetzt nicht die beispiel- hafte Ausnahme. Aber der Film ist ganz gut gemacht und reicht themenweise in die Lebenswirklichkeit der Thirtysomet- hings. Außerdem spielt Fritz Karl mit, den man sich gerne anschaut, weil er spie-

Verantwortlich: Christopher Keil

len kann. Und die sogenannte Kinder- darstellerin, Mathilde Bundschuh, ist ganz erstaunlich. Und es werden Stich- wörter gesetzt, die gerade angesagt sind:

Kind oder Karriere, Kind und Karriere, Alleinsein in Beziehungen, Patchwork, Alltag und Überforderung. Ist das was? Na ja, finanziert wurde das Projekt hauptsächlich von einer Weichspülerfabrik des deutschen Fernse- hens, von der ARD-Produktionstochter Degeto. Und Veronica Ferres verwandelt sich auch nicht in Nina Kunzendorf oder Juliane Köhler. Obwohl sie also keine neue Darstellerin wurde – wie alle, die ihr nahe stehen, wortgleich behaupten –, nur, weil sie in einer Rolle ungeschminkt durchs Bild läuft und ständig schreit oder auf andere Weise überfordert ist – Veronica Ferres hat doch ein paar Mo- mente, die ihr früher fehlten. In Rosannas Tochter geht es um Bin- dungen, um gestörte, verletzte, falsche, enge, gewünschte und nicht eingelöste Bindungen. Das ist in der Verdichtung

auf 90 Minuten eindeutig zu viel. Franzis- ka Buch hat aber ein anständiges Bilder- buch der Konflikte inszeniert: Das Mäd- chen, das seine Mutter bei einem Autoun- fall verliert. Der Mann mit dem Helfer- syndrom. Er nimmt die Tochter der Ex bei sich auf und ignoriert die Probleme, die seiner neuen Frau dadurch entste- hen. Die Frau, die an Affen! forscht und das Kinderkriegen versäumt hat. Alle zu- sammen in einer therapeutischen Ver- suchsanordnung. Und immer diese Dro- gen. Passt das alles zusammen? Nein. Das Beste steht deshalb am Schluss, ein irgendwie offenes Ende, ein für ARD-Verhältnisse geradezu umwerfen- des Stilmittel. Trotzdem ist der Film in seiner Absicht natürlich eindeutig Main- stream. Für Degeto-geschulte Zuschauer mit einer Vorliebe für blonde Super- weiber wird er allerdings fast zur Grenz- erfahrung. CHRISTOPHER KEIL

Rosannas Tochter, ARD, 20.15 Uhr. – Ve- ronica Ferres ist auch Co-Produzentin.

20.15 Uhr. – Ve- ronica Ferres ist auch Co-Produzentin. Für immer 29 und plötzlich ein Leben

Für immer 29 und plötzlich ein Leben ohne Kinder? Schauspieler Veronica Ferres und Fritz Karl.

Foto: ARD Degeto/ Flaschar

Auf Immerwiedersehen

Helmut Markwort gründet einen Online-Friedhof

D igital Natives nennen sich Leute, die im Internet zuhause sind: digi-

tale Einheimische. Für alle, die ihre Le- benszeit gerne vor Bildschirmen ver- bringen, gibt es nun auch einen Ort, an dem sie sich tummeln können, wenn ihr Leben, also die analoge Version, am En- de ist. „Stay Alive“ heißt ein elektroni- sches Netzwerk, das an diesem Diens- tag seinen Betrieb aufgenommen hat. Wer Mitglied wird, gestaltet sein eige- nes Profil, ähnlich wie beim Weltmarkt- führer Facebook. Der Unterschied ist, dass sich dort die Lebenden mit Tex- ten, Videos und Bildchen vorstellen. Hier sieht man die Toten. München, Hofbräukeller. Helmut Markwort, 73, steht quirlig wie immer unter dem Kellergewölbe des Gasthofs und erklärt sich selbst zum Engel. Sei- ne Partner seien zwar alle 30, 40 Jahre jünger. Doch mit ihrer „kompletten Online-Idee“ hätten sie ihn überzeugt und zum „Business Angel“ (und 16,6-prozentigen Teilhaber) gemacht. Engel Markwort, der erst kürzlich seinen Chefredakteursposten beim zu- letzt wieder etwas munteren Focus ab- gegeben hat, sagte in München nicht viel, nur dass er von seinem neuen In-

ternetprojekt begeistert sei. Die eigent- liche Führung durch die „virtuelle Ge- denkstätte“ übernahm der 40-jährige Erfinder und Firmenchef Matthias Krage. Anhand seines eigenen, bereits bestehenden Accounts: „Matthias Kra- ge (Mucki)“.

Trauerportale und digitale Todesan- zeigen gebe es viele im Netz, erklärte Krage. Die kämen aber alle „aus der al- ten Welt“. Anders Stay Alive: Wer hier ein Profil für sich oder einen verstorbe- nen Angehörigen anlege, könne nicht nur seine eigene Trauerseite gestalten, inklusive Nachruf, Foto-Galerie und Google-Maps-Link zur echten (sofern schon reservierten) Grabstätte. Als Kunde könne man auch festlegen, wer später per E-Mail zur Bestattung ein- geladen wird, was Angehörige und Freunde mit den Daten auf Websites wie Facebook oder Xing anstellen sol- len und wer sich als „Account-Erbe“ dereinst um das Stay-Alive-Profil kümmern soll. Vor allem: um dessen Bezahlung. Denn anders als das große Lebendvorbild Facebook ist der On- line-Friedhof kostenpflichtig. Eine Einjahresmitgliedschaft gibt es für 19,90 Euro, zehn Jahre kosten 99,90 Euro. Wer einmalig und dann nie wie- der fürs virtuelle Grab bezahlen will, überweist pauschal 499 Euro. Eine Funktion, die es nicht geben wird, obwohl Markwort sie sich sehr gewünscht hat, trug den Arbeitstitel „Stay Away“ – bleib weg! Mit ihr soll- te man alle Leute informieren können, die nicht auf der eigenen Beerdigung erscheinen sollen. So eine Liste könn- ten Nutzer natürlich anlegen, erklärte Krage. Auf den Titel habe man aus „markentechnischen Gründen“ aber verzichtet. MARC FELIX SERRAO

Chat mit dem Prinzen

Die Geschichtsstunde des MDR bleibt Frontalunterricht

Der MDR hatte Glück mit seinen Gäs- ten. Der Sozialdemokrat Markus Meckel, 1990 der letzte Außenminister der DDR, der Bürgerrechtler Uwe Schwabe und der Sänger der Prinzen, Sebastian Krumbie- gel, retteten die vollmundig angekündigte Geschichtsstunde zur DDR-Historie. In drei Video-Chats konnten am Dienstag, 21 Jahre nach dem Fall der Mauer, Schü- ler aus 16 Schulen Fragen stellen. Einige kluge waren darunter – und so konzen- triert, deutlich und unaufgeregt wie es die drei Zeitzeugen taten, wird selten über die SED-Diktatur gesprochen. Den drei- en würde man gern länger zuhören und er- fahren, wie Meckel aufwuchs mit dem Wunsch, Pfarrer zu werden, wie er den Freiraum der Kirche nutzte, schließlich die Sozialdemokratische Partei der DDR mit begründete. Gern wüsste man mehr darüber, wie Uwe Schwabe die Angst ver- lor, Flugblätter druckte und verteilte, wie Sebastian Krumbiegel im Thomanerchor die Welt sah und dann die neue Freiheit nach der Revolution nutzte. Aber die Zeit war knapp in den drei mal 45Minuten,undman hattedie redaktionel- le Vorbereitung offenkundig auf ein Mini- mum beschränkt.Die Angebote zurVorbe- reitung erweisen sich als didaktisch leicht aufgearbeitete Programmreste; was da et- wa über das Fernsehen der DDR am Bei- spiel des Kinderfernsehens berichtet wird, ist irreführend und verharmlosend und er- klärt wenig über die DDR und die ideologi- sche Erziehung. Leider wurde auch darauf verzichtet, die Fragen zu bündeln, so dass einige (Wo waren Sie am 9. November? Was vermissen Sie aus der DDR?) mehr- fach gestellt und beantwortet wurden. Das Fernsehen hat den Vorzug des Le- bendigen, Bewegten, Farbigen – die Schu- le den der Ordnung und guten Vorberei- tung; das Internet ermöglicht rasche Reak- tionen und die Nutzung von Bild, Ton, Text gleichzeitig. In diesem Video–Chat wurde keiner der spezifischen Vorzüge ge- nutzt. Man sah, wie im Frontalunterricht, Köpfe, die Fragen beantworteten, das aber ungeordnet und ohne spürbare Reak- tion der Fragenden. Nachfragen gab es nicht, es sei denn, die Moderatorin hielt et- was für schwer verständlich. Den Gästen hätte man gern länger zugehört, der MDR aber hat eine Gelegenheit verschenkt. jby

Cash für Gütersloh

RTL-Gruppe erhöht das Ergebnis um fast 50 Prozent

Bertelsmann kann sich weiter auf sei- nen wichtigsten Gewinnbringer – die RTL-Gruppe – verlassen. Europas größ- ter Fernsehkonzern profitiert vom TV-Werbeboom. Umsatz, Gewinn und Marktanteile verbesserten sich teilweise deutlich. Allein den operativen Gewinn konnte die RTL-Gruppe im dritten Quar- tal um die Hälfte auf 133 Millionen Euro steigern. Der Umsatz erhöhte sich um neun Prozent auf 1,16 Milliarden Euro. RTL profitiert wie auch der Konkurrent Pro Sieben Sat 1 Media seit gut einem Jahr davon, dass viele Unternehmen aus Industrie und Handel wieder deutlich mehr Geld für Reklamespots ausgeben. Zuvor waren die Werbebuchungen aller TV-Konzerne wegen der Wirtschafts- krise teilweise um mehr als zehn Prozent eingebrochen.

RTL teilte mit, auch der Start ins vier- te Quartal 2010 sei gut gewesen. Die letz- ten drei Monate sind mit den Vorweih- nachts-Werbeumsätzen besonders wich- tig. Die Geschäftsergebnisse im gesam- ten Jahr 2010 dürften „deutlich besser“ ausfallen als 2009; nach neun Monaten liegt der Gewinn bereits bei 670 Millio- nen Euro. Der Gütersloher Konzern Ber-

der

Gruppe, die europaweit 39 TV-Sender be- treibt. Besonders RTL Deutschland mit RTL, Vox, RTL 2, n-tv und Super RTL, sowie die Groupe M6 in Frankreich und RTL Nederland haben zur guten Ent- wicklung beigetragen. RTL erzielte zu- dem nach eigenen Angaben in diesem Ok- tober bei den jüngeren Zuschauern einen Marktanteil von 19,3 Prozent, der höchs- te Monatswert seit Januar 2004. cbu

telsmann hält gut 90 Prozent an

Noch ein Gremium?

Die Unionsfraktion im Bundestag will die Einrichtung eines „Ältestenrates“ prüfen, der über die Qualität im Rund- funk wachen soll. Ein wichtiger Aspekt sei dabei die Frage, ob die öffent- lich-rechtlichen Programme ihren eige- nen Anspruch einlösten, erklärte der Sprecher der Unionsfraktion, Wolfgang Börnsen, nun in Berlin. Ein solcher Ältes- tenrat könnte auch private Medienanbie-

ter überwachen.

SZ

Bussi links. Bussi rechts. Und Sie mittendrin. Kir Royal – das erste Szenegetränk, aus dem
Bussi links.
Bussi rechts.
Und Sie mittendrin.
Kir Royal – das erste Szenegetränk, aus dem eine Kultserie
wurde. Nach dem großen Erfolg der 3er DVD-Box gibt es jetzt
die Sonderedition zum 25sten Jubiläum – im hochwertigen
Schuber und mit ganz besonderen Extras. Neben allen 6 Folgen
beinhaltet sie nicht nur ein exklusives Interview mit Helmut Dietl
und viele ungesendete Szenen, sondern auch eine Bonus-CD mit
dem unverwechselbaren Kir Royal Soundtrack. Jetzt bestellen für
nur 24,95 Euro unter www.sz-shop.de oder Tel. 089-21 83 18 10.

Seite 16 / Süddeutsche Zeitung Nr. 260

WISSEN

Mittwoch, 10. November 2010

Es bröckelt

Auf der Falling-Walls-Konferenz in Berlin durchbrechen Forscher die Grenzen ihrer Fächer

Zu Beginn dieser Woche sind in Berlin erneut Mauern gefallen. Sie waren zwar nicht aus Beton, so wie jener Wall, der bis 1989 die Stadt teilte. Doch die sozia- le, ökonomische, technische oder medizi- nische Bedeutung einiger der am Montag durchbrochenen oder zumindest ange- knacksten Mauern lässt sich durchaus vergleichen mit dem Wegfall des Eiser- nen Vorhangs zwischen Ost und West. In den beeindruckenden Räumen eines ehe- maligen Wasserwerks waren Wissen- schaftler aufgefordert, Trennwände nie- derzureißen – jene zwischen Blinden und Sehenden, zwischen Empathie und Egois- mus, zwischen Genen und Umwelt, zwi- schen Judentum und Islam, zwischen Zeitverzug und Pünktlichkeit, zwischen Viren und Impfstoffen, zwischen Um- welt und Atommüll, zwischen Lehrplan und Lernspaß. Nach dem beeindruckenden Erfolg im vergangenen Jahr ist es der Falling- Walls-Stiftung und ihrem Kopf Sebasti- an Turner auch in diesem Jahr gelungen, fast zwei Dutzend angesehene Forscher aus aller Welt in Berlin zu versammeln und deren Botschaften in einem einzigen Tag unterzubringen. Die Experten wa-

Manche Forscher legen mit schwerem Gerät los, andere klopfen mit einem Hämmerchen.

ren offenbar mit Nachdruck auf das Ver- anstaltungsformat eingeschworen wor- den. Sie hielten sich auf erfrischend un- akademische Weise an die Vorgabe von 15 Minuten pro Vortrag, wobei sie die vor ihnen stehenden Mauern mit unter- schiedlich starkem Werkzeug bearbeite- ten: Manche legten mit schwerem Gerät los, andere klopften mit einem Hämmer- chen. Zum Auftakt referierte die Psycholo- gin Tania Singer mit Charme und Wortge- walt über die Wurzeln menschlicher Em- pathie. An ihrem Max-Planck-Institut in Leipzig blickt sie Menschen mit Kern- spin-Tomographen tief ins Gehirn, wo sie etwa erschreckende Unterschiede zwi- schen männlicher Rachsucht und weibli- chem Mitgefühl entdeckte. Dabei beton- te sie, dass bei aller Zuwendung die Gren- zen zwischen den Menschen erhalten blei- ben sollten. Dieses rechte Maß lässt sich erlernen, was unter anderem Experimen- te mit buddhistischen Mönchen in Sin- gers Labor gezeigt haben. Der Soziologe Dalton Conley erklärte schlüssig, warum weder Gene noch Um-

welt allein menschliches Verhalten deter- minieren, sondern nur deren Kombinati- on. Yael Hanein aus Tel Aviv berichtete, wie sich Sensorchips mit Sehnerven ver- binden lassen könnten, um Menschen mit zerstörter Netzhaut wieder sehen zu lassen. Mit einem dringlichen Aufruf wandte sich die Ethnologin Julie Livings- ton an das Auditorium, um ein in der Dritten Welt vernachlässigtes medizini- sches Problem zu umreißen: das uner- messliche Leid von Krebskranken im pal- liativen Zustand. Erschütternd war ihr Bericht über das Schrei-Zimmer in ei- nem vietnamesischen Krankenhaus, in dem Kranke unbehandelt ihre letzten Le- benswochen durchleiden. Ernüchternd waren ihre Zahlen: In Deutschland wer- den jährlich pro Einwohner im Schnitt mehr als 400 Milligramm Morphine oder verwandte Stoffe verabreicht, schon in Polen liegt der Verbrauch bei einem Zehntel davon, in Indien sind es 0,2 Milli- gramm. „Das Leben in Deutschland ist aber nicht Tausend Mal schmerzhafter als in Botswana“, sagte Livingston. Medi- zinische Hilfe für die Dritte Welt dürfe nicht nur in der Bekämpfung von Mala- ria und Aids bestehen. Der New Yorker Historiker Frederik Cooper zeigte, wie Frankreich im Laufe des 20. Jahrhunderts zwischen multikul- turellen und isolationistischen Vorstel- lungen hin und her taumelte. Überhaupt offenbarte der Blick in die Vergangen- heit während der Konferenz erstaunli- che Risse in dem Gefüge der Weltkultu- ren. Sabine Schmidtke von der FU Berlin lieferte erstaunliche Beispiele aus ver- gangenen Jahrhunderten, in denen jüdi- sche und moslemische Gelehrte sich nicht nur gegenseitig beeinflussten, son- dern sogar die Werke der anderen fort- führten, übersetzten und wechselweise philosophische Strömungen induzierten. Den vermeintlich historisch begründba- ren, jahrhundertealten Wall zwischen Ju- dentum und Islam zerstörte Schmidtke in ihrer Viertelstunde. Eine Vision der abfallfreien Fabrik um- riss der aus Tokio angereiste Ingenieur Ichiro Inasaki. Die Logistikerin Katja Windt ebnete den Weg zu effizienten Pro- duktionsprozessen und ließ ahnen, welch ungeheurer Aufwand vonnöten ist, um ein einziges Stück Stahl zur rechten Zeit am rechten Ort abzuliefern. Die Schattenseiten des Bildungsdrucks an Deutschlands Schulen beleuchtete der Münchner Erziehungswissenschaft- ler Manfred Prenzel: Zwar zeigten viele Schüler dank vertiefter Lehrpläne mess- bar verbesserte Kenntnisse zum Beispiel

in Mathematik oder Physik. Dafür war ihnen die Lust am Fach schlicht vergan- gen. Wie sehr Naturwissenschaften begeis- tern oder auch langweilen können, de- monstrierten die drei Physiker des Ta- ges: Der Belgier Daniel Vanmaekelbergh verlor sich in den Details seiner Quanten- mikroskopie und konnte auf Nachfragen nicht erklären, wozu man seine Technik brauchen könnte. Hingegen brannte Hel- mut Dosch vom Hamburger Forschungs- zentrum Desy zum Thema Röntgenlaser ein wahres Feuerwerk von einer Präsen- tation ab. Nicht wenige der Diplomaten und Politiker im Auditorium bekamen den Eindruck, sie hätten ein Stück Grundlagenphysik verstanden. Joachim Knebel vom Forschungszentrum Karlsru- he skizzierte eine ausgefallene Methode, die radioaktiven Abfall so umwandeln

Kann man radioaktiven Müll so umwandeln, dass er nur wenige Jahrhunderte strahlt?

könnte, dass er nicht mehrere Zehntau- sende Jahre lang strahlt, sondern womög- lich nur einige Hundert Jahre. Von den Mauern, die im Kampf gegen HIV noch überwunden werden müssen, berichtete der Berliner Hämatologe Eck- hard Thiel. Der Saarbrücker Informati- ker Thomas Lengauer erläuterte, wie man mit Computeralgorithmen die Schwachstellen von HIV suchen kann. Wie Völker in Asien ihre begrenzten Na- turgüter verwalten, ohne diese auszubeu- ten, könnte auch ein Vorbild sein für den globalen Erhalt der zunehmend um- kämpften Ressourcen, erklärte die in Zü- rich lehrende indische Anthropologin Shalini Randeria. Erfreut registrierten die Anwesenden den Besuch von Bundespräsident Christi- an Wulff auf der Konferenz, der in sei- nem Grußwort die gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung der Wissenschaft betonte. Zugleich mahnte er die For- scher, sich nicht hinter den Mauern der Fachgrenzen zu verschanzen. Wehmütig erinnerte er an die Zeit, in der noch Uni- versalgelehrte die Herrschenden berie- ten, zu viel sei in den vergangenen Jah- ren auf die reinen Naturwissenschaften verlagert worden. Immerhin bekundete er seinen eigenen Wunsch nach interdiszi- plinärer Beratung: Wulff kündigte an, die Manuskripte der Konferenz von sei- nem Amt auswerten zu lassen. PATRICK ILLINGER

Was kommt unter den Hammer und z u w elchem Preis? Ab Mont a g,

Was kommt unter den Hammer und zu welchem Preis?

Ab Montag, dem 15. November, startet der neue Kaufdown – die Auktion, bei der der Preis sinkt – mit täglich wechselnden Angeboten.

Diesmal beim Kaufdown: Gutscheine von Oltre Gartenmöbel, Essex-Flügel von Steinway, Milestone-Jacken, Kreuzfahrten
Diesmal beim Kaufdown:
Gutscheine von Oltre Gartenmöbel,
Essex-Flügel von Steinway, Milestone-Jacken,
Kreuzfahrten von TUI Cruises und vieles mehr!

Nerven bewahren und sparen – so funktioniert die große Rück- wärtsauktion. Je länger Sie warten, desto günstiger wird der Preis. Aber warten Sie nicht zu lange, sonst schlägt ein Anderer zu. Der Kaufdown mit täglich wechselnden Angeboten.

kaufdown.de

Die Auktion, bei der der Preis sinkt.

kaufdown.de Die Auktion, bei der der Pr eis s inkt . Am 16. Juli 1945 explodierte

Am 16. Juli 1945 explodierte in New Mexico die erste Atombombe der Geschichte. 65 Jahre später konnten Forensiker aus

geschmolzenem Wüstensand die Zusammensetzung des Sprengsatzes rekonstruieren.

Foto: Mauritius Images

Die Herkunft der Atombombe

Nach einer nuklearen Explosion lässt sich ermitteln, wo der Sprengsatz gebaut wurde

Terroristen zünden in einer westlichen Großstadt eine Atombombe – dieses Sze- nario halten Sicherheitspolitiker bis hin zu US-Präsident Barack Obama für eine der schwerwiegendsten Bedrohungen. Experten streiten darüber, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sich eine Terror-Organisation einen funktions- tüchtigen Sprengkopf verschafft oder selbst eine Bombe baut. Einig sind sich die Fachleute aber, dass es nicht leicht wird, die Urheber eines nuklearen Terror- aktes dingfest zu machen oder Staaten zu überführen, die ihnen geholfen haben. Die Hoffnungen dafür ruhen auf der nuklearen Forensik. Deren Ansatz kon- zentrierte sich bisher darauf, anhand der radioaktiven Überreste die Herkunft ei- ne Bombe nach der Explosion zu identifi- zieren. Nun hat ein fünfköpfiges Team des amerikanischen National Institute of Standard and Technology erstmals eine Studie veröffentlicht in der Rückschlüs- se auf die nicht-nuklearen Komponenten einer Bombe gezogen werden (PNAS, on- line). Die Wissenschaftler um Albert Fa- hey haben Überreste des ersten US-Atomtests am 16. Juli 1945 unter- sucht. Sie vergleichen ihre Ergebnisse

Exzess am Handy

Wer viele SMS tippt, hat Probleme

Jugendliche, die sehr viel Zeit mit dem Verschicken von SMS-Nachrichten oder in Online-Netzwerken verbringen, scha- den womöglich ihrer Gesundheit. Das legt eine Studie von Medizinern der Case Western Reserve University um Scott Frank nahe, die beim Jahrestreffen der American Public Health Association vor- gestellt wurde. Jeder Fünfte der 4257 be- fragten amerikanischen High-School- Schüler gab an, mehr als 120 SMS-Nach- richten täglich zu verschicken. 11,5 Pro- zent verbrachten mehr als drei Stunden täglich in Online-Netzwerken. Mädchen und ethnische Minderheiten waren in die- sen Gruppen überproportional vertre- ten. Die intensiven SMS- und Netz- werk-Nutzer fühlten sich laut der Studie stärker gestresst, tranken mehr Alkohol, rauchten öfter, schliefen schlechter und waren häufiger krank als Altersgenos- sen. Zudem hatten besonders viele der ex- tremen SMS-Nutzer wechselnde Sexual- partner, während vor allem die starken Netzwerker dazu neigten, an Schlägerei- en beteiligt zu sein. weis

mit dem bekannten Aufbau der Bombe. In der glasähnlichen, grünlichen Subs- tanz Trinitit, abgeleitet von Trinity, dem Code-Namen des Tests, wiesen sie mit aus der Geologie stammenden mikroana- lytischen Methoden andere Bestandteile der auf Plutonium basierenden Bombe nach, etwa natürliches Uran, das als Re- flektor-Material zum Einsatz kam. Zu-

Das verwendete Blei trägt Spuren aus dem Bergwerk.

gleich konnten sie ausschließen, dass das Uran aus Mineralien in der Umgebung stammte, und nicht aus dem Sprengsatz. Auf gleiche Weise, argumentieren sie, ließen sich nach einem Anschlag mit ei- nem nuklearen Sprengkörper wichtige Hinweise finden, die es erlauben, zumin- dest den Produktions-Ort einzugrenzen. Das würde bei einer Untersuchung hel- fen, denn um den Fingerabdruck des ver- wendeten Spaltmaterials eindeutig auf eine Nuklearanlage zurückführen zu kön- nen, benötigen die Forensiker eine Ver- gleichsprobe. Von vielen Anlagen, in de-

Bleigewitter

Neuer Energie-Rekord am Cern

Am Europäischen Kernforschungszen- trum Cern bei Genf hat die zweite Be- triebsphase des Teilchenbeschleunigers LHC mit einem Rekord begonnen. Wie das Cern meldet, wurden die ersten Blei- atomkern-Strahlen auf eine Energie von 287 Tera-Elektronenvolt (TeV) beschleu- nigt. Auf die Protonen und Neutronen in den Atomkernen entfällt damit 13-mal mehr Energie als beim bisherigen Re- kord, der am Brookhaven National Labo- ratory in New York mit Goldkernen auf- gestellt wurde. Seit Montag läuft der LHC stabil. Von den Messungen erhoffen sich die Physiker Erkenntnisse über das sogenannte Quark-Gluon-Plasma, das entsteht, wenn Protonen und Neutronen beim Aufeinanderprall zerschmettert werden. Aus dieser heißen, dichten Teil- chensuppe hat sich der Theorie zufolge kurz nach dem Urknall die Materie entwi- ckelt. Der Bleibetrieb soll fortgesetzt werden, bis der LHC am 6. Dezember für die Winterpause abgeschaltet wird. Im Februar gehen die Messungen wie bisher mit Protonenstrahlen weiter. weis

nen waffenfähiges Plutonium oder Uran produziert wurde, liegen diese aber allen- falls Geheimdiensten vor. Zudem wäre damit nur die Quelle des Spaltmaterials bestimmt, nicht aber, wer letztlich die Bombe gebaut hat. Diese Lücke könnte die Analyse der nicht-nuklearen Bestandteile schließen helfen, argumentieren die Forscher. Sie nehmen an, dass Terroristen Materialien aus lokalen Quellen für die übrigen Kom- ponenten verwenden würden, Blei etwa oder Aluminium. Diese ließen sich im Schutt nach einer Explosion ausfindig machen und – aufgrund der spezifischen Zusammensetzung – möglicherweise so- gar bis auf eine einzelne Mine zurückver- folgen. Der Nuklearforensiker Klaus Ma- yer vom Institut für Transurane der Euro- päischen Kommission bei Karlsruhe spricht von einem „interessanten Ansatz, nicht nur auf das spaltbare Material zu schauen“. Zugleich verweist er darauf, dass die USA während des Kalten Kriegs ähnliche Analysen gemacht haben, um die Konstruktionsprinzipien der sowjeti- schen Nuklearwaffen zu verstehen. Nur veröffentlicht wurde so ein Resultat noch nie. PAUL-ANTON KRÜGER

Die Zahl

14

Prozent der Körpermasse entfallen bei der Laubheuschrecke der Art Platycleis affinis auf die Hoden. Ein so hoher Gewichtsanteil kommt den Brut- stätten des Spermas sonst bei keinem Tier zu. Nein, und auch bei keinem Men- schen. „Wir konnten die Größe dieser Or- gane kaum glauben, sie schienen den ge- samten Hinterleib zu füllen“, sagt Karim Vahed von der University of Derby, der sein Erstaunen in den aktuellen Biology Letters öffentlich teilt. Wer nun glaubt, große Hoden müssten eine Menge Ejaku- lat bedeuten, irrt. Südliche Beißschre- cken beglücken ihre Partnerin mit einer kläglichen Menge. Dafür reicht das Sper- ma aus den Mega-Hoden für viele Weib- chen. Die sind nämlich ausgesprochen promisk, sie haben bis zu 23 Partner wäh- rend der zwei Monate, die sie zum Sex fä- hig sind. Zwangsläufig kommen so auch die Männchen oft zum Zuge. Besser also, sie haben genügend Sperma dabei. bern

Immer auf die Starken

Sklavenhalter-Ameisen attackieren bevorzugt mächtige Rivalen

Dieses Insekt setzt Maßstäbe in Sa- chen Dekadenz. Ameisen der Art Proto- mognathus americanus faulenzen das ganze Jahr über in ihrem Bau und lassen sich von ihren Sklaven füttern. „Sonst machen die Tiere nichts“, sagt der Biolo- ge Sebastian Pohl von der LMU Mün- chen. Nur einmal im Jahr gerät etwas Un- ruhe in die Kolonie. Dann machen sich die Tiere auf den Weg, um neues Personal zu rauben. Dabei überfallen Sklavenhal- ter-Ameisen bevorzugt große und starke Kolonien anderer verwandter Ameisen, in denen viele Verteidiger leben. Handelt es sich dabei um eine Mutprobe verwöhn- ter Halbstarker? Nein, offenbar reduzie- ren die Ameisen auf diese Weise das Ge- samtrisiko ihrer Raubzüge: Statt bei vie- len Überfällen auf kleine Kolonien je- weils ein mittleres Risiko einzugehen, wa- gen die Tiere lieber wenige Raubzüge auf lohnende Ziele mit einem etwas höheren Einzelrisiko. Das berichtet Pohl im Fach- magazin Animal Behaviour (online).

Sklavenhalter-Ameisen leben in den Wäldern Nordamerikas, etwa im US-Bundesstaat New York, wo Pohl die Tiere studierte. Die Insekten erreichen ei- ne Größe von zwei bis drei Millimetern und leben in kleinen Gruppen. Eine Kolo- nie dieser Ameisen passt problemlos in ei- ne hohle Eichel. Dort hausen eine Köni- gin, bis zu fünf Sklavenhalter und 30 bis 60 Sklaven. Im späten Sommer verlassen die Ameisen den Bau und lassen Königin sowie Untergebene zurück. „Die Gruppe teilt sich auf und kundschaftet die Umge- bung nach lohnenden Zielen für Überfäl- le aus“, sagt der Biologe Pohl. Entdecken sie eine fremde Kolonie, spionieren sie diese aus und kehren zurück, um gegebe- nenfalls die anderen Mitglieder des Amei- sen-Schlägertrupps zu holen. Bei einem Überfall haben es die Amei- sen auf den Nachwuchs der anderen Ko- lonie abgesehen. Sie drängen Verteidiger zurück, liefern sich teils heftige Kämpfe und verschleppen die Puppen der Geg-

ner. Diese schlüpfen dann im Bau der Sklavenhalter-Ameisen und werden mit Duftstoffen manipuliert. „Dadurch ver- halten sie sich wie Arbeiter der neuen Ko- lonie“, sagt Pohl. Mit anderen Worten:

Die geraubten und manipulierten Amei- sen verrichten die Drecksarbeit – Essen ranschaffen, die neuen Herren füttern und ansonsten stillhalten. Dass die Ameisen bei ihren Raubzügen aber ein so hohes Risiko eingehen, er- staunte die Forscher um Pohl zunächst. Im Labor stellten sie fest, dass die Tiere gezielt Kolonien mit besonders vielen Mitgliedern und Verteidigern angreifen. Wahrscheinlich, weil dies ein Signal da- für ist, dass dort besonders reiche Beute zu erwarten ist. So reduzieren die Tiere die Zahl der Überfälle und der nötigen Erkundungs-Expeditionen, die ebenfalls mit einem Risiko verbunden sind. Die Gruppe der Sklavenhalter-Ameisen ist schließlich klein, und jeder Verlust wäre schmerzlich. SEBASTIAN HERRMANN

WIRTSCHAFT

Mittwoch, 10. November 2010

HF2

Süddeutsche Zeitung Nr. 260 / Seite 17

Kommentare

Gefährliche Allianz

BP wird von der US-Regierung praktisch freigesprochen. Ein Fehlurteil

Von Karl-Heinz Büschemann

Warum musste sich der Ölkonzern BP monatelang als Umweltverpester durch die Medien ziehen lassen? Warum musste der Konzern seinen Chef vor den Augen der Öffentlichkeit feuern? Warum muss- te BP versprechen, alle Kosten zu über- nehmen, die der Untergang der Bohrin- sel Deepwater Horizon im Golf von Mexi- ko im April dieses Jahres und das monate- lange Ausfließen von Rohöl verursach- ten? Warum das alles, wenn eine Prü- fungskommission der Regierung in Wa- shington gut ein halbes Jahr später den britischen Konzern praktisch freispricht und feststellt, es gebe keine Hinweise dar- auf, dass BP-Beschäftigte zu Lasten der Sicherheit Kosten hätten sparen wollen. Die Schuld an dem Desaster läge nicht bei BP, sondern bei den Partnerfirmen. Ein erstaunliches Ergebnis. Nicht ein- mal die BP-Manager selbst sprechen sich von der Verantwortung für die größte Öl- katastrophe in der Geschichte der USA völlig frei. Das Urteil aus Washington aber ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass die US-Regierung ein Teil des Problems ist und eine gehörige Mit- verantwortung an dem Golf-Desaster trägt. Die Anlagen und Verfahren, die BP auf der Bohrinsel einsetzte, waren alle- samt von den US-Behörden genehmigt worden. Kein Wunder, dass die offizielle Prüfungskommission der Regierung mit dem Ölmulti pfleglich umgeht. Es gibt in den USA eine gefährliche Nähe zwischen Ölindustrie und Politik. Die US-Regierung hat großes Interesse daran, an den eigenen Küsten möglichst viel Öl zu fördern. Sie wird alles verhin- dern, was die Förderung nach ihrer Les- art unnötig verteuert. Doch wo Regie- rung und Ölunternehmen in einem Boot sitzen, kann es keine wirksame Kontrolle der Firmen geben. Die wäre aber notwen- dig. Wo sich große Konzerne scheinbar um das nationale Wohl eines Volkes ver- dient machen, wo Ex-Ölmanager in der Staatsverwaltung sitzen und Staats- beamte die Ölkonzerne im Prinzip mit Wohlwollen begleiten, findet eine uner- laubte und gefahrbringende Vermen- gung der Interessen statt.

Es gehört zum Alltag großer Konzer- ne, die Risiken für die Geschäfte auf mög- lichst viele Partner zu verteilen. Der Kos- tendruck der Globalisierung sorgt dafür, möglichst viele Geschäfte an Fremdfir- men auszulagern. BP besitzt keine Öl- plattformen. Die werden gemietet. Bau- arbeiten werden von Fremdfirmen erle- digt. An jedem Bohrprojekt hängen unge- zählte Subunternehmer. Wenn etwas schiefgeht, ist es schwierig, einen Verant- wortlichen zu finden. Wo das Meerwas- ser tief ist, die Risiken hoch und die Zahl der Partner groß sind, schrumpft kurio- serweise die Wahrscheinlichkeit, einen klar Verantwortlichen auszumachen. Mo- derne Konzernstrategien und wachsende Gefahren gehen einher mit undurchsich- tigen Prozessen. Passiert etwas, bleibt es an Gerichten hängen, die komplexen Strukturen zu durchschauen, die selbst die Manager nicht im Griff hatten. Doch wo sich Gerichtsverfahren wegen der komplexen Materie über mindestens zehn Jahre hinziehen, ist das Risiko für die Konzerne vergleichsweise klein. Erst recht gilt das, wenn eine Kommission der Regierung, wie jetzt geschehen, BP von ei- nem großen Teil der Schuld freispricht. Der Fall BP/Deepwater Horizon entwi- ckelt sich zum Ärgernis. Sicher wird am Ende des langen Verfahrens für BP eine Strafzahlung stehen. Es wird auch Scha- denersatzklagen in Milliardenhöhe ge- ben. Aber BP wird es überleben. Ölkon- zerne, die für Umweltkatastrophen ver- antwortlich waren, kamen mit Hilfe der Gerichte in den USA bisher immer rela- tiv glimpflich davon. Richtig ist, dass BP seit der Katastrophe im April etwa 30 Prozent seines Firmenwertes verloren hat. Heute ist das Unternehmen noch im- mer über 100 Milliarden Euro wert. Längst arbeitet der Konzern daran, seine Geschäfte in Russland auszuweiten. Iro- nischerweise soll das der gefeuerte BP-Chef Tony Hayward in die Hand neh- men. In Russland sind die Ölvorkommen groß, die Förderung liegt in der Hand des Staates. Das hat Vorteile für BP: Sollte es in Russland zu einer Umweltkatastro- phe kommen, sitzt der Staat als Nutznie- ßer des Ölgeschäfts wieder mit im Boot. Sogar stärker als in Amerika. (Seite 19)

Aufschwung der Armen

Warum sich die Energiewirtschaft so schwer umsteuern lässt

Von Christopher Schrader

Die globale Energiewirtschaft ist ein Tanker. Oder besser: eine ganze Armada schwerfälliger, dickbäuchiger Schiffe, deren kollektiver Kurs sich nicht spon- tan ändern lässt. Das liegt zum einen dar- an, dass jede substantielle Reform der Energieproduktion und des -konsums ge- waltige Investitionen erfordert. Und zum anderen daran, dass mehr gewichti- ge Partner überzeugt werden müssen als früher, mit ihren Kraftwerken und Autos Rücksicht auf das Klima zu nehmen. Der alljährliche Bericht der Internatio- nalen Energieagentur in Paris zeigt dies immer wieder: Die Industrieländer allein können das Ruder nicht herumreißen, auch wenn sie verstanden haben sollten, welche Folgen ihr bisheriges Handeln für das Klima hat – und bei den USA muss man Zweifel haben, dass das Land irgendetwas verstanden hat. Aber den

Zahlen aus Paris zufolge steigt der Ener- giebedarf in den kommenden Jahrzehn- ten fast ausschließlich deswegen unauf- haltsam, weil die jetzigen Entwicklungs- und Schwellenländer mehr verbrauchen.

36 Prozent des projizierten Wachstums

bis 2035 gehen allein auf China zurück,

18 weitere Prozent auf Indien. Wer etwas

bewegen will, muss hier ansetzen. Die armen Länder brauchen Energie, um ihre Bürger aus dem Elend zu führen. Und sie haben längst genug Eigendyna- mik, um sich nicht mehr aufhalten zu las- sen. Die einzige Option ist daher, die wei- tere Entwicklung zu lenken. Doch nach dem Ergebnis der Wahlen in den USA ist zu befürchten, dass sich das Land für mindestens weitere zwei Jahre jedem glo- balen Abkommen verweigert. Die ge- mächliche Kurve, die man mit einer Ar-

mada von Dickschiffen steuern kann, führt aber nur dann zum Ziel, wenn man rechtzeitig einlenkt. (Seite 19)

Alte Rechnung

Der neue HP-Chef Léo Apotheker hat einen denkbar schweren Start

Von Caspar Busse

Dass in der amerikanischen Industrie, vor allem in der IT- und Softwarebran- che, mit harten Bandagen gekämpft wird, ist nichts Neues. Doch die Wendun- gen im Streit zwischen den beiden Soft- warekonzernen Oracle und SAP, bei dem es um Industriespionage und den Dieb- stahl geistigen Eigentums durch eine SAP-Tochter geht, sind äußerst bizarr. Oracle-Chef Larry Ellison will von SAP nicht nur Schadensersatz in Milliarden- höhe. Er nutzt den Rechtsstreit nun auch für einen Schlag gegen den Rivalen Hew- lett-Packard (HP). Denn die Oracle-Anwälte wollen den ehemaligen SAP-Chef Léo Apotheker vor Gericht zitieren, hoffen dabei offen- bar auf eine spektakuläre Zeugenverneh- mung, die Oracle nutzen könnte. Apothe- ker führt seit Anfang dieses Monats die Geschäfte bei HP und will partout nicht

in dieser Sache aussagen, die Zeugenvor- ladung nimmt er nicht an. Apotheker könne nichts mehr zu dem Fall beitragen und habe außerdem anderes zu tun, heißt es. Das stimmt, denn Apotheker hat ohne- hin einen schwierigen Job. Er muss HP nach dem unrühmlichen Abgang seines Vorgängers Mark Hurd, der über eine Af- färe gestürzt war, wieder auf Kurs brin- gen. Da kommt ihm das Gerichtsverfah- ren denkbar ungelegen. Pikant in diesem schlagzeilenträchti- gen Streit ist, dass Ellison und Hurd als befreundet gelten. Schon als Hurd im Au- gust vor die Tür gesetzt wurde, hatte Elli- son gewettert, dies sei „die schlechteste Personalentscheidung, seit Idioten im Apple-Direktorium Steve Jobs gefeuert hätten“. Hurd heuerte bei Oracle an. Der Verdacht liegt nahe, dass Ellison und Hurd nun alte Rechnungen begleichen wollen – Kollateralschäden sind dabei wohl Nebensache. (Seite 18)

Chart des Tages

Sorgen um Portugal

Einen Tag vor der Emission einer neu- en Staatsanleihe sind die Risikoauf- schläge auf die Schuldenpapiere Portu- gals auf Rekordstände gestiegen. Am Dienstag verlangten Investoren zeit- weise für portugiesische Anleihen ei- nen Aufschlag zu vergleichbaren deut- schen Papieren von 4,6 Prozentpunk- ten – so viel wie nie seit Einführung des Euro. Für eine zehnjährige Staats- anleihe waren etwa sieben Prozent Zin- sen fällig, entsprechende deutsche Pa- piere haben eine Rendite von knapp 2,4 Prozent. Auch die Ausfallversiche- rung für portugiesische Staatsanlei- hen war mit 480 Basispunkten so teuer

Portugal Staatsanl. 10 Jahre Rendite am 9.11.2010: 7,02 Prozent 7 6 5 4 3 SZ-Grafik
Portugal Staatsanl. 10 Jahre
Rendite am 9.11.2010: 7,02 Prozent
7
6
5
4
3
SZ-Grafik
D
J
F
M
A
M
J
J
A
S
O
smallCharts
Quelle:
2009
2010
Reuters

wie nie zuvor; es kostet nun 480 000 Euro, um portugiesische Anleihen im Wert von zehn Millionen Euro gegen ihren Ausfall zu versichern. Portugal bringt am Mittwoch Anleihen im Volu- men von 750 Millionen bis 1,25 Milliar- den Euro auf den Markt. Reuters

Millionen bis 1,25 Milliar- den Euro auf den Markt. Reuters G utscheine werden in diesem Jahr

G utscheine werden in diesem Jahr erst- mals die beliebtesten Weihnachtsge-

schenke der Deutschen sein und verdrän- gen Bücher von Platz eins. Das ist das Ergebnis einer Studie der Wirtschaftsprü- fungsgesellschaft Deloitte & Touche. Dem- nach wollen die Konsumenten im Durch- schnitt 290 Euro für Geschenke ausgeben,

Gutschein ersetzt Idee

das seien 1,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Zu einem anderen Ergebnis kommt eine Umfrage der Unternehmensberatung Alix Partners, die von einem Rückgang der Ausgaben für Geschenke um drei Pro-

zent ausgeht, allerdings auf höherem Ni- veau (Foto: mauritius). Pro Kopf geben die Deutschen demnach 384 Euro für Pa- kete unter dem Tannenbaum aus, sind da- mit aber das Schlusslicht in Westeuropa.

Spitzenreiter sind die Einkäufer in Spa- nien, die laut der Studie pro Kopf 443 Eu- ro ausgeben wollen. Die Umfrage wurde in Deutschland, Großbritannien, Frank- reich, Spanien und Italien durchgeführt. Die Gesamtausgaben für Geschenke in diesem Jahr sollen in den fünf Ländern bei 26,2 Milliarden Euro liegen. SZ

Europäischer Gerichtshof fürchtet um Datenschutz

Agrarbeihilfen sind wieder Geheimsache

Landwirtschaftsministerin Aigner stoppt die Veröffentlichung von Subventionen komplett – und geht damit weiter, als sie müsste

Von Daniela Kuhr

Berlin – Die Empfänger europäi- scher Agrarsubventionen werden vor- erst nicht mehr im Internet publik ge- macht. Bis zu einer EU-weiten Neurege- lung werde die Veröffentlichung mit sofortiger Wirkung ausgesetzt, teilte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) am Dienstag mit. Damit geht sie deutlich weiter, als der Europäi- sche Gerichtshof es verlangt hatte.

Seit vergangenem Jahr waren in Deutschland die Namen von Landwirten und Unternehmen sowie die Summe, die sie jährlich aus dem Agrar-Topf erhalten haben, von der Bundesanstalt für Land- wirtschaft und Ernährung ins Internet gestellt worden. Der Europäische Ge- richtshof in Luxemburg (EuGH) ent- schied am Dienstagmorgen jedoch, dass die undifferenzierte Veröffentlichung „das Recht auf Schutz der personenbezo- genen Daten“ verletze. Der Richter- spruch betraf allerdings nur natürliche Personen. Die Namen von Betrieben oder Großkonzernen hätten nach Ansicht der Luxemburger Richter weiter genannt werden dürfen – samt den Zahlungen, die sie aus Brüssel erhalten. Bundeslandwirtschaftsministerin Aig- ner entschied sich dennoch, die gesamte Veröffentlichung umgehend zu stoppen. Das gelte so lange, bis die EU-Kommissi- on über das weitere Vorgehen entschie- den habe, sagte Aigners Sprecher am Dienstag.

Die Agrarsubventionen der EU sind schon lange umstritten. 55 Milliarden Eu- ro gibt Brüssel jährlich für die Landwirt- schaft aus. Dabei landet der geringste Teil jedoch tatsächlich bei Bauern, das meiste geht an Großbetriebe und Konzer- ne. Das weiß die Öffentlichkeit mittler- weile deshalb so genau, weil die EU-Mit- gliedstaaten seit vergangenem Jahr de- tailliert auflisten, wohin das Geld fließt. Damit setzten sie Vorgaben der EU-Kom- mission um, die für mehr Transparenz im Subventionsbereich sorgen wollte. Zu den großen Profiteuren zählen demnach

„Ein Großteil des Geldes landete bei den Falschen.“

vor allem Großkonzerne – unter anderem Südzucker oder die Großmolkerei Nord- milch –, aber auch diverse Golfplätze und adelige Großgrundbesitzer. Umweltschützer empfanden die Veröf- fentlichung als hilfreich, weil sie ihrer Ansicht nach zeigte, wie fehlgeleitet die europäische Agrarpolitik sei. Vonseiten der Landwirte dagegen hatte es von An- fang an Widerstand gegeben. Sie befürch- teten eine Neiddebatte, hielten die Daten für wenig aussagekräftig und fühlten sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. In dem jetzt vom EuGH entschiedenen Fall hatten zwei Landwirte aus Hessen gegen die Veröffentlichung ihrer Daten

geklagt. Weil die Richter des Verwal- tungsgerichts Wiesbaden ihre Bedenken teilten, hatten sie den Fall dem EuGH vorgelegt. Dieser beendete die neue Transparenz nun. Dabei kritisierten die Richter nicht die Veröffentlichung an sich, sondern bemängelten, dass nicht da- nach unterschieden werde, wie lange, wie oft und wofür genau die Beihilfen ge- zahlt würden. Die Umweltschutzorgani- sation Greenpeace sprach von einem „Pyrrhussieg“ der Bauern. „Die bislang veröffentlichten Subven- tionen haben gezeigt, dass ein Großteil des Geldes bei den Falschen landet“, sag- te Martin Hofstetter, Agrarexperte bei Greenpeace. Zudem hätten sie gezeigt, dass Ackerbauern mehr als Milchbauern profitieren. „Dabei sind die Preise, die Ackerbauern erzielen, erheblich besser als das, was Milchbauern bekommen.“ Nach Ansicht von Hofstetter hätte man die gewonnene Transparenz nutzen müs- sen, um eine breite Diskussion „über Sinn und Unsinn der Agrarpolitik“ zu führen. Keinesfalls dürfe der Richter- spruch dazu führen, „dass man wieder in die alte Geheimhaltungspraxis verfällt“. Für Martin Häusling, Grünen-Abge- ordneter im Europaparlament, ist die EuGH-Entscheidung „nicht nachvoll- ziehbar“. Immerhin handele es sich „um Zuwendungen der Gesellschaft, die auch ein Recht darauf hat zu erfahren, wer ih- re Zuwendungen erhält“. Im Bundesland- wirtschaftsministerium dagegen sieht man sich bestätigt. Das Ministerium hat- te mit der Veröffentlichung lange gezö-

Europas Musterschüler

Sachverständigenrat rechnet mit 2,4 Prozent Defizit und 2,2 Prozent Wachstum im nächsten Jahr

Von Sibylle Haas und Thomas Öchsner

München – Der Sachverständigenrat der Bundesregierung erwartet, dass die deut- sche Wirtschaft im nächsten Jahr langsa- mer wachsen wird. Die Weltkonjunktur schwäche sich ab und die Stützungsmaß- nahmen der Regierungen liefen aus, so dass mit einer leichten Abschwächung ge- rechnet werden müsse. Die Wissenschaft- ler gehen davon aus, dass die deutsche Wirtschaft im nächsten Jahr um 2,2 Pro- zent zulegen wird. Für 2010 wird erwar- tet, dass das Bruttoinlandsprodukt um 3,7 Prozent zulegen wird. Dies geht aus dem Jahresgutachten des Sachverständi- genrats hervor, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Die Erholung der Weltkonjunktur seit der Jahresmitte 2009 habe die deutschen

Exporte gestärkt und die Wirtschaft bei

der Überwindung der weltweiten Fi- nanz- und Wirtschaftskrise unterstützt,

heißt es weiter. Die Konjunkturerholung

sei in diesem Jahr zunehmend von der in-

ländischen Nachfrage getragen worden.

Die gesamtwirtschaftliche Produktion

wird laut Schätzung der Wirtschaftswei- sen 2010 um voraussichtlich 3,7 Prozent steigen. Die Industrieproduktion war 2009 allerdings deutlich eingebrochen. Während der Wirtschaftskrise habe der deutsche Arbeitsmarkt durch seine äußerst robuste Entwicklung über- rascht, so die Gutachter weiter. „Die Be- schäftigung stagnierte weitgehend; in der aktuellen Aufschwungphase wurden schon wieder neue Arbeitsplätze geschaf-

wurden schon wieder neue Arbeitsplätze geschaf- Bislang haben vor allem Expor- te den deutschen Aufschwung

Bislang haben vor allem Expor- te den deutschen Aufschwung getragen. Soll er anhalten, müs- sen aber noch mehr Impulse vom Binnen- markt kommen.

Foto: dpa

fen.“ Von einem Wunder könne aber nicht die Rede sein. Vielmehr habe die großzügige Kurzarbeiterregelung den Ar- beitsmarkt gestützt und die Menschen vor Arbeitslosigkeit bewahrt. In diesem Jahr werde die Arbeitslosigkeit bei durchschnittlich 3,24 Millionen liegen. Im kommenden Jahr werde sie unter drei Millionen sinken und bei durchschnitt- lich 2,968 Millionen Menschen liegen. In Deutschland sei, anders als in vielen Industrieländern, der Anstieg der Staats- verschuldung geringer ausgefallen, lobt der Rat. Damit sei vermieden worden, dass sich die Finanzierungsbedingungen

in der Privatwirtschaft signifikant ver- schärfen. Deutschland sei weniger von den Auswirkungen der Krise betroffen und weise im Euro-Raum mit die stärks- te wirtschaftliche Entwicklung seit dem Ende der Krise auf. Die Gutachter rech- nen für 2011 mit einem deutlich unter den Maastricht-Kriterien liegenden Haushaltsdefizit von 2,4 Prozent. Im lau- fenden Jahr sehen sie das Defizit bei 3,7 Prozent. Bei den Verbraucherpreisen sei eine Stabilisierung zu erwarten. Der Rat schätzt, dass die Preise in diesem Jahr um 1,1 und im kommenden Jahr um 1,4 Prozent steigen werden.

gert wegen datenschutzrechtlicher Be- denken. „Die Europäische Kommission ist nun gefordert, schnell Konsequenzen aus dem Urteil zu ziehen“, sagte Agrar- staatssekretär Robert Kloos. Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brun- ner sprach von einer „gewaltigen Ohr- feige für die Kommission“. (Seite 4)

INHALT

PERSONALIEN

Der Kopper-Reflex

Warum sich HSH–Chef Nonnenmacher so lange halten konnte. Seite 18

POLITIK UND MARKT

Es wird weiter gebohrt

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko

und ihre Folgen.

UNTERNEHMEN

Lästiges Schmuddel-Image

Der Textildiscounter Kik will wachsen und daher Skandale vermeiden. Seite 20

GELD

Zweiarmige Banditen

Seite 19

Ein hochrangiger Wall-Street-Banker verurteilt die Bonus-Unkultur. Seite 26

Kursteil

Fondsseiten

Seiten 21 und 23 Seiten 21 und 22

Kopper unterstützt Nord-Regierungen

Kiel/Hamburg – Der umstrittene Chef der HSH Nordbank, Dirk Jens Nonnen- macher, soll seinen Posten räumen. Die Landesregierungen der Hauptanteilseig- ner Hamburg und Schleswig-Holstein forderten Aufsichtsratschef Hilmar Kop- per am Dienstag auf, die notwendigen Schritte für eine Trennung von Nonnen- macher einzuleiten, wie Regierungsspre- cher Knut Peters nach einer Kabinettssit- zung in Kiel sagte. „Beide Regierungen betrachten diesen Schritt als notwendig, um verlorengegangenes Vertrauen zu- rückzugewinnen“, fügte Peters hinzu. Se- natssprecherin Kristin Breuer sagte, Hamburgs Erster Bürgermeister Chris- toph Ahlhaus (CDU) habe bereits mit Kopper gesprochen. Dieser habe ihm zu- gesagt, sich nicht gegen die Entschei- dung der Hauptanteilseigner zu sperren. Auch Schleswig-Holsteins Ministerpräsi- dent Peter Harry Carstensen (CDU) tele- fonierte bereits mit Kopper. Nach Anga- ben der Landesbank wird Nonnenma- cher „bis auf weiteres die ihm übertrage- nen Aufgaben mit der gebotenen Kraft und Zuverlässigkeit fortsetzen“. Die Bank lege Wert auf ein geordnetes Ver- fahren für den Wechsel an der Führungs- spitze, so ein Sprecher. (Seite 18) dapd

WIRTSCHAFT

SZ-Wirtschaftsredaktion Hultschiner Straße 8 81677 München Telefon: 089 / 21 83 - 83 23 Börsenbüro: 089 / 21 83 - 77 70 E-Mail: wirtschaft@sueddeutsche.de www.sueddeutsche.de/wirtschaft

Seite 18 / Süddeutsche Zeitung Nr. 260

HF2

WIRTSCHAFT

Mittwoch, 10. November 2010

Zeitung Nr. 260 HF2 WIRTSCHAFT Mittwoch, 10. November 2010 Der Kopper-Reflex Von Ziehsohn ist oft die

Der Kopper-Reflex

Von Ziehsohn ist oft die Rede, wenn

das Verhältnis zwi- schen dem früheren

Vorstandsvorsitzen-

den der Deutschen Bank, Hilmar Kop- per (li.) und dem noch amtierenden Chef der HSH Nord- bank, Dirk Jens Nonnenmacher (re.) beschrieben wird. Nun hat sich Kopper dazu bereit erklärt, die Abberu- fung Nonnenma- chers selbst umzu- setzen. Das Foto zeigt die beiden beim europäischen Bankenkongress 2009 in Frankfurt am Main.

Foto: action press

Warum der frühere Chef der Deutschen Bank und jetzige HSH-Aufsichtratsvorsitzende so lange hinter Dirk Nonnenmacher stand

Von Hans Leyendecker

F ür jemanden, der mal in der Zentra- le der Deutschen Bank im 32. Stock nahe den Wolken sein Büro hatte

und von einem Spiegel-Reporter zum Aufsichtsratsvorsitzenden von ganz Deutschland ernannt wurde, ist die Auf- gabe als Chefkontrolleur der HSH Nord- bank nun wirklich nicht die Erfüllung ei- nes Lebenstraums. Dennoch hat Hilmar Kopper, 75, der in seiner langen Lauf- bahn insgesamt 61 Aufsichtsmandate be- kleidete, im Sommer vergangenen Jahres den Aufsichtsratsvorsitz bei der kleinen Landesbank „gern übernommen“ und den Job zu seiner „patriotischen Aufga- be“ erklärt. Gehe es doch dem großen al- ten Mann der Deutschland AG um nichts weniger als die Rettung der Bank – „ei- ner musste es ja machen“. Dabei war Koppers Wechsel zur HSH etwa ver- gleichbar einem doch eher unwahrschein- lichen Engagement von Franz Becken- bauer bei Eintracht Braunschweig. Ausgerechnet eine Landesbank. Aus seiner Zeit als Chef der Deutschen Bank ist Koppers Ausspruch überliefert, er bit- te den lieben Gott darum, dass sein Haus niemals Sparkassen kaufen möge. Grau, langweilig. Provinz eben. Entsprechend sorgten sich etliche Landespolitiker im Norden, Kopper werde bei einem Raus- wurf des HSH-Vorstandsvorsitzenden Dirk Jens Nonnenmacher selbst die Bro- cken hinwerfen – oder, schlimmer noch, sich der Politik entgegenstellen. Bereits im vergangenen Herbst hatte der 75-Jäh- rige darauf hingewiesen, die Länder könnten als Eigentümer nur den Auf- sichtsrat und nicht den Vorstand abberu- fen. „Wenn sie Herrn Nonnenmacher ent- lassen wollen, müssen sie erst einmal mich entlassen“, hatte Kopper gesagt. Als sich das Kabinett in Kiel und der Senat in Hamburg am Dienstag darauf verständigten, den durch Affären belaste- ten Nonnenmacher fallen zu lassen, kreis- ten die Gespräche immer wieder um Kop- per. Was wird er tun? Bleiben? Kämpfen? Schimpfen? Noch in der Kabinettssit- zung in Kiel wies Wirtschaftsminister Jost de Jager darauf hin, dass eine fristlo- se Kündigung Nonnenmachers mit Kop- per nicht zu machen sei. Den Alten brau- che man. Nun hat sich Kopper nach Se-

natsangaben dazu bereit erklärt, den Ab- gang Nonnenmachers, dem im Übrigen eine abgrundtiefe Abneigung zu Politi- kern nachgesagt wird, umzusetzen. In einem Brief an Michael Neumann, den Vorsitzenden der SPD-Bürger- schaftsfraktion Hamburg, hatte Kopper vorigen Monat darauf hingewiesen, dass er das Amt des Aufsichtsratsvorsitzen- den nur „übernommen habe, weil mit Herrn Nonnenmacher ein ausgewiesener Fachmann und eine integre Persönlich- keit an der Spitze der Bank“ stand. Für eine „Entbindung des Vorstandsvorsit- zenden von seinen Aufgaben“ gebe es „derzeit keinen Anlass“. Andererseits hatte er sowohl in diesem Brief als auch vorige Woche bei einem Treffen in der Kieler Staatskanzlei betont, es sei eine „Unterstellung“, dass er seine „Auf- sichtsratstätigkeit mit dem Verbleib von Herrn Nonnenmacher im Vorstand der HSH“ verknüpft habe. Das Verhältnis des 75-jährigen Auf- sichtsratschefs zu dem 47-jährigen Noch-Vorstandsvorsitzenden ist von Beobachtern gelegentlich als Vater- Sohn-Verhältnis interpretiert worden. Nonnenmacher sei ein Ziehsohn Kop- pers, hieß es. Vom Alter her kommt das vielleicht hin, sonst aber eher nicht. Für einen Kopper, der Josef Ackermann zur Deutschen Bank geholt hat, ist die Perso- nalie Nonnenmacher eigentlich nicht so bedeutend. „Dr. No“ wird er genannt. In der großen Bankenwelt war der Mathe- matiker und Zahlenmann Nonnenma- cher eher eine kleine Figur. Der Mann mit den langen, gegelten Haaren, der frü- her sogar einen Zopf trug, war Ende der neunziger Jahre noch Bereichsleiter bei der Dresdner Bank gewesen. 2004 hatte er das strategische Risiko- und Finanz- controlling der DZ Bank in Frankfurt übernommen. Auch kein Jahrhundert- job. Drei Jahre später war er als Finanz- vorstand zur Nordbank gewechselt. Wäh- rend der kurz darauf ausbrechenden Un- ruhen um die Milliardenlöcher dieser frü- her doch sehr grauen, aber wohltuend be- tulichen Bank wurde er im November 2008 zum Vorstandschef bestimmt. Das sei „für alle überraschend“ gewesen, hat ein Top-Manager der HSH, der als Zeuge in einem der vielen Ermittlungsverfah- ren der Bank aussagte, im September

2009 den Staatsanwälten erzählt. Non- nenmacher sei als „Newcomer“ durchge- startet und habe alle übersprungen. Die Zusammenarbeit im Vorstand sei zu- nächst entsprechend schwierig gewesen. Bei der Rückschau fällt auf, dass Kop- per den Mathematiker früh gegen Angrif- fe verteidigt hat, und manches hängt ver- mutlich mit dem berühmten Kopper-Re- flex zusammen: Alles schon erlebt, alles schon da gewesen – nicht die Nerven ver- lieren. Nur ein paar Tage nach seiner Wahl zum Aufsichtsratschef hatte er im Juli 2009 Nonnenmacher gegen den Vor- wurf verteidigt, ein Absahner zu sein. Es war publik geworden, dass der Mann von der Landesbank offenbar zwei Millionen Euro im Jahr verdiente, und Kopper wies

„Alles schon erlebt, alles schon da gewesen – nicht die Nerven verlieren“.

darauf hin, die Sondervergütung sei schon 2008 beschlossen worden. Die Be- grenzung auf 500 000 Euro Jahresgehalt ziehe in diesem Fall also nicht. Auch ar- beite Nonnenmacher nach den Personal- abgängen in der Führungsspitze für vier. Die Alten erinnerten sich, dass Kopper mal in den neunziger Jahren den Bonus nach Deutschland gebracht hatte, als er bei der Deutschen Bank und bei Daimler neue Entlohnungsschemata einführte. Natürlich hat Kopper bald nach sei- nem Amtsantritt bei der HSH die an- schwellende Affärenberichterstattung in den Medien genau registriert, aber lässt sich der Erfinder der „Peanuts“ von der Meute beeindrucken? Was war das doch 1994 ein Theater gewesen, als Kopper nach der Pleite des Immobilienkauf- manns Jürgen Schneider bei einer Presse- konferenz von „Peanuts“ sprach, als er Fragen nach unbezahlten Handwerker- rechnungen über umgerechnet 25 Millio- nen Euro beantwortete. Fortan war er der arrogante Geldsack der Nation. Na und. Vorbei. Die Reporter haben ihm auch eifrig nachgestellt, als er sich schei- den ließ und 1999 die Witwe des früheren Kanzlers Willy Brandt, die Historikerin Brigitte Seebacher-Brandt, ehelichte.

„Darf Kopper das?“, moralisierten da- mals die üblichen Trieb-Moralisierer der bunten Blätter. Auch vorbei. Kopper war 17 Jahre lang im Auf- sichtsrat von Daimler, und er hat in den neunziger Jahren den damaligen Spit- zenmann des Autokonzerns, Jürgen Schrempp, der aus dem Unternehmen eine Welt AG machen wollte, zum „Leit- wolf“ und maximo leader hochstilisiert. Früh warnten Kritiker, dass bei diesem Schrempp-Weltabenteuer Milliarden verbrannt würden. Das war noch eine Un- tertreibung, wie sich später zeigte, aber Kopper war in Treue fest: Einen „Eins-a- Menschen“ nannte er Schrempp. Non- nenmachers Kritiker sind vom Gipfel aus betrachtet eher C-Klasse. Muss ein Kopper alle und alles ernst nehmen? Als Aufsichtsratschef hatte er bei Hauptver- sammlungen Kritiker aus dem Saal tra- gen lassen. Selbst Wirtschaftsprofesso- ren wie seinen Intimgegner Ekkehard Wenger ließ er rausschaffen. Der auf einem Bauernhof in Pommern aufgewachsene Kopper, der 1954 als Aus- zubildender bei der Deutschen Bank an- fing und 23 Jahre später in den Vorstand einzog, hat schon viele Zweikämpfe ge- wonnen. Und die Justiz, die so eifrig in Sachen HSH ermittelt? Natürlich ver- langt Kopper „eine schonungslose Auf- klärung“, aber wie viele Verfahren hat er selbst heil überstanden? Mehrmals hat er in seiner aktiven Zeit von einer Strafver- folgungsbehörde ein Aktenzeichen ver- passt bekommen. Als er 1997 ohne An- walt als Zeuge in dem Prozess gegen Jür- gen Schneider auftrat, gab es ein Gedrän- ge wie bei einer Oscar-Verleihung. Der Richter fragte den Zeugen nach der „fast unfassbar fahrlässigen“ Haltung des Hauptkreditgebers Deutsche Bank. Kop- per blieb gelassen. Bleibt doch die Frage, warum sich so ei- ner den Posten bei der HSH zugemutet hat. Vier Monate vor seiner Ernennung zum Aufsichtsratschef hatte Kopper zur Finanzkrise gesagt: Als Pensionär und als Zuschauer finde er das alles sehr interes- sant: „Ich komme mir vor wie Goethe bei der Kanonade von Valmy“. Das mit Goe- the war 1792. Der Dichterfürst sah eine neue Ära aufziehen, als die französische Revolutionsarmee über ihre europäischen Gegner siegte. Revoluzzer an der Förde?

Schnüffeln, überwachen, bespitzeln

In den vergangenen Jahren sind schon mehrere Firmenchefs und Vorstände über eine Datenschutzaffäre gestolpert

D ie Juristin Margret Suckale galt lan- ge Zeit als die Karrierefrau. Zu-

nächst leitete die Hanseatin bei der Deut- schen Bahn die Rechtsabteilung, dann wurde sie Mitglied des Vorstands. Ihr un- terstand der riesige Personalbereich. Ei- nem breiteren Publikum wurde die 54-Jährige bekannt, als sie schlagfertig bei Anne Will den Vorsitzenden der Lok- führergewerkschaft ins Leere laufen ließ. Was konnte so eine noch alles wer- den? Dann kam die Datenschutzaffäre der Deutschen Bahn. Selbst Bahnchef Hartmut Mehdorn, über den die Kanzle- rin einst spöttisch-anerkennend meinte, dass er offenbar wie eine Katze sieben Le- ben habe, musste gehen, und auch weite- re Vorstandsmitglieder verloren ihre Pos- ten. Ohne Abfindung war Suckale, die auch in der Datenaffäre in Verdacht gera- ten war, schon früh gegangen. Im April 2009 wurde bei dem Discoun- ter Lidl der Vorsitzende von Lidl Deutschland, Frank-Michael Mros, „mit sofortiger Wirkung“ von seinen Aufga- ben entbunden. Kurz zuvor hatte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel ent- hüllt, dass das Discountunternehmen in handschriftlich geführten Krankenak- ten festgehalten hatte, wer schwanger werden wollte oder wer beim Psycholo- gen war. Das war für Lidl besonders un- angenehm, weil dreizehn Monate zuvor die heimliche Kameraüberwachung von Mitarbeitern bekannt geworden war. Derart sollte damals auch festgestellt werden, wer vom Personal klaut. Laden- diebstähle durch Mitarbeiter sind eine Seuche.

Laden- diebstähle durch Mitarbeiter sind eine Seuche. Lidl Deutschland-Chef Frank-Michael Mros musste wegen

Lidl Deutschland-Chef Frank-Michael Mros musste wegen heimlich gesammel- ter Krankendaten gehen. Foto: dpa

Korruption, Diebstahl, Verrat von Be- triebsinterna oder sogar von Betriebsge- heimnissen – all das sind keine Bagatel- len. Die Unternehmen haben in den ver- gangenen Jahren sicherheitstechnisch kräftig aufgerüstet, um diesen Gefahren begegnen zu können. Auch macht die mo- derne Kommunikationstechnologie, wie Gerhart Baum, der frühere Bundesinnen- minister betont, eine „fast totale Überwa- chung möglich“. So ist ein Schattenreich entstanden, in dem sich ehemalige Mitarbeiter staatli- cher Sicherheitsbehörden tummeln, und nicht jeder von ihnen hat immer das Ge-

tummeln, und nicht jeder von ihnen hat immer das Ge- Bahn-Personalvorstand Margret Sucka- le verließ den

Bahn-Personalvorstand Margret Sucka- le verließ den Konzern im Zuge der Da-

tenaffäre. Nun ist sie bei BASF.

F.: dpa

setzbuch unterm Arm. Es mangelt man- chem der Ehemaligen aus dem Staats- dienst an dem Bewusstsein, nicht der Staat zu sein. Auch gibt es Hinweise auf ein Netzwerk von Sicherheitsabteilun- gen, die Informationen austauschen und auf dem kleinen Dienstweg Material sam- meln. Die ganz schmutzigen Arbeiten werden gern Detekteien übertragen. Auch der tiefe Fall des Dirk Jens Non- nenmacher ist verbunden mit den Ma- chenschaften von Spezialisten, die fal- sche Spuren gelegt haben sollen, um Kri- tiker fertigzumachen, Lecks im Unter- nehmen zu finden oder derart einen billi-

gen Rauswurf eines Mitarbeiters zu errei- chen. „Wir haben keinen Hinweis dar- auf, dass die Bank davon wusste. Viel- leicht wollte sich ein Detektiv durch übergroßen Eifer nur wichtig machen“, sagt ein Hamburger Staatsanwalt. Die HSH-Spitze ließ nach einem Loch su- chen und schaut jetzt in den eigenen Ab- grund. Die Abwehr irgendwelcher vermute- ten, angeblichen oder tatsächlichen Ge- fahren kann für Manager brandgefähr- lich werden, wenn die vorgeblichen Auf- klärer illegale Methoden anwenden. Fachleute der Sicherheitsbranche reden dann von „Edeka-Fällen“ – Ende der Karriere. Neben Bahn oder Lidl hatte in den vergangenen Jahren auch die Tele- kom ihre Schnüffelaffäre, die zeitweise die Republik bewegte. Mit dem Einsatz fragwürdigster Mittel wurden in einzel- nen Fällen Gewerkschafter, Mitarbeiter, Lieferanten oder auch Journalisten durchleuchtet und observiert. Es gab bei Bahn und Telekom Massendurchleuch- tungen, und keine dieser zum Teil auf- wendigen fragwürdigen Methoden hat zum Ziel geführt. Auch hatte die Deut- sche Bank eine üble Spitzelaffäre, die sich aber nicht in das Bewusstsein der Öf- fentlichkeit eingebrannt hat. Den meisten der in solch übelriechen- de Affären angeblich oder tatsächlich verwickelten Mitarbeiter bekommen kei- ne Chance auf die zweite Karriere. Eine Ausnahme ist wieder Margret Suckale. Sie wurde erst Abteilungsleiterin bei BASF und soll im nächsten Jahr in den Vorstand aufsteigen. Hans Leyendecker

Larry und die Detektive

Oracle-Chef Ellison will nicht nur mit SAP, sondern auch mit HP streiten und lässt deshalb nach Léo Apotheker fahnden

I n Auckland könnte er sein, in Genf oder in Singapur. In allen drei Städten

gibt es, wie in vielen weiteren, Niederlas- sungen von Hewlett-Packard (HP). Und Léo Apotheker, der den größten Compu- terhersteller seit kurzem führt, hat ange- kündigt, die ersten Wochen, wenn nicht sogar Monate damit zu verbringen, Ange- stellte und Kunden auf der ganzen Welt kennenzulernen. So sucht der streitbare Oracle-Chef Larry Ellison nun also per Privatdetektiv nach dem 57-Jährigen. Acht Jahre nämlich saß Apotheker auch im Vorstand von SAP – just zu jener Zeit, als der Konzern den amerikani- schen Dienstleister Tomorrow Now kauf- te, um Oracle unzufriedene Kunden mit günstigen Wartungsdiensten abspenstig zu machen. Mit Rabatten pries SAP die ei- gene Software. Erfolgreich, wie Apothe- ker später sagte. Als wenig erfolgreich er- wies sich der Eifer einiger Mitarbeiter von Tomorrow Now, die sich immer wie- der unerlaubt Zugang zu einer Kunden- betreuungs-Website von Oracle ver- schafften und dort Daten herunterluden. Oracle wertete dies als Spionage im gro- ßen Stil und zerrte SAP 2007 vor Gericht. Tomorrow Now, die amerikanische Toch- ter, die dem deutschen Mutterkonzern nie Geld einbrachte, ist inzwischen liqui- diert. Nach anfänglichen Dementis hat SAP den Diebstahl zugegeben. Doch in der Frage, wie viel Schadener- satz Oracle dafür zusteht, liegen die Kon- trahenten weit auseinander. Ein Anwalt von SAP nannte kürzlich die Summe von 40 Millionen Dollar, das Vierfache hat der Softwarekonzern sicherheitshalber zur Seite gelegt – und das Hundertfache hat nun Oracle-Chef Ellison gefordert, als er am Montag als Zeuge in dem sich seit drei Jahren hinziehenden Prozess aussagte. Vier Milliarden Dollar, betonte er, hätte SAP für die Lizenzen der Ora- cle-Software zahlen müssen. Doch es geht es um weit mehr als den Wert von gestohlener Software: In dem Gerichtssaal im kalifornischen Oakland werden derzeit die persönlichen Rivalitä- ten einiger schillernder IT-Manager aus- getragen. Vor allem Ellison, der einst nach einem abgebrochenen Studium und ohne einen Cent nach Kalifornien kam und dort Oracle als einen der ersten An- bieter von Unternehmenssoftware grün- dete, gilt als streitlustig. Und so ist sein Tonfall schärfer geworden, je stärker ihm Konkurrenten ins Gehege kamen. Erst kürzlich ist Oracle mit der Übernah- me von Sun Microsystems, einem Herstel- ler von Großcomputern und Firmenrech- nern, ins Revier von HP vorgedrungen. Dem Wettbewerb um Kunden folgte ein

solcher um Spitzenmanager. In seiner Dramaturgie stand dieser einer Seifen- oper in nichts nach: In diesem Sommer kam ans Licht, dass HP-Chef Mark Hurd Aufträge an eine Dame vergeben hatte, die ihr Geld vor allem in Filmen verdien- te, zu denen Minderjährigen der Zutritt verwehrt wird. Um dies zu verheimli- chen, fälschte Hurd gleich noch die Spe- senabrechnungen für die gemeinsamen Geschäftsessen. Der Aufsichtsrat setzte den Konzernchef vor die Tür – und wur- de für so viel Dämlichkeit von Ellison öf- fentlich gescholten. Weil er sich natür- lich für klüger hält, holte der 66-Jährige Hurd selbst an Bord und provozierte da- mit eine Klage wegen Geheimnisverrats. HP ließ diese letztlich fallen, präsentier- te Anfang Oktober Apotheker als neuen Konzernchef und erntete erneut Ellisons Spott über die vermeintlich verfehlte Per- sonalentscheidung. So erscheint es zumindest nicht ganz unglaubwürdig, wie HP die jüngsten Ent- wicklungen in dem Spionageprozess deu- tet: Oracle habe sich in letzter Minute ent- schieden, Apotheker vorzuladen, um die- sen zu schikanieren und im Streit mit

„Schreibt doch einfach stehlen statt erfinden in Euren Slogan!“

SAP medienwirksam auch noch gegen den Konkurrenten HP zu keilen. Der Konzern mit Sitz im kalifornischen Palo Alto weigerte sich, die an Apotheker ge- richtete Vorladung entgegenzunehmen. Und Oracle-Chef Ellison mutmaßt, HPs Aufsichtsratschef Ray Lane werde Apo- theker „weit, weit weg vom Gerichtssaal halten, bis dieser Prozess vorüber ist“. Für Lane, der bereits Position für Apothe- ker bezogen hat, hielt der im Silicon Val- ley für seine bitterbösen Scherze gefürch- tete Manager gleich noch einen Rat- schlag bereit: HP könne in seinem Slogan das Wörtchen „erfinden“ gleich durch „stehlen“ ersetzen. Selbst wenn Apotheker nicht im Ge- richtssaal erscheint, ist Oracle gerüstet:

Es gibt eine auf Video aufgezeichnete ei- desstattliche Erklärung des einstigen SAP-Chefs von 2008. Darauf will Ora- cles Anwalt David Boies notfalls zurück- greifen. Vor zwölf Jahren hat der profi- lierte Anwalt in einem kartellrechtlichen Verfahren gegen Microsoft bereits bewie- sen, dass er damit umgehen kann: Da- mals gelang es ihm, die Glaubwürdigkeit von Microsoft-Chef Bill Gates infrage zu stellen. (Kommentare) Varinia Bernau

Bill Gates infrage zu stellen. (Kommentare) Varinia Bernau Im Spionageprozess gegen SAP hat Oracle-Chef Larry Ellison

Im Spionageprozess gegen SAP hat Oracle-Chef Larry Ellison seine Schadener- satzforderung nun auf vier Milliarden Dollar erhöht. Foto: Reuters

Siemens-Manager in Revision

Dreieinhalb Jahre nach einem Urteil um illegale Zahlungen eines früheren Sie- mens-Managers wird der Prozess vor dem Landgericht Darmstadt neu aufge- rollt. Der 67-Jährige muss sich seit Diens- tag wegen Untreue verantworten. Im ers- ten Verfahren war der Mann im Mai 2007 nach der Zahlung von Schmiergeldern in Höhe von sechs Millionen Euro wegen Be- stechung und Untreue zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof meinte aber, es liege keine Bestechung vor und wies das Verfahren zurück. Das Landgericht be- fasste sich zu Beginn des ersten Tages mit dem alten Urteil. dpa

Wechsel bei der Aareal Bank

Norbert Kickum, der im Vorstand der Aa- real Bank für Immobilienfinanzierungen auf den internationalen Märkten verant- wortlich war, hat das Institut mit Wir- kung zum 31. Oktober „aus persönlichen Gründen und im besten gegenseitigen Einvernehmen verlassen“, wie die Bank am Dienstag meldete. Der Nachfolger soll in Kürze bekannt gegeben werden. Kickum gehörte dem Vorstand der Aareal Bank seit November 2005 an. Er habe das Geschäft in Asien, Nordameri- ka und im europäischen Ausland im Rahmen der Drei-Kontinente-Strategie der Wiesbadener Bank stark ausgebaut,

hieß es weiter.

SZ

Koch kontrolliert die UBS

Gerade erst ist Roland Koch zum neuen Chef des Baukonzerns Bilfinger Berger ernannt worden. Jetzt hat der frühere hessische Ministerpräsident (CDU) ein weiteres Amt in der Wirtschaft übernom- men. Vom 1. Januar an soll er den Auf- sichtsrat der UBS Deutschland führen. Das teilte die deutsche Tochter der Schweizer Großbank am Dienstag mit. Koch folgt Arthur Decurtins, der seit 2002 dem Aufsichtsrat angehörte. Koch habe sich während seiner Zeit als Minis- terpräsident für den Bankenplatz Frank- furt eingesetzt, bringe politische Erfah- rung und juristische Kompetenz mit, be- gründete die UBS die Berufung. Die UBS war in der Finanzkrise in ei- ne schwere Schieflage geraten. Kaum ein Institut musste mit so viel Geld gestützt werden, wie der einst weltweit größte Vermögensverwalter. Neben der Finanz- krise setzte auch ein Steuerstreit mit den USA den Schweizern zu. Die UBS hatte schließlich Kundendaten offengelegt und 780 Millionen Dollar Bußgeld ge- zahlt. Die Probleme des Mutterkonzerns hatten auch der deutschen Tochter zu schaffen gemacht, die hier vor allem als Vermögensverwalter für reiche Kunden und Berater bei Kapitalmarktgeschäften auftritt. Sie beriet unter anderem den Bankenrettungsfonds Soffin. Der 52-jährige Koch hatte im vergan- genen Mai überraschend seinen Rückzug aus der Politik angekündigt, um in die Wirtschaft zu wechseln. mhs

Mittwoch, 10. November 2010

WIRTSCHAFT

HF2

Süddeutsche Zeitung Nr. 260 / Seite 19

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko: Verantwortung und Folgen

Es wird weiter gebohrt

Die Wirtschaftskrise ist vorbei und die Förderkonzerne nehmen neue ehrgeizige Projekte in Angriff – in der Tiefsee und der Arktis

Von Andreas Oldag

London – Die Ölkonzerne haben die Wirt- schaftskrise abgehakt. Steigende Ölprei- se bescheren der Branche volle Kassen. Mit der Erholung der Konjunktur ist die Nachfrage nach Öl und Gas gestiegen. Das wiederum treibt die Preise: Wäh- rend ein Fass Rohöl vor einem Jahr noch für unter 70 Dollar zu haben war, kostet es derzeit etwa 88 Dollar. Ursache des Preisanstiegs ist insbesondere der Ener- giehunger in Schwellenstaaten wie Chi- na und Indien. Die mächtige Ölindustrie lässt indes keinen Zweifel daran, dass sie ihre ehr- geizigen Explorationsvorhaben, die in der Wirtschaftskrise 2008 und 2009 zu- rückgestellt wurden, nun mit Hochdruck vorantreiben will. „Wir sehen neue Wachstumsmöglichkeiten mit verbesser- ten Erträgen“, erklärt etwa Shell-Chef Peter Voser. Der britisch-niederländi- sche Konzern will schwer zugängliche Lagerstätten in Australien, den USA und China erschließen. Rivalen wie die US- Konzerne Exxon Mobil, Conoco Phillips und Chevron planen ebenfalls milliarden- schwere Investitionen. Die Hoffnung auf eine neue Öl-Bonan- za fällt allerdings in eine Zeit, in der die Branche kritisch beäugt wird. Die vom britischen Konzern BP verursachte Öl- pest im Golf von Mexiko hat die Frage aufgeworfen, ob Tiefseebohrungen noch vertretbar sind. Die Industrie lassen sol- che Bedenken kalt. Der Boom bei Tiefsee- bohrungen wird nach Ansicht vieler Ex- perten schon allein wegen der steigenden Ölnachfrage anhalten. Die Industrie muss zwar wegen ver- schärfter Sicherheitsauflagen mit höhe- ren Ausgaben rechnen. Auch die Versi- cherungskosten für Plattformen sind seit der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko deutlich gestiegen. Doch das alles wird die Konzerne nicht bremsen. „Es ist ähn- lich wie bei der Nutzung der Nuklear- energie. Wir müssen die Risiken minimie- ren. Das ist eine ständige Herausforde- rung, vor der die Industrie steht“, meinte BP-Vorstandsmitglied Iain Conn. Dabei steckte BP noch im Sommer die- ses Jahres in einer Existenzkrise. Damals galt Exxon als Käufer für den taumeln- den Konzern. Doch den Briten ist es zwi- schenzeitlich gelungen, Übernahmespe- kulationen den Nährboden zu nehmen. Der neue BP-Chef Robert Dudley for- ciert den Umbau des Konzerns. Dies be- deutet einerseits strengere Sicherheits-

Konzerns. Dies be- deutet einerseits strengere Sicherheits- Die Folgen der Ölkatastrophe für die Umwelt: Das Bild

Die Folgen der Ölkatastrophe für die Umwelt: Das Bild zeigt abgestorbene Korallen im Golf von Mexiko.

Foto: AP

standards und Kontrollen, andererseits trennt sich BP von Beteiligungen im Wert von 30 Milliarden Dollar, etwa 22 Milliarden Euro, um die Kosten der Öl- pest zu tragen. Immerhin geht es um ein Zehntel der Beteiligungen des Unterneh- mens. Dudley will den Konzern dadurch auch schlanker und effizienter machen. Die Ironie des Golf-Desasters könnte sogar sein, dass BP am Ende stärker da- steht als die Konkurrenz, die bislang nicht unter solch starkem Handlungs- druck steht, Ballast abzuwerfen. Immer- hin hat Shell den Trend erkannt und trennt sich von einigen Beteiligungen, et- wa im Raffineriegeschäft, das weniger Gewinn abwirft als die Ölförderung. So wurde die Anlage in Heide in Schles- wig-Holstein an eine Investmentgesell- schaft verkauft. Aber auch bei der Öl-

und Gasförderung tritt Shell kürzer, wie der Verkauf von Anteilen am größten aus- tralischen Öl- und Gaskonzern Woodsi- de Petroleum zeigt, der Shell 3,3 Milliar- den Dollar einbringt. Die stärkere Ausrichtung der Ölkon- zerne auf die Förderung ist allerdings mit erheblichen Investitionen verbun- den. Das hat geopolitische Hintergrün- de. Weil die westlichen Ölunternehmen von nationalen Ölgesellschaften im Na- hen Osten und Südamerika aus ihren zum Teil noch aus der Kolonialzeit stam- menden Gebieten verdrängt werden, müssen sich die nichtstaatlichen Ölrie- sen zwangläufig auf technologieintensi- ve Förderregionen konzentrieren. Dazu gehören Vorkommen in den schwer zu- gänglichen Regionen Alaskas ebenso wie in der Tiefsee.

Mit seinen etwa 6000 Fördertürmen ist der Golf von Mexiko die wichtigste Öl-Offshore-Region der Welt. Er trägt zu einem Viertel der amerikanischen Rohöl- versorgung bei. Als weitere „hot spots“ für Tiefseebohrungen gelten Grönland und die brasilianische Atlantikküste. Ex- perten schätzen die Reserven vor der grönländischen Küste auf bis zu 50 Milli- arden Barrel (1 Barrel = 159 Liter). Das würde Europa unabhängiger machen von Importen aus dem politisch instabi- len Nahen und Mittleren Osten. Vor der Küste Brasiliens ist vor allem der brasili- anische Staatskonzern Petrobras auf der Suche nach dem schwarzen Gold. Das größte Land Südamerikas will bis 2030 zum viertgrößten Ölproduzenten der Welt aufsteigen – dank seiner vermute- ten Reserven unter dem Atlantikgrund.

Die schwierige Suche nach der Wahrheit

Amerikanische Ermittler legen einen Bericht vor, der den britischen BP-Konzern entlastet. Kritiker sind empört

Von Silvia Liebrich

München – Noch ist die Ursache für die größte Ölkatastrophe der amerikani- schen Geschichte nicht umfassend aufge- klärt. Doch Untersuchungen der US-Er- mittler zeigen immer deutlicher, dass wohl nicht allein der britische BP-Kon- zern die Schuld an dem schweren Un- glück im Golf von Mexiko trägt, bei dem elf Menschen starben und fast fünf Millio- nen Barrel Öl ins Meer flossen. Eine Expertenkommission, die den Un- fall untersucht, kommt offenbar in vie- len Punkten zu ähnlichen Ergebnissen wie eine interne Studie von BP. Das geht aus einem am Montag vorgelegten Be- richt hervor. „Die Erkenntnisse decken sich zu etwa 90 Prozent“, sagte Fred Bart- lit, der die von Präsident Barack Obama berufene Kommission leitet. Man habe auch keine Hinweise gefunden, dass die Sicherheit aus Profitgier vernachlässigt worden sei, betonte er. Eine Einschät- zung, die völlig im Gegensatz zu den Be- funden eines Untersuchungsausschusses des US-Kongresses steht, der schwere

Vorwürfe gegen BP erhebt. Der britische Konzern hat zwar von Anfang an die Ver- antwortung für die Bekämpfung der Öl- pest übernommen, aber ein Mitverschul- den anderer Firmen nie ausgeschlossen. An der Erschließung des Macondo-Öl- felds waren neben BP auch der amerika- nische Ausrüster Halliburton und der Plattformbetreiber Transocean beteiligt. Zudem sind die US-Ölfirma Anadarko und die japanische Mitsui Oil Explorati- on an dem Ölfeld mitbeteiligt. Sie müs- sen damit rechnen, dass ein Teil des Scha- dens in zweistelliger Milliardenhöhe an ihnen hängen bleibt. In Washington stieß der jüngste Be- richt, der BP entlastet, auf Skepsis und Widerspruch. Edward J. Markey, Kon- gressabgeordneter und Mitglied des Energieausschusses, hält an seinen Vor- würfen gegenüber BP fest: „Wenn es zur Firmenkultur gehört, Risiken einzuge- hen und Abkürzungen zu nehmen, dann kommen dabei systemische Fehler her- aus, die zu Katastrophen wie der Ölpest führen, ohne, dass es eine einzelne kom- promittierende Entscheidung gab“, sag-

eine einzelne kom- promittierende Entscheidung gab“, sag- Die Frage, wer Schuld hat an der Ex- plosion

Die Frage, wer Schuld hat an der Ex- plosion der „Deepwater Horizon“, ist noch immer unbeantwortet. Foto: AP

te er. Pipelinelecks in Alaska, ein Raffine- rieunfall in Texas und die Deepwater-Ho- rizon-Katastrophe hätten bewiesen, dass BP mit dem Ziel der Profitmaximierung seit langem an die Grenzen des Machba- ren gehe. Der in dieser Woche vorgelegte Be- richt ist nur einer von vielen. Vor kurzem wies die von Bartlit geleitete Kommissi- on dem Ausrüster Halliburton schwere Versäumnisse nach. Die US-Firma habe das Bohrloch unter der Ölplattform Deepwater Horizon nur mangelhaft ze- mentiert und trage daher eine Mitschuld an dem Unglück. Die Bohranlage war am 20. April im Golf von Mexiko explodiert und untergegangen. Die offene Bohrstel- le konnte erst Anfang September endgül- tig abgedichtet werden. Ungeklärt bleibt weiter, warum das Not-Absperrventil am Meeresboden versagte. Experten gehen davon aus, dass es noch Monate dauern wird, bis die Unter- suchungen zu dem Unglück abgeschlos- sen sind. Prozesse gegen BP und andere Beteiligte werden sich vermutlich über viele Jahre hinziehen. (Kommentare)

Staatsgeld behindert Klimaschutz

Energieagentur prangert Subventionen für fossile Brennstoffe an

Von Christopher Schrader

München – Die Kosten für Benzin oder Brennstoffe haben in vielen Ländern heu- te eine ähnliche Bedeutung wie der Brot- preis vor der Französischen Revolution:

Eine Regierung, die auf die eigene Stabili- tät bedacht ist, sollte Energie möglichst billig halten. Viele Länder subventionie- ren darum den Verbrauch von Kohle, Öl, Gas oder Strom massiv, wie der am Diens- tag veröffentlichte World Energy Out- look 2010 der Internationalen Energie- agentur (IEA) belegt. Insgesamt 312 Milli- arden Dollar lassen es sich demnach 25 Entwicklungs- und Schwellenländer kos- ten, ihre Bürger mit billigem Benzin oder subventionierter Elektrizität zu versor- gen. Die in Paris ansässige Agentur, die von 28 Industriestaaten getragen wird, stellt die Subventionen dieses Mal in ih- rem jährlichen Bericht besonders heraus. Zwei Gruppen von Ländern gewähren der IEA zufolge ihren Bürgern Subventio- nen für fossile Brennstoffe: Zum einen sind es Öl- und Gasproduzenten wie Iran, Venezuela und Indonesien, die auf dem Binnenmarkt nicht einmal die um eingesparte Transport- und Verteilungs- kosten verminderten Weltmarktpreise für Energieträger verlangen. Zum ande- ren stützen Schwellenländer wie Indien, Südafrika und China den Energiever- brauch. Peking etwa legt noch für einige Kraftstoffe Preisobergrenzen fest. Die Liste der Subventionen wird ange- führt von Iran, das 66 Milliarden Dollar dafür aufwendet. In China sind es 18 Mil- liarden Dollar. Das Land hat viele Preise bereits freigegeben und Subventionen in Zeiten sinkender Energiekosten gestri- chen, ohne sich den „Zorn der Verbrau- cher“ zuzuziehen, wie es die IEA formu- liert. Daher betragen die Subventionen dort weniger als 20 Prozent, während Iran, Saudi-Arabien oder Venezuela die Energie zu mehr als 50 Prozent stützen. Diese Subventionen haben für die Län- der viele negative Folgen. Sie sind und waren kostspielig – im Jahr der Finanz- krise 2008 war die Summe sogar auf etwa 500 Milliarden Dollar angestiegen – und fördern Verschwendung und Miss- brauch. Die wirtschaftlichen Stützmaß- nahmen auslaufen zu lassen, was sich vie-

le der betroffenen Länder offiziell vorge- nommen haben, könnte den globalen Öl- verbrauch schon bis 2020 um 4,7 Milliar- den Barrel (zu 159 Liter) pro Tag senken, also um fünf Prozent des dann zu erwar- tenden Verbrauchs an Primärenergie. Auf einem anderen Gebiet erwartet die Energieagentur aber langfristig stei- gende Subventionen: bei den erneuerba- ren Energien. Die Ausgaben sollen von aktuell 57 auf mindestens 200 Milliarden Dollar im Jahr 2035 steigen. Diese Zahl entnimmt die IEA den Regierungspro- grammen der Länder, die nach dem Kli- magipfel in Kopenhagen vor knapp ei- nem Jahr freiwillige Zusagen gemacht hatten. Diese dürften allerdings nicht ausreichen, um das ebenfalls in Kopenha- gen vereinbarte Ziel zu erreichen, dass sich die globalen Durchschnittstempera- turen maximal um zwei Grad Celsius ge- genüber der vorindustriellen Zeit erhö- hen. Der Energiebericht schätzt, dass sich die Erde langfristig um mindestens 3,5 Grad erwärmt, wenn nur die zugesag- ten Maßnahmen umgesetzt werden. Auf den Zwei-Grad-Kurs zu kommen sei möglich, aber eine Billion Dollar teurer als im vergangenen Jahr. (Kommentare)

ANZEIGE

Lohn-Outsourcing schont die Nerven

Die Lohn- und Gehaltsabrechnung ist für Unternehmen auf Grund der ständigen gesetzlichen Änderungen eine mühsame Aufgabe. Insbesondere zum Jahreswechsel müssen regelmäßig kurzfristig Neuerungen umgesetzt werden. In diesem Jahr verheißen Stichworte wie Aufwendungsausgleichs- gesetz und Zahlstellen-Meldeverfahren zu- sätzlichen Aufwand. Da empfiehlt es sich, die Lohnabrechnung dem Steuerberater an- zuvertrauen. Mit profunder Sachkenntnis, der DATEV-Software zur Lohnabrechnung und dem DATEV-Rechenzentrum im Hin- tergrund hat er die Löhne sicher im Griff, auch bei kurzfristigen

Änderungen. www.datev.de

im Griff, auch bei kurzfristigen Ä nderungen. www.datev.de Bier wird teurer Weil immer weniger Landwirte Gerste

Bier wird teurer

Weil immer weniger Landwirte Gerste anbauen, muss importiert werden

Von Uwe Ritzer

Nürnberg – Die Rohstoffe für das Brauen von Bier werden immer knapper und dementsprechend teurer. Weil immer mehr Landwirte lieber lukrativere Ener- giepflanzen wie Mais anbauen, die dann in Biogasanlagen zu Energie umgewan- delt werden, kann der Bedarf an Brau- gerste inzwischen nicht mehr gedeckt werden. Mehr als die Hälfte der benötig- ten Menge muss in diesem Jahr impor- tiert werden, vor allem aus Frankreich, Dänemark und Nordeuropa. Die immer schwierigere Rohstoffversorgung ist der Hauptgrund, weshalb die Bierpreise dem- nächst steigen werden. Spätestens im ersten Halbjahr 2011, wenn längerfristigere Abnahmeverträge auslaufen, werde die Kiste Bier um durchschnittlich 30 bis 50 Cents teurer, sagte Gerhard Ilgenfritz, Präsident des Verbands der bayerischen Privatbraue- reien im Vorfeld der Brau Beviale. Die weltweit größte Getränkemesse in die- sem Jahr beginnt am heutigen Mittwoch in Nürnberg. Die künftige Versorgung mit günstigen Rohstoffen wird dort eines der Hauptthemen sein. Nach Angaben von Ilgenfritz ist der Preis für Braugerste zuletzt um mehr als 70 Prozent gestiegen. Weizen sei sogar doppelt so teuer wie noch vor einem Jahr. Kaum anders sei es bei Malz. Im Mai ha- be eine Tonne noch knapp 260 Euro ge- kostet; derzeit seien es bereits mehr als 400 Euro. Diese Kostensteigerungen be- lasten kleine und mittelständische Braue-

reien mit Mehrkosten von etwa einem Prozent ihres Umsatzes. „Eine vernünf- tig kalkulierende Brauerei wird nach Auslaufen ihres Malzkontraktes um eine Bierpreiserhöhung nicht herumkom- men“, sagte Ilgenfritz. Interne Puffer, um die exorbitanten Preissteigerungen an den Rohstoffmärkten aufzufangen, ha- be kaum ein Unternehmen. Die Brauer rechnen nicht damit, dass sich die Lage an den für sie relevanten Rohstoffbörsen in absehbarer Zeit ent- spannen wird. Vor allem Braugerste wer- de „eine knappe Ware bleiben“, sagte Il- genfritz, weil der Anbau sogenannter Energiepflanzen für Landwirte immer at- traktiver werde, je mehr man auf erneuer- bare Energien setze. Um höhere Bierpreise am Markt durch- setzen zu können, brauchen die Brauer gute Argumente. Vor allem kleine und mittlere Brauereien werben verstärkt mit dem Argument regionaler Nähe und der damit verbundenen Ressourcenscho- nung. Ilgenfritz zitierte aus einer Studie des Marktforschers GfK, wonach fast die Hälfte der Verbraucher regionale Pro- dukte mit geringen Transportwegen be- vorzugen. Sie seien bereit, dafür auch mehr Geld zu bezahlen. „Gelingt es den regionalen Brauern, sich in diesem Be- reich eine glaubwürdige Positionierung aufzubauen, ist eine auskömmliche Preis- gestaltung möglich“, sagte Ilgenfritz. Ins- gesamt gibt es in Deutschland gut 1300 Brauereien. 90 Prozent davon sind klei- ne, mittelständische und in der Regel fa- miliengeführte Unternehmen.

Politik und Markt

Kohlebeihilfen bis 2018

Brüssel – Im Europaparlament hat sich der zuständige Ausschuss mit deutlicher Mehrheit dafür ausgesprochen, die Sub- ventionen für die Steinkohleförderung bis Ende 2018 beizubehalten. Damit stell- te sich der Wirtschaftsausschuss gegen die Pläne der EU-Kommission, die Beihil- fen bereits bis Oktober 2014 auslaufen lassen. Dies teilte eine Sprecherin des Eu- ropaparlaments am Dienstag in Brüssel mit. Die Vorlage geht nun ans Plenum, das darüber vermutlich am 23. Novem- ber abstimmen wird. Die Entscheidung über die Pläne der Kommission treffen entweder am 10. Dezember die zuständi- gen Minister der 27 EU-Staaten, oder – falls diese sich nicht einigen können – die Staats- und Regierungschefs bei ihrem Gipfeltreffen am 16. und 17. Dezember. Das Europaparlament hat in der Frage kein Mitentscheidungsrecht. Deutsch- land fordert ein Festhalten an der Stein- kohleförderung bis 2018, wie dies auch der Kohlekompromiss zwischen Bund und Ländern von 2007 vorsieht. In Deutschland fördern nach Angaben des Betreibers RAG Deutsche Steinkohle AG vom Juli noch vier Zechen im Ruhrge- biet Kohle, eine im Norden Nord- rhein-Westfalens und eine im Saarland. Sie werden mit Milliardensummen unter- stützt. Auch in Spanien und Rumänien wird noch Steinkohle gefördert. Unterdessen betonte der Brandenbur- ger Europaabgeordnete der CDU, Chris- tian Ehler, Kohle sei eine zentrale Säule der Energieproduktion. Er forderte eine stärkere Anerkennung der Kohle in der europäischen Energiepolitik. AFP/dpa

Bewerber durchleuchtet

Berlin – Jedes zweite Unternehmen sucht im Internet nach persönlichen Informati- onen über seine Bewerber. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage unter 1504 Geschäftsführern und Personal- chefs hervor, deren Ergebnisse der High- tech-Verband Bitkom am Dienstag in Berlin vorstellte. „Das Internet ist für Fir- men eine wichtige zusätzliche Informati- onsquelle geworden, um sich ein Bild über einen potenziellen Mitarbeiter zu machen“, erklärte Bitkom-Präsident Au- gust-Wilhelm Scheer. Laut der Umfrage nutzen 45 Prozent aller Firmen Inter- net-Suchdienste wie Google, Bing oder spezielle Personensuchmaschinen wie Yasni, um zusätzliche Informationen über Bewerber zu finden. dapd

Druck auf China

Brüssel – Die EU fordert von China einen unbeschränkten Handel mit seltenen Rohstoffen. „Sie müssen die Märkte of- fenhalten“, sagte EU-Handelskommis- sar Karel De Gucht. Peking hatte im Sep- tember die Ausfuhr sogenannter seltener Erden radikal gekürzt. Diese Metalle werden unter anderem in der Waffentech- nik oder in Kommunikationssystemen eingesetzt. De Gucht sagte: „Bisher gibt es keinen Anhaltspunkt, dass die Märkte für europäische Unternehmen von China abgeschlossen wurden.“ Der belgische Kommissar sagte, China kontrolliere zwar 97 Prozent des Handels mit den sel- tenen Rohstoffen, habe aber nur 35 Pro- zent der Vorkommen. dpa

Kunst und Antiquitäten Verschiedenes Öffentliche Information Kunstauktionen Gegründet 1844 Wie muss eine
Kunst und Antiquitäten
Verschiedenes
Öffentliche
Information