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  Fachhochschule Darmstadt University of Applied Sciences Messtechnik Vorlesung Autor Prof. Dr. S. Faber
 
 
 
Fachhochschule Darmstadt

Fachhochschule Darmstadt

University of Applied Sciences

Messtechnik

Vorlesung

Autor Prof. Dr. S. Faber

Gestaltung Carsten Müller IT-Services

unter wesentlicher Mitarbeit von Prof. Dr. H. Röder und weiteren Kollegen der Fachhochschule Darmstadt

U

t U 2 U 1
t
U
2
U
1
Mitarbeit von Prof. Dr. H. Röder und weiteren Kollegen der Fachhochschule Darmstadt U t U 2
Messtechnik Prof. Dr. Faber

Messtechnik

Prof. Dr. Faber

Inhaltsverzeichnis

1

Allgemeine Grundlagen

1.1

Vorbemerkungen

1.2

Normen und Vorschriftenwerke

1.3

Messtechnische Begriffe

1.3.1

Grundbegriffe

1.3.2

Gerätetechnische Begriffe

1.3.3

Eigenschaften von Messgeräten

1.4

Größen und Einheiten in Gleichungen und graphischen Darstellungen

1.5

Maßeinheiten

1.5.1

Internationales Einheitensystem, SI-Einheiten

1.5.2

Normale – Eichung und Kalibrierung von Messgeräten

1.6

Statische Messfehler und Messunsicherheiten

1.6.1

Fehlergrößen

1.6.2

Voraussetzungen für eine fehlerfreie Messung

1.6.3

Systematische Messfehler

1.6.4

Zufällige Messfehler

1.6.5

Messunsicherheiten bei Garantiefehlergrenzen

2

Momentanwerte, Mittelwerte und Effektivwerte

2.1.1

Momentanwert

2.1.2

Mittelwert

2.1.3

Effektivwert

2.1.4

Gleichrichtwert

2.1.5

Formfaktor, Crestfaktor

2.2

Zeitdiskrete Signale

2.3

Digitale Messsignalverarbeitung

3

Analoge elektrische Messsysteme

3.1

Drehspulmessgerät, Galvanometer

3.2

Dreheisenmesswerk

3.3

Elektrodynamisches Messwerk

3.4

Messung von Wechselstrom und Wechselspannung mittels Gleichrichter

3.5

Spitzenwertgleichrichter

3.6

Überlastschutz

3.7

Schaltungsaufbau handelsüblicher Analogmultimeter

3.8

Leistungsmessung

3.8.1

Thermoumformer

3.8.2

Gleichstrom

3.8.3

Wechselstrom/-spannung (Netzfrequenz)

3.9

Genauigkeitsklassen und Symbole

4

Digitale Meßsysteme

4.1

Grundlage A/D, D/A-Wandlung

4.1.1

AD-Wandler nach dem Kompensationsverfahren

4.1.2

Prinzip eines Digitalmultimeters

4.1.3

Dual-Slope Umsetzer

4.1.4

Digital-Analog Umsetzer

Messtechnik Prof. Dr. Faber

Messtechnik

Prof. Dr. Faber

5

Messverstärker

5.1

Systemtheoretische Grundlagen (Frequenzbereich, Zeitbereich, Pegel)

5.2

Operationsverstärker

5.3

Wichtige Schaltungen mit Operationsverstärkern

6

Das Oszilloskop

6.1

Überblick über Aufbau und Funktionsweise

6.2

Die Elektronenstrahlröhre

6.3

Elektronik

6.4

Das Digitalspeicheroszilloskop (DSO)

6.4.1

Einführung

6.4.2

Grundsätzlicher Aufbau

6.4.3

Das Abtasttheorem von Shannon und der Aliasing-Effekt

7

Messbrücken

7.1

Abgleichbrücken

7.1.1

Wheatstone-Brücke

7.1.1.1

Messfehler

7.1.2

Thomson-Brücke

7.2

Ausschlagmessbrücken

7.2.1

Funktionsprinzip

7.2.2

„Viertel-“, „Halb-“ und „Voll-“ Brücken

7.3

Wechselstrommessbrücken

7.3.1

Einleitung und Messprinzip

7.3.2

Abgleichbrücken

7.3.2.1

Abgleichbedingungen

7.3.2.2

Brückenvarianten

7.3.2.3

Einige praktische Abwendungen

7.3.3

Ausschlagbrücken

7.3.3.1

Brücken mit induktiven Aufnehmern

7.3.3.2

Brücken mit kapazitiven Aufnehmern

7.3.3.3

Auswerteelektronik

7.3.4

Trägerfrequenzmessbrücken

7.3.4.1

Funktionsprinzip

Lehr- und Lernmaterial

DCSS

- Dr. Röder, IGDV

Oszilloskop

- Skript für das Selbststudium

Messtechnik Prof. Dr. Faber

Messtechnik

Prof. Dr. Faber

Literaturliste

Schrüfer, E. Elektrische Messtechnik Hanser Verlag, München, Wien

[1]

Lerch, R., Kaltenbacher, M., Lindinger, F. Übungen zur Elektrischen Messtechnik Springer Verlag, Berlin, Heidelberg

[2]

Bergmann, K. Elektrische Messtechnik Vieweg Verlag, Braunschweig, Wiesbaden

[3]

Tietze, U., Schenk, Ch. Halbleiterschaltungstechnik Springer Verlag, Berlin, Heidelberg

[4]

Freyer, Ulrich Messtechnik in der Nachrichtenelektronik Hanser Verlag, München, Wien

[5]

Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 1

Messtechnik

Prof. Dr. Faber

1

- 1

1 Allgemeine Grundlagen

1.1 Vorbemerkungen

In der Vorlesung beschäftigen wir uns mit der elektrischen Messtechnik. Wir befassen uns primär mit der Messung elektrischer Größen wie: Spannung, Ladung, Strom, Widerstand, Induktivität, Kapazität, Phasenwinkel, Frequenz.

1.2 Normen und Vorschriftenwerke

Für die elektrische Messtechnik sind in der BRD die folgenden normenbildenden Institutionen wichtig:

DIN

Deutsches Institut für Normung e.V., Berlin

VDE

Verband Deutscher Elektrotechniker e.V., Frankfurt

VDI

Verein Deutscher Ingenieure e.V., Düsseldorf

DKE

Deutsche Elektrotechnische Kommission im DIN und VDE

DIN-Normen:

Das DIN gibt die Ergebnisse seiner Normungsarbeit in Form von Normungsblättern bekannt.

DIN-Normen

DIN-EN-Normen

DIN-IEC-Normen

gelten in der BRD sind europäische Normen sind weltweite Normen

Für die elektrische Messtechnik sind die folgenden DIN-Blätter grundlegend wichtig:

DIN 1313 Physikalische Größen und Gleichungen DIN 1304 Allgemeine Formelzeichen DIN 1301 Einheiten DIN 1319 Grundbegriffe der Messtechnik DIN 5483 Zeitabhängige Größen DIN 1333 Zahlenangaben DIN 5478 Maßstäbe in graphischen Darstellungen

Aus der Zusammenarbeit von VDI und VDE ist ein für die Mess- und Regelungstechnik wichtiges Richtlinienwerk hervorgegangen:

VDI/VDE 2600 Metrologie (Messtechnik)

DIN-Normen sind Empfehlungen; wer in den Anwendungen keinen Nutzen sieht, braucht sie nicht anzuwenden. Eine Anwendungspflicht kann sich jedoch aus Rechts- und Verwaltungsvorschriften oder aus Verträgen ergeben.

Für den amtlichen und geschäftlichen Verkehr sind die Maßeinheiten gesetzlich vorgeschrieben. Das Gesetz berührt nicht den geschäftlichen und amtlichen Verkehr mit dem Ausland sowie die Wahl von Einheiten in Wissenschaft, Lehre und Schrifttum.

Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 2
Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 2

Messtechnik

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1.3 Messtechnische Begriffe

1.3.1 Grundbegriffe

Messgröße: Physikalische Größe, deren Wert durch eine Messung ermittelt werden soll. Beispiele: Temperatur, Druck, Flüssigkeitsstand, Drehmoment, Strom, Spannung, Widerstand usw

Messwert: Der als Abbild einer Messgröße ermittelte, am Ausgeber (z.B. Anzeigeeinrichtung, Druck oder Zählwerk …) dargestellte Wert. Er wird als Produkt aus Zahlenwert und Einheit der Messgröße angegeben.

Kalibrieren: Ermitteln des für eine gegebene Messeinrichtung gültigen Zusammenhangs zwischen dem Messwert oder dem Wert des Ausgangssignals und dem „wahren (konventionell richtigen) Wert“ der Messgröße.

Eichen (im amtlichen Sinn): Die von der zuständigen Eichbehörde nach den gesetzlichen Vorschriften und Anforderungen vorzunehmende Prüfung und Stempelung von Messgeräten.

Justieren (im Techniker-Jargon: Eichen): Gesamtheit aller Maßnahmen mit dem Ziel, die von einer Messeinrichtung ausgegebenen Messwerte oder die daraus ermittelten Messergebnisse in möglichst guter Übereinstimmung mit dem wahren Wert der Messgröße zu bringen.

Anzeigebereich: Der Bereich der Messwerte, die am Anzeigeinstrument abgelesen werden können (Skalenbereich).

Messbereich (Messspanne): Der Messbereich ist der Teil des Anzeigebereichs, für den der Fehler innerhalb der garantierten oder vorgeschriebenen Fehlergrenzen bleibt.

Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 3
Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 3

Messtechnik

Prof. Dr. Faber 1 - 3

1.3.2 Gerätetechnische Begriffe Hilfsgerät Mess- Mess- Mess- Mess- größe signal signal wert Aufnehmer
1.3.2 Gerätetechnische Begriffe
Hilfsgerät
Mess-
Mess-
Mess-
Mess-
größe
signal
signal
wert
Aufnehmer
Anpasser
Ausgeber
z.B.
z.B.
z.B.
Messumformer
Messwandler
Anzeiger
Messwandler
Messverstärker
Umsetzer
Messkette
Messgeräte

Abbildung 1-1: Allgemeine Struktur einer Messeinrichtung nach VDI/VDE 2600

Messeinrichtung: Die Messeinrichtung ist die Gesamtheit der zum Zweck der Messung benutzten Elemente. Darin sind Fühler zur Erfassung der Messgröße, Rechengeräte, Verstärker und die Ausgabegeräte zur Darstellung der angezeigten Größe mit eingeschlossen.

Messsystem: Das Messsystem umfasst neben der Messeinrichtung auch diejenigen Bereiche des Prozesses, welche durch den Messvorgang beeinflusst werden.

Messgerät: Das Messgerät ist eine Baueinheit, welche Teil oder Ganzes einer Messeinrichtung sein kann.

Messprinzip: Unter dem Messprinzip versteht man das charakteristische, physikalische Phänomen, das bei der Messung benutzt wird (z.B. Messgröße Temperatur; Messprinzip: Längenausdehnung, thermoelektrischer Effekt etc.)

Messverfahren: Unter dem Messverfahren ist die Funktionsweise der Messeinrichtung zu verstehen (z.B. direkte/indirekte, analoge/digitale Messverfahren).

Beispiele für Aufnehmer:

Messumformer: Ein Messgerät, das ein analoges Eingangssignal in ein eindeutig damit zusammenhängendes analoges Ausgangssignal umformt, (z.B. ein Sensor der mechanische, chemische, thermische, magnetische oder optische Messgrößen in elektrische Signale umformt). Das Ausgangssignal ist in der Regel ein elektrisches

Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 4
Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 4

Messtechnik

Prof. Dr. Faber 1 - 4

Signal, das mit einfachen Mitteln weiterverarbeitet oder übertragen werden kann. Einige Messumformer arbeiten mit genormten Ausgangssignalen. Das sind z.B. Spannungen zwischen 0 bis 10 V, oder Ströme zwischen 4 und 20 mA, in die der Messbereich abgebildet wird.

Messwandler: Ein Messumformer, der ohne Hilfsenergie auskommt.

Messumsetzer: Messgeräte für die digitale Messtechnik. Sie haben die gleichen Aufgaben wie die Messumformer in der Analogtechnik. Bei Messumsetzern ist mindestens ein beteiligtes Signal digital kodiert. (analog-digital, digital-analog oder digital-digital).

Anpasser: Die Anpasser sind alle Einrichtungen, die zwischen Aufnehmer und Ausgeber liegen. Wichtige Aufgabenbereiche dieser Einrichtungen sind die Signalverarbeitung, die Signalübertragung und Datenspeicherung.

Ausgeber: Werden die Messwerte nicht direkt in einem automatischen System weiterverarbeitet, sondern einem Beobachter angezeigt, so schließt die Messkette mit der Messwertausgabe ab. Dazu steht heute ein großes Spektrum von Möglichkeiten offen. Die Messergebnisse werden in Skalen-, Ziffern- oder Bildschirmanzeige ausgegeben oder mittels eines Schreibers oder Druckers dokumentiert.

1.3.3 Eigenschaften von Messgeräten

Die messtechnischen Eigenschaften eines Gerätes werden durch sein statisches und dynamisches Verhalten sowie durch seine Genauigkeit bestimmt. Betrachtet man ein gesamtes Messsystem, so müssen auch die praktisch stets vorhandenen Rückwirkungen des Messgerätes auf das Messobjekt berücksichtigt werden.

Statische Eigenschaften sind:

Stationärer Zustand (Beharrungszustand): Als Beharrungszustand einer Messeinrichtung oder eines Messgerätes gilt derjenige, beliebig lang aufrechterhaltene Zustand, der sich bei zeitlicher Konstanz aller Eingangsgrößen nach Ablauf aller Ausgleichsvorgänge ergibt.

Kennlinie: Für den stationären Zustand beschreibt die Kennlinie

die

. meistens in Form eines geschlossenen mathematischen Ausdrucks oder eines Diagramms, manchmal auch als Tabelle dargestellt.

wird

Abhängigkeit des Ausgangssignals

x

a

x

= f

(

x

e

e

Sie

)

x

a

von

dem Eingangssignal

Empfindlichkeit: Die Empfindlichkeit E ist die Steigung der Kennlinie am Arbeitspunkt. Sie ist also der Quotient aus der beobachteten Änderung des Ausgangssignals und der sie verursachenden Änderung der Eingangsgröße. Man beachte, dass die Empfindlichkeit in der Regel eine dimensionsbehaftete Größe ist.

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Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 5

Messtechnik

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1.4 Größen und Einheiten in Gleichungen und graphischen Darstellungen

 

G

Physikalische Größe Messgröße

G = {G}[G]

{G}

Zahlenwert der Größe Maßzahl der Messgröße

[G]

Einheit der Größe Maßeinheit der Messgröße

Beispiel:

U = 6V

nicht

U = 6[V ]

Zahlenwerte und Einheiten sind selbständige Faktoren. Die [ ] eckige Klammer hat für die Symbolsprache eine festgelegte Bedeutung und gehört daher nicht zum Einheitenzeichen.

Größengleichungen gelten unabhängig von der Wahl der Einheiten. Es sind keinerlei Voraussetzungen zu beachten. Es sind immer die einfachen Regeln der Mathematik zu beachten.

Beispiele: Volumen eines Behälters mit den Kantenlängen a = 1m , b = 2m , c = 0,4m

V = a b c = 1m 2m 0,4m = 0,8m

3 oder

V

= a b c =

1

m m

2

40

cm

cm ◊ 1 m

1 m

100

cm

= 0,8

m

3

Definition:

Bei kohärenten Einheiten werden keine Umrechnungsfaktoren benötigt. Bei nicht kohärenten Einheiten werde Umrechnungsfaktoren benötigt.

Die Achsenbeschriftungen von Diagrammen sollten den folgenden Beispielen entsprechen, in denen die Frequenzen von 0
Die Achsenbeschriftungen von Diagrammen sollten den folgenden Beispielen
entsprechen, in denen die Frequenzen von 0 Hz bis 140 Hz auf der Ordinatenachse
dargestellt werden. Beachten Sie, dass die [ ] eckige Klammer nicht verwendet wird!
140
140
f
Hz
f 120
f 3
100
100
Hz
f
0
80
80
2
60
60
40
40
1
20
20
0
0
0
a)
f
als Größe
b) f als Zahlenwert
c) f durch
f
normiert
0
f 0 =
40Hz

Abbildung 1-2: Achsenbeschriftung von Diagrammen

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Messtechnik

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1.5 Maßeinheiten

1.5.1 Internationales Einheitensystem, SI-Einheiten

Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht hat 1960 das „Système International d`Unitès“ (SI-Einheiten) empfohlen, das inzwischen weltweit eingeführt und auch in der Bundesrepublik Deutschland gesetzlich vorgeschrieben ist.

Basisgrößen und Basiseinheiten

Basisgröße

Formelzeichen

Basiseinheiten

Einheitenzeichen

Länge

 

l

Meter

m

Masse

m

Kilogramm

kg

Zeit

 

t

Sekunde

s

Stromstärke

I

Ampere

A

thermodynamische

 

Temperatur

 

T

Kelvin

K

Lichtstärke

I

L

Candela

cd

Stoffmenge

 

Mol

mol

Definition der Basiseinheiten, Festlegung von einigen Naturkonstanten und Messunsicherheiten der Basiseinheiten

1 Meter ist die Länge der Wegstrecke, die Licht im Vakuum während der Dauer von

(1/299 792 458) Sekunden durchläuft (1983). Hiermit ist die Lichtgeschwindigkeit im

1 (d.h. fehlerfrei). Das Meter

Vakuum als Konstante festgelegt.

kann heutzutage mit Hilfe von Interferometern mit einer relativen Unsicherheit von

10 -9 bestimmt werden.

c

0

=

299792458

ms

1 Kilogramm ist die Masse des internationalen Kilogrammprototyps (1889). Das

Grundnormal wird durch den in Sèvres / Frankreich aufbewahrten Platin-Iridium- Zylinder repräsentiert. In den einzelnen Ländern werden aus praktischen Gründen Ersatznormale aufbewahrt. Diese werden durch Balkenwaagen auf einige Teile von

10 -9 genau geeicht.

1 Sekunde ist das 9 192 631 770 fache der Periodendauer der Strahlung, die dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus von Atomen des Nuklids

133 Cs entsprechen (GHz-Bereich) (1967). Caesium-Strahlresonatoren (Atomuhren) reproduzieren die entsprechende Frequenz mit der außerordentlich geringen

Unsicherheit von 10

-13

.

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Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 7

Messtechnik

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1 Ampere ist definiert durch die Stärke eines zeitlich konstanten Stromes durch zwei geradlinige, parallele, unendlich lange Leiter von vernachlässigbar kleinem

Querschnitt, der im Vakuum pro 1 m Leitungslänge eine Kraft F von

hervorruft, wenn der Abstand der Leitungen 1 m beträgt (1948). Durch diese

und die

Definition werden zwei Naturkonstanten, die magnetische Feldkonstante elektrische Feldkonstante , willkürlich festgelegt.

2

0

10

7

N

0

1.5.2 Normale – Eichung und Kalibrierung von Messgeräten

Wie in Kapitel 1.5 beschrieben, werden die Basiseinheiten mit Hilfe von vorgeschriebenen Messverfahren dargestellt und lassen sich nur mit begrenzter Genauigkeit realisieren. Ähnlich werden auch die abgeleiteten SI-Einheiten dargestellt. Exemplarisch werden hier die Definitionen von einigen elektrischen Einheiten nachgetragen.

1 Ohm ist die Einheit des Widerstandes. Sie wird als Wechselstromwiderstand eines

Kondensators dargestellt. Besonders gut eignet sich hierfür ein Kreuzkondensator nach Thompson und Lampard, dessen Kapazität unter gewissen Voraussetzungen nur von seiner Länge l abhängt.

C

=

ln 2

0

l

Über eine Kapazitätsmessung ist bei bekannter Frequenz das Ohm unmittelbar auf die Basiseinheiten Meter und Sekunde zurückgeführt. Die erreichbare relative Messunsicherheit beträgt 10 -7 . Über diese Vorgehensweise hat man sich ein Widerstandsnormal geschaffen, das transportierbar ist. Durch Vergleichsmessungen lassen sich Sekundärnormale herstellen, die im praktischen Betrieb leichter zu handhaben sind.

1 Volt wird über die Definitionsgleichungen U = R I aus einer Widerstands- und Strommessung bestimmt. Die Unsicherheit kann deshalb nicht kleiner als die Unsicherheit des Amperes sein (3·10 -6 ).

Frequenz- und Phasenmessungen werden auf Zeitmessungen zurückgeführt. Ein leicht verfügbares hochgenaues Zeitnormal wird in unserem geographischen Gebiet durch den Normalfrequenzsender „DCF 77“ dargestellt.

Für den praktischen Gebrauch in der Messtechnik werden auf der Basis der Definitionen der Einheiten Normale (Widerstandsnormale, Spannungsnormale) und Normalmessgeräte unterschiedlicher Genauigkeit hergestellt. Mit Hilfe dieser Normale werden im Labor Präzisionsmessungen durchgeführt und bei den Geräteherstellern die Messgeräte kalibriert und justiert. Für den amtlichen Verkehr sind bestimmte Vorgehensweisen vorgeschrieben. Die Messgeräte müssen bei Eichämtern geeicht werden (das beinhaltet u.a. die Stempelung). In vielen Fällen geht hierbei eine Zulassung zur Eichung durch die technische Behörde des Eichwesens voraus. Diese Behörde setzt auch die anzuwendenden Prüfregeln fest. Die technische Oberbehörde in der Bundesrepublik Deutschland ist die „Physikalisch-Technische Bundesanstalt“ (PTB) in Braunschweig.

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1.6 Statische Messfehler und Messunsicherheiten

1.6.1 Fehlergrößen

Absolute Fehler: Der Unterschied zwischen dem gemessenen, angezeigten Wert

x

A

und dem wahren Wert

x

W der Messgröße wird als Abweichung oder Fehler x

bezeichnet (absoluter Fehler):

x = x

A

x

W

(Beachten Sie das Vorzeichen)

Relativer Fehler: Er ist das Verhältnis aus absolutem Fehler und wahren Wert

x

x

A

x

W

=

x

W

x

W

In der Praxis wird normalerweise der relative Fehler auf den angezeigten Wert bezogen. Da der relative Fehler in der Regel bekannt ist, unterscheiden sich die beiden Fehlerdefinitionen nur unerheblich.

x

x

A

x

x

W

Der relative Fehler ist ein reiner Zahlenwert (dimensionslos). Er wird als Dezimalzahl

< 1 oder in % (=10 -2 ), in ‰ (=10 -3 ), ppm (=10

-6

) oder ppb (=10 -9 ) angegeben.

Berichtigung oder Korrektion: Bei systematischen Fehlern ist unter Umständen eine Berichtigung des Messwertes möglich, wenn deren Größe durch Kalibrierung

B ist gleich dem absoluten Fehler mit umgekehrten

bekannt ist. Die Berichtigung Vorzeichen.

x

x

B

=

x

Abkürungen und Symbole: Die bei der Fehlerbetrachtung verwendeten Symbole und Abkürzungen sind nicht standardisiert. Verwendet man in einem Messprotokolle Abkürzungen, so müssen diese deklariert werden. In der Literatur werden z.B. unter anderem folgende Symbole verwendet:

Absolute Fehler:

Relative Fehler:

Korrektur:

F

f

= x

x

F

f

=

x

F

r

x

x

x

W

=

F

= =

=

B = x

B

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1.6.2 Voraussetzungen für eine fehlerfreie Messung

Bestimmungsgemäße Anwendung der Messgeräte: Die Messgeräte sollen sachgemäß unter den Bedingungen betrieben werden, für die sie ausgelegt sind. Zu beachten sind unter anderem die möglichen Messbereiche, Überlastbereiche und Zerstörungsbereiche sowie zulässige Temperatur- und Umgebungsbedingungen. Insbesondere bei Präzisionsinstrumenten werden die möglichen Grenzdaten zusätzlich auch für Lagerung und Transport der Geräte spezifiziert. Die unsachgemäße Behandlung führt zu „groben Fehlern“. Bei der Fehlerrechnung bzw. bei einer Fehlerabschätzung werden diese Fehler nicht berücksichtigt, da man davon ausgeht, dass grobe Fehler von vornherein vermieden werden.

Wechselwirkungen zwischen Messobjekt und Messgerät: Grundsätzlich wird durch den Anschluss oder Einbau des Messgerätes das zu untersuchende Messobjekt verändert. So kann bei Temperaturmessungen durch den Temperaturfühler Wärme dem Messobjekt entnommen oder zugefügt werden oder bei einer Strom- oder Spannungsmessung die Quelle zu stark belastet werden. Dieses führt zu Messfehlern, die nur in seltenen Fällen quantitativ angegeben und korrigiert werden können. Diese Fehlerquellen müssen stets sorgfältig analysiert und so klein wie möglich gehalten werden.

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Messtechnik

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1.6.3 Systematische Messfehler

Systematische Messfehler sind Abweichungen, die bei Wiederholung der Messung unter gleichen Bedingungen zum gleichen Resultat führen. Der systematische Messfehler ist also korrigierbar, wenn die Abweichung bekannt ist. In der Regel trifft das jedoch nicht zu, so dass der systematische Fehler zu einer Messunsicherheit führt.

Problemstellung: Die Größe y sei als Funktion von einer Messgröße x gegeben. y = y(x)
Problemstellung:
Die Größe
y sei als Funktion von einer Messgröße
x gegeben.
y = y(x)
Die Messunsicherheit von
x sei:
x = ±F
, d.h.
x
F
<
x < x
+ F
(
F
> 0) .
x
A
x
A
x
x
+
Y
+ F
M
y
Y
+ F
M
y
Y
Y
M
M
Y
F
Y
F
M
y
M
y
x A
x A
2F
2F
x
x
Methode A: Exakte Berechnung
Methode B: Lineare Näherung
(1. Glied der Taylor-Entwicklung)
+
F
=
y
(
x
+ F
)
y
(
x
)
y
A
x
A
dy
F
=
F
y
x
F
= y
(
x
)
y
(
x
F
)
dx
y
A
A
x
Normalerweise wird die Methode B angewendet. Bei ihr wird der Funktionsverlauf durch
die Tangente im Arbeitspunkt ersetzt. Dadurch wird die Berechnung in vielen Fällen
einfacher. In der Regel sind die Unterschiede zwischen den beiden Methoden gerade bei
kleinen relativen Fehlern (<10%) gering. Es ist jedoch Vorsicht geboten. Bei Steigungen
von Null oder Unendlich können die Ergebnisse unsinnig werden.

Abbildung 1-3: Fortpflanzung der systematischen Messfehler

Fortpflanzung der Fehlergrenzen: Im allgemeinen wird eine Größe y aus

n berechnet. Sind die Fehler der

n bekannt (einschließlich des Vorzeichens), so

kann man ihren Einfluss ähnlich wie Methode A oder Methode B berechnen. Bei der Methode B muss man jedoch das erste Glied der Taylorentwicklung durch das totale Differential ersetzen:

mehreren Messgrößen Einzelmessungen mit

x

1

,

x

2

,

x

x

x

1

,

x

2

, …

y

=

y

x

1

x

1

+

y

x

2

x

2

+

+

y

x

n

x

n

Wie man an dieser Formel sieht, können sich Fehlereinflüsse gegenseitig aufheben.

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Oft sind die Vorzeichen der maximal möglichen Messfehler

bekannt, z.B. bei der Herstellerangabe der Messfehler von Messgeräten. In diesem Fall wird der Betrag der ersten Einzelglieder der Taylorentwicklung addiert, d.h. der ungünstigste Fall der Fehlerfortpflanzung wird angenommen:

n sind die gemessenen Größen mit einem bekannten maximalen

nicht

x ,

1

x

2

, …

x

n

x ,

1

x

2

,

x

Messfehler von y ist die gesuchte, berechnete Größe:

Dann gilt für den maximalen Fehler von y

x ,

1

x

2

, …

x

n

.

y =

f

(

x

, x , x ) 1 2 n ∂ y x 1 ◊ + ∂
,
x
,
x
)
1
2
n
y
x 1 ◊
+
x
2

y = ±

  ∂ y   ∂ x  1
y
x
1

x

2

+

+

∂ y ∂ x n
y
x
n

x

n

maximaler absoluter Fehler

Aus dieser allgemeinen Formel zur Fehlerfortpflanzung lassen sich einfache Regeln für spezielle, aber oft vorliegende Funktionen ableiten:

Bei Summen und Differenzen addieren sich die absoluten maximalen Fehler

 

y

= ±

{

a

1

x

1

+

a

2

x

2

}

y

= a x

1

1

+ a

2

x

2

Bei Produkten und Quotienten addieren sich die relativen maximalen Fehler

 

y

= ±

 x x  1 2  + x  x 1 2 
x
x
1
2
+
x
x 1 2

 

y

= K

x

1

oder

 

y = Kx x

1

2

y

 
 

x

2

Bei allgemeinen Potenzprodukten gilt:

 
  x x 1 2  n + n 1 2  x 
x
x 1
2
n
+
n
1
2
x
x 1 2
 
x   k n  k x  k 
x
k
n
k
x
k

y

 

= ±

 

+

+

y

=

x

1

n

1

x

2

n

2

x

k

nk

y

 

Es gelten also folgende Regeln für die Fortpflanzung der absoluten maximalen Fehler:

Bei der Addition und Subtraktion von Messgrößen werden die absoluten maximalen Fehler addiert.

Bei der Multiplikation und Division von Messgrößen werden die relativen Fehler addiert.

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Fehlerabschätzung bei graphischen Auswertungen: Ist eine Messgröße Funktion einer unabhängigen Veränderlichen, bietet die graphische Darstellung dieser Funktion eine bessere Anschauung als die Wertetabelle. Nicht selten ist der Fall, dass die Messergebnisse im Rahmen der Messunsicherheit auf einer Geraden y = a + mx liegen. Im Rahmen der Messwertauswertung sollen a und m einschließlich ihrer Messunsicherheiten bestimmt werden. (Beispiele: Kalibrieren eines Messgerätes; Messung der Diodenkennlinie (Halblogarithmische Darstellung)).

Extreme Gerade y Mittlere Gerade Fehlerbalken x
Extreme Gerade
y
Mittlere Gerade
Fehlerbalken
x

Abbildung 1-4: Beispiel zur Fehlerabschätzung bei graphischen Auswertungen

1.6.4 Zufällige Messfehler

Zufällige Fehler sind Abweichungen, die bei Wiederholung der Messung trotz gleicher Bedingungen zu unterschiedlichen Resultaten führen. Die zunächst regellos erscheinenden Schwankungen gehorchen im statistischen Sinn dennoch gewissen Gesetzen. Wir setzen in diesem Kapitel voraus, dass die systematischen Fehler gleich null sind und dass der Messprozess stationär ist (die statistischen Eigenschaften sind zeitunabhängig). Dann kann man diese Gesetzmäßigkeiten an Hand eines Histogramms bzw. an Hand der Häufigkeitsdichtefunktion (Wahrscheinlichkeitsdichtefunktion) erklären.

h : Gesamtzahl der Messungen n : Anzahl der im Intervall x , x x
h
: Gesamtzahl der Messungen
n
: Anzahl der im Intervall
x
,
x
x
<
x
i <
i +1
auftretenden Anzeigewerte
n
x
h =
: relative Häufigkeitsdichte
n im Intervall
x
Abbildung 1-5: Histogramm und Wahrscheinlichkeitsdichteverteilung
Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 13
Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 13

Messtechnik

Prof. Dr. Faber 1 - 13

Liegen genügend Messwerte vor, so lässt sich das Histogramm dadurch verfeinern, dass die Klassenbreite x verkleinert wird. Durch den Grenzübergang x 0 und n geht die Treppenfunktion in die im allgemeinen stetige Wahrscheinlichkeitsdichteverteilung h(x) über.

Unter

Gaußverteilung

Stellung ein.

den

vielen

möglichen

(Glockenkurve)

Verteilungsfunktionen

im

Rahmen

der

nimmt

Messtechnik

die

Gaußverteilung:

(

h x

) =

1

2
2

e

(

x

)

2

/ 2

2

Normal-

oder

besondere

eine

: Erwartungswert (der wahre Messwert);

: Standardabweichung

Obgleich diese Verteilung nur einen Spezialfall der Möglichkeiten darstellt, wird in der Messtechnik normalerweise die Gaußverteilung a priori angenommen. Eine Begründung dafür ist ein Theorem (central limit theorem), das besagt, dass die Wahrscheinlichkeitsverteilung einer Größe, die durch viele von einander unabhängige Zufallsprozesse beeinflusst wird, gegen die Gaußverteilung strebt. Dieses ist in der Messtechnik oft der Fall. Bei genaueren statistischen Auswertungen muss die Hypothese der Gaußverteilung jedoch untersucht werden. Die hierfür notwendigen Auswertemethoden sind jedoch nicht Bestandteil der Vorlesung.

h 68,3% 95,5% 99,7% 3 + 3
h
68,3%
95,5%
99,7%
3
+ 3

Abbildung 1-6: Häufigkeit h der Messwerte bei einer Gaußverteilung

68,3% liegen innerhalb des Bereiches

P = 68,3%

liegt

der

einzelne

Konfidenzintervall)

Messwert

±

im

oder: mit der Wahrscheinlichkeit

(Vertrauensbereich,

Bereich

±

Der Erwartungswert und die Standardabweichung sind theoretische Größen, die nur näherungsweise aus den Messwerten berechenbar sind. Man nennt die Näherungswerte Schätzwerte.

Schätzwert für den Erwartungswert

arithmetische Mittelwert:

1 x = n
1
x =
n

n

i = 1

(wahrer Wert

(wahrer Wert

x

i

x

W

) ist der

Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 14
Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 14

Messtechnik

Prof. Dr. Faber 1 - 14

Schätzwert für die Standardabweichung der Messwerte x i ist die n 2 ∑ ( x
Schätzwert für die Standardabweichung
der Messwerte
x
i ist die
n
2
(
x
x
)
i
i = 1
Streuung der Messwerte
x
: S =
i
n
1

Der arithmetische Mittelwert ist aus Messungen gewonnen. Die Häufigkeitsverteilung der Mittelwerte ergibt auch eine Gaußverteilung (bei unendlich vielen Stichproben).

Streuung des Mittelwertes x :

n 2 ∑ ( x x ) i S i = 1 = n n
n
2
(
x
x
)
i
S
i = 1
=
n
n n
(
1)

Die Streuung des Mittelwertes (Schwankung des Mittelwertes) ist um den Faktor

kleiner als die Streuung der Einzelmesswerte

x

i

.

1

n
n

In der Praxis der Messtechnik möchte man wissen, wie nahe der Mittelwert am wahren Wert liegt.

Vertrauensbereich des Mittelwertes:

x

t

S

<

<

x

+

t

S

 
n
n
 
  n   n

n

Der Faktor t (Student’scher Faktor, Student-Verteilung) ist abhängig von der statistischen Sicherheit P (Vertrauensniveau) und der Anzahl der Einzelmessungen. (Für sehr große n kann man t aus der Normalverteilung berechnen, wenn die Anzahl der Einzelmessungen klein ist, wird der Vertrauensbereich vergrößert.) In der Tabelle ist der Faktor t auf drei Stellen hinter dem Komma angegeben. In der Praxis ist es jedoch nicht üblich, die Unsicherheitsgrenzen genauer als 1% bis 10% anzugeben.

Student’scher Parameter t(P, FG)

Freiheitsgrad FG ==== n 1

FG | P

50%

80%

90%

95%

99%

99,9%

1

1,000

3,078

6,314

12,706

63,657

636,619

5

0,727

1,476

2,015

2,571

4,032

6,869

10

0,700

1,372

1,812

2,228

3,169

4,587

50

0,679

1,299

1,676

2,009

2,678

3,496

100

0,677

1,290

1,660

1,984

2,626

3,390

1000

0,675

1,282

1,646

1,962

2,581

3,300

>1000

0,675

1,282

1,645

1,960

2,576

3,290

Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 15
Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 15

Messtechnik

Prof. Dr. Faber 1 - 15

Fortpflanzung der zufälligen Messfehler

wobei die

einzelnen Messgrößen normalverteilt und voneinander statistisch unabhängig

Wird eine Größe y aus mehreren Messgrößen berechnet

y = y

(

x

i

)

,

sind, so kann man die Standardabweichung

Hilfe des Gaußschen Fehlerfortpflanzungsgesetzes aus den Standardabweichungen

der unabhängigen Messgrößen

der Größe y näherungsweise mit

y

x i berechnen.

xi

y =

y

w

f

=

(

x

1

y

x

2

,

,

= f

(

x

n

x1

)

,

x2

,

xn

)

(dieser Mittelwert entspricht dem wahren Wert)

Standardabweichung des Mittelwertes

y :

y

=

=   ∂ y  ∂ x  1

 

y

 ∂ x  1
x
1

x

1

 

2

+

 

2

y

x

x 2

 

 

2

+ +

 

n

y

x

xn

 

 

2

Beweis für zwei unabhängige Variable

x

1

und

x

2

:

Per Definition gilt (bei unendlich vielen Messwerten):

y

2

=

(

y

y

)

2

x

1

2

=

(

x

1

x

2

)

x

1

)

2

 

x

2

2

=

(

x

2

x

2

)

2

(

x

1

x

1

)(

x

2

x

2

)

=

 

x

1

x

1

)(

x

2

 

x

2

)

Näherungsweise gilt für den Messwert:

(

y

y

)

=

y

x

1

(

x

1

x

1

)

+

y

x

2

(

x

2

Nach ausquadrieren und Mittelwertbildung erhält man:

 

 

y

2

=

y

1

y

1

x

x

(

y

y

)

2

=

2

(

x

1

x 1

)

y

 

2 +

x

2

2

x

1

2

y

x

2

 

+

2

2

x 1

2

(

x

2

x

2

)

2 +

2

y

∂ y

x

1

y

x

2

Anmerkung: Per Definition für statistische Unabhängigkeit gilt: (

= 0

.

Bei endlicher Anzahl von Messwerten oder wenn die Messreihen miteinander korrelieren wird dieser Ausdruck endlich.

Werden an Stelle der Standardabweichung

eingesetzt, so erhält man die zwar nicht exakt gültige aber dennoch oft verwendete

Beziehung für die Streuung

x

Streuung des Mittelwertes der berechneten Größe y :

i deren Schätzwerte, die Streuung

x

n

)

y

w

entspricht dem wahren Wert.

S

i

S

y

:

y =

y =

f

(

1

,

x

2

,

x

n

)

f (x , x

1

2

,

S y

=

2 2 2  ∂ y   ∂ y   ∂ y 
2
2
2
y
y
y
S
+
S
+
+
 
x
1
x
2
S xn
x
x
x
1
2
n
 
Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 16
Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 16

Messtechnik

Prof. Dr. Faber 1 - 16

Fortpflanzung der Vertrauensbereiche:

Die statistische Sicherheit (Vertrauensniveau) wird vorgegeben und der Student’sche Faktor t aus der Tabelle abgelesen.

Vertrauensbereiche:

± Fxi = ±F

xi

= ±

t

n
n

S

xi

,

F

y

hat das gleiche P-Niveau

F

xi

.

Allgemeine Funktion

y

= y

(

x

i

)

 

F

y

=

 

y

 ∂ x  1
x
1

F

x

1

   2

+

y

x

2

F

x

2

2

+

+

  

  

y

x

n

F

xn

2

 

Summe und Differenz

   
 

F

y

=

(
(

a F

1

x

 

)

2

+

(

a

2

F

x

2

)

2

 

y

= a x

1

1

+ a

2

x

2

1

Potenzprodukt

y

=

Ax

1

a

x

2

b

 

F

y

=  y
=
y

a

F

x

1

x

1

2

+

b

F

x

2

x

2

2

 

1.6.5 Messunsicherheiten bei Garantiefehlergrenzen

Für einfache Analogmessgeräte, wie z.B. Messwerk-Anzeiger und –Schreiber wird vom Hersteller eine Garantiefehlergrenze oder Klassengenauigkeit Gk angegeben. Der Hersteller garantiert, dass der Fehler der unter festgelegten Bedingungen ermittelte Messwert innerhalb der angegebenen Grenzen liegt. Die Klassengenauigkeit Gk wird in Form eines relativen Fehlers in % angegeben.

Gk =

Unsicherheit Dx

100%

Messbereichsendwert X

Zu beachten ist, dass der Bezugswert der Bereichsendwert und nicht der Messwert ist. Das bedeutet, dass innerhalb eines Messbereiches die absolute Unsicherheit konstant bleibt und die relative auf den Istwert bezogene Messunsicherheit zum Skalenanfang hin immer größer wird.

Es empfiehlt sich ein analoges Anzeigeinstrument so zu verwenden, dass die Anzeige im oberen Drittel des Messbereichs liegt!

Stufung der Klassengenauigkeiten bei analogen Anzeigern:

Betriebsmessgeräte: 1,0; 1,5; 2,5; (5)

Feinmessgeräte:

0,1; 0,2; 0,5.

Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 17
Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 17

Messtechnik

Prof. Dr. Faber 1 - 17

Die Garantiefehlergrenzen enthalten sowohl die systematischen als auch die zufälligen Fehler. Bei einem Messinstrument sind die zufälligen Fehler grundsätzlich sehr viel kleiner als die systematischen Fehler. Aus diesem Grund wird die Reproduzierbarkeit des Messwertes bei der Wiederholung von Messungen mit demselben Gerät besser sein als die Angabe der Klassengenauigkeit. Vergleicht man jedoch die Messungen mit unterschiedlichen Geräten der gleichen Klassengenauigkeit, so ergeben sich höhere Streubreiten. In diesem Sinn ergeben sich zufallsbedingte Messfehler. Die Ursachen liegen z.B. in folgenden Gründen:

Unsicherheiten im Herstellungsprozess eines Messgerätes; unterschiedliche Empfindlichkeit gegenüber Umwelteinflüssen bei verschiedenen Messgeräten; usw. Die Frage nach der Zufälligkeit der Messfehler ist wichtig für die Berechnung der Fehlerfortpflanzung.

Fortpflanzung der Fehlergrenzen

a) Maximale Unsicherheit: Auf der sicheren Seite ist man, wenn man die Beträge der absoluten Fehlergrenzen addiert (siehe 1.6.3)

y = ±

  ∂ y   ∂ x  1
y
x
1

∂ y + ∂ x 2
y
+
x
2

x 1

x 2

+

+

∂ y ∂ x n
y
x
n

x

n

b) Wahrscheinliche Unsicherheit: Oft werden bei der Berechnung der Fehlerfortpflanzung der Garantiefehlergrenzen die Formeln für zufällige Fehler (Vertrauensbereiche) ohne Angabe des Vertrauensniveaus P verwendet (siehe 1.6.4). Diese Vorgehensweise wird leider oft zu unkritisch angewendet. Es überwiegt der Wunsch, einen kleinen Gesamtfehler angeben zu wollen vor einer soliden Überprüfung der Voraussetzungen.

y = ±

 

x 2

2

 

 

+

+

y

x

n

2

 

 

2

x

n

y

x

2  ∂ y    ◊ x  +    
2
y
x 
+
x
1
1
Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 18
Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 18

Messtechnik

Prof. Dr. Faber 1 - 18

Zusammenfassung und Beispiele für die Auswertung von Messreihen

Auswertung einer Messreihe

Das Messergebnis einer aus n unabhängigen Messwerten gleicher Genauigkeit

bestehenden normalverteilten Messreihe

x ,

1

x

2

, …

x

n wird in der Form

x = x ± x

dabei ist x der arithmetische Mittelwert

(18.1)

1 ± x dabei ist x der arithmetische Mittelwert (18.1) n n ∑ ◊ i = 1

n

n

i

=

1

x

i

=

1

n

( x

1

+

x

2

+

+

x

n

)

und x die Messunsicherheit

(18.2)

x = t

s

+ + x n ) und x die Messunsicherheit (18.2) x = t s = ts

= ts

x

(18.3)

Ferner bedeuten:

s : Standardabweichung der Messreihe

s

x

s =

bedeuten: s : Standardabweichung der Messreihe s x s = 1 n 1 n ∑ ◊

1

n

1

n

i

= 1

(

x

i

x

)

2

: Standardabweichung des Mittelwertes x

s

n s 1 2 = = ◊ ∑ ( x x ) x i n
n
s
1
2
=
=
(
x
x
)
x
i
n
n ( n
1)
i
=
1

n : Anzahl der Messwerte

(18.4)

(18.5)

t : Zahlenfaktor, der noch vom gewählten Vertrauensniveau y und der Anzahl n der Messwerte abhängt und aus der Tabelle S. 1-14 entnommen wird (t-Verteilung mit f = n 1 Freiheitsgrade für y = 68,3% , y = 90% , y = 95% und y = 99% ).

Die Standardabweichung s der Messreihe ist dabei ein Maß für die Streuung der

Einzelwerte

x werden die Grenzen eines Vertrauensbereichs festgelegt, in dem der unbekannte Erwartungswert (d.h. der „wahre“ Wert der Messgröße X) mit der gewählten Wahrscheinlichkeit P = y vermutet wird.

x i um den arithmetischen Mittelwert x . Durch die Messunsicherheit

Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 19
Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 19

Messtechnik

Prof. Dr. Faber 1 - 19

Beispiel:

Die Kapazität eines Kondensators wurde 20-mal gemessen. Die Auswertung der

Messreihe ergab dabei eine mittlere Kapazität von C = 56,8 F und eine Standardabweichung von s = 1,9 F .

a) Wie lauten die Vertrauensgrenzen für den „wahren“ Wert (Mittelwert) bei

einer Irrtumswahrscheinlichkeit von

a

1

=

1%

?

b) Wie

ändern

sich

Irrtumswahrscheinlichkeit

diese

a

2

= 5%

Grenzen,

wenn

in Kauf nehmen will?

man

die

größere

Lösung:

a) Wir berechnen zunächst die Messunsicherheit nach Formel (18.3). Mit

1-14

n = 20 ,

s = 1,9 F

und

dem

t-Wert

t

1

=

2,86

(aus

der

Tabelle

S.

entnommen für y = 1 a = 99% 1 1 s 1,9 F C t
entnommen für
y
=
1
a
=
99%
1
1
s
1,9
F
C t
=
2,86
= 1,2
F
1 =
20

und n = 20 ) erhalten wir:

Die Vertrauensgrenzen liegen damit für das gewählte Vertrauensniveau von 99% bei:

Untere Vertrauensgrenze:

Obere Vertrauensgrenze:

C = (56,8 1,2) F = 55,6 F

C + C = (56,8 + 1,2) F = 58,0 F

C

Das Messergebnis lautet daher wie folgt (Abbildung 1-7):

b)

C = (56,8 ±1,2) F

Bei

Vertrauensgrenzen näher zusammen. Jetzt ist

entnommen für

Messunsicherheit von:

einer

größeren

y

2

=

1

Irrtumswahrscheinlichkeit

a

2

=

95%

und

t

2

=

die

(aus Tabelle S. 1-14

n = 20 ). Wir erhalten diesmal eine

a

2

=

5%

liegen

2,09

C t

=

s

2 = 2

2,09

1,9 F ◊ 20
1,9
F
20

= 0,9

F

und damit das folgende Messergebnis:

C = (56,8 ± 0,9) F

Die Vertrauensgrenzen liegen jetzt bei 55,9 F und 57,7 F (Abbildung 1-7). bei y=99% bei
Die Vertrauensgrenzen liegen jetzt bei 55,9 F und 57,7 F (Abbildung 1-7).
bei y=99%
bei y=95%
C
55,9
56,8
57,7
55,6
58,0
F

Abbildung 1-7: Wahrscheinlichkeiten der Messergebnisse

Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 20
Messtechnik Prof. Dr. Faber 1 - 20

Messtechnik

Prof. Dr. Faber 1 - 20

Daher gilt:

Messergebnis für eine „indirekte“ Messgröße Z ==== f ( X;Y )

Das Messergebnis zweier direkt gemessener Größen X und Y liegt in der folgenden Form vor:

x = x ± x

und

y = y ± y

Dabei sind x und y die (arithmetischen) Mittelwerte und x und y die

Messunsicherheiten der beiden Größen, für die man in diesem Zusammenhang

üblicherweise die Standardabweichungen heranzieht:

der beiden Mittelwerte

s

x

und

s

y

x = s

x

und

y = s

y

Die von den diskreten Messgrößen X und Y abhängige „indirekte“ Messgröße Z = f ( X ;Y ) besitzt dann den Mittelwert:

z = f (x; y)

des

Als Genauigkeitsmaß für diesen Wert dient die Standardabweichung

Mittelwertes, die aus dem Gaußschen Fehlerfortpflanzungsgesetz (Varianzfortplanzungsgesetz) berechnet wird. Sie ist zugleich ein Maß für die

Unsicherheit z des Mittelwertes z = f (x; y) . Somit gilt:

s

z

z =

s

= z
=
z

( f (x; y)

x

x)

2

+

(