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Der kleine Pip wächst in ärm lichen Verhältnissen auf,

ohne Eltern, ohne Rückhalt, ohne Liebe. Doch er hat


große Erwartungen an sein Leben und träum t dav on,
ein Gentlem an zu sein. Er setzt alles daran, die Welt der
Arm ut und Hoffnungslosigkeit hinter sich zu lassen und
es zu Wohlstand und Ansehen zu bringen. Durch die
Gunst eines Wohltäters gelangt er nach London und
bekom m t die Chance, seine Ziele zu v erwirklichen: Das
Leben, wie er es sich erträum t hatte, ist zum Greifen
nah. Doch er m erkt schon bald, daß in dieser Stadt
Glück und Unglück näher beieinanderliegen, als er
ahnen konnte, und es m ehr als Geld und Wohlstand
bedarf, um tatsächlich ein Gentlem an zu sein ...
 Der m eisterhafte Rom an über den kleinen
Waisenjungen Pip und seine großen Erwartungen an
das Glück ist einer der bedeutendsten Klassiker der
Weltliteratur.

Charles Dickens wurde am 7 . Februar 1 81 2 in


Landport, England, geboren. In ärm lichen
Verhältnissen aufgewachsen, arbeitete er später bei
einem Rechtsanwalt und als Journalist. Mit Sketches by
Boz (1 83 6 ) und The Pickwick Papers (1 83 7 ) wurde er zu
einem der bekanntesten Autoren Englands. 1 83 7
erschien sein erster Rom an, Oliver Twist. Neben der
Schriftstellerei v erdiente er sich sein Geld m it Lese- und
Vortragsreisen in England und den USA . Charles
Dickens starb am 9 . Juni 1 87 0 in Kent.

Von ihm sind im insel taschenbuch u.a. erschienen: Die


Weihnachten des Mr. Scrooge (it 4 06 2 ), Oliver Twist (it
4 07 7 ), Eine Geschichte aus zwei Städten (it 4 07 9 ) und
Der Raritätenladen (it 4 080).
Charles Dickens
GROSSE ERWARTUNGEN
Aus dem Englischen von Paul Heichen
INSEL VERLAG
eBook Insel Verlag Berlin 2 01 1
© dieser Ausgabe Insel Verlag Berlin 2 01 1
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Um schlagfoto: plainpicture/Arcangel/Susan Fox
Satz: Hüm m er Gm bH, Waldbüttelbrunn

eISBN 9 7 8-3 -4 58-7 7 03 0-5
www.insel-v erlag.de
Große Erwartungen
Erstes Kapitel

Meines Vaters Familienname lautet Pirrip und mein


Taufname Philip; und aus den beiden Namen
konnte meine Kinderzunge nichts Längeres oder
Deutlicheres machen als Pip. Ich gab mir also den
Namen Pip und wurde demzufolge auch Pip
genannt.
Ich nenne Pirrip als den Familiennamen meines
Vaters auf die Autorität hin, als die sein Grabstein
und meine Schwester zu gelten haben dürften oder
doch bei mir galten. Meine Schwester war Frau Joe
Gargery; sie hatte den Schmied im Orte geheiratet.
Da ich Vater und Mutter niemals gesehen und auch
niemals von keinem von beiden ein Porträt gesehen
habe (denn sie lebten lange vor der Zeit, da es
Photographen gab), wurden meine ersten
Vorstellungen darüber, wie sie wohl ausgesehen
hatten, ohne Sinn und Verstand von ihren
Grabsteinen hergeleitet. Die Gestalt der Buchstaben
auf meines Vaters Grabstein gab mir den
wunderlichen Gedanken ein, daß er ein
vierschrötiger, untersetzter, brünetter Mann mit
schwarzem Lockenhaar gewesen sei. Aus dem
Charakter und der Form der Inschrift: ›Desgleichen
Georgiana, Ehefrau des Obigen‹ zog ich einen
kindischen Schluß, daß meine Mutter
sommersprossig und kränklich gewesen sei. Fünf
kleine Steinplatten von je etwa anderthalb Fuß
Länge, in zierlicher Reihe neben das Grab meiner
Eltern gestellt, waren dem Andenken von fünf
kleinen Brüdern von mir geweiht, die in jenem
gemeinsamen Kampfe um das Dasein
außerordentlich zeitig den Versuch, das
Durchkommen zu finden, aufgegeben hatten.
Diesen Steinen danke ich den ehrfurchtsvoll
gehegten Glauben, daß diese Brüder alle auf dem
Rücken liegend mit den Händen in der Tasche
geboren worden seien und ihre Hände in diesem
Stadium des Daseins nie herausgenommen hätten.
Unser Land war das Marschenland unten am Fluß
und lag, da der Fluß im Bogen lief, zwanzig Meilen
von der See ab. Mein erster lebhaftester und
umfassender Eindruck von der Identität der Dinge
scheine ich an einem denkwürdigen rauhen
Nachmittag gegen Abend hin erhalten zu haben. Zu
solch einer Zeit fand ich das gewiß heraus, daß
dieser öde, mit Nesseln verwachsene Platz der
Kirchhof war; und daß Philip Pirrip, weiland
Pfarrkind dieses Sprengels, und auch Georgiana,
Gemahlin des Obigen, tot und begraben waren; und
daß Alexander, Bartholomäus, Abraham, Tobias
und Roger, Kinder der Genannten, auch tot und
begraben waren; und daß die dunkle, flache
Wüstenei jenseits des Kirchhofes, durchschnitten
von Gräben und Dämmen und Gittern und
abgefressen von zerstreuten Viehherden, die
Marschen waren; und daß die niedrige bleierne
Linie drüben der Fluß war; und daß die ferne wilde
Wüste, von der der Wind herbrauste, die See war;
und daß das kleine Häufchen Angst, das sich vor
dem allen zu fürchten anfing und schon die Tränen
bei der Hand hatte, Pip war. 
»Halt' dein Maul!« rief eine fürchterliche
Stimme, und ein Mann sprang hinter den Gräbern
an der Kirchenpforte hervor. »Verhalte dich ruhig,
du junger Teufel! Sonst schneide ich dir die Gurgel
ab!«
Ein schrecklicher Kerl, ganz in grobem Grau, mit
einem großen Eisen am Bein. Ein Mann ohne Hut
und mit zerrissenen Schuhen und einem alten
Lappen um den Kopf. Ein Mann, der von Wasser
durchnäßt war und von Schmutz bedeckt war und
von Steinen lahm war und von Kieseln geschnitten
war und von Nesseln gestochen war und von
Dornen gerissen war; ein Mann, der hinkte und
schauderte und stierte und knurrte und dem die
Zähne im Kopfe klapperten, als er mich beim Kinn
packte.
»O! Schneiden Sie mir nicht die Gurgel ab, Herr«,
bat ich entsetzt. »Bitte, tun Sie es nicht, Herr!«
»Sag' mir deinen Namen!« sagte der Mann. --
»Schnell.«
»Pip, Herr.«
»Noch einmal«, sagte der Mann, mich
anstarrend. »Sprich ordentlich!«
»Pip, Pip, Herr.«
»Zeig' mir, wo du wohnst«, sagte der Mann.
»Weise den Ort!«
Ich deutete dorthin, wo unser Dorf lag, auf der
flachen Küste unter den Erlen und Weiden, eine
Meile oder weiter von der Kirche entfernt.
Der Mann sah mich erst noch einen Augenblick
an, dann drehte er mich um, das Oberste zuunterst,
und leerte meine Taschen. Es war darin nichts als
ein Stück Brot. Als die Kirche wieder die alte wurde
-- denn er war so sehnig und stark, daß er sie vor
mir einen Purzelbaum schießen ließ und ich den
Turm unter meinen Beinen erblickte --, als die
Kirche, wie gesagt, wieder zu sich selbst kam, da saß
ich zitternd auf einem Grabstein, während der Mann
mit Gier mein Brot aß.
»Du junger Hund«, sagte der Mann, indem er sich
die Lippen leckte, »was du für feiste Backen hast.«
Ich glaube, sie waren feist, obwohl ich damals für
mein Alter untersetzt und nicht gerade kräftig war.
»Hol' mich der Teufel, wenn ich sie nicht
aufessen könnte«, sagte der Mann mit einem
drohenden Kopfschütteln, »und wenn ich nicht halb
und halb Lust dazu hätte!«
Ich drückte ernsthaft die Hoffnung aus, er
möchte das nicht tun, und hielt mich fest an dem
Grabstein, auf den er mich gesetzt hatte; teils, um
meinen Platz dort zu bewahren; teils, um mich vom
Weinen zurückzuhalten.
»Na, nu' guck' e' mal an!« sagte der Mann. »Wo
ist deine Mutter?«
»Da, Herr!« sagte ich.
Er fuhr auf, tat ein paar Sätze, blieb stehen und
guckte über die Schulter hinüber.
»Da, Herr!« erklärte ich schüchtern.
»›Desgleichen Georgiana.‹ Das ist meine Mutter.«
»Oh!« sagte er, zurückkommend. »Und ist das
neben deiner Mutter da dein Vater?«
»Ja, Herr«, sagte ich; »er auch; weiland Kind
dieses Sprengels.«
»Ha!« murmelte er dann nachdenklich. »Bei wem
wohnst du -- angenommen, es gefällt mir, dich am
Leben zu lassen, worüber ich mir noch gar nicht
einmal schlüssig bin?«
»Bei meiner Schwester, Herr -- bei Frau Joe
Gargery --, der Gemahlin von Joe Gargery, dem
Grobschmied, Herr.«
»Grobschmied, so?« fragte er, und blickte nach
seinem Bein hinunter.
Nachdem er mehrere Male düster nach seinem
Beine und nach mir geguckt hatte, trat er näher an
meinen Grabstein heran, nahm mich bei beiden
Armen und kippte mich soweit herum, als er mich
halten konnte, so daß seine Augen gewaltig auf die
meinen herunterstierten und die meinen hilflos
nach den seinen emporschauten.
»Nu, guck' e' mal an«, sagte er, »die Frage ist, ob
ich dich am Leben lassen soll. Du weißt, was eine
Feile ist?«
»Ja, Herr.«
»Und du weißt, was Lebensmittel sind?«
»Ja, Herr.«
Nach dieser Frage kippte er mich ein bißchen
weiter hinüber, um mir ein größeres Bewußtsein der
Hilflosigkeit und Gefahr zu geben.
»Du bringst mir 'ne Feile.« Er kippte mich
abermals nach hinten. »Du bringst mir
Lebensmittel.« Er kippte mich wiederum nach
hinten. »Du bringst mir beides.« Er kippte mich von
neuem nach hinten. »Sonst reiß' ich dir Herz und
Leber aus.« Er kippte mich nochmals nach hinten.
Ich war fürchterlich erschrocken und so
schwindelig, daß ich mich mit beiden Händen an ihn
anhängte und sagte: »Wenn Sie so gut sein wollen,
mich auf meinen Beinen stehen zu lassen, Herr, so
würde mir vielleicht nicht unwohl werden und am
Ende könnte ich dann besser achtgeben.«
Er duckte mich in ganz entsetzlicher Weise nach
unten und ließ mich in der Luft herumkugeln, so
daß die Kirche über ihren eigenen Wetterhahn
sprang.
Dann hielt er mich in einer aufrechten Haltung
auf der oberen Kante des Grabsteines fest und fuhr
fort in den folgenden fürchterlichen Worten:
»Du bringst mir morgen vormittag in aller Frühe
die genannte Feile und die genannten Lebensmittel.
Du bringst den ganzen Kram zu mir hinüber, dort
nach der alten Batterie da drüben, das tust du, und
du nimmst dir ja nicht heraus, ein Wort zu reden
oder ein Zeichen zu machen, von wegen du hättest
so 'ne Person wie mich gesehen oder überhaupt
irgendeine Person gesehen; und dann sollst du am
Leben bleiben. Tust du's nicht oder weichst du von
meinen Anordnungen auch nur in einer Kleinigkeit
ab, sei sie auch noch so gering, so soll dir Herz und
Leber ausgerissen werden, und ich will sie braten
und aufessen. Nun, ich bin nicht allein, wie du am
Ende denkst. Ein junger Mann hält sich mit mir
versteckt, und im Vergleich zu diesem jungen Mann
bin ich ein Engel. Dieser junge Mann hört die
Worte, die ich spreche. Dieser junge Mann hat eine
geheime Art und Weise, die nur er versteht und
raushat, sich an einen Knaben heranzumachen und
sich an sein Herz und an seine Leber
heranzumachen. Vergebens wird ein Knabe
versuchen, sich vor diesem jungen Mann zu
verstecken. Ein Knabe mag die Tür zuriegeln, mag
warm im Bett liegen, mag sich einmummeln, mag
sich die Kleider über den Kopf ziehen, mag sich
sicher und wohlaufgehoben glauben, so wird
dennoch dieser junge Mann langsam seinen Weg zu
ihm geschlichen kommen und ihm die Betten
hinwegreißen. Ich halte diesen jungen Mann jetzt
mit vieler Mühe davon zurück, dir ein Leid anzutun.
Es fällt mir sehr schwer, diesen jungen Mann daran
zu hindern, sich dein Inneres mal anzugucken. Nun,
was sagst du dazu?«
Ich sagte, ich würde ihm die Feile bringen, und
ich würde ihm all die einzelnen Bißchen Essen
bringen, die ich auftreiben könnte, und ich würde zu
ihm nach der Batterie hinüber- kommen, am
Vormittag in aller Frühe.
»Sage, Gott soll mich strafen, wenn ich's nicht
tue!« sagte der Mann.
Das sagte ich auch, und er setzte mich wieder auf
den Boden.
»Nun«, fuhr er fort, »denke daran, was du auf
dich genommen hast, und denke an den jungen
Mann, und jetzt geh nach Hause!«
»Gu-guten Abend, Herr«, stotterte ich.
»Hast gut reden!« sagte er und ließ den Blick über
die kalte, feuchte Ebene schweifen. »Ich wollt', ich
wär' ein Frosch oder ein Aal!«
Gleichzeitig schlug er beide Arme um seinen
schlotternden Leib -- packte sich an, wie wenn er
sich zusammenhalten wollte -- und humpelte nach
der niedrigen Kirchenmauer. Wie ich ihn so gehen
und den Weg zwischen den Nesseln und Disteln, die
die grünen Hügel besetzten, sich aussuchen sah, da
erschien er meinen jugendlichen Augen ganz so, als
ob er den Händen der Toten auszuweichen strebte,
die sich behutsam aus ihren Gräbern herausreckten,
um ihn am Knöchel zu packen und in die Gruft
hereinzuziehen.
Als er die niedrige Kirchenmauer erreichte,
kletterte er hinüber, wie jemand, dessen Beine steif
und gelähmt waren, dann drehte er sich nach mir
um. Als ich ihn sich umwenden sah, kehrte ich das
Gesicht meinem Heim zu und gebrauchte meine
Beine nach besten Kräften. Aber gleich darauf
guckte ich über die Schulter und sah ihn wieder
weitergehen, dem Flusse zu. Noch immer hatte er
beide Arme über den Leib geschlagen und suchte
sich den Weg mit seinen wunden Füßen zwischen
den großen Steinen aus, die hier und dort in den
Marschen lagen, als Trittplätze, wenn es schwer
regnete oder wenn die Flut herein war.
Als ich stehenblieb, um ihm nachzuschauen,
waren die Marschen nichts als eine lange, schwarze,
horizontale Linie; und der Fluß war eine zweite
horizontale Linie, nur bei weitem nicht so breit und
auch nicht so schwarz; und der Himmel war weiter
nichts als eine Reihe von langen grellroten Linien,
mit denen sich pechschwarze Linien mischten. Am
Rande des Flusses konnte ich schwach die einzigen
zwei schwarzen Dinge in dem ganzen Gemälde
erkennen, die aufrecht zu stehen schienen; das eine
war die Bake, nach der die Seeleute steuerten und
die wie eine auf einen Stamm gespießte Tonne ohne
Reifen aussah -- ein häßliches Ding, wenn man nahe
daran war; das andere war ein Galgen mit ein paar
baumelnden Ketten, an denen einmal ein Seeräuber
gehangen hatte. Der Mann humpelte auf den Galgen
zu, wie wenn er der Seeräuber wäre, der, auf ein
Weilchen wieder lebendig geworden, herunter
gekommen war und sich nun wieder anhängen
wollte. Ich bekam einen fürchterlichen Ruck, als
dieser Gedanke in mir aufstieg; und als ich das Vieh
die Köpfe heben sah, um hinter ihm herzuglotzen,
da fragte ich mich, ob die Tiere wohl auch so
dächten. Ich sah mich überall um nach dem
entsetzlichen jungen Manne und konnte keine Spur
von ihm sehen. Aber jetzt war ich wieder
erschrocken und lief nach Hause, ohne noch einmal
innezuhalten.
Zweites Kapitel

Meine Schwester, Frau Joe Gargery, war über


zwanzig Jahre älter als ich und hatte sich bei ihren
Nachbarn dadurch einen großen Ruf gesichert, daß
sie mich »mit der Hand« aufgezogen hatte. Da ich
damals für mich selber auszutüfteln hatte, was
dieser Ausdruck bedeutete, und da ich wußte, daß
sie eine harte und schwere Hand hatte und sie sehr
oft auf ihren Mann wie auch auf mich zu legen
pflegte, so neigte ich zu der Annahme, daß Joe
Gargery und ich beide mit der Hand aufgezogen
wären.
Sie war keine Frau von nettem Aussehen, meine
Schwester; und ich hatte im allgemeinen den
Eindruck, als müsse sie Gargery mit der Hand
veranlaßt haben, ihn zu heiraten. Joe war ein
hübscher Mann, mit Locken flächsernen Haares an
jeder Seite seines glatten Gesichtes und mit Augen
von so ungewissem Blau, daß es ganz so aussah, als
wären sie irgendwie mit ihrem eignen Weiß
vermengt worden. Er war ein sanftmütiger,
gutherziger, leichtlebiger, törichter lieber Kerl --
eine Art Herkules an Kraft -- und auch an
Schwäche.
Meine Schwester, Frau Joe, hatte schwarzes Haar
und schwarze Augen und eine so hartnäckige Röte
der Haut, daß ich mich manchmal fragte, ob es
möglich sein könne, daß sie sich mit einem
Reibeisen statt mit Seife wasche. Sie war groß und
knochig und trug fast immer eine große Schürze, die
mit zwei Schleifen hinten festgebunden war und
vorn einen viereckigen, unnahbaren Latz hatte, der
voller Steck- und Nähnadeln saß. Sie machte es sich
selbst zu einem gewaltigen Verdienst und Joe zu
einem heftigen Vorwurf, daß sie immer diese
Schürze trug. Zwar sehe ich wahrhaftig keinen
Grund, weshalb sie sie überhaupt trug; oder warum
sie sie, wenn sie sie überhaupt trug, nicht jeden Tag
ihres Lebens hätte abnehmen können.
Joes Schmiede stieß an unser Haus, das gleich
vielen Wohnungen in unserm Lande -- ja, gleich
allen Wohnungen, kann man von der damaligen Zeit
sagen -- ein hölzernes Haus war. Als ich vom
Kirchhof nach Hause lief, war die Schmiede
geschlossen, und Joe saß allein in der Küche. Da wir
Leidensgefährten waren und als solche einander
vertrauten, so teilte mir Joe auch gleich etwas im
Vertrauen mit, als ich kaum die Türklinke
heruntergedrückt und nach ihm hingeguckt hatte,
wie er so gerade gegenüber in der Ofenecke saß.
»Frau Joe ist ein dutzendmal wohl draußen
gewesen und hat sich nach dir umgesehen, Pip. Und
jetzt ist sie wieder draußen, und hat die Dreizehn
glücklich voll gemacht.«
»So?«
»Ja, Pip«, sagte Joe, »und was noch schlimmer
ist, sie hat den gelben Onkel mitgenommen.«
Bei dieser traurigen Nachricht drehte ich an dem
einzigen Knopf an meiner Weste und sah ganz
niedergeschlagen nach dem Feuer hin. Der gelbe
Onkel war ein Rohrstock mit gepichtem Ende, das
durch die nahe Berührung mit meiner gepeinigten
Gestalt schon glatt und blank geworden war.
»Sie hat sich gesetzt«, sagte Joe, »und dann ist sie
wieder aufgesprungen und hat den gelben Onkel
gepackt und ist 'nausgepoltert. Kannst mir's
glauben«, sagte Joe, indem er langsam das Feuer
zwischen den tieferen Sparren mit dem Feuerhaken
schürte und in die Glut blickte, »'nausgepoltert ist
sie, Pip.«
»Ist sie lange fort gewesen, Joe?«
Ich behandelte ihn immer als eine größere Art
von Kind und als nichts weiter denn
meinesgleichen.
»Na«, sagte Joe, zur Schwarzwälderuhr
hinaufsehend, »sie ist dieses letztemal schon vor
ungefähr fünf Minuten 'nausgepoltert. Jetzt kommt
sie! Stell' dich hinter die Tür, alter Junge, und halte
das Handtuch vor.«
Ich befolgte den Rat. Meine Schwester, Frau Joe,
stieß die Tür weit auf, und da sie ein Hindernis
dahinter vorfand, so erriet sie auch sofort die
Sachlage und gebrauchte den gelben Onkel, um sie
noch näher zu ergründen. Das Ende war, daß sie
mich Joe zuwarf -- ich diente ihr oft als eheliches
Wurfgeschoß --, und Joe war froh, unter
irgendwelchen Bedingungen Hand an mich legen zu
können, schob mich in den Kamin und schloß in
aller Ruhe mit seinem großen Bein den Zuweg zu
mir ab.
»Wo bist du gewesen, du Esel von Junge?« sagte
Frau Joe, mit dem Fuße stampfend. »Sage mir
sofort, wie du dazu gekommen bist, mich hier
wieder zu ärgern und zu erschrecken und zu
peinigen, sonst hol' ich dich aus der Ecke dort vor,
wenn ich auch mit fünfzig Pips und fünfhundert
Gargerys zu tun hätte.«
»Ich bin bloß auf dem Kirchhof gewesen«, sagte
ich von meinem Platze aus und weinte und rieb an
mir herum.
»Auf dem Kirchhof!« wiederholte meine
Schwester. »Wenn ich nicht gewesen wäre, wärst du
schon längst auf den Kirchhof gekommen und dort
geblieben. Wer hat dich mit der Hand aufgezogen?«
»Du«, sagte ich.
»Und warum, möchte ich gern wissen!« rief
meine Schwester aus.
Ich winselte: »Das weiß ich nicht!«
»Ich auch nicht!« sagte meine Schwester. »Es
würde mir auch nie wieder einfallen! Das steht fest.
Ich kann wahrhaftig sagen, ich habe diese meine
Schürze nie abgelegt, seit du geboren bist. Es ist
schon schlimm genug, die Frau eines Grobschmieds
zu sein (noch dazu, wo es ein Gargery ist), und man
braucht gar nicht noch deine Mutter zu sein.«
Meine Gedanken schweiften von diesen Fragen
ab, während ich trostlos nach dem Feuer blickte.
Denn der Flüchtige draußen auf den Marschen mit
seinem eisenbeschlagenen Bein, der geheimnisvolle
junge Mann, die Feile, das Essen und das
schreckliche Gelübde, dem ich mich unterzogen
hatte, in diesen schützenden Hallen einen Diebstahl
zu begehen, stieg vor meinen Augen auf in der
rächenden Glut der Kohlen.
»Hah!« rief Frau Joe, den gelben Onkel wieder an
seinen Platz legend. »Ja, der Kirchhof! Ihr beide
habt gut vom Kirchhof reden.« Einer von uns hatte
nebenbei das Wort überhaupt nicht in den Mund
genommen. »Ihr werdet schon dieser Tage mal
mich zwischen euch nach dem Kirchhof fahren, und
oh, ein herr-r-rliches Paar werdet ihr ohne mich
abgeben!«
Als sie sich daran machte, das Teegeschirr
hinzusetzen, guckte Joe über sein Bein hinüber nach
mir hinunter, wie wenn er im Geiste mich und sich
zusammenzählte und berechnete, was für ein Paar
wir in Wirklichkeit wohl abgeben würden unter den
angedeuteten schmerzlichen Umständen. Hierauf
befühlte er seinen flächsernen Lockenbart an der
rechten Seite und folgte der Frau Joe mit den
Augen, wie das so immer seine Gewohnheit war,
wenn das Barometer auf Sturm stand.
Meine Schwester hatte eine scharfe Art und
Weise, das Butterbrot für uns abzuschneiden, und
diese Art und Weise blieb sich immer gleich. Erst
drückte sie das Brot mit ihrer linken Hand derb und
fest gegen ihren Latz -- wo manchmal eine Steck-
oder Nähnadel hineingeriet, die wir hernach in den
Mund bekamen. Dann nahm sie etwas Butter (nicht
zuviel) auf ein Messer und schmierte sie über das
Brot in einer apothekerhaften Manier, wie wenn sie
ein Pflaster machte -- und gebrauchte beide Seiten
des Messers so flink und gewandt, daß es nur so
klappte, und putzte und drückte die Butter rings
von der Kruste herunter. Dann wischte sie
schicklich noch das Messer kräftig an dem Rande
des Pflasters ab und sägte eine sehr dicke Schnitte
von dem Brote ab; aber ehe sie diese Schnitte von
dem Brote trennte, hackte sie sie in zwei Hälften,
von der Joe die eine und ich die andere erhielt.
Diesmal wagte ich nicht, meine Schnitte zu essen,
obwohl ich hungrig war. Ich fühlte, ich müsse etwas
für meine fürchterliche Bekanntschaft und ihren
Genossen, den noch fürchterlicheren jungen Mann,
aufbewahren. Ich wußte, daß die Haushaltung der
Frau Joe eine sehr strenge war und daß meine
diebischen Nachsuchungen im Schrank wohl kaum
folgenlos bleiben könnten, deshalb beschloß ich,
meine Butterstulle in meine Hose zu stecken.
Ich fand es ganz entsetzlich, wie lange ich mit mir
selber zu kämpfen hatte, ehe ich dieses Vorhaben
auszuführen vermochte. Es war, wie wenn ich mich
entschlossen hätte, von der Spitze eines hohen
Hauses herunterzuspringen oder in eine große
Wassertiefe zu tauchen. Und Joe machte es mir
unbewußterweise noch schwerer. In unserer bereits
erwähnten Freimaurerschaft als Leidensgefährten
und in seinem gutmütigen Verkehr mit mir war es
unser abendlicher Brauch, die Art und Weise zu
vergleichen, wie wir unsere Schnitten durchbissen,
indem wir sie dann und wann stillschweigend in die
Höhe hielten, damit der andere sie bewundern möge
-- was uns zu neuen Anstrengungen anspornte. An
diesem Abend ersuchte mich Joe mehrmals, unsern
gewöhnlichen freundschaftlichen Wettstreit zu
beginnen, indem er mir seine in raschem
Verschwinden begriffene Schnitte zeigte; aber
jedesmal sah er meine gelbe Teetasse auf dem einen
Bein und mein unangerührtes Butterbrot auf dem
anderen. Endlich kam mir die verzweifelte
Überzeugung, was ich im Sinne hätte, müsse
geschehen, und es geschähe am besten in der unter
den Umständen unwahrscheinlichsten Art und
Weise. Ich benutzte den ersten besten Augenblick,
wo Joe seinen Blick von mir ablenkte, und steckte
mein Butterbrot in mein Hosenbein.
Joe war augenscheinlich unmutig wegen meines
vermeintlichen Mangels an Appetit und tat einen
nachdenklichen Biß aus seiner Schnitte, an dem er
keine Freude zu haben schien. Er drehte ihn viel
länger als sonst im Munde umher, dachte viel dabei
über etwas nach und schluckte ihn endlich hinunter
wie eine Pille. Er wollte eben einen neuen Biß tun
und hatte gerade den Kopf auf eine Seite gelegt, um
das recht gut bewerkstelligen zu können, als sein
Auge auf mich fiel und er sah, daß mein Butterbrot
verschwunden war.
Die Verwunderung und Bestürzung, mit der Joe
dicht vorm Abbeißen innehielt und mich anstarrte,
lag zu deutlich am Tage, um dem Blick meiner
Mutter zu entgehen.
»Was ist denn los?« fragte sie kurz, indem sie die
Tasse niedersetzte.
»Höre mal, weißt du!« brummte Joe, den Kopf
mit vorwurfsvoller Miene nach mir hin schüttelnd.
»Pip, alter Junge! Du wirst dir selbst Schaden tun.
Es wird irgendwo stecken- bleiben. Du kannst es
nicht gekaut haben, Pip.«
»Was ist denn nun wieder los?« wiederholte
meine Schwester, noch ungestümer als zuvor.
»Wenn du 'n bißchen davon in die Höhe husten
könntest, Pip, so würde ich dir sehr empfehlen, das
zu tun«, sagte Joe, ganz bleich vor Schreck. »Ein
jeder nach seiner Art und Weise, aber auf deine
Gesundheit mußt du bedacht sein.«
Jetzt war meine Schwester außer sich vor Wut,
deshalb stürzte sie auf Joe los, faßte ihn bei seinen
beiden Backenbärten und schlug ihn mit dem Kopf
eine kleine Weile gegen die in seinem Rücken
befindliche Wand, während ich in der Ecke saß und
schuldbewußt zuguckte.
»Nun wirst du mir vielleicht sagen, was los ist«,
sagte meine Schwester, außer Atem; »glotzest ja wie
'n angestoch'nes Schwein!«
Joe sah sie hilflos an; dann tat er einen hilflosen
Blick und sah wieder mich an.
»Du weißt, Pip«, sagte Joe feierlich, mit dem
letzten Happen in der Backe und in vertraulichem
Tone, wie wenn wir beide ganz allein wären; »du
und ich, wir sind immer Freunde und ich wäre der
letzte, der dich anpetzt, ganz gewiß. Aber so« -- er
rückte mit seinem Stuhl, sah sich auf dem
Stückchen Boden um, das zwischen uns lag, und
lenkte dann wieder den Blick auf mich -- »so
ungeheuerlich zu schlingen!«
»Hat sein Essen runtergeschlungen, he?« rief
meine Schwester.
»Du weißt, alter Junge«, sagte Joe, indem er mich
und nicht Frau Joe anguckte und seinen Bissen noch
immer in der Backe behielt. »Ich habe selber
geschlungen, als ich so alt war wie du -- oftmals --,
und als Junge habe ich mit vielen verkehrt, die auch
geschlungen haben; aber ich habe bisher noch nie
von dir gesehen, daß du geschlungen hast, Pip, und
es ist ein wahrer Segen, daß du dich nicht zu Tode
geschlungen hast.«
Meine Schwester stürzte auf mich zu und fischte
mich bei den Haaren, indem sie nichts weiter
sprach, als die fürchterlichen Worte:
»Jetzt kommst du mit und nimmst ein!«
Irgendein ärztliches Tier hatte Teerwasser als
vorzügliche Medizin zur damaligen Zeit wieder
aufgebracht, und Frau Joe hielt sich immer einen
Vorrat im Schranke; denn sie glaubte, es wirke um
so vortrefflicher, als es so entsetzlich schmeckte.
Im besten Falle wurde mir von diesem Elixier so
viel als leckeres Erholungsschlückchen
eingetrichtert, daß ich mir bewußt wurde, mit dem
Geruch eines frischgeteerten Zaunes
umherzulaufen. An diesem besonderen Abend
erforderte die Dringlichkeit meines Falles ein
ganzes Maß von dieser Mischung, und dieses Maß
wurde mir zu meinem besseren Wohlbefinden die
Kehle hinuntergeschüttet, während Frau Joe
meinen Kopf unter ihrem Arm festhielt, wie wohl
ein Stiefel in einem Stiefelknecht festgehalten wird.
Joe kam mit einem halben Maß davon; aber er
mußte es (zu seinem größten Verdrusse, während er
langsam kauend und grübelnd vorm Feuer saß) mit
einemmal hinunterschlucken, weil »er einen Anfall
gehabt hatte«. Wenn ich von mir selbst auf andere
schließen sollte, so würde ich sagen, er hätte ganz
gewiß hinterher einen Anfall bekommen, sofern er
vorher keinen gehabt hatte.
Das Gewissen ist etwas Entsetzliches, wenn es
einen Mann oder einen Knaben anklagt; aber wenn
es einen Knaben anklagt und diese geheime Last
noch zusammenwirkt mit einer anderen geheimen
Last tief unten in seinem Hosenbein, dann ist es (wie
ich bezeugen kann) eine schwere Strafe. Das
schuldvolle Bewußtsein, ich habe im Sinne, Frau
Joe zu bestehlen -- daß ich ihn selber zu bestehlen
vorhätte, kam mir nie in den Sinn; denn ich hatte
kein einziges Stück des Haushaltes als sein
Eigentum betrachten gelernt -- dieses Bewußtsein,
vereint mit der Notwendigkeit, immer beim
Dasitzen oder wenn ich in irgendeinem kleinen
Auftrag nach der Küche geschickt wurde, die eine
Hand auf meinem Butterbrot halten zu müssen,
brachte mich fast um den Verstand. Wie dann die
Marschenwinde das Feuer glühen und flackern
machten, da war mir ganz so, als hörte ich draußen
die Stimme des Mannes mit dem Eisen am Bein, der
mir den Eid auf Verschwiegenheit abgenommen
hatte und nun erklärte, er könne und wolle nicht
hungern bis morgen, sondern müsse jetzt gleich
gefüttert werden. Andermal wieder dachte ich bei
mir: wenn nun der junge Mann, der mit so großer
Mühe davon abzuhalten war, Hand an mich zu
legen, der angeborenen Ungeduld nachgäbe oder
sich in der Zeit irrte und schon heute nacht anstatt
erst morgen nacht ein Recht zu haben glaubte, sich
mein Herz und meine Leber zu holen? Wenn jemals
irgendwessen Haar vor Entsetzen zu Berge
gestanden hat, so müßte es meins getan haben in
diesem Augenblick. Aber vielleicht hat noch
niemandes Haar jemals zu Berge gestanden?
Es war Weihnachtsabend, und ich hatte den
Pudding für den nächsten Tag mit dem
Kupferschläger zu rühren, von Punkt sieben bis
Punkt acht Uhr nach der Schwarzwälder-wanduhr.
Ich versuchte es mit meiner Last am Bein (und
dabei mußte ich von neuem an den Mann mit der
Last an seinem Bein denken), und es fiel mir
ungeheuer schwer zu verhüten, daß das Butterbrot
bei dem Hin- und Herdrehen am Knöchel wieder
herausrutschte. Zum Glück gelang es mir
hinauszuschlüpfen, und ich konnte diesen Teil
meines regen Gewissens in meiner Bodenkammer
zur Ruhe niederlegen.
»Horch!« rief ich, als ich mit Rühren fertig war
und mich vorm Schlafengehen noch einmal
ordentlich in der Kaminecke durchwärmte; »waren
das Kanonen, Joe?«
»Ja!« sagte Joe. »Wieder'n Sträfling
durchgebrannt.«
»Was heißt das, Joe?« fragte ich.
Frau Joe, die es immer auf sich nahm, mir
Sachen, die ich nicht verstand,
auseinanderzusetzen, sagte in bissigem Tone:
»Ausgerissen -- ausgerissen.«
Die Erklärung wirkte so ziemlich wie Teerwasser.
Während Frau Joe mit dem Kopf über die
Näharbeit gebeugt dasaß, fixierte ich Joe und
bildete mit den Lippen die leise Frage: »Was ist ein
Sträfling?«
Darauf formte Joe seine Lippen zu einer in so
hohem Maße gedrechselten Erwiderung, daß ich
nichts daraus zu entziffern imstande war als: »Pip.«
»Gestern nacht ist ein Sträfling durchgebrannt«,
sagte Joe laut, »nach dem Schuß bei
Sonnenuntergang. Sie haben die Signalschüsse für
ihn abgefeuert. Jetzt scheint's, feuern sie die
Signalschüsse für einen anderen ab.«
»Wer feuert denn?« fragte ich.
»Hol der Teufel den Bengel«, warf meine
Schwester ein, indem sie mich über die Arbeit
hinweg mit finsteren Blicken maß, »was der für
Fragen stellen kann! Frage nach nichts, und man
wird dir nichts weismachen.«
Sie war, so dachte ich, nicht eben höflich gegen
sich selbst, wenn sie mir andeutete, sie würde mir
etwas weismachen, gesetzt, ich fragte sie etwas.
Aber sie war nie höflich, außer wenn Gesellschaft da
war.
An dieser Stelle vermehrte Joe in hohem Maße
meine Neugier, indem er sich die größte Mühe gab,
den Mund recht weit aufzusperren und mit den
Lippen ein Wort zu formen, das mir ganz so aussah
wie: »Ulkt.«
Deshalb deutete ich natürlich auf Frau Joe und
bildete mit meinem Munde die Frage: »Was? Ulkt
sie?« Aber Joe wollte davon durchaus nichts hören,
sperrte wieder den Mund ganz weit auf und
schüttelte die Form eines sehr nachdrucksvollen
Wortes heraus.
Aber ich wußte nichts mit dem Worte
anzufangen.
»Frau Joe«, sagte ich, da mir nichts andres
übrigblieb, »ich möchte gern wissen -- wenn's dir
nichts ausmacht --, wo das Feuern herkommt?«
»Gott schütze den Jungen!« rief meine
Schwester, in einem Tone, wie wenn sie nicht
eigentlich das, sondern eher das Gegenteil meinte;
»von den Hulks.«
»Ach so -- o!« sagte ich, Joe ansehend. »Hulks!«
Joe hüstelte vorwurfsvoll, wie wenn er sagen
wollte:
»Na, ich hab's dir doch gesagt.«
»Und, bitt' schön, was sind denn Hulks?« fragte
ich.
»So treibt's dieser Bengel!« rief meine Schwester
aus und deutete kopfschüttelnd mit der Nähnadel
nach mir hin. »Wenn man ihm eine Frage
beantwortet, stellt er gleich ein Dutzend andre.
Hulks sind Gefangenenschiffe, direkt jenseits der
Marschen.«
Diese Bezeichnung gebrauchten wir immer in
unserem Lande für die Gegend.
»Ich möchte wohl wissen, wer auf die
Gefangnenschiffe gebracht wird und weshalb man
dahin gebracht wird?« fragte ich beiläufig und im
Tone ruhiger Todesverachtung.
Das ging der Frau Joe über den Spaß, und sie
stand auf.
»Ich will dir was sagen, du Strick«, rief sie, »ich
habe dich nicht mit der Hand aufgezogen, damit du
einen zu Tode nörgelst. Das würde dann eine
Schande für mich sein, anstatt ein Preis. Auf die
Hulks kommen die Leute, weil sie morden und weil
sie stehlen und betrügen und allerhand schlimme
Sachen anstellen; und mit Ausfragen fangen sie
dabei immer an. Das ist stets der erste Schritt. Nun
scher' dich zu Bett!«
Man gestattete mir nie, eine Kerze mitzunehmen,
und als ich so im Dunkeln die Treppe
hinaufkletterte mit brummendem Schädel -- denn
Frau Joe hatte, ihre letzten Worte begleitend, auf
meinem Kopf mit ihrem Fingerhut Tamburin
geschlagen --, da war ich mir in fürchterlicher
Resigniertheit des großen Vorteils bewußt, daß die
Hulks für mich so nahe bei der Hand lagen. Es war
klar, ich war auf dem Wege dorthin. Ich hatte schon
mit Ausfragen angefangen und hatte im Sinne, Frau
Joe zu bestehlen.
Seit dieser Zeit -- und sie ist jetzt ziemlich weit
entfernt -- habe ich oftmals gedacht, daß doch
wenige wissen, wie verschwiegen ein Kind sein
kann, wenn es unter dem Bann der Angst steht. Es
ist einerlei, wie unvernünftig diese Angst ist, wenn
es nur überhaupt Angst ist. Ich hatte eine
fürchterliche Angst vor dem jungen Mann, den es
nach meinem Herzen und meiner Leber gelüstetete;
ich hatte eine fürchterliche Angst vor meinem
Beschützer mit dem eisenbeschlagenen Bein; ich
hatte fürchterliche Angst vor mir selber, dem man
ein grausiges Versprechen abgenommen hatte; ich
hatte keine Hoffnung, mich dieses Versprechens
durch die Vermittelung meiner Schwester zu
entledigen, die mich alle Augenblicke von sich stieß;
ich fürchte mich, daran zu denken, wessen ich in der
Verschwiegenheit meiner Angst auf Verlangen hätte
fähig sein können.
Wenn ich in dieser Nacht überhaupt schlief, so
geschah es nur, um fürchterlich zu träumen. Ich
trieb mit einer starken Springflut den Fluß hinunter
nach den Hulks hin; ein geisterhafter Seeräuber rief
mir, als ich an der Galgenstation vorbeikam, durch
ein Sprachrohr zu, es wäre besser, ich käme aus
Ufer und ließe mich gleich hängen und machte erst
nicht noch lange Fisematenten. Ich fürchtete mich
davor, zu schlafen, selbst wenn ich Neigung dazu
verspürt hätte, denn ich wußte, daß ich beim ersten
Dämmern des Morgens die Speisekammer plündern
mußte. In der Nacht konnte es nicht geschehen,
denn damals war man noch nicht so weit, daß man
sich durch einfache Reibung Licht verschaffen
konnte. Wenn ich Licht hätte haben wollen, so hätte
ich es aus Feuerstein und Stahl herausschlagen
müssen, und das hätte soviel Spektakel gemacht,
wie wenn der Seeräuber selbst mit seinen Ketten
geklirrt hätte.
Sobald sich das große schwarzsammetne
Leichentuch draußen an meinem kleinen Fenster
mit Grau durchsetzte, stand ich auf und ging
hinunter. Jegliche Diele unterwegs und jegliches
Knarren in jeglicher Diele rief hinter mir her:
»Haltet den Dieb!« und »Stehen Sie auf, Frau Joe!«.
In der Speisekammer, die der Jahreszeit gemäß weit
reichlicher versehen war als sonst, bekam ich einen
gewaltigen Schreck, als ich einen Hasen an den
Beinen dort hängen sah, und diesen Hasen, wie mir
beinah so vorkam, als ich mich halb von ihm
abwandte, darüber ertappte, daß er mit den Augen
blinzelte. Ich hatte keine Zeit, mich davon zu
überzeugen, ich hatte keine Zeit, Aussuche zu
halten, ich hatte zu nichts Zeit, denn ich hatte keine
Zeit übrig. Ich stahl etwas Brot, etwas Käserinde,
ungefähr einen halben Krug gehacktes Fleisch (das
ich mitsamt der Butterstulle von gestern abend in
mein Taschentuch einband), Kognak aus einer
steinernen Flasche (den ich in eine Glasflasche
füllte, welche ich heimlich zur Zubereitung jener
berauschenden Flüssigkeit, des Süßholz-Wassers,
oben in meinem Zimmer benutzte, worauf ich den
Inhalt der steinernen Flasche mit Wasser aus einem
Krug im Küchenschrank verdünnte), einen
Knochen mit sehr wenig Fleisch daran und eine
schöne, runde, feste Schweinefleisch-Pastete. Ich
wäre beinahe ohne die Pastete gegangen, wenn ich
mich nicht versucht gefühlt hätte, auf ein Brett
hinaufzusteigen, um nachzusehen, was das wohl für
ein Ding sei, was sie da so sorgfältig in einer
verdeckten, irdenen Schüssel in eine Ecke
geschoben hatten, und da sah ich denn, daß es eine
Pastete war, und nahm ich sie in der Hoffnung, daß
sie nicht zu einer allzu baldigen Mahlzeit bestimmt
sein möchte und eine Zeitlang nicht vermißt werden
würde.
Es war eine Tür in der Küche, die mit der
Schmiede in Verbindung stand; die Tür schloß und
riegelte ich auf und holte eine Feile aus Joes
Werkzeugen. Dann verschloß ich die Tür wieder,
wie ich sie gefunden hatte, öffnete die Pforte, durch
die ich gestern nacht hereingelaufen war, schloß sie
wieder und lief den nebeligen Marschen zu.
Drittes Kapitel

Es war ein sehr feuchter Morgen und lag viel Reif.


Ich hatte die Feuchtigkeit auf der Außenseite
meines kleinen Fensters liegen sehen, wie wenn ein
Kobold dort die ganze Nacht geweint und mein
Fenster als Taschentuch benutzt hätte. Jetzt sah ich
die Feuchtigkeit auf den kahlen Hecken und dürren
Gräsern liegen, wie eine gröbere Art von
Spinngeweben, die sich von Zweig zu Zweig und von
Halm zu Halm spann. Auf jedem Zaun und jedem
Tor lag klamme Nässe; und der Marschennebel war
so dicht, daß der Holzfinger des Weisers, der die
Leute nach unserem Dorfe wies -- eine Weisung, die
sie nie befolgten, denn sie kamen nie dorthin --,
nicht zu sehen war, bis ich dicht darunter stand.
Dann, wie ich so zu ihm aufsah und Tropfen Wasser
von ihm herabträufelten, erschien es meinem
bedrückten Gewissen wie ein Phantom, das mich
den Hulks weihte.
Der Nebel war noch schwerer, als ich auf die
Marschen hinauskam, und anstatt, daß ich gegen
alles anrannte, rannte alles gegen mich an. Das war
sehr unangenehm für ein schuldbewußtes Gemüt.
Die Schleusen, Deiche und Dämme kamen durch
den Nebel auf mich losgestürzt, wie wenn sie so
deutlich als nur möglich riefen: »Ein Junge mit
jemand andrem seiner Fleischpastete. Haltet ihn
auf!« Das Vieh kam mit gleicher Plötzlichkeit auf
mich ein, stierte sich die Augen aus dem Kopf und
blies aus seinen Augen heraus: »Hollah, Dieb von
einem Jungen!« Ein schwarzer Ochse mit einer
weißen Binde um den Hals -- der meinem regen
Gewissen fast wie ein kirchlicher Herr vorkam --
fixierte mich so hartnäckig mit den Augen und
bewegte, als ich mich herumdrehte, seinen plumpen
Kopf in so anklagender Gebärde, daß ich nicht
umhinkonnte, mit erstickter Stimme ihm zuzurufen:
»Ich konnte nicht dafür, mein Herr! Ich hab's nicht
für mich selber genommen!« Daraufhin senkte er
den Kopf, blies eine Wolke Rauches aus der Nase
und verschwand, indem er mit den Hinterbeinen
ausschlug und mit dem Schwanze wedelte.
Diese ganze Zeit über eilte ich dem Flusse zu; aber
so schnell ich auch lief, so konnte ich doch nicht die
Füße warm bekommen, an die die Kälte
geschmiedet zu sein schien, gleichwie das Eisen an
das Bein des Mannes, zu dem ich hinlief,
geschmiedet war. Ich kannte den Weg nach der
Batterie ziemlich genau, denn ich war einmal an
einem Sonntag mit Joe dort unten gewesen, und Joe
hatte sich auf ein altes Geschütz gesetzt und mir
gesagt, wenn ich erst bei ihm regelrechter Lehrling
auf Kontrakt wäre, dann würden wir uns hier schon
oftmals einen ordentlichen »Fez« leisten. Indessen
war ich bei dem wogenden Nebel schließlich doch
ein wenig zu weit nach rechts gegangen, und
demzufolge mußte ich dem Flußufer entlang wieder
zurückzukommen suchen und auf den lockeren
Steinen, die auf dem Schlamm lagen, und den
Pfählen, die die Wassergrenze zur Flutzeit
absteckten, dahinbalancieren. In aller Eile ging ich
hier meines Weges und hatte eben einen Graben
überschritten, der, wie ich wußte, sehr nahe bei der
Batterie lag, und war eben den Damm jenseits des
Grabens hinaufgeklettert, als ich den Mann vor mir
sitzen sah. Sein Rücken war mir zugekehrt und er
hatte die Arme gekreuzt und nickte nach vorn,
schwer vom Schlaf.
Ich glaubte, er würde sich mehr freuen, wenn ich
ihm so unerwartet sein Frühstück brächte, deshalb
trat ich leise vor und berührte ihn an den Schultern.
Er sprang sofort auf, und -- da war es nicht derselbe
Mann, sondern ein anderer!
Und doch trug dieser Mann auch ein grobes Grau
und hatte ein großes Eisen am Bein und war lahm
und heiser und kalt und war in allem ganz wie der
andere Mann; außer daß er nicht dasselbe Gesicht
hatte und einen Filzhut mit flacher, breiter Krempe
und niedrigem Deckel auf dem Kopfe trug. All dies
sah ich in einem Augenblick, denn es blieb mir nur
ein Augenblick Zeit; er schrie mir einen Fluch zu
und führte einen Hieb nach mir -- es war ein weit
ausgeholter, kraftloser Schlag, der mich verfehlte
und ihn selber fast zu Boden warf, denn er stolperte
dabei -- und dann lief er in den Nebel hinein und
strauchelte zweimal unterwegs -- und dann war er
mir aus den Augen.
»Es ist der junge Mann!« dachte ich, und mein
Herz war wie von einer Kugel durchbohrt, als ich
die Person erkannte. Ich hätte wahrscheinlich auch
einen Schmerz in der Leber verspürt, wenn ich
gewußt hätte, wo sie saß.
Hiernach war ich bald an der Batterie, und dort
war der rechte Mann. Er schlug die Arme um sich
und hinkte hin und her, wie wenn er die ganze Nacht
über nicht aufgehört hätte zu hinken und die Arme
um sich zu schlagen. So erwartete er mich. Es fror
ihn entsetzlich, davon war ich fest überzeugt. Ich
erwartete halb und halb, er würde vor meinen
Augen umsinken und vor bitterer Kälte sterben.
Seine Augen sahen auch so hungrig drein, daß, als
ich ihm die Feile reichte, mir der Gedanke kam, er
würde wohl versucht haben, sie zu essen, wenn er
nicht mein Bündel gesehen hätte. Diesmal kehrte er
mich nicht herum, um sich das zu holen, was ich bei
mir hatte, sondern ließ mich aufrecht dastehen,
während ich das Bündel öffnete und die Taschen
leerte.
»Was ist in der Flasche, Junge?« fragte er.
»Kognak«, sagte ich.
Er war bereits dabei, etwas Gehacktes in der
seltsamsten Art und Weise die Kehle hinunter zu
propfen -- mehr wie ein Mann, der es in wilder Eile
irgendwo versteckte, als ein Mann, der es aß -- aber
er ließ sofort davon ab und nahm etwas von dem
Schnaps. Er zitterte die ganze Zeit über so heftig,
daß es eine recht lobenswerte Leistung war, als er
den Hals der Flasche zwischen seinen Zähnen hielt,
ohne ihn abzubeißen.
»Sie haben, glaube ich, kaltes Fieber«, sagte ich.
»Ich bin ganz deiner Ansicht, Junge«, sagte er.
»Es ist böse hierherum«, sagte ich ihm. »Sie
haben draußen auf den Marschen gelegen, und da
kriegt man riesig schnell kaltes Fieber;
Rheumatismus auch.«
»Ich will mein Frühstück essen, ehe ich daran zu
Grunde gehe«, sagte er. »Das will ich tun, wenn ich
auch an den Galgen, der dort drüben steht, gleich im
nächsten Augenblick geknüpft werden sollte.
Insoweit will ich Herr über den Frost werden, da
wette ich mit dir.«
Er verschlang mit einem Male gehacktes Fleisch,
Knochen, Brot, Käse und Pastete. Dabei starrte er
mißtrauisch um sich herum in den Nebel hinein und
hielt oft inne, um zu lauschen, wobei selbst seine
Kinnbacken ihre Bewegung aussetzten. Ein
wirklicher oder eingebildeter Laut, ein Klirren auf
dem Fluß oder das Atmen eines Tieres auf dem
Marsche ließen ihn jetzt jäh emporfahren, und er
fragte plötzlich:
»Du bist doch kein betrügerischer Lump? Du hast
doch niemanden mitgebracht?«
»Nein, Herr! Nein!«
»Auch keinem den Auftrag gegeben, dir zu
folgen?«
»Nein!«
»Schön«, sagte er, »ich glaube dir. Du wärst
wahrhaftig bloß ein wilder junger Hund, wenn du
bei diesem Alter schon mithelfen könntest, ein
elendes Wurm zu hetzen, das dem Tode und dem
Düngerhaufen schon so nahe gehetzt worden ist wie
ich armes, elendes Wurm!«
Etwas klapperte in seiner Kehle, als ob er Werke
darin hatte, wie eine Uhr, und gleich schlagen
würde. Und er fuhr sich mit dem groben zerlumpten
Ärmel über die Augen.
Ich bemitleidete ihn, weil er so verlassen war, und
als ich sah, wie er sich allmählich über der Pastete
beruhigte, faßte ich mir ein Herz und sagte:
»Es freut mich, daß es Ihnen gut bekommt.«
»Hast du gesprochen?«
»Ich sagte, es freut mich, daß es Ihnen so wohl
bekommt.«
»Ich danke dir, mein Junge. Es bekommt mir sehr
gut.«
Ich hatte oft einen großen Hund von uns
beobachtet, wenn er sein Futter fraß; und jetzt
bemerkte ich eine entschiedene Ähnlichkeit in der
Art und Weise, wie der Hund fraß, und der Art und
Weise, wie der Mann aß. Der Mann nahm starke,
scharfe, plötzliche Happen, ganz wie der Hund. Er
verschlang oder vielmehr schnappte jeden Bissen
auf, und zwar viel zu schnell und in zu rascher Folge;
und er sah während des Essens von der Seite hierhin
und dorthin, wie wenn er in jeder Richtung Gefahr
vermutete und immer glaubte, es könnte jemand
kommen und ihm die Pastete wegnehmen. Mir
schien, er war überhaupt zu unruhig, als daß er sein
Mahl ordentlich hätte genießen können, ohne mit
den Kinnbacken nach dem Gaste zu schnappen. In
allen diesen Einzelheiten glich er ungemein dem
Hunde.
»Ich fürchte, Sie werden nichts davon für ihn
übriglassen«, sagte ich schüchtern nach einem
Schweigen, währenddessen ich unschlüssig mit mir
selbst geworden war, ob es sich mit der Höflichkeit
vertrüge, diese Bemerkung zu machen. »Wo das
herkommt, ist nichts mehr zu holen.«
Die Gewißheit dieses Umstandes trieb mich dazu,
ihm diesen Wink zu geben.
»Etwas für ihn übriglassen? Wo ist er?« fragte
mein Freund, indem er im Zerkauen der
Pastetenkruste innehielt.
»Der junge Mann, von dem Sie sprachen, der sich
mit Ihnen versteckt hält.«
»Ah so!« entgegnete er mit einem groben Lachen.
»Er? Ja, ja! Der braucht kein Essen.«
»Mir kam's so vor, als sähe er ganz so aus, wie
wenn er aber doch was brauchte«, sagte ich.
Der Mann hielt im Essen inne und betrachtete
mich sofort und hoch erstaunt.
»Er sah so aus? Wann?«
»Jetzt eben.«
»Wo?«
»Dort drüben«, sagte ich und zeigte mit dem
Finger; »dort drüben, als ich ihn fand, nickte er im
Schlaf, und zuerst glaubte ich, Sie wären es.«
Er hielt mich am Kragen und starrte mich so
furchtbar an, daß ich glaubte, sein erster Gedanke,
mir die Kehle abzuschneiden, müsse wieder
lebendig in ihm geworden sein.
»Gekleidet wie Sie, wissen Sie, bloß noch mit
einem Hut auf dem Kopfe«, erklärte ich zitternd;
»und -- und --« ich ließ es mir sehr angelegen sein,
das möglichst zart auszudrücken -- »und er hatte
auch -- denselben Grund wie Sie, sich eine Feile zu
borgen. Haben Sie nicht gestern nacht die Kanone
gehört?«
»Also hat's doch geschossen!« sagte er zu sich
selbst.
»Das wunderte mich, daß Sie das nicht genau
gehört haben«, entgegnete ich; »denn wir haben's
doch zu Hause gehört, und das ist noch ein
Stückchen weiter ab, und noch dazu waren wir in
der Stube.«
»Na, guck' mal an!« sagte er. »Wenn ein Mensch
auf dieser Ebene allein ist mit leichtem Kopf und
leichtem Magen und umkommt vor Kälte und
Mangel, dann hört er die ganze Nacht nichts weiter
als Kanonenschüsse und rufende Stimmen. Und er
hört nicht bloß. Er sieht sogar die Soldaten mit
ihren roten Röcken, die von den Fackeln erhellt
werden, sich dicht um ihn schließen. Er hört, wie
seine Nummer gerufen wird, hört, wie sie ihm ihr
›Halt‹ zuschreien, hört das Rasseln der Musketen,
hört die Befehle: ›Fertig! Legt an! Nehmt ihn
ordentlich aufs Korn! Leute!‹ und sie legen Hand an
ihn -- und dann war's alles nichts! Ja, wenn ich eine
Patrouille in der letzten Nacht gesehen habe -- in
Reih' und Glied herankommend, hol' sie der Satan!
mit ihrem regelrechten Trapp-Trapp --, dann hab'
ich ihrer auch gleich hundert gesehen. Und erst das
Geschieße! Ja, ich hab' den Nebel vom
Kanonendamm beben sehen, als es schon lange
heller Tag war. Aber dieser Mann«, -- er hatte all
das übrige ganz so gesagt, wie wenn er auf meine
Gegenwart vergessen hätte. »Hast du etwas an ihm
wahrgenommen?«
»Er hatte ein arg zerschundnes Gesicht«, sagte
ich, indem ich mich auf etwas besann, wovon ich
kaum wußte, daß ich es wußte.
»Hier etwa?« sagte der Mann, indem er sich
erbarmungslos mit der Handfläche auf die linke
Backe schlug.
»Ja! dort!«
»Wo ist er?«
Er stopfte das bißchen Essen, das er noch
übrighatte, in die Brusttasche seiner grauen Jacke.
»Zeige mir den Weg, den er gegangen ist. Ich will
ihn niederschlagen wie einen Blutund. Hol' die Pest
das Eisen da an meinem wunden Bein! Reich' uns
die Feile, Junge!«
Ich zeigte die Richtung, in der der Nebel den
andern Mann verhüllte, und er sah einen
Augenblick nach der Seite hin. Dann aber setzte er
sich auf das nasse, wirre Gras und feilte wie ein
Toller an seinem Eisen herum und beachtete weder
mich, noch beachtete er sein Bein, das eine alte
Wunde aufwies und blutig war, das er aber so grob
behandelte, als hätte es nicht mehr Gefühl in sich als
die Feile. Jetzt, wo er sich in so wilde Hast
hineinarbeitete, hatte ich wieder sehr große Angst
vor ihm, und ich fürchtete mich auch davor, noch
einen Augenblick länger von Hause fort zu bleiben.
Ich sagte ihm, ich müsse gehen, aber er hörte nicht
darauf; deshalb hielt ich es für das beste, ruhig
fortzuschlüpfen. Das letzte, was ich von ihm sah,
war sein über sein Knie gebeugtes Haupt und seine
wütend an der Fessel herumarbeitenden Arme, die
ohne Rast hin- und hergingen, während er das Bein
und das Eisen mit Verwünschungen überhäufte. Das
letzte, was ich von ihm hörte, war das noch immer
andauernde Kreischen der Feile, als ich im Nebel
stehenblieb und lauschte.
Viertes Kapitel

Ich war vollkommen darauf gefaßt, einen Büttel in


der Küche zu finden, der darauf wartete, mich in
Gewahrsam zu nehmen. Aber es war dort nicht nur
kein Büttel, sondern man hatte auch noch nichts
von dem Diebstahl gemerkt. Frau Joe war
wunderbar emsig bei der Arbeit, das Haus für die
Festlichkeiten des Tages herzurichten, und Joe war
auf die Küchentreppe gesetzt worden, damit er
nicht in die Kehrichtschaufel geraten möge -- ein
Hausgerät, gegen das ihn sein Schicksal früher oder
später immer hinführte, sobald meine Schwester
mit Eifer den Fußboden ihrer Wohnung
sauberfegte.
»Und wo zum Teufel bist Du denn gewesen?« war
Frau Joes Weihnachtsgruß, als ich und mein
Gewissen uns zeigten.
Ich sagte, ich wäre unten gewesen und hätte mir
die Kirchenmusik mit angehört.
»Na schön!« bemerkte Frau Joe. »Du hättest
Schlimmeres tun können.«
Ohne Zweifel, dachte ich.
»Vielleicht, wenn ich nicht die Frau eines
Grobschmieds wäre und (was dasselbe ist) nicht
eine Sklavin wäre, die nie ihre Schürze ablegt, dann
hätte ich am Ende auch gehen können und mir die
Kirchenmusik anhören«, sagte Frau Joe. »Ich bin ja
selber ein sehr großer Freuad von Kirchenmusik,
und das ist der allerbeste Grund, weshalb ich nie
welche zu hören kriegen darf.«
Joe, der sich nach mir in die Küche wagte, da die
Kehrichtschaufel vor uns verschwunden war, fuhr
sich, als Frau Joe ihm einen Blick zuschleuderte, mit
dem Handrücken über die Nase in versöhnender
Gebärde, und als Frau Joe den Blick wieder von ihm
gelenkt hatte, legte er heimlich die beiden
Zeigefinger übereinander und hielt sie mir hin, denn
das war unser verabredetes Zeichen, wenn Frau Joe
wieder einmal ein Kreuz für uns war. Und das war in
so hohem Maße ihr normaler Zustand, daß es mit
Joe und mir in Hinsicht auf unsere Finger oft ganze
Wochen lang genau so stand wie mit den
Denkmälern von Kreuzfahrern in Hinsicht auf ihre
Beine.
Wir sollten ein herrliches Mittagsessen
bekommen, bestehend aus einer gepökelten
Schweinskeule mit Grünkohl und einem paar
gebratener Hühner mit Fülle. Eine hübsche Pastete
aus gehacktem Fleisch war gestern morgen gemacht
worden (was den Umstand erklärte, daß das
gehackte Fleisch noch nicht vermißt worden war),
und der Pudding war schon beim Kochen. Diese
ausgedehnten Vorkehrungen gaben dazu Anlaß, daß
wir ohne alle Förmlichkeit beim Frühstück sehr
knapp gehalten wurden.
»Denn«, sagte Frau Joe, »es fällt mir gar nicht
ein, euch erst noch groß vollzustopfen und
herumzurennen und aufzuwaschen, wo ich sowieso
schon soviel zu tun habe, das sage ich euch!«
So wurden uns denn unsere Butterbrote
hingelegt, wie wenn wir zweitausend Mann auf
einem Eilmarsch gewesen wären anstatt ein Mann
und ein Knabe in ihrem Hause; und wir nahmen aus
einem Krug auf dem Anrichtetisch mit abbittenden
Gesichtern Schlucke verdünnter Milch. Inzwischen
steckte Frau Joe reine weiße Gardinen an und
nagelte an Stelle der alten eine neue geblümte
Garnierung über den breiten Kamin und nahm die
Hülle von dem kleinen Prunksalon auf der anderen
Seite des Flures -- ein Heiligtum, das sonst nie
enthüllt wurde, sondern die übrige Zeit des Jahres
unter einem kühlen Schleier von Silberpapier lag,
der sich sogar über die vier kleinen weißen Pudel
aus Steingut erstreckte, von denen jeder eine
schwarze Nase und einen Blumenkorb im Maule
hatte und jeder das genaue Abbild des andren war.
Frau Joe war eine sehr saubere Haushälterin, aber
sie hatte eine ausgesuchte Fertigkeit, ihre
Sauberkeit noch unbehaglicher und häßlicher
erscheinen zu lassen, als der Schmutz selber hätte
erscheinen können. Reinlichkeit kommt zunächst
der Gottseligkeit, und manche Leute tun ja das
gleiche mit ihrer Religion.
Meine Schwester hatte gar soviel zu tun, und so
schickte sie Stellvertreter nach der Kirche, das
heißt, Joe und ich gingen. In seinen Arbeitskleidern
war Joe ein wohlgebauter Grobschmied von
charakteristischem Äußern; in seinem
Feiertagskleid glich er mehr einer Vogelscheuche in
guten Verhältnissen als sonst etwas andrem. Nichts,
was er an diesem Tage trug, paßte ihm oder schien
ihm zu gehören; und alles, was er an diesem Tage
trug, schien ihn zu kratzen und zu jucken. Bei der
gegenwärtigen Festlichkeit trat er aus seiner Stube
heraus, als die munteren Glocken läuteten, ein Bild
des Jammers in einer vollständigen Tracht von
sonntäglichen Bußkleidern. Was mich anbetrifft, so
muß meine Schwester, glaube ich, einen
allgemeinen Begriff gehabt haben, als wäre ich ein
jugendlicher Missetäter, den ein obrigkeitlicher
Geburtshelfer (an meinem Geburtstage) in
Gewahrsam genommen und ihr ausgeliefert hatte,
damit man gemäß der beleidigten Majestät des
Gesetzes mit ihm verfahren möge. Ich wurde immer
ganz so behandelt, wie wenn ich trotz aller
Wahrsprüche der Vernunft, Religion und
Sittlichkeit und zuwider allen abratenden
Einwendungen meiner besten Freunde darauf
bestanden hätte, geboren zu werden. Selbst als man
mich mitnahm, um mir einen neuen Anzug machen
zu lassen, erhielt der Schneider Anweisung, den
Anzug als eine Art Besserungsmittel zu halten und
mir auf keinen Fall den freien Gebrauch meiner
Glieder darin zu verstatten.
Joe und ich auf dem Kirchgang müssen daher für
mitleidige Gemüter ein rührendes Bild abgegeben
haben. Und doch war, was ich nach außen litt,
nichts gegen das, was ich im Innern
durchzukämpfen hatte. Dem Entsetzen, das mich
jedesmal ergriffen hatte, wenn Frau Joe nach der
Speisekammer ging oder auch nur die Stube verließ,
ließen sich mir noch die Gewissensbisse zur Seite
stellen, mit denen mein Gemüt bei der Untat meiner
Hände verweilte. Unter der Last meines schlimmen
Geheimnisses erwog ich bei mir selbst, ob die
Kirche wohl, wenn ich mich ihr entdeckte, mächtig
genug sein würde, mich vor der Rache des
fürchterlichen jungen Mannes zu schützen. Es kam
mir der Gedanke, daß der Augenblick, wo das
kirchliche Aufgebot gelesen wurde und der
Geistliche sagte: »Jetzt habt ihr's zu erklären!«, die
rechte Zeit für mich wäre, aufzustehen und um ein
Gespräch unter vier Augen in der Sakristei
anzuhalten. Doch bin ich bei weitem nicht
überzeugt, ob ich nicht unsre kleine Gemeinde
durch diese äußerste Maßregel in Erstaunen gesetzt
hätte, falls es nicht eben Weihnachtstag anstatt
eines bloßen Sonntags gewesen wäre.
Herr Wopsle, der Küster der Kirche, sollte mit
uns speisen; ebenso Herr Hubble, der Stellmacher,
und Frau Hubble und Onkel Pumblechook (Joes
Onkel, aber Frau Joe eignete ihn sich zu), der ein
wohlsituierter Samenhändler in der nächsten Stadt
war und in eignem Wagen fuhr. Die Stunde des
Mittagessens war halb zwei! Als Joe und ich nach
Hause kamen, fanden wir den Tisch schon gedeckt,
und Frau Joe war fertig und bereit, und das Essen
war so gut wie fertig und bereit, und die vordere
Haustür stand offen (was sonst niemals der Fall
war), um die Tischgesellschaft hereinzulassen, und
alles war prächtig und hoch hergerichtet. Und noch
immer kein Wort von dem Diebstahl.
Die Zeit kam, ohne für meine Gefühle
irgendwelche Erleichterung mit sich zu bringen, und
die Tischgesellschaft kam. Herr Wopsle hatte neben
einer römischen Nase und einer großen,
glänzenden, kahlen Stirne eine tiefe Stimme, auf die
er ungemein stolz war. Ja, es stand unter seiner
Bekanntschaft niet- und nagelfest, daß er, wenn
man ihm nur den Willen lassen könnte, den
Geistlichen im Verlesen von Predigten unendlich
übertreffen würde; er selber beteuerte, wenn die
Kirche aufgemacht würde -- das heiße, für
Konkurrenzpredigten aufgemacht würde --, so
würde er nicht daran verzweifeln, einen großen
Erfolg in ihr zu ernten. Da aber die Kirche zur
Konkurrenz nicht offenstand, so war er, wie gesagt,
nur unser Küster. Aber er war auf das Amen des
Pfarrers fürchterlich schlecht zu sprechen; und
wenn er den Psalm verlas -- wobei er immer den
ganzen Vers zum besten gab --, sah er sich zuerst in
der ganzen Gemeinde um, wie wenn er sagen wollte:
»Sie haben meinen Freund dort eben gehört; jetzt
seien Sie, bitte, mal so gut und sagen Sie mir, was
Sie von der folgenden Art und Weise meinen!«
Ich machte der Gesellschaft die Tür auf, indem
ich so den Glauben erweckte, als wäre es unsre
Gewohnheit, diese Tür zu öffnen -- und ich öffnete
sie zuerst für Herrn Wopsle, dann für Herrn und
Frau Hubble und zuallerletzt für Onkel
Pumblechook. NB. Ich durfte ihn nicht Onkel
nennen, das war bei bitterster Strafe verboten.
»Frau Joe«, sagte Onkel Pumblechook, ein
großer, langsamer Mann von mittleren Jahren und
schwerem Atem, mit einem Munde wie ein Fisch
und blöden Glotzaugen und sandfarbenem Haar,
das ihm auf dem Kopfe zu Berge stand, so daß er
ganz so aussah, als wäre er eben beinahe erwürgt
worden und hätte sich eben in dieser Minute erst
wieder erholt; »ich habe Ihnen mitgebracht, liebe
Frau, zur Feier des heutigen Festes -- ich habe Ihnen
mitgebracht, liebe Frau, eine Flasche Sherry-Wein -
- und ich habe Ihnen mitgebracht, liebe Frau, eine
Flasche Portwein.«
An jedem Weihnachtstage zeigte er sich als ein
ewig neues Individuum, sagte genau dieselben
Worte und brachte die beiden Flaschen wie ein paar
Hanteln mit sich. An jedem Weihnachtstage
antwortete Frau Joe, wie sie jetzt antwortete: »Oh,
On-kel Pum-ble-chook! Ist das aber nett!« An
jedem Weihnachtstage versetzte er, wie er jetzt
versetzte: »Es ist nicht mehr, als Sie verdienen; na,
und seid ihr denn alle auf dem Posten? Na, und was
macht denn der kleine Dreikäsehoch?«
Damit meinte er mich.
Bei diesen Gelegenheiten speisten wir in der
Küche und begaben uns dann, wenn die Nüsse und
Orangen und Äpfel an die Reihe kamen, nach dem
Salon; was genau die gleiche Veränderung war, wie
wenn Joe aus seinen Alltagskleidern in die
Sonntagskleider fuhr. Meine Schwester war diesmal
ungemein vergnügt, wie sie überhaupt in Frau
Hubbles Gesellschaft sich weit anmutiger gab als in
sonst einer. Ich erinnere mich der Frau Hubble als
einer kleinen lockigen scharfkantigen Person in
Himmelblau, die eine althergebrachte jugendliche
Haltung innehielt, weil sie Herr Hubble geheiratet
hatte -- ich weiß nicht, in welcher weitentlegenen
Zeit --, als sie noch viel jünger gewesen war wie er.
Ich erinnere mich Herrn Hubbles als zähen,
hochschultrigen, gebückten alten Mannes mit
einem Duft nach Sägespänen und außerordentlich
weitgespreizten Beinen, so daß ich in den Tagen, wo
ich noch ein so kleiner Kerl war, immer ein paar
Meilen freien Landes zwischen diesen Beinen
erblickte, wenn ich Herrn Hubble einmal die Gasse
heraufkommen sah.
Unter dieser lieben Gesellschaft hätte ich mich,
auch wenn ich die Speisekammer nicht geplündert
hätte, nicht heimisch fühlen können. Nicht, weil ich
an einer scharfen Ecke des Tischtuches gequetscht
wurde, wobei mir der Tisch den Brustkasten
einzudrücken drohte und der Pumblechooksche
Ellbogen mein Auge attakierte, auch nicht, weil ich
nicht sprechen durfte (denn danach trug ich kein
Verlangen), auch nicht, weil man mir die schäbigen
Enden der Hühnerkeulen vorlegte und mich mit
denjenigen obskuren Ecken Schweinefleisch
abspeiste, auf die das Schwein zu Lebzeiten die
wenigste Ursache stolz zu sein gehabt hatte. Nein,
ich würde mir daraus nichts gemacht haben, wenn
sie mich nur in Ruhe gelassen hätten. Aber sie
wollten mich nicht in Ruhe lassen. Sie schienen des
Glaubens zu sein, sie würden dem Feste die rechte
Weihe rauben, wenn sie nicht aller Augenblicke das
Gespräch auf mich lenkten und ihr Thema auf mich
zuspitzten. Ich hätte ebensogut ein unglückseliger,
kleiner Bulle in einer spanischen Arena sein
können, so böse verwundeten sie mich mit ihren
moralischen Stachelstöcken.
Es fing gleich an, als wir uns zu Tische setzten.
Herr Wopsle sprach das Tischgebet mit
theatralischer Deklamation -- jetzt kommt mir
dieses Gebet so vor wie ein religiöser Mischmasch
aus dem Geist in ›Hamlet‹ mit Richard dem Dritten
-- und schloß mit der sehr angebrachten
Ermahnung, daß wir möchten sein wahrhaft
dankbar. Daraufhin fixierte mich meine Schwester
und sagte mit leiser, vorwurfsvoller Stimme:
»Hörst du? Sei dankbar!«
»Besonders«, sagte Herr Pumblechook, »sei
dankbar, Junge, denen gegenüber, die dich mit der
Hand aufgezogen haben.«
Frau Hubble schüttelte den Kopf, betrachtete
mich mit einer traurigen Vorahnung, daß nichts
Gutes aus mir werden würde, und fragte:
»Wie kommt es doch, daß die Jugend niemals
dankbar ist?«
Dieses moralische Geheimnis schien für die
Gesellschaft zu tief, bis Herr Hubble es schlankweg
mit den Worten löste:
»Von Natur gottlos!«
Dann murmelten alle zusammen: »Sehr wahr!«
und sahen mich in einer ganz besonders
unangenehmen und persönlichen Art und Weise an.
Joes Stellung und Einfluß war (womöglich) noch
etwas schwächer, wenn Gesellschaft da war, als
wenn keine Gesellschaft da war. Aber er half mir
immer und tröstete mich, wenn er konnte, in seiner
eignen Art und Weise, und die bestand bei Tische
immer darin, daß er mir Brühe gab, wenn welche da
war. Da heute reichlich Brühe da war, löffelte mir
Joe an diesem Punkte ungefähr ein halbes Nösel
voll auf den Teller.
Als wir schon eine Weile gespeist hatten, sprach
Herr Wopsle mit einiger Strenge die Predigt durch
und machte, unter der gewöhnlichen
Voraussetzung, die Kirche stände für Konkurrenz
offen -- einige Andeutungen, was für eine Predigt er
gehalten hätte. Nachdem er ihnen einige
Hauptpunkte dieser Rede zum besten gegeben
hatte, bemerkte er, er halte das Thema zur heutigen
Homilie für schlecht gewählt. Das sei, setzte er
hinzu, um so weniger zu entschuldigen, als so viele
Themata »auf der Straße lägen«.
»Wiederum wahr«, sagte Onkel Pumblechook.
»Da treffen Sie den Nagel auf den Kopf, Herr! Eine
Menge Themata liegen auf der Straße für
diejenigen, die es verstehen, ihnen Salz auf die
Schwänze zu streuen. Das ist die Hauptsache. Man
braucht nicht weit zu gehen, ein Thema zu finden,
wenn er mit seiner Salzmeste bei der Hand ist.«
Herr Pumblechook setzte nach einer kurzen Pause
der Überlegung hinzu: »Sehen Sie bloß
Schweinefleisch an. Da haben Sie ein Thema! Wenn
Sie ein Thema brauchen, sehen Sie sich
Schweinefleisch an!« 
»Freilich, Herr. Manche Moral für die Jugend«,
entgegnete Herr Wopsle, und ich wußte schon, ehe
er es sagte, daß er mich wieder in seine Rede
hineinziehen würde, »könnte man aus diesem Texte
ableiten.«
(»Hör' mir ja zu!« sagte meine Schwester zu mir,
im Tone einer strengen Parenthese.)
Joe gab mir nochmals Brühe.
»Schweine«, fuhr Herr Wopsle in seiner tiefsten
Stimmlage fort und deutete mit der Gabel nach
meinen hochroten Wangen, wie wenn er meinen
Taufnamen genannt hätte. »Schweine waren die
Genossen des verlorenen Sohnes. Die Gefräßigkeit
der Schweine wird uns vorgeführt als
abschreckendes Beispiel für die Jugend.« (Ich
dachte bei mir, das sei doch recht nett von ihm, der
das Schwein wegen seines Fettes und saftigen
Fleisches gelobt hatte.) »Was verabscheuenswert ist
an einem Schwein, ist noch verabscheuenswerter an
einem Jungen.«
»Oder einem Mädchen«, deutete Herr Hubble an.
»Selbstverständlich, oder einem Mädchen, Herr
Hubble«, stimmte Herr Wopsle ziemlich ärgerlich
bei, »aber es ist kein Mädchen zugegen.«
»Außerdem«, sagte Herr Pumblechook, indem er
sich plötzlich schroff gegen mich wandte, »denke
daran, wofür du dankbar zu sein hast. Wenn du nun
als Ferkel zur Welt gekommen wärst --«
»Das ist es auch, wenn sich so was von
irgendeinem Kinde behaupten läßt«, sagte meine
Schwester in sehr nachdrucksvollem Tone.
Joe gab mir noch mehr Brühe.
»Na, ich meine aber ein vierbeiniges Ferkel«,
sagte Herr Pumblechook. »Wenn du als ein solches
zur Welt gekommen wärest, wärest du dann jetzt
hier? Ich glaube nicht.«
»Außer in dieser Gestalt«, sagte Herr Wopsle,
nach der Schüssel hin nickend.
»Aber ich meine nicht in dieser Gestalt, Herr«,
entgegnete Herr Pumblechook, der sich nicht gern
unterbrechen ließ; »ich meine, ob er sich dann wohl
in der Gesellschaft der Älteren und Besseren
befinden würde; ob er sich dann wohl an ihrer
Unterhaltung heranbilden könne; und ob er sich
dann wohl im Schoße der Fülle umherkugeln dürfte.
Würde er das tun? Nein, keineswegs. Und was wäre
dann dein Geschick?« und er wandte sich wieder
mir zu. »Du würdest fortgegeben werden für so und
so viel Schillinge, je nachdem gerade der
Marktpreis des Artikels stände, und Dunstable, der
Metzger, wäre an dich herangetreten, wo du so
recht gemütlich im Stroh lagest, und er hätte dich
unter seinen linken Arm gehoben, und mit dem
rechten Arm hätte er seinen Rock beiseite
geschlagen, um ein Federmesser aus der
Westentasche herauszulangen, und er hätte dein
Blut vergossen und dir das Leben genommen. Dann
wärst du nicht mit der Hand aufgezogen worden.
Davon wäre absolut keine Rede gewesen!«
Joe bot mir noch mehr Brühe an, aber ich
getraute mich nicht, sie anzunehmen.
»Er hat Ihnen sicher entsetzlich viel Plack
gemacht, liebe Frau«, sagte Frau Hubble, meine
Schwester bemitleidend.
»Plack?« wiederholte meine Schwester. »Plack?«
Und dann gab sie ein fürchterliches Verzeichnis
all der Krankheiten, die ich mir zu Schulden hatte
kommen lassen, und all der Untaten von
Schlaflosigkeit, die ich verbrochen hatte, und all
der hohen Plätze, von denen ich heruntergefallen
war, und all der tiefen Plätze, in die ich
hineingefallen war, und all der Verletzungen, die ich
mir zugezogen hatte, und all der Gelegenheiten, wo
sie mich im Grabe gewünscht und ich mich
hartnäckig geweigert hatte, dorthin zu gehen.
Ich glaube, Römer müssen sich gegenseitig mit
ihren Nasen furchtbar geärgert haben. Vielleicht
wurden sie demzufolge das ruhelose Volk, als das
die Geschichte sie kennt. Jedenfalls ärgerte mich
Herrn Wopsles römische Nase während der
Aufzählung meiner Sünden so sehr, daß ich mit dem
größten Vergnügen so lange daran gezerrt haben
würde, bis ihr Eigentümer geheult hätte. Aber alles,
was ich bisher erlitten hatte, war nichts im
Vergleich zu den grausigen Gefühlen, die mich
ergriffen, als die Pause unterbrochen wurde, welche
dem Berichte meiner Schwester gefolgt war, und in
welcher mich jedermann (wie ich mir schmerzlich
bewußt war) mit Entrüstung und Abscheu
angeguckt hatte.
»Indessen«, sagte Herr Pumblechook, indem er
die Gesellschaft in zarter Weise zu dem Thema
zurückführte, von dem sie abgeschweift war,
»Schweinefleisch -- wenn's gekocht ist -- ist recht
fett, zu fett, was?«
»Nehmen Sie einen kleinen Kognak, Onkel«,
sagte meine Schwester.
O Himmel! Endlich war es gekommen! Er würde
finden, der Kognak sei schwach, würde sagen, er sei
schwach, und um mich war es geschehen! Ich hielt
mich unter der Decke mit beiden Händen am
Tischbein fest und erwartete mein Schicksal.
Meine Schwester holte die steinerne Flasche, kam
mit der steinernen Flasche wieder und schenkte ihm
den Kognak ein. Er war der einzige, der auf einen
Schnaps Anspruch machte. Der gottlose Mensch
spielte mit seinem Glas -- nahm es in die Höhe --
hielt es gegen das Licht -- sah hindurch -- setzte es
nieder -- verlängerte mein Ungemach. Die ganze
Zeit über war Joes Mutter damit beschäftigt, den
Tisch abzuräumen, um hernach die Pastete und den
Pudding aufzutragen.
Ich konnte die Augen nicht von ihm nehmen. Ich
hielt mich fortwährend mit Händen und Füßen am
Tischbein fest. Ich sah das elende Geschöpf
scherzhaft sein Glas zwischen den Fingern wiegen,
lächelnd den Kopf zurückwerfen und den Kognak
hinterschütten. Gleich darauf wurde die
Gesellschaft von unsagbarer Bestürzung ergriffen,
denn er sprang auf die Beine, drehte sich mehrmals
in einem entsetzlichen krampfhaften
Keuchhustentanz herum und stürzte zur Tür hinaus.
Dann wurde er durch das Fenster sichtbar, wie er
heftig hin und her stürzte, ausspuckte, die
gräßlichsten Fratzen schnitt und augenscheinlich
von Sinnen kam.
Ich hielt mich fest, während Frau Joe und Joe zu
ihm liefen. Ich wußte nicht, wie ich dazu gekommen
war, aber ich zweifelte nicht im geringsten daran,
daß ich ihn irgendwie ums Leben gebracht hatte. In
meiner fürchterlichen Lage war es eine
Erleichterung, als er zurückgebracht wurde, die
ganze Gesellschaft mit den Blicken maß, wie wenn
sie ihm sein Unwohlsein bereitet hätte, und in den
Stuhl sank mit dem einen inhaltschweren Seufzer:
»Teer!«
Ich hatte die Flasche aus dem Teerwasser-Krug
gefüllt. Ich wußte, daß er sich nach einer Weile
noch schlechter fühlen würde. Gleich einem
spiritistischen Medium des heutigen Tages bewegte
ich den Tisch, kraftvoll hielt ich mich an ihm fest,
ohne daß jemand es sah.
»Teer!« rief meine Schwester erstaunt. »Na, wie
kann denn bloß Teer da hineingekommen sein?«
Aber Onkel Pumblechook, der in dieser Küche
allmächtig war, wollte das Wort nicht hören, wollte
von der ganzen Sache nichts hören, schüttelte die
Geschichte herrisch mit der Hand von sich ab und
bat um heißen Wachholderpunsch. Meine
Schwester, die erschrecklich nachdenklich
geworden war, mußte sich damit zu schaffen
machen, den Wachholder, das heiße Wasser, den
Zucker und die Zitronenschale zu holen und das
Getränk zu brauen. Für den Augenblick wenigstens
war ich gerettet. Ich hielt mich noch immer am
Tischbeine fest, umfaßte es aber jetzt mit der
Inbrunst der Dankbarkeit.
Allmählich wurde ich ruhig genug, um meinen
Griff zu lockern, das Bein loszulassen und vom
Pudding mitzuessen. Alle aßen vom Pudding mit.
Der Gang erreichte sein Ende, und Pumblechook
hatte begonnen, unter dem anregenden Einfluß des
Wachholderpunsches in Heiterkeit zu erstrahlen.
Ich dachte schon, ich würde am Ende diesen Tag
glücklich überstehen, als meine Schwester zu Joe
sagte:
»Reine Teller -- kalte.«
Gleich packte ich das Tischbein wieder und
drückte es an meinen Busen, wie wenn es der
Genosse meiner Jugend und Freund meiner Seele
gewesen wäre. Ich ahnte, was kommen sollte, und
war diesmal wirklich überzeugt, daß ich verloren
war.
»Sie müssen noch etwas Feines kosten«, sagte
meine Schwester, indem sie die Gäste auf das
anmutvollste anredete. »Sie müssen noch zu guter
Letzt -- Joe -- ein herrliches und köstliches
Geschenk von Onkelchen Pumblechook kosten!«
Mußten sie es kosten? Oh, wenn sie sich doch
nicht erst der Hoffnung hingäben, es kosten zu
können!
»Sie müssen wissen«, sagte meine Schwester und
stand auf; »es ist eine Pastete; eine würzige
Schweinefleisch-Pastete.«
Die Gesellschaft murmelte Beifall. Onkel
Pumblechook, der sich sehr wohl bewußt war, sich
um seine Mitmenschen verdient gemacht zu haben,
sagte -- in ordentlich munterem Tone, wenn man
alles bedenkt --, »Na, Frau Joe, wir wollen uns nach
Kräften anstrengen; lassen Sie uns in diese selbige
Pastete mal einhauen.«
Meine Schwester ging sie holen. Ich hörte ihre
Schritte der Speisekammer sich nähern. Ich sah
Herrn Pumblechook sein Messer balancieren. Ich
sah erwachende Eßlust in den römischen Nüstern
des Herrn Wopsle. Ich hörte Herrn Hubble
bemerken: »Ein bißchen würzige Pastete könnte auf
alles mögliche obenauf gelegt werden, ohne den
geringsten Schaden anzurichten«, und ich hörte Joe
sagen: »Du sollst auch etwas abkriegen, Pip.« Ich
bin mir nie vollkommen gewiß gewesen, ob ich
einen schrillen Schrei des Entsetzens nur im Geiste
ausstieß, oder ob er auch für die Gesellschaft
vernehmlich gewesen ist. Ich fühlte, ich könnte es
nicht länger ertragen und müsse davonlaufen. Ich
ließ das Tischbein los und lief, als gälte es mein
Leben.
Aber ich lief nicht weiter als bis zur Haustür, denn
dort lief ich mit dem Kopf in eine Schar Soldaten
mit Gewehren, von denen einer mir ein paar
Handschellen hinhielt mit den Worten:
»Zur Stelle! Achtung! Eingetreten!«
Fünftes Kapitel

Die Erscheinung einer Reihe Soldaten, die die


Kolben ihrer geladenen Gewehre auf unserer
Türschwelle erklirren ließen, veranlaßte die
Tischgesellschaft, sich bestürzt zu erheben, und
veranlaßte Frau Joe, die mit leeren Händen in die
Küche zurückkehrte, die Augen aufzureißen und
innezuhalten in ihrer verwunderten Klage:
»Herr du mein lieber Himmel, was ist nur -- aus
der -- Pastete geworden!«
Der Unteroffizier und ich waren in der Küche, als
Frau Joe mit weit aufgerissenen Augen stehenblieb;
und bei dieser Krisis erhielt ich zum Teil den
Gebrauch meiner fünf Sinne wieder zurück. Es war
der Unteroffizier, der zu mir gesprochen hatte, und
jetzt sah er sich in der Gesellschaft um, indem er
ihnen die Handschellen mit der rechten Hand
einladend hinhielt und die linke Hand auf meiner
Schulter ruhen ließ.
»Entschuldigen Sie, meine Herrschaften«, sagte
der Unteroffizier, »aber wie ich schon zu diesem
famosen Bürschchen an der Tür gesagt habe« (was
ihm gar nicht eingefallen war), »ich befinde mich
auf einer Jagd im Namen des Königs und bedarf des
Grobschmieds.«
»Und bitte, was wollen Sie denn von dem?«
versetzte meine Schwester, die schnell bei der Hand
war, sich darüber zu ärgern, daß man seiner
überhaupt bedürfe.
»Gnädige Frau«, entgegnete der schneidige
Unteroffizier, »wenn ich für mich selber sprechen
sollte, so würde ich sagen, ich bedürfe seiner, um
die Ehre und das Vergnügen zu erlangen, mit seiner
schönen Gemahlin bekannt zu werden; da ich aber
für den König spreche, so antworte ich, ich habe
eine kleine Bestellung!«
Das fand man sehr hübsch von dem Unteroffizier;
denn Herr Pumblechook rief laut:
»Wirklich sehr nett!«
»Sehen Sie, Schmied«, sagte der Unteroffizier,
dessen Auge inzwischen Joe herausgespürt hatte,
»es ist uns ein Malheur mit diesen Dingern hier
passiert, und ich merke, daß ein Schloß davon nicht
recht zugeht und das Ding da nicht ordentlich
zusammenschließt. Da sie zu sofortigem Dienste
gebraucht werden, wollen Sie sie gefälligst einmal in
Augenschein nehmen?«
Joe nahm sie in Augenschein und verkündete, um
diese Arbeit zu verrichten, müsse er sein
Schmiedefeuer anzünden und er würde wohl einige
Stunden dazu brauchen.
»So? Dann wollen Sie sich sogleich ans Werk
machen, Schmied«, sagte der flotte Unteroffizier,
»da es ja der Dienst Seiner Majestät erfordert. Und
wenn meine Leute irgendwie behilflich sein können,
so werden sie sich nützlich machen.« 
Damit rief er seine Leute, die einer nach dem
anderen in die Küche geschlendert kamen und ihre
Waffen in einer Ecke zusammenstellten. Und dann
standen sie umher, wie Soldaten tun; bald hielten sie
die Hände lose vor dem Leib gefaltet; bald knieten
sie irgendwo oder lehnten sich an; bald rückten sie
an einem Gürtel, bald an einer Patronentasche
herum; bald öffneten sie die Tür, um mit steifem
Nacken über ihre hohen Halsbinden hinweg in den
Hof hinauszuspucken.
All dies sah ich, ohne daß ich mir damals bewußt
war, es zu sehen, denn ich befand mich in einer ganz
entsetzlichen Angst. Aber als ich wahrnahm, daß die
Handschellen nicht für mich waren und das Militär
die Pastete insoweit wenigstens geschlagen hatte,
als es sie in den Hintergrund gedrängt hatte, las ich
noch ein wenig mehr von meinen zerstreuten
Geisteskräften zusammen.
»Wollen Sie mir sagen, welche Zeit es ist?« fragte
der Unteroffizier, indem er sich an Herrn
Pumblechook wandte als den einen Mann, dessen
schätzenswerte Fähigkeiten den Schluß
rechtfertigten, daß er mit der Zeit Bescheid wisse.
»Es ist eben halb drei durch.«
»Dann geht's ja noch«, sagte der Unteroffizier,
nachsinnend; »selbst wenn ich gezwungen wäre,
hier fast zwei Stunden haltzumachen, wird es sich
noch machen. Wie weit, meinen Sie wohl, ist's von
hier bis nach den Marschen? Doch wohl nicht mehr
als eine Meile?«
»Gerade eine Meile«, sagte Frau Joe.
»Dann ist's gut. Wir fangen gegen Einbruch des
Abends an, sie einzuschließen. Kurz vor Einbruch
des Abends, lautet mein Befehl. Das geht also
noch.«
»Sträflinge, Unteroffizier!« fragte Herr Wopsle in
einem Tone, wie wenn sich das von selbst
verstände.
»Ganz recht!« entgegnete der Unteroffizier,
»zwei. Man weiß genau, daß sie sich noch in den
Marschen aufhalten, und sie werden nicht vor
Dunkelwerden den Versuch machen,
hinauszukommen. Hat jemand hier irgendwas
dergleichen gesehen?«
Jedermann, ich ausgenommen, sagten in
zuversichtlichem Tone: Nein. An mich dachte
niemand.
»Schön!« sagte der Unteroffizier. »Sie werden
schneller, als sie darauf rechnen, in einem Kreise
eingeschlossen sein. Nun, Schmied! Wenn Sie fertig
sind, Seine Majestät der König warten bereits.«
Joe hatte Rock, Weste und Binde abgelegt und
schritt in die Schmiede. Einer der Soldaten öffnete
die hölzernen Fenster, ein anderer zündete das
Feuer an, ein dritter setzte den Blasebalg in
Bewegung, die übrigen standen um die Glut herum,
die bald hell aufloderte. Dann fing Joe an zu
hämmern und zu klappern, zu hämmern und zu
klappern, und alle guckten zu.
Das Interesse an der bevorstehenden Verfolgung
nahm nicht nur die allgemeine Aufmerksamkeit in
Anspruch, sondern stimmte sogar meine Schwester
freigebig. Sie zog für die Soldaten einen Topf Bier
von der Tonne ab und lud den Unteroffizier ein, ein
Glas Kognak zu sich zu nehmen.
Aber Herr Pumblechook sagte schroff:
»Geben Sie ihm Wein, liebe Frau. Darin
wenigstens ist kein Teer, dafür stehe ich.«
Der Unteroffizier dankte ihm und sagte, er zöge
ein Getränk ohne Teer vor und so wolle er denn
Wein nehmen, wenn es nichts ausmachte.
Als man ihm den Wein reichte, trank er auf das
Wohl Seiner Majestät, wünschte Glück zu dem
Feste, trank das ganze Glas mit einem Zug aus und
schmatzte mit den Lippen.
»Guter Stoff! Was! Unteroffizier?« fragte Herr
Pumblechook.
»Ich will Ihnen was sagen«, entgegnete der
Unteroffizier; »ich vermute, dieser Stoff ist aus
Ihrem Vorrat.«
Herr Pumblechook sagte mit einer fetten Art von
Lachen:
»So, so? Warum denn?«
»Weil«, entgegnete der Unteroffizier und gab ihm
einen Klaps auf die Schulter, »Sie ein Mann sind,
der weiß, was gut schmeckt.«
»Meinen Sie?« sagte Herr Pumblechook mit
seinem früheren Lachen. »Trinken Sie noch eins.«
»Mit Ihnen, Tipp und Topp«, entgegnete der
Unteroffizier. »Der Rand des meinen an den Fuß
des Ihren -- der Fuß des Ihren an den Rand des
meinen -- Klingt zum ersten, Tipp! -- Klingt zum
zweiten, Topp! -- Die beste Melodei der
musikalischen Gläser! Auf Ihr Spezielles. Mögen Sie
tausend Jahre leben und niemals ein schlechterer
Richter über die rechte Sorte sein, als Sie im
gegenwärtigen Augenblick Ihres Lebens sind!«
Der Unteroffizier schüttete abermals sein Glas
hinter und schien noch fast auf ein drittes Glas zu
rechnen. Wie ich bemerkte, schien Herr
Pumblechook in seiner Gastfreundlichkeit zu
vergessen, daß er den Wein geschenkt hatte, denn
er nahm die Flasche der Frau Joe aus der Hand und
nahm sich die volle Ehre, sie in einem Erguß des
Frohsinns herumzureichen. Selbst ich bekam etwas.
Und er war so freigebig mit dem Wein, daß er sogar
noch die andere Flasche kommen ließ und auch
diese mit der gleichen Geberlaune umherwandern
ließ, als die erste ausgetrunken war.
Als ich sie so beobachtete, während sie alle um
den Schmiedeherd herumstanden und sich so sehr
ein Gütchen taten, dachte ich bei mir selbst, was für
eine fürchterlich gute Würze zu einer Mahlzeit mein
Flüchtling in den Marschen doch wäre. Als das
Vergnügen noch nicht durch die Erregung, die er
hervorrief, belebt gewesen war, hatten sie sich nicht
ein Viertel so gut amüsiert. Und jetzt, wo sie alle in
so reger Erwartung waren, daß die »zwei Schufte«
festgenommen würden, und wo die Blasebälge nach
ihnen zu brüllen schienen, das Feuer nach ihnen zu
flackern schien, der Rauch auf die Jagd nach ihnen
zu eilen schien, Joe hinter ihnen her zu jammern
und zu klappern schien und all die finsteren
Schatten an der Wand drohend nach ihnen
hinzuwanken schienen, wie die Glut so stieg und
sank und die rotglühenden Funken fielen und
erloschen -- da kam es meiner mitleidsvollen,
jugendlichen Phantasie fast so vor, als ob selbst der
bleiche Nachmittag draußen um ihretwillen, um
dieser armen Teufel willen noch bleicher geworden
wäre.
Endlich war Joes Arbeit getan, und das Klappern
und Brüllen verstummte. Als Joe sich den Rock
anzog, faßte er sich ein Herz und schlug vor, ein
paar von uns sollten doch mitgehen und zuschauen,
wie die Jagd abliefe. Herr Pumblechook und Herr
Hubble lehnten ab, sie wollten eine Pfeife rauchen,
sagten sie, und den Damen Gesellschaft leisten; aber
Herr Wopsle sagte, er würde mitgehen, wenn Joe
mitginge. Joe sagte, ihm wär's schon recht, und er
wolle mich mitnehmen, wenn Frau Joe nichts
dagegen hätte. Wir würden ganz entschieden nie die
Erlaubnis zu gehen bekommen haben, wenn nicht
Frau Joe furchtbar neugierig gewesen wäre, alles zu
erfahren und zu wissen, wie die Sache ablaufen
würde. So stellte sie bloß die Bedingung: »Wenn
aber dem Jungen dabei von einer Muskete der
Schädel in Stücke geschossen wird, dann erwarte du
nicht von mir, daß ich ihn wieder zusammenleimen
soll.«
Der Unteroffizier verabschiedete sich höflich von
den Damen und schied von Herrn Pumblechook wie
von einem Kameraden; obwohl ich zweifle, ob er
sich unter trocknen Umständen der Verdienste
dieses Herrn ebenso voll bewußt gewesen wäre, als
wenn ein bißchen was Feuchtes spendiert würde.
Seine Leute nahmen ihre Gewehre wieder zur Hand
und traten an.
Herr Wopsle, Joe und ich erhielten strengen
Befehl, uns im Nachtrab zu halten und kein Wort zu
sprechen, sobald wir die Marschen erreicht hatten.
Als wir alle draußen waren in der rauhen Luft und
ohne Aufenthalt unserem Geschäfte näher rückten,
flüsterte ich Joe verräterisch zu:
»Hoffentlich finden wir sie nicht, Joe.«
Und Joe flüsterte mir zu:
»Ich gäb' en ganzen Schilling drum, wenn sie
Reißaus genommen hätten und über alle Berge
wären, Pip.«
Vom Dorfe aus gesellte sich uns niemand mehr
zu, denn das Wetter war kalt und unheimlich, der
Weg traurig und schwer zu gehen, die Dunkelheit
brach an, und die Leute hatten zu Hause ihr lustiges
Feuer und begingen festlich den Tag. Ein paar
Gesichter huschten eilig an leuchtende Fenster und
blickten uns nach, aber keine Menschenseele kam
heraus. Wir schritten an dem Wegweiser vorüber
und hielten geradenwegs auf den Kirchhof zu. Dort
gebot uns ein Zeichen von der Hand des
Unteroffiziers auf ein Weilchen Einhalt, während
ein paar seiner Leute sich zwischen den Gräbern
zerstreuten und auch die Leichenhalle
durchsuchten. Sie kamen wieder, ohne etwas
gefunden zu haben, und dann traten wir hinaus in
die offenen Marschen, durch das Tor des Kirchhofs.
Ein grimmiger Graupelsturm prasselte hier auf den
Schwingen des Ostwinds gegen uns an, und Joe
nahm mich auf den Rücken.
Und nun wir draußen waren auf der traurigen
Wüstenei, wo ich schon vor acht oder neun
Stunden, ohne daß einer meiner Gefährten es sich
im geringsten träumen ließ, umhergestreift war und
beide Männer in ihrem Versteck gesehen hatte --
jetzt überlegte ich zum erstenmal mit großer Furcht,
ob mein besonderer Sträfling wohl, falls wir die
beiden erwischen sollten, glauben würde, ich hätte
die Soldaten hergebracht? Er hatte mich gefragt, ob
ich ein betrügerischer Lump wäre, und hatte gesagt,
ich wäre ein wilder junger Hund, wenn ich bei der
Jagd auf ihn teilnähme. Würde er glauben, daß ich
in tückischem Ernst Lump und Hund zugleich wäre
und ihn verraten hätte?
Es hatte keinen Zweck, mir jetzt diese Frage
vorzulegen. Da saß ich auf Joes Rücken, und da war
Joe unter mir und nahm die Gräben wie ein
Jagdpferd und vermahnte Herrn Wopsle, nicht über
seine römische Nase zu stolpern und gleichen
Schritt mit uns zu halten. Die Soldaten waren vor
uns, ausgedehnt in eine ziemlich weite Linie mit
einem Zwischenraum zwischen Mann und Mann.
Wir nahmen denselben Weg, den ich zuerst
eingeschlagen hatte und von dem ich im Nebel
abgeirrt war. Entweder war der Nebel noch nicht
gefallen, oder der Wind hatte ihn zerstreut. Unter
der tiefroten Glut des Sonnenunterganges waren die
Bake und der Galgen und der Hügel der Batterie und
das gegenüberliegende Ufer des Flusses deutlich
sichtbar, obwohl sie alle eine wässerig bleierne
Farbe aufwiesen. Mein Herz pochte wie eine
Schmiede auf Joes breite Schulter, und in der
ganzen Runde sah ich mich um nach einem
Anzeichen von den Sträflingen. Ich konnte keines
sehen, ich konnte keines hören. Herr Wopsle hatte
mich mehr als einmal in hohem Maße erschreckt
mit seinem Pfeifen und schweren Atmen; aber ich
hatte mich jetzt schon an diese Töne gewöhnt und
konnte sie und den Gegenstand unserer Verfolgung
auseinanderhalten. Ich fuhr ganz entsetzt auf, als
mir's so war, als hörte ich noch immer die Feile
kreischen; aber es war nur eine Schafglocke. Die
Schafe hielten in ihrem Äsen inne und sahen scheu
nach uns hin; und das Rindvieh, das bei all dem
Wind und Graupenregen die Köpfe schief halten
mußte, stierte uns böse an, wie wenn es uns wegen
dieser beiden Unannehmlichkeiten zur
Verantwortung ziehen wollte; aber außer diesen
Dingen und dem Zittern des sterbenden Tages an
jeglichem Grashalm wurde die öde Stille der
Marschen nicht unterbrochen.
Die Soldaten gingen in der Richtung auf die alte
Batterie vor, und wir schritten ein kleines
Stückchen hinter ihnen her, als plötzlich wir alle
ganz mit einem Male stehenblieben, denn auf den
Schwingen des Windes und des Regens war ein
langgezogenes Gebrüll zu uns gedrungen. Es
wiederholte sich. Es kam aus einiger Entfernung
von Osten her, aber es war langgezogen und laut. Ja,
es schienen sogar zwei oder mehrere Schreie
zugleich erhoben zu werden -- nach einer
Verschiedenheit der Töne zu schließen.
Der Unteroffizier und die nächsten seiner Leute
unterhielten sich hierüber mit leiser Stimme, als Joe
und ich herankamen. Nachdem man noch einen
Augenblick zugebracht hatte, stimmten Joe (der ein
gutes Urteil hatte) und Herr Wopsle (der ein
schlechtes Urteil hatte) mit ihnen überein. Der
Unteroffizier, ein Mann der raschen Tat, befahl,
daß der Lärm nicht beantwortet, sondern daß die
Richtung geändert werde und seine Leute im
Sturmschritt nach der Stelle hin vorrückten. So
schwenkten wir nach rechts um (wo Osten lag), und
Joe trabte so wundervoll dahin, daß ich mich
festhalten mußte, um nicht herunterzufallen.
Jetzt war's eine wirkliche Hetzjagd, und in den
einzigen beiden Worten, die Joe die ganze Zeit über
sprach, bezeichnete er es treffend -- »ein
Hunnentanz up Socken«. Dämme hinab und Dämme
hinauf und über Schleusen hinweg, und mitten
hinein in Gräben und quer durch dichte Binsen:
keinem kam's drauf an, wohin er trat. Als wir dem
Gebrüll näher kamen, trat es mehr an den Tag, daß
es nicht nur von einer Stimme erzeugt wurde.
Manchmal schien es ganz und gar zu verstummen,
und dann blieben die Soldaten stehen. Wenn es von
neuem ausbrach, schritten die Soldaten eiliger als
bisher darauf los, und wir liefen hinter ihnen her.
Nach einer Weile waren wir so nahe, daß wir eine
Stimme rufen hören konnten: »Mörder!« und eine
andere: »Sträflinge! Ausreißer! Wächter! Hierher
nach den ausgerissenen Sträflingen!« Dann
schienen beide Stimmen in einem Ringkampf zu
ersticken, und dann brachen sie von neuem aus.
Und als es dahin gekommen war, liefen die Soldaten
wie Rehe, und Joe auch.
Der Unteroffizier lief zuerst drauf los, als wir die
Spektakelstelle erreicht hatten, und zwei seiner
Leute folgten ihm dicht auf dem Fuße. Sie hatten die
Gewehre erhoben und angeschlagen, als wir
anderen alle nachkamen.
»Hier sind die beiden Kerls!« keuchte der
Unteroffizier, am Grunde eines Grabens sich
abhaspelnd. »Ergebt euch, ihr beiden da! Und hol'
euch der Teufel, ihr wildes Viehzeug!
Auseinander!«
Wasser spritzte und Schmutz flog umher, und
Flüche wurden laut und Schläge fielen. Dann stiegen
noch mehr Mann in den Graben hinein, halfen dem
Unteroffizier und zogen getrennt meinen Sträfling
und den andern hervor. Beide bluteten und
keuchten und fluchten und wehrten sich; aber
natürlich erkannte ich sie beide sogleich.
»Merkt wohl auf!« rief mein Sträfling, indem er
sich mit seinem zerlumpten Ärmel Blut vom Gesicht
wischte und ausgerauftes Haar von den Fingern
schüttelte; »ich hab' ihn festgenommen! Ich hab' ihn
euch ausgeliefert! Merkt das wohl!«
»Das hat nicht viel auf sich«, sagte der
Unteroffizier; »das wird Euch wenig Gutes tun,
mein Freundchen, da Ihr ja doch in derselben Tinte
sitzt. Handschellen her!«
»Daß es mir sonderlich viel Gutes tun soll,
erwarte ich auch gar nicht. Ich verlange nicht, daß
es mir mehr Gutes tut, als jetzt«, sagte mein
Sträfling, mit einem heißhungrigen Lachen. »Ich
hab' ihn festgenommen. Er weiß es. Das genügt
mir.«
Der andere Sträfling sah leichenblaß aus und
schien, außer der alten Schramme an der linken
Seite seines Gesichtes, noch am ganzen Leibe
zerschrammt und zerkratzt. Er war nicht imstande,
Atem genug zu sammeln, um ein Wort
herauszubekommen, bis sie beide einzeln in
Handschellen staken. Dann stützte er sich auf einen
Soldaten, um sich vor einem Sturz zu bewahren.
-- »Gebt acht, Wache -- er hat mich morden
wollen«, waren seine ersten Worte.
»Morden wollen?« rief mein Sträfling in
verächtlichem Tone. »Soll ich's gewollt haben und
's nicht ausgeführt haben? Ich hab' ihn
festgenommen, und ich hab' ihn ausgeliefert; und
damit basta! Ich habe nicht nur verhindert, daß er
aus den Marschen hinauskam, sondern ich habe ihn
sogar hierhergeschleppt -- hab' ihn so weit
zurückgeschleppt. Er ist ein Herr von Stande, dieser
Schuft, sofern Ihr nichts dagegen habt. Nun haben
die Hulks ihren Herrn von Stande wieder, und mir
verdanken sie's. Ihn ermorden? Hätte sich grade für
mich verlohnt, ihn zu ermorden, wo ich Schlimmres
tun konnte und ihn zurückschleppen!«
Der andre keuchte noch immer:
»Er wollte -- er wollte -- mich -- morden. Ihr
könnt's -- Ihr könnt's bezeugen.«
»Guckt mal an!« sagte mein Sträfling zum
Unteroffizier. »Als einziger bin ich von dem
Gefangenenschiff entkommen; ich hab' einen Satz
gemacht und war davon. Ich hätte ebenso aus dieser
totkalten Ebene herauskommen können -- guckt
mein Bein an, Ihr werdet nicht viel Eisen dran
finden --, wenn ich nicht die Entdeckung gemacht
hätte, daß er hier wäre. Sollte er frei sein? Sollte er
Nutzen ziehen aus den Mitteln und Wegen, die ich
ausfindig machte? Sollte er ein Werkzeug aus mir
machen, abermals und von frischem? Von neuem?
Nein, nein, nein. Wenn ich am Grunde hier unten
krepiert wäre«, und er machte eine emphatische
Gebärde mit seiner gefesselten Hand nach dem
Graben hin, »so hätte ich mich an ihm festgehalten
mit dieser Faust, und Ihr hättet ihn sicher finden
sollen in meiner Umklammerung.«
Der andere Flüchtling, der augenscheinlich eine
entsetzliche Angst vor seinem Gefährten hatte,
wiederholte:
»Er wollte mich morden. Ich wär' eine Leiche
gewesen, wenn ihr nicht herangekommen wäret.«
»Er lügt!« rief mein Sträfling mit wildem
Nachdruck. »Er ist als Lügner zur Welt gekommen
und wird als Lügner zur Hölle fahren. Guckt seine
Fratze an; steht es nicht drauf geschrieben? Laßt ihn
sein Auge auf mich heften. Ich schleudere ihm seine
Lügen ins Angesicht.«
Der andere versuchte, ein verächtliches Lächeln
zu zeigen, aber es gelang ihm nicht, die unruhigen
Zuckungen seines Mundes zu einem festen
Ausdruck zu zwingen. Er sah die Soldaten an, sah
über die Marschen hin und nach dem Himmel
hinauf, aber sicherlich nicht nach seinem
Gefährten.
»Seht ihr ihn?« fuhr mein Sträfling fort. »Seht
ihr, was er für ein Schuft ist? Seht ihr diese
duckmäuserischen, irrenden Augen? Genau so sah
er drein, als wir zusammen verhört wurden. Kein
einziges Mal hat er mich angesehen.«
Der andere, der fortwährend seine trockenen
Lippen hastig bewegte und die Augen unruhig in der
Nähe und in der Ferne umherschweifen ließ, blickte
endlich seinen Gefährten einen Augenblick an und
sagte:
»An dir ist nichts groß anzusehen!«
Und spöttisch schleuderte er einen Blick nach
den gefesselten Händen.
Da geriet aber mein Sträfling in eine so rasende
Wut, daß er auf ihn losgestürzt wäre, wenn nicht die
Soldaten dazwischen- getreten wären.
»Hab' ich euch nicht gesagt«, rief nun der andere
Sträfling, »morden würde er mich, wenn er
könnte.«
Und jeder konnte sehen, daß er vor Furcht bebte
und daß auf seinen Lippen seltsame weiße Flocken,
wie dünner Schnee, sichtbar wurden.
»Genug von dem Gewäsch!« sagte der
Unteroffizier. »Fackeln angesteckt!«
Als einer der Soldaten, der an Stelle eines
Gewehres einen Korb trug, sich auf ein Knie
niederließ, um ihn zu öffnen, sah mein Sträfling sich
zum erstenmal um und sah mich. Ich war von Joes
Rücken auf den Rand des Grabens
heruntergestiegen, als wir an die Stelle gekommen
waren, und seitdem hatte ich mich nicht vom Flecke
gerührt. Ich sah ihn scharf an, als er mich ansah,
und bewegte ein wenig die Hände und schüttelte den
Kopf. Ich hatte darauf gewartet, daß er mich sehen
würde, weil ich ihm gern meine Unschuld
versichern wollte. Es wurde mir aber gar nicht klar,
ob er meine Absicht begriff, denn er warf mir einen
Blick zu, den ich nicht verstand, und in einem
Augenblick war auch alles schon wieder vorbei.
Aber seine Miene trug einen augenfälligen
Ausdruck der Aufmerksamkeit; und hätte er mich
auch eine Stunde oder einen ganzen Tag lang
angesehen, so hätte das hinterher meiner
Erinnerung nicht schärfer eingeprägt sein können.
Der Soldat mit dem Korb hatte bald Licht
gemacht und zündete drei oder vier Fackeln an und
nahm selber eine und verteilte die andern. Es war
zuvor fast dunkel gewesen, aber jetzt schien es ganz
dunkel, und nachher pechschwarz. Ehe wir von dem
Fleck fortgingen, traten vier Soldaten in einen Kreis
und feuerten zweimal in die Luft. Gleich darauf
sahen wir in einiger Entfernung hinter uns andere
Fackeln aufleuchten, und noch andere flackerten
auf den Marschen am Flußufer.
»Fertig!« sagte der Unteroffizier. »Vorwärts
marsch!«
Wir waren noch nicht weit, als drei Kanonen vor
uns abgeschossen wurden mit einem so lauten
Knall, daß etwas in meinem Ohr zu platzen schien.
»Ihr werdet an Bord erwartet«, sagte der
Unteroffizier zu meinem Sträfling; »man weiß, daß
Ihr kommt. Wehrt Euch nicht, mein Freundchen.
Angeschlossen hier!«
Die beiden wurden getrennt gehalten, und jeder
marschierte in einer Wache für sich. Ich hatte jetzt
Joes Hand erfaßt, und Joe trug eine der Fackeln.
Herr Wopsle war dafür gewesen, nach Hause zu
gehen, aber Joe war entschlossen, sich die Sache bis
zu Ende anzugucken, und so gingen wir mit.
Jetzt war der Weg leidlich gut. Meistenteils ging
es am Rande des Flusses entlang, bloß wenn hier
und da ein Deich kam mit einer Miniaturwindmühle
drauf und einer schlammigen Schleuse, bogen wir
zur Seite. Als ich mich umsah, konnte ich die
anderen Lichter hinter uns herkommen sehen. Die
Fackeln, die wir trugen, ließen große Flocken Feuer
auf den Pfad träufeln, und auch diese konnte ich
schwelend und flackernd liegen sehen. Sonst konnte
ich nichts sehen als schwarze Finsternis. Unsere
Lichter erwärmten die Luft um uns her mit ihrer
pechigen Glut, und den beiden Gefangenen schien
das zu gefallen, während sie inmitten der Musketen
dahinhumpelten. Wir konnten nicht sehr schnell
gehen, weil sie lahmten, und sie waren so matt, daß
wir einigemal haltmachen mußten, dieweil sie sich
ausruhten.
Nach einer Stunde solchen Wanderns kamen wir
an eine rohe Holzhütte und eine Anlegestelle. In der
Hütte war eine Wache. Sie rief uns an, und der
Unteroffizier antwortete. Dann gingen wir in die
Hütte, wo ein Geruch von Tabak und Tünche
herrschte und ein helles Feuer und eine Lampe
brannte und ein Gestell mit Gewehren und eine
Trommel und eine niedrige hölzerne Bettstelle
standen, die aussah wie eine ins Kraut geschossene
Drehrolle ohne Maschinerie und ein halb Dutzend
Soldaten mit einemmal aufzunehmen fähig war.
Drei oder vier Soldaten, die mit ihren Mänteln
darauf lagen, nahmen kein sonderliches Interesse
an uns, sondern hoben gerade kaum die Köpfe,
starrten schläfrig umher und legten sich dann
wieder hin. Der Unteroffizier stattete eine Art
Bericht ab, trug etwas in ein Buch, und dann wurde
der Sträfling, den ich ›den andern Sträfling‹
genannt habe, von seiner Wache abgeführt, um
zuerst an Bord zu gehen.
Mein Sträfling sah mich nicht ein einziges Mal an,
außer dieses eine Mal, das ich schon beschrieben
habe. Während wir in der Hütte waren, stand er
vorm Feuer und starrte nachdenklich hinein oder
starrte nachdenklich seine Füße an, als wenn er sie
bemitleidete wegen ihrer jüngsten Abenteuer.
Plötzlich wandte er sich an den Unteroffizier und
bemerkte:
»Ich wünsche etwas in betreff dieser Flucht zu
sagen. So wird am Ende verhütet, daß der oder
jener meinetwegen in Verdacht kommt.«
»Ihr könnt sagen, was Ihr wollt«, entgegnete der
Unteroffizier und sah ihn gelassen an, die Arme
über die Brust gekreuzt; »aber es kommt Euch nicht
zu, es hier zu sagen. Ihr werdet Gelegenheit genug
haben, davon zu reden und davon zu hören, ehe
man mit Euch fertig ist, das wißt Ihr!«
»Das weiß ich, aber das betrifft etwas anderes,
das ist eine Sache für sich. Man kann nicht
verhungern; wenigstens ich nicht. Ich habe mir
einige Lebensmittel geholt, im Dorfe da drüben --
wo die Kirche beinahe draußen auf den Marschen
steht.«
»Ihr meint, gestohlen«, sagte der Unteroffizier.
»Und ich will Euch sagen, von wem. Vom
Grobschmied.«
»Hollah!« rief der Unteroffizier und starrte Joe
an.
»Hollah!« rief Joe und starrte mich an.
»Es waren ein paar einzelne Stückchen -- weiter
nichts -- und ein Schluck Schnaps und 'ne Pastete.«
»Haben Sie vielleicht so was wie 'ne Pastete
vermißt, Schmied?« fragte der Unteroffizier in
vertraulichem Tone.
»Meine Frau hat eine vermißt, gerade in dem
Augenblick, wo Sie hereinkamen. Weißt du nicht,
Pip?«
»So«, sagte mein Sträfling, indem er seine Augen
mit schwermütigem Ausdruck auf Joe heftete, aber
mich nicht im geringsten anblickte, »so sind Sie also
der Grobschmied? So so? Dann tut's mir leid, aber
ich kann's nicht leugnen, ich habe Ihre Pastete
gegessen.«
»Gott weiß, ich gönne sie Ihnen -- soweit sie
meine war«, entgegnete Joe, indem er die
Erwähnung der Frau Joe sich vorbehielt. »Wir
wissen nicht, was Sie verbrochen haben, aber wir
möchten nicht, daß Sie deswegen zu Tode hungern,
armer, beklagenswerter Mitmensch Sie! -- Meinst
du nicht auch, Pip?«
Das Etwas, das ich schon zuvor bemerkt hatte,
klapperte wieder in der Kehle des Mannes, und er
drehte uns den Rücken zu.
Das Boot war zurückgekehrt, und seine Wache
stand bereit, so folgten wir ihm denn nach der
Anlegestelle, die aus rohen Pfählen und Steinen
hergerichtet war, und sahen zu, wie er in das Boot
gebracht wurde, das von einer Mannschaft aus
Sträflingen gleich ihm gerudert wurde. Niemand
schien erstaunt, ihn zu sehen, oder erfreut, ihn zu
sehen, oder betrübt, ihn zu sehen; niemand schien
überhaupt ein Interesse an seinem Anblick zu
nehmen; und niemand sprach ein Wort, außer daß
irgendwer in dem Boote brummte, wie wenn er
Hunde vor sich gehabt hätte: »Ausgelegt, ihr da!«
Das war das Signal, die Ruder einzutauchen.
Beim Lichte der Fackeln sahen wir das schwarze
Gefangenenschiff ein wenig vom Schmutze des
Gestades entfernt gleich einer verruchten Arche
Noah daliegen. Behängt, verkettet und verankert
mit schweren rostigen Ketten, schien in meinen
jugendlichen Augen das Gefangenenschiff selbst
gefesselt gleich den Gefangenen. Wir sahen das
Boot längseits anlegen, und wir sahen, wie er an der
Flanke des Schiffes hinaufgezogen wurde und
verschwand.
Dann wurden die Enden der Fackeln ins Wasser
geworfen, sie zischten auf und erloschen, wie wenn
alles mit ihm vorüber wäre.
Sechstes Kapitel

Mein Gemütszustand in Hinsicht auf den Diebstahl,


von dem ich so unerwartet freigesprochen war,
trieb mich nicht an zu einem offenen Geständnis;
aber ich hoffe, einige Gran Gutes lagen doch an
seinem Grunde.
Ich besinne mich nicht, irgendwelche Weichheit
des Gewissens in Hinsicht auf Frau Joe gehegt zu
haben, als die Furcht, entdeckt zu werden, von mir
genommen war. Aber ich liebte Joe -- vielleicht in
diesen frühen Tagen aus keinem anderen Grunde,
als weil der gute Kerl mir nicht wehrte, ihn zu lieben
--, und in betreff seiner war mein inneres Selbst
nicht so leicht beruhigt. Der Gedanke, ich müßte
ihm doch eigentlich die volle Wahrheit sagen,
lastete schwer auf meinem Gemüt, besonders, als
ich ihn zuerst nach seiner Feile suchen sah. Und
doch sagte ich nichts, und zwar aus dem Grunde,
weil ich fürchtete, er würde, wenn ich's ihm sagte,
mich für schlechter halten, als ich war. Die
Besorgnis, Joes Vertrauen zu verlieren und hinfort
in der Kaminecke zu sitzen und meinen auf immer
verlorenen Gefährten und Freund anzustarren,
band mir die Zunge. Ich stellte mir mit Schmerzen
vor, wenn Joe es wüßte, dann könnte ich ihn
hinterher niemals am Kamin sitzen und mit seinem
Barte spielen sehen, ohne zu denken, er dächte
darüber nach. Wenn Joe es wüßte, könnte ich ihn
hinterher niemals auf das Fleisch oder den Pudding
von gestern, wenn sie auf den Mittagstisch von
heute kämen, den Blick lenken sehen -- sei es auch
noch so zufällig --, ohne bei mir zu denken, daß er
wohl in seinem Innern erwäge, ob ich vielleicht
wieder in der Speisekammer gewesen wäre. Wenn
Joe es wüßte, und zu irgendwelcher späteren Zeit
unseres vereinten Hauslebens einmal die
Bemerkung machen würde, sein Bier sei schal oder
dick, dann würde die Überzeugung, er vermutete
Teer darin, mir einen Blutstrom ins Gesicht treiben.
Mit einem Wort, ich war zu feige, zu tun, was ich für
recht halten mußte, gleichwie ich zu feige gewesen
war, zu unterlassen, was ich für unrecht halten
mußte. Ich hatte damals noch keinen Verkehr mit
der Welt gepflogen, und ich ahmte keinem ihrer
vielen Einwohner nach, die in dieser Weise
verfahren. Ein vollkommen ungelahrter Genius,
machte ich die Entdeckung dieser Handlungsweise
ganz allein.
Da ich schon schläfrig wurde, ehe wir noch weit
von dem Gefangenenschiff fort waren, nahm mich
Joe wieder auf den Rücken und trug mich nach
Hause. Der Weg muß ihm recht schwer geworden
sein, denn Herr Wopsle, der schachmatt war,
befand sich in einer so abscheulichen Laune, daß,
wenn die Kirche zur Konkurrenz offengestanden
hätte, er wahrscheinlich den ganzen Ausflug in den
Bann getan und bei Joe und mir angefangen hätte.
Da er aber ein bloßer Laie war, so bestand er darauf,
sich so sinnlos lange in die Feuchtigkeit zu setzen,
daß, als er den Rock auszog, um ihn am Herdfeuer
zu trocknen, der seinen Hosen anhaftende
umständliche Beweis ihn an den Galgen gebracht
hätte, wenn ein Kapitalverbrechen darin zu finden
gewesen wäre.
Unterdessen taumelte ich auf dem Küchenflur
herum wie ein kleiner Trunkenbold, denn ich war
von neuem auf die Füße gesetzt worden und hatte
fest geschlafen und erwachte nun plötzlich in der
Hitze, der Helligkeit und dem Stimmengewirr. Als
ich (dank einem heftigen Puff zwischen die
Schultern und dem belebenden Ausruf: »Bah! -- Na,
hat man wohl solch 'nen Jungen schon gesehen!«
von seiten meiner Schwester) wieder zu mir kam,
hörte ich Joe ihnen von dem Bekenntnis des
Sträflings erzählen und alle Gäste verschiedene
Wege andeuten, wie der Dieb wohl in die
Speisekammer gekommen sein könnte. Herr
Pumblechook fand nach sorgfältiger Besichtigung
der Räumlichkeiten heraus, er sei zuerst auf das
Dach der Schmiede geklettert, dann sei er auf das
Dach des Hauses gestiegen, und dann habe er sich
an einem Seil, das er aus seinem in Stücke
geschnittenen Bettuch hergestellt habe, durch den
Küchenkamin hinuntergelassen; und da Herr
Pumblechook mit großer Entschiedenheit sprach
und in seiner eignen Kutsche -- über alle Welt
hinweg -- fuhr, so erklärte man einstimmig, so
müsse es gewesen sein.
Herr Wopsle rief in wirklich ganz wildem Tone:
»Nein!« Denn die schwächliche Bosheit eines ganz
ermatteten Menschen kochte in ihm. Da er aber mit
keiner Theorie dienen konnte, auch keinen Rock
anhatte, und außerdem hinten sehr heftig dampfte,
wie er so mit dem Rücken am Küchenfeuer lehnte,
um die ganze Feuchtigkeit sich verflüchtigen zu
lassen -- so wurde sein Urteil einstimmig als nicht
maßgebend verworfen.
Das war alles, was ich an diesem Abend hörte,
bevor meine Schwester mich anpackte, weil meine
Schläfrigkeit in den Augen der Gesellschaft Anstoß
erregen könnte, und mir nach meiner Schlafstelle
mit einer so starken Hand hinaufhalf, daß ich
fünfzig Stiefeln anzuhaben schien, die sämtlich
gegen die Kanten der Stufen klapperten.
Mein Gemütszustand, wie ich ihn beschrieben
habe, begann, ehe ich am Morgen auf den Beinen
war, und noch lange, nachdem das Thema schon
vergessen war und gar nicht mehr erwähnt wurde,
außer in gelegentlichen Ausnahmefällen war er
noch immer der gleiche und ließ nicht von mir.
Siebentes Kapitel

Damals, als ich auf dem Kirchhofe stand und die


Familien-Grabsteine las, wußte ich gerade genug,
um die Inschriften herauszubuchstabieren. Meine
Auffassung selbst von ihrer einfachen Bedeutung
war keine sonderlich richtige, denn ich las in den
Worten »Gattin des Obigen« eine sehr lobende
Erwähnung der Erhebung meines Vaters in eine
bessere Welt; und wenn in bezug auf irgendeinen
meiner verstorbenen Verwandten das Wort
»Untenstehend« gebraucht worden wäre, so hätte
ich mir unzweifelhaft die schlimmste Meinung über
dieses Mitglied der Familie gebildet. Auch waren
meine Begriffe über die theologischen Sätze, zu
denen mich mein Katechismus verpflichtete,
keineswegs genau; denn ich erinnere mich lebhaft,
daß ich des Glaubens war, meine Erklärung, ich
müsse »in demselben wandeln alle Tage meines
Lebens«, verpflichtete mich dazu, durch das Dorf
von unserm Hause aus immer in einer ganz
besonderen Richtung zu gehen und davon niemals
dadurch abzuweichen, daß ich beim Stellmacher
vorbei hinausginge und über die Mühle her
zurückkäme.
Sobald ich alt genug sein würde, sollte ich bei Joe
in die Lehre kommen, und bis ich diese Würde
annehmen konnte, sollte ich nicht, wie Frau Joe
sagte, »verpimpelt« oder (wie ich es wiedergab)
verhätschelt werden. Daher war ich nicht nur
Laufbursche für die Schmiede, sondern wurde auch,
wenn einmal ein Nachbar jemand brauchte, um
Vögel zu scheuchen oder Steine aufzulesen oder
irgend etwas zu verrichten, gnädigst mit dieser
Arbeit betraut. Damit indessen unsere höhere
Stellung hierdurch nicht kompromittiert würde,
wurde es öffentlich bekanntgemacht, daß alle meine
Verdienste in eine Sparbüchse gelegt würden, die
man ständig auf dem Kaminsims in der Küche
finden könne. Ich habe den Eindruck, als wären sie
gelegentlich bei Tilgung der Nationalschuld mit zu
verrechnen gewesen, aber ich weiß, daß ich keine
Hoffnung hatte, persönlich an dem Schatz
irgendwelchen Anteil zu genießen.
Herrn Wopsles Großtante unterhielt eine
Abendschule im Dorfe; das heißt, sie war ein
lächerliches, altes Weibsbild von begrenztem
Vermögen und unbegrenzter Gebrechlichkeit, die
allabendlich von sechs bis sieben Uhr zu schlafen
pflegte in der Gesellschaft der Jugend, die
wöchentlich pro Kopf zwei Pence für den
erhebenden und verbessernden Anblick, sie nicken
zu sehen, bezahlte. Sie vermietete ein kleines
Häuschen, und Herr Wopsle hatte die Stube im
Oberstock, wo wir Schüler ihn immer sehr laut und
würdevoll und fürchterlich lesen und dann und
wann auch auf die Decke stampfen hörten. Es ging
die Sage, daß Herr Wopsle die Schüler
vierteljährlich einmal »examinierte«. Was er aber
bei diesen Gelegenheiten tat, war, daß er sich die
Ärmel in die Höhe streifte, sich das Haar hochstrich
und uns die Rede des Mark Anton bei der Leiche
Cäsars zum besten gab. Dieser Leistung folgte
immer Collins' Ode auf die Leidenschaften, wobei
ich besonders Herrn Wopsle als Genius der Rache
verehrte, der sein blutbeflecktes Schwert zu Boden
warf im Donnerrollen und mit vernichtendem Blick
zur Krieg verkündenden Drommete griff. Damals
stand es mit mir noch nicht so, wie im späteren
Leben, wo ich in die Gesellschaft der Leidenschaften
geriet und sie mit Collins und Wopsle verglich zu
einigem Nachteil beider Herren.
Neben dieser Erziehungsanstalt unterhielt Herrn
Wopsles Großtante noch -- in der gleichen Stube --
einen Kramladen für alles. Sie hatte keine Ahnung
davon, was für einen Vorrat sie hatte oder was der
Preis von irgendeinem Stück davon war; aber es
wurde ein kleines schmutziges Eintragebuch in
einem Schubkasten aufbewahrt, und dieses
Büchelchen diente als Preiskatalog, und an der
Hand dieses Orakulums besorgte Biddy alle
Ladengeschäfte. Biddy war die Enkelin der
Großtante des Herrn Wopsle; ich bekenne offen,
daß ich ganz und gar nicht imstande bin, das
Problem auszutüfteln, was für eine Verwandte sie
von Herrn Wopsle war. Sie war eine Waise wie ich;
war wie ich mit der Hand aufgezogen worden. Sie
war sehr merkwürdig, wie mich dünkte, in Hinsicht
auf ihre Extremitäten. Denn ihr Haar bedurfte stetig
der Bürste, ihre Hände bedurften stetig der Seife,
und ihre Schuhe bedurften stetig der Flicken und
neuen Absätze. Diese Beschreibung ist jedoch auf
die Wochentage zu beschränken. An Sonntagen ging
sie fein herausgeputzt in die Kirche.
Zum großen Teil durch eigne Bemühung, der
nirgends ein Sporn gegeben wurde, und weniger
durch die Hilfe der Großtante des Herrn Wopsle als
vielmehr durch Biddys Beistand, haspelte ich mich
durch das Alphabet, wie wenn es ein Dornenbusch
gewesen wäre, und jeder Buchstabe peinigte und
kratzte mich beträchtlich. Darauf geriet ich unter
diese Diebe, die neun Zahlen, die an jedem Abend
etwas Neues auszuhecken schienen, um sich zu
verkleiden und einem das Erkennen zu erschweren.
Endlich aber fing ich in einer kurzsichtigen,
tastenden Art und Weise und im allerkleinsten
Maßstabe zu lesen, schreiben und rechnen an.
Eines Abends saß ich mit meiner Schiefertafel in
der Kaminecke und ließ es mich sauren Schweiß
kosten, einen Brief an Joe fertigzustellen. Ich
glaube, es muß ein volles Jahr nach unsrer Jagd auf
den Marschen gewesen sein, denn es war lange,
lange danach, und es war Winter und strenger Frost.
Ein Alphabet hatte ich zu meinen Füßen auf dem
Herde liegen, um dann und wann einmal nachsehen
zu können, und so brachte ich es in ein oder zwei
Stunden fertig, die folgende Epistel in
Druckbuchstaben zurechtzukritzeln:
»MeI lieWEr KuHtr JO ich hoFE DU biS kaNS
wOl uN ich hoFE ich wÄr DIR baLdE LErn KönnEN
Jo uN daN wÄRn miR unS Doch sO FreUN uN wEn
ich eRSCHt lEErjCHunGE beI DIR Bin JO waS
woLN miR daN aWer FüRN FeeTS HaMM eS gRiSt
DIR DEI lieWEr KuHtr PiP.«
Es lag keine unumgängliche Notwendigkeit vor,
mit Joe brieflich zu korrespondieren, denn er saß
neben mir, und wir waren allein. Aber ich übergab
diese geschriebene Mitteilung samt Schiefertafel
und allem, und Joe nahm sie als ein Geheimnis der
Bildung entgegen.
»Na, aber, Pip, alter Junge!« rief Joe, seine
blauen Augen weit aufreißend; »was bist du für'n
gelehrtes Haus, wie!«
»Das möchte ich gern sein«, sagte ich und sah die
Schiefertafel an, die er hielt, wobei mir das trübe
Bedenken aufstieg, daß die Schrift doch ziemlich
hügelig geraten war.
»Na, hier ist ja ein J«, sagte Joe, »und ein O, wie's
nicht besser sein kann! Hier ist ein J und ein O, Pip,
und ein J-O, Joe.«
Ich habe Joe nie mehr als diese eine Silbe laut
lesen hören, und ich hatte am letzten Sonntag in der
Kirche, als ich zufällig das Gebetbuch verkehrt
hielt, gemerkt, daß ihm das ebenso recht zu sein
schien, als wenn ich es richtig hielt. Jetzt wollte ich
die Gelegenheit benutzen, herauszubekommen, ob
ich bei dem Unterricht, den ich Joe erteilen wollte,
ganz von vorne anfangen müßte, und so sagte ich
denn:
»Ja! Aber lies das andre auch, Joe.«
»Das andre, he, Pip?« sagte Joe, die Schrift mit
einem langsam suchenden Auge anblickend. »Eins,
zwei, drei. Na, hier sind drei Js, und drei Os und drei
J-Os, Joes, dabei, Pip.«
Ich lehnte mich über Joe und las ihm mit Hilfe
meines Zeigefingers den ganzen Brief vor.
»Erstaunlich!« rief Joe, als ich zu Ende war. »Du
bist aber wirklich ein gelehrtes Haus.«
»Wie schreibst du Gargery, Joe?« fragte ich ihn,
im Tone bescheidener Gönnerschaft.
»Ich schreib's überhaupt nicht«, sagte Joe.
»Aber gesetzt den Fall?«
»Der Fall kann gar nicht gesetzt werden«, sagte
Joe. »Aber im allgemeinen lese ich doch recht
gern.«
»Wirklich, Joe?«
»Im allgemeinen. Gib mir«, sagte Joe, »ein gutes
Buch und eine gute Zeitung und setze mich vor ein
gutes Feuer, dann verlange ich nichts Beßres. Du
liebe Güte!« fuhr er fort, nachdem er sich eine
Weile das Knie gerieben hatte, »wenn man dann auf
ein J kommt und auf ein O und wenn man dann sagt:
›Hier endlich ist ein J-O, Joe‹, wie interessant ist
doch dann das Lesen.«
Hieraus entnahm ich, daß Joes Erziehung noch in
der Wiege lag. Das Thema verfolgend, fragte ich:
»Bist du nie zur Schule gegangen, Joe, als du so
klein warst wie ich?«
»Nein, Pip.«
»Warum bist du nie zur Schule gegangen, als du
so klein warst wie ich?«
»Na, Pip«, lachte Joe, ergriff den Feuerhaken und
begann das Feuer zwischen den niedrigeren
Eisenstäben zu schüren -- seine gewöhnliche
Beschäftigung, wenn er nachdenklich war --, »das
will ich dir sagen. Mein Vater, Pip, der hatte sich
dem Trunk ergeben, und wenn er betrunken war,
dann hämmerte er auf meine Mutter los, ganz
unbarmherzig. Und wenn nicht auf sie, dann
hämmerte er auf mich los, mit einer Kraft, der man
einzig und allein die Kraft an die Seite stellen
konnte, mit der er nicht auf seinen Amboß
loshämmerte. -- Du hörst doch zu und verstehst,
Pip?«
»Ja, Joe.«
»Demzufolge liefen meine Mutter und ich von
Vatern fort, mehrmals; und dann ging meine Mutter
auf Arbeit und sagte: ›Joe‹, sagte sie, ›nun, so Gott
will, sollst du bald in die Schule kommen, Kind‹,
und sie wollte mich in die Schule geben. Aber mein
Vater war von Herzen so gut, daß er nicht ohne uns
sein konnte. So kam er denn mit einer
fürchterlichen Menschenmenge und machte an der
Tür des Hauses, wo wir waren, einen solchen
Spektakel, daß sie sich schließlich genötigt sahen,
uns den Laufpaß zu geben und ihm zu überlassen.
Und dann nahm er uns nach Hause und hämmerte
uns. Und das, siehst du, Pip«, sagte Joe, in seinem
nachdenklichen Schüren des Feuers innehaltend
und mich ansehend, »war ein Hemmschuh für mein
Lernen.«
»Gewiß, armer Joe.«
»Aber bedenke, Pip«, sagte Joe, indem er mit
dem Schüreisen ein paar urteilskräftige Stöße gegen
den obersten Eisenstab führte, »wenn wir allen
zukommen lassen, was ihnen gebührt, und gleiche
Gerechtigkeit zwischen Mensch und Mensch
aufrechterhalten, so müssen wir sagen, mein Vater
war von Herzen ein guter Kerl. Siehst du das ein?« -
-
Ich sah das nicht ein; aber ich behielt es für mich.
»Na!« fuhr Joe fort, »jemand muß doch den Topf
am Kochen halten, Pip, sonst kocht der Topf nicht,
verstehst du?«
Das sah ich ein und sagte es auch ruhig.
»Demzufolge hatte mein Vater nichts dagegen
einzuwenden, daß ich auf Arbeit ging; so machte ich
mich an meinen jetzigen Beruf, der auch der meines
Vaters war, bloß ging er ihm nicht nach, und ich
arbeitete ziemlich fleißig, das kann ich dir
versichern, Pip. Mit der Zeit war ich imstande, ihn
zu ernähren, und ich ernährte ihn, bis er an einem
appelpelktischen Anfall starb. Und ich hatte die
Absicht, auf seinen Grabstein die folgende Inschrift
zu setzen: ›Es waren zwar viele Fehler auszumerzen;
doch, Leser, vergiß nicht, er war ein guter Kerl von
Herzen.‹«
Joe sagte dieses Verschen mit so offenbarem
Stolz und sorgsamer Deutlichkeit her, daß ich ihn
fragte, ob er es selber gemacht hätte.
»Ich hab's gemacht«, sagte Joe, »ganz allein. Ich
hab's in einem Augenblick gemacht. Es war, wie
wenn ich ein Hufeisen herausschlüge, ein ganz
fertiges Hufeisen, mit einem einzigen Schlage. In
meinem ganzen Leben war ich noch nicht so
überrascht. Ich konnte meinem eignen Kopfe nicht
mehr trauen. Die Wahrheit zu sagen, ich glaubte
kaum, daß es noch mein eigner Kopf war. Wie
gesagt, Pip, ich hatte die Absicht, das über ihn
setzen zu lassen; aber Poesie kostet Geld, mag man
sie setzen, wie man will, ob klein oder groß, und so
unterblieb es. Von dem, was die Träger zu kriegen
hatten, abgesehen, wurde alles Geld, was wir
erübrigen konnten, für meine Mutter gebraucht.
Mit ihrer Gesundheit war's jämmerlich, und sie war
ganz gebrochen. Es dauerte nicht lange, so folgte sie
ihm, die arme Seele, und ihr Anteil am
Allerweltsfrieden wurde ihr nun endlich zuteil.«
Joes blaue Augen wurden ein wenig wässerig; er
rieb sich zuerst das eine und dann das andre in
häßlicher, ganz unerquicklicher Art und Weise, mit
dem runden Knopf oben am Feuerhaken.
»Es war recht einsam dann«, sagte Joe, »wo ich
hier so allein lebte, und da lernte ich deine
Schwester kennen. Nun, Pip«, Joe blickte mich fest
an, wie wenn er wüßte, daß ich nicht seiner Meinung
sein würde; »deine Schwester ist eine prächtige
Frau.«
Ich konnte nicht umhin, mit einer sehr
offenkundigen Miene des Zweifels nach dem Feuer
zu blicken.
»Was auch die Ansichten der Familie oder was
auch die Ansichten der Welt über diesen Punkt sein
mögen, Pip, deine Schwester ist« (Joe schlug nun
nach jedem einzelnen Wort mit dem Feuerhaken
gegen die oberste Eisenstange), »eine -- herrliche --
Frauengestalt!«
Ich konnte an nichts Besseres denken, als ihm zu
antworten:
»Es freut mich, daß du dieser Meinung bist, Joe.«
»Das freut mich auch«, entgegnete Joe, mir ins
Wort fallend. »Es freut mich auch, daß ich so
denke, Pip. Ein bißchen rote Haut und ein bißchen
zuviel Knochen hier und da, was macht das mir
aus?«
Ich bemerkte scharfsinnig, wenn es ihm nichts
ausmachte, wem sollte es etwas ausmachen?
»Ganz gewiß!« stimmte Joe bei. »Das ist's. Du
hast recht, alter Junge. Als ich deine Schwester
kennenlernte, da redete alles davon, wie sie dich mit
der Hand aufzöge. Sehr nett von ihr, sagten alle
Leute, und ich sagte auch, was alle Leute sagten.
Was dich anbelangt«, fuhr Joe fort, mit einer
Miene, wie wenn er etwas in der Tat recht Häßliches
erblickte; »wenn du hättest sehen können, wie klein
und wabbelig und minimal du damals warst, du liebe
Zeit, du hättest dir eine sehr verächtliche Meinung
von dir selber gebildet!«
Nicht gerade entzückt über diese Worte,
entgegnete ich:
»Mach dir nichts aus mir, Joe.«
»Aber ich machte mir was aus dir, Pip«,
antwortete er mit zärtlicher Einfachheit. »Als ich
deiner Schwester das Anerbieten machte, mir
Gesellschaft zu leisten und sich in der Kirche
aufbieten zu lassen, sobald sie willens und bereit
wäre, nach der Schmiede zu ziehen, da sagte ich zu
ihr: ›Und bring' das arme kleine Ding mit. Gott
segne das arme kleine Kind‹, sagte ich zu deiner
Schwester, ›'s ist noch Raum genug für das Wurm in
der Schmiede!‹«
Ich brach in Weinen aus, bat um Verzeihung und
fiel Joe um den Hals, und Joe ließ den Feuerhaken
fallen, umarmte mich und sagte: »Immer die besten
Freunde, was, Pip? Na, weine nicht, alter Junge!«
Als diese kleine Unterbrechung vorüber war,
begann Joe wieder:
»Na, siehst du, Pip, so stehen die Sachen. Darauf
kommt's ungefähr hinaus, daß die Sachen so stehen!
Wenn du's also nun in die Hand nehmen willst, mich
zu unterrichten, Pip (und ich sag' dir's von
vornherein, ich bin entsetzlich dämlich, ganz
entsetzlich dämlich), dann darf Frau Joe nicht viel
sehen von dem, was wir vorhaben. Es muß, wie ich
mich wohl ausdrücken darf, hinterm Berge
geschehen. Und warum hinterm Berge? Das will ich
dir sagen, Pip.«
Er hatte wiederum den Feuerhaken ergriffen; und
ich zweifle, ob er ohne dieses Werkzeug in seiner
Ausführung hätte fortfahren können.
»Deine Schwester ist zum Regieren wie
geschaffen. Ein solcher Posten ist ihr eigentliches
Feld.«
»Ein Posten, Joe?« Ich war erstaunt, denn ich
hatte die ungewisse Idee (und ich fürchte, ich muß
hinzusetzen, schwache Hoffnung), Joe hätte sich
zugunsten der Lords von der Admiralität oder vom
Schatzamt von ihr scheiden lassen.
»Zum Regieren wie geschaffen!« sagte Joe.
»Damit meine ich, über dich und mich zu regieren.«
»Ach so!«
»Und sie sieht's nicht sonderlich gern, wenn sie
gelehrte Leute im Hause hat«, fuhr Joe fort; »und
ganz besonders würde sie es nicht gern sehen, wenn
ich ein gelehrter Kauz wäre, weil sie dann fürchten
würde, ich möchte aus der Haut fahren. Möchte
mich auflehnen, wie so'n Rebell. Verstehst du,
Pip?«
Ich wollte mit einer Frage antworten. »Warum --«
begann ich schon, aber Joe unterbrach mich.
»Warte ein bißchen. Ich weiß, was du sagen willst,
Pip; warte ein bißchen. Ich leugne nicht, daß deine
Schwester dann und wann wie ein Großmogul über
uns herkommt. Ich leugne nicht, daß deine
Schwester uns ordentlich durchwalkt und daß sie
reichliche Portionen Prügelsuppe austeilt. Zu
solchen Zeiten, wenn deine Schwester ins Poltern
kommt, Pip«, Joe senkte die Stimme zu einem
Flüstern und sah nach der Tür, »da zwingt uns die
Wahrheitsliebe zuzugestehen, daß sie ein Drache
ist.«
Joe sprach dieses Wort ganz so aus, wie wenn es
zum mindesten mit einem Dutzend großer Ds
anfinge.
»Warum fahre ich nicht aus der Haut? Das
wolltest du fragen, als ich dich unterbrach, Pip?«
»Ja, Joe.«
»Na«, sagte Joe und legte den Feuerhaken in die
linke Hand, damit er sich nach dem Barte fassen
konnte; und sobald er sich dieser friedlichen
Beschäftigung hingab, setzte ich niemals mehr
Hoffnung auf ihn; »Deine Schwester ist ein
Meistergeist. Ein Meistergeist.«
»Was ist das?« fragte ich, in der Hoffnung, ihn in
einige Verlegenheit zu setzen.
Aber Joe war mit seiner Antwort schneller bei der
Hand, als ich erwartet hatte, und brachte mich
vollständig zum Schweigen, indem er sich bei seiner
Ausführung im Kreise bewegte und mit einem festen
Blick antwortete:
»Sie!«
»Und ich bin kein Meistergeist«, fuhr Joe fort,
nachdem er seinem Blick den starren Ausdruck
genommen und die Hand wieder an seinen Bart
gelegt hatte. »Und schließlich, Pip -- und das
möchte ich dir in allem Ernste sagen, alter Junge --
ich habe von meiner armen Mutter soviel gesehen,
wie ein Frauenzimmer sich abplackt und abschuftet
und ihr ehrbares Herz bricht und keinen Frieden
nicht findet in ihrem Leben auf Erden -- daß ich
furchtbare Angst davor habe, ich möchte, wenn ich
mir's angewöhne, einem Frauenzimmer Unrecht
zuzufügen, des Guten zuviel tun, und da will ich weit
lieber nach der anderen Seite hin des Guten zuviel
tun und ein bißchen Unbilden gern ertragen. Ich
wünschte, ich wär's allein, der das auszubaden
hätte, Pip; ich wünschte, es gäbe keinen gelben
Onkel für dich, alter Junge; ich wünschte, ich
könnte es alles auf mich nehmen. Aber das ist das
Lange und Breite davon, Pip; und ich hoffe, du
drückst ein Auge zu, wenn's mal wo fehlt.«
So jung ich war, so glaube ich doch, daß ich von
diesem Abend an eine neue Art von Bewunderung
für Joe hegte. Wir waren Gleichgestellte nach wie
vor; aber wenn ich nachher in stillen Stunden Joe
ansah und über ihn nachdachte, da hatte ich ein
ganz neues Gefühl des Bewußtseins, daß ich in
meinem Herzen mit Inbrunst zu Joe emporblickte.
»Indessen«, sagte Joe, indem er sich erhob, um
frische Kohlen anzulegen, »jetzt quält sich die
Schwarzwälderuhr schon ab, um die achte Stunde
zu schlagen, und noch immer ist sie nicht zu Hause!
Hoffentlich hat doch Onkel Pumblechooks Mähre
nicht einen Vorderfuß auf ein Stück Eis gesetzt und
ist gefallen.«
Frau Joe machte dann und wann an Markttagen
eine Spritzfahrt mit Onkel Pumblechook, um ihm
beim Einkauf von solchen Haushaltsartikeln und
Waren behilflich zu sein, wie sie nur eine
Frauensperson zu beurteilen vermag; denn Onkel
Pumblechook war Junggeselle und hatte kein
Zutrauen zu seinem Hausmädchen. Heute war ein
Markttag, und Frau Joe befand sich auf einem
dieser Ausflüge.
Joe machte Feuer und fegte den Herd, und dann
gingen wir nach der Tür und horchten, ob der
Wagen käme.
Es war ein trockener, kalter Abend; und der Wind
blies scharf, und der Reif war weiß und hart. Wenn
heute nacht jemand draußen auf den Marschen lag,
dachte ich, der wäre ein Kind des Todes. Und dann
sah ich auf zu den Sternen und überlegte, wie
entsetzlich es doch für einen Menschen sein müsse,
sein Gesicht zu ihnen hinaufzukehren, während er
zu Tode fröre, und keine Hilfe und kein Mitleid in
all der glitzernden Vielheit zu erblicken.
»Dort kommt die Mähre«, sagte Joe, »klingelt
wie'n ganzes Glockenspiel.«
Die Klang ihrer eisernen Hufe auf dem harten
Wege war ordentlich musikalisch, wie sie so in
flottem Trab daherkam. Wir stellten einen Stuhl
zurecht, wo Frau Joe absteigen könne, und schürten
das Feuer auf, damit sie ein helles Fenster sehen
sollte. Zuletzt nahmen wir noch einmal die Küche in
Augenschein, ob auch nichts am unrechten Fleck
stände.
Als wir mit diesen Vorbereitungen fertig waren,
kamen sie herangefahren, verhüllt bis an die Augen.
Frau Joe war bald ausgestiegen, und Onkel
Pumblechook war auch bald unten, nachdem er
dem Pferde eine Decke übergeworfen hatte. Wir
gingen alle in die Küche und brachten so viel kalte
Luft mit uns hinein, daß alle Hitze aus dem Feuer
getrieben zu werden schien.
»Nun«, sagte Frau Joe, indem sie sich hastig und
erregt ihrer Hüllen entzog und den Hut zurück auf
die Schultern warf, wo er an den Bändern
hängenblieb, »wenn dieser Junge heute Abend nicht
dankbar ist, so wird er es nie sein!«
Ich sah so dankbar drein, wie einem Knaben
möglich sein konnte, der keine Ahnung hatte,
warum er diesen Ausdruck annehmen solle.
»Es steht nur zu hoffen«, sagte meine Schwester,
»daß er nicht verpimpelt wird. Aber ich habe meine
Bedenken.«
»Sie ist nicht die Frau danach, meine Dame«,
sagte Herr Pumblechook, »da kennt sie sich besser
aus.«
Sie? Ich sah Joe an, und stellte mit Lippen und
Augenbrauen die Frage: »Sie?«
Joe sah mich an und stellte mit seinen Lippen und
Augenbrauen die Frage: »Sie?«
Meine Schwester ertappte ihn darüber, und er
fuhr sich mit dem Handrücken über die Nase, setzte
die versöhnliche Miene auf, die er für solche
Gelegenheiten gewöhnlich bei der Hand hatte, und
sah meine Schwester an.
»Na?« fragte meine Schwester in ihrer bissigen
Weise. »Was stierst du? Brennt das Haus?«
»Hat doch eben jemand«, deutete Joe höflich an,
»von einer -- einer Sie gesprochen.«
»Und wahrscheinlich ist's auch eine Sie«, sagte
meine Schwester. »Sofern du nicht Fräulein
Havisham einen Er nennst. Und ich bezweifle doch,
daß selbst du soweit zu gehen imstande wärest.«
»Fräulein Havisham in der Stadt oben?« fragte
Joe.
»Gibt's denn ein Fräulein Havisham in der Stadt
unten?« entgegnete meine Schwester. »Sie wünscht,
daß dieser Knabe dorthin kommt und dort spielt.
Und selbstverständlich geht er hin. Und ich rate
ihm, dort zu spielen«, sagte meine Schwester, wie
wenn sie mich damit ermuntern wolle, ja recht
leichtherzig und frohgemut zu sein, »sonst will ich
ihn bearbeiten.« 
Ich hatte schon von Fräulein Havisham in der
Stadt oben gehört -- alle Welt auf Meilen in der
Runde hatte von Fräulein Havisham in der Stadt
oben gehört -- als von einer ungeheuer reichen und
finsteren Dame, die in einem großen und
unheimlichen Hause wohnte, das gegen Diebe
verbarrikadiert war, und die ein einsames,
abgeschlossenes Leben führte.
»Na aber!« rief Joe erstaunt. »Ich möchte bloß
wissen, woher sie Pip kennt!«
»Einfaltspinsel!« rief meine Schwester. »Wer hat
denn gesagt, daß sie ihn kennt?«
-- »Hat doch eben jemand«, deutete Joe abermals
höflich an, »davon gesprochen, daß er hingehen
und dort spielen solle.«
»Und konnte sie nicht Onkel Pumblechook
fragen, ob er vielleicht einen Jungen kennte, der
hinkommen und dort spielen könne? Ist es nicht
gerade die Möglichkeit, daß Onkel Pumblechook
vielleicht ein Mieter von ihr ist und daß er --
manchmal -- wir wollen nicht sagen viertel- oder
halbjährlich, denn das hieße zuviel von dir
verlangen --, sondern manchmal -- dorthin gehen
muß, um seine Miete zu zahlen? Und konnte sie
dann nicht Onkel Pumblechook fragen, ob er
vielleicht einen Knaben kennte, der hinkommen
und dort spielen könne? Und konnte nicht Onkel
Pumblechook -- der immer auf uns bedacht ist und
immer für unser Wohl sorgt -- wenn du vielleicht
auch nicht der Meinung bist, Joseph«, sagte Frau
Joe in einem Tone tiefsten Vorwurfes, wie wenn er
der verhärtetste aller Neffen wäre, »konnte nicht
Onkel Pumblechook dann dieses Knaben
Erwähnung tun, der jetzt hier steht und die Nase
rümpft« -- ich erkläre feierlich, daß ich das gar
nicht getan habe -- »und dem ich mich immer als
willige Sklavin habe unterordnen müssen?«
»Wirklich sehr gut!« rief Onkel Pumblechook.
»Nett ausgeführt! Vortrefflich angegeben! Wirklich
sehr gut! Nun, Joseph, weißt du, worum es sich
handelt.«
»Nein, Joseph«, sagte meine Schwester, noch
immer in vorwurfsvollem Tone, während Joe sich
immer und immer wieder in seiner persönlichen
Gebärde mit dem Rücken der Hand über die Nase
fuhr, »du weißt noch nicht, worum es sich handelt,
obwohl du vielleicht der Meinung bist. Du denkst
vielleicht, du weißt es, aber du weißt es nicht,
Joseph. Du weißt nicht, daß Onkel Pumblechook, in
der Überzeugung, der Knabe hat, soviel sich bis
jetzt sagen läßt, sein Glück gemacht, wenn er zu
Fräulein Havisham geht, sich freiwillig erboten hat,
ihn heute abend in seinem eigenen Wagen
mitzunehmen und ihn über Nacht zu behalten und
ihn morgen vormittag eigenhändig zu Fräulein
Havisham zu bringen. Und, Herr du meine Güte!«
rief meine Schwester, den Hut in plötzlicher
Verzweiflung wegwerfend, »hier stehe ich und
schwatze mit richtigen Mondkälbern, und Onkel
Pumblechook wartet, und das Pferd holt sich vor
der Tür den Schnupfen, und der Junge ist vom Haar
seines Hauptes bis zur Sohle seines Fußes voll Ruß
und Dreck. Klebt ja förmlich!«
Mit diesen Worten stürzte sie auf mich los wie ein
Adler auf ein Lamm, und mein Gesicht wurde
unterm Ausguß in den Holzzuber gequetscht, und
mein Kopf wurde unter Zapfen von Wassertonnen
gesteckt, und ich wurde geseift und geknetet und
gerieben und gepufft und gerauft und gekratzt, bis
ich tatsächlich nicht mehr wußte, wo ich war. (Ich
darf hier vielleicht auch bemerken, daß ich
gegenüber jedweder Autorität auf Erden kühn
behaupten würde, besser unterrichtet zu sein von
den rauhen Wirkungen eines Traurings, wenn er
unbarmherzig über ein menschliches Angesicht hin-
und herfährt.)
Als meine Waschungen vollendet waren, wurde
ich in reine Wäsche von der steifsten Sorte
gesteckt, gleich einem jugendlichen Büßer in
Sacktuch, und wurde in meinen engsten und
fürchterlichsten Anzug gezwängt. Dann wurde ich
Herrn Pumblechook übergeben, der mich in aller
Form in Empfang nahm, wie wenn er Sheriff
gewesen wäre. Herr Pumblechook hielt mir die
Rede, die, wie ich wohl wußte, ihm schon die ganze
Zeit über auf der Zunge gebrannt hatte.
»Junge, sei immer dankbar allen deinen
Freunden, hauptsächlich aber sei dankbar denen,
die dich mit der Hand aufgezogen haben!«
»Lebewohl, Joe!«
»Gott segne dich, Pip, alter Junge!«
Ich hatte noch nie von ihm Abschied genommen,
und im Übermaß meiner Gefühle und der
Nachwirkungen des Seifenwassers konnte ich zuerst
von dem Wagen aus keine Sterne sehen. Aber sie
traten einer nach dem andern hervor und blinkten,
ohne jedoch irgendwelches Licht auf die Frage zu
werfen: warum in aller Welt ich zu Fräulein
Havisham ging, um dort zu spielen, und was in aller
Welt ich dort spielen sollte.
Achtes Kapitel

Herrn Pumblechooks Wohnung in der Hauptstraße


des Marktfleckens trug einen pfefferkörnigen und
mehligen Charakter, wie man das von der Wohnung
eines Kornkrämers und Samenhändlers erwarten
mußte. Er kam mir so vor, als müsse er wirklich ein
sehr glücklicher Mensch sein, weil er soviel kleine
Schubkästen in seinem Laden hatte. Als ich einmal
in ein paar von den niedrigeren Kästen hineinsah
und die in braunes Papier gebundenen Päckchen
darinnen liegen sah, fragte ich mich, ob die
Blumensamen und Zwiebeln jemals an einem
schönen Tage das Verlangen hätten, aus diesen
Gefängnissen herauszubrechen und zu blühen.
Es war früh am Morgen nach meiner Ankunft, wo
mir dieser Gedanke kam. Am vorigen Abend war ich
sofort zu Bett gebracht worden, in einer
Dachkammer mit einem schrägen Dach, das an der
Ecke, wo die Bettstelle stand, so niedrig war, daß
meiner Schätzung nach die Ziegel um einen Fuß von
meinen Augenbrauen entfernt waren. An demselben
frühen Morgen entdeckte ich eine sonderbare
Verwandtschaft zwischen Sämereien und Cord-
Beinkleidern. Herr Pumblechook trug Cord-
Beinkleider, und sein Verkäufer auch; und ich weiß
nicht, diese Cord-Beinkleider hatten so ein
Aussehen und so einen Duft, wie man ganz genau an
den Sämereien wahrnehmen konnte, und ich konnte
kaum eins vom andren unterscheiden. Die gleiche
Gelegenheit gestattete mir wahrzunehmen, daß
Herr Pumblechook sein Geschäft zu leiten schien,
indem er über die Straße hinüber nach dem Sattler
guckte, der sein Geschäft auszuüben schien, indem
er sein Auge auf den Kutscher heftete, der im Leben
weiterzukommen schien, indem er die Hände in die
Taschen steckte und den Bäcker betrachtete, der
seinerseits die Arme kreuzte und den
Materialhändler anstarrte, der an seiner Tür stand
und den Apotheker angähnte. Der Uhrmacher, der
immer über einem kleinen Pult gebückt saß und
immer ein Vergrößerungsglas vorm Auge hatte und
immer von einer Gruppe in Arbeitskitteln
angestarrt wurde, die ihm durch sein Schaufenster
zusahen -- der Uhrmacher schien in der
Hauptstraße noch die einzige Person, deren
Aufmerksamkeit von ihrem Gewerbe in Anspruch
genommen wurde.
Herr Pumblechook und ich frühstückten um acht
Uhr morgens in dem Stübchen hinterm Laden,
während der Verkäufer sein Töpfchen Tee und
seinen Runken Butterbrot auf einem Erbsensack im
vorderen Raume zu sich nahm. Ich hielt Herrn
Pumblechook für einen kläglichen Gesellschafter.
Abgesehen davon, daß er die Ansicht meiner
Schwester teilte, ein kasteiender und der Buße
angemessener Charakter sei auch meiner Kost
mitzuteilen -- abgesehen davon, daß er mir
möglichst viel Krume und möglichst wenig Butter
gab und mir soviel warmes Wasser in die Milch goß,
daß es aufrichtiger gewesen wäre, wenn er die Milch
überhaupt weggelassen hätte -- abgesehen davon,
bestand seine Unterhaltung aus nichts als
Arithmetik. Als ich ihm höflich guten Morgen sagte,
rief er in geschraubtem Tone: »Sieben mal neun,
Junge!« Und wie sollte ich, der ich so
eingeschüchtert war, an einem fremden Platz, mit
leerem Magen, wohl imstande gewesen sein, auf
diese Frage zu antworten! Ich war hungrig, aber
noch ehe ich einen Bissen gegessen hatte, fing er mit
einem laufenden Exempel an, das er das ganze
Frühstück über im Gange hielt. »Sieben?« »Und
vier?« »Und acht?« »Und sechs?« »Und zwei?«
»Und zehn?« Und so fort. Und sobald eine Zahl
überwunden war, war es alles Mögliche, wenn ich
nur rasch einmal abbeißen oder einen Schluck tun
konnte, bevor die nächste Zahl kam; und er saß ganz
gemütlich da und dachte über gar nichts nach,
während er Speck und warme Semmeln gierig aß
oder vielmehr (wenn mir der Ausdruck verstattet
ist) hineinschlang und hinunterstopfte.
Aus diesem Grunde war ich sehr froh, als es zehn
Uhr war und wir aufbrachen, um zu Fräulein
Havisham zu gehen; obwohl mir durchaus nicht
sonderlich behaglich zumute war in Hinsicht auf die
Frage, wie ich mich unter dem Dache dieser Dame
benehmen sollte.
In einer Viertelstunde waren wir vor dem Hause
des Fräuleins Havisham, das aus alten Ziegeln war,
sehr finster aussah und sehr viel eiserne Stäbe an
sich hatte. Einige von den Fenstern waren
zugemauert worden; von den übriggebliebenen
waren all die tiefer gelegenen mit rostigen Gittern
versehen. Vorn war ein Hof, und auch der war von
einem Gitter umgeben; daher mußten wir, nachdem
wir geklingelt hatten, warten, bis jemand kommen
würde und aufmachte. Während wir warteten,
guckte ich hinein (selbst jetzt noch sagte Herr
Pumblechook: »Und vierzehn?«, aber ich tat so, als
hörte ich ihn nicht) und sah, daß sich an der Seite
des Hauses eine große Brauerei befand; es wurde
nicht darin gebraut und schien eine lange, lange Zeit
nicht darin gebraut worden zu sein.
Ein Fenster wurde in die Höhe gehoben, und eine
klare Stimme fragte:
»Der Name?«
Darauf antwortete mein Führer:
»Pumblechook.«
Die Stimme antwortete:
»Schön.«
Und dann wurde das Fenster wieder geschlossen,
und eine junge Dame kam mit Schlüsseln in der
Hand über den Hof hinüber.
»Dies«, sagte Herr Pumblechook, »ist Pip.«
»Das ist Pip? So?« entgegnete die junge Dame, die
sehr hübsch war und sehr stolz schien. »Komm
herein, Pip.«
Herr Pumblechook kam auch herein, da schob sie
ihn mit dem Tore zurück.
»Oh!« sagte sie. »Wünschten Sie denn Fräulein
Havisham zu sehen?«
»Falls Fräulein Havisham mich zu sehen
wünschte«, entgegnete Herr Pumblechook
mißgestimmt.
»Ach so!« sagte das Mädchen. »Aber das ist nicht
der Fall, sehen Sie.«
Sie sagte es in so entschiedenem, jede weitere
Erörterung von vornherein zurückweisendem
Tone, daß Herr Pumblechook, obwohl er sich in
seiner Würde gekränkt fühlte, nicht protestieren
konnte. Aber er warf mir einen strengen Blick zu --
wie wenn ich ihm etwas zuleide gethan hätte! -- und
schied mit den vorwurfsvoll gesprochenen Worten:
»Junge! Sieh zu, daß dein Wesen hier denen Ehre
mache, die dich mit der Hand aufgezogen haben!«
Ich war nicht frei von der Furcht, daß er noch
einmal zurückkommen und mir durch das Gitter
aufgeben würde: »Und sechzehn?« Aber das tat er
nicht.
Meine junge Führerin verschloß das Tor, und wir
gingen über den Hof. Er war gepflastert und rein,
aber Gras wuchs in jeglicher Spalte. Nach den
Brauereigebäuden führte ein kleiner
Verbindungsweg, und die hölzernen Tore dieses
Weges standen offen, und die ganze Brauerei
dahinter stand offen, bis hin nach der hohen
Umfassungsmauer, und alles war leer und außer
Gebrauch. Der kalte Wind schien dort kälter zu
wehen als draußen vorm Tore; und er machte ein
schrilles Getöse, während er zu den offenen Seiten
der Brauerei ein und aus heulte, ganz ähnlich dem
Getöse, das der Wind im Tauwerk eines Schiffes auf
hoher See erzeugt.
Sie sah, daß ich danach hinblickte, und sagte:
»Du könntest all das starke Bier trinken, das jetzt
dort gebraut wird, Knabe, und es würde dir nichts
schaden.«
»Das könnt' ich, glaube ich, Fräulein«, sagte ich
schüchtern.
»Am besten versucht man gar nicht mehr, dort
Bier zu brauen, es könnt' am Ende bloß saures Zeug
herauskommen, Knabe; meinst du nicht auch?«
»Es sieht ganz so aus, Fräulein.«
»Es will's auch gar niemand versuchen«, setzte sie
hinzu, »denn das ist nun alles vorüber, und der Platz
wird so untätig, wie er jetzt ist, immer dastehen, bis
er schließlich mal zusammenfällt. Aber starkes Bier
ist schon noch genug in den Kellern, um das ganze
Herrenhaus zu ersäufen.«
»Ist das der Name dieses Hauses, Fräulein?«
»Einer seiner Namen.«
»Also hat es mehr als einen, Fräulein?«
»Noch einen. Sein anderer Name war Satis; und
das ist griechisch oder lateinisch, oder hebräisch,
oder alles dreies zusammen -- mir ist's alles eins --
und bedeutet soviel wie Genug.«
»Genug-Haus«, sagte ich; »das ist ein seltsamer
Name, Fräulein.«
»Ja«, erwiderte sie; »aber er besagte mehr, als er
ausdrückte. Damals, als er gegeben wurde, sollte er
besagen, daß, wer immer dieses Haus innehabe,
nach nichts weiter verlangen könne. Damals müssen
die Leute leicht befriedigt gewesen sein, denk' ich
mir. Aber spute dich, Knabe.«
Obwohl sie mich so oft »Knabe« nannte -- und
zwar mit einer Nachlässigkeit im Tone, die nichts
weniger als schmeichelhaft klang --, war sie doch
ungefähr meines Alters -- oder konnte doch nur
sehr wenig älter sein. Sie sah natürlich viel älter aus
als ich, da sie ein Mädchen war und schön und
selbstbewußt; und sie trug eine so große Verachtung
gegen mich zur Schau, wie wenn sie einundzwanzig
Jahre alt und eine Königin gewesen wäre.
Wir gingen durch eine Seitentür in das Haus
hinein -- vor den großen Vordereingang waren von
außen zwei Ketten gelegt --, und das erste, was ich
sah, war, daß die Flure alle finster waren und daß sie
eine Kerze dort hatte brennen lassen. Sie nahm sie
zur Hand, und wir durchschritten mehrere Flure
und gingen eine Treppe hinauf, und noch immer
war es finster, und nur die Kerze leuchtete uns.
Endlich kamen wir an die Tür eines Zimmers, und
das Mädchen sagte:
»Geh hinein.«
Ich antwortete, mehr aus Schüchternheit als aus
Höflichkeit:
»Nach Ihnen, Fräulein.«
Hierauf entgegnete sie:
»Sei nicht lächerlich, Junge; ich gehe nicht
hinein.«
Und ging verächtlich hinweg und -- was noch
schlimmer war -- nahm die Kerze mit sich.
Das war sehr dumm, und ich fürchtete mich fast.
Da mir jedoch nichts weiter übrigblieb, als an die
Tür zu klopfen, so klopfte ich und wurde von innen
aufgefordert einzutreten.
So trat ich denn ein und befand mich in einem
ziemlich geräumigen Zimmer, das von Wachskerzen
ganz erleuchtet war. Kein Schimmer von Tageslicht
war darin zu sehen. Es war ein Ankleidezimmer, wie
ich aus der Ausstattung schloß, obwohl vieles darin
von Formen und Gebräuchen sprach, die mir
damals ganz unbekannt waren. Aber vor allem
anderen fiel ein mit einer Draperie behangener
Tisch ins Auge, und darauf stand ein vergoldeter
Spiegel; und auf den ersten Blick sah ich, daß dies
der Toilettentisch einer feinen Dame sein müßte.
Ob ich diesen Gegenstand so rasch erkannt hätte,
wenn keine feine Dame daran gesessen hätte, kann
ich nicht sagen. In einem Armstuhl, den einen
Ellbogen auf den Tisch gestützt und das Haupt auf
diese Hand gelehnt, saß die seltsamste Dame, die ich
je gesehen habe oder je sehen werde.
Sie war in reiche Stoffe gekleidet -- in Atlas, und
Spitzen und Seide --, alles von weißer Farbe. Ihre
Schuhe waren weiß. Und von ihrem Haar hing ein
langer weißer Schleier herab, und sie hatte
Brautblumen im Haar, aber ihr Haar war weiß. Ein
paar helle Juwelen funkelten an ihrem Hals und an
ihren Händen, und ein paar andere Juwelen lagen
funkelnd auf dem Tische. Kleider, weniger prächtig
als das, welches sie trug, und halb gepackte Koffer
lagen verstreut umher. Sie war mit der Toilette
noch nicht ganz fertig, denn sie hatte bloß einen
Schuh an -- der andere stand auf dem Tisch, in der
Nähe ihrer Hand -- ihr Schleier war nur halb
befestigt, ihre Uhr mit Kette war noch nicht
angetan, und etwas Spitze für ihren Busen lag
mitsamt den Schmuckgegenständen und ihrem
Taschentuch und ihren Handschuhen und ein paar
Blumen und einem Gebetbuch in wirrem
Durcheinander um den Spiegel gehäuft.
All diese Dinge sah ich in den ersten
Augenblicken nicht, obzwar ich in den ersten
Augenblicken mehr von ihnen sah, als man sich
vielleicht denkt. Aber ich sah, daß alles vor mir, was
weiß sein sollte, vor langer Zeit weiß gewesen war
und seinen Glanz verloren hatte und verblichen und
gelb aussah. Ich sah, daß die Braut in dem
Brautkleid verwelkt war gleich dem Kleide und
gleich den Blumen und daß kein Glanz mehr an ihr
war, als der Glanz ihrer eingefallenen Augen. Ich
sah, daß das Kleid um die runde Gestalt eines jungen
Weibes gelegt worden war und daß die Gestalt, um
die es jetzt lose herumschlotterte, bis auf Haut und
Knochen eingeschrumpft war. Einmal hatte man
mich mit auf den Jahrmarkt genommen und mir
eine geisterhafte Wachsfigur gezeigt, die ich weiß
nicht welche Persönlichkeit auf dem Paradebette
liegend darstellen sollte. Einmal hatte man mich
nach einer unserer alten Marschenkirchen geführt
und mir ein Skelett in der Asche eines reichen
Kleides gezeigt, das aus einem Gewölbe unter dem
Kirchenpflaster herausgegraben worden war. Jetzt
schienen die Wachsfigur und das Skelett dunkle
Augen zu haben, die sich bewegten und mich
ansahen. Ich würde laut aufgeschrien haben, wenn
ich gekonnt hätte.
»Wer ist's?« fragte die Dame am Tisch.
»Pip, Madame.«
»Pip?«
»Herrn Pumblechooks Knabe, Madame.
Hergekommen -- zum Spielen.«
»Komm näher; laß mich dich ansehen. Komm
dicht heran.«
Als ich vor ihr stand, ihren Augen ausweichend,
nahm ich die Gegenstände um sie her im einzelnen
wahr und sah, daß ihre Uhr auf zwanzig Minuten vor
neun stehengeblieben war und daß auch eine Uhr im
Zimmer auf zwanzig Minuten vor neun
stehengeblieben war.
»Sieh mich an«, sagte Fräulein Havisham, »du
fürchtest dich doch nicht vor einem Weibe, das die
Sonne nicht mehr erschaut hat, so lange wie du auf
der Welt bist?«
Zu meinem Bedauern muß ich konstatieren, daß
ich mich nicht scheute, die ungeheure Lüge
auszusprechen, die in der Antwort »Nein« enthalten
war.
»Weißt du, was ich hier berühre?« sagte sie,
indem sie ihre Hände, eine auf die andere, an ihre
linke Seite legte.
»Ja, Madame.«
(Ich mußte dabei an den jungen Mann denken.)
»Was berühre ich?«
»Ihr Herz.«
»Gebrochen!«
Sie sprach das Wort mit einem scharfen Blick und
starkem Nachdruck aus, und über ihre Züge
huschte ein geisterhaftes Lächeln, das einen
Ausdruck der Prahlerei trug. Dann behielt sie ihre
Hände eine kleine Weile dort, und dann nahm sie sie
wieder fort, langsam, wie wenn sie von Blei wären.
»Ich bin müde«, sagte Fräulein Havisham. »Ich
will Zerstreuung, und ich bin fertig mit Männern
und Frauen. Spiele.«
Ich glaube, der streitsüchtigste Leser wird mir
zugestehen, daß sie einem unglücklichen Jungen
unter den Umständen keine schwierigere Aufgabe
in der ganzen weiten Welt hätte zuerteilen können.
»Ich habe manchmal krankhafte Grillen«, fuhr
sie fort, »und ich habe die krankhafte Grille, daß ich
jetzt gern ein bißchen Spielerei sehen möchte. So
mach doch! So mach doch!« und sie bewegte
ungeduldig die Finger ihrer rechten Hand; »spiele,
spiele, spiele!«
Einen Augenblick, erfaßt von der Furcht, meine
Schwester möchte mich auf der Stelle bearbeiten,
faßte ich den verzweifelten Gedanken, Herrn
Pumblechooks Wägelchen zu »spielen« und im
Zimmer hin und her zu laufen. Aber ich fühlte mich
dieser Vorstellung ganz und gar nicht gewachsen
und ließ den Gedanken wieder fallen. So stand ich
denn da und sah Fräulein Havisham an, und sie
faßte mein Benehmen, glaube ich, als Trotz auf,
denn nachdem wir einander eine lange Weile
angeschaut hatten, fragte sie:
»Bist du verstockt und halsstarrig?«
»Nein, Madame, es tut mir um Ihretwillen sehr
leid, und es tut mir sehr leid, aber ich kann jetzt
augenblicklich nicht spielen. Wenn Sie sich über
mich beschweren, so werde ich von meiner
Schwester was erleben, deshalb würde ich sehr gern
spielen, wenn ich könnte; aber alles hier ist so neu
für mich, und so fremd und so vornehm -- und
kommt mir so traurig vor --«
Ich schwieg, aus Furcht, ich möchte zuviel sagen
oder schon gesagt haben, und wir sahen abermals
einander an.
Ehe sie wieder sprach, wandte sie die Augen von
mir ab und sah das Kleid an, das sie trug, und den
Tisch und schießlich ihr eigenes Selbst im Spiegel.
»So neu für ihn«, murmelte sie, »so alt für mich;
so fremd für ihn, so vertraut für mich; so traurig für
uns beide! Rufe Estella!«
Da sie noch immer ihr Spiegelbild ansah, so
glaubte ich, sie spräche noch mit sich selbst, und
verhielt mich ruhig.
»Rufe Estella!« sagte sie und warf mir einen Blick
zu. »Das kannst du doch tun. Rufe Estella. An der
Tür.«
Auf eine geheimnisvolle Treppe in die Finsternis
hinauszutreten und Estella zu rufen nach einer
stolzen jungen Dame, die weder sichtbar war noch
Antwort gab, und die Empfindung zu haben, als sei
es doch furchtbar frech, ihren Namen so laut zu
brüllen, das war fast ebenso schlimm, als auf Befehl
zu spielen. Aber endlich antwortete sie, und ihr
Licht kam den langen düstern Gang entlang gleich
einem Sterne.
Fräulein Havisham winkte ihr, dicht
heranzutreten, und nahm einen Juwel vom Tisch
und hielt ihn ihr an den schönen, jungen Busen und
gegen das hübsche braune Haar.
»Dein Eigen eines Tages, meine Liebe, und du
wirst ihn mit Verstand tragen. Laß mich dich Karten
spielen sehen mit diesem Knaben.«
»Mit diesem Knaben! Aber er ist ja ein ganz
gewöhnlicher Arbeiterknabe!«
Mir war es, als hörte ich die Antwort des Fräulein
Havisham -- nur kam sie mir so unwahrscheinlich
vor:
»Nun und --? Du kannst sein Herz brechen.«
»Was spielst du, Knabe?« fragte mich Estella mit
der größten Verachtung.
»Bloß Tod und Leben, Fräulein.«
»Bring ihn ums Leben und gib ihm den Tod«,
sagte Fräulein Havisham zu Estella.
So setzten wir uns denn hin zum Kartenspielen.
Jetzt erst fing ich an zu verstehen, daß alles in
dem Zimmer stehengeblieben war, wie die
Taschenuhr und die Wanduhr, vor langer, langer
Zeit. Ich nahm wahr, daß Fräulein Havisham den
Juwel genau wieder auf den Fleck legte, von dem sie
ihn genommen hatte. Während Estella Karten gab,
blickte ich wieder nach dem Ankleidetisch hin und
sah, daß der Schuh darauf, einst weiß, jetzt gelb, nie
getragen worden war. Ich blickte auf den Fuß herab,
an dem er fehlte, und sah, daß der seidene Strumpf,
einst weiß, jetzt gelb, vom vielen Gebrauch
zerrissen war. Ohne diese Stockung von all und
jedem, ohne dieses Stillstehen all der bleichen
verfallenen Dinge hätte selbst das verwelkte
Brautkleid auf der eingeschrumpften Gestalt nicht
so sehr wie ein Grabgewand aussehen können, noch
auch der lange Schleier so sehr wie ein Leichentuch.
So saß sie leichenartig da, während wir Karten
spielten; und die Krausen und Besätze an ihrem
Brautkleid sahen aus wie erdiges Papier. Ich wußte
damals noch nichts von den gelegentlichen
Auffindungen in alten Zeiten begrabener Leichen,
die zu Staub verfallen, sobald man sie sich nahe
besieht; aber ich habe seitdem oft gedacht, daß sie
so ausgesehen haben muß, als ob ein Zulassen des
natürlichen Tageslichtes sie jählings zu Staub
verwandelt hätte.
»Er nennt die Buben Unter, dieser Knabe!« sagte
Estella voller Verachtung, ehe wir das erste Spiel
noch durchgespielt hatten. »Und die groben Hände,
die er hat! Und was er für dicke Stiefel hat!«
Ich hatte noch nie daran gedacht, mich meiner
Hände zu schämen; aber jetzt fing ich an, sie doch
für ein ziemlich häßliches Paar von Händen zu
halten. Ihre Verachtung wurde so heftig, daß sie
ansteckend wurde und mich ansteckte.
Sie gewann das Spiel, und nun gab ich. Ich
vergab, was nur natürlich war, wo ich ja doch
wußte, daß sie nur darauf lauerte, ob ich nicht
wieder einen Schnitzer machen würde; und sie
erklärte mich für einen dummen, plumpen
Arbeiterknaben.
»Du sagst nichts von ihr«, sagte Fräulein
Havisham zu mir, während sie zusah. »Sie sagt
soviel harte Dinge von dir, aber du sagst nichts von
ihr. Was denkst du von ihr?«
»Das möchte ich lieber nicht sagen«, stotterte
ich.
»Sag' mir's ins Ohr«, sagte Fräulein Havisham,
sich niederbeugend.
»Ich glaube, sie ist sehr stolz«, erwiderte ich
flüsternd.
»Sonst noch etwas?«
»Ich glaube, sie ist sehr hübsch.«
»Sonst noch etwas?«
»Ich glaube, sie ist sehr beleidigend.« (Sie sah
mich gerade jetzt mit einem Blick höchsten
Widerwillens an.)
»Sonst noch etwas?«
»Ich glaube, ich möchte gern nach Hause.«
»Und sie nie wiedersehen, trotzdem sie so hübsch
ist?«
»Ich weiß nicht genau, ob ich sie nicht gern
einmal wiedersehen möchte, aber ich möchte jetzt
nach Hause.«
»Du sollst gleich nach Hause«, sagte Fräulein
Havisham laut. »Spielt das Spiel zu Ende.«
Hätten ihre Züge nicht zuerst dieses eine
geisterhafte Lächeln gezeigt, so hätte ich die
Überzeugung gehegt, Fräulein Havishams Gesicht
könne nicht lächeln. Es hatte einen wachsamen und
brütenden Ausdruck angenommen --
höchstwahrscheinlich zu derselben Zeit, wo alle
Dinge um sie herum in Erstarrung verfallen waren --
, und es sah so aus, als ob nichts auf der Welt diesen
Ausdruck wieder verscheuchen könne. Ihre Brust
war eingefallen, so daß ihre Gestalt gebückt war;
und ihre Stimme war eingefallen, so daß sie leise
sprach und unter dem Bann einer Totenruhe zu
stehen schien; alles in allem hatte sie das Aussehen,
als ob sie an Leib und Seele, an Innerm und
Äußerm, unter der Wucht eines zerschmetternden
Schlages zusammengesunken wäre.
Ich spielte das Spiel mit Estella zu Ende, und sie
gab mir den Tod und nahm mir das Leben. Sie warf
die Karten auf den Tisch, als sie sie alle gewonnen
hatte, mit einer Gebärde, wie wenn sie sie
verachtete, weil sie sie von mir gewonnen hatte.
»Wann werde ich dich wieder hier haben?« sagte
Fräulein Havisham. »Laß mich nachdenken.«
Ich wollte sie schon erinnern, daß heute
Mittwoch wäre, aber sie unterbrach mich mit
derselben ungeduldigen Bewegung der Finger ihrer
rechten Hand, die ich schon früher an ihr bemerkt
hatte.
»Laß das! Laß das! Ich weiß nichts von den Tagen
der Woche; ich weiß nichts von den Wochen des
Jahres. Komm in sechs Tagen wieder. Hörst du?«
»Ja, Madame.«
»Estella, führ' ihn hinunter. Gib ihm was zu essen
und laß ihn beim Essen ein bißchen herumgehen
und sich umsehen. Geh, Pip.«
Ich folgte der Kerze hinunter, wie ich der Kerze
heraufgefolgt war, und das Mädchen stellte sie auf
den Fleck, wo wir sie gefunden hatten. Bis sie den
seitlichen Eingang geöffnet hatte, hatte ich mir
eingebildet, ohne darüber nachzudenken, es müsse
notwendigerweise Nachtzeit sein. Der Schwall
Tageslicht betäubte mich förmlich und erfüllte
mich mit der Empfindung, wie wenn ich viele
Stunden lang in dem Kerzenlicht des fremden
Zimmers verweilt hätte.
»Hier hast du zu warten, Knabe«, sagte Estella
und verschwand und verschloß die Tür.
Ich benutzte die Gelegenheit, wo ich allein war,
um meine groben Hände und meine gewöhnlichen
Stiefel anzusehen. Meine Meinung über dieses
Zubehör meines äußeren Menschen war keine
günstige. Sie hatten mir nie zuvor Kopfschmerzen
bereitet, jetzt kamen sie mir vor wie gemeine
Anhängsel. Ich beschloß, Joe zu fragen, warum er
mich jemals gelehrt hatte, jene Bilder im
Kartenspiel »Unter« zu nennen, wo man sie doch
»Buben« nennen mußte. Ich wünschte, Joe wäre ein
bißchen vornehmer erzogen worden, und dann wäre
mir dieser Segen auch zuteil geworden.
Sie kam zurück mit etwas belegtem Brot und
einem kleinen Topf Bier. Sie setzte den Krug auf das
Steinpflaster des Hofes und gab mir das belegte
Brot, ohne mich anzusehen, mit einer so
verächtlichen Handbewegung, wie wenn ich ein in
Ungnade gefallener Hund gewesen wäre. Ich war
aufs höchste gedemütigt, verletzt, geschmäht,
beleidigt, erzürnt, betrübt -- ich kann den rechten
Namen für das schmerzliche Gefühl nicht finden --
Gott weiß, was sein Name war --, und Tränen traten
mir in die Augen. Kaum schwammen sie dort, so sah
mich das Mädchen, und ein plötzliches Entzücken,
die Ursache dieser Tränen gewesen zu sein, erhellte
ihre Züge. Das verlieh mir Kraft, sie zurückzuhalten
und das Mädchen anzusehen. Und sie warf den Kopf
verächtlich zurück -- aber mit einem Bewußtsein,
wie mich däuchte, sich nur zu sehr davon überzeugt
zu haben, daß ich so verwundet war -- und verließ
mich.
Aber als sie fort war, sah ich mich nach einem
Plätzchen um, wo ich mein Gesicht verbergen
konnte, und ging hinter eins der Tore in der
Brauereigasse und lehnte mich mit dem Ärmel
gegen die hohe Mauer dort und lehnte den Kopf
darauf und weinte. Wie ich so weinte, stieß ich die
Wand mit Füßen und zerrte mich heftig an den
Haaren; so bitter waren meine Empfindungen, und
so scharf war der namenlose Schmerz, der einer
Gegenwirkung bedurfte.
Die Erziehung meiner Schwester hatte mich
empfindlich gemacht. In der kleinen Welt, darin
Kinder ihr Leben führen, mag sie aufziehen, wer da
will, wird nichts so fein wahrgenommen und nichts
so fein empfunden als Ungerechtigkeit. Es mögen
nur kleine Ungerechtigkeiten sein, denen das Kind
ausgesetzt wird; aber das Kind ist klein, und seine
Welt ist klein, und sein Schaukelpferd steht eben so
viele Hände hoch, dem Maßstab nach, als ein
starkknochiges irisches Jagdpferd. In meinem
Innern hatte ich von Kindesbeinen an einen
fortwährenden Kampf gegen die Ungerechtigkeit
aufrechterhalten. Ich hatte von der Zeit an, wo ich
sprechen konnte, eingesehen, daß meine Schwester
in ihrer launenhaften und heftigen Grobheit
ungerecht gegen mich war. Ich hatte eine tiefe
Überzeugung gehegt, daß der Umstand, daß sie
mich mit der Hand aufzog, ihr kein Recht dazu gab,
mich mit Püffen aufzuziehen. Durch all die
Bestrafungen, Schmähungen, Fastenszeiten und
Büßerwachen hatte ich diese Gewißheit genährt;
und dem Umstand, daß ich in verschlossener und
schutzloser Weise mit ihr so enge Gemeinschaft
pflog, schreibe ich zum großen Teil die Tatsache zu,
daß ich moralisch schüchtern und sehr empfindsam
war.
Diesmal entledigte ich mich meiner verletzten
Gefühle, indem ich sie mit den Füßen in die
Brauereimauer stieß und mit den Händen aus
meinem Haar zauste, und dann glättete ich mir das
Gesicht mit dem Ärmel und trat hinter dem Tore
vor. Das belegte Brot war zu essen, und das Bier
wirkte wärmend und anregend, und ich hatte bald
wieder Mut genug, mich umzusehen.
Allerdings, öde und verlassen war es hier, bis
hinunter an den im Brauereihof befindlichen
Taubenschlag, der auf seinem Pfahle schief stand,
wie wenn ihn ein heftiger Wind angeblasen und die
Tauben in den Glauben versetzt hätte, sie befänden
sich auf hoher See, sofern irgend welche Tauben
darin gewesen wären, die der Wind hätte schaukeln
können. Aber es waren keine Tauben im
Taubenschlag, keine Pferde im Stall, keine
Schweine im Koben, kein Malz im Vorratshaus, kein
Duft nach Gerste und Bier im Kupferkessel noch in
der Kufe. All die Gebräuche und Gerüche der
Brauerei waren vielleicht verflüchtigt mit ihrem
letzten Wölkchen Rauch. In einem Nebenhof
standen eine große Menge leere Tonnen, über
denen eine gewisse saure Erinnerung besserer Tage
schwebte; aber sie war zu sauer, um als eine Probe
des Bieres, das nicht mehr war, gelten zu können --
und in dieser Hinsicht erinnere ich diese
verlassenen Überbleibsel besserer Tage als sehr
verwandt mit der Mehrheit anderer.
Hinter dem fernsten Ende der Brauerei befand
sich ein verwilderter Garten mit einer alten Mauer.
Sie war nicht allzu hoch, und nach vieler Mühe
gelang es mir, hoch genug hinaufzukommen und
hinüberzublicken. Da sah ich denn, daß der
verwilderte Garten der Garten des Hauses war und
daß er von verworrenem Unkraut überwuchert war,
daß aber auf den grünen und gelben Pfaden eine
Fußspur sichtbar war, wie wenn manchmal jemand
dort spazierenging, und daß Estella selbst dort, von
mir hinweggewandt, spazierenging. Aber sie schien
überall zu sein. Denn als ich der Versuchung
nachgab, die mir die Tonnen nahelegten, und auf
ihnen einherzuwandern anfing, da sah ich sie am
Ende des Tonnenhofes auf ihnen herumgehen. Sie
kehrte mir den Rücken zu und hielt ihr hübsches,
braunes Haar ausgebreitet in ihren beiden Händen
und sah sich nicht ein einziges Mal um und
verschwand mir sofort aus den Augen. So auch in
der Brauerei selber -- womit ich das breite,
gepflasterte, hohe Gebäude meine, darin sie ehedem
das Bier gebraut hatten und wo der Braubedarf
noch immer umherlag. Als ich zum erstenmal dort
eintrat und, ein wenig bedrückt durch die
herrschende Düsterkeit, in der Nähe der Tür
stehenblieb und mich umschaute, da sah ich sie
unter den erloschenen Feuern einherschreiten und
eine leichte Eisentreppe hinaufsteigen und auf einer
Galerie hoch oben hinausgehen, wie wenn sie
hinausginge in den offenen Himmel.
An diesem Platze und in diesem Augenblick
passierte meiner Phantasie etwas Seltsames. Ich
hielt es damals für etwas Seltsames, und ich hielt es
lange nachher für etwas noch Seltsameres. Ich
wandte die Augen -- die vom Aufblicken nach dem
frostigen Licht ein wenig getrübt waren -- gegen
einen großen hölzernen Balken in einer niedrigen
Ecke des Gebäudes rechter Hand, dicht bei mir, und
ich sah eine Gestalt dort am Halse aufgehängt. Eine
Gestalt ganz in gelbem Weiß, mit nur einem Schuh
an den Füßen; und sie hing so, daß ich den wie zu
erdigem Papier verblichenen Besatz des Kleides
sehen und erkennen konnte, daß das Gesicht das
des Fräulein Havisham war und daß eine Bewegung
über den Zügen dieses Gesichtes lag, wie wenn sie
versuchte, mich zu rufen. In dem Entsetzen, die
Gestalt zu sehen, und in dem Entsetzen, gewiß zu
sein, daß sie vor einem Augenblick nicht dort
gewesen war, lief ich zuerst von ihr fort, und dann
nach ihr hin. Und mein Entsetzen erreichte seinen
Höhepunkt, als ich keine Gestalt dort fand.
Nichts Geringeres als das frostige Licht des
heiteren Himmels, der Anblick von Leuten, die
jenseits der Eisenstäbe am Hoftor vorübergingen,
und die belebende Wirkung des Überrestes von
meinem belegten Brot und dem Biere, würde mich
wieder zur Besinnung gebracht haben. Selbst bei
dieser Nachhilfe würde ich wahrscheinlich nicht so
schnell wieder zu mir gekommen sein, hätte ich
nicht Estella mit den Schlüsseln näher kommen
sehen, um den Ausgang mir aufzuschließen. Sie
würde billige Ursache haben, auf mich
herabzublicken, dachte ich, wenn sie mich
erschrocken sähe; und sie sollte keine billige
Ursache haben.
Sie warf mir beim Vorübergehen einen
frohlockenden Blick zu, wie wenn sie sich darüber
freute, daß meine Hände so grob und meine Stiefel
so dick waren, und sie öffnete das Tor und stand
daneben und hielt es. Ich ging hinaus, ohne sie
anzusehen, da berührte sie mich mit einer
höhnenden Hand.
»Warum weinst du nicht?«
»Weil ich nicht will.«
»Du willst aber doch«, sagte sie. »Du hast
geweint, bis du halb blind warst, und jetzt bist du
wieder nahe am Weinen.«
Sie lachte verächtlich, stieß mich hinaus und
schloß das Tor hinter mir zu. Ich ging geradewegs
nach Herrn Pumblechooks Haus, und es fiel mir ein
Stein vom Herzen, als ich ihn nicht zu Hause traf. So
hinterließ ich denn bei dem Verkäufer, wann
Fräulein Havisham mich wieder bei sich haben
wollte, und trat den Vier-Meilen-Weg nach unserer
Schmiede an. Unterwegs dachte ich über alles nach,
was ich gesehen hatte, und erwog tief in meinem
Herzen, daß ich ein gewöhnlicher Arbeiterknabe
war, daß meine Hände grob waren, daß meine
Stiefel dick waren, daß ich in die verächtliche
Gewohnheit verfallen war, Buben Unter zu nennen,
daß ich viel unwissender war, als ich am vorigen
Abend geglaubt, und daß ich überhaupt eine
gemeine, schlechte Lebensweise führte.
Neuntes Kapitel

Als ich nach Hause kam, war meine Schwester sehr


neugierig, alles von Fräulein Havisham zu erfahren,
und stellte eine Unmenge Fragen. Und bald fühlte
ich, wie ich heftig von hinten in das Genick gepufft
und in den Rücken geschlagen und schmählich mit
dem Gesicht gegen die Küchenwand gerieben
wurde, weil ich diese Fragen nicht mit genügendem
Wortschwall beantwortete.
Wenn eine Furcht, nicht verstanden zu werden, in
der Brust anderen jungen Volkes ebenso stark
entwickelt ist wie damals in der meinigen -- was ich
für wahrscheinlich halte, da ich mich nicht für eine
Ungeheuerlichkeit ansehe --, so liegt hierin der
Grund, weshalb manche Kinder so verschlossen
sind. Ich war überzeugt, daß, wenn ich alles im
Hause des Fräulein Havisham so schilderte, wie
meine Augen es gesehen hatten, ich nicht
verstanden würde. Und nicht nur das, ich war auch
überzeugt, daß auch Fräulein Havisham nicht
verstanden würde; und obwohl sie auch mir
gänzlich unverständlich war, hatte ich doch einen
gewissen Eindruck, als müsse etwas Grobes und
Verräterisches darin liegen, wenn ich sie (von
Fräulein Estella gar nicht zu reden) in ihrer
wirklichen Gestalt vor das Auge der Frau Joe
hinstellte. Infolgedessen sagte ich möglichst wenig
und ließ mich mit dem Kopf gegen die Küchenwand
reiben.
Das Schlimmste war, daß der alte Prahlhans
Pumblechook, verzehrt von einer brennenden
Neugier, alles, was ich gesehen und gehört hätte, zu
erfahren, zur Abendbrotzeit in seinem Wagen
herübergerasselt kam, um sich alles ausführlich
schildern zu lassen. Und der bloße Anblick dieses
Plagegeistes mit seinen Fischaugen und seinem
offenen Munde, seinem neugierig zu Berge
stehenden sandgelben Haar und seiner von windiger
Arithmetik sich hebenden Weste, erfüllte mich in
meinem Vorsatz, zurückhaltend zu sein, mit
tollkühnem Wagemut.
»Na, Junge«, begann Onkel Pumblechook, sobald
er sich auf den Ehrenplatz neben dem Kamin
niedergesetzt hatte. »Wie hast du dich oben in der
Stadt amüsiert?«
Ich antwortete: »Ganz nett, Herr«, und meine
Schwester machte mir eine Faust.
»Ganz nett?« wiederholte Herr Pumblechook.
»Ganz nett ist keine Antwort. Sage uns, was du
unter ganz nett verstehst, Junge.«
Tünche auf der Stirn verhärtet vielleicht das
Gehirn zu einem Zustande der Verstocktheit.
Jedenfalls war meine Verstocktheit, wo ich die
Tünche von der Küchenwand auf meiner Stirn
spürte, eine eiserne. Ich überlegte ein Weilchen und
antwortete dann, wie wenn ich eine neue Idee
entdeckt hätte:
»Ich verstehe darunter, ganz nett.«
Meine Schwester wollte mit einem Ausdruck der
Ungeduld schon auf mich losfliegen -- ich hatte
nicht die geringste Hoffnung, verteidigt zu werden,
denn Joe hatte in der Schmiede zu tun -- da hielt
Herr Pumblechook meine Schwester zurück und
sagte:
»Nein! Fahren Sie nicht aus der Haut. Überlassen
Sie diesen Burschen mir, liebe Frau, überlassen Sie
diesen Burschen mir.«
Dann kehrte mich Herr Pumblechook nach sich
hin, wie wenn er mir das Haar schneiden wollte, und
sagte:
»Zuerst (damit wir mit unseren Gedanken wieder
ins Lot kommen): wieviel sind dreiundvierzig
Pence?«
Ich überlegte, welche Folgen es wohl nach sich
ziehen würde, wenn ich antwortete: »Vierhundert
Pfund«, und da ich einsah, daß die Folgen zu meinen
Ungunsten ausfallen müßten, so gab ich eine so
richtige Antwort, als ich konnte -- indem ich mich
um ungefähr acht Pence verrechnete.
Herr Pumblechook nahm nun mit mir die ganze
Pence-Tabelle durch von »Zwölf Pence sind ein
Schilling« bis zu »vierzig Pence sind drei Schillinge
vier Pence« und fragte dann in triumphierendem
Tone, wie wenn er mich nun in der Falle hätte:
»Nun! Wieviel geben dreiundvierzig Pence?« Und
ich antwortete darauf nach langem Nachdenken:
»Ich weiß nicht.« Und ich war so erbost, daß ich
fast bezweifle, ob ich es wußte.
Herr Pumblechook arbeitete mit dem Kopfe wie
mit einer Schraube, mit der er die Antwort aus mir
herausschrauben wollte, und sagte:
»Sind dreiundvierzig Pence zum Beispiel sieben
Schillinge sechs Pence drei Fardens[1 ] ?«
»Ja«, sagte ich.
Und obwohl meine Schwester mir gleich darauf
eins hinter die Ohren gab, war es für mich doch eine
hohe Genugtuung zu sehen, daß die Antwort ihm
alle Lust zum Scherzen benahm und ihn zu einem
plötzlichen Schweigen brachte.
»Junge! Wie sieht Fräulein Havisham aus?«
begann Herr Pumblechook wieder, die Arme fest
über seiner Brust kreuzend und die Schraube
anwendend.
»Sehr groß und dunkel«, sagte ich ihm.
»Stimmt das, Onkel?« fragte meine Schwester.
Herr Pumblechook nickte bejahend; daraus
schloß ich sogleich, daß er Fräulein Havisham
niemals gesehen hatte, denn sie war beides nicht.
»Gut!« sagte Herr Pumblechook in eingebildeter
Manier. (»Das ist die Art und Weise, ihn
herumzukriegen! Wir bekommen ihn allmählich
unter. Er macht sich schon, wie, liebe Frau?«)
»Na, gewiß, Onkel«, entgegnete Frau Joe, »ich
wünschte, Sie hätten ihn immer; Sie verstehen so
gut, mit ihm umzugehen.«
»Nun, Junge! Was machte sie, als du heute
hereinkamst?« fragte Herr Pumblechook.
»Sie saß«, antwortete ich, »in einer schwarzen
Sammetkutsche.«
Herr Pumblechook und Frau Joe starrten
einander an -- was ihnen nicht zu verdenken war --,
und beide wiederholten:
»In einer schwarzen Sammetkutsche?«
»Ja«, sagte ich. »Und Fräulein Estella -- das ist
ihre Nichte, glaube ich -- reichte ihr Kuchen und
Wein auf einer goldenen Platte zum Küchenfenster
hinein. Und wir bekamen alle Kuchen und Wein auf
goldenen Platten. Und ich stieg hintenauf, um
meinen Teil zu essen, weil sie mich so hieß.«
»War noch jemand da?« fragte Herr
Pumblechook.
»Vier Hunde«, sagte ich.
»Große oder kleine?«
»Ungeheuer groß«, sagte ich. »Und sie kämpften
miteinander um Kalbskoteletten, die sie aus einem
silbernen Korbe fraßen.«
Herr Pumblechook und Frau Joe starrten wieder
einander an in hellem Erstaunen. Ich war förmlich
toll -- ein resignierter Junge unter Folterqual -- und
würde ihnen alles mögliche erzählt haben.
»Wo war denn bloß diese Kutsche um Himmels
willen?« fragte meine Schwester.
»In Fräulein Havishams Zimmer.«
Sie rissen wieder die Augen auf.
»Aber es waren keine Pferde davor«, setzte ich
hinzu.
Diese einschränkende Klausel hielt ich für nötig,
sobald ich die wilde Idee verworfen hatte, vier
reichgeschirrte Rosse daran zu spannen.
»Kann dies möglich sein, Onkel?« fragte Frau
Joe. »Was kann der Junge bloß meinen?«
»Ich will Ihnen was sagen, liebe Frau«, sagte Herr
Pumblechook. »Meine Ansicht ist, es ist ein
Tragsessel. Sie ist verdreht, wissen Sie -- sehr
verdreht --, grade verdreht genug, ihre Tage in
einem Tragsessel zu verbringen.«
»Haben Sie sie jemals darin gesehen, Onkel?«
fragte Frau Joe.
»Wie konnte ich?« entgegnete er, zu dem
Zugeständnis gezwungen, »wo ich sie doch niemals
im Leben gesehen habe? Nie die Augen auf sie habe
richten können?«
»Du liebe Güte, Onkel! Und doch haben Sie mit
ihr gesprochen?«
»Na, wissen Sie denn nicht«, sagte Herr
Pumblechook ärgerlich, »wenn ich dort war, bin ich
draußen vor die Tür geführt worden, und die Tür
hatte ein bißchen aufgestanden, und so hat sie sich
mit mir unterhalten. Machen Sie mir doch nicht
weiß, Sie wüßten das nicht, liebe Frau. Indessen ist
der Junge zum Spielen hingegangen. Was habt ihr
gespielt, Junge?«
»Wir haben mit Fahnen gespielt«, sagte ich.
(Ich bitte zu bedenken, daß ich mich meiner
selbst unter Erstaunen erinnere, wenn ich mich auf
die Lügen besinne, die ich bei dieser Gelegenheit
hervorbrachte.)
»Mit Fahnen!« wiederholte meine Schwester.
»Ja«, sagte ich. »Estella wedelte mit einer blauen,
und ich wedelte mit einer roten, und Fräulein
Havisham ihre war ganz und gar mit kleinen
goldenen Sternen besetzt, und sie wedelte damit
zum Kutschfenster heraus. Und dann schwenkten
wir alle unsere Degen und schrien Hurra!«
»Degen!« wiederholte meine Schwester. »Wo
habt ihr denn Degen herbekommen?«
»Aus einem Schranke«, sagte ich. »Und ich sah
auch Pistolen darin -- und Marmelade -- und Pillen.
Und es war kein Tageslicht in der Stube, sondern sie
war ganz und gar mit Kerzen erleuchtet.«
»Das ist wahr, liebe Frau«, sagte Herr
Pumblechook mit einem gewichtigen Kopfnicken.
»Das stimmt ganz genau, denn soviel habe ich selber
gesehen.«
Und dann starrten beide mich an, und ich, mit
einer augenfälligen Miene der Harmlosigkeit,
starrte sie an und glättete mir mit der rechten Hand
das rechte Hosenbein.
Wenn sie mich noch weiter gefragt hätten, würde
ich mich selber entschieden verraten haben, denn
ich stand schon jetzt auf dem Punkte zu erwähnen,
daß im Hofe ein Ballon wäre, und ich würde diese
Behauptung ruhig riskiert haben, wäre meine
Erfindungsgabe nicht geteilt gewesen zwischen der
Idee, dieses Phänomen vorzuführen, und dem
kühnen Einfall, von einem Bären in der Brauerei zu
reden. Sie hatten indessen soviel damit zu tun, sich
über die Wunder, die ich berichtet hatte, zu
erzählen, daß ich entkam. Das Thema beschäftigte
sie noch immer, als Joe von seiner Arbeit
hereinkam, um eine Tasse Tee zu trinken. Ihm
erzählte meine Schwester, mehr zur Erleichterung
ihres eigenen Gemütes als zur Befriedigung des
seinigen, meine vermeintlichen Erlebnisse.
Jetzt, wo ich Joe seine blauen Augen aufsperren
und sie in der ganzen Küche in hilflosem Erstaunen
umherrollen sah, wurde ich von Reue erfaßt; aber
nur um seinetwillen -- denn um der anderen beiden
willen reute mich nicht das mindeste. Um Joes
willen -- und nur um Joes willen -- hielt ich mich für
ein jugendliches Ungeheuer, während sie dasaßen
und erörterten, was für Folgen für mich aus
Fräulein Havishams Bekanntschaft und Gunst
erwachsen könnten. Sie zweifelten nicht im
mindesten daran, daß Fräulein Havisham »etwas für
mich tun« würde; ihre Bedenken betrafen nur die
Gestalt, die dieses »Etwas« annehmen würde. Meine
Schwester hielt für »Vermögen«. Herr
Pumblechook entschied sich zugunsten der Ansicht,
daß sie ein nettes Lehrgeld aussetzen und mich
irgendeinen vornehmen Handel erlernen lassen
würde -- z. B. den Korn- und Samenhandel. Joe fiel
bei beiden in die tiefste Ungnade, als er die geringe
Andeutung eröffnete, daß ich am Ende nur einen
von den Hunden, die um die Kalbskoteletten
gekämpft hatten, geschenkt bekommen würde.
»Wenn ein Schafskopf keine besseren Ansichten
vorbringen kann«, sagte meine Schwester, »und du
was zu arbeiten hast, scher' dich lieber und mach die
Arbeit.«
So scherte er sich denn; und als Herr
Pumblechook fortgefahren war und meine
Schwester beim Aufwaschen war, schlich ich mich
in die Schmiede zu Joe und blieb bei ihm, bis er
Feierabend machte.
Dann sagte ich:
»Ehe das Feuer ganz ausgeht, Joe, möchte ich dir
gern was sagen.«
»So, Pip!« sagte Joe, indem er seinen
Beschlageschemel an den Herd rückte. »Dann raus
damit. Was ist's, Pip?«
»Joe«, sagte ich, indem ich seinen
aufgekrempelten Ärmel ergriff und ihn zwischen
Daumen und Zeigefinger hin- und herrieb, »besinnst
du dich noch auf all das Zeug von Fräulein
Havisham?«
»Ob ich mich darauf besinne?« sagte Joe. »Das
will ich meinen! Wunderbar.«
»Es ist schrecklich, Joe; es ist nicht wahr.«
»Was redest du da, Pip?« rief Joe, aufs höchste
erstaunt, und fuhr zurück. »Du willst doch damit
nicht sagen, das wär' --«
»Doch, Joe, 's ist geschwindelt.«
»Aber doch nicht alles? Na, du willst damit doch
nicht sagen, Pip, es wäre keine schwarze Sammetku-
- he?«, denn ich schüttelte den Kopf. »Aber Hunde
waren doch wenigstens da, Pip? Na ja doch, Pip«,
sagte Joe in überredendem Tone, »wenn auch keine
Kalbskoteletten da waren, so waren doch
wenigstens Hunde da?«
»Nein, Joe.«
»Ein Hund dann?« sagte Joe. »Ein
Schoßhündchen? Na ja doch.«
»Nein, Joe, kein Gedanke daran.«
Während ich hoffnungslos die Augen auf Joe
heftete, betrachtete mich Joe voller Entsetzen.
»Pip, alter Junge! Das geht nicht, alter Kerl! Hör'
mal! Wo willst du damit hingeraten?«
»'s ist schrecklich, Joe; was?«
»Schrecklich?« rief Joe. »Fürchterlich! Was hat
dir denn bloß in den Gliedern gesessen?«
»Ich weiß nicht, was mir in den Gliedern gesteckt
hat, Joe«, erwiderte ich, indem ich seinen
Hemdärmel losließ und mich zu seinen Füßen in die
Asche setzte, den Kopf hängen lassend; »aber ich
wünschte, du hättest mich nicht gelehrt, die Buben
im Kartenspiel Unter zu nennen; und ich wünschte,
meine Stiefel wären nicht so dick und meine Hände
nicht so grob.«
Und dann sagte ich Joe, es wäre mir sehr kläglich
zumute, und ich hätte mich gegenüber der Frau Joe
und dem Herrn Pumblechook nicht aussprechen
können, weil die so roh zu mir wären, und es wäre
eine schöne junge Dame bei Fräulein Havisham
gewesen, und diese junge Dame sei fürchterlich
stolz, und sie hätte zu mir gesagt, ich wäre ein
gewöhnlicher Mensch, und ich selber wüßte auch,
daß ich gewöhnlich sei, und ich wünschte, ich wäre
nicht gewöhnlich, und die Lügen wären irgendwie
daher gekommen, wie aber wüßte ich freilich nicht.
Das war ein Fall der Metaphysik, der für Joe
vielleicht ebenso schwer zu verstehen war wie für
mich. Aber Joe nahm den Fall ganz und gar aus dem
Bereich der Metaphysik heraus und vermochte auf
diese Weise, seiner Herr zu werden.
»Einer Sache kannst du immer gewiß sein, Pip«,
sagte Joe, nach kurzem Grübeln, »nämlich, daß
Lügen Lügen sind. Wie sie auch zustande kommen
mögen, sie sollten überhaupt nicht zustande
kommen, und sie kommen vom Vater der Lügen
und kehren wieder zu demselbigen zurück. Sage
keine Lügen mehr, Pip. Das ist nicht die Art und
Weise, wie man seine Gewöhnlichkeit ablegt, alter
Junge. Was das Gewöhnlichsein anbelangt, so bin
ich mir darüber überhaupt nicht klar. Du bist in
manchen Dingen ungewöhnlich. Du bist
ungewöhnlich klein. Desgleichen bist du ein
ungewöhnlich gelehrtes Haus.«
»Nein, ich bin unwissend und sehr weit zurück,
Joe.«
»Na, denke doch dran, was du gestern für einen
Brief geschrieben hast. In Druckbuchstaben sogar
geschrieben. Ich habe Briefe gesehen -- ja! und zwar
von feinen Leuten --, und die waren, darauf will ich
einen Eid leisten, nicht in Druckbuchstaben
geschrieben«, sagte Joe.
»Ich habe so gut wie nichts gelernt, Joe. Du hast
eine hohe Meinung von mir. Weiter ist's nichts.«
»Na, Pip«, sagte Joe, »sei dem so oder sei dem
nicht so, du mußt erst ein gewöhnlicher Gelehrter
sein, und dann erst kannst du ein ungewöhnlicher
werden, das möcht' ich doch hoffen! Der König, der
auf seinem Thron sitzt und die Krone auf dem Kopf
hat, kann nicht dasitzen und seine Parlamentsakte
in Druckschrift schreiben, ohne daß er, als er noch
ein unbeförderter Prinz war, mit dem Alphabet
angefangen hat -- Ja!« setzte Joe hinzu, mit einen
vielsagenden Kopfschütteln; »und zwar muß er
auch beim A angefangen haben und sich dann
durchgefressen haben bis hin zum Z. Und ich weiß,
was das heißen will, obgleich ich's ja eigentlich nicht
durchgemacht habe.«
In diesem Stück Weisheit lag ein wenig Hoffnung,
und sie machte mir ein bißchen Mut.
»Ob gewöhnliche Menschen -- gewöhnlich, mein'
ich, in Hinsicht auf ihr Gewerbe und ihren
Verdienst«, fuhr Joe nachdenklich fort, »nicht
besser daran täten, ruhig bei den gewöhnlichen
Menschen zu bleiben, anstatt bei ungewöhnlichen
spielen zu gehen -- und dabei fällt mir ein, Pip --
sage mal -- 'ne Fahne war doch hoffentlich da?«
»Nein, Joe.«
»(Es tut mir leid, daß keine Fahne da war, Pip.)
Ob dem nun so sein mag oder ob dem nicht so sein
mag, das ist eine Sache, die wir jetzt nicht
untersuchen können, ohne deine Schwester ins
Poltern zu bringen; und darauf absichtlich
auszugehen, daran ist nicht zu denken. Nun höre
mal, Pip, was dir ein treuer Freund sagt. Folgendes
sagt dir der treue Freund. Wenn du es nicht auf
geradem Wege erreichen kannst, ein
ungewöhnlicher Mensch zu werden, so kannst du's
erst recht nicht auf krummem Wege erreichen.
Deshalb laß das Lügen künftig bleiben, Pip, und lebe
froh und stirb glücklich.«
»Du bist mir doch nicht böse, Joe?«
»Nein, alter Junge. Aber wenn man bedenkt, daß
diese Lügen, ich möchte sagen, knüppeldick und
hagebuchen waren -- damit meine ich im besondren
die von den Kalbskoteletten und den kämpfenden
Hunden --, so würde ein Mensch, der dir aufrichtig
alles Gute wünscht, dir den Rat geben, Pip, erwähne
sie in deiner Andacht, wenn du zu Bett gehst. Damit
ist's gut, alter Junge, und tu' so was niemals
wieder.«
Als ich in meiner kleinen Stube oben war und
mein Gebet sprach, ließ ich Joes Ermahnung nicht
außer acht, und doch war mein jugendliches Gemüt
in einer so verstörten und undankbaren Verfassung,
daß ich noch lange, nachdem ich mich niedergelegt
hatte, bei mir dachte, für wie gewöhnlich doch
Estella Joe, einen einfachen Grobschmied, halten
würde! Wie dick ihr seine Stiefel, wie grob ihr seine
Hände vorkommen würden! Ich dachte daran, wie
Joe und meine Schwester jetzt in der Küche säßen
und wie ich von der Küche aus zu Bett gegangen
wäre, und wie Fräulein Havisham und Estella
niemals in einer Küche säßen, sondern weit über die
niedrige Fläche so gewöhnlichen Treibens erhaben
wären. Ich schlief ein, mit der Erinnerung dessen,
was ich »zu tun pflegte«, wenn ich bei Fräulein
Havisham war; gerade als ob ich wochen- oder
monatelang, anstatt stundenlang, dort gewesen
wäre; und als ob es ein ganz alter Gegenstand der
Erinnerung wäre, anstatt ein erst an diesem Tage
geborener.
Das war für mich ein denkwürdiger Tag, denn er
bewirkte große Veränderungen in mir. Aber das
gleiche ist es mit jedem Leben. Man denke sich
einen auserwählten Tag daraus gestrichen, und
überlege dann, einen wie verschiedenen Verlauf das
Leben genommen hätte. Ihr, die ihr dies leset, haltet
inne und denkt einen Augenblick an die lange Kette
von Eisen oder Gold, von Dornen oder Blumen, die
euch niemals umschlungen und gefesselt hätte, wäre
nicht das erste Glied geschmiedet worden an einem
denkwürdigen Tage.

[1 ] Farthing ( 1 / 4 Pence).
Zehntes Kapitel

Ein paar Tage später kam mir beim Erwachen der


glückliche Einfall, der beste Schritt, den ich
ergreifen könne, um mich ungewöhnlich zu machen,
wäre, aus Biddy alles herauszuholen, was der Schatz
ihres Wissens barg. Diesem herrlichen Gedanken
folgend, sagte ich zu Biddy, als ich des Abends zur
Großtante des Herrn Wopsle ging, ich hätte
besondere Gründe zu wünschen, daß ich im Leben
weiterkäme, und ich würde ihr sehr verbunden sein,
wenn sie mir alles, was sie wüßte, beibringen würde.
Biddy, die das allerliebenswürdigste Mädel war,
erklärte sich sofort bereit und fing tatsächlich
binnen fünf Minuten an, ihr Versprechen zu
erfüllen.
Das Erziehungssystem oder -verfahren, das die
Großtante des Herrn Wopsle aufgestellt hatte, mag
in der folgenden Übersicht dargetan werden. Die
Schüler aßen Äpfel und steckten einander Stroh in
den Rücken, bis Herrn Wopsles Großtante ihre
Energie zusammenraffte und auf alle ohne
Unterschied mit einer Birkenrute losgewackelt
kam. Nachdem die Schüler mit jeglichem Anzeichen
spöttischer »Wurschtigkeit« ihren Anteil in
Empfang genommen hatten, bildeten sie eine Reihe
und ließen unter Summen ein zerfetztes Buch von
Hand zu Hand gehen. In dem Buch war ein
Alphabet, ein paar Zahlen und Tabellen und ein
bißchen Geschreibsel -- das heißt, war einstmals
darin gewesen. Sobald dieser Band die Runde zu
machen anfing, verfiel Herrn Wopsles Großtante in
einen Zustand der Schlafsucht, der entweder von
Müdigkeit oder einem rheumatischen Anfall kam.
Die Schüler stellten nun eine wetteifernde
Untersuchung in Hinsicht auf ihre Stiefel an, die
darauf hinausging, sich zu vergewissern, wer am
derbsten dem andern auf die Zehen treten konnte.
Diese geistige Übung währte so lange, bis Biddy auf
die Jungen zustürzte und drei verunstaltete Bibeln
unter sie verteilte (die ganz so geformt waren, als
wären sie vom dicken Ende irgendeines
Gegenstandes ungeschickt abgeschlagen worden).
Sie waren, wenn ich mich milde ausdrücken soll,
unleserlicher gedruckt als irgendwelche
Kuriositäten der Literatur, die mir seitdem vor
Augen gekommen sind, und waren ganz und gar mit
Eisenflecken bedeckt, und zwischen den Blättern
waren etwelche Exemplare aus der Insektenwelt
zerquetscht worden. Dieser Teil des
Unterrichtsverfahrens wurde gewöhnlich
erleichtert durch einige Einzelkämpfe zwischen
Biddy und widerspenstigen Schülern. Wenn die
Kämpfe vorüber waren, nannte Biddy eine
Seitenzahl, und dann lasen wir alle laut, was wir
konnten -- und auch, was wir nicht konnten -- in
einem ganz fürchterlichen Chorus; Biddy hastete
mit einer hohen, schrillen, monotonen Stimme allen
voran, und keiner von uns hatte die geringste
Ahnung von dem, was er las, oder kümmerte sich im
geringsten um den Sinn des Inhalts. Wenn dieser
entsetzliche Lärm eine gewisse Zeit angedauert
hatte, so erwachte Herrn Wopsles Großtante
mechanisch und humpelte aufs Geratewohl auf
irgendeinen Jungen los und zog ihn an den Ohren.
Das war das vereinbarte Zeichen zum Schluß des
diesabendlichen Unterrichts, und wir rannten ins
Freie hinaus und kreischten laut im Bewußtsein
unseres geistigen Sieges. Es ist billig zu bemerken,
daß keinem Schüler verwehrt wurde, sich mit einer
Schiefertafel oder selbst mit der Tinte (wenn welche
da war) zu beschäftigen; nur war es nicht leicht,
diesem Zweig des Studiums sich zu widmen, weil der
kleine Allerweltskram-Laden, in dem der Unterricht
abgehalten wurde -- und der auch das Wohn- und
Schlafzimmer von Herrn Wopsles Großtante war --,
nur schwach vermittels einer sehr schüchternen
und verschlafenen Talgkerze ohne Lichtschere
erleuchtet wurde.
Es kam mir so vor, als würde es eine Weile
dauern, unter diesen Umständen sich zur
Ungewöhnlichkeit zu erheben. Nichtsdestoweniger
beschloß ich, es zu versuchen, und noch an
demselben Abend begann Biddy, unserer
besonderen Abmachung zufolge, mir ein bißchen
aus ihrem kleinen Preiskatalog beizubringen, unter
der Rubrik »Farinzucker«. Außerdem gab sie mir
zum Abschreiben ein großes altes englisches D mit,
das sie aus der Überschrift einer Zeitung
nachgebildet hatte und das ich, ehe sie mir sagte,
was es war, für ein Muster zu einer Schnalle hielt.
Natürlich war eine Schenke im Dorfe, und
natürlich ging Joe manchmal gern dorthin, um eine
Pfeife zu rauchen. Ich hatte von meiner Schwester
strenge Weisung erhalten, in den »Drei lustigen
Bootsknechten« an diesem Abend nach ihm zu
fragen und ihn auf meine Gefahr hin nach Hause zu
bringen. Nach den »Drei lustigen Bootsknechten«
lenkte ich also meine Schritte.
Es war ein Schenkverschlag in den »Lustigen
Bootsknechten« mit ein paar beunruhigend langen
Kreidekonten an der Seitenwand der Tür --
Rechnungen, die anscheinend nie abbezahlt
wurden. Sie hatten dort stets gestanden, so weit
meine Erinnerung zurückreicht, und sie waren mehr
gewachsen als ich. Aber es war eine Menge Kreide in
unserem Lande vorhanden, und vielleicht ließen die
Leute keine Gelegenheit vorübergehen, sie zu
verwerten!
Da es Sonnabend abend war, so sah ich den Wirt
diese Konten mit ziemlich bösem Blick betrachten;
da ich aber nur mit Joe und nichts mit ihm zu tun
hatte, so wünschte ich ihm einfach guten Abend und
ging in die Gaststube am Ende des Flures, wo ein
helles, großes Küchenfeuer brannte und wo Joe in
Gesellschaft des Herrn Wopsle und eines Fremden
saß und seine Pfeife rauchte. Joe begrüßte mich wie
gewöhnlich mit den Worten: »Hollah, Pip, alter
Junge!«, und kaum hatte er das gesagt, so wandte
der Fremde den Kopf und sah mich an.
Er war ein Mann von geheimnisvollem Aussehen,
der mir noch nie zuvor vor Augen gekommen war.
Sein Kopf lag ganz auf einer Seite, und eines seiner
Augen war halb geschlossen, wie wenn er mit einem
unsichtbaren Gewehr nach etwas zielte. Er hatte
eine Pfeife im Munde, und die nahm er heraus, und
nachdem er langsam all seinen Rauch fortgeblasen
und mich die ganze Zeit über fest angesehen hatte,
nickte er. So nickte ich denn auch, und dann nickte
er abermals, und machte neben sich Platz auf der
Bank, damit ich mich dorthin setzen möchte.
Aber da ich daran gewöhnt war, neben Joe zu
sitzen, sobald ich mich einmal nach diesem
Zufluchtsort verirrte, so sagte ich: »Nein, ich danke
Ihnen, Herr«, und ließ mich auf dem Plätzchen
nieder, das Joe mir auf der gegenüberliegenden
Bank einräumte.
Der Fremde sah erst Joe an, und als er wahrnahm,
daß dessen Aufmerksamkeit anderswohin gerichtet
war, nickte er mir abermals zu, als ich meinen Platz
eingenommen hatte, und rieb sich dann das Bein --
in einer sehr seltsamen Art und Weise, wie mir
vorkam.
»Sie sagten«, begann der Fremde, sich zu Joe
wendend, »Sie wären ein Grobschmied.«
»Ja. Das sagt' ich, wissen Sie«, sagte Joe.
»Was wollen Sie trinken, Herr --? Sie haben
nebenbei Ihren Namen nicht genannt.«
Joe nannte ihn jetzt, und nun nannte ihn der
Fremde beim Namen.
»Was trinken Sie, Herr Gargery? Auf meine
Kosten? Zum Magenbeschluß?«
»Na«, sagte Joe, »die Wahrheit zu sagen, bin ich's
eigentlich nicht gewöhnt, auf jemandes andere
Kosten als meine eigenen zu trinken.«
»Gewöhnt? Nein«, sagte der Fremde, »aber
einmal und nicht wieder, noch dazu, wo's an einem
Samstag abend ist. Nur zu! Geben Sie dem Kind
einen Namen, Herr Gargery!«
»Kein steifer Gesellschafter möchte ich auch
nicht sein«, sagte Joe. »Rum.«
»Rum«, widerholte der Fremde. »Und will der
andere Herr nicht auch sagen, was ihm beliebt?«
»Rum«, sagte Herr Wopsle.
»Drei Glas Rum!« rief der Fremde, indem er den
Wirt kommen ließ. »Drei Glas hierher!«
»Dieser andere Herr«, bemerkte Joe, Herrn
Wopsle vorstellend, »wenn dieser Herr einen
Trinkspruch ausbringen würde, das tät' Ihnen
schon gefallen. Unser Küster von der Kirche.«
»Aha!« sagte der Fremde rasch, indem er mir mit
dem Auge zublinzelte. »Von der einsamen Kirche
da, direkt draußen auf den Marschen, wo die Gräber
d'rum rum liegen!«
»Ganz recht«, sagte Joe.
Der Fremde grunzte behaglich über seine Pfeife
hinweg und setzte die Beine auf die Bank, die er für
sich allein innehatte. Er trug einen schlappen,
breitkrempigen Reisehut und darunter ein nach Art
einer Mütze um den Kopf gewundenes Tuch, so daß
sein Haar nicht sichtbar war. Als er nach dem Feuer
blickte, glaubte ich einen pfiffigen Ausdruck auf
seinem Gesicht wahrzunehmen, und dann vernahm
ich ein leises Lachen.
»Ich bin mit diesem Lande nicht bekannt, meine
Herren, aber es scheint ein einsames Land zu sein
nach dem Flusse hin.«
»Meistenteils sind Marschen einsam«, sagte Joe.
»Ohne Zweifel, ohne Zweifel. Findet man dort
draußen vielleicht Zigeuner oder irgendwelche
Wanderer und Landstreicher?«
»Nein«, sagte Joe, »höchstens dann und wann
einen ausgerissenen Sträfling. Und die findet man
auch nicht mal so leicht. Nicht wahr, Herr
Wopsle?«
Herr Wopsle stimmte mit einer majestätischen
Erinnerung alten Unbehagens bei; aber ohne jede
Wärme.
»Scheint, als wären Sie einmal auf der Suche nach
einem solchen gewesen?« fragte der Fremde.
»Ein einziges Mal«, entgegnete Joe. »Nicht, als ob
uns was dran gelegen wäre, sie einzufangen,
verstehen Sie wohl? Wir sind bloß als Zuschauer
mitgegangen, ich und Herr Wopsle, und Pip. Nicht
wahr, Pip?«
»Ja, Joe.«
Der Fremde sah mich wieder an und kniff noch
immer sein Auge zu, wie wenn er ausdrücklich nach
mir hin zielte mit seinem unsichtbaren Gewehr.
Dann sagte er:
»Das ist ein ganz nettes Päckchen sterblichen
Fleisches da. Wie nennen Sie ihn?«
»Pip«, sagte Joe.
»Pip getauft?«
»Nein, nicht Pip getauft.«
»Zuname Pip?«
»Nein«, sagte Joe, »'s ist 'ne Art Familienname,
den er sich selber gegeben hat, als er noch ein
kleines Kind war, und nun nennen wir ihn so.«
»Sohn von Ihnen?«
»Na«, sagte Joe nachdenklich -- (freilich wäre es
nicht nötig gewesen, hierüber erst noch
nachzudenken; aber es war in den »Lustigen
Bootsknechten« Brauch, über alles, was bei
dampfenden Pfeifen erörtert wurde, tief
nachzudenken) -- »na, nein. Nein, das ist er nicht.«
»Neffe?« fragte der Fremde.
»Na«, sagte Joe mit dem gleichen Anschein tiefen
Sinnens; »das ist er auch nicht -- nein, ich will Ihnen
nichts vormachen --, er ist nicht mein Neffe.«
»Was zum Donnerwetter ist er denn?« fragte der
Fremde.
Mir schien, das war eine Frage von unnötiger
Schwerkraft.
Herr Wopsle ergriff nun das Wort, als Mann, der
mit Verwandtschaften genau Bescheid wußte und in
seinem Berufe Gelegenheit fand, sich zu merken,
welche weiblichen Verwandten man nicht heiraten
dürfe. Er erklärte die Blutsbande, die mich und Joe
zusammenknüpften. Da er einmal im Geleise war,
schloß Herr Wopsle mit einigen höchst
furchtbarlich hergeschnarrten Stellen aus Richard
dem Dritten und schien zu glauben, er rechtfertige
diese Einflechtung zur Genüge, wenn er hinzusetze -
- »sagt der Poet.«
Und hier darf ich vielleicht bemerken, daß
jedesmal, wenn Herr Wopsle von mir sprach, er es
für einen notwendigen Bestandteil einer solchen
Rede erachtete, mir in den Haaren herumzufahren
und sie mir in die Augen zu reiben. Ich kann nicht
begreifen, warum ein jeder seines Standes, der in
unserem Hause verkehrte, unter ähnlichen
Umständen das gleiche aufrührerische Verfahren
an mir hätte vollziehen sollen. Und doch besinne ich
mich nicht, daß ich in meiner frühen Jugend jemals
in unserem geselligen Familienzirkel Gegenstand
des Gesprächs gewesen wäre, ohne daß irgendeine
Person mit einer großen Hand mir auf eine solche
augenfällige Weise ihre Gönnerschaft kund und zu
wissen tat.
Die ganze Zeit über sah der Fremde niemanden an
als mich, und sah mich ganz so an, als wäre er
entschlossen, zuletzt doch einen Schuß nach mir zu
tun und mich herunterzuholen. Doch sagte er nach
seiner »Donnerwetter«-Bemerkung nichts mehr, bis
die Gläser Grog gebracht wurden; und dann gab er
seinen Schuß ab, und ein höchst seltsamer Schuß
war es.
Es war keine Bemerkung in Worten, sondern eine
Pantomime, und war ausdrücklich auf mich
gerichtet. Er rührte seinen Grog ausdrücklich so,
daß ich es sehen mußte; und er kostete seinen Grog
ausdrücklich so, daß ich es sehen mußte. Und er
rührte und kostete ihn nicht mit einem Löffel, der
ihm gebracht wurde, sondern -- mit einer Feile.
Er tat es so, daß niemand als ich die Feile sah; und
als er fertig war, wischte er die Feile ab und steckte
sie in eine Brusttasche. Ich wußte, daß es Joes Feile
war, und ich wußte, sobald ich das Instrument
gesehen hatte, daß er meinen Sträfling kannte. Ich
saß und starrte ihn an, wie von einem Zauber
befangen. Aber er lehnte sich jetzt auf seine Bank
zurück, nahm sehr wenig Notiz von mir und sprach
hauptsächlich über Rüben.
Ein köstliches Gefühl des »reinen-Tisch-
Machens« und des gemütlichen Innehaltens, ehe
man im Leben wieder weiterging, herrschte an
Samstagabenden in unserem Dorfe, und dieses
Gefühl bestimmte Joe, an Samstagabenden ganz
kühn eine halbe Stunde länger fortzubleiben als
sonst. Die halbe Stunde und der Grog gingen zur
gleichen Zeit zu Ende, und Joe stand auf und nahm
mich bei der Hand.
»Warten Sie einen Augenblick, Herr Gargery«,
sagte der Fremde. »Ich glaube, ich habe einen
blanken, neuen Shilling irgendwo in meiner Tasche,
und wenn ich ihn finde, so soll ihn der Junge
bekommen.«
Er suchte ihn aus einer Handvoll Kleingeld
heraus, wickelte ihn in ein Stück zerknittertes
Papier und gab ihn mir.
»Dein!« sagte er. »Hörst du wohl! Dein ist er!«
Ich dankte ihm und starrte ihn auf eine dem guten
Tone nicht mehr entsprechende Weise an, indem
ich mich an Joe festhielt. Er sagte Joe gute Nacht
und sagte Herrn Wopsle gute Nacht (der mit uns
hinausging), und er warf mir nur einen Blick zu mit
seinem zielenden Auge -- nein, nicht einmal einen
Blick, denn er kniff es zu, aber Wunder können
verrichtet werden mit einem Auge, das zugedrückt
wird.
Wenn ich zum Plaudern aufgelegt gewesen wäre,
so hätte auf dem Heimweg die ganze Unterhaltung
auf meiner Seite gelegen, denn Herr Wopsle trennte
sich an der Tür der »Lustigen Bootsknechte« von
uns, und Joe ging den ganzen Heimweg über mit
offenem Munde, um den Rum-Duft nach
Möglichkeit auszulüften. Aber ich war
gewissermaßen verdutzt durch dieses Auftauchen
meiner alten Missetat und alten Bekanntschaft und
konnte an nichts anderes denken.
Meine Schwester war nicht sonderlich gut
gelaunt, als wir uns an der Küchentür zeigten, und
Joe ließ sich durch diesen ungewöhnlichen
Umstand dazu ermutigen, ihr von dem blanken
Shilling zu erzählen.
»Ein falscher ist's, da steh' ich für«, sagte Frau
Joe in triumphierendem Tone, »sonst hätte er ihn
dem Jungen nicht gegeben? Laß ihn mal sehen!«
Ich wickelte ihn aus dem Papier heraus, und es
zeigte sich, daß es ein ganz richtiger Shilling war.
»Aber was ist das?« rief Frau Joe, den Shilling
hinwerfend und das Papier hochnehmend. »Zwei
Ein-Pfund-Noten?«
Nichts weniger als zwei fettige, abgegriffene Ein-
Pfund-Noten, die mit sämtlichen Viehmärkten im
Lande auf intimstem Verkehrsfuße gestanden zu
haben schienen.
Joe setzte sich sofort den Hut wieder auf und lief
mit ihnen zu den »Lustigen Bootsknechten«, um sie
dem Eigentümer wiederzuerstatten. Während er
fort war, setzte ich mich auf den Stuhl, der
gewöhnlich mein Platz war, und sah wie abwesend
meine Schwester an, ziemlich fest überzeugt, daß
der Mann nicht mehr in der Schenke sein würde.
Joe kam sofort zurück und meldete, der Mann
wäre schon fort gewesen; er, Joe, hätte aber in
Hinsicht auf die Noten eine Bestellung in den
»Lustigen Bootsknechten« hinterlassen. Dann
siegelte sie meine Schwester in ein Stück Papier und
legte sie unter ein paar getrocknete Rosenblätter in
einen Teetopf, der zum Schmuck auf einem
Schrank in der guten Stube stand. Dort blieben sie --
ein Alp für mich -- manche, manche Nacht und
manchen Tag. Als ich zu Bett gegangen war, war mir
der Schlaf vergangen, weil ich an den Fremden
denken mußte, der mit seinem unsichtbaren
Gewehr nach mir zielte, und weil ich mir vorhielt,
wie schuldvoll grob und gewöhnlich es doch wäre,
auf geheimem Fuß des Einverständnisses mit
Sträflingen zu stehen -- ein Zug in meiner niedrigen
Laufbahn, den ich bisher vergessen hatte. Und die
Feile verfolgte mich auch. Es erfaßte mich die
Furcht, daß die Feile wiederauftauchen würde,
wenn ich am wenigsten darauf gefaßt wäre.
Ich schmeichelte mich in Schlaf, indem ich an
Fräulein Havisham dachte, wo ich nächsten
Mittwoch hingehen sollte; und im Schlafe sah ich
die Feile aus einer Tür auf mich zukommen, ohne
daß ich sah, wer sie hielt; und da weckte ich mich
durch mein Kreischen selber wieder aus dem Schlaf.
Elftes Kapitel

Zur festgesetzten Zeit begab ich mich wieder nach


dem Hause des Fräuleins Havisham, und mein
zögerndes Klingeln am Tor rief Estella heraus. Sie
schloß es zu, nachdem sie mich hereingelassen
hatte, ganz wie zuvor, und wieder führte sie mich in
den dunklen Flur, wo ihre Kerze stand. Sie nahm
keine Notiz von mir, bis sie die Kerze in der Hand
hatte; dann blickte sie über ihre Schulter hinweg
und sagte in hochmütigem Tone:
»Heute hast du hier entlang zu kommen.«
Und führte mich nach einem ganz anderen Teil
des Hauses.
Der Flur war lang und schien das ganze viereckige
Fundament des Herrenhauses zu durchschneiden.
Wir durchschritten jedoch nur eine Seite des
Vierecks, und am Ende davon blieb sie stehen und
setzte ihre Kerze nieder und öffnete eine Tür. Hier
erschien das Tageslicht wieder, und ich befand mich
in einem kleinen gepflasterten Hof, dessen
gegenüberliegende Seite von einem einzeln
stehenden Wohnhause eingenommen wurde, das
ganz so aussah, als hätte es einst dem Vorsteher
oder Geschäftsführer der abgestorbenen Brauerei
gehört. An der Außenwand dieses Hauses war eine
Wanduhr. Wie die Uhr in Fräulein Havishams Stube
und wie Fräulein Havishams Taschenuhr war auch
sie auf zwanzig Minuten vor neun stehengeblieben.
Wir gingen zur Tür herein, die offenstand, und
traten in ein düstres Zimmer mit niedriger Decke.
Es lag zu ebener Erde nach der Hinterfront des
Hauses zu. In der Stube waren ein paar Leute, und
Estella sagte zu mir, während sie zu den anderen
trat:
»Dort hast du hinzugehen und zu warten, Knabe,
bis du gewünscht wirst.«
»Dort« war das Fenster, und so schritt ich denn
hinüber und blieb »dort« stehen und sah in sehr
unbehaglicher Stimmung hinaus.
Das Fenster ging bis auf den Boden hinunter, und
man erblickte von ihm aus eine sehr klägliche Ecke
des vernachlässigten Gartens, einen verworrenen
Haufen von Kohlstrunken und einen Buchsbaum,
der vor einer langen Zeit einmal rund wie ein
Pudding geschnitten war und nun oben neues
Wachstum erhielt, jedoch in ganz regelloser Form
und ganz anderer Farbe, wie wenn dieser Teil des
Puddings an der Pfanne haftengeblieben und
verbrannt wäre. Das war der sehr einfältige
Gedanke, der mir beim Betrachten des Buchsbaums
in den Kopf kam. Es war über Nacht ein bißchen
dünner Schnee gefallen, und er lag, soviel ich
wußte, nirgendwo anders mehr; aber er war infolge
des kalten Schattens, der über diesem Stückchen
des Gartens lag, hier nicht ganz geschmolzen, und
der Wind raffte ihn auf in kleinen Wirbeln und warf
ihn gegen das Fenster, als wollte er mich mit
Schneeballen werfen, weil ich dort hingekommen
war.
Ich erriet, daß meine Ankunft das Gespräch im
Zimmer unterbrochen hatte und daß die anderen
Leute drinnen mich ansahen. Ich konnte nichts von
dem Zimmer sehen als das Leuchten des Feuers im
Fensterglas, aber alle meine Glieder waren wie
erstarrt bei dem Bewußtsein, daß ich scharf in
Augenschein genommen würde.
Es waren drei Damen und ein Herr im Zimmer.
Bevor ich noch fünf Minuten am Fenster gestanden
hatte, hatten sie mir schon irgendwie beigebracht,
daß sie alle Speichellecker und Hohlköpfe waren,
aber daß jeder so tat, als wüßte er nicht, daß die
anderen Speichellecker und Hohlköpfe waren, weil
das Eingeständnis, daß er oder sie es wüßte,
gleichzeitig ihn oder sie zu einem Speichellecker
oder Hohlkopf gemacht haben würde.
Sie hatten alle ein gleichgültiges und trübseliges
Aussehen, als warteten sie irgend jemandes
Belieben ab, und die gesprächigste von den Damen
mußte ordentlich mit starren Kinnbacken sprechen,
um ein Gähnen zu unterdrücken. Diese Dame, deren
Name Camilla war, erinnerte mich sehr an meine
Schwester, nur war sie älter und (wie ich sah, als ich
ihrer gewahr wurde) von blöderem Gesichtsschnitt.
Ja, als ich sie besser kannte, begann ich der Ansicht
zu sein, es wäre ein reiner Segen, daß sie überhaupt
Züge hatte, so außerordentlich leer und hoch war
die tote Mauer ihres Gesichts.
»Arme liebe Seele!« sagte diese Dame mit genau
derselben Plötzlichkeit im Wesen, wie sie meiner
Schwester zu eigen war. »Niemandes Feind als sein
eigener!«
»Es wäre viel empfehlenswerter, jemandes
andren Feind zu sein«, sagte der Herr; »viel
natürlicher.«
»Vetter John«, bemerkte eine andere Dame, »wir
sollen unseren Nächsten lieben.«
»Sarah Pocket«, entgegnete Vetter John, »wenn
man sich nicht selbst der Nächste ist, wer ist es
dann?«
Fräulein Pocket lachte, und Camilla lachte und
sagte (ein Gähnen unterdrückend): »So 'ne Idee!«
Aber mir war's, als schienen sie die Idee doch
auch für eine ganz gute Idee zu halten. Die andere
Dame, die noch nicht gesprochen hatte, sagte in
gewichtigem und nachdrücklichem Tone:
»Sehr wahr.«
»Arme Seele!« fuhr Camilla gleich darauf fort
(ich wußte, daß sie inzwischen alle mich angesehen
hatten); »er ist so sonderbar! Sollte man wohl
glauben, daß, als Toms Frau starb, er tatsächlich
nicht dahin gebracht werden konnte einzusehen,
daß es sehr wichtig wäre, wenn die Kinder an ihren
Trauerkleidern möglichst breiten Besatz trügen?
›Lieber Gott‹, sagte er, ›Camilla, was kann es
überhaupt weiter ausmachen, daß die armen
verwaisten Dingerchen in Schwarz gehen?‹ Das
sieht Matthew ähnlich! So 'ne Idee!«
»Hat seine guten Seiten; hat seine guten Seiten«,
sagte Vetter John; »verhüte der Himmel, daß ich
ihm seine guten Seiten abstritte; aber er hat nie eine
Ahnung davon gehabt, was sich schickt, und die
wird er auch nie bekommen.«
»Ich war gezwungen«, sagte Camilla, »ich war
gezwungen, fest zu bleiben. Ich sagte: ›Es geht
nicht. Die Ehre der Familie verbietet es.‹ Ich sagte
ihm, wenn kein breiter Besatz da ist, ist die Familie
geschändet. Ich habe vom Frühstück bis zum
Mittagessen deswegen geweint. Dadurch habe ich
meiner Verdauung geschadet. Und endlich platzte
er heraus in seiner heftigen Weise und rief mit
einem Fluche: ›Na, dann mach's doch, wie du
willst!‹ Gott sei Dank, es wird mir immer ein Trost
sein zu wissen, daß ich gleich darauf in einem
strömenden Regen ausgegangen bin und die Sachen
gekauft habe.«
»Er hat sie aber bezahlt, nicht?« fragte Estella.
»Darum handelt es sich nicht, mein liebes Kind.
Wer sie bezahlt hat, ist Nebensache«, entgegnete
Camilla; »jedenfalls habe ich sie gekauft. Und ich
werde oft friedvollen Herzens daran denken, wenn
ich in der Nacht aufwache.«
Das Klingeln einer fernen Glocke und der
Widerhall eines Schreies oder Rufes entlang dem
Flur, durch den ich gekommen war, unterbrach das
Gespräch und veranlaßte Estella, zu mir zu sagen:
»Pascholl, Knabe!«
Als ich mich umdrehte, sahen sie mich alle mit
äußerster Verachtung an, und beim Hinausgehen
hörte ich Sarah Pocket sagen: »Na, da hört sich
Verschiedenes auf! Was wird wohl nächstens
angestellt werden!« und Camilla mit Entrüstung
hinzusetzen: »Na, über den Einfall! So 'ne Idee!«
Als wir mit unserer Kerze den dunklen Gang
hinunterschritten, blieb Estella ganz plötzlich
stehen, drehte sich herum und sagte in ihrer
höhnenden Weise, indem sie ihr Gesicht dicht an
das meine brachte: »Nun?«
»Nun, Fräulein?« antwortete ich, indem ich fast
über sie stolperte und mich noch schnell
zusammennahm.
Sie blieb stehen und sah mich an, und natürlich
blieb ich auch stehen und sah sie an.
»Bin ich hübsch?«
»Ja; ich glaube, Sie sind sehr hübsch.«
»Bin ich beleidigend?«
»Nicht so sehr als das letzte Mal«, sagte ich.
»Nicht so sehr?«
»Nein.«
Sie wurde zornig, als sie die letzte Frage stellte,
und schlug mich mit all ihrer Kraft ins Gesicht, als
ich ihr geantwortet hatte.
»Nun?« sagte sie. »Du kleines grobes Ungetüm!
Was denkst du nun von mir?«
»Das werde ich Ihnen nicht sagen.«
»Weil du's oben sagen willst. Ist das der Grund?«
»Nein«, sagte ich, »das ist nicht der Grund.«
»Warum weinst du nicht wieder, du kleines
Ekel?«
»Weil ich nie wieder Ihretwegen weinen werde«,
sagte ich.
Und das war, glaube ich, eine so falsche
Erklärung als nur ausgesprochen werden konnte;
denn ich weinte in diesem Augenblick innerlich
ihretwegen, und was sie mir später für Schmerz
bereitet hat, das weiß ich nur zu gut.
Nach diesem Vorfall gingen wir die Treppe
wieder hinauf; und unterwegs trafen wir einen
Herrn, der sich hinuntertastete.
»Wen haben wir hier?« fragte der Herr,
stehenbleibend und mich ansehend.
»Einen Knaben«, sagte Estella.
Es war ein feister Mann von außerordentlich
dunkler Gesichtsfarbe mit außerordentlich großem
Kopf und einer dementsprechend großen Hand. Er
nahm mein Kinn in seine große Hand und kehrte
mein Gesicht nach oben, um mich beim Lichte der
Kerze anzusehen. Er war vorzeitig kahl auf der
Kuppe seines Schädels und hatte buschige,
schwarze Augenbrauen, die sich nicht niederlegen
wollten, sondern borstig in die Höhe standen. Die
Augen lagen ihm sehr tief im Kopf und waren
unangenehm scharf und mißtrauisch. Er hatte eine
große Uhrkette und starke schwarze Flecken an den
Stellen, wo sein Kinn- und Backenbart gewesen
wären, wenn er sie dort gelassen hätte. Er galt mir
nichts, und ich konnte damals keine Ahnung haben,
daß er mir jemals etwas gelten würde, aber es traf
sich, daß ich diese Gelegenheit hatte, ihn genau zu
betrachten.
»Knabe aus der Nachbarschaft? He?«
»Ja, Herr«, sagte ich.
»Wie kommst du hierher?«
»Fräulein Havisham hat nach mir geschickt,
Herr«, erklärte ich.
»Schön! Betrage dich gut. Ich kenne die Knaben
so ziemlich in- und auswendig, und ihr seid alle ein
böser Schlag von Bengels. Nun hörst du wohl!«
sagte er, indem er an der Seite seines großen
Zeigefingers herumbiß und mich mit finsterer Stirn
ansah; »daß du dich gut beträgst!«
Mit diesen Worten ließ er mich los -- zu meiner
Freude, denn seine Hand hatte einen Geruch nach
parfümierter Seife an sich -- und ging die Treppe
weiter hinunter. Ich fragte mich, ob er ein Doktor
sein könne; aber nein, dachte ich, er könne kein
Doktor sein, denn dann hätte er ein ruhigeres und
imponierendes Wesen haben müssen.
Es blieb mir nicht viel Zeit, diese Frage zu
überlegen, denn wir waren bald in Fräulein
Havishams Zimmer, wo sie und alles andere genau
so war, wie ich es verlassen hatte. Estella ließ mich
an der Tür stehen, und ich verharrte dort, bis
Fräulein Havisham vom Ankleidetisch nach mir
hinblickte.
»So!« sagte sie, ohne zu erschrecken oder
Erstaunen zu bekunden; »die Tage sind vergangen,
wie?«
»Ja, Madame. Heute ist --«
»Nicht doch, nicht doch, nicht doch!« und wieder
bewegte sie ungeduldig die Finger. »Ich will's nicht
wissen. Bist du bereit zu spielen?«
Ich mußte, ein wenig verwirrt, antworten:
»Ich glaube nicht, Madame.«
»Nicht wieder Karten?« fragte sie mit
forschendem Blicke.
»Ja, Madame, das könnt' ich tun, wenn's
gewünscht würde.«
»Da dieses Haus dich alt und ernst stimmt,
Knabe«, sagte Fräulein Havisham ungeduldig, »und
du nicht spielen willst, willst du dann arbeiten?«
Diese Frage konnte ich mit mehr Mut
beantworten, als ich für die andere hatte finden
können, und ich sagte, das möchte ich ganz gern.
»Dann geh in das Zimmer dort drüben«, sagte sie,
mit ihrer welken Hand nach der Tür hinter mir
deutend, »und warte dort, bis ich komme.«
Ich schritt über die Treppruhe und betrat das
Zimmer, das sie mir gezeigt hatte. Auch aus diesem
Zimmer war das Tageslicht ganz und gar verbannt,
und ein luftloser Duft lag darinnen, der bedrückend
wirkte. Ein Feuer war vor kurzem in dem feuchten,
altmodischen Kamin angesteckt worden, und es
bekundete mehr Neigung, auszugehen als
anzubrennen; und der widerstrebende Rauch, der
über der Stube schwebte, schien kälter als die
klarere Luft -- ganz wie unser eigener
Marschennebel. Gewisse winterliche Armleuchter
auf dem hohen Kaminsims erleuchteten schwach
das Gemach, oder, was wohl ausdrucksvoller gesagt
sein dürfte, störten schwach seine Finsternis. Es war
geräumig und früher gewiß einmal hübsch gewesen;
aber jedes sichtbare Ding darinnen war bedeckt von
Staub und Moder und bröckelte langsam in Stücke.
Der hervorragendste Gegenstand war ein langer
Tisch mit einem Tischtuch darauf, wie wenn ein
Festessen bereit gewesen wäre, als das Haus und die
Uhren allesamt stehengeblieben waren. Ein Aufsatz
stand in der Mitte des Tuches; der war so schwer
mit Spinngeweben behangen, daß seine Form nicht
mehr zu unterscheiden war; und als ich die gelbliche
Fläche hinunterblickte, aus der, wie ich mich wohl
erinnere, er emporzuwachsen schien wie ein
schwarzer Pilz, da sah ich Spinnen mit gefleckten
Beinen und aufgedunsenen Leibern nach ihm hin
eilen und von ihm her eilen, wie wenn eben
irgendein Vorfall von der größten öffentlichen
Wichtigkeit in der Spinnengemeinde passiert wäre.
Auch die Mäuse hörte ich hinter dem Getäfel
raspeln, wie wenn das gleiche Ereignis auch für sie
von Wichtigkeit wäre. Aber die Schaben nahmen
keine Notiz von der Aufregung und krochen in
gewichtiger, altkluger Manier auf dem Herde
herum, wie wenn sie kurzsichtig und schwerhörig
wären und nicht miteinander verkehrten.
Diese krabbelnden Dinger hatten meine
Aufmerksamkeit gefesselt, und ich betrachtete sie
von weitem, als Fräulein Havisham mir eine Hand
auf die Schulter legte. In der anderen Hand hatte sie
einen Stock mit einer Krücke, auf die sie sich
stützte, und sie sah aus wie die Hexe des Ortes.
»Dies«, sagte sie, auf den langen Tisch mit ihrem
Stocke deutend, »ist die Stätte, wo ich hingelegt
werde, wenn ich tot bin. Sie sollen kommen und
mich hier sehen.«
Die ungewisse Ahnung, sie möchte jetzt gleich
und auf der Stelle auf den Tisch hinaufklettern und
ohne weiteres sterben, als die vollkommene
Verkörperung der schauerlichen Wachsfigur auf
dem Jahrmarkt, erfüllte mich mit Grausen, und ich
schauderte zusammen unter der Berührung ihrer
Hand.
»Was, meinst du, ist dieses hier?« fragte sie,
wieder mit ihrem Stock deutend; »das hier, wo die
Spinngewebe sind?«
»Ich kann nicht erraten, was es ist, Madame.«
»Es ist ein großer Kuchen. Ein Brautkuchen. Der
meine!«
Sie sah mit flammendem Blick im ganzen Zimmer
umher, und dann lehnte sie sich auf mich, und
während ihre Hand mich in die Schulter kniff, sagte
sie:
»Komm, komm, komm! Führe mich, führe
mich!«
Hieraus ersah ich, daß die Arbeit, die ich zu tun
hatte, darin bestand, Fräulein Havisham im Zimmer
umherzuführen. Demzufolge trat ich den Rundgang
sofort an, und sie lehnte sich auf meine Schulter,
und wir gingen in einem Schritt, der für eine
Nachahmung von Herrn Pumblechooks Wagen
hätte gehalten werden können und vielleicht auf
meinem ersten Einfall fußte, dieses Stück Eigentum
unter diesem Dache pantomimisch darzustellen.
Sie war körperlich nicht kräftig und nach einer
kleinen Weile sagte sie: »Langsamer!« Aber doch
gingen wir in einem ungeduldigen krampfhaften
Schritt, und unterwegs kniff sie mich mit der Hand
in die Schulter und arbeitete mit ihrem Munde und
brachte mich zu der Vermutung, daß wir so schnell
gingen, weil ihre Gedanken so schnell gingen. Nach
einer Weile sagte sie: »Rufe Estella!« So ging ich
denn hinaus auf den Korridor und brüllte diesen
Namen, wie ich beim erstenmal getan hatte. Als ihr
Licht erschien, kehrte ich zu Fräulein Havisham
zurück, und wir traten abermals unsern Lauf an,
rund und rund um das Zimmer herum.
Wenn nun Estella gekommen wäre, um unserem
Treiben zuzuschauen, so wäre ich schon
mißvergnügt genug gewesen; da sie aber die drei
Damen und den Herrn mit sich brachte, die ich
unten gesehen hatte, so wußte ich nicht, was ich tun
sollte. Höflich wollte ich stehenbleiben; aber
Fräulein Havisham kniff mich in die Schulter, und
wir eilten weiter -- mit dem verschämten
Bewußtsein meinerseits, daß sie sicherlich alle
denken würden, die ganze Komödie wäre mein
Werk.
»Teures Fräulein Havisham«, sagte Fräulein
Sarah Pocket. »Wie wohl Sie aussehen!«
»Das ist nicht der Fall«, entgegnete Fräulein
Havisham. »Ich bin nichts als gelbe Haut und
Knochen.«
Camillas Gesicht heiterte sich auf, als Fräulein
Pocket in dieser Weise abgekanzelt wurde, und sie
murmelte, indem sie traurig Fräulein Havisham
betrachtete:
»Arme liebe Seele! Kann freilich nicht wohl gut
aussehen, das arme Ding. So 'ne Idee!«
»Und wie geht es Ihnen?« fragte Fräulein
Havisham Camilla. 
Da wir jetzt dicht bei Camilla standen, so wollte
ich selbstverständlich stehenbleiben, nur wollte
Fräulein Havisham nicht stehenbleiben. Wir fegten
weiter, und ich war überzeugt, daß mich Camilla in
hohem Maße hassenswert finden müsse.
»Ich danke Ihnen, Fräulein Havisham«,
entgegnete sie. »Mir geht es so gut, als sich erwarten
läßt.«
»Wie? Was fehlt Ihnen?« fragte Fräulein
Havisham mit außerordentlicher Schroffheit.
»Nichts der Rede Wertes«, erwiderte Camilla.
»Ich wünsche nicht, meine Empfindungen zur
Schau zu stellen, aber ich habe des Nachts
gewohnheitsgemäß mehr an Sie gedacht, als ich
vertragen kann.«
»Dann denken Sie nicht an mich«, versetzte
Fräulein Havisham.
»Sehr leicht gesagt!« bemerkte Camilla, in
liebenswürdiger Weise einen Seufzer
unterdrückend, während ihre Oberlippe zu zucken
begann und Tränen aus ihren Augen traten.
»Raymond ist Zeuge dafür, wie viel Ingwer und
flüchtiges Salz ich des Nachts einnehmen muß.
Raymond ist Zeuge dafür, was ich für nervöse
Zuckungen in den Beinen habe. Erstickungsanfälle
und nervöse Zuckungen suchen mich indessen sehr
oft heim, wenn ich mit Besorgnis an die denke, die
ich liebe. Wenn ich weniger zärtlich und
empfindsam sein könnte, so würde ich eine bessere
Verdauung und eiserne Nerven haben. Ich
wünschte gewiß, dem könnte so sein. Aber des
Nachts nicht an Sie zu denken -- so 'ne Idee!«
Hier folgte ein Tränenschwall.
Der erwähnte Raymond war, wie mir klar wurde,
der anwesende Herr, und dieser war, wie mir klar
wurde, Herr Camilla. Er kam der Dame an dieser
Stelle zu Hilfe und sagte mit tröstender und
schmeichelnder Stimme: »Camilla, meine Liebe,
man weiß ja, daß deine Familiengefühle dich
allmählich untergraben, insofern eins deiner Beine
dadurch kürzer wird als das andere.«
»Ich wüßte nicht«, bemerkte die ernste Dame,
deren Stimme ich nur einmal gehört hatte, »daß
man auf eine Person großen Anspruch machen
dürfe, wenn man an sie denkt, meine Liebe.«
Fräulein Sarah Pocket, in der ich jetzt eine kleine
trockne, braune, runzlige alte Frau mit einem
schmalen Gesicht erblickte, das aus Walnußschalen
hätte sein können, und mit einem großen Mund, der
aussah wie ein Katzenmund, nur daß die
Schnurrhaare fehlten -- Fräulein Sarah Pocket
unterstützte diese Behauptung mit den Worten:
»Freilich, meine Liebe. Hem!«
»Denken ist leicht genug«, sagte die ernste Dame.
»Was ist denn überhaupt leichter, wissen Sie?«
stimmte Fräulein Sarah Pocket bei.
»Oh, ja, ja!« rief Camilla, deren Gefühle von den
Beinen nach dem Busen zu steigen schienen. »Das
ist alles wahr und richtig! Es ist eine Schwäche, so
zärtlich zu sein, aber ich kann's doch nicht ändern.
Ohne Zweifel stände es mit meiner Gesundheit weit
besser, wenn dem anders wäre, aber ich würde doch
meine Veranlagung nicht ändern, wenn ich's auch
könnte! Sie ist zwar die Ursache vieler Leiden, aber
es ist doch ein Trost zu wissen, daß eine solche
Veranlagung mir gegeben ist -- ein großer Trost,
wenn ich des Nachts aufwache!«
Hier folgte ein neuer Gefühlsausbruch.
Fräulein Havisham und ich hatten die ganze Zeit
über nicht innegehalten, sondern waren immer im
Zimmer herumgelaufen, indem wir bald die Kleider
der Gäste streiften und bald durch die ganze Länge
des trübseligen Gemaches von ihnen getrennt
waren.
»Da haben wir zum Beispiel Matthew!« sagte
Camilla.
»Er schert sich niemals um seine natürlichen
Verwandten und kommt nie her, um sich nach
Fräulein Havishams Befinden zu erkundigen. Ich
habe zum Sofa Zuflucht genommen, habe mir das
Schnürband zerschneiden lassen und habe
stundenlang bewußtlos dagelegen, und der Kopf hat
mir seitwärts heruntergehangen, und das Haar war
ganz aufgelöst, und die Füße lagen ich weiß nicht wo
--«
(»Viel höher als der Kopf, meine Liebe«, sagte
Herr Camilla.)
»Ich bin auf ganze Stunden in diesen Zustand
verfallen, wegen Matthews seltsamen und
unerklärlichen Betragens, und niemand hat mir's
gedankt.«
»In der Tat, das glaub' ich wohl, muß ich sagen!«
warf die ernste Dame ein.
»Sehen Sie, meine Liebe«, setzte Fräulein Sarah
Pocket hinzu (eine schmeichlerisch boshafte
Person), »die Frage, die Sie sich vorlegen müssen,
ist: von wem erwarteten Sie Dank?«
»Ohne Dank oder irgendwas dergleichen zu
erwarten«, begann Camilla wieder, »bin ich in
diesem Zustand verharrt ganze Stunden lang, und
Raymond ist Zeuge dafür, wie sehr ich
Erstickungsanfällen unterworfen bin und wie
gänzlich unwirksam der Ingwer gewesen ist, und
man hat mich beim Klavierstimmer gegenüber
gehört, wo die armen Kinder sogar irrtümlich
geglaubt haben, es kirrten Tauben irgendwo in der
Ferne -- und jetzt sagt man mir nun noch --«
Hier legte Camilla die Hand an ihre Kehle und
stellte förmlich eine chemische Untersuchung an in
Hinsicht auf die Bildung neuer Kombinationen an
diesem Teile ihres Körpers.
Als dieser selbe Matthew erwähnt wurde, gebot
Fräulein Havisham mir und sich selbst Einhalt und
blieb stehen und sah Camilla an. Diese Veränderung
hatte einen großen Einfluß, Camillas Untersuchung
zu einem plötzlichen Ende zu bringen.
»Matthew wird doch zuletzt noch kommen und
mich sehen«, sagte Fräulein Havisham schroff,
»wenn man mich auf diesen Tisch gelegt hat. Das
wird sein Platz sein -- dort«, und sie schlug mit dem
Stock auf den Tisch, neben meinem Kopf! »Und der
Ihre wird dort sein! Und der Ihres Mannes dort!
Und Sarah Pockets Platz dort! Und Georgianas
Platz dort! Nun wissen Sie alle Ihre Plätze, wenn Sie
kommen, sich an mir zu mästen. Und nun gehen
Sie!«
Bei der Nennung jedes Namens hatte sie mit dem
Stock auf eine neue Stelle des Tisches geschlagen.
Jetzt sagte sie: »Führe mich! Führe mich!«, und wir
liefen wieder weiter.
»Ich glaube, es bleibt einem nichts weiter übrig«,
rief Camilla, »als sich zu fügen und aufzubrechen.
Es ist schon etwas, wenn man den Gegenstand
seiner Liebe und Pflicht selbst auf eine kurze Zeit
gesehen hat. Ich werde mit einer melancholischen
Befriedigung daran denken, wenn ich in der Nacht
aufwache. Ich wünschte, Matthew könnte sich
dieses Trostes erfreuen, aber er will nichts davon
wissen. Ich bin entschlossen, meine Gefühle nicht
zur Schau zu stellen, aber es ist sehr hart, wenn
einem gesagt wird, man wolle sich an seinen
Verwandten mästen -- wie wenn man eine Riesin
wäre --, und wenn man einfach fortgeschickt wird.
Die bloße Idee!« --
Als Fräulein Camilla die Hand auf ihren wogenden
Busen drückte, legte sich Herr Camilla ins Mittel.
Frau Camilla nahm nun eine unnatürliche
Tapferkeit des Wesens an, die, wie mich dünkte,
ihre Absicht, in einem Würganfall zu Boden zu
sinken, sobald sie außer Sicht wäre, zum Ausdruck
bringen sollte; sie warf Fräulein Havisham eine
Kußhand zu und ließ sich fortbringen. Sarah Pocket
und Georgiana stritten sich darum, wer als letzte
dableiben solle; aber Sarah war zu pfiffig, um sich
ein X für ein U machen zu lassen, und schlängelte
sich mit einer so schlauen Schlüpfrigkeit um
Georgiana herum, daß die letztere wohl oder übel
vorangehen mußte. Sarah Pocket leistete sich dann
ihren ganz speziellen Abschiedseffekt mit den
Worten: »Gott segne Sie, teures Fräulein
Havisham!« und zeigte auf ihrem Walnußschalen-
Gesicht ein Lächeln verzeihenden Mitleids mit den
Schwächen der übrigen.
Während Estella ihnen herunterleuchtete, ging
Fräulein Havisham noch immer umher, mit der
Hand sich auf meine Schulter stützend, aber
langsamer schon und immer langsamer. Endlich
blieb sie vor dem Feuer stehen und sagte, nachdem
sie es eine Weile angestarrt und vor sich hin
gemurmelt hatte:
»Heut ist mein Geburtstag, Pip.«
Ich wollte ihr schon meine herzlichsten
Glückwünsche darbringen, da hob sie ihren Stock
empor.
»Ich dulde nicht, daß davon gesprochen wird. Ich
dulde nicht, daß die, die eben hier waren, oder
überhaupt irgendwer davon spricht. Sie kommen an
dem Tage her, aber sie dürfen nicht davon reden.«
Natürlich machte ich keinen weiteren Versuch,
davon zu reden.
»An diesem Tag des Jahres, lange bevor du
geboren wurdest, wurde dieser Haufe Krümel«, und
sie stieß mit ihrem Krückstock nach dem Berg von
Spinngeweben auf der Tafel, ohne ihn jedoch zu
berühren, »hierhergebracht. Er und ich sind
zusammen zerfallen. Die Mäuse haben ihn benagt,
und schärfere Zähne als Mäusezähne haben mich
benagt.«
Sie hielt den Griff ihres Stockes gegen ihr Herz
und sah den Tisch an; sie in ihrem einst weißen
Kleide, ganz gelb und welk, das einst weiße
Tischtuch, ganz gelb und welk; alles umher in einem
Zustand, als würde es unter einer Berührung
zerkrümeln.
»Wenn der Ruin vollständig ist«, sagte sie mit
einer gespenstischen Miene, »und wenn sie mich als
Leiche in meinem Brautkleid auf meinen Brauttisch
legen -- und das soll geschehen, und das wird für ihn
der vollendete Fluch sein -- um so besser, geschieht
es heute schon!«
Sie sah den Tisch an, wie wenn sie ihre eigene
dort liegende Gestalt ansähe. Ich verhielt mich
ruhig. Estella kehrte zurück, und auch sie verhielt
sich ruhig. Mir schien, als verbrachten wir also eine
lange Zeit. Bei der schweren Luft des Zimmers und
bei der schweren Dunkelheit, die in seinen
entlegenen Winkeln brütete, erfaßte mich sogar die
beunruhigende Einbildung, als begännen Estella
und ich alljetzt zu zerfallen.
Endlich entraffte sich Fräulein Havisham ihrem
Zustande der Abwesenheit, nicht allmählich,
sondern ganz plötzlich, in einem Augenblick, und
sagte:
»Spielt beide wieder Karten und laßt mich
zusehen. Warum habt ihr nicht schon angefangen?«
Darauf kehrten wir in ihre Stube zurück und
setzten uns nieder, wie zuvor; mir wurde das Leben
genommen und der Tod gegeben, wie zuvor; und
wiederum, wie zuvor, beobachtete uns Fräulein
Havisham die ganze Zeit über, lenkte meine
Aufmerksamkeit auf Estellas Schönheit und führte
sie mir nur noch lebhafter vor Augen, indem sie ihre
Juwelen an Estallas Brust und Haar probierte.
Estella ihrerseits behandelte mich gleichfalls wie
zuvor; nur daß sie nicht zu sprechen geruhte. Als
wir etwa ein halb Dutzend Partien gespielt hatten,
wurde ein Tag für meine Rückkehr festgesetzt, und
ich wurde in den Hof hinuntergeführt, um nach der
früheren Hundemanier wiederum abgefüttert zu
werden. Auch wurde ich dort wieder allein gelassen,
um nach Belieben herumzuspazieren.
Es ist nicht sonderlich von Belang, ob ein Tor in
der Gartenmauer, auf die ich das letztemal
hinaufgeklettert war, um hinüberzugucken, an
diesem Tage offengestanden hatte oder
zugeschlossen war. Es genügt, daß ich damals kein
Tor gesehen hatte und daß ich jetzt eins sah. Da es
offenstand und da ich wußte, daß Estella die Gäste
hinausbegleitet hatte -- denn sie war mit dem
Schlüssel in der Hand wiedergekommen -- so
schlenderte ich den Garten hinunter und
durchwanderte ihn von Anfang bis zu Ende.
Es war eine förmliche Wildnis, und es waren alte
Melonen- und Gurkenbeete darinnen, die in ihrem
Verfall schwächliche Versuche angestellt zu haben
schienen, von selbst gedeihendes Pflanzentum an
Stücken alter Hüte und Stiefeln zu zeitigen und hier
und da einen unkrautartigen Ableger in Form einer
zerknüllten Bratenpfanne hervorzubringen.
Als ich den Garten durchwandert hatte und auch
durch ein Gewächshaus gepilgert war, in dem ich
nichts als ein bißchen zu Boden gefallenen
Traubenwein und ein paar Flaschen gefunden hatte,
war ich in der trübseligen Ecke angelangt, auf die
ich aus dem Fenster hinausgeblickt hatte. Ohne jetzt
auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, daß
das Haus leer sei, sah ich zu einem andern Fenster
herein -- und plötzlich tauschte ich zu meinem
größten Erstaunen einen verwunderten Starrblick
aus mit einem bleichen jungen Herrn, der rote
Augenlider und helles Haar hatte.
Dieser bleiche junge Herr verschwand geschwind
und tauchte an meiner Seite wieder auf. Er war bei
seinen Büchern gewesen, als ich ihn angeglotzt
hatte, und jetzt sah ich, daß er mit Tinte befleckt
war.
»Hollah!« sagte er; »kleiner Kauz du!«
Da »Hollah« eine Bemerkung allgemeiner Art
war, die, wie ich gewöhnlich bemerkt habe, am
besten immer durch sich selbst beantwortet wird, so
sagte ich auch: »Hollah!«, ließ aber »den kleinen
Kauz« der Höflichkeit halber weg.
»Wer hat denn dich hereingelassen?« fragte er.
»Fräulein Estella.«
»Wer hat dir denn erlaubt, hier
herumzubummeln?«
»Fräulein Estella.«
»Komm und schlage dich«, sagte der bleiche
junge Herr.
Was konnte ich tun, als ihm folgen? Ich habe mir
seitdem oft die Frage gestellt; aber was blieb mir
weiter übrig? Sein Wesen war so entschieden, und
ich war so erstaunt, daß ich ihm folgte, wohin er
mich führte, wie wenn ich im Bann eines Zaubers
gestanden hätte.
»Wart' noch einen Augenblick«, sagte er und
kehrte wieder um, als wir schon ein tüchtiges Stück
gegangen waren. »Ich muß dir doch einen Grund
zum Schlagen geben. Da ist er!« 
In einer höchst beleidigenden Weise klatschte er
gleich darauf in die Hände, schlug ganz brillant mit
einem Bein nach hinten aus, zerraufte mir das Haar,
klatschte nochmals in die Hände, duckte den Kopf
und rannte damit gegen meinen Bauch an.
Das letztere stierartige Verfahren war erstens
unzweifelhaft als eine große Dreistigkeit anzusehen,
und außerdem wirkte es ganz besonders
unangenehm, weil ich soeben erst ein belegtes Brot
gegessen hatte. Deshalb schlug ich nach ihm und
wollte abermals nach ihm schlagen, da sagte er:
»Aha! Hast Lust?« und begann nun rückwärts und
vorwärts zu tanzen in einer so verdrehten Weise,
wie sie mir in meiner begrenzten Erfahrung noch
niemals vorgekommen war.
»Die Gesetze des Zweikampfs!« rief er. Und er
hüpfte vom linken Bein auf das rechte über.
»Regelrechte Statuten!« Und er hüpfte vom
rechten Bein auf das linke über. »Komm nach dem
Schlachtfeld und laß uns die Präliminarien
erledigen!« Und er bockte rückwärts und vorwärts
und machte allerhand Wippchen, während ich ihm
hilflos zuguckte.
Ich fürchtete mich im geheimen vor ihm, als ich
sah, daß er so gewandt war; aber ich war moralisch
und physisch überzeugt, daß sein heller Haarschopf
in der Tiefe meines Magens nichts zu suchen habe
und daß ich ein Recht habe, es für sehr ungehörig zu
halten, wenn man sich meiner Aufmerksamkeit in
solcher Weise aufdrängte. Deshalb folgte ich ihm,
ohne ein Wort, nach einem abgelegenen Winkel des
Gartens, wo zwei Mauern zusammenstießen und ein
Kehrichthaufen die Stelle verdeckte.
Als er mich fragte, ob ich mit dem Platze
zufrieden sei, und ich bejaht hatte, bat er um
Erlaubnis, sich auf einen Augenblick entfernen zu
dürfen, und kehrte geschwind mit einer Flasche
Wasser und einem in Essig getauchten Schwamm
wieder. »Zum Gebrauch für beide«, sagte er, die
Dinge gegen die Mauer stellend. Und dann fing er
an, sich nicht nur Jacke und Weste, sondern auch
das Hemd auszuziehen, in einer zugleich
wohlgemuten, geschäftsmäßigen und blutdürstigen
Art und Weise.
Obwohl er nicht sehr gesund aussah -- denn er
hatte Pickel im Gesicht und Ausschlag um den
Mund --, so jagten mir doch diese fürchterlichen
Vorbereitungen förmliches Entsetzen ein. Meiner
Schätzung nach mußte er ungefähr in meinem Alter
stehen, aber er war viel größer als ich und hatte eine
Manier an sich, sich flink zu wenden und zu drehen,
die sehr nach etwas aussah. Im übrigen war er ein
junger Herr in grauem Rock (solange er sich noch
nicht zum Zweikampf entblößt hatte), und seine
Ellenbogen, Knie, Handgelenke und Fersen waren
seinem übrigen Körper in der Entwickelung um ein
Beträchtliches voraus.
Der Mut sank mir, als ich sah, wie er sich mit
prunkhafter Entfaltung mechanischer Gewandtheit
mir gegenüber in Positur stellte und wie er meinen
Körperbau in Augenschein nahm, als ob er sich ganz
genau den Knochen aussuchte, den er bearbeiten
wollte.
In meinem ganzen Leben war ich noch nie so
erstaunt als jetzt, wo ich meinen ersten Schlag tat
und ihn gleich darauf auf dem Rücken liegen und
mit blutiger Nase und augenscheinlich beträchtlich
verkürztem Angesicht zu mir hinaufgucken sah.
Aber er war sofort wieder auf den Beinen,
bediente sich mit einer auffällig zur Schau geführten
Geschicklichkeit des Schwammes und legte
wiederum nach mir aus. Die zweite größte
Überraschung, die ich in meinem ganzen Leben
erfuhr, war, als ich ihn wieder auf dem Rücken
liegen und aus einem blauen Auge zu mir
heraufblinzeln sah.
Sein Mut erfüllte mich mit großer Achtung. Er
schien keine Kraft zu haben, und er traf mich nicht
ein einziges Mal ordentlich, und er wurde immer zu
Boden geschlagen; aber immer war er
augenblicklich wieder auf den Beinen, betupfte sich
mit dem Schwamm oder trank aus der
Wasserflasche, in hohem Maße befriedigt, sich dem
Komment gemäß sekundieren zu können, und kam
dann auf mich los mit einer Miene und einem
Gebärdenspiel, das mich glauben machte, nun
würde er mich doch noch zuletzt in Grund und
Boden schlagen. Er wurde ordentlich zerschlagen,
denn ich muß zu meinem Bedauern
niederschreiben, daß ich ihn mit jedem neuen
Schlage schwerer traf; aber wieder und wieder und
immer wieder sprang er auf die Beine, bis er zuletzt
mit dem Hinterkopf böse gegen die Mauer fiel.
Selbst nach dieser Krise in unserem Kampfe sprang
er wieder auf und drehte sich mehrere Male
verwirrt im Kreise herum, als wüßte er nicht, wo ich
stände; aber schließlich kniete er vor seinem
Schwamm nieder und warf ihn in die Höhe und
keuchte dabei:
»Das bedeutet, du hast gewonnen!«
Er schien so tapfer und unschuldig, daß ich,
obwohl ich den Streit nicht angeregt hatte, nur eine
düstere Befriedigung über meinen Sieg verspürte.
Ja ich hoffe sogar, daß ich mich während des
Ankleidens als eine Art wilden jungen Wolf oder als
irgendein anderes Raubtier betrachtete. Indessen
kleidete ich mich ruhig an, indem ich mir dann und
wann das blutdürstige Gesicht abwischte. Dann
sagte ich:
»Kann ich dir helfen?«
Und er sagte:
»Nein, ich danke.«
Und ich:
»Guten Abend.«
Und er:
»Gleichfalls.«
Als ich in den Hof kam, fand ich Estella, die mit
den Schlüsseln wartete. Aber sie fragte mich weder,
wo ich gewesen wäre noch warum ich sie habe
warten lassen; und auf ihrem Angesicht lag eine
helle Röte, wie wenn etwas geschehen sei, was ihr
Freude gemacht hätte. Anstatt gleich zum Tee zu
gehen, trat sie in den Flur zurück und winkte mir.
»Komm her! Du magst mich küssen, wenn du
willst.«
Ich küßte sie auf die Wange, die sie mir zukehrte.
Ich glaube, ich würde viel auf mich genommen
haben, um ihr die Wange küssen zu dürfen. Aber ich
fühlte, daß der Kuß dem groben, gewöhnlichen
Knaben gegeben wurde, wie vielleicht ein
Geldstück, und daß er nichts wert war.
Zufolge der Geburtstagsgäste und des
Kartenspiels und der Schlägerei hatte sich mein
Aufenthalt so lange hingezogen, daß, als ich mich
meinem Daheim näherte, das Licht auf dem
schmalen Streifen Sand, der von diesem Fleck aus
nach den Marschen führte, sich leuchtend von
einem schwarzen Nachthimmel abhob und Joes
Ofen eine Feuerschleppe über den Weg warf.
Zwölftes Kapitel

Ich machte mir sehr viel Sorge wegen des blassen


jungen Herrn. Je mehr ich an den Zweikampf dachte
und mich des blassen jungen Herrn erinnerte, wie er
in verschiedenen Stadien geschwollenen und
hochroten Angesichtes auf dem Rücken gelegen
hatte, um so gewisser dünkte es mir, daß man mir
etwas antun würde. Ich fühlte, daß das Blut des
blassen jungen Herrn über mein Haupt kommen
müsse und daß das Gesetz es rächen würde. Ohne
eine bestimmte Idee von der Strafe zu haben, die
ich mir zugezogen hatte, war es mir doch klar, daß
Knaben aus dem Dorfe nicht im Lande
umherstolzieren dürften, die Häuser der
vornehmen Welt verwüstend und die studierende
Jugend Englands verprügelnd, wollten sie sich nicht
schwerer Bestrafung zugänglich machen. Ein paar
Tage lang blieb ich sogar unausgesetzt zu Hause und
sah, ehe ich irgend etwas besorgen ging, immer erst
vorsichtig und ängstlich zur Küchentür hinaus,
damit nicht die Beamten des Bezirksgefängnisses
auf mich losstürzen möchten. Die Nase des blassen
jungen Herrn hatte mir Flecken auf die Hose
gemacht, und ich versuchte, dieses Zeugnis meiner
Schuld in der tiefen Finsternis der Nacht
auszuwaschen. Ich hatte mir an den Zähnen des
bleichen jungen Herrn die Knöchel zerschunden,
und ich verzwickte meine Einbildungskraft zu
tausend Knoten, indem ich mir ganz unglaubliche
Vorwände zur Erklärung dieses anklagenden
Umstandes, falls ich vor den Richter gerufen würde,
auszutüfteln versuchte.
Als der Tag für die Rückkehr zum Schauplatz
meiner Gewalttat herankam, erreichte mein
Entsetzen seinen Höhepunkt. Ob wohl Myrmidonen
der Gerechtigkeit, ganz besonders von London
hergesandt, im Hinterhalt hinter dem Tore liegen
würden? Ob wohl Fräulein Havisham der
persönlichen Rache einer ihrem Hause zugefügten
Schmach den Vorzug geben, in ihren Grabkleidern
aufstehen, ein Pistol hervorziehen und mich
totschießen würde? Ob wohl bestochene Burschen -
- eine zahlreiche Bande von Söldnern -- gedungen
wären, mich in der Brauerei zu überfallen und mich
zu prügeln, bis ich nicht mehr wäre? Es war ein
hohes Zeugnis für mein Zutrauen zu dem Mute des
blassen jungen Herrn, daß ich ihm keinen dieser
Racheakte auf Rechnung setzte; sie erschienen mir
immer als die Handlungen seiner unverständigen
Anverwandten, die durch den Zustand seines
Gesichtes und eine entrüstete Sympathie für den
Familientypus angestachelt wurden.
Indessen, gehen mußte ich zu Fräulein Havisham,
und ich ging auch. Und siehe da! Nichts verlautete
von der Schlägerei. In keiner Weise wurde darauf
angespielt, und kein bleicher junger Herr war im
Hause sichtbar. Ich fand dasselbe Tor offen, und
ich durchsuchte den Garten und guckte sogar zu
den Fenstern des einzeln stehenden Hauses hinein;
aber meinem Blick boten die von drinnen
geschlossenen Läden plötzlich Einhalt, und alles war
leblos. Nur in den Winkel, wo der Kampf
stattgefunden hatte, konnte ich ein Zeugnis von
dem Vorhandensein des jungen Herrn entdecken.
An diesem Fleck waren Spuren seines Blutes, und
ich verdeckte sie mit Gartenerde, damit des
Menschen Auge sie nicht erschauen möge.
Auf der breiten Treppruhe zwischen Fräulein
Havishams Zimmer und dem anderen Gemach, wo
der Tisch gedeckt war, sah ich einen Gartenstuhl --
einen leichten Stuhl auf Rädern, den man von
hinten schieben konnte. Er war gleich nach meinem
letzten Besuch dorthin gestellt worden, und ich
begann noch an diesem Tage mit meiner
regelmäßigen Beschäftigung, Fräulein Havisham
(wenn sie es müde war, mit der Hand auf meine
Schulter gestützt, umherzugehen) in diesem Stuhle
um ihr Zimmer herum und über den Korridor
hinüber und um das andere Zimmer herum zu
fahren. Immer und immer und immer wieder
unternahmen wir diese Fahrten, und manchmal
währten sie drei Stunden hintereinander. Unbewußt
erwähne ich diese Fahrten im allgemeinen als
zahlreich, weil es ein für allemal ausgemacht wurde,
daß ich zu diesem Zwecke einen Tag um den andern
zur Mittagszeit wiederkehren sollte, und weil ich
jetzt einen Zeitraum von wenigstens acht oder zehn
Monaten kurz zusammenfassen will.
Als wir uns mehr aneinander gewöhnt hatten,
sprach Fräulein Havisham mehr mit mir und fragte
mich, was ich gelernt hätte und was ich werden
wollte? Ich sagte ihr, ich würde, glaubte ich, zu Joe
in die Lehre kommen; und ich ließ mich des näheren
darüber aus, daß ich nichts wüßte und gern alles
wissen wollte, in der Hoffnung, sie möchte mir das
Anerbieten machen, mir bei der Erreichung dieses
wünschenswerten Zweckes ein wenig behilflich zu
sein. Aber sie machte mir kein solches Anerbieten;
im Gegenteil, sie schien es lieber zu sehen, daß ich
unwissend bliebe. Auch gab sie mir niemals Geld --
oder sonstwas, außer meinem täglichen Essen --
oder machte jemals aus, sie würde mich für meine
Dienste bezahlen.
Estella war immer da und ließ mich immer ein
und aus, sagte mir aber nie wieder, daß ich sie
küssen dürfe. Manchmal duldete sie mich mit kalter
Grazie; manchmal zeigte sie sich herablassend;
manchmal stellte sie sich auf ganz vertrauten Fuß
mit mir; manchmal sagte sie mir in schroffem Ton,
sie hasse mich. Fräulein Havisham fragte mich oft
leise oder wenn wir allein waren: »Wird sie mit
jedem Tag hübscher, Pip?« Und wenn ich ja sagte
(denn es verhielt sich auch in Wahrheit so), dann
schien sie im geheimen eine gierige Freude zu
empfinden. Auch sah Fräulein Havisham zu, wenn
wir Karten spielten, und ein geizhalshaftes
Entzücken über Estellas Launen, welcher Art sie
auch waren, schien sie zu beherrschen. Und
manchmal, wenn ihre Launen so vielfältig waren
und zueinander in so krassem Widerspruch
standen, daß ich nicht wußte, was ich sagen oder tun
sollte, dann umarmte sie Fräulein Havisham mit
übergroßer Zärtlichkeit und murmelte ihr etwas ins
Ohr, das ganz so klang wie:
»Brich ihre Herzen, du mein Stolz und meine
Hoffnung, brich ihre Herzen und habe kein
Erbarmen!«
Es gab ein Volkslied, von dem Joe in der
Schmiede oft Bruchstücke vor sich hin summte und
dessen Refrain »Alter Clem« war. Es war eben keine
feierliche Weise, einem Schutzpatron Huldigung zu
erweisen; aber ich glaube, in dieser Beziehung stand
der »Alte Clem« zu den Schmieden. Es war ein Lied,
das den Takt des auf das Eisen niederschlagenden
Hammers nachahmte, und war ein bloßer lyrischer
Vorwand, um den geachteten Namen des »Alten
Clem« mit vorzubringen.
»So muß man hämmern und führen den
Schlag --
 Alter Clem!
Mit lustigem Klingen und
Donnergekrach --
 Alter Clem!
Hebt hoch und holt aus --
 Alter Clem!
Mit Saus und mit Braus --
 Alter Clem!
Den Blasebalg zieht --
 Alter Clem!
Daß es prasselt und sprüht --
 Alter Clem! --«

Eines Tages -- bald nach dem ersten Auftreten des


Fahrstuhles -- sagte Fräulein Havisham mit dem
ungeduldigen Zittern ihrer Finger plötzlich zu mir:
»So mach doch, mach doch, mach doch! So sing
doch!« Ich war so erstaunt, daß ich einfach diesen
Singsang vor mich herbrummte, während ich sie
über den Flur schob. Zufällig sagte er ihr so sehr zu,
daß sie mit leiser, brütender Stimme, wie wenn sie
im Schlafe sänge, mit einstimmte. Darauf wurde es
Brauch bei uns, das Liedchen beim Herumfahren zu
singen, und Estella sang oft mit. Dabei war der ganze
Gesang, selbst wenn wir unser drei waren, so leise
und gedämpft, daß er in dem unheimlichen, alten
Hause weniger Lärm machte als der leichteste
Hauch des Windes.
Was konnte bei dieser Umgebung aus mir
werden? Mußte mein Charakter nicht unbedingt
davon beeinflußt werden? Ist es zu verwundern,
daß meine Gedanken, gleich meinen Augen, getrübt,
geblendet waren, wenn ich in das natürliche Licht
hinaustrat aus den dunstigen gelben Räumen?
Vielleicht hätte ich Joe von dem blassen jungen
Herrn erzählt, wenn ich nicht vorher zu jenen
ungeheuerlichen Erfindungen, die ich bekannt
habe, verleitet worden wäre. Unter den Umständen
war ich überzeugt, daß Joe sicherlich in dem blassen
jungen Herrn einen passenden Fahrgast für die
schwarze Sammetkutsche erblicken würde; deshalb
sagte ich nichts von ihm. Außerdem ließ die Scheu,
von Fräulein Havisham und von Estella zu
sprechen, auch später nicht von mir, sondern wurde
im Gegenteil mit der Zeit nur noch mächtiger.
Niemandem vertraute ich mich gänzlich an als
Biddy; Biddy aber erzählte ich alles. Wieso es mir
ganz natürlich vorkam, das zu tun, und warum
Biddy an allem, was ich ihr sagte, ein so tiefes
Interesse nahm, das wußte ich damals nicht, jetzt
aber, glaub' ich, weiß ich es.
Unterdessen nahmen die Beratschlagungen in der
Küche ihren Fortgang, zum fast unerträglichem
Ärger für mein aufgeregtes Gemüt. Dieser Esel, der
Pumblechook, kam oft des Abends herüber, um mit
meiner Schwester über meine Aussichten zu
sprechen, und ich glaube wirklich (bis zu dieser
Stunde noch mit geringerer Reue, als ich eigentlich
empfinden sollte), daß diese meine Hände mit
Freuden einen Achsnagel aus seinem Wagen
gezogen hätten, wenn sie nur gekonnt hätten. Dieser
erbärmliche Mensch war ein Mann von so
beschränkter Geisteskraft, daß er von meinen
Aussichten nicht sprechen konnte, ohne mich vor
sich zu haben -- um gewissermaßen eine Operation
an mir vorzunehmen --, und er zog mich
(gewöhnlich am Kragen) von meinem Stuhle fort,
auf dem ich ganz ruhig in einer Ecke saß, stellte
mich vor das Feuer, wie wenn er mich braten wollte,
und fing dann an mit den Worten:
»Nun, meine liebe Frau, hier ist der Junge! Hier
ist der Junge, den Sie mit der Hand aufgezogen
haben. Halte den Kopf hoch, Junge, und sei immer
dankbar denen, die also an dir getan haben. Nun,
liebe Frau, was nun dieser Junge ist!«
Und dann durchwühlte er mir das Haar nach der
falschen Seite -- und das Recht dazu stritt ich, wie
bereits angedeutet, jedem meiner Mitmenschen ab,
soweit ich mich zurückerinnern kann -- und hielt
mich dann am Ärmel vor sich -- ein Bild der
Schafigkeit, dem nur er selbst an die Seite gestellt
werden konnte.
Dann wetteiferten er und meine Schwester in so
unsinnigen Spekulationen inbetreff des Fräuleins
Havisham und malten sich in so hirnverbrannter
Weise aus, was sie alles mit mir und für mich tun
würde, daß ich immer ein ziemlich schmerzhaftes
Verlangen verspürte, in verächtliche Tränen
auszubrechen, auf Pumblechook loszustürzen und
ihn weidlich durchzuprügeln. In diesen
Zwiegesprächen redete meine Schwester von mir in
einem Tone, wie wenn sie bei jeder Bezugnahme auf
mich mir moralisch einen Zahn auszöge; während
Pumblechook selbst, der sich eigenmächtig zu
meinem Gönner aufgeschwungen hatte, mich mit
geringschätzigem Blicke maß, wie wenn er der
Architekt meines Glückes wäre, der sich mit einem
sehr unersprießlichen Geschäft bedacht glaubte.
An diesen Zwiegesprächen nahm Joe keinen Teil.
Aber es wurde dabei öfters das Wort an ihn
gerichtet, da Frau Joe wahrnahm, daß er es nicht
gern sähe, wenn ich von der Schmiede
fortgenommen würde. Ich war jetzt vollkommen alt
genug dazu, um bei Joe in die Lehre zu treten; und
wenn Joe dasaß und mit dem Feuerhaken langsam
die Kohlen zwischen den niedrigen Eisenstäben
zerkratzte, dann legte meine Schwester diese
unschuldige Handlung so entschieden als
Widersetzlichkeit seinerseits aus, daß sie auf ihn
zustürzte, ihm das Schüreisen aus der Hand riß, ihn
schüttelte und das Instrument beiseite legte. All
diese Erörterungen nahmen einen Abschluß, der
meinen Zorn auf die Spitze trieb. Ganz plötzlich,
ohne irgendwelche Überleitung, unterbrach sich
meine Schwester in einem Gähnen, wurde plötzlich,
wie aus Zufall, meiner gewahr und stürzte nun auf
mich los mit den Worten:
»Pascholl hier! Von dir haben wir nun genug. Du
scherst dich jetzt zu Bett; du hast einem jetzt für
eine Nacht Unruhe genug bereitet, will ich hoffen!«
Als ob ich sie um alles gebeten hätte, mir doch
den Gefallen zu tun und mich zu Tode zu ärgern!
So ging's eine Zeitlang fort, und so schien es noch
eine Zeitlang fortgehen zu wollen, als eines Tages
Fräulein Havisham -- wir waren gerade auf unserem
Spaziergang, und sie stützte sich auf meine Schulter
-- plötzlich stehenblieb und in mißfälligem Tone
sagte:
»Du wirst groß, Pip.«
Ich hielt es für das beste, vermittels eines
nachdenklichen Blickes anzudeuten, daß dies
vielleicht von Umständen herkäme, über die ich
keine Gewalt hätte.
Sie sagte diesmal nichts weiter; aber gleich darauf
blieb sie wieder stehen und sah mich an; und gleich
darauf wieder; und dann sah sie finster und
nachdenklich drein. Am nächsten Tage, wo ich
wieder hinkam, war unsere gewöhnliche Übung
eben vorüber und ich hatte sie an ihren
Ankleidetisch gefahren, als sie mir mit einem
Zittern ihrer unruhigen Finger Einhalt gebot:
»Sage mir noch einmal den Namen deines
Schmiedes.«
»Joe Gargery, Madame.«
»Das ist doch der Meister, zu dem du in die Lehre
sollst?«
»Ja, Fräulein Havisham.«
»Es ist am besten, du kommst sofort in die Lehre.
Meinst du, ob Gargery wohl einmal mit dir
herkommen und deinen Kontrakt mitbringen
würde?«
Ich erklärte, er würde es sich ohne Zweifel als
Ehre anrechnen, hergeboten zu werden.
»Dann laß ihn kommen.«
»Zu einer besonderen Zeit, Fräulein Havisham?«
»Nicht doch, nicht doch! Ich weiß nichts von
Zeiten. Laß ihn bald kommen, und allein mit dir.«
Als ich am Abend nach Hause kam und Joe diese
Nachricht überbrachte, kam meine Schwester in
erschrecklicherem Grade als je zuvor in ihre
Polterlaune. Sie fragte mich und Joe, ob wir denn
glaubten, sie wäre eine bloße Strohdecke unter
unseren Füßen, und wie wir es uns herausnehmen
könnten, sie so zu behandeln, und ob wir ihr nicht
gütigst sagen wollten, für was für Gesellschaft sie
eigentlich passe.
Als sie einen wahren Wirbelsturm solcher Fragen
hervorgepoltert hatte, warf sie einen Leuchter nach
Joe, brach in lautes Schluchzen aus, holte die
Kehrichtschaufel hervor -- was immer ein sehr
böses Zeichen war --, band sich ihre grobe Schürze
um und fing in einem ganz entsetzlichen Maßstabe
an, rein zu machen. Nicht befriedigt mit trockenem
Reinemachen, nahm sie einen Eimer und einen
Schrubber her und schrubbte uns von Haus und
Herd hinweg, so daß wir zitternd im Hinterhof
standen. Erst um zehn Uhr wagten wir, uns wieder
hereinzuschleichen, und dann fragte sie Joe, warum
er nicht gleich eine Negersklavin geheiratet habe.
Joe, der arme Kerl, gab keine Antwort, sondern
betastete seinen Bart und sah mich
niedergeschlagen an, als ob er der Meinung wäre,
daß er dabei wirklich besser fortgekommen wäre.
Dreizehntes Kapitel

Am übernächsten Tage war es eine wahre Qual für


meine Gefühle, als ich Joe den Sonntagsanzug
anziehen sah, um mich zu Fräulein Havisham zu
begleiten. Da er es indessen für unumgänglich nötig
hielt, bei diesem Anlasse seinen Galaanzug zu
tragen, so kam es mir nicht zu, ihm zu sagen, er sähe
in seinem Arbeitskittel weit besser aus; um so mehr,
als ich wußte, daß er es sich bloß meinetwegen so
furchtbar unbequem machte und daß er sich
meinetwegen den Hemdkragen hinten so sehr in die
Höhe zog, daß ihm das Haar auf der Schädelkuppe
wie ein Federbusch in die Höhe stand.
Zur Frühstückszeit erklärte meine Schwester, sie
habe die Absicht, mit uns zur Stadt zu gehen; wir
sollten sie bei Onkel Pumblechook zurücklassen
und sie abholen, »wenn wir mit unserer feinen
Dame fertig wären«. Als Joe hiervon hörte, schien
er sich schon auf das Schlimmste gefaßt zu machen.
Die Schmiede wurde für diesen Tag zugemacht,
und Joe schrieb mit Kreide auf die Tür (wie es in
den seltenen Fällen, wo er nicht bei der Arbeit war,
seine Gewohnheit war) das eine einsilbige Wort
»WECK« und malte dahinter die Skizze eines Pfeiles,
der in der Richtung hinfliegen sollte, die Joe
eingeschlagen hatte.
Wir gingen zur Stadt; meine Schwester schritt
voran, sie trug einen sehr großen Filzhut und einen
Korb, der aussah wie das große Siegel Englands in
geflochtenem Stroh, ein Paar Stelzschuhe, einen
dürftigen Shawl und einen Regenschirm, obwohl es
ein schöner, klarer Tag war.
Ich bin mir nicht ganz klar, ob sie diese Dinge zu
Büßerzwecken oder um sich großzutun, bei sich
trug; aber ich glaube fast, sie wollte zeigen, daß sie
so etwas besitze -- ganz wie Cleopatra oder
irgendeine andere Herrscherin, wenn sie ihre
Polterlaune bekam, ihren Reichtum wohl bei einem
Festgepränge oder einer Prozession zur Schau
stellte.
Als wir bei Pumblechooks Hause anlangten,
sprang meine Schwester hinein und verließ uns. Da
es fast Mittag war, gingen Joe und ich gleich weiter
nach Fräulein Havishams Haus. Estella öffnete, wie
gewöhnlich, das Tor, und kaum war sie erschienen,
so nahm Joe den Hut ab und stand da und wog ihn
an der Krempe in beiden Händen ab, wie wenn er
eine dringende Ursache habe, es um das halbe
Viertel einer Unze genau zu nehmen.
Estella beachtete keinen von uns, sondern führte
uns den Weg, den ich so wohl kannte. Ich folgte
dicht hinter ihr, und Joe kam zuletzt. Als ich mich in
dem langen Gange nach Joe umsah, wog er noch
immer mit größter Sorgfalt seinen Hut ab und kam
in langen Schritten auf den Zehenspitzen hinter uns
her.
Estella sagte mir, wir sollten beide hereingehen;
demgemäß nahm ich Joe beim Rockaufschlag und
führte ihn vor Fräulein Havisham. Sie saß an ihrem
Ankleidetisch und blickte gleich nach uns herum.
»Ah!« sagte sie zu Joe. »Sie sind der Gatte der
Schwester dieses Knaben?«
Ich hätte mir kaum jemals vorstellen können, daß
der liebe alte Joe so sehr sich selbst unähnlich sehen
oder in so hohem Maße irgendeinem
außerordentlichen Vogel vergleichbar sein könne;
so stand er jetzt sprachlos da, mit seinem zerzausten
Federbusch und dem aufgerissenen Munde, ganz so,
wie wenn er einen Regenwurm haben wollte.
»Sie sind der Gatte«, wiederholte Fräulein
Havisham, »der Schwester dieses Knaben?«
Es war sehr peinlich; aber die ganze Unterredung
über bestand Joe darauf, anstatt des Fräuleins
Havisham mich anzureden.
»Das möchte ich wohl meinen, Pip«, bemerkte
nun Joe, in einer Weise, in der zugleich
nachdrucksvolle Darlegung, ungeteiltes Vertrauen
und große Höflichkeit zum Ausdruck kam, »ich bin
ja doch hingegangen und habe deine Schwester
geheiratet, und ich war ja damals, wie du dich
ausdrücken könntest (wenn du Lust dazu hättest),
ein lediger Mann.«
»Schön!« sagte Fräulein Havisham. »Und Sie
haben diesen Knaben erzogen in der Absicht, ihn als
Lehrling aufzunehmen; ist dem so, Herr Gargery?«
»Du weißt, Pip«, erwiderte Joe, »du und ich, wir
zwei beide, sind immer Freunde gewesen, und wir
haben uns beide schon immer darauf gespitzt,
insofern als wir nämlich stark darauf gerechnet
haben, daß wir uns dann manchmal einen mächtigen
Fez leisten könnten. Nichtsdestoweniger aber, Pip,
wenn du irgendwie was gegen das Geschäft
einzuwenden hättest -- wie zum Beispiel, daß es dir
zu schwarz und zu rußig wär' oder sonst so was --,
nichtsdestoweniger hätt' ich natürlich auch darauf
Rücksicht genommen, verstehst Du wohl?«
»Hat der Knabe«, sagte Fräulein Havisham,
»jemals eine Einwendung gemacht? Gefällt ihm das
Gewerbe?«
»Das weißt du doch selber sehr gut, Pip«,
entgegnete Joe, indem er seine vorige Mischung
von Darlegung, Vertrauen und Höflichkeit
verstärkte, »das war ja doch immer der Wunsch
deines Herzens.« (Noch ehe er fortfuhr, sah ich, wie
ihm plötzlich der Gedanke kam, daß er hier seine
Grabschrift anwenden könne.) »Es waren gar keine
Vorurteile erst auszumerzen und Pip, es war der
große Wunsch in deinem Herzen!«
Vergeblich versuchte ich, ihm begreiflich zu
machen, daß er zu Fräulein Havisham sprechen
müßte. Je mehr Gesichter ich ihm schnitt, je mehr
Gesten ich machte, um ihm das beizubringen, um so
fester beharrte er darauf, mir mit seiner Darlegung,
seinem Vertrauen und seiner Höflichkeit
aufzuwarten.
»Haben Sie seinen Kontrakt mitgebracht?« fragte
Fräulein Havisham.
»Na, Pip, du weißt«, erwiderte Joe, wie wenn ihm
das ein wenig unbegreiflich vorkomme, »Du hast
doch gesehen, wie ich ihn in den 'ut gesteckt habe,
und so mußt du doch auch wissen, daß ich ihn da
drinnen habe.«
Mit diesen Worten nahm er ihn heraus und gab
ihn, nicht Fräulein Havisham, sondern mir. Ich
fürchte, ich schämte mich des lieben guten Kerls --
ich weiß, ich schämte mich seiner --, als ich Estella
hinter Fräulein Havishams Stuhl stehen und ein
boshaftes Lächeln ihre Augen umspielen sah. Ich
nahm den Kontrakt heraus und gab ihn Fräulein
Havisham.
»Sie erwarteten«, sagte Fräulein Havisham, ihn
überfliegend, »kein Lehrgeld für den Knaben?«
»Joe!« rief ich vorwurfsvoll, denn er gab gar
keine Erwiderung. »Warum antwortest du nicht --«
»Pip«, entgegnete Joe, mich unterbrechend, wie
wenn er sich verletzt fühlte, »ich will dir sagen, das
ist keine Frage, die zwischen dir und mir 'ne
Antwort erfordert, und die Antwort, das weißt du
doch, wäre ein einfaches Nein. Du weißt, daß die
Antwort nein ist, Pip, und weshalb soll ich's dann
erst sagen?«
Fräulein Havisham sah ihn an, wie wenn sie
begriffe, was er in Wahrheit war, es besser begriffe,
als ich für möglich hielt, wie ich so sah, als was er
sich hier darstellte. Und sie nahm einen kleinen
Beutel von dem Tisch an ihrer Seite.
»Pip hat sich hier einen Lohn verdient«, sagte sie,
»hier ist er. In diesem Beutel sind fünfundzwanzig
Guineen. Gib sie deinem Meister, Pip.«
Wie wenn er ganz um den Verstand gekommen
wäre infolge der Verwunderung, mit der ihn die
seltsame Gestalt und das seltsame Gemach
erfüllten, beharrte Joe selbst an dieser Stelle dabei,
mich anzureden.
»Das ist sehr freigebig von dir, Pip«, sagte Joe,
»und es wird angenommen und ist dankbar
willkommen und kommt ja auch ganz unerwartet,
denn so was hätte ich nicht vorausgesehen, nicht
von nahe und nicht von weitem und nirgendswoher
nicht. Und nun, alter Junge«, sagte Joe, und mich
überkam erst ein siedend heißes und dann ein
eiskaltes Gefühl, denn mir war es, als ob er diesen
vertraulichen Ausdruck auf Fräulein Havisham
anwandte; »und nun, alter Junge, mögen wir unsere
Pflicht tun! Mögen du und ich unsere Pflicht tun ein
jeder von uns an dem andern, und an denjenigen,
die dein freigebiges Geschenk -- gemacht -- haben --
als ein -- zur Freude und Überraschung -- derjenigen
-- welche niemals --« hier ließ Joe merken, daß er
sich in eine fürchterliche Klemme gebracht habe,
bis er sich triumphierend mit den Worten
herausriß, »und ferne sei es von mir!«
Diese Worte hatten für ihn einen so runden und
überzeugenden Klang, daß er sie zweimal sagte.
»Adieu, Pip!« sagte Fräulein Havisham. »Laß sie
heraus, Estella!«
»Soll ich wiederkommen, Fräulein Havisham?«
»Nein. Gargery ist jetzt dein Meister. Gargery!
Ein Wort!«
So rief sie ihn zurück, während ich zur Türe
hinausging, und dann hörte ich sie zu Joe sagen mit
einer deutlichen, nachdrucksvollen Stimme:
»Der Knabe hat sich hier gut geführt, und dies ist
sein Lohn. Als ehrlicher Mann werden Sie
selbstverständlich keinen anderen und keinen
neuen mehr erwarten.«
Wie Joe aus der Stube kam, habe ich nie
feststellen können; aber ich weiß, daß, als er
herauskam, er in einem fort treppauf ging anstatt
treppab und daß er gegen alle Vorstellungen taub
blieb, bis ich hinter ihm herging und Hand an ihn
legte. Im nächsten Augenblick waren wir zum Tor
hinaus, und es wurde zugeschlossen, und Estella war
fort.
Als wir wieder allein im Tageslichte dastanden,
lehnte sich Joe gegen eine Mauer und sagte zu mir:
»Erstaunlich!« Und dort blieb er so lange und sagte
so oft: »Erstaunlich!«, daß ich schon zu glauben
anfing, er würde nie wieder zur Vernunft kommen.
Endlich verlängerte er seine Bemerkung zu dem
Ausruf: »Pip, das muß ich aber sagen, 's ist er-
staun-lich!«, und so wurde er nach und nach
gesprächig und war schließlich imstande, sich von
dem Schauplatz dieser erstaunlichen Geschehnisse
zu trennen.
Ich habe Ursache zu glauben, daß Joes geistige
Fähigkeiten durch das Zusammentreffen, das er
oben gehabt hatte, geklärt worden waren und daß er
auf unserem Weg zu Pumblechooks Wohnung einen
feinen und klugen Plan ersann. Meine Ursache ist
aus dem zu ersehen, was in Herrn Pumblechooks
guter Stube vor sich ging, wo bei unserem
Erscheinen meine Schwester mit diesem
abscheulichen Kornhändler zusammensaß und
plauderte.
»Na?« rief meine Schwester, uns beide zugleich
anredend. »Und was ist euch denn nun passiert? Ich
wundere mich, daß ihr euch überhaupt herablaßt,
zu so kläglicher Gesellschaft wie dieser hier
zurückzukehren; das steht fest!«
»Fräulein Havisham«, sagte Joe, indem er mich
fest anblickte, wie wenn es ihm Anstrengung
kostete, sich zu erinnern, »legte es uns sehr nahe
ans Herz, daß wir die besten -- waren's Grüße oder
Empfehlungen, Pip?«
»Grüße«, sagte ich.
»Das dacht' ich doch selber auch«, antwortete
Joe -- »ihre besten Grüße an Frau J. Gargery
bestellen sollten --«
»Die werden mir grade was einbringen!«
bemerkte meine Schwester; aber sie fühlte sich
doch sehr geschmeichelt.
»Und Fräulein Havisham wünschte«, fuhr Joe
fort, mich abermals starr anblickend, wie wenn es
Mühe kostete, sich zu erinnern, »ihr
Gesundheitszustand wäre derartig, daß er ihr --
gestattete, nicht wahr, Pip?«
»Ihr gestattete, sich das Vergnügen zu gönnen -
-«, setzte ich hinzu.
»Damen bei sich empfangen zu können«, sagte
Joe. Und atmete tief auf.
»Na!« rief meine Schwester, Herrn Pumblechook
einen besänftigten Blick zuwerfend. »Sie hätte
gleich die Höflichkeit haben können, mir das
ausrichten zu lassen; aber besser ist es, es kommt
spät, als es kommt überhaupt nicht. Und was hat sie
dem kleinen Lümmel da gegeben?«
»Sie gab ihm«, sagte Joe, »nichts.«
Frau Joe wollte schon lospoltern, aber Joe fuhr
fort.
»Was sie ihm gab«, sagte Joe, »das gab sie seinen
Freunden. ›Und mit seinen Freunden‹, erklärte sie,
›meine ich seine Schwester Frau J. Gargery, in
deren Hände es gelegt werden soll.‹ Das waren ihre
Worte: ›Der Frau J. Gargery.‹ Sie hat am Ende nicht
gewußt«, setzte Joe hinzu und tat so, als sinne er
nach, »ob dies J. Joe oder Jorge bedeutete.«
Meine Schwester sah Pumblechook an, der auf
der Lehne seines hölzernen Armstuhles herumrieb
und nach ihr und dem Feuer hin nickte, wie wenn er
schon längst Bescheid wisse.
»Und wieviel hast du bekommen?« fragte meine
Schwester und lachte. Tatsächlich! Sie lachte!
»Was würde anwesende Gesellschaft sagen zu
zehn Pfund?« fragte Joe.
»Sie würde sagen«, entgegnete meine Schwester
kurz, »es geht an. Nicht allzuviel; aber es geht an.«
»'s ist noch mehr«, sagte Joe.
Dieser fürchterliche Schwindelmeier, der
Pumblechook, nickte sogleich und sagte, indem er
auf den Stuhllehnen herumrieb:
»Es ist noch mehr, liebe Frau.«
»Sie wollen doch nicht etwa sagen --« begann
meine Schwester.
»Freilich doch, liebe Frau«, sagte Pumblechook;
»aber warten Sie noch ein bißchen. Fahr' nur fort,
Joseph. Machst deine Sache ausgezeichnet! Fahr'
fort!«
»Was würde anwesende Gesellschaft sagen«, fuhr
Joe fort, »zu zwanzig Pfund?«
»›Sehr nett‹ wäre das Wort dafür«, entgegnete
meine Schwester.
»Na, also«, sagte Joe, »'s ist mehr als zwanzig
Pfund.«
Dieser verworfene Heuchler, der Pumblechook,
nickte abermals und sagte mit einem gönnerhaften
Lachen:
»Es ist noch mehr, liebe Frau. Abermals
ausgezeichnet! Bring sie zur Ruh, Joseph!«
»Um also zum Ende zu kommen«, sagte Joe,
meiner Schwester entzückt den Beutel reichend; »es
sind fünfundzwanzig Pfund.«
»Es sind fünfundzwanzig Pfund«, wiederholte
dieser gemeinste aller Schwindler, der
Pumblechook, indem er aufstand, um ihr die Hand
zu schütteln; »und 's ist kein Deut mehr, als Sie
wirklich verdienen (was ich auch gesagt habe, als
Sie mich um meine Meinung fragten), und ich
wünsche Ihnen Glück zu dem Gelde!«
Wenn der Schurke hier innegehalten hätte, so
hätte sein Fall schon schrecklich genug gestanden,
aber er verschlimmerte noch seine Schuld, indem er
mich in Gewahrsam nahm und dabei so
unverschämt merken ließ, er habe ein Recht, mich
als Gönner zu behandeln, daß er all seine frühere
Strafbarkeit noch weit überflügelte.
»Nun sehen Sie, Joseph und Frau«, sagte
Pumblechook, indem er mich oberhalb des
Ellbogens beim Arm faßte, »ich bin einer von
denen, die immer schnurstracks vollenden, was sie
in Angriff genommen haben. Dieser Knabe muß
kontraktlich verpflichtet werden, ohne weiteres.
Das ist meine Art und Weise. Kontraktlich
verpflichtet werden ohne weiteres.«
»Der Himmel weiß, Onkel Pumblechook«, sagte
meine Schwester, in dem Gelde wühlend, »wir sind
Ihnen tief zu Dank verbunden.«
»Lassen Sie gut sein, liebe Frau«, entgegnete
dieser teuflische Kornhändler. »Ein Vergnügen ist
ein Vergnügen, das ist in der ganzen Welt so. Aber
dieser Knabe, wissen Sie, wir müssen ihn
kontraktlich verpflichten. Ich habe nämlich, die
Wahrheit zu sagen, versprochen, ich wollte dafür
sorgen.«
Das Gericht tagte gerade im nahen Rathause, und
wir gingen sogleich hinüber, damit ich vor dem
Magistrat kontraktlich als Lehrjunge verpflichtet
würde. Ich sage, wir gingen hinüber, aber ich wurde
von Pumblechook hinübergeschoben, ganz so, wie
wenn ich eben erst eine Tasche ausgeraubt oder
eine Feime angesteckt hätte. In der Tat, im Rathaus
hatte man allgemein den Eindruck, ich müßte auf
frischer Tat ertappt worden sein, denn als
Pumblechook mich vor sich hin durch die Menge
schob, hörte ich einige Leute sagen: »Was hat denn
der verbrochen?« und andere: »'s ist noch ein
junger Kerl, aber er sieht schon schlimm genug aus,
was?« Eine Person von sanftmütigem und
wohlwollendem Aussehen gab mir sogar eine Schrift
mit dem Holzschnitt eines bösen jungen Mannes,
der einen wahren Wurstladen von Fesseln an sich
hatte, und mit dem Titel: »Zu lesen in meiner Zelle.«
Der Saal war ein schnurriger Platz, so kam es mir
vor: höhere Stühle als in einer Kirche -- Leute, die
sich über die Stühle herüberneigten und zuguckten -
- mächtige Richter (einer hatte einen gepuderten
Kopf), die sich in den Sesseln zurücklehnten mit
gekreuzten Armen oder schnupften oder
einschliefen oder schrieben oder Zeitung lasen --
und einige glänzend schwarze Porträts an den
Wänden, die mein unkünstlerisches Auge für eine
Mischung von Kochpfefferkuchen und Heftpflaster
hielt. Hier in einer Ecke wurde mein Kontrakt, wie
sich's gebührte, unterzeichnet und bezeugt, und ich
war »kontraktlich verpflichtet«; Herr
Pumblechook hielt mich die ganze Zeit über fest,
wie wenn wir auf dem Wege nach dem Schafott nur
noch kurz einmal vorgesprochen hätten, um diese
kleinen Nebensachen schnell noch zu erledigen.
Als wir wieder herausgekommen waren und uns
aus der Schar von Knaben gerettet hatten, die eifrig
darauf gelauert hatten, daß ich nun öffentlich
gefoltert werden würde, und die nun arg enttäuscht
waren, als sie sahen, daß meine Freunde mich
einfach wieder in ihre Mitte nahmen -- da kehrten
wir in Herrn Pumblechooks Wohnung zurück. Und
hier regte sich meine Schwester über die
fünfundzwanzig Guineen so sehr auf, daß es absolut
nicht anders ging, sondern es mußte unbedingt von
diesem uns so unerwartet zugefallenen Schatz ein
Diner veranstaltet werden im »Blauen Eber«, und
Pumblechook mußte in seinem Wagen
hinüberfahren und die Hubbles und Herrn Wopsle
holen.
Damit war man einverstanden; und ich hatte nun
einen sehr trübseligen Tag. Denn in ganz
erklärlicher Weise schien es der ganzen Gesellschaft
einzuleuchten, daß ich ein Schandfleck des Festes
sei. Und um die Sache noch schlimmer zu machen,
fragten sie mich alle von Zeit zu Zeit -- überhaupt
immer, wenn sie nichts anderes zu tun hatten --,
warum ich mich nicht freute. Und was konnte ich
dann wohl anderes tun als sagen, ich freute mich ja
doch -- wo ich mich nicht im geringsten freute?
Indessen waren sie erwachsen und taten nach
ihrem Willen und nützten ihre Gewalt nach Kräften
aus. Dieser Schwindler, der Pumblechook, den sie
zum wohlthätigen Anstifter des ganzen Festes
erhoben, nahm tatsächlich den Vorsitz bei Tafel ein;
und als er ihnen eine Rede darüber hielt, daß ich
kontraktlich verpflichtet wäre, und ihnen in
boshafter Weise Glück dazu wünschte, daß ich nun
ins Gefängnis gesteckt werden könnte, wenn ich
Karten spielte, starken Schnaps tränke, lange
aufbliebe oder schlechte Gesellschaft pflöge oder
andere tolle Streiche begänge, die der Form meines
Kontraktes nach für einfach unvermeidlich
gehalten zu werden schienen -- als er ihnen diese
Rede hielt, da konnte er natürlich nicht anders, als
mich auf einen Stuhl neben sich zu stellen, als
Illustration zu seinen Worten.
Die einzigen Erinnerungen, die mir noch von der
großen Festlichkeit verblieben sind, sind die
folgenden. Sie wollten mich nicht schlafen lassen,
sondern weckten mich immer wieder auf, wenn ich
einmal einnickte, und sagten mir, ich sollte mich
doch amüsieren. Ziemlich spät am Abend gab uns
Herr Wopsle Collins Ode zum besten und warf sein
blutiges Schwert mit Donnerkrachen nieder, und
zwar so effektvoll, daß ein Kellner hereinkam und
sagte: »Die Herren Kaufleute unten lassen sich
bestens empfehlen, und das wär' hier doch keine
Akrobaten-Arena.« Auf dem Heimwege waren sie
alle in ausgezeichneter Stimmung und sangen: »O
schöne Dame meines Herzens.« Herr Wopsle
übernahm die Baßpartie und versicherte mit einer
fürchterlich starken Stimme (in Antwort auf den
neugierigen Einfaltspinsel, der dieses Musikstück in
einer ganz impertinenten Weise leitet, indem er
über jedermanns Privatangelegenheiten genau
unterrichtet sein will), er wär' der Mann, »des
weißer Locken silberheller Flor im kalten
Abendwinde spielt und weht, er sei der schwächste
schier vom ganzen Pilgerchor, der durch das
Jammertal hienieden geht.«
Schließlich besinne ich mich noch darauf, daß, als
ich in meine kleine Schlafstube kam, ich mich
wirklich ganz elend fühlte und die starke
Überzeugung hatte, daß ich an Joes Gewerbe keinen
Gefallen finden würde. Ich hatte einst Gefallen
daran gefunden, aber einst ist nicht jetzt.
Vierzehntes Kapitel

Es ist etwas sehr Jämmerliches, wenn man sich


seines Heimes schämt. Es mag schwarzer Undank
dabei sein, und die Bestrafung mag angemessen und
wohlverdient sein; aber daß es etwas sehr Klägliches
ist, das kann ich bezeugen.
Dank der Gemütsart meiner Schwester war mir
das Daheim nie sonderlich angenehm gewesen. Aber
Joe hatte es geheiligt, und ich hatte daran geglaubt.
Ich hatte an die gute Stube geglaubt als an einen
höchst eleganten Salon; ich hatte an die Vordertür
geglaubt als an ein geheimnisvolles Portal zu einem
Staatstempel, dessen feierliche Öffnung von einem
Opfer gebratener Hühner begleitet war; ich hatte an
die Küche geglaubt als an ein keusches, wenn auch
nicht großartiges Gemach; ich hatte an die
Schmiede geglaubt als an den glühenden Weg zur
Mannheit und Unabhängigkeit. In einem einzigen
Jahre hatte sich alles verändert. Jetzt war das alles
grob und gewöhnlich, und ich hätte um alles nicht
gewollt, daß Fräulein Havisham und Estella es
sähen.
Wieviel von meiner undankbaren Denkungsart
meine eigene Schuld, wieviel Fräulein Havishams,
wieviel meiner Schwester Schuld gewesen sein mag,
das ist jetzt weder für mich noch für sonst jemand
von Belang. Die Veränderung war in mir
vorgegangen; die Sache war geschehen. Ob zum
Guten oder zum Schlimmen, ob entschuldbar oder
unentschuldbar, es war geschehen.
Einstmals hatte ich geglaubt, wenn ich endlich
mir die Rockärmel hochstreifen und als Joes
Lehrling in die Schmiede gehen könnte, so würde
ich glücklich sein. Jetzt, wo das zur Wirklichkeit
geworden war, fühlte ich nur, daß ich staubig vom
Kohlenstaub war und daß auf meiner täglichen
Erinnerung ein Gewicht lastete, gegen das der
Amboß federleicht war. Es hat Tage in meinem
späteren Leben gegeben (wie in fast jedem Leben,
glaub' ich), wo mir eine Zeitlang zumute gewesen ist,
als wäre ein dicker Vorhang auf all sein Interesse
und seine Romantik gefallen, um mich hinfort
abzusperren von all und jedem außer dumpfem
Leiden. Nie ist dieser Vorhang so dick und schwer
und öde niedergefallen als damals, wo mein Weg im
Leben mir gerade vorgezeichnet war durch die neu
betretene Straße der Lehrlingschaft in Joes
Schmiede.
Ich erinnere mich, daß ich in einem späteren
Zeitraum meiner Lehrjahre an Sonntagabenden,
wenn die Nacht hereinbrach, auf dem Kirchhof
umherzustehen pflegte und meine eigenen
Aussichten mit der Aussicht auf die windigen
Marschen verglich. Und ich fand eine Ähnlichkeit
zwischen beiden, indem ich mir dachte, wie flach
und niedrig doch beide waren und wie bei beiden ein
unbekannter Weg und ein düsterer Nebel kam und
dann die See. Ich war am ersten Arbeitstag meiner
Lehrjungenschaft schon genau so niedergeschlagen
wie in dieser späteren Zeit; aber ich bin mir zu
meiner Freude bewußt, daß ich Joe gegenüber nie
ein Murren laut werden ließ, solange mein Kontrakt
währte. Das ist so ziemlich das einzige, dessen ich
mir in dieser Verbindung mit Freuden bewußt bin.
Denn obwohl sie in sich schloß, was ich jetzt
hinzufügen werde, so lag doch das Verdienst alles
dessen, was ich jetzt hinzufügen werde, auf Joes
Seite. Nicht weil ich treu war, sondern weil Joe treu
war, lief ich nicht fort, um Soldat oder Matrose zu
werden. Nicht weil ich ein starkes Bewußtsein von
der Tugend Fleiß hatte, sondern weil Joe ein starkes
Bewußtsein von der Tugend Fleiß hatte, arbeitete
ich mit leidlichem Eifer trotz meines Widerwillens.
Man kann nicht wissen, wie weit der Einfluß eines
liebenswürdigen, ehrlichen, pflichttreuen
Menschen in die Welt hinausfliegt; aber man kann
sehr wohl wissen, wie er einen selbst beim
Vorübergehen berührt hat, und ich weiß sehr gut,
daß alles Gute, das sich mit meiner
Lehrjungenschaft vermischte, vom schlichten
zufriedenen Joe kam und nicht von mir selber, dem
ruhelos Strebenden, dem Unzufriedenen.
Was ich wollte, wer kann das sagen? Wie kann ich
es sagen, wo ich es doch nie wußte? Was ich
fürchtete, war, ich möchte einmal in einer
unglückseligen Stunde, wenn ich gerade so recht
schmierig und gewöhnlich aussah, die Augen
erheben und Estella zu einem der hölzernen Fenster
in die Schmiede hineingucken sehen. Ich war von
der Furcht besessen, sie möchte mich früher oder
später aufsuchen, wenn ich gerade recht schwarz an
Gesicht und Händen wäre und den gröbsten Teil
meiner Arbeit verrichtete, und möchte dann über
mich triumphieren und mich verachten. Oftmals,
wenn es schon dunkel geworden war und ich den
Blasebalg für Joe zog und wir das Lied vom »alten
Clem« sangen, und wenn der Gedanke daran, wie
wir es bei Fräulein Havisham zu singen pflegten,
mich so lebhaft erregte, daß ich Estellas Gesicht mit
dem im Winde flatternden hübschen Haar und den
verächtlichen Augen im Feuer sah -- oftmals zu
solcher Zeit blickte ich gegen die Vierecke
schwarzen Nachthimmels in der Wand, die dann die
hölzernen Fenster waren, und bildete mir ein, ich
sähe sie eben ihr Gesicht fortnehmen, und glaubte
fest, sie wäre endlich gekommen.
Dann gingen wir zum Abendessen hinein, und der
Platz und das Mahl kamen mir schlichter und
einfacher vor als sonst, und ich schämte mich
meines Daseins mehr als je, im Innern meiner
undankbaren Brust.
Fünfzehntes Kapitel

Da ich für das Zimmer von Herrn Wopsles


Großtante zu sehr in die Höhe schoß, so mußte
meine Erziehung unter der Leitung dieses
abgeschmackten Frauenzimmers ein Ende nehmen.
Aber erst nachdem Biddy alles, was sie wußte, mir
zu wissen getan hatte, von dem kleinen Preiskatalog
an bis zu einem komischen Liede, das sie einmal für
einen halben Penny gekauft hatte. Obwohl der
einzige zusammenhängende Teil des letzteren
Stückes von Literatur die Anfangszeilen waren:

»Als ich nach Lunnon spaziert, meine


Herrn,
 Lirum-larum!
 Lirum-larum!
Ward ich hübsch angeführt, meine
Herrn,
 Lirum-larum!
 Lirum-larum!«

-- so lernte ich doch in meinem Verlangen, klüger zu


werden, dieses Werk allen Ernstes auswendig. Auch
besinne ich mich nicht, seine Güte in Frage gestellt
zu haben, abgesehen davon, daß ich den großen
Aufwand von Lirumlarums in dem Gedichte ein
wenig übertrieben fand (welcher Ansicht ich
nebenbei heute auch noch bin). In meinem Hunger
nach Belehrung machte ich Herrn Wopsle den
Vorschlag, mir einige geistige Brosamen zukommen
zu lassen, wozu er gern bereit war. Da es sich
indessen herausstellte, daß er mich nur als
dramatische Gliederpuppe benutzen wollte, die er
anbrüllen und umarmen und beweinen und
abkanzeln und anpacken und erdolchen und auf alle
mögliche Weise hin und her werfen konnte, so
dankte ich bald für diese Art von Unterricht; doch
hatte Herr Wopsle in seiner poetischen Raserei
mich bereits ziemlich arg zerschlagen.
Alles, was ich mir aneignete, versuchte ich auch
Joe beizubringen. Diese Behauptung klingt so gut,
daß ich sie nicht unerklärt hingehen lassen kann.
Ich wollte Joes Unwissenheit und Gewöhnlichkeit
verringern, damit er meiner Gesellschaft würdiger
wäre und Estella weniger Anlaß zu tadeln geben
möchte.
Die alte Batterie draußen auf den Marschen war
unser Studierplatz, und eine zerbrochene
Schiefertafel und ein kurzes Stück Schieferstift
waren unsere Lehrutensilien, denen Joe noch
immer eine Pfeife Tabak beifügte. Ich habe nie
gesehen, daß Joe etwas von einem Sonntag auf den
anderen behielt oder daß er sich unter meiner
Anleitung irgendeine Kenntnis aneignete. Und doch
rauchte er seine Pfeife Tabak an der Batterie mit
einer weit scharfsichtigeren Miene als sonst
irgendwo -- ja, er rauchte sie sogar mit der Miene
eines Gelehrten -- ganz so, wie wenn er von sich
selbst die Meinung habe, er mache gewaltige
Fortschritte. Der liebe Kerl, ich hoffe, er machte
auch wirklich Fortschritte.
Es war hübsch und ruhig dort draußen, und die
Segel der Schiffe strichen jenseits der Dämme auf
dem Flusse dahin und sahen manchmal, wenn die
Flut niedrig war, ganz so aus, wie wenn sie zu
gesunkenen Schiffen gehörten, die noch immer am
Grunde des Wassers fortsegelten. Immer, wenn ich
die Fahrzeuge mit ihren weißen breiten Segeln aus
der See herausragen sah, dachte ich an Fräulein
Havisham und Estella; und wenn das Licht in weiter
Ferne schräg auf eine Wolke oder ein Segel oder
einen grünen Abhang fiel, kam mir der gleiche
Gedanke. Fräulein Havisham und Estella und das
seltsame Haus und das seltsame Leben schienen
etwas mit all und jedem, was malerisch war, zu tun
zu haben.
Eines Sonntags, als Joe mit großer Wonne seine
Pfeife schmauchte und sich eben so sehr gebrüstet
hatte, er sei »ganz furchtbar dösig«, daß ich ihn für
heute bereits aufgegeben hatte, da lag ich auf dem
Damme und stützte das Kinn in die Hand und
gewahrte Spuren von Fräulein Havisham und
Estella allerorten in der weiten Aussicht und am
Himmel und im Wasser, bis ich mich endlich dazu
entschloß, einen Gedanken auszusprechen, der in
bezug auf sie mich sehr beschäftigt hatte.
»Joe«, sagte ich; »meinst du nicht, daß ich
Fräulein Havisham eigentlich einen Besuch machen
muß?«
»Na, Pip«, entgegnete Joe, langsam überlegend.
»Wozu denn?«
»Wozu, Joe? Wozu werden denn überhaupt
Besuche gemacht?«
»Es gibt einige Besuche vielleicht«, sagte Joe,
»über die sich immer noch reden läßt, Pip. Aber,
was einen Besuch bei Fräulein Havisham anbetrifft,
so könnte sie am Ende denken, du wolltest was --
erwartetest was von ihr.«
»Meinst du nicht, ich könnte ihr sagen, daß das
nicht der Fall ist, Joe?«
»Das könntest du, alter Junge«, sagte Joe. »Und
sie würde es am Ende glauben. Am End' aber auch
nicht!«
Joe fühlte -- wie auch ich --, daß er hier den Nagel
auf den Kopf getroffen hatte, und er zog tüchtig an
seiner Pfeife, um sich davor zu hüten, den Eindruck
etwa durch eine Wiederholung seiner Worte
abzuschwächen.
»Siehst du, Pip«, fuhr Joe fort, sobald er über
diese Gefahr hinweg war, »Fräulein Havisham hat
sich dir gegenüber nobel gezeigt. Als sich Fräulein
Havisham dir gegenüber nobel zeigte, da hat sie
mich zurückgerufen und mir gesagt, daß das aber
auch alles sein würde.«
»Ja, Joe. Das hab' ich gehört.«
»Alles?« wiederholte Joe mit Nachdruck.
»Ja, Joe. Ich sage dir ja, das habe ich gehört.«
»Und da wollt' ich sagen, Pip, sie könnt' am Ende
damit haben sagen wollen -- Laßt's nun abgetan
sein! -- Bleibt, wo ihr seid! -- Ich im Norden und ihr
im Süden! -- Bleibt mir vom Leibe!«
Daran hatte ich auch gedacht, und es war mir
nichts weniger als tröstlich, wie ich nun sah, daß
ihm dieser Gedanke auch gekommen sei; denn das
schien die Wahrscheinlichkeit dieses Gedankens zu
erhöhen.
»Aber, Joe!«
»Ja, alter Junge.«
»Ich bin nun gleich mit meinem ersten Lehrjahre
fertig, und seit dem Tage, wo der Konkrakt
geschlossen wurde, habe ich mich nicht ein einziges
Mal bei Fräulein Havisham bedankt und auch mich
nicht nach ihr erkundigt, und überhaupt nicht
gezeigt, daß ich sie in Angedenken halte.«
»Das ist wahr, Pip; und sofern du ihr nicht eine
vollständige Anzahl von Hufeisen für ein
Viehgespann arbeiten willst -- und da muß ich
sagen, selbst eine vollständige Anzahl von Hufeisen
für ein Viehgespann dürfte wohl kein annehmbares
Geschenk sein, da sie doch absolut keine Hufe dazu
hat --«
»Von solchen Andenken rede ich ja gar nicht,
Joe; ich meine kein Geschenk.«
Aber Joe hatte sich den Gedanken an ein
Geschenk in den Kopf gesetzt und mußte sich nun
darüber verbreiten.
»Oder selbst«, sagte er, »wenn ich dir hülfe, ihr
eine neue Kette für das Haupt-Portal zu schmieden -
- oder sagen wir, ein paar Gros Schraubennägel zum
allgemeinen Gebrauch oder irgendeinen kleinen
Luxusartikel, wie z. B. eine Röstgabel, womit sie
ihre Semmeln aufpicken könnte -- oder einen
Bratrost, wo sie ihre Sprotten darauf zubereiten
könnte, oder so was Ähnliches --«
»Ich meine ja aber gar kein Geschenk, Joe«, warf
ich ein.
»Na«, sagte Joe, noch immer dabei verweilend,
wie wenn ich den Gegenstand ihm ganz besonders
ans Herz gelegt hätte, »wenn ich an deiner Stelle
wäre, Pip, ich täte es nicht. Nein, ich täte es nicht.
Denn was ist 'ne Türkette, wo sie doch immer eine
vorhat? Und Schraubennägel ist auch 'ne heikle
Sache; können mißgedeutet werden. Und wenn's 'ne
Röstgabel wäre, so würdest du dich mit Messing
abgeben und dir keine Ehre machen. Und der
ungewöhnlichste Arbeiter kann nichts
Ungewöhnliches leisten, wenn er einen Bratrost
arbeitet -- denn ein Bratrost ist und bleibt ein
Bratrost«, sagte Joe, indem er mir diese Tatsache
mit großem Nachdruck vorhielt, wie wenn er mich
von einer in meinem Innern wurzelfassenden
Widersinnigkeit abbringen wollte, »und du magst
dich abmühen, sosehr du auch willst, es wird doch
ein bloßer Bratrost herauskommen, sei's nun mit
deinem Willen oder sei's gegen deinen Willen, und
du wirst dir nicht helfen können --«
»Mein lieber Joe«, rief ich verzweifelt, ihn am
Rocke fassend, »sei doch nur ruhig davon. Ich habe
ja gar nicht daran gedacht, Fräulein Havisham ein
Geschenk zu machen.«
»Nein, Pip«, stimmte Joe bei, wie wenn er die
ganze Zeit über sich bemüht habe, mich zu diesem
Entschluß zu bringen; »und ich kann dir bloß sagen,
da hast du recht, Pip.«
»Ja, Joe; aber was ich sagen wollte, war, daß du
mir eigentlich morgen einen halben Tag freigeben
könntest, da wir jetzt ja doch wenig zu tun haben,
und daß ich dann nach der Stadt gehen und Fräulein
Est-- Havisham einen Besuch machen könnte.«
»Aber ihr Name«, sagte Joe ernst, »ist doch nicht
Estavisham, Pip, sofern sie sich nicht hat umtaufen
lassen.«
»Ich weiß, Joe, ich weiß. Ich habe mich
versprochen. Was meinst du dazu, Joe?«
In Kürze meinte Joe dazu, daß, wenn ich es für
recht hielte, er es auch für recht halte. Aber er
machte ausdrücklich aus, daß, wenn ich nicht mit
Herzlichkeit empfangen würde oder wenn ich nicht
dazu ermuntert würde, meinen Besuch zu
wiederholen als einen Besuch, der keinen weiteren
Zweck hatte, sondern einfach ein Besuch wäre aus
Dankbarkeit für eine empfangene Gunst -- daß dann
dieser Besuchsabstecher der erste und letzte sein
sollte. Diesen Bedingungen versprach ich mich zu
fügen.
Joe hielt sich nun einen Arbeiter auf
Wochenlohn, und dieser Arbeiter hieß Orlick. Er
behauptete, sein Taufnahme sei Dolge -- was eine
offenbare Unmöglichkeit war --, aber er war ein
Kerl von so trotziger und verstockter Veranlagung,
daß ich glaube, er war in dieser Sache nicht von
einer Täuschung beherrscht, sondern hat sich
diesen Namen selber zugelegt und ihn den Dörflern
gegenüber behauptet, um ihren geistigen
Fähigkeiten damit ein schlechtes Zeugnis
auszustellen. Er war ein breitschulteriger,
schlotteriger brauner Kerl von großer Kraft, der
immer Zeit hatte und immer schlendernden
Schrittes angeschlurrt kam. Er schien sogar niemals
absichtlich zur Arbeit zu kommen, sondern
schlurrte immer wie zufällig herein; und wenn er zu
den »Lustigen Bootsknechten« ging, um zu Mittag
zu essen, oder wenn er des Abends fortging, so
schlurrte er hinaus wie Kain oder der wandernde
Jude, gleich als ob er keine Ahnung habe, wohin er
ginge, und gar nicht beabsichtigte, jemals
zurückzukommen. Er wohnte bei einem
Schleusenwärter draußen auf den Marschen und
kam an Arbeitstagen, die Hände in der Tasche und
sein Mittagsessen lose in einem Bündel um den Hals
gehängt, wo es hin- und herbaumelte, von seiner
Einsiedelei herüber. Des Sonntags lag er meistens
den ganzen Tag auf Schleusengattern oder lehnte
sich gegen Feimen oder Scheunen. Er schlenderte
immer hin und her, die Augen auf dem Boden
geheftet; und wenn er angeredet wurde oder den
Blick aus anderer Ursache emporschlagen mußte,
so guckte er auf, halb ärgerlich, halb verwirrt, wie
wenn sein einziger Gedanke wäre, es sei ziemlich
seltsam und beleidigend, daß man ihn nie ruhig
seinen Gedanken überlasse.
Dieser mürrische Arbeiter mochte mich nicht
leiden. Als ich noch sehr klein und schüchtern war,
gab er mir zu verstehen, der Teufel wohnte in einer
schwarzen Ecke der Schmiede und er kenne den
Erbfeind sehr gut; auch sei es nötig, einmal alle
sieben Jahre das Feuer mit einem lebendigen
Knaben zu speisen, und ich möchte mich nur schon
immer für Brennmaterial halten. Als ich Joes
Lehrjunge wurde, wurde er vielleicht in dem
Argwohn bestärkt, ich würde ihn verdrängen; sei
dem wie ihm wolle, er mochte mich noch weniger
leiden. Zwar sagte er nie etwas und tat auch nie
etwas, was für offene Feindseligkeit hätte gehalten
werden können; ich bemerkte nur, daß er seine
Funken immer nach mir hin schlug und daß, sobald
ich das Lied vom alten Clem sang, er zur falschen
Zeit einstimmte.
Dolge Orlick war bei der Arbeit und zugegen am
nächsten Tage, als ich Joe an meinen halben freien
Tag erinnerte. Er sagte im Augenblick nichts, denn
er und Joe hatten eben ein Stück heißes Eisen
zwischen sich, und ich stand am Blasebalg; aber
nach einer Weile sagte er, indem er sich auf seinen
Hammer stützte:
»Nun, Meister! Sie werden doch gewiß nicht bloß
einen von uns vorziehen. Wenn Pip den halben Tag
freikriegt, so lassen Sie Alt-Orlick auch nicht
schlechter wegkommen.«
Ich glaube, er war fünfundzwanzig Jahre alt, aber
er sprach von sich immer als von einer bejahrten
Person.
»Na, was willst du denn mit einem Feiertag, wenn
du'n kriegst?« fragte Joe.
»Was ich damit will? Was will er damit? Ich will
dasselbe damit wie er!« sagte Orlick.
»Was Pip anbetrifft, der geht nach der Stadt«,
sagte Joe.
»Na, was dann Alt-Orlick anbelangt, der geht
auch nach der Stadt«, entgegnete dieser
Ehrenmann. »Es können ja zwei nach der Stadt
gehen; 's kann doch nicht bloß einer nach der Stadt
gehen.«
»Reg' dich doch nicht auf«, sagte Joe.
»Werd's, wenn's mir paßt«, brummte Orlick.
»Was das will mit seinem Nach-Stadt-Gehen! Na,
Meister! Ich will Ihnen was sagen. Bloß keine
Vorzieherei hier! Seien Sie'n Mann!«
Der Meister weigerte sich, das Thema weiter zu
erörtern, bevor der Arbeiter nicht besser gestimmt
sei. Orlick stürzte auf den Herd los, zog eine
glühendrote Stange heraus, kam damit auf mich los,
wie wenn er sie mir durch den Leib rennen wollte,
schwenkte sie mir um den Kopf, legte sie dann auf
den Anker und hämmerte drauf los -- als ob ich's
wäre, deuchte es mich, und die Funken mein
spritzendes Blut -- und schließlich, als er sich heiß
und das Eisen kalt gehämmert hatte, lehnte er sich
wieder auf seinen Hammer und sagte:
»Nun, Meister!«
»Bist du wieder bei dir selber?« fragte Joe.
»Ja! Ich bin bei mir selber«, sagte der brummige
Alt-Orlick.
»Dann, weil du ja doch deine Arbeit so gut
besorgst wie alle andern«, sagte Joe, »dann sei's
meinetwegen heute für alle ein halbfreier Tag.«
Meine Schwester hatte still im Hofe gestanden
und alles mit anhören können -- ganz ohne
Bedenken spielte sie bei jeder Gelegenheit die
Spionin und horchte zu --, und sofort sah sie zu
einem der Fenster herein.
»Sieht dir ähnlich, du Esel!« sagte sie zu Joe.
»Faulen Lümmeln wie dem da einen halbfreien Tag
zu geben. Du bist ein reicher Mann, das muß wahr
sein, daß du Taglohn in solcher Weise
verschleudern kannst. Ich müßte sein Meister
sein!«
»Sie wären jedermanns Meister, wenn sich's nur
jedermann gefallen ließe«, versetzte Orlick mit
einem boshaften Grinsen.
(»Laß sie in Ruhe«, sagte Joe.)
»Ich wollt' alle Schafsköpfe und alle Schufte
unter die Fuchtel kriegen«, entgegnete meine
Schwester, die sich in eine gewaltige Wut
hineinzuarbeiten begann. »Und ich könnte nicht die
Schafsköpfe unterkriegen, wenn ich nicht Ihren
Meister untergekriegt hätte, der der rindsköpfigste
König der Schafsköpfe ist. Und ich könnte die
Schufte nicht unterkriegen, wenn ich Sie nicht
untergekriegt hätte, denn Sie sind der schwärzeste
und schlimmste Schuft zwischen hier und
Frankreich. Verstanden!«
»Sie sind 'ne vertrackte Zanktippe, Mutter
Gargery«, brummte der Arbeiter. »Wenn das einen
zum Richter über Schufte macht, dann müssen Sie
allerdings ein ausgezeichneter Richter sein.«
(»Laß sie in Ruhe, verstanden!« sagte Joe.)
»Was haben Sie gesagt?« fing meine Schwester an
zu kreischen. »Was haben Sie gesagt? Was hat
dieser Kerl, der Orlick, zu mir gesagt, Pip? Wie hat
er mich genannt im Beisein meines Mannes? O! O!
O!«
Jeder dieser Ausrufe war ein Kreischen; und ich
muß hier etwas von meiner Schwester bemerken,
was sich in gleicher Weise von allen den heftigen
Frauensleuten, die mir vorgekommen, sagen läßt.
Die Heftigkeit gereichte ihr nicht zur
Entschuldigung, weil es nicht zu leugnen ist, daß,
anstatt in Heftigkeit zu verfallen, sie mit Wissen und
Absicht sich außerordentlich anstrengte, sich in
Heftigkeit hineinzutreiben, und so in ganz
regelmäßiger Stufenfolge einer blinden Wut Raum
gab.
»Was war der Name, den er mir gegeben hat vor
diesem gemeinen Menschen, der geschworen hat,
mich zu verteidigen? O! Haltet mich! O!«
»Ja, ja!« brummte der Arbeiter zwischen den
Zähnen; »ich wollte Sie schon halten, wenn Sie
meine Frau wären! Ich wollte Sie unter die Pumpe
halten und Ihnen die Wut aus den Knochen
würgen!!«
(»Ich sage dir, laß sie in Ruhe!« sagte Joe.)
»O! Hört ihn doch bloß!« rief meine Schwester,
zugleich kreischend und die Hände
zusammenschlagend -- das war ihre nächste Stufe.
»Hört doch bloß, was er mir für Schimpfnamen
gibt! Dieser Orlick. In meinem eigenen Hause! Mir,
einer verheirateten Frau! Wo mein Mann
dabeisteht! O! O!«
Nach diesen Worten und nach einem wahren
Anfall von Kreischen und In-die-Hände-Schlagen
schlug sich meine Schwester auf den Busen und auf
die Knie und warf die Mütze ab und riß ihr Haar
herunter -- was die letzten Stufen waren auf ihrem
Wege zur Tollwut. Jetzt war sie eine wahre Furie,
hatte ihren Erfolg gewiß, und nun stürzte sie auf die
Türe los, die ich zum Glück verschlossen hatte.
Was konnte der unglückliche Joe nach seinen
unbedachten parenthesenhaften Unterbrechungen
anders tun, als an seinen Arbeiter herangehen und
ihn fragen, was ihm einfiele, sich zwischen ihn und
Frau Joe zu mischen? Und ob er den Mut habe,
loszulegen? Alt-Orlick fühlte, daß bei der Lage der
Dinge ihm nichts weiter übrigbliebe, als loszulegen,
und zauderte nicht, sich zu verteidigen. Ohne also
auch nur ihre versengten und angebrannten
Schürzen abzulegen, gingen sie wie zwei Riesen
aufeinander los. Aber ich habe nie einen Mann in
dieser Gegend gesehen, der sich gegen Joe lange
hätte halten können. Orlick, wie wenn er kaum
mehr als der bleiche junge Herr wäre, lag bald im
Kohlenstaub und hatte es nicht sehr eilig, wieder
herauszukommen. Dann schloß Joe die Türe und
hob meine Schwester auf, die am Fenster bewußtlos
geworden war (die aber erst den Kampf
mitangesehen hatte, glaube ich) und die nun in das
Haus getragen und niedergelegt und bestürmt
wurde, wieder zu sich zu kommen, und nichts weiter
tun wollte, als sich abhaspeln und die Hände in Joes
Haar schlagen. Dann trat jene seltsame Ruhe und
Stille ein, die jedem Lärm folgt; und dann, mit der
vagen Empfindung, mit der mich immer eine solche
Ruhe und Stille erfüllte -- nämlich, daß es Sonntag
wäre, und wir eine Leiche im Hause hätten --, ging
ich hinaus, um mich anzukleiden.
Als ich wieder hinunterkam, kehrten Joe und
Orlick aus. Es ließ sich weiter keine Spur der
Aufregung an ihnen erblicken als ein Riß an der
einen Seite von Orlicks Nase, der aber weder
sonderlich sichtbar war noch dem Arbeiter zur
Zierde gereichte. Ein Topf Bier war aus den
»Lustigen Bootsknechten« geholt worden, und sie
teilten ihn jetzt friedlich. Die Stille übte eine
niederschlagende und philosophische Wirkung auf
Joe, der bis auf die Straße mit mir mitkam und als
Abschiedsbemerkung, die mir von Vorteil sein
könne, sagte:
»Erst wird gepoltert, Pip, und dann wird nicht
mehr gepoltert, Pip -- so ist das Leben!«
Mit was für albernen Regungen (denn wir halten
die Gefühle, die an einem Manne sehr ernsthaft
sind, an einem Knaben für sehr komisch) ich zu
Fräulein Havisham ging, das hat hier wenig auf sich,
auch daß ich viele Male erst an dem Tore
vorbeiging, ehe ich mich dazu entschließen konnte
zu klingeln, ist nicht von Belang. Desgleichen, daß
ich überlegte, ob ich wieder gehen sollte, ohne
geklingelt zu haben; und daß ich ohne Zweifel auch
gegangen wäre, wenn es mir freigestanden hätte, zu
jeder beliebigen Zeit wieder nach Hause zu
kommen.
Fräulein Sarah Pocket kam an die Tür. Keine
Estella!
»Nanu? Du wieder hier?« sagte Fräulein Pocket.
»Was willst du denn?«
Als ich sagte, ich käme nur, um zu sehen, wie sich
Fräulein Havisham befände, überlegte Sarah
augenscheinlich, ob sie mich wieder meiner Wege
schicken sollte oder nicht. Aber sie wollte die
Verantwortlichkeit doch wohl lieber nicht auf sich
nehmen, sondern ließ mich herein und brachte im
nächsten Augenblick die schroffe Meldung, ich
sollte »hinaufspazieren«.
Alles war unverändert, und Fräulein Havisham
war allein.
»Na?« sagte sie, die Augen auf mich heftend. »Ich
hoffe, du willst nichts haben? Du wirst nichts
bekommen.«
»Nein, wahrhaftig nicht, Fräulein Havisham. Ich
wollte Ihnen nur mitteilen, daß ich im Unterricht
meines Berufes sehr gute Fortschritte mache und
daß ich Ihnen stets sehr zu Dank verpflichtet bin.«
»Ja doch, ja doch!« sagte sie, und die ruhelosen
Finger zuckten wie ehedem. »Komm dann und
wann; komm an deinem Geburtstag. -- Ah!« rief sie
plötzlich, indem sie sich und ihren Stuhl mir
zukehrte; »siehst du dich nach Estella um? He?«
Ich hatte mich umgesehen -- tatsächlich nach
Estella --, und ich stotterte, ich hoffte, sie befände
sich wohl.
»Im Ausland«, sagte Fräulein Havisham; »läßt
sich zu einer vornehmen Dame ausbilden; weit fort
von hier; hübscher als je, bewundert von allen, die
sie sehen. Fühlst du, daß du sie verloren hast?«
In dem Ausdruck der letzteren Worte lag ein so
boshaftes Entzücken, und sie brach in ein so
unangenehmes Lachen aus, daß ich nicht wußte, was
ich sagen sollte. Sie ersparte mir die Mühe, darüber
nachzudenken, indem sie mich entließ. Als Sarah
mit dem Walnußschalen-Gesicht das Tor hinter mir
zuschloß, war ich unzufriedener denn je mit meinem
Heim und mit meinem Gewerbe und mit all und
jedem; und das war alles, was bei diesem Schritt für
mich herauskam.
Als ich die Hauptstraße entlangschlenderte und
trostlos zu den Schaufenstern der Läden hineinsah,
bei mir selbst überlegend, was ich wohl kaufen
würde, wenn ich ein feiner Herr wäre -- wer kam da
aus der Buchhandlung heraus? Herr Wopsle. Herr
Wopsle, die rührende Tragödie »George Barnwell«
in der Hand, für die er soeben sechs Pence angelegt
hatte, in der Absicht, jedes Wort davon auf das
Haupt Pumblechooks zu häufen, mit dem er Tee
trinken wollte. Kaum hatte er mich erblickt, so
schien er zu denken, eine gütige Vorsicht müsse ihm
diesen Lehrjungen in den Weg geführt haben, daß er
sich an ihm im Lesen üben könne; und er hielt mich
fest und bestand darauf, daß ich ihn nach dem
Pumblechookschen Salon begleiten sollte. Da ich
wußte, daß es zu Hause kläglich sein würde, und da
die Abende dunkel waren und es mit dem Wege sehr
erbärmlich stand und beinahe jede Gesellschaft
unterwegs besser war als gar keine, so widerstrebte
ich nicht lange. Infolgedessen traten wir eben in
Herrn Pumblechooks Haus, als die Straße und die
Läden erleuchtet wurden.
Da ich niemals einer andern Vorstellung von
»George Barnwell« beigewohnt habe, so weiß ich
nicht, wie lange sie gewöhnlich währen mag; aber
ich weiß sehr wohl, daß sie an diesem Abend bis
halb zehn währte und daß, als Herr Wopsle nach
Newgate kam, ich des Glaubens war, er würde nie
das Schafott erreichen: um so viel langsamer als je
zuvor schritt er auf seiner schändlichen Laufbahn
weiter. Mir kam es ein wenig zu arg vor, daß er sich
am Ende beklagte, in seiner Blüte gebrochen zu
werden, wie wenn er nicht in Samen geschossen
wäre, mit jedem Blatt mehr in die Länge, solange er
überhaupt auf den Beinen war. Das war indessen
eine bloße Frage der Länge und Langweiligkeit. Was
mich verletzte, war, daß die ganze Geschichte
meinem harmlosen Selbst auf den Leib gepaßt
wurde. Als Barnwell anfing, den falschen Weg zu
betreten, da war mir ordentlich zumute, als müßte
ich mich entschuldigen, so offenbar warf mir
Pumblechooks entrüsteter Starrblick all die Sünden
des Helden zur Last. Und Wopsle gab sich auch
Mühe, mich in dem schlechtesten Lichte
hinzustellen. Zugleich wild und schwermütig, ließ
man mich meinen Onkel ermorden, ohne daß von
mildernden Umständen die Rede hätte sein können;
Millwood[2 ] warf mich bei jeder Gelegenheit mit
seinen Beweisführungen zu Boden; es wurde an der
Tochter meines Herrn zu einer wahren Monomanie,
sich kein Tüttelchen um mich zu scheren; und alles,
was ich in betreff meines angstvollen Keuchens und
Bittens um Aufschub an dem Morgen des Todes
vorbringen kann, ist, daß ein solches Benehmen der
allgemeinen Schwäche meines Charakters würdig
war. Selbst nachdem ich glücklich gehenkt war und
Herr Wopsle das Buch zugemacht hatte, starrte
Pumblechook mich an und sagte: »Laß dir's zur
Warnung sein, Junge, laß dir's zur Warnung sein!«,
wie wenn es eine wohlbekannte Tatsache wäre, daß
ich im geheimen daran dachte, einen nahen
Verwandten zu ermorden, sofern ich einen dazu
bewegen könne, so schwach zu sein und mein
Wohltäter zu werden.
Es war ein sehr dunkler Abend, als alles vorüber
war und ich mit Herrn Wopsle den Heimweg antrat.
Außerhalb der Stadt kamen wir in einen schweren
Nebel, der naß und dicht fiel. Die Schlagbaumlampe
war ein Klecks, der scheinbar an einem ganz
anderen Platze war, als wo die Lampe sonst stand,
und seine Strahlen schienen als feste Substanz auf
dem Nebel zu ruhen. Wir bemerkten dies und
sagten gerade, daß der Nebel sich bei einer
Veränderung des Windes aus einem gewissen
Winkel unserer Marschen erhöbe, da stießen wir
auf einen Mann, der an der Windseite des
Schlagbaumhauses entlangschlich.
»Hollah!« riefen wir, stehenbleibend, »Orlick
da?«
»Ja!« antwortete er, hervorschlurrend. »Ich hab'
hier ein Weilchen gestanden, ob ich nicht
Gesellschaft haben würde.«
»Sie bleiben spät aus«, bemerkte ich.
Orlick antwortete, was ja auch ganz natürlich war:
»Na? Und du bleibst ja auch spät aus.«
»Wir«, sagte Herr Wopsle, dem noch die
Begeisterung seiner letzten Vorstellung innewohnte,
»wir haben heute abend in geistigen Wonnen
geschwelgt, Herr Orlick.«
Alt-Orlick knurrte, wie wenn er dazu nichts zu
sagen hätte, und wir gingen alle zusammen weiter.
Ich fragte ihn sogleich, ob er seinen halbfreien Tag
in der Stadt verbracht habe?
»Ja«, sagte er, »ganz und gar. Ich bin hinter dir
hergekommen. Ich habe dich nicht gesehen, aber
ich muß ziemlich dicht hinter dir hergekommen
sein. Nebenbei, die Kanonen schießen wieder.«
»Auf den Hulks?« fragte ich.
»Ja! 's muß wieder ein Vögelchen aus dem Käfig
geflogen sein. Die Kanonen haben seit dem
Dunkelwerden immerzu gefeuert. Gleich wirst du
wieder eine hören.«
Tatsächlich waren wir noch nicht weit gegangen,
als der wohlbekannte dumpfe Knall an unser Ohr
schlug. Der Nebel erstickte ihn, und den niedrigen
Gründen am Flusse rollte er entlang, wie wenn er die
Flüchtlinge verfolgte und sie bedrohte.
»Eine gute Nacht zum Durchbrennen!« sagte
Orlick. »Es würde uns Kopfschmerzen machen, wie
wir ein Kerker-Piepmätzchen heute nacht auf den
Fittichen herunterbringen sollten.«
Der Gegenstand machte mir viele Gedanken, und
schweigend sann ich darüber nach. Herr Wopsle, als
der schlechtbelohnte Onkel aus der Tragödie, die er
heute abend vorgelesen hatte, begann laut in seinem
Garten zu Camberwell seinen Gedanken
nachzuhängen. Orlick, die Hände in den Taschen,
schlurrte schwer an meiner Seite.
Es war sehr dunkel, sehr naß, sehr schmutzig, und
der Kot spritzte um uns her. Dann und wann schlug
der Ton der Signalkanone wieder an unser Ohr und
rollte abermals dumpf an den Ufern des Flusses
dahin. Ich blieb still für mich und ging meinen
Gedanken nach. Herr Wopsle starb in
liebenswürdiger Weise in Camberwell und in
außerordentlich tapferer Weise auf den Bosworth-
Fields und schließlich in den größten Qualen zu
Glastonbury. Orlick brummte manchmal: »Hebt an
und holt aus -- alter Clem! -- Mit Saus und mit Braus
-- alter Clem!« Mir kam es so vor, als hätte er
getrunken, aber betrunken war er nicht.
So kamen wir zum Dorfe. Der Weg, auf dem wir
uns ihm näherten, führte an den »Lustigen
Bootsknechten« vorbei. Zu unserer Überraschung -
- denn es war elf Uhr -- fanden wir dort ein reges
Treiben, die Tür stand weit offen, und ungewohnte
Lichter waren hastig emporgerafft und
heruntergesetzt worden und standen in wirrem
Durcheinander. Herr Wopsle sprang hinein und
fragte, was los sei (denn er vermutete, ein Sträfling
sei gefaßt worden), aber er kam eilig wieder
herausgelaufen.
»'s ist etwas nicht richtig«, sagte er, ohne
stehenzubleiben, »bei euch, Pip. Lauft alle!«
»Was ist denn?« fragte ich, gleichen Schritt mit
ihm haltend.
Orlick hielt an meiner Seite gleichen Schritt mit
mir.
»Ich versteh's nicht recht. Das Haus scheint, als
Joe aus war, mit Gewalt betreten worden zu sein.
Wahrscheinlich von Sträflingen. Jemand ist
angegriffen und verwundet worden.«
Wir liefen so schnell, daß wir nichts weiter
sprechen konnten, und blieben nicht eher stehen,
als bis wir in unserer Küche waren. Sie war voll von
Leuten; das ganze Dorf war dort und im Hofe; und
ein Arzt war da, und Joe war da, und eine Gruppe
von Weibern kniete auf dem Boden mitten in der
Küche. Die unbeschäftigten Zuschauer zogen sich
zurück, als sie mich sahen, und so gewahrte ich
denn meine Schwester -- sie lag ohne Bewußtsein
und ohne sich zu rühren auf den kahlen Dielen, wo
sie niedergesunken war unter der Wucht eines
fürchterlichen Schlages, den ihr eine unbekannte
Hand auf den Hinterkopf versetzt hatte, als ihr
Gesicht nach dem Feuer hin gekehrt war. Niemals
wieder sollte sie ihre Polterlaune haben, solange sie
Joes Frau war.
[2] Person des Stückes »George Barnwell«.
Sechzehntes Kapitel

Da mir der Kopf von George Barnwell so voll war,


so war ich zuerst zu dem Glauben geneigt, ich müsse
bei dem Überfall meiner Schwester die Hand im
Spiele gehabt haben oder ich müßte jedenfalls als
ihr naher Verwandter, der, wie allgemein bekannt
war, ihr sehr verpflichtet war, ein weit billigerer
Gegenstand des Verdachtes sein als sonstwer. Aber
als ich im klaren Lichte des nächsten Morgens die
Sache mir gründlich überlegte und allerseits davon
reden hörte, erhielt ich eine andere und
vernünftigere Ansicht von dem Fall.
Joe war in den »Lustigen Bootsknechten«
gewesen und hatte seine Pfeife geraucht. Er war von
ein Viertel neun Uhr bis drei Viertel zehn Uhr fort
gewesen. Während er dort war, hatte man meine
Schwester an der Küchentür stehen sehen, wo sie
mit einem heimkehrenden Meiereiarbeiter einen
Gutenacht-Gruß ausgetauscht hatte. Der Mann
konnte die Zeit, wo er sie gesehen hatte, nicht genau
angeben (er geriet in arge Verwirrung, als er es
versuchte); er begnügte sich mit der Angabe, es sei
vor neun Uhr gewesen. Als Joe fünf Minuten vor
zehn heimging, fand er sie auf dem Boden liegend,
und rief natürlich schnell Hilfe herbei. Das Feuer
war noch nicht ungewöhnlich tief
heruntergebrannt. Auch war der Docht der Kerze
noch nicht sehr lang gewesen; die Kerze indessen
war ausgelöscht.
Nichts war aus irgendeinem Teil des Hauses
fortgenommen. Auch war, abgesehen davon, daß
die Kerze ausgelöscht war -- die auf einem Tisch
zwischen der Tür und meiner Schwester stand und
sich gerade in ihrem Rücken befand, als sie in das
Feuer geguckt und den Hieb bekommen hatte --
nichts in der Küche in Unordnung gebracht worden.
Nur bei ihrem Sturz war einiges
durcheinandergeraten, und ihr Blut war auf den
Boden geflossen. Aber ein merkwürdiges
Beweisstück fand man am Ort der Tat. Sie war mit
etwas Grobem und Schwerem auf den Kopf und ins
Rückgrat geschlagen worden; als die Schläge
versetzt worden waren und sie auf dem Gesicht
dalag, war etwas Schweres mit ziemlicher Wucht auf
sie niedergeworfen worden. Und am Boden neben
ihr lag, als Joe sie aufhob, ein auseinandergefeiltes
Sträflingsfußeisen.
Nun prüfte Joe dieses Eisen mit dem kundigen
Auge eines Schmiedes und erklärte, es müsse vor
einiger Zeit auseinandergefeilt worden sein. Als das
Gerücht von der Tat bis zu den Hulks gedrungen
war und Leute von dort kamen, um das Eisen in
Augenschein zu nehmen, wurde Joes Ansicht
bestärkt. Sie nahmen es nicht auf sich, anzugeben,
wann es die Gefangenenschiffe verlassen habe, zu
denen es doch unzweifelhaft einmal gehört habe;
aber sie behaupteten, genau zu wissen, daß diese
Fessel von keinem der in der letzten Nacht
entwichenen Sträflinge getragen worden sei.
Außerdem sei einer von diesen beiden bereits
wieder eingefangen und habe sich nicht von seinem
Eisen befreit.
Bei dem, was ich wußte, zog ich hier meine
eigenen Schlüsse. Ich glaubte, das Eisen sei meines
Sträflings Eisen -- das Eisen, an dem ich ihn hatte
feilen sehen und hören auf den Marschen draußen --
, aber mein Gemüt beschuldigte ihn nicht, es bei
diesem letzten Anlaß gebraucht zu haben. Denn ich
glaubte von zwei anderen Personen, sie wären in
seinen Besitz gelangt und hätten es zu diesem
grausamen Zweck verwertet. Entweder Orlick oder
der Fremde, der mir die Feile gezeigt hatte.
Was nun Orlick anbetraf, so war er zur Stadt
gegangen, wie er uns gesagt hatte, als wir ihn am
Schlagbaum trafen; er war den ganzen Abend über
in der Stadt gesehen worden, er war in
verschiedener Gesellschaft in mehreren
Wirtshäusern gewesen, und er war mit mir und
Herrn Wopsle zurückgekommen. Gegen ihn lag
nichts vor, außer der Zänkerei; und meine
Schwester hatte sich mit ihm und jedem anderen
Menschen ihrer Umgebung wohl an die
zehntausendmal gezankt. Was den Fremden
anbelangt, so hätte kein Streit stattfinden können,
wenn er wegen seiner zwei Banknoten
zurückgekommen wäre, weil meine Schwester
vollständig bereit war, sie zurückzuerstatten.
Außerdem hatte kein Wortgefecht stattgefunden.
Der Verbrecher war so leise und so plötzlich
hereingekommen, daß sie schon zu Boden
geschlagen war, ehe sie sich umsehen konnte.
Es war ein entsetzlicher Gedanke, daß ich, wenn
auch unabsichtlich, dem Verbrecher die Waffe
gegeben hatte, aber ich konnte es mir kaum anders
denken. Ich litt unsäglichen Kummer, während ich
mir immer und immer wieder überlegte, ob ich
endlich diesen magischen Bann meiner Kindheit
brechen und Joe die ganze Geschichte erzählen
sollte. Monatelang darauf beantwortete ich jeden
Tag die Frage mit nein und nahm sie am nächsten
Morgen wieder auf und erörtete sie von neuem. Der
Kampf gelangte schließlich zu folgendem Ende: Das
Geheimnis war jetzt ein so altes, war so mit mir
verwachsen und zu einem großen Teil meines
Selbsts geworden, daß ich es nicht ausreißen
konnte. Außer der Furcht, es könnte jetzt, nachdem
es zu solchem Unheil geführt hatte, weit eher denn
je dazu dienen, Joe mir zu entfremden, sofern er es
glaubte, hielt mich die weitere Furcht zurück, er
würde es nicht glauben, sondern mitsamt den
fabelhaften Hunden und Kalbskoteletten als eine
ungeheuerliche Erfindung in einen Topf werfen.
Indessen wartete ich natürlich die Zeit ab -- denn
ich schwankte ja immer zwischen Recht und
Unrecht, wenn das Unglück geschehen war -- und
beschloß, ein volles Bekenntnis abzulegen, wenn
sich eine neue Gelegenheit bieten sollte, zur
Entdeckung des Verbrechens beizutragen.
Die Polizisten und die Männer von der Bow Street
in London -- denn dies ereignete sich in den Tagen
der erloschenen Polizei in roten Westen -- lungerten
ein paar Wochen lang um das Haus herum und taten
nichts mehr und nichts weniger, als was man vom
Tun und Treiben ähnlicher Obrigkeitspersonen in
solchen Fällen gewöhnlich hört oder liest. Sie
verhafteten mehrere Leute, deren Unschuld von
vornherein erwiesen war, und zerbrachen sich die
Köpfe über verschiedene unsinnige Gedanken und
bestanden darauf, den Vorfall ihren Gedanken
anzupassen. Ebenso standen sie an der Tür der
»Lustigen Bootsknechte« umher mit so pfiffigen
und weisheitstiefen Mienen, daß die ganze
Umgegend der Bewunderung voll war; und sie
hatten eine geheimnisvolle Art und Weise zu
trinken, die fast so gut war, als ob sie den
Verbrecher gefaßt hätten. Fast so gut, aber nicht
ganz so gut, denn sie haben ihn nie gefaßt.
Lange, nachdem diese Verfassungsgewalten sich
zerstreut hatten, lag meine Schwester noch
schwerkrank im Bett. Ihr Sehvermögen war gestört,
so daß sie die Gegenstände vervielfältigt sah und
nach in ihrer Phantasie vorhandenen Teetassen und
Weingläsern anstatt nach wirklichen griff; ihr Gehör
war auch geschädigt; ihr Gedächtnis gleichfalls; ihre
Sprache war unverständlich. Als sie sich endlich so
weit wieder erholte, daß wir ihr die Treppe
hinunterhelfen konnten, war es noch immer nötig,
ihr meine Schiefertafel zu überlassen, damit sie das,
was sie durch die Sprache nicht kundgeben konnte,
durch die Schrift kundgeben könnte. Da sie (nicht
zu reden von ihrer schlechten Handschrift) eine nur
sehr mittelmäßige Kenntnis der Rechtschreibung
besaß und Joe eine nur sehr mittelmäßige Fertigkeit
im Lesen hatte, so erhoben sich bei diesem Verkehr
außerordentliche Schwierigkeiten, die zu lösen stets
ich herbeigerufen wurde. Zu den mildesten Fehlern,
die ich bei der Entzifferung ihrer Hieroglyphen
machte, gehörte, daß ich statt Medizin Mondamin
las und aus Joe Tee und aus Bäcker Bückling
machte.
Indessen hatte sich ihre Gemütsart im hohem
Maße gebessert, und sie war geduldig geworden.
Eine zittrige Unsicherheit in der Bewegung all ihrer
Glieder war bald ein Bestandteil ihres regelmäßigen
Zustandes geworden, und später, in
Zwischenräumen von einigen Monaten, legte sie
bisweilen die Hände an den Kopf und verharrte
dann ein paar Wochen hintereinander in einer
düsteren Geistesabwesenheit. Wir waren vergebens
bemüht, eine passende Wärterin für sie zu finden,
bis uns ein Zufall glücklich von dieser Sorge
befreite. Die Großtante des Herrn Wopsle legte die
Lebensweise, in die sie verfallen war, gänzlich ab,
und Biddy gesellte sich zu unserem Hausstande.
Einen Monat ungefähr nachdem meine Schwester
wieder in der Küche erschienen war, kam Biddy mit
einer kleinen gesprenkelten Schachtel, in der all ihr
weltliches Besitztum eingeschlossen war, zu uns und
wurde für den Haushalt ein Segen. Vor allem wurde
sie ein Segen für Joe, denn der liebe alte Kerl war
ganz traurig und trostlos bei der fortwährenden
Betrachtung seiner zu einem Wrack gewordenen
Frau und war, wenn er sie des Abends abwartete,
gewohnt gewesen, sich aller Augenblicke mit
Tränen in den blauen Augen zu mir umzuwenden
und zu sagen: »Was sie doch früher für 'ne herrliche
Gestalt von 'nem Weibe gewesen ist, Pip!« Biddy
nahm sie sogleich in Obhut, und zwar so klug und
verständig, wie wenn sie sie von Kindheit auf
studiert hätte, und so erlangte Joe die Fähigkeit, die
größere Ruhe seines jetzigen Lebens zu schätzen
und dann und wann nach den »Lustigen
Bootsknechten« hinunterzugehen, um sich eine
kleine Abwechselung zu verschaffen, die ihm sehr
wohl tat. Es war für die Leute von der Polizei
charakteristisch, daß sie alle mehr oder weniger den
armen Joe verdächtigt hatten (ohne daß er es je
erfuhr) und daß sie einer wie alle darin
übereingestimmt hatten, ihn für einen der
verschlagensten Schlauköpfe zu halten, denen sie je
begegnet.
Biddys erster Triumph in ihrem neuen Amt war,
daß sie eine Schwierigkeit gelöst hatte, der
gegenüber meine Kräfte gänzlich versagt hatten. Ich
hatte mich eifrig daran versucht, hatte aber nichts
zustande bringen können. Die Sache war die
folgende.
Immer und immer wieder hatte meine Schwester
auf die Schiefertafel einen Buchstaben gemalt, der
wie ein seltsames T aussah, und hatte dann mit dem
äußersten Eifer unsere Aufmerksamkeit darauf
gelenkt, wie auf etwas, wonach sie ganz besonders
verlangte. Ich hatte es vergebens versucht mit all
und jedem »Heranschaffbaren«, von Teer bis zu
Talg und Tonnen. Endlich war es mir in den Kopf
gekommen, daß das Zeichen aussähe wie ein
Hammer, und als ich meiner Schwester dieses Wort
wacker in die Ohren brüllte, hatte sie auf dem Tisch
herumzuhämmern begonnen und eine beschränkte
Zustimmung ausgedrückt. Daraufhin hatte ich all
unsere Hämmer hereingebracht, einen nach dem
anderen, jedoch vergeblich, dann fiel mir eine
Krücke ein, deren Gestalt ja so ziemlich mit dem
Zeichen übereinstimmte, und ich borgte mir eine
aus dem Dorfe und zeigte sie mit großer Zuversicht
meiner Schwester. Aber sie schüttelte, als sie sie
erblickte, so heftig den Kopf, daß wir fürchteten, sie
möchte sich in ihrem schwachen und erschütterten
Zustand das Genick verrenken.
Als meine Schwester merkte, daß Biddy sie so
rasch begriff, erschien das geheimnisvolle Zeichen
wieder auf der Tafel. Biddy sah es nachdenklich an,
hörte meine Erklärung, sah nachdenklich Joe an
(der auf der Tafel immer durch seinen
Anfangsbuchstaben bezeichnet wurde) und lief in
die Schmiede, und Joe und ich folgten ihr.
»Na, natürlich!« rief Biddy, mit frohlockendem
Angesicht. »Versteht Ihr's denn nicht? Er ist's!«
Orlick ohne Zweifel. Meine Schwester hatte
seinen Namen vergessen und konnte ihn nur durch
seinen Hammer bezeichnen. Wir sagten ihm,
weshalb wir ihn in der Küche brauchten, und er
legte langsam seinen Hammer hin, wischte sich die
Stirn mit dem Arm ab, wischte sie sich dann
nochmals mit der Schürze ab und kam
herausgeschlurrt mit einem schlottrigen
Landstreicherknicken der Knie, das ihm in sehr
merklicher Weise zu eigen war.
Ich gestehe, ich erwartete, daß meine Schwester
ihn beschuldigen würde, und war enttäuscht, als die
Sache ganz anders ablief. Sie bekundete die größte
Sorge, sich auf guten Fuß mit ihm zu stellen, war
augenscheinlich sehr erfreut, daß man ihn endlich
geholt hatte, und gab uns ein Zeichen, daß wir ihm
etwas zu trinken geben sollten. Sie beobachtete
seine Züge, wie wenn sie besonders wünschte, er
möchte mit seiner Aufnahme zufrieden sein; sie
legte auf jede nur mögliche Weise das Verlangen,
ihn zu versöhnen, an den Tag; und in allem, was sie
tat, lag ein Zug demütigen Gehorsams, wie ich ihn in
dem Benehmen eines Kindes gegen einen strengen
Lehrer bemerkt habe. Nach diesem Tage verging
selten ein Tag, ohne daß sie den Hammer auf ihre
Schiefertafel malte und ohne daß Orlick
hereingeschlurrt kam und verdrießlich vor ihr
stand, wie wenn er die ganze Geschichte
ebensowenig begriff als ich.
Siebzehntes Kapitel

Nun begann ein regelmäßiger Verlauf meiner


Lehrjahre, der außerhalb der Grenzen des Dorfes
und der Marschen durch keinen weiteren
bemerkenswerten Umstand gestört wurde als durch
meinen Geburtstag und einen neuen Besuch bei
Fräulein Havisham. Noch immer versah den Dienst
am Tor Fräulein Sarah Pocket, noch immer war
Fräulein Havisham genau so, wie ich sie verlassen
hatte, und sie sprach von Estella in genau der
gleichen Weise, wenn nicht in genau den gleichen
Worten; der Besuch währte nur wenige Minuten,
und beim Fortgehen gab sie mir eine Guinee und
sagte, ich sollte an meinem nächsten Geburtstag
wiederkommen. Ich kann gleich erwähnen, daß dies
zu einem jährlichen Brauche wurde. Ich versuchte,
bei dem ersten Mal die Guinee auszuschlagen, aber
ich erreichte nichts weiter dabei, als daß sie mich
sehr ärgerlich fragte, ob ich mehr erwartete. Da
nahm ich sie denn auch und weigerte mich auch
später nicht mehr.
So unveränderlich war das öde alte Haus, das
gelbe Licht in der dunklen Stube, das verblichene
Gespenst im Stuhl neben dem Ankleidespiegel, daß
mir zumute war, als hätte der Stillstand der Uhren
die Zeit in diesem geheimnisvollen Orte zum
Stillstand gebracht und als stände dort alles still,
dieweil ich und alles andere draußen älter würde. In
meinen Gedanken und Erinnerungen, wie auch in
Wirklichkeit, gelangte niemals Tageslicht in dieses
Haus. Es verwirrte mir die Sinne, und unter seinem
Einflusse fuhr ich fort, mein Gewerbe zu hassen und
mich meines Daseins zu schämen.
Ohne daß ich es merkte, wurde ich jedoch einer
Veränderung an Biddy gewahr. Ihre Absätze waren
hoch und gerade, ihr Haar blank und sauber, ihre
Hände immer rein. Sie war nicht schön -- sie war
gewöhnlich und konnte nicht Estella gleichen --,
aber sie war nett und gesund und gutmütig. Sie war
noch nicht über ein Jahr bei uns gewesen (ich
besinne mich, daß eben ihre Trauerzeit vorüber
war, als mir das auffiel), da machte ich eines Tages
für mich selber die Bemerkung, daß sie seltsam
nachdenkliche und aufmerksame Augen hatte:
Augen, die sehr hübsch und sehr gut waren.
Das kam, als ich die Augen von einer Arbeit
erhob, über die ich mich niedergebückt hatte -- ich
schrieb ein paar Stellen aus einem Buche ab, um
mich durch eine Art von Kriegslist auf zwei Weisen
zugleich zu bilden. Da sah ich denn, daß Biddy mir
zusah. Ich legte die Feder hin, und Biddy hielt in
ihrer Handarbeit inne, ohne sie hinzulegen.
»Biddy«, sagte ich, »wie kriegst du's bloß fertig?
Entweder bin ich furchtbar dumm, oder du bist
furchtbar klug.«
»Was kriege ich denn fertig? Ich weiß nicht«,
entgegnete Biddy lächelnd.
Sie bekam es fertig, unser ganzes Hausleben zu
leiten, und zwar wundervoll; aber das meinte ich
nicht, obwohl dies dasjenige, was ich meinte, noch
erstaunlicher erscheinen ließ.
»Wie kriegst du es bloß fertig, Biddy«, sagte ich,
»alles zu lernen, was ich lerne, und immer gleichen
Schritt mit mir zu halten?«
Ich fing an, auf mein Wissen eitel zu sein, denn
ich gab meine Geburtstagsguineen dafür aus und
legte den größeren Teil meines Taschengeldes zu
ähnlichem Zweck beiseite; obwohl ich jetzt nicht
daran zweifle, daß das wenige, was ich wußte, mich
zu dem Preis sehr teuer zu stehen kam.
»Ebensogut könnte ich dich fragen«, sagte Biddy,
»wie du's fertigkriegst?«
»Nein; denn wenn ich des Abends aus der
Schmiede komme, dann kann jeder sehen, wie ich
mich daransetze. Aber du setzest dich niemals
daran, Biddy.«
»Dann muß ich es wohl so wegkriegen -- ungefähr
wie 'nen Schnupfen«, sagte Biddy ruhig und fuhr
fort zu nähen.
Indem ich mich in meinen hölzernen Stuhl
zurücklehnte und Biddy ansah, wie sie so den Kopf
auf eine Seite geneigt hielt und fleißig nähte,
verfolgte ich meine Gedanken und begann, sie für
ein ganz außerordentliches Mädchen zu halten.
Denn es fiel mir jetzt ein, daß sie gleichfalls mit den
Ausdrücken unseres Gewerbes und den
Bezeichnungen unserer verschiedenen Arten von
Arbeit und unseres mancherlei Werkzeugs vertraut
war. Kurz, alles, was ich wußte, wußte Biddy auch.
Vom Standpunkt der Theorie war sie ein ebenso
guter Grobschmied wie ich, wenn nicht gar ein
besserer.
»Du bist eine von denjenigen, Biddy«, sagte ich,
»die sich jede Gelegenheit aufs beste zunutze zu
machen verstehen. Bevor du herkamst, hattest du
nie Gelegenheit, und sieh, was für Fortschritte du
jetzt schon gemacht hast.«
Biddy sah mich einen Augenblick an und fuhr mit
Nähen fort.
»Und doch war ich's zuerst, die dir Unterricht
erteilte, nicht?« fragte sie, während sie weiternähte.
»Biddy!« rief ich erstaunt. »Wie? Du weinst ja!«
»Nein, ich weine doch nicht«, sagte Biddy und
sah lachend empor. »Wie ist dir denn das bloß in
den Kopf gekommen?« 
Wie konnte es mir anders in den Kopf gekommen
sein, als daß ich eine glitzernde Träne auf ihre
Handarbeit hatte fallen sehen?
Ich saß still da und dachte daran, was sie sich
doch hatte quälen und placken müssen, bevor
Herrn Wopsles Großtante mit Erfolg jene schlechte
Gewohnheit, das Leben, abgelegt hatte, dessen
Abschluß bei gewissen Leuten höchst
wünschenswert ist. Ich dachte an die
hoffnungslosen Umstände, von denen sie umgeben
war in dem erbärmlichen kleinen Laden und der
erbärmlichen kleinen trubulösen Abendschule, wo
sie dieses erbärmliche alte Bündel
Unzurechnungsfähigkeit immer auf den Schultern
tragen und mit sich herumschleppen mußte. Ich
überlegte mir, daß selbst in diesen widrigen Zeiten
das, was sich jetzt in Biddy entwickelte, schon in ihr
verborgen gelegen haben müßte, denn in meiner
ersten Besorgtheit und Unzufriedenheit wandte ich
mich, wie wenn das ganz selbstverständlich wäre, zu
Biddy um Hilfe. Biddy nähte ruhig weiter und
vergoß keine Träne mehr, und während ich sie so
ansah und das alles bedachte, da kam es mir in den
Sinn, ich wäre gegen Biddy am Ende nicht genügend
dankbar gewesen. Ich war vielleicht zurückhaltend
gewesen und hätte sie mehr unter meine Fittiche
nehmen und sie (dieses Ausdrucks bediente ich
mich aber in meinen Betrachtungen eigentlich
nicht) meines Zutrauens würdigen sollen.
»Ja, Biddy«, bemerkte ich, als ich mit meinen
Gedanken zu Ende gekommen war, »du warst's, die
zuerst mir Unterricht erteilte, und zwar zu einer
Zeit, wo wir uns wenig träumen ließen, daß wir
jemals in dieser Küche so traulich zusammensitzen
würden.«
»Ach ja, das arme Ding!« erwiderte Biddy.
Es sah diesem Mädchen mit ihrem
selbstvergessenen Charakter so ganz ähnlich, die
Bemerkung auf meine Schwester anzuwenden und
aufzustehen und sich mit ihr zu beschäftigen, um es
ihr bequemer zu machen.
»Das ist traurig, aber wahr!«
»Na!« sagte ich, »wir müssen öfter miteinander
plaudern, wie wir früher getan haben. Und ich muß
dich öfter zu Rate ziehen, wie ich früher getan habe.
Am nächsten Sonntag wollen wir einen gemütlichen
Spaziergang über die Marschen machen, Biddy, und
recht lange plaudern.«
Meine Schwester wurde jetzt nie allein gelassen;
aber Joe nahm es auf das bereitwilligste auf sich, an
dem bewußten Sonntagnachmittag die Obhut über
sie zu übernehmen, und Biddy und ich gingen
zusammen aus.
Es war Sommerzeit und wunderschönes Wetter.
Als wir an dem Dorfe und der Kirche und dem
Kirchhofe vorüber waren und auf den Marschen
draußen entlangschritten und die Segel der Schiffe
vorbeistreichen sahen, da begann ich in meiner
gewohnten Weise Fräulein Havisham und Estella
mit der Aussicht zu verquicken. Als wir an den Fluß
kamen und uns am Ufer niedersetzten und das
Wasser zu unseren Füßen plätschern hörten, die
Stille ringsum mit seinem leisen Rauschen nur noch
vertiefend -- da sagte ich mir selbst, es sei eine gute
Zeit und der rechte Ort, Biddy mein Innerstes
anzuvertrauen.
»Biddy«, sagte ich zu ihr, nachdem ich sie zur
Schweigsamkeit verpflichtet hatte, »ich möchte ein
vornehmer Herr sein.«
»Oh, das tät' ich nicht, wenn ich an deiner Stelle
wäre«, entgegnete sie. »Ich glaube kaum, daß sich
das lohnt.«
»Biddy«, sagte ich in etwas strengem Ton, »ich
habe besondere Gründe, ein vornehmer Herr sein
zu wollen.«
»Das mußt du am besten wissen, Pip; aber meinst
du nicht, daß du so glücklicher bist?«
»Biddy«, rief ich ungeduldig, »ich bin so nicht im
mindesten glücklich. Mein Gewerbe und mein
Leben widern mich an. Ich hätte mich weder an das
eine noch an das andere gebunden, wäre ich nicht
kontraktlich verpflichtet worden. Sei doch nicht
albern.«
»War ich denn albern?« fragte Biddy, ruhig die
Augenbrauen hochziehend; »das tut mir leid, das
wollte ich nicht. Ich wünsche nur, daß du so
handelst, wie es für dich gut ist, und daß du dich
wohl befinden sollst.«
»Na, dann laß dir ein für allemal gesagt sein, daß
ich mich niemals wohl befinden werde oder kann --
oder mich überhaupt anders fühlen werde als
höchst unglücklich -- ja, ja, Biddy, glaube mir! --,
sofern ich nicht ein ganz anderes Leben führen kann
als jetzt!«
»Das ist schade!« sagte Biddy, traurig den Kopf
schüttelnd.
Nun hatte ich bei mir selber auch schon so oft
gedacht, es wäre jammerschade, daß ich in dem
seltsamen Kampf mit meinem eigenen Selbst, den
ich fortwährend führte, halb und halb geneigt war,
Tränen des Ärgers und des Kummers zu vergießen,
als Biddy so ihrem Empfinden und meinem eigenen
Ausdruck gab. Ich sagte ihr, sie habe recht und ich
wüßte, das sei sehr zu bedauern, aber es ließe sich
nun einmal nicht ändern.
»Hätte ich mich beruhigen können«, sagte ich zu
Biddy, indem ich an dem kurzen Gras, das ich
erreichen konnte, herumzupfte, ganz so, wie ich
einstmals mir die Gefühle aus den Haaren gerauft
und mit Füßen in die Brauerei-Mauer
hineingetreten hatte; »hätte ich mich beruhigen
können und hätte ich die Schmiede auch nur halb so
liebgewinnen können, wie ich sie in meiner Kindheit
liebgehabt, ich weiß, dann wär's viel besser für
mich. Du und ich und Joe hätten dann nichts
gebraucht, und Joe und ich hätten am Ende, wenn
meine Lehrjahre zu Ende gewesen wären, ein
Teilhabergeschäft machen können, und ich hätte
am Ende gar, wenn ich alt genug geworden wäre,
mich mit dir zusammentun können, und dann
hätten wir an diesem selben Ufer an schönen
Sonntagen als ganz, ganz andere Leute sitzen
können. Für dich wäre ich doch gut genug gewesen,
nicht wahr, Biddy?«
Biddy seufzte und sah nach den weitersegelnden
Schiffen und antwortete:
»Ja; ich nehm's ja nicht so genau.«
Das klang kaum schmeichelhaft; aber ich wußte,
sie meinte es gut.
»Anstatt dessen«, sagte ich, indem ich mehr Gras
ausriß und ein paar Halme zerstreute, »sieh, wie
mir's anstatt dessen geht. Unzufrieden und
unglücklich und -- was würde es mich kümmern,
grob und gewöhnlich zu sein, wenn's mir niemand
gesagt hätte!«
Biddy wandte ihr Gesicht plötzlich dem meinen zu
und sah weit aufmerksamer nach mir hin, als sie
nach den segelnden Schiffen hingesehen hatte.
»So etwas zu sagen war weder sonderlich wahr
noch sonderlich höflich«, bemerkte sie. »Wer hat es
denn gesagt?«
Ich war mißmutig, denn ich war losgesteuert,
ohne eigentlich zu sehen, wohin ich wollte. Indessen
ließ es sich jetzt nicht mehr von der Hand weisen,
und so antwortete ich:
»Die schöne junge Dame bei Fräulein Havisham,
und sie ist viel viel schöner, als irgend jemand je
gewesen, und ich bewundere sie furchtbar, und ich
will ein vornehmer Herr sein um ihretwillen.«
Nachdem ich dieses wahnwitzige Geständnis
abgelegt hatte, fing ich an, mein abgepflücktes Gras
in den Fluß zu werfen, wie wenn ich halb und halb
den Gedanken hätte, ihm nachzuspringen.
»Willst du ein vornehmer Herr werden, um sie zu
verachten oder um sie zu gewinnen?« fragte Biddy
mich ruhig nach einer Pause.
»Ich weiß nicht«, antwortete ich verdrießlich.
»Nämlich wenn du sie verachten willst«, fuhr
Biddy fort, »so möchte ich meinen -- aber du mußt
das ja am besten wissen --, das ließe sich besser und
in unabhängigerer Weise machen, wenn man sich
einfach nicht an ihre Redereien kehrte. Und wenn
du sie gewinnen willst, so möchte ich meinen -- aber
du mußt das ja am besten wissen --, sie ist es nicht
wert, gewonnen zu werden.«
Genau, was ich selber schon vielmals gedacht
hatte. Genau, was mir selber in diesem Augenblicke
klar war. Aber wie konnte ich, ein armer
geblendeter Dorfjunge, jener wunderbaren
Ungereimtheit aus dem Wege gehen, in die die
besten und weisesten Leute alltäglich verfallen?
»Das mag alles wahr sein«, sagte ich zu Biddy,
»aber dennoch bewundere ich sie furchtbar.«
Kurz, ich wandte mich auf das Gesicht herum, als
ich soweit gekommen war, und faßte mich zu beiden
Seiten des Kopfes derb in die Haare und zerraufte
sie weidlich. Dabei war ich mir beständig bewußt,
daß die Tollheit meines Herzens so gar toll und am
falschen Platze war, und fühlte, daß es meinem
Gesicht ganz recht geschehen wäre, wenn ich es bei
den Haaren hochgehoben und gegen die
Kieselsteine geschlagen hätte zur Strafe dafür, daß
es solch einem blödsinnigen Menschen angehörte.
Biddy war ein sehr kluges Mädchen und
versuchte nicht länger, mit mir zu rechten. Sie legte
ihre Hand -- eine hübsche Hand, obzwar hart von
der Arbeit -- auf meine Hände, erst auf die eine,
dann auf die andere, und entfernte sie sanft aus
meinen Haaren. Dann klopfte sie mir beruhigend
auf die Schulter, während ich, das Gesicht in den
Ärmel gedrückt, ein wenig weinte -- genau so, wie
ich im Brauereihof geweint hatte -- und von der
dumpfen Überzeugung beherrscht war, sehr
schlecht behandelt zu werden von irgendwem oder
von aller Welt; eins von beiden.
»Eins freut mich«, sagte Biddy, »und das ist, daß
du gefühlt hattest, du könntest mir dein Vertrauen
schenken, Pip. Und noch etwas anderes freut mich,
und das ist, daß du natürlich weißt, du kannst dich
auf meine Verschwiegenheit verlassen, und ich
werde mich insofern deines Vertrauens würdig
zeigen. Wenn deine erste Lehrerin (Gott! was für 'ne
armselige und wie sehr des Unterrichts selber noch
bedürftig!) jetzt deine Lehrerin gewesen wäre, so
wüßte sie wohl, was für eine Lehre sie erteilen
würde. Aber sie würde schwer zu lernen sein, und
du hast die Lehrerin überflügelt; also hat's jetzt
keinen Zweck mehr.«
Und mit einem ruhigen Seufzer um meinetwillen
stand Biddy vom Ufer auf und sagte mit einem
frischen und angenehmen Wechsel der Stimme:
»Wollen wir noch ein bißchen weitergehen, oder
gehen wir nach Hause?«
»Biddy«, rief ich, sprang auf, schlang den Arm
um ihren Hals und gab ihr einen Kuß: »Ich werde
dir immer alles sagen.«
»Bis du ein vornehmer Herr bist«, sagte Biddy.
»Du weißt, das werde ich nie werden, also kann
ich ruhig sagen, immer. Zwar habe ich gar keinen
Anlaß, dir etwas zu sagen, denn du weißt doch alles,
was ich weiß -- wie ich dir ja schon neulich abend zu
Hause gesagt habe.«
»Ja!« sagte Biddy, förmlich flüsternd, während
sie nach den Schiffen hinblickte. Und dann
wiederholte sie mit dem früheren angenehmen
Wechsel ihrer Stimme: »Wollen wir noch ein
bißchen weitergehen, oder gehen wir heim?«
Ich sagte zu Biddy, wir wollten noch ein bißchen
weitergehen, und das taten wir denn auch, und der
Sommernachmittag verblich bald zum
Sommerabend, und es war sehr schön. Ich begann
zu bedenken, ob ich mich nicht bei diesen
Umständen in einer viel natürlicheren oder
gesünderen Lage befände, als wenn ich in dem
Zimmer mit der stehengebliebenen Uhr beim
Kerzenlicht Tod und Leben spielte und mich von
Estella verachten ließ. Ich dachte, es wäre sehr gut
für mich, wenn ich mir sie aus dem Sinn schlagen
könnte samt all den übrigen Erinnerungen und
Phantasien, wenn ich ans Werk gehen könnte mit
dem Entschluß, Vergnügen zu finden an dem, was
ich zu tun hatte, und dabei zu verharren und es zu
meinem Besten auszunützen. Ich stellte mir die
Frage, ob ich nicht genau wüßte, daß, wenn an
Biddys Statt Estella in diesem Augenblick neben mir
wäre, sie mich unglücklich machen würde? Ich
mußte zugeben, daß ich das gewiß wüßte, und ich
sagte zu mir selber: »Pip, was bist du für ein Narr!«
Wir plauderten unterwegs viel, und alles, was
Biddy sagte, schien richtig. Biddy war nie
beleidigend oder launenhaft, oder heute Biddy und
morgen jemand anderes; sie würde nur Schmerz
und kein Vergnügen empfunden haben, wenn sie
mir Schmerz bereitet hätte; sie würde weit lieber
ihre eigene Brust als meine verwundet haben. Wie
konnte es dann zugehen, daß ich von beiden sie
nicht weit besser leiden mochte?
»Biddy«, sagte ich, als wir heimgingen, »ich
wünschte, du könntest mich auf den rechten Weg
bringen.«
»Das wünschte ich auch!« sagte Biddy.
»Wenn ich's nur fertigbringen könnte, mich in
dich zu verlieben -- es stört dich doch nicht, wenn
ich zu einer so alten Bekannten so offen spreche?«
»O du liebe Zeit, ganz und gar nicht«, sagte Biddy.
»Meinetwegen brauchst du keine Angst zu haben.«
»Wenn ich das nur fertigbekäme! Das wäre so das
Rechte für mich.«
»Aber du wirst es nie fertigbekommen, siehst
du«, sagte Biddy.
An diesem Abend erschien es mir jedoch gar nicht
so unwahrscheinlich, wie es mir vor wenigen
Stunden erschienen sein würde, falls wir da dieses
Thema erörtert hätten. Deshalb bemerkte ich, ich
sei dessen gar nicht so sehr gewiß. Aber Biddy sagte,
sie sei dessen gewiß, und sie sagte es in
entschiedenem Tone. Im Herzen glaubte ich, sie
habe recht; und doch nahm ich es ziemlich übel, daß
sie sich über diesen Punkt so vollständig klar war.
Als wir in die Nähe des Kirchhofs kamen, hatten
wir einen Damm zu überschreiten und über einen
Zauntritt dicht bei einem Schleusengatter
hinwegzutreten. Da erhob sich von dem Gatter oder
aus dem Gebüsch oder aus dem Schlamm (der ganz
seiner faulen Lebensweise zusagen mußte) Alt-
Orlick.
»Hollah!« knurrte er; »wo geht denn ihr beide
hin?«
Wohin sollten wir denn gehen? Nach Hause doch.
»Na«, sagte er, »dann will ich mich hängen lassen,
wenn ich euch nicht heimbegleite.«
Die Strafe des Sich-hängen-Lassens beliebte er
sehr oft in Annahmefällen zu verwerten. Er legte
dem Ausdruck, soviel ich wußte, keine bestimmte
Bedeutung bei, sondern gebrauchte ihn nur wie
seinen angeblichen Taufnamen, um die Menschheit
zu beleidigen und den Gedanken zu erwecken, als
beabsichtigte er wieder irgendeinen furchtbaren
Schaden zu stiften. Als ich noch jünger war, hatte
ich die unbestimmte Vermutung gehabt, er würde,
wenn er mich persönlich aufhängen wollte, es mit
einem scharfen und gedrehten Haken tun.
Biddy war sehr dagegen, daß er mit uns ginge, und
flüsterte mir zu:
»Laß ihn nicht mitkommen; ich kann ihn nicht
leiden.«
Da ich ihn auch nicht leiden konnte, so nahm ich
mir die Freiheit und sagte ihm, er wäre sehr
liebenswürdig, aber wir brauchten keine Begleitung.
Diese Bemerkung nahm er mit einem gellenden
Gelächter entgegen, und ein paar Schritte
zurückbleibend, kam er in einiger Entfernung hinter
uns einhergeschlurrt.
Da ich neugierig war zu erfahren, ob Biddy ihn
auch verdächtigte, bei dem mörderischen Anfall,
über den meine Schwester keinerlei Aufklärung zu
geben vermochte, die Hand im Spiele gehabt zu
haben, so fragte ich sie, warum sie ihn nicht leiden
könne.
»Oh!« erwiderte sie und sah über die Schulter
nach ihm hin, während er noch immer hinter uns
herschlurrte, »weil ich -- weil ich fürchte, er hat
mich gern.«
»Hat er dir jemals gesagt, er habe dich gern?«
fragte ich entrüstet.
»Nein«, sagte Biddy, abermals über die Schulter
guckend, »er hat's mir noch nie gesagt; aber immer,
wenn er einen Blick von mir erhascht, kommt er auf
mich losgetanzt.«
So seltsam und neu mir auch dieses Zeugnis von
Zuneigung vorkam, so zweifelte ich doch nicht im
geringsten an der Richtigkeit der Deutung. Ich
erhitzte mich wirklich gewaltig darüber, daß Alt-
Orlick es wagte, sie zu bewundern; erhitzte mich so
sehr darüber, wie wenn es eine Beleidigung gegen
mich selbst wäre.
»Aber das macht dir ja nichts aus, weißt du«,
sagte Biddy ruhig.
»Nein, Biddy, es macht mir nichts aus; bloß
gefällt es mir nicht; ich billige es nicht.«
»Ich auch nicht«, sagte Biddy. »Aber das macht
dir ja auch nichts aus.«
»Ganz recht«, sagte ich, »aber ich muß dir sagen,
daß du für mich nicht existieren würdest, Biddy,
wenn er mit deiner eigenen Einwilligung auf dich
losgetanzt käme.«
Nach diesem Abend hielt ich ein Auge auf Orlick,
und sobald die Umstände ihn einzuladen schienen,
auf Biddy loszutanzen, stellte ich mich vor ihn, um
dieses Kunststück zu vereiteln. Er hatte in Joes
Werkstatt Wurzel gefaßt, weil meine Schwester eine
so plötzliche Neigung für ihn zeigte, sonst hätte ich
versucht, seine Entlassung durchzusetzen. Er
verstand meine guten Absichten vollkommen und
vergalt sie mir auch, wie ich später zu erfahren
Ursache fand.
Und jetzt, weil mein Gemüt so noch nicht verwirrt
genug war, verzwickte ich seine Verwirrung um das
Tausendfältige, indem ich Zustände und
Augenblicke durchmachte, wo ich klar einsah, daß
Biddy unermeßlich besser war als Estella und daß
das ehrbare, schlichte Arbeiterleben, zu dem ich
geboren war, nichts an sich hatte, worüber man sich
zu schämen brauchte, sondern mir genügenden
Anhalt gewährte, mich selbst zu achten und
glücklich zu sein. Zu solchen Zeiten entschloß ich
mich endgültig, es sollte vorbei sein mit meinem
Unwillen gegen den lieben Joe und gegen die
Schmiede, und ich wollte mit der Zeit ganz vergnügt
und froh ein Teilhabergeschäft mit Joe anfangen
und mich mit Biddy zusammentun. Und dann fiel
plötzlich irgendeine niederschlagende Erinnerung
an die Havisham-Tage gleich einem zerstörenden
Wurfgeschoß auf mich nieder und trieb meine
Vernunft wieder in alle Winde. In alle Winde
getriebene Vernunft aufzulesen dauert eine lange
Weile; und oftmals, bevor ich sie noch recht
wiederaufgelesen hatte, wurde sie abermals nach
allen Himmelsrichtungen auseinandergejagt durch
einen zufälligen Gedanken, Fräulein Havisham
würde am Ende noch, wenn erst meine Lehrjahre
vorüber wären, mein Glück machen.
Wäre meine Lehrzeit abgelaufen, ich würde gewiß
noch immer auf der Höhe meiner Verwirrung mich
befunden haben. Sie lief indessen niemals ab,
sondern wurde zu einem vorzeitigen Abschluß
gebracht, wie ich jetzt berichten werde.
Achtzehntes Kapitel

Es war im vierten Jahr, daß ich Joes Lehrjunge war,


und es war an einem Samstagabend. Um das Feuer
in den »Drei lustigen Bootsknechten« saß eine
Gruppe herum und horchte aufmerksam auf Herrn
Wopsle, der mit lauter Stimme die Zeitung vorlas.
Zu dieser Gruppe gehörte auch ich.
Ein in hohem Maße epochemachender Mord war
begangen worden, und Herr Wopsle war in Blut
getaucht bis zu den Augenbrauen. Er schwelgte in
jedem entsetzlichen Beiwerk, womit die
Beschreibung ausgeschmückt war, und
identifizierte sich mit jeglichem Zeugen, der bei der
Untersuchung aufgetreten war. Als das Opfer
stöhnte er schwach: »Ich bin hin«, und als der
Mörderer brüllte er barbarisch: »Ich will dir's
einsalzen.« Er las das ärztliche Zeugnis, indem er
genau unseren hiesigen Doktor nachahmte, und als
der bejahrte Schlagbaumhüter, der die Schläge
gehört hatte, pfiff und zitterte er in einer so
gichtbrüchigen Weise, daß er uns alle an der
Zurechnungsfähigkeit dieses Zeugen zweifeln
machte. Der Leichenbeschauer wurde in Herrn
Wopsles Händen zu einem Timon von Athen[3 ] , der
Büttel zu einem Koriolan[4 ] . Er amüsierte sich
prächtig, und wir alle amüsierten uns und waren
sehr gemütlich beisammen. In diesem traulichen
Gemütszustand gelangten wir dann zu dem
Wahrspruch: Vorsätzlicher Mord.
Dann, und nicht eher, wurde ich eines fremden
Herrn gewahr, der sich über die Lehne der mir
gegenüberbefindlichen Bank neigte und zusah. Auf
seinem Gesicht lag ein Ausdruck der Verachtung,
und er biß sich von der Seite in einen großen
Zeigefinger, während er der Gruppe von Gesichtern
zusah.
»Na!« sagte der Fremde zu Herrn Wopsle, als
dieser ausgelesen hatte. »Sie haben zweifelsohne
alles zu Ihrer Zufriedenheit entschieden.«
Jedermann fuhr empor und sah auf, wie wenn der
Mörder zu uns spräche. Er sah kalt und sarkastisch
jedermann an.
»Schuldig, natürlich?« fragte er. »Heraus damit!
Machen Sie nur!«
»Mein Herr«, entgegnete Herr Wopsle, »ohne die
Ehre Ihrer Bekanntschaft zu genießen, sage ich
auch wirklich schuldig.«
Daraufhin faßten wir uns ein Herz und ließen ein
beifälliges Gemurmel hören.
»Das weiß ich«, sagte der Fremde. »Das wußte ich
vorher. Das sagte ich Ihnen ja auch. Aber jetzt will
ich Sie etwas fragen. Wissen Sie, daß das englische
Gesetz jeden Menschen für unschuldig hält, bis
seine Schuld bewiesen ist -- bewiesen ist?«
»Mein Herr«, begann Herr Wopsle zu erwidern,
»als Engländer selber bin ich --«
»Nichts da!« sagte der Fremde und biß sich den
Zeigefinger und schlenkerte ihn nach Herrn Wopsle
hin. »Umgehen Sie die Frage nicht! Entweder
wissen Sie's, oder Sie wissen's nicht. Was von
beidem ist der Fall?«
Er hielt den Kopf auf die Seite geneigt und stand
selbst in einer prahlerischen Manier auf die Seite
geneigt, und er schlenkerte den Zeigefinger nach
Herrn Wopsle hin -- wie um ihn besonders
hervorzuheben --, bevor er wieder daran herumbiß.
»Nun!« sagte er. »Wissen Sie's, oder wissen Sie's
nicht?«
»Gewiß weiß ich's«, erwiderte Herr Wopsle.
»Gewiß wissen Sie's. Warum sagten Sie das dann
nicht gleich? Nun will ich Sie noch was anderes
fragen«, und er ergriff von Herrn Wopsle Besitz,
wie wenn er ein Recht auf ihn hätte. »Wissen Sie,
daß noch keiner dieser Zeugen ins Kreuzverhör
genommen worden ist?«
Herr Wopsle begann:
»Ich kann nur sagen --«
Aber der Fremde unterbrach ihn.
»Was? Sie wollen die Frage nicht beantworten? Ja
oder nein? Nun, ich will Sie noch einmal
vernehmen.« Und er schlenkerte abermals seinen
Finger nach ihm hin. »Hören Sie wohl drauf! Wissen
Sie, oder wissen Sie nicht, daß noch keiner dieser
Zeugen ins Kreuzverhör genommen worden ist?
Nichts da! Ich will nur ein Wort von Ihnen hören.
Ja, oder nein?«
Herr Wopsle zauderte; und wir fingen schon alle
an, eine recht schlechte Meinung von ihm zu
erhalten.
»Nun gut!« sagte der Fremde. »Ich will Ihnen
helfen. Sie verdienen keine Hilfe, aber ich will
Ihnen helfen. Sehen Sie das Papier an, das Sie in der
Hand halten. Was ist es?«
»Was es ist?« wiederholte Herr Wopsle, es ratlos
anstarrend.
»Ist es«, fuhr der Fremde fort und schlug den
sarkastischsten und mißtrauischsten Ton an, der
ihm zur Verfügung stand, »das gedruckte Blatt, aus
dem Sie eben vorgelesen haben?«
»Ohne Zweifel.«
»Ohne Zweifel. Nun wenden Sie sich an dieses
Blatt und sagen Sie mir, ob es genau festsetzt, daß
der Gefangene ausdrücklich sagte, seine
gerichtlichen Beiräte hätten ihm die Weisung
gegeben, sich seine Verteidigung gänzlich
vorzubehalten?«
»Das las ich doch soeben«, wandte Herr Wopsle
ein.
»Einerlei, was Sie soeben lasen, Herr; ich frage
nicht, was Sie soeben lasen. Meinetwegen mögen Sie
das Vaterunser von hinten lesen, wenn Sie wollen --
und haben es am Ende schon längst einmal getan.
Wenden Sie sich an das Blatt. Nein, nein, nein, mein
Freund; gucken Sie nicht oben auf die Seite; Sie
wissen besser Bescheid; unten, unten.« (Wir alle
fingen schon an, Herrn Wopsle für einen rechten
Held fauler Ausflüchte zu halten.) »Na, haben Sie's
gefunden?«
»Hier ist es«, sagte Herr Wopsle.
»Nun, folgen Sie dieser Stelle mit dem Auge und
sagen Sie mir, ob sie genau feststellt, daß der
Gefangene ausdrücklich sagte, er habe von seinen
gerichtlichen Beiräten die Weisung erhalten, seine
Verteidigung sich gänzlich vorzubehalten. Na!
Lesen Sie das daheraus?«
Herr Wopsle antwortete:
»Das ist nicht genau der Wortlaut.«
»Nicht genau der Wortlaut!« wiederholte der
Herr in bitterem Tone. »Ist es genau der Sinn?«
»Ja«, sagte Herr Wopsle.
»Ja!« wiederholte der Fremde, indem er sich in
der übrigen Gesellschaft umsah und die rechte
Hand gegen den Zeugen, Wopsle, ausstreckte. »Und
nun frage ich Sie, was meinen Sie zu dem Gewissen
dieses Mannes, der, während er doch diese Stelle
vor Augen hat, den Kopf auf seine Kissen legen
kann, nachdem er einen Mitmenschen als schuldig
erklärt hat, ohne ihn anzuhören?«
Wir fingen alle an, den Verdacht zu hegen, Herr
Wopsle wäre nicht der Mann, für den wir ihn
gehalten hätten, und man käme allmählich hinter
seine Schliche.
»Und dieser selbe Mann, bedenken Sie«, fuhr der
Herr fort, indem er seinen Finger wuchtig nach
Herrn Wopsle hinschleuderte; »dieser selbe Mann
kann vielleicht als Geschworener zu diesem selben
Prozeß geladen werden und kehrt am Ende trotz so
tiefer Versündigung zu dem Busen seiner Familie
zurück und legt den Kopf auf sein Kissen, nachdem
er mit Bedacht beschworen hat, er wolle wahrhaftig
und nach besten Kräften den streitigen Punkt
zwischen Unserem Allerhöchsten Herrn und König
und dem Angeklagten abwägen und gemäß den
Zeugenaussagen einen wahren und rechten Spruch
fällen, so Gott ihm helfe!«
Wir waren alle vollkommen überzeugt, daß der
unglückliche Wopsle zu weit gegangen war, und
lieber in seiner leichtsinnigen Laufbahn haltmachen
sollte, solange es noch Zeit wäre.
Mit einer Miene nicht zu bestreitender Autorität
und einem Wesen, das zu besagen schien, er wisse
von jedem einzelnen unter uns etwas Geheimes, das,
wenn er es aufzudecken beliebe, jeden einzelnen
von uns unrettbar zu Grunde richten würde, trat
jetzt der Fremde von der Lehne der Bank fort und
kam in den freien Raum zwischen den beiden
Bänken vorm Feuer. Dort blieb er stehen, steckte
die linke Hand in die Tasche und biß sich den
Zeigefinger der rechten.
»Aus einer Mitteilung, die mir zugegangen ist«,
sagte er und sah sich nach uns um, die wir alle vor
ihm zitterten, »habe ich Ursache zu glauben, daß
unter Ihnen ein Grobschmied ist, des Namens
Joseph -- oder Joe -- Gargery. Welches ist der
Mann?«
»Hier ist der Mann«, sagte Joe.
Der fremde Herr winkte ihm, von seinem Platze
fortzukommen, und Joe ging.
»Sie haben einen Lehrjungen«, fuhr der Fremde
fort, »der allgemein unter dem Namen Pip bekannt
ist? Ist er hier?«
»Ich bin hier!« rief ich.
Der Fremde erkannte mich nicht, aber ich
erkannte in ihm den Herrn, den ich anläßlich
meines zweiten Besuches bei Fräulein Havisham auf
der Treppe getroffen hatte. Seine Erscheinung war
zu merkwürdig, als daß ich sie hätte vergessen
sollen. Ich hatte ihn gleich in dem Augenblick
erkannt, wo ich ihn über die Bank herübergucken
sah, und jetzt, wo ich ihm gegenüberstand und er
seine Hand auf meine Schulter legte, nahm ich noch
einmal ganz genau in Augenschein seinen großen
Kopf, seine dunkle Farbe, seine tiefliegenden
Augen, seine buschigen schwarzen Brauen, seine
große Uhrkette, seine starken, schwarzen Flecken
von Bart und Schnurrbart und selbst den Duft nach
parfümierter Seife, der seiner großen Hand
anhaftete.
»Ich wünsche, mit Ihnen beiden eine geheime
Unterredung zu haben«, sagte er, nachdem er mich
mit Muße betrachtet hatte. »Es wird eine kleine
Weile dauern. Am Ende gehen wir am besten nach
ihrem Wohnort. Ich ziehe es vor, mit meiner
Mitteilung hier nicht vorzugreifen; Sie werden
hinterher Ihren Freunden soviel oder sowenig
mitteilen, wie Sie wollen; das geht mich nichts an.«
Inmitten eines verwunderten Schweigens
verließen wir drei die »Lustigen Bootsknechte«,
und in einem verwunderten Schweigen gingen wir
nach Hause. Während wir so dahinschritten, blickte
dann und wann der fremde Herr mich an, und dann
und wann biß er sich von der Seite in seinen Finger.
Als wir uns dem Hause näherten, kam Joe der vage
Gedanke, es handle sich um etwas Eindrucksvolles
und Feierliches, und er ging voraus, um die
Vordertür zu öffnen. Unsere Unterredung fand statt
in der guten Stube, die matt durch eine Kerze
erleuchtet war.
Sie begann damit, daß der fremde Herr sich an
den Tisch setzte, die Kerze zu sich hinzog und ein
paar Notizen in seinem Taschenbuch durchlas.
Dann klappte er das Notizbuch zu und setzte die
Kerze ein wenig zur Seite, nachdem er um sie herum
nach Joe und mir in die Finsternis hineingelugt
hatte, um sich zu vergewissern, wo der eine und wo
der andere war.
»Mein Name«, sagte er, »ist Jaggers, und ich bin
ein Anwalt in London. Ich bin wohlbekannt. Ich
habe mit Ihnen ein ungewöhnliches Geschäft zu
erledigen und erkläre Ihnen zunächst einmal, daß
dieses Geschäft nicht von mir angeregt ist. Hätte
man mich um Rat gefragt, so wäre ich nicht hier.
Man hat mich nicht um Rat gefragt, und so sehen
Sie mich hier. Was ich als vertraulicher Vertreter
eines anderen zu tun habe, das tue ich. Nichts
weniger, nichts mehr.«
Da er fand, daß er uns von der Stelle aus, wo er
saß, nicht recht sehen konnte, so stand er auf und
hob ein Bein über die Lehne eines Stuhles und
stützte sich darauf, indem er so mit einem Fuß auf
dem Sitz des Stuhles und mit einem Fuß auf der
Erde stand.
»Nun, Joseph Gargery, ich bin der Überbringer
eines Anerbietens, das dahin geht, diesen jungen
Burschen seines Lehrvertrages zu entbinden. Sie
würden doch nichts dagegen haben, auf sein
Ersuchen hin und zu seinem Besten den Kontrakt zu
lösen? Sie würden doch dafür nichts
beanspruchen?«
»Der Herr verhüte, daß ich etwas dafür
beanspruchen sollte, wenn ich mich Pip nicht in den
Weg stelle!« rief Joe erstaunt.
»›Der Herr verhüte‹ ist eine sehr fromme
Redensart, tut aber nichts zur Sache«, entgegnete
Herr Jaggers. »Die Frage ist: Würden Sie etwas
beanspruchen? Beanspruchen Sie etwas?«
»Die Antwort ist«, entgegnete Joe schroff,
»nein!«
Mir kam es so vor, als sähe Herr Jaggers Joe mit
einem Blicke an, wie wenn er ihn für einen Esel
halte, daß er so uneigennützig sei. Aber ich befand
mich in so atemloser Spannung und war so
überrascht, daß ich viel zu verwirrt war, um dessen
gewiß zu sein.
»Sehr wohl«, sagte Herr Jaggers. »Denken Sie an
das Zugeständnis, das Sie eben gemacht haben, und
versuchen Sie nicht, davon nun wieder
abzuweichen.«
»Wer will denn so was schon versuchen?«
versetzte Joe.
»Ich sage nicht, daß es jemand versuchen will.
Halten Sie sich einen Hund?«
»Ja, ich halte mir einen Hund.«
»Dann merken Sie sich. Prahlhans ist ein guter
Hund, aber Haltefest ist ein besserer. Merken Sie
sich das, verstanden!« wiederholte Herr Jaggers,
schloß die Augen und nickte Joe zu, wie wenn er
ihm etwas vergäbe. »Nun kehre ich zu diesem
jungen Burschen zurück. Und die Mitteilung, die ich
zu machen habe, ist: Er hat große Erwartungen.«
Joe und ich atmeten jäh auf und guckten einander
an.
»Ich habe Weisung, ihm mitzuteilen«, sagte Herr
Jaggers, von der Seite seinen Finger nach mir
hinschlenkernd, »daß er ein hübsches Vermögen
erhalten wird. Ferner, daß es der Wunsch des
gegenwärtigen Besitzers dieses Vermögens ist, er
solle ohne weiteres seiner jetzigen Lebenssphäre
entrückt, von diesem Platze fortgenommen und als
vornehmer Herr erzogen werden -- mit einem Wort,
als junger Bursche von großen Erwartungen.«
Mein Traum war zu Ende; meine wilde Phantasie
war durch die nüchterne Wirklichkeit überboten
worden; Fräulein Havisham wollte doch noch im
großen Maßstabe mein Glück machen.
»Nun, Herr Pip«, fuhr der Anwalt fort, »das
übrige, was ich zu sagen habe, sage ich zu Ihnen.
Zuerst haben Sie zu verstehen, daß es die Person,
von der ich meine Weisungen erhalte, verlangt, Sie
sollen immer den Namen Pip beibehalten. Sie
werden gewiß nichts dagegen haben, daß Ihre
großen Erwartungen mit dieser leichten Bedingung
belastet werden. Aber wenn Sie irgend etwas
einzuwenden haben, so ist jetzt die Zeit, eine solche
Einwendung zu nennen.«
Mein Herz schlug so schnell und in meinen Ohren
sang und summte es so laut, daß ich kaum
hervorstammeln konnte, ich hätte nichts
einzuwenden.
»Das denk' ich auch! Nun haben Sie zweitens zu
verstehen, Herr Pip, daß der Name der Person, die
Ihr freigebiger Wohltäter ist, tiefes Geheimnis
bleibt, bis die Person ihren Namen zu enthüllen
beliebt. Ich bin bevollmächtigt zu erwähnen, daß es
die Absicht dieser Person ist, ihren Namen Ihnen
zuerst mündlich zu sagen. Wann diese Absicht
ausgeführt werden wird, kann ich nicht sagen; das
kann niemand sagen. Es können bis dahin viele
Jahre vergehen. Nur haben Sie ganz genau zu
verstehen, daß es Ihnen auf das ausdrücklichste
untersagt ist, in dieser Hinsicht irgendwelche
Anfragen zu stellen oder in Ihrem Verkehr mit mir
irgendwelche, sei es auch noch so ferne Anspielung
oder Bezugnahme laut werden zu lassen, als sei die
oder die Person, sei es, wer es sei, diejenige Person,
der Sie dieses verdanken. Wenn Sie für sich
irgendeine Vermutung hegen, so behalten Sie auch
diese Vermutung für sich. Es tut nichts im
mindesten zur Sache, was für Gründe zu diesem
Verbot vorliegen; es sind vielleicht die stärksten
und schwersten Gründe; oder es ist vielleicht auch
nur eine bloße Grille. Sie haben nicht danach zu
fragen. Die Bedingung wird ausgemacht. Die
Bedingung, daß Sie sie annehmen und für bindend
halten, ist die einzige noch übrige Bedingung, mit
der ich von der Person beauftragt bin, die mir
meine Weisungen erteilt hat und für die ich sonst
nicht verantwortlich bin. Diese Person ist dieselbe
Person, von der Sie Ihre Erwartungen haben, und
das Geheimnis wird einzig und allein geteilt von
dieser Person und mir. Wiederum keine sonderlich
schweren Bedingungen, mit der ein solches rasch
erblühendes Glück belastet wird; aber sofern Sie
irgend etwas einzuwenden haben, jetzt ist die Zeit,
eine solche Einwendung zu machen. Sprechen Sie!«
Abermals stotterte ich mit Mühe, ich hätte keine
Einwendungen.
»Das dächte ich auch! Nun, Herr Pip, bin ich mit
den Bedingungen fertig.«
Obwohl er mich »Herr Pip« nannte und mir fast
um den Bart zu gehen schien, konnte er doch einen
gewissen Zug prahlerischen Argwohns nicht ablegen
und schloß sogar dann und wann die Augen und
schnellte, während er sprach, seinen Finger nach
mir hin, wie wenn er sagen wollte, er wisse
allerhand, was mich in die Klemme bringen würde,
wenn er nur erzählen wollte.
»Wir kommen nun zu den bloßen Einzelheiten
der Anordnung. Sie müssen wissen, daß, obgleich
ich den Ausdruck ›Erwartungen‹ des öfteren
gebraucht habe, Sie doch nicht bloß mit
Erwartungen abgespeist sind. In meinen Händen
liegt schon eine Geldsumme, die vollkommen
hinreicht, Sie passend zu erziehen und zu
unterhalten. Sie werden mich gefälligst als Ihren
Vormund ansehen. Oh!« -- denn ich wollte ihm
danken -- »ich sage Ihnen von vornherein, ich
werde für meine Dienste bezahlt, sonst würde ich sie
nicht leisten. Man meint, Sie müßten besser erzogen
werden gemäß Ihrer veränderten Stellung und
würden einsehen, wie wichtig und notwendig es sei,
diesen Vorteil sogleich zu genießen.«
Ich sagte, ich hätte mich immer danach gesehnt.
»Einerlei, wonach Sie sich immer gesehnt haben,
Herr Pip«, versetzte er; »bleiben Sie bei der Sache.
Wenn Sie sich jetzt danach sehnen, so genügt das.
Soll die Antwort sein, daß Sie bereit sind, sofort
einem geeigneten Erzieher unterstellt zu werden?
Ja?«
Ich stotterte, ja, das solle die Antwort sein.
»Gut. Jetzt sind Ihre Neigungen in Betracht zu
ziehen. Das halte ich nicht für klug, verstehen Sie,
aber es ist mein Auftrag. Haben Sie je von einem
Erzieher gehört, den Sie nun einem anderen
vorziehen würden?«
Ich hatte noch von keinem Erzieher gehört; so
verneinte ich denn die Frage.
»Ich kenne einen gewissen Erzieher, der uns
vielleicht recht sein wird«, sagte Herr Jaggers. »Ich
empfehle ihn nicht, merken Sie wohl; weil ich
niemals jemanden empfehle. Der Herr, von dem ich
spreche, ist ein Herr Matthew Pocket.«
Ah! Ich erinnerte mich des Namens sofort.
Fräulein Havishams Verwandter. Der Matthew, von
dem Herr und Frau Camilla gesprochen hatten. Der
Matthew, dessen Platz zu Häupten des Fräulein
Havisham sein soll, sobald sie im Brautkleid auf
dem Brauttisch tot daliegen würde.
»Sie kennen den Namen?« fragte Herr Jaggers,
sah mich pfiffig an und schloß dann die Augen, auf
Antwort wartend.
Meine Antwort war, ich hätte den Namen einmal
gehört.
»Oh!« sagte er, »Sie haben den Namen gehört?
Aber die Frage ist: was meinen Sie dazu?«
Ich sagte oder versuchte zu sagen, ich wäre ihm
sehr verbunden für seine Empfehlung --
»Nein, mein junger Freund!« unterbrach er mich,
ganz langsam den großen Kopf schüttelnd.
»Vergessen Sie nicht!«
Da ich aber doch vergaß, so begann ich nochmals,
ich wäre ihm sehr verbunden für seine Empfehlung.
»Nein, mein junger Freund«, unterbrach er mich,
schüttelte den Kopf und sah mich zugleich mit
finsterer Stirn und einem freundlichen Lächeln an;
»nein, nein, nein; das ist gut und schön, aber das
taugt nichts; Sie sind zu jung, um mir so zu kommen.
Empfehlung ist nicht das rechte Wort, Herr Pip.
Versuchen Sie's mit einem anderen.«
Mich verbessernd, sagte ich, ich wäre ihm sehr
verbunden für die Erwähnung des Herrn Matthew
Pocket --
»So ist's eher richtig!« rief Herr Jaggers.
-- Und (setzte ich hinzu) ich wollte es gern mit
diesem Herrn versuchen.
»Gut. Sie versuchen's am besten in seinem
eigenen Hause. Der Weg soll für Sie bereitet
werden, und Sie können zuerst seinen Sohn sehen,
der in London ist. Wann wollen Sie nach London
kommen?«
Ich sagte (mit einem Blick auf Joe, der regungslos
dastand), ich könnte wahrscheinlich gleich
kommen.
»Zuerst«, sagte Herr Jaggers, »müssen Sie dazu
einen neuen Anzug haben, und das darf kein
Arbeitsanzug sein. Sagen wir: heute über acht Tage.
Sie werden etwas Geld benötigen. Soll ich Ihnen
zwanzig Guineen hier lassen?«
Er zog mit der größten Gelassenheit eine große
Börse vor und zählte sie auf den Tisch und schob sie
mir hinüber. Hierbei hatte er zum erstenmal sein
Bein von dem Stuhl heruntergenommen. Er setzte
sich rittlings auf den Stuhl, als er mir das Geld
zugeschoben hatte, blickte nach Joe hin und sagte,
seine Börse schaukelnd:
»Na, Joseph Gargery? Sie sehen ja ganz verdutzt
aus.«
»Das bin ich!« rief Joe, in sehr entschiedenem
Tone.
»Es war ausgemacht, daß Sie nichts für sich selbst
beanspruchen wollten, vergessen Sie das nicht!«
»Es war ausgemacht«, sagte Joe. »Und es ist
ausgemacht. Und wird demgemäß auch ausgemacht
bleiben.«
»Aber was«, sagte Herr Jaggers, seine Börse
schaukelnd, »was, wenn ich die Weisung hätte,
Ihnen ein Geschenk zu machen als Entschädigung?«
»Als Entschädigung wofür?« fragte Joe.
»Für den Verlust seiner Dienste.«
Joe legte seine Hand auf meine Schulter, und die
Berührung war zart, wie die einer Frau. Seitdem
habe ich ihn in Gedanken oft mit dem
Dampfhammer verglichen, der einen Menschen
zermalmen oder eine Eierschale aufklopfen kann,
so paarte sich in ihm Kraft mit Sanftmut.
»Mit so großer Freude«, sagte Joe, »wie Worte
sie nicht schildern können, verzichte ich auf Pips
Dienste und lasse ihn ungehindert gehen zu seiner
Ehre und seinem Glück. Aber wenn Sie meinen,
Geld könne mir eine Entschädigung geben für den
Verlust des kleinen Kindes -- das nach der Schmiede
gekommen ist -- und -- immer die besten Freunde --

O lieber guter Joe, den ich so bereitwillig verließ,
dem ich so wenig Dank entgegengebracht hatte, ich
sehe dich noch, wie du deinen muskulösen
Grobschmiedsarm vor die Augen legtest, wie sich
deine breite Brust hob und deine Stimme erstarb! O
lieber, guter, treuer, zärtlicher Joe! Ich fühle das
liebende Zittern deiner Hand auf meinem Arm
heutigen Tages mit so feierlichem Schaudern, als
wäre es das Rauschen eines Engelsfittiches
gewesen!
Damals aber sprach ich Joe zu. Ich verlor mich im
Irrgarten meines zukünftigen Glückes und konnte
die Nebenwege nicht wieder auffinden, die wir
zusammen betreten hatten. Ich bat Joe, sich doch
zu trösten, denn (wie er gesagt hätte) wären wir ja
immer die besten Freunde gewesen und (wie ich
gesagt hätte) würden wir das auch immer bleiben.
Joe bohrte sich mit seinem freien Handgelenk in die
Augen hinein, wie wenn er es sich selbst ausdrücken
wollte, sagte aber kein Wort weiter.
Herr Jaggers hatte dem zugesehen, wie jemand,
der in Joe den Dorfnarren und in mir seinen Wärter
erkannt hatte. Als es vorüber war, sagte er, die
Börse, die er zu schwingen aufgehört hatte, in seiner
Hand wiegend:
»Nun, Joseph Gargery, ich sage Ihnen, dies ist
Ihre letzte Chance. Bei mir gibt's nichts Halbes.
Wenn Sie ein Geschenk nehmen wollen, das ich
Ihnen zu machen beauftragt bin, so sprechen Sie,
und Sie sollen es haben. Wenn Sie aber im Gegenteil
--«
Hier wurde er zu seinem großen Erstaunen
unterbrochen, denn Joe fuhr plötzlich nach ihm
herum mit allen Anzeichen des grimmigen
Vorsatzes, sich mit ihm zu prügeln.
»Das heißt«, rief Joe, »wenn Sie in meine
Wohnung kommen und mich bloß hänseln und an
der Nase herumführen wollen, dann packen Sie
sich! Das heißt, wenn Sie 'n Mann sind, dann
kommen Sie 'ran! Das heißt, was ich sage, das ist
auch mein Ernst, und dabei bleib' ich oder falle in
Ehren!«
Ich zog Joe fort, und er wurde auch gleich wieder
friedlich; er sagte mir nur im Tone einer
liebenwürdigen und höflich-vorwurfsvollen
Bemerkung für irgend jemand, den sie am Ende
grade angehen konnte, er lasse sich nicht in seiner
eigenen Wohnung hänseln und an der Nase
herumziehen.
Herr Jaggers hatte sich erhoben, als Joe seine
Anstalten machte, und hatte sich nach der Tür
zurückgezogen. Ohne irgendwelche Neigung zu
bekunden, wieder hereinzukommen, machte er dort
seine Abschiedsbemerkungen. Diese waren
folgende:
»Nun, Herr Pip, ich meine, je eher Sie diesen
Platz verlassen -- denn Sie sollen ein vornehmer
Herr werden --, um so besser ist es. Es mag dabei
bleiben, heute über acht Tage, und Sie werden bis
dahin meine gedruckte Adresse erhalten. Sie
können eine Mietskutsche auf dem Postkutschen-
Amt in London nehmen und schnurstracks zu mir
kommen. Verstehen Sie wohl: Ich drücke keine
Ansicht dieser oder jener Art aus über den Auftrag,
dem ich mich unterzogen habe. Ich werde dafür,
daß ich mich ihm unterziehe, bezahlt, und deswegen
unterziehe ich mich ihm. Zum letztenmal, verstehen
Sie das wohl, hören Sie? Verstehen Sie das wohl!«
Er schnellte seinen Finger nach uns beiden und
würde, glaube ich, noch weitergesprochen haben;
da er aber Joe für gefährlich zu halten schien, so
ging er.
Mir kam etwas in den Kopf, was mich bewegte,
hinter ihm herzulaufen, während er nach den
»Lustigen Bootsknechten« ging, wo er eine
Mietskutsche zurückgelassen hatte.
»Verzeihen Sie, Herr Jaggers.«
»Hollah!« sagte er, sich umdrehend, »was
gibt's?«
»Ich wünsche, in allem recht zu handeln, Herr
Jaggers, und Ihre Weisungen einzuhalten. Deshalb
dachte ich, ich könnte lieber erst mal fragen. Wäre
etwas dagegen einzuwenden, daß ich mich von
einigen Bekannten hier verabschiede, bevor ich
fortgehe?«
»Nein«, sagte er und sah drein, wie wenn er mich
nicht recht verstände.
»Ich meine nicht bloß im Dorf, sondern auch in
der Stadt!«
»Nein«, sagte er, »dagegen ist nichts
einzuwenden.«
Ich dankte ihm und lief wieder nach Hause, und
dort fand ich, daß Joe die Vordertür schon wieder
verschlossen und die gute Stube verlassen und sich
ans Küchenfeuer gesetzt hatte. Die Hände auf die
Knie stützend, starrte er gespannt nach den
brennenden Kohlen. Auch ich setzte mich vor dem
Feuer nieder und starrte nach den Kohlen, und eine
lange Zeit wurde nichts gesprochen.
Meine Schwester saß in ihrem gepolsterten Stuhl
in ihrem besonderen Winkel, und Biddy saß mit
ihrer Handarbeit am Feuer, und Joe saß neben
Biddy, und ich saß neben Joe in dem Winkel meiner
Schwester gegenüber. Je mehr ich in die glühenden
Kohlen blickte, je weniger war ich imstande, Joe
anzublicken; je länger das Schweigen dauerte, um so
mehr verlor ich die Kraft zu sprechen.
Endlich brachte ich heraus:
»Joe, hast du's Biddy gesagt?«
»Nein, Pip«, entgegnete Joe, indem er noch
immer ins Feuer blickte und sich die Knie festhielt,
wie wenn ihm im geheimen die Meldung zugegangen
wäre, diese seine Knie wollten irgendwohin
durchbrennen; »denn das wollte ich dir überlassen,
Pip.«
»Mir wär's lieber, du sagtest es, Joe.«
»Na also, Pip ist ein vornehmer Herr von
Vermögen«, sagte Joe, »und Gott lasse es ihm zum
Segen werden.«
Biddy ließ ihre Arbeit fallen und sah mich an. Joe
hielt sich die Kniee und sah mich an. Ich sah sie
beide an. Nach einer Pause beglückwünschten sie
beide mich herzlich; aber es lag ein Anflug von
Trauer in ihren Beglückwünschungen, und das
berührte mich peinlich.
Ich nahm es auf mich, Biddy zu überzeugen (und
durch Biddy Joe zu überzeugen), wie tief meiner
Ansicht nach meine Freunde verpflichtet seien,
nichts zu wissen und nichts zu sagen von der
Person, die mein Glück mache. Zur rechten Zeit,
bemerkte ich, würde schon alles herauskommen,
und inzwischen dürfe nichts gesagt werden, als daß
mir ein geheimnisvoller Gönner große Erwartungen
eröffnet habe. Biddy nickte mit dem Kopfe
nachdenklich nach dem Feuer hin und sagte, sie
wolle es sehr genau damit nehmen, und Joe, der sich
noch immer die Knie festhielt, sagte: »Ja, ja, ich
will's desgleichen sehr genau damit nehmen, Pip«;
und dann beglückwünschten sie mich nochmals und
fingen an, sich so sehr über den Gedanken, ich solle
ein vornehmer Herr werden, zu verwundern, daß es
mir halb und halb schon zuviel wurde.
Unsägliche Mühe machte sich dann Biddy,
meiner Schwester eine Vorstellung beizubringen
von dem, was vorgefallen war. Diese Anstrengungen
schlugen gänzlich fehl, soweit ich darüber Bescheid
weiß. Sie lachte und nickte vielmals mit dem Kopf
und sprach sogar Biddy die Worte »Pip« und
»Vermögen« nach. Aber ich bezweifle, ob sie mehr
Bedeutung für sie in sich schlossen als ein Wahlruf,
und dies ist die dunkelste Farbe, über die ich für ein
Bild von ihrem Geisteszustand verfüge.
Ich hätte es nie glauben können, ohne es erfahren
zu haben; aber als Joe und Biddy wieder lustiger
wurden, wurde ich ganz traurig. Unzufrieden mit
meinem Glück konnte ich natürlich nicht sein; aber
es kann möglich sein, daß ich, ohne zu wissen, mit
mir selber unzufrieden war.
Jedenfalls saß ich da, den Ellbogen auf das Knie
und das Gesicht auf die Hand gestützt, und sah in
das Feuer, während diese beiden von meinem
Fortgehen sprachen und sich ausmalten, wie sie
wohl ohne mich fortkommen sollten, und
dergleichen mehr. Und sobald ich einen von ihnen
darüber ertappte, daß er mich anblickte, wenn auch
noch so freundlich (und sie blickten mich oft an --
besonders Biddy), dann fühlte ich mich beleidigt,
wie wenn sie ein Mißtrauen gegen mich
ausdrückten. Und doch taten sie das, der Himmel
weiß es, weder durch Worte noch durch Gebärden.
In solchen Augenblicken stand ich auf und sah
zur Tür hinaus; denn unsere Küchentür führte
direkt in die Nacht hinaus und stand an
Sommerabenden offen, damit die Luft recht
durchziehen konnte. Die Sterne selbst, zu denen ich
dann die Augen erhob, hielt ich, fürchte ich, für nur
dürftige und ärmliche Sternchen, daß sie
herniederglitzerten auf die grobe, gewöhnliche
Umgebung, in der ich mein Leben zugebracht hatte.
»Samstag abend«, sagte ich, als wir zum Abend
unser Käsebrot und Bier zu uns genommen hatten.
»Noch fünf Tage, und dann ist's noch ein Tag bis zu
dem festgesetzten Tage! Die werden bald vorüber
sein.«
»Ja, Pip«, bemerkte Joe, dessen Stimme aus dem
Bierkrug hohl hervorklang. »Die sind bald
vorüber.«
»Bald, bald vorüber«, sagte Biddy.
»Ich habe gedacht, Joe, wenn ich am Montag
nach der Stadt hinuntergehe und meinen neuen
Anzug dort bestelle, dann werde ich dem Schneider
sagen, ich würde kommen und ihn dort anziehen,
oder ich werde ihn zu Herrn Pumblechook bringen
lassen. Es würde mir sehr unangenehm sein, wenn
ich hier von all den Leuten angestarrt würde.«
»Herr und Frau Hubble würden dich am Ende
auch sehr gern in deiner neuen feinen Ausstattung
sehen, Pip«, sagte Joe, indem er in der linken
Handfläche eifrig sein Brot mit dem Käse drauf
schnitt und auf mein unberührtes Abendbrot
guckte, wie wenn er an die Zeit dachte, wo wir uns
noch gegenseitig unsere Schnitten zeigten, »Wopsle
am Ende auch. Und die ›Lustigen Bootsknechte‹
würden es als Kompliment auffassen.«
»Das eben möchte ich nicht, Joe. Die Leute
würden solch ein Wesens davon machen -- würden
solch einen groben und gewöhnlichen Spektakel
darüber machen --, daß ich's nicht aushalten
könnte.«
»Ja, freilich, Pip!« sagte Joe. »Wenn du's nicht
aushalten könntest« --
Biddy fragte mich an dieser Stelle, während sie
meiner Schwester den Teller hielt:
»Hast du schon daran gedacht, wann du dich
Herrn Gargery und deiner Schwester und mir zeigen
willst? Du willst dich uns doch zeigen, nicht wahr?«
»Biddy«, entgegnete ich ein wenig ärgerlich, »du
bist so außerordentlich rasch, daß es schwer ist, mit
dir gleichen Schritt zu halten.«
(»Sie war immer rasch«, bemerkte Joe.)
»Wenn du noch einen Augenblick gewartet
hättest, Biddy, dann würdest du von mir gehört
haben, daß ich eines Abends meinen Anzug in einem
Bündel hierherbringen werde -- wahrscheinlich an
dem Abend, ehe ich weggehe.«
Biddy sagte nichts weiter. Ich verzieh ihr gern
und tauschte bald einen zärtlichen Gutenachtgruß
mit ihr und Joe aus und ging zu Bett. Als ich in
meine kleine Stube kam, setzte ich mich nieder und
sah sie lange an, das dürftige, kleine Gemach, von
dem ich bald scheiden sollte, um für immer darüber
erhaben zu sein. Es hingen frische junge
Erinnerungen daran, und selbst in diesem
Augenblick war mein Gemüt geteilt zwischen
diesem Gemach und den besseren Gemächern, die
meiner harrten, wie es so oft geteilt gewesen war
zwischen der Schmiede und dem Herrenhaus des
Fräuleins Havisham und zwischen Biddy und
Estella.
Die Sonne hatte den ganzen Tag hell auf das Dach
meines Bodenkämmerchens geschienen, und die
Stube war warm. Als ich das Fenster öffnete und
hinausblickte, sah ich Joe langsam an der dunklen
Tür unten erscheinen und zwei-, dreimal in der
frischen Luft hin- und hergehen; und dann sah ich
Biddy kommen, und sie brachte ihm eine Pfeife und
steckte sie für ihn an. Er rauchte nie so spät, und ich
schloß daraus, daß er aus irgendeinem Grunde des
Trostes bedurfte.
Gleich darauf stand er wieder an der Tür direkt
unter mir und rauchte seine Pfeife, und Biddy stand
auch dort und plauderte ruhig mit ihm, und ich
wußte, daß sie von mir sprachen, denn ich hörte
beide meinen Namen mehr als einmal in zärtlichem
Tone nennen. Wenn ich auch mehr hätte verstehen
können, so hätte ich doch nicht mehr länger
zuhören mögen; und so trat ich denn vom Fenster
fort und setzte mich in meinen einzigen Stuhl neben
dem Bett, und ein trauriges und eigenes Gefühl
beschlich mich, daß diese erste Nacht meines
heiteren Glückes die einsamste Nacht sein müßte,
die ich zu erfahren hatte.
Als ich nach dem offenen Fenster hinblickte, sah
ich leichte Wölkchen von Joes Pfeife dort
vorüberziehen, und ich bildete mir ein, das sei
gleichsam ein Segensspruch von Joe -- nicht mir
aufgedrängt oder prahlerisch zur Schau getragen,
sondern leise in die Luft gehaucht, die wir
zusammen teilten.
Ich löschte mein Licht aus und schlich zu Bett;
und jetzt war mein Bett hart und unbehaglich, und
nie wieder schlief ich darin den tiefen Schlaf von
ehedem.

[3]    Helden Shakespearescher Stücke gleichen Titels.


[4] Helden Shakespearescher Stücke gleichen Titels.
Neunzehntes Kapitel

Der Morgen bewirkte einen beträchtlichen


Unterschied in meinen allgemeinen Aussichten des
Lebens und ließ sie mir um soviel herrlicher
erscheinen, daß sie kaum noch dieselben zu sein
schienen. Was am schwersten auf meinem Gemüte
lag, war der Gedanke, daß sechs Tage zwischen mir
und dem Tage des Aufbruchs lagen; denn ich
konnte mich einer bösen Ahnung nicht entschlagen,
daß in der Zwischenzeit irgend etwas mit London
vorgehen möchte und daß es, wenn ich fort wäre,
entweder beträchtlich vermindert oder gänzlich
verschwunden sein möchte.
Joe und Biddy waren sehr teilnehmend und
liebevoll, als ich von unserer herannahenden
Trennung sprach; aber sie kamen nur darauf zu
sprechen, wenn ich das Thema berührte. Nach dem
Frühstück holte Joe meinen Lehrvertrag aus dem
Schranke in der guten Stube hervor, und wir warfen
ihn ins Feuer, und ich fühlte, daß ich frei war. Noch
unter dem Bann der ganzen Neuheit meiner
Ledigkeit, ging ich mit Joe zur Kirche und dachte,
der Prediger würde am Ende nicht das Kapitel vom
reichen Mann und dem Königreich des Himmels
vorgelesen haben, wenn er alles gewußt hätte.
Nach unserem zeitigen Mittagessen schlenderte
ich allein hinaus, in der Absicht, die Marschen ohne
weiteres abzutun und ein für allemal mit ihnen fertig
zu werden. Als ich an der Kirche vorüberkam,
fühlte ich (wie auch während des Gottesdienstes am
Morgen) ein erhabenes Mitleid mit den armen
Geschöpfen, die Sonntag für Sonntag ihr ganzes
Leben lang dorthin gehen mußten und schließlich
vergessen und versteckt unter den niedrigen grünen
Hügel gebettet wurden. Ich versprach mir selber,
demnächst etwas für sie zu tun, und machte in
großen Umrissen einen Plan zurecht, wie ich einem
jeden im Dorfe ein Mittagessen von Rostbeef und
Plumpudding und einem Maß Bier und einer
Gallone Herablassung auftischen wollte.
Wenn ich oft zuvor mit Ekel und Scham an meine
Genossenschaft mit dem Flüchtling gedacht hatte,
den ich einst unter diesen Gräbern hatte
herumhinken sehen: welcher Art waren erst meine
Gedanken an diesem Sonntag, als der Platz mir den
elenden zerlumpten und zitternden Kerl, mit dem
Verbrechereisen und dem Brandzeichen, wieder in
die Erinnerung rief! Mein Trost war, daß es schon
lange her war und daß er zweifelsohne in ein fernes
Land verschifft war und daß er für mich tot war und
vielleicht schon gar in Wahrheit tot war, wer konnte
es wissen.
Keine niederen nassen Gründe mehr, keine
Deiche und Schleusen, kein weidendes Vieh mehr --
obwohl es heute bei all seiner Stumpfheit und
Blödheit respektabler auszusehen schien, damit es
möglichst lange den Besitzer so großer Erwartungen
anglotzen könne --, lebt wohl, eintönige Bekannte
meiner Kindheit! Hinfort war ich für London und
das vornehme, großartige Getriebe bestimmt, nicht
für grobe Schmiedearbeit und nicht für euch!
Frohlockend schritt ich meines Weges nach der
alten Batterie, dort legte ich mich nieder und
überlegte mir die Frage, ob Fräulein Havisham mich
für Estella bestimmt hätte, und darüber schlief ich
ein.
Als ich aufwachte, sah ich zu meinem Erstaunen
Joe, eine Pfeife rauchend, neben mir sitzen. Er
begrüßte mich mit einem lustigen Lächeln, als ich
die Augen aufschlug, und sagte:
»Weil's doch das letztemal ist, Pip, da dacht' ich,
ich könnte ja nachkommen.«
»Und, Joe, es freut mich, daß du nachgekommen
bist.«
»Dank' schön, Pip.«
»Du kannst überzeugt sein, lieber Joe«, fuhr ich
fort, nachdem wir uns die Hände geschüttelt hatten,
»ich werde dich nie vergessen.«
»Nein, nein, Pip!« sagte Joe in ruhigem Tone.
»Davon bin ich überzeugt. Ja, ja, alter Junge! Du
liebe Zeit, es war bloß erst nötig, daß man's
ordentlich in den Kopf 'neinkriegte, eh' man's
wirklich glauben konnte. Aber ein Weilchen hat's
gedauert, bis man's ordentlich fest in den Kopf
'neingekriegt hat, weil eben die Veränderung so
ungewöhnlich plötzlich hereingeschneit gekommen
ist, was?«
Ich weiß nicht, wie es kam; aber es gefiel mir gar
nicht so recht, daß Joe meiner so sehr gewiß war. Es
würde mir mehr gefallen haben, wenn er Bewegung
gezeigt oder gesagt hätte: »Das macht dir Ehre,
Pip«, oder etwas dergleichen. Deshalb machte ich in
bezug auf Joes erste Worte keine Bemerkung und
sagte nur in Hinsicht auf seine zweite Auslassung,
die Nachricht wäre in der Tat etwas sehr plötzlich
gekommen, aber ich hätte immer danach verlangt,
ein vornehmer Herr zu werden, und hätte oftmals
darüber nachgedacht, was ich wohl tun würde, wenn
ich einer wäre.
»Was du sagst!« rief Joe. »Erstaunlich!«
»Es ist jetzt schade, Joe«, sagte ich, »daß du nicht
ein bißchen weitergekommen bist, als wir unsere
Stunden hatten, was?«
»Hm, ich weiß nicht«, entgegnete Joe. »Ich bin so
furchtbar einfältig. Ich bin nur Meister meines
eigenen Gewerbes. Es war immer schade, daß ich so
furchtbar einfältig bin. Aber jetzt ist's nicht mehr
schade, als es -- heute vor 'nem Jahre schade war --
meinst du nicht auch?«
Ich hatte damit sagen wollen, sobald ich mein
Vermögen erhalten und etwas für Joe tun könnte,
so wäre es viel angenehmer gewesen, wenn er zu
einer Erhöhung seiner Stellung besser geeignet
gewesen wäre. Indessen begriff er nicht im
entferntesten, was ich meinte, und so dachte ich, ich
würde lieber mit Biddy darüber reden.
Als wir daher nach Hause gegangen waren und
Abendbrot gegessen hatten, nahm ich Biddy in
unsern kleinen Garten neben der Gasse, und
nachdem ich im Tone einer allgemeinen
Bemerkung, die ihre Geister ein wenig beleben
sollte, hingeworfen hatte, ich würde sie nie
vergessen, sagte ich, ich hätte sie um eine Gunst zu
bitten.
»Und das ist, Biddy«, sagte ich, »du solltest keine
Gelegenheit vorüberlassen, Joe ein wenig
weiterzuhelfen.«
»Wie denn ihm weiterzuhelfen?« fragte Biddy,
mit einem festen Blick.
»Na! Joe ist doch ein lieber, guter Kerl --
tatsächlich, ich glaube, der liebste Kerl, den die
Erde je getragen hat --, aber in manchen Dingen ist
er ziemlich weit zurück. Zum Beispiel, Biddy, in
seiner Bildung und seinem Benehmen.«
Obgleich ich bei diesen Worten Biddy ansah und
obgleich sie die Augen sehr weit öffnete, als ich
ausgeredet hatte, sah sie mich doch nicht an.
»Oh, sein Benehmen! Ist denn sein Benehmen
nicht gut genug?« fragte Biddy, indem sie ein
schwarzes Johannisbeerblatt pflückte.
»Meine liebe Biddy, es ist gut genug hier --«
»Oh! Also hier ist's wirklich gut genug?« warf
Biddy ein, das Blatt in ihrer Hand gespannt
betrachtend.
»Laß mich ausreden -- wenn ich aber Joe in eine
höhere Sphäre versetzen sollte -- und das hoffe ich
zu tun, sobald ich nur erst im vollen Besitz meines
Vermögens bin --, so würde er schwerlich damit
durchkommen.«
»Und meinst du nicht, er weiß das?« fragte Biddy.
Das war eine so herausfordernde Frage (denn
dieser Gedanke war mir nicht im entferntesten
gekommen), daß ich in schnippischem Tone fragte:
»Biddy, was willst du damit sagen?«
Biddy rieb das Blatt zwischen ihren Händen in
Stücke -- und der Duft eines schwarzen
Johannisbeerstrauches hat mir seitdem immer
diesen Abend in dem kleinen Garten neben der
Gasse in die Erinnerung zurückgerufen -- und sagte
dann:
»Hast du nie bedacht, daß er vielleicht stolz ist?«
»Stolz!« wiederholte ich mit verächtlichem
Nachdruck.
»Oh! Es gibt viele Arten von Stolz«, sagte Biddy
und sah mir kopfschüttelnd voll ins Gesicht; »es
gibt durchaus nicht bloß eine Art von Stolz --«
»Nun? Weshalb hältst du inne?« fragte ich.
»Durchaus nicht bloß eine Art von Stolz«, fuhr
Biddy fort. »Er ist vielleicht zu stolz, um sich von
jemandem aus diesem Platze hier fortnehmen zu
lassen, den er auszufüllen geeignet ist und den er gut
und in Ehren ausfüllt. Wenn ich dir die Wahrheit
sagen soll, so glaube ich, ist das bei ihm der Fall;
zwar klingt es kühn, wenn ich das sage, denn du
mußt ihn weit besser kennen als ich.«
»Nun, Biddy«, sagte ich; »es tut mir sehr leid, das
an dir zu bemerken. Ich hatte es von dir nicht
erwartet. Du bist neidisch, Biddy, und gönnst mir
mein Glück nicht. Du bist unzufrieden darüber, daß
ich reich werden soll, und das kannst du nun nicht
verhehlen.«
»Wenn du so schlecht bist, so zu denken«,
entgegnete Biddy, »so sag' es ruhig. Sage es ruhig
immer und immer wieder, wenn du so schlecht bist,
so zu denken.«
»Wenn du so schlecht bist, so zu sein, willst du
wohl sagen, Biddy«, entgegnete ich in tugendhaftem
und überlegtem Tone; »schieb es nicht auf mich. Es
tut mir sehr leid, das zu sehen, und es ist eine -- es
ist eine schlimme Seite der menschlichen Natur. Ich
wollte dich darum bitten, jede kleine Gelegenheit zu
benutzen, die sich dir vielleicht nach meinem
Fortgehen bieten würde, dem lieben Joe
weiterzuhelfen. Aber hiernach bitte ich dich um
nichts. Es tut mir sehr leid, daß ich das an dir sehe,
Biddy«, wiederholte ich. »Es ist -- es ist eine
schlimme Seite der menschlichen Natur.«
»Ob du mich nun schiltst oder ob du mich lobst«,
entgegnete die arme Biddy, »du kannst dich immer
gleich fest darauf verlassen, daß ich alles hier tun
werde, was in meinen Kräften steht, zu jeder Zeit.
Und was für eine Meinung von mir du auch mit dir
fortnimmst, das wird in dem Andenken, das ich dir
bewahre, keinerlei Unterschied machen. Aber ein
vornehmer Herr sollte doch nicht ungerecht sein«,
sagte Biddy und wandte sich ab.
Ich wiederholte nochmals mit Wärme, das wäre
eine schlimme Seite der menschlichen Natur (und
diesen Ausspruch, obwohl er hier nicht anzuwenden
war, habe ich später für richtig zu halten Gründe
erfahren), und dann ging ich den kleinen Pfad
hinunter von Biddy fort, und Biddy ging in das
Haus, und ich ging hinaus zum Gartentor und
machte einen mißmutigen Spaziergang bis zur
Abendbrotzeit; und abermals erfaßte mich ein
eigenes, sehr schmerzliches Gefühl, daß diese zweite
Nacht meines heiteren Glückes genau so einsam
und unbefriedigend war wie die letzte.
Aber der Morgen hellte meinen Blick abermals
auf, und ich erstreckte meine Barmherzigkeit sogar
auf Biddy aus, und wir ließen das Thema vergessen
sein. Ich zog den besten Anzug an, den ich hatte,
und ging, sobald ich hoffen konnte, die Läden offen
zu finden, nach der Stadt, und traf Herrn Trabb,
den Schneider, der in der Stube hinter dem Laden
sein Frühstück aß und es nicht für der Mühe wert
hielt, zu mir herauszukommen, sondern mich zu
sich hereinrief.
»Nun!« rief Herr Trabb, in einem Tone, als riefe
er einem alten Freunde ein ›Grüß Gott‹ zu. »Wie
geht es, und was kann ich für Sie tun?«
Herr Trabb hatte seine heiße Wecke zu drei
Federbetten zurechtgeschnitten und schmierte jetzt
Butter zwischen die Bettdecken und deckte sie zu.
Er war ein reicher alter Junggeselle, und sein
offenes Fenster ging hinaus auf einen reichen
kleinen Blumen- und Obstgarten, und in die Wand
neben dem Kamin war ein reicher eiserner Schrank
eingelassen, und ich bezweifelte nicht, daß ganze
Haufen seines Reichtums darinnen in Beuteln
beiseite gelegt wären.
»Herr Trabb«, sagte ich, »es ist sehr
unangenehm, davon reden zu müssen, weil es wie
Prahlerei klingt; aber ich bin in den Besitz eines
hübschen Vermögens gelangt.«
Eine Veränderung ging über Herrn Trabb. Er
vergaß die Butter im Bett, stand vom Bettrand auf
und wischte sich die Finger am Tischtuch, indem er
ausrief:
»Herr du meine Güte!«
»Ich gehe zu meinem Vormund nach London«,
sagte ich, indem ich wie zufällig ein paar Guineen
aus der Tasche zog und sie ansah; »und ich möchte
einen feinen Anzug dazu gemacht haben. Ich will ihn
gleich bezahlen«, setzte ich hinzu -- sonst, dacht'
ich, würde er am Ende bloß so tun, als wolle er mir
einen Anzug machen -- »mit barem Geld.«
»Mein werter Herr«, sagte Herr Trabb, indem er
achtungsvoll den Körper beugte, die Arme öffnete
und sich die Freiheit nahm, mich an der Außenseite
beider Ellbogen zu berühren, »tun Sie mir doch
nicht den Schmerz an und reden Sie hiervon! Darf
ich es wagen, Ihnen Glück zu wünschen? Wollen Sie
so gut sein und in den Laden treten?«
Herrn Trabbs Laufbursche war der
unverschämteste Bursche aus der ganzen
Umgegend. Als ich eintrat, fegte er gerade den
Laden, und er hatte sich seine Arbeit versüßt, indem
er über mich hinwegfegte. Er fegte noch immer, als
ich mit Herrn Trabb in den Laden kam, und er stieß
mit dem Besen gegen alle möglichen Ecken und
Hindernisse, um mir zu zeigen (so deutete ich es),
daß er jedem Grobschmied auf Erden gewachsen
sei.
»Laß den Krakeel«, sagte Herr Trabb mit der
größten Schroffheit, »sonst hau' ich dir eine, daß dir
der Kopf in die Ecke fliegen soll! Seien Sie so gut
und setzen Sie sich, Herr. Da haben wir dieses hier«,
sagte Herr Trabb, indem er eine Rolle Tuch
herunterlangte und sie mit einer wogenden
Bewegung über den ganzen Ladentisch hinfluten
ließ, bevor er mit der Hand darunter faßte, um den
Glanz zu zeigen, »eine einfach süße Ware. Ich kann
sie zu Ihrem Zweck nur empfehlen, mein Herr, denn
sie ist wahrhaftig extrafein. Aber Sie sollen noch
einige andere Sachen sehen. Gib mir Nummer vier,
du da!« (Dies rief er mit einem fürchterlich strengen
Blick dem Burschen zu, denn er schien die Gefahr zu
ahnen, daß dieser mißratene Mensch damit gegen
mich anrennen oder mir irgendein anderes Zeichen
seiner Vertraulichkeit geben würde.)
Herr Trabb nahm sein strenges Auge nicht eher
von dem Burschen fort, als bis dieser Nummer vier
auf den Ladentisch gelegt und sich wieder in
gefahrlose Entfernung zurückgezogen hatte. Dann
hieß er ihn Nummer fünf und acht bringen.
»Und bleib mir hier mit deinen Wippchen vom
Halse«, sagte Herr Trabb, »sonst sollst du's
bereuen, du Galgenstück von einem Jungen, und
wenn du noch so alt wirst!«
Herr Trabb neigte sich nun über Nummer vier,
und in einer Art untertäniger Vertraulichkeit
empfahl er sie mir als leichte Ware für
Sommerkleider: eine Ware, die bei dem Adel und
vornehmen Bürgertum sehr beliebt sei: eine Ware,
die ihm noch lieber und empfehlenswerter würde,
wenn er denken dürfte, daß sie ein ausgezeichneter
Mitbürger (sofern er mich einen Mitbürger nennen
dürfe) getragen habe.
»Bringst du Nummer fünf und acht, du
Vagabund«, sagte Herr Trabb hierauf zu dem
Burschen, »oder soll ich dich aus dem Laden
'nauswerfen und sie mir selber holen?«
Mit Hilfe von Herr Trabbs Urteil suchte ich den
Stoff für einen Anzug aus und trat wieder in die
Stube, um mir Maß nehmen zu lassen. Denn obwohl
Herr Trabb mein Maß bereits hatte und sich früher
damit vollständig begnügt hatte, so meinte er jetzt
doch in entschuldigendem Tone:
»Das würde unter den jetzigen Verhältnissen
absolut nicht gehen, mein Herr -- absolut nicht.«
So nahm mir Herr Trabb Maß und schätzte
meinen Umfang in der Stube, wie wenn ich ein
Grundbesitz und er der genaueste Feldmesser wäre,
und machte sich so unendlich viel Umstände, daß
mir zumute war, als könne ihn kein Anzug für seine
Mühe genügend belohnen. Als er endlich fertig war
und sich verpflichtet hatte, die Sachen am
Donnerstag abend zu Herrn Pumblechook zu
schicken, sagte er, die Hand an der Türklinke:
»Ich weiß, Herr, in der Regel kann ein Londoner
Herr nicht gut ein Freund von Provinzarbeit sein;
aber wenn Sie mir dann und wann einen Auftrag
geben würden, so würde ich mir das zur großen
Ehre anrechnen. Guten Morgen, mein Herr;
empfehle mich sehr. -- Zur Tür!«
Diese letzten Worte waren dem Burschen
zugeschleudert, der nicht die mindeste Ahnung
hatte, was sie bedeuteten. Aber während mich sein
Herr, fortwährend an mir herumreibend,
hinausbegleitete, da sah ich ihn in sich
zusammensinken, und meine erste entschiedene
Erfahrung von der erstaunlichen Macht des Geldes
war, daß es Trabbs Burschen moralisch über den
Haufen geworfen hatte.
Nach diesem denkwürdigen Ereignis ging ich zum
Hutmacher und zum Schuhmacher und zum
Strumpfwirker, und mir war ganz zumute wie
Mutter Hubbards Hund, dessen Ausstattung auch
die Dienste so vieler Gewerbe in Anspruch nahm.
Ich ging auch nach dem Kutschenbüro und mietete
mir einen Platz auf sieben Uhr Samstag morgen. Es
war nicht überall nötig zu erklären, ich wäre in den
Besitz eines großen Vermögens gelangt; aber sobald
ich etwas in dieser Hinsicht verlauten ließ, so hörte
der betreffende Handelsmann sofort auf, sich durch
das Fenster der Hauptstraße ablenken zu lassen,
und konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf meine
Wenigkeit. Als ich alles, was ich brauchte, bestellt
hatte, lenkte ich die Schritte nach der Wohnung des
Herrn Pumblechook, und als ich mich dem
Geschäfte dieses Herrn näherte, sah ich ihn draußen
an der Tür stehen.
Er wartete mit großer Ungeduld auf mich. Er war
frühzeitig mit dem Wagen ausgefahren und hatte bei
der Schmiede nur vorgesprochen und hatte die
Nachricht gehört. Er hatte in der Barnwell-Stube
einen Imbiß für mich hergerichtet, und er befahl
auch seinem Ladendiener, er solle »Bahn frei
machen«, als meine geheiligte Persönlichkeit
vorbeikam.
»Mein teurer Freund!« sagte Herr Pumblechook,
mich bei beiden Händen ergreifend, als er und ich
und der Imbiß allein waren, »ich wünsche dir Glück
zu deinem erfreulichen Schicksal. Wohl verdient,
wohl verdient!«
Das hieß gleich zur Sache kommen, und es schien
mir eine sehr verständige Weise, sich
auszudrücken.
»Und der Gedanke«, sagte Herr Pumblechook,
nachdem er mich eine Weile bewundernd
angeschnauft hatte, »daß ich das bescheidene
Werkzeug war, dich dahin zu bringen: dieser
Gedanke ist ein stolzer Lohn.«
Ich ersuchte Herrn Pumblechook, nicht zu
vergessen, daß in dieser Hinsicht nichts gesagt oder
auch nur angedeutet werden dürfe.
»Mein teurer junger Freund«, sagte Herr
Pumblechook, »sofern du mir gestattest, dich so zu
nennen.«
Ich murmelte: »Ganz gewiß«, und Herr
Pumblechook nahm mich wieder bei beiden Händen
und teilte seiner Weste eine Bewegung mit, die ganz
wie eine Gemütsbewegung aussah, nur ging sie ein
wenig tief unten vor sich.
»Mein teurer junger Freund! Verlasse dich
darauf, ich werde in deiner Abwesenheit alles tun,
was in meinen geringen Kräften steht, um Joseph
diese Tatsache vor Augen zu halten. -- Joseph!« rief
Herr Pumblechook, im Tone einer mitleidigen
Beschwörung. »Joseph!! Joseph!!«
Daraufhin schüttelte er den Kopf und klopfte sich
dagegen, um auszudrücken, wie sehr er sich der
Unzulänglichkeit Josephs bewußt sei.
»Aber mein teurer junger Freund«, sagte Herr
Pumblechook, »du mußt hungrig sein, du mußt
erschöpft sein. Setze dich. Hier ist ein Huhn, frisch
aus dem ›Eber‹, hier ist eine Zunge, frisch aus dem
›Eber‹, hier sind ein paar Kleinigkeiten, frisch aus
dem ›Eber‹, und ich hoffe, du wirst sie nicht
verschmähen. Aber sehe ich«, rief Herr
Pumblechook, wieder aufstehend, als wir uns kaum
gesetzt hatten, »denselben vor mir, mit dem ich in
der Zeit der glücklichen Kindheit immer gespielt
habe? Und darf ich -- darf ich --?«
Dieses »darf ich?« sollte heißen, ob er mir die
Hand schütteln dürfe. Ich hatte nichts dagegen, und
er tat's mit Inbrunst, und dann setzten wir uns
wieder.
»Hier ist Wein«, sagte Herr Pumblechook.
»Stoße an. Ein Dank dem gütigen Geschick, und
möge es immer sich seinen Liebling mit gleich
billigem Urteil aussuchen! Und doch kann ich
nicht«, sagte Herr Pumblechook, wieder
aufstehend, »einen vor mir sehen -- und gleichzeitig
mit einem anstoßen -- ohne abermals auszudrücken
-- darf ich -- darf ich --?«
Ich sagte ja, und er schüttelte mir abermals die
Hand und leerte sein Glas und stellte es verkehrt auf
den Tisch. Ich tat das gleiche, und wenn ich mich
selber vorm Trinken verkehrt hingestellt hätte, so
hätte der Wein mir nicht schneller zu Kopfe steigen
können.
Herr Pumblechook legte mir das Bruststück mit
der Leber vor und das beste Stück der Zunge (mit
den übriggebliebenen knüppelharten Stücken
Schweinefleisch war's nun vorüber) und im
Vergleich zu der Sorge, die er mir angedeihen ließ,
sorgte er für sich selbst überhaupt nicht.
»Ach ja! Mein liebes Hühnchen, mein liebes
Hühnchen! Als du noch ein kleines Küchlein warst«,
sagte Herr Pumblechook, das Geflügel in der
Schüssel anredend, »da ließest du dir wenig
träumen, was deiner beschieden war. Du ließest dir
gar wenig träumen, daß du unter diesem
bescheidenen Dache eine Erfrischung sein solltest
für einen, der -- nenn es eine Schwäche, wenn du
willst«, sagte Herr Pumblechook, abermals
aufstehend, »aber darf ich? Darf ich --?«
Der Form halber immer wieder ja zu sagen wurde
unnötig, und so tat er es denn ohne weiteres. Wie er
es indessen so oft fertigbrachte, ohne sich an
meinem Messer weh zu tun, das weiß ich nicht.
»Und deine Schwester«, fuhr er fort, nachdem er
ein wenig mit Ruhe gegessen hatte, »die die Ehre
hatte, dich mit der Hand aufzuziehen! Es ist ein
trauriges Bild, wenn man bedenkt, daß sie nicht
länger imstande ist, die Ehre vollständig zu
begreifen. Darf --«
Ich sah, daß er wieder loslegen wollte, und
unterbrach ihn.
»Wir wollen auf ihr Wohl trinken«, sagte ich.
»Ach!« rief Herr Pumblechook und lehnte sich in
seinen Stuhl zurück, förmlich gelähmt vor
Bewunderung; »da sieht man's, alter Freund!« (ich
weiß nicht, wer der alte Freund war, aber ich war es
sicher nicht, und ein Dritter war nicht zugegen); »da
sieht man's, wer ein edles Gemüt hat, alter Freund!
Immer gnädig und immer leutselig. Einem
gewöhnlichen Menschen«, sagte der knechtische
Pumblechook, sein unberührtes Glas hastig wieder
niedersetzend und aufstehend, »würde es vielleicht
als Wiederholung vorkommen -- aber darf ich?«
Als er es getan hatte, nahm er wieder Platz und
stieß auf das Wohl meiner Schwester an.
»Wir wollen nicht blind sein«, sagte Herr
Pumblechook, »gegen die Fehler ihrer Gemütsart,
aber es steht zu hoffen, daß sie die beste Absicht
gehabt hat.«
An dieser Stelle ungefähr bemerkte ich, daß er
hochrot im Gesicht wurde; was mich selbst betrifft,
so war mir's zumute, als wäre ich nichts weiter als
ein in Wein getauchtes, brennendes Gesicht.
Ich sagte Herrn Pumblechook, daß ich meine
neuen Kleider in seine Wohnung schicken lassen
wollte, und er schwelgte über eine so hohe
Auszeichnung in Seligkeit. Ich sagte, es geschähe,
weil ich Aufsehen im Dorfe zu vermeiden wünschte,
und er erhob diese Vorsicht bis in den Himmel.
Niemand als er allein, so deutete er an, wäre meines
Zutrauens würdig und -- mit einem Worte, dürfte er
--? Dann fragte er mich zärtlich, ob ich mich noch
darauf besänne, wie wir in meiner Knabenzeit mit
Rechenaufgaben gespielt hätten und wie wir
zusammen gegangen wären, um meinen Lehrvertrag
bestätigen zu lassen, und wie er, mit einem Wort,
immerdar mein Liebling und mein Busenfreund
gewesen sei? Hätte ich zehnmal soviel Gläser Wein
getrunken, als ich trank, so würde ich mir doch
noch bewußt gewesen sein, daß er niemals in dieser
Beziehung zu mir gestanden hatte, und würde in
meinem innersten Herzen den Gedanken daran
zurückgewiesen haben. Und trotzdem besinne ich
mich, überzeugt gewesen zu sein, ich hätte mich in
ihm entschieden geirrt und er wäre ein
verständiger, praktischer, gutmütiger, prächtiger
Kerl.
Nach und nach begann er so großes Vertrauen in
mich zu setzen, daß er mich in seinen eigenen
Angelegenheiten um Rat fragte. Er sprach davon,
daß sich eine Gelegenheit böte zu einer großen
Vermischung und einem Monopol des Korn- und
Samenhandels in seinem Geschäft, sofern man es
vergrößere: eine Gelegenheit, wie sie in dieser oder
irgendeiner anderen Gegend überhaupt noch nicht
vorgekommen sei. Was allein noch fehle zur
Darstellung eines ungeheuren Vermögens, das sei
seiner Meinung nach: mehr Kapital. Das seien die
zwei kleinen Worte: mehr Kapital. Nun meine er
(Pumblechook), wenn dieses Kapital von einem
stillen Teilhaber ins Geschäft gesteckt würde, lieber
Freund -- einem stillen Teilhaber, der nichts weiter
zu tun hätte, als nach Belieben vorzusprechen, in
eigener Person oder per Stellvertreter, und die
Bücher zu prüfen -- und zweimal jährlich zu
kommen und seinen Gewinn in der Tasche mit
fortzunehmen -- er, wie gesagt, meine, dies würde
eine ganz prächtige Gelegenheit für einen jungen
Herrn von Unternehmungsgeist und Vermögen sein
und sich verlohnen, ins Auge gefaßt zu werden.
Aber wie dächte ich darüber? Er setzte großes
Vertrauen in meine Ansicht, und was dächte ich
darüber? Ich sagte ihm meine Ansicht. Sie lautete:
»Abwarten und Tee trinken!« Die Großartigkeit
und zugleich Genauigkeit dieser Ansicht
überwältigten ihn so, daß er nicht länger mehr
fragte, ob er mir die Hand schütteln dürfe, sondern
sagte, er müsse wahrhaftig -- und es dann auch tat.
Wir tranken den ganzen Wein, und Herr
Pumblechook verpflichtete sich immer und immer
wieder, Joseph im rechten Geleise zu halten (ich
weiß nicht, in welcher Hinsicht) und mir wirksame
und fortwährende Dienste zu leisten (ich weiß nicht,
was für Dienste). Er ließ mich auch zum
allererstenmal in meinem Leben wissen, nachdem er
sicherlich sein Geheimnis wunderbar gut bewahrt
hatte, daß er von mir immer gesagt habe: »Dieser
Junge ist sicherlich kein gewöhnlicher Junge, und
ich sag's gleich, sein Glück wird kein gewöhnliches
Glück sein.« Er sagte mit tränenschwerem Lächeln,
es sei seltsam, jetzt daran zu denken, und ich
stimmte ihm bei.
Endlich trat ich hinaus in die frische Luft und
machte die verschwommene Wahrnehmung, daß in
der Art und Weise des Sonnnenscheins etwas
Ungewohntes läge, und fand, daß ich ganz
verschlafen bis zum Schlagbaum gekommen war,
ohne im geringsten auf den Weg geachtet zu haben.
Dort wurde ich aufgerüttelt, denn Herr
Pumblechook rief hinter mir her. Er war ein weites
Stück hinter mir auf den sonnigen Straßen und gab
mir durch deutliche Gebärden zu verstehen, ich
solle warten. So wartete ich, und er kam atemlos
heran.
»Nein, mein teurer Freund«, sagte er, als er
wieder genügend zu Atem gekommen war, um
sprechen zu können. »Nicht, sofern ich's ändern
kann. Dieses Fest soll nicht gänzlich vorübergehen,
ohne daß du dich nochmals leutselig zeigst. -- Darf
ich, als alter Freund, der dein Bestes wünscht? Darf
ich?«
Wir schüttelten uns wohl zum hundertstenmal die
Hände, und er hieß einen jungen Fuhrmann mit der
tiefsten Entrüstung mir aus dem Wege fahren. Dann
segnete er mich und stand da und winkte mit der
Hand, bis ich um die Biegung des Weges herum war;
und dann bog ich in ein Feld ein und schlief mich
unter einer Hecke erst ordentlich aus, ehe ich
meinen Heimweg fortsetzte.
Ich hatte nur spärliches Gepäck mit nach London
zu nehmen, denn von dem wenigen, was ich besaß,
eignete sich nur weniges für meine neue Stellung.
Aber ich begann noch an diesem Nachmittag mit
Packen und packte mit wildem Eifer Dinge ein, die
ich, wie ich wohl wußte, am nächsten Morgen
brauchen würde. Ein Wahn beherrschte mich, als
dürfe kein Augenblick verloren werden.
So ging der Dienstag, Mittwoch und Donnerstag
herum, und am Freitag morgen ging ich nach der
Wohnung des Herrn Pumblechook, um meinen
neuen Anzug anzuziehen und Fräulein Havisham
meinen Besuch zu machen. Herrn Pumblechooks
eigene Stube war mir zur Toilette eingeräumt
worden und war ausdrücklich für dieses große
Ereignis mit reinen Handtüchern geschmückt. Mein
Anzug bereitete mir natürlich eine ziemlich bittere
Enttäuschung. Wahrscheinlich hat jedes neue und
mit Eifer erwartete Kleid, das, seit Kleider Mode
sind, angezogen worden ist, den, der es trug, ein
wenig in seinen Erwartungen enttäuscht. Aber als
ich meinen neuen Anzug ungefähr eine halbe Stunde
anhatte und eine ungeheure Menge von Stellungen
vor Herrn Pumblechooks sehr kleinem Spiegel
probiert hatte, in dem fruchtlosen Bemühen, meine
Beine zu sehen -- da schien er mir schon besser zu
passen. Da in einer ungefähr zehn Meilen entfernten
Nachbarstadt Markttag war, so war Herr
Pumblechook nicht zu Hause. Ich hatte ihm nicht
genau gesagt, wann ich fortgehen wolle, und konnte
mir nun wahrscheinlich vorm Aufbruch nicht mehr
die Hände von ihm schütteln lassen. Das war alles
ganz gut und schön, und ich ging in meiner neuen
Ausstattung hinaus. Ich schämte mich fürchterlich,
daß ich an dem Ladendiener vorbeimußte, und
fürchtete im Grunde, daß ich mich in meiner
jetzigen Gestalt nicht gut machte, ähnlich wie Joe in
seinem Sonntagshabit.
Ich ging auf Umwegen und indem ich alle
möglichen abgelegenen Gassen einschlug, nach dem
Herrenhaus des Fräuleins Havisham und klingelte
gezwungen, weil die langen Finger meiner
Handschuhe so steif waren.
Sarah Pocket kam an das Tor und taumelte
zurück, als sie mich so verändert sah. Ihr
Walnußschalen-Gesicht wechselte seine braune
Farbe und wurde erst grün und dann gelb.
»Du?« sagte sie. »Du, Herrjeh! Was willst du?«
»Ich gehe nach London, Fräulein Pocket«, sagte
ich, »und möchte Fräulein Havisham Adieu sagen.«
Man hatte mich nicht erwartet, denn sie ließ mich
im Hofe eingeschlossen, während sie fragen ging, ob
sie mich vorlassen dürfe. Nach ganz kurzem Verzug
kam sie wieder und führte mich hinauf, den ganzen
Weg über mich anstarrend.
Fräulein Havisham, gestützt auf ihren
Krückstock, machte sich Bewegung in dem Zimmer
mit dem langen, gedeckten Tisch. Das Zimmer war
erhellt wie ehedem, und als sie uns eintreten hörte,
blieb sie stehen und drehte sich um. Sie stand jetzt
gerade vor dem zerfallenen Brautkuchen.
»Bleibe, Sarah«, sagte sie. »Nun, Pip?«
»Ich gehe morgen nach London, Fräulein
Havisham.« Ich sah mich sehr vor mit dem, was ich
sagte. »Und da glaubte ich, Sie würden es mir in
Ihrer Liebenswürdigkeit nicht übelnehmen, wenn
ich mich von Ihnen verabschiedete.«
»Das ist ein lustiges Bild, Pip«, sagte sie und
spielte mit ihrem Krückstock um mich herum, wie
wenn sie, die feenhafte Patin, die mich also
verändert hatte, mir jetzt das letzte Geschenk
verliehe.
»Das Glück ist mir, seit ich Sie zum letzten Male
sah, so günstig gewesen, Fräulein Havisham«,
murmelte ich. »Und ich bin dafür so dankbar,
Fräulein Havisham!«
»Ja, ja!« sagte sie, voller Entzücken die
mißvergnügte und neidische Sarah anblickend. »Ich
habe Herrn Jaggers gesehen. Ich habe bereits davon
gehört, Pip, ich für meine Person. Also gehst du
morgen?«
»Jawohl, Fräulein Havisham.«
»Und eine reiche Person hat dich adoptiert?«
»Jawohl, Fräulein Havisham.«
»Die sich nicht genannt hat?«
»Nein, Fräulein Havisham.«
»Und Herr Jaggers ist zu deinem Vormund
gemacht worden?«
»Jawohl, Fräulein Havisham.«
Sie schwelgte ordentlich in diesen Fragen und
Antworten, so groß war ihr Entzücken über Sarah
Pockets neidische Verblüfftheit.
»Schön!« fuhr sie fort; »du hast eine
vielversprechende Laufbahn vor dir. Sei gut -- mach
dich ihrer würdig -- und halte dich an Herrn Jaggers'
Weisungen.« Sie sah mich an und sah Sarah an, und
Sarahs Miene entlockte ihrem wachsamen Gesicht
ein grausames Lächeln. »Adieu, Pip! -- Du wirst
immer den Namen Pip beibehalten. Das weißt du.«
»Jawohl, Fräulein Havisham.«
»Adieu, Pip.«
Sie streckte die Hand aus, und ich ließ mich auf
das Knie nieder und legte ihre Hand an meine
Lippen. Ich hatte mir nicht überlegt, wie ich von ihr
Abschied nehmen sollte; es fiel mir ganz
naturgemäß im Augenblick ein, so zu handeln. Sie
sah Sarah Pocket an, und ein Frohlocken glühte in
ihren gespenstischen Augen, und so verließ ich
meine zauberische Patin, und sie blieb inmitten des
trübe erhellten Zimmers stehen, mit beiden Händen
auf den Krückstock gestützt, neben dem zerfallenen
Brautkuchen, der in Spinngeweben verborgen war.
Sarah Pocket führte mich hinunter, wie wenn ich
ein Gespenst wäre, von dessen Verschwinden man
sich auch genau überzeugen müsse. Sie konnte ihrer
Verwunderung über mein Aussehen nicht Herr
werden und war ganz außer sich vor Staunen. Ich
sagte: »Adieu, Fräulein Pocket!«, aber sie riß bloß
die Augen auf und schien nicht gefaßt genug, um zu
begreifen, daß ich gesprochen hatte.
Als ich aus dem Hause hinaus war, ging ich, so
schnell ich konnte, nach Herrn Pumblechooks
Wohnung zurück, zog meine neuen Kleider aus,
band sie in ein Bündel und ging in meinem älteren
Anzug nach Hause -- und ich trug ihn, die Wahrheit
zu sagen, mit größerer Bequemlichkeit und mehr
Behagen, obwohl ich noch das Bündel zu tragen
hatte.
Und nun waren die sechs Tage, die, wie ich
geglaubt, so langsam vergehen würden, so schnell
vergangen und waren vorbei und das »Morgen« sah
mir fester ins Gesicht, als ich ihm entgegenschauen
konnte. Die sechs Abende waren
zusammengeschmolzen zu fünf, zu vier, zu drei, zu
zwei Abenden, und mit der Zeit wußte ich die
Gesellschaft Joes und Biddys immer besser zu
schätzen. An diesem letzten Abend zog ich zu ihrer
Freude meinen neuen Anzug an und saß bis
Schlafenszeit in meinem Glanze da. Wir hatten zur
Feier des Tages warmes Abendbrot, dem das
unvermeidliche gebratene Huhn die rechte Grazie
verlieh, und zuletzt gab's ein bißchen Punsch. Wir
waren alle sehr niedergeschlagen; wir taten so, als
wären wir fröhlich und guter Dinge, aber das
machte die Sache nur noch schlimmer.
Ich mußte unser Dorf um fünf Uhr morgens
verlassen, meinen kleinen Mantelsack in der Hand,
und ich hatte Joe gesagt, ich wollte ganz allein
gehen. Ich fürchte -- zu meinem Schmerze -- dieses
Vorhaben entsprang aus dem Bewußtsein des
Kontrastes, der zwischen mir und Joe bestehen
würde, wenn wir selbander zur Posthaltestelle
gingen. Ich hatte mir selber vorgeredet, daß ich von
nichts Derartigem bei dieser Anordnung bestimmt
wäre; aber als ich an diesem letzten Abend in meine
kleine Stube hinaufging, da sah ich mich gezwungen
zuzugestehen, daß dem doch so sei, und ich fühlte
den Drang, wieder hinunterzugehen und Joe zu
bitten, doch am Morgen mitzukommen. Aber ich
unterließ es.
Die ganze Nacht über sah ich in meinem
unruhigen Schlafe Postkutschen, die nach falschen
Plätzen fuhren anstatt nach London und im
Geschirr bald Hunde, bald Katzen, bald Schweine,
bald Menschen hatten -- nie aber Pferde.
Phantastische Unfälle von Reisenden beschäftigten
mein Gemüt, bis daß der Tag anbrach und die Vögel
sangen. Dann stand ich auf und zog mich halb an
und setzte mich ans Fenster, zum letztenmal die
ganze Gegend zu überschauen; und darüber schlief
ich ein.
Um mein Frühstück zurechtzumachen, war Biddy
so zeitig munter, daß, obwohl ich kaum eine Stunde
am Fenster geschlafen hatte, ich doch bereits den
Rauch des Küchenfeuers roch, als ich mit der
fürchterlichen Idee, es müsse schon spät am
Nachmittage sein, emporfuhr. Aber noch lange
hiernach, und noch lange nachdem ich das Klirren
der Teetassen gehört hatte und fix und fertig war,
fehlte mir der Mut, hinunterzugehen. Schließlich
blieb ich denn dort oben und schloß und knüpfte zu
wiederholten Malen meinen kleinen Mantelsack
auf, um ihn dann wieder zuzuschließen und
zuzuschnüren, bis Biddy mir zurief, ich bliebe ja so
lange.
Es war ein eiliges Frühstück und schmeckte nicht.
Ich erhob mich vom Tisch, sagte mit einer Art
Munterkeit, wie wenn mir der Gedanke soeben erst
gekommen wäre: »Na, nun muß ich, glaub' ich,
losgehen!«, und dann küßte ich meine Schwester,
die in ihrem gewöhnlichen Stuhl lachte und nickte
und wackelte, und küßte Biddy und warf die Arme
um Joes Hals. Dann nahm ich meinen kleinen
Mantelsack zur Hand und ging hinaus. Das letzte,
was ich von ihnen sah, war, daß Joe, als ich gleich
darauf einen Lärm hinter mir hörte und mich
umdrehte, einen alten Schuh hinter mir herwarf und
Biddy einen anderen Schuh hinter mir herwarf.
Dann blieb ich stehen, um meinen Hut zu
schwenken, und der liebe alte Joe schwenkte seinen
starken rechten Arm über seinem Kopf und rief
lustig: »Hurrah!«, und Biddy legte die Schürze vor
das Gesicht.
Ich ging in flottem Schritt dahin und dachte, es
ginge sich doch viel leichter, als ich gedacht hätte,
und sann darüber nach, daß es doch absolut nicht
angegangen wäre, wenn mir vor den Augen der
ganzen Hauptstraße ein alter Schuh hinter der
Kutsche hergeworfen worden wäre.
Ich pfiff und ging unbekümmert und guter Dinge
meines Weges.
Aber das Dörfchen war sehr friedlich und ruhig,
und die leichten dünnen Nebel stiegen feierlich
empor, wie wenn sie mir die Welt zeigen wollten;
und ich war hier so unschuldig und so klein
gewesen, und alles darüber hinaus war so
unbekannt und so groß, daß ich im nächsten
Augenblick mit einem jähen Aufatmen und einem
schweren Schluchzen in Tränen ausbrach. Das war
beim Wegweiser am Ende des Dorfes, und ich legte
meine Hand darauf und sagte: »Lebewohl, o mein
teurer, teurer Freund!«
Der Himmel weiß, wir brauchen uns niemals
unserer Tränen zu schämen, denn sie sind Regen
auf dem blendenden Staub der Erde, der auf
unseren harten Herzen liegt.
Mir war nach dem Weinen viel wohler als zuvor --
ich war trauriger, ich war mir meiner
Undankbarkeit mehr bewußt, ich war sanfter. Wenn
ich vordem geweint hätte, so hätte ich Joe jetzt an
meiner Seite gehabt.
So niedergeschlagen war ich durch diese Tränen,
so weich stimmte es mich, als sie während meiner
stillen Wanderung noch einmal hervorbrachen,
daß, als ich auf der Kutsche saß und sie aus der
Stadt hinaus war, ich mit wehem Herzen bei mir
selber überlegte, ob ich nicht bei der nächsten
Haltestelle absteigen und wieder zurückgehen
sollte, um noch einen Abend zu Hause zu verleben
und besser zu scheiden. Wir hielten und wechselten
die Pferde, und ich hatte noch keinen Entschluß
gefaßt und überlegte noch immer gemächlich, ob es
nicht ganz praktisch wäre, abzusteigen und
zurückzugehen, als wir bereits zum zweitenmal
hielten und die Pferde wechselten. Und während ich
mit diesen Betrachtungen beschäftigt war, kam es
mir so vor, als erblickte ich in einem Manne, der des
Wegs daher auf uns zukam, eine sprechende
Ähnlichkeit mit Joe, und mein Herz schlug hoch. --
Als ob er jetzt dort hätte sein können! --
Wir wechselten wieder und wieder die Pferde,
und nun war es zu spät und zu weit, um wieder
zurückzugehen; und so fuhr ich weiter. Und die
Nebel waren jetzt alle feierlich emporgestiegen, und
die Welt lag vor mir ausgebreitet.

Hiermit schließt das erste Stadium von Pips


Erwartungen.
Zwanzigstes Kapitel

Die Reise von unserem Städtchen nach der


Großstadt war eine Reise von ungefähr fünf
Stunden. Kurz nach der Mittagsstunde kam die
vierspännige Postkutsche, in der ich fuhr, hinein in
das rege, verkehrsreiche Getriebe von Croß-Keys,
Woodstreet, Cheapside, London.
Wir Briten waren damals schon klippeklar
darüber einig, es wäre Hochverrat, wollte man
daran zweifeln, daß wir von allem das Beste hätten
und von allen die Besten wären; sonst würde ich,
während die ungeheuere Größe Londons mich
einschüchterte, doch wohl einige leise Zweifel
gehegt haben, ob es nicht ziemlich häßlich, winklig,
eng und schmutzig aussähe.
Herr Jaggers hatte mir rechtzeitig seine Adresse
geschickt; sie war Little Britain, und dahinter hatte
er auf seine Karte geschrieben: »Gerade am Ende
von Smithfield und dicht beim Postamt.«
Nichtsdestoweniger packte mich ein Mietskutscher,
der so viele Kragen an seinem schmierigen Mantel
zu haben schien, als er Jahre zählte, in seine
Kutsche hinein und schlug die Tür polternd zu und
klappte die Tritte rasselnd in die Höhe, ganz, wie
wenn er mich fünfzig Meilen weit fahren wollte. Bis
er auf seinem Bock oben saß, der, wie ich mich
erinnere, mit einer alten verwitterten, von Motten
zu Lumpen zerfressenen, erbsgrünen Decke verziert
war, das dauerte eine entsetzlich lange Zeit. Es war
ein wundersames Gefährt, mit sechs großen
Grafenkronen draußen und zerlumpten Dingern
hinten, auf denen ich weiß nicht wieviel Lakaien
hätten Halt fassen können; und darunter war ein
Eisenkamm angebracht, um Straßenjungen davon
abzuhalten, dort hinten aus Spaß die Lakaien zu
spielen.
Ich hatte kaum Zeit gehabt, mich an dieser
Kutsche zu erfreuen und mir zu denken, wie sehr sie
einem Strohhof und wie sehr sie auch einem
Lumpenladen gliche, und mich darüber zu
verwundern, warum die Futterbeutel der Pferde
drinnen verwahrt würden -- da bemerkte ich auch
schon, daß der Kutscher hinunterzuklettern anfing,
wie wenn er gleich anhalten wollte. Und wir hielten
auch gleich, in einer düsteren Straße, vor gewissen
Kanzleien mit einer offenen Tür, worauf der Name:
»Herr Jaggers« gemalt war.
»Wieviel bekommen Sie?« fragte ich den
Kutscher.
Der Kutscher antwortete:
»Einen Shilling -- außerdenn Sie wollen mehr
geben.«
Ich sagte natürlich, ich wollte nicht mehr geben.
»Dann muß es bei einem Shilling bleiben«,
bemerkte der Kutscher. »Ich will nicht erst in
Scherereien kommen. Den da kenn' ich.«
Düster schloß er ein Auge, während er auf Herrn
Jaggers' Namen blickte und den Kopf schüttelte.
Als er seinen Shilling bekommen und nach einer
Weile den Aufstieg auf seinen Bock bewerkstelligt
hatte und fortgefahren war (wobei er sich wieder zu
beruhigen schien), da ging ich, meinen kleinen
Mantelsack in der Hand, in die vordere Kanzlei und
fragte, ob Herr Jaggers zu Hause sei.
»Er ist nicht zu Hause«, entgegnete der
Schreiber. »Er ist augenblicklich auf dem Gericht.
Rede ich mit Herrn Pip?«
Ich bedeutete ihm, daß er mit Herrn Pip rede.
»Herr Jaggers hat hinterlassen, Sie möchten in
seinem Zimmer warten. Er könnte nicht genau
sagen, wie lange er fortbleiben würde, weil er einen
Rechtsfall zu führen hätte. Aber da seine Zeit sehr
kostbar sei, so könnte man darauf rechnen, daß er
nicht länger bleiben würde, als nötig wäre.«
Mit diesen Worten öffnete der Schreiber eine Tür
und führte mich in ein nach hintenzu gelegenes
inneres Gemach. Hier fanden wir einen einäugigen
Herrn in Sammetanzug und Kniehosen vor, der sich
die Nase mit dem Rockärmel wischte, als wir ihn im
Lesen der Zeitung unterbrachen.
»Gehen Sie und warten Sie draußen, Mike«, sagte
der Schreiber.
Ich wollte schon sagen, ich störte doch
hoffentlich nicht -- da schob der Schreiber mit so
wenig Zeremonie, als ich nur je angewandt sah,
diesen Herrn zur Tür hinaus, warf seine Pelzmütze
hinter ihm her und ließ mich allein.
Herrn Jaggers' Zimmer war nur von einem
Oberlicht erhellt und war ein gar erbärmlicher
Platz. Das Oberlicht war exzentrisch ausgeflickt,
gleich einem zerschlagenen Kopf, und die
verrenkten Nebenhäuser sahen ganz so aus, als
hätten sie sich verdreht, um durch das Fenster nach
mir hinunterzugucken. Es lagen nicht soviel Papiere
herum, als ich zu sehen erwartet hatte; und es lagen
ein paar seltsame Dinge herum, die ich nicht zu
sehen erwartet hatte -- wie zum Beispiel: ein altes
rostiges Pistol, ein Degen in einer Scheide,
verschiedene Schachteln und Pakete von
seltsamem Aussehen und auf einem Bücherbrett
zwei schreckliche Abgüsse von ganz besonders
angeschwollenen Gesichtern, die einen verzerrten
Zug um die Nase herum hatten. Herrn Jaggers'
hochlehniger Stuhl war von pechschwarzem
Roßhaar und war, wie ein Sarg, von Reihen
messingner Nägel umgeben; und ich bildete mir ein,
ich könnte ganz genau sehen, wie er sich darin
zurücklehnte und an seinem Zeigefinger herumbiß
und ihn seinen Klienten zuschleuderte. Das Zimmer
war nur klein, und die Klienten schienen es an sich
zu haben, nach der Wand hin zu retirieren; denn die
Wand, besonders gegenüber von Herrn Jaggers'
Stuhl, war von Schultern blank gerieben. Ich
besann mich auch, daß der einäugige Herr an der
Wand entlanggeschuffelt war, als ich die
unschuldige Ursache abgab, daß er hinausgeworfen
wurde.
Ich setzte mich in den Klientenstuhl, der Herrn
Jaggers' Stuhl gegenüberstand, und wurde von der
traurigen Atmosphäre des Platzes wie bezaubert.
Ich erinnerte mich, daß der Schreiber ganz wie sein
Herr einen Zug an sich hatte, als wisse er von
jedermann etwas, was er zu jedermanns Nachteile
verwerten könne. Ich fragte mich, wieviel Schreiber
wohl in dem oberen Stockwerk wären und ob sie
wohl alle die gleiche nachteilige Meisterschaft über
ihre Mitmenschen auszuüben sich anmaßten. Ich
fragte mich, was wohl die Geschichte all des
seltsamen Krams wäre, der im Zimmer herumlag,
und wie er wohl herkäme. Ich fragte mich, ob die
geschwollenen Gesichter wohl von Herrn Jaggers'
Familie waren und warum er wohl, wenn er so
unglücklich war, ein paar so übel aussehender
Verwandten zu haben, sie auf diesen staubigen Sims
stellte, damit der Ruß und die Fliegen darüber
herfielen, und warum er ihnen nicht lieber zu Hause
einen Platz einräumte. Natürlich hatte ich noch
keinen Sommertag in London durchgemacht, und
meine Lebensgeister sind vielleicht von der heißen
erschöpften Luft und dem Staub und Sand, der
dicht auf allem lag, beeinträchtigt worden. Aber ich
saß in Gedanken und wartete in Herrn Jaggers'
dunstiger Stube, bis ich die beiden Abgüsse auf dem
Bücherbrett über Herrn Jaggers' Stuhl wahrhaftig
nicht mehr ertragen konnte und aufspringen und
hinausgehen mußte.
Als ich dem Schreiber sagte, ich wollte in der
frischen Luft ein bißchen spazierengehen, während
ich warten mußte, da riet er mir, um die Ecke
herumzugehen, dann würde ich nach Smithfield
kommen. So kam ich denn nach Smithfield, und der
schändliche Fleck, ganz beschmiert von Schmutz
und Fett und Blut und Kot, schien an mir
klebenzubleiben. So rieb ich ihn mit aller nur
möglichen Eile von mir ab, indem ich in eine Straße
einbog, wo ich den großen, schwarzen Saint-Pauls-
Dom gegen mich emporragen sah hinter einem
großen grimmen steinernen Gebäude hervor, das,
wie mir ein Müßiggänger sagte, das Newgate-
Gefängnis war. Indem ich der Gefängnismauer
folgte, fand ich, daß die Fahrstraße mit Stroh
bedeckt war, damit der Lärm vorüberfahrender
Wägen gedämpft würde, und hieraus und aus der
Menge herumstehender Leute, die alle sehr stark
nach Schnaps und Bier dufteten, schloß ich, daß die
Gerichtsverhandlungen im Gange waren.
Während ich mich hier umsah, fragte mich ein
außerordentlich schmutziger und halbbetrunkener
Gerichtsbeamter, ob ich hineingehen und mir ein
kleines Prozeßchen mitanhören wolle, und sagte
mir, er könne mir für eine halbe Krone einen
Vorderplatz verschaffen, von wo aus ich den Lord-
Oberrichter in Perrücke und Ornat ganz genau
sehen könnte. Er sprach von dieser
ehrfurchterregenden Persönlichkeit wie von einer
Wachsfigur und bot sie mir gleich darauf zu dem
herabgesetzten Preise von achtzehn Pence an. Da
ich den Vorschlag unter dem Vorwand irgendeines
Vorhabens von der Hand wies, war er so
liebenswürdig, mich in einen Hof zu führen und mir
die Stelle zu zeigen, wo der Galgen aufbewahrt
wurde, und auch die Stelle, wo Leute öffentlich
gepeitscht wurden; und dann zeigte er mir das
Schuldnertor, aus dem die Verbrecher zum
Richtplatz geführt wurden, und erhöhte das
interessante Gepräge dieses Portales noch, indem er
mir zu verstehen gab, »vier davon« würden
übermorgen um acht Uhr morgens aus dieser Tür
herauskommen und in einer Reihe hingerichtet
werden. Das war entsetzlich und gab mir einen
Begriff von London, der mir Unwohlsein
verursachte; um so mehr, als der Eigentümer des
Lord-Oberrichters (vom Hut bis hinunter zu den
Stiefeln und wieder hinauf bis einschließlich zu dem
Taschentuch) schimmelige Kleider trug, die
augenscheinlich ihm ursprünglich nicht gehört
hatten, sondern, wie ich mir in den Kopf setzte, vom
Exekutor billig erstanden sein mußten. Unter
diesem Umstande glaubte ich, noch gut
davongekommen zu sein, als ich mich für einen
Shilling glücklich von ihm losgekauft hatte.
Ich trat wieder in die Kanzlei und fragte, ob Herr
Jaggers schon gekommen wäre, und da er noch
nicht da war, schlenderte ich wieder hinaus.
Diesmal ging ich durch Little Britain und bog in
Bartholomew Close ein; und nun gewahrte ich, daß
noch andere Leute gleich mir auf Herrn Jaggers
warteten. Zwei Männer von geheimnisvollem
Aussehen schlenderten im Bartholomew Close
herum und paßten nachdenklich ihre Füße in die
Risse des Pflasters, miteinander plaudernd. Als sie
zum erstenmal an mir vorbeikamen, sagte der eine
von ihnen zum andern, »Jaggers würde es machen,
wenn sich's machen ließe«. Eine Gruppe von drei
Männern und zwei Frauen standen an einer Ecke,
und die eine der Frauen weinte über ihrem
schmutzigen Tuch, und die andere tröstete sie,
indem sie sich selbst ihr Tuch über die Schultern
zog, mit den Worten: »Jaggers ist für ihn, 'melia,
und was könntest du mehr verlangen?« Ein
rotäugiger kleiner Jude kam, während ich dort
herumschlenderte, in das ›Close‹ hinein, in
Begleitung eines zweiten kleinen Juden, den er mit
einem Auftrag fortschickte; und während der Bote
fort war, sah ich diesen Juden, der von einem in
hohem Maße reizbaren Temperament war, unter
einer Straßenlaterne einen Angsttanz aufführen und
hörte ihn sich selber in einer Art Tollwut mit den
Worten begleiten: »Oh, Jaggers, Jaggers, Jaggers!
Alle anderen sind schofle Schafsnasen; ich will bloß
Jaggers haben!« Diese Zeugnisse für die
Volkstümlichkeit meines Vormundes machten
einen tiefen Eindruck auf mich, und ich
verwunderte mich und staunte noch mehr denn
zuvor.
Endlich, als ich durch das Eisengitter von
Bartholomew Close nach Little Britain guckte, sah
ich Herrn Jaggers über die Straße herüber auf mich
zu kommen. Alle anderen, die warteten, sahen ihn
zu gleicher Zeit, und man stürzte förmlich auf ihn
los. Herr Jaggers legte mir die Hand auf die Schulter
und ließ mich neben sich hergehen, ohne ein Wort
zu sagen, und wandte sich an die Leute, die ihm
folgten.
Zuerst nahm er die beiden geheimnisvollen
Männer heran.
»Nun, zu Ihnen habe ich nichts zu sagen«, sagte
Herr Jaggers und schlenkerte seinen Finger nach
ihnen hin. -- »Ich will nichts weiter wissen, als was
ich weiß. Was den Erfolg anbetrifft, so hängt er vom
Zufall ab. Ich sagte Ihnen von vornherein, er würde
vom Zufall abhängen. Haben Sie Wemmick
bezahlt?«
»Wir haben heute morgen das Geld aufgetrieben,
Herr«, sagte der eine der Männer in demütigem
Tone, während der andere eifrig in Herrn Jaggers'
Gesicht las.
»Ich fragte Sie nicht, wann Sie's aufgetrieben
haben noch wo, noch ob Sie's überhaupt
aufgetrieben haben. Hat es Wemmick bekommen?«
»Ja, Herr«, sagten beide Männer zusammen.
»Schön; dann können Sie gehen. Na, ich will's
nicht haben«, sagte Herr Jaggers, mit der Hand
nach ihnen hin schwenkend, um sie
zurückzutreiben. »Wenn Sie ein Wort reden, hänge
ich den Fall an den Nagel.«
»Wir dachten, Herr Jaggers --« begann der eine
der Männer, indem er den Hut zog.
»Das habe ich Ihnen doch gerade verboten«,
sagte Herr Jaggers. »Sie dachten! Ich denke für Sie,
und damit haben Sie sich zu begnügen. Wenn ich Sie
brauche, weiß ich, wo ich Sie finden kann; ich will
nicht, daß Sie mich aufsuchen. Hören Sie, Sie sollen
mich in Ruhe lassen. Ich will kein Wort hören.«
Die beiden Männer sahen einander an, während
Herr Jaggers sie zurückscheuchte, und demütig
blieben sie von ihm und ließen sich nicht mehr
vernehmen.
»Und nun Sie da!« rief Herr Jaggers, indem er
plötzlich stehenblieb und sich an die beiden Frauen
mit den Tüchern wandte (die Männer waren
bescheiden fortgetreten). »Oh! Amelia, wie?«
»Ja, Herr Jaggers.«
»Und denken Sie daran«, versetzte Herr Jaggers,
»daß Sie es nur mir zu verdanken haben, daß Sie
hier sind?«
»O ja, Herr!« riefen beide Frauen zugleich aus.
»Der liebe Gott segne Sie, Herr. Das wissen wir sehr
wohl!«
»Weshalb«, sagte Herr Jaggers, »kommen Sie
dann hierher?«
»Mein Bill, Herr!« wandte das weinende Weib
ein.
»Nun, ich will Ihnen was sagen!« rief Herr
Jaggers -- »Ein für allemal. Wenn Sie nicht wissen,
daß Ihr Bill in guten Händen ist, so weiß ich es doch.
Und wenn Sie hierherkommen und mir die Ohren
vollsummen von Ihrem Bill, so werde ich ein
Exempel statuieren an Ihrem Bill sowohl als auch an
Ihnen und werde meine Hand von ihm nehmen.
Haben Sie Wemmick bezahlt?«
»O ja, Herr! Auf Heller und Pfennig.«
»Schön. Dann haben Sie alles getan, was Sie zu
tun haben. Reden Sie noch einen Ton -- noch einen
einzigen Ton --, und Wemmick soll Ihnen Ihr Geld
zurückgeben.«
Diese schreckliche Drohung bewirkte, daß die
beiden Frauen sofort zurückblieben. Jetzt war
keiner mehr übrig als der reizbare Jude, der bereits
mehrmals den Saum von Herrn Jaggers' Rock an
seine Lippen gehoben hatte.
»Ich kenne diesen Menschen nicht!« rief Herr
Jaggers, in dem gleichen niederschmetternden
Tone. »Was will dieser Kerl?«
»Mai teierster Müßter Jaggers. Der Bruder vom
Habraham Laßarus.«
»Wer ist das?« fragte Herr Jaggers. »Laß er
meinen Rock los.«
Der Bittsteller küßte den Saum des Gewandes
abermals, ehe er es losließ, und erwiderte:
»Habraham Laßarus. Was is in Verdacht von
wegen dem Sillwer.«
»Er kommt zu spät«, sagte Herr Jaggers. »Ich bin
auf der anderen Seite.«
»Wai geschrien! Gott der Gerechte, Müßter
Jaggers!« rief meine reizbare Bekanntschaft und
wurde kreideweiß; »was sagen Se, sin Se gegen den
Laßarus, den Habraham!«
»Jawohl«, sagte Herr Jaggers, »und damit basta.
Aus dem Wege!«
»Müßter Jaggers! 'ne halwe M'nude! Mai heigner
Kosäng is gegangen hin zum Müßter Wemmick in
dieser selbigen M'nude, ihm ßu sagen, daß mer
wollen eingehen jede beliebige Bedingung. Müßter
Jaggers! Ne hallwe Viertelm'nude! Wenn Se wollen
haben die Giete, sich lassen ßu koofen los von de
andre Sait' -- ßu jeden beliebigen Preise! -- Geld is
dabei gar kei Objekt! -- Müßter Jaggers -- Müßter --

Mein Vormund schob den Bittsteller mit der
größten Gleichgültigkeit beiseite und ließ ihn auf
dem Pflaster tanzen, als ob es ihm unter den Füßen
glühte. Ohne weitere Unterbrechung langten wir in
der vorderen Kanzlei an, wo wir den Schreiber und
den Mann im Sammetkostüm und mit der
Pelzmütze antrafen.
»Hier ist Mike«, sagte der Schreiber, indem er
vom Stuhl herunterstieg und sich vertraulich Herrn
Jaggers näherte.
»Ah so!« sagte Herr Jaggers, sich an den Mann
wendend, der sich an einer Haarlocke in der Mitte
seiner Stirn zupfte, wie der Ochse im Rotkehlchen-
Liede[5 ] am Glockenstrick gezogen hat; »Ihr Mann
kommt heute nachmittag ran. Na?«
»Na, Mas'r Jaggers«, entgegnete Mike mit der
Stimme eines Mannes, der an einer zur zweiten
Natur gewordenen Erkältung leidet; »nach ziemlich
viel Plackerei hab' ich einen gefunden, Herr, der am
Ende angeht.«
»Was ist er bereit zu beschwören?«
»Na, Mas'r Jaggers«, sagte Mike, indem er sich
diesmal die Nase an seiner Pelzmütze abwischte;
»im allgemeinen alles.«
Herr Jaggers wurde plötzlich sehr gereizt.
»Nun, ich habe Ihnen schon mal gesagt«, rief er,
indem er seinen Zeigefinger nach dem entsetzten
Klienten hinschlenkerte, »wenn Sie sich erdreisten,
in dieser Weise hier zu reden, so werde ich ein
Exempel an Ihnen statuieren. Sie höllischer
Schurke! Wie können Sie sich herausnehmen, Mir
so was zu sagen?«
Der Klient sah eingeschüchtert, aber auch
verwirrt drein, wie wenn er gar nicht wüßte, was er
verbrochen hätte.
»Einfaltspinsel!« sagte der Schreiber mit leiser
Stimme, indem er ihm einen Stoß gegen den
Ellenbogen gab. »Dummkopf! Müssen Sie's ihm
denn direkt ins Gesicht sagen?«
»Nun, ich frage Sie, Sie unverschämter Tölpel«,
sagte mein Vormund in sehr schroffem Tone --
»nochmals und zum letztenmal: was ist der Mann,
den Sie hergebracht haben, bereit zu beschwören?«
Mike sah meinen Vormund groß an, wie wenn er
versuche, ihm eine Lehre vom Gesicht abzulesen,
und erwiderte langsam:
»Entweder, daß er unbescholten ist, oder, daß er
ihm in der bewußten Nacht Gesellschaft geleistet
und ihn nicht einen Augenblick verlassen hat.«
»Nun! nehmen Sie sich in acht! In welcher
Lebensstellung befindet sich dieser Mann?«
Mike sah auf seine Mütze und sah auf den Boden
und sah nach der Decke und sah nach dem
Schreiber und sah sogar mich an, ehe er nervös zu
antworten begann:
»Wir haben ihn herausstaffiert wie einen --«
Da unterbrach ihn mein Vormund polternd:
»Was? Sie wollen's! Wollen Sie's?«
(»Einfaltspinsel!« setzte der Schreiber wieder
hinzu und stieß ihn abermals an.)
Nachdem Mike eine Weile hilflos umhergestarrt
hatte, hellte sein Gesicht sich auf, und er begann
wieder:
»Er ist gekleidet wie ein ehrbarer Pastetenbäcker,
wie 'ne Art Konditor.«
»Ist er hier?« fragte mein Vormund.
»Ich hab' ihn draußen gelassen«, sagte Mike; »er
sitzt auf einer Türschwelle um die Ecke herum.«
»Führen Sie ihn an diesem Fenster vorbei und
lassen Sie mich ihn sehen.«
Das betreffende Fenster war das Kanzleifenster.
Wir traten alle drei dorthin, hinter die
Drahtvorsetzer, und sahen gleich darauf den
Klienten wie zufällig vorbeigehen mit einem großen
Individuum von mörderischem Aussehen, in einem
kurzen weißleinenen Anzug und mit einer
Papiermütze auf dem Kopf. Dieser harmlose
Zuckerbäcker war keineswegs nüchtern und hatte
ein schwarzes Auge aufzuweisen, das sich im grünen
Stadium der Heilung befand und mit Schminke
überpinselt war.
»Sagen Sie ihm, er solle diesen Zeugen sofort
hinwegbringen«, sagte mein Vormund im Tone
höchsten Widerwillens zu dem Schreiber; »und
fragen Sie ihn, was er sich dabei denkt, solch einen
Kerl hierherzubringen.«
Mein Vormund nahm mich dann mit in seine
Stube, und während er im Stehen frühstückte, aus
einer Stullenbüchse und einem Taschenfläschchen
voll Sherry (er schien selbst seine Butterbrötchen
beim Essen auszuzanken), teilte er mir mit, welche
Anordnungen er für mich getroffen hätte. Ich sollte
nach »Barnard's-Inn« gehen, wo die Zimmer des
jungen Herrn Pocket wären; dort sei ein Bett
hingeschickt worden für meinen Gebrauch; ich
sollte bei dem jungen Herrn Pocket bis zum Montag
bleiben; am Montag sollte ich mit ihm einen Besuch
im Hause seines Vaters machen, damit ich
probieren könne, wie mir das gefiele. Auch wurde
mir mitgeteilt, wie hoch sich mein Taschengeld
belaufen würde -- es war eine sehr anständige
Summe --, und ich bekam aus einem der
Schubkästen meines Vormundes die Karten
gewisser Handelsmänner eingehändigt, mit denen
ich wegen aller Arten von Kleidung und anderen
Dingen, deren ich verständigerweise benötigen
würde, zu verkehren hätte.
»Sie werden sehen, daß Sie guten Kredit haben,
Herr Pip«, sagte mein Vormund, dessen Fläschchen
wie eine ganze Tonne duftete, als er ein
Schlückchen zu seiner Erfrischung trank; »aber ich
werde auf diese Weise imstande sein, Ihre
Rechnungen zu kontrollieren und Sie am Kragen zu
fassen, wenn Sie über die Stränge springen.
Natürlich werden Sie sowieso auf falsche Wege
geraten, aber daran bin dann ich nicht schuld.«
Nachdem ich ein wenig über diesen ermutigenden
Ausspruch nachgedacht hatte, fragte ich Herrn
Jaggers, ob ich nach einer Kutsche schicken sollte?
Er sagte, das verlohnte sich nicht der Mühe, weil ich
doch meinem Ziele so nahe wäre; Wemmick sollte
mit mir herumgehen, wenn ich nichts dagegen hätte.
Ich sah nun, daß Wemmick der Schreiber im
nächsten Zimmer war. Ein anderer Schreiber wurde
von oben heruntergeklingelt und mußte, solange er
fort war, seinen Platz einnehmen, und ich folgte
Wemmick auf die Straße, nachdem ich meinem
Vormund die Hand geschüttelt hatte. Wir fanden
draußen eine neue Schar herumlungernder Leute,
aber Wemmick bahnte sich einen Weg durch sie,
indem er kühl, aber entschieden sagte: »Ich sage
Ihnen, es hat gar keinen Zweck; er hat zu keinem
von Ihnen auch nur ein Sterbenswörtchen zu
sagen«; und wir waren bald durch sie hindurch und
gingen nun nebeneinanderher.

[5]Anspielung auf ein englisches Kinderlied, das den


Tod eines Rotkehlchens und das Begräbnis schildert,
bei dem v erschiedene Tiere die v erschiedenen
Äm ter besorgen, wobei der Ochse die Glocke läutet.
Einundzwanzigstes Kapitel

Unterwegs warf ich den Blick auf Herrn Wemmick,


um zu sehen, wie er wohl im Tageslicht aussähe, und
da fand ich, daß er ein trockner Mann war von
etwas untersetztem Wuchs und mit eckigem
hölzernen Gesicht und einem Gesichtsausdruck, der
nur unvollkommen mit einem stumpfkantigen
Meißel ausgearbeitet zu sein schien. Es waren einige
Spuren darin, die Grübchen hätten sein können,
wäre das Material weicher und das Werkzeug feiner
gewesen, so aber nur Male waren. Der Meißel hatte
mehrere derartige Verschönerungsversuche über
seiner Nase angestellt, war aber wieder davon
abgekommen und hatte nicht daran gedacht, sie
wieder fortzuputzen. Aus dem mangelhaften
Zustand seiner Wäsche schloß ich, daß er
Junggeselle war, und er schien schon viel
Familienverluste erlitten zu haben; denn er trug
wenigstens vier Trauerringe und außerdem noch
eine Busennadel, auf der eine Dame und eine
Trauerweide neben einem Grabmal mit einer Urne
darauf dargestellt war. Ich bemerkte auch, daß er
mehrere Ringe und Petschafte an seiner Uhrkette
zu hängen hatte, wie wenn er mit Andenken an
dahingeschiedene Freunde förmlich überladen
wäre. Er hatte glitzernde Augen -- kleine, scharfe,
schwarze Augen -- und dünne, lange, gesprenkelte
Lippen. Soweit es mir vorkam, mochte er sie schon
vierzig bis fünfzig Jahre lang haben.
»Sie waren also noch nie in London?« fragte mich
Herr Wemmick.
»Nein«, sagte ich.
»Ich war auch einmal ein Neuling hier«, sagte
Herr Wemmick. »Komisch, wenn man jetzt dran
denkt!«
»Jetzt kennen Sie's sehr gut!«
»Nun ja«, sagte Herr Wemmick. »Ich kenne seine
Schliche.«
»Ist es ein sehr böser Ort?« fragte ich, mehr um
irgendwas zu sagen, als um irgendwas zu erfahren.
»Sie können in London betrogen, bestohlen und
totgeschlagen werden. Aber es gibt überall viel
Leute, die Ihnen solche kleine Liebenswürdigkeit
erzeigen können.«
»Wenn zwischen einem und solchen Leuten böses
Blut ist«, sagte ich, um diesen Ausspruch ein wenig
abzuschwächen.
»Ach was! Ich weiß nichts von bösem Blut«,
entgegnete Herr Wemmick; »von bösem Blut ist da
weiter keine Rede. Wenn was dabei zu profitieren
ist.«
»Das macht's noch schlimmer.«
»Meinen Sie?« entgegnete Herr Wemmick. »Ist
doch eins wie's andere, möchte ich sagen.«
Er trug den Hut ganz hinten auf dem Kopfe und
sah gerade vor sich hin. Er ging in einer
selbstzufriedenen Weise, wie wenn nichts auf der
Straße seine Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen
könne. Sein Mund war solch ein Postamt von einem
Munde, daß er ein mechanisches Lächeln an sich zu
haben schien. Wir waren schon oben auf Holborn
Hill, ehe ich wahrnahm, daß es ein bloßer
mechanischer Zug war und daß er überhaupt nicht
lächelte.
»Wissen Sie, wo Herr Matthew Pocket wohnt?«
fragte ich Herrn Wemmick.
»Ja«, sagte er und nickte in der Richtung hin. »In
Hammersmith im Westen von London.«
»Ist das weit?«
»Na! Sagen wir, fünf Meilen.«
»Kennen Sie ihn?«
»Na, Sie sind ja 'n regelrechter Kreuzverhörer!«
rief Herr Wemmick und sah mich mit beifälliger
Miene an. »Ja, ich kenne ihn. Ich kenne ihn!«
In dem Tone, wie er diese Worte aussprach, lag
etwas wie Duldsamkeit oder Geringschätzung, und
das stimmte mich ziemlich niedergeschlagen; und
ich blickte noch immer von der Seite nach seinem
Klotz von einem Gesicht, ob ich eine ermutigende
Note zu diesem Texte finden könnte, da sagte er
auch schon, wir wären in Barnard's Inn. Meine
Niedergeschlagenheit wurde durch diese Meldung
nicht vermindert, denn ich hatte vermutet, dieses
Etablissement wäre ein von Herrn Barnard
unterhaltenes Hotel, gegen das der Blaue Eber in
unserer Stadt eine bloße Schänke wäre. Dagegen
fand ich nun, daß Barnard ein dem Körper
entrückter Geist oder eine Phantasiegeburt war und
daß sein Gasthaus die schmutzigste Kollektion
schäbiger Häuser war, die jemals in einer wüsten
Ecke als Versammlungsort für Kater
zusammengequetscht worden ist.
In diesen sicheren Port traten wir durch ein
Einlaßtor hinein, und aus dem Schlunde eines
einleitenden Ganges tauchten wir hervor in ein
melancholisches kleines Viereck, das mir wie ein
ebener Begräbnisplatz vorkam. Mich dünkte, als
wären darin die kläglichsten Bäume und die
kläglichsten Spatzen und die kläglichsten Katzen
und die kläglichsten Häuser (an Zahl ungefähr ein
halbes Dutzend), die ich jemals gesehen hatte. Mich
dünkte, die Fenster der Reihen von Kammern, in
die diese Häuser geteilt waren, befänden sich in
jeglichem Stadium verfallener Jalousien und
Vorhänge, verkrüppelter Blumentöpfe,
zerbrochner Scheiben, staubiger Trümmer und
erbärmlicher Pfusche; während »Zu vermieten«,
»Zu vermieten«, »Zu vermieten« mir aus leeren
Zimmern entgegenstarrte, gleich als ob keine neuen
armen Teufel mehr dorthin kämen und die
Rachsucht der Seele Barnards sich langsam
besänftige an dem allmählichen Selbstmord der
jetzigen Bewohner und an ihrer ungeweihten
Beerdigung unter dem Kies. Einen muffigen
Traueranzug aus Ruß und Rauch trug diese
Schöpfung Barnards, und Asche war ihr auf das
Haupt gestreut, und als ein bloßes Kehrichtloch litt
sie Buße und Demütigung. Dies war der Eindruck,
den es auf meinen Gesichtssinn machte; während
trockne Fäule und nasse Fäule und jegliche Art
stiller Fäule in vernachlässigten Dachstuben und
Kellerlöchern -- Fäule von Ratten und Mäusen und
Wanzen und Wagenschuppen in nächster Nähe --
sich mit zartem Duft an meinen Geruchssinn
wandten und seufzten: »Probieren Sie doch einmal
Barnards Mixtur.«
So unvollkommen war diese Verwirklichung der
ersten meiner großen Erwartungen, daß ich entsetzt
Herrn Wemmick ansah.
»Ja, ja!« sagte er, mich falsch verstehend; »diese
Zurückgezogenheit erinnert Sie an das Land. Mich
auch.«
Er führte mich in einen Winkel und ging mit mir
eine Treppenflucht hinauf, die, wie mir schien,
langsam zu Sägespänen zerfiel, so daß in nächster
Zeit einmal die oberen Mieter bei einem Blick aus
ihrer Tür wahrnehmen mußten, daß ihnen die
Mittel und Wege hinunterzukommen abgeschnitten
wären. Diese Treppe stiegen wir hinauf bis nach
einer Reihe von Kammern im obersten Stock. Der
Name »Herr Pocket jun.« war an die Tür gemalt,
und am Briefkasten hing ein Zettel: »Wird gleich
wiederkommen.«
»Er hat sich schwerlich denken können, daß Sie
so bald kommen«, erklärte Herr Wemmick. »Sie
brauchen mich doch nicht weiter?«
»Nein, ich danke«, sagte ich.
»Da ich die Kasse führe«, bemerkte Herr
Wemmick, »so werden wir wahrscheinlich ziemlich
oft zusammenkommen. Guten Tag.«
»Guten Tag.«
Ich hielt meine Hand hin, und Herr Wemmick sah
sie zuerst an, wie wenn er glaubte, ich wollte etwas
haben. Dann sah er mich an und sagte, sich
verbessernd:
»Ach, richtig! Ja, ja! Sie haben das so an sich, sich
die Hände zu geben?«
Ich war ziemlich verwirrt, weil ich dachte, das
wäre am Ende in London nicht Mode; aber ich sagte
ja.
»Ich bin schon wieder so davon abgekommen!«
sagte Herr Wemmick -- »abgesehen die letzte Zeit.
Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen,
ganz entschieden. Guten Tag!«
Als wir uns die Hände geschüttelt hatten und er
fort war, öffnete ich das Treppenfenster und hätte
mich beinahe selbst enthauptet, denn die Stricke
waren vermodert, und das Fenster kam wie eine
Guillotine wieder heruntergesaust.
Glücklicherweise ging das so schnell, daß ich noch
nicht den Kopf hinausgesteckt hatte. Nachdem ich
so noch glücklich davongekommen war, begnügte
ich mich damit, die verschwommene Aussicht auf
das Inn durch die Kruste Schmutz, die auf dem
Fenster saß, zu betrachten und trübsinnig
dazustehen und zu mir selbst zu sagen, London
würde entschieden überschätzt. 
Herrn Pockets junior Begriff von baldiger
Rückkehr war nicht der meine, denn ich hatte mich
durch ein halbstündiges Hinausgucken schon halb
um den Verstand gebracht und hatte meinen Namen
mit dem Finger mehrmals in den Schmutz jedes
Vierecks am Fenster geschrieben, ehe ich Tritte auf
den Stufen vernahm. Allmählich stiegen vor mir
empor der Hut, der Kopf, der Kragen, die Weste,
die Beinkleider, die Stiefel eines Mitgliedes der
menschlichen Gesellschaft, das ungefähr meines
Alters war. Der junge Herr trug unter jedem Arm
eine Papiertüte und ein Körbchen Erdbeeren in der
einen Hand und war außer Atem.
»Herr Pip?« fragte er.
»Herr Pocket?« fragte ich.
»Du liebe Zeit!« rief er. »Es tut mir
außerordentlich leid, aber ich wußte, es käme eine
Kutsche aus Ihrer Gegend um die Mittagsstunde
herum an, und da dachte ich, Sie kämen am Ende
mit. Ich bin nämlich Ihretwegen aus gewesen --
nicht als ob ich mich damit entschuldigen wollte --,
denn ich dachte so bei mir, weil Sie doch vom Lande
kämen, da würden Sie am Ende ganz gern ein
bißchen Obst nach Tische essen, und da bin ich
denn nach Covent Garden Market gegangen, um
recht gutes zu bekommen.«
Aus irgendeinem Grunde war mir's, als müßten
mir die Augen aus dem Kopfe springen. Ich dankte
ihm in unzusammenhängenden Worten für seine
Aufmerksamkeit und begann dies alles für einen
Traum zu halten.
»Du liebe Zeit!« sagte Herr Pocket junior. »Die
Tür hier klemmt sich so!«
Da er auf dem besten Wege war, Mus aus seinem
Obste zu machen, während er so mit der Tür
kämpfte und seine Papiertüten unter den Armen
festhielt, bat ich ihn, mich die Sachen halten zu
lassen. Er reichte sie mir mit einem liebenswürdigen
Lächeln nnd rang mit der Tür, wie wenn sie ein
wildes Tier wäre. Endlich gab sie so plötzlich nach,
daß er auf mich zurücktaumelte und ich gegen die
Tür nebenan wankte. Wir lachten beide. Aber noch
immer war mir zumute, als müßten mir die Augen
aus dem Kopfe springen und als wäre all dies ein
Traum.
»Bitte, treten Sie ein«, sagte Herr Pocket junior.
»Gestatten Sie mir, voranzugehen. Es sieht bei mir
ziemlich kahl aus, aber ich hoffe, Sie werden bis
Montag leidlich zurechtkommen. Mein Vater
glaubte, Sie würden den morgigen Tag angenehmer
in meiner Gesellschaft verleben als in seiner und
würden vielleicht auch ganz gern ein bißchen in
London herumbummeln. Ich werde mich gewiß
überaus glücklich schätzen, Ihnen London zu
zeigen. Was unseren Mittagstisch anbelangt, der
wird Ihnen nicht schlecht vorkommen, hoffentlich,
denn er wird von unserem Kaffeehaus
hierhergeholt, und zwar (es ist nur billig, das
hinzuzusetzen) auf Ihre Kosten, denn so hat es Herr
Jaggers angeordnet. Was unsere Wohnung betrifft,
so ist sie keineswegs prächtig, weil ich mir nämlich
mein Geld selber verdienen muß und mein Vater
mir nichts geben kann, und ich würde es auch gar
nicht annehmen, wenn er mir etwas geben wollte.
Dies ist unsere Wohnstube -- alles, die Stühle und
Tische und der Teppich und so weiter, sehen Sie,
was zu Hause gerade entbehrt werden konnte. Sie
müssen nicht denken, daß das Tischtuch und die
Löffel und die Plattmenage von mir sind, denn das
ist alles für Sie aus dem Wirtshaus besorgt worden.
Das ist mein kleines Schlafzimmer, ziemlich müffig,
aber in Barnard's Inn geht's nun mal überall müffig
zu. Das ist Ihr Schlafzimmer; das Mobiliar ist extra
gemietet worden, aber ich glaube doch, daß es sich
machen wird; wenn Sie etwas brauchen sollten, so
will ich gehen und es holen. Die Zimmer sind
entlegen, und wir werden allein zusammenwohnen,
aber wir werden uns doch wahrscheinlich nicht
prügeln. Aber, du liebe Zeit, verzeihen Sie, Sie
halten ja die ganze Weile über das Obst. Bitte lassen
Sie mich diese Tüten nehmen. Ich schäme mich ja
förmlich.«
Als ich Herrn Pocket junior gegenüberstand und
ihm die Tüten einhändigte, erst die eine und dann
die andere, da sah ich, daß auch seine Augen ganz
wie die meinen einen Ausdruck annahmen, als
wollten sie ihm aus dem Kopf herausspringen, und
er rief, zurücktretend:
»Herr Jesses, Sie sind ja der Bummelfritze!«
»Und Sie«, sagte ich, »sind der blasse junge
Herr.«
Zweiundzwanzigstes Kapitel

Der blasse junge Herr und ich standen und sahen in


Barnard's Inn einander an, bis wir laut heraus
lachten.
»Na aber! Daß Sie das sind!« rief er.
»Na aber! Daß Sie das sind!« rief ich.
Und dann betrachteten wir einander von neuem
und lachten abermals.
»Na!« sagte der blasse junge Herr und streckte
mir gutmütig die Hand hin, »'s ist hoffentlich jetzt
alles vergessen, und es wird großmütig von Ihnen
sein, wenn Sie mir verzeihen, daß ich Sie damals so
verprügelt habe.«
Ich entnahm diesen Worten, daß Herr Herbert
Pocket (denn Herbert war der Name des blassen
jungen Herrn) noch immer seine Absicht mit seiner
Tat verwechselte. Aber ich gab eine bescheidene
Antwort, und wir schüttelten uns herzlich die
Hände.
»Damals hatten Sie Ihr Glück noch nicht
gemacht?« fragte Herbert Pocket.
»Nein«, sagte ich.
»Richtig«, stimmte er zu; »ich hörte, es sei erst
vor kurzem geschehen. Damals befand eher ich
mich auf dem Ausguck nach dem Glück.«
»Wahrhaftig?«
»Ja. Fräulein Havisham hatte nach mir geschickt,
um einmal zu sehen, ob sie an mir Gefallen finden
könne. Aber das konnte sie nicht -- zum wenigsten
hat sie's nicht getan.«
Ich hielt es für höflich zu bemerken, daß ich mich
darüber wundern müßte.
»Schlechter Geschmack«, sagte Herbert lachend;
»aber doch Tatsache. Ja, sie hatte nach mir
geschickt, damit ich ihr einen Probebesuch machen
sollte, und wenn der zu meinem Erfolg ausgefallen
wäre, dann wäre wahrscheinlich für mich gesorgt
gewesen, vielleicht wäre ich dann der -- äh --
Dingsda von Estella geworden.«
»Was ist das?« fragte ich mit plötzlichem Ernst.
Er legte sein Obst auf einen Teller, während wir
sprachen; und das hatte seine Aufmerksamkeit
abgelenkt und war Ursache gewesen, daß er nicht
auf das rechte Wort gekommen war.
»Der Liebhaber«, erklärte er, noch immer mit
dem Obst beschäftigt. »Verlobter. Bräutigam.
Dingsda. Irgendein Wort derart.«
»Wie haben Sie die Enttäuschung getragen?«
fragte ich.
»Pah!« sagte er; »hab' mir'n Teufel was draus
gemacht. Die ist ja'n Ekel.«
»Fräulein Havisham?« fragte ich.
»Dazu sage ich nicht nein, aber ich meine Estella.
Dieses Mädel ist ganz furchtbar hart und hochmütig
und launenhaft und ist von Fräulein Havisham
erzogen worden, um am ganzen männlichen
Geschlecht Rache zu üben.«
»Was für eine Verwandte von Fräulein Havisham
ist sie denn?«
»Gar keine Verwandte«, sagte er. »Bloß
adoptiert.«
»Warum soll sie denn Rache üben am ganzen
männlichen Geschlecht? Was denn für Rache?«
»Herrjeh, Herr Pip!« rief er. »Wissen Sie das
nicht?«
»Nein«, sagte ich.
»Du liebe Zeit! Das ist ja 'ne förmliche Geschichte
und soll daher bis zum Mittagessen aufgespart
werden. Und nun gestatten Sie, daß ich mir die
Freiheit nehme, Sie etwas zu fragen. Wie kamen Sie
an jenem Tage dorthin?«
Ich erzählte es ihm, und er hörte aufmerksam zu,
bis ich zu Ende war, und dann brach er abermals in
ein Gelächter aus und fragte mich, ob ich
Schmerzen danach gehabt hätte? Ich fragte ihn
nicht, ob er welche gehabt hätte, denn meine
Überzeugung in diesem Punkte stand vollständig
fest.
»Herr Jaggers ist, wie ich höre, Ihr Vormund?«
fuhr er fort.
»Ja.«
»Sie wissen, daß er Fräulein Havishams
Geschäftsmann und Rechtsbeirat ist und daß er ihr
Vertrauen hat, er ganz allein?«
Hier geriet ich (wie ich fühlte) auf gefährlichen
Boden. Ich antwortete mit einem Zwang, den ich
nicht zu verbergen bestrebt war, ich hätte Herrn
Jaggers an demselben Tage, wo wir uns geschlagen
hätten, in Fräulein Havishams Hause gesehen; sonst
sei er mir aber nicht wieder vor Augen gekommen,
und ich glaubte auch, daß er sich nicht darauf
besänne, mich jemals dort gesehen zu haben.
»Er war so liebenswürdig, meinen Vater als
Lehrer für Sie in Vorschlag zu bringen, und
besuchte meinen Vater, um mit ihm darüber zu
reden. Natürlich kannte er meinen Vater von seinen
Beziehungen zu Fräulein Havisham her. Mein Vater
ist Fräulein Havishams Vetter. Aber Sie müssen
nicht denken, daß ein vertraulicher Verkehr
zwischen ihnen herrscht, denn mein Vater ist ein
schlechter Höfling und denkt nicht daran, sich ihre
Gunst zu erwerben.«
Herbert Pocket hatte eine anmutige und offene
Art und Weise an sich, die sehr gewinnend wirkte.
Ich hatte damals noch niemanden gesehen und habe
auch bis jetzt noch niemanden gesehen, der mir mit
jedem Blick und jedem Wort eindrücklicher zu
verstehen gegeben hätte, daß er von Natur ganz
unfähig sei, etwas Heimliches oder Gemeines zu tun.
Es lag im allgemeinen in seinem Wesen etwas
wunderbar Hoffnungsvolles, und doch flüsterte zur
gleichen Zeit ein Etwas mir zu, daß er nie rechten
Erfolg haben und niemals reich werden würde. Ich
weiß nicht, wie das kam: dieser Gedanke gewann
gleich am ersten Tage, noch bevor wir uns zum
Essen niedersetzten, die Herrschaft über mich; wie
ich aber dazu kam, vermag ich nicht anzugeben.
Er war noch immer ein blasser junger Herr und
hatte bei all seiner Lebhaftigkeit und Munterkeit
eine gewisse gewohnheitsgemäße Schlaffheit an
sich, die nicht auf natürliche Kraft zu deuten schien.
Er hatte kein hübsches Gesicht, aber es war besser
als hübsch, denn es war außerordentlich
liebenswürdig und lustig. Seine Gestalt war ein
wenig plump, wie zur Zeit, wo meine Knöchel sich so
große Freiheit mit ihr herausgenommen hatten;
aber sie sah aus, wie wenn sie immer leicht und jung
bleiben würde. Ob Herrn Trabbs Provinzarbeit ihm
anmutiger gestanden haben würde als mir, ist die
Frage; aber ich weiß genau, daß er seinen ziemlich
alten Anzug besser trug als ich meinen neuen.
Da er so sehr mitteilsam war, so fühlte ich, daß
Zurückhaltung meinerseits ein schlechter Dank
wäre und daß ein solches Benehmen sich bei
unseren Jahren nicht paßte. Deshalb erzählte ich
ihm meine kleine Geschichte und legte Nachdruck
darauf, daß mir verboten wäre, danach zu fragen,
wer mein Wohltäter wäre. Ich erwähnte ferner, daß,
da ich als Grobschmied auf einem Dorfe erzogen
worden wäre und wenig vom guten Ton wisse, ich es
als große Liebenswürdigkeit seinerseits auffassen
würde, wenn er mir einen Wink gäbe, sobald er
einmal sehen sollte, daß ich mich nicht zu
benehmen wüßte oder irgend etwas falsch machte.
»Mit Vergnügen«, sagte er; »zwar getraue ich
mich von vornherein zu prophezeien, es werden
sehr wenig solche Winke nötig sein. Wir werden
höchstwahrscheinlich sehr oft zusammen sein, und
ich möchte gern jeden unnötigen Zwang zwischen
uns beseitigen. Wenn Sie mir den Gefallen tun
wollen, so fangen wir gleich damit an, daß wir uns
duzen und Sie mich bei meinem Taufnamen,
Herbert, nennen?«
Ich dankte ihm und sagte, das wäre mir recht. In
Erwiderung seiner Liebenswürdigkeit sagte ich ihm,
mein Taufname wäre Philipp.
»Philipp ist nicht mein Fall«, sagte er lächelnd;
»denn das klingt so sehr nach einem Moralbüblein
aus der Fabel, das so faul war, daß es in einen Teich
fiel, oder so fett, daß es nicht aus den Augen sehen
konnte, oder so geizig, daß es seinen Kuchen
wegschloß, bis die Mäuse ihn auffraßen, oder so
darauf erpicht, Vogelnester auszunehmen, daß es
von Bären gefressen wurde, die in der Gegend
hausten und auch gerade bei der Hand waren. Ich
will dir sagen, was mir gefallen würde. Wir
harmonieren so miteinander, und du bist ein
Schmied gewesen -- würde es dir da was ausmachen
--«
»Nichts würde mir was ausmachen, was du
vorschlägst«, antwortete ich; »aber ich verstehe
dich nicht.«
»Würde es dir was ausmachen, wenn ich dir den
Spitznamen Händel gebe? Es gibt nämlich ein ganz
reizendes Musikstück von Händel, betitelt: ›Der
harmonische Schmied!‹«
»Das wäre mir sehr recht.«
»Dann, mein lieber Händel«, sagte er und drehte
sich um, denn die Tür ging auf, »hier ist unser
Mittagessen, und ich muß dich ersuchen, oben an
der Tafel Platz zu nehmen, weil du ja das
Mittagessen spendierst.«
Davon wollte ich natürlich nichts hören, und so
setzte er sich denn obenan, und ich setzte mich ihm
gegenüber. Es war ein nettes kleines Diner -- es kam
mir damals vor wie ein reiner Lord-Mayors-
Schmaus[6 ] --, und der Genuß daran wurde noch
erhöht, weil es in so unabhängigen Verhältnissen
gegessen wurde, keine alten Leute dabei waren und
ganz London um uns herumlag. Diese Wonne
wiederum wurde noch erhöht durch einen gewissen
zigeunerhaften Charakter, der dem Bankett
anhaftete: denn während der Tisch, wie Herr
Pumblechook gesagt haben würde, der Schoß des
Luxus war -- denn das gesamte Tischgeschirr war
vom Wirtshaus geliefert worden --, trug die
umliegende Region des Wohnzimmers einen
verhältnismäßig abgegrasten und nomadenhaften
Charakter und zwang den Kellner zu den
Wanderbräuchen, die Deckel auf den Boden zu
setzen (wo er über sie fiel), die geschmolzene Butter
in den Armstuhl, das Brot auf das Bücherbrett, den
Käse in den Kohlenkasten zu stellen und das
gekochte Huhn in mein Bett im nächsten Zimmer zu
stecken -- wo ich eine Menge von feiner
Petersiliensauce in geronnenem Zustande fand, als
ich schlafen ging. Alles dies gestaltete das Mahl zu
einem köstlichen Fest, und sobald der Kellner nicht
da war und mich nicht beobachtete, war mein
Genuß durch nichts beeinträchtigt.
Wir waren schon ein wenig mit dem Essen
vorgeschritten, als ich Herbert an sein Versprechen
erinnerte, mir etwas von Fräulein Havisham
erzählen zu wollen.
»Richtig«, sagte er. »Ich will es sogleich erfüllen.
Zur Einleitung des Themas, Händel, will ich
erwähnen, daß es in London nicht Brauch ist, das
Messer in den Mund zu stecken -- man fürchtet
nämlich, es könnte dabei leicht ein Malheur
geschehen --, und daß man zu diesem Zweck einzig
und allein die Gabel braucht, die man aber auch
nicht weiter hineinsteckt, als nötig ist. Es ist ja kaum
der Rede wert, aber am besten ist's, man macht's
wie alle anderen Leute, desgleichen faßt man den
Löffel im allgemeinen nicht von oben an, sondern
von unten. Das hat zweierlei Vorteile. Erstens
kommt man besser an den Mund heran (was
schließlich ja auch der Hauptzweck ist), und
zweitens bewahrt man dabei so ziemlich die
Haltung, als ob man Austern öffnete, besonders
wenn man sich noch auf den rechten Ellbogen
stützt.«
Er gab mir diese freundschaftlichen Winke in so
munterer Weise, daß wir beide lachten und ich
kaum errötete.
»Nun«, fuhr er fort, »um auf Fräulein Havisham
zu kommen. Fräulein Havisham, mußt du wissen,
war ein verwöhntes Kind. Ihre Mutter starb, als sie
noch ein ganz kleines Ding war, und ihr Vater ließ
ihr jeden Willen. Ihr Vater war einer vom Landadel
aus Eurer Weltgegend da unten und war ein Brauer.
Ich weiß nicht, warum es Effekt macht, wenn einer
Brauer ist; aber es ist nicht zu bestreiten, daß man
nicht gut backen kann und doch dabei ein
vornehmer Mann bleiben, daß man aber vornehm
sein kann wie einer und doch ruhig dabei brauen
darf. Das sieht man alle Tage.«
»Aber ein vornehmer Mann kann kein Gasthaus
unterhalten, was?« fragte ich.
»Auf keinen Fall«, entgegnete Herbert, »aber ein
Gasthaus kann einen vornehmen Herrn
unterhalten. Na also! Herr Havisham war sehr reich
und sehr stolz. Und seine Tochter ebenfalls.«
»Fräulein Havisham war sein einziges Kind?«
wagte ich einzuwerfen.
»Warte einen Augenblick, ich komme gleich
darauf. Nein, sie war nicht sein einziges Kind; sie
hatte einen Halbbruder. Ihr Vater heiratete im
geheimen noch einmal -- seine Köchin, glaube ich
beinahe.«
»Ich dachte, er war stolz«, sagte ich.
»Mein guter Händel, das war er auch. Er heiratete
seine zweite Frau im geheimen, eben weil er stolz
war, und nach einiger Zeit starb auch sie. Erst als sie
tot war, fürchte ich, erzählte er seiner Tochter, was
er getan hatte, und dann wurde der Sohn in die
Familie aufgenommen und wohnte in dem Hause,
das du kennst. Als der Sohn zu einem jungen Manne
heranwuchs, wurde er bummlig, ausschweifend,
unbotmäßig -- ganz und gar verdorben. Schließlich
enterbte ihn sein Vater; aber sein Zorn legte sich, als
er im Sterben war, und er vermachte ihm so viel,
daß er gut leben konnte, wenn auch nicht so viel, als
Fräulein Havisham erhielt. Gieße dir noch mal
frischen Wein ein und verzeihe, wenn ich hier
erwähne, die Gesellschaft als Ganzes erwartet von
einem Menschen, nicht beim Leeren eines
Weinglases so gewissenhaft zu sein, daß man es so
lange nach oben kippt, bis der Rand die Nase
berührt.«
Das hatte ich getan, denn ich hatte mich ganz
vergessen, so aufmerksam hörte ich seiner
Erzählung zu. Ich dankte ihm und entschuldigte
mich.
Er sagte: »Hat nichts zu sagen«, und fuhr fort:
»Fräulein Havisham war nun eine reiche Erbin
und, das kannst du wohl denken, als gute Partie sehr
begehrt. Ihr Halbbruder hatte jetzt wieder
genügend Vermögen, aber seine vielen Schulden
und neue Tollheiten rieben es bald radikal auf.
Zwischen ihr und ihm traten heftigere Zwistigkeiten
auf, als zwischen ihm und seinem Vater existiert
hatten, und man vermutet, daß er einen tiefen und
tödlichen Haß gegen sie gehegt hat, weil sie den
Vater in seinem Zorn beeinflußt haben sollte. Jetzt
komme ich zu dem grausamen Teil der Geschichte -
- ich weiche nur noch kurz davon ab, mein lieber
Händel, um zu bemerken, daß eine Tischserviette in
kein Weinglas hineingeht.«
Warum ich versucht hatte, die meine in mein
Weinglas hineinzuzwängen, kann ich einfach nicht
sagen. Ich weiß nur, ich ertappte mich darüber, daß
ich mit einer Hartnäckigkeit, die eines Besseren
würdig war, die heftigsten Anstrengungen machte,
das Tuch in diese engen Verhältnisse
hineinzuquetschen. Ich dankte ihm nochmals und
entschuldigte mich, und er sagte wieder im
lustigsten Tone: »Hat nichts zu sagen, absolut
nichts!« und fuhr fort.
»Da erschien auf dem Schauplatz -- sagen wir, auf
dem Wettrennen oder auf den öffentlichen Bällen
oder sonstwo meinetwegen -- ein gewisser Mann,
der Fräulein Havisham den Hof machte. Ich habe
ihn nie zu Gesicht bekommen, denn diese ganze
Geschichte geschah vor fünfundzwanzig Jahren
(und da waren wir beide noch nicht vorhanden,
Händel), aber ich habe meinen Vater sagen hören,
er wäre ein Mann von imponierender Erscheinung
gewesen und gerade die richtige Sorte für den
bewußten Zweck. Aber man dürfe ihn nicht
irrtümlicherweise für einen feinen Mann halten,
betont mein Vater ausdrücklich, und mein Vater
kannte ihn ganz genau und war vorurteilsfrei. Mein
Vater hat nämlich den Grundsatz, daß kein Mensch,
der nicht ein wahrhaft feiner Mann im Herzen wäre,
jemals, solange die Welt stände, ein wahrhaft feiner
Mann im Benehmen sein könne. Er sagt, kein Lack
könne die Adern im Holz verbergen; und je mehr
Lack man drauftäte, um so mehr trete die Ader
hervor. Na genug! Dieser Mann verfolgte Fräulein
Havisham unausgesetzt und beteuerte, sie
wahnsinnig zu lieben. Ich glaube, sie hatte bisher
nicht viel Empfänglichkeit gezeigt, aber alle
Empfänglichkeit, die sie besaß, kam sicherlich jetzt
zum Vorschein, und sie liebte ihn leidenschaftlich.
Es unterliegt keinem Zweifel, sie vergötterte ihn
förmlich. Er verwertete ihre Liebe in so
systematischer Weise, daß er ihr große Summen
Geldes entlockte, und er bewog sie, ihrem Bruder
einen Anteil an der Brauerei (die der Vater in seiner
Schwäche dem mißratenen Sohn hinterlassen hatte)
zu einem ungeheuren Preise abzukaufen, unter dem
Vorwand, daß, wenn er ihr Mann wäre, er sie ganz
und gar haben und leiten müsse. Dein Vormund war
damals noch nicht der Ratgeber des Fräulein
Havisham, und sie war zu hochmütig und zu
verliebt, um sich von irgendwem raten zu lassen.
Ihre Verwandten waren arm und intrigant, mit
Ausnahme meines Vaters; er war zwar auch arm
genug, aber er hing nicht den Mantel nach dem
Winde und war nicht brotneidisch. Als der einzige
Unabhängige unter ihnen warnte er sie, sie täte
zuviel für diesen Mann und gebe sich zu rückhaltlos
in seine Gewalt. Sie ergriff die erste Gelegenheit, in
dieses Mannes Gegenwart meinem Vater zornig ihr
Haus zu verbieten, und mein Vater hat sie seitdem
nicht mehr gesehen.«
Ich dachte daran, daß Fräulein Havisham gesagt
hatte: »Matthew wird mich endlich besuchen
kommen, wenn man mich tot auf diesen Tisch
gelegt hat«; und ich fragte Herbert, ob sein Vater
einen so eingewurzelten Zorn gegen sie hätte.
»Keineswegs«, sagte er, »aber sie warf ihm in
Gegenwart ihres Verlobten vor, er habe sich in der
Hoffnung getäuscht, sich zu seinem eigenen Vorteil
bei ihr einzuschmeicheln, und wenn er jetzt zu ihr
ginge, so würde es selbst ihm -- und selbst ihr -- als
wahr erscheinen, er habe dergleichen im Sinne
gehabt. Um zu dem Manne zurückzukehren: der
Heiratstag wurde festgesetzt, die Hochzeitskleider
wurden gekauft, die Hochzeitsreise wurde
zurechtgelegt, die Hochzeitsgäste wurden
eingeladen, der Tag kam heran, aber der Bräutigam
blieb aus. Er schrieb einen Brief --«
»Und den empfing sie«, fiel ich ein, »als sie sich
zur Trauung ankleidete? Zwanzig Minuten vor
neun?«
»Zu genau der Stunde und Minute«, sagte
Herbert und nickte, »zu der sie nachher alle Uhren
anhielt. Was weiter in dem Briefe stand, als daß die
Hochzeit auf das herzloseste abgebrochen wurde,
das kann ich nicht sagen, weil ich's nicht weiß. Als
sie sich von einer schlimmen Krankheit, die sie
befiel, erholt hatte, legte sie den ganzen Platz brach,
so wie du ihn gesehen hast; und seitdem hat sie das
Tageslicht nicht mehr erschaut.«
»Ist das die ganze Geschichte?« fragte ich,
nachdem ich darüber nachgedacht hatte.
»Alles, was ich davon weiß; und die Wahrheit zu
sagen, weiß ich das auch nur daher, daß ich's mir
selber stückweise zusammengeholt habe; denn mein
Vater vermeidet dieses Thema immer; und selbst,
als Fräulein Havisham mich einlud hinzukommen,
sagte sie mir nicht mehr, als ich unbedingt zu wissen
brauchte. Aber eins habe ich vergessen. Man hat
vermutet, daß der Mann, dem sie ihr falsch
angebrachtes Vertrauen schenkte, durchaus im
Einverständnis mit ihrem Halbbruder gehandelt
hat; daß es ein Komplott zwischen ihnen war; und
daß sie den Gewinn teilten.«
»Ich möchte wissen, warum er sie nicht
geheiratet hat, damit er das ganze Vermögen
bekam«, sagte ich.
»Vielleicht war er schon verheiratet, und die
grausame Kränkung lag vielleicht mit in dem Plane
ihres Halbbruders«, sagte Herbert. »Aber, hörst du
wohl? Das weiß ich nicht.«
»Was wurde aus den beiden Männern?« fragte
ich, nachdem ich abermals darüber nachgedacht
hatte.
»Sie sanken tiefer in Schmach und Schande --
wenn sie noch tiefer sinken konnten -- und kamen
gänzlich herunter.«
»Leben sie noch?«
»Ich weiß nicht.«
»Du sagtest aber, Estella wäre nicht verwandt mit
Fräulein Havisham, sondern sei adoptiert worden.
Wann ist sie adoptiert worden?«
Herbert zuckte die Achseln.
»Es hat immer eine Estella gegeben, seit ich von
einem Fräulein Havisham gehört habe. Weiter weiß
ich nichts. Und jetzt, Händel«, sagte er schließlich
und warf sozusagen die Geschichte von sich,
»herrscht ein vollständig offenes Einverständnis
zwischen uns. Alles, was ich über Fräulein
Havisham weiß, weißt du auch.«
»Und alles, was ich weiß«, versetzte ich, »weißt
du auch.«
»Das glaube ich voll und ganz. Also kann kein
Zwist und keine Verwirrung zwischen dir und mir
eintreten. Und was die Bedingung anbetrifft, von
der dein Weiterkommen im Leben abhängt --
nämlich, daß du nicht danach fragen und nicht
darüber reden sollst, wem du alles verdankst --, so
kannst du ganz sicher sein, diese Bedingung wird
niemals von mir noch von irgendeinem meiner
Angehörigen in unangenehmer Weise besprochen
oder überhaupt nur berührt werden.«
Wahrhaftig, er sagte das mit so großem
Zartgefühl, daß ich fühlte, die Sache wäre abgetan,
obwohl ich in Zukunft viele, viele Jahre unter dem
Dache seines Vaters zubringen sollte. Und doch
sagte er es auch mit so großer Verständigkeit, daß
ich fühlte, er begriffe genau so vollständig wie ich,
daß Fräulein Havisham meine Wohltäterin wäre.
Es war mir vordem nicht eingefallen, daß er das
Thema herbeigeführt hatte zu dem einfachen
Zwecke, es uns beiden recht bald aus dem Wege zu
räumen; aber als wir es erörtert hatten, war uns so
viel leichter und behaglicher zumute, daß mir nun
auch diese Tatsache einleuchtete. Wir waren sehr
lustig und gesellig, und ich fragte ihn im Laufe des
Gespräches, was er wäre. Er erwiderte: »Kapitalist -
- Schiffsversicherer.« Ich glaube, er sah, daß ich
mich im Zimmer umguckte nach irgend welchen
Anzeichen von Schiffahrt oder Kapital, denn er
setzte hinzu: »In der Altstadt.«
Ich hatte großartige Begriffe von dem Reichtum
und Einfluß von Schiffsversicherern, und ich
begann mit Grausen daran zu denken, daß ich einen
jungen Versicherer zu Boden geworfen, ihm das
unternehmende Auge blau geschlagen und ihm ein
Loch in den verantwortlichen Kopf geklopft hatte.
Aber abermals kam zu meiner Erleichterung der
Eindruck über mich, daß Herbert Pocket nie recht
Erfolg haben oder sonderlich reich werden würde.
»Ich werde mich nicht damit begnügen, mein
Kapital bloß in der Versicherung von Schiffen
anzulegen. Ich werde mir ein paar gute
Lebensversicherungsaktien kaufen und in die
Direktion hineinschneien. Ich werde auch ein
bißchen was im Bergbau anfangen. All dies wird
mich nicht verhindern, ein paar tausend Tonnen auf
eigene Rechnung zu verfrachten. Ich denke, ich
werde mit Ostindien Handel treiben«, sagte er, sich
in seinen Stuhl zurücklehnend, »in Seide, Tüchern,
Spezereien, Farben, Drogen und kostbaren
Holzsorten.«
»Und der Gewinn ist groß?« fragte ich.
»Ungeheuer«, sagte er.
Wieder wurde ich unsicher, und mir kam der
Gedanke, er hätte größere Erwartungen als ich.
»Ich denke, ich werde auch Handel treiben«,
sagte er, die Daumen in die Westentaschen
steckend, »mit Westindien in Zucker, Tabak und
Rum. Auch mit Ceylon, und zwar besonders in
Elefantenzähnen.«
»Du wirst viel Schiffe brauchen«, sagte ich.
»Eine vollständige Flotte«, sagte er.
Ganz überwältigt von der Großartigkeit dieser
Geschäfte, fragte ich ihn, womit die Schiffe, die er
versichere, zur Zeit am meisten Handel trieben.
»Ich habe noch nicht mit Versicherung
angefangen«, erwiderte er. »Ich sehe mich erst
noch um.«
Diese Beschäftigung schien mir mit Barnard's Inn
mehr im Einklang zu stehen. Ich sagte (im Ton der
Überzeugung): »Ach so!«
»Ja. Ich bin in einem Kontor und sehe mich um.«
»Wirft ein Kontor was ab?« fragte ich.
»Für -- meinst du, für den jungen Mann, der drin
ist?« fragte er zur Antwort.
»Ja; für dich.«
»Jenun, n-nein; für mich nicht.« Er sagte dies mit
der Miene eines Mannes, der sorgfältig abrechnete
und die Bilanz zog. »Es wirft nicht direkt was ab.
Das heißt, ich bekomme nichts bezahlt und muß für
-- meinen eigenen Haushalt sorgen.«
Das hatte sicherlich keinen sonderlich
einträglichen Anstrich, und ich schüttelte den Kopf,
wie wenn ich andeuten wollte, daß es wohl schwierig
sein dürfte, von einem solchen Einkommen noch
großes Kapital zurückzulegen.
»Aber die Hauptsache ist«, sagte Herbert Pocket,
»du siehst dich um. Das ist das Großartige dabei. Du
bist in einem Kontor, verstehst du, und siehst dich
um.«
Die Folgerung, daß man sich nicht ebensogut
umsehen könne, wenn man nicht in einem Kontor
wäre, kam mir zwar etwas seltsam vor, aber ich
ordnete mich seiner Erfahrung stillschweigend
unter.
»Dann kommt ein Zeitpunkt«, sagte Herbert, »wo
du siehst, jetzt mußt du loslegen. Und du flitzest
hinein und packst's beim Wickel und du machst
dein Kapital, und dann hast du's geschafft! Sobald
du erst mal dein Kapital gemacht hast, dann hast du
weiter nichts zu tun, als es anzulegen.«
Das sah sehr der Art und Weise ähnlich, wie er
damals den Zweikampf im Garten geführt hatte; die
Art und Weise, wie er seine Armut trug, stimmte
auch genau mit der Art und Weise überein, wie er
damals die Niederlage ertragen hatte. Es schien mir,
als nähme er jetzt alle Schläge und Püffe genau so
hin, wie er damals die meinen entgegengenommen
hatte. Es sprang in die Augen, daß er nichts um sich
hatte als den einfachsten Notbehelf, denn alles, auf
das ich hinwies, war, wie sich dann herausstellte, auf
meine Rechnung vom Kaffeehaus oder
sonstwoanders hergeschickt worden.
Obwohl er indessen bei sich selber sein Glück
schon gemacht hatte, war er doch ganz und gar
nicht stolz darauf, und ich war ihm ordentlich
dankbar dafür, daß er sich nicht hochnäsig
aufspielte. Das war eine angenehme Zugabe zu
seiner von Natur schon angenehmen Art, und wir
kamen brillant miteinander aus. Am Abend gingen
wir aus, um ein wenig in den Straßen
spazierenzugehen und gingen für den halben Preis
ins Theater, und am nächsten Tag gingen wir in
Westminster-Abbey in die Kirche und am
Nachmittag gingen wir im Park spazieren, und ich
fragte mich, wer wohl all die Pferde dort beschlüge,
und wünschte, Joe könnte das Geschäft besorgen.
Bei mäßiger Berechnung war es an diesem
Sonntag viele Monate her, daß ich Joe und Biddy
verlassen hatte. Der Zwischenraum zwischen mir
und ihnen litt unter der gleichen Ausdehnung, und
unsere Marschen waren so weit entfernt als
sonstwas. Daß ich noch am letzten Sonntag in
meinem alten Kirchgang-Anzug in unserer alten
Kirche hatte sein können, schien eine Kombination
von Unmöglichkeiten geographischer und sozialer,
solarer und lunarer Natur. Und doch gaben mir die
Londoner Straßen, die von Leuten so dicht
wimmelten und so hell erleuchtet waren in den
Abendstunden, niederschlagende vorwurfsvolle
Winke, weil ich die arme alte Küche daheim so weit
zurückgelassen hatte; und in der Totenstille der
Nacht fielen die Tritte irgendeines Betrügers von
einem Pförtner, der um Barnard's Inn
herumbummelte, unter dem Vorwand, es zu
bewachen, mir schwer aufs Herz.
Am Montag morgen um drei Viertel neun ging
Herbert nach dem Kontor, um sich zu melden --
auch, um sich umzusehen, glaube ich --, und ich
leistete ihm Gesellschaft. Er wollte in einer Stunde
ungefähr kommen und mit mir nach Hammersmith
gehen, und ich wartete auf ihn. Es kam mir so vor,
als wenn die Eier, aus denen junge Versicherer
gebrütet wurden, in Staub und Hitze gelegt würden,
gleich Straußeneiern. Das schloß ich aus den Orten,
wohin sich diese angehenden Riesen am Montag
morgen verfügten. Auch erschien meinem Blick das
Kontor, in dem Herbert tätig war, durchaus nicht
als sonderlich guter Beobachtungsort; denn es war
eine in einem Hofe nach hinten zu gelegene Bude im
zweiten Stockwerk und sah im großen und ganzen
ziemlich schmutzig aus. Man konnte von dort aus
nach einem anderen nach hinten zu gelegenen
zweiten Stock blicken, so daß von einer Aussicht
nicht viel die Rede war.
Ich wartete bis ungefähr zur Mittagsstunde, und
ich ging nach der Börse und sah rußige Männer dort
unter den Anschlagezetteln sitzen, die über die
Schiffahrt handelten; und ich hielt sie alle für große
Kaufleute, obwohl ich nicht begreifen konnte,
warum sie so niedergeschlagen waren. Als Herbert
kam, gingen wir und aßen ein Gabelfrühstück in
einer berühmten Restauration, vor der ich damals
eine förmliche Ehrfurcht hatte, die ich aber jetzt für
das verworfenste Schwindlerloch von ganz Europa
halten möchte und wo ich selbst damals schon nicht
umhinkonnte, die Wahrnehmung zu machen, daß
auf den Tischtüchern und an den Messern und auf
den Kellnerröcken weit mehr Sauce wäre als auf den
Beefsteaks. Dieser Imbiß kostete uns wenig Geld
(wenn man die Schmierigkeit mitrechnet, für die
uns nichts extra abverlangt wurde), und dann
gingen wir nach Barnard's Inn, holten meinen
kleinen Mantelsack und nahmen dann ein Billett in
der Postkutsche nach Hammersmith. Wir kamen
dort um zwei oder drei Uhr nachmittags an und
hatten ein ganz kurzes Stück bis zu Herrn Pockets
Haus zu gehen. Indem wir auf die Klinke eines
Pförtchens drückten, traten wir geradezu in einen
Garten, von dem aus man den Fluß sehen konnte,
und dort spielten Herrn Pockets Kinder. Und wenn
ich mich nicht in einem Punkte täusche, wo meine
Interessen oder Vorurteile sicherlich nicht in
Betracht kamen, so sah ich, daß die Kinder von
Herrn und Frau Pocket nicht aufwuchsen und auch
nicht aufgezogen worden, sondern aufpurzelten.
Frau Pocket saß auf einem Gartenstuhl unter
einem Baume und las, indem sie die Beine auf einem
anderen Gartenstuhl zu ruhen hatte, und die
Kindermädchen der Frau Pocket guckten sich in der
Welt um, während die Kinder spielten.
»Mama«, sagte Herbert, »dies ist der junge Herr
Pip.«
Daraufhin begrüßte mich Frau Pocket mit
verbindlicher Würde.
»Junger Herr Alick und Fräulein Jane«, rief eines
der Kindermädchen zweien der Kinder zu, »wenn
Sie so gegen die Büsche da losrennen, da werden Sie
in den Fluß da fallen und da ertrinken, und was wird
Ihr Papachen da sagen!«
Gleichzeitig hob dieses Dienstmädchen Frau
Pockets Taschentuch auf und sagte: »Na aber! Nun
haben Sie's schon zum sechstenmal fallen lassen,
gnä' Frau!« Darauf lachte Frau Pocket und sagte:
»Ich danke dir, Flopson«, und setzte sich auf nur
einem Stuhle zurecht, ihr Buch wieder zur Hand
nehmend. Ihr Gesicht nahm sogleich einen
verzwickten und gespannten Ausdruck an, wie wenn
sie schon eine Woche lang gelesen hätte; aber ehe
sie noch ein halb Dutzend Zeilen gelesen haben
konnte, heftete sie die Augen auf mich und sagte:
»Ich hoffe, Ihre Mama befindet sich wohl?«
Diese unerwartete Frage brachte mich in solche
Verlegenheit, daß ich in der albernsten Weise sagte,
wenn es eine solche Person gäbe, so würde sie sich
ohne Zweifel wohl befunden haben und würde sehr
verbunden gewesen sein und würde bestens haben
grüßen lassen. Zum Glück kam das Kindermädchen
mir zur Hilfe.
»Na aber!« rief sie und hob das Taschentuch auf,
»das ist nun schon das siebentemal! Was treiben Sie
denn bloß heute nachmittag, gnä' Frau!«
Frau Pocket nahm ihr Eigentum zuerst mit einem
Blick unsäglichen Erstaunens entgegen, wie wenn
sie es noch nie zuvor gesehen hätte; und dann
schien sie es wiederzuerkennen und lachte: »Ich
danke dir, Flopson«, und fuhr mit Lesen fort.
Jetzt, wo ich Zeit und Muße hatte, da fand ich
beim Zählen, daß nicht weniger als sechs kleine
Pockets zugegen waren, die sich alle in
verschiedenen Stadien des Aufpurzelns befanden.
Ich hatte kaum die ganze Anzahl festgestellt, als sich
ein siebentes mit einem kläglichen Geheul, das
irgendwo aus der Luft zu kommen schien,
vernehmen ließ.
»Na aber! Da ist das Baby!« sagte die Flopson und
tat so, als halte sie diesen Vorfall für höchst
erstaunlich. »Schnell hinauf, Millers.« Die Millers,
das andere Kindermädchen, ging in das Haus, und
allmählich verstummte das Geheul des Kindes, wie
wenn es ein jugendlicher Bauchredner wäre, der
etwas im Munde hatte. Frau Pocket las die ganze
Zeit über, und ich war neugierig, was es wohl für ein
Buch sein könne.
Wir warteten, glaube ich, darauf, daß Herr
Pocket zu uns herauskommen sollte; jedenfalls
warteten wir da; und so hatte ich Gelegenheit,
folgendes merkwürdige Familien-Phänomen zu
bemerken. Jedesmal, wenn eins der Kinder beim
Spielen der Frau Pocket in die Nähe kam, stolperte
es und fiel über sie hin -- immer zum
augenblicklichen Erstaunen der Frau Pocket, und
zu seinem eigenen langandauernden Jammer. Ich
wußte mir diesen erstaunlichen Umstand nicht zu
erklären und konnte nicht umhin, bei mir selber
darüber nachzudenken, bis nach einer Weile die
Millers mit dem Baby herunterkam. Und das Baby
wurde der Flopson überreicht, und die Flopson
überreichte es der Frau Pocket -- da fiel sie plötzlich
mit dem Kopf zuerst ohne Umstände über Frau
Pocket hin, mitsamt dem Baby und allem, und
mußte von Herbert und mir aufgefangen werden.
»Mein Gott, Flopson!« sagte Frau Pocket, auf
einen Augenblick vom Buche aufsehend; »alle Welt
purzelt ja!«
»Mein Gott, ja, gnä' Frau!« rief Flopson, ganz rot
im Gesicht, »was haben Sie denn bloß?«
»Was ich habe, Flopson?« fragte Frau Pocket.
»Na aber! Da ist ja Ihr Schemel!« rief Flopson.
»Und wenn Sie'n da so unter Ihrem Rock da haben,
wer kann da was dafür, wenn er purzelt! Hier!
Nehmen Sie das Baby da, gnä' Frau, und geben Sie
mir das Buch da.«
Frau Pocket folgte dem Rate und ließ das kleine
Kind ungeschickt ein wenig auf ihrem Schoß
herumtanzen, während die anderen Kinder es
umspielten. Das dauerte indessen nur eine ganz
kurze Zeit, dann erteilte Frau Pocket summarischen
Befehl, sie sollten alle ins Haus geführt werden, um
sich zu einem Mittagsschläfchen hinzulegen.
So machte ich denn die zweite Entdeckung an
diesem ersten Tage, daß die Erziehung der kleinen
Pockets abwechselnd im Aufpurzeln und im
Hinlegen bestand.
Unter diesen Umständen war ich, als die Flopson
und die Millers die Kinder wie eine kleine
Schafherde in das Haus getrieben hatten und Herr
Pocket heraustrat, um meine Bekanntschaft zu
machen, nicht sonderlich erstaunt, wahrzunehmen,
daß Herr Pocket ein Herr von ziemlich ratlosem
Gesichtsausdruck war und daß ihm selbst das graue
Haar unordentlich auf dem Kopf emporstand,
gleich als ob er absolut nicht wisse, wie irgend etwas
in Ordnung gebracht werden sollte.

[6]Der Oberbürgerm eister v on London pflegt


alljährlich zu Weihnachten ein großes Festessen zu
v eranstalten.
Dreiundzwanzigstes Kapitel

Herr Pocket sagte, es freue ihn, mich zu sehen, und


er hoffe, es täte mir nicht leid, ihn zu sehen. »Denn
ich bin wahrhaftig«, setzte er mit dem Lächeln
seines Sohnes hinzu, »keine Person danach, um
jemandem angst zu machen.« Er war ein Mann von
jugendlichem Aussehen trotz seiner Ratlosigkeit
und seines ganz grauen Haares, und sein Wesen
schien ganz natürlich. Ich gebrauche das Wort
natürlich im Sinne von unaffektiert; es lag etwas
Komisches in seiner verstörten Art, was geradezu
lächerlich gewesen wäre, hätte er nicht selber zu
erkennen verstanden, daß nicht viel mehr daran
fehlte. Als er ein bißchen mit mir geplaudert hatte,
fragte er Frau Pocket, indem er ziemlich gespannt
seine schwarzen und hübschen Augenbrauen
zusammenzog: »Belinda, ich hoffe, du hast Herrn
Pip begrüßt?« Und sie sah von ihrem Buche auf und
sagte: »Ja.« Dann lächelte sie mich wieder wie
abwesend an und fragte mich, ob ich gern
Orangeblütenwasser tränke? Da die Frage ganz lose
in der Luft hing und weder einen nahen noch einen
fernen Anhaltepunkt an irgendeiner schon
vorangegangenen oder noch folgenden Bemerkung
hatte, so glaube ich, ist sie bloß gleich ihren
früheren Worten hingeworfen worden als ein
allgemeines Zeichen gnädiger Herablassung zu
einem kurzen Gespräch.
Binnen wenigen Stunden fand ich, und kann es
hier gleich anführen, daß Frau Pocket die einzige
Tochter eines gewissen, ganz unwesentlichen,
verstorbenen Ritters war, der für sich selbst die
Überzeugung erfunden hatte, daß sein verstorbener
Vater zum Baronet gemacht worden wäre, hätte sich
nicht irgendwer aus ganz persönlichen Gründen
dagegengestemmt -- wer das gewesen war, habe ich
vergessen --, vielleicht der König, der
Premierminister, der Lordkanzler, der Erzbischof
von Canterbury oder sonstwer. Aufgrund dieser
ganz mutmaßlichen Tatsache hatte er sich zu den
Adeligen der Erde gerechnet. Ich glaube, er war
zum Ritter ernannt worden, weil er anläßlich der
Grundsteinlegung zu irgendeinem Gebäude im
Punkte der Feder die englische Grammatik in einer
verzweifelten, auf Velinpapier geschriebenen Rede
erstürmt und irgendeiner königlichen
Persönlichkeit entweder die Kelle oder den Mörtel
gereicht hatte. Sei dem, wie ihm wolle, jedenfalls
hatte er die Weisung gegeben, daß Frau Pocket von
der Wiege auf als ein Mädchen erzogen werden
müsse, die der Natur der Dinge gemäß einen Titel
heiraten müßte und vor dem Erlernen plebejischer
Hauswirtschaftskenntnis zu behüten wäre. Von
diesem verständigen Papa war eine so erfolgreiche
Überwachung und Erziehung an dieser jungen Dame
ausgeübt worden, daß sie, als sie erwachsen war, als
eine hohe und herrliche Zierde prangte, aber ein
ganz hilfloses Ding war, das man zu absolut nichts
gebrauchen konnte. Als ihr Charakter in so
glücklicher Weise herangebildet war, war sie in der
ersten Blüte ihrer Jugend Herrn Pocket begegnet,
der auch in der ersten Blüte der Jugend stand und
sich nicht ganz schlüssig war, ob er auf den
Wollsack [7 ] steigen oder sich eine Mitra aufsetzen
sollte. Da es eine bloße Frage der Zeit war, ob er das
eine oder das andere tun sollte, so hatten er und
Frau Pocket die Zeit bei der Stirnlocke gefaßt (als
diese, nach ihrer Länge zu schließen, der
Haarschneideschere zu bedürfen schien) und
hatten, ohne Wissen des verständigen Papas,
»vorderhand einmal« einander geheiratet. Der
verständige Papa, der nichts zu geben oder zu
verweigern hatte, als seinen Segen, hatte ihnen
anständigerweise nach kurzem Kampfe diese Mitgift
überlassen und hatte Herrn Pocket davon
unterrichtet, daß seine Frau »ein Schatz für einen
Prinzen« wäre. Herr Pocket hatte den
Prinzenschatz in weltlicher Weise bisher immerzu
angelegt, und man vermutete, daß er nur
unbedeutende Zinsen getragen habe. Dennoch war
Frau Pocket im allgemeinen der Gegenstand einer
seltsamen Art achtbaren Mitleids, weil sie keinen
Titel geheiratet hatte; während Herr Pocket der
Gegenstand einer seltsamen Art verzeihenden
Vorwurfs war, weil er nie einen Titel bekommen
hatte.
Herr Pocket führte mich in das Haus und zeigte
mir meine Stube, die so nett und so schön
ausgestattet war, daß ich sie bequem als
Privatwohnstube benützen konnte. Dann klopfte er
an die Türen zweier ähnlichen Zimmer und stellte
mich ihren Bewohnern vor, die Drummle und
Startop hießen. Drummle, ein junger Mann von
altem Aussehen und sehr schwerfälligem Bau, pfiff
vor sich hin. Startop, der jünger war und auch
jünger aussah, las und hielt sich den Kopf, wie wenn
er sich in Gefahr glaubte, ihn durch eine zu große
Ladung von Wissenschaft zum Platzen zu bringen.
Sowohl Herr als auch Frau Pocket hatten ein so
sehr ins Auge fallendes Wesen an sich, als wären sie
in irgend jemandes Händen, so daß ich mich fragte,
wer in Wahrheit das Haus besaß und sie hier
wohnen ließ, bis ich fand, daß die Bediensteten
diese unbekannte Macht waren. Es war vielleicht
eine glatte Art und Weise fortzukommen, insofern
sie Mühe ersparte; aber es schien kostspielig zu
sein, denn die Bediensteten hielten es für eine
Pflicht, die sie sich selbst schuldig waren, gutes
Essen und Trinken zu genießen und kleine
Gesellschaften unten zu geben. Sie erlaubten Herrn
und Frau Pocket sehr reichliche Tafel, aber
dennoch schien es mir immer, als wäre für einen
Kostgänger dieses Hauses die Küche die
vorteilhafteste Region -- vorausgesetzt freilich, der
Kostgänger war imstande, sich selbst zu verteidigen,
denn ich war noch nicht eine Woche dort, da
schrieb eine benachbarte Dame, mit der die Familie
persönlich eine Bekanntschaft hatte, sie habe
gesehen, wie die Millers das Kind geschlagen habe.
Das betrübte Frau Pocket in hohem Grade; sie
brach in Tränen aus, als sie den Brief erhielt, und
sagte, es wäre seltsam, daß die Nachbarn nicht vor
ihren eigenen Türen kehren könnten.
Allmählich, und hauptsächlich aus Herberts
Munde, erfuhr ich, daß Herr Pocket in Harrow und
in Cambridge erzogen worden war, wo er sich
ausgezeichnet hatte. Aber als er das Glück gehabt
hatte, Frau Pocket sehr früh zu heiraten, hatte sich
seine Aussicht verschlechtert, und er hatte den
Beruf eines »Paukers« angenommen. Nachdem er
eine Anzahl blöder Patrone gepaukt hatte -- deren
Väter, wie sich bemerken ließ, ihm immer, sofern
sie Einfluß besaßen, versprachen, eine Stelle zu
verschaffen, das aber immer wieder vergaßen,
sobald die Patrone die Pauke verlassen hatten --,
war er dieser kläglichen Arbeit überdrüssig
geworden und war nach London gegangen. Hier
waren ihm nach und nach höhere Hoffnungen
fehlgeschlagen, und er hatte mit verschiedenen
Leutchen, die die Gelegenheiten nicht gehabt oder
nicht benutzt hatten, »gelesen« und hatte
verschiedene andere Leutchen für besondere
Gelegenheiten aufpoliert und seine Kenntnisse zu
literarischen Sammlungen und Korrekturen
verwertet, und mit diesen Mitteln, zu denen noch
ein sehr mäßiges Privatvermögen hinzukam, hielt er
noch immer das Haus, das ich sah.
Herr und Frau Pocket hatten eine Nachbarin, die
die Kunst des Speichelleckens verstand wie eine; sie
war eine verwitwete Dame von so teilnehmender
Natur, daß sie jedermann beistimmte, jedermann
segnete und Lächeln und Tränen je nach den
Umständen über jedermann ausgoß. Diese Dame
hieß Frau Coiler, und ich hatte die Ehre, sie am Tage
meines Antritts zu Tisch zu führen. Sie gab mir auf
der Treppe zu verstehen, es sei ein harter Schlag für
die liebe Frau Pocket, daß der liebe Herr Pocket
sich in die Notwendigkeit versetzt sähe, Herren zu
empfangen und ihnen Vorlesungen zu halten. Das
erstreckte sich nicht auf mich, sagte sie mir, mit
einem Übermaß von Zärtlichkeit und
Vertraulichkeit (jetzt schon, wo ich sie noch nicht
ganz fünf Minuten kannte); wenn sie alle wären wie
ich, dann wär's etwas ganz anderes.
»Aber die liebe Frau Pocket«, sagte Frau Coiler,
»benötigt nach ihrer frühzeitigen Enttäuschung
(nicht als ob der liebe Herr Pocket deswegen zu
tadeln wäre) soviel Luxus und Eleganz --«
»Ja, gnädige Frau«, sagte ich, um sie zum
Schweigen zu bringen, denn ich fürchtete, sie wollte
zu weinen anfangen.
»Und ist von so aristokratischer Natur --«
»Ja, gnädige Frau«, sagte ich wieder, in der
gleichen Absicht.
»-- daß es wahrhaftig hart ist«, sagte Frau Coiler,
»daß die Zeit und Aufmerksamkeit des lieben Herrn
Pocket von der lieben Frau Pocket abgelenkt wird.«
Ich mußte unwillkürlich denken, es müßte noch
viel härter sein, falls die Zeit und Aufmerksamkeit
des Fleischers von der lieben Frau Pocket abgelenkt
würden; aber ich sagte nichts und hatte in der Tat
genug damit zu tun, verschämte Obacht zu halten,
daß ich die Regeln des guten Tones auch innehielt.
Aus dem, was zwischen Frau Pocket und
Drummle vorging, während ich mich meinem
Gedeck, meinem Löffel, meinen Gläsern und
anderen Werkzeugen der Selbstzerstörung
widmete, erfuhr ich, daß Drummle, dessen
Taufname Bentley war, tatsächlich der zweitnächste
Erbe einer Baronetswürde war. Fernerhin stellte
sich heraus, daß das Buch, in dem ich Frau Pocket
im Garten hatte lesen sehen, nur von Titeln
handelte und daß sie genau das Datum wußte, an
dem ihr Großpapa in das Buch hätte hineinkommen
müssen, wenn er je hineingekommen wäre.
Drummle sagte nicht viel, aber in seiner wortkargen
Art (er kam mir vor wie ein mürrischer Mensch)
sprach er im Tone eines der Auserwählten und
anerkannte Frau Pocket als Weib und Schwester.
Niemand als sie selber und Frau Coiler, die
schmeichlerische Nachbarin, zeigten irgendwelches
Interesse an diesem Teile des Gesprächs, und es
kam mir so vor, als berührte es Herbert peinlich;
aber es schien eine lange Zeit währen zu wollen, als
plötzlich der Diener hereinkam und ein häusliches
Unglück ankündigte. Die Köchin hatte nämlich das
Rindfleisch verlegt. Zu meinem unaussprechlichen
Erstaunen sah ich jetzt zum erstenmal Herrn Pocket
sich durch ein Verfahren, das mir sehr seltsam
vorkam, Erleichterung schaffen. Es machte auf
niemanden anders einen Eindruck, und ich wurde
damit bald so vertraut wie die übrigen. Er legte -- da
er im Augenblick gerade mit Tranchieren
beschäftigt war -- Tranchiermesser und Gabel hin,
fuhr sich mit beiden Händen in das wirre Haar und
schien eine gewaltige Anstrengung zu machen, sich
in die Höhe zu heben. Als er dies getan und sich
nicht einen Zoll in die Höhe gehoben hatte, fuhr er
wieder ruhig in seiner Arbeit fort.
Frau Coiler gab dann dem Gespräch eine andere
Wendung und begann mir zu schmeicheln. Zuerst
gefiel es mir ganz gut, aber sie schmeichelte mir so
grob, daß das Vergnügen bald vorüber war. Sie
hatte eine schlangenhafte Art und Weise, dicht an
mich heranzukommen, als sie so vorgab, sich
sterblich zu interessieren für die Freunde und die
Umgebung, die ich verlassen hätte; und diese Art
und Weise war wirklich kriechend und gabelzüngig;
und wenn sie gelegentlich einmal auf Startop (der
sehr wenig zu ihr sagte) oder auf Drummle (der
noch weniger sagte) überging, dann beneidete ich
die beiden förmlich, weil sie auf der anderen Seite
des Tisches saßen.
Nach dem Essen wurden die Kinder vorgeführt,
und Frau Coiler gab bewundernswerte
Bemerkungen über ihre Augen, Nase und Beine zum
besten -- eine scharfsinnige Weise, ihre Gemüter zu
bilden. Es waren vier kleine Mädchen und zwei
kleine Jungen, außer dem Baby, das beides sein
konnte, und des Babys nächstem Nachfolger, der
noch keins von beiden war. Sie wurden von der
Flopson und der Millers hereingebracht, ganz so,
wie wenn diese Unteroffiziere irgendwo Kinder
angeworben und in die Listen geschrieben hätten,
während Frau Pocket die jungen Adeligen, die sie
hätten sein sollen, mit einer Miene anblickte, als ob
sie beinah dächte, sie hätte schon einmal das
Vergnügen gehabt, sie sich anzusehen, wüßte aber
nicht, wo sie sie hintun sollte.
»Hier! Geben Sie mir Ihre Gabel da und nehmen
Sie das Baby da«, sagte die Flopson. »Nehmen Sie's
nicht so, sonst kommt's mit dem Kopf da unter den
Tisch.«
Diesem Rat zufolge nahm Frau Pocket es anders,
und das Kind kam mit dem Kopf auf den Tisch, was
uns allen durch einen gewaltigen lauten
Zusammenstoß angekündigt wurde.
»Jesses, jesses! Geben Sie's mir zurück, gnä'
Frau«, sagte die Flopson; »und Fräulein Jane,
kommen Sie und tanzen Sie Baby da was vor, ja!«
Eines der kleinen Mädchen, ein richtiger
Dreikäsehoch, das frühzeitig eine Art Obhut über
die anderen auf sich genommen zu haben schien,
stand von ihrem Platz neben mir auf und tanzte vor
dem Baby hin und her, bis es mit Schreien aufhörte
und lachte. Dann lachten alle Kinder, und Herr
Pocket, der inzwischen zweimal versucht hatte, sich
an den Haaren in die Höhe zu heben, lachte auch,
und wir alle lachten und waren vergnügt.
Dann gelang es der Flopson, indem sie das Baby
an den Gliedern gleich einer Gelenkpuppe
zusammenlegte, es wohlbehalten auf den Schoß der
Frau Pocket hinzulegen, und sie gab ihm den
Nußknacker zum Spielen. Gleichzeitig empfahl sie
der Frau Pocket, aufzupassen, daß die Griffe dieses
Instrumentes nicht mit den Augen des Babys in
unangenehme Berührung kämen, und beauftragte
kurzab Fräulein Jane damit, danach zu sehen. Dann
verließen die beiden Kindermädchen das Zimmer
und hatten eine lebhafte Prügelei auf der Treppe
mit einem liederlichen Diener, der sicherlich die
Hälfte seiner Knöpfe am Spieltisch verloren hatte.
Ich wurde sehr unruhig und erregt, als Frau
Pocket sich in eine Erörterung mit Drummle über
zwei Baronetswürden einließ, während sie eine in
Zucker und Wein getauchte Orange aß und dabei
das Baby ganz und gar vergaß. Und dieser kleine
Weltbürger vollführte ganz ensetzliche Scherze mit
dem Nußknacker. Endlich sah die kleine Jane, daß
das jugendliche Gehirn des Kleinen in Gefahr geriet,
verließ leise ihren Platz und schmeichelte ihm mit
vielen kleinen Künsten das gefährliche Werkzeug
ab. Frau Pocket wurde zu fast derselben Zeit mit
ihrer Orange fertig, und da ihr Jane's Verfahren
mißfiel, sagte sie zu ihr:
»Du nichtsnutziges Kind! Was fällt dir ein? Geh
augenblicklich und setz' dich hin!«
»Liebe Mama«, lispelte das kleine Mädchen,
»Baby hätte siß die Augen ausdestochen.«
»Was fällt dir ein, mir so was zu sagen!« versetzte
Frau Pocket. »Geh' augenblicklich und setz' dich auf
deinen Stuhl!« 
Die Würde der Frau Pocket war so
niederdrückend, daß ich mich ordentlich beschämt
fühlte, wie wenn ich selbst daran schuld wäre, daß
sie sich so aufregte.
»Belinda«, wandte Herr Pocket ein, vom anderen
Ende des Tisches her, »wie kannst du so
unvernünftig sein? Jane hat sich nur
hineingemischt, damit Baby sich nicht weh täte.«
»Ich will niemandem erlauben, sich
einzumischen«, sagte Frau Pocket. »Es überrascht
mich, Matthew, daß du mich der Schmach
aussetzest, daß sich irgendwer in meine Sachen
einmischen soll.«
»Guter Gott!« rief Herr Pocket, in einem
Ausbruch trauriger Verzweiflung. »Sollen sich
Kinder mit Nußknackern ums Leben bringen, und
soll niemand sie vom Tode retten?«
»Ich will nicht, daß Jane sich einmischt«, sagte
Frau Pocket mit einem majestätischen Blick auf
diese kleine Missetäterin. »Ich bin mir doch wohl
der Stellung meines armen Großpapas bewußt.
Diese Jane! Da hört sich alles auf!«
Herr Pocket fuhr sich wieder mit den Händen ins
Haar und hob sich diesmal tatsächlich ein paar Zoll
vom Stuhle empor.
»Da hör' einer an!« rief er aus, sich hilflos an die
Elemente wendend. »Kleine Kinder sollen sich mit
Nußknackern das Leben nehmen, bloß um armer
Großväter Stellungen halber!«
Dann ließ er sich wieder herab und war ruhig.
Während dieses Zwistes sahen wir alle peinlich
das Tischtuch an. Eine Pause folgte, während
welcher das ehrbare Baby, das sich nicht länger
halten ließ, mehrmals schreiend nach der kleinen
Jane hinhüpfte, die, wie mir schien, das einzige
Mitglied der Familie war, mit dem es eine
entschiedene Bekanntschaft zu haben schien (von
den Dienstmädchen abgesehen). 
»Herr Drummle«, sagte Frau Pocket, »wollen Sie
nach der Flopson klingeln? Jane, du unfolgsames
kleines Ding, geh' und leg' dich hin. Nun, Baby, mein
Herzchen! Komm mit der Mama!«
Das Baby war die Ehrbarkeit in Person und
protestierte mit allen Kräften. Es drehte sich auf
Frau Pockets Arm auf die falsche Seite herum und
zeigte anstatt seines weichen Gesichtes der
Gesellschaft ein Paar gestrickter Schuhe und
Knöchel voller Grübchen. Dann wurde es unter
heftigstem Sträuben und Aufruhr hinausgetragen.
Und es setzte schließlich doch seinen Willen durch,
denn ein paar Minuten darauf sah ich durch das
Fenster, wie die kleine Jane sich mit ihm abgab.
Es traf sich, daß die fünf anderen Kinder am
Eßtisch zurückblieben, da die Flopson irgend etwas
für sich selbst zu besorgen hatte und niemand
anders mit den Kindern etwas zu tun hatte. Auf
diese Weise wurde ich auch der gegenseitigen
Beziehungen zwischen ihnen und Herrn Pocket
gewahr, die sich auf folgende Weise darstellten.
Herr Pocket sah sie erst mit noch größerer
Ratlosigkeit als sonst und zerrauften Haaren ganz so
an, wie wenn er nicht begreife, wieso sie dazu
kämen, hier beköstigt zu werden und hier zu
wohnen und warum die Natur sie nicht irgendwem
anders aufgepackt hätte. Dann stellte er ihnen in
einer unverständlichen Art und Weise, ganz wie ein
Missionar, verschiedene Fragen, z. B.: warum der
kleine Joe da in seiner Halskrause ein Loch hätte,
und der kleine Joe antwortete: »Papa, die Flopson
wollte es flicken, wenn sie Zeit hätte« -- und wie die
kleine Fanny zu dem Nagelgeschwür da käme, und
die kleine Fanny antwortete: »Papa, die Millers
wollte Umschläge machen, wenn sie's nicht
vergäße«, und dann taute er auf in väterlicher
Zärtlichkeit und gab einem jeden einen Shilling und
hieß sie gehen und spielen; und dann, als sie
hinausgingen, machte er noch eine übergewaltige
Anstrengung, sich an den Haaren in die Höhe zu
ziehen, und ließ das hoffnungslose Thema fallen.
Am Abend wurde auf dem Flusse gerudert. Da
Drummle und Startop jeder ein Boot hatten,
beschloß ich, mir eins zu bestellen und sie beide
auszustechen. Ich war in den meisten Übungen, die
sich Jungen auf dem Lande aneignen, ziemlich
gewandt, aber ich wußte, daß mir die nötige Eleganz
fehlen würde, um auf der Themse zu rudern -- von
anderen Wässern nicht zu reden --, und so zögerte
ich denn nicht, mich bei dem Gewinner einer
Preisjolle, der an unserer Treppe anlegte und dem
meine neuen Bekannten mich vorstellten, in die
Lehre zu geben. Dieser kundige Meister brachte
mich sehr in Verlegenheit, indem er bemerkte, ich
hätte den Arm eines Grobschmieds. Wenn er
gewußt hätte, wie bald er durch dieses Kompliment
seinen Schüler eingebüßt hätte, so würde er es,
glaube ich, nicht gemacht haben.
Als wir des Abends heimkamen, wurde ein kleines
Souper aufgetragen, und ich glaube, wir hätten uns
alle sehr wohl gefühlt, hätte sich nicht ein ziemlich
unangenehmer häuslicher Vorfall ereignet.
Herr Pocket war bei guter Laune; da kam ein
Dienstmädchen herein und sagte:
»Bitt' schön, Herr, ich möcht' mit Ihnen reden.«
»Mit deinem Herrn reden?« rief Frau Pocket,
deren Würde sich wieder regte. »Wie kannst du an
so was denken? Geh und sprich mit der Flopson
oder sprich mit mir -- ein andermal.«
»Bitt' um Verzeihung, gnädige Frau«, entgegnete
das Dienstmädchen, »ich möchte gleich reden, und
zwar mit dem gnädigen Herrn reden.«
Daraufhin ging Herr Pocket aus der Stube, und
wir amüsierten uns, so gut es ging, bis er
wiederkam.
»Das ist ja recht nett, Belinda!« sagte Herr Pocket
und kam mit einem Gesicht wieder, in dem Kummer
und Verzweiflung zum Ausdruck kamen. »Da liegt
die Köchin sinnlos betrunken in der Küche auf der
Erde und hat im Schrank ein großes Bündel frischer
Butter, das sie als Talg hat verkaufen wollen!«
Frau Pocket zeigte sofort eine liebenswürdige
Aufregung und rief: »Das hat doch wieder mal diese
ekelhafte Sophie angestellt!«
»Was meinst du damit, Belinda?« fragte Herr
Pocket.
»Sophie hat's dir doch gesagt«, entgegnete Frau
Pocket. »Hab' ich denn nicht mit meinen eigenen
Augen gesehen und mit meinen eigenen Ohren
gehört, daß sie eben hereingekommen ist und mit
dir hat sprechen wollen!«
»Aber sie hat mich doch hinuntergeführt,
Belinda«, entgegnete Herr Pocket, »und hat mir das
Frauenzimmer und auch das Bündel gezeigt.«
»Und du nimmst sie noch in Schutz, Matthew«,
sagte Frau Pocket, »weil sie so greuliche
Geschichten anstellt!«
Herr Pocket ließ ein klägliches Stöhnen hören.
»Soll ich, Großpapas Enkelkind, nichts im Hause
gelten?« fragte Frau Pocket. »Außerdem ist die
Köchin bisher immer ein sehr nettes und
anständiges Frauenzimmer gewesen und hat, als sie
sich die Stelle ansehen kam, in der
allernatürlichsten Weise zu mir gesagt, sie sei
überzeugt, daß ich dazu geboren wäre, Herzogin zu
sein.«
An der Stelle, wo Herr Pocket stand, war ein Sofa,
und er sank darauf nieder in der Haltung des
»Sterbenden Gladiators«. Noch immer in dieser
Haltung verharrend, sagte er mit hohler Stimme:
»Gute Nacht, Herr Pip.«
Und ich hielt es für ratsam, zu Bett zu gehen und
ihn zu verlassen.

[7 ]
populäre Bezeichnung für den Sitz des
Lordkanzlers.
Vierundzwanzigstes Kapitel

Nach zwei, drei Tagen, als ich mich in meiner Stube


eingerichtet hatte und mehrmals nach London und
wieder zurückgegangen war und alles, was ich
brauchte, bei meinen Handelsleuten bestellt hatte,
hatten Herr Pocket und ich eine sehr lange
Unterredung. Er wußte von meiner beabsichtigten
Laufbahn mehr als ich, denn er erwähnte, Herr
Jaggers habe ihm gesagt, ich sei für keinen Beruf
bestimmt und sollte für das, was ich einmal werden
sollte, gut genug erzogen werden, falls ich mit dem
Durchschnitt junger Leute von glücklichen
Verhältnissen gleichen Schritt machen könne. Ich
stimmte natürlich bei, denn es gab nichts, was mich
daran hätte hindern sollen.
Behufs Erlernung derjenigen einfachen
Vorkenntnisse, die mir noch fehlten, riet er mir,
gewisse Plätze in London zu besuchen und ihn mit
dem Amt eines Erklärers und Leiters bei all meinen
Studien zu betrauen. Er hoffte, daß ich bei
verständiger Beihilfe auf wenig stoßen würde, was
mich entmutigen könne, und ich bald nur noch
seines Beistandes benötigen dürfte. Durch die Art
und Weise, wie er dies und noch mehr ähnlichen
Inhaltes sagte, setzte er sich in bewundernswerter
Weise auf vertraulichen Fuß mit mir; und ich kann
hier gleich anführen, daß er im Einhalten seines
Übereinkommens mit mir stets so eifrig und
ehrenvoll war, daß er mich gleich eifrig und
ehrenvoll im Einhalten meines Übereinkommens
mit ihm machte. Wenn er als Lehrer
Gleichgültigkeit gezeigt hätte, so hätte ich als
Schüler das Kompliment unzweifelhaft erwidert; er
gab mir keine derartige Ausflucht, und jeder wurde
dem anderen gerecht. Auch sah ich in seinem
Verkehr mit mir als Lehrer nichts Lächerliches an
ihm, sondern alles war ernst, ehrbar und gut.
Als diese Punkte geordnet und soweit ausgeführt
waren, daß ich schon allen Ernstes mit Arbeiten
begonnen hatte, kam mir der Gedanke, es wäre
doch eine ganz nette Abwechselung für mich, wenn
ich mein Schlafzimmer in Barnard's Inn beibehalten
könne. Dabei würde mein Benehmen in Herberts
Gesellschaft nur noch gewinnen und sich
verfeinern. Herr Pocket hatte nichts dagegen,
wandte aber ein, daß es meinem Vormund
unterbreitet werden müsse, ehe ich einen Schritt
dazu tun könne. Ich merkte, daß sein Zartgefühl aus
dem Bedenken erwuchs, mein Plan würde Herbert
einige Kosten ersparen; so ging ich denn nach Little
Britain und teilte meinen Wunsch Herrn Jaggers
mit.
»Wenn ich die Ausstattung, die jetzt für mich
gemietet ist, käuflich erstehen könnte«, sagte ich,
»und ein oder zwei andere Kleinigkeiten dazu, so
würde ich mich dort ganz häuslich einrichten
können.«
»Da haben wir's!« rief Herr Jaggers mit kurzem
Lachen. »Ich hab' Ihnen ja gleich gesagt, Sie würden
den Rummel verstehen. Na, dann also! Wieviel
brauchen Sie?«
Ich sagte, ich wüßte nicht, wieviel.
»Nichts da!« versetzte Herr Jaggers. »Wieviel?
Fünfzig Pfund?«
»Oh, lange nicht soviel.«
»Fünf Pfund?« fragte Herr Jaggers.
Das war ein so großer Unterschied, daß ich ganz
verwirrt antwortete:
»Oh, viel mehr!«
»Mehr, ja!« versetzte Herr Jaggers, steckte die
Hände in die Taschen, nahm den Kopf auf die eine
Seite und richtete den Blick auf die Wand hinter
mir, wie wenn er auf der Lauer nach mir läge;
»wieviel mehr?«
»Es ist so schwer, eine bestimmte Summe
anzugeben«, sagte ich zaudernd.
»Nichts da!« sagte Herr Jaggers. »Wollen's schon
kriegen. Zweimal fünf; wird das geh'n? Dreimal fünf;
wird das geh'n? Viermal fünf; wird das geh'n?«
Ich sagte, damit würde ich wohl ganz gut reichen.
»Mit viermal fünf werden Sie also ganz gut
reichen, ja?« sagte Herr Jaggers, die Stirn runzelnd.
»Nun, was kriegen Sie bei viermal fünf heraus?«
»Was ich dabei herauskriege?«
»Ja doch!« sagte Herr Jaggers; »wieviel?«
»Na, Sie kriegen doch wohl zwanzig Pfund dabei
heraus«, sagte ich lächelnd.
»Was ich dabei herauskriege, geht Sie nichts an,
mein Freund«, bemerkte Herr Jaggers mit einem
pfiffigen und widersprechenden Ruck des Kopfes.
»Ich möchte wissen, was Sie dabei herauskriegen.«
»Zwanzig Pfund natürlich.«
»Wemmick!« rief Herr Jaggers, die Kanzleitür
öffnend. »Lassen Sie sich von Herrn Pip eine
schriftliche Anweisung geben und zahlen Sie ihm
zwanzig Pfund.«
Diese stark ausgeprägte Weise, ein Geschäft zu
erledigen, machte einen stark ausgeprägten
Eindruck auf mich, und zwar gerade keinen
Eindruck angenehmer Art. Herr Jaggers lachte
niemals; aber er trug große blanke, knarrende
Stiefel, und wenn er sein Körpergewicht auf diese
Stiefel legte, den großen Kopf niederbeugend, die
Augenbrauen zusammenziehend und auf eine
Antwort wartend, dann ließ er manchmal seine
Stiefel knarren, und es klang, als ob sie ein
trockenes und mißtrauisches Lachen hören ließen.
Da er jetzt gerade ausging und Wemmick gut
gelaunt und zum Sprechen aufgelegt war, so sagte
ich zu Wemmick, ich wüßte nicht recht, was ich mit
Herrn Jaggers' Wesen anfangen sollte.
»Sagen Sie ihm das, und er wird's als ein
Kompliment auffassen«, antwortete Wemmick; »er
will ja auch gar nicht, daß Sie seine Art und Weise
kapieren sollen. -- Oh!« -- denn ich sah überrascht
drein; »da ist nichts Persönliches bei. Bloß
geschäftlich, rein geschäftlich.«
Wemmick stand am Pulte und frühstückte und
kaute knuspernd einen trockenen harten Zwieback,
von dem er von Zeit zu Zeit Stückchen in seine
Spalte von einem Mund warf, wie wenn er
Postsachen in einen Briefkasten steckte.
»Kommt mir immer so vor«, sagte Wemmick,
»wie wenn er 'ne Menschenfalle aufgestellt hätte
und sie beobachtete. Plötzlich -- klapp -- sitzt du
drin!«
Ohne zu bemerken, Menschenfallen gehörten
eigentlich nicht zu den Annehmlichkeiten des
Lebens, sagte ich, er wäre wohl sehr geschickt.
»Tief«, sagte Wemmick, »wie Australien.« Er
deutete dabei mit seiner Feder auf den Fußboden
der Kanzlei, um auszudrücken, daß man sich
Australien für den Zweck seiner Redefigur als
symmetrisch am entgegengesetzten Punkt der
Erdkugel liegend denken müsse. »Wenn's was noch
Tieferes gibt«, setzte Wemmick hinzu, die Feder
aufs Papier setzend, »so ist er's.«
Dann sagte ich, er hätte wohl ein schönes
Geschäft, und Wemmick sagte: »Groß-ar-tig!«
Dann fragte ich, ob viele Schreiber da wären.
Darauf erwiderte er:
»Wir geben uns nicht viel mit Schreibern ab,
denn es gibt nur einen Jaggers, und es will kein
Mensch einen Stellvertreter für ihn haben. Wir sind
unserer nur vier. Möchten Sie sie gern mal sehen?
Sie gehören doch gewissermaßen zu uns.«
Ich nahm das Anerbieten an. Als Herr Wemmick
all seinen Zwieback in seinen Briefkasten von Mund
gesteckt und mir mein Geld aus einer Kasse in
einem Schrank, dessen Schlüssel er irgendwo auf
dem Rücken trug und wie einen eisernen Zopf aus
dem Rockkragen vorzog, ausgezahlt hatte, gingen
wir beide hinauf. Das Haus sah düster und schäbig
aus, und die fettigen Schultern, die in Herrn
Jaggers' Zimmer ihre Spuren zurückgelassen hatten,
schienen sich jahrelang die Treppe auf- und
abgeschuffelt zu haben. Im Vorderzimmer des
ersten Stockwerkes war ein Schreiber, der wie ein
Mittelding zwischen einem Schenkwirt und einem
Rattenfänger aussah -- ein großer, blasser, dicker,
aufgedunsener Mann. Er war eifrig mit drei, vier
Leuten von schäbigem Äußeren beschäftigt, die er
so geradezu und barsch behandelte, wie jedermann
behandelt zu werden schien, der Herrn Jaggers'
Geldkästen füllen half. »Sammelt Zeugenaussagen«,
erklärte Wemmick, als wir heraustraten, »für den
Bailey [8 ] .« Im Zimmer darüber fanden wir einen
kleinen zottigen Dachshund von Schreiber mit
hängendem Haar (man schien ihn zu scheren
vergessen zu haben, als er noch klein gewesen war).
Er war in ähnlicher Weise beschäftigt mit einem
Manne mit demütigen Augen, den Herr Wemmick
mir als einen Schmelzer beschrieb, der seinen
Tiegel immer kochend hielt und mir alles schmelzen
würde, was ich nur wollte -- und der sich in einer
furchtbaren Weißglühhitze befand, wie wenn er
seine Kunst an sich selber probierte. In einem nach
hintenzu gelegenen Zimmer war ein mit Gesichts-
rheumatismus behafteter Mann, der ein
schmutziges Tuch um den Kopf trug und alte
schwarze Kleider hatte, die ganz so aussahen, als
wären sie gewichst worden. Er bückte sich über
seine Arbeit, während er von den Notizen der
beiden anderen Herren zu Herrn Jaggers' Gebrauch
reine Abschriften anfertigte.
Das war das ganze Geschäft. Als wir wieder
hinuntergingen, führte mich Wemmick in das
Zimmer meines Vormundes und sagte:
»Das haben Sie bereits gesehen.«
»Ach bitte«, sagte ich, als die beiden ekelhaften
Abgüsse mit ihren verzerrten Mienen wieder
meinen Blick fesselten, »wessen Konterfeis sind
denn das?«
»Die da?« sagte Wemmick, stieg auf einen Stuhl
und blies den Staub von den greulichen Gesichtern,
ehe er sie herabnahm. »Das sind zwei berüchtigte
Kerle, berühmte Klienten von uns, haben uns
riesige Ehre gemacht. Dieser Bursche hier (ei, bist
wohl in der Nacht runtergestiegen und hast ins
Tintenfaß geguckt, daß du da 'nen Klecks auf den
Augenbrauen hast, alter Schurke!), dieser Bursche
ermordete seinen Vater; und wenn man bedenkt,
daß er nicht zum Zeugen erzogen worden ist, hat er
sich's gar nicht schlecht ausgetiftelt.«
»Sieht's ihm ähnlich?« fragte ich und wich vor
dem Scheusal zurück, während Wemmick ihm auf
die Augenbraue spuckte und mit dem Ärmel darauf
herumrieb.
»Ihm ähnlich. Er ist's selber, verstehen Sie? wie
er leibte und lebte. Der Abguß wurde in Newgate
gemacht, gleich nachdem er heruntergenommen
war. Du hattest eine ganz besondere Vorliebe für
mich; was, du altes gerissenes Huhn?«
Dann erklärte er diese zärtliche Anrede. Er
deutete auf seine Busennadel mit der Dame und der
Trauerweide an dem Grabe mit der Urne darauf und
sagte: »Hat's ausdrücklich für mich machen
lassen.«
»Soll die Dame jemanden vorstellen?« fragte ich.
»Nein«, entgegnete Wemmick. »Bloß Laune von
ihm. (Hattest gern so deine Launen, was?) Nein,
keine Spur von 'ner Dame in dem Fall, Herr Pip,
außer einer einzigen -- und die war keine Dame von
dieser zarten, schlanken Sorte, und Sie hätten
dieses Weibsbild auch nicht nach der Urne da
gucken sehen -- sofern nicht was zu trinken drin
gewesen wäre.«
Da Herrn Wemmicks Aufmerksamkeit nun auf
die Busennadel gerichtet war, so setzte er den
Abguß hin und putzte die Nadel mit seinem
Taschentuch.
»Hat diese andere Kreatur da in gleicher Weise
geendet?« fragte ich. »Er hat das gleiche
Aussehen.«
»Da haben Sie recht«, sagte Wemmick, »er hat so
das echte Aussehen. Ganz so, wie wenn ein
Nasenloch mit einem Roßhaar und einem kleinen
Angelhaken hochgezogen worden wäre. Ja, er hat
ebenso geendet; das ist hier die ganz naturgemäße
Art zu enden, versichere ich Sie. Er hat Testamente
gefälscht, dieser Stift hier, wenn er nicht gar auch
noch die bewußten Erblasser in Schlummer gewiegt
hat. Aber'n vornehmer Patron warst du doch.«
(Herr Wemmick redete die Larve wieder an.) »Und
du sagtest, du könntest griechisch schreiben. Bah,
du Aufschneider! Was warst du doch für'n
Schwindelmeier! So'n Schwindelmeier ist mir
überhaupt nicht wieder vorgekommen!« Ehe er
seinen seligen Freund wieder auf das Brett setzte,
berührte Wemmick den größten seiner Trauerringe
und sagte: »Hat das Ding da holen lassen, gerade am
vorletzten Tage.«
Während er den anderen Abguß hinaufsetzte und
vom Stuhle herunterstieg, kam mir der Gedanke,
daß all der Schmuck, den er an sich habe, am Ende
aus gleichen Quellen geflossen sei. Da er in Hinsicht
auf dieses Thema keinerlei Zurückhaltung gezeigt
hatte, nahm ich mir die Freiheit, ihn danach zu
fragen, als er vor mir stand und sich die Hände
abstaubte.
»O ja«, entgegnete er, »das sind alles Stiftungen
dieser Art. Eins bringt das andere, sehen Sie, so
geht's nun mal. Ich nehme sie immer an. Es sind
Raritäten. Und sind auch Besitztum. Sie sind am
Ende nicht viel wert, aber sie sind Besitztum, und
zwar bewegliches. Für Sie mit Ihren glänzenden
Aussichten hat das ja nichts zu sagen; aber was mich
angeht, mein Leitstern ist immer: ›Verschaffe dir
bewegliches Besitztum.‹«
Als ich dieser Aufklärung meinen Beifall gezollt
hatte, fuhr er in freundlichem Tone fort:
»Wenn Sie 'mal gerade nichts Besseres vorhätten
und es würde Ihnen Spaß machen, nach Walworth
'nüberzukommen und mich zu besuchen, dann
könnte ich Ihnen ein Bett zur Verfügung stellen und
würde mir Ihren Besuch sehr zur Ehre anrechnen.
Ich könnte Ihnen freilich nicht viel zeigen, aber die
paar Raritäten, die ich habe, würden Sie vielleicht
ganz gern mal beaugenscheinigen; und ich bin ein
Freund von einem bißchen Garten und einem
Pavillon.«
Ich sagte, ich würde mit dem größten Vergnügen
seine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen.
»Bitte schön«, sagte er, »dann ist's also
abgemacht und wird geschehen, sobald es Ihnen
paßt. Haben Sie schon mit Herrn Jaggers gespeist?«
»Noch nicht!«
»Na«, sagte Wemmick, »er wird Ihnen Wein
vorsetzen, und guten Wein. Ich werde Ihnen
Punsch vorsetzen, und keinen schlechten Punsch.
Und nun will ich Ihnen was sagen. Wenn Sie bei
Herrn Jaggers zu Tisch gehen, sehen Sie sich mal
seine Haushälterin an.«
»Werde ich etwas sehr Ungewöhnliches sehen?«
»Na«, sagte Wemmick, »Sie werden ein wildes
Tier sehen, das gezähmt ist. Allerdings nicht
sonderlich ungewöhnlich, werden Sie mir sagen. Ich
erwidere, das kommt auf die ursprüngliche Wildheit
des Tieres an und auf den Grad der Gezähmtheit.
Ihre Meinung von den Fähigkeiten des Herrn
Jaggers wird keine geringere werden. Passen Sie
auf.«
Ich sagte ihm, ich wolle das tun, und zwar mit all
dem Interesse und der Neugier, die seine
Vorbereitung in mir erweckt hätte. Da ich mich
verabschiedete, so fragte er, ob ich vielleicht fünf
Minuten darauf verwenden wolle, mir anzusehen,
was Herr Jaggers jetzt »beim Wickel hätte«.
Aus mehreren Gründen und hauptsächlich wohl,
weil ich mir nicht klar vorstellen konnte, was Herr
Jaggers wohl »beim Wickel« haben würde, bejahte
ich die Frage. Wir begaben uns nach der Altstadt
und traten in ein von Menschen wimmelndes
Polizeigericht, wo ein Blutsverwandter (im
mörderischen Sinne) des Verstorbenen mit dem
phantastischen Geschmack in Busennadeln vor den
Schranken stand und voller Unbehagen irgend
etwas kaute, während mein Vormund ein
Frauenzimmer im Verhör oder Kreuzverhör hatte --
ich weiß nicht, was es war -- und sie und die Richter
und alle Anwesenden mit Grausen erfüllte. Wenn
irgend jemand, ganz gleich welchen Grades, ein
Wort sagte, das er nicht billigte, verlangte er sofort,
es solle »zu Protokoll genommen werden«. Wenn
jemand ein Zugeständnis zu machen sich weigerte,
sagte er: »Nun, ich will's Ihnen schon noch
ablocken!«, und wenn jemand ein Zugeständnis
machte, sagte er: »Nun, da habe ich Sie!« Die
Richter zitterten, wenn er ein einziges Mal an
seinem Finger herumbiß. Diebe und Diebeshäscher
hingen in grausamem Entzücken an seinen Worten
und bebten, wenn ein Haar seiner Augenbrauen sich
nach ihnen hinwandte. Auf welcher Seite er war,
konnte ich nicht ausfindig machen, denn er schien
die ganze Versammlung in einer Mühle zu mahlen;
als ich auf den Zehen hinausging, wußte ich nur, daß
er nicht auf der Seite der Richter war; denn er
verursachte dem alten Herrn, der den Vorsitz
führte, förmliche Krämpfe in den Beinen, während
er ihm die heftigsten Vorwürfe machte über seine
Aufführung als Repräsentant des britischen
Gesetzes und der britischen Gerechtigkeit bei
diesem heutigen Vorsitz.
[8]
Volkstüm liche Bezeichnung des
Hauptkrim inalhofes in London, dicht beim
Zuchthaus Newgate gelegen und m it diesem
unterirdisch v erbunden.
Fünfundzwanzigstes Kapitel

Bentley Drummle, der ein so verdrießlicher


Bursche war, daß er selbst ein Buch ganz so schloß,
als ob sein Verfasser ihm eine Beleidigung zugefügt
hätte, schloß auch eine Bekanntschaft in nicht
angenehmerem Geiste. Er war schwerfällig von
Gestalt, Gebärden und Begriffen, hatte einen trägen,
schlaffen Gesichtsschnitt und eine große
unbeholfene Zunge, die in seinem Munde
umherzulümmeln schien, wie er in einer Stube
umherlümmelte, und war faul, stolz, knauserig,
zurückhaltend und mißtrauisch. Er stammte von
reichen Leuten unten aus Somersetshire, die dieses
Muster eines fähigen Menschen aufzogen, bis sie die
Entdeckung machten, daß er gerade alt genug und
ein Dummkopf geworden war. So war Bentley
Drummle zu Herrn Pocket gekommen, als er einen
Kopf größer war als dieser Herr und ein halb
Dutzend Bretter mehr vorm Schädel hatte als die
Mehrzahl junger Herren.
Startop war von einer schwachen Mutter
verzogen und zu Hause behalten worden, während
er eigentlich zur Schule hätte gehen müssen, aber er
hing zärtlich an ihr und bewunderte sie über die
Maßen. Er hatte das zarte Gesicht einer Frau und
glich -- »wie man erkennen konnte, ohne sie
gesehen zu haben«, sagte Herbert zu mir -- seiner
Mutter wie ein Ei dem anderen. Es war nun
natürlich, daß ich mich mit ihm weit besser stand als
mit Bentley Drummle und daß selbst an den
allerersten unserer Ruderabende er und ich
nebeneinander nach Hause fuhren und uns von
Boot zu Boot unterhielten, während Bentley
Drummle allein hinter uns herkam unter den
überhängenden Uferteilen und durch das Schilf. Er
schlich immer am Ufer hin wie ein unbehagliches
amphibisches Wesen, selbst wenn die Flut ihn rasch
genug fortgetragen haben würde; und ich sehe ihn
noch immer im Finstern oder im Stauwasser hinter
uns herkommen, während unsere beiden Boote den
Sonnenuntergang oder das Mondlicht in der Mitte
des Stromes brachen.
Herbert war mein intimer Kamerad und Freund.
Ich schenkte ihm einen halben Anteil an meinem
Boote, und das gab ihm Anlaß, oft nach
Hammersmith hinunterzukommen; und mein Besitz
eines halben Anteils an seiner Wohnung führte mich
oft nach London. Wir gingen zwischen diesen
beiden Plätzen zu allen Stunden hin und her. Ich
habe noch jetzt eine Vorliebe für diesen Weg
(obwohl er nicht so angenehm ist, als er damals
war), eine Vorliebe, die sich in der leichten
Empfänglichkeit ungeprüfter Jugend und froher
Hoffnung gebildet hatte.
Als ich ein paar Monate in Herrn Pockets Familie
gelebt hatte, tauchten Herr und Frau Camilla auf.
Camilla war die Schwester des Herrn Pocket.
Georgiana, die ich bei dem gleichen Anlaß bei
Fräulein Havisham gesehen hatte, tauchte auch auf.
Sie war eine Cousine -- ein unverdauliches lediges
Frauenzimmer, das ihre Starrheit Religion und ihre
Leber Liebe nannte. Diese Leute haßten mich mit
dem Hasse der Begierde und der Enttäuschtheit.
Selbstverständlich schmeichelten sie mir in meinem
Glück mit der niedrigsten Gemeinheit. Herrn
Pocket betrachteten sie als ein erwachsenes Kind,
das keine Ahnung von seinen eigenen Interessen
hatte, und erzeigten ihm die huldvolle Duldsamkeit,
die ich sie hatte ausdrücken hören. Frau Pocket
verachteten sie, aber sie gaben zu, daß die arme
Seele im Leben schwer enttäuscht worden sei, weil
das den Abglanz eines matten Lichtes auf sie selbst
ausgoß.
Dies war die Umgebung, in der ich mich
niederließ und mich meinem Studium widmete. Ich
nahm bald kostspielige Gewohnheiten an und
begann eine Summe Geldes auszugeben, die ich vor
wenigen Monaten noch für fabelhaft gehalten hätte,
aber bei alledem blieb ich meinen Büchern treu.
Dabei war kein weiteres Verdienst, als daß ich mir
meiner eigenen Mängel bewußt war. Mit Hilfe des
Herrn Pocket und Herberts kam ich rasch
vonstatten; und wo immer der eine oder der andere
mir zur Seite stand und mir den Schub gab, der mir
not tat, oder mir Hindernisse aus dem Wege
räumte, hätte ich ein ebenso großer Schafskopf wie
Drummle sein müssen, wäre mir weniger gelungen.
Ich hatte Herrn Wemmick mehrere Wochen lang
nicht gesehen. Da kam mir der Gedanke, ihm ein
Briefchen zu schreiben und ihm vorzuschlagen, ich
wollte ihn an einem bestimmten Abend nach Hause
begleiten. Er antwortete, es würde ihm großes
Vergnügen bereiten und er würde mich um sechs
Uhr in der Kanzlei erwarten. Dorthin begab ich
mich und dort traf ich ihn, wie er den Schlüssel zu
seinem Schrank gerade mit dem Glockenschlag
seinen Rücken hinuntergleiten ließ.
»Dachten Sie, zu Fuße nach Walworth
hinauszugehen?« fragte er.
»Gewiß«, sagte ich, »wenn's Ihnen recht ist.«
»Durchaus«, war Wemmicks Antwort, »denn ich
habe den ganzen Tag lang die Beine unterm Pult
gehabt, und es wird mir Vergnügen machen, sie mir
nun ein bißchen auszurenken. Nun, ich will Ihnen
sagen, was ich zum Abendbrot habe, Herr Pip. Ich
habe Schmorfleisch, das zu Hause bereitet ist -- und
kalten Hühnerbraten -- der vom Speisehaus ist. Ich
denke, es wird ein zartes Huhn sein, weil der Wirt
des Speisehauses letztensmal in einem Fall von uns
Geschworener war und wir ihn gelinde
davonkommen ließen. Als ich das Huhn kaufte,
habe ich ihn daran erinnert und habe gesagt:
›Suchen Sie uns ein gutes aus, alter Brite, denn
wenn wir Sie noch ein paar Tage in der Loge hätten
festhalten wollen, das wäre uns ein leichtes
gewesen.‹ Darauf sagte er: ›Gestatten Sie mir, Ihnen
das beste Huhn im Laden zum Geschenk zu
machen.‹ Natürlich hab' ich's ihm gestattet. Denn
recht besehen, ist es Eigentum, und zwar
bewegliches. Sie haben doch hoffentlich nichts
gegen alte Verwandte, was?«
Ich dachte wahrhaftig, er spreche noch immer
von dem Huhn, bis er hinzusetzte:
»Ich habe nämlich bei mir zu Hause einen alten
Verwandten.«
Dann sagte ich, was die Höflichkeit erforderte.
»Also bei Herrn Jaggers haben Sie noch nicht
gespeist?« fuhr er fort, während wir weitergingen.
»Noch nicht.«
»Das hat er mir heute nachmittag auch gesagt, als
er hörte, daß Sie kommen wollten. Ich glaube, Sie
werden morgen eine Einladung erhalten. Er will
auch Ihre Genossen zu sich bitten. Ihrer drei, was?«
Obwohl ich nicht die Gewohnheit hatte, Drummle
zu meinen intimsten Kameraden zu zählen,
antwortete ich doch:
»Ja.«
»Na, er wird die ganze Rotte Korah zu sich
bitten«; ich fühlte mich kaum geschmeichelt durch
dieses Wort; »und was er Ihnen auch vorsetzen
wird, er wird Ihnen was Gutes vorsetzen. Große
Mannigfaltigkeit dürfen Sie freilich nicht erwarten;
dafür aber wird alles ganz großartig sein. Und noch
etwas Komisches ist in diesem Hause zu bemerken«,
fuhr Wemmick fort, nachdem er einen Augenblick
innegehalten hatte, wie wenn diese Bemerkung als
ganz selbstverständlich auf seine früher über die
Haushälterin gemachte Bemerkung folgte, »er läßt
keine Tür und kein Fenster des Nachts über
zuschließen.«
»Wird er nie bestohlen?«
»Das ist's ja eben!« entgegnete Wemmick. »Er
sagt's ganz offen heraus und läßt es allerorten
hören: ›Ich möchte den Mann sehen, der mich
bestiehlt.‹ Du lieber Gott! Ich habe ihn wohl schon
an die hundertmal in unserer vorderen Kanzlei zu
ganz regelrechten Einbrechern sagen hören: ›Ihr
wißt, wo ich wohne; nun, dort wird niemals ein
Riegel vorgeschoben; warum führt ihr bei mir denn
keinen eurer kleinen berufsmäßigen Streiche aus?
Kann ich euch vielleicht dazu verleiten, wie?‹ Kein
einziger unter ihnen, Herr, wäre kühn genug, so
etwas zu versuchen, sei's aus Neigung oder aus
Geldgier.«
»Fürchten sie ihn so sehr?«
»Ob sie ihn fürchten!« sagte Wemmick. »Ich
glaube wohl! Aber dennoch ist er schlau, trotzdem
er ihnen so kühn entgegentritt. Nicht die Spur von
Silber, Herr. Britannia-Metall, Löffel für Löffel.«
»Also würden die Leute gar nicht viel kriegen«,
bemerkte ich, »selbst wenn sie --«
»Ja! Aber er würde viel kriegen«, sagte
Wemmick, mich kurz unterbrechend, »und das
wissen sie. Er würde sie an den Galgen kriegen, und
zwar dutzendweise. Soviel er nur kriegen könnte.
Und es läßt sich nicht sagen, was er nicht kriegen
würde, wenn er sich erst mal darauf versteifte.«
Ich versank in Nachdenken über meines
Vormundes Größe, als Wemmick bemerkte:
»Wie gesagt, Silber ist keins da, aber das ist nur
seine natürliche Tiefe, wissen Sie. Ein Fluß hat seine
natürliche Tiefe, und er hat seine natürliche Tiefe.
Sehen Sie sich seine Uhrkette an, die ist echt wie
eine.«
»Sie ist sehr massiv«, sagte ich.
»Massiv?« wiederholte Wemmick. »Das möchte
ich meinen. Und seine Uhr ist 'ne goldne
Repetieruhr und ihre hundert Pfund wert unter
Brüdern. Herr Pip, in dieser Stadt gibt's an die
siebenhundert Diebe, die diese Uhr sehr gut
kennen; kein Mann, kein Weib, kein Kind ist unter
ihnen, das nicht das kleinste Glied an dieser Kette
erkennen und sofort wieder wegwerfen würde, als
ob's glühend heiß wäre, würde man sie dazu
verleiten, es anzurühren.«
Diesen Gang nahm unser Gespräch zuerst, und
später ging es auf Gegenstände allgemeiner Natur
über. Und so verkürzten Herr Wemmick und ich
uns Zeit und Weg, bis er mir zu verstehen gab, wir
wären im Bezirk Walworth angelangt.
Es schien eine bunte Menge von Hintergäßchen,
Gräben und kleinen Gärten zu sein und das Bild
einer ziemlich öden Zurückgezogenheit zu bieten.
Wemmicks Haus war eine kleine hölzerne Villa
inmitten von Gartenfleckchen, und der obere Teil
davon war verschnitzt und wie eine mit Kanonen
besetzte Batterie angemalt.
»Mein eigenes Werk«, sagte Wemmick. »Sieht
hübsch aus, was?«
Ich zollte lebhaft Beifall. Ich glaube, es war das
kleinste Haus, daß ich jemals gesehen hatte; mit den
seltsamsten gotischen Fenstern (von denen der bei
weitem größere Teil falsch war) und einer gotischen
Tür, die fast zu klein war, um hindurchzukommen.
»Das ist eine wirkliche Flaggenstange, sehen Sie«,
sagte Wemmick, »und an Sonntagen hisse ich eine
wirkliche Flagge. Dann sehen Sie hier. Sobald ich
diese Brücke überschritten habe, ziehe ich sie in die
Höhe -- so -- und schneide den Zugang ab.« 
Die Brücke war eine Planke und führte über einen
Abgrund, der ungefähr vier Fuß breit und zwei Fuß
tief war. Aber es war sehr nett anzusehen, mit
welchem Stolz er sie hochzog und festmachte. Dabei
lächelte er vor wirklicher Freude und nicht nur
mechanisch.
»Allabendlich um neun Uhr nach Greenwicher
Zeit«, sagte Wemmick, »wird die Kanone
abgefeuert. Dort steht sie, sehen Sie! Und wenn Sie
sie schießen hören, werden Sie sicherlich sagen, sie
macht ihre Sache gut.«
Das Geschütz, von dem er sprach, stand auf einer
besonderen Festung, die aus Latten gebaut war.
Eine kleine, scharfsinnige Wachstuch-Vorrichtung
von der Art eines Regenschirmes schützte es vorm
Wetter.
»Dann, nach hinten zu«, sagte Wemmick, »so daß
man's nicht sehen kann und es dem Eindruck der
Festung nicht Abbruch tut -- denn ich habe den
Grundsatz, willst du mal einen Eindruck erzielen, so
bleibe bei der Sache und erziel' ihn ganz -- ich weiß
nicht, ob das Ihre Meinung ist --«
Ich sagte, ganz entschieden.
»Nach hinten zu«, fuhr er fort, »hab' ich ein
Schwein und Hühner und Kaninchen; dann nagle ich
mir selber meine kleinen Rahmen zurecht, sehen
Sie, und ziehe Gurken; und Sie werden beim
Abendessen urteilen können, zu was für 'ner Sorte
von Salat ich's bringe. Wenn Sie sich also denken,
Herr«, sagte Wemmick, abermals lächelnd, aber
dabei doch ernsthaft den Kopf schüttelnd, »dieser
kleine Platz wäre im Belagerungszustande, so würde
er sich, was den Proviant anbetrifft, 'ne verteufelte
Weile halten können.«
Dann führte er mich nach einer ungefähr zwölf
Ellen entfernten Laube, nach der man aber nur auf
so sinnreich verzwickten Wegen hingelangen
konnte, daß man eine ziemliche Weile zu gehen
hatte, ehe man sie erreichte; und an diesem stillen
Plätzchen waren schon Gläser für uns
zurechtgesetzt. Unser Punsch kühlte in einem
kleinen Ziersee aus, an dessen Rande sich die Laube
erhob. Dieses Wässerchen, mit einer Insel in der
Mitte, die den Salat zum Abendbrot hätte vorstellen
können, war von kreisrunder Form, und darinnen
hatte er einen Springbrunnen angebracht, der, wenn
man eine kleine Mühle in Gang setzte und einen
Korken aus einer Röhre zog, mit so gewaltiger Kraft
spielte, daß einem der Handrücken ganz naß wurde.
»Ich bin mein eigener Ingenieur und mein eigener
Zimmermann und mein eigener Klempner und mein
eigener Gärtner und mein eigener
Allerweltskünstler«, sagte Wemmick in
Anerkennung meiner Komplimente. »Na; es ist ganz
schön, wissen Sie. Das Ding spült die Newgate-
Spinnweben weg und macht dem Alten Spaß. Wär's
Ihnen recht, wenn ich Sie sogleich dem Alten
vorstellte, wie? Es würde Sie doch nicht aus der
Fassung bringen?«
Ich drückte aus, wie sehr recht mir das wäre, und
wir gingen in das Schloß. Dort fanden wir am Feuer
einen ganz alten Mann in flanellenem Rock, sauber,
lustig, behaglich und wohlversorgt, aber unendlich
taub.
»Na, alter Vater«, sagte Wemmick, in herzlicher
und scherzender Weise ihm die Hände schüttelnd;
»wie geht es?«
»Ganz gut, John; ganz gut!« erwiderte der Alte.
»Hier ist Herr Pip, alter Vater«, sagte Wemmick,
»und ich wünschte, du könntest seinen Namen
hören. Nicken Sie ihm munter zu, Herr Pip, das ist
so sein Fall. Nicken Sie ihm munter zu, bitte, recht
tüchtig und lebhaft!«
»Das Plätzchen hier von meinem Sohne hier,
mein Herr, ist ganz reizend«, rief der alte Mann,
während ich ihm so wacker zunickte, als ich nur
irgend konnte. »Das hier ist ein ganz famoses
Vergnügungsplätzchen, Herr. Dieser Fleck und
diese schönen Werke drauf sollten von der Nation
zusammengehalten werden, wenn mein Sohn mal
nicht mehr ist, damit das Volk sich hier ergehen und
amüsieren könne.«
»Du bist stolz darauf wie ein Schneekönig; was,
Alter?« sagte Wemmick, und während er den Alten
betrachtete, nahm sein hartes Gesicht einen
wahrhaft weichen Ausdruck an; »da, ich nick' dir
zu«; und er nickte mit Schrecken erregender
Lebhaftigkeit; »da, ich nick' dir noch einmal zu«;
und er nickte mit noch schrecklicherer
Lebhaftigkeit; »das ist so dein Fall, was? Falls es
Ihnen nicht zuviel ist, Herr Pip -- aber ich weiß,
Fremden wird's bald zuviel --, wollen Sie ihm da
auch noch mal zunicken? Sie können sich gar nicht
vorstellen, wie gern er das hat.«
Ich nickte ihm noch mehrmals zu, und er war sehr
vergnügt. Wir verließen ihn, während er sich erhob,
um die Hühner zu füttern, und setzten uns in der
Laube an unseren Punsch, wo Wemmick mir bei
einer Pfeife erzählte, er hätte ziemlich viel Jahre
gebraucht, um sein Grundstück zu der
Vollkommenheit, die es jetzt auszeichnete, zu
bringen.
»Gehört es Ihnen, Herr Wemmick?«
»O ja«, sagte Wemmick, »ich hab's mir gekauft,
ganz allmählich. Es ist freies Eigentum, da läßt sich
nicht dran rütteln.«
»So? Herr Jaggers bewundert es doch wohl!«
»Hat's noch nie gesehen«, sagte Wemmick.
»Noch nie davon gehört. Hat den Alten noch nie
gesehen. Noch nie von ihm gehört. Nein! Kanzlei
hier, Privatleben dort. Geh' ich nach der Kanzlei,
lass' ich das Schloß hinter mir; und geh' ich nach
dem Schloß, lass' ich die Kanzlei hinter mir. Wenn's
Ihnen nicht unangenehm ist, so machen Sie's
ebenso. Sie tun mir einen Gefallen damit. Ich
wünsche nicht, daß im Geschäftskreise darüber
gesprochen wird.«
Natürlich hielt ich mich für verpflichtet, ihm
diese Bitte zu erfüllen. Da der Punsch sehr gut war,
tranken und plauderten wir dort, bis es fast neun
Uhr war.
»Jetzt kommt die Zeit heran, wo geschossen
wird«, sagte Wemmick dann, seine Pfeife hinlegend,
»das ist ein Hochgenuß für den Alten.«
Als wir wieder in das Schloß traten, fanden wir
den Alten damit beschäftigt, das Schüreisen heiß zu
machen. Das war die Vorbereitung zu der großen
nächtlichen Zeremonie. Wemmick stand mit der
Uhr in der Hand, bis der Augenblick gekommen
war, den glühendheißen Feuerhaken dem Alten
fortzunehmen und nach der Batterie zu gehen. Er
nahm ihn und ging hinaus; gleich darauf feuerte die
Kanone mit einem so lauten Knall, daß die
schnurrige kleine Schachtel von einer Villa
wackelte, als ob sie in Stücken fallen wollte, und
jedes Glas und jede Tasse zu klappern anfing.
Darauf rief der Alte -- der, glaub' ich, aus seinem
Armstuhl hochgetrieben worden wäre, hätte er sich
nicht an den Lehnen festgehalten -- mit
frohlockender Stimme: »Es hat geschossen! Ich
hab's gehört!«, und ich nickte dem alten Herrn zu.
Die Zwischenzeit bis zum Abendbrot benutzte
Wemmick, um mir seine Raritätensammlung zu
zeigen. Es waren dies meist Dinge aus der
Verbrecherwelt, wie zum Beispiel eine Feder, mit
der eine berühmte Fälschung begangen worden war,
ein paar ausgezeichnete Rasiermesser, ein paar
Haarlocken und mehrere schriftliche nach
gefälltem Urteil abgelegte Bekenntnisse -- auf die
Herr Wemmick ganz besonderen Wert legte, weil
sie, um seine eigenen Worte zu gebrauchen, »alle
durch die Bank Schwindeleien« waren. Diese
Gegenstände lagen angenehm verteilt unter kleinen
Sächelchen aus Porzellan und Glas, verschiedenen
niedlichen Kleinigkeiten, die vom Besitzer des
Museums selber angefertigt waren, und einigen vom
Alten geschnitzten Pfeifenstopfern. Sie waren alle
ausgestellt in dem Zimmer, wo ich zuerst
hineingeführt worden war. Dieses Zimmer diente
nicht nur als Wohnstube im allgemeinen, sondern
auch als Küche, nach einem Tiegel auf dem Herde
und einem Messinghaken überm Kamin, wo ein
Bratenwender dran aufgehängt werden sollte, zu
urteilen.
Es bediente ein kleines, niedliches Mädchen, die
tagsüber den Alten besorgte. Als sie den Tisch
gedeckt hatte, wurde die Brücke herabgelassen,
damit sie hinausgehen könne, und sie
verabschiedete sich für heute. Das Abendbrot war
prächtig, und obwohl das Schloß den
Löcherschwamm hatte, so daß es drin roch wie nach
schlechter Nuß, und obwohl der Schweinestall
weiter entfernt hätte sein können, so war ich doch
mit meiner ganzen Bewirtung sehr zufrieden. Auch
war an meinem kleinen Schlafstübchen im Turm
weiter nichts auszusetzen, als daß die Decke
zwischen mir und der Flaggenstange so dünn war,
daß, als ich auf dem Rücken im Bette lag, es den
Anschein hatte, als müßte ich die ganze Nacht durch
diese Stange auf der Stirn balancieren.
Wemmick war am Morgen früh munter, und ich
fürchte, ich hörte ihn meine Stiefel putzen. Darauf
machte er sich daran, seinen Garten zu besorgen;
und ich sah von meinem Fenster aus, wie er so tat,
als beschäftige er den Alten, und ihm in
hingebungsvoller Weise zunickte. Unser Frühstück
war so vorzüglich wie das Abendbrot, und pünktlich
um halb acht Uhr brachen wir auf, um nach Little
Britain zu gehen. Allmählich, je näher wir kamen,
wurde Wemmick trockener und härter, und sein
Mund klemmte sich wieder zu einem Briefkasten
zusammen. Als wir endlich wieder im Geschäft
waren und er seinen Schlüssel aus dem Rockkragen
hervorzog, schien er von seinem Grundstück in
Walworth so wenig noch zu wissen, als wäre das
Schloß und die Zugbrücke und die Laube und der
See und der Springbrunnen und der Alte allesamt
durch den letzten Schuß der Kanone in den
Weltenraum versprengt worden.
Sechsundzwanzigstes Kapitel

Wie Wemmick mir gesagt hatte, so kam es auch. Ich


erhielt bald Gelegenheit, meines Vormunds
Wohnung mit der seines Kassierers und Schreibers
zu vergleichen. Mein Vormund war in seiner Stube
und wusch sich die Hände mit seiner parfümierten
Seife, als ich direkt von Walworth her in die Kanzlei
trat; und er rief mich zu sich und gab mir die
Einladung für mich und meine Freunde, auf deren
Empfang mich Wemmick vorbereitet hatte. »Keine
Zeremonie«, machte er aus, »und keine Diner-
Toilette und -- sagen wir morgen.« Ich fragte ihn,
wo wir hinkommen sollten (denn ich hatte keine
Ahnung, wo er wohnte), und ich glaube, in seinem
allgemeinen Widerstreben, irgend etwas wie ein
Zugeständnis aussehen zu lassen, lag der Grund,
weshalb er antwortete: »Kommen Sie hierher, und
ich werde Sie nach meiner Wohnung führen.« Ich
bemerke hier gleich, daß er sich, sobald er mit
seinen Klienten zu tun gehabt hatte, die Hände
wusch wie ein Wundarzt oder Zahnarzt nach der
Behandlung eines Kranken. Er hatte ein
Schränkchen in seinem Zimmer, das dazu diente
und nach der parfümierten Seife roch wie ein
Parfümerieladen. Drinnen an der Tür hing ein
ungewöhnlich großes Handtuch an einem Halter,
und er wusch sich die Hände und wischte und
trocknete sie an diesem Handtuch ab, sobald er von
einem Polizeigericht heimkam oder einen Klienten
aus seinem Zimmer entließ. Als ich und meine
Freunde uns um sechs Uhr am nächsten Tage zu
ihm begaben, schien er einen Fall von ungewöhnlich
düsterer Fassung vorgehabt zu haben, denn er hatte
sogar den Kopf in das Schränkchen gesteckt und
wusch sich nicht nur die Hände, sondern spülte sich
sogar das Gesicht ab und gurgelte sich die Kehle
aus. Und selbst als er all dies getan hatte und am
ganzen Handtuch entlanggewandert war, nahm er
noch ein Federmesser und kratzte sich den Fall
hinter den Nägeln hervor, ehe er den Rock anzog.
Als wir auf die Straße heraustraten, lungerten wie
gewöhnlich mehrere Leute herum, die
augenscheinlich sehnlichst mit ihm zu sprechen
wünschten; aber es lag in dem Duft nach
parfümierter Seife, der seine Person umgab, etwas
so entschieden Abweisendes, daß sie es für heute
aufgaben. Als wir nach dem Westen zu spazierten,
wurde er alle Augenblicke von irgendeinem Gesicht
in dem Trubel der Straßen erkannt, und dann
unterhielt er sich immer mit lauterer Stimme mit
mir; aber im übrigen schien er niemanden zu
erkennen und auch weiter keine Notiz davon zu
nehmen, daß jemand ihn erkannte.
Er führte uns nach Gerrard Street, Soho, und
zwar nach einem Hause auf der Südseite dieser
Straße. Ein ziemlich stattliches Haus in seiner Art,
entbehrte es aber kläglich der Tünche und hatte
schmutzige Fenster. Er zog seinen Schlüssel hervor
und öffnete das Tor, und wir traten alle in einen
steinernen Korridor, der kahl und düster war und
wenig betreten zu werden schien. Eine dunkle
braune Treppe hinauf ging es in eine Flucht von drei
dunklen braunen Zimmern im ersten Stock. An den
getäfelten Wänden waren geschnitzte Girlanden,
und als er unter ihnen stand und uns willkommen
hieß, weiß ich, mit welcher Art von Schlingen ich da
diese Girlanden verglich.
Das Mittagessen war im besten der Zimmer
gedeckt; das zweite war sein Ankleidezimmer, das
dritte sein Schlafzimmer. Er sagte uns, er bewohne
das ganze Haus, gebrauche aber selten mehr, als wir
jetzt sähen. Der Tisch war reichlich gedeckt --
natürlich kein Silber beim Service --, und neben
seinem Stuhl stand ein ziemlich großer Drehtisch
mit verschiedenen Flaschen und Karaffen und vier
Schüsseln Obst zum Nachtisch. Ich konnte von
Anfang bis zu Ende die Wahrnehmung machen, daß
er alles selbst unter der Hand behielt und alles
selbst verteilte.
Es stand ein Bücherschrank im Zimmer; an den
Bücherrücken las ich, daß seine Bibliothek nur
Werke über Beweisstücke, Kriminalgesetze,
Kriminalbiographien, Prozesse, Parlamentsakte
und dergleichen enthielt. Das Mobiliar war
durchweg sehr derb und gut, wie seine Uhrkette. Es
hatte indessen einen geschäftsmäßigen Anstrich,
und es war kein Stück darunter, das bloß zur Zierde
gedient hätte. In einer Ecke stand ein kleiner Tisch
mit Papieren und einer Arbeitslampe. Er schien also
auch in dieser Hinsicht seine Kanzlei mit sich nach
Hause zu nehmen, sie des Abends hinauszurollen
und sich an die Arbeit zu machen.
Da er meine drei Kameraden zuvor kaum gesehen
hatte -- denn er und ich waren zusammen gegangen -
-, so stand er jetzt auf dem Kaminvorleger, nachdem
er die Glocke geschellt hatte, und sah sie prüfend
an. Zu meinem Erstaunen schien er sogleich
hauptsächlich, wenn nicht einzig und allein, an
Drummle Interesse zu finden.
»Pip«, sagte er, indem er mir seine große Hand
auf die Schulter legte und mich nach dem Fenster
herumdrehte, »ich kann die Leute nicht
voneinander unterscheiden. Wer ist die Spinne?«
»Die Spinne?« fragte ich.
»Das Pickelgesicht da, der verschlafene
mürrische Knopf da.«
»Das ist Bentley Drummle«, sagte ich; »der mit
dem zarten Gesicht ist Startop.«
Ohne im geringsten auf »den mit dem zarten
Gesicht« zu achten, entgegnete er:
»Bentley Drummle heißt er? So? Das Aussehen
von dem Kerl gefällt mir.«
Er begann sogleich ein Gespräch mit Drummle;
und ohne sich durch seine zurückhaltenden,
schwerfälligen Antworten abschrecken zu lassen,
schien er im Gegenteil dadurch angespornt zu
werden, die Worte wie mit Schraubenziehern aus
ihm herauszuholen. Ich sah die beiden an, als
zwischen mich und sie die Haushälterin trat, die den
ersten Gang auf den Tisch trug.
Sie war, wie mir deuchte, eine Frau von ungefähr
vierzig Jahren -- aber ich habe sie vielleicht älter
geschätzt, als sie war: das hat ja die Jugend an sich.
Ziemlich groß, von schlanker, schmächtiger Gestalt,
außerordentlich blaß, mit großen, wasserblauen
Augen und einer Menge wallenden Haares. Ich kann
nicht sagen, ob ihre Lippen infolge eines
Herzleidens geteilt waren, wie wenn sie nach Luft
ränge; und ihr Gesicht hatte einen seltsamen
Ausdruck der Überraschtheit und Ratlosigkeit; aber
ich weiß, daß ich mir vor ein paar Abenden im
Theater ›Macbeth‹ angesehen hatte und daß ihr
Gesicht mir so vorgekommen war, als wäre es durch
feurige Luft ganz verstört, gleich den Gesichtern,
die ich aus dem Kessel der Hexen hatte steigen
sehen.
Sie setzte die Schüssel hin, berührte meinen
Vormund ruhig mit einem Finger am Arm, um ihm
anzudeuten, daß das Mittagessen fertig sei, und
verschwand wieder. Wir setzten uns um den runden
Tisch, und mein Vormund nahm Drummle an diese
Seite und Startop an die andere. Es war ein feines
Fischgericht, das die Haushälterin auf den Tisch
gesetzt hatte, und hinterher gab es eine gleich
vorzügliche Hammelkeule, und dann gleich
vorzügliches Geflügel. Saucen, Weine, all das nötige
Zubehör, und zwar immer von der besten Sorte,
reichte uns unser Wirt von seinem Drehtisch her;
und wenn sie um die Tafel herumgegangen waren,
setzte er sie immer wieder hin. In gleicher Weise
verteilte er an uns reine Teller und Messer und
Gabeln bei jedem neuen Gang und warf die eben
gebrauchten in zwei Körbe, die neben seinem Stuhl
am Boden standen. Es war keine andere
Dienstperson als die Haushälterin zu sehen. Sie trug
jeden Gang auf; und ich erblickte in ihrem Gesicht
immer ein aus dem Hexenkessel aufsteigendes
Gesicht. Jahre nachher stellte ich ein entsetzliches
Konterfei dieses Weibes her, indem ich ein anderes
Gesicht, das keine weitere natürliche Ähnlichkeit
mit ihm besaß als die, die ihm eine Mähne wallenden
Haares verlieh, in einem dunklen Zimmer hinter
einer Schale brennenden Spiritusses vorüberziehen
ließ.
Ihre auffallende Erscheinung als auch die Worte,
mit denen Wemmick mich auf sie vorbereitet hatte,
bewogen mich, ein besonderes Augenmerk auf sie
zu richten. So bemerkte ich denn, daß immer, wenn
sie im Zimmer war, sie die Augen aufmerksam auf
meinen Vormund geheftet hielt und daß sie von
jeder Schüssel, die sie vor ihn hinsetzte, zögernd die
Hände fortzog, wie wenn sie fürchtete, er möchte
sie zurückrufen, und wünschte, daß er, sofern er
etwas zu sagen habe, mit ihr rede, solange sie in
seiner Nähe sei. Ich bildete mir ein, ich könnte aus
dem Wesen meines Vormundes herausmerken, daß
er sich dessen bewußt war und die Absicht hatte, sie
in steter Spannung zu halten.
Das Mahl verlief munter, und obwohl mein
Vormund Gesprächsgegenstände weniger
aufzubringen als zu verfolgen schien, so wußte ich
doch, daß er die schwächsten Seiten unseres
Charakters aus uns herauszuziehen verstand. Was
mich selbst anbetrifft, so fand ich heraus, ehe ich
mir auch nur bewußt war, die Lippen geöffnet zu
haben, daß ich meine Neigung zu zügelloser
Verschwendung und meinen Hang, Herbert die
Stange zu halten und mit meinen großen Aussichten
zu prahlen, hatte merken lassen. So verhielt es sich
mit uns allen, am meisten aber mit Drummle, dem
die Enthüllung der Vorliebe, in mürrischer,
mißtrauischer Weise über uns übrige zu spötteln,
herausgeschraubt wurde, ehe noch der Fisch
abgetragen war.
Nicht dann schon, sondern erst, als wir beim Käse
waren, wandte sich das Gespräch auf unsere Ruder-
Vergnügungen, und Drummle wurde damit
aufgezogen, daß er immer des Abends so langsam
und wie eine Amphibie hinter uns hergekrochen
kam. Drummle teilte hierauf unserem Wirt mit, es
sei zu Hause weit gemütlicher als in unserer
Gesellschaft, und was Fertigkeit anbetreffe, so sei er
uns bei weitem überlegen, und was Körperstärke
anbelange, so könnte er uns wie Spreu
auseinandertreiben. Durch irgendein nicht
offenbares Verfahren trieb ihn mein Vormund in
dieser Kleinigkeit bis zu förmlicher Tollwut, und er
entblößte und spannte seinen Arm, um zu zeigen,
was er für Muskeln habe; und dann fingen wir alle in
lächerlicher Weise unsere Arme zu entblößen und
zu spannen an.
Nun räumte die Haushälterin gerade den Tisch
ab; mein Vormund beachtete sie nicht, sondern
hatte das Gesicht von ihr abgewandt. Er lehnte sich
in seinen Stuhl zurück und biß sich an seinem
Zeigefinger herum und zeigte ein Interesse an
Drummle, das mir ganz unerklärlich war. Plötzlich,
als die Haushälterin ihre Hand über den Tisch
hinüberstreckte, schlug er mit seiner großen Hand
darauf, wie wenn eine Falle zuklappte. Er tat das so
plötzlich, daß wir alle in unserem törichten
Wettkampf innehielten.
»Wenn Sie von Stärke reden«, sagte Herr
Jaggers, »so will ich Ihnen mal ein Handgelenk
zeigen. Molly, laß dein Handgelenk sehen.«
Ihre in die Falle geratene Hand lag auf dem
Tische, aber sie hatte ihre andere Hand schon
hinter ihren Rücken versteckt.
»Gnäd'ger Herr«, sagte sie mit leiser Stimme, die
Augen mit aufmerksamem, bittendem Ausdruck auf
ihn geheftet. »Nicht doch.«
»Ich will Ihnen ein Handgelenk zeigen«,
wiederholte Herr Jaggers, und sein Entschluß, es zu
zeigen, schien nicht mehr zu erschüttern. »Molly,
laß sie dein Handgelenk sehen.«
»Gnäd'ger Herr«, murmelte sie wieder -- »ich
bitte Sie.«
»Molly«, sagte Herr Jaggers, indem er sie nicht
ansah, sondern den Blick hartnäckig nach der
anderen Seite des Zimmers richtete, »laß sie deine
beiden Handgelenke sehen. Zeige sie. Nichts da!«
Er nahm seine Hand von der ihren und legte
dieses Handgelenk allen sichtbar auf den Tisch. Sie
nahm ihre andere Hand hinter ihrem Rücken
hervor und hielt die beiden nebeneinander hin. Das
letzte Handgelenk war arg entstellt -- tief von
Narben durchfurcht, die kreuz und die quer. Als sie
ihre Hände hinhielt, nahm sie die Augen von Herrn
Jaggers fort und heftete sie aufmerksam der Reihe
nach auf jeden von uns.
»Hier steckt Kraft drin«, sagte Herr Jaggers,
indem er gelassen mit dem Zeigefinger die Sehnen
verfolgte. »Sehr wenig Männer haben im
Handgelenk so große Kraft wie diese Frau hier. Es
ist merkwürdig, was für eine Gewalt zuzupacken in
diesen Händen liegt. Ich habe viele Hände zu
beobachten Gelegenheit gehabt; aber ich habe nie
eine stärkere gefunden, weder bei einem Mann noch
bei einer Frau.«
Während er diese Worte im Tone einer
gelassenen Kritik sprach, fuhr sie fort, jeden von
uns anzusehen, indem sie die Reihe, wie wir saßen,
ganz regelmäßig durchging. Sobald er aufhörte, sah
sie wieder ihn an.
»So ist's gut, Molly«, sagte Herr Jaggers, ihr
leicht zunickend; »du bist bewundert worden und
kannst nun gehen.«
Sie zog ihre Hände fort und ging hinaus, und Herr
Jaggers stellte die Gläser von seinem Drehtisch auf,
schenkte sich ein und ließ den Wein herumgehen.
»Um halb zehn Uhr, meine Herren«, sagte er,
»müssen wir aufbrechen. Bitte, nützen Sie die Zeit
aus. Es freut mich, Sie alle hier beisammen zu
sehen. Herr Drummle, Ihr Spezielles!«
Wenn er bei einer solchen Auszeichnung
Drummles den Zweck verfolgte, ihn noch mehr
aufzubringen, so gelang es ihm vollkommen. Mit
mürischem Frohlocken zeigte Drummle seine
griesgrämige Geringschätzung unserer ganzen
Gesellschaft in immer beleidigenderem Grade, bis
er geradezu unerträglich wurde. Durch alle diese
Stadien folgte ihm Herr Jaggers mit dem gleichen
seltsamen Interesse. Er schien tatsächlich Herrn
Jaggers als Würze zu seinem Wein zu dienen.
In unserem knabenhaften Mangel an
Vorsichtigkeit tranken wir unzweifelhaft zuviel und
sprachen ganz sicher zuviel. Wir erhitzten uns ganz
besonders über eine höhnische, unhöfliche
Bemerkung Drummles, die darauf hinausging, wir
sprängen zu leichtfertig mit unserem Gelde um. Sie
gab mir Anlaß, daß ich mit mehr Eifer als Vorsicht
bemerkte, eine solche Rede nähme sich von seiner
Seite leider sehr übel aus, denn er habe sich ja erst
vor einer Woche in meinem Beisein von Startop
Geld geborgt.
»Na«, entgegnete Drummle, »wird's schon
wiederkriegen.«
»Ich will gar nicht sagen, er wird's nicht
wiederkriegen«, sagte ich, »aber am Ende hätten Sie
somit am besten den Mund zu halten und über uns
und unser Geld kein Wort zu reden, sollt' ich
meinen.«
»Sollten Sie meinen!« versetzte Drummle. »Nu
Gott ja!«
»Ganz gewiß doch«, sagte ich, in der Absicht, sehr
streng mit ihm zu verfahren, »würden Sie keinem
von uns Geld geliehen haben, wenn wir welches
brauchten!«
»Da haben Sie recht«, sagte Drummle. »Ich
würde keinem von Ihnen einen Sechser pumpen.
Würde überhaupt keinem Menschen 'en Sechser
pumpen.«
»Unter solchen Umständen selber zu borgen ist
recht gemein, find' ich.«
»Finden Sie!« wiederholte Drummle. »Nu Gott
ja!«
Das war eine grobe, flegelhafte Art und Weise und
reizte mich um so mehr auf, als ich merkte, daß
gegen seine mürrische Unzugänglichkeit nichts zu
machen war, und so rief ich, Herberts Versuche,
mich zurückzuhalten, nicht achtend:
»Hören Sie mal, Herr Drummle, da wir gerade
dabei sind, so will ich Ihnen sagen, was zwischen
Herbert hier und mir vorgegangen ist, als Sie das
Geld geborgt hatten.«
»Ich will gar nicht wissen, was zwischen dem
Herbert dort und Ihnen vorgegangen ist«, brummte
Drummle.
Und ich glaube, er setzte mit einem leiseren
Brummen hinzu, wir könnten uns beide zum Teufel
scheren.
»Ich will's Ihnen aber doch sagen«, fuhr ich fort,
»ob Sie's nun wissen wollen oder nicht. Wie Sie das
Geld in die Tasche steckten, da schienen Sie sehr
erfreut darüber, daß Sie es gekriegt hätten, und da
sagten wir zueinander, Sie schienen sich gewaltig
darüber zu amüsieren, daß er so dumm gewesen sei,
es Ihnen zu leihen.«
Drummle lachte gerade heraus und saß da und
lachte uns einfach ins Gesicht und steckte die
Hände in die Taschen und zog seine runden
Schultern in die Höhe. So gab er uns deutlich zu
verstehen, daß das die volle Wahrheit war und daß
er uns Esel allesamt verachtete.
Daraufhin ließ sich Startop mit ihm ein; freilich
mit viel mehr Chic, als ich gezeigt hatte, und
ermahnte ihn, ein wenig liebenswürdiger zu sein.
Startop war ein munterer, lustiger Junge, und
Drummle war das gerade Gegenteil, und so war der
letztere immer geneigt, das Wesen des anderen als
direkte persönliche Beleidigung aufzufassen und
sich darüber zu ärgern. Er antwortete jetzt in
grober, tölpelhafter Manier; und Startop versuchte
die Erörterung beiseite zu schieben, indem er einen
kleinen Scherz machte, über den wir alle lachen
mußten. Über diesen kleinen Erfolg ärgerte sich
Drummle am meisten; ohne irgendwelche Drohung
oder Warnung zog er die Hände aus den Taschen,
ließ seine runden Schultern herunter, fluchte,
ergriff ein großes Glas und würde es seinem Gegner
an den Kopf geworfen haben, hätte nicht unser Wirt
es geschickt in dem Moment ergriffen, wo er es über
dem Kopf emporhob.
»Meine Herren«, sagte Herr Jaggers, setzte
bedächtig das Glas nieder und zog seine goldene
Repetier-Uhr an ihrer massiven Kette hervor, »es
tut mir außerordentlich leid, aber ich muß Ihnen
ankündigen, es ist halb zehn.«
Auf diesen Wink hin erhoben wir uns alle. Ehe wir
die Haustür erreicht hatten, nannte Startop
Drummle schon wieder »alter Junge«, so vergnügt,
wie wenn nichts geschehen sei. Aber dem »alten
Jungen« fiel es nicht ein, sich darauf einzulassen; er
wollte nicht einmal auf derselben Straßenseite mit
ihm nach Hammersmith gehen. Herbert und ich, die
wir in der Stadt blieben, sahen sie auf
verschiedenen Seiten die Straße hinuntergehen.
Startop ging voran, und Drummle schlenderte im
Schatten der Häuser hinterher, ganz so, wie er in
seinem Boote zu folgen pflegte.
Da die Tür noch nicht geschlossen war, ersuchte
ich Herbert, ein Weilchen zu warten, während ich
noch einmal hinauflaufen wollte, um ein Wort mit
meinem Vormund zu reden. Ich fand ihn in seinem
Ankleidezimmer, wo er schon von seinem Vorrat an
Stiefeln umgeben und damit beschäftigt war, sich
die Hände von uns rein zu waschen.
Ich sagte ihm, ich wäre noch einmal
heraufgekommen, um ihm zu sagen, wie leid es mir
täte, daß irgend etwas Unangenehmes vorgefallen
sei, und ich hoffte, er würde mir keinen Vorwurf
machen.
»Pah!« sagte er, während er sich das Gesicht
abspülte und die Wassertropfen ihm an den Wangen
hinabliefen; »keine Spur davon, Pip. Aber diese
Spinne gefällt mir.«
Er hatte sich jetzt nach mir hingewandt und
schüttelte den Kopf und prustete und trocknete sich
ab.
»Es freut mich, daß der Mensch Ihnen gefällt«,
sagte ich; »mir gefällt er aber nicht.«
»Nein, nein«, stimmte mein Vormund bei, »geben
Sie sich nicht zuviel mit ihm ab! Halten Sie ihn sich
soviel wie möglich vom Leibe! Aber mir gefällt der
Kerl, Pip; er ist von der echten Sorte. Na, wenn ich
ein Wahrsager wäre --«
Aus dem Handtuch hervorguckend, erhaschte er
meinen Blick.
»Aber ich bin kein Wahrsager«, fuhr er fort, ließ
den Kopf in sein Handtuch fallen und rieb an seinen
beiden Ohren herum. »Sie wissen, was ich bin,
nicht? Gute Nacht, Pip.«
»Gute Nacht, Herr.«
Ungefähr einen Monat später war für die Spinne
die Zeit des Aufenthalts bei Herrn Pocket
abgelaufen und alle, mit Ausnahme der Frau
Pocket, waren herzlich froh, als sie nach dem
Familienloch heimkehrte.
Siebenundzwanzigstes Kapitel

»Mein lieber Herr Pip!


Ich schreibe dies auf Ansuchen des Herrn Gargery,
um Sie davon zu unterrichten, er ginge nach London
in Gesellschaft des Herrn Wopsle und würde sich
sehr freuen, wenn er Sie besuchen dürfte, sofern Sie
nichts dagegen hätten. Er würde in Barnard's Hotel
am Dienstag morgen um neun Uhr vorsprechen,
und wenn's Ihnen nicht recht ist, bitte, möchten Sie
Bescheid hinterlassen. Ihrer armen Schwester
geht's noch ganz genau so, als wie Sie sie verlassen
haben. Wir erzählen uns jeden Abend in der Küche
von Ihnen und fragen uns, was Sie wohl sagen und
anstellen. Wenn Sie das jetzt als eine ziemliche
Dreistigkeit ansehen, so bitte, entschuldigen Sie, es
geschieht ja bloß aus Liebe zu den armen alten
Tagen. Und damit genug, lieber Herr Pip, von
Ihrer stets ergebenen und getreuen  
Dienerin 
Biddy.

P. S. Er wünscht ganz besonders, ich soll


hinschreiben: ›was für'n Fez!‹ Er sagt, Sie werden
schon verstehen. Ich hoffe und bezweifle nicht, es
wird Ihnen, obwohl nun ein vornehmer Herr, doch
recht sein, ihn zu sehen, denn Sie hatten ja immer
ein gutes Herz, und er ist ein braver Mann. Ich habe
ihm alles vorgelesen, bis auf den letzten kleinen
Satz, und er wünscht ganz besonders, ich soll
nochmals hinschreiben: ›was für'n Fez!‹«

Ich erhielt diesen Brief mit der Post am Montag


morgen, und die darin genannte Verabredung galt
also für den nächsten Tag.
Ich will ohne Rückhalt bekennen, mit was für
Gefühlen ich Joes Ankunft entgegensah.
Nicht mit frohen Gefühlen, obwohl ich durch
soviel Bande an ihn geknüpft war; nein, mit
beträchtlicher Unruhe, einigem Ärger und einer
scharfen Empfindung für das Mißverhältnis, das
zwischen uns bestehen mußte. Hätte ich ihn
fernhalten können durch Zahlung von Geld, so hätte
ich sicherlich Geld gezahlt. Meine größte
Beruhigung war, daß er nach Barnard's Inn kam und
nicht nach Hammersmith und daß er somit nicht
Bentley Drummle in den Weg laufen konnte. Ich
hatte wenig dagegen, daß ihn Herbert oder sein
Vater gesehen hätte, denn diese beiden achtete ich;
aber ich hatte den denkbar schärfsten Widerwillen
davor, daß Drummle ihn zu sehen bekäme, denn ihn
verachtete ich. So, unser ganzes Leben hindurch,
werden unsere schlimmsten Schwächen und
Gemeinheiten um der Leute willen getan, die wir am
meisten verachten.
Ich hatte angefangen, meine Zimmer fortwährend
auf irgendeine unnötige und unangemessene Weise
auszuputzen, und diese Ringkämpfe mit Barnard
erwiesen sich als sehr kostspielig. Jetzt sahen die
Stuben schon ganz anders aus, als damals, wo ich sie
zum erstenmal betrat, und ich freute mich über die
Ehre, ein paar ganz hervorragende Seiten in den
Kontobüchern eines benachbarten Tapezierers
auszufüllen. Ich hatte in letzter Zeit so rasche
Fortschritte gemacht, daß ich sogar einen Burschen
in Stulpstiefeln angenommen hatte -- in
wahrhaftigen Stulpstiefeln --, und man hätte
behaupten können, daß ich als sein untertäniger
Sklave meine Tage verbrachte. Denn nachdem ich
das Ungeheuer auserkoren (aus dem Abschaum der
Familie meiner Wäscherin) und ihn mit einem
blauen Rock, einer kanariengelben Weste, einer
weißen Krawatte, einem Paar hellgelber Beinkleider
und den bereits erwähnten Stiefeln bekleidet hatte,
mußte ich ihm ein wenig Arbeit und eine Menge
Essen beschaffen, und mit diesen beiden
entsetzlichen Erfordernissen quälte er mich
beständig und machte mir das Leben zur Pein.
Dieser rächende Geist erhielt Befehl, Dienstag
morgen um acht Uhr in der Vorhalle (die zwei Fuß
im Viereck maß nach dem, was mir für die
Flurdecke berechnet worden war) zur Stelle zu sein,
und Herbert hatte mir zu gewissen Sachen für das
Frühstück geraten, die Joe am Ende gern essen
würde. Während ich mich ihm aufrichtig dafür
verpflichtet fühlte, daß er so rücksichtsvoll war und
ein so reges Interesse an meinem Besuch nahm,
bedrückte mich doch ein seltsamer, halb ärgerlicher
Verdacht, er möchte, hätte der Besuch ihm
gegolten, nicht so vergnügt darüber gewesen sein.
Indessen kam ich am Montag abend nach der
Stadt, um mich auf Joes Besuch vorzubereiten, und
ließ die Wohnstube und das Frühstück ihr
glänzendstes Äußere annehmen.
Unglücklicherweise war der Morgen regnerisch,
und selbst ein Engel hätte sich die Tatsache nicht
verhehlen können, daß Barnard draußen vorm
Fenster rußige Tränen vergoß, gleich einem
schwachen Riesen von einem Schornsteinfeger.
Als die Zeit näher rückte, wäre ich gern
davongelaufen, aber in der Vorhalle versah der
rächende Geist seinen Dienst, und gleich darauf
hörte ich Joe auf der Treppe. Ich wußte, daß es Joe
war, an dem schweren Tritte erkannte ich ihn --
denn seine Sonntagsstiefel waren ihm immer zu
groß --, und ich erkannte ihn daran, daß er eine
lange Zeit dazu brauchte, während seines Aufstieges
die Namen an den anderen Korridoren zu lesen. Als
er endlich draußen an unserer Tür stehenblieb,
konnte ich hören, wie er mit dem Finger die
gemalten Buchstaben meines Namens verfolgte,
und gleich darauf hörte ich deutlich seinen Atem
durch das Schlüsselloch. Endlich klopfte er leise
einmal an die Tür, und Pepper -- das war der
vielversprechende Name des rächenden Burschen -
- meldete an: »Herr Gargery!« Ich glaubte, mein
Besuch würde nie aufhören, sich die Füße
abzureiben, und ich müßte hinausgehen und ihn von
der Strohdecke herunterheben, aber endlich kam er
herein.
»Joe, wie geht's dir, Joe?«
»Pip, na, wie geht dir's, Pip?«
Sein biederes, ehrliches Gesicht leuchtete und
glühte, und er setzte den Hut zwischen uns auf die
Erde, faßte meine beiden Hände und bewegte sie auf
und nieder, wie wenn ich die neueste patentierte
Pumpe wäre.
»Es freut mich, dich zu sehen, Joe. Gib mir deinen
Hut.«
Aber Joe nahm ihn sorgfältig in beide Hände, wie
wenn ein Vogelnest mit Eiern drin gewesen wäre,
und wollte sich nicht von diesem Stück Eigentum
trennen. Er bestand darauf, das Ding in der Hand zu
behalten und in überaus unbehaglicher Art und
Weise darüber hinweg zu reden.
»Du bist so groß geworden«, sagte Joe, »und hast
so zugenommen und hast dich so vervornehmt«;
Joe überlegte eine Weile, ehe er das Wort fand;
»daß du nun ganz gewiß deinem König und
Vaterland Ehre machen wirst.«
»Und du, Joe, siehst wunderbar wohl aus.«
»Gott sei Dank«, sagte Joe, »mir geht's auch
meistens ganz gut. Und deiner Schwester, der geht's
nicht schlechter als früher. Und Biddy, die ist
immer auf'm Posten und frisch und munter. Und
allen Freunden geht's auch noch ganz leidlich, wenn
nicht gar besser. Bloß Wopsle nicht; der hat sich'n
Abfall geleistet.«
Diese ganze Zeit über ließ Joe (der noch immer
mit beiden Händen das Vogelnest festhielt) seine
Augen durch das Zimmer und über das geblümte
Muster meines Schlafrockes schweifen.
»Hat sich einen Abfall geleistet, Joe?«
»Nun ja«, sagte Joe, die Stimme dämpfend, »der
ist von der Kirche fortgegangen und hat sich aufs
Schauspielern geworfen. Und das Schauspielern hat
ihn mit mir zusammen nach London geführt. Und
sein Wunsch war«, sagte Joe, klemmte das
Vogelnest auf einen Augenblick unter seinen linken
Arm und suchte mit der rechten Hand darin nach
einem Ei herum, »wenn's kein Ärgernis gäbe, sollt'
ich dir das überreichen.«
Ich nahm, was Joe mir gab, und sah, daß es ein
zerknitterter Theaterzettel von einem kleinen
Theater der Hauptstadt war. Er verkündigte das in
dieser Woche noch stattfindende erste Auftreten
»des berühmten Provinzial-Dilettanten von
Rosciusschem Rufe, dessen einzige Darstellungen
aus der höchsten tragischen Sphäre unseres größten
Barden kürzlich so große Sensation in den
dramatischen Kreisen der Provinz hervorgerufen
hätten.«
»Warst du bei der Vorstellung, Joe?« fragte ich.
»Jawohl«, sagte Joe mit Nachdruck und
feierlicher Betonung.
»War ein großes Aufsehen?«
»Je nun«, sagte Joe, »ja, es gab ganz entschieden
eine ganze Metze fauler Äpfel. Besonders da, wo er
den Geist sah. Aber da frage ich einen, ob man wohl
mit frohem Mut bei der Arbeit aushalten kann,
wenn einem sein Gespräch mit einem Geiste in
einem weg unterbrochen wird und fortwährend
jemand ›Amen!‹ schreit. Man kann ja doch Pech
gehabt haben und an 'ner Kirche angestellt gewesen
sein«, sagte Joe und senkte seine Stimme zu einem
eindringlichen und gefühlvollen Tone, »aber das ist
kein Grund, einen zu solcher Zeit aus'm Konzept zu
bringen. Und das muß man doch sagen, wenn nicht
einmal der Geist von jemandem sei'm eignen Vater
das Recht hat, zu verlangen, daß man aufmerksam
zuhört, na, wer soll denn dann das Recht überhaupt
haben, mein Herr? Und außerdem noch, wenn
einem seine Trauermütze unglücklicherweise so
klein gemacht ist, daß sie infolge der schweren
schwarzen Federn runterfallen muß, ja, dann kann
er sich doch noch so sehr anstrengen, sie wird ihm
eben nicht auf'm Kopfe festsitzen.«
Ein Ausdruck, als sähe er selbst einen Geist, trat
jetzt auf Joes Gesicht und kündete mir an, daß
Herbert hereingetreten war. Ich stellte Joe und
Herbert einander vor, und Herbert hielt die Hand
hin; aber Joe wich davor zurück und ließ keinen
Finger von seinem Vogelnest los.
»Ihr Diener, Herr«, sagte Joe, »ich hoffe, Sie und
Pip« -- hier fiel sein Auge auf den rächenden Geist,
der gerade Brot auf den Tisch trug, und er
bekundete eine so deutliche Absicht, diesen jungen
Mann mit zur Familie zu zählen, daß ich ihn mit
einem Stirnrunzeln davon abbringen mußte und ihn
dadurch nur noch mehr verwirrte -- »was ich sagen
will, meine Herren -- ich hoffe, daß Sie an diesem
dumpfen Orte hier gesund und munter blei'm. Denn
dieses 'ootell hier is vielleicht ein sehr gutes 'ootell
nach Londoner Begriffen«, sagte Joe in
zuversichtlichem Tone, »und ich glaube, 's ist eins
erster Klasse; aber was mich anbetrifft, ich würde
kein Schwein nich drin halten -- positus, ich
wünschte, daß es recht drall und feiste werde und
ein' rechten weichen und schmackhaften Braten
abgeben sollte.«
Nachdem er den Vorzügen unserer Wohnung
dieses schmeichelnde Zeugnis ausgestellt und
flüchtig die Neigung gezeigt hatte, mich »Herr« zu
nennen, luden wir Joe ein, sich mit zu Tisch zu
setzen. Er sah sich im ganzen Zimmer um nach
einem passenden Platz für seinen Hut -- als ob
derselbe nur auf einigen in der Natur sehr selten
vertretenen Gegenständen einen Ruhepunkt finden
könne -- und stellte ihn schließlich auf die äußerste
Ecke des Kaminsimses, von wo er nachher aller
Augenblicke herunterfiel.
»Trinken Sie Tee oder Kaffee, Herr Gargery?«
fragte Herbert, der des Morgens immer den Vorsitz
an der Tafel führte.
»Bitt' schön, Herr«, sagte Joe, steif von Kopf bis
zu Füßen, »ich wer' trinken, was Ihnen am besten
paßt.«
»Was sagen Sie zu Kaffee?«
»Bitt' schön, Herr«, entgegnete Joe,
augenscheinlich durch den Vorschlag entmutigt,
»da Sie so freundlich sind und Kaffee bestimmen, so
will ich Ihrer Meinung nicht widersprechen. Aber
finden Sie nicht, daß Kaffee manchmal 'n bißchen
Hitze macht?«
»Sagen wir also Tee«, sagte Herbert und schenkte
ihm Tee ein.
Jetzt fiel Joes Hut vom Kaminsims, und er sprang
vom Stuhl und hob ihn auf und setzte ihn genau auf
denselben Fleck. Gleich, als ob es unbedingt zum
guten Tone gehörte, daß er recht bald wieder
herunterfallen sollte!
»Wann sind Sie nach der Stadt gekommen, Herr
Gargery?«
»War's gestern nachmittag?« sagte Joe, nachdem
er hinter der Hand gehustet hatte, als ob er seit
seiner Ankunft schon Zeit gefunden hätte, sich den
Keuchhusten zu holen. »Nee, das war's nich'. Ja,
war's doch. Doch, gestern nachmittag war's.«
Er sagte es mit einem Ausdruck, in dem sich
Weisheit, Erleichterung und strenge
Unparteilichkeit paarten.
»Haben Sie schon etwas von London gesehen?«
»Nu ja, mei' Herr«, sagte Joe, »ich und Wopsle,
mir sind gleich hingegangen und haben uns die
Wichsfawrik angesehen. Aber wir haben nich
gefunden, daß sie ganz richtig so ausseh'n dhut, wie
sie auf den roten Blakaten an den Ladentüren
abgemalt is; ich will nämlich sagen«, setzte Joe in
erklärendem Tone hinzu, »da haben sie's zu
architekturonerisch gemacht.«
Ich glaube wirklich, Joe hätte das Wort, das für
eine gewisse Art Architektur, die mir bekannt ist,
nebenbei außerordentlich bezeichnend ist, zu einem
wahren Kehrreim langgezogen, wäre er nicht
glücklicherweise durch seinen Hut abgelenkt
worden, der wieder ins Wanken geriet. Der Hut
erforderte seine beständige Wachsamkeit und eine
Raschheit des Auges und der Hand, wie sie ein
Torhüter beim Kricketspiel haben muß. Er führte
ein ganz eigenartiges Spiel vor und offenbarte die
größte Geschicklichkeit; bald stürzte er auf ihn zu
und erhaschte ihn gerade, als er herunterfallen
wollte; bald fing er ihn kurz vor dem Boden auf,
klopfte ihn in die Höhe und ließ ihn durch
verschiedene Teile des Zimmers und gegen viele
Stellen der Tapeten an der Wand Luftsprünge
machen, bevor er es für geraten hielt, ihn
festzuhalten; zuletzt schleuderte er ihn in den
Spülnapf, wo ich mir die Freiheit nahm, Hand an ihn
zu legen.
Was seinen Hemdkragen und seinen Rockkragen
anbetrifft, so waren sie hirnverwirrend
anzuschauen -- waren beide unlösbare Geheimnisse.
Wozu muß sich ein Mensch so kratzen und schaben,
ehe er seine Toilette als voll anerkennt? Warum
muß er es für nötig halten, Buße zu tun, indem er in
seinem Sonntagsanzug Qualen aussteht? Und dann
verfiel er in so unberechenbare Anfälle von
Tiefsinn, wobei er die Gabel zwischen Teller und
Mund haltmachen ließ; heftete die Augen nach so
sonderbaren Himmelsrichtungen; wurde von so
merkwürdigem Husten befallen; saß so weit vom
Tisch ab und ließ soviel mehr fallen, als er aß (wobei
er immer so tat, als hätte er nichts fallen gelassen):
daß ich herzlich froh war, als Herbert uns verließ,
nach der Altstadt zu gehen.
Ich hatte weder die Vernunft noch das Herz,
einzusehen, daß an alldem ich schuld war und daß
Joe sich mir ungezwungener gegeben hätte, wäre ich
ihm ungezwungener entgegengetreten. Ich war
ungeduldig mit ihm und ärgerte mich über ihn; und
in diesem Zustand häufte er feurige Kohlen auf mein
Haupt.
»Da wir zwei beide nu allein sind, Herr« -- begann
Joe.
»Joe«, unterbrach ich ihn ärgerlich, »wie kannst
du mich ›Herr‹ nennen?«
Joe sah mich einen einzigen Augenblick mit dem
Ausdruck sanften Vorwurfs an. So lächerlich auch
seine Halsbinde und sein Rockkragen wirkten, so
war ich mir doch bewußt, daß eine Art Würde in
dem Blicke lag.
»Da wir zwei beide nun allein sind«, begann Joe
wieder, »und ich weder die Absicht noch aber auch
die Fähigkeit habe, noch lange hierzublei'm, so will
ich nu zu Ende kommen, oder vielmehr, gleich
anfangen. Ich will nämlich erzählen, wie's
gekommen is, daß ich die gegenwärtige Ehre
genieße. Denn wenn's nich mei' einz'ger Wunsch
gewesen wäre«, sagte Joe in dem alten Tone klarer
Auseinandersetzung, »dir nützlich zu sein, so hätte
ich nich' die Ehre gehabt, in der Gesellschaft und in
der Wohnung von fürnehmen Herren das Brot zu
brechen.«
Ich ärgerte mich so sehr darüber, dem
vorwurfsvollen Blick wiederzubegegnen, daß ich
überhaupt gar keinen Einwand gegen den von ihm
angeschlagenen Ton erhob.
»Nu, mei' Herr«, fuhr Joe fort, »das is nu eben,
wie's is. Ich war in den ›Bootsknechten‹ neulich
abends, Pip«; sobald er zärtlich wurde, nannte er
mich Pip, und wenn er wieder höflich wurde, nannte
er mich Herr; »da kommt in sei'm Wagen gefahren
der Pumblechook. Und dieser selbige Mensch«,
sagte Joe, einen ganz neuen Pfad einschlagend,
»bringt mich manchmal ganz entsetzlich aus der
Faßong, indem er überall in der Stadt verbreit't, er
wär' dei' Kam'rad in der Kindheit gewesen und du
hätt'st ihn immer als Spielgefährten angesehen.«
»Unsinn, das warst du, Joe.«
»Na, das hab' ich ja doch auch ganz fest geglaubt,
Pip«, sagte Joe, leicht den Kopf zurückwerfend,
»aber jetzt hat das wenig zu sagen, mei' Herr. Na
schön, Pip; dieser selbige Mensch, der von
Manieren so'n richtiger Großprotz is, der kommt
nach den ›Bootsknechten‹ (nämlich 'ne Pfeife
Tobak und e' Maß Bier sind sehr was Erfrischendes
für'n Arbeiter, mei' Herr, und man kann's ganz gut
vertragen), der kommt also, wie gesagt, dahin und
sagt folgendes: ›Joseph, Fräulein Havisham, die will
mit dir reden.‹«
»Fräulein Havisham, Joe?«
»›Die will‹, waren Pumblechooks Worte, ›mit dir
reden.‹« Joe rollte die Augen nach der Decke
empor.
»Ja, Joe? Fahre, bitte, fort.«
»Am nächsten Tage, mei' Herr«, sagte Joe und
sah mich an, wie wenn ich eine weite Strecke von
ihm entfernt wäre, »hab' ich mich fein
saubergemacht und hab' Fräulein A. besucht.«
»Fräulein A., Joe? Fräulein Havisham doch?«
»Na ja, das sag' ich ja, mei' Herr«, erwiderte Joe,
in einem Tone gesetzlicher Förmlichkeit, ganz so,
wie wenn er sein Testament machte, »Fräulein A.,
oder alois Fräulein Havisham. Ihre Worte waren nu
die folgenden: ›Herr Gargery! Sie stehen in
Briefverkehr mit Herrn Pip?‹ Da ich einen Brief von
dir hatte, so konnte ich sagen: ›Jawohl.‹ (Als ich
Ihre Schwester heiratete, mei' Herr, sagte ich: ›Sehr
gern‹, und als ich deiner Freundin antwortete, Pip,
sagte ich: ›Jawohl.‹) ›Würden Sie ihm vielleicht
mitteilen‹, sagte sie, ›daß Estella zu Haus
gekommen und ihn gern sehen möchte?‹«
Ich fühlte, wie mir eine rote Glut ins Gesicht
schoß, als ich Joe ansah. Ich hoffe, eine ferne
Ursache dieses Errötens war das Bewußtsein, daß,
hätte ich gewußt, was er auszurichten hatte, ich ihm
freundlicher entgegengekommen wäre.
»Biddy«, fuhr Joe fort, »wollte gar nich' recht
'ran, als ich nach Hause kam und ihr sagte, sie solle
dir die Nachricht schreiben, wollte gar nich' recht
'ran. Biddy sagte: ›Ich weiß, er wird sich sehr
freuen, wenn er's mündlich erfährt, 's is Feiertag, du
möchtest ihn gern sehen, also fahr' doch hin!‹ Nu
bin ich fertig, mei' Herr«, sagte Joe und erhob sich,
»und Pip, ich wünsche dir alles Gute und recht viel
Glück und mögest du immer höher und höher
steigen!«
»Aber du gehst doch nicht schon, Joe?«
»Ja, ich gehe.«
»Aber du kommst doch zum Mittagessen wieder,
Joe?«
»Nein, ich komme nich' wieder«, sagte Joe.
Unsere Blicke kreuzten sich; und alle
Höflichkeitsform wich aus diesem braven Herzen,
als er mir die Hand hinreichte.
»Pip, lieber alter Junge, das Leben ist, wie soll ich
sagen, aus lauter zusammengeschmolzenen
Trennungen gemacht, und der eine is ein
Grobschmied und der eine is ein Blechschmied und
der eine is ein Goldschmied und der eine is ein
Kupperschmied. Unterschiede zwischen ihnen
müssen auftreten und müssen hingenommen wer'n,
sobald sie auftreten. Wenn heute überhaupt ein
Fehlschlag getan worden is, dann liegt er auf meiner
Seite. Du und ich, wir sind zwei Gestalten, die in
London nich' neben'nander stehen können und auch
sonst woanders nich. Mir können höchstens
zusammen sein unter vier Augen und wenn mir an
alten, wohlbekannten Stätten und bei
wohlbekannten Freunden sind. Nicht etwa, als ob
ich stolz wäre, nee, ich will bloß das Richtige tun,
und so sollst du mich denn nie wiedersehen in
diesem Anzug hier. Ich gehöre in diesem Anzug
nich' 'nein. Ich gehöre nirgendwohin als bloß in die
Schmiede und die Küche und auf die Marschen. Du
wirst an mir nich' halb soviel auszusetzen haben,
wenn du dir vorstellst, ich wär' in meinem
Schmiede-Kittel, mit dem Hammer in der Hand und
der Pfeife im Munde. Du wirst nicht halb soviel an
mir auszusetzen haben, falls du, positus du
wünschest mich mal zu sehen, hinkommen tätst und
den Kopf zum Schmiedefenster reinstecken tätst
und Joe den Grobschmied dort sehen tätest, am
alten Amboß, mit dem alten versengten Schurzfell,
bei der alten Arbeit. Ich bin entsetzlich dumm, aber
hierin hab' ich endlich 'mal so ziemlich das Richtige
getroffen, glaube ich. Und somit, Gott segne dich,
lieber, alter Pip, alter Junge, Gott segne dich!«
Ich hatte mich nicht geirrt, als es mir so vorkam,
wie wenn sich in seinem Wesen eine schlichte
Würde ausdrückte. Der Schnitt seines Anzuges
konnte dieser Würde, wie er diese Worte sprach,
nicht mehr im Wege stehen, als er ihr im Himmel im
Wege hätte stehen können. Er berührte mich sanft
an der Stirn und ging hinaus. Sobald ich zur Genüge
wieder zu mir gekommen war, lief ich hinter ihm her
und sah mich in den benachbarten Straßen nach
ihm um, aber er war fort.
Achtundzwanzigstes Kapitel

Es war klar, daß ich mich am nächsten Tage nach


unserem Städtchen begeben mußte, und im ersten
Übermaß meiner Reue war es ebenso klar, daß ich
Joe besuchen mußte. Aber als ich mir mein Billett
für die Postkutsche des nächsten Tages geholt hatte
und zu Herrn Pocket hinunter- und wieder
zurückgegangen war, hatte ich über diesen letzten
Punkt bereits meine Bedenken und fing an, Gründe
zu erfinden und Vorwände aufzuspüren, weswegen
ich im ›Blauen Eber‹ logieren müsse. Ich würde Joe
Umstände bereiten, ich wäre nicht erwartet, und
mein Bett würde nicht gemacht sein, ich würde von
Fräulein Havisham zu weit entfernt sein; und sie
wäre sehr eigen und würde es mißbilligen. Alle
anderen Betrüger auf Erden sind nichts gegen die
Selbstbetrüger, und mit diesen Vorwänden
übergaunerte ich mich selbst. Sicher ein seltsames
Ding! Wenn ich eine schlechte Halbkrone, die
irgendwer zurechtgefälscht hat, nehme, so ist das
wohl zu begreifen; aber daß ich bewußtermaßen die
unechte Münze, die ich selber gefälscht habe, als
gutes Geld mit verrechne! Ein liebenswürdiger
Fremdling gibt vor, er wolle meine Banknoten der
Sicherheit wegen gut zusammenwickeln, und
entwendet mir die Noten und gibt mir Nußschalen;
aber was ist seine Schnurrpfeiferei gegen die meine,
wenn ich selber mir die Nußschalen
zusammenwickle und als Banknoten gelten lasse!
Nachdem ich mir also klargeworden war, daß ich
nach dem »Blauen Eber« gehen müßte, quälte mich
die Unentschlossenheit, ob ich den rächenden Geist
mitnehmen sollte oder nicht. Der Gedanke, wie sich
dieser kostspielige Diener mit seinen Stulpstiefeln
öffentlich im Torweg und im Posthof des »Blauen
Ebers« zeigen würde, war sehr verlockend; die
Phantasie, ihn zufällig im Laden des Schneiders
vorzuführen und den unverschämten Lehrjungen
Trabbs aus der Fassung zu bringen, war fast
feierlicher Natur. Anderseits aber konnte sich
Trabbs Junge in sein Vertrauen schleichen und ihm
allerhand erzählen! Oder er würde ihm vielleicht in
seiner Dreistigkeit und Tollkühnheit, von der ich
überzeugt war, auf der Hauptstraße nachschreien.
Meine Gönnerin konnte vielleicht auch von ihm
hören und die ganze Sache mißbilligen. Schließlich
entschloß ich mich, den rächenden Geist
zurückzulassen.
Ich hatte für die Nachmittagspost ein Billett
genommen, und da jetzt der Winter heran war, so
konnte ich an meinem Bestimmungsort nicht vor
zwei oder drei Stunden nach Einbruch der
Dunkelheit anlangen. Unsere Abfahrtszeit von
Cross Keys war um zwei Uhr. Ich kam eine Stunde
vor der Zeit an Ort und Stelle an, vom rächenden
Geist begleitet -- sofern ich diesen Ausdruck auf
jemanden anwenden darf, der mich stets mit seinen
Diensten verschonte, wenn es ihm nur irgend
möglich war.
Damals war es noch Brauch, die Sträflinge
vermittels Postkutsche nach den Werften zu
transportieren. Ich hatte schon oft gehört, man
habe sie als Passagiere auf Außenplätzen bemerkt,
und hatte selbst schon auf der Landstraße ihre
eisenbeschlagenen Beine über das Dach mancher
Postkutsche herausbaumeln sehen; und so konnte
ich denn gar nicht überrascht sein, als Herbert, der
mich im Hofe traf, auf mich zukam und mir sagte, es
führen zwei Sträflinge mit mir hinunter. Aber ich
hatte eine Ursache -- jetzt war's eine alte Ursache --,
immer ganz von selbst die Fassung zu verlieren,
sobald ich das Wort »Sträfling« hörte.
»Du machst dir doch nichts draus, Händel?«
fragte Herbert.
»O nein!«
»Mir kam's so vor, als wäre dir's nicht recht.«
»Ich könnte nicht behaupten, daß es mir recht
wäre, und dir besonders wäre es doch wohl auch
nicht recht. Aber ich mache mir nichts draus.«
»Sieh! Dort sind sie«, sagte Herbert. »Eben
kommen sie aus der Gaststube. Welch schändlicher,
ekelhafter Anblick!«
Sie hatten wohl ihrem Wächter etwas zum besten
gegeben, denn sie hatten einen Kerkermeister mit
sich, und alle drei wischten sich beim
Herauskommen den Mund mit der Hand ab. Die
zwei Sträflinge waren vermittels Handschellen
aneinandergebunden und hatten Eisen an den
Beinen -- Eisen von einer Form, die mir sehr
wohlbekannt war. Sie trugen das Kostüm, das ich
gleichfalls sehr wohl kannte. Ihr Wärter hatte ein
paar Pistolen und einen Knüttel mit dickem Knopf
unterm Arm; aber er stand in gutem Einvernehmen
mit ihnen und stellte sich neben sie und guckte zu,
wie die Pferde angeschirrt wurden, und sah ganz so
drein, wie wenn seine Begleiter interessante
Schaustücke wären, die zur Zeit nicht öffentlich
vorgeführt würden, und er der Kurator dieser
Raritäten wäre. Der eine war größer und stämmiger
als der andere und schien, wie es ja gemäß dem
geheimnisvollen Lauf der Welt sowohl der
Sträflinge als auch der freien Leute ganz
selbstverständlich war, den kleinsten Anzug
zuerteilt erhalten zu haben. Seine Arme und Beine
sahen aus wie große Nadelkissen von solchen
Formen, und sein Kleid verhüllte ihn in lächerlicher
Weise; aber ich erkannte sein halbgeschlossenes
Auge auf den ersten Blick. Da stand der Mann, den
ich eines Sonntagabends auf der Bank in den »Drei
lustigen Bootsknechten« gesehen und der mich mit
seinem unsichtbaren Gewehr niedergestreckt hatte.
Ich konnte mich leicht davon überzeugen, daß er
mich bis jetzt noch so wenig erkannt hatte, als wenn
er mich sein ganzes Leben lang nicht gesehen hätte.
Er sah nach mir hinüber, und sein Auge schätzte
meine Uhrkette ab, und dann spuckte er einmal aus
und sagte etwas zu dem anderen Sträfling, und sie
lachten und drehten sich mit einem Klappern ihrer
Handschellen um und guckten auf etwas anderes.
Die großen Nummern auf ihren Rücken, wie wenn
sie Haustüren wären; ihre grobe, räudige, linkische
Erscheinung, wie wenn sie Tiere niederer Gattung
wären; ihre mit Eisen beschlagenen Beine, die mit
Taschentüchern umwunden waren, wie um Anstoß
zu vermeiden; und die Art und Weise, wie alle
Anwesenden sie ansahen und sich fern von ihnen
hielten: das alles bewirkte, daß sie in der Tat (wie
Herbert gesagt hatte) ein höchst widerwärtiges und
schändliches Bild boten.
Aber das war nicht das Schlimmste dabei. Es
stellte sich heraus, daß die ganze Rückseite der
Kutsche von einer aus London ausziehenden
Familie gemietet worden war und daß für die beiden
Gefangenen weiter keine Plätze übrig waren als auf
dem Sitz vorn hinter dem Kutscher. Hierüber regte
sich ein cholerischer Herr, der den vierten Platz auf
diesem Sitz genommen hatte, unmenschlich auf und
sagte, es wäre ein Kontraktbruch, ihn mit so
schändlicher Gesellschaft zusammenzubringen, und
es wäre Gift und Verderben und Schande und
Schmach, ich weiß nicht was. Mittlerweile war die
Kutsche schon fertig, und der Kutscher geriet in
Ungeduld, und wir wollten alle aufsteigen, und die
Gefangenen waren mit ihrem Wärter
herübergekommen und brachten jenen seltsamen
Duft nach Brotumschlägen, Flanell, Kabelgarn und
Herdstein mit sich, den immer die Anwesenheit von
Sträflingen verbreitet. 
»Nehmen Sie's mir nicht so übel, Herr«, redete
der Wärter dem ärgerlichen Fahrgast zu; »ich werde
selber neben Ihnen sitzen. Ich werde die Kerle die
äußersten Plätze einehmen lassen. Es wird Ihnen
nichts geschehen, Herr. Sie brauchen überhaupt
nicht zu wissen, daß die Kerle da sind.«
»Und mir brauchen Sie auch keinen Vorwurf zu
machen«, brummte der Sträfling, den ich erkannt
hatte. »Ich mache mir gar nichts draus, zu fahren.
Ich würde ganz gern zurückbleiben. Was mich
anbetrifft, ich gebe meinen Platz gern einem jeden
ab.«
»Ich meinen auch«, sagte der andere mit rauher
Stimme. »Ich hätte keinen von Ihnen da
inkommodiert, wenn man mir meinen Willen
gelassen hätte.«
Dann lachten sie beide und fingen an, Nüsse zu
knacken und mit den Schalen umherzuwerfen. --
Und ein solches Treiben, glaube ich wirklich, hätte
auch mir Vergnügen gemacht, wäre ich an ihrer
Stelle und ebenso verachtet gewesen.
Endlich wurde erklärt, dem ärgerlichen Herrn sei
nicht zu helfen und er müsse entweder in dieser
zufälligen Gesellschaft reisen oder zurückbleiben.
So stieg er denn auf seinen Platz, noch immer sich
beklagend, und der Wärter setzte sich neben ihn,
und die Sträflinge zogen sich, so gut sie konnten, auf
die Kutsche, und der Sträfling, den ich erkannt
hatte, setzte sich hinter mir, und sein Atem streifte
mein Haar.
»Adieu, Händel!« rief Herbert mir zu, als wir
abfuhren. Welch ein Glück war's, dachte ich bei mir,
daß er sich für mich einen andern Namen
ausgesucht hatte und mich nicht Pip nannte.
Es ist unmöglich zu sagen, wie scharf ich den
Atem des Sträflings verspürte, nicht bloß auf der
Rückseite meines Kopfes, sondern die ganze
Wirbelsäule entlang. Es war eine Empfindung, wie
wenn man mir mit einer beißenden und
zersetzenden Säure das Mark berührt hätte, und die
Zähne preßten sich mir aufeinander. Er schien mehr
atmen zu müssen als andere Menschen, und mehr
Lärm dabei zu machen; und ich war mir bewußt, daß
ich die eine Schulter in die Höhe zog und ganz schief
wurde, in meinem schaudernden Bestreben, seinen
Atem von mir fernzuhalten.
Das Wetter war entsetzlich rauh, und die beiden
fluchten über die Kälte. Das Wetter machte uns alle
förmlich schlafsüchtig, ehe wir noch weit gefahren
waren, und als wir die Mittelstation hinter uns
hatten, schliefen wir ganz von selbst ein oder
zitterten und waren still. Ich selbst nickte über der
Frage ein, ob ich diesem Geschöpf, ehe ich es aus
den Augen verlöre, zwei Pfund Sterling
zurückgeben sollte, und wie das am besten zu
machen wäre. Ich wankte weit nach vorn, wie wenn
ich unter den Pferden ein Bad nehmen wollte; dann
wachte ich mit einem plötzlichen Schreck wieder
auf und überlegte die Frage weiter.
Doch mußte ich sie schon längst wieder von mir
gewiesen haben, denn obwohl ich nichts in der
Dunkelheit und dem ungewissen Licht- und
Schattenwechsel unserer Lampe erkennen konnte,
so witterte ich doch bereits Marschenland in dem
kalten, feuchten Winde, der gegen uns anblies. Die
Sträflinge, die sich nach vorn duckten und mich als
Schirm gegen den Wind zu benutzen suchten, damit
ihnen wärmer würde, waren mir jetzt näher als
zuvor. Die ersten Worte, die ich sie wechseln hörte,
als ich wieder zu mir kam, waren die Worte, an die
ich selber dachte:
»Zwei Ein-Pfund-Noten.«
»Wie hat er sie denn gekriegt?« fragte der
Sträfling, den ich noch nie gesehen hatte.
»Wie soll ich das wissen?« entgegnete der andere.
»Hat sie irgendwo beiseite getan. Freunde haben's
ihm gegeben, glaub' ich.«
»Ich wünschte«, sagte der andere, bitter über die
Kälte fluchend, »ich hätt' sie hier!«
»Zwei Ein-Pfund-Noten oder Freunde?«
»Zwei Ein-Pfund-Noten. Schon für eine würde ich
alle Freunde verkaufen, die ich jemals gehabt habe,
und noch denken, ich hätt' ein verdammt gutes
Geschäft gemacht. Na? Also er hat gesagt --?«
»Er hat also gesagt«, fuhr der Sträfling fort, den
ich wieder erkannt hatte -- »in einer halben Minute
war alles gesagt und getan, hinter 'nem Holzstoß auf
der Werft --, er sagt also: ›Du sollst entlassen
werden?‹ Ja, das sollte ich. Ob ich den Jungen
aufsuchen wollte, der ihm Essen gebracht und sein
Geheimnis bewahrt habe, und ob ich ihm die zwei
Ein-Pfund-Noten geben wollte? Ja, das wollt' ich.
Und das tat ich auch.«
»Ein um so größerer Esel bist du«, brummte der
andere. »Ich hätt' sie ausgegeben, bis auf den
Heller, für Essen und Trinken. Er muß doch
mächtig grün gewesen sein. Hat wohl am Ende dich
gar nicht gekannt?«
»Nicht die Spur. Verschiedene Rotte und
verschiedene Schiffe. Er kam nochmals vor Gericht
wegen Ausreißens und ist dann auf Lebenszeit
verschifft worden.«
»Und war das -- Donnerwetter! -- das einzige Mal,
daß du in der Gegend gearbeitet hast?«
»Das einzige Mal.«
»Was ist denn deine Meinung über die Gegend?«
»Eine ganz viehische Gegend. Schlamm, Nebel,
Morast und Plackerei; Plackerei, Morast, Nebel und
Schlamm.«
Sie verfluchten beide die Gegend in sehr starken
Ausdrücken und brummten langsam aus und hatten
nichts weiter zu sagen.
Nachdem ich dieses Gespräch angehört hatte,
wäre ich sicherlich abgestiegen und in der
Einsamkeit und Finsternis der Chaussee
zurückgeblieben, wäre ich nicht überzeugt gewesen,
daß der Mann keine Ahnung hatte, wer ich war. Ja,
ich war nicht nur von Natur so verändert, sondern
auch so ganz anders gekleidet und so ganz anders
situiert, daß es durchaus unwahrscheinlich war, er
hätte mich erkennen sollen, ohne daß ihm der Zufall
zu Hilfe gekommen wäre. Dennoch war das
Zusammentreffen, daß wir miteinander in einer
Kutsche fuhren, so seltsam, daß mich die Furcht
beherrscht hielt, es möchte noch ein anderes
Zusammentreffen Anlaß geben, daß mein Name an
sein Ohr schlüge. Aus diesem Grunde beschloß ich,
sobald wir die Stadt erreichten, abzusteigen und
mich außer Hörweite zu bringen. Diesen Plan führte
ich mit Erfolg aus. Mein kleiner Mantelsack lag
unter meinen Füßen im Kutschkasten; ich hatte nur
eine kleine Tür zu öffnen, dann hatte ich ihn heraus,
ich warf ihn vor mir herunter, stieg hinter ihm ab
und blieb an der ersten Laterne auf den ersten
Steinen des städtischen Pflasters zurück. Was die
Sträflinge anbetrifft, so fuhren sie mit der Kutsche
weiter, und ich wußte, an welche Punkte sie nach
dem Flusse hin fortgeschafft wurden. In meiner
Phantasie sah ich das Boot mit seiner
Sträflingsmannschaft an der schlammbespülten
Treppe auf sie warten -- hörte abermals das rohe:
»Los, Kerls«, wie wenn Hunden ein Befehl gegeben
würde -- sah abermals die verruchte Arche Noah
draußen im schwarzen Wasser liegen.
Ich hätte nicht sagen können, wovor ich mich
fürchtete, denn meine Furcht war durchaus
wesenlos und unbestimmt; aber eine Furcht, eine
große Furcht lastete auf mir. Als ich nach dem
Gasthaus hinging, fühlte ich, daß ein Grausen, das
die bloße Bangigkeit nach einem peinlichen und
unangenehmen Wiedersehen weit überschritt, mich
zittern machte. Ich glaube zuversichtlich, es nahm
keine bestimmte Gestalt an und war nur das kurze
Wiederaufleben des Entsetzens der Kindheit.
Die Gaststube des »Blauen Ebers« war leer, und
ich hatte nicht nur mein Mittagessen dort bestellt,
sondern hatte mich sogar schon dazu hingesetzt, als
der Kellner mich erst erkannte. Sobald er sich
deswegen entschuldigt hatte, daß ihn sein
Gedächtnis im Stich gelassen hätte, fragte er, ob er
den Hausknecht nach Herrn Pumblechook schicken
sollte.
»Nein«, sagte ich, »auf keinen Fall.«
Der Kellner (es war derselbe, der an dem Tage,
wo mein Kontrakt geschlossen worden war, die
Beschwerde von den Handlungsreisenden
heraufgebracht hatte) schien erstaunt und ergriff
die erste beste Gelegenheit, eine schmutziges altes
Exemplar unseres Ortsblattes mir so direkt vor die
Nase zu legen, daß ich es zur Hand nahm und
folgenden Paragraphen las:
»Unsere Leser werden zu ihrer nicht geringen
Überraschung in bezug auf den letzt stattgehabten
romantischen Glücksfall eines jungen Künstlers in
Eisen aus dieser Gegend (was für ein Thema
nebenbei für die zauberische Feder unseres bis jetzt
noch nicht allgemein anerkannten Mitbürgers
Tooby, des Dichters unseres Blattes!) des Näheren
dahin unterrichtet, daß der früheste Gönner,
Kamerad und Freund des Jünglings ein
hochangesehener, dem Korn- und Samenhandel
nicht ganz fernstehender Mann war, dessen
außerordentlich gutgehendes und schön
ausgestattetes Geschäftslokal nicht hundert Meilen
von der Hauptstraße entfernt gelegen ist. Es
geschieht nicht ganz ohne Rücksicht auf unsere
persönlichen Gefühle, daß wir Ihn als den Mentor
unseres jungen Telemachus hinstellen, denn es ist
schön zu wissen, daß unsre Stadt den Mann
hervorgebracht hat, der das Glück des letzeren
begründet hat. Fragt die gedankenvoll gerunzelte
Stirn der Ortsweisen oder das leuchtende Auge der
Ortsschönen wessen Glück? -- Wir glauben, Quentin
Messys[9 ] war der Grobschmied von Antwerpen. --
X --. -- y.«
Ich hege die auf lange Erfahrung gegründete
Überzeugung, daß, wäre ich in den Tagen meines
raschen Glückes nach dem Nordpol gegangen, ich
dort irgendwo einen wandernden Eskimo oder
einen zivilisierten Menschen getroffen hätte, der
mir gesagt haben würde, Pumblechook wäre mein
frühester Gönner und der Begründer meines
Glückes.

[9]
Quentin Massy s, bedeutender niederländischer
Maler und Kunstschm ied, geboren v or 1 4 6 0 zu
Löwen, gestorben 1 53 0 zu Antwerpen.
Neunundzwanzigstes Kapitel

Zeitig am Morgen war ich wach und auf den Beinen.


Es war noch zu früh, um zu Fräulein Havisham zu
gehen, und so schlenderte ich denn in der Gegend
umher -- in der von Joes Wohnhaus
entgegengesetzten Richtung; dorthin konnte ich ja
morgen gehen -- und dachte an meine Gönnerin und
malte mir herrliche Bilder aus, was sie alles mit mir
vorhabe.
Sie hatte Estella an Kindes Statt angenommen, sie
hatte mich so gut wie an Kindes Statt angenommen,
und es mußte unbedingt ihre Absicht sein, uns
zusammenzubringen. Sie behielt es für mich vor,
das verlassene Haus wiederherzurichten, das
Sonnenlicht in die dunklen Stuben hineinzulassen,
die Glocken wieder in Gang zu bringen und die
kalten Kamine zu entflammen, die Spinngewebe
abzureißen und die Würmerbrut zu zerstören --
kurz, alle die glänzenden Taten eines jungen Ritters
der Romantik zu vollbringen und die Prinzessin zu
heiraten. Beim Vorübergehen war ich
stehengeblieben, um mir das Haus anzusehen; und
seine verblichenen roten Ziegelmauern, seine
versperrten Fenster, sein starker, grüner Efeu, der
selbst die Aufsätze der Kamine mit seinen Zweigen
und Ranken wie mit sehnigen alten Armen
umspannte, hatten ein reiches, anziehendes
Geheimnis ins Leben gerufen, dessen Held ich war.
Estella war der Geist davon, das Leben davon,
selbstverständlich. Aber obwohl sie mein Gemüt so
sehr in Beschlag genommen hatte, obwohl mein
Sinnen und mein Hoffen auf sie gerichtet war,
obwohl ihr Einfluß auf mein Knabenleben und mein
Knabengemüt allmächtig gewesen war, so verlieh
ich ihr selbst an diesem romantischen Morgen doch
keine anderen Merkmale als die, die sie besaß. Ich
erwähne dies in ganz bestimmter Absicht an dieser
Stelle, weil es der Schlüssel ist, der den Leser
instand setzt, mir in mein klägliches Labyrinth zu
folgen. Soviel ich erfahren habe, kann der
konventionelle Begriff von einem Liebhaber nicht
immer wahr sein. Die unvermischte Wahrheit ist,
daß, als ich Estella mit der Liebe eines Mannes
liebte, ich sie liebte, weil ich sie unwiderstehlich
fand. Ein für allemal: zu meinem Kummer, oftmals,
wenn nicht allezeit, war ich mir bewußt, daß ich sie
liebte gegen die Vernunft, gegen das Versprechen,
gegen den Frieden, gegen die Hoffnung, gegen das
Glück, gegen alle Entmutigung, die einem werden
konnte. Ein für allemal: ich liebte sie um so mehr,
als ich das wußte; und dieses Bewußtsein konnte
mich nicht mehr zurückhalten, wie wenn ich steif
und fest geglaubt hätte, sie wäre die menschliche
Vollkommenheit selbst.
Ich dehnte meinen Spaziergang so lange aus, daß
ich zu meiner alten Zeit am Tore anlangte. Als ich
mit unsicherer Hand die Glocke gezogen hatte,
drehte ich dem Tor den Rücken zu, während ich
versuchte, zu Atem zu kommen und das Klopfen
meines Herzens zu beruhigen. Ich hörte die
Seitentür sich öffnen und Schritte über den Hof
kommen; aber ich tat so, als hörte ich es nicht, auch
als schon das Tor in seinen rostigen Angeln sich
drehte.
Endlich wurde ich an der Schulter berührt, und
da fuhr ich auf und drehte mich um. Gleich darauf
fuhr ich viel natürlicher auf, denn ich sah mich
einem Mann in einfacher grauer Kleidung
gegenüber. Dem Mann, den ich zuallerletzt als
Pförtner bei Fräulein Havisham zu sehen erwartet
hätte.
»Orlick!«
»Ja, junger Herr, es kommen noch mehr
Veränderungen vor als bloß Ihre. Aber kommen Sie
herein, kommen Sie herein. Es ist gegen meine
Order, das Tor offenzuhalten.«
Ich trat ein, er warf es zu, verschloß es und zog
den Schlüssel heraus.
»Ja!« sagte er und drehte sich herum, nachdem er
mürrisch ein paar Schritte nach dem Hause zu
vorausgegangen war. »Da bin ich!«
»Wie sind Sie hierhergekommen?«
»Ich bin hergekommen«, versetzte er, »auf
meinen zwei Beinen. Meinen Koffer hab' ich auf
einem Schubkarren mitgebracht.«
»Sind Sie hier fest in Dienst?«
»Ich denke, ich bin nicht locker im Dienst, junger
Meister, he?«
Davon war ich nicht so fest überzeugt. Ich hatte
Muße, mir die Antwort zu überlegen, während er
langsam den schwerfälligen Blick von dem Pflaster
an meinen Beinen herauf bis in mein Gesicht erhob.
»So haben Sie also die Schmiede verlassen?«
fragte ich.
»Sieht das nach Schmiede aus?« erwiderte Orlick
und warf den Blick um sich herum, wie wenn ich ihn
beleidigt hätte. »He, sieht das nach Schmiede aus?«
Ich fragte ihn, wie lange es her sei, daß er
Gargerys Schmiede verlassen habe.
»Hier ist ein Tag so sehr wie der andere«,
erwiderte er, »daß ich's nicht weiß, ich müßte denn
die Tage zusammenrechnen. Indessen, ich bin eines
Tages hierhergekommen, nachdem Sie weg waren.«
»Das hätte ich Ihnen selber sagen können,
Orlick.«
»Ja«, sagte er trocken. »Sie sind aber auch ein
Gelehrter geworden.«
Mittlerweile waren wir am Hause angelangt. Dort
sah ich seine Stube, die direkt hinter der Seitentür
lag und ein auf den Hof führendes Fenster hatte. In
seinen Verhältnissen war es jenem Ort von
Räumlichkeit nicht unähnlich, wie sie gewöhnlich
einem Pförtner in Paris zuerteilt wird. Verschiedene
Schlüssel hingen an der Wand, zu denen er jetzt
noch den Torschlüssel hinzufügte, und sein mit
einer geflickten Decke zugedecktes Bett stand in
einer kleinen inneren Abteilung oder Nische. Das
Ganze hatte ein schlumpiges, enges und schläfriges
Aussehen, wie ein Käfig für ein menschliches
Murmeltier, während er im Schatten einer Ecke am
Fenster dunkel und schwerfällig lehnte und ganz
aussah wie das Murmeltier, für das dieser Käfig
gemacht war -- und ein Murmeltier von einem
Menschen war er ja auch.
»Ich habe diese Stube noch nie gesehen«,
bemerkte ich; »aber es war sonst kein Pförtner
hier.«
»Nein«, sagte er, »erst als es sich herumsprach,
das Haus wäre ohne Schutz, und es gefährlich
wurde, wo hier Sträflinge und allerhand
Lumpengesindel umherlungern. Und dann wurde
ich für die Stelle empfohlen, weil ich ein Kerl wäre,
der jedem heimleuchten könnte, und ich hab' sie
bekommen; 's ist leichter, als den Blasebalg zu
ziehen und den Hammer zu schwingen. Das Ding ist
geladen da.«
Meine Augen hatten auf einem Gewehr mit einem
in Messing gefaßten Schaft geruht, das an der Wand
hing; und sein Auge war dem meinen gefolgt.
»Nun«, sagte ich, da ich mich nicht weiter mit
ihm unterhalten wollte, »soll ich hinaufgehen zu
Fräulein Havisham?«
»Ich will zu Asche brennen, wenn ich's weiß!«
versetzte er, indem er sich zuerst reckte und sich
dann schüttelte; »meine Order endet hier, junger
Herr. Ich schlage gegen diese Glocke hier mit
diesem Hammer hier, und dann gehen Sie den Gang
hinunter, bis Sie jemanden treffen.«
»Ich werde doch wohl erwartet?«
»Will zweimal zu Asche brennen, wenn ich's sagen
kann!« antwortete er.
Darauf schritt ich den langen Gang hinunter, den
ich zuerst in meinen dicken Stiefeln betreten hatte,
und Orlick schellte seine Glocke. Am Ende des
Ganges, während der Glockenton noch immer
vibrierte, fand ich Sarah Pocket, die jetzt
meinetwegen chronisch grün und gelb geworden zu
sein schien.
»Oh!« sagte sie, »Sie sind's, Herr Pip.«
»Ich bin's, Fräulein Pocket. Zu meiner Freude
kann ich Ihnen sagen, daß Herr Pocket und Familie
sich wohl befinden.«
»Sind die Leute klüger geworden?« fragte Sarah,
traurig den Kopf schüttelnd; »es wäre besser, Sie
wären klüger, als sie sind gesund. Ach, Matthew,
Matthew! Sie wissen doch, wie Sie zu gehen haben,
Herr?«
So ziemlich, denn ich war die Treppe manchesmal
im Dunklen hinaufgegangen. Jetzt stieg ich sie
empor in leichteren Stiefeln als ehedem und klopfte
an die Tür von Fräulein Havishams Zimmer.
»Pips Pochen«, hörte ich sogleich sagen; »komm
herein.«
Sie saß in ihrem Stuhl am alten Tisch, im alten
Kleid, die Hände über dem Stock gefaltet, das Kinn
auf sie gestützt und die Augen auf das Feuer
geheftet. In ihrer Nähe, den nie getragenen Schuh in
der Hand haltend und gebeugten Hauptes
betrachtend, saß eine elegante Dame, die ich noch
nie gesehen hatte.
»Komm herein, Pip«, murmelte Fräulein
Havisham weiter, ohne sich umzusehen oder
aufzublicken; »komm herein, Pip; wie geht es, Pip?
Du küssest meine Hand, wie wenn ich eine Königin
wäre, he? -- Nun?«
Sie sah plötzlich zu mir auf, indem sie nur die
Augen bewegte, und wiederholte in einer grimmig
neckischen Weise:
»Nun?«
»Ich erfuhr, Fräulein Havisham«, sagte ich, ein
wenig verlegen, »Sie hätten die Liebenswürdigkeit
gehabt, nach meinem Besuch Verlangen zu äußern,
und so kam ich denn auf der Stelle her.«
»Nun?«
Die Dame, die ich noch nie gesehen hatte, sah
jetzt verschmitzt zu mir auf, und da sah ich, daß die
Augen Estellas Augen waren. Aber sie war so sehr
verändert, war so viel schöner, so viel weiblicher in
allen Dingen, die Bewunderung erheischen, hatte so
wunderbare Fortschritte gemacht, daß ich keine
gemacht zu haben schien. Als ich sie anblickte, war
mir, wie wenn ich hoffnungslos zurückglitte und
wieder der grobe, gewöhnliche Junge würde. O das
Bewußtsein, so weit entfernt zu sein, so ungleich zu
sein, das mich da beschlich, und die Unnahbarkeit,
von der ihre Gestalt umhüllt war!
Sie gab mir ihre Hand. Ich stotterte, es freue mich
unendlich, sie wiederzusehen, und ich hätte mich
lange, lange danach gesehnt.
»Findest du sie sehr verändert, Pip?« fragte
Fräulein Havisham mit ihrem gierigen Blick und
schlug mit ihrem Stock auf einen Stuhl, der
zwischen ihnen stand, um mir anzudeuten, ich solle
mich setzen.
»Als ich hereinkam, Fräulein Havisham, glaubte
ich, am Gesicht und in der Gestalt nichts von Estella
zu sehen; jetzt aber nimmt alles in so seltsamer
Weise wieder das Gepräge der alten --«
»Was? Du willst doch nicht sagen, der alten
Estella?« unterbrach mich Fräulein Havisham. »Sie
war stolz und beleidigend, und du wolltest von ihr
fortgehen. Besinnst du dich nicht?«
Ich sagte verlegen, das wäre lange her, und ich
hätte das damals nicht verstanden, und dergleichen.
Estella lächelte, vollständig gefaßt und sagte, sie
zweifle nicht daran, daß ich im Recht und sie sehr
unangenehm gewesen wäre.
»Hat er sich verändert?« fragte Fräulein
Havisham.
»Sehr«, sagte Estella, mich ansehend.
»Weniger grob und gewöhnlich?« fragte Fräulein
Havisham und spielte mit Estellas Haar.
Estella lachte und sah den Schuh in ihrer Hand
an, lachte wieder und setzte den Schuh nieder. Sie
behandelte mich noch immer wie einen Knaben,
aber sie lockte mich an sich.
Wir saßen in dem träumerischen Zimmer unter
den alten seltsamen Einflüssen, die so sehr auf mich
eingewirkt hatten, und ich erfuhr, daß sie eben aus
Frankreich heimgekommen war und daß sie nach
London gehen sollte. Stolz und eigensinnig, wie
einst, hatte sie diese Eigenschaft ihrer Schönheit so
sehr untertan gemacht, daß es unmöglich und
unnatürlich war -- wenigstens dünkte es mich so --,
sie von ihrer Schönheit zu trennen. Sicherlich war
es unmöglich, ihre Gegenwart zu scheiden von all
dem erbärmlichen Hange nach Geld und Sehnen
nach Vornehmheit, das meine Kindheit beunruhigt
hatte -- von all jenem schlecht geregelten Trachten,
das mich zuerst mit Scham über mein Heim und Joe
erfüllt hatte -- von all jenen Wahngebilden, die ihr
Gesicht im glühenden Feuer erzeugt, es aus dem
Eisen auf dem Amboß herausgeschlagen und aus
dem Dunkel der Nacht hervorgehoben hatten, wo es
dann zum hölzernen Fenster der Schmiede
hereinsah und wieder forthuschte. Mit einem Wort,
es war für mich unmöglich, sie in der Vergangenheit
oder in der Gegenwart zu trennen vom
allerinnersten Leben meines Lebens.
Es wurde ausgemacht, daß ich den ganzen übrigen
Tag dableiben und am Abend nach dem Gasthaus
und morgen nach London zurückkehren sollte. Als
wir uns eine Weile unterhalten hatten, schickte
Fräulein Havisham uns beide hinaus zu einem
Spaziergang in dem vernachlässigten Garten; wenn
wir nach einem Weilchen wiederkämen, sagte sie,
sollte ich sie wieder wie einstmals ein bißchen
umherfahren.
So gingen Estella und ich denn hinaus in den
Garten. Wir durchschritten die Pforte, durch die ich
zu dem Strauß mit dem blassen jungen Herrn, jetzt
bekannt als Herbert, gegangen war. Ich zitterte im
Geist und vergötterte selbst den Saum ihres Kleides;
sie war ruhig und gefaßt und vergötterte den Saum
meines Kleides ganz entschieden nicht.
Als wir dem Platze, wo der Zweikampf
stattgefunden hatte, näher kamen, blieb sie stehen
und sagte:
»Ich muß ein sonderbares kleines Ding gewesen
sein, daß ich mich damals versteckt und diesem
Kampfe zugeschaut habe. Aber ich hab's getan und
mich köstlich dabei amüsiert.«
»Sie haben mich hoch belohnt.«
»So?« fragte sie, wie beiläufig und als habe sie
vergessen. »Ich besinne mich, daß ich gegen Ihren
Gegner eine große Abneigung hatte, weil ich es
übelgenommen hatte, daß er hierhergebracht
wurde, um mich mit seiner Gesellschaft zu
langweilen.«
»Er und ich sind jetzt große Freunde«, sagte ich.
»So? Aber ja, ich besinne mich. Sie haben ja
Unterricht bei seinem Vater, nicht?«
»Ja.«
Ich machte das Zugeständnis mit einigem
Widerstreben, denn es schien etwas Knabenhaftes
an sich zu haben, und sie behandelte mich schon so
genug wie einen Knaben.
»Seitdem sich Ihre Vermögensverhältnisse und
Ihre Aussichten so sehr verändert haben, haben Sie
auch Ihren Verkehr geändert?«
»Natürlicherweise«, sagte ich.
»Und notgedrungen«, setzte sie in hochmütigem
Tone hinzu, »was einstmals passende Gesellschaft
für Sie war, würde jetzt ganz unpassende
Gesellschaft für Sie sein.«
Die Wahrheit zu sagen, zweifle ich, ob noch ein
letzter Schimmer von der Absicht, Joe zu besuchen,
vorhanden war. Aber wenn es der Fall war, diese
Bemerkung verjagte ihn.
»Sie hatten keine Ahnung von dem Glück, das
Ihnen bestimmt war, damals?« fragte Estella mit
einer leichten Schwenkung der Hand, die
auszudrücken schien: »In den Zeiten, wo Sie sich
noch prügelten.«
»Nicht die mindeste Ahnung.«
Das Gepräge der Vollkommenheit und
Überlegenheit, mit dem sie neben mir herging, und
das Gepräge der Jugend und Unterwürfigkeit, mit
der ich neben ihr herging, bildete einen Kontrast,
dessen ich mir stark bewußt war. Ich hätte ihn noch
schmerzhafter empfunden, hätte ich nicht gemeint,
ich brächte ihn hervor, eben weil ich für sie
aufgehoben und bestimmt sei.
Der Garten war zu verwachsen und wüst, und es
ging sich nicht angenehm drin spazieren; und
nachdem wir zwei-, dreimal den Rundgang um ihn
herum vollendet hatten, traten wir wieder hinaus in
den Brauereihof. Ich zeigte ihr genau, wo ich sie auf
den Tonnen hatte wandeln sehen an jenem ersten
alten Tage, und sie sagte, indem sie gleichgültig und
nachlässig nach dem Fleck hinsah: »So?«
Ich erinnerte sie daran, wo sie mir Essen und
Trinken gegeben hatte, und sie sagte: »Ich kann
mich nicht darauf besinnen.« »Können sich nicht
darauf besinnen, daß Sie mich zum Weinen
gebracht haben?« fragte ich. »Nein«, sagte sie und
schüttelte den Kopf und sah umher. Ich glaube
wahrhaftig, ihr schwaches Gedächtnis und ihre
Gleichgültigkeit brachten mich wieder zum Weinen.
Ich weinte innerlich -- und das ist das allerbitterste
Weinen.
»Sie müssen wissen«, sagte Estella, indem sie sich
zu mir herabließ, ganz wie ein glänzendes schönes
Weib, »ich habe kein Herz -- sofern das mit meinem
Gedächtnis etwas zu tun hatte.«
Ich brachte eine landläufige Redensart vor, des
Inhalts, ich nähme mir die Freiheit, das zu
bezweifeln. Ich wüßte das besser. Solche Schönheit
könne nicht ohne Herz sein.
»O ja! Ich habe ein Herz, wo man hineinstechen
oder schießen kann, gewiß«, sagte Estella, »und
natürlich hört's auf zu schlagen, höre ich auf zu
leben. Aber Sie wissen ja, was ich meine. Ich habe
keine Sanftheit hier, keine -- Teilnahme -- kein
Gefühl -- keinen albernen Humbug.«
Was war es nur, das sich meinem Gemüt
einprägte, als sie still stand und mich aufmerksam
anblickte? Etwas, das ich an Fräulein Havisham
gesehen hatte? Nein. In einigen ihrer Mienen und
Gebärden lag ein Anflug von Ähnlichkeit mit
Fräulein Havisham; eine solche Ähnlichkeit mit
erwachsenen Personen bemerkt man oft an
Kindern, die mit diesen Personen viel
zusammengewesen sind und eng zusammengelebt
haben, und diese leichte Ähnlichkeit erzeugt, wenn
die Kindheit vorbei ist, eine merkwürdige, dann und
wann hervortretende Ähnlichkeit des Ausdrucks
zwischen Gesichtern, die sonst ganz verschieden
voneinander sind. Und doch konnte ich das nicht
auf Fräulein Havisham zurückführen. Ich sah
wieder hin, und obwohl sie mich noch immer
anblickte, war jetzt doch verschwunden, was mir
aufgefallen war.
Was war es nur?
»Ich meine es ernst«, sagte Estella, nicht sowohl
mit einem Stirnrunzeln (denn ihre Stirn war glatt)
als vielmehr mit einem düsteren Ausdruck im
Gesicht; »wenn wir viel zusammenkommen sollen,
so wäre es am besten, Sie glaubten mir das gleich.
Nein«, unterbrach sie mich in herrischem Tone, als
ich den Mund auftat. »Ich habe nirgendwo meine
Zärtlichkeit vergeben. Ich habe noch nie welche
besessen.«
Im nächsten Augenblick waren wir in der
Brauerei, die so lange unbenutzt gewesen war, und
sie deutete auf die hohe Galerie, wo ich sie an
diesem selben ersten Tage hatte heraustreten
sehen, und sagte mir, sie besänne sich darauf, daß
sie dort gewesen sei und mich furchtsam unten habe
stehen sehen. Als meine Augen ihrer weißen Hand
folgten, fiel mir abermals das unklare Etwas ein, das
ich nicht zu greifen vermochte. Ich zuckte
unwillkürlich zusammen, und sie legte mir die Hand
auf den Arm.
Sogleich verschwand das Gespenst abermals und
war fort.
Was war es nur?
»Was gibt es denn?« fragte Estella. »Haben Sie
wieder Angst?«
»Ich würde Angst haben, glaubte ich, was Sie
soeben sagten.«
»So glauben Sie es nicht. Sehr gut. Jedenfalls ist
es gesagt worden. Fräulein Havisham wird in
nächster Zeit erwarten, daß Sie Ihren alten Posten
wieder antreten sollen, obwohl ich glaube, daß das
am Ende jetzt nebst anderem Zubehör der alten Zeit
beiseite geworfen worden ist. Wir wollen noch
einmal um den Garten herumwandern und dann
hineingehen. Kommen Sie! Sie sollen heute um
meiner Grausamkeit willen keine Tränen vergießen,
Sie sollen mein Papa sein und mir Ihre Schulter
leihen.«
Ihr hübsches Gewand hatte auf dem Boden
geschleppt. Sie hob es jetzt mit der einen Hand auf,
und mit der anderen berührte sie beim Gehen leicht
meine Schulter. Wir gingen noch zwei-, dreimal um
den verfallenen Garten herum, und mir war es, als
stände er ganz in Blüte. Wären das Grün und Gelb
des Unkrauts in den Spalten der alten Mauer höchst
köstliche Blumen gewesen, wie sie nur je wuchsen
und gediehen, dieser Garten könnte meiner
Erinnerung nicht lieber und werter gewesen sein.
Wir waren nicht verschiedenen Alters, und keine
Ungleichheit der Jahre entrückte sie mir; wir waren
ungefähr gleichen Alters, obwohl natürlich in ihrem
Falle das Alter mehr sagen wollte als bei mir; aber
das Gepräge der Unnahbarkeit, das ihre Schönheit
und ihr Benehmen ihr verliehen, quälte mich
inmitten meines Entzückens, während ich noch
über die Gewißheit frohlockte, daß unsere Gönnerin
uns füreinander erwählt hatte. Unglücklicher
Knabe!
Endlich gingen wir in das Haus zurück, und dort
vernahm ich mit Erstaunen, daß mein Vormund
hergekommen war, um Fräulein Havisham einen
geschäftlichen Besuch abzustatten, und zum
Mittagessen wiederkommen würde. Die alten
winterlichen Armleuchter im Zimmer, wo der
vermodernde Tisch gedeckt war, waren angezündet
worden, während wir draußen waren, und Fräulein
Havisham saß in ihrem Stuhl und wartete auf uns.
Es war, wie wenn ich den Stuhl selbst in die
Vergangenheit zurückschob, als wir unseren alten
langsamen Rundgang um den Aschenhaufen des
Brautmahles vornahmen. Aber in dem
leichenhaften Zimmer, neben dieser Gestalt aus
dem Sarge, die sich in den Stuhl zurücklehnte und
Estella starren Auges betrachtete, sah diese junge
Schönheit noch herrlicher und schöner aus als
zuvor und übte noch stärkeren Zauber auf mich aus.
Die Zeit war so schnell vergangen, daß unsere
frühe Mittagsstunde dicht bevorstand und Estella
uns verließ, um sich fertig zu machen. Wir hatten
nahe dem Mittelpunkte des langen Tisches
angehalten, und Fräulein Havisham streckte einen
ihrer verwelkten Arme aus dem Stuhl heraus und
stützte die geballte Hand auf das gelbe Tuch. Als
Estella auf der Schwelle sich noch einmal umsah,
bevor sie hinausging, warf ihr Fräulein Havisham
mit einer gierigen Inbrunst, die in ihrer Art
ordentlich furchtbar war, mit diesem Arm eine
Kußhand zu.
Als Estella dann fort und wir beide allein waren,
wandte sie sich mir zu und sagte mit leiser Stimme:
»Ist sie schön, anmutig, wohl gebaut? Bewunderst
du sie?«
»Jeder, der sie sieht, muß sie bewundern,
Fräulein Havisham!«
Sie legte einen Arm um meinen Hals und zog
meinen Kopf dicht neben den ihren herunter, ohne
sich vom Stuhle aufzurichten.
»Liebe sie, liebe sie, liebe sie! Wie geht sie mit dir
um?«
Ehe ich antworten konnte (wenn ich überhaupt
eine so schwierige Frage hätte beantworten
können), wiederholte sie:
»Liebe sie, liebe sie, liebe sie! Wenn sie dir wohl
will, liebe sie! Wenn sie dich verletzt, liebe sie!
Wenn sie dein Herz in Stücke reißt -- und je älter
und stärker dein Herz ist, um so tiefer und größer
werden die Stücke werden --, liebe sie, liebe sie,
liebe sie!«
Ich hatte noch nie so leidenschaftlichen Eifer
gesehen, wie sie in die Aussprache dieser Worte
legte. Ich konnte fühlen, wie die Muskeln des
dünnen Armes, der sich um meinen Hals gelegt
hatte, anschwollen von der ganzen Heftigkeit, die
ihre Person besaß.
»Höre mich, Pip! Ich habe sie an Kindes Statt
angenommen, damit sie geliebt werde. Ich habe sie
ernährt und erzogen, damit sie geliebt werde. Ich
habe sie zu dem entwickelt, was sie ist, damit sie
geliebt werde. Liebe sie!«
Sie sagte das Wort oft genug, und es konnte kein
Zweifel sein, das war ihre Absicht; aber wäre das oft
wiederholte Wort Haß anstatt Liebe gewesen --
Verzweiflung -- Rache -- bitterer Tod --, es hätte,
von ihren Lippen gesprochen, einem Fluche nicht
ähnlicher klingen können.
»Ich will dir sagen«, fuhr sie in demselben
hastigen, leidenschaftlichen Flüstern fort, »was
wahre Liebe ist. Es ist blinde Ergebenheit,
unbekümmerte Selbsterniedrigung, äußerste
Unterwürfigkeit, ungeteiltes Zutrauen und fester
Glaube dir selbst und der ganzen Welt zum Trotz --
ein Aufopfern des ganzen Herzens und der ganzen
Seele für die Person, die dich gefesselt hat -- so
liebte ich!«
Als sie an diese Stelle gelangte und gleich darauf
einen wilden Schrei ausstieß, faßte ich sie um den
Leib. Denn sie erhob sich von ihrem Stuhl in ihrem
Leichentuch von einem Kleide und schlug in die
Luft, wie wenn sie sich gleich selber gegen die Wand
schlagen und tot niederfallen wollte.
All dies war in wenigen Sekunden vor sich
gegangen. Als ich sie in ihren Stuhl niederdrückte,
roch ich einen mir wohlbekannten Duft. Ich drehte
mich um und sah meinen Vormund im Zimmer.
Er trug immer (das habe ich, glaube ich, noch
nicht erwähnt) ein Taschentuch von reicher Seide
und imposanter Größe, das ihm in seinem Beruf
wertvolle Dienste leistete. Wie ich oft gesehen habe,
jagte er einen Klienten oder einen Zeugen, indem er
dieses Taschentuch feierlich auseinanderfaltete, als
wollte er sich gleich einmal die Nase schnauben,
und dann innehielt, als wisse er, er würde dazu keine
Zeit haben, bevor dieser Klient oder Zeuge sich
nicht bloßstellen würde, eine so große Angst ein,
daß eine solche Bloßstellung als etwas ganz
Selbstverständliches sogleich folgte. Als ich ihn im
Zimmer sah, hatte er dieses vielsagende
Taschentuch in beiden Händen und sah uns an. Als
er meinem Auge begegnete, drückte er durch ein
kurzes und stilles Verweilen in dieser Haltung ganz
deutlich aus: »Wirklich? Seltsam!« und dann
gebrauchte er das Taschentuch mit wunderbarem
Effekt in der rechten, eben beschriebenen Weise.
Fräulein Havisham hatte ihn ebenso früh gesehen
als ich und fürchtete ihn (wie alle Welt). Sie machte
einen kraftvollen Versuch, sich zu fassen, und
stotterte, er wäre so pünktlich wie immer.
»So pünktlich wie immer«, wiederholte er, zu uns
tretend. »(Wie geht es, Pip? Soll ich Sie fahren,
Fräulein Havisham? Einmal herum?) Und so sind
Sie also hier, Pip?«
Ich sagte ihm, wann ich angekommen wäre und
daß Fräulein Havisham gewünscht hätte, ich solle
kommen und Estella begrüßen. Hierauf antwortete
er: »Ah! Sehr schöne junge Dame!« Dann schob er
mit der einen seiner großen Hände Fräulein
Havisham in ihrem Stuhl vor sich her, und steckte
die andere in die Hosentasche, wie wenn die Tasche
voller Geheimnisse wäre.
»Na, Pip! Wie oft haben Sie Fräulein Estella
früher gesehen?« fragte er, als er haltmachte.
»Wie oft?«
»Ja doch! Wie viele Male, zehntausendmal?«
»Oh! sicherlich nicht so viele Male.«
»Zweimal?«
»Jaggers«, warf Fräulein Havisham zu meiner
großen Erleichterung ein; »lassen Sie meinen Pip in
Frieden und gehen Sie mit ihm zu Tisch!«
Er hatte nichts dagegen, und wir tasteten uns
zusammen die dunklen Treppen hinab. Während
wir noch unseren Weg nach der abseits liegenden
Wohnung verfolgten und über den gepflasterten
Hof nach hinten zu schritten, fragte er mich, wie oft
ich Fräulein Havisham hätte essen und trinken
sehen, indem er mir, wie gewöhnlich, zwischen
hundertmal und einmal die Wahl ließ.
Ich dachte nach und antwortete:
»Gar kein Mal.«
»Und Sie werden's auch niemals sehen, Pip!«
versetzte er mit einem finsteren Lächeln. »Keins
von beiden hat sie je jemanden sehen lassen,
seitdem sie ihr jetziges Leben führt. Sie wandert in
der Nacht umher und nimmt sich dann die Speise,
von der sie sich nährt.«
»Bitte, Herr«, sagte ich, »darf ich Sie etwas
fragen?«
»Das dürfen Sie«, sagte er, »und ich darf die
Antwort ausschlagen. Fragen Sie.«
»Estellas Name. Ist er Havisham oder --?« Ich
hatte nichts hinzuzusetzen.
»Oder was?« fragte er.
»Ist er Havisham?«
»Er ist Havisham.«
Jetzt kamen wir an der Mittagstafel an, wo sie und
Sarah Pocket uns erwarteten. Herr Jaggers führte
den Vorsitz. Estella saß ihm gegenüber, ich hatte
meine grün-und-gelbe Freundin zum Vis-à-vis. Wir
speisten sehr gut und wurden von einem
Dienstmädchen bedient, das ich noch bei keinem
meiner früheren Besuche gesehen hatte, das aber,
soviel ich weiß, die ganze Zeit über in diesem
geheimnisvollen Hause gewesen war. Nach Tische
wurde eine Flasche vorzüglicher alter Portwein vor
meinen Vormund gestellt (er kannte den Jahrgang
augenscheinlich sehr gut), und die beiden Damen
verließen uns.
Die entschlossene Zurückhaltung, die Herr
Jaggers unter diesem Dache zur Schau trug, kam
mir ganz einzig vor, und ich habe nirgendwo, nicht
einmal an ihm, sonst etwas Ähnliches gesehen.
Selbst seine Blicke behielt er für sich und richtete
während der Mahlzeit kaum ein einziges Mal das
Auge auf Estellas Gesicht. Wenn sie mit ihm sprach,
hörte er zu und antwortete mit der Zeit auch, aber
er blickte sie niemals an, soviel ich sehen konnte.
Hingegen sie sah ihn oftmals mit Interesse und
Neugier, wenn nicht mit Mißtrauen, an, aber sein
Gesicht zeigte nie auch nur die leiseste Spur, daß er
sich dessen bewußt war. Während des ganzen
Mittagessens fand er ein trockenes Vergnügen
daran, Sarah Pocket noch grüner und gelber zu
machen, indem er während der Unterhaltung oft auf
meine Erwartungen Bezug nahm. Aber auch hierbei
zeigte er nicht, daß er sich des Eindruckes, den er
machte, bewußt war, und ließ es sogar erscheinen,
als wenn er diese Bemerkungen aus meinem
unschuldigen Selbst herauslockte -- was auch in der
Tat der Fall war, obwohl ich nicht weiß, wie er es
zustande brachte.
Und als er und ich allein war, wußte er sich ganz
das Ansehen zu geben, als halte er sich zurück
infolge von gewissen Nachrichten, die ihm
zugegangen seien, und das war wahrhaftig zuviel für
mich. Er nahm selbst seinen Wein in Kreuzverhör,
wenn er nichts anderes bei der Hand hatte. Er hielt
ihn zwischen sich und das Licht, kostete den Wein,
schob ihn im Munde hin und her, schluckte ihn
hinunter, sah den Wein abermals an, roch daran,
kostete, trank, goß wieder ein und nahm das Glas
von neuem in Kreuzverhör, bis ich so unruhig und
aufgeregt war, wie wenn ich genau gewußt hätte,
daß der Wein ihm etwas zu meinem Nachteil erzählt
hätte. Drei-, viermal kam mir der schwache
Entschluß, ein Gespräch anzufangen; aber sobald er
sah, daß ich ihn etwas fragen wolle, sah er mich an,
sein Glas in der Hand haltend und den Wein im
Munde umherschiebend, wie wenn er mich
ersuchte, doch einzusehen, daß das keinerlei Zweck
haben würde, denn er könne ja doch nicht
antworten.
Ich glaube, Fräulein Pocket war sich bewußt, daß
mein Anblick sie in Gefahr brachte, zum Wahnsinn
getrieben zu werden und sich am Ende die Haube
abzureißen -- die an sich ein abscheuliches Ding war
aus Musselin -- und den Boden mit ihrem Haar zu
bestreuen -- das ganz sicher niemals auf ihrem Kopf
gewachsen war. Sie erschien nicht, als wir später in
Fräulein Havishams Zimmer hinaufgingen, und wir
vier spielten Whist. In der Zwischenzeit hatte
Fräulein Havisham in phantastischer Weise ein paar
von den schönsten Juwelen, die auf ihrem
Toilettentisch lagen, Estella in das Haar und an den
Busen und an die Arme gesteckt, und ich sah selbst
meinen Vormund unter seinen dichten
Augenbrauen hervor nach ihr hinblicken und seine
dichten Augenbrauen ein wenig in die Höhe ziehen,
als ihr Liebreiz vor ihm stand, mit dem weichen
Wechsel glitzernder Farben.
Von der Art und Weise und dem Maße, wie er
unsere Trümpfe in Gewahrsam nahm und am Ende
des Spieles niedrige kleine Blätter ausspielte, vor
denen die Herrlichkeit unserer Könige und Damen
in Staub sank, sage ich nichts; auch nichts von der
Empfindung, die mich beherrschte, als erblicke er
in uns allen drei ganz offenbare und armselige
Rätsel, die er schon längst gelöst hätte. Worunter
ich litt, war die Unvereinbarkeit seiner kalten
Gegenwart und meiner Gefühle für Estella. Nicht
daß ich wußte, ich könne es niemals ertragen, mit
ihm über sie zu reden; nicht daß ich wußte, ich
könnte es niemals ertragen, seine Stiefel über sie
knarren zu hören; nicht daß ich wußte, ich könnte
es niemals ertragen, ihn die Hände sich von ihr
reinwaschen zu sehen: das war es alles nicht.
Sondern daß meine Bewunderung nur wenige Fuß
von ihm entfernt war -- daß meine Gefühle an
demselben Ort waren, wo er war -- das war's, was
mich so peinigte, was mich so folterte.
Wir spielten bis neun Uhr; und dann wurde
vereinbart, daß, wenn Estella nach London käme,
ich von ihrer Ankunft vorher benachrichtigt
werden und sie von der Post-Haltestelle abholen
sollte; und dann verabschiedete ich mich von ihr
und berührte ihre Hand und verließ sie.
Mein Vormund logierte im ›Blauen Eber‹ dicht
neben mir. Noch spät in der Nacht klangen Fräulein
Havishams Worte: »Liebe sie! liebe sie! liebe sie«
mir in den Ohren wider. Ich änderte sie für mich
selber um und wiederholte sie in dieser Form und
teilte es hundertmal meinem Kissen mit: »Ich liebe
sie, ich liebe sie, ich liebe sie!« Dann übermannte
mich ein dankbares Gefühl: sie war für mich
bestimmt, den einstmaligen Schmiedelehrling!
Dann fragte ich mich, wenn sie, wie ich fürchtete,
bis jetzt noch gar nicht entzückt über dieses Los und
dankbar dafür wäre, wann würde sie anfangen,
Interesse an mir zu nehmen? Wann würde ich das
Herz in ihr erwecken, das jetzt stumm war und
schlief?
Ach über mich! Ich dachte, das wären hohe und
große Regungen. Aber ich dachte niemals, daß es
niedrig und kleinlich sei, von Joe fernzubleiben,
weil ich wußte, sie würde ihn verachten. Es war erst
einen Tag her, daß Joe mir die Tränen in die Augen
gebracht hatte; sie waren bald getrocknet, Gott
verzeihe mir! Bald getrocknet!
Dreißigstes Kapitel

Nachdem ich mir den Fall am anderen Morgen im


»Blauen Eber«, während ich mich ankleidete,
reiflich überlegt hatte, nahm ich mir vor, meinem
Vormunde zu sagen, daß es mir zweifelhaft sei, ob
Orlick der richtige Mann dazu sei, bei Miß
Havisham einen Vertrauensposten zu bekleiden.
»Na, freilich ist er der richtige Mann nicht, Pip«,
sagte mein Vormund, über diesen Punkt im voraus
mit seiner Meinung fertig, »weil nämlich derjenige
Mensch, der den Vertrauensposten einnimmt,
niemals der richtige Mann ist.«
Es schien ihm ganz in den Kram zu passen, diese
Wahrnehmung, daß dieser besondere Posten
ausnahmsweise nicht von dem richtigen Manne
eingenommen werde, und er hörte mit Befriedigung
zu, als ich ihm erzählte, was mir von Orlick bekannt
war.
»Sehr gut, Pip«, bemerkte er, als ich zum
Schlusse gelangt war; »ich gehe auf der Stelle hin
und lohne unsern Freund ab.«
Durch diese summarische Handlungsweise in
ziemliche Beunruhigung versetzt, war ich für einen
kleinen Aufschub und gab sogar zu verstehen, daß
unser Freund ihm die Verhandlung wohl ein wenig
schwermachen dürfte.
»O nein! Das dürfte er nicht«, sagte mein
Vormund, indem er mit vollkommenem Vertrauen
seinen Taschentuchkniff übte -- »möchte wohl
sehen, wie er sich in der Frage zu mir verhalten
wird.«
Da wir mit der Mittagspostkutsche zusammen
nach London zurückzufahren vorhatten und ich
unter solchen Ängsten vor Pumblechook mein
Frühstück verzehrte, daß ich kaum imstande war,
meine Tasse zu halten, verschaffte ich mir einen
Anlaß zu der Äußerung, daß mir ein Spaziergang not
täte und ich deshalb auf der Chaussee nach London
vorausgehen wollte, während Herr Jaggers noch zu
tun hätte; ob er also dem Kutscher sagen lassen
wollte, daß ich unterwegs, sobald mich die Kutsche
eingeholt hätte, einsteigen würde. Auf diese Weise
kam ich in den Stand, gleich nach dem Frühstück
aus dem ›Blauen Eber‹ zu fliehen. Indem ich nun
hinter Pumblechooks Besitzungen ein paar Meilen
weit ins offene Land hinausrannte, gelangte ich auf
Umwegen eine kurze Strecke jenseits dieser
Fallgrube wieder auf die Hauptstraße und fühlte
mich in verhältnismäßiger Sicherheit.
Es war interessant, wieder einmal in der ruhigen
alten Stadt zu sein, und nicht unangenehm, von Zeit
zu Zeit unvermutet erkannt und angegafft zu
werden. Dieser und jener von den Inhabern von
Kramläden kam sogar zu seinem Laden
hinausgestürzt und lief mir ein kurzes Stück die
Straße voraus, um umkehren zu können, als wenn
er etwas vergessen hätte, und an mir Auge in Auge
vorbeizugehen -- ob nun sie oder ich bei solcher
Gelegenheit sich schlimmer stellten: sie, indem sie
so taten, als sei das ihre Absicht nicht, ich, indem
ich mich stellte, als bemerkte ich es nicht, vermag
ich nun allerdings nicht zu sagen. Dennoch war mein
Stand von ausgezeichneter Art und ich war mit ihm
solange durchaus nicht unzufrieden, bis mir das
Geschick jenen bodenlosen Taugenichts, Trabbs
Jungen, in den Weg führte.
Als ich die Augen entlang der Straße bis zu einem
gewissen Punkte meines Vordringens hinlenkte,
erblickte ich Trabbs Jungen, der sich in der
Richtung auf mich zu bewegte und sich mit einem
leeren, blauen Beutel um den Leib schlug. In der
Meinung, daß es mir am besten anstehen und
seinem schlimmen Gemüte höchst wahrscheinlich
den kräftigsten Dämpfer aufsetzen würde, wenn ich
ihm ernst und ruhig, und ohne zu tun, als wenn ich
ihn sähe, entgegenginge, schritt ich mit diesem
Ausdruck im Gesicht weiter und war schon ziemlich
willens, mich zu dem Erfolg meiner
Verhaltungsweise zu beglückwünschen, als plötzlich
die Knie von Trabbs Jungen klappernd
aneinanderschlugen, sein Haar zu Berge stieg, seine
Kappe vom Kopfe fiel, und er selbst, heftig am
ganzen Leibe zitternd, nach der Mitte der Straße hin
taumelte und der Menge zuschrie: »Haltet mich!
Haltet mich fest! Ich habe mich so fürchterlich
erschrocken!« Dabei stellte er sich, als wäre er in
einen Wutanfall von Schrecken und Zerknirschtheit
gestürzt, der durch die Würde meiner Erscheinung
über ihn gekommen sei. Als ich an ihm vorbeiging,
klapperten ihm die Zähne laut im Munde, und mit
jedem erdenklichen Zeichen von äußerster Demut
warf er sich vor mir in den Staub.
Das war schon eine Sache, die schwer zu ertragen
war; aber es war noch gar nichts. Ich war keine
zweihundert Schritt weitergeschritten, als ich zu
meinem unaussprechlichen, mit Empörung
gepaarten Entsetzen und Staunen abermals Trabbs
Jungen in Annäherung auf mich begriffen sah. Er
kam um eine kurze Ecke herum. Den blauen Beutel
trug er über die Schulter geworfen; rechtschaffener
Erwerbsfleiß leuchtete in seinen Augen; ein fester
Entschluß, sich flink und fröhlich zu Trabb
hinzubegeben, kam in seiner Gangart und Haltung
zum Ausdruck. Mit einem Ruck ward er meiner
ansichtig und erlitt die nämliche strenge
Heimsuchung wie vordem; aber diesmal war seine
Bewegung kreisförmig, er torkelte mit noch stärker
vom Schlottern befallenen Knien rund um mich
herum und fuchtelte dabei mit den Armen in der
Luft herum, als wollte er von mir Gnade und
Barmherzigkeit erflehen. Seine vermeintlichen
Qualen wurden von einer Schar von Zuschauern mit
dem größten Jubel bewillkommt, und ich fühlte
mich gänzlich vernichtet.
Ich war die Straße noch kaum bis zum Postamt
hinuntergelangt, als ich Trabbs Jungen abermals
aus einer Hintergasse hervorschießen sah. Diesmal
war er vollständig verändert. Er trug den blauen
Beutel in der Art und Weise, wie ich meinen
Überrock trug, und kam von der anderen
Straßenseite her über den Damm auf mich zu
stolziert, in Begleitung einer Gesellschaft
vergnügter junger Freunde, denen er von Zeit zu
Zeit mit stolzem Schwenken seiner Hand die Worte
zurief: »Kenn' euch nicht!« Worte vermögen den
Schwall von Ärger und Zorn nicht zu bestimmen,
der mir durch Trabbs Jungen angetan wurde, als er,
jetzt dicht vor mich gelangt, seinen Hemdkragen in
die Höhe kippte, sein Haar an der Schläfe zu einer
Locke aufdrehte, den Arm in die Hüfte stemmte,
mich mit unbändigem Hohn anlächelte, dieweil sich
seine Ellbogen und sein Leib vor Kichern schier
krummzogen, und den ihn umstehenden Lümmeln
zuschnarrte: »Kenn' euch nicht! Kenn' euch nicht!
Kenn' euch meiner Sixen nicht!« Die Schmach, die
er gleich darauf dadurch über mich brachte, daß er
zu krähen anfing und mich mit Gekrähe über die
Brücke verfolgte, ein Gekrähe in den Tönen eines
maßlos in Schreck gejagten Hahns, der
Bekanntschaft mit mir gehabt hatte, als ich beim
Schmied in der Lehre war, trieb die Schmach, unter
deren Eindruck ich die Stadt verlassen hatte und
sozusagen ins freie Land hinausgeworfen worden
war, auf ihren Höhepunkt.
Aber wenn ich nicht gerade Trabbs Jungen bei
diesem Anlasse ums Leben hätte bringen wollen, so
weiß ich auch jetzt noch in Wirklichkeit nicht, was
ich anders hätte tun können als aushalten und
ertragen. Hätte ich mich mit ihm auf der Straße
raufen oder eine geringere Entschädigung von ihm
herauspressen wollen als sein Herzblut, so würde
das erbärmlich und entwürdigend gewesen sein.
Obendrein war er ein Junge, dem niemand
ankommen oder Schaden zufügen konnte, denn er
glich einer unverwundbaren, hin und her
schießenden Schlange, die, wenn sie in eine Ecke
gejagt war, ihrem Bändiger wieder mit höhnischem
Zischen zwischen die Beine flog. Ich schrieb jedoch
mit nächster Post Herrn Trabb einen Brief, worin
ich ihm mitteilte, daß Herr Pip es ablehnen müßte,
fernerhin mit jemand Verkehr zu unterhalten, der
alle Rücksicht, die er auf die gesellschaftlichen
Interessen zu nehmen verpflichtet sei, so gänzlich
außer acht setze, daß er einen Jungen bei sich
beschäftige, der in jedem achtungswerten Gemüt
Abscheu und Entrüstung hervorriefe.
Die Kutsche kam mit Herrn Jaggers als Insassen
in der gemessenen Zeit heran, und ich nahm wieder
meinen Sitz auf dem Bocke ein und gelangte
wohlbehalten, aber nicht frisch und munter, denn
mein Herz war nicht mehr bei mir, in London an.
Sobald ich mich dort befand, schickte ich zum
Zeichen meiner Reue und Buße und als Ersatz dafür,
daß ich nicht selbst gekommen war, einen Kabeljau
nebst einem Fäßchen Austern an Joe ab und begab
mich dann nach Barnard's Inn.
Ich traf Herbert an, der bei kalter Küche saß und
sich herzlich freute, mich wieder hier zu sehen.
Nachdem ich »den Rächer« nach der Restauration
abgesandt hatte, um von dort eine Ergänzung zu
dem Mittagessen herbeizuholen, sagte mir ein
Gefühl, daß ich meinem Freund und Kollegen an
diesem selben Abend mein Herz noch erschließen
müßte. Da, solange »der Rächer« im Vorsaale weilte
(der sich lediglich im Licht eines Vorzimmers zum
Schlüsselloch betrachten ließ), von irgendeiner
vertraulichen Mitteilung ganz und gar nicht die
Rede sein konnte, so schickte ich ihn ins Theater.
Ein besserer Beweis für den strengen Charakter
meines abhängigen Verhältnisses zu diesem
Zuchtmeister dürfte sich kaum geben lassen als die
entwürdigenden Ausflüchte, zu denen ich in einem
fort getrieben wurde, um Beschäftigung für ihn
ausfindig zu machen. So erbärmlich und gemein
spielte mir diese peinliche Verlegenheit mit, daß ich
ihn manchmal nach der Hydepark-ecke schickte,
um dort nachzusehen, wieviel Uhr es sei.
Als wir das Mittagbrot verzehrt hatten und mit
den Füßen auf dem Brandgitter vorm Kamine
saßen, sagte ich zu Herbert:
»Lieber Herbert, ich habe dir etwas ganz
Eigentümliches zu erzählen.«
»Lieber Händel«, versetzte er, »ich werde dein
Vertrauen ehren und schätzen.«
»Die Sache betrifft mich, Herbert«, sagte ich,
»und eine andere Person.«
Herbert legte die Füße übereinander, blickte mit
seitwärts geneigtem Kopfe auf das Feuer und,
nachdem er eine Zeitlang umsonst hineingeblickt
hatte, auf mich, weil ich keine Anstalten machte.
»Herbert«, sagte ich, meine Hand auf sein Knie
legend, »ich liebe -- ich vergöttere -- Estella.«
Statt vor Staunen starr zu sein, erwiderte Herbert
in einer ungezwungenen, gleichsam
selbstverständlichen Weise:
»Richtig. Nun?«
»Nun, Herbert? Ist das alles, was du sagst? Nun?«
»Was weiter? mein' ich«, sagte Herbert. »Das
weiß ich natürlich.«
»Wieso weißt du's?« sagte ich.
»Wie ich es weiß, Händel? Ei! Von dir!«
»Ich habe dir nie davon erzählt.«
»Mir erzählt! Du hast's mir nie gesagt, wenn du
dir das Haar schneiden ließest; aber ich habe Sinne
gehabt, es wahrzunehmen. Du hast sie immer
vergöttert, die ganze Zeit über, seit ich dich
kennenlernte. Du hast deine Vergötterung
zusammen mit deinem Reisebündel
hierhergetragen. Mir erzählt! Ei, du hast's mir
immer erzählt, solange der Tag währte. Als du mir
deine Lebensgeschichte erzähltest, da hast du mir
offen und ehrlich erzählt, daß du angefangen hast,
sie zu vergöttern vom ersten Augenblick an, wo du
sie sahest, zu einer Zeit, wo du allerdings noch sehr
jung warest.«
»Sehr gut dann«, sagte ich, denn mir war dies ein
neues und keineswegs unwillkommenes Licht -- »ich
habe also mit ihrer Vergötterung niemals aufgehört.
Und jetzt ist sie zurückgekommen, ein wunderbar
schönes und höchst vornehmes Wesen. Und gestern
habe ich sie gesehen. Und wenn ich sie vordem
vergötterte, so vergöttere ich sie jetzt um das
Zwiefache.«
»Ein Glück dann für dich, Händel«, sagte
Herbert, »daß du für sie auserlesen und bestimmt
bist. Ohne uns auf verbotenen Grund und Boden zu
begeben, dürfen wir doch zu behaupten wagen, daß
über diese Tatsache zwischen uns kein Zweifel
bestehen kann. Hast du schon irgendeine
Vorstellung, mit was für Augen Estella diese
Vergötterungsfrage ansieht?«
Finster schüttelte ich den Kopf.
»Oh! Sie ist mir Tausende von Meilen entrückt«,
sagte ich.
»Geduld, mein lieber Händel: dazu ist's Zeit
genug! Zeit genug! Aber du hast noch Weiteres zu
sagen?«
»Ich schäme mich, es zu sagen«, gab ich zur
Antwort, »und doch ist's nicht schlimmer, es
auszusprechen, als sich in Gedanken damit zu
befassen. Du nennst mich einen glücklichen
Menschen. Natürlich bin ich es. Erst gestern noch
war ich ein Schmiedejunge; und heute -- wie soll ich
es nennen? -- was bin ich heute?«
»Sage: ein guter Bursche, wenn es dir an einem
Ausdruck not tut«, erwiderte Herbert mit Lächeln
und indem er mit der Hand auf meine Hand klapste
-- »ein guter Bursche mit stürmischem
Temperament und zaghaftem Sinn, kühnen Herzens
und mißtrauisch gegen sich selbst, ein Bursche, in
welchem sich Handeln und Träumen in
wunderlicher Verquickung zeigen.«
Ich hielt einen Augenblick inne, um zu überlegen,
ob eine solche Verquickung in meinem Charakter
wirklich vorhanden wäre. Alles in allem genommen,
erkannte ich die Analyse keineswegs als zu Recht
bestehend, meinte aber, es verlohnte sich der Mühe
nicht, hierüber zu streiten.
»Wenn ich frage, als was ich mich heute
bezeichnen soll, Herbert«, fuhr ich fort, »so weise
ich mit dieser Frage auf das hin, was sich in meinen
Gedanken bewegt. Du sagst, ich bin glücklich. Ich
weiß, daß ich nichts getan habe, mich im Leben zu
fördern, und daß mich Fortuna allein gefördert hat.
Das heißt also: Glücklich sein. Und doch, wenn ich
an Estella denke --«
(»Und wann tust du das nicht, he?« warf Herbert
dazwischen, während er ins Feuer starrte -- und mir
schien dies eine freundliche und mitgefühlsvolle
Rede von ihm zu sein.)
»-- dann kann ich dir nicht sagen, lieber Herbert,
wie abhängig und unsicher ich mich fühle und wie
sehr ich Hunderten von Zufälligkeiten ausgesetzt
bin. Indem ich mich von dem, wie du dich richtig
ausdrückst, verbotenen Grund und Boden
fernhalte, darf ich nichtsdestoweniger sagen, daß
alle meine Erwartungen auf der Beständigkeit einer
einzigen Person beruhen, deren Namen ich zu
nennen unterlasse. Und bestenfalls: wie unbestimmt
und unbefriedigend ist es, es bloß in so
unbestimmter Weise zu wissen, welcher Art sie
sind!« Durch diese Rede erleichterte ich mein Herz
um die Last, die es seit gestern ohne allen Zweifel
schwerer als je zuvor bedrückt hatte.
»Nun, Händel«, versetzte Herbert in seiner
lustigen, hoffnungsvollen Weise, »mir scheint, als
ob wir im Kleinmute der zärtlichen Leidenschaft
unserem geschenkten Gaule durch ein
Vergrößerungsglas ins Maul guckten. Ebenso
scheint es mir, als ob wir dadurch, daß wir unsere
Aufmerksamkeit auf diese Untersuchung
konzentrieren, eine der besten Seiten des Tieres
gänzlich übersehen. Hast du mir nicht erzählt, daß
dein Vormund, Herr Jaggers, dir von Anfang an
gesagt habe, du seiest nicht mit Erwartungen allein
ausgestattet? Und selbst wenn er -- ob ich auch
einräume, daß dieses wenn sich mit einem recht
großen W schreibt -- selbst wenn er nicht in diesem
Sinne zu dir gesprochen hat: könntest du glauben,
daß von allen Männern, die London besitzt, Herr
Jaggers der Mann danach ist, bei seinen derzeitigen
Beziehungen sich zu dir zu halten, falls er sich nicht
auf ganz sicherem Boden wüßte?«
Ich wäre, sagte ich, nicht imstande, die
Wichtigkeit dieses Punktes in Abrede zu stellen,
und sagte es, wie es in solchen Fällen Leute oft
machen, als wenn ich, ziemlich wider meinen
Willen, der Wahrheit und Gerechtigkeit ein
Zugeständnis machen müßte -- als wenn ich es in
Abrede hätte stellen wollen!
»Sollte freilich auch meinen, daß es ein wichtiger
Punkt sei«, meinte Herbert, »und sollte ferner
meinen, daß es dir Verlegenheit machen würde, dir
einen Punkt von größerer Wichtigkeit vorzustellen.
Du wirst einundzwanzig sein, ehe du dir's versiehst,
und dann wird dir vielleicht einige weitere
Erleuchtung kommen. Auf alle Fälle wirst du
derselben dann näher sein, denn kommen muß sie
schließlich!«
»Wie hoffnungsvoll du veranlagt bist!« sagte ich
mit dankbarer Bewunderung seiner fröhlichen
Weise.
»Wenn das nicht wäre«, sagte Herbert, »was
hätte ich denn sonst? Nebenher muß ich
anerkennen, daß der gesunde Sinn, der in den eben
von mir getanen Äußerungen steckt, nicht von mir
selbst, sondern von meinem Vater herrührt. Die
einzige Bemerkung, die er, soweit ich denken kann,
über deine Geschichte vor meinen Ohren geäußert
hat, war diese: ›Die Sache ist fix und fertig, sonst
würde sich Herr Jaggers nicht damit befaßt haben.‹
Und ehe ich nun irgendwas Weiteres noch von
meinem Vater oder meines Vaters Sohne sage und
Vertrauen mit Vertrauen bezahle, kann ich nicht
anders, als mich auf einen Augenblick allen Ernstes
zuwider, ja, ganz und gar abscheulich zu machen.«
»Damit dürftest du keinen Erfolg zu verzeichnen
haben«, sagte ich.
»O ja, doch!« sagte er. »Eins, zwei, drei, und nun
bin ich bei der Sache. Händel, mein guter Bursche«
-- und es war ihm, wenn er auch in dem ihm eigenen
leichten Tone redete, doch sehr ernst zu Mute --,
»seit wir uns hier, mit den Füßen auf dem
Brandgitter, zusammen unterhalten haben, ist mir
der Gedanke gekommen, daß Estella, da sie von
deinem Vormund niemals erwähnt worden ist,
sicherlich kein Bedingnis für deine Erbschaft sein
kann. Bin ich im Recht, wenn ich das, was du mir
erzählt hast, so verstehe, daß er ihrer niemals,
weder geradezu noch beiläufig oder hintenherum,
Erwähnung getan hat? Niemals sogar zum Beispiel
angedeutet, daß dein Gönner sich bezüglich deiner
Verheiratung schließlich selbst mit gewissen
Absichten tragen könnte?«
»Niemals.«
»Nun, Händel, ich bin, auf Ehre und Gewissen!
von dem Geschmack für saure Trauben durchaus
frei! Kannst du dich nicht, da du nicht an sie
gebunden bist, von ihr freimachen? -- Ich habe dir
gesagt, daß ich dir unangenehm werden dürfte.«
Ich wandte den Kopf zur Seite, denn mit
Rauschen und Sausen, gleich den von der See
herüberstreichenden Marschwinden, fegte mir
wieder eine Empfindung durchs Herz wie damals an
jenem Morgen, als ich der Schmiede den Rücken
gewendet, als die Nebel feierlich aufstiegen und als
ich meine Hand auf den Wegweiser des Dorfes legte.
Eine kurze Zeitlang herrschte Schweigen zwischen
uns.
»Ja; aber, mein lieber Händel«, fuhr Herbert fort,
als wenn wir, statt einander schweigend
gegenüberzusitzen, uns zusammen unterhalten
hätten -- »dadurch, daß die Empfindung so fest in
der Brust eines Jungen Wurzel gefaßt hat, den
Natur und Verhältnisse in ein so romantisches Licht
gesetzt haben, wird die Sache sehr ernst. Denke
doch nur an die Art ihrer Erziehung und denke an
Fräulein Havisham! Bedenke, was sie selbst ist (jetzt
bin ich ein abscheulicher Mensch, und du
wünschest mich dorthin, wo der Pfeffer wächst).
Die Sache kann zu ganz erbärmlichen Dingen
führen.«
»Ich weiß es, Herbert«, sagte ich, den Kopf noch
immer abgewendet haltend, »aber ich kann es nicht
ändern.«
»Du kannst dich nicht losmachen?«
»Nein! ganz unmöglich!«
»Auch nicht versuchen, Händel?«
»Nein, unmöglich!«
»Na, gut!« sagte Herbert, indem er sich mit einem
kräftigen Schütteln, wie wenn er geschlafen hätte,
erhob und das Feuer schürte; »jetzt will ich mich
bestreben, mich wieder angenehm zu machen!«
So ging er rund durch das Zimmer und ließ die
Vorhänge herunter, setzte die Stühle an ihren Platz,
brachte die Bücher in Ordnung und andere Dinge
mehr noch, die umherlagen, guckte nach dem
Vorsaal und in den Briefkasten, schloß die Tür ab
und kehrte zu seinem Stuhl am Kamine zurück, wo
er sich, sein linkes Bein in beiden Armen in
bequeme Lage bettend, wieder setzte.
»Ich wollte ein paar Worte in betreff meines
Vaters und meines Vaters Sohne sagen, Händel.
Fürchte stark, es ist für meines Vaters Sohn kaum
nötig, die Bemerkung zu machen, daß meines Vaters
Domizil, was die Hauswirtschaft anbelangt, sich
nicht besonders durch Glanz hervortut.«
»Es herrscht dort immer Überfluß, Herbert«,
sagte ich, in der Absicht, ihm einigen Mut
zuzusprechen.
»O ja! Und so sagt, glaube ich, mit der stärksten
Zuversicht der Müllmann auch, und in der
Trödelbude in der Hintergasse hört man die gleiche
Rede. In allem Ernste, Händel, denn der Fall ist
ernst genug; du weißt, wie die Sache steht,
ebensogut wie ich. Ich vermute, es hat einmal eine
Zeit gegeben, wo mein Vater noch nicht auf alles
Verzicht geleistet hatte; das mag nun gewesen sein,
wann es will, vorbei ist die Zeit jetzt. Darf ich die
Frage an dich stellen, ob du in deinem Landstrich
dort unten jemals Gelegenheit zu der Wahrnehmung
gehabt hast, daß die Kinder aus nicht recht gut
zusammenpassenden Ehebündnissen es immer ganz
besonders ängstlich haben, unter die Haube zu
kommen?«
Das war eine so eigentümliche Frage, daß ich ihn
meinerseits fragte: »Ist es an dem?«
»Ich weiß nicht«, sagte Herbert; »das ist's ja
gerade, was ich wissen möchte. Weil es bei uns
entschieden der Fall ist. Meine arme Schwester
Charlotte, die mir im Alter zunächst kam und starb,
ehe sie vierzehn Jahre alt war, war hierfür ein
schlagendes Exempel. Mit der kleinen Jane verhält
sich's genauso. In Anbetracht ihres Wunsches,
unter die Haube zu kommen, hätte man meinen
sollen, sie hätte ihr kurzes Dasein in der
ununterbrochenen Betrachtung friedlichen Glückes
zugebracht. Der kleine Alick im kurzen Kleidchen
hat schon Anstalten getroffen zu einer Vermählung
mit einer passenden jungen Person in Kew. Ich
meine, wir sind, das Jüngste ausgenommen, alle
verlobt.«
»Du also auch?« fragte ich.
»Ich auch«, sagte Herbert; »aber das ist ein
Geheimnis.«
Ich beteuerte ihm, daß ich das Geheimnis hüten
würde, und bat, mit weiteren Einzelheiten bedacht
zu werden. Er hatte so verständig und gefühlvoll
von meiner Schwäche gesprochen, daß es mich
verlangte, etwas über seine Stärke zu vernehmen.
»Darf ich um den Namen fragen?« sagte ich.
»Klara«, sagte Herbert.
»Wohnt in London?«
»Ja. Vielleicht sollte ich erwähnen«, sagte
Herbert, der eigentümlich kleinlaut und weich
geworden war, seitdem wir das interessante Thema
berührt hatten, »daß sie ziemlich weit unter den
sinnlosen Begriffen steht, die meine Mutter in
betreff unserer Familie hegt. Ihr Vater war bei der
Verproviantierung von Passagierschiffen
beschäftigt. Ich glaube, er war so halb und halb
Zahlmeister.«
»Was ist er jetzt?« fragte ich.
»Jetzt ist er Invalide«, versetzte Herbert.
»Und lebt --«
»Im ersten Stock«, sagte Herbert. Das hatte ich
indessen gar nicht wissen wollen, denn meine Frage
hatte sich auf seine Mittel bezogen. »Ich habe ihn
nie gesehen; denn seit ich Klara kenne, hat er den
Fuß kein einziges Mal aus seiner Stube gesetzt. Aber
gehört habe ich ihn in einem fort. Er macht
gräßlichen Spektakel -- brüllt und stößt mit dem
ersten besten gräßlichen Werkzeug, das ihm in die
Hände kommt, auf den Fußboden.«
Dadurch, daß er mich ansah und dann herzlich
lachte, fand Herbert auf einige Zeit sein gewohntes
fröhliches Wesen wieder.
»Bist du nicht gewärtig, ihn zu sehen?« fragte ich.
»O ja, ich bin immerfort gewärtig, ihn zu sehen«,
erwiderte Herbert, »weil ich ihn niemals höre, ohne
darauf zu rechnen, daß ich ihn durch die Decke
gepoltert kommen sehe. Aber ich weiß nicht, wie
lange die Balken noch halten werden.«
Als er noch einmal so recht aus vollem Herzen
gelacht hatte, wurde er wieder weich und erzählte
mir, daß es im Augenblick, wo er anfinge, Geld
flüssig zu machen, seine Absicht wäre, diese junge
Dame zu heiraten. Als selbstverständliche,
Kleinmut erzeugende Absicht setzte er hinzu:
»Aber man kann nicht heiraten, siehst du, solange
man noch auf der Umschau ist.«
Während wir das Feuer betrachteten und ich
darüber nachdachte, als was für eine schwierige
Sache es sich manchmal darstellte, dieses selbige
Kapital flüssig zu machen, fuhr ich mit den Händen
in die Taschen. Ein Stück Papier in der einen
Tasche lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich; ich
faltete es auseinander und sah, daß es der
Theaterzettel war, den ich von Joe bekommen hatte
und der sich auf den gefeierten Liebhaber aus der
Provinz im Rufe Rosciusscher Berühmtheit bezog.
»Und meiner Sixen«, setzte ich unwillkürlich laut
hinzu -- »'s ist ja heute abend!«
Dies gab unserem Gespräch im Nu eine andere
Wendung und führte uns rasch zu dem Entschlusse,
uns das Stück anzusehen. So bliesen wir denn,
nachdem ich mich anheischig gemacht hatte,
Herbert in seiner Herzenssache mit allen
angängigen und nicht angängigen Mitteln zu trösten
und zu unterstützen, und Herbert mir erzählt hatte,
daß seine Zukünftige mich dem Rufe nach bereits
kenne und daß ich ihr vorgestellt werden sollte, und
wir einander auf unser wechselseitiges Vertrauen
hin warm die Hände geschüttelt hatten, unsere
Kerzen aus, legten im Ofen noch tüchtig Holz nach,
schlossen unsere Tür ab und machten uns auf den
Weg, um uns nach Herrn Wopsle und Dänemark
umzusehen.
Einunddreißigstes Kapitel

Bei unserer Ankunft in Dänemark trafen wir den


König und die Königin dieses Landes erhöht auf
zwei Armstühlen, die auf einen Küchentisch gesetzt
waren, allwo sie Hof hielten. Die Gesamtheit des
dänischen Adels stand um sie versammelt. Dieselbe
setzte sich zusammen aus einem Edelknaben in den
waschledernen Stiefeln eines gigantischen
Altvordern, einem ehrwürdigen Pair des Landes mit
schmutzigem Gesichte, der erst im späten
Lebensalter aus dem Volke emporgestiegen zu sein
schien, und der dänischen Ritterschaft, die einen
Kamm im Haar trug und nebst einem Paar
weißseidener Beine im großen und ganzen ein echt
weibliches Aussehen zeigte. Mein talentierter
Landsmann stand mit verschlungenen Armen
düsteren Blickes beiseite, und der Wunsch, daß
seine Locken und seine Stirn ein bißchen mehr
Wahrscheinlichkeit hätten zeigen mögen, dürfte mir
nahegelegen haben.
Es traten, während die Handlung ihren Verlauf
nahm, einige kleine merkwürdige Umstände zum
Vorschein. Der verwichene König des Landes schien
nicht bloß zur Zeit seines Heimganges von einem
Husten belästigt gewesen zu sein, sondern diesen
Husten sogar mit ins Grab genommen und nun aus
dem Grabe wieder mit heraufgebracht zu haben.
Der königliche Geist trug um sein Szepter auch ein
gespenstisches Manuskript gesteckt, zu welchem er
hie und da seine Zuflucht zu nehmen schien, und
zwar mit einer beängstigend kläglichen Miene und
einer ausgesprochenen Neigung, die Stelle, die er
suchte, zu verlieren: Eigenschaften, die mit recht
merklicher Schärfe auf einen sterblichen Zustand
hinwiesen. Dieser Umstand war es, welcher, wie ich
annehme, die Galerie dazu veranlaßte, dem
Schatten den Rat »Umblättern!« zu geben -- eine
Empfehlung, die derselbe außerordentlich
übelnahm. Gleicherweise war an diesem
hoheitsvollen Geiste die Wahrnehmung zu machen,
daß er, während er allezeit mit einer Miene auftrat,
als sei er lange abwesend gewesen und habe eine
ungeheure Strecke durchschritten,
ersichtlicherweise hinter einer dicht angrenzenden
Wand hervorkam. Dies verursachte, daß die von
ihm ausgehenden Schrecken mit Spott und Hohn
aufgenommen wurden. Die Königin von Dänemark,
eine sehr wohlbeleibte, wenn auch zweifelsohne
historisch eherne Dame, hatte nach der Meinung
des Publikums zuviel des messingnen Metalls an
sich; denn ihr Kinn stand durch einen breiten Reifen
dieses Metalls mit ihrem Diadem in direkter
Verbindung (was ganz so aussah, als wenn sie
unbändige Zahnschmerzen hätte); ihr Leib war mit
einem anderen Messingreif gegürtet, und jeder ihrer
Arme trug wieder einen anderen Messingreif, so daß
man ganz unverhohlen von ihr als von der
»Kesselpauke« redete. Der Edelknabe in den
Altvordernstiefeln war ein wetterwendischer
Schlingel; denn er zeigte sich, gleichsam in einem
Atem, als befahrener Seemann, wandernder
Schauspieler, Totengräber, Geistlicher und bei
vorkommendem Wettfechten am königlichen Hofe
als eine Person von höchster Wichtigkeit, deren
geübtes Auge und scharfes
Unterscheidungsvermögen als erste Autorität bei
Hofe galten und zur Beurteilung der brillantesten
Stöße herangezogen wurden. Dies führte allmählich
zu einem Mangel an Duldung, unter dem der edle
Knabe zu leiden begann, und sogar -- zufolgedessen,
daß man ihn bei Verrichtung gottesdienstlicher
Handlungen erwischte und er sich anderseits
weigerte, die Beerdigungszeremonien zu vollziehen
-- zu allgemeiner Entrüstung, die sich in Form von
faulen Äpfeln zum Ausdruck brachte. Schließlich
fiel Ophelia einem so langweiligen musikalischen
Wahnsinn als Beute anheim, daß, als sie sich mit der
Zeit ihrer weißen Musselin-Schärpe entledigt, sie
zusammengelegt und begraben hatte, ein
duckmäuserischer Mensch, der seine ungeduldige
Nase lange an einem Eisenstabe in der vorderen
Reihe der Galerie gekühlt hatte, zwischen den
Zähnen knurrte: »Na, da die Jöhre nu' glücklich zu
Bett ist, wollen wir uns über unser Abendbrot
hermachen!« -- eine Rede, die, um sich aufs
bescheidenste auszudrücken, durchaus nicht zu der
Handlung paßte.
Auf meines unglückseligen Landsmanns Haupte
häuften sich alle diese Zwischenfälle mit komischer
Wirkung. Jedesmal wenn dieser unschlüssige Prinz
eine Frage zu stellen oder einen Zweifel zu äußern
hatte, kam ihm das Publikum dabei zu Hilfe. Zum
Beispiel so: Bei der Frage: ›Ob's edler im Gemüt, die
Pfeil' und Schleudern des wütenden Geschicks
erdulden‹ brüllte jemand »ja« und jemand »nein«,
und jemand, der zu beiden Ansichten neigte, rief:
»muß drum gelost werden!« und alsbald machte die
Gesellschaft eine förmliche Streitfrage daraus. Als
er fragte: ›Wozu sollten solche Gesellen wie er
zwischen Himmel und Erde herumkriechen‹, wurde
er mit lautem Rufen: »Hört! hört!« ermuntert. Als
er mit unordentlichem Strumpfe am Bein erschien
(die Unordnung desselben kam gebrauchs- und
gewohnheitsmäßig zum Ausdruck durch eine
einzige, sehr zierliche Falte am Oberteil, die meiner
Vermutung nach immer mit einem Bügeleisen
erreicht wird), hub auf der Galerie eine
Unterhaltung an über die blasse Farbe seines Beins
und ob dieselbe durch den Schreck verursacht sei,
den ihm der Geist eingejagt habe. Als er die Flöten
zur Hand nahm -- ein Ding, das einer kleinen
schwarzen Kinderflöte täuschend ähnlich sah, die
aber im Orchester gespielt und ihm zur Tür
hereingereicht worden war --, forderte ihn alles wie
aus einem Munde auf, die Melodie: ›Herrsche
Britannien!‹ zu dudeln. Als er dem Schauspieler ans
Herz gelegt hatte, die Luft nicht zu zersägen, sagte
der duckmäuserische Mensch: »Und tut Ihr das nur
auch nicht; Ihr seid ja weit schlimmer als er!« Und
mit Betrübnis setze ich hinzu, daß schallendes
Gelächter bei jeder von diesen Gelegenheiten Herrn
Wopsle begrüßte.
Aber die schwersten Prüfungen hatte er auf dem
Kirchhofe zu bestehen, der das Aussehen eines
Urwalds zeigte, auf dessen einer Seite ein Ding
stand, das eine Art von kleinem kirchlichen
Waschhause darstellte, und auf der anderen Seite
ein Schlagbaum. Als man Herrn Wopsle in einem
weiten schwarzen Mantel durch den Schlagbaum
schreiten sah, wurde dem Totengräber die
freundliche Warnung gespendet: »Achtung! da
kommt der Leichenbitter, um zu kontrollieren, wie
weit Ihr mit Eurer Arbeit seid!« Ich glaube, in
einem konstitutionellen Lande weiß man recht gut,
daß Herr Wopsle unmöglich den Schädel, nachdem
er über ihn sittenverbessernde Betrachtungen
angestellt hatte, wieder hätte hinlegen können, ohne
sich die Finger an einem weißen Tischtuch vom
Staub zu reinigen, das er aus seiner Brust
hervorzog. Aber selbst diese harmlose und
unerläßliche Handlung ging ihm nicht hin, ohne daß
die Bemerkung »Kell-n-e-er!« hörbar wurde. Die
Ankunft der Leiche in einer leeren schwarzen Kiste,
deren Deckel aufklappte, zum Zwecke der
Beerdigung war das Zeichen zu einem allgemeinen
Hallo, der durch die Entdeckung noch wesentlich
verstärkt wurde, daß unter den Trägern die
Anwesenheit einer sehr unliebsamen Persönlichkeit
festgestellt wurde. Der Hallo begleitete Herrn
Wopsle durch seinen Zweikampf mit Laertes
zwischen Orchester und Grabesrand und hörte nicht
eher auf, als bis er den König vom Küchentisch
heruntergestoßen hatte und von den Knöcheln
herauf zollweis zu seinen Vätern eingegangen war.
Wir hatten zu Anfang einige matte Versuche
gemacht, Herrn Wopsle Beifall zu klatschen;
dieselben waren aber zu aussichtslos, als daß wir bei
ihnen hätten beharren sollen. Darum hatten wir,
von lebhaften Empfindungen für ihn erfüllt, wenn
wir auch nichtsdestoweniger übers ganze Gesicht
lachten, still dagesessen. Ich lachte die ganze Zeit
ohne Aufhören und ohne mich des Lachens
erwehren zu können: die ganze Geschichte war gar
so spaßig; und doch hatte ich einen unklaren
Eindruck, daß in dem Vortrag des Herrn Wopsle
etwas entschieden Vornehmes lag -- nicht auf Grund
von alten Beziehungen, fürchte ich, sondern weil
seine Rede sehr langsam und traurig gesprochen
wurde, in starkem Maße bergauf und bergab stieg
und gar keine Ähnlichkeit hatte mit irgendwelcher
Weise, in der sich irgendwelcher Mensch in
irgendwelchen natürlichen Lebens- und
Sterbensverhältnissen über irgendwas jemals
ausdrücken würde.
Als die Tragödie zu Ende und der Darsteller
herausgerufen und ausgepfiffen worden war, sagte
ich zu Herbert:
»Laß uns auf der Stelle gehen! Sonst könnten wir
ihm am Ende begegnen!«
Wir rannten, so geschwind wir konnten, die
Treppe hinunter, waren indessen beide nicht flink
genug. In der Tür stand ein jüdischer Mann mit
einem unnatürlich starken Augenbrauenstreifen,
der mich ins Auge faßte, als wir vorwärts eilten, und
mir, als wir an ihm vorbeiwollten, die Frage stellte:
»Herr Pip und Freund?«
Worauf wir uns als die vermuteten
Persönlichkeiten zu erkennen gaben.
»Herr Waldengarver«, sagte der Mann, »würde
erfreut sein, die Ehre zu haben.«
»Waldengarver?« wiederholte ich -- als mir
Herbert ins Ohr flüsterte: »Wahrscheinlich
Wopsle.«
»Oh!« sagte ich. »Ja ja doch. Sollen wir Ihnen
folgen?«
»Ein paar Schritte, wenn's gefällig ist.«
Als wir in einen Seitengang getreten waren,
drehte er sich um und fragte: »Wie sah er aus? Was
meinen Sie? -- Ich habe ihn angezogen.«
Ich weiß nicht, wie mir sein Aussehen
vorgekommen war und womit ich es hätte
vergleichen sollen, ausgenommen mit einem
Leichenbegängnis, zu dem die schickliche
Ergänzung durch eine große, ihm an einem blauen
Bande um den Hals baumelnde dänische Sonne oder
einen dito Stern geliefert wurde, was ihm des
weiteren das Aussehen gegeben hatte, als sei er bei
irgendeiner, aus den gewöhnlichen Bahnen
herausschlagenden Feuerversicherung versichert.
Indessen antwortete ich, daß er sehr stattlich
ausgesehen hätte.
»Als er zum Grabe trat«, sagte unser Führer,
»trug er seinen Mantel gar schön zur Schau. Aber
von den Kulissen aus beurteilt, kam es mir vor, als
wenn er beim Ansichtigwerden des Gespensts in
dem Gemache der Königin mit seinen Strümpfen
mehr hätte hermachen müssen.«
Ich gab ihm bescheiden recht, und wir stolperten
nun allesamt durch eine kleine, schmutzige
Klapptür in eine Art von heißer Packkammer
hinein, die sich unmittelbar dahinter befand. Hier
entledigte sich Herr Wopsle seiner dänischen
Gewandung, und uns blieb dadurch, daß wir die Tür
oder den Deckel der Packkiste weit offenhielten,
gerade noch Raum genug, ihm einer über die
Schulter des anderen bei dieser Beschäftigung
zuzusehen.
»Meine Herren«, sprach Herr Wopsle, »es erfüllt
mich mit Stolz, Sie zu sehen. Ich hoffe, Sie werden
entschuldigen, Herr Pip, daß ich zu Ihnen
herumgeschickt habe. Mir war das Glück
beschieden, in früherer Zeit mit Ihnen bekannt zu
sein, und das Drama hat immer ein Anrecht
besessen, das auf seiten der Edlen und
Wohlhabenden immer Anerkennung gefunden hat.«
Unterdessen war Herr Waldengarver beflissen,
im Zustande ganz erschrecklichen Schwitzens, sich
von seinen prinzlichen Sandalen zu befreien.
»Streifen Sie die Strümpfe von den Beinen, Herr
Waldengarver«, sagte der Eigentümer dieser
Gegenstände, »sonst zerreißen Sie sie mir noch.
Reißen sie Ihnen, dann reißen Ihnen fünfundvierzig
Shillinge aus. Shakespeare ward niemals mit einem
vornehmeren Paare beglückt. Verhalten Sie sich
nur ruhig in Ihrem Stuhle und lassen Sie mich Ihnen
die Dinger ausziehen.«
Hierbei ließ er sich auf ein Knie nieder und fing
nun an, sein Opfer zu schinden, das ganz sicher, als
der erste Strumpf vom Beine heruntergelangte,
mitsamt seinem Stuhle hintenübergestürzt sein
würde, wenn überhaupt Platz zum Fallen dagewesen
wäre.
Ich hatte mich bis dahin gefürchtet, irgendein
Wort über das Spiel zu sagen. Aber jetzt sah Herr
Waldengarver auf und uns an und sagte:
»Meine Herren, wie schien es sich Ihnen, von
Ihrem Vorderplatz aus gesehen, zu machen?«
Herbert rief von hinten vor, während er mir zur
selben Zeit einen tüchtigen Puff gab: »Ganz famos.«
Und deshalb sagte auch ich: »Ganz famos.«
»Wie hat Ihnen mein Vortrag der Rolle gefallen,
meine Herren?« sagte Herr Waldengarver mit wenn
nicht wirklich, so doch beinah vorhandener
Gönnermiene.
Herbert sagte, mir wieder einen Puff versetzend,
von hinten hervor: »Streng abgeschlossen und
scharf angemessen.« Darum sagte auch ich keck, als
wäre die Rede auf meinem eigenen Boden
gewachsen und als müßte ich ihr zur Geltung
verhelfen: »Streng abgeschlossen und scharf
angemessen.«
»Ich freue mich, Ihren Beifall zu besitzen, meine
Herren«, sagte Herr Waldengarver mit einem
Wesen voll Würde, trotzdem er gerade in diesem
Augenblick gegen die Wand gequetscht wurde und
Mühe hatte, sich auf dem Sitze des Stuhles zu
halten.
»Aber eins will ich Ihnen sagen, Herr
Waldengarver«, sagte der Mann, der auf den Knien
lag, »worin Sie mit Ihrem Vortrag aus der Rolle
fallen. Passen Sie auf! Wenn jemand sich gegenteilig
äußert, so ist mir das sehr gleichgültig; ich sage es
Ihnen nun einmal so. Sie fallen aus Ihrer Hamlet-
Rolle, wenn Sie Ihre Beine in Profil setzen. Der
letzte Hamlet, den ich kostümiert habe, machte die
nämlichen Schnitzer beim Vortrag der Rolle in der
Probe und kam nicht eher drüber weg, als bis ich
ihm auf jedes Schienenbein eine große rote Oblate
gelegt hatte, und dann bin ich bei der Probe (die die
letzte war) vor die Rampe getreten, mein Herr,
direkt hinter den Souffleur, und jedesmal, wenn ihn
seine Rolle in Profilstellung brachte, habe ich
gerufen: ›Ich sehe nichts von den Oblaten!‹ Und
abends fiel seine Rolle dann großartig aus!«
Herr Waldengarver lächelte mir zu, wie wenn er
sagen wollte: »Ein getreuer Diener -- über seiner
Albernheit drücke ich ein Auge zu« --, und laut
sagte er sodann: »Meine Auffassung ist
einigermaßen klassisch und ein bißchen zu tief
durchdacht für Leute wie diese hier; aber ihre
Bildung wird Fortschritte machen -- wird
Fortschritte machen!«
Herbert und ich sagten zusammen: »O!
Zweifelsohne wird ihre Bildung Fortschritte
machen!«
»Haben Sie bemerkt, meine Herren«, sagte Herr
Waldengarver, »daß auf der Galerie ein Mensch
anwesend war, der den Gottesdienst -- die
Vorstellung, wollte ich sagen -- mit Hohn zu
überschütten beflissen war?«
Wir erwiderten knechtischer Gesinnung, daß wir
einen solchen Menschen auch zu bemerken gemeint
hätten. Ich setzte hinzu: »Ohne Zweifel war er
betrunken.«
»O du meine Güte nein, mein Herr«, sagte Herr
Wopsle; »betrunken nicht. Darauf würde sein
Brotherr wohl sehen, mein Herr. Sich zu betrinken
würde ihm sein Brotherr nicht gestatten.«
»Sie kennen also den Herrn, bei dem er in Brot
steht?« fragte ich.
Herr Wopsle machte die Augen zu und wieder
auf; bewirkte indes beide Zeremonien sehr langsam.
»Sie müssen einen Esel bemerkt haben, meine
Herren«, sagte er, »einen unwissenden, schreienden
Esel mit heiserer Kehle und einem Gesicht voll des
Ausdrucks niedriger Bosheit -- einen Esel, der,
sofern ich den französischen Ausdruck brauchen
darf, die rôle des Königs Claudius von Dänemark
durchpeitschte, denn ›durchführen‹ oder
›darstellen‹ will ich nicht sagen. Dies ist der Herr,
meine Herren, bei dem er in Brot steht. So geht's in
der Kunst!«
Ohne mir klar bewußt zu sein, ob mir Herr
Wopsle, wenn ich ihn in voller Verweiflung gesehen
hätte, mehr Herzeleid verursacht haben würde, tat
er mir doch schon in dem Zustande, in welchem er
sich befand, so von Herzen leid, daß ich, als er sich
umdrehte, um sich die Hosenträger zu befestigen --
wodurch wir nach der Tür zu gedrängt wurden --,
diese Gelegenheit ergriff, um an Herbert die Frage
zu richten, wie er darüber dächte, wenn wir ihn zum
Abendbrot mit nach Hause nähmen? Herbert sagte,
seiner Meinung nach wäre es sehr freundlich, so zu
verfahren. Daraufhin lud ich ihn ein, und er begab
sich, vermummt bis zu den Augen herauf, mit uns zu
Barnard's, wo wir uns nach bestem Vermögen um
ihn bemühten. Bis zwei Uhr morgens blieb er dort
sitzen, die ganze Zeit über Betrachtungen über
seinen Erfolg anstellend und mit Darlegung seiner
Pläne beschäftigt. Es ist mir aus dem Gedächtnis
gekommen, aus welchen Einzelheiten sich dieselben
zusammensetzten; aber im allgemeinen entsinne ich
mich, daß er den Anfang machen wollte mit einer
Wiederbelebung des Dramas und das Ende in einer
gänzlichen Zermalmung desselben erwartete:
insofern nämlich, als sein persönliches Ableben das
Drama nackt und bloß wie eine Kirchenmaus
zurücklassen und ihm jede weitere
Existenzmöglichkeit und Hoffnung abschneiden
würde.
In elender Verfassung begab ich mich schließlich
zu Bett, und kläglichen Herzens dachte ich an
Estella, träumte, daß meine Erwartungen samt und
sonders vernichtet wären und daß ich Herberts
Klara meine Hand zum ehelichen Bunde reichen
oder vor zwanzigtausend Menschen mit Fräulein
Havishams Geiste den Hamlet spielen müßte, ohne
von der Rolle zwanzig Worte zu kennen.
Zweiunddreißigstes Kapitel

Eines Tages saß ich mit Herrn Pocket über meinen


Büchern, als ich durch die Post ein Billett erhielt,
dessen Äußeres schon mich in eine große Erregung
versetzte; denn obgleich ich die Handschrift seiner
Adresse nie zuvor gesehen hatte, so erriet ich doch,
wem dieselbe angehörte. Das Billett war mit keiner
Anrede, wie etwa »Lieber Herr Pip« oder »Teurer
Pip« oder »Werter Herr« oder »Werter Sonstwas«
überschrieben, sondern lautete ohne weiteres so:
»Ich werde übermorgen mittag mit Postkutsche
nach London kommen. Es war, glaube ich,
abgemacht, daß Sie mich abholen sollten? Auf alle
Fälle meint Fräulein Havisham, es verhalte sich so,
und in Gemäßheit dessen schreibe ich in diesem
Sinne. Sie entbietet Ihnen ihren Gruß.
Ihre  
Estella.«
Wäre Zeit dazu gewesen, so würde ich mir
wahrscheinlich für diese Gelegenheit einige Anzüge
bestellt haben; da dies aber nicht der Fall war, sah
ich mich genötigt, mich mit denen zu genügen, die
ich besaß. Mein Appetit verflog im Nu, und ich fand
weder Frieden noch Ruhe, bis der Tag anbrach.
Nicht, daß mir der Anbruch desselben eins von
beiden gebracht hätte; im Gegenteil: mir wurde jetzt
schlimmer als je zuvor, und ehe noch die Post vom
»Blauen Eber« in unserer Stadt abgefahren sein
konnte, fing ich mich schon in der Nähe des
Posthofes, Cheapside, herumzutreiben an.
Trotzdem ich das recht gut wußte, hatte ich doch
immer die Empfindung, als ob es nicht geheuer sein
würde, den Posthof länger als fünf Minuten
hintereinander außer Sicht zu lassen; und in diesem
Zustande von Unvernunft hatte ich die erste halbe
Stunde einer vier- bis fünfstündigen Wache hinter
mir, als Herr Wemmick gegen mich gerannt kam.
»Holla, Herr Pip«, sagte er; »wie geht's denn?
Hätte kaum gedacht, daß hier Ihr Revier sein
könnte!«
Ich setzte auseinander, daß ich auf jemand zu
warten hätte, der mit der Landpost kommen wollte,
und erkundigte mich sodann nach dem Schlosse
und dem Alten.
»Danke! Beide wohlauf!« sagte Wemmick,
»vornehmlich der Alte. Er steckt in wunderbarem
Gefieder. Wird am nächsten Geburtstag
zweiundachtzig. Habe halb und halb vor,
zweiundachtzig Schüsse bei dem Anlaß zu feuern,
sofern die Nachbarschaft sich nicht beschweren
und mein Böller den Pulverdruck aushalten sollte.
Das ist indes kein Londoner Klatsch. Wohin, meinen
Sie, bin ich unterwegs?«
»Nach der Post?« fragte ich, denn in dieser
Richtung lag sein Weg.
»Dicht dabei«, versetzte Wemmick -- »nach
Newgate gehe ich. Stecken gerade in einem
Bankdiebstahlsfalle. War auf dem Wege die Straße
hinunter, um mir vom Schauplatz der Handlung ein
Bild zu machen, und mußte zufolgedessen mit
unserem Klienten ein paar Worte reden.«
»Hat Ihr Klient den Raub verübt?« fragte ich.
»Du meine Zeit, nein!« gab Wemmick sehr
trocken zur Antwort. »Aber dessen beschuldigt ist
er worden. Gleiches könnte Ihnen oder mir
geschehen. Jeder von uns, wissen Sie, könnte
dessen angeklagt werden.«
»Bloß sind wir's nicht«, bemerkte ich -- »ich
nicht, und Sie nicht.«
»J--a!« sagte Wemmick, mir den Zeigefinger auf
die Brust setzend; »Sie haben's in sich, Herr Pip!
Haben's in sich! Hätten Sie nicht Lust, mal einen
Blick nach Newgate zu werfen? Haben Sie Zeit
übrig?«
Ich hatte soviel Zeit übrig, daß mir der Vorschlag,
trotzdem er sich mit meinem verborgenen
Wunsche, den Posthof nicht aus dem Auge zu
lassen, nicht recht vertrug, halb und halb wie eine
Erlösung vorkam. Brummend, daß ich fragen
wollte, ob ich noch Zeit hätte, den Gang mit ihm zu
machen, begab ich mich ins Postamt und
vergewisserte mich bei dem Postschreiber aufs
genaueste und stark auf die Gefahr hin, ihn
verdrießlich zu stimmen, über die Zeit, zu welcher
die Kutsche frühestens zu erwarten sein dürfte --
eine Sache, die ich vordem ganz ebensogut wußte
wie er. Ich verfügte mich sodann wieder zu Herrn
Wemmick und erklärte mich, indem ich so tat, als
zöge ich meine Uhr zu Rate und sei über die
erhaltene Auskunft höchlich überrascht, zur
Annahme seines Vorschlags bereit.
Binnen wenigen Minuten waren wir in Newgate
und gingen durch das Portal, wo zwischen den
Maueranschlägen mit der Gefängnisordnung
verschiedene Ketten und Fesseln aufgehängt waren,
an der Türhüter-Loge vorbei in das Innere des
Gefängnisses. Damals befanden sich die Kerker im
Zustande starker Vernachlässigung, und der
Zeitraum übertriebener Reaktion, die Folge aller
öffentlichen Missetat -- und allezeit ihre schwerste
und längste Strafe --, lag noch im weiten Felde. So
waren denn damals Verbrecher nicht besser
quartiert und hatten keine bessere Beköstigung als
Soldaten (vom armen Volk gar nicht zu reden) und
steckten selten ihre Gefängnisse in Brand in der
entschuldbaren Absicht, ihrer Suppe besseren
Geschmack zu geben. Es war die für Besuche
vorgeschriebene Zeit, als Wemmick mich mit
hineinnahm; ein Bierfahrer machte die Runde mit
Bier; die Gefangenen, die auf den Höfen hinter
Gitterstäben steckten, kauften sich Bier und
schwatzten mit Bekannten oder Freunden. Es war
eine lärmende, garstige, liederliche, kleinmütig
stimmende Szene.
Es machte den Eindruck auf mich, als wenn
Wemmick unter den Gefangenen ganz ebenso
herumwandelte, wie ein Gärtner zwischen seinen
Pflanzen wandeln möchte. Der Gedanke schoß mir
zuerst in den Sinn, als er eines in der Nacht
eingelangten Schößlings ansichtig wurde und zu
demselben sagte: »Ei, ei, Kapitän Tom! Sind Sie
hier? Na wahrhaftig!« und ebenso: »Ist das dort
hinterm Brunnen der Schwarze Wilm? Na, das muß
ich sagen: vor acht Wochen hatte ich hier nicht auf
Euch gerechnet. Was macht Ihr denn?« Desgleichen
pflegte Wemmick an den Gittern stehenzubleiben
und auf solche Gefangene zu warten, die ängstlich
und unruhig flüsterten -- was jeder immer allein für
sich tat --, und die sah er dann, solange die
Unterredung dauerte, an, ohne daß sich sein
Briefkasten aus seinem unbeweglichen Zustande
verirrte, ganz so, wie wenn er sie besonders in bezug
auf den Fortschritt prüfen wollte, den sie, seit er sie
zuletzt beobachtet, gemacht hätten, um in voller
Frische bei ihrer Prozeßverhandlung zu erscheinen.
Er war in hohem Maße beliebt, und ich machte
die Beobachtung, daß er von Herrn Jaggers'
Geschäften denjenigen Teil auf sich nahm, der sich
als »der familiäre Zweig« bezeichnen ließ -- wenn
ihm auch vom Wesen des Herrn Jaggers ein
gewisses Etwas anhaftete, das ihm nicht gestattete,
über gewisse Grenzen der Annäherung
hinauszugehen. Die persönliche Bekanntschaft, die
er der Reihe nach mit allen Klienten hatte, kam
durch ein Nicken zum Ausdruck oder dadurch, daß
er den Hut mit beiden Händen ein bißchen schiefer
auf dem Kopfe rückte und dann das Postbüro unter
festeren Verschluß legte und mit beiden Händen in
die Taschen fuhr. In einigen Fällen erhoben sich
Schwierigkeiten in betreff der Gebührenerhebung,
und da retirierte dann Herr Wemmick so weit wie
möglich von dem unzureichenden Betrage, der ihm
durch das Gitter gereicht werden sollte, und sagte:
»Es hat keinen Zweck, mein Junge. Ich bin bloß
ein Untergebener. Das kann ich nicht nehmen.
Springen Sie nicht so um mit einem Untergebenen!
Wenn Sie außerstande sind, Ihren Gebührensatz
aufzubringen, mein Junge, dann täten Sie doch
besser, sich an jemand zu wenden, der sein eigener
Herr ist. Solcher eigener Herren in diesem Berufe
gibt's ja die Menge, das wissen Sie doch, und was
dem einen nicht der Mühe wert scheinen mag, das
mag dem anderen der Mühe wert scheinen. Das ist
das, was ich Euch von meinem Standpunkt eines
Untergebenen aus empfehlen kann. Versucht's
nicht erst mit nutzlosen Maßregeln. Wozu denn
auch? Na, wer kommt denn nun an die Reihe?«
Auf solche Weise schritten wir durch Wemmicks
Treibhaus, bis er sich nach mir herumdrehte mit
den Worten:
»Sehen Sie sich den Mann genau an, mit dem ich
einen Händedruck wechseln werde.«
Auch ohne diesen Wink würde ich das getan
haben, weil er bisher noch mit keinem einzigen
einen Händedruck gewechselt hatte.
Noch hatte er kaum ausgeredet, als ein stattlicher
Mann in kerzengerader Haltung (der mir noch vor
Augen steht, während ich dies niederschreibe) in
einem stark abgetragenen olivenfarbenen
Schoßrock mit einer merkwürdigen, gleichsam über
die Röte gelegten Blässe im Gesicht und mit Augen,
die auf die Wanderschaft gingen, wenn er sie auf
einen bestimmten Gegenstand zu heften versuchte -
- an einen Winkel des Eisengitters herantrat und mit
halb ernsthaft gemeintem, halb burschikosem
militärischen Gruße die Hand an den Hut legte, der
eine fettige, schmierige Oberfläche hatte, die an
geronnene Fleischbrühe erinnerte.
»Na, Colonel, Ihr Diener!« sagte Wemmick; »wie
steht's mit dem Befinden, Colonel?«
»Alles im Schusse, Herr Wemmick.«
»Was gemacht werden konnte, wurde gemacht;
aber der Augenschein war gar zu kräftig gegen uns,
Colonel!«
»Ja! Zu kräftig war er, mein Herr -- aber mir
macht das nichts aus.«
»Nein, nein«, sagte Wemmick kalt, »Ihnen macht
das nichts aus.« Dann wendete er sich zu mir:
»Seiner Majestät gedient, der Mann da. Ist Soldat in
der Armee gewesen und hat sich losgekauft.«
»Wirklich?« sagte ich -- und die Augen des
Mannes richteten sich auf mich und dann über
meinen Kopf hinweg und dann rings um mich
herum, und dann fuhr er sich mit der Hand über die
Lippen und lachte.
»Am Montag, mein Herr, denke ich
hinauszukommen«, sagte er zu Wemmick.
»Vielleicht«, erwiderte mein Freund; »aber
bekannt ist nichts.«
»Ich freue mich über den glücklichen Zufall,
Ihnen Adieu sagen zu können, Herr Wemmick«,
sagte der Mann, seine Hand zwischen zwei Stäben
hervorsteckend.
»Danke, danke«, sagte Wemmick, ihm die Hand
drückend. »Freue mich ebenfalls, Colonel.«
»Wäre das, was ich an mir hatte, als ich verhaftet
wurde, echt gewesen, Herr Wemmick«, sagte der
Mann, der die Hand des anderen offenbar nicht
gern losließ, »so würde ich Sie, in Anerkennung
Ihrer mir erwiesenen Aufmerksamkeiten, um die
Freundschaft ersucht haben, noch einen Ring zu
tragen.« 
»Will's für geschehen annehmen«, sagte
Wemmick. »Nebenbei gesagt -- Sie waren doch
Taubenliebhaber?« Der Mann lenkte den Blick
seiner Augen zum Himmel hinauf. »Habe gehört,
Sie hätten eine bemerkenswerte Tummler-Zucht
besessen. Könnten Sie nicht den einen oder anderen
von Ihren Freunden beauftragen, mir ein Paar zu
bringen, für den Fall, daß Sie keine Verwendung für
sie mehr haben sollten?«
»Soll geschehen, mein Herr.«
»Na gut«, sagte Wemmick, »in guter Pflege sollen
die Tierchen gehalten werden. Wünsche guten
Nachmittag, Colonel. Adieu!« Sie wechselten einen
abermaligen Händedruck; und als wir hierauf
weitergingen, sagte Wemmick zu mir: »Ein
Falschmünzer; sehr guter Arbeiter! 's ist heut vom
Sekretariat Rapport gekommen: der Mann wird am
Montag ganz sicher an den Galgen geknüpft.
Dennoch, wissen Sie, mag's sein und werden wie's
will, sind ein Paar Tauben doch immerhin tragbares
Besitztum.«
Dabei sah er nach hinten und nickte seiner toten
Pflanze zu, und dann warf er, den Fuß aus dem Hofe
hinaussetzend, die Blicke um sich, als ginge er mit
sich zu Rate, welchen anderen Topf er am besten an
seine Stelle setzen würde.
Als wir an der Türhüter-Loge zum Gefängnis
wieder hinausgingen, machte ich die
Wahrnehmung, daß die hohe Wichtigkeit meines
Vormunds von den Schließern nicht weniger
gewürdigt wurde als von denen, die durch sie unter
Schloß und Riegel gehalten wurden.
»Na, Herr Wemmick«, sagte der Schließer, der
uns zwischen den beiden mit Nägeln beschlagenen
und durch Eisenstäbe geschützten Toren in den
Weg trat und fürsorglich das eine zuschloß, ehe er
das andere aufschloß; »was gedenkt denn Herr
Jaggers mit dem Morde am Themse-Ufer
anzufangen? Gedenkt er's als Totschlag
hinzustellen, oder was hat er damit vor?«
»Warum fragen Sie denn ihn nicht?« erwiderte
Wemmick.
»Na ja doch! Werde mich schön hüten!« sagte der
Schließer.
»So treiben's die Leute hier, Herr Pip! So geht's
einem, Herr Pip«, bemerkte Wemmick, sich mit in
die Länge gezogenem Briefkasten an mich wendend
-- »was für Fragen sie an mich, den Untergebenen,
stellen, darum kümmern sie sich gar nicht; aber daß
sie meinen Prinzipal direkt nach etwas fragen,
darüber werden Sie keinen von der Sippe
erwischen.«
»Ist der junge Herr hier ein Lehrling aus Ihrer
Kanzlei oder ein Studiosus der
Rechtswissenschaft?« fragte der Schließer, über
Herrn Wemmicks launige Bemerkung grinsend.
»Da er ist schon wieder im Zuge, seh'n Sie!« rief
Wemmick. »Hab's Ihnen ja gesagt! Stellt schon eine
andere Frage an den Untergebenen, bevor noch die
erste erledigt ist! Nun, angenommen, Herr Pip wäre
so etwas!«
»Na, dann«, sagte der Schließer, wiederum
grinsend, »weiß er, was mit Herrn Jaggers los ist.«
»J--ah!« rief Wemmick, der plötzlich in
neckischer Weise nach dem Schließer ausholte --
»wenn Sie mit meinem Prinzipal was vorhaben,
dann sind Sie so stumm wie einer von Ihren
Schlüsseln. Das wissen Sie, daß sich's mit Ihnen so
verhält, und nicht anders. Lassen Sie uns hinaus, Sie
alter Fuchs, oder ich strenge eine Klage gegen Sie an
auf widerrechtliche Einsperrung unserer beiden
Persönlichkeiten.«
Der Schließer lachte und bot uns einen guten Tag
und stand noch, hinter uns her lachend, hinter den
Eisenstäben des Gatters, als wir die Stufen nach der
Straße hinunterstiegen.
»Lassen Sie sich's gesagt sein, Herr Pip«, sagte
Wemmick mir ernst ins Ohr und nahm mich, um
vertraulicher zu sein, unter den Arm; »ich wüßte
nicht, daß Herr Jaggers irgend etwas Gescheiteres
täte, als sich so erhaben über die Sippe zu stellen. Er
hält sich immer in solcher Höhe. Und seine hohe
Stellung entspricht ganz und gar seinen riesigen
Talenten. Der Colonel, bei dem wir eben waren,
riskiert's nicht mehr, sich von ihm zu
verabschieden, als der Schließer es riskieren würde,
ihn über die Absichten auszufragen, die er mit
diesem oder jenem Fall vorhat. Dann schiebt er,
sehen Sie, zwischen seine hohe Stellung und die
Sippe seinen Untergebenen -- und so hat er sie, mit
Haut und Haaren.«
Die Pfiffigkeit meines Vormunds machte, und
zwar nicht zum ersten Male, sehr starken Eindruck
auf mich. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so
wünschte ich, und zwar ebenfalls nicht zum ersten
Male, von ganzem Herzen, daß mir irgendwelcher
andere Vormund mit schwächerem Talent beschert
worden wäre.
Herr Wemmick schied an der Kanzlei in Little
Britain von mir, wo wie gewöhnlich Leute
umherlungerten, die des Herrn Jaggers'
Aufmerksamkeit auf sich zu heften verlangten; und
ich kehrte auf meinen Wachtposten in der Straße
zurück, wo sich das Postbüro befand. Ich hatte
noch immer drei ganze Stunden vor mir und
verbrachte diese Zeit mit Grübeleien darüber, wie
seltsam es doch wäre, daß sich dieser ganze
Schmutz von Kerlen und Verbrechern mir an die
Fersen heftete; daß ich demselben in meiner
Kindheit draußen auf unseren einsamen Marschen
zuerst an einem Winterabend begegnen mußte; daß
er bei zweierlei Gelegenheiten wieder zum
Vorschein kommen mußte, an die Oberfläche
hervordringend wie ein Flecken, der verblichen,
aber nicht verschwunden war; daß er sich jetzt auf
diese neue Art und Weise in mein Glück und
Vorwärtskommen hineindrängen sollte. Während
mein Geist also beschäftigt war, gedachte ich der
schönen, jugendlichen Estella, dieses stolzen
Mädchens mit dem feinen, geläuterten Wesen, die
im Begriff stand, zu mir zu kommen, und dachte mit
maßlosem Abscheu des Gegensatzes, der zwischen
dem Kerker und ihr bestand. Ich wünschte, daß
Wemmick mich nicht getroffen hätte oder daß ich
ihm doch wenigstens nicht gefolgt und mit ihm
gegangen wäre, damit wenigstens an diesem einen
von allen Tagen im Jahr mir nicht die Luft von
Newgate den Atem vergiftete, sich mir nicht an die
Kleider gehängt hätte. Ich stampfte den
Gefängnisstaub von meinen Füßen, während ich auf
und nieder schlenderte, schüttelte ihn von meinen
Kleidern und hauchte seine Luft aus meinen
Lungen. So grenzenlos besudelt kam ich mir vor,
wenn ich derer gedachte, die zu kommen willens
war, daß die Postkutsche schließlich sehr flink kam
und ich von dem befleckenden Bewußtsein, in
Herrn Wemmicks Treibhaus geweilt zu haben, noch
immer nicht frei war, als ich ihr Gesicht am
Kutschfenster sah und ihre Hand mir zuwinkte.
Welcher namenlose Schatten ist es wohl gewesen,
der in diesem einen Augenblicke wiederum
vorbeigehuscht war?
Dreiunddreißigstes Kapitel

In ihrem pelzverbrämten Reisekleide erschien


Estella von weit zarterer Schönheit noch, als sie
selbst meinen Augen jemals zuvor erschienen war.
Ihr Benehmen war gewinnender, als sie sich vordem
gegen mich zu zeigen beflissen gewesen war, und ich
meinte, in dieser Wandlung den Einfluß erblicken
zu sollen, den Fräulein Havisham ausgeübt hatte.
Wir standen im Hofe des Gasthauses, während sie
mir ihr Gepäck zeigte -- und als es beisammenlag, da
fiel mir ein, denn ich hatte inzwischen alles, außer
ihr selbst, vergessen, daß mir von dem Ziel ihrer
Reise nichts bekannt sei.
»Ich reise nach Richmond«, sagte sie mir.
»Unsere Lektion heißt, daß es zwei Richmonds gibt,
eins in Surrey und eins in Yorkshire, und daß mein
Richmond das in Surrey gelegene ist. Die
Entfernung beträgt zehn Meilen. Ich soll einen
Wagen nehmen, und Sie sollen mit mir mitfahren.
O! Sie müssen schon die Börse nehmen. Wir haben
keine Wahl, Sie und ich, als den Weisungen zu
gehorchen, die uns gegeben worden sind. Nach
unserem eigenen Sinn zu handeln, besitzen wir
keine Freiheit, Sie und ich!«
Da sie, als sie mir die Börse in die Hand gab, den
Blick auf mich richtete, hoffte ich, es läge in ihren
Worten noch ein innerer Sinn. Sie sprach die Worte
leichthin, aber nicht mit Unbehagen.
»Es wird nötig sein, nach einem Wagen zu
schicken, Estella. Wollen Sie ein Weilchen hier
ausruhen?«
»Ja, ich soll ein Weilchen hier rasten und soll ein
bißchen Tee trinken, und Sie sollen in der Zeit sich
um mich bemühen.«
Sie zog, als ob es so geschehen müsse, ihren Arm
durch den meinen, und ich forderte einen Kellner
auf (der die ganze Zeit über die Kutsche angegafft
hatte wie ein Mensch, dem ein solches Ding im
ganzen Leben noch nicht vor die Augen gekommen
ist), uns in ein Privatzimmer zu führen. Darauf riß
er eine Serviette hervor, als wäre dieselbe ein
Zauberschlüssel, ohne den er den Weg die Treppe
hinauf zu finden nicht imstande sei, und geleitete
uns zu dem schwarzen Loche des Hauses hin, dessen
Mobiliar aus einem verkleinernden Spiegel (einem
in Anbetracht der Größenverhältnisse des Loches
völlig überflüssigen Ding), einer Sauciere, die voll
Anchovistunke war, und irgend jemands
Holzpantoffeln bestand. Zufolge des Einspruchs,
den ich gegen diesen Zufluchtsort erhoben, führte
er uns nach einem anderen Gelaß, woselbst eine
Speisetafel für dreißig Personen stand und im
Kaminrost ein angesengtes Blatt aus einem
Schreibhefte unter einem Scheffel Kohlenstaub lag.
Nachdem er auf diesen verglimmten Brand geblickt
und den Kopf geschüttelt hatte, nahm er meinen
Befehl entgegen, und da sich derselbe in den
bescheidenen Grenzen von »Ein bißchen Tee für die
Dame« bewegte, verließ er das Gelaß in einem sehr
gedrückten Gemütszustande.
Ich merkte, und dieses Gefühl ist noch jetzt bei
mir vorhanden, daß die Luft dieses Raumes durch
ihre starke Mischung von Stallduft mit
Suppengeruch einen hätte auf die Vermutung
bringen können, daß mit dem Kutschengeschäft
hier nicht sonderlich viel los sei und daß der
Unternehmer desselben die Pferde zum Zweck der
leiblichen Erfrischung des Unternehmers
eingesotten habe. Dennoch war der Raum, worin
Estella weilte, alles in allem für mich. Ich dachte bei
mir, daß ich mit ihr hier fürs ganze Leben hätte
glücklich sein können. (Dabei war ich, wie man
bemerkt, dort in dem Augenblicke ganz und gar
nicht glücklich und wußte das recht gut.)
»Wohin begeben Sie sich in Richmond?« fragte
ich Estella.
»Ich werde dort«, sagte sie, »für ein schweres
Stück Geld bei einer Dame wohnen, welche die
Macht hat, oder wenigstens so sagt, mich überall
mit hinzuführen und vorzustellen und mit Leuten
bekannt zu machen und Leute mit mir bekannt zu
machen.«
»Ich nehme an, daß Sie sich über Abwechselung
und darüber, daß Sie Bewunderung ernten, freuen
werden?«
»Ja, ich nehme das auch an.«
Sie antwortete so achtlos und gleichgültig, daß ich
sagte:
»Sie sprechen von sich selbst, als wenn Sie
jemand anders wären.«
»Woher haben Sie kennengelernt, wie ich von
anderen rede? Ei, ei!« sagte Estella, mit einem
köstlichen Lächeln, »Sie dürfen von mir nicht
erwarten, daß ich bei Ihnen in die Schule gehen
werde; ich muß doch so reden, wie mir's angeboren
ist. Was für einen Faden spinnen Sie mit Herrn
Pocket?«
»Ich wohne da ganz behaglich -- zum wenigsten« -
- es war mir zumute, als wenn ich mich einer
günstigen Gelegenheit verlustig gehen ließe.
»Zum wenigsten?« wiederholte Estella.
»So behaglich, wie ich sonstwo, fern von Ihnen,
leben könnte.«
»Sie alberner Mensch«, sagte Estella mit völliger
Gelassenheit -- »wie können Sie solch dummes Zeug
schwatzen? Ihr Freund, Herr Matthew ist, glaube
ich, seiner übrigen Familie um vieles voraus.«
»Allerdings um sehr vieles. Er ist niemands Feind
--«
»Setzen Sie nicht hinzu: außer sein eigener«, fiel
ihm Estella in die Rede, »denn diese Sorte von
Menschen hasse ich. Aber er ist, wie ich gehört
habe, wirklich uninteressiert und über kleinliche
Eifersucht und Bosheit erhaben?«
»Hierauf ja zu sagen habe ich ganz gewiß alle
Ursache.«
»Haben indes keinerlei Ursache, von den anderen
Mitgliedern seiner Familie gleiches zu sagen«, sagte
Estella, indem sie mir mit einem Gesichtsausdruck
zulächelte, der ernst und neckisch zugleich war;
»denn sie bestürmen Fräulein Havisham mit
Berichten und Andeutungen, die Ihnen zu keinem
Vorteil gereichen. Sie werden überwacht von ihnen,
in falsches Licht gestellt von ihnen; es werden Briefe
über Sie geschrieben (manchmal ohne daß die
Briefschreiber sich nennen); Sie sind den Leuten
Lebensplage und einzige Beschäftigung. Sie können
sich kaum den Haß vorstellen, den diese Leute
gegen Sie fühlen.«
»Hoffentlich tun sie mir keinen Schaden?« sagte
ich.
Anstatt zu antworten, brach Estella in Lachen aus.
Das war mir sehr eigentümlich, und ich sah sie
demzufolge mit erheblicher Betroffenheit an. Als sie
mit Lachen aufhörte -- und sie hatte nicht
schmachtend, sondern mit wirklichem Genuß
gelacht --, sagte ich in meiner, im Verkehr mit ihr
gewohnten, zaghaften Weise:
»Hoffentlich darf ich annehmen, daß es Sie nicht
belustigen würde, wenn man mir irgendwie Schaden
antäte?«
»Nein, nein, dessen dürfen Sie sich versichert
halten«, sagte Estella. »Sie dürfen es als gewiß
annehmen, daß ich darum lache, weil ihre Absicht
ihnen nicht gelingt. O! Wenn diese Leute bei
Fräulein Havisham sind: o! Die Pein und die Qual
anzusehen, die sie da ausstehen!«
Sie lachte wiederum, und selbst jetzt noch, als sie
mir gesagt hatte, weshalb sie lachte, war mir ihr
Lachen sehr merkwürdig, denn ich konnte nicht
daran zweifeln, daß es von Herzen kam; und doch
schien es mir, als sei seiner zuviel für den
vorliegenden Anlaß. Ich dachte, es müßte darunter
wirklich etwas mehr stecken, als ich wußte. Sie las
den Gedanken auf meinem Gesicht und gab darauf
Antwort.
»Es ist sogar auch für Sie nicht leicht«, sagte
Estella, »zu wissen, was für eine Genugtuung es mir
bereitet, diese Menschen abblitzen zu sehen, und
wie außerordentlich lebhaft es mich zum Lachen
stimmt, wenn sie lächerlich gemacht werden. Denn
Sie sind ja in diesem wunderlichen Hause nicht vom
kleinen Kinde an erzogen worden. Aber ich, ich
wurde dort erzogen, vom kleinen Kinde an erzogen.
Ihr bißchen Kinderverstand ist nicht durch diese
ewigen Ränke wider Sie, durch die Sie geduckt
wurden und aller Verteidigung bar und bloß waren,
Ränke, die gegen Sie geschmiedet wurden unter der
Maske von Mitgefühl und Mitleid und Gott weiß was
sonst noch, das sich mild und mildernd nennt -- Ihr
bißchen Kindesverstand, sage ich, ist dadurch nicht
geschärft worden. Wohl aber der meinige! Sie
haben Ihre runden Kindesaugen nicht schrittweis
weiter und weiter geöffnet, um dieses Trugbild von
Weib zu erkennen, das ihre Vorräte von
Herzensfrieden zusammenrechnet für die Zeit,
wenn sie in der Nacht aufwacht. -- Wohl aber ich!«
Jetzt war's Estella nicht mehr lächerlich zumute;
auch rief sie diese Erinnerungen nicht aus
irgendwelchem hohlen Orte herauf. Ich hätte nicht
für die Gesamtsumme meiner Erwartungen die
Ursache zu diesem Blicke sein mögen, den ihre
Augen jetzt zeigten.
»Zweierlei kann ich Ihnen sagen«, sagte Estella.
»Zum ersten können Sie sich, und wenn's
hundertmal in dem Sprichwort heißt, daß Tropfen
um Tropfen den Stein höhlt, darüber beruhigt
halten, daß die Leute Ihnen niemals -- und wenn sie
hundert Jahre bei der Arbeit wären -- bei Fräulein
Havisham irgendwie, sei's im großen oder im
kleinen, irgendwas am Zeuge flicken können. Zum
zweiten bin ich Ihnen verbunden, weil Sie die
Ursache sind, daß sich diese Leute umsonst soviel
zu tun und umsonst so gemein und niedrig machen.
Da haben Sie meine Hand darauf!«
Als sie mir nun mit neckischer Miene -- denn das
bißchen finstere Laune hatte kaum länger als eine
Sekunde gewährt -- die Hand reichte, da hielt ich sie
eine Weile lang und führte sie zu meinen Lippen.
»Sie alberner Mensch«, sagte Estella, »wollen Sie
sich denn gar nicht verwarnen lassen? Oder küssen
Sie mir die Hand in dem Geiste, in welchem ich Sie
einstmals mir die Wange küssen ließ?«
»Was für ein Geist war das?« fragte ich.
»Ich muß mich ein Weilchen besinnen. Ein Geist
der Verachtung gegen die Schmeichler und
Ränkeschmiede.«
»Wenn ich nun ja sage, darf ich die Wange dann
wieder küssen?«
»Die Frage hätten Sie stellen sollen, ehe Sie die
Hand berührten. Indessen, wenn's Ihnen so beliebt:
ja.«
Ich beugte mich nieder, und ihr ruhiges Antlitz
glich dem einer Bildsäule.
»Jetzt aber«, sagte Estella, im Nu hinweggleitend,
sobald ich ihre Wange berührt hatte -- »jetzt
müssen Sie schon dafür sorgen, daß ich ein bißchen
Tee bekomme, und mich dann nach Richmond
begleiten.«
Daß sie zurück in diesen Ton verfiel, als wenn
unsere Beziehungen uns nur aufgezwungen und wir
bloße Puppen wären: das bereitete mir Schmerz;
aber alles in unserem beiderseitigen Verkehr
bereitete mir Schmerz. Welchen Ton sie auch gegen
mich anschlagen mochte, trauen konnte ich ihm
nicht und Hoffnung setzen konnte ich auch nicht
auf ihn. Und doch beharrte ich dabei wider
Zutrauen und wider Hoffnung. Warum es an
tausendmal wiederholen? So war es immer.
Ich klingelte nach dem Tee, und der Kellner, der
mit seinem Zauberschlüssel wieder zum Vorschein
kam, brachte allmählich einiges Zubehör zum Tee,
der Ziffer nach an die fünfzig verschiedene Stücke,
aber von Tee noch immer keinen Schimmer. Ein
Teebrett, Unter- und Obertassen, Teller, Messer
und Gabeln (Vorlegemesser mit eingerechnet),
Löffel (von allerhand Sorten), Salzfäßchen, einen
weichen kleinen aufgebackenen Zwieback, mit
äußerster Sorgfalt unter einem großen Zinndeckel
eingesperrt; Moses im Schilf, bildlich dargestellt
durch ein winziges weiches Stückchen Butter in
einem Petersilien-Gebüsch; ein bleiches Brot mit
gepudertem Haupte; zwei »Druckabzüge« von den
Stäben des Küchenherds auf dreieckigen
Brotstücken; und endlich eine fette Familienurne:
mit welcher der Kellner hereintorkelte, dieweil sein
Angesicht den Ausdruck von Last und Leiden zeigte.
Nach einer längern Abwesenheit bei diesem
Stadium der Versorgung kam er endlich mit einem
Kästchen kostbaren Aussehens zurück, das kleine
Zweiglein enthielt. Diese tauchte ich nun in heißes
Wasser und förderte auf solche Art aus der
Gesamtheit dieser Zurüstungen eine einzige Tasse
von ich weiß nicht was für Gewächs für Estella
zutage.
Als die Rechnung bereinigt und der Kellner
bedacht, der Hausknecht nicht vergessen und das
Stubenmädchen in Berücksichtigung gezogen -- mit
einem Worte, das ganze Haus in eine verächtliche
und animose Stimmung hinein »getrinkgeldert« und
Estellas Börse stark erleichtert worden war --
stiegen wir wieder in unsere Postkutsche und
kutschierten weiter. Indem wir in Cheapside
einbogen und die Newgate Street hinaufrasselten,
befanden wir uns bald unter den Mauern, deren ich
mich so sehr schämte.
»Was für ein Bauwerk ist denn das?« fragte mich
Estella.
Ich tat erst dummerweise so, als käme es mir
nicht auf den ersten Blick bekannt vor; dann sagte
ich es ihr. Als sie es sich ansah und dann, das Wort
»Elende!« murmelnd, den Kopf wieder hereinzog,
hätte ich um alles in der Welt nicht eingestehen
wollen, daß ich dem Bauwerk kurz zuvor einen
Besuch gemacht hatte.
»Herr Jaggers«, sagte ich pfiffig, um die Rede auf
etwas anderes zu lenken, »steht in dem Rufe, mit
den Geheimnissen dieser unheimlichen Stätte
vertrauter zu sein als irgend jemand sonst in
London.«
»Ich glaube, vertrauter mit den Geheimnissen
jeder Stätte«, sagte Estella mit leiser Stimme.
»Sie waren, vermute ich, gewohnt, ihn oft zu
sehen?«
»Ich bin gewohnt gewesen, ihn in ungewissen
Zeiträumen zu sehen, seit ich denken kann. Aber ich
kenne ihn jetzt um keinen Deut besser als damals,
wo ich noch kaum deutlich sprechen konnte.
Welche Art von Erfahrung haben Sie mit ihm
gemacht? Kommen Sie vorwärts mit ihm?«
»Nachdem ich mich jetzt an seine mißtrauische
Weise gewöhnt habe«, sagte ich, »bin ich immer
ganz gut mit ihm ausgekommen.«
»Pflegen Sie engeren Vekehr mit ihm?«
»Ich habe bei ihm, und zwar in seiner
Privatwohnung, zu Mittag gespeist.«
»Ich bilde mir ein«, meinte Estella
zusammenschauernd: »das muß ein kurioses Haus
sein.«
»Ein kurioses Haus ist es.«
Selbst ihr gegenüber würde ich mich gehütet
haben, mich allzu frei und offen über meinen
Vormund zu äußern; doch würde ich, falls wir in
diesem Augenblick nicht gerade im hellen Gaslicht
gefahren wären, schließlich wohl so weit gegangen
sein, ihr eine Beschreibung von der Mahlzeit in der
Gerard Street zu geben. Es kam mir, solange der
Lichtglanz anhielt, unter dem Eindruck jener
unbeschreiblichen Empfindung, die ich schon zuvor
gehabt hatte, so vor, als ob alles hell leuchtete und
von Leben erfüllt sei; und als wir den Lichtschein
hinter uns hatten, war ich auf einige Augenblicke
noch so geblendet, als ob ich in den grellsten Blitz
hineingesehen hätte.
So verfielen wir auf eine andere Unterhaltung, die
sich in der Hauptsache um den Weg drehte, den wir
fuhren, und um die Frage, was für Stadtteile von
London diesseits und was für welche jenseits des
Weges, den wir fuhren, lagen. Die große Stadt wäre
ihr, sagte sie mir, so gut wie neu; denn sie wäre über
die nächste Umgebung des von Fräulein Havisham
bewohnten Hauses nie hinausgekommen, als bis sie
nach Frankreich gereist sei, und sei damals auf der
Hin- und Herreise durch London bloß
durchgefahren. Ich fragte sie, ob mein Vormund,
solange sie hierbliebe, in irgendwelcher Weise für
sie sorgen sollte? Hierauf sagte sie mit
nachdrücklicher Betonung: »Das verhüte Gott!«
und dann kein Wort mehr.
Es war mir unmöglich, mich der Wahrnehmung
zu verschließen, daß sie es sich angelegen sein ließ,
mich zu fesseln, daß sie sich bemühte, gewinnend zu
erscheinen, und mein Herz gewonnen haben würde,
selbst wenn diese Aufgabe Mühen erheischt hätte.
Dennoch machte mich diese Wahrnehmung um
keinen Deut glücklicher, da ich, auch wenn sie jenen
Ton, als würde über uns durch andere verfügt, nicht
angeschlagen hätte, doch die Empfindung gehabt
hätte, daß sie mein Herz in ihrer Hand hielte, weil
sie sich, solches zu wollen, vorgenommen hätte und
nicht, weil es ihr eine angenehme Empfindung
verursacht hätte, mein Herz zu zertreten und
beiseite zu werfen.
Als wir durch Hammersmith fuhren, zeigte ich
ihr, wo Herr Matthew Pocket wohnte, und sagte, es
wäre kein großer Weg dorthin von Richmond, und
ich würde sie hoffentlich zuweilen sehen.
»O ja! Sie sollen mich besuchen; sollen zu mir
kommen, sooft Sie es für angemessen erachten; es
soll in der Familie von Ihnen gesprochen werden; es
ist von Ihnen tatsächlich schon gesprochen
worden.«
Ich fragte, ob es eine große Haushaltung wäre, in
der sie als Mitglied aufgenommen werden sollte.
»Nein; bloß zwei Personen: Mutter und Tochter.
Die Mutter, glaube ich, ist eine Dame von einigem
Rang in der Gesellschaft, wiewohl einer Mehrung
ihres Einkommens nicht abhold.«
»Es wundert mich, daß Fräulein Havisham sich so
rasch wieder von Ihnen hat trennen können.«
»Es hängt mit den Plänen zusammen, die Fräulein
Havisham mit mir vorhat, Pip«, sagte Estella, indem
sie wie infolge von Abspannung seufzte; »ich soll ihr
fortwährend schreiben und soll sie regelmäßig
besuchen und ihr Bericht über mein -- und meiner
Kleinodien Befinden machen, denn die gehören mir
jetzt fast alle.«
Es war das allererstemal, daß sie mich bei meinem
Namen genannt hatte. Natürlich tat sie es mit
Absicht und wußte, daß ich solches in meinem
Herzen aufspeichern würde.
Wir kamen viel zu früh in Richmond an, und
unser Bestimmungsort dort war ein Haus an dem
freien grünen Platze: ein ehrbares altes Haus, wo
Reifröcke und Puder und Schönpflästerchen,
gestickte Röcke, gefältelte Strümpfe, Spitzen und
Degen manch liebes Mal ihre Galatage gehalten
hatten. Ein paar alte Bäume vor dem Hause waren
noch jetzt zu so steifen und unnatürlichen Mustern
geschnitten, wie sie die Reifröcke und Perücken
und steifen Röcke darstellten; aber die ihnen in der
großen Prozession des Todes angewiesenen Plätze
waren nicht mehr fern, und sie sollten bald zu ihnen
gelangen und die stumme Bahn der übrigen
betreten.
Eine Klingel mit alter Stimme -- die, wie ich
hersetzen darf, ihrer Zeit dem Hause oft gekündet
hatte: Da ist der grüne Reifrock! Da ist das Schwert
mit dem diamantenen Griffe! Da sind die Schuhe
mit roten Hacken und dem blauen Solitär! -- ertönte
ernst und gewichtig im Mondschein, und zwei
frischwangige Mädchen kamen herausgehüpft,
Estella zu empfangen. Der Torweg verschlang bald
ihre Schachteln, und sie reichte mir die Hand und
schenkte mir ein Lächeln und sagte gute Nacht, und
ward alsbald in gleicher Weise verschlungen. Und
noch immer stand ich und betrachtete das Haus,
von dem Gedanken beherrscht, wie glücklich ich
sein würde, wenn ich dort mit ihr wohnte, dieweil
ich doch wußte, daß ich niemals mit ihr glücklich,
sondern immer nur elend wäre.
Ich stieg in den Wagen, um mich nach
Hammersmith zurückfahren zu lassen, und stieg
hinein mit häßlichem Herzweh, und stieg heraus mit
noch häßlicherem Herzweh. Vor unserer Haustür
fand ich die kleine Jane Pocket, die unter dem
Geleit ihres kleinen Verehrers von einem kleinen
Ausflug nach Hause kam, und beneidete ihren
kleinen Verehrer, trotzdem er Flopson untertan
war.
Herr Pocket befand sich auswärts, eine Vorlesung
zu halten; denn er war ein gar köstlicher Vorleser
über häusliche Sparsamkeit, und seine
Abhandlungen über den Umgang mit Kindern und
Dienstboten wurden als die allerbesten Textbücher
über diese Themen gehalten. Aber Frau Pocket war
zu Hause und befand sich in geringer Verlegenheit.
Es waren nämlich dem jüngsten Kindlein, um es
während Millers' unerklärlicher Abwesenheit (bei
einem Verwandten in der Leibgarde zu Fuß) ruhig zu
halten, eine Nadelbüchse zum Spielen gereicht
worden; und von den Nadeln derselben fehlten nun
mehr Nadeln, als für einen Patienten von so zartem
Alter gesund und zuträglich angesehen werden
konnte, mochten sie nun äußerlich anzuwenden
oder innerlich als beruhigende Medizin zu nehmen
gewesen sein.
Da Herr Pocket in dem gerechten Rufe stand,
höchst trefflichen, praktischen Rat zu erteilen und
eine klare, gesunde Auffassung der Dinge zu
besitzen sowie über einen in hohem Grade
urteilskräftigen Geist zu verfügen, hatte ich in
meinem Herzeleid halb und halb den Gedanken, ihn
um die Erlaubnis zu bitten, daß ich ihm mein Herz
ausschütten dürfe. Da mein Blick aber zufällig auf
Frau Pocket fiel, die dasaß, in die Lektüre ihres
Anstandsbuches vertieft, nachdem sie das Bett als
Universalmittel für das jüngste Kindlein verordnet
hatte, dachte ich bei mir: Na, lieber nicht! Nein,
lieber nicht!
Vierunddreißigstes Kapitel

Da mir meine Erwartungen zur Gewohnheit


geworden waren, hatte ich, ohne es zu merken, die
Wirkung derselben auf mich selbst und die mich
umgebenden Personen wahrzunehmen angefangen.
Ihren Einfluß auf meinen Charakter verschloß ich
soviel wie möglich meiner Erkenntnis, aber ich
wußte sehr wohl, daß derselbe durchaus nicht gut
war. Ich lebte in einem Zustande chronischer
Unbehaglichkeit hinsichtlich meines Verhaltens
gegen Joe. Mein Gewissen war hinsichtlich Biddys
keineswegs ruhig. Wenn ich -- wie Camilla -- nachts
aufwachte, dachte ich gewöhnlich mit
abgespanntem, müdem Geiste, daß ich glücklicher
und besser geworden sein würde, wenn ich Fräulein
Havishams Gesicht niemals gesehen hätte und,
zufrieden in dem Bewußtsein, Joes Helfer und
Teilhaber in der ehrbaren alten Schmiede zu sein,
zum Manne herangereift wäre. Manch liebes Mal,
wenn ich abends allein saß und in das Feuer sah,
kam mir der Gedanke in den Sinn, daß es schließlich
doch kein Feuer mehr gebe so wie das
Schmiedefeuer und das Herdfeuer daheim.
Estella war jedoch von all der Ruhelosigkeit und
all dem Unfrieden meines Gemüts so
unzertrennlich, daß sich meine Begriffe über die
Grenzen meines persönlichen Anteils an dem
Ursprunge meiner Ruhelosigkeit und meines
Unfriedens tatsächlich gänzlich verwirrten. Das
heißt: angenommen, es hätten mir Erwartungen
vollständig ferngelegen und Estella hätte mir
dennoch in Gedanken gelegen, so hätte ich mir nicht
auf befriedigende Weise klarmachen können, daß es
viel besser um mich gestanden hätte. Was nun den
Einfluß meiner Stellung auf andere betrifft, so war
ich in keiner solchen Schwierigkeit und erkannte
daher -- wenn auch vielleicht trübe genug --, daß
dieser Einfluß für niemand von Wohltat war, am
allerwenigsten für Herbert. Meine
verschwenderischen Gewohnheiten verleiteten
dessen leichtlebige Natur zu Ausgaben, denen er
nicht gerecht werden konnte, brachten die
Schlichtheit seiner Lebensweise in Verderbnis und
störten den Frieden seines Gemüts durch Reue und
Sorge. Ich fühlte mein Gewissen keineswegs
beschwert dadurch, daß ich jene anderen Zweige
der Familie Pocket unwissentlich zu den armseligen
Ränken veranlaßt hatte, die sie ausübten: weil
solche kleinliche Weisen ihrer Natur entsprachen
und, wenn ich sie hätte schlummern lassen, von
irgend jemand anders geweckt worden sein würden.
Aber mit Herbert lag die Sache wesentlich anders,
und der Gedanke, daß ich ihm einen schlimmen
Dienst damit erwiesen hätte, seine kärglich
möblierten Stuben mit unpassendem Polsterzeug
vollgestopft und den kanarienbrüstigen Rächer ihm
zur persönlichen Verfügung gestellt zu haben, gab
mir oft einen Stich durch das Herz.
So fing ich denn nun an, als ein untrügliches
Mittel, geringes Behagen in großes Behagen zu
verwandeln, eine tüchtige Menge von Schulden zu
machen. Ich konnte damit kaum anfangen, ohne
daß Herbert auch damit anfangen mußte, und so
leistete er mir denn alsbald Gefolgschaft. Auf
Startops Andeutung hin ließen wir uns in einen Klub
wählen, der die Bezeichnung ›Die Finken des
Haines‹ trug. Den Zweck dieser Vereinigung habe
ich niemals erraten, falls derselbe nicht darin
bestand, daß die Mitglieder alle vierzehn Tage
einmal ein sehr verschwenderisches Mahl
einnehmen mußten, um sich nach dem Essen
möglichst laut und wild zu zanken und ein halbes
Dutzend Kellner unter den Tisch zu saufen, so daß
dieselben dann sinnlos betrunken auf der Treppe
lagen. Jedenfalls weiß ich, daß diese erfreulichen
gesellschaftlichen Ziele so ausnahmslos erreicht
wurden, daß Herbert und ich in den ersten
ständigen Spruch der Gesellschaft keinen anderen
Sinn zu legen vermochten, als den seines Wortlauts:
»Meine Herren! Auf daß die gegenseitige Förderung
eines guten kameradschaftlichen Sinnes allezeit
vorherrschend sein möge unter den Finken des
Haines!«
Die Finken vergeudeten ihr Geld auf ganz törichte
Weise -- (das Hotel, in welchem wir unsere
Mahlzeiten hielten, lag in Covent Garden) --, und
der erste Finke, den ich sah, als ich die Ehre hatte,
im Haine Aufnahme zu finden, war Bentley
Drummle: der Mann, der damals im eigenen Cab in
der Stadt herumraste und den Prellsteinen großen
Schaden zufügte. Zuweilen schnellte er sich
kopfüber zu seiner Kutsche hinaus, über das
Schoßleder weg, und bei einer Gelegenheit sah ich
ihn auf solch unabsichtliche Weise sich vor die Tür
des Hauses niederlegen, wie einen Scheffel Kohlen.
Aber hier greife ich um einiges vor, denn ich war
kein Finke und konnte, den heiligen Satzungen der
Gesellschaft gemäß, nicht früher einer werden, als
bis ich mündig war.
In meinem Vertrauen auf meine eigenen
Hilfsquellen wäre ich gern bereit gewesen, Herberts
Aufgaben auf mein persönliches Konto zu nehmen;
aber Herbert war stolz, und ich konnte ihm einen
solchen Vorschlag nicht machen. Dennoch geriet er
nach allen Seiten hin in Schwierigkeit und fuhr fort,
Umschau zu halten. Als wir nach und nach in die
Gewohnheit verfielen, spät aufzubleiben und
nächtliche Gesellschaft aufzusuchen, nahm ich
wahr, daß er sich beim Frühstück mit verzweifeltem
Blick umsah; daß er sich um die Mittagszeit herum
hoffnungsvoller umzusehen anfing; daß er, wenn er
zum Mittagessen kam, ganz zerknirscht aussah; daß
er nach dem Essen in der Ferne ziemlich deutlich
Kapital zu erspähen schien; daß er um Mitternacht
beinahe schon zu Kapital gelangt war und um zwei
Uhr in der Frühe wieder in so tiefe
Niedergeschlagenheit und Verzweiflung verfiel, daß
er davon sprach, sich einen Stutzen zu kaufen und
nach Amerika zu gehen in einer allgemeinen
Absicht, Büffel dazu zu zwingen, sein Glück zu
machen.
Ich war für gewöhnlich die halbe Woche ungefähr
in Hammersmith, und wenn ich in Hammersmith
war, spukte ich auch in Richmond herum: wovon
beiläufig einmal besonders. Herbert kam oft nach
Hammersmith, wenn ich dort war, und ich denke,
daß sein Vater zu solchen Zeiten hin und wieder
wohl einen vorübergehenden Gedanken gehabt
haben dürfte, daß die Aussicht, nach der er sich
umsah, sich für ihn noch immer nicht gezeigt hätte.
Bei dem allgemeinen Purzelbaum indessen, den die
Familie nach oben hin machte, war sein Purzelbaum
irgendwo ins Leben hinaus eine Sache, die sich
irgendwie von selbst machen mußte. Mittlerweile
wurde Herr Pocket immer grauer und versuchte des
öftern, sich am eigenen Haar aus seinen
Verlegenheiten und Wirrnissen herauszuziehen;
während Frau Pocket die Familie über ihr
Fußschemelchen stolpern ließ, ihr Buch vom guten
Tone las, ihr Schnupftüchlein fallen ließ, von ihrem
Großpapa erzählte und der Jugend Erziehung
beibrachte, indem sie sie jedesmal, wenn sie sich ihr
bemerklich machte, eiligst zu Bett brachte.
Da ich nun eine allgemeine Schilderung von einer
Periode meines Lebens gebe in der Absicht, mir
klaren Weg zu schaffen, kann ich dies kaum besser
tun, als indem ich zugleich die Beschreibung
unserer gewöhnlichen Weisen und Bräuche in
Barnard's Inn vervollständige.
Wir verausgabten soviel Geld, wie wir konnten,
und erhielten dafür so wenig, wie man sich uns zu
verabreichen irgend schlüssig werden konnte. Wir
fühlten uns immer unglücklich und elend, bald in
stärkerem, bald in schwächerem Grade, und die
meisten von unseren Bekannten befanden sich in
der nämlichen Lage und Stimmung. Es herrschte
eine lustige Einbildung unter uns, daß wir uns
fortwährend selbst amüsierten, und die Wahrheit
grinste uns immer an, daß dies doch niemals der Fall
sei. Nach meinem besten Wissen und Glauben
befanden wir uns in diesem letzteren Falle so
ziemlich in ganz gleicher Lage.
Allmorgentlich begab sich Herbert mit einem
neuen Wesen nach der Stadt, um sich umzusehen.
Ich stattete ihm oft einen Besuch ab in der finsteren
Hinterstube, wo er zusammen mit einem Krug
Tinte, einem Hutriegel, einem Kohlenkasten, einer
Bindfadenbüchse, einem Datumzeiger, Schreibpult
und Dreibein und einem Lineal verweilte; und daß
ich ihn jemals etwas anderes hätte tun sehen als sich
umsehen, vermag ich mich nicht zu besinnen. Wenn
wir alle, was wir uns zu tun vorgesteckt, so
gewissenhaft und gläubig täten wie Herbert, so
könnten wir in einer Republik der Tugenden leben.
Er hatte nichts anderes zu tun, der arme Kerl,
ausgenommen, daß er zu einer gewissen
Nachmittagsstunde »zu Lloyds ging« -- die
Beobachtung, meine ich, einer Höflichkeit, seinem
Prinzipal einen Besuch zu machen. Im
Zusammenhange mit »Lloyds« tat er, soweit ich
herausfinden konnte, niemals etwas anderes, außer
daß er wieder zurückkam. Wenn ihn seine Lage in
ungewöhnlich ernste Stimmung versetzte und sein
Gefühl ihm sagte, daß er unbedingt einen Ausweg
finden müsse, dann pflegte er sich zu den
Geschäftsstunden auf die Börse zu begeben und in
einer Art von unheimlicher Kontertanzfigur unter
den daselbst versammelten Geldmagnaten aus und
ein zu gehen. »Denn«, sagte Herbert zu mir, als er
nach einer dieser besonderen Gelegenheiten nach
Hause zum Essen kam, »ich finde, Händel, die
Wahrheit ist die, daß eine Aussicht nicht zu
unsereinem kommt, sondern daß man zu ihr
hingehen muß -- darum bin ich dort gewesen.«
Wären wir einander weniger anhänglich gewesen,
so hätten wir uns, meine ich, regelmäßig an jedem
Morgen mit Haß überschütten müssen. Ich
verabscheute die Stuben, die ich bewohnte, zu jener
Zeit der Reue und Gewissensbisse mehr, als ich
sagen konnte, und konnte den Anblick der Livree
des Racheengels nicht ausstehen: die dann ein
kostspieligeres und unergiebigeres Aussehen hatte
als zu irgendwelcher Zeit der vierundzwanzig
Tagesstunden sonst. Als wir tiefer und tiefer in
Schulden gerieten, nahm unser Frühstück eine
immer seichtere und schlichtere Form an, und als
wir zur Frühstückszeit gelegentlich einmal
(brieflich) mit gerichtlichen Maßnahmen bedroht
wurden, »die mit Juwelen«, wie mein Lokalblatt es
ausgedrückt haben würde, »nicht ganz außer
Zusammenhang standen«, ging ich so weit, den
Racheengel bei seinem blauen Kragen zu packen
und tüchtig zu schütteln, daß ihm der Boden unter
den Füßen schwand und er tatsächlich, gleich einem
gestiefelten Cupido, in der Luft hing -- weil er sich
der Annahme unterfangen hatte, wir brauchten eine
Semmel.
Zu gewissen Zeiten -- was soviel heißen soll wie:
zu ungewissen Zeiten, denn diese Zeiten hingen von
unserer Laune ab -- pflegte ich zu Herbert, als wenn
das eine bemerkenswerte Entdeckung wäre, die
Meinung zu äußern:
»Mein lieber Herbert! Wir geraten in eine
schlimme Patsche!«
»Mein lieber Händel«, pflegte dann Herbert in
aller Herzenseinfalt zu mir zu sagen, »diese selbigen
Worte schwebten mir, wenn du mir glauben willst,
infolge eines seltsamen Zusammentreffens der
Meinungen auf den Lippen.«
»Dann, Herbert«, pflegte meine Antwort zu
lauten, »laß uns unsere Angelegenheiten ins Auge
fassen.«
Wir schöpften aus der Festsetzung einer
bestimmten Zeit für diesen Zweck immer tiefe
Genugtuung. Ich meinte immer, das wäre
Geschäftssache; das heiße, der Sache nähertreten;
das wäre die richtige Art, den Feind an der Gurgel zu
fassen. Und ich weiß, Herbert hatte dergleichen
Gedanken.
Wir bestellten etwas halbwegs Apartes zum Essen
nebst einem Trunk von einer in ähnlicher Weise aus
dem gewöhnlichen Schlendrian schlagenden Sorte,
zur Kräftigung unseres Gemüts für den in Rede
stehenden Anlaß und um uns unserer Aufgabe
gewachsen zu machen. War das Essen vorbei, dann
holten wir ein Bündel Federn hervor, eine
ausgiebige Menge Tinte und eine Menge Schreib-
und Löschpapier, die sich sehen lassen konnte: denn
es verursachte ein außerordentlich behagliches
Gefühl, mit Schreibmaterial recht reichlich versorgt
zu sein.
Ich pflegte dann einen Bogen Papier zu nehmen
und mit sauberer, recht deutlicher Schrift quer über
den oberen Teil desselben die Kopfzeile zu
schreiben: »Merkzettel von Pips Schulden« -- wozu
dann noch sehr sorgfältig die Worte Barnard's Inn
und der betreffende Tag gesetzt wurden. Herbert
pflegte ebenfalls ein Blatt Papier zu nehmen und
unter ähnlichen Förmlichkeiten quer darüber zu
setzen: »Merkzettel von Herberts Schulden«.
Jeder von uns pflegte dann einen wüsten Stoß
Papier durchzusehen, der neben ihm aufgehäuft lag
-- Papiere, die wir in Schubläden geworfen oder in
allen möglichen Taschen getragen hatten, bis sie zu
Fetzen geworden waren, die wir halb als Fidibusse
verbrannt oder hinter den Spiegel gesteckt, wo sie
dann wochenlang geblieben waren, und auf
allerhand andere Weisen noch beschädigt hatten.
Das Kritzeln unserer in Tätigkeit befindlichen
Federn war uns eine außerordentliche Labung, so
daß ich es zuweilen für schwierig erachtete, den
Unterschied zwischen diesem erbaulichen
Verfahren und der tatsächlichen Bezahlung des
Geldes festzustellen. Im Punkte verdienstlichen
Charakters schienen die beiden Dinge ziemlich
gleicher Art.
Wenn wir eine kleine Weile geschrieben hatten,
pflegte ich dann Herbert zu fragen, wie er mit seiner
Arbeit vorwärtskäme. Herbert mochte sich dann
bei dem Anblick dieser in fortwährendem Wachsen
begriffenen Ziffern wahrscheinlich in höchst
kläglicher Weise den Kopf gekratzt haben.
»Das Zeug wächst, Händel«, pflegte Herbert dann
zu sagen; »bei meinem Leben! Das Zeug wächst.«
»Sei fest, Herbert«, war dann in der Regel meine
Antwort, indem ich mit großer Emsigkeit meine
Feder in Gang setzte. »Sieh der Sache ins Auge!
Widme deinen Angelegenheiten Aufmerksamkeit!
Bringe sie so weit, daß sie sich vor dir verkriechen!«
»Das möcht' ich ja, Händel; bloß drehen sie den
Stiel um und bringen mich so weit, daß ich mich vor
ihnen verkrieche!«
Mein entschiedenes Wesen pflegte indes seine
Wirkung nicht zu verfehlen, und Herbert ging dann
wieder an die Arbeit. Nach einer Zeit ließ er sie dann
wohl wieder im Stich unter dem Vorgeben, er hätte
von Cobbs oder Lobbs oder Nobbs noch keine
Rechnung erhalten -- was ja allerdings der Fall sein
konnte.
»Dann taxiere den Posten, Herbert, taxier' ihn in
runder Zahl und stell' ihn in die Rechnung ein!«
»Was du doch für ein erfinderischer Kopf bist!«
pflegte mein Freund dann voll Bewunderung zu
rufen. »Deine geschäftlichen Talente sind wirklich
sehr bemerkenswert.«
Diese Meinung hatte ich auch. Ich schöpfte aus
solchen Fällen für mich Material für den Ruf und
das Ansehen eines prima Geschäftsmannes --
prompt, schneidig, energisch, klar, kaltblütig. Als
ich meine sämtlichen Verbindlichkeiten auf meine
Liste gebracht hatte, verglich ich sie Posten für
Posten mit den zugehörigen Rechnungen und hakte
sie dann an. Die Selbstzufriedenheit, die ich
empfand, wenn ich einen Posten anhakte, war mir
förmlich eine wonnige Empfindung. Wenn ich keine
Haken mehr zu machen hatte, brach ich alle meine
Rechnungen nach einem und demselben Formate
zusammen, versah jede auf der Rückseite mit einer
Aufschrift und band das Ganze zu einem
gleichmäßigen Bündel. Dann verrichtete ich für
Herbert (der sich bescheiden dahin äußerte, daß er
von meiner Begabung für Verwaltungsgeschäfte
keine Spur habe) das nämliche und hatte die
Empfindung, als hätte ich seine Angelegenheiten für
ihn zu einem Brennpunkte geführt.
Meine geschäftlichen Gewohnheiten wiesen noch
einen anderen, frischeren Zug auf, den ich mit den
Worten »einen Rand lassen« bezeichnete.
Angenommen beispielsweise, Herberts Schulden
beliefen sich auf 164 Pfund, so pflegte ich zu sagen:
»Laß einen Rand und schreibe sie mit 200 ein.«
Oder angenommen, die meinigen beliefen sich auf
viermal soviel, so pflegte ich einen Rand zu lassen
und sie mit 700 einzusetzen. Ich hegte die höchste
Meinung von der Weisheit dieses selbigen Randes,
aber ich fühle mich verpflichtet zu dem Bekenntnis,
daß er mir, wenn ich jetzt rückwärtsblicke, als ein
sehr kostspieliges Auskunftsmittel erscheinen will.
Denn wir gerieten immer sofort in neue Schulden,
und zwar bis zur vollen Ausdehnung des Randes,
und manchmal sogar, zufolge des Gefühls von
Freiheit und Zahlungsfähigkeit, das durch ihn in uns
erweckt wurde, ziemlich weit noch in einen anderen
Rand hinein.
Aber es kehrte ein Friede, eine Ruhe, eine
kräftige Stille zufolge dieser Prüfungen, denen wir
unsere Geschäftsangelegenheiten unterzogen, in
unsere Herzen ein -- was mir dann immer auf eine
Zeit eine vortreffliche Meinung von mir selbst
beibrachte. Besänftigt durch meine Anstrengungen,
durch meine Methode und durch Herberts höfliche
Reden und Lobsprüche, pflegte ich, seinen nach
allen Regeln der Kunst gleichmäßig gemachten
Papierstoß sowie den meinigen vor mir auf dem
Tische, dazusitzen und mir vorzukommen wie eine
Bank von x-beliebiger Größe und nicht wie ein x-
beliebiger Privatmann gewöhnlichsten Schlages.
Wir schlossen bei solchen feierlichen Anlässen
unsere äußere Tür ab, damit wir durch keine
Störung betroffen würden. Eines Abends war ich
wieder in meine ernste Stimmung hineingeraten, als
wir durch den Spalt in besagter Türe einen Brief
gleiten und auf den Boden fallen hörten.
»Er ist an dich gerichtet, Händel«, sagte Herbert,
der hinausgegangen war und jetzt mit dem Briefe
zurückkam; »ich hoffe, daß er nichts zu bedeuten
haben wird.« Die Worte waren eine Anspielung auf
das große schwarze Siegel und auf den schwarzen
Rand des Briefes.
Der Brief war unterzeichnet »Trabb und Co.« und
meldete einfach, daß man mich als geehrten Herrn
zur Kenntnis zu nehmen bitte, daß Frau J. Gargery
am letzten Montag abend zwanzig Minuten nach
sechs Uhr aus dem Leben geschieden sei und daß
man um die Ehre meiner Gegenwart bei der
Beerdigung bitte, für welche der nächste Montag
und die dritte Nachmittagsstunde als Zeit
festgesetzt sei.
Fünfunddreißigstes Kapitel

Es war zum erstenmal, daß sich ein Grab auf meiner


Lebensbahn aufgetan hatte, und die Kluft, die es auf
dem glatten Grund und Boden schuf, war seltsam.
Die Gestalt meiner Schwester in ihrem Stuhle neben
dem Küchenfeuer verfolgte mich Tag und Nacht.
Daß der Platz am Ende ohne sie noch vorhanden
sein könnte, war eine Sache, die mein Geist nicht
fassen zu können schien; und während sie doch in
jüngster Zeit nur selten oder gar nicht in meinen
Gedanken eine Rolle gespielt hatte, bekam ich nun
die seltsamsten Vorstellungen, daß sie mir auf der
Straße entgegenkäme oder im andern Augenblick
an die Tür pochen würde. Ebenso fand ich in
meinen Zimmern, mit denen sie doch niemals in
irgendwelche Berührung gekommen war, jetzt auf
einmal die Leere des Todes und einen
fortwährenden Hinweis auf den Klang ihrer Stimme
oder die Form ihres Gesichts oder ihrer Gestalt, wie
wenn sie noch immer am Leben und dort oft
aufhältlich gewesen sei.
Wie sich mein Schicksal auch gestaltet haben
mochte, meiner Schwester hätte ich kaum mit
großer Zärtlichkeit gedenken können. Aber ich
vermute, daß Kummer eine Erschütterung
verursachen kann, die ohne große Zärtlichkeit zu
bestehen vermag. Unter ihrem Einflusse (und
vielleicht, um den Mangel des zärtlichen Gefühls
auszugleichen), ward ich von einer heftigen
Entrüstung gegen den Angreifer erfüllt, durch den
sie soviel zu leiden gehabt hatte; und es überkam
mich das Gefühl, daß ich auf hinreichenden Beweis
hin Orlick oder sonstwen bis aufs Äußerste mit
meiner Rache hätte verfolgen können.
Nachdem ich Joe einige Trostesworte
geschrieben und ihm die Versicherung gegeben
hatte, daß ich mich zu dem Begräbnis einfinden
würde, verbrachte ich die dazwischen liegenden
Tage in dem merkwürdigen Gemütszustande, auf
den ich eben einen Blick geworfen habe. Frühzeitig
am Morgen fuhr ich mit der Landpostkutsche
hinunter und stieg im »Blauen Eber« aus,
rechtzeitig noch, um zu Fuße nach der Schmiede
hinaus zu gelangen.
Es war wieder schönes Sommerwetter, und
während meiner Wanderung trat mir die Zeit wieder
lebhaft vors Auge, wo ich ein hilfloses kleines
Wesen war und meine Schwester keine Schonung
für mich kannte. Aber diese Bilder traten mir mit
milder Färbung vor die Seele, die sogar die Kante
des gelben Onkels abschliff. Denn jetzt raunte sogar
der Klee- und Bohnenduft meinem Herzen zu, daß
der Tag kommen müsse, wo es für meine
Erinnerung gut sein würde, daß andere, die im
Sonnenschein wandelten, milde gestimmt sein
sollten, wenn sie meiner gedächten.
Endlich kam ich in Sehweite des Hauses und
bemerkte, daß Trabb und Co. in eine
Beerdigungsfunktion getreten und Besitz vom
Hause ergriffen hatten. Zwei unheimlich alberne
Personen, jede mit einer in schwarze Bänder
gehüllten Krücke paradierend -- als ob ein solches
Werkzeug je imstande sein könnte, irgendwem
irgendwelchen Trost zu gewähren --, waren an die
Haustür gestellt; und in dem einen derselben
erkannte ich einen Postillon, der aus dem »Blauen
Eber« entlassen worden war, weil er infolge von
Trunkenheit, die ihn genötigt hatte, den Nacken
seines Sattelpferdes mit beiden Armen zu
umschlingen, ein junges Brautpaar am
Hochzeitsmorgen in die Sägemühle
hineinkutschiert hatte. Die sämtlichen Dorfkinder
und die Mehrzahl der Weiber bewunderten diese
düsteren Krückenwächter und die geschlossenen
Fenster des Hauses und der Schmiede; und als ich
mich dem Haus näherte, klopfte der eine der beiden
Hüter (der Postillon) an die Türe -- in der Annahme
und zum Zeichen jedenfalls, daß ich durch Kummer
und Herzeleid viel zu sehr erschöpft sei, um über
die nötige Kraft, dieses Pochen selbst zu besorgen,
verfügen zu können.
Ein anderer dieser Krückenwächter (ein
Zimmermann, der einmal zufolge einer Wette zwei
Gänse auf einmal verspeist hatte) machte die Tür
auf und führte mich in die beste Wohnstube. Hier
hatte Herr Trabb den besten Tisch in Beschlag
genommen und sämtliche Blätter desselben
ausgezogen und hielt auf ihm mittelst einer großen
Menge von schwarzen Stecknadeln eine Art
schwarzen Bazars ab. Im Augenblick meiner
Ankunft hatte er eben ein Stück Arbeit vollendet,
irgendwessen Hut nämlich in schwarze
Kinderkleidchen hineinzustecken und dadurch zu
einer Art afrikanischen Säuglings zu machen. Er
streckte mir, den Hut in der einen Hand, die andere
zum Gruß entgegen. Ich aber, irregeleitet durch die
Handlung und in Verwirrung gesetzt durch die
feierliche Gelegenheit, schüttelte ihm mit aller
erdenklichen Bezeigung warmer Zuneigung die
Hände.
Der arme liebe Joe! eingeschnürt in einen kurzen
schwarzen Mantel, der unter dem Kinn in eine große
Schleife gebunden war, saß abseits am oberen Ende
des Wohnraumes, wohin er als der erste
Leidtragende augenscheinlich von Trabb gesetzt
worden war. Als ich mich zu ihm niederbeugte mit
den Worten: »Lieber Joe! Wie geht's dir denn?«, da
sagte er: »Pip! Altes Haus! Du hast sie gekannt, als
sie noch eine Staatsfigur war von ei--« und
umschloß meine Hand und sprach kein Wort weiter.
Biddy, die in ihrem schwarzen Kleide sehr sauber
und züchtig aussah, ging ruhig hin und her und griff
überall fleißig mit zu. Als ich ein paar Worte mit
Biddy gesprochen hatte, begab ich mich, da ich die
Zeit für Schwatzen nicht für angemessen hielt,
wieder zu Joe und setzte mich zu ihm, und fing nun
an, mich in Mutmaßungen zu ergehen, in welchem
Teile des Hauses die -- sie -- meine Schwester liegen
mochte. Da die Luft in der Wohnstube von dem
Dufte süßen Kuchens erfüllt war, sah ich mich nach
dem für Erfrischungen aufgestellten Tische um.
Derselbe war, bis man sich an das düstere Licht
gewöhnt hatte, kaum sichtbar; aber es stand ein
angeschnittener Pflaumenkuchen dort, und
aufgeschnittene Apfelsinen und belegte Butterbrote
mit Zwiebacken und zwei Karaffen, die ich sehr
wohl als Zieratsstücke erkannte, die aber niemals im
Leben in Gebrauch genommen worden waren,
standen auch dort; die eine von ihnen war voll
Portwein, die andere voll Sherry. Als ich an diesem
Tische stand, gewahrte ich den kriechenden
Pumblechook im schwarzen Mantel und unter
mehreren Ellen Trauerflor am Hut -- Pumblechook,
der sich abwechselnd den Hals füllte und, um meine
Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, allerhand de-
und wehmütige Bewegungen machte. Als ihm das
gelungen war, trat er zu mir hinüber (man roch ihm
den Sherry und den Kuchen von weitem an) und
sagte in gedämpftem Tone: »Mit Verlaub mein
Herr!« und stellte sich neben mich. Sodann
erblickte ich Herrn und Frau Hubble: die
letztgenannte Persönlichkeit in züchtigem
sprachlosen Paroxysmus in einem Winkel. Wir
sollten alle »an die Reihe« und wurden alle der
Reihe nach, ein jeder für sich, von Trabb zu
lächerlichen Bündeln zusammengeschnürt.
»Was ich dir sagen wollte, Pip«, flüsterte Joe mir
zu, als wir in der Wohnstube, wie Herr Trabb es
nannte, »in Furmation begriffen« waren, nämlich in
Gliedern zu zwei und zwei standen -- eine
Anordnung, die mit einer Zurüstung zu irgendeiner
grimmigen Tanzweise erschreckliche Ähnlichkeit
hatte --, »was ich dir sagen wollte, mein Herr, ist,
daß ich sie am liebsten selbst nach der Kirche
'nübergetragen hätte mit Unterstützung von drei
oder vier Freunden von mir, die mit willigem
Herzen und williger Hand geholfen hätten; aber es
wurde gesagt, die Nachbarn möchten am Ende
verächtlich dreinschauen und sich die Meinung
bilden, als ob's ein Mangel an Respekt wär'.«
»Taschentücher heraus! alle zusammen!« rief
Herr Trabb in diesem Augenblicke mit gedämpfter,
geschäftsmäßiger Stimme. »Taschentücher heraus!
Wir sind fertig!«
Daraufhin führten wir allesamt unsere
Taschentücher zum Gesicht herauf, wie wenn wir
Nasenbluten hätten, und marschierten in Gliedern
zu zweien hinaus: Joe und ich; Biddy und
Pumblechook; Herr und Frau Hubble. Die
sterblichen Reste meiner armen Schwester waren
zur Küchentür hereingebracht worden; und da es
ein Hauptstück der Beerdigungsfeierlichkeit
ausmachte, daß das halbe Dutzend Träger unter
einer schauerlichen schwarzen Samtdecke mit
weißem Rande der Möglichkeit des Atmens und
Sehens beraubt wurden, so zeigte das Ganze das
Aussehen eines blinden Ungetüms mit zwölf
menschlichen Beinen, das unter dem Geleit von
zwei Hütern -- dem Postillon und seinem
Kameraden -- entlangschlurrte und -stolperte.
Die Nachbarn zollten jedoch dieser
Behandlungsweise der Angelegenheit im vollsten
Maße Beifall, und wir ernteten auf unserem Wege
durch das Dorf sehr viel Bewunderung, während der
jüngere und stärkere Teil des Gemeinwesens hin
und wieder einen Ansatz nahm, uns vorauszulaufen,
und sich auf die Lauer legte, uns an günstig
gelegenen Stellen in den Weg zu treten. In solchen
Augenblicken schrien dann die Übermütigeren
unter ihnen in aufgeregter Weise, wenn wir hinter
einer Ecke, wo sie auf Lauer lagen, zum Vorschein
kamen: »Da kommen sie! Da sind sie schon!«, und
mit Hallo und Hurra wurden wir begrüßt. Auf
diesem Gange wurde ich durch den abscheulichen
Pumblechook bitter gekränkt, der gerade hinter mir
einherschritt und sich's auf dem ganzen Wege mit
Hartnäckigkeit angelegen sein ließ, mir zarte
Aufmerksamkeiten zu erweisen, z. B.: meinen
fliegenden Trauerflor in Ordnung zu bringen und
die Falten aus dem schwarzen Mantel zu streichen.
Meine Gedanken erhielten des weiteren Ablenkung
durch den bodenlosen Stolz, den Herr und Frau
Hubble an den Tag legten, weil sie sich entsetzlich
viel auf die hohe Ehre einbildeten, einer so
fürnehmen Prozession als beteiligte Personen
anzugehören.
Und nun lag die Marschenreihe hell und klar vor
uns mit den aus ihr heraufwachsenden Segeln der
den Fluß entlangfahrenden Schiffe, und wir
betraten den Kirchhof und gingen bis dicht an die
Gräber meiner unbekannten Eltern heran: Philipp
Pirrip, weiland aus diesem Sprengel, und
desgleichen Georgiana, des Obengenannten
Ehefrau. Und hier wurde meine Schwester still in
die Erde gebettet, während die Lerchen hoch oben
über dem Grabe tirilierten und der leichte Wind
liebliche Schatten von Wolken und Bäumen
darüberstreute.
Von dem Benehmen, das der mit seinem Herzen
an der irdenen Scholle klebende Pumblechook
während des Vollzugs dieser Handlung an den Tag
legte, mag ich nichts weiter sprechen, als daß alles,
was er tat, auf mich gemünzt war, ja selbst bei der
Verlesung jener schönen Stellen der Schrift, die die
Menschheit daran erinnern, daß sie nichts in die
Welt gebracht habe und auch nichts mit ihr
hinausnehmen könne, und wie das Leben
dahinfließe gleich einem Schatten und stetem
Wechsel unterworfen bleibe, selbst da habe ich ihn
unter Husten den Fall eines jungen Herrn, der
unvermutet zu großem Vermögen gelangte,
ausnehmen hören. Als wir wieder nach Hause
zurückgekehrt waren, hatte er die Dreistigkeit, mir
zu sagen, er wünschte, meine Schwester hätte
erfahren können, daß ich ihr so hohe Ehre angetan,
und anzudeuten, sie dürfte sie um den Preis ihres
Todes als billigen Kauf angesehen haben. Hierauf
trank er alles aus, was von Sherry noch in der
Flasche war, und Herr Hubble trank den Portwein
aus, und dann plauderten sie beide -- was ich
seitdem als stehende Regel bei solchen Anlässen
beobachtet habe --, als wären sie ganz anderer Rasse
als die Heimgegangene und bekanntermaßen
unsterblich. Schließlich begab er sich mit Herrn und
Frau Hubble hinweg -- um sich, meiner
Überzeugung nach, einen lustigen Abend zu machen
und den »Lustigen Bootsknechten« die Erzählung
aufzutischen, daß er der Begründer meines Glücks
und mein allererster Wohltäter wäre.
Als sie alle fort waren und Trabb mit seinen
Leuten -- aber nicht mit seinem Lehrjungen, denn
nach ihm sah ich mich um -- ihre Mummerei in
Säcke gestopft und auch den Platz geräumt hatten,
fühlte sich das Haus wohler. Bald darauf nahmen
Biddy, Joe und ich zusammen ein kaltes
Mittagessen ein; wir speisten aber in der besten
Stube, nicht in der alten Küche, und Joe war so
außerordentlich eigentümlich in allem, was er mit
Messer und Gabel und Salzfäßchen und mit
allerhand sonst noch vornahm, daß uns große
Beklommenheit befiel. Nach dem Essen wurde
unsere Stimmung aber gemütlicher, als ich ihm
erlaubt hatte, sich seine Pfeife anzuzünden, und mit
ihm einen Gang um die Schmiede machte, und wir
uns dann zusammen draußen vor ihr auf den großen
Steinblock hinsetzten. Ich nahm wahr, daß Joe sich
nach dem Begräbnis umgezogen hatte, so daß sein
Anzug eine Art Zwitterding zwischen seinem
Sonntags- und Arbeitsanzug darstellte. Der liebe
Mensch sah darin recht natürlich aus und ganz so,
wie er als Mensch eben war.
Es machte ihm sehr viel Freude, daß ich ihn
fragte, ob ich in meinem alten Stübchen schlafen
könnte, und mir ebenfalls; denn mein Herz sagte
mir, daß ich durch den Ausspruch dieser Bitte eine
ziemlich große Tat getan hatte. Als die Schatten des
Abends sich niedersenkten, ergriff ich eine
Gelegenheit, mich mit Biddy zu einem kurzen
Gespräch in den Garten hinauszubegeben.
»Biddy«, sagte ich, »du hättest mir doch, meine
ich, über diese traurigen Dinge schreiben können.«
»Ja, meinen Sie, Herr Pip?« fragte Biddy. »Wenn
ich mir das hätte denken können, dann würde ich
Ihnen schon geschrieben haben.«
»Nimm nicht an, als wenn ich unlieb zu sein
beabsichtigte, Biddy, wenn ich sage, du hättest
meinem Dafürhalten nach einen solchen Gedanken
wohl haben können.«
»Meinen Sie, Herr Pip?«
Sie war so ruhig und ihr Wesen war so gesetzt, so
lieb und nett, daß ich mich mit dem Gedanken nicht
befreunden konnte, sie wieder zum Weinen zu
bringen. Nachdem ich eine kurze Weile, während
sie neben mir herging, den Blick auf ihre zu Boden
geschlagenen Augen gerichtet gehalten hatte, ließ
ich diesen Punkt fallen.
»Du wirst vermutlich jetzt kaum hierbleiben
können, liebe Biddy.«
»O! das kann ich freilich nicht!« sagte Biddy im
Tone des Beklagens, aber doch ruhiger
Überzeugung. »Ich habe mit Frau Hubble
gesprochen und will morgen zu ihr gehen.
Hoffentlich werden wir zusammen hier für das und
jenes sorgen können, bis sich Herr Gargery in seine
neue Lage gefunden hat.«
»Wie willst du dir denn dein Leben einrichten,
Biddy? Falls du etwas Geld benö--«
»Wie ich mir mein Leben einrichten werde?«
wiederholte Biddy, mir in die Rede fallend, während
eine jähe Röte ihr in das Gesicht schoß -- »Das will
ich Ihnen sagen, Herr Pip. Ich will versuchen, die
Lehrerinstelle an der eben hier gebauten Schule zu
bekommen. Alle Nachbarn können mir eine gute
Empfehlung geben; und ich hoffe, daß ich fleißig
und geduldig sein und selbst noch lernen kann,
während ich andere unterrichte. Sie wissen doch,
Herr Pip«, fuhr Biddy fort, während sie mit einem
Lächeln die Augen zu meinem Gesicht aufschlug,
»die neuen Schulen sind nicht wie die alten, aber ich
habe nachdem ziemlich viel von Ihnen gelernt und
seitdem Zeit gehabt, mich zu vervollkommnen.«
»Ich denke, du würdest dich immer
vervollkommnen, Biddy, gleichviel in welchen
Umständen du lebtest.«
»Ach! Ausgenommen in meiner garstigen Seite
menschlicher Natur«, murmelte Biddy.
Es war dies nicht so sehr ein Vorwurf, als ein
unwiderstehliches lautes Denken. Nun! Ich dachte,
besser auch diesen Punkt fallenzulassen. So schritt
ich denn ein Stückchen weiter, schweigend, den
Blick auf ihre zu Boden geschlagenen Augen
gerichtet, neben Biddy her.
»Ich habe noch gar nichts Näheres über den Tod
meiner Schwester gehört, Biddy.«
»Da ist nicht viel zu reden«, sagte Biddy. »Das
arme Ding! Sie war in einen ihrer schlimmen
Zustände verfallen -- obgleich dieselben in letzter
Zeit eher besser als schlimmer geworden waren --,
vier Tage hatte er gedauert, als sie sich plötzlich
gegen Abend, gerade um die Essenszeit, erholte und
ganz deutlich sagte: ›Joe‹. Da sie seit langem nie
mehr ein Wort gesprochen hatte, lief ich geschwind
nach der Schmiede und holte Herrn Gargery. Sie
machte mir durch Zeichen verständlich, daß er sich
dicht neben sie setzen und daß ich ihre Arme um
seinen Hals legen sollte. So legte ich ihr denn die
Arme um seinen Hals, und sie legte ganz zufrieden
und froh ihren Kopf an seine Schulter. Und nun
sagte sie gleich darauf noch einmal ›Joe!‹ und dann
ein einziges Mal ›Verzeihung!‹ und dann ein
einziges Mal ›Pip‹. Und dann erhob sie den Kopf
nicht mehr wieder, kein einziges Mal mehr: und
gerade eine Stunde später war's, da legten wir sie
auf ihr Bett, weil wir innewurden, daß sie gestorben
war.«
Biddy weinte. Der in Dunkelheit liegende Garten
und das Gäßchen und die am Himmel
heraufsteigenden Sterne erschienen auch meinem
Blicke verwischt.
»Entdeckt ist nie etwas worden, Biddy?«
»Nie.«
»Weißt du, was aus Orlick geworden ist?«
»Aus der Farbe seiner Kleider meine ich
schließen zu sollen, daß er im Steinbruch arbeitet.«
»Natürlich hast du ihn dann gesehen? -- Warum
blickst du so nach dem düsteren Baum dort im
Gäßchen?«
»Dort sah ich ihn an dem Abend, wo sie starb.«
»Aber nicht zum letzten Male, Biddy?«
»Nein; ich habe ihn dort gesehen, seitdem wir
hier draußen gegangen sind. -- Es hat keinen
Zweck«, sagte Biddy, die Hand auf meinen Arm
legend, als ich hinausrennen wollte, »Sie wissen,
daß ich Sie nicht täuschen würde -- keine Minute
lang war er dort und ist jetzt fort.«
Die Wahrnehmung, daß dieser Kerl sie noch
immer verfolgte, rief meine höchste Entrüstung
wieder wach, und ich fühlte, daß der alte, fest
eingewurzelte Haß gegen ihn sich meiner wieder
bemächtigte. Ich sagte ihr das und sagte ihr, daß ich
jede Summe dafür hingeben und es mich alle Mühe
kosten lassen würde, ihn aus diesem Lande
hinauszubringen. Allmählich führte sie mich zu
ruhigerer Unterhaltung und erzählte mir, mit
welcher Liebe Joe an mir hinge und wie Joe niemals
über irgendwas Klage führte -- sie sagte nicht: ›über
mich‹; das brauchte sie nicht; denn ich wußte, was
sie meinte --, sondern stets seine Pflicht auf seinem
Lebenswege erfüllte mit starker Hand und stiller
Zunge und mildem Herzen.
»Es würde einem freilich schwer ankommen,
zuviel zu seinen Gunsten zu sagen«, meinte ich;
»und von diesen Sachen, Biddy, müssen wir oft
sprechen, denn natürlich werde ich nun oft
hierhinaus kommen. Es wird mir nicht einfallen,
den armen Joe allein in der Welt stehenzulassen.«
Biddy sagte hierauf kein einziges Wort.
»Biddy, hörst du nicht, was ich sage?«
»O ja, Herr Pip.«
»Gar nicht zu reden davon, daß du mich ›Herr
Pip‹ anredest -- was mir von recht schlechtem
Geschmack zu sein scheint, Biddy --, was meinst du
mit deiner Rede?«
»Was ich meine?« fragte Biddy schüchtern.
»Biddy«, sagte ich im Tone kräftigen
Selbstbewußtseins, »ich muß dich bitten mir zu
sagen, was du mit dieser Rede meinst?«
»Mit dieser Rede?« sagte Biddy.
»Nun, sei doch nicht mein Echo«, versetzte ich.
»Das war doch früher deine Art nicht, Biddy.«
»Früher meine Art nicht!« sagte Biddy. »Oh, Herr
Pip! Früher meine Art nicht!«
Nun! Ich dachte, auch diesen Punkt besser
fallenzulassen. Nach einem abermaligen Rundgang
durch den Garten griff ich auf die Hauptsache
zurück.
»Biddy«, sagte ich, »ich machte vorhin eine
Bemerkung, daß ich nun öfter herauskommen und
mich nach Joe umsehen würde. Du hast die
Bemerkung mit auffälligem Schweigen übergangen.
Sei so gut, Biddy, und sage mir, warum du das getan
hast?«
»Wissen Sie's auch ganz bestimmt, daß Sie hier
herauskommen und nach ihm sehen werden?«
fragte Biddy, indem sie auf dem schmalen
Gartenwege stehenblieb und unter den Sternen mit
klarem, ehrlichem Auge nach mir hin sah.
»O du mein Himmel!« sagte ich, als wenn ich
mich gezwungen sähe, Biddy voll Verzweiflung
beiseite zu lassen. »Das ist wirklich eine sehr
schlimme Seite menschlicher Natur! Sage, bitte,
kein Wort mehr, Biddy! Das verdrießt mich
wirklich gar zu sehr!«
Aus diesem gewichtigen Grunde hielt ich mich
während des Abendessens in einiger Entfernung
von Biddy und nahm, als ich mich nach meinem
alten Stübchen hinaufverfügte, in so steifer,
gemessener Weise Abschied von ihr, wie ich es in
meiner murrenden Seele mit dem Friedhof und dem
Ereignis des Tages irgend verträglich hielt. Sooft
ich mich in der Nacht unruhig umherwälzte, und das
war aller Viertelstunden der Fall, dachte ich
darüber nach, welche Unfreundlichkeit, Kränkung
und Ungerechtigkeit Biddy mir angetan hatte.
Früh am Morgen dachte ich wieder zu gehen.
Früh am Morgen war ich auf und blickte, ohne
selbst gesehen zu werden, durch einen der
hölzernen Läden in die Schmiede hinein. Dort stand
ich minutenlang und blickte auf Joe, der schon bei
der Arbeit war, auf sein von gesunder Röte und
männlicher Kraft strotzendes Gesicht, das
zufolgedessen aussah, als ob die helle Sonne des ihm
noch vorbehaltenen Lebens darauf schiene.
»Leb' wohl, lieber Joe! -- Nein, wisch' sie nicht ab!
-- Gib mir, um's lieben Gotteswillen, deine rußige
Hand! -- Ich werde bald wieder draußen sein -- ich
denke, recht oft sogar jetzt!«
»Nie zu früh, Herr!« sagte Joe, »und nie zu oft,
Pip!«
Biddy wartete an der Küchentür auf mich mit
einem Becher frischer Milch und einer Kruste Brot.
»Biddy«, sagte ich, als ich ihr die Hand zum
Abschied gab, »ich bin nicht böse, aber mich
verdrießt's.«
»Nein, seien Sie nicht verdrießlich!« bat sie in
einem Tone voll Rührung; »überlassen Sie das mir,
wenn ich es an Artigkeit habe fehlen lassen.«
Abermals stiegen, als ich von dannen schritt, die
Nebel auf. Wenn sie mir, wie ich argwöhnte,
enthüllten, daß ich nicht zurückkommen sollte und
daß Biddy ganz und gar recht gehabt hatte, so kann
ich nichts weiter sagen -- als daß sie auch ganz und
gar recht hatten.
Sechsunddreißigstes Kapitel

Mit Herbert und mir ward es immer schlimmer.


Unsere Schulden mehrten und mehrten sich trotz
allem Fleiße, mit dem wir Einblick in unsere
Geschäfte nahmen und »Ränder« über »Ränder
ließen« und was dergleichen musterhafte
Gepflogenheiten sonst noch waren. Die Zeit
verstrich, ob so oder so, wie es nun einmal ihre
Weise ist; und ich wurde mündig -- in Erfüllung der
von Herbert getanen Weissagung, daß dies Ereignis
eintreten würde, ohne daß ich mich seiner versehen
hätte.
Herbert selbst war schon acht Monate früher als
ich in das Mündigkeitsalter getreten. Da ihm
indessen nichts anderes zu verrichten blieb, als
diesen Eintritt zu vollziehen, rief das Ereignis in
Barnard's Inn keine große Erregung hervor.
Meinem einundzwanzigsten Geburtstag hatten wir
aber mit einem ganzen Wust von Berechnungen und
vorzeitigen Schlüssen entgegengesehen, denn wir
hatten beide der Meinung gelebt, daß ein Vormund
es kaum würde umgehen können, mir bei diesem
Anlasse einige bestimmte Mitteilungen zu machen.
Ich hatte dafür gesorgt, daß man in Little Britain
bezüglich meines Geburtstages vollkommen
Bescheid wußte. Am Tage vorher erhielt ich von
Wemmick eine amtliche Mitteilung, durch die ich
unterrichtet wurde, daß sich Herr Jaggers sehr
freuen würde, mich an dem bedeutungsvollen Tage
um fünf Uhr nachmittags bei sich zu sehen. Diese
Nachricht gab uns die Überzeugung, daß etwas
Großes im Schwange sei, und versetzte mich in eine
ungewöhnliche Erregung, als ich mich, ein Muster
an Pünktlichkeit, nach der Kanzlei meines
Vormundes begab.
Im Vorzimmer der Kanzlei brachte mir Wemmick
seine Glückwünsche dar und rieb sich mit einem
zusammengefalteten Stück Seidenpapier, dessen
Anblick mir wohltat, zufällig die eine Seite seiner
Nase. Aber er sagte nichts in bezug hierauf und
bedeutete mich durch ein Nicken, bei meinem
Vormund einzutreten. Es war November, und mein
Vormund stand, mit den Händen unter den
Rockschößen, mit dem Rücken gegen das Sims
seines Kamins gelehnt.
»Nun, Pip«, sagte er; »von heut ab muß ich Sie
›Herr Pip‹ anreden. Meine Glückwünsche, Herr
Pip!«
Wir schüttelten uns die Hände -- er befleißigte
sich in diesem Punkte immer einer
bemerkenswerten Kürze --, und ich bedankte mich.
»Nehmen Sie Platz, Herr Pip!« sagte mein
Vormund.
Da ich saß und er seine Haltung beibehielt und
mit finsterer Stirn auf seine Stiefel niederblickte,
fühlte ich mich im Nachteil -- und diese nachteilige
Stellung rief mir jene frühere Zeit zurück, wo ich auf
einen Grabstein gesetzt worden war. Die beiden
gespenstischen Abgüsse oben auf dem Schranke
befanden sich nicht weit von ihm, und der
Ausdruck, der auf ihren Fratzen lag, schien zu
sagen, als wenn sie sich eines dummen,
schlagflüssigen Versuchs befleißigten, an der
Unterhaltung, die hier stattfand, teilzunehmen.
»Nun, mein junger Freund«, begann mein
Vormund in der Weise, als wenn ich vor den
Schranken als Zeuge gestanden hätte, »ich gedenke,
ein paar Worte mit Ihnen zu reden.«
»Wie Sie belieben, mein Herr.«
»Was meinen Sie wohl«, sagte Herr Jaggers, sich
vorbeugend, um auf den Boden zu sehen, sodann
den Kopf nach hinten werfend, um den Blick zur
Decke hinauf zu richten -- »was meinen Sie wohl,
wie hoch sich Ihre Ausgabe pro Jahr beläuft?«
»Meine Ausgabe, Herr?«
»Ih-re«, wiederholte Herr Jaggers, noch immer
zur Decke hinauf starrend -- »Ih-re Aus-ga-be?«
Und dann ließ er den Blick rings durch das
Zimmer schweifen und hielt mit seinem
Taschentuch auf halbem Wege zur Nase inne.
Ich hatte in meine Angelegenheiten so oft
Einblick genommen, daß ich jede leise Ahnung, die
ich vom Stande derselben jemals gehabt haben
mochte, von Grund aus zerstört hatte. Mit
Widerstreben bekannte ich mich gänzlich
außerstande, eine Antwort auf diese Frage zu geben.
Diese Erwiderung schien Herrn Jaggers sehr
angenehm zu sein, denn er sagte: »Das dachte ich
mir!« und putzte sich dann mit einer Miene hoher
Genugtuung die Nase.
»Nun, mein Freund«, sagte Herr Jaggers, »ich
habe an Sie eine Frage gerichtet -- haben Sie jetzt an
mich eine Frage zu richten?«
»Natürlich würde es mir eine große Erleichterung
schaffen, einige Fragen an Sie zu richten, mein Herr;
aber ich bin Ihres Verbotes eingedenk.«
»Fragen Sie eins«, sagte Herr Jaggers.
»Wird sich mein Wohlthäter mir heute bekannt
geben?«
»Nein. Fragen Sie weiter.«
»Werde ich dieses Vertrauens bald teilhaftig
werden?«
»Verziehen Sie damit ein Weilchen«, sagte Herr
Jaggers, »und fragen Sie weiter.«
Ich sah mich um, aber es schien sich keine
Möglichkeit zu zeigen, der Frage zu entrinnen --
»Soll ich -- etwas -- in Empfang nehmen -- mein
Herr?«. Hierauf sagte Herr Jaggers in
siegesbewußtem Tone: »Daß wir hierzu kommen
würden, habe ich mir gedacht!« und rief Wemmick,
ihm das bewußte Stück Papier zu geben. Wemmick
erschien, behändigte es ihm und verschwand.
»Nun, Herr Pip«, sagte Herr Jaggers, »Achtung!
Wenn's beliebt. Sie haben hier ziemlich ungeniert
abgehoben; Ihr Name kommt recht oft in
Wemmicks Kassenbuche vor. Aber Sie haben
natürlich Schulden?«
»Ich fürchte, hierauf mit Ja antworten zu müssen,
mein Herr.«
»Sie wissen, daß Sie mit Ja antworten müssen.
Nicht?« sagte Herr Jaggers.
»Ja, Herr.«
»Ich frage Sie nicht danach, wieviel Schulden Sie
haben, weil Sie es ja doch nicht wissen. Und wenn
Sie's wüßten, würden Sie mir's nicht sagen; Sie
würden weniger sagen. Jawohl, jawohl, mein
Freund«, rief Herr Jaggers, mir durch Schwenkung
seines Zeigefingers Einhalt tuend, als ich mich
willens zeigte, mich hiergegen zu verwahren; »es
mag ja sein, daß Sie glauben, Sie würden's nicht tun;
aber tun würden Sie's! Sie werden mir das nicht
übelnehmen, aber ich weiß in solchen Dingen besser
Bescheid als Sie. Nun, nehmen Sie dieses Stück
Papier in die Hand! Haben Sie's? Sehr gut. Nun
falten Sie es auseinander und sagen Sie mir, was es
ist.«
»Es ist eine Banknote«, sagte ich, »auf
fünfhundert Pfund.«
»Es ist eine Banknote«, wiederholte Herr Jaggers,
»auf fünfhundert Pfund. Und ein sehr hübsches
Sümmchen Geld, meine ich. Sind Sie der gleichen
Ansicht?«
»Wie könnte ich anderer Ansicht sein?«
»Ah! Aber antworten Sie auf die Frage!« sagte
Herr Jaggers.
»Unzweifelhaft.«
»Sie sehen es unzweifelhaft für eine hübsche
Summe Geldes an. Nun, diese hübsche Summe
Geldes, Pip, ist Ihr Eigentum. Es ist ein Geschenk
für Sie zu Ehren des heutigen Tages, das Ihnen als
Handgeld für Ihre Erwartungen gezahlt wird. Und
von dieser stattlichen Summe pro Jahr, die aber
nicht überschritten werden darf, sollen Sie Ihr
Leben bestreiten, bis der Schenkgeber des Ganzen
Ihnen vor die Augen tritt. Das heißt also: Sie werden
Ihre Geldangelegenheiten jetzt ganz in eigene Hände
nehmen und werden von Wemmick vierteljährlich
einhundertundfünfundzwanzig Pfund ziehen, bis Sie
mit dem Spender selbst in Verkehr treten und nicht
mehr durch den bloßen Vermittler mit ihm
verkehren. Wie ich Ihnen schon vordem gesagt
habe: ich bin bloß die vermittelnde Person. Ich
führe die Weisungen aus, die man mir gibt, und
werde dafür bezahlt. Ich halte Sie für unverständig;
werde aber nicht dafür bezahlt, daß ich irgendeine
Meinung über den Wert oder Unwert derselben
äußere.«
Ich schickte mich an, meiner Dankbarkeit gegen
meinen Wohlthäter für die große Freigebigkeit, mit
der ich bedacht wurde, Ausdruck zu geben, als mir
Herr Jaggers Einhalt tat. »Ich werde nicht bezahlt,
Pip«, sagte er mit Kälte, »Ihre Worte jemand zu
bestellen«; dann faßte er die Rockschöße
zusammen, wie er das Thema unserer Unterhaltung
zusammengefaßt hatte, und stand und richtete den
finstern Blick nach seinen Stiefeln hinunter, als
wäre er von dem Argwohn erfüllt, daß sie etwas
Böses gegen ihn im Schilde führten.
Nach einer Pause machte ich die Andeutung:
»Es wurde eben eine Frage laut, Herr Jaggers, mit
der ich, wie Sie wünschten, ein Weilchen verziehen
sollte. Hoffentlich begehe ich kein Unrecht, wenn
ich die Frage neuerdings stelle?«
»Wie lautete sie?« fragte er.
Ich hätte wissen können, daß er mir niemals
aushelfen würde; aber daß ich die Frage ganz von
neuem stellen sollte, als wenn noch gar nicht die
Rede davon gewesen wäre, das machte mich doch
verdutzt.
»Ist es wahrscheinlich«, sagte ich nach einigem
Zögern, »daß mein Beschützer, der Spender, von
dem Sie gesprochen haben, Herr Jaggers, bald --«
hier hielt ich zartfühlend inne.
»Bald was?« sagte Herr Jaggers. »So gestellt, ist
das keine Frage, wissen Sie.«
»Bald nach London kommen wird?« sagte ich,
eine Weile nach den richtigen Worten suchend,
»oder mich anderswohin bestellen wird?«
»Na, hiermit«, versetzte Herr Jaggers, mich zum
ersten Male mit seinen dunklen, tiefliegenden
Augen fixierend -- »hiermit müssen wir auf den
Abend zurückgreifen, als wir uns einander zum
erstenmal in Ihrem Dorfe trafen. Was habe ich
Ihnen damals gesagt, Pip?«
»Sie sagten mir, Herr Jaggers, daß Jahre
vergehen dürften, bis diese Person sich zeigen
würde.«
»Ganz richtig«, sagte Herr Jaggers; »und so lautet
meine Antwort.«
Als wir einander voll ins Auge sahen, fühlte ich
zufolge meines kräftigen Verlangens, etwas aus ihm
herauszubekommen, daß mein Atem rascher
arbeitete. Und da ich fühlte, daß er rascher
arbeitete, und fühlte, daß er dies raschere Arbeiten
sah, so fühlte ich, daß ich weniger Glück als je hätte,
etwas aus ihm herauszubekommen.
»Meinen Sie, daß es auch jetzt noch Jahre dauern
wird, Herr Jaggers?«
Herr Jaggers schüttelte den Kopf -- nicht in
Verneinung der Frage, sondern in gänzlicher
Verneinung der Annahme, daß er irgendwie zu einer
Antwort hierauf bestimmt werden könne --, und die
beiden grausigen Gipsabgüsse der verrenkten
Fratzen sahen, als meine Augen sie streiften, ganz so
aus, als wären sie in ihrer gespannten Erwartuug zu
einer Krisis gelangt und schickten sich zum Niesen
an.
»Na, also!« sagte Herr Jaggers, während er sich
die Rückflächen seiner Beine mit dem Rücken
seiner gewärmten Hände wärmte -- »ich will mal
offen zu Ihnen sein, mein Freund Pip. Dies ist eine
Frage, die an mich nicht gerichtet werden muß. Sie
werden das besser begreifen, wenn ich Ihnen sage,
daß es eine Frage ist, die mich in Gefahr setzen
dürfte. Also! Ich will ein bißchen weiter mit Ihnen
gehen, will Ihnen noch etwas Weiteres sagen.«
Er bückte sich so tief, um seine Stiefel finster
anzuglotzen, daß er imstande war, sich in der Pause,
die er machte, die Waden zu reiben.
»Wenn jene Person sich offenbart«, sagte Herr
Jaggers, sich reckend, »dann werden Sie und diese
Person Angelegenheiten, mit denen Sie sich zu
befassen haben, allein zusammen erledigen. Wenn
jene Person sich offenbart, dann wird meine Rolle
in dieser Sache aufhören und ihren Abschluß
finden. Wenn diese Person sich offenbart, dann
wird es für mich nicht notwendig sein, irgend etwas
über die Sache zu erfahren. Und das ist alles, was
ich Ihnen zu sagen habe.«
Wir sahen einander an, bis ich meine Augen
beiseite wandte und nachdenklich auf den Boden
sah. Aus dieser letzten Rede zog ich den Schluß, daß
Fräulein Havisham ihn aus irgendwelchem oder
keinem Grunde bezüglich der Absichten, die sie mit
Estella und mir verfolgte, nicht in ihr Vertrauen
gezogen hätte; daß er dies übel vermerkte und
Eifersucht darüber im Herzen trüge; oder daß er
tatsächlich gegen diesen Plan eingenommen sei und
nichts damit zu tun haben wolle. Als ich die Augen
wieder aufschlug, fand ich, daß er mich die ganze
Zeit über scharf im Auge behalten hatte und daß er
noch immer so tat.
»Wenn dies alles ist, was Sie mir zu sagen haben,
mein Herr«, bemerkte ich, »dann kann für mich
nichts zu sagen übrigbleiben.«
Er nickte zustimmend und zog seine von allen
Spitzbuben gefürchtete Uhr hervor und fragte
mich, wo ich zu speisen gedächte. Ich antwortete,
bei mir zu Hause, in Gesellschaft von Herbert. Als
notwendige Folge stellte ich die Frage an ihn, ob er
uns mit seiner Gesellschaft beehren wolle: eine
Einladung, die er ohne Umstände annahm. Indes
bestand er darauf, in meiner Gesellschaft nach
Hause zu gehen, damit ich keinerlei Extraausgaben
um seinetwillen mache; er hätte bloß noch ein paar
Briefe zu schreiben und müßte sich dann bloß noch
(natürlich) die Hände waschen. Daraufhin sagte ich,
ich würde mich in das Vorzimmer begeben und
mich mit Wemmick unterhalten.
Die Sache war die, daß mir, sobald die
fünfhundert Pfund in meine Tasche gelangt waren,
ein Gedanke in den Kopf gefahren war, der dort
schon oft gesteckt hatte; und daß es mir schien, als
sei Wemmick eine geschickte Person, mir in betreff
solchen Gedankens mit Rat an die Hand zu gehen.
Er hatte seinen Geldschrank abgeschlossen und
traf Vorkehrungen zum Nachhausegehen. Er war
von seinem Pult fortgetreten, hatte seine beiden
fettigen Kanzleileuchter hinausgetragen und, fertig
zum Auslöschen, mit der Lichtschere in Reih und
Glied auf einen Tisch neben der Türe gestellt; er
hatte das Feuer ausgemacht, Hut und Mantel
bereitgelegt und war, als gymnastische Übung nach
der Geschäftszeit, damit beschäftigt, sich mit dem
Geldschrankschlüssel den ganzen Brustkasten zu
beklopfen.
»Herr Wemmick«, sagte ich, »ich möchte Sie in
einer Sache um Ihre Meinung befragen. Ich fühle
den lebhaften Wunsch, einem Freunde gefällig zu
sein.«
Wemmick klappte seinen Briefkasten zu und
schüttelte das Haupt, um gleichsam anzudeuten,
daß seine Ansicht unbedingt gegen jegliche
Schwäche dieser Art spräche.
»Dieser Freund«, fuhr ich fort, »ist bestrebt, sich
in der kaufmännischen Laufbahn zu betätigen, hat
aber kein Geld und findet daher, daß es eine sehr
schwierige und entmutigende Sache sei, zum Anfang
zu kommen. Nun fühle ich halb und halb den
Wunsch, ihm zu einem Anfang zu verhelfen.«
»Mit Bargeld?« sagte Herr Wemmick in einem
Tone dürrer als Sägespäne.
»Mit etwas Bargeld«, erwiderte ich, denn eine
unbehagliche Erinnerung an jenen gleichmäßigen
Papierstoß beschlich mich; »mit etwas Bargeld --
und vielleicht einiger Vorwegnahme von meinen
Erwartungen.«
»Herr Pip«, sagte Wemmick, »ich möchte Ihnen
einmal, wenn Sie nichts dagegen haben, die Namen
der verschiedenen Brücken bis nach Chelsea Reach
hinauf an den Fingern herzählen. Sehen wir zu: da
ist die Londoner Brücke, Nummer eins; Southwark,
Nummer zwei; Blackfriars, Nummer drei; Waterloo,
Nummer vier; Westminster, Nummer fünf;
Vauxhall, Nummer sechs.« Er hatte den Namen
jeder einzelnen Brücke mit einem Schlag des
Schlüsselgriffes gegen seine Handfläche begleitet.
»Da haben Sie, sehen Sie, der Brücken soviel wie ein
halbes Dutzend -- also zum Auswählen.«
»Ich verstehe Sie nicht«, sagte ich.
»Wählen Sie sich die Brücke aus, Herr Pip, die
Ihnen gefällt«, versetzte Wemmick; »machen Sie
einen Gang über Ihre Brücke und werfen Sie Ihr
Geld über den Mittelbogen Ihrer Brücke in die
Themse hinunter. Sie wissen dann, wie die Sache
ausgeht und wo das Geld geblieben ist. Sind Sie
einem Freunde damit gefällig, werden Sie ja auch
erfahren, wie die Sache ausgeht und wo das Geld
geblieben ist -- aber der Ausgang ist weniger
angenehm und weniger ersprießlich.«
Ich hätte ihm ein Zeitungsblatt in den Mund
hineinwerfen können, so weit riß er ihn auf,
nachdem er diese Äußerung getan hatte.
»Das ist sehr entmutigend«, sagte ich.
»So ist's auch gemeint«, sagte Wemmick.
»Dann sind Sie also der Ansicht«, fragte ich, nicht
ganz ohne Entrüstung, »daß man niemals --«
»-- bewegliches Vermögen bei einem Freunde
anlegen solle?« sagte Wemmick. »Ganz gewiß soll
man das nie. Außer man wünscht sich des Freundes
zu entledigen -- und dann ergibt sich die Frage,
wieviel bewegliches Besitztum es wert sein dürfte,
ihn loszuwerden.«
»Und dies, Herr Wemmick«, sagte ich, »ist Ihre
wohlbedachte Meinung?«
»Dies«, versetzte er, »ist meine wohlbedachte
Meinung hier in der Kanzlei.«
»Ah!« sagte ich, ihn bestürmend, denn mir kam
es so vor, als wenn er sich ein Schlupfloch frei ließe
-- »aber würde das Ihre Meinung auch in Walworth
sein?«
»Herr Pip«, erwiderte er mit Würde, »Walworth
ist eine Örtlichkeit, und diese Kanzlei ist eine andere
Örtlichkeit. Ganz ebenso wie der Alte eine
Persönlichkeit ist und Herr Jaggers eine andere.
Dies beides darf nicht in einen und denselben Topf
geworfen werden. Meine Walworther Meinungen
müssen in Walworth gefaßt werden; in dieser
Kanzlei können aber keine anderen als amtliche
Empfindungen herrschen.«
»Sehr gut«, sagte ich, stark erleichtert; »dann
werde ich Ihnen in Walworth einen Besuch machen.
Darauf dürfen Sie sich verlassen.«
»Herr Pip«, antwortete er, »Sie werden dort
willkommen sein sowohl privatim als persönlich.«
Wir hatten diese Unterhaltung im leisesten Tone
geführt, weil wir recht gut wußten, daß mein
Vormund die schärfsten von allen scharfen Ohren
hatte. Da er jetzt, sich die Hände abtrocknend, in
der Türe erschien, zog Wemmick sich den Mantel
an und stellte sich in Bereitschaft, die Kerzen
auszulöschen. Wir traten alle drei zusammen auf die
Straße hinaus, und von der Türschwelle ab ging
Wemmick seines Weges, und Herr Jaggers und ich
gingen unseres Weges.
Ich konnte es nicht ändern, daß mich an diesem
Abend mehr als einmal der Wunsch beschlich, Herr
Jaggers sollte doch in Gerard Street einen »Alten«
oder einen »Ärger« oder sonstwas oder sonstwen
sitzen haben, der ihm die Falten ein bißchen aus der
Stirne striche. Es war eine unerquickliche
Betrachtung an einem einundzwanzigsten
Geburtstag, daß es in einer so vorsichtig gehüteten,
argwöhnischen Welt, wie er sie darstellte, der Mühe
kaum lohne, das mündige Alter zu erreichen. Er war
tausendmal besser unterrichtet und tausendmal
gescheiter als Wemmick, und doch hätte ich
Wemmick tausendmal lieber bei mir zum Essen
gehabt als ihn. Und Herr Jaggers stimmte nicht
mich allein stark melancholisch, sondern auch
Herbert meinte, als er fort war, von sich, während
er mit den Augen aufs Feuer hinstarrte, ihm wäre es
zumute, als müsse er ein Kapitalverbrechen
begangen haben, das ihm aus dem Gedächtnis
gekommen sei, so erbärmlich und schuldbeladen
käme er sich vor.
Siebenunddreißigstes Kapitel

Da mir der Sonntag der beste Tag zu sein schien, um


die in Walworth gültigen Ansichten des Herrn
Wemmick zu hören, widmete ich den
nächstfolgenden Sonntag nachmittag einer
Pilgerfahrt nach dem Schlosse. Als ich vor den
Zinnen anlangte, wehte die Unionsflagge, und die
Zugbrücke war aufgezogen; aber unbeirrt durch
diese äußeren Anzeichen von Trotz und
Widerstand, läutete ich an der Pforte und wurde
von dem Alten in höchst friedfertiger Weise
eingelassen.
»Mein Sohn, Herr«, sagte der alte Mann,
nachdem er die Zugbrücke sicher ins Schloß
gehängt hatte, »mein Sohn, Herr, dachte sich's
schon, daß Sie vielleicht kommen würden, und hat
versprochen, zeitig von seinem
Nachmittagsspaziergang zu Hause zu sein. Er ist in
seinen Spaziergängen sehr pünktlich und
regelmäßig. Mein Sohn ist in allen Dingen die
Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit selbst.«
Ich nickte dem alten Herrn zu, wie Wemmick
selbst es nicht anders gekonnt hätte, und wir traten
ein und setzten uns neben dem Herde nieder.
»Sie haben meines Sohnes Bekanntschaft
gemacht, mein Herr«, sagte der alte Mann in seiner
piependen Weise, während er sich die Hände an
dem offnen Feuer wärmte, »in seiner Kanzlei,
erwarte ich?« Ich nickte. »Ha! Ich habe mir sagen
lassen, daß mein Sohn ein wunderbarer Arbeiter in
seinem Berufe sei, Herr?« Ich nickte kräftig. »Ja!
So hat man mir gesagt. Sein Beruf ist die
Rechtswissenschaft?« Ich nickte stärker. »Was bei
meinem Sohne um so erstaunlicher ist«, sagte der
alte Mann, »als er zum Beruf eines Rechtsgelehrten
gar nicht erzogen worden ist, sondern zu dem der
Weinküferei.«
Neugierig zu vernehmen, wie es mit der Kenntnis
des alten Herrn um Ruf und Ansehen des Herrn
Jaggers stände, brüllte ich ihm den Namen ins Ohr.
Er stürzte mich dadurch, daß er sich vor Lachen
ausschütten wollte und in seiner lustigsten Weise
erwiderte: »Nein, ganz gewiß! Da haben Sie recht!«
in die größte Verlegenheit, und bis auf diese Stunde
habe ich noch nicht die leiseste Ahnung, was er
gemeint oder welchen Jux er bei mir vermutet hat.
Da ich nicht dasitzen und ihm in einem fort
zunicken konnte, ohne irgendwelchen weiteren
Versuch zu einer ihm interessanten Unterhaltung zu
machen, schrie ich ihm eine Frage zu, ob sein Beruf
im Leben »die Weinküferei« gewesen sei. Dadurch,
daß ich diesen Ausdruck mehrmals hintereinander
kräftig schrie und den alten Herrn dabei auf den
Brustkasten klopfte, in der Absicht, auf diese Weise
ihm seinen persönlichen Zusammenhang damit
anzudeuten, gelang es mir endlich, mich ihm
verständlich zu machen.
»Nein«, sagte der alte Herr; »die Magazin-
Branche; die Magazin-Branche. Zuerst dort
drüben«, -- er schien zu meinen, oben im Kamine;
aber er wollte mich, glaube ich, auf Liverpool
hinweisen -- »und dann hier in der Londoner
Altstadt. Da ich indessen ein Gebrechen habe, denn
-- denn ich höre schwer, mein Herr --«
Ich drückte durch eine Gebärde das größte
Erstaunen aus.
-- »Ja, ich höre schwer; und seit mich dieses
Gebrechen befallen, ist mein Sohn in den
Rechtsberuf übergetreten und hat mich zu sich
genommen und sich nach und nach dies vornehme
und schöne Besitztum hergestellt. Doch um auf Ihre
Rede zurückzukommen, wissen Sie, mein Herr«,
fuhr der alte Mann fort, nachdem er sich vor
Lachen wieder schier ausgeschüttet hatte -- »was
ich da sage, ist: Nein, ganz gewiß! Da haben Sie
recht.«
Ich ging in aller Bescheidenheit neugierig mit mir
zu Rate, ob ich bei Anspannung alles meines
Scharfsinns wohl imstande gewesen wäre, eine
Äußerung zu tun, die ihn halb so sehr amüsiert
haben würde als dieser bloß in der Einbildung
vorhandene Scherz -- als ich heftig zusammenfuhr:
ein plötzliches Geklirr in der Wand an der einen
Kaminseite hatte mich erschreckt, dem das
gespenstische Hervorschnellen einer kleinen
hölzernen Falltür folgte, auf der das Wort John
geschrieben stand. Der alte Mann, der der Richtung
meiner Augen folgte, rief mit großem Triumph:
»Mein Sohn kommt nach Hause!«, und gleich
darauf begaben wir uns beide hinaus nach der
Zugbrücke.
Zu sehen, wie Wemmick mir vom jenseitigen Ufer
des Schloßgrabens einen »Gruß aus der Ferne«
hinüberwinkte, während wir doch mit größter
Bequemlichkeit uns über denselben hinweg die
Hände hätten drücken können, war Geld wert. Der
Alte war so überglücklich, die Zugbrücke
niederzulassen, daß ich es unterließ, ihm meinen
Beistand anzubieten, und still auf meinem Flecke
stehenblieb, bis Wemmick die Brücke überschritten
hatte und mich mit Fräulein Skiffins bekannt
gemacht hatte: einer Dame, die sich in seiner
Begleitung befand.
Fräulein Skiffins war eine hölzerne Erscheinung
und, gleich ihrem Geleitgeber, dem postämtlichen
Dienste angehörig -- auf Grund der beiderseitig
vorhandenen »Briefkasten-Beflissenheit« nämlich.
Sie mochte ungefähr zwei bis drei Jahre jünger sein
als Wemmick und befand sich, meinem Dafürhalten
nach, im Besitz beweglichen Vermögens. Der
Schnitt ihres Kleides vom Gurt aufwärts, sowohl im
Vorder-, wie im Hinterteil, gab ihrer Figur eine
täuschende Ähnlichkeit mit einem Papierdrachen;
auch hätte ich ihr Kleid als ein bißchen zu stark
orangegelb, ihre Handschuhe dagegen als ein
bißchen zu zeisiggrün bezeichnen mögen. Aber sie
schien eine ganz famose Kameradin zu sein und
bewies dem Alten eine hohe Achtung. Zu der
Entdeckung, daß sie ein häufiger Gast im Schlosse
war, brauchte ich keine lange Zeit; denn als wir ins
Schloß hineintraten, drückte ich ihm meine
Bewunderung aus über die geniale Vorrichtung, die
er ersonnen, um sich dem Alten anzukündigen; aber
da bat er mich für einen Augenblick, meine
Aufmerksamkeit der anderen Kaminseite zu
schenken, und verschwand. Augenblicklich wurde
ein abermaliges Klirren laut, und eine andere kleine
Tür ging polternd auf, auf welcher die Worte:
»Fräulein Skiffins« standen. Dann klappte Fräulein
Skiffins nieder und John polterte zum Vorschein;
dann polterten Fräulein Skiffins und John
zusammen zum Vorschein und klappten schließlich
zusammen zu. Wemmick kehrte, nachdem er diese
mechanischen Vorrichtungen in Tätigkeit gezeigt
hatte, wieder in das Zimmer zurück, und ich lieh
meiner Bewunderung von neuem über das
Gesehene Ausdruck; worauf er sagte: »Na, wissen
Sie, für den Alten ist die Einrichtung ganz nett und
nützlich. Und, meiner Sixen! Herr! Daß von all den
vielen Menschen, die zu diesem Tore kommen, um
das Geheimnis dieser Flaschenzüge bloß der Alte,
Fräulein Skiffins und ich wissen: das ist eine Sache,
von der man schon reden darf.«
»Und Herr Wemmick hat sie selbst ersonnen«,
setzte Fräulein Skiffins hinzu, »und eigenhändig
gemacht.«
Während Fräulein Skiffins den Hut abnahm (die
grünen Handschuhe behielt sie während des Abends
an zum äußeren und sichtbaren Zeichen, daß
Besuch anwesend sei), lud mich Wemmick ein, mit
ihm einen Gang durch das Besitztum zu machen und
sich die Insel in ihrem Winterkleide anzusehen. In
der Meinung, daß er dies in der Absicht täte, mir
eine Gelegenheit zur Entgegennahme seiner
Walworther Ansichten zu geben, ergriff ich
dieselbe, sobald wir uns außerhalb des Schlosses
befanden.
Da ich mir die Sache sorgfältig überdacht hatte,
rückte ich meinem Gegenstand näher, als wenn ich
seiner vorher niemals Erwähnung getan hätte. Ich
unterrichtete Wemmick, daß ich mir über Herbert
Pocket Sorgen machte, und erzählte ihm, wie wir
miteinander bekannt geworden waren und uns
geboxt hatten. Ich gab einen Einblick in Herberts
Heim und seinen Charakter und bemerkte, daß er
über keine anderen Mittel geböte als über die ihm
durch seinen Vater gebotenen und daß diese an
Unsicherheit und Unpünktlichkeit nichts zu
wünschen übrigließen. Ich wies auf die Vorteile hin,
die mir in meiner Unwissenheit, meinem Mangel an
Weltbildung aus seinem Umgange erwachsen
waren, und gestand meine Furcht ein, ihm dieselben
schlecht vergolten zu haben und daß er ohne mich
und meine Erwartungen doch wohl besser
fortgekommen sein würde. Fräulein Havisham in
großem Abstand im Hintergrunde haltend, wies ich
doch auf die Möglichkeit hin, ihm in den
Aussichten, die sich für ihn eröffneten, als
Nebenbuhler in den Weg getreten zu sein, und
betonte, daß es doch über allen Zweifel erhaben sei,
daß er ein großmütiges Herz besäße und weit
erhaben über allem niedrigen Mißtrauen,
Rachsüchteleien und schlimmen Ränken stehe. Aus
allen diesen Gründen (sagte ich Wemmick) und weil
er mein junger Kamerad und Freund sei, ich auch
eine große Zuneigung zu ihm gefaßt hätte, wünschte
ich, daß mein persönliches Glück einigen Abglanz
auch auf ihn würfe, und träte deshalb an Wemmick
mit der Bitte heran, mir mit seiner Erfahrung und
Menschen- und Geschäftskenntnis zu raten, wie ich
Herbert mit meinen Mitteln am besten und
einfachsten zu irgendeinem jährlichen Einkommen -
- meinetwegen hundert Pfund im Jahr, um ihn bei
Hoffnung und gutem Mut zu erhalten -- verhelfen
und nach und nach so stellen könnte, daß er sich bei
irgendeinem sicheren Geschäft im kleinen
Maßstabe zu beteiligen in die Lage käme. Zum
Schluß bat ich Wemmick, die Sache natürlich so
aufzufassen, daß meine Hilfe immer nur so
geschehen könne, daß Herbert weder etwas davon
erführe noch argwöhnte und daß ich außer ihm
keinen Menschen wüßte, dessen Rat ich in dieser
Sache einholen könnte. Dann legte ich ihm die Hand
auf die Schulter und sagte:
»Ich kann's nun einmal nicht ändern, daß ich
Vertrauen zu Ihnen habe, und Sie ins Vertrauen
ziehe, wenn ich auch anderseits weiß, daß Ihnen die
Sache beschwerlich sein muß. Aber das ist Ihre
eigene Schuld, Sie hätten mich nicht hierherbringen
sollen.«
Wemmick verhielt sich eine kurze Zeit still. Dann
schien er aufzufahren und sagte:
»Nun, Herr Pip! Da muß ich Ihnen, wissen Sie,
eins sagen: Das ist verteufelt brav von Ihnen!«
»Sagen Sie, daß Sie mir brav zu sein behilflich
sein wollen«, sagte ich.
»Meiner Sixen!« versetzte Wemmick, den Kopf
schüttelnd, »das ist doch mein Handwerk nicht.«
»Das ist auch hier der Ort nicht, wo Sie Ihrem
Handwerk nachgehen«, sagte ich.
»Sie haben recht«, erwiderte er. »Sie treffen den
Nagel auf den Kopf. Herr Pip, ich will meine
Gedankenkappe aufsetzen und meine, es läßt sich
alles, was Sie auszuführen wünschen, nach und nach
ausführen. Skiffins (ihr Bruder ist das) ist
Buchhalter und Agent. Ich will 'mal zu ihm gehen
und in dieser Sache Vorfrage halten.«
»Zehntausendfach Dank dafür!«
»Im Gegenteil«, sagte er, »ich bin Ihnen dankbar;
denn wenn wir auch streng privatim und persönlich
verhandeln, so darf doch immer betont werden, daß
an Newgate-Spinnweben nirgendwo Mangel ist und
daß so etwas sie hinwegstiebt.«
Nach einer weiteren kurzen Unterhaltung
ähnlichen Inhalts kehrten wir ins Schloß zurück, wo
wir Fräulein Skiffins über der Zubereitung des Tees
antrafen. Die verantwortungsvolle Pflicht, das
Röstbrot zu bereiten, wurde dem Alten zugewiesen,
und dieser vortreffliche alte Herr war so vertieft in
diese Tätigkeit, daß er mir in Gefahr zu schweben
schien, sich die Augen aus dem Kopfe zu schmelzen.
Es war nicht bloß dem Namen nach eine Mahlzeit,
die wir uns zu halten anschickten, sondern krasse
Wirklichkeit. Der Alte richtete einen solchen Berg
von Röstbrot her, daß ich ihn kaum dahinter sehen
konnte, als dieser Berg, an das oberste Eisen
gehängt, auf eisernem Dreifuße schmorte. Fräulein
Skiffins braute daneben einen solchen Kübel voll
Tee, daß das Schweinchen hinten im Hofe in heftige
Aufregung geriet und seinem Wunsche, an dem
Gelage teilzunehmen, wiederholt Ausdruck gab.
Im richtigen Augenblick war die Flagge
gestrichen und die Kanone abgefeuert worden, und
ich fühlte mich in so behaglicher und gemütlicher
Abgeschiedenheit von dem übrigen Walworth, als
wenn der Schloßgraben dreißig Fuß breit und
ebensoviel Fuß tief gewesen wäre. Nichts störte die
Ruhe des Schlosses, Johns und Fräulein Skiffins
zeitweiliges Hervorpoltern ausgenommen, indem
nämlich die beiden kleinen Falltüren Anfällen von
Haltlosigkeit zur Beute fielen, durch die mein
Mitleid wachgerufen wurde: was mich so lange in
ungemütlicher Stimmung hielt, bis ich mich an die
Sache gewöhnt hatte. Aus der methodischen Art
und Weise, wie sich Fräulein Skiffins ihrer
Obliegenheiten entledigte, zog ich den Schluß, daß
sie den Tee hier jeden Sonntagabend herrichtete,
und schöpfte halb und halb den Argwohn, daß eine
klassische Brosche, die sie trug, und die das Profil
eines abstoßenden Frauenzimmers mit
schnurgerader Nase und einem nagelneuen Monde
darstellte, ein Stück beweglichen Vermögens wäre,
das ihr von Wemmick zum Geschenk gemacht
worden sei.
Wir verspeisten den ganzen Berg Röstbrot und
tranken im entsprechenden Verhältnis Tee dazu;
und es war köstlich anzuschauen, wie warm wir alle
danach wurden und wie uns die Backen und Lippen
von Fett glänzten. Der Alte vornehmlich hätte als
irgendein säuberlicher alter Häuptling eines wilden
Stammes im Zustande frischer Ölung gelten können.
Nach kurzer Ruhepause wusch Fräulein Skiffins --
in Abwesenheit des kleinen Dienstmädchens, die
sich, wie es schien, an sonntäglichen Nachmittagen
an den Busen ihrer Familie flüchtete -- in tändelnder
Dilettantenart, die an die feine Dame gemahnte und
niemand von uns in Fährlichkeit setzte, das
Teegerät ab. Dann zog sie die Handschuhe wieder
an, und wir setzten uns um das Kaminfeuer herum.
Wemmick eröffnete die Unterhaltung mit den
Worten:
»Na, alter Vater! Nun rück' mit der Zeitung an!«
Wemmick setzte mir, während der alte Herr nach
seiner Brille suchte, auseinander, daß dies so
Brauch und Gewohnheit sei und daß es dem alten
Herrn endlose Befriedigung schaffe, die Zeitung laut
vorzulesen.
»Ich verzichte darauf, um Entschuldigung zu
bitten«, sagte Wemmick, »denn vieler Freuden ist
er nicht fähig -- wie, alter Vater?«
»Ganz recht, John, ganz recht«, versetzte der alte
Mann, als er sah, daß mit ihm gesprochen wurde.
»Nicken Sie ihm bloß dann und wann einmal zu,
wenn er von seiner Zeitung aufguckt«, sagte
Wemmick, »und er wird sich so glücklich dünken
wie ein König. Wir sind ganz Ohr, Alterchen.«
»Ganz recht, John! Ganz recht!« erwiderte der
lustige Alte, so geschäftig und vergnügt, daß es
wirklich ganz reizend anzuschauen war.
Des alten Vorlesung erinnerte mich an die
Schulstunden bei Herrr Wopsles Großtante, wozu
sich noch die angenehme Merkwürdigkeit gesellte,
daß der Ton wie durch ein Schlüsselloch zu mir zu
gelangen schien. Da die Kerzen ganz nahe bei ihm
stehen mußten und er selbst beständig an dem
Rande der Gefahr stand, entweder mit seinem
Kopfe oder mit der Zeitung in die Flammen hüben
oder drüben zu fahren, so erheischte er ebensoviel
Wachsamkeit und Aufsicht wie ein Pulverturm.
Aber Wemmick war ein so unermüdlicher wie
liebevoller Wächter, und der Alte las, der vielen
Rettungen ganz unbewußt, die an ihm vollzogen
wurden, munter weiter. Jedesmal, wenn er uns
ansah, drückten wir alle das größte Interesse und
Staunen aus und nickten ihm zu, bis er wieder zu
lesen anfing.
Da Wemmick neben Fräulein Skiffins saß, ich
aber in einem schattigen Winkel, so beobachtete ich
eine langsame, stufenweise sich vollziehende
Verlängerung von Herrn Wemmicks Munde, die
stark vermuten ließ, daß sich sein Arm langsam und
stufenweise um die Taille des Fräuleins Skiffins
schob. Im Laufe der Zeit sah ich seine Hand auf der
anderen Seite von Fräulein Skiffins zum Vorschein
kommen; in diesem Augenblick tat ihm aber
Fräulein Skiffins fein säuberlich mit dem grünen
Handschuh Einhalt, nahm seinen Arm von ihrer
Taille weg in der Weise, als wenn sie ein
Kleidungsstück ablegte, und legte ihn mit dem
größten Bedacht vor sich auf den Tisch. Die
Gesetztheit und Ruhe, die Fräulein Skiffins während
dieses Tuns zeigte, bot eins der merkwürdigsten
Bilder, die ich je gesehen, und wenn ich hätte
meinen können, daß sich die Handlung mit
Zerstreutheit vereinbaren ließe, so würde ich es mir
nicht haben ausreden lassen, daß Fräulein Skiffins,
was sie dabei tat, mechanisch tat.
Nach einem Weilchen nahm ich wahr, daß
Wemmicks Arm wieder zu verschwinden anfing und
schrittweis außer Sicht geriet. Kurz darauf fing sein
Mund wieder an, sich zu dehnen. Nach einer
weiteren Weile, während deren ich voll
schmerzlicher Erwartung in Hangen und Bangen
geschwebt hatte, sah ich, wie seine Hand auf der
anderen Seite von Fräulein Skiffins zum Vorschein
kam. Augenblicklich tat ihr Fräulein Skiffins mit der
Promptheit eines gemütlichen Boxerhelden Einhalt,
nahm diesen Gürtel oder Cestus wie vordem von
sich und legte ihn auf den Tisch. Den Tisch als
Vertreter des Pfades der Tugend genommen, bin
ich zu dem Ausspruche berechtigt, daß während der
ganzen Zeit, die des Alten Vorlesung in Anspruch
nahm, Wemmicks Arm vom Pfade der Tugend
abstreifte und von Fräulein Skiffins auf ihn
zurückgerufen wurde.
Endlich las sich der Alte in einen leichten
Schlummer hinein. Dies war der Zeitpunkt für
Wemmick, einen kleinen Kessel zutage zu fördern,
desgleichen ein Tablett mit Gläsern und eine
schwarze Flasche, deren Kork mit Porzellandeckel
versehen war, worauf das Abbild eines geistlichen
Würdenträgers gemütlichen Aussehens in
frischroten Farben gemalt war. Mittels dieser
Zurüstungen gerieten wir alle in den Stand, etwas
Warmes zu uns zu nehmen, den Alten mit
einbezogen, der alsbald aus seinem Schlummer
erwachte. Fräulein Skiffins bewirkte die Mischung,
und ich machte die Wahrnehmung, daß sie mit
Herrn Wemmick aus einem Glase trank. Natürlich
unterließ ich es, Fräulein Skiffins das Erbieten zu
machen, sie nach Hause zu führen, und erachtete es
unter solchen Umständen für das beste, mit dem
Fortgehen den Anfang zu machen. Das tat ich,
indem ich mich von dem Alten aufs herzlichste
verabschiedete und einen recht gemütlichen Abend
verlebt hatte.
Vor Ablauf der ersten Woche erhielt ich von
Wemmick mit dem Stempel Walworth ein
Briefchen, worin er mir mitteilte, daß er in der
privatim und persönlich zwischen uns verhandelten
Angelegenheit Fortschritte gemacht habe und sich
freuen werde, behufs weiterer Rücksprache hier
mich zum andernmal bei sich zu sehen. So spazierte
ich denn neuerdings nach Walworth hinaus, und tat
dies ein zweites und drittes Mal, und traf ihn
verschiedentlich laut Verabredung in der Altstadt,
verhandelte aber niemals mit ihm über die
Angelegenheit in Little Britain oder in der Nähe von
Little Britain. Das Ergebnis unserer Verhandlungen
war, daß sich ein ehrenwerter junger Handelsmann
oder Schiffsmäkler fand, der sich vor kurzem
selbständig gemacht hatte, eines intelligenten
Beistands benötigte, Geld brauchte und, wenn sich's
mit der Zeit aus den anderen Bedingnissen schickte,
einen Sozius in sein Geschäft nehmen wollte.
Zwischen ihm und mir wurden verschiedene
geheime Artikel aufgesetzt, die sich auf Herbert
bezogen und mit Herbert befaßten; worauf ich dem
Manne meine fünfhundert Pfund auf den Tisch
zählte und mich für allerhand weitere Zahlungen
verbindlich machte: von denen einige zu gewissen
Raten aus meinem Einkommen bestritten, andere
ihre Festsetzung aufgrund des Vermögens erhalten
sollten, das mir in Aussicht stand. Fräulein Skiffins'
Bruder führte die Verhandlung, Wemmick spielte
von Anfang bis zu Ende dabei seine Rolle, trat aber
kein einziges Mal persönlich zum Vorschein.
Die ganze Angelegenheit war so geschickt
eingefädelt worden, daß Herbert nicht den leisesten
Argwohn schöpfte, daß ich die Hand dabei im Spiele
gehabt hatte. Ich werde nie in meinem Leben das
strahlende Gesicht vergessen, mit dem er eines
Nachmittags nach Hause kam und mir als
großartige Neuigkeit erzählte, daß er mit einem
gewissen Clarriker (so hieß der Name des jungen
Kaufmanns) zusammengetroffen sei und daß
besagter Clarriker ihm mit außerordentlichem
Wohlwollen entgegengekommen sei und ihn sehr
gern zu haben scheine, und daß sich ihm, wie er
bestimmt glaube, nun endlich die ersehnte Aussicht
erschlossen habe. Je mehr sich seine Hoffnungen
kräftigten und je heller sein Gesicht strahlte, muß er
mich täglich für einen lieberen, besseren Freund
angesehen haben, denn es machte mir die größten
Schwierigkeiten, meine Siegestränen
zurückzuhalten, wenn ich ihn so überglücklich sah.
Endlich war die Sache abgemacht, und sein Eintritt
als Sozius in das Haus Clarriker vollzogen; und
nachdem er den ganzen Abend dieses Tages in
einem Strom von Seligkeit und Siegesfreude zu mir
geschwatzt hatte, weinte auch ich allen Ernstes helle
Tränen, als ich mich zu Bett legte, glücklich in dem
Gedanken, daß meine Erwartungen doch jemand
etwas Gutes gebracht hatten.
Ein großes Ereignis in meinem Leben, der
Wendepunkt meines Lebens, eröffnet sich jetzt
meinem Blicke. Aber ehe ich dazu schreite, es zu
erzählen, und ehe ich zu allen Wandlungen
übergehe, die dasselbe in sich schloß, muß ich
Estella ein Kapitel widmen. Es heißt das nicht
gerade viel für das Thema übrig haben, das mein
Herz so lange erfüllte.
Achtunddreißigstes Kapitel

Wenn es in jenem ernsten alten Hause unfern des


grünen Platzes in Richmond jemals spuken sollte,
wenn ich das Zeitliche gesegnet habe, so wird der
Spuk gewiß durch meinen Geist bewirkt werden. O
über die vielen, vielen Nächte und Tage, in denen
der ruhelose Geist in mir jenes Haus heimsuchte, als
Estella dort lebte! Wo immer mein Leib auch weilte,
mein Geist schweifte immer in jenem Hause,
schweifte immer, immer, immer dort.
Die Dame, zu der Estella gegeben worden war,
hieß mit Namen Frau Brandley, war eine Witwe, die
eine um mehrere Jahre ältere Tochter als Estella
hatte. Die Mutter sah jung und die Tochter alt aus;
der Mutter Gesichtsfarbe war rosig, die der Tochter
gelb; die Mutter neigte zur Frivolität und die
Tochter zur Gottesgelahrtheit. Sie befanden sich,
wie man so sagt, in auskömmlicher Lage, machten
Besuche bei unzähligen Leuten und empfingen
Besuche von unzähligen Leuten. Zwischen ihnen
und Estella bestand wenig oder keine
Gefühlsgemeinschaft; aber darüber, daß die beiden
Damen für sie nötig waren und daß sie für die
beiden Damen nötig war, darüber waren sich alle
Meinungen klar. Frau Brandley war mit Fräulein
Havisham, ehe sich diese aus der Gesellschaft
zurückzog, befreundet gewesen.
Im Hause und außerhalb des Hauses der Frau
Brandley erlitt ich alle mögliche Seelenfolter und
jeden Grad von Seelenfolter, den Estella mir irgend
verursachen konnte. Die Natur meiner Beziehungen
zu ihr, die mich auf vertrauten Verkehrsfuß mit ihr
setzte, ohne mich auf begünstigten Fuß mit ihr zu
setzen, führte zu meiner Zerrüttung. Sie benützte
mich, um andere Verehrer zu quälen, und drehte
dann die tatsächliche Vertraulichkeit, die zwischen
ihr und mir bestand, so, daß sie auf die Verehrung
und Liebe, die ich für sie fühlte, beständig ein
geringschätziges Licht warf. Wäre ich ihr ein
Schreiber, Verwalter, Halbbruder oder armer
Verwandter gewesen -- wäre ich ein jüngerer Bruder
des ihr bestimmten Gemahls gewesen, so hätte ich
mir, wenn ich ihr am nächsten war, nicht aller
meiner Hoffnungen mehr entrückt vorkommen
können. Das Vorrecht, sie bei ihrem Vornamen zu
nennen und mich von ihr mit meinem Vornamen
rufen zu hören, wurde unter den obwaltenden
Umständen zu einer Verschlimmerung meiner
Leiden; und während ich es für wahrscheinlich
halte, daß ihre anderen Verehrer dadurch fast zum
Wahnsinn gebracht wurden, weiß ich nur allzu
bestimmt und sicher, daß ich dadurch fast zum
Wahnsinn gebracht wurde.
Sie hatte Bewunderer in endloser Zahl.
Unzweifelhaft machte meine Eifersucht jeden, der
sich ihr nahte, zum Bewunderer; aber auch
ohnedem waren ihrer mehr denn genug.
Ich sah sie oft in Richmond, hörte oft in der Stadt
von ihr und pflegte oft mit ihr und den Damen
Brandley eine Wasserfahrt zu machen. Da gab es
Picknicks, Festlichkeiten, Schauspiele, Opern,
Konzerte, Ausflüge, allerhand Vergnügungen, die
ich mit ihr durchmachte -- und alle waren sie für
mich Jammer und Elend. Ich hatte in ihrer
Gesellschaft niemals eine glückliche Stunde; und
doch war mein Geist während der ganzen
vierundzwanzig Stunden, die der Tag hat, des
Lobsingens voll über die Wonne, vereint mit ihr bis
zum Tode zu sein.
Während dieser Zeit unseres Verkehrs -- und das
dauerte, wie man gleich sehen wird, meiner
Meinung nach recht lange -- verfiel sie gegen mich
gewöhnlich wieder in jenen Ton, der zu verstehen
gab, daß unser Umgang uns beiden aufgezwungen
wäre. Dann kamen auch andere Augenblicke, wo sie
diesem Tone und allen den vielen anderen Tonarten
plötzlich Einhalt gebot und Mitleid mit mir zu
fühlen schien.
»Pip, Pip«, sagte sie einmal abends, als sie zu
einem solchen Einfall kam, während wir abseits an
einem dunkelnden Fenster des Richmonder Hauses
saßen -- »wollen Sie sich denn gar nicht warnen
lassen?«
»Wovor?«
»Vor mir.«
»Davor, mich durch Sie nicht fesseln zu lassen,
meinen Sie, Estella?«
»Ich meinen? Das meinen? Nun, wenn Sie nicht
merken, was ich meine, dann sind Sie eben blind.«
Ich würde geantwortet haben, daß Liebe
allgemein im Rufe der Blindheit stehe, hätte mich
nicht stets eine Empfindung, daß es unedel wäre,
mich ihr aufzudrängen, da sie doch wußte, daß ihr
nichts anderes übrigbliebe, als nach dem Willen von
Fräulein Havisham zu handeln, von solchem Tun
zurückgehalten -- und gerade dieses war nicht der
geringste von allem Jammer, der mich erfüllte.
Mich quälte immer die Furcht, daß dieses
Bewußtsein auf ihrer Seite mich bei ihrem Stolze in
eine sehr unvorteilhafte Lage setzte und mich zum
Gegenstand eines rebellischen Kampfes machte, der
sich in ihrem Busen abspielte.
»Auf jeden Fall«, sagte ich, »ist mir gerade
diesmal keine Warnung erteilt worden, denn
diesmal haben Sie mich schriftlich aufgefordert, zu
Ihnen zu kommen.«
»Das ist richtig«, sagte Estella mit kaltem,
achtlosem Lächeln, das mich immer wie Eis
berührte.
Nachdem sie ein Weilchen auf das draußen
herrschende Zwielicht geblickt hatte, fuhr sie fort:
»Es ist die Zeit gekommen, wo mich Fräulein
Havisham auf einen Tag in Satis zu haben wünscht.
Sie sollen mich hin- und wieder zurückbringen,
wenn Sie Lust haben. Sie wünscht, ich möchte die
Reise lieber nicht allein machen, und mag doch
wiederum mein Dienstmädchen nicht bei sich
sehen, denn sie hat ein krankhaftes Grauen davor,
von solchen Leuten beklatscht zu werden. Können
Sie mich hinbringen?«
»Ob ich Sie hinbringen kann, Estella?«
»Sie können also? Übermorgen, wenn's gefällig
ist. Sie sollen sämtliche Auslagen aus meiner Börse
bestreiten. Sie hören die Bedingung, unter der Sie
mich begleiten sollen?«
»Und ich muß gehorchen«, sagte ich.
Dies war die ganze Vorbereitung, die mir für
diesen Besuch oder andere seinesgleichen gewährt
wurde. Fräulein Havisham schrieb mir niemals, ich
hatte auch niemals einen Buchstaben von ihrer
Handschrift gesehen. Am übernächsten Tage
fuhren wir also hinunter und trafen sie in dem
Zimmer, wo ich sie zum erstenmal gesehen hatte;
und daß sich in Satis-Haus keinerlei Änderung
vollzogen hatte, das hinzuzufügen ist nutzlos.
Sie bezeigte diesmal Estella in einem noch weit
schrecklicheren Grade ihre Liebe und Zuneigung als
jenes letzte Mal, wo ich sie gesehen hatte. Ich
wiederhole das Wort mit gutem Bedacht, denn in
der Kraft ihrer Blicke und Umarmungen lag
tatsächlich etwas Erschreckliches. Sie hing an
Estellas Schönheit, hing an ihren Worten, hing an
ihren Gebärden und saß und kaute sich, während sie
sie ansah, an den bebenden Fingern, als wolle sie das
schöne Geschöpf, das sie aufgezogen hatte, bei
lebendigem Leibe verschlingen.
Von Estella blickte sie zu mir, blickte zu mir mit
forschender Miene und Blicken, die mir tief ins
Herz hineinzubohren, die dessen Wunden zu
sondieren schienen. »Wie behandelt sie dich, Pip?
Wie behandelt sie dich?« fragte sie mich wieder mit
ihrer hexenhaften Gierigkeit, selbst wenn Estella es
hören konnte. Aber wenn wir abends beim
flackernden Feuer saßen, war sie am
unheimlichsten, denn dann hielt sie Estellas Hand
unter ihrem Arm und in ihre Hand gezwängt und
nötigte ihr durch Anspielungen und Beziehungen
auf dasjenige, was ihr Estella in ihren regelmäßigen
Briefen mitgeteilt hatte, die Namen und
Verhältnisse der Männer ab, die sie mit ihren Reizen
bestrickt hatte; und während Fräulein Havisham
mit der Stärke eines zu Tode getroffenen und in
Krankheit verfallenen Gemüts an dieser Rolle
festhielt, saß sie da, mit der anderen Hand auf ihren
Krückstock und mit dem Kinn auf diese Hand
gestützt, die matt blitzenden Augen auf mich hin
gerichtet: das Bild eines richtigen Gespenstes.
Ich sah hieraus, so elend ich auch hierdurch
wurde und so bitter das Gefühl der Abhängigkeit
und gar Erniedrigung war, das es in mir wachrief --
ich sah hieraus, daß Estella ersehen war, die Rache
an dem Männergeschlecht zu üben, die Fräulein
Havisham im Herzen trug, und daß sie mir nicht
früher geschenkt werden sollte, als bis sie ihr eine
Zeitlang Genugtuung verschafft hatte. Ich entnahm
hieraus einen Grund, weshalb sie mir im vorhinein
bestimmt war. Wenn Fräulein Havisham Estella
hinaussandte, zu ködern und zu quälen und Unheil
zu stiften, so sandte sie Estella hinaus mit der
boshaften Zuversicht, daß sie selbst außer dem
Bereich von allen Bewunderern blieb und daß alle,
die ihr Glück auf diesen Wurf setzten, desselben mit
Sicherheit verlustig gehen mußten. Ich ersah
hieraus, daß auch ich, trotzdem mir der Preis
aufbehalten blieb mit ganz beispielloser Genialität
gequält wurde. Ich ersah hierin den Grund, weshalb
ich so lange hingehalten wurde, auch den Grund für
meines gewesenen Vormunds Abneigung, sich der
förmlichen Mitwissenschaft eines solchen Planes
teilhaftig zu machen. Mit einem Worte: ich sah in
dem allen Fräulein Havisham, wie ich sie damals vor
Augen hatte und immer vor Augen gehabt hatte;
und sah hierin den deutlichen Schatten des in
Finsternis gestellten und ungesunden Hauses, in
welchem ihr Leben vor der Sonne versteckt war.
Die Kerzen, die ihr Zimmer erhellten, steckten an
den Wänden in Armleuchtern. Sie befanden sich in
ziemlicher Höhe vom Erdboden und brannten mit
der starren Schläfrigkeit, die künstlichem Licht in
Luft, die selten erneuert wird, zu eigen ist. Als ich
den Blick nach ihnen hinrichtete und nach dem
bleichen Düster, das sie hervorriefen, und nach der
stehengebliebenen Uhr und nach den vergilbten
Brautanzugsstücken, die auf dem Tisch und am
Boden umherlagen, und nach ihrer eigenen
schauerlichen Gestalt hin mit dem gespenstischen
Abbilde, das durch das Feuer in großen Umrissen
auf Decke und Mauer geworfen wurde: da sah ich in
allem den Gedankenbau, zu dem mein Gemüt
gelangt war, wiedergegeben und mir
zurückgeworfen. Meine Gedanken wanderten nach
dem großen Zimmer überm Flure drüben, wo der
Tisch gedeckt stand und wo ich dies alles
geschrieben sah in deutlicher Schrift in den vom
Tafelaufsatz niederhängenden Spinnweben, in den
langen Beinen der über das Tischtuch laufenden
Weberknechte, in den Spuren der Mäuse, die ihre
flink schlagenden Herzchen hinter die Paneele
flüchteten, und in dem Kriechen und Krabbeln und
Stillehalten der Käfer auf den Dielen.
Es trug sich zu, daß es bei Gelegenheit dieses
Besuchs zwischen Estella und Fräulein Havisham zu
einigen scharfen Worten kam. Es war zum
erstenmal, daß ich sie im Gegensatze zueinander
sah.
Wir saßen, wie eben beschrieben, am Feuer, und
Fräulein Havisham hielt Estellas Arm noch immer
in dem ihrigen und Estellas Hand noch immer mit
der ihrigen umspannt, als Estella sich langsam
freizumachen anfing. Sie schon hatte vorher mehr
als einmal stolze Ungeduld gezeigt und jene
grimmige Zuneigung und Liebe mehr über sich
ergehen lassen als hingenommen oder entgegnet.
»Was!« sagte Fräulein Havisham, die blitzenden
Augen auf sie richtend, »bist du meiner müde?«
»Ich bin bloß selbst ein wenig müde«, versetzte
Estella, ihren Arm freimachend, um nach dem
hohen Kamin hinüberzutreten, wo sie stehen blieb
und in die Glut hineinblickte.
»Rede die Wahrheit, du Undankbare!« schrie
Fräulein Havisham, mit ihrem Krückstock
leidenschaftlich auf die Diele stoßend, »du bist
meiner überdrüssig! Du hast mich satt.«
Estella sah sie mit vollkommener Ruhe an und
blickte dann wieder nach dem Feuer. Ihre liebliche
Gestalt und ihr schönes Antlitz brachten gegenüber
der wilden Hitzigkeit der anderen eine bewußte
Gleichgültigkeit zum Ausdruck, die fast grausam
war.
»Du Stock und Stein!« rief Fräulein Havisham
aus -- »du kaltes, eiskaltes Herz!«
»Was?« rief Estella, ihre gleichgültige Haltung
beibehaltend, während sie gegen den hohen
Kaminsims gelehnt stehen blieb und bloß ihre
Augen bewegte -- »machst du mir Kälte zum
Vorwurf? Du?«
»Bist du nicht kalt?« war die zornige Erwiderung.
»Das solltest du wissen«, sagte Estella. »Ich bin,
was du aus mir gemacht hast. Nimm alles Lob
hierfür und allen Tadel; nimm allen Erfolg und alles
Mißlingen; kurz, nimm mich!«
»O! Sieh sie an! Sieh sie an!« rief Fräulein
Havisham bitter. »Sieh sie an, das harte undankbare
Geschöpf dort an dem Herde, wo sie aufgezogen
wurde! Wo ich sie nahm an diese elende Brust, die
aus frischen Wunden blutete, und wo ich Jahre der
Liebe und Zärtlichkeit an sie verschwendet habe!«
»Ich hatte wenigstens keine Stimme bei dem
Vertrag«, sagte Estella; »denn ich konnte ja doch,
als er geschlossen wurde, kaum gehen und
sprechen. Aber was möchtest du denn? Du bist sehr
gütig gegen mich gewesen, und ich verdanke dir
alles. Was möchtest du also?«
»Liebe«, versetzte die andere.
»Die besitzest du.«
»Nein, ich besitze Liebe nicht«, sagte Fräulein
Havisham.
»Liebe Pflegemutter«, erwiderte hierauf Estella,
die keinen Augenblick aus der bequemen Ruhe
ihrer Stellung heraustrat, kein einziges Mal ihre
Stimme erhob, wie es die andere tat, auch nie weder
dem Zorne noch der Zärtlichkeit Raum gab -- »liebe
Pflegemutter, ich sagte eben, daß ich dir alles
verdanke. Alles, was ich besitze, ist frank und frei
dein Eigentum. Alles, was du mir gegeben hast,
kannst du jeden Augenblick wiederhaben. Darüber
hinaus besitze ich nichts. Und wenn du verlangst,
daß ich dir etwas geben soll, was du mir niemals
gegeben hast, so läßt sich doch von meiner
Dankbarkeit und meinem Pflichtgefühl nichts
Unmögliches leisten.« 
»Habe ich ihr nie Liebe geschenkt!« rief Fräulein
Havisham, sich heftig an mich wendend. »Habe ich
ihr nie brennende Liebe geschenkt, die von
Eifersucht untrennbar ist für alle Zeiten wie von
herbem Herzeleid -- und sie spricht so zu mir! Soll
sie mich wahnsinnig nennen! Soll sie mich
wahnsinnig nennen!«
»Weshalb sollte ich dich wahnsinnig nennen?«
erwiderte Estella. »Gerade ich von allen Leuten
sonst? Lebt denn noch jemand, der halb so gut wie
ich weiß, was für Ziele du dir gesteckt hast? Habe
ich doch an diesem selben Herde auf dem kleinen
Schemel, der jetzt neben dir steht, gesessen, deinen
Lehren lauschend und auf dein Gesicht schauend,
da mir dasselbe noch fremd war und mich in Furcht
setzte!«
»Bald vergessen!« stöhnte Fräulein Havisham.
»Zu bald vergessen!«
»Nein, nicht vergessen«, versetzte Estella. »Nicht
vergessen, sondern aufbewahrt in meinem
Gedächtnisse. Wann hast du mich deiner Lehre
untreu gefunden? Wann mich deiner Worte
uneingedenk gefunden? Wann hast du gefunden,
daß ich hier« -- bei diesen Worten berührte sie
ihren Busen mit der Hand -- »irgendwelcher
Meinung oder Regung Einlaß gegeben, die du
fernhieltest? Sei gerecht gegen mich!«
»So stolz! So stolz!« ächzte Fräulein Havisham,
ihr graues Haar mit beiden Händen aus dem
Gesichte streichend.
»Wer hat mich gelehrt, stolz zu sein?« erwiderte
Estella. »Wer lobte mich, wenn ich mein Pensum
lernte?«
»So hart! So hart!« stöhnte Fräulein Havisham
mit derselben Bewegung, die sie vorhin gemacht
hatte.
»Wer lehrte mich, hart zu sein?« erwiderte
Estella. »Wer lobte mich, wenn ich mein Pensum
lernte?«
»Aber stolz und hart zu sein gegen mich!«
kreischte Fräulein Havisham, während sie die Arme
wild ausstreckte. »Estella, Estella, Estella! Stolz und
hart gegen mich!«
Estella sah sie einen Augenblick mit einer Art
stiller Verwunderung an, geriet aber sonst nicht aus
ihrer Fassung. Als dieser Augenblick verstrichen
war, blickte sie wieder in das Feuer hinunter.
»Ich kann mir nicht vorstellen«, sagte Estella,
nach einer Pause, die unter beiderseitigem
Schweigen verstrichen war, die Augen wieder
erhebend; »ich kann mir nicht vorstellen, was dich
bestimmen sollte, so unvernünftig zu sein, wenn ich
dich nach einer Trennung besuchen komme. Das
Unrecht, das dir widerfahren, und seine Ursachen
sind mir niemals aus der Erinnerung geschwunden.
Ich bin niemals weder dir noch der Schule, die du
mir gegeben, untreu geworden. Ich habe niemals
eine Schwäche gezeigt, die ich mir zur Last legen
könnte.«
»Würde es Schwäche sein, meine Liebe zu
erwidern?« rief Fräulein Havisham aus. »Aber
freilich, freilich! Sie würde es so nennen!«
»Ich fange zu meinen an«, sagte Estella in
sinnender Weise nach einer abermaligen Pause
stiller Verwunderung, »daß ich fast begreife, wie
das zugeht. Hättest du deine Pflegetochter ganz in
der dunklen Abgeschlossenheit dieser Räume
aufgezogen und hättest sie nie erfahren lassen, daß
es überhaupt so etwas wie das Tageslicht gibt, in
welchem sie dein Gesicht kein einziges Mal gesehen
hat -- hättest du das getan und dann zu einem Zweck
von ihr verlangt, daß sie das Tageslicht verstehen
und ganz begreifen solle, würdest du dich dann
gewundert haben? Würdest du dann zornig gewesen
sein?«
Fräulein Havisham saß, den Kopf in beiden
Händen haltend und leise stöhnend, in ihrem
Stuhle, schaukelte sich, gab aber keine Antwort.
»Oder«, sagte Estella -- »was ein näher liegender
Fall ist -- hättest du sie vom Erwachen ihres
Verstandes an mit deiner äußersten Kraft, deinem
äußersten Vermögen gelehrt, daß es so etwas wie
ein Tageslicht gäbe, daß dasselbe aber geschaffen
sei ihr zum Feind und Verderben und daß sie sich
ihm immer fernhalten müsse, weil es dich elend und
unglücklich gemacht hätte und sonst auch sie elend
und unglücklich machen würde -- hättest du das
getan und dann zu einem Zweck von ihr verlangt,
das Tageslicht als eine natürliche Sache
hinzunehmen, und hätte sie das nicht gekonnt:
würdest du dich dann gewundert haben und zornig
gewesen sein?«
Fräulein Havisham saß da und lauschte (oder es
schien wenigstens so, denn ich konnte ihr Gesicht
nicht sehen), gab aber noch immer keine Antwort.
»Deshalb«, sagte Estella, »muß man mich
nehmen, wie ich gemacht worden bin. Der Erfolg
gehört nicht mir an, das Mißlingen trifft nicht mich;
aber aus diesen beiden zusammengenommen
bestehe ich.«
Fräulein Havisham war, ich weiß kaum wie, auf
den Boden gesunken zwischen den verblichenen
Brautanzugsüberresten, mit denen er bestreut war.
Ich nahm die Gelegenheit wahr -- ich hatte von
Anfang an nach einer solchen gesucht --, um aus der
Stube hinauszugelangen, nachdem ich Estella durch
eine Bewegung meiner Hand ersucht hatte, ihr
Aufmerksamkeit zu schenken. Als ich hinausging,
stand Estella noch immer neben dem hohen
Kaminsims, ganz so, wie sie bisher dort gestanden
hatte. Fräulein Havishams graues Haar hatte sich
aufgelöst und breitete sich nun am Boden aus,
mitten unter den anderen Brautanzugsresten, und
bot einen Anblick, der kläglich anzuschauen war.
Gepreßten Herzens wanderte ich eine Stunde und
länger im Sternenlichte auf und nieder, im Hofe, in
der Brauerei und in den verfallenen Gärten. Als ich
endlich den Mut faßte, in die Stube
zurückzukehren, da fand ich Estella zu Fräulein
Havishams Knien sitzen, eins jener alten
Kleidungsstücke ausbessernd, die in Stücke fielen
und an die ich seitdem oft erinnert worden bin
durch die verblichenen Fetzen alter Fahnen, die ich
in Kathedralen aufgehängt sah. Nachher spielte ich
mit Estella, wie ehedem, Karten -- bloß mit dem
Unterschiede, daß wir es jetzt besser verstanden
und mit französischen Karten spielten --, und auf
diese Weise verstrich der Abend, und ich ging zu
Bett.
Ich schlief in jenem abseits über dem Hofe
liegenden Gebäude. Es war überhaupt das erstemal,
daß ich mich in Satis-Haus zur Ruhe gelegt hatte,
und es wollte sich mir kein Schlaf nahen. An die
tausend Fräulein Havishams spukten um mein
Lager. Sie war auf dieser, war auf jener Seite meines
Kopfkissens, war am Kopfende, war am Fußende,
war hinter der halboffenen Türe der Ankleidestube,
war drinnen in der Ankleidestube, war in der Stube
über mir und in der Stube unter mir -- war überall.
Schließlich, als die Nacht langsam der zweiten
Stunde entgegenschlich, da überkam mich das
Gefühl, daß ich hier unbedingt nicht länger mehr
still liegen könnte, sondern aufstehen müßte.
Deshalb stand ich auf und zog mich an. Dann ging
ich hinaus ins Freie, ging über den Hof nach dem
langen, steinernen Gange, in der Absicht, nach dem
äußeren Hofe hinauszugelangen und dort
umherzugehen, bis es mir leichter im Herzen
geworden. Aber kaum hatte ich den Fuß in den Gang
hinausgesetzt, so löschte ich auch mein Licht aus,
denn ich sah Fräulein Havisham dort in
gespenstischer Weise entlanggehen und hörte sie
leise wimmern. Ich folgte ihr von ferne und sah sie
die Treppe hinaufgehen. Sie trug ein Licht direkt in
der Hand, das sie wahrscheinlich aus einem der
Armleuchter in ihrer Stube genommen hatte, und
sah in dieser Beleuchtung aus wie ein Wesen, das
auf dieser Welt nichts zu suchen hätte. Am Fuße der
Treppe blieb ich stehen. Ich fühlte die Moderluft
des festlichen Zimmers, ohne daß ich sie die Tür
aufmachen sah, und hörte sie dort einhergehen und
von dort nach ihrer Stube und von ihrer Stube
wieder nach dort gehen, ohne daß das leise
Wimmern aufhörte. Nach einer Weile versuchte ich
im Finstern, erst hinauszugehen, dann
zurückzugehen; aber keins von beidem gelang mir
früher, als bis das Tageslicht ein paar Streifen
hinunterwarf und mir den Weg zum Ausgange
zeigte. Die ganze Zeit über hörte ich, sobald ich
mich dem Treppenfuße näherte, ihre Tritte, sah ihr
Licht oben wandeln und hörte ihr unaufhörliches
Wimmern.
Am anderen Tage reisten wir wieder ab, und
weder bis dahin noch sonst bei irgendeiner
ähnlichen Gelegenheit wiederholte sich Zwist
zwischen ihr und Estella; und solcher ähnlichen
Gelegenheiten folgten, soweit ich mich zu erinnern
vermag, noch vier. Auch trat in Fräulein Havishams
Benehmen und Verhalten Estella gegenüber
keinerlei Änderung ein, ausgenommen daß ich
wahrzunehmen glaubte, als habe sich zu den
früheren Eigentümlichkeiten des Fräuleins
Havisham eine Empfindung wie Furcht hinzugesellt.
Dieses Blatt meines Lebens umzuschlagen, ohne
daß ich den Namen Bentley Drummles darauf
niederschreibe, ist unmöglich; sonst würde ich es
mit großer Freude tun.
Bei einer gewissen Veranlassung, als die Finken in
Menge versammelt saßen und freundliches
Wohlwollen in üblicher Weise dadurch Förderung
erhielt, daß keiner sich mit dem anderen vertrug,
rief der Finken-Präses den Hain zur Ordnung, weil
Herr Drummle noch immer keinen Spruch auf eine
Dame ausgebracht hätte. Der feierlichen Satzungen
des Klubs gemäß war der Grobian für diesen Tag
mit diesem Spruch an der Reihe. Mir kam es vor, als
wenn er, während die Karaffen kreisten, häßlich
nach mir hinüberschielte; aber da es an Liebe
zwischen uns nichts einzubüßen gab, konnte dies ja
ganz gut der Fall sein. Wie erstaunte und empörte es
mich aber, als er die Gesellschaft aufforderte, mit
ihm auf »Estella« anzustoßen.
»Was für eine Estella?« fragte ich.
»Geht Sie nichts an«, versetzte Drummle.
»Woher ist diese Estella?« rief ich. »Sie sind
gehalten zu sagen, woher sie ist.«
Als Fink war er hierzu gehalten.
»Aus Richmond, meine Herren«, sagte Drummle,
mich außer Betracht lassend, »und eine tadellose
Schönheit.«
Von tadellosen Schönheiten wüßte er freilich viel,
der gemeine, erbärmliche Tropf! flüsterte ich
Herbert zu.
»Ich kenne diese Dame«, sagte Herbert über die
Tafel hinüber, als dem Trinkspruch Bescheid getan
worden war.
»Sie kennen sie?« sagte Drummle.
»Und ich auch«, setzte ich mit purpurrotem
Gesicht hinzu.
»Sie kennen sie?« sagte Drummle. »Ach du lieber
Gott!«
Das war die einzige Erwiderung -- Glas oder
Scherben ausgenommen --, welche das
schwerfällige Geschöpf zu machen imstande war;
aber ich geriet in so große Hitze durch sie, als hätte
sie den Stachel des Witzes besessen, und stand
augenblicklich von meinem Platze auf, um die
Erklärung abzugeben, daß ich nicht anders meinen
könnte, als daß der Frechheit des ehrenwerten
Herrn Finken so recht ähnlich sähe, nach diesem
Haine herzukommen -- wir brauchten immer als
vornehme parlamentarische Ausdrucksweise die
Wendung: zum Hain herkommen -- und die
Gesundheit einer Dame auszubringen, von der er
nichts wüßte. Herr Drummle sprang zufolgedessen
in die Höhe und fragte, was ich mit diesen Worten
sagen wollte? Ich gab ihm darauf die letzte Antwort,
daß ich glaubte, er dürfte wissen, wo ich zu finden
wäre.
Ob es nach solchen Vorgängen in einem
christlichen Staate möglich war, ein Blutvergießen
zu umgehen, das war eine Frage, über welche die
Finken geteilter Meinung waren. Die Debatte
hierüber wurde tatsächlich so lebhaft, daß zum
mindesten sechs ehrenwertere Klubmitglieder sechs
anderen ehrenwerteren im Laufe der Diskussion
sagten, sie glaubten, sie dürften wissen, wo sie zu
finden sein würden. Es wurde indessen schließlich
die Entscheidung getroffen (indem nämlich der
Hain ein Ehrengerichtshof) war, daß, wenn Herr
Drummle von der in Rede stehenden Dame auch
nur das geringfügigste Zeichen beizubringen
vermöchte, aus welchem sich für ihn die Ehre einer
Bekanntschaft mit ihr folgern ließe, Herr Pip als
Ehrenmann und als Fink seinem Bedauern
Ausdruck geben müßte, »daß er sich zu einer Hitze
habe hinreißen lassen, welche« u. s. w. u. s. w. Der
folgende Tag wurde für die Erbringung dieses
Beweises festgesetzt (damit sich unsere Ehre durch
Aufschub oder Verzug nicht etwa »verschnupfte«),
und an diesem nächsten Tage erschien Drummle
mit einem artigen kleinen Eingeständnis, von
Estellas eigener Hand geschrieben, daß sie die Ehre
gehabt hätte, verschiedene Male mit ihm zu tanzen.
Daraufhin blieb mir kein anderer Weg übrig, als
meinem Bedauern Ausdruck zu geben, »daß ich
mich zu einer Hitze habe hinreißen lassen, welche«
u. s. w. u. s. w., und die Vorstellung, daß ich
irgendwo zu finden sein dürfte, als unhaltbar im
großen und ganzen zu verwerfen. Drummle und ich,
wir saßen einander eine Stunde lang gegenüber und
knurrten einander eine Stunde lang an, während der
Hain sich in haltlosen Widersprüchen erging und
schließlich die Erklärung abgegeben wurde, daß die
Förderung freundlichen Wohlwollens sich zu einem
erstaunlichen Fortschritt verstiegen hätte.
Ich erzähle dies so leichthin, aber leicht war die
Sache für mich nicht. Denn ich kann dem Schmerz
keinen angemessenen Ausdruck geben, den mir der
Gedanke bereitete, daß Estella einen verächtlichen,
ungeschlachten, duckmäuserischen Lümmel, der so
tief unter dem Durchschnittsverhältnis stand, mit
irgendwelcher Gunst bedacht haben sollte. Bis
heute halte ich an dem Glauben fest, daß es auf
Rechnung eines gewissen lauteren Feuers von
Edelsinn und Uneigennützigkeit in meiner Liebe zu
ihr zu setzen gewesen ist, daß mir der Gedanke, sie
hätte sich an diesen Halunken weggeworfen,
unerträglich war. Ohne Frage würde ich mich elend
gefühlt haben, gleichviel wem sie ihre Gunst
zugewiesen hätte; aber eine würdigere
Persönlichkeit würde mir Kummer anderer Art und
anderer Stärke bereitet haben.
Es wurde mir leicht, herauszubekommen, und ich
bekam es auch bald heraus, daß Drummle sich ihr
an die Schöße zu hängen angefangen hatte und daß
sie ihm solches Tun nicht wehrte. Kurze Zeit darauf
war er ihr immer auf den Fersen, und wir liefen
einander alle Tage in den Weg. Er hielt in träger,
hartnäckiger Weise stand, und Estella ließ es sich
gefallen, indem sie ihn bald aufmunterte, bald
abfertigte, bald ihm fast schmeichelte, bald offen
vor den Leuten ihre Verachtung aussprach, bald
sehr gut bekannt mit ihm war, bald sich kaum
darauf besann, wer er sei.
Die Spinne, wie ihn Herr Jaggers genannt hatte,
war jedoch daran gewöhnt, auf der Lauer zu liegen,
und besaß die ihrer Gattung eigentümliche Geduld.
Als Zutat zu derselben besaß er ein freches
Vertrauen auf sein Geld und auf die hohe Stellung
seiner Familie, was ihm zuweilen guten Dienst
leistete -- indem es an Stelle von Sammlung und
Zielbewußtsein trat. Auf solche Weise stach die
Spinne, indem sie Estella tückisch belauerte,
manches glänzendere Insekt aus, kam oft im
richtigen Moment aus ihrem Netz
hervorgeschossen und fiel dann über ihre Beute
her.
Auf einer gewissen Ballfestlichkeit der
»Assemblée« in Richmond (es pflegten dergleichen
»Assemblée-Bälle« damals an den meisten Orten
abgehalten zu werden) hatte Estella andere
Schönheiten weit überstrahlt, und dieser täppische
Drummle hatte sich ihr so frech an die Schöße
gehängt und sie hatte soviel Toleranz in diesem
Falle geübt, daß ich mir vornahm, seinetwegen mit
ihr zu reden. Ich ergriff die erste Gelegenheit, die
sich hierzu bot. Es traf sich so, daß sie auf Frau
Brandley wartete, um mit derselben nach Hause zu
fahren, und allein, unter allerhand Blumen, zur
Fahrt fertig, im Wagen saß. Ich befand mich an
ihrer Seite, denn ich begleitete sie ja fast immer bei
solcher Gelegenheit auf der Hin- und Heimfahrt.
»Sind Sie müde, Estella?«
»Ziemlich, Pip.«
»Dazu haben Sie auch Ursache.«
»Sagen Sie lieber, daß ich keine Ursache hätte;
denn ich muß noch, ehe ich zu Bett gehe, einen Brief
nach Satis-Haus schreiben.«
»Worin Sie über den Triumph des heutigen
Abends berichten wollen?« sagte ich. »Jedenfalls
war er sehr ärmlicher Sorte, Estella.«
»Was meinen Sie mit den Worten? Ich wüßte
nicht, daß ich überhaupt Triumphe gefeiert hätte.«
»Estella«, sagte ich, »blicken Sie auf jenen
Menschen drüben in der Ecke, der gerade zu mir
herübersieht.«
»Wozu soll ich ihn ansehen?« erwiderte Estella,
deren Augen, statt auf ihm, auf mir ruhten. »Was ist
an dem Menschen drüben in der Ecke -- um Ihre
eigenen Worte zu brauchen --, daß ich es nötig
hätte, ihn anzusehen?«
»So lautet in der Tat die Frage, die ich an Sie
richten will«, sagte ich. »Denn er hat Sie den ganzen
Abend umschwärmt.«
»Motten und allerhand häßliches Viehzeug«,
versetzte Estella mit einem Blick nach ihm hin,
»schwärmen um ein angezündetes Licht. Kann das
Licht es ändern?«
»Nein«, erwiderte ich; »aber kann es Estella nicht
ändern?«
»Hm!« machte sie nach einer Weile mit Lachen;
»vielleicht. Ja. Ganz, wie Sie wollen.«
»Aber, Estella, hören Sie, was ich sage. Es macht
mich elend und unglücklich, daß Sie einem Manne
Aufmunterung zuteil werden lassen, der so in der
allgemeinen Verachtung steht wie Drummle. Sie
wissen, daß es an dem ist.«
»Nun?« machte sie.
»Sie wissen, daß sein Inneres so häßlich und
abscheulich ist wie sein Äußeres. Daß er ein elender,
boshafter, hinterlistiger, dämlicher Mensch ist.«
»Nun?« machte sie.
»Sie wissen, daß er nichts Empfehlenswertes an
sich hat mit Ausnahme von Geld und einer
lächerlichen Liste brägenklittriger Ahnen. Oder
wissen Sie das etwa nicht?«
»Nun?« machte sie wieder, und jedesmal, wenn
sie es sagte, riß sie die lieblichen Augen noch weiter
auf.
Um der Schwierigkeit, dies einsilbige Wort aus
der Welt zu schaffen, Herr zu werden, nahm ich es
ihr aus dem Munde und sagte, indem ich es mit
Nachdruck wiederholte:
»Nun! Dann sage ich Ihnen, das ist der Grund,
warum es mich elend und unglücklich macht.«
Hätte ich nun glauben können, sie täte zu
Drummle freundlich, um mich -- mich elend und
unglücklich zu machen, so würde ich froherer
Stimmung darüber gewesen sein; aber sie ließ mich
in ihrer gewohnten Weise so vollständig außer
Betracht, daß ich keinerlei derartigen Gedanken
fassen konnte.
»Pip«, sagte Estella, sich im Zimmer umsehend,
»machen Sie sich keine dummen Gedanken über
den Eindruck, den mein Benehmen auf Sie macht.
Lassen Sie's doch Eindruck auf andere machen;
vielleicht soll's das auch. Die Sache ist nicht wert,
daß man ein Wort darüber verliert.«
»Jawohl, es ist der Rede wert«, sagte ich, »weil
ich es nicht ertragen kann, daß es bei den Leuten
heißt: ›Sie wirft ihre Anmut und Schönheit an einen
Bauernknecht weg, an den erbärmlichsten Kerl aus
der Menge.‹«
»Hm, ich kann's ertragen«, sagte Estella.
»O! Seien Sie nicht so stolz, Estella, und nicht so
unbeugsam!«
»Das nennt mich stolz und unbeugsam in einem
Atem!« sagte Estella, die Hände
auseinandermachend. »Und hat mir eben erst noch
vorgehalten, daß ich mich mit einem Bauernknecht
befasse!«
»Daß Sie es tun, unterliegt doch keinem Zweifel;
denn ich habe heute abend erst gesehen, daß Sie
Blicke und Lächeln für ihn haben, wie Sie sie -- für
mich nicht haben!«
»Wollen Sie also«, sagte Estella, sich plötzlich mit
festem und ernstem, wenn nicht zornigem Blicke
umdrehend, »daß ich Sie täusche? daß ich Ihnen
Fallen stelle?«
»Tun Sie das mit ihm, Estella?«
»Ja! Und mit vielen anderen -- mit allen, bloß
nicht mit Ihnen. Da kommt Frau Brandley. Kein
Wort jetzt mehr!«

Und nun, da ich dies eine Kapitel dem Thema


gewidmet habe, das mein Herz so sehr erfüllte und
so oft in Weh und neues Weh versetzte, schreite ich
ohne alles Hindernis zu dem Ereignis weiter, das
schon längere Zeit über mir geschwebt hatte: jenem
Ereignis, das sich vorzubereiten angefangen hatte,
schon ehe ich wußte, daß es in der Welt eine Estella
gebe, in jenen Tagen schon, wo ihr Kinderverstand
seine ersten Verrenkungen aus Fräulein Havishams
schwindenden Händen empfangen hatte.
In der Erzählung aus dem Morgenlande wurde die
wuchtige Platte, die im Eroberungsdusel auf das
Staatsbett fallen sollte, langsam aus dem Steinbruch
herausgehauen; das Rohr, um das Seil an seinem
Platze zu halten, wurde langsam durch eine
meilenlange Felsstrecke geleitet; die Platte wurde
langsam aufgehoben und in das Dach eingepaßt, das
Seil wurde darum gelegt und langsam durch die
meilenlange Höhlung zu dem großen eisernen Ringe
gezogen. Als alles mit viel Arbeit und Mühe fertig
gemacht und Zeit und Stunde gekommen war,
wurde der Sultan in tiefer Nacht geweckt und die
geschärfte Axt, die das Seil von dem großen
eisernen Ringe trennen sollte, in seine Hand gelegt,
und er hieb mit der Axt, und das Seil riß und
schnellte fort, und die Decke stürzte nieder. Ganz so
war mein Fall; alle Arbeit, nah und fern, die zum
Ende führte, war vollendet: und in einem
Augenblicke wurde der Schlag geführt, und das
Dach meiner Festung stürzte über mir zusammen.
Neununddreißigstes Kapitel

Ich zählte dreiundzwanzig Jahr. Kein Wort hatte ich


weiter vernommen, mich über den Gegenstand
meiner Erwartungen aufzuhellen, und seit meinem
dreiundzwanzigsten Geburtstag waren acht Tage
verstrichen. Wir hatten Barnard's Inn seit mehr als
Jahresfrist verlassen und wohnten im Temple.
Unsere Wohnung lag in Gardencourt, unten am
Flusse.
Herr Pocket und ich, wir hatten uns, was unsere
beiderseitigen Beziehungen betrifft, schon seit
einiger Zeit getrennt, wenn wir auch nach wie vor
auf bestem Fuße verkehrten. Trotz meiner
Unfähigkeit, mich mit einer bestimmten Sache zu
befassen -- die hoffentlich aus dem unsicheren und
unvollkommenen Stande entsprang, in welchem
mich meine Geldmittel hielten --, hatte ich doch
Geschmack am Lernen, und beschäftige mich
hiermit täglich mehrere Stunden. Herberts
Angelegenheit nahm ihren ruhigen Fortgang, und
mit mir stand alles noch so, wie ich es am Schlusse
des letzten Kapitels gestaltet hatte.
Herbert hatte sich auf eine Geschäftsreise nach
Marseilles begeben. Ich war allein, und mich
beschlich ein beklemmendes Gefühl der
Einsamkeit. Mutlos und ängstlich, seit langem in der
Hoffnung, daß mir der Morgen oder die neue
Woche den Weg aufhellen werde, und seit langem
getäuscht, vermißte ich mit Schmerzen das lustige
Gesicht und die lebhafte Rede meines Freundes.
Es war schlechtes Wetter: stürmisch und naß,
stürmisch und naß; und Schlamm, Schlamm,
Schlamm tief in allen Straßen. Tag für Tag hatte
sich von Osten her ein weiter, wuchtiger Schleier
über London gezogen und zog sich noch immer
darüber her, als wenn im Osten Ewigkeiten von
Wolken und Wind lagerten. So rasend waren die
Windstöße gewesen, daß von hohen Gebäuden in
der Stadt die Dächer abgedeckt worden waren, und
auf dem Lande waren Bäume ausgerissen und
Windmühlenflügel hinweggeführt worden; und
unheimliche Berichte waren von der Küste her
gekommen, die von Schiffbrüchen und Verlusten an
Menschenleben meldeten. Heftige Regengüsse
hatten diese rasenden Stürme begleitet, und der, als
ich mich zu meiner Lektüre setzte, eben zur Neige
gegangene Tag war der schlimmste von allen
gewesen.
Es haben sich seit jener Zeit in diesem Teile des
Temple Veränderungen vollzogen, so daß derselbe
jetzt nicht mehr einen so einsamen Charakter hat
wie damals, auch nicht dem Flusse so ausgesetzt
liegt. Wir wohnten im obersten Stock des letzten
Hauses, und der vom Flusse herstürmende Wind
erschütterte das Haus in jener Nacht wie
Kanonenschüsse oder wie die Brandung einer See.
Als nun der Regen dazu kam und prasselnd gegen
die Fenster schlug, da war es mir, wenn ich zu ihnen
aufsah und sah, wie sie schwankten und zitterten,
als hätte ich meinen können, in einem
sturmumpeitschten Leuchtturme zu sein. Dann und
wann kam der Rauch den Kamin hinuntergesaust,
als könnte er es nicht über sich bringen, in eine
solche Nacht hinauszusteigen; und als ich die Türen
aufmachte und auf die Treppe hinuntersah, war die
Treppenlampe ausgeblasen; und als ich, die Hände
über die Augen haltend, durch die schwarzen
Fenster guckte (sie auch noch so wenig nur zu
öffnen war bei der Gewalt solches Sturmes und
Regens gänzlich ausgeschlossen), da sah ich, daß die
Laternen auf dem Hofe ausgeblasen waren und daß
die Laternen auf den Brücken und am Ufer hin und
her schwankten und daß die Kohlenfeuer auf den
Kähnen draußen im Flusse vor dem Winde wie
rotglühende Flecken im Regen entlanggefegt
wurden.
Ich hatte, als ich mich zum Lesen hinsetzte, meine
Uhr vor mir auf den Tisch gelegt, in der Absicht, um
elf Uhr mein Buch zuzuklappen. Als ich es schloß,
da schlug's an der Sankt-Pauls-Kirche und an den
vielen Kirchen der Altstadt, an einigen früher, an
einigen gleichzeitig, an einigen hinterher -- die elfte
Stunde. Der Klang wurde vom Winde ganz
sonderbar gebrochen, und ich lauschte und dachte,
wie der Wind doch auf ihn einstürmte und ihn
entzweirisse -- als ich einen Schritt auf der Treppe
vernahm.
Was für nervöse Torheit es war, die mich
zusammenschauern machte und das Geräusch
draußen mit dem Schritt meiner toten Schwester in
unheimlichen Zusammenhang brachte, hat nichts zu
sagen. Die Torheit war im Nu verflogen, und ich
lauschte wieder und hörte wieder den Schritt, der
stolpernd heraufkam. Da mir einfiel, daß der Sturm
die Treppenlampe ausgeblasen hatte, nahm ich
meine Studierlampe und trat auf die Treppe hinaus.
Wer immer sich unten befand, er war, als er meiner
Lampe ansichtig wurde, stehengeblieben -- denn es
war jetzt alles still.
»Ist jemand unten im Hause, oder nicht?« rief
ich, hinuntersehend.
»Ja«, sagte eine Stimme aus der Finsternis
herauf.
»Nach welchem Stock wollen Sie?«
»Nach dem obersten. Zu Herrn Pip.«
»So heiße ich. Es ist doch nichts passiert?«
»Nichts ist passiert«, versetzte die Stimme. Und
der Mann kam herauf.
Ich stand am Treppengeländer und hielt die
Lampe hinüber; und er gelangte langsam in den
Bereich ihres Lichts. Es war eine Lampe mit Schirm,
bestimmt, Licht auf ein Buch zu werfen, und ihr
Lichtkreis war zufolgedessen sehr beschränkt, so
daß der Mann bloß auf einen Augenblick darin
stand und dann und wieder aus ihm heraus war. In
diesem Augenblick hatte ich ein Gesicht gesehen,
das mir fremd war und mit einer unverständlichen
Miene zu mir aufsah, aus der sich Rührung und
Genuß über meinen Anblick aussprachen.
Indem ich die Lampe nach den Bewegungen
drehte, die der Mann machte, erkannte ich, daß er
gut, aber derb gekleidet war, wie jemand, der eine
Seereise macht; daß er langes Haar von eisengrauer
Färbung hatte; daß er im Alter von etwa sechzig
Jahren stand; daß er ein muskulöser Mensch war,
dessen Beine festen Halt hatten, und daß er
wettergebräunt und wetterfest war. Als er die letzte
Stiege oder die letzten paar Stiegen heraufstieg,
bemerkte ich mit einer dummen Art von
Verblüfftheit, daß er mir beide Hände
entgegenhielt.
»Bitte, was für eine Angelegenheit führt Sie her?«
fragte ich ihn.
»Welche Angelegenheit?« wiederholte er,
stehenbleibend. »Ach ja! ich will Ihnen sagen, was
mich zu Ihnen führt, mit Ihrer Erlaubnis.«
»Wünschen Sie in die Stube einzutreten?«
»Ja«, versetzte er, »das wünsche ich freilich,
junger Herr.«
Ich hatte die Frage in einem recht
ungastfreundlichen Tone gestellt, denn die Art von
fröhlicher Genugtuung, mich zu erkennen, die noch
immer auf seinem Gesicht leuchtete, war mir
widerwärtig. Sie war mir widerwärtig, weil sie zu
bedingen schien, daß er von meiner Seite gleiches
erwartete. Doch führte ich ihn in die Stube, aus der
ich eben getreten war, und bat ihn, nachdem ich die
Lampe auf den Tisch gesetzt hatte, so höflich wie
mir eben möglich war, um Aufklärung.
Er sah sich mit der sonderbarsten Miene um --
einer Miene, aus der Staunen und Wonne sprach,
ganz so, als hätte er an den Dingen, die sein Staunen
hervorriefen, einen gewissen Anteil -- dann zog er
einen groben Überrock aus und stellte seinen Hut
beiseite. Jetzt sah ich, daß sein Kopf Furchen zeigte
und kahl war und das lange eisengraue Haar bloß zu
beiden Seiten des Schädels wuchs. Aber ich sah
nichts, das mir den geringsten Ausweis über ihn
hätte geben können. Im Gegenteil, ich sah im
nächsten Augenblick, daß er mir abermals beide
Hände entgegenstreckte.
»Was ist Ihr Begehr?« fragte ich, halb und halb
argwöhnend, einen Wahnsinnigen vor mir zu haben.
Er ließ davon ab, seinen Blick auf mich zu richten,
und rieb sich den Schädel mit seiner rechten Hand.
»'s is für jemand 'ne recht herbe Enttäuschung«,
sagte er in heiserem Tone und mit gebrochener
Stimme -- »'ne herbe Enttäuschung«, sagte er in
heiserem Tone und mit gebrochener Stimme -- »'ne
herbe Enttäuschung für jemand, der so lange drauf
gewartet hat und so weit her deshalb gekommen is --
aber Sie verdienen deshalb keinen Tadel -- 's
verdient keiner von uns drum Tadel. In 'ner halben
Minute werd' ich sprechen. Bitte, vergönnen Sie mir
'ne halbe Minute.«
Er setzte sich in einen Sessel, der vor dem Feuer
stand, und bedeckte mit den großen braunen, von
dicken Adern durchzogenen Händen die Stirn. Ich
betrachtete ihn nun aufmerksam und fühlte leichte
Scheu vor ihm, wußte aber nicht, wer er war.
»'s is niemand in der Nähe?« sagte er, über die
Schulter blickend; »oder doch?«
»Warum stellen Sie als Fremder, der zu solcher
nächtlichen Stunde meine Wohnung betritt, eine
solche Frage?« fragte ich.
»Sie sind 'n rechter Kerl«, antwortete er und
schüttelte den Kopf nach mir hin mit wohlbedachter
Zärtlichkeit, die ebenso unverständlich wie
aufregend für mich war, und zwar beides in
höchstem Maße -- »freu' mich, daß Sie so 'n Kerl
geworden sind, so 'n rechter! Aber legen Sie die
Hand nicht an mich! 's möcht' Ihnen nachher leid
tun, daß Sie's getan haben!«
Ich ließ die von ihm erratene Absicht fallen, denn
ich wußte, wer er war! Selbst jetzt konnte ich mich
nicht eines einzigen Zuges in seinem Gesicht
entsinnen; aber ich wußte, wer er war! Hätten Wind
und Regen die zwischenliegenden Jahre
hinweggejagt, alle zwischenliegenden Dinge
verstreut und uns nach dem Kirchhofe hingefegt,
wo wir uns Angesicht in Angesicht auf so
verschiedenem Boden gegenüberstanden, so hätte
mir die Überzeugung, daß ich den Mann nun
kannte, der vorm Kamin in dem Sessel saß, nicht
deutlicher vor die Seele treten können. Eine Feile
aus der Tasche zu nehmen und mir vor die Augen zu
halten war nicht nötig; das Schnupftuch vom Halse
abzunehmen und sich um den Kopf zu drehen war
nicht nötig; die beiden Arme um sich zu schlingen
und, vom Frost geschüttelt, einen Gang durch die
Stube zu machen, dabei sich nach mir hin
umzusehen, ob ich ihn nun erkenne, war nicht nötig.
Ich erkannte ihn, ehe er mir mit einem dieser
Zeichen zu Hilfe kam, wenn ich mir auch im
Augenblick vorher nicht entfernt der leisesten
Ahnung bewußt gewesen war, seine Persönlichkeit
vor Augen zu haben.
Er kam dorthin zurück, wo ich stand, und hielt
mir wieder beide Hände entgegen. Ohne zu wissen,
was ich tat -- denn in meinem Staunen war ich aller
Herrschaft über mich verlustig gegangen --, reichte
ich ihm mit Widerstreben beide Hände. Er griff mit
Herzlichkeit danach, führte sie an die Lippen, küßte
sie und hielt sie noch immer.
»Sie haben edel gehandelt, mein Junge«, sagte er.
»Edel gehandelt, Pip! Und ich habe es nimmer
vergessen!«
Zufolge einer Veränderung in seinem Benehmen,
die darauf hinzudeuten schien, als wenn er mich gar
umarmen wollte, fuhr ich ihm mit der Hand nach
der Brust und schob ihn zurück.
»Halt!« sagte ich. »Weg da! Wenn Sie mir
dankbar dafür sind, was ich Ihnen als kleines Kind
getan, so hoffe ich, Sie haben Ihre Dankbarkeit
durch eine Besserung Ihres Lebenswandels
bewiesen. Wenn Sie hergekommen sind, um mir zu
danken, so war das nicht notwendig. Wie Sie mich
indessen auch ausfindig gemacht haben mögen, so
muß in dem Gefühl, das Sie hierhergebracht hat, ein
guter Kern enthalten sein, und ich stoße Sie nicht
von mir hinweg; aber ganz gewiß müssen Sie
begreifen, daß -- ich --«
Meine Aufmerksamkeit wurde durch die
Seltsamkeit seines auf mich gehefteten Blickes so
angezogen, daß die Worte mir auf der Zunge
starben.
»Sie sagten«, bemerkte er, als wir einander eine
Weile stillschweigend gegenübergestanden, »daß
ich ganz gewiß begreifen müßte. Nun! Was ist es,
das ich ganz gewiß begreifen muß?«
»Daß ich unter diesen so ganz anderen
Umständen nicht wünschen kann, jenen zufälligen
Umgang zu erneuern, den ich vor langer Zeit mit
Ihnen gehabt. Ich glaube mit Freuden, daß Sie
bereut und sich gebessert haben. Ich freue mich,
Ihnen dies sagen zu können. Ich freue mich, daß Sie
in der Meinung, mir Dank schuldig zu sein,
hierhergekommen sind, mir solchen abzustatten.
Aber unsere Wege sind nichtsdestoweniger
verschiedene Wege. Sie sind naß und sehen müde
aus. Wollen Sie einen Schluck trinken, ehe Sie
gehen?«
Er hatte sein Halstuch wieder lose umgelegt und
war, mich scharf ins Auge fassend und an einem
langen Zipfel des Tuches kauend, stehengeblieben.
»Freilich werde ich«, gab er zur Antwort, den Zipfel
noch immer im Munde haltend und mich noch
immer scharf beobachtend -- »freilich werde ich,
ehe ich gehe, einen Schluck trinken und danke
Ihnen für das Anerbieten.«
Auf einem Seitentischchen stand ein Tablett
fertig hergerichtet. Ich trug es auf den Tisch neben
dem Kamin und fragte ihn, was er trinken möchte?
Er tippte auf eine der Flaschen, ohne sie anzusehen
oder zu sprechen, und ich machte ihm etwas Grog
zurecht. Ich bemühte mich, es mit sicherer Hand zu
tun; aber der Blick, den er auf mich richtete,
während er, den langen Zipfel seines Halstuchs,
augenscheinlich zufolge Vergessens, noch immer
zwischen den Zähnen, in seinem Stuhl
zurückgelehnt saß, machte meiner Hand es
außerordentlich schwer, die Herrschaft über sich zu
behalten. Als ich ihm endlich das Glas hinsetzte, sah
ich mit neuer Verwunderung, daß ihm die Augen
voll Tränen standen.
Bis zu diesem Augenblick war ich stehen
geblieben, um ihn über meinen Wunsch nicht im
Zweifel darüber zu lassen, daß er gehen möge. Aber
ich wurde durch den milderen Anblick, den der
Mann jetzt bot, milder gestimmt und fühlte eine
Anwandlung von Reue.
»Sie haben hoffentlich«, sagte ich, indem ich eilig
für mich etwas in ein Glas schüttete und einen Stuhl
zu dem Tisch heranschob, »was ich zu Ihnen
gesprochen habe, nicht für rauhe Rede gehalten. In
meiner Absicht lag es nicht, und es sollte mir leid
tun, wenn es der Fall gewesen ist. Ich wünsche
Ihnen Glück und Gesundheit und Wohlergehen!«
Als ich mein Glas zu den L