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Spanien, 1936.

Am 16. Februar 1936 gewann die Volksfront innerhalb der zweiten Spanischen Republik die
Wahlen. Faschistische Kräfte akzeptierten dieses Resultat nicht und planten, angeführt von General
Franco der mit der Unterstützung der in Spanisch-Marroko stationierten Truppen rechnen konnte,
einen Militärputsch der am 17. Juli 1936 begann. Mit einem entschlossenen Widerstand seitens der
Bevölkerung rechneten die Faschisten jedoch nicht, sie stellten sich den Putsch viel einfacher vor.
Doch neben der Bekämpfung der Faschisten, wandte sich ein Teil der spanischen Arbeiterschaft
auch dem Kampf gegen die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse zu und trieb die soziale
Revolution voran.

Anarchistische Kollektivierungen in Spanien 1936. Teil I.

Es gibt wenige historische Ereignisse, in denen eine anarchistische Perspektive einer neuen
Gesellschaft so weit im Vordergrund stand wie während dem Spanischen Bürgerkrieg von 1936-
1939. Bis heute sind dementsprechend diese Geschehnisse im kollektiven Gedächtnis vieler
AnarchistInnen, ein Lichtblick in der Geschichte des Kampfes für die Umwälzung kapitalistischer
Herrschaftsverhältnisse: Sie sind eine Art Hoffnungsträger und fungieren als praktisches Beispiel
eines Gegenpols zum autoritär-leninistischen und später stalinistischen geprägten Russland, nach
der Revolution von 1917. Dies obwohl die anarchosyndikalistische Massenorganisation CNT
maßgeblich an der Eindämmung der revolutionären Kräfte beteiligt war und die Hochblüte der
anarchistischen Ideale auf die Anfangsphase des Bürgerkriegs zwischen Juli und September 1936
beschränkt blieb.
In diesem zweiteiligen Artikel soll zunächst die CNT/FAI kurz dargestellt werden und die
strukturellen Hintergründe des Bürgerkriegs in agrar-geprägten Gebieten umrissen werden.
Daraufhin werden die Kollektivierungen und deren Durchsetzung besprochen. Im zweiten Teil des
Artikels wird anhand der Ortschaft „Mas de las Matas“ eine konkrete Organisationsform innerhalb
eines Dorfes dargelegt um folglich die Betriebsübernahmen in Katalonien und die Auswirkungen
des Kollektivierungsdekrets vom 24. Oktober 1936 besprochen.

Revolutionäre Organisationen im 19. Jahrhundert


Zu Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 1936, hatte die spanische Arbeiterklasse eine fast 100-jährige
Erfahrung mit Gewerkschaften und ca. 70 Jahre lang waren die sozialrevolutionären Theorien und
Praxen des Anarchismus stark verbreitet:
In Spanien gab es bereits seit den 1840er- Jahren Gewerkschaften, die sich jedoch nicht als
anarchistisch verstanden, aber dennoch, durch ihre sozialistischen und anti-staatlichen Tendenzen,
den Grundsätzen des Anarchismus nahe standen. Die erste an anarchistischen Ideen orientierte
Organisation der Arbeiterklasse Spaniens entstand im Jahr 1869 und nannte sich „Federación
Obrera Regional Española“. Diese Organisation war durch Ideen Pierre-Joseph Proudhons inspiriert
und schloss sich im Jahr 1870, angesichts des ersten spanischen Arbeiterkongresses, der Ersten
Internationale an: Die FRE-AIT (Federación Regional Española de la Asociacion Internacional de
los Trabajadores) war geboren. Nur ein Jahr später wurde die spanische Sektion der Ersten
Internationale verboten, in der es bis zu ihrer Wiederzulassung im Jahr 1881 zahlreiche theoretische
Differenzen und Auseinandersetzungen gab. Vor allem die Meinungsverschiedenheiten zwischen
Anhänger des bakuninschen Anarcho-Kollektivismus,1 der vor allem in Katalonien weg leitend war
und den Befürwortern des kropotkinschen Anarcho-Kommunismus der in Andalusien auf breite
Zustimmung stieß, prägten das Bild der anarchistischen Bewegung Spaniens gegen Ende des 19.
Jahrhunderts. Die Meinungsverschiedenheiten fanden jedoch einen vorübergehenden Kompromiss,
was im Jahr 1910 zur Gründung der bis dato größten anarcho-syndikalistischen Massenorganisation
CNT führte.
Der spanische Anarchosyndikalismus orientierte sich maßgeblich an dem föderalistischen
Konzept Pierre-Joseph Proudhons, an der Idee der freien Produzenten-Assoziationen Michail
Bakunins und an dem französischen Syndikalismus des 19. Jahrhunderts. Die revolutionäre
Gewerkschaft steht im Anarchosyndikalismus im Vordergrund, sie soll die Basis für die Revolution
bilden. Das Ziel derselben ist, die gesellschaftlichen Produktionsmittel unter Arbeiterkontrolle zu
bringen und die Gesellschaft in freien Kommunen zu organisieren. Die Selbstverwaltung des
gesamtgesellschaftlichen Lebens soll als Grundfundament einer freien und solidarischen
Gesellschaft fungieren.
Als Hauptvertreterin des spanischen Anarchosyndikalismus besaß die CNT, kurz vor dem
Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs ca. 500.000 Mitglieder, wobei die gesamte Anhängerschaft
auf 2 Millionen Leute geschätzt wird. Die FAI hingegen, ist eine Organisation die im Jahre 1927 im
Kern der CNT selbst entstand, um den reformistischen Tendenzen innerhalb derselben
entgegenzuwirken. Dadurch erhoffte man sich einen, an anarchistischen Prinzipien angelehnten
revolutionären Kurs beizubehalten, was letztendlich auch gelang, denn der FAI-Flügel konnte sich

1 Diese Meinungsverschiedenheiten beziehen sich auf interne Konflikte innerhalb der anarchistischen Bewegung und
sind nicht zu verwechseln mit den Konflikten zwischen Anarchisten und sozialistisch/kommunistischen Kräften.
Letztere wollten ab 1936 die Revolution verschieben und befürworteten eine Zentralisierung der Macht durch eine
Einheitsfront, um den Faschismus zu bekämpfen. Die Anarchisten hingegen, wollten nicht warten bis der
Bürgerkrieg beendet war um die soziale Revolution durchzuführen und sprachen sich für die Kollektivierungen und
für Autonomie und Dezentralisierung aus. Aus diesem Grund bekämpften die Befürworter der Einheitsfront die
anarchistische Kollketivierungsbewegung.
durchsetzen. In den schriftlichen Aufzeichnungen des CNT-Kongresses vom 1.-15. Mai 1936, ist im
beschlossenen Rahmenprogramm der Organisation Folgendes zu lesen:

„Wenn die gewalttätige Phase der Revolution beendet ist, werden für abgeschafft erklärt: das
Privateigentum, der Staat, das Autoritätsprinzip und folglich auch die Klassen, die die Menschen in
Ausbeuter und Ausgebeutete, Unterdrücker und Unterdrückte teilen. Nachdem der Reichtum s
ozialisiert worden ist, werden die jetzt schon freien Organisationen der Produzenten die direkte
Verwaltung der Produktion und des Konsums übernehmen. […] Die freiheitliche Kommune wird sich all
der Dinge bemächtigen, die die Bourgeoisie früher zurückgehalten hat, wie zum Beispiel
Lebensmittel, Kleidung, Schuhe, Rohstoffe, Werkzeuge etc. Diese Geräte sowie die Rohstoffe
müssen in die Verfügungsgewalt der Produzenten übergehen, damit diese sie direkt zum Nutzen der
Gemeinschaft verwalten können.“2

Strukturelle Hintergründe der Kollektivierungen in agrar-geprägten


Gebieten3

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebte die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung auf dem Land.
Spanien war durch Spannungen zwischen einer konservativen, feudalen bestimmten Oberschicht
(Großgrundbesitz, unterstützt von Kirche und Armee) und einer radikalisierten Arbeiterschaft
geprägt. Diese soziale Ungleichheit, war von den Eigentumsverhältnissen gekennzeichnet, d. h. dass
die strukturellen Eigenschaften der Agrarverhältnisse des 18. und 19. Jahrhunderts maßgebend die
Auseinandersetzungen des Bürgerkriegs beeinflussten. Die sozialen Konflikte Spaniens zu Beginn
des 20. Jahrhunderts sind dementsprechend nicht von der historischen Entwicklung der
Besitzverhältnisse abzukoppeln. Walther Bernecker spricht in diesem Kontext, in seinen Studien
über den Spanischen Bürgerkrieg, von einem dreigeteilten spanischen Territorium: Die Latifundien,
d. h. der Großgrundbesitz, der von lohnabhängigen Landarbeitern bewirtschaftet wurde, prägte vor
allem den südlichen Bereich des Landes, während die Minifundien die nördlichen Gebiete und die
Mittelbetriebe den Nord/Nord-Osten kennzeichneten. Die Minifundien und die Mittelbetriebe
wurden von lohnabhängigen Landarbeitern bewirtschaftet als auch von Pächtern und Halb-
Pächtern. Im Süden hingegen, beispielsweise in Andalusien, wo Großgrundbesitzer in Verbindung
mit der Kirche und der Armee, die Latifundienwirtschaft durch Gewalt durchsetzen konnten,
entstand ab Mitte des 19. Jahrhunderts ein großes Landproletariat: Die von ihrem Grund und Boden
als auch von den Produktionsmitteln getrennten Bauern, mussten, um zu überleben ihre Arbeitskraft

2 Auszug des Rahmenprogramms der CNT während dem Kongress in Zaragosa (1.-15. Mai 1936). Zitiert nach
Peirats, José. In: La CNT en la Revolución Española, Bd. I, Buenos Aires 1955. S. 125-134. Deutsche Übersetzung:
Hellwege Jonas. In: Oberländer, Erwin: Der Anarchismus. Hrsg. von Erwin Oberländer. S. 381-382.
3 Im Folgenden Kapitel werden vor allem strukturelle Hintergründe der Unzufriedenheit der Arbeiterschaft und der
Kollektivierungen kurz dargestellt. Diese vermögen es jedoch nicht, die Gesamtheit der Ursachen des Bürgerkriegs
zu erfassen. Laut Bernecker gilt es, neben den strukturellen Hintergründe, auch die konjunkturelle Hintergründe als
auch die unmittelbaren Ereignisse, das Geistesleben des Spaniens des 19. und 20. Jahrhunderts und die politisch-
historischen Hintergründe zu betrachten.
als Tagelöhner verkaufen. Zudem hatte die Mehrheit der Landbevölkerung des Südens nur die
Hälfte des Jahres Arbeit, was die Konflikte zusätzlich verschärfte und viele Landarbeiter dazu
zwang, in die Städte zu ziehen um nach Arbeit zu suchen. Angesichts der zunehmenden
Prekarisierung wehrten sich die Landarbeiter Andalusiens, das südlichste Gebiet Spaniens, bereits
seit Mitte des 19. Jahrhunderts gegen die Großgrundbesitzer und die bestehenden
Eigentumsverhältnisse. Sie forderten die Wiederaufnahme der gemeinschaftlich-
genossenschaftlichen Bewirtschaftung der Ländereien, die vor allem seit dem 18. Jahrhundert stark
verbreitet waren, bis sich die Latifundienwirtschaft begann, durchzusetzen. 4 Genau diese Tradition
der kollektiven Bewirtschaftung des Landes war ausschlaggebend für die sozialrevolutionäre Kraft
der spanischen Arbeiterschaft und kennzeichnete zugleich eine Nähe zu anarchistischen Prinzipien.
Neben den Landarbeitern, schloss sich auch das Industrieproletariat in den Städten der
Kollektivierungsbewegung an und besetzte beispielsweise Fabriken, Restaurant, Cafés, Kinos.

Kollektivierung und Nationalisierung

Die Kollektivierungen der Ländereien und der Fabriken während des Spanischen Bürgerkrieges,
sind nicht mit „Nationalisierungen“ zu verwechseln. Eine Nationalisierung überführt das
Privateigentum lediglich in die Hände des Staates und rüttelt nicht an den ökonomischen
Machtverhältnissen. Das Privateigentum an Produktionsmitteln bleibt dadurch erhalten und
verhindert die soziale Revolution, sprich die Durchsetzung der Selbstverwaltung des Proletariats
und die Umwälzung der bestehenden Gesellschaftsstrukturen zugunsten einer proletarisch-
kollektivistischen Gesellschaftsordnung. Die Unterscheidung zwischen Kollektivierung und Natio-
nalisierung hat in Spanien eine wichtige Rolle gespielt, zumal sie auf zwei antagonistische Kräfte 5
im republikanischen Territorium hinweist: einerseits auf die revolutionären Kräfte der CNT/FAI, der
Unión General de Trabajadores6 (UGT) und der marxistischen Partido Obrero de Unificación
Marxista (POUM)7, welche die sozialen Konflikte als Klassenkampf interpretierten und eine
radikale Bekämpfung der traditionellen Herrschaftsformen zugunsten der sozialen Revolution
vorantrieben; während andererseits die zwei stalinistischen Parteien Partido Comunista Español8
(PCE) und der Partit Socialista Unificat de Catalunya9 (PSUC), im Namen einer Volksfront zur

4 Einige Historiker gehen davon aus, dass erste Ansätze einer kollektiven Bewirtschaftung bereits vor der Invasion
der Römer zu finden sind.
5 Es gilt jedoch zu beachten dass die Trennung zwischen Revolutionären und Konterrvolutionären Kräften
schwammig verlief.
6 1888 gegründete sozialistische Gewerkschaft.
7 Eine 1935 gegründete marxistische Organisation, die sich vom Stalinismus distanzierte.
8 Partido Comunista Espanol, die kommunistische Partei Spaniens.
9 Eine katalonische Regionalpartei.
Bekämpfung des Faschismus, die soziale Revolution zugunsten einer Zentralisierung der Macht und
eines bornierten Staatsinterventionismus verschieben wollten. Dementsprechend bekämpften
zunächst die UdSSR affinen stalinistischen Parteien die Errungenschaften und Ambitionen der
sozialen Revolution. Die UGT und vor allem die POUM wandten sich jedoch im Verlauf des
Bürgerkriegs immer mehr dem Konzept der „Nationalisierung“ zu, was zu Konflikten mit der CNT
führte. Die CNT/FAI selbst gab ihrerseits, angesichts der militärischen Konflikte innerhalb des
Landes, den Kampf für den freiheitlichen Kommunismus auf und beteiligte sich an der Regierung.

Durchsetzung der Kollektivierungen

Im Gegensatz zu einer Nationalisierung der Ländereien, bedarf eine Kollektivierung nicht eine
zentralisierte Macht, um sich durchzusetzen. Die Kollektivierungen in Spanien wurden unabhängig
von jeglicher von der Regierung getroffenen Agrarpolitik durchgeführt und liefen vollkommen
unbürokratisch ab. Obwohl einige Großgrundbesitzer von den aufständischen Bauern ermordet oder
enteignet wurden, brauchte es in vielen Fällen keinerlei Gewalt oder Zwang um die Ländereien zu
kollektivieren. Nicht nur weil viele Bauern anhand der Kollektivierungen eine Menge Vorteile für
sich selbst sahen und dadurch freiwillig den Kollektiven beitraten und ihre Ländereien
zusammenschlossen, sondern auch, da viele Großgrundbesitzer nach Ausbruch des Bürgerkriegs am
19. Juli 1936 ihre Ländereien verlassen hatten. Der deutsche Anarchosyndikalist Augustin Souchy
(1892–1984), der bei Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges in Spanien war und für die CNT
arbeitete, beschrieb die Kollektivierungen wie folgt:

„Es wäre verfehlt, die wesentlichen Merkmale des Kollektivismus in der Expropriation und
Landverteilung zu erblicken. In vielen Kollektiven wurde das Land von den Mitgliedern freiwillig zur
Verfügung gestellt. Die Enteignung ist ein einmaliger Akt, die kollektivistische Wirtschaftsform eine
permanente Lebensführung. In den Kollektivwirtschaften gibt es keinen individuellen Landbesitz. [...]
Der Kollektivismus und das Genossenschaftswesen [...] entspringen aus dem Wunsche der werktätigen
Bevölkerung, sich durch gemeinsame und gegenseitige Hilfeleistung von der Ausbeutung zu
befreien und durch eigenes Wirken gerechte soziale Verhältnisse zu schaffen.“ 10

Hier ist anzumerken, dass nicht von einer einheitlichen Form von Kollektivierungen gesprochen
werden kann. Dennoch kann die Selbstverwaltung der Ländereien und Fabriken durch die
werktätigen Massen sowie die Unabhängigkeit vom Staat durchaus als Grundpfeiler der
Kollektivierungen in Spanien (zumindest zu Beginn des Bürgerkriegs im Juli/August 1936)
betrachtet werden. Augenfällig beim oberen Zitat Souchys ist zudem, dass sich daraus ablesen lässt,
dass die Kollektivierungen sowohl auf dem Land als auch in den Fabriken, vor allem in ihrer

10 Souchy, Augustin: Nacht über Spanien. Hrsg. von Wolfgang Haug. Frankfurt am Main: Trotzdem
Verlagsgenossenschaft eG. 2007. S. 137.
Anfangsphase, nicht einem ausgearbeiteten Wirtschaftsprogramm entsprachen, oder von einer
politischen Organisation „von oben“ geleitet wurden, sondern durch spontanes Handeln der
Arbeiterschaft entstanden. Dieses Vorgehen ist als Rückgriff auf die im Kollektivbewusstsein
verankerten Erfahrungen mit gemeinschaftlichen Bewirtschaftungsmethoden der Ländereien
zurückzuführen. Um die Agrarkollektive aufrechtzuerhalten, bildeten die Arbeiter eigene
Verwaltungsorgane, an denen sich meistens das gesamte Dorf beteiligte.

Kollektivierungen auf dem Land: Beispiel Aragonien

Es gibt keine sicheren Daten über die genaue Anzahl der kollektivierten Ländereien und Betriebe.
Dementsprechend ist es auch schwierig, genaue Aussagen über die Effizienz der Produktion in
kollektivierten Gebieten zu treffen. Schätzungen zufolge beteiligten sich ca. 3 Millionen Menschen
innerhalb des republikanischen Gebiets an den Kollektivierungen. Im Nord-Osten des Landes,
insbesondere in Aragonien, waren die spontanen Kollektivierungen im ländlichen Gebiet am
weitesten verbreitet (im Winter 1936/1937 gab es ca. 450 Kollektive in Aragonien, 1500 im
gesamten republikanischen Gebiet), während in Katalonien, vor allem in Barcelona, ein Großteil
der Fabriken, der Dienstleistungsunternehmen und der Hotels und Warenhäuser kollektiviert
wurden. Die Agrarkollektive Aragoniens werden als Hochburg des Anarchismus bezeichnet, zumal
ca. 300.000 Menschen direkt davon betroffen waren und die Landbevölkerung bereits Erfahrung
mit Agrarkollektiven hatten und dadurch mit der Veränderung der Eigentumsverhältnisse
sympathisierten. Die Ideale des Anarchismus stimmten in diesem Sinne mit den Maßnahmen
überein, die die Bauern durchsetzen mussten, um die Eigentumsverhältnisse umzuwälzen und ihre
Lebensqualität zu verbessern. Da keine Führung „von oben“ bestand, gab es auch kein einheitliches
Modell dem sich jedes Dorf unterordnen musste. Jedes Dorf bewahrte dementsprechend seine
Autonomie und konnte selbst entscheiden wie die Kollektivierung auszusehen hatte.
Entscheidungen über die Bewirtschaftung und Verteilung der Ländereien, Verteilung der Ernte, oder
über allfällige Ernteüberschüsse wurden in Vollversammlungen getroffen. Auch was die
Entschädigungsregelungen für geleistete Arbeit angeht, bewahrte jedes Kollektiv seine Autonomie.
So gab es Dörfer, in denen ein Einheitslohn eingeführt wurde, während andere Dörfer sich für eine
gestaffelte Vergütung oder für den sogenannten Familienlohn entschlossen, d. h. ein
leistungsunabhängiger Lohn, der sich auf die spezifischen Bedürfnisse der jeweiligen Familie
konzentrierte und eine Vergütung in Form von Naturalien, Gutscheine oder Geld ermöglichte. Jeder
hatte gleiches Mitspracherecht, sei es Bauern, Tagelöhner oder Pächter. In vielen Dörfern wurden
Kollektivstatuten ausgearbeitet, doch angesichts der Autonomie jeder Ortschaft, war das keine
zwingende Maßnahme. So entschlossen sich beispielsweise die 19 Dörfer der Ortschaft Mas de las
Matas gegen jegliche Form von Reglementierungen und lehnten eine Festsetzung von
Kollektivstatuten ab. Der Grund für die Popularität der Kollektivierungen der Ländereien liegt auf
der Hand: Die Vorteile für jeden Einzelnen, die solch eine solidarische Gestaltung der
Lebensverhältnisse mit sich brach.

„Miete, Elektrizität (so vorhanden), Wasser, ärztliche Betreuung und Arzneien sowie Alten- und
Invalidenheime waren kostenlos.[...]In einigen Kollektiven wurde eine radikale Gütergemeinschaft
praktiziert, andere gestatteten ihren Mitgliedern, Land für den Eigenbedarf zu bewirtschaften. Nicht
wenige Kollektive schafften Geld als Zahlungsmittel völlig ab, andere führten eigene Währungen ein.
Es mochte vorkommen, dass in benachbarten Kollektiven in einem Dorf purer Tauschhandel
betrieben wurde, im anderen selbstgeprägte Münzen oder Gutscheine im Umlauf waren und in einem
dritten nach wie vor die republikanische Pesete über den Ladentisch wanderte.“ 11

Die direkte Verbesserung des Lebens der Landbevölkerung ging mit der Vorstellung des Aufbaus
von selbstverwalteten freiheitlichen Kommunen des Anarchokommunismus Hand in Hand und zeigt
auf, wie wichtig die sozial-ethische Komponente für die Kollektivierungen war. Obwohl ein
gewisser Druck entstand, sich den Kollektivierungen anzuschließen, vor allem dann wenn ganze
Dörfer sich an den Kollektiven beteiligten, kann man nicht von „Zwangskollektivierungen“
sprechen. Die Vielfalt an Umgangsformen und Experimenten mit einer solidarischen Lebensführung
auf dem Land, wurde dezentral organisiert und kennzeichnete sich durch ihre mannigfaltige
Partizipationsmöglichkeit und kann unter dem Begriff „ländlicher Anarchismus“ subsumiert
werden.
Georg Orwell, der 1936 in Spanien auf der Seite der Republikaner kämpfte, beschrieb in dem
1938 erschienenen Werk „Mein Katalonien“ die Stimmung in Aragonien wie folgt:

„Hier in Aragonien lebte man unter Zehntausenden von Menschen, die hauptsächlich, wenn auch nicht
vollständig, aus der Arbeiterklasse stammten. Sie lebten alle auf dem gleichen Niveau unter den
Bedingungen der Gleichheit. Theoretisch herrschte vollkommene Gleichheit, und selbst in der Praxis
war man nicht weit davon entfernt. In gewisser Weise ließe sich wahrhaftig sagen, dass man hier
einen Vorgeschmack des Sozialismus erlebte. Damit meine ich, daß die geistige Atmosphäre des
Sozialismus vorherrschte. Viele normale Motive des zivilisierten Lebens – Snobismus, Geldschinderei,
Furcht vor dem Boß und so weiter – hatten einfach aufgehört zu existieren. Die normale
Klasseneinteilung der Gesellschaft war in einem Umfang verschwunden, wie man es sich in der
geldgeschwängerten Luft Englands fast nicht vorstellen kann. Niemand lebte dort außer den Bauern und
uns selbst, niemand hatte einen Herrn über sich.“12

11 Baxmeyer, Martin/Drücke, Bernd/Kerkeling, Luz: Abael Paz und die Spanische Revolution. Hrsg. von Martin
Baxmeyer. Verlag Edition AV. Frankfurt. 2004. S. 18.
12 Orwell, Georg: Mein Katalonien. Ins Deutsche übersetzt aus dem Englischen von Wolfgang Rieger. Hrsg. von
Diogenes Verlag. Zürich. 1975. S. 132-133.