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Psychoanalytische Entwicklungspsychologie

A. Hamburger

Psychoanalytische Entwicklungspsychologie

Herausgègeben von

W. Merte.liS und Chr. Rohde-Dachser

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Die Kenntnis der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie gehort zu den wichtigsten Grundlagen der modemen Psychotherapie und Psychoanalyse. Auch Therapeuten anderer psychologischer Richtungen greifen mehr und mehr auf entwicklungspsychologisches Wissen zuriick, das ihnen in ihren eigenen Theorieansarzen fehlt. Deshalb orientiert sich diese neue, in sich geschlossene Reihe konse- quent an den Erfordemissen der Praxis. Übersichtlich und mit vielen anschaulichen Fallbeispielen versehen, priisentiert jeder neue Band in verstandlicher Form das vor allem fur praktizierende Psychotherapeuten wesentliche Grundwissen aus den verschiedensten Bereichen der psychoanalytisch orientierten Entwicklungspsychologie.

Prof. Dr. Wolfgang Mertens lehrt Klinische Psychologie mit Schwer- punkt Psychoanalyse an der Ludwig-Maximilians-Universitat München. Prof. Dr. Christa Rhode-Dachser ist Lehrstuhlinhaberin fur Psycho- analyse an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universitat Frankfurt.

W. Mertens, Entwicklung der Psychosexualitat und Geschlechtsidentitat,

Band 1: Geburt bis 4. I.ebensjahr, 2. Auflage

W. Mertens, Entwicklung der Psychosexualitat und Geschlechtsidentitat,

Band 2: Kindheit und Adoleszenz H.-P. Kapfhammer, Entwicklung der Emotionalitat L. Schon, Entwicklung des Beziehungsdreiecks Vater-Mutter-Kind

Andreas Hamburger Entwicklung der Sprache Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Koln

Andreas Hamburger

Entwicklung der Sprache

Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Koln

Die Deutsche Bibliothek- CIP-Einheitsaufnahme Hamburger, Andreas: Entwicklung der Sprache 1 Andreas Hamburger. -

Die Deutsche Bibliothek- CIP-Einheitsaufnahme

Hamburger, Andreas:

Entwicklung der Sprache 1 Andreas Hamburger. - Stuttgart ;

Berlin ; Këln : Kohlhammer, 1995

(fsychoanalytische

Entwicklungspsychologie)

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Alle Rechte vorbehalten © 1995 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Koln Verlagsort: Stuttgart Gesamtherstellung:

W. Kohlhamme r Druckerei GmbH + Co. Stuttgart

Printed in Germany

Berlin Koln Verlagsort: Stuttgart Gesamtherstellung: W. Kohlhamme r Druckerei GmbH + Co. Stuttgart Printed in Germany

Inhalt

Vorwort

Teil 1:

1

1.1

1.2

1.3

Tell II:

2

2.1

2.1.1

2.1.2

2.1.3

2.1.4

2.1.5

2.1.6

2.2

2.2.1

2.2.2

2.2.3

2.3

2.3.1

2.3.2

2.4

1

1 • 1

1

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9

Psychoanalyse und Sprache

 

Sprache, Unbewufites und Gesellschaft

 

11

Sprache als Argument

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16

Die talking cure: Sprechen in der

 

Psychoanalyse

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19

Sprache ais Bestandteil des psychischen

 

Apparats .

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Theoretische Standortbestimmung einer Psychoanalyse der Sprachentwick.lung

 

Historischer Überblick über die psychoanalytischen Theorien des Sprachvennôgens

 

34

Freuds Sprachtheor1en 1m Wande1

 

34

Neurophysiologie des Sprachzeichens:

 

»Zur Auffassung der Aphasien«

 

36

»Entwurf einer Psychologie«

 

42

Anfânge der dynamischen Theoriebildung

 

44

NarziBmus und Wiederho1ungszwang.

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46

Strukturmodell .

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48

Freuds Wendung zur Ich-Psychologte.

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54

Ich-Psychologie nach Freud .

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55

Denken

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Klinische Theortebildung.

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Übergang zu einer Interaktionstheorie.

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Objektbez1ehungstheorie .

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65

.Winnicott .

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70

Wilfred Bion.

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75

Symboltheorie

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77

5

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3

Psychoanalyse und Sprachwissenschaft oder: Ist die psychoanalytische Sprachtheorie

 

veraltet?

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3. 1

Auch die Psychoanalyse soli die Sprache als funktionelles System betrachten

 

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3.2

Ein:flu13perioden der Linguistik auf die

 

Psychoanalyse

 

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3.3

Fazit

102

4

Psychoanalyse der Sprachentwicklung und akademische Sprachentwicklungsforschung - Themen und Methoden

 

103

40 1

Der aktive Saugling

 

0

0 . 0 0 0 . 0

 

0 104

4.2

Vorsprachliche Strukturen

 

0

0 0 0 0

0

0 .

 

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105

4.3

Psychoanalyse der Sprachentwicklung als

 

Kognitionspsychologïe?

 

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108

4.4

Forschungsmethoden der

 

114

Teil III:

Einzelthemen der Sprachentwicklung

 

5

Auf welchen vorsprachlichen Strukturen basiert der Spracherwerb?

0 • • • • • •

125

5.1

Attachment- und Bonding-Konzept

 

0

130

5.2

Angeborene Phantasien- eine kognitive Matrix des Spracherwerbs?

0 •• 0 •• 0 131

5.3

Aktive lch-Entwicklung und die Rolle der

 

Sprache

0 0

0 0

0

0 .

 

0 0 0

 

0 0 0

134

504

Praverbale Interaktion

 

0 0

 

0 0 0

. 0

 

0 . 0 . 0 0 0 141

505

Übergang zur verbalen Interaktion

 

0 .

154

506

»Schreien hilft ihm wirklich sehr«.

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164

5.7

Artikulation

 

0 .

0

0

 

0 .

 

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165

6

Zur Entwicklung der Semantik

170

6.1

6.2

Ein psychoanalytisches Referenzmodell

Entwicklung der Àu13erungssemantik

0 •• 0 • • •

0 •••••

0

 

170

173

6.3

Früheste Bedeutungen

0

174

6.4

Deixis

0 .

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176

605

Wortspiele

0

0 0 .

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180

6.6

Euphemismus, Benennungsscham und

geschlechtsspezifische Sozialisation 6. 7 Semantikstorungen 182 186 6.7. 1 Sprachetgentünilichkeiten bei
geschlechtsspezifische Sozialisation
6. 7 Semantikstorungen
182
186
6.7. 1
Sprachetgentünilichkeiten bei Frühstôrungen
186
6.7.2
Autismus
188
7
Sprechen im Handlungsbezug: Pragmatik
190
7.1 Nein und Ja.
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197
7.2 Wahrheit und Lüge
201
8
Wortsemantik
205
8.1
Von der Intention zum Wort
205
8.2
.
Ein Wort ist eine nach Ma.Bgabe alltagspraktischer
Verbindlichkeit interpretierte Intention
Was ist ein Wort?
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205
8 .3
207
8.4
Vom Anzeichen zmn Symbo1: Anale Modalitat und
Entwicklung der Fahigkeit zur Reprâsentation
208
8.5
Bemerkungen zur 1exikalischen
211
9
Syntax
213
9.1 Der Übergang von Einwortaufierungen zu
Sâtzen - ein ReifungsprozeB?
214
9.2 Sensomotorik, Objektbegriff und die
Entwicklung der Zweiwortsâtze
215
9.3 Affekt und Objekt. Zur Psychoanalyse
der Syntax
219
9.4 Prâdikation
223
9.5 lch sterbe, werm ich heirate: Tempi und
Modi 1m Horizont der Neurose
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226
9.6 Grammatik des UnbewuBten.
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228
10
Sprachentwicklung im Kontext anderer
Entwicklungslinien
230
7
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Nachwort

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232

Literaturverzeichnis

 

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233

Schreibweisen

 

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Personenregister

 

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251

Vorwort

Die Verbindung von Psychoanalyse mit Psycholinguistik ist ein naheliegendes und interessantes Unternelunen. Das wird jeder be- statigen konnen, der eine Witterung beider Gebiete aufgenommen hat. Dennoch wird diese Verbindung erstaurùich selten hergestellt. Was teh auf den folgenden Seiten, oft tastend, beginne, ist ein Brückenbau zwischen zwei ursprünglich wohl etnmal verbun- denen, inzwischen aber weit auseinandergedrifteten Kontinenten, die sich zudem noch in heftiger innerer Bewegung befinden und entsprechende tektonische Spannungen au:fweisen. Der Brücken- bau 1m engeren Wortsinn scheidet daher aus; ich würde es eher eine Luftbrücke nennen, einen Ozean-Pendelflug, von einer Haupt- stadt zur anderen, aber auch in weniger besiedelte Landstriche, mit Zwischeruandungen auf Interims-Rollfeldem. Ich bitte daher um Nachsicht dafür, da.B ich viele wohlausgearbeitete Wis- sensgebiete auf beiden Seiten oft nur gestreift habe. Das gilt, was das enge Thema der Sprachentwicklung betrifft, vor allem für die Linguistik. Eine Fülle von Theorien und Einzelbefunden ware hier dem interessierten Psychoanalytiker vorzuführen; ich habe mich auf diejenigen beschrfulkt, die mir in Bezug auf psychoanalytische Fragestellungen besonders wichtig erschienen. Aber es wird auch manche Frage, die ein Linguist an die Psychoanalyse haben mag, unbeantwortet bleiben. Obwohl die Psychoanalyse - wie ich darle- gen werde- mit Sprache und Sprachentwicklung zentral befaBt ist, gibt es doch kaum eine systematische Forschungstradition dazu. Ich muBte daher Einzelergebnisse zusammentragen und kommen- tieren. Die vorliegende Arbeit, deren erste Entwü!,fe mich seit etwa einem Jahrzehnt begleiten, war zunachst als Uberblick über die psychoanalytischen Forschungen zur Ich-Entwicklung gedacht. Sie sollte Teil eines gemeinsam mit Wolfgang Mertens und Hans-Peter Kapfhammer geplanten Lehrbuches der psychoanalytischen Ent- wicklungspsychologie sein. Schon bald allerdings erkannten wir den Umfang unseres Unternelunens, erweiterten hier, kürzten da, bis Wolfgang Mertens und der Verlag mit kühnem Schwung aus dem Buch eine Reihe machten. lnzwischen waren auch meine umfangretchen Plane (deren anderen Teil, nâmlich die Ent- wicklungspsychoanalyse des Traums, teh mittlerweile als Disserta- tion vorgelegt hatte) soweit gesundgeschrumpft, daB nun eine Pu- blikation moglich schien. Sie sollte ursprünglich unter dem Tite! Psychoanalyse der sprachllchen Sozialisation erscheinen; den ein- facheren Titel habe ich aus Gründen der Angleichung an die übri- gen Titel der Reihe sowie aus inhaltlichen Uberlegungen gewâhlt (vgl. Seite 103).

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der Angleichung an die übri- gen Titel der Reihe sowie aus inhaltlichen Uberlegungen gewâhlt (vgl. Seite

Der Plan hat sich in dieser Zeit aber nicht nur tm Umfang sehr verandert: unter der Hand ist, wie Sie auf den folge~den Sei- ten oft werden feststellen konnen, aus der irûormativen Ubersicht ein Pladoyer für die Sprache geworden. Als teh das bemerkte, wurde mir klar, daB ich eigentlich schon viel langer als ein J ahr- zehnt mit dem Thema beschaftigt bin: die Arbeit an der Psy- choanalyse der Sprachentwicklung hat mich wieder spüren lassen, mit welcher Lust -und manchmal Leidenschaft - ich spreche, seit ich es begonnen habe. Sicher ist mir auch viel über die Grenzen der Sprache klargeworden, die Grenze zum Ungesagten und viel- leicht Unsagbaren, an der gerade die Psychoanalyse so oft operiert. Und doch fühle ich mich jetzt - und oft auch in der psychoana- lytischen Situation, wenn ich miterlebe, wie meine Patientinnen und Patienten nach threr Sprache suchen - an jenen unerin- nerbaren Zustand erinnert: damais, als teh sprechen lernte. Mit dem unumstô1311chen Optimismus, mit der unbeirrbaren Ge- schwâtzigkeit des einjâhrigen Kindes wuJ3te ich: teh werde es sagen konnen. Wo Es war, so wendet Freud diesen Zusammenhang, soli Ich werden. Welch ein Vergnügen!

Murnau, im Oktober 1994

Andreas Hamburger

Teil 1:

Psychoanalyse und Sprache

1. Sprache, Unbewu6tes und Gesellschaft

Sprache ist eine zentrale Kategorie der Psychoanalyse. Warum? Es gibt viele Gründe dafür. Sie reichen in sprachphilosophische Posi- tionen zurück, die in die Theorie der Psychoanalyse eingegangen sind. So konnte man zum Beispiel sagen, Sprache unterscheidet den Menschen vom Tier und mu13 schon deshalb für jede Psycholo- gie grundlegend sein, die sich mit den spezifischen Vorgangen der menschlichen Seele befa13t. Das allein freilich tst noch nicht der Grund, warum die Psychoanalyse sich so eingehend auf Sprache bezieht. In einer illteren Tradition ist Sprache auch etwas Magi- sches, eine Zauberformel, die aus dem Nichts etwas scha:fft: »lm Anfang war das Wort«. Die Macht des Benennens spielt sicher eine groBe Rolle, nicht nur in der Psychotherapie. lndem Gott dem aus Lehm gefonnten Adam die Gabe des Sprechens einhauchte, schuf er den Menschen. Das Schibboleth, ein Papier mit Schriftzeichen, erweckt den Golem zum Leben. War es das, was Freud bewog, in einer frühen Schrift (1890a: 286) von der »Zauberkraft der Wërter« zu sprechen? Mag sein; aber es klart noch nicht, warum die Psy- choanalyse die Sprache soin den Mittelpunkt stellt. Ich muB wei- ter ausgreifen. Sprache ist ja nicht nur eine Eigenschaft des ein- zelnen Menschen, sondern vor allem etwas, das Menschen nur in Gesellschajt gebrauchen und erlernen. Die Psychoanalyse hat sich von Anfang an mit diesem Gesellschaftsbezug des Psychischen be- schaftigt: Begriffe wie Zensur und Verdrangung, die den Anfang th- rer Theoriebildung bezeichnen, sind 1m Hinblick auf gesell- schaftliche UnbewuBtheit konzipiert (vgl. auch Reimann 1991 ).

Zensur

Ganz anschaulich wird das am Begriff der Zensur. Dieser Begriff 1st wahrscheinlich eine der berühmtesten Vokabeln aus dem Wôrterbuch der Psychoanalyse, er ist beinahe so verbreitet wie »verdrangen« oder »Komplex«. Und er ist gleichzeitig eine der frühe- sten psychologischen Wortschëpfungen Freuds. Werm Freud von Zensur spricht, meint er ganz wortlich die von einem Machthaber erzwungene Auslassung von anstëBigen Textstellen. Schon 1m Jahr 1887, lange vor der Verôffentlichung seiner ersten psychoanaly- tischen Schriften, schrieb Freud an seinen Freund Wilhelm FlieB in Berlin: »Hast Du einmal eine auslandische Zeitung gesehen, welche die russische Zensur an den Grenzen passiert hat? Worte, ganze

Satzstücke und Satze schwarz überstrichen, so daB der Rest un- verstandlich wird. Solche russische Zensur konunt zustande bei den Psychosen und ergibt die scheinbar sinruosen Delirien.« (Freud 1950a: 206). Spâter greift er dieses Bild wieder auf, wenn er in den »Studien über Hysterie« die Abwehr ungewohnter, peirùicher Vorstellungen allgemein als Zensur bezeichnet (Breuer und Freud 1895). Nun konnte man frellich meinen, es sei ein bloBer Zufall, daB Freud einen innerpsycWschen Vorgang mit einem Begriff benennt, der eigentlich eine staatliche ZwangsmaBnalune bezeich- net. Schlagen wir aber sein frühes Hauptwerk, die »Traum- deutung«, auf, so finden wir, daB Freud Wer noch viel aus- führlicher seine Metaphern aus dem Bereich staatlicher Machtaus- übung bezieht. Dort vergleicht er den Traum mit dem »politischen Schriftsteller, der den Machthabern unangenehme Wahrheiten zu sagen ~at. Werm er sie unverhohlen sagt, wird der Machthaber seine AuBerung unterdrücken, nachtraglich, werm es sich um mündliche ÂuBerungen handelt, praventiv, wenn sie auf dem Wege des Druckes kundgegeben werden soll. Der Schriftsteller hat die Zensur zu fürchten, er ermaBigt und entstellt darum den Ausdruck seiner Meinung. Je nach Starke der Zensur sieht er sich genotigt, entweder blof3 gewisse Formen des Angriffs einzuhalten, oder in Anspielungen anstatt in direkten Bezeichnungen zu reden, oder er muB seine anstoBige Mitteilung hinter einer harmlos erscheinen- den Verkleidung verbergen, er darf z.B. von Vorfallen zwischen zwei Mandarinen im Reich der Mitte erzablen, wâhrend er die Be- amten des Vaterlandes im Auge hat« (Freud 1900a: 148). Der Traum als kritischer Sclrriftsteller, das Unbewufite als un- terdrückte Aufklarung, das BewuBte als Staatsmacht, die Traum- entstellung als Zensur: dieses anschauliche Bild für den Aufbau der Psyche hat Freud in diesem Werk und weiteren Arbeiten aus- gebaut und vertieft. Wir konnen aber durchaus weitergehen und nicht nur ein anschauliches Bild darin sehen, sondern den SchluB ziehen, daB Freud auch im innerpsychischen Zensurvorgang einen Akt gesellschaftlicher Machtausübung sieht. Was »peiruich« ist, was zensiert werden muB, ist ja eben deshalb peilÙich und muB zensiert werden, weil es Wünsche, Vorstellungen und Phantasien betrifft, die man vor seinen Mitmenschen verbergen müBte (oder gl.aubt verbergen zu müssen). Die innerpsycWsche Zensur folgt also einem inneren Bild von gesellschaftlicher Anerkennung und Ablehnung. Sie setzt subjektiv wahrgenommene Machtverhâltnisse ins Seelerueben fort. Werm w1r nun bedenken, daB sich die inneren Normen und Werte, die Gebote und Verbote, denen die Zensur dient, im Lauf der kindlichen Entwicklung erst bilden, und zwar unter dem EintluB konkreter, auBerer Gebote und Verbote, die ge- sellschaftliche Norm- und Wertvorstellungen wiedergeben, so wird deutlich, wie wenig aus psychoanalytischer Sicht »innerpsychische

12

Norm- und Wertvorstellungen wiedergeben, so wird deutlich, wie wenig aus psychoanalytischer Sicht »innerpsychische 12

Entwicklungen« von gesellschaftlichen Strukturen und Prozessen abgetrennt werden kônnen.l Auch an einern anderen zentralen psychoanalytischen Begriff, dem »lch«, lâBt sich der Gesellschafts- und Sprachbezug der Psy- choanalyse aufzeigen.

!ch

Das !ch ist nach Freud (1923b, 1940a u. a.) der Ort und das Resultat des Zusammenpralls von Es-Irnpulsen (denen kôrperliche Bedürfnisse zugrundeliegen) mit (gesellschaftlicher) Realitât und mit verinnerlichten (gesellschaftlichen) Normen. Es kermt aus Erfahrung die realen Folgen von Handlungen und unterdrückt da- her oft Triebirnpulse, indem es sie nicht zum BewuBtsein kornmen lâBt. Freud sieht das als diplomatischen Akt: »In seiner Mit- telstellung zwischen Es und Realitat unterliegt es nur zu oft der Versuchung, liebedienerisch, opportunistisch und lügnerisch zu werden, etwa wie ein Staatsmann, der bei guter Einsicht sich doch in der Gunst der ôffentlichen Meinung behaupten will« (Freud 1923b: 287). Das lch muJ3 aber nicht nur Triebwünsche mit der Einsicht in die Realitat kompatibel machen, sondern auch mit un- bewuBten Normvorstellungen und Verboten, die in der von Freud »Über-lch« oder »!ch-Ideal« genannten psycWschen Instanz zusam- mengefa.Bt sind. Das lch ist also ein »armes Ding, welches unter dreierlei Dienstbarkeiten steht«. Es entsteht aus der Notwendtgkeit, diese dreierlei Dienstbarkeiten in ein bewuBtes, handlungsfâhiges Selbst zu integrteren. Seine Aufgabe ist es, die anstô13tgen Wün- sche auszustreichen, ohne da13 die Ausstreichung unangenehm auffallt, und dabei doch soviel wie moglich von diesen Wünschen zuzulassen. Das lch verfaBt einen Mischtext, der aus Doppelsinntg- keiten, Anspielungen und Metaphern besteht. Es leistet die Ein- schreibung der Sozialitat in die innere Natur.2

1

2

Die psychoanalytische Sozialpsychologie in ihren vielen Verastelungen hat das, was hier nur sehr grob und skizzenhaft vorgeführt wird, ausgearbei- tet, verfeinert und mit zahlreichen Einschrânkungen versehen. Jnsbeson- dere die Abgrenzung von einer reinen Milieutheorie, die das Subjekt als Produkt seiner Umwelt sieht, wurde betont und das Naturmoment in sei- ner dialektischen Beziehung zur Gesellschaft herausgestellt. Hier kommt es nur darauf an, einen Eindruck davon zu vermitteln, da13 Psychoanalyse sich von Anfang an mit sozialen Prozessen befa13t, auch da. wo sie schein- bar nur ~innerpsychische«< Instanzen beschreibt. Weiterführende Literatur:

Adorno 1955, Marcuse 1955, Dahmer 1980, Erdheim 1984, Psychoanaly- tisches Seminar Zürich 1989.

Die Theorie des Jch ist im AnschluB an Freud noch stark verandert und ausgebaut worden, vgl. unten Kap. 2.2, Seite 55.

13

Leib tn Gesellschajt: Psychoanalyse als Erkenntnlsprozej3 zwischen Natur- und Kulturwlssenschajt

Diese beiden Begriffsklarungen môgen genügen, um darauf hinzu- weisen, wie der klassische psychoanalytlsche Ansatz vorgeht. Er

betrachtet die psychischen Phânomene sozusagen als »Benutzer- oberfl.ache«, um einen heute gelaufigen Ausdruck zu gebrauchen, hinter der sich für den »Benutzer« nicht sichtbare Integrations- prozesse abspielen. Der Unterschied zur Computer-Begrifflichkeit liegt nun allerdings darin, daB wir bei einer Rechenmaschine den genauen Schaltplan und den Au:fbau der Software kermen, bei ei- ner Psyche jedoch nicht. Angesichts der psychischen Phanomene fragt sich der Psychoanalytiker klassischer Pragung also immer:

wie kann der »psychische Apparat« gebaut sein, der so etwas unter bestimmten Interaktionsbedingungen zustande bringt? Eine Frage, die sich sofort kompliziert, werm wir gewartigen, daB wir es offen- bar mit einer lernfâhtgen »Maschine« zu tun haben, die im Lauf ih- rer Entwicklung sowohl ihre »Hardware« - das entsprache der biologischen Reifung - ais auch ihre Software modifiziert. Das Ganze wird noch vertrackter, wenn man sich klarmacht. wie stark der Vergleich hinkt. Es ist ja eben nicht »Software«, die wir unter- suchen, sondern innerpsychische und interpsychische Kommu- nikationsprozesse, und wir sind als Untersucher selbst Teil dieser Kommunikationsprozesse. Auch die Begriffe, mit denen wir unsere Untersuchung vornehmen und unsere Ergebnisse beschreiben, sind Teil des zu untersuchenden Feldes. Wfuen wir Software-Spe- zialisten, so hatten wir immer noch auBerhalb unserer Program- miersprache andere Sprachen, letztlich die natürliche Sprache, mit der wir sagen kônnen: »Das Programm ist gegliedert in folgende

Schritte

ten, laufen lassen, wiederholen. Dies alles ist 1m Bereich psycholo-

gischer Forschung nicht môglich, und die Psychoanalyse hat frü- her als andere psychologtsche Disziplinen erkannt, daB es nicht môglich ist. Damit stünde die Psychoanalyse var einem Dilemma - werm ste eine Naturwissenschaft ware. Es ist das aber eine Art von Dilemma, die den Sozial- oder Geisteswissenschaften durchaus vertraut ist. Wer Geschichte schreiben, Erkenntnistheorie oder Literaturwissenschaft treiben will, mufi damit leben, daB er sein Untersuchungsobjekt nicht sau- berlich von sich selbst abtrennen kann. Er ist selbst geschichtli- ches Wesen, Erkennender oder Leser. Er wird also seinen BUck nicht objektivierend auf den Gegenstand an sich richten kônnen, sondern wird ihn zurücklenken müssen auf seine etgene Bezte- hung zum Gegenstand. Er tritt in ein hermeneutisches Verhaltnis zu seinem Forschungsgegenstand, durchlauft etnen stufenfôrmtgen ReflexionsprozeB auf die eigenen Vorannahmen. 3 Und auch die

« oder »Es bewirkt dies und das

~. Wir kônnten es star-

3 Auch hier habe ich grob vereinfacht. Was ich anzudeuten versucht habe, ist seit Jahrhunderten Gegenstand einer ebenso gelehrten wie unendlichen

Psychoanalyse konnte es so machen, und sie macht es ja tatsach- lich auch so, nfunlich in dem vor allem von Lorenzer (1970b) prâ- zise herausgearbeiteten Mittel der »Tiefenherrneneutik«. Nur freilich ware sie, verstünde sie sich ais Geisteswissenschaft, auch wieder schnell dem Dilenuna überantwortet. Denn ihr etgentlicher Ansatz, die Verzahnung von Natur und Kultur, von Leib und Gesellschaft zu erfassen, lâBt sich ohne Rückgriff auf ganz konkrete k6rperliche Prozesse nicht leisten. Was also bleibt, ist die Feststellung: Psycho- analyse ist eine Doppelwissenschaft aus Physiologie und Soziolo- g:te, aus Natur- und Kulturwissenschaft. Sie kann nichts anderes sein, denn auch ihr Gegenstand selbst ist so eine Zwittergestalt, ein wandelnder Widerspruch. Obwohl die hier vertretene Einschâtzung der Psychoanalyse ais kritische Theorie des Subjekts erst in der Folge der Positivismusdebatte der sechziger Jahre herausgearbeitet wurde, so steckt sie doch im Kern schon in den frühen psychoanaly- tischen Positionen. Wenn sich die klassische Psychoanalyse mit Phânomenen wie der Sprache beschaftigte, so tat sie das immer unter einer doppelten Fragestellung, von der keiner der beiden Aspekte allein stehen konnte:

wie ist dieses Phânomen ais Naturphânomen erklârbar - und

das WeB: wie ist es neurophysiologtsch rekonstruierbar? und (2) welcher E1nflu13 gesellschaftlicher Strukturen sptegelt sich darin, d.h., welche frühen Interaktionsbeziehungen, welche Wünsche, Verbote, Verdrangungen?

Für die Psychoanalyse wird die Frage zentral, wie (und unter wei- chen gesellschaftlichen Verhhltnissen und Sozialisationsbedingun- gen) es dazu kommt, daB in einem seelischen Apl?arat sprachliche - und d. h. kulturell gepragte, dialogfâhige - Au6erungen ent-

stehen.4

(1)

Diskussion. Sie tst zusammengefaflt bei Gadamer (1960). Besonders akzentuiert und aktualisiert mit Bezug auf Gesellschaftstheorie wurde sie 1m Positivismusstreit der sechziger Jahre (vgl. Adamo u.a. 1969, Habermas 1 Luhmann 1971) und mit besonderem Bezug auf die Psycho- analyse weitergeführt bei Ricoeur 1965, Habermas 1968, Lorenzer 1970b, 1973 u.a.).

4 Mit Lorenzer kônnte man sogar noch schârfer formulieren, da13 Sprache gar kein Gegenstand psychoanalytischer Erkenntnls, sondern nur ihr Untersuchungsgegenstand sein kann. Der Gegenstand, dem die psycho- analytische Erkenntnts gût, ist eben kein ,.psychologtscher«, als ob es so etwas wie eine Psyche »an sich(( gebe (ein angeborenes Organ, das zwar unerforscht ist wie eine Black Box, auf das man aber z.B. durch Beob- achtung von Verhalten zurückschlie13en kônnte). Der Psychoanalyse geht es um intime Beziehungsfiguren, die sowohl gesellschaftlicher ais leiblicher Natur sind. Ihr Erkenntnisgegenstand kônnte somit Gegenstand sowohl der Neurologie wie der Soziologte sein. Reduzierte man sie auf eine Psychologie, so würde man ihr einen Scheingegenstand zuweisen (Lorenzer

1986).

15

Die Philosophie und Praxis der Psychoanalyse hat sich diesen Doppe1bezug auf Kultur und Natur stets bewahrt. Dennoch ist der psychoanalytische Diskurs weiterentwickelt worden, sowohlin der klinischen Praxis als auch in groBeren theoretischen Ansatzen zur Systematisierung. So sehr diese voneinander abweichen, so haben sie doch samtlich den Bezug auf den menschlichen Leib, seine Funktionen und Bedürfnisse aufrechterhalten, und deren psychi- sche Ausformung dabei 1mmer im Rahmen interaktiver Prozesse begriffen. Se1bst Kohut (1971, 1977), Klein (1976), Schafer (1975, 1976) Kernberg (1975, 1976) und Eagle (1984), die aus ganz verschiedenen Gründen - und mehr oder minder radikal - eine reduktionistische Triebtheorie ablehnen, gehen doch nie so weit, eine abstrakte fonnalistische Behandlung psychischer lnhalte anzupeilen, wie sie in den Forschungen akademischer Kognitions- psycho1ogen üblich ist. Psychoanalyse ist essentiell eine Theorie des lndividuums, verstanden als Leib-in-Gesellschaft.

Sprache als Gegenstand und Medium der Psychoanalyse

Sprache als Ausdruck und Bedingung gesellschafilicher VerfaBt- heit muf3 also ein Grundprob1em der Psychoanalyse sein. Wenden wir uns nun den konkreten Punkten zu, in denen Sprache für die Psychoanalyse zum Untersuchungsgegenstand wird. Gauger (1979) weist darauf hin, daB Sprache bei Freud in drei Hinsichten be- deutsam war:

( 1)

als Erkenntnisquelle bzw. als Argument, so z.B. in der Heran-

(2)

ziehung von Redensarten. Freud verwendet oft stehende Wen- dungen der natürlichen Sprache ais Bestatigung oder Indiz für psychoanalytische Konstruktionen. als Therapeutikum. Die psychoanalytische Therapie ist - zu-

(3)

mindest auBerlich gesehen - ein verbaler ProzeB. In diesem Verbalprimat sieht Gauger vor allem die Vorzüge, daB da- durch Handlungsdistanz, Mitte1barkeit und Erkenntnissp1e1- raum erzeugt werden. als Bestandteil des psychischen Apparats. Gauger erwâlmt die unterschiedlichen Sprachbezüge von Ich, Über-Ich und Es.

lch will diese drei Aspekte im folgenden genauer erlautern und mit neueren Entwicklungen der Psychoanalyse in Beziehung setzen.

1.1. Sprache ais Argument

Die Rolle der Umgangssprache, insbesondere der stehenden Rede- wendungen, für Freuds Rekonstruktion und Darlegung psycholo- gischer Zusammenhange ist bis auf die erwâhnte Arbeit von Gauger (1979) selten gewürdigt worden. Dabei hatte es nahe gele- gen, sie nâher zu untersuchen: Hat doch Freud in zwei Büchern,

die er selbst 1nuner zu den empirischen Fundamenten der Psycho- analyse gezahlt hat, nfunlich in der Schrift »Zur Psychopathologie des Alltagslebens« (190 1b) und in »Der Witz und seine Beziehungen zum UnbewuBten (1905c), alltagssprachliche Phanomene einge- hend untersucht. Sprachphânomene wie z.B. der Witz oder die Fehlleistung werden als Gegenstand genorrunen, genau be- schrieben und schlie13lich die Erklarungskraft psychoanalytischer Hypothesen an ihnen erprobt. Darüber hinaus ist es ein fester Bestandteil von Freuds Rhe- torik, an bestimmten Stellen seiner Argumentation stehende Re- densarten und Sprlchworter zu zitieren, um seine wissenschaftliche Hypothese zu stützen. Um seine These, der Traum sei im Kern eine Wunscherfüllung, zu untermauern, zitiert er das Sprichwort: »Das Schwein traumt von Eicheln, die Gans vom Mais«. Diese (oft auch frechen) Zitate, die den wissenschaftlichen Vortrag auflockern, sind aber mehr als dekorative Zutat: sie besagen, da13 hier im Volks- mund ein Wissen aufgehoben sei, ein unverstellter Blick auf die Dinge, dem sich die Wissenschaft (will sagen vor Freud) verschlos- sen habe. Die Berufung auf den Volksmund ist ein argwnentativer Kunstgriff, um darzutun, wie intuitiv einleuchtend die eigenen Hypothesen seien. Aber nicht nur: denn es gehërt zur psychoanaly- tischen Methode, auch alltagssprachliche Bezüge und Konnotatio- nen ernst zu nehmen und als Hinweise auf unbewu13t gewordene Zusarrunenhange anzuerkennen. Freud hat aber nicht nur in rhetorischer Absicht auf Struk- turen des Sprachsystems zurückgegriffen. Wie ernst er es manchmal meinte mit seinem Versuch, auch aus sprachwissen- schaftlich ermittelten Sprachstrukturen Hinweise für seine Psy- chologie zu gewinnen, zeigt sein Aufsatz »Über den Gegensinn der Urworte« (Freud 1910e). Freud unternimmt es hier, aus der Ety- mologie Schlüsse auf psychologische Verhâltnisse zu ziehen. Leider ist das Unternehmen nicht erfolgreich gewesen, denn die sprachwissenschaftliche Grundlage, auf der Freud seine Hypothese zu begründen gesucht hatte, ist langst der Kritik verfallen. Ich schlage vor, daB w1r es uns trotzdem naher ansehen. Es sind nicht nur die erfolgreichen Versuche, die zahlen - auch die Fehlschlage zeigen uns den zurückgelegten Weg an und erlauben es uns dar- über hinaus, neuere Argumentationen kennenzulemen.

In seinem Aufsatz versucht Freud, seine Theorie, daJ3 es im UnbewuBten keine Negation und keine Gegensatze gebe, anhand einer zu seiner Zeit anerkannten etymologischen Theorie zu untermauern. Er beruft sich dabei auf eine gleich- namige Arbeit des Sprachwissenschaftlers Karl Abel (1884). Durch dessen sprachhistorische Befunde fühlte er sich in einer Hypothese bestatigt, die er be- reits in der ,.Traumdeutung~ aufgestellt hatte. namlich .~ie Vernachlassigung lo- gischer Widersprüche im Traum. Abel behauptet, im Agyptischen eine ,.Anzahl von Worten mit zwei Bedeutungen, deren eine gerade das Gegenteil der anderen besagt~. entdeckt zu haben, und er untermauert die Merkwürdigkeit dieses Fun- des mit einem starken Beispiel: ,.Man denke sich, wenn man solch augenschein-

daB ein Münchener Bürger das Bier ,.Bier«

lichen Unsinn zu denken vermag. (

)

nennte, wahrend ein anderer dasselbe Wort anwendete, wenn er vom Wasser sprache, und man hat die erstaurùiche Praxis, welcher sich die alten Âgypter in ihrer Sprache gewohnheitsmâBig hinzugeben pflegten~ (zit. nach Freud 1910e:

216). Auch im Lateinischen findet Freud Belege für diesen »Gegensinn«: so be- deute sacer gleichzeitig heUig und ver:flucht, altus gleichzeitig hoch und tilif. An dieser Auffassung hat 1956 der franzôsische Sprachwissenschaftler E. Benveniste grundsatzliche Kritik geübt (Benveniste 1972, Kap. 7). Er legt dar, da13 der vermeintliche »Gegensinn« erst dadurch entsteht, daB das referentielle System einer Sprache an dem einer anderen gemessen wird. Lat. altus bezieht sich immer auf die Hôhe eines Gegenstandes, gemessen von seinem tiefsten Punkt aus, wâhrend dt. hoch bzw. tiej die Hôhe eines Gegenstandes bezeichnen, gemessen vom Punkt des Betrachters aus (eine gute Darstellung der Argumen- tation fmdet sich in Goeppert & Goeppert 1973: 39 ff.; vgl. auch Simon l982b).

Es ist für das Verstândnis von Benvenistes Kritik wichtig, sich die Saussuresche Unterscheidung von faculté de langage, langue und parole wieder ins Gedachtnis zu rufen. Der Linguist Ferdinand de Saussure hat mit einer für die modeme Linguistik grundlegenden Begrtffsklarung drei Ebenen des Sprachbegriffs unterschieden:

»factùté de langage«, »langue« und »parole« (irrl Deutschen etwa wie- derzugeben als Sprachvennogen, Einzelsprachsystem und kon- krete Rede; s.a. Seite 18 und 93). Goeppert und Goeppert (1973:

41) ziehen aus Benvenistes Kritik der Freud-Abelschen Hypothese vom »Gegensinn der Urworte« den SchluB: »Die Berührungspunkte von Linguistik und Psychoanalyse liegen daher entweder auf der Ebene etner allgemeinen Theorie des Sprachvennôgens (»langage«) oder auf der Ebene der konkreten Redesituatton (»parole«), die Benveniste im übrigen als das eigentliche Betatigungsfeld der psy- choanalyttschen Sprachanalyse anerkennt. Keinesfalls lassen sich jedoch psychoanalyttsche Gedankengange auf der Ebene eines be- stimmten Sprachsystems (»langue«) verwirklichen, wie das die psy- choanalytische Symbollehre inuner wieder anzunehmen versucht.~ Ich halte es für sehr wichtig, diese klare linguistische Un- terscheidung einzuführen, und bin mit Benveniste der Meinung, dal3 die Freud-Abelsche Spektùation auf einer 1rrigen Vorannahme beruht. Den SchluB, den Benveniste bzw. Goeppert und Goeppert daraus ziehen, halte teh jedoch für voreilig oder zu allgemein formuliert. Psychoanalyse spielt eben nicht nur als Theorie der Sprachfahigkeit 1m allgemeinen oder ais Theorie der individuellen und situativen Sprachverwendung eine Rolle - da allerdings auch, wie wir noch sehen werden. Vielmehr ist sie auf vielfâltige Weise verknüpft mit dem System einer konkreten Einzelsprache. lch würde die Kritik an Freuds agyptischem Abenteuer lieber daran ansetzen, dal3 hier eben ein aus dem lexikalischen System der deutschen Sprache abgeleitetes Verhâltnis naiv auf ein anderes Sprachsystem übertragen wird. Was Freud unterlassen hat, ist der kultwwissenschaftliche Reflexionsschritt auf die eigenen, ktùturell gepragten Vorannahmen. Darin besteht sein Fehler 1m »Gegensinn der Urworte~. nicht in einer Befassung mit einem konkreten Sprachsystem. Ohne diese ware es nicht verstandlich, wie Psycho-

analyse sich mit der »parole«, also mit den sprecher- und situati- onsbedingten regelgeleiteten Anwendungen des Sprachsystems befassen soll. Noch weniger ware ohne die Befassung mit dem Sy- stem der Einzelsprache eine psychoanalytische Ktùturtheorie mog- lich (vgl. Hamburger l993a, Lorenzer 1986 u.a.).

1.2. Die talking cure: Sprechen in der Psychoanalyse

In der analytischen Bezie hung geht nichts anderes vor als ein Austausch von Worten zwischen dern Analysierten

. )

ur -

und

sprünglich Zauber, und das Wort hat noch heute viel von seiner Zauberkraft bewahrt.

dem

Arzt.

(

Worte

waren

Freud 1916 117

Wir haben Freud bisher als Analytiker der konkreten Rede und des Sprachsystems kennengelernt. Naher noch kommen wir freilich dem Kern seiner Theorie, werm w1r nun die dritte Saussuresche Ebene untersuchen, die »factùté de langage« oder das Sprachver- mogen. Unter diese Rubrik fallen alle psychoanalytischen Über- legungen über die psychologische Funktion des Sprechens und der Sprache schlechthin. Ich werde auf diese im nachsten Kapitel noch ausführlich zu sprechen kommen (Kap. 1.3, Seite 32); an dieser Stelle soli nur ein relatlv pragmatlscher Aspekt des Verhâltnisses von Psychoanalyse und Sprachvermôgen angesprochen werden, naml:ich die besondere Rolle. die die Psychoanalyse dem Sprechen in der Therapie einraumt. Dieser Sprachprimat der psychoanaly- tischen Therapie wurde auf verschiedenen Ebenen diskutiert, neu- erdings (seit dem Aufkonunen der kôrperorientierten Psychothera- pien) auch in Frage gestellt. Es scheint daher angebracht, etnige Gründe dafiir anzuführen, warum Psychoanalyse sich var allem in1 Medium der Sprache vollzieht. Schon an der Wiege der Psychoanalyse, nâmlich am Kranken- bett der Anna 0., der man eigentlich die Entdeckung des »kathartischen Verfahrens« zuschreiben darf, wird die Sprache als wesentliches Medium eingeführt.

Die 2ljâhrige Anna 0., die zeitweise nur englisch sprach - das gehorte zur Sym- ptomatik ihrer schweren Neurose - verfiel jeden Nachmittag in eine hypnotischc

Ge schichte n , lm-

Somnolenz, in der sie begann, Geschichten zu erzâhle n. :

Die

) Einige Momente nach Volle ndung

der Erzâhlung erwachte sie, war otfenbar beruhigt oder, wie sie es nannte »gehâglich~ (behaglich)4< (Breuer und Freud 1895: 26). Dieses fortgesetzte Geschichtenerzahlen in Trance - aus dern sich die Anfânge der psychoanalytischen Methode entwickelten - nannte die Patientin »talking cure« (ebd.: 27). Eine Sprechkur war die Psychoanalyse also schon in ihren

voranalytischen Phasen.

mer traurig, waren teilweise sehr hübsch (

19

Sprechkur war die Psychoanalyse also schon in ihren voranalytischen Phasen. mer traurig, waren teilweise sehr hübsch

Sprechen als Nicht-Handeln

In seinem schon erwâhnten Aufsatz arbeitet Gauger (1979) die Ei- genart des Sprechens in der psychoanalytischen Therapie unter dem Gesichtspunkt der linguistischen Pragmatik heraus (vgl. un- ten Kap. 7, S. 190). Er unterscheidet unter dem Blickpunkt, Spre- chen als Handlung aufzufassen, vier Arten von Sprechen:

(1)

Sprechen, das etgentlich Handeln ist (z.B. offizielle Aussagen.

(2)

aber auch small talk). Sprechen, das ganz in Handlung etngebettet 1st (z.B. eUe kur-

(3)

zen Anweisungen des Chirurgen an die Assistierenden). Sprechen als Nicht-Handeln (Worte statt Taten).

(4)

Sprechen

als Surrogat des Handelns (z.B. als Affektausdruck ,

der eine handelnde Affektabfuhr ersetzen kann).

Gauger (1979) ordnet dem Sprechen in der psychoanalytischen Therapie den St atus (3) und (4) zu: »Sprechen als Nicht-Handeln und Sprechen als Handlungssurrogat sind nun für das analytische Arrangement charakteristisch: sie werden in ihr radikalisiert. Hier wird , in bewu13ter Absprache , ein im tatsâchlichen Leben in cUeser Reinheit nicht vorkommender Freiraum geschaf:fen, in dem aus- schlief3lich und - bei allem Affektaufwand folgerùos für die Wirk-

lichkeit auBerhalb des Gesprachs - gesprochen wtrd. (

negativ gesehen - ausschlieBlich gesprochen werden. Gerade hier-

soll -

)

Es

bei tritt aber nun - 1m positlven Sinn - das Sprechen in seiner Môglichkeit als Handlungssurrogat ins Recht: es wird sprachlich

agter t~ (Gauger 1979: 59).

Rosolato (1978), der sich eingehend mit der Symbolbildung beschâftigt hat (und uns in diesem Zusammenhang noch beschâf- tigen wird, s. Seite 90), hebt die Sonderstellung des psychoanalyti- schen Prozesses als einer Verm:ittlungssituation zwtschen der »metonymischen Koharenz« und der »metaphorischen Ausdehnung« des Sprachsymbols, also etwa zwischen der bewu13ten Verstândi- gungsabsicht und der der unbewuBten Bedeutungsimplikation.

Sprechen als Handeln

Über Gaugers kluge und sicherlich zutreffende Einschatzung des Sprechens in der Psychoanalyse als »Nicht-Handeln(( hinaus laBt sich aber auch durchaus noch die erste Alternative prüfen: Spre- chen als Handeln. In Arbeiten, die sich mit dem magtschen und rituellen Aspekt der psychotherapeutischen Sprechsituatlon befas- sen, wird gerne der Standpunkt vertreten, daB das Sprechen hier neben der kommurukativen Funktion noch eine direkte Hand- lungsfunktion erfülle. Wenn man die Rolle des Sprechens in der Psychotherapie zu- rückverfolgt. st613t man auf histor1sch viel tiefere Schichten als die psychoanalytische . Michel Neyraut (1974: llO) weist auf die Rolle

der Sprache in der exorzistischen Praxis hin, und auch die Hyp- nose ist, abgesehen von der Verwendung bestimmter F1xationsh11- fen oder Rituale, wesentlich eine Sprachtherapie. DaB aber auch das Moment der Berührung in den frühen Formen der Psychothe- rapie eine Rolle spielt, zeigt z.B. die zeitwellig hoffàhige Praxis des Mesmerschen Magnetismus. Obwohl Freud und Breuer in den frü- hen Jahren eine Mischform der Psychotherapie anwendeten, die auch k6rperliche Berührung des Patiet?:ten mit einschloB, führte ein zunehmendes Verstandnis der Ubertragungsprozesse zur nachgerade vollstandigen Reduzierung zumindest der absichtli- chen Interventionen auf den Verbalkontakt.5 Welche Rolle dennoch Stimmfarbung, Satzmelodie, Blickkontakt etc. spielen, werde teh welter unten er6rtern (vgl. unten Seite 28). Hier m6chte ich das Verhilltrus von Sprache und Handlung zunachst in etwas grundsatzlicherer Sicht beleuchten. Dabei ist eine Begriffsklarung hilfreich, die die Philosophin Susanne K. Langer 1942 getro:ffen hat. Sie unterscheidet zwischen miskursiver« verbaler Symbolik, die in einer zeitlichen Folge orga- nisiert ist, und »prasentativer« Symbolik, die in der Gleichzettigkeit des Nebeneinander besteht, etwa in den Farbschattierungen eines Gemâldes. Der Psychoanalytiker Alfred Lorenzer (vgl. Seite 15, 47, 89, 161) übernimmt diese Unterscheidung. Prasentative Symbole sind, so Lorenzer, nicht nur in Kunstwerken zu sehen, sondern in »allen Produkten menschlicher Praxis, insoweit sie »Bedeutung» vermitteln. Auch ein Stuhl ist ein Symbol, da sich in ihm ein be- deutungsvoller Entwurf realisiert hat, in dem eine »Handlungsanweisung>> enthalten ist (Lorenzer 1981: 30). Damit ist die Brücke zu dem Bereich geschlagen, der uns hier beschâftigt: denn auch die Qualit~.t des Sprechens, »das Gefüge poettscher Bilder~ in spraclùichen Aufierungen zâhlt Lorenzer zur prasentativen Symbolik. Da13 diese Symbole »ganzheitlicheH wtrken ais die diskursiven Sprachsymbole, führt er darauf zurück, dai$ sie »aus ganzen Situationen, aus Szenen hervorgehen und Entwürje

Jür szenisch enlfaltete Lebenspraxls sind (ebd.: 31, Hervorhebun-

gen im Original). ln der prasentativen Symbolik sieht Lorenzer die Artikulierung derjenigen menschlichen Erlebnisse, die der diskur- siven Sprache nicht zuganglich sind. Diese Ebene steht einerseits in Verbindung mit dem, was die Psychoanalyse das Unbewu13te nennt- insofern sind die prasentativen Symbole verwandt mit dem klassischen psychoanalytischen Symbolbegriff - zu:rn anderen auch mit etner nicht-sprachlichen Ebene der ReguUerung sozialer In- teraktion. Lorenzer weist an Beispielen aus Musik und Architektur und an sozialen Ritualen nach, dai$ prasentative Symbolsysteme dazu dienen, soztale Verhâltnisse sinnlich-unmittelbar zu regeln (vgl. ebd.: 43). Die Palaste der Herren, die Kleider der Würdentra- ger reprasentieren deren sozialen Status und regeln die Umgangs-

5 Ausnahmen, wie Groddeck oder Ferenczi. bestatlgen die Regel (zu Groddeck vgl. Will 1984)

21

formen, die mit ihnen am P1atze sind. Analog dazu konnen wtr das Wie des Sprechens in der Analyse als ein Regulativ der Beziehung betrachten. Über das diskursive »Was.: hinaus wird durch die Qua- litât der Prasentation die Entfaltung der Szene initliert, und zwar auf eine zunachst noch unbewuBte Weise. Die komplette Szene freillch entsteht erst im Zusanunenspie1: erst wenn - ebenfalls zunachst unbewuBt - auf die Prasentation sozialer Interaktions- formen im Sprechen hin der Analytiker in die angebotene Interak- tion eintritt, ist der verbindliche Zusanunenhang geschlossen, der spater als »Szene« Gegenstand der reflexiven Analyse werden kann.

Lacan oder das sprachliche Apriori der Psychoanalyse

Ein Autor, den ich in dieser Arbeit noch ofter erwâhnen werde, hat bereits seit den dre113iger, insbesondere aber seit den frühen fünf- ztger Jahren eine entschiedene und sehr prinzipielle Lanze für die sprachliche Natur des psychoanalytischen Prozesses gebrochen. In seiner berülunt gewordenen Rede var dem Kongre.B der Internatlo- nalen Psychoanalytischen Vereintgung in Rom 1953 wendet Jac- ques Lacan6 sich gegen die amerikanische lch-Psychologie. Sein Einwand richtet sich vor allem gegen deren Anspruch, einem »angeborenen Ich« therapeutlsch beizustehen - so als ob es ein sol- ches »lch an sich« geben konnte, als ob nicht vielmebr das Ich erst aus dem kommunikativen Zusammenhang hervorginge. Er ver- weist mit emphatischer Strenge die Psychoanalyse auf ihren Platz:

»Die Psychoanalyse hat nur ein Medium: das Sprechen des Pati- ente n .: (Lacan 1956 : 82). lhre Anstrengung richtet sich nicht »auf ein Objekt jenseits des subjektiven Sprechens, wie es gewisse Leute voiler Anstrengung nie aus dem Auge verlieren.« (ebd.: 91). Der Analytiker »hat keine weiteren, weder ein drittes noch ein viertes Ohr, die man sich für ein unrnitte1bares Horen von Unbe- wuBtem zu Unbewu.Btern wünschen mag« (ebd.: 92). Darnit spielt Lacan auf ein berüluntes Buch von Reik (1948) an, das unter dem Titel »Hôren mit dem dritten Ohr« den Aspekt der intuitiven, direk- ten Wahrnehmung unbewu.Bter Inhalte in Psychoanalysen aus- führt.7 Lacan dagegen verwahrt sich gegen die Moglichkeit, rnittels irgendeines Kunstgriffs das komrnunikative Universum, das er »Sprache« nennt, zu verlassen: alle scheinbar auBer- und var-

6

7

Wenn lch hier darangehe, die Position von Jacques Lacan darzustellen, so muB lch gleich dazusagen, da.B ich sie schwer zu verstehen flnde. Geholfen haben mir vor allem die DarsteUungen von Lang (1973), Frank (1983) und Pagel (1989). Gerade auf die ausgezeichnete Einführung von Gerda Pagel môchtc ich Wnweisen.

FreiUch ist Reik kein Einzelganger; worauf Lacan hier Bezug nimmt, ist die seit den frühen fünfziger Jahren wieder starker diskutierte Theorie der Gegenübertragung als eines psychoanalytischen Wahrnehmungsmodus - e in Begriff, der seilhe r ein Grundpfeiler der psychoanalytisch Behand- lungstechnlk, aber auch ihrer Erkenntnisbegründung geworden ist (vgl. Moeller 1977, Lorenzer 1973, Mertens 1991. Hamburger 1993b).

sprachlichen Entitâten sind imaginâr, sind Scheingegenstande, die im spraclùichen Diskurs entstehen - allen voran das »lch.:

(franzosisch: moi), als das ich mich selbst erfahre.8 Lacan hatte be- reits in seiner vieldiskutierten Arbeit über das »Spiegelstadium« (1936) auf die Künstlichkeit dieser Setzung des Selbst hingewiesen. Jetzt besteht er darauf: Die Psychoanalyse enthalte sich aller un- mittelbaren Zugriffe auf ein vermeintliches auBerspraclùiches Sub- jekt, sozusagen ein Subjekt »an sich« und verbleibe im Bereich des Sprechens, aus dem heraus die imaginâren Gegenstânde entste- hen: »Das einzige Objekt, das dem Analytiker zuganglich tst, tst die imaginâre Beziehung, die ihn mit dem Subjekt als lch (mol) verbin- det« (Lacan 1956: 92). Freilich ist es nicht die Aufgabe der Psycho- analyse, im lmaginâren zu verbleiben, sondern sie lauscht auf die Brüche, sie durchdringt den Diskurs über scheinhafte Gegen- stande und konzentriert sich auf das Ich, das Subjekt des Spre- chens ist (franzôsisch: je). Insofern entzieht sich der Analytiker 1m Hôren dem Horen - er hart nicht auf das Gesprochene, sondern auf

das Sprechende. Lacan: »Ohren (

) haben,

um

nicht zu

horen«

(ebd.). Mit diesem radikalen Standpunkt hat sich die Mainstream- Psychoanalyse freilich stets schwergetan. Versuche, Lacans Thesen

in nützliche und überspannte einzuteilen (z.B. Spero 1990), und sie - die guten ins Tôpfchen - zu integrieren, sind weder bei den Anhângern Lacans als sehr wünschenswert empfunden worden noch hatten sie auf die Mainstream-Psychoanalyse einen groBen EinfluB ausgeübt.

Krttik am Sprachprlmat der Psychoanalyse

Ich habe einige Argumente aufgezâhlt, warum die Sprache als un- verzichtbares Medium der Psychoanalyse gesehen wird. Dennoch erhebt sich immer wieder die Frage, ob diese dadurch nicht erheb- lich an Reichweite verlieren müsse. Das ware zwar auch kein Ge- genargument: denn wenn Psychoanalyse eben nur in der Sprache lebt, dann konnte sie diese auch dann nicht verlassen, wenn. s.ie selbst es aus Gründen einer weiter gespannten Anwendbarkett wünschte. Dennoch geben die Kritikpunkte, die aus solchen Erwâ- gungen der Psychoanalyse von innen und auBen entgegengehalten

8 Ich will hier nur am Rande darauf hinweisen, wie attraktiv sich diese Auffassung in die moderne sprachanalytische Philosophie einfügen laBt. In der radikalen Formulierung »lch ist ein anderer« schwingt die Nahe zur existentialistischen Philosophie Sartres mit. In der Tat war Lacan neben Freud sicher derjenige Psychoanalytiker, der am intimsten mit der Philosophie, Literatur und Literaturkritik seiner Zeit verflochten war. Er ist Teil einer epochalen Bewegung des Denkens, die oft unter dem etwas hilflosen Titel »Poststrukturalismu&: geführt wird und deren zentraler Gedanke die Auflôsung hierarchisch-zentralistischer Denksysteme ist. Eine ausgezeichnete Darstellung aus kritisch distanzierter Position gtbt Frank (1983).

23

Denksysteme ist. Eine ausgezeichnete Darstellung aus kritisch distanzierter Position gtbt Frank (1983). 23

werden, manchen AnlaB zur Erorterung der Rolle des Sprechens in der Psychoanalyse. Einen ersten AnlaB zur Kritik des Sprachprimats der Psycho- analyse bietet die unbestreitbare Tatsache, daB der weitaus groBte Teil der Analysanden (wie auch der Analytiker) aus der Mittel- schicht stammt. Das kônnte eine Folge der Sprachdifferenzen zwi- schen den gesellschaftlichen Schichten sein. Bernstein (1970, 1971) hatte in vielzitierten Arbeiten nachgewiesen, daB Angehôrige der Unterschicht einen »restringierten<(( Sprachcode verwenden, der 1m Gegensatz zum »elaborierten« Mittelschicht-Code strukturell einfacher und besser vorhersagbar ist, vor allem aber auf einem unterschiedlichen Rollenverstandnis der Sprecher beruht. Wah- rend der Mittelschicht-Sprecher sich eher als Individuum prasen- tiert, das nicht sinnlich greifbare Inhalte verbal vergegenwartigt und diskutiert, verhhlt sich der Unterschicht-Sprecher eher so, da.B er sich sprechend auf eine gemeinsame Erfahrungswelt be- zieht. (vgl. auch Mitscherlich 1954-55, Orban 1973, Menne und Schrôter 1980, Muck 1983, und den faszinierenden autobtographi- schen Fallbericht von Rempp 1988). Der Sprachprimat der Psychoanalyse kônnte aber noch in e1- ner weiteren Hinsicht ein therapeutisches Hindernis darstellen. lch habe bereits mit Bezug auf Lorenzer (1981) darauf hingewiesen, da.B die nonverbale Symbolik in 1hrer Gleichzettigkeit viel anschau- licher und siruùich-unmittelbarer unbewuBte lnhalte ausdrückt als die in einem logischen Nacheinander angeordnete Sprache. Die sprachliche Beschreibung von Affekten oder von praverbalen Er- fahrungen bleibt immer unzureichend. Das wird besonders dann zum Problem, werm diese Affekte systematisch aus der Sprache ausgeschlossen sind, wie es z.B. bei Kindern der Fall ist, die unter einem traumatisierenden Mangel an Einfühlung leiden. Für sie 1st die Aufnahme des sprachlichen Rapports oft nicht mit der Erfah- rung verbunden, ihre Gefühle benennen zu kônnen. Vielmehr wer- den die bereits in praverbaler Zeit durch die mangelnde Affektreso- nanz konflikthaft gewordenen Empfindungen durch systematische Fehlbenennung oder Benennungsverwetgerung in der frühen sprachlichen Interaktion noch weniger fa13bar. DemgemaB hat man der Psychoanalyse den Vorwurf gemacht, sie bewege sich mit sol- chen Patienten an einer gefühlsfernen Oberfl.ache: indem sich der Analytiker als »sprechende Attrappe« verhalte (so Tilmann Moser 1987 in einer Polemik gegen Joyce McDougall 1978), wiederhole er die traumatisierende Einfühlungsverweigerung. Auf die Folgerun- gen, die Moser und andere für die therapeutische Technik daraus gezogen haben, gehe teh spater ein, auch auf die Frage, ob bei der Therapie von Frühstôrungen besondere Aspekte des Sprechens von Bedeutung sind (s. Seite 28). Hier will ich grundsatzlich das Ver- hâltnis von Fühlen und Sprechen, um genauer zu sein: von affekti- ver und sprachlicher Interaktion behandeln.

Es gehort zu den wesentlichen Arùiegen der Psychoanalyse, hinter der sprachlichen Oberflâche und dem geordneten Diskurs eine zweite, affektive Logik zu rekonstruieren. Für die Loslôsung der sprachlich-bewuBten Reprasentanzen vorn Affekt hat die Psy- choanalyse irn Lauf ihrer klinischen Theoriebtldung eine Reihe von Beschreibungen geschaffen, u.a. den von Jones 1908 eingeführten, populâr gewordenen Begriff der »Rationalisierung« irn Sinne etner Pseudo-Erklârung, die unsagbare, unbewu.Bte Affektwurzeln über- spielen und eigenes Handeln als rational begründet erscheinen lassen soll. Ein âhnlicher Begriff ist der Abwehnnechanisrnus der »lntellektualisierung«, den Anna Freud 1936 als eine typische Ab- wehrforrn der Ado1eszenz beschrieben hat. An diesern Begriff la13t sich zetgen, daB sich die Psychoanalyse der Differenz von Fühlen und Sprechen und der relativen Dürftlgkeit der verbalen Oberfla- che wohl bewu13t ist, ohne diese dennoch entwerten zu rnüssen. Die Psychoanalytlker verzichten auf eine Dtrettlssirna ins nonver- baie Affektleben, die doch nur einer versteckten Benennung gleichkâme. Anna Freud beschreibt die Intellektualisierung ais den Ver- such, die in der Adoleszenz verstârkten Triebirnpulse durch »Durchdenken«, also durch intellektuelle Zuwendung, zu neutrali- sieren. Sie spricht von »pubertârer Gescheitheit« in Parallele zur infantilen Sexualforschung, die schon ihr Vater Sigmund Freud voll Hochachtung ais »intellektuelle Blüteperiode« bezeichnet hatte (Freud 1926e: 244). Intellektualisierung ist aiso eine phasenad- aquate Abwehr. In der Analyse tritt sie auch als Widerstand auf. Der Begriff des Widerstands hat in der Entwicklung der Psycho- analyse eine bernerkenswerte Entwicklung genornrnen: zunâchst nur ais zu überwindendes Hindernis verstanden, ist irn Zuge der Fortentwicklung der analytischen Technik in den BUck gerückt, dafi es sich dabei auch urn eine bemerkenswerte Ich-Leistung bzw. urn ein interpersonelles Geschehen handelt (vgl. Mertens 1991 ). Intellektuaiisierung ais Widerstand kann in der Analyse durchge- arbeitet werden: und das setzt voraus, sie zunâchst einmai ais die rnomentan adâquate Losung zu akzeptieren, die der Patient 1rn Di- 1ernrna zwischen Wunsch und Angst gefunden hat. Cremerius (1975) hat in einer Arbeit über Behandlungen mit wortreichen Pa- tienten aufgzeigt, dai3 in der Psychoanalyse zunachst zwei gegen- satzliche Haltungen vertreten wurden: zmn einen die, die »Geschwatzigkeit« (Ferenczi 1915) als Widerstand rnôglichst rasch überwinden zu wollen, zurn anderen die Haltung eines eher passi- ven Abwartens. Erst die Verbindung beider Haltungen erlaubt heute die »geduldtge Durcharbeitung des Widerstandes 1rn Felde der Übertragung« (Cremerius 1975: 59). Das intellektualisierende Sprechen, das manche Analysestunde füllen kann und am Kern vorbeizugehen scheint, wird demzufolge von der rnodernen Psycho- analyse nicht mit der autoritâren Aufforderung beantwortet, zur Sache, also zu »Gefühlen« oder âhnlichem zu kommen, sondern es

wird wie jede andere Âu13erung als Ausdruck eines in der Bezie- hung aktualisierten komplementaren Paares von Wunsch und Angst verstanden. Cremerius führt an verschiedenen Beispielen aus, wie das Sprechen selbst zur Handlung in der Beziehung wird und wie die- ser Handlungsdialog gedeutet werden kann, werm erst der Wunsch verstanden ist, den er zum Ausdruck brtngt. Ich greife ein Beispiel heraus:

Ein Patient bemüht sich in jeder Sitzung angestrengt, lückenlos alle Einfalle zu aul3ern, er spricht viel und konzentriert, scheint aber unter erheblichem Druck zu stehen. Er wirkt auf den Analytiker wie ein Musterschüler, der seine Wert- schatzung gewtnnen will. Auf eine entsprechende Deutung reagiert er mit ver- starktem Druck: er bedankt sich für die Korrektur und bemüht sich fortan, nicht mehr sa tlei13ig und gehorsam zu wirken.

Ist hier die Psychoanalyse als »Sprechtherapie

:

am Ende? Hat der Patient, in-

dem er die Grundregel der freien Assoziation in den Dienst seines unbewu13ten Wunsches stellt, der gehorsame und leistungswillige Diener zu sein, den Analy- tiker dadurch neutralisiert, daB er ihn buchstablich beim Wort nahm? MüBte man den ,.gehorsamen AssoziiereH zu einer anderen Therapie motivieren, in der er zur Rebellion gedrangt wird? Keineswegs, denn das hie13e, der self-fulfll1ing prophecy Erfüllung zu gewahren: die Szene von Gehorsam und Bestrafung, die sich im Inneren des Patienten abspielt, und die er nun in der Übertragung mit dem Analytiker wieder zu beleben versucht, würde einmal mehr bestatigt wer- den. Die analytische Arbeit beschreitet vielmehr den Weg der vorsichtigen Deu- tung des Wunsches. Dieser Wunsch ist nicht eindeutig - hinter der ,.Geschwiitzigkeit« kënnen verschiedene Wünsche stehen. Cremerius (1975) un- terscheidet verschiedene Charaktere: Das Vielreden kann im analen Kontliktgeschehen die Bedeutung eines Geschenks an den Analytiker anneh- men, aber es kann ihn auch ais Ausdruck passiver Erwartung dazu auffordern,

>K>rdnend« in die Gedanken des Patienten einzugreifen. Es kann ebenso den Ver- such darstellen, den Analytiker zu kontrollieren, wie es als Abwehr eigener Ha13gefühle durch übertriebene Betlissenheit dienen kann . Andererseits kann es auch den Wunsch ausdrücken, phalüsch-narzi13tisch zu glânzen, den Analytiker zu überstrahlen oder mit ihm zusammen ein einzigartiges Melsterwerk zu voll- brtngen - und jedenfalls nicht dem unangenehmen Gefühl der Kleinheit und Unvollkommenheit ausgeliefert zu sein. Welches Motiv kënnen wir ln dem Fallbeispiel des gehorsamen Assoziierers vermuten? Cremerius schildert in diesem Fall das Vielreden als Unterwerfung gcgenüber einem strengen und rigiden Über-Ich, das standig Leistung und Ge- horsam fordcrt, aber nie Zufriedenheit zuliiBt, sondem den Patienten immer wleder in die demütigende Rolle des unterwürfigen Schülers drângt. Werm der Analytiker diese Struktur verstanden hat, ëfinet sich Lhm der Weg, vorsichtig den Wunsch des Patienten nach einer guten Beziehung anzusprechen. Er kann thm zu verstehen geben, da13 er sein Leiden nachfühlen kann, dai3 es ihm nie gutgehen d ürfe. Diese akzeptierende Deutung kann dann zur Entfaltung eines Prozcsses führen, in dem die zunehmende Wahmehmung von Wünschen, be- gleitet vom zunehmenden Druck des Über-Ich, in der Übertragung durchgearbei- tet werden kënnen. Der Analytiker nlmmt einerseits an der Inszenierung teil, andererseits kann er aber darüber sprechen. Das ermëglicht eine Deutung des sprechenden Handelns.

IPU Bibliothek

Bei aller Kritik am Sprachprimat der Psychoanalyse sollte schlieB- lich nicht übersehen werden, daB Sprache nicht nur dem Aus- druck dient, sondern -und das ist ihr Spezifikum - der Verstândi- gung. Sicher ist die Ausdruckspalette der nonverbalen ÂuBerungen viel breiter. Sprachlicher Ausdruck stellt demgegenüber immer eine Reduktion dar. Eine Reduktion jedoch, die unbedingt erforder- lich ist, will man den Ausdruck über den Moment und über das Eigene hinaus festhalten und mitteilen. Zur Verstandigung sowohl mit anderen ais auch mit sich selbst ist es unentbehrlich, die flüchtigen und unbestimmten nonverbalen Signale in sprachliche Zeichen zu übersetzen- das kann manchmal sehr schwerfallen, ja die Grenzen der konventionellen Sprache sprengen. Ais innovati- onsfâhiges, kreatives Medium scheitert die natürliche Sprache je- doch nicht notwendig an dieser Herausforderung, vielmehr wâchst sie mit ihr.

Wo Es war, soUIch werden

Unsere Sensibilitat mag uns befàhigen, mit dem ~Dritten Ohr« zu hôre n. Trotz- dem habe ich noch nie einen Thera- peuten in anderen Zungen reden hôren. (Shapiro 1979: 33).

Wenn ich also Sprache in einem weiten Sinne fasse, so kann ich die Psychoanalyse als einen Versuch verstehen, Exkommuniziertes zur Sprache zu bringen. Wir haben gerade Beispiele gesehen, in denen Sprache als Rationalisierung oder Intellektualisierung die Affekte eher verschleiert als benennt. Eindrucksvoller noch sind die seltenen Fâlle, in denen erst die Therapie das Schweigen des Patienten losen kann. Das Bewegende der Fallberichte von Men- schen, die in Therapien die Sprache fanden oder wiederfanden, gibt eine Ahnung davon, wie tief die Fâhigkeit, zu sprechen und Spra- che zu verstehen mit der menschlichen Seele und ihrer freien Ent- faltung verbunden ist. Nicht umsonst hat die Autobiographie der taubstwnmen Helen Keller (1902) Generationen von Lesern er- reicht und erschüttert, haben Fallberichte wie »Der stwnme Mund« (D'Ambrosio 1970) oder »Kevin, der Junge, der nicht sprechen wollte« (Hayden 1983) eindrucksvoll Zeugnis für die Wtedergewin- nung der Sprache durch Aufarbeitung traumatischer Sprachbar- rieren abgelegt. Man kann sagen, daB Psychotherapie immer die Uberführung sprachloser Prozesse in sprachformige ist, werm man bereit ist an- zuerkennen, daB nicht nur gesprochene Sprache im engeren Sinn, sondern auch andere Zeichensysteme mit dem Begriff »Sprache« im wetteren Sinn gemeint sein kônnen. Sicher werden es aber Zei- chensysteme sein, die etwas mit unserer natürlichen Sprache zu tun haben.

Welchen Bedingungen mui3 ein Zeichensystem genügen, um in diesem therapeutischen Sinne als heilsam zu gelten? Hier nur einige Grundlegungen: es wird sicher einen gewissen Grad von Be- wu.Btheit aufweisen müssen, aber auch von Offe:nheit gegenüber nichtsprachlichen Prozessen; es wird soweit konventionell sein müssen, daB es Verstfuuligung ermôglicht, und soweit flexibel, daB es Klischees auflôsen kann; es wird gegenstandsbezogen sein müs- sen, werm es etwas auBer sich selbst bezeichnen will, und reflexiv, wenn es nicht im Bezeichnen von Gegenstanden sich erschôpfen will. Sprache in diesem umfassenden Sinn enthâlt neben Wôrtem und Satzen auch paraverbale LautauBerungen, Gesten, bildliche und mimische Ausdrücke.

Nonverbale und paraverbale Aspekte der Psychoanalyse von Frühstorungen

Bei Patienten, deren Symptome in einer so frühen Zeit wurzeln, daB sie nicht nur zu Verzerrungen im Rahmen des seelischen Funktionierens führen, sondem diesen Rahmen selbst, die Reifung und Abgrenzung der seelischen Instanzen beeintrachtigen, spricht man von »Frühstôrungen«. Gemeint sind damit Psychosen, schwere Charakterpathologien, narzi13tische und Borderline-Persônlich- keitsstôrungen. Ihnen ist - jenseits der spezifischen Unterschiede - gemeinsam, da13 sie im Zusammenspiel mit iluen frühesten Be- zugspersonen keine tragfahigen und/oder konstanten bzw. ambi- valenzfâhigen Reprasentanzen von sich selbst und den Bezugsper- sonen entwickeln konnten. Die Frühzeit, von der hier die Rede ist, liegt 1m ersten und zweiten Lebensjalu, also noch vor oder in den Anfangen der Sprachentwicklung. Kônnen solche praverbalen Erfaluungsinhalte überhaupt re- konstruiert werden? Werm hier von Erinnerung die Rede ist, geht es ja um Erinnerungsspuren, die noch in der ungeschiedenen Fülle der Wahrnehmung spielen. Vor der Epoche der Benennung ist die Wahrnehmung beispielsweise der Mutter ja noch nicht das Wieder- erkennen dessen, was das Kind schon unter Mutter versteht, son- dern es ist eher einer Wolke mütterlich gefarbter Empfindungen vergleichbar, zu denen durchaus auch Sinneswahrnehmungen ge- hôren, die nicht auf die andere Persan direkt bezogen sind, son- dern z.B. ein Wohlgefühlim eigenen Bauch. Werm also in Psycho- analysen die frühe Erinnerung an die Zeit vor dem Spracherwerb rekonstruiert wtrd - ist es dann ein Wiederkehren dessen, was da- mals war, oder mu13 man nicht gerade in diesem Falle besonders den narrativen Aspekt psychoanalytischer Entwürfe von Lebensge- schichte betonen? Denn das, was irn Behandlungszirruner ais Le- bensgeschichte erkannt wird, ist niemals ein »Replay.: des vormals Erlebten, sondem inuner eine »Geschichte.: auch im Sinne von Er- zahlung, eine aktive Neu-Erfindung, die allerdings mit den pra- verbalen Engrammen zusanrmenpassen muB. Nur dieses Modell

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von Erinnernung ist auch mit der modernen Gedachtnispsycholo- gte vereinbar (vgl. Granzow 1994). Die Sauglingsbeobachtung '(vgl. Kap. 4.4, S. 114) zeigt jedenfalls eine Reihe von Untersclùeden zwi- schen dem psychoanalytisch rekonstruierten Bild der frühen Kindheit und dem, das ein teilnehmender und einfühlsamer Beob- achter über das Erleben des Kindes 1m ersten und zweiten Le- bensjahr imaginieren kann. Psychoanalytische Rekonstruktionen der Frühzeit bestehen ja auch nicht in klaren Erinnerungsbildern und benennbaren E1ementen, sondern eher in unbewu.Bten, nicht- sprachlichen Handlungs- und Kommunikationsreflexen, wie z.B. Agieren und Projektive ldentifizierung (vgl. auch Mertens 1990b:

126 f, 1991: Kap. 13 und 20). Dennoch, auch werm die Frage der Moglichkeit einer Rekon- struktion offenb1eiben mu13, konnten für die therapeutische Hal- tung Fo1gerungen notig sein. Vorsprachliche Krankheitsursachen konnen ja môglicherweise mit verbalen Deutungen nicht erfa13t werden. In diesem Zusammenhang richtet sich das Augenmerk auf die non- und paraverbalen Aspekte der therapeutischen Situation, und 1m Falle der Psychoanalyse vor allem auf letztere. ln der psychoanalytischen Situation, in der der Patient ja nicht die Mag- lichkeit hat, nonverbale Ausdruckssignale des Analytikers (Mimik, Gestik, Blickkontakt) wabrzunehmen, spielen die Stinunfarbung und Redeweise, Pausen, Rhythmus usw. eine bedeutsame Rolle. :.So erfâhrt früher oder spater jeder Analytiker, wie sein Patient seine Stimme wahrgenommen hat: ob sie kongruent mit dem in- haltlich Mitgeteilten klang, ob sie einfühlsam war. zartlich und liebevoll oder streng und kühl, besserwisserisch, schulmeisterlich, schnarrend, hektisch oder besanfttgend und einlullend wte ein Wtegenlied« (Mertens 1990b: 112). Ofter als Analytiker selbst es sich bewu.Bt machen, aber oft auch ganz absichtlich, korrunentie- ren, bestatigen und interpunktieren sie auch in den rezeptiven Phasen den RedefluB des Patienten durch das berülunte »Hm-hm«. Gerade in der asymmetrischen analytlschen Sprechsituation, in der die mimischen und gestischen Signale von seiten des An.alyti- kers ausgeklammert bleiben, kann dieses Verstândniskürzel für den Patienten bedeutsame Stgnalwtrkung haben, und zwar beson- ders in dem Bereich seiner Beziehungserfahrung, der eher frühe , »mütterliche« Aspekte umfa13t (vgl. auch Cremerius 1980). In der Literatur über die Therapie von frühgest6rten Patienten st6Bt man immer wieder auf den Hinwets, da13 vor allem eine tra - gende therapeutische Beziehung. Authentizitat und Spürbarkeit des Therapeuten, insbesondere sein Umgang mit seinen eigenen Affekten für den Patienten den archimedischen Punkt darstellen, von dem a us er seine verzerrte ·Objektwelt neu erfahren kann. Si- cher ist eine besondere Sensibilitàt für nonverbale und paraverbale Signale al~. Befindlichkeitsindikatoren bei Menschen vorhanden , die für ihr Uberleben darauf angewtesen waren, die wechselnde, ais inkonstant erlebte Stimmung ihrer Beziehungspersonen aus sol-

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Uberleben darauf angewtesen waren, die wechselnde, ais inkonstant erlebte Stimmung ihrer Beziehungspersonen aus sol- 29

chen Signalen herauszuhoren. Sie haben sich die Fâhigkeit gesun- der Sauglinge erhalten, aus Intonation, Satzmelodie und Rhythmus überraschend zutreffende Schlüsse auf die Befindlichkeit ihrer Be- zugspersonen zu ziehen (vgl. Stern 1977, 1986, Lichtenberg 1983, Lang 1988, Dornes 1993). Es gtbt innerhalb und auBerhalb der Psychoanalyse eine Dis- kussion darüber, ob der Therapeut den sprachlichen Dialog verlas- sen und sich »direkt«, praverbal-empathisch, auf den Patienten einstellen sollte (Beispiele aus ganz verschiedenen Richtungen sind etwa Ferenczi 1930, 1931, Kohut 1977, Orban 1981, Lichtenberg 1983). Um die Diskussion noch einmal auf einen Punkt zuzuspit- zen: man konnte behaupten, da13 es gerade in der Frühstorungs- therapie nicht so sehr der Deutungsinhalt ist, der sich als hilfreich erweist, sondern das Dasein des Therapeuten. Die Diskussion tun die nonverbalen Therapieaspekte bringt stets das Moment des »Wortlos-verstanden-Werdens« ins Spie1, als Ideal einer unverzerr- ten, totalen Kommunikation. Ich meine, daB dieses Ideal eine Idea- Usierung ist. Das wortlose Verstehen funktioniert hier als Ge- genbild einer chronischen Fehlbenennung. Deren Gegenteil ist aber nicht das Nicht-Benennen, sondern das richtige Benennen. Sicher ist es nôtig, die Erfahrung zu machen. daB man überhaupt gehort wird. Sie lâBt sich allerdings leichter machen, werm der zuhorende Therapeut sein Horen kommentiert. Auch in der Frühstorungsthe- rapie hat, so gesehen, die Sprache eine zentrale Funktion.

Korpersprache ln der Psychoanalyse

lch habe einige Überlegungen skizziert, die darauf hinweisen, dai3 der grundsatzlich sprachliche Zugang der Psychoanalyse zur The- rapie auch bei Frühstorungen moglich und wünschenswert ist. Nun kônnte aber der Eindruck entstehen, daB die Gleichung Psy- choanalyse = verbale Therapie, die oft von Vertretern anderer The- rapieformen eroffnet wird, zutrâfe. lst die Psychoanalyse demnach einzig eine »talking cure«? Oder spielen nonverbale Signale und Komrnunikationen nicht doch eine Rolle? Wie wir gesehen haben, ist der verbalsprachliche Kommunikationskanal in der Psycho- analyse aus gutem Grund von zentraler Bedeutung. Aber diese Be- deutung kommt ihm ja nur in Beziehung auf die nichtsprachlich- affektive Kornponente des Erlebens zu, um deren Benennung es geht. Das heilit: der nonverbale Bereich spielt mindestens als Ge- genstand eine wichtige Rolle. »Ja, als Gegenstand,« - k6nnte man einwenden - »aber eben nicht als Methode! Die Psychoanalyse klarrunert die nichtsprachlichen Verstandtgungswege eben doch aus!« Ja und nein. Sie benützt sie nicht in einer Weise, die sich selbst genug ist, sondern sie überführt sie stets ins sprachlich Kommunizterbare. Aber sie benützt ste. Ungeachtet dieses Sprachprimats hat sich die psychoanalyti- sche Theorie immer mit dem Leibbezug des Erlebens befaBt- nicht

ztùetzt in Freuds Triebtheorie (vgl. Schilder 1923, Grunert 1977, Müller-Braunschweig 1986). Es gibt Ansatze, die korperllche Aus- drucks- und Mitteilungswege in der psychoanalytischen Situation systematisch untersuchen bzw. therapeutisch mit einbeziehen (Fenichel 1928, Ferenczi 1919, 1921, 1924, 1925, 1930, 1931. Ferenczi und Rank 1924, Deutsch 1947, 1949, 1952, Scheflen 1973, Jacobs 1973, McLaughlin 1982, Herdieckerhoff 1985, Ekman 1988; vgl. Mertens 1990b: 84). Wenn Psychoanalyse kërpersprachliche Aspekte einbezieht, und zwar sowolù betm Patienten als auch beim Therapeuten, so tut sie dies, um sie bewul3t werden zu lassen- und dieses Bewul3t- sein ntmmt immer die Form der Deutung an. Das heiBt nicht un- bedingt, daB nur der Analytiker deutet. Deutung ist nach einer Definition von Bauriedl (1980) »das, was in der (therapeutischen) Beziehung Bedeutung gewinnt.« Ob diese Bedeutung nun sprach- llch ausgedrückt ist oder als Geste, andeutend oder expllzit - sie tritt jedenfalls heraus aus dem kôrperlichen Selbsterleben und wird - eben als »Bedeutung« - eine zeitlich relativ konstante und kommunizierbare Reprasentanz. Werm so gerne von »Korpersprache« die Rede tst, dann klingt das so, ais seien die praverbalen Kommunikationsmëglichkeiten ebenso eine Sprache wie diese selbst. Dieser Gleichsetzung verwei- gert sich die Psychoanalyse. Sie kann die »Sprache« des Korpers nicht wie die natürliche Sprache behandeln, in der Menschen mit- einander reden. Wolù aber kann sie im Einzelfall versuchen, jene in diese übersetzen zu helfen- und das verandert beide.

Empirtsche Untersuchungen der Sprechsituation in der Psychoanalyse

Die Sprechsituation in der Psychoanalyse und insbesondere 1m diagnostischen Erstgesprach ist Gegenstand einer Reihe von lin- guistischen Untersuchungen geworden. Ich kann Wer die Ergeb- nisse dieser empir1schen Untersuchungen nicht darstellen, nur kurz andeuten, in welche Richtung sie gehen. Ein erster Ansatz ist der Vergleich bestimmter operationali- sierbarer Sprachphanomene mit klinischen Diagnosen. So kônnen Redefehler (wie z.B. plôtzlicher Wechsel der Satzstruktur, Verspre- cher, Stottem, Wortwiederholungen, Auslassungen), aber auch Rede-Eigentünùichkeiten (wie Einschubfloskeln, Verlegenheitssil- ben) in psychotherapeutischen Sitzungen untersucht und mit dem Angstniveau, mit der klinischen Diagnose oder der Persônlichketts- struktur des Patlenten in Beziehung gesetzt werden (vgl. Goeppert und Goeppert 1973, Kap. 3.3.1). Dabei wurden die Methoden tm Lauf der wetteren For- schungsarbeit immer mehr verfetnert (vgl. Goeppert und Goeppert 1973, Kap. 3.3.2). Man bediente sich zunehmend der in der Text- llnguistik entwickelten Methoden der Analyse der narrativen

Strukturen (vgl. Labov und Fanshe1 1977) und der Diskursanalyse (Kôhle und Raspe 1982, Streeck 1989). Dabei wurde der begrenzte quantitative Zugang durch ausgefeilte qualitative Methoden er- ganzt (vgl. Ehlich 1982). Besonderes Gewicht lag auf der Interak- tion zwischen Patient und Therapeut (Flader u.a. 1982).

1.3. Sprache ais Bestandteü des psychischen Apparats

1982). 1.3. Sprache ais Bestandteü des psychischen Apparats DaB sich die psychoanalytische Therapie vor allem 1m

DaB sich die psychoanalytische Therapie vor allem 1m Sprechen vollzieht, hat also eintge einleuchtende Gründe. Dennoch ist der Sprachprimat der Psychoanalyse damtt noch rùcht beschrieben. Die zentrale Rolle der Sprache in der psychoanalytischen Therapie verweist vielmehr auf eine Sonderstellung, die die Sprache auch in der psychoanalytischen Theorie innehat. Dieser weitere und aus- greifendere Aspekt, unter dem sich die Psychoanalyse mit der »faculté de langage« beschâftigt, die Rolle der Sprache als Be- standteil des psychischen Apparats, kann aber nicht mehr so rela- tiv kompakt behandelt werden wie der erste. Gerade in der Ein- schatzung der Sprache als Bestandteil der Psyche hat sich im Lauf der Theorieentwicklung der Psychoanalyse so viel geandert, da13 sich eine ausführlichere Darstellung nicht umgehen la.Bt. Sie ist im Ralunen der vorliegenden Arbeit von besonderem Interesse, denn ohne eine Klarung der recht unterschiedlichen Grundpositionen lassen sich Einze1aussagen zur Sprachentwicklung schwer einord- nen. lch werde im Kapite1 2 eintge wichtige Positionen diskutieren, die 1m Lauf der psychoanalytischen Theorieentwicklung zum Thema Sprache vertreten wurden. Hier kann nur soviel vorweggenornmen werden: Für Freud ist Sprache schon seit seinen frühesten psychologtschen (noch var- psychoanalytischen) Schriften der zentrale Orgamsator der Psyche. Sie ennôglicht und strukturiert den SekundarprozeB, mit seinen Denk-, Urteils- und Realitatsprüfungsfunktionen. Auch das Unbe- wu13te war bei Freud zunachst als sprachformig konzipiert, als »Verdrângtes«. Je mehr es den Charakter eines Systems annalun (Freud 1915e), erst recht seit seiner Ersetzung durch die Es-ln- stanz .lm Struktunnodell (Freud 1923), wird seine Verbindung zur nichtsprachlichen Triebnatur betont. Seit ihrer ich-psychologt- schen Wendung hat sich die Psychoanalyse mit Sprache vor- nehmlich aus der Sicht des Sekundarprozesses befaBt. Dadurch erscheint das Es noch ausschliel3licher als sprachlose Triebnatur. G1eichze1tig jedoch wird das Ich immer weniger als sekundare Vermittlungsinstanz gesehen, sondem gewinnt eigenes Gewicht.

Schon Freud hatte unbewu

nen nun dazu, einen umfangreichen unbewu

postulieren. Seine Funktionen werden teilweise als angeboren be- trachtet. Damit wird nun die Sprache zwar dem Ich zugeschlagen, dieses aber wieder als teilweise naturgegeben gesehen. Als Resultat

!ch-Apparat zu

Bte

lch-Funktionen eingeführt; sie die-

Bten

32

kônnte man festhalten, daB die psychoanalytische lch-Psychologte einen »nativistischeren« Sprachbegriff9 vertritt als Freuds klassi- sche Topik. Diesem eher paradoxen Theoriebild hat seit den sech- ziger J ahren eine neue Diskussion um die psychoanalytische Sprachtheorie, um den Symbolbegriff insbesondere, abzuhelfen versucht. Es entstanden verschiedene Diskussionsstrânge, die lei- der - wie so oft - einander wenig Beachtung schenkten. lch werde 1m nachsten Kapitel die wichtigsten Theoretiker vorstellen. Allen gemeinsarn ist der Einflu.B der modernen, strukturellen Linguistik und Zeichentheorie, die eingebettet ist in eine Gesamtbewegung der PhilosopWe dieses Jahrhunderts, nâmlich eine Aufwertung des Sprachbegriffs.lO Damit enden aber schon die Gemeinsamkeiten. Die Unterschiede darzustellen, würde den Rahmen dieses Eilùei- tungskapitels sprengen. Eine Tendenz indes ist noch anzwnerken, naml.ich eine gewtsse Rehabilitation der Freudschen Frühschriften. So sieht z.B. Lorenzer in Freuds Aphasie-Schrift (Freud l89lb, s.u. S. 36) eine Bestatigung seines Theorems vom dialektischen Dop- pelbezug der Psychoanalyse auf Neurologie und Soziologte; ande- rerseits erarbeitet der franzôsische Poststrukturalismus in z.T. mt- nutiôsen Analysen eine Renaissance der frühen Freudschen Schriftmetapher. die nicht nur von der Sprachlichkeit. sondem prâziser von der Schrifllichkeit des Unbewu.Bten ausgeht (vgl. Lacan 1956, Derrida 1967, Lang 1980a, b, Pagel und Weif3 1984).

9 Ais »nativistisch4< wird in der Sprachentwicklungforschung diejenige Posi· tian bezeichnet, die davon ausgeht, da13 Sprache sich aus einem angcbo - renen Wissen um ihre Grundstrukturen entwickelt. Diese Position wird z.B. von Chomsky und Lenneberg vertreten.

10 Vor dessen Überschâtzung Gauger (1979) im übrigen warnt.

Tell II:

Theoretische Standortbestimmung einer Psychoanalyse der Sprach- entwicklung

lm eirùeitenden Überblick habe ich versucht, das Verhaltnis von Psychoanalyse und Sprache grundsatzlich zu fassen, und habe dabei, einer personlichen Vorliebe folgend, vor allem auf Freud Be- zug genommen. Dieser Bezug spiegelt aber auch die Struktur der Evolution der Psychoanalyse wider (Tommel 1985). Der Flucht- punkt Freud hat die psychoanalytische Bewegung bei ali ihren Theoriebrüchen immer integriert und erlaubt auch heute als archi- medischer Punkt noch oft genug, ansonsten schwer vergleichbare Theoriestrange miteinander in Beziehung zu setzen. Auch die Standortbestimmung im einzelnen, die uns im folgenden beschafti- gen soli, beginnt mit einer historischen Skizze, und diese natürlich mit Freud. AnschlieBend an diesen Überblick, der Freuds Theorie in auf- einanderfolgenden Phasen darstellt, sallen dann noch die wichtig- sten sprachtheoretischen Diskussionen in der Psychoanalyse nach Freud Erwahnung finden, insbesondere die Ich-Psychologen, die Objektbeziehungstheoretiker und neuere Theorien, die auf einer Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs beruhen.

2. Historischer Überblick über die psychoanalytischen Theorien des Sprachvermôgens

2.1. Freuds Sprachtheorien im Wandel

Wenn man versucht, trgend einen Ausschn:itt aus Freuds umfas- sendern Werk darzustellen, sei es die Theorie des Traurns (vgl. Hamburger 1987), der Angst, der Triebe, des Ich - oder wie hier:

der Sprache, so stoBt man immer wieder auf ein Phanomen, das schon viel Verwtrrung gestiftet hat. Freud hat nfunlich regelma.Btg ntcht eine, sondern mehrere Theorien über denselben Gegenstand aufgestellt; und zwar nicht zufallig. sondern der Bewegung eines Denkens folgend, das sich immer wieder mit logischer Stringenz an einen Punkt heranrnanovriert, an dem es nicht weitergeht - und von dort aus einen kühnen Ansatz sucht, das ganze Problem neu aufzurollen. Und auch diese neue Losung hat den Denker Freud, der sich selbst keine Kritik ersparte, nicht letztlich befriedigt, die

entstehenden Widersprüche lieBen ihn nicht ruhen, bis er einen weiteren Arùauf unternalrm, das Alte umzuwerfen und aus den Trümmern neu zu bauen. Erst werm man diese Bewegung erkennt, versteht man die vielen definitorischen Ungereimtheiten und In- konsequenzen seines Werkes als quasi geologtsche Schichten über- etnandergetürrnter Theoreme. Werm man sie nicht erkennt - und das ist leider haufig der Fall - so gibt es zwei hauptsachliche Reak- tionen. Man kann Freud für definitorisch schludrig oder willkürlich halten und versuchen, durch abgrenzende Definitionsarbeit und Neueinführung von Begriffen Ordnung zu schaffen. Problematisch daran ist nur, daB man mit dieser sozusagen gleichzeitigen Ord- nung die gewachsene, historische Ordnung der Theorie überdeckt. Man organisiert die Begriffe an der Oberflache und verkennt ihre Bewegung. Diese Reaktion hat in der Geschichte der Psychoana- lyse zu immer neuen Begriffsbildungen und »Selbstheilungsversu- chen« geführt, was ihre Ubersichtlichkeit nicht eben erhôhte, wohl aber ihren architektonischen Reiz. Dennoch ist sie seltener, als man vermuten kônnte, denn sie ist ziemlich arbeitsaufwendig. Die zweite Reaktion ist haufiger und schl1mmer im Resultat. Sie be- steht darin, Freuds Aussagen einfach nebeneinander stehen zu lassen, ohne sich ihre Widersprüche vor Augen zu führen, also sie unkritisch, unverdaut zu »glauben«, mit dem fatalen Ergebnis, daB man dabei Freuds Theorie als Sammelsuriurn internalisiert und sich daran gewohnt, mit mehrdeuttgen Begriffen zu operieren. Es ist die unaufwendigere Reaktion, und deshalb die verbreitetere. Wie ein roter Faden durchzieht sie die psychoanalytische L1teratur und führt dazu, daB Freuds Widersprüche erblich und die psycho- analytischen Termini fortgesetzt unscharf werden. Nur: Freuds ei- gene Unscharle war nicht dieser Natur, sie beruhte nicht auf Glau- bigkeit, sondern auf Skepsis, sie war das Resultat eines lebenslan- gen kritischen Verwerfens, nicht einer unkritischen Übernahme. Es gtbt freilich noch eine dritte Reaktlon auf Freuds schwiertges Denken: Man kann es tgnorieren. Dies ist immer noch die weitaus hâufigste - auch werm er zitiert wird. Hier will ich am Beispiel von Freuds Theorien des Sprachver- mogens einen vierten Weg skizzieren: nfunlich die Rekonstruktion seiner Denkbewegung. Hilfreich dafür mag die folgende Übersicht über die Etappen des Freudschen Denkens sein.

Freuds Sprachtheorlen lm Wandel

 

Publikation Metapsychologisches Klinisches

Sprachtheorie (vgl. Text)

 

Konstrukt

Phanomen

189lb

neurologisch

Aphasien

Wort- 1 Objektvorstellungs komplex

 

1950a

Neuronerunodell; :»erste Topik~

Hysterie

Sprachzeichen als Werkzeug

(1895)

des Ich. ~Mü3verstandni~

l900a

Reflexbogen

Hysterie

Wortvorstellungen 1 Affekte

 

1914c

Ich- /Objektlibido lch-Ideal

Schizo-

phrenie

1915e

Vorbewu13tes durch Wortvor- stellungen

 

1920g

Wiederholungs- zwang, Todestrieb

trauma-

tisehe

 

Neurose

1923b

Instanzenmodell

unbewuBte Ichanteile werden durch Verbindung mit Wort- klangbildem bewuJ3t

 

~zwelte Topik«

1925a

Schriftmetapher

l940a

Ich-Psychologie

unbewui3te Sprache

-

(1938)

2.1.1. Neurophysiologie des Sprachzeichens:

~zur Auffassung der Aphasien-4(

Die in der Himrinde anlangenden Fa-

) enthalten die Kërperperipherte, ) ein Gedicht das Alphabet ent-

wie

sem [

[

ha.It, in einer Umordnung, die anderen

Zwecken dient~

(Freud 1891 b: 55)

In seiner voranalytischen, neurophysiologtschen Studie »Zur Auf-

fassung der Aphasien~ (Freud 1891 b) nahm Freud bereits zur

chologie der Sprache und des Spracherwerbs entschieden Stellung. Diese lange verkannte Arbeit ist ein gutes Beispiel für die oben an- geführte These über die Freud-Lektüre: erst aus ihr ergïbt sich nfunl1ch ein historischer Zugang zu einer Reihe von Begriffen, die Freud spater beibehalten oder varHert hat.

Psy-

Funktlonaler Ansatz

Gegen die drunals herrschende Meinung von Wernicke, die von be- stimmten. isollerten Sprachzentren im Cortex ausgeht, vertritt

Freud einen funktionalen Ansatz. Aufgrund klinischer Unstim- mtgkeiten, die sich aus den von Wernicke (v.a. 1874 und 1885/86) fur moglich gehaltenen Lasionen der Sprachzentren und der sie verbindenden Bahnen ableiten lassen, entstehen fur Freud ~zweifel an der Richtigkeit eines wesentlich auf Lokalisation beruhenden Schemas überhaupt« (Freud 1891b: 57). Er weist nach, daB eine bestlmmte Sprachstôrung nicht immer auf die Zerstôrung einer bestinunten Nervenbahn oder eines Zentrums zurückgehen muB, sondern lediglich auf eine Funktionsminderung, die allerdings Folge einer in der Nahe lokalisierten Lasion sein kann. Aber auch 1m letzteren Fall ist die Funktionsstorung nicht einfach ein Defekt, sondern sie stellt eine Kompensation dar: lm Fall der Beeinflus- sung des Sprech- oder Sprachvermogens faJJ.t nicht einfach eine Teilfunktlon (wie etwa die Innervation eines Daumenmuskels) aus, sondern der betroffene »[Apparat] reagiert als Ganzes solldarlsch auf die Lasion, lâBt nicht den Ausfall einzelner Teile erkennen, sondern erweist sich in seiner Funktlon geschwacht; er antwortet

auf die unvollstd.ndlg destruierende Ld.slon mit elner Funktionssto- rung, die auch durch nicht materielle Schd.digung zu Stande kommen

konnte« (ebd.: 71; Hervorhebungen original). In dieser Schrift, de- ren Argumentation weit in Grundsatzfragen der Neuroanatomie ausgreift, vertritt Freud gegen die damais hoch angesehene Lehr- meinung Meynerts den prinzipiellen Standpunkt, daB auch sensib- le und motorische somatische Balmen nicht einfach in der Gro6hirnrinde abgebildet, sondern auf dem Weg dahin so vielfach verschaltet und miteinander integrtert werden, daJ3 »die in der Htrnrinde anlangenden Fasern zwar noch eine Beziehung der Korperperipherie enthalten, aber kein toptsch ahnlJches Bild der- selben mehr geben kônnen. Sie enthalten die Kôrperpertpherie, wie ) ein Gedicht das Alphabet enthâlt, in einer Umordnung, die

anderen Zwecken dient [

sprechend für die Sprachtheorie: Wernickes ~kortiko-zentrische« (ebd.: 87) Auffassung, es gebe Zentren, die Vorstellungsbilder und Worterinnerungen enthalten, und Leitungen, die zwischen diesen

Zentren Assoziationen herstellen, wird vollkorrunen fallengelassen. Freud versteht Sprache jetzt als ein vernetztes System von Erre-

gungsmustern. In der Sprache der Neurophysiologie des

hunderts: ~wtr kônnen keine Empfindung haben, ohne sie sofort

zu assoziieren; [

Vorstellung an den einen Punkt der Htrnrinde zu verlegen, die Assoziation an einen andern. Seides geht vielmehr von einem

[

(ebd.: 95).11 Dieser Gedanke gilt ent-

19.

.Jahr-

] [Demzufolge) müssen wir es ablelmen, die

11 So überraschend dieses Bild ist, und so sehr es zu postmodernen Speku-

lationen über die Schriftlichkeit des Unbewui3ten verlockt (vgl. z.B . Derrida 1967), so stringent ist die Konsequenz, die Freud daraus zieht: •Die Kette der physiologischen Vorgiinge im Nervensystem steht ja wahrscheinlich

J Das

(Freud

nicht im Verhilltnis der Kausalit:ât zu den psychischen Vorgangen. (,

Psychlsche ist somit ein Parallelvorgang des Physiologischen [ 1891b: 98).

Punkt aus, und befindet sich an keinem Punkte ruhend« (ebd.: 100 f.).l2 Diese assoziationistische Auffassung - die damais revo-

lutionar war - ermôglicht nun eine Beschreibung des Sprachpro- zesses bzw. der Aphasien, die wesentlich psychologischer ist als die physiologische Lokalisationslehre. Das Sprachvermogen erscheint nunmehr eher genetisch und bewuBtseinspsychologisch ge- schichtet als anatomisch. Das Tieferliegende ist jetzt das früher Gelernte bzw. das Emotionalere. Durch seine streng funktionale, sozusagen systemtheoretische Auffassung der Neurophysiologie der Sprache ist es dem Physiologen Freud gelungen, psychologtsch plausible Beschreibungen der Aphasien an die Stelle der vorherr- schenden anatomisch-lokalisierenden Klassifikation zu setzen. Obwohl Freuds Argumentation sich deutlich weg vom anato- mischen und hin zum psychologischen Argument bewegt, zieht er in dieser frühen Arbeit noch nicht die Konsequenz, ganz von der neuropathologischen zur psychologischen Beschreibung überzuge- hen. Er begnügt sich in der Aphasie-Schrift damit, einen physiolo- glschen tm Gegensatz zum pathologischen Standpunkt zu begrün- den, indem er den tsolierten Zentren einen »zusammerùlangenden Rindenbezirk« gegenüberstellt, in dem »die Assoziationen und Übertragungen, auf denen die Spraclûunktionen beruhen, in einer dem Verstândnis nicht naher zu bringenden Kompliziertheit vor sich gehen« (ebd.: 106). Mit dieser Theorie des Sprachbeztrks knüpft er dann an die Lokalisationstheorie wieder an, indem er ausführt, daB Lasionen der von Broca und Wernicke beschriebe- nen »Zentren« sehr wohl spezifische Ausfaile hervorrufen konnen, weil es sich bei diesen Unterbezirken des Sprachfeldes um diejeni- gen Orte handelt, an denen das funktionale Netz an spezifische sensorische und motorische Bahnen anschlieBt. Freuds Aphasie-Schrift umfaBt mehrere Argumentatlonstypen und nimmt insofem eine Mittelstellung ein: er bezieht sich auf die Neurophysiologie des 19. Jahrhunderts mit ihrem psychologtsch- philosophischen Argumentationsverfahren und setzt ihr die streng quantitative Physiologie seiner unmittelbaren Lehrer entgegen, wenn er kritisiert, daB etwa die »einfachen Vorstellungen« der Psy- chologie mit einfachen Innervationen wiedergegeben werden sallen. Es entspringt dieser streng naturwissenschaftlichen Argumentati- onsweise, werm Freud diesem Versuch. psychische Phânomene physiologtsch zu fixieren, eine Theorie entgegensetzt, die uns heute

] das physiologtsche Korrelat der ein-

fachen oder der für sie wiederkehrenden Vorstellung (ist) (

bar nichts Ruhendes, sondern etwas von der Natur eines Vor- gangs« (ebd.: 99). Umgekehrt weist seine etgene Argumentation

hochst modem anmutet: »[

) offen-

12 Es ist unverstandlich. warum eine Schrift, die solche umwalzenden, hôchst modernen Formulierungen enthalt, seit ihrem Erscheinen 1m Jahre 1891 in deutscher Sprache bis 1992, also über ein Jahrhundert nicht mehr verôffentlicht worden ist und lange zu den ungelesenen Rara der Bi- bliotheken zah.lte.

über einen quantitativ-mechanistischen Ansatz hinaus und deutet Denkmuster der kommenden psychoanalytischen, funktionell-dy- namischen Denkweise an. Bei der Andeutung bleibt es aber. Ob- schon sie eine gill.tige Kritik der mechanistischen Lokalisations- pathologie vorbringt, bleibt Freuds Theorie der Aphasie selbst mechanistisch - Marx (l967b) bezeichnet sie deshalb als »absclùiel3ende Stellungnahme der Neurologie des 19. Jahrhun- derts«. Sehen wtr uns diese »abschliel3ende Stellungnahme« aus d er Nâhe an. In seiner Einleitung zur Neuausgabe arbeitet Leuschner (1992) Freuds Standpunkt 1m einzelnen heraus, wobei er die Auf- fassung vertritt, das psychologische Moment sei starker ais zunachst sichtbar. Wie schon gesagt: Freud bestritt die Behaup- tung der Aphasie-Forschung seit Meynert, daB Sprache in speziali- sierten Zentren der Hirnrinde durch die Verknüpfung von dort lo- kalisierten Klangbildern und Bewegungsbildern entstehe. Er ar- gumentierte gegen Meynerts These durch eine Kritik der Lokalisa- tion von Vorstellungen ebenso wie der sprachlichen Verknüpfung dieser Vorstellungen. Schon das erste Argument wurzelt in einer philosophischen Uberlegung: Für Freud ist die Annahme, einzelne »psychische Vorstellungen« seien gespeicherte Signale afferenter Nervenfasern, philosophisch fragwürdig. Er pladiert ntit Hughlings Jackson dafür, das Psychische als »Parallelvorgang zum Physi- schen« aufzufassen (Freud 1891b: 98). Zweitens bestreitet er die Lokalisation der Vorstellungen in einem eigenen Sprachzentrum und pladiert dafür, sich die Sprachzentren lediglich als »die Ecken des Sprachfeldes« vorzustellen (ebd.: 107), als Leitungsengpaf3. durch den die viel umfassendere, in groBen Rindenarealen durch vielfache Assoziation gebildete Sprachinnervation fliel3en muB. Hierbei beruft sich Freud auf die damais noch durchaus bestrit- tene Aphasie-Theorie von Hughlings Jackson, der die komplexe Vernetzung und den Systemcharakter zentralnervôser Ablâufe vertrat und von einer »dynanùschen Planbildung« der sprachlichen Auf3erung ausging (vgl. Leuschner 1992: 19 ff.). Jacksons Begriffe, die man als Wurzel einer dynamischen Theorie der Aphasie anse- ben kann, haben auf Freuds Terminologie und Theorie psychischer Stôrungen unmittelbaren Einflul3 ausgeübt (Forrester 1980). Jackson stellte bereits die Aphasie als funktionelle Regression dar. Freud geht allerdings in einem entscheidenden Punkt noch weiter als Jackson und die übrigen Aphasiologen seiner Zeit: nàmlich durch den Vorrang der psychologtschen vor der phystologtschen Argumentation (Leuschner 1992: 23 ff.) Marx (1967b) meint, Freud habe die »Klyptopsychologte« der anatomisch-physiologischen Mo- delle seiner Vorlaufer deuilich gemacht. Zwar nimmt auch Freud anatomische Fakten zu Hilfe, um seine Theorie zu untermauern, doch ist die Intention dieser Theorie eine ausschlie.BUch psycholo- gische. Freud erforscht kein Leitungssystem, sondern einen funk- tionellen Zusammenhang.

Welches ist nun Freuds eigene These? Der erwâhnte funktio- nelle Zusamrnenhang, aus dem er die Aphasien zu erklaren ver- sucht, ist charakterisiert durch die Vorstellung, daB zum Sprach- verstehen ebenso wie zum Sprechen immer das Zusamm.enwtrken zweier kortikaler Zentren bzw. Funktionen erforderlich ist: einem

»Wortvorstellungskomplex« und einern »Dbjektvorstellungskomplex«.

Der Komplex der Wortvorstellung besteht aus einer Vernet- zung von visuellen, akustlschen und kinasthetlschen Sinnesein- drücken. Freud nennt ihn auch das »Sprachfeld«. Er ist hirnana- tomisch an ein umgrenztes Gebiet gebunden, und zwar an das ge- samte Ausdehnungsgebiet des Cortex der dominanten Hemisphare zwischen Broca- und Wernicke-Zentrum (Freud nennt spekulativ »die erste Urwindung um die Sylvische Spalte«). Die Objektvorstellungen sind gedacht als ein nicht lokalisier- tes, sondern über weite Rindengebiete beider Hemispharen ver- tentes Netz von akustischen, taktilen und vtsuellen Gedachtnis- spuren. Die Konstruktion dieses Modells orientiert sich an der An- nahme, daB primare psychologische Elemente nicht eins-zu-eins durch Nervenzellen vertreten werden, da.B also »eine einzelne Ner- venzelle nicht für eine einzige Sprachassoziatlonsleistung in An- spruch genommen wird, sondern daB hier ein komplizierteres Ver- hâltnis obwaltet« (Freud l89lb: 135). Gemeint ist mit dem »komplizierteren Verhâltnis«, da.B schon elementare psychische Grô13en Produkt eines dynamischen neuronalen Erregungsablaufs sind: »nichts Ruhendes, sondern etwas von der Natur eines Var- gangs« (ebd.: 99).

Unter diesen Prâmissen kommt Freud zu einer eigenen, eleganten Einteilung der

klinischen Aphasien: ( 1) der ver balen Aphasie als Stôrung innerhalb

Wortkomplexes, (2) der asymbollschen Aphasie als Abtrennung von Wort- und Objektvorstellungskomplex, und (3) der Agnosie, die er als Stôrung der semanti- schen Komponente, also des Objektvorstellungskomplexes allein betrachtet. 13 Auch für die Vielzahl von Mischformen, die in der Klinik hâufiger sind als die theoretisch postulierten reinen Formen, ist seine Erklârung eleganter als die Lo- kalisatlonslehre. Diese muB alle Diagnosen mit einem postulierten Gesamt-

des

Ausfall eines der Zentren (bzw. angenommener Subzentren oder Leitungsbahnen dazwischen, wie z.B. in Wernickes »Leitungs-Aphasie«) verbinden, wâhrend Freud mehrere Môglichkeiten zur Abstufung und Differenzierung hat: Zum einen die Lage der Lii.slon tm Sprachjeld: Eine Lâsion in dem von ihm postulierten umfassenden »Sprachfeld« kann je nach Nahe zu sensorischen oder motorischen

Projektionsfeldern unterschiedliche Sprachpathologien erzeugen, von denen die Broca- und Wernicke-Aphasien nur Sonderfâlle sind, in denen die Lâsion genau an dem Punkt erfolgt ist, wo der Anschlu13 an die sensorischen bzw. motorischen Rindenareale erfolgt. Die »Zentren« der Lokalisationslehre sind für Freud - in heutiger Terminologie - lediglich Schnittstellen. Die zweite Grundlage für die Diagnose von Mischformen ist die von Freud angenommene Môglichkeit einer

Eine von diesen Schnittstellen

entferntere, also mehr in der Mittes des »Sprachfeldes« gelegene Lasion, ebenso

nur

tellwelsen junkttonellen

Beetntrcïchtlgung:

13 Den heute gebrâuchlichen Begriff hat also, was wenig bekannt ist, Freud etngeführt.

aber auch eine partielle Uision eines ,.Zentrums ~ oder di e ,.Fernwirkung ~ e in er

Lasion in anderen Bereichen kann e ine herabgesetzte Funktion lm Sinne etner Regression auj genettschfrühere Funktionsstufen des Sprachapparats bewi.rken .

Mit diesem Postulat betritt Freud einen von Hughlings Jackson gewiesenen Weg auf neurophysiologisches Neuland. SchlieBlich detlniert Freud noch die asymboltsche Aphasie. Eine Stërung im Bereich der ,.Qbjektvorstellungen«, die ihrerseits aus akustischen, taktilen visu - ellen und anderen Sinneseindrücken gebildet sind, kann Ursache der eher se- mantlsche Aspekte von Sprachstërungen sein, die Freud unter dem Begrill der asymbolischen Aphasie fai3t. Diese Stôrungen sind nicht auf das Sprachfeld in der dominanten Hemisphare begrenzt, da die Objektvorstellungen als beidseitig reprasentiert gedacht werden.

Die deutliche Parallele, die diese Schrift zu Freuds prograrrunati- scher Arbeit »Das Unbewu13te« enthhlt (Freud 1915e), wtrd von den Herausgebern der Studienausgabe (Band Ill, 1975) verdeutlicht (vgl. Kap. 2.1.4, Seite 46).

Sprachentwtcklung

Interessant an der Aphasie-Schrift ist auch ihr Bezug auf die Ent- wicklungsdimension der Sprache. Bei der Erôrterung sowohl der Charakteristika des Wortvorstellungskomplexes als auch der Ab- grenzung und Ableitung verschiedener klinischer Fonnen der Aphasie bezieht sich Freud immer wieder auf die Vorgange des Spracherwerbs. Insbesondere seine Theorie der funktionellen Re- gression, der das Sprachvermôgen 1m Falle einer partiellen oder externen Lasion (Fernwirkung) unterliegt, enthait Annahmen über die Entwicklung des Sprachvermôgens. Eine zentrale Rolle spielt für Freud die akustlsche Reprasen- tation der Sprache. Beim Spracherwerb wird nach Freud ein »Wortklangblld« mit einer spontanen Sprechbewegung, dem »Wortinnervationsgefühl« durch Gleichzeitigkeit assoziiert und die- ses zunachst als propriozeptlves »Sprachbewegungsbild~ gespei- chert. Mit dem Erlernen des Nachsprechens versucht das Kind, die Klangbilder seines eigenen Sprechens den gehôrten Klangbildern inUner ahnlich zu machen. Die »Klangbilder~ sind daher der eigent - liche Kern des »Wortvorstellungskomplexes«. Sie sind es, mit denen

die komplexen Impulse des »Objektvorstellungskomplexes~ kom -

munizieren - allerdings auch diese auf dem Weg über eine beson- dere Klasse von Vorstellungen, nfunlich über die optlschen Erinne- rungsbilder.

Die Wlrkung der Aphasie-Schrift

Abgesehen von der Weiterverwendung des Begriffs »Agnosie~ in der Neuropsychologie war Freuds Aphasie-Schrift nicht derselbe Erfolg bescWeden wie seinen analytischen Arbeiten. Wenn allerdings Sohns und Saling (1986) recht haben, so ist Freuds E1nflu13 auf die Neuropsychologie alles andere als gering: Kein Geringerer als Alex-

41

(1986) recht haben, so ist Freuds E1nflu13 auf die Neuropsychologie alles andere als gering: Kein Geringerer

ander Luria nâmlich, der Begründer der modernen Neuropsycho- logie, stand diesen Autoren zufolge in jungen Jahren stark unter Freuds Ein:fluB: er gründete eine Russische Psychoanalytische Ge- sellschaft, publizierte seine Forschungsergebnisse in psychoanaly- tischen Zeitschriften und übersetzte einige Schriften von Freud ins Russische. Wie Freud war Luria der Ansicht. und zwar ebenfalls unter Berufung auf Hughlings Jackson, da13 die Lokalisationstheo- rie durch ein funktionalistisches Konzept ersetzt werden soUte. Miller (1991) p1adiert unter Berufung auf eine Reihe weiterer Auto- ren dafür, diese Vorwegnalune der Konzepte einer dynamischen Neuropsychologie in Freuds frühen Schriften a1s Ausgangspunkt für eine Zusannnenarbeit zwischen Psychoanalyse und kognttiven Neurowissenschaften zu nehmen (Kubie 1953, Ostow 1954, 1955, Galin 1974, Happe 1975, Joseph 1982, Reiser 1984, Wtnson

die Diskussion um die

relative Bedeutung der linken bzw. rechten Hemisphâre engen An- schluB fand an die psychoanalytische Unterscheidung von PrimâT- und SekundârprozeB, wobei er jedoch davor warnt, durch eine allzu grobe Zuordnung nun wieder in eine neue Lokalisationstheo- rie zu verfallen (Miller 1990).

1985 ). Er weist besonders darauf lùn, daB

2.1.2. ~Entwurf einer Psychologie~

lm noch sehr physiologtsch ortentierten »Entwurf einer Psycho- logie~ (Freud 1950a) integrtert Freud das »Sprachzeichen« in eine allgeme1nere Entwicklungstheorie und führt dabe1 bereits das so- ziale Moment in die Konstruktion der Psyche ein. Gerade tm Hinblick auf die gegenwartige Entfaltung der Neu- roscience tst es von Bedeutung, die neurophysiologtsche Theorie- bildung Freuds genau unter die Lupe zu nehmen- nicht nur, weil sich hier môgliche klinische Anknüpfungspunkte wie bei den Aphasien oder in der split-brain-Forschung ergeben, sondern we- gen der prinzipiellen Bedeutung von Freuds neurologtscher Spe- kulation auch für die jetzt wieder môglichen Spekulationen über die Anatomie der Seele. Zwar laBt sich der »Entwurf« in eine Reihe spekulativer ana- tomischer und physiologischer Entwürfe stellen, die in der zweiten Hâlfte des 19. Jh. »Hirnmythologte~ genannt wurden (Ellenberger 1970: 656). Aus diesen Versuchen, vor allem von Fechner (ebd.), andererseits aus den im Gedankengang verwandten positivisti- schen Mythologten der Hirnfunktion von Brücke, Meynert, Exner (Amacher 1965) und Wernicke (vgl. oben Seite 36) schôpfte Freud wesentliche Aspekte seines »Entwurfs«. Auch dieser Versuch einer Hirrunytho1ogte ware - wie die spekulativen Ansatze dieser Vorlâu- fer und Zettgenossen - vergessen worden, hatte nicht ihr Autor spater die Psychoanalyse begründet. Insofern hat es seine Berech- tigung, den »Entwurf« a1s Exposition eines Problemfeldes zu lesen,

das erst in der weiteren Entwicklung der Psychoanalyse entziffert werden wird. Wir sehen hier einen Theoretiker dabei, mit beste- chender Logik jenen Gordischen Knoten zu knüpfen, den er spater durchhauen wird. Bestechend ist gerade das Unfertige des »Entwurfs«; ein Signet, daB der psychoanalytischen Erkenntnis zu eigen bleiben wird. Wollte man auf den Vorlaufer-Status dieses Textes verweisen, so konnte man hervorheben, da.B Freud schon in diesem Text, lange vor der Fonnulierung seiner zweiten Topik, den Begriff ~Ich« in einem dynamischen Sinn verwendet. Er versucht mit noch rein neurophysiologtschen Begriffen eine Theorie des BewuBtseins und der Denkvorgange darzustellen. Doch macht diesen Versuch für mich nicht sein Erfolg interessant, sondern sein MiBerfolg. Freud hat den »Entwurf« mit Absicht nie in Druck gegeben. Dennoch ver- rat er in nuee bereits Freuds eigenste theoretische Gangart. Werm man den Text genau liest, so stellt man fest, daB Freud bereits hier immer wieder stockt und neu ansetzt, als wollte er alle Quadratu- ren des Kreises ausprobieren. Es tst die Konsequenz dieses wie- derholten, hartnackigen Scheiterns, die den geschworenen Natur- wissenschaftler Freud so weit brachte, daB er sich notgedrungen und hilfsweise der Psychologie widmete - und, wie ich meine, mit insgesamt beachtlichem Erfolg. Ich halte den »Entwurf« für das er- folgreichste Scheitern in der Psychologie des neunzehnten Jahr- hunderts. Ich kann im Rahmen dieses Buches keine ausführUche Ana- lyse des »Entwurfs« vorlegen (vgl. Hamburger 1994) und be- schranke mich auf eine Zusarrunenfassung der wichtigsten Schritte:

Freud stellt im »Entwurf« kein geschlossenes neuropsycholo- gtsches Modell vor, sondern er entwickelt eine sich von Wider- spruch zu Widerspruch fortentwickelnde Metaphorik der Seele als Maschine. Dabei ist er gezwungen, schrittweise neue Funktions- prinzipien, Nervennetze, Subsysteme einzuführen, nachdem jeweils auf der Stufe eines Modells eine Aporie erreicht ist.

(1)

Freud anerkennt nur den Begriff der Quantitèit ais den allein-

(2)

gültigen Klarungsbegriff etner exakten Psychologie. Diese quantitative Erregung lauft in einem qualitativ in zwei Neuronensysteme unterschiedenen Nervensystem ab, das durchlâssige (Phi-) und mit Widerstand behaftete (Psi-) Neu- ronen enthillt. Freud erganzt den quantitativen Erregungsablauf durch den

(3)

Begriff der Qualltdt (definiert ais Verteilung von Quantitât oder »Bahnung«). Diese Erweiterung wird notwendig, um das Ge- dachtnis im Modell darzustellen. Quantitat und Qualitat werden weiterhin erganzt durch den Begriff der Periode (definiert ais zeitliche Schwankung von quantitativer Besetzung und qualitativer Verteilung). Diese

(4)

(5)

Erweiterung wtrd notwendig, um die Differenz zwtschen Ima- gination und sinnlicher Wahrnehmung ableiten zu konnen, eine Differenz, die ausschlaggebend für die Modellkon- struktion des BewuBtseins ist. lm Zusanunenhang damit mu.B Freud noch ein drtttes Neuronennetz postulieren, die »Wahr- nehmungsneuronen« (W). Doch auch der Begriff der Periode hait den psychologtschen Arûorderungen an das (inzwtschen nur noch spekulativ) phy- sikalische Modell nicht stand. Er mu13 modifiziert werden i:rn Sinne einer »allgemeinen Anregung<<, einer nicht-quantltativen. aber auch nicht qualitativen Binnenkommunikation des psy- chischen Apparates. Zu guter Letzt muB Freud sogar interaktive Prozesse einfüh- ren, da er als Grundvoraussetzung für die Konstruktion einer Psyche, die auch nur irgendwie auf AuBenweltreize aktiv rea- gieren kann, ein innerpsychisches »Sprachzeichen~ benôtlgt, das heiBt: die Anwesenheit einer Umwelt, die das ventilartige Schreten als Mlttellung »miBversteht« und adaquat darauf rea- gtert.

Anwesenheit einer Umwelt, die das ventilartige Schreten als Mlttellung »miBversteht« und adaquat darauf rea- gtert.

Freud versucht eine quantitative Psychologie zu installieren, doch unter dem Druck der Phânomenologie muB er Schritt für Schritt zurückweichen. Das neuronale Modell, zunachst ganz physiolo- gisch und »keinesfalls metaphorisch gemeint~ (Lorenzer 1973: 34), wird inuner mehr zur Metapher. Mit der Einführung des »hilfreichen Individuums« (Freud 1950a: 365) sind in das naturwts- senschaftliche Modell des psychischen Apparates Sprache un.~ In- teraktlon aufgenommen. Das »ventilartige« Schreien, ein Uber- druckphânomen, wird als Begehren, geauBerter Wunsch sozusa- gen millverstanden - wodurch Sprache und mit ihr Realitât ent- steht. Diese Überlegung transzendiert den naturwissenschaftlich- physikalistischen Argumentationsrahmen. Damtt ist zwar eine neue Dimension psychologtscher Einsicht gewonnen - die soziale - aber die »Hauptsatze« des »Entwurfs« sind verletzt, die unab- schlieBbare Frage nach dem Mechanismus wird sistiert. Sie wird sich aber immer wieder zu Wort melden (vgl. Hamburger 1983: 26 und 1987: Kap 3.2.1).

2.1.3. Anfânge der dynamischen Theoriebildung

Nachdem Freud den quantitativen Ansatz als ein zu unhandliches Modell fürs erste hintangestellt hat, wendet er sich einer mehr phânomenologtschen Beschreibung zu, die jedoch das Ziel verfolgt, eine psychologtsche Theorie der unbewuBten Zusammenhange zu erstellen, die mit den im »Entwurf« skizzierten Forderungen nach Kompatibilitât von Psychologie und Physik konvergteren. Freud

wird gezwungenerma

13en

Psychologe und gedenkt, es nicht für irn-

mer zu bleiben. Das soUte sich als Irrtum erweisen. Freilich wirkt noch ein anderes Moment in der Verânderung von Freuds Theorien hinein. Seit Beginn der kathartischen Be- handlungstechnik war in Freuds Therapien eine Eigendynamik ge- kommen, die auch seine Theorien immer starker zu beeinflussen begann. 1892 bemerkte Freud, da13 die Arzt-Patient-Beziehung ein wtrksamerer Faktor der Heilung war als die kathartische Abfuhr unter HYJ?.nose besprochener Vorstellungsinhalte, und er erkannte, da13 die Ubertragung kindlicher Wünsche auf den Analytiker der Angelpunkt dieser Beziehung waren. Er begann, auf das hypnoti- sche Ritual zu verzichten und naherte sich der Methode der Aner- kennung freier Einfâlle (vgl. Mertens l990a: Kap. l ). Das batte Auswirkungen auch auf seine Sprachtheorie. In den frühen Schriften war die Einführung des interaktionellen Moments in die Genese des lch noch eine Folge theoretlschen Kopfzerbrechens. Jetzt, in der verânderten klinischen Interaktion, wird Interaktion zur selbstverstandlichen Voraussetzung. Zwar stellt die »Traumdeutung« (Freud 1900a) noch ein mechanistisches Modell des psychischen Apparats vor, doch findet sich daneben auch

schon ein Subjektmodell.

»Traumdeutung<<

Mit seiner zentralen Formel »Der Traum ist die (verkleidete) Erfül- 1ung eines (unterdrückten, verdrangten) Wunsches« (Freud 1900a:

166) betritt Freud gegenüber dem »Entwurf« theoretisches Neu- land. In der »Traumdeutung« wird neben die Ebene der quantitatlven Er- klarung eine zweite sinnstiftende Ebene eingeführt, die nur aus der Perspektive eines handelnden Subjekts beschreibbar ist. Diese Subjektrolle übernirnmt der infantile Traumwunsch als Gegen- spieler des Realitatsprinzips, der der Zensur des handelnden Ich Schnippchen schlagt. Mechanistische und subjektbezogene Theorie stehen in der »Traumdeutung« noch in einem scharfen Span- nungsverhâltnis nebeneinander. Gleichzeitig tritt mit in der Phase der »dynamischen« Theorie- bildung (Ellenberger 1970) das Moment der Affekte starker in den Vordergrund. Zwar bezieht sich Freud in der »Traumdeutung« (1900a) auf den Sprachapparat des »Entwurfs«, doch behandelt er nun die kognitiven Vorgange in engerem Zusammenhang mit af- fektiven Vorgangen. Die Wortvorstellungen haben nunmehr die Funktion, zwischen den beiden Bereichen zu vermitteln. »Die Wort- erinnerungen verleihen dem Denkvermogen affektive Qualitat« (Freud 1900a: 622).

2.1.4.

Narzifimus und Wiederholungszwang

Seit Freud sich über das klinische Feld der »Übertragungsneu- rosen« (Angstneurose, Hysterie, Zwangsneurose) hinausbegeben hatte und die Krankheitsbilder studierte, die er damais unter dem Namen »narziBtische Psychoneurosen« zusarrunenfa.J3te, vor allem die verschiedenen Formen der Schizophrenie, begann sich auch sein metapsychologtsches Konzept zu wandeln. In mehreren programmatischen Schriften veranderte Freud die Grundbegriffe seiner Metapsychologie, v.a. in :.Zur Einführung des NarziBmus« (1914c), »Das UnbewuBte« (1915e) und »Jenseits des Lustprinzips« (1920g). Neue Konzepte traten neben die ur- sprünglichen Begriffe, vor allem das Phanomen des Wiederho- lungszwangs und der !ch-Libido. Auch die Auffassung des Selbst- erlebens als libidinôse Besetzung des Ich tst eine metapsychologt- sche Variante. Gleichzeitig wurde die Theorie des Ich wichtiger:

hatte Freud schon seit 1910 von »lch-Trieben« gesprochen (191 Oi), so wird diese eigenstandige Auffassung des Ich mit der Narzi.B- mustheorie verbunden und ausgebaut (l910c, 191lb,c, 1914c, 1915e). Auf die Theorie der Sprache ging Freud dabei vor allem in seiner Schrift über das Unbewu.Bte (1915e) ein.

»Das Unbewufite«

In dieser Schrift wird zunachst die klasstsche Gegenüberstellung von bewuBt und unbewuBt verdeutlicht. Erst im Schlul3kapitel werden die neuen Erkenntnisse aus der Behandlung der Psycho- sen berücksichtlgt. Dort werden die Irùmlte des UnbewuBten (»Ubw.«) als Sachvorstellungen, die bewuBtseinsfâhigen Vorstel- lungen dagegen als Verbindung von Sach- und Wortvorstellungen aufgefaBt (Freud 1915e: 300; vgl. auch Jappe 1971). Bewufit- seinsfâhig heiBt dabei nicht unbedingt bewuBt; die Gesamtheit der bewu6tse1nsfâhigen Vorstellungen, auch soweit sie gerade nicht aktualisiert sind, wird 1m »Vorbewu.Bten« (»Vbw.«) zusammengefal3t. Trotz einiger terminologtscher Veranderungen wird in dieser Arbeit die in der »Auffassung der Aphasien« entwickelte Theorie des »Sprachapparats« beibehalten - was mnso auffallender ist, als Freud ausdrücklich betont, da13 erst neues klinisches Material ihn zu diesen Überlegungen veranlaBt habe. Er schreibt: »Erst die Analyse einer der Affektionen, die wir narzilltische Psychoneurosen heiBen, verspricht uns Auffassungen zu liefern, durch welche uns das râtselvolle Ubw. nâhergerückt und gleichsam greifbar gemacht wtrd~ (Freud 1915e: 294). Er meint die spezifische Verânderung der Sprache bei der Schizophrenie und bezieht sich dabei auf Arbeiten von Abraham (1908) und Tausk (1919). Bei Schizophrenen set etn »Überwtegen der Wortbeziehung über die Sachbeziehung« zu beob- achten. Wahrend ein hysterisches Symptom z.B. auf der Ersetzung eines verdrangten Vorstellungsinhalts durch einen âhnlichen

beruhe, funktioniert die schizophrene Ersatzbildung über den Gleichklang der die Vorstellungsinhalte bezeichnen~en Worte: »Die Gleichheit des sprachlichen Ausdrucks, nicht die Ahnlichkeit der bezeichneten Dinge, hat den Ersatz vorgeschrieben~ (ebd.: 299). - Diese Beobachtung verbindet er nun mit der psychoanalytlschen Theorie der Schizophrenie, nach der der gestôrte Realitatsbezug des Schizophrenen darauf beruhe, daB dieser die Objektbesetzun- gen aufgegeben habe. In der Verbindung mit dieser These baut er nun auf der klin1schen Beobachtung eine Theorie auf, die uns aus der frühen Schrift über die Aphasien wohlvertraut ist:

:.Wir müssen (

wird festgehalten. Was wir die bewuBte Objektvorstellung hei.Ben durften, zerlegt sich uns jetzt in die Wortvorstellung und in die Sachvorstellung, die in der Beset-

zung, werm nicht der direkten Sacherinnerungsbilder, doch entfemterer und von ihnen abgeleiteter Erinnerungsspuren besteht. Mit einem Male glauben wir nun

zu wissen, wodurch sich eine bewu.Bte Vorstellung von einer unbewu.Bten unter-

scheidet. (

zugehbrigen Wortvorstellung, die unbewu.Bte ist die Sachvorstellung allein« (Freud 1915e: 300}. :.Wir verstehen, da.B die Verknüpfung mit Wortvorstellungen noch nicht mit dem BewuBtwerden zusammenfàllt, sondern bloB die Môglichkeit dazu gibt, daB sie also kein anderes System als das Vbw. charakterisiert.« (ebd.: 301 ).

) Die bewu.Bte Vorstellung umfa.Bt die Sachvorstellung plus der

) modifizieren: die Besetzung der Wortvorstellungen der Objekte

Wie aber ist nun in Abhebung von dieser Sprachtheorie der Ver- drângung bei den Übertragungsneurosen der spezielle Vorgang bei Schizophrenen zu kennzeichnen? Die Verdrangung beruht bei die- sen Patienten n1cht auf der Unterbrechung der Verbindung zwi-

schen Sach- und Wortvorstellungen, sondern auf einer »Einziehung

der Triebbesetzung von den Stellen (

). welche die unbewufite Ob-

jektvorstellung reprasentieren.« DaB es dabei zu einer verstârkten Besetzung der Wortvorstellungen konunt, führt Freud darauf zu-

rück, daB dies »den ersten der Herstellungs- oder Heilungsversu-

) die verlorenen Objekte wieder(zu)gewtnnen (Freud

1915e: 302). Freud greift hier, in vereinfachter Form, die bereits in

»Zur Auffassung der Aphasien« skizzierten Theorie der Wort- und Sachvorstellungen auf. lst also auch »Das UnbewuBte«, eine sicher zu den »dynamischen« Schriften Freuds zâhlende Abhandlung. dem mechan1stischen Denken der voranalytischen Zeit verhaftet? - So einfach liegen die Dinge nicht. Lorenzer (1986) weist darauf hin, daB hier 1m Keim bereits jene »Doppelmetaphorik« angelegt ist, mit der Freud in seinen spa- teren Schriften leibliche und soziale Vorgange umfaBt. Er zeigt eine deutliche Parallele zwischen dem neurophysiologtschen Assozia- tlonsbegriff der Aphasieschrift (Freud 189lb: 79) und dem spàte- ren, oberflachlich rein psychologtsch lesbaren (1915e: 300) auf.

che darstellt

2.1.5.

Strukturmodell

Hatte Freud sich unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs der Todestriebhypothese (1920g) und der Massenpsychologie (1921a) zugewandt, so stellt er sich in seiner letzten graBen metapsycholo- gtschen Schrift »Das Ich und das Es~ (1923b) wieder die Frage nach der Anatomie der Seele. Freud hat im Übergang zum Strukturmodell, der sog. »Zweiten Topik~. den psychischen Apparat nicht mehr nach den Bewu.Bt- seinsqualitaten (unbewuBt, vorbewuBt, bewufit) beschrieben, son- dern thn nac_!l dynamischen Organisationskernen eingeteilt, die er lch, Es und Uber-Ich nannte. Das Ich war also nicht mehr mit den bewuBten oder vorbewuBten Vorstellungen allein verbunden, son- dern es wurde als Instanz bestimmt, die in allen drei Bereichen der ersten Topik angesiedelt war. Freud verla.Bt damit die bewuBtseins- psychologtsch gepragte Vorstellungswelt seiner frühen Schriften und wendet sich einer neuen, vitalistischeren Terminologie zu. In »Jenseits des Lustprinzips~ werden der Wiederholungszwang und der Todestrieb als eigene Funktionsprinzipien des psycWschen Ge- schehens der Libidotheorie gegenübergestellt. Es würde zu weit führen, den Weg dieser Theorie-Umbildung im einzelnen nachzuzeichnen oder die Konsequenzen ausführlich darztùegen; teh will hier nur auf den sprachtheoretischen Aspekt eingehen.

Das lch und das Es

Freud geht in dieser Schrift auf Sprache nur am Rande ein, und das, was er sagt, scheint dem Bisherigen erstaunlich wenig Wnzu- zufügen. Er rekurriert wieder auf die Wortvorstellungen, die Vor- bewu13tse1n ermoglichen und betont, ja unterstreicht noch eirunal die enge Beziehung zu den akustischen Sinneseindrücken (den Wortklangbildern). Uber die Verbindung mit diesen Spuren akusti- scher Sinneseindrücke gelangt das Denken in Worten zu BewuBt- sein. Bewul3tsein, dabei bleibt Freud strenger denn je, ist mit Wahrnehrnung verbunden, und da ihn die Einführung des »lch« als einer dynamischen Instanz dazu zwingt. auch unbewuBte Vorstel- lungen anzunehmen, muB er herleiten, wie diese bewu13t werden konnen.

~Die Rolle der Wortvorstellungen wird nun vollends klar. Durch ihre Vermittlung werden die inneren Denkvorgange zu Wahrnehmungen ·gemacht. Es ist, als soUte der Satz erwiesen werden: Alles Wissen stammt aus der auBeren Wahr- nehmung~ (Freud 1923b: 251 ).

Dennoch verdankt sich meiner Meinung nach der Rückgriff auf die alte Formulierung eher Freuds Wunsch nach Kontinuitat als einer tatsâchlichen Unveranderlichkeit seiner Auffassung über die Spra- che. Gerade an den Bruchstellen seines Denkens pfl.egte Freud auf

48

Begrifflichkeit und Metaphorik der früheren, mit VorUebe sogar der frühesten Theoriestufen zurückzugreifen. Dieser Tanzschritt des Denkens ist es, der wie ein WeberscWffchen hin- und herfahrend die oft bemerkte Januskopfigkeit der Theorien Freuds bewirkt: die UnentscWedelÙleit 1hrer Begriffe, die sich immer naturwissen- schafilich und subjektwissenschaftlich lesen lassen. Auch 1m Fall der Zweiten Topik hat der Verweis auf die alte Theorie der Wortvor- stellungen diesen Charakter: zum einen verankert er den Diskurs in den :frühen neurophysiologtschen Modellen, zum anderen aber implantiert er die soziale Welt in e1nem bisher doch noch nicht da- gewesenen MaBe in den psychischen Apparat. Man darf nicht ver- gessen, da13 ja immerhin eine Revolution der Triebtheorie vorange- gangen war: in »Jenseits des Lustprinzips« (1920g) hatte Freud einen allgemeinen Triebdualismus zwischen Lebens- und Todes- trieb postuliert, entnommen aus der klinischen Beobachtung eines unabhangtg vom Lustprinzip wirksamen »Wiederholungszwangs«. In einer weit ausgreifenden evolutionsbiologtschen Argumentation erklart er die menschliche Psyche als zwischen zwei Naturtenden- zen ausgespannt: dem Drang aller organischen Materie, in den an- organischen Zustand zurückzukehren, und dem gegenlaufigen Trieb, sich mit anderen Organtsmen zu einem hoheren; vielzellige- ren Organismus zu vereinigen. Das lch bezieht seine Energie aus beiden Triebkomponenten. Vor dem Hintergrund dieser Triebspe- kulation mu13 es einen UnterscWed machen, wenn qua Wortvor- stellung die soziale Erfahrung ais Bewu13tsein in der Psyche vor- kommt: denn dieses Vorkommen ist ja schon 1m »Entwurf« Resultat eines intlmen, spezifischen Kontakts gewesen - teh habe ihn oben (Seite 44) das »Mi.Bverstandnis« genannt. In der vitalistischen Zwetten Topik wird also das Wort zum Statthalter der libidinosen Komponente des Ich - namlich der auf Vereinigung gerichteten. Man mag es ais einen Rückschritt betrachten, da13 Freud mit der neuen Libidotheorie die Sozialisation sozusagen in die Natur des Menschen begründet hat; die Offenheit des »Mi.Bverstandnis«- Konzeptes wird damit sozusagen biologisiert. Es ist aber nëtig, neben der manifesten Betonung des Biologischen die latente Starkung des Interaktionsmodells zu sehen; nur so kann z.B. verstandlich werden, welchen Sprung Freuds Diktion in einer kleinen, vielzitierten Arbeit aus derselben Epoche macht; in der »Notiz über den Wunderblock« setzt Freud die Schriftmetapher ein, um die Doppelnatur des biologtsch-sozialen Ich zu kennzeichnen.

Nottz über den Wunderblock

Nur sechs Seiten zahlt die kleine Schrift über den Wunderblock (Freud 1925a), doch hat sie es gerade in der sprachphilosopW- schen Diskussion zu gro13er Ehre gebracht. Freud beschreibt darin eines jener Schreibtatelchen, auf dem die Schrift sichtbar wird durch den Druck auf eine Zelluloid-Oberflache, der die darunter-

liegende Wachspapierschicht an das Zelluloid anheftet. Durch Hochheben der oberen Zelluloidschicht (bei den heute verkauften Geraten ist es eine Plastikfolie, die durch einen Schieber vom· Wachspapier getrennt wtrd), verschwindet die Schrift und der Wunderblock kann neu beschrieben werden. Würde man das Gerât jedoch zerlegen, so kônnte man die Schrift im Wachspapier ais fei- nen Abdruck wieder entdecken. Freud vergleicht diesen Apparat m:it seiner Theorie des Gedâchtnisses und des Bewu.Btseins. Wâh- rend das System W-Bw, das WahrnehmungsbewuBtsein, keine Dauerspuren aufnehmen kann, kônnen die Gedachtnisspuren der darunterliegenden Systeme ihrerseits kein Bewu13tsein erzeugen. In der Analogie des »Wunderblocks«: die Zelluloidfolie zeigt sicht- bare Schrift, nimmt sie aber nicht auf, die Wachsschicht hâlt sie fest, aber unsichtbar. »Die reizaufnehmende Schicht - das System W-Bw - bildet keine Dauerspuren, die Grundlagen der Erinnerung konunen in anderen, ansto13enden Systemen zustande« (Freud 1925a: 7). Freud führt die Analogie weiter: auch das Trennen von Zelluloidschicht und Wachsschicht, also das Lôschen der Schrift, 1st eine Funktion der Psyche:

~Ich habe angenommen, dafi Besetzungsinnervationen in raschen periodischen StoBen aus dem Jnneren in das vollig durchlassige System W-Bw geschickt und wieder zurückgezogen werden. Solange das System in besonderer Weise besetzt ist, empfangt es die von BewuBtsein begleiteten Wahrnehmungen und leitet die Erregung weiter in die unbewu13ten Erinnerungssysteme; sobald die Besetzung zurückgezogen wird, erlischt das Bewu13tsein und die Leistung des Systems ist sistiert. Es ist, ais ob das Unbewu13te mittels des Systems W-Bw der AuBenwelt Fühler entgegenstrecken würde, die rasch zurückgezogen werden, nachdem sie deren Erregungen verkostet haben. Ich lie13 also die Unterbrechungen, die beim Wunderblock von au&n ber geschehen. durch die Diskontinuitat der In- nervationsstromung zustande kommen, und an Stelle einer wirklichen Kontaktauthebung stand in meiner Annahme die periodisch eintretende Unerregbarkeit des Wahrnehmungssystems~ (Freud l925a: 8).

Das ist nun eine erstaunliche Wendung. Das Unbewui3te ist es also, das aktiv seine Fühler ausstreckt, um sich jene Schrift zuzu- fügen, deren Reflex in unserem Bewu13tsein nur kurz aufflackert und wieder verlôscht. Das Problem des »Entwurfs«, wie aus einem Refl.exwesen eine Psyche wird, tst nun radikal umgedeutet: die Psy- che 1st, so will es scheinen, von Anfang an da. In einer Arbeit mit dem Titel »Freud und der Schauplatz der Schrift« hat der Philosoph Jacques Derrida, eine der zentralen Fi- guren des Poststrukturalismus, diese kleine Schrift von Freud mit den philosophischen Problemen des »Entwurfs« verglichen, die ich oben (Kap. 2.1.2., Seite 42) bereits aufgezeigt habe. »Vom Entwur:f bis hin zur Notiz über den Wunderblock findet ein eigenartiger Fort- schritt statt: es entwickelt sich eine Problematik der Bahnung, die sich zunelunend nach einer Metaphorik der geschriebenen Spur zu richten beginnt« (Derrida 1966: 306). Er verfolgt diese Metaphorik durch das Werk Freuds. In steter Spannung mit der Suche nach

dem psychischen Apparat und seiner mechanistischen, aber nie aufgehenden Konstruktlon, berichtet sie über den Augenblick des Schreibens selbst. »Freud macht uns also die Schreibszene. Wie alle, die schreiben. Und w1e alle, die schre1ben konnen, hat er die Szene sich verdoppeln, sich wiederholen und sich selbst in der Szene bloBstellen lassen« (Derrida 1966: 348). An dieser Beobach- tung rekonstruiert Derrida sein Theorem der Dezentralisierung des Subjekts . Er fo1gt darin Freuds Bewegung: die Psyche, das Subjekt, das aus der Begegnung der Psyche mit der Welt erst entstehen mü13te, ist immer schon da, und gleichzeitig ist es nicht da: »Das »Subjekt« der Schrift existiert nicht, versteht man darunter trgend eine souverâne Einsamkeit des Schriftstellers. Das Subjekt der Schrift ist ein System der Beziehungen zwischen den Schichten:

des Wunderblocks, des Psychischen, der Gesellschaft, der Welt. lm Innem dieser Szene ist die punktuelle Einfachheit des klass1schen Subjekts unauffindbar« (Derrida 1966: 344 f.).

Sprache tm Instanzenmodell

Freuds »biologische Wende«, in der er das quantitativ-psycho1ogi- sche Prob1em der Menschwerdung (wie es der »Entwurf« formuliert) durch ein zur Differenzierung drangendes Es ersetzt, hat ihn also wieder in den Stand versetzt, eine ForrnuUerung des »psychischen Apparats« anzustreben. Nur: dieser Apparat ist jetzt, das erweist Derridas Untersuchung, offen metaphorisch (wâhrend er zu Zeiten des »Entwurfs« verdeckt metaphorisch war). Der »Bio1oge der Seele« (Sulloway 1979) rekonstruiert die Entwicklung der Psyche aus e1 - nem unbewuBten Subjekt heraus. Derrida verdanken w1r den Nachweis, da13 dieses Subjekt aber ein in ein offenes System de- zentriertes Subjekt ist. Sein »psychischer Apparat« besteht auch in seinen vorgeblich »mechanischen« Teilen aus Sprache. Der Unter- schied zwischen Maschine und Sprache (Derrida nennt ihn den Unterschied zw1schen Kraft und Sinn) verschwindet. Nach diesen Überlegungen wtrd es nicht wunder nehmen zu horen, daB im Gegensatz zu Freuds manifester Beschrânkung der Sprachfunktion auf die bewuBten !chantelle, auch die übrigen In- stanzen als sprachformig betrachtet werden konnen. Gauger (1979) vergleicht die Eigenschaften der Freudschen Instanzen mit den Eigenschaften der natürlichen Sprache. Aus dieser Sicht stellt er die Sprachfunktionen im Instanzenmodell zu- sanunen:

Sprachfunktionen im Instanzenrnodell (nach Gauger 1979)

lch

Es

Über-Ich

Reflexivitat

vorsprachlich

normativ

Intentionalitat

archaisch

Ideal

Wurzel von sprachlichen Aspekten wie Metapher, Metonymie, Motivie- rung

Erwerb durch

Identiflzierung

lm einzelnen findet er in den Instanzen folgende Eigenschaften der Sprache bzw. Analogten und Parallelen.

Ich

Das Ich enthal.t nach Freud ebenso wie die Sprache bewuf3tseins- fâhige Vorstellungen, nfunlich die »Sach- und Wortvorstellungen«. Sprache ist an bewuBte psychische Ablaufe gebunden, und sie zeichnet sich wie diese durch die Eigenschaften der Reflexivitât und Intentionalitat aus. Âhnlich wie Saussure identifiziert Freud das Wort mit dem Lautbild; doch geht er über Saussure hinaus, werm er ihm au13erdem die Sachbesetzung als einen offenen Asso- ziationskomplex mit visuellen Inhalten zuschreibt.

Über-Ich

Gauger stellt bemerkenswerte Analogten zwischen Sprache und Über-lch fest: Beide werden durch Identifizierung erworben. ~eide sind mit der Entstehung von Normen verbunden. Für das Uber- Ich, also die Verinnerlichung der verbietenden und idealisierten Elternfiguren ist das selbstverstandlich. Doch gilt es auch für die Sprache: schon das Sprecheruernen ist ein Anpassungsvorgang, der sich mit der Einübung der Hochsprache und ihrer Reflexion wiederholt und vertieft. Wie schon erwâhnt, ist das zweite Moment der Über-Ich-Bildung die Idealisierung, und auch diese findet sich beim Spracherwerb wieder: Sprache begegnet uns wie ein überlie- ferter Schatz, lnbegriff unserer ererbten Kultur, der wtr uns beu- gen, die wir aber auch verinnerlichen und die unsere Identitat stiftet. Dieser Zusammenhang wird nach Gauger besonders deut- lich an der »mutterspraclùichen Tauschung«, nâmlich der subjekti- ven Überzeugung, »daB Klange, Worter und Formen der eigenen Sprache ais besonders schon, reich, angemessen erscheinen«. Diese empirisch zu beobachtende Überzeugung s~~ht in einer deutlichen Parallele zur ichstarkenden Funktion des Uber-Ichs: »es gtbt dem Sprechenden auch sprachlich »Au13enhalt« und damit eine zwar trrationale, aber doch notwendige Sicherheit: sprachliches Urvertrauen« (Gauger 1979: 69). Auch Walsh (1971) betont die

Sprachlichkeit des Über-Ich, wobei er für die Entwicklung des Über- Ich eher die prâëdipale auditiv organisierte :.Ordinalsprache~ als die visuell kodierte Sprache des spâteren Lebens für wirksam hâlt.

Es

Auch in der Es-Instanz sieht Gauger Etgenschaften der Sprache. Zwar ist das Es zunâchst von Freud als ein wortloser Bereich kon- zipiert; doch nicht als ein sprachloser. Die Ausdrucksweise des Es ist der Primârvorgang; er kann nicht im eigentlichen Sinn als Sprache betrachtet werden, doch wirkt er in die Sprachbildung hinein. Freud führt das in der »Traumdeutung« aus. Die Traumar- beit erbringt drei Leistungen: halluzinatorische Wunscherfüllung, Entstellung des Wunsches und sekundâre Bearbeitung. Insbesondere die Entstellung sie findet mit Hilfe der Mechanismen von Verdichtung, Verschiebung und Verbildlichung statt - weist starke Analogten zur Sprache auf. Die Verdichtung findet sich in allen Polysemien. Auch die Verschiebung tst Teil des sprachlichen Funktionierens. Gauger nennt als Beispiel ein Kind, »das bei Tisch den Wunsch nach einem zusâtzlichen Würstchen durch die Mitteilung zum Ausdruck bringt: Ich hab noch Senj« (Gauger 1979: 72). Auch die Verbildlichung ist eine Funktion der natürlichen Sprache; sie findet sich in bildlichen Redensarten und im Wôrtlichnelunen von sprachlichen Bildern bis hin zum Kalauer.

Gauger analysiert eine Reihe von Traumbeispielen und kommt zu dem SchluB.

daB

»Sekundarsprache~ - der natürlichen Sprache - in folgenden Punkte n un ter- scheidet: Die Sprache verfügt im Gegensatz zum Traum nicht nur über ein Vo- kabular, sondern auch über eine Syntax. Insbesondere fehlen der Primarsprache die Iogischen Partikel, wie »nein«, »und «, »>der«, »weil «, »alSO« usw. Die Zeichen des Primârprozesses sind visuell, die der Sprache hingegen akustisch . Sie sind eng auf ein »Bezeichnetes~. einen Gegenstand bezogen, wahrend im PrimârprozeB die subjetive Motivation dominiert. Die Zeichen der Sprache sind Lnstrumentell und der bewuBte Unterschied zwischen Wort und gemeintem Ding tritt hinzu. Auch wird die Synonymie in der Sekundarsprache stark reduziert; damit wird die Zahl der »erreichbaren Signiflkata~. also das, worüber gesproche n werden kann, theoretisch unbegrenzt. Es entsteht als der entscheidende Unterschied zum Primarprozef3 die »unbegrenzte Dtsponibilitat« der Sprache. Trotz dieser Ditferenzen »sind eine Reihe von Zügen der Ausdrucksweise des Es auch für die Sekundarsprache kennzeichnend: sie bleiben in ihr erhalten , werden aus ihr nicht schlechthin eliminiert~ (Gauger 1979: 75). So bleibt die Motivation im Lexikon trotz starker Arbitrarisierung wirksam. Die Synonymie behâlt eine gro13e Bedeutung, obwohl sie e igentlich dem Sekundarprozef3 widerspricht. Auch Metaphorik und Metonymie bleiben erhalten, wenn auch nicht mehr als regierende Prinzipien. Selbst die Abwesenheit logischer Partt kel ist Ln manchen Gebieten der Sprache noch zu beobachten: So kann e i n Wort wie Tag einerseits das Gegenteil von <Nacht>, andererseits den Zeitraum von 24 Stunden, also unter ELnschluB der Nacht, bedeuten. Schlief3lich findet sich d ie Opakisterung, also das »Hangenbleiben am Stgnifikanten«, in der natürllchen

der

sich

die

Ausdrucksweise

des

Primârprozesses

von

der

Struktur

Sprache

.JX>etischen Sprechen.

wieder,

und

zwar

im

Wortwitz,

im

Wortspiel

und

natürlich

im

2.1.6. Freuds Wendung zur Ich-Psychologie

Mit verânderten Koordinaten (die Evolutlonsbiologte hat das quan- titative Modell ersetzt) gtng Freud erneut an die Konstruktion sei- nes »psychischen Apparats«. Das Ich war nun aufgewertet, mit ei- gener Energte ausgestattet. An ctie Stelle des Triebmechanismus war ein Es getreten, das archaische, ererbte Strukturen aufwies. unter anderem die »aus der Kôrperorganisation stammenden Triebe« (Freud l940a: 68). Sie machen aber nicht das Es aus, son- dern sind in ihm »reprâsentiert«; Freud bezeiclmete sie erkenntniskritisch als »die Krafte, die wir hinter den Bedürfnis- spannungen des Es annehmen« (ebd.: 70). Diese Bedürfnisspan- nungen selbst sind nicht von den imperativen Kôrperbedürfnissen linear abhangtg, sondern vertreten sozusagen hôhere Ziele, nfun- lich die Rückkehr des Lebens ins Anorgantsche (Todestrieb) und die Schaffung immer komplexerer Lebenseinheiten (Eros). Freud setzte Sexualitat in diesem erweiterten Sinne geradezu den vitalen Bedürfnissen des K6rpers gegenüber: »Frühzeitig zeigt sich im hartnackig festgehaltenen Lutschen des Kindes ein Befriedigungsbedürfnis, das - obwohl von der Nahrungsaufnahme ausgehend und von ihr angeregt - doch unabhangig von Ernah- rung nach Lustgewinn strebt und darum sexuell genannt werden darf und soli« (ebd.: 76). Durch die Zweiteilung der Triebe war das Ich sozusagen biologtsch verankert, und das ennôglichte Freud, ihm nun weitere aktive Funktionen zuzuschreiben. Für die Sprachtheorie hatte das die Folge, daB auch die Spra- che tiefer in den psychischen Apparat eindrang. Mit Freuds Wen- dung zur Ich-Psychologte wurde die Gegenüberstellung der spraclùichen lchanteile mit den unbewuBt-nichtsprachlichen relativiert. lm »AbriB der Psychoanalyse« (l940a) revidiert Freud seine These, nur das Vorbewu13te kônne verbal sein. Er hillt zwar an dem in der »Traumdeutung« erstmals genannten Modell fest, daB die Wahrnehmung zunâchst das einzig BewuBte sei, und daB die Vorstellungen »im Inneren des Ich« erst durch die Verbindung mit einem Sprachzeichen bewuBt werden kônnen, das die Ich-In- halte mit visuellen und vor allem akustischen Wahrnehmungsspu- ren in feste Verbindung bringt. Er stellt jedoch fest, daB es auch sprachlich organtsierte Ichvorgange gtbt, die unbewuBt bleiben (ebd.: 83 ff).

,.Das Innere des lchs, das vor allem Denkvorgânge umfaJ3t, hat die Qualitat des Vorbewu13ten. Diese ist für das lch charakteristisch, kommt ibm allein zu. Es ware aber nicht richtig, die Verbindung mit den Erinnerungsresten der Sprache zur Bedingung für den vorbewu13ten Zustand zu machen, dieser ist vielmehr

unabhli.ngig davon, wenngleich die Sprachbedingung einen sicheren Schlufi auf die vorbewuBte Natur des Vorganges gestattet. Der vorbewuBte Zustand, einerseits durch seinen Zugang zum Bewu13tsein, andererseits durch seine Verknüpfung mit den Sprachresten ausgezeichnet, ist doch etwas besonderes, dessen Natur durch diese beiden Charaktere nicht erschôpft ist. Der Beweis hierfür ist. daB groJ3e Anteile des Ichs, vor allem des Über-Ichs, dem man den Charakter des VorbewuBten nicht bestreiten kann, doch zumeist unbewuBt 1m phanomenologischen Sinne bleiben~ (Freud ebd.: 84 O.

2.2. lch-Psychologie nach Freud

Obwolù die psychoanalytische Ich-Psycholog.te in der Nachfolge Freuds graBen Wert auf die kognitiven Funktionen legte, kam das Thema der Sprachentwicklung nur zôgernd in die Diskussion. Man kann die Bewegung der amerikanischen lch-Psychologie mit ihren vielfàltigen Anknüpfungsversuchen an Konzepte der akademischen Psycholog.te und Medizin, werm man will, mit dem Anpassung~druck auf die emigrierten Analytiker im Amerika der McCarthy-Ara in Zusammenhang bringen. Sie ist aber sicher nicht nur durch ein solches wissenschaftshistorisches Argument zu er- klaren. Tatsâchlich war auBerhalb der Psychoanalyse die philoso- phische Diskussion weitergegangen und die psycholog.tsche For- schung im Bereich der Lern- und Kognitionstheorte war im Auf- schwung. Die Psychoanalyse als psycholog:tsche Theorie drohte ins Abseits zu geraten. In dieser Situation schienen Ansâtze der Ich- Psychologie, die bereits von Freud vorgezeichnet und von Autoren wie Nunberg (1930) fortgeführt worden waren, eine Môglichkeit zur interdisziplinaren Integration zu bieten, die in einer Reihe groBan- gelegter und theoretisch sehr differenzierter Modelle ausgeführt wurde. DaB dabei psychoanalytische Begriffe wie das UnbewuBte oder gardas Es eher in den Hintergrund traten. muB man der lch- Psychologte nicht unbedingt zum Vorwurf machen: schlieBlich ist es eine Folge ihrer Konzentration auf die bewuBtseinsnâheren Synthetisierungsprozesse (Kutter 1974). Die Ich-Psycholog.te ist in den USA der fünfztger bis stebziger Jahre die herrschende psychoanalytische Denkrichtung gewesen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, daB sich auch eine Reihe von Theoretikern, die sich mit Sprache und Sprachentwicklung be- schâftigt haben, in dieser Gruppe finden. Eher verwunderlich ist es, da13 die Sprache als Brücke zwischen sozialen Strukturen und »konfl1ktfrelen~ Ich-Funktionen nicht von vornherein in die ich- psychologtsche Diskussion kam, sondern erst langsam mit der zu- nehmenden Rezeption auch psycholinguistischer Konzepte. Die frühe lch-Psychologte war eher am Brückenschlag zu behaviortsti- schen Modellen interessiert. Erst als die »mentalistische« Kognitive Psychologie und Psycholingutstik in den Vordergrund traten, wurde auf Kongressen die Forderung nach einer Integration der Lingutstik erhoben.

Shapiro (1979) fonnuliert das Interesse, das die analytlschen Ich-Psychologen zUT Psycholinguistik führte, im Rückblick so:

»Dieses spezielle Wissensgebiet zog uns an, weil es keinen physio- 1ogtschen oder chernischen Reduktionismus erlaubt. Vielmehr handelt es sich um eine Disziplin, die mentalistische Hypothesen formuliert«. Erstaunlich ist, daB trotz der Neigung der psycho- analytischen !ch-Psychologie ZUT »mentalistischen« Kognitionstheo- rie doch keine explizite Sprachtheorie vorgelegt wurde. Die Vor- stôBe von Atkin (1969), Rosen (1969), Edelheit 1969b, 1980) u.a. liefen mehr oder weniger darauf hinaus, die Psychoanalytiker mit dem Fortschritt der Ltngustlk vertraut zu machen. Eine bedeutsame Ausnahme von dieser zunâchst eher rezeptl- ven Haltung der frühen Ich-Psychologen machen einige Arbeiten von René Spitz, der aus der Beobachtung von Kleinkindern direkte Schlüsse auf die Sprachentwicklung zog. Seine Arbeit über die Entwicklung der Negation soli weiter unten ausführlicher vorge- stellt werden (s. unten Seite 64 und 197).

Das angeborene Ich: !ch-Psychologie ohne Sprachtheorie?

Obwohl die wichtigsten Autoren der amerikanischen Ich-Psycholo- gte sich in vielen Punkten bemühten, eine Vermittlung psychoana- lytischer Begriffe und Theorien zu den Nachbarwissenschaften her- zustellen, scheint es zunâchst doch wenig Berührung mit der zeit- genôssischen Linguistik und Sprachphilosophie gegeben zu haben. So weist z.B. der Sprachbegriff, von dem George Klein in seiner Ar- bett über die auditive Rückkopplung beim Sprechen (s. unten Seite 135) ausgeht, weit zUTück in die Freudsche Metapsycho1ogte des »Entwurfs«. In dieser umfangreichen Studie geht Klein nicht auf den Verstandigungsaspekt der Sprache ein. Er beruft sich auf die Metapsychologte des »Entwurfs«: »Ziemlich unabhangtg von den verbalen Verbindungen, die er schafft, tst der Vokalapparat als motorische Struktur von Anfang an ein Abfuhrkanal« (Klein 1965:

94). Er stellt den »Entwurf« ausführlich dar - allerdings ohne dabei die intentionale Wendung, die teh oben (Seite 44) bereits als ihren Kernpunkt diskutiert habe, zu erwâhnen. Ibn interessiert die intrapsychische Dimension: durch elie Verbindung von LautâuBe- rungen und Wortvorstellungen, so versteht er Freud, wird ein Ersatz-Abfuhrweg geschaffen, und damit die vom SekundârprozeB gesteuerte Realitâtsprüfung ermôglicht (Klein 1965: 93 ff). So erstaunlich diese konservative Auffassung bei einer so dringend der Moderne verpllichteten Fortentwicklung der Psycho- analyse anmuten mag, so wenig verfehlt sie doch deren philosophi- schen Kern. Die Ich-Psychologte trat mit dem erklârten Ziel an, die Psychoanalyse von ihrem Triebmodell zu emanzipieren und sie mit den Ergebnissen der akadernischen Psychologie, tnsbesondere der Lerntheorie und der Sozialpsychologte zu verbinden. Die Arbeit von

G.S. Klein ist ein gutes Beispiel dafiir: sie ist mit den kognitions- psychologischen Ansatzen zur AuBerungskontrolle und zum Mo- nitoring (vgl. Fromkin 1973) kompatibler als mit der interaktionel- len Psychoanalyse. Die !ch-Psychologie impliziert tatsâchlich wei- tergehende Spekulationen über die angeborene seelische Ausstat- tung des Menschen als die klassische Psychoanalyse. In einer Rethe von sozialwtssenschaftlichen und psychoanalytischen Kriti- ken (Adorno 1955, Apfelbaum 1962, Heinz 1974, vgl. Kutter 1974) ist diese gegenlâufige Bewegung herausgearbettet worden. Das Ar- gument, das Ich sei eben mehr als nur das Produkt eines inner- psychischen Konflikts, es sei auch adaptiven Prozessen unterwor- fen, führte sclmell zum Postulat »angeborener Ich-Apparate«. Die Denkrichtung der lch-Psychologte bewegt sich zentral um eine Re- konstruktion der Psyche als etnes adaptlven Apparats, nicht so sehr um ihre dialektische, konllikthafte Struktur. Das hat auch Auswirkungen auf das gesellschaftskritische Potential: wâhrend die Triebtheorie die lch-Bildung noch als Unterwerfung unter ex- terne, der Psyche zunachst fremde Interaktionsformen beschreiben karm, mu13 die Ich-Psychologte davon ausgehen, daB die Interakti- onsformen teilweise angeboren sind. Wollte man die unterscWedli- che Akzentsetzung pointieren, so konnte man sagen: Aus der Sicht der Triebtheorie ist das Ich das Restùtat eines schmerzhaften Zu- sammenpralls zwtschen der Natur des Menschen und den gesell- schaftlichen Joch, in das sie gezwungen wird. Aus der Sicht der !ch-Psychologie ist das Ich derjenige Teil der Psyche, der sich auf- grund seiner angeborenen Eigenschaften dazu eignet, soziale An- passungsleistungen zu vollbringen. Die Ich-Psychologte muBte sich aufgrund dieser Sichtweise vorwerfen lassen, sie sehe die gegen- wartige Gesellschaft harmonisierend als eine der Natur des Men- schen entsprechende »beste aller moglichen Welten«.

2.2.1.

Denken

Fragt man die zentralen Theoretiker der frühen !ch-Psychologie nach ihrer Sprachtheorie, so kann man sich der Mühe nicht ent- ziehen, die Theorie der Sprache aus den Implikationen in ihren groBen Abhandlungen über ein anderes, wenngleich verwandtes Gebiet der geistigen Tatigkeit herauszulesen. Die Ich-Funktion, mit der sie sich vor allern und mit groBer Prâzision befaBten, war das Denken. Das begtnnt schon mit einem Vorlaufer, namlich Herr- mann Nunberg, der im Jahre 1929 in Oxford einen KongreBvortrag hielt, in dern er vorschlug, das Ich nicht nur als passive Resultante des Zusammenpralls zwischen Trieb und Realitat zu betrachten, sondern seine eigene, aktive Rolle zu studieren. Nunberg nann.te diese Rolle die »Synthetische lch-Funktion«. Er sah in ihr eine Analogie zum Eros, dem Es-Trieb. der »zum Verbinden strebt«, und hielt auch ihre Abstammung von diesem

angeborenen Trieb für wahrscheinlich. Bei einer ganzen Reihe psy- cWscher Funktionen schien thrn das Wirken der harmontsieren- den, verbindenden, aktiv nach Konfltktlôsung suchenden syntheti- schen lch-Funktlon auf der Hand zu liegen - unter anderem auch bei drei Kardinaloperationen des Denkens. So führt er zunachst das Kausaldenken Uedenfalls seinen psychologtschen Aspekt) auf ein »Kausalitâtsbedürfnis« zurück, das sich direkt aus dem Eros ergtbt. »Der Zwang des Menschen nach der etgentlichen Ursache der Erscheinungswelt zu forschen, das Bedüifnis nach Kausalitéit, ware daher der sublimierte Ausdruck des Fortpflanzungstriebes des Eros. Was also im Es als Tendenz auftritt, zwei Wesen zu verei- ntgen und zu binden, manifestiert sich 1m Ich gleichfalls als Ten- denz, zu vereintgen und zu binden, aber ntcht Objekte, sondern Gedanken, Vorstellungen und Erlebntsse«: (Nunberg 1930: 305). Diese Wurzel des Kausalitâtsbedürfntsses (das Nunberg ausdrück- lich vom Kausalitâtsprinzip der Philosophen abhebt) manifestiert sich ip. der verbreiteten Neigung. Ursachen zu personifizieren. Uber das kausale Denken Wnaus gtlt ihm ganz allgemein der Vorgang der Begr!ffsbtldung, ja der Erfassung von Zusammenhân- gen überhaupt als synthetischer Akt des Ich (ebd.: 314), und auch die Tendenz des Ich zur Verallgemetnerung und Vereinfachung wird als ein Effekt der synthetischen lch-Funktion gesehen. Der Begrtff der synthetischen Ich-Funktion ist ntcht nur als eine erste Formu- lierung der psychoanalytischen Ich-Psychologte anzusehen, er nimmt auch ein wichtiges Konzept der Selbst-Psychologie von Heinz Kohut vorweg: Nunberg sieht nfu:n)jch in der verbindenden, »synthetischen« Ich-Funktion grundsatzlich jenes Agens, das die Einheit der Personlichkeit garantiert, und betrachtet die genannten kogntttven Operationen als eine Folge dieser vom Ich gestifteten Kohâsion. Heinz Hartmann formulierte in seiner Schrift über »lch- Psychologie und Anpassungsmechanismen« (1939) das Programm der Ich-Psychologte. Er spricht darin zwar ausführlich und detailliert über die »angeborenen Ich-Apparate«: und deren kon- fliktfreie Entwicklung, wobei er eine Linte der Kontinuitât von den biologtschen zu den sozialen Anpassungsmechanismen zieht, doch erwâhnt er Sprache als eine der hervorstechendsten konfliktfreien Ich-Leistungen nur ganz am Rand. Auch ilun ist vielmehr die Theorie des Denkens ein zentrales Anliegen. Er betrachtet das Denken als vornehmsten Vertreter je- ner kognttlven »Innenwelt«, die das Subjekt einerseits von der un- mittelbaren Wahrnehmung unabhangtg macht, und es anderer- seits in den Stand setzt, mit den Gegebenheiten der AuBenwelt ad- âquat umzugehen. Insofern besitzt das Denken einen biologischen »Anpassungswert«. Hartmann betont diesen Umstand, grenzt sich jedoch von psychologischen Theorien ab, die das Denken überbe- werten und von einem Modell des »animal rationale4( ausgehen. Er stellt fest. da13 das Denken eine Ich-Funktlon unter anderen sei,

die in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Abwehr, der Affekte etc. gesehen werden mu13. Ihren Anpassungswert kann die- se lch-Funktlon auch nur dann entfalten, wenn sie nicht die Psy- che tyranntsch dominiert, sondern in optimalem Ausgleich mit an- deren reifen lch-Funktionen arbeitet. Hartmann wendet sich gegen

das ldealbild vom »totalrationalisierten Menschen~. dessen Handeln allein einem Zweck-Mittel-Denken gehorcht: »Die Erfahrung lehrt, daB der gesunde und daB auch der analysierte Mensch ganz an-

ders aussieht ais jenes »Idealbild«. (

Struktur des lchs entscheiden darüber, wo das Anpassungsopti- mum des Zweck-Mittel-Denkens zu suchen tst« (Hartmann 1939:

59). Hartmann hebt zwar die rationale, konfliktfreie Ich-Sphâre hervor, doch schrankt er ein: »Werm wir von einem »Primat des In- tellekts~ sprechen, so meinen wir damit einen »Primat der Steue- rung durch den Intellekt«, damit soli gesagt sein, daB unter den Steuerungsfaktoren des lchs allerdings der ratio der erste P1atz eingeraumt werden muB, wâhrend die Vorstellung, alle psychi- schen Faktoren konnten und sollten durch den Intellekt ersetzt werden, vermieden wird (ebd.: 61). Auch David Rapaport (1950, 1951a,b, 1967) hat eine teh- psychologische Theorie des Denkens entwickelt, die eine Sprachtheorie impliziert. Er geht dabei weitgehend von einem assoziationspsychologtsch verstandenen Freud aus. Wolff (1967) führt dazu folgendes aus: »Das psychoanalytische Grundmodell des Denkens besagt zunachst, daB alle Ereigntsse (vornehmlich alle Sinneseindrücke und die ihnen assoziierten motorischen Handlungen), die zeitlich zu Bedingungen erhohter Triebspannung und Spannungsreduktion in Beziehung stehen, im Gedachtnis ais zusammengehortg regtstriert werden. lm Rahmen einer trieb- maBigen Organisation der Erinnerungen werden alle auf einen Trieb bezogenen Befriedtgungsmomente ais aquivaiente Repra- sentanten dieses Triebes erfahren. Ihre Bedeutung und ihr Wert werden durch die biologtsche Koordination zwischen Trieb- sparmung und Objekten, die eine Erniedrtgung der Triebspannung bewirken konnen, bestimmt. Werm im Anschlu13 an eine voraus- gehende Befriedigungserfahrung die Triebspannung wâchst, eine Befriedigung aber nicht moglich ist, so karm die Triebspannung dazu verwendet werden, die Gedachtnisspuren der früheren Befriedtgung zu aktivieren, und das Kind wird die vorherige Befriedigungssituation halluzinieren. Diese halluzlnatorlsche Wunscher:füllung ist der Vorlaufer des wirklichen Denkens und gibt das eilûachste psychoanalytische Modell der Bildung von Vorstel- 1ungen ab.< (Wolff 1967: 860). Wolff kritisiert an diesem Ansatz, daB er im Innerpsychischen verbleibt und nicht erklâren kann, wie ein K.ind auf diese Weise schlie13lich Erfahrungen macht und sie auch durch erneute Erfah- rungen modifiziert. Dies ist jene Kritik, die schon Freud selbst an seinen Konstruktionsversuchen des psychischen Apparats immer

) Die Reife, die Stârke, die

wieder angebracht hatte, und auf die ich bereits eingegangen bin (vgl. Kap. 2.1, Seite 34). Darüber hinaus bemangelt Wolff, daB die assoziationistische Begründung der Entwicklung des Denkens und der Sprache - hier greift er auf Freud zurück, der Denken und Sprechen ja in enge Verbindung gestellt hatte - an der kindlichen Entwicklung vorbeizielt. Vorstellungen und Begriffe bilden sich nicht einfach als Abbild von Reizereigntssen, sondern werden von der Psyche aufgrund eines aktiven Selektionsprozesses konstrutert; und zwar von einer Psyche, deren Regeln nicht mit denen des er- wachsenen Denkens vergleichbar sind. Woher bezieht das K1nd die Kriterien, nach denen es seine Erfahrungen selektiert? Sind es an- geborene Symbole? Obschon manche Psychoanalytlker zu dieser Auffassung neigten (Freud übrigens nur wenige Jahre lang und nach ihm- auf ganz verschiedene Weise- C. G. Jung und Melanie Klein), lehnt Wolff diesen Ausweg jedoch ab. Er fordert eine Er- weiterung der psychoanalytischen Theorie des Spracherwerbs, die weder auf einem passiven Assoziationsmodell noch auf angebore- nen Schemata beruhen sollte. Um eine solche Neuformulierung der psychoanalytischen Theorie der Sprachentwicklung voranzutreiben, prüft Wolff zu- nachst den Ansatz von Piaget, der uns weiter unten noch ausführ- licher beschâftigen soll (s. Seite 108). An Piagets Theorie der sensomotorischen Entwicklung erscheint ihm für eine Psychoana- lyse der Sprachentwicklung zum einen der Bezug auf die Assiinila- tion wichtig, zum anderen die Verankerung der Schemata 1m praktischen Handeln. Damit ist zum einen eine primârprozeBhafte Logik, âhnlich der psychoanalytischen, in der Entwicklung des Denkens und Sprechens postuliert, zum anderen wird sie aber nicht auf angeborene kognttive Strukturen zurückgeführt, sondern aus sinnlichen Interaktionen hergeleitet. Wolff sieht in Eriksons epigenetischer Theorie der psychoso- zialen Entwicklung eine Môglichkeit, die Kluft zwischen der klas- sisch-psychoanalytischen Theorie der Symbolbildung und der ko- gnitiven Entwicklungspsychologte Ptagets zu schlieBen.

Organmodalltdten (Erlkson)

Auch hier stehen w1r vor der eigenartigen Situation, daB ein zen- traler Autor der psychoanalytischen lch-Psychologie sich zwar im- plizit, aber eben nicht ausdrücklich zur Sprachentwicklung auBert. Dennoch ist - durch die Rolle, die es in dem Ansatz von Wolff (1967) spielt - Eriksons Konzept der Organmodalitaten für die Psy- choanalyse der sprachlichen Sozialisation wichtig genug, um in diesem Abschnitt vorgestellt zu werden. Vor allem, weil es ein in- haltlich bestimmtes Ausgangs-Tableau für die kognttive Entwick- lung bietet, das über Piaget hinausgeht. Für Piaget stand die angeborene Reflexausstattung des Kindes am Anfang der sensomotrischen Entwicklung. Von psychoanalyti-

scher Seite hat Erikson in seinem Buch »Kindheit und Gesell- schaft« ein differenziertes Grundschema der Triebmodi entwickelt, das ebenso für eine Theorie des Denkens wie der Sprachentwick- lung herangezogen werden kann.

Erikson (1950) unterscheidet drei entsprechend der funktionellen Neurologie abgegrenzte Kôrperzonen: die oral-sensortsche Zone (Gesichtsôtfnungen und oberer Verdauungstrakt), die anale Zone (Ausscheidungsorgane) und die

Genitalien.

Entsprechend den Kôrperzonen identifiziert Erikson folgende Mcxli: Den ersten Etnverletbungsmodus: Saugen und Schlucken, Bekommen im passiven Sinne, d.h. Nehmen was gegeben wird~.

Den zweiten oder sekunddren Einverletbungsmodus: Bei13en (Auf-, Durch- und

Abbei&n). Aktives Nehmen durch Unterscheiden und Erfassen. Der Übergang in diesen Modus ist von einer Uefgreifenden kôrperlichen und sozialen Erfahrung begleitet: Mit dem Zahnen ist zum einen die paradiesische Lustempfindung des Saugens durch einen Schmerz an der selben Stelle gestôrt; zum anderen markiert das Zahnen auch eine erste Ablôsung von der Mutter. Der Stillvorgang mu13 umstrukturiert werden bzw. wird beendet. Mutter und Kind beginnen, sich voneinander zu lôsen. Dieser Übergang wird im Mythes der Vertreibung aus dem Paradies formuliert, ,.wo die ersten Menschen für immer das Recht verwirkten, mühelos zu nehmen. Sie bissen in den verbotenen Apfel und erzürnten Gott~ (Erikson 1950: 73). Den retentiv/ellminierenden Modus: Mit der Ausbildung des Muskelsystems

und dem bewul3teren Wohlgefühl der Entleerung wird ~er Dimension der ergreifenden Aneignung diejenige der freiwilligen Hergabe, des Fallerùassens und Wegwerfens hinzugefügt~ (ebd.: 75). Der Wechsel von willentlichem Zurückhalten und AusstoJ3en entsteht. Die Abgrenzung von ,.fch« und ,.ou~ wird wichtig, der eigene Wille spürbar.

Gegen Ende des dritten

Lebensjahres ist das Gehen selbstverstandlicher Teil der Fortbewegung geworden, Mittel zum Zweck. Das Kind entdeckt seine Geschlechtsrolle und gezieltes Interesse an den Genitalien. Es entwickelt Kontakt mit Altersgenossen. Das Eindringen als Modus spiegelt sich auf allen Ebenen: ais kôrperlicher Angrifi, aggressives Reden, Angst vor Verschlungenwerden. Erikson beschreibt den umschlie.Benden Modus am Beispiel typischer Madchenspiele wie Kinderhüten etc. lm Falle einer weniger gelungenen Integration kann er auch ais quengelndes Fordern auftreten. Der psychosexuelle Fortschritt des Madchens in

dieser Phase wird von Erikson ais partielle Rückkehr in den einverleibenden Modus gesehen. 14

Normalerweise domirriert der phasenadaquate Modus auch die Funktion der übrigen Zonen; je nach Temperament oder 1m Falle einer gestôrten Beziehung zur Mutter, sei es aufgrund eines Verlu- stes der inneren Steuerung beim K.ind oder durch dysfunktionelles Verhalten auf seiten der Mutter, kann auch ein anderer Modus überwiegen (so kann z.B. in der oralen Phase ein Pyloruspasmus dazu führen, daB das AusstoBen überwiegt; odet die Angst der Mutter, gebissen zu werden, kann dazu führen, daB der Saugling

Den

etndrlngenden

und

umschlüif3enden

Modus:

14 Diese Darstellung entspricht natürlich nicht mehr dem Stand der psycho- analytischen Forschung zur Entwicklung der Geschlechtsrollenidentitât (vgl. Mertens 1992); auch kleine Buben kônnen umschlie.Bende, Madchen eindringende Modi empfmden.

einen BeiBreflex entwickelt, also der sekundare einverleibende Mo- dus überwiegt). Wolff (1967: 888) sieht in Eriksons Theorie das entscheidende Verbindungsglied zwischen der klassischen psychoanalytischen Theorie und der Theorie Piagets. Jede Sprachentwicklungstheorte müsse sprachunabhangtge angeborene Strukturen postulieren, Uil1 den Spracherwerb zu ermoglichen. lm Zentrum der psychoanalytl- schen Theorie steht zwar die aktive Rolle des Organismus bei der Organisation von Erfahrung; andererseits hielt sie lange an einem. assoziationistlschen Modell der Sprachentwicklung fest. Deshalb sei es der Psychoanalyse auch ntcht gelungen, eine Theorie des Denkens und der Sprachentwicklung zu formulieren. lm Gegensatz zur Psychoanalyse formuliert Piaget angeborene reflektorische Handlungsmuster und rekonstruiert auf dieser Basis die Intelli- genzentwicklung. Freilich sind Piagets Ergebnisse auf experimen- tellen Studien aufgebaut, die von nicht-pathologtschen und nur schwach affektbesetzten Situationen ausgehen. lm Gegensatz dazu zwingt die klinische Erfahrung die Psychoanalyse dazu, affektlven Faktoren ein groBeres Gewicht beizumessen und von hierarchisch geordneten Motiven und Abwehrstrukturen auszugehen. Eriksons Theorie der Organmodalitaten erfüllt nach Wolff (1967) den Zweck. dem Modell Piagets analog zu sein und dennoch mit der psycho- analytischen Triebtheorie kompatibel zu sein. Bei genauerer Lek- türe von Wolffs Text scheint es jedoch, da.B er mehr Wert auf die Verbindung psychoanalytischer Vorstellungen mit den Beobach- tungen von Piaget legt als auf die »Brücke~ Erikson. Trotzdem erscheint Eriksons Modell - werm es auch durch neuere Ansatze der psychoanalytischen Entwicklungspsychologte erganzt und überholt ist (vgl. Mertens 1992, 1994) als M~_ilenstein in der Entwicklung der !ch-Psychologie. Er bildet einen Ubergang zur den Interaktionsmodellen, die tm übernachsten Abschnitt be- sprochen werden.

2.2.2. Klinische Theoriebildung

Die l'Gassiker der lch-Psychologte haben sich neben den Theorien des Denkens, die ich soeben angesprochen habe, mit der Sprache vor allem aus klinischer Perspektive befaBt. So behandeln z.B. Hartmann (1951) und Loewenstein (1956) Sprache 1m Zusammen- hang behandlungstechnischer Überlegungen. Auch andere Ansâtze der klassischen Ich-Psychologie berühren tmplizit die Theorie der Sprachentwicklung.

Verbalislerung

Aus einer klinischen Perspektive griff Anny Katan (1961) das Pha- nomen der Verbalisierung auf. Dieser kurze Artikel enthâl.t eine Reihe von Hinweisen, die für die spatere Forschung fruchtbar wur-

den. Katan unterscheidet Verbalisierung âuBerer Wahrnehmungen von den spater einsetzenden Affektverbalisierungen; sie bezieht eUe Rolle der Eltern mit ein, bleibt jedoch trotz ihrer weiterreichenden Ansatze 1m ich-psychologtschen Bezugsrahmen stehen, indem sie Verbalisierung als Mittel des Handlungsaufschubs (Triebkontrolle) und der Realitatsprüfung bestimmt. Die Revision der Freudschen Theorie des VorbewuBten und der Rolle der Sprache bildet für Lili Peller (1966) den Ausgangs- punkt ihrer ebenfalls ich-psychologtschen Überlegungen. Sie stellt sich die Frage, welche Etgenschaften dem Denken auf Sekundar- prozei3niveau zuzuschreiben sind, und wie diese mit der psychoanalytischen Theorie der Sprache zu vereinbaren sind. Die psychischen Verlaufe auf der Ebene des Sekundârprozesses sind allesamt regelgeleitet; zwar müssen sie ntcht unbedingt sprachlich organisiert sein, doch müssen sie sprachkompatibel sein. Erst durch die potentielle Verfügbarkeit sprachlicher Pradikation gelingt nâmlich die Selbstwahrnehmung psychischer Vorgange und damit thre Kontrolle. Ohne Sprache gibt es weder eine Distanzierung von den etgenen Triebimpulsen wie eine introspektive Wahrnehmung. weder eine Objektkonstanz noch ein ôdipales Erleben. Peller be- trachtet also die Sprache vor allem in ihrer innerpsychischen Organtsationsfunktion; die Kommuntkationsfunktion der Sprache, die schon Freud vernachlassigt hatte, wird von Peller zwar ge- nannt, doch ebenfalls nur in ihrer Auswirkung auf die lch-Or- gantsatlon. Peller nennt zwei Hauptfunktionen der Sprache: (1) die Etikettierung von Sinnesdaten und (2) die Konstruktion eines Synl- bolischen Universums. Seide Funktionen dienen letztlich der An· passung an die Umwelt, wobei die sprachvermittelte Trtebdistan- zierung beim Menschen etnen Aufschub impulsiven Handelns und damit eine alloplastische Veranderung seiner Umwelt ermëglicht. Diese ich-psychologtsche Sprachtheorie war bereits in der Arbeit von Balkanyt (1964) angelegt. Dort wird das Verbalisteren ais »inneres Hôren~ bzw. Benennen von a:ffektiven Zustanden als zen- traler Aspekt der vorbewui3ten Affektverarbettung skizziert. In neuerer Zeit wird die ich-psychologische Perspektive er- ganzt um eine Theorie der Affektverbalisierung (vgl. Kapthammer 1994). Bere1ts 1965 wies G.S. Klein auf die Rolle der auditiven Rückkopplung für die lch-Entwicklung hin (s. unten Seite 135; vgl. auch Walsh 1971 ). Der Ansatz von Santostefano (1977) verfeinert das teh- psychologtsche Modell und macht die Verzahnung zwischen Trieb-, Affekt- und Sprachentwicklung sowie den Zusammenhang zwischen motorischen und nichtmotorischen Ausdrucksfonnen deutlich (s. dazu unten Kap. 5.3, S. 134). Samuel Atkin spricht von »narzii3tisch besetzten Ichkernen 4( (vgl. dazu unten Kap. 3.1., Seite 96).

2.2.3.

Übergang zu einer Interaktionstheorle

Hatte schon die klinische Beobachtung gegenüber der Theorie des Denkens die lch-Psychologie einer Interaktionstheorte einen Schritt nâher gebracht, so ist es die empirische Sauglingsbeobachtung, die den entscheidenden Schritt ermôglicht. Den Ansatz von Erikson. (1950) habe ich bereits vorgestellt (Seite 60). Er sieht die Ent- wicklung der lch-Funktionen im engen Kontakt mit der Dyade. Auch die Theoretiker der !ch-Psychologie hatten die Direktbeob- achtung von Kindern als Erganzung der analytischen Rekonstruk::- tion gefordert und begründet (s. unten Seite 114). Mit seinen be- kannten Untersuchungen über die Hospitalismuskinder brachte René Spitz als einer der ersten die Ernte dieses Forschungsan- satzes ein. Es war auch eine Ernte für die Psychoanalyse der sprachlichen Sozialisation. In den vierziger und fünfziger Jahren führte René A. Spitz Untersuchungen zur kindlichen Frühentwicklung durch, die in ej- ner Reihe von Publikatlonen ihren Niederschlag fanden (Spitz 1945a,b, 1950, 1954, 1955, 1957, 1965) Diese PionierarbeU:

begründete gleichzeitig die Tradition der psychoanalytischen Sauglingsbeobachtung. Trotz ihrer minutiôsen Empirie und ihrer theoretischen Geschlossenheit werden sie in der Literatur zur Sprach~ntwicklung nicht zitiert - Spitz wird in der psycholinguistl- schen Uberblicksliteratur nur als Beobachter des Hospitalisrnus- Syndroms erwâhnt (z.B. Kegel 1974) oder ganz übersehen (z.B. Szagun 1980/41991), Zimmer 1986, AitcWson 1976; eine Aus- nahme bildet Trautner 1991). Aber sogar Autoren, die speziell am Psychoanalyse Bezug nehmen, erwâhnen die Befunde von René A. Spitz nicht (z.B. Goeppert und Goeppert 1973) oder nur am Rande (z.B. Shapiro 1979). Ein Grund für diese Rezeptionslücke ist nicht leicht zu erken- nen. Zu wenig bekannt war Spitz nicht - vor allem sein mnfangret- cher Sanune1band »Vom Saugling zu