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Technische Universität Berlin – Fakultät II – Institut für Mathematik

Analysis III für Ingenieurwissenschaften


Sommersemester 2019
Doz.: G. Penn-Karras; Ass.: S. Neumeier
https://www.isis.tu-berlin.de/2.0/course/view.php?id=15629

Lösungen zum 9. Übungsblatt

Tutoriumsaufgaben
1. Aufgabe
Diese Aufgabe bereitet auf die Ermittlung von Laurent-Reihen vor und soll üben, wie
man eine gebrochen-rationale Funktion um einen Entwicklungspunkt entwickeln kann.
Hier ist der Entwicklungspunkt keine Singularität der beiden Funktionen der Aufgabe.

Wir erklären eine neue Notation bei Reihen. Allgemein bedeutet


m
X ∞
X
an := a−n . (1.1)
n=−∞ n=−m

Wenn der Term ! !


m
X ∞
X
an + an (1.2)
n=−∞ n=m+1

für jede ganze Zahl m denselben Wert hat, dann schreibt man hierfür

X
an . (1.3)
n=−∞

Reihen der Form



X
(z − z0 )−n
n=0

sind sozusagen Potenzreihen in (z − z0 )−1 . Konvergenzgebieten von solchen Reihen sind


nun keine offenen Kreisscheiben, sondern Außengebiete von Kreisen.

Eine Laurent-Reihe enthält negative und positive Potenzen, somit ist das Konvergenz-
gebiet die Schnittmenge einer offenen Kreisscheibe und eines (offenen) Außengebiets,
also ein offener Kreisring.

a) Wir haben zunächst


1 1
= (1.4)
z 1 + (z − 1)
Für die offene Kreisscheibe |z − 1| < 1 bekommen wir sofort

1 1 X
= = (−1)n (z − 1)n . (1.5)
z 1 + (z − 1)
n=0

1
Bleibt noch das Außengebiet |z − 1| > 1. Hier erzeugen wir kunstvoll einen Term,
der nur aus (z − 1)−1 besteht:

∞  n
1 1 1 1 1 1 1 X 1
= = · 1 = z−1·
 = −
z 1 + (z − 1) z − 1 1 + z−1 1− − 1 z−1 z−1
z−1 n=0
(1.6)
1
Diese Entwicklung ist korrekt für | z−1 |
< 1, also genau für |z − 1| > 1. Damit
haben wir eine zweite Entwicklung nach ganzzahligen Potenzen gefunden:

∞  n −1
1 X 1 X
= (−1)n+1 = (−1)n+1 (z − 1)n (1.7)
z z−1 n=−∞
n=1

Diese beiden Entwicklungen überlappen sich nicht; die Trennlinie ist der Kreis |z − 1| = 1,
wo sich auch die Definitionslücke 0 der Funktion z1 befindet.

b) Anhand einer Skizze kann man sich verdeutlichen, dass es drei runde Konvergenz-
gebiete mit Mittelpunkt 1 gibt:

|z − 1| < 1; 1 < |z − 1| < 3; |z − 1| > 3. (1.8)

Für jedes dieser drei Konvergenzgebiete suchen wir eine Entwicklung nach ganz-
zahligen Potenzen von (z − 1) auf.

Eine Partialbruchzerlegung ist hilfreich, wenn der Entwicklungspunkt nicht als


Nullstelle des Nenners erscheint (in diesem Fall sollte man den zuständigen Line-
arfaktor lieber aus der PBZ ausklammern):

4 1 1
=− + . (1.9)
z(z − 4) z z−4

Dann haben wir die folgenden Fälle:

– offene Kreisscheibe |z − 1| < 1:

4 1 1 1 1 1
=− + =− −
z(z − 4) z z−4 1 − (−(z − 1)) 3 1 − z−1
3
X  (1.10)
= −(−1)n − 3−n−1 (z − 1)n
n=0

2
– offener Kreisring 1 < |z − 1| < 3

4 1 1 1
=− −
z(z − 4) 1 + (z − 1) 3 1 − z−1
3
1 1 1 1
=− ·  −
z−1 1− − 1 3 1 − z−1
3
z−1
∞  n X ∞
1 X 1
=− − − 3−n−1 (z − 1)n
z−1 z−1
n=0 n=0
∞  n+1 X
X 1
= − − ∞3−n−1 (z − 1)n
z−1 (1.11)
n=0 n=0
∞  n X ∞
X 1
= − − 3−n−1 (z − 1)n
z−1
n=1 n=0
X∞ ∞
X
= (−(z − 1))−n − 3−n−1 (z − 1)n
n=1 n=0

∞ (−1)n
X für n < 0
= an (z − 1)n mit an =

n=−∞ −3−(n+1) für n ≥ 0

– Außengebiet |z − 1| > 3

!
4 X 1
= (−(z − 1))−n −
z(z − 4) (z − 1) − 3
n=1

!
X 1 3 1
= (−(z − 1))−n · − · 3
3 z − 1 1 − z−1
n=1

! ∞  n
X
−n 1 3 X 3
= (−(z − 1)) − · ·
3 z−1 z−1
n=1 n=0

! ∞  n+1
X
−n 1X 3
= (−(z − 1)) −
3 z−1
n=1 n=0

! ∞  n
X
−n 1X 3
= (−(z − 1)) − (1.12)
3 z−1
n=1 n=1

! −1
X 1 X −n
= (−(z − 1))−n − 3 (z − 1)n
3 n=−∞
n=1

! ∞  n
X
−n 1X 3
= (−(z − 1)) −
3 z−1
n=1 n=1
−1
! −1
X X
= (−(z − 1))n − 3−n−1 (z − 1)n
n=−∞ n=−∞
−1
X  
= (−1)n − 3−(n+1) (z − 1)n
n=−∞

(Der Sinn dieses ganzen Hokuspokus wird dann bei geschlossenen Kurvenintegralen über
solche Reihenentwicklungen klar werden.)

3
2. Aufgabe
Man hat für den Mittelpunkt 0 den maximalen Kreisring 0 < |z| < 1.

1 1 1 1 d 1 1 d X n
= · = · = · z
z(z − 1)2 z (z − 1)2 z dz 1 − z z dz
n=0
∞ ∞ ∞ ∞ (2.1)
1X n−1
X
n−2
X
n
X
n
= nz = nz = (n + 2)z = (n + 2)z .
z
n=0 n=0 n=−2 n=−1

Dies ist die gesuchte Laurent-Reihe im Kreisring 0 < |z| < 1. Der Summationsindex
beginnt bei −1, damit ist 0 ein Pol 1. Ordnung.

Man hat für den Mittelpunkt 1 den maximalen Kreisring 0 < |z − 1| < 1.

1 1 1 1 X
= · = · (−(z − 1))n
z(z − 1)2 (z − 1)2 1 − (−(z − 1)) (z − 1)2
n=0
∞ ∞ (2.2)
X X
n n−2 n n
= (−1) (z − 1) = (−1) (z − 1) .
n=0 n=−2

Dies ist die gesuchte Laurent-Reihe im Kreisring 0 < |z − 1| < 1. Der Summationsindex
beginnt bei −2, damit ist 1 ein Pol 2. Ordnung.

3. Aufgabe
Es ist X 1
z 26 ez z −3n+26
−3
= (3.1)
n!
n=0
und damit
Z Z X 1 XZ
26 z −3 −3n+26 1 −3n+26 1
z e dz = z dz = z dz = 2πi · .
|z|=2 |z|=2 n! |z|=2 n! 9!
n=0 n=0

4. Aufgabe
Grundsätzlich werden isolierte Singularitäten anhand von bestimmten Laurent-Reihen
klassifiziert.

Für eine Singularität z0 wird die Laurent-Reihe in einem in z0 zentrierten Kreisring 0 < |z − z0 | < ρ
betrachtet, wobei der Außenradius ρ so gewählt wird, dass keine weitere Singularität in
diesem Kreisring enthalten ist.1

a) Die Stelle −2 ist die einzige Singularität. Im Kreisring 0 < |z + 2| < 42 gibt es
also keine weitere Singularität. Die Laurent-Reihe im Kreisring 0 < |z + 2| < 42
ergibt sich aus folgender Rechnung:
z (z + 2) − 2 −2 1
2
= 2
= 2
+ . (4.1)
(z + 2) (z + 2) (z + 2) z+2
1
Genau dann, wenn ein solcher Radius ρ existiert, heißt eine Singularität eine isolierte Singularität.
Ein Beispiel einer nicht-isolierten Singularität kennen Sie schon, nämlich beim komplexen Logarithmus
der Punkt 0.

4
Ein Nebenteil ist nicht vorhanden, der Hauptteil besteht nur aus zwei Summanden.
Die niedrigste Potenz von z + 2 ist (z + 2)−2 , damit liegt eine Polstelle 2. Ordnung
vor.
b) Singularitäten sind 1 und 2.
Um die Singularität 1 zu untersuchen, wählen wir den Kreisring 0 < |z − 1| < 1.
(Die andere Singularität 2 liegt nicht in diesem Kreisring. Wir hätten als Au-
ßenradius auch 0,9 wählen können.) Wir versuchen, nach Potenzen von z − 1 zu
entwickeln:
1 1 1
2
= ·
(z − 1)(z − 2) z − 1 (z − 2)2
1 1
= ·
z − 1 ((z − 1) − 1)2

1 X
= · (n + 1)(z − 1)n
z−1 (4.2)
n=0
X ∞
X
n−1
= (n + 1)(z − 1) = (n + 2)(z − 1)n
n=0 n=−1

X
= (z − 1)−1 + (n + 2)(z − 1)n .
n=0

Der Hauptteil besteht nur aus dem Summanden (z − 1)−1 . Damit ist die Singula-
rität 1 eine Polstelle 1. Ordnung.
Um die Singularität 2 zu untersuchen, wählen wir den Kreisring 0 < |z − 2| < 0,9.
Die andere Singularität 1 ist damit deutlich von diesem Kreisring getrennt. Wir
versuchen, nach Potenzen von (z − 2) zu entwickeln:
1 1 1
2
= 2
·
(z − 1)(z − 2) (z − 2) z − 1
1 1
= ·
(z − 2)2 1 − (−(z − 2))
1 X
= · (−1)n (z − 2)n (4.3)
(z − 2)2
n=0
X
= (−1) (z − 2)n−2
n

n=0
X
= (z − 2)−2 − (z − 2)−1 + (−1)n (z − 2)n−2 .
n=2

Der Hauptteil besteht diesmal aus zwei Summanden, und die niedrigste Potenz
ist (z − 2)−2 . Die Singularität 2 ist eine Polstelle 2. Ordnung.
c) Der Punkt 0 ist eine Singularität.
Weil mit z ∈ C \ {0} weiterhin z1 ∈ C gilt und damit z1 im Konvergenzgebiet
der komplexen Kosinusfunktion liegt, können wir die Taylorentwicklung von cos z
verwenden:
∞ 0
X 1 −2n X 1
cos z −1 = (−1)n z = (−1)n z 2n (4.4)
(2n)! n=−∞
(−2n)!
n=0

Ganz rechts steht die gewünschte Laurententwicklung. Der Hauptteil bricht nicht
ab (unendlich viele negative Potenzen von z). Somit hat cos z −1 in 0 eine wesent-
liche Singularität.

5
5. Aufgabe
Wenn eine isolierte Singularität eine Polstelle ist, kann sie auf andere Weise identifiziert
werden.

Eine komplexe Funktion f hat an der Stelle z0 einen Pol k-ter Ordnung mit k ∈ N,
k > 0, genau wenn die durch

g(z) = f (z)(z − z0 )k ,

definierte Funktion g analytisch in z0 ist und dort nicht verschwindet: g(z0 ) 6= 0.

Knackig schreibt man es so: Es gibt eine Funktion g gibt mit g(z0 ) 6= 0 und

g(z)
f (z) = . (5.1)
(z − z0 )k

a) Mit g(z) = z erkennt man schnell und noch einmal, dass die Singularität −2 eine
Polstelle 2. Ordnung ist.

b) Die Nullstellen des Nenners sind 1, i, −1 und −i, also ist

z+i z+i 1
4
= = (5.2)
z −1 (z − 1)(z − i)(z + 1)(z + i) (z − 1)(z − i)(z + 1)

Es sind damit 1, i und −1 Polstellen 1. Ordnung und die Stelle −i eine hebbare
Singularität.

c) Die Nullstellen des Nenners sind 0 und 1, der Zähler verschwindet für z = 0. Die
Stelle 0 scheint eventuell eine hebbare Singularität zu sein. Dazu untersucht man
die Potenzreihenentwicklung (anders geht es nicht!) um 0:

ez − 1 1 1 X zn
= ·
z 2 (z − 1)3 (z − 1)3 z 2 n!
n=1

1 1 X z n−1
= · (5.3)
(z − 1)3 z n!
n=1

1 1 X zn
= · ·
z (z − 1)3 (n + 1)!
n=0

Wie man sieht, ist 0 ein Pol 1. Ordnung; für den Term g(z) in der Gl. (5.1) ist zu
setzen:

1 X zn
g(z) = , g(0) = −1 6= 0. (5.4)
(z − 1)3 (n + 1)!
n=0

Die Stelle 1 ist ein Pol 3. Ordnung; es ist für den Term g(z) in der Gl. (5.1) zu
setzen:

1 X zn
g(z) = , g(1) = e − 1 6= 0. (5.5)
z (n + 1)!
n=0

d) Diese Funktion hat Singularitäten in den Punkten zk mit zk := 3π


2 +2kπ für k ∈ Z,
denn dann ist sin zk = −1. Der Sinus ist auf ganz C analytisch, also auch in diesen

6
Punkten zk . Es gibt also für jeden Punkt zk eine Umgebung Uzk , so dass für
alle z ∈ Uzk die Aussage

sin zk
sin z = sin zk + (cos zk )(z − zk ) − (z − zk )2 + . . .
2! (5.6)
1 1
= −1 + (z − zk )2 − (z − zk )4 + . . .
2! 4!
zutrifft. Wegen ± cos zk = ± cos 3π
2 = 0 erscheinen keine ungeraden Potenzen in z − zk .
Damit ist
1 1 1 g(z)
= 1 1 1 = . (5.7)
1 + sin z (z − zk )2 2! − 4! (z − zk )2 4
+ 6! (z − zk ) − . . . (z − zk )2
| {z }
=:g(z)

Die Funktion g(z) ist analytisch in derselben Umgebung Uzk von zk . Wegen
1
g(zk ) = 2 6= 0 ist zk eine Polstelle zweiter Ordnung von 1+sin z.

7
Hausaufgaben
1. Aufgabe 4 Punkte
Mit z 2 − 6z + 5 = (z − 1)(z − 5) sind die Stellen 1 und 5 die Definitionslücken von f .
Weil der Entwicklungspunkt 3 in der Mitte zwischen den Definitionslücken liegt, gibt
es nur die zwei Konvergenzgebiete |z − 3| < 2 und |z − 3| > 2.

Zuerst hat man in jedem Fall


4 4 1 1 1 1
= =− + =− + (1.1)
z 2 − 6z + 5 (z − 1)(z − 5) z−1 z−5 (z − 3) + 2 (z − 3) − 2

In der offenen Kreisscheibe |z − 3| < 2 hat man dann


4 1 1
=− +
z2 − 6z + 5 (z − 3) + 2 (z − 3) − 2
1 1 1 1
=− · − ·
2 1 − (− z−3 ) 2 1 − z−3 (1.2)
2
∞     !2
n+1 n+1
X 1 1
= − − (z − 3)n
2 2
n=0

Im Außengebiet |z − 3| > 2 hat man hingegen


4 1 1
=− +
z2 − 6z + 5 (z − 3) + 2 (z − 3) − 2
1 2 1 1 2 1
=− · ·  + · · 2
2 z−3 1− − 2 2 z − 3 1 − z−3
z−3

X 1 
= (−2)n+1 + 2n+1 (z − 3)−(n+1) (1.3)
2
n=0

X 1
= ((−2)n + 2n ) (z − 3)−n
2
n=1
−1
X 1 
= (−2)−n + 2−n (z − 3)n .
n=−∞
2

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2. Aufgabe 6 Punkte
Eine Singularität findet man als Definitionslücke, den Typ durch Entwicklung in eine
Laurent-Reihe in einem Kreisring mit Innenradius 0.

a) An der Stelle 2 hat die gegebene Funktion eine Definitionslücke. Es ist

ez − e2 2e
z−2 − 1
2 −2
X (z − 2)n
= e = e (z − 2)
(z − 2)2 (z − 2)2 n!
n=1
X (z − 2)n−2 e2 X e2 (z − 2)n
= e2 = +
n! z−2 (n + 2)! (2.1)
n=1 n=0

∞ 0
X für n < −1
= an (z − 2)n mit an =
 e 2
n=−∞
(n+2)! für n ≥ 0

b) Die Definitionslücken sind −1 und −2.


Es ist für z ∈
/ {−1, −2} jedenfalls

z+1
1 = z + 2. (2.2)
1 − z+2

Die Laurent-Entwicklung mit Entwicklungspunkt −1 ist durch



0 für n < 0


∞ 
z+1 X
1 = z + 2 = 1 + (z + 1) = an (z + 1)n mit an = 1 für 0 ≤ n ≤ 1
1 − z+2 n=−∞




0 für n > 1
(2.3)
gegeben. Die Stelle −1 ist eine hebbare Singularität.
Die Laurent-Entwicklung mit Entwicklungspunkt −2 ist durch

∞ 0 für n 6= 1
z X
1 =z+2= an (z + 2)n mit an = (2.4)
1 − z+1 n=−∞

1 für n = 1

gegeben. Die Stelle 0 ist eine hebbare Singularität.

c) Die Definitionslücke ist bei −i. Man hat die Laurententwicklung



X (−1)n
(z + i) sin 1
z+i = (z + i) (z + i)−2n−1
(2n + 1)!
n=0

X (−1)n
= (z + i)−2n
(2n + 1)!
n=0


X  (−1)n/2 für n ≤ 0, n gerade
(−n+1)!
= an (z + i)n mit an =

n=−∞ 0 für n ≥ 1 oder n ungerade
(2.5)
Die Singularität ist eine wesentliche Singularität.

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3. Aufgabe 2 Punkte
Es ist X 1
z 23 ez z 23−4n .
−4
= (3.1)
n!
n=0

Die Potenz z −1 wird für n = 6 erreicht, damit ist


Z
1 πi
z 23 ez dz = 2πi · =
−4
. (3.2)
|z|=2 6! 360

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