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Universität Duisburg-Essen Sommersemester 2013

Fakultät für Geisteswissenschaften/Literaturwissenschaft

Seminar: Exemplarische Textanalyse – Schillers Wallenstein


Prof. Dr. Jörg Wesche

Geschichtsdichtung, Geschichtsdeutung und ›historische Wahrheit‹


Schillers Wallenstein – ein Lehrbuch der Geschichte?

Hausarbeit im Bachelorstudium

Vorgelegt von: Britta Niewiera


2-FA-BA
2. Fachsemester

Oktober 2013
Inhalt

1 Einleitung ......................................................................................................................................2
2 Geschichtsbild und Geschichtsphilosophie ................................................................................3
2.1 Schillers Auffassung von der Geschichte .............................................................................3
2.2 Schillers Begegnung mit der Philosophie Immanuel Kants ...............................................5
3 »Zwei sind der Wege, auf welchen der Mensch zur Tugend emporstrebt« ...............................6
3.1 Der Historiker .......................................................................................................................6
3.2 Der Künstler ..........................................................................................................................8
4 Geschlossene vs. offene Form des Dramas .................................................................................9
4.1 »Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat« .............................................................9
4.2 Das Auseinanderbrechen der Handlungseinheit ............................................................. 11
5 Schlussbetrachtungen ................................................................................................................ 12
Siglen ............................................................................................................................................. 13
Quellen .......................................................................................................................................... 13
Forschungsliteratur ....................................................................................................................... 15
Eigenständigkeitserklärung .......................................................................................................... 17
1 Einleitung

»Octavio erschrickt und blickt schmerzvoll zum Himmel. Der Vorhang fällt.«1 So will
es zumindest Friedrich Schiller in seiner Wallenstein-Trilogie. Doch in den Himmel von
Eger schaute der historische Piccolomini nicht, denn dort traf er erst drei Tage nach
dem Tod Wallensteins ein. Wenngleich dem Historiker Schiller die Fakten des 30-
jährigen Krieges aufgrund seines Quellenstudiums sehr wohl bekannt waren2, nahm er
in seinem Geschichtsdrama einige Änderungen hinsichtlich der Personen3 wie auch
der zeitlichen Abfolge der Ereignisse4 vor. Dieser verkürzte Blick auf das Geschehen
durch die poetische Darstellung der Geschichte gewährt dem Leser dennoch einen
Einblick in die Parteiungen und Aktanten im Europa der ersten Hälfte des 17.
Jahrhunderts, ohne ein umfangreiches und mit zu vielen Detailinformationen
versehenes Geschichtsbuch studieren zu müssen. Nachvollziehbar ist, dass das
Hinzufügen oder Weglassen von Personen, Handlungen und Zeitabschnitten
dramaturgische Gründe hat. Aber es stellt sich die Frage, ob es sich dabei nicht
gleichzeitig auch um eine Geschichtsdeutung seitens des Autors handelt.
Obgleich eine Vielzahl von Literatur zu Schillers dichterischen und historischen
Werken vorliegt5, stellt es eine sinnvolle Ergänzung dar, zu hinterfragen, wie der
historische Stoff des 30-jährigen Krieges bzw. der des Lebens des Albrecht Wenzel
Eusebius Wallenstein wohl anders in einem Geschichtsdrama hätte umgesetzt werden
können, wenn nicht auf die Art und Weise, wie Schiller es getan hat.
Der Umgang Schillers mit der Geschichte in seinem poetischen Werk Wallenstein
soll im Folgenden unter drei Gesichtspunkten betrachtet werden. Zunächst wird das
Geschichtsbild Friedrich Schillers und seine Begegnung mit der Philosophie

1
FRIEDRICH SCHILLER: Wallensteins Tod. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen, in: Friedrich Schiller.
Wallenstein (Deutscher Klassiker Verlag 3), hg. von FRITHJOF STOCK, Frankfurt/Main 2005, S. 293.
(Seiten- bzw. Verszählungen beziehen sich im Folgenden auf die hier genannte Ausgabe).
2
Vgl. FRITHJOF STOCK: Zeittafel zur Entstehungsgeschichte, in: Ders. (Hrsg.): Friedrich Schiller. Wallenstein
(Deutscher Klassiker Verlag 3), Frankfurt/Main 2005, S. 565 und vgl. Ders.: Historische und poetische
Wahrheit, in: Ders. 2005, Wallenstein, S. 982.
3
Beispielhaft sei hier die Figur der Thekla und des Max Piccolomini angeführt. Wobei erstere, die
Tochter Wallensteins, zum Zeitpunkt der Handlung des Wallenstein erst drei Jahre alt war, hier aber
mit Max, dem poetischen Sohn Octavio Piccolominis, eine Liebesbeziehung eingeht und folglich
eine derartige Konstellation nicht möglich war.
4
Auf die Zeitspanne der Handlung der Wallenstein-Trilogie, welche Schiller auf vier Tage
zusammenraffte, während die dargestellten historischen Ereignisse einen Zeitraum von zweieinhalb
Monaten einnahmen, wird im Hauptteil dieser Arbeit näher eingegangen.
5
Exemplarisch seien hier folgende Werke genannt: WALTER HINDERER: Von der Idee des Menschen.
Über Friedrich Schiller, Würzburg 1998; MONIKA RITZER: Schillers dramatischer Stil, in: HELMUT
KOOPMANN (Hrsg.): Schiller-Handbuch, Stuttgart 1998, S. 240-269; JÜRGEN EDER: Schiller als
Historiker, in: KOOPMANN 1998, Handbuch, S. 653-698; OTTO DANN: Schiller, der Historiker und die
Quellen, in: Ders./NORBERT OELLERS/ERNST OSTERKAMP (Hrsg.): Schiller als Historiker, Stuttgart
1995, S. 109-126.
2
Immanuel Kants beleuchtet.6 Im nächsten Schritt geht es darum, Schillers Arbeit als
Historiker7 und Künstler im Hinblick auf seine geschichtliche Darstellung in der
Geschichte des dreyssigjährigen Kriegs und im Wallenstein zu untersuchen. Abschließend
wird Schillers Anlehnung an die Poetik des Aristoteles8 in Bezug auf die stringente
Handlung und die kausale Verkettung der Ereignisse im Vergleich zu einer anderen
möglichen Form des Dramas, der offenen Form, herausgearbeitet.

2 Geschichtsbild und Geschichtsphilosophie

Um die Vorgehensweise Friedrich Schillers bei der Abfassung seiner Wallenstein-Trilogie


verstehen zu können, muss zunächst dessen Auffassung von der Geschichte vor dem
Hintergrund der Entstehungszeit seines Spätwerkes9 betrachtet werden. Des Weiteren
ist es nicht von geringer Bedeutung, welchen geistigen Einflüssen, insbesondere der
Geschichtsphilosophie, der Dichter ausgesetzt war.

2.1 Schillers Auffassung von der Geschichte

Die Lebenszeit Friedrich Schillers (1759-1805) erstreckt sich gleich über vier
›literarische‹10 Strömungen. Hineingeboren in die Aufklärung erlebte er die Zeit des
Sturm und Drang, wurde eine der führenden Persönlichkeiten der Weimarer Klassik
und selbst die Romantik hat er noch kennengelernt.
Aber nicht nur auf literarischem bzw. geistigem Gebiet bot diese Zeit ein
beständiges Auf und Ab, denn auch die politische Lage im damaligen Heiligen
Römischen Reich Deutscher Nationen und dessen Nachbarländern war

6
Vgl. MICHAEL HOFMANN: Schiller. Epoche – Werk – Wirkung, München 2003, S. 29: Die
Beschäftigung mit dem Werk des Philosophen sei »für das Denken Schillers von entscheidender
Bedeutung« gewesen, da sie »Schiller befähigte, bereits vorhandene Impulse methodisch bewusst zu
verfolgen und theoretisch zu formulieren.«
7
Da Friedrich Schiller nicht nur poetische Werke verfasste, sondern auch auf historischem Gebiet
tätig war, sind seiner Person zahlreiche Abhandlungen gewidmet, in denen Schiller als Historiker
bezeichnet wird; vgl. Anm. 5.
8
Vgl. hierzu auch den Aufsatz von VOLKER C. DÖRR: ›Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat‹ –
Schillers Dramen zwischen historischer und philosophischer Wahrheit, in: MICHAEL HOFMANN/JÖRN
RÜSEN/MIRJAM SPRINGER (Hrsg.): Schiller und die Geschichte, München 2006, S. 195-208, der schon
mit der Wahl seines Titels auf die Poetik des Aristoteles im Hinblick auf Schillers Dramen verweist.
9
Vgl. STOCK 2005, Zeittafel, S. 564f.: Die Beschäftigung mit dem historischen Stoff zur Ausarbeitung
des Wallenstein fällt in die letzte Dekade des Lebens und Schaffens des Dichters.
10
An dieser Stelle sei angemerkt, dass es sich bei der Aufklärung und der Romantik um
Kulturepochen handelt, welche sich dadurch auszeichnen, dass sie sich auf alle Bereiche des Lebens
auswirkten. Sturm und Drang sowie die Weimarer Klassik stellen hingegen Strömungen dar, welche
auf das literarische Schaffen Einfluss nahmen.
3
gekennzeichnet von Kriegen, Revolutionen und Umbrüchen.11 Will man also den
Künstler, Historiker und Philosophen in der Person Schiller verstehen, stellt der oben
skizzierte geistige und politische Hintergrund eine nicht außer Acht zu lassende Größe
dar.
Gerade im Hinblick auf die Historiographie vollzog sich im ausgehenden 18.
Jahrhundert ein Wandel von der »Aufklärungshistorie zum Historismus«12. Wobei
»eine aufklärerische Geschichtsperspektive gewissermaßen nach dem Nutzen und
Nachteil der Historie für die Entfaltung der Vernunft [fragt]«13, der Historismus
hingegen davon ausgeht, »daß alles, was Menschen denken, sagen und tun,
geschichtlich sei und angemessen nur in der Dimension vergangener Zeiten erfaßt
werden könne.«14
So ist zu sehen, dass Friedrich Schiller nicht nur politische Umbrüche, wie z. B. die
Französische Revolution, welche bezüglich seines Freiheitsbegriffes15 sicher stark auf
ihn gewirkt haben muss, miterlebte, sondern dass ihn die Wende in der
Geschichtsschreibung ohne Zweifel in seinem Schaffen beeinflusst hat. Augenfällig
wird dies mit einem Blick auf die Wallenstein-Trilogie, in welcher zum einen jedem
Handeln, Zögern und Entscheiden des Generalissimus implizit eine historische
Bedeutung beigemessen wird16; zum anderen finden sich in Schillers Werk durchaus
Bemühungen, die Menschen durch deren Beschäftigung mit der Geschichte zu
belehren.17
Ein weiterer wesentlicher Punkt in Schillers Geschichtsdenken stellt das
teleologische Element18 im Lauf der Geschichte dar, womit eine Annäherung an die
Philosophie Immanuel Kants deutlich zu Tage tritt.19

11
Erinnert sei hier an die Unabhängigkeitsbestrebungen der englischen Kolonien in Nordamerika, an
die Französische Revolution und an die Kämpfe Preußens und Österreichs gegen das revolutionäre
Frankreich, um nur einige der Unruheherde im damaligen Europa aufzuzeigen.
12
ULRICH MUHLACK: Schillers Konzept der Universalgeschichte zwischen Aufklärung und Historismus, in:
OTTO DANN/NORBERT OELLERS/ERNST OSTERKAMP (Hrsg.): Schiller als Historiker,
Stuttgart/Weimar 1995, S. 5.
13
EDER 1998, Schiller als Historiker, S. 657.
14
HANS-JÜRGEN GOERTZ: Umgang mit Geschichte. Eine Einführung in die Geschichtstheorie, Hamburg
1995, S. 28.
15
Vgl. HOFMANN 2003, Schiller, S. 21: Durch die Ereignisse in Frankreich wurde Schiller in seiner
Auffassung bestärkt, »dass das Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung zu neuer
Unterdrückung führen kann.«
16
Vgl. VOLKER C. DÖRR: Friedrich Schiller, Frankfurt/Main 2005, S. 99.
17
Vgl. HINDERER 1998, Idee, S. 313: Max und Octavio Piccolomini verkörpern den Idealisten und den
Realisten, deren Handeln sich auf die Ereignisse auswirkt und mit denen sich die Zuschauer
identifizieren können bzw. sollen. So wird die Beschäftigung mit der Geschichte angeregt, denn
durch dieses Identifizieren findet indirekt eine Auseinandersetzung und eine Belehrung mit den
bzw. durch die historischen Ereignisse statt.
18
Vgl. JÖRN RÜSEN: Der Funken der Utopie im Feuer der Geschichte. Schillers Beitrag zu unserer Deutung der
Vergangenheit, in: MICHAEL HOFMANN/Ders./MIRJAM SPRINGER (Hrsg.): Schiller und die Geschichte,
München 2006, S. 18.
19
Vgl. Anmerkung 6.
4
2.2 Schillers Begegnung mit der Philosophie Immanuel Kants

Zuvorderst soll hier angemerkt sein, dass, wenn von einer Geschichtsphilosophie
Friedrich Schillers gesprochen wird, kein zusammenhängendes großes Werk von ihm
verfasst worden ist. Es sind vielmehr einzelne Schriften, in denen Schiller sich zur
Philosophie der Weltgeschichte äußert. 20 Und diese Äußerungen oder Gedanken sind
zum Teil auf der Kantischen Philosophie begründet21, mit welcher Schiller sich ab
1791 beschäftigte. So schrieb er am 3. März desselben Jahres an Christian Gottfried
Körner: »Du erräthst wohl nicht, was ich jetzt lese und studiere? Nichts schlechteres als
– Kant.«22
Wobei der »Impulsgeber«23 für Schillers Kant-Studien, folgt man den Ausführungen
Klaus Viehwegs, die Abhandlung Idee zu einer Geschichte in weltbürgerlicher Absicht
darstellt. So liest sich der Achte Satz dieser Kantischen Abhandlung, in der er die
»Geschichte der Menschengattung […] als die Vollziehung eines verborgenen Plans der
Natur«24 ansieht, in Schillers Briefen Über die ästhetische Erziehung als »Bestimmung«25
des Weges der Menschen.
Doch im Unterschied zu Kant, dessen Geschichtskonzept auf die Erlangung der
»›äußeren Freiheit‹, d. h. auf Rechtsverwirklichung«26 ausgerichtet ist, will Schiller den
»Gang« der Geschichte »am Maß der Realisierung des Humanitätsideals […] messen.«27
Zu erreichen ist dieses Ideal für Schiller »vermittels der Erziehung durch die Kunst«28.
So lesen sich die Briefe Über die ästhetische Erziehung auch ganz in diesem Sinne, wenn
Schiller schreibt: »Durch die […] Schönheit wird der sinnliche Mensch zur Form und

20
Vgl. BENNO VON WIESE: Friedrich Schiller, Stuttgart 1959, S. 330: Von Wiese führt hier neben
anderen die Schriften Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? und Etwas über
die erste Menschengesellschaft an.
21
Vgl. RUDOLF MALTER: Schiller und Kant, in: OTTO DANN/NORBERT OELLERS/ERNST OSTERKAMP
(Hrsg.): Schiller als Historiker, Stuttgart/Weimar 1995, S. 281.
22
Friedrich Schiller an Christian Gottfried Körner, v. 3.3.1791, in: Schillers Briefe 1.3.1790-17.5.1794
(Schillers Werke. Nationalausgabe 26), hg. von EDITH NAHLER/HORST NAHLER, Weimar 1992, S.
77. (Im Folgenden zitiert als NA 26).
23
KLAUS VIEHWEG: Anthropologie und Weltgeschichte – Kant und Schiller, in: HELMUT BRAND (Hrsg.):
Friedrich Schiller/Angebot und Diskurs. Zugänge, Dichtung, Zeitgenossenschaft, Berlin/Weimar 1987, S.
94.
24
IMMANUEL KANT: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, in: Immanuel Kant. Der
Streit der Facultäten und kleinere Abhandlungen (Werke in sechs Bänden 6), hg. von ROLF TOMAN, Köln
1995, S. 143.
25
FRIEDRICH SCHILLER: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, Zehnter Brief, in: Friedrich Schiller.
Theoretische Schriften (Friedrich Schiller. Werke und Briefe in zwölf Bänden 8), hg. von ROLF-PETER
JANZ, Frankfurt/Main 1992, S. 587. (Im Folgenden zitiert als WB 8).
26
MALTER 1995, Schiller und Kant, S. 284. (Hervorh. d. d. Verf.).
27
Ebd., S. 283.
28
Ebd., S. 284.
5
zum Denken geleitet.«29 Und eben diese Schönheit, welche ja nichts anderes meint als
die Kunst, ist es, »durch welche man zu der Freiheit wandert.«30
Im Wallenstein treffen die Vorstellungen Schillers von der Geschichte und die
philosophischen Überlegungen dazu aufeinander. Der bereits oben erwähnte Aspekt
des Belehrens wird durch die Beschäftigung mit der ästhetischen Erziehung des Menschen
noch bekräftigt und dem Freiheitsgedanken tritt der Herrschaftsgedanke Wallensteins
entgegen: »Ich muss Gewalt ausüben oder leiden.«31 Ebenso tritt Schillers Auffassung
von der Bestimmung des Menschen in den Äußerungen des Generalissimus zu Tage,
indem dieser sich an das Schicksal wendet, es möge ihm ein Zeichen geben oder in der
Behauptung, es gäbe keinen Zufall.32

3 »Zwei sind der Wege, auf welchen der Mensch zur Tugend
emporstrebt«33

Ausgehend von den oben angestellten Überlegungen ergibt sich nun die Frage, wie die
historische und die poetische Bearbeitung der Ereignisse im Europa Anfang des 17.
Jahrhunderts zu werten sind. Muss die Geschichte des dreyssigjährigen Kriegs als eine
wissenschaftliche Abhandlung eines Künstlers und die Wallenstein-Trilogie als das
poetische Werk eines Historikers gesehen werden? Oder, um mit Theodor Schieder zu
sprechen, »machen wir uns damit nicht eines ähnlichen Mißverständisses schuldig, wie
wenn wir umgekehrt über Theodor Mommsen, Heinrich von Treitschke und Jacob
Burckhardt als Dichter zu sprechen versuchten?«34

3.1 Der Historiker

Die Geschichte des dreyssigjährigen Kriegs erschien 1791 in dem von Georg Joachim
Göschen herausgegebenen Historischen Calender für Damen.35 Die sehr ausführliche
Darstellung der politischen Verhältnisse Anfang des 17. Jahrhunderts sowie der
religiösen Differenzen und deren Entstehung muss mit einem Blick auf den Brief an
den Verleger Göschen vom 26. Juli 1790 vor dem Hintergrund des Adressatenkreises
des Kalenders gesehen werden. Schiller legte seinem Auftraggeber in diesem Brief

29
SCHILLER, Ästhetische Erziehung, Achtzehnter Brief, in: WB 8, S. 622.
30
Ebd., Zweiter Brief, in: WB 8, S. 560.
31
SCHILLER, Wallensteins Tod, S. 180.
32
Vgl. ebd., Vers 920-945.
33
FRIEDRICH SCHILLER: Die zwei Tugendwege, in: Friedrich Schiller. Gedichte (Friedrich Schiller. Werke
und Briefe in zwölf Bänden 1), hg. von GEORG KURSCHEIDT, Frankfurt/Main 1992, S. 118.
34
THEODOR SCHIEDER: Schiller als Historiker. Peter Rassow zum 70. Geburtstag am 23. November 1959, in:
Historische Zeitschrift (1960), H. 1, S. 31.
35
Vgl. DÖRR 2005, Schiller, S. 86f.
6
seine Gründe für die oben genannte Ausführlichkeit dar: »Denn was würden sich
unsre Damen bey dem Wort: Deutsche Freiheit: Religionsfriede: Restitutionsedikt etc
denken, wenn man sie nicht vorher in die Verfaßung des Deutschen Reichs
hineingeführt hätte?«36 Bereits hier taucht schon das seit den Briefen Über die
ästhetische Erziehung bestimmende Element des Belehrens in Schillers Werk auf.
Die Vorrede eines anderen historischen Werkes Schillers, der Geschichte des Abfalls
der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung, gewährt zudem einen Einblick in
die Vorstellung Schillers, wie eine geschichtliche Arbeit gestaltet zu sein hat. Diese
Vorrede schließt mit dem Satz, »daß eine Geschichte historisch treu geschrieben seyn
kann, ohne darum eine Geduldprobe für den Leser zu seyn« und »daß die Geschichte
von einer verwandten Kunst etwas borgen kann, ohne deswegen nothwendig zum
Roman zu werden.«37 Dass Schiller von der ›verwandten Kunst‹ einiges geborgt hatte,
als er die Geschichte des dreyssigjährigen Kriegs verfasste, wird offenkundig, betrachtet
man allein den sehr kunstvollen Stil seines Schreibens. Legt er im 1. Buch noch
politische und religiöse Fakten dar, setzt mit dem 2. Buch die wörtliche Rede der
Aktanten ein.38 Noch mehr ins Romanhafte verfällt Schiller am Ende seiner
Darstellung, welche zugleich die Zeitspanne darstellt, die er für die Wallenstein-Trilogie
wählte. Dieser ca. 15 Seiten umfassende Abschnitt liest sich nicht nur durch die
Darstellung dramatisch bewegter Szenen wie ein Roman, Schiller lässt seine Aktanten
darüber hinaus nun Dialoge miteinander führen.39 Eine interessante Parallele bietet
hier der von Aloys Scheiblhuber geprägte Begriff des novellistischen Erzählens 40,
welches der Art der Schillerschen Geschichtsschreibung sehr nahe kommt. Denn diese
Art des Erzählens hat ebenso wie Schillers Bearbeitung des Stoffes des 30-jährigen
Krieges für den Historischen Calender einen »allgemeinpädagogische[n]«41 Sinn.
Schon vor Beginn der Beschäftigung mit dem Stoff des 30-jährigen Krieges legte
Schiller in einem Brief an Caroline von Beulwitz vom 10./11. Dezember 1788 seine
Ansichten über den Umgang mit der Historie aus der Perspektive des
Geschichtsschreibers sowie des Dichters dar. Hier stimmte er mit Caroline von
Beulwitz` Meinung überein, dass es »der Vorzug der Wahrheit« sei »den die
Geschichte vor dem Roman voraushat« und »sie schon allein über ihn erheben

36
Friedrich Schiller an Georg Joachim Göschen, v. 26.7.1790, in: NA 26, S. 30.
37
FRIEDRICH SCHILLER: Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung.
Vorrede, in: Historische Schriften. Erster Teil (Schillers Werke. Nationalausgabe 17), hg. von KARL-
HEINZ HAHN, Weimar 1970, S. 9. (Im Folgenden zitiert als NA 17).
38
Vgl. FRIEDRICH SCHILLER: Geschichte des dreyssigjährigen Kriegs. 2. Buch, in: Historische Schriften. Zweiter
Teil (Schillers Werke. Nationalausgabe 18), hg. von KARL-HEINZ HAHN, Weimar 1976, S. 140 u.
167. (Im Folgenden zitiert als NA 18).
39
Vgl. ebd., 4. Buch, in: NA 18, S. 322 u. 326.
40
Vgl. HANS-JÜRGEN PANDEL: Historisches Erzählen. Narrativität im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts.
2010, S. 40.
41
Ebd., S. 41.
7
[könnte].«42 Doch fragte er daran anschließend, ob die »Kunstwahrheit« des Romans
»nicht eben soviel Werth hat als die historische.«43 Seine Gedanken zu diesen beiden
Formen der Wahrheit enden in einer Aussage, welche zum Künstler Schiller
überleitet: »Die Geschichte ist überhaupt nur ein Magazin für meine Phantasie, und
die Gegenstände müssen sich gefallen lassen, was sie unter meinen Händen werden.«44

3.2 Der Künstler

Es hat sich also gezeigt, dass der Wunsch, sein Publikum zu belehren, für Schiller eine
nicht unerhebliche Rolle spielte, wenngleich zu diesem Zweck die ›historische
Wahrheit‹ an Genauigkeit einbüßen musste. Schon in der Jenaer Antrittsvorlesung
sprach Schiller von der Geschichte als einem »Aggregat von Bruchstücken«, welche
»durch künstliche Bindungsglieder verkettet […] zu einem vernunftmäßig
zusammenhängenden Ganzen«45 erhoben werden müssten. Wenn Schiller es also
selbst in seiner Funktion als Geschichtsprofessor mit der ›historischen Wahrheit‹ nicht
so genau nahm, aus welchem Grunde sollte er es dann als Dichter tun? Ferner stellt
sich die Frage, ob dieses ›künstliche Verketten‹ von historischen Ereignissen nicht
gleichzeitig eine sehr großzügige Interpretation bzw. Deutung derselben enthält und
den tatsächlich belegten Ereignissen eine ihnen nicht innewohnende Bedeutung
seitens des Autors beigemessen wird.
Was Schiller auf dem Gebiet der Quellenauswertung sowie Quellenedition leistete,
muss vor dem Hintergrund der Zeit, in welcher noch nicht die Möglichkeit bestand,
Archive aufzusuchen, als eine große Leistung angesehen werden. 46 Doch auch bei der
Auswertung und Übersetzung von Quellen ließ Schiller es an der nötigen Sorgfalt
mangeln. So schrieb er am 1. Januar 1789 an Körner, dass es bei der
Quellenübersetzung darauf ankäme, »das Original […] zu reducieren« und durch »eine
fließende Sprache und zuweilen eine kleine Nachhilfe«47 dazu beizutragen, den Text
anregender zu gestalten. Dies wiederholte er noch einmal in ähnlicher Form am 12.
März 1789 ebenfalls in einem Brief an Körner, in welchem er über die Art der
Bearbeitung von Quellen schrieb, sie seien »mit Freiheit zu übersetzen, daß die
wörtliche Treue der Gefälligkeit des Stils nachgesetzt wird.«48

42
Friedrich Schiller an Caroline von Beulwitz, v. 10./11.12.1788, in: Schillers Briefe 1.1.1788-28.2.1790
(Schillers Werke. Nationalausgabe 25), hg. von EBERHARD HAUFE, Weimar 1979, S. 154. (Im
Folgenden zitiert als NA 25).
43
Ebd.
44
Ebd.
45
FRIEDRICH SCHILLER: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Eine akademische
Antrittsrede, in: NA 17, S. 373.
46
Vgl. DANN 1995, Schiller, der Historiker, S. 121.
47
Friedrich Schiller an Christian Gottfried Körner, v. 1.1.1789, in: NA 25, S. 179.
48
Friedrich Schiller an Christian Gottfried Körner, v. 12.3.1789, in: NA 25, S. 227.
8
Obgleich die Interpretation von Quellen im Hinblick auf den ›Geist‹ eines
Menschen, seine Gedanken und Gefühlswelt nur eine mehr oder weniger begründete
Spekulation sein kann, geben sie doch, bei angemessenem methodischen Vorgehen,
wertvolle Hinweise über die Historie und die chronologischen Abläufe vergangener
Geschehen. Insofern ist die Vorgehensweise Friedrich Schillers, wie er sie seinem
Freund Christian Gottfried Körner empfiehlt, aus heutiger Sicht nicht haltbar.
Auf der Grundlage des oben Dargelegten verwundert es daher nicht, dass Schiller
aus zwei Gründen Änderungen hinsichtlich der Figuren und der zeitlichen Abläufe in
seinem poetischen Werk Wallenstein vornahm: Der erste Grund liegt in dem Versuch,
eine ›künstliche Verkettung‹ der Ereignisse herbeizuführen und die Quellen für diesen
Zweck an sein Vorhaben anzupassen; wobei darauf hingewiesen werden muss, dass
Schiller in der Geschichte des dreyssigjährigen Kriegs die dürftige Quellenlage zur Person
Wallenstein beklagte49 und aus diesem Grunde nicht an solche gebunden war. Der
andere Beweggrund ergibt sich aus dem Umstand, dass Schiller hier als Dichter tätig
war und somit von der künstlerischen Freiheit Gebrauch machen konnte, die
›historische Wahrheit‹ im Sinne der Poetik des Aristoteles für sein Geschichtsdrama
aufzubereiten.

4 Geschlossene vs. offene Form des Dramas

Ohne hier nun eine vollständige Analyse im Hinblick auf die Form des Schillerschen
Geschichtsdramas vornehmen zu wollen, zu welcher es einer eigenständigen
Abhandlung bedürfte, soll die Anlehnung an die Poetik des Aristoteles in den für diese
Arbeit maßgeblichen Punkten untersucht werden. Nachfolgend werden einige
Überlegungen zu einer alternativen Darstellungsform des von Schiller behandelten
Stoffes angestellt. Das Hauptaugenmerk soll dabei auf der kausalen Verkettung und
der Deutung bzw. Interpretation historischer Ereignisse liegen.

4.1 »Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat«50

Dass Schillers Wallenstein der Form nach dem geschlossenen Drama51 angehört, zeigt
der Blick auf einige für diese Zuordnung entscheidenden Kriterien. Abgesehen von
den Szenen im Pilsener Lager, welche zugleich die Exposition der Trilogie darstellen,

49
Vgl. SCHILLER, Geschichte des dreyssigjährigen Kriegs. 4. Buch, in: NA 18, S. 329.
50
ARISTOTELES: Poetik. Kap. 7, Griechisch/Deutsch, übers. u. hg. von MANFRED FUHRMANN, Stuttgart
1982, S. 25.
51
Ausführungen, die sich auf die offene und geschlossene Form des Dramas beziehen, sind hier und
im Folgenden dem Werk von VOLKER KLOTZ: Geschlossene und offene Form im Drama, München
13
1992 entnommen.
9
sind es Personen hohen Standes, welche die Handlung dominieren. Der Ort der
Handlung beschränkt sich ebenfalls auf Pilsen bzw. in Wallensteins Tod auf Eger.
Gleichermaßen ist die Zeitspanne der Handlung von Schiller dieser Dramenform
angepasst, denn die Dauer der von Schiller dargestellten Ereignisse erstreckt sich
historisch über die Zeit von Dezember 1633 bis Februar 1634, wohingegen das Drama
mit nur vier Tagen auskommt.
Dieser Vorgehensweise Schillers eine Anlehnung an die Poetik des Aristoteles
unterstellen zu wollen, erschließt sich nicht zwingend. Es ist vielmehr ein anderes
Merkmal, neben seiner eigenen Äußerung in einem Brief an Goethe 52 über seine
Beschäftigung mit der Poetik des Aristoteles, welches auf eben diesen verweist. Stellt
schon die Geschlossenheit und Stringenz der Handlung53, die Unverstellbarkeit der
Szenenfolge54 und die kausale Verkettung der Ereignisse55 einen offenkundigen Bezug
zu Aristoteles dar, zeigt der Brief an Goethe an einer anderen Stelle den
entscheidenden Punkt, der für eine Anlehnung an den Autor der Poetik spricht. So
schreibt Schiller über Aristoteles: »Daß er bei der Tragödie das Hauptgewicht in die
Verknüpfung der Begebenheiten legt, heißt recht den Nagel auf den Kopf getroffen.«56
Schiller gibt also dem Primat der Handlung eindeutig den Vorzug gegenüber dem der
Charaktere der Figuren. Dies ist vor allem aus dem Grunde entscheidend, als er sich
damit klar gegen die von Lessing und Goethe favorisierte »Vorrangstellung der […]
Figur«57 ausspricht.
Es ist allerdings interessant zu sehen, wie Schiller mit diesem Primat der Handlung
umgeht. Denn es ist ja gerade das ›Nicht-Handeln‹, das Zögern und Zaudern
Wallensteins, welches in seiner Äußerung: »In dem Gedanken bloß gefiel ich mir«58
zum Ausdruck kommt, das die Geschehnisse in ihrem Lauf beeinflusst. In diesem
Sinne schrieb er am 2. Oktober 1797 an Goethe, dass »der Hauptcharacter eigentlich
retardierend« sei und »die Umstände eigentlich alles zur Crise«59 täten.
Anders sieht es mit dem Aspekt des Belehrens aus. Nach Aristotelischer Auffassung
soll die Tragödie »Nachahmung von Handelnden« sein, »die Jammer und Schaudern
hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Gefühlszuständen bewirkt.«60
Diese Absicht lässt sich jedoch bei der Schillerschen Vorgehensweise nicht erkennen.
Und entgegen seiner noch in den ästhetischen Briefen geäußerten Ansicht über die

52
Vgl. Friedrich Schiller an Johann Wolfgang von Goethe, v. 5.5.1797, in: Friedrich Schiller. Briefe II.
1795-1805 (Friedrich Schiller. Werke und Briefe in zwölf Bänden 12), hg. von NORBERT OELLERS,
Frankfurt/Main 2002, S. 274. (Im Folgenden zitiert als WB 12).
53
Vgl. ARISTOTELES, Poetik, Kap. 6, S. 19.
54
Vgl. ebd., Kap. 8, S. 29.
55
Vgl. ebd., Kap. 7, S. 25.
56
Friedrich Schiller an Johann Wolfgang von Goethe, v. 5.5.1797, in: WB 12, S. 276.
57
FRANZISKA SCHÖßLER: Einführung in die Dramenanalyse, Stuttgart/Weimar 2012, S. 83.
58
SCHILLER, Wallensteins Tod, S. 160.
59
Friedrich Schiller an Johann Wolfgang von Goethe, v. 2.10.1797, in: WB 12, S. 330.
60
ARISTOTELES, Poetik, Kap. 6, S. 19.
10
Erziehung vermittels der Kunst, womit er sich dann bezüglich des Katharsisgedankens
an der Lessingschen Aristotelesrezeption61 orientiert hätte, welcher sich auf die
Anleitung zum sittlichen Leben bezieht, versucht er in seinem Geschichtsdrama, dem
Schicksal die Verantwortung für das Unglück Wallensteins zuzuschreiben und die
Fehler »des Helden«62 dahinter zurücktreten zu lassen. Und so kommt Schillers
Intention vielleicht am besten in den Worten des Benno von Wiese zum Ausdruck.
Denn dieser sieht den Zuschauer »vielmehr das Theater verlassen, angerührt vom
Schauder der Tragödie, über alle verständigen Maßstäbe der Erkenntnis hinaus
nunmehr eingeweiht in eine umfassendere Ordnung der Dinge.«63

4.2 Das Auseinanderbrechen der Handlungseinheit

Im Hinblick auf die in dieser Arbeit untersuchten Aspekte der kausalen Verkettung
der Ereignisse, des Belehrens und letztlich der Deutung der Historie, soll nun die
eingangs aufgeworfene Frage nach einer anderen Art der Aufbereitung des Stoffes des
30-jährigen Krieges und des Lebens des Albrecht Wallenstein wieder aufgegriffen
werden.
Diese Alternative soll für die folgenden theoretischen Überlegungen die offene
Form des Dramas darstellen. Hierbei hätte sich für Schiller die Möglichkeit geboten,
verschiedene Handlungsstränge zu bearbeiten, welche sich im Laufe seiner Darstellung
an einigen Punkten berührt haben könnten. Auf diesem Wege hätte er beispielsweise
die Situation am kaiserlichen Hof als Gegenstück zur Wallensteinschen Welt in Pilsen
bzw. Eger in Szene setzen können. Die Ausdehnung der Zeitspanne wäre denkbar
gewesen: Einsetzend mit dem Aufstieg Wallensteins, verschiedene Stationen seines
Lebens im Privaten sowie auf dem Schlachtfeld durchwandernd, um letztlich nicht mit
dessen Tod, sondern mit dem Friedensschluss von 1648 zu endigen. Denn das offene
Drama verlangt eben nicht die Geschlossenheit und Kausalität der Handlung,
vielmehr hätte die lose Verbindung der Szenen größere Zeitsprünge erlaubt.
Hinsichtlich der Deutung bzw. Interpretation der historischen Ereignisse käme es
in einem Drama der offenen Form darauf an, den zeitlich weiter auseinanderliegenden
Geschehnissen ebenfalls eine Bedeutung für den Gang der Geschichte beizumessen.
Bei einer derartigen Gestaltung könnte beispielsweise plausibel gemacht werden, dass
die erstmalige Absetzung Wallensteins im Jahre 163064 schon für sein weiteres
Verhalten konstitutiv gewesen wäre. Ob das offene Drama ferner eine belehrende

61
Vgl. GOTTHOLD EPHRAIM LESSING: Hamburgische Dramaturgie, 34. Stück, in: Hamburgische
Dramaturgie (Lessing’s Werke 7), hg. von GUSTAV HEMPEL, Berlin o. J., S. 199.
62
Friedrich Schiller an Johann Wolfgang von Goethe, v. 28.11.1796, in: WB 12, S. 244.
63
WIESE 1959, Schiller, S. 677.
64
Vgl. HELLMUT DIWALD: Wallenstein. Biographie, Esslingen/München 2007, S. 438f.
11
Funktion enthalten kann, hängt wohl maßgeblich von der Figuren- bzw.
Charakterzeichnung und dem diesen zustoßenden Glück oder Unglück und den
daraus resultierenden Konsequenzen ab.
Letztlich muss aber hier der Schillerschen Vorgehensweise der Vorzug gegeben
werden, denn unter Berücksichtigung seiner Auffassung von Geschichte war eine
Darstellung, welche die gesamten Ereignisse des 30-jährigen Krieges und des Lebens
des Albrecht Wallenstein durch ›künstliche Bindungsglieder verkettet‹ wohl nur in der
von ihm schon gewählten Form der historischen Arbeit der Geschichte des
dreyssigjährigen Kriegs möglich. Für das Geschichtsdrama hingegen wählte er mit
Bedacht nur einen Ausschnitt der Historie und bettete diesen stilvoll in ihren
geschichtlichen Kontext ein.

5 Schlussbetrachtungen

Es hat sich also gezeigt, dass Friedrich Schiller, von verschiedenen politischen und
geistigen Faktoren beeinflusst, seine Vorstellung von der Geschichte und seine
Überlegungen zu philosophischen Fragen in seinem Werk Wallenstein miteinander
verband. Seine Arbeit mit den Quellen zur Geschichte des 30-jährigen Krieges legte
den Grundstein für sein poetisches Werk. Der gewählte Zeitabschnitt aus dem lange
währenden Krieg, die Konzentration auf die Person Wallenstein innerhalb der
historischen Ereignisse und die dürftige Quellenlage zu eben dieser Person, boten dem
Dichter die Gelegenheit, den Wallenstein in seinem Geschichtsdrama mit möglichen
Charaktereigenschaften auszustatten, welche dessen Zaudern und Zögern glaubhaft
erscheinen lassen.
Anders als der Geschichtsschreiber, welcher zwar ebenfalls historische Ereignisse in
einer historiographischen Darstellung schlüssig miteinander verbindet und nicht nur
nebeneinander stellt, war es dem Künstler Schiller gestattet, die belegten historischen
Ereignisse durch fiktive zu ergänzen, um dadurch die Handlung im Drama kausal zu
verketten und zu dem von ihm gewählten zwingenden Ende voranschreiten zu lassen.
Bei einer Bearbeitung des Stoffes in der offenen Form des Dramas, hätte die
Handlung zwar ebenfalls den von Schiller angestrebten Abschluss finden können, nur
die Kausalität, die zwingende Notwendigkeit des Untergangs Wallensteins, hätte
vermutlich nicht so konsequent entwickelt werden können und wäre nicht so
unausweichlich und einsichtig gewesen.
Letztlich bleibt noch festzuhalten, dass Geschichtsschreibung ebenso wie
Geschichtsdichtung immer auch eine Deutung der historischen Ereignisse beinhaltet;
und dass selbst heute noch jede geschichtliche Darstellung zugleich eine belehrende
Absicht in sich birgt.

12
Siglen

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Verlag), Frankfurt/Main 1987ff.

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14
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WIESE, BENNO VON: Friedrich Schiller, Stuttgart 1959.

16
Eigenständigkeitserklärung

Hiermit erkläre ich,


dass ich

- den Reflexionsbericht eigenständig verfasst,

- Zitate, die anderen Schriften wörtlich oder sinngemäß entnommen wurden,


kenntlich gemacht,

- keine anderen Quellen und Hilfsmittel, als die angegebenen, benutzt habe
und

- die vorliegenden Ausführungen noch nicht Bestandteil anderer Studien – oder


Prüfungsleistungen waren.

Ort, Datum, Unterschrift

17