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Kunstauktionshaus ist es schwer, das zu machen, was sammenzusehen, die Kunst der Vergangenheit nicht

sie denken, und nicht, was andere Leute wollen. Das aus dem eigenen Angesprochensein, aus der Betrof- s
ist, meiner Ansicht nach, ein groBes Problem. Ich fenheit herauszulôsen und in jenes abstrakte Gebilde,
glaube, oft wird gedacht, daS Kunsthistoriker ganz sei das nun die Stilentwicklung oder was immer, hin-
1E1T anders sind als Kunsthândler oder ein Versteigerungs- einzubetten versuchen, sondern von dem Hier und
El haus. Aber ich glaube, es gibt wirklich sehr viele Par- Heute dieser Gegenwart den Blick sich erneuern zu
allelen, und wir haben aile dieseiben Problème. Es ist lassen in die Kunst der Zeit-und in die der Vergan­
sehr wichtig, daB wir aile probieren, diese sehr starke genheit. So glaube ich, daB diese sauberen Trennun-
UNO Kraft in der heutigen Gesellschaft zu nützen, aber auch gen, diese Versuche der Objektivierung ja auch in der
1E DEF zu kontrollieren, daB wir nicht unsererseits von diesem Vergangenheit letztlich insofern gescheitert sind, als
StreB kontrolliert werden. sie vielleicht systemimmanent gestimmt haben, aber,
wenn wir die kunsthistorische Literatur in diesen Jahr-
Skreinen Dieser Unterscheidungsversuch zwischen
zehnten zurückverfoigen, dann sehen wir ja die stândig
Kunsthistoriker und -kritiker ist sehr hilfreich gewesen,
éidei aber ich glaube, man sollte das nicht vom Begriff der
auftretenden Einseitigkeiten, die wir vielleicht mit un-
:n Mc seren Einseitigkeiten zu ergânzen haben.
Betroffenheit abhângig machen. Der Kunsthistoriker
Dffen Bogner: Meine Damen und Herren, R ound-Table-G e-
ist aus meiner Sicht nur ein Kunsthistoriker, wenn er
urwis; sprâche haben es oft an sich, daB sie den Anschein
auch ein Kunstkritiker ist, und der Kunstkritiker kann
ch au erweeken, es wâre eine relative groBe Harmonie zwi­
ohne die Kunstgeschichte, ohne seine Kenntnis der
der ac schen den Teilnehmern vorhanden. Nàher besehen, ;§
Kunstgeschichte überhaupt nicht arbeiten. Mir er-
LA, Je
scheint es ais ein dringendes Gebot für einen Kunst­ stecken hinter ali den hier geâuBerten, individuellen
RAI] und doch reprâsentativen Meinungen sehr groBe Di-
kritiker - ob Sie ihn nun als Kunstkritiker oder Kunst­
)ERT vergenzen, mit denen wir nicht leben müssen, sondern
historiker einschâtzen, also für den, der sich mit der
ian M mit denen wir uns vor allem auseinandersetzen sollten. iS
Kunst beschâftigt —, daB er sich bewuBt ist, daB die
zùgzij Die Notwendigkeit, sich mit diesen Fragen auseinan-
Kunstgeschichte, die Kunst der Vergangenheiten und
lie hé derzusetzen, ist, so hoffe ich, hier vermittelt worden.
der Gegenwart ja nicht etwas abstrakt Statisches ist,
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sondern daB wir in einem stàndigen ProzeB einer Ver- Danke!
Sechz
ânderung der geistigen Situation, der eigenen Seh-
Æeiste
weise, der Problemlagen stehen. Und zwar erscheint 1 Kunstgeschichte. Eine Einführung, hrsg. von Hans Belting, Heinrich
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es mir als ein dringendes Gebot, hier beide Dinge zu- Dilly u.a., Berlin 1985, S.7ff.
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Cunstt KUNSTGESCHICHTE UND DIE MEDIEN O1
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ïq der Moderator: J S !j/[
; Grun Dr. Dieter Bogner
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îasel, Teilnehmer:
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les Bu Haider, Hans, Dr. phil., Ressortleiter des „Spectrum s“, Sam- Rauch, Peter, Dr.iur., W issenschaftlicher Verleger, Geschâfts-
derzeit stagbeilage der ..Pre sse " und deren Erste r Theaterkritiker. Lehr- fü h re r und Gesellschafter der Bôhlau Verlage in Kôln und Wien.

telluns beauftragter fü r Soziologie der Lite ra tu r an der Universitât Wien.


Lehre bei H a rra sso w itz in Wiesbaden, A DEVA in Graz, Springer
Boehi Studium der Theaterw issenschaft und Kunstgeschichte an der in New York; seit 1987 G eschàftsführer und Gesellschafter der
ls PhS Universitât Wien; seit 1972 Se kre îâ r der Ôsterreichischen Ge­ Bôhlau Veriage in Kôln und Wien.
nsfühii sellschaft fü r Literatur; seit 1974 Kulturredakteur, seit 1986 Res­
Schmidt-Wulffen, Stephan, Prof.D r., Kunstkritiker, Dozent an der
i . Ver sortleiter der Samstagbeilage und seit 1987 Erste r Theaterkritiker
Hochschule fü r bildende K u n st in Hamburg.
îtweni der ..Presse".
Studium der Philosophie, Lin g u istik und Kom m unikaîionsâs-
iànfred Pubiikationen (Auswahl)
thetik in München, Kôln und Konstanz; Dozent an der Hoch­
itand. Verfasser zahireicher Zeitungsartikei und Rundfunkessays so-
schule fü r bildende K u n st in Hamburg.
. a^.als wie Beitrâge in Anthologien. Herausgeber des literarischen
iphie 1 W erks von Norbert Conrad Kaser; Herausgeber der Anthologie Pubiikationen (Auswahl)
n Arbt „An mein Kind - Briefe von Vâtern", 1 9 8 4 - 1 9 8 6 ; Mitheraus- Zahlreiche Aufsâtze in Kunstzeitschriften (besonders Kunstfo-
geber der Dokumentation „Antisem itism us Tiro l 1980", 1981. rum International) und Katalogen; Spielregeln. Tendenzen der
isselpe
Mitarbeit an verschiedenen Ausstellungen. Gegenwartskunst, Kôln 1987; Hrsg.: Non plus ultra ? - K unst
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r, t ' i L ï t c ^-— H jh t

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in der K o nsum geselIschaftTKunstforum International, Bd. 103, Arbeiten (in Théorie und Praxis) auf den Gebieten; Medienkunst,
1989. Mathematik, Musik, Performance, Philosophie, Skulptur, Kul-
turgeschichte. P ro fe sso r am Department of Media Study, Di-
Sterk, Harald, Ressortleiter fü r bildende K u n st und Architektur
rektor des Digital A rts Laboratory, State University of New York,
in der Kulturredaktion des O R F.
Buffalo.
Studium der Theaterw issenschaft und Kunstgeschichte. Freier
Mitarbeiter (1962 bis 1964) und Kulturredakteur (1964 bis 1981) Pubiikationen (Auswahl)
der ..Arbeiter-Zeitung". Seit 1982 Ressortleiter fü r bildende Kunst Wiener Aktionism us und Film (mit Valie Export), Fra n k fu rt 1970;
und A rchitektur in der Kulturredaktion des O R F. Studien z u r Thé o rie der Automaten (mit F. Kaltenbeck), Mün­
chen 1974; Erweiterte Fotographie, Sécession Wien, Wien 1981;
Pubiikationen (Auswahl) Im Bauch des Biestes. Logokultur, Wien 1987; Jenseits der Erde,
Industriekultur in Osterreich. 1750— 1950, 4 Bande; Bauen in Wien 1987;lnszenierte Kunstgeschichte. Kataiog zurA usste llung
Wien; Fernsehdokum entationen über Otto Wagner, Adolf Loos, im Muséum fü r angewandte Kunst, Wien 1988.
O skar Koko.schka, F ritz W otruba u.a. sowie über Sachthemen
wie Manierism us, Architektur im N ationalsozialism us, Wohn-
bauarchitektur u.a.m.

Weibel, Peter, Polyartist, o.Prof., Pro fe sso r an der Hochschule


fü r angewandte Kunst, Wien; GründungSdirektor des instituts (Die Angaben zu den Funktionen der Podium sdiskutanten gel-
fü r Neue Medien, Fra n k fu rt (1989). \ ten fü r den Zeitpunkt der Tagung.)

B o g n e r Kunstgeschichte und die Medien! Auch diè­ Verhâltnis, über das sich jeder von uns Rechenschaft
ses Them a ist in der von mir bereits am Beginn der ablegen sollte. Die Frage, die ich als erste diskutieren
vorangegangenen Runde erwâhnten „Einführung“ für môchte, ist die Problematik dieser durch die Medien
Kunsthistoriker nicht in dem hier gemeinten Sinn pré­ geschaffenen Realitât. Vorerst aber ersuche ich, die
sent. Hat der Kunsthistoriker, vor allem auch der aka- Teilnehmer zur Frage ihres Verhâltnisses zur Kunst­
demische Kunsthistoriker mit den Medien, die an die- geschichte, zur akademischen Kunstgeschichte
sem Tisch vertreten sind, etwas zu tun, viel zu tun, oder ebenso wie zu jener der Kunstkritiker Stellung zu neh-
drehen wir die Frage um, was haben die Medien mit men.
der Kunstgeschichte zu tun? Die Stellung der Medien
im heutigen Kunstbetrieb wird für mich durch eineText- Haider: Fünf Punkte zu spâter Stunde: 1.) Noch immer
stelle in Peter Weibels Einleitung zu seinem Ausstel- erklimmen dieThem en Kunstraub und Kunstfâlschung
lungskatalog „lnszenierte Kunstgeschichte"1 provo- die Spitze des Medieninteresses im Wortfelde Kunst.
kant befragt. Er entwickelt dort die Idee, einmal eine W er aus dem akademischen Fach der Kunstgeschichte
Aussteliung zu machen, aufgrund dieser Ausstellung in die Titelzeilen strebt, muB Fâlschungen entdecken
einen Kataiog zu produzieren und nach dessen Fer- oder mit falschen Expertisen decken, muB ihm anver-
tigstellung die Ausstellung verschwinden zu lassen, so trautes Kunstgut veruntreuen oder wenigstens durch
daB allein der Kataiog die Realitât dieser Ausstellung Schlamperei dessen Schwund begünstigen. 2.) Mei-
sein würde. Das Vermittlungsmedium, das gedruckte stens gelangt die Kunstgeschichte auf die Kulturseiten
Werk, wâre dann für die Ôffentiichkeit die einzige Rea­ und in die Kulturjournale, nicht mit ihren allgemeinen
litât. Die Ausstellung selbst, der AnlaB, existierte für die Themen, sondern in der Folge eines Ereignisses im
Offentiichkeit nicht, wâre nicht real, sondern nur als Schaubetrieb, im Ausstellungsbetrieb. Dieser Betrieb
Erinnerung, als Vorsteilung greifbar. Mir erscheint, daB schlâgt den Takt, das Feuilleton hinkt nach: Das Hin-
das letzte Heft des „Kunstforum International" diesen schauen, das schnelle Hinschauen gelingt jedem im­
Fall fast exemplarisch illustriert, ohne daB dies beab- mer rascher, dieses verdrângt das Lesen und damit
sichtigt wurde. Es handelt sich um das Heft, das an- Voraussetzungen komplizierten begrifflichen Denkens.
lâBlich der letzten ars electronica in Linz quasi als Ein Paradox: Kunst verdrângt Kunstgeschichte. Wir ha-
Kataiog erschienen ist. Die Teilnahme des Publikums sten durch die Universalmuseen, wîssen ailes, denken
an dieser ars electronica war fast nuil, verglichen mit nichts mehr. Die Zahl der Aussteilungsrâume wâchst
der Zahl der Leser der mehr aïs 12.000 Exemplare, die stetig. Man darf sich freuen, daB beispielsweise aus
vertrieben wurden. Inwieweit, lâBt sich fragen, sind die Wienerischen Schaustâtten Künstlernamen in die Welt
Medien die eigentliche Realitàt dieser Kunst? Inwieweit gehen, doch auf einem solchen Niveau arbeitet kein
gewinnen diese Werke erst durch den Druck oder einziger Wiener iiterarischer Verlag. 3.) Die Kunstge­
durch die Vermittlung im Fernsehen Realitât? Oder schichte ist ein Sprachfach: Sie ehrt ihre formulatori-
handelt es sich um zwei verschiedene Realitâtsformen schen Helden. Die Schrift oder die Rede von Kunst-
nebeneinander? Die eine Realitàtsform ist jene, die historikern, wie sie nach dem Journalisten zielt, ist vor-
wenige Besucher an Ort und Steile erleben, die andere nehmlich eine der Agitation, der Werbung, der poiiti-
jene, die die vielen Leser durch die Medien erfahren. schen Légitimation von Projekten und deren Kosten.
Wer viele Kunstzeitschriften liest, erlebt quantitativ viel in ihren Bücherzimmern zueinander, mit ihren Verle-
mehr dieser medialen Realitât der Kunst aïs der, der gern und zu ihren Studenten werden sie anders reden,
an der originâren Présentation teilnimmt. Das ist ein denke ich - hoffentlich - r d e n n wenn ich Kunstku-

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stoden hôre, hôre ich oft nur Journalisten reden, Lo- xikon" nennt. Das sind impressionistische 2-Minuten-
kalpolitiker, Tourismusmagnaten. Da lobe ich den be- Portionen, jeweils über einen Künstler. Ich gebe zu, das
hàbigen Ton der alten Volksbildung, die Emphase der ist nicht sehr viel, aber doch etwas. Die Beitrâge werden
Entdecker, die Scham der nach Worten Suchenden. dreimal am Tag auf FS1 oder FS2 ausgestrahlt. Dann
Auch die Sprache kenntStilfomnen, auch im Haus der gibt es noch die „Kunst-Stücke“, die 'schwere Kost’;
Sprache hângen schiefe Bilder. 4.) Hinsichtlich der und weil es schwere Kost ist, wird sie von den Pro-
Quantitàt der Kunstvermittlung führt das Fernsehen. grammverantwortlichen natürlich in die Zeit knapp vor
Auch dort zerstückeln die verschiedensten Anlâsse die oder nach Mitternacht verbannt. Das ist ein ungefàhrer
Kunstwelt in Atome, sie werden durch Ankündigungs- Oberblick über das, was das Fernsehen auf dem Gebiet
sprache zusammengekittet, zu unertrâglichen Portio- der Kunst und der Kunstgeschichte in Osterreich zur
nen. Der jeweils erste Satz folgt folgendem Muster: „Der Zeit zu leisten vermag.
Anblick der N atur beeinfluBt seit Menschengedenken Herr Bogner wollte wissen, welches Verhâltnis wir zur
Künstler in ihrem oft mühevolien Schaffen". Derzweite Kunstgeschichte haben. Ich bin selbst Kunsthistoriker
Satz, der Untersatz, holt das Licht der Erkenntnis zu- oder habe zumindest Kunstgeschichte studiert. Als
rück auf den Platz, für den geworben wird. „ln Linz Fernsehproduzierender steht man dem Kunsthistoriker
werden Blumenaquarelie der gebürtigen Wienerin Eva in einer Doppelrolle gegenüber. Auf der einen Seite
Pinsel aus den letzten zwanzig Jahren gezeigt." Jedes verbreitet man das, was er erarbeitet hat, auf der an­
Ereignis stelit sich ungefâhr gleich dar, gleich lang deren Seite verdünnt man es, dessen muB man sich
sichtbar, gleich wichtig, in summa gehen aile MaBstâbe vôilig bewuBt sein. Es ist so âhnlich wie beim Suppen-
verloren, die totale Veranstaltungswerbung endet in würfel. Der ist ein Konzentrat: das ist die Arbeit des
Aphasie. 5.) W er Medienmitarbeiter fur seine Zwecke Kunsthistorikers. Wir werfen ihn ins heiBe Wasser des
einspannen will, tut das gegen wachsende Konkurrenz, Médiums, und dann wird er verdünnt, aber für eine
vielleicht wird der werbende Sekundàrbereich einmal groBe Masse hoffentlich genieBbar. Wir sind Vermittler,
direkt subventioniert und nicht auf Umwegen, etwa wir wollen redliche Vermittler sein, ich hoffe, wir sind
indem aus dem Ausstellungsbudget Katalogartikel aus es immer. Wir bieten Hiifsmittel zum Begreifen an, aber
der Feder eines spâteren Berichterstatters bezahlt wer­ durchaus subjektiv.
den. Die Befindlichkeit eines Medienmitarbeiters darf Es gibt zwei Dinge, an die wir gebunden sind: an das
nie ein letztes Argument sein, dennoch will ich sagen, eine halten wir uns, an das andere kônnen wir uns
daB nichts làstiger ist, als wenn hinter einer massen- nicht halten. Es gibt den Bildungsauftrag des ORF, das
drucksortenhaft verschickten Werbeschrift auch noch ist eben unsere Teiitâtigkeit auf dem Gebiet der bil­
hinterhertelefoniert wird: „Haben Sie unsere Einladung denden Kunst und der Kunstgeschichte, und es gibt
bekommen?" Und daB ich mich von keinem Kunst- das Objektivitâtsgebot, an das wir uns halten sollen,
hüter besser verwôhnt fühlte als von dem, der mich an das wir uns aber nicht halten kônnen, weil es un-
ohne AnlaS einlud, an einem SchiieBtag stundeniang môglich ist, objektiv zu sein. Schon die Notwendigkeit,
scheinbar mutterseelenallein durch seine Galerie zu aus zehn Ausstellungseinladungen vier herausgreifen
wandern. zu müssen, weil die Sendezeit nicht für zehn Ausstel-
Sterk: Ich fühle mich hier nicht als Vertreter des Fern- lungen reicht, erzeugt Subjektivitât. Objektivitât ist nicht
sehens im allgemeinen, sondern des ORF, weil ich môglich, das habe ich schon gesagt. Wir kônnen nicht
keine anderen Erfahrungen habe als die beim ORF. so vorgehen, wie die Kollegen vom Aktuellen Dienst,
Ich glaube, es ist notwendig, ein biBchen darauf ein- die Objektivitât oder Scheinobjektivitât, wenn Sie so
zugehen, was wir so ailes im Bereich der bildenden wollen, darin dokumentieren, daB sie auf 30 Sekunden
Kunst und der Kunstgeschichte produzieren. Da gibt Vranitzky 20 Sekunden Riegler und 10 Sekunden Hai­
es einmal die groBen Dokumentationen, 4 5 - 6 0 Mi- der folgen lassen. Das ist in der Kunstberichterstattung
nuten, zum Teil selbstgemacht, zum Teil angekauft, das nicht môglich. Daher gebe ich gerne zu, daB die Kunst­
sind etwa zehn Stück im Jahr, Sie môgen selbst be- berichterstattung sehr subjektiv ist.
urteilen, ob das viel oder wenig ist. Dann gibt es die Es kommt aber noch etwas anderes dazu: Selbstver-
kleineren Einheiten, die Magazinbeitrâge, von 10 — 20 stândlich ist das, was an Kunst oder Kunstgeschichte
Minuten. Da kann man schon etwas weniger genau - Kunstgeschichte beginnt für mich mit der Fertig-
und weniger sorgfàltig vorgehen. Davon gibt es etwa steliung eines Werks — im Fernsehen erscheint, nicht
1 2 - 1 5 Sendungen im Jahr. Dann gibt es die Kurz- mit der Realitât dieser Kunst, die gemacht geworden
berichte in den aktuellen Sendungen, im Kulturjournal, ist oder die in einer Ausstellung zu sehen ist, identisch.
aber auch im Lokalfernsehen. Die sind leider m anch- Es handelt sich um eine zweite Realitât, und damit
mal so, wie sie Kollege Haider angesprochen habt. spreche ich die Frage an, die Herr Bogner vorhin ge-
Aber sie sind Gott sei Dank nicht immer so, und das, stellt hat. Diese zweite Realitât ergibt sich weniger aus
was er gesagt hat, ist eher die Ausnahme. Dann gibt der Subjektivitât von uns Machern als aus den Eigen-
es die Serien, Sie erinnern sich vielleicht an die „100 gesetzlichkeiten des Médiums. Ein Kunstwerk ist râum-
Meisterwerke", die Aufbereitung eines Kunstwerks oder lich erlebbar, in einer bestimmten râumlichen Situation;
in anderen Fâllen eines Künstlers. wir zwingen es in eine Flâche. Die Kamerabewegung
Jetzt mâche ich ein biBchen Eigenreklame. Wir haben hat eine besondere Eigenart, die Farbe, die Sie im
zur Zeit etwas in Vorbereitung, das am 26.0ktober 1989 Fernsehen sehen, ist eine Farbe, die auf eine vôilig
starten wird und sich „Üsterreichisches Künstler-Le- andere Art und Weise zustande kommt als die Farbe
in der Realitât: es ist einêUmsetzung, eine zweite Farbe. nalist kultiviert seine Talente, d. h. er muB seine Ver-
Durch Schnitt, Musik und durch den Kommentar wird mittlung immer wieder neu erfinden. (Ich verkürze hier
die Wirklichkeit noch mehr in die Ebene einer zweiten jetzt ein biBchen.) Ich glaube, daB in dieser etwas gro-
Wirklichkeit verschoben. Der einzige Vorzug, den ich ben Gegenüberstellung von Disziplin versus Talent
für uns in Anspruch nehmen kann, ist — obwohl sich doch ein Punkt steckt, über den man nachdenken
die Dinge in dem Augenbiick, in dem sie über den kônnte. Der Journalist arbeitet viel mehr mit mimeti-
Bildschirm flimmern, sehr stark verândern, daB wir zei- schen Mitteln. Er hat meist nicht viel Platz. Es gibt also
gen kônnen, worüber die anderen nur reden oder den Zwang, auf kleinstem Raum doch noch etwas zu
schreiben. vermitteln, und das geschieht eben durch Inszenierung
Ich môchte noch auf einen Satz reagieren, den Herr eines Textes, durch elliptische Mittel, durch Andeutung,
Skreiner vorhin ausgesprochen hat, nicht weii ich zu- durch Metapher, und da sind wir schon wieder beim
rückpolemisieren môchte, sondern weil er einen ganz Handwerk. Was mich interessiert, ist, wie weit kann
guten Ank'nüpfungspunkt bietet. Herr Skreiner hat vor­ eigentlich die Kunstgeschichte diese mimetischen Pro-
hin, ich glaube in seinem kurzen Einleitungsstatement, zesse vernachiâssigen ? Wie groB ist die wissenschafts-
davon gesprochen, daB der ORF immer nur Hrdlicka kritische Selbstsicherheit innerhalb der Geisteswissen-
zeigt; das stimmt nicht, er zeigt gelggentlich auch Rai­ schaft Kunstgeschichte, daB sie sich auf diesen Wis-
ner oder Nitsch. Ich will damit sagen, Herr Skreiner hat senschaftsbegriff des Sicherns, Erklàrens, Beschrei-
unrecht, aber er hat selbstverstândlic'ft. auch recht, benszurückziehen kann?W irhaben in der Philosophie
denn auch wir krallen uns am Etablierten fest. Das ist seit Jahren eine groBe Verunsicherung. Diese kreist
nicht so, weil wir nur das Etablierte haben wollen, wir exakt um die Begriffe, die Sie in Ihren Diskussionen
versuchen auch immer wieder, gegenzusteuern. Aber immer noch relativ selbstverstàndlich voraussetzen,
es liegt irgendwo im Zwang dessen, was uns ôkono- und ich frage mich, ob, wenn man diese Begriffe mit
mische und gesellschaftliche Verhâltnisse auferlegen, Fragezeichen versieht, man dann nicht zwangslâufig
wir werden hauptsâchlich zur Berichterstattung über in eine grôBere Nâhe zum Werk kommt, ob man nicht
das Etablierte mehr oder weniger gezwungen. Unsere auch bedenken sollte, inwiefern andeutende Sprache
Gegensteuerungsversuche finden zw ar statt, aber sie Erkenntnismittel sein kônnte.
sind relativ bescheiden. Damit môchte ich fürs erste
Rauch: Darf ich gleich mit zwei Punkten auf Herrn
schlieBen, auf Details werden wir sicher noch zu spre-
Schmidt-Wulffen eingehen: Er meinte, der Journalist
chen kommen.
müBte nicht Kunsthistoriker sein, ersoll sein Handwerk
Schmidt-Wulffen: Merkwürdigerweise gérât man als gelernt haben oder so àhnlich. Wenn ich einen Ge-
Journalist in die Situation, die eigene Zunft vehement richtssaalberichterstatter hôre, der nicht Jurist ist, dann
verteidigen zu müssen. Seit Tagen râtsle ich, was die werde ich feststellen, daB er entsetzliche Begriffe ver-
Kunstgeschichte dazu bringt, zu fragen, warum nicht wendet, und weder der Jurist wird sich auskennen noch
mehr Kunsthistoriker Journalisten werden. Man fragt der Laie, der in der Zeitung den Text liest. Àhnlich ist
sich offensichtlich gar nicht, warum nicht mehr Kunst­ es vielleicht auch beim Kunsthistoriker. Es ist oft
historiker z. B. Kôche werden. Man geht offensichtlich schlimm, wenn in diversen ôsterreichischen Tageszei-
davon aus, daB der Journalismus etwas ist, in das man tungen über kunsthistorische Dinge Nichtkunsthisto-
mit zwei/drei Aufbauseminaren schon hineinkommt. riker referieren. Es wâre schon sinnvoli, die gemein-
Dieser Ansicht môchte ich zunâchst einmal vehement same Sprache zu kultivieren und durch Studium ge-
widersprechen. W er von den Kunsthistorikern Jour­ meinsame Begriffe zu erarbeiten. Damit komme ich
nalist werden will, der soll das Handwerk lernen, der zum Essay. Wenn ich einen Essay schreibe, dann muB
soll diesen Beruf lernen, aber das eine hat nichts mit ich zunâchst einmal die Begrifflichkeit, die Sprachlich-
dem anderen zu tun. Nicht jeder Diplomingenieur, der keit erarbeitet haben; dann kann ich vielleicht in der
Rennwagen konstruiert, wird auch zwangslâufig gleich lockeren Art des Essays weiterschreiben, dann wird
Rennfahrer. Von daher sollte man die Dinge erst einmal das Ergebnis intéressant. Da gehôrt viel Mut dazu, und
auseinanderhalten. Zugegeben, die Kunsthistoriker der wird in der Kunstgeschichte noch in groBem MaBe
sind die Akademiker, die Journalisten sind wohl eher zu fordern sein.
die Handwerker, die zwar als Denkschulung ein Stu- Zurück zum eigentlichen Kunstwissenschaftler, zum
dium absolviert haben, aber sich nun doch recht prag- Kunsthistoriker in seiner Ausbildung. Wir haben bereits
matisch über die Runden retten müssen — und das über die neuen Medien gesprochen. Ich komme aus
meine ich gar nicht abfâllig. Ich nehme das Stichwort einem uralten Medium, aus dem Druck-A/erlagswesen.
von Herrn Sterk auf: „Verdünner“, vor allen Dingen Seit Jahrhunderten spielt sich die Forschung, die Wis-
aber ..Vermittler", da ist sicherlich etwas Wahres daran. senschaft, Kunstwissenschaft und jede andere Wis-
Wenn ich das in den letzten Tagen richtig verfolgt habe, senschaftssparte — insofern sind die Problème der
erwartet man, spâtestens wenn es aufs Doktorat zu- letzten Tage nicht nur kunsthistorische, sondern Pro­
geht, vom Kunsthistoriker, daB er Neues erfindet. Jour­ blème jedes spezialisierten Wissenschaftsfachs - in
nalisten sind dazu nicht unbedingt in der Lage, sie kleinen Zirkeln ab. Dort schreiben Forscher, Gelehrte,
sollen auch gar nichts Neues erfinden. Die Kunsthi­ Fachwissenschaftler für Forscher und Fachwissen-
storiker sind offenbar einer Disziplin unterworfen, einer schaftler. Das Erstaunliche ist, und das hat Herr Dilly
Disziplin ihres Fachs, und sie qualifizieren sich da- gerade in der Pause erzâhlt, daB 80% aller jemals
durch, daB sie diese Disziplin einhalten. Der gute Jour­ gelebt habenden Kunsthistoriker jetzt leben. Betrach-

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ten Sie die unglaubliche Zahl der Kunsthistoriker und es ihm schwer machen oder gar nicht môglich er-
vergleichen Sie damit die sehr kleine Zahl oder un- scheinen lassen, in journalistischen Bereichen tâtig zu
veràndert kleine Zahl an verkaufbaren Ergebnissen der sein. Als einen Ausweg hat Herr Rauch auf die Essay-
Kunstgeschichte. Das streng wissenschaftliche Fach- form verwiesen. Herr Schmidt-Wulffen hat angedeutet,
buch, die kunsthistorische Zeitschrift, ob das Wiener daB andere ais unsere gewohnten methodischen Mittel
Jahrbuch oder das G razer oder irgendwelche inter- angewandt werden sollten, z. B. das Andeuten oder
nationalen, sie haben keine Zuwàchse in den Ver- das assoziative Dariegen. Er meinte, daB auch dies
kaufszahlen. Ganz im Gegenteil ! Wir kâmpfen mit Fern- Vermittlungsmethoden für den wissenschaftlich den-
leihe, wir kâmpfen mit Kopieren, wir kâmpfen mit allen kenden Kunsthistoriker wâren. Der Essay ist eine Form,
môglichen Reduktionen in der Auflage, obwohl doch die auch Sie, Herr Haider, als Redakteur der Sonn-
das Potential auch der Wissenschaftler enorm gestie- tagsbeilage ..Spektaim" der Zeitung „Die Presse" in-
gen ist. Und der kleine Kreis, dieser Elfenbeinturm der teressieren müBte.
Forschung, der ist wahrscheinlich wirklich notwendig
Haider: Wir kommen zum Problem des deutschen Pro-
und der soil sich auch gar nicht àndern, denn für die
fessors, der, anders als der italienische oder franzô-
Forschungsarbeit ist diese isolation sicherlich notwen­
sische Professor, eine gewisse Zeitungsscheu hat.
dig. Daneben aber, neben dem eigentlich wissen-
Scheu ist er auch auf anderen Gebieten; etwa wird ein
schaftlichen Forschungsbereich ist ein groBer gesell-
Kunstgeschichteprofessor in deutschen Landen, und
schaftlicher Interessenszuwachs an der Kunstge­
da zâhle ich Ûsterreich dazu, auch nie Bürgermeister.
schichte zu bemerken, und hier wâre es, glaube ich,
Ich habe mich in meinem kleinen Wirkungsbereich im­
eine wesentliche Aufgabe des Kunsthistorikers, sich zu
mer bemüht, in Kenntnis der Vorbehalte gegenüber
fragen, ob er dieser Herausforderung gerecht wird, ob
meiner Joum alisten-Halbbildung - ich bin nâmiich
er sich ihr steilen will oder ob er die Deckung des
nur Nebenfachkunsthistoriker - an Autoritâten zu de-
Bedarfs an kunstgeschichtlicher Information, an ver-
legieren, so sie schreiben kônnen. Ich habe auch immer
stàndlich gemachter Kunstgeschichte kampflos an-
wieder diskrete Hilfestellung angeboten und geleistet,
deren überlassen will oder ob er als Kunsthistoriker
Texte im Sinne des Zeitungsessays zu meliorisieren,
sehr wohl solche Themen aufgreifen, vereinfacht dar-
und bin einige Male zu schônen Ergebnissen gekom-
stellen und ganz bewuBt für ein groBes Publikum auf-
men. Ich persônlich habe wenig Angst davor, daB je-
bereiten môchte. Vom Verleger her gesehen wâre dies
mand zu einem Thema, zu dem er eine Aussteliung
sicherlich die Idealvorstellung. Wir waren immer davon
gemacht hat, nicht auch in der Zeitung etwas Gutes
überzeugt, dal3 der strenge Wissenschaftler der Be-
schreiben kônnte; weil er sich auf dem Gebiet am be-
fâhigtste wâre zu vereinfachen, weil er weiB, was er
sten auskennt. DaB man als Schreiber eines Artikels
weglassen kann, was er einfacher formulieren kann,
immer gerade den anderen sucht, den Konkurrenten
weil er den Background hat, den der Journalist eben
oder den Feind, das ist eine mir im Geistesieben un-
nicht hat. Dieser kennt zwar das Handwerk, wie Sie
würdig erscheinende Inszenierung, die ich wirklich
gesagt haben, sehr gut und hat die notwendige Elo-
nicht fôrdere. Viele ôsterreichische Museumsdirektoren
quenz, doch fehlen ihm natürlich die fachlichen Grund-
haben ihrePublikationstâtigkeit derletzten 10/15 Jahre
lagen. Es wâre ja auch schlimm für die Kunstge­
auf „Fremdenverkehrsbànde" konzentriert. So sind
schichte, wenn man innerhalb von zwei Monaten ein
sehr schône Bûcher in einem sehr ordentlichen Verlag
groBes kunstgeschichtliches Gebiet ausreichend er-
erschienen, und diesen Verlag hat dann auch der Staat
fassen kônnte, um ein Buch darüber zu schreiben. Es
gekauft. Das ist ein sehr schônes, hieratisch amtlich
ist sicherlich der Wunschtraum vieler Verleger, daB der
geschlossenes System, das aufzusprengen nieman-
Gelehrte jene Themen, die er gerade im Jahrbuch für
dem gelingt. Da müBte schon einer, der dort drinnen
Kunstgeschichte beschrieben hat, auch für ein groBes
sitzt, Selbstverzicht üben.
Publikum aufgreift.
Was die Zugânglichkeit zum Beruf Journalist angeht,
Noch ganz kurz ein drittes Phânomen, das noch zu
môchte ich den Korpsgeist lieber missen. Ich bin im
diskutieren sein wird: Inwieweit sollten neben diesen
Zweifelsfali für einen freien Zugang zu diesem Beruf,
traditionellen Formen der Verôffenîlichung nicht auch
denn würde er reglementiert, wie sâhe das aus in Ûster­
die anderen Medien viel mehr vom Kunsthistoriker auf-
reich? Da kàme man entweder aus der linken oder der
gegriffen werden? Der Kunsthistoriker müBte einfach
rechten Tür in die Redaktionen. Ein Studium schadet
in den anderen Medien mit dabeisein, er müBte sich
nicht, und ich meine, daB der Vorteil eines geistes-,
verstârkt bemühen, dort zu Wort zu kommen.
eines kunstwissenschaftlichen Studiums und unter
Bogner: Bevor ich Peter Weibei zu sprechen bitte, Umstânden einzelner Philologien ein nützliches
môchte ich - weil ich glaube, daB er in eine andere Grundgerüst ist. Es gilt, in einem Fachgebiet einmal
Richtung diskutieren wird — zu den Fragen von Herrn vertikal die Geschichte durchzudenken und sich hi-
Rauch die anderen Teilnehmer sprechen lassen. Es storisch zu orientieren.
wurde klar definiert, daB es eine Kluft zwischen dem
Bogner: Ich glaube, da haben Sie Herrn Schmidt-Wulf­
wissenschaftlichen Kunsthistoriker und dem Journa-
fen falsch verstanden.
listen gibt, die u.a. auf der Selbstdisziplinierung des
Wissenschaftlers beruht, der sich aus der historischen Schmidt-Wulffen: Ja natürlich sollte man informiert
Entwicklung des Fâches, aus dem Standesethos des sein, wenn man in den Journalismus geht. Es scheint
Wissenschaftlers heraus Barrieren geschaffen hat, die mir nur nicht zwangslâufig zu sein, daB jemand, der
Kunstgeschichte studièTt hat, besser als Kunstkritiker Kunsthistoriker, der in verschiedenen Bereichen, im
geeignet ist und nicht z. B. als Literaturkritiker. Um- Journalismus, in der Ausstellungsorganisation und
gekehrt kenne ich sehr viele Literaturwissenschaftler, auch in der Forschung tâtig ist. Nachdem so viele
die ganz ausgezeichnete Kunstkritiker sind; ebenso Kunsthistoriker anwesend sind, hoffe ich, daB jemand
gibt es sehr gute Kunstkritiker, die Kunsthistoriker sind. zu diesen konkreten Punkten Stellung bezieht.
Das ist vielleicht auch nicht das Probiem; zu kritisieren
Gerlach (nimmt an Stelle von Helmut Draxler an der
ist nur diese Zwangslâufigkeit. Ich seibst bin Seite-
weiteren Diskussion teil): Ich hâtte bei diesem Thema,
neinsteiger; das bringt eine gewisse journalistische All-
das viel spannender ist als die, die in den letzten Tagen
roundschulung mit sich. Ich glaube, es ist nicht damit
abgehandelt wurden, gehofft, daB da ein Kunsthisto­
getan, die Universitât zu verlassen und dann über Ga-
riker aus Wien sitzt, weil das ein Them a ist, das man
lerieaussteilungen zu schreiben, sondern man sollte
aus einer ortskundigen Perspektive beschreiben muB.
doch etwas vom Handwerk verstehen. Ich verstehe un-
Offenkundig sind die Bedingungen in Wien, in einer
ter Handwerk, daB man weiB, daB es verschiedene
GroBstadt, ganz andere als in einer Kleinstadt wie Aa-
Textsorten gibt, daB man weiB, weiche zu welchem
chen, aus der ich komme. In Aachen gibt es das obige
Phânomen passen, wie man sich welchem Phànomen
Probiem nicht, weil dieTageszeitung überhaupt keinen
nâhern kann, daB man gelernt hat, m itïextlângen, mit
Spezialisten für den Bereich Kunst hat, sondern sich
Sendezeiten umzugehen, daB man eb,en verstanden
natürlich einen der Studenten holt und diesen über
hat, wie man einen Gedanken, den man ja vielleicht
eine Ausstellung berichten lâBt. Und der Institutsdirek-
sogar durch eine Ausstellung hindurch konstruieren
tor, bei dem dieser Student vielleicht einmal promovie-
kann, auf eine bildhafte Formel bringen kann. Da war
ren will, heiBt dies selbstverstândlich gut.
der Einwand von Herrn Rauch intéressant, der meinte,
die Kunsthistoriker sollten mehr im Fernsehen tâtig Bogner: Vor zwanzig Jahren wurde an unserem Wie­
sein. Das Fernsehen ist natürlich viel mehr noch als ner Institut eine Aufnahmearbeit, soweit ich mich er-
der gedruckte Text ein Anschauungsmedium, d. h. hier innere, mit der Bemerkung, sie wâre zu journalistisch,
dominiert die Frage, wie gehe ich mit solchen Bildern abgelehnt. Ich glaube, die Kollegin, der das passierte,
um. ist sogar hier. Das ist eine Haltung, die sich bis heute
Etwas ist mir noch wichtig! Hier entsteht der Eindruck, durchzieht. Es ist genau das Gegenteil von Aachen
als würden die Kunsthistoriker mit sehr viel Liebe zum der Fall; wir in Wien stehen vor dem Probiem, daB es
Kunstjournalismus und zur Kunstkritik hinüber- scheinbar nicht môglich ist, innerhalb der Wissen-
schauen. Dem ist ja nicht so, sondern die Kunstge­ schaftsdisziplin Forscher zu sein und gleichzeitig in
schichte sanktioniert sehr stark ail diejenigen, die sich den Medien, in der Berichterstattung, in der Kritik zu
diesen Massenmedien zuwenden. Ich denke z. B. an arbeiten. Es ist, worauf in den letzten Tagen immer
einen Absolventen der Kunstgeschichte, der nach gro- wieder hingewiesen wurde, in der strengen Hiérarchie
Bem Engagement im Kunstjournalismus endlich Kunst- der Wertungen vielen, die es wollten, unmôglich oder
vereinsleiter in einer groBen Stadt wird und sich dort sehr schwer môglich, beide Tâtigkeiten zu vereinigen.
sehr verdient macht und nebenbei wunderschône Mo- Sie müssen sich entscheiden, ob sie nun der einen
nographien in einem sehr bekannten deutschen Ma- Zunft oder der anderen angebôren wollen. Ich halte
gazin schreibt. Nachdem die ersten grauen Haare das für eine schlechte Position im Rahmen unseres
kommen, und ein progressives kunsthistorisches In­ Auftrags, das Fachwissen auch zu vermitteln. Das ist
stitut meint, diesen Kollegen zum Aufpolieren der Kol- sicherlich ein lokales Probiem. Herr Schmidt-Wulffen,
legerischaft an der Universitât zu benôtigen, trocknet Sie haben in Ihren uns zugesandten Statements die
er als Autor geradezu aus. Wenn er z. B. über Picabia Frage angerissen, inwieweit man im kunsthistorischen,
schreibt, meint er, dessen Leidenschaft für Autos nicht kunstwissenschaftlichen Bereich durch Assoziation
mehr erwâhnen zu kônnen. Getreu den akademischen sehr wohl vermitteln kann. Würden Sie diesen Gedan­
Spielregeln beschrànkt er sich auf die Werkexegese. ken bitte etwas nâher ausführen.
Das tut er nicht, weil er nicht plastisch schildern kann
Schmidt-Wulffen: Den Streit, ob etwas noch For­
— das ist auch nicht der Vorwurf, es gibt ja ganz
schung ist oder nicht mehr Forschung ist, wird man
hervorragende Autoren unter den Kunsthistorikern - ,
wohl kaum abstellen kônnen. In der Philosophie -
sondern ganz offensichtlich, weii ihm die Kollegen-
und ich rede immer über die Philosophie, weil ich eben
schaft über die Schultern schaut und er Angst hat, sich
kein Kunsthistoriker bin, sondern Philosophie studiert
zu blamieren, wenn er in einer grôBeren Zeitung nun
habe - ist es so, daB die Grabenkâmpfe sehr groB
locker, auch aus der Perspektive einer Biographie, ver-
sind. Ist die Schreibe eines Derrida2 noch Philosophie
sucht, in ein solches Werk einzuführen. Da sind wir
oder schon Literatur? Aber es ist eine Auseinander-
eben bei der Sanktionierung dieser anschaulichen
setzung, die für das wissenschaftstheoretische Ver­
Sprachlichkeit. Ich kann vielleicht viel mehr über Pi­
stândnis der Disziplin seit sehr langer Zeit produkiiv
cabia vermitteln unter dem Stichwort ‘Auto’. Ich kann
ist, weil dadurch Begriffe, wie eben der Wàhrheitsbe-
mit einem Bild vielleicht viel klarer die Leute in ein
griff, der Realitâtsbegriff, der Intentionalitâtsbegriff dis-
Verstândnis hineinführen, ais wenn ich es herbeier-
kutiert werden, und weil man sich der eigenen Position
klâre.
unsicher wird.
Bogner: Eine Zwischenbemerkung: Herr Draxler ist er- In diesem Zusammenhang fand ich vorhin den Beitrag
krankt, d. h. es fehlt in unserer Runde der akademische von Herrn Gerlach sehr wichtig. Es gibt die Kunstkritik,
die gewohnt ist, mit Künstlern umzugehen, die mit dem Herrn Schmidt-Wulffen. Ich glaube, es ist doch ein fun-
Risiko umgeht und die auch SpaB hat, sich zu expo- damentaler Unterschied, ob man einen journalisti-
nieren und Fehler zu machen. In diesem Bereich be- schen Bericht, also einen für den unmittelbaren Um-
ginnt ein Wertewandel ganz anderer Art, denn die satz, d. h. also über das Tagesereignis, oder über das
Künstler selbst arbeiten praktisch an diesen Begriffen; gerade vergangene Ereignis einen Essay in einer Ta-
ihre Werke widerlegen gewisse Denkstrukturen, und geszeitung oder auch in einem Monats- oder Viertel-
die Kritiker versuchen davon zu iernen, weil sie sich jahresfachblatt schreibt oder ob man Forschung
natürlich auch ihres eigenen begriffiichen Instrumen- macht. Gehen wir einmal ein biBchen zurück an den
tariums unsicher sind. Ich empfinde das als eine sehr Punkt, wo die Tageszeitung anfàngt, Kunstkritik zu
fruchtbare Bewegung, nicht einmal gegen die Kunst- bringen, in die Mitte des 19.Jahrhunderts etwa. Es wird
geschichte gerichtet, weil auch sehr viele Kunsthisto- der Zeitungsbericht der damaligen Zeit in der heutigen
riker dabeisind. Aber es ist intéressant, daB diese Aus- Erforschung der Kunst des 19.Jahrhunderts als Do-
einandersetzung in der zeitgenôssischen Kunst eben kument, ais Dokument einer zeitgenôssischen Àu-
unter Rückgriff auf die Philosophie ausgetragen wird Berung benutzt, wie z.B. das Tagebuch eines Zeitzeu-
und nicht unter Rückgriff auf die Kunstgeschichte. gen, er wird also aïs Zeitzeugenschaft herangezogen.
Die Zeitzeugenschaft selber ist aber keine Forschung,
Bogner: Herr Sterk, noch eine Frage zum Begriff des
sondern Exemplifikation. Wenn Sie z. B. als Philosoph
Essays: Ist diese Mittelsstufe, also die Umsetzung des
sagen, Sie sind mit der Problematik einer bestimmten
wissenschaftlich Erarbeiteten in eine hôherwertige
tradierten Begrifflichkeit in der Philosophie vertraut,
Form der Darstellung, wie sie unter dem Begriff Essay
dann kann das, was Sie journalistisch machen, nur
gefaBt wird, im Unterschied zur reinen Berichterstat-
die Exemplifikation dieses Zweifels sein, nicht aber eine
tung in Ihrem Medium môglich, in welcher Form und
distanziert kontrollierte, rationale Argumentation über
mit welchem W erkzeug?
das Problem. Sie kônnen es exemplifizieren, das ist
Sterk: Natürlich ist die essayartige Umsetzung m ôg­ aber etwas anderes, das ist das, was wir Zeitzeugen­
lich, ich würde sogar so weit gehen - aber das sind schaft nennen. Diese istwiederum der Gegenstand der
dann immer die Einzelfâlle —, zu behaupten, daB im Kunstgeschichte als Material für Forschung. Insofern
Fernsehen auch die Darbietung von selbsterarbeiteter haben wir es durchaus mit dem Kunstjoumalismus zu
kunsthistorischer Forschung môglich ist. Denn es ist tun, den wir aïs Zeitzeugen benôtigen. Das meinte ich
ja nicht ausgeschlossen, daB ein Gestalter einer 45- vorhin mit dem Einiassen des Engagierten, mit dem
M inuten-Dokum entation nicht nur an die Halde der Position- und Parteiergreifen und dem Betroffensein,
Kunstgeschichte herangeht und dort abràumt, son- das ist Zeitzeugenschaft, das ist nicht Forschung -
dern es ist denkbar, daB er selbst einmal Dinge, die diese Dinge müssen wir wohl auseinanderhalten !
ihm intéressant erscheinen, erforscht und sogar bis zu
N.N.: Ich habe eine gezielte Frage an Herrn Sterk. Er
den Quellen geht. Solche Beispiele gibt es ja. Es sind
hat gemeint, er sei hier in seiner Funktion als Vertreter
Ausnahmen, dagegenspricht zugegebenermaBen der
des ORF, er hat aber nur einen Teilbereich angespro-
Tagesbetrieb, der das nicht zulâGt, aber es sind Dinge,
chen, jenen des Fernsehens. Es erhebt sich die Frage,
die môglich sind.
wie der Rundfunk über Kunst berichtet. Herr Sterk hat
Es gibt vielleicht zwei Voraussetzungen, die notwendig
uns, dem Auditorium, die Môglichkeit belassen, zu be-
sind: Die eine Voraussetzung ist, daB man entspre-
urteilen, ob wir finden, daB der Bildungsauftrag erfüllt
chend Zeit zur Verfügung hat, Zeit, um etwas darzu-
sei oder nicht, ob es ausreichend sei, wie und wieviel
stellen, aber auch Zeit, um diese Darstellung zu er-
berichtet wird. Ich môchte ihn fragen, wie er das per-
arbeiten; die andere Voraussetzung ist jene, die Herr
sônlich sieht.
Schmidt-Wulffen angerissen hat, die Beherrschung des
Handwerks. Man darf nicht vergessen, der Film und Sterk: Zum Rundfunk kann ich überhaupt nichts sa­
das elektronische Video sind ja etwas ganz âhnliches, gen, weil ich nicht für den Hôrfunk arbeite, und aus
s ie k ô n n e n je m a n d e n , d e r e s k a n n , z u m V e r s u c h e in e r Zeitgründen kaum Radio, ausgenommen die politi-
Art künstlerisch sehhafter Umsetzung reizen, heraus- schen Journale, hôre. Ich habe keine Meinung dazu,
fordern; es gibt Beispiele für Fernsehdokumentationen, aus Nichtwissen. Aber die Kollegin Grundmann ist hier,
nicht nur über Kunst und Kunstgeschichte, sondern sie hat das jahrelang gemacht, vielleicht kann sie an­
auch über àhnlich geiagerte Bereiche, die fallweise schlieBend in der Diskussion ein paar Worte darüber
durchaus in die N âhe einer künstierischen Produktion verlieren. Zum Fernsehen, wenn Sie mich so offen her-
zu rücken sind. Es ist jede Zwischenform môgiich. Was ausfordern, sage ich Ihnen eine ganz einfache Antwort:
die Lage manchmal ein biBchen trostlos erscheinen Sicherlich gibt es dort zuwenig Kunstanteil, aber „zu-
iâBt - und ich gebe zu, mir erscheint sie auch vielfach wenig", das sagen auch die Kollegen aus den anderen
trostlos - , ist, daB wir in so viele Zwânge eingesperrt Fachbereichen.
sind, daB wir soundsoviele Einheiten abliefern müssen,
Weibel: Was die Kollegen vorhin geschildert haben,
daB wir über soundsoviele Aussteliungen berichten
scheint mir die klassische Funktion der Kunstge-
müssen, daB wir soundsoviel GroBereignisse wahr-
schichtsschreibung darzustelien, aber gleichzeitig die
nehmen müssen.
bürgerliche Illusion über ihre eigene Tâtigkeit zu be-
Gerlach: Ich würde noch zu dem Punkt Essay und schreiben. Man hat hier gezeigt, wie quasi der Jour-
Forschung etwas sagen, und zwar anschlieBend an nalist, der Kritiker die Funktion hat, etwas zu speichern
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und zu vermitteln. Wenh eine Ausstellung statîfindet, dere mediale und soziale Mâchte verliert, z. B. an den
wird sie durch das Massenmedium weitverzweigt be- neuen Typus des Ausstellungsmachers. Nun geht es
kannt gem acht und gleichzeitig auch gespeichert. Die darum festzustellen, welche Mâchte, welche sozialen
Frage ist aber nur, wofür gespeichert. Quasi für die und historischen Mâchte das sind. Ich sage mit Herrn
Geschichte? Das ist die klassische Funktion der Me- Maenz, daB diese sozialen Mâchte eben der Markt
dien. Ich mu3 hier betonen, daB wir immer unterschei- selbst sind und auch immer waren. Wir haben nur diese
den müssen zwischen den Massenmedien und den bürgerliche Illusion gehabt, daB die technischen Me­
technischen Medien, als Technik selbst, als Wesen der dien oder die Massenmedien noch einen Beitrag liefern
Technik. In diesen beiden Funktionen haben Medien kônnten. Es ist ganz offensichtlich so, daB ein Künstler
gegenüber der Kunst immer eine Art dienende Funk­ jeden Tag einen Artikei in einem Massenmedium haben
tion gehabt. kônnte, ohne daB dies im geringsten seinen Marktwert
Hier beginnt aber schon ein biBchen die bürgerliche steigern würde. Es gibt so viele Künstler, auch in Oster-
Tâuschun’g, denn die Geschichtsschreibung in den reich, die einen groBen Marktwert haben, die aber
Medien liefert einen groBen anonymen Text, den ich kaum in den Tageszeitungen vorkommen, geschweige
einen sozialen Text nennen würde, der von einer Re- denn im Fernsehen. D.h. die Relevanz der Massen­
levanzhierarchie geprâgt ist. Es ist für die Aufnahme medien ist enorm gesunken. Es ist dies ein Teilaspekt)
in die Kunstgeschichte eine Kritik In der AZ nicht so eine Verschiebung, die ich auf ein bestimmtes Modell
wichtig, leider, wie z.B. ein Buch im Bohlauverlag. Es zurückführe. Nâmlich auf die Konvergenz von drei Ar-
gibt diese Stufen der Hierarchien, die bestimmen, was ten Ûffentlichkeit: die normale historische Offentlich-
derW ert einer Tageszeitung, was derW ert eines kunst- keit, die res publica; zweitens die Medienôffentlichkeit;
historischen Essays ist. drittens der erweiterte Markt. Diese drei Offentlichkeiten
Medien haben aber nicht nur eine dienende Funktion, schieben sich übereinander, überlagern einander. Wir
sowohl auf dem technischen als auch auf dem mas- verfügen heute über mehrere Offentlichkeiten. Die klas­
senmedialen Level, sondern sie haben auch eine kon- sische Offentlichkeit, z. B. eine Ausstellung auf einem
stitutive Funktion. Dieser groBe soziale Text, von der ôffentlichen Platz, in einer Galerie oder in einem Mu­
Kritik bis zur Journalistik, schreibt tatsâchlich die séum, biidet die erste Stufe. Darüber legt sich aber die
Kunstgeschichte, konstruiert sie auch, égal auf welche Medienôffentlichkeit, das ist die Medienrealitât. Wenn
Weise; darüber kônnen wir noch streiten. Es gibt dazu die nicht funktioniert, haben Sie eigentlich schon nicht
ein sehr infâmes Buch (aus dem Jahr 1975), deswegen verôffentlicht. Sie publizieren etwas, z.B. im Bôhlau-
ist es auch nicht beliebt, es ist auch ziemlich falsch, verlag; wenn das Buch nicht besprochen wird, ist es
es heiBt: „The painted word" (Das gemaite Wort), von keine res pubiica. Es ist nicht publiziert worden, ist nicht
Tom Wolf, der vorgeschlagen hat, man solite aile Texte ôffentlich geworden, wenn es nicht die Medienôffent­
der berühmten Kritiker der New Yorker Abstrakten lichkeit, die Medienrealitât erreicht.
Schule auf Fahnen vor das Muséum hângen, weil diese Aber darüber ist eine weitere Offentlichkeitsschicht
Kritiken ja diese abstrakten Werke groB gemacht ha­ auszumachen, der Markt. Ein Künstler, der besprochen
ben. Es gibt aber das Beispiel, das heute schon er- wird, aber nicht gekauft wird, den kann Herr Maenz
wâhnt worden ist, von Beuys oder auch Kiefer, die auch nach ein, zwei, drei Maien nicht mehr ausstellen. Es ist
durch den Text gemacht worden sind. Richtig wâre die effektiv der Markt, an den die Kunstgeschichte ihre
Frage aber so zu stelien: Wieweit gibt es innerhalb bisherige historische M acht verliert. Und das führt uns
dieser dienenden, also der speichernden und der ver- jetzt zu einer interessanten Débatte. Ich behaupte, daB
breitenden, zirkulierenden Funktion der Medien Ver- beim Them a 'Kunstgeschichte und Medien’ die Mas­
schiebungen?. Das ist der eigentliche Punkt, über den senmedien nicht nur etwas an Saft und Kraft verloren
wir reden. Der Punkt ist der, das ist eine These von mir haben, sondern in der ganzen Débatte zu einer irre-
und ist ja heute schon bei der vorigen Diskussion bei levanten GroBe herabgesunken sind. Darum sind diese
Herrn Skreiner durchgeklungen, daB die Kunstge­ Portrâts („Künstler-Lexikon“), die Sie da machen wer-
schichte dabei ist, ihre Macht zu verlieren, Kunstge­ den, ganz unwichtig; das sind nette Feiertagsbeschâf-
schichte selbst zu machen. D.h. der Kunsthistoriker tigungen für Ihre Redakteure, aber sie haben über-
handelte vielleicht früher einmal in der illusion, derje- haupt keine Relevanz mehr. Es ist wichtig einzusehen,
nige zu sein, der Kunstgeschichte macht; nur heute was vorhin falsch geschildert worden ist, daB die Re­
erlebt er sein blaues Wunder, denn er hat diese Macht levanz der Kunstgeschichte klarerweise noch bei den
verloren. Da stütze ich die These von Herrn Maenz sehr Alten Meistern gilt. Osterreich hatte um die Jahrhun-
deutlich. Es gibt natürlich Ausnahmen, d. h. daB auch dertwende sehr sehr groBe Künstler, die heute keinen
der Kunstgeschichtler den Markt machen kann oder Marktwert haben, bei Sotheby's z. B., weil sie nicht über
sozusagen dies versuchen kann. Es gibt ja Kunsthi­ eine entsprechende wissenschaftliche Bearbeitung
storiker, wie Bogner oder Skreiner, die Aussteliungen verfügen, weil es keine Bûcher gibt, die ihren Wert in
machen, die also in den Markt und in diese sozialen der Kunstgeschichte lokalisieren. Die Jahrhündertwen-
Strategien eintreten, die Herr Schmidt-Wulffen erwâhnt dekünstler, mit ganz wenigen Ausnahmen, kônnten
hat. noch einen Marktwert erreichen, wenn wir gute Kunst­
Der Kunsthistoriker hat in der Geschichte einen Mo­ historiker hâtten, die sich darauf spezialisierten, ihnen
ment erreicht, wo er das Schreiben der Kunstge­ ein historisches Umfeld zu geben.
schichte, die Konstruktion der Kunstgeschichte an an- Die ôsterreichische LyrikerimFriederike Mayrôcker hat

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das Wort ,.Medium" immer mit „â“ geschrieben wie Kunstgeschichte beitrâgt. Es ist ein Unterschied, ob ein
„M âdchen“, die „M âdien“, und zwar nach dem Spruch: Maler ein Vorwort von ihm hat oder nicht. Man sieht
„Die dienenden Damen und die verdienenden Herren”. das schôn, weil vorhin Anselm Kiefer erwàhnt worden
Das Problem der Medien ist nicht aus dem gesamt- ist, daB dessen berühmter Siegeszug durch die USA
gesellschaftlichen Zusam m enhang zu lôsen und darf nicht durch Vorwôrter im klassischen Sinne eingeleitet
nicht von der Frage getrennt werden, wie die Medien worden ist, denn die waren kunsthistorisch gesehen
überhaupt entstanden sind. Es gibt primâr die die- wirklich extrem lâcherlich und dâmlich; was aber das
nende Funktion der Medien, sie waren wirklich die- Wichtige war — gleich am Anfang, ungefâhr drei Seiten
nend, die Medien, die Mâdchen; das Problem beginnt, - , das war die Liste der Leihgeber und der Museen:
weil sie sich jetzt emanzipieren und aus dem bloB re- die „Crème de la crème” ! Wenn Sie einen Katalog mit
produktiven und bloB zirkulierenden Tun heraus wol- drei Seiten einleiten kônnen, die aile wichtigen.Sammler
ien und produktive Medien werden wollen. Das führt und aile wichtigen Museen, die die Werke hergeliehen
zur sogenannten Medienkunst Oder auch zu Künstlern haben, enthalten, dann kann man gegen diesen Künst­
wie JeffKoons oder anderen, dieversuchen, die Medien ler nichts mehr sagen. D a ist faktisch die totale Li­
als soziale Strategie einzusetzen. Diese Versuche füh- quidation der Kunstgeschichte und des Kunstessays
ren zu der Frage, was bedeutet es, wenn die Medien eingetreten.
- sei es massenmedial, sei es technisch - faktisch
Sterk: Ich muB darau f unbedingt reagieren, weil ich
versuchen, aus ihrer dienenden Funktion herauszu-
glaube, Peter Weibel, Sie haben jetzt etwas absolut
treten. Dieses Kapitel kann ich nur andeuten, es wâre
Falsches gesagt. Und zwar aus folgendem Grund: Die
sonst zu lange. Es hat damit zu tun, daB vor 200 Jahren,
Macht der Medien ist nicht im Sinken, die M acht der
als die Massenmedien technisch aufzutreten began-
Medien ist im Steigen, sie ist ungebrochen wie nie zu-
nen, eine Einteilung getroffen worden ist, die besagt,
vor. Die Medien verhindern Kraftwërksbauten, die Me­
daB es produktive Kôrper und reproduktive Kôrper gibt.
dien schieBen Politiker ab, die Medien inszenieren wo-
Klarerweise waren die reproduktiven Kôrper die Frauen
chenlange Diskussionen um lâppische Autonummern-
und die produktiven, die arbeitenden Kôrper waren die
tafeln, also die M acht der Medien ist stârker denn je.
Mânner. Das geht bis zur Àsthetik von Kant, die betont,
(Einwurf von Weibel: Wir reden von der Kunstge­
daB es mechanische Künste gibt, aber dies eigentlich
schichte!) Ja Moment, Moment, das ist der springende
nicht die Schônen Künste sind, etc., da gibt es einen
Punkt. Dort kommt dann auch ein Künstler vor, aber
langen historischen Schwanz, der die bürgerliche Idéo­
ein Künstler, der im Kunstbetrieb schon lângst, seit
logie verfestigt hat. In dem Moment, wo die Kunstge-
Jahrzehnten keine Rolle mehr spielt. Der springende
schichte diese Macht an den Markt verliert, tritt das
Punkt ist folgender: Die Kunst spielt bei uns eine ge-
Phânomen auf, daB sich auch die Medien emanzipie­
ringe Rolle und hat einen geringen Stellenwert, des-
ren wollen. Der Künstler hat erkannt, daB der Markt
wegen spielt sie in den Medien eine untergeordnete
das Tor in die Kunstgeschichte ist. Die Albertina war
Rolle, das ist ein getreuer Spiegel der Situation, aber
eine private Sammlung; das wichtigste Muséum in
zu sagen, daB die M acht der Medien im Sinken ist,
Osterreich, das Muséum moderner Kunst, ist — leider
bitte schôn, das ist ein absoluter Unsinn; im Gegenteîl:
und immer noch - eine private Sammlung: das „Mu-
Ich habe Angst vor der M acht der Medien.
seum“ Ludwig.
Der Sammler, der Markt bestimmt den Wert der Kunst­ Bogner: Wir haben einen Kulturboom im Ausstellungs-
geschichte, im Prinzip! Es gibt klarerweise immer wie- wesen, im Museumswesen. Zeichnet ersich in den Me­
der Chancen, daB das umgestoBen wird, so wie auch dien demnach nicht ab?
Rom untergegangen ist und auch Griechenland, so
Sterk: Oh ja, der zeichnet sich sehr wohl in den Medien
wird das auch hier passieren; aber im Prinzip ândert
ab! Das ist ja die Einseitigkeit, wenn z.B. - ich habe
das nichts an der sozialen Tatsache, daB die Medien
da selbst mitgespieit, fühle mich aber nicht als Mit-
versuchen, von der dienenden Funktion in die pro­
schuldiger, weil ich, meiner Ansicht nach, positiv mit­
duktive aufzusteigen und dadurch in die Kunstge­
gespieit habe — im Kunsthistorischen Muséum eine
schichte einzutreten; das w ar die Hoffnung, die Utopie
Ausstellung wie „Prag um 1600“ stattfindet, dann ma-
von Walter Benjamin bis zu M alraux’ imaginârem M u­
chen wir eine 45 — MinutenDokumentation, dann be-
séum usw. Es ist die Vision, daB das Distribuieren und
richten wir schon aus Essen, wo die Ursprungsaus-
das Speichern in eine unabhàngige Medienrealitât um-
steilung gewesen ist, dann begleiten wir das Ereignis
schlagen kann, in eine unabhàngige Existenz des
stândig, es wird über diese Ausstellung im Wiener Lo-
Kunstwerks in den Medien, in den Büchern, und daB
kalfernsehen gesendet, es gibt also Medienecho noch
der Künstler sich sozusagen ohne den Markt in die
und noch.
Kunstgeschichte einschreiben kann. Diese Illusion, die
in den 60er Jahren besonders stark war, ist mittlerweile Bogner: Sie reagieren also auf diesen Kulturboom?
gescheitert, der Markt ist noch stârker geworden, stâr-
Sterk: Wir reagieren und verstârken.
ker denn je, und hier môchte ich auf eine Aussage von
Herrn Skreiner anspielen. Er hat natürlich recht, es liest Bogner: Nehmen wir an, diese Vermittlungsfunktion
niemand diese Vorwôrter, aber gleichzeitig habe auch wird ausreichend wahrgenommen; wie steht es aber
ich mit der Behauptung recht, daB die Tatsache, daB mit Eigenproduktionen, d.h. mit einem Àquivalent zu
er darüber etwas schreibt doch zur Konstruktion der diesen kulturellen Produktionen im Ausstellungs- und
Museumswesen, mitSculturellen Produktionen des derlegt ja eigentiich Ihr Statement, denn nicht Sie ha­
Fernsehens also, die unabhângig von diesen Ereig- ben Hainburg gestürzt, sondern eine Minoritât und die
nissen entstehen? Ich meine nun nicht, wie es anfangs Kronen-Zeitung. Es gibt ein berühmtes, klassisches
gesagt wurde, daB die Medien Ereignisse brauchen, Werk, das natürlich die ôsterreichischen Fernsehleute
damit sie reagieren kônnen, also einen Gorbatschow- nicht lesen: „Theorie der kognitiven Dissonanz"3, darin
Frau-Erôffnungsbesuch usw., sondern ich meine die wird gezeigt, was Sie selber immer umgangssprachlich
Eigenproduktion von kulturellen, kunsthistorischen sagen: Massenmedien bestâtigen, verstârken nur, was
und zeitgenôssischen Beitrâgen, die unabhângig von da ist. Die Frage ist, was verstârken Sie, Herr Sterk?
solchen Ereignissen entstehen und nicht den Leitideen Sie verstârken das, was ohnehin schon mehrheitlich
des Kulturbooms entsprechen. W orauf führen Sie zu- da ist, verstehen Sie! Das ist die Aussage dieses Werks:
rück, daB dieser eigenproduktive „Boom" im Fernse- Wenn ein Zuschauer vor einem Massenmedium sitzt
hen nicht gegeben ist? oder ein Massenmedium vor sich hat, sei es die Zeitung
oder das Fernsehen, und neue Informationen be-
Sterk: Weil das Fernsehen ein Massenmedium ist und kommt, dann wird er immer die Information auswâhlen,
in erster U nie von den Leuten abhângt, die uns Re- die sein schon vorhandenes Vorurteil bestârkt. D.h.
dakteuren die Programm auftrâge geben. Wir kônnen nachdem die Mehrheit der Osterreicher schon gegen
uns ja nur wehren und versuchen, diese zu beeinflus- Hainburg war, aus verschiedensten Gründen, die nicht
sen oder mit guten Ideen zurückzuschîeBen, aber in einmal so respektabel sind, hat das Massenmedium
letzter Konsequenz gibt es ja doch Intendanten und Kronen-Zeitung sich „draufsetzen“ und diese Tendenz
einen Generalintendanten. Dieser hat zwar keinen kon- verstârken kônnen. Aber Sie hâtten eben als Medium
kreten ProgrammeinfluB, aber Intendanten entschei- die Chance, nicht nur zu verstârken und zu bejubeln,
den und gehen eben von anderen Gesichtspunkten was da ist, sondern die Chance, das Medium zu einer
aus als wir; die gehen von marktpolitischen und kom- kritischen Einstellung oder utopischen Einstellung zu
merziellen Erwàgungen aus und auch ein biBchen da- nützen. Ich kann Ihnen ein Beispiel geben: Herr Haider
von — ich sage das polemisch —, daB sie in vier Jahren hat sie angeführt, diese unseligen Jubelveransîaltun-
wieder gewâhlt werden wollen und daB sie natürlich gen, die wir in Wien haben. Da haben Sie und die
die Deckung für ail das brauchen. Medien nie und nimmer den Mut gehabt, keiner von
Ihnen, im Massenmedium, das angeblich so mâchtig
Weibel: Darf ich kurz auf Herrn Sterk antworten. Ich
ist, nur ein Wort zu sagen gegen den Bürgermeister,
habe von der Macht der Medien in bezug auf die Kunst­
gegen die Stadtrâtin, ganz und: gar nichts. Sie haben
geschichte gesprochen. Da ist das Gegenteil der Fail
nicht einmal bemerkt, daB bei der Ausstellung „Wien
von dem, was Sie über Kraftwerke gesagt haben. Das
um 1900", also „Traum und Wirklichkeit", einer der
zeigt ja wiederum die Naivitât, mit der die Massen-
wichtigsten Osterreicher, nâmlich Ernst Mach, derzen-
medien selbst agieren. In der Kunstgeschichte ist es
tral für das Geschehen verantwortlich war, gar nicht
doch so: Die ôsterreichischen Künstler von Wilii Kopf
gezeigt wurde. in der Pariser Version dieser Ausstel­
bis Otto Zytko, die haben ihre groBe internationale
lung, die von Franzosen gemacht wurde, war Ernst
Karriere gemacht, ohne je im Fernsehen nur einiger-
Mach hingegen eine zentrale Figur. In Wien wurde er
maBen reprâsentiert gewesen zu sein. Es ist eben
nicht mit einer Silbe erwâhnt, Sie finden ihn nicht einmal
wirklich irrelevant, im Gegenteil: es ist sogar schàdlich.
im Register des Katalogs! Und da haben Sie ein Mas­
Ein Künstler wie der Rainer, der wehrt sich daher mit
senmedium, das angeblich so mâchtig ist, das so etwas
Hânden und FüSen dagegen, gewissermaBen, daB er
nicht einmal feststellen kann. Ich kônnte noch etliche
nicht zu populâr wird, d.h. er versucht schon, eine
Beispiele bringen.
Popularitât zu erreichen, im „Profil“ usw. oder mit ir-
gendwelchen Fàlschungsskandalaktionen, die er in-
Rauch: Mir ist nicht klar, weshalb das Vorhandensein
szeniert, aber nicht im TV. Wenn Sie den Hundertwas-
eines Markts für die Bedeutung kunstwissenschaftli-
ser erwâhnen mit den Nummerntafeln: das bleibt ja
cher Ergebnisse nôtig ist. Wir müssen ja nicht immer
nicht ohne Wirkung! Weil er massenmedial so présent
im Markt bleiben. Ich weiB nicht, die Freilegung des
ist, verliert er seinen Namen in der Kunstgeschichte.
Iwein-Zyklus in Rodeneck ist wissenschaftlich intér­
Genauso verliert einer, der TV-Kulturjournalist wird,
essant und die Datierung ist wichtig, aber es ist kein
sein Renommé als Kritiker. Das Faktum ist, daB die
Markt vorhanden. Trotzdem ist es ein bedeutendes
Galeristen und einige Ausstellungsmacher, die viel-
kunstwissenschaftliches Ergebnis, oder liege ich mit
leicht gleichzeitig auch Historiker sind, diesen Künst-
dieser Ansicht ganz falsch?
lern ihre Relevanz gegeben haben. Kônnen wir uns
darüber einigen?
Es ist ein Jammer, Sie haben es ja selbst gesagt, daB Weibel: Ich redevon der gegenwàrtigen Kunst, wo ver­
Sie nur reagieren und verstârken; Sie beschreiben sich sucht wird,aus Gegenwart Geschichtezu konstruieren,
als dienend, wie ich gesagt habe, Sie sind nicht eine d. h. man muB etwas sammeln, was dann kulturelles
produktive Kraft. Sie hâtten aber die Môglichkeit, als Gedâchtnis wird, was gespeichert wird, und hier helfen
Massenmedium eine produktive Kraft zu sein, kon- die Medien mit. Das, wovon Sie reden, das ist erstens
struktiv am Kunstdiskurs teilzunehmen. Aber eben weil einmal faktisch schon Geschichte und zweitens auch
Sie sich immer auf die Macht der Mehrheit stützen, relativ obsolet, da kann man auch nichts mehr daran
haben Sie ja nur eine geliehene Macht, und das wi- verdienen, verstehen Sie? • ■

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Rauch: Aber ist nur das intéressant, woran man ver- und für die Literatur lâGt sie sich nicht halten. Sicher
dienen kann? werden nicht so groGe Umsâtze bewegt, gewiG gibt es
kein so rasches Reichwerden, gewiG sind also die flin-
Bogner: Würdest Du das bitte erklâren. Es interessiert ken Schreiber aus der Literaturkritik, die nicht so ein-
uns Kunsthistoriker natürlîch sehr, von jemandem, der trâglich ist, schon lange in die Kunstkritik auf hohem
über Medien redet, zu hôren, wann die wissenschaft- Niveau geflüchtet, in die Inseratenplantagen des
liche Arbeit obsolet ist. Kunsthandels, wo ordentiiche Honorare gezahlt wer­
Weibel: Weil sie faktisch zu dem, was Herr Schmidt- den. Wenn Sie an die Zeitschriften denken, die einem
Wulffen vorhin gesagt hat, also zu den Fragen der Creditkartenorganisationen ins Haus stopfen, sehr
Gegenwart - was ist W ahrheit? was ist Macht? — schône und sehr reiche Zeitschriften, dort schreiben
keinen Beitrag mehr liefert. Solche Forschungen liefern brave Kunsthistoriker für gutes Geld über Kunst, über
zu diesen zentralen Fragestellungen, was ist Objekti- Literatur finden Sie da kaum etwas.
vitât, was ist Macht, was ist Wahrheit, was ist Zukunft, in vieiem, glaube ich, hat Weibel unrecht, wenn er dem
keinen Beitrag mehr. Die Kraft der Künstler der Ge­ Aktionismus zubiiligt, er habe sich ohne Medien durch-
genwart besteht immer noch darin, daG sie Schein- gesetzt. ( Weibel: Habe ich nie gesagt!) Jedenfalls ha­
reaiitâten vorstellen oder angreifen, daG sie ein Spiel ben sich viele wichtige ôsterreichische Künstler ohne
mit diesen historisch überkommenen Codizes machen, Medien durchgesetzt. Ich w ar ein paar Tage vor der
daG sie — einigermaGen noch — eine politische Kraft Erôffnung der Hollein-Ausstellung über die Jahrhun-
haben. dertwende im Künstlerhaus; da haben sich die Foto-
grafenteams der internationalen Zeitschriften die Tür-
Schmidt-Wulffen: W as die Situation in der Gegen- klinke in die Hand gegeben. Das muG organisiert wer­
wartskunst seit zehn Jahren auszeichnet, ist, daG wir den, und wird auf einem hôheren internationalen, pro-
diese Unterscheidung zwischen medialer und origi- fessionelleren Niveau veranstaltet; anders aïs bei
naler Realitât gar nicht mehr treffen. Das sind Begriffe, unseren Kleinzeitungen, wo die Kunstkritik zum Teil
die innerhalb des Kunstgeschehens operabel gewor- wirklich nicht zu lesen ist und hinter jedem GroGereig-
den sind, was eben diesen merkwürdigen Ort von nis irgendwelche Verdâchtigungen lauern.
Kunstkritik, von Künstlern, und vor alîen Dingen auch
der beiden zueinander, ausmacht. Man darf nicht über- Bogner: Ich môchte in bezug auf diese Frage folgen-
sehen, daG die klassische Situation der Kunstkritik des aus einem Text von Herrn Schmidt-Wulffen zur
Kôlner Aussteliung „BiIderstreit“ wiedergeben: „Am
überholt ist. Es wird oft beklagt, daG die Kunstkritik gar
nicht kritisch ist; wir befinden uns eben - und diese Ende aber stellt sich heraus, daG das Ausstellungs-
wesen selbst obsolet geworden ist, schlieGlich bildet
Auflôsung des Unterschieds dieser beiden Realitâten
ist nur ein Symptom davon — in einer ganz anderen die Berichterstattung über den Bilderstreit einen inte-
Konstellation, wo wir viei interaktiver arbeiten. Ich habe gralen Bestandteii der Aussteliung, so daG man auf
das bei Ihnen vorhin so verstanden, Herr Weibel, je- der Pressekonferenz auch gesondert darauf hinwies.
denfalls was diesen kleinen Zirkel von Kritikern angeht, Wenn aber die Vermittlung wesentiiches Elément der
Aussteliung ist, dann kann die Vermittlung auch dem-
die nicht im Fernsehen und nicht im Radio prâsent
sind. Vielleicht ist das ein Manko, daG man sich diese nâchst für sich selbst stehen." Diese Aussage geht
Orte nur mit ungeheuren Anstrengungen erobern doch in die Richtung des anfangs von mir zitierten
kann, und dazu fehlt vielen Kollegen einfach die Zeit. Textes von Peter Weibel: Der Künstler macht einen
Es ist dieser Kreis vielleicht, was man beklagen muG, Katalog, die Aussteliung wird mehr oder weniger gar
fur viele junge Autoren so eine Art Durchlauferhitzer. nicht dem Publikum vorgestellt, weil die Medienrealitât
Es ist ja erstaunlich, wie wenig Kunsthistoriker letztlich das Wichtigste ist. D.h. auch Sie, Herr Wulffen, meinen
in den Medien beruflich hàngenbleiben. Wir sind ja voraussehend, daG es nur mehr auf die Vermittlung
vom Aussterben bedroht! Die fangen aile an, Herr Ger- ankommen wird, daG man die Aussteliung selbst, das
lach, Sie haben das beschrieben, das wird gefôrdert Original gar nicht mehr brauchen wird. Das würde eine
im 7„ 8., 9. Semester. Sobald sich etwas Besseres bietet, enorme Macht und A kzeptanz der Medien bedeuten.
und das ist z.B das Hospitieren am Muséum oder ein Schmidt-Wulffen: Ich kann dazu direkt nicht viei sa-
Voluntariat in einem Kunstverein oder die Assistenz an gen.
einer Universitàt, wird diese Tâtigkeit mit fliegenden
Sterk: Ich wundere mich, daG wir darüber überhaupt
Fahnen verlassen. Man muG ganz kraG sehen, da spre-
reden, es ist doch so, daG der Mensch heute überhaupt
che ich wieder von dem Wertegefàlle, das Schreiben
in erster Unie médial lebt. Wieviel verbringt man denn
ist für die jungen Kunsthistoriker eine Alternative zum
in seinem privaten Bereich und wieviel bezieht man
Taxifahren, das ist ein Job, mit dem man sich Geld
aus dem Medium? Das kann man jetzt als einen Vorteil
verdient, und da muG man sich nicht wundern, wenn
sehen, aber man kann es genauso gut als Nachteil
dann relativ wenig Substanz in dieser Zunft drinnen
sehen, man kann es werten, wie immer man will, aber
bleibt, wenn das offensichtlich keiner so richtig ernst
es ist doch so, daG wir heute vielfach unser Leben
nimmt.
médial vermittelt bekommen: ob wir jetzt beim Krieg im
Haider: DaG der Markt ailes ist, diskutieren wir wenig- Irak, im Iran oder irgendwo „dabeisind" oder ob wir
stens schon seit zehn Jahren. Würde diese Aussage ein Kinostück oder sonst irgendetwas sehen — ein
haltbar sein, müGte sie auch für andere Künste gelten, GroGteil ist uns médial vermittelt worden.
Schmidt-Wulffen: Unchncn glaube, man muB sehr ge- Vertreter d erZun ft und habe deshalb die institutionale
nau unterscheiden, der „Bilderstreit“ war ja nun eine Pflicht, auch die positiven Seiten dieser Zunft darzu-
recht konservative Aussteliung, in dem Sinne, daB er stellen. Es ist sicherlich ein Teil bürgerlichen Selbst-
sich hauptsàchlich auf das klassische Tafelbild, das verstândnisses, über so etwas - das mag sogar ein
Gem àlde bezogen hat. Beim Gemàlde kann es nicht spezifisch europàisches Phânomen sein — wie ein hi-
angehen, daB die Medien die hauptsâchliche Vermitt- storisches Gedâchtnis zu verfügen. Das ist eine Di­
lungsfunktion übernehmen, weil - ich muB das hier mension, eine Erweiterung von Wissen um diese Welt,
ja nicht erzâhlen — das Gemàlde vermittelt sich der dazu gehôrt auch die Erweiterung sozusagen in der
W ahrnehm ung über gewisse Spuren, die das Foto ver- zeitlichen Dimension nach rückwârts, über die eigene
wischt. Das ist aber sicher ein Sonderfail. Intéressant Biographie hinaus, die eigene Lebenserfahrung zu-
ist doch, daB dieses Problem den Künstiern seit spâ- mindest. Es ist ein Instrument der Vergewisserung, der
testens Mitte der 70er Jahre vertraut ist, so daB sie Verortung meiner tdentitât in dieser Welt. Denn was
lângst diese Medienproblematik mit aufgenommen ha­ macht denn Kunst anderes? Die Kunst stellt Historié
ben. Es gab ja Ende der 70er die sogenannte Wilde dar, wie immer das heute im einzelnen Kunstwerk aus-
Malerei, wo man immer sagte, das sind ja Bilder, die sieht. Die zentralen Themen sind ja noch prâsent, es
nur für die Medien gemalt sind, die nur fotografiert, ist das Bildnis, also Historié als zeitliche Verortung, es
abgebildet werden soilen. Das war zOm Teiltatsàchlich ist die Landschaft als die râumliche Verortung, es ist
ein Thema, nicht in dem anklagenden Sinne, wie das das Bildnis als die personelle Identitât der Prâsenz.
dann kolportiert wurde. Und heute passiert eben sehr Das sind die zentralen Bildthemen, die nach dem Mit-
viei in der Kunst, indem die Gesetze der Medien quasi telalter, mit Beginn der bürgerlichen Kunst in der Re­
nun selbst als Ausdrucksmittel benutzt werden. naissance erfunden wurden. Die haben das europài-
Gerlach: Der Markt hat schon immer die Kunstge- sche BildbewuBtsein getragen; das ist die Kunstge­
schichte, den Weg der Kunstgeschichte vorgezeichnet, schichte der bürgerlichen Gesellschaft seit Beginn der
wobei ich jetzt ein biBchen unterscheiden muB zwi- Renaissance bis heute.
schen Geschichte der Kunst und Kunstgeschichte, weil Weibel: Herr Gerlach, Sie haben vom bürgerlichen
ich Kunstgeschichte immer als Institution, als wissen- Selbstverstândnis gesprochen. Das ist aber der Punkt!
schaftliche Institution verstanden haben môchte. Wenn Wenn man durch den Prado geht, erfâhrt man ja von
ein rômischer Prâlat im frühen 17.Jahrhundert sich derspanischen Realitât fast gar nichts. Denn die Leute
darüber beklagt, daB die niederlândischen Romani- haben ja nur beauftragt und gesammelt, was die Wi-
sten — wie wir die niederlândischen Maler in Rom
derspiegelung ihrer aristokratischen Plâsiers war. ich
nennen — den Markt, die Preise kaputt machen, ist
komme auf den Punkt! Nach den ganzen groBen âs-
das ein gutes Zeugnis, eines der frühesten, das wir
thetischen Systemen, Hegel, Kant usw., hat das Bür-
haben, daB also das W ahrnehm en des Markts bei
gertum geglaubt - im 19.Jahrhundert und bis heute
Sammlem schon ein alter europâischer ProzeB ist. Im
—, es würde diese historischen Ansprüche, eben diese
19.Jahrhundert, wie wir ohnehin wissen, hat es ja zu-
Gedâchtnisarbeit, Kultur als Gedâchtnisarbeit, durch
nâchst noch gar keine Museen gegeben, die haben
das Sammein erfüllen. Aber das Problem ist eben, daB
die Sammler doch erst erfunden. Die Museen sind ge-
das nicht mehr funktioniert. Dieser idealistische An-
gründet worden, als die Kaufleute, die die groBen
spruch zerbricht jetzt langsam, und das ist vorhin ein-
Sammlungen im 19.Jahhundert zusammengetragen
geklagt worden. Das habe ich zuvor gemeint. Ich habe
hatten, starben; da haben die Stàdtekommunen die
nichts gegen den Markt selbst. Ich beschreibe ihn ja
Museen gegründet. Die zweite Gründungswelle der
nicht als eine finstere Kraft, nicht als Dâmon von ir-
Museen erfoigte, aïs die nàchste Génération der
Sammler ausstarb, nâmlich kurz vor oder nach dem gendwoher, ich môchte nur sagen, daB es nicht die
Ersten Weltkrieg. Auch jetzt haben wir eine Grün­ akademische Disziplin der Kunstgeschichte ist, die
dungswelle: Die ganzen Sammlungen sind so voll, daB diese Macht noch hat, die sie eine Zeitlang gehabt hat
die Sammler nicht mehr wissen, wohin damit. Herr Lud­ und die sie in ihrem Selbstverstândnis mehr gehabt
wig weiB doch nicht mehr, wohin damit, deshalb grün- hat als sie sie in Wirklichkeit gehabt hat.
det er überall Museen. Das Kapital hat die Kunstge­ Bogner: Ich môchte foigende Frage an den SchiuB
schichte schon immer geschrieben, lange bevor wir stelien: Wie wird von den Teilnehmern die Stellung des
anfingen, sie zu reflektieren, insofern ist das gar nichts Kunsthistorikers in den Medien definiert und wie das
Neues. Verhâltnis des Kunstjournalisten zur akademischen
Weibel: Neu ist, daB im 19.Jahrhundert mit dem Auf- Disziplin? Dabei soll nicht die Kluft negiert werden,
kommen der ôffentlichen Sammlungen — sogenann- sondern es gilt, die Aufgaben, Methoden und Verhal-
ten ôffentlichen Museen — die bürgerliche Illusion ent- tensweisen zu bestimmen.
standen ist. Und diese illusion ist heute zerbrochen,
Gerlach: Die Frage ist ganz einfach zu beantworten.
denn in den 20er Jahren - mit Cassirer und anderen
Wir erleben das in der Bundesrepublik. Kauni geht aus
— konnten ja noch die Brüder von Kunsthistorikern
irgendwelchen Gründen auch nur die Fiktion um, daB
und Philosophen Galérien machen und etwas bewir-
es irgendwelche finanziellen Problemchen gibt, dann
ken.
wird als erstes die Kunstgeschichte gestrichen. Das
Gerlach: Jetzt haben wir sozusagen den negativen haben wir erlebt: Gôtz Pochât ist nach Graz gegangen,
Aspekt dieser Illusion beschrieben. Ich bin nun einmal prompt ist in Aachen die Stelfe gestrichen worden, die

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er innehatte. Das geschieht vôllig problemlos, nicht
O
Kunst zu schreibenj soll sich durchschlagen. Es gibt
Herr Weibel? Insofern will die bürgerliche Gesellschaft immer eine Handvoll Leute, die das gemacht hat, die
die Kunstgeschichte ja gar nicht; sie kann sie sofort sich gegen dieW iderstànde durchgesetzt hat. Vielleicht
entbehren, sie streicht sie zusammen. Wir wissen es kônnen die kunsthistorischen institute hier mehr Môg-
doch: Die 80% der Kunsthistoriker, die je gelebt haben, lichkeiten aufzeigen; sie kônnen sicherlich nicht me-
gibt es seit 1900. Dies deshalb in der kurzen Zeit, weil dienspezifisch ausbilden, aber sie kônnen sicherlich
die Kunstgeschichte als Fach am Ende des Môglichkeiten aufzeigen. in Ramburg, wo ich an der
19.Jahrhunderts eingerichtet worden ist. Die bürgerli­ Akademie bei den Künstlern lehre, weiB ich von den
che Gesellschaft wird sie genau in dem Moment, wo Kunsthistorikern, daB die Berichterstattung über Kunst
sie sie nicht mehr braucht, abschaffen, ganz einfach. im Fernsehen analysiert wird. Man kann sich die Kunst-
Aber Solange sie existiert, hat die Kunstgeschichte den kritik auch als eine schreibende Zunft, als ein Medium
gesellschaftlichen Auftrag, das Bedürfnis nach histo- vornehmen und sie durchleuchten. Das sind sicherlich
rischem Gedàchtnis zu befriedigen. Das ist der Auftrag, Wege, um Studenten hinzuführen.
den sie im Verstândnis dieses bürgerlichen Erbes nach Wo ich ein Defizit sehe, mit allen Vorbehaiten, denn
wie vor hat. Ich kônnte mir ein Szenarium vorstellen, dazu kenne ich die Zunft nicht gut genug, ist die wis-
das in der Tat mit den Medien zusammenhângt: das senschaftskritische Untersuchung des Fachs. Ich
mediale Muséum, siehe EXPO Sevilia, wo das, was meine nicht nur die elliptische, die weisende Sprache,
Kunstgeschichte heute macht, gar nicht mehr erfor- ein Operieren mit der bildhaften Sprache, sondern
derlich ist. Das wird eine andere Welt sein, d. h. ich auch Fragen, wie kônnen wir eigentlich damit in ernst-
behaupte, daB die Krise der Kunstgeschichte noch gar hafterer Weise leben; ein Ansatzpunkt wâre sicher das
nicht d a ist. Im Moment gibt es sie gar nicht, es gibt berühmte ’Offene Kunstwerk’ von Umberto Eco. Die
so ein paar Problemfelder, die aber nicht hausgem acht Frage, was hat das eigentlich mit diesem âsthetischen
sind, sondern bei denen es sich, wie z.B. in der Phi­ Objekt, das ja aus der Hermeneutik seit iangem be-
losophie, um Problème der Umstrukturierung unserer kannt ist, auf sich, wie stelien wir d a Konsensus her
Weltvorsteliungen handelt. Die Krise der Kunstge­ und mit welchen Instrumenten stelien wir Konsensus
schichte wird erst kommen, wenn — das wird vielleicht her?
noch ein paar Jahre dauern — die mediale Kunst, also Ich glaube, daB die Medienwelt sehr stark EinfluB neh-
Hypertext mit Bild, für jeden übers Telefon verfügbar men wird, und zwar nicht so sehr weil es so viele Medien
sein wird. Dann wâre es denkbar, daB die Kunstge­ gibt und weil soviel berichtet wird, sondern der Aspekt
schichte, zumindest in der heutigen Form, von der Ge- der Digitalisierung wird unsere Erkenntnisformen si­
seiischaft nicht mehr als universitâre Institution gefragt cherlich tiefgreifend verândern. Ein Aspekt, den man
sein und daher abgeschafft werden wird, ich kann mir beim Wertewandel bedenken muB: Durch die Digita­
das vorstellen. lisierung kônnte die Rolle des Autors verschwinden;
Digitalisierung wirkt auch in Hinsicht auf Verwischung
Rauch: Ich mir nicht! Jede Wissenschaft hat bis jetzt von Realitàtsgrenzen, und das betrifft unsere Erkennt­
Schrumpfungsprozesse oder Modernismen oder Aus- nisformen. Ich finde, daB nach der Akzeptanzkrise von
breitungen erlebt. Wir haben geisteswissenschaftliche Wissenschaft, die wir eine lange Zeit hatten, die künst-
Bereiche, die sind so klein geworden, kleiner geht es lerische Erkenntnisform eigentlich etwas ist, was bisher
wahrscheinlich nicht mehr, aber dieser harte Kern, der sehr wenig untersucht wurde. Wenn man den Boom
wird bleiben, der hat international ja auch seine Kor- auf dem Markt beobachtet, dann darf man das viel­
respondenz, der hat nach wie vor sein Forschungs- leicht nicht nur unter spekuiativen Vorzeichen sehen,
objekt, ob das die Altphiloiogie ist oder égal was. Ich sondern es gibtvielleichtsogarein Suchen nach dieser
glaube, daB der traditionelle Wissenschaftler in Oster- alternativen Erkenntnisform, für die es in unserer Ge­
reich bei dem enormen Boom und Interesse an histo- sellschaft ja auch andere Hinweise gibt. Ich frage mich,
rischer Fragestellung entweder mitmischen muB oder ob die Analyse dieser künstlerischen Erkenntnisform
zuschaut, wie es andere tun. Es ist schade, wenn der nicht auch eine Heimat in der Kunstgeschichte haben
Kunsthistoriker seine Sichtweise nicht mit einbringt und sollte, sie ist bisher allein, soweit ich weiB, den Àsthe-
bei GroBausstellungen, wie wir das gestern gehôrt ha­ tikern vorbehaiten.
ben, nicht von vornherein aufspringt, sondern nachher
beleidigt ist, weil er nicht gefragt wurde oder weil er Sterk: Über die Zukunft der Kunstgeschichte als Wis­
nur Hilfsdienste hat leisten dürfen und âhniiche Sa- senschaft, da maBe ich mir kein Urteii an. Der Stand
chen. Ich glaube, man muB einfach dieses Medienkla- des Kunsthistorikers hat unter dem Aspekt der Frei-
vierausnützen, um die kunsthistorische Sichtweise ein- zeitgesellschaft, die sich ja immer mehr ausbreitet, si-
zubringen. cher eine groBe Zukunft vor sich, als Lieferant, das ist
eine Hoffnung für ihn, aber sicher auch eine sehr
Schmidt-Wulffen: Ich glaube auch, daB es gar nicht schwere Gefâhrdung.
darum gehen kann, den Bestand der Kunstgeschichte
in Frage zu stelien. Im Sinne eines gesellschaftlichen Weibel: Ich glaube, daB gerade der Anspruch, den
Erinnerungsvermôgens wird durch sie eine ganz wich- Herr Gerlach an die Kunsthistoriker gestellt hat — und
tige Arbeit geleistet. Hier wurde aber die Frage gestellt, das ist ja immer der generelle Anspruch an die Kunst-
wie es mit den Medien steht. Von der Seite der Medien geschichtler, das historische Gedàchtnis oder ein Spie-
kann man eigentlich nur sagen, wer Lust hat, über gel mit Gedàchtnis zu sein - , eben nur erfüllt werden
O
kann, wenn der Kunsrnïstoriker an diesem Modell, das Bogner: Ich danke allen Teilnehmern.
ich Ôffentlichkeit/Medienôffentlichkeit und Markt ge- Es wurde auf dieser Tagung einige Tage lang über
nannt habe, partizipiert, d. h. wenn er eben als Kunst­ verschiedene Bereiche unseres Tâtigkeitsfelds disku-
historiker auch gieichzeitig am Markt teilnimmt und als tiert, von Kunsthistorikern und von Nichtkunsthistori-
Journalist schreibt, d. h., daB er die Kunstgeschichte kern, doch ausschlieBlich von Personen, die aile in der
durch die Medien und durch den M arkt mîtzukonstru- Kunstszene aktiv sind. Für morgen haben wir uns die
ieren hilft. Und wir haben ja eben von Skreiner über Probe aufs Exempel vorgenommen: die Weltausstel-
Hofmann bis zu Bogner Beispiele dafür, daB solche iung 1995 in Wien. Die Weltausstellung bietet eine Her-
Dinge auch in Ûsterreich entwickelt worden sind, daB ausforderung für den Kunsthistoriker, und zwar in ail
die Kunsthistoriker eben auch die Geschichte der den jetzt besprochenen Gebieten. Die einzige Haltung,
Kunst mitkonstruieren wollen. Hier ist nur eines zu be- die ich nicht akzeptieren würde, ist, zu sagen, das geht
achten, daB dabei nicht soziales Unrechtverewigt wird. mich nichts an. In jedem unserer Berufsfelder müBte
Nicht aile* Kunsthistoriker sind automatisch auf Seiten jetzt eine Diskussion und ein Handeln einsetzen in
der Utopie, sondern der GroBteil der Kunsthistoriker, Richtung dieser Inszenierung unserer Republik, wie
das ist meine persônliche Einschâtzung, steht — ganz auch immer man das nennen mag; ein mitarbeitendes
im Gegenteil — oft im Dienste der herrschenden Kiasse. und darin kritisches, ein begleitendes oder kontroilie-
rendes Verhalten usw. Aile diese Môglichkeiten stehen
Haiden Mir steht ein SchiuBwort eigentlich nicht zu,
insofern offen, als zum heutigen Zeitpunkt noch sehr
weil ich das altmodischste, unbewegiichste Medium
wenig fix ist. In vier Jahren soll sich niemand von uns
reprâsentiere. UnserZeitungsgeschâft ist m itderVolks-
beschweren, daB er nichts gewuBt hat oder nicht ge­
schule verwandt und stammt, grosso modo, aus der
fragt wurde. Ich bin sicher, kaum einer von uns wird
Aufklârung. Wir haben im Bereich der Kunstkritikwenig
gefragt werden, wenn er sich nicht in irgendeiner Weise
Ressourcen, eben weil es dazu zuwenig Inserate gibt
eigenverantwortlich einmischt. Die Diskussion darüber
in den altmodischen Zeitungen, was sich wieder erklàrt
zu beginnen, und dieses Einmischen jetzt schon zu
aus derTatsache, daB eine SchwarzweiBzeitung nicht
exemplifizieren, sind das Ziel des morgigen Round-
einmal imstande ist, ordentliche Abbîldungen zu brin-
Table-Gesprâchs.
gen, ausgenommen Holzschnitte. ich kann mir für die
Zukunft nur wünschen, daB neben der Intensivierung
der Veranstaltungswerbung und Veranstaltungsinfor-
1 Inszenierte Kunstgeschichte, Ausstellungskatalog Muséum für ange-
mation und natürlich des Veranstaltungsservices, die
wandte Kunst, Wien 1988/89
Literatur, wozu auch das kunsthistorische Essay zàhit,
2 Vgl. u.a. Jaques Derrida, Die Postkarte, von Sokrates bis zu Freud
daB also diese Form, die dieZeitung 1:1 reproduzieren und jenseits, Berlin 1982
kann, inhaltlich besser gepfiegt wird. 3 LA.Festinger, A Theory of Cognitive Dissonance, New York 1957

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