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Die Ehe und die Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Abhandlung zur Mikrosoziologie des Wissens Author(s): Peter

Die Ehe und die Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Abhandlung zur Mikrosoziologie des Wissens Author(s): Peter L. Berger and Hansfried Kellner Source: Soziale Welt, 16. Jahrg., H. 3 (1965), pp. 220-235 Published by: Nomos Verlagsgesellschaft mbH Stable URL: http://www.jstor.org/stable/40877962 Accessed: 05-11-2015 04:56 UTC

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Die

Eine

Ehe unddie KonstruktionderWirklichkeit

Abhandlung zur Mikrosoziologie des Wissens *)

Von Peter L. B e r g e r und Hansfried Kellner

SeitDurkheimistes ein

familiensoziologisdierGemeinplatz, daß die Ehe dem

sie dochnurdie negative Seiteeinesweitausbe-

führen, untersuchen. Ergäbe

sichdaraus eine

zur Untersuchung des

h. derEhe

anderen

einzelnenSchutz gegen Anomiebietet.So interessantund pragmatisch anwendbar

diese

deutsamerenPhänomensauf. Spricht manvoma-nomischenZustand, so sollteman

billigerweise auchdie nomischenProzesse, die durchihrNichtVorhandensein zu

dem oben

negative KorrelationzwischenEhe undAnomie, solltedas

Charaktersder Ehe als einesnomosh'uàenàenInstrumentsführen, d.

als eines gesellschaftlichenArrangements, die demeinzelnendie Ordnungbietet,

in dererseinLebensinnvollerfahrenkann.WirwollendieEhe hierunterdiesen

Aspekten untersuchen.Wohlkönntediesunter makrosoziologischenPerspektiven

erfolgen, unterdenendie Ehe als

umfassendenGesellschaftsstrukturen zugeordnet ist,erscheint, dochistunserAn-

liegen hier mikrosoziologisch zu

dem

affiziert, wobeisichder

steht.In welcherHinsichtdieseDiskussionals

Wissensbezeichnetwerdenkann, wird - so hoffenwir

werden1).

der in jeglicher konkretenEhe die Beteiligten

Auffassung auch ist,zeigt

aufgeführten Zustand

größeregesellschaftliche Institution, die

verstehen, d.

h. es

beschäftigt sich vorwiegend mit

-

gesellschaftlichen Prozeß,

größereBezugsrahmen diesesProzessesvon selbstver-

ein Beitrag zur Mikrosoziologie des

in ihremVerlaufklar

Es

liegt aufder Hand, daß dieEhe nureineder

Gefüges von

überzeugtsind,

gesellschaftlichen Erscheinungen

vorab notwendig,

ist, in denenderwowosschaffendeProzeßabläuft.Darumistes

den CharakterdiesesProzessesim

von drei theoretischen Perspektiven beeinflußt:von der WebersdienSichtder

Gesellschaftals eines

Identitätals eines

menologischenAnalyse der gesellschaftlichen

siein denArbeitenvonSchützund Merleau-Ponty2)

davon

wie

allgemeinen zu betrachten.Dabei werdenwir

Sinnzusammenhängen, von Meads Sichtder

phäno-

derWirklichkeit,

werden wir, soweit möglich, die

gesellschaftlichen Phänomensund schließlichvon der

Strukturierung

daß die

erscheint.Da wir jedoch nicht

Zugänglichkeit theoretischerDarstellungen durch

terminologischeSchwerfälligkeitgesteigert wird,

Verwendung derbesonderen Sprache, fürdie sowohl Soziologen wie Phänomeno-

logenberüchtigtsind, vermeiden.

*) Von den Verfassernautorisierteund vom Herausgebergenehmigte deutsche Fassung

Revue Inter-

des Aufsatzes„Le manage

nationaledes SciencesHumaines,Paris,

des SciencesHumaines; Nr. 46 [April-Juni1964], S. 3<-32). Die

ConseilInternationalde

et la constructionde la réalité" (Diogene,

Dortmund.

la

deutscheÜberset-

Philosophie et

zungbesorgte FraukeM a 11h e s ,

*) DieserAufsatzistTeil

2) S.

insbes.Wax Weber,

eines größerenProjektes, an demdie AutorenmitdreiKone-

die Ab-

gen gen aus Soziologie und

sicht zugrunde, in einer

herlaufendetheoretischeStrömungen in eine

grieren.

Philosophie zusammenarbeiten. Diesem Projektliegt

systematischen Abhandlung mehrerederzeitnebeneinander-

allgemeine Wissenssoziologie zu inte-

Wirtschaft und Gesellschaft,Tübingen 1956; ders., Ge-

1951; George

H. Mead,

AlfredS c hü tz , Der sinnhafteAufbau der

Collected Papers,I, Den Haag 1962; Maurice

1945; ders., La

Phénoménologie de la perception, Pans

sammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre,Tübingen

Mind,Self and Society,Chicago 1934;

sozialen Welt, Wien 1960; ders.,

Merleau-Ponty,

structuredu comportement, Paris I#5i3.

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Die Ehe und die KonstruktionderWirklichkeit

221

Hier interessiertunsder Prozeß, dereinebestehende Wirklichkeit, die vondem einzelnenals fürihnbedeutsamerfahrenwerden kann,schafft, erhältundmodi- fiziert.Die besondere Erscheinungsform diesesProzesseswirddurchdie Gesell-

schaft, in derer auftritt, bestimmt. Jede

Weise, die Realität - ihre Welt, ihr Universum, ihrEnsemblevon

zu definierenundzu begreifen. Dies istbereitsin der

BasiseinerGesellschaft vorgegeben. AufdieserBasisundmitihrerHilfeentsteht

ein vorgefertigtesTypisierungssystem, vermittelsdessendie unzähligen Erfahrun-

gen der Wirklichkeitzu ordnen sind3). Diese Typisierungen und ihre Ordnung

sind

der Objektivitätannehmen, sondernals

einzigeWelt,

scheinbare Objektivität und die als selbstverständlichund

Art und Weise gesellschaftlicher Definitionender Wirklichkeit zeigen sicham

deutlichstenan der

tigen, daß letzteredie Grundlage unddas Instrumentariumzu einemviel

weltschaffendenProzeßist. Die gesellschaftlich konstruierteWeltmußdemeinzelnenfortlaufendvermittelt

Gesellschafthat ihrebesondereArtund

-

Symbolen

Sprache als der symbolischen

nichtnurden Charakter

Allgemeingut der Gesellschaftsglieder, wodurchsie

die der

gegeben, als die Welttout court, als die

normaleMenschdenken kann,genommenwerden4). Die

ist wichtig, sichimmerzu

gegebenangenommene

vergegenwär-

größeren

Spracheselbst, aberes

undvon ihmaktualisiert werden, damitsie auchseineWeltwirdundbleibt.Der

einzelnewirdvon seinerGesellschaftmit

lichen Erfahrungen undseinVerhaltenversehen.Der einzelnewird - unddas ist

besonders wichtig -

zugskriterienausgerüstet, die fürihn

Ordnungsmittel fürsein alltägliches Leben verfügbargemacht werden.Diese Mit-

telzur Einordnung sind - oder (denken wiran

gen)

sätzenderSozialisationan wirder von demeinzelnen geformt undimLaufesei- nesLebensvon ihmerweitertund modifiziert5). Obwohlindividuelle biographi-

sche Ereignisse fürUnterschiedein der

zelnen sorgen,gibt es in

der Abweichungen, die zu tolerierenmanbereitist.Tatsächlichwäredie Gesell-

schaftohneeinensolchenKonsensusals

lich, da ihrdanndie

Verhalten gegenseitig verständlich wird, fehlten.Diese Ordnung, durchdie der

einzelneseineWelt

nommen, somitnichtvon ihm gewählt. Vielmehrwirdsie von ihmals äußeres

Faktum, als fertigeWelt,

entdeckt,obgleich ersiebeimLebenin ihr ständig modifiziert. Nichtsdestoweniger

bedarfdieseWelt der Bestätigung, vielleichtwohl auch

wachenMißtrauenshinsichtlichihrer gesellschaftlichenErschaffung undRelativität.

Diese Bestätigung -

erndenInteraktionmit anderen, die die

bewohnen. Allgemeingesehen habenalle GliederdieserbestimmtenWeltbestäti-

gende

zur Welt, und der

Ortsbestimmung innerhalbdieserWelt.

signifikanter als

gewissenGrundregeln fürseine alltäg-

miteiner spezifischen Garniturder

Typisierung undderBe-

von der Gesellschaftvordefiniertund als

unsereeinführendenBetrachtun-

diesernomische Apparat ist -

biographisch kumulativ.Von denerstenAn-

Verfassung dieses Apparates bei den ein-

derGesellschafteinen allgemeinen Konsensushinsichtlich

fortbestehender Zusammenhangunmög-

Erfahrung vermitteltund

Ordnungsmittel, durchdie allein

begreift und umgrenzt,wird,geringeModifizierungenausge-

die einfachda istund in derer sich

bewegt und lebt,

geradewegen

des stets

die dereinzelneselbstzu geben hat

- bedarfderfortdau-

gleichegesellschaftlichgeschaffene Welt

Zeitungsträgerbestätigt mir täglich meine Zugehörigkeit

Funktionen.Der

Briefträgerbringt die greifbareBestätigung meiner eigenen

EinigeBestätigungenjedoch erscheinenals

andauernde Bestätigung seiner

andere. Jeder einzelnefordertdie

3) S. Schütz,

4)

5) S. insbes. Jean Piaget,

Aufbau, S. 202-220:

ders.,

Collected Papers, I, S. 3'«-27. 283-286.

S.

S c h ü t z , Collected Papers, I, S. 207'- 228.

The Construction of Reality in the Child, New York 1954.

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PeterL. Berger I

Hansfried Kellner

eigenenWelt,

gerade

werden6). In gleichemMaße,

tenanderen"deneinzelnenderAnomie überantwortet,gewährleistet ihrVorhan-

möglichist,

Hause zu fühlen.Um es allgemeiner auszudrücken:alle

kanten

Funktion.Im

Gespräch. In diesemSinneistes

deren, derfürihnvon

dem

sätzlichenDefinitionender

drückliche Formulierung als durch stillschweigende Übernahme vorgesehener Defi-

nitionenundmittelsdes

gleicheGespräch be-

lage

begab,weniger durchaus-

Umfang, in demes geführtwird,bestätigt es immervon neuemdie grund-

in derenZentrumseineIdentitätundseine Stellung in dieserWelt

signifikanten anderen" gelten,bestätigt

Beziehung zu den „signifikan-

auchdurch die, die ihmals die

wie derVerlustder

denseinden Nomos, durchden es

anderen",ja sogar

Alltagslebenjedoch

sich weitgehend in dieserWeltzu

Handlungen der „signifi-

derenbloßes Vorhandensein, habendiese stützende

ist das am

häufigstenangewandte Mitteldas

Beziehungen deseinzelnenzu deman-

richtig, die

Bedeutungist,

Realität,

als einfortlaufendes Gespräch zu sehen.In

in die man sich

vorstellbaren Fragen aufderGrund-

man sein

Gesprächs überalle

dieserals Selbstverständlichkeit vorgegebenen Basis.Das

grundsätzlich im Gespräch führt.

fähigt den einzelnen, sich Veränderungen undneuen gesellschaftlichen Zusammen-

hängen in seiner Biographieanzupassen. Es kann gesagtwerden, daß

Leben

Stimmtman diesenPunkten zu, so kanndarauseine

allgemeinesoziologische

gesellschaft-

Behauptunggewonnen werden:Die PlausibilitätundStabilitätderals

lichverstandenenWelt hängen von derStärkeund

ziehungenab, die fortwährendein Gespräch überdieseWelt ermöglichen.Oder,

Kontinuität signifikanter Be-

anders ausgedrückt: die RealitätderWeltwirderhaltendurchdas

den signifikanten anderen".Diese Realitätumfaßtnatürlichnichtnurdie Vor-

stellungen, unterdenendie

Gespräch mit

Mitmenschen gesehenwerden, sondernsie bestimmt

auchdie Weise, wie man sichselbstsieht.Die wirklichkeitsschaffendeKraftder

gesellschaftlichenBeziehungenhängt zum einenab von ihrer Dichte7), d. h. von

dem Maße, in dem

treten, undzumanderen davon, wie ihnenvon

demeinzelnen „Signifikanz" zu-

gesellschaftlicheBeziehungen in „face-to-face"-Situationen auf-

gestanden wird. Aus jeglicherempirischen Situationerstehennun augenfällige

soziologischeFragestellungen, die

nachden bei den

nachden

deren"verwendetwerden.Als

objektiv strukturiertund verteilt sind,

subjektiv erfahrenund begriffen werden.

sichaus diesen

Überlegungenergeben,Fragen

weltschaffenden Beziehungen auftretenden Handlungsmustern,

gesellschaftlichen Formen, die beim Gespräch mitden „signifikanten an-

Soziologe mußman fragen, wie diese Beziehungen

und zugleich der Fragenachgehen, wie

sie

Nach

diesen Vorbemerkungen kommenwir nun zu unserer Hauptthese: Wir

behaupten, daß in unsererGesellschaftdie Ehe einenim Vergleich zu anderen

signifikantenBeziehungenprivilegierten Statuseinnimmt.Anders ausgedrückt:

Die Ehe istin unsererGesellschaftein entscheidendesnomischesInstrument.Wir

behauptenferner, daß die

nichtverstandenwerden kann, wenndieserUmstandnicht begriffen wird.

wesentliche gesellschaftliche FunktiondieserInstitution

Wirkönnennunmehrmiteiner idealtypischenAnalyse derEhe fortfahren, d.

h.

wir versuchen, ihrewesentlichenMerkmalezu abstrahieren.Die Ehe istin unserer Gesellschaftein dramatischer Vorgang, bei demzwei Fremdeaufeinandertreffen und sichneu definieren.DieserdramatischeAkt wirdinnerlich antizipiert und ist gesellschaftlichlegitimiert, ehe er überhaupt in der Einzelbiographieauftritt,

6) S. M e a d , a. a. O., S.

7) S. S c h ü t z , Aufbau, S. 181-19©.

135-226.

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Die Ehe unddie KonstruktionderWirklichkeit

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und er wird mittelseinerbeherrschenden Ideologieverstärkt, derenbesondere

Schwerpunkte(romantischeLiebe,

Selbstverwirklichung durchLiebeund Sexualität, die Kernfamilieals gesellschaft-

lichesFeld dieses Prozesses) in allen Sphären derGesellschaftwiederauftauchen

und ausführlich dargestellt sind.Die Aktualisierung dieserim vorausdurcheine

Ideologie definierten Erwartungen im Lebendes einzelnenist die Begleiterschei-

nung

schafteine

Fremde" natürlichnicht beinhaltet, daß dieEhekandidatenaus starkunterschied-

lichenGesellschaftsschichtenstammen -

Gegenteil der Fall ist.Die Fremdheitberuhtvielmehrauf der Tatsache, daß

andersals die Heiratskandidatenfrüherer Gesellschaftsformationen, aus unter-

schiedlichen „face-to-face"-Bereichenkommen, in denendas Handelndes einzel- nen gegenüber einemzweiten spezifisch ist.In denobenentwickelten Kategorien

hieße das, daß sie aus unterschiedlichen

sexuelle

Befriedigung,Selbstbestätigung und

einesder

wenigen„rites de passage",

die nochfürdie Gliederder Gesell-

Bedeutung haben.Es solltenoch hinzugefügtwerden, daß der Begriff

tatsächlich zeigen die Daten auf, daß

das

sie,

Gesprächsbereichen

kommen.Sie haben

keine gemeinsameVergangenheit, wennauchihre jeweiligeVergangenheit ähnlich

strukturiertist.UnsereGesellschaftist - wennwires andersausdrückenwollen

(und

klassengebundenerEndogamievölligabsehen) - in

typischexogam. In

das die beidenPartner jeweils vor ihrerEhe führten, in

chen statt, die sichnichtüberschneiden.Durchdie dramatischeRe-Definitionder durchdie Ehe eingetretenen Situationdrehtsich jedoch nunmehr jedessignifikan-

te" Gespräch der beidenneuenPartnerum ihre Beziehung zueinander -

genaugenommen ist dies aucheinerder Gründe, warumsie nehmen.

dabeivon denvorherrschendenVerhaltensmustern ethnischer,religiöser und

ihrennomischen Beziehungen

signifikante„Gespräch",

gesellschaftlichen Berei-

unserermobilenGesellschaftfindetdas

und

diese Beziehung auf-

diese Erscheinungsform derEhe indenbreiter

strukturierten Konfigurationen unsererGesellschaft begründet ist. Unterdiesen

istdie füruns wichtigste die Kristallisationder

sichmehrund mehrderKontrolledurchdie öffentlichenInstitutionen (insbeson-

deredurchWirtschaftund Politik) entziehtund die dochals entscheidender ge-

sellschaftlicher Bereich, in dem der einzelneseine

kann, definiertundverwendet wird8). Es kannhiernichtunsereAbsicht sein, die

historischen Kräfte, die diesesPhänomen hervorbrachten, zu untersuchen, doch

wollenwir immerhin erwähnen, daß sie mit der industriellenRevolutionund

ihreninstitutionellen Folgenzusammenhängen. Die öffentlichenInstitutionentre-

gegenüber, die in ihrem

innerenAblaufunverständlichund in ihremhumanenCharakter anonym ist.

irgendeinem Winkel

der ökonomischenMaschinerie - leben, sichihrerMachtüber ihn

Handlungsregelngegenüber der ungeheurenWirklichkeit, die ihmsonstunver-

ständlich bliebe,zufriedengeben und ihre Anonymität, in die er involviert ist,

durchdie

anzupassen; er muß sichmit einigengroben

Die

Feststellungerübrigtsich, daß

sogenanntenprivatenSphäre, die

Selbstverwirklichung erreichen

tendemeinzelnenals äußerst mächtige undfremdeWelt

Der einzelnemuß - und sei es alleindurchseineArbeitin

einen

Weg

finden, in dieserfremdenWeltzu

Pflegejeder Artvon „humanrelations"zu modifizierenversuchen.Ent-

8) S. Arnold Gehlen,

Thomas Luckmann,

Freiburg 1963.

Die

Seeleimtechnischen Zeitalter,Hamburg1957, S. 57-69;

Das Problem der Religion in der

modernen Gesellschaft,

ders., AnthropologischeForschung,Hamburg19611', S. 691-77, 127- 140;Helmut

Schei sky, Soziologie der Sexualität,Hamburg1955', S. 102 - 163; S. audi

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Peter L. Berger I Hansfried Kellner

gegenvielfältiger Kritikan der Massengesellschaft betonenwir ausdrücklich, daß

der einzelnehierdurchnichtunausweichlichdem Unbehagen überantwortetwird

und sichverlorenfühlenmuß. Es scheint vielmehr, daß die meistenMenschen

in unsererGesellschaftmitdieser Situation, in der ihre

an

nehme Notwendigkeit unddiePolitikimbestenFall ein

aus zufriedensind. Allgemein sindes nurdie

Intellektuellen, die annehmen, daß solcheMenschensehr unglücklich seinmüssen.

Entscheidendist jedoch, daß sichder einzelnein dieserSituation - ungeachtet

dessen, ob er

verwirklichung zu erfahren.So wendeter sich

zu, diesem ausgespartenRaum,

der

strebtdereinzelnenach Macht, Verständlichkeitund

nacheinem Namen; vor allemabersuchter die

auch liliputanische Weltzu

ihm dann, da sie durchihn geformtist, durchschaubarundverständlich (so glaubt

er zumindest) undstehtdamitim Gegensatz zu deranderen Welt, dieaufihnfor-

mend einwirkt; indervonihm geformten Weltister jemandy vielleichtinnerhalbsei-

nesKreises sogar derHerrundMeister.Zudemsinddiese Erwartungen biszu einem

gewissen Gradenichtunrealistisch.Die öffentlichenInstitutionensehenkeineNot-

wendigkeit, das Handelndeseinzelneninder

lange

zu Unrechtals derRaum verstanden, derdemeinzelnen Wahlmöglichkeiten und

Autonomiebietet.Aus diesemFaktum ergeben sichfürdie Identitätsgewinnung

in dermodernenGesellschaft wichtigeFolgen, die

örternkönnen.Immerhinabersolltedie besondereSituationder privatenSphäre innerhalbund zwischenden anderenSozialstrukturendeutlichsein.Zusammen-

fassendläßt sich

der privatenSphäre einenTeil

ihr

deutung diesesBedürfnissesdes Menschen, sicheine Welt, in derer

zu schaffen, so wird man über die Bedeutung, die die privateSphäre in der modernenGesellschaft erlangthat, nichterstaunt sein9).

persönlicheBeteiligung

unange-

durch-

derÖffentlichkeit geringeBedeutunghat,

die Arbeiteinenichtallzu

Zuschauersportist,

politisch und ethisch engagierten

glücklich istodernicht - anderswohinwenden muß, umeineSelbst-

dermehroder

vorwiegend der privatenSphäre

wenigerzufällig als Nebenprodukt

gesellschaftlichenMetamorphose durchdie Industrialisierung entstand.Hier

- buchstäblichverstanden -

belegbareMacht, um eine, wenn

formen, dieseinSelbst widerspiegelt: dieseWelterscheint

privatenSphäre zu kontrollieren, so-

ersichin den

vorgeschriebenen Grenzenhält.Die privateSphäre wirdnicht

sagen:

wirhier jedoch nichtnäherer-

Vor allemund im Regelfall kannder einzelnenurin

übertragen und

entscheidende anthropologische Be-

zu Hause ist,

derRealitätaufseine eigene Welt

einfügen.Vergegenwärtigt man sichdie

Die

privateSphäre

umfaßteineVielzahl

gesellschaftlicherBeziehungen. Unter

entscheidendeStelle ein, und die zu Freunden,Nachbarn,

sinddie hierent-

diesennehmen jedoch die

an ihr sinddie

Kirchengemeindemitgliedern,Mitgliedern anderer freiwilligerZusammenschlüsse) ausgerichtet. Da dieFamiliein unsererGesellschaft - wieunsdie Ethnologen im-

merwiederinsGedächtniszurückrufen -

scheidenden Beziehungen diezwischenden Ehepartnern. FürdiemeistenErwachse-

nenin unsererGesellschaftbautsichdie Privatsphäre aufderEhe auf.Es ist klar,

daß dies keineswegs eineuniverselle -

- FunktionderEhe

deresWesenund einebesondereFunktionalität angenommen. Es ist nachgewiesen worden, daß die Ehe in der gegenwärtigen Gesellschaft einige ihrer hergebrach-

Familienbeziehungen die

meistenanderen Beziehungen(wie

eine

„konjugale"ist,

oderauchnurinterkulturellvorfindbare

ist.Vielmehrhat die Ehe in unsererGesellschafteinbeson-

9) Bei diesen Betraditungengehen wirvon

gewissen ThesenderMarxsdien Anthropo-

Helmut Plessners und Arnold Gehlens

Erhellung dersozial-

logie und der Anthropologie Max Schelers,

aus Wir fühlenunsden VersudienThomasLuckmannsum die psydiologisdienSignifikanz der privatenSphäreverpfliditet.

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Die Ehe unddie KonstruktionderWirklichkeit

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ten Funktionenverlorenund dafürneue

zu, dochziehenwir es vor, diese Erscheinung etwasandersdarzustellen.Früher

warenEhe und Familiefestin einemNetz von

mitder größeren Gemeinschaft verbanden, und sie dientenals

und Partikularisationender sozialenKontrolleder letzteren.Es

SchrankenzwischenderWeltderEinzelfamilieundderder größeren Gemeinschaf t,

ein Faktum, das sichnochin den

Familievor derindustriellenRevolution lebte11). Ein und dasselbesozialeLeben

pulsierte durch Haus, Straßeund Gemeinde.In

Die Familieund die eheliche Beziehung in ihrwarenin einenbeträchtlichwei-

teren

konstituiert jede Familieihre

trollenundihrem eigenen,geschlossenenGespräch. Diese Tatsacheerforderteinenviel größeren Einsatzder

früheren Zeiten, in denendie Gründung einerneuenEhe nureinenZuwachsan

Differenzierung und

deutete, findensichdie

sichihre eigeneprivateWelt,

vermitteltihnendie

die Aufgabeangehensollten, doch ändertdas nichtsan der Tatsache, daß es

dazu einesbeträchtlichenEinsatzesbedarf.Durchden monogamen Charakterder

Ehe wirddie dramatischeund unsichere Anlage diesesUnternehmens potenziert.

gewonnenhat10).

Das trifftsicherlich

Beziehungenverankert, die sie

Ausübungsorgane

gab nur wenige

unterdenendie

physischenBedingungenzeigt,

unseren Begriffenausgedrückt:

Gesprächsbereicheingebettet. In unserer Gegenwartsgesellschafthingegen

eigenesegregierteTeilwelt, mitihren eigenen Kon-

Ehepartner.Ungleich

Komplexität zu einerbereitsbestehendensozialenWeltbe-

Ehepartner heutevor der oftmals schwierigenAufgabe,

in dersieleben werden, selbstzu schaffen.Sicherlich

Gesellschaft gewissegrundsätzlicheInstruktionen, wie sie

von den

gegenwärtigenIdiosynkrasien

obendreinkeine gemeinsameVergangenheithaben) -

nach

möglichengesellschaftlichen Beziehun-

einenallesBis-

derdurchdie die Heiratumrahmenden Ereig-

Erfolg oder Versagen der Ehe hängen ab

undderkaum voraussagbarenzukünftigenEntwicklung dieser Idiosynkrasien von

nurzweiMenschen (die

Simmeldie am wenigsten stabileallernur

gen12). Es kanndahernicht verwundern, daß der Entschluß, all diesauf sichzu

nehmen, in der allgemeinenVorstellung einen kritischen,ja sogar

herigeüberlagerndenBeiklanghat,

nisseeinerseitsunterstreichen, andererseits psychologischgemildert wird.

Jede gesellschaftlicheBeziehungbenötigtObjektivierung, d. h. den Prozeß,

subjektiv erfahrenen Sinnbedeutungen demeinzelnen objektiv ver-

durchden die

ständlichwerdenundin derInteraktionmitanderen Allgemeingut unddamitall-

gemeinverständlichobjektiviertwerden13). Der Objektivierungsgradhängt ab von

demAusmaßundderIntensitätder

Bei

Bemühungenabhängt, mußderandauerndeProzeßderWelt-Schaf fung seineInten-

sität wegen dernumerischenArmutdieser Beziehungen verstärken.Dies wiederum akzentuiertdas Drama unddie Unsicherheit.Die später hinzukommendenKinder

verdichtenin der Kernfamiliedann

rungsgrad, so daß die eheliche Beziehung in

sicherheitüberlassenist. Es bleibtaber die Tatsache, daß die

Welt äußerststarkeAnforde-

rungen an

Aufrechterhaltung

gesellschaftlichenBeziehungen, die

zwei Menschen gebildet wirdund von deren

ihn

tragen.

einer Beziehung, die alleinvon

jedoch

den bereitsvorhandenen Objektivie-

erheblich geringerem Maße

derUn-

Errichtung und

einersolchen gesellschaftlichen

die

Hauptbeteiligten stellt.

10)

S. Talcott Parsons

Process, Glencoe, HL, 1955, S. 3'- 34, 353^3%.

und Robert Bales,

Family, Socialization and Interaction

") S. Philippe Ariès,

12)

Î18>- 1441. 13) S. Schütz,

Centuries of Childhood, New York 1962, S. 3319» -

410.

S. Kurt Wolff

(Hg.), The Sociology of Georg Simmel, Glencoe, 111.,1960, S.

149-153.

Aufbau, S. 29-36,

15 Soziale Welt

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PeterL. Berger I Hansfried Kellner

inso-

WirkönnennunmehrdenVersuch fortführen, den

idealtypischenProzeß,

weiter die Ehe als ein

erfaßt, zu umreißen.Die Hauptfiguren diesesDramassindzwei

jeder

Instrument gesellschaftlicherErschaffung derWirklichkeit

Menschen, die

fürsichübereinen biographisch entstandenenundanwendbaren Erfahrungs-

mitbeträchtlichen psychischenFähigkeiten fürdie AufnahmeneuerBeziehun-

zu

anderenPersonen ausgerüstetsind15). Kommendie beteiligten Menschen

geordnetvorliegen. Die beidenMenschen haben,

gleiche Welt internalisiert, bishinzu den allgemeinen Definitio-

ehelichen Beziehungen selbst.Ihre Gesellschafthat

Erwartungen an die

schatz verfügen14). Als GliedereineräußerstmobilenGesellschafthabendie ein-

zelnenihre Bereitschaft, sowohlsichselbstzu re-definierenals auchihrenErfah-

rungsschatz zu modifizieren, bis zu einem gewissen Grade internalisiert, wodurch

sie

gen

zudemaus ähnlichenBereichenderweiterenGesellschaft (ähnlich etwahinsichtlich

ihres religiösen, Klassen-oder ethnischen Hintergrundes), so werdenihnenihre

Erfahrungen in ähnlicherWeise

anders gesagt, die

nen der

sie miteinemals selbstverständlich genommenenImage derEhe versehenund so

den Entschlußund ihre Erwartungen, die als Selbstverständlichkeit gegebenen

Rollen in der Ehe zu übernehmen, sozialisiert. Nichtsdestoweniger müssendiese

relativleerenEntwürfenunvon den Hauptbeteiligtenaktualisiert, durchlebtund

mit

ihrerWirklichkeits-und

Erfahrungsgehaltgefüllt werden.Dies

Eigendefinition.

erforderteinedramatische Abänderung

In der Ehe müssenalle Handlungen des einenPartnersim

Bezug

zu denen

desanderenentworfenwerden.Die DefinitionenderWirklichkeitdurchdeneinen

müssenfortwährendin Korrelationzu denendes anderen gesetzt werden.Der

andereistin fastallenSinnhorizontendes

nimmtdie IdentitäteinenanderenCharakter an, sie muß

Partners ausgerichtet werden - und sie wirddaherauchvon den Mitmenschen

anderen symbiotischzuge-

häufig und

ordnet begriffen. Für

nomiezum

undentscheidendenMitbewohnerderWelt.Tatsächlichwerdenalle

fikanten Beziehungen nahezuautomatischanders wahrgenommen und in Über-

einstimmung mitdiesereinschneidenden Veränderung neu geordnet.

Alltagslebensgegenwärtig. Obendrein

ständig an der des

bedeutungsvollsten

anderen signi-

bezeichnenderweiseals der Identitätdes

„signifikanten anderen" par

jedenEhepartner wirdderanderemittels psychischer Öko-

excellence -

zum

Mit anderenWorten ausgedrückt: Es

ergibt sich notwendigerweise, daß jeder

eigenen sinn-

Ehepartner von Anbeginn der

bedeutsamen Erfahrung der Welt im allgemeinen, der Mitmenschenund seiner

selbstentwickelt.UnsereDefinition besagtsomit, daß die Ehe einennomischen

Bruch begründet. Die Ehe lösthinsichtlichder

nereinenneuennomischenProzeßaus.Die Tragweite dieserTatsachewird jedoch

seltenauchnurannäherndklarvon

mehrdie Auffassung, daß nichtnurdie eigeneWelt, sondernauchdie Beziehung

zu den Mitmenschen, vor

gesehendavon,

selbstteilhat.Es leuchtet jetzt sicherlich ein, daß diese Auffassung auf einem

schwerwiegenden Mißverständnisberuht.Als unmittelbare Folge desbeschriebenen

Umstands zwingt die Ehe den einzelnenin eine

erkannte Entwicklung, in derenVerlaufdie nomische Umwälzungerfolgt.Jedoch

Ehe eine neue Modalitätseiner

Einzelbiographien derbeidenPart-

den Beteiligten erkannt.Es findetsichviel-

- ab-

einem

allemabermanselbstunverändert geblieben sei

daß der Ehepartner nunan dieser Welt, denanderenundan

unbeabsichtigte und nichtklar

14) S. S c h ü t z , Aufbau, S. 186-192, 202-210.

15) David

Riesmans bekanntes Konzept der

wandt werden.

„other-direction" könnte hierauf ange-

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Die Ehe unddie KonstruktionderWirklichkeit

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werdenbezeichnenderweise gewisseobjektive undkonkrete Probleme, die sichaus

derEhe

den oder religiöse Differenzenzwischenden Ehepartnern, wie auchunmittelbare

Spannungen zwischenihnen - klar erkannt.Sie werdenals externe, situations-

bedingte und praktischeSchwierigkeitengewertet. Die Schwierigkeiten werden

jedoch nichtvon der des Nomos und der

andauernde Verwandlung

ergeben - etwa

Spannungen mitdenVerwandtenoderfrüherenFreun-

nämlichals

Be-

subjektiven Seite her,

vorgefundenenIdentität, aus der alle Problemeund

ziehungen neu - Wirklichkeit -

d. h. innerhalbeiner

neuen,ständig wechselnden subjektiven

erfahren werden, klar begriffen.

Wählenwir zur

Verdeutlichung ein häufiges und einfaches Beispiel:

seltenfortbestehen

nämlich

die Entwicklung der aus vorehelicherZeit

männlichen Ehepartners nachseinerHeirat.Es ist eine

daß solche Beziehungen, vor allem, wenndie Freundeaus derZeit vor derEhe

Junggesellensind,

Bedeutungswandel unterworfenwerden.Diese

bewußten Entscheidung des Ehemannesnochaus

mehrläuftein langsamer Prozeß ab, in dessenVerlaufsichdas

mannesvon seinenFreundenin dem

Frau

die bloße Gegenwart der Frau dazu, sie mitanderen Augen zu sehen.Dies be-

deutet nicht, daß ein negativesImage, das die Frau von ihnenhaben

nommenwird.Ihr

Mann bei ihr vermutet, ist von dem seinenverschieden.Diese unterschiedliche

Ehepartner sichaus-

und wirktsichim Laufeder Zeit entscheidendauf

das frühere Image des Ehemannesvon seinemFreundaus. AuchdieserProzeß

formende gemeinsameImage

Auffassung beeinflußtdas im anhaltenden Gespräch der

stammenden Freundesbeziehungen des

allgemeineBeobachtung,

- oder, fallssie andauern, einemdrastischen

Entwicklungfolgt wederaus einer

Sabotageakten der Frau. Viel-

des Ehe-

Image

zu seiner

Umfangabändert, als er übersie

Freundenicht gesprochenwird,zwingt

über-

mag, ist und welches Image ihr

spricht.Sogardann,

wennüberdie

Image,gleichgültig welcherArtes

wird seltenklar erkannt.Vielmehrverschwindetder alte Freund

dem Blickfeld, und neue Freundetretenan seineStelle.Dieser Prozeß

wenner überhaupt imehelichen Gespräch erwähnt wird, mit

Erklärungenbelegt, etwadem Hinweis, daß „die Menschensich ändern",„Freun-

de verschwinden"oder man selbstreifer geworden ist". Dieser

prozeß

spricht bezeichnenderweisemitseinerFrau überden Freund, nichtaberim

chenMaße mitseinemFreundüberdie Frau.So

seiner

beraubt.Einesder wichtigsten Charakteristikaehelichen Gesprächs ist

diese

von ihr

Freundeam

starke

ehelichen Beziehungen), die als Gegendefinition wirksamwerdenkönnten.

langsam aus

wird,

allgemeingeläufigen

Liquidierungs-

mittels Gesprächs istin seiner Einseitigkeit besonderswirksam:derMann

glei-

wirdderFreund gewissermaßen

Verteidigungsmöglichkeit,

Einseitigkeit. Sie mag

nämlichder Gegendefinition ihrer Beziehung,

gerade auch

abspielende und

durch einige, sichaußerhalbderEhe

sorgsamgetrennteBeziehungengemildert werden („Treffen der alten

Dienstag",„Samstags esseichbei

Mutter"), dochauchhierbestehen

h. Gespräche über die

gefühlsmäßigeHemmungengegenGespräche(d.

Die Ehe begründet somiteineneueWirklichkeit.Die

Übereinstimmung

mitdem Ehepartner -

Beziehung des einzelnen

produziertsie,

zu dieserneuenWirklichkeitist jedoch dialektischerNatur - er

in

beidenRealitätender Ehepartner werdendabei zu einer einzigen zusammen-

gefügt. Wie wirbereits ausführten, istdie Objektivierung, die

gründet,instabil, so daß Gruppen, zu denendas

Ko-Definitionder neuenWirklichkeit herangezogen werden.Das Paar schließt

sichden

vermeidet jene, die dieseDefinitionschwächen.Dies wiederumlöstden allgemein

und sie wirktauf ihnzurück.Die

Paar

die

dieseRealitätbe-

Beziehungenunterhält, zur

der Welt stützen, an und

Gruppen, die seine Eigendefinition und

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PeterL. Berger I Hansfried Kellner

bekanntenDruckdurchdie

wird,

Realität errichtet, aber die Re-Definitiondauertnichtnurinnerhalbder Inter-

aktionder Ehe an, sondernauch in beziehungen, die das Paar aufnimmt.

Gruppeaus,

durchdenaufdie

Ehepartnereingewirkt

ihre Eigendefinition und die der Welt abzuändern.So wird eine neue

den an der Ehe ausgerichtetenGruppen-

Im Lebensablaufdes einzelnenbedeutetdie Heirat somiteine entscheidende

Sozialisationsphase, die wohl mitder Kindheitund der

ist.Diese Phase ist,verglichen mitden vorangegangenen, andersstrukturiert.In

Kindheitund Jugend wurdedereinzelnein allgemein vorhandeneLebensmuster

Jugendzeitvergleichbar

sozialisiert.Nunmehr jedoch nimmter aktivteilund

fügt sichnicht längerpassiv

ein. Auch

früheren Sozialisationsphasen die Erwartung auf den

Eintrittin eineandere Welt, unterderenEinflußmansichändernwürde.In der

Ehe wirdvon diesemProzeß

die Welt

matischen Bedeutungen sichwandelten.Daß dieseAnsichteine Illusion ist, ver-

prag-

suchtenwir

gab

es in den

wenigwahrgenommen, vielmehrentdeckt man, daß

nur daß die emotionalenund

sichziemlich gleichgebliebenist,

aufzuzeigen.

Wie wir sagten,erfolgt die Re-Definitionder Weltin der Ehe

grundsätzlich

mittelsdes Gesprächs. Das diesem Gesprächimplizite Problemistdie Frage da-

nach, wie

lichkeitaufeinanderabzustimmensind.Aus der

daß eine Definition, die beiden gemeinsamist,

das

Gespräch kannals das Hervorbringen einesordnendenund

rats - oder,

denwerden. Jeder Partner trägt seine Konzeption derWirklichkeitvor - die im

allgemeinen nichtnur einmal,

durchden Gesprächsapparatobjektiviert wird. Je länger das Gesprächanhält,

um so realerwerdenden Partnerndie

erschafftnichtnureine neue Welt, sondern sorgt auch dafür, daß

undfortwährendneu ausgestaltet wird.FürdiebeidenPartnerwirddie

RealitätdieserWeltdurchdas gemeinsameGespräch erhalten.Durchdas endlose

Gespräch, das von dem zehrt, was sie gemeinsam und getrennterfahren, wirddas

HämischeInstrumentder Ehe ständig konkretisiert.So

schehen, daß eine Erfahrung nichtals völlig wirklich erscheint,solange sie nicht

„durchgesprochen" ist.

sondernmehrmals durchgesprochen" und somit

dievonzweiverschiedenenMenschen gegebenen DefinitionenderWirk-

Beziehungergibt sich schlüssig, erreichtwerden muß, da sonst

die

Beziehunggefährdet wird.Dieses

typisierendenAppa-

verstan-

Gesprächunmöglich istund ipso facto

fallsmandiesvorzieht:eines objektivierendenApparats -

Objektivierungen. Das eheliche Gespräch

sie repariert

subjektive

mag

es tatsächlich ge-

nämlichdie Erhärtung und

Dieser Prozeß

zeitigt ein wichtigesErgebnis -

hierzu

geführthat,

Objektivierung durchdie

wie sie in demehelichen Gespräch stetsvon neuem bestätigt wird.Die aufdieser

Objektivierungaufgebaute Welt gewinntgleichzeitig an

das die beidenvon anderenMenschenvorundzu Beginn derEhe hattenunddas

vielfachunklarund

derFrauvor

ihrerEhe das eineMal

deutigenCharakterisierungen. Eine gelegentliche Bekanntschaft mag

das andereMal Langeweile bereitethaben.Unter

demEinflußdes ehelichen Gespräches, in demdieseBekanntschaft häufigdisku-

tiert" wird, wirdsie sichnuneherauf

legen

Stabilisierung der gemeinsamobjektivierten Realität.Die Entwicklung, die

solltenun verständlich sein; die anhaltendeund internalisierende

Ehepartner wirdfortwährendundin demMaße realer,

Stabilität.Das

Image,

schwankend war,verfestigt sichnunzu definitivenund ein-

Spaß,

einederbeiden Charakterisierungen fest-

oder einen Kompromiß zwischenbeidenzu schließensuchen.Gemeinsam

genanntenMöglichkeiten sie aus-

geschaffen,

mitihremMannhat sie,je nachdemwelcheder

wählt, ein schärferumrissenes Image der in Frage stehendenPerson

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Die Ehe unddie KonstruktionderWirklichkeit

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das sie in demMaße kaumvorihrerEhe - undohnedurchdenDruckdesehe-

lichen Gesprächs zu einer endgültigenStellungnahmegezwungen zu sein - hat

haben können.Der

Selbstdefinitionbeobachtetwerden.Kommenwiraufunserletztes Beispielzurück,

so findetsichdie Frau nichtnurdemDruck ausgesetzt, anderenmehrfixierende

Charakteristika zuzuschreiben, sondernauchsichselbst festzulegen. Warsiefrüher

politischuninteressiert, identifiziertsie sichnun als Liberale.Vertratsie früher

wechselnde, verschwommene religiöseAnsichten, erklärtsie nunmehr, sie sei

nostikerin.War sie frühersexuellenGefühlen gegenüber verwirrtund unsicher, verstehtsie sich in diesemBereichnunmehrals geborene Hedonistin.Diese Beispiele ließensich beliebig vermehren.Parallel dazu wirktauf den Ehemann der gleiche die Realitätunddas SelbststabilisierendeProzeßein.FürbeidePart- ner gewinnen so die Weltund das eigene Selbstan Festigkeit undVerläßlichkeit.

gleicheStabilisierungsprozeß kann auch

im Blick auf die

Ag-

Obendrein speisen den

Gesprächsapparat nichtnur die gegenwärtigen Erfah-

ausgeprägten und von den beidenMenschen

rungen, an denenbeide Partner teilhaben, sonderndieseTeilhabeerstrecktsich

auch auf die

durchlebtenund

des Gesprächsredigiert und neu interpretiert. Früheroder später werdensie

„alles erzählen", oder besser gesagt:

durchdie

Paar schafftsichalso nichtnurseine

gründunggemeinsamerErinnerungen, in die

integriertwerden,

KomikdiesesProzesseswirdin denFällen

besseran das „erinnert", was in der Vergangenheit des anderen geschah - und

ihn entsprechendkorrigiert. AufähnlicheWeisenehmensieauchan der

Projektion

derZukunft teil, was nichtnureine

weichlicheine

Vor derEhe bautdereinzelnezueinanderim

in die er sein

verheirateteeinzelne

muß, da sichseinSelbstbildausreichendstabilisiert hat, die Zukunftin Überein-

stimmung mitseinerdurchdie Ehe definiertenIdentität projektieren. Diese Ver-

engung der

Ehe folgt, etwabei Berufsplänen und Planung der Karriere, ein.Sie erstrecktsich

auchauf die

demfrüheren Beispiel zu: Dadurch, daß sichdie Frau als

kerinoderals

Liberale, als Agnosti-

Vergangenheit. Die

subjektivbegriffenenEinzelbiographien werdennunim Verlauf

sie werdenes so erzählen, daß es mitder

ehelichen BeziehungenobjektiviertenEigendefinition übereinstimmt.Das

auch eine

gegenwärtigeRealität,

die

sonderndurchBe-

Einzelerinnerungen der Partner

neuinterpretiertevergangeneWirklichkeit16). Die

deutlich, in

denensichdereinePartner

Stabilisierungbedeutet, sondernauchunaus-

VerengungzukünftigerProjekte des jeweiligen Partnersherbeiführt.

Widerspruch stehende Luftschlösser,

eigeneszukünftiges Selbst projiziert17). Der

Zukunftstelltsichschonmitder

äußeren Beschränkung, die aus der

allgemeinenMöglichkeiten imLebendes einzelnen.Wendenwiruns

sexuell genießerischdefiniert, schließtsie ipsofacto die Möglichkeit,

werden,vorläufigjedenfalls, aus.

unddamit gleichermaßen für das, was

herbeigeführteStabilisierung umfaßtsomitdie

Ehe, zu-

eine Anarchistin, KatholikinoderAsketikerinzu

Sie hatsichfürdas entschieden, was sie ist,

sie seinwird.Die durchdie Ehe

totale Realität, in derdie Partnerleben.In desWortesweitester Bedeutung kön-

nenund müssendie verheiratetenPartner gesetzt"werden, damitdie

mindestin der gegenwärtigen institutionellen Definition,lebensfähig ist.

Es kann

gar nichtnachdrücklich genug darauf hingewiesenwerden, daß dieser

allgemeinen nicht begriffenwird,ja

ProzeßseinemCharakternachim

matischabläuft.Die an demEhedrama Beteiligten handelnnichtunterdemVor-

fastauto-

18) S. Maurice

S. 1461 -

17)

Halbwachs,

Les cadres sociaux de la mémoire,Paris 196 2, insbes.

Invitation to Sociology -

A Humanistic Per-

177; s. auch

Peter Berger,

spective, Garden City, N. Y., 1963,S. 54-65.

S. S c hü

tz , Collected Papers,I, S. 72-73, 79-82.

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Peter L. Berger I Hansfried Kellner

salz, ihreWeltneuerschaffenzu wollen. Jeder von ihnenlebtweiterhinin einer

ihm selbstverständlichenWelt und hält an derenals

Ehepartner

in der sie

neu-interpretierteVergangenheit werdenals ein Kontinuum begriffen, das eine

Liniemitder

tischen Veränderungen, die stattfanden, bleibenim ganzen unklarund unartiku-

liert.Und wo sie sichderAufmerksamkeitdes einzelnen aufdrängen, werdensie in die Vergangenheitprojiziert undals stets - wennauchversteckt - vorhanden

gewesen erklärt.Es ist bezeichnend, daß die Realität, die durchdas ehelicheGe-

sprächbegründetwird,

Partnersichselbstund

ben",„was

haben".Diese Projektion der Welt, die sie selbstunermüdlich erschaffen, auf die

Vergangenheit dientder Stabilisierung dieserWeltund beschwichtigtzugleich die

existentielle Angst, die wohl unausweichlichdie

die eigenen schmalenSchulterndas Universum, in demmanzu lebensichentschie- den hat,tragen. Anders gesagt: Es ist psychischleichter, sichals Kolumbusstatt

als Prometheuszu erfassen.

erwiesen begriffenem Er-

scheinungsbild trotzdessen Metamorphose fest.Die neue Welt, die die

- prometheisch -

insSein gerufenhaben, wirdvonihnenals die normale Welt,

neuerschaffene Gegenwart und die

auchfrüher lebten,begriffen. Die

gemeinsamprojektierten Zukunftbildet.Die eingetretenen drama-

als Entdeckung" verstandenwird.So entdecken" die

die Welt,„wie sie wirklich sind",„was sie wirklich glau-

„schon immer gehalten

siewirklichvon diesemund jenem halten"und

Erkenntnis begleitet, daß nur

Durchdie

Verwendung des Begriffes„Stabilisierung" sollteunseremVerständ-

Schwierigkeiten und die

Unsicherheitbei diesemweltschaffendenUn-

oft genug zusammen,öfternochhältes füreine

gewisseZeit,

steht

nis fürdie

ternehmenkeinAbbruch getan werden.Das neueUniversumbricht - in statu

nascendi -

jedoch

stützensuchen - was dannals unmöglichaufgegeben werdenmuß.Siehtmanin

demehelichen Gespräch die Haupthandlung undin denzweiPartnerndie

akteuredes Dramas, so erscheinendie anderen beteiligten Mitmenschenals der

die

wandte,gelegentlicheBekannte, sie neuenWirklichkeitzu stärken.Die

die entscheidendeRolle spielen,erübrigt sichfast.Ihr bloßesVorhandenseinist

eine Aussage fürdie auf derEhe

Sorge

vorgegeben erscheint.Von Anbeginn an werdensie

dieseWeltauszurichten - diesumschließtsowohlihreersten Versuche,Pappa"

und Mamma" zu sagen, wie auchdie Übernahmedeselterlichen Ordnungs- und

eigene Weltdefiniert.Das eheliche

Typisierungsapparates, Gespräch entwickeltsich jetzt zu

ergibt, daß die Objektivierung schnellan

gewinnt. Kurz gesagt: Der vonunsuntersuchteProzeß ist,idealtypischgesehen, einVor-

gang,

Ambivalenzverwandeltsichin Gewißheit.Die

anderen gewinnt an Beständigkeit. Ganz allgemein werden Möglichkeiten zu Fak- tizitäten.Obendreinwirddieser Wandlungsprozeß meistvondenbeiden Beteilig-

ten, die zugleich seineUrheberund

auf gefährlich schwankendem Grund, währenddie beidenPartneres zu

Haupt-

zentraledramatische Handlungbegleitende Chor. Kinder,Freunde, Ver-

alle helfen, die zerbrechlicheStrukturder Feststellung, daß die Kinderin diesemChor

aufgebaute Welt.Die Ehepartner selbst tragen

fürihreSozialisationin dieser Welt, die ihnenals selbstverständlichund

gehalten, sichin Richtung auf

dernunmehrauchdie

einem Familiengespräch, woraussich konsequent

Dichte, Plausibilitätund Beständigkeit

in dessenAblaufsichdie Realität kristallisiert,verengt undstabilisiert.Die

Typisierung des Selbstund der

Objektesind, nicht wahrgenommen18).

18) Das hier abgehandelte

der Verdinglichung und

Problemka<