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Radikale Vielfalt

Das Festival Borealis für experimentelle Musik in Bergen


von Leonie Reineke
„Nehmt eure Kissen mit. Ihr werdet sie tritt Peter Meanwell für ästhetische Viel- Espen Sommer Eide und Signe Lidén mit
auch bei der nächsten Veranstaltung falt ein, die neue komponierte oder im- „Vertical Studies“ eine Geräuschmusik
brauchen.“ – Was wie der klassische Hin- provisierte Musik ebenso einschließt wie vor, die ‚vertikal‘ zu hören war. Je nach-
weis eines Mentors in der Ferienfreizeit instrumentalen Techno, HipHop und DJ- dem, auf welcher Höhe der Wendel-
klingt, waren die Worte des künstleri- Acts. „Der Unterschied zwischen neuer, treppe im Turm sich die Hörer bewegten,
schen Leiters von Borealis, dem Festival zeitgenössischer und experimenteller konnten sie unterschied­ liche Klangfar-
für experimentelle Musik in Bergen. Musik ist nicht einmal denen klar, die in ben, Lautstärken und Entfernungen zur
Stimmungsvolles, familiäres Beisam- diesem Bereich arbeiten“, sagt Mean­well, (ebenfalls beweglichen) Klangquelle aus-
mensein schien hier die kuratorische „Es ist eine komplizierte Nomenklatur, machen.
Kernidee zu sein: Etliche der sechsund- die aber kein Nachteil sein muss. Denn Dadurch, dass die Konzertorte dezi-
zwanzig Konzertveranstaltungen im nor- wenn wir aus dieser Neue-Musik-Blase diert auf die Projekte zugeschnitten wa-
wegischen „rain capital of Europe“ wur- herauswollen, dann sollten wir die Be- ren, entstand ein einzigartiges Raum-
den im Liegen, in der Hocke, tanzend zeichnung ohnehin so vage wie möglich Zeit-Gefüge, das sich ins Gedächtnis ein-
oder singend – jedenfalls nicht in der ge- halten. Bewusst nenne ich Borealis ein brannte. Aufgrund der regelmäßigen
wohnten Stuhlreihe sitzend – rezipiert. „Festival für experimentelle Musik“. Da- Ortswechsel ließ sich eine Veranstaltung
Der Engländer Peter Meanwell, der mit komme ich dem am nächsten, was ich nicht einfach von der jeweils folgenden
2015 die künstlerische Leitung von Borea- präsentieren möchte: Musik von Künst- ‚überschreiben‘. So schien die sympathi-
lis übernommen hatte, wollte mit der lern, die die Grenzen ihrer jeweiligen sche Gesamtatmosphäre von Borealis
diesjährigen Festivalausgabe einen Ort Genres zu überwinden suchen.“ So hat- weitaus mehr zu sein als die Summe der
der Gemeinschaft entwerfen. „Viele der ten beispielsweise vier Schlagzeuger aus einzelnen Festivalteile. „Bei der Program-
präsentierten Arbeiten“, so Meanwell, Skandinavien, den USA und der Slowakei, mierung“, so Peter Meanwell, „ist für
„thematisieren die gemeinsame Aktion die sich zuvor nicht gekannt hatten und mich maßgeblich, wie sich ein Besucher
und das Miteinander. Das mag – gerade alle in verschiedenen musikalischen über den Tag verhalten wird; welche Mu-
in einer Zeit, in der in Europa faschisti- Sparten arbeiten, ein kollektiv kom­ po­ sik er wann und wo hören möchte. Ich
sche Tendenzen erstarken und auch im niertes Stück entwickelt, das sie hier im selbst mag verschiedene Arten von Musik
Hinblick auf die politische Situation in Quartett darboten. Das Resultat war eine und möchte nicht ein Genre die ganze
den USA – eine Ausprägung des Wun- Musik, in der die Energie einer freien Im- Zeit lang hören. Daher programmiere ich
sches nach Solidarität sein. So soll mit provisation und die Strukturierung einer eher kürzere Konzerte und achte darauf,
Borealis ein Raum der Gastfreundschaft streng durchorganisierten Kom­ position dass sich verschiedene Hörerfahrungen
entstehen, in dem man sich über künstle- produktiv zusammenwirkten. abwechseln. Musik, die ein aufmerksa-
rische Reaktionen verständigen kann.“ Während des Festivals wurde Bergen, mes Hinhören verlangt, wird vielleicht
Explizit zur Kommunikation und Parti- die kleine Stadt an einem der Ränder Eu- von etwas Lautem, Energetischen gefolgt
zipation lud beispielsweise der Däne ropas, zu einem internationalen Künstler- und verläuft sich später in einen Tanz-
Niels Rønsholdt mit seinem Stück „Until forum. Gleichzeitig aber achteten die Or- abend. Als Kurator lege ich Wert darauf,
nothing left“ für Akkordeon und Publi- ganisatoren darauf, auch lokale Künstler dass der Hörer sich wohlfühlt und weder
kum ein. In einer Art öffentlicher Chor- wie zum Beispiel den Mädchenchor der akademische Aufgaben noch physische
probe brachte ein Musiker den Zuschau- Domkirche einzubinden und die vorhan- Strapazen bewältigen muss.“ Die Art und
ern schrittweise ein Lied bei, das schließ- dene städtische Infrastruktur – etwa öf- Weise des Erlebens wurde also gezielt in
lich gemeinschaftlich dargeboten wurde. fentliche Räume oder stark frequentierte der Festivalplanung mitbedacht. Dement-
Ähnlich unklar wie in Rønholdts Stück Szenetreffpunkte – zu nutzen. Mean­well sprechend fand man sich als Besucher in
blieb die Absicht in Oliver Coates’ „Helio- wollte jeder Musik ihren eigenen Platz einem Rezeptionsmodus wieder, in dem
tones“ – einer audiovisuellen Komposi- geben: „Schau dir ein Stück an und stelle sogar der Ärger über Programmpunkte
tion, die sich in einer rätselhaften Sphäre die Frage: ‚Wo wäre diese Musik interes- wie die Soloperformance des Künstlers
zwischen trashigen Videospiel-Sequenzen sant zu hören?‘ Und wie kann man dabei Adam Christensen verschmerzbar war:
und kitschig gesungenen Vokalisen be- die Vorbedingungen einer Kunstform he- In unangenehm affektierter Manier trat
wegte. Am Schluss mündete das Stück in rausfordern? Manchmal ist der beste der Däne mit einer Pop-Gesangseinlage
einem Aufruf an das Publikum: Alle An- Platz schlicht der Konzertsaal. Aber in auf, in der alles Wahrhaftige zu fehlen
wesenden sollten zeitgleich einen beliebi- anderen Fällen ist es ein alter Bunker, schien und stattdessen nur die ins Ironi-
gen Ton anstimmen und diesen darauf- eine Bushaltestelle oder ein Café, das sche überzogene Pose inbrünstigen,
hin zum Ton des jeweiligen Sitz- oder nicht mit den Prägungen des Konzert- schwarzen Soulgesangs übrig blieb.
Liegenachbarn hin ‚umstimmen‘. saals daherkommt. In diesem Jahr haben Wer zeitgenössische (komponierte)
Diese Ansätze mögen für den eisernen wir fünfzehn verschiedene Orte in der Musik lieber in konzentrierter Form und
Avantgardisten eher in die Ecke der Ku- ganzen Stadt und im Umland bespielt.“ ohne Unterbrechungen hört, wäre bei Bo-
schelpädagogik statt auf ein Festival für Einer dieser Räume war ein siebzehn Me- realis vermutlich falsch gewesen. Denn
zeitgenössische Musik gehören. Dennoch ter hoher Geschützturm auf dem Ge- hier ging es vielmehr darum, musikali-
spiegelte die Programmauswahl eine kon- lände der Fjell Festning, einer ehemaligen sche Experimente aller Art zuzulassen
sequente Haltung wider, die hinter der Festungsanlage aus dem Zweiten Welt- und damit eine Produktionsstätte radika-
Konzeption von Borealis steckt: Dezidiert krieg. Hier stellten die Bergener Künstler ler Vielfalt zu ermöglichen.

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