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WIRTSCHAFT 18.

November 2010 DIE ZEIT No 47 37


Neubaustrecke
Bei Stuttgart 21 geht es nicht nur um einen
Bahnhof, der um 90 Grad gedreht und zwölf
Meter tief unter die Erde gelegt werden soll.
Eng daran geknüpft ist auch die geplante
Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm,
ohne die das Großprojekt sinnlos ist. Die
Schnellbahntrasse soll die Reisezeit zwischen
Stuttgart und Ulm um 26 Minuten verkürzen.
Doch eine Reihe von Experten bezweifelt ihren
Nutzen: zu teuer, zu riskant, dazu nutzlos für
den Güterverkehr, sagen sie.
Der Bundesverkehrsminister sieht das
anders. »Die Wirtschaftlichkeit ist eindeutig
erwiesen«, sagte Peter Ramsauer (CSU)
vergangene Woche in Berlin. Alle fünf Jahre
stellt sein Ministerium sämtliche Projekte
im Schienen- und Straßenbau auf den Prüf-
stand. Als gerade noch wirtschaftlich gilt
eine Strecke, wenn jeder investierte Euro
auch einen Euro Nutzen bringt. Dann liegt
das Verhältnis von Kosten und Nutzen ge-
nau bei eins. Bei der Trasse nach Ulm kom-
men Ramsauers Mitarbeiter auf 1,5 – wenn
alles optimal läuft. Wenn es nicht optimal

Fotos: Franz Bischof/imagetrust; Michael Latz/ddp (u.)


läuft, dann auf 1,0. Das ist deutlich unren-
tabler als die anderen knapp 30 Bahnpro-
jekte, die bis 2025 realisiert werden sollen.
Sie werden im Schnitt mit 2,2 bewertet.
An Ramsauers Rechnung gibt es nun
zweifache Kritik: Der Nutzen würde zu
hoch angesetzt, und die Kosten würden
kleingerechnet. »Taschenspielertricks« nennt
das Anton Hofreiter, verkehrspolitischer
Sprecher der Grünen im Bundestag. Er be-
ziffert das Nutzen-Kosten-Verhältnis auf
gerade einmal 0,92 Prozent. Das hieße:
nicht genehmigungsfähig.
Sieht so die schwäbische Zukunft aus? Modell des geplanten Tiefbahnhofs in Stuttgart Hofreiter wirft Bund und Bahn vor, sie
rechneten mit Güterzügen, die auf der Stre-
cke niemals im geplanten Umfang fahren
würden. Auch eine Studie für das Umwelt-

»Die klare Mehrheit ist dafür« bundesamt kommt zu dem Schluss, die
Trasse sei »de facto für den Güterverkehr
nutzlos«. Der Grund: Die Steigung ist zu
hoch, steiler noch als die Alttrasse über
Geislingen. Schon dort kommen schwere
Seit den Protesten gegen den Bahnhof ist Wolfgang Schuster kaum noch sichtbar. Hier spricht Stuttgarts OB über seine gespaltene Stadt Güterzüge nur mit einer zusätzlichen Schie-
belok die Schwäbische Alb hinauf. Auf der
neuen Trasse könnten allenfalls leichte Gü-
DIE ZEIT: Herr Oberbürgermeister, wie fühlt es Tausend Menschen »Lügenpack« skandieren und Schuster: Fest steht: Wenn es eine konkrete Ge- ZEIT: Anfang Dezember geht die Schlichtung zu terzüge fahren, die es heute aber noch gar
sich an, einer tief gespaltenen Stadt vorzustehen? andere diffamierende Behauptungen aufstellen. fährdung geben könnte, würde die Stadt sofort Ende. Was wird dabei herauskommen? nicht gebe, sagt Hofreiter.
Wolfgang Schuster: Wir haben in Stuttgart eine Andererseits hat das zu einer starken Solidarisie- Maßnahmen zur Beseitigung dieser Gefahren Schuster: Das wird Herr Geißler verkünden. Selbst Ramsauers Rechnung ist an eine
sehr lebendige Debatte über das Bahnprojekt. rung geführt, was meine Person anbelangt. einfordern – notfalls mit vorläufigem Baustopp. Wichtig zur Versachlichung der öffentlichen Bedingung geknüpft. Die Wirtschaftlich-
Es gibt aber, Gott sei Dank, viele andere The- ZEIT: Haben Sie je an Rücktritt gedacht? Wir beobachten das sehr genau. Diskussion ist, dass die wesentlichen Streitpunk- keit von 1,5 gilt nur, wenn die Neubaustre-
men, bei denen großes Einvernehmen herrscht. Schuster: Nein, warum auch? Ich habe eine Auf- ZEIT: Gibt es auch bei den Kosten eine Ober- te auf den Tisch kommen. Zudem müssen wir cke nach Ulm Vorrang hat vor dem Ausbau
Man sollte Stuttgart nicht auf den Bahnhof gabe übernommen, die ich mit Freude, Engage- grenze, bei der die Stadt aussteigen würde? für die Zeit nach der Schlichtung eine neutrale der sogenannten Mottgers-Spange, das
reduzieren. ment und Erfolg angehe. Wichtig ist dabei die Schuster: Auf der Kostenseite ist zunächst einmal Plattform schaffen für die Fragen, die uns als sind die Abschnitte zwischen Hanau und
ZEIT: Wie stark hat Stuttgart 21 von der Stadt Neutralität. Ich habe zum Beispiel verboten, dass die Bahn als Bauherrin verantwortlich. Bürger interessieren: vom Grundwasser über die Würzburg beziehungsweise Fulda und Er-
Besitz ergriffen? die Mitarbeiter der Stadt Stuttgart-21-Buttons ZEIT: Die Stadt beteiligt sich mit 131 Millionen Geologie bis zur Baulogistik. furt. Der müsste um Jahre verschoben wer-
Schuster: Inzwischen ist eine sachlichere Atmo- tragen – in die eine oder andere Richtung. Euro an Stuttgart 21. Dazu kommen die Kosten ZEIT: Wie soll diese Plattform aussehen? den. Nur so würde der Verkehr weiter über
sphäre eingetreten, nicht zuletzt, weil Heiner ZEIT: Die Strategie, hart gegen die Demonstran- für das Grundwassermanagement. Können Sie Schuster: Ich könnte mir einen »Bürgerkonvent Stuttgart laufen und damit den Nutzen der
Geißler als Schlichter tätig ist. Das hat gewirkt. ten vorzugehen, hat die Landespolitik vorgege- den Stuttgartern garantieren, dass es dabei bleibt? Stuttgart« vorstellen. Ich möchte die baden- Neubaustrecke erhöhen. Das Erstaunliche:
Es ist wichtig, dass man den Abwägungsprozess, ben. Stört es Sie, dass inzwischen die Landes- Schuster: Die Stadt hat nicht die Absicht, mehr Die Mottgers-Spange wird im Bedarfsplan
der vor mehr als 20 Jahren begonnen hat, noch CDU das Heft des Handelns übernommen hat? zu bezahlen. Fortsetzung auf S. 38 mit 2,0 bewertet. KERSTIN BUND
einmal nachvollzieht. Es gibt nicht nur Schwarz Schuster: Nein. Unabhängig davon, dass die Po-
und Weiß, und da hilft die Schlichtung sehr. lizei ohnehin Landessache ist, bin ich sehr froh,
ZEIT: Viele Bürger haben gar kein klares Bild dass sich das Land in der Öffentlichkeit enga-
mehr von Ihnen. Seit Monaten sind Sie regelrecht giert. Es beteiligt sich ja auch finanziell in einer
abgetaucht. Ist das Ihr Verständnis von der Rolle ganz anderen Dimension. Ich freue mich auch,
eines Stadtoberhaupts? dass sich die Bahn jetzt engagiert. Denn das Pro-
Schuster: Ich bin jeden Tag in der Stadt unter- jekt ist zwar zentral für die Stadt, aber es ist kein
wegs, rede täglich mit den Menschen. Allerdings: städtisches Projekt.
Meine Aufgabe ist es, moderierend zu wirken. ZEIT: Was würden Sie mit dem Wissen von heu-
Das mag nicht so medienwirksam sein, als wenn te anders machen?
ich klare Kante zeigen würde. Ich halte es aber für Schuster: Ich hätte mir gewünscht, wir hätten of-
ganz wichtig, dass ich eher beruhige, als Diskus- fener und intensiver kommuniziert. Spätestens
sionen emotional aufzuheizen. mit den vielen Unterschriften, die im Jahr 2007
ZEIT: Sie haben sich bisher noch auf keiner De- für ein Bürgerbegehren gesammelt wurden, wur-
monstration der Projektgegner blicken lassen. de klar, dass die Stimmung sich änderte. Aber
Warum stellen Sie sich nicht? damals waren unsere Partner
Schuster: Ich hatte angeboten, noch nicht so weit. Erst als Bahn-
dort aufzutreten, und bin aus- S T A D T O B E R H A U P T chef Grube kam, haben wir ein
geladen worden. Kommunikationsbüro eingerich-
ZEIT: Und wenn nun eine Ein- tet und eine neue Strategie ver-
ladung kommt? folgt. Das hätte man schon früher
Schuster: Dann gehe ich selbst- machen können.
verständlich hin. ZEIT: Sie hätten aber auch ein-
ZEIT: Als wieder einmal 50 000 fach einen Bürgerentscheid zu-
Demonstranten in Stuttgart auf lassen können.
der Straße waren, da flogen Sie Schuster: Das wäre 2007 rechtlich
nach Chile, um einen Platz ein- Seit 1997 regiert nicht mehr gegangen. Ich kann als
zuweihen. Flüchten Sie? Wolfgang Schuster (61, Oberbürgermeister nicht vorsätz-
Schuster: Ich halte es für verant- CDU) in Stuttgart. lich rechtswidrig handeln. Wir
wortbar, auch Termine außerhalb Kritiker werfen ihm vor, hatten bereits 2001 die Finanzie-
der Stadt wahrzunehmen. einen Bürgerentscheid rungsverträge unterschrieben.
ZEIT: Warum haben Sie nicht über das Bahnprojekt Damals hätten wir einen Bürger-
einmal spontan am Bahnhof mit verhindert zu haben entscheid machen können – über
den Gegnern geredet? die Frage, ob die Stadt die Gleis-
Schuster: Ich rede jeden Tag mit flächen von der Bahn kaufen soll
vielen Gegnern und Befürwortern von Stuttgart oder nicht. Es war der größte Grundstückskauf in
21. Aber die Demonstrationen erhielten im Som- der Stadtgeschichte.
Bei KLM dreht sich die Welt um Sie
mer eine emotionale Dimension. Ich bekam ZEIT: Warum haben Sie die Bürger nicht ent- Entscheiden Sie, welcher Flug am besten zu Ihrem Terminkalender passt.
Morddrohungen. Am Anfang habe ich das gar scheiden lassen? Mit unseren zahlreichen Flügen und Verbindungen innerhalb Europas bleiben Sie flexibel.
nicht ernst genommen, nach der dritten habe ich Schuster: Weil es damals eine völlig andere Situa- Damit genügend Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben bleibt.
dann die Kripo informiert. Ich kann aber, Gott tion in der Stadt gab. Es gab eine klare Mehrheit
sei Dank, ohne Polizeischutz leben. der Bürgerschaft für Stuttgart 21, und alle, in-
ZEIT: Am 30. September, jenem schwarzen klusive der Grünen, haben den Kauf der Grund-
Donnerstag, an dem die Polizei mit Wasserwer- stücke für richtig gehalten.
fern und Tränengas gegen die Demonstranten ZEIT: Kurz nach dem Polizeieinsatz Ende Sep-
vorging, hatten Sie da Angst um Ihre Stadt? tember erinnerten Sie daran, dass es für Sie auch
Schuster: Mich hat das sehr betroffen gemacht. Gründe geben könnte, aus dem Projekt aus-
Ich habe mich noch am selben Nachmittag an die zusteigen. Was ist für Sie ein Ausstiegskriterium?
Öffentlichkeit gewandt mit der Bitte um Mäßi- Schuster: Eine Prämisse war immer der Schutz
gung auf beiden Seiten. Zu dem Zeitpunkt war unseres Mineralwassers. Deshalb gibt es im Plan-
die Situation schon so schwierig und aggressiv. feststellungsverfahren dazu über viele Seiten Auf-
Ich habe das bedauert, weil das den Umgang mit- lagen auf der Basis von Gutachten. Das Grund-
einander danach erheblich erschwert hat. wassermanagement, das dem Schutz der Mi-
ZEIT: Der Protest richtet sich auch stark gegen neralquellen dient, werden wir ganz genau und
Ihre Person. Sie werden zum Beispiel als Lügner sehr kritisch beobachten.
beschimpft. Haben Sie noch genügend Rückhalt? ZEIT: Und was machen Sie, wenn sich heraus-
Schuster: Ich warne immer vor Generalisierungen. stellt, dass die Quellen tatsächlich gefährdet sind?
Natürlich ist das wenig erfreulich, wenn mehrere Ziehen Sie dann die Reißleine?
38 18. November 2010 DIE ZEIT No 47 WIRTSCHAFT
Kohlebergbau in Bottrop. Pro Tag
werden bis zu 20 000 Tonnen gefördert

Fördern
Das Kreuz mit der Kohle
Kohlebeihilfen der ö�entlichen Hand, in Milliarden Euro

3,99

bis 2018 3,68


3,32
3,02
2,71
2,50 2,44

1,80 1,70
2,00*
1,80*
Kohle aus Deutschland ist
1,10*
unrentabel und klimaschädlich
sowieso. Trotzdem dürfen die
Kumpel erst einmal weitermachen 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 12 18
ZEIT-Grafik/Quelle: Gesamtverband Steinkohle; *Planzahlen – bei hohen
VON JUTTA HOFFRITZ UND CLAAS TATJE Weltmarktpreisen können die Kohlesubventionen geringer ausfallen

ls der Bergmannschor im Essener Saal- listischer Parteizentralen« attestierte. Und an diesem klausel« aufgenommen wird. Danach müsste 2012 mehr hierzulande der Unterstützung sicher sein. wird inzwischen in Überseeländern wie Südafri-

A bau Glück auf! Glück auf! Der Steiger


kommt! anstimmte, da war die Welt
der Kumpel wieder in Ordnung.
Pünktlich zum Deutschen Steinkohle-
tag am Dienstag zeichnete sich ab, dass die Kohle-
lobby auch ihre letzte Schlacht erfolgreich geschla-
gen hatte.
Nachmittag ging es tatsächlich um Staatswirtschaft:
Die Diplomaten aus Deutschland, Spanien und
Rumänien warben um Nachsicht für ihre Kohle-
subventionen. Soweit, so wenig überraschend. Da-
nach aber kam nach Aussage eines Sitzungsteilneh-
mers eine Überraschung: Da meldeten sich nämlich
fast 20 Vertreter von Nichtkohlestaaten zu Wort,
erneut diskutiert werden, ob der Steinkohlebergbau
nicht doch weitergehen soll – wegen steigender Welt-
marktpreise oder weil Deutschland, auch wenn es sich
nicht rechnet, eine eigene klassische Energiequelle
behalten soll. Doch von der Hoffnung auf die Revision
werden sich die Kumpel wohl verabschieden müssen.
Bedingung für Kulanz in Brüssel ist ganz klar die
Die Liberalen waren immer schon für einen
früheren Ausstieg. Widerwillig stimmten sie
2018 zu, als sie in Berlin noch in der Oppositi-
on waren. Doch nach der Bundestagswahl über-
nahm der FDP-Mann Rainer Brüderle das
Bundeswirtschaftsministerium und hätte die
Sache europafest machen müssen – was ihm of-
ka gefördert. Schadstoffärmer sind diese Importe
allerdings auch nicht.
In Berlin wurde dann noch ein paar Wochen
lang über die Auswirkungen für den Fiskus dis-
kutiert, darüber, ob die Subventionsersparnis oder
die Kosten der Arbeitslosigkeit überwiegen. Das
Forschungsinstitut RWI rechnete aus, dass sich
Vergessen war, dass es noch Tage zuvor schlecht und die meisten signalisierten Zustimmung für das Streichung der Klausel. fenbar schwerfiel. durch den früheren Ausstieg insgesamt 1,4 Milliar-
stand um die Zukunft der deutschen Zechen. Anliegen. Worauf der Vertreter der belgischen Prä- Ist die Gewerkschaft bereit, das zu schlucken? In der Union war der Eifer allerdings auch den Euro sparen ließen. Der Steinkohleverband
Knapp drei Jahre nach dem mit der Bundesregie- sidentschaft, Didier Seeuws, dem Vernehmen nach IG-BCE-Chef Vassiliadis weicht der Frage zunächst nicht übergroß. Oder war es Zufall, dass der legte ein gegenteiliges Gutachten vor. Darin bezif-
rung mühsam ausgehandelten Kohlekonsens hatte ankündigte, sein Land werde nun eine Förderfrist aus. »Für uns hat die Sozialverträglichkeit oberste deutsche Energiekommissar Günther Oettinger ferte das Forschungsinstitut Prognos (das wie die
nämlich die EU-Kommission im Sommer interve- bis 2018 vorschlagen. Wenn es so käme, urteilen Priorität«, sagt er. »Wenn ein solches Signal nötig (CDU) nicht einmal anwesend war, als seine ZEIT der Familie Holtzbrinck gehört) die Zusatz-
niert, um das Ende der Subventionen von 2018 auf Insider, dürfte daran kaum noch gerüttelt werden. sein sollte, dann muss das zuerst einmal das Bun- Brüsseler Kollegen am 20. Juli über Kohle ver- belastungen mit 2,0 Milliarden Euro. Allerdings
2014 vorzuverlegen. Das hätte den sozialverträgli- Zumal auch das Europäische Parlament zusätzli- desparlament so beschließen. Vorher steht das für handelten? Klar sah es dort zunächst nach grü- waren darin neben den Kosten für arbeitslose Berg-
chen Ausstieg zunichtegemacht. chen Druck auf die Kommission aufbaut. Der für die IG BCE nicht auf der Tagesordnung.« Doch nem Licht aus. Wettbewerbskommissar Joaquín leute auch jene für die Mitarbeiter der Zulieferer
Dann aber legte Michael Vassiliadis los. Der Chef nächsten Dienstag angekündigten Abstimmung in sein Mitstreiter Bernhard Rapkay von der SPD re- Almunia kommt aus Spanien – ein Land, das berücksichtigt. Die waren zuvor allerdings nie Teil
der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie Straßburg gingen Probeläufe in mehreren Aus- det Klartext: »Es geht nicht weiter, es ist zu Ende.« selbst unrentable Zechen besitzt. Er hatte des- der Verhandlungen, wie Wirtschaftsminister Brü-
(IG BCE) ließ sofort Briefe an alle EU-Parlamentarier schüssen voraus. Eine Schlüsselrolle spielten Abge- halb als Zeitpunkt für das Ende der Subventio- derle sogleich bemängelte.
und Kommissare schreiben. In den vergangenen Wo- ordnete aus Nordrhein-Westfalen. Im wichtigen Ein tropisch heißer Tag in Brüssel gab nen das Jahr 2022 vorgesehen. Doch in der EU Am Ende blieb Kanzlerin Angela Merkel ihrer
chen war er dann persönlich in Brüssel, Berlin und Wirtschaftsausschuss etwa sorgte Bernhard Rapkay den Ausschlag für den Ausstieg gab es auch immer wieder Widerstand gegen pragmatischen Linie treu: Lieber Kumpel bis
vielen anderen Hauptstädten der Union unterwegs. – einst SPD-Vorsitzender des Unterbezirks Dort- den Brennstoff mit dem Klimakiller CO₂. Und 2018 als Feinde von 2014 an.
Fotos: Thomas Pflaum/VISUM; Michael Latz/ddp (u.)

Mit Erfolg. Nun wird der Ausstieg wohl doch auf 2018 mund, bis heute ein Vertrauter von Vassiliadis – für Vermutlich wird das alles auch ziemlich schnell als Klimakommissarin Connie Hedegaard und Und so warb sie auch am Rande der jüngs-
verschoben. »Das wissen wir erst, wenn die Sache durch ein Votum pro 2018. amtlich werden. Noch in dieser Woche wollte das Umweltkommissar Janez Potočnik ausgerech- ten Gipfeltreffen für ihre Position, was der Ge-
die gesamte Brüsseler Maschinerie gelaufen ist, aber Doch die Beziehungen des IG BCE-Chefs ma- Bundeskabinett den Deal beraten, der Bundestag net an jenem tropisch heißen Tag anfingen, werkschaftsinitiative Auftrieb gab. Über politi-
da sind wir doch deutlich optimistischer als noch vor chen nicht an Parteigrenzen halt. So legte auch im Januar seine Zustimmung geben. Parallel wird über Erderwärmung zu reden, einigte man sich sche Zugeständnisse ist bisher nichts nach au-
einigen Tagen«, sagt Vassiliadis selbst. Doch Brüsseler CDU-Mann Elmar Brok seine 30 Jahre Parlaments- das Europäische Parlament am Dienstag einen Be- eben auf 2014. ßen gedrungen. Manche sehen das allerdings so
Diplomaten berichten von einem Stimmungs- erfahrung in die Waagschale, als es galt, den Stim- richt von Rapkay verabschieden. Und sich – so die Das ist jetzt Makulatur. Viel ist in Brüssel nüchtern wie Merkels Parteifreund Brok im
umschwung: »Der Wind hat sich gedreht.« mungsschwenk vorzubereiten. »Mich überzeugt, Erwartung vieler – mit großer Mehrheit für 2018 von pragmatischen Gründen die Rede. Wer will EU-Parlament. Der sagt schlicht: »Es läuft wie
Deutlich wurde die Entwicklung am Freitag ver- dass 2018 endgültig Schluss ist mit den Kohlesub- entscheiden. Die EU-Kommission wird sich dem schon im aufkeimenden Boom Tausende Ar- in der Lokalpolitik nach dem Motto »Das tut
gangener Woche, als sich auf der Ebene 50 des ventionen«, sagt der Westfale und wurde damit bei wohl noch im Dezember anschließen. Dann kön- beitsplätze gefährden. Möglicherweise hatte sich euch doch nicht weh, und künftig habt ihr
Brüsseler Justus-Lipsius-Gebäudes 27 Botschafter Kommissaren und Parlamentariern vorstellig. nen die Bergleute unterm Weihnachtsbaum gleich auch herumgesprochen, dass sich die EU-Ze- dann auch einen gut«.
der Mitgliedstaaten versammelten. Das harte Kunst- »Endgültig«: Das Wort hört man bei den Kumpel noch mal darauf anstoßen. chen untereinander kaum Konkurrenz machen.
licht und der rote Teppich sorgten dafür, dass man- nicht gerne. Als sie dem Kohleausstieg zustimmten, Welche Stimmungswende. Bis September sah es Dazu sind die Mengen längst zu gering. Die Weitere Informationen im Internet:
cher Diplomat dem Haus den »Charme spätsozia- bestanden sie darauf, dass in das Gesetz eine »Revisions- so aus, als könnten sich die Kumpel nicht einmal meiste der auf dem Kontinent verfeuerten Kohle www.zeit.de/energie

Fortsetzung von S. 37

württembergische Ingenieurskammer dafür ge- Schuster: Ich sage klar: Ein Teil des Europavier-
Wolfgang Pesta winnen, mit uns den Bau von Stuttgart 21 lang- tels ist nicht meine Vorstellung von Städtebau.
Senior Director Operations fristig zu begleiten, einen moderierten Dialog Auch daraus kann man lernen.
Mitglied der Geschäftsführung über die Themen wie Grundwasser und Geo- ZEIT: In zehn Jahren werden Sie und der Ge-
– LEGO Central Europe – logie zu führen. Die Ingenieure sollen uns auch meinderat nicht mehr im Amt sein. Warum soll-
dabei helfen, die geeigneten, neutralen Experten ten sich Nachfolger an Ihre Beschlüsse halten?
dafür zu finden. Schuster: Die Beteiligung soll ausdrücklich lang-
ZEIT: Stuttgart 21 ist auch ein groß angelegtes fristig wirken. Sie haben recht, sie kann leider
städtebauliches Projekt. 100 Hektar Fläche kön- nicht rechtlich verbindlich sein. Ich werde jedoch
nen neu bebaut werden. alles dafür tun, dass die Politik daran festhält.
Schuster: Geplant sind bisher nur Teile des Euro- ZEIT: Zuvor wird aber eine Entscheidung fallen:
paviertels nördlich des Gleiskörpers. Grund und Der unterirdische Bahnhof wird gebaut oder
Boden gehören dort der Bahn. nicht. Ist Ihre Ankündigung
Was die Gestaltung der 100 eines Bürgerkonvents nicht
Hektar frei werdender Gleis- bloß eine Beruhigungspille?
fläche angeht, möchten wir aus Schuster: Es geht darum, dass
den Erfahrungen mit vergleich- man den Abwägungsprozess
baren Projekten lernen, zum der vergangenen Jahre zu Stutt-
Beispiel aus der Hamburger gart 21 in einer sehr viel trans-
HafenCity. parenteren Form wiederholt.
ZEIT: Die wirkt auf viele steril Die Bürger sind dabei.
und ist abends verlassen. ZEIT: Aber dann ist doch klar,
Schuster: So soll es in Stuttgart
eben nicht werden. Deshalb
» Wenn ich gewusst hätte, auf was es hinauslaufen muss:
auf eine Bürgerbefragung.
wie sich die Stimmung Sonst ist Transparenz sinnfrei.
wollen wir die Bürger betei-
ligen. Wir werden nicht nur entwickelt, hätte ich Schuster: Aber wen wollen Sie
über das Wohnen, sondern auch 2001 einen Bürger- befragen? Nur die Stuttgarter,
über das Arbeiten der Zukunft entscheid über die die Baden-Württemberger oder
und das soziale Miteinander alle Bundesbürger? Es ist ja ein
nachdenken. Wir sind nicht
Beteiligung der Stadt Bahnprojekt.
daran interessiert, das Gelände
rasch an den Markt zu bringen
gemacht « ZEIT: Es ist vor allem längst
ein Politikum, das einer neuen
und Investoren zu überlassen. Bewertung und Behandlung
ZEIT: Aber am Ende brauchen Sie Investoren. bedarf. Wieso nicht die Baden-Württemberger
LEGO denkt wie Worüber sollen die Bürger denn entscheiden? befragen und das Resultat als Ausdruck des poli-
Schuster: Wir werden für die verschiedenen The- tischen Willens der Bevölkerung ansehen?
Vodafone: Erfolg braucht men Bürgerforen einrichten. Die dort einge- Schuster: Dann kommen wir zu einer Stim-
brachten Vorschläge sollen am Ende in eine mungsdemokratie. Das Projekt ist in Bau. Die
Kommunikation. städtebauliche Vision münden. Dieses Gesamt- Bahn hat Baurecht. Wenn ich gewusst hätte, wie
konzept wird abermals diskutiert und soll dann sich die Stimmungslage entwickelt, hätte ich –
Kommunikation in Ihrem Business die Grundlage eines städtebaulichen Wettbewer- im Nachhinein betrachtet – 2001 einen Bürger-
ist unser Business. bes sein. Das Ziel ist es, etwas zu entwickeln, das entscheid über die Beteiligung der Stadt an die-
nicht als Fremdkörper empfunden wird, sondern sem Projekt gemacht. Ich bin mir sicher: Wir
vodafone.de/business als lebendiger Teil der Stadt. hätten die Bürger gewinnen können. Aber was
ZEIT: Wie stellen Sie sicher, dass dort nicht bloß würde das heute, zehn Jahre später, nützen?
teure Wohnungen und Büros entstehen? ZEIT: Wie würde eine Volksbefragung denn
Schuster: Wir müssen uns im Gemeinderat auf heute ausgehen?
gemeinsame Ziele verständigen. Wir dürfen Schuster: Ich bin überzeugt: Es gibt eine klare
nicht nur betriebswirtschaftlich denken, sondern Mehrheit für Stuttgart 21 und die Neubaustrecke
auch sozial und volkswirtschaftlich. nach Ulm.
ZEIT: Das Europaviertel in der jetzigen Planung
mit dem gewaltigen ECE-Einkaufszentrum gibt Das Gespräch führten KERSTIN BUND und
Anlass, das Schlimmste zu erwarten. THOMAS E. SCHMIDT