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BIBLIOTHECA EPHEMERIDUM THEOLOGICARUM LOVANIENSIUM

CCXXXVIII

THE COMPOSITION OF THE


BOOK OF PSALMS

EDITED BY

ERICH ZENGER

UITGEVERIJ PEETERS
LEUVEN – PARIS – WALPOLE, MA
2010
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INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII

EINFÜHRUNG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

HAUPTVORTRÄGE

Erich ZENGER (Münster)


Psalmenexegese und Psalterexegese: Eine Forschungsskizze . . 17
Jean-Marie AUWERS (Louvain-la-Neuve)
Le Psautier comme livre biblique: Édition, rédaction, fonction 67
Susan E. GILLINGHAM (Oxford)
The Levitical Singers and the Editing of the Hebrew Psalter . . 91
Klaus SEYBOLD (Basel)
Dimensionen und Intentionen der Davidisierung der Psalmen:
Die Rolle Davids nach den Psalmenüberschriften und nach dem
Septuagintapsalm 151 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
Hans Ulrich STEYMANS (Fribourg)
Le psautier messianique – une approche sémantique . . . . . . . . 141
Frank-Lothar HOSSFELD (Bonn)
Der elohistische Psalter Ps 42–83: Entstehung und Programm 199
Yair ZAKOVITCH (Jerusalem)
The Interpretative Significance of the Sequence of Psalms
111–112.113–118.119 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
Friedhelm HARTENSTEIN (Hamburg)
„Schaffe mir Recht, JHWH!“ (Psalm 7,9): Zum theologischen
und anthropologischen Profil der Teilkomposition Psalm 3–14 229
William P. BROWN (Decatur, GA)
“Here Comes the Sun!”: The Metaphorical Theology of
Psalms 15–24 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
Bernd JANOWSKI (Tübingen)
Ein Tempel aus Worten: Zur theologischen Architektur des
Psalters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
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X INHALTSVERZEICHNIS

SEMINARE

Harm VAN GROL (Utrecht)


David and His Chasidim: Place and Function of Psalms
138–145 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309
Jacques TRUBLET (Paris)
Approche canonique des Psaumes du Hallel . . . . . . . . . . . . . . . 339
Brian DOYLE (Leuven)
Where Is God When You Need Him Most? The Divine
Metaphor of Absence and Presence as a Binding Element in the
Composition of the Book of Psalms . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377
Erhard S. GERSTENBERGER (Marburg)
Die „Kleine Biblia“: Theologien im Psalter . . . . . . . . . . . . . . . 391

KURZVORTRÄGE

Tina ARNOLD (Tübingen)


Die Einladung zu einem „glücklichen“ Leben: Tora als Lebens-
raum nach Ps 119,1-3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 401
Stefan ATTARD (Sliema)
Establishing Connections between Pss 49 and 50 within the
Context of Pss 49–52: A Synchronic Analysis . . . . . . . . . . . . . 413
Mario CIMOSA (Roma)
The Greek Psalms in the New Testament . . . . . . . . . . . . . . . . . 425
Hans DEBEL (Leuven)
Amalgamator or Faithful Translator? A Translation-Technical
Assessment of Psalm 151 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 443
Marcello FIDANZIO (Milano)
Composition des Psaumes 84–88 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 463
Georg FISCHER (Innsbruck)
Jeremia und die Psalmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 469
Judith GÄRTNER (Kassel)
The Torah in Psalm 106: Interpretations of JHWH’s Saving Act
at the Red Sea . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 479
Susanne GILLMAYR-BUCHER (Aachen)
“Like Olive Shoots around your Table”: Images of Space in
the Psalms of Ascent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 489
Alphonso GROENEWALD (Pretoria)
The Ethical “Way” of Psalm 16 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 501
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INHALTSVERZEICHNIS XI

Marianne GROHMANN (Wien)


The Imagery of the “Weaned Child” in Psalm 131 . . . . . . . . . 513
Dirk Johannes HUMAN (Pretoria)
“From Exile to Zion”: Ethical Perspectives from the Sîre
Hama‘alôt Psalm 127 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 523
Ma. Maricel S. IBITA (Leuven)
“O Israel I Will Testify against you”: Intensification and
Narrativity in the Lament-Lawsuit of the “Unsilent” God in
Psalm 50 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 537
Stefan KOCH (München)
Der Psalter im Neuen Testament . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 551
Corinna KÖRTING (Oslo)
Text and Context – Ps 91 and 11QPsApa . . . . . . . . . . . . . . . . . 567
Hendrik KOOREVAAR (Leuven)
The Psalter as a Structured Theological Story with the Aid of
Subscripts and Superscripts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 579
Beate KOWALSKI (Dortmund)
Der matthäische Gebrauch des Psalters im Kontext seiner Para-
belüberlieferung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 593
Annette KRÜGER (Tübingen)
Psalm 104 und der Große Amarnahymnus: Eine neue Perspek-
tive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 609
Casper LABUSCHAGNE (Groningen)
Significant Sub-Groups in the Book of Psalms: A New
Approach to the Compositional Structure of the Psalter . . . . . . 623
Martin LEUENBERGER (Münster)
„… und ein zweischneidiges Schwert in ihrer Hand“ (Ps 149,6):
Beobachtungen zur theologiegeschichtlichen Verortung von
Ps 149 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 635
Pieter VAN DER LUGT (Dokkum)
The Mathematical Centre and Its Meaning in the Psalms . . . . . 643
Michael P. MAIER (Roma)
Israel und die Völker auf dem Weg zum Gottesberg: Komposi-
tion und Intention der ersten Korachpsalmensammlung (Ps 42–
49) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 653
Robert D. MILLER II (Washington, DC)
The Origin of the Zion Hymns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 667
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XII INHALTSVERZEICHNIS

Paul SANDERS (Utrecht)


Five Books of Psalms? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 677
Markus SAUR (Basel)
Die theologische Funktion der Königspsalmen innerhalb der
Komposition des Psalters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 689
Donatella SCAIOLA (Roma)
The End of the Psalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 701
Marco SETTEMBRINI (Bologna)
The Snares Laid for the Faithful Lips: Hellenistic Apostasy in
Psalm 141 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 711
Dennis TUCKER, JR. (Waco, TX)
Empires and Enemies in Book V of the Psalter . . . . . . . . . . . . . 723
Beat WEBER (Linden)
Von der Psaltergenese zur Psaltertheologie: Der nächste Schritt
der Psalterexegese?! Einige grundsätzliche Überlegungen zum
Psalter als Buch und Kanonteil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 733
Archibald VAN WIERINGEN (Utrecht)
Psalm 122: Syntax and the Position of the I-figure and the
Text-immanent Reader . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 745
Lindsay WILSON (Melbourne)
On Psalms 103–106 as a Closure to Book IV of the Psalter . . . 755

INDICES

ABBREVIATIONS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 769
INDEX OF NAMES . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 771
INDEX OF BIBLICAL REFERENCES . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 783
DIE THEOLOGIEGESCHICHTLICHE VERORTUNG VON PS 149 635

„… UND EIN ZWEISCHNEIDIGES SCHWERT IN IHRER HAND“


(PS 149,6)

BEOBACHTUNGEN ZUR THEOLOGIEGESCHICHTLICHEN


VERORTUNG VON PS 149

Der vorletzte Psalm in der Komposition des Psalters sticht hervor:


Das ‚neue Lied‘ von Ps 149 fügt sich zwar durch die Hallelujah-Rah-
mung ins Schlusshallel Ps 146–150 ein, sein Inhalt ist aber in der Tat
neu und kein bündelndes Summarium, wie man es an diesem komposi-
tionellen Ort erwarten könnte; vielmehr setzt es dem Psalterabschluss
eine zusätzliche Sinnspitze auf, die eine außergewöhnlich signifikante
theologiegeschichtliche Verortung zu erkennen gibt.

I. ZUR HINFÜHRUNG AN PS 149

Zunächst sei freilich zugestanden, dass sich der erste Psalmteil


(Vv. 1-4)1 mit dem Lob der Frommen als des wahren Israel über den
Schöpfer und König Jhwh, weil er ihnen beisteht (V. 4), noch recht gut
in den Kontext von Ps 146–150 einfügt und insbes. die (doch wohl nach-
getragene) Israelperspektive aus 148,14aa-ba nahtlos fortführt.

ׁ‫ללוּ י ָהּ ִׁירוּ לַיהו ָה ִׁיר חָָד‬ ְ ‫ה‬ ַ 1 Hallelujah! Singt Jhwh ein neues Lied,
:‫סיִדים‬ ִ ֲ‫ְקהל ח‬ ַ ִ‫לּתוֹ בּ‬ ָ ‫ה‬ ִ ‫תּ‬ ְ sein Lob in der Versammlung der Frommen.
‫ָׂיו‬$‫ָראל בְּע‬ ֵ ׂ ְ ִ ‫מח י‬ ַ ׂ ְ ִ‫י‬ 2 Es freue sich Israel seines Schöpfers,
:‫כּם‬
ָ ‫ל‬ְ ‫מ‬ ַ ְ‫ציּוֹן יגָ ִילוּ ב‬-‫י‬ ִ ֵ ‫בּנ‬ ְ die Söhne Zions sollen jauchzen über ihren König.
‫מחוֹל‬ ָ ְ‫ללוּ ְׁמוֹ ב‬ ְ ‫ה‬ ַ ְ‫י‬ 3 Sie sollen seinen Namen loben beim Reigentanz,
:‫לוֹ‬-‫מּרוּ‬ ְ ַ ְ‫כנּוֹר יז‬ ִ ְ ‫ף ו‬$‫בּת‬ ְ mit Handpauken und Harfen ihm spielen!
‫עמּוֹ‬ ַ ְ‫רוֹצה י ְהו ָה בּ‬-‫י‬ ֶ ִ ‫כּ‬ 4 Denn Jhwh hat Wohlgefallen an seinem Volk;
:‫יׁוּעה‬
ָ ִ‫אר עֲנוָ ִים בּ‬ ֵ ‫פ‬ ָ ְ‫י‬ er schmückt die Gebeugten mit Rettung.

Demgegenüber ist der zweite Teil Vv. 5-9 sowohl thematisch als auch
intertextuell ungleich stärker isoliert innerhalb des Schlusshallels2. Er
1. S. zur Gliederung neben F.-L. HOSSFELD – E. ZENGER, Psalmen 101–150
(HTKAT), Freiburg, u.a., Herder, 2008, S. 857ff die Übersicht bei W.S. PRINSLOO, Psalm
149: Praise Yahweh with Tambourine and Two-edged Sword, in ZAW 109 (1997) 395-
407, S. 396, der selber die eigenwillige Strukturierung in Vv. 1–5 und Vv. 7–9 mit V. 6
als Bindeglied vertritt (S. 399, 405f).
2. Vgl. die Nachweise bei M. LEUENBERGER, Konzeptionen des Königtums Gottes im

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636 M. LEUENBERGER

fokussiert ganz auf die ‫חסידים‬, die mit Norbert Lohfink nachgerade das
„Leitwort“ des Psalms bilden3, wie bereits der Eröffnungsvers des zwei-
ten Teils, V. 5, erläutert:
‫כבוֹד‬ָ ְ‫סיִדים בּ‬
ִ ֲ‫לזוּ ח‬
ְ ‫ע‬ ְ ַ ‫ י‬5 Frohlocken sollen die Frommen in Herrlichkeit,
:‫בוֹתם‬
ָ ‫כּ‬ ְ ׁ
ְ ‫מ‬-‫ל‬
ִ ַ‫י ְַרנּ ְנוּ ע‬ jubeln auf ihren Lagern,

Diese Frommen werden sodann in V. 6 durch ein zweifaches Handeln


wie folgt charakterisiert:
ָ ‫רוֹממוֹת אֵל בִּג ְרוֹנ‬
ְ 6 Lobpreisungen Gottes im Mund
:‫יפיּוֹת בְּי ָָדם‬ִ ִ‫חֶרב פּ‬
ֶ ְ‫ו‬ und ein zweischneidiges Schwert in der Hand.

Der Zweck dieses ihres Handelns, und dabei steht offenkundig der
zweite, kriegerische Aspekt im Zentrum, besteht gemäß den mit
‫ל‬-finalis angeschlossenen Vv. 7-9 im Gerichtsvollzug an den Völkern
(V. 7) und deren Königen (V. 8), was als der Frommen Ehrensache gilt
(V. 9b):
‫ָקמה בַּגּוֹי ִם‬ ָ ְ ‫עׂוֹת נ‬ ֲ ‫ל‬ ַ 7 Rache zu vollziehen an den Völkern,
:‫מּים‬ ִ ‫א‬-‫ל‬
ֻ ַ‫ת בּ‬$‫תּוֹכח‬
ֵ Strafgerichte an den Nationen,
‫יהם בְּז ִקִּים‬ ֶ ‫כ‬ ֵ ‫ל‬ְ ַ‫ר מ‬$‫אס‬ ְ ‫ל‬ ֶ 8 ihre Könige mit Ketten zu binden
:‫לי בְַרז ֶל‬ ֵ ‫ב‬ ְ ‫כ‬ ַ ְ‫ֵדיהם בּ‬ ֶ ‫בּ‬ ְ ‫כ‬ ְ ִ ‫ו ְנ‬ und ihre Edlen mit eisernen Fesseln,
‫פּט כָּתוּב‬ ָ ׁ ְ ִ‫הם מ‬ ֶ ָ‫עׂוֹת בּ‬ ֲ ‫ל‬ ַ 9 an ihnen zu vollziehen (fest)geschriebenes Urteil.
:‫י ָהּ‬-‫סיָדיו הַלְלוּ‬ ִ ‫ח‬-‫ל‬ֲ ָ ְ‫הָדר הוּא ל‬
‫כ‬ ָ Ehre ist dies für all seine Frommen. Hallelujah!

Angesichts dieses Szenarios hat Notker Füglister Ps 149 deshalb mit


Recht als „Antiklimax“ im Schlusshallel bezeichnet und von einem
„garstig Lied“ gesprochen4. Der zweite Psalmteil – der augenscheinlich
„die Sinnspitze des Psalms“5 bietet – entfaltet also, wie die Frommen an
den Völkern mit einem zweischneidigen Schwert das Gericht vollzie-
hen6. Dieses Vorstellungsmotiv stelle ich im Folgenden ins Zentrum.
Psalter: Untersuchungen zu Komposition und Redaktion der theokratischen Bücher IV–V
innerhalb des Psalters (ATANT, 83), Zürich, Theologischer Verlag, 2004, S. 354f mit
Anm. 308.310 und jetzt die Tabelle bei HOSSFELD – ZENGER, Psalmen 101–150 (Anm. 1),
S. 861.
3. N. LOHFINK, Lobgesänge der Armen: Studien zum Magnifikat, den Hodajot von
Qumran und einigen späten Psalmen. Mit einem Anhang: Hodajot-Bibliographie 1948–
1989 von U. Dahmen (SBS, 143), Stuttgart, Katholisches Bibelwerk, 1990, S. 121.
4. N. FÜGLISTER, Ein garstig Lied – Ps 149, in E. HAAG – F.-L. HOSSFELD (Hgg.),
Freude an der Weisung des Herrn: Beiträge zur Theologie der Psalmen. Festgabe zum
70. Geburtstag von H. Groß (SBS, 13), Stuttgart, Katholisches Bibelwerk, 21987, 81-105,
S. 81 im Anschluss an J.W. Goethe.
5. So LOHFINK, Lobgesänge (Anm. 3), S. 123 für Vv. 6-9a.
6. Demgegenüber rekurrieren HOSSFELD – ZENGER, Psalmen 101–150 (Anm. 1),
S. 860 auf „das Konzept des sog. Heiligen Krieges bzw. des JHWH-Krieges“, für das ent-
scheidend sei, „dass JHWH allein den Sieg herbeiführt, während Israel als bewaffnete For-
mation nur zuschauen soll“.

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DIE THEOLOGIEGESCHICHTLICHE VERORTUNG VON PS 149 637

II. DAS VORSTELLUNGSMOTIV DES GERICHTSVOLLZUGS AN ‚FREVLERN‘


DURCH FROMME/GERECHTE MIT EINEM SCHWERT

Dabei sei eine Bemerkung zur Diskussion vorangestellt, wie der


Parallelismus der Lobpreisungen Gottes im Mund und des zweischneidi-
gen Schwerts in der Hand (V. 6) zu interpretieren ist und ob nach dem
Vorschlag von Raymond J. Tournay7 ein ‫ ו‬adaequationis vorliegt (im
Sinne von: „und das ist soviel wie …“); in diesem Fall würden die Lob-
preisungen im übertragenen Sinn als zweischneidiges Schwert fungie-
ren. Diese metaphorische, ‚spiritualisierende‘ Deutung der Gerichtsaus-
übung mit dem Schwert macht den Psalm zweifellos modernem
Empfinden zugänglicher; sie scheitert m.E. aber ganz deutlich am Kon-
text von Vv. 7-9, dessen Gerichtsvollzüge sich schwerlich auf ein rein
sprachliches Geschehen reduzieren lassen, sondern vielmehr reale Bin-
dungen und Fesselungen der Fremdkönige – d.h. deren Entmachtung,
nicht aber totale Vernichtung8 – vor Augen haben. V. 6 beschreibt dem-
nach ein doppeltes Handeln der Frommen (und nicht ein und dasselbe
Tun auf zwei Weisen9).
Der zweite, im Schlussteil des Psalms dominierende Handlungs-
aspekt, dass die Frommen die Völker mit dem Schwert richten, ist so-
wohl im Psalter selber10 als auch in der hebräischen Bibel insgesamt sin-
gulär11. Die nächsten und zugleich (nahezu) einzigen Parallelen finden
7. R.J. TOURNAY, Psaume 149 et la „vengeance“ des pauvres de YHWH, in RB 92
(1985) 349-358, S. 349ff; s.a. LOHFINK, Lobgesänge (Anm. 3), S. 125; G. VANONI, Zur
Bedeutung der althebräischen Funktion ‫ו‬. Am Beispiel von Psalm 149,6, in W. GROSS –
H. IRSIGLER – T. SEIDL (Hgg.), Text, Methode und Grammatik. W. Richter zum 65.
Geburtstag, St. Ottilien, EOS Verlag, 1991, 561-576, S. 563ff; s.a. den Überblick von
J. SAUTERMEISTER, Psalm 149,6 und die Diskussion um das sogenannte waw
adaequationis, in Biblische Notizen 101 (2000) 64-80, S. 65ff, der selber mit Recht kri-
tisch bleibt und auf die ‚theologische Entschärfung‘ hinweist (S. 68).
8. So mit Recht betont von E. ZENGER, „Durch den Mund eines Weisen werde das
Loblied gesprochen“ (Sir 15,10): Weisheitstheologie im Finale des Psalters Ps 146–150,
in I. FISCHER – U. RAPP – J. SCHILLER (Hgg.), Auf den Spuren der schriftgelehrten Weisen.
FS für J. Marböck anlässlich seiner Emeritierung (BZAW, 331), Berlin, u.a., de Gruyter,
2003, 139-155, S. 149; zurückhaltender jetzt HOSSFELD – ZENGER, Psalmen 101–150
(Anm. 1), S. 867f.
9. Vgl. diese Interpretation der beiden Strophen, die „ein und dasselbe Geschehen“
behandeln, von E. ZENGER, Die Provokation des 149. Psalms: Von der Unverzichtbarkeit
der kanonischen Psalmenauslegung, in R. KESSLER – K. ULRICH, et al. (Hgg.), „Ihr Völ-
ker alle, klatscht in die Hände!“ FS für E.S. Gerstenberger zum 65. Geburtstag (Exegese
in unserer Zeit, 3), Münster, Lit Verlag, 1997, 181-194, S. 186; für die ursprüngliche
Bedeutung so auch K. SEYBOLD, Die Psalmen (HAT, I/15), Tübingen, Mohr Siebeck,
1996, S. 545.
10. So FÜGLISTER, Lied (Anm. 4), S. 90.
11. Vgl. O. KAISER, Art. ‫חֶרב‬ֶ , in TWAT 3, 164-176, S. 170, s. zu den Funktionen von
‫חֶרב‬
ֶ S. 167ff. Mehrfach dient das Schwert zum Gerichtsvollzug – aber nicht durch die

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638 M. LEUENBERGER

sich interessanterweise in der Tier- und in der 10-Wochen-Apokalypse


des Henochbuchs.

1. Tierapokalypse

Die ursprünglich selbständige12 Tierapokalypse in der 1ApcHen


85–90 präsentiert die Menschheitsgeschichte auf der Ebene der Tiere.
Unmittelbar nach den auf die frühen Makkabäeraktionen bezogenen
Kampfvorgängen in 90,15-17 und kurz vor der messianischen Epoche
ab 90,28 berichtet Henoch vom Kampf der Schafe, den diese durch den
Beistand des ‚Herrn der Schafe‘ führen:
Und ich schaute, bis den Schafen ein großes Schwert gegeben wurde, und
die Schafe zogen gegen alle wilden Tiere aus, dass sie sie töteten (kama
yeqtelewwomu), und alle wilden Tiere und Vögel des Himmels flohen vor
ihrem Angesicht (1ApcHen 90,19)13.
Die Israel bzw. die Gerechten symbolisierenden Schafe erhalten also
von Gott, dem Herrn der Schafe (V. 18), ein Schwert, um die wilden
Tiere, d.h. die Feinde bzw. Frevler, zu töten. Es fällt zwar nicht explizit
das Stichwort ‚Gericht‘, der Begriff ‚töten‘ indiziert aber doch klar den
Strafcharakter der Szene, sodass insgesamt der Gerichtskontext den Vor-
stellungshintergrund bildet.

2. 10-Wochen-Apokalypse

Ganz analog schildert die zunächst gleichfalls eigenständige 10-


Wochen-Apokalypse im achten, die nahe bevorstehende Zukunft betref-
fenden Siebent:
Und danach wird erstehen das achte Siebent <der> Gerechtigkeit, in dem
gegeb[en wird ein Schwert14] allen Gerechten (‫דבה תתיה]ב חרב[ לכול‬
‫)קׁיטין‬, um auszuüben das Gericht der Gerechtigkeit an allen Frevlern

Gerechten selber –, s. die Belege bei L.T. STUCKENBRUCK, 1 Enoch 91–108 (Commentary
on Early Jewish Literature), Berlin, u.a., de Gruyter, 2007, S. 145 Anm. 262. Andererseits
werden öfter Frevler in die Hand Gerechter gegeben, z.B. 1ApcHen 38,5; 48,9; 95,3,
doch fehlt hier wiederum das Schwert.
12. Dies indizieren die fehlenden intertextuellen Vernetzungen zum Buch der Traum-
visionen in Kap. 83–91 und die konzeptionelle Geschlossenheit, s. M. LEUENBERGER, Die
10-Siebent-Apokalypse im Henochbuch: Ihre Stellung im material rekonstruierten Manu-
skript 4QEng und Implikationen für die Redaktions- und Kompositionsgeschichte der
Traumvisionen (83–91) und des paränetischen Briefs (92–105), in Biblische Notizen 124
(2005) 57-102 (Teil 1); 126 (2006) 45-82 (Teil 2), Teil 2, S. 61 Anm. 56.
13. So nach S. UHLIG, Das äthiopische Henochbuch (Jüdische Schriften aus helleni-
stisch-römischer Zeit, 5/6, 461-780), Gütersloh, Gütersloher Verlagshaus Mohn, 1984,
S. 700; s.a. analog 90,34.
14. So jüngst auch STUCKENBRUCK, 1 Enoch 91–108 (Anm. 11), S. 133.

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DIE THEOLOGIEGESCHICHTLICHE VERORTUNG VON PS 149 639

(‫)למעבד דין קשוט מן כול רשיעין‬, und sie werden gegeben werden in ihre
Hände (1ApcHen 91,12)15.
Es ist deutlich, dass abermals dieselbe Vorstellung des Gerichts-
vollzugs an den Frevlern durch die mit einem Schwert ausgerüsteten
Gerechten vorliegt – so jedenfalls in der älteren aramäischen Fassung,
die das Schwert explizit „allen Gerechten“ zuordnet, während die äthio-
pische Version passiv formuliert: „und ein Schwert wird gegeben wer-
den in ihm [sc. dem Siebent]“ (wayetwahab bati sayf)16, ohne anzuge-
ben, wer es erhält.

3. 2 Makk 15,15f
Als weiterer Beleg kommt schließlich das Traumgesicht aus 2 Makk
15,15f in Betracht17, wo der Prophet Jeremia Judas Makkabäus ein
„goldenes Schwert“ (Åomfaían xrus±n) übergibt mit der Weisung:
Nimm das heilige Schwert als Gabe Gottes; mit ihm wirst du die Feinde
schlagen (labè t®n ägían Åomfaían d¬ron parà toÕ qeoÕ diˆ ¯v
qraúseiv toùv üpenantíouv) (2Makk 15,16).
Wiederum handelt es sich um dasselbe Vorstellungsmotiv, auch wenn
der Gerichtsaspekt und beschränkt die Gerechte-Frevler-Opposition im-
plizit bleiben, sodass die Passage im hiesigen Kontext auf sich beruhen
mag.

4. Auswertung des Vorstellungsmotivs


Überblickt man die Passagen aus dem Psalter und der 1ApcHen, so
stimmt das Vorstellungsmotiv in vier Grundzügen überein: (1) Es geht
grundsätzlich um einen Gerichtsvollzug (Rache, Strafgerichte; töten;
Gericht der Gerechtigkeit). (2) Dieser erfolgt mit einem Schwert (zwei-
schneidiges Schwert; Schwert; heiliges Schwert); (3) und zwar wird er
15. S. zur Rekonstruktion und Übersetzung von 4QEng LEUENBERGER, Henochbuch,
Teil 1 (Anm. 12), S. 80.97f. – Zur Ausweitung der Vorstellung auf das siebte Siebent in
der äthiopischen Fassung s. S. 72.
16. So auch notiert von STUCKENBRUCK, 1 Enoch 91–108 (Anm. 11), S. 134. Dement-
sprechend wird auch der Versschluss umformuliert, wobei dann doch die Vollmacht der
Gerechten festgehalten wird: „damit ausgeübt werden wird ein Gericht der Gerechtigkeit
an/weg von denen, die böse handeln, und es werden ausgeliefert werden die Sünder in die
Hände der Gerechten“ (kama yetgabbar kwennane Òedq ˆemˆella yegaffe¨u wayetme††awu
Ìa†eˆan baˆedawihomu laÒadeqan).
17. S.a. Vv. 26f; vgl. weiter die aramäische Apokalypse 4Q246 2,3f aus der Zeit
Antiochus’ IV: Die Könige Assurs und Ägyptens „werden alles niedertreten, ein Volk
wird ein anderes Volk niedertreten und eine Provinz eine andere Prov[inz.] Bis aufsteht
Gottes Volk (‫ )עם אל‬und allem Ruhe verschafft vor Verwüstung(/Schwert) (‫( “)מן חרב‬zit.
nach J. MAIER, Die Qumran-Essener: Die Texte vom Toten Meer. 2: Die Texte der Höhle
4 [UTB, 1863], München, Reinhardt Verlag, 1995, S. 190).

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640 M. LEUENBERGER

von Gerechten ausgeführt (Fromme u.a.; Schafe; [alle] Gerechte[n]), (4)


wobei sie antagonistisch den zu richtenden Frevlern (Völker, Nationen;
wilde Tiere, Vögel des Himmels; [alle] Frevler) gegenüberstehen. Die
Übereinstimmungen umfassen damit nicht nur die konzeptionelle
Gesamtvorstellung, sondern erstrecken sich bis in die einzelnen Formu-
lierungen hinein.
Aufgrund dieses Befunds – der vor dem Hintergrund fehlender zu-
sätzlicher Parallelen noch an Profil gewinnt18 – lässt sich nun m.E. der
Schluss kaum umgehen, dass diese drei Stellen miteinander verbunden
sind – sei es literarisch, traditionsgeschichtlich oder historisch.
Dabei fällt auf, dass dieser Konnex in der Forschung bisher kaum beachtet,
geschweige denn ausgewertet wurde: So notieren etwa die Henoch-Kommen-
tierungen von Siegbert Uhlig19 oder jüngst von Loren T. Stuckenbruck20 die
Entsprechung der beiden Henoch-Stellen, führen Ps 149 jedoch nicht an; umge-
kehrt fehlt in der Literatur zu Ps 14921 der Verweis auf die Henoch-Parallelen.
M.W. die einzige Ausnahme stellt abermals Notker Füglister dar, der in einer
Anmerkung auf die Stellen verweist22, diese zutreffende Beobachtung dann aber
nicht weiter auswertet.
Denn wenn man die signifikante Vorstellungsübereinstimmung be-
achtet, wie sie eben beschrieben wurde, und zudem die anerkannte
historische Verortung namentlich der Henoch-Texte (aber auch von
2Makk 15 sowie 4Q246) in spätvor- bzw. frühmakkabäischer Zeit mit
einbezieht23, so drängt sich auch für Ps 149,6 eine entsprechende Her-
kunft auf24: Angesichts der starken Ballung der Belege in diesem eng
18. Selbstverständlich besitzt das beschriebene Vorstellungsmotiv einen weit ver-
zweigten traditionsgeschichtlichen Rückraum, der namentlich die Gerechte-Frevler-
Opposition(en) im Psalter und prophetische Gerichtsvorstellungen (inkl. des Vollzugs mit
einem Schwert) umfasst. Diese Elemente erfahren jedoch nur an den vorliegenden Stellen
die herausgearbeitete Zuspitzung, die damit bes. Beachtung verdient.
19. UHLIG, Henochbuch (Anm. 13), S. 700, 713.
20. STUCKENBRUCK, 1 Enoch 91–108 (Anm. 11), S. 135 mit Anm. 261.
21. So neben den zitierten Artikeln namentlich die Komm. z.St. von B. DUHM, Die
Psalmen (Kurzer Hand-commentar zum Alten Testament, 14), Tübingen, Mohr Siebeck,
2
1922; C.A. BRIGGS – E.G. BRIGGS, The Book of Psalms (ICC), Edinburgh, Clark, 1909;
H. GUNKEL, Die Psalmen (HKAT, 2/2), Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1926; H.-
J. KRAUS, Psalmen (BKAT, XV/1–2), 6. Aufl. mit Nachträgen zur Literatur, Neukirchen-
Vluyn, Neukirchener Verlag, 1989; L.C. ALLEN, Psalms 101–150 (WBC, 21), Waco, TX,
Word Books Publisher, 1983; SEYBOLD, Die Psalmen (Anm. 9) und jüngst HOSSFELD –
ZENGER, Psalmen 101–150 (Anm. 1).
22. FÜGLISTER, Lied (Anm. 4), S. 95 Anm. 27.
23. Vgl. für die spätvormakkabäische 10-Wochen-Apokalypse LEUENBERGER, Henoch-
buch, Teil 2 (Anm. 12), S. 64 mit Anm. 67, für die frühmakkabäische Tierapokalypse mit
90,15-17 S. 61 Anm. 56.
24. Die grundsätzlichen Reserven ZENGERs, Provokation (Anm. 9), S. 187f gegenüber
dem Bezug auf eine bestimmte historische Situation verfangen m.E. bei V. 6 nicht, auch
wenn sprachstatistische und theologiegeschichtliche Belegverteilungen prinzipiell immer
‚Ausreißer‘ gegen oben oder unten aufweisen können – was im vorliegenden Fall aber
sehr unwahrscheinlich scheint.

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DIE THEOLOGIEGESCHICHTLICHE VERORTUNG VON PS 149 641

umrissenen Zeitfenster besitzt die Erwartung bzw. die Zusage, dass die
Gerechten an den Frevlern mit dem Schwert das Gericht vollziehen,
offenkundig eine außergewöhnlich präzis umgrenzbare literaturgeschicht-
liche Spannweite. Dieser Befund lässt nun m.E. methodisch stringent
den Rückschluss auf einen distinkten historischen und theologie-
geschichtlichen Ort des in der beschriebenen Weise zugespitzten Vor-
stellungsmotivs zu (ohne damit, es sei wiederholt, ein Urteil über die
literarische oder traditionsgeschichtliche Art der Verbindung zu präjudi-
zieren).
Damit ergibt sich für die notorisch schwierige Datierungsfrage auch
von Ps 14925 ein zusätzliches Indiz. Es besitzt gegenüber Hinweisen wie
etwa den ‫ מׁכבות‬V. 5, dem ‫ מׁפט כתוב‬V. 9, den Infinitivketten Vv. 7-9
u.ä. eine engere Streuung und weist, im vorliegenden Fall bes. relevant,
dezidiert auf einen terminus post quem in der spätvormakkabäischen
Zeit der 70er Jahre des 2. Jh. v. Chr.
Treffen diese Überlegungen zu, erhärtet sich auch von dieser Seite das
literargeschichtliche Urteil, dass Ps 149 wahrscheinlich eine Einschrei-
bung in das ältere Schlusshallel 146–150* des frühen 2. Jh. v. Chr.
darstellt26. Denn in Ps 149 laufen verschiedene Stichwort-Bezüge aus
Ps 146–150* zusammen und es besteht eine äußerst enge terminologi-
sche wie sachliche Verbindung zum Zusatz 148,14aa–ba. Da V. 6 durch-
weg zum Grundbestand von Ps 149 gerechnet wird27, liegt am ehesten
eine makrokompositionelle Einschreibung im weithin abgeschlossenen
Psalter vor, wie vorab die konzeptionelle Ausprägung wahrscheinlich
macht: Im Hintergrund der Vorstellung, dass die Frommen an den Völ-
kern (bzw. den Frevlern) mit dem Schwert das Gericht vollziehen, steht
offenkundig altorientalische Königsideologie; so unterstreicht es auch
der makrokompositionelle Rückbezug auf Ps 2. Ps 149 entwickelt die
Vorstellung indes in der hebräischen Bibel insofern singulär fort, als nun
eben zum Ersten die richtende Funktion auf die Frommen übertragen
und damit kollektiviert wird. Und zum Zweiten wird das Geschehen

25. S. zur Spannbreite PRINSLOO, Psalm 149 (Anm. 1), S. 397f.


26. Vgl. dazu LEUENBERGER, Konzeptionen (Anm. 2), S. 355ff (Lit.); ebenso
R.G. KRATZ, Die Tora Davids: Psalm 1 und die doxologische Fünfteilung des Psalters, in
ZTK 93 (1996) 1–34, S. 26 Anm. 65; T. KRÜGER, Le livre de Qohéleth dans le contexte
de la littérature juive des IIIe et IIe siècles avant Jésus-Christ, in Revue de Théologie et de
Philosophie 131 (1999) 135-162, S. 159. Dagegen optieren für Gleichzeitigkeit mit 146–
150 namentlich E. ZENGER, „Daß alles Fleisch den Namen seiner Heiligung segne“
(Ps 145,21): Die Komposition Ps 145–150 als Anstoß zu einer christlich-jüdischen
Psalmenhermeneutik, in BZ 41 (1997) 1-27, S. 14ff; E. ZENGER, Rez. M. Leuenberger,
Konzeptionen des Königtums Gottes im Psalter …, in BZ 51 (2007) 118-123, S. 123;
F.-L. HOSSFELD – E. ZENGER, Die Psalmen. I: Psalm 1–50 (NEB, 29), Würzburg, Echter
Verlag, 1993, S. 9ff; HOSSFELD – ZENGER, Psalmen 101–150 (Anm. 1), S. 861, 869f.
27. S. LEUENBERGER, Konzeptionen (Anm. 2), S. 355f Anm. 312.

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642 M. LEUENBERGER

futurisiert und in die – freilich nahe bevorstehende – Zukunft verlagert,


wie das Tempusgefüge im zweiten Psalmteil und die ‫ל‬-finalis-Reihe in
Vv. 7-9 belegen; somit erfolgt eine im Psalter und zumal den beiden
Schlussbüchern IV und V höchst außergewöhnliche Eschatologisierung,
die man angesichts des Gegenwartsbezugs von Vv. 5f, die diesen
zukünftigen Gerichtsvollzug in der Gegenwart verankern und durch
Jubel und Lobpreis der Frommen auf ihren Lagern auslösen, vielleicht
am besten als präsentische Eschatologie bezeichnen kann. Auch in die-
ser konzeptionellen Perspektive legt sich somit eine Abhebung und
Nachordnung von Ps 149 gegenüber dem Psalterfinale von Ps 145 und
dem Grundbestand von Ps 146–150 nahe.

III. SCHLUSS

Das erörterte Vorstellungsmotiv, dass die Frommen an den Völkern


bzw. den Frevlern mit dem Schwert das Gericht vollziehen, weist, wie
sich ergeben hat, eine theologiegeschichtlich signifikante Verortung in
der spätvor- bzw. frühmakkabäischen Zeit auf. Der Vergleich mit den
einschlägigen Parallelaussagen der Tier- und der 10-Wochen-Apokalypse
des Henochbuchs erlaubt es m.E., den maßgebenden situativen Hinter-
grund für Ps 149 in für Psalmentexte vergleichsweise präziser Weise
zu konkretisieren: Es scheint in der Tat ein – literarisch verfasstes und
dabei eschatologisch gewendetes – ‚Kampflied‘ jener promakkabäischen
Hasidim vorzuliegen28, die seit dem frühen 2. Jh. v. Chr. einen weitge-
spannten Einfluss auch in der frühjüdischen Literaturproduktion ausüben.
Somit lässt sich hier ein aufschlussreiches Bindeglied zur frühen
Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte des Psalters orten, wie sie wenig
später in Qumran und namentlich der großen Psalmenrolle (11QPsa)29
dokumentiert ist.

Universität Münster Martin LEUENBERGER


Alttestamentliches Seminar
Universitätsstr. 13-17
D-48143 Münster
Deutschland
28. So in kritischem Anschluss an DUHM, Die Psalmen (Anm. 21), S. 483f u.a.; s.
dagegen FÜGLISTER, Lied (Anm. 4), S. 88f.
29. Vgl. dazu M. LEUENBERGER, Aufbau und Pragmatik des 11QPsa-Psalters: Der hi-
storisierte Dichter und Beter David als Vorbild und Identifikationsfigur: 11QPsa als
eschatologisches Lese- und Meditationsbuch des qumranischen ‫יחד‬, in Revue de Qumran
22 (2005) 165-211. – Zu einigen problematischen Rezeptions-Beispielen seit der Refor-
mationszeit s. ZENGER, Provokation (Anm. 9), S. 181.

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