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Jeppe Aakjær

Die Kinder des Zorns

eine edition der ebook-bibliothek


Jeppe Aakjær
Die Kinder des Zorns

Der Text folgt der Übersetzung


von Erich Holm, Pseudonym von Mathilde Prager,
Georg Merseburger, Leipzig, 92.
RATTEN

Die Sonne stützte bereits ihr breites Kinn auf die Hügel im
Westen und guckte müde und angestrengt zwischen das
Laub im Garten des Sölsighofes hinein, wo der Gutsbesitzer
Wollesen saß und Ratten fütterte.
Dies war die Lieblingsbeschäftigung des alten Wollesen, die
er bei gutem Wetter nie verabsäumte. Er saß auf einem drei-
beinigen Stuhl an der Spalierwand. Zwischen den morschen
Zahnstümpfen hielt er eine fettige Holzpfeife, und auf den
Knien der bläulich schimmernden, verschlissenen Hose ruhte
eine schwarze irdene Schüssel.
Die Ratten kamen aus tiefen Löchern unter den grauen
Grundsteinen hervor, dort, wo die Schweinekoben an das
getünchte Hauptgebäude stießen; der üppige Klettenwald
und die Dünste des Schweinestalls bildeten ein Paradies von
Stank und Dunkelheit für diese Geschöpfe, und sie betru-
gen sich denn auch so ungeniert, als wären sie die eigentli-
chen Herren auf Sölsig und alle anderen Wesen nur ihre auf-
wartenden Diener. Dreist wagten sie sich bis unter Wollesens
gesprungene Holzschuhschnäbel und schnappten mit frecher
Schnauze die Brotkrumen auf, die er ihnen aus der irdenen
Schüssel zuschleuderte. Mit komischen Kapriolen erhoben
sie sich auf den Hinterbeinen und klappsten einander auf
das Ohr; wo eine Brotrinde ins Gras niederfiel, entstand ein
wahres Getümmel von kleinen, geschmeidigen Tierkörpern,
die mit erhobenen Schwänzen sich unter teuflischem Pfeifen
herumbalgten, so daß die letzten linden Strahlen der sinken-
den Sonne bald quer über die Rücken, bald über die weißen
Bäuche hinstreiften.
Der alte Wollesen saß schmunzelnd, den Geifer über die
kurze Pfeife spritzend, und lachte über das Getümmel und
Gehopse der besessenen Tiere. Sein Hauptspaß war, einen
Brotbrocken an die Zwinge seines Eichenstockes zu stecken
und ihn in Armhöhe von der Erde emporzuhalten. Da be-
gann alsbald ein Schnappen nach dem Kloß, über das sich
auch andere als Wollesen hätten kranklachen können. Die
gefräßigen Geschöpfe sprangen immer aufs neue in die Höhe,
um den lockenden Köder zu erhaschen, fielen aber stets wie-
der enttäuscht auf den Rücken ins Gras nieder; hier rächten
sie sich, indem sie ihre Nachbarn aufs Ohr schlugen oder sich
gegenseitig Haarbüschel aus den Pelzen rissen. Auf einmal
kommt ein alter dicker Staatsrat aus der Schar der Ratten her-
vorgewatschelt und nähert sich Wollesen. In einem Nu hat
das Tier den Sessel erklettert; mit grünschillernden Augen
und einem nervösen Zittern der Schnauzhaare duckt es sich
über Wollesens Knie, setzt von da mit keckem Sprunge auf
seinen Arm, läuft an dem vorgestreckten Stock dahin, nimmt
das Brot in die Schnauze und läßt sich dann dumpf aufklat-
schend ins Gras zurückplumpsen. Die andern begrüßen die-
sen wohlgelungenen Versuch mit infernalischem Geheul.
Plötzlich stürzt die ganze Rattenschar über Hals und Kopf
unter die Kletten hinein …
Wollesen dreht langsam und verdrießlich wie ein alter Uhu
sein sonnvertrocknetes Runzelgesicht dem Eingangsgatter zu,
wo gleich darauf ein ältlicher hagerer Mann mit großer Nase
und rotem Backenbart hinter den Johannisbeersträuchern
zum Vorschein kommt. Er tritt vor Wollesen, macht eine
grüßende Bewegung mit dem gekrümmten Zeigefinger nach
dem rechten Ohr und ruft mit lauter Stimme: »Guten Abend,
Wollesen!«
Es ist der Gemeindevorsteher und Armenrat Hans Nielsen
aus Runge. Er stützt sich auf seinen dicken Rohrstock und
fährt dann fort: »Wird wohl am besten sein, ich rück gleich
mit meinem Geschäft heraus; ich hab mir erlauben wollen,
mit Euch wegen der verdammten Schusterleut bei uns drun-
ten zu sprechen, für die sich die Gemeinde gewissermaßen bei
Euch zu bedanken hat.«
»He, he, he!« lacht Wollesen, schleudert die in der Schüssel
noch übrigen Brotrinden unter die Kletten und wischt sich
mit der Handwurzel einen großen hellen Tropfen unter den
Nasenflügeln weg.
»Ja, Ihr habt, meiner Seel, gut lachen, jetzt, wo Ihr draußen
seid,« fuhr Hans Nielsen fort, »aber, wie ich sag, das verteu-
felte Schustervolk wird noch den ganzen Gemeinderat ausein-
ander bringen. Und was einen am allermeisten fuchst, das ist
das Gerede, das unter den Leuten jetzt umgeht, wir in Runge
hätten uns von Euch hier in Skejby nur zum Narren halten
lassen, und an der ganzen Bescherung war nur unsre dumme
Gutmütigkeit schuld.«
»He, he, he!« kicherte Wollesen und blinzelte, die Wange auf
den Stockgriff gestützt, den Armenpfleger mit unverhohle-
nem Spott an. Das reizte diesen offenbar, und gewissermaßen
um den andern zu entwaffnen, warf er hin: »Jetzt soll’s also
zum Prozeß kommen. Da wird sich ja zeigen, was dann ge-
schieht.«
»Prozeß! mit wem?« fragte Wollesen, ernst geworden.
»Mit dem Skejbyer Gemeinderat natürlich.«
»Ih der Daus! So versucht nur Euer Glück! Gut, daß man
draußen ist aus dem Spiel!«
»Na, gar zu stark braucht Ihr Euch nicht drauf zu verlassen,
daß es an Eurer Tür vorbeigehen wird, Wollesen; denn – wenn
ich mich recht entsinn – so wäret Ihrs doch, der in Skejby
Gemeindevorsteher war, damals, wie der Handel geschlossen
worden ist. Wenn’s also irgendwen gibt, der da Bescheid weiß,
so müßt, sollt einer meinen, Ihr das sein!«
»Ach, papperlapapp, Hans Nielsen! Wie soll ich alter Mann
mich vorn und hinten an die ganze weitläufige Geschichte er-
innern? Ich finde mich nicht einmal mehr in meinen eigenen
Sachen zurecht, wie dann erst in andern? Ich weiß nur so viel,
wir sind die Ann-Marie Kjærsgaard auf ehrliche Weise los
worden und ihre Brut obendrein, und das war, meiner Treu,
eine Wohltat für unsre Gemeinde.«
»Na, Wollesen, gar so heilig tun, das steht einem so esti-
mierten Mann, wie Ihr seid, wahrhaftig nicht an,« sagte nun
Hans Nielsen und trat näher. »Übrigens, was ich zu wissen
brauch, das weiß ich so ziemlich. Der tolle Küster hat mir al-
les gesagt.«
»Sörensen? Der Tropf der?« erwiderte Wollesen und spuckte
verächtlich ins Rhabarberbeet.
»Ja, na ja! jetzt ist es freilich nicht mehr weit her mit ihm.
Aber in früheren guten Tagen, wo er sich noch nicht um sei-
nen Verstand gesoffen hatte, da hat einer früh aufstehen müs-
sen, um es mit ihm aufzunehmen, da hat er sich nicht leicht
ein X für ein U vormachen lassen. Auf dem Hund ist er jetzt
wohl, der Sörensen, aber laßt gut sein, ein Narr ist er noch
lange nicht, und wenn er was sagt, so ist immer noch was
Wahres dran.«
»Na, was hat er denn also über die Schuhmacherfamilie
gesagt?« fragte Wollesen, Hans Nielsen mit gesenkter Stirn
fixierend.
»Er hat gesagt, daß die Skejbyer Gemeinde dem Schuster
eintausend Reichstaler aufgezählt hat, dafür, daß er die Ann-
Marie Kjærsgaard heiratet.«
»Das ist, kreuzschwerenot, eine Lüge!« rief Wollesen. »Kein
Heller mehr ist ihm zu meiner Zeit ausgezahlt worden als
siebenhundert.«
»Also weniger war’s? Na ja, aber auf die Summe kommt’s ei-
gentlich auch gar nicht an, sondern daß ihm überhaupt Geld
gegeben worden ist; und darauf hab ich jetzt Euer eigenes
Wort.«
»Was ich über die Sache gesagt habe, dabei bleib ich auch!«
rief Wollesen purpurrot.
»Ja, ja! Ich estimiere Euch zuviel, als daß ich was andres
glauben sollte. Und warum denn auch nicht? Da wir nun
einmal dabei sind, sagt mir nur, wie ist denn das Ganze zu-
gegangen?«
»Wie’s zugegangen ist? Kreuzschwerenot, ganz einfach ist’s
zugegangen. Aber wie ich sage, ich bin ein alter Mann.«
»Ach, Unsinn! Ihr werdet mir doch nicht einreden wollen,
daß Ihr schon kindisch zu werden anfangt.«
»Na ja, versteht sich, ich kann’s meinetwegen auch erzählen,
denn es ist ja nichts, dessen man sich zu schämen braucht;
was da geschehen ist, war eine wahre Wohltat für Skejby, und
am End muß ein jedes auf das Seine schauen. – Seht, die Ann-
Marie Kjærsgaard, von der die Rede ist, die ist ja ihr Lebtag
ein rechter Ausbund gewesen. Selber ein Sündenkind, wie sie
war, hat es ihr im Blut gelegen, und wo eine Spätzin ist, findet
sich auch allemal ein Spatz. Keiner Verheirateten hat die Ann-
Marie in dem Stück was nachgeben wollen. Wo eine andre
ein Kind gekriegt hat, da hat sie’s nicht ruhen lassen, ist heim-
gegangen und hat zwei kriegen müssen. So ein Weibsbild ist
doch, kreuzschwerenot, ’ne Last für eine Gemeinde. Sie hat
den Jux gehabt, und die Gemeinde hat die Zeche zahlen kön-
nen. Und wollte man dann einmal ein Wort mit ihr reden,
kreuzschwerenot, was hat einem die für ein Maul angehängt!
Der einzige, der noch imstande war, ihr das Wasser in die
Augen zu treiben, war, meiner Treu, der alte Pastor.«
»Und der Küster, der nicht?« schaltete Hans Nielsen ein.
»Der Sörensen? O jemineh! Der war schon der Rechte gewe-
sen! Weiß doch ein jedes Kind, daß er vom ersten der Vater
ist. – Na, wie sie dann bei Nummer fünf angelangt war, da sag’
ich – ich war ja dazumal der Gemeindevorsteher –: das, sag’
ich, kann bei Gott nicht so fortgehen. Dies Jahr kommt sie mit
einem, das nächste Jahr können’s ihrer zwei sein; sie kostet die
Gemeinde bald allein soviel wie ein halbes Armenhaus. Aber,
sag’ ich, wenn ihr mich machen laßt, da wollen wir, kreuz-
schwerenot, doch einmal sehen, ob ich dem Spiel nicht ein
Ende mache. Na, man hat mir natürlich freie Hand gelassen,
das versteht sich, und schon die ganze Zeit hab ich ein Aug
auf den lahmen Schuhmacher gehabt, der in die Ann-Marie
bis über die Ohren verschossen war, und weil er auch nicht aus
dem Sprengel, sondern drüben bei Euch daheim ist, denk ich
mir, der könnt justament der Ann-Marie zu Gesicht stehen.
Gehabt hat er nichts, natürlich, daß er sich einen Hausstand
hätt’ gründen können, aber zuzeiten war er, weiß der Himmel,
ein ganz tüchtiger Mensch, solang ihn noch der Branntwein
nicht untergekriegt hat, und von der Gemeinde hat er damals
auch noch nichts bekommen.
Na also, kurz und gut, ich laß verlauten, daß ich mit dem
Burschen unter vier Augen was zu sprechen hätt’. Da war ja
weiter nichts dabei. Kommt er also, und wie er dann an mei-
nem Tisch bei Schnaps und Brot gemütlich dasitzt, so sag
ich zu ihm: Hör, Schuhmacher, sag ich, du solltest meiner
Treu zum Heiraten schauen … Ja, das ist wahrhaftig meine
Meinung, sag ich. Bist ja ein ganz schmucker, kapitaler Kerl.
Und da hab ich auch nicht gelogen, er hat damals ganz re-
putierlich ausgesehen, wenn man sich nur nicht grad an den
Fußschaden hat halten wollen. Na, ich schenk ihm noch eins
ein und sag noch einmal: Heiraten sollst, Schuhmacher! Die
Ann-Marie Kjærsgaard sollst nehmen, gehst ihr ja schon lang
nach. Ja, meint er, er tät’s nicht leugnen, daß er sie hin und wie-
der schon im Sinn gehabt hätt’, aber es wären, dächte er, doch
hübsch viel Kinder da. gleich von vornherein. Unsinn, sag ich,
was dir das nicht verschlägt! Aber sei’s drum, Schuhmacher,
sag ich, nimmst du die Ann-Marie Kjærsgaard und nimmst
du sie bald, so sollst, kreuzschwerenot, einhundert Reichstaler
für jeden Bankert haben und zweihundert extra für deine ei-
gene Person. Der Schuster macht große Augen und fragt, von
wo er denn das Geld herkriegen soll. Das kann dir doch so
ziemlich gleich sein, von wo es herkommt, sag ich, und schenk
ihm noch eins ein. Bin dir für das Geld doch wohl noch gut?
Kurzum, der Schuhmacher und ich sind schließlich über die
Sache einig worden, und er und das Weibsbild auch; und den
nächsten Sommer ist die Ann-Marie mitsamt ihrer Menage
nach der Runger Gemeinde überführt worden. Und wie der
letzte Balg auf den Wagen aufgeladen ist und die Pferde an-
ziehen, sagt einer von den Vordersten aus der Gemeinde: Jetzt
hätten wir uns bei Gott eine Bowle Punsch verdient. Und
so haben wir uns dann alle miteinander einen recht fidelen
Abend angetan.«
MENSCHENHANDEL

»Morten! Komm runter vom Boden! Hau mir den Per durch!«
scholl Ann-Marie Kjærsgaards schrille Stimme aus der offe-
nen Halbtür der Armenkate der Gemeinde. Ann-Marie stand
an der Bodenstiege, und ihre grünen Augen schauten zum
Schuhmacher auf, der in die Höhe geklettert war, um ein
Bund Heu für die Ziege herunterzulassen.
Morten ließ sich nicht stören, sondern machte sich weiter
mit seinem Heu zu schaffen.
»Hörst nicht, was man dir sagt, du Schlafmütze du!« fuhr
Ann-Marie fort, erregt mit den verschwollenen Händen fuch-
telnd, die gleich ihrem zurückgeschlagenen Rock von Lauge
und Seifenschaum trieften.
»Halt’s Maul, Alte, und halt dir sie selber in Ordnung,
deine Rangen, die mich nichts angehen,« antwortete der
Schuhmacher.
»Da hör mal einer, wie er sich das Maul auswaschen kann,
der hinkende Teufel,« gab Ann-Marie zurück. »Möcht deiner
Ehre wohl nicht zu nahe gehen, wenn du dich des Großen
dann und wann annehmen tätest; seine Unnützigkeit wächst
einem schon rein über den Kopf. Da steht er und lernt und
lernt und vergißt ganz, was er unter den Händen hat. Gestern
schmeißt er die Wiege mit der Kleinsten um, und heut, wo
man ihn hinstellt, den Brei umzurühren, läßt er’s ganze Essen
anbrennen.«
Der Urheber so vieler Schändlichkeiten, der elfjährige Per,
stand indessen am offenen Herd und lauschte gespannt auf
den Ausgang dieser Verhandlung.
Als er nun den schweren Klumpfuß des Schusters die Boden-
treppe herunterhumpeln hörte, verzog sich sein Gesicht, und
die Schattenstriche, die sich hineinzeichneten, gingen, je nä-
her die Gefahr kam, in tiefe Furchen über, die im Nu voll
Wasser standen. Per hatte bisher nach besten Kräften den
widerhaarigen Brei in dem großen Hafen umgerührt und
dabei ab und zu einen Blick in etliche fettige Blätter eines
zerrissenen Buches geworfen. Doch da die klumpfüßige
Gerechtigkeit ihm näher auf den Leib rückte, erschien ihm
die Situation so beunruhigend, daß er den Kochlöffel reso-
lut fahren ließ und laut jammernd Deckung in der Torfecke
unter dem Küchentisch suchte. Als der Schuhmacher über
die Türschwelle humpelte, stieg die überkochende Grütze
von allen Seiten zum Hafenrand auf, von wo sie in siedenden
Kaskaden über die Torfglut niederschoß.
»Ach, Herr Jesu Christ, verdient er jetzt nicht die ärgste
Tracht Prügel, die nur auf seinem Buckel Platz hat, der ver-
dammte Nichtsnutz!« schrie Ann-Marie, die dem Manne
auf den Fersen folgte, und stürzte zum Herd hin, um die auf
wallenden Reste der Grütze zu retten. Im Vorbeischießen
versetzte sie dem Schuhmacher unversehens einen Tritt auf
das Schienbein seines Klumpfußes, woraus sich ein heftiges
Gezänk entspann, das mit einer regelrechten Schlägerei en-
dete. Ann-Maries Gekreisch und Wutgeschrei erfüllten das
Haus.
Während die beiden erbosten Eheleute einander in den
Haaren lagen und, umhüllt von den Dämpfen, die aus dem
brodelnden Grützekessel aufstiegen, ihren Hexentanz auf-
führten, nahm der kleine Per die Gelegenheit wahr, sich aus
dem Staub zu machen und durch die Waschhaustür hinaus-
zuschlüpfen.
Mit leichtem Herzklopfen stand er nun draußen an der
Hausecke, halb von einer großen Klette gedeckt, und lauschte
dem Schlachtgetümmel drinnen im Hause. Die Mutter sprang
und kreischte, der Vater schlug den Takt mit dem Klumpfuß.
Wenn ihr Getrampel sich dem Ausgang näherte, horchte Per
mit weitgeöffneten Lippen, bereit, sich unter den schützenden
Schild der Klette sinken zu lassen. Als der letzte Stuhl in der
Hütte umgestürzt war, kehrten die Geister des Friedens zö-
gernd zurück. Per fand es jedoch für geratener und angemes-
sener, noch eine Weile hinter dem Klettenversteck zu war-
ten; er vertrieb sich die Zeit damit, den Kalk von der Wand
zu kratzen oder kleine Käfer unter den hierher geworfenen
Ziegelstücken zu suchen.
Wie Per so dastand und halb widerstrebend den unter dem
Vordach hintreibenden brenzligen Breiduft einsog, kam
eine kräftige, breitschultrige Mannsperson, einen großen
Kramkasten auf dem Rücken und einen kleinen, zottigen ro-
ten Hund auf den Fersen, des Wegs einhergetrabt. Als er an
dem Knaben vorbeikam, blieb er stehen und sagte:
»Du kleiner Taugenichts, sind deine Eltern daheim?«
»Ja, sie sind drin.«
»Was machen sie denn?«
»Raufen.«
»Raufen? So, raufen?« lachte der Ankömmling, »na, wird
ihnen wenigstens warm dabei. Schauen wir aber doch einmal
bei der Tür hinein, ob sie sich noch in der Arbeit haben.«
»Guten Tag und Gottes Segen!« scholl unmittelbar darauf
Kræn Lybskers Baß durch die niedere Haustür.
»Kein Geschäft für den Krämer heut? Zwirn! Heftel!
Waschseife! Litzen! Knopflochseide! Nähnadeln!« Kresten
schüttelte einen gewaltigen Haufen verlockender Dinge auf
den Tisch hin.
»Und da wären dann auch noch verschiedene Schnurr-
pfeifereien!« Damit deutete er auf einige besonders ver-
führerische Waren, wie Messer, Frisierkämme und farbige
Taschentücher mit Bildern des Kronprinzen und der Schlacht
bei Fredericia.
»Nein, gar nichts brauchen wir,« sagte Ann-Marie unwirsch
und schob mit der rechten Hand ihre zerzausten Haarbüschel
unter das Kopftuch. »Laufst aber auch mit dem elendesten
Kram herum. Von den letzten Nähnadeln, die man von dir
gehabt, war eine jede hin, sowie man sie nur eingefädelt hat.«
»Du hast gewiß deinen Zorn an ihnen ausgelassen, denn
meine Nähnadeln, die halten sonst ein ganzes Menschen-
leben aus.
Keine alten Fetzen oder Knochen da zum Weggeben?« setzte
der Krämer hinzu.
»O, Fetzen mehr als genug, wenn man sie nur so leicht ent-
behren könnt. Und die Knochen, die nagt der Per so fein ab,
daß für ’n Krämer kaum was übrig bleibt.«
»Aber einen Schluck Schnaps wird’s doch bei euch geben?«
»Nein, bei Gott nicht,« beteuerte Ann-Marie Kjærsgaard.
»Wo war denn bei uns je ein Tropfen Branntwein im Haus,
der nicht dem Morten gleich durch die Gurgel müßt? Schnaps,
der ist gar rar bei uns.«
Morten wetzte unruhig auf seiner Bankecke hin und her. »O,
du sperrst dich grad auch nicht gegen einen Kümmel, wenn
dir ihn nur einer spendieren mag,« warf er ein.
»Also gar nichts Gebranntes habt ihr im Haus?« fuhr der
Nadelkrämer fort. »Da ist’s freilich kein Wunder, daß ihr den
Schnabel so hängen laßt. Na, gegen die Krankheit weiß ich
noch ein Rezept.«
Der Krämer spreizte den einen Rockschoß wie einen
Adlerfittich aus und schielte in die fast ellentiefe Tasche hinab,
aus der er triumphierend eine grüne Literflasche heraufholte.
Mit einer großartigen, weitausholenden Gebärde setzte er sie
dem Schuhmacher vor die Nase und sagte: »Da ist jetzt, alle
Wetter, der Branntwein, rückt ihr dafür mit Bier heraus!«
»Ja Bier, davon wird just ebensoviel da sein wie vom Schnaps.
Aber das läßt sich am Ende doch eher beschaffen. Dem Nielsen
sein Weib drunten hat uns einen Krug voll versprochen, wenn
sie brauen.
Wo er nur jetzt wieder hin ist, der verwünschte Nichtsnutz,
der Per!« donnerte Ann-Marie Kjærsgaard zur Halbtüre hin-
aus. Per kam zögernden Schritts längs der Hausmauer daher-
geschlichen.
»Eigentlich hättest gedroschen werden sollen, daß du nim-
mer kriechen könntest. Aber nimm jetzt die Kruke und renn
zu Nielsen hinüber, sie möchten so gut sein und sie mit Bier
anfüllen. Nimm aber deine Füße in die Hand und gib gut
acht auf die Kruke, daß dir nicht die Gassenjungens drüber
herfallen.«
Per latschte die Straße hinab, in der Hand den gelben Krug,
der an der verschlissenen Hose hin und her schlenkerte. Ann-
Marie verschwand wieder in das Innere der Hütte. Während
der Krämer aus der Flasche einschenkte, machte sie sich mit
der Kleinsten in der Wiege zu schaffen.
Auf einmal ließ sich das Trappen schwerer Stiefel draußen
vor der Hütte vernehmen. Kaum daß die beiden, die sich bei
der Flasche je an einer Seite des langen Tisches behaglich ein-
gerichtet hatten, Zeit fanden, die Spuren des eben begonne-
nen Trinkgelages zu entfernen. Der Schuhmacher schlürfte
das Glas aus und ließ es resolut in seine Hosentasche glei-
ten. Kræn Lybsker konnte in der Eile den Stöpsel nicht fin-
den und ließ die beinah unberührte Flasche unverpfropft in
die Innentasche hinabsinken. In diesem Augenblick sprang
die Tür angelweit auf, und zwei Gestalten in zwillingsglei-
chen Friesröcken, der Gemeindevorsteher und Armenvater
Hans Nielsen und Bertel, der reiche Eigentümer des Nörhofs,
standen nebeneinander in der Türöffnung. Sie schritten in
die Hütte mit jener stählernen Sicherheit der Haltung, mit
der erbgesessener Besitz und festgegründeter Reichtum von
alters her über die Schwelle des Armenhauses getreten sind.
Sie grüßten kurz und kühl und warfen einen hochmütigen
Blick auf das Bankbrett, über das sie mit der Hand fegend
hinstrichen, ehe sie sich niedersetzten.
Als der Armenvorsteher seine Mütze abnahm und sie auf
den Schemel legte, nahm der Schuhmacher in der Verwirrung
auch die seine vom Kopf, während der Nadelkrämer nur ein
wenig an dem Schirm seiner Kappe rückte, gleichsam um sich
zu vergewissern, daß er sie noch aufhabe.
Die beiden Neuangekommenen hatten scheinbar keine Eile.
Mit großer Umständlichkeit holte der Armenvorsteher sein
Pfeifengeschirr hervor und breitete es auf dem Tische aus.
Als er mit dem Stopfen fertig war, warf er die Frage an den
Schuhmacher hin: »Hast vielleicht ein Schwefelholz bei dir?«
»Jesus ja!« sagte der Schuhmacher und fuhr mit großer
Eilfertigkeit in die Hosentasche.
Der Vorsteher wartete mit der Pfeife in der Hand, indes die
Lippen erwartungsvoll eine Saugstellung einnahmen. Der
Schuhmacher fingerte an seiner ganzen Person auf der Suche
nach einem Zündholz herum. Erst holte er einen schlottrigen
Lederbeutel hervor und legte ihn vor sich auf den Tisch, dann
zog er aus der Hosentiefe ein altes Schnappmesser, schließlich
erwischte er das Ende eines Schusterpechdrahtes, der sich im-
mer weiter und weiter aufwickelte.
»Na, was wird’s damit?« sagte der Vorsteher und sah ihn
spöttisch an.
Im selben Augenblick flog das Branntweinglas auf den
Steinboden und zerschmetterte in tausend Stücke.
»Na, bist schon so weit gekommen, daß du’s Branntweinglas
bei dir im Sack trägst?« höhnte Hans Nielsen. »Da hast du’s
wenigstens gleich zur Hand.«
»Aber, Herr Jeses,« keifte die allzeit zankbereite Ann-Marie
Kjærsgaard, »jetzt schlägt er das einzige Glas entzwei, das
noch im Haus war, der Schußbartel, der. Hättst mich nicht
können die Schwefelhölzer suchen lassen?« Mit diesen Worten
schleuderte Ann-Marie eine Schachtel dicht an der Nase des
Schuhmachers vorbei dem Gemeindevorsteher hin.
»Au, au!« schrie der Schuhmacher und bog den Kopf jäh zu-
rück, um dem Projektil zu entgehen.
Die drei andern lächelten sich hämisch zu.
»Der gehört wohl auch zum Geschäft?« bemerkte nun der
Nörhofer, einen Pfropfen in die Höhe haltend, auf den er sich
in der Bankecke gesetzt hatte.
»Ach, da ist er ja! Nur her damit, sonst könnt es schief ge-
hen!« rief Kræn Lybsker, in die innere Rocktasche guckend.
»Schau, daß du dem grünen Vogel da den Schnabel stopfst,«
lachte Bertel, »sonst fängt er noch zu krähen an.«
Und da nun Kræn Lybsker die Aufmerksamkeit der beiden
Bauern auf sich gezogen hatte, warf Bertel mit der ganzen
Verachtung des solid Seßhaften vor dem armen Zugvogel die
Bemerkung hin: »Ja, solche Leut wie du, Kresten, die haben’s
gut, die können Spazierengehen und herumschlendern, wenn
ein andrer bei seiner Arbeit sein muß.«
»Ja, ja! schon wahr!« antwortete Kresten, »kann nicht klagen,
geht mir ganz gut, bin immer wohlauf. Ein paar Heller im
Beutel, einen Schnaps in der Flasche und nichts nicht, was ei-
nem zuwider war. Das ist auch eine Art Herrenleben. Aber ich
möcht fast glauben, ich könnte meinen Humor auch bewah-
ren, wenn der Nörhof mein wäre und ich alle Jahr von deinen
Fünfzigtausend die Renten einstecken müßt. Aber wenn du
meinst, Bertel, ich hab’s so viel besser als du, können ja tau-
schen? Da steht mein ganzes Hab und Gut, alles beieinander,
was mein ist«; er deutete auf den Kramkasten hin: »Sollst al-
les haben bis auf den letzten Knopf und einen Schnaps als
Leihkauf obendrein.«
Er klopfte sich auf die Tasche mit der darin versenkten
Buddel, an deren Hals die Bläschen perlten.
»Geh zu mit dem Gerede,« schnauzte ihn Bertel an. »Du
weißt viel, wie unsereins sich angreifen muß mit lauter Steuern
und Abgaben.«
»Ach, zahlst ja doch nur deine eignen, und so lang du nicht
mehr tust, da brauchst du dich nicht groß damit spreizen.
Wie wir zwei mitsammen in der Schule waren, damaliger Zeit,
kommt mir vor, warst du mir grad nicht über, wenn auch
dein Vater drei Schornsteine auf seinem Hof gehabt hat. In
dem Alter denkt einer nur wenig an den Geldsack, und wenn
so dein Kopf hier zwischen meinen Beinen gesteckt hat, da
warst bei Gott ganz klein. Da hast du manche warme Waffel
erwischt!
Dann ist aber die Zeit gekommen, wo es geheißen hat:
ins Leben hinaus. Dein Vater hat dir einen Hof, einen schul-
denfreien Hof präsentiert; der meinige aber – kaum daß er so
viel gehabt hat, mir einen Stecken und ein Paar Holzschuhe
mitzugeben. Na, und dann ist die Kriegszeit gekommen. Ich
hab hinein und den Soldatenrock antun müssen; du hast dich
losgekauft mit deines Vaters Geld. Ich hab den Schmiß da auf
der einen Schulter davongetragen; sie haben dran herumge-
schnitten, herumgebrannt, aber ’s ist immer gleich schlecht
geblieben. Zu guter Letzt haben sie’s doch irgendwie zusam-
mengeflickt und haben sogar – weiß der Teufel, wie das zuge-
gangen ist – zu beweisen gewußt, daß mir der Schaden nicht
weiter zu schaffen machen wird. Pension ist also keine abge-
fallen für den guten Kresten, aber vom Schaden – ja, davon ist
noch mein Lebtag ein Erkleckliches übergeblieben.
Wie ich heimgekommen bin, warst du schon ein gemach-
ter Mann; wie hätt’s denn auch anders sein sollen! Das Geld
wachst ja unsinnig, derweil man schläft. Von einem zum an-
dern bin ich dazumal gegangen, und förmlich gebettelt hab
ich um Arbeit, um mir mein Brot zu verdienen. Hab auch
bei dir vorgesprochen, zweimal noch dazu; aber wie du ge-
hört hast, wie’s mit meiner Schulter ausschaut, da hat’s, mei-
ner Seel, weitergehen geheißen. Für Dreschflegel und Sense
war man ja nimmer solid genug mit dem Leibschaden. Na,
so hab ich mich denn draußen außerm Ort eingemietet und
den Kramkasten auf den Buckel genommen, und da hat man
nach der Hand seinen knappen Unterhalt davon. Und jetzt
sitz ich da mit meinem Karo,« schloß er und blickte sanft
auf den kleinen roten zottigen Hund, der, während er sprach,
zu ihm auf die Bank gesprungen war und, als er nun seinen
Namen nennen hörte, ihm seine kleine feuchte Schnauze
schnuppernd und leckend in die Hand steckte.
Noch einige spitzige Worte wurden zwischen den beiden
Schulkameraden, die das Leben so ungleich behandelt hatte,
gewechselt. Nach und nach aber ging das Gespräch doch un-
versehens auf das über, was die beiden Männer hergeführt
hatte.
»Ja also, der Prozeß da mit Skejby soll jetzt drankommen,«
sagte Hans Nielsen, sich an den Schuhmacher wendend.
»Du hast doch, hoffe ich, deine Kondovitten in Ordnung,
Morten? Denn beim Gericht, da gibt’s keine Ausflüchte nicht,
da muß die Wahrheit heraus, ob man sie gleich bei den Rip-
pen herausschneiden müßt. Dort steht das Wort des Gesetzes
über uns allen, hoch und nieder, denn nicht vergebens traget
die Obrigkeit das Schwert!« schloß er hochtrabend.
»Mir ist’s, zum Teufel hinein, alles eins,« erwiderte der
Schuhmacher nun plötzlich trotzig. »Was ich mich hab ver-
lauten lassen, dabei bleib ich und stellt ihr mich vor wen ihr
wollt. Siebenhundert Reichstaler, das ist, was man mir aus-
bezahlt hat, und der Sölsigbauer hat sie mir eingehändigt.«
»Na, hör mal einer,« sagte Kræn Lybsker. »Von klein auf hat
er schon mit Ochsen und jährigen Fohlen Handel getrieben,
der Wollesen, aber daß er auch mit Menschen handelt, das ist,
meiner Seel, das erste, was ich hör.«
Der Vorsteher tat, als hätte er die beißende Bemerkung des
Krämers überhört, und fuhr, zum Schuhmacher gewendet,
fort: »Du sagst siebenhundert; mir kommt vor, du hättest frü-
her tausend gesagt.«
»Nein, Hans Nielsen, wie ich dir jetzt da sag: siebenhundert
Reichstaler und vier Fuhren Torf vom besten, das hab ich
dafür gekriegt, daß ich das Weibsbild da genommen hab.«
Morten zeigte über die Schulter nach Ann-Marie hinüber.
»Ist das ’ne Lüge, was ich da sag, Ann-Marie?« – damit
drehte er sich plötzlich zu seiner Frau um, die dasaß und dem
Säugling die Brust gab.
»Ach, laß du mich aus dem Spiel bei euren Schuftereien!
Daß du dich nicht schämst, dich herzusetzen und so was zu
erzählen,« erwiderte Ann-Marie.
Der Schuhmacher wiederholte mit einer Feierlichkeit, als
stünde er bereits vor dem Angesicht des Richters: »Sieben-
hundert Reichstaler, das ist mein Wort; und bei meiner
Seligkeit, nicht um einen roten Heller ist’s zuviel gewesen.
Denn die da!« – er deutete wieder auf Ann-Marie Kjærsgaard –
»war meiner Seel eine bittre Würz zum Anbeißen.«
»Oh, gar so viele werden sich auch nicht drum gerissen ha-
ben, an so einen Krüppel da angehängt zu sein, daß ich nicht
gut genug dazu gewesen war,« entgegnete Ann-Marie und
riß der Kleinen die Brust aus dem Mund, daß sie geängstigt
aufschaute. »Wenn sich eins nicht ordentlich zur Wehr set-
zen könnt, kein Glied möcht einem heil bleiben bei so einem
Giftnickel, wie du bist.«
»Na,« fuhr der Vorsteher fort, um dieser ehelichen Aus-
einandersetzung ein Ende zu machen, »das war doch nur das
eine Anliegen, um deswillen wir hergekommen sind. Aber
ich denk, wir werden auch mit dem andern ins Reine kom-
men. Um was sich’s handelt, ist, daß der Bertel da wen zum
Viehhüten braucht; und da hab ich mir denn gedacht, daß
die Gemeinde – hm – daß die schon grad genug Ausgaben
hätt für dich und die Deinigen, ob du ihm also nicht, hab ich
g’meint, deinen Größten, den Per, zulassen könntest. In die
letzte Klasse kommt er ohnehin, da könnt er doch schon sein
Brot verdienen, der Lausbub; man muß doch in Bedacht ha-
ben, daß es aus fremder Leute Beutel geht, die Gemeindekasse
also nicht auch noch für so einen Burschen herhalten kann.«
»Wie ich da hör, ist der Wollesen der einzige nicht, der
mit Menschen schachert,« warf Kræn Lybsker ein, der das
Gespräch aufmerksam verfolgt hatte.
Nun drehte der Nörhof-Bertel sich rasch zum Krämer um
und sagte giftig: »Heißt du das Menschenschacher, wenn ein
Bursch was arbeiten soll?«
»Heißt es, wie ihr Lust habt, aber wenn die Frage erlaubt ist,
laßt ihr eure Kälber den Mistwagen ziehen oder die Fohlen
vor den Pflug spannen? Nein, nicht einmal leiden möchtet
ihr, daß sich ihnen ein Knecht auf den Rücken setzt. Weshalb
verlangt ihr dann von einem Kind, was euch bei einem Vieh
nicht ansteht?
Und von den eignen Kindern, von denen ja auch beileib
nicht; denn du, Hans Nielsen, hast ja selbst vier große Jungens,
warum überläßt du dem Bertel nicht einen von ihnen?«
»Oh, meine Söhne, die werden doch wohl nicht in die Fremd
dienen gehen,« versetzte der Vorsteher und drückte mit sei-
nem Daumen die Asche heftig in den Pfeifenkopf hinunter.
»Aha, da haben wir’s,« entgegnete der Krämer und schob
sich mit einem raschen Ruck auf der Bank vor. Ȇber den
Armen geht es her!«
»Glaubst denn, unsre Kinder brauchen nichts zu tun?«
fragte Hans Nielsen, aufgebracht über die Einmischung des
Krämers.
»Ja, vielleicht, für die Eltern. Aber der Arme – alle seine
Arbeit muß der für andre verrichten. Ihr sagt, der kleine
Bursch da kam in die oberste Klasse. Und was hat er davon?
Nichts, als daß er aus der Schule herausgerissen und euch aus-
geliefert wird, daß ihr mit ihm herumschaffen könnt früh
und spät. Ja, wie ich sag, schandbar ist das, wie man umgeht
mit so ’nem Kind.«
»Du nimmst dich wahrhaftig so stark seiner an, daß man
rein auf den Gedanken kommen könnt, es steckt was Extras
dahinter. Aber so viel ich weiß, hat den Per der verrückte
Küster auf dem Gewissen.«
»Na, wenn du aus dem Loch pfeifst, mein lieber Bertel,« ver-
setzte Kresten mit drohendem Ton, »da könntest du, dächt
ich, bei dir selber anfangen. Was meinst du dazu?« fuhr er
fort, sich an Ann-Marie wendend, die an der Wiege saß, den
Männern zugekehrt, und ungeniert bald die eine, bald die
andre Brust entblößte, um das Kind trinken zu lassen.
Um Ann-Marie, die ihre grünstechenden Augen aus ihrer
Verschanzung hinter der Wiege auf ihn heftete, zu entwaff-
nen, beeilte sich Bertel zu sagen: »Ja, die Ann-Marie, die war
einmal eine von den saubersten Dirnen.«
»Freilich, hast mir’s damals, den Abend am Sjöruper Markt,
ja auch oft genug versichert.«
»Da hör nur!« rief Kresten Lybsker und klopfte Bertel her-
ausfordernd mit dem Handrücken auf die Schulter.
»Ach, zum Teufel mit dem dummen Zeug, Kresten! Ein
andrer war auch nicht immer zehnlötig.«
»Aber, um ein End zu machen,« wandte er sich, den Ober-
körper vorbeugend, an den Schuhmacher, der während der
letzten Wendung des Gesprächs mit einem seltsam einfältigen
Statistenlächeln dagesessen hatte, »kann ich den Burschen
von dir haben, am liebsten so bald als möglich?«
»Jawohl, kannst ihn haben,« nahm Ann-Marie das Wort,
»zu Haus, da verwahrlost er so noch ganz.«
»Fragt sich also nur noch, was ausbedungen werden soll,«
versetzte Bertel. »Die Ann-Kjestin wird’s nicht gar gern sehen,
so einen Mitesser den Winter über ins Haus zu kriegen.«
»Oh, ein Mund mehr an so’nem langen Tisch,« bemerkte
Ann-Marie Kjærsgaard, »der wird euch doch nicht arm essen,
sollt man meinen.«
»Ja, solche junge Kerls, die kommen wahrhaftig allzeit ge-
hörig ausgehungert zum Essen, die verstehn sich, meiner Seel,
aufs Einhauen.«
»Möcht denn dem Jung nicht doch auch ein paar Pfennig
Lohn gebühren?« meinte der Schuhmacher.
»Ach, was kam dabei heraus,« wendete nun der Vorsteher
ein, »wenn er gleich etliche Kronen nach Haus brächt? Die
gingen bei dir an einem fidelen Abend auf.«
Bei diesem Flankenangriff kehrte sich der Schuhmacher
halb von der Gesellschaft ab, schneuzte lärmend über die
Steinfliesen hin seine Nase und verhielt sich im übrigen
schweigend.
»Laßt mich einmal ein Wort dazu geben,« sagte der
Nadelkrämer. »Er ist recht anstellig, der Kleine, wirst ihn in
jeder Hinsicht gut brauchen können, Bertel. Gib ihm also ei-
nen Anzug zur Kirmes, ein Paar Holzschuh, wenn er seinen
Platz antritt und einen Spezies zum Jahrmarkt.«
»Ja freilich, was mir nicht alles aufgepelzt werden soll,«
brummte Bertel.
»Ist das auch der Rede wert? Laßt es ein Wort sein und
schlagt ein!«
»Na ja, meinetwegen, aber ausgreinen wird sie mich, die
Ann-Kjestin.«
»Jetzt könnt man also den Leihkauf einschenken,« schloß
der Krämer und zog wieder die Flasche hervor, »wenn ihr
mein Traktement nicht verschmäht.«
»Werden wir wohl besser bleiben lassen,« meinte der Vorsteher
halb fragend.
»Ach was, so ein kleiner Schnaps ist doch nie vom Übel,«
erklärte Bertel.
»Aber mit dem Glas ist’s jetzt schlimm bestellt,« sagte der
Krämer, »wird nichts übrig bleiben, als aus einer Schale zu
trinken; die wirst doch haben, Ann-Marie?«
»Ja, ’ne Schale war schon da, aber auf so noble Herren ist sie
nicht berechnet.«
Ann-Marie stellte eine farbige, henkellose Kaffeetasse vor
Kresten hin, und er schenkte mit gesenkter Stirn vorsichtig
ein.
In diesem Augenblick ging die Tür des Vorhauses auf, und
der kleine Per kam gerötet und abgehetzt, barfuß, den gefüll-
ten Bierkrug hoch beim Ohr, in die Stube geschwankt.
»Da haben wir’s ja, das kleine Kerlchen, auf das wir da grad
eins trinken!« rief Kræn Lybsker. »Bist du aber geschickt! Wie
er den großen Krug dahergeschleppt bringt! Hätt er dich denn
nicht bald in den Straßengraben umgeschmissen? – Meiner
Seel, sollst ein Fünförestück haben; da, kleiner Kerl, das ist
Nadelgeld, ha, ha, ha! – Ja, ich seh dir’s an, es wird noch ein
tüchtiger Bursch aus dir! Geh nur hin zu deiner Mutter mit
der Bierbuddel.«
Per schaut verwundert diesen Mann an, der so freundlich zu
ihm spricht. Der Krämer wendet sich wieder den Männern zu
und sagt:
»Man soll allemal ein gutes Wort für die Kinder haben. Ich
kann mich’s noch aus der Zeit, wo ich selbst ein Knirps war,
erinnern; durch glühendes Feuer hätt ich gehen mögen für
den, der mir ein freundliches Wort gab.«
Per machte immer größere Augen bei den Reden des
Krämers. »Die Kleinen, die brauchen das zum Gedeihen.
Freundlichkeit, daran tut’s not. Ist ganz wie mit den Blu-
men … Sonne! Sonne! Aber Gott bessers!«
Während des Selbstgesprächs des Krämers ist des Schuh-
machers kleines Mädchen auf den Boden gesetzt worden;
es hat sich an die niedere Bank festgeklammert und krab-
belt nun mit kleinen stoßweisen Rucken an dem Rücken des
Vaters vorbei zum oberen Tischende hin.
»Da – da – da!« sagt es und blickt mit geschwollenen skro-
fulösen Augen dem gestrengen Armenvorsteher gerade ins
Gesicht. Er streift mit seinem kalten, gleichgültigen Blick
den verfitzten Haarschopf und die ganze übrige ungepflegte
kleine Person.
»Da – da – da!« sagt sie nochmals und patscht mit aller
Kraft ihrer schmierigen Händchen auf die weiße Kappe des
Armenpflegers los.
»Aber, Herr Jeses … was treibst denn mit dem fremden
Herrn seiner Mütze,« ruft Ann-Marie und stürzt zu dem
Kinde hin. Hans Nielsen hat jedoch seine Kappe bereits ge-
rettet; mit strammer, ärgerlicher Miene bürstet er eifrig mit
seinem Rockärmel darüber hin und legt sie dann in die Ecke
der Bank.
Die Kleine schickt der Kappe einen mißvergnügten Blick ih-
rer skrofulösen Augen nach und schiebt sich weiter, die Zunge
zwischen den Lippen.
Die Schale hat schon ein paarmal die Runde gemacht; Hans
Nielsen denkt stark an den Aufbruch.
»Der da ist’s also, der zu mir kommen soll?« sagte Bertel und
betrachtete abschätzend den kleinen Per. »Hast du schon von
irgendwas einen Begriff?«
Per zieht sich geängstigt zurück. »Beim Lernen ist er ganz
brav,« sagt die Mutter.
»Lernen!« schnaubt Bertel durch die Nasenlöcher, »zum
Teufel mit der Lernerei! Das ist mehr zum Schaden als zum
Nutzen. Nein, hat er eine Idee, wie er eine Arbeit anpacken
soll?«
»Weißt, ich hab dich jetzt dem Nörhof er Bertel verkauft,«
wirft der Schuhmacher über seine Branntweinschale hin.
Der kleine Bursche, der immer das Schlimmste gewärtig ist
und den dieses kalte Wort eigentümlich unheimlich berührt,
blickt abwechselnd den gestrengen Armenpfleger und den
sauertöpfischen, stierblickenden Bertel an; es scheint ihm, daß
etwas Böses über ihn beschlossen worden ist, und er bricht
in hilfloses Weinen aus. Er steht mitten im Zimmer auf den
Steinfliesen und läßt seine Tränen rinnen. Der Mutter wagt er
sich nicht recht zu nahen, und der Vater hat ihn verkauft.
»Aber was ist denn das, kleiner Per; brauchst dich nicht zu
fürchten, Kindlieb!« tröstete der Krämer.
»Komm her zu mir, Kleiner; will dir niemand was zuleid tun.
Sollst ja nur nach dem Nörhof, das Vieh hüten! No! No!«
»Was, so einen Flenner soll man da ins Haus kriegen?« sagt
Bertel.
»Bist du ein eigner Bub, kannst keinen Spaß verstehen?«
schnauft der Schuhmacher, auf den der Branntwein des
Krämers sichtlich gewirkt hat.
»Ach, zu stark abgeschleppt hat er sich, und dann die frem-
den Leut; ist ja doch nur ein Kind,« entschuldigt der Krämer.
Der kleine rote Hund leckt Pers tränenfeuchte Hände. Der
Krämer fordert den Hund auf, ihm die Pfote zu geben. »Gebt
euch nur die Pfoten, ihr zwei kleinen Leut, seid beide beinahe
gleich struppig. Ach ja, Kinder und Tiere, die haben keinen
andern Gott als Menschen; wollen die nicht gut gegen sie sein,
so gnade ihnen Gott! – Wisch dir jetzt die Augen ab, Per!«
Die beiden Hofbauern haben sich nun von der Bank er-
hoben. Der rotbärtige Hans Nielsen fährt nochmals gleich-
sam automatisch mit dem Ärmel über die befleckte Sommer-
kappe hin. Der Nörhof-Bertel greift nach seinem Rohrstock.
Sie sind schon beinahe bei der Tür, als der Krämer sich an
Bertel wendet: »In meiner Jugend war’s allemal der Brauch,
dem Knecht beim Dingen ein Angeld zu geben. Ist das jetzt
ganz aus der Mode?«
»Na ja; das hätt ich bald vergessen!« sagte Bertel, indem
er mit schiefem Mund, den Kopf zur Seite geneigt, seinen
Lederbeutel hervorzog, der so tief wie ein kleiner Grützensack
war.
Mit komischem Nasenrümpfen und triefenden Mund-
winkeln stand er lange Zeit mit beiden Daumen im Beutel
herumklaubend da, ohne ein passendes Geldstück zu ent-
decken.
»Sind lauter zu große Münzen,« murmelte er und machte
Miene, die Schnur wieder um den Geldsack zu schlingen.
»Kann dir ja eine wechseln; denn meine haben, bei Gott, die
Krankheit nicht!« erwiderte Kresten.
Bertel reichte zögernd ein Zweikronenstück hin, Kresten
machte Miene, zwei Einkronenstücke hinzuschieben.
»Ach, wechsle nur ordentlich!« sagte Bertel, worauf Kresten
das eine Kronenstück zurücknahm und statt dessen ein
Fünfzig- und zwei Fünfundzwanzigörestücke hinlegte.
Einen Augenblick schien Bertel einen inneren Kampf mit
seinem Geiz auszufechten. Seine fünf Finger tanzten wie
Mücken über die vier Silbermünzen hin und her. Plötzlich
griff er hastig nach einem Fünfundzwanzigörestück und
reichte es Per, ohne ihn anzusehen.
»Da hast du also was für dich.«
Vor lauter Aufregung begann seine Nase zu tröpfeln.
DIE ARMENKATE

Sobald Ann-Marie Kjærsgaard in der Kate allein geblieben


war, ging sie emsig daran, Pers knappen Vorrat an Kleidern
und Strümpfen nachzusehen; sie wollte doch, daß der Junge
einigermaßen »rechtschaffen« in den Dienst komme.
Ann-Marie war, ehe die Armut sie stumpf gemacht hatte,
ein tüchtiges Frauenzimmer gewesen, das mit Nadel oder
Spindel keiner nachstand. Ihr Unglück war, was der alte
Pastor Rönsolt ihre bösen fleischlichen Lüste und Begierden
nannte, welche Lüste eine Anzahl überschüssiger und für ihre
Heimatsgemeinde äußerst unwillkommener Früchte gezeitigt
hatten, von denen Per die älteste war.
Den ganzen Nachmittag stand sie kaum vom Tische auf,
die Schere schnitt scharf ein in die Fetzen, und die Nadel fuhr
kreuz und quer durch zerrissene Fersen und Knopfösen. Gegen
abend kamen zwei kleine Mädchen aus der Schule heim und
klagten über Hunger. Ann-Marie schmierte jeder ein Stück
Fettbrot, nahm eine lederartig zähe, halb aufgeschnittene
Rauchwurst von einem Nagel über dem Kachelofen und legte
jeder der Kleinen eine einzige dünne Wurstscheibe – so groß
wie ein Fünförestück – auf die äußerste Ecke des Brots.
Dieser Wurstbissen war ein kleiner Appetiterreger, den
es nur gab, wenn Ann-Marie ihre guten Augenblicke
hatte; in der Schule nannte man diese Art belegten Brots
»Armenhausfladen«; und es war immer ein köstlicher Anblick,
die kleinen Finger die Wurstscheibe prüfend über das Fettbrot
hin und her schieben zu sehen, während die Augen schielend
gleichsam die Entfernung zwischen dem guten Bissen und
den weißen Zähnen maßen. Es lag etwas vom Spiel der Katze
in der Art, wie die Finger die Zähne zu verlocken suchten,
doch stets damit endeten, den königlichen Himmelsbissen bis
zuletzt aufzusparen.
Als die beiden Kleinen das Fettbrot verzehrt hatten, kam
Ann-Marie mit einer Tasse Kaffee daher; mit ihren Zähnen
teilte sie ein Stück weißen Zuckers und gab jedem der kleinen
Mädchen die Hälfte.
Per, der unleugbar ebenfalls hungrig war – er erinnerte sich
kaum eines Augenblicks in seinem Leben, wo er es nicht ge-
wesen – bemühte sich, bei dieser Schwelgerei überlegen aus-
zusehen. »Du kannst schon auch herkommen, Per, und dir
dein Fettbrot holen,« sagte Ann-Marie. »Man muß doch ein
bißchen gut gegen dich sein, jetzt, wo man dich nur noch
die kurze Zeit da hat; sonst schaust du am Ende gar nimmer
heim zu uns ins Armenhaus,« fügte sie mit einer bei ihr ganz
ungewohnten Milde des Tonfalls hinzu.
Per sah hastig in das Gesicht der Mutter; auch die Augen
schienen ihm etwas Warmes in ihrem Blick zu haben, so daß
man lieber wo anders hinsah.
Ann-Marie schnitt dem Per ein großes Stück Brot ab und
legte zwei Wurstscheiben auf sein Stück; und wenn sie das
Messer hier schon innehalten ließ, so geschah es sogar halb
zögernd, um nicht der andern allergelbsten Neid zu wecken.
Per bemerkte auch, daß die Mutter seinen Zucker nicht zer-
biß, sondern ein ganzes unberührtes Stück auf seine Unter-
tasse legte.
Wieder nahm Ann-Marie mit großem Eifer ihr Gestichel
vor, wobei sie dem Sohn, der dasaß und den warmen Kaffee
aus der Untertasse schlürfte, eine lange Ermahnungsrede zu
halten begann.
»– – Jetzt schau nur, daß du dich so aufführst, daß man
keine Klagen hört über dich, und tu immer schön, was man
dich heißt. Daß du nicht das Vieh in der Hitzigkeit schlägst,
sondern paß auf alles gut auf, was man dir aufträgt. – Du
wirst gewiß ein gutes Essen kriegen, besser als daheim, aber
vergiß nicht, immer nur auf deiner Seite zuzugreifen, und
steck nicht die Finger in die Schüssel. – Wenn deine Kleider
naß geworden sind, so bitt die Frau, daß sie sie zum Trocknen
hängt, und dann und wann kannst du auch einen Abstecher
nach Haus machen, damit man dir die ärgsten Löcher zu-
sammenheften kann; oft wird’s freilich kaum sein, denn die
sind gar scharf auf die Arbeit auf dem Nörhof. – Und nimm
nur alle deine Bücher mit und lern deine Aufgaben gut, selbst
wenn du auch nicht in die Schule kommst; denn damit wird’s
wohl nicht viel sein, solang das Vieh draußen auf der Weide
sein kann. Und bet manchmal auch ein Vaterunser, wenn du
Zeit dazu findst – – –«
Per war nahe daran, im Strome der mütterlichen Ermah-
nungen zu ertrinken. So oft Ann-Marie die Nadel heraus zog,
fiel ihr eine neue ein, die ihr ebenso unerläßlich wie die vor-
hergehenden dünkte.
Einen Moment, da die Mutter, damit beschäftigt, bei dem
schwindenden Tageslicht frischen Zwirn durch das Nadelöhr
zu ziehen, zu einer kurzen Unterbrechung genötigt war, be-
nutzte Per, um sich aus der Tür zu schleichen.
Ann-Marie fuhr fort zu sticheln, selbst nachdem die
Dämmerung bereits eingetreten war. Mitunter hob sie den
Kopf und warf einen hastigen Blick über die Straße hin, ob
der Schuhmacher nicht vor Nacht noch zurückkommen
würde. – »Jetzt hat er wieder einmal Branntwein zu kosten
gekriegt,« murmelte Ann-Marie Kjærsgaard, »das hat natür-
lich wieder nach mehr geschmeckt. Mit so einem Menschen
muß sich eins auch noch schleppen.«
Die Nacht kam. Die Kinder wurden ins Bett gesteckt, Per
ebenfalls. Die Mutter ging noch umher und wartete, ob der
Mann nicht doch heimkäme, damit sie ihn aus den Kleidern
brächte, ehe sie selbst zur Ruhe ging. Die Wartezeit wurde ihr
jedoch zu lang, und sie kroch in Hemd und Unterrock ins
Bett und schlief sofort ein.
Per ließen die Ereignisse des Tags nicht schlafen.
Mitternacht war vorüber, als der Schuhmacher, lästerlich
besoffen, aber bei guter Laune, hereingetorkelt kam. Er blieb
dicht an der Schwelle stehen, setzte den Klumpfuß so schwer
auf die Steinfliesen, daß es klirrte, und sich mit der Hand
vorwärts tastend, deklamierte er: »Da ist mein Tisch, da ist
mein Schustersessel, da ist Ann-Marie, und da, glotz mich der
Teufel an, bin ich!
Diedel – diedel – diedeldum
Diedel – diedel – diedeldum
Wie ist es schön, tobt Sturm und Meer,
Zu meinem Weiblein heim ich kehr!«

Plötzlich vertauschte er die zärtliche Hirtenflöte mit der lär-


menden Kriegsposaune, und mit furchtbarem Baß intonierte
der Schuhmacher sein Lieblingslied:

»Fahr wohl, mein teures Vaterland!


Nun muß ich Abschied nehmen – –«

Erst jetzt wurde Ann-Marie auf die Heimkunft ihres Mannes


aufmerksam. Erbittert setzte sie sich in ihrem Bette auf und
sagte mit verbissenem Zorn: »Willst du die Kleine wecken,
du Saufaus, daß man dann die ganze Nacht wieder wiegen
kann?«
Doch jetzt war der Schuhmacher taub gegen alles mit
Ausnahme seiner eignen reizvollen Töne, und mannhaft legte
er mit einer weiteren Strophe seines Liedes los:

»Der König und Prinz Ferdinand


Sind beide voller Freud seiband,
So sie zum Kampf bereit
Sehn unsre Tapferkeit!«

Klatsch! Ann-Marie stand im Unterrock, auf nackten brei-


ten Fußballen vor ihm und maß ihm sein volles Teil kräftiger,
wohlgezielter Ohrfeigen zu.
»Aber, Herr Gott, Ann-Marie, willst du einen Menschen
darum schlagen, weil er lustig ist?« flennte der verkannte
Sänger.
»Lustig! Ja wahrhaftig, das ist die rechte Freud, die du einem
ins Haus trägst! Mach lieber, daß du die Lumpen herunter-
kriegst.«
Es schollen keine Hirtenlieder mehr unter dem ärmlichen
Dach, und die Kriegsposaune war bald von den Trompeten-
tönen des schnarchenden Schuhmachers abgelöst.
Per konnte noch immer nicht schlafen, sondern lag und er-
ging sich in Phantasien, was ihm in seinem ersten Dienst be-
gegnen würde.
Der Nörhof lag in einer andern Gemeinde, in der Per noch
nie gewesen war. Von einem Nachbarjungen hatte er gehört,
daß sie auf dem Nörhof einen großen gelben Hund hätten,
der schrecklich wild und bissig wäre; darauf beschränkte sich
eigentlich alles, was er von seinem neuen Heim wußte. Er
dachte nun daran, ob er auch dort wie hier daheim Prügel be-
kommen würde und auf welche Weise er sich ihnen dann ent-
ziehen könnte. Ein weiterer Gegenstand seiner Erwägungen
war, ob es dort alle Tage in der Woche ein Mittagessen geben
würde, wie manche behaupteten, daß es bei den Leuten auf
den Bauernhöfen so der Brauch sei! Pers Ohren scholl das je-
doch höchst unglaubwürdig; ob es vielleicht auch auf dem
Nörhof Sitte wäre, wie bei Nielsen, wo er heute mit dem Krug
gewesen, daß die Bierkufe immer gefüllt und unzugedeckt auf
dem langen Tisch stand, so daß jeder frei und nach Belieben
hingehen und so viel trinken konnte, als ihn gelüstete?
Bei diesen und ähnlichen Vorstellungen, die alle aus Pers
vernachlässigten und ausgehungerten Organen ihre Nahrung
sogen, schlichen die Stunden dahin, bis ein nächtlicher Regen-
schauer die Scheiben zu peitschen begann. Der Regen schlug
mit solcher Heftigkeit an sie, daß Per ein Gewitter fürchtete.
Aus Angst vor den Blitzen tauchte er einen Augenblick unter
die übelriechende Federdecke, doch hier war nicht zu atmen.
Seine zwei kleinen Schwestern lagen in einem Bette mit ihm
und warfen in der starken Hitze ihre nackten schwitzenden
Körperchen zwischen den Lumpen hin und her, wie Puppen,
die im Begriffe sind, ihre Hüllen zu sprengen.
Im Handumdrehen hatte der Regen das löchrige Dach der
Hütte durchrieselt und fiel bereits an mehreren Stellen von der
Decke auf sein Gesicht; bald tropfte es lebhaft in das Stroh
beim Kopfkissen hinab; erst war es ein einzelner Tropfen, der
sich in geziemender Entfernung von seinem Ohre hielt; aber
dann kam es plötzlich auch von der anderen Seite her, und
endlich zielte ein neckischer Tropfen geradeaus nach seiner
Stirnlocke; da fand er es rätlich, seine Maßregeln zu treffen,
er machte eine rasche Drehung und brachte seinen Kopf am
Fußende des Bettes in Sicherheit.
Wenn es nur nicht blitzen möchte, dachte er und bohrte sich
zurecht. Allmählich wurde er ganz vertraut mit dem Regen,
der auf die großen Klettenblätter jenseits der Lehmwand
trommelte. Mit seinem nackten Fuß suchte er im Finstern die
auf das Kopfkissen fallenden Tropfen aufzufangen. Es glückte.
Die kleinen Wasserbomben trafen schwer auf seinen Rist auf
und zerplatzten. Ach, wie wohl tat das in dieser Hitze! Er ließ
die Tropfen den ganzen Fuß besprengen und wurde von woh-
liger Kühle durchrieselt, so oft eine neue Hautstelle getroffen
wurde.
Die beiden Schwesterchen schraubten sich um und um in
der schwülen Atmosphäre.
Plötzlich flackerte ein Blitz über die fleckige Innenwand
des Betts. In seinem blauen Schein traten aus einem rauch-
geschwärzten Spiegelrahmen, der zwischen der rostigen
Wollschere und einem Bündel Schusterleisten hing, die ver-
blaßten Züge des berühmten Generals Rye hervor.
Per vergaß mit eins sein Spiel mit den Tropfen und stürzte
pardauz unter die Bettdecke, während ein schweres, erschrek-
kendes Krachen sich über die geduckten Strohdächer des schla-
fenden Dorfes hinwälzte. Einen Augenblick später steckte Per
wieder den Kopf hervor, um nach Luft zu schnappen.
Er hatte die größte Lust, die Eltern zu rufen, aber den
schnarchenden Schuhmacher würde keine Macht der Welt
zum Bewußtsein erweckt haben, und die Mutter, die hätte
ihn bloß gescholten.
Plötzlich ließ sich das jämmerliche Miauen einer Katze ver-
nehmen. Per spitzte die Ohren. Wahrscheinlich war es ihr eig-
ner ausgehungerter roter Kater, der zur Schlafenszeit immer
sorgsam hinausgetrieben wurde, heute nacht aber vermutlich
mit dem Schuhmacher wieder hereingeschlüpft war. Von Tür
zu Tür schlich er und jammerte zum Steinerbarmen.
Per fürchtete entsetzliche Dinge. Jetzt mußte es doch ge-
stattet sein, um Hilfe zu rufen. »Mutter, Mutter!« rief er mit
zitternder Stimme, »die Katz ist reingekommen.«
Ann-Marie hörte nicht. Der Schuhmacher schnarchte wie
ein Wildschwein. Die Klage der Katze wurde immer jämmer-
licher.
»Mutter! Mutter!« Aus lauter Eifer hatte Per sich aufgesetzt.
Die Mutter stieß aus der Tiefe des Schlunds ein drohendes
Knurren hervor, drehte sich halb um und ließ sich schwer
wieder in die Betten fallen.
Zugleich ging unter Pers Bett bei der Katze etwas los; ein er-
stickender Gestank schlug ihm vor die Stirn und betäubte fast
seine Sinne. Wie ein Tauchentlein fuhr er abermals unter die
Decke und kam nicht wieder an die Oberfläche hervor.
Beim Tagesgrauen fand ihn die Mutter, den Kopf in das
modrige Stroh am Fußende des Betts vergraben und die dün-
nen, zwei Leuchterdillen gleichenden Beine weit gespreizt zwi-
schen den Lücken des hölzernen Bettgitters heraushängend.
DER ERSTE MEILENSTEIN

Es war Hochsommerwetter an dem Tage, da Per sich auf-


machte, um seinen Posten anzutreten.
Schon früh am Morgen wurde er von der Mutter geweckt,
die ein reines hanfleinenes Hemd auf seine Federdecke legte,
daneben einen Fladen mit einer dicken Schicht Staubzucker
bestreut.
»Steh jetzt auf, Kind, und schau zu, daß du dich ordentlich
hinter den Ohren wäschst.«
Noch bevor sich Per recht aus den Federn gemacht hatte,
holte Ann-Marie ein kleines Kohlenbecken hervor, das sie mit
Glut anfüllte und auf den Kaminherd stellte.
Per schielte finster auf diese Zurüstungen hinüber.
»Komm dann daher, Per, daß man dir den Kopf nachsehen
kann,« sagte Ann-Marie.
Mit der größten Überwindung legte Per seinen Blondkopf
in die erprobten Hände seiner Mutter.
Der schwere Staubkamm schleppte wie ein Grundnetz
über den Haarboden hin. Jeder zoologischen Andeutung
wurde kritisch nachgespürt, um sie dann unbarmherzig
dem Flammentod auf der Glutpfanne zu überantworten.
Pers Mund verzog sich nach innen und außen, je nach den
wechselnden Kreuz- und Querzügen des Kamms; es schien
ihm eine Ewigkeit, bis die Mutter den verfitzten Weichselzopf
geglättet hatte; seine Tränen quollen zwischen Ann-Maries
Fingern hervor.
»Du wirst doch nicht flennen, daß man dir den Kopf rein
macht? Wirst doch wie ein ordentlicher Mensch in deinen
Dienst kommen wollen, mein ich?«
Und als Kern ihrer Lebensweisheit fügte sie hinzu: »Denn
so lang eins zu Haus ist, ist’s so ziemlich alles eins, wie dreckig
es herumgeht. Aus der Armut und dem Schmutz kann man
den Kopf doch nicht oben halten. Aber soll eins unter die
fremden Leute hinaus, dann heißt’s aufpassen, daß sie nicht
’nen Narren aus einem machen.«
Eine Stunde später stand Per reisefertig neben der Bank
mit seinem kleinen Bündel Wäsche und Strümpfe im
Knüpftuch.
»Na, so leb also wohl, Jung, und unser Herrgott sei mit
dir!« sagte Ann-Marie, doch ohne ihm die Hand zu reichen.
Um ihren strengen Mund war etwas wie ein Beben, aber ihre
Augen hatten sich in der Härte des Lebens des Weinens ent-
wöhnt.
Per ließ einen umflorten Blick über die Mutter und die Stube
hingleiten; hierauf kehrte er sich ohne ein Wort um und legte
mit gesenktem Kopf die Hand auf die Türklinke.
Er war kaum einige Schritte weit vom Hause, als er die
Mutter aus dem Vorhaus rufen hörte. Höchst ungern kehrte
er um; seine Tränen tropften nun in den Straßenstaub hinab.
»Steck das da in deinen Sack!« sagte sie und steckte ihm ein
großes Stück Gerstenzucker zu, »und schau manchmal nach
Haus zu uns, wann du dich nicht damit versäumst.«
Als Per den Gipfel des ersten Hügels erreicht hatte, stand
Ann-Marie noch immer an der Ecke des Hauses. Bei dem
Anblick der Mutter und des Giebels des ärmlichen Heims
hinter ihr begannen seine Tränen aufs neue zu fließen.
Er war indes nicht gar zu lange auf der Landstraße dahin-
gewandert, als die Sonne die letzten Tränenspuren getrocknet
hatte. Mit der Kindern eignen Schnellebigkeit dachte er nun
nicht mehr an das Vergangene, sondern nur an das, was kom-
men würde.
Er hatte ja jetzt die Grenzscheide überschritten zwischen den
beiden Halbkugeln: Elternhaus und Fremde. Er hatte seinen
Eintritt in die Welt mit einem kümmerlichen kleinen Bündel
in der Hand und einem Stückchen Gerstenzucker in der
Tasche bewerkstelligt. Sein Blick zog weithin über Fluren, die
er nie gesehen hatte, und streifte Leute und Viehherden, die
er nicht kannte. Seine Aufmerksamkeit wurde insbesondere
von einem Meilenstein gefesselt; er ging lange um ihn herum,
um das Rätsel seines Wesens zu erforschen; ein Achter war
in seine Vorderseite eingemeißelt, seine rauhe Oberfläche von
Vogelschmutz bespritzt, sonst nichts. Vergebens grübelnd
ging Per weiter.
Seine Mutter hatte ihn gebeten, mit seinen neuen Strümp-
fen so viel als möglich zu sparen; er setzte sich also an dem
Wegrande nieder und zog Strümpfe und Schuhe aus; beide
in der Hand, trippelte er über Staub und Schmutz der Straße
dahin.
Eine Strecke weiter wurde er von einem Mehlwagen ein-
geholt, doch als dieser eben vorbei wollte, tummelte sich eine
Koppel Schafe auf der Fahrbahn. Das eine der geängstigten
Tiere wollte vorwärts, das andere zurück. Die Pferde waren
in zu starkem Trabe, um auf der Stelle angehalten werden
zu können, so daß die Schafe je auf eine Seite der Deichsel
geworfen und gegen die Vorderbeine der Pferde geschleudert
wurden; die mutigen Füllen bäumten sich in die Höhe.
»Sakra, müssen auch grad da mitten auf der Straße die dum-
men Schöpsen angebunden sein,« rief der Kutscher, all seine
Kraft aufbietend, um der erschreckten Fohlen Herr zu wer-
den. Per, der augenblicklich das Kritische der Lage erkannt
hatte, warf seine Holzschuhe beiseite und ging keck unter den
Bauch des nächsten Pferdes, dessen Brust bei der Berührung
mit dem wolligen Kopf des Schafs bebte. Es glückte ihm
durch einen kühnen Griff, bei dem die Fohlen wie auf glü-
henden Hufen dastanden, den Strick über die Ohren des ei-
nen Schafs herabzuziehen, wodurch auch das andere Tier aus
der Verstrickung losgemacht wurde. Die Gefahr war über-
wunden, und Pferde und Kutscher gewannen wieder ihre frü-
here Gemütsruhe.
»Das hab ich, meiner Seel, dir zu danken. Gut hast das ge-
macht, du Knirps. Die Gäule wären mit mir durchgegangen,
wenn du nicht gewesen wärst. Komm, steig jetzt auf und fahr
mit, daß die kleinen Füße sich eine Weile ausrasten können.«
Per, der glücklich über das Lob des Mannes war, saß bald
hoch oben auf einem der Kornsäcke.
»Wie weit sollst denn hin, Gevatter?«
»In Dienst soll ich gehn.«
»Was du nicht sagst, du Kleiner!« sagte der Kutscher und
drehte sich zu ihm um. »Bei wem sollst denn einstehen? Denn
der ist, meiner Seel, nicht angeschmiert.«
»Beim Nörhof-Bertel in Hvarre.«
»Ei der Daus, nach dem Nörhof sollst? Da wärst beinah vom
Wege abgekommen. Hast denn nicht dort die Schmiede lie-
gen sehen?«
»Wohl!« Per machte schon Miene, vom Wagen abzusprin-
gen.
»Na, bleib nur auf deinem Platz, wenn du schon hier oben
bist! Ich zeig dir einen andern Weg,« sagte der Kutscher.
Eine Weile später fragte er: »Wo bist denn her?«
»Aus der Gemeindehütte.«
»Der Gemeindehütte drüben in Runge?«
»Ja.«
»So ist dein Vater der Schuhmacher?«
»Das weiß ich nicht.«
Der Kutscher sah Per mit einem unmerklichen Lächeln an:
»Na, freilich nicht.«
Als Per endlich vom Wagen herunter mußte, zog der Kutscher
seinen Beutel hervor und sagte:
»Mein Name ist Kild Pejrsen, und sollte der Nörhofer dir
zu uneben werden, so könntest du ja bei mir anfragen; kann
sein, ich brauch auch einen tüchtigen Hirten. Jetzt aber sollst
du das dafür haben, daß du mir so gut geholfen hast, mit den
Rackern fertig zu werden.«
Per mußte zweimal zu dem Kutscher aufschauen, ehe er
seinen eigenen Augen traute; ein ganzes rundes Zweikronen-
stück! So ein groß Stück Geld hätte er sich nicht träumen las-
sen, je zu besitzen.
Glücklicher als ein Krösus schritt er nun aus. Ein lei-
ses Bedauern regte sich in ihm, daß es nicht dieser Mann
war, zu dem er in Dienst sollte, anstatt zu dem knauserigen
Nörhofer.
Es war etwas über die Mittagszeit, als Per das Ziel seiner
Wanderung, ein wohlgebautes Gehöft inmitten eines um-
zäunten grünen Platzes, erreichte.
Der große gelbe Hund lief ihm mit geiferndem Maul ei-
nige hundert Schritte weit vom Hause entgegen. Mit dem
den Hunden eigenen Instinkt hatte die Bestie schon gewittert,
daß es ein Kind armer Leute sei, das in den Nörhof eindrin-
gen wollte.
Die Leute behaupteten steif und fest, daß Bertel das bis-
sige Vieh nur halte, um Bettler und andres armes Volk vom
Hofe zu verscheuchen, und nicht selten gelang es dem Hunde
wirklich, einen Armen zur Umkehr zu bewegen. Jeden Schritt
vorwärts mußte sich Per erkämpfen, indem er mit Stein und
Stock die Bestie, der der Schaum der Wut und der gelbe Geifer
durch das weiße Gebiß auf den Straßenstaub troff, zum Hof
zurücktrieb.
Der Nörhof lag hinter einer leichten Verschanzung von
Strohschobern, Ackerwalzen, Heuwagen und aufgeworfenen
Gräben. Per blieb, vom Hunde unaufhörlich angekläfft, einen
Augenblick stehen, um seine Strümpfe anzuziehen.
Als er damit fertig war, näherte er sich dem Tor, stark be-
drückt von jenem Gefühl der Beklommenheit, das uns befällt,
wenn wir das erstemal eine fremde Schwelle betreten. Noch
hatte er kein andres lebendes Wesen auf dem Hofe entdeckt
als den Hund mit der schwarzen Schnauze und den blutun-
terlaufenen Augen, der hinter der Hausecke lauerte.
Auf einmal scholl aus dem inneren Hofraum lautes Geschrei,
gefolgt von wirrem Wagengerassel.
»Hö! Prr! Hö! Prr! So steht’s doch, ihr Luder!« Darauf ließ
sich des Nörhofers eigener unverkennbarer Brummbaß ver-
nehmen:
»So pack doch die Zügel an, wie sich’s gehört, du Saubengel,
du! Wie unterstehst du dich, in drei Teufels Namen, deinen
sudligen Sumpftorf mit dem Gaul zu fahren? Mußt denn
ein jedes Stück, das man am Hof hat, kurz und klein schla-
gen? Eine Maulschelle verdienst du, daß dir die Zähne an die
Scheunentür fliegen!«
Per begann bei diesen Worten am ganzen Leibe zu zittern.
Das war’s also, was ihm bevorstand; er dachte einen Augenblick
daran, auf und davon zu rennen; aber was würde das wohl
nützen? Höchstens würde er den Hund an den Fersen haben.
Er wartete also, bis der ärgste Sturm sich etwas gelegt hatte,
faßte sich ein Herz und trat durch das Tor. Nach wenigen
Schritten auf dem Steinpflaster stieß er auf Bertel, der noch
immer grimmig über den Unterknecht fluchte, weil dieser bei
einem Versuche, beim Düngerhaufen mit der Mistfuhre zu
wenden, die Deichsel an der Gabel gebrochen hatte.
»Guten Tag!« grüßte Per sehr verzagt.
Bertel schob die Mütze aus der Stirn zurück und erwiderte:
»Ja, könntest jetzt gleich auch guten Abend sagen! Kommt
man um die Zeit? Haben dir deine Eltern gar soviel mitzuge-
ben gehabt, daß sie dich nicht hätten ein paar Stunden frü-
her weglassen können? Da stehen die Schafe schon tagelang
auf dem Steinacker und warten, daß sie auf die Weide kom-
men; denn unsereins kann, weiß Gott, doch nicht auf allen
Seiten zugleich sein, so not es auch tat bei den verdammten
Tagdieben und Trampeln von Leuten, die man heutigen Tags
hat.«
Bei diesen Worten kehrte er sich nochmals drohend nach
dem zweiten Knecht um, der drüben beim Dunghaufen sich
abschwitzte und mit Mühe die Pferde an die neue Deichsel
anschirrte.
Wieder drehte er sich dem demütig wartenden Per zu und
sagte: »Hast du vielleicht ein andres Zeug zum Anziehen, so
geh und tummle dich.«
»Ich hab kein andres,« versetzte Per.
»Hat dir deine Mutter nichts andres mitgegeben als das eine
Gewand?«
»Nein.«
»Was tust denn dann, wenn’s draufgeht? Bei uns trägt man
seine alten Sachen zur Arbeit, denn hier heißt’s zugreifen, hier
gibt’s wahrhaftig mehr als genug zu tun, mein Lieber! Willst
du einen Schluck Bier haben, so geh hinein zur Ann-Kjestin;
denn Mittagessen gibt’s keins mehr für einen, der so spät nach
Essenszeit daherkommt.«
Darauf wendete sich Bertel wieder der Arbeit zu.
Der Hund, der aus dem Benehmen seines Herrn geschlossen
hatte, daß Per zu den Gästen gehörte, die einer kleinen
Verwarnung bedürften, war hinter die Vorhaustür gekrochen.
Als Per in den Hausflur trat und die Tür des Wohnzimmers
zu öffnen versuchte, schnappte ihm Hektor mit seinen garsti-
gen Zähnen nach der Wade, um dann scheelen Blicks, krie-
chend und schweifwedelnd, seinem Herrn zu nahen.
Mit hellen Tränen in den Augen kam Per in die Stube.
»Aber Jesses nein, ist das unser neuer Hirtenjung, der da
weinend auf den Hof kommt? Was ist dir denn passiert, du?«
»Der Hund hat mich ins Bein gebissen,« klagte Per mit noch
heftigerem Schluchzen.
»Der Hektor! Da mußt du, meiner Treu, nur selber schuld
sein, Kind, denn der Hektor, der ist sonst fromm wie ein
Lamm. Es muß eins nur frei auf ihn zugehen und keine Ver-
zagtheit nicht zeigen.
Du hast einen recht weiten Weg heut gemacht?« fuhr Ann-
Kjestin fort.
Per kam er nicht gar kurz vor; jedenfalls war es der weiteste
in seinem Leben gewesen.
»Da wird’s dir wohl an einem Bissen Essen nottun,« meinte
Ann-Kjestin.
»Nein, nur was zu trinken soll ich kriegen, und tummeln
soll ich mich, daß ich wieder hinaus zum Bauer komm.«
»Ach, laß dir nur Zeit, kannst schon dein Vesperbrot essen.«
Ann-Kjestin stellte eine große, dick bestrichene Brotschnitte
und den Bierschoppen vor Per hin. Das linderte gar sehr die
brennende Wunde am Bein.
»Warst also bis jetzt noch nie in Dienst?« frug Ann-Kjestin.
»Nein.«
»Da wird’s so leicht nicht sein, wenn du noch nie eine Keule
in der Hand gehabt hast. Laß dich jetzt auch nur gehörig wei-
sen, sonst fährt unser Hausvater leicht in die Höh.«
Draußen auf dem Steinpflaster begannen jetzt Berteis Holz-
schuhe ein unheilverkündendes Geklapper.
Per warf sein Butterbrot auf den Tisch und sprang auf. »Nein,
laß dir nur Zeit aufzuessen, Kind, er wird dir deswegen den
Kopf nicht abreißen.«
Per begann wieder aus Herzenslust zu kauen; ab und zu
sprach er auch tüchtig dem gelben Bierkrug zu.
Ann-Kjestin fuhr fort: »Na, von daheim – da wirst wohl
auch nicht verwöhnt sein mit dem Liegen. Hier sollst du
beim Großknecht schlafen, es ist besser, du legst dich nicht
gar nah zu ihm hin, wenn du’s ausweichen kannst. Denn
er – – – nein, nicht deswegen – ich mein’ schon, er war ein
reinlicher Mensch, aber er hat was zwischen den Fingern, so
eine Art, die mir nicht zum besten gefallen will. Ich hab ihm
grüne Seife gegeben, daß er sich damit schmiert, aber ob er’s
tut, das fragt sich erst. Ich denk, es ist die gewisse Kratz, mit
der so viele arg dran sind. Habt ihr bei euch zu Haus nie so
was gehabt?«
»Nein, ich hab nie was andres gehabt als Würmer und
dann die Drüsen; in der Schule aber, da waren viele von den
Jungens, die im Dienst sind, krätzig. Dann hat sie aber der
Küster allemal so lang von der Schule ausbleiben heißen, bis
sie’s wieder los wären; aber gut ist’s deswegen doch nicht wor-
den,« erzählte Per, plötzlich sehr mitteilsam.
»Schau, schau, haben sie deswegen aus der Schule zu Haus
bleiben müssen?« sagte Ann-Kjestin gedankenvoll. »Ja, wenn
du mit dem Essen soweit fertig bist, so wirst wohl zum Bertel
hinaus müssen,« fügte sie hinzu, indem sie ihrer Gewohnheit
nach die ausgespreizten Finger der Hand von dem einen ho-
hen Zwillingsbusen zu dem andern hin und her bewegte.
Per zog abermals seine Strümpfe aus und sah am Bein einen
roten frischen Biß zweier spitzer Hundezähne. Mit den blo-
ßen roten Füßen glitt er über die spitzen Pflastersteine, um
sich bei Bertel seinen zukünftigen Wirkungskreis anweisen
zu lassen.
AUF DEM NÖRHOFE

Pers Leben unter Bertels Dach gestaltete sich wie das aller
Hirtenjungen seines Alters.
Die Gründe des Hofs lagen sehr zerstreut, und da er das
Hüten des Viehs so gut wie allein über hatte, so kam er niemals
zur Ruhe. Von vier Uhr früh bis abends zehn, elf Uhr gab es
kaum eine Sekunde – die knapp zugemessenen Essenszeiten
abgerechnet – die er hätte sein nennen können. Woche und
Feiertag floß für ihn in ein graues Einerlei zusammen. Selbst im
stärksten Mittagssonnenbrande, wenn der Körper nach dem
Essen schwer und matt war, mußte er, die schwere Tüderkeule
von einer Achsel auf die andre werfend, mit den sonnverwit-
terten Füßen forttrippeln, während das erwachsene Gesinde
des Hofs in der schattigen, kühlen Scheuneneinfahrt Siesta
machte. Den letzten Bissen noch im Munde, mußte er auf
und davon rennen, ja an den allerheißesten Tagen, wenn alle
die aneinandergeseilten Schafe von den dürren Weiden zu
den fernen Tränken heruntergetrieben werden mußten und
er todmüde von den Sümpfen heimkam, wo er Ordnung un-
ter die von der Hitze wild gewordenen Rinder gebracht hatte,
wurde ihm nur aus der Küchentür eine Brotschnitte herausge-
langt mit der eindringlichen Ermahnung, doch ja endlich die
Beine in die Hand zu nehmen, die Schafe auf den Steinäckern
würden schon entsetzlich durstig sein. Daß auch er durstig
sein dürfte nach achtstündigem unablässigem Hin- und
Herrennen auf sonndurchglühten Wegen, wo der Sand und
die weißen Flintsteine unter den Zehen förmlich brannten,
kam nicht in Betracht. Sein Dienstherr duldete nicht, daß er
auf gewöhnliche menschliche Weise gehe, er sollte immer lau-
fen – sich womöglich die Seele aus dem Leibe laufen –, und
dabei fehlte es nie an gestrenger Aufsicht aus den Fenstern
oder sonstigen Gucklöchern des Hofs.
»Wenn solche junge Kerls nicht sollten tüchtig umrennen
können,« pflegte Bertel zu sagen, »so möcht ich wissen, wozu
sie denn dann ihre dünnen Beine haben!«
Bei der Heumahd mußte er mit den Erwachsenen auf die
Wiesen, um hinter dem Heufuder herzurechen, und wenn die
Sonne schon längst hinter den Himmelsrand gesunken war
und alle andern zur Ruhe und zum Abendbrot zogen, mit sei-
ner Keule nochmals die Anhöhen hinauf, um die Schafe für
die Nacht unterzubringen.
»Hat sich eins losgerissen, so mußt du es wieder anbinden,
eh du fortgehst, damit sie nicht am Ende hinausrennen und
unterm Korn und den Kartoffeln Schaden machen, dieweil
man schläft. Die zwei untersten Koppeln, die kannst du nach
der oberen Trift hinübertreiben.«
Das war wieder ein Stück Arbeit mehr am späten Abend.
In Berteis Hof war nie Gesang oder muntere Rede zu hö-
ren. Berteis saure Miene genügte, um jeder noch so leisen
Heiterkeit den Garaus zu machen. Es war, als stiege die Sonne
niemals so recht über den First dieses Hofes empor.
Viehstall und Hürde, Pferch und Koben lagen des Sommers
mit halboffenen Türen und Luken da und strömten sämtlich
einen erstickenden Dunst aus, der sich in der hochaufragenden,
ihre Wälle anmaßend bis dicht unter den Brunnenschwengel
vor der Brauerei vorschiebenden Dungstätte gleichsam ver-
dichtete und sichtbare Form erhielt.
Hier in dem dunstschwangeren Schatten der roten, lang-
gestreckten Wirtschaftsgebäude standen Berteis schnee-
weiße Rinder um die Mittagsstunde, wenn sie erhitzt von
den Sumpfwiesen heimgetrottet kamen. Manchmal stießen
sie einander mit den glänzenden Hörnern, sahen sich aber so-
fort furchtsam um, um nach Berteis breitem Rücken zu spä-
hen. Selbst das Vieh war wie gezeichnet von dem mürrischen
Wesen und der leblosen Schwere, die auf dem Hofe lastete.
Bertel gehörte zu jenem Typus von Bauern, die beständig
auf ihrem Hof mit einer Miene umhergehen, als wäre ihnen
blutiges Unrecht zugefügt worden. Er war immer gleich ver-
drießlich und aufgebracht, ob ihn nun sein Weib um acht
Schilling zu einem Pfund grüner Seife bat oder die Allmacht
die beste seiner Mutterstuten erschlug.
Seine Leute haßten ihn als den Töter ihres Glücks. Sie freu-
ten sich innig, wenn es ihm recht schlecht erging. Als er ein-
mal vom Heuboden herabgefallen war, drei Rippen gebrochen
hatte und lange krank lag, herrschte nichts als Kichern und
Befriedigung in der Kammer der Knechte.
Berteis Blut floß dick und träge. Es war versauert und ab-
gestanden wie bei Leuten, die immer daheimsitzen. Er rührte
sich nie viel über den Umkreis hinaus, in dem er seinen heimi-
schen Dunghaufen noch riechen konnte. Im täglichen Leben
war es schwer, mit ihm auszukommen, er war ein Querkopf
und Geizhals, dem Knauserei und Stalldunst aus allen Poren
drang.
Mit allen ihm nur zu Gebote stehenden Mitteln war Per an-
fangs bestrebt, seinem Dienstherrn zu Gefallen zu sein. Er lief
unaufhörlich zwischen den zerstreut liegenden Weiden umher
und richtete, so klein er war, ebensoviel aus wie zwei andre;
aber da er nie ein aufmunterndes Wort vom Hausvater zu hö-
ren bekam, im Gegenteil nicht selten Undank sein Lohn war,
wurde er allmählich, wenn auch nicht gerade lässig, so doch
stumpf und gleichgültig. Dazu trug einigermaßen bei, daß er
eine Bekanntschaft gemacht hatte, die nicht von allergünstig-
stem Einfluß war.
Es war das ein auf einem Nachbarhofe bediensteter Knecht –
Jakob hieß er –, ein Armeleutkind wie er selbst, doch um ein
paar Jahre älter, ein durch und durch abgefeimter Schelm, der
sich längst zum geschworenen Feinde aller Arbeit und aller
Dienstherren entwickelt hatte.
Er begann damit, den jüngeren, pflichteifrigen und un-
erfahrenen Per ein wenig zum besten zuhaben. Einige Tage,
nachdem sie sich kennengelernt hatten, kam er barhaupt auf
den Acker zu Per hinüber und erzählte mit dem ernstesten
Gesicht von der Welt, er habe eben einen merkwürdigen Vogel
gefangen; er fürchte jedoch, seiner nicht allein habhaft wer-
den zu können und möchte Per schön bitten, ihm zu helfen.
Per, der sich keines Falschs versah und anderseits wie alle
richtigen Burschen eine Portion neugierigen Entdeckerbluts
in den Adern hatte, ging sofort mit zu der Stelle, wo Jakobs
Kappe, mit einigen Steinen beschwert, am Boden lag.
»Kann er fliegen?« frug Per.
»Ja, Herrgott, ob der fliegen kann und pfeifen auch,« sagte
der durchtriebene Jakob. »Aber jetzt mußt du acht geben, daß
du mit den Händen da bist, sowie ich die Mütze aufheb, und
das ja gleich im selben Nu.«
Pers Augen leuchteten vor Eifer und Anstelligkeit.
»Bist du also auf der Hut?« rief Jakob, die Kappe in die Höhe
reißend; im selben Augenblick griff Per mit den Händen
bis zum Handgelenk in einen Kuhfladen. Jakob schlug
Purzelbäume wie ein Wilder vor lauter Lachen.
Per saß starr in bebender Wut da und schaute von Jakob auf
seine besudelten Hände. Wäre ihm Jakob an Kraft nicht so
überlegen gewesen, er hätte ihn mit den Händen, wie sie wa-
ren, an der Gurgel gepackt.
Mehrere Tage lang mied er nun Jakobs Gesellschaft; der ver-
schmitzte Verbrecherkandidat wußte sich indes bei dem un-
verdorbenen Per bald wieder einzuschmeicheln. Jakob band
ihm die dicksten Lügengeschichten auf und betrog ihn beim
Peitschenhandel. Insbesondere verhöhnte er ihn wegen seines
allzu großen Pflichteifers gegenüber seinem Herrn.
»Solche Halunken!« sagte er, »das fehlte noch, alleweil zu
laufen und ihnen nach den Augen zu schauen. Sie sind nichts
Bessres wert, als daß man sie hinten und vorn zum Narren
hat.«
»Da schau, was ich da hab,« sagte er, zwei rohe Hühnereier
aus der Jackentasche hervorziehend. »Die sind gut für den
Durst.«
»Wo hast du sie hergenommen?« fragte Per ernst.
»Daheim, vom Gesims über der Tür. Verkaufen kann man
nichts davon, sonst käm’s auf. Aber zum Essen sind sie recht
gut. Willst eins davon haben?« Jakob zeigte, wie man durch
einen kleinen Stich an jedem Ende des Eies dessen ganzen
Inhalt mit einem Zug aussaugen konnte.
Per sagte, er könne rohe Eier nicht leiden. So trank sie
denn Jakob alle beide mit lautem Schmatzen und entzückten
Gebärden aus und unterhielt unterdessen Per mit dem, was er
daheim in der Kammer der Knechte gehört und gesehen hatte.
Er verhehlte ihm nicht, was er selbst, so jung er noch war, von
jenen Freuden kennen gelernt, die man in der Scheune oder
auf einem Heuboden genießen kann, wenn die Sonne unter-
gegangen ist und Finsternis die Taten der Menschen deckt.
Als Jakob noch ein paar gelbe Rüben hervorzog und Per
auch diese gestohlenen Leckerbissen nicht mit ihm teilen
wollte, mußte er sich in einige wohlgezielte Hiebe von des er-
zürnten Jakobs Peitsche finden.
So schieden sie auch diesmal in Zorn.
DES HÜTERJUNGEN TAGEWERK

Wenn der Nörhofer des Sommers um vier Uhr morgens über


das Steinpflaster zur Kammer der Knechte klapperte, um die
Leute zu rufen, tat er es mit einem Gepolter, daß die Spatzen
unter dem Vordach vor Schrecken auf und davon über den
Dachfirst flogen. War er dann aus dem Hof in den Stall ge-
langt und hatte die Tür zu der Kammer der Knechte angelweit
aufgerissen, hielt er täglich dieselbe Namensfolge ein: »Per! –
Anders! – Laurenz!« Und mit verstärkter Stimme nochmals:
»Peer!«
Der kleine Per schlug seine schläfrigen Augen auf und sah den
Tag mit überzeugendem Glanz durch die Stallkammerscheibe
scheinen und die Tausende von baumelnden Spinngeweben
vergolden, die die Gardinen und Tapeten des schmutzstarren-
den Raums bildeten.
Per hätte die halbe Seligkeit dafür hingegeben, nur eine
Stunde noch schlafen zu dürfen. Aber er wußte, wie vergeb-
lich jede Bitte wäre; denn Bertel verließ nie die Türöffnung,
bevor nicht Pers kupferbraune Füße auf dem Lehmboden
standen.
»Die Schafe auf den Weiden draußen stehen gar so kurz an-
gebunden; es ist das beste, du gehst zuerst zu denen. Aber steck
auch einen frischen Halfter ein fürs Kalb, das sich gestern
mittag losgerissen hat, und schau nachher zum Sumpfboden
hin, ob das Laufbrett nicht weggekommen ist – –« und noch
ein halbes Dutzend ähnlicher Aufträge.
»Das Frühstück kriegst du, wenn du beim Vieh überall zum
Rechten geschaut hast –.« Das hieß so viel wie in drei bis vier
Stunden.
Den Kopf halbschlafend zwischen die schmalen Schultern
gesenkt, trippelt Per bloßfüßig über Sümpfe und taubeglän-
zte Haferfelder. Eine regenbogenfarbige Glorie spielt im Tau
um den Kopf seines langen Schattens, der vor ihm über den
frischen Wiesengrund hineilt. – Welcher herrliche Morgen!
würde jeder ausrufen, der von duftendem Morgenkaffee und
gesundem, stärkendem Schlaf käme. Was aber bedeuten goldne
Wolken und all die andre taugeborene Herrlichkeit für den,
der von Schlafmangel und monatelanger Überanstrengung
aufgerieben nicht einmal die Zeit findet, sein Gesicht in ei-
nem Kübel reinen Wassers zu netzen.
Per lief mit schlotternden Beinen und gewölbtem Rücken
über den schwankenden Wiesengrund, wo die feinen ge-
riffelten Grasspitzen des zweiten Schnitts ragten und ihre
kleinen blanken Schwerter im Windhauch des erwachenden
Morgens hin und her bewegten. Die Grauammer saß auf den
Heckenpfählen und schmetterte ihre helle Reveille munterer
Morgentriller in den neugeschaffenen Tag hinaus. Der nie-
dere Porsch und die ellenlangen Sauerampferstengel schaukel-
ten still auf der Wurzel und gössen säuerlichen Duft über die
Moore hin, indes Scharen morgenhungriger Stare mit glän-
zenden Federn sich zwischen den Knollen tummelten.
Per lief und lief mit geknickten Knien in leisen, schwan-
ken Rucken und mit halboffenen, verklebten Augen. Erst als
er über ein kleines Wasserrinnsal taumelte und der Wiesen-
tau ihm ins Gesicht schlug, wachte er auf und sah eine weit-
gedehnte, mit weißen und bunten Rinderkörpern bedeckte
Wiesenfläche vor sich. Ein heller Tautropfen hing funkelnd an
jedem der gebogenen Hörner. Per trieb seine Rinder auf noch
nicht abgeweidete Stellen und eilte dann wieder fort, die hö-
her gelegenen Weideplätze hinan, wo die weißen Lämmer mit
den gebogenen Rassenasen sich vom Pelz der’ Mutterschafe
erhoben, die langen Beine streckten, den Rücken einzogen
und in schlafgesättigtem Behagen den Hals zu einem Bogen
spannten, um im nächsten Augenblick die Mäuler tief in den
taubesprengten Weißklee zu stecken, der mit seinen fetten
Blättern und Honigkelchen lockte.
Alles war hier draußen so rein und frisch und morgen-
freudig, nur an ihm, dem Menschenkind, klebten Schmutz
und Stallgeruch. Nur er trug den Kopf gebeugt in Verwahr-
losung und Müdigkeit.
Per hatte endlich die Runde gemacht und konnte von vorn
beginnen; zuvor war ihm jedoch gegönnt, den Morgenimbiß
zu verspeisen, den ganzen Sommer dasselbe Gericht: kalte
Zentrifugalmilch und Roggenbrot. Später am Vormittag
kam er zu den Kühen hin, die in langer Reihe am Saume
eines reifenden Roggenfeldes standen. Sobald er den letzten
Tüderpflock eingeschlagen hatte, sah er sich aufmerksam
nach allen Seiten um. Nein, nirgends, weder auf den Feldern,
noch auch daheim am Hof war ein Schatten von Bertel zu se-
hen. Ach, da möcht es für einen kleinen Jungen doch angehen,
sich ein paar Minuten hier im Schatten des Roggens hinzu-
strecken; es war ja noch eine gute Stunde bis zu Mittag, und
früher brauchten die Kühe nicht daheim zu sein; er legte sich
auf den Rücken in einen Kleebusch hinein, der mitten unter
dem geringelten Roggen stand. Er wollte beileibe nicht schla-
fen, davon war keine Rede; er wollte nur die Glieder strek-
ken, ein klein wenig nur; denn die Schafe dort droben auf der
Heide mußten ja gewässert und die drei Kuhkälber drunten
am Südmoor ebenfalls weggetrieben werden. – Wie wohl tat
das, so frei ausgestreckt hier im duftenden Klee zu liegen; das
war freilich was andres als das stinkende Lager neben dem
Oberknecht. Das war aber auch ein gar grauslicher Kerl, mit
dem man da zusammenliegen mußte. Oft fehlte nicht viel,
daß er einen ganz über den Bettrand hinausgedrängt hätte,
und wie er in der Nacht sich immer kratzte! Gott weiß, was
einem selbst in der letzten Zeit zwischen die Finger gekom-
men war; jetzt juckte es schon wieder, merkwürdig, wie das
immer juckte, wenn man dran dachte. Nein, wahrhaftig, hier
war’s doch anders als zu Haus in der Stallkammer; warum
man nur nicht auch in den Nächten draußen liegen konnte,
wie die Ochsen, und früh mit dem Tau in den Augenwinkeln
erwachen? Unten an der großen Zehe die Strippe des
Wadenstutzens, die war wohl zu trocken geworden und schnitt
ins Fleisch. Dem war abzuhelfen. Per bog sich hinab und zog
die Strippe über die Zehe hinunter. So, das war gut. Jetzt war
nur noch der kleine Kiesel da drin unter dem Schulterblatt.
Er bog den Arm ein und schleuderte das Steinchen in einem
großen Bogen über die nächste Kuh hinweg. Dann bohrte er
sich tief hinein wie ein Häschen ins Haferlager. – Nein, die
schönen, weißen Wolken, die da droben zogen. Wie langsam
sie trieben, sie hatten wohl nicht viel zu tun; das sollte nur er
sich unterstehen, so herumzuschlendern und die Zeit zu ver-
geuden, da bekäme er schön die Peitsche des Bauers zu kosten.
Schau, schau, da hatte sich die vorderste entzwei geteilt, es
hätte nicht viel gefehlt und sie war ganz und gar zergangen
in der Hitze; es war kein Wunder! Einen Riß hat sie bekom-
men von oben bis hinunter. Was jetzt wohl geschehen wird?
Die kleine hat schon beinah einen Vorsprung, die größere tut
sich förmlich besinnen. Hei! Marsch fort! Wirst dich rühren,
du dicker Klotz! so plauderte Per mit der Wolke. Aber da
sieh nur einer, jetzt schaut sie wieder ganz anders aus! Die
dicke dort mit der langen geraden Nase, dem vorstehenden
Kinn und dem Heuwisch am Backenbart, das ist ja der Bauer,
der Bertel! Ja, wahrhaftig, wie er leibt und lebt, nicht einmal
der Tropfen fehlt, der ihm immer von der Nase hängt, wenn
ihm die Galle überläuft. Und die kleinere Wölke, die vorn,
die – – – meiner Sixt! das ist ja der Hektor, der alle armen
Leute in die Wade beißt. Schau, jetzt dreht er sich und wedelt
den Bertel an, wie er einen Bettler in die Flucht gejagt hat. –
Ja, dem Hektor, dem verfluchten Köter, dem hat er’s neulich
doch einmal gegeben, tüchtig hat er ihm das Fell gegerbt, als
er damals der armen Stine Bethlehem an die Röcke fuhr; das
wird er sich wohl nicht so geschwind ablecken, was er da drü-
ben hinterm Gartengraben erwischt hat.
Nun fingen Pers Augen schon an zu ermatten; es war daher
gefährlich, gerade zu diesem Zeitpunkt die Wolken fahren
zu lassen und sich lauter Gehörsempfindungen hinzugeben,
die sicherer als alles andre den lieben Mann in Schlafes Arme
führen. – Das war doch merkwürdig, daß die Lerchen so
den ganzen lieben Tag singen konnten; Gott weiß, wie hoch
droben so ein kleines Vieh sich eigentlich aufhalten mochte!
Niemand sieht’s ja, wo sie singen, grad wie beim Küster, wenn
er am Sonntag mit dem aufgeschlagenen Psalmbuch in den
Mesnerstuhl kriecht. Den kann auch niemand sehen, aber hö-
ren tun ihn alle.
Per mußte plötzlich eines Sonntags gedenken, an dem er in
Runge in der Kirche war, während der zitterige Schullehrer
Pallisen drinnen hinter dem hohen Mesnerstuhl saß und sang:
»Auf blick ich zur Himmelsflur, folgend deiner Fußspur nur.«
Per kicherte noch in der Erinnerung an den Schulmeister,
der mit bloßem Kopf, eine Koppel blökender Schafe dicht
auf den Fersen, die Landstraße einhertrabte und dabei aus
Leibeskräften aus seinem Gesangbuch Lieder sang.
Rings um Pers Ohren summten die Bienen in dem zucker-
süßen Weißklee. – Nein, die dort mußte wahrhaftig eine
Hummel sein, so stark wie die brummte. Jetzt war sie in
der Nähe, jetzt weiter weg, jetzt wieder weiter! Und wie nur
die Kühe herumwetzten. Die nächste da, die ihm gerade ins
Ohr schnaubte, das war die Zugkuh, so eine gute Kuh war
das, recht ein liebes Vieh, so fromm und folgsam. Und im-
mer streckt sie ihr schnoberndes Maul so hoch herauf, daß
zwei warme Strahlen ihres Atems einem gradaus ins Gesicht
blasen. So gern läßt sie sich an der Gurgel krauen, die Zug-
kuh. Sie kriegt immer den besten Platz auf der Weide. Horch,
wie sie ins Gras schnauft. Ja, da gibt’s aber auch prächtigen
Rotklee, wo sie steht, deshalb summen an der Stelle auch so
viele Hummeln, da ist wieder eine. Die muß eine gehörig
große sein, weil sie gar so surrt; jetzt fliegt sie auf, jetzt setzt sie
sich wieder, fliegt wieder auf, setzt sich wieder. Sie wird einem
doch nicht ans Ohr kommen; denn die haben einen gar ar-
gen Stachel, wenn sie zornig werden. Hei, da ist sie fortgeflo-
gen! Horch! ganz fort, weit fort, im Zickzack hoch über den
Roggen hin – – – den Roggen – – Roggen – – auf und nieder,
langsam, langsam auf und nieder; auf schwingt sie sich, dort
beim untern Weg, hoch im Bogen über die Ährenspitzen bis
zur Höhe hinüber.
Und das Klingeln da, wie von einer Schafglocke – – weit
weg – – zwischen blauen Hügeln – – dingeling – dingeling – –
ling – – ling – –
Nun floß der Schall der kleinen Roggenschellen mit all den
andern Sommerlauten in eins zusammen; das Summen der
Bienen, das Rascheln der Kühe, der Gesang der Lerchen – al-
les verschmolz nun zu einem einzigen tiefen, summenden Ton,
der ferner und ferner scholl und zuletzt sich ganz hineinver-
kroch in die bläulichen Nebel der Hügel.
Pers Augenlider zitterten ein paarmal schwach, dann sanken
sie fest zu.
Per schlief – das unbedeckte Gesicht geradeaus zu Gottes
Sonne emporgewendet, die große Zehe unter den Fußballen
hineingeschmiegt, wie die Katze, wenn sie sich’s hinter der
Scheune bequem macht.
Zwei Stunden mochten wohl vergangen sein, als Per im
Schlafe auflachte; kurz darauf erhob er sich mit einem hasti-
gen Ruck und sah sich verwirrt mit großen Augen nach allen
Seiten um.
Zu seinen Füßen stand die Zugkuh und streckte den Kopf
vor, als erwartete sie wieder, am Halse gekraut zu werden; sein
unwillkürliches Lachen war daher gekommen, daß sie seinen
nackten Fußballen beschnuppert und ihn mit ihrem warmen,
schnaubenden Atem gekitzelt hatte; er war erst erwacht, als
sie auch mit ihrer langen rauhen Zunge über seine Zehen hin-
zulecken begann.
Die Zugkuh meinte es immer gar zu gut.
Pers Augen sahen sofort nach dem Hof und dem übri-
gen Dorfe aus, aber kein Mensch war zu sehen, weder oben
noch unten. Offenbar mußte – wie auch der Schatten vermu-
ten ließ – Mittag längst vorbei sein, und alles hielt nun den
Mittagsschlaf. Das war in der Tat eine höchst unbehagliche
Geschichte. Die Kühe hätten schon vor mehr als einer Stunde
gemolken werden sollen; jetzt hieß es, sich auf das Schlimmste
gefaßt machen.
In größter Hast koppelte Per die zwölf Kühe zusammen, die
schwere Keule ans Horn der Zugkuh befestigend, und heim-
wärts ging es in einer deckenden Wolke dichten Staubs.
Eine fürchterliche Stille herrschte drin und draußen um den
Hof. Per wollte vor dem Tor ein wenig innehalten, um einen
Überblick über die Situation zu gewinnen. Aber die dursti-
gen Kühe schmachteten nach dem Wassertrog. Es war nichts
mit ihnen anzufangen; sogar die Zugkuh weigerte sich, Order
zu parieren, und machte gemeinsame Sache mit den übrigen
zur Pforte mit einer Gewaltsamkeit Drängenden, die weder
Peitsche noch Zurufe zu zähmen vermochte.
Per mußte ihnen nach und bekam in der schmalen Tor-
öffnung manchen tüchtigen Tritt auf seine nackten Füße
ab, ja es war ein Wunder, daß er inmitten der unbändig vor-
wärtsstürmenden Tiere nicht ganz zerquetscht wurde. Sein
Herz pochte wie ein kleines Hammerbeil wider die Rippen;
mit der Hand das Horn der Zugkuh umklammernd, kam er
zum Brunnenrand getaumelt.
Es war leicht zu erkennen, wie drohend die Lage war. Per
erwartete jeden Augenblick Bertel aus einer der offenen
Tennenschlunde mit einem Schlägel in der Hand heraustreten
zu sehen; er verrichtete jedoch seine Arbeit, wenn auch unter
Zittern und Beben.
Die vordersten Kühe standen schon fest an dem Wassertrog
und stürzten das Wasser durch den Schlund hinunter, daß es
förmlich klatschte. Die hintersten drängten nach, um auch
daran zu kommen. Per, der die Stimme nicht allzu laut zu er-
heben wagte, um die bösen Geister des Hauses nicht herbei-
zurufen, hatte die größte Mühe, die Ordnung in den Reihen
aufrechtzuerhalten; jeden Augenblick waren die zwei kleinen
Füße in Gefahr, unter den vielen wildtrampelnden Klauen
zertreten zu werden.
Noch hatte kein menschliches Wesen seine Ruhe gestört;
er begann sich zu ängstigen, daß die Rache ihn im dunklen
Kuhstall ereilen würde, wo nur geringe Möglichkeit zur Flucht
vorhanden und der Kampf zwischen einem kleinen Buben
und einem großen Knüppel besonders aussichtslos wäre.
Auf einmal stand breitspurig und dickbäuchig Ann-Kjestin
in der Waschhaustür. Ihre Hand war auf die schwellendste
der Brüste aufgepflanzt und ihr Aussehen nichts weniger als
vertrauenerweckend.
Gleichwohl verlor Per beim Anblick der Hausmutter seine
halbe Angst, denn nun wußte er, daß kein Bertel daheim sei.
»Ist das eine Zeit, mit den Kühen daherzukommen, du
Schlingel, jetzt um halb zwei?« begann Ann-Kjestin mit wü-
tendem Blick.
»Was glaubst du denn, wann sollen die Mägde zum Melken
kommen, jetzt, wo ein jedes wieder an seine Arbeit muß?
Wirst du herkommen, daß ich dich tüchtig bei den Ohren
nehm!«
Ann-Kjestin hatte ihre zornigste Miene angenommen, hatte
überdies ihre ausgespreizten Finger von einer Batterie zur
andern wandern lassen und stand und trommelte mit den
Fingern auf der Taille ihres Kleides.
Per fühlte keinen Drang, irgend eine Annäherung ein-
zuleiten, zog nur den Mund in die Länge und fing zu weinen
an.
»Zum Teufel, ich werd dir’s eintränken, du halsstarriger Bub
du, wenn du nicht augenblicklich herkommst, wie ich dir’s
schaff!« schrie sie mit immer stärker anschwellender Stimme.
Pers Ohren hatten schon bei dem bloßen Gedanken, der
Hausmutter in diesem Augenblick unter die Finger zu geraten,
rote Flecke bekommen. Obendrein flüsterte etwas in seinem
Innern: Komm du nur her und versuch’s, mit mir um die
Wette rund um den Brunnentrog zu laufen, meine liebe dicke
Ann-Kjestin!
Er fuhr fort, sich mit den Kühen zu schaffen zu machen.
Aber nun rief Ann-Kjestin Hilfstruppen herbei.
»Mette, komm heraus und schlepp mir den Burschen her,
geschwind aber!« Mette, die Magd, der das als ein rechter Jux
erschien, kam mit rauschenden Röcken über das Pflaster her-
beigestürzt.
Aber Per ergab sich nicht so ohne weiteres, solang er nur ge-
gen Frauenzimmer zu kämpfen hatte. Es war nicht das erste-
mal, daß er sich auf einen Wettlauf mit einer Tracht Prügel
als Einsatz eingelassen hatte. Resolut ließ er nun alle die
Kuhstricke fahren und verschanzte sich hinter der Dungstätte.
Hier war Per in geschützter Stellung. Mette bekam es hinge-
gen zu fühlen, daß es durchaus nicht beneidenswert sei, zur
Sommerszeit über eine Mistgrube zu navigieren. Per machte
von der alten Kriegslist Gebrauch, den schweren feindlichen
Train auf Stellen hinzulocken, wo er notgedrungen durch-
plumpsen mußte.
Eine Anzahl Mistknollen ragten wie Inseln aus einem Sumpf
von Jauche hervor. Per fuhr über diese wie eine Bachstelze
hin und her; diensteifrig eilte die leichtfertige Mette desselben
Weges nach. Aber kaum daß sie ein paar Schritte getan, verlor
sie das Gleichgewicht, und schwups! saß die dicke Magd mit
ihren neuen roten Strümpfen bis an die Knie im Dreck. Laut
kreischend sank sie ein.
Ohne sich eine Zehe zu netzen, rettete Per sich nach dem
andern Ufer hinüber.
Inzwischen hatten die Dinge vor dem Waschhaus eine un-
heilvolle Entwicklung genommen. Als die Kühe merkten, daß
sie niemand am Seil hielt, stürzten sie samt und sonders zum
Brunnen hin. Die Hörner knallten, die Klauen zappelten und
lärmten; die dicken aufgedunsenen Tierkörper schoben sich
herein und heraus im wildesten Aufruhr, unter Gebrüll und
Gestoße führten sie einen wahnwitzigen Tanz auf.
»Ach, du himmlischer Vater, sei uns gnädig!« jammerte und
wehklagte Ann-Kjestin von der Tür des Waschhauses aus.
»Die zwölf Kühe werden uns noch kopfüber in den Brunnen
stürzen. Komm rein, Mette, und laß den Lauskerl jetzt lieber
hin zum Vieh, eine Ordnung schaffen.«
Ann-Kjestin selbst hielt sich in so weiter Entfernung als nur
möglich von den Vorgängen, voll Angst, in den Umkreis des
dröhnenden Kampfes der Tiere mit hineingewirbelt zu wer-
den.
Fluchend und finsterblickend kam Mette dahergeschlürft.
Bei jedem Schritt tropfte es auf die Pflastersteine von ihren
kottriefenden Röcken, die ihr um die Waden klatschten. Sie
hatte jetzt für nichts Sinn als für ihre besudelten Beine.
»Was Teufel hast du mich denn auch dem Bengel nachrennen
heißen?« greinte sie und goß das Wasser aus den Holzschuhen,
bevor sie ins Haus ging.
Mutig hatte sich Per mitten in den Wirbel der taumelnden
Tiere gestürzt. Er sprang und hopste hin und her; bald tau-
melte er zwischen den zwei spitzen Hörnern einer Kuh, bald
langte er nach einem frech erhobenen Maul hinaus. Klitsch!
Klatsch! Klitsch! Klatsch! Nach weniger als einer Minute hin-
gen die achtundvierzig Zitzen wieder ruhig nach dem Gesetz
der Schwere, und ihre leichtsinnigen Besitzerinnen standen
ordentlich hintereinander, warteten geduldig ihre Reihe am
Wassertrog ab und blickten großäugig und mit demütig ge-
senkten Ohren auf zu dem kleinen Zauberer mit den kupfer-
braunen Füßen.
Als Ann-Kjestin gewahrte, daß nun für diesmal alle Gefahr
vorüber sei, dünkte es sie, daß sie geziemenderweise sich das
Maul noch etwas ausschütten könnte.
»Ja, jetzt wird sich’s ja weisen, was unser Hausvater dazu
sagen wird, wenn er nach Haus kommt. Aber ’s Mittagessen
ist jedenfalls aufgegessen, und nicht einen Bissen kriegst du
mehr davon, nach dem, wie du dich aufgeführt hast, drauf
kannst du dich verlassen!
Ach, Herr Gott im Himmel, daß man sich allemal mit and-
rer Leute ihren nichtsnutzigen Fratzen herunterärgern muß!«
Mit diesem Stoßseufzer verschwand Ann-Kjestin in der
Tür.
»Soo, also kein Essen soll’s jetzt geben!« murmelte Per. Es
war allerdings nicht das erstemal, daß die Strafe auf schmale
Kost lautete: aber heute fühlte Per sich ungewöhnlich hung-
rig, wahrscheinlich infolge des stärkenden Schlafs draußen auf
dem Felde. Er überlegte einen Augenblick, ob es nicht tunlich
wäre, sich unten im Küchengarten eine Handvoll Rüben zu
schnipsen; Jakob hatte ihm gesagt, daß ein Dienstherr nicht
das Recht hätte, einem Knecht das Essen zu entziehen. Aber
er besiegte diese Versuchung, trank einen Mund voll frischen
Wassers aus dem Brunneneimer und eilte dann hinaus zu den
Schafen auf den Steinäckern. Nachdem er mehrere Stunden
mit dem leeren Magen in der sengenden Sonne umhergelau-
fen war, empfand er, auf den Hof zurückkommend, einen
fürchterlichen Kopfschmerz, und eine drückende Übelkeit
würgte ihn im Zwerchfell. Als er an dem Ostflügel vorbei-
ging, mußte er die Stirn an die unbeworfene Wand lehnen
und sich übergeben. Das hatte Mette vom Waschhausfenster
beobachtet, und sie erzählte es sofort der Bäuerin.
Da wurde der Ann-Kjestin bange; wie, wenn der Bursch
wirklich hinginge und ihnen erkrankte, so daß sie ohne Hir-
ten dastünden!
»Der nichtsnutzige Jung der!« sagte sie, langte ein mächtiges
Stück Vesperbrot aus der Halbtür und befahl Per, es holen zu
kommen.
Per kam nicht.
»Das ist doch ein Dickschädel sondergleichen! Wird er jetzt
gleich herkommen und einem das Brot aus der Hand nehmen,
wenn man schon dasteht und es ihm hinhält!«
Ann-Kjestin schob die freie Hand von Brust zu Brust unter
steigender Entrüstung.
»So komm doch jetzt her und hol dir den Fladen, hab dir
eigens Rollwurst draufgelegt.«
Per sah abwehrend zur Seite, als dächte er, es gebe im
Menschenleben Augenblicke, wo selbst zu Rollwurst nein ge-
sagt werden muß.
»Ach, Herr Jesus Christ, sind das heutigentags Kinder!
So störrisch! So störrisch! – Mette, geh hin und gib ihm ’s
Vesperbrot, und nimmt er’s nicht, so hau ihm eine auf, daß
ihm die Zähne wackeln! – Meiner Seel, daß ich’s ihm gut ge-
richtet hab!«
Mette kam mit dem Bescheid zurück: »Er sagt, schlecht war
ihm, er könnt nichts essen.«
»Je, Kinder, das auch noch!« seufzte Ann-Kjestin. »Am End
muß er gar noch liegen! Daß man dann dasteht, jetzt zu
Johanni, mitten in der Zeit, und keine Aushilfe nicht kriegt
und nirgends wen hat, nach irgend was zu rennen.« Ann-
Kjestin verzog den Mund wie zum Weinen. Sie holte einen
Napf voll fingerdick mit Rahm bedeckter saurer Milch, die
sie mit geriebenem Brot und Staubzucker bestreute. Die hätte
Bertel bekommen sollen, wenn er aus der Kreisstadt heim-
kam; aber im Augenblick sah Ann-Kjestin beinah das künf-
tige Schicksal des Nörhofs von Pers Gesundheitszustand ab-
hängen.
Aufs neue wurde Mette mit der Meldung zur Hausecke ge-
sendet, und als Per vernahm, womit er diesmal verlockt wer-
den sollte, gab er – ob auch zögernd – seinen Widerstand auf
und setzte sich schweigend ans Tischende.
»Aber verschluck dich nur jetzt nicht dran!« sagte Ann-
Kjestin warnend, noch eh er die Hand an den Löffel gelegt.
Im übrigen ließ sie ihn großmütig in Frieden, wahrend er sei-
nen Hunger stillte.
Das meiste von dem Inhalt der großen Schüssel verschwand
hinter dem Wams des ausgehungerten Knaben.
Als Per so ziemlich fertig war, kam Ann-Kjestin drall und
versöhnlich aus der Speisekammer herein und sagte in altmo-
ralisierendem Stil:
»Siehst du jetzt nicht selber ein, daß du mit den Kühen zur
Zeit hättst da sein können und der ganze Verdruß nicht hätt
sein brauchen?«
»Ich kann nicht dafür, daß ich einschlaf, wenn ich so müd
bin,« sagte Per und begann aufs neue leise zu weinen bei dem
Gedanken an das Unheil, dem er nur halb entgangen war, so
lang noch Bertel als das große Rätsel drohte.
»Na, für diesmal wollen wir die Sache gut sein lassen, bist
ja sonst brav, mußt dir nur angewöhnen, die Augen offen zu
halten – so werde ich dem Bertel also nichts sagen, mußt mir
aber dann drunten im Garten die Kartoffeln häufeln, wenn’s
Vieh draußen versorgt ist.«
So hielt Ann-Kjestin sich für den Rahm schadlos, indes
Berteis drohende Trollgestalt in die Tiefe versank.
»Jetzt verspürst keinen Kopfschmerz mehr?« fragte sie noch.
»Nein, so stark nimmer,« sagte Per und rülpste hörbar.
»Na also! So kannst du jetzt auch wieder zu der Arbeit
schauen.«
SCHULPFLICHTIG

»Soll der Junge heute wieder nicht in die Schule gehen?« frug
Ann-Kjestin eines Morgens beim Frühimbiß, als Per schon
den zweiten Monat keine Schule gesehen hatte.
»Ich begreif nicht, wo du hindenkst!« erwiderte Bertel mit
zornigem Blick und zog seinen Hornlöffel aus dem Mund,
daß er förmlich zwischen den Zähnen knirschte.
»Kann man ihn heute entbehren, wo man die Knechte auf
der Heide hat und keins daheim ist, nach was zu schauen? Dir
ist’s aber auch, zum Teufel, ganz gleich, ob was getan wird auf
dem Hof oder nicht, wenn nur für deine Einsiedgläser und
Vorräte gesorgt ist.«
»Ach, du brauchst nicht gleich aufzubegehren,« gab Ann-
Kjestin zurück. »Mir liegt viel dran, ob der Jung in die Schul
kommt oder nicht! ’s ist nur, weil der neue Mesner so streng
mit den Geldbußen ist, du weißt es ja ohnehin.«
»Das ist mir eine saubere Ware, diese Mesner, die eins jet-
ziger Zeit herkriegt, machen sich so wichtig, oh je, so patzig
und wichtig!« meinte Bertel, aufgebracht auf der Bank hin
und her rückend.
»Ja, da läßt sich weiter nichts sagen, wenn eins dem nach-
geht, wie’s ihm obliegt.«
»Na, so soll er meinetwegen Bußen einheben, der Saukerl!
Da tu ich noch lieber – in Gottes Namen – etliche Kronen an
Bußen hinlegen, wenn man dann den Burschen daheimbe-
halten kann, daß man doch so was wie einen Nutzen aus ihm
herausschlägt.«
»Ja, aber,« fuhr Ann-Kjestin fort und fegte etliche Brot-
krumen in die hohle Hand, »’s heißt nur, daß sie so unsin-
nig hoch sind, die Geldstrafen, die er auferlegt, gar so riesig;
eine ganze Krone jedesmal – wenn’s wahr ist, was die Leute
sagen –, und wenn’s länger dauert, geht er noch mehr in die
Höhe damit.«
»Gott beschütze und bewahre uns!« rief Bertel verblüfft.
»Da könnte man ja um ein halbes Roß kommen von we-
gen so eines Lausbuben, den man vielleicht vier oder sechs
Wochen daheimbehalten hat. Aber sag ich’s nicht, daß es
wahre Schandleute sind, die heutzutage in die Höhe kom-
men? Gehört sich das, daß so einer Mesner wird, der grad
nur – das kann man wahrhaftig sagen – darauf aus ist, den
Bauern zu rungenieren? Wenn sie sonst nichts können, soll
der Teufel die ganze Schullehrerei holen. Wenn sie noch was
lernen täten, was einen Sinn hat, wo sie sich später einmal
daran halten könnten; aber es hört einer bald nie mehr ein
Gotteswort in der Schule. Das Ganze läuft jetzt nur noch auf
die Vaterlandsgeschichte hinaus. Und da werden sie meiner
Seel weit kommen damit, wenn’s hapert. Was lehrt er euch
denn, der, – – der Schatten, der?« wendete sich Bertel, indem
er offenbar nach einem möglichst ausdrucksvollen Kraftwort
über den Schullehrer suchte, an Per.
»Die Landkarten müssen wir anschauen lernen,« erwiderte
dieser mit leiser Stimme.
»Oh, da lernt lieber gleich schauen in meinen – alten Stiefel!«
fuhr Bertel den Per wütend an, als ob er ihn für die neue
Unterrichtsmethode verantwortlich machen wollte: »Euern
Katechismus sollt ihr lernen – – und das Vaterunser – und
nachher, wo ihr was zum Beißen herkriegt! – Landkarten!
Pah! So einer wie du soll Landkarten lernen! Sollst du viel-
leicht hinaus und in der Fremde umherreisen? Hast du viel-
leicht was, womit du reisen tatst? Deine Arbeit sollst du ma-
chen, mein Lieber, und dir die Worte zu Gemüt führen, die
ich hab lernen müssen in meiner Kinderlehre: ›Fürchte Gott,
den König ehre, heißt des Heilands reine Lehre‹.«
»Geh, stellst dich mit dem Jungen her, als könnte er dafür,
was die in den Schulen lernen; er muß doch tun, was ihn der
Mesner heißt.«
»Ja, ja!« brummte Bertel voll Wut, »es kommt mir grad in den
Sinn, was der alte Pastor bei der Schulprüfung zu den Buben
über seine Mutter gesagt hat; die Ann-Marie Kjærsgaard, die
hat für gar so geschickt im Rechnen gelten wollen; und der
Mesner hätte es gern gesehen, daß ihr der Vorzug vor uns an-
dern gegeben worden war. Aber der alte Ronsolt, der hat zur
Antwort gegeben – und er war, meiner Seel, einer, der sich
darauf verstanden hat – ›Ach, so viel rechnen wird sie bald
können, um die Würste zusammenzuzählen, die sie einmal
auf ihrer Stange haben wird.‹ Und so ist’s auch zugetroffen!«
schloß Bertel.
Per senkte den Kopf bei dem Gelächter des Gesindes. Aber
das Ende dieses Morgengesprächs war doch, daß Bertel, um
seinen Geldsack besorgt, Per zur Schule schickte.
Als Per gegen Mittag aus der Schule kam, brachte er einen
Zettel mit heim.
»Was ist das für ein Geschreibe?« Bertel hatte schon seine
Brille hervorgezogen.
»Der Mesner hat mir ihn mitgegeben,« sagte Per. Das
Schreiben des Küsters teilte mit, daß Per die Schule nicht eher
wieder besuchen dürfe, als bis er eine Kur gegen den Haut-
ausschlag durchgemacht, an dem er leide und demzufolge
es unverantwortlich wäre, ihn mit andern Kindern auf einer
Schulbank sitzen zu lassen. Der Lehrer riet Bertel, ihn bald-
möglichst ärztlich behandeln zu lassen.
Per stand in sich gesunken und verzagt da und betrach-
tete seinen lieblosen Herrn, während dieser den Brief durch-
buchstabierte. Seine Wangen waren von getrockneten Tränen
gestreift. Offenbar hatten die Kameraden ihn auf dem Heim-
weg gehänselt.
»Hast du die Krätze an den Händen?« sagte Bertel und fi-
xierte ihn mit seinen trüben, nichtssagenden Augen. »Zeig
deine Pratzen her! Ach, die paar Schorfen da, die schaden
wahrhaftig nichts, zum Misten sind sie gut genug,« setzte
Bertel höhnisch hinzu, indem er Pers hingehaltene Hände zu-
rückstieß, ohne sie genauer anzusehen.
Innerlich frohlockte er über das empfangene Schreiben.
Jedesmal würde es ihn gewurmt haben, so oft er den Knaben
zur Schule hätte schicken müssen, und nun schrieb der Küster
selber, daß er nicht kommen sollte.
Bertel beeilte sich auch durchaus nicht, das Fest der Reini-
gung für den Hirtenjungen abzuhalten, der seinen Arbeiten
wie gewöhnlich nachging, nur hin und wieder sich weidlich
kratzte.
Als etwa drei Wochen vergangen waren, sagte eines Tags Ann-
Kjestin zu ihrem Manne: »Wir werden wegen der Geschichte
mit dem Per doch was tun müssen.«
»Ja warum, fehlt ihm was?« versetzte Bertel. »Er darf nicht
in die Schule; aber wir haben doch wahrhaftig auch bei uns
daheim genug Arbeit für ihn.«
»Schon recht, aber weißt du, der ist heut dagewesen, der
Krämer, der Kræn Lybsker.«
»Na, muß der seine Nase schon wieder in unsre Sachen stek-
ken? Man sollte meinen, solche Bettelleute hätten genug mit
ihren eignen zu schaffen.«
»Er hat auch nichts andres gesagt, als daß die Mutter vom
Per, die Ann-Marie Kjærsgaard, bei der Gemeinde gewesen
war und uns verklagt hätt deshalb, daß der Jung sich ange-
steckt hat und nicht in die Schule darf. Und da wird sich jetzt
wohl die Schulkommission der Sache annehmen.«
»Die Schulkommission? Teufel, das ist was andres! Schau
dazu, daß er rein gemacht wird.«
»Ja, das ist, meiner Seel, leichter gesagt als getan, mein Lieber!
Und etwas Unkosten wird’s wohl auch machen.«
»Hat er nicht vielleicht selber Geld für die Medizinen?«
schlug Bertel vor.
»Ach, der und Geld haben? So ein Bursch!« erklärte Ann-
Kjestin. »War nicht anders, als Federn vom Fisch rupfen wol-
len, bei ihm ein Geld suchen!«
BEIM DACHDECKEN

Tags darauf waren die Leute auf dem Nörhof damit beschäftigt,
auf dem Westflügel des Hauses, das eine frische Bedachung
erhalten sollte, den First zu decken. Vier waren an der Arbeit.
Oben auf dem Dachfirst thronte Anders, der Großknecht.
Seine mächtigen, grindigen Hände führten die Torfschaufel
zum Eindecken mit solcher Kraft, daß das Haus unter den
Schlägen erzitterte, die ein hohles Echo aus den andern Flü-
geln des Hofes wachriefen.
»Merkwürdig, wie das hallt in dem Gebäu im Sommer,
wenn nichts drin ist,« sagte Laurin, der zweite Knecht, der
Anders mit den Torfstücken zur Hand gehen sollte.
»Ja,« sagte Anders mit philosophischem Kopfnicken und
ließ die Schaufel sinken, »das kann ich gar nicht verstehen,
denn wenn einer auf einen vollen Bauch schlägt, so macht
das doch einen weit schlimmeren Krawall, als wenn man auf
einen leeren haut.«
Das gab den beiden »erhabenen« Philosophen Anlaß zu einer
Reihe wohlerwogener Betrachtungen, die darauf hinausliefen,
daß es Fragen gibt, die selbst Philosophen zwischen Himmel
und Erde nicht zu lösen vermögen.
Unten bei dem aufgestapelten Giebeltorf stand Per zu-
sammen mit Jens Romler, dem Tagelöhner. Jens war ein
Mann an die Fünfzig mit rötlichem Backenbart und groben,
von Arbeit stumpf gewordenen Zügen. Seine Beine waren
krumm, seine Arme krumm, sein Rücken gleichfalls krumm.
Das einzige ganz Gerade an ihm war die Nase, auch so ziem-
lich der einzige Teil seines Körpers, der nicht von der Arbeit
mit in Beschlag genommen war.
Jens Romler wohnte in einem kleinen mit Ginster gedeckten
Häuschen, eine Viertelstunde Wegs westlich am Rain des
Moorlands, wo Schilf und Porsch üppig auf einer Unterschicht
von kaltem saurem Bleisand wucherten. Das Moor und die
Heide rings um das Haus boten ihm so viel Weide, daß er
eine Kuh und ein paar Schafe halten konnte, die von Weib
und Kindern gehütet wurden, denn er selbst war stets im
Taglohn außer dem Hause.
Sein Häuschen war mit der umgebenden Welt nur durch
einen ungeheuer langen ausgetretenen Steig verbunden, den
seine Holzschuhe durch die vielen Jahre, in denen er in der
Hütte wohnte, gebahnt hatten. Draußen an der Grenze zwi-
schen der Heide und dem bebauten Boden teilte der Steig sich
in drei Pfade, einen zu jedem der drei Höfe, wo Jens Romler
ständiger Taglöhner war.
Heute also war er nach dem Nörhof gekommen, und selbst-
verständlich wurde ihm gleich das schwerste Stück Arbeit, das
Hinaufschleppen des Torfs, übertragen.
Per mühte sich redlich an seiner Seite ab, aber seine Beine
waren etwas zu kurz für die Arbeit, und es fehlte nicht viel,
so hätten die ellenlangen, liespfundschweren Rasenflecke ihn
hintenüber geworfen, wenn er sie auf den Arm hob und em-
porhielt wie ein gegorenes Roggenbrot, das in den Backofen
geschoben werden soll.
Auf alle erdenkliche Weise kam Jens Romler Pers zarten
Kräften entgegen. Sobald er den groben schmierigen Sack
als schirmende Unterlage über seinen Rücken gebreitet, ließ
er sich bedächtig auf die Knie nieder, die Stirn an die Spros-
sen der Leiter gelehnt, und wartete geduldig wie ein Kamel,
das seine Bürde entgegennimmt. Es knackte in den alten
Knochen, so oft der kleine schwankende Per eine neue mäch-
tige Torfladung auf des Taglöhners gekrümmten Rücken nie-
dersinken ließ.
Nun hält Per einen Augenblick inne, als schiene es ihm für
diesmal genug zu sein.
»Noch eins, kleiner Per, sonst muß man ja nur um so öfter
gehen.«
Jens schiebt mit der Zunge seinen Priem im Mund hin und
her und packt ihn zwischen die Zähne, ehe er sich selbst unter
Knacken in die Höhe krabbelt.
Bedächtig klimmt er die Sprossen hinauf. Per schaut den
Sohlen der langsam steigenden Holzschuhe nach, die ganz
rein gescheuert sind von dem morgendlichen Gang auf dem
taufeuchten Steig.
»Ah – ah!« seufzt der Taglöhner, wenn er die schwere Bürde
auf dem Dachfirst abwälzt.
»Ja, das ist wahrhaftig eine Arbeit, die eins bis ins Mark hin-
ein verspüren muß,« bemerkte der Großknecht.
»Ja, da hast du wohl recht; früher einmal, da war’s ein
Kinderspiel, solange eins noch den Schmerz in der Hüfte
nicht gehabt hat,« entgegnete Jens. »Ist aber auch schon der
dritte Tag, daß ich hier bei der Dachdeckerei dabei bin. In
der Jugend, da hat eins freilich so was für nichts gerechnet,
aber jetzt, meiner Seel, spürt das Kreuz schon gehörig so eine
Art Arbeit.«
Jens fährt sich mit dem Handrücken über den schmerzen-
den Buckel.
»Möchtest nicht du einmal probieren, den Packen statt mei-
ner heraufzuschleppen, Laurin?« sagte er halb im Scherz zum
zweiten Knecht.
»Ja, der Daus, wohl!«
Der lange schlenkernde Laurin, dessen Nackenhaar von der
Sonne so gelb gebrannt aussieht wie ein alter Maurerpinsel,
glitt mit seinen dünnen Hampelbeinen wie eine Katze die
Sprossen der Leiter hinab.
»Ach geht das mit einem Feuer in dem Alter!« nickt der
Tagelöhner, Laurin dankbar nachblickend, während er selbst
sich auf den Dachfirst hinstreckt.
»Frisch und gut ist’s da droben,« fährt er fort und läßt den
Blick meilenweit über die offene Landschaft hinschweifen.
Die Brise kommt, mit dem Duft von Moor und Jätgras ge-
schwängert. Die Kirchtürme heben sich wie Bildsäulen von
der blauen Himmelswand ab.
»So verschnaufen wir also einen Augenblick,« sagt der
Großknecht, als Laurin mit seiner Bürde hinaufgelangt ist.
»Denn heut ist er ja nicht daheim, der Hundsfott, weswegen
soll’s also so hart hergehen?«
Anders klappert gleichwohl noch etwas mit der Torfschaufel,
um womöglich die wachsame Ann-Kjestin über den Gang der
Arbeit zu täuschen.
Jetzt kommt auch Per die Leitersprossen hinauf.
»Was willst denn du da oben?« ruft Anders scharf. Pers
Augen wollten sich schon trüben.
»Ach, laß dem Burschen das Pläsier!« wirft Jens Romler ein.
»Ist ja so schön in die Höh klettern in dem Alter.«
Je höher er auf den Sprossen emporkommt, desto mehr wei-
ten sich Pers Augen.
»Gib acht, daß du nicht drehkrank wirst,« warnt beständig
die Vorsehung Anders.
Per stolzierte den Giebel entlang mit den Händen balan-
zierend und die Zunge zwischen den Lippen. Recht in acht
mußte sich eins doch nehmen, dachte Per, ’s war grad, als
wenn einem jemand inwendig mit einem Flederwisch über
die Rippen streichen würde, so ein eignes Gefühl war’s in der
Herzgrube. Aber wie weithin man sehen konnte! Pers Blicke
begannen plötzlich nach etwas in der Nähe von Runge zu su-
chen. Das war doch auch merkwürdig, daß er nie auch nur
einen einzigen Sonntag frei kriegen und heimgehen konnte,
die Mutter und die kleinen Schwestern zu sehen. Per starrte
unausgesetzt nach Runge hinüber.
»Da seh ich, wie ich da lieg, grad auf die Kuh hin,« rief nun
der Taglöhner, dessen erster Gedanke gleichfalls sein Heim
war.
»Kannst du nicht auch was Weißes sehen, Anders, grad
dort vorbei an der Torfmiete ganz rechts? Ja, ganz gewiß, das
ist unsre Kuh. Und könnt ihr nicht auch dort links von der
nächsten Miete einen ganz kleinen Punkt sehen? Jetzt bewegt
sich’s! Könnt ihr’s sehen? Ja, das ist die Dorre, das ist meine
Tochter, ganz gewiß!«
»Die Dorre, die mußt du doch kennen, Per, ihr zwei geht
doch zusammen in die Schule, nicht?« fuhr Jens, zu Per ge-
wendet, fort.
»Ja, die kenn ich wohl,« antwortete Per; er entsann sich ei-
nes grobgliedrigen, einsilbigen Schulmädchens seines eignen
Alters, das in Sonne und Regen in ein paar klotzigen haus-
gemachten Zeugschuhen zur Schule kam.
»Ist das aber eine kleine Hütte, in der du wohnst, Jens,« sagte
der Großknecht.
»Ja, gewiß, ein elendiglicher Rumpelkasten ist’s,« gab Jens
zu. »Und verfallen! Frisch anwerfen sollte man sie schon lang
und herrichten für den Winter, aber wann hätte eins denn die
Zeit dazu?«
»Ist sie dein eigen, die Kate?« fragte Anders weiter.
»Ach, ich und ein eigen Anwesen! So gut geschieht unserei-
nem nicht. Nein, es gehört dem Bauer dort drunten.« Er deu-
tete in die Richtung von Sölsig. »Ich haus nur zur Miete.«
»Sollte er’s denn dann nicht herrichten lassen?«
»Ja, prost Mahlzeit! Da könnt man lange warten,« sagte Jens.
»Hast du je gehört, daß einem der was hätte herrichten lassen?
Kann sich kaum selber erhalten auf seiner eignen Baracke,
der alte Narr. Bei dem haperts ganz gewaltig, wie man hört.
Seinerzeit ist ihm das große Gehöft mit den dreißig Tonnen
Land ohne einen Schilling drauf zugefallen, das hätte unser-
einem passieren sollen, Jeses! –
Was hätt eins für gute Tage haben können, wenn man nur
ein End von so einem Feld hätt kriegen können, nur einen
ganz elendigen Streifen von dem Boden, der da liegt, ohne
daß irgendwer was davon hat. Wie die Brachfelder drunten
liegen! Ich glaub, meiner Seel, seit vierzehn Jahren sind sie
nimmer umgestochen worden. Rein eine Schand und ein
Spott ist’s, denn der Boden, der tat weiß Gott was tragen. Das
ist nicht so einer wie der, an dem wir armen Häusler uns drau-
ßen auf der Heide abrackern.
Nein, mit Verlaub zu sagen, ein rechter Jammermensch ist
er, der Wollesen; die einzigen, denen er was vergönnt, das sind,
meiner Seel, die Ratten! Aber versteht sich, die Mütze nimmt
eins doch vor ihm ab, wenn man ihn trifft; das ist schon ein-
mal so der Brauch, aber meinen tut man, weiß Gott, nicht viel
damit.« Jens Romler zeigte alle seine gelben Zähne.
»Wie viele Stuben hast du denn?« fragte Anders.
»Ich hab eine einzige, und die ist kleinwinzig; sie könnt
schon gar nicht kleiner sein für unser sieben, die wir sind.
Aber das war noch das wenigste, wenn einen nur die Flöhe
in Ruh lassen wollten, aber in der Hitz ist’s, meiner Seel, bald
nimmer auszuhalten. Was ich nicht versteh bei den Ludern,
ist, warum sie sich nicht lieber an die Reichen halten, wo sie’s
doch tausendmal besser hätten, möcht eins denken; da war
doch ganz anders Platz zum Drauf springen. Aber ’s ist so,
daß wir elenden Teufel zu aller großen Plage noch die kleinen
auch dazu haben müssen.«
»An Flöhen, da ist wahrhaftig auch in unsrer Kammer keine
Not,« bemerkte Laurin.
»Oh,« erwidert Anders spitz, »selbige gehst du dir gewiß bei
die Dirnen holen, denn in meinem Bett merkt man von so
Zeugs nichts.« Der Taglöhner lacht aus vollem Halse. Laurin
wird blutrot; denn es ist ein offenes Geheimnis, daß er und
Mette mehr miteinander zu tun haben, als gut ist. Er kriecht
rücklings die Leiter hinab und feuert von dort folgende Salve
ab:
»Oh, wenn sie dich auch beißen, spürst es ja doch nicht vor
all der Räude und Krätze, mit der du herumgehst.«
Diesmal, da es den Großknecht anging, wagte der Taglöhner
nicht zu lachen.
Anders versetzte drohend: »Jetzt rat ich dir aber, schau, daß
du weiterkommst, sonst helf ich dir mit deinen krummen
Spindelbeinen auf die Erde hinunter.«
Ein frischer Wirbelwind erhebt sich. »Mußt dich hinwerfen,
Per, wirf dich hin!« ruft Anders.
Per schlägt die Pfoten in den Torf wie eine Katze, die man
beim Schwanz vom Dache ziehen will. Der kleine Luft-
vagabund tanzt mutwillig über den Dachfirst hin, füllt die
Jackenärmel mit Wind und bläst frech bei allen Taschen und
Knopflöchern hinein.
»O je, da fliegt, meiner Sixt, die Mütze!« sagte der Taglöhner
und folgte mit den Augen seiner zu Boden fallenden Kappe.
»Mir scheint, es schaut grad so her, als ob die Perücke den sel-
bigen Weg genommen hätt,« neckte Anders, auf Jens Romlers
kahlen Scheitel deutend.
Plötzlich wurden sie alle mit eins Ann-Kjestins strenger
Gestalt in der Waschhaustüre gewahr. Sie sagte nichts, sah
aber mit scheelem Blick zu der auf dem Dache ruhenden
Gruppe hinauf, während die ausgespreizten Finger mit gro-
ßer Hast über die gewölbten Höhen des Busens hin und her
fuhren.
»Na, machen wir uns jetzt wieder an die Arbeit,« sagte Anders,
indes Ann-Kjestin sich ins Innere des Hauses zurückzog.
»Sie war, meiner Seel, in heller Wut, sicher und gewiß,« flü-
sterte der Taglöhner und ging gebeugt die Sprossen hinab.
Die Arbeit geht mechanisch ihren Gang weiter, während die
Sonne herniederbrennt. Der hohle Schall der Schaufel hallt
mit regelmäßigem Tonfall durch die Seitenflügel des Hauses,
und so oft der erschöpfte Taglöhner die Bürde abwirft, klingt
sein erleichtertes »Ahhh« über die grünbewachsenen Dächer
hin.
Auf einmal erhebt Hektor ein wildes, unsinniges Gebell.
Jens Romler macht ein paar Schritte zur Seite, um nach dem
Weg und dem offenen Tor blicken zu können.
»Du mein, jetzt kriegen wir gar den Roy her, das ist so gewiß
wie was!« ruft Jens zu den Dachdeckern hinauf.
Roy ist die merkwürdigste Figur der ganzen Gegend. Er
wohnt in einer selbsterbauten Hütte oben an der Landstraße,
ist ein Einwanderer aus einem weiter östlich gelegenen
Bezirk und huldigt daher nicht den Sitten und Gebräuchen
dieser Gegend. Er hatte in jüngeren Jahren Mechanik stu-
diert, bekam es aber satt und wanderte nach Australien
aus, wo er eine Zeitlang Schafe hütete. Nach jahrelangem
Umherstreifen kehrte er in seine Heimat zurück und nahm
Arbeit bei Seetrockenlegungen und dergleichen. Jetzt zog er
zumeist als Händler umher und kaufte Wolle und Kalbfelle
auf. Unter den Leuten wird er der Iltisjäger genannt nach sei-
ner Lieblingsbeschäftigung, und da er als Fremder für die
Bauernbevölkerung etwas Mystisches hat, hält man ihn in
der Umgebung für heilkundig und eine Art Zauberkünstler.
Er versteht sich ein wenig auf allerlei, übernimmt auch unbe-
denklich alles mögliche und ist ebenso unentbehrlich, wenn
der Bauer einen Wurf Ferkel zu schneiden wie wenn die
Hausmutter einen neuen Boden in ein Sieb einzulöten hat.
Der Hund fährt ohne Unterlaß fort zu wüten; er schnappt
mit gelbem Rachen fortwährend in die Luft und klappt die
Kiefer wie eine Rattenfalle zusammen.
Kurz darauf tritt ein etwa vierzigjähriger Mann durch das
Tor ein. Das erste, worauf der Blick fällt, ist der starke, rötli-
che, verwilderte Bart unter einem riesigen, zerfetzten Strohhut;
seine Kleider sind fadenscheinig und schlottern an ihm – wie
da und dort zusammengekauftes Zeug. Die Hosen bauschen
sich über den Knien, und überall fehlen Knöpfe. Wenn der
Wind den roten, flatternden Bart zur Seite weht, wird darun-
ter eine schwarze Krawatte mit einem kleinen weißen Dreieck
aus Zelluloid sichtbar.
Über der linken Schulter trägt Roy einen schweren Sack,
der von einer mächtigen Schnellwaage, deren schwere Blei-
gewichte ihm um die Knie klirren, im Gleichgewicht gehal-
ten wird.
»Guten Tag,« grüßt Roy in fremdem Dialekt, »ist der Bauer
daheim?«
»Nein,« antwortet der Taglöhner.
»Weißt du nicht, ob er Kalbfelle zu verkaufen hat?«
Nun ergreift aber der Großknecht, der aus seiner Höhe auf
dem Dachgiebel zugehört hat, das Wort. »Ja, ich hab grad
eins angenagelt drüben am andern Torflügel; aber trocken
ist’s noch nicht.«
Mit langsamen, bedächtigen Schritten macht Roy ohne viele
Worte kehrt und begibt sich durch das Tor nach der andern
Seite hinüber, um sich die Haut anzuschauen.
Kaum hat er sich entfernt, da sagt der zweite Knecht: »Ach,
wir dürfen nicht vergessen, ihn in dem Bett nachschauen zu
lassen, du weißt doch.«
»Ja, du hast wahrhaftig recht! – Roy!« ruft der Großknecht
dem Iltisjäger, der eben an die Außenseite des Hauses gelangt
ist, nach.
»Weil du grade da bist, möchtest du nicht so gut sein und
nachschauen, was das für ein wunderliches Zeug ist, das zur
Nachtzeit in unserm Bett umwühlt? Mitunter ist’s grad, als
wenn’s das Federbett unter uns heben tat, und ich und der
Dienstjung, wir kriegen ein jedes Stöße, als sollte man aus der
Koje hinausfliegen.«
»Ach geht, das ist gewiß nur was, das euch träumt, wenn ihr
zu lang bei der Breischüssel gesessen seid,« versetzte Roy.
»Nein, was dir nicht einfällt! Das hat bei Gott nichts mit
dem Brei zu schaffen. Ich meine eher, es wäre irgend so ein
giftiges Vieh, das es auf uns abgesehen hat.«
Roy kam aufs neue im Hof zum Vorschein und ging
schweigend in den Stall, der gewissermaßen die Vorstube zur
Kammer der Knechte bildete.
Bald darauf kam er aus der Stalltür heraus, drei piepsende
Iltis junge in der Hand.
»Das ist doch, hol mich der Gottseibeiuns, die sonderbarste
Einquartierung, die mir seit langem in eines Christenmenschen
Bett vorgekommen ist,« äußerte Roy. »Ihr könnt von Glück
sagen, daß sie nicht hinaufgekommen sind und an euch ge-
saugt haben; denn dabei hättet ihr wohl schwerlich schlafen
können.«
Nun kamen die Knechte eilends vom Dach herunter. »Ih,
Gott beschütze und bewahre uns!« rief Anders, »’s war also die
Alte, die unter uns im Stroh so umgewühlt hat.« Anders hätte
der Schlag treffen mögen. Per kam zögernd herbei und be-
guckte die drei zottigen Raubtierjungen, die sich prustend in
Roys Händen umherwarfen und in dem grellen Sonnenlicht
am ganzen Leibe zitterten.
»Ja, oben in der Magdkammer,« bemerkte Laurin, »da ha-
ben sie im Bett einen ganzen Klumpen Schlangen gefunden;
aber das da ist fast noch ärger.«
»Ja, meiner Seel, ich hab schon beides in einem Bett gesehen,«
erklärte Jens Romler. »Aber da hat dann auch, versteht sich,
das eine das andre aufgefressen; ja, sicher und gewiß!«
»Guten Tag, Roy,« ließ sich nun plötzlich Ann-Kjestin von
der Waschhaustür aus vernehmen. »Ei, was hast du denn da
für abscheuliches Zeug?«
»Ach, gnädige Ann-Kjestin,« erwiderte Roy, eins der Jungen
so hoch emporhebend, daß ihm die Sonne geradeaus in den
Magen schien, »bloß etliche Bagatellen, die ich in der Knechte
ihrem Bettstroh gefunden hab. Das nächstemal wird sich wohl
eine Sau mit elf grunzenden Ferkeln dortselbst vorfinden.«
»Das war, meiner Sixt, das ärgste nicht,« sagte Ann-Kjestin,
»denn bei dieser Zeit sind die Ferkel teuer.«
»Gewiß, aber die Arbeitskraft scheint dafür um so billiger
zu sein, weil sie mit einem Lager zusammen mit Mardern und
Iltissen vorlieb nimmt,« versetzte Roy. »Solltest aber doch bei
Gelegenheit einen Blick hineintun in das Bett, Ann-Kjestin;
das Stroh riecht gewissermaßen modrig, und das Bettzeug! –
ja, ich möcht drauf schwören, daß, wenn du’s eurer alten
Mutterstute hinlegen tatst, sie’s mit dem Fuß wegstößt und
sich daneben in die Spreu legt. Jetzt hab ich doch die halbe
Welt gesehen, vom Kap Horn bis zur Krusumhöhe, aber so
soll mich der Teufel mit seinen Klauen packen, wenn ich
wilde Raubtiere im Gesindebett anderswo getroffen habe, als
dahier beim reichsten Bauern im Hvarre-Sprengel.«
»Ja, ja,« sagte Ann-Kjestin, von Roys Spott unangenehm
berührt, »aber steh jetzt nicht da und halt die Leute bei der
Arbeit auf, komm lieber einen Augenblick in die Tür; ich hätt
dich eine Kleinigkeit zu fragen.«
Die Leute legten sich wieder ins Geschirr. Roy warf seinen
Sack auf das Pflaster vor dem Hausflur hin und ging hinein.
»Bist du nicht durstig?« frug Ann-Kjestin und schob den
mächtigen Bierhumpen über den knorrigen Tisch zu ihm
hinüber.
»Danke,« sagte Roy und senkte seinen wilden Rotbart in die
Kanne. Er tat einen tiefen, langen Zug.
Als er den Krug abgesetzt hatte, strich er mit der linken
Hand über den struppigen Schnauzbart, der vom Bier dunk-
ler geworden war.
»Du verstehst dich ja so gut auf solche Sachen,« begann
Ann-Kjestin; »und schau, da ist uns jetzt der arme Bursch, der
Halterjung, den du draußen stehen siehst, krätzig worden.«
»Ei sieh mal,« sagte Roy ironisch, »das wundert mich wirk-
lich bei alledem, was für die Reinlichkeit geschieht, dort, wo
er liegt.«
»Ach, das hat jetzt keinen Zweck, dasitzen und sich einen
Narren aus mir machen!« sagte Ann-Kjestin. »Ein klein wenig
könnten sie recht wohl auch selber dazu tun und auf sich acht
haben; ich glaub wohl, daß unsre Leute um nichts schlechter
dran sind als sonstwo das Gesinde.«
»Kannst schon recht haben, meine liebe Ann-Kjestin,« ent-
gegnete Roy.
Das Gespräch kam allmählich auf andre Gegenstände, bis
Roy sich erhob und sagte: »Bei euch möcht’s wohl langen für
einen Doktor; ihr braucht grad nicht mit meinen Hausmitteln
vorlieb zu nehmen, aber meinetwegen schickt den Burschen zu
mir hinauf, so werde ich wohl was für ihn herausfinden. Aber
ihr dürft nicht allzu gewaltsam schmieren, weil er ja noch
klein ist, und was einen Schmied kuriert, das kann manch-
mal einem Schneider den Garaus machen.«
Nachdem Roy noch eine Unmenge zerbrochenes Geschirr
und andre unbrauchbare Gegenstände in seinem Sack mit-
bekommen, verließ er unter Hektors erneutem Gebell den
Hof.
RIVALEN

Roy hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, als Per in
die Stube gerufen wurde. Auch er griff vor allem nach dem
Bierkrug; ehe er trank, blies er kräftig in das Bier hinab, auf
dessen Oberfläche ein Dutzend Fliegen Schwimmbewegungen
machten. Als er mit seinen dünnen Armen zum drittenmal
den gewaltigen Humpen wie einen Helm über seinen Kopf
stülpte, warnte Ann-Kjestin: »Na, trink nur nicht mehr als
du verträgst! Aber hör zu, was ich dir sag; wenn du jetzt die
Kühe hinausgetrieben hast, so kannst du – denn jetzt bleiben
sie doch schon ruhig – vor dem Heimkommen zum Roy, der
grad da war, hinaufgehen. Er wird dir was zum Einschmieren
geben, daß du das schlimme Zeug einmal los wirst und dann
und wann wieder in die Schule kannst. Denn der Mesner wird
gewiß nach dir fragen. – Hast du deine Aufgaben gar nicht
angeschaut, derweil du nicht in der Schule gewesen bist?«
»Ich hab nie Zeit dazu gehabt,« antwortete Per freimütig.
»Oh, am Sonntag hätt sich schon Freizeit dazu gefunden;
hättst du dann nicht dein Buch einen Augenblick vornehmen
können?« fragte Ann-Kjestin.
»In der Knechtekammer hab ich nicht lernen können, denn
da sind die andern gewesen und haben Karten gespielt und
Branntwein getrunken.«
»Hättest dich aber ja irgendwohin an einen Graben setzen
können. Soll denn ein reiner Heid aus dir werden?«
Jetzt ging die Gangtür auf, und ein kleines dralles Mädchen
in Pers Alter hüpfte lächelnd in die Stube.
»Je, schau, guten Tag, Anni!« rief Ann-Kjestin. »Jetzt kriegt
der Per eine Gesellschaft beim Kühehüten auf dem Feld.
Denn sicher willst du lieber mit ihm, als daß du daheim um
mich Alte herumtanzt, was, Anni?«
Anni blickte mit zustimmendem Lächeln von Per zur Tante
hin.
»Geh du jetzt und koppel die Küh ab, derweil ich der Anni
einen Tropfen Kaffee geb; dann bringt sie dir deinen Fladen
mit, denn heute kommst du ja so nicht vor Abend heim.«
Per warf noch von der Tür aus einen langen, eindringlichen
Blick der kleinen Anna zu, die er von der Schule her gut kannte.
Ihr Vater war ein ärmerer Bruder der Ann-Kjestin, der auf ei-
nem kleinen Anwesen außerhalb des Orts saß; daß er seine äl-
teste Tochter nach der kinderlosen Ann-Kjestin genannt hatte,
war schwerlich so ganz ins Blaue hinein geschehen.
Per war sehr glücklich, daß dieses liebe kleine Mädchen zu
ihm aufs Feld kommen sollte. Eine Gnade des Himmels war
es auch, daß Bertel, dieser herumspukende Poltergeist, heute
nicht daheim war. Was für lustige Possen konnten die beiden
da draußen auf dem Felde bei diesem herrlichen Wetter trei-
ben!
Das Abkoppeln der Kühe ging heute auffallend leicht von
der Hand. Bei jeder neuen Kuh, die Per herauszog, schaute
er lang und helläugig nach den Fenstern, hinter denen Anna
saß und leckere Napfkuchen verspeiste, während sie, mit den
Füßen baumelnd, auf die Fragen der Tante, wie es daheim
gehe und stehe, die Zunge laufen ließ.
Nun hatte Per alle seine zwölf Kühe aus dem Stall, und die
gewaltige Tüderkeule saß an ihrem Platz zwischen den knor-
rigen Hörnern der Zugkuh. Er ergriff seine Sonntagspeitsche
mit der neuen Seidenschnur und ließ sie über die blanken
Hörner der Kühe hinschnalzen.
Beim ersten Peitschenknall sprangen Annas kleine Schuhe
auf den Boden. Beim zweiten schnappte sie das Bündel mit
dem Vesperbrot der Tante aus der Hand und verschwand mit
einem anmutigen Lächeln aus der Stubentür.
Ann-Kjestin schaute, ihrer Gewohnheit nach, eilends aus
dem Fenster, ob die Kühe gut aus dem Hoftor kämen.
Bald gingen die beiden Hüter behaglich schlendernd und
plaudernd dicht nebeneinander. Das war der stolzeste Augen-
blick in Pers Leben. Bei der kleinsten Widersetzlichkeit der
Kühe schnalzte es laut über all die erhobenen Kuhmäuler hin,
daß sie sich demütig wieder zur Erde senkten.
Anna äußerte sich bewundernd über die Zauberkraft der
Peitschenschnur.
»Sie ist aber auch aus acht Strähnen zusammengeflochten,«
erklärte Per mit Nachdruck.
»Acht Strähne!« Anna ließ ihren Blick fast liebkosend über
die klafterlange Schnur gleiten, die über Pers Mütze fast wie
ein Helmbusch hüpfte und wehte.
»Und zu so einer kostet allein ein Gebind fünfzehn Öre.«
Anna schaute mehr und mehr erstaunt darein.
Sie kamen zum Anger. Die Kühe wurden angebunden, die
Schafe anderwärts untergebracht. Und nun konnte Per dar-
über nachdenken, womit er Anni hier auf den grünen Fluren
unterhalten könnte.
Das war wirklich nicht schwer. Es gab genug Sehens-
würdigkeiten hier. Da waren vor allem die vier Zaunkönigeier
droben auf dem alten Hünengrab, die mußte man zu aller-
erst aufsuchen; denn die würden ganz sicher Beifall finden;
freilich waren sie nichts weniger als leicht zugänglich, da sie
mitten in der lotrechten Erdwand steckten, die dadurch ent-
standen war, daß man die Hälfte des Hügels abgetragen und
in das aufgebrochene Moor hinausgeführt hatte.
Per hätte selbst sehr wohl die Eier ausnehmen können,
aber er war überzeugt, daß es Anni als eine schmeichelhafte
Aufmerksamkeit von seiner Seite betrachten würde, wenn sie
es tun dürfte. Darin irrte er auch nicht. Aber die Frage war,
wie dazu gelangen? Per hatte sich zu seinem Privatgebrauch
einige natürliche Stufen in den steilen Abhang angelegt, aber
an diesen würde Anni bei ihrer mangelhaften Begabung im
Klettern kaum sonderliche Freude gehabt haben. Doch es
würde sich schon Rat schaffen lassen.
»Jetzt mitten am Tag,« sagte Per, »ist gewiß die Alte selbst
drin.«
Annis Augen leuchteten bei dem Gedanken, das hübsche
graue Vögelchen in die Hand zu bekommen.
»Aber wie komm ich da hinauf?« fragte sie und sah for-
schend Per an, als käme es ihm zu, diese Angelegenheit ins
Reine zu bringen.
»Ja, wenn du dich auf meine Schultern stellen wolltest, so
könntest du ja hinauf langen,« meinte Per, der durch diese
schlaue Antwort die Sache vollständig in Annis eigene Hände
legte.
Anni zog Pers Ritterlichkeit nicht im geringsten in Zwei-
fel, sondern kroch, die Zungenspitze in den Mundwinkeln,
behutsam übers Pers schmalen Rücken, der unter der un-
gewöhnlichen Bürde zitterte.
Sie stand mit je einem Fuß auf seinen beiden Achseln; er
mußte sie vorsichtig an den Knöcheln fassen, um sie fest-
zuhalten, während sich ihre rechte Hand in den Abhang ein-
bohrte.
Obgleich ihre Schuhe sich tief in Pers Schultern eindrück-
ten, wagte er nicht, auch nur ein Glied zu rühren. Der Stoß an
ihrem Kleide roch noch schwach nach dem Plätteisen; unwill-
kürlich fielen ihm die hübschen, regelmäßigen, vierfarbigen
Querstreifen ihrer Strümpfe in die Augen, und die Rundung
ihrer Waden ließ seine demütigen Hände heiß werden.
»Oh!« rief Anni, »sie ist drin; sie schlägt meine Hand mit
ihren Flügeln, aber ich kann nicht bis auf den Boden kom-
men.«
Per hatte gleich gedacht, daß es so gehen würde, und war es
eigentlich zufrieden; seine Zuvorkommenheit hatte er ja jetzt
gezeigt, und nun konnte er selbst das köstliche Vergnügen ha-
ben, den kleinen Vogel hervorzuziehen; aber es hieß nun ver-
hindern, daß der Gefangene entschlüpfte.
»Nimm meine Mütze und verstopf das Loch!« komman-
dierte er, »und komm dann herunter.«
Zu Pers Mütze war es weiter herunter, als Anni berechnet
hatte, so daß sie die Hand aus dem Neste ziehen mußte, um
sich während des Herabbeugens zu stützen; bei dieser Be-
wegung flog der kluge kleine Zaunkönig aus der Falle. Mit
einem raschen Schlag seiner behenden Flügel streifte er Annis
Wange.
»Oh je! jetzt ist er davon. Das ist aber doch jammerschade!«
rief Anni, verdrossen von Pers Schultern herabsteigend.
Trockener Hügelsand saß rings in den Grübchen von Annis
Arm, und ihre reine Schürze war verdrückt.
Geschmeidig wie ein Affe kletterte nun Per hinan und nahm
vier bläuliche Eier aus, nicht größer als ein Fingernagel und
mit kleinen bräunlichen Sommersprossen besät.
Per nahm eins davon und legte es an Annis weiche Lippen,
damit sie fühlen könnte, wie warm das Ei war, das noch den
lau säuerlichen Duft vom Bauch des brütenden Vogels aus-
hauchte.
Anni jubelte auf nach ihrer Enttäuschung.
»Nimm dir eins davon,« lud Per ein.
»Ja, aber, wird sie’s nicht vielleicht suchen?«
»Ach, eins wird nichts machen,« meinte Per.
Anni verwahrte das gefleckte Eichen sorgsam in ihrem
Taschentuch.
Von der hochgelegenen Flur stiegen sie ins kühle Moor
hinab, wo sie Kränze aus Schilf und Krausemünze floch-
ten. Nun schien es Per an der Zeit zu untersuchen, was Ann-
Kjestin ihnen ins Tuch eingebunden hatte. Er band es in gro-
ßer Spannung auf: Butterschnitten und Rahmküchen. Jawohl,
Ann-Kjestin konnte zuzeiten gar vorsorglich sein!
– Sie aßen, sie lachten und trockneten sich gesättigt die
Mäulchen. Dann gingen sie zu einem klaren Wässerchen
hinab, das ins Blaue hinein plaudernd über grüne Steine da-
hinlief. Es war ein beinahe völlig ausgetrockneter Fluß, der
auf dem Grunde des breiten Grabens an ein kleines Kind in
einem allzu großen Bett gemahnte. Er schlängelte sich sachte
über den Sand von einer Seite zur andern, als ginge er nach
dem Wege fragen. – Nie fühlen sich Kinder so wohl wie an
solch einem lieben Wässerlein. In seinem hüpfenden Rieseln,
seiner singenden Sorglosigkeit liegt etwas von ihrer eignen
Art. Im Wasser lebt das Märchen! Man führe ein kleines Kind
zu einem murmelnden Bach, und es wird sich die Augen aus
dem Kopfe schauen.
Per und Anni neigten sich über das rinnende Wasser, als
suchten sie den Schalk im eignen Auge zu erhaschen; sie be-
rührten seine gekräuselte Oberfläche mit ihrem Mäulchen
und setzten das kleine Ei zum Schwimmen darauf, um sich zu
überzeugen, ob es auch sei, wie es sein sollte; denn war es faul,
so wollte Anni es keine Sekunde mehr behalten. »Gott sei
Dank,« dachte Per, als es die Wasserprobe bestanden hatte.
Vom Bach liefen sie ins Torfmoor hinaus, wo ganze Büsche
Preiselbeeren zwischen den weichen Moospolstern wuchsen.
Per fand die meisten, nahm aber selbst nur einzelne und schüt-
tete den Rest in Annis begehrlich geöffnete Hand hinüber.
Des Nachbars Hüterbursch, der lange Jakob, hatte mit gro-
ßem Neid beobachtet, was für eine herrliche Gesellschaft Per
den ganzen Nachmittag gehabt, während er selbst sich drü-
ben zwischen seinen Tümpeln und Erdschollen langweilte.
Als sie sich nun seinem Grenzgraben genähert hatten, kam er
mit seinen langen Beinen dahergeschlichen und machte sich
drüben bei ihnen etwas zu schaffen. Bevor noch Per Zeit ge-
funden, Anni vor ihm zu warnen, hatte Jakob sich schon zwi-
schen sie auf das Moos hingelagert, wo er seinen Kriegsplan
bereits zu entfalten begann.
»Das ist doch komisch, daß ihr den sauren Mist da es-
sen mögt? Pfui Teufel!« begann Jakob. »Noch dazu so roh.
Kommt einem ja das Wasser in die Augen, wenn man dran
denkt.« Dabei warf er Anni mit kecker Miene eine prächtige
reingewaschene gelbe Rübe in den Schoß. »Da iß doch lieber
die,« sagte er.
Anni ließ still Pers letzte Handvoll Preiselbeeren zu Boden
gleiten und versenkte mit einem seltsam langen Blick auf
Jakob ihre weißen Mausezähne in die gelbe Rübe.
Per schaute mit zerknirschter Miene nach ihr, setzte dann
aber eifrig das Beerenpflücken fort, doch nunmehr aus-
schließlich für den eignen Mund.
Alsbald hub Jakob mit Per über seine Peitsche, deren
Schmitze er verächtlich mit seinem Hirtenstecken hin und
her wippte, Händel an und behauptete, sie sei nichts als ein
Ende morschen Kuhstricks.
Doch das hieß Per an seiner empfindlichen Stelle treffen:
»Du lügst in deinen Hals hinein, das sag ich dir!« rief er und
riß mit zorniger Gebärde die Gerte an sich, so daß Jakobs
große Zehe in der Schnelligkeit einen Hieb erhielt – »allein
ein Gebind hat fünfzehn Öre gekostet.«
Jakob wollte nun wissen, was Anni so sorgfältig in ihrem
Taschentuch barg. Da zeigte sie ihm mit großem Stolz ihr
kleines Zaunkönigei. Jakob spuckte höhnisch aus und fragte,
ob sie jemals ein Wasserläuferei gesehen habe. Das hatte Anni
noch nie. So würde er ihr welche zeigen, sofern sie nur zum
Sumpfteich mit ihm gehen wolle; dort segelten sie auf der
Oberfläche in einem wasserdichten kleinen Nest wie in einer
Wiege. Er brauchte sich nur die Hosen aufzuschlagen, dann
könne er sie im Nu holen. Vielleicht daß er den Wasserläufer
mit erwischte, denn zuweilen wären sie so keck, diese Vögel,
daß sie einem geradeaus ins Haar flögen. Oder hätte sie nicht
Lust, einen Strandläufer fangen zu sehen? Auch eine ausge-
brütete Schar Steinschmätzerküchlein könnte er ihr zeigen,
und später müßte er zu dem Loch im Altbach hinunter, um
nach seinen Aalangeln zu schauen.
Per war dem Weinen nahe, als er sah, wie Jakob ihm die
Anni wegschnappte. In seiner Herzensangst stieß er hervor:
»Anni, du darfst nicht mit ihm gehen. Denn die Rüben, die er
dir gegeben hat, die hat er gestohlen.« Und zu Jakob gewendet:
»Denn du bist ein Dieb! Du stiehlst auch Hühnereier.«
Im Nu standen die beiden Kampfhähne aufrecht einan-
der gegenüber mit erhobener Peitsche. Es gewann jedoch den
Anschein, als ob Jakob jetzt mehr Respekt vor Pers knotiger
Peitschen-Schmitze hatte, als er früher Wort haben wollte.
Denn plötzlich ließ er seine Waffe sinken in der Hoffnung,
seinen Gegner noch schwerer treffen zu können.
»Brauchst dich nicht so aufblasen, du Schlingel, der du mit
Krätze am ganzen Balg behaftet bist,« rief er.
»Du hast ihn doch nicht angerührt?« wendete er sich an
Anni. »Weißt doch gewiß, daß er nicht in die Schule kommen
darf, weil er sonst die andern ansteckt; deswegen ist er ja den
ganzen Sommer nicht dort gewesen.«
Anni sah Per mit offenem Munde an. Das war also der
Grund, weshalb sie eine ausweichende Antwort erhalten hatte,
als sie ihn gefragt, warum er nie mehr zur Schule käme.
»Ja aber ich hab eine große Laus auf deiner Jacke gesehen,«
schrie Per, seine Geißel wie einen Tomahawk schwingend.
Jakob retirierte, höhnisch hinüberschielend, in der Gewißheit,
daß sein Hieb fester sitze.
Anni zog mit Jakob fort, um sich seine blauen Wunder vor-
weisen zu lassen. Per ging still weinend zu den Kühen hin-
auf, seine schöne Peitschenschnur im Staub hinter sich her-
ziehend.
Es schnitt ihm ins Herz, daß der Bösewicht ihm Anni ge-
raubt hatte, noch dazu mit so lumpigen Mitteln. Freilich hatte
er die Krätze, daß er oft die ganzen Nächte lag und sich bis
aufs Blut gottsjämmerlich kratzte. Aber war das seine Schuld?
Hatte seine arme Mutter ihn nicht hierher geschickt, so rein
wie ein frischgelecktes Lamm, ohne auch nur eine Nuß im
Haar? Und da hatten diese abscheulichen Menschen ihn in
ein Bett mit dem Großknecht, dem Krätzklotz, treiben müs-
sen, der ihn und alle die Burschen und Knechte, mit denen er
in seiner Dienstzeit in Berührung gekommen war, angesteckt
hatte.
Es war wirklich kein Vergnügen, auf der Welt zu sein; man
konnte tun, was man wollte, so hatte man doch nur Undank
dafür.
Bei jedem Keulenschlag auf die Pfosten die Reihe der Kühe
entlang fiel eine bittere Träne aus Pers Augen. Als er sich um-
kehrte, sah er über die Sumpfwiesen hin, wie Annis behende
Beine elastisch über die Erdschollen hinter dem schlenkern-
den Jakob herhüpften.
Per schmiß die Keule schwer neben den letzten Spannpflock
hin und ging langsam über die Hügel zu Roy.
DER ILTISJÄGER

Roys buckliges Haus mit seinem ginstergedeckten Giebel


lag mitten auf einer offenen Ebene, auf drei Seiten von wei-
ßem, grobkörnigem Sand, auf der vierten von einem kahlen
Heidefleck umgeben. Längs eines windschiefen Stakets ge-
langte man zum Eingang. Das erste, worauf das Auge fiel, war
eine getünchte, an einer Stange hängende Holzplatte, auf der
mit Teer geschrieben stand:

Bist du ein Freund, willkommen hier,


Bist du ein Schurk, hinaus mit dir!

Über der Eingangstür leuchteten folgende Zeilen in


Rotschrift:

Diesen Wigwam nennt man mein,


Gast, tritt ein, und er ist dein!

Im selben Stil war auch das Innere des Hauses gehalten, öff-
nete man die Wohnstubentür, so schob sich darüber die
Gestalt eines Mohren halb hervor und ließ aus einem Horn ei-
nige schrille Willkommtöne erschallen. Ein zahmes Schwein
bewegte sich grunzend zwischen dem Tischgestell. Auch das
Schwein trug seinen Vers. Auf einem Bande am Nacken stand
geschrieben:
»Wenn ich auch nur ein armes Schweinchen bin, Mein Name
steht in jeder Zeitung drin.«
Das Schwein hieß nämlich Estrup! *
Per sperrte die Augen auf, als wäre er über die Schwelle
eines Zauberers getreten. Von der Wohnstube aus schob er
sich vorsichtig in den nächsten Raum, aber mit Ausnahme
des Schweins fand er keine Bewohner in den beiden Stuben.
Auch das zweite Zimmer war mit den sonderbarsten Dingen
angefüllt. In einer Ecke stand eine Drehbank, und an den
Wänden hingen zwischen den gewöhnlichen Handwerks-
geräten wie Säge und Bohrer die eigentümlichsten Waffen
und Instrumente, vermutlich Sachen, die Roy von seinen
Reisen heimgebracht hatte: ein riesengroßer Bumerang, eine
Indianermaske, ein Skalp, ein paar schrecklich grinsende
Fetischbilder. Dazwischen eine Menge echt heimischer Pro-
dukte. In einer Ecke der Stube ragten einige herrlich goldige
Schößlinge in den Sand eingegrabener gelber Rüben über
den Ziegelboden hinaus. Auf der entgegengesetzten Seite der
Stube lag ein Haufen getrockneter Tierhäute und Wollsäcke;
auf einer Hobelbank, die zugleich als Tisch diente, stand eine
Riesenzuckerrübe, die, wie ein Teufelskopf hergerichtet, be-
malte Hörner hatte und innen ausgehöhlt war, so daß man
ein Licht hineinstecken konnte.

*
Estrup, reaktionärer dänischer Minister in den achtziger Jahren. Anm.
d. Übers.
Per hatte sich noch kaum in diesem schnurrigen Hause
zurechtgefunden, als Roy durch eine Hintertür mit einem
Melkkübel in der Hand eintrat.
»Nun, bist du da, mein kleiner Freund? Grüß Gott! Grüß
Gott! Gleich werde ich fertig sein,« sagte Roy und begann die
warme Milch in ein schwarzes Tongeschirr zu seihen, nach-
dem er zuerst einen Leinenfleck über den Boden des Siebes
gebreitet hatte.
Sobald er den Lappen ausgewunden und seine Hände in
einer Blechschüssel abgespült hatte, trat er zu Per hin, der in
leisem Schauder vor den beiden Fetischen wartete.
»Also du bist’s, der beim Bertel im Dienst ist? Einen ärgeren
Knauser als den gibt’s in der ganzen Gegend nicht; war die
Frau nicht doch um ein Kleines besser, bekäme keiner von
euch einen Bissen zu essen. Und jetzt hast du also die ver-
wünschte Bescherung mit deiner Krätze! Hast sie beim Bertel
erwischt?«
»Nein, vom Großknecht hab ich sie kriegt,« sagte Per klein-
laut.
»Ja, versteht sich, vom Großknecht; allright! Das Schwein!
Obgleich, was kann man da sagen, solange das Gesind wie
die Kälber in einen Stander zusammengepfercht wird. Aber
ein Unsinn ist das, ein Unsinn, sag ich, daß sie das Recht
dazu haben. Ihr Narren! Auflehnen sollt ihr euch! Revolution
machen, soll mich der Teufel holen! Das hätte in Südamerika
sein sollen; daß sich Gott erbarm! Ein paar Schurkenköpfe
auf einer Forke aufgespießt, das tat weit mehr nützen als sie-
ben Scheffel Reichstagsphrasen, soll mich der Teufel holen!
Aber was verstehst denn du davon, du kleiner Tropf. Tut euch
zusammen! Rottet euch zusammen, zum Teufel! Warum laßt
ihr euch treten? – – No, no, no! Brauchst nicht so zu Tode zu
erschrecken. Du hast ja keine Schuld. Du hast deine Krätze
bekommen, und er, der andre, das Schwein, nun ja, er hat ver-
mutlich die seine auf eben die Art bekommen: ist auch in eine
Koje zu irgendeinem angesteckten Arbeitssklaven geschmis-
sen worden. Hat ja auch all sein Lebtag dienen müssen. Und
ist ein Lump worden dabei. Denn Lumpen werden sie beinah
alle, Freundchen. Sich schinden und plagen jahraus, jahrein
und nie eine Aussicht haben, vorwärts zu kommen – dabei
muß der Mensch verlumpen! Und stumpf und blöd werden!
Denn, Gott steh uns bei, blöd ist es, sich so hunzen und sich
den Rüssel anspeien lassen wie das Schwein dort!«
Und Roy spuckte in weitem Bogen nachdrücklichst dem
Schwein auf die rosigen Nüstern.
»Und wenn eins einmal stumpf geworden ist, Freundchen, so
schert es sich auch den Teufel mehr um die Reinlichkeit und
all das. Ja, du meinst vielleicht, es war auch bei mir mit der
Reinlichkeit nicht gar so weit her,« fügte er hinzu, mit einem
entschuldigenden Blick all das aufgehäufte Gerumpel strei-
fend. »Aber du kannst in drei Teufels Namen in jede Hand
eine Laterne nehmen und wirst doch im ganzen Wigwam des
Iltisjägers nichts von Grind oder Laus finden!«
»Na, laß jetzt einmal die kleinen Hundepfoten nachschauen!«
Per streckte die Hände hin.
»Ja, das sitzt gehörig fest, das geht freilich nicht mit dem
Kratzen weg. Schauen wir also, was sich da machen läßt.
Obzwar, was zum Teufel kann das nutzen, wenn du wei-
ter bei dem Krätzsack liegen mußt? Und wenn man seiner
Hoheit dem Bertel auf Nörhof was sagen möchte, so war das
grad so für die Katz, wie dem Ferkel da eine Arbeit zumuten.
Wie lang schleppst du dich denn schon mit dem elendiglichen
Zeug?«
»O, so an drei Monat wird’s schon sein,« erwiderte Per.
»Und von der Schule haben sie dich nach Haus geschickt?
Wie lang ist das her?«
»Drei Wochen.«
»Und da hat dein Herr noch immer nicht dazu geschaut, daß
du wieder rein wirst? Ja freilich, vermutlich hat er sich in die
Faust gelacht, daß er dich jetzt daheimhalten und den gan-
zen Tag für sich rackern lassen kann, ohne mit der lästigen
Schule schikaniert zu werden. Ja, wirklich und wahrhaftig, es
ist wie ich sag: Ich war schon in aller Herren Ländern, hab
in Australien die Schafe gehütet und war Viehtreiber ganz
unten in Brasilien, aber, der Deibel soll mich in seine Hölle
holen, wenn ich irgendwo auf der weiten runden Erde so ein
herrisches, hartherziges Volk getroffen habe wie hierzulande
bei diesen als »aufgeklärt« ausposaunten Bauersleuten in ih-
rem stimmungsduseligen Sahneland! – Aber davon reden wir
später einmal. Jetzt bist ja noch zu klein, begreifst nicht, was
ich mein. Aber stumpf sollst du nicht werden! Dich nicht
gehen lassen wie alle die andern! Immer den Kopf hübsch
hochhalten, Freundchen! Und wenn auf dir herumgetreten
wird – und es wird tagtäglich auf dir herumgetreten –, so
mach eine Faust im Sack so lange, bis der Tag kommt, wo
du stark genug bist, sie dieser wurmzerfressenen, bauerns-
tolzen Geldsackwirtschaft mitten ins Gefries sausen zu las-
sen. Und schau nur wieder herein zu mir, wenn dich der Weg
hier vorbeiführt und du Lust dazu hast! Aber richtig,« fügte
er hinzu, »du bist natürlich durstig, du kleiner Schmierfink,
warte nur.«
Roy zog eine Tasse hervor und füllte sie halb mit Wasser,
goß etwas Saft hinein und schüttelte ein Pulver aus einer Tüte
dazu. Das Wasser gischtete über den Rand der Schale hinaus.
»Trink, trink!« lachte Roy, indem er Per die Tasse reichte. Per
trank. Die Kohlensäure stieg ihm prickelnd in die Nase. Nie
im Leben hatte er einen so köstlichen Trunk geschlürft.
»Hast noch nie eine Limonade bekommen? Na, natürlich
nicht; soviel ich weiß, werden solche Getränke bei Berteis
nicht geschenkt. Geh jetzt heim, Kleiner, und ich hoffe, du
schmierst dich brav ein mit dem Teufelszeug, das ich dir ge-
geben hab. Leb wohl, Bürschel. Willst du nicht den »Estrup«
hinterm Ohr krauen?Weißt, er hält was drauf und ist gewöhnt,
daß ihm die Leute die kleine Aufmerksamkeit erweisen.«
IN DER KNECHTEKAMMER

Wenn einmal unser fortgeschrittener, humaner, mit einem


Worte aufgeklärter Bauernstand sein eignes Landwirtschafts-
museum erbauen wird, um der Welt eine Vorstellung von der
hohen Kultur des Standes zu geben, möge er die Kammer
der Knechte nicht vergessen; doch für den Fall, daß es zu je-
ner Zeit einen solchen Raum nicht mehr geben sollte – was
wir uns versucht fühlen könnten zu wünschen –, so soll hier
eine Skizze der Knechtekammer entworfen werden, wie sie
bei dem Großbauer Bertel auf Nörhof bestand und ohne son-
derliche Abweichungen sich heutigen Tags in Tausenden von
Höfen rings in unserm geliebten Vaterlande findet.
Eigentlich bildete sie keinen Raum für sich, sondern floß –
im buchstäblichen Sinne – mit dem Pferdestall zusammen,
von dem sie nur durch eine an mehreren Punkten durch-
brochene Lehmwand geschieden war. Statt die Begriffe des
Volkes durch die Bezeichnung »Kammer« zu verwirren, sollte
man lieber von einem Stall oder Knechtepferch reden. Man
gelangte zu demselben über einen stinkenden See flüssiger
Tierexkremente, die Sommer und Winter sich vor der unge-
hobelten Eingangstür sammelten. Die rostigen Türeisen und
ausgerissenen Angeln machten es fast immer unmöglich, die
Türhaspe vorzulegen. Der Umstand, daß der Stall hier am
Nörhof nach der Väter Sitte zu allen Jahreszeiten als Abtritt
für die Leute diente, unterstrich gleichsam das Unflätige die-
ses Wohnraums.
Wagte man sich nun in diesen selbst hinein, sah man vor
allem vier nackte Wände, die vielleicht einmal in längst ent-
schwundenen Tagen etwas Kalkverputz gesehen hatten, nun
aber eine Fülle von Spalten und Rissen aufwiesen, wie be-
nagt vom häßlichsten, längsten Zahn der Zeit. Über der Stall-
tür, wo zwei, drei Lagen Steine herausgefallen waren, hatte
man, um den Schaden auszubessern, ein klotziges Brett von
der Dungstatt hingenagelt. Der Boden aus schwarzem, näs-
sendem Lehm war immer mit dem Kot der Holzschuhe und
ausgespucktem Kautabak bedeckt. Die Decke bestand aus
lose aneinandergereihten Latten, über denen das Dachstroh
des Hofes aufbewahrt war. Ging jemand über das Stroh,
so wippten die Latten auf und nieder und Wurmmehl und
Mäusedreck rieselte herab auf die wenigen wackligen Möbel,
die sich verschämt in die Ecken der Kammer verkrochen. Den
größten Teil des Raums nahmen zwei mächtige hochbeinige
Doppelbetten ein, zwischen deren Brettern überall das Stroh
die Zunge herausstreckte. Das Prachtstück der Kammer war
ein Kleiderschrank mit gemalter Eichenmaserung und ge-
kehlten Türen. Er strömte noch etwas frischen Tannenduft
in all die sonstige Stickluft aus. All sein Licht erhielt das
Loch durch ein einziges ellenhohes, auf den Hof hinausge-
hendes Gitterfenster. Die Fensterrahmen und alle Winkel des
Raums waren gepolstert mit Spinnweben, die, vom leichte-
sten Windhauch bewegt, das in ihre Netze verfilzte Häcksel
und Haferstroh leise schaukelten.
Eine verstaubte Schmierkanne muffte ranzig in einer Ecke
des Fensterbretts, und in einer unverpfropften Tranflasche
schwammen eine Anzahl Fliegenleichen.
»Jetzt darfst du aber, meiner Sixt, nicht sparen mit dem
Schmieren,« erklärte Laurin, der zweite Knecht, der, um Pers
Anstalten, die Einreibung vorzunehmen, besser verfolgen zu
können, die rußige Stallaterne herüberdrehte, deren Qualm
und derber Petroleumgeruch von dem mit Gerumpel ange-
füllten Tisch über die Betten hinzog.
Das außerordentliche Ereignis, daß der Hirtenjunge »ein-
geschmiert« werden sollte, rief allmählich die gesamte mo-
bile Besatzung des Hofes herbei. Sogar Ann-Kjestin stat-
tete diesem Anlaß zu Ehren der Knechtekammer, wo sie seit
Menschengedenken niemand gesehen hatte, einen Besuch ab.
Sie überschritt jedoch nicht die Schwelle, offenbar in der Sorge,
irgend etwas von dort mit wegzutragen. Von einem trockenen
Steine inmitten des Dreckpfuhls vor dem Eingange warf sie
einen forschenden Blick in die Kammer und teilte zugleich
einige Befehle aus.
»Was hat er dir denn zum Einschmieren gegeben?« fragte
Ann-Kjestin.
»Ein Pulver, das ich mit grüner Seife verreiben soll,« sagte
Per.
»Na, so schau nur, daß du’s ja gut durcheinander rührst,«
sagte sie zu Per, der auf einer zerbrochenen Untertasse in einer
häßlichen, nach Schwefeldunst riechenden Masse mit einem
Holzspan herumkratzte.
Ann-Kjestin wendete sich nun an den Großknecht:
»Du, Anders, möchtest du nicht deine Holzschäfte, die du
am Balken aufgehängt hast, wo anders hintun, bis sie besser
ausgetrocknet sind? Ich dächt, daß der Trangeruch gar so höl-
lisch scharf ist, drin zu schlafen.«
»Ah, der Tran, der gibt so einen frischen Geschmack zwi-
schen all dem andern,« versetzte Anders.
»Und du, Laurin,« fuhr Ann-Kjestin fort, indem sie zu ei-
nem der Schränke hinaufdeutete, aus dessen oberstem Fach
ein Bündel schmutziger Wäsche herausquoll, »könntest du
deine Schmutzwäsche nicht besser zur Seite schieben? Es
schaut gar so eigen her, wie das da hängt.«
Laurin lief hin und gab den am tiefsten herabbaumelnden
Hemdärmeln einen Schwung, daß sie über die Schranktür
hinaufflogen.
»Wo war es denn, daß er die Iltisjungen aufgestöbert hat, der
Roy?« frug sie weiter.
»Da, meiner Treu, in meinem und dem Per seinem Bett,«
entgegnete Anders.
»Pfui über die Geschöpfe! Wie sich so ein ekliges Zeug nur
hat einschleichen und hereinlegen können?«
»Ja,« sagte Anders, »daran ist der Laurin schuld; er muß all-
weil in der Nacht den Stein aus der Außenmauer nehmen,
und da kommt’s dann natürlich hereingeschlüpft.«
»Ja was, soll eins vielleicht daliegen und ersticken?« wendete
Laurin ein.
»Hab ich dir nicht oft genug gesagt,« antwortete Anders auf-
gebracht, »daß, wenn du frische Luft haben willst, du ja die
Stalltür aufmachen kannst?«
»Ja, meiner Seel, das war’ das Rechte! Das war’ eine schöne
frische Luft, die von dort hereinkam.«
»Ach, tut euch jetzt nicht veruneinigen deswegen,« sagte
Ann-Kjestin versöhnlich. »Jetzt hat der Roy den Kram ja doch
mitgenommen.
Schmier dich jetzt gut ein, Per, daß du’s wieder los wirst und
unter die Leute kommen kannst.«
Mit diesen Worten drehte die dicke Ann-Kjestin sich schwer-
fällig um und ging ihres Weges.
»Rein waten muß eins hin und her zu euch! Tut die
Mutterstute das alles anstellen? Pfui, förmlich versinken tut
man drin.«
In der Stalltür traf sie Mette.
»Geh, schau drauf, Mette, daß der dumme Junge sich or-
dentlich einreiben tut, daß er nicht am End es wieder gut sein
läßt und eins all die Ungelegenheit und Spesen für nichts hätt.
Und gib auch Obacht, daß, solang die Schmiererei im Gang
ist, das Bett nicht frisch überzogen wird. Sonst möcht das
Bettzeug nur gleich wieder angeschmiert werden!«
»Überzogen?« frug Mette. »Seit der Bub da ist, ist noch kein
einzigsmal überzogen worden!«
»Na, einstweilen hätt’s auch gar keinen Sinn; solche Burschen,
die liegen, weiß Gott, kaum eine Nacht drin, so ist alles schon
wieder dreckig.«
Damit hatte Ann-Kjestin ihren Inspektionsgang in die
Knechtekammer vollendet und wurde nun von der dienst-
tuenden Mette abgelöst, deren Augen förmlich glänzten vor
schamlosem Eifer, den entkleideten Knaben in Behandlung
zu nehmen.
Mette war ein liederliches Ding, das die Nächte entweder bei
dem zweiten Knechte hier in der Knechtekammer zubrachte,
ohne Rücksicht darauf, daß Per und der Großknecht dicht
nebenan schliefen, oder auch die Gegend nach noch schlech-
teren Mannsleuten durchjagte. Mehr als einmal hatte sie dem
kleinen Per rohe Anträge gemacht, die nicht verfehlten, aller-
hand Vorstellungen in ihm zu wecken; er hegte eine instink-
tive Scheu vor dieser Mette mit den wilden Augen und dem
großen, unschönen Mund, der wie geschaffen schien, Blut aus
offenen, frischen Wunden zu saugen.
»Na, wirst du dein Gewand bald ausgezogen haben?« sagte
Mette, Per an der Jacke packend.
Per fuhr zurück und sagte mit drohenden Augen:
»Ich werde es schon selber herunterkriegen; du brauchst
nicht dazustehen.«
»Na, hört einmal den Lümmel!« rief Mette. »Als ob die Ann-
Kjestin mir nicht aufgetragen hätt, ich soll darauf aufpassen,
daß du gehörig eingeschmiert wirst. Wirst du herkommen,
du Fratz,« rief sie und packte ihn von neuem an. Per haute
um sich wie ein Wilder, um Mette abzuschütteln; besonders
als sie ihren Angriff auf die letzten Kleidungsstücke richtete.
Wie ein kleines rasendes und reißendes Tierjunges stand
er nackt und hilflos zwischen den drei angekleideten, er-
wachsenen Menschen; die zwei Männer schlugen sich auf
die Schenkel unter rohem Lachen, warfen sein kurzes Hemd
übers Knie zurück, deuteten und schlugen eine noch lautere
Lache auf, als die zynische Mette an ihm zerrte, um die letz-
ten schützenden Fetzen von seinem Leibe herunterzureißen.
Es war ein Kind, das um seine Unschuld rang und endlich
geschändet wurde.
PER IST KRANK

Das war eine furchtbare Nacht für den kleinen Per. Das Hemd
legte sich ihm so fest an die Haut, als wäre es mit Vogelleim
angeklebt. Die Hitze des zerwühlten Bettzeugs verbrühte fast
seinen Körper. Wie sehr er sich auch drehte und wendete, er
konnte nicht liegen; es war ihm, als wälzte er sich in einem
ungeheuren Pechpflaster, das durch die Körperwärme mürb
und klebrig geworden.
Er hatte kaum wie ein Vögelchen ein Weilchen gedämmert,
als er mit heftigem Kopfschmerz erwachte. Seine Sinne wa-
ren krankhaft empfindlich; der stinkende Teich an der Tür,
Andersens mit Tran eingeschmierte Holzschäfte und der
Dunst des Wäschebündels – all das roch er nicht nur, es legte
sich ihm wie ein Belag auf die Zunge. Und dabei war er so
furchtbar durstig. Wenn er nur einen Tropfen Wasser hätte!
Er mußte unwillkürlich an Roys Limonade denken. Wie die
geschmeckt hatte, und was das doch für ein seltsamer Mann
war, dieser Roy; und so herzensgut! Sonst gab’s nicht viele gute
Menschen. Ja, Kild Pejrsen; und Jens Romler, der Tagelöhner,
der ein so armer Teufel war und sich so gebückt hatte, damit
er ihm den Deckrasen auf den Rücken laden konnte; und
dann die Anni – die war gewiß auch gut, aber zuletzt war sie
doch mit dem Jakob davongegangen. Aber diese Mette! Oh,
der hätte er mit seiner Keule eins vor die Stirn versetzen mö-
gen, ja, mit dem oberen Ende der Keule, wo sie mit all den
breiten Nägelköpfen gespickt war.
Ach, aber dieser Durst! Er hielt das nicht aus! Vorsichtig
schlug er die Federdecke zur Seite und ließ die nackten Füße
auf den Lehmboden niedergleiten. Es schwindelte ihm vor
Kopfschmerz und Übelkeit; er umschiffte mühsam den stin-
kenden See und kam zur Stalltür hinaus. Der Mond stand
wie ein großes Gespenstergesicht niedrig über dem Westflügel.
Eine Schar weißer Tauben schlief auf dem First.
Barfuß und in bloßem Hemde, dessen verkleisterte Fal-
ten sich wie Egel an seinen Körper ansaugten, gelangte er
zum Brunnenrand. Er wagte nicht, frisches Wasser herauf-
zupumpen, da der ungeölte Brunnenschwengel gequietscht
und alle auf dem Hofe geweckt haben würde. Er bog sich
denn zum Wassertrog nieder und trank begierig wie ein Tier,
das den ganzen Tag nicht bei der Tränke gewesen.
Krank und taumelnd gelangte er zur Stalltür zurück. Der
Mond jagte seinen dünnen Schatten über das mattbeleuch-
tete Gebälk.
Als Bertel am nächsten Morgen wie gewöhnlich rief, scholl
es Pers Ohren wie ein Ruf im Nebel. Bertel mußte zum Bette
hin und ihn schütteln.
»No, mach, daß du aus den Federn kommst! Die Ochsen
sind unten auf den Wiesen aufgestanden, es ist schon höchste
Zeit.«
Per richtete sich automatisch auf. Er hatte grüne Ringe unter
den Augen, wie ein Mühlstein schien ihm die Lebenslast am
Hals zu hängen. Er taumelte aus dem Bett, während Berteis
hohle Holzschuhe Funken aus dem Stallpflaster schlugen.
Aus der Stalltür tretend, war er noch nicht zwei Schritte
gegangen, als er sich so heftig erbrach, daß es in den Rippen
knarrte. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, und er konnte
vor Schwindel kaum seine eigenen Füße sehen.
»Ich bin krank,« sagte Per mit leiser Stimme zu seinem
Dienstherrn, der bei der Düngergrube stand und an einem
Pflock bastelte.
»Ach, bist du des Teufels? Meinst du vielleicht, du kannst so
mir nichts dir nichts den Kranken spielen, jetzt in der Früh,
wo das Vieh dasteht und auf die Weide hinaus muß?«
Pers Antwort war ein neuerliches Erbrechen, unter dem sein
Körper so stark erzitterte, daß er sich an die Mauer lehnen
mußte.
»Was, ist der Jung krank?« rief Ann-Kjestin aus ihrem
Hinterhalt in der Brauhaustür.
»Ja, ihr könnt was Rechtes anrichten, ja, das könnt ihr,«
antwortete Bertel; »es ist natürlich das Satansgeschmier, auf
das ihr euch gesteift habt; früher hat der Jung recht gut sei-
ner Arbeit nachgehen können, aber es hat geschmiert werden
müssen. Euch sollte man, hol’s der Teufel, schmieren! Wirst
du jetzt dem Rindvieh nachrennen? Oder weißt du vielleicht
wen dazu zu stellen? Da geht ja die Mette, die lange Stange.
Aber kann man denn die dazu haben, daß sie auch nur eine
einzige Kuh auf die Trift führen oder die Koppel Schafe vom
Fleck bringen tat? Nein, wenn sie nur mit dir tratschen und
ihr miteinander euren Kaffee trinken könnt, mit dem Vieh
mag dann geschehen, was will!«
»Jetzt möcht ich aber wirklich meinen, du könntest dir die
viele Rederei sparen; es hat sich doch darum gedreht, daß der
Junge, wieder rein werden soll, das weißt du ganz gut. Und
daß er das Zeug nicht verträgt, der arme Kerl, das ist wieder
eine Sache für sich. Ist er aber krank, so muß er ins Bett, da
helfen keine langen Geschichten.«
»Na, so geh in Teufels Namen ins Bett, das wirst du hoffent-
lich vertragen,« sagte Bertel. »Aber wenn du mir nicht bald
wieder gesund wirst, so kannst du, bei meiner Seligkeit, wenn
in Sörupen Jahrmarkt ist, daheim sitzen, da steh’ ich dir gut
vor.«
Auf diesen Jahrmarkt, der nächsten Monat abgehalten wer-
den sollte, hatte sich Per, als auf die fast einzige Zerstreuung
des einförmigen Hirtenlebens, seit langem unendlich gefreut.
Per hatte schon drei, vier Tage mit ziemlich hohem Puls ge-
legen, als seine Mutter auf Umwegen Nachricht über seinen
Zustand erhielt. Eines Nachmittags nun stand Ann-Marie
Kjærsgaard in der Wohnstube auf dem Nörhof. Ann-Kjestin
bot ihr einen würdevollen Willkommgruß, indem sie zugleich
in die Küchentür hinausrief:
»Mette!«
»Ja – a!«
»Setz den Kaffeekessel ans Feuer.«
»Was denn für einen?«
»Den blauen.«
Zur Erklärung dieser Wahl muß man wissen, daß auf dem
Nörhof Geschmack und Güte des Kaffees sich nach Stand
und Stellung richteten.
Am besten war der Kaffee der braunen Kanne. Sie wurde nur
in seltenen Fällen für Familienmitglieder und Honoratioren
verwendet. Recht gut war auch der der weißen; sie war zu Ann-
Kjestins eigenem täglichen Gebrauch. Aber geradezu schlecht
war der der blauen, die ausschließlich für die kleinen Leute
und des Sonntags für das Gesinde gehörte. Diese wurde denn
auch Ann-Marie Kjærsgaard zugedacht.
»Ich hab gehört,« begann Ann-Marie, »daß der Per krank
ist.«
»Ja, wir haben ihn müssen niederlegen lassen,« sagte Ann-
Kjestin.
»Es ist aber wohl nichts Arges?« frug Ann-Marie.
»Ih nei – in. Kopfweh hat er, sagt er, und dann –, selbiges
Jucken, das er bekommen hat; aber das kann man doch nicht
grad für eine Krankheit rechnen. Sonst war er ein recht flin-
ker Jung, ich kann’s in Wahrheit nicht anders sagen. Er hat
uns nie einen Schaden gemacht. Und dem Essen hat er auch
alleweil gut zusprechen mögen, bis auf die letzten Tage. – Ja,
geh nur jetzt hinein und schau zu ihm.«
Ann-Marie Kjærsgaard ging zu ihrem Sohn hinein. Sein
Wirrkopf mit dem struppigen, sonnverbrannten Haar und
dem blassen Gesicht hob sich scharf von dem schmutzigen
Bettzeug ab.
»Schaust du aber elend her!« sagte Ann-Marie und strich
ihm über die feuchte Stirn.
Per blickte mit einem müden, unbestimmbaren Blicke auf.
»Du kannst doch deine Mutter erkennen, Per?«
Pers Mundwinkel begannen zu zucken.
»Wo tut’s denn weh, Kindlieb?«
Er legte die Hand auf das Zwerchfell und die Schläfen.
»Meinst du nicht, du könntest einen Bissen Kuchen essen?«
fragte Ann-Marie und begann eifrig die Stecknadeln aus ei-
nem kleinen Bündel zu ziehen und an die Brust zu stecken.
Per schüttelte schwach den Kopf.
»Nur einen Bissen!« bat Ann-Marie inständig. »Ich hab
Zucker drauf gestreut.«
Pers Antwort war nur ein neuerliches Kopfschütteln.
»Nein, bist du so danieder? Und wie stark du schwitzen
tust!« Sie streichelte ihm die Wange, während zwei große
Tränen, die ersten, die sie seit undenkbarer Zeit geweint, auf
Pers Bettstelle niedertropften.
»Und nicht ein einzigsmal bist du seither zu deiner armen
Mutter gekommen, daß man doch ab und zu hätt sehen kön-
nen, wie’s mit dir steht. Hast du dich denn nie nach daheim
gesehnt?«
»Ja – aa!« sagte Per unter heftigem Weinen.
Ann-Marie wickelte langsam das Tuch um den verschmäh-
ten Kuchen, nahm die Stecknadeln, eine um die andre, von
der Brust herab und befestigte die Tuchenden. Sie stand noch
lange und streichelte dem Sohn die Wange, ging hierauf still
über den Hof und ins Haus hinein.
Sie blieb stumm, solange sie ihren Kaffee trank. Als ihr eine
zweite Tasse angeboten wurde, schob sie diese fest und be-
stimmt von sich: »Nein, danke!« Ann-Marie Kjærsgaard ver-
stand sich auch auf Kaffee.
»Na, was sagst du zu dem Jungen?« fragte endlich Ann-
Kjestin.
»Krank ist er, sag ich, und arg krank! Und dann sag ich, daß
der Doktor geholt werden muß, ohne langes Besinnen.«
»Jeses nein, der Doktor! Wegen so einem Burschen! Da wer-
den wir uns schön bedanken!« sagte Ann-Kjestin.
»Das ist jetzt schon nicht anders, als wie ich sag; und laßt ihr
ihn nicht holen, so werde ich dafür zu sorgen wissen, daß es
geschieht, und wer dann dafür aufzukommen hat, das werdet
ihr schon erfahren! – Bist du überhaupt drinnen gewesen und
hast nach ihm geschaut?« fragte sie streng.
»Nein, ich freilich nicht, aber die Mette ist ja öfter bei ihm
draußen mit seinem Essen gewesen, und dann und wann hat
er auch ein paar Bissen genommen,« beruhigte Ann-Kjestin.
»Von meinem Essen hat er aber nichts nehmen wollen, und
ich weiß doch sonst auch, was er mag. Aber, wie gesagt, der
Doktor muß geholt werden, morgen in aller Früh.«
»Na, da wird der Bertel nicht wenig aufbegehren!«
»Mag der Bertel tun, was er will, aber das Kind muß eine
Hilfe kriegen, und das bald. Er hat niemand anders auf der
Welt, der nach ihm schaut, als seine Mutter. Das erstemal ist
er in der Fremde, und, grad heraus gesagt, es tut mir genug
weh, wie er dran ist.«
»Wie er dran ist,« versetzte Ann-Kjestin erstaunt, »wie du
dich aufs hohe Roß setzt! Hat er’s vielleicht nicht ganz ebenso
wie die andern Dienstjungens, ja eher noch um ein kleines
besser? Ich weiß zum mindesten, daß ich ihm manchen Bissen
zugesteckt hab, von dem der Bertel nichts hätt sehen dürfen
und den die andern Knechte auch nicht gekriegt haben.«
»Übers Essen, da klag ich auch nicht,« gab Ann-Marie zu-
rück, »das ist gewiß nicht schlechter als sonstwo. Aber daß
der Junge hat herkommen müssen, die Krätze bei euch zu
kriegen, das, mein ich, ist Sund und Schad um ihn. Ich schick
ihn her, er war, meiner Seel, rein von innen und außen; selber
bin ich gestanden und hab ihm’s Haar gekämmt. Nicht eine
Laus, nicht eine Spur von einer Laus war auf ihm, wie er bei
euch eingestanden ist, so soll ich nimmer selig werden, wenn’s
nicht so ist, wie ich’s euch sag. Und jetzt soll der Bursch her-
umgehen in der Schand und in keine Schule gehen dürfen
und nicht zu andrer Leute Kindern? Ich begreif’s wahrhaftig
nicht, daß so reiche Leute wie ihr auf dem Nörhof sich nicht
schämen, sich so was nachreden zu lassen.«
Wenn einmal Ann-Marie dieses Roß tummelte, war nicht
gut mit ihr zu spaßen.
Und also geschah es, daß Bertel am nächsten Morgen, mür-
risch und verdrossen, seinen breiten Hintern in die Polster des
neuen Wagens drückte und zum Doktor fuhr.
Als der Wagen am späten Vormittag wieder angefahren kam,
empfing ihn Ann-Kjestin mit dem Ausruf: »O Jeses, schon der
Doktor da! Das war doch schlimm, wenn der die alte, grausli-
che Bettwäsche sehen tat, die schon so lange nicht gewechselt
ist. Mette, schau, daß du insgeheim noch geschwind das Bett
überziehst, derweil ich ihm hier eine Tasse Kaffee vorsetze.«
Mette schoß in die Knechtekammer, indes Ann-Kjestin ei-
ligst die braune Kanne ans Feuer setzte. Unterdes aber war
der Arzt schon ausgestiegen. Er war ein untersetzter, fettlei-
biger Herr mit blondem Vollbart, kleinen Füßen und einem
Panamahut auf dem Kopfe. Ein feiner Gordon-Setter stand
mit der schwermütigsten Miene neben ihm und streckte die
Zunge gegen die Radspeichen heraus.
»Da drinnen liegt er!« wies Bertel mit der Peitsche nach der
Stalltür.
»Na –«, erwiderte der Arzt, »haben Sie Ihre Leute im Stall?
Da wird wahrscheinlich das Vieh in den Stuben sein?«
»Wa – as?« fragte Bertel; er konnte zuzeiten recht schwerhörig
sein.
»Du, Bertel, Bertel!« flüsterte Ann-Kjestin verwirrt, indem
sie ihren Mann am Rockärmel zupfte. Dann sagte sie mit er-
hobener Stimme: »Ach möchte der Herr Doktor nicht auf ei-
nen Augenblick bei uns eintreten und eine Tasse Kaffee trin-
ken – zuerst?«
»Ja, danke, Ann-Kjestin, nachher!« sagte der Arzt und trat
in die Stallkammer, wo Mette eben hastig um den Kranken
herumhantierte, um den Befehl der Hausmutter zu erfüllen.
»Oh, lassen Sie sich nur Zeit mit dem Bettwäsche-Wech-
seln,« bemerkte der Arzt mit verständnisvollem Lächeln,
»Reinlichkeit ist etwas sehr Gutes, auch wenn sie nicht gerade
am Weihnachtsabend kommt.«
Mette war glühend rot, als sie am Doktor Koldkur mit all
den schmierigen Bettlaken im Arm vorbeiglitt.
Der Arzt trat nun zu dem kranken Kinde. Die ganze Sache
war ihm sofort klar. Er guckte hinter die vom Schwefel stin-
kenden Ärmelleisten des Knaben, hob dessen matte Hand ein
wenig in die Höhe und schaute zwischen die Finger.
»Wo ist das, womit ihr ihn eingeschmiert habt?« fragte er.
Bertel schob den Topf scherben über den Tisch hin.
»Das ist ja der reine Mordversuch!« murmelte der Arzt. »Roys
Kuren könnt ihr meinethalben anwenden für die Schweine
oder bei Viehseuchen; von menschenähnlichen Patienten soll
er zum Kuckuck die Finger lassen. Das könnt ihr ihm von
mir ausrichten. Bei einem Haar hättet ihr das Kind umge-
bracht – Quacksalber-Idioten! Wenn ihr auch eure Leute bei-
nahe wie die Rosse leben laßt, so vertragen sie doch nicht alle
solche Roßkuren. Der da zum Beispiel ist dazu nicht fest ge-
nug. Aber versteht sich, es ist ja so schön billig, was, Nörhofer?
Drei Lot Sebedillsamen um fünfundzwanzig Öre! Das macht
kein zu großes Loch in den lieben Geldsack. Nicht wahr, mein
Lieber?«
»Freilich, da drauf muß eins auch seinen Bedacht haben!«
versetzte Bertel.
»Ja, da drauf muß man auch bedacht sein, natürlich! Wenn
auch das Kind krepiert, das hat nichts zu bedeuten; es kommt
nur darauf an, daß es auf billige Art geschieht; alles ist gut,
wenn nur die Operation an dem Geldbeutel leicht und
schmerzlos verläuft; ja, ich kenne euch – ihr Beuteltiere!
Bei wem schläft er?«
»Er ist die ganze Zeit über beim Großknecht gelegen,« er-
klärte Bertel.
»Kann ich den sehen?«
Anders wurde hereingerufen.
»Wollen Sie mir Ihre Hände zeigen?«
Anders reichte die rechte Hand dar, die schwer und gebräunt
wie eine gewaltige Hummerschere herabhing.
»Wie lange gehen Sie schon damit herum?«
Anders verstand nicht, worauf sich die Frage des Arztes be-
zog.
»Ich meine die Räude, die Krätze, das skrofulöse Ekzem, in
das Sie wie in eine Kapsel eingesponnen zu sein scheinen.«
Anders stand immer verblüffter glotzend da.
»Sind Sie taub, Mann? Haben Sie die Sprache verloren, daß
Sie nicht antworten?«
»Ja wa –was meint der Herr Doktor?« stotterte Anders.
»Ich meine, sind Sie von Geburt krätzig, oder wann sind Sie
es geworden?«
»Ach, das da! Ja freilich, das ist schon eine gute Weile, aber
das tut nicht den geringsten Schaden von der Welt nicht.«
»Aber Mensch, wollen Sie es denn nicht loswerden?«
»Nein, wozu denn? Das scheniert mich gar nicht, und dann
ist man wenigstens vor allen andern Krankheiten gefeit,« ant-
wortete Anders.
»Vor andern Krankheiten gefeit? O heilige Einfalt! Wer hat
Ihnen denn diesen Kapitalblödsinn in den Kopf gesetzt?«
»Das hört man doch alleweil, daß wer die Krankheit hat,
von allem andern freibleibt; und da dran ist doch beileib
nichts, ob man das hat oder nicht,« sagte Anders.
»Sie wollen sich also nicht einer höchst notwendigen Kur
unterziehen?«
»Hm, hm!« hustete Bertel, der schon Angst hatte, den Knecht
in dieser Zeit, wo so viel zu tun war, entbehren zu müssen.
»Eine Kur? Dessentwegen? Nein, Gott bewahre mich! Dazu
hab ich keine Zeit und kein Geld nicht.«
»Gar jetzt, wo die härteste Zeit ist,« warf Bertel ein.
»Was für Menschen!« seufzte Koldkur. »Nun gut! Aber Sie
haben dafür zu sorgen, daß der Knabe da nicht länger in ei-
nem Bett mit Ihnen liegt. Das muß ich auf das dringend-
ste sowohl Ihnen als auch Ihrem Dienstherrn einschärfen. Sie
können jetzt wieder gehen.«
Koldkur wendete sich nunmehr an Bertel.
»Ja, das Kind ist ernstlich erkrankt. Es muß sobald als mög-
lich ins Spital.«
»Ins Spital?« rief Bertel verblüfft. »Und wer soll denn das
zahlen? Ich doch nicht? Und seine Eltern sind ja in der
Gemeindeversorgung. Das muß also wohl der Gemeinde ihre
Sache sein, ob sie was tun will.«
»Hört, Bertel, ich will des Teufels sein, wenn Ihr jetzt nicht
eine ordentliche Tracht Prügel verdient!« sagte der Arzt und
trat, die Hände in den Hosentaschen, dicht vor Bertel hin.
»Der Knabe ist hier in Euerm Hause angesteckt worden,
und zwar dadurch, daß Ihr ihn mit einem notorischen Krätz-
kranken das Bett habt teilen lassen, und wenn er nun durch
Eure Fahrlässigkeit um seine Gesundheit gekommen ist, so
fragt Ihr noch, ob Ihr das Spital zu zahlen habt? Nun, mir
ist es übrigens gleichgültig, wer zahlt. Daß Ihr als des Kna-
ben Dienstgeber Euren Teil werdet beitragen müssen, ist
meiner Ansicht nach selbstverständlich. Die Hauptsache ist
jetzt, daß er irgendwohin kommt, wo er ordentlich gepflegt
wird und reine Luft hat. Denn in diesem Loch« – Koldkur
ließ einen verabscheuenden Blick über all den Unflat der
Knechtekammer gleiten – »ja, wenn mein vortrefflicher neuer
Gordon-Setter hier eingesperrt würde, in einer Woche wäre er
in einen Dackel verwandelt.«
IN DER SCHULE

Rings um das Hwarrer Schulhaus tummelte sich lärmend


und jauchzend ein Schwärm von Kindern, die Schüler der
zweiten Klasse. Die Knaben stürzten zum Teich des Pastors
hinunter, um die Zehen im Schlamm zu netzen und nach
den Stichlingen zu schauen. Die Mädchen spielten in mehre-
ren Gruppen Ball auf den grasbewachsenen Spielplätzen. In
der Schule wie im Leben werden die Gruppierungen von der
Schwere des Geldbeutels und der Zahl der Getreidesäcke be-
stimmt. Man kann auf den ersten Blick sehen, daß es die
Töchter der Hof bauern sind, die den Spielplatz beherrschen;
sie geben sich ganz und voll dem Spiele hin, in dem Gefühl
der Sicherheit, daß niemand an ihnen etwas auszusetzen
wagt. Sie fliegen dem Ball nach, mutwillig und elastisch –
wie jährige Füllen, die nach guter Haferfütterung hinaus
aufs Sommergras gelassen wurden. Ihre netten Schuhe federn
und geben dem Fuß Leben und Sprungkraft; sie haben die
Taschen voll Zuckerwerk und Zeitchen, die sie fleißig nach
oben und minder fleißig nach unten austeilen; sie lachen und
schnattern unaufhörlich, indes der Malzzucker sich zwischen
den kleinen glänzenden Zähnen hin und her schiebt wie ein
Zaum. Die herabfallenden Löckchen werfen sie mit rascher
Nackenbewegung nach hinten, sie schieben keck das Kleid
über das Knie hinauf, um das widerhaarige Strumpfband zu
ordnen, denn einige beginnen schon zu ahnen, daß sie hüb-
sche Beine, und ganz entschieden, daß sie hübsche Strümpfe
haben.
Inmitten dieser Schar fällt Dorre Romler, die Tage-
löhnerstochter, das Kind der Moorheide mit den trüben
Augen auf. Aus besonderer Gnade hat sie Erlaubnis erhalten
mitzuspielen. Plump und aufgedunsen von allzuviel Brot und
Kartoffeln, hält sie sich steif, wie eben befangene Menschen
es tun, die stets darauf gefaßt sind, daß man mit Fingern auf
sie weist. Die unverwüstlichen Flickenschuhe verbieten jede
übermütige Bewegung, und ihr blonder Zopf, der dünn wie
ein Rattenschwänzchen ist, bewegt sich gravitätisch wie der
Perpendikel einer altmodischen Pendeluhr. Dorre spielt nicht,
sie gebärdet sich als Repräsentantin der Häuslerklasse auf
dem Spielplatze der Bauerntöchter. Fängt sie den Ball, was
nicht oft geschieht, so schlägt sie ihn zu Boden mit der unbe-
weglichsten Miene von der Welt. Fliegt er schmählich an ihr
vorbei, so blickt sie finster und streng nach allen Seiten, ob
niemand kichert.
Mit Herzleid muß Dorre gewahr werden, wie schwer es ist,
sich in Flickschuhen hier auf Erden zu behaupten. Die andern
ärgern sich über ihr teilnahmsloses Spiel, und als Dorre ein
paarmal danebengeschlagen hat und dafür jedesmal mit dem
Zuruf »Klotztrine« belohnt worden ist, gibt sie endlich das
Spiel auf und schleicht sich bitterlich weinend, die Zehen in
ihren Lappenschuhen nach einwärts gezogen, hinweg.
Per hat an einer Ecke gestanden und hat abwechselnd dem
Treiben der Knaben und der Mädchen zugesehen, ohne selbst
an dem Spiel irgendwie teilzunehmen. Er ist noch etwas bleich
nach seinem Spitalaufenthalt, und seine abstehenden Ohren
schälen sich.
»Jetzt müssen wir hinein,« schreit plötzlich eine muntere
Mädchenstimme; indem erhält Per einen leichten Klaps
auf seinen Joppenärmel, er dreht sich um und sieht Annis
enteilende Strumpfbeine. Mit genauer Not holt er sie beim
Eingange ein. Sie hat nur noch knapp soviel Zeit, ihm ein
paar Stückchen Brustzucker in die Hand zu stecken und zu
flüstern: »Sollen wir beide mitsammen nach Haus gehen?«
Per antwortet mit zustimmendem Kopfnicken; ihre lan-
gen Flechten, gelber als Haferstroh, schwingen wie Glocken-
schwengel über ihren Schultern hin und her.
Der Unterricht nimmt unter leisem Summen seinen Gang.
Auf einmal entsteht ein Geräusch in der ersten Bank. Lehrer
Gydesen wendet sich rasch um und sieht, daß Pers geballte
Faust schwer auf den Schädel eines neben ihm sitzenden gro-
ßen, wohlgekleideten Burschen niederfällt; zugleich brechen
große Tränen aus Pers Augen.
»Aber! Was ist denn das?« ruft Gydesen mit Strenge aus. Per
stößt schluchzend heraus: »Er soll nicht mit mir anfangen
und sagen, daß ich die Krätze hab. Denn das ist eine Lüge, ja
das kann ich sagen! Ich hab gar keine Krätze mehr, ich hab
sie nicht, das kann ich sagen. Und ich kann doch nichts dafür,
daß ich die Krätze gekriegt hab, weil ich beim Knecht hab
liegen müssen. Aber jetzt hat der Doktor gesagt, daß ich sie
nimmer hab; ich bin kuriert worden, das bin ich, ich kann’s
sagen; so soll er nicht wieder anfangen und sagen, daß ich sie
noch hab; denn ich hab sie nicht, das ist nicht wahr! …«
Pers Schläfen zitterten vor innerlicher Erregung.
»Ja, das ist ganz in der Ordnung, was der Per sagt,« nahm
nun Lehrer Gydesen Pers Partei. »Ich habe das ärztliche
Zeugnis erhalten, daß er vollkommen ausgeheilt ist. Glaubt
ihr, ich hätte ihm sonst erlaubt, in die Schule zu kommen?
Schäme dich, Jörgen, ihn mit etwas aufzuziehen, worüber du
gar nicht Bescheid weißt. Wenn du glaubst, du darfst dir ein
Recht dazu herausnehmen, weil dein Vater einen Hof hat, bist
du auf dem Holzweg; in meiner Schule sind alle gleich; hier
gilt jeder einzig nur nach dem, was er kann, und was das be-
trifft, so steht der Per keinem von euch andern nach, obwohl
er diesen Sommer soviel hat versäumen müssen. Und euch
Bauernsöhnen stünde es weit besser an, anstatt die armen
Jungen, die in Dienst gehen müssen, zu hänseln, eure Eltern
dazu zu bereden, daß sie daheim besser gehalten würden und
es in der Knechtekammer und andern Orten, wohin sie aufs
Geratewohl geschmissen werden, etwas menschlicher ausse-
hen möchte. Ich habe selbst ein paar Jahre zubringen müssen
in diesen Kammern –.«
Die Kinder blickten erstaunt ihren Lehrer an.
»Ja, ich bin auch Knecht gewesen,« fuhr Gydesen fort, »und
ich weiß, wie das tut. Ihr hättet auch diese roten Wangen
und hellen blauen Augen nicht, wenn ihr jahrelang in die-
sen schauerlichen Höhlen leben müßtet, in dem furchtbaren
Schmutz und Unflat.«
Gydesen hatte sich in große Heftigkeit hineingeredet. Die
Kinder flüsterten verstohlen einander zu. Besonders steckten
die kleinen Hüterjungen auf allen Bänken die Köpfe zusam-
men. Aus Pers Augen war jede Spur von Tränen weggewischt,
und er schaute den Lehrer mit einer unsäglichen, wenn auch
ein wenig verlegenen Dankbarkeit an. Wie ein Märchen
klang’s in seinen Ohren, daß ein Knecht Schullehrer werden
konnte. Aber dann mußte man sicherlich erschrecklich ge-
scheit sein. Sicher durfte er sich so etwas nicht träumen las-
sen. Das mußte doch auch entsetzlich viel Geld kosten? Wo
sollte einer das hernehmen? Nein, wenn er nur wenigstens
so reich würde, daß er sich ein spiegelblankes Federmesser
kaufen könnte, so eins mit einem eingekratzten Schwan drauf,
wie es der eklige Jörgen nebenan von seinem Vater bekommen
hat und mit dem er immer so groß tut.
Aber auf alle Fälle wollte er sich jetzt mit Eifer an die
Rechenaufgaben machen, damit er noch vor November den
ganzen zweiten Teil fertig brächte; dann war er dem Jörgen
und den andern aufgeblasenen und ewig hänselnden Protzen-
buben weit voran.
Wieder nahm der Unterricht unter leisem Summen seinen
Fortgang.
Plötzlich glitt die Tür auf, und ein alter, vornehmer Herr in
schwarzem Schößenrock trat in die Schulstube. Es war der
Ortsgeistliche Pastor Selig, ein etwas gezwungen lebhafter
Mann mit weißbärtigem Eichhörnchengesicht und einer alt-
väterlichen Hornbrille, deren Stangen zwischen die zierlichen
Haarbüschel hinter die Ohren gesteckt waren.
»Setzt euch nur nieder, ihr kleinen Schelme!« sagte der Pastor
mit einem eigentümlich prickelnden Lachen und schwenkte
den Spazierstock nach den Schulbänken hin, dem Lehrer zu-
gleich die Hand reichend.
»Nun, ich komme, um einen Blick in die Geldbußenliste der
Schule zu werfen,« sagte der Geistliche, zu Gydesen gewendet.
»Es hat sich nämlich ein großes Geschrei und Gezeter erho-
ben,« fuhr er halblaut fort, »über das neue Strafgeldersystem,
auf das Sie mich bewogen haben einzugehen; die Leute ge-
raten rein außer Rand und Band; und da sehe ich denn kei-
nen andern Ausweg, als daß wir die Geschichte notgedrungen
wieder rückgängig machen.«
»Wer sind denn diese Mißvergnügten?« fragte der Lehrer.
»Ja, zuvörderst natürlich alle, die schulpflichtige Hüter-
jungen bei sich im Dienst haben,« antwortete der Geistliche.
»Nun, darauf waren wir ja vorbereitet, daß die klagen wür-
den. Gerade deshalb haben wir ja in erster Linie die Strafgelder
erhöht, um den Schulbesuch dieser Kinder zu heben und
zu verhindern, daß sie von ihren geizigen oder indolenten
Dienstgebern allzu herzlos mißbraucht werden. Ich finde also
nicht, daß wir irgendwie Grund haben, nervös zu werden,
weil sie sich einigermaßen auf die Hinterbeine stellen.«
»Doch, doch, sie werden allzu ungebärdig, Herr Gydesen, es
geht wahrhaftig nicht an! Es muß eine Änderung eintreten.
Sie wissen auch recht gut, daß ich in dieser ganzen Sache auf
einem andern Standpunkte stehe als Sie, Herr Lehrer. Da
geht ein ganzer Haufe armer Eltern herum, der kein Brot für
sich, geschweige denn für die Kinder hat. Wenn wir da den
Bauern nicht ein wenig durch die Finger sehen, sondern ihnen
bei der kleinsten Versäumnis strenge Geldbußen auflegen, so
wird wahrlich nichts andres dabei herauskommen, als daß die
Kinder wieder zu den Eltern heimspazieren können; das hat
man mir von mehr als einer Seite versichert,« bemerkte der
Geistliche.
»Herr Pastor haben zu Anfang sehr richtig bemerkt, daß ich
in dieser Angelegenheit auf einem andern Standpunkt stehe.
Ich bin der Ansicht, daß, solange das Kind in die Schule
geht, sein Platz im Elternhause ist und nicht rings auf den
Rübenäckern der Hofbauern. Aber das ist ja eine Sache für
sich, die wir nicht auf eigene Faust regeln können. Was aber
in unserer Macht steht, ist, dafür zu sorgen, daß die Kinder an
den gesetzlichen Schultagen auch zur Schule kommen. Und
wie Sie aus den Listen der verhängten Strafen entnehmen kön-
nen, sind nicht halb so viele Versäumnisse unter dem neuen
System vorgekommen als unter dem alten, bei dem es mög-
lich war, die Kinder ganze Monate lang zu Hause zu behal-
ten, ohne daß die Bauern, die sich solch herzlosen Handelns
schuldig machten, es ordentlich am Geldbeutel zu fühlen
bekamen. Ich muß also auf das entschiedenste abraten, von
einem System abzulassen, das sich so segenbringend für die
als Knechte verdingten Jungen bewährt hat. Den Bauern ist
wahrlich noch immer Spielraum genug gelassen, diese Kinder
trotzdem zu mißbrauchen. Und ich verstehe nicht, wie eine
Schulkommission die Verantwortung auf sich laden kann,
die Kinder, die ohnehin aller Geldmittel entblößt sind, auch
der Möglichkeit zu berauben, dieselben Kenntnisse zu erlan-
gen wie die Kinder der Grundeigentümer, daß sie ins Leben
hinausgetrieben werden, ohne auch nur ordentlich rechnen
und schreiben zu können. Auf diese Weise wird ja geradezu
eine Pariakaste zum Schaden und Verderben unsrer bürgerli-
chen Gesellschaft gezüchtet. Jedenfalls kann ich mich zu kei-
ner andern Überzeugung bekennen, noch will es mir als eine
würdige Aufgabe für eine Schulkommission erscheinen, das
Kind des armen Mannes in Dummheit und Unwissenheit
niederzudrücken, nur damit die erbgesessenen Bauern stets
eine reiche Auswahl von Knechten haben. Ja, Sie müssen ent-
schuldigen, Herr Pastor, daß ich mich so frei ausdrücke, aber
so und nicht anders vermag ich diese Sache aufzufassen.«
Pastor Selig hörte eigentlich gar nicht mehr zu. Es war
nicht das erstemal, daß es zwischen ihm und dem Lehrer
Gydesen wegen dieser schulpflichtigen Knechte zu einem
Zusammenstoß kam, wiewohl die Sache den Pastor nicht be-
sonders interessierte. Die sozialen Fragen der Zeit hatten seine
Aufmerksamkeit nie sehr zu fesseln vermocht. Erfand, sie
entbehrten jenen Geisteshauch, der allein die Äolsharfe des
Herzens zum Tönen bringt! Und was die in Rede stehende
Sache betraf, so genügte es ihm, daß einige der Angesehensten
in der Gemeinde, »sogar Leute von wirklich beträchtlichem
Einkommen,« starken Widerstand dieser Reform entgegen-
setzten, die ihm Lehrer Gydesen in einer schwachen Stunde
abgerungen hatte. Er bereute schon bitter, daß er sich jemals
dazu hergegeben.
Der Pastor hatte ein Buch vom Katheder genommen und
schaukelte es auf den gekreuzten Beinen, indem er, in andre
Gedanken vertieft, darin hin und her blätterte.
Gydesen fuhr fort: »Ich weiß nicht recht, ob ich noch weiter
auf die Aufmerksamkeit des Herrn Pastors für das, was ich zu
sagen habe, rechnen kann, aber ich möchte darauf hinweisen,
daß selbst bei den jetzigen hohen Bußen die Schulverhältnisse
der jugendlichen Knechte keine günstigen sind. – So ein klei-
ner Knirps muß des Morgens schon um vier aus dem Bett, um
alles Vieh auf die Triften zu treiben, dann wieder in rasender
Eile nach Haus, etwas frühstücken, denn er kann doch nicht
mit ganz leerem Magen in die Schule kommen; erst wenn
all dies besorgt ist, kommt er her, immer zu spät, obgleich er
sich abgehetzt und abgelaufen; und wieviel Zeit, glauben Sie,
bleibt zum Aufgabenlernen daheim bei einem sechzehn- bis
achtzehnstündigen Arbeitstag? Und wie soll ich es übers Herz
bringen, ihn auszuschelten? Ich weiß doch sehr wohl, woran
eigentlich die Schuld von all dem liegt. Und da kommt nun
ein solches Kind her und soll sechs bis sieben Stunden dem
Unterricht im schwülen Schulzimmer folgen; gestern kroch
es den ganzen Tag auf einem Rübenacker umher, heute hat es
eine weite Runde über Trifften und Hochwiesen gemacht, zu
einer Zeit, da Sie wie ich noch fest auf den Ohren lagen; ist das
nicht selbstverständlich, daß solch ein Kind in Schlaf sinken
muß, wenn es nun endlich in der Sonnenhitze ruhig dasitzt?
,Herr Lehrer! Jens schläft! Per schläft! Hans schläft!’ so mel-
den die andern jeden Augenblick, auf die kleinen Verbrecher
deutend; und – ja ich bekenne es geradezu, Herr Pastor, ich
lasse regelmäßig die kleinen Knechte eine Stunde wenigstens
schlafen und bitte die andern Kinder, sie unterdessen nicht
zu stören. Ich kenne freilich auch Kollegen, die solche Jungen
mit einem Buckel voll Schlägen traktieren, aber ich halte der-
artige Lehrer für wahre Büttel gegen die Kinder und gegen
die gesunde Natur.«
»Ja, ja, Herr Gydesen, ja, ja! Ihre humanen Betrachtungen
mögen ja sehr richtig sein, aber wir dürfen es doch wahrhaftig
nicht so weit treiben, daß es sich den Bauern nicht mehr lohnt,
Hüter jungen zu halten. Übrigens, wo haben Sie ein paar von
diesen Kerlchen?« sagte plötzlich der Geistliche in seiner bur-
schikosen Art und erhob sich von seinem Stuhl.
»Oh, da ist zum Beispiel der dort, der beim Nörhofer Bertel
dient; er ist fast der Tüchtigste in der Klasse, besonders im
Rechnen. Aber er hat ja jetzt so außerordentlich viel versäumt,
er hat nämlich im Spital gelegen.«
»Wie, du warst krank, mein Junge?« fragte der Pastor.
»Nein, krank war ich nicht, ich habe nur die Krätze gehabt.
Aber ich bin sie wieder los,« fügte Per mit Nachdruck hinzu.
»Na, du sollst ja ein kleiner Rechenkünstler sein! Aber kannst
du nun auch einige Psalmen? Welche Psalmen haben Sie in
letzter Zeit mit ihnen durchgenommen, Herr Gydesen?«
»Die letzten waren Morgen- und Abendpsalmen!« antwor-
tete der Lehrer.
»Dann bin ich überzeugt, mein Junge, du kannst den herrli-
chen Psalm: Morgenstunde hat Gold im Munde!«
Per sagte ein paar Verse ohne sonderliches Stocken her.
»Richtig! Findest du nicht auch, mein Kind, daß solch ein
Tag es wahrlich wert ist, Gott dafür zu danken, so daß wir ihn
preisen mit unserm Munde, wenn wir die Sonne in all ihrem
Glänze aufgehen sehen, wenn der Tau auf dem Grase liegt
und die Lerche von ihrer jungen Brut emporflattert! Nicht
wahr, mein Kind, solch ein Tag ist wahrlich herrlich für einen
Christenmenschen! Meinst du nicht auch, kleiner Per?«
»Jaa, wenn man nur nicht unter den Rüben umkriechen
müßt!«
Der Pastor, der eine so prosaische Antwort nicht erwartet
hatte, wendete sich rasch an einen andern Hüterjungen.
»Nun kannst wohl du, mein Kleiner, mir ein paar Verse aus
dem gewaltigen Psalme: Selig grüßet und preiset den Tag, sa-
gen.«
Das Bürschchen stotterte den Text her, offenbar ohne etwas
davon zu verstehen.
»Hast du nun auch mit all den Fühlern deines Kindergemüts
diesen gewaltigen Psalm zu fassen vermocht?«
Der kleine Kerl verstand immer weniger und weniger Pastor
Seligs blumenreiche Sprache. Dieser fuhr fort:
»Wenn du diese gewaltigen Zeilen liest: Wie Gold ist der
frühe Morgenstrahl, wenn der Tag aufersteht vom Tode – –
hast du da nichts von Lerchenlust sich in dir regen gefühlt,
daß es vor deinem inneren Auge funkelte wie eitel Gold?«
»Nein,« sagte der Knabe. »Wann stehst du denn des Morgens
auf?« »In der Früh um halb vier gewöhnlich.« »Ja, aber dann
mußt du das gewaltige Schauspiel doch oft gesehen haben?«
»Zu der Tageszeit ist man allemal gar so schläfrig,« erwiderte
der kleine Knirps.
»Weißt du wohl, mein Kind, wer diesen herrlichen Psalm ge-
dichtet hat?« – Schweigen.
»Wa–as? Du kennst nicht die mächtigste Säule des däni-
schen Geisteslebens?«
»Nein,« antwortete der Knabe.
»Wer kann es mir sagen?«
»Der Herr Pastor hat’s gedichtet!« rief ein kluges kleines
Mädchen aus der zweitvordersten Bank. Die Großen steckten
die Köpfe zusammen.
»Du glaubst, ich hätte ihn gedichtet, meine Kleine?« sagte
Selig geschmeichelt. »Weshalb glaubst du das?«
»Weil dem Herrn Pastor sein Name in der ersten Zeile
steht.« – Lachend ging der Pastor zu dem nächsten Knaben
über.
»Kannst also du mir einen Abendpsalm auf sagen?« wendete
er sich an einen kleinen Zerzausten, der ganz hinten an der
Wand saß. Schweigen.
»Hast du nie von einem Psalm gehört, der beginnt: Friedlich
ruhen Land und Stadt?«
Unerschütterliches Schweigen.
Nun tritt Gydesen hinzu und sagt: »Aber ja, den kannst du
gewiß, Anders; ihr habt ihn ja für heute aufgehabt.«
Doch nun begannen düstere Wolken über Anders’ Stirn zu
ziehen; man mußte gefaßt sein, daß es jeden Augenblick zu
tröpfeln beginnen würde.
Endlich bricht Anders sein Schweigen und stammelt: »Wie
ich gestern vom Moor heimgekommen bin, hab ich mir die
Latern angezündet und mich in die Knechtekammer hingesetzt
um zu lernen; aber gerad wie ich mir die erste Zeile hersag:
Friedlich ruhen Stadt und Land! – kommt der Großknecht
mit einer von den Viehmägden, und dann packt er mich am
Haar und sagt – – –«
Anders blickt ratlos vom Lehrer auf den Pastor, als wollte
er Klarheit erhalten, ob es auch anginge, die Äußerungen des
Großknechts wortgetreu wiederzugeben.
»Nun, was sagte er denn?« fragte der Pastor.
»Er hat gesagt: Zum Teufel hinein, was sitzt du denn jetzt
zu der Tageszeit da und plärrst! Du Saubub! Schau, daß du
hinauskommst; jetzt gehört die Kammer uns! – Und dann
haben sie mich hinausgefeuert. Aber draußen am Graben, da
hat man nicht sehen können zum Lernen, es war kein Mond
gestern.«
Pastor Selig wendete sich in großer Enttäuschung ab.
»Ja, ja, Herr Gydesen, wir müssen nichtsdestoweniger den
Wünschen der Beschwerdeführer gerecht werden,« schloß er
und huschte aus der Schulstube hinaus.
AUF DEM HEIMWEGE

»Rennen wir jetzt geschwind davon, bevor Dorre heraus-


kommt!« sagte Anni mit glänzenden Augen zu Per, als die
Schule für diesen Tag zu Ende war und die Schar der Kinder
aus den Klassen herausströmte. Per konnte sich nicht ganz des
Gefühls erwehren, daß dies nicht recht gegen Dorre sei, der
er sich sonst anzuschließen pflegte, da sie so ziemlich densel-
ben Weg hatten; aber Anni »Nein« zu sagen, das vermochte er
nicht, und bald hatten die beiden einen so großen Vorsprung,
daß die schwer bewegliche Dorre, die stets als eine der letzten
aus der Gangtüre kam, nicht daran denken konnte, sie noch
einzuholen.
Anni bot Per neuerdings von ihrem Brustzucker an und
fragte ihn eifrig über seinen Aufenthalt im Spitale aus. Per
erzählte mit endloser Begeisterung von der wundersamen
Welt, die ihn dort aufgenommen. In den ersten Tagen, als er
die Kur durchmachte, war’s freilich recht schlimm gewesen,
aber später, als er aufstehen durfte und der erklärte Liebling
der Krankenwärterinnen geworden war, führte er zwei, drei
Wochen lang ein wahres Schlaraffenleben, wie er es auf Erden
gar nicht für möglich gehalten hätte.
»Fast jeden Tag hab ich süße Suppe mit Zwetschken und
Rosinen drin bekommen, und mein Hemd und meine
Bettlaken, die waren meiner Seel so weiß, fast – wie soll ich
nur sagen – wie dein Hals da!«
Anni wurde ein klein wenig rot bei diesem merkwürdigen,
wiewohl schmeichelhaften Vergleich.
»Manchmal, versteht sich, ist einem auch wieder die Zeit
lang worden!« fuhr Per fort. »Aber so gut waren die Leute.
Ich hätt vielleicht um etliche Tage früher nach Haus kön-
nen. Da hat aber der Doktor zur Krankenpflegerin gesagt, da-
mit hätte es keine Eil. »Nimm dir nur Zeit, mein Junge, und
schlaf dich gut aus,« sagte er zu mir und hat mich so auf die
Backen geklopft. Und immer war er so aufgeräumt und hat
Spaße gemacht. Einmal fragte er mich: »Kannst du mir sagen,
mein Junge, wer der Vater von des Zebedäus Söhnen war?«
Im Augenblick hat mir’s nicht einfallen wollen; wie er aber
von den andern Kranken zurückkommt, hab ich’s gewußt.
Da hat er gelacht und mir eine ganze Krone geschenkt. Und
die geb ich, meiner Seel, so geschwind nicht aus.«
»Ja aber, wer war denn also – der Vater von den Kerls?« fragte
Anni.
»Kannst es nicht erraten? Der Vater von dem Zebedäus sei-
nen Söhnen, das war natürlich der Zebedäus.«
»Ha, ha, ha, ha!« lachten sie beide in schönem Verein. Per
fuhr mit seinen Lobpreisungen fort: »Und jeden Tag haben
wir mit Messer und Gabel gegessen und dann auch ein jedes
extra so ein weißes Ding gekriegt, wie heißt’s nur?«
»Ein Tischtuch!« half Anni.
»Nein, na alles eins, ’s war was, woran man sich hat die
Hände abwischen können.«
»Ach ein Salvet!« rief Anna strahlend.
»Nein, jetzt fällt’s mir ein: Serviette hat’s geheißen,« erklärte
Per.
»Die haben’s im Pfarrhof auch,« sagte Anni. »Nein, so fein
ist ’s dort zugegangen? Das darfst du keck sagen, daß du dort
gewesen bist!«
»Ja, und dann, wie eins in den Betten geschlafen hat! Oh! –
Und geträumt! Du kannst mir’s glauben, ’s war ein hartes
Stück, dann wieder zurück in die Knechtekammer heim müs-
sen! Eine Nacht hat mir geträumt – nein, das erzähl ich nicht,
denn da warst du auch mit dabei!«
»Ja, Per, du mußt’s erzählen!«
Per fuhr fort: »Mir war so, als wenn ich oben im Himmel
war, und da war so eine lange weiße Stube; und ganz am
obersten Tischende ist der Hausierer gesessen; du kennst ihn
doch auch mit seinem Kramkasten aufm Buckel; und er war
so schön balbiert und alle die andern auch. Und er sagt zu
mir: Du bist aber ein geschickter kleiner Kerl, daß du da her-
aufgekommen bist; aber du hast ja, scheint mir, deine Keule
aufm Nacken; schmeiß sie nur zur Tür hinaus, Freund, denn
den Bertel und seine Küh, die findest du hier oben nicht.
Da bin ich hinausgegangen und hab die Keule weit weg ge-
schmissen, und es scheint mir, daß sie grade auf den Nörhof
hingeflogen ist. – Wie ich dann aber wieder hineinkomm, ist
der Hausierer weg, und du bist an seiner Stelle gesessen; und
so ein weißes Kleid hast du angehabt und in der Hand mein
kleines Zaunkönigsei getragen. Dann aber ist auf einmal der
lange Jakob dagestanden, so dreckig, als hätt man ihn just aus
dem Mist hervorgezogen.«
»Uh, der eklige Junge! Der muß aber auch überall dabei
sein! Mit dem darf ich nie mehr zusammenkommen, hat die
Mutter gesagt!« schob Anni ein.
»Aber was war dann?«
»Ja,« fuhr Per fort, »mein kleines Ei hat er zerdrücken wollen
und dich zu sich hinreißen, da ist aber so ein großer Mann
gekommen; erst hab ich gemeint, ’s ist der Teufel, aber es war
der Polizist. – Und weiter dann erinnere ich mich an nichts
mehr.
Nein, wie schön war’s doch dort!« schloß Per wie in
Ekstase.
»Hast du es jetzt nicht um ein Kleines besser an deinem
Platz?« fragte Anni.
»Daheim? Beim Bertel? Bei dem Halunken? Gestern abend
hat er mir eins gegeben, daß ich’s noch spür!«
»Was hast du denn getan?«
»Ich war oben auf dem Heuboden, Heu hinunterlassen. Da
steht er grad unten. Im Heu war aber eine Brut Eier versteckt,
das hab ich ja nicht wissen können, die waren faul. Auf ein-
mal, da fliegen die ihm grad an die Ohren, daß sein Haar
und Bart ausgeschaut haben – pfui Teufel – kannst dir den-
ken, wie er hergerichtet war! Aber dafür hab ich ja nichts kön-
nen. Wie ich dann hinunterkommen bin, da legt er sich aufs
Fluchen und langt mir mit seinem Rechenstiel eins über den
Rücken, daß ich gemeint hab, ich fall zusammen. Ja, war ich
nur um ein wenig größer gewesen, ich hätt’s ihm gegeben,
meiner Seel! Ich weiß wohl, du bist in der Verwandtschaft,
aber du klatschst nicht wieder, nicht wahr?«
»O nein, du kannst dich verlassen darauf! Bin auch gar nicht
drauf aus hinzukommen, wenn er daheim ist; er zählt einem
förmlich die Stücke Zucker nach, die man in den Kaffee tut.
Aber die Tante, die ist doch eine recht gute Frau.«
»Ja – a!« antwortete Per gedehnt.
Das Geplauder ging über Stock und Stein unbekümmert
weiter, bis sie zum Scheideweg gelangten. Anni begleitete
Per noch einige Schritte auf den von ihm einzuschlagenden
Seitensteig weiter, wobei ihr offenbar der Schalk im Nacken
saß.
Denn plötzlich rief sie ausgelassen: »Maus, Maus, komm
heraus!« versetzte Per einen Klaps auf den Arm und schoß,
so rasch die Füße sie nur zu tragen vermochten, in die ent-
gegengesetzte Richtung davon.
Per entdeckt die Verräterin, dreht sich um und holt sie in ge-
strecktem Galopp ein. Lachend ringen sie einen Augenblick;
Per faßt mit zärtlicher Behutsamkeit ihre weichen, weißen
Arme an.
Auf einmal wird Anni schauerlich ernst; sie läßt ihre Arme
sinken und sagt mit leiser Stimme und einem aus tiefster Seele
kommenden Blick:
»Pe – er, ich muß heim!«
Per läßt augenblicklich los. Mit geröteten Backen und leise
vor sich hinsummend geht er über die Kleefelder hin.
Als Per am selben Abend die Gänse heim in die Ecke des
Torfschuppens getrieben und die Tür behutsam hinter sich
zugezogen hatte, machte er sich daran, ein Schnurende, darin
sich das Bein des grauen Gänserichs verwickelt hatte, zu ent-
fernen.
Schon hatte der Nachttau die Fliesen des Hofes benetzt. Der
Herbstmond stieg schwer und kalt über den östlichen First
herauf; der Hofraum war öde und leer wie ein Kirchhof. Man
konnte die Stille gleichsam rauschen hören, wie sie über die
Gerüste hinschlich, auf denen die Hühner mit geducktem
Kopf unter den von Spinngeweben überzogenen Holzlatten
hockten. Der Iltis glitt auf schwarzen Pfoten durch den
Wagenschuppen, machte plötzlich auf dem äußersten Balken
halt, reckte den Hals und ließ eine Sekunde seine Augen mit
Smaragdglanz über die dunkle Tenne leuchten.
Per kauerte mit einem Knie auf der Erde und suchte den
Gänserich von dem umschnürenden Strick zu befreien. Der
schwefelartige Geruch der aufgeschichteten Torfstücke ver-
mischte sich mit dem hitzigen Dunst, den die säuerliche
Bodenschicht des Stalls ausströmte. Die Gänse drängten sich
in ihrer Torfecke zusammen und erörterten die Lage mit je-
nem verstohlenen, ängstlichen Wispern, mit dem diese nacht-
blinden Tiere sich untereinander verständigen.
Hwi–i, hwi–i, hwi–i, hwi–i!
Hwæ–æ, hwæ–æ, hwæ–æ, hwæ–æ!
Der Gänserich warf sich aufgeschreckt zwischen Pers tasten-
den Händen hin und her.
Als er so mit dem warmen befiederten Tierkörper rang, kam
Per auf einmal sein Liebeskampf mit Anni in den Sinn. Und
nun drückte er das fauchende Tier wild an sich, streichelte die
weichen Flügel, den in der Erregung gekrümmten Hals; er
küßte es auf den Schnabel und die nachtblinden Augen und
mit steigender Inbrunst und Wildheit bis tief hinab auf die
gurgelnde Kehle.
Als der Gänserich endlich loskam, fiel es ihm schwer, seinen
Zorn zu dem verstohlenen Wispern der andern abzudämpfen.
Per sah sich vorsichtig um, als er auf die Steinfliesen hin-
austrat. Im innersten Herzen schämte er sich nicht wenig
des armseligen Vorschusses, den er hier auf seine glimmende
Kinderliebe genommen hatte.
AUF DEM HEIDEWAGEN

Die Ernte war eingefahren, und rings in den Dörfern war


man emsig mit dem Einheimsen des Heidekrauts beschäftigt.
Die Nörhofleute hatten – vier Mann hoch – zwei Tage und
Nächte auf der Heide zugebracht. Die Sonne war längst am
Horizont hinabgesunken, als die letzte Fuhre bedächtig heim-
wärtsschwankte.
Noch waren nur erst Anders und Mette oben auf der Fuhre,
während Laurin und Per mit langen Gabeln nebenher liefen,
um den knarrenden Wagen zu stützen, wenn die berghohe
Fuhre in eins der vielen Löcher und Gruben niederrumpelte,
an denen diese mittelalterlichen Heidewege so reich sind.
Schließlich saßen sie doch alle vier beisammen auf der Fuhre,
die langsam dem heraufziehenden Monde entgegenkroch.
Die drei Erwachsenen saßen vorne und schäkerten und ki-
cherten. Per, der vom Ausraufen des Heidekrauts große Blasen
zwischen den Fingern bekommen, hatte sich auf den Rücken
mitten zwischen den Eßkober und das Bierfäßchen hinge-
worfen.
Die Heide lag weitgedehnt und träumend unter dem Mantel
des Halbdunkels da. Die nächtliche Kühle strich über sie hin,
geschwängert mit dem Schwefeldunst der offenen Torfgräben
und den Rauchresten ferner Moorbrände.
Der große Wagen spiegelte seine gebrochene Deichsel in den
Heideteichen, wo der Goldregenpfeifer mit der Flöte unter der
Schwinge saß, während die kleine braune Spitzmaus helläugig
umherhuschte und den Tau von Hartriegel und Katzenbart
schlürfte.
Per ließ die großen Sterne des Zeniths sich auf dem
Grunde seiner Augen spiegeln, indes er halb im Traume auf
der Riesenschaukel der schwankenden, knarrenden Heide-
krautfuhre durch die Nacht gewiegt wurde.
Die drei Erwachsenen hatten vorne links einen unruhig
hüpfenden Lichtschein bemerkt; sie erklärten ihn sofort für
einen Irrwisch, und es überkam sie ein Gefühl von Unsicher-
heit und bedrohlicher Lage. Besonders Mette war sehr be-
unruhigt; sie behauptete, ein Irrwisch wär’s gewesen, der sei-
nerzeit die tolle Malen behext hätte, daß sie sich nachher im
Graumoos ertränkte.
»Wenn er uns nur jetzt nicht auch noch über’n Weg läuft,
wenn wir vorbeifahren; denn dann muß eins von uns ver-
sterben, eh das Jahr um ist.«
Zugleich hob der Wagenkorb bedenklich zu knarren an; das
linke Vorderrad fuhr mit Gewalt in eine tiefe Schlammgrube.
Mette kreischte auf und hatte die Handgelenke schon zum
Abspringen gestrafft. In einem Nu war der Wagen wieder im
Gleichgewicht, und als man sich nach dem Irrwisch umsah,
war nichts mehr davon zu erblicken.
Schritt für Schritt schaukelte man weiterauf dem breiten
Sattel der Fuhre. Die Pferde prusteten, wenn sie sich über
eine besonders schwierige Stelle hinübergearbeitet hatten,
Schneideisen und Bierzuber gerieten hinten im Wagen krei-
schend und knirschend aneinander. Per schwankte willen-
los wie ein Span im Weltmeer hin und her, das Antlitz vom
Nachttau benetzt.
Im Halbschlummer hörte er der andern Gespräch. Vom
Irrlicht und allerlei Zauberwesen war die Unterhaltung auf
irdische Dinge übergegangen. Anders war vor einigen Jahren
mit dem Bauer in Streit gekommen, weil er beim Pflügen des
Stoppelfelds die Pferde sich nicht genug hatte ins Geschirr le-
gen lassen.
»Nicht was untern Nagel geht, kann man ihm mehr recht
machen, dem Leuteschinder, dem elendigen,« schimpfte
Anders. »Könnt’s euch vorstellen, wie ich runtergehunzt wor-
den bin. Kein gutes Haar ist an mir geblieben. Aber was läßt
sich bei so einem aufgeblasenen Hundsfott andres tun, als sich
ihn das Maul ausschütten lassen? Da laß ich mich doch lie-
ber verschimpfieren, als daß ich mit dem Roß wie ein Teufel
umgehen tu. Denn wenn so Tiere einem anvertraut sind, so
wird eins doch nicht hingehen und sie rackern lassen und so
martern, daß sie’s nicht aushalten.«
»So ein Lumpenkerl wie der Bertel ist, der ist doch, weiß
Gott, nicht wert, daß ihm eins dient,« erklärte Laurin.
»Ja, Quark! Glaubst du, anderswo ist’s besser? Hier kriegt
man doch wenigstens sein ordentliches Essen und nicht so
einen Fraß, wie wo man früher gedient hat. Nein, wenn eins
schon Dienstmensch ist, so muß es froh sein, wenn’s mit ei-
nem tüchtigen Rüffel dann und wann abgeht und man die
Glieder ganz behält. Habt ihr die Geschichte gehört von drü-
ben in Runge?«
Nein, davon hatten sie noch nichts erfahren.
»Von der redet man ja fast im ganzen Land. Der Roy, der
hat gesagt, er hätte sie sogar in der Zeitung gelesen, und der
Knecht, dem sie passiert ist, der hat im Drenshof just in dem-
selben Jahr gedient wie ich. So wird wohl was dran sein. Ja, es
hat sich eben so verhalten, daß der Knecht gegangen ist und
gepflügt hat; da kommt der Bauer daher und fängt an aufzu-
begehren, daß nicht nach seinem Kopf gepflügt war. Jetzt frei-
lich, das ist schon so, daß sie unsereins schimpfen dürfen über
alles, was ihnen grad nicht paßt, aber sollt’s nur einer probie-
ren und den Dienstherrn schimpfen! Na, aber der Knecht da,
der bei sich gewußt hat, wie er sich, soviel er nur hat können,
angestrengt hat, daß er es ja nach seinem Gusto macht, der
wird fuchswild, daß er sich so soll hunzen lassen, was ja wahr-
haftig nicht zum Verwundern ist. Und wild, wie er war, bückt
er sich, hebt von der Erde ein Ortscheit auf, geht damit auf
den Herrn los und schreit, ob er sich jetzt vom Acker scheren
wollt, sonst könnt es noch geschehen, daß er ihm in die Haar
fährt und was eins sonst eben in der Wut noch daherredet.
Aber daß der Knecht ernstlich im Willen gehabt hätt, ihm
was anzutun, davon kann gar nicht die Rede sein, nur weg
hat er ihn haben wollen, damit er Ruh hätt bei seiner Arbeit.
Greift da aber nicht der Bauer ganz ohne Verwarnen in sei-
nen Sack? Und was hat er drin, meint ihr? Einen Revolver hat
er bei sich, und im Nu jagt er dem Knecht eine Kugel in den
Kinnbacken, daß ihm die Zähne aus dem Kiefer fliegen.«
»Herr Jesus, steh uns bei!« rief Mette. »Aber der hat doch
seine Strafe gekriegt, der Bauer?«
»Na, bist du eine Gans!« versetzte Anders. »Der und Strafe
kriegen! Nein, der Knecht, der ist gestraft worden. Davongejagt
haben sie ihn gleich, und dann hat er obendrein eine groß-
mächtige Geldbuße zahlen müssen dafür, daß er aufsässig
und ungehorsam gegen seinen Dienstherrn gewesen ist. Jetzt
heißt es, er wird sein Lebtag ein Krüppel bleiben, weil sie
nicht haben die Kugel herausziehen können; aber natürlich
muß dann die Gemeinde ihn in die Versorgung nehmen.«
»Möcht nur wissen, was solche Leut sich denken!« sagte
Mette; »nicht einmal mit dem lieben Vieh wollt eins so um-
gehen!«
»Nein, gäb’s wen, der ein Vieh so behandeln tat, da wollte
ihn ein jeder einen bösen Menschen heißen,« versetzte Anders.
»Aber unsereins, wahrhaftig, nicht so viel wie der Schmutz,
den sie von ihren Holzschuhen streifen, ist man ihnen, und
darin ist einer um nichts besser als der andre, wen eins auch
nennen möcht.«
Da erhob sich nun aber Per mit einem Ruck auf seinem
Ellbogen und rief: »O ja, einen Bauer gibt’s hier in der Gegend,
der ist ein rarer.«
»Hab geglaubt, du hättest dich aufs Ohr gelegt?« sagte
Anders. »Möchte wissen, wer das sein sollte, der Bauer?«
»Das ist, meiner Seel, der Kild Pejrsen,« erklärte Per mit
nachdrücklichem Kopfnicken.
»Ja, der Kild! Der freilich wohl, der ist immer ein recht-
schaffener Mann gewesen, aber er hat ja selbst auch als Knecht
gedient, und da wird es zum guten Teil auch da dran liegen,«
erwiderte Anders. »Dort hören sie Schlag acht Uhr auf zu ar-
beiten, und nicht ein Finger wird den Tag mehr gerührt.«
»Dort möcht ich furchtbar gern dienen,« versicherte Laurin.
»Um solche Plätze ist nur immer ein großes Gereiß.«
»Aber der Kild hat mir versprochen, daß ich kommen und
bei ihm dienen darf,« rief Per stolz.
»Du Fratz, du,« sagte Mette, ihm eins versetzend. »Glaubst
du, auf dich käms an, wem oder wo du dienen magst? O nein,
den Platz mußt du nehmen, an den sie dich hintun. Weißt du
vielleicht nicht, daß du auf der Gemeinde liegst?«
Der Ausdruck traf Per ins Herz. Er hatte die größte Lust,
Mette die Antwort nicht schuldig zu bleiben, aber der Platz
da oben auf der Heidekrautfuhre war allzu gefährlich für den
Austrag tiefergehender sozialer Streitigkeiten. Er beschränkte
sich darum auf die zahme Äußerung: »Aber wenn ich groß
bin, dann kann mir niemand verbieten, mich bei wem ich
will zu verdingen.«
»Pah, du Knirps,« spottete Mette.
»Ich könnt jetzt einen Dienst in Sölsig haben,« bemerkte
Laurin und spie weithin über das Schneideisen und den Zuber
hinten im Wagen hinweg.
»Wieso denn?« frug Anders, gleich etwas neidisch. Da Sölsig
eine Art Herrschaftsgut war, so galt es immer für etwas
Besseres, Vornehmeres, dort als anderswo zu dienen.
»Der Verwalter hat vorgestern gemeint, zum November tä-
ten ihnen noch ein paar Knechte fehlen,« erwiderte Laurin.
»Dort möcht ich für mein Leben gern Magd sein,« rief
Mette.
»Freilich wohl, müßtest dich nicht stark um Liebhaber stra-
pazieren,« warf Anders ein.
»Gewiß, das ist auch nicht zu verachten,« meinte Mette.
»Man kriegt’s ordentlich satt mit der Zeit, immer nur euch
zwei Gimpel anzuglotzen. Schließlich weiß eins kaum mehr,
ob’s bei euch wettert oder die Sonne scheint.«
Anders mußte auf die Zügel achten, aber Laurin riß Mette
ins Kraut nieder und kitzelte sie mit dem Daumen an der
Gurgel, bis sie ihm – im Scherz – eine Ohrfeige gab, so daß
seine Mütze über den »wagen hinkollerte.
»Könntest vielleicht obendrein den Verwalter selbst kriegen,
er hat sich ja grad mit den andern Dirnen zertragen,« fügte
Anders hinzu.
Davon hatte Mette nichts gehört.
»Was, davon hast du nichts gehört?« sagte Anders. »Na ja,
die Dirnen, die haben sich seiner gar nicht erwehren kön-
nen. Wo sie gegangen und gestanden sind, war er hinter ihnen
her. Zum Schluß sind sie wütend geworden über die ewige
Nachstellerei, und vier von ihnen, die tun sich zusammen, zie-
hen den lieben Verwalter mitten in der Nacht aus dem Bett
und schmieren ihn von Kopf bis Fuß mit Teer ein. Selbst der
Schnauzbart, der gelbe, hat seinen Anstrich bekommen.«
Mette warf sich der Länge nach hin und brüllte vor Lachen:
»Da muß er ja ausgesehen haben rein wie ein Mohrian!«
»Wohl, es hat nicht bald einer hernach erraten können, daß
er je einem Christenmenschen gleich gesehen hat,« erklärte
Anders.
Auf einmal ruft er mit verändertem, ernstem Ton: »Heda,
jetzt heißt’s euch zusammennehmen, jetzt müssen wir durchs
Wasser.«
»Ach, Jeses nein, sind wir schon da!« schrie Mette. »Ich
furcht mich! Wirst nur auch recht aufpassen, wenn du die
Ross’ durchführst?«
»Weiß nicht! Willst vielleicht du herkommen und mich’s
lehren?« antwortete Anders verletzt.
»Prrrr!« Er riß die Pferde zurück und glitt auf die Erde hinab,
um Koppel und Stränge zu untersuchen, bevor die nervenauf-
regende Durchfahrt ihren Anfang nahm.
Vor den Pferdemäulern lag ein breiter, mondbeglänzter Fluß,
dessen jenseitiges Ufer von den Wiesendämpfen halb verbor-
gen war. Die reißenden, fortschnellenden Wellen rollten mit
eigenartig gedämpftem Gurgeln dahin, das drinnen unter
den abschüssigen Ufern zu einem tiefsingenden Glockenklang
anschwoll. Sie ließen ihre langen Silberfinger durch die grü-
nen Locken der Algen und Wasserlilien gleiten, die in der
Strömung sich langsam hoben und senkten, gleich reichem,
wallendem Frauenhaar.
Anders klopfte dem Sattelpferd beruhigend auf Kreuz und
Brust, bevor er sich mit der Hand am Peitschenstiel wieder auf
den Wagen hinaufschwang. »Sitzt ihr jetzt ordentlich? Und
habt ihr den Zuber beim Henkel und alle Sachen sicher?«
»Ja,« scholl es gedämpft.
»In Gottes Namen also!« sagte Anders und zog die Seile
an. Acht ausschlagende Pferdehufe splitterten das mondhelle
Wasser und wickelten die langen Locken des Stroms um die
starken Beine. Die Wellen schössen klagend unter dem Bauch
der Pferde hin und leckten hoch über die Rädernabe hinauf.
Per hatte noch nie etwas so Spannendes erlebt; es sah aus, als
sollte die ganze Fuhre mit der Strömung forttreiben, die Pferde
konnte er von da oben nicht sehen; er wagte kaum über die
Wasserfläche hinzuschauen; aber er fühlte ein eigenes Prickeln
unten an den Kniekehlen, als gelte es vom Hahnenbalken hin-
unterzuspringen. Er mußte unwillkürlich an die Geschichte
in seiner Bibel von dem feurigen Wagen, in dem der Prophet
Elias zum Himmel fuhr, denken. War das nicht vielleicht ein
brennender Heidewagen gewesen?
Oha! da gab’s dem Wagen einen heftigen Ruck. Mette
kreischte auf wie in Kindsnöten.
»Halt’s Maul!« rief Anders, ohne sich umzusehen. Die Pferde,
die mitten in der Flut gar klein geschienen, wuchsen nun wie-
der aus der Tiefe empor. Der Wagen knirschte über Geröll
und grüne Feldsteine ans Land.
Weiter schwankte er auf dem ausgefahrenen Heidewege.
Einige hundert Schritt vom Wasser entfernt, wo die Heide
allmählich in bebautes Land übergeht, begegneten sie einer
seltsamen Gestalt. Ein Mann kam in Gedanken vertieft des
Wegs daher, geradeaus auf den Wagen zu; doch plötzlich –
wie eine Fledermaus, die im Fluge anprallt – machte er einen
Bogen, um hinter dem Heidefuder wieder auf das Fahrgeleise
zurückzutaumeln. Per hatte gleich den andern sich auf die
Knie aufgerichtet und dem Wandernden nachgestarrt, der
sich am Wege umkehrt, die Arme erhebt und den Refrain ei-
nes Liedes wiederholt, das er vor sich hingesummt:

Denn nieder,
denn nieder,
denn nieder
treten wir uns in den Staub.

Dann verschwindet er im Dunkel.


»Ih, wer war denn das?« fragen wie aus einem Munde Anders
und Laurin.
»Der tolle Küster war’s aus Iggebjerg, der Sörensen,« sagt
Mette. »Den kennt ihr doch auch?« Und mit leiserer Stimme,
doch mit einem bedeutsamen Nicken nach Per hin, fügt sie
hinzu:
»Die Leute sagen, der sei der Vater von dem Jungen da.«
»Geh, schweig!« flüstert Anders.
Aber Per hat es schon gehört und starrt noch einmal mit
eigentümlich suchendem Blick dem taumelnden Manne auf
dem Fahrdamm nach.
DER TOLLE KÜSTER

Der Herbst kam. Die Wolkenfetzen trieben über den grauen


Stoppelfeldern, auf deren Boden noch die von den Zinken
der Egge gezogenen Linien sichtbar waren. Den ganzen Tag
hingen gelbe Tropfen den alten Strohdächern unter der Nase,
und den Hirtenjungen sprudelte draußen auf den Wiesen, wo
sie noch vor einem Monat bei den Nestern der wilden Bienen
geschwelgt hatten, das Wasser zwischen den Zehen hinauf.
Die Spatzen aßen sich krank an den vielen Haferschobern auf
den Vorplätzen der Höfe, die in ihren glatten Strohkitteln mit
den niederhängenden Ziegelsteinen Wämsern über strotzen-
den Bäuchlein, besetzt mit einer dichten Reihe von Knöpfen,
glichen. Der Pelz der Schafe wurde Tag für Tag grauer von der
vielen Nässe. Das Jungvieh scheuerte die in dem Herbstregen
morsch gewordenen Hanfstricke entzwei und niemand küm-
merte sich mehr darum, die Enden wieder zusammenzufü-
gen.
Die Zeit der Weidefreiheit war für das Vieh gekommen, da
der Regen alle Grenzmarken verwischt, wie zu Noahs Tagen,
die Zeit, da der Schar der scheckigen Rinder und der Schafe
die Halfter abgenommen wird, daß sie auf freien Klauen über
die unbegrenzten Triften schreiten und ihre breiten Mäuler
sich einwühlen können, wo es sie gelüstet.
Da bekommt auch das Leben des Hirten einen freieren
Schwung. Seine schmächtigen Schultern drückt nicht mehr
die schwere Tüderkeule, die bis zum nächsten Jahr hinter dem
Sparrenbaum im Holzschuppen verwahrt wird. Seine Welt
muß nicht mehr auf die paar Rasenflecke zwischen Roggen
und Kartoffeln eingeengt bleiben, seine abgehärteten kleinen
Füße tragen ihn vielmehr bis in ferne Sprengel, das verlaufene
Vieh zu suchen. Da ist er nicht mehr unter der peinlichen
Aufsicht von bösen Augen, die hinter Schlafkammerfenstern
hervorlugen, sondern trifft ältere Kameraden und erfahrenere
Kollegen, die heimlich einen Priem kauen und frech und of-
fen schlechten Tabak rauchen. Sein Auge blickt kecker, der
keimende Eigenwille verrät sich, und wenn er heimkehrt und
der Hausvater wie gewöhnlich brummt und querköpfig ist, so
mault er nicht selten.
Eines regnerischen Herbsttages kommt durch die Allee von
gestutzten Weidenbäumen, die seitab von der Landstraße
zum Pfarrhof von Hvarre führt, ein Mann gestolpert. Er trägt
einen bläulich verschossenen Friesrock mit langen Schößen,
auf dem Kopfe hat er einen schäbigen, beuligen Filzhut aus
des hochseligen Friedrich VII. Zeiten. Er redet im Gehen mit
sich selbst, als wollte er sich zu etwas überreden. Manchmal
bleibt er plötzlich stehen, stützt sich schwer auf seinen Stock
und schaut zu den gestutzten Bäumen auf: »Ja, ’so ist’s. Ein
Querhieb von rechts nach links! So haben sie’s auch bei dem
alten Schullehrer Sörensen gemacht!« – Er geht unter neuerli-
chem Kopfschütteln wieder weiter. Unten am Ende der Allee
gelangt er zu der von Kletten und Ampfer umwachsenen
Pfarrhofscheune. Mitten an ihrer hölzernen Längswand gähnt
ein niederes Tor. »Willkommen« – steht in gelben Buchstaben
über dem geschwärzten Querbalken.
Hier geht Sörensen hinein. Zwei Eingänge führen ins
Vorhaus. Der eine hinter dem Brunnen mit der rostigen eiser-
nen Pumpe ist für Dienstleute, Bettler und anderes einfaches
Volk, ein zweiter mit zwei geriefelten Mühlsteinhälften an der
Tür für die Honoratioren und »besseren Leute«; jene Worte
über der Einfahrt gelten ausschließlich diesen letzteren.
In seinen guten Tagen hatte Sörensen es als etwas Selbst-
verständliches betrachtet, zum Pastor die Haupttreppe hin-
aufzugehen; heute nimmt er den Bettlerweg nach dem
Waschhaus.
Nun steht er hinter dem großen Gossenstein und dreht sei-
nen merkwürdig alten, fuchsroten Hut in der Hand.
Eine streng dreinschauende Dame mittleren Alters mit er-
grauten Schmachtlocken und hervorgequollenen, eisengrauen
Augen, wie taube Katzen sie haben, erscheint zwischen den
Türpfosten der Speisekammer mit einem großen Brotmesser
in der Hand. Der alte Küster macht seine Reverenz:
»Sie erinnern sich wohl nicht mehr des vormaligen Schul-
lehrers Jakob Christian Sörensen?«
»Ih freilich!« Die Frau mißt ihn langsam von oben bis unten
mit ihrem Blick.
Er bitte recht sehr um Entschuldigung, aber er hätte so gern
den Herrn Pastor gesprochen.
Das sei wirklich sehr fatal, denn ihr Mann lasse sich am
Samstag außerordentlich ungern stören. Aber sie wolle nach-
sehen, ob seine Studien eine Unterbrechung zuließen.
»Sie können hineingehen,« sagte Frau Selig, als sie wieder
zurückkehrte, warf aber zugleich einen vernichtenden Blick
auf seine großen Holzschuhe.
Sörensen verstand, was der Blick sagen wollte, und streifte
sie eilig vor der Tür ab.
Als diese hinter ihm ins Schloß fiel, rief die Frau:
»Bolette, stell das elende Schuhzeug auf die Vortreppe hin-
aus; man spürt ordentlich den Branntweingeruch, der davon
aufsteigt.«
Sörensen ging mit schlürfendem Schritt durch eine Flucht
kalter Stuben mit geschnörkelten Sofas und alten Familien-
bildern. Die Bretter der Diele hallten dumpf unter seiner alten
gehärteten Ferse.
»Na, was wollen Sie von mir, Herr Sörensen?« fragte der
Geistliche, ehe der alte Küster noch recht über die Schwelle
des Studierzimmers getreten war.
»Oh, ich wollte Sie, Herr Pastor, recht sehr bitten, daß Sie
dieses Gesuch hier befürworten möchten. Es handelt sich
um – eine kleine Unterstützung. Es läßt sich so schwer aus-
kommen! Man ist alt geworden, Herr Pastor. Ja, wahrhaftig,
man ist alt geworden.«
Sörensen breitete ein großes Dokument auf dem Tisch aus.
Es war in Schönschrift mit zierlichen großen Lettern nieder-
geschrieben und die Unterschrift mit einem gewaltigen, ei-
nem zerfransten Hanfstrick gleichenden Schnörkel versehen.
»Frau Petersens Legat für alte verabschiedete Schullehrer!«
sagte Selig, indem er das Blatt hastig überflog.
»Ja, ich war seinerzeit der Frau Petersen behilflich, die
Statuten abzufassen,« erklärte Sörensen.
»Wieviel beträgt es?« frug der Prediger.
»Oh, es sind wohl nur zehn Reichstaler das Vierteljahr,« gab
Sörensen zurück, »wenn man, wie ich, unverheiratet ist. Für
Verehelichte vierzehnein viertel Reichstaler. Hier können Sie
die Bestimmungen sehen, Herr Pastor.«
Der Pastor stand eine Weile über das Heftchen gebeugt;
plötzlich sagte er, die Papiere wegschiebend, als ob sie ihn
brennen würden: »Nein, ich fürchte wahrhaftig sehr, daß ich
Ihnen meine Empfehlung nicht geben kann.«
»Wie meinen Herr Pastor das? Finden Sie denn nicht, daß
ich die verlangten Qualifikationen besitze? Bin ich nicht ver-
abschiedet und genügend alt und notleidend?«
»Ja, Herr Sörensen, was das betrifft, wäre alles in Ord-
nung.«
»Und Sie sehen ja, daß ich ein Vorzugszeugnis mit Aus-
gezeichnet in Rechnen, Religion und Pädagogik besitze.«
»Alles recht schön, Herr Sörensen. Aber hier steht, daß der
Bewerber ,ehrbar’ sein soll!« Der Pastor drückte den Finger so
fest auf das Wort, daß das Blut unter dem Nagel zurücktrat.
»Steht das da?« sagte Sörensen. Sein stark gerötetes Gesicht
bekam einen eigentümlich hilflosen, weinerlichen Ausdruck.
»Herr Pastor denken wahrscheinlich an das, was meiner
Verabschiedung vorausging?«
»Ja, an das und an Ihr späteres sündiges Leben, Herr
Sörensen! Die Trunksucht richtet wahrlich viele Menschen
zugrunde,« entgegnete der geistliche Herr.
»Wissen Sie, was ihrer noch mehr zugrunde richten dürfte,
Herr Pastor? Das ist, wenn ich es offen sagen darf, die Sucht
zu richten, die herzlose, böse Sucht, die wegen eines einzigen
unbesonnenen Fehltritts Tausende und aber Tausende in die
Verzweiflung treibt.«
Sörensen hatte einen solchen Nachdruck auf die letzten
Worte gelegt, daß er, von seinem alten Husten befallen, sich
nach einem Spucknapf umsah.
»Hier, Herr Sörensen, hier!« rief Selig und kam eifrig mit
dem Spucknapf herbeigesprungen.
»Sehen Sie, Herr Pastor, das hat ja weiter nichts auf sich,
wenn es so einen armen Teufel von Schullehrer trifft, der, wie
ich, vom graden Weg etwas abirrte. Sie wissen ja, wie’s mir
ergangen ist.«
»Sie wurden des Hurenlebens mit Ihrer Haushälterin über-
wiesen!«
»So nennt man’s freilich nach den autorisierten Katechismen;
mit ihr, ja, der Ann-Marie Kjærsgaard! Sie war damals gar ein
säuberliches Frauenzimmer. Ich hatte mich in sie verliebt, das
leugne ich nicht, und wer gern tanzt, dem ist ja leicht aufge-
spielt. – Ich lebte als Junggeselle und war eben auch nur ein
Mensch. Aber, versteht sich, so was darf in meiner Stellung
nicht vorkommen! Ich hätte den Versucher von mir fortwei-
sen müssen.«
Das wäre wahrlich nur Ihre Pflicht und Schuldigkeit gewe-
sen; bedenken Sie, was für ein Beispiel Sie den Kindern gaben,
deren Erziehung Ihren Händen anvertraut war.«
»Jawohl, Herr Pastor, ich werde stets der Gnade Gottes be-
dürfen, der der Menschen hätte ich jedoch in dieser Sache
entraten zu können geglaubt. Aber freilich, das Richteramt
liegt stets in ihren Händen. Als es offenkundig wurde, was
ich und Ann-Marie miteinander gehabt hatten, erbot ich
mich ehrlich und redlich, sie zu heiraten – wie es damals die
ganze Zeit meine Absicht gewesen war –, aber nun wollte sie
plötzlich nicht. Ich flehte sie an und weinte vor ihr, aber sie
blieb unerbittlich. Sie war von meinen Feinden verlockt wor-
den, vor allem von ihm, dem Jakob Nörhofer, Berteis ledigem
Bruder, wie Sie wissen. Dieser Mensch hatte schon immer ei-
nen Pik auf mich gehabt, aus Gründen, die ich hier nicht erst
weitläufig auseinandersetzen kann. Er hat also das Mädel her-
umgekriegt, daß sie sich’s in den Kopf gesetzt hat, er werde
sie heiraten, denn sie soll ja früher einmal eine Liebschaft mit
ihm gehabt haben. – Auf diese Weise haben sie die Sache in
die Länge gezogen. Natürlich hat sich’s bald gezeigt, daß der
Jakob die Ann-Marie nicht hat haben und nicht hat sein nen-
nen wollen, aber inzwischen war man so tief in die Schande
und den Skandal hineingeraten, daß die Behörde sich für be-
müßigt gehalten hat einzuschreiten. Jakob Nörhofer hatte sich
an die Spitze einer Klage beim Propst gestellt, so hat jetzt die
Sache ihren unerbittlichen Gang nehmen müssen. Ich erhielt
meinen Abschied, acht Tage nachdem Ann-Marie ihr Kind
zur Welt gebracht hatte. Sie wissen’s ja, wie dann später die
Ortsvorsteher mit ihr gehandelt und geschachert haben wie
mit einem unvernünftigen Tier, und auch mit mir ist, wie Sie
sehen, nicht glimpflich zu Werke gegangen worden.«
»Nein, der Sünde Sold ist der Tod, Herr Sörensen!«
»Ja, der Tod ist gleich für uns allesamt, aber darum handelt
sich’s, was vorher kommt, vor der Auflösung!«
»Ja, ja, Herr Sörensen, ich bedaure Ihr Schicksal sehr, aber
ich sehe wahrhaftig keine Möglichkeit, etwas für Sie zu tun.«
»Nein,« versetzte Sörensen und erhob sich, »weshalb auch
sollten Sie mir helfen?«
Und das draußen auf der Landstraße geführte Selbstgespräch
gleichsam fortsetzend, sagte er:
»Ich bin ja nichts andres als ein altes Wrack, das kaum
das Geld fürs Zerhacken lohnt. Ich habe mein Leck davon-
getragen, einen Schuß unter die Wasserlinie, der in den Ab-
grund reißt. In die Tiefe! Plumps! Hinunter! Bitte gefälligst!
Wünscht jemand dem alten Sörensen einen Fußtritt zu geben,
bitte ganz nach Belieben, nur keine Umstände! Bitte näher zu
treten. Und kehren Sie sich ja nicht daran, daß hier schon frü-
her mit Fußtritten traktiert worden ist. Nur ruhig zu! Unser
Herrgott verstattet es. Der alte Sörensen ist ja überhaupt nur
auf die Welt gekommen, um getreten zu werden.«
Der alte Lehrer war in ein eigentümlich unbehilfliches
Stammeln und Schluchzen geraten.
Pastor Selig ging unruhig im Zimmer auf und nieder.
»Sie müssen mich schon entschuldigen, Herr Sörensen, aber
ich habe morgen einen Wöchnerinnenkirchgang und ein
Begräbnis.«
»Nun, da soll es wahrlich nicht heißen, daß der alte
Schullehrer Sörensen jemand hinderlich gewesen, in Ehren
unter die Erde zu kommen; leider, daß die Reihe noch nicht
an mir ist, nicht an mir! – Sie geben also keine Empfehlung?«
Er streckte nunmehr die Hand nach seinen Papieren aus.
»Nein, das würde ich vor meinem Gewissen wahrhaftig
nicht verantworten können,« erklärte Pastor Selig.
»Richtig, Herr Pastor, da haben Sie den wunden Punkt der
Zeit getroffen: das Gewissen! Sowie ein armer Teufel um eine
kleine Verbesserung seiner Lage ansucht, wird das Gewissen
auf der Stelle unglaublich empfindlich. Ich möchte fast mei-
nen, es geht mit dem Gewissen wie mit dem Blinddarm: man
spürt ihn nicht eher, als bis er entzündet ist. Was aber mich
betrifft, Herr Pastor, bin ich vielleicht nicht ein alter, versoffe-
ner Schullehrer, entehrt, entlassen, zu allem Kriegsdienst un-
tauglich? Ist’s gefällig? Versetzen Sie ihm nur einen Tritt, dem
alten Schullehrer Sörensen, den man auch ,den tollen Küster
von Iggebjerg zu nennen pflegt.«
Sörensen ging mit gesenktem Kopf aus der Stube des
Geistlichen.
Auf der ausgetretenen Steinstufe vor dem Hause fand er
seine Holzpantoffeln, deren eingelegte Strohwische unter den
fallenden Dachtropfen triefend naß geworden waren.
Sörensen ging denselben Weg durch die Allee mit den ge-
stutzten Weiden zurück, gestikulierend und nach Art ein-
samer Menschen mit sich selber sprechend.
So kam er eine halbe Stunde später auf die zum Nörhof ge-
hörigen Grundstücke. Er bog nun querfeldein und suchte die
Trift, wo das meiste Vieh weidete. Hier hoffte er Per zu finden,
den Sohn, der ihm sein Amt und all sein Lebensglück geko-
stet hatte.
Er hatte nicht geirrt. Per saß hinter einem Erddamm, der
ihm einigen Schutz vor den herbstlich kalten Regenschauern
bot, indes die Rinderherde grasend über die Flur strich und
ihre braunen, buschigen Schwänze im Winde flatterten.
Es geschah zum erstenmal, daß Sörensen seinen Sohn auf-
suchte. Die Mutter zu sehen, war ihm unerträglich gewesen
seit jenem Tage, an dem sie ihn gewissermaßen seinen Feinden
ausgeliefert hatte, und zu der Zeit, da der Sohn heranwuchs,
hatte er sich größtenteils in andern Sprengeln aufgehalten.
Ab und zu suchte er jedoch den Lehrer Gydesen auf und
hörte mit nicht geringem Vaterstolz von Pers Fortschritten in
der Schule. Obgleich Per auf diese Weise nichts davon erfuhr,
verfolgte sein unglücklicher Vater aus der Ferne sehr genau
sein Tun und Treiben.
Heute hatte er einen besonderen Anlaß, ihn aufzusuchen.
Die Gegend war in der letzten Zeit durch verschiedene kleine
Diebstähle, die besonders in Wirtschaftsgebäuden und Kam-
mern der Knechte vorgekommen waren, beunruhigt worden.
Der Verdacht war allmählich auf Jakob gefallen; es war je-
doch nicht ausgeschlossen, daß er Mitschuldige hatte, und
da Sörensen wußte, daß Per und Jakob Mark an Mark das
Vieh hüteten, so hegte er die Besorgnis, daß dieses verworfene
Subjekt Per zur Beteiligung an einzelnen seiner tollen streiche
verlockt haben könnte.
Per war erstaunt und verlegen, als er die Gestalt von jenem
Heideabend auf sich zukommen sah.
Sörensen nahm sich auch merkwürdig aus, wie er da langsam
und mühselig über die hochgelegenen Äcker einhergestapft
kam. Der ihm entgegenwehende Wind trug seine langen trie-
fenden Rockschöße weit zur Seite; die Hosen bauschten sich
über den Knien und reichten nur bis zur halben Wade, so daß
die ungebleichten Socken in dem trüben Licht schimmerten.
Der Stock war in eifriger Bewegung vor- und rückwärts längs
des rechten Holzschuhs. Als er noch näher kam, sah Per ein
großes rötliches Gesicht mit einer starken Ausbuckelung an
der einen Schläfe.
Per hatte die größte Lust, auf und davon zu rennen; Sörensen
mußte das bemerkt haben, denn ehe er noch den Sohn er-
reicht hatte, sagte er:
»Erschrick nicht vor dem alten Sörensen, mein Kind! Es
gibt nur einen Menschen, dem er Leids zugefügt hat, und der
heißt Jakob Christian Sörensen. Nein, ich tu dir sicher und
gewiß nichts Böses; aber jetzt, wo die Ernte eingeheimst ist,
kann man ja querfeldein gehen, und das ist doch weit beque-
mer, als alleweil nur dem Weg folgen. Ach ja! Kann ich mich
hier einen Augenblick ausruhen, ehe ich weitergeh?«
Sörensen ließ sich schwer an der Abdachung des Damms
nieder.
»Wenn du so daliegst, mußt du dich ja erkälten, mein Kind.
Weshalb läufst du nicht lieber herum, so tatst du dir doch den
Körper erwärmen?«
»Ja, das tu ich auch immer einmal, wenn es zu schütten
grad aussetzt. Aber wenn ein Guß kommt, verkriecht man
sich doch gern hinter so was wie einen Schutz,« bemerkte Per,
schon zutraulich geworden durch den freundlichen Ausdruck
in des Alten Augen.
»Tust nur auch immer ordentlich das Stroh in deinen
Holzschuhen wechseln, wenn du vom Feld nach Haus
kommst? Laß mich deine Füße anfühlen!«
Per zog zögernd seinen nackten Fuß aus dem Holzschuh.
Bevor er ihn in des Alten Hand steckte, bog er ihn hinter
das linke Hosenbein, ihn daran abzutrocknen; denn das
Regenwasser hatte im Holzschuh zwischen die Zehen hinauf-
geschlagen.
»Ih, du armer Wurm! Der fühlt sich ja rein wie ein Eiszapfen
an. Wirst du denn nicht krank auf die Art?«
»Ja freilich, manchmal ist’s schon so. Aber da läßt sich nichts
machen; was mir das ärgste ist, das ist nur das Zahnweh; da
hab ich drei ganze Nächte nicht schlafen können; dann hat
mir aber der Anders einen Priem Kautabak gegeben; da hat’s
nachher nachgelassen.«
»Und gar nichts hast du zum Umnehmen? Kannst du dir
nicht von einem der Knechte so was ausleihen wie einen
Überhang? Kannst du dich denn gar nicht verwahren, Kind-
lieb? Du wirst dich ja am Ende noch ganz ruinieren!«
»Mit dem Ausleihen geht’s auch nicht immer so leicht. Wie
jetzt da in den nassen Zeiten, da brauchen ja die Knechte ihr
Gewand für sich zum Anziehen, wenn sie draußen pflügen
müssen.«
»Aber dein Hausvater, der wird doch irgendein altes Zeug
übrig haben, das er dir überlassen könnt?«
»Der Bertel? Der Schubiak! Den kümmert’s viel! Der sagt,
die Hirtenjungen, die sollen nur nicht gar zu gut verpackt
sein, sonst setzen sie sich hin und duseln, statt dem Vieh
nachzugehen.«
»Und so eine kleine Hirtenhütte, wie man sie jetzt da und
dort einmal zu sehen kriegt, war doch auch, sollt man meinen,
zu erschwingen gewesen. Man braucht ja nur ein paar kurze
Latten zusammenzuschlagen.«
»Ja, das haben ihm auch die Knechte einmal gesagt – denn
ich trau mich ja nicht, was zu reden –, da hat aber der Bertel
gemeint, von solchen Narreteien wollt er nichts wissen, das
möcht nur dazu führen, daß die Bretter für nichts und wieder
nichts draußen verfaulen; und solche Kerls wie ich und mei-
nesgleichen, die sollten nicht verhätschelt werden; das wür-
den sie noch immer früh genug, es war nur gut für sie, sich
an einen nassen Kittel zu gewöhnen – – Und lauter solches
Gewäsch, wie es so einer auftischen kann; denn er ist nicht
wert, daß man bei ihm dient.«
»Wirst du denn nicht auch am Rücken naß?«
»Freilich wohl, gestern abend, da hab ich förmlich geklappert
vor Kälte.«
»Ja, ich hab wohl auch nichts zum Wechseln, wenn ich naß
bin, mein lieb’s Bübel. Aber ich bin alt und zu nichts mehr
gut. Du aber bist ein Kind, das noch die Welt vor sich hat. Ja,
ja, ja! Was sollen wir armen Teufel nur tun, um wie Menschen
behandelt zu werden?«
»Roy sagt, wir sollen Revolutschon machen; aber das kann
ich nicht verstehen. Ist denn das nicht so was wie Leute tot-
schlagen und Höfe in Brand stecken? Und das darf man doch
nicht,« sagte Per.
»Nein, das darf eins nicht. Aber Roy ist weit draußen in
der großen Welt herumgekommen, und dort brauchen sie so
große Worte. – Vielleicht, daß wir daheim sie wieder zu klein
gebrauchen,« fuhr Sörensen nachdenklich fort.
»Es ist aber doch schön, ihm zuzuhören,« sagte Per. »Die
Hofbauern, die können ihn alle nicht leiden; wenn’s aber dazu
kommt, können sie ihn nicht entbehren.«
Per erhob sich nun auf die Zehenspitzen und guckte über
seine Rinderherde hin. »He, Lies, wo willst denn hin? Wirst
herkommen!«
Per stürzte über den Damm hin, ein paar unruhige
Rinderköpfe umzuwenden.
Diese kurze Abwesenheit benutzte Sörensen dazu, den
Stöpsel aus seiner Feldflasche zu ziehen und rasch ein paar
starke Züge zu tun.
Per kam zurück, ohne etwas zu bemerken.
»Sag, Per, kennst du den Jakob da drüben im nächsten Hof?«
begann Sörensen.
»Ja, den, der ist ein schlimmer Bursch; er hat gestohlen, er
wird gewiß durchgepeitscht werden,« sagte Per nicht ohne
eine gewisse Schadenfreude.
»Kommst du manchmal mit ihm zusammen?«
»Nein, schon lang nicht mehr; denn er ist ein garstiger Kerl,
der einem alles wegreißen möcht! Und immer haut er mit der
Peitsche drein, wo er der Stärkere ist. Soll er sie jetzt selber zu
kosten bekommen.«
Sörensen stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als
er hörte, daß der Sohn keine Gemeinschaft mit dem ver-
brecherischen Burschen hatte.
»Laß dich nur ja nie mit dem Kerl ein; denn er lehrt dich si-
cherlich nichts Gutes. Er ist von einem schlechten Stamm, der
Racker. Aber dafür kann er kaum was … Ach ja, ja, ja! Wer
ist dran schuld, was aus uns wird?«
Sörensen hatte seinen gewohnten gramvollen Ausdruck an-
genommen. Per betrachtete aufmerksam sein Gesicht wie je-
mand, der sich anstrengt, eine halbverwischte Schrift auf ei-
nem verwitterten Grabstein zu lesen.
Plötzlich sagte Per in der Kindern eigenen unumwundenen
Art: »Ist das wahr, daß du mein Vater bist?«
Sörensen blickte seinen Sohn lange und schwermütig an.
»Ja,« antwortete er leise und tonlos wie einer, der die schwerste
Schuld seines Lebens bekennt.
»Wie kann denn das sein?«
»Ach, Kind, dazu bist du noch zu klein, um das zu hören.
Ein andermal werde ich dir alles miteinander erzählen, aber
heute … Ich bin so unglücklich!« Nun strömten die Tränen
unaufhaltsam über die Wangen des Alten herab und füllten
jede Runzel des leidvollen, vergrämten Gesichts.
»Wenn der liebe Gott mich nur meinen Verstand behalten
läßt! Aber vielleicht ist das zuviel verlangt, denn der hat viel
harte Stöße bekommen. Aber das ist ja ganz sündhaft, dasit-
zen und dich auch noch traurig machen. Und wozu soll’s denn
auch? Wir müssen ja doch unsern Weg weiter traben, wenn-
gleich der Boden unter den Sohlen brennt. Hast du denn auch
Zeit, bei deinem alten Vater dazusitzen?«
»Ja,« sagte Per, »jetzt ist das Vieh ja ruhig.«
»Denn du kannst dir’s wohl denken, daß ich gern neben dir
sitzen, dich ansehen und mit dir reden mag, jetzt, wo du’s
weißt, wer ich bin. Denn du wirst doch nichts Böses von mir
glauben?«
»Nein,« sagte Per.
Vater und Sohn rückten näher zusammen. Ein leiser Staub-
regen hatte zu fallen begonnen, der als graue Nässe auf den
Spitzen der welkenden Schwingelbüschel des Damms hängen
blieb und in gelben Tropfen von Pers Mützenschirm auf seine
fadenscheinigen Hosenknie träufelte.
Drüben auf dem Nachbarfeld glitten zwei Pfluggespanne
langsam hintereinander her, und ein Kiebitzschwarm kreiste
über den Sümpfen lautlos in der Luft.
Sörensen fuhr fort, von sich zu sprechen, lang und weitläu-
fig bei der Zeit verweilend, in der er im Sonnenglanz seines
Lebens gestanden hatte; er erzählte von den Triumphen, die er
als Schullehrer bei den Probevisitationen oder im Gemeinderat
davongetragen, wo er oft Nüsse geknackt hatte, die allen an-
dern zu hart gewesen. Von da trat er in den Wendekreis sei-
nes Lebens, berichtete von seiner Ausstoßung, Entlassung,
Erniedrigung; von seiner Wanderung von Sprengel zu Sprengel,
um das Gnadenbrot zu finden, das die Barmherzigkeit ihm
reichte – einigemal hatte er ein paar Kinder zu unterrichten
gehabt, doch war das nur eine Galgenfrist gewesen; den größ-
ten Teil seines Lebens war er auf die Mildtätigkeit der Leute
angewiesen.
»Auf solche Weise, mein Kind, wird man ein Wrack. All die
Fähigkeiten, die man besitzt, rosten wie Stahl, der dem Regen
und Nachttau ausgesetzt ist. Und jetzt haben sie mich ins
Armenhaus gesteckt,« schloß er leise.
»Du bist im Armenhaus?« fragte Per.
»Ja, aber das halt ich nicht aus. Denn ich komm in Wut,
wenn ich seh, daß jemand Unrecht geschieht. Und wenn
der Verwalter einen armen, alten, ausgemergelten Teufel, der
sich kaum auf den Füßen erhält, hunzt oder gar schlägt – so
könnte ich, schwach und elend wie ich selber bin, ihm die
Nägel in die Augen bohren oder ihm das verdammte Stirn-
blatt mit der Axt zerschmettern.«
Sörensens Lippen zitterten bei seinen wilden Worten.
Per sah scheu zu ihm auf.
»Aber Jeses nein!«
Er wunderte sich, daß auch er die nämliche Empfindung ge-
habt hatte, wenn ihn Bertel ohne Grund schlug.
»Du brauchst nicht ängstlich zu sein, Kind; ich tu’s nicht!
Bin viel zu elend und erbärmlich, um irgend was zu tun.
Mein Gott hat mich meinen Feinden vor die Füße gewor-
fen; er hat mein Horn in den Staub gelegt und mich in die
Gewalt meiner Hasser gegeben! Aber warum murre ich ge-
gen ihn? Warum tu ich nicht, was er mir gebietet? Es ist ja
doch so einfach. An meinem Stock umherkriechen, bis der
Herr eines Tages zu mir spricht: Gut, alter Sörensen! Nun
sei’s genug! Du warst der Welt geliehen, sie hat dich nicht nut-
zen mögen; gut, so nehme ich dich denn wieder heim zu mir.
Du bist nicht das erste meiner Werkzeuge, das die Menschen
in einen Winkel schleuderten und liegen und rosten ließen,
während sie ihre selbstgegossene Marktware nutzten.Trockne
nur deine Augen und komm heim zu mir; es gibt ohnedies ei-
nen andern armen Schlucker, der nach den Brotkrumen fahn-
det, die du im Hömilder Armenhaus aufgepickt hast. Ach,
ja, ja! Wie habe ich ihnen doch recht geben müssen, deinen
schwermütigen Worten, du weiser Hiob: Die Armen müs-
sen ihnen weichen, und die Dürftigen im Lande müssen sich
verkriechen. Siehe, das Wild in der Wüste gehet hinaus, wie
sie pflegen frühe zum Raube, daß sie Speise bereiten für die
Jungen. Den Nackenden lassen sie ohne Kleider gehen, und
den Hungrigen nehmen sie die Garben; daß sie sich müssen
zu den Felsen halten, wenn ein Platzregen von den Bergen auf
sie gießet, weil sie sonst keinen Trost haben. Sie machen die
Leute in der Stadt seufzend und die Seele der Erschlagenen
schreiend, und Gott stürzet sie nicht.«
Und nun ganz in seine schwermütigen Gedanken vertieft,
begann der alte Küster mit schöner und klangvoller Stimme
seine Lieblingsweise zu singen:

Es stand ein armer verkrüppelter Tann,


Wo viele des Weges schritten;
Nie trieb sein Mark zur Höhe hinan,
Nie setzte er Ringe und Äste an,
Zertrampelt von achtlosen Tritten:
Denn nieder treten wir uns in den Staub.
Was aus den ersten Knospen springt,
Vernichten wir grausam und dreiste,
Und wenn eherne Kraft auch zur Höhe sich ringt,
Vereinzelter Stamm zu Früchten es bringt,
Bleibt Krüppelholz dennoch das meiste:
Denn nieder treten wir uns in den Staub.

Das Kind umgaukeln Träume bunt,


Es langt nach dem Sonnenballe;
Doch stößt es sich erst im Leben wund,
Erbettelt es bald mit bebendem Mund
Einen einzigen Strahl, eh’ es falle:
Denn nieder treten wir uns in den Staub.

Sörensen stand nun vom Damme auf. »Wie es doch regnet!«


sagte er, »regnet, regnet und regnet! Immerfort regnet es,
scheint mir. Aber es scheint einem vielleicht nur so, weil man
so arm und alt geworden ist. Denn wie ich jung war, ach, wie
hat da die Sonne schön scheinen können! – Leb wohl, mein
Kind! – Und vergiß nicht, reines Stroh in deine Holzpantoffel
zu legen, sobald du mit dem Vieh nach Haus kommst!«
Per sah tief ergriffen dem alten Küster nach, bis er langsam
im Nebelgrau verschwand.
MUTTERS STIEFEL

Der Winter sauste über die zu Stein und Bein gefrorenen


Gemeindewiesen. Die Bauern verschalten ihre Türen und lie-
ßen das wilde Wetter Sturm gegen die Giebel rennen. Die
Kühe standen an den Krippen und knabberten Rüben und
Ölkuchen, daß ihnen der Schaum um die Mäuler stand. Nun
kamen auch gute Tage für einen kleinen Jungen, der in dem
naßkalten Herbstwetter Frost und Ungemach erduldet hatte.
Bertel wußte freilich seine Leute einzuspannen, ob sie nun
groß oder klein waren. Er fluchte früh und spät darüber, daß
»eins so einen Burschen füttern muß, mit dem man nicht
weiß was anfangen.« Aber Bertel wußte dennoch Rat, so zwar,
daß Per nicht eine freie Stunde hatte, wenn er nicht eben in
der Schule war. Er mußte den Hausvater auf Weg und Steg
durch alle Wirtschaftsräume als sein höriger und gehorsa-
mer Trabant begleiten; und Bertel war keine vergnügliche
Gesellschaft. Per mußte in den Ställen misten, die Krippen
säubern und Futterrüben aus den gefrorenen Gruben, die sich
wie Schanzen rings um den Hof zogen, auf dem Schiebkarren
in den Stall fahren. Selbst spät abends, wenn Nacht und
Nebel sich über die Dächer gesenkt hatten, mußte er mit den
Knechten in die Futtertenne hin, Häcksel schneiden und
entweder bei der Kurbel zugreifen oder zum mindesten die
Laterne halten, die ebensogut an einem Nagel hätte hängen
können, wie sie jetzt in seinen blaugefrorenen Händen hin
und her schwankte.
»Jetzt brauchst du ihm, meiner Seel, die Butter nicht förmlich
draufpatzen aufs Brot, so einem Lauskerl. Der wird sich doch
auch mit einer Auflagschnitte behelfen können,« brummte
Bertel, der dastand und zusah, wie Ann-Kjestin Pers belegtes
Schulbrot strich.
»Ja, damit der andern Leute Dienstjungs uns recht austragen,
wenn der unsrige mit einem viel schmäleren Vesperbrot zur
Schule kommt als sie. Sparen soll eins gewiß, aber dabei doch
immer ein Aug drauf haben, daß man sich keine Schande da-
mit antut.«
Kraft dieser Lebensregel erhielt Per doppelt so gute
Vesperbrote in der Schule, als wenn er daheim war, ein Grund
mehr, so viele Schultage als möglich zu wünschen.
Aber der Schulbesuch sprach ihn auch an sich stark an, weil
Gydesen ein tüchtiger und anregender Lehrer war, der seine
Schüler zu Fleiß und Wetteifer anzuspornen wußte. Dazu war
Per auch felsenfest von seiner Gerechtigkeitsliebe überzeugt,
ganz sicher, daß er keinen Unterschied mache zwischen arm
und reich. Durch diese Eigenschaft erwarb er sich Pers rüh-
rendste Anhänglichkeit, so daß dieser ihm um alles in der
Welt nicht hätte zuwiderhandeln oder seine Unzufriedenheit
erregen wollen.
Nie noch hatte er ein so wohliges Gefühl empfunden wie
damals, als er eine der schwierigsten Aufgaben im dritten Teil
seines Rechenbuchs gelöst hatte und Gydesen ihm leise strei-
chelnd mit der Hand über das Haar gefahren war und gesagt
hatte: »Das hast du wahrhaftig fein herausgeklügelt, kleiner
Per. Aus dir wird mit der Zeit schon was Rechtes werden. Nun
kannst du hinausgehen und dir eine Handvoll Stachelbeeren
pflücken. Die ganz unten im Garten sind die reifsten.«
Gydesen verwendete fast alle seine Stachelbeeren als Auf-
munterungsprämien für fleißige Schüler.
Seit Menschengedenken hatten die Kinder der Hvarreschule
jeden Winter ihr »Fastnachtsspiel« gehabt, das sie draußen auf
dem Lande bei dem oder jenem Hofbauer, der eine geräumige
»Großstube« hatte, »ausrichteten«. Gydesen war kein besonde-
rer Freund dieser Form der Volksbelustigung, da das Spiel der
Kinder den Erwachsenen oft Anlaß zum Saufen und Raufen
gab. Aber anderseits wußte er auch, daß dieser Wintertanz
oft die einzige Zerstreuung eines armen Kindes während ei-
nes ganzen langen Jahrs knechtischer Arbeit war. Daher hatte
er noch immer, ob auch etwas zögernd, seine Erlaubnis dazu
gegeben.
Sobald sie auch in diesem Jahre erlangt worden, zogen vier
der in der Schule angesehensten, von der gesamten Klasse er-
wählten Knaben aus, um, mit Stulpen- oder Holzschuhstiefeln
angetan, »das Gespiel bestellen« zu gehen. Unter diesen vie-
ren war auch Per. Als sie nun einen ganzen geschlagenen
Winternachmittag in Schnee und Morast umhergewatet wa-
ren und weit und breit stets nur abschlägige Antworten er-
halten hatten mit der Begründung, daß »bei so einem tollen
Handel nie was andres als Schaden herausschauen tät« – sagte
endlich Per zu seinen entmutigten Kameraden: »Wißt ihr was,
jetzt gehen wir in drei Teufels Namen zu Kild Pejrsen. Ich
steh euch gut dafür, dort kriegen wir unser Gespiel!«
Und sie kriegten es.
Sobald Kild aus Pers Munde gehört hatte, wie sie vergeblich
von Hof zu Hof betteln gegangen waren, gab er rückhaltlos
seine Einwilligung, obgleich er einer der Hofbesitzer war, die
keine Kinder in der Schule hatten.
»Ich erinnere mich noch recht gut, wie mich so eine kleine
Unterhaltung gefreut hat, wie ich in eurem Alter war,« sagte
Kild. »Müßt euch dann aber auch wie ordentliche Menschen
aufführen und nicht vielleicht den ganzen Verputz von der
Wand herunterstoßen,« fügte er hinzu.
Kurz und gut, es wurde ein recht vergnügtes, tolles Spiel.
Die Kinder stürmten durch Kild Pejrsens Haustür aus und
ein, und Kild sorgte dafür, daß ein jedes sich nach Kräften
unterhielt. Er hatte einen großen Anker Met angeschafft, den
er glasweise um äußerst niedrigen Preis ausschenken ließ.
Auch Kaffee und Judenkuchen gab’s die Fülle.
Es fehlte nicht viel, so wäre Per der Löwe des Balls gewesen.
Ann-Kjestin hatte großmütig dafür Sorge getragen, daß der
Anzug, der dem Kontrakt zufolge den wesentlichsten Teil sei-
nes Lohns bildete, rechtzeitig fertig geworden war, so daß er
zur Spielstube kam, geschmückt wie eine Lilie des Feldes.
Einige Tage vor dem Feste war Per in recht bedrohlicher
Lage gewesen. Er hatte plötzlich die traurige Entdeckung ge-
macht, daß er keine Stiefel besaß. Tanz in Holzschuhen und
Wadenstutzen mochte ganz herrlich sein an einem armseligen
Sommersonntag, wenn der Harmonika wilde Klage in der
lehmgestampften Einfahrt der Spreukammer erklang. Aber
bei einem feierlich vorausbestellten Fastnachtsspiel, das noch
wesentlich durch seinen Einfluß zustande gekommen war, da
mußten andre und höhere Anforderungen an die Equipierung
gestellt werden.
Per nahm denn seine Zuflucht zur Mutter, und wirklich
fand Ann-Marie Kjærsgaard nach vielem Suchen ein Paar
Schnürstiefel, die sie bei manch flottem Jugendtanz getragen
hatte, die nun aber stark vom Zahn der Zeit gezeichnet wa-
ren. Als aber die Stiefel sich eine Weile unter Mortens pechen-
der Hantierung befunden hatten, erwiesen sie sich in jeder
Hinsicht als zweckentsprechend.
»Ach was, du brauchst ja nicht grad so unchristlich auf dem
Boden herumzustampfen!« meinte Ann-Marie.
In Mutters Stiefeletten schwang nun Per den ganzen Tag
lang seine kleinen berockten Kameradinnen, die von Spitzen
und Kartoffelstärke starrten, indes der einäugige Spielmann
Kræn unter den verzwicktesten Grimassen und endlo-
sem Naserümpfen den Bogen wie eine Rundsäge über sein
Saitenspiel zog.
Gegen Abend fanden sich die Eltern der Kinder ein, teils
um den Spielen der Sprößlinge zuzuschauen, teils um selbst in
einem Dreher oder zweien die Schuhe auszutreten.
Unter den Erschienenen befand sich auch Ann-Marie
Kjærsgaard. Den Strickstrumpf hoch in den Händen, nahm
sie mitten in der Tür der großen Stube Aufstellung, von wo
sie mit Stolz die Gewandtheit beobachtete, mit der Per die
Töchter der Hof bauern zu des einäugigen Spielmanns phan-
tastischen Tönen schwang. Mit ihrem geübten Blick entging
es ihr auch nicht, daß Anni und Per sich ungewöhnlich oft im
Tanz zusammenfanden.
Wie nun Ann-Marie so dastand und mit ihren fünf Strick-
nadeln klapperte, während der Takt der Tanzmusik ihr in
den Ohren klang, wurde sie plötzlich von ihrer eignen al-
ten Leidenschaft für diese wahnwitzigen Drehungen um die
eigne Achse ergriffen. Gab es doch keine Finesse des Tanzes,
kein »da capo« dieser alten abgenutzten Dorffiedel, die nicht
heitere und bezaubernde Erinnerungen in ihrer zertretenen
und mißhandelten Seele erweckt hätten. Man sah ihre Augen
aufflammen wie die eines alten Zirkuspferdes, dem die Luft
plötzlich wieder Geigen: und Flötentöne zuträgt.
Anfangs hatten es nur die Stricknadeln zu entgelten, die in
wilder Scheu klirrten, und der Garnknäuel, der ein übers and-
remal umschnurrte. Bald aber wurde es ihr platterdings un-
möglich, sich länger zu beherrschen. Sie ließ Per zu sich rufen
und zog ihn mit sich fort hinter die Gangtür, die des Luftzugs
wegen an die Wand gelehnt worden war.
»Ach Per, zieh einen Augenblick die Schuh aus: ich hab sol-
che Lust, nur einen einzigen Dreher zu machen!«
Per blickte mit einem Ausdruck zur Mutter auf, als wollte er
sich vergewissern, ob sie auch recht gescheit sei.
»Ach, hörst du denn nicht, was ich dir sag!« wiederholte
Ann-Marie, ihn ungeduldig am Ärmel reißend. »Die Stiefel
möcht ich haben, du kannst dir derweil meine warmen Holz-
schuh nehmen.«
Per wehrte sich mit allen Kräften, aber da half kein Bitten
und Betteln; er mußte stehenden Fußes aus den Stiefeln her-
aus.
»Da hast auch was rechts darüber zu flennen,« sagte Ann-
Marie mit einem Anflug ihrer alten Heftigkeit. »Bist du jetzt
vielleicht nicht den ganzen Tag in meinen Stiefeletten her-
umstolziert?« – Mit diesen Worten schritt Ann-Marie aus
dem Vorhaus und trat, nunmehr voll aufgetakelt, in die große
Stube. Im Wirbel des Tanzes hatte sie des Sohns gar bald ver-
gessen.
Dagegen begannen die Kameraden Pers blondlockigen Kopf
allmählich beim Tanze zu vermissen. Ein paar der ältesten be-
gaben sich auf die Suche und fanden da den Löwen des Balls
in bloßen Strümpfen in einem verborgenen dunklen Winkel
des Vorhauses.
Bald ging es unter den großen Knaben von Mund zu Mund,
daß Per stiefellos im Hausflur hinter der Tür stehe und weine.
Sie erzählten sich’s nicht ohne Schadenfreude, denn mit vieler
Mißgunst hatten verschiedene Hofbauernsöhne Pers ungemei-
nes Glück beim Tanze beobachtet. Nun kamen sie einer nach
dem andern, um sich zu überzeugen, »ob’s auch wahr war«.
Bald war ein ganzes grinsendes Rudel um Pers Schandwinkel
versammelt; sie höhnten ihn und zupften ihn am Ärmel, um
seine klägliche Lage ins helle Licht zu ziehen.
Per wehrte sich eine Zeitlang mannesmutig in seiner Ver-
schanzung; er teilte Maulschellen und Nasenstüber aus,
währenddes die Spottreden über ihn niederhagelten. »Per
Bloßgeher! Barfüßler Per! Er hat keine eignen Stiefel! In
Mutters Schuhen hat er getanzt!«
Plötzlich stand Anna mit lachenden hohnvollen Augen mit-
ten in der Schar der Spötter. Per kam in helle Wut vor Kummer,
knirschte mit den Zähnen und fuhr aus seiner Ecke heraus,
erhobenen Armes, die geballte Faust hoch über dem Kopf.
Während des entstandenen Tohuwabohus hatte Kild sich mit-
ten durch den Strom der Flüchtenden hindurchgearbeitet. Per
stand barfuß und schluchzend vor ihm und schilderte seine
Not. – »Was, die Ann-Marie hat die Stiefel genommen?« sagte
Kild, mit Mühe ein Lächeln zurückdrängend, so leid ihm der
geweckte Knabe tat. »Weißt, komm du jetzt zu mir herein, bis
deine Mutter sich die Mucken ausgetanzt hat.«
Kild führte Per in ein Nebengemach, wo der Spott der
Kameraden ihn nicht erreichen konnte. Durch eine Tasse
Kaffee und einen Judenkuchen suchte er die gemarterte Seele
des Knaben ins Gleichgewicht zu bringen.
Endlich kehrten auch die Stiefel zurück, aber Pers Lust,
den Tanz wieder aufzunehmen, war unwiederbringlich zer-
stört; ohne jemand Lebewohl zu sagen, stahl er sich aus der
Spielstube fort, und allein und betrübt ging er heim über das
dunkle Ackerland.
BEI KILD PEJRSEN

So schleppte sich Per durch sein erstes Dienstjahr hin; andre


Jahre kamen nachgeschlichen, brachten Gutes und Böses, von
diesem am meisten. Die ursprünglich lächelnden, etwas wei-
chen Züge wurden vom Leben gehärtet, fest und scharfge-
schnitten. Die Linien um den Mund strafften sich, der Blick
wurde kalt und forschend. Bekam er Schläge, so sah man
keine Träne mehr, er knirschte mit den Zähnen, und die
Zunge wurde dick und gallig.
Solange er bei Bertel war, verrichtete er seine Arbeit geschickt
und anstellig, doch lustlos wie ein Tier, das automatisch die
Brust wider das Geschirr stemmt, ohne einen Funken eigenen
Willens.
Ein bißchen Festglanz hatte das Leben nur, wenn er dann
und wann an einem Sonntagnachmittag sich zum Iltisjäger
schleichen durfte oder wenn Kræn-Lybsker über die Fluren
gegangen kam, sich ein Viertelstündchen am Wegdamm ne-
ben ihm niederließ und über die verschiedensten Dinge redete
und schwatzte, alles mit seinem hellen, gutmütigen Lachen ab-
schließend. Kresten erhob sich nie von seiner Seite, ohne ein
Fünfundzwanzig-Örestück auf seinen Knien zurückzulassen.
In der Schule behauptete Per nach wie vor seinen Platz als
einer der ersten, und als endlich seine Schulzeit zu Ende ging,
hielt der Lehrer Gydesen eine kleine Ansprache an ihn, worin
er den Fleiß rühmte, den er stets bewiesen, unter so ungünsti-
gen Verhältnissen er auch die Schule hatte besuchen müssen.
»Es wäre zu wünschen, daß manche von den Kindern der
Bessergestellten von deinem Fleiß, deiner Aufmerksamkeit
beseelt wären,« sagte Gydesen, »ich könnte mir da viele
Ermahnungen und harte Worte sparen, die anwenden zu
müssen dem Herzen immer wehe tut. Und wenn du, Per, nun
von mir fort und hinaus gehst, deinem Beruf als Knecht nach,
der gewiß für niemand beneidenswert, am wenigsten für den,
der verlassen und schutzlos ist, so hoffe ich, daß du zuwei-
len zurückdenken wirst an diese Schule und die erfreulichen
und lehrreichen Stunden, die wir miteinander verlebt haben.
Denn es gehört zum Freudigsten, das ein Lehrer erleben kann,
zu sehen, daß sein Schüler vorwärtsstrebt. Es ist ein gefähr-
liches Alter, in dem ich dich dir selbst überlassen muß, mein
Junge, und ich hoffe auch, du wirst dich nicht ganz von mir
fernhalten; solange ich hier bin, sollen die Pforten der Schule
weder dir noch wem immer, der von deiner Lernbegier beseelt
ist, verschlossen sein. Lebe wohl, Per, und Gott sei mit dir!«
Dem Lehrer wie dem Schüler waren bei diesen feierlichen,
warm empfundenen Worten die Tränen in die Augen ge-
treten.
Tief bewegt ging Per heim. Gydesen war immer sein guter
Geist gewesen. Hatte er sich fast überall sonst als das arme
gehetzte Wild gefühlt, auf dem Boden der Schule empfand
er sich an geweihter Stätte. Hier herrschte ein höheres Gesetz
als das des Dienstherrn, weil Gydesen ein Mann war, der im
Bewußtsein seiner Verantwortung kein Jota seines Lehrrechts
preisgab, sobald es auf Kosten der Kinder ging. Das also war
nunmehr vorbei; was würde jetzt kommen?
Auf dem Heimwege war Per Kræn Lybsker begegnet. Wie
gewöhnlich hatte ihn dieser auch heute über allerlei auszufra-
gen.
»Na, Per, wie geht’s denn? Wird dir der Bertel noch immer
nicht zu mopsig?«
Per erzählte ihm, daß er heute zum letztenmal in der Schule
gewesen sei.
»Ih schau! Da bist du ja bald ein erwachsener Knecht und
kannst deinem Hirtenstecken schön Guten Tag sagen! Wirst
dann noch immer beim Bertel dein Brot verdienen?«
»Nein,« sagte Per. »Ich hab mich beim Kild Pejrsen ver-
dungen.«
»Was du nicht sagst! Das laß ich mir gefallen! Wird das ein
Unterschied sein, meinst nicht? Denn der Kild, das ist ein
ganzer Mann, kein solcher Mistkerl wie der, bei dem du jetzt
bist. Der Kild, der ist von jeher ein gewaltig estimierter Mann
gewesen, der hält sich auf gleich und gleich mit den Leuten
und geht nicht her und bellt und schnappt wie der Nörhofer
Köter. An dem, da ist ja nicht mehr Gutes als in einer Kröte
Honig. Ih schau, ih schau! So sollst du also hinunter und beim
Kild einstehen …«
Bei Kild Pejrsen diente Per während einer Reihe von Jahren
und kam hier auf weit bessern Fuß mit dem Dasein. Bei Bertel
war er der geknechtetste der Knechte gewesen und hatte nicht
so viel Recht wie der Hund besessen. Bei Kild wuchs er zu
einem schlanken, breitschultrigen Mann heran, der sich über-
alles, was in seinen Gesichtskreis fiel, eine feste, unbeirrbare
Meinung bildete.
Kild ließ ihn so viel als möglich nach seinem eigenen Kopfe
vorgehen, denn Kild war ein verständiger Dienstherr, der lie-
ber einen freien Mann als einen Fronsklaven auf seinem Hof
hatte. Er selbst war von eisernem Fleiß und nie darauf be-
dacht, sich zu schonen, dazu bei prächtigem Humor, so lang
der Tag nur währte. Desungeachtet war Kild ein Mann der al-
ten Schule und nichts weniger als ein Vorkämpfer irgendeiner
einschneidenden Umwandlung in dem Verhältnis zwischen
Herr und Knecht. Auch auf seinem Hof war die Kost knapp
und dürftig, der Lohn klein, die Arbeitszeit lang, wenn auch
etwas kürzer als in den andern Höfen, und der Schlafraum
des Gesindes kaum um einen Strohhalm besser als in den üb-
rigen Bauernhäusern.
Wenn gleichwohl, wer bei Kild bedienstet war, von allen an-
dern dienstbaren Geistern beneidet wurde, so geschah es, weil
Kild als der schlichte, gutgelaunte Mann bekannt war, der
sich nicht für zu gut hielt, sich gewissermaßen auf eine Stufe
mit seinen Leuten zu stellen.
War die Grütze beim Mittagstisch angebrannt, so legte Kild
seinen Löffel nicht weg, um sich dann in der Speisekammer
schadlos zu halten, sondern feuerte ein paar Brandraketen ge-
gen die unselige Haushälterin ab und tauchte im übrigen sei-
nen Löffel neben dem des Knechts in die gemeinsame Schüssel,
bis kein Körnchen Grütze mehr darin zu finden war. So ging
er auch Seite an Seite mit Per aufs Feld und fürchtete sich
ebensowenig vor Stoß und Schramme oder einer nassen Jacke
wie dieser. Eine solche Gleichheit entwaffnet viel Mißmut.
Und es war sehr wahr, was der Taglöhner Jens Romler zu
sagen pflegte: »Zwei Tage in Kild Pejrsens Torfmoor, die ver-
gehen grad so schnell wie auf dem Nörhof einer. Sicher und
gewiß!«
Bei allen seinen trefflichen Eigenschaften war Kild ein
ziemlich unaufgeklärter Mann: er war in dieser Hinsicht
wie die Bauern zumeist. Wie der größte Teil seiner Standes-
genossen hatte er nie ein Buch ausgelesen. Während eini-
ger weniger Wintermonate war er auf ein Quartal des in der
nächsten Kleinstadt erscheinenden »Volksblatts« abonniert;
aber die Wahrheit zu gestehen, hielt er das Blatt einzig der
Bekanntmachungen und der »Sensationsnachrichten« wegen
und bestellte es immer wieder ab, sobald die Hafersaat bei
ihm begonnen hatte.
Diese regelmäßig wiederkehrende Einstellung des Abonne-
ments war für Per ein wahrer Kummer; denn jedes Stück be-
drucktes Papier hatte stets einen eigenen Reiz für ihn besessen,
und je mehr er heranwuchs, desto mehr regte sich in seinem
Blut ein förmlicher Hunger nach Belehrung und Lektüre.
War er auf dem Felde zu der Zeit, wo aus der Schule die
Kinder kamen, die für den Schulzen oder sonst einen der neu-
modischen Reformbauern eine Zeitung mitbekommen hatten,
so lief er oft über den ganzen Acker hin, nur um einen Blick
hineinwerfen zu können. Bei seinem knapp zugemessenen
Lohn, der – dank der großen Armut seiner Eltern – den
Weg in verschiedene Taschen nehmen mußte, konnte er sich
die Verschwendung, ein Blatt auf eigene Rechnung zu hal-
ten, nicht gestatten. Zudem hätte das böses Blut bei seinem
Dienstgeber gemacht, da sozusagen kein Bauer, er mag sonst
noch so billig sein, es gern sieht, wenn seine Leute lesen.
Wie hätte er auch dazu Zeit finden sollen? Des Sommers ein
Arbeitstag unter offenem Himmel von siebzehn bis achtzehn
Stunden mit knapp zugemessenen Essenszeiten; während der
Ernte und Mahd mußte nicht selten auch des Sonntags ge-
arbeitet werden; des Winters: Dreschen und Stallarbeit, so-
lange nur ein Schein am Himmel war; hernach Strohseile dre-
hen, Korbflechten, Federnrupfen und andre Basteleien bei der
qualmenden Gesindestubenlampe, bis der letzte Tropfen Öl
ausgebrannt war – und immer für den Dienstherrn – nie für
sich selbst.
Das Strohbund beiseite zu legen und ein Buch oder eine
Zeitung zur Hand zu nehmen, wäre einfach eine Meuterei
gewesen, die in den meisten Fällen ein regelrechtes Davon-
gejagtwerden zur Folge gehabt hätte.
Gleichwohl gelang es Per dann und wann, etwas zu lesen,
zumeist gegen Ende des Winters, wenn die vorausbestimmte
Anzahl Strohseile fertig gewunden am Hahnenbalken hing.
Pers Lesestoff kam ihm von zwei Seiten zu: ein ganzer Strom
verlegener, lavendelduftender Romantik, historische Romane
und harmlose Novellen, von Lehrer Gydesens altväterischen
Bücherregalen; eine Flut, salzig und bitter, aus Roys etwas
zufällig zusammengetragener Büchersammlung, hitzige
Problemdichtungen oder sogar sozialpolitische Literatur mit
starker, schonungsloser Bloßstellung der Verkehrtheiten der
Gesellschaftsordnung. Diese Bücher sagten Per am meisten
zu, nicht selten erörterte er ihren Inhalt mit dem Hausvater,
wenn sich Gelegenheit dazu bot.
Eines Abends streckte Kild sich bequem auf der Bank aus
und stützte den Rücken gegen das Uhrgehäuse, neben dem
der Brottrog lehnte, und rief:
»Lies uns jetzt was vor, Per, was zum Lachen; denn das, wo-
mit du gestern gekommen bist, daraus kann, meiner Seel, sein
Lebtag nichts werden.«
»Was möcht denn das gewesen sein?«
»Ach, die Geschichte, daß wir, die auf den Bauernhöfen sit-
zen, einmal das« Doppelte werden an Leutlohn hergeben und
noch dazu, soviel ich hab verstehen können, uns mit der hal-
ben Arbeitszeit zufriedengeben müssen.«
»Warum denn nicht? Es ist in der Stadt doch auch so ge-
gangen,« entgegnete Per.
»In der Stadt, da ja! Aber dort finden sie doch ihr Geld auf
der Straße. Auf dem Land aber! Auf dem Land! Ich weiß
nicht, wie ein gescheiter Bursch wie du nur so was denken
kann? Wir müßten, bei meiner Seligkeit, alle miteinander aus
unsern Höfen hinaus; ja das tät’s noch nicht einmal. Und wo
wolltet ihr dann hin und was verdienen?«
»Ach was, gingt ihr hinaus, gingen wohl andre hinein,« ver-
setzte Per.
»Nein, nein! Davon darfst du nimmer reden! Das läßt sich
nicht machen; außer ihr hättet es geradezu in Willens, die
Bauern zu erschlagen!« sagte Kild und zog sein Bein heftig
von der Bank herunter.
»Na, aber die Dienstleute, die möchten doch auch gern
Menschen sein,« meinte Per.
»Gott behüte! Wer wird denn was andres sagen! Fühlst du
dich vielleicht nicht wie ein Mensch behandelt?« rief Kild und
stieß den Brottrog um.
»Gewiß, Kild! So ist es ja gar nicht gemeint; wären nur all die
andern, bei denen man sein Brot essen muß, so rechtschaffen
wie du! Aber siehst du, sein Lebtag möcht eins doch nicht auf
demselben Fleck bleiben, und wieviel Dienstmenschen gibt’s
denn, die Aussicht hätten, für sich selbst was zu erreichen, ob
sie sich noch so lang schinden. Schau dir nur den Jens Romler
da draußen am Moorland an.«
»Ja, ich geb zu,« sagte Kild, »der ist ein tüchtiger, arbeitsamer
Mann, der was Besseres verdient hätt.«
»Zeugt das denn nicht dafür, daß irgendwas erzfaul ist in
unsrer Gesellschaft, wenn so ein Mann, der sein Lebtag vom
frühen Morgen bis zum späten Abend sich abgeplagt und
abgerackert hat, wenn der doch nie dazu kommt, sich aus
der größten Armut herauszuarbeiten, sondern, solange er nur
schnaufen kann, unter der härtesten Rackerei stöhnt und
keucht. Elendigliches Lager und elendigliche Kost; krank das
Weib und krank die Kinder! Und weshalb? Weil der Unterhalt
zu gering ist, und das, wiewohl er seine Hände fast nicht mehr
vom Spaten bringt. Denn möcht er auch nur, sagen wir, vier-
zehn Tage feiern, das Ganze täte der Gemeinde zur Last fal-
len.«
»Nein, der Jens Romler, der hat’s wahrhaftig nicht gar gut,
da müßte eins lügen!« sagte Kild, »der hat’s geradeaus hunds-
schlecht!«
»Na aber, tut so ein Leben uns nicht allesamt erwarten, uns
alle, die wir dienen – ja manche ein noch schlechteres?«
»Freilich wohl; es gibt nur zuviel Armut auf der Welt; da
will ich ganz und gar nicht widersprechen,« sagte Kild, fügte
jedoch hinzu: »Aber daß sich’s mit acht Stunden Arbeitszeit
richten läßt, – – das geht meiner Seel zu hoch hinaus – zum
mindesten bei der Landwirtschaft.«
Als der Roggen gesät war und der Herbstwind aufs neue die
herabhängenden Vordächer zauste, sagte Kild eines Abends,
als er gesättigt war vom Abendbrei: »Jetzt wär’s meiner Seel
nicht zuwider, wenn man seine Zeitung hätt! Dabei läßt sich’s
so gut sitzen und nicken. Was meinst du, Per? Sollen wir uns
eine bestellen?«
»Ja, ich denk mir’s immer schön, wenn man so lesen kann,
was sich zuträgt und was sie verhandeln.«
»Nein, denen ihr Reichstagsgewäsch und der ganze Quark,
der schert mich den Teufel. Was geht das einen Bauern an? Ja,
es wird gewiß ganz unterhältlich sein, bei so einer Sitzung da-
beizusein und zuzuhören, wie sie aufeinander einhauen. Aber
wenn’s um das Zeitungshalten geht, muß es eine sein, aus der
man sieht, was auf dem Markt vorgeht. Was sonst noch drin
zu lesen steht, dafür geb’ ich, meiner Seel, keinen Pfifferling,
denn die Hälfte ist nur lauter Lug,« erklärte Kild.
»Wenn wir das Arbeiterblatt halten täten,« schlug Per vor,
»da möcht ich meinen Teil dazu zahlen.«
»Nein, das will ich in meinen vier Pfählen nicht haben, säh’s
beileib auch nicht gern, daß einer von meinen Knechten es
hält. Denn Unzufriedenheit und Uneinigkeit gibt’s ohnehin
schon genug unter allen Leuten. Und ein Sozialist, Per – da-
vor sollst, zum Henker, wohl auf deiner Hut sein, so einer zu
werden. Denn bist du einmal einer, dann gibt’s keinen einzi-
gen ordentlichen Menschen, hier in der Gegend zum minde-
sten, der dich möcht in Lohn und Brot nehmen. Jetzt hab’ ich
dir meine Meinung gesagt.«
»Da wirst schon recht haben, Bauer! Glaub’s gern! Es könnt
aber dessentwegen doch passieren, daß man hingeht und wird
einer!«
Damit erhob er sich schroff von seiner Bank und verließ die
Stube mit trotziger Miene.
AUF DEM WAGEN DES ARZTES

In einer rauhen, stürmisch kalten Oktobernacht klopfte es


heftig an Kild Pejrsens Schlafkammerfenster, das nach dem
Felde hinausging.
»Wer da?« rief Kild, den Oberkörper rasch zur Fenster-
brüstung hinschiebend.
»Ach du mein Gott, Kild, ich bin’s, der Jens Romler!«
»Was, du bist’s, Jens? Hast du dich verirrt oder was gibt’s
sonst?«
»Ach, bester Kild, mußt mir nicht bös sein; aber mein Weib,
das hat einen Blutsturz gekriegt; das drittemal schon. Und
wie der Doktor neulich da war, da hat er gesagt, wenn sie wie-
der einen kriegt, dann geht’s zu End. Und jetzt bin ich fast die
ganze Gemeinde abgelaufen, aber keiner hat fahren wollen;
und müßt sie wirklich wegsterben von all den vielen Kindern,
mit denen man dasteht – ach, Gott sei mir gnädig, was fang
ich armer Mensch dann an!«
Jens’ Worte und Sätze wurden vom Sturm auseinander-
gerissen, und seine dumpfe Verzweiflung klang noch tiefer, da
er sie in die schwarze Nacht hinausschluchzte.
»Renn ums Eck und ruf den Per; ich komm gleich nach!« war
Kilds ganze Antwort; aber mehr bedurfte es auch nicht, um
dem unglücklichen Tagelöhner zu sagen, daß sein Wunsch
erfüllt sei.
Als Kild einige Augenblicke später auf die nassen Stein-
stufen hinaustrat, hatte Per schon beim Laternenschein den
Kutschwagen hervorgezogen. Im Nu standen die zwei Pferde
angeschirrt, und ihre Augen glänzten, die Kniemuskeln zit-
terten, begierig auszugreifen.
»Bist du auch beim Nörhofer gewesen?« fragte Kild und ließ
die Hand tastend über das Zaumzeug des Handpferdes glei-
ten.
»Freilich, da bin ich zu allererst hingerannt. Aber die Stute
soll gerade hinken, und die Fohlen hat er sich nicht getraut
mit dem Knecht zu schicken. Es war nicht so ratsam mit de-
nen.«
»Ach was, die Fohlen! Denen hätte es wahrhaftig keinen
Schaden getan, wenn sie ihre Beine gerührt hätten. Er soll
sich schämen, ist doch so hart bei, da hätt das Weib früher
eine Hilfe haben können,« äußerte Kild.
Die Torflügel knirschten an den Steinen, der Wagen polterte
unter dem grauen Gebälke hinaus; pfeilschnell durchschnitt
Pers kräftiges Gespann das Dunkel des Wegs, den der Wagen
zu der Behausung des Doktors nahm.
Mit gekrümmtem Rücken und schwer geängstigtem Gemüt
schlich der Tagelöhner den Steig zwischen Binsen und Porsch
entlang dem ersterbenden Lichtlein in seiner Kate am Moor
entgegen.
Es fing schon an zu tagen, als die dampfenden Gäule vor der
hohen Steintreppe des Doktors Koldkur hielten.
»Was, Ihr seid es, Per? Was gibt’s denn? Ist was Ernstliches
bei Kild Pejrsen passiert?« fragte Koldkur, der den Kopf aus
seinem Schlafzimmerfenster heraussteckte.
»Nein, beim Jens Romler, dem Tagelöhner draußen am
Moorland,« sagte Per.
»Ach, der arme Mensch! Wohl wieder seinWeib krank?«
»Ja!«
»Gleich im Augenblick bin ich da.«
Kurz darauf rief er wieder aus dem Fenster: »Ich nehme je-
mand mit. Ihr habt ja Platz genug?«
Wenige Minuten später standen zwei in Mäntel gehüllte
Herren vor dem Wagentritt, bereit einzusteigen; der eine war
Doktor Koldkur, der andre ein Freund aus den Studienjahren,
der Statistiker Dr. phil. Erik Stegeberg, ein blasser, stets frö-
stelnder Mann mit Lorgnette und Spitzbart. Seit einer Woche
hielt er sich in Koldkurs Hause auf, um einige Kenntnisse über
die ökonomischen Verhältnisse des niederen Landvolks der
Umgegend zu gewinnen. Nach längerer Fahrt auf schmalspu-
rigem, holperigem Heideweg hielt endlich das Gefährt vor der
baufälligen Hütte des Jens Romler, die im Vordergrunde ei-
nes großen, weitgedehnten Moors zwischen vielen Torfmieten
und offenen Torfgruben lag. Die Wände des Hauses waren da
und dort mit Heidetorf ausgebessert, und ein alter Unterrock
war in eine der zerbrochenen Scheiben der Wohnstube ge-
stopft.
Stegeberg ging umher und lorgnettierte das Elend, indes Dr.
Koldkur sich zu der kranken Frau begab, die nach dem star-
ken Blutverlust in einem todähnlichen Ermattungszustand
dalag.
Jens Romler stand, die schweren Hände auf das Fußgestell
des breiten Ehebetts aufgestützt, und suchte vergebens einen
Blick des emsig beschäftigten Arztes zu erhaschen; zwei kleine
Mädchen von acht und zehn Jahren mit verweinten Augen
hielten Wasser und Handtuch bereit.
»Wie ist es denn diesmal wieder gekommen?« fragte Koldkur,
endlich zu Jens Romler hinschauend.
»Wüßte wirklich nicht zu sagen, was die Ursache gewesen
ist, Herr Doktor; aber seit der Ernte ist sie schon immer so
elend,« sagte Jens.
»Sie hat doch wohl nicht bei der Erntearbeit mitgeholfen?«
entgegnete Koldkur. »Sie werden sich doch noch erinnern,
wie dringend ich es Ihnen ans Herz gelegt habe, sie diesen
Sommer nach der Wendung, die im Frühjahr die Krankheit
genommen hatte, ja zu schonen.«
»Ja, ach ja! Meine Meinung war’s ja auch, daß sie heuer ver-
schont sein sollte, aber sie hat’s durchaus probieren wollen; es
ist ihr vorgekommen, daß sie schon wieder ganz beisammen
war! Und dann haben wir’s den Sommer gar so knapp ge-
habt, weil uns die Kuh hin geworden ist. Und nachher die
viele Krankheit im Haus. Sie hat gemeint, es tat nicht scha-
den, wenn sie einen Schilling mitverdiente; und da ist auch
der Verwalter früh und spät dagestanden, daß sie mit hinaus
soll zum Binden. Sie wissen ja, wir wohnen hier zur Miete,
und ewig ist man Geld schuldig, Gott besser’s! Aber es wird
schon so sein, daß ihr das den Knacks gegeben hat; denn der
Roggen, der war zu schwer dieses Jahr; und an solchen Örtern,
da heißt es ja seine Reihe abgehen. Ich hab freilich immer ein-
mal dazwischen ihr ein paar Garben abnehmen können, aber
es ist doch zu strenge Arbeit für ein schwaches Mensch, das
hab ich schon weggehabt. Sie war immer so tüchtig und eifrig
bei der Arbeit, und das tut hier im Haus wohl auch not; was
hilft’s aber, wenn man nicht mehr fort kann!«
»Ach, du liebe, arme Ann-Malen,« sagte er und ließ seine
rauhen, harten Fingerknöchel streichelnd über die blutlose
Wange des Weibes gleiten, »du bist mir gewiß und wahrhaftig
beigestanden, so lang du nur können hast; aber was hilft’s, ob
eins noch so sehr alles zusammenhält, es ist doch zu nichts.«
Und wie in großer Pein fügte er hinzu: »Ist denn das nicht
auch schrecklich, daß ein so armseliges Volk wie unsereins,
das sein Lebtag nichts zu beißen hat, sich auch noch mit al-
lerhand Krankheiten abschleppen muß?«
»P – st,« sagte Koldkur und legte das Ohr an die Brust der
kranken Frau.
Jens Romlers Augen bettelten wie die eines Hundes um ei-
nen Schimmer von Hoffnung.
Stegeberg, der die ganze Zeit mit einem offenen Notizbuch
in der Hand umhergegangen war, hatte nun außen ar dem
Hause alles, was er brauchte, aufnotiert und trat mit langem
Schritt und ängstlichem Blick auf die niederen Türpfosten in
die Stube ein.
»Still!« sagte Koldkur, noch immer das Ohr am Hörrohr.
Stegeberg war noch kaum über die Türschwelle getreten, als
sein Bleistift schon wieder in Bewegung war. Er richtete die
Lorgnette auf dies und das und notierte ohne Unterlaß, als
wäre er ein Gerichtsschreiber, der das ärmlich’ Mobiliar des
Hauses aufzunehmen hätte. Das eine von den zwei kleinen
Mädchen betrachtete ihn eine Zeitlang das Waschbecken auf
ihren vorgeschobenen Bauch stützend mit offenem Munde.
Als aber Stegeberg nun auch die Wiege zu registrieren be-
gann, in der ein Säugling an einem Leinenlappen, in den eine
Rosine eingebunden war, lutschte und zutzelte und Nahrung
zu erhaschen glaubte, weil er einen süßlichen Geschmack im
Munde fühlte, ließ das kleine Mädchen entsetzt die Blicke
vom Schreiber zum Vater gehen, ob er nicht eingreifen und
diesen Menschen entwaffnen wollte, ehe ein größeres Unglück
angerichtet würde.
Auch Jens Romler hatte Stegebergs Schreibmanie peinlich
berührt.
»Erlauben Sie die Frage: Wer ist denn der da?« sagte Jens.
Stegeberg murmelte etwas zwischen den Zähnen.
»Ja, hier gibt’s nichts zum Schreiben!« wiederholte Jens
Romler mit stillem Zorn; denn die Leute aus dem Volke se-
hen Feder und Tinte noch immer schief an, eine Erinnerung
aus der Zeit, wo sie stets im Gefolge von Vogt und Gerichts-
vollzieher waren.
»Gestatten Sie nicht zu schreiben?« frug Stegeberg, nun zum
erstenmal die Lorgnette auf den Tagelöhner richtend.
Doch nun trat Dr. Koldkur dazwischen und beruhigte Jens
mit ein paar erklärenden Worten.
Nachdem der Arzt seine Hände gewaschen und ein paar
kurze Vorschriften gegeben hatte, verließen er und Stegeberg
das Haus.
»Oh, es ist zum Verzweifeln, Arzt für solche arme Teufel
zu sein,« sagte Koldkur, nachdem sie wieder eingestiegen wa-
ren. »Denn es ist ihnen ja platterdings unmöglich, die Mittel
zu einer menschlichen Existenz aufzubringen. Nur allein der
Kranken ein Pfund frisches Fleisch zu verschaffen, ist so gut
wie unausführbar; von hier sind drei Meilen bis in das näch-
ste Städtchen und auf solchen Wegen! – Jetzt haben sie ihre
einzige Kuh verloren. Niemand denkt recht darüber nach,
was für ein Schlag das für eine arme Familie ist. Aber ist es
nicht dasselbe, was es für einen Hofbauern wäre, wenn er ei-
nes Morgens in seinen Stall träte und all sein Vieh von den
Stricken erdrosselt fände?«
»Wie lange wohnen die Leute schon in dieser Hütte?« fragte
Stegeberg.
»Wie lange ist das her, Per?« gab Koldkur, sich über die
Vordersitze hinüberreckend, die Frage weiter, »wie lange ist es
her, seit die Romlers sich hier im Moor angesiedelt haben?«
»Ach, das wird schon an die dreißig Jahre sein,« antwortete
Per und setzte sich seitwärts, um besser dem Gespräch folgen
zu können.
»Haben sie immer in so großer Armut gelebt?« fragte
Stegeberg.
»Oh, möglich, daß die ersten Jahre ihrer Ehe etwas freund-
licher waren,« erwiderte Koldkur, »damals hatten sie ja nur
für sich selbst zu sorgen, und ihre Gesundheit war noch un-
geschwächt. Aber in solchen Familien läßt die Krankheit sel-
ten auf sich warten. Und man kann sich das ja an den Fingern
abzählen, wenn Menschen in solchen Löchern wohnen und
von Kartoffeln und saurem Brei leben und noch froh sein
müssen, wenn sie davon genügend haben.«
»Ist denn hier in der Gegend gar kein Fleisch zu haben?« er-
kundigte sich Stegeberg.
»Gott, wie naiv du geworden bist, Stegeberg! Gewiß ist
Fleisch zu haben, wenn man das Geld hat, es zu kaufen; aber
das hat eben ein Tagelöhner nicht. Wie weit kämst wohl du
oder ich mit etwa zweihundertfünfzig Kronen das Jahr?«
»Ja, aber sie müssen doch wohl mehr verdienen,« meinte
Stegeberg. »Der Zusammenstellung nach, die ich … Wart ein
bißchen! Nun zum Teufel, ich hatte sie doch meines Wissens
in die Tasche gesteckt.«
»Hier in der Gegend ist der Lohn nicht höher,« versetzte
Koldkur. »Ja vielleicht, daß sie noch eine Kanne abgerahmter
Milch und ein paar Schnitten Roggenbrot dann und wann er-
halten, wenn auch das angerechnet werden soll. Aber was die
Bauern über den knappen Taglohn hinaus schenken, dafür
pflegen sie sich wahrhaftig nur zu gut auf andre Weise bezahlt
zu machen.
Nein,« fuhr Koldkur fort, »kann man sich etwas Un-
vernünftigeres denken? Nun kenne ich den Mann schon über
zehn Jahre; in all der Zeit ist sein Leben ein langsames, aber
sicheres Hinabsinken in immer tieferes Elend gewesen, ob-
gleich er ein in jeder Hinsicht rechtschaffener und strebsamer
Arbeiter ist, der sich nie im geringsten eine Ausschweifung er-
laubt oder irgendwie über die Schnur haut. Und er ist ja nur
einer von den Tausenden in diesem Lande. Es mag paradox
klingen, ist aber nichtsdestoweniger die Wahrheit: je länger
sie arbeiten, desto tiefer sinken sie – wie eine Lokomotive, die
entgleist ist.
Natürlich kennst du die Phrase, die jetzt im ganzen Lande
kursiert: Was nach außen verloren worden, soll im Innern er-
obert werden! Nun, was ist’s, das erobert werden soll?
Man sollte doch meinen, alle die schlecht bewirtschafteten
Besitzungen, die kleinen und die großen, besonders die gro-
ßen in diesem Lande, die geistlichen Liegenschaften, die gräf-
lichen Güter, die Fidelkommisse, kurz gesagt, die fruchtbare
Erde des Landes, die der toten Hand gehört. Aber nein, so
war es nicht gemeint. Nein, meine Herren, was erobert wer-
den soll, das ist die Heide und die Düne! Ihr harter Sand,
den Gott verflucht und der Unfruchtbarkeit geweiht hat, der
wird nun gedankenlos hungernden Menschenkindern als
Zukunftsheimat angewiesen.«
»Aber, um Gottes willen, Koldkur, bist du denn nicht eines
Sinnes mit uns andern in bezug auf die sozialen Vorteile einer
Urbarmachung der Heide?« rief Stegeberg plötzlich aus.
»Nein, bei meiner Seligkeit, das bin ich nicht!« rief Kold-
kur. »Ich halte dieses ganze Unwesen für eins der größten
Verbrechen, das ein kurzsichtiger und marktschreierischer
Patriotismus nur ausgeheckt! Ihr lockt da einen Haufen ver-
trauensseliger Menschen in die Wüste hinaus, ohne zugleich
die Gabe der Alten zu besitzen, Steine in Brot zu verwandeln.
Und diese Einfältigen, die noch stark und mutig sind und
strotzende Kraft im Arme fühlen, sie glauben, daß die Erde
wohl Erde sein werde, spannen den Ochsen vor und harren
dann in blauäugigem Frohmut der Dinge, die da kommen
werden. Aber trefft dann, wie ich, unsern kecken Kolonisten
ein paar Jahre später, wenn er mit gekrümmtem Buckel hu-
stend um die Hausecke schleicht und ächzt, er könne nicht be-
greifen, was mit ihm sei; aber es tue ihm da und tue ihm dort
weh! Ich kann dir’s sagen, was mit dir ist, einfältiger Pflüger!
Das ist’s, daß du die letzten zehn Jahre keine einzige ordentli-
che Mahlzeit gegessen hast. Du bist mit Kohlehydraten – Brot
und Kartoffeln – gefüttert worden, das heißt mit Hungerkost
und Fieberkost; daher hat deine Lunge gehörig große Löcher
bekommen, und deine Nachkommen werden ihrer vermut-
lich noch größere aufweisen. Selbst dem Ochsen ist längst der
Bauch eingesunken, daß er nun dasteht mit hohlen Weichen
und konkavem Rückgrat, die Brust wundgeschabt vom
Kummer. Der Sand rächt sich, meine Herren, der gottver-
fluchte Sand!«
»Ich verstehe dich nicht mehr, Koldkur!« erwiderte
Stegeberg.
»Nein, das glaub ich wohl! Wann hat die Stubengelehrsamkeit
überhaupt etwas von dem verstanden, was in diesem Lande
geschieht! Allen euern grauen Theorien wird der erste
Zusammenstoß mit der Wirklichkeit den Garaus machen.
Aber leider hat der Satan sein Spiel, so daß wir immer nur von
den grauen Theorien der Stubengelehrsamkeit regiert wer-
den.«
»Aber so sag mir doch, Koldkur, was denkst du dir nur, was
wir beginnen sollen mit der unternehmungslustigen, über-
schüssigen Arbeitskraft des Landes, wenn sie sich ein eigen
Heim gründen möchte?«
»Das will ich dir mit Vergnügen sagen, mein Lieber! Hebe
dich ein wenig von deinem Sitz! Siehst du dort die Äcker und
Hochwiesen, die wie ein grünes Meer droben jenseits der
Heidegrenze liegen? Es sind die Gründe, die zum Hofe Sölsig
gehören. Ihr jetziger Besitzer ist ein abgelebter halbidiotischer
Greis, dessen größte und einzige Zerstreuung darin besteht,
die unzähligen Ratten zu füttern, die in seinem Hofe hausen.
Wir kommen bald dort vorbei; vielleicht kannst du ihn aus
der Ferne sehen.
Alles in der Welt bis auf die Ratten ist diesem erbärmlichen
Wicht gleichgültig; seine Ländereien sind wie eine Wildnis
von Schilf und Gestrüpp überwuchert; seine Grasanger sind
so lange nicht umgestochen worden, daß Moos auf dem
Grunde wächst. Die Feldwirtschaft wird dort wie zur Zeit
unserer Altvordern betrieben. Das leibhafte Gespenst des
Todes wandelt grinsend zwischen den Furchen seines Feldes.
Hier wäre der passende Tummelplatz für jugendliche blauäu-
gige Kraft. Hier würden die Fähigkeiten Renten und keine
Hungerschwindsucht ergeben. Wo dieser einfältige Greis
mit rinnendem Geifer bei seinem Pfeifenstummel hockt
und sich vor Armut kaum die Läuse aus dem Hemde hal-
ten kann, dort könnten Hunderte von Häuslerssöhnen, die
mit den neuen Wirtschaftsmethoden vertraut gemacht wur-
den, in beispiellosem Wohlstande leben. Wie dieser Hof lie-
gen die Besitzungen noch zu Hunderten in diesem Lande
da: Fruchterde, Golderde – die den Pflug zu umarmen sich
sehnt – wie ein Weib, das einsam daliegt, sich sehnt die lange
Nacht hindurch.
Aber ihr interessiert euch nur für den Sand; die Heide ist
in euern Augen offenbar das einzig vollkommen Passende
für den Kätner der heutigen Zeit. Es ist gleichsam zur Ehren-
sache geworden, das Heidekraut von der Erdoberfläche zu ver-
tilgen; dieses ehrbare alte graue Wams, in das sich das jütische
Land von Urväterzeiten her gekleidet hat, soll ihm nun von
den dürren Lenden gerissen und ein neues, fremdes Gewand
angelegt werden.«
»Entschuldige, Koldkur, aber da muß ich wahrhaftig la-
chen,« warf Stegeberg ein.
»Ja, lache nur; ich habe gar lange gelacht, gelacht über
all den patriotischen Spektakel, womit unsre patentierten
, Vaterlandsfreunde’, sich daran machen, die Heide zu ver-
nichten und die eigentümliche dänische Landschaft zu ver-
wüsten zugunsten der preußischen Kiefer – dieses jämmer-
lichsten Schosses des Waldes, der kaum Holz genug für eine
Krücke in sich hat, der nicht eine einzige reine Linie an sei-
nem ganzen verrenkten Stumpfe besitzt, dessen einziges Ver-
dienst aber ist, katzbuckeln zu können. Dieser lausige Tröd-
ler, der dasteht und die Luft mit Moderdunst erfüllt, dieser
Proletarier unter den Bäumen, der mit ausgespreizten schwä-
renden Fingern die Aussicht und den hellen, weiten Horizont
versperrt – – möchten seine Läuse ihn auffressen, ehe ihm
seine Mission gelingt, die Heide Jütlands in eine langweilige,
linienlose Preußenlandschaft zu verwandeln. Und mit wel-
cher Motivierung tut man all dies? ökonomisch wie ästhe-
tisch ist es unstreitig gleich verwerflich. Es gibt keine andre
Erklärung als die, daß die Nation von Heidescheu befallen ist;
in euch alle ist Pyromanie gefahren. Der rote Hahn soll auf
der Heide krähen! – danach wird jetzt im Reichstage, in der
Presse, im Vortragssaale geschrien.«
»Sag mir, Koldkur,« warf nun Stegeberg ein, »wenn das Ganze
nicht ein bloßer Scherz von dir ist, – bist du der Meinung,
daß wir an den unbebauten Boden nicht rühren sollen?«
»Nein, durchaus nicht; rührt nur immerzu daran, aus
Leibeskräften, wenn ihr wollt – wenn er etwas taugt! Aber
wieviel von der Heide, die man jetzt mit so großen Gebärden
und Kosten in Feld und Wald umwandeln möchte, taugt et-
was? Ist es nun einmal das Schicksal dieses Landes, von ei-
nem Ende zum andern zu lauter Schwarzbrot umgeknetet
zu werden, so fangt doch wenigstens bei Mull und Schlamm
und Moor an. Es gibt mehr als genug alterprobte Humuserde,
wenn nur an diese gerührt werden darf; aber statt die um-
friedeten Auen und die gutsherrlichen Stachelzäune der zä-
hen der Hütte entsprossenen Arbeitskraft zu erschließen, pre-
digt ihr einen Kreuzzug gegen das Heidekraut und macht die
Heide zu einem Lockvogel, durch den die Unglücklichen sich
schockweise in der Dohne fangen. Hört auf meine Warnung,
ihr Staatsökonomen! Wendet eure Aufmerksamkeit der
Fruchterde des Landes zu; doch den gottverfluchten Sand,
den laßt nicht Spaten noch Pflugeisen berühren!«
Die letzten Worte sprach Koldkur fast in weihevollem Ton.
Der Wagen hatte nun den alten Schloßgarten von Sölsig er-
reicht.
»Ach, laß die Pferde einen Augenblick halten!« sagte Koldkur
zu Per. »Hier durch dieses Pförtchen dürften wir seiner an-
sichtig werden, wenn er da ist.«
Koldkur erhob sich nun im Wagen.
»Ja, da sieh! Links vom Haupttor – an der getünchten Wand
des Hauses!«
Auch Stegeberg und Per hatten sich auf den Zehenspitzen
erhoben und sahen nun die zusammengesunkene Gestalt
des Grundbesitzers Wollesen mit der kurzen Pfeife in den
hängenden Mundwinkeln und der Brotschüssel auf den ver-
schlissenen Hosenknien.
Die Morgensonne warf dichte Bündel ihrer Fächerstrahlen
auf die ungepflegten Rasenplätze des Gartens, dessen alte, ge-
krümmte Pflaumenbäume ihre geborstenen Früchte müde
in das vom Herbstregen flachgepeitschte Gras fallen ließen.
Wollesens lange gelblichweiße Bartstoppeln glitzerten fast in
dem starken Lichte.
Als die Pferde wieder angezogen hatten, sagte Koldkur:
»Dieser Greis dort inmitten seiner schlecht verwalteten, ver-
wahrlosten Besitzung, ist er nicht ein treffendes Bild unsres
Gemeinwesens, wie es sich auch außerhalb seiner Markungen
rings um uns her ausbreitet? Eines Tags stürzt ihm wohl das
Haus über dem Kopf zusammen, das seine Ratten untergra-
ben haben, zum Dank für die Brocken, die er ihnen zuschleu-
dert. Er wird darum um nichts klüger werden; wir andern
aber sollten es; wir sollten einsehen, wie unvernünftig, ja gera-
dezu aberwitzig es ist, daß so ohnmächtige Hände das Recht
haben sollen, den Zutritt zu dem Boden zu verschließen, den
selbst zu bebauen sie weder Kräfte noch Fähigkeiten mehr be-
sitzen.«
»Ich weiß nicht recht, was du meinst, Koldkur; wünschst
du vielleicht das Recht des Privateigentums aufgehoben zu se-
hen?« bemerkte Stegeberg.
»Ja, wenn es einem höheren Rechte im Wege steht.«
»Welchem?«
»Dem Rechte der vielen, zu leben.« »Das endet aber ja mit
förmlicher Anarchie!« »In der Anarchie befinden wir uns be-
reits, der Anarchie, wo eine kümmerliche Minderzahl der
Menschen geborene Erben aller Güter des Lebens sind, in-
des es den großen Massen am Allernotwendigsten gebricht.
Ach, wenn man bedenkt, was in diesem Lande gedankenlos
verschleudert wird – man könnte den Verstand darüber ver-
lieren! Ich habe hier nicht allein materielle, sondern ebenso
sehr die intellektuellen Werte im Auge. Oh könnte man euch
nur dahin bringen, das einzusehen, ihr Politiker, Statistiker,
Soziologen, ihr alle, die ihr sitzt und mit Menschen wie mit
Steinen auf dem Brett spielt; wenn man euch bestimmen
könnte, euern Griffel einen Augenblick beiseite zu legen und
aufzublicken in so ein Paar graue flehende Augen eines Armen,
die Kunde von einer Seele bringen, die unterdrückt und ver-
nichtet worden ist durch das brutale Gesetz der Gesellschaft,
dieses Gesetz, das von Tausenden heischt, sich in Lumpen zu
wälzen, damit einer in der Kutsche an ihren Hütten vorbei-
fahren kann!«
»Koldkur, du bist gänzlich von mir hinweggeglitten; ich ver-
stehe dich nicht mehr,« äußerte Stegeberg betrübt.
»Nein, du verstehst mich nicht mehr; am Verstehen, da
gebricht es eben überall. Aber lege einen Augenblick deine
schroffe Miene ab und schau mir gerade ins Gesicht wie in
alten Tagen, als wir polemisierend im Tiergarten auf und ab
spazierten, da du der Radikale und ich der Skeptische war. Ich
lebe nun seit mehr als zehn Jahren unter diesem Bauernvolk
und habe manches gesehen, wovon du in deiner erhabenen
Wissenschaft dir nichts träumen läßt. Du betrachtest nur,
was in Blüte steht; meine Stellung hat es mit sich gebracht,
daß ich meine Aufmerksamkeit ebenso sehr dem zuwenden
mußte, was welkte und abstarb. – Und nun frage ich dich:
hast du auch nur eine schwache Ahnung davon, wieviel in die-
sem Lande an menschlichen Hoffnungen und menschlichen
Fähigkeiten dahinwelkt, weil sie aller Fürsorge und Pflege ent-
raten müssen? Hast du jemals über diese sinnlose Vergeudung
von Gehirnanlagen und intellektuellem Bodenwert nachge-
dacht? Ist es nicht die reine verkehrte Welt: sorgsam lesen wir
jede noch so faule Kartoffel in der Furche auf; wir dränieren
Sümpfe und trocknen Moraste aus; wir bebauen die unfrucht-
barsten Sandebenen, wenn nur Aussicht vorhanden ist, einen
armseligen Scheffel Buchweizen einzuheimsen – aber die tau-
send und abertausend Möglichkeiten, die selbst im Hirn des
ärmsten Taglöhners ruhen und der Entfaltung harren, für die
interessieren wir uns nicht so viel wie eine Bohne groß?
Was aber sind all eure Pflanzenkulturen, all eure Ver-
besserungen von Schaf- und Rinderrassen, was bedeuten
sie vom rein sozialen Standpunkt aus im Verhältnis zu dem
Unglück, daß ihr den Menschen verkrüppeln, die Gehirne
der unzähligen Armen mit ihren tausend und abertausend
Möglichkeiten wie abgeschwendete Äcker liegen laßt! Du hast
Mitleid mit dem Menschen, der seinen Körper an Krücken
hinschleppen muß, aber ist es denn nicht zehnmal tragischer,
daß alle seine Gedanken am Stocke gehen müssen? Sieh dir
einmal unser bäuerliches Gesinde an, die Kinder aus den klei-
nen Hütten, die an die großen Höfe gehen, nicht um es dort
besser zu haben, denn selbst bei den reichsten Bauern ist ängst-
lich dafür vorgesorgt, daß sich das Kind des Armen stets arm
fühle. Man hat uns von der im Mittelalter bekannten unheim-
lichen Kunst erzählt, Zwerge zu machen. Man kaufte armen
Eltern ihre Kinder ab und hielt sie eingesperrt in einer eigens
dazu eingerichteten Maschine – einer Art Buchbinderpresse –
aus Stahl und Holz. Unser Herz erschauert, davon zu hören;
als ob wir nicht wüßten, daß die Verkrüppelungsindustrie
der Seelen wie der Körper rings auf unsern Bauern- und
Herrenhöfen noch im schönsten Flor steht.
Ich werde oft und oft in den funkelneuen Bauernhöfen
umhergeführt, wo es in nichts an ländlichem Behagen fehlt.
Stube reiht sich an Stube, die eine heller und geräumiger als
die andre. Aber plötzlich gleite ich an einer halboffenen Türe
in einem dunkeln Gang oder abgelegenen Winkel des Hauses
vorbei. Der Hausherr ist eifrig bemüht, mich wegzuziehen,
doch ebenso eifrig bin ich bemüht zu sehen. »Was ist das
hier?« frage ich. »Ach, das brauchen Sie sich nicht erst anzu-
sehen, das ist nichts als die Mägdekammer.« Und schiebe ich
nun die Tür zur Seite, so blicke ich in einen elenden, schmalen
Raum, wo die frische Luft binnen einer halben Stunde auf-
gebraucht sein muß und das Licht oft nur durch eine Scheibe
oberhalb der Tür einfällt. Selbst auf den größten Höfen auf
dem Lande, wo der Platz weiter keine Rolle spielt, werden dem
Gesinde nicht mehr als einige wenige lumpige Ellen Raum
zum Atmen überlassen. Es ist, als hätte man dafür Sorge tra-
gen wollen, daß es dem Häuslerkind selbst unter dem Dache
des Hofbauern nicht an dem Anblick und Geruch seines eig-
nen niederdrückenden Milieus fehle.
Ich stehe nicht an, diese Verhältnisse verbrecherisch zu nen-
nen, diese modernen Sklavenkeller mit ihrem Gestank und ih-
rer Unbehaglichkeit inmitten der Behausung des Wohlstands;
das sind Mörderhöhlen für Gesundheit und Moral! Warum er-
fordert das Staatswohl nicht auch hier Kontrolle und Aufsicht?
»Wenn die Übertragung ansteckender Krankheiten mit Strafe
belegt wird, warum soll der frei ausgehen, der auf diese Weise
aus Egoismus oder Gleichgültigkeit meine Gesundheit unter-
gräbt? Hat man denn das Recht, seine Mitmenschen zu töten,
wofern man es nur langsam tut?«
Doktor Koldkur hatte sich in leidenschaftliche Erregung
hineingeredet. Der Statistiker versuchte dann und wann eine
zahme Einwendung, die aber augenblicklich ein neuer Strom
von Koldkurs Beredsamkeit hinwegschwemmte. Schließlich
sank Stegeberg mit einem matten Lächeln im Wagen zurück
und heftete seinen Blick auf den kalten, grellen Sonnenball,
der zwischen den Morgenwolken immer höher emporstieg.
Hatte Koldkur auf diese Weise in Stegeberg nur einen ver-
drossenen Zuhörer, so wurden seine Worte von Per mit um so
größerer Achtsamkeit aufgefangen. Dem Schall von Koldkurs
Stimme lauschend, teilte er seine Aufmerksamkeit gleichmä-
ßig zwischen die Pferde und die heftige Rede des Arztes. In
vieler Hinsicht erinnerten ihn dessen Worte an das, was er bei
Roy gehört hatte, und er war ganz erstaunt, daß ein so »feiner«
Herr einen so offenen Blick für die Not und die bedrückte
Lage seines Standes haben könne.
FAHR WOHL, WELT, FAHR HIN!

Per war nun an die zwanzig Jahre alt, ohne daß seine Stellung
sich irgendwie in nennenswertem Maße verändert hatte. In
den ersten Jahren nach der Konfirmation war der Lohn ge-
ring gewesen, doch stieg er allmählich, je älter er wurde. Nun
betrug er an zweihundert Kronen des Jahrs. Das galt als viel,
und Kild Pejrsen machte kein Hehl daraus, daß es mehr sei,
als er bisher irgendeinem andern Knecht auf seinem Hofe ge-
geben hatte.
Für diese Summe hatte sich Per das Jahr hindurch mit
Kleidung, Wäsche, Schuhzeug und dergleichen zu versorgen.
Der Flicken an seinem Arbeitsanzuge wurden daher immer
mehr, aber sein Sonntagsgewand war untadelhaft, rein und
ohne Flecken, wie es Pers Wesen entsprach, nur roch es selbst-
verständlich nach dem Stall wie das aller Knechte. Denn auch
im Hofe Kild Pejrsens waren Pferdestall und Knechtekammer
nur zwei Namen für ein und dieselbe Sache. An Pers biß-
chen Lohn zehrte indes durchaus nicht er allein. Nicht selten
mußte er seinen armen Eltern aushelfen. Sie waren nach dem
Prozesse mit Skejby wieder dieser Gemeinde zugefallen, doch
so, daß Runge wie bisher sie mit Obdach und Feuerung zu
versorgen hatte.
Auch der alte Schullehrer Sörensen begann ihm nach und
nach stark zur Last zu fallen; denn wie sollte er diesem Un-
glücklichen seine Hilfe versagen, solange auch nur eine leise
Möglichkeit bestand, ihn aufrecht zu erhalten.
Per war es nach und nach gelungen, ihn aus dem Armen-
hause, wo er in die tiefste Schwermut versunken war, zu be-
freien. Nun zog er wieder wie ehedem von Kirchspiel zu
Kirchspiel. Des Winters rupfte er Federn oder band Scheuer-
wische; des Sommers suchte er seinen bescheidenen Lebens-
unterhalt durch kleine Botengänge zu gewinnen oder indem
er mit der Angelrute den Windungen des Flüßchens nachging;
zur Herbstzeit pflückte er Beeren droben auf der wüsten Heide.
Zu allen Jahreszeiten verfaßte er treffliche Grabschriften, die
er mit phantastischen Blumengewinden und blauen und
grünen Engelchen verzierte. Ab und zu bekam er auch das
Rechnungsbuch eines Bauern zur Durchsicht, oder er schrieb
für die Mädchen Briefe an den Geliebten. Den Kindern er-
zählte er Märchen und biblische Geschichten, und so man-
chesmal verkürzte er in den Bauernstuben die Abende mit sei-
ner schönen Gesangstimme, wenn die Wollkrempel schnurrte
und das alte Mütterchen im Ofenwinkel nickte.
Einmal noch kam diese Singstimme zu Ehren und Wurden.
Das trug sich folgendermaßen zu:
An einem Sonntagmorgen war unmittelbar vor dem
Gottesdienste der Lehrer Gydesen von einem starken Un-
wohlsein befallen worden; Pastor Selig befand sich in großer
Klemme. Wer sollte nun den Kirchengesang leiten?
Da wagte einer den alten Sörensen vorzuschlagen, der sich
zu der Zeit gerade auf einem der Nachbarhöfe aufhielt, und
der Pastor willigte endlich trotz großer Bedenken ein.
Im Handumdrehen war der Alte barbiert und reingebürstet;
dagegen weigerte er sich, seinen eigenen Rock mit dem
Gydesens zu vertauschen.
Sörensen war zwar nicht ganz nüchtern gewesen, doch so-
bald er die Schwelle der Kirche betreten hatte, war davon
nichts mehr zu merken.
Im Orte war es bald ruchbar geworden, daß er den Gesang
leiten sollte, und die Kirche daher überfüllt mit Leuten, die
kaum der Erbauung wegen gekommen waren.
Aber jenen, die Skandal erwartet hatten, brachte der Tag
eine Enttäuschung. Sörensens Haltung war die eines Wohl-
bewanderten, wenn sie auch eine gewisse altväterische Steif-
heit an sich hatte. Er betete von der Chortür aus vor und ging
dem Pastor mit einer Sicherheit und Ordnung zur Hand, die
nichts zu wünschen übrig ließ.
Dann stimmte er das Lied an:

Die Welt durchhaucht ein Seufzer leis,


Kaum selbst sie um ihr Seufzen weiß,
Um ihres Herzens Klage.

Die Gemeinde schaute empor; des alten Küsters klangvolle


Stimme stieg und fiel in melodischem Beben unter der wei-
ßen Kirchenwölbung. Manch ein runzliges, weißlockiges
Haupt wiegte sich im Takte und nickte dem Nachbar im
Kirchenstuhle bedeutungsvoll zu: »Ja, ja! Er hat noch im-
mer Stimme, der alte Küster von Iggebjerg. Mag er noch so
arm und versoffen sein, im Singen stellt er doch noch seinen
Mann.«
Während der Predigt saß Sörensen im Küsterstuhl, die Stirn
an die Rückenlehne des Vordersitzes gestützt. Ihm war, als
müßte es ihm die Brust sprengen, als sollte er hier an diesem
einen Tage die ganze Bitterkeit seines verspielten Lebens noch
einmal durchkosten.
Die Kirche lag in halbem Dämmer, und in seinem eige-
nen Innern herrschte noch tieferes Dunkel. Er starrte in die-
ses Dunkel hinein, und es schien ihm, als ob es sich teilte
und die Kirchstühle zu beiden Seiten eines halbbeleuchte-
ten Mittelganges besetzt wären mit den fahlen Tagen seines
Lebens.
Die Predigt neigte sich ihrem Ende zu, und Sörensen tau-
melte wieder aus dem Küsterstuhl.
Er sang noch ein paar Psalmen vor; die Leute stimmten ein,
ohne daß etwas Ungewöhnliches vorfiel.
Hierauf intonierte er mit kraftvoller Stimme den letzten
Psalm des Tages:

Fahr wohl, Welt, fahr hin!


Längst wendet von dir sich mit Ekel mein Sinn.
Ich wälze sie ab, die drückende Last,
Mit der du zu Boden geknickt mich hast,
Ich reiße mich los, tu von mir weit Deine Eitelkeit.

Es war, als ob der Küster alle seine Kraft für diesen Psalm
aufgespart hätte. Je stärker sich der Strom des Gesangs ergoß,
um so mehr steigerte sich die Ergriffenheit seiner Seele. Die
Leute vergaßen ins Buch zu schauen, um statt dessen ihn an-
zublicken. Sein Kopf reckte sich empor, seine Augen schie-
nen über das Fensterchen des Kirchturms mit den kleinen
Scheiben weit hinwegzuschweifen. Der Ton der Worte nahm
mehr und mehr den Charakter eines Selbstbekenntnisses
an; das alte Spangenbuch mit dem dazwischengeschobenen
Zeigefinger geschlossen haltend, stand er da und trug aus dem
Gedächtnis den alten Text vor, wie er ihn in seiner Kindheit
gelernt hatte:

Ach, Freundschaft und Treu


Zerstiebt vor des Glückes Wandel wie Spreu;
Du schöner Schalk betörst so leicht,
Enttäuschend, ward uns der Kelch gereicht.
Wie bist du, wie hat’s mich gelehrt die Zeit,
Nur Eitelkeit.

Ach, fleischlich Gelüst,


Hast manchen mit tödlicher Lippe geküßt!
Dein zündender Funke, dein flüchtiger Schein
Verdammt oft zu ewiger Höllenpein.
Dein Honigtrank birgt Bitterkeit,
Bist Eitelkeit.

Fahr wohl denn, fahr wohl,


Du trügst mich nicht länger, bist eitel und hohl,
Betörende Welt; entsagt ich dir hab
Und senke dich in der Vergessenheit Grab.
Ich lechze, zu betten mein Herzeleid groß
In Abrahams Schoß.
Die letzten Strophen sang Sörensen ganz allein, und eine
Stille herrschte, daß man beinahe seine Tränen hätte können
auf die Chorfliesen fallen hören. In seinem alten schäbigen
Schößenrock, den allerhand böses Wetter gebleicht hatte, um
den runzligen Hals ein zerschlissenes Tuch geschlungen, so
stand er da und hauchte seine blutende Seele dem alten, ehr-
lichen, schwermütigen Liede ein, das in der Umarmung seiner
breiten wogenden Rhythmen schon Tausenden gebrochener
Seelen Worte für ihr verschwiegenes Schluchzen geliehen.
Pastor Selig war, indes der Psalm verklang, an die Chortür
getreten und blickte den Alten an.
»Dank für Ihren schönen Gesang, Herr Sörensen.«
Sörensen verbeugte sich mit bebenden Lippen und ver-
schwand aus der Kirche, ehe jemand an ihn herankonnte.
Aber all die Wege und Kirchenstege entlang rühmte und
pries man seinen Gesang.
Ein paar Tage nachher, als Kild Pejrsens Leute beim Abendbrei
saßen, hörten sie eine zitternde Hand nach der Türklinke tap-
pen; kurz darauf trat Sörensen mit Beschwerde über die hohe
Türschwelle. Niemand fand etwas Merkwürdiges an diesem
Besuche, da Sörensen in all der Zeit, seit Per am Hofe diente,
ein recht häufiger Gast daselbst gewesen war.
»Willst du dich nicht zu uns hersetzen und einen Löffel voll
mit zur Nacht essen?« fragte Kild freundlich.
»Nein, dank dir schön! Aber wenn ich darf, so setz ich mich
einen Augenblick an den Tisch her.«
»Gewiß darfst du das!« versetzte Kild.
Sörensen schob sich ans Tischende hin, ließ den Kopf auf
den rechten Arm sinken und seufzte tief.
Per schielte flüchtig nach dem Alten hinüber. Die andern
schauten spöttisch von dem einen zu dem andern. Jeder dachte
sich das Seine. Niemand sagte etwas.
Als alle die Stube verlassen hatten, ging Per zu dem Alten,
der zu schlafen schien, hinüber.
»Vater,« sagte er, die Hand auf seinen Arm legend, »hier
kannst nicht sitzen bleiben. Jetzt wollen ja die Leute ins
Bett.«
»Ich steh schon auf, Per, gleich steh ich auf, aber ich bin gar
so müd.«
»Ja, das sehe ich freilich,« erwiderte Per kalt.
Sörensen hob den Kopf und sah den Sohn vorwurfsvoll an.
»Du tust mir unrecht, Per. Ich hab seit dem Sonntag keinen
Tropfen Branntwein angerührt. Aber aus ist’s mit mir. Wie
eine eiskalte Hand liegt’s auf dem Herzen da drin. Ein Druck
nur, und es ist vorbei, es ist alles vorbei. »Fahr wohl, Welt,
fahr wohl!« fiel mir so leicht, die Worte zu sagen, ’s ist keine
Freude mehr im Leib, und ich finde kein Gefallen mehr an
der Welt! Seufzen schon lang danach, voneinander zu schei-
den. Gott sei’s gedankt, daß die Befreiung nah ist.«
»Aber bist du denn krank, Vater?« fragte Per mit weicher
Stimme.
»Nein, krank nicht, müde, Per, ach so müde! Bin es müde,
das tote Leben zu schleppen!«
Wieder sank sein Kopf auf die auf der Tischplatte ruhenden
Hände hinab.
»Komm, Vater, komm jetzt lieber mit mir. Du kannst doch
noch gehen?« fragte Per.
Sörensen erhob sich schwer und taumelte am Arm des
Sohnes in den Stall hinaus.
»Es wird das beste sein, du legst dich heute nacht in mein
Bett,« sagte Per und machte Miene, die Tür der Knechte-
kammer aufzustoßen.
»Nein, nein, nein, nein, mit meinem Schmutz!« wehrte
Sörensen eifrig ab. »Gott beschütz und bewahr mich davor,
daß ich dir noch die letzte Nacht, die ich lebe, Schand an-
tat!«
»Aber, Vater, ich geb dir ein reines Hemd, hab ihrer ja ge-
nug!«
»Nein, ich tu’s nicht! Da hier, da hab ich’s wahrhaftig nur zu
gut!« Sörensen wies auf einen Haufen welken Kartoffelkrauts
in einem leeren Stand des Stalls, wo er auch früher schon oft
gelegen hatte.
Wie oft hatte Per spät nachts ein ihm wohlbekanntes Knarren
der Stalltür vernommen, und wenn er dann an die Tür der
Knechtekammer getreten war, wurde ihm aus der dunkeln
Stallecke zugerufen: »Kümmere dich um nichts, Per, ich bin’s
nur; ich leg mich daher wie allemal!«
Per hatte ihn darauf jedesmal mit Decken und Säcken und
was er sonst bei der Hand hatte, versehen und sich dann seuf-
zend in seine Kammer zurückgezogen.
Auch heute abend, wo der Tod dem Alten aus den Augen
schaute, wollte er sich keinerlei Änderung gefallen lassen.
So verpackte ihn denn Per gut und warm, stellte ihm eine
Blechkelle mit Wasser hin und schob ihm eine frische Garbe
Dachstroh unter den Kopf.
Sörensen dankte innig für jede kleine Aufmerksamkeit.
»Sollt sich’s hinausziehen, was ich nicht glaub, so versprich
mir eins: nicht wahr, du läßt es nicht zu, daß sie mich noch
einmal ins Armenhaus fahren. – Und jetzt geh in dein Bett!
Du mußt morgen wieder zeitig an deine Arbeit, du darfst nicht
bei mir dasitzen! – Ach, wie gut ich jetzt lieg!« sagte er zum
Schluß und bohrte sich tief in das raschelnde Kartoffelkraut.
Per ging in seine Kammer und ließ die Tür angelehnt. Ohne
sich auszukleiden, legte er sich aufs Bett. Die Tranlaterne
stellte er auf den Lehmboden und ließ sie brennen.
Seine schwermütigen Gedanken durchwanderten Ver-
gangenheit und Gegenwart; doch das Gehirn ermüdete bei
diesem Kreislauf durch das nicht mehr zu Ändernde. In den
Spinnennetzen an den Scheiben des mondbeglänzten Gitter-
fensters zappelte eine Motte in hilfloser Verzweiflung; ein
Mutterschwein schnarchte lärmend in einem Nachbarpferche,
und dann und wann hörte man das Stöhnen der Milchkühe,
wenn sie sich vom Abendfutter zurückzogen und auf den fet-
ten Bauch niederlegten.
Als Per nach Mitternacht erwachte, schauerte es ihn in der
Nachtkälte. Die Laterne war ausgegangen und erfüllte den
Raum mit Qualm. Auf Socken schlich er eilends zu der dun-
keln Türöffnung hin und lauschte. Ein schweres Röcheln aus
dem Abteil, wo der Vater lag, erfüllte seine Seele mit Weh.
Rasch lief er über die Steinfliesen in die Wohnstube, um
Licht zu holen, doch ehe er zurückkehrte, hatte der alte
Sörensen ausgelitten.
Wenige Tage darauf brachte ihn Per auf Kild Pejrsens
Fuhrwerk zu Grabe.
Später setzte er ihm ein kleines Holzkreuz, auf dessen kien-
rußgeschwärzten Armen er von Roy die Worte aus des Vaters
schwermütigem Liede malen ließ:

Nieder treten wir uns in den Staub.


BEIM GEMEINDEVORSTEHER

Als Per das zwanzigste Lebensjahr zurückgelegt hatte, mußte


er »des Königs Rock« anziehen, wodurch er gezwungen war,
Kild Pejrsen den Dienst aufzusagen, so leid es beiden tat.
Wieder heimgekommen, verdingte er sich als Oberknecht
bei Hans Nielsen, dem Gemeindevorsteher. Das war ein
Mann, gemessen und gespreizt in seinem Auftreten, daheim
wie außer dem Hause; sein Blick war kalt und streng; er be-
teiligte sich nicht selbst an der Arbeit, sondern ging wachsam
umher wie ein beaufsichtigender Verwalter, dessen Befehle
augenblicklich befolgt werden mußten. Er ließ sich auf kei-
nerlei Vertraulichkeit oder Scherz ein wie Kild Pejrsen, dage-
gen hatte er nichts von dem mürrischen Wesen des Bertel.
An einem Oktobertage hatten sie bei Nielsen Kartoffelernte.
Schon bei Sonnenaufgang kamen die Leute auf zwei zusam-
mengekoppelten, knarrenden Leiterwagen auf dem Felde an-
gefahren. Es waren die Allerärmsten des Kirchspiels, die zu
der Arbeit des Kartoffelgrabens angenommen wurden. Der
Vorsteher verstand sehr wohl, sie in ihren Schlupfwinkeln
aufzustöbern, und wer von diesen Ausgestoßenen hätte wa-
gen können, diesem Gemeindekönig einen Tag Arbeit zu ver-
sagen? Die meisten waren alte, entkräftete Menschen, die auf
gebrechlichen Füßen standen. Aber kriechen konnten sie im-
merhin noch; und da es hier nicht mehr brauchte, war so weit
alles gut und schön; denn wie Hans Nielsen bemerkte, »das
müßte schon das allerjämmerlichste Geschöpf sein, das nicht
einmal zum Kartoffelnausnehmen zu gebrauchen wäre«. Die
versammelte Schar war eine ausgezeichnete Illustration zu
diesem geflügelten Wort des Ortsvorstehers.
Da war der siebzigjährige Ywer Madsen mit den roten vergla-
sten Augen und der hohen knotigen Stirn, in der die Runzeln
wie mit einer Egge eingeritzt schienen. In seiner Jugend hatte
er an der Schlafzimmertür Friedrichs VI. Wache gestanden,
und er erzählte gern Geschichten aus seiner achtjährigen
Soldatenzeit. – Da war der hagere schwarze Tischlerfranz, der
verhutzelte Dangard, der die feinsten Eichensärge für die rei-
chen Leute der ganzen Gegend gezimmert hatte, aber jetzt
von allem so entblößt war, daß er kaum ein Stemmeisen be-
saß. Dann war da der Wolle Skajbæk, dem seine gebogene
Nase den Spitznamen Sperber eingetragen; er war einst für ei-
nen städtischen Metzger als Viehaufkäufer umhergezogen; zur
Erinnerung an bessere Tage trug er noch immer zwei abgegrif-
fene Silberknöpfe oben an der verschossenen Weste; ehedem
war diese ausgefüllt gewesen, jetzt hätte sich ein Erwachsener
zwischen Bauch und Weste einschieben können. Endlich war
auf der Männerseite noch das Gneisel, ein kleines, galliges,
reizbares Männchen, das unablässig ganz entsetzlich fluchte
und den Teufel anrief.
Dann die Weiber! Voran die starkknochige, männische
Galopp-Sophie, die tüchtigste Kartoffelausnehmerin der
ganzen Gegend. Ebenso kräftig wie ihre Hände arbeitete
ihr Mundwerk, obgleich ihr hierin die Mette nicht um vie-
les nachstand, dieselbe Mette, die vordem mit Per auf dem
Nörhof gedient hatte und nun nach bewegter Fahrt von den
wilden Lebenswogen zusammen mit anderm Wrack auf das
Kartoffelfeld des Gemeindevorstehers gespült worden war. Sie
war nämlich – nach Wunsch – in ganz exemplarisch geseg-
nete Umstände gekommen. Der Verwalter auf Sölsig hatte ihr
sogar zu einem Zwillingspaar verholfen. Dank einer kleinen
Abfindung hatte sie sich dann mit Laurin verheiratet, war spä-
ter mit einer Kunstreitertruppe durchgegangen, doch schließ-
lich zu ihrem trauernden Ehegespons zurückgekehrt mit vier
Kindern, deren höchst verschiedenartige Gesichter eine kleine
Musterkarte der ländlichen Demokratie der Gegend bilde-
ten. Die dritte von den Weibern war »die stille Line,« eine
Schwester des Taglöhners Romler; sie war ein schmächtiges,
bleiches Frauchen mit gutmütigem Gesicht. Sie hatte auf der
Brust eins wegbekommen, drehte sich jeden Augenblick um
und hustete jämmerlich.
»Mögt euch jetzt hinstellen, wo’s einem jeden paßt,« sagte
Per, der Schar zugewendet. Er hatte bereits mit der Forke die
ersten Kartoffelpflanzen aufgelockert und arbeitete sich rück-
lings immer weiter den Acker hinab.
»Jetzt heißt es sich aber dazuhalten, solang das Wetter anhält;
ich fürchte, wir kriegen heute noch einen tüchtigen Guß«; er
blickte nach dem Osthimmel aus, wo die Sonne in großen
Wolkenfetzen schwamm.
Ein kleiner Kampf entspann sich darüber, wo jeder zu hok-
ken käme; alle stritten um den Platz zunächst der Galopp-
Sophie, von der man wußte, daß sie sich nicht lange besann,
auch dem Nebenmann ein paar Kräuter mit auszustechen,
wenn er nicht Schritt zu halten vermochte.
Als Sophie mit Genugtuung wahrnahm, daß man sich um
ihre Nachbarschaft stritt, faßte sie rasch die stille Line am
Arm:
» ›Komm du zu mir‹, hat unser Herrgott zur alten Ahn ge-
sagt! Tun also wir zwei uns nebeneinander legen und mit-
sammen unterhalten!«
Die andern verteilten sich aufs Geratewohl.
Die erste Viertelstunde waren alle bei bester Laune. Da wa-
ren die Kräfte noch frisch, und jeder hatte eine Menge köstli-
cher Neuigkeiten mitgebracht, die es auszukramen galt. Man
teilte mit freigebigen Händen davon aus. Die ganze Gegend
wurde durchschnattert wie ein Ententeich; jedes bedauer-
liche und ungewöhnliche Ereignis wurde erörtert und be-
krittelt, jede ins Unglück geratene Jungfrau in diesem wie in
den angrenzenden Hebammendistrikten mußte dahier zwi-
schen den Erdäpfeleimern gehörig Spießruten laufen. Bauern
und Häusler, Herren- wie Dienstleute, wer nur den klein-
sten Rostfleck an seiner Ehre, das winzigste Sündenfältchen
an seinem Namen oder Ruf sitzen hatte, der wurde vor die
Schranken dieser am Boden kriechenden Volksjury geladen.
Besonders war Mette unerschöpflich an Skandalgeschich-
ten: sie war selbst der Mittelpunkt so vieler gewesen, daß sie
mit allem erforderlichen Beiwerk zu schildern verstand.
Und so oft sie eine neue zum besten gab, schloß sie mit der
Wendung:
»So hab ich’s wenigstens gehört; ob’s aber wahr ist oder nicht,
könnt ich nicht sagen.«
Mettes Geschichten hatten bisher nur Beifall und Be-
friedigung in den Reihen erregt, und von ihrem Erfolg an-
gefeuert, verfiel sie auf die unglückselige Idee, sich auch
über Anna herzumachen, Pers Flamme noch aus den Kinder-
jahren.
Anna war auf Sölsig als Stubenmädchen in Dienst getreten,
wogegen sich ja nichts einwenden ließ. Aber nun wußte Mette
allerlei von dem Glück zu erzählen, das sie bei den Männern
mache, indem sie mit einem Kontrollassistenten »so gut wie
verlobt« wäre, zugleich aber den Verwalter zu den verdächtig-
sten Zeiten des Tages und der Nacht bei sich einlasse.
»Ja, die Leute behaupten sogar, sie war schon einmal drin-
nen in Kopenhagen gewesen; denn dort läßt sich’s ja leicht
verheimlichen; aber natürlich verlangen sie dann auch ihre
gute Bezahlung dafür!«
In diesem Augenblick flog auf Mettes Eimer ein Kartoffel-
kraut, und die daran haftenden Erdklumpen und Steine sau-
sten ihr um die Ohren. Als sie aufschaute, stand Per zähne-
knirschend vor ihr, die Hand an den Forkenschaft gepreßt,
daß die Knöchel förmlich aus der Haut hervorstachen.
»Kannst du’s bezeugen, das, was du da sagst? Ich sag, hast du
was, an das du dich halten kannst? Denn hast du nichts, dann
sei so gut und halt dein Maul, und zwar augenblicklich.«
Pers Augen standen ihm wie zwei Kiesel aus dem Kopfe.
»Ih, Gott behüte!« sagte Mette und errötete bis unter ihre
schmutzige Halsleiste.
Die andern schauten mit verlegenem Lächeln von Per auf
Mette.
Damit war ihr fürs erste das Spiel verdorben. Nun nahmen
die Männer das Gespräch auf. Sie interessierten sich nicht so
sehr für die Liebe und dergleichen wie für Ernährungsfragen.
Sie erörterten, wo der billigste Kautabak zu haben wäre und
was zur Kirmes ein Scheffel Roggen kosten würde.
»Ist’s wahr, wie man hört, daß der Krämer nicht mehr auf-
kommt?« begann Wolle Skajbæk.
»Was sagst du? Der Kræn Lybsker ist krank?« fragte Per und
ließ die Forke ruhen.
»Ja, ganz aufm Hund soll er sein,« nahm nun die Galopp-
Sophie das Wort. »Aber das ist schon lange her, daß man das
gehört hat; ich hab schon bald geglaubt, er war tot.«
»Der wird meiner Treu auch nicht viel Pflege haben, der
arme Teufel,« fuhr Sophie fort. »Geht einer jetzt zu ihm, so
geschieht’s aus lauter Gutheit; denn er hat ja auf Gottes Welt
keine lebendige Seel bei sich als den Hund.«
»Aber wo kriegt er denn ein Essen her?« erkundigte sich Line
mit ihrer dünnen leisen Stimme.
»Ach, ich glaub, der Roy, der sieht sich manchmal nach ihm
um und ist ihm in dem einen und dem andern zur Hand;
denn das ist ja so ein Eigener. Aber schlecht genug hat er’s
dessentwegen doch,« sagte Sophie.
Nun konnte Mette nicht länger an sich halten, sondern
mußte ihr Wort dazugeben: »Hat’s aber auch nicht um ein
Jota besser verdient; was hat er sich nicht wie andere Leute ge-
habt und die Hilfe von dort hergenommen, wo sie zu haben
war.«
Per warf ihr neuerdings einen zornfunkelnden Blick zu,
wurde aber vom alten Gneisel am Antworten gehindert. »Da
soll mich der Deibel zerreißen, wenn das nicht wirklich
wahr ist!« sagte er und ließ eine Spucksalve in des Nachbars
Kartoffeleimer fliegen. »Er hat sich immer eingebildet, er war
was Bessers als ein anders, weil er nichts von der Gemeinde
bekommen hat. Aber da soll mich gleich der Deibel zerreißen,
wenn er deshalb was anders ist als ein Landstreicher!« Neue
Spucksalve in die Kartoffelgelte.
»Ja, wer möcht sich nicht gern selbst helfen, wenn er’s
könnte,« seufzte die kleine, blasse Line. »War unserm Anders
nicht die Hand von der Maschine zerschmettert worden, wir
hätten uns schon auch davor gehütet, an die Gemeinde zu
kommen. Es geschieht wahrhaftig nicht zum Vergnügen, so
’was; aber, versteht sich, Krankheit ist jedermanns Herr.«
Line kehrte sich um und hüstelte wieder.
»Was du sagst, Line, ihr habt aus dem Gemeindesäckel be-
kommen?« rief Per, »das kann ich nicht glauben.«
»Ja, eigentlich von der freien Armenkasse, wie sie’s nennen,«
versetzte Line.
»Ach was, darauf habt ihr ein Recht; das heißt noch nicht,
die Gemeinde in Anspruch nehmen.«
»Es ist doch alleweil fremder Leute Hilfe, es wird also ziem-
lich eins sein, wie man’s nennen will,« sagte Line.
»Der Roy der, von dem früher die Rede war,« begann nun
Franz Danggaard, »ist der nicht beim Sotschalistenwesen mit
dabei?«
»Ja,« antwortete Wolle Skajbæk. »Ich weiß freilich nicht, was
sie eigentlich wollen, aber ich kann nun einmal ihre Faxen nit
leiden.«
»So viel weiß doch ein jedes, daß sie den König mitsamt un-
serm Herrgott abschaffen wollen,« sagte die Galopp-Sophie;
»denn sie möchten ja selbst den lieben Gott spielen zuguter-
letzt.«
Der alte Ywer hatte bisher noch nichts gesagt; sein Gehirn
arbeitete zu träge, um einem Gespräch zwischen Vielen folgen
zu können, und seine Gedanken standen zumeist noch Gewehr
bei Fuß vor des hochseligen König Friedrichs VI. Schlaf ge-
mach. Daher entrang sich seinem zahnlosen Mund ein lautes
hohles Lachen – ein Lachen von 830 –, als Sophies Worte
von Gott und dem Könige allmählich in die Schneckengänge
seines Bewußtseins eingedrungen waren.
Der Nachmittag ist herangekommen, und mit einemmal
geht ein heftiger Platzregen über den Acker nieder. Schon
lange hatten Per und die andern Kartoffelgräber mit miß-
trauischen Blicken die dicken Regenstreifen beobachtet, die
im Südosten hingen, den Kettenfäden eines Riesengewebes
gleich.
Die schweren Tropfen fallen zischend und klatschend in
die schwarzen Kartoffelstauden und dringen den zur Erde
Gebückten bis auf die Haut. Sie schütteln sich ein bißchen
und kriechen dann wie erschreckte Igel zusammen. Als aber
der Regenschauer länger anhält, legen sie wieder Hand an die
schwarzen, kantigen Kartoffelstengel.
Wolle Skajbæk drückt seine Befriedigung aus, daß sie doch
dem Wetter den Rücken zukehren.
»Ja, der kann’s noch am ehesten aushalten,« meint die
Galopp-Sophie.
Fort und fort schüttet es vom Himmel herunter. Nun ist der
Acker lauter Morast. Die Erde legt sich wie Brotteig zwischen
die Finger. Der Stoß an den Kleidern der Frauen schleppt in
langen Streifen und bildet eine kleine Rille im Sande hin-
ter jeder von ihnen. Rücken und Füße sind wie Eis; auch
die Zunge ist förmlich eingefroren, niemand spricht mehr
ein Wort; selbst das Fallen der Kartoffeln wider die nassen
Dauben schallt nun tot und dumpf. Die Augen des alten Ywer
rinnen immer stärker, jeden Augenblick erhebt er sich auf den
steifen Knien und klopft sich mit den Pulswärmern unter die
Achselhöhlen, wie ein Gänserich auf dem Teich sich mit den
Flügeln schlägt. Die blasse Line hüstelt nun ohne Unterlaß.
Das Fallen der Kartoffeln schallt immer dumpfer, und die
Stille wird nur durch den Klang der eisernen Henkel unterbro-
chen, wenn ein Eimer über die Stauden hingeworfen wird.
Per schlägt der Regen gerade ins Gesicht. Die Tropfen
zerplatzen an seinem Mützenschirm und seinen braunen
Fingerknöcheln und rinnen in klebrigen Strömen am Forken-
schaft hinab.
Die andern schauen zu ihm auf, ob er die Arbeit denn wirk-
lich unter solchen Verhältnissen fortsetzen wolle. Per blickt
nach der grauen Wolkenwand hin.
»Ist das eine Überschwemmung!« sagt er und spuckt das in
den Mund gesickerte Regenwasser aus.
»Na, höher als bis zum Bauch reicht’s doch noch nicht!«
meint die Galopp-Sophie.
»Ist wahrhaftig auch mehr als genug,« erklärt Wolle Skajbæk
mit Nachdruck.
»Ich hab geglaubt, es wird gleich wieder aus sein,« bemerkte
Per. »Und hat man mit dem Arbeiten ausgesetzt, so sind dann
die Glieder gar zu steif, wann’s wieder drangehen heißt.«
»Nja – a!« brummen alle.
»Könntet euch vielleicht für eine Weile beim Wagen unter-
stellen?«
Dazu waren alle schnell bereit. Unter den schützenden
Brettern des schweren Leiterwagens stellt sich bald wieder et-
was von jenem leichten Sinn und guten Mut ein, der selten
ausbleibt, wo ein Haufen Leute beisammensitzt.
»Donnerwetter, Mette, mir scheint gar, deine Hosen gehen
auf eignen Beinen davon,« läßt sich Wolle Skajbæk vernehmen,
indem er ein langes Stück zerfetzter Besatzborte von Mettes
Unterrock in die Höhe hält.
Mette zieht rasch das kokett vorgestreckte Bein zurück und
beugt sich herab, um den Fetzen abzureißen, den sie dann
Wolle ums Ohr schlägt. Die Galopp-Sophie wird hintenaus
mitgetroffen, daß ihr das kotige Band einen schmutzigen
Streif quer über den vorstehenden Backenknochen zieht.
Die Rücken dampfen, und der muffige Armeleutgeruch
dunstet aus den wollenen Umschlagtüchern und den durch-
weichten Kapuzen. Franz Dangaard, der seine wenigen
Tabakreste zu einem Priem zusammenzufügen trachtet, ist
unversehens auf einen Rockzipfel Mettes zu sitzen gekommen.
Mette reißt ihn wütend an sich, wirft einen bösen Blick auf
Franz und beugt sich dann zu Sophie hinüber, der sie zuflü-
stert: »Er ist ja lausig, der Mensch!«
Das Gneisel sitzt an der äußersten Ecke, spuckt mit großem
Ingrimm in die Radspeichen und flucht, daß ihn der Teufel
zerreißen möge, wenn es nicht das letzte Jahr sei, an dem er
zum Vorsteher Kartoffeln ausnehmen käme: »Es kriegt eins
doch so keinen Pfifferling dafür.«
»Was,« fragt Per verwundert, »ihr kriegt nichts für eure
Arbeit? Wieso? Nehmt ihr denn nicht wie jeder andre euern
Taglohn?«
»Ja, wieso,« setzt Wolle Skajbæk auseinander, »weil die Arbeit
ja für nichts gerechnet wird; und dann denkt auch so ein
Großmächtiger, liegt eins schon ohnehin auf der Gemeinde,
warum soll er nicht so gut wie jeder andre einen ausnützen
dürfen.«
»Eine saubere Erklärung das,« meint Per. »Warum sagt denn
ihr aber nicht nein, wenn er euch ruft?«
»Dem Gemeindevorsteher nein sagen! Das kam einem teuer
zu stehen!« gibt Wolle zurück.
»Nein,« sagte Line, die still dagesessen hat und auf der einen
Seite die Tropfen von sich abrinnen läßt, »solche Leute, die
verlangen, daß alles nach ihrem Kopf geht.«
»Da haben wir’s!« ruft Per. »Ihr Angstmeier ihr! Seid imstand
und laßt euch ins erste beste tiefe Wasser hineintreiben, wenn
nur dem Gemeindevorsteher seine Mütze zur Tennenluke
hinausschaut!«
»Aber ihr andern – ihr Dienstleute, ihr vielleicht nicht?«
fragte die Galopp-Sophie.
»Ja, gewiß, kann schon was dran sein! Wir halten alle mit-
einand zu wenig auf unser Recht,« pflichtet Per ihr bei.
»Da müßt ihr aber zu euerm Recht schauen, so lang ihr jung
seid; denn seid ihr erst alt worden, nachher ist’s wohl zu spät,«
erklärte Ywer, sich die triefenden Augen mit dem Pulswärmer
trocknend.
»Ein wahres Wort,« versetzte Per. »Aber versucht es nur heut
abend, jeder besonders, euern Lohn zu verlangen; wir werden
ja dann sehen, wie er’s aufnimmt.«
»Ich trau mich nicht, was zu verlangen,« sagte Line, »denn
ich hab Angst, er läßt uns dann nichts mehr von der freien
Armenkasse zukommen, und da wüßt ich mir nach keiner
Seite einen Ausweg, solang der Anders feiern muß.«
Die andern verhalten sich schweigend.
Der Regen ist vorbei.
Die triefend nassen Menschen kriechen zwischen den
Rädern hervor und fangen aufs neue an, im Kartoffelkraut
zu wühlen.
Die Arbeit geht freudlos und verdrossen vonstatten, solange
das nasse Zeug sich allenthalben an den Körper klebt.
»O jemine, wie gut tat einem jetzt ein Schluck Schnaps!«
seufzt Wolle Skajbæk.
Diese Worte erwecken offenbar ein in ihnen allen schlum-
merndes Sehnen.
Ganz eigenartig schmachtend schweifen die Blicke über den
Acker hin.
»Könnt nicht am Ende einer im Eßkober sein?« flüstert
Franz Dangaard.
»Da hast du aber meiner Seel’ einen Gedanken! Könnt
schon sein,« meint Wolle und eilt, den Deckel des Korbes zu
öffnen.
Alle halten einen Augenblick mit der Arbeit inne und
schauen mit stockendem Atem auf Wolle.
»Nein! Auch nicht ein Tropfen.« Mit zornigem Wurf
schmeißt er den Deckel zu.
Ein unmutiges Murren geht durch die ganze Reihe: »Hab
mir’s denken können!« Der alte Ywer trocknet sich enttäuscht
den zahnlosen Mund mit seinem Fäustling. Franz reißt mit
den Nägeln Schabsein aus den Kartoffeln, so wütend fährt er
in die Erdschollen.
»Ach, Gneisel,« sagt Wolle Skajbæk, »du bist ja so fest auf den
Beinen, du könntest wirklich hinüberspringen zum Konsum
und uns eine Flasche Branntwein holen.«
Die andern wieherten freudige Zustimmung. Das Gneisel
sendete eine Spucksalve gleich einem Strahl aus einem Storch-
bürzel sieben Klafter weit ins Pflugland hinein und schwur:
Ȇbernehmt ihr derweil meinen Ackerstrich, so soll mich der
Deibel holen, wenn ich nicht wieder da bin so geschwind wie
der Wind.«
»Ja – a, das will mir nicht zum allerbesten gefallen, wendete
Per ein. »Nicht daß ich euch euern Branntwein nicht gönn,
aber ich furcht, die Arbeit könnt sich dadurch verziehen, und
das kam dann auf unsereinen.«
»Ja,« entgegnete Wolle, »du hast gut dagegen sein; du bist
nicht halb so naß wie wir. Wahrhaftig, mir ist so kalt, daß ich
nicht weiß, hab ich einen Rücken oder hab ich keinen.«
»Und ich bin bis aufs Hemd naß; ich mein, man könnt es
auswinden,« erklärte Mette.
Per gab den Widerstand bald auf. Aber nun handelte es sich
um das Geld. Wolle hatte keines. Gneis fand fünf Öre un-
ter etwas Tabakasche in der Westentasche; die übrigen waren
gänzlich blank.
So mußte denn Per die Zeche bezahlen.
»Du sollst wahrhaftig nicht allein herhalten müssen,« ver-
sicherte Wolle, »es wird eins doch auch wieder mal einen
Groschen zum Heimzahlen haben.«
Das Gneisel buckelte sich zum Laden fort. Die Zurück-
gebliebenen kosteten die Süßigkeit der Erwartung, indes die
Kartoffeln in lustigem Bogen nach den undichten Dauben
der Eimer flogen.
Wie sie so im besten Zuge sind, ruft Per, der mit einemmal
wie an die Forke genagelt steht: »Hols der Teufel, jetzt können
wir uns freuen! Wißt ihr, wer da gegangen kommt?«
Die ganze Reihe dreht sich um und sieht Hans Nielsen über
den Weggraben springen und in das Feld, wo sie arbeiten, ein-
biegen.
»O Jeses, Kinder!« piept Line und duckt sich wie vor dem
Bösen.
»Jetzt wird’s was setzen!« flüstert Wolle. »Ach Per, du darfst
nichts sagen, daß ich sie eingefädelt hab, die Geschichte mit
dem Branntwein. Hörst du?«
Pers Oberlippe kräuselte sich in verächtlichem Lächeln.
Langsam wie eine drohende Wolke kam der Armenvorsteher
über den Acker daher. Eine echte Kuhländer Pfeife baumelte
in seinem Mundwinkel.
Die Nachmittagssonne fiel von rückwärts in seinen roten
Backenbart, daß jedes Haar leuchtete. Bei jedem zweiten
Schritt beugte er sich herab und nahm eine vergessene Kar-
toffel vom Boden auf; nach der großen Regenwäsche lagen
sie so kenntlich zwischen den Schollen da. Bald hatte er seine
beiden sommersprossigen Hände voll, so daß er die Pfeife al-
lein mit den Zähnen festhalten mußte.
Die Kartoffelgräber wühlten in der Erde, daß sie nach al-
len Seiten aufstob. Ihre Nasen berührten fast den Boden, ihre
Hinterteile ragten in die Höhe, daß sie sich ausnahmen wie
riesengroße Heuschrecken. Ab und zu flüstern sie sich heiser
etwas zu, wie im Dunkel hockende Vögel, die fühlen, daß ih-
nen etwas Feindliches auf der Spur ist.
Auf einmal wirft Hans Nielsen seine Handvoll Kartoffeln
über die Köpfe der Gräber in den Eimer, daß drei oder vier
polternd von den Dauben zurückspringen. Ein leises Zucken
geht durch die ganze Reihe.
»Die habe ich jetzt allein nur auf dem kleinen Ende Weg
gefunden. Gebt ordentlich acht, daß ihr alle mit aufklaubt.
Von dem, was am Acker liegen bleibt, läßt sich nicht fett
werden. Am ärgsten ist’s auf der Seite da.« Er deutete mit
dem Holzschuhschnabel nach dem von Gneis verlassenen
Ackerstrich: »Wessen ist der? Ist niemand dabei? Wo ist der
Gneis?«
Ein Schauer durchläuft Wolle Skajbæk; er schaut bittend zu
Per auf.
»Ach, er hat nur einen Sprung in den Konsum-Verein ge-
macht,« sagt Per.
»So – o! In den Konsum-Verein! Läßt du die Leute mitten in
der Arbeitszeit so herumspazieren? Da kann ich freilich ver-
stehen, warum so wenig geschafft worden ist; es ist der Wagen
ja noch kaum halb voll, ob der Tag auch gleich schon dreivier-
tel vorbei ist.«
»Es hat ja doch geregnet,« sagt Per entschuldigend.
»Geregnet! Ist der auch der Rede wert, der Spritzer, der ge-
kommen ist?« sagt Hans Nielsen.
»Da ist eins wahrhaftig schön naß geworden von außen
und von innen,« erklärte Sophie als die Mutigste des ganzen
Kreises.
»So – oo!« entgegnet der Vorsteher beißend, »innen auch?
Das, habe ich geglaubt, kommt erst, wenn der Gneis aus dem
Konsum zurück ist.«
»Der Satan,« raunt Sophie dem Wolle Skajbæk zu; der aber,
besorgt, Hans Nielsen könnte gehört haben, daß Sophie ihn
zu ihrem Vertrauten mache, senkt die Nase noch tiefer auf die
Kartoffeln hinab.
Nach ein paar Befehlen an Per schlenderte Nielsen weiter,
hinter sich die blauen Ringelwölkchen des feinen Tabaks.
Kurz darauf kommt der Gneise! atemlos gelaufen.
»Alle Deibel noch einmal!« ruft er, sich auf den Boden wer-
fend, wobei die Hosen, an deren Knien die großen runden
Lehmflecke beim Eintrocknen lichtgrün geworden waren,
sich bauschten.
»Du bist ihm doch nicht begegnet?« fragte Wolle Skajbæk.
»Zerreiß mich der Deibel, freilich wohl,« erwidert Gneis, in-
dem er den Arm bis zum Ellenbogen in die Innentasche ver-
senkt. »Das hat sich doch nicht vermeiden lassen. Er hat mir
ja drin im Hohlweg aufgelauert. Gott sei einem gnädig, wie
der mich angeschnauzt hat!« ruft er ausgelassen, eine volle
Flasche im Sonnenlicht vor den Augen der Erdäpfelausnehmer
schwingend.
»Na ja, so macht jetzt einen Schluck, nachdem ’s einmal ge-
holt ist,« sagt Per, »aber nachher heißt’s sich ins Zeug legen.«
Die Flasche stattete bei jedem von ihnen eine kurze Visite
ab. Zu allererst trank Gneis, der sie geholt; nicht einmal
die hustende Line ließ sie an sich vorübergehen; sie drückte
die Hand an das schmerzende Zwerchfell, indes die scharfe
Flüssigkeit sich ihren Weg brannte. Ein starker Hustenanfall
war die Folge.
»Je, wie das beißt!« gurgelte sie hervor, während die Tränen
ihr in den Augenwinkeln standen.
»Was, kannst du es nicht vertragen?« fragte die Galopp-
Sophie. »Da wär’s meiner Seel schad, das Gute zum Bösen zu
genießen!« Sie schwang die Flasche an den Mund mit einem
schmatzenden Kuß.
»Halt, halt, Sophie! Andre wollen doch auch noch was ha-
ben!« sagte Wolle.
»A – h!« Er trank, daß es gluckte, und reichte dann die
Flasche Per. »Mach jetzt du einen Zug, Per, denn du bist ja
doch dafür aufgekommen.«
Die Flasche hatte längst ihre pflichtschuldige Runde ge-
macht. Die Arbeit ging nun wie geschmiert, auch die Mün-
der. Jeder hatte irgend eine lustige Geschichte zum besten zu
geben, die ihm auf den Lippen brannte, doch konnte er vor
den andern, die auch erzählen wollten, nicht dazu gelangen.
Zum zehnten Male begann der alte Ywer in seiner schlep-
penden, beteuernden Weise: »Daß ich euch erzähle, was sich
zugetragen hat, damals, wie ich zum Dienst bin befohlen ge-
wesen im Kastell – –« Weiter gelangte Ywer nicht, da hatte
ein andrer ihm den Faden schon weggeschnappt und sich ihn
zum Vorteil gedreht.
Nun hatte sich die Stimmung so gehoben, daß die »Lokal-
chronik« nicht mehr zureichte; es mußte Gesang herbei. Man
setzte mit einer Ballade ein. Sophie hub an:

Lotte ging, Lotte ging


Mit verliebten Blicken;
Wie sie ging, wie sie ging,
Tat es in ihr zwicken.

Länger erhielt die Galopp-Sophie nicht Erlaubnis, den guten


Geschmack herauszufordern. Etwas Derartiges mochte man
nicht; zartere Saiten sollten jetzt, wo der Tag sich neigte und
die Rücken zu trocknen begannen, angeschlagen werden.
Da griff Mette in ihren liebeskranken Busen und sang:
Am Himmel sieh die Sterne
Sich paaren, Paar um Paar,
So wollen auch wir beide,
Sind wir zu Lieb und Freude
Daheim vom Traualtar.
Noch mehrere Strophen folgten. Ja, das ließ sich verstehen,
daß das Liebe sei, die etwas zu bedeuten habe.
Aber alle blickten sie nun zu Franz Dangaard auf; so lang er
nicht gesungen hatte, war es noch nicht das Richtige.
Armer Franz! In seiner Jugend war er weit und breit der
flotteste Geist gewesen, der beste Sänger und der gesuchteste
Tänzer bei jeder Jugendunterhaltung und der unbestrittene
Vorreiter bei jeder Bauernhochzeit. Nun war er ein armes
Wrack und kannte seit zehn Jahren kaum ein anderes Bett als
eine Strohschütte und ein paar Hanfsäcke.
»Rück’ jetzt du, Franz, mit einem von deinen Liedern her-
aus; denn die sind des Zuhörens wert.«
Ein schwaches Lächeln stahl sich um Franzens stopplige
Mundwinkel. Eine lichte Erinnerung an vergangene Zeiten
schien ihm durch den Sinn zu gehen.
Franz sang:

Es liebt ein Fühner Mägdelein


Den jüt’schen Kürassier,
Der auf des Vaters Hofe
Einge – quartier – et lag.
Sie schenkte ihm ihr Herze,
Schwor ihm den Treueeid,
Ob er auch zu ihr sagte,
Ob er auch zu ihr sagte –
Nie kann dies, nie–ie–mals sein.

»Das, möcht ich schwören, ist doch das schönste Lied, das eins
hören kann,« äußerte Mette, als die letzte Zeile verklungen
war.
»Ja, so gewissermaßen Gefühl ist drin!« stimmte ihr Wolle
Skajbæk bei.
»Aber du, Line, du hast ja auch einmal so schrecklich schön
singen können.«
»Ja, in meinen jungen Jahren, da hab ich schon Leben in die
Leute bringen können. Alle hab ich sie gesungen, die Lieder,
ob sie lang waren oder kurz; aber seit man verheiratet ist, hat
man ja was andres zu tun, man hat ja nicht mehr Sinn für so
was.«
Gleichwohl ließ sich Line verleiten, den Sang von Hjalmars
und Huldas herzzerreißender Liebe anzustimmen. Sie war je-
doch kaum über die ersten Verse gekommen, als der Husten
jedem Versuch einer Fortsetzung ein jähes Ende bereitete.
»Nein, das ist schon zu greulich mit der Brust,« keuchte Line
zwischen zwei heftigen Hustenanfällen. »Ich sing gewiß bald
meinen letzten Vers, ich arme Haut.«
»Ja, da gehören wahrhaftig Lungen dazu; das ist sicher und
gewiß!« nickte Wolle Skajbæk …

Der Abend war längst hereingebrochen, und die Kar-


toffelgräber saßen nun in einem hungrigen Haufen in ei-
ner Ecke von Hans Nielsens Gesindestube und harrten des
Abendbrots. Per saß gekämmt und reingewaschen auf der
Bank vor dem Tisch und rauchte seine Pfeife. Auch die übri-
gen hatten sich zumeist zum Brunnentrog begeben, um sich
mit Rücksicht darauf, daß sie an einem so vornehmen Ort
wie beim Gemeindevorsteher waren, abzuwaschen; sonst wäre
das viel zu viel Ungelegenheit für so simple Leute wie sie ge-
wesen. Nur das Gneisel betrachtete alles Waschen prinzipiell
für überflüssig.
»Morgen ist man, der Deibel zerreiß mich, doch wieder
akkurat so dreckig; was soll also die ganze Wascherei und
Scheuerei?« erklärte er.
Am obern Tischende saß eine schlanke imponierende Ge-
stalt mit einem starken, bartlosen Gesicht und einem schön
geformten, altväterlichen Professorenkopf. Er sprach mit nie-
mand, und schon seine bloße Haltung schien zu genügen, um
einen Abstand zwischen sich und den andern hervorzurufen.
Das war Jens Laanum, der des Sommers auf den kleinen
Bauernziegelwerken Backsteine strich, in den übrigen Zeiten
des Jahres aber Uhren instandsetzte.
Jens’ Gehirn beschäftigte sich stets mit den höchsten
Problemen, und er hatte insgeheim viel gelesen. Er war bibel-
kundig trotz einem Fachgelehrten und erschreckte seine Um-
gebung häufig durch die Zweifel an fundamentalen Grund-
sätzen.
Kein zweiter verstand es wie er, einzudringen in das Innerste
eines alten, herzkranken Uhrwerks, in dessen Gehäuse die
Holzwürmer wohnten, dessen Zifferblatt die Zahl siebzehn-
hundert trug und dessen mit dem Grünspan des Alters über-
zogener Perpendikel die ganze Woche lang an der getünchten
Wand hin und her pendeln sollte.
Jens’ Finger, die von dem vielen Lehmkneten plump und
breit geworden waren, faßten mit unsäglicher Behutsamkeit
jedes Rädchen und jede Schraubenmutter des alten Werks an
und legten sie in zierlichen Häufchen auf die Tischplatte. Er
hob sie zu seinen stark schielenden Augen empor, um sich mit
ihren kleinen Gebrechen gründlich vertraut zu machen, und
fügte sie dann wieder ineinander – Häkchen zu Zähnchen –
mit so eindringlichem Ernst, als wäre die Naturordnung selbst
von der Zuverlässigkeit eben dieses Rädchens abhängig.
Es war eine jener so häufig vorkommenden unerklärlichen
Seltsamkeiten, daß dieses verkappte Genie sich mit dem plum-
pen und seelenlosen Zankteufel von einem Weibe, der Galopp-
Sophie, verheiratet hatte. Als sie nunmehr aus der Küche her-
eintrat und ihren Mann erblickte, rief sie spottend:
»Ei, was seh ich! Hat man sein Ehegespons da? Da wird
man vielleicht Neuigkeiten hören können, wie’s steht daheim;
hast du gut die Tür zugemacht, daß die Bruthenne nicht aus-
kommt?«
Jens Laanum saß mit aufgeknöpfter Weste da und stieß die
Luft mit schweren pustenden Atemzügen über die Lippen,
ohne Sophie eines Blicks zu würdigen.
»Kannst du nicht antworten, du Murrkopf?« fuhr Sophie
fort, »es tat wohl not, dir das Mundwerk einzuölen?«
Jens blieb stumm und aufrecht sitzen, drehte an seinen
Messingschrauben und pustete heftig, als wollte er seinen
Zorn auf diese Weise kühlen.
»Jetzt bringt man natürlich wieder kein Sterbenswort aus
ihm heraus,« belferte die alte Hexe weiter. »Da kann man
lange warten. Grad so macht er’s zu Haus auch, wenn er sich
was in den Kopf setzt. Da kann ich mir das Maul zerreißen,
so viel ich will; tagelang kann ich warten, bevor ich eine
Antwort krieg. Probiert ihr, ob ihr ihm das Maul aufbringt!
Nein, ich sag’s euch. Man könnt ihm das Mangelholz um den
Kopf hauen, und er macht doch nicht Muh oder Mau. Das ist
ein eigener Dickschädel, das!«
Jens hatte das Uhrinnere von der geblümten Scheibe los-
gemacht und drehte es nun langsam vor dem dünnen Talg-
licht; als er das nackte Uhrwerk auf den fleischigen Finger-
spitzen hielt, gemahnte es an eine aus ihrem Hause ge-
nommene Schnecke; die feine Stahlfeder zitterte bei der leise-
sten Berührung wie die fröstelnde Nabelschnur einer neuge-
borenen Leibesfrucht.
Die neugierigen Kartoffelleute rückten ein wenig näher, um
einen Blick ins Werk zu tun; aber Jens verzog den Mund, sah
sie allesamt strenge an, am strengsten Per, weil er aus seiner
Tabakpfeife qualmte, was Jens ein Hohn schien auf seine ern-
sten Anstrengungen, die Zeit in richtigen Gang zu bringen.
»Ihr lauert umsonst; keiner kriegt was zu sehen, wenn’s ein-
mal bei ihm aus dem Loch pfeift,« sagte Sophie.
Nun wurde das Nachtessen aufgetragen: eine Schüssel
Kartoffelbrei mit Speckschnitten und zerlassenem Fett in ei-
ner Grube in der Mitte.
Die Magd, die das Essen auftrug, war niemand anders als
Dorre Romler, Pers Bekannte von der Schulzeit her. Sie war
jetzt ein hochgewachsenes, ungeschlachtes, breithüftiges
Frauenzimmer, und wenn sie auftrat, quietschten die Reifen
ihrer Holzschuhhacken auf dem gelben Ziegelboden. Ihre
Augen blickten schwer und umflort, als hätten sie etwas von
den Moordämpfen ihrer Geburtsstätte mitgebracht. Dorre
diente bereits ein paar Jahre bei Hans Nielsen; denn wie allen
gutmütigen Menschen widerstrebte es ihr, den Platz zu wech-
seln, wenn sie es auch nichts weniger als gut hatte; sie war von
jenen, die alle Püffe schweigend hinnehmen.
Der erste, den ihre Blicke beim Eintreten suchten, war Per.
Auch als sie sich umwendete, um wieder hinauszugehen, glit-
ten ihre trüben Augen fast streichelnd über Pers Wangen. Er
wußte es offenbar, schaute aber absichtlich nach einer andern
Richtung.
Die Leute saßen in einem hufeisenförmigen Rund um
das untere Ende des Tisches; Jens Laanum nahm nicht an
der Mahlzeit teil. Es wurde nicht viel geredet. Das Fettloch
senkte sich immer tiefer, dank den unzähligen Stößen von al-
len Seiten. Der Brei schwand wie Tau vor der Sonne.
Es konnte den Blicken nicht entgehen, daß zwischen Franz
Dangaard und seinen Tischgenossen sich zu beiden Seiten
ein größerer Raum einschob. Franz war dieses Abrücken ge-
wohnt, er kannte die Ursache wohl und hatte nichts dagegen
einzuwenden. Sobald alle die Löffel weggelegt hatten und so
viel Platz geworden war, daß man hindurchkommen konnte,
ging Franz gebeugt und eilig aus der Stube.
»Jetzt geht er, der Deibel soll mich zerreißen, ihnen ein
Nachtquartier schaffen,« bemerkte das Gneisel.
»Wem denn?« fragte Line, die Gneis’ Bildersprache nicht
verstanden hatte.
»Den Läusen natürlich! Wie ich früher herein bin, ist er ge-
standen und hat sich an der Hausecke den Rücken gescheuert,
akkurat wie ein räudiger Hund.«
»Der Arme,« sagte Line.
Franz kam wieder in die Stube.
»Hast du einer jeden schon ihren Platz geschafft? Ha, ha, ha,
ha!« lachte Gneis, indem er sein ungewaschenes Maul allen
ringsumher zukehrte.
»Ach, kannst du mich nicht gehenlassen; ich wüßt nicht,
daß ich dir je was in den Weg gelegt hätt,« versetzte Franz,
mit den grauen Augen von unbestimmbarem Ausdruck nach
einem Platz spähend, so weit weg als möglich von den übri-
gen.
»Geh, Gneis, hast nicht genug an dem Deinen?« mahnt Per.
»Nein, wahrscheinlich will er den Flotten spielen, weil er
auch von der Gemeinde beteilt wird,« erklärte Sophie. Bei
dem Worte »auch« blickte sie spöttisch zu Mette hin.
»Ach, mach dich nicht so mausig, Gevatterin,« entgegnete
Gneis, »denn was nicht ist, das kann noch werden.«
»Da wird jedenfalls noch eine Weile darüber hingehen, ehe
wir von der Gemeinde etwas nehmen! – Nicht wahr, Jens?«
»Ja, Weib!« gab Jens vom andern Ende des Tisches zurück,
wo er noch immer mit seinen Hämmerchen und Kneip-
zangen klirrte und die Luft über die Lippen explodieren ließ.
»Wer sucht aber auch ein Korn in dem, was der Gneis sagt?
Vornehmlich redet er allweil zu viel. Es ist bei ihm wie bei der
Uhr da, am Schlagwerk fehlt’s. Es meint eins, aber schlagen
tut’s zwölf.«
Diese Antwort lohnten die andern mit einem Lachen, in
dem das Gneisel rettungslos unterging.
Nun trat eine peinliche Stille ein. Da man sich auf der gan-
zen Linie gegenseitig beleidigt hatte, war es nicht mehr mög-
lich, den Faden des Gesprächs wieder anzuknüpfen.
»Wo nur der Bauer bleibt?«
Einige begaben sich an den Herd zu Dorre hinaus. Der alte
Ywer duselte in der Bankecke. Jens Laanum klirrte mit seinem
Werkzeug. Per verfiel in Nachdenken.
Es kam ihm in den Sinn, was Doktor Koldkur über
Menschenvergeudung gesagt hatte. Alle die Armen, die ge-
bückt und geknickt dasaßen in der Hoffnung, doch etwas
Taglohn, und sei er noch so gering, zu erhalten, waren sie
nicht jung und mutig wie er selbst gewesen? Sie hatten neue,
anständige Kleider besessen und waren jeder einzelne in ih-
rem Kreise geachtet gewesen. Wie dieser Franz da, der sich
kaum eine Sekunde stillhalten konnte, weil seine Haut von
Ungeziefer zernagt wurde; war er nicht einer der Flottesten un-
ter ihnen allen gewesen, ging mit Silberkette auf der Weste und
Gehängsei an der Uhr, die Hosen in hochschaftigen Stiefeln
mit blankgewichsten Stulpen? Wo wäre die Hofbauerstochter
gewesen, die sich nicht geschmeichelt gefühlt hätte, von
Franz zu einem Tanz aufgefordert zu werden, und lebte die
Geschichte nicht noch immer in der Erinnerung aller Alten,
wie ein vornehmes Fräulein auf Sölsig über Hals und Kopf
nach Seeland unter die Aufsicht besorgter Verwandter gesen-
det werden mußte, weil der flotte Tischler ihr den Kopf ver-
dreht hatte?
Was für eine teuflische Macht war es, die langsam – lang-
sam – wie mit einer Walze sein Glück sowohl wie das der an-
dern zermalmt hatte?
War er, Per, vielleicht auch im Begriff, in solch ein Räderwerk
hineingezerrt zu werden? Sollte sein Leben nur eine schale
Wiederholung des ihren werden? War nicht alles darauf an-
gelegt: die Armut, die Schlaffheit, die Hoffnungslosigkeit? Es
war, als läge ein Fluch auf dem ganzen dienenden Stande. Ein
einziger Unfall in den langen Arbeitsjahren, eine Hand in ei-
ner Maschine, der Hufschlag eines Pferdes, der Sturz von ei-
nem Balken, und das ganze Leben war im Nu hinabgezogen
in den reißenden Wirbel von Schande und Untergang.
Per wurde diesen düstern Gedanken durch den plötzlichen
Eintritt Hans Nielsens entrissen.
»Grüß Gott, Jens,« sagte er, sich an den Uhrmacher wen-
dend. »Na, hast du dich über die Uhr hergemacht? Wir haben
schon lange rechts und links nach dir ausgeschaut. Man sieht
dich doch auch bald wieder?«
»Gewiß, ich kann heut abend noch nicht fertig werden.«
Hans Nielsen wendete sich nun zu den Kartoffelleuten.
»No, hat euch die Magd das Nachtessen gebracht?« fragte
er.
»Ja, danken schön!« scholl es ringsumher aus den Winkeln.
»Was wird’s denn aber jetzt mit dem andern sein? … Mit der
Zahlung mein’ ich,« sagte Hans Nielsen und sah sich fragend
um. Da niemand antwortete, fügte er hinzu: »Was habt ihr
denn anderwärts gekriegt, wo ihr gewesen seid?«
»Ja, das ist ja ganz verschieden, danach wie die Leute selber
dran sind,« erwiderte Wolle Skajbæk.
»Es war ein langes Tagwerk und eine garstige Arbeit,« be-
merkte Per, um den Kartoffelgräbern zu Hilfe zu kommen.
»Was, garstige Arbeit!« wiederholte Hans Nielsen, indem er
Per einen finstern Blick zuwarf, »wo sie dabei liegen und aus-
ruhen können.«
»Na, die Ruh, die möcht ich wahrhaftig dem ersten besten,
der sie haben mag, weiterverehren,« versetzte die Galopp-
Sophie.
»So rückt heraus damit, was ihr meint, das euch zukommt!«
sagte Hans Nielsen zornig.
»Das ist ja doch nur, wie du dich selber ehren willst, Hans
Nielsen, wahr und gewiß,« versetzte Wolle Skajbæk.
»Du, Wolle, hast ja außerdem auch noch einen Tag bei mir
in der Scheune ausgeholfen,« meinte Hans Nielsen, »aber du
wirst dich erinnern, daß du auch wieder im Sommer einmal
eine Viertelmetze Gerste für deine Hühner bekommen hast.«
»No,« antwortet Wolle, »ich hätt gemeint, das war lang aus-
geglichen, weil ich ja auch bei dir im Torfmoor mit dabei
war.«
»Ausgeglichen? Hast denn nicht deine Zahlung gekriegt,
apart für’s Torfmoor?« fragte Hans Nielsen.
»Ja, für den einen Tag wohl, aber ich war gute anderthalbe
drin.«
»Ja weißt du, das hab ich anders gemeint, die Zahlung war
für’s Ganze,« gab Nielsen zurück.
»No, jaja, Hans Nielsen, darüber wollen wir uns wahrhaftig
nicht veruneinigen, aber wie ich sag: es ist ganz nach dem, wie
du dich selbst ehren willst.« Damit war die Sache mit Wolle
geordnet.
»Dir, Gneis, wird man wohl nicht extra was bezahlen brau-
chen,« fand Nielsen – »es war’ denn, du hast die gewisse
Buddel Branntwein im Konsum auf Borg genommen,« fügte
er lachend hinzu.
»O, da kam man schön an. Ohne Geld kriegt man doch nir-
gends was als Geschrei und Getu,« entgegnete Gneis und spie
voll Ingrimm aus.
»Du kriegst doch so, was du brauchst, von der Kommune.«
»Freilich, freilich; aber es tat einem doch auch manchmal
wohl, einen eigenen Pfennig zu haben.«
Hans Nielsen überhörte gänzlich den von Gneis aus-
gesprochenen Wunsch und fuhr fort:
»Und du, Franz, ja du weißt doch, daß du dich in meine
Scheuer legen kannst, wann du nur willst; jetzt kennst du ja
schon – wenn man so sagen darf – die Lokaler; und die Tür
steht auch alleweil offen, so weiß ich nicht ob – hehe.«
»Hm, nei – n; hm, nei–n; ich muß nichts – ä – ich muß gar
nichts haben für den Tag Arbeit, das ist ja nicht der Rede wert,«
sagte Franz und schüttelte sich in seinem dünnen Kittel.
»Jetzt zu dir, Mette,« sagte Hans Nielsen, »du möchtest wohl
gern eine Kanne Milch für die Kinder mit heim haben; und
auf eine Metze Erdäpfel, wenn der Acker umgepflügt wird,
soll’s auch nicht ankommen, wenn du dir sie hinterm Pflug
selbst auflesen magst.«
»Ja, ich dank schön; da könnt ich weiter nicht klagen,«
meinte Mette, »wenn’s nur nicht geht wie voriges Jahr, wo sie
so lang in der Erde geblieben sind, bis sie wurmig waren, daß
sie nicht einmal die Schweine gemocht haben.«
»Aber da bist ja jetzt du, Sophie! Wie sollen wir zwei es
miteinander halten?« bemerkte Nielsen in dem Gefühl, daß
es hier an den Beutel gehen würde, da sich Sophie als die
Unabhängige fühlte.
»Ja, ich will, hol mich der Teufel, meinen Taglohn haben!«
erklärte Sophie.
»Das versteht sich,« versetzte Hans Nielsen, »den haben doch
die andern auf ihre Weise auch bekommen.«
»Nein, das gilt bei mir nicht; ich will bar ausgezahlt sein,«
betonte Sophie mit starkem Kopfnicken.
»Na, wer hat denn auch was anderes gesagt?« beschwichtigte
Nielsen. »Bist du zufrieden mit fünfundsiebzig Öre?«
»Nein, Gott bewahre!« sagte Sophie. »Wenn ich nicht meine
Krone dafür haben soll, daß ich den ganzen langen Tag da-
liegen und mich schinden und auf der Erde herumrutschen
tu, so rühr ich mich überhaupt nicht aus dem Haus; das hab
ich schon oft zum Jens gesagt; da bleib ich daheim bei meiner
Weberei; da weiß man doch, woran man ist, und sitzt wenig-
stens trocken.«
»Du bist aber schon bald grad so teuer wie ein Mannsbild,«
versetzte Nielsen, indem er mit einem Seufzer das Kronenstück
hervorzog. Die andern blickten mit langen Hälsen nach, wie
es über den Tisch seinen Weg zu Sophie nahm.
Nun war die Reihe an den alten Ywer gekommen.
Außer seinem bißchen Taglöhnerarbeit versah er auch noch
die eines Wegräumers, der, von der Gemeinde angestellt, für
eine oder zwei Mark* des Tags mit der schweren Schaufel die
meilenlangen Wege im ärgsten Kot und Schlamm abging, um
die ausgefahrenen Geleise mit Schotter auszufüllen.
Das hätte, schien es dem alten Ywer, am Ende nicht so viel
zu sagen gehabt, wenn man nur die paar armseligen Schillinge
auch gleich bekommen hätte, nachdem sie verdient worden;
aber zumeist mußte er zwei- und dreimal vergebens rennen,
bevor es dem gebieterischen Herrn Gemeindevorsteher gefiel,
mit dem Geld herauszurücken.
»Na, Ywer, du hast jetzt zugeschaut, wie die Sophie mir zu-
gesetzt hat, soll man vielleicht auch von dir ausgebeutelt wer-
den?«
»Nein, nein, gewiß nicht, Hans Nielsen,« sagte Ywer, die ro-
ten Augen trocknend.«

*
Eine dänische Mark galt damals etwa 35 deutsche Pfennige.
»Von wegen dem einen Tag, da red ich gar nicht weiter. Aber
du wirst wohl wissen, daß ich schon etlichemal bei dir gewe-
sen bin wegen dem Weggeld – ich hab es ja schon die gan-
zen letzten drei Monate nicht gekriegt – und wir haben bald
schon keinen Bissen Brot mehr daheim; auch für’s Schwein
hätt ich gern ein paar Körner Mais gekauft, und auf Borg,
da gibt ja niemand was her. Wenn du mir vielleicht nur zehn
Kronen derweil geben möchtest, so könnt das andre für später
stehen bleiben.«
»Kommst du schon wieder mit deiner ewigen Quengelei
wegen dem Weggeld,« versetzte Hans Nielsen. »Das sind
doch Gemeindesachen; und was hat der Quark mit mei-
nen Erdäpfeln zu tun? Ich hab’s dir doch schon gesagt, da-
für muß immer Vorsorge getroffen sein, daß Geld da ist für
die ›laufenden Ausgaben‹, und das geht wahrhaftig nicht an,
die Gemeindekasse auszuleeren, daß sie dann blank ist bei
,unvorhergesehenen Fällen’. Da gibt’s mehr als einen, der viel
länger warten muß als du. Ihr kleinen Leute, ihr glaubt, die
Administration, die geht wie’s Haar aus der Butter, aber das
ist wahrhaftig nicht nur so, die Gemeinde aufrecht zu halten.
Ihr habt keine Steuer und müßt nicht herhalten, aber ganz
was anders ist’s, wenn man dasteht und die Verantwortung
trägt.«
Bei diesen Worten reckte Hans Nielsen seinen Bauch über
den Tisch zu dem armen Wegräumer vor, steckte die Daumen
in die Armlöcher der Weste und trommelte heftig mit den
langen Fingern auf seinen Brustkasten.
Doch nun kochte der Zorn in Pers Brust, und unversehens
fuhr ein heißer Strahl Hans Nielsen ins Gesicht.
»Das ist doch bei Gott das Erbärmlichste, was mir mein
Lebtag noch vorgekommen ist! Eine reiche Bauerngemeinde,
und will einem armen Teufel von Straßenräumer seinen
elenden Taglohn nicht auszahlen, sondern läßt ihn den lan-
gen Weg ein über’s andremal rennen, obwohl ihm die paar
Schilling so leicht gezahlt werden könnten wie man sich ein
Haar wegzupft. Das begreif ich nicht, daß Ihr Euch nicht in
den Hals hinein schämt; denn das ist doch so lumpig, daß je-
der rechtschaffene Mensch sich umdrehn und Euch anspuk-
ken muß! Ihr verdient, beim Henker, daß man Euch in die
Zeitung setzt.«
Hans Nielsen war feuerrot geworden.
»Hör du, mein Lieber, mir scheint, du vergißt, wo du bist und
wer du bist. Vorderhand bist du noch nicht drin im Gemein-
derat; dazu wird’s vielleicht noch eine Weile brauchen. Wir
pflegen vorderhand keine so Grünen zu nehmen. Und jetzt
möchte ich dir raten, dir ein wenig eine Bremse anzulegen.
Denn hier bin ich Herr im Haus, du – – – Gemeindejunge!«
»Pfui Teufel, großschnäuziger Protz!«
»Was hast du gesagt?« Hans Nielsen pflanzte seinen braun-
roten Bart dicht vor ihn hin, warf sich aber dann kurz auf sei-
nem Absatz herum und ging, steif wie eine Bildsäule, in sein
Schlafzimmer.
Gleich darauf kehrte er zurück und schmiß mit einer ver-
ächtlichen Handbewegung vier Zehnkronenscheine dem
Straßenräumer vor die Nase.
»Sei so gut und quittier!«
»Nein, Hans Nielsen, wenn es so in einem Zorn ist, daß du
mir sie geben tust, da mag ich sie heut gar nicht haben, gar
keine Red,« beteuerte der alte Ywer, »da schau ich lieber, daß
ich mich noch eine Weile so behelf.«
Hans Nielsen sagte kein Wort weiter, sondern begann die
Quittung auszufertigen. »Setz da deinen Namen her,« sagte er,
gebieterisch auf das Papier deutend.
»Nein, wie ich sag, Hans Nielsen …«
»Willst du sie haben oder willst du sie nicht haben?«
Ohne weitere Einwendungen zu wagen, umfaßte der alte
Ywer den Federstiel wie eine Leimstange und schrieb.
Schweigend und umständlich und unter vielen scheuen
Seitenblicken nach dem Vorsteher hin legte der Straßen-
räumer die Scheine zusammen und ließ sie in den schlotteri-
gen Beutel verschwinden.
Nun war nur noch Line übrig. Während der letzten be-
wegten Szenen hatte sie gehustet, daß ihr die Rippen krach-
ten. Woher sollte sie nach dem, was hier vorgegangen war, den
Mut nehmen, mit ihrer Bitte herauszurücken? Und anderseits
hatte sie es Anders so fest versprochen, sie vorzubringen, daß
sie sich daran wagen mußte.
»Na, jetzt hat also ein jedes, was ihm zukommt!« bemerkte
Hans Nielsen und machte Miene, die Stube zu verlassen.
»Vergißt du nicht die Line da?« sagte nun Sophie. »Sie hat
doch auch ihren Strich Acker durchgegraben.«
»Na ja, kann sein, daß – –?«
»Nein, dafür, da will ich gewiß nichts verlangen. Aber um
was andres tat ich dich recht inständig bitten, Hans Nielsen.«
»Hab’ mir’s gedacht,« entgegnete dieser.
»Ich trau mich gar nicht damit heraus. Es ist meist wegen
dem Anders. Er ist ja arg zugerichtet, der Arme, und es wird
wohl noch viel Zeit hingehen, bevor er wieder was verdienen
kann. Jetzt ist’s schon die neunte Woche; es ist recht streng
für uns, ja gewiß! Daß er auch nicht einen Funken Hilfe von
keiner Seite hat haben können, wo ihm doch die Hand zer-
quetscht worden ist, das will einem gar nicht eingehn.«
»Ja, solche Sachen gehen nach dem Gesetz!« warf Hans
Nielsen ein.
»Das tun sie freilich wohl,« gab Line zu und hustete herz-
zerreißend. »Aber schon vierzehn Tage haben wir keinen
Löffel Zuspeise im Haus gehabt, und hätt man nicht die Kuh,
man müßt hin werden. Eine ganze Familie aber, die kann
doch nicht allein von der Kuhmilch leben; und der Bäcker
will jetzt auch nichts mehr auf Borg geben. Und der Anders
fällt gradzu ab, daß es ein Jammer ist mit anzusehen, er, der
doch inwendig nicht krank ist. Ich will nicht von mir und
den Kindern reden; denn die eine, die in die Schule geht, hat
schon nicht so viel wie ein Lot Fleisch auf den Knochen. Ach
Jesses, wie es uns schlecht geht hinten und vorn. Ja, so lang er
seine Hand hat brauchen können, der Anders, da war’s ganz
was andres; denn das ist wahrlich nicht seine Art, müßig zu
sitzen. Aber was soll so ein Unglücklicher anfangen? Die paar
Kronen, die ich verdien, ich armes, krankes Mensch, die lan-
gen nicht weit. Und da hab ich dich also bitten wollen, Hans
Nielsen, ob du uns nicht ein klein wenig Hilfe könntest zu-
kommen lassen in der harten Zeit, damit man nicht geradezu
drin ersäuft.«
Line hielt einen Augenblick inne und schaute zu dem
Gemeindevorsteher auf, indes ihre Tränen auf die Kanten ih-
res ausgefransten Kopftuches niederrannen.
»Ja, Hilfe, was meinst du denn?« warf der Vorsteher ein,
»wollt ihr jetzt vielleicht Unterstützung von der Gemeinde?«
»Nein, nein, Hans Nielsen, das will der Anders in keiner
erdenklichen Art; nein, davon will er nichts wissen, das hat
er mir oft genug gesagt, eh ich fortgegangen bin, daß ich die
nicht und nicht anrufen darf. Aber die freie Armenkasse – ich
weiß freilich wohl, es gibt so viele, die sie brauchen, die gibt’s
ja jederzeit. Gott besser’s – aber könnt nicht doch noch was
mehr für uns abfallen, wenn es noch so wenig war, jetzt, wo
es so schwer für uns ausschaut?«
Die freie Armenkasse war jedoch Hans Nielsens Augapfel.
Es war bei diesem sonderbaren Administrationstalent zur fi-
xen Idee geworden, daß die Mittel dieser Kasse vor allem und
zuvörderst dazu da wären, aufbewahrt zu werden. Er setzte
seinen Stolz darein, den andern Gemeinderäten gegenüber
damit prahlen zu können, wie viele Gelder noch darin lägen
und welche geringe Summe seit der letzten Abrechnung ihm
die vielen armen Bewerber zu entwinden vermocht hatten.
»Wahrhaftig, das ist einer, der aufzupassen weiß auf die
Sachen. Er ist akkurat der Vorsteher, wie er nur sein soll!«
konnte man die Spitzen des Sprengels oft bei den Zusammen-
künften vor der Kirche oder anderwärts äußern hören.
Jeden kleinen Beitrag mußten die Bedürftigen sich sozusagen
mit Blut und Tränen erkaufen. Wie oft hatte Per Kätnerweiber,
die die größte Not litten, schluchzend aus dem Tor treten se-
hen, während Hans Nielsen da drinnen hinter den Fenstern
auf und ab ging und sich lachend die langen Hände rieb bei
dem Gedanken, abermals einen Ansucher aus dem Felde ge-
schlagen und die teure »Freie« ganz und ungeschmälert be-
wahrt zu haben.
Darum richtete er nun seine Schultheißaugen scharf auf
Line und sagte:
»Ja, vorklagen könnt ihr einem alle, eins wie’s andre; aber
wo glaubt ihr, soll das Geld herkommen? Geht vielleicht einer
von euch hin und füllt die Kasse an, wenn man dasteht und
alles leer ist? Aber so geht’s allemal, wenn ihr was von einem
wollt, da wißt ihr einen gleich zu finden, sonst kann man den
Teufel was von euch haben.«
Nun rückte Per abermals ins Feld: »Soviel ich die Line ver-
standen hab, ist’s nicht deine Person, die sie um was angeht.
Dazu ist sie wohl zu klug; aber um einen kleinen Beitrag aus
der freien Armenkasse sucht sie an, die ja, so viel ich weiß,
eine öffentliche Einrichtung ist. Und wer’s weiß, in was für ei-
ner Verfassung die Familie jetzt ist, wird einsehen, daß sie wie
nicht bald einer ’nen Anspruch hat, wenn’s nach dem Rechten
geht.«
Mit Mühe bezwang der Gemeindevorsteher seine Heftig-
keit, indem er erwiderte:
»Möchtst du auch in der Sache dein Wort dazu tun, Ge-
vatter? Wer einen Anspruch hat und wer nicht, das bestimme
ich! Übrigens ist’s nicht mein Brauch, Gemeinderatssitzung
in der Leutestube zu halten und mit Knechten Verhandlung
zu führen.«
Mit diesen Worten reckte sich Hans Nielsen drei Ellen lang
in die Höhe und schritt aus der Stube. In der Tür drehte er
sich um, und indem er noch einmal seinen roten Backenbart
leuchten ließ, sagte er zu Per gewendet:
»Sei so gut und bemüh dich hinein zu mir, bevor du dich
niederlegst.«
Die Kartoffelgräber, die stumme Zeugen des Wortwechsels
zwischen Herrn und Knecht gewesen, polterten nun zu
der Gangtür hinaus. Mit schweren Schritten suchte jeder
auf den durchweichten Wegen im Dunkel das Licht seiner
Hütte auf. Franz Dangaard ging mit gekrümmtem Rücken
über Hans Nielsens dunkeln Hofraum, löste die Haspe der
Scheunentür und vergrub sich unter dem wüsten Anschlagen
des Kettenhundes in sein ungebettetes Lager von Stroh.
Die weinende Line wollte noch hinein und Dorre Adieu sa-
gen, so daß sie mit unter den letzten war.
»Ach, komm einen Augenblick zu mir her, Line,« rief Per, als
sie dem Ausgang zuwankte.
Line kam näher und sah Per in einem alten Lederbeutel
wühlen.
»Da du von meinem Brotherrn nichts gekriegt hast, möch-
test du das von mir nehmen?« sagte er und schob ihr lang-
sam einen Zehnkronenschein über den Tisch hin. »Viel mehr
hab ich selber nicht, aber ich hab doch, Gott sei Dank, noch
meine graden Glieder.«
»Aber Jeses, Per! Der himmlische Vater mag dir’s lohnen,
aber wie kannst du es nur entbehren?«
»Freilich geht’s schwer, der Anders mag mir’s zurückgeben,
sowie er einmal so weit ist, daß er wieder schaffen kann. Aber
ich mein, wir kleinen Leute müssen eins dem andern aushel-
fen, so lang wir können; denn auf anderm Weg bekommen
wir keine Hilfe.«
Jens Laanum hatte – selbst während der bewegtesten
Auftritte des Abends – seine unerschütterliche Ruhe bewahrt.
Während die Stimmen um ihn lärmten, hatte er scheinbar
nur Sinn für den regelmäßigen Gang der Uhr. Wie er nun
dasaß, das Werk hoch in der linken Hand haltend, während
die rechte prüfend an dem Gewichtstrang zog und er mit zu-
rückgeworfenem Scheitel den heller gewordenen Schlägen
lauschte, glich er einem mittelalterlichen Weisen oder dem
Bilde des Nikolaus Kopernikus mit dem Himmelsglobus.
Die Galopp-Sophie war als eine der ersten hinausgegangen;
nun kehrte sie wieder in die Stube zurück und belferte ihren
Mann an.
»Möchtest dich nicht aufs Fortgehen besinnen? Ist es dir
’leicht lieber, wenn ein jedes allein den Weg ins Stockfinstere
hinausstolpert?«
Jens stellte die Uhr in den Bankwinkel weg, schlang den
Ranzenriemen über die Achsel und erhob sich.
Bevor er die Stube verließ, ging er zu dem Platz hin, wo
Per saß, schüttelte ihm kräftig die Hand und sagte mit ver-
traulichem Nicken:
»Gute Nacht, Per! Jetzt hab ich gesehen, daß du einer von
meinen Leuten bist.«
Per sah ihm verwundert nach.

Als die Stube leer geworden war, ging Per ins Schlafzimmer
zu Hans Nielsen hinein. Der saß mitten in einem Gewirr von
Zirkularen, Bekanntmachungen, langen blauen Kuverts und
dicken, fettigen Protokollen mit abgestoßenen Ecken »und
den Abdrücken ungewaschener Hände.
Hans Nielsen war eifrig damit beschäftigt, in einer kleinen
Gesetzessammlung zu blättern, die in schmutziggelbem Um-
schlage vor ihm lag. Als er Pers ansichtig wurde, räusperte er
sich und sagte kurz:
»Du hast deine Kündigung vom ersten November.«
»So –o!« erwiderte Per. »Da gibst du mir aber eine kurze
Frist, Hans Nielsen! Ist das auch ganz, wie sich’s gehört?«
»Hab mir’s gedacht, daß du das sagen wirst; aber die Frist
ist mehr als lang genug für dich,« bemerkte Nielsen, »denn
ich könnte dich heute abend noch vom Hofe jagen, wenn
ich wollte. Und das wäre nur dein verdienter Lohn gewesen.
Willst du’s hier schwarz auf weiß sehen? Das sind hier näm-
lich die Worte des Ge-se-tzes, wonach ein jeder sich zu richten
hat.« Hans Nielsen schlug mit dem Handrücken auf das vor
ihm liegende fettige Heft:
»Willst du dich selbst überzeugen, ob ich dir nicht was vorlüge
oder vorschwatze, so komm nur her, mein Bester. Was steht
da? Paragraph siebenundvierzig, vierter Absatz von unten auf:
Wann Dienstboten ohne Kündigung entlassen werden können:
Wenn sie sich Handgreiflichkeiten oder grobe beleidigende
Äußerungen gestatten gegen den Dienstherrn, seine Familie
oder irgend usw.Wünschst du noch klarere Bescheinigung?«
fragte Hans Nielsen.
»Ja, es war nicht ohne, wenn du mir eine Aufklärung geben
tatst, auf was für eine Art ich Handgreiflichkeiten gegen dich
angewendet hab,« erwiderte Per.
»Nein, so weit bist du noch nicht gekommen; obgleich dir’s
am Willen dazu wahrscheinlich nicht gefehlt hat! Aber »groß-
schnäuziger Protz!« Du hast dir vielleicht eingebildet, ich tät’s
nicht hören, aber mir fehlt nichts am Gehör. Hast es auch
recht vernehmlich, ganz schön laut gesagt. So was laß ich mir
nicht gefallen von Dienstleuten, jetzt weißt du’s! Dann hast
du auch – ohne mich erst um Erlaubnis zu fragen – angefan-
gen, das leidige Arbeiterblatt einzuführen, das jetzt hier in der
Gegend in Schwung kommt. Solche Burschen aber, die kann
ich auf meinem Hof nicht brauchen.«
»Hab ich nicht das Recht, mir ein Blatt zu halten, wenn
ich’s mit meinem eigenen Geld bezahl? Kannst du mir nicht
auch den Paragraphen zeigen?« versetzte Per aufgebracht.
Hans Nielsen machte mit seiner langen, sommersprossigen
Hand – eine blaue Krone war darauf tätowiert – eine abweh-
rende Bewegung und sagte: »Ich hab ausgeredet mit dir über
die Sache; du hast den Paragraphen gesehen, und auf Grund
dessen bleibt’s dabei, was ich sage: am ersten November
kannst du gehen! – Und morgen fährst du mit den Braunen
zum Schmied!«

Auf seinem Wege zur Stallkammer kam Per am Brunnen-


trog vorbei und hörte nun im Finstern Dorres schwere Holz-
schuhtritte vor der Waschküchentür. Nach einem sechzehn-
stündigen Arbeitstag war sie noch nicht fertig, sondern
ging immer noch umher und rumorte mit Milchkübel und
Schweinefutter.
Per ging langsam auf sie zu und sagte:
»Zum ersten November soll ich fort.«
Es gab Dorre einen Stich in die Seite. »Aber wie kann das
nur sein?«
»Es ist mir heut abend aufgesagt worden.«
»Dann mag ich auch nicht länger da sein,« erklärte Dorre.
»Aber hast du dich nicht auch schon für’s nächste Jahr ver-
dungen?«
Bei diesen Worten war ihr, als ob der Kummer sich mit
schweren Schatten auf sie herabsenkte.
»Das halt ich nicht aus!« klagte sie und ging schluchzend in
ihre Kammer unter der Treppe. Hier stand sie lange halb aus-
gekleidet mit einem Docht in der einen und einer Photographie
von Per im Soldatenrock in der andern Hand, wobei ihr die
Tränen um die Wette über die groben, grauen Wangen liefen.
AM TOTENBETTE DES KRÄMERS

Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang lud Per Pflug und


Egge auf den Wagen, spannte die beiden Braunen vor und
fuhr aus dem Hofe.
Als er in den Nachbarort kam, hielt er am äußersten Ende
des Dorfs vor dem Häuschen, in dem Kræn Lybsker wohnte,
sprang mit einem Satz vom Leiterwagen, machte den Strang
des Handpferdes los, schlang den Zügel um die Radnabe und
ging hinein.
An der Schwelle schlug ihm der atemraubende Geruch
einer von Ausdünstungen aller Art geschwängerten
Krankenstubenluft entgegen. Der Fußboden war übersät mit
halb ausgekratzten Töpfen, Pfannen und Tellern, die dem
Kranken von der Decke herabgeglitten waren und nun mit
ihren Speiseresten zu seinen Füßen kollerten. Per mußte über
all das hinübersteigen, um zu seinem kranken Freunde zu ge-
langen.
»Guten Tag, Kresten,« begrüßte ihn Per, als er endlich vor
dem Bette stand.
Der Krämer kehrte ihm mit Beschwerde sein eingefallenes,
mit Stoppeln bedecktes Gesicht zu und sagte, die glanzlosen
Augen auf ihn richtend: »Guten Tag; du bist’s, Per! Ist das
aber schön von dir, daß du kommst, nach mir armen Teufel
zu schauen. Ei ja, wahrhaftig, recht, recht schön ist’s von dir.
Kannst dir nicht einen Sessel finden? Denn ich kann dir
kein – – kann dir nicht« (er versuchte ächzend sich umzu-
drehen) – – zu einem verhelfen, du Guter!«
Per hatte sich schon einen Sitz ausfindig gemacht; doch jetzt
kommt ein zerzaustes rotes Hündchen zu Füßen des Alten
zum Vorschein; es steigt über die Federdecke und bellt, daß
sie kippt und wippt.
»Na, na, na, Karo! Sei still, sei doch still! Es sind gute Leute,
die, wo jetzt kommen, lauter gute Leute!« beschwichtigt der
Krämer und fährt fort: »Nein, wie mich das freut, daß ich
dich seh, Per!«
»Wie geht’s dir denn, armer Kresten?« erkundigte sich Per
mit einem mitleidsvollen Blick; er war etwas ängstlich gewe-
sen, die Frage zu stellen.
»Ach ja, jetzt wird’s wohl ausspannen heißen. Aber ich mein
auch, ich hätt’ lang genug das Rad in den Furchen gehalten.«
»Oh, du wirst dich schon noch zusammenklauben,« ver-
suchte Per zu trösten.
»Nein, es ist der Tod, sicher und gewiß; bin auf nichts and-
res gefaßt. Aber sei’s, wie’s wolle; ich bin bereit, bin niemand
nichts schuldig; jeder hat das Seine bekommen. Bin doch auch
schon alt, hab ja meine schönen Tage gehabt, hab nicht zu
klagen, hab früher immer zufrieden sein können. Nein, wenn
man so lang und frohgemut gelebt hat wie ich, so darf man
nicht murren, wenn’s zum Sterben geht. Aber leugnen mag
ich’s nicht, wie ich jetzt im Sommer sodagelegen bin auf mei-
nem Lager und draußen die Vögel hab singen hören, da hab
ich so bei mir gedacht, es war doch schön gewesen, noch ein-
mal zu sehen, wie die Saat steht. Ich weiß wohl, daß nicht ein
Strohhalm davon mein war, aber eine Freude zum Anschauen
ist’s dessentwegen doch! Und wie sie dann das Schneiden an-
gefangen haben und ich hab hören können, wie sie die Sensen
dengeln, da hab ich zu mir selber gesagt: Kresten, sag ich –
jetzt ist’s das letzte Jahr, daß du eine Sense dengeln hören
wirst! – Aber was, einmal muß ja das letzte sein; niemand
kann doch bis ans End der Tage leben!«
»Und wer hilft dir jetzt mit der Abwartung und versorgt dir
dein Essen und sonst was?« fragte Per.
»Ja, damit, da steht’s freilich recht erbärmlich; es kann ei-
nem schon recht öd werden, so eine Woche nach der andern
dazuliegen. Denn so gut sie wahrhaftig sind, die Leut, es muß
doch ein jedes seinem Geschäft nachgehen. Und ich kann
mich ja nimmer recht selbst regieren, und manchmal hapert’s
dann freilich auch mit dem Kaffee und mit dem Essen; denn
alles vertrag ich ja nicht mehr, ich arme Haut. Aber gut sind
die Leut, wahrhaftig; bald kommt der eine zu meiner Tür her-
ein und bald der andre; ich darf nicht klagen. – Ja, jetzt sind’s
wohl schon gute zwei Tage, daß niemand da war!«
»Aber Jeses, was du nicht sagst! Ganze zwei Tage war nie-
mand bei dir; woher hast du denn was zu essen genommen?«
»Eh sie fortgehn, bitt’ ich sie immer, sie möchten es so nah
zu mir herstellen, daß ich danach langen kann.«
»Kann ich dir vielleicht was hergeben, eh ich geh?«
»Nein, ich hab ganz und gar reinen Tisch gemacht, das letzte
hab ich gestern Mittag aufgezehrt.«
»Und nichts hast du seither gehabt? Wann kommt denn jetzt
wieder wer zu dir?«
»Das weiß ich wahrhaftig nicht, liebster Per,« sagte er leise,
»wann unser Herrgott will.«
Kurz darauf fügte er hinzu: »Aber wegen meiner hat’s weiter
nichts auf sich. Ich hab gelernt, mich gedulden. Es tut mir nur
um den armen kleinen Hund da leid, wenn er so hungrig ist;
denn warum soll er drunter leiden, daß ich krank bin?«
Das rote Hündchen hatte sich über die Decke zu Krestens
magerer Hand hingearbeitet, die es winselnd zu lecken be-
gann.
»Bist hungrig, mein Karo!« sagte Kresten, ihm zärtlich den
Kopf streichelnd. Der Hund winselte und leckte noch hefti-
ger.
Per verließ einen Augenblick das Zimmer. Er müßte nach
den Pferden vor dem Tor sehen; in Wahrheit hatte er – der
doch an mancherlei gewöhnt war – den schrecklichen Ge-
ruch da drinnen nicht länger aushalten können. Als er zu-
rückkehrte, hatte er seinen Eßkorb in der Hand. Er entnahm
ihm einen Pack Eßwaren, die er aus dem Papier wickelte und
dem Krämer reichte.
»Nein, Per, Per, gibst jetzt mir deine Zehnerspeis. Geh, be-
halt doch was für dich selber.«
Der Alte begann heißhungrig zu essen; jeden zweiten Bissen
gab er dem Hund und fühlte sich nun wieder weit frischer.
»War das ein guter Imbiß! Was besser’s hätt’st mir gar nicht
mitbringen können. Ach, die Leute sind gut zu mir. Weißt
du, ich hätt’ ja gut eine kleine Hilfe von der Gemeinde in
Anspruch nehmen können wie so viele andre, aber das will ich
nicht für die kurze Zeit, die ich noch da zu sein hab. Ich hab
immer selber zurechtkommen wollen; braucht eines nieman-
dem Dank zu sagen.«
Per drängte sich der Gedanke auf, mit welch blutigen Opfern
der Arme sich oft seine Selbständigkeit erkaufen mußte.
Nun fiel ihm eine Art Fahne auf, die sich neben dem
Kopfkissen des Krämers befand.
»Wozu brauchst du denn das, Kresten?« sagte Per, auf den
Gegenstand, ein geblümtes Tuch, das an den Stock des Alten
festgeknüpft war, deutend.
»Oh, das war, weiß Gott, eine rechte Komödie, die ich
den Sommer ausgeheckt hab, wie ich so dalieg und kann’s
schier nimmer aushalten vor Fliegen, die sich mir ringsum
ins Gesicht setzen. Auf die Hand haben sie nimmer acht ge-
habt, aber das hier haben sie doch respektieren müssen!« Der
Krämer fächelt hin und her mit seiner sonderbaren Flagge.
Eine kleine Pause entsteht. Kresten hat seine magere Hand
um die altväterische Bettquaste gelegt, die von der Decke vor
seinem Kopf herabhängt; seine dünnen Finger gleiten durch
die zerzauste Troddel an dem langen Bande, deren viele grelle
Farben der Schmutz in eine hat verschwimmen lassen.
»Ich hab grad an was gedacht,« sagte der Krämer, indem er
sich mit Hilfe der Bettquaste etwas aufsetzte. »Wenn ich jetzt
sterb, so möcht ich gern, daß du ein kleines Andenken von
mir hättest. Und da steht dort mein Kramkasten, der mir so
treulich gedient hat all die Tag, wo ich straßauf, straßab mar-
schiert bin, mir’s Brot zu verdienen. Ich möcht ihn nicht gern
so ganz beiseit geschmissen sehen. Willst du ihn nehmen, so
soll er niemand anderm gehören als dir. Und kriegst du ein-
mal Kinder, so können sie ihn ja als Spielzeug benutzen. –
Dann ist noch was, um das mir’s geht. Den armen Hund da,«
er deutete auf das kleine Tier, das auf der Decke umherspa-
zierte und nach den letzten Brosamen schnupperte.
»Wenn ich hin bin, dann werden sie ihn ja umbringen. Aber
ich möcht gern, daß du es tätest. Sie sind manchmal so roh,
die Leute, wenn sie an so was sollen. Und so ein kleines Vieh,
das früh und spät bei einem gewacht hat, wenn man fast von
allen andern vergessen war, das gewinnt man lieb mit der Zeit.
Und was du auch damit machst, ob du’s aufhängst oder er-
tränkst, so bitt’ ich dich, Per, daß du ihm einen leichten Tod
bereitest.«
Per gab dem Krämer das Versprechen; der Krämer fuhr
fort:
»Ich furcht, ich halt dich auf, daß du nachher von deinem
Dienstherrn einen rechten Putzer kriegst. Nein, war das schön
von dir, daß du gekommen und in die Tür zu mir geschaut
hast. Mitunter liegt man da und wird ganz verzagt, wenn so
gar keins an einen denkt. Aber man muß ja schon froh sein,
wenn man ohne Schmerzen daliegt. Hab jetzt Dank, Per. Es
gibt nicht viele, die ich so gern gesehen hätt’ wie dich … Ja,
der Roy, der schaut auch ab und zu herein zu mir; er kommt
gern so zur Abendzeit, wenn er vom Handel heimkommt. Es
ist ein gar guter Grund in ihm. –
Und wahrhaftig, auch deine Mutter war da bei mir. Denn ’s
ist nicht zu leugnen, eher zeigen noch die Kleinen einem ein
Herz als die Großen .. . Leb wohl, Per! Und hab Dank für al-
les Gute!«
Und ganz leise fügte er hinzu: »Wenn ich tot bin, wirst du’s
wohl irgendwie erfahren …«
Per stieg in schweren Gedanken auf den Wagen. Das also
war das Ende, das dem frohsinnigsten Manne, den er gekannt
hatte, beschert war: ein langsames Hinsterben in Hunger und
Gestank und Einsamkeit mit einem kleinen zerzausten Hund
auf seinem Bett als einzigem Trost und Leidensgefährten!
In seinem Grübeln über das Schicksal des Krämers hatte
Per einen Augenblick die Zügel vergessen. Das Sattelpferd,
ein tückisches, verschlagenes Tier, benützte nach seiner Ge-
wohnheit Pers momentane Geistesabwesenheit, um mit ei-
nem behenden Schlag des Schweifs den einen Zügelstrang zu
haschen und ihn kräftig mit der Schweifwurzel festzuhalten.
Die Leine auf- und abwärts führend, suchte Per mit einigen
Rucken die Zügel freizumachen, aber das Tier bewahrte sei-
nen Fang, krümmte den braunen Körper und sprang unruhig
auf den klappernden Hufen hin und her, jeden Augenblick zu
bösen Streichen bereit.
Per geriet in Wut über die Tücke des Tiers und ließ seine
Geißel über dessen pochende Weichen hinbrennen. Doch
schon bei dem ersten Schlag warf sich das Roß ungestüm
nach dem Handpferd hinüber, ihm mit dem Steiß einen hef-
tigen Schlag aufs Schienbein versetzend, daß es im Schmerz
einen gewaltigen Satz zur Seite machte, und im nächsten
Augenblick rasten beide Tiere in wildem Galopp dahin.
Per riß und zerrte an dem Strang des Sattelpferds, aber das
verstockte Tier ließ nicht locker, dabei das andere mehr und
mehr pressend, daß es den Lauf beschleunigte. Nun traten
Per die Schweißtropfen auf die Stirn, denn er merkte, daß es
ihm unmöglich würde, die scheuenden Tiere durch eigene
Kraft zu bändigen.
Sie waren die letzten Tage zu wenig aus dem Stall gewesen,
hatten vielleicht auch zu lange vor des Krämers Tür gestanden
und tüchtig gefroren, was sie noch rennwütiger gemacht hatte.
Pflug und Egge flogen hoch auf und schlugen gegen ihn mit
ihren Eisenkiefern, so oft die Räder wider einen Stein stießen,
und das lose liegende Kutschbrett drohte jeden Augenblick
auf den Boden des Wagens hinabzurutschen.
Das Furchtbarste war jedoch, daß dieser sich nun der Stelle
näherte, wo die Straße in starkem Fall sich abwärts senkte
und tief unten zu einer Brücke mit hohem Geländer zu beiden
Seiten führte. Es war, als ob die Rosse den Vorteil, der sich ih-
nen bot, auch verstünden, denn sie kauten noch hitziger an der
Trense als zuvor, ihre Augen brannten, und sie duckten sich
zur Erde wie Katzen vor dem Sprung. Der Wagen folgte unter
Schleudern und Stoßen nach. Pflugschar und Egge wetzten
unter steigendem Getöse ihre schneidigen Zähne, indem sie
Zoll um Zoll durch die Neigung des Fahrdamms immer nä-
her und näher an Pers Rücken herankrochen. Das Kutschbrett
hüpfte wie ein Span unter ihm; die Bodenbohlen scharrten an
seinen Holzschuhen, daß es ihm in den Zehen surrte. Wie
lange würde er verhindern können, daß Pflug und Egge ihn
über das Ortscheit hinüberstießen? – Und die Brücke! die
Brücke! die schmale Brücke mit dem hohen Eisengitter zu
beiden Seiten! Würde die herausstehende Pflugsterz sich nicht
darin verfangen und ihm den ganzen Inhalt des Wagens über
den Kopf schleudern? In schwindelndem Grauen sah er schon
die Egge sich um ihn zusammenklappen und die Sech ihm
die Seite zerfleischen.
Die Pferde waren jetzt völlig sinnlos; das Sausen ihrer
Mähnen und ihr eigenes siedendes Blut peitschte sie vorwärts;
der Schall der Huf schlage, die Wagenstöße und all das knir-
schende Eisen stachelte sie auf, daß sie den jäh abfallenden
Weg hinabflogen, willenlos wie ein Blatt im Sturm.
Leute, die seine Not gewahrten, kamen über Gräben und
Pflugland herbeigestürzt, doch bevor sie die Straße erreichten,
war das scheue Gespann längst vorbei.
Wenn nur die Pferde wie bisher die Mitte des Weges halten
wollten, wenn es nun über die Brücke ging, dachte Per und
zerrte noch einmal mit seinen wunden Händen an dem ver-
fangenen Lenkseil.
»Rrrr!« scholl es ihm hart und scharf ins Ohr; Eisen klirrte
an Eisen, doch nur mit einer kleinen Kante hatte der Pflug
das Gitterwerk berührt. So war denn die Brücke glücklich
passiert, doch gleich wild stürmten die Pferde vorwärts, und
in einer Entfernung von nur einigen hundert Klaftern wür-
den sie den steilen Krusumerberg vor sich haben!
Aber ging dort vorn nicht jemand mit einem Ranzen auf
dem Rücken? Wahrhaftig! Jens Laanum! Wenn der baum-
starke Mensch einen Rettungsversuch wagen würde?
»Hoi! hoi!« schrie Per, noch fünfzig Klafter vom Ziegel-
brenner entfernt.
Jens wendete sich langsam um. Im Nu hatte er den Ranzen ab-
geworfen und ein paar Schritte von der Fahrbahn Aufstellung
genommen. Das Gespann sauste auf ihn zu, daß Staub und
Gerolle und Straßenschlamm wie in einem Nebel um die
Räder auf stob. Mit elastischem, katzenartigem Sprung warf
Jens sich mit seiner ganzen ehernen Kraft auf das Zaumzeug
des Sattelpferds, und mit einem Riesengriff in Mähne und
Nasenbein zwang er das Maul des Tiers zur Erde hinab, daß
seine Knie aneinanderschlugen.
Kaum einen Klafter Wegs weiter, und der Wagen war zum
Stehen gebracht, doch der gewaltsame Stoß hatte Per auf die
Straße hinausgeschleudert; leicht hinkend erhob er sich vom
Kies.
»Du hast mir das Leben gerettet!« stieß er hervor, die innere
Spannung laut herausstöhnend.
»Ja, es hat garstig ausgesehen!« versetzte Jens.
»Wie hast du denn aber nur die Tiere, die wilden, aufhalten
können?« rief Per mit einem bewundernden Blick auf den
Riesen.
»Oh, man ist doch nicht umsonst schon an die zwanzig Jahr
und darüber so was wie ein Tierbändiger,« grinste Jens.
Per verstand, daß er an sein Weib dachte.
Nachdem Wagen und Pferdegeschirr sorgsam untersucht
und Pflug und Egge an ihren Platz zurückgeschoben worden,
stieg Per wieder auf; Jens Laanum nahm auf dem Sitzbrett an
seiner Seite Platz.
»Ich hab einen tüchtigen Preller am Knie gekriegt,« sagte Per,
indem er sich das Bein rieb. »Aber man muß ja froh sein, so
glimpflich davonzukommen, und ich glaub nicht, daß was in
Stücke gegangen ist.« Er griff sich ächzend um die Kniekehle.
»Nein, von so einem Bums auf einen Knöchel darf man
gar kein Aufhebens machen,« stimmte Jens bei. »Ich erinnere
mich, wie vor Jahren, zu der Zeit, wo ich auf Sölsig gedient
hab, einem Knecht die Pferde durchgegangen sind, wie heut
dir, und er förmlich in Stücke gerissen worden ist von der
Egge. Es war grausig anzuschauen.«
»Wohl, es kann einem manches Üble passieren, wenn man
dienen muß; das kann man jetzt wieder einmal bei der Line
ihrem Mann sehen. – Die nichts davon verstehen, die reden
sich gewöhnlich ein, zur Landarbeit da war jeder Tölpel gut,
aber soll man’s sagen, wie’s wahr ist, so ist nicht bald ein Stand
so ausgesetzt und gefährdet wie dem Knecht seiner. Da wird
einer hingestellt zum Viehhüten, lang eh er noch zu irgend
was einen Verstand hat, und muß bald einen stößigen Stier
und bald einen bockigen Widder von Weide zu Weide treiben.
Wächst man heran, kriegt man’s dann mit den Gäulen zu tun;
und so oft man den Platz wechselt, hat man neue unter sich.
Und manchmal sind ganz verfluchte Luder darunter, wie jetzt
das da!« – Per strich mit der Peitsche über das Rückgrat der
Stute, die ungeduldig den Hinterbacken mit dröhnendem
Knall in die Höhe warf.
»Das ist wahrhaftig ein rechtes Schindluder! Kaum daß eins
jemals mit ihr draußen ist, ohne daß einem war, als saß ei-
nem das Leben auf der flachen Hand. Und solche Kreaturen
gibt’s fast in jedem großen Stall. Der Bauer kauft sie oft auf
Spekulation, aber wer das eigentliche Risiko hat, das ist der
Knecht, der mit ihnen fahren muß. – Na, das wären die
Pferde. Aber jetzt gar erst die Maschinen, die heutzutag das
Land überschwemmen und die man bedienen muß, ob man
sich drauf versteht oder nicht. Wie oft kommt man da nicht
ins Unglück. Und dem Bauer, der den ersten besten jungen
Burschen zu einer Maschine hinstellt, mit der er nicht um-
zuspringen weiß und die ihm dann ein Glied wegreißt, dem
darf beileib kein Mensch dafür ein Haar krümmen. Keinen
roten Heller können sie ihm für eine Mutter abzwingen, die
vielleicht ihr einziges Kind muß so verschandelt oder zu-
grund gerichtet sehen. Und von einer Hilfe für den armen
Teufel von irgend einer Seite ist keine Red; höchstens die paar
Schilling von der Krankenkasse, wenn er in eine eingeschrie-
ben ist, sonst kann er ins Loch kriechen und aufs Ganze pfei-
fen. Nein, wie ich sag, so eine Schinderei und ewige Gefahr
und dabei so einen elendiglichen Lohn, das gibt’s nicht bald
wieder bei was immer für einem Stand .. . Prrrr!« rief er nach
kurzem Weiterfahren, indem er sein Gespann zum Stehen
zwang.
»Ih, was hältst du denn da?« fragte Jens.
»Mir ist eingefallen, wie ich an der Stelle da auch einmal
ein Gespann vor dem Durchgehen bewahrt hab.« Und Per
erzählte den Vorfall mit Kild Pejrsen und der Koppel Schafe,
der sich zugetragen hatte, als er zum erstenmal in die Welt
hinauszog.
»Oh, was hat man nicht alles Schlimmes und Hartes durch-
gemacht seitdem!« schloß er und setzte den Wagen wieder in
Bewegung.
»Wie ist dir’s denn neulich mit Hans Nielsen ausgegangen,
denn da war doch gewiß das Feuer aufm Dach,« erkundigte
sich nun Jens Laanum.
»Ich hab die Kündigung für November gekriegt,« erwiderte
Per.
»I, was du nicht sagst! Was hast denn angestellt? Ja, der
Nielsen Hans, das ist ein aufgeblasener Patron; der duldet
nicht, daß eins muckt; und er hat auch alle die Großhänse
auf seiner Seite, weil er sich aufs Knickern versteht. Wenn
der von jedem halben Schilling, den er gibt, noch die Hälfte
herunterbeißen könnt, er tät’s wahrhaftig. Das sind die Leute,
wie die Großbauern sie gern auf den Vorsteherposten sehen,«
meinte Jens.
»Ja, möglich ist’s schon, daß ich zu scharfe Reden geführt
hab. Aber die Galle ist mir aufgestiegen, und in dem Punkt
bin ich ganz meinem Vater nachgeraten; es muß heraus, und
ob man sich noch so schneidet!«
»Wo willst du dir denn einen Platz suchen, jetzt, wo grad der
Winter vor der Tür steht?« forschte Jens.
Per erzählte, welche Pläne er für die Zukunft gefaßt habe;
er wolle keinen festen Platz mehr annehmen, denn das ma-
che seinen Mann immer zu einem Arbeitstier; lieber sich eine
Stube mieten und sich als Taglöhner oder Akkordarbeiter
ernähren. Da bleibe man sein eigner Herr, meinte er, und
nehme nur so viel, als man ertragen könne. Er wisse wohl, daß
dem Taglöhner stets die schwerste Arbeit aufgehalst werde;
um dem aber die Waage zu halten, wolle er sich nach ver-
schiedenen im Wettbewerb ausgeschriebenen Arbeiten um-
sehen, Seebaggerungen, Straßenschotterungen und derglei-
chen. Des Winters würde er sein Brot in einer oder der andern
Dreschtenne finden, des Sommers setze er sein Vertrauen in
die großen Torfmoore, wo selten Mangel an Arbeit war.
Er wollte sich eine feste Arbeitszeit einrichten und dann
die Mußestunden zum Lesen und zur Erweiterung seiner
Kenntnisse benützen; denn die Bücher lockten ihn nach
wie vor; sie feuerten seinen Trotz an und boten ihm in der
Phantasie, was ihm die Wirklichkeit versagt hatte.
Im Alter von etwa achtzehn Jahren hatte er einen ernstlichen
Versuch gemacht, in ein Seminar zu kommen. Der gutherzige
Kild Pejrsen versprach ihm die ersten hundert Kronen. Kild
suchte auch andre dazu zu bewegen, ihm ein Darlehen zu
gewähren, und zwar mit der Begründung, daß Per gar ge-
schickt im Singen wäre – was er ja von seinem Vater hätte.
Auch Gydesen interessierte sich stark für den Gedanken und
versprach, die Sache dem Pastor vorzutragen; doch an diesem
scheiterte sie. Pastor Selig war nämlich der Ansicht, »daß es
wahrlich nicht des Herrn Absicht mit uns Menschen entspre-
che, daß wir hinausstrebten über den sozialen Rahmen, den
sein Finger uns vorgezeichnet.«
Als nun Gydesen ruhig darauf aufmerksam machte, daß
ja auch er das Kind armer Leute sei und nichtsdestoweniger
diesen Rahmen gesprengt und sich erkühnt hätte, die Hand
nach einem erklecklich guten Lehrerposten auszustrecken, er-
widerte der geistliche Herr:
»Ja, aber Sie waren denn doch in einer christlichen Ehe von
gläubigen, achtbaren Eltern geboren; das macht wahrlich ei-
nen bedeutenden Unterschied.«
Und Gydesen, der wohl wußte, wie unmöglich es sein würde,
ohne Befürwortung des Pastors etwas durchzusetzen, sah sich
genötigt, Per mitzuteilen, daß er unter diesen Umständen
nichts für ihn tun könne.
So mußte sich denn Per die Sache aus dem Kopfe schlagen.
Dies und verschiedenes noch erzählte Per Jens Laanum,
bis sie zur Schmiede gelangt waren. Hier trennten sich ihre
Wege.
»Leb wohl, Per,« sagte Jens, »und laß dich weder von Hans
Nielsen noch von seinen Kracken über’n Haufen rennen.«
AUF SÖLSIG

Leichten Herzens zog Per aus Hans Nielsens Hof fort. Nur
um die arme Dorre, die zurückbleiben mußte, tat es ihm
ein wenig leid. Sie waren ja Schulkameraden gewesen, und
der Zufall hatte es gefügt, daß sie unter so ziemlich gleichen
Verhältnissen auf einem Hofe mitsammen dienten.
Unter solchen Umständen kann es kaum anders sein, als daß
ein bißchen Liebe aufkeimt. Sie sprießt so naturgemäß hervor
wie Gras zwischen Pflastersteinen. Worin aber Per eine bloße
nichtssagende Tändelei erblickte, das wurde von der massiven,
schwerfälligen Dorre mit handfestem Ernst aufgefaßt.
Jeder flüchtige Kuß in müßiger Sonntagsstunde, jede ge-
ringfügige Handreichung im Kuhstall oder auf der Wiese er-
schien Dorre weit vergrößert und erregte Hoffnungen in ihr,
an deren Erfüllung Per nicht dachte.
An dem Tage, an dem er fortzog, kam sie herbei, ihm beim
Aufladen seines Kleiderschranks behilflich zu sein. Bei jedem
Schritt, den sie mit dem plumpen, unhandlichen Möbelstück
tat, rannen ihre hellen, Tränen auf die bemalten Türen des
Schranks. So schwere Leute wie Dorre weinen große schwere
Tränen.
Per blinzelte etwas verlegen nach diesen Tränen hinüber.
Wenn man nur schon draußen war aus dem Hof, dachte er
und strich ein Spinngewebe, dick wie ein Tau, von der Rück-
wand des Schrankes weg.
»Hast ja versprochen, du nähst mir an der Weste eine Spange
an; so laß ich die derweil noch da.«
»Ja,« sagte Dorre, schon ein wenig getröstet bei der Aussicht,
ihn bald wiederzusehen.
. »Sonst hab ich jetzt wohl alles mit,« bemerkte er, noch einen
letzten Blick in das häßliche Loch werfend, in dessen Rahmen
sich die letzten Jahre seines Lebens abgespielt hatten und das
ihm nun seinen Stallduft zum Lebewohl nachsandte.
Bei Pers letzten Worten trübten sich die Augen der armen
Dorre aufs neue.
»Wie ich das nur aushalt!« stieß sie schluchzend hervor.
»Geh, red nicht so!« sagte Per. »Jetzt kommt ein andrer
Knecht, der wird ganz gewiß grad so rechtschaffen zu dir sein
wie ich.«
»Wie du’s nur übers Herz bringst, Per, so was zu mir zu sagen.
Du weißt doch recht gut, daß nur du in meinen Gedanken
bist, früh und spät, und kein anderer.«
»Aber hab ich dich denn je gebeten, auf solche Art an mich
zu denken, Dorre?«
»Ach Per, daß du doch immer so hart bist,« klagte Dorre un-
ter einem neuen Tränenstrom.
»Dann ist’s wohl nicht mit meinem Willen,« gab er zurück.
»Aber ich denk mir nur, zuletzt ist man doch am wenigsten
hart, wenn man ehrlich ist.«
Sonderlich viel Worte wurden nicht weiter gewechselt.
Dorre hielt die Schürze vors Gesicht und ging in den Kuh-
stall hinein, um ihrer Tränen Herr zu werden. Per rumpelte
mit seinen ärmlichen Habseligkeiten aus dem Tor hinaus. Als
er eine halbe Stunde später den Schrank vor Roys Tür vom
Wagen hob, waren noch Spuren von Dorres Tränen auf sei-
nem verstaubten Anstrich zu gewahren.
So war denn Per nun gewissermaßen sein eigener Herr ge-
worden. In einer einfachen Dachkammer in Roys Hause rich-
tete er sich seine anspruchslose Behausung ein. Viel konnte er
indes nicht daheim sein, da er, um einen Unterhalt zu finden,
sich beständig in der Gegend umtun mußte.
Bisher hatte er nur das Leben auf den kleinern Gehöften
kennen gelernt; fortan brachte er seine Arbeitszeit zumeist auf
Sölsig zu.
Hier lag der alte Wollesen, ein abgezehrtes, lallendes Ge-
spenst, den größten Teil des Winters zu Bette, während seine
geliebten Ratten um die Hausecken schlüpften und nach ihm
schnüffelten.
An einem sonnigen Tage des Vorfrühlings jedoch wankte
er noch einmal an der Hand seiner Haushälterin in den
Garten hinaus. Kissen und Schlummerrollen wurden ge-
wohntermaßen vorn und hinten um ihn aufgetürmt, und, die
Brotschüssel auf den Knien, begann er zärtlich seinen lang-
schwänzigen Freunden zu pfeifen.
Als die Haushälterin wieder hinausging, um nach ihm zu
sehen, fand sie Wollesen auf der Erde liegend, die Nase in der
irdenen Schüssel, während die Ratten kreuz und quer über
seine Leiche sprangen und sich an den Brotbrocken in dem
zerbrochenen Gefäß gütlich taten.
Was außer der Arbeit Per nach Sölsig gezogen hatte, das
war die Hoffnung, die Beziehungen zu Anna, die dort noch
immer eine Art Mittelstellung zwischen Wirtschafterin und
Stubenmädchen einnahm, wieder anzuknüpfen. Sie war jetzt
ein vollerblühtes schlankes Mädchen mit einem stets bereiten
Lächeln gegenüber den Männern und ein Paar blitzenden
braunen Augen für alle und jeden.
Sie und Per hatten zwar nie die Verbindung miteinander
abgebrochen, aber Per war in seiner Liebe allzu ritterlich be-
herrscht für die lebensvolle, mannesfrohe Anna, die immer
lieber heute umarmt als morgen geküßt sein wollte.
Als sich die Gerüchte von einem Verhältnis zwischen ihr und
dem Verwalter hartnäckig behaupteten und auch Per nicht
verborgen geblieben waren, hatte er seinem Herzen Kühle ge-
gen sie abgerungen und eine Zeitlang ganz aufgehört, an sie zu
schreiben. Doch brauchte er nur an einem Sommermarkttage
ihre Schürze um eine Straßenecke wehen zu sehen, so flammte
sein Herz wieder auf wie eine Schmiedeesse.
Es war an einem Nachmittage auf Sölsig, da alle Hände
vollauf damit beschäftigt waren, Heu von den großen
Strandwiesen, die in breitem Bogen die übrigen Grundstücke
umgaben, einzuführen.
Per stand hemdärmelig mit entblößter Brust drinnen hin-
ter einer der niedrigen Luken am Ostflügel des Hofes und
hob im Schweiße seines Angesichts das Heu ein. Jens Romler
reichte es ihm zu.
Plötzlich stand Anna, geputzt und fein wie zu einem Erntefest,
mitten in dem schiefen Rahmen der Luke und lachte.
»Soll ich dir für eine kleine halbe Stunde helfen kommen?«
fragte sie, noch lauter lachend.
Pers Herz schlug wie mit Hämmern bei der plötzlichen
Erscheinung. Er warf einen Blick auf Annas weiße, frisch ge-
plättete Schürze und ihre blankgeputzten, spitzen Knopfschuhe
und ließ ihn zuletzt auf einem Bernsteinherzen ruhen, das
vorn an ihrem schönen Halse golden leuchtete.
»Fürchtest dich nicht, dich anzuschmutzen?« entgegnete er,
indem er die Spinnweben auf seiner Mütze über dem Knie
herunterschlug.
»Ach, so ein herrliches, frisches Heu; was Schöneres kann’s
doch bald nicht geben, als da hineinzutreten,« gab Anna zu-
rück und reichte Per die Hand.
Er mußte den Arm ganz um ihren Leib legen, um sie durch
die Luke hineinzuziehen.
»Ja, ich bin schandbar schwer, nicht?« sagte sie und bog sich
hintenüber, daß Per auch den zweiten Arm zu Hilfe nehmen
mußte.
Ihre braunen Augen schlugen Funken aus den seinen beim
Emporheben.
»Darf ich da stehen?« fragte sie und stellte sich in die vorteil-
hafteste Beleuchtung. »Denn ich bin eigens gekommen, weil
ich fleißig schaffen will,« fügte sie lachend hinzu, bohrte ihre
drallen Arme in das duftende Heu und schwang es unter die
Balken hinein, daß es pfiff. Bald röteten sich ihre Wangen
wie Purpur unter der ungewohnten Arbeit, und sie kicherte
unaufhörlich und tuschelte und plauderte mit Per, der jetzt
tiefer drinnen im Halbdunkel das Heu schichtete und nieder-
stampfte.
»Nein, wie ich gemerkt hab, daß heut das Heuen bei euch
drankommt, da hab ich mich nicht mehr halten können; ’s
ist mir immer als die allerschönste Arbeit vorgekommen, die
eins nur verrichten könnt. Ah, wie das riecht! Grad wie wenn
man einen frischen Rahmkäs anschneidet. Und dann bin
ich ja, unter uns gesagt, allein daheim; unser Wirtschafter
ist zum Pfarrhof hinunter; sonst hätt ich mich beileib nicht
hergetraut.«
»Na, mich freut’s gewiß, daß du mir helfen kommst!«
»Meinst? Tut’s dich wirklich freuen?« neckte Anna kokett
und lachte, daß das Bernsteinherz an ihrem Halse in die
Höhe flog.
»Ganz närrisch freuen,« versicherte Per mit unverhohlenem
wohligem Grinsen.
Nun fuhr der geleerte Heuwagen von der Luke weg, aber der
folgende blieb diesmal aus. Als ein paar Minuten verstrichen
waren, kam Jens Romler zur Luke hin und sagte:
»Laßt euch nur schön Ruh, Kinder! Die Heufuhre hat um-
geschmissen mitten am Wiesensteig, daß die andern Wagen
nicht her und nicht hin können. Der Verwalter rennt mit
seinem Stock um den Wagen rum und ist fuchsteufelswild.
Können uns jetzt aufs Warten einrichten; ich geh und ver-
schnauf mich so lang.«
Wie gelegen das käme, dachten die beiden auf dem Heu-
boden gleichzeitig und ließen sich auf dem Ellbogen in das
knisternde Heu nieder.
Eine Minute war alles so regungslos, daß man die Stille sin-
gen hören konnte. Anna brach zuerst das Schweigen.
»Sag mir, Per, wie ist das gekommen, daß du eine ganze
Ewigkeit nicht hast von dir hören lassen. Hast du dir vielleicht
ein anderes Lieb angeschafft?«
»Ja, eins von uns wird das wohl getan haben,« versetzte Per,
indem er Anna scharf anblickte.
»So glaubst auch du, was die Leute tratschen? Hätt dich für
gescheiter gehalten,« erwiderte Anna.
»Weshalb sollte denn das nicht wahr sein können?« sagte
Per. »Der Verwalter, der gilt ja als ein gar stattlicher Mann.
Er kann sich wie ein Graf anziehen, und die Kleider geben
oft den Ausschlag, wenn eins bei den Dirnen Glück machen
will.«
»Ich kann’s gewiß gut leiden, wenn ein Mann sauber bei-
einander ist; aber alles ist das doch noch nicht,« gab Anna
zurück.
»Gewiß, und ich hab’s auch nicht begreifen können, daß
du dich an einen binden magst, der nach jedem Kuhmensch
grapst, das er nur in irgend eine dunkle Stallecke ziehen kann.
Denn wahrhaftig, es ist im ganzen Sprengel nichts noch so
Schmieriges, wenn’s nur einen Rock anhat, daß er nicht da-
mit vorlieb nahm.«
»Siehst du jetzt nie mehr die Dorre?« fragte Anna, um den
Kampf in Pers Lager hinüber zu spielen.
»Ob ich sie seh? Freilich wohl; das ist ja nicht gut zu ver-
meiden, wenn man so viel herumkommt wie ich.«
»Wo triffst du sie denn also?«
»Wo! Mein Gott, an vielen Orten, in der Kirche, auf der
Heide, und neulich, da war sie ja mit draußen am Moor, Torf
wegführen.«
»Daß sie dich schrecklich gern mag, das ist doch wohl ge-
wiß,« bemerkte Anna, indem sie ihn forschend anblickte.
»Ja, das glaub ich selber auch, aber das macht’s doch noch
nicht aus. Die Dorre ist ja gewiß ein herzensgutes Mädel. Und
treu möcht sie einem sein, das ist doch mit eine Hauptsache,«
sagte Per, doch als er Annas Verwirrung bemerkte, fügte er
hinzu:
»Aber sie ist nun einmal nicht nach meinem Gusto, und was
hilft dann alles?«
Wieder folgte ein kurzes Schweigen.
Auf einmal fühlte Per Annas Hand auf seiner Schulter.
»Per,« sagte sie innig, und aus ihren braunen Augen schossen
die gefährlichsten Flammen.
Wie Feuerglut durchzuckte es Per. Er ergriff nun auch ihre
andre Hand, die ihm auf halbem Wege entgegenkam. Annas
geschmeidiger Leib wand sich ihm über das süßduftende Heu
entgegen, indes das Bernsteinherz an ihrem Halse wie ein
Glöcklein klimperte.
Das Schweigen huschte mit tuschenden Tritten über die
Bohlen hin. Der Schatten verkroch sich längs der kreuz-
förmigen Eichenpfosten, die das Dach wie mit sehnigen
Armen stützten. Die Motten schlugen sich ihr bißchen Ver-
stand an den wurmstichigen Sparrenbäumen aus, während die
Spinnen sich aus Langeweile am Hahnenbalken aufhängten
und trag an ihrem selbstgedrehten Faden baumelten.
Hie und da rieselte etwas Wurmmehl oder eine Schuppe
von den Flügeln einer Motte auf Annas glühende Wange nie-
der, und ab und zu ließ sich ein scharfes »Kvivit« vernehmen,
wenn das Schwalbenmännchen auf langen Umwegen in sei-
nem Nest auf der obersten Latte anlangte; sonst war ihr Glück
von allen irdischen Mächten ungestört.
Als sie wieder das Rasseln der Anhaltketten und das Knarren
des Sielenzeugs jenseits der Hausecke vernahmen, sprang
Anna leicht und elastisch aus der Luke und verschwand mit
ihren kleinen Knopfschuhen hinter dem Fachwerkgiebel.
Die Heueinfuhr war längst vorüber. Der Mitternachts-
mond schwebte in einer gelbgrünen Glorie von fallendem
Tau. Die Wasserläufer zogen einsam – wie ein Zug von
Nachtgespenstern – zwischen den schilfumwachsenen Fur-
ten hin. Von den Heuschobern und dem fernen betauten
Strand strich der Duft über das Winkel- und Gatterwerk des
Herrenhofs hin.
Per fand keine Ruhe inmitten der rohen Stallstände je für
zwei und zwei drinnen in der Knechtekammer. Er ging hin-
aus hinter die weißgetünchte Scheuer, um dort dem Glück
nachzusinnen, daß er heute Anna besessen.
So liebte sie doch nur ihn und dachte nur an ihn. Was
die Leute doch für ein schmähliches Pack waren! Von nun
an würde er jeden zu Boden schlagen, der sich die Lügen-
geschichten, die eine Zeitlang ihn so unsäglich beunruhigt
hatten, wieder aufzutischen unterstünde.
Gab es wohl in der ganzen Gegend ein Weib, das sich an
Schönheit mit Anna zu messen vermochte?
Konnte sich selbst ein Gutsfräulein anmutiger gebärden
und gehaben als sie? Wie voll Wärme und Innigkeit sie war,
wie es berauschte, ihren Arm streicheln zu dürfen. Wie ihre
Lippen dufteten, gleich einem frisch gepflückten Apfel. Und
dann, wie herzig sie den Mund spitzte, bevor sie ihn zum Kuß
hinhielt. So – –
Per ließ unwillkürlich seine Lippen Annas Kunst nach-
ahmen, und sein Blut erhitzte sich immer mehr und mehr an
dem süßduftenden Traum seines Heu-Abenteuers.
So ging er eine Zeitlang auf und nieder, eine Beute seiner
Leidenschaft, als er plötzlich mitten im Gehen innehielt und
lauschte. Kam nicht jemand durch die Gattertür? Der Ver-
walter! War der Unhold noch immer auf? Vielleicht, daß er
wieder einmal auf Stallmägde-Jagd aus war. Es verlohnte sich
doch einmal zu schauen, wessentwegen er da eigentlich her-
umschlich.
Per glitt hinter den Stamm einer alten Ulme, die vor der
Schmiede stand.
An dem Wirtschaftsgebäude, das sich links vom Hofe hin-
zog, blieb der Verwalter stehen und glotzte um die Ecke. Er
hatte das Aussehen eines fünfundzwanzig- bis dreißigjährigen
Mannes und trug eine kurze Joppe mit einem Gurt. Seine
blanken Stiefel glitzerten im Mondenschein. Ein so großer
Geck er war, der beständig mit Daumen und Zeigefinger
an seinem widerspenstigen Schnurrbart zwirbelte, hatte
ihn Per doch nie anders als die Beinkleider beschmutzt mit
Hundehaaren gesehen.
Per war kaum einen Augenblick hinter dem Baume ge-
standen, als er abermals Schritte hörte, ein leichtes, elastisches
Trippeln und Trappeln. Eine barhäuptige Frauensperson kam
eilig von der entgegengesetzten Seite, als wäre sie durch den
Garten gegangen.
Per hatte das Gefühl, als würde ihm mit einem Male mit
dem Stiefelabsatz auf die Herzgrube getreten. Herr Jesus, das
war ja Anna, seine Anna, die einen Augenblick zuvor ihm
ewige Liebe und Treue geschworen.
»Hast du nicht gesehen, ob er auf ist?« hörte er den Verwalter
fragen.
»Nein, es ist finster drin in der Knechtekammer, da liegt er
gewiß schon längst und schläft,« erwiderte Anna.
Nun legte der Verwalter seinen Arm um ihren Leib, und es
sah aus, als ob er sie sachte vorschiebe nach der offenen Luke
an der Wand, aus der ein starker Duft getrockneten Heus in
die helle Mondnacht hinausströmte. Als die Luke erreicht war,
faßte der Verwalter Anna mit der flachen Hand um Lenden
und Knie und hob sie in die Öffnung hinauf. Ihre weiße
Schürze wehte wie eine Flamme in dem frischen Luftzuge.
Der Verwalter kroch nach. Seine breiten Stiefelkappen schab-
ten beim Hinanspringen die getünchte Lehmwand stark ab.
Per war fahl wie ein Gespenst geworden. Seine Hände zit-
terten vor Verlangen, etwas zu ergreifen und nach dem of-
fenen Loch in der Wand zu schleudern, durch das sein irdi-
sches Glück ihm entwichen war. Wie, wenn er die Forke da
packte, hineinspränge und sie beide mit einem einzigen Stoß
durchbohrte? Sie lagen jetzt vermutlich recht bequem dazu da.
Seine Faust hatte den Schaft der Heugabel schon fest umfaßt;
er schüttelte sie zähneknirschend wild in der Luft, schleuderte
sie dann aber in großem Bogen von sich, daß sie weit drinnen
auf dem Brachfelde mit den Zinken steckenblieb.
Halb von Sinnen rannte er aufs Feld hinaus, fort vom Hofe;
hier warf er sich auf einen Heuschober und schluchzte.
Seit zehn Jahren hing nun sein Herz an diesem Mädchen
wie an einem Heiligtum. Sie war die Sonne in seinem grauen,
freudlosen Knechtsleben. Ein kleiner unbedeutender Brief-
fetzen von ihr hatte ihn zehnmal so leicht den Pflug ziehen
lassen; ja, es brauchte nur einer seiner Arbeitsgenossen zu er-
zählen, daß er ihr begegnet sei, so weitete sich seine Brust in
pochendem Glück. Und er hätte für den Bringer der Nach-
richt tun können, was nur immer.
Und jetzt lag sie da drinnen hinter der weißen Mauer und
ließ sich ans Herz drücken von diesem Lotterbuben, der, wenn
sie nicht gewollt hätte, in seiner brünstigen Begehrlichkeit
selbst mit der ältesten buckligen Pfründnerin vorlieb genom-
men hätte.
Wieder schoß der Gedanke an Rache in seinem Gemüt
auf. Wie, wenn er nach Haus liefe und den alten Vorlader
holte, der in der Knechtekammer hing – sie schossen beim
Herbstpflügen die Möven damit – und einen blinden Schuß
in die Luke hineinfeuerte, um alle Geister der Hölle um sie zu
wecken. Obgleich, wozu blind schießen? Lag denn nicht ein
ganzer Beutel Schrot und eine Menge Zündhütchen auf dem
Fensterbrett? Warum ihnen da nicht an der Ecke auflauern,
bis sie sich satt geherzt, und sie dann beide hintereinander
niederknallen?
Wie er brüllen würde im Tode, der feige Frauenräuber!
Und sie – – Anna – – nein, nein! Mörder um einer Metze
willen! So weit durfte es nicht mit ihm kommen!
Aber hinaus sollte sie aus seinem Herzen, hinaus! hinaus!
Hinausgescheucht werden wie eine schmutzige Sau, die sich
in einem unbewachten Augenblick in eine frischgefegte Putz-
stube eingeschlichen. Jede Erinnerung an sie sollte mit der
Wurzel ausgerissen werden, wie man am Dachgiebel Kletten
ausreißt und in den Straßenkot schmeißt, daß Ochsen und
Pferde sie zertreten.
Wo war das Bild, das sie ihm heute nach der Schäferstunde
in die Hand gesteckt hatte? Er tastete in die Tasche hinab.
Da! da! Mit dem Knöchel der geballten Faust schlug er ihrem
Bild ins Gesicht. Er riß es entzwei, wie ein betrogener Spieler
eine falsche Karte zerreißt, und schleuderte die Stücke weit
von sich.
Allmählich ging sein wilder Zorn in Trauer und Wehmut
über. Das drückende Bewußtsein bemächtigte sich seiner, daß
er nie imstande sein würde, Anna zu vergessen. Den Schaft
konnte er vielleicht herausbrechen, aber der Stachel, die Spitze,
würde in seinem Herzen festsitzen bis an sein Lebensende.
Anna, Anna! Er bohrte sein Gesicht in das knisternde Heu
und schluchzte; doch überall stand sie vor ihm da, schlich
sie ihm mit Küssen und Liebkosungen nach, wie heute am
Heuboden. Könnte er sie nicht noch einmal der wüsten
Umarmung dieses verfluchten Menschen entreißen und sie
wieder an sein blutendes Herz legen? Hatte er nicht unrecht
getan, ihr Bild zu zerreißen? Wo waren die Fetzen?
Er kroch im Grase umher, daß der Tau ihm durch die Hose
hindurch die Knie näßte, und jedes Stückchen des Bildnisses
sorgsam aufklaubend, fügte er dieses in seiner hohlen Hand
zusammen, kehrte es dem Mondlicht zu und starrte weinend
die zerfetzten Teile an. Du lieber Gott, ein Riß hatte beide
Augen verunstaltet.
Seine starke Gemütsbewegung machte ihn endlich schwer
und schläfrig, und ehe er sich’s versah, hatte der Schlaf ihn
übermannt.
Als er wieder erwachte, war es weit über Mitternacht. Der
Mond hatte seinen Zauberring gesprengt und war um ein
großes Stück weiter nach dem Westhimmel gerückt. Die
Sterne standen bleich und flimmerten mit ihrem kalten Licht.
Per fröstelte es in seinem dünnen Arbeitskittel, er fand seine
Mütze im Heu und wendete sich langsam wieder heimwärts,
dem Hofe zu.
Er griff in die Tasche nach der Pfeife, sie war nicht drin.
Hatte er sie vielleicht in dem Heuschober liegen lassen? Nein,
er besann sich, daß er sie wohl beim Abendessen drinnen in
der Gesindestube in die Bankecke gestellt. Da wäre es wohl
am besten hineinzugehen und nachzuschauen, damit nicht
jemand anderer sie nehme. Er rieb ein Zündhölzchen an und
trat über die Schwelle in den großen offenen Raum; ein hal-
bes Dutzend Ratten kugelten über Hals und Kopf über die
schwankenden Dielen hin und verschwanden in den Löchern
der Winkel wie die Kugeln auf einem Billardtisch. Per fand
auf einem Leuchterknecht ein Kerzenstümpfchen, das er an-
zündete. Das Licht warf einen trüben Schein über die von
Schweiß- und Speisedünsten dunkel und klebrig gewordenen
Wände.
Wie Per sich durch das Zimmer bewegte, zog sich der
Lichtstreifen ruckweise über den mächtigen grauen Eichen-
tisch hin, an dem es nicht einen Quadratzoll gab, der nicht be-
deckt gewesen wäre von Zoten und unflätigen Zeichnungen,
in müßigen Stunden mit dem Schnitzmesser eingegraben.
Per hatte jetzt seine Pfeife gefunden und schon den Mund
gespitzt, um das Lichtlein auf dem Leuchterknecht auszubla-
sen, als er ein torkelndes Holzschuhgeklapper vernahm.
»Guten Abend! – Na, du bist’s Per, ich hab schon gebangt,
daß es Diebe sein möchten,« scholl jetzt eine schläfrige, schnau-
fende Stimme in der Gangtür. Es war einer der Kuhhirten des
Hofs, der den Spitznamen »Pipihendel« hatte.
»Lösch das Licht noch nicht aus, ist vielleicht noch ein
Tropfen Bier im Krug; meine Kehle ist ganz ausgedorrt.«
Per guckte in die Kanne. »Ja, ein Tropfen ist noch drin; aber
das Bier ist ja abgestanden.«
»Macht nichts, Per, es löscht deswegen doch den Durst.«
Das Pipihendel trank, als wäre ihm seit vielen Tagen keine
Flüssigkeit durch die Kehle geronnen. Als er getrunken, ver-
suchte er seinen nassen, hängenden Schnurrbart abzutrock-
nen, aber er vermochte nur seinen schweren Zeigefinger in
einem Viertelkreis unter die äußersten Haarspitzen hinzufüh-
ren. Seine Augen lagen wie ein paar Löffel in seinem Kopfe.
Ki, ki, ki, lachte er durch die Nase, auf eine der zotigsten
Einkerbungen auf der Tischplatte deutend.
»Das sieht schon beinah so aus, wie wenn man an einem ge-
wissen Ort war!«
»Ja,« sagte Per, »man sollte meinen, da sitzen alle Tage
Schweine zu Tisch.«
»Und das liebe Vieh tat ihnen aufwarten,« ergänzte das
Pipihendel. »Es ist noch keine zwei Jahr her, daß sie ihn abge-
hobelt haben, aber jetzt hätt er den Hobel schon wieder nö-
tig. Dann blieb aber, meiner Seel, nicht mehr viel davon üb-
rig. Sie haben ihn so schon beinah durchgeschnitzelt. Aber,
Sackerment, jetzt müssen wir hinein zu der Lustbarkeit drü-
ben bei den Weibsleuten. Denn heut nacht tun sie anständig
mithalten. Die Graue Luzie, die ist dir eine Pracht.«
Per hieß ihn sich zum Teufel scheren.
»Geh, laß dich nicht auslachen. – Das war! Mit mußt du!
Red nichts weiter. Wir kriegen Branntwein, so viel als nur hin-
untergeht. Alle haben wir zusammengeschossen, dem Jakob
seinem Geburtstag zu Ehren; willst du nicht Kam’rad sein
mit uns andern? Der Verwalter, sagen sie, ist nicht zu Haus;
da soll’s fidel hergehen. Das war, daß du nicht mitkämst. Jetzt
soll’s einen Hauptspaß geben. Die Graue Luzie, das ist eine!«
Per antwortete, er würde schon nachkommen.
Wieder strich er hinter der Scheune hin und her, um mit sei-
nem Kummer allein zu sein.
Jetzt vernahm er rohes Gebrüll und Gelächter, das aus dem
Melkerinnen-Häuschen herüberdrang, einem Anbau hinter
dem Viehstall, aus dem ein Eingang hineinführte. Dort also
halten sie das Gelage ab, dachte Per, es wäre doch nicht so
übel zu wissen, wer dabei ist und was sie treiben.
Er trat an die Mauer heran, um einen Blick durch die
Fenster zu tun. Bald hatte er eine Stelle gefunden, wo er un-
bemerkt stehen konnte, dort hinter der Jauchenpumpe, die
einen schweren Schatten über die schmutzigen Scheiben warf.
Die Pumpe war so widerlich, daß selbst ihr Schatten einem
verpestet schien.
Unmittelbar vor dem Fensterrahmen breitete sich ein großer
Ampferwald, durch dessen Mitte ein festgestampfter Steig lief
und zu dem einzigen Fenster der Mägdekammer führte, das
bewegliche Angeln hatte. Das war ein Liebespfad, ausgetreten
von nächtlichen Buhlen, teils aus dem Hofe selbst, teils aus
der bäuerlichen Nachbarschaft.
Per sah, daß diese Nacht die Besucher ausschließlich die
Schnitter des Hofes waren, meistens ledige Leute, doch auch
ein paar Familienväter, die sich von dem geliebten Branntwein
hatten locken lassen. Er kannte nur zu wohl diese Hölle hier,
die zwölf bis vierzehn Feldarbeiterinnen zur Nachtherberge
diente.
Von allen Gesindehöhlen, die er in seiner ganzen langen
Dienstzeit gesehen hatte, war diese unbedingt die ärgste.
Im Vergleich hierzu war der Jammerraum mit den schmutz-
starrenden Doppelbetten, der die Knechtekammer des Hofes
hieß, noch erträglich zu nennen; denn hier in der Mägde-
kammer war es nicht damit abgetan, daß je zwei in ein Bett
gelegt wurden (wenn man nicht zu dritt, ja zu viert drin lag,
wovon dann natürlich zwei mit Amors Partout-Billett versehen
waren, Eingang durchs Fenster), man hatte, um Platz zu erspa-
ren, zwei Reihen Betten wie die Borde in der Milchkammer
übereinander angebracht. Um in die obern zu gelangen, muß-
ten die entkleideten Frauen über eine Leitertreppe steigen, an
der stets eine oder mehrere Staffeln fehlten und die von Bett
zu Bett geschoben wurde, je nachdem seine Insassen mit dem
Entkleiden fertig waren.
Der Platz dort oben unter der undichten Bretterdecke war
in jeder Beziehung schrecklich, besonders in den heißen
Sommernächten, wenn der Gestank des üppig gefütterten
Viehs drinnen im anstoßenden Kuhstall und der schwüle Atem
der andern Schläferinnen schwer wie eine Stürze über dem
Gesichte lag. Daher wurde immer den zuletzt Gekommenen
der Platz dort oben angewiesen, während die länger im Hofe
Bediensteten sich der untern Lagerstätten bemächtigten.
In diesem Paradox von einem Schlafzimmer saßen nun an
diesem Abende zehn bis zwölf Kerle beisammen und machten
sich’s bequem. Sie mußten zu recht später Stunde hier einge-
drungen sein, denn alle Frauenzimmer lagen in den Betten,
obwohl es mit dem Schlaf en schlecht bestellt war.
Jeden Augenblick wälzte sich eine Flut von rohem Männer-
gelächter, in das sich ab und zu schrilles Weibergekreisch
mischte, aus dem offenen Fenster wie aus einer Schleuse her-
vor und erschütterte die kühle Nachtluft.
Von den Mannsleuten spielten die meisten Karten. Einige
Mistbretter waren aus dem Viehstall hereingeholt und von
Bett zu Bett über den schmalen Mittelgang gelegt worden. Wer
hier den Trumpf auf den Tisch schlug, dem blieb ein Siegel an
den Knöcheln, das etwas ausgab. Da der Einsatz aus größern
und kleinern Liebesgaben bestand, die ohne viel Federlesens
sofort zur Einhebung kamen, wurde das Spiel ringsumher von
den Betten mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit verfolgt.
In den Winkeln schillerten allenthalben Branntweinflaschen,
deren offener Hals, so weit ihr herber Odem reichte, allen an-
dern üblen Geruch verdrängte. Sie wurden fleißig zwischen
den Betten und über die schmutzigen Spieltische hin und her
gereicht; und so oft sie wieder an ihren Platz zurückgestellt
wurden, machten die Hände Abstecher bald da, bald dorthin.
Die geleerten Flaschen wurden als Leuchter benützt.
Zuweilen geschah es, daß, gerade als einer der Spieler sein
umnebeltes Gehirn am meisten anstrengte, um die beste
Lösung für die schwierige Aufgabe des Ausspielens zu finden,
ein nackter Fuß sich aus einem der Betten streckte und sich
ihm mit solchem Nachdruck auf den Nacken setzte, daß alle
seine Kartenhäuser über den Haufen flogen.
Nun schien man der Karten müde zu sein; denn unter wah-
rem Heidenlärm wurden auf einmal alle Tische umgestürzt,
wodurch auch ein Teil der Lichter umfiel und verlöschte.
Noch waren indes so viele übrig geblieben, daß man zur
Not unterscheiden konnte, was in dem Loche vorging: das
Bettzeug wurde unter Geheul an die Decke geworfen, nackte
Frauengestalten leuchteten wie Fahnen durch das Halbdunkel,
betrunkene Männer schwankten und taumelten von Bett zu
Bett, Gekreisch und Flüche durchschnitten unaufhörlich die
schweigende Nacht.
Plötzlich scharten sich die Männer in einem dichten Knäuel
mitten in der Höhle zusammen. Eine spannende Wette war
eingegangen worden. Die Graue Luzie, ein ältliches, beleibtes
Frauenzimmer mit einem Nacken wie ein Yorkshire Eber und
einem Muttermal auf der rechten Wange, sollte im tiefsten
Negligee, eine volle Branntweinflasche zwischen den Zähnen,
die Leitertreppe emporsteigen, das heißt die Flasch einzig am
Stöpsel mit den Zähnen festhalten. Glückte ih der Versuch,
dann sollte die Flasche ihr gehören, wo nicht sie nach bestem
Können Buße zahlen müssen.
Dieses Experiment sowohl wie die nachfolgenden löste; sich
in Gewieher und Getümmel und Faustkämpfen auf.
Auf einmal wurde die fahle Dämmerung von herzbrechen-
dem Weinen und Klagen zerrissen. Per erhob sie auf den
Zehen und lauschte atemlos. Das war nicht der geheuchelte
Feuerlärm einer durchtriebenen Metze; es war ein junges
Weib, das jammernd und flehend um seine Unschuld rang.
Per entsann sich sofort eines stillen, blassen Mädchens einer
Häuslerstochter, die vor etwa einer Woche auf der Hofe auf-
genommen worden war und all die Zeit mit seltsam scheuen
Augen das wilde Leben um sie her beobachte hatte.
Zugleich erinnerte er sich, eines Tages auf der Wies Jakob,
den bösen Geist seiner Kinderjahre, der nach zahl reichen in
den verschiedensten Strafanstalten verbüßten Abstrafungen
hier gelandet war, mit noch einem Buben rat schlagen ge-
hört zu haben, wie sie diese Jüngstangekommen unter den
Schnittermädchen »in die Arbeit« nehmen könnte.
In einem Nu verließ Per seine passive Stellung hinter der
Pumpe und schwang sich mit einem geschmeidigen Sprung
durch das offene Fenster hinein. Da sah er nun ein wogendes
Gedränge taumelnder Männer vor sich, die schallend lachten,
schluchzten und sich auf die Schenkel schlugen, während die
Angstrufe nochmals durch den verpesteten Raum schallten.
Pers Miene wechselte und verdüsterte sich wie ein Teich im
Sturm. Er erinnerte sich jäh des Tags in seiner Kindheit, da er
in der Knechtekammer des Nörhofs wider drei rohe Menschen
für seine Unschuld gekämpft hatte.
Blitzschnell stand er mitten in der Schar.
»Was macht ihr da! Gibt’s keinen unter euch, der Töchter
hat und nicht möcht, daß sie niedergetreten werden?«
Bei diesen Worten krochen zwei, drei verheiratete Taglöhner
zur Seite.
»Weg von dem Bett da, zum Satan!« Mit diesem Ausruf
fegte Per noch einen Haufen berauschter Männer mit ei-
ner Kraft weg, daß ihre Holzschuhhacken hohl an die Bett-
pfosten schlugen.
In einem Satze war er auf der Leitertreppe, die an einen
der obersten Alkoven, aus dem die Hilferufe drangen, gelehnt
stand. Hier versuchte Jakob mit Faustschlägen und derben
Griffen den letzten Widerstand eines jungen, halbentkleideten
Mädchens zu brechen.
Mit einem Riesengriff riß Per den Banditen über den
Bettrand zurück; dessen Körper fiel wie ein Sack Knochen zu
Boden.
»Mach fort!« schrie Per und versetzte ihm einen wuchtigen
Fußstoß in die Hüfte.
Jakob krümmte sich auf dem Boden wie ein Dämon der
Finsternis. Seine Gesichtszüge waren wie ausgerenkt.
Im Nu hatte er sich in die Höhe gereckt und schoß wie
eine Natter auf Per. Die Hand umklammerte den Hirsch-
horngriff eines Schnappmessers. Unter den Umstehenden er-
tönte wirres Rufen. In derselben Sekunde hatte Per Jakobs
Handgelenk ergriffen, und nachdem die blinkende Klinge
sich einige Zeit in wilden Zickzacklinien über den Köpfen der
beiden Ringenden bewegt hatte, fiel das Messer mit dumpfem
Klirren zu Boden.
Per knickte Jakob wie dürres Reisig nieder und gerbte ihm
weidlich das Fell. Jakobs Kameraden begannen zu murren.
»Oh,« meinten die andern, »laßt sie nur raufen, laßt sie for-
traufen und ihren Streit ausfechten, solang nur keins von ih-
nen ein Messer zieht.«
Mit heftigem Gepolter wurde nun die Stalltür aufgerissen,
und erhitzt und atemlos kam der Verwalter in die Kammer
gestürzt. Alle die halbnackten Frauenzimmer schlüpften ei-
lends unter die Bettdecken. Auch die Taglöhner hätten alle
und jeder sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen.
»Hölle und Teufel! Was ist das hier für ein Tanz? Liegt ihr
da und hurt und rauft und stört die Melkkühe in der tie-
fen Nacht in ihrer Ruhe? Wollt ihr jetzt gleich aufhören, ihr
besoffenen Schweine, wenn euer Verwalter es euch befiehlt?
Oder, hol mich der Henker, ich werde es euch weisen.«
Bei diesen Worten versetzte der Verwalter Per einen kräf-
tigen Fußstoß in die Weichen.
Per ließ Jakob sofort los und stand nun mit flammenden
Augen aufgerichtet vor dem Verwalter. Mit einem herkuli-
schen Schlag pflanzte er ihm die geballte Faust mitten ins
Gesicht.
Der Verwalter stürzte wie ein Klotz zu Boden.
In seinem Bestreben, sich wieder aufzurichten, geriet er mit
dem Oberkörper unter eines der hohen Betten, so daß nur
seine Beine frei blieben. An den Stiefelspitzen, mit denen er
um sich stieß, haftete noch der Kalk von seinem Sprung in
die Luke.
Per hatte nun leichtes Spiel mit seinem Feinde, und er ließ
sich den Vorteil nicht entgehn. Keine Fiber des hier unter ihm
zitternden, brunstverzehrten Leibes, die er nicht hätte töten
mögen. War er nicht in seinem guten Recht, wenn er ihn er-
würgte, der ihm mit demselben Fuß einen Tritt versetzt hatte,
mit dem er die einzige Glücksblüte seines Lebens zertreten?
Instinktmäßig fuhr er dem Verwalter an die Gurgel, und
nur durch gewaltsames Zurückwerfen des Nackens, wobei er
sich die Stirn an den morschen Bodenbrettern blutig schlug,
glückte es diesem, seinen Hals zu befreien. Das rettete ihn
aber noch nicht vor Pers rächenden Händen.
An seiner grauen doppelreihigen Joppe hing noch, leicht
kenntlich, ein Hauch des Dufts, der Anna stets umgab; er sta-
chelte nun Per zur wildesten Heftigkeit auf, und seine Faust
fiel wie ein Schmiedehammer auf das verwünschte Herz nie-
der, das da drinnen unter dem grauen Wams schlug.
Während des Ringens der beiden hatte Jakob sein Messer
wiedergefunden, das er nun gegen den Rücken des knienden
Per schwang; obgleich einer der Nächststehenden den Hieb
abzuwehren suchte, drang er doch tief unter Pers rechtes
Schulterblatt ein.
Im selben Augenblick ertönte ein geller Schrei aus dem
obern Alkoven. Das mißhandelte junge Weib hatte von dort
oben mit angstvollen Blicken den Kampf verfolgt. Als sie nun
den tückischen Jakob mit dem wiedergefundenen Messer auf
ihren unbeschützten Retter zustürzen sah, fühlte sie gleich-
sam etwas nachgeben in ihrem Gehirn, und halbnackt wie sie
war, nur mit dem Hemde und einem kurzen Rock bekleidet,
warf sie sich von dem hohen Alkoven herab, sprang aus dem
offenen Fenster, jagte durch den Ampferwald und weiter hin-
aus über die taugrauen Fluren hin.
Jeder Rest von Rausch war aus dem Bewußtsein der Männer
beim Anblick des Bluts, das aus Pers Wunde quoll, verweht.
Und nachdem man den tobenden Jakob übermannt und ge-
bunden hatte und der durchgebläute Verwalter kleinlaut und
verlegen wieder auf die Füße zu stehen gekommen war und
Auftrag gegeben hatte, eilends um Arzt und Vogt zu fahren,
setzte eine Schar der Behendesten der flüchtenden Brigitte
nach. Doch keiner vermochte die Unglückliche einzuholen,
die auf den Schwingen des Wahnsinns dahingetragen wurde.
In bloßen Beinen, die im Lichte des anbrechenden Tages
schimmerten, den groben Rock über das biegsame, leicht
schuppige Knie gehoben, lief sie wie ein Reh, das, in öden
Gefilden verirrt, nirgends Rettung sieht, lief und lief mit jener
übernatürlichen Leichtigkeit, die nur der Wahnsinn verleiht.
Zaun und Stachelhecken hinderten sie so wenig wie die flie-
genden Fäden des Altweibersommers. Über Klüfte, die keine
irdische Macht sie früher hätte bewegen können zu übersprin-
gen, flog sie jetzt wie eine Schwalbe. Der Wahnsinn trug sie
über Gräben und Hecken, über Sumpf und dampfende Steppe,
wo der gelbe Ocker den Fuß mit Rost bedeckt, trug sie hinein
in Nebelschwaden und wieder hinaus, hinein und hinaus, sie
immer heftiger und heftiger fortwirbelnd, hin zu dem dun-
kelblauen, morgendlich gekräuselten rettenden Fjord.
Als die Männer hinzukamen, lag sie auf dem Spiegel des
Fjords wie ein weißer flügellahmer Vogel.
Sie trugen sie an den Strand, ihre schlaff herabhängenden
bloßen Arme hatten blaugrüne Flecken von den umklam-
mernden Händen des Gewalttäters, und von ihrem linken
Fuß träufelte Blut aus einer Wunde, die ihr die scharfe Klinge
des Riedgrases gerissen hatte.
Sie wälzten sie im nassen Grase, das Haar löste sich und fiel
über den Mund; plötzlich hoben sich die blonden Locken von
ihren schweren Atemzügen.
»Ach, warum laßt ihr mich nicht sterben?«
Doch sie achteten ihrer verzweifelten Bitten nicht. Alles, was
des Fjords war, mußte sie wiedergeben.
Nur ihre Augen flackerten fortan, so lange sie lebte, unruhig
wie kleine sich kräuselnde Fjordwellen, nicht wissend wo aus
noch ein.
FEUER

Der Vorfall mit dem Messerstich zog insofern für Per keine
gefährlichen Folgen nach sich, als er schon nach einem
Krankenlager von einer Woche sich wieder ins Zeug legen
konnte. Hingegen hatte er die nachteilige Wirkung, daß Sölsig
sich ihm als Arbeitsmarkt verschloß. Und da seine Existenz
als Taglöhner in hohem Grade davon abhängig war, was er
auf diesem einzigen Herrenhof der Gegend verdienen konnte,
so mußte er schließlich die Hoffnung aufgeben, auch weiter-
hin als »freier Mann« zu leben. So sah er sich denn neuerlich
nach einem Platz als gewöhnlicher Knecht um; doch, siehe da,
es zeigte sich, daß die Bauern der Umgebung nicht mehr so
recht den Mut hatten, ihn in Brot und Lohn zu nehmen. Pers
freimütige Kritik der Verhältnisse, unter denen er und seine
Standesgenossen leben mußten, hatte überall gleichsam einen
Schatten vor ihm hergeworfen.
»Ich weiß recht gut, daß du ganz gehörig rackern kannst,«
sagte einer der vielen, bei denen er wegen eines Dienstes an-
klopfte, »das ist’s nicht, was dir bei mir im Weg steht; aber
ich dulde nun einmal nicht mehr als eine Kommandostimme
hinter meinen Hecken und Pfählen, und die eine, das ist die
meine!«
Überall wurde es ihm zum Vorwurf gemacht, daß er so-
viel Umgang mit Roy pflegte: »Denn das weiß doch ein je-
der,« sagte man, »daß der der eingefleischteste Sozialist ist,
der einem nur vor Augen kommen kann. Er spekuliert auf
nichts andres, früh und spät, als wie er die Leute aufhetzt und
Malheur und Spektakel anstiftet.«
Per beklagte sich bei Kild Pejrsen darüber, daß er überall
mißliebig geworden, obgleich er sich bewußt sei, stets nur ei-
nes jeden Recht zu wollen.
»Ja, mein liebes Kind, ich hab es von je gewußt, wohin der
Wind über kurz oder lang dich treiben wird. Aber, was Teufel,
braut ihr da auch jetzt zusammen? Einen »Dienstboten-
Schutzverein,« so nennt ihrs doch, nicht? Das ist ja doch ein
Wort, womit eins den Fuchs aus seinem Bau jagen könnte. Ist
das deine Erfindung oder hat der Roy den Speckkuchen in
die Pfanne geschlagen?«
»Oh an dem Verein, da hat wohl der eine denselben Anteil
wie der andre,« erwiderte Per.
»Na, sei so gut, aber wie könnt ihr denn nur so blöd sein und
euch einbilden, daß so was geht,« rief Kild heftig. »Das heißt
doch den Bauern das größte Mißtrauen zeigen, das sich nur
denken läßt. Wenn man die Tiere beschützt, das ist wieder
eine andre Sache, weil das Tier nicht für sich reden kann; das
Gesinde aber, das man hat, das leidet an so einer Krankheit
nicht, das bringst du, soll mich der Deibel holen, um keinen
Schritt weiter, als es selber will.«
»Wie kannst du nur als ein rechtschaffen denkender und
achtbarer Mann so daherreden, Kild,« begann Per mit beben-
der Stimme; denn es gereichte ihm zu wirklicher Betrübnis,
den Mann, für den er so aufrichtige Wertschätzung hegte,
über das, was ihm Herzenssache war, so beschränkte An-
sichten äußern zu hören. »Weißt du denn nicht grade so gut
wie eins von uns, wie elendiglich der Dienstbote allerwärts
dran ist? Winziger Lohn, lange Arbeitszeit, eine Unterkunft,
daß Gott erbarm, kein Recht nach keiner Seite hin, nichts als
Aussicht auf Plage und Armut, so weit eins nur vorwärts den-
ken kann – wir haben ja schon so oft darüber geredet. Kannst
du im ganzen Land Menschen finden, die einen stärkeren
Grund hätten, sich zurückgesetzt zu fühlen? Ich wüßt nicht,
wer ihn sonst hätt – – –. Und daß du so gar nicht einsehen
kannst, was da alles zu Grund geht, ohne einen Nutzen für
irgend ein Menschenkind! – Denn sind die Bauern dadurch
besser dran, daß wir niedergehalten werden? Können andre als
Dummköpfe und kurzsichtige Menschen glauben, es läßt sich
auf die Länge ein Glück bauen auf andrer Unglück? Schau dir
einmal einen Mann an wie meinetwegen den Nörhofer Bertel.
Er ist der reichste Mann in der ganzen Gegend, aber da er sel-
ber um nichts mehr schafft als die andern, so kann ich mir
nur denken, seine Leute sind’s, denen er seinen Reichtum zu
verdanken hat. Und wie behandelt er sie dafür?«
»Nein, der Bertel,« stimmte Kild bei, »der ist ein rech-
ter Schofel und der niederträchtigste Schmutzian, mit dem
man zu tun haben kann; da bin ich wahrhaftig ganz deiner
Meinung; hätte um die Welt nicht dem sein Untergebener
sein wollen. Solche Leute wie er, die jeden Quark noch vier-
teilen möchten, um an allen Enden den letzten Tropfen aus-
zupressen, stehen gewiß bei mir nicht hoch angekreidet.«
»Da siehst du es also!« rief Per. »Ein Quengler ist er, der
seine Leute hinten und vorn schikaniert, und gegen sich sel-
ber, wie ist er da? Hast du eigentlich das Gefühl, der Bertel
war ein glücklicher Mann? Ja, hat ihn nur je wer zufrieden
oder gut gelaunt gesehen? Nein, nichts wie Verdruß, Gemaul
und Gezänk von früh bis spät, während das Geld nur so zu
ihm hineintanzt. Und wir sollen uns tagein, tagaus schinden,
daß so ein Großpatschiger das Gold nach Scheffeln messen
und einen anfahren und anbellen und nach allen Seiten hin
Gift und Gall speien kann? Nein, da ist doch, hol mich der
Henker, nicht Sinn auch nur für einen roten Heller drin. Und
kann eins das Seine beitragen, sei es noch so wenig, daß eine
Besserung wird, so mein ich, es war endlich an der Zeit, daß
dazu geschaut wird!«
»Ja, wahr ist’s schon; aber so ein Verein, – wozu soll der?
Kann da je was andres als Verdruß herauskommen?« wendete
Kild ein.
»Mit Verlaub,« entgegnete Per, »die Hof bauern, die tun
vielleicht keine Vereine gründen? Ich mein, mehr als genug:
Hengstverein, Stierverein, Vorschuß verein und wie sie alle
heißen mögen; und die andern Leute, tun die nicht auch des-
gleichen? Weshalb sollen also Knechte und Mägde die ein-
zigen sein, die keinen Verein haben dürfen?«
»Ich hab ja auch nichts gegen euern Verein, wenn er sich nur
nicht gegen uns Bauern wenden tat,« versetzte Kild.
»Ah, da haben wir’s! Aber schau, wir Dienstleute, wir haben
doch keine Hengste und keine Stiere, derentwegen wir uns
zusammentun könnten zu einem Verein.Wir haben nichts als
unsere bloßen Hände. Und auf die müssen wir bei Gott acht
geben, daß sie nicht eingeklemmt werden. Denn geschieht
das, dann ist’s aus mit uns. – Aber die eine Hand wäscht die
andre, wie man zu sagen pflegt. Und das Zusammenhalten
im Guten und Bösen, das hat so vielen andern Ständen und
Schichten auf die Beine geholfen, das müßte auch uns helfen,
wenn uns nur die Augen dafür aufgingen; aber da dran ha-
pert es eben. Die Schafe sogar rennen zusammen, wenn ein
Hund ihnen nachsetzt und sie eine Gefahr wittern. Und wir,
wir täten gewiß auch gut dran, nicht weniger Verstand zu zei-
gen als sie.«
»Na ja, Per, laß uns jetzt nicht weiter da drüber streiten,« er-
widerte Kild Pejrsen. »Ich hab ja all mein Lebtag große Stücke
auf dich gehalten, aber du führst eben jetzt alleweil gar so ei-
nen weitläufigen Diskurs, daß mir vorkommt, du taugst nicht
mehr recht zu den Leuten hier in der Gegend.«
»Freilich, das fängt nachgerade auch mir an einzuleuchten,«
sagte Per. »Aber wo paßt denn einer hin, wenn er, wie ich, mit
zwei leeren Händen dasteht und sich doch nicht ganz will zer-
treten lassen?«

Einige Zeit darauf ereignete sich etwas, das die Kluft zwi-
schen Per und den Hofbauern noch mehr vergrößerte.
Pers Eltern wohnten nach wie vor in dem Armenhäuschen,
unter dessen Dach Ann-Marie Kjærsgaard nunmehr in die
Jahre gekommen war, wo sie keine Kinder mehr gebar.
Das Häuschen stand so ziemlich unverändert da wie zu Pers
Kindheit, nur daß das Ganze noch ärmlicher und verfallener
geworden war. Der Fußboden ließ kaum mehr erkennen,
woraus er bestand; die Wände waren grünlich von Nässe; an
der Decke hatten sich Sprünge gebildet, so breit, daß man ei-
nen Finger hineinlegen konnte. Am schlimmsten war es mit
Ann-Maries Küche bestellt, in der eine gemauerte Feuerstelle
den Herd vertreten mußte; hier war nichts, was einer Decke
glich, sondern das nackte schwarze Ginsterdach gähnte breit
über dem Räume. Dieses Dach war seit Menschengedenken
nicht ausgebessert worden, und wenn ein Regenguß eintrat
oder Tauschnee den First der Hütte mit seinem nassen grauen
Mantel deckte, rieselte Regen und Nässe in förmlichen Bächen
auf Ann-Maries ärmliche Anrichte herab.
Wiewohl es sie mit den Jahren ganz stumpf und stumm ge-
macht, stets nur widerwilligen Ohren klagen zu müssen, hatte
sie doch dem Gemeindevorsteher so lange angelegen, daß er
sich endlich dazu aufgerafft hatte, das Dach frisch decken zu
lassen. Zu einer Decke über die Küche ließen sich jedoch die
Mittel noch immer nicht auftreiben.
Hans Nielsen, der Armenpfleger, rechnete ihr mindestens
zum hundertsten Male vor, was sie und ihre Brut die beiden
Kommunen laut Protokoll der letzten Jahresberichte gekostet
hätten. Leute wie sie sollten denn auch dankbar und froh sein,
wenn sie ein Dach über dem Haupte hätten, und nicht auch
noch eitel Begehren nach einer Decke tragen.
»Man muß nicht alles auf einmal haben wollen, meine
Liebe; ihr tätet gut zu bedenken, daß es aus andrer Leute ih-
rem Beutel geht; etwas anders wär’s, wenn ihr’s selber zahltet.
Denn seid ihr nicht damit zufrieden, wie ihr’s da habt, so ist
ja Platz für euch im Armenhaus. Oh ja!«
Die Drohung mit dem Armenhaus hatte ihre dämpfende
Wirkung auf Ann-Maries hochfliegendeWünsche noch nie
verfehlt.
Da geschah es eines Tages, als Ann-Marie einen Topf über dem
Feuer stehen hatte, daß ein Funke von dem Reisig zum Dach
aufsprang und zündete. Im Nu war das trockene Heidekraut
von Flammen umzüngelt.
Es war an einem brennend heißen Sonntagsmorgen, kurz
nach dem Gottesdienste. In wenigen Augenblicken hatten
die prasselnden Flammen einen ganzen Haufen Menschen
herbeigerufen; sie standen etwas steif im Sonntagsstaate da,
als wären sie bange, ihn mit den Funken und dem Rauch in
Berührung zu bringen.
Ann-Marie hatte selbst alle Kinder und den nicht allzu
nüchternen Schuhmacher aus der Hütte geschafft. Nur we-
nige von den Versammelten nahmen an den Rettungsarbeiten
teil. Eine kleine hilfseifrige bäuerliche Besucherin der Volks-
hochschule, der die Haare in altmodischen Schlangenwin-
dungen auf die Schultern fielen, sprang jedoch beherzt un-
ter die Flammen hinein und warf ein paar Teller und eine
Petroleumlampe aus dem offenen Fenster hinaus, daß beides
zerschmettert im Straßengraben lag; so war doch etwas geret-
tet – Gott sei Dank!
Ann-Marie stand weinend vor dem brennenden Hause und
rang ihre armen Hände. Mit einem Male war sie durch das
Starren in die Flammen wie völlig außer sich geraten und rief
dem apathischen Schuster, der sich durch die Aufmerksamkeit,
die er heute erregte, im Grunde geschmeichelt fühlte, zu:
»Oh Morten, Morten; jetzt brennt meine Kommode und
jeder Faden, den wir besitzen und haben; nicht einmal einen
Fetzen von einem Hemd wird man nachher zumWechseln ha-
ben! Komm, hilf mir! Es ist noch keine Lebensgefahr!«
Und ehe die Umstehenden noch recht erfaßt hatten, um was
es sich handelte, waren Ann-Marie und der Schuhmacher in
dem brennenden Hause verschwunden. Man hörte sie drin
mit der plumpen Kommode umherrumoren, während das
Prasseln des Feuers immer wilder und wilder schwoll.
Auf einmal stürzten ein paar Burschen zum offenen Fenster
hin und schrien: »Kommt heraus! Kommt ’raus! Das Dach
fängt an zu rutschen.«
Die beiden Eheleute hatten nun so lange die unhandli-
che Kommode gehoben und geschoben, daß sie bis quer vor
die Eingangstür zu stehen kam. Nun hätte Morten darüber
wegklettern und versuchen sollen, sie so zu drehen, daß sie
hinausgleiten könnte. Doch es gelang ihm nicht, das hohe
Möbel zu ersteigen, sei es, daß er zu betrunken war oder die
Anstrengung des Schiebens ihn ermattet hatte. Da auf diese-
Weise der Ausgang verrammelt war, liefen sie bei dem Zuruf
beide zu den Fenstern. Man sah Ann-Marie Kjærsgaards blei-
ches Antlitz in der Fensteröffnung auftauchen, und die beiden
Burschen streckten die Arme aus, um sie zu fassen. Doch da
ertönte ein lauter Schrei aus der versammelten Menge. Die
beiden jungen Leute taten einen weiten Sprung von der Wand
zurück. In derselben Sekunde sank das flammende Dach un-
ter dröhnendem, brodelndem Knistern vor ihren Füßen nie-
der und schlang einen wüsten Kreis rieselnder Flammen um
das Fenster- und Türgebälke.
»Oh Herr Jesus! Jetzt können sie nicht heraus!« scholl es
aus der Menge, während die lodernden Halme, sich wie
Schlangen krümmend, zischten und verkohlte Strohseile und
Lattenstücke rings um die Hütte herunterhagelten.
Als noch etwa zehn Minuten verstrichen waren, ohne daß die
beiden Eheleute auch nur das kleinste Lebenszeichen gaben,
waren sich alle darüber klar, daß ihr schreckliches Schicksal
unwiderruflich besiegelt sei.
Man begann nun die Entstehung und den Verlauf des
Feuers zu erörtern. Allen war es aufgefallen, daß das Dach
ebenso rasch über den Eingängen wie über den Fenstern her-
abgerutscht war. Das ließ sich nur dadurch erklären, daß die
gesetzliche Vorschrift, über allen Türen mit Stahldraht zu
nähen, in diesem Falle nicht eingehalten worden war. Die
Gesetzübertretung, wer sie auch verschuldet haben mochte,
hatte offenbar hier, wo es sich um Sekunden gehandelt, den
zwei Menschen das Leben gekostet. Man wagte sich jedoch
nur flüsternd über diesen Umstand zu äußern, denn Hans
Nielsen war eben erschienen und hatte sich unter die disku-
tierende Schar vor der Unglücksstätte gemischt.
Auch Jens Laanum war von der Landstraße hierher ab-
gebogen und stand, den Hundslederranzen auf dem Rücken
da, bald den Menschenknäuel und bald den Brand betrach-
tend. Er ging hin und scharrte unter einigen der geretteten
Gegenstände mit dem Fuß umher. Das Hausgerät des Armen
ist immer kläglich anzusehen, selbst wenn es am Platz in sei-
ner natürlichen Umgebung steht; aber zehnfach elend nimmt
es sich aus, wenn es in buntem Durcheinander in einen
Straßengraben hingeschleudert liegt, während das allentblö-
ßende Licht der Sonne schonungslos alle seine Brüche und
Sprünge aufweist.
Jens Laanum ging still an einigen Stücken zerlumpten
Bettzeugs vorbei, aus denen die spärlichen Federn einem die
Füße umtanzten, dann kamen ein paar abgeschabte Schil-
dereien, Christian VIII. und Gemahlin, mit Orden von
der Größe eines Pfannkuchens. Etwas weiter davon ent-
fernt lag General Rye hinter einer Rosette von Glassplittern.
Weshalb sich doch die Armut so gern die Wände mit den
Konterfeien ausrangierter Fürsten und allerlei begrabener
Tapferkeit schmückt? Hier lagen ein paar lahme Sessel, dort
ein Kachelofenkranz, dann eine Hafenstürze ohne Hafen,
eine Feuerzange, ein Hampelmann, ein Bund wurmstichi-
ger Leisten und endlich, dicht vor dem Eingange, ein kleiner
rauchgeschwärzter Gips-Christus, der den Kopf eingebüßt
hatte.
»Und wegen so eines erbärmlichen Plunders, der kaum fünf
Kronen wert ist, setzen sich zwei Menschen der Gefahr aus,
zu verbrennen!« seufzte Jens Laanum.
Jetzt sah man einen jungen Mann in wildem Laufe über die
Felder auf die Brandstätte zukommen.
Es war Per.
Die Leute wurden plötzlich ganz stumm. Niemand wollte
der erste sein, ihm zu erzählen, was geschehen war. Alle kehr-
ten sich seitab und hatten doch nur Augen für ihn.
»Sind die Kinder herausgekommen? Wo sind meine Eltern?«
schollen Pers Fragen heftig wie zwei Büchsenknalle.
Die Männer wendeten sich noch mehr ab; die Frauen stan-
den und wehklagten leise.
Per ist auf Jens Laanum zugestürzt: »Aber so gebt doch
Antwort! Ist ein Unglück geschehen? Wo ist die Mutter?«
»Mußt ruhig sein, Per!« sagte Jens mit mühsam erkämpfter
Fassung. »Dein Vater und deine Mutter sind nicht herausge-
kommen.«
Eine Woge wilden Schmerzes durchflutete Pers Gemüt. Er
begann am ganzen Körper zu zittern.
»Was sagst du? Dringeblieben sind sie? Und das zu der
Tageszeit? Und mitten unter all’ den Menschen da?«
»Sie waren hineingerannt, eh noch eins recht drauf acht ge-
geben hatte, und auf einmal haben sie das Dach über sich ge-
habt. Was die Schuld war, ist nicht aufgekommen.« Bei diesen
Worten blickte Jens Laanum auf Hans Nielsen hin, der min-
der selbstbewußt auftrat, als sonst seine Gepflogenheit war,
und seine Autorität nur manchmal dadurch an den Tag legte,
daß er mit beschützendem Arm die Leute von der Brandstätte
zurückdrängte. Als Per sich näherte, ließ er sich in eifriges
Gespräch mit seinem Nachbar ein.
Per rannte hin und her vor der Unglücksstätte, seine Tränen
blinkten vom Widerschein des Feuers. Überall wurde er
von den sprühenden Flammen zurückgetrieben. Alle Türen
und Öffnungen versperrte brennendes Stroh, und selbst die
Türpfosten fielen in glühenden Trümmern von der Mauer.
Per konnte nicht aufhören, Worte des Staunens auszustoßen,
daß zwei Menschen am hellen, lichten Tage verbrennen konn-
ten im Beisein der Männer, die den Vorplatz füllten.
Da flüsterte ihm einer ein Wort von der Unterlassung zu, die
man sich beim Dachdecken hatte zuschulden kommen lassen.
Augenblicklich stellte Per den Dachdecker, der gleichfalls her-
beigekommen war, zur Rede und forderte klaren Bescheid.
»Ja,« begann dieser, »soll ich offen die Wahrheit sagen, so
kann ich nicht leugnen, daß ich mich stark verwundert hab
darüber, daß hier kein Stahldraht zum Nähen Über die Tür
eingekauft worden ist, wie’s überall sonst der Brauch. Denn
Stahldraht über die Türen, der gehört sich, das liegt auf der
Hand, und dazu hat man auch die Vorschrift. Aber wo nichts
ist, ist einmal nichts. Und der Nielsen Hans, der hat mir, wie
ich was gesagt hab, geantwortet und gesagt, ich hab mit dem
zu nähen, was ich gekriegt hab; und das waren Strohseile und
nichts weiter. Und nach ihm hab ich mich doch richten müs-
sen. So ist’s!«
»Was ist denn also deine Meinung, was hier geschehen ist?«
sagte Per.
»Ja, wenn ’s schon einmal gesagt werden muß, so halt ich
dafür, daß hier nicht hätten müssen Menschenleben ver-
lorengehen, wenn alles so gemacht worden war, wie es hätt’
gemacht werden sollen. Aber Gott sei Dank steht’s nicht mir
zu, hier zu richten; ich hab nur so viel sagen wollen, daß, was
mich anlangt, ich ohne Schuld bin,« schloß der Dachdecker.
Mit einem Sprung stand nun Per Aug in Auge Hans Nielsen
gegenüber. Die Züge leuchtend vom Schein des Brandes sei-
nes Elternhauses, schrie er, daß es alle hören konnten:
»Was hier geschehen ist, das sollst du noch auf deinen Knien
bereuen müssen, Hans Nielsen! Um nichts besser bist du als
ein Mordbrenner! Was hast du mit meinen armen Eltern ge-
macht? Ich fordre ihr Leben aus deiner Hand! – So weit ich
nur zurückdenken kann, haben du und deinesgleichen hier
in der Gemeinde Handel und Schacher mit ihnen und den
ihren getrieben. Immer hast du es dir zur Aufgabe gemacht,
uns kleinen Leuten das Brot so bitter wie möglich zu ma-
chen. Jetzt hast du deine Kniffe zu weit getrieben! Um ein
paar lumpige Pfennige zu ersparen, bist du heut schuld gewor-
den an dem schrecklichen Tod zweier Menschen. Du glaubst,
du darfst dir erlauben, was du nur willst; aber du hast dich
heut verrechnet, Hans Nielsen! Jetzt soll’s bald ein Ende ha-
ben mit deinem Geschacher; ich will dafür Sorge tragen, daß
du dorthin kommst, wo weder Sonne noch Mond hinschei-
nen, du – – – Mordbrenner du!«
»Hört, ihr Leute, was er sich untersteht, zu mir zu sagen!«
rief Hans Nielsen. »Ich ruf einen jeden zum Zeugen seiner
Worte auf.«
Per ging noch ein paar Schritte vorwärts, wodurch er Hans
Nielsen so nahe an den Brand schob, daß die Flammen seinen
roten Nacken erhitzten.
»Du verdientest wahrhaftig, daß ich dir eins zwischen die
Brauen versetzte, daß du vor meine Füße hinflögst, du rotbär-
tiger Armenschinder du!«
»Ja, schlag nur zu, wenn du dich getraust,« versetzte Hans
Nielsen. »Vergreif dich nur an mir wie am Verwalter in
Sölsig.«
Jetzt trat Jens Laanum herzu: »Geh, Per, denk an dich sel-
ber! Hab acht auf deinen Mund und das, was du tust!«
Er zog ihn von der Brandstätte weg, hinaus auf die Land-
straße, seiner Behausung zu. Allmählich wurde er fügsam wie
ein Kind; er ging und weinte still vor sich hin, während seine
Füße willenlos Schritt mit Jens Laanum hielten.
Als Jens durch seine klugen Worte Pers Gemüt etwas be-
schwichtigt hatte, bot er ihm die Hand zum Lebewohl.
Es hatte zu dunkeln begonnen. Per ging querfeldein und
setzte sich auf einen Erdhaufen weit draußen vor der An-
siedlung, das Gesicht dem Feuerscheine zugekehrt.
Trauer und Ingrimm zogen wie Regenschauer durch sein
Gemüt. Die Mutter stieg vor ihm auf mit ihrem groben, zer-
lumpten Rock und den ergrauten, ungekämmten Haarzotteln
um die rauhen, gehärteten Züge. Wie war sie doch stets miß-
handelt worden, die arme, unglückliche Mutter, bis zu die-
sem letzten grauenvollen Abschluß. Nicht jederzeit war sie
gut gegen ihn gewesen; aber ihre Prügel und ihre Klapse, de-
ren er sich aus seiner Kindheit noch flüchtig erinnerte, hatten
ihre Wurzeln doch weit mehr in ewigen Quälereien und der
Überbürdung mit Arbeit als in einem harten und schlechten
Gemüt. War sie es nicht gewesen, die kam und Hilfe brachte,
als er krank und aller Wartung entbehrend in des Nörhofer
Bertel Knechtekammer lag? Und in den nachfolgenden
Jahren seines Hirtenlebens – wie oft war sie nicht zu ihm hin-
aus aufs Feld gekommen, hatte sich mit dem Strickstrumpf
in der Hand zu ihm gesetzt, ihn nach seinen bescheidenen
Bedürfnissen gefragt und ihm so viel sie konnte Trost gespen-
det. Und nie war sie, so arm sie war, mit ganz leeren Händen
gekommen. Bald hatte sie einen Brocken Kandiszucker, bald
eine Tüte Feigen unter ihrem Brusttuch hervorgezogen, und
kein Jahr vergaß sie, ihm seinen Teil der Vierteltonne saurer,
wurmstichiger Äpfel zu bringen von dem alten verkrüppelten
und halb abgestorbenen Baum, der nun geschwärzt und ver-
brannt sich dort vom Feuerschein abhob. Ja, noch keine vier-
zehn Tage war es her, daß sie an seinem Geburtstage zu ihm
gekommen war und ihm eine wollene Weste gebracht hatte,
die sie selbst für ihn gestrickt; es war wirklich eine wunder-
hübsche Weste mit blauen Glasknöpfen. Als er ihr dankte, da
hatte sie so schelmisch gelächelt und gesagt, eine Weste wie
die könnten die jetzigen jungen Mädchen nicht mehr stricken.
Wo sie nur das Geld dazu hergenommen hatte, besonders zu
den Knöpfen, die gar nicht so billig sein konnten? –
Arme, mißhandelte Mutter, die nun dort drüben unter der
glühenden Asche lag!
Per schlug sich mit der schwieligen roten Hand aufs Knie,
und sein kummervoller Kopf wiegte sich langsam auf und
nieder wie eine Ähre im Regen.
DAS TOTENHAUS

Nach dem Brande der Armenkate und dem Zusammenstoß


mit dem mächtigen Hans Nielsen war Per in der ganzen
Gegend so gut wie unmöglich geworden. Die meisten Hof
bauern machten ja gemeinsame Sache mit ihrem vergötter-
ten Vorsteher. Zwar wurde der Gemeinderat zu einer klei-
nen Geldstrafe verurteilt wegen Übertretung der erwähnten
Dachdeckerei-Verordnung, aber eine viel größere wurde Per
für seine dreisten Worte über den Armenpfleger auferlegt.
Er konnte sich nun kaum mehr in einem Bauernhof blicken
lassen; »er müßte sich doch schämen, wie er einen so estimier-
ten Mann heruntergehunzt hätte.« An Arbeit bekam er nur
noch die allerniedrigste und am schlechtesten entlohnte.
Eines Tages zu Anfang September waren er und Romler da-
mit beschäftigt, einen alten verwachsenen Grenzgraben zu jä-
ten. Jens Romler war nunmehr alt und grau und litt zudem an
einem Bruch, der ihm jeden Schritt schmerzhaft machte. Es
fiel ihm daher schwer, das eiskalte Wasser zu ertragen, weshalb
ihm Per gestattet hatte, mit dem Hakeneisen den Rand ent-
lang zu gehen, während er selbst mit der Schaufel im Graben
watete und den Schlamm zu beiden Seiten emporwarf.
Der Morast war so tief, daß er ihm zu beiden Taschen hin-
einlief und drei, vier Zoll hoch am Hosenlatz hinaufreichte.
Seine Hände und Arme waren über und über mit Schlamm
und Wasserlinsen bespritzt, und Pferdeegel und Neunaugen
schleimten in der Tiefe zwischen seinen nackten ausgespreiz-
ten Zehen fort.
»Ist was an dem Gered,« begann Jens Romler, die Jäthaue
in einen mächtigen Schlammhaufen an der jenseitigen
Grabenböschung schlagend, »daß du – nach Amerika aus-
wandern willst?«
»Ja, hier kann ich doch nicht länger bleiben, wenn ich keine
Arbeit kriegen kann; denn bei so einer wie die da setzt man
doch nur seine Gesundheit zu. Für einen Tag mag’s angehen,
aber auf die Dauer greift’s zu stark an, besonders in der jetzi-
gen Jahreszeit. Heute nacht bin ich dir mit einem Leibschmerz
aufgewacht, der schon schrecklich war, nur weil ich gestern
den ganzen Tag da umgewatet bin, und wer weiß, wie ich
wieder diese Nacht zubring.«
»Ich möcht dich ja gern dann und wann für eine Weile ablö-
sen,« entschuldigte sich Jens Romler, »aber mit der Schwäche
da geht’s gar so schwer.«
»Besser als du werde ich’s doch wohl vertragen können,« trö-
stete Per, »und was war für ein Vorteil dabei, wenn wir uns
alle zwei zugrunde richteten.«
»Es ist also wirklich wahr, daß du von uns fort willst! Ja, sa-
gen läßt sich freilich nicht viel dagegen,« nickte Jens Romler.
»In meinen jungen Jahren, da hat’s so viele gegeben, die sich
aufgemacht haben und sind hinausgezogen in die weite Welt,
und hätt’ eins damals einen rechten Verstand gehabt und war
mit, wer weiß, was man sich an Kummer und Sorgen erspart
hätt’; denn, weiß Gott, es ist nicht immer schön für mich ge-
wesen, da draußen auf dem Moorland.«
»Nein, Jens, wahrhaftig nicht,« versetzte Per. »Und in ein
Leben, wie du’s geführt hast, könnt ich mich nicht finden.
Deshalb geh’ ich auch meiner Wege. Ich will gern was leisten;
aber ich will auch wie ein Mensch behandelt werden; ich will
mich nicht drein finden, daß die, die leben von meiner Arbeit,
daß mir die obendrein ins Gesicht spucken.« »Ich weiß eine,
die sich das Herz aus dem Leib grämen wird, wenn sie hört,
daß du in die Fremde gehst.«
»Ih so, wer war denn das?«
»Unsre Dorre.«
»Die Dorre, ja, die ist ein herzensgutes Mädel; wenn man sie
nur auch besser lieb haben könnt,« versetzte Per.
»Ja, wie die dir gut ist, das ist schon bald nimmer schön.
Aber was nützt das alles, wenn du nicht meinst, daß einmal
auch du ihr gut werden könntest. Sonst war es wohl ein recht-
schaffen braves Mädel. Sie ist mir eine rechte Stütze gewesen,
seit ihre Mutter tot ist. Ihren halben Lohn, mein ich, bringt
sie allemal mit, wenn sie heim kommt, und das dürft nicht
einmal langen.«
»Gewiß, der ist nicht zum besten gehalten, der die Dorre
kriegt, das weiß ich sehr wohl,« erwiderte Per. »Aber so wie ich
jetzt dran bin, was sollt das helfen, wenn ich an Liebschaften
oder ans Heiraten dächt’.«
»Hast du das Haus gesehen, aus dem der Kræn Madsen das
Frühjahr fortgezogen ist?«
Nein, das hatte Per noch nicht.
Das sollte er sich doch einmal anschauen, fand Jens, eh
er außer Landes ging. Ein Haus wär’s auf zwei, drei Kühe,
ein Heidehaus wohl, selbstverständlich, aber mit dem seinen
nicht zu vergleichen, und obendrein war’s sozusagen ohne
alle Aufzahlung zu haben. Und jetzt mußte ja Sölsig zur
Versteigerung und damit in neue Hände kommen, wodurch
Pers Arbeitsverhältnisse sich wahrscheinlich bessern würden.
Na, es kann ja nicht schaden, wenn ich nächstens hinauf-
gehe und mir das Anwesen anschaue, dachte Per, als er abends
von der Arbeit heim ging.
Den nächsten Sonntag zündete er sich seine Stummelpfeife
an und machte sich auf den Weg.
Es war einer jener herrlichen Septembertage, wo der Himmel
einem blauen Meer gleicht, besät mit Hunderten von weißen,
schaumumspülten Wolkeninseln. Meilenweit war die Erde
von Licht und Schatten gesprenkelt, fast wie die weißschek-
kigen Kühe unten auf den Wiesen. Die Kirche leuchtete zwi-
schen grünen Bäumen hervor, und die Mühle spreizte ihre
Arme weit aus, als wollte sie allen Wind umfangen. Der aber
hauchte sie nur liebkosend an unter ihrem grauen Hut, kaum
stärker fühlbar, als wenn ein junges Weib lachend in den Bart
des Geliebten bläst.
Bis an die Grenze der Heide begleitete Per der hitzige Geruch
der Steckrübe, und die Lupine duftete süßer als frischgerührte
Butter.
Eine Viertelmeile weit drinnen in der Heide fand er das
verlassene Anwesen, das aus etwa zehn bis fünfzehn Tonnen
Lands bestand, sandigem Boden, der schräg zu einigen säuer-
lichen, düsteren Moorteichen abfiel. Per schritt über die knol-
ligen Äcker, an deren Rain das Heidekraut schon wieder wu-
cherte, ein Rückfall in den Urzustand. Grauer großkörniger
Sand knirschte überall zwischen den dünnen, bleichsüchtigen
Grashalmen.
Per beugte sich nieder und nahm etwas von diesem Sand
in seine hohle Hand. Er stocherte mit seinem Finger darin
herum: »Und in so einem elendiglichen Kram war Brot für
hungrige Menschenmünder?«
Da und dort lagen jährige Kuhfladen und trockener
Schafmist als einzige Zeichen früherer Kultur.
Per ging zu dem grauen Hause hinauf, das mitten in dem
kleinen Besitztum lag wie eine Muschel auf einem Grabe.
Rechts davon ragten ein paar Pfosten; sie waren weiß wie
Totengebein. Die von der Sonne gespaltenen Türen hatten
sich in den Angeln gesenkt, und das Haus hatte fast über-
all die Fensterscheiben verloren auf jene mystisch gespenstige
Weise wie alle verlassenen Häuser.
Per stand lange da und sah sich nach allen Seiten um. Dort
drüben, von wo er gekommen war, lagen die breiten Schuppen
und Scheunen und hoben sich bucklig vom Horizont ab. Der
Schlot einer Meierei schwang seine Rauchgerte über eine
wellige Landschaft, gelbe Stoppelfelder und saftig grüne
Rübenäcker.
Doch welch andersartiges Bild bot sich auf der entgegen-
gesetzten Seite. Bracherde, knollige Sümpfe, sauere Moräste,
vor allem aber die großen, ginsterbedeckten Sandheiden.
Hierher setzt der Bauer ungern seinen Fuß, außer um ein
Stück des Brackbodens an seinen Taglöhner zu veräußern.
In seinen täglichen Gebeten fleht er den Himmel an, ihn
und die Seinen vor diesem Boden zu bewahren, aber will der
Knecht ihn haben und gut dafür zahlen – nun denn in Gottes
Namen, mag der Sachwalter kommen und den Kaufbrief auf-
setzen mit all seinen bindenden Klauseln.
Wie viele von Pers Kameraden waren nicht schon hier
oben in der Heide verschwunden. Dort – eine Strecke wei-
ter rechts – ging eben einer dahin. Er war im Begriffe, seinen
Hafer zu ernten, ’s ist etwas spät, lieber Niels, aber an allen
deinen Wochentagen bist du ja in der Arbeit, dort unten auf
den Höfen, und nur der Sonntag ist dein. Das Weib geht hin-
terher und bindet die Halme. Sieh, wie weit sie sie schieben
muß, ehe eine Garbe daraus wird!
Sollte er – Per – nun auch von diesem Flecke aus der Welt
die Stirne bieten? Auch er einen Steig durch das Heidekraut
austreten hin zu den prangenden Speichern der Höfe, um drei
Koppel Schafe, ein Schwein und eine räucherige Hütte sein
eigen zu nennen? Etwas flüsterte ihm zu: laß sein!
Wie sah denn übrigens das Haus von innen aus? Er ging
zur Tür und wollte sie aufklinken, doch sie war versperrt.
Aber halt, drüben an der Nordseite, da war ja ein halbes
Fenstergestell ausgehoben. Per ging hinüber. Drinnen unter
dem Fenster war die Mauer wie frisch abgeschabt von Holz-
schuhreifen. Wie eigen: sollte hier jemand aus- und eingehen?
Er schwang sein Bein über die Fensterbrüstung und stand in
einem äußerst ärmlichen Gelaß, in dem noch da und dort
an den Wänden die Möbel ihre Spuren hinterlassen hatten;
in der einen Querwand gähnte ein mächtiges Loch, wo der
Kachelofen herausgenommen worden.
Doch was war das für ein garstiger Geruch.
Per ging zur Türöffnung des nächsten Zimmers, blieb aber
starr vor Entsetzen stehen. In dem starken Sonnenlicht, das
vom Süden hereinfiel, hing dort ein Mensch mit einem Strick
um den Hals. Per lief hin und schnitt ihn ab.
Es war Franz Danggaard.
Er mußte schon lange da gehangen haben, denn sein Ge-
sicht war fast unkenntlich.
Pers Wanderung zurück über die holprigen Äcker des
Totenhauses glich beinahe einer Flucht; er war jetzt fest ent-
schlossen, der Heide für immer den Rücken zu kehren.
VON DER KRUSUMER HÖHE

Es war ein rauher Mai dieses Frühjahr. Per saß daheim bei
Roy und wartete, bis das Schiff abgehen würde.
Der Sturm hatte nun drei volle Tage zwischen Himmel und
Erde gewütet. Am vierten spannte Roy Kild Pejrsens Pferde
an und fuhr mit Per zur Bahn.
Die beiden Freunde saßen beieinander in dem grünen
Fahrstuhl und besprachen Pers bevorstehende Seereise.
Hinten im Wagen stand Kræn Lybskers alter Warenkasten
mit Schulterriemen und Messingschloß, genau wie ihn der
Krämer zurückgelassen hatte, die eine Seite ganz weiß abge-
rieben von seinem Rücken.
Der Weg führte quer über Sölsigs alten verwahrlosten Grund
und Boden, auf dem die jungen Blätter der Gerste jetzt nach
dem starken Sturme einen ganz übernatürlichen Glanz hat-
ten.
In einem Dränierungsgraben auf dem Felde stand Jens
Romler, so daß nur der Kopf über die Böschung hervorragte.
Er schwang seine Mütze zum Abschiede, aber es wurde vom
Wagen aus nicht bemerkt, und ehe der alte, steife Mann sich
aus der tiefen Grube herausgearbeitet hatte, war das Gefährt
schon weit fort. Große Tränen standen in Jens Romlers Augen,
als er sich wieder in den Graben hinabgleiten ließ. »Ja, wie
eins jung war, ja, wie eins jung war, da war man auch mitge-
zogen aus dem Elend heraus. Ei ja, ei ja!«
Eine Strecke weiter führte die Straße an Hans Nielsens Hof
vorbei.
Dorre, die schon die ganze letzte Stunde Ausschau gehalten
hatte, kam weinend und mit schweren Tritten aus einer
Hintertür heraus. Sie hielt ein Papier in der Hand: »Das hat
Hans Nielsen mir aufgetragen, dir zu geben,« sagte sie unter
Schluchzen.
Roy nahm den Zettel aus ihrer Hand. »Steuerzettel für dich,
Per. Zwei Kronen an Gemeindesteuern fürs Juni-Quartal.«
»Hoho, wärst du ein gescheiter Hans,« lachte Roy, »das Juni-
Quartal haben wir noch nicht! Sei so gut, Dorre, grüß schön
deinen gestrengen Herrn und richte ihm aus, von wegen Erlag
des fraglichen Betrags beliebe man sich zur angegebenen
Verfallszeit persönlich an die Behausung des Adressaten, der-
zeit in care of Mr Dowe, R.F.D. Nr. sieben, Reinbach, Iowa,
United States of America, zu wenden, woselbst dieser Betrag
gegen die erforderliche Quittung erlegt werden wird.«
»Ach, ist’s nicht besser, ich zahl?« sagte Per, der heute wenig
dazu aufgelegt war, sich herumzuschlagen.
»Nein, zum Teufel; laß mich nur die Geschichte ordnen,«
erklärte Roy.
Dorre klammerte sich an Pers Hand, als wollte sie ihn mit
Gewalt zurückhalten.
»Jetzt mußt du mich lassen, Liebe,« sagte Per bewegt.
Dorre ist einer Ohnmacht nahe.
Da beugt sich Per vom Wagen nieder und flüstert, indem
seine Lippen beben:
»Wenn’s mir gut geht, Dorre, so versprech ich, daß ich dir
schreib.«
Dorre schaute mit einem tief dankbaren Blick in sein
Gesicht.
Die Pferde, die sich nun wieder in Gang gesetzt hatten, ris-
sen ihre Hände auseinander.
Als der Wagen die Krusumer Höhe erreicht hatte, von der
man ringsumher die weiteste Aussicht hatte, tippte Per Roy auf
die Schulter: »Geh, sei so gut, halt hier einen Augenblick!«
Roy hielt die Pferde an, und Per erhob sich im Wagen und
ließ den Blick über die Gegend gleiten, die er eben verlassen
hatte.
Die breiten, hochgebauten Bauernhöfe leuchteten in der
Morgensonne mit ihren gelben Giebeln, während der frisch-
treibende Roggen sein Geklingel zu den offenen Pforten hin-
einsendete.
Per fand aus der Menge rasch die Höfe heraus, in denen er als
Hirtenbub und Knecht gedient hatte; mit Wehmut ließ er sein
Auge eine Sekunde auf Kild Pejrsens bemoostem Dache drü-
ben unter den nickenden Weiden ruhen. Doch die Wehmut
wich etwas Kaltem, Hartem, da der Blick über Nörhof und
Sölsig zu Hans Nielsens ragenden Speichern hinstrich und
von da übersprang zu einem Haufen rauchgeschwärzter
Ziegelsteine links vom Kirchhofe, den zusammengestürzten
Ruinen seiner Kinderheimat.
»Ach, wie viel Leid einem dort unten angetan worden ist!«
Per deutete über alle die strotzenden Höfe hinaus.
»Es ist nicht ein Gefühl in meiner Brust, nicht ein Recht, es
nenne sich, wie es wolle, auf das nicht gespien und getreten
worden ist … Und dann, daß man auf all das keine andre
Antwort haben soll als das Weite zu suchen! Aber was würde
es nützen zu bleiben? Mit dem Recht, das wir haben, ver-
mag eins doch nichts auszurichten, außer herabzusinken wie
die andern. Ich erinnere mich aus meiner Schulzeit, daß von
Menschen die Rede war, die haben sie ›Kinder des Zorns‹ ge-
heißen. Den Grund, weshalb sie den Namen getragen, weiß
ich heut nicht mehr zu sagen. Aber Leute sind’s gewesen, de-
nen nichts hat gelingen und nichts gedeihen wollen. Wenn für
andre die Sonne geschienen hat, haben sie unter einer Wolke
gelebt. Wenn ich später auf mich und die Meinigen, auf alle
die geschaut hab, die in fremdem Dienst ihr Brot suchen müs-
sen, gesehen hab, wie alles ihnen hinwelkt und hinsiecht, wie
sie’s auch angreifen, da hat’s immer wieder in mir gerufen:
Wir andern sind’s, wir sind die Kinder des Zorns, die unsre
Tage unter einer Wolke hinleben.«
»Ja, aber es wird anders werden! Es kommen andre Zeiten,
eh eins noch recht davon zu sagen weiß!« rief Roy und knallte
heftig mit der Peitsche. »Wartet nur, bis wir gehörig ausgemi-
stet haben bei den Bauern. Reines Bettstroh, reine Luft, reines
Wasser, daß ein Unterschied wird zwischen einer Hundshütte
und einer Knechtekammer. Und dann Zusammenhalt, meine
Freunde! Hand in Hand, feste Ordnung, in Reih und Glied.
Vorwärts – marsch! Zum Kuckuck, ein Häuslerverein, ein
Dienstbotenverein in jedem Sprengel! So wird es anfangen.
Und eines Tages haben wir die ganze soziale Revolution! Red
ich in den Tag hinein? Hab ich vielleicht nicht recht?«
»Gewiß, Roy. Zwei Dinge sind, die müssen überwunden
werden. Das eine ist die Stumpfheit, die von der elendigen
Lebenshaltung kommt, und das zweite die Feigheit, die ist
das Schlimmste; denn die wurzelt im Charakter.«
Per warf noch einen letzten Blick auf das Land, das ihn
von sich gestoßen und seinen Mut und seine junge Kraft ver-
schmäht hatte.
Ein starker Windstoß wühlte um Hans Nielsens Gehöft den
Sand auf. Wie eine dahinrollende Zorneswolke kam er über
den Berg gesaust und hüllte die beiden Fahrenden in seine er-
stickenden Wirbel.
»Fahr zu, Roy!« rief Per. »Daß ich nicht am Ende noch zu
spät komm!«

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