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Klebrig ist es, quadratisch und klein.

Ich spiele damit in meiner Hosentasche herum, als ich


gedankenverloren das Trottoir hinunterschlendere, duch die Seitenstraßen des Wedding, in Richtung
meines Labors. Was ist denn das, Kaugummi? Da fällt es mir wieder ein… es ist noch so ein kleiner
gelb-roter Mosaikstein… wir haben ihn in einer Vitrine in dem Kamerun-Museum gefunden, Gott
weiß wie der dahinkam. Wir durften ihn dann mitnehmen, ob das nun gut war, ich weiß es nicht…
eben noch dachte ich, endlich kehrt Ruhe ein, aber nun ist sie wieder da: Diese marternde
Erinnerung an diese Schattengestalt, die unser Schicksal zu lenken scheint wie ein unsichtbarer
Puppenspieler. An den Unbekannten, der überall im Hintergrund auftaucht, und an dessen Namen
und Gesicht sich niemand zu erinnern vermag… ob ER diese Puzzleteile auslegt auf unserem Weg?
Spielt er ein Spiel mit uns?

Meine Gedanken kreisen zu dem Folianten, den ich damals in dem Keller gefunden habe, in dem
Hermann für immer verschwunden ist, als die Ghule hin mit sich zerrten. „Cultes de Ghoules“ heißt
das Werk, ich habe es hier an diesem Tisch mit Heni studiert, sie half mir mit ihrem guten Französisch
aus. Das Buch berichtet von Kannibalen in den Katakomben von Paris, wo im 17. Jahrhundert
schreckliche Fruchtbarkeitsrituale durchgeführt wurden. Geschrieben hat es ein verkommener
Adliger namens Cômte de Arquette, veröffentlicht wurde es aber erst 1703 von einem gewissen
Honoré Balfour. Je mehr wir lesen, desto mehr verstehen wir. Henni glaubt mir nun auch: Die Ghule
existieren! Mit den Formeln aus dem Folianten wäre es uns möglich, die untoten Fleischfresser selbst
herbeizurufen. Am besten funktioniert das auf einer mondbeschienenen Wiese in der Nähe eines
Friedhofs. Der Verfasser versichert, so könne man von den Ghulen Geheimnisse erfahren, mit ihnen
Vereinbarungen treffen oder gar gemeinsame Pläne schmieden! Allerdings können wir Wesen auch
aggressiv werden, besonders wenn man ihnen bedrohlich erscheint, daher solle man ihnen bessser
allein gegenübertreten. Haha, Irrsinn! Jedenfalls empfiehlt der Cômte, dass man den Ghulen am
besten etwas anbieten solle… was das wohl sein könnte, wenn nicht Menschenfleisch?

Wo ist Gustav Bachmann?

Noch während ich auf meiner durchgesessenen Chaiselongue darüber brüte und mir Branntwein
nachschenke, klopft der Laufbursche vom Schäfersee-Wirt an: Dringender Anruf von Frau Tharau! Als
ich die Henni am Telefon habe, ist sie ganz aufgeregt: „Onkel Gustav ist verschwunden!“ Gustav
Bachmann, mein Kamerad vom Westwall, also genau der Mann, der uns zum neuen Jahr mit seiner
Einladung in diesen Strudel des Wahnsinns gerissen hat. Seit mehreren Tagen sei er nun schon weg,
dabei hatte er nur ganz kleines Gepäck dabei, als er in ein Taxi stieg, und in Richtung unbekannt
davonbrauste.

Als wir am neuen Morgen bei Bachmann in Spandau eintreffen, ist natürlich auch der junge Rotter
da. Die Henni braucht ihn wohl, und naja, irgendwie hängt er jetzt ja auch so tief mit drin – er gehört
halt dazu, zu dem ganzen Schlamassel. Was er da jetzt aber am Telefon wieder für eine Nummer
abzieht, macht mich schon wieder ganz kirre. Es hat den Droschkenbetrieb angerufen, um sich nach
dem Taxifahrer zu erkundigen, der Gustav kutschiert hat. Kowalski. Aber warum faselt der Rotter da
von einem „Hut mit Gamsbart“, den er verloren hat, ist der schon frühmorgens betrunken? Gut, ich
habe sicher auch noch eine Fahne, aber egal, das kann ich nicht mit anhören. Also stöbere ich ein
wenig herum währenddessen…

Ein seltsamer Brief

…und siehe da: Ein Brief liegt am Eingang. Mit „Lieber Freund…“ ist wohl Gustav gemeint. Der
Briefkopf verweist auf das „Storm Sanatorium“. Der Absender unterzeichnet leider unleserlich. Er hat
Gustav wohl lange nicht mehr gesehen, und zwar damals unter „schrecklichen Umständen“, als sie
gemeinsam einem „unheilvollen Treiben“ ein Ende setzten – ob damit die Fronterfahrung in dem
verhexten belgischen Fort gemeint ist, an das auch uns schreckliche Erinnerungen plagen? Vielleicht
sogar Erinnerungen an das schlürfende Lederwesen von den Sternen, dessen Existenz ich damals
nicht wirklich anerkennen wollte? Den Absender hat das Ganze jedenfalls ins Sanatorium gebracht.
Nervenfieber. Dort behandelt ihn ein Dr. Solou, der dem Schreibenden eine „unbegreiflich schnelle
Heilung“ beschert hat. Allerdings gibt es auch einen eiskalten Dr. Berger, der „wie ein Skalpell“
versucht, die Krankheiten aus den Patienten herauszuschneiden. Der Verfasser jedenfalls fühlt sich
erst deutlich besser - wird dann aber von einer neuen Angst befallen. Nachts schleicht jemand durch
die Gänge, und er fürchtet sich plötzlich vor der Farbe Weiß – ein auch ihm selbst unbegreiflicher
Zustand. Vor allem die geweißten Wände sind ihm bedrohlich, seine Augen suchen lieber die
Schimmelflecke, um die Farbe nicht ertragen zu müssen. Er glaubt, das Weiß wölbe sich ihm
entgegen und wolle ihn verschlingen. Es gibt wirklich die seltsamsten Arten des Wahnsinns… wer
weiß, welche davon einmal mir beschert sein mag, wenn es weitergeht…

Rrrrrring! Rrrrrrring! Rrrrrring!

Das Telefon reißt mich aus meinen verschwurbelten Gedanken. Taxi Kowalski ruft zurück, sie haben
den Fahrer identifiziert. Ein gewisser Egon Wiener. Er hat Gustav nach Premnitz an der Havel
gefahren, nahe Rathenow – zum Storm Sanatorium! Das Unheimliche daran: Direkt im Anschluss hat
der Chauffeur gekündigt und ist sofort gegangen.

Wir lassen uns mit dem Sanatorium verbinden. Eine sehr abweisende Schwester Isabell informiert
uns, dass der gesuchte Patient Peter Reinhardt heißt. Der sei aber nicht mehr da, er hat „sich selbst
entlassen – das ist ja schließlich kein Gefängnis hier“. Das war schon, bevor Gustav zu Besuch kam,
der dann wiederum unverrichteter Dinge abgereist sei, nachdem er eine Nacht im Gästezimmer
verbracht hatte. Denn: „Gäste können ja wieder gehen, sofern gegen sie nichts vorliegt.“ So, so… Die
Methoden, die im Sanatorium angewendet werden, klingen auch wirklich nicht so, als ob man sie
ausprobieren wollte: Schocks, Wasserstrahl, Zwangsjacken, eben „ganz moderne Methoden“, wie die
Schwester ausführt,

„Kurz vor den Mauern unserer Stadt….“

Draußen in Brandenburg, in Premnitz, ist die Landschaft grau und trostlos. Der Fuhrunternehmer
bringt uns hin. Die Fabrik ist stillgelegt, viele Wohnugen stehen leer. Im Wald liegt der Gutsbezirk
Grünaue, dort liegt das Storm Sanatorium. Hier schlägt die Farbe der Vegetation von grau in schwarz
um. Gruselig. Dennoch leben die Pflanzen noch. Vielleich ist es Ruß?

Rotter und ich spielen das Besuchskommando, während Henni zurückbleibt. Erst will sie noch einen
Unfall vortäuschen, und der Chaffeur steigt schon freudig in die Pläne ein: „Soll ich se anfahren, ma
so touchieren?“ Nein, da versteckt sie sich lieber erstmal. Am Tor erscheint ein Mann, ganz in weiß,
stellt sich als Werner Grams vor, Irrenwärter. Grams lässt uns ein und klärt uns auf, dass hier bis 1850
eine große Teerschwelerei stand, daher die schwarze Farbe überall. In dem sehr herbstlichen Park
der Anlage spazieren einige Patienten. Auffällig sind zudem die einzigen Farbtupfer: Sie kommen von
blau-violetten Blumen, die allerorten sprießen und auch die abgestorbenen Bäume übernommen
haben. Gärtner Ruben Michels pflanzt sie sogar in großen Beeten an. Grams selbst schein früher in
Berlin Dreck am Stecken gehabt zu haben, „brauchte mal Landluft“, wie er redselig plappert. Er
erzählt uns auch, dass Dr. Solou ständig auf Kongressen sei, und Dr. Berger nur mit seinen neuen
Verfahren beschäftigt sei, daher läge der Betrieb etwas brach. In der Tat scheint der Westflügel des
riesigen Gebäudes verlassen, mit blinden Fenstern.

Henni ist inzwischen auf eigene Faust über die Mauer gestiegen. Im Park freundet sie sich mit der
Patientin Beatrice von Markheim an, einer wohlbetuchten Dame. Sie trägt weiß gestärkte
Anstaltskleidung, ihre Behandlung bei Dr. Berger sei sehr gut, ihr gehe es viel besser. Den Patient
Peter Reinhardt kannte sie, „der war sehr nett, wie seltsam, dass der gegangen ist, ohne sich zu
verabschieden“. Aber sonst sei hier alles bestens. Seitdem Dr. Solou hier ist, sei auch das Essen viel
besser, nur Fleisch gibt es kaum (was Henni eigentlich eher beruhigt). Und das Personal ist ruppiger
geworden. Interessanterweise sind die Kontrollen dann aber doch wiederum so lax, dass Beatrice
unsere Henni ganz einfach mit einschleusen kann in die Mensa des Sanatoriums.

Der Patient Fritz Alexander

Indes nimmt sich Oberschwester Anneliese unseres angeblichen Patienten an, „der Fritz Alexander“.
Sie ist eine echte Wuchtbrumme, und findet sichtlich Gefallen an dem schönen, jungen Mann. Gar
nichts zu melden hat hingegen Schwester Marie, die uns in Dr. Solous Gesprächszimmer bedienen
muss, in dem übrigens auch diese blauen Blumen in Töpfen stehen. Der gepflegt-graue Solou bietet
mir keine Zigarre an, aber da ich Kollege bin, verlange ich einfach nach einer. Dazu noch ein
Weinbrand, dann Männergespräch. Es befällt mich bald der Verdacht, dass auch hier wieder der
unbekannte Puppenspieler am Werk ist: Als Solou erzählen will, welche Koryphäe ihn hierher
vermittelt hat, will ihm partout nicht mehr einfallen, wer das war. Zu Peter Reinhardt erzählt er
Folgendes: Den habe er selten gesehen, entlassen wurde er von Franz, einem Irrenwärter.

Dann kommt es zu Eklat, Rotter dreht durch. Statt den sedierten Patienten zu mimen, schreit er uns
an: „Ihr Säufer! Alles schwarz hier!“ Er wirft ein Glas, trifft Wärter Grams. Oberschwester Anneliese
kommt, um nach dem rechten zu sehen: „Was ist denn los, Doktorchen?“, bemuttert sie Dr. Solou.
Dann bringt sie „Fritz“ in ein Zimmer, welches leider direkt neben dem von Patient Helmut liegt: „Da
will sonst keiner hin.“ Das hat der Rotter jetzt davon, dass er immer so zwanghaft schauspielern
muss. In seinem Zimmer ist eine Wand frisch gekalkt, in strahlendem Weiß… Ich schaffe, kurz mit
meinem „Patienten“ unter viel Augen zu reden. Er ist wirklich aufgebracht: „Das war alles Frau
Tharaus Idee – sie wollte wohl, dass ich elektrifiziert werde wie eine Straßenlaterne!“ Dennoch will er
bleiben und weiter Patient geben, der kann halt nicht anders, denke ich mir. Eine Sache scheint mir
faul: Wie kann die frische, weiß gestärkte Patientenwäsche so moderig müffeln? Seltsam.

Von Beatrice erfährt Henni indes, dass alle Akten bei Dr. Solou stehen. Bei Dr. Berger hingegen gibt
es wohl eigenartige Apparaturen, in denen man Menschen fixieren kann. „Das hat mir auch schon
sehr geholfen“, stammelt Beatrice, es sei nämlich „gar nicht so schlimm wie es aussieht.“ Unbemerkt
reißt Henni ein Kabel aus einer der Maschinen.

Auch mit Dr. Berger kommen wir nun ins Gespräch, ein unangenehmer Typ, der ständig nervös mit
seinem Stift klappert. Er redet von seinen harten Methoden, zu denen die „Suspension“ von
Patienten gehört. Auf Peter Reinhardts im Brief genannten Ängste angesprochen, berichtet der Arzt
von einem intereressanten Detail: Auch er hat nachts einen Schatten herumschleichen gesehen, der
dann in der Küche verschwand. Von dort aus soll es wohl weiter in den Keller gehen, dahin ist ihm
Berger aber nicht gefolgt. Ich gebe mich wieder kollegial, unter Ärzten, es läuft gut. Dann quartieren
Fräulein Henni und ich uns im leeren Westflügel ein, wohin man wohl alle Gäste abschiebt. Gut so,
hier haben wir unsere Ruhe. Wir beschließen, uns nachts verschwörerisch zu treffen und auch Rotter
dazu zu holen. Hoffentlich ist der bis dahin wieder ruhiger.

Um 19:30 werden die Räume verschlossen, die nicht öffentlich sind, sowie die einiger Patienten
Um 21:00 werden alle Lichter gelöscht.
Um 06:30 ist Weckzeit.
Also haben wir ausreichend Spielraum für unsere Nachforschungen.