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Dokumente zur Geschichte der Mathematik 2

Rudolf Lipschitz

Briefwechsel mit Cantor,


Dedekind, Helmholtz,
Kronecker, Weierstrass
und anderen
Dokumente zur Geschichte der Mathematik
Band 2
Dokumente zur Geschichte der Mathematik

Im Auftrag der
Deutschen Mathematiker-Vereinigung
herausgegeben von Winfried Scharlau

Band 1
Richard Dedekind
Vorlesung über Differential- und Integralrechnung

Band 2
Rudolf Lipschitz
Briefwechsel mit
Cantor, Dedekind, Helmholtz, Kronecker, Weierstrass

Band 3
Erich Hecke
Vorlesung über Analysis und Zahlentheorie
(in Vorbereitung)
Dokumente zur Geschichte der Mathematik
Band 2

Rudolf Lipschitz

BriefWechsel
mit

Cantor, Dedelcind, Helmholtz,


. Kronecl<er, Weierstrass
und anderen

bearbeitet von
Winfried Scharlau

Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH


CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek

Briefwechsel mit Cantor, Dedekind, Helmholtz,


Kronecker, Weierstrass und anderen / Rudolf
Lipschitz. Bearb. von Winfried Scharlau. Dt.
Mathematiker-Vereinigung. - Braunschweig;
Wiesbaden: Vieweg, 1986.
(Dokumente zur Geschichte der Mathematik;
Bd.2)

NE: Lipschitz, Rudolf [Mitverf.]; Scharlau,


Winfried [Bearb.]; GT

Prof. Dr. Winfried Scharlau, Mathematisches Institut der Universität Münster

1986

Aile Rechte vorbehalten


© Springer Fachmedien Wiesbaden 1986
Ursprünglich erschienen bei Friedr. Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft mbR, Braunschweig 1986.

Das Werk einschlief"ich aller seiner Teile ist urheberrechtlieh geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für
Vervielfältigungen, übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung
und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-528-08969-6 ISBN 978-3-663-14205-8 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-663-14205-8
v

VOlwort

Die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn wurde am


18.10.1818 gegründet. In ihren Statuten waren bereits bei der
Gründung zwei ordentliche professuren für Mathematik vorgesehen,
deren eine zugleich für die Astronomie bestimmt war. Es mag
nicht leicht gewesen sein, damals geeignete Personen für die
Besetzung dieser Stellen zu finden. Die ersten Mathematiker,
die an die neu gegründete Universität berufen wurden, waren
wilhelm Adolf Diesterweg (1782-1835) und Karl Diettrich von
Münchow (1778-1836).

Promotionen aufgrund gedruckter Dissertationen f inden wir auf


mathematischem Gebiet in der ersten Periode nicht; dagegen ist
eine Ehrenpromotion bemerkenswert. Peter Lejeune-Dirichlet,
1805 in Düren als Sohn einer französischen Emigrantenfamilie
geboren, bewarb sich 1827 in Bonn um die Doktorwürde. Vorher
war er Privatlehrer in Paris und verkehrte dort im Kreis um
Jean-Baptiste Fourier; er hatte bis dahin nur eine einzige
wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht, die freilich bei der
Pariser Akademie große Anerkennung gefunden hatte. Es ist ein
I
Zeichen feinen Verständnisses und vorschauenden Urteils, daß
die d~naligen Bonner Mathematiker den jungen Gelehrten der
Ehrenpromotion für würdig erachteten.

Dirichlet wurde dann 1827 auf von Humboldt's Empfehlung Dozent


in Breslau und war danach von 1829 bis 1855 in Berlin. Hier
schloß SiCh ihm Rudolf Lipschitz an, der 1832 in Königsberg
geboren worden war und zunächst in' Königsberg studiert hatte.
Lipschitz wurde 1853 mit einer Arbeit über den von Induktions-
kräften hervorgerufenen magnetischen Zustand eines Ellipsoids
promoviert. Nach einer Tätigkeit als Gymnasiallehrer in Königs-
berg und Elbing habilitierte er sich 1857 in Bonn, ging 1862
VI

als a.o. Professor nach Breslau, kehrte aber schon 1864 als
ordin~rius nach Bonn zurück und wirkte hier bis zu seinem Tode
1903. Er hatte namhafte Konkurrenten auf der Vorschlagsliste:
otto Hesse in Heidelberg und Alfred Clebsch in Giessen. Das
andere Ordinariat war damals mit Julius plücker besetzt, gegen
dessen Willen Lipschitz berufen worden war.

Lipschitz entfaltete in Bonn eine ungewöhnlich vielseitige


Tätigkeit. Gegen Plückers Widerstand erwirkte er schon 1866
die Gründung des Mathematischen Seminars (1955 in Mathemati-
sches Institut umbenannt) mit einem Jahresetat von 220 Thalern.
Der Etat diente nicht nur zum Aufbau einer Bibliothek, sondern
zugleich zu Seminarprämien an die Mitglieder des Seminars. Die
Prämien und die Handbibliothek sollten im Kreise der Studieren-
den ein reges wissenschaftliches Leben anfachen. Unter den
ersten, die mehrere Semester hindurch die Seminarprämie bezo-
gen, war Felix Klein aus Düsseldorf, Plückers damaliger Assi-
stent. Plücker starb 1868 und Klein promovierte im selben Jahr
bei Lipschitz.

wie gesagt, Lipschitz entfaltete in Bonn eine vielseitige Tä-


tigkeit. Auch seine Lehraufgaben nahm er sehr ernst, 1877/80
erschien sein "Lehrbuch der Analysis", er war Rektor der uni-
versität; es ist nicht möglich in der gebotenen Kürze hier auf
seine Aktivitäten näher einzugehen. Um so mehr aber möchte ich
auch im Namen der übrigen Bonner Kollegen Herrn Scharlau für
die Herausgabe des Lipschitzschen Briefwechsels danken. Ich
bin sicher, daß sich darin viel Interessantes finden läßt.

Rolf Leis
VII

Inhaltsverzeichnis

Seite
Vorwort V
Inhaltsverzeichnis VII
Rudolf Lipschitz und sein Bekanntenkreis IX
Vorbemerkung
Briefe im Faksimile 2
Borchardt 12
Cantor 28
cayley 38
Clenscn 41
Darnoux 44
Dedekind 47
FUChS 107
Heine 110
Helmholtz 113
Hermite 136
Hesse 148
tloüel 150
Koenigsnerger 153
Kronecker 159
Mittag-Leffler 191
Neurnahn 195
Poincare 197
Study 198
weber 208
weierstrass 216
Verzeichnis des Briefwechsels 227
Chronologiscne Liste der Wissenschaftlichen
Arbeiten von R. Lipschitz 235
Literaturverzeichnis 245
Narnensverzeicnnis 247
IX

Winfried Scharlau
Rudolf Lipschitz und sein Bekanntenkreis

1. An Stelle einer Einleitung

Ich möchte diese Einführung beginnen, indem ich erzähle, wie


ich selbst mit Lipschitz zum ersten Mal in Berührung gekommen
bin: Vom 11. bis 14. Mai 1982 besuchte mich Harold M. Edwards
in Münster; am 14.5. hielt er einen Kolloquiums-Vortrag über
das Thema "Reciprocity laws and the development of algebraic
number theory", und wir diskutierten uns gemeinsam interessie-
rende Fragen aus der Geschichte von Algebra und Zahlentheorie
im 19. Jahrhundert; z.B. Dedekinds Vorlesungen über Algebra
aus den Jahren 1856 bis 58, dessen "Bunte Bemerkungen zu
Kronecker" und das auch in dem Vortrag behandelte Thema der
Rolle der Reziprozitätsgesetze bei der Entdeckung der idealen
Primfaktoren und der Begründung der ,algebraischen Zahlentheorie.
(Vgl. Dedekind [1981]; Edwards-Neumann-Purkert [1982],
Edwards [1980]). Am 17. Mai - drei Tage nach der 150. Wieder-
kehr des Geburtstages Rudolf Lipschitz' - fuhr ich nach Bonn,
um mir dort im Mathematischen Institut seinen wissenschaftli-
chen Nachlaß anzusehen, wobei ich vor allem hoffte, etwas von
dem berühmten Briefwechsel mit Dedekind zu finden (vgl. S.47
bis 106). Nach einigem Suchen fand ich neben vielem uninteressan-
ten Material einige unveröffentlichte z.T. skizzenhafte Auf-
zeichnungen, und als ich mir diese näher ansah, da hätte meine
Verblüffung nicht größer sein können:
Als erstes kamen Notizen zu einer Algebra-Vorlesung aus dem
Sommer-Semester 1858 zum Vorschein, die sofort einen Vergleich
mit Dedekinds Vorlesungen nahelegten, wenn auch schon eine
flüchtige Durchsicht die gänzlich verschiedene Konzeption zeig-
te (bei Lipschitz handelte es sich um "Lineare Algebra", bei
Dedekind um Galois-Theorie und Gruppen-Theorie) .
Als zweites fand ich ein sorgfältig ausgearbeitetes Manuskript
mit dem gewundenen Titel Über die Criterien der Möglichkeit einer
x

gewissen Gattung von unbestimmten Gleichungen, und die Herlei-


tung dieser Criterien aus der Theorie der Kreistheilung, das
seinen Bonner Habilitations-Vortrag vom 27.4.1857 wiedergibt.
In diesem Manuskript werden das quadratische und die höheren
Reziprozitätsgesetze und ihr Zusammenhang mit der Kreisteilung
und der Faktorzerlegung komplexer Zahlen behandelt, so daß es
mir über weite Strecken - manchmal bis in die Details - wie
die Vorlage für den gerade gehörten Vortrag von Edwards vorkam
(vgl. Scharlau [1986]).
Das dritte schließlich mit der Überschrift Bemerkungen zu der
Abhandlung von Kronecker: Grundzüge einer arithmetischen Theorie
der algebraischen Grössen war ein Gegenstück zu Dedekinds "Bun-
ten Bemerkungen", die ich gerade in den Korrekturfahnen von
Edwards-Neumann-Purkert [1982] gelesen hatte.

Diese kleine Geschichte hat eine Moral, die das eigentliche


Thema dieses Bandes ist: In Lipschitz' Leben und Werk spiegeln
sich in exemplarischer Weise wichtige Gegenstände und Hauptent-
wicklungslinien der Mathematik in der zweiten Hälfte des vori-
gen Jahrhunderts wider. In seinem Briefwechsel, dem eigentli-
chen Inhalt dieses Buches, wird vieles von den damaligen Ver-
hältnissen an den Universitäten und des wissenschaftlichen Be-
triebes lebendig, wenn auch natürlich immer nur bruchstückwei-
se und oft persönlich gefärbt, so daß dem Leser die Aufgabe
bleibt, diese Fragmente zu einem einheitlichen Bild zusammen-
zusetzen, soweit dies überhaupt möglich ist. Diese Arbeit etwas
zu erleichtern soll die Aufgabe dieser Einführung sein.

2. Biographische Notizen

Lipschitz' Leben .und wissenschaftlicher Werdegang könnte für


einen deutschen Mathematiker und Universitätsprofessor seiner
zeit nicht typischer sein: Als Kind begüterter Eltern erhielt
er eine sorgfältige Schulausbildung, erst durch Privatunterricht,
dann auf dem Gymnasium in Königsberg, auf das so viele bedeuten-
de Mathematiker gegangen waren (vgl. Strobl [1982]). Schon in
seinem 16. Lebensjahr begann er sein Mathematik- und Physikstu-
dium, das er an zwei Zentren mathematischer Forschung durch-
führte, in Königsberg und in Berlin. Er promovierte bei Dirich-
let (1805-1859), bei dem fast alle deutschen Mathematiker dieser
XI

Generation in die Schule gegangen waren, und betrachtete sich


selbst auch immer als Schüler Dirichlets. Wie so viele andere
auch (Kummer (1810-1893), Weierstrass (1815-1897), Fuchs
(1833-1902), Frobenius (1849-1917)) wandte er sich dann zu-
nächst der Schullaufbahn zu. Über seinen Erfolg als Lehrer in
Elbing und Dozent in Bonn existiert ein Gutachten von F. Neu-
mann (1798-1895), das anläßlich der Wiederbesetzung der nach
Dedekinds Weggang freigewordenen Professur an dem Polytechni-
kum in Zürich geschrieben wurde: " ... Der Direktor dieses Gym-
nasiums, Herr Beneke, rühmte den Erfolg, welchen Lipschitz
durch seinen Unterricht in dieser kurzen Zeit hervorgebracht
hatte, ganz besonders, wie er gewusst habe, das etwas vernach-
lässigte Interesse für Mathematik bei den Schülern zu erwecken ...
... dass ich vor längerer Zeit an den vortragenden Rath unseres
Cultus-Ministeriums, den Geheimen Rath Olshausen, in einem ver-
traulichen Schreiben schrieb, dass ich den Lipschitz für den
eigentlichen Träger des mathematischen Unterrichtes an der Bon-
ner Universität ansehe ... " (Akten der ETH Zürich).

In der klaren Erkenntnis, daß ihm die Schullaufbahn auf Dauer


kein befriedigendes Wirkungsfeld bieten würde, strebte Lipschitz
dann aber schon bald die Habilitation an und suchte nach einer
Universität, wo dieser Schritt erfolgen konnte. (Auch dies war
im ganzen 19. Jahrhundert üblich; man habilitierte sich nicht
unbedingt da, wo man studiert und promoviert hatte, sondern oft
da, wo man gerade unterkommen konnte, z.B. weil ein Privatdo-
zent gesucht oder gebraucht wurde. Viele interessante Einzel-
heiten im Zusammenhang mit der im April 1857 erfolgten Habili-
tation finden sich in den Briefen seines früheren Bekannten und
lebenslangen Freundes H. v. Helmholtz (1821-1894) (vgl. S. 113
bis 135).

Der Habilitation folgten fünf Jahre als Privat-Dozent in Bonn,


zwei Jahre als Extraordinarius in Breslau und 1864 die Berufung
als ordentlicher Professor nach Bonn. Trotz zahlreicher Rufe an
andere Universitäten ist er dort bis zu seinem Tode geblieben.
Seine Vorlesungen deckten ein weites Spektrum ab; er bemühte
sich, den mathematischen Unterricht nach dem Vorbild des Berli-
ner Seminars zu verbessern, und war daran interessiert, talen-
tierte Privatdozenten nach Bonn zu ziehen. Er unterhielt nicht
XII

nur vielfältige Beziehungen zu Mathematikern L~ In- und Aus-


land, sondern auch zu Wissenschaftlern a~derer Fächer und man-
chen Künstlern. Vor allem die Musik spielte in seine.TIl Haus eine
große Rolle; J. Joachim und J. Brahms werden als befreundete
Künstler genannt.

Heute ist Lipschitz vielleicht halb vergessen. Ganz im Gegen-


satz dazu belegen aber alle vorhandenen Dokumente, daß er zu
seinen Lebzeiten einer der prominentesten und bekanntesten Ma-
thematiker war. Ihm wurden außerordentlich viele Anerkennungen
und Ehrungen zuteil: die Wahl in mehrere wissenschaftliche Aka-
demien; die Bitte um die Übernahme der Herausgeberschaft be-
deutender Zeitschriften (z.B. Crelles Journal); die Bitte um
Mitarbeit bei Zeitschriften und Veröffentlichungsreihen (An-
fragen von Darboux (1842-1917), Hermite (1822-1901), Mittag-
Leffler (1846-1927), C. Neumann (1832-1925), Virchow (1821-1902)
usw.); oder die Verleihung der Gauss-l"ledaille zu einem besonders
hervorgehobenen Termin, 1877, zum hundertsten Geburtstag von
Gauss. Vor allem belegen aber die zahlreichen Rufe an andere
Universitäten, von denen nur die bemerkenswertesten genannt
werden sollen, die hohe Meinung, die seine Zeitgenossen von ihm
hatten: 1862 durch den eine glänzende Personalpolitik betrei-
benden Schulrat KappeIer als Nachfolger Dedekinds nach Zürich,
1873 als Nachfolger von Clebsch (1833-1872) auf den Lehrituhl
von Gauss (1777-1855), Dirichlet und Riemann (1826-1866), und
noch 1892, als es in Berlin um die gleichzeitige Wiederbesetzung
der Stellen von Kronecker (1823-1891) und Weierstrass ging, war
er der Wunschkandidat der Fakultät, der nur seines schlechten
Gesundheitszustandes wegen nicht berücksichtigt wurde (vgl.
Biermann [1973]). Daß Lipschitz die Bonner Universität nicht
mehr verlassen hat, ist im übrigen nicht so überraschend, galt
sie doch im vorigen Jahrhundert als eine der besten deutschen
Universitäten, die auch in den Naturwissenschaften ganz hervor-
ragend besetzt war. Es genügt, die Namen Argelander (1799-1875),
Plücker (1801--1868), v. Helmholtz, Clausius (1822-1888), Hertz
(1857-1894) und Kekule (1829-1896) zu nennen. An der Besetzung
der physikalischen Professuren hat Lipschitz immer wesentlich
mitgewirkt, wie viele Stellen in seinem Briefwechsel zeigen.

Eine ausführliche wissenschaftliche Biographie Lipschitz' liegt


XIII

bis heute nicht vor. Wir verdanken Kortum (1836-1904) eine


kurze Würdigung seines engen Kollegen und Freundes (Kortum
[1906]). Inhaltsreicher ist die Darstellung Peschls [1970], in
der vor allem auch eine zutreffende und die wesentlichen Punk-
te herausstellende Würdigung des wissenschaftlichen Werkes ge-
geben wird. Eine von Peschl und Thimrn geplante umfassendere Bio-
graphie blieb äußerer Umstände wegen ungeschrieben. Auch dieses
Buch enthält keine vollständige Biographie, denn sein eigentli-
ches Thema ist nicht Lipschitz selbst, sondern sein wissen-
schaftlicher Umkreis. Trotzdem ist zu hoffen, daß die Dokumen-
te dieses Bandes zusammen mit Peschls Aufsatz ein zutreffendes
Bild des Mathematikers und des Menschen Lipschitz geben.

3. Beziehungen zu anderen Mathematikern

In der Einleitung wurde schon gesagt, daß sich in Lipschitz'


Leben und Werk - und vor allem auch in seiner Korrespondenz -
die ganze Geschichte der Mathematik in der Zeit von 1860 bis
1895 widerspiegelt. Bekanntlich wurde das mathematische Leben
Deutschlands in dieser Zeit wesentlich geprägt durch den Gegen-
satz zwischen der analytischen Berliner Schule mit Kronecker
und Weierstrass als führenden Persön~ichkeiten und dem Crelle-
sehen Journal als Publikationsorgan und der geometrischen sich
auf Riemann berufenden Göttinger Schule mit Clebsch und Klein
(1849-1925) als Hauptvertretern und den Mathematischen Annalen
als "Hauszeitschrift". Von etwa 1866 (Tod Riemanns) bis Anfang
der neunziger Jahre (Tod Kroneckers, Erkrankung Weierstrass
dominierten in diesem Wettstreit die Berliner. Es gibt zahl-
reiche Dokumente (auch im Lipschitz-Nachlaß, vgl. z.B. die Brie-
fe von Borchardt (1817-1880)), die die scharfen, oft bis ins
Persönliche gehenden Auseinandersetzungen zwischen diesen bei-
den Gruppen belegen (vgl. z.B. Biermann [1973]). Wohl auch in-
folge der politischen Situation in Deutschland, den Rivalitä-
ten, aber auch der Unabhängigkeit der verschiedenen deutschen
Staaten, konnte sich keine der Schulen auf Dauer entscheidend
durchsetzen. Es entstand eine Situation, die bei allen unerfreu-
lichen Begleitumständen im einzelnen - letzten Endes eine aus-
serordentliche Vielfalt und Dynamik der verschiedensten mathe-
matischen Entwicklungen begünstigte. Auch Außenseiter wie Dede-
XIV

kind und Cantor (1845-1918) konnten sich durchsetzen und ihren


anerkannten Platz finden.

Lipschitz war ein markanter, aber keineswegs extremer Vertreter


aer Berliner Schule; die meisten seiner Arbeiten publizierte
er im Crelleschen Journal, nur eine in den Annalen. Auch in
seinem Briefwechsel kommt der enge Kontakt zu den Berlinern zum
Ausdruck: 57 Briefen von Borchardt, 22 von Kronecker, 10 von
Heierstrass steilen nur 3 von clebsch, einer von C. Neumann und
keiner von Klein gegenüber. Erst in seiner letzten Schaffens-
periode ließ Lipschitz sich von seinem Bonner Kollegen Study
(1862-1930) auch über die neuen geometrischen Theorien von
Klein, Lie (1842-1899) und Engel (1861-1941) berichten.

Lipschitz' hauptsächliche Arbeitsgebiete waren Mathematische


Physik, Differentialgeometrie und Differentialgleichungen, wenn
er auch heute in erster Linie noch durch seine Arbeiten zur
Linearen Algebra (Clifford-Algebra, orthogonale Gruppen, Spinor-
Norm) bekannt ist. Seine Interessen waren aber außerordentlich
weit gespannt, und er scheint ein sicheres Gespür für zukunfts-
weisende Entdeckungen gehabt zu haben. Er war wohl einer der
ersten, der die Anregungen aus Riemanns Habilitations-Vortrag
aufgriff und mit ihrer Ausarbeitung begann; er beschäftigte
sich mit Kummers idealen Zahlen und den höheren Reziprozitätsge-
setzen (vgl. sein Habilitationsvortrag, Scharlau [1986]); als
einer der ersten erkannte er die Bedeutung der Dedekindschen
Idealtheorie (vgl. S. 47 bis 100) und zeigte Interesse (bei
teilweisem Nichtverständnis) für Dedekinds Begründung der re-
ellen Zahlen (vgl. ebenfalls S. 47 bis 100); Kroneckers Arbei-
ten zur Algebra und Arithmetik beschäftigten ihn ebenso wie Can-
tors Theorie der transfiniten Zahlen, und im Anschluß fu~ seine
eigene frühere Beschäftigung mit dem Riemann-Helrnholtzschen
Raumproblem interessierten ihn die Forschungen Lies und seiner
Schüler.
So wird Lipschitz auch immer wieder als Gesprächspartner ge-
sucht, und dieser Band enthält eine ganze Reihe von Briefen, in
denen bedeutende Mathematiker ihre eigenen Forschungsprograrnrne
beschreiben: Clebsch berichtet von seinem gemeinsam mit Gordan
(1837-1912) verfolgten Programm einer exakten Begründung der
Theorie der Riernannschen Flächen; Kronecker spricht in einern
xv

Brief von der "Arithmetisierung der Algebra" als seinem mathe-


matischen Lebenswerk; wie schon erwähnt, berichtet Dedekind aus-
führlich über seine grundlegenden Untersuchungen zur Idealtheorie
und Begründung der reellen Zahlen und Cantor über seine Ideen
über transfinite Zahlen. Ein weites Spektrum von Fragen wird in
den Briefen von Helmholtz angesprochen; sie gehen über die Ma-
thematik weit hinaus, aktuelle Fragen der theoretischen Physik
und experimentelle Untersuchungen werden erwähnt, aber anderer-
seits werden auch Helmholtz' philosophische Interessen und über-
zeugungen deutlich (" ... und dann empört mich immer wieder
die Unverfrorenheit, mit der Leute, die nicht den kleinsten
geometrischen Satz zu fassen vermögen, in der sicheren Überzeu-
gung überlegener Weisheit über die schwierigsten Fragen der
Raumtheorie sprechen ... ").

Besonders interessant sind oft mehr persönlich gehaltene Berich-


te bedeutender Mathematiker über ihre Arbeitsweise und ihre Be-
ziehungen zu Kollegen. So schreibt z.B. Kronecker: "Kaum geht
mir ein mathematischer Gedanke durch den Kopf, den ich nicht -
wenn auch noch unreif - meinen Freunden mittheile; und dies ist
gegenseitig. Da namentlich wir zwei, Weierstrass und ich, uns
häufig in den Gebieten unserer Gedanken begegnen, so weiss ich
von so Manchem was er gemacht hat oder was ich im Laufe meiner
hiesigen Zeit erarbeitet habe kaum, wer von uns Beiden zuerst
den Gegenstand angeregt oder mit irgendeiner glücklichen Idee
befruchtet hat.

4. Beziehungen zum Ausland

Der Lipschitz-Briefwechsel enthält eine Fülle von Dokumenten,


die seine engen Beziehungen zu einer ganzen Reihe von bedeuten-
den Mathematikern anderer Länder deutlich machen. Diese sind
allerdings von sehr ungleichmäßigem Wert und Gehalt und ergeben
nur stellenweise ein einiqermaßen zusammenhängendes Bild. Des-
halb konnte auch nur ein geringer Teil dieses Briefwechsels in
diesen Band aufgenommen werden. Einige Bemerkungen dazu sind
jedoch angebracht.

Die mit großem Abstand umfangreichste und vielleicht auch in-


teressanteste Korrespondenz überhaupt wurde mit Hermite geführt.
Einer Herausgabe stehen allerdings zwei Hindernisse entgegen:
mI

Erstens sind von Lipschitz' Briefen nur sehr schlecht geschrie-


bene Konzepte vorhanden, deren Entzifferung außerordentliche Mü-
he machen würde; zweitens geht es in den Briefen ganz überwie-
gend um mathematische Fragen verschiedenster Art und für einen
sachgerechten Kommentar wäre es erforderlich, diese Fragen aus
den Briefen und Originalarbeiten zusammenhängend zu rekonstru-
ieren. So beschränken wir uns in diesem Band auf einige Kost-
proben.

Auch abgesehen von der Korrespondenz mit Hermite spielen fran-


zösische Mathematiker in Lipschitz' wissenschaftlichen Kontak-
ten eine bedeutende Rolle, wobei er vielleicht unbewußt an die
Haltung seines Lehrers Dirichlet anknüpfte. Vor allem ein Punkt
ist in zeitgeschichtlicher Hinsicht erwähnenswert: Nach dem
Krieg von 1870/71 bemühten sich sehr bald Mathematiker auf bei-
den Seiten wieder zu vernünftigen wissenschaftlichen (und per-
sönlichen) Beziehungen zu kommen - ganz im Gegensatz zur na-
tionalistischen Haltung der Regierungen. Die Initiative schien
dabei überwiegend von französischer Seite auszugehen. Eine Vor-
reiterrolle übernahm Hermite; so heißt es z.B. in einem Brief
Borchardts an Lipschitz: "Sie können sich an Hermite wenden,
der sich über jede Anknüpfung mit deutschen Mathematikern freut
und von Ihnen besonders gerne eine Mittheilung empfangen würde.
Dieser Weg hat indessen das gegen sich, dass Hermite als deutsch-
freundlich und unpatriotisch von manchen seiner Collegen ange-
sehen wird ... " Es wäre sicherlich eine lohnende Aufgabe, auch
andere zeitgenössische Dokumente in dieser Hinsicht durchzuse-
hen und diesen ganzen Fragenkomplex zusammenfassend darzustel-
len.

Auch die Beziehungen zu den italienischen Mathematikern sollten


vor dem aktuellen politischen Hintergrund gesehen werden. Nach
der nationalen italienischen Wiedervereinigung, an der die Wis-
senschaftler wesentlich beteiligt waren, bemühten sich auch die
italienischen Mathematiker bei der Neuordnung des Universitäts-
systemes und der Anhebung des Unterrichts um wissenschaftliche
Kontakte vor allem zu deutschen und französischen Mathematikern.
Diese Initiativen führten z.B. dazu, daß eine Reihe wichtiger
Lehrbücher in die italienische Sprache übersetzt wurden.
XVII

Durch diese Entwicklungen mitausgelöst fällt dann in die acht-


ziger und neunziger Jahre eine wesentliche Ausweitung des Wis-
senschaftsbetriebes über die traditionell führenden Länder Euro-
pas hinaus. Mittag-Leffler gründete in Schweden die Acta mathe-
matica, und fast zur gleichen Zeit erschien, gefördert vor allem
von Sylvester (1814-1897), das American Journal of Mathematics
zum ersten Mal; in beiden Zeitschriften erschienen Arbeiten von
Lipschitz. Eine Zeit verstärkter internationaler Kontakte be-
gann, die um die Jahrhundertwende mit den ersten internationa-
len mathematischen Kongressen einen ersten Höhepunkt erlebte.

5. Klatsch

Der Briefwechsel enthält viele persönliche Angelegenheiten und


auch eine ganze Menge Klatsch. Es ist die Politik dieser Publi-
kationsreihe, keinen Klatsch abzudrucken; gelegentlich ist der
übergang zu Vorgängen von zeitgeschichtlichem Interesse aber
fließend. Z.B. muß jeden heutigen Leser immer wieder beein-
drucken, mit welcher Hilflosigkeit man damals noch den gewöhn-
lichen Infektionskrankheiten ausgeliefert war und wie Krank-
heiten naher Familienangehöriger ständiges Thema der Briefe
sind. Die mehr persönliche Seite des Briefwechsels macht auch
nur allzu deutlich, daß die Universitäten nicht nur ein Ort
erhabener Wissenschaft waren, sondern daß im täglichen Betrieb
Intrigen aller Art, offene und verdeckte (Prioritäts-) Strei-
tigkeiten, persönliche Protektion und Einflußnahme, Animosi-
täten und Rivalitäten eine große Rolle spielten. Hier viel zu
verschweigen, hieße ein idealisiertes Bild zu zeichnen, das
der Wirklichkeit an den Universitäten nicht gerecht würde. Be-
zeichnend für die deutschen Korrespondenten ist vielfach auch
ein geschraubter Stil mit einer manchmal nur schwer zu ertra-
genden Tendenz zur gegenseitigen und eigenen Beweihräucherung;
Kostproben dafür finden sich z.B. reichlich im Briefwechsel
Kronecker ~ Lipschitz.

- * - * - * - * -

Gesichtspunkte, unter denen man die Lipschitz-Korrespondenz


lesen kann, gibt es jedenfalls genug: die Math~~atik als Wis-
XVIII

sensehaft selbst, Wissenschafts- und universitätsgeschichte,


Ideen- und Personengeschichte, am meisten vielleicht das stil-
le und harmlose Vergnügen, sich in eine vergangene Zeit hinein-
zudenken.

Frau E. Becker ist für ihre Mühe und Sorgfalt beim Schreiben
der Druckvorlage und Korrekturlesen zu danken, den Mitarbeitern
des Vieweg-Verlags, insbesondere Frau Schmickler-Hirzebruch für
ihr wohlwollendes Interesse an diesem Band.
- 1 -

VORBEMERKUNG

Ein Abdruck des gesamten Briefwechsels würde etwa 1500 Seiten


erfordern, kam also nicht in Betracht. Es wurde versucht, die
interessantesten Briefe herauszusuchen, aber die getroffene Aus-
wahl ist sicher subjektiv und teilweise willkürlich. Es wurde
nicht einmal versucht, nach formal einheitlichen Kriterien vor-
zugehen. Z.B. wurde der Briefwechsel mit Dedekind und Kronecker
in großen Teilen vollständig aufgenommen, weil hier auch
Lipschitz' Briefe vorhanden sind und vor allem der Briefwechsel
mit Dedekind historisch von besonderer Bedeütung ist. Aus ande-
ren Korrespondenzen wurden oft nur einzelne Briefe oder Teile
einzelner Briefe ausgewählt. Gelegentlich werden in eckigen
Klammern kurze Angaben über den Inhalt ausgelassener Passagen
gemacht. Im Prinzip wurde der Originaltext buchstabengetreu
übernommen einschließlich orthographischer Fehler und der ur-
sprünglichen Interpunktion; offensichtliche Versehen wurden
allerdings meistens verbessert. Fußnoten und Anmerkungen sind
jeweils nach den einzelnen Korrespondenzen zusammengefaßt.
- 2 -

Brief von Cantor (Auszug); vgl. S. 29 bis 3;


- 3 -
- 4 -

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Brief von Helmholtz


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- 6 -
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- 8 -

Brief von Kronecker (Auszug. 1. und 4. Seite); vgl. S. 159 bis 161
- 9 -
- 10 -

Brief von Weierstrass; vgl. S. 225


- 11 -
- 12 -

BRIEFE VON BORCHARDT AN LIPSCHITZ *)

Berlin, Friedrichsstrasse 236


d. 12ten Februar 1862

Werther Freund,

Seien Sie versichert, dass Ihre Interessen bei mir in guten Hän-
den sind und dass ich Ihre für das Journal freundlichst einge-
sandten Abhandlungen nicht länger liegen lassen werde, als ich
durch stricte Nothwendigkeit gezwungen bin. Ein noch dringende-
rer Wunsch Ihre Arbeiten schleunigst zu publiciren ergab sich
für mich, da ich hörte dass von Ihnen für Besetzung der zweiten
Breslauer Stelle die Rede sei.

Sobald Sie Ihre Abhandlungen an Kronecker eingeschickt hatten


machte er mir Mittheilung davon, indess war damals bereits der
Satz des Journals durch Jacobi's grosse Abhandlung über par-
tielle Differentialgleichungen in Anspruch genommen, die erst
jetzt eben zu Ende gesetzt ist.

Hoffentlich wird die Breslauer Angelegenheit längst zu Ihren


Gunsten entschieden sein, ehe es mir möglich ist, zum Druck Ih-
res Manuscripts zu gelangen. Aber auch abgesehen von jener Rück-
sicht wünsche ich den Druck zu beschleunigen und kann Ihnen nur
meine frühere Versicherung wiederholen, dass es an meinem guten
Willen nicht fehlen wird.

Hoffentlich geht es Ihnen in Bonn zu Ihrer Zufriedenheit. Mit


Anfang dieses Winters bin ich umgezogen und befinde mich in mei-
ner Wohnung bedeutend besser als ich seit mehreren Jahren den
Winter zubringen konnte. Ich begrüsse dies als ein gutes Zeichen
für die Zukunft. Leben Sie wohl. Ihr freundschaftlich ergebener

Borchardt

- * - * - * - * -

*) Fußnoten und Anmerkungen folgen auf S. 26.


- 13 -

Bern d. 19. August 1862

Verehrter Freund,

Ich freue mich, dass Sie Ihre Untersuchung über die Erddichtig-
keit beendigt haben, und dass Sie diese interessante Arbeit für
unser Journal bestimmt haben. Es wird mir sehr lieb sein, die-
selbe sobald als möglich drucken zu lassen, aber Sie wissen,
dass schon Ihre in diesem Augenblick im Druck befindlich gewe-
senen Arbeiten nur dadurch so früh veröffentlicht werden konn-
ten, dass ich andere Autoren, die früher als Sie eingesandt hat-
ten, Ihnen nachsetzte. Ich muss jetzt zuerst die Ansprüche der-
selben befriedigen. Sollte Ihnen ein Aufschub von einigen Mona-
ten für die Veröffentlichung Ihrer Arbeit unthunlich scheinen,
so bin ich sehr gern erbötig zunächst ein kurz gefasstes Resume
drucken zu lassen, was Sie in Form eines Briefes an mich ein-
richten könnten, wie es schon früher Reine und Clebsch gethan
haben. Sie würden hierin das baldige Erscheinen der vollständi-
gen Untersuchung ebenfalls in unserem Journal ankündigen können.
Eine zweite Alternative, die ich Ihnen gleichfalls stelle, wäre,
dies Resume durch einen von uns in den Monatsbericht der Berli-
ner Akademie einzurücken, wozu ich mich Ihnen zur Disposition
stelle. Dagegen kann ich nicht umhin, mich gegen den Vorschlag
zu erklären, wonach die vollständige Untersuchung im mathemati-
schen Journal zu publiciren wäre, nachdem bereits in Poggendorffs
Annalen die Resultate gestanden hätten. Hierauf glaube ich für
das mathematische Journal nicht eingehen zu können.

Haben Sie die Güte, mir Ihre Mittheilung darüber, wie Sie sich
in dieser Angelegenheit entschliessen, wiederum durch den
Dr. Röthing zukommen zu lassen, den ich fortwährend von meinem
Aufenthalt unterrichtet halte. Zwischen dem 15ten und 20ten
September denke ich wieder in Berlin zu sein.

Ihr freundschaftlich ergebener


Borchardt

- * - * - * - * -
- 14 -

Berlin Mittwoch d. 8. Oct. 1862

Verehrter Freund,

Es ist möglich, dass ich Ihre Notiz schon am nächsten Montag


d. 13. in einer Klassensitzung der phys. math. Klasse vorlege,
doch behalte ich mir nach den Umständen vor, diese Sitzung oder
eine der nächsten allgemeinen Sitzungen zu wählen.

Inzwischen möchte ich Sie noch von der Mittheilung, die ich der
Akademie zu machen beabsichtige um eine Aufklärung bitten.

Das Wichtigste der in Rede stehenden Sache, wenn es kurz zusam-


mengefasst wird besteht doch darin, dass eine Bedingung, welche
den Charakter der Function bestimmt, die die Abhängigkeit der
Dichtigkeit vorn Radius vector ausdrückt, in der Untersuchung
von Clairaut nicht enthalten ist, sondern nur drei Nebenbedingun-
gen, die man als numerische Bedingungen kurz bezeichnen kann.

Laplace hat diese Lücke durch eine physikalische Hypothese aus-


zufüllen gesucht, indern er, wenn w den Druck und P die
Dichtigkeit bedeutet
dU
dP proportional P annimmt. Diese Hypo-
these liefert aber eine Function mit nur 2 willkürlichen Con-
stanten, durch welche den 3 Nebenbedingungen nicht genügt werden
kann. Er hat sich daher mit einer annähernden Befriedigung be-
genügt.

Sie haben nun eine Function mit 3 Constanten

gewählt, wenn r den Rad. vect. oder genau genommen den Rad.
der Kugel bezeichnet, welche dem betreffenden Sphäroid gleich
ist, haben die 3 Constanten so bestimmt, dass den 3 Bedingungen
genau Genüge geschieht und gefunden dass es nur eine reelle
Bestimmung der 3 Constanten giebt, welche dies leistet.

Ich möchte Sie nun bitten, mir zu sagen, ob dieser letzte Um-
stand, der analytisch merkwürdig genug ist, das Einzige ist,
was sich zur Unterstützung der Annahme anführen lässt, dass
Ihre Bestimmung der Dichtigkeit wirklich die in der Natur statt-
findende sei, oder ob Sie noch andere Gründe gehabt haben, für
die Dichtigkeit gerade die Form A - Br A zu wählen, namentlich
- 15 -

ob es eine physikalische Hypothese giebt, welche sich als wahr-


scheinlich darstellt und die zu der obigen Form führen würde.

Ihr freundschaftlich ergebener


Borchardt

- * - * - * - * -

Friedrichstrasse 236, Berlin, d. 2. Februar 1864.

Verehrter Freund,

..• [private Angelegenheiten] ••• Ihren Bonner Aussichten wün-


sche ich den besten Erfolg, der dortigen Universität wegen eben-
sowohl, als Ihrer selbst wegen. Von den Bonner Facultäts Vor-
schlägen habe ich erst durch Sie Kenntniss erhalten.
Sie würden mir einen grossen Gefallen thun, wenn Sie mir, sobald
die Entscheidung in Bonn erfolgt ist, Nachricht darüber gäben.
Wie Sie wissen, wünsche ich sehr, dazu beizutragen, dass Baltzer,
der noch immer im Dresdner Schulstaub schmachtet, in die Univer-
sitätslaufbahn hineinkommt. In Greifswald, wo er sehr an seiner
Stelle gewesen wäre, habe ich mich umsonst für ihn bemüht, es
sind dort unglaubliche Machinationen ins Werk gesetzt worden.
Sollten Sie Breslau verlassen, so würde ich sehr wünschen, dass
die dortige Fakultät ihn vorschlüge, da dort offenbar Schröter
allein ohne Unterstützung nicht bleiben kann. Ich glaube auch
wohl, dass Schröter, wenn ich mich an ihn wende, darauf eingehen
würde. Sollten Sie für die Sache etwas thun können, so verpflich-
ten Sie nicht nur mich zur Dankbarkeit, sondern thun auch, wie
ich bestimmt überzeugt bin, etwas Gutes. [Privates] ...
Borchardt

- * - * - * - * -

[ohne Datum]

Verehrter Freund,

Herzlichen Dank für Ihren heutigen freundlichen Brief, in Fol-


ge dessen ich bereits an Baltzer geschrieben habe. Ich danke
- 16 -

Ihnen sehr für die mir gegebenen Winke, die ich bestens be-
nutzen werde. Zunächst meinen herzlichen Glückwunsch zu Ihrer
Ernennung, die Ihnen in der That eine, wie ich hoffe, recht er-
freuliche Stellung sichert.

Was Ihre Bedenken betrifft, ob es für Baltzer gut ist, in die


Universitätslaufbahn einzulenken, so kann nur er selbst darü-
ber entscheiden, es ist aber seit lange sein entschiedenster
Wunsch und die Schulpflichten werden täglich drückender für
ihn, sodass er entschlossen ist für diesen Tausch eine bedeu-
tende Einbusse an Gehalt sich gefallen zu lassen. Das Gehalt
der Breslauer ausserordentlichen Professur ist doch 400 rth
nichtwahr? So habe ich wenigstens Baltzer berichtet. übrigens
erwarte ich jetzt seine Antwort, ehe ich in seinem Interesse
etwas unternehme und werde mich dann auch an Sie noch einmal
wenden.
(redaktionelle Angelegenheiten) ...

- * - * - * - * -

Verehrter Freund

(redaktionelle Angelegenheiten] ...

Nehmen Sie noch nachträglich meinen besten Dank für Ihren so


freundlichen Glückwunsch zu meiner Verlobung. Ende dieses Mo-
nats denke ich mich, vorausgesetzt dass kein. Hinderniss dazwi-
schen kommt, zu verheirathen.

Mit dem Dr. Paul Dubois stehe ich jetzt gewissermassen in ver-
wandtschaftlicher Verbindung, da er der Schwager meines Bru-
ders, des Geologen Julius Ewald ist. Er ist, wie Sie wissen
aus der Neumannschen Schule hervorgegangen, und ich glaube
dass Sie in Kbg das eingehendste Urtheil über ihn erhalten wer-
den.
Ein Aufsatz über partielle Diff.gl., den er mir einmal vor ei-
ner Reihe von Jahren einreichte, schien mir damals kein ganz
gelungener zu sein, er wurde von ihm wieder zurückgezogen.

In den letzten Jahren hat er sich mit den partiellen Diff.gl.


- 17 -

namentlich der höheren Ordnungen vielfach beschäftigt und die


Resultate seiner Studien in einem Buche niedergelegt, aus des-
sen Lectüre Sie, wie ich glaube, selbst am besten ein Urtheil
über den Verfasser sich bilden werden.
Wenn Sie mir in Beziehung auf die Lesung und den Druck Ihrer
Abhandlung über Variationsrechnung noch einige Zeit lassen
wollten, würde ich Ihnen sehr dankbar sein.

Ihr ergebener
Borchardt

Berlin d. 13/1 1865

- * - * - * - * -

Berlin, d. 6ten Dezember 1868

Verehrter Freund,

Haben Sie Dank für Ihren Brief vom 4ten und die Mittheilung, die
Sie mir in demselben machen. Die von Ihnen gefundene Lösung des
in Rede stehenden Problems scheint doch nun endlich Licht in die
Gauss-schen Untersuchungen über die Theorie der Flächen zu brin-
gen, während alles bisher darüber Bekannte für mich immer nur
den Charakter einer äusseren Verification [?] hatte. Ich werde
mich sehr freuen die von Ihnen niederzuschreibende Abhandlung in
meinem Journal zu veröffentlichen. - Ein von Ihnen verfasster
Beweis für die Existenz der Integrale gewöhnlicher Differential-
gleichungen ist, wie ich gesehen habe, in eine Sammlung von Ab-
handlungen aus allen Disciplinen der exacten und Natur-wissen-
schaften aufgenommen worden, ich fürchte, dass derselbe auf die-
se Weise nicht die wünschenswerthe Verbreitung unter den mathe-
matischen Publicationen erhalten wird.

Ihre Grüsse an unsere hiesigen mathematischen Freunde werde ich


bei der nächsten Gelegenheit bestellen. Sie sind sämmtlich ge-
sund und ich hoffe auch auf gutem Wege zu sein.

Es wird Sie freuen zu hören, wie glücklich sich die Verhältnis-


se von Schwarz gestaltet haben. Da Christoffel zu Ostern Zürich
- 18 -

verlässt und nach Berlin an die Gewerbe Akademie kommt, und


Prym bereits Zürich verlassen hat, musste KappeIer 2 Stellen
am dortigen Polytechnicum wiederbesetzen. Er bot Schwarz die
eine derselben mit einem Gehalt von 5500 frcs an. Für Halle wä-
re natürlich der fortwährende Wechsel im mathematischen Dozen-
ten Personal nicht günstig gewesen und die Einbusse eines Ta-
lents wie Schwarz wäre an sich zu bedauern gewesen. Das geistl.
Minist. hat sich bewogen gefunden das Gehalt von Schwarz auf
1000 rth zu erhöhen, was ihn veranlasst hat, dort zu bleiben.
Wie steht es nun mit Ihrer physikalischen Professur? Ist noch
Hoffnung dass Helmholtz in dieselbe berufen wird? Dies wäre in
der That ein bedeutender Gewinn. Aber ich fürchte, dass man in
der obersten entscheidenden Instanz nicht genug Einsicht hat
um diesen Gewinn zu ermessen. 1)

Mit herzlichem Gruss bin ich Ihr freundschaftlich ergebener


Borchardt

- * - * - * - * -

Berlin den 14ten Januar 1869

Verehrter Freund,

[redaktionelle Angelegenheiten] ...

Ich lege diesem Brief einen Separatabdruck des Vorworts von


Bd. 69 bei, aus welchem Sie meine Stellung dem Clebsch-Neu-
mannschen Unternehmen gegenüber erfahren werden. Ich habe bei
übernahme der Redaction Farbe bekannt und dem Publikum gegen-
über die Verpflichtung übernommen, nur Abhandlungen, die Neues
enthalten, aufzunehmen. Eine Zeitschrift, welche eine solche
Verpflichtung nicht übernimmt, bietet auch keine Garantie für
die Autoren hinsichts der Gesellschaft, in welcher sie sich da-
selbst befinden.

Vor Allem aber sollte es mir leid thun, wenn eine Zerstreuung
der wissenschaftlich bedeutenden Abhandlungen stattfinden soll-
te.
Anders ist es mit Journalen, welche für Deutschland die Rolle
- 19 -

des Terquem übernehmen. Diese treten in gar keine Concurrenz


mit meinem Journal. Ich hoffe, dass meine näheren Freunde, die
ihre Namen dem neuen Unternehmen geliehen haben, demselben nur
kleinere didaktisch-mathematische Notizen senden, mir aber ihre
Haupt-Entdeckungen zur Veröffentlichung anvertrauen werden.

Leben Sie wohl. Ich bin im Begriff mich zur Akademie fertig zu
machen und schliesse daher mit herzlichem Grusse.

Ihr freundschaftlich ergebener


Borchardt

- * - * - * - * -

Berlin, d. 3. akt. 1869

Verehrter Freund,

Ich danke Ihnen sehr für Ihren freundlichen Brief und die über-
sendung des Auszugs aus Ihren weiteren Untersuchungen über die
Formen von n Differentialen, die mich sehr interessirt haben
und worauf meine Antwort schon bei Weitem früher erfolgt wäre,
wenn nicht mein Umzug von Rüdersdorf nach Berlin dazwischen läge.

Ihrem Wunsche gemäss lasse ich Ihren Auszug einstweilen, bis


Sie sich anders entschliessen, in meiner Mappe liegen. Aber ich
kann nicht unterlassen, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass
wenn inzwischen Ihre Resultate von anderer Seite gefunden und
mir zur Publication zugesandt würden, ein in Folge dessen von
Ihnen gefasster Entschluss, Ihren Auszug zum Druck gelangen zu
lassen, in meinen Augen nicht genügen würde, um Ihnen die Pri-
orität zu verschaffen. Denn ich kann für jetzt Ihre Mittheilung
nur als eine rein private ansehen, werde auch keinem Dritten
gegenüber Gebrauch von derselben machen. In allen Fällen ähn-
licher Art kann ich immer nur denjenigen als den ersten Einsen-
der ansehen, der mir eine Arbeit oder Notiz mit dem ausdrückli-
chen Auftrag, dieselbe drucken zu lassen, übersendet.

Ob nun bei Ihnen der Wunsch, Ihrer Untersuchung noch Weiteres


hinzuzufügen, der überwiegende ist, und Sie es deshalb vorzie-
hen, die Priorität des bisher Erlangten einer Gefahr auszusetzen,
- 20 -

oder ob die Sicherung Ihrer Priorität es Ihnen wünschenswerther


macht, die Resultate schnell, wenn auch stückweise zu veröffent-
lichen, darüber bitte ich Sie mir Ihren Entschluss mitzutheilen.

Sobald Sie sich zur Publication entschliessen, können Sie auf


Schnelligkeit der Ausführung dieses Entschlusses von meiner Sei-
te rechnen, auch bleibt Ihnen die Wahl ob Sie einen nur die Re-
sultate enthaltenden Auszug im Journal oder im Monatsbericht ge-
druckt zu sehen vorziehen.

In freundschaftlicher Ergebenheit
Ihr Borchardt

- * - * - * - * -

Rüdersdorf bei Berlin


d. 26 Juli 1873

Verehrter Freund,

Vielen Dank für das mir übersandte Manuscript über Ausdehnung


der Theorie der Minimalflächen. Ich werde dasselbe baldmöglichst
dem Satz übergeben.

Noch nie bin ich während des Laufes meiner Redaction mit werth-
vollen Beiträgen so überschüttet worden, wie gegenwärtig. Um der
berichtigten Ungeduld der Autoren keine zu grosse Prüfung zuzu-
muthen, lasse ich jetzt gleichzeitig Bd. 76 in der Reimerschen
und Bd. 77 in einer anderen Druckerei setzen.

In Betreff des Eingangs Ihrer Arbeit bitte ich Sie mir einen Se-
paratabdruck Ihrer Mittheilung im Monatsbericht zu senden, damit
ich denselben mit in die Druckerei sende. Dann können die Ände-
rungen die Sie angeben, gleich in den Separatabdruck eingetragen
werden .

... [persönliche Angelegenheiten] ...

- * - * - * - * -
- 21 -

Victoriastr. 6 Berlin W
d. 17. Dec. 1875

Verehrter Freund,

[redaktionelle Angelegenheiten] ...

Was mich betrifft, so stehe ich mit Hermite, Bertrand und Chas-
les in brieflicher Verbindung und habe früher zu Liouville, der
aber jetzt sehr krank ist, in näherem Verhältniss gestanden.
Hermite, Bertrand und Chasles haben sich neuerdings also nach
dem Kriege auf das Freundlichste gegen mich benommen und ich
kann mich überhaupt über keinen Franzosen beklagen mit Ausnahme
von Herrn Levy, der eine Abhandlung von mir im Darboux frevel-
haft verbalhornt hat.

Was Ihren Fall betrifft, so biete ich Ihnen, wenn Sie es wün-
schen meine Vermittlung sehr gern an. Ich glaube aber, dass es
besser ist, wenn Sie sich direct nach Paris wenden. Zwei Wege
stehen Ihnen offen. Sie können sich an Hermite wenden, der sich
über jede Anknüpfung mit deutschen Mathematikern freut und von
Ihnen besonders gern eine Mittheilung empfangen würde. Dieser
Weg hat indessen das gegen sich, dass Hermite schon ohnedies
als deutschfreundlich und unpatriotisch von manchen seiner Col-
legen angesehen wird. Der andere Weg und der natürlichste ist
der, dass Sie Ihre Abhandlung direkt an die Academie des scien-
ces senden (sie darf nicht mehr als 4 Columnen der Comptes ren-
dus füllen) und ein dazu gehöriges Begleitschreiben an Bertrand
als den secretaire perpetuel. Vielleicht senden Sie mir Entwür-
fe von Beidem. Den ganzen Vorfall der erfolglosen Sendungen an
Bonnet müssen Sie einfach ignoriren und kein Wort darüber an
Bertrand einfliessen lassen. Die Erklärung mögen Sie sich vorbe-
halten, bis Sie einmal selbst nach Paris reisen.

Ich habe Ihnen sofort geantwortet, weil ich glaube, dass in bei-
den Angelegenheiten keine Zeit versäumt werden sollte, freilich,
wie sich von selbst versteht, ohne die Ruhe reiflicher Überle-
gung auszuschliessen. Mit herzlichem Gruss Ihr

Borchardt
- 22 -

Glauben Sie übrigens nicht, verehrter Freund, dass Sie der ein-
zige sind, der seine Rechte vertheidigen muss. Die Gewohnheit
des Kriegführens und die Abentheuer scheint die Piraterie selbst
auf wissenschaftlichem Gebiete einheimisch zu machen, diesseits
und jenseits der Vogesen. Heine ist soeben in Resals Journal
von Laurent beraubt worden, in einer Weise, wie es mir noch
nicht häufig vorgekommen ist.

- * - * - * - * -

Victoriastr. 6 Berlin W
d. 21/12 75

Verehrter Freund,

Der Wunsch Sie in einer Angelegenheit, die bereits für Sie un-
freiwillige Verzögerungen erlitten hat, nicht unnöthig warten zu
lassen, hat mich gestern zur Eile angetrieben. So war der Brief
bereits abgesandt, als Ihr Nachwort vom 21. ankam.
Ich habe nun zwar das darin Enthaltene nicht bei der Durchsicht
berücksichtigen können, was mir leid ist, will Ihnen aber wenig-
stens meine Meinung mittheilen.
Ich sehe keinen Grund ein Herrn Camille Jordan mit einer so weit
getriebenen Schonung zu behandeln, wie dies in Ihrer an Bertrand
zu sendenden Note der Fall ist.
Ich habe mich zwar über Jordan persönlich keineswegs zu beklagen.
Er hat mir einige recht gute Beiträge eingesandt und sich auch
in einer persönlichen Streitsache mit Netto meinen begründeten
Forderungen gefügt.
Dass er während des Krieges in einem Anfall von Unmuth seinen
Göttinger Correspondenten Titel der Societät zurückgesandt hat,
ist zwar Übereilung, die ich aber dem Mitgliede einer unterlie-
genden Nation nicht allzu hart anrechne. Haben doch Jahn und
seine Bewunderer im Anfang dieses Jahrhunderts den Franzosen
gegenüber auch nicht das richtige Maass einzuhalten verstanden.

Weniger verzeihlich ist die Art, wie sich Jordan gegen Weier-
strass und in seinem Streit mit Kronecker benommen.
Sie wissen, dass die fundamentalen Resultate, die Weierstrass
- 23 -

zuerst über die bekannte Gleichung n ten Grades, welche bei den
secularen Störungen vorkommt, gefunden hat, sich auf die Inte-
gration eines Systems linearer Differentialgleichungen mit con-
stanten Coefficienten mit Leichtigkeit übertragen lassen. Diese
Ausdehnung hat Jordan der Pariser Akademie mitgetheilt ohne
Weierstrass mit einer Sylbe zu nennen. Auf den Streit mit Kro-
necker will ich nicht weiter eingehen, da ja die Acten desselben
gedruckt vorliegen. 2)
Mir scheint also, dass Sie sehr wohl expressis verbis sagen kön-
nen, "que la r~duction du degr~ de l'~quation de laquelle il
s'agit avait ~chapp~ ~ M. Jordan".

Ich komme noch einmal auf mein gestriges Beezthema zurück, um


Sie an das uns von Dirichlet und Jacobi hinterlassene Vorbild
zu erinnern. Dirichlet hat sich auf persönliche Reclamationen
nie eingelassen, Jacobi dagegen hat z.B. Eisenstein gegenüber
die Hand auf sein Eigenthum gelegt, und zwar in der von mir an-
gerathenen Form.

Mit herzlichem Gruss Ihr


Borchardt

- * - * - * - * -

Berlin Victoriastr. 6
d. 25 Dec. 1875

Verehrter Freund,

können Sie zweifeln, dass mir als Redacteur meines Journals die
seichte Production ins Breite unserer Tage als lästige Gegnerin
in den Weg getreten ist? Soll ich diesen Zweifel als Anerkennung
dafür gelten lassen, dass es mir gelungen ist diese Seichtig-
keit von meinem Journal fern zu halten? Mein Streben ist es al-
lerdings, und die gegen mich gemünzte Gründung der math. Annalen
hat mir dasselbe, welches ich ja bei übernahme des Journals so-
gleich als Programm aufgestellt und später in der Vorrede von
Bd. 69 besonders bekräftigt habe, wesentlich erleichtert. Aber
ich selbst schmeichle mir nicht damit, dass alle Beiträge meines
Journals von dieser Oberflächlichkeit fern bleiben.
- 24 -

Am meisten verantwortlich für diesen Abweg mache ich den ver-


storbenen Clebsch, der sein bedeutendes Talent nicht für tiefere
Forschung verwerthet sondern mehr zur Erreichung gelegentlicher
und nahe liegender mitunter nur scheinbarer Erfolge benutzt hat.
Unter seinen Schülern ist wohl Klein derjenige, der dieser Ober-
flächlichkeit am meisten Vorschub leistet. Aber auch die Riemann-
sehen Schüler, welche zum grossen Theil ihren Herrn und Meister
nur halb verstanden haben, tragen ihren Theil an der Schuld. 3 )

Um aber auf Ihren Fall zurückzukommen, so kann Niemand in höhe-


rem Grade mit Ihnen einverstanden sein, dass der Categorie des
Herrn Beez auf das energischste entgegengetreten werden muss.

Unsere ganze Differenz betrifft die Frage, in welcher Form dies


am besten geschieht. Da es mir nicht gelungen ist, Sie zu über-
zeugen, so ist meine Rolle beendigt.
Denn es versteht sich, dass in meinem Journale, was Fragen die-
ser Art betrifft, Jeder auf seine Manier zu verfahren hat.

Nun leben Sie wohl und bleiben Sie mir wie meinem Journale ein
alter lieber Freund. Ihr ergebener

Borchardt

- * - * - * - * -

Victoriastr. 6 Berlin W
d. 11 Febr. 1876

Verehrter Freund,

[redaktionelle Angelegenheiten] '"

Ich habe erst soeben im Interesse von Heine eine Verhandlung ge-
habt, in welcher von französischer Seite von Resal, dem Nachfol-
ger Liouville's, Heine gegenüber die vollste Gerechtigkeit und
Courtoisie geübt worden ist. Dass Bertrand im Journal des Savants
den Legendre Jacobischen Briefwechsel ohne jede vorgefasste Mei-
nung besprochen und in der Gauss-Legendreschen Differenz ganz die
Gausssche Parthei ergriffen hat, sagte ich Ihnen wohl schon.
- 25 -

Ich bemerke übrigens, dass Bertrand's erster Abdruck der Jacobi-


schen Briefe (Annales de l'ecole normale 1869) von den sinnent-
stellendsten Fehlern wimmelte. Ich habe den Text und die Formeln
wie einen römischen Schriftsteller behandeln müssen, der zu
emendiren war, ich habe aber über diese Emendation kein Wort
verloren und in Frankreich den besten Eindruck gemacht, sodass
Darboux bereits die Correspondenz in seinem Bulletin nachgedruckt
hat.

[redaktionelle Angelegenheiten] ...

- * - * - * - * -

6 Victoriastrasse Berlin W
d. 13/476

Verehrter Freund,

Nehmen Sie meinen aufrichtigen Dank für Ihren so ächt freund-


schaftlichen Glückwunsch, der mir die grösste Freude gemacht hat.
Ich habe ein zu gutes Urtheil, um nicht zu wissen, dass andere
deutsche Mathematiker, namentlich Sie und Heine eine Anerken-
nung dieser Art mindestens ebenso sehr verdient hätten. Um so
angenehmer berührt es mich zu sehen, dass gerade Sie als einer
der natürlichen Concurrenten sich mit mir von einem allgemeine-
ren Gesichtspunkt aus daran erfreuen, nach manchen auch unter
Gelehrten vorgekommenen unangenehmen Zänkereien zwischen Deut-
schen und Franzosen wieder einen Modus vivendi hergestellt und
das alte Verhältniss wissenschaftlicher Confraternität herge-
stellt zu sehen. 4)

In aufrichtiger Freundschaft Ihr

Borchardt

- * - * - * - * -
- 26 -

Anmerkungen und Fußnoten

Carl Wilhelm Borchardt (1817-1880) war Schüler Dirichlets und


Jacobisj seine heute weitgehend obsoleten Arbeiten schlossen
meistens an Untersuchungen Jacobis an. Er entstammte einer
reichen Familie und konnte sich auf Grund seines Privatvermögens
das Leben eines von der Universitätslaufbahn unabhängigen Ge-
lehrten leisten. Seit 1855 war er Mitglied der Berliner Akademie,
von 1856 bis zu seinem Tode Herausgeber von Crelles Journal, das
er aus eigenen Mitteln mehrfach über schwierige Perioden hinweg-
rettete. In dieser Position und durch seine engen Beziehungen zu
Weierstrass, Kummer und Kronecker, aber auch französischen Ma-
thematikern wie Hermite war er zu seiner Zeit sehr einflußreich
und konnte wohl manche Universitätskarriere entscheidend beein-
flussen. Lipschitz hat Borchardt vermutlich in seiner Berliner
Studentenzeit kennengelernt.

Der überwiegende Teil der Briefe an Lipschitz steht in Zusammen-


hang mit Publikationen von Arbeiten Lipschitz' in Crelles Jour-
nal und zwar in zahlreichen der Bände 63 (1863) bis 82 (1877).
Nebenbei macht Borchardt eine Reihe interessanter Bemerkungen
über seine Politik als Herausgeber dieser Zeitschrift (vgl. Neu-
enschwander [1984J, wo auch weitere Briefe abgedruckt sind.)

Fußnoten

1) Es geht um die von Lipschitz geplante Berufung Heimholtz' als Nachfolger


von Plücker auf die physikalische Professur in Bonn; vgl. Briefwechsel mit
Helmholtz und Kronecker in diesem Band.

2) Es geht um folgende Arbeiten: Weierstraß: "Über die homogenen Functionen


2. Grades ... " (Monatsber. Berliner Akad. Wiss. 1'858; Werke 2); Jordan:
"Sur la resulotion •.. " (C.R. Acad sci. 73 (1871); Oevres 4), Kronecker:
"Über die Schaaren von quadratischen und bilinearen Formen ... " (Monatsber.
Berliner Akad. Wiss. 1874; Werke 1) und weitere dort erwähnte Arbeiten
Jordans.
- 27 -

3) Die Geringschätzung der geometrischen Göttinger Schule von Clebsch und


Klein durch die Berliner Mathematiker ist in der Literatur vielfach behan-
delt und dokumentiert worden; vgl. z.B. Biermann [1973].

4) Um welche Ehrung es sich hier handelte, konnte nicht ermittelt werden.


- 28 -

BRIEFE VON GEORG CANTOR AN LIPSCHITZ *)

Halle a.S. 20 Nov 1881

Hochgeehrter Herr College!

Bei der vorzunehmenden Neubesetzung der durch den Tod unseres


verewigten Collegen Eduard S. Heine erledigten Stelle für Ma-
thematik hat die philosophische Facultät seiner Excellenz dem
Herrn Minister in erster Stelle den Herrn Dr. Richard Dedekind
in Braunschweig vorgeschlagen und wir geben uns der Hoffnung
hin, dass dieser Ruf in sehr naher Zeit an letzteren herantre-
ten werde.

Da es mir bekannt ist, dass Sie in freundschaftlichen Beziehun-


gen zu Herrn Dedekind stehen, so erlaube ich mir, Sie darum zu
bitten, Ihren ganzen Einfluss darauf zu verwenden, dass dersel-
be die an ihn herantretende, wie ich glaube sehr gute und in
Anbetracht der lokalen Nähe mit Braunschweig auch verhältniss-
mässig bequeme Gelegenheit nicht an sich vorübergehen lassen
möge, seine vorzüglichen Kräfte dem akademischen Unterricht end-
lich wieder zuzuwenden. Des grösseren Erfolges wegen bitte ich
Sie, ihm von dieser meiner Bemühung vorläufig nichts zu sagen,
sondern sich den Anschein zu geben, als hätten Sie die an ihn
heranrückende Frage irgend woanders erfahren; von der Thatsache
des Rufes selbst ist er durch mich vor einiger Zeit benachrich-
tigt worden. 1)

Genehmigen Sie den Ausdruck vorzüglichster Hochachtung


Ihr ganz ergebener
Georg Cantor.

[Vermerk von Lipschitz: beantwortet 16/12 81.]

- * - * - * - * -

*) Fußnoten und Anmerkungen folgen auf S. 36


- 29 -

Halle a.S. 17 Dec. 1881

Hochgeehrter Herr College!

Empfangen Sie meinen Dank für die mir 30eben zugegangene Mit-
theilung und Ihre aus derselben für mich hervorgehende Mitwir-
kung an der hoffentlich uns gelingenden Erwerbung Dedekinds für
den Universitätsberuf und zunächst speciell für die Universität
Halle. -

- * - * - * - * -

Halle, 19ten Nov. 1883.

Hochgeehrter Herr College!

Vielen Dank für Ihr freundliches Schreiben v. 12ten, welches


mich lebhaft interessiert hat. Ich freue mich aufrichtig, dass
Sie die Zweifel, welche Sie gegen die Berechtigung der Einfüh-
rung transfiniter (überendlicherl ganzer Zahlen gehegt hatten,
beseitigt haben, indern Sie unter Beibehaltung dieser Begriffe
den Ausgangspunkt der Betrachtungen derart verändern, dass er
Ihren Anforderungen an Strenge nun genügt; und in der That
wüsste ich gegen Ihre Auffassung der Sache nichts einzuwenden,
es sei denn. die Meinung, dass auf Ihrem Wege die Schwierigkei-
ten sich zu steigern scheinen, wenn man die 80n Ihnen gegebene
Interpretation auch auf die Zahlen wW, ... ,ww , ... etc. ausdeh-
nen wollte, wie das doch vollständigkeitshalber nothwendig wä-
re; denn es genügt nicht bei einer Zahl a stehen zu bleiben,
man muss alle Zahlen der zweiten Zahlenclasse berücksichtigen,
wenn man von der ersten, durch die Menge aller endlichen Zahlen
1,2,3 .. v, .•• definirten Mächtigkeit aufsteigen will zur zwei-
ten Mächtigkeit, die genau definirt ist durch die Menge aller
transfini5en Zahlen der zweiten Zahlenclasse: w,w+1, ... ,
ww, ... WW etc. etc.

Ich glaube, dass der Weg welchen ich in der Sectionssitzung vom
2üten Sept. in Freiburg angab und den ich auch in einer Ausar-
beitung, welche nächstens gedruckt erscheinen wird, befolgt habe,
- 30 -

den Vorzug grösserer Einfachheit hat und an Sicherheit und


Strenge gegen Ihr Verfahren nicht zurücksteht. Sie werden sich
gewiss erinnern, dass ich von dem allgemeinen Begriffe der wohl-
geordneten Menge ausging, der sich in meinem Schriftchen "Grund-
lagen etc." pag. 4 findet; meine ganze Theorie der transfiniten
(und finiten) Zahlen ist im Grunde nichts anderes, als eine Ent-
wicklung des Inhalts und eine Ausarbeitung des Umfanges dieses
Allgemeinbegriffes. Dieser Allgemeinbegriff lässt nämlich ver-
schiedene Bestimmungen zu, die unter einander durch das Ver-
hältniss des gleich, grösser und kleiner seins verbunden sind
und sich durch diese Verhältnisse von einander auf das Bestimm-
teste unterscheiden lassen. So komme ich zu dem Begriff eines
bestimmten Typus, oder der Anzahl einer wohlgeordneten Menge
nach folgenden Definitionen und Grundsätzen:

1) Zwei wohlgeordnete Mengen Mund N heissen von gleichem Typus


oder auch von gleicher Anzahl, wenn sie sich gegenseitig
eindeutig und vollständig unter beidseitiger Wahrung der
Rangfolge ihre Elemente auf einander beziehen, abbilden las-
sen; nennen wir ein derartiges Beziehen zweier wohlgeordne-
ter Mengen auf einander nach dem althergebrachten Brauche
ein Abzählen der einen auf der andern, so können wir sagen:
zwei wohlgeordnete M. sind von gleichem Typus oder haben
gleiche Anzahl wenn sie sich auf einander abzählen lassen.

2) Sind Mund N zwei wohlg. M. von verschiedenen Typen, a und


ß Zeichen für diese beiden Typen, so muss nothwendig bei dem
Versuche sie auf einander abz.uzählen von der einen Menge ein
Rest bleiben; geschieht dies etwa in M, so drücken wir diese
Beziehung dadurch aus, dass wir sagen: a > ß

Man beweist leicht, wenn a > ß und ß > " so ist auch a > ,

3) Sind Mund N irgend zwei wohlgeordnete Mengen mit den Typen


a und ß, wo a ~ ß, so ist immer auch
<
M + N

eine wohlgeordnete Menge von bestimmtem Typus; es wird be-


stimmt, dass dieser letztere Typus die Summe der beiden Ty-
pen a u. ß (in derselben Reihenfolge, in welcher M u. N in
M+N auftreten) genannt und durch das Zeichen
- 31 -

cx+ß

angegeben werde.

4) Sind M u. N zwei wohlg. M. von den Typen cx und ß, so stelle


man eine wohlgeordnete Menge:

vom Typus cx auf, wo jedes Element N selbst eine wohlgeordne-


te Menge vom Typus ß ist, löse jede dieser Mengen N in ihre
Elemente auf, so bilden diese in der sich dann ergebenden
Ordnung eine neue wohlgeordnete Menge von bestimmtem Typus;
dieser letztere werde das Product aus den beiden Typen cx
und ß genannt und mit:

cx·ß

bezeichnet, wobei cx der Multiplicator und ß der Multiplican-


dus genannt wird. -

Auf Grundlage dieser 4 Definitionen baut sich, wenn man sich


auf die endlichen Typen beschränkt das Gebäude der endlichen
ganzen Zahlen, das, was wir Zahlentheorie zu nennen gewöhnt
sind; macht man sich von dieser Beschränkung frei, so erhält
man zunächst die zweite Zahlenclasse,' welche sämmtliche Typen
von wohlgeordneten Mengen erster Mächtigkeit umfasst und gleich-
zeitig durch ihre Gesamtheit das bestimmt, was wir die zweite
Mächtigkeit nennen müssen; dann erhält man die dritte Zahlen-
classe, welche sämmtliche Typen von wohlgeordneten Mengen zwei-
ter Mächtigkeit umfasst und gleichzeitig durch ihre Gesammtheit
die dritte Mächtigkeit bestimmt u.s.w.

So gewinnt man die Idee einer "transfiniten Arithmetik", ",-elche


manche Verhältnisse darbietet, die kein Analogon in der "fini-
ten Zahlentheorie" haben; ihre Ausbildung ist, wie sich heraus-
stellt, für die weitere Vervollkommnung der Funktionentheorie
unerlässlich.

Gestatten Sie mir bei dieser Gelegenheit, Ihnen eine specielle


Frage vorzulegen. Folgende Reihe von rationalen Zahlen erscheint
mir sehr merkwürdig:
2 3 2 3 ( 5 234 5 6
; T; 2' T; 3' T; 4' 3' 2' T; 5' T; 6' 5' 4' 3' 2' T;
- 32 -

35724 5 7 8 379
7' 5' 3' T; 8' 7' 5' 4' 2' T; 9' 7' 3' T; etc. etc.

Das Gesetz dieser Reihe ist ein höchst einfaches: Sie sehen,
dass die Reihe nach gewissen Abschnitten fortschreitet, von
denen jeder zwischen zwei eingeschlossen ist. Der erste Ab-
schnitt enthält ~(2) 1, der zweite ~(3) = 2, der (n-1)-te
Abschnitt ~(n) Zahlen, wo ~(n) die Anzahl aller relativen Prim-
zahlen zu n, die kleiner als n sind, bestimmt.

Innerhalb des (n-1)ten Abschnittes bilden die Zähler der ratio-


nalen Zahlen die aufsteigende Reihe der ~(n) Zahlen rel. prim
zu n und kleiner als n, die Nenner die absteigende Reihe der-
selben ~(n) Zahlen.

Die so definirte unendliche Reihe hat nun das merkwürdige an


sich, sämmtliche positiven rationalen Zahlen und jede von ihnen
nur einmal an einer bestimmten Stelle zu enthalten. Bezeichnet
man die Glieder jener Reihe mit

F(1), F(2), F(3), ... ,F(v), ...

1 2 3
so daß: F ( 1) = 1; F (2) = 2; F (3) = T; F (4) 1
3; F (5) T; U.S.w.

So ist F(v) eine zahlentheoretische Funktion, welche wenn v


alle positiven ganzen Zahlen durchläuft, ihrerseits alle posi-
tiven rationalen Zahlenwerthe und jeden nur einmal annimmt.

Liesse sich nicht mit den Mitteln der analytischen Zahlentheorie


(Ausdrucksweise von Mertens) ein analytischer Ausdruck für die
Function F(v) finden? Etwa durch ein bestimmtes Integral, wel-
ches v als Parameter enthält?

Sie machen mich in Ihrem Schreiben auf eine Stelle bei Gauss
in einern Briefe an Schumacher v. 12' Juli 1831 aufmerksam, wo-
rin er "protestirt gegen den Gebrauch einer unendlichen Grösse
als einer Vollendeten, welcher in der Mathematik niemals er-
laubt ist. Das Unendliche ist nur eine facon de parler, indern
man eigentlich von Grenzen spricht, denen gewisse Verhältnisse
so nahe kommen als man will, während anderen ohne Einschränkung
zu wachsen verstattet ist."

In diesen beiden Sätzen ist Falsches mit Wahrem durcheinander


- 33 -

gemengt; was das Wahre dar an betrifft, so finden Sie es fast


mit denselben Worten auch von Leibniz (Erdmann pag. 436) ange-
sprochen. Ich citire diese Stelle in der Arbeit "Grundlagen"
auf pag. 17 vollständig. Die Bedeutung davon ist einfach die,
dass man es in der Differential und Integralrechnung niemals
mit unendlichkleinen oder unendlichgrossen Grössen zu thun hat,
die man sich vollendet d.h. unveränderlich vorstellen möchte,
sondern immer nur mit beliebig oder wie man sich auch ausdrückt
unendlich klein resp. unendlich gross werdenden GrÖssen. Gauss
und Leibniz protestiren also hier, und mit vollem Recht, gegen
die fehlerhafte, widerspruchsvolle Vorstellung von Differen-
tialen, die unendlich klein sind. Sie werden denselben Protest
an verschiedenen Orten meiner Aufsätze ebenfalls finden, bei-
spielsw. in Annalen Bd. XX, pag.121, Note unten, wo ich auch
auf Sie mich berufen habe.

In den "Grundlagen" formulire ich denselben Protest, indem ich


an verschiedenen Stellen mich gegen die Verwechselung der Un-
eigentlich-unendlichen (so nenne ich das veränderliche Endliche)
mit dem Eigentlich-unendlichen (so nenne ich das bestimmte, das
vollendete Unendliche, oder auch das Transfinite, überendliche)
ausspreche. Das Irrthümliche in jener Gauss'schen Stelle be-
steht darin, dass er sagt, das Vollendetunendliche könne nicht
Gegenstand mathematischer Betrachtung werden; dieser Irrthum
hängt mit dem andern Irrthum zusammen, dass er (übrigens gleich-
falls in Übereinstimmung mit Descartes, Leibniz und vielen an-
deren Vorgängern, wie Sie aus meinen Citaten auf pag. 12 und
16 meiner "Grundlagen" ersehen) das Vollendetunendliche mit dem
Absoluten, Göttlichen identificirt, wogegen ich in § 5 und in
§ 7 derselben Schrift meinerseits protestiren musste.

Das Vollendetunendliche findet sich allerdings in gewissem Sin-


ne in den Zahlen w,w+1, ... ,ww, .... ; sie sind Zeichen für gewis-
se Modi des Vollendet unendlichen und weil daher das Vollendet-
unendliche in verschiedenen, von einander mit der äussersten
Schärfe durch den sogenannten "endlichen, menschlichen verstand"'
unterscheidbaren Modificationen auftreten kann, so sieht man
hieraus deutlich wie weit man vom Absoluten entfernt ist, ob-
gleich man das Vollendet unendliche sehr wohl fassen und sogar
mathematisch auffassen kann.
- 34 -

Hiermit glaube ich deutlich gemacht zu haben, worin meiner Mei-


nung nach das Richtige und worin das Falsche des Gauss'schen
Standpunctes liegt, der übr~gens noch an manchen anderen Stel-
len seiner Schriften vorkommt; ich erblicke darin einen Mangel
und eine Einseitigkeit, die wohl mit seinem Genie untrennbar
verbunden sein mussten, damit er das Grosse und Gewaltige hat
leisten können, was er der Menschheit geleistet hat. 2 )

Auf diese Weise fehlen mir nun allerdings Anknüpfungspunkte für


meine Versuche und ich bin zu meinem gros sen Bedauern ausser
Stande, mich in Beziehung auf die transfiniten Zahlen und was
mit diesen zusammenhängt auf eine so gros se Autorität wie Gauss
berufen zu können, finde ihn sogar in dieser Beziehung unter
meinen Gegner.

Da ich nun aber auch keine Stütze von früheren, wissenschaft-


lichen Autoritäten für meine Ansichten habe finden können, so
weit ich auch in die beiden letzten Jahrhunderte, in das Mittel-
alter und selbst in das griechische Alterthum mich zurückver-
setzte, war es mir, so sonderbar es Ihnen vielleicht vorkommen
wird, eine gewisse Befriedigung in Exodus, cap. XV, v. 18 we-
nigstens eine Art von Anklang an die transfiniten Zahlen zu fin-
den, indem es dort heisst: "Dominus regnabit in infinitum
(aeternum) et ultra." Ich meine dieses "et ultra" ist eine An-
deutung dafür, dass es mit dem w nicht sein Bewenden hat, son-
dern dass es auch darüber hinaus noch was giebt.

Auch die Stelle in v. Staudt, Beiträgen zu der Geometrie der


Lage pag. 86 habe ich nachgesehen und danke Ihnen vielmals für
dieselbe; doch habe ich bis jetzt ausser äusserer Ähnlichkeit
keine Verwandtschaft mit meinen Betrachtungen gefunden.

Genehmigen Sie, hochgeehrter Herr College, den'Ausdruck freund-


schaftlicher Begrüssung und vorzüglicher Hochachtung

Ihr ganzergebnster
Georg Cantor.

# vergI. denselben Brief v. Gauss an Schumacher 12 Juli 1831


gegen Schluss: "Hierin ist aber nichts wiedersprechendes, wenn
der endliche Mensch u.s.w.
- 35 -

Interessant ist auch was Baum über die letzten Tage des gros sen
Mathematikers an Hurnboldt schreibt in dem Passus "die letzten
Tage u.s.w." (Briefwechsel zwischen A. v. Humboldt und Gauss,
herausgegeben von K. Bruhns, Leipzig 1877.)

- * - * - * - * -

Berlin 10 Oct. 1885.

Hochgeehrter Herr College!

In der Correspondenz Euler's mit Goldbach bemerkt man einen Satz,


von welchem Euler ausdrücklich sagt, dass er ihn für unbedingt
richtig halte, wenn er ihn auch nicht beweisen könne.

Dieser Satz ist einfach dieser, dass jede gerade Zahl 2n als
Summe zweier Primzahlen p u. q darstellbar ist, so dass

2n = p+q

Ich habe in einer müssigen Stunde die, Induction bis n = 200


fortgeführt und nicht nur die ausnahmslose Gültigkeit des Satzes
in diesen Grenzen bestätigt, sondern auch bemerkt, dass die An-
zahl der Lösungen jener Gleichung für ein gegebenes n mit dieser
Zahl zusehends, wenn auch mit kleinen Schwankungen wächst! Trotz-
dem erscheint mir der Satz so sonderbar, dass ich gern Ihre Mei-
nung darüber hören möchte. Halten Sie ihn für möglich oder gar
für richtig?

- * - * - * - * -

Halle 18 Oct. 85.

Sehr geehrter Herr College.

Vielen Dank für Ihre gewünschte Meinungsäusserung in Bezug auf


das Goldbach-Eulersche Theorem und die interessanten Gesichts-
puncte, von welchen Sie dasselbe "instinktiv" betrachten.
- 36 -

Offen gesprochen, zweifle ich aus den in meinem letzten Schrei-


ben angeführten Gründen nicht an der Richtigkeit derselben,
wenngleich ich auch bis jetzt noch keine bestimmte und sichere
Ansicht über das dafür einzuschlagende Beweisverfahren habe.
Soweit mein Blick reicht eignen sich die bisher gefundenen Me-
thoden der höheren Zahlentheorie dazu nicht. Am meisten Ver-
wandschaft scheint mir der Satz mit dem von Dirichlet bewiese-
nen in Bezug auf die Existenz von Primzahlen in arithmetischen
Progressionen zu haben; nur dass bei unserem Satz die Rolle der
Primzahlen gewissermassen eine noch accentuirtere ist.

Ich vermuthe, dass der Satz Spezialfall von weit allgemeineren


Sätzen ist, denn ich habe bemerkt, dass beispielsweise auch
folgende Sätze die Induction in hohem Grade aushalten:
"Jede ungerade Zahl der Form 2n+1 ist stets darstellbar als
Summe p+2q, wo p und q Primzahlen sind."
"Jede gerade Zahl von der Form 4n+2 ist stets darstellbar als
Summe: p+q, wo p u. q beide Primzahlen der Form 4k+1 sind."

Aus letzterem Satz folgte, wenn man auf p u. q die Zerlegung


in je zwei Quadrate nach dem bekannten Fermatschen Satze an-
wendete, zunächst unmittelbar die Zerlegung jeder Zahl von der
Form 4n+2 in vier Quadrate und daraus ergiebt sich sehr leicht
die Zerlegbarkeit in vier Quadrate für jede ganze Zahl. Mit
freundlichen Grüssen bin ich

Ihr hochachtungsvoll ergebener


Georg Cantor.

Anmerkungen und Fußnoten

über Georg Cantor (1845-1918), den Begründer der Mengenlehre


existiert eine umfangreiche Literatur, die in der zuverlässigen
Biographie Purkert-Ilgands [1985] zitiert wird; weiter sei ver-
wiesen auf Dauben [1979], Fraenkel [1930] und Fraenkels Biogra-
phie in Cantors Gesammelten Abhandlungen. Er studierte haupt-
sächlich in Berlin und begann seine wissenschaftliche Laufbahn
mit Arbeiten zu ganz traditionellen Gebieten der Mathematik des
19. Jahrhunderts (quadratische Formen und trigonometrische Rei-
hen). Etwa ab 1873 wandte er sich der Mengenlehre zu; sein ma-
- 37 -

thematisches Hauptwerk, die Aufsatzfolge "über unendliche lineare


Punktmannichfaltigkeiten", entstand in den Jahren 1878 bis 1883.
Seine zweite Lebenshälfte war von tiefen persönlichen und wis-
senschaftlichen Krisen überschattet. Wohl endogen bedingte schwe-
re Depressionen führten mehrfach zu gesundheitlichen Zusammen-
brüchen; auch der langwierige Kampf um die Anerkennung der Men-
genlehre belastete ihn schwer; er wandte sich zeitweise philo-
sophischen Fragen zu und verrannte sich (wohl auch im Zusammen-
hang mit seiner Krankheit) in ziemlich abstruse literaturhisto-
rische untersuchungen zur Bacon-Shakespeare-Hypothese. Anderer-
seits gab es auch große Erfolge, z.B. die von ihm betriebene
Gründung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, deren erster
Vorsitzender er wurde.

Von Cantor wurden im Laufe der Zeit viele Briefe publiziert;


vgl. z.B. Cavailles-Noether [1937], Grattan-Guinness [1971/72],
Meschkowski [1962/66].

Cantor und Lipschitz hatten sich vermutlich 1877 bei der Feier
zu Gauss' hundertstem Geburtstag in Göttingen persönlich kennen-
gelernt. Die Briefe Cantors sind insofern interessant, als wir
im November 1883 Cantor auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft
sehen, wohingegen die beiden Briefe vorn Oktober 1885 - nach
seiner ersten gesundheitlichen Krise - etwas naiv und oberfläch-
lich anmuten.

Fußnoten
1) Weitere Dokumente zum Ruf Dedekinds nach Halle sind abgedruckt in
Dugac [1976]; vgl. auch Cavailles-Noether [1937].

2) Zu der angesprochenen Stelle in der Gauss-Schumacher Korrespondenz vgl.


Waterhouse [1979].
- 38 -

BRIEFE VON A, CAYLEY

Dear Sir,

I have to thank you very much for the copy of the Lehrbuch der
Analysis, which you have kindly sent me; it has reached me just
and I am leaving Cambridge, and I am so for the moment prevented
from doing more than look at it in the most hasty manner. - But
it seemed to me very complete and satisfactory in a few articles
to which I turned. §34, considering that the ordinary solution
of a quadratic equation is nothing more than the reduction of
2
such equation to the pure form z = a , it is really very
remarkable that it should be possible in the solution of the
equation w2 = a+bi to do more than write the solution hereof
as w = Vä+DI ; there would seem to be no reason beforehand, to
expect that this could be algebraically determined in the form
a+ßi . And, what for the quadratic could not be expected before-
hand, for the cubic does not happen. 1)

As to the cubic, there is a variation of Cardano's solution


which is I think theoretically interesting: if instead of
assuming x = a+b , we assume x = a 2 b+ab 2 , then instead of
ab and a 3 +b 3 , we ~ave only a 3 b 3 and a 3 +b 3 rationally
determined: a , and b may therefore be any values whatever
of the cube roots of a 3 ,b 3 , but the apparently 9-valued
function a 2b+ab 3 ,will be only 3-valued.

I remain, dear Sir yours very sincerely

A. Cayley

Cambridge 7 th Aug. [1877?]

- * - * - * - * -
- 39 -

Dear Sir,

I was very much obliged for your letter of Nov. last, and the
Note in the Comptes Rendus. I have been very much occupied with
various things and have not even yet been able to look much at
the question. But I venture to call your attention to a somewhat
allied question (or rather a mode of looking at an old question)
tho' it relates only to ordinary algebraical symbols such that
x·y = y·x and X·YZ = XY·Z etc = XYZ and not to imaginary
or ideal symbols at all. Take for instance the five symbols
X,Y,Z,W,T regarded as having this cyclical order; and suppose
that
aX+bY+cZ+dW+eT
and simult. eX+aY+bZ+cW+dT
etc
XY YX etc
XY fX+gY+hZ+iW+hT
YZ jX+fY+gZ+hW+iT
etc
XZ kX+1Y+mZ+nW+oT
yw oX+hY+1Z+mW+nT
etc

so that there are in all 15 coefficients (a,b,c,d,e)


(f,g,h,i,j) (b,l,m,n,o) The entire system of equations
X·YZ Y·XZ etc will be satisfied if only X·YZ = Y·XZ = Z·XY
X·yw y·xw W·XY , but these last give 20 relations between
the coefficients, and it is not easy to see how many of these
relations are independent: but they are certainly capable of
being satisfied, and that by integer values of the coefficients;
in as much as 5e+1 being any prime nurnber, X,Y,Z,W,T may
be taken to be the periods each of e roots, of the binomial
equation x 5e + 1 _1 = 0 .2)
With apologies for not having written sooner I remain dear Sir,
yours sincerely

A. Cayley

Cambridge 20 th Dec. 1880.


- 40 -

~nmerkungen und Fußnoten

Arthur Cayley (1821-1895) war ein führender Vertreter der klei-


nen Gruppe britischer Mathematiker, die ab der Mitte des 19.
Jahrhunderts die englische Mathematik nach langer, praktisch mit
Newtons Tod beginnender Isolation wieder an die Hauptströmungen
der Mathematik heranführten. Er war in erster Linie Algebraiker
und als solcher Mitbegründer neuer abstrakter Theorien wie Grup-
pentheorie, Matrizenrechnung, Algebren- und Invariantentheorie.
Es dürfte ein wissenschaftshistorisch interessantes Thema sein,
die Wiederhinwendung der britischen Inseln zu Kontinentaleuropa
darzustellen und durch Dokumente zu belegen. Cayley und Lipschitz
standen vermutlich nur in flüchtigem brieflichen Kontakt.

Fußnoten

1) Cayley macht hier auf folgenden Satz aufmerksam: Ist K ein reell-abge-
schlossener Körper, so ist K(v=T) quadratisch abgeschlossen, d.h. jedes
Element von K (\,c1) ist Quadrat. Bekanntlich ist diese Aussage ein wesent-
licher Schritt in Artins Beweis des Fundamentalsatzes der Algebra. Möglicher-
weise hat Lipschitz in seinem Analysis-Buch diesen Sachverhalt als erster
implizit ausgesprochen.

2) Der Brief ist ein Dokument für das in dieser Zeit beginnende Interesse an
der Struktur abstrakter Algebren. Im Kern wird die Frage nach der Struktur
5-dimensionaler kommutativer und assoziativer Algebren, die einen Automor-
phismus der Ordnung 5 und eine Normalbasis besitzen, gestellt. Ohne Kenntnis
(der Bedeutung) des Radikals und ohne abstrakte Galois-Theorie waren einfa-
che Probleme dieser Art noch ganz unzugänglich.
- 41 -

BRIEF VON A. CLEBSCH AN LIPSCHITZ

Giessen den 16ten Dec. 65.

Lieber Lipschitz!

Dass ich Dir erst jetzt für Deinen freundlichen Brief (der auch
in geschäftlicher Beziehung seine Wirkung bestens gethan hat)1)
und für die Zusendung Deiner Abhandlung danke, musst Du mit dem
Drange des Semesters entschuldigen, und damit dass ich etwas
tief in andern Arbeiten gesteckt habe. Der Gedanke eines lebhaf-
ten mathematischen Verkehrs zwischen Bonn und Giessen erfüllt
mich mit grosser Freude, und ich hoffe dass wir den Beginn der
bessern Jahreszeit sofort dazu anwenden können, uns irgendwie
persönlich zu treffen, was seit einer so langen Reihe von Jah-
ren nicht geschehen ist. Wir haben dabei nicht blos wissen-
schaftliche Dinqe zu besprechen sondern auch mancherlei was
aus der Analoqie unsrer Stellung fliesst. 2 ) Meine Stellung hier
ist mir in vieler Beziehung sehr lieb; freilich ist die Errei-
chung eines Hauptziels, die mathematische Reform der Hessischen
Gymnasien, noch in etwas weite Ferne gerückt. Ich bin schon froh,
dass ich nur die angehenden Lehramtscandidaten welche ich in-
clusive ihrer Unwissenheit aus früherer Zeit ererbt hatte, jetzt
los bin, und zwar wenige aber doch einige eigene Schüler heran-
ziehen kann, die hoffentlich einst einen wissenschaftlichen
Standpunct einnehmen. Der grösste Übelstand, mit dem wir hier
kämpfen, ist die mangelhafte Vorbildung der Leute auf den Gym-
nasien; ein übelstand der sich nur allmählig beseitigen lässt.
übrigens aber ist der hiesige Student gutartig und fleissig,
wenn auch hie und da roh, ein recht gutes Material.

Ich bin dabei mit Gordans Hülfe eine neue Theorie der Abelschen
Functionen zu machen, die wie ich glaube einiges Interesse ha-
ben wird. Wir qehen dabei ganz direct zu Wege im Gegensatz zu
Riemann, welcher eigentlich die Resultate anticipirt und dann
verificirt; wir bedienen uns auch keiner transcendenten Prin-
cipien, und ich glaube dass hierin ein Verdienst unserer Arbeit
bestehen wird. So kommen wir z.B. auf die e function in ähnli-
- 42 -

cher Weise wie Jacobi (und wie Weierstrass, auch gethan zu ha-
ben scheint) durch eine gewisse Combination von Integralen drit-
ter Gattung. Bei der ganzen Auffassung unserer Theorie zeigt
sich übrigens ein bemerkenswerther Umstand, nämlich dass die
hyperelliptischen (welche nur von Quadratwurzeln abhängen),
welche C. Neurnann und Roch etc. immer als Beispiele allein be-
handeln, gar nicht als Beispiele zu gebrauchen sind, weil ganz
wesentliche Dinge bei ihnen der Specialisierung wegen gar nicht
hervortreten. Diese Theorie, welche jeden Augenblick unserer
freien Zeit beansprucht hat, ist es eigentlich, welche mich ge-
hindert hat, Dir eher zu schreiben; jetzt ist sie soweit in
Ordnung dass man wieder aufathrnen kann. Auch habe ich deswegen
leider Deine Abhandlung noch nicht ordentlich lesen können, die
mich natürlich ihres Gegenstandes wegen lebhaft interessiert.
Meine frühern Arbeiten über den Gegenstand leiden unglücklicher-
weise an einer unnöthig verwickelten Darstellung. Ich habe als
ich im vorigen Winter über Variationsrechnung las die Sachen
revidirt und gefunden dass sie im Grunde sehr einfach darstell-
bar sind, und dass sie sich auch für das Colleg ganz gut ver-
werthen liessen.

Ich habe leider im Augenblick nichts womit ich Deine Sendung


erwiedern könnte; ich hoffe dass wir fortan den Austausch unse-
rer Arbeiten zum Princip erheben, und uns darüber demnächst
auch persönlich aussprechen können. Einstweilen lebe wohl und
tritt das neue Jahr bestens an. Mit Gruss

Dein
A. Clebsch

Ist Gehring noch in Bonn? Wenn das der Fall ist und Du ihn
siehst bitte ich Dich ihn bestens zu grüssen.

Anmerkungen und Fußnoten

Alfred Clebsch (1833-1872) studierte in Königsberg und Berlin,


wirkte als Professor in Karlsruhe und Gießen und wurde 1868 als
glänzender Universitäts lehrer und anerkannter Forscher als Nach-
folger Riemanns auf den Lehrstuhl von Gauss berufen. Neben In-
- 43 -

varianten theorie und mathematischer Physik war sein Hauptar-


beitsqebiet die alaebraische Geometrie, wobei er in der Nach-
folge Riemanns die Theorie der Riemannschen Flächen vom Stand-
punkt der Theorie algebraischer Kurven begründete und weiter-
entwickelte. Nach seinem Tode geriet sein mathematisches Werk
etwas in Vergessenheit; seine Bedeutung wurde in jüngerer Zeit
aber wieder erkannt (vql. z.B. Shafarevich [1983J); für weitere
biographische Angaben wird auf Anonym [1873] verwiesen.

Da Lipschitz und Clebsch, fast gleich alt, sich mit du anreden,


was im 19. Jahrhundert auch bei engen Freunden selten war, ist
anzunehmen, daß sie sich vielleicht schon aus ihrer Gymn~sial­

zeit in Königsberg, jedenfalls aus ihrer Studentenzeit in Königs-


berg und berlin Kannten.

Fußnoten

1) Diese Bemerkunq bezieht sich auf eine von Clebsch erbetene Empfehlung
Lipschitz', Clebschs enqen Mitarbeiter P. Gordan (1837-1912) auf ein Ex-
traordinariat zu befördern.

2) Aus diesem Vorhaben ist offenbar nichts geworden.


- 44 -

BRIEFE VON G. DARBOUX AN LIPSCHITZ *)

[Zweite Hälfte des März 1872.]

Monsieur

Je prenons la liberte de vous ecrire pour vous adresser une


demande au succes de laquelle j'attacherais beaucoup de prix.
Depuis plusieurs annees vous avez pries pour sujet de vos
recherches un sujet dont l'etude est fondamentale, et ales
plus hautes consequences soit en mecanique, soit en geometrie.
Charge de diriger le Bulletin des Sciences mathematiques, je
desirerais vivement que vos travaux fussent analyses avec toute
l'etendue qui leur est due, aussi viens je vous prier de
vouloir bien avoir la bonte de nous envoyer un resume assez
etendu qui pourrait soit aider mes collaborateurs, soit meme
apres traduction paraitre dans notre Recueil. Si vous vouliez
bien agreer ma demande, et m'envoyer un compte-rendu soit en
allemand soit en toute autre langues je vous serais tres
reconnaissant et si je prenons la liberte de vous importimer
veuillez m'excuser, car je n'ai d'autre desir que de servir
la science et faire connaitre vos recherches d'une maniere exact
et complete.
J'ai, Monsieur, l'honneur de vous presenter l'assurance de mon
profand respect

G. Darboux

Redacteur du Bulletins des Sciences Mathematiques

- * - * - * - * -

Vermerk von Lipschitz: Beantwortet 26/3 72.

- * - * - * - * -
- 45 -

30 avri1 [1872]

Monsieur,

Veui11ez m'excuser du retard que j'ai mis a repondre a votre


1ettre bienvou11ante, et agreer mes remerciements po ur 1a bonte
que vous avez de nous promettre un compte-rendu de vos beaux
travaux. Comme i1s touchent atout, qu'i1s embrassent 1a geome-
trie, 1a mecanique, 1e ca1cu1 des variations, je desirais beau-
coup en expose l'ensemb1e avec 1e deve10ppement qu'i1s meritent,
et je vois que nous pouvons comp1er sur votre concours.

Veui11ez agrier, Monsieur, l'assurance de mes sentiments de


respect

G. Darboux

- * - * - * - * -

6 febrier 1889

Monsieur et tres honore Co11egue,

J'ai recu l'artic1e que vous avez bien vou1u m'envoyer, tres
prochainement vous aurez des epreuvez et je suis tres honne que
vous ayez bien vou1u songer a nous encore une fois.

J'ai cause avec M. Hermite de votre ouvrage po ur 1eque1 i1 a une


grande admiration et je desirerais beaucoup 1e faire connaitre
en France comme i1 merite. Ne pouvriez vous pas nous en faire
adresser un compte-rendu aussi substantie1 et aussi comp1et que
vous jugerez convenab1e.

G. Darboux
- 46 -

Anmerkungen

Jean-Gaston Darboux (1842-1917) war im letzten Viertel des


19. Jahrhunderts eine der führenden Persönlichkeiten der Ma-
thematik in Frankreich. Er war Professor an der Ecole Normale
und der Sorbonne; seine Hauptarbeitsgebiete waren Differential-
0eometrie und Differentialgleichungen. Er pflegte enge Verbin-
dungen zu zahlreichen Mathematikern in ganz Europa und übte
auf Grund seiner Mitaliedschaft in vielen Akademien, in wissen-
schaftlichen Gremien und Verwaltunqskomitees großen Einfluß
aus.

Im Briefwechsel mit Lipschitz begegnet er uns als Herausgeber


des Bulletin des sciences mathematiques, das sich darum bemühte,
übersetzungen wichtiger nicht-französischer Arbeiten zu publi-
~ieren. Zu seiner Tätigkeit in dieser Eigenschaft, bei der er
wesentlich von Hoüel unterstützt wurde, vgl. Neuenschwander
r19841.
- 47 -

BRIEFWECHSEL MIT RICHARD DEDEKIND *)

1) Dedekind an Lipschitz, 5.11.1861, veröffentlicht in


Dedekind [1985), S. 338

- * - * - * - * -

2) Lipschitz an Dedekind 1)

Bonn, den 11ten März 1876

Sehr geehrter Herr College!

Um den Zweck dieser Zeilen deutlich zu machen, ist es nothwen-


dig, einiges vorauszuschicken. Sie haben vielleicht gesehen,
dass Darboux's bulletin einen ausführlichen Auszug von einer
Anzahl meiner Arbeiten über die Theorie der homogenen Functio-
nen von beliebig vielen Differentialen gebracht hat. Herr Dar-
boux forderte mich 1872 auf, einen solchen Auszug ~u verfassen,
indem er mir die Sprache überliess. Von meinem deutschen Ma-
nuscript hat der zweite Herausgeber des bulletin, Herr Hoüel,
mit vieler Sorgfalt die erschienene französische Übersetzung
angefertigt, der auch für Liouvilles Journal die übersetzungen
der ursprünglich deutschen Dirichletschen Arbeiten gemacht hat,
und da Herr Hoüel sich stets sehr teilnehmend und liebenswürdig
gezeigt, so bin ich mit ihm seitdem in einem gewissen Verkehr
geblieben. Als ich kürzlich eine Veranlassung hatte, ihm zu
schreiben, sprach ich ihm einen Gedanken aus, den ich schon lan-
ge hege. Ich erwähnte nämlich, dass die eigenen Untersuchungen,
welche Sie in der zweiten Auflage von Dirichlets zahlentheore-
tischen Vorlesungen von § 159 ab aufgenommen haben, meiner Mei-
nung nach von einem seltenen Werthe sind, und dabei selbst in
Deutschland nicht nach ihrer vollen Gebühr allgemein gewürdigt
werden; wenn Sie daher veranlasst werden könnten, von diesen
Untersuchungen in dem bulletin eine ausführliche Analyse zu
geben, so würde das höchst wünschenswerth sein. 2 )

*) Fußnoten und Anmerkungen folgen auf S. 102


- 48 -

Hierauf hat mir nun Herr Hoüel eine Antwort gegeben, die ich
Ihnen wohl am besten mit seinen eigenen Worten mittheile, und
das ist eben der Zweck dieses Briefes. Er schreibt: notre
bulletin accueillera avec le plus grand plaisir une analyse
developpee du travail de M. Dedekind. J'ai cornrnunique le passa-
ge de votre lettre concernant ce travail a M. Darboux, qui
ecrira peut-etre a M. Dedekind, et dans tous les cas, qui sera
heureux de pouvoir inserer ce travail. Si vous avez occasion
d'ecrire a ce savant professeur, veuillez lui dire combien
nous serions flatte de sa collaboration, et le remercier
d'avance de tout ce qu'il condra bien nous envoyer.

Ich kann ja gar nicht wissen, sehr geehrter Herr College, ob


Sie die Neigung haben, sich solch einer Arbeit zu unterzi~hen.

Aber ich hoffe, Sie werden die von mir gethanen Schritte auf
ihr wahres Motiv zurückführen, nämlich den lebhaften Wunsch,
dass das mathematische Publikum auf den wahren Werth gediegener
Forschungen aufmerksam zu werden lerne.

Mit dem Ausdruck herzlicher Theilnahme und Hochachtung zeichne


ich mich

Ihr ergebener
R. Lipschitz.

- * - * - * - * -

3) Dedekind an Lipschitz 3)

Hochgeehrter Herr College!

Sie haben mir durch Ihren Brief eine sehr grosse und zugleich
sehr unverhoffte Freude gemacht, da ich seit einigen Jahren so
ziemlich die Hoffnung aufgegeben hatte, dass meine Darstellung
und Auffassung einer allgemeinen Theorie der Ideale in jetziger
Zeit noch irgend Jemand ausser mir interessiren würde. Mit Aus-
nahme des Prof. H. Weber in Königsberg, der als Herausgeber der
demnächst erscheinenden gesammelten Werke Riemann's in einen
nahen Verkehr mit mir getreten ist und mir neulich, wohl durch
- 49 -

diesen Umstand veranlasst, seine Absicht zu erkennen gegeben


hat, sich mit dieser Theorie zu beschäftigen, sind Sie der er-
ste, der nicht blos ein Interesse an dem Gegenstande äussert,
sondern dasselbe auch in so praktischer Weise bethätigt, dass
ich daraus die Hoffnung schöpfe, nicht ganz vergeblich gearbei-
tet zu haben. Ich hatte geglaubt, dass die Aufnahme dieser Un-
tersuchung in Dirichlet's Zahlentheorie das sicherste Mittel
wäre, um einen grösseren Kreis von Mathematikern für die Bear-
beitung dieses Feldes zu gewinnen, allein ich habe mich nach
und nach davon überzeugt, dass die Darstellung selbst wohl die
Schuld an dem Misslingen dieses Planes trägt. Ich muss vermu-
then, dass die Darstellung durch übertriebene Kürze und Ge-
drängtheit die Leser abgeschreckt hat, und ich habe daher seit
dem Herbst meine freie Zeit, die ich durch Niederlegung meines
dreijährigen Directorats des hiesigen Polytechnikums gewonnen
habe, dazu benutzt, eine ausführlichere Darstellung der Theorie
der Ideale auszuarbeiten, mit welcher ich auch so weit gekom-
men bin, dass die eigentliche Grundlage (der Inhalt des § 163)
in einer etwas verbesserten Form gewonnen ist. Die Änderung ist
indessen keine wesentliche, und ich glaube auch, dass eine sol-
che, wenigstens bei dem von mir eingeßchlagenen Wege, gar nicht
möglich ist; die Schwierigkeiten, die ich bei der Herstellung
dieser allgemeinen, ausnahmelosen Theorie vor sechs Jahren zu
überwinden gehabt habe, finden nach meiner Uberzeugung ihren
innern Grund in dem Umstande, dass neben dieser Theorie, wel-
che alle ganzen Zahlen eines beliebigen Körpers umfasst, immer
unendlich viele mit Ausnahmen behaftete Theorien nebenher lau-
fen, die sich immer nur auf einen Theil aller ganzen Zahlen
(auf Ordnungen, derivirte Formen) beziehen. Und diese Schwie-
rigkeit, durch welche die Beweisführung sehr verlängert wird,
halte ich für ganz unvermeidlich. Leider! denn jeder Leser wird
schon auf dem halben Wege glauben, dem Abschlusse der Beweis-
führung ganz nahe zu sein, und dann immer zu seinem Verdrusse
bemerken, dass noch neue Hülfsmittel zugezogen werden müssen.
Allerdings kommt dann endlich der Abschluss, aber der Weg ist
weit.

Ich bitte Sie nun sehr um Entschuldigung, dass ich nicht schon
längst Ihnen meinen Dank für Ihre mir überaus erfreuliche und
- 50 -

werthvolle Theilnahme ausgesprochen habe; mein Zögern, das, wie


ich fürchte, Ihnen auffällig und kaum erklärlich sein wird, hat
theils seinen Grund in der grossen Menge von Geschäften und Ar-
beiten, die ich gerade in dieser Zeit zu erledigen hatte, theils
und vor Allem in meiner Unentschlossenheit über die Art, wie der
von Ihnen geäusserte Gedanke sich wohl verwirklichen liesse; so
ist es gekommen, dass ich schon mehrere Male begonnen habe Ih-
nen zu schreiben, dann aber durch neue Zweifel an der Ausführbar-
keit meiner Vorschläge bewogen bin, sie noch zurückzuhalten.
Nach nochmaliger reiflicher überlegung erlaube ich mir nun, Ih-
nen meine Ansicht mitzutheilen, in der Hoffnung, dass ich durch
meine Lässigkeit das Interesse, welches Sie an der Sache nehmen,
nicht gänzlich verscherzt habe.

Die oben erwähnte, in diesem Winter begonnene, aber noch nicht


vollendete Arbeit, welche ich entweder für das Borchardt'sche
Journal oder für die Göttinger Abhandlungen bestimmt hatte, wür-
de für den vorliegenden Zweck viel zu ausführlich sein;4) anderer-
seits würde eine auszugsweise Darstellung in ähnlicher Weise,
wie Sie eine solche von Ihren höchst interessanten Untersuchun-
gen über die homogenen Differential-Ausdrücke für das Bulletin
ausgearbeitet haben, mir schwerlich gelingen; Sie haben es in
sehr glücklicher Weise erreicht, dem Leser ein übersichtliches
Bild Ihrer Forschungen vorzuführen und in so verständlicher Wei-
se, dass man allenfalls im Stande wäre, die Original-Abhandlungen
danach wiederherzustellen. Bei meinem Gegenstande aber, bei der
Ihnen ja so genau bekannten Natur der zahlentheoretischen De-
duction, scheint mir die wirkliche Begründung durch vollständi-
ge Beweise unerlässlich zu sein; ohne diese würde die Mitthei-
lung der Hauptresultate allein schwerlich in verständlicher Wei-
se möglich sein, und jedenfalls würde sie kein Interesse erregen.
Es ist auch nicht möglich, die Beweise etwa nur andeutungsweise
mitzutheilen; ob der Beweis glückt oder nicht, das hängt meist
an einem Haare. Obgleich damals das zu erreichende Ziel stets
klar vor mir lag, so ist es mir doch erst nash wirklich unsäg-
lichen Anstrengungen gelungen, Schritt für Schritt vorwärts zu
kommen und endlich jede Lücke auszufüllen; ich hatte fortwährend
das Gefühl, an einer Leiter zu hängen mit der Furcht, dass es
mir nicht mehr gelingen würde, die folgende Sprosse zu abrei-
- 51 -

chen, und wenn ich meine damalige Darstellung dieser Beweise


nicht gedruckt oder geschrieben vor mir hätte, so würde es mir
jetzt abermals eine grosse Mühe machen, alle Beweismittelchen,
jedes am rechten Orte wieder so zusammenzufügen, dass das Ziel
wirklich erreicht würde. Aus diesem Grunde glaube ich fest,
dass nur eine in den Beweisen vollständige Darstellung einige
Aussicht haben kann, den Leser für die Sache zu interessiren.
Wenn die Herausgeber des Bulletin hierauf eingehen und mir so-
gar zugestehen wollen, dass ich einzelne Puncte etwas weiter
ausführe, dagegen alles überflüssige weglasse, so würde der In-
S)
halt sich etwa so gestalten.

Von § 159 würde der Theil I beibehalten, 11 und 111 gänzlich


gestrichen; § 160 beibehalten etwa mit Weglassung von Nros. 5
und 7; § 161 beibehalten, sogar noch etwas vervollständigt;
§ 162 wesentlich beibehalten; § 163 in veränderter, ausführli-
cherer Darstellung beibehalten; § 164 beibehalten.

Hiermit wäre ein gewisser Abschluss erreicht, mit welchem man


sich wohl begnügen könnte, da die eigentliche Grundlage der
Theorie dann gewonnen ist. Dies würde etwa 50 Druckseiten,
vielleicht auch noch mehr geben. In Wahrheit habe ich meine Un-
tersuchungen, von denen damals nur ein Theil veröffentlicht ist,
sowohl im Allgemeinen als auch in ihrer Anwendung auf specielle
Körper-Classen weiter fortgeführt, soviel es meine in den letz-
ten Jahren sehr beschränkte Zeit gestattete; ein eigentliches
Ende dieses Arbeitsfeldes ist gar nicht zu absehen. 6) Würde mehr
gewünscht, so könnte eine Fortsetzung geliefert werden, aber
mir scheint die obige Abgrenzung vorläufig eine zweckmässige,
und man könnte der beabsichtigten Darstellung mit Recht den Ti-
tel Elements de la theorie des ideaux geben, wenn dieser Plu-
ral von ideal richtig ist. Ich würde übrigens nicht mehr im. Stan-
de sein, diese Darstellung selbst in französischer Sprache aus-
zuarbeiten, da es mir seit meinem Weggang von Zürich an der er-
forderlichen übung gefehlt hat.

Ich bitte Sie nun, hochgeehrter Herr College, meinen Vorschlag


zu prüfen und, falls er Ihren Beifall findet, den Herausgebern
des Bulletin mitzutheilen; sollten Sie aber von vornherein die
überzeugung haben, dass die von mir vorgeschlagene Darstellungs-
weise für die eigentlichen Zwecke des Bulletin ungeeignet ist,
- 52 -

so bitte ich Sie, mir dies ohne Weiteres zu eröffnen; ich wür-
de dann auf eine Darstellung in dem Bulletin, so leid es mir
thun würde, verzichten müssen. Wie aber auch Ihr Urtheil hier-
über ausfallen möge, seien Sie überzeugt, dass ich Ihnen von
Herzen dankbar bin für die grosse Freude, die Sie mir durch
Ihre freundliche Theilnahme bereitet haben; denn ich bin kei-
neswegs unempfänglich für eine Anerkennung, die von so compe-
tenter Seite ausgeht.

Indern ich zugleich die Gelegenheit benutze, Ihnen meinen besten


Dank für Ihre schönen Zusendungen auszusprechen, die ich leider
bis jetzt noch nicht habe erwidern können, verbleibe ich mit
ausgezeichneter Hochachtung

Braunschweig Ihr ergebenster


29. April 1876. R. Dedekind

- * - * - * - * -

4) Lipschitz an Dedekind 7)

Bonn, den 4ten Mai 1876

Sehr geehrter Herr College!

Durch Ihre Aufforderung, mich über den mitgetheilten Plan eines


Auszuges Ihrer Arbeit für Darboux's Bulletin zu äussern, bewei-
sen Sie mir ein grosses Vertrauen, das ich wohl zu würdigen
weiss. Ich entschliesse mich aber nicht leicht, Ihrer Auffor-
derung Folge zu leisten, weil meine Erfahrung auf dem betref-
fenden Gebiet eine sehr beschränkte ist. Doch will so gut ant-
worten, als ich kann.

Dass die Herausgeber des Bulletin an Ihrem Vorsatz, nur eine


mit vollständigen Beweisen versehene Darstellung zu geben, die
dann auch einen entsprechenden Umfang haben muss, keinen An-
stoss nehmen werden, ist nach dem Briefe, den mir M. Houel
schrieb, ganz sicher. Es fragt sich nur, von welchem Ausgangs-
punkte die Darstellung des Inhalts, welchen Sie mir bezeichnet
haben, arn zweckmässigsten begonnen wird, und in dieser Hinsicht
- 53 -

erlauben Sie mir, unverhohlen meine Meinung zu sagen.

Ihre Untersuchungen können auf eine doppelte Weise aufgefasst


werden. Entweder ist die vollständigste Verallgemeinerung der
vier Grundoperationen der Rechnung der eigentliche Zweck; dann
ergiebt sich nothwendig der von Ihnen gewählte Weg, und die Be-
rührung zwischen Ihrem Anfang und Speculationen, welche Weier-
strass, nach den Mittheilungen von Ernst Kossak in einern Pro-
gramm des Wederschen Gymnasiums: die Elemente der Arithmetik,
Berlin 1872, Nicolaische Buchhandlung, in seinen Vorlesungen
vorträgt.

Oder der Zweck Ihrer Untersuchungen wird in die Anwendungen ge-


setzt, welche Sie auf die Ausdrücke machen, die Gleichungen mit
ganzzahligen Coefficienten genügen, und bei dieser Auffassung
scheint mir ein anderer Weg der Darstellung möglich zu sein.
Bei dem für das Bulletin bestimmten Auszuge würde ich diesem
letzteren Wege den Vorzug geben. 8)

Die Schwierigkeit, in Ihre Untersuchungen einzudringen, hängt,


wie ich glaube, wesentlich mit dem Umstande zusammen, dass die
Theorie der Gleichungen mit ganzzahligen Coeffizienten zwar in
den letzten Jahren in hohem Masse gefördert worden ist, dass
aber diese Fortschritte nicht zusammenhängend und mit Vollstän-
digkeit in einer Schrift zusammengefasst sind. Es kann gar nicht
anders sein und ich habe dies schon seit Jahren gegen meinen
Freund und Collegen Korturn ausgesprochen, dass Sie sich eine
zusammenhängende Theorie dieser Gleichungen ausgebildet haben
müssen. Die wahre Wohlthat, welche Sie den mathematischen Le-
sern erweisen könnten, würde die sein, dass Sie diese Theorie
in einern Buche niederlegten, in welches Sie alle Einzelheiten
hineinschrieben, welche Sie für selbstverständlich halten, und
welche sich andere doch nicht so consequent zurechtgelegt haben
können; Sie würden Kroneckers Publicationen nacheinander er-
wähnen und von den für Ihr System nothwendigen Kroneckerschen
Sätzen die Beweise vortragen.

Da es sich aber augenblicklich um den Auszug für das Bulletin


handelt, so möchte ich den Wunsch aussprechen, dass Sie hier
in einer Einleitung die Aufgaben hervorheben, welche von Ihnen
für die Ausdrücke gelöst sind, die Gleichungen mit ganzzahligen
Coefficienten genügen. Auch ein Titel, welcher diesen Inhalt an-
- 54 -

deutet, scheint mir weit zweckmässiger, als der von Ihnen ge-
wählte, weil der Leser erst aus Ihrer Schrift die Begriffsbe-
stimmung der Ideale erhält.

Sobald Sie sich entschliessen wollten, den Inhalt Ihres § 160


zum Anfange zu nehmen, und die Grundeigenschaften des Begriffs,
den Sie ganze Zahl nennen, zunächst so zu entwickeln, dass Sie
nur an allgemein bekanntes anknüpfen, so müsste dies Jedermann
verstehen. Hieran würde sich der Inhalt des § 162 anschliessen,
indem die ganzen Zahlen auf diejenigen eingeschränkt werden,
die in einem endlichen Körper Q enthalten sind. Ich meine aber,
dass der Ausdruck dieser Beschränkung zunächst so gefasst wer-
den kann, dass derselbe auf den Begriff der zerlegbaren Formen
bezogen wird. Dieser Begriff ist allgemein bekannt und lässt
sich durch Erwähnung von Lagrange's und Dirichlet's Arbeiten
schnell vergegenwärtigen. Dann steigt die Frage nach der Zerle-
gung der ganzen Zahlen, die in ~ enthalten sind von selbst auf,
und es wird sich die Form, in welcher Sie die Lösung bewirkt
haben, durch Erwähnung sehr einfacher Analogien anschaulich
machen lassen, bevor die Lösung selbst vorgetragen wird. Wenn
dann die Einführung von den durch Sie ausgeprägten Begriffen
als ein Mittel erscheint, um Ziele zu erreichen, die vorher oh-
ne Einführung neuer Termini bezeichnet worden sind, so macht
sich auch der Werth jener Begriffe fühlbarer. Dass Sie die An-
zahl der Idealclassen bestimmt haben, würde ich dem von Ihnen
vorgezeichneten Inhalt, jedenfalls rathen hinzuzufügen. Denn
gerade dieses Ergebnis ist eine so sprechende Verallgemeinerung
von Resultaten, die bekannt sind, dass es einen Eindruck machen
muss.

Mögen Sie nun für das Bulletin diese Modificationen annehmen


oder nicht, in jedem Falle bitte ich Sie, die Arbeit auszufüh-
ren; die Herausgeber werden Ihnen immer Dank wissen und Ihnen
die Art der Behandlung völlig überlassen. Dass Sie durch Nie-
derlegung des Directorialgeschäftes Musse finden, Ihre Untersu-
chungen ausführlicher zu publiciren, freut mich herzlich. Viel-
leicht darf ich Ihnen auch bekennen, dass ich meinem Wunsch,
Sie an einer Universität wirksam zu sehen, immer Ausdruck gege-
ben habe, sobald eine Frage an mich gerichtet wurde und mir die
Erfüllung möglich schien.
- 55 -

Mit bestem Grusse zeichne ich mich Ihr hochachtungsvoll ergebe-


ner
R. Lipschitz

- * - * - * - * -

5) Dedekind an Lipschitz

Hochgeehrter Herr College!

Ihr Schreiben vom 4. d.M. habe ich mit grossem Interesse gele-
sen, und ich sage Ihnen meinen besten Dank für die Theilnah~e,

die Sie meiner Ideal-Arbeit zu schenken fortfahren; ich bin


aber fest überzeugt, dass Sie die Beziehungen zwischen einzel-
nen Theilen derselben und auch ihre Stellung zu den Untersu-
chungen anderer Mathematiker in etwas anderem Lichte sehen wür-
den, wenn es mir vergönnt wäre, mich ausführlich darüber mit
Ihnen mündlich zu unterhalten. Es ist mir unmöglich, in der
Hauptsache den von Ihnen in Vorschlag gebrachten Plan zu befol-
gen, sowohl hinsichtlich der Anordnung, als dem Inhalte nach.
Um hierüber keinen Zweifel übrig zu lassen und um noch nicht
gänzlich auf die Ausführung der von Ihnen angeregten Publica-
tion verzichten zu müssen, habe ich mich zuletzt entschlossen,
die beiliegende Einleitung zu verfassen, in welcher ich mich
bemühe, den eigentlichen Gegenstand und denjenigen Kernpunct
der Ideal-Theorie deutlich zu bezeichnen, auf dessen Darstel-
lung ich mich durchaus beschränken muss, wenn diese nicht eine
unpassende und gewiss unerwünschte Länge erhalten soll; selbst
bei dieser Beschränkung fürchte ich schon zu lang zu werden.
Der beiliegenden Einleitung würden drei Abschnitte folgen:
I. Hülfssätze aus der Theorie der Moduln (etwas genauere Aus-
führung von § 161 der Zahlentheorie von Dirichlet, mit dem Be-
weise des in der letzten Anmerkung daselbst angegebenen Satzes).
11. Der Keim der Theorie der Ideale (Erinnerung an die Lehre
von der Theilbarkeit und deren Beweismethoden bei den rationa-
len und den Gauss'schen complexen Zahlen. Abweichendes Verhal-
ten in dem Gebiete der Zahlen von der Form x+yy=5, an welchem
einfachsten Beispiele die in der nachfolgenden Theorie auftre-
tenden Hauptbegriffe ausführlich erörtert werden) .
- 56 -

111. Theorie der ganzen algebraischen Zahlen (in der in der


Einleitung angedeuteten Reihenfolge; eine lange Kette von Sät-
zen?) .

Ich hoffe die Einleitung so geschrieben zu haben, dass aus ihr


sich eine hinlängliche Rechtfertigung des vorstehenden Planes
ergiebt, und es würde mich sehr freuen, wenn es mir gelänge,
auch Ihre Zustimmung zu demselben zu gewinnen, da ich auf eine
Änderung nicht eingehen könnte und dann ganz auf die Ausführung
verzichten müsste. Sollten Sie meinen Plan billigen und den
Zwecken des Bulletin's angemessen finden, so würde ich Sie bit-
ten, diese Einleitung an Herrn Darboux oder Houel zu schicken,
und falls diese Herrn dieselbe aufzunehmen wünschen, so würde
ich die eigentliche Arbeit anfangen und gewiss in kurzer Zeit
vollenden. Ich schätze dies Journal sehr hoch, und die Aufnah-
me einer solchen Arbeit in dasselbe würde mir angenehm sein;
aber ich möchte auch um keinen Preis den Herausgebern, mit de-
nen ich bisher noch in gar keiner Verbindung gestanden habe,
lästig fallen.

Indem ich Ihnen nochmals meinen herzlichsten Dank für Ihr In-
teresse an dieser Sache ausdrücke, verbleibe ich mit grösster
Hochachtung

Elraunschweig, Ihr ergebenster


30 Mai 1876. R. Dedekind.
Petrithorpromenade 24.

- * - * - * - * -

6) Lipschitz an Dedekind 9)

Bonn, den 8ten Juni 1876

Sehr geehrter Herr College!

Die Einleitung, welche Sie so gütig gewesen sind, mir zu senden,


halte ich für vollständig geeignet, von Ihren Untersuchungen
eine allgemeine Anschauung zu erwecken. Ich bin bereit, diesel-
be Herrn Darboux mitzutheilen, und möchte Sie nur ersuchen, von
- 57 -

den drei Abschnitten, aus denen die Darstellung bestehen soll,


auf einem besonderen Blatte eine Inhaltsangabe zu machen, die
möglichst in Ausdrücken abgefasst ist, welche von vorne herein
bekannt sind und nicht erst durch die zu liefernden Ausführungen
bekannt werden, oder, falls dies schwierig sein sollte, in Aus-
drücken, welche sich genau an die in der Einleitung definierten
Ausdrücke anschliessen. Diese Inhaltsangabe würde ich dann der
Einleitung beifügen.

Da Sie aber in Ihrem letzten Schreiben Werth darauf legen, dass


ich der Einleitung auch im Einzelnen zustimme, so will ich Ihnen
offen die Punkte nennen, in denen ich eine Änderung wünschen
würde. Ich wiederhole aber, dass falls Sie sich zu den betreffen-
den Änderungen nicht entschliessen können, ich dieselbe, wie sie
ist, mit Hinzufügung der erbetenen Inhaltsangabe, abschicken will.
Die Punkte sind die fOlgenden.

1. Sobald die Gleichung 8n + a 1 8 n - 1 + ... +a


n- 18+a n
= 0 eingeführt
ist, die von allen in Frage kommenden den niedrigsten Grad be-
sitzt, werden durch den Ausdruck

in dem x o ,x 1 , ... ,x n _ 1 willkürliche rationale Zahlen bedeuten,


die algebraischen Zahlen definirt, deren Complex ~ den endli-
chen Körper vom Grade n bildet. Es ergibt nun die von Ihnen an
die Spitze gestellte Definition einer ganzen Zahl, dass ~(8)

dann eine ganze Zahl heisst, wenn dieser Ausdruck einer alge-
braischen Gleichung

genügt, bei der die Coefficienten b 1 ,b 2 , ... ,b s - rationale


ganze Zahlen sind. Allein es ist nicht von vorne herein klar,
dass die hiefür hinreichend und nothwendige Bedingung darin be-
steht, dass die in ~(8) eingehenden rationalen Zahlen x o '··· ,x n - 1
ganze Zahlen sind. Hierüber wäre an dieser Stelle eine ausdrück-
liche Erklärung wünschenswerth. 10)

2. Nachdem die Einführung der idealen Zahlen in die Theorie der


aus der Kreistheilungsgleichung abgeleiteten Zahlen durch Kummer
- 58 -

erörtert ist, müsste meiner Meinung nach bestimmt gesagt werden,


dass auf dem von Ihnen zu behandelnden Gebiete der Begriff der
idealen Zahlen sich ebenfalls wiederfindet. Es bleibt sonst
zweifelhaft, ob der Übergang, den Sie von dem Begriffe der ide-
alen Zahlen zu dem von Ihnen aufgestellten Begriffe des Ideals
machen, sich auf das von Kummer angebaute Feld, oder auf das
ganze von Ihnen bearbeitete Gebiet bezieht.

3. Sie haben mir Ihre Abhandlung über Stetigkeit und irrationa-


le Zahlen die Freundlichkeit gehabt, zuzuschicken, und ich kann-
te daher den Inhalt Ihrer unter den Text zu setzenden Anmerkung
schon früher auf das genaueste. Ich muss jetzt gestehen, dass
ich die Berechtigung Ihrer Definition nicht leugne, dass ich
aber der Meinung bin, dieselbe unterscheide sich nur in der Form
des Ausdruckes aber nicht in der Sache von dem, was die Alten
festgestellt haben. Ich kann nur sagen, dass die von Euclid V,5
aufgestellte Definition, welche ich lateinisch anführe
rationem habere inter se magnitudines dicuntur, quae possunt
multiplicatae sese mutuo superare,
und was folgt, für genau so befriedigend halte, als Ihre Defi-
nition. Aus diesem Grunde würde ich wünschen, dass namentlich
die Behauptung wegfiele, dass solche Sätze wie VZ·VJ = Vb bis-
her nicht wirklich bewiesen seien. Ich glaube nämlich, dass
insbesondere die französischen Leser mit mir der Überzeugung
sein werden, dass das angeführte Buch des Euklid die Principien
enthalte, die zum Beweise dieser Sätze nothwendig und hinrei-
chend sind. Ich kann übrigens diese Bemerkung nicht schliessen,
ohne zu sagen, wie schwer es mir wird, Ihnen dieselbe zu schrei-
ben. Diese Fragen berühren, um einen Ausdruck Jacobis zu gebrau-
chen, ein analytisches Herz auf das tiefste, und ich will nur
wünschen, dass Sie mir nicht böse werden. 11)

4. Was die Erklärung von dem Begriffe des Ideals anlangt, so


konnte ich mich in meinem vorigen Briefe aus Bescheidenheit
nicht überwinden, Ihnen einen Vorschlag zu machen. Ich würde
diesem Begriff nämlich nicht an den Kummerschen complexen
Zahlen, sondern an den rationalen ganzen Zahlen erläutern. Ich
würde sagen, dass man, um die Gesetze der Theilbarkeit der ratio-
nalen ganzen Zahlen zu entwickeln, so verfahren kann, dass man
immer die sämtlichen Zahlen betrachtet, welche einen bestimm-
- 59 -

ten gemeinsamen Theiler haben. Dies ist der Begriff Ihres Ideals
in seiner einfachsten Anwendung. Bei diesem Ausgangspunkt ist
es leicht, verschiedene Sätze, auf deren Ausdehnung es Ihnen in
Ihrer Theorie ankommt, aus dieser Definition des Ideals auf dem
Gebiete der rationalen ganzen Zahlen zu erörtern. Von hier aus
bietet sich dann der Übergang zu dem Felde, wo ohne den Begriff
des Ideals der Fortschritt gehemmt ist.

Ich bitte Sie, diese Bemerkungen, je nach Ihrem Ermessen, zu


einer Änderung zu benutzen, oder auch mir zu schreiben, dass Sie
die bisherige Fassung der Einleitung beizubehalten wünschen.
Gleichzeitig schicke ich Ihnen einen kleinen französischen Auf-
satz, den Borchardt so freundlich war, aus den Comptes rendus
aufzunehmen, wo er durch Druckfehler und eine Trennung in zwei
Theile ein wenig unkenntlich geworden war. Mit herzlichem Grusse

Ihr R. Lipschitz

- * - * - * - * -

7) Dedekind an Lipschitz

Hochgeehrter Herr College!

Soeben erhalte ich Ihre schöne Zusendung und Ihren Brief, und
ich beeile mich, Ihnen für Beides meinen besten Dank auszudrük-
ken. Ich bin weit davon entfernt, die Bemerkungen, welche Sie
über meine "Einleitung" [XLVIII) machen, übel aufzunehmen; im
Gegentheil bin ich sehr erfreut über die aufrichtige Mitthei-
lung Ihrer Bedenken und über das Interesse an dem Gegenstande,
welches sich in denselben deutlich ausspricht. Aber ich hoffe
auch, dass Sie es nicht 2inem hartnäckigen Eigensinn zuschrei-
ben werden, wenn ich nach einer durch zwanzig Jahre fortgesetz-
ten Beschäftigung mit diesen Gedanken Ihre Bedenken nicht thei-
le und mich auch nicht dazu entschliessen kann, durch Abände-
rungen dieser Einleitung, in welcher ich jedes Wort erst nach
der sorgfältigsten Überlegung niedergeschrieben habe, noch wei-
tere Concessionen zu machen; denn es finden sich in derselben
wirklich schon mehrere Concessionen. Mein Streben in der Zahlen-
- 60 -

theorie geht dahin, die Forschung nicht auf zufällige Darstel-


lungsformen oder Ausdrücke sondern auf einfache Grundbegriffe
zu stützen und hierdurch - wenn diese Vergleichung auch viel-
leicht anmassend klingen mag - auf diesem Gebiete etwas Ähnli-
ches zu erreichen, wie Riemann auf dem Gebiete der Functionen-
theorie, wobei ich die beiläufige Bemerkung nicht unterdrücken
kann, dass die Riemannschen Principien von den meisten Schrift-
stellern, z.B. auch in den neuesten Werken über elliptische Func-
tionen, nach meiner Ansicht nicht in consequenter Weise zur An-
wendung gebracht werden; fast immer wird die einfache Theorie
verunziert durch unnöthige Einmischung der Darstellungsformen,
welche doch eigentlich nur Resultat, nicht Hülfsmittel der Theo-
rie sein sollten. 12) In ähnlicher Weise verunziere ich in der Ein-
leitung den Begriff eines endlichen Körpers ~ dadurch, dass ich
eine Darstellungsform angebe, in welcher alle Zahlen des Körpers
enthalten sind und welche ebenso gut durch unendlich viele Dar-
stellungsformen ersetzt werden könnte, wenn statt der dortigen
Zahl e andere Zahlen desselben Körpers als Ausdrucksmittel ge-
nommen würden; es bedarf offenbar schon einiger überlegung oder
gar eines wenn auch leichten Beweises, um einzusehen, dass hier-
bei der gesammte Zahlen-Inhalt des Körpers durchaus unverändert
bleibt. Principiell ist daher die in der Zahlentheorie § 159
[XLVII] gegebene Definition bei Weitem vorzuziehen "ein endli-
cher Körper ist ein solcher, der nur eine endliche Anzahl von
Divisoren besitzt" oder auch die hiermit abermals äquivalente
Definition: "ein endlicher Körper ist ein solcher Körper, wel-
cher nur eine endliche Anzahl von einander unabhängiger Zahlen
enthält". Aber ich habe diese Concession gemacht, um aus der
allgemeinen Theorie der Körper möglichst wenig zu entlehnen und
um an allgemein bekannte Dinge anzuknüpfen. Ich erlaube mir nun,
auf die von Ihnen geäusserten Bedenken im Einzelnen einzugehen,
um Sie womöglich davon zu überzeugen, dass ich von meinem Stand-
punkte aus die entsprechenden Abänderungen nicht gutheissen kann.

10 • Sie sagen: "Sobald die Gleichung ... wünschenswerth."


[Dedekind wiederholt den Abschnitt 1. des Briefes 6) und unter-
streicht den vorletzten Satz.]
Hiergegen bemerke ich: Erstlich ist an der betreffenden Stelle
der Einleitung (ist e eine ,bestimmte algebraische Zahl) absicht-
- 6' -
lich nicht einmal von der Zahl 8 selbst die Voraussetzung ge-
macht, dass sie eine ganze Zahl sei, um zunächst die Aufmerksam-
keit von den ganzen Zahlen abzulenken und dadurch den Begriff
eines endlichen Körpers D deutlicher hervortreten zu lassen,
welcher ganze und gebrochene Zahlen enthält, und zwar geschieht
diese Trennung ausdrücklich "der obigen Definition gemäss",
wodurch abermals die Aufmerksamkeit von der Darstellungsform
~(8) abgelenkt und auf die an die Spitze gestellte, keiner Dun-
kelheit unterworfene Definition der ganzen Zahl verwiesen wer-
den sollte. Denn selbst wenn 8 eine ganze Zahl ist, so ist doch
die in der obigen, von mir unterstrichenen Stelle ausgesprochene
Vermuthung ungegründet; wählt man z.B. statt der ganzen Zahl 8
die ganze Zahl n = 28 , und bildet wieder alle möglichen Aus-
drücke ~(n) = x +x,n+ ... +x ,nn-1 mit ganzen rationalen Coeffi-
o n-
cienten xo,x, ... x n - 1 , so sind alle diese ganzen Zahlen ~(n)
unter den mit ganzen Coefficienten x behafteten Zahlen ~(8) ent-
halten, aber umgekehrt sind offenbar unendlich viele solche Zah-
len ~(8) vorhanden, die sich nicht mehr in der Form ~(n) mit
ganzen Coefficienten darstellen lassen; oder mit anderen Worten:
in der Form ~(n) sind unendlich viele Zahlen enthalten, welche
"der obigen Definition gemäss" ganze "Zahlen sind, ohne doch
ganze Darstellungs-Coefficienten x zu besitzen. Nun könnte man
vielleicht vermuthen, dass, wenn zwar die unterstrichene Stelle
nicht auf jedes 8 oder n passt, doch wohl eine Zahl 8 aus dem
Körper so ausgewählt werden könnte, dass alle wirklich ganzen
Zahlen ~(8) auch ganze Coefficienten besitzen. Dies ist in der
That richtig für alle Körper, welche Gleichungen von der Form
8m = 1 entsprechen, und diesem glücklichen Umstande ist es,
meiner Ansicht nach, zu danken, dass Kummer, der seinen Unter-
suchungen die Darstellungsform ~(8) der ganzen Zahlen zu Grunde
gelegt hat, auf dem Gebiete der Kreistheilung zu seinen Resul-
taten gelangt ist. Es giebt aber unendlich viele Körper, in wel-
chen man vergebens nach einer solchen Zahl 8 suchen würde,
durch welche sich alle wirklich ganzen Zahlen des Körpers in der
Form ~(8) mit ganzen Coefficienten x darstellen liessen. Ich
habe sogar bewiesen (Göttinger gel. Anz. 20 Sept. 1871. S. 1490-
1492), dass es Körper giebt, bei welchen es nicht einmal gelingt,
durch den Ausdruck ~(8) ein vollständiges System incongruenter
Zahlen in Bezug auf gewisse Primzahlen so darzustellen, dass
- 62 -

die Coefficienten x ganze Zahlen werden. Beschränkt man sich in


einem solchen Falle dennoch auf die Darstellungsform ~(e) mit
ganzen Coefficienten, so darf man sich nicht wundern, wenn ge-
wisse zahlentheoretische Fähigkeiten des Körpers für die Er-
kenntnis verloren gehen, und diesem unglücklichen Umstande ist
es zuzuschreiben, dass Kummer bei seinem Hinausgehen in ein der
Kreistheilung unmittelbar übergeordnetes Gebiet (über die all-
gern. Reciprocitätsgesetze etc. 1859. S. 55) nicht mehr alle
idealen Primfactoren hat finden können, wobei ich übrigens be-
merke, dass dies für seine Zwecke auch nicht erforderlich war. -
Nach allem diesem glaube ich nun, dass ich an der betreffenden
Stelle der Einleitung die Trennung der sämmtlichen Zahlen des
Körpers ~ in ganze Zahlen, deren Complex mit ° bezeichnet wird,
und in gebrochenen Zahlen so scharf hervorgehoben habe, wie es
irgend möglich ist, und dass eine gleichzeitige Bezugnahme auf
die Beschaffenheit der rationalen Darstellungs-Coefficienten x
nur gar zu leicht zu Verwirrungen führen würde, die sich nur
durch sehr weitläufige Erörterungen vermeiden liessen. Jeder
Autor darf und muss verlangen, dass die Definitionen der Kunst-
ausdrücke, deren er sich bedienen will, von dem Leser genau in
demselben Umfange, ohne jede Zuthat oder Einengung, aufgefasst
und unbeirrt festgehalten werden.

20 • Sie schreiben: [Dedekind wiederholt den entsprechenden


Absatz aus Lipschitz' Brief und unterstreicht den letzten Teil
des ersten Satzes: dass auch ... wiederfindet.]
Ich bemerke hierzu: In meiner Theorie der ganzen algebraischen
Zahlen ist niemals von idealen Zahlen die Rede, sondern nur von
Idealen, d.h. von Systemen von Zahlen, welche sämmtlich das
helle Sonnenlicht der wirklichen Existenz innerhalb des Gebie-
tes ° geniessen. So gut, wie man einen Inbegriff von unendlich
vielen Functionen, die sogar noch von Variablen abhängen, als
ein Ganzes auffasst, wie man z.B. alle äquivalenten Formen zu
einer Formen-Classe vereinigt, diese wieder mit einem einfachen
Buchstaben bezeichnet und einer Composition unterwirft, mit
demselben Rechte darf ich ein System a von unendlich vielen,
aber vollständig bestimmten Zahlen in 0, welches zwei höchst
einfachen Bedingungen I. und 11. genügt, als ein Ganzes auf-
fassen und ein Ideal nennen; und ich erwähne, oder vielmehr ich
- 63 -

zeige in der Einleitung ausdrücklich (bei der Definition der


Theilbarkeit der Ideale), dass in der Theorie dieser Ideale die
ganze Lehre von der Theilbarkeit der Zahlen jedenfalls enthal-
ten ist. Ich erwähne zugleich (in der Note zur Definition der
Ideale), dass Jeder, dem es beliebt, sich zu jedem Ideal auch
eine correspondirende ideale Zahl hinzudenken oder erschaffen
mag, dass aber nicht der geringste Zwang dazu vorhanden ist.
Sollte Kummer jemals eine allgemeine Definition seiner idealen
Zahlen geben, was bis jetzt nicht geschehen ist und wahrschein-
lich auch nicht geschehen wird, so würde sie von der folgenden
nur unwesentlich abweichen können: "Jedesmal, wenn in dem Sy-
stem n ein System a von Zahlen a auftritt, welches die Eigen-
schaften I. und 11. besitzt, wollen wir eine ideale Zahl ein-
führen, die etwa mit z(a) bezeichnet werden kann, und wir wollen
von jeder einzelnen in dem System a enthaltenen Zahl a sagen,
sie sei theilbar durch diese ideale Zahl z(a)." Für meine Theorie
ist aber eine solche Erschaffung idealer Zahlen, wie schon be-
merkt, gänzlich überflüssig, und ich kann Ihnen daher die Rich-
tigkeit Ihrer obigen Worte, die ich unterstrichen habe, durch-
aus nicht zugeben. Dass ferner meine Theorie der Ideale sich
nicht auf das kleine Feld der Kreistheilung beschränkt, son-
dern alle endlichen Körper Q ohne Ausnahme umfasst, ist wie ich
glaube, vOllständig deutlich ausgesprochen in den Worten: "Un-
sere Aufgabe besteht darin, die allgemeinen Gesetze der Theil-
barkeit aufzustellen, welche in einem solchen System n herr-
schen." und später: "Nach diesem gros sen Erfolge im Gebiete der
Kreistheilung lag es nahe, das Walten derselben Gesetze in je-
dem Zahlen-Gebiete n von der oben angegebene!1, allgemeinsten
Art zu vermuthen . . . . Zu der allgemeinen, ausnahmelosen Theorie,
welche ich am oben angegebenen Orte zuerst veröffentlicht habe,
bin ich erst gelangt . . . . " Ich glaube wirklich nicht, dass
hiernach die Tragweite meiner Theorie unterschätzt werden kann,
aus welcher in Wahrheit, wie ich schon am Schluss einer durch
Druckfehler und Auslassungen entstellten Recension des Bach-
mann'schen Werkes über Kreistheilung (Schlömilch's Zeitschrift,
Jahrgang 18) behauptet habe, die speciellen, von Kummer ange-
stellten Untersuchungen sich mit wenigen Federstrichen ableiten
lassen; ebenso ist natürlich die ganze Theorie der quadratischen
- 64 -

Reste und Formen nur ein einfacher Ausfluss meiner Theorie für
den Fall n = 2.

3°. Hinsichtlich meiner auf die irrationalen Zahlen bezüglichen


Note schreiben Sie: ... [Dedekind wiederholt den ganzen Abschnitt
3. des letzten Briefes.]
Hier bin ich leider gestern (Freitag) Abend durch einen Besuch
unterbrochen, und dadurch verzögert sich meine Antwort. - Zu-
nächst bitte ich Sie nochmals überzeugt zu sein, dass ich bei
dieser Gelegenheit ganz und gar nicht empfindlich bin; ich habe
mir nie eingebildet, dass meine Auffassung der irrationalen
Zahlen einen besonderen Werth habe, sonst würde ich sie nicht
beinahe vierzehn Jahre für mich behalten haben; im Gegentheil
bin ich immer überzeugt gewesen, dass jeder gut durchgebildete
Mathematiker unserer Zeit, der sich nur einmal ernstlich die
Aufgabe stellt, diesen Gegenstand in strenger Weise zu erledi-
gen, auch ~anz gewiss zum Ziele kommen wird; zugleich bin ich
weit davon entfernt, etwa den Mathematikern, die sich diese
Frage überhaupt gar nicht vorlegen, daraus einen Vorwurf zu
machen; jeder von ihnen wird mit Recht das untrügliche Gefühl
haben, dass er die Sache machen könnte, wenn er nur wollte, und
wenn es sich der Mühe verlohnte, die Zeit daran zu wenden. Ich
werde daher, obgleich ich durchaus nicht unempfänglich für Lob
und Tadel bin, in diesem Falle wirklich gar nicht gekränkt sein,
wenn man mir selbst das geringe Verdienst abspricht, was ich an
der Sache zu haben glaube. Trotzdem will ich, weil der Gegen-
stand mich nun einmal sehr interessirt, mir erlauben Ihnen die
Gründe vorzutragen, weshalb ich mich Ihrer Ansicht durchaus
nicht anschliessen kann. Ich setze dabei als Basis, über die
man sich natürlich verständigt haben muss, die Arithmetik der
rationalen Zahlen als fest begründet voraus und Nichts weiter;
in meiner Schrift zeige ich, ohne jede Einmischung fremdartiger
Dinge, dass in dem Gebiete der rationalen Zahlen selbst eine
Erscheinung sich angeben lässt (der Schnitt), welche dazu be-
nutzt werden kann, dieses Gebiet durch eine einzige Schöpfung
von neuen, irrationalen Zahlen zu vervollständigen, und ich be-
weise, dass das so entstandene Gebiet aller reellen Zahlen die
Eigenthümlichkeit besitzt, in welcher ich das Wesen der Stetig-
keit (§ 3) erblicke (will man keine neuen Zahlen einführen, so
- 65 -

habe ich nichts dagegen; der von mir bewiesene Satz (§ 5, IV)
lautet dann so: das System aller Schnitte in dem für sich un-
stetigen Gebiete der rationalen Zahlen bildet eine stetige
Mannigfaltigkeit); ich zeige ferner (§ 6), dass die Addition
von je zwei reellen Zahlen in aller Schärfe definirbar ist, und
behaupte, dass dasselbe von den übrigen Rechnungen gilt, und
dass man hierauf gestützt auch die Sätze, aus welchen das Ge-
bäude der Arithmetik besteht, in aller Strenge beweisen könne.
Natürlich sind diese letzten Behauptungen obligatorisch für
mich in der Weise, dass, wenn Jemand die Beweisbarkeit eines
Satzes aus meinen Principien noch bezweifeln sollte, ich diesen
Beweis wirklich liefern muss. Zugleich behaupte ich, dass die-
se Sätze der Arithmetik zum grössten Theile (eigentlich fast
allel bisher nicht bewiesen seien, und um wo möglich den Wider-
spruch aufs Äusserste zu reizen, sage ich, der Satz V7.V1 = Vb
sei vorher noch nie bewiesen. Will Jemand mich hierin widerle-
gen, will man also behaupten, der Satz sei schon bewiesen, so
liegt jetzt die Beweislast dem Anderen ob, und er muss mir
einen wirklich publicirten Beweis dieses oder eines ihn umfas-
senden Satzes namhaft machen. Glauben Sie nun wirklich, dass ein
solcher Beweis sich in irgend einem Buche findet? Natürlich
habe ich eine ganze Menge von Werken der verschiedenen Nationen
auf diesen Punct hin geprüft, und was findet man da? Nichts als
die rohesten Cirkelschlüsse, etwa so: yaVO ist = vao, weil
(ya.VO)2 = (ya)2. (VO)2 = ab ist; nicht die geringste Erklärung
des Productes von zwei irrationalen Zahlen geht voraus, und
ohne irgend ein Bedenken wird der für rationale Zahlen m,n be-
wiesene Satz (mn)2 = m2 n 2 auch für irrationale Zahlen in An-
spruch genommen. Ist es nun nicht eigentlich empörend, dass
der Unterricht in der Mathematik auf Schulen als ein besonders
ausgezeichnetes Bildungsmittel des Verstandes gilt, während
doch in keiner anderen Disciplin (wie z.B. Grammatik) solche
grobe Verstösse gegen die Logik nur einen Augenblick geduldet
würden? Man sei, wenn man einmal nicht wissenschaftlich verfah-
ren will oder auch der Zeit wegen nicht kann, wenigstens ehr-
lich und gestehe dies auch dem Schüler offen ein, der ohnehin
sehr geneigt ist, dem Lehrer auf dessen Wort hin an einen Satz
zu glauben; das ist besser, als durch Scheinbeweise den reinen,
edelen Sinn für wahre Beweise zu ertödten.
- 66 -

Ich glaube nun eigentlich, dass ich mich durch das Vorstehende
schon hinlänglich gerechtfertigt habe; aber ich will so leich-
ten Kaufes gar nicht davon kommen und sehr gern auf die ganz
andere Wendung eingehen, die Sie der Frage gegeben haben; Sie
behaupten gar nicht, dass ein strenger Beweis des obigen Satzes
irgendwo zu finden sei, aber Sie sprechen die Ansicht aus, dass
in der berühmten und mit Recht bewunderten Euklidischen Defini-
tion des Verhältnisses (ratio, Aoyoa) von gleichartigen Grös-
sen, sowie in dem übrigen Inhalte des fünften Buches der Ele-
mente die Principien enthalten seien, welche zum Beweise des
Satzes nothwendig und hinreichend sind. Abgesehen davon, dass
mir wie schon oben bemerkt die Hereinziehung der Grössen in die
reine Zahlenlehre nicht gefällt, muss ich mich bestimmt gegen
diese Ansicht erklären; die genannte Basis ist nach meiner Mei-
nung nicht ausreichend, wenn nicht zu den Euklidischen Pr in-
cipien ausserdem noch der darin keineswegs enthaltene Kern-
punct meiner Schrift, das Wesen der Stetigkeit (§ 3), hinzuge-
than wird. Die Definition von Euklid lautet in unserer Ausdrucks-
weise so: die gleichartigen Grössen A, B haben dasselbe Verhält-
niss wie die gleichartigen Grössen A1 , B 1 , wenn für jedes Paar
von ganzen rationalen Zahlen m, n entweder gleichzeitig
nA < mB und nA 1 < mB 1 , oder gleichzeitig nA = mB und nA 1 = mB 1 ,
oder gleichzeitig nA > mB und nA 1 > mB 1 ist. Soll diese Defini-
tion überhaupt einen Sinn haben, so wird über die Dinge, die
Grössen genannt werden, zweierlei und nichts weiter vorausge-
setzt:

10 . Von je zwei verschiedenen, gleichartigen Grössen wird stets


eine als die grössere, die andere als die kleinere erkannt.

20 • Ist A eine Grösse, und n eine ganze Zahl, so giebt es im-


mer eine mit A gleichartige Grösse nA, das der Zahl n entspre-
chende Vielfache von A

Im Ubrigen erfährt man, ausser diesen stillschweigend gemach-


ten und den in Ihren lateinischen Worten (ich bitte Sie mir
zu schreiben, weshalb unterstreichen Sie das Wort superare so
bedeutungsvoll?) enthaltenen Voraussetzungen, Nichts über die
Ausdehnung oder Mannigfaltigkeit eines Gebietes von gleichar-
tigen Grössen, und die Definition sagt nur, wann zwei in einem
Grössengebiete vorhandenen Individuen dasselbe Verhältniss
- 67 -

haben wie zwei andere. Ich will aber ausserdem noch gern zuge-
ben, dass das Verhältniss als allgemeine Definition einer Zahl
gelten soll, obgleich Euklid niemals AOYOO und apl8~0o als
gleichbedeutend gebraucht. Nun bildet z.B., wenn A eine bestimm-
te Grösse ist, der Inbegriff aller Vielfachen nA ein Grössen-
Gebiet, welches für sich allein schon den obigen Voraussetzungen
genügt, und es findet sich in diesem Buche Euklids nicht die ge-
ringste Andeutung darüber, dass noch vollständigere Grössen-Ge-
biete existiren können; ein solches Grössen-Gebiet würde offen-
bar durch die Verhältnisse zwischen je zwei dieser Grössen zu
der Definition aller rationalen Zahlen führen; und dieses Zahl-
gebiet würde auch nicht mehr erweitert werden, wenn man zu den
um eine Stufe vollständigeren Grössen-Gebieten übergeht, welche
aus allen gen auen Theilen (Definition 1) einer bestimmten Grös-
se und deren Vielfachen also allen mit einer Grösse commensu-
rabeln Grössen bestehen. Ein solches Gebiet besitzt schon eine
sehr respectabele Mannigfaltigkeit der Grössen-Abstufungen, und
es würde so leicht kein Mensch darauf kommen, noch vollständi-
gere Gebiete zu verlangen. Der Begriff der Zahl als Verhältniss
gleichartiger Grössen würde dann niemals über das Rationale hin-
aus kommen. Nun wird Jeder sagen: wenn Euklid weiter Nichts ge-
wollt hätte, als die Betrachtung solcher Grössen-Gebiete, dann
hätte er nicht nöthig gehabt, seine Verhältniss-Definition so
schwerfällig zu machen, er hätte einfach sagen können: das Ver-
hältniss von A zu B ist gleich dem von A1 zu B1 , wenn es zwei
ganze Zahlen m, n von der Art giebt, dass gleichzeitig nA = rnB
und nA 1 = mB 1 ist. Also versteht sich von selbst, dass Euklid
vollständigere Grössen-Gebiete im Auge gehabt hat; und in der
That wird im Buch X auch von incommensurabeln Grössen gehan-
delt, denen mithin neue Verhältnisse, neue, irrationale Zahlen
entsprechen. Aber nirgends findet sich bei Euklid oder einem
späteren Schriftsteller der Abschluss solcher Vervollständi-
gung, der Begriff des stetigen d.h. denkbar vollständigsten
Grössen-Gebietes, dessen Wesen in der Eigenschaft besteht:
"zerfallen alle Grössen eines stetig abgestuften Grössen-Gebie-
tes in zwei Classen von der Art, dass jede Grösse der ersten
Classe kleiner ist als jede Grösse der zweiten Classe, so exi-
stirt entweder in der ersten Classe eine grösste, oder in der
zweiten Classe eine kleinste GrÖsse". Wenn diese Eigenschaft
- 68 -

nicht ausdrücklich in den Begriff des Grössen-Gebietes aufgenom-


men wird, so bleibt auch das zugehörige Zahlen-Gebiet unvollstän-
dig, und es sind schon deshalb allgemein-gültige Definitionen der
arithmetischen Operationen geradezu unmöglich, weil in solchen
lückenhaften Zahlen-Gebieten die aus zwei wirklich darin existi-
renden Zahlen abzuleitende Summe, Differenz U.S.w. in demselben
Zahlen-Gebiete vielleicht nicht existirt. Wenn man freilich auf
allgemeine Definitionen der Addition, Subtraction, Multiplica-
tion, Division verzichtet, so braucht man nur zu sagen: Ich ver-
stehe unter dem Producte VJ·VJ die Zahl VO, folglich ist
VJ·VJ = VO, w.z.b.w.! Es wäre dies nur das äusserste Extrem ei-
ner an sich wohl denkbaren aber gewiss nicht empfehlenswerthen
Behandlungsweise, bei welcher eine Operation, z.B. die Multipli-
cation, immer wieder von Neuem definirt würde, sobald ihr neue
Zahlen unterworfen werden scllen. Nach allem diesem bleibe ich
bei meiner Behauptung, dass die Euklidischen Principien allein,
ohne Zuziehung des Principes der Stetigkeit, welches in ihnen
nicht enthaiten ist, unfähig sind, eine vollständige Lehre von
den reellen Zahlen als den Verhältnissen der Grössen zu begrün-
den; und ich halte die provocirende Bemerkung, der Satz
VJ·VJ =VO sei nicht bewiesen, nicht blos für wahr, sondern auch
für nützlich. Umgekehrt aber wird du=ch meine Theorie der irra-
tionalen Zahlen das vollkommene Muster eines stetigen Gebietes
erschaffen, welches eben deshalb fähig ist, jedes Grössen-Ver-
hältniss durch ein bestimmtes in ihm enthaltenes Zahl-Indivi-
duum zu charakterisiren. - Und nun bitte ich Sie, meinem ana-
lytischen Herzen auch eine offenherzige Anfrage zu verzeihen:
nicht wahr, die von Ihnen unter 3 0 • ausgesprochene Ansicht über
das Verhältniss meiner Principien zu Euklid's Elementen ist bis
jetzt nur eine Vermuthung, deren Triftigkeit Sie selbst nicht
bis auf den tiefsten Grund geprüft haben? im entgegengesetzten
Falle würden Sie mich zum grössten Danke verpflichten, wenn Sie
mir eine Begründung Ihrer Ansicht mittheilen wollten.

40 • Ihr Vorschlag, ich möge den Begriff des Ideals, statt an


den Kummer'schen Untersuchungen, schon an den rationalen Zah-
len erläutern, stimmt ganz mit dem für den zweiten Abschnitt der
Abhandlung festgesetzten Plane überein, wo ausserdem noch die
Zahlen x+yv=T, und die Zahlen x+yy.=5 betrachtet werden. In der
- 69 -

Einleitung glaube ich aber durchaus das grosse, nicht genug zu


rühmende Verdienst Kummer's und die Beziehung zwischen seiner
und meiner Auffassung ausführlich besprechen zu müssen; dass
die ganzen rationalen Zahlen den einfachsten Fall eines Gebietes
n bilden, habe ich ausdrücklich hervorgehoben, aber es hat sei-
ne Bedenken, in der Einleitung den Begriff des Ideals gerade
für dieses Gebiet zuerst zu erörtern, weil hier die in keinem
anderen Gebiete n sich wiederholende, also ganz exceptionelle
Vereinfachung eintritt, dass die für den Begriff des Ideals
charakteristische Eigenschaft 11. schon eine nothwendige Folge
der Eigenschaft I. ist, was dann leicht zu Verwirrungen führen
könnte. -

Es ist nun an mir die Reihe, mich dringend bei Ihnen zu ent-
schuldigen wegen meiner ausschweifenden Redseligkeit, die mich
viel weiter gerissen hat, als ich wollte; ich bitte Sie, dies
nur als ein Zeichen des gros sen Gewichtes anzusehen, das ich
Ihrem Urtheile beilege. Ihrer Aufforderung, ein Inhalts-Ver-
zeichnis beizulegen, komme ich gern nach, obwohl es nicht mög-
lich ist, die einzelnen Gegenstände ohne die neuen Namen zu be-
zeichnen, weil es eben keine alten Namen dafür giebt; es kann
aber sehr wohl sein, dass ich mich bei der Ausarbeitung, wenn
sie überhaupt gewünscht wird, nicht vollständig an diesen In-
halt binde.

Indern ich Ihnen nochmals meinen herzlichen Dank für Ihr fort-
gesetztes Interesse ausdrücke, verbleibe ich mit aufrichtiger
Hochachtung

Braunschweig, Ihr ergebenster


10 Juni 1876. R. Dedekind.
Petrithorpromenade 24.

- * - * - * - * -
- 70 -

8) Lipschitz an Dedekind 13)

Bonn, den 6ten Juli 1876

Hochgeehrter Herr College!

Nach Empfang Ihres Briefes vom 10ten v. Mts habe ich Ihre Ein-
leitung und Inhaltsangabe am 20ten v. Mts an Herrn Darboux ge-
schickt, von ihm aber noch keine Antwort bekommen, so dass ich
wohl annehmen darf dass er Ihnen direct geschrieben haben wird.
Ich gebe das Datum an, damit Sie nicht glauben, ich sei in der
Absendung jenes Manuscriptes so langsam gewesen, wie mit der
Beantwortung Ihres Schreibens, weshalb ich um Ihre Entschuldi-
gung bitte. Inzwischen sind auch die gesammelten Werke Riemanns
erschienen, und da ich keine Musse hatte, das mir Neue zu lesen,
so habe ich mir den meiner wartenden gros sen Genuss auch nicht
schmälern wollen, und das Buch nicht einmal durchblättert. Ich
habe aber den Lebensabriss, für den ich Ihnen herzlich danke,
sofort gelesen, und er hat mich sehr gerührt. Dass ich Riemann
nie habe sprechen können, ist mir stets schmerzlich gewesen,
und das Bild, welches Sie mit der festen Hand der Liebe hinz eich-
nen, muss dies noch mehr bedauern lassen.

Ich werde jetzt auf die einzelnen Punkte Ihres Briefes eingehen.

I. Ihr Streben, die Forschung in der Zahlentheorie nicht auf zu-


fällige Darstellungsformen, sondern auf einfache Grundbegriffe
zu stützen, leuchtet aus Ihren Arbeiten deutlich hervor, und muss
von jedem Einsichtigen in hohem Masse anerkannt werden. Ich kann
aber nicht zugeben, dass Ihre Einleitung Concessionen enthalte,
oder dass ich Sie zu weiteren Concessionen veranlassen wolle.

Für die systematische Behandlung eines Gebietes ist es aller-


dings wesentlich, dass sie auf solchen einfachen Grundbegriffen
beruht; daraus folgt aber nicht, dass bei der Darstellung diese
Grundbegriffe zuerst genannt werden müssen. Als das höchste Ge-
setz der Darstellung betrachte ich, dass sie vom Bekannten zum
Unbekannten übergehe, und ich kann in der Voranstellung von Be-
griffen, deren Inhalt dem Leser erst nach und nach deutlich wer-
den kann, keinen Vorzug erblicken.
- 71 -

11. Für eine Darstellung in strenger Form haben Sie gewiss das
Recht zu verlangen, dass der Leser die eingeführten Kunstausdrük-
ke genau in dem definirten Sinne auffasse. Bei einer Einleitung
in eine zu entfernte Darstellung wird es aber auch darauf ankom-
men, da der Leser vieles supponieren muss, dass er nicht zu un-
gegründeten Suppositionen inducirt werde. Ihr Satz: "das System
n ist offenbar identisch mit dem System aller rationalen ganzen
Zahlen, wenn n 1, oder mit dem der complexen ganzen Zahlen
wenn n = 2 und e = Y-T ist" legt dem Leser die Voraussetzung
nahe, dass unter den dortigen allgemeinen Verhältnissen die in
~(e) eingehenden rationalen Zahlen x o , ... ,x n _ 1 ganze Zahlen
sein müssen, wenn ~(e) eine ganze Zahl ist. Wenn sich dies nicht
so verhält, so müsste meines Erachtens der Leser ausdrücklich
darauf hingewiesen werden, dass es nicht der Fall sei. Gerade
der Umstand, dass ich zweifelhaft war, ob jene Voraussetzung
gemacht werden solle oder nicht, spricht dafür, dass an dieser
Stelle ein Zusatz wünschenswerth sei.

111. Von der Erwähnung der idealen Zahlen Kummers gilt etwas
ähnliches. Sie beginnen einen Absatz mit den Worten: "die idealen
Zahlen selbst werden von Kummer nicht definirt, sondern nur die
Theilbarkeit durch dieselben: besitzt a eine gewisse Eigenschaft
A, ... so heisst a theilbar durch eine bestimmte der Eigenschaft
A correspondirende ideale Zahl", und glauben durch diesen Ein-
gang bezeichnet zu haben, dass die folgende Betrachtung sich
nur auf das von Kummer behandelte Feld beziehe. Der Leser weiss
aber in der That nicht, ob der zweite Theil des Passus li ... n
eine Definition sein soll, welche Kummers Gebiet, oder Ihr
weiteres Gebiet angeht. Da ich trotz aufmerksamen und wiederhol-
ten Lesens nicht habe entscheiden können, wohin Ihre Meinung geht,
so ist doch gewiss ein Bedürfnis vorhanden, hier die Bemerkung
einzuschalten, dass nur Kummers Gebiet ins Auge gefasst sei,
und eine Übertragung von dem Begriffe der idealen Zahlen von
Ihnen nicht beabsichtigt sei.

IV. Die Ansicht, die ich über das Verhältnis Ihrer Principien
zu Euklids Elementen habe, ist eine von mir bis zu dem Masse
geprüfte, als ich überhaupt zu prüfen im Stande bin. Nach meiner
Auffassung ist es eines der gros sen Werke des griechischen Gei-
stes die Grundbegriffe von den irrationalen Zahlen für immer
- 72 -

festgestellt zu haben. Jeder der Späteren geniesst die Früchte


jener Arbeit, und kann zu ihr nichts wesentliches hinzufügen.

Das Wort super are habe ich deshalb unterstrichen, weil Euklid
sich mit demselben die Möglichkeit öffnet, die Verhältnisse von
solchen Grössen zu betrachten, die nicht das Verhältniss von
zwei ganzen Zahlen haben. Die darauf folgende Definition von
der Gleichheit zweier Verhältnisse, die ich ihrer Länge wegen
nicht mit ausgeschrieben habe, und die Sie auch anführen, ent-
scheidet Alles mit einem Schlage. Wenn Sie dies nicht anerken-
nen, so kann ich es mir nur dadurch erklären, dass Sie nicht er-
wogen haben, dass Euklid bei jener Definition die Existenz von
Verhältnissen, die nicht dem Verhältniss von zwei ganzen Zahlen
gleich sind, voraussetzt. Sie haben die Absicht von vorne her-
ein nur rationale Zahlen vorauszusetzen und Grössen, die durch
rationale Zahlen gemessen werden. Euklid verfährt in diesem
Stücke anders und das ist auch der Kern Ihrer Differenz mit
Euklid. Euklid denkt sich eine Grösse durch das Mass einer scharf
definirten Linie bestimmt, und unter diesem Gesichtspunkt kann
er Linien aufweisen, die zu einer gewissen Linie in einem Ver-
hältnisse stehen, das nicht durch zwei ganze Zahlen ausgedrückt
werden kann.

Das Beispiel von der Diagonale des Quadrats, dessen Seite gege-
ben ist, genügt vollkommen. Sei die Seite = 1, so beweist ja
Euklid, dass kein rationaler Bruch ~ ein Quadrat = 2 haben kann,
n
und darum steht die Diagonale des Quadrats zu der Seite nicht
in dem Verhältniss von zwei ganzen Zahlen. Insofern also, als
die Existenz von Verhältnissen die nicht rational sind, voraus-
gesetzt wird, genügt jene Definition der Gleichheit zweier Ver-
hältnisse, um mit solchen Verhältnissen die Grundoperationen
der Rechnung auszuführen, und das ist im Grunde genau dasselbe,
was Sie mit Ihrem Princip bewerkstelligen.

Ich weiss es sehr wohl dass Sie einwenden werden, es genügte


Ihnen nicht, die Existenz eines Verhältnisses aus der geometri-
schen Construction abzuleiten. Hierauf antworte ich dies. Der
menschliche Geist hat die Stärke, die er jetzt besitzt, zum
grossen Theil aus der Beschäftigung mit der Geometrie gezogen.
Der rigor geometricus galt Jahrtausende lang für die höchste
Anforderung. Wenn wir jetzt andere Anforderungen stellen, so
- 73 -

verdanken wir dies zum grossen Theil der Beschäftigung mit der
Geometrie, und materiell verschieden sind diese Anforderungen
auch jetzt nicht. Wer nicht sagen will, dass die Diagonale je-
nes Quadrats = VZ sei, der kann doch nicht leugnen, dass
(~)2
n
= 2 für ganze mund n unmöglich ist, und der muss zugeben,
dass man den Ungleichheiten

mit beliebiger Genauigkeit genügen kann. Auch dies haben uns die
Alten gelehrt und hat die Definition Ihres Schnittes hiervon ver-
schiedenen Inhalt? Ich meine, nein. Was Sie von der Vollständig-
keit des Gebietes erwähnen, die aus Ihren Principien abgeleitet
wird, so fällt dieselbe in der Sache mit der Grundeigenschaft
einer Linie zusammen, ohne die kein Mensch sich eine Linie vor-
stellen kann. Ihre Sätze sind nur der Ausdruck von Sachen, wel-
che bei der Rechnung mit Ungleichheiten sich unvermeidlich
herausstellen, und die von jedem benutzt worden sind, der mit
Ungleichheiten gerechnet hat und wusste, was er that.

Auch setzt die Rechnung mit Logarithmen nothwendig voraus, dass


alle jene Begriffe auf das vollständigste ins Reine gebracht
sind, und von allen denen, die das Verständniss der Rechnung mit
Logarithmen haben, muss ich annehmen, dass ihnen jene Begriffe
klar sind. 14)

Zum Schlusse, hochgeehrter Herr College, will ich Ihnen noch


bekennen, dass ich im Bezug auf die von Ihnen berührten Mängel
im mathematischen Unterricht mit Ihnen völlig übereinstimme,
und dass ich mich entschlossen habe, ein elementares Lehrbuch
der Analysis zu verfassen, das mit den Principien anfängt und
in 2 Bänden bis zur Integralrechnung geht. Die Partien, von de-
nen wir eben sprechen, habe ich niedergeschrieben bis zu dem
Fundamentaltheorem der algebraischen Gleichungen inclusive.
Während ich schreibe, denke ich stets, wie froh Ihre Zufrieden-
heit mich machen würde.

Ihr R. Lipschitz

- * - * - * - * -
- 74 -

9) Dedekind, an Lipschitz

Hochgeehrter Herr College!

Sowohl für Ihren Brief vom 6. d.M., wie auch für die gütige
übersendung meiner Einleitung an Hr. Darboux erlaube ich mir
Ihnen meinen besten Dank zu sagen. Bis jetzt habe ich noch kei-
ne Nachricht erhalten, ob die Herausgeber der Bulletins eine so
lange Abhandlung, wie ich sie in Aussicht gestellt habe, auf-
nehmen zu dürfen glauben, ohne den eigentlichen Zweck ihrer Zeit-
schrift, nur Referate zu geben, aus den Augen zu setzen. Wie
Dies sich aber auch gestalten möge, so werde ich Ihnen immer
dankbar sein für das Interesse, welches Sie für meine Arbeit
über die Ideale gezeigt haben.

Hinsichtlich unserer Differenzpuncte habe ich nur sehr wenig


Hoffnung auf eine Einigung. Diejenigen, welche sich auf die Re-
daction der oben genannten Einleitung beziehen, glaube ich nicht
nochmals besprechen zu sollen; ich kann mich nicht davon über-
zeugen, durch meine Darstellung zu Missverständnissen Veranlas-
sung gegeben zu haben, und ich glaube wirklich, jeden neuen Ge-
danken durch Anknüpfung an theils allgemein bekannte, theils in
dem Vorhergehenden schon entwickelte Gedanken deutlich ausge-
drückt zu haben. Was die Principien der Arithmetik und Grössen-
lehre betrifft, so erlaube ich mir zunächst, Ihnen meine grosse
Freude darüber auszudrücken, dass Sie sich entschlossen haben,
ein elementares Lehrbuch der Analysis zu verfassen, das mit den
Principien anfängt und bis zur Integralrechnung geht. Obgleich
ich ja, bei den bis jetzt noch zwischen uns bestehenden Diffe-
renzen, nicht mit Bestimmtheit voraussehen kann, ob ich mit Ih-
rer Entwicklung der Principien in jedem Puncte ganz einverstan-
den sein werde, so weiss ich doch das mit Gewissheit, dass wir
von Ihnen ein tief durchdachtes Werk zu erwarten haben, während
wir Deutschen bis jetzt, wie es mir scheint, in diesem Theile
der mathematischen Literatur hinter den anderen Völkern ein we-
nig zurückstehen; ich kenne freilich das Werk von Grassmann
nicht, und von Schröder's Arithmetik ist bis jetzt erst der erste
Band erschienen. Aus Italien ist mir vor einigen Wochen ein Werk-
chen von Faihofer, einem Professor in Venedig, der Dirichlet's
- 75 -

Zahlentheorie in das Italienische übersetzen will, zugeschickt:


Elementi di Aritmetica, das mir manche Vorzüge zu haben scheint,
aber freilich in dem einen Hauptpuncte mich auch nicht befrie-
digt.

Obgleich ich nun, wie schon gesagt, wenig Hoffnung habe,


dass wir uns einigen werden, weil wir uns schwerlich einander
etwas Neues zu bieten haben, und obgleich es vielleicht zweck-
mässiger wäre, die Discussion zu verschieben, bis Ihr Werk vol-
lendet ist, falls dann überhaupt noch eine Veranlassung zur
Fortsetzung unserer Verhandlung vorliegen sollte, so bitte ich
Sie doch, auf Ihren zweiten Brief mir auch zum zweiten Male das
Wort zu gestatten, da ich wünsche, Ihrem Standpuncte gegenüber
den meinigen noch einmal möglichst deutlich hervorzuheben. Zu-
nächst möchte ich mich gern gegen eine Äusserung von Ihnen ver-
theidigen, aus welcher mir hervorzugehen scheint, dass Sie mir
noch immer eine unrichtige Meinung über den Werth meiner Schrift
über die Stetigkeit zuschreiben, während ich doch in meinem
letzten Briefe an Sie mich so darüber ausgesprochen habe, dass
ich jeden Zweifel zerstreut zu haben glaubte. Nachdem Sie das
Beispiel von der VL besprochen haben, fügen Sie die Worte hin-
zu: "Auch dies haben uns die Alten gelehrt, und hat die Defini-
tion Ihres Schnittes einen hievon verschiedenen Inhalt? Ich
meine, nein. Was Sie von der Vollständigkeit des Gebietes erwäh-
nen, die aus Ihren Principien abgeleitet wird, so fällt dieselbe
in der Sache mit der Grundeigenschaft einer Linie zusammen, oh-
ne die kein Mensch sich eine Linie vorstellen kann." Die erste
Hälfte dieses Passus, von welcher ich zunächst allein rede,
klingt nun genau so, als schrieben Sie mir die Meinung zu, ich
hätte zuerst die Erscheinung beobachtet und hervorgehoben, die
ich lediglich der Kürze wegen, weil sie so oft in meiner Schrift
erwähnt wird, mit einem be sondern Namen - Schnitt - bezeichnet
habe. Diese Annahme bitte ich Sie gänzlich fallen zu lassen;
niemals habe ich geglaubt, in meiner Schrift auch nur eine ein-
zige neue Erscheinung oder irgend ein neues Object der mathema-
tischen Untersuchung zu Tage gefördert zu haben. Die Erscheinung
des Schnittes wird ja fast in jedem arithmetischen Lehrbuche an-
geführt, wenn es sich darum handelt, irrationale Zahlen mit je-
der beliebigen Annäherung durch rationale Zahlen darzustellen
- 76 -

(wobei freilich immer ein logischer Hauptfehler gemacht wird).


Ebenso wenig habe ich gemeint, durch meine Definition der irra-
tionalen Zahlen irgend eine Zahl erschaffen zu haben, die nicht
vorher schon in dem Geiste eines jeden Mathematikers mehr oder
weniger deutlich aufgefasst war; dies geht aus meiner ausdrück-
lichen Erklärung (S. 10 und 30) hervor, dass die durch meine
Definition der irrationalen Zahlen erreichte Vollständigkeit
oder Stetigkeit (A) des reellen Zahlgebietes wesentlich äqui-
valent ist mit dem von allen Mathematikern anerkannten und be-
nutzten Satze (B): "Wächst eine Grösse beständig, aber nicht
über alle Grenzen, so nähert sie sich einem Grenzwerth". Ebenso
habe ich (S. 18) ausdrücklich bemerkt, dass ich keinem Menschen
etwas Neues zu sagen glaube durch den Satz (C): "Zerfallen alle
Puncte ... in zwei Stücke hervorbringt". Ebenso wenig endlich
halte ich für neu den in meinem letzten Briefe an Sie angeführ-
ten Satz (D): "Zerfallen alle Grössen ...... eine kleinste Grös-
se". Die gan~e Tendenz meiner Schrift, die ich in der Einlei-
tung und in § 3. deutlich bezeichnet zu haben glaube, geht viel-
mehr lediglich darauf hinaus, mit Benutzung der allgemein be-
kannten Schnitt-Erscheinung nachzuweisen (was meines Wissens
noch nirgends geschehen war), dass auf der alleinigen Grundlage
der Arithmetik der rationalen Zahlen, also ohne jede Zuziehung
des ziemlich dunkelen und complicirten Grössen-Begriffes, die
irrationalen Zahlen mit einem Schlage definirt werden können,
und zwar, was das Wichtigste ist, in derjenigen Vollständig-
keit (Stetigkeit), welche für einen absolut strengen, wissen-
schaftlichen Aufbau der Arithmetik der reellen Zahlen ausrei-
chend und zugleich unentbehrlich ist. Dass dies wirklich gelun-
gen ist, stellen Sie, wie ich glaube, nicht in Abrede (dassel-
be gilt von der Darstellung der Herrn Heine und Cantor in Halle,
die nur äusserlich von der meinigen verschieden ist); unsere
Meinungs-Differenz bezieht sich ausschliesslich auf die von Ih-
nen ausgesprochene Ansicht, dass diese Principien, wenn auch in
anderem Gewande, doch vollständig in Euklid's Elemente enthalten
seien, und Sie wiederholen in Ihrem letzten Briefe diesen Aus-
spruch theils ausdrücklich, theils implicite dadurch, dass Sie
in dem zweiten Theile des oben citirten Passus gerade die Voll-
ständigkeit oder Stetigkeit, - um die allein sich meine ganze
Schrift dreht und drehen musste, wenn der beabsichtigte Erfolg
- 77 -

erreicht werden sollte -, für etwas Selbstverständliches erklä-


ren, theils endlich dadurch, dass Sie schreiben: "Die .. Defi-
nition von der Gleichheit zweier Verhältnisse ... entscheidet
Alles mit einem Schlage. Wenn Sie dies nicht anerkennen, so
kann ich es mir nur dadurch erklären, dass Sie nicht erwogen
haben, dass Euklid bei jener Definition die Existenz von Ver-
hältnissen, die nicht dem Verhältniss von zwei ganzen Zahlen
gleich sind, voraussetzt. Sie haben die Absicht von vorne her-
ein nur rationale Zahlen vorauszusetzen und Grössen, die durch
rationale Zahlen gemessen werden. Euklid verfährt in diesem
Stücke anders, und das ist auch der Kern Ihrer Differenz mit
Euklid. Euklid denkt sich eine Grösse durch das Mass einer
scharf definirten Linie bestimmt, und unter diesem Gesichts-
punkt kann er Linien aufweisen, die zu einer gewissen Linie in
einem Verhältnisse stehen, das nicht durch zwei ganze Zahlen
ausgedrückt werden kann". Es folgt dann die Besprechung des
Beispiels vom Verhältnisse der Diagonale zur Seite des Quadrats,
dessen Irrationalität (im modernen Sinne) auch ich in meiner
Schrift (S. 16) als etwas den alten Griechen Bekanntes erwähnt
habe. Seit meinem dreizehnten oder vierzehnten Jahre kenne ich
Euklid und bewundere ihn, und ich sehe auch jetzt nicht ein,
inwiefern ich mich mit ihm in einer Differenz befinde; auch ha-
be ich in meinem letzten Briefe ausführlich von seiner Behand-
lung der incommensurabelen Grössen gesprochen, ohne jede Ein-
wendung gegen sein Verfahren, so dass ich die im Obigen von
Ihnen mir zugeschriebene Absicht wohl mit Recht in Abrede stel-
len darf. Euklid kann seine Definition gleicher Verhältnisse
auf alle Grössen anwenden, die ihm in seinem System vorkommen,
d.h. deren Existenz aus guten Gründen ersichtlich ist, und dies
reicht für Euklid vollständig aus. Für denjenigen Zweck aber,
welcher die Arithmetik auf dem Begriffe des Grössen-Verhältnis-
ses aufbauen will (was Euklid's Absicht nicht gewesen ist), ge-
nügt dies durchaus nicht; da vielmehr die Vollständigkeit des
Zahlbegriffs bei dieser Begründung der Arithmetik lediglich von
der Vollständigkeit des Grössen-Begriffs abhängt, und da die
stetige Vollständigkeit der reellen Zahlen für den wissenschaft-
lichen Aufbau der Arithmetik unentbehrlich ist, so ist unerläss-
lich von vorneherein genau zu wissen, wie vollständig das Ge-
biet der Grössen ist, weil Nichts in der Mathematik gefährlicher
- 78 -

ist, als ohne genügenden Beweis Existenzen anzunehmen und zwar


erst dann, wenn die Noth, das augenblickliche Bedürfniss es ge-
beut. Woran sollen die erlaubten Existenz-Annahmen erkannt und
von den unzähligen unerlaubten unterschieden werden, wie z.B.
von der Annahme der Existenz einer Grösse A, welche das Doppel-
te von B und zugleich das Dreifache von der Hälfte von Bist?
Soll dies nur von dem Erfolge, von dem zufälligen Gewahrwerden
eines inneren Widerspruchs abhängig gemacht werden? Wenn nun
Euklid weitergehende Untersuchungen beabsichtigt hätte, als es
in Wahrheit der Fall war, nämlich solche, bei denen die Stetig-
keit eine wesentliche Rolle spielt, und wenn in den Handschrif-
ten sich unter den Definitionen oder Axiomen des fünften Buches
der obige Passus (0) dem Inhalte nach vorfände, so bin ich der
Meinung, es würde Niemand denselben für überflüssig oder selbst-
verständlich erklären; vielmehr glaube ich, dass dann unter den-
jenigen, welche die Arithmetik auf dem Begriffe der Zahl als
Grössen-Verhältniss aufbauen wollen, sich gewiss schon Jemand
gefunden hätte, der erkannt und gesagt hätte: "Mit dieser präcis
definirten Vollständigkeit des Grössen-Begriffs ist auch die
Vollständigkeit des Zahlbegriffs gegeben, welche zum strengen
Aufbau der Arithmetik der reellen Zahlen ausreichend und un-
entbehrlich ist." Und ich glaube, wir besässen in diesem Falle
bessere Lehrbücher der Arithmetik, als die wir wirklich haben.
Aber Euklid schweigt vollständig über diesen, für die Arithme-
tik wichtigsten Punct, und deshalb kann ich Ihrer Ansicht nicht
zustimmen, dass bei Euklid die vollständigen Grundlagen für die
Theorie der irrationalen Zahlen zu finden seien. Wenn Euklid
es nicht für überflüssig hält, in der Erklärung des fünften Bu-
ches, die Sie in Ihrem vorletzten Briefe lateinisch angeführt
haben, eine so einfache Eigenschaft der Grössen namhaft zu ma-
chen, so würde er den viel complicirteren Charakter (0) der Ste-
tigkeit ganz gewiss in seiner Art ebenfalls definirt haben,
wenn er desselben in seinem System bedurft hätte. Sie sagen da-
gegen, diese Vollständigkeit oder Stetigkeit sei selbstverständ-
lich und brauche also nicht ausgesprochen zu werden, kein Mensch
könne sich eine Linie ohne dieselbe, also ohne die obige Eigen-
schaft (C) denken. Obgleich dies Heranziehen der Geometrie zur
Begründung der reinen Arithmetik, wie Sie im voraus vermutheten"
ganz gegen weine Neigung ist, so will ich mich doch jetzt selbst
- 79 -

auf diesen Standpunct stellen; aber auch dann kann ich Ihnen
nicht beistimmen; ich kann mir den ganzen Raum und jede Linie
in ihm, wie ich schon am Schlusse des § 3. meiner Schrift hin-
ter (C) bestimmt ausgesprochen habe, durchweg unstetig vorstel-
len; ein zweiter Mensch dieser Art wird wohl Herr Prof. Cantor
in Halle sein, wenigstens scheint dies aus seiner von mir ci-
tirten Abhandlung hervorzugehen; und ich sollte meinen, jeder
Mensch kann dasselbe. Man wird mir vielleicht entgegnen, dass
ich mich über mein räumliches Vorstellungsvermögen täusche,
dass nämlich Jeder, der den stetigen Raum zu denken fähig ist,
eben deshalb unfähig sein müsse, den Raum sich als unstetig vor-
zustellen, weil von vorneherein im Raumbegriffe die Vorstellung
von der denkbar grössten Vollständigkeit enthalten sei. Dies
muss ich aber durchaus bestreiten; vielmehr ist für mich der
Raumbegriff gänzlich unabhängig, gänzlich trennbar von der Vor-
stellung der Stetigkeit, und die Eigenschaft (C) dient nur da-
zu, aus dem allgemeinen Raumbegriff den speciellen des stetigen
Raums auszusondern. Und wie steht es in dieser Beziehung mit
Euklid? Man analysire alle Annahmen, sowohl die ausdrücklich
als die stillschweigend gemachten, auf welchen das gesammte
Gebäude der Geometrie Euklid's beruht! man gebe die Wahrheit
aller seiner Sätze, die Ausführbarkeit aller seiner Construc-
tionen zu (eine untrügliche Methode einer solchen Analyse be-
steht für mich darin, alle Kunstausdrücke durch beliebige neu
erfundene (bisher sinnlose) Worte zu ersetzen, das Gebäude
darf, wenn es richtig construirt ist, dadurch nicht einstürzen,
und ich behaupte z.B., dass meine Theorie der reellen Zahlen
diese Probe aushält): niemals, so weit ich geforscht habe, ge-
langt man auf diese Weise zu der Stetigkeit des Raums als einer
mit Euklid's Geometrie untrennbar verbundenen Bedingung; sein
ganzes System bleibt bestehen auch ohne die Stetigkeit - ein
Resultat, was gewiss für Viele überraschend ist und mir deshalb
wohl erwähnenswerth schien.

Mit diesen Bemerkungen, die nur weitere Ausführungen von den in


meiner Schrift ausgesprochenen Gedanken sind, glaube ich meinen
Standpunct so genau bezeichnet zu haben, dass ich nichts Weite-
res hinzuzufügen brauche. Vielmehr muss ich Sie sehr um Ent-
schuldigung bitten wegen der Ausführlichkeit meiner Erörterun-
- 80 -

gen; Sie wissen aber, wie tief mein analytisches Herz von die-
sen Fragen berührt wird, und deshalb hoffe ich auf Ihre Nach-
sicht.

Mit grösster Hochachtung und mit nochmaligem besten Danke für


Ihren Brief und Ihre Bemühungen um meine Arbeit verbleibe ich
Ihr ergebenster

Braunschweig, R. Dedekind
27 Juli 1876.

- * - * - * - * -

10) "
LLpschLtz an De d '
ekLnd 15)

Bonn, den 11ten August 1876.

Sehr geehrter Herr College!

Auf Ihren letzten Brief behalte ich mir noch vor, eingehend zu
antworten, und bemerke heute nur, dass ich nach Ihrer Mitthei-
lung, dass von Seiten des Herrn Darboux keine Antwort an Sie
eingegangen, an Herrn Hoüel geschrieben und um Auskunft gebeten
habe. Ich wusste, dass dieser im Schreiben prompt ist, und be-
kam denn auch heute einen Brief, den ich Ihnen einlege, und aus
dem zu meiner Freude hervorgeht, dass das bulletin Ihre Arbeit
mit allem gebührenden Danke annimmt. Gelegentlich sind Sie wohl
so gut, mir den Brief zurückzusenden. Mit bestem Grusse

Ihr sehr ergebener


R. Lipschitz.

- * - * - * - * -

11} Dedekind an Lipschitz 16)

Hochgeehrter Herr College!

Im Begriffe, eine etwa vierwöchentliche Ferienreise nach dem


Schwarzwalde und der Schweiz anzutreten, erhalte ich Ihren gü-
- 81 -

tigen Brief nebst Einlage, und ich habe kaum noch so viel Zeit,
um Ihnen meinen herzlichsten Dank für die mancherlei Bemühungen
auszusprechen, denen Sie sich in meinem Interesse unterzogen
haben. Da nach dem Briefe des Herrn Hoüel, den ich Ihnen mit
bestem Dank hierbei zurücksende, die Annahme meiner Arbeit,
deren erster Theil (Hülfssätze an der Theorie der Moduln) ich
fertig habe, gewiss zu sein scheint, so wird es für die Zukunft
wohl zweckmässiger sein, wenn ich in directe Verbindung mit
Herrn Hoüel trete, wodurch Ihnen die lästige Vermittlung er-
spart werden würde, die ich Ihnen unmöglich länger zumuthen
kann; es müsste denn sein, dass Sie meine Arbeit im Original
vor der Übersetzung zu sehen wünschten, in welchem Falle ich
Ihnen dieselbe natürlich mit grösstem Vergnügen zusenden würde.
Mir scheint aber eine unmittelbare Verbindung mit Herrn Hoüel
ziemlich nothwendig zu sein, wenn er die Mühe der Übersetzung
übernehmen will; sollte es nicht schon wegen der Eigenthümlich-
keit des Gegenstandes und der Neuheit einiger dabei auftreten-
der Begriffe rathsam sein, dass ich die französische Übersetzung
vor dem Abdruck durchsehen dürfte, oder halten Sie dies für
überflüssig? Ich erlaube mir diese Frage an Sie zu richten, da
Sie die vollkommenste Erfahrung hierin besitzen, und da es ja
sehr wahrscheinlich ist, dass Herr Hoüel, so sehr ich ihn als
Mathematiker hochschätze, in meinem Manuscripte einige Stellen
nicht hinreichend klar finden wird. Indem ich Ihnen nochmals
meine herzliche Freude und Dankbarkeit für das so seltene Bei-
spiel von Theilnahme ausspreche, das Sie mir bewiesen haben,
und indem ich Sie bitte, Herrn Hoüel im Voraus meinen Dank für
seine gütige Bemühung auszudrücken, verbleibe ich in der Hoff-
nung, demnächst die Correspondenz mit Ihnen wieder aufnehmen
zu dürfen, mit grösster Hochschätzung Ihr ergebenster

Braunschweig, R. Dedekind.
12 August 1876.

- * - * - * - * -
- 82 -

12) Lipschitz an Dedekind 17)

Bonn, den 14ten A\~ust 76.

Sehr geehrter Herr College!

Ich bin ganz Ihrer Meinung, dass ein directer Verkehr zwischen
der Redaction des bulletin und Ihnen eintreten muss, ....
[Es folgen weniger interessante redaktionelle Angelegenhei-
ten]

Dass Ihnen meine Theilnahme an Ihren Arbeiten angenehm ist, freut


mich sehr. Doch kann ich, da Sie eine solche Theilnahme eine sel-
tene nennen, die Bemerkung nicht unterdrücken, dass ich mich ei-
ner Zeit erinnere, wo eine wahre Theilnahme an ernster und er-
folgreicher Forschung nicht selten war, ich meine die Zeit, da
Jacobi und Dirichlet noch lebten. Vielleicht kommt eine Zeit
wieder, in der eine solche Theilnahme wieder allgemeiner, wieder
herrschender wird.

Mit herzlichem Grusse Ihr


R. Lipschitz

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13) Lipschitz an Dedekind 18)

[Ort unleserlich] in Ostpreussen


22 Septbr 1876.

Sehr geehrter Herr College!

Bald nachdem ich das letzte mal an Sie schrieb, hat es sich so
gefügt, dass ich hierher in meine Heimat gegangen bin, und ich
habe diese Unterbrechung der Arbeit an dem Buche benutzt, um
den von Ihnen publicierten lateinischen Aufsatz Riemanns samt
Ihrem Zusatz zu demselben zu studieren. Es gewährte mir das
grösseste Interesse, den Zusammenhang dieser untersuchung mit
meinen eigenen Arbeiten aufzusuchen. Namentlich kommt hierbei
- 83 -

ein Begriff zu Tage, den ich schon seit einer Reihe von Jahren
kenne, von dem ich aber bisher nur beiläufig etwas publicirt ha-
be. Um dieses Begriffs willen beabsichtige ich, meine Bemerkun-
gen in Betreff des lateinischen Aufsatzes von Riemann niederzu-
schreiben und bei Borchardt drucken zu lassen. Ich möchte dies
aber nicht thun, ohne dieselben Ihnen vorher mitzutheilen, und
daher wende ich mich jetzt an Sie. Meine Dankbarkeit für das,
was ich durch Riemanns Vortrag über die Hypothesen der Geometrie
empfangen habe, ist so gross, dass ich den lebhaften Wunsch ha-
be, über den hinterlassenen lateinischen Aufsatz, der eine so
wesentliche Ergänzung jenes Vortrages bildet, nur solche Äusse-
rungen zu publicieren, welche von Ihnen gebilligt werden, ohne
dessen Zuthun wir diesen [Aufsatz?] wahrscheinlich nicht würden
zu Gesicht bekommen haben. Ich möchte gleich die Bitte anknüpfen,
dass Sie sich mit absoluter Offenheit über meine Bemerkungen
äussern, und dass, wenn Sie bis zu den ersten Tagen des nächsten
Monats mir antworten können, was mir lieb wäre, Sie dieses unter
der obigen Adresse thun. Auf meiner Rückreise denke ich einige
Tage in Königsberg zu sein, dann auch Herrn Collegen Weber auf-
zusuchen, hierauf etwa eine Woche in Berlin zu bleiben, und in
der Mitte des Monats wieder in Bonn zu sein. Wenn ich sicher
wäre, Sie in Braunschweig zu treffen 'und nicht zu stören, so
könnte ich es vielleicht so einrichten für einen Tag in Braun-
schweig zu sein, und würde dann die Freude haben, Sie zu spre-
chen. Ich gehe jetzt zu Riemanns Aufsatz über.
[Es folgen jetzt gut 12 handschriftliche Seiten zu Riemanns
Arbeiten zur Differentialgeometrie.] 19)

- * - * - * - * -

14) Dedekind an ,Lipschitz

Hochgeehrter Herr College!

Nachdem ich vorgestern von meiner Reise zurückgekehrt war, lang-


te gestern Ihr Brief an, aber erst heute Morgen habe ich ihn
soweit durchstudiren können, dass ich mich im Stande fühle, Ih-
nen zu antworten; und auch diese Antwort kann nur eine sehr ober-
flächliche sein, da der Gegenstand, um den es sich handelt, mir
- 84 -

einigermassen fremd geworden ist. Meine Untersuchungen über den-


selben stammen nämlich aus den Jahren 1866 und 1867 und sind -
wenigstens der Hauptsache nach - in drei Abhandlungen zusammen-
gestellt, die ich dem Collegen Weber, als er die Herausgabe der
Riemann'schen Werke auf meinen dringenden Wunsch ganz in seine
Hände genommen hatte, zu beliebiger Benutzung überlassen habe;20)
von ihm stammt der in der ersten Note zu der Pariser Preisauf-
gabe enthaltene Auszug her, gegen dessen Abdruck ich auch Nichts
einzuwenden hatte, da das Verständniss des Textes für die mei-
sten Leser dadurch wohl erleichtert wird. Ich ging ursprünglich
mit der Absicht um, diese Untersuchungen zu veröffentlichen,
aber ich wurde, bevor ich ihnen den wünschenswerthen Abschluss
geben konnte, durch andere Arbeiten davon abgezogen, und als
bald darauf Ihre Untersuchungen und die von Christoffel erschie-
nen, verlohnte es sich nicht mehr der Mühe, die meinigen zu
publiciren; seitdem habe ich mich so gut wie gar nicht mehr mit
dem Gegenstande beschäftigt und mich begnügt, im Grossen und
Ganzen den Fortgang Ihrer Arbeiten zu verfolgen. Heute Morgen
habe ich meine Papiere, die H. Weber mir schon vor einem Jahre
zurückgegeben hat, wieder durchgesehen, um sie mit dem Inhalte
Ihres Briefes zu vergleichen. Es ist in denselben das Ziel ver-
folgt (im Anschluss an Riemann's Vorschriften), den Covarianten-
Charakter der Ausdrücke unmittelbar durch ihre Definition fest-
zustellen und jede wirkliche Transformations-Rechnung durch Ein-
führung neuer Variabeln zu vermeiden.

[Der Rest des Briefes ist abgedruckt in Dedekinds Werken 111,


S. 480/81.]

Die Aussicht auf Ihren Besuch erfreut mich in hohem Grade, und
ich bitte Sie herzlich, diesen Plan wirklich zur Ausführung zu
bringen; ich will inzwischen versuchen, soweit es die Zeit er-
laubt, mich wieder etwas sattelfester in den obigen Dingen zu
machen. Ich habe etwa acht Tage sehr angenehm mit H. Weber in
Heidelberg verlebt, der mit seiner Familie dort bei seinen El-
tern zum Besuch war und wahrscheinlich noch ist; vielleicht
werden Sie ihn deshalb in Königsberg noch nicht wieder antref-
fen; ich bin im Begriff an ihn zu schreiben und werde ihm Ihre
Absicht mit~heilen. Ihre freundliche Einladung, über Bonn zu-
- 85 -

rückzureisen, habe ich unterwegs erhalten, aber ich hatte nicht


viel Zeit mehr, und das Wetter wurde auch zu unfreundlich. Von
den Franzosen habe ich bis jetzt noch keine Mittheilung erhal-
ten, worüber ich aber gar nicht unzufrieden bin.

In der Hoffnung, nun bald Ihre persönliche Bekanntschaft zu


machen, verbleibe ich mit grösster Hochachtung und herzlichem
Grusse Ihr ergebenster

R. Dedekind.

Braunschweig,
28 September 1876.

- * - * - * - * -

15) Lipschitz an Dedekind

[Postkarte vom 18.10.1876 mit Ankündigung eines Besuchs.]

- * - * - * - *

16) Lipschitz an Dedekind 21)

Bonn, den 16ten Februar 77.

[Kurze Bemerkungen zur Dissertation von Ritter und einer Arbeit


von Schering.]

Die Aufforderung für das Gaussdenkmal etwas zu thun, war mir,


wie Sie wissen werden ... [unleserlich] in dem durch die
Zeitungen mitgetheilten Aufrufe glaubte ich Ihre Hand zu erken-
nen. Die Liste ist hier bei der philosophischen Facultät und
bei der hiesigen niederrheinischen Gesellschaft für Natur- und
Heilkunde in Cirkel gesetzt worden, und auf diesem Wege werden
die Beiträge nach Göttingen gelangen.
Es würde mich sehr interessieren, zu erfahren, wie weit die Aus-
arbeitung Ihrer Untersuchungen für Darbouxs Journal gediehen
ist, und ob der Anfang bald erscheinen wird. Das elementare
- 86 -

Lehrbuch über Analysis, von dem wir sprachen, ist in seinem


ersten Theile, der Einleitung in die Analysis, fertig und der
Druck hat begonnen. Mit herzlichen Grüssen bleibe ich Ihr in
Hochachtung ergebener

R. Lipschitz.

- * - * - * - * -

17) Dedekind an Lipschitz

[Dedekind bedankt sich für Besuch, schickt Fotografien Riemanns


und seine eigene und berichtet über den Fortgang seiner Arbeit
für Darboux' Journal.] ...

Ich würde die Arbeit schon früher beendigt haben, wenn nicht in-
zwischen die Aufgabe an mich herangetreten wäre, im Auftrage un-
serer Lehrerschaft eine Abhandlung zur Säcularfeier des Geburts-
tages von Gauss zu verfassen. 22 ) Doch möchte ich Sie bitten, dies
als eine vertrauliche Mittheilung anzusehen; Druck und Papier
werden jedenfalls höchst elegant aüsfallen. Diese Feier und die
Vorbereitungen und Sammlungen für Herstellung des Denkmals be-
schäftigen uns beständig. Hier in der Stadt geht die Sache
recht gut von Statten; das Comite allein hat 4000 M, der Herzog
3000 M gegeben, und die Listen, die aber noch lange nicht ge-
schlossen sind, weisen bis jetzt Zeichnungen bis nahe an 5000 M
auf, so dass aus unserer Stadt im Augenblick etwa 12000 M zu-
sammengeflossen sind; die Kosten werden sich vermuthlich auf
30-40 Tausend Mark belaufen, das Denkmal soll ein schönes Sei-
tenstück zu unserem Lessing werden. Die Zuflüsse von aus sen ent-
sprechen nicht ganz unseren Erwartungen; der Aufruf (Intro-
duction und Finale sind von mir, der Mittelsatz ist von Sommer
componirt) oder vielmehr das gedruckte Begleitschreiben deutet
den Wunsch an, es möchten sich Lokal-Comites bilden, die die
Sache in den einzelnen Städten nähmen; aber dies scheint leider
wenig in Erfüllung zu gehen. Umso mehr hat es mich gefreut, dass
bei Ihnen eine ordentliche Liste in Umlauf gesetzt ist, und ich
sage Ihnen meinen besten Dank für diese thatkräftige Hülfe.
- 87 -

Es freut mich sehr zu hören, dass Ihr Werk, auf dessen Erschei-
nen ich gros se Hoffnungen setze, schon im Druck ist, und ich
sehe mit dem grössten Interesse Ihrer Behandlung so mancher
schwierigen Fragen entgegen, über die sonst leicht weggegangen
wird . ...

Braunschweig Ihr ergebenster


19 Februar 1877. R. Dedekind

- * - * - * - * -

18) Lipschitz an Dedekind, 23ten Febr. 77.

[Dank für Photographien, Bemerkungen über die Sammlung für das


Gauss-Denkmal, Dedekinds Arbeiten und seinen eigenen Aufsatz
über das Prinzip des kleinsten zwanges.]

- * - * - * - * -

19) Lipschitz an Dedekind 23)

Bonn, den 20ten Mai 1877.

Sehr geehrter Herr College!

[Einige Bemerkungen zu einer Arbeit Dedekinds, eigenen Arbeiten


und dem Fortgang seines Analysis-Werkes.]

Bei dem Fest in Göttingen hätte ich so sehr gewünscht auch Sie
zu sehen, doch war das ja nicht ausführbar. Der College Cantor
wird Ihnen meine Grüsse bestellt und Ihnen erzählt haben, wie
befriedigend das Fest verlief. Die Theilnahme der ausser-
deutschen Mathematiker namentlich Hermites ist doch ein sehr
erfreuliches Zeichen einer durch die nationalen Differenzen un-
getrübten Liebe zu der echten Wissenschaft. Hermites Persönlich-
keit ist insbesondere sehr Vertrauen erweckend. 24)

[Anfrage ob für einen Dr. Parow in Braunschweig eine Anstellung


möglich sei.] Ihr freundschaftlich ergebener
R. Lipschitz
- 88 -

20) Dedekind an Lipschitz

Hochgeehrter Herr College!

[Ausführliche Antwort auf die Anfrage wegen einer Stelle für


Dr. Parow. Dedekind schildert die Situation, des Polytechnicums,
u.a. :]

... und so ist es möglich geworden, dass wir beide, Sommer und
ich, die ganze reine Mathematik (sogar incl. darstellende Geome-
trie und Geometrie der Lage, sowie analytische Mechanik) vertre-
ten; es ist daher vorläufig keine Aussicht dazu vorhanden, dass
noch ein Lehrer der Mathematik gewonnen werden müsste. Die Re-
gierung hat einige bedeutende, auch kostspielige Berufungen von
Fach-Professoren gemacht, und wir sind dadurch in den technischen
Fächern ebenso vOllständig geworden, wie die anderen polytechni-
schen Schulen, und dadurch ist das Resultat erreicht, dass der
Besuch unserer Anstalt von der preussischen Regierung gesetzlich
dem der preussischen gleichgestellt ist. Ausserdem ist sehr viel
Geld auf den Neubau und die Vervollständigung der Sammlungen ver-
wendet, ...

Es hat mir natürlich sehr leid gethan, dass ich mich am 30 April
nicht habe verdoppeln können, um gleichzeitig hier und in Göt-
tingen an der Gaussfeier Theil zu nehmen. Die unsrige ist ganz
vorzüglich ausgefallen; namentlich hat Sommer im Saale des Alt-
stadtrathhauses eine vortreffliche Rede gehalten, die auf das
gros se Publicum einen bedeutenden Eindruck gemacht hat. Daran
schloss sich die Verkündigung der Stiftung eines Gauss-Stipen-
diums durch die Regierung, und dann erfolgte die feierliche
Grundsteinlegung des Denkmals, mit schöner Rede des Ministers
Trings. Festessen und Commers fehlten natürlich auch nicht, und
ich hatte noch einige weitere Feiertage, da nacheinander Cantor,
H. Weber (Königsberg), Wilhelm Weber und Zöllner auf der Durch-
reise hier vorsprachen. Die Sammlungen für das Denkmal haben
einen sehr guten Fortgang genommen (der Kaiser hat 3000 M gege-
ben, wie unser Herzog, und ausserdem sind sehr beträchtliche
Summen aus unserer städtischen Bevölkerung, aber auch von aussen
eingegangen), so dass das Unternehmen als gesichert anzusehen
- 89 -

ist. Für alle diese schönen Beiträge, auch für den Ihrigen, sa-
gen wir unseren herzlichen Dank; es ist wirklich erfreulich, so
gute Erfolge zu sehen . ..•

[Verschiedene redaktionelle Angelegenheiten; geplante Reise


mit Sommer in den Schwarzwald und die Schweiz; geplanter Besuch
bei H. Weber in Königsberg.]

Ihr ergebenster
R. Dedekind.
Braunschweig,
30 Juli 1877.

- * - * - * - * -

21) Lipschitz an Dedekind,25) 5.8.1877

[Einladung nach Bonn; Scherings Rede bei der Gauss-Feier; Prin-


zip des kleinsten Zwanges; Analysis-Buch]

In seiner [Scherings] Rede, welche durch die gros se Anzahl


von nicht veröffentlichten persönlic~en Äusserungen Gaussens
höchst merkwürdig war, sprach er von dem Princip des kleinsten
Zwanges, in Ausdrücken, die mir sehr gesucht schienen und den
eigentlichen Namen vermieden. Wenn ich mich nicht irre, so sagte
Schering, dass Gauss einen Gesichtspunct aufgefunden, von dem
aus klar werde, dass alle in der Natur vorkommenden Bewegungen
nach dem Gesetz der höchsten Geschwindigkeiten ausgeführt wer-
den. 26)

- * - * - * - * -

22) Dedekind an Lipschitz, 17.8.1877

[Dank für Einladung und Zusendung von Lipschitz' Analysis-


Buch.]

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- 90 -

23) Dedekind an Lipschitz

Hochgeehrter Herr College!

Vor allem bitte ich Sie um Verzeihung, dass ich Ihnen nicht
schon längst meinen herzlichen Dank für Ihr schönes Werk ausge-
sprochen habe; ich habe es mit grossem Interesse und mit grosser
Befriedigung fast vollständig durchstudirt, und wenn Sie mir es
gestatten, so werde ich demnächst so frei sein, über einige Punc-
te ausführlicher an Sie zu schreiben. 27)

Vor etwa funfzehn Jahren, bei Gelegenheit der Herausgabe der


Werke von Gauss, an welcher ich mich mit Riemann, Stern, Sche-
ring betheiligte, bin ich mit dem Letzteren ohne jedes Verschul-
den von meiner Seite (wie ich noch heute überzeugt bin) in die
unangenehmsten und aufregendsten persönlichen Conflicte gera-
then. In Folge davon habe ich mich bald von dem ganzen Unter-
.. k
ne h men zuruc gezogen, ... 28)

Braunschweig, R. Dedekind
5 Apr i l 1 87 8 .

- * - * - * - * -

24) Lipschitz an Dedekind,29) 8.4.1878

[Bemerkungen zu Dedekinds letztem Brief, seiner eigenen Arbeit


an dem Analysis-Buch, Voranfrage eines Dr. P. Simon wegen Habi-
litation in Bonn mit einer Arbeit im Anschluß an Zolotareff;
Lipschitz hat ihn auf Dedekinds Arbeiten hingewiesen.]

Auch Ihre bei Borchardt erschienene Abhandlung, für die ich


herzlich danke, würde mich sehr anziehen. 30 ) Da Sie in derselben
Hermite nennen, so will ich doch erwähnen, dass ich nach unserer
in Göttingen gemachten Bekanntschaft und der Correspondenz, in
die ich mit ihm seitdem gekommen bin, eine grosse Zuneigung zu
ihm gefasst habe. Er äussert sich in seinen Briefen auf die un-
befangenste Weise, fragt mich nach Dingen, von denen ich nichts
weiss und erinnert mich, da ich ihm doch antworten muss, oft an
- 91 -

den Ausspruch von Leibnitz, dass es häufig gut sei, von einer
Sache nichts zu wissen, weil man dann auf unbefangenere Art
den Zugang zu der verborgenen Wahrheit finden könne. Auch hat
Hermite eine Tendenz, meine Antworten gelegentlich in den
comptes rendus vorzutragen, was ich aber mehr aus Höflichkeit
als in meinem Interesse zulasse, sobald er meine Genehmigung
nachsucht . . . .

R. Lipschitz

- * - * - * - * -

25) Dedekind an Lipschitz 31)

Hochgeehrter Herr College!

Sie haben in Ihrem letzten Briefe, für den ich Ihnen meinen be-
sten Dank sage, mir die Erlaubniss gegeben, Ihnen Bemerkungen
mitzutheilen über einzelne Stellen Ihrer "Analysis"; ich nehme
ein wahrhaftes Interesse an Ihrem Werke, dem ich den besten
Fortgang wünsche, und ich bitte Sie,'meine Bemerkungen, auch
wenn sie Irriges enthalten sollten, freundlich aufzunehmen.
Meine erste Mittheilung, zu der die Ruhe der Pfingstwoche mir
Zeit und Sammlung gegeben hat, bezieht sich auf Ihren sehr in-
teressanten und scharfsinnigen Beweis des Fundamentalsatzes der
Algebra (§§. 61-66), den ich wiederholt studirt habe. Was ich
über denselben zu sagen habe, kann ich nur dann ganz deutlich
machen, wenn ich ihn in etwas veränderter Form reproducire und
mit dem einen von Cauchy herrührenden Beweise vergleiche. 32)

Der Einfachheit wegen bezeichne ich mit M(z) den Modul oder
absoluten Betrag einer Zahl z , und ich setze nur die Sätze

M(a±b) ~ M(a) + M(b) M(ab) = M(a)M(b)

und ferner den Satz voraus, der sich auch ohne Hülfe der Trigo-
nometrie leicht beweisen lässt, dass jede reine Gleichung min-
destens eine Wurzel besitzt. 33) Ich bezeichne ferner mit

w = f(z)
- 92 -

eine ganze Function der Variabelen z vom Grade n ~ 1 ,


mit bestimmten Coefficienten; ich setze ferner, wenn h eine
willkürliche Grösse bedeutet,

f(z+h) = w + w'h + w"h 2 + ... + w(n)h n ,

und bezeichne stets mit

ro f m', rn 11 ••• m (n)

die Moduln der ganzen Functionen


(n)
w, w', wir ••• w

Dies vorausgeschickt, beruht der Beweis von Cauchy, wie er ge-


wöhnlich dargestellt wird (z.B. in Serret, Algebre superieure),
auf den drei folgenden Sätzen.

1. Satz: w ist eine stetige Function von z , das heisst:


ist z ein bestimmter Werth der Unabhängigen, und Ö ein ge-
gebener positiver Werth, so existirt eine positive Grösse p
von der Art, dass für alle Werthe h, deren Moduln k < psind,
der Modul der Differenz f(z+h)-f(z) kleiner als ö ist.

Beweis. Die Behauptung ist erfüllt, wenn man für p den kleine-
ren der beiden (endlichen, positiven) Werthe

und
m ' +m" + ... +m ( n )

wählt; denn sobald k < p , also auch k < 1 ist, wird

M{f(z+h) - f(z)} S m'k + m"k 2 + ... + m(n)k n

:;; k (m ' +m" + ... + m (n)) < ö , w. z . b . w .

Zusatz. Für alle diese Werthe von h ist zugleich

m - ö < Mf(z+h) < m + Ö ,

wie unmittelbar aus M(a±b) :;; M(a) + M(b) folgt.

2. Satz: w wird gleichzeitig mit z unendlich gross, das


heisst: ist B ein gegebener positiver Werth, so giebt es einen
- 93 -

entsprechenden positiven Werth R von der Art, dass für alle


diejenigen Werthe z , deren Moduln> R sind, m > B wird.

Beweis. Es sei

n n-1
f(z) az + a,z + ... + an

Man wähle einen positiven Werth p < M(a) , so ist auch


ß = M(a) - p positiv, und es giebt folglich (nach ,. Zusatz)
eine positive Grösse p von der Art, dass für alle Werthe h ,
deren Moduln k < P sind, der Modul von ~(h) > M(a) - ß ,
also

wird; bezeichnet man nun mit R den grössten der beiden (posi-
tiven, endlichen) Werthe
1
p'
.n.J1p'
so erfüllt derselbe die Behauptung des Satzes, wie aus

n 1
f(z) = z ~(z)

hervorgeht, weil für alle genannten Werthe z

n B
M(z ) > -
P

ist, w.z.b.w.

3. Satz: Ist für einen bestimmten Werth z der Werth w von


Null verschieden, also m > 0 , so giebt es einen Werth h ,
für welchen

M(f(z+h)) < m

ist.

Beweis: Unter den, dem zentsprechenden Werthen w' ,


w" ... w(n) sei w(s) der erste, welcher nicht verschwindet
(jedenfalls ist w(n) von Null verschieden), so ist

es giebt nun (Annahme über die reinen Gleichungen) einen Werth


- 94 -

A für welchen w(s) As = -w ; es sei 1 der Modul von A, und


p der grösste der beiden Werthe

m und m(s+1)ls+1 + ..• + m(n) ln ,


endlich [ ein beliebiger positiver Werth, der der Bedingung

[ < m , also auch [< 1


p

genügt, so erfüllt der Werth h Ae die Behauptung des Satzes.


Denn aus

f(z+h)

folgt

w.z.b.w.

In den mir bekannten Darstellungen des Beweises von Cauchy wird


nun gesagt: Erstens. Wenn irgend eine Function f(z) die in den
Sätzen 1. und 2. ausgesprochenen Eigenschaften besitzt, so muss
ein endlicher Werth z existiren, für welchen Mf(z) seinen
kleinsten Werth erreicht. Zweitens. Dieser kleinste Werth von
Mf(z) muss = 0 sein, wenn die Function f(z) die im Satze 3.
ausgesprochene Eigenschaft besitzt. Aus diesen beiden Behaup-
tungen folgt dann allerdings die Existenz einer Wurzel z der
Gleichung f(z) = 0 . Beide Behauptungen sind auch vollkommen
wahr, aber nirgends wird wirklich der Beweis geführt für die
erste Behauptung, dass die Existenz eines endlichen Werthes z,
für welchen Mf(z) sein Minimum erreicht, eine nothwendige Fol-
ge der Eigenschaften 1. und 2. ist; es wird dies vielmehr als
selbstverständlich angesehen, sehr mit Unrecht, da der wirkli-
che Beweis dieser Behauptung, welche nur einen speciellen Fall
eines allgemeinen Satzes über stetige Functionen von beliebig
vielen Variabeln (innerhalb gewisser Grenzen) ausmacht, nur
nach allerhand Vorbereitungen aus der Stetigkeits lehre möglich
wird. Darf man diesen Stetigkeitssatz voraussetzen, so ist der
Beweis von Cauchy durch seine Kürze und Klarheit ausgezeichnet,
aber bei dem gewöhnlichen Gange des mathematischen Unterrichts
- 95 -

wird jener Satz nicht vorauszusetzen sein, und damit wird zu-
gleich der Beweis von Cauchy unbrauchbar. Diese Lücke (ähnlich
derjenigen im sogen. Dirichlet'schen Princip) ist ohne Zweifel
von vielen Anderen und natürlich auch von Ihnen bemerkt, und
Sie schlagen deshalb einen anderen Weg ein: Sie geben einen
(im Allgemeinen unendlichen) Process, der mit Nothwendigkeit zu
einer Wurzel der Gleichung hinführt. Hierbei stützen Sie sich
ebenfalls auf die obigen Sätze 1., 2., 3., aber Sie fügen dem
letzten etwas wesentlich Neues hinzu, welches dann den Nerv
Ihres Beweises bildet. Dies ist die Methode (in §.65, S. 270),
durch welche Sie aus einern, gewissen Bedingungen genügenden,
Werth der Unabhängigen jedesmal einen anderen finden lehren,
für welchen der Modul der Function stets kleiner und schliess-
lich sogar unendlich klein wird. Um aber nachzuweisen, dass auch
die successiven Werthe der Unabhängigen sich einern Grenzwerthe
annähern, setzen Sie diese Ihre Methode (die in §.65) nur bis
zu einern gewissen Puncte fort, und verlassen dieselbe, um de-
finitiv zu der Methode von Newton überzugehen; obgleich Sie nun
zwar zeigen, dass dieser übergang gestattet ist, und obgleich
einleuchtet, dass die Hauptsache, das Unendlichkleinwerden der
Function auch bei dieser neuen Fortsetzung des Processes nicht
verloren geht, so verursacht diese Abänderung des Processes
doch ziemliche Umstände, und es schien mir wünschenswerth, die-
selben zu vermeiden. Dies gelingt in der That, und ich glaube,
dass Ihr Beweis hierdurch, d.h. durch die alleinige Beibehal-
tung einer Methode, welche wesentlich mit der Ihrigen (§.65)
übereinstimmt, beträchtlich an Kürze und übersichtlichkeit ge-
winnt. Ich erlaube mir daher, Ihnen den so modificirten Beweis
vOllständig darzustellen; er schliesst sich unmittelbar an die
obigen Sätze 1., 2., 3. an.

4. Um zu beweisen, dass jede Gleichung nten Grades mindestens


eine Wurzel hat, wird angenommen, dass jede Gleichung niedrige-
ren Grades mindestens eine Wurzel hat. Hieraus folgt zunächst,
wenn w = fez) vorn Grade n ist, die Existenz von n-l
Constanten n 1 ,n 2 ... nn-l der Art, dass identisch
- 96 -

ist. Denn sei A der kleinste unter den Moduln der Grössen
f(l1l)' f(112) ... f(l1n_1) . Ist A = 0 , so ist der Satz wahr.

5. Ist aber A > 0 , so existirt (nach 3.) ein Werth 8 , für


welchen der Werth

B = Mf(8) < A

ist. Wir betrachten das Gebiet G aller derjenigen Werthe z


(z.B. 8), für welche

m ;;; B

ist.

6. Satz: Es giebt eine positive Constante B' von der Art, dass
innerhalb G überall

m' <: B' also ~<.:~


m' - B'

ist.
Beweis. Zufolge 4. ist allgemein

und es braucht daher nur gezeigt zu werden, dass jeder einzelne


der (n-1) Factoren t1(Z-11) innerhalb G nicht unter eine
angebbare positive Constante p herabsinken kann. Da nun
A-B = ~ positiv ist (nach 5.), so kann man (nach 1. Zusatz)
p so wählen, dass für alle Werthe h , deren Moduln k < p
sind, stets Mf (l1+h) > Mf (11) - ~ , also auch Mf (l1+h) > B wird,
weil Mf(l1) ~ A ist. Für alle diese Werthe h , deren Moduln
< p sind, liegt folglich l1+h ausserhalb G mithin ist um-
gekehrt M(Z-l1) ~ p , sobald z dem Gebiete Gangehört,
w.z.b.w.

7. Satz: Es giebt eine positive Constante C von der Art, dass


für alle Werthe z , welche dem Gebiete Gangehören,

m" (mm,) 2 + m'" (~) 3 + .•• + m(n) (~)n ;;; C


m m
ist.
Beweis. Es giebt (nach 2.) einen positiven Werth R von der
Art, dass Mf(z) > B wird, sobald M(z) > R wird; mithin ist
innerhalb G (zufolge 5.) stets M(z) ;;; R folglich können
- 97 -

die Moduln m", m'" ... m (n) der ganzen Functionen


w", w'" w(n) innerhalb G gewisse positive Constanten
nicht überschreiten, welche man erhält, wenn man in diesen Func-
tionen jeden Coefficienten durch seinen Modul und z durch R
ersetzt; da zugleich auch m endlich bleibt (nach 6.), so ist
fiT
der Satz bewiesen.

8. Satz: Es sei D eine positive Constante, welche den Bedin-


gungen
D ;;; B , D > C

genügt, sonst aber beliebig gross gewählt werden darf; gehört


nun z dem Gebiete G an, und setzt man

w m
z, z - W'·o ' M(f(z,)) = m,

so ist

D-C 2
~ m + m, ~ m , also m, ~ m ~ B ,

und folglich gehört z, ebenfalls dem Gebiete G an.

Beweis. In der That, setzt man A(Z,), = w, , so ist

w = w (' - !!!) + w" (.!!..... !!!) 2 - W'll (.!!.....


w' !!!) D
3 + ••• ,
, D w' D

folglich, weil !!! os: , ist,


D -

m, ~ m(' - ~) + C(~)2, w.z.b.w.

Bemerkung. Da D-C < 1 , und ist, so findet das Gleich-


1)
heitszeichen nur dann Statt, wenn m =0 ist; sobald m > 0
ist, ist auch

D-2C m2 + m1 < m .
D

9. Satz: Behält man die Constante D bei, und bildet man nach
derselben Regel, wie z1 aus z , so z2 aus z1 f z3 aus
z2 ,allgemeine Zs aus zS-1 ' so gelangt man nach einer end-
lichen oder unendlichen Anzahl von Operationen zu einer Zahl
c = lim Zs ' für welche f(c) = 0 ist.
- 98 -

Beweis. Es sei f(zs) = Ws ' f' (zs) = w~ , M(W s ) = ms '


M(W~) = m~ ; durch Addition der in 8. bewiesenen Ungleichungen,

welche den s ersten Operationen entsprechen, folgt

Oa folglich die Summe links, wie gross auch 5 werden mag,


nie über m hinauswachsen kann, so convergirt die unendliche
Reihe

mithin ist

lim ms = 0 , also auch lim f(zs) = 0 ;

da ferner (nach 6.) die Grössen m' ,m 1 2 ...


,ffi sämmtlich ~ B'
sind, so convergirt auch die Reihe
m1 m1 m2 m2
m m +
ffiT 0 ffiT1 0
+
ffiT2 0
+ ...

und folglich auch die Reihe

w m
W'O

Bezeichnet man ihre Summe mit c-z , so ist c ein bestimmter


endlicher Werth, und aus

folgt
c = lim z
s
und hieraus (nach 1.)

f(c) = lim f(zs) = 0 w.z.b.w. -

222 02
Zusatz. Offenbar ist m +m 1 +m 2 + ... ~ O-C m , folglich

M( c-z)
o m
o-c B'

Oa 0 beliebig gross genommen werden darf, so folgt hieraus


- 99 -

leicht, dass für jeden Werth z des Gebietes G eine Wurzel


c der Gleichung f(c) = 0 existirt, für welche

M(c-z) < ~
~ B'

ist. -
Die weitere Untersuchung über die Gestalt des Gebietes G in
Bezug auf die n Wurzeln c , und über die allmäliche Contrac-
tion desselben bei Verkleinerung von B , sowie über den Ein-
fluss von D auf die aus jedem z zu findende Wurzel c un-
terdrücke ich. Ich brauche auch wohl kaum zu bemerken, dass die
Benutzung der elementarsten Sätze über die Convergenz der un-
endlichen Reihen leicht umgangen werden kann, wenn man die
Kunstausdrücke der Reihenlehre nicht voraussetzen will.

In der Hoffnung, dass Sie in meiner Mittheilung einen Beweis


des gros sen Interesses erblicken mögen, welches ich an Ihrem
Buche nehme, und mit herzlichen Wünschen für Ihr Wohlergehen
verbleibe ich
Braunschweig, Ihr ergebenster
23 Juni 1878. R. Dedekind.

- * - * - * - * -

26) Lipschitz an Dedekind 34)

Bonn, den 12ten August 78

Sehr geehrter Herr College!

Es hat mir ein ganz eigenthÜffiliches Vergnügen gemacht, Ihre Um-


arbeitung des von mir gegebenen Beweises des Fundamentalsatzes
der Algebra zu studieren und meine Gedanken in einem neuen Lich-
te wieder zu sehen. Schon dafür, dass Sie sich in diese Betrach-
tungsweise vertieft haben, bin ich Ihnen herzlich dankbar. Ich
erkenne aber auch an, dass auf dem von Ihnen gewählten Wege eine
bedeutende Zusammenfassung des Beweises gewonnen wird.

[Es folgen noch einige Bemerkungen zu Dedekinds Beweis. Dann


schreibt Lipschitz über seine Vorlesung über elliptische Functio-
nen und wie er diese auf den Theta-Reihen aufgebaut hat.]
- 100 -

27) . 34)
L~pschitz an Dedekind

Bonn, den 23ten März 79.

Sehr geehrter Herr college!

Nehmen Sie meinen herzlichen Dank für die Zusendung der ersten
Abtheilung der Vorlesungen Dirichlets über Zahlentheorie in der
neuen Gestalt, die Sie dem Buche gegeben haben; namentlich wird
mich die zugesagte Darstellung Ihrer Forschungen über algebraische
Zahlen, wie Sie ja wissen, in hohem Masse interessieren . ...

- * - * - * - * -

28) Dedekind an Lipschitz

Hochverehrter Herr College!

Für die freundliche Aufnahme Dirichlet des Vierten sage ich Ih-
nen meinen herzlichen Dank! Von allen Mathematikern haben Sie
zuerst ein warmes Interesse für meine Lebensarbeit gezeigt, und
ohne Ihre Aufforderung, im Bulletin eine neue Darstellung der-
selben zu veröffentlichen, würde sie vielleicht auch bis heute
unbeachtet geblieben sein; gestatten Sie mir daher, Ihnen noch-
mals meinen innigsten Dank für Ihre Theilnahme auszusprechen.

Gern würde ich denselben zu bethätigen suchen durch eine aus-


giebige Antwort auf Ihre Anfrage wegen der Wiederbesetzung der
ausserordentlichen Professur in Bonn, die durch den Abgang des
Herrn Minkowski erledigt wird; allein ich kenne persönlich nur
sehr wenige mathematische Privatdozenten, eigentlich nur zwei
Landsleute von mir, die Doctoren Robert Fricke und Friedrich
Pockels in Göttingen. Der erstere hat mit seinem Lehrer Herrn
Felix Klein das grosse zweibändige Werk über Elliptische Modul-
functionen herausgegeben; die Ausarbeitung desselben rührt wohl
ganz von Herrn Fricke her, und ich weiss, dass ein grosser Theil
davon auch sein selbständiges geistiges Eigenthurn ist. Ich halte
ihn für einen sehr begabten Mathematiker, von dessen eifrigen
Streben auch künftig viel Schönes zu erwarten steht. 35 ) Der Herr
- 101 -

Dr. Pockels ist seiner Neigung nach vorzugsweise Physiker und


hat kürzlich einen Preis der Göttinger Gesellschaft der Wissen-
schaften errungen; er ist aber auch ein sehr gut durchgebilde-
ter Mathematiker, wie aus seinem Werke "Über die partielle Dif-
ferentialgleichung ~u+k2u = 0" (1891 bei Teubner) hervorgeht,
und ich zweifle nicht, dass er ebenfalls die fragliche Profes-
sur sehr gut ausfüllen würde.

Indem ich meine Mittheilungen der Eile wegen auf das Vorstehen-
de beschränke, verbleibe ich mit grösster Hochachtung

Ihr ganz ergebener


R. Dedekind.
Braunschweig, 17. Januar 1894.

- * - * - * - * -

29) Dedekind an Lipschitz vom 23.1.1894

[Dedekind berichtet sehr lobend über seinen Braunschweiger


Kollegen, den Physiker Heinrich Weber.]

- * - * - * - * -
- 102 -

Anmerkungen und Fußnoten

Richard Oedekind (1831-1916) steht wegen seiner grundlegenden


Arbeiten zur algebraischen zahlentheorie, Algebra, Begründung
der Analysis und Mengenlehre seit einiger Zeit im Mittelpunkt
des Interesses der Mathematikhistoriker (vgl. z.B. Dugac [1976],
Neumann-Purkert [1981], Scharlau [1981], [1982] und weitere dort
angegebene Literatur). Er war Schüler und enger Freund sowohl
von Dirichlet als auch von Riemann, an deren Arbeiten sich vie-
le seiner eigenen Forschungen anschlossen. Weitere wesentliche
Anregungen verdankte er Kummer und Galois (1811-1832). überhaupt
war es für seine Arbeitsweise charakteristisch, daß er das Werk
anderer Mathematiker auf das genaueste durcharbeitete, um es
dann mit eigenen wegweisenden Beiträgen von unübertroffener Klar-
heit weiterzuführen. Nach Promotion und kurzer Privatdozenten-
zeit in Göttingen wirkte er vier Jahre in zürich und ab 1862 in
seiner Heimatstadt Braunschweig, wo er sich wohl bewußt etwas
abseits von den Zentren mathematischer Forschung hielt.

Wie er selbst und sein Werk sind auch die vielen von ihm erhal-
ten gebliebenen Briefe: Ohne den kleinsten Fehler in gestochen
klarer Schrift geschrieben, verbindlich im Ton, deutlich und in-
formativ in der Sache, von kompromißloser präzision, wenn es um
seine eigenen Überzeugungen und Prinzipien geht.

Der Briefwechsel mit Lipschitz dürfte nahezu vollständig erhal-


ten sein. Von Dedekinds Briefen, die zu den berühmtesten der
Mathematik des 19. Jahrhunderts gehören, gibt es nicht nur die
Originale, sondern auch seine eigenen Konzepte und Abschriften,
die sich ebenso wie Lipschitz' Briefe in der Handschriftenabtei-
lung der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek
Göttingen (UBG) befinden (eod. Ms. Dedekind), der wir für die
Genehmigung zur Veröffentlichung danken. Ein größerer Teil des
Briefwechsels ist bereits publiziert, wenn auch etwas verstreut
und jeweils ohne die Gegenbriefe. Es erschien deshalb zweck-
mäßig, den wichtigsten Teil dieser mathematik-historisch bedeut-
samen Korrespondenz hier zusammenhängend abzudrucken.
- 103 -

Fußnoten

1) Dieser Brief (UBG, Cod Ms Dedekind XIV, 1, 136) eröffnet den wichtigsten
Teil der Korrespondenz.

2) Die erste Version von Dedekinds epochemachender Begründung der algebraischen


Zahlentheorie war 1971 im Supplement X der 2. Auflage von Dirichlets Vorle-
sungen über Zahlentheorie erschienen. Neben den Grundlagen der algebraischen
Zahlentheorie werden in dieser Arbeit die grundlegenden Begriffe der Algebra
(Körper, Ring, Ideal und Modul) eingeführt. Lipschitz hat sicher recht, wenn
er meint, daß diese Arbeit weitgehend unbeachtet geblieben sei. Daß er sich
bemühte, für eine weitere Verbreitung zu sorgen, war sehr verdienstvoll.

3) Die folgenden Briefe von Dedekind an Lipschitz mit den Nummern 3, 5, 7,


9, 14 sind in ihren wesentlichen Teilen schon in Dedekinds Gesammelten Ma-
thematischen Werken Bd 3 abgedruckt.

4) Diese Arbeit wurde offenbar nicht mehr fertiggestellt, sondern durch die
im Bulletin ersetzt.

5) An kaum einer Stelle kommen Dedekinds Überzeugungen so deutlich zum Aus-


druck wie in diesem Abschnitt.

6) Vgl. z.B. Dedekinds Arbeiten Nr. XII, XV, XIX, XXIV, XXIX in seinen Ma-
thematischen Werken, die überwiegend schon Anfang der 70er Jahre fertigge-
stellt waren aber z.T. erst viel später veröffentlicht wurden.

7) UBG, Cod Ms Dedekind, XIV, 1, 137.

8) Lipschitz' mangelndes Verständnis der Untersuchungen Dedekinds kommt hier


ziemlich kraß zum Ausdruck. Der Vergleich mit Weierstrass/Kossak ist ziem-
lich abwegig, da es dort um den Aufbau des Zahlensystems (aus den natürli-
chen Zahlen) geht.

9) UBG, Cod Ms Dedekind, XIV, 1, 138.

10) Hier wird deutlich, wie schwierig es gewesen sein muß, überhaupt die
richtige Definition der ganzen algebraischen Zahlen zu finden. Dedekind geht
in seiner Antwort ausführlich auf diesen Fehlschluß ein.

11) Dieser Abschnitt bezieht sich auf eine Fußnote Dedekinds zu der Bulletin-
Arbeit (vgl. Werke 111, S. 269). Es wird deutlich, daß Lipschitz den Kern-
- 104 -

punkt von Dedekinds "Stetigkeit und irrationale Zahlen" nicht richtig ver-
standen hatte. Dedekind geht im nächsten Brief in größter-Ausführlichkeit
auf diesen Punkt ein.

12) Auch dies ist eine berühmte Bemerkung Dedekinds, der hier die Notwen-
digkeit invarianter Definitionen - ein Kernpunkt der "modernen Mathematik" -
hervorhebt. Es wäre interessant genau zu wissen, an welche "Riemannschen
Prinzipien" er dabei gedacht hat.

13) UBG, Cod Ms Dedekind XIV, 1, 139.

14) Vom heutigen Standpunkt erscheinen Lipschitz' Ausführungen zur Begrün-


dung der reellen Zahlen einigermaßen verworren, insbesondere der Verweis
auf die "Grundeigenschaft einer Linie". Sie zeigen aber, wie fest diese
Vorstellungen im Bewußtsein der Mathematiker verankert waren und welche
Widerstände Dedekind (und auch Weierstrass und andere) überwinden mußten.

15) u~G, Co& Ms Dedekind XIV, 1, 140.

16) Mit diesem Brief endet die Korrespondenz über die Idealtheorie und Be-
gründung der Arithmetik. Bei Dedekind dürfte eine gewisse Enttäuschung,
daß er zwar nicht auf Interesselosigkeit aber doch auf mangelndes yerständ-
nis gestoßen ist, zurückgeblieben sein.

17), 18) UBG, Cod Ms Dedekind XIV, 1, 141 bzw. 142.

19) Dieser Brief bezieht sich zunächst auf Riemanns Arbeit "Commentatio
mathematica ... ", 1876 zum ersten Mal publiziert in dessen Gesammelten Wer-
ken, S. 370-399. Dedekind hatte z.T. die weggelassenen Rechnungen ergänzt.
Die geplante Arbeit Lipschitz' wurde unter dem Titel "Bemerkungen zu dem
Princip des kleinsten Zwanges" in Crelles Journal 82 veröffentlicht; sie
ist datiert vom 13.11.1876. Der weitere Inhalt dieses Briefes ist wohl im
wesentlichen in diese Arbeit eingegangen. Deshalb wird auf einen weiteren
Abdruck dieses nur mit Mühe zu entziffernden Briefes verzichtet.

20) Diese Manuskripte scheinen im Nachlaß Dedekinds nicht mehr vorhanden


zu sein; es wurde allerdings nicht gezielt nach ihnen gesucht.

21) UBG, Cod Ms Dedekind, XIV, 1, 144.

22) Es handelt sich um die Arbeit "Über die Anzahl der Idealklassen • •• " I

Werke Bd 1, Nr. XII.


- 105 -

23) UBG, Cod Ms Dedekind, XIV, 1, 146.

24) Aus der Begegnung mit Hermite ergab sich eine lebenslange enge Be-
kanntschaft. (Vgl. Briefwechsel mit Hermite.)

25) UBG, Cod Ms Dedekind, XIV, 1, 147.

26) Um das Prinzip des kleinsten Zwanges ging es auch in Brief Nr. 13 und
14. Vgl. Fußnote 19.

27) Lipschitz' "Lehrbuch der Analysis", 2 Bände, 1877/80, war eines der
ersten "modernen" einführenden Lehrbücher über dieses Gebiet. ("Modern"
heißt vor allem unter Berücksichtigung des Neuaufbaus durch Cauchy und
Weierstrass, d.h. unter systematischer Benutzung des Grenzwertbegriffs.)

28) Dedekind lehnt es ab, die in Fußnote 19 erwähnte Arbeit von Lipschitz
zu referieren, da in dieser Schering mehrere Irrtümer nachgewiesen werden.

29) UBG, Cod Ms Dedekind, XIV, 1, 148.

30) Es handelt sich um "Schreiben an Herrn Borchardt ..... " , Dedekind Werke,
Bd. 1, Nr. XIV.

31) Im Nachlaß Lipschitz nicht vorhanden; hier abgedruckt nach Dedekinds


Abschrift (UBG, Cod Ms Dedekind, XIII, 57); auch veröffentlicht bei Dugac
[1976] •

32) Es verdient festgehalten zu werden, daß Dedekind sich mit dem Funda-
mentalsatz der Algebra einen der interessantesten und originellsten Teile
des Buches von Lipschitz heraussucht. Wie H. Kneser (Der Fundamentalsatz
der Algebra und der Intuitionismus. Math. Z. 46, 287-302 (1940)) hervor-
hebt, ist die Lipschitzsche Beweisanordnung die erste, die konstruktiv (im
Prinzip intuitionistisch) vorgeht, indem zu einer Näherungslösung z eine
n
Verbesserung bestimmt wird, so daß z = lim z eine Nullstelle wird.
n
Algorithmen, die derartiges leisten, sind bis heute ein aktuelles Thema,
vgl. M.W. Hirsch, St. Smale: On algorithms for solving f(x) = 0 , Comm.
Pure Appl. Math. 32, 281-312. Dedekind zeigt folgenden Satz: Hat f(z)
keine mehrfachen Nullstellen (diese Voraussetzung wird in Schritt 4. ge-
macht), so existiert ein Gebiet G und eine Konstante D > 0 mit folgen-
den Eigenschaften
a) f' (z) *0 in G, b) die Abbildung
- 106 -

g(z) z - ~l.i.i&L
f' (z) D

bildet G in sich ab, c) für jedes z = Zo EG konvergiert die Folge


{zn} zn g(zn_1) gegen eine Nullstelle von f

33) Es wäre interessant zu wissen, woran Dedekind an dieser Stelle denkt,


denn bis in die neueste Zeit ist die Ansicht vertreten worden, daß die reine
Gleichung nur mittels trigonometrischer Funktionen gelöst werden könne.
(Vgl. aber J.E. Littlewood, J. London Math. Soc. 16, 95-98 (1941).)

34) UBG, Cod Ms Dedekind XIV, 1, 149 bzw. 150.

35) R. Fricke (1861-1930) wurde später Dedekinds Nachfolger in Braunschweig.


- 107 -

BRIEFE VON L, FUCHS AN LIPSCHITZ *)

Berlin, Kronprinzen Ufer 24, den 25. Juni 1892.

Hochgeehrter Herr College!

Leider hat sich das, was ich so sehr gewünscht hätte, und was
ich auch nach Kräften angestrebt habe, nicht verwirklichen las-
sen; ich meine damit, dass ich nicht das Glück habe, mit Ihnen
gemeinschaftlich an unserer Universität wirksam zu sein. Es hät-
te sich dann so ganz von selbst verstanden, dass Sie mir mit
Ihrem geschätzten Rate in Bezug auf die wissenschaftlichen Bei-
träge unseres Journals beizustehen die Güte gehabt hätten. Ich
komme nun mit der Bitte, mir doch einen kleinen Ersatz zu ge-
währen für das, was mir leider nicht zu Teil geworden ist, mit
der Bitte nämlich zu gestatten, von dem 110. Bande an Ihren
Namen als den eines Mitwirkenden neben Weierstrass und Helm-
holtz auf das Titelblatt des Journals zu setzen. Ich beabsichti-
ge selbstverständlich, Ihre Mitwirkung bei der Begutachtung der
wissenschaftlichen Beiträge nur so weit in Anspruch zu nehmen,
als Sie es mit Ihrer Zeit und Gesundheit für verträglich halten.
Aus demselben Grunde würde ich auch nur im Notfalle Sie zu be-
lästigen mir erlauben. 1)

In der Hoffnung, keine Fehlbitte gethan zu haben, und mit der


Bitte um baldgefälligen Bescheid bin ich, hochgeehrter Herr
College, mit ausgezeichnetster Hochachtung

Ihr ergebenster
Fuchs

- * - * - * - * -

*) Fußnoten und Anmerkungen folgen auf S. 109


- 108 -

Berlin (N.W.) Kronprinzenufer 24, 19. Jan 1894

Hochgeehrter Herr College!

Gestatten Sie mir mich mit folgenden Anliegen an Sie zu wenden.


Dr. Schlesinger, Privatdocent für Mathematik an hiesiger Uni-
versität, ist einer unserer besten jungen Mathematiker, sowohl
in Bezug auf seine wissenschaftliche Leistungsfähigkeit - wie
Ihnen bekannt ist - als auch in Hinsicht seiner Lehrthätigkeit,
von welcher ich seit einer Reihe von Jahren mannigfache Proben
gesehen habe. Da Dr. Schlesinger mit meiner ältesten Tochter
verlobt ist, so befinde ich mich in der unangenehmen Lage, nicht
für ihn mit Empfehlungen eintreten zu können. Wenn ich gleich-
wohl an Sie in vertraulicher Weise mit der Bitte mich zu wenden
wage, Sie mögen denselben gütigst bei der Besetzung der durch
den Abgang des Dr. Minkowski frei werdenden ausserordentlichen
Professur in Bonn berücksichtigen, so geschieht dieses in dem
vollen Vertrauen, dass Sie von meiner Person genügend unterrich-
tet sind, um überzeugt zu sein, dass ich die Beförderung des
Dr. Schlesinger nur aus innerster überzeugung von seiner Würdig-
keit empfehle, und dass ich ihn in ,ungezwungendster und wärm-
ster Weise empfohlen haben würde, wenn derselbe nicht in nähe-
rer Beziehung zu mir stünde.

Zu dieser Bitte werde ich ferner - und vor allen Dingen - durch
die Erwägung ermuthigt, dass Sie selber das beste Urtheil über
die wissenschaftliche Befähigung des Dr. Schlesinger besitzen.
Ich gestehe es offen, dass ich an anderer Stelle, wo ich eine
solche Voraussetzung nicht machen könnte, mit einem solchen An-
liegen, welches dann einer Missdeutung unterliegen könnte, nicht
kommen würde.

Sollten Sie von meiner Empfehlung Gebrauch machen können, so


würde ich Schlesinger veranlassen, Ihnen die Notizen über sei-
nen Studiengang etc. zuzustellen. 2)

In der Hoffnung, dass Sie, hochgeehrter Herr College, meine


Bitte richtig deuten wollen, bin ich mit aufrichtiger Hoch-
achtung

Ihr ergebenster
L. Fuchs
- 109 -

Anmerkungen und Fußnoten

über die Jugend- und Studentenzeit von Lazarus Fuchs (1833-1902),


der sich von "unbezwinglicher Lernbegierde getrieben" aus ärm-
lichsten Verhältnissen emporhungerte und -arbeitete, berichtet
sein engster Freund L. Koenigsberger [1919] in seiner Autobio-
graphie. Er studierte bei Weierstrass und Kummer in Berlin, war
Ordinarius in Greifswald, Göttingen, Heidelberg und ab 1884 als
Nachfolger Kummers in Berlin. Seine Hauptarbeitsgebiete waren
Funktionentheorie und gewöhnliche Differentialgleichungen. Zu-
sammen mit Frobenius (1849-1917) und Schwarz (1843-1921) führte
er die analytische Berliner Tradition fort (vgl. Biermann
[1973]). Dementsprechend übernahm er ab 1892 auch die Herausgabe
von Crelles Journal.
Obwohl beide fast gleich alt waren, dürfte der Kontakt zu Lip-
schitz nur flüchtig gewesen sein.

Fußnoten

1) Am Anfang des Briefes spielt Fuchs darauf an, daß Lipschitz bei der Dis-
kussion um die Nachfolge von Kronecker und Weierstrass Wunschkandidat der
Berliner Fakultät war, wegen seines schlechten Gesundheitszustandes aber
nicht vorgeschlagen wurde. Die Bitte wegen der Mitherausgabe von Crelles
Journal hat Lipschitz offenbar abgelehnt.

2) L. Schlesinger (1864-1933) war tatsächlich kurze zeit als Extraordinarius


in Bonn tätig. Sein Hauptarbeitsgebiet war die Theorie der Differentialglei-
chungen. Außerdem war er historisch interessiert und hat sich auch durch die
Mitherausgabe der Werke von Gauss und Fuchs verdient gemacht.
- 110 -

BRIEFE VON E, HEINE AN LIPSCHITZ

Halle alS, 20 Octob. 59.

Werther Herr College.

Ausserdem beabsichtige ich eine vollständige Lehre von den Ku-


gelfunct. zusammenzustellen, u in einem eigenen Werkchen zu
publiciren.
Von Weierstrass hör te ich mit Vergnügen, dass es Ihnen in Bonn
gut gefällt, u wünsche Ihnen dort ferneres Wohlergehen. Auch
Neumann gefällt sich hier sehr; er findet Beifall, u hat ein
recht volles Colleg, so dass ich mit Vergnügen sehe, dass er
seinen Entschluss, sich zu habilitiren, nicht bereut hat. Die
viel bessere Frequenz unserer Universität durch mathematische
Studenten hängt gewiss mit Neumanns Hiersein zusammen, indem
wir in jedem Semester jedem Studenten etwas bieten können, was
früher nicht zu erreichen war.

Mit dem besten Grusse Ihr ergebenster


E. Heine

- * - * - * - * -'

Halle alS, 7 Jan. 60.

Verehrter Herr Doctor.

Meine Arbeit über die Kugelfunctionen wird etwa 20 Bg. stark


und geht ihrem Schluß entgegen. Ich habe dabei noch einige Klei-
nigkeiten über die Lame'schen E's gefunden. Nachdem ich Bd 56
gezeigt habe, dass die E und die P durch Koefficienten or-
thogonaler Substitutionen linear zusammengesetzt werden, habe
- 111 -

ich nun bewiesen


1 ) Die E haben nur reelle ungleiche Wurzeln, die kleiner als
c sind
2) Die F , wo F = E f
de ist, enthalten nur elliptische
E2
Functionen 2ter und 1ster Gattung, nicht dritter.

Mein Buch ist eine Monographie und zugleich Lehrbuch, nimmt auch
auf die Quellen Rücksicht, indem ich sorgfältig citire.

Ihr ergebenster
E. Heine

- * - * - * - * -

Halle alS, 13 Mai 1860

Verehrter Herr Doctor.

Sie haben aber zu günstige Erwartungen wenn Sie viel Neues hof-
fen. Neu ist nur die Methode und die Anordnung des Ganzen; ich
hoffe das ganze übersichtlich geordnet zu haben, so dass die
vielen Formeln die man an verschiedenen Stellen findet sich in
ihrem wahren Werthe oder Unwerthe zeigen. In der That scheint
mir von den vielen Formeln aus neuester Zeit nur eine Werth zu
haben und etwas tiefer zu liegen, die von Christoffel über die
ganze Function welche in P n log ~~~ steckt, während die Unter-
suchungen von Bauer z.B. ziemlich an der Oberfläche liegen.

Ihr ergebenster
E. Heine

- * - * - * - * -

Anmerkung

Eduard Heine (1821-1881) studierte in Berlin, Göttingen und


Königsberg, promovierte bei Dirichlet und habilitierte sich 1844
in Bonn, wo er einige Jahre als Privatdozent wirkte. 1848 wurde
- 112 -

er nach Halle berufen, wo er bis zu seinem Lebensende blieb und


die Mathematik durch die Berufung talentierter Privatdozenten
(C. Neumann, Roch, H.A. Schwarz, cantor) wesentlich förderte.
Sein Hauptwerk war das "Handbuch der Kugelfunctionen" (1. Aufl.
1861), um das es auch in den Briefen an Lipschitz geht. Der Kon-
takt zu Lipschitz dürfte aber nur lose gewesen sein.
- 113 -

BRIEFE VON H, V, HELMHOLTZ *)

Bonn, d. 2.12.56.

Verehrter Herr Doctor

es hat mich gefreut, von Ihnen wieder einmal zu hören, und na-
mentlich auch zu hören, dass Sie wieder an eine Universitätslauf-
bahn denken. Was die hiesigen Verhältnisse in Bezug auf Mathema-
tik betrifft, so haben wir jetzt zwei Ordinarien Plücker für Ma-
thematik und Physik, und Beer für mathematische Physik, und einen
Extraordinarius Radicke, der einmal ein Lehrbuch der mathemati-
schen Optik verfasst hat. Heine ist nach Halle gegangen. Plücker
beschäftigt sich jetzt hauptsächlich mit Physik, mathematische
Arbeiten macht er wohl gar nicht mehr, seine früheren Arbeiten
erstrecken sich glaube ich ausschliesslich auf analytische Geome-
trie, und sollen nach Heine's Urtheil sehr elegant aber nicht
wegbahnend gewesen sein. Plücker's Talente scheinen sich nur auf
geometrische Anschauung nicht auf analytische Abstractionen zu
beziehen. Plücker ist ein ehrenhafter stiller Character, aber,
wie es scheint, äusserst eifersüchtig auf seine Stellung als
erster Mathematiker an unsrer Universität, und war deshalb zu
Heine, der ihm, glaube ich, als mathematisch abstracter Kopf
bei weitem überlegen war, in ein furchtbar gespanntes Verhält-
niss gekommen. Da Plücker ziemlichen Einfluss unter den Profes-
soren hat, hatte er es dahin gebracht, dass Heine wegen einiger
unvorsichtiger Äusserungen, die er über Plücker gethan, fast wie
ein Ausgestossener behandelt wurde. Plücker war mit Heine früher
sehr befreundet gewesen, bis das Ministerium durch einige Schrit-
te, namentlich die übertragung der Prüfungscommission an Heine
gezeigt hatte, dass es diesen begünstige. So glaube ich, würden
Sie auch bei Plücker Unterstützung finden, bis er etwa fürchten
sollte, dass Sie ihm über den Kopf wachsen könnten.

Plücker vereinigt die Professur der Physik und Mathematik.

*) Fußnoten und Anmerkungen folgen auf S. 132


- 114 -

Um zu verhindern, dass ein zweiter Ordinarius für eines dieser


Fächer in die ordnungsmässige Stelle einrücken könne, ist nun
Beer als Professor der mathematischen Physik angestellt. Beer
ist ein äusserst liebenswürdiger, bescheidener und ehrenhafter
Character, dabei wohlhabend, und liest, glaube ich, nicht gern
sehr viel. Da mathematisch physikalische Collegia nicht viel
gehört werden, liest er hauptsächlich mathematische Collegia.
Er ist ebenfalls mit seinem mathematischen Denken an die geome-
trische und mechanische Anschauung gebunden, und macht nicht den
kleinsten Schritt ohne diese. Radicke ist ein armer, halbver-
hungerter Kerl, der keine Zuhörer zusammen bringen kann. So
glaube ich allerdings, dass wohl Platz wäre für einen Docenten
der die höheren abstracten Theile der Mathematik vortragen
wollte; Heine hat für solche allerdings auch Zuhörer (10-12)
gehabt, wobei allerdings in Anschlag zu bringen ist, dass er
die Oberlehrer exarninirte, was jetzt Beer thut.

Die beste Auskunft würde Ihnen Heine gern geben, wenn Sie ihn
darum bitten, und ihm schreiben, dass ich Sie an ihn gewiesen
hätte. Ich habe ihm Ihre Dissertation gegeben, die ihn inter-
essirte, da er sich mit denselben 'Sachen beschäftigte. Heine
wünschte auch für Halle noch einen jüngeren Docenten, meinte
aber Sie, Dumas und die anderen jüngeren Königsberger hätten
in denselben Gegenständen, wie er selbst gearbeitet, und würden
sich nicht gegenseitig mit ihm ergänzen.

Übrigens ist die Natur hier reizend, die Professoren sind frei-
lich vornehme Herren, die gros se Gesellschaft steif und luxuriös,
aber es findet sich auch wohl ein besserer Cirkel von nord-
deutschen Seelen zusammen, und Sie würden uns hier deshalb dop-
pelt willkommen sein. 1)

Ihr H. Helmholtz

- * - * - * - * -
- 115 -

Bann, d. 23.3.57

Bester Herr Doctor

ich erfahre, dass die Circulation ihrer Arbeiten durch die phi-
losophische Facultät fast vollendet, und ein günstiges Votum
gegeben worden ist. Für das Weitere setze ich Ihnen den betref-
fenden § der philos. Facultätsstatuten her:
§ 57. Wird die Zulassung beschlossen, so hat der Candidat bin-
nen 4 wöchentlicher Frist, welche jedoch ausgedehnt werden darf,
vor versammelter Facultät über einen von dieser aufgegebenen
oder genehmigten Gegenstand eine Probe-Vorlesung zu halten.

Auf diese folgt über den Inhalt derselben ein ColloquiQm mit
dem Verfasser, welches einer der Professoren anfängt, in deren
Hauptfach die Vorlesung gehört, an welchem aber jedes Facultäts-
mitglied theilzunehmen berechtigt ist. Die für die Abhandlung
u. das Colloquium zu wählende Sprache ist in der Regel die la-
teinische, nur ausnahmsweise die deutsche.

Nach geendigten Colloquium wird zur Abstimmung '" geschritten;


... der Beschluss wird dem Candidaten durch den Decan sogleich
eröffnet ...
§ 58. bestimmt, dass binnen 3 monatlicher Frist im grossen Hör-
saale über einen von der Facultät aufgegebenen oder genehmigten
Gegenstand eine öffentliche Vorlesung deutsch zu halten sei.
§ 59. Gebühren vor der Probevorlesung zu erlegen 25 Thl.

Sie werden also wahrscheinlich sehr bald von Simrock die Anzeige
bekommen, dass Sie zur Probevorlesung zuzulassen seien, und
im Laufe der nächsten 4 Wochen diese halten müssen. In der Char-
woche wird dies kaum geschehen können, also werden Sie wohl un-
mittelbar nach Ostern dazu kommen können. 2 )

Ihre Meldung ist Veranlassung geworden, dass noch ein anderer


Mathematiker, Assistent an der Sternwarte Dr. Schoenfeld sich
zur Habilitation gemeldet hat.

Ich freue mich sehr, Sie bald hier zu sehen, theils um unserer
alten Freundschaft willen, theils weil ich einen mathematischen
3)
Rathgeber brauche.
- 116 -

Denken Sie daran, dass wenn Plücker das Colloquiurn führt, er


wahrscheinlich mit grösserer oder geringerer Schnelligkeit bei
den Flächen 2ten bis 4ten Grades ankommen wird.

Suchen Sie sich in Königsberg gute Empfehlungen an Argelander 4)


zu verschaffen, ich bin leider mit ihm in kein rechtes Verhält-
niss gekommen, und Plücker fürchte ich, ist misstrauisch gegen
mich, weil ich viel mit Heine verkehrt habe. Mit bei den müssen
Sie sich gut zu stehen suchen, weil Sie am Anfang doch durch
Vermittelung der älteren Mathematiker streben müssen Zuhörer
zu bekommen. Beides sind Leute von ehrenwerther Gesinnung und
grossem Fleiss, beide tief in Arbeiten vergraben, aber Argelan-
der scheint ungeheuer eigensinnig, Plücker argwöhnisch und eitel
zu sein, und letzterem liegt die Parallele zwischen Ihnen und
Heine zu nahe, wie ich fürchte.

Meine Frau wollte Sie einladen, in unserer Wohnung abzusteigen,


und wenn Sie wollen, werden wir uns sehr freuen, Sie als unseren
Gast bei uns zu sehen, aber ich rede nicht zu, weil es für Sie
wohl besser ist, Plücker's Misstrauen möglichst zu schonen.

Ich muss schliessen, und hoffe Sie gleich nach Ihrer Ankunft
hier zu sehen, um Ihnen noch weitere Instructionen zu geben

Ihr H. Helmholtz

- * - * - * - * -

Heidelberg, 29.12.58.

Bester Freund

das Weihnachtsfest muss mir Zeit machen, die ich dem Andenken
an die Freunde weihen kann. Die vollständige und glänzende Er-
ledigung Ihrer Aufgabe über die electrische Vertheilung auf der
Scheibe hat mich sehr erfreut. Ich habe damals, an Jahn denke
ich, auch nach Bonn geschrieben, man möchte Ihnen meine Glück-
wünsche dazu bestellen. Können Sie gar eine anständige Methode
daraus herleiten, die Dichtigkeit zweier naher paralleler
Kreisflächen zu bestimmen, so wäre das ein wesentlicher Dienst
- 117 -

für die mathematische Physik.

Ich selbst war bei meinen akustischen Untersuchungen über Klang-


farbe der Vocale genöthigt wieder zu dem Problem der Luftbewe-
gung in Röhren mit offenen Mündungen zurückzukehren, und habe
auch einiye allgemeine Sätze über Stärke und Phase der Resonanz
solcher cylindrischen Röhren mit beliebiger Form der Mündung ge-
funden, welche meinen experimentellen Bedürfnissen genügen, nur
eine Constante ist im Allgemeinen immer unbekannt, nämlich die,
welche die Tonhöhe der Pfeifen bestimmt. Mit dem vollständigen
Problem, die Luftbewegung an der Mündung rein cylindrischer
Röhren zu bestimmen, bin ich nicht weiter gekommen. Für eine
von der cylindrischen wenig unterschiedene Röhre hatte ich es
schon früher fertig gemacht, und für practische Zwecke ist auch
das genügend, aber es peinigt mein mathematisches Gewissen doch
noch immer. Aber es lässt sich einsehen, dass man zur Lösung
dieser Aufgabe Potentialfunctionen brauchen würde, welche arn
Rande der öffnung wie die} (n ist eine + oder - ganze Zahl)
Potenzen der Entfernung von diesem Rande sich v~rhalten. In Be-
zug darauf ist mir eine neue Abhandlung von Riemann über die
hypergeometrischen Reihen (GöttingerAbhandl. Bd. VII.) inter-
essant gewesen, die ich auch Ihnen empfehlen möchte.

Mit der Mathematik sieht es übrigens unter den hiesigen Studen-


ten schlecht aus. Seit Hegel, der hier einst eine grosse Rolle
spielte, wird in Prima der Gymnasien gar keine Mathematik mehr
gelehrt, dafür 4 Stunden Philosophie. Hesse bringt seine Haupt-
vorlesungen nicht zu Stande; so hatte er für den letzten Winter
analytische Geometrie des Raumes wieder angezeigt; die fanden
aber die Studirenden zu schwer, und äusserten, dass sie die
der Ebene wohl gehört haben würden. Ausser Hesse ist nur noch
ein einziger Docent für Mathematik da, Cantor, welcher sich
aber wesentlich nur mit Geschichte der Mathematik beschäftigt,
~nd so scheint den Studirenden leider alle Vermittlung zwischen
dem Wenigen, was sie auf der Schule gehört haben, und Hesse's
Collegien zu fehlen. 5)

Mit meiner hiesigen Stellung habe ich allen Grund sehr zufrieden
zu sein. Mit der Gesundheit meiner Frau geht es nach Umständen
mässig gut; durch das früh eingetretene Winterwetter ist sie
allerdings seit November fast ganz arn Ausgehen verhindert worden.
- 118 -

Ihr Husten, der bis dahin sich sehr beträchtlich gebessert hat-
te, ist dabei wenigstens nicht schlimmer geworden, was im Winter
immer zu fürchten war; er wechselt sehr, ist aber doch immer
besser als in den besten Zeiten des letzten Jahres in Bonn.
Den Kindern geht es gut. Käthe hat schon mit einer Freundin
zusammen Privatunterricht bei einem Lehrer, und Richard wird
von Ostern ab die Schule besuchen müssen.

Mit der Musik ist es hier nicht viel. Es sind allerdings Con-
certe, ähnlich den Bonnensern arrangirt worden, aber die Orga-
nisation ist noch etwas jung, und man wagt noch nichts Grosses
zu unternehmen, und musikalische Freunde, die wir mit Spielen
quälen könnten, wie in Bonn haben wir hier noch nicht gefunden.

Herzlichste Grüsse für Ihre Frau, Jahn, Beer und andre Freunde.
Lassen Sie bald einmal wieder etwas von sich hören

Ihr H. Helmholtz

Der Facultätsvorschlag zu Caspary's Berufung ist schon seit


längerer Zeit in Carlsruhe. Seitdem soll sich die Badische Re-
gierung noch durch ihren Gesandten in Berlin haben erkundigen
lassen, und der Gefragte hat genannt, Caspary, welcher aber
sicher nach K. berufen werden würde, Schacht, welcher aber so
krank sei, dass er seinem Ende entgegen gehe, und Hanstein,
gegen den nichts einzuwenden sei.

- * - * - * - * -

Heidelberg, 6.3.59

Bester Freund

Sie werden ungeduldig auf meine Antwort gewartet haben. Wegen


der Züricher Stelle wusste Hesse nichts ordentliches, ich hoffte
dann mittelbar durch Bunsen und Kirchhof, die mit Clausius in
Briefwechsel standen, etwas zu erfahren, aber umsonst ...

Was nun meinen Rath betrifft, den Sie wünschen, so bin ich sehr
zweifelhaft, ob ich Ihnen zureden soll, eine Stelle am Polytech-
- 119 -

nicum in Zürich zu suchen, falls Ihnen nicht die vermehrte Geld-


einnahme wesentlich wünschenswerth ist. Die fremden Lehrer wer-
den von den Schweizern doch wesentlich als Miethlinge betrachtet,
und ziemlich rücksichtslos behandelt. Man kann sich von den
Schweizern allerdings isoliren, und ein zufriedenes Gemüth
findet unter den dortigen Deutschen immerhin eine ganz gute Ge-
sellschaft. Aber ich weiss nicht, ob eine Anstellung am Polytech-
nicum Ihre Aussichten für deutsche Universitäten gerade verbes-
sern würde, und ob der Verlust an Arbeitszeit genügend durch
andere Vortheile aufgewogen wird. Wenn Sie in Bonn sich dauernd
Zuhörer sichern können, in Ihrem Auskommen nicht genirt sind,
und reichliche freie Arbeitszeit behalten, meine ich ist das
die steilere aber mehr versprechende Bahn. Eine Stellung an der
Züricher Universität wäre im Ganzen allerdings günstiger; zu
der scheint aber Fick's Brief wenig Aussicht zu lassen. Clausius
muss ein Schüler von Dirichlet sein, durch letzteren würden Sie
also wohl am ersten auf jenen wirken können, wenn Sie weiter
darauf reflectiren. übrigens wenn Sie fortfahren tüchtige Arbei-
ten zu liefern und Ihre Zuhörer festhalten, kann es an preussi-
schen oder deutschen Universitäten wohl länger dauern, aber dann
sind doch die wesentlichen BürgschaLten für den endlichen Erfolg
da. 6)

Ihre Enttäuschung mit der electrischen Vertheilung auf der


Scheibe bedaure ich. Wenn aber Heine die Sache nicht ordentlich
fertig gemacht hat, bliebe das ja immer noch zu thun.

Ihr Satz über die electrischen Doppelschichten scheint mir sehr


wichtig zu sein. So viel ich weiss ist der andre über das Quan-
tum ungebundener Electricität noch nirgend ausgesprochen.

Ich selbst hab meine alte Arbeit über Schallbewegung in Pfeiffen


mit offenen Enden druckfertig gemacht, um sie in den nächsten
Tagen abzusenden. Das giebt wieder eine ganze Klasse andrer
Probleme, die den electrischen ähnlich sind, und mannigfache
Anwendung zulassen.

Mit der Gesundheit meiner Frau ist es im Januar und Februar


7)
nicht ganz so gut gegangen wie bis dahin.

H. Helmholtz
- 120 -

Heidelberg, d. 19.3.59

Bester Freund

ich muss Ihnen ein Gespräch mittheilen, ""elches ich heute mit
dem Director der polytechnischen Schule in Carlsruhe, Redten-
bacher hatte, weil es auf Ihr Verhalten in der Schweizer Ange-
legenheit von Einfluss sein kann, und Sie sich überlegen können,
was Sie eventualiter zu thun haben . ...

Es wäre hiernach also möglich, dass Sie einen Ruf nach Carlsruhe
bekämen. - Da es für Sie keine Lebensfrage ist, und auch wohl
einige Bedenken dabei sein könnten, so fürchte ich nicht, dass
eine ebenso mögliche Täuschung dieser Aussicht Ihnen gros ses
Herzweh machen würde. - Die dortige polytechnische Schule ist
das blühendste Institut der Art in Deutschland; sie hat jetzt
800 Eleven, so dass die Wirksamkeit als Lehrer dort eine ausser-
ordentlich ausgebreitete ist. Redtenbachers Direction ist jeden-
falls sehr intelligent, aber wohl auch etwas tyrannisch. Die
Stelle, äusserte er, sei eine sehr gute. Das Leben in Carlsruhe
ist, wie ich glaube, sehr angenehm ( es sind genug intelligente
Leute dort zusammen. Aber allerdings fehlt an der polytechni-
schen Schule die akademische Freiheit, und die Leute lernen
nicht um der Wissenschaft willen, sondern um der Anwendung wil-
len. - übrigens ist die Schule auch das Lieblingsinstitut der
Regierung, und alle äusseren Hülfsmittel, welche nöthig scheinen,
werden reichliehst bewilligt. 8)

Soviel zur vorläufigen überlegung. Mir geht es gut, meine Schall-


theoreme habe ich endlich an Borchard expedirt; die Ferien sind
mir sehr willkommen. Meiner Frau geht es auch erträglich gut,
das milde Frühlingswetter scheint die Schäden vom Winter wieder
auszubessern. In 8 Tagen will ich nach München, um die Stiftung
der Akademie feiern zu helfen.

Grüssen Sie Jahn, O. Weber und andre Freunde, vor allen Ihre
Frau, und befördern Sie gefälligst Einliegendes an Ihren Nach-
bar überweg.

Ihr H. Helmholtz
- 121 -

Heidelberg, 10.9.62

Bester Freund

ich hoffe, dass Ihre übersiedelung nach Breslau glücklich vor


sich gegangen ist, und Sie einigermassen wieder in Ordnung sind. 9)
Dass wir beide dieselben mathematischen Gedanken gehabt haben,
ist ein gutes Zeichen. Denn das pflegt nur vorzukommen bei Ge-
danken, welche in dem natürlichen Entwickelungsgang der Wissen-
schaft liegen, und das pflegen deshalb gute und brauchbare Ge-
danken zu sein. Sie sind mir der Zeit nach weit voraus, denn
ich stiess darauf erst im vorigen October, indem ich mich wieder
meiner alten fixen Idee, der Schallbewegung in einer Orgelpfei-
fe zuwandte, und nach einem Mittel suchte mathematisch aus einer
geraden Kante eine kreisförmige zu machen. Denn an der Kante
der öffnung der Pfeife werden die Luftgeschwindigkeiten dis-
continuirlich, und da steckt die Schwierigkeit . ...

Ihr H. Helmholtz

- * - * - * - * -

Heidelberg, 18. Febr. 1868

Geehrter Freund 10)

Was die Arbeiten betrifft, so habe ich seit Vollendung der


Physiologischen Optik, allerlei herumgediftelt, ohne grosse Re-
sultate; dazwischen waren noch die französischen übersetzungen
von der Optik und den Tonempfindungen durchzusehen. Philosophi-
sche Studien zur Theorie der Sinnesempfindungen haben mich viel
beschäftigt, darunter eine mathematische, ein analytischer Ver-
such über die algebraisch möglichen Systeme der Geometrie und
den Ursprung der geometrischen Axiome; dann auch Mechanik der
Gehörknöchelchen, wobei die Schwingungen gekrümmter Membranen
(eine solche ist das Trommelfell) eine wesentliche Rolle spie-
- 122 -

len. Das ist aber alles noch embryonal . . . .

In treuer Freundschaft
Ihr H. Helmholtz.

- * - * - * - * -

Heidelberg, 2. Juni 1868

Lieber Freund 11)

[Helmholtz berichtet zunächst (wie in einem vorangegangenen


Brief vom 29.5.68) über Einzelheiten seiner Berufungsverhand-
lungen, insbesondere finanzielle Forderungen. Offiziell ist
der Ruf nach Bonn nie ergangen; die Briefe zeigen aber, daß er
diese Möglichkeit sorgfältig geprüft hat.]

Sie sehen, ich habe Beseler die Elemente der Berechnung mitge-
theilt, die er wohl nach Berlin senden wird. Sollte nicht, wie
Springer mir sagte, ein physik. Institut gebaut werden, und will
mir die Preuss. Regierung einen Theil aer Summe als Wohnungs-
entschädigung geben, bis sie mir eine Dienstwohnung geben kann,
will sie meiner Frau ein anständigeres Witwengehalt aus anderer
Quelle geben, so lies se sich darüber verhandeln. Aber es ist
nicht meine Sache darüber Vorschläge zu machen. Aber von meinem
festen Einkommen oder dessen Äquivalent etwas aufgeben, um es
durch Honorare zu decken, die mir durch Krankheit oder andere
unglückliche Zufälle vielleicht einmal für ein oder mehrere Se-
mester ausfallen könnten, das kann ich am Ende meiner Familie
gegenüber nicht verantworten und noch weniger kann ich der
Preussischen Regierung zugeben, mir abzuziehen am Gehalt, was
vielleicht durch meine Anwesenheit in Bonn an den Honoraren und
der Zahl der Studierenden besser werden könnte.

Ich muss auch gestehen, dass ich der Badischen Regierung gegen-
über, die mich wirklich mit der ausgezeichnetesten Bereitwillig-
keit und Zuvorkommenheit behandelt hat, ein verlegenes Gesicht
zu machen hätte, wenn ich um eines kleinen Vortheils willen
abziehen wollte. Auch würde sie dann versuchen, mich zu halten,
- 123 -

und ich müsste ihnen unter annähernd gleichen Bedingungen billi-


ger Weise den Vorrang lassen. - Es kommt mir auch wie eine Art
Pflicht gegen die Collegen überhaupt vor. Die Deutschen Regie-
rungen, die Preussische insbesondere, müssten sich gewöhnen,
ihren Gelehrten anständigere Lebensstellungen zu geben. Ich bin
nur durch günstige Umstände in die Lage gekommen, fordern zu
können. Schlägt es die Regierung auch ab, so muss sie sich doch
an den Gedanken gewöhnen, dass andre Regierungen dergleichen
Forderungen bewilligen.

Betreffs des Mathematikers bin ich ganz mit Ihnen einverstanden.


Können Sie Jemanden, wie Kronecker gewinnen, dann ist es ein
Gewinn, dann kann in Bonn eine hervorragende Schule der Mathe-
matik entstehen. Aber Sie haben ganz Recht, eine Kraft zweiten
Ranges als Ordinarius würde Ihnen vielleicht mehr verderben als
helfen. Sie müssen entweder Ihr Seminar allein in der Hand be-
halten, oder nur einen wirklich ausgezeichneten Collegen als
Mitdirector zulassen. Wenn Sie diese Alternative stellen, kann
auch Niemand Ihre Motive verdächtigen, woran man in Bonn ja im-
12)
mer denken muss.

Mit besten Grüssen an Ihre Frau u. A. Jahn

Ihr H. Helmholtz

- * - * - * - * -

Heidelberg, 5. Juni 1868

Verehrter Freund

Plücker hat nur im Winter Physik gelesen. Können Sie mir darüber
Aufschluss geben,. ob Wülner sie im Sommer gelesen hat, und etwa
mit erheblicher Zuhörerzahl? Die theoretische Physik und das
physikalische Prakticurn würden natürlich keine erheblichen Hono-
rare ergeben. Das sind Dinge, die man der Ehre und der Wissen-
schaft wegen treibt und leistet, und werden, wie alles Beste
arn Menschen nicht bezahlt. Es bliebe mir dann noch Physiologie
der Sinne, die ich nicht aufgeben möchte, wogegen auch, wie ich
"
g I au b e, Pfl uger 13) ke~ne
' E"~nwenaungen mac h
en "
wur d e (~ch
. muss mich
- 124 -

dessen natürlich erst versichern) und welche nach irdischem Ge-


sichtspunkte vortheilhaft sein könnte. Meine "Resultate der
Naturwissenschaften", die hier am meisten besucht sind, sind
so eine Art populären Amüsements, welches ich eigentlich nicht
fortsetzen möchte, um nicht als Rival von Schaafhausen betrach-
tet zu werden.

Beseler spricht sich troz dieser Liste in seinem Briefe ziemlich


zuversichtlich aus, und als ob die Sache sehr beschleunigt wer-
den sollte.

Mit besten Grüssen


Ihr H. Helmholtz

- * - * - * - * -

Heidelberg, 7. Juni 1868

Lieber Freund

besten Dank für Ihre schnelle Antwort. Ich habe unter diesen
Umständen den in Abschrift beiliegenden Brief an Beseler schrei-
ben müssen, um mich nicht der Gefahr auszusetzen, dass mir die
Preussische Regierung entsprechend meinem früheren Briefe ein
nach ihrer Meinung ungewöhnlich reichlich bemessenes Gehalt an-
geboten hätte, was ich dann doch hätte abweisen müssen. Es wird
unter diesen Umständen das was ich fordern müsste, um mit Ehren
und Berücksichtigung aller zu nehmenden Rücksichten den Ruf an-
nehmen zu können, so in das für Preussische Verhältnisse Unge-
wöhnliche hineingeschraubt, dass ich nicht wohl selber Vorschlä-
ge in dieser Beziehung machen kann. Aber Plücker hat offenbar
seine Stelle verkommen lassen, und muss die Studenten schändlich
gelangweilt haben, wenn er so gering besetzte Collegia hatte,
wo diese nicht Zwangscollegia waren. Da erklärt es sich wohl,
dass, wie Beseler schreibt, er nicht gern Collegia las, sondern
seine Zeit mehr litterarischen Arbeiten widmete.

Unter diesen Umständen fehlt leider jeder Massstab für das, was
aus der Stelle werden könnte. Natürlich verdoppelt sich die Zu-
hörerzahl der Experimentalphysik nicht für das Jahr, wenn man
- 125 -

das Colleg zweimal liest; und für die theoretische Physik und
die praktischen übungen müsste man sich die Leute erst heranzie-
hen. Das geht aber sehr langsam, wie ich an den entsprechenden
Verhältnissen hier gesehen habe, wo das rein wissenschaftliche
Interesse erst jetzt allmälig zu wachsen und sich auszubreiten
anfängt.
Ich sehe bei dieser Gelegenheit einmal wieder, wie schwer es
ist, sich von der gut nährenden Milchkuh der medicinischen Fa-
cultät zu trennen, wenn man einmal an ihren Brüsten liegt, und
zu der keuschen Muse der philosophischen Facultät sich hinzu-
wenden. Wenn man aber 4~ Kinder hat, und eine Menge menschli-
cher Verbindungen und Verpflichtungen, und ausser den Producten
des eigenen Gehirns nichts, um davon zu leben, ist es schwer
nicht ein niedriger Rechner und Materialist zu werden, wofür
Sie mich nun vielleicht halten werden.

An die Möglichkeit, dass Pflüger selbst die Physiologie der


Sinne als gesondertes Colleg lesen würde, hatte ich nicht ge-
dacht, weil er nie darin gearbeitet hat. Bitte, sagen Sie ihm
nichts von meiner Frage in dieser Beziehung. Sollte es doch noch
nöthig werden, sie ihm zu stellen, so werde ich es selbst thun.
Aber ich muss sagen, es würde mir schwer werden, die Physiologie
der Sinne aufzugeben, weil es der Gegenstand ist, mit dem ich
mich am meisten in meinem Leben beschäftigt habe; und eine Riva-
lität darin mit Pflüger würde mir äusserst unangenehm sein.

Vorgestern hat Frau Weber die sehr schön gearbeiteten Relief-


porträts unseres verstorbenen Freundes erhalten; zwei sind auf
dem Wege nach Bonn.

Grüssen Sie die Freunde, und zürnen Sie mir nicht, wenn ich Ih-
ren Wünschen und Ihrer guten Meinung nicht so schnell folge, wie
ich es vielleicht thun würde, wenn ich ungebundener wäre

Ihr
H. Helmholtz

- * - * - * - * -
- 126 -

Heidelberg, 4 Jan 1869 14)

Lieber Freund

ich bedauere es im höchsten Grade, dass ich Ihnen statt der


Neujahrswünsche die Nachricht von dem Scheitern unserer im vo-
rigen Jahre gehegten Pläne senden muss. Das Preussische Kultus-
ministerium und ich selbst stehen auf zu weit verschiedenen
Standpuncten in dieser Sache, als dass eine Vereinigung mit
einiger Aussicht auf gedeihlichen Erfolg zwischen uns möglich
gewesen wäre. Vielleicht wäre es mir gelungen, ihnen eine Geld-
bewilligung abzudrücken, mit der ich mich hätte beruhigen kön-
nen, wenn ich mich auf längeres Schachern hätte einlassen wol-
len und dürfen; aber das wollte ich nicht, brauchte ich nicht
und durfte ich nicht.
Ich habe im Sommer Olshausen gegenüber eine Forderung gestellt,
dieselbe, die ich Ihnen genannt habe. Ich bin mit grossem Wi-
derstreben überhaupt daran gegangen eine solche zu stellen; der
Erfolg lehrt, dass mein Widerstreben gerecht war, und dass ich
einen Fehler gemacht habe, als ich davon abgegangen bin. Das
Richtige wäre gewesen für mich, bei der Auseinandersetzung mei-
ner hiesigen Einkünfte stehen zu bleiben, und abzuwarten, ob
und was sie mir bieten wollten. Dann konnte dies angenommen
oder abgewiesen werden ohne Kränkung eines beider Theile.

Als ich mich aber zur Stellung einer Forderung drängen liess,
konnte ich mich nicht entschliessen meinen Namen und meine Lei-
stungen in Geld zu taxiren, sondern ich habe gemeint, und dies
Olshausen gegenüber ausdrücklich hervorgehoben, eine bescheide-
ne Forderung zu stellen, indem ich nur eine mässige Differenz
in Betracht der unberechenbaren Unsicherheiten bei der Über-
siedelung einer grossen Familie in ganz neue Verhältnisse fest-
hielt, und mich gegen jede Missdeutung durch das weiter aus-
drücklich angeführte Factum gedeckt hielt, dass ich eine ent-
sprechende Anerbietung von Seiten österreichs schon factisch
ausgeschlagen hatte.
Unter diesen Umständen und nach diesen Auseinandersetzungen
war der Weg, den das Kultusministerium gegen mich eingeschlagen
hat, einfach eine Beleidigung. Beseler war nämlich beauftragt
mich herabzuhandeln, erst um 600 Thl, dann um weniger, schliess-
- 127 -

lich sollten wenigstens kleine Sümmchen wie 50 Thl für das Se-
minar, gewisse Examinationsgebühren in Anrechnung gebracht wer-
den. Sein Maximum schien 3600 zu sein; eine direct darauf ge-
stellte Frage verweigerte er zu beantworten.

übrigens muss ich zu seiner Ehre erwähnen, dass man ihm die von
mir gestellte Forderung und deren Motivirung gar nicht mitge-
theilt hatte, und dass er selbst, als ich das that, in nicht
geringe Verlegenheit zu ger athen schien über die Rolle, die man
ihm zuertheilt.
Sobald so viel constatirt war, war für mich jede weitere Unter-
handlung unmöglich geworden. Ich wollte sogleich abbrechell;
Beseler hielt mich so weit fest, dass ich noch brieflich zu
antworten versprach. Ich fühl~e mich zu aufgeregt, als dass ich
gewagt hätte im Augenblick eine Entscheidung zu treffen, welche
lang gehegte Pläne und die Hoffnungen meiner Freunde vernichtete.

übrigens will ich nicht leugnen, dass eben weil ich meine For-
derung nur als Entschuldigung betrachtete, ich jetzt nachdenl
man mich Monate lang ohne irgend eine auch nur private Nach-
richt über die Absichten der Regierung gelassen und mit Clausius
anzuknüpfen versucht hat, ich, wenn es zu einer weiteren Dis-
cussion hätte kommen können, meine jetzige Forderung den in-
zwischen veränderten Umständen angepasst haben würde.

Das war nun abgeschnitten; ich habe noch einige Tage gesucht,
ob ein Ausweg möglich sei, um die Rücksichten, die ich Ihnen
und den Medicinern in Bonn für Ihre Anstrengungen und für die
Widerwärtigkeiten, die Sie meinetwegen auf sich genommen haben,
schulde, zu vereinigen mit der Rücksicht, die ich meiner Stel-
lung schuldig bin; habe mich aber endlich überzeugt, dass jede
Transaction mich jetzt in die Nothwendigkeit setzen würde, über
etliche hundert Thaler hin und her zu handeln, und die Preussi-
sche Regierung nur gar erst zu der Missdeutung meiner Motive
zu berechtigen scheinen würde, die in ihrem Antrag lag.

Ich musste der vollkommenen und unbedingten Achtung meiner wis-


senschaftlichen Stellung und meines Characters bei der Preussi-
schen Regierung sicher sein, um den Kampf gegen die widerstre-
benden Elemente der Facultät aufnehmen zu können, und um der
willigen Gewährung der jetzt noch gar nicht zu berechnenden
- 128 -

Mittel zur Entwicklung des physikalischen Institutes in ein


praktisches Laboratorium sicher zu sein, für welche sich im
Augenblick noch keinerlei äussere Garantie geben lässt.

Dass diese Achtung und diese Bereitwilligkeit, die ich bei der
Badischen Regierung im höchsten Grade finde, bei denjenigen
Gliedern des Preussischen Cultusministerium, mit denen ich
zu thun haben würde, nicht vorhanden sind, darüber liess mir
die widerfahrene Behandlung keinen Zweifel. Damit war mir auch
jede Sicherheit für eine wirkliche Verbesserung meiner wissen-
schaftlichen und lehrenden Thätigkeit beim übergange nach Bonn
genommen.
Die Freudigkeit, mit der ich die Sache anfangs aufgegriffen
hatte, war mir allerdings schon im August geknickt worden, als
ich die Stimmung eines gros sen Theils der Collegen und die Com-
promisse, die Sie meinetwegen geschlossen haben, kennen lernte;
aber ich habe noch bis in diese Ferien hinein meine Ergänzungs-
studien der Physik getrieben, und ging noch mit dem Glauben
nach Mainz, die Sache dort schnell abschliessen zu können.

Ich habe vorgestern und gestern schon Beseler und unseren


Minister Jolly benachrichtigt, dass ich in Heidelberg bleibe.
Wenn hier meine Einnahmen auch etwas kleiner bleiben, als sie
in Bonn geworden wären, bleibe ich in einer vollkommen unange-
tasteten Stellung, in der mir von allen Seiten fortdauernd
die Beweise von grösster Bereitwilligkeit und Achtung entgegen /
gebracht werden.
Ich bitte Sie diesen Brief Jahn, Pflüger und andern Freunden
mitzutheileni doch möchte ich nicht, dass er etwa öffentlich
gebraucht würde, deshalb bitte ich Sie, ihn nicht so aus den
Händen zu geben, dass Abschriften gemacht werden könnten.

In treuer Freundschaft
Ihr H. Helmholtz

- * - * - * - * -

Auf der letzten Seite dieses Briefes findet sich folgende


Notiz von Lipschitz' Hand:
- 129 -

Antwort

Bonn d. 9ten Januar 1869.

Als ich Ihren Brief gelesen hatte war ich tief betrübt, weil
ich aus demselben mir Ihre Handlungsweise nicht erklären konnte.
Gestern kam Beseler zu mir, und gab aus persönlichem Antheil
eine Erzählung der zwischen Ihnen und ihm gepflogenen amtli-
chen Verhandlungen. Jetzt bleibt mir nur noch der Wunsch, dass
Ihr Verfahren Ihnen selbst immer richtig erscheinen möchte. Der
Grund meiner Gesinnungen gegen Sie ist aber so tief, dass ich
Ihnen auch dies nicht verschweigen kann. In schmerzlicher Be-
wegung

R. Lipschitz

- * - * - * - * -

Berlin 16 Octb. 1872.

Verehrter Freund

besten Dank für den Fehler in der Erhaltung der Kraft, auf den
Sie mich aufmerksam gemacht haben, um so mehr, da ich mit Her-
ausgabe einer neuen Auflage oder vielmehr Umarbeitung umgehe,
und in diese Schlinge wahrscheinlich wieder gefallen wäre.
Für 2 Puncte bleibt übrigens die Sache ungeändert, wenn man
das Princip von der Erhaltung des Rotationsmoments (und des
Schwerpuncts) hinzunimmt, da diese fordern, dass die Kräfte
nach der Verbindungslinie gerichtet sind, aus Ihrer Ableitung
dagegen hervorgeht, dass die componenten

(X _ dU) (Y _ dU) (Z _ dU)


dx dy dz

senkrecht zur Bahnlinie seien.


Bei meinen neueren Betrachtungen hatte ich nur C. Neumann's
Voraussetzung im Sinn, dass der Ausdruck der potentiellen
Energie in der Hamilton'schen Form die Geschwindigkeiten ent-
halten könnte. Dann können in die Kräfte die d2~ etc. hinein
dt
- 130 -

neben den ~~. Wenn aber die Kräftefunction die Geschwindig-


keiten nicht enthält, bleiben auch die Kräfte von ihnen und von
den Beschleunigungen unabhängig.

Und wahrlich, was die äusserlichen Vortheile meiner Berliner


Stellung betrifft, so sind sie unter gegenwärtigen Umständen
wirklich nicht so gross, und durch ein enormes Arbeitspensum
so reichlich aufgewogen, dass der Neid sich darüber nicht zu
erhitzen brauchte. Im Wesentlichen aber bin ich zufrieden;
ich kann mich concentriren auf die Gegenstände, zu denen ich
am meisten Neigung habe, und habe gute Gelegenheit auf Schüler
einzuwirken; auch ist es mir mit meiner Gesundheit im Ganzen
gut, vielleicht sogar besser als in Heidelberg gegangen.

Den Meinigen geht es gut. Grüssen Sie bestens Ihre Frau.

Ihr H. Helmholtz

- * - * - * - *

Baireuth, 15.8.76

Verehrter Freund ...

Ich bin im Augenblicke mit meiner Frau einer Einladung hierher


gefolgt. Zwei von Wagners Nibelungenopern haben wir schon ge-
sehen; leider fällt die dritte heut aus, da Herr Betz heiser
geworden. Wo Wagner gesunde menschliche Motive zu behandeln
hat, bringt er sie zu einer Intensität des Ausdrucks, die ganz
fortreissend ist. Der erste Act der Walkyre gehört geradezu
mit zu dem Schönsten urld Phantastischsten [?], was die Opern-
bühne je gezeigt hat. Das viele Mythologische dazwischen ist
merkwürdig geschickt behandelt, aber doch nicht eigentlich
musikalisch lebendig, oder wenigstens nur theilweise so; wo
sich aber Schopenhauersche Philosophie oder seine theoretischen
Wunderlichkeiten einmischen, ist er auch oft ganz öde und ab-
strus. übrigens ist eine merkwürdige Versammlung von musikali-
schen und andern Berühmtheiten hier.
- 131 -

Berlin.N.W. 2. März 1881


16. Neue Wilhelmstrasse

Verehrter Freund 15)

es hat mich und die Meinigen sehr gefreut Ihren Sohn hier
kennen gelernt zu haben, der einen sehr guten Eindruck macht.
Gestern ist er zum Fastnachtdienstag nicht gekommen; da hätte
er tanzen können. Der folgende Dienstag wird wohl älteren
Leuten und verständigeren Vergnügungen anheim fallen.

Ich habe mit Interesse gesehen, dass Sie auch auf meine Ideen-
gänge in der Erkenntnistheorie gefallen sind. 16 ) Das ist mir lieb
und macht mir Muth, obgleich ich die Hoffnung gänzlich aufge-
geben habe, eine Reformation der Philosophie selbst noch zu er-
leben. In meinen Gedanken schimpfe ich wie Schopenhauer auf
die Philosophen von Fach; aber ich will es nicht zu Papier
bringen. Meistens sind es doch nur impotente Bücherwürmer, die
nie ein neues Wissen erzeugt haben, also auch gar keine Ah-
nung davon haben, wie es dabei zugeht. Jeder liest npr sich
selbst, und ist unfähig, sich in die Gedanken anderer hinein-
zudenken. Wenn ich aber sehe, daß di~ Mathematiker und Physiker
allmälig in meine Wege einlenken, so habe ich wenigstens Hoff-
nung für die Zukunft.
Dass ich bei den Fachleuten, die ihr Leben lang entgegengesetz-
te Meinungen gepredigt haben, auf hartnäckigen Widerstand stossen
würde, habe ich natürlich erwartet, aber dass sie troz aller
Mühen, die ich mir gegeben habe, immer von anderen Seiten meine
Meinung auseinanderzusetzen, nur die abenteuerlichsten Miss-
verständnisse herauslesen würden, darauf war ich nicht gefasst.
Dagegen weiss ich nicht zu helfen; und dann empört mich immer,
so oft ich mir auch vorgeno~IDen habe mich nicht empören zu
lassen, die Unverfrorenheit, mit der Leute, die nicht den klein-
sten geometrischen Satz zu fassen vermögen, in der sicheren
überzeugung überlegener Weisheit über die schwierigsten Probleme
der Ra~.theorie absprechen.
Schliesslich aber wäre es für die Sache doch nützlich, wenn Sie
Ihre überlegungen einmal ausarbeiteten und veröffentlichten.
Es hat doch mehr Gewicht, wenn sich allmälig herausstellt, dass
die Leute, welche mathematische Fragen tief studiert haben, als
- 132 -

Klasse, so urtheilen müssen. Der Einzelne, wenn auch ein Rie-


mann, wird immer als ein schrullenhafter Querkopf behandelt,
der in einem fremden Gebiete dilettiert. Freude dürfen Sie sich
davon wenig versprechen, aber man muss doch dafür sorgen, dass
die Gemeinde der Einsichtigen allmälig wächst,.

Schliesslich ist der falsche Rationalismus und die theoretisie-


rende Spekulation doch der schwerste Mangel unserer deutschen
Bildung nach allen Richtungen hin.
Viele Empfehlungen Ihrer Frau
Ihr H. Helmholtz

- * - * - * - * -

21 Febr. 1886

Verehrter Freund ...

übrigens halte ich auch die allgemeinen Speculationen über die


möglichen Krystalsysteme für eine durchaus nothwendige Vorbe-
dingung für eine wirklich wissenschaftliche Gestaltung der Mi-
neralogie (im engeren Sinne), wenn diese über die blos natur-
historischen Aufzählungen der Eigenschaften hinauskommen will.

P.S. Besten Dank für Ihre neue Abhandlung. Die Quaternions


kenne ich nur oberflächlich; Grassmann's Ausdehnungslehre war
mir immer eine bequemere Form. Für die mathematische Physik
ist aber in der That die Rechnung mit gerichteten Grössen ein
Bedürfniss.

- * - * - * - * -

Anmerkungen und Fußnoten

Hermann v. Helmholtz (1821-1894) war einer der führenden Wis-


senschaftler des 19. Jahrhunderts und gilt als das letzte große
Universalgenie, dessen wissenschaftliches Werk nicht nur Natur-
wissenschaf~en (insbesondere Physik, Medizin, Physiologie) und
- 133 -

Mathematik umfaßte, sondern bis zur Philosophie und den Künsten


reichte. Durch seine brillanten populärwissenschaftlichen Vor-
lesungen übte er breiten Einfluß aus und trug entscheidend zur
allgemeinen Anerkennung der Bedeutung naturwissenschaftlicher
Forschung bei, die er mit als einer der ersten in großen Labora-
torien systematisch organisierte.

Sein Leben und Werk ist ausführlich dargestellt in Koenigsber-


gers Biographie: "Hermann von Helmholtz" , Braunschweig 1902/1903.
Er war 1821 in Berlin geboren, studierte dort Medizin und Na-
turwissenschaften und wurde zunächst Regimentsarzt in Berlin,
verfaßte aber schon in dieser Zeit eines seiner grundlegenden
physikalischen Werke "über die Erhaltung der Kraft" (Energie-
erhaltungssatz). Von 1849 bis 1855 war er Professor für Phy-
siologie in Königsberg, danach wirkte er drei Jahre in Bonn.
1858 ging er nach Heidelberg, wo er 13 Jahre lang hauptsächlich
über Sinnesphysiologie arbeitete, sich aber später mehr der
Physik zuwandte. 1871 wurde er auf den physikalischen Lehrstuhl
nach Berlin berufen, wo er zum anerkannten Führer der deutschen
Naturwissenschaften und wesentlichen Ratgeber der preußischen
Regierung in allen wissenschaftlichen Angelegenheiten wurde.
Mit Mathematik beschäftigte er sich in erster Linie im Zusam-
menhang mit Problemen der theoretischen Physik (Hydrodynamik
und Elektrodynamik); es interessierten ihn aber auch grundle-
gende Fragen der Geometrie (Riemann-Helmholtz-Liesches Raum-
problem) .

Mit Lipschitz, den er Anfang der 50er Jahre im Hause Dirichlets


in Berlin kennengelernt hatte, verband ihn eine lebenslange
Freundschaft. Die 21 Briefe an ihn zählen zu den wertvollsten
des gesamten Nachlasses. Ihr frischer und lebendiger Stil un-
terscheidet sich auffallend von den sehr förmlichen und oft
geschraubten Briefen der Mathematiker dieser Zeit.

Fußnoten

1) Für weitere Informationen über die Mathematik und die Naturwissenschaften


in Bonn, insbesondere auch über J. Plücker (1801-1868) wird auf die Beiträge
von Krull und Peschl in Beck et al. [1970] verwiesen. Die Bedeutung Plückers
wird von Helmholtz zweifellos nicht richtig eingeschätzt.
- 134 -

2) Das Manuskript des Habilitationsvortrages, der am 27.4.1857 gehalten


wurde, ist im Nachlaß noch vorhanden. Es ist ein hochinteressantes Dokument,
in dem Lipschitz über die höheren Reziprozitätsgesetze berichtet. Vgl.
Scharlau [1986].

3) Dies könnte sich auf die große Arbeit "Über die Integrale der hydrody-
namischen Gleichungen ... " beziehen, die 1858 erschien.

4) F.W.A. Argelander (1799-1875), der bedeutende Bonner Astronom (vgl. eben-


falls Beck et al [1970]).

5) M. Cantor (1829-1920), der vierbändige "Vorlesungen über Geschichte der


Mathematik", Leipzig 1880-1908 verfaßt hat, die zu einem Standardwerk ge-
worden sind.

6) Es ist nicht ganz klar, worum es hierbei geht, möglicherweise um die


französischsprachige mathematische Professur, die gleichzeitig mit der
deutschsprachigen Anfang 1858 ausgeschrieben worden war. Die letztere war
seit Mai 1858 durch Dedekind besetzt, der Zürich erst im Frühjahr 1862 ver-
ließ (vgl. Dedekind [1985], Anhang).

7) Heimholtz' Frau Olga geb. von Velten starb Ende des Jahres 1879.

8) Die Karlsruher Polytechnische Schule war in der Tat das führende Institut
dieser Art im deutschsprachigen Raum und Vorbild für eine Reihe ähnlicher
Gründungen, insbesondere für die in Zürich, die spätere ETH.

9) Lipschitz hatte 1862 einen Ruf, als Nachfolger Dedekinds nach Zürich zu
gehen, erhalten, jedoch abgelehnt, als sich die Möglichkeit eröffnete, eine
Stelle als Extraordinarius in Breslau zu besetzen.

10) In diesem Brief schreibt Helmholtz auch von seinen familiären Verhält-
nissen; er hatte 1861 wieder geheiratet.

11) In diesem und den folgenden Briefen geht es um die wohl wesentlich von
Lipschitz initiierten Bemühungen, Helmholtz als Nachfolger von Plücker für
die physikalische Professur zu gewinnen. Da die Verhandlungen schon bald
scheiterten, ist der Ruf offiziell nie ergangen; Nachfolger wurde R. Clausius
(1822-1888). Ein weiterer Brief in dieser Angelegenheit ist in Faksimile ab-

gedruckt.
- 135 -

12) Vgl. hierzu den Briefwechsel mit Kronecker.

13) E.F.W. Pflüger (1829-1910) war seit 1859 Nachfolger Heimholtz' auf dem
Lehrstuhl für Physiologie, hatte sich (mangels apparativer Ausstattung) mehr
der Histologie zugewandt.

14) Zwischen dem 7.6.68 und 4.1.69 gibt es noch drei weitere Briefe von
Helmholtz mit weniger interessanten Einzelheiten über die Berufungsverhand-
lungen (vom 19.6., 27.6. und 30.11.). In einem schreibt er allerdings über
die experimentellen Arbeiten, die an seinem Institut durchgeführt werden;
dies könnte für Physiker und Physiologen interessant sein.

15) Dieser Brief wurde abgedruckt in Deutsche Allgemeine Zeitung Nr. 453
Beiblatt vom 27.9.1932.

16) Es ist nicht bekannt, auf was sich diese Bemerkung bezieht. In Publika-
tionen hatte sich Lipschitz nie zu philosophischen Themen geäußert.
- 136 -

BRIEFWECHSEL MIT CH, HERMITE *)1)

Hermite an Lipschitz 2)

St. Sauveur (Hautes pyrenees)


19 Aout 1877

Monsieur,

Vous m'offrez une occasion que je saisis avec empressement, de


me rappeler a votre bon souvenir, en venant vous remercier du
premier volurne de votre traite d'Analyse que vous m'avez fait
l'honneur de m'envoyer. Je n'ai pu encore faire de cette oeuvre
considerab~e l'etude suivie qu'elle demande, mais a un premier
aperru, j 'ai eu le plaisir de voir que pour l'Algebre vous avez
adopte une division des matieres que j'ai egalement suivie dans
le calcul integral, en traitant d'abord des fonctions d'une
variable, et ensuite des fonctions et systemes de fonctions,
d'un nombre quelconque d'indeterrninees. Je me demande seulement,
si cet ordre plus naturel et plus logique, peut au point de vue
pratique, se concilier entierement avec cette necessite de
l'enseignement elementaire de graduer avec le plus grand soin
les difficultes. C'est votre chapitre 11, ou vous traitez d'une
maniere extrernement approfondie, des fonctions entieres d'une
variable et des equations algebriques de degre quelconque a une
inconnue, qui a cet egard me cause quelque scrupule, les equa-
tions du premier degre a plusieurs inconnues, et meme la theorie
des forrnes quadratiques, me semblant d'un acces plus facile pour
les cornrnenyants. Mais combien, Monsieur, vous avez eu raison,
a mon sens, de faire de cette theorie, l'une des bases fondarnen-
tales de 1 'Analyse. C'est la une de ces modifications dans
l'enseignement elernentaire que les travaux de notre temps
reclarnent irnperieusernent, et vous aurez rendu un signale service
en mettant a sa veritable place, l'etude des forrnes quadratiques

*) Anmerkungen und Fußnoten folgen auf S. 145


- 137 -

que je ne vois point figurer dans le plupart des traites d'Al-


gebre.

Vous tenez, Monsieur, l'un des premiers rangs parmi les


geometres inventeurs de l'Allemagne, et en consacrant votre
beau talent a un traite complet d'Analyse, en faisant sentir
votre superiorite d'Analyste dans l'exposition des principes.
de la science, vous contribuerez largement a ses progres en
vous creant des disciples et des continuateurs.

C'est avec les sentiments de la plus haute estime, que je vous


prie, Monsieur, de me croire.

Votre bien sincerement devoue


ch. Hermite

- * - * - * - * -
3)
Lipschitz an Hermite

13 Novembre 1877

Monsieur,

Veuillez accepter mes remerciements les plus vifs de la rare


bonte que vous m'avez temoignee en recevant mon traite d'analyse.
Vous dessinez en maltre les buts principaux que j'ai eu en vue,
et vous signifiez quelques doutes sur l'arrangement de la partie
algebrique, qui se rapprochent aux reflexions dont j'ai ete
occupe longtemps. Mais enfin je suis parvenu a croire que l'en-
tendement du theoreme fondmaental des equations algebriques
exige avec necessite des commen~ants un effort taut particulier,
et qu'un chemin plus long qui mene a la demonstration en appre-
na nt comme on puisse trouver une racine d'une equatian par le
calcul, soit preferable a un chemin plus court mais moins
lumineux. C'est le meme principe que je suivrai en exposant les
fondements du calcul integral au deuxieme volume, qui me sera
plus facile a achever en me rappelant votre jugement bien-
veillant du premier.

- * - * - * - * -
- 138 -

Hermite an Lipschitz

Monsieur,

Votre bonne lettre me rappellerait si je pouvais jamais les


oublier les souvenirs de mon voyage a Gottingue que je compte
parmi les meilleurs de ma vie sCientifique. Qu'elle impression
profonde ais-je eprouve a voir pour la premiere fois les emi-
nents geometres dont les oeuvres sont depuis tant d'annees
l'objet de mes etudes, et qu'elle reconnaissance ne dois-je
point garder du bienveillant accueil que j'ai re~u d'eux!

Paris 6 Janvier 1878

- * - * - * - * -

Hermite an Lipschitz

20 Fevrier 1878

... j 'ajourne a un moment ou j'aurai l'esprit plus libre, de


vous parler d'une belle et importante recherche que vous avez
publiee dans les Monatsberichte, sur la theorie des formes
quadratiques a determinants positifs, et qui m'a extremement
interesse. Sous le point de vue que vous avez adopte, on peut
en effet introduire ces formes dans la theorie des fonctlons
elliptiques, aussi bien que celles de determinant negatif,
comme j'espere un jour pouvoir le montrer. 4)

- * - * - * - * -
- 139 -

Hermite an Lipschitz

30 Aout 1878

Monsieur,

11 ne vous sera point desagreable j'espere que j 'aie donne


communication de votre derniere lettre du 19 Aout a M. Sylvester
dont vous avez fait la connaissance a Bonn et qui est par con-
sequent notre ami commun. Depuis son retour en Angleterre et
avant de repartir pour Baltimore, M. Sylvester au sujet de
votre communication m'ecrit ce qui suit: "J'etais tres attire
vers M. Lipschitz pendant les deux ou trois jours que j'ai
passe, il y a quelques annees a Bonn, et je lui serais veri-
tablement reconaissant s'il prenait la peine d'ecrire un
article sur sa demonstration du theoreme, qui equivaut au mien,
pour notre journal.

Ce n'en est pas moins une entreprise digne de la sympathie des


geometres, que de ta eher de diriger vers les mathematiques
abstraites le genie des Americains qui vient de se reveler
dans ce dernier temps par des decouvertes physiques vraiment
inoules. En donnant a M. Sylvester un article signe de votre
nom pour etre publie dans son journal du nouveaux monde, vous
contribuerez au succes de ce journal et vous ferez a son
redacteur en chef, le plus vif plaisir. 5)

- * - * - * - * -

Hermite an Lipschitz

31 Decembre 1878

En m'occupant un peu au hasard et a l'aventure et sans rien


approfondir, j'ai perdu bien du temps arever sur la fonction
1
f(x) , dont M. Weierstrass a le premier revele la veritable
nature en demontrant qu'elle est holomorphe. Sans doute que
dans le second volume de vos le~ons d'analyse, vous donnerez
ce beau resultat du grand geometre, qui devrait etre dans tous
- 140 -

les auteurs, et qu'aucun ne donne. De M. Weierstrass je dirai:


"In medio mihi Cesar erit, templum que tenebit" et son
-, , 1
tneoreme concernant f(x) aurait du occuper une place
d'honneur qu'il est bien singulier qu'on ne lui ait pas donne.

- * - * - * - * -

Hermite an Lipschitz

5 Mars 1879

1
... le theoreme de M. Weierstrass que f(x) est holomorph, est
je pense la consequence immediate de la notion des facteurs
primaires qu'a decouverte le grand geometre. M. Schwarz a
Gottingue, m'a ecrit au crayon la formule suivante

x
1 Cx x n
f(x) = e xn(1 + n)e n 1,2, ... 00,

n'est-elle pas I 'expression meme de ce beau theoreme?

- * - * - * - * -

Hermite an Lipschitz

29 Septembre 1880

Monsieur,

Je vous suis redevable d'avoir appris par Madame Borchardt ce


que j'avais a coeur de savoir des derniers moments de son mari.
Mon desir a ete rempli, mais cette triste consolation ne peut
diminuer le chagrin de la perte que nous avons faite. Borchardt
a ete mele dans ces dernieres annees aux circonstances les plus
intimes de ma vie, son souvenir, sa personne me sont toujours
presents, et c'est un ami devoue et excellent autant qu'un
geometre du plus haut merite que je regrette en lui.

- * - * - * - * -
- 141 -

Hermite an Lipschitz

4 Octobre 1880.

Le theoreme d'Euler sur le produit de deux somrnes de 4 carres,


qui est le base du calcul des quaternions, a ete etendu par
M. cayley ades somrnes de 8 carrees. Cette extension qui sernble
avoir pour consequence une generalisation correspondante de la
notion des quaternions, n'est point donnee par la composition
des formules qui changent en elles memes des somrnes de 4 carrees,
je me dernande donc si imrnediatement apres les quaternions, il y
aurait deux manieres differentes, deux modes de generalisation.
Je tiens peu, je dois vous le dire, a cette observation, car je
n'y ai pas suffisamrnent reflechi; seulernent je me rappelle
qu'il a ete demontre dans un mernoir du [Name unleserlich] 6)
qu'il est impossible d'obtenir des formules comrne celles d'Euler
et de M. cayley pour la multiplication de deux somrnes de carrees
lorsque le nombre des carrees surpasse 8. Par consequent votre
conception possede une plus haute generalite, et vous avez fait
plus qu 'etendre la theorie de Hamilton.

- * - * - * - * -

Hermite an Lipschitz

12 Avril 1882

Monsieur,

Je suis plus avanJe que vous dans la vie, j'ai en les chagrins
et j'ai passe par les epreuves qui viennent de vous etre
imposees. Chaque fois que je me rends dans ma famille en
Lorraine je vais sur le tomb de mon pere et de ma mere qui ne
sont plus depuis longtemps, et l'accomplissement de ce devoir
me rappelle a la fois notre condition mortelle et mes souvenirs
d'enfance.

- * - * - * - * -
- 142 -

Hermite an Lipschitz

paris, 9 Decembre 1882

Que je vous dise au moins que la question de l'enseignement de


l'Analyse a la Sorbonne a occupe la chambre des deputes, que
les noms de Riemann et de cauchy ont retente a la tribune, et
qu'un orateur n'a pas craint d'opposer a la puissante organisa-
tion de l'enseignement superieur en Allemagne la misere de nos
Facultes des lettres et des Sciences. Je me permets de vous
envoyer la partie du Journal officiel ou se trouve le compte-
rendu de la Seance en pensant que vous aurez quelque curiosite
a voir le sort de l'Analyse attaquee et defendue dans le par-
lement. Mais il s'en faut que les choses qu'il etait absolument
necessaire de dire aient ete produites dans ce debat dont on a
pu sourire [7]. Aucun de nos legislateurs ne s'est doute que
M. Bouquet et moi nous sommes convenus, apres la guerre, de
reunir nos efforts pour relever l'enseignement de l'analyse a
la faculte, et que dans ce but j 'ai renonce a mon cours d'algebre
superieure afin de me faire l'auxiliaire du cours fondamental,
de calcul differentiel et de calcul integral. Nous avons obtenu
il ya plusieurs annees un programme entierement nouveau des
connaissances exigees pour le licence mathematique, et il etait
temps, le programme obligatoire remontant a 1818. 7)

- * - * - * - * -

[In einem wegen vieler Streichungen und Verbesserungen fast un-


lesbaren Brief vom April 1883 erkundigt sich Lipschitz über
Minkowski. Er schreibt, daß in Bonn gerade ein Extraordinariat
frei geworden ist, und überlegt, ob man dieses einige zeit un-
besetzt lassen sollte, um später Minkowski zu berufen. Im fol-
genden Brief antwortet Hermite.]
- 143 -

Paris 12 Mai 1883

Monsieur,

La memoire concours de M. Minkowski etant ecrit en Allernand a


ete lu et etudie par M. camille Jordan qui m'en a rendu compte.
Ce n'est point a mon jugernent une oeuvre aussi considerable que
les memoires de Rosenhain et de M. Kummer 8) , mais je ne doute
point que le jeune geometre n'ait devant lui un grand avenir,
et qu'il ne justifie pleinernent votre confiance, si vous
realisez votre intention de vous l'attacher cornrne professeur
extraordinaire. Son travail moi [oder mur] a paru plus ccmplet
et meilleur a certain egards que celui de M. Smith; il revele
une science algebrique profonde, et un talent d'invention qui
promet de belles et importantes decouvertes dans l'avenir. Je
pense donc que vous servez la cause de la science en lui
facilitant son entree dans le carriere universitaire, qU'il
est digne de votre appui, ...

- * - * - * - * -

Hermite an Lipschitz

31 Octobre 1883

Mais Monsieur, qu'elle peine j 'ai a saisir quelque chose de la


liaison que vous etablissez entre l'etude de la transformation
automorphique d'une sornrne de n carres, et les unites complexes!
Je ne puis absolurnent point comprendre, tant la matiere est
abstraite pour moi, cette grande generalisation que vous avez
connue des nombres complexes, ordinaires a+ib 9)
Au reste je suis dans le merne cas a l'egard de M. Kronecker; je
viens de lui ecrire qu'il m'etait aussi impossible de saisir
pourquoi il juge tous les theoremes concernant l'etude des
fonctions cornrne non suffisarnrnent etablis, par ce que la theorie
des fonctions ne doit ernployer que des nombres entiers ou des
nombres rationnels. Seriez-vous de cet avis? 10)

- * - * - * - * -
- 144 -

Lipschitz an Hermite

10 Oecembre 1883

Vous me demandez, si je suis d'accord avec M. Kronecker dans le


jugement, que tous les theoremes concernant la theorie des
fonctions, ne soient pas suffisamment demontres parce que cette
theorie ne doit employer que des nombres entiers ou des nombres
rationnels. Il me semble qu'il faut distinguer. Je le juge de
rigueur que les theoremes generaux de l'analyse soient fondes
en commen9ant par la consideration des nombres entiers ensuite
des nombres rationnels, et en passant d'ici a la definition des
quantites determinees rationelles ou irrationelles sans l'appui
des principes de geometrie, de maniere que j'ai essaye de le
faire dans. mon cours d 'analyse.
Mais, les fondements etants ainsi poses je ne le crois pas
necessaire de recourir aux notions des nombres entiers ou
rationnels pour la demonstration des theoremes de la theorie
des fonctions. Si'l y a dans cette domaine de theoremes qui ne
sont pas suffisamment etablis, ce que je nierai nulle part, il
me parait que ce la tient plus tot a la difficulte de la matiere
qu'a la cause mentionnee.

- * - * - * - * -

Hermite an Lipschitz

Paris 30 Oecembre 1892

Monsieur,

Je suis profondement touche et reconnaissant du temoignage


de sympathie et d'estime dont vous m'honorez a l'occasion de
mon 70me anniversaire. 11) L'appreciation trop bienveillante
que vous faites de mes travaux est pour moi la recompense la
plus haute et la plus precieuse des efforts de toute ma vie.
Je voudrais l'avoir mieux meritee et me sentir plus completement
digne du jugement qui me comble d'honneur de l'un des plus
eminents geometres de notre epoque. Permettez moi de vous en
- 145 -

exprimer mes bien sinceres, mes bien affectueux remerciements.


combien de fois dans le cours de mes recherches ne m'avez vous
pas aide de vos lumieres, de votre interet amical, qui m'a ete
un si puissant encouragement! Je regarde comme l'un des plus
grands bonheurs de ma carriere scientifique, que depuis quinze
ans j'aie toujours eu pres de moi vos conseils, votre bonne
assistance, dans toutes les questions qui m'ont occupe. Que ce
soit sur la theorie des nombres, la theorie des fonctions
elliptiques, l'algebre ou 1 'analyse, vous vous etes bienveillam-
ment associe a mes essais, a mes tentatives, et je suis fier
que les recueils mathernatiques me donnent le droit de m'honorer
de nos relations, et en gardent la trace.

- * - * - * - * -

Anmerkungen und Fußnoten

Charles Herrnite (1822-1901) war in der Periode zwischen cauchy


und Poincare der führende französische Mathematiker und als
solcher auch allgemein anerkannt. Zu den Schwerpunkten seines
umfangreichen wissenschaftlichen Werkes gehörten Funktionen-
theorie, insbesondere elliptische Funktionen und andere Klas-
sen spezieller Funktionen, Zahlentheorie und Differentialglei-
chungen. Eine sorgfältige und eingehende Darstellung seines
Werkes findet sich in M. Noether: Charles Herrnite, Math. Ann.
55, 337-385 (1902). Von 1848 bis zu seinem Tode wirkte er in
verschiedenen Positionen an der Ecole Polytechnique und an
der Sorbonne. Er war mit einer Schwester des Mathematikers
J. Bertrand verheiratet, eine seiner Töchter heiratete E. Pi-
card, und in seinen Briefen ist oft von familiären Angelegen-
heiten und Ereignissen die Rede.
Herrnite war ein liebenswerter Mensch mit einem großen Freundes-
und Bekanntenkreis in allen Ländern und ständig um das Wohler-
gehen der Mathematik und der Mathematiker über alle nationalen
Schranken hinaus bemüht. Mit vielen Mathematikern stand er in
ständigem brieflichen Kontakt, und es wird angenommen, daß
die Tausende von Briefen, die er geschrieben hat, einen bedeu-
tenden Teil seiner Forschungen enthalten. Ein großer Teil die-
ser Korrespondenz scheint verloren gegangen zu sein; nur ganz
- 146 -

wenig ist bisher publiziert und ausgewertet worden. Es muß als


ein glücklicher Umstand gelten, daß die Briefe an Lipschitz
offenbar vollständig vorhanden sind. Der Inhalt einer ganzen
Reihe von Lipschitz' Briefen hat Hermite in den comptes rendu
veröffentlicht; außerdem sind aus dem Briefwechsel einige ge-
meinsame Arbeiten von Hermite und Lipschitz hervorgegangen
(vgl. Chronologische Liste der Wissenschaftlichen Arbeiten von
Rudolf Lipschitz, S. 235 dieses Bandes).

Fußnoten

1) Von dem umfangreichen Briefwechsel wird hier nur ein ganz geringer Teil
abgedruckt. Die Auswahl ist ziemlich willkürlich und kann nur unzureichend
die Vielfalt der behandelten Themen andeuten. Der größte Teil des Briefwech-
sels ist rein mathematischen Inhalts, wobei die Untersuchung spezieller
Funktionen (8-Funktionen, elliptische Funktionen, f-Funktion, s-Funktion),
ihrer Entwicklungen und Darstellungen, sowie auch Interpolations- und Appro-
ximationsprobleme einen gewissen Schwerpunkt bilden. Andererseits fehlt in
der Korrespondenz kaum ein Name eines prominenten zeitgenössischen Mathe-
matikers.

2) Mit diesem Brief wird der Briefwechsel-eröffnet.

3) Lipschitz' Antwort auf den vorhergehenden Brief.

4) Zu diesem Thema hat Hermite wichtige Arbeiten publiziert.

5) Lipschitz hat tatsächlich einige Arbeiten in dem von Sylvester gerade


(nämlich 1878) gegründeten American Journal of Mathematics veröffentlicht.

6) Leider ist es nicht gelungen, den Namen zu entziffern. Das Problem der
Multiplikation von Quadratsummen ist auch heute noch aktuell. Die hier be-
hauptete Tatsache (daß für Summen von mehr als 8 Quadraten keine Komposi-
tionsformel existiert) wurde zuerst von Hurwitz bewiesen. Dabei spielen die
(auch von Lipschitz konstruierten) Clifford-Algebren eine wesentliche Rolle.
Es ist bemerkenswert, daß Hermite die Reichweite dieser Konstruktion im
wesentlichen richtig einschätzt.

7) Auf diese politischen Auseinandersetzungen kommt Hermite mehrfach in


seinen Briefen zurück.
- 147 -

8) Beide hatten in früheren Jahren den Preis der Pariser Akademie gewonnen.

9) Diese Bemerkung bezieht sich vermutlich auf Lipschitz' Arbeit Nr. 56 und
einige briefliche Mitteilungen. Lipschitz' "Untersuchungen über die Summen
von Quadraten" erschienen erst 1886.

10) Kroneckers bekannte Kritik an der Grundlegung der Analysis scheint in


dieser Zeit einiges Aufsehen erregt zu haben. Hermite kennt die grundlegen-
den Arbeiten von Dedekind, Cantor, Weierstrass und Meray offenbar nicht.
In seiner Antwort erwähnt Lipschitz nicht Dedekind, mit dem er ja ausführ-
lich über dieses Thema korrespondiert hatte.

11) Zu seinem 70. Geburtstag am 24.12.92 waren Hermite in ganz ungewöhnli-


chem Maße Ehrungen aus aller Welt zuteil geworden (vgl. den Brief Mittag-
Lefflers vom 19.6.92.)
- 148 -

BRIEF VON O. HESSE AN LIPSCHITZ

Verehrter Freund.

Ihren werthen Brief habe ich erhalten, aber ich wusste nicht
was ich in der Angelegenheit thun sollte, bis mir gestern ein
Brief von dem Präsidenten des schweizerischen Schulrathes Kappe-
Ier in die Hände fiel. Sie und Dr. Zehfuss sind, wie ich sehe,
in Aussicht genommen worden. Auf die Anfrage an mich habe ich Sie
entschieden in die e~ste Linie gestellt, wohin sich auch Kappe-
lers Meinung ohne mein Zuthun zu richten schien. Dieser Brief
geht mit meinem Antwortschreiben an K. zugleich auf die Post.
Ein Brief von Ihnen an Helmholtz käme daher auch zur rechten Zeit,
wenn er überhaupt nöthig wäre. Helmholtz weiss von uns alles, was
Sie geschrieben haben. Sie irren aber, wenn Sie glauben, er stehe
mit Clausius auf gespanntem Fusse. Die Differenzen haben sich
längst ausgeglichen.

KappeIer macht in seinem Brief noch eine Anspielung auf eine dem-
nächstige zweite Besetzung einer ebenfalls mathematischen Stelle.
Es thut mir leid, dass Preussen [?] Sie aufgeben soll, aber bei
der jetzigen Finanz-Noth kann es wohl nicht anders sein.

Meine Vorlesungen "über analytische Geometrie des Raumes" habe


ich in diesem Sommer in sehr populärer Weise zusammengestellt.
In wenig Tagen werden sie durch die Buchhandlungen ausgegeben
werden. Ich besitze leider kein fr2ies Exemplar mehr.

In vorzüglicher Zuneigung und Hochachtung


Ihr ergebener
Otto Hesse

Heidelberg d 22 Nov 61.

- * - * - * - * -
- 149 -

Anmerkung

otto Hesses (1811-1874) Hauptarbeitsgebiet war im Anschluß an


Möbius und Plücker die projektive und analytische Geometrie. Er
hatte als Schüler von Jacobi in Königsberg studiert, wo er auch
16 Jahre als Lehrer und Dozent wirkte. Später wurde er ordinarius
in Halle, Heidelberg und München. Der Kontakt mit Lipschitz
dürfte nur lose und vorübergehend gewesen sein. In dem Brief
geht es um die Dedekind-Nachfolge in zürich. Nach einigem hin
und her wurde Christoffel zum Nachfolger Dedekinds berufen.
- 150 -

BRIEFE VON J, HOÜEL AN LIPSCHITZ *)

Thaon, le 24 septembre 1872

Monsieur et tres-honore collegue,

M. oarboux m'ayant charge, comme il vous l'a ecrit, de la


traduction du beau travail que vous voulez bien destiner a
notre Bulletin, je m'empresse, selon votre desir, de vous
adresser cette traduction, que je viens d'achever, et a laquelle
je joins votre manuscrit. 1)
Quoique je n'aie pu prendre le temps d'edutier a fond ces pages
si remplies de faits et d'idees nouvelles, j 'ai eprouve un vif
plaisir en voyant eclaircie d'une maniere aussi decisives cette
serie de questions qui commence aux travaux de Gauss et de
Lobatchefsky, et a laquelle je m'interesse depuis plusieurs
annees.

Veuillez agreer, Monsieur et tres~honore Collegue, l'assurance


de mes sentiments respectueux et devoues.

J. Hoüel

- * - * - * - * -

Bordeaux, le 18 novembre 1872.

Monsieur et tres-honore Collegue,

Je profite d'un instant de loisir, que me laissent aujourd'hui


les examens pour accomplir la promesse que je vous avais faite
de vous envoyer quelques brochures et traductions. Je regrette
seulement de m'y etre pris trop tard et de vous avoir lais se
acheter ma traduction de Lobatchefsky, que j 'aurais eu le
plaisir de vous offrir avec les autres. L'original allemand

*) Fußnoten und Anmerkungen fOlgen auf S. 152


- 151 -

n'est pas tres-rare. Celui que je possede est le second que


j'achete, ayant offert le premier au prince Boncompagni. J'en
trouve encore un autre, annoncee sur la couverture du dernier
catalogue (no XCIII) de la librairie Calvary.

Je me trouve heureux de pouvoir, en revanche, vous offrir un


exemplaire de la Pangeometrie, le dernier, et, je crois, le
plus parfait des ouvrages de Lobatchefsky. J'y joins une tra-
duction de l'opuscule de Jean Bolyai, et quelques traductions
de Memoires russes et autres, que je vous prie de vouloir bien
accepter.

J'ai appris hier matin avec le plus vif regret la perte que
vient de faire la science dans la personne d'un de ses represen-
tants les plus eminents et les plus feconds. Clebsch n'etait
encore que dans sa 40e annee, l'age de Riemann!

Veuillez agreer l'assurance de mes sentiments de sincere


devouement.

J. Hoüel

- * - * - * - * -

Bordeaux, le 8 mars 1876.

Monsieur et tres-honore Collegue,

11 est facheux que ce travail soit ecrit en russe; mais il


viendra un moment ou les hommes de science seront forces
d'apprendre cette langue, comme on est deja force de connaitre
l'allemand, l'anglais et le francais. 2)

Notre Bulletin accueillera avec le plus grand plaisir une


analyse developpee du travail de M. Dedekind. J'ai communique
le passage de votre lettre concernant ce travail a M. Darboux,
qui ecrira peut-etre a M. Dedekind, et dans tous les cas,
qui sera heureux de pouvoir inserer ce travail. Si vous avez
occasion d'ecrire a ce savant professeur, veuillez lui dire
combien nous serions flattes de sa collaboration, et le remercier
- 152 -

1)
d'avance de tout ce qu'il voudra bien nous envoyer.

J. Hoüel

- * - * - * - * -

Anmerkungen und Fußnoten

J. Hoüel (1823-1886) war Professor in Bordeaux und enger Mitar-


beiter von Darboux bei der Herausgabe des "Bulletin des Sciences
mathematiques et astronomiques". Für weitere Informationen über
diese Tätigkeit und den Briefwechsel zwischen Darboux und Hoüel
vgl. Neuenschwander [1984]. Durch eine lange Reihe von übersetzun-
gen wichtiger Arbeiten in das Französische hat er sich sehr ver-
dient gemacht, insbesondere um die Verbreitung der Ideen der
nicht-euklidischen Geometrie.

Fußnoten

1) Hoüel hat eine ganze Reihe von Arbeiten deutscher Mathematiker für das
Bulletin übersetzt. Vgl. auch den Briefwechsel mit Dedekind in diesem Band.

2) Prophetische Worte! (Die Bemerkung bezieht sich auf eine Arbeit von
Souvorof. )
- 153 -

BRIEFE VON LEO KOENIGSBERGER AN LIPSCHITZ *)

Dresden 25/2 76.


Arnmonstr. 7.

Hochverehrter Herr College!

In der Hoffnung dass Sie den im Prospecte unseres Repertoriums


ausgesprochenen Anschauungen beipflichten, erlaube ich mir noch,
mich persönlich mit der ergebensten Bitte an Sie zu wenden, uns
durch recht baldige Einsendung Ihrer Referate in den Stand zu
setzen, schon die ersten Blätter unseres Sammelwerkes durch den
Namen eines so hervorragenden Mathematikers zieren zu dürfen,
und überhaupt im Kreise Ihrer Freunde und Schüler zur Würdi-
gung und Unterstützung unseres Repertoriums gütigst beizutragen. 1 )

Mit vorzüglicher Hochachtung


Ihr ganz ergebener
L. Koenigsberger.

- * - * - * - * -

Wien 7/5 77.


Universitätsstr. 2 1St.

Hochverehrter Herr College! 2)

So eben berichtet mir Herr Dr. Pringsheim mündlich, dass er


nach Annahme seiner Habilitationsschrift und, wie er wenigstens
glaubt, genügenden Probevorlesung im Colloquium durchgefallen
sei und befindet sich in Folge dieses unerwarteten Ereignisses
in so verzweifelter Stimmung, dass ich mich veranlasst sehe -
und ich bitte die Freiheit, die ich mir hiermit nehme, zu
entschuldigen - Sie, hochverehrter Herr College, mit einigen
Zeilen zu belästigen. Herr Dr. Pringsheim hatte sich auf meine

*) Fußnoten und Anmerkungen folgen auf S. 157


- 154 -

directe Veranlassung zur Habilitation in Bonn gemeldet und ich


hatte ihm diesen Rath ertheilt, weil ich glaubte annehmen zu
können, dass Ihnen eine jüngere Kraft, welche sich eingehend
mit der Transcendententheorie beschäftigt hat, nicht uner-
wünscht kommen würde, andererseits aber, weil ich und Kirchhoff
in Heidelberg während 3 Jahre zur Überzeugung gelangt waren,
dass P. ein sehr gut beanlagter und überaus fleissiger und ge-
wissenhafter Mathematiker sei. Um so mehr bedaure ich, dass ich
Ihnen, verehrter Herr College, die Veranlassung war, einen un-
liebsamen Act vollziehen zu müssen, bedaure es aber auch, dass
einern jungen Manne, den ich - vielleicht irrthümlicherweise,
und ich unterwerfe mich Ihrer besseren Einsicht - als einen der
besten so vieler Heidelberger Schüler erkannt zu haben glaubte.
Sie werden daher, verehrter Herr College, in Folge dieser früher
gewonnenen Einsicht es verzeihlich, hoffentlich auch gerecht-
fertigt finden, wenn ich Herrn Dr. Pringsheim, dessen Unfall
ich nur durch augenblickliche Verwirrung erklären kann, den Rath
ertheilt habe, nicht sogleich daran zu verzweifeln, eine Carrie-
re, die er nur aus Neigung und in grösster Lebensunabhängigkeit 3 )
gesucht, aufzugeben, sondern Sie zu bitten, Sich der Mühe eines
nochmaligen Colloquiums zu unterziehen und hoffentlich meine
Meinung von ihm zu rechtfertigen, die auch in Ihrer Beurthei.-
lung seiner Arbeit Bestätigung gefunden.

Mit bestem Grusse


Ihr ganz ergebener
Leo Koenigsberger.

- * - * - * - * -

Wien 13/5 77.


Universitätsstr. 2. ISt.

Hochverehrter Herr College!

Ich sage Ihnen meinen besten Dank für die mir mitgetheilten
Einzelheiten des Pringsheim'schen Colloquiums und bitte nur um
Entschuldigung, dass ich Sie in der Ihnen schon an sich unange-
nehmen Angelegenheit noch zu einer Darlegung derselben veran-
- 155 -

lasst habe. Ich betrachte die Sache nunmehr als abgethan, da


Sie auch eine Wiederholung des Colloquiums in Folge der gros sen
Unwissenheit des Candidaten als unstatthaft bezeichnet haben.
Nur in Betreff der Arbeit möchte ich mir noch ein Wort erlauben,
und kann dies um so weniger umgehen als ich Ihnen selbst mitge-
theilt habe, dass ich dieselbe zuvor angesehen habe.

Herr Dr. Pringsheim hat vor einem Jahre in dem Clebsch'schen


Journale eine grössere Arbeit über die Transformation zweiten
Grades der hyperelliptischen Integrale erster Ordnung publicirt
und wurde als er Herrn Weierstrass einen Abdruck dieser Arbeit
überbrachte, auf die Aufgabe hingewiesen, die in seiner Habili-
tationsschrift behandelt ist. Diese Aufgabe wurde seit vielen
Jahren von Weierstrass jungen Mathematikern gestellt und ich
selbst war vor vielen Jahren mit der Lösung derselben beschäf-
tigt, liess mich jedoch durch die gewaltige Rechnung zurück-
schrecken. Als Herr Pringsheim die Aufgabe gelöst hatte, brachte
er mir das Manuscript nach Dresden; ich behielt es nur zwei Ta-
ge und schickte es ihm mit der Bemerkung zurück, dass ich der
Ansicht sei, es würde diese Arbeit als Habilitationsschrift
acceptirt werden und dass ich ihm rathe, der er einer grösseren
und preussischen Universität angehören wolle, diese Arbeit Ihrem
Urtheile, verehrter Herr College zu unterwerfen. Ich bin somit
genöthigt, mein Urtheil über die Arbeit vor Ihnen zu rechtfer-
tigen und erlaube mir, dies mit wenigen Worten zu thun.
Unzweifelhaft sind die von Ihnen hervorgehobenen Punkte Mängel
der Arbeit, unzweifelhaft hätte die Arbeit vollkommener und bes-
ser sein können; aber es war ein Bedürfniss, es war eine Lücke,
die ausgefüllt werden musste und welche die Arbeit ausgefüllt
hat, eine Ausführung der Jacobi - Rosenhain'schen Methode für
die nächste Gattung hyperelliptischer Integrale, und bei einer
solchen Arbeit kam es mir bei der Durchsicht derselben weniger
auf die principiellen Punkte an, welche in einer allgemeinen
Theorie der Abel'schen Functionen zu erörtern sind, als auf die
wirkliche, bestimmte Lösung der speziellen Aufgabe selbst. Dies
der Grund, weshalb ich der Ansicht war, die Arbeit würde als Ha-
bilitatsschrift genügen, zumal da ein Meister wie Herr Weier-
strass die Lösung dieser Aufgabe als wünschenswerth bezeichnet
hat. Doch, verehrter Herr College, Sie haben ja auch Herrn Dr.
- 156 -

Pringsheim nicht auf Grund seiner Arbeit abgewiesen sondern in


Folge seiner beim Examen an den Tag gelegten Unwissenheit, und
ich glaube daher meine eigene Milde bei der Beurtheilung der Ar-
beit nicht weiter rechtfertigen zu müssen.

Mit nochmaligem Danke für Ihr geehrtes Schreiben und mit den
besten Grüssen

Ihr hochachtungsvoll ergebener


Leo Koenigsberger.

- * - * - * - * -

Reichenau (Niederoest.)
[ca. 1878] Hotel Thalhof.

Hochverehrter Herr College!

Ich sage Ihnen meinen besten Dank für das schöne und werthvolle
Geschenk, durch welches ich gestern erfreut wurde; der deutschen
mathematischen Literatur fehlte bisher ein zusammenfassendes
Werk, das mit den Elementen beginnend in wahrhaft wissenschaft-
lichem Geiste Studirende mitten in die Wissenschaft hineinzu-
führen vermag und zugleich ein Nachschlagebuch für jeden Mathe-
matiker ist; eine flüchtige Durchsicht hat mich bereits erkennen
lassen; dass diese Lücke durch eine Autorität in der Wissen-
schaft ausgefüllt ist. 4)

Sollten Sie wünschen, ein Referat über Ihr Werk in meinem Re-
pertorium zu veröffentlichen, - und ich würde mich sehr freuen,
wenn dies der Fall sein sollte und bitte Sie darum - so könnte
ich den Druck desselben jetzt noch im ersten Hefte des zweiten
Bandes ermöglichen.

Mit vorzüglicher Hochachtung


Ihr ganz ergebener
Leo Koenigsberger.

- * - * - * - * -
- 157 -

Heidelberg 14/1 02.

Sehr geehrter Herr College!

Nehmen Sie herzlichen Dank für die Übersendung der Briefe von
Helmholtz; ich werde mir erlauben, den Inhalt des Briefes vom
2ten März 1881 in meiner Arbeit zu benutzen. Da ich aber dann
wenigstens mit einigen Worten auf Ihr vorhergegangenes Schrei-
ben Bezug nehmen muss, so erlaube ich mir, Sie zunächst anzu-
fragen, ob Sie dies gestatten, und wenn dies der Fall ist, Sie
zu bitten, mir in Ihrem Briefe, um dessen Rücksendung ich bitte,
die Worte zu unterstreichen, deren Hervorhebung Sie besonders
wünschen.

Von dem Helmholtz'schen Briefe habe ich eine Abschrift genommen.

Mit vorzüglicher Hochachtung


Ihr ganz ergebener
Leo Koenigsberger.

Endlich noch eine Frage? sind die Vorschläge 1) Helmholtz,


2) Kirchhoff 3) drei andere für die Bonner physik. Professur
damals nach Berlin abgegangen, wann ist dies geschehen, und
woran scheiterte die Berufung von Helmholtz? - es genügt mir
eine ganz kurze Antwort - verzeihen Sie alle diese Belästigun-
gen. 5)

- * - * - * - * -

Anmerkungen und Fußnoten

über Leo Koenigsberger (1837-1921) kann man sich in seiner


(schon bei L. Fuchs zitierten) Autobiographie "Mein Leben" un-
terrichten. Wie Lipschitz ist er heute weitgehend vergessen, war
aber zu Lebzeiten ein anerkannter und einflußreicher Mathemati-
ker. Er hatte in Berlin, vor allem bei Weierstrass, studiert,
der auch seine mathematische Ausrichtung und seine Arbeitsgebie-
te, nämlich Elliptische Funktionen, Funktionentheorie und Diffe-
rentialgleichungen wesentlich geprägt hatte. Er wurde 1864
- 158 -

außerordentlicher professor in Greifswald und wirkte ab 1869


als Ordinarius in Heidelberg, Dresden, Wien und ab 1884 wieder
in Heiaelberg. Neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten hat er
die schon erwähnte dreibändige Helmholtz-Biographie verfaßt.

Fußnoten

1) Es geht um das gemeinsam mit Zeuner herausgegebene "Repertorium der li-


terarischen Arbeiten aus dem Gebiete der reinen und angewandten Mathematik;
Originalberichte der Verfasser", das ab 1877 erschien.

2) In den folgenden Briefen geht es um einen gescheiterten Habilitationsver-


such von Alfred Pringsheim (1850-1941) in Bonn, über den bisher wohl nichts
bekannt war. Der Vorgang ist ein weiteres Beispiel, daß Habilitationen oft
an Orten angestrebt wurden, zu denen der Kandidat kaum eine frühere Bezie-
hung hatte. Die Haltung Lipschitz' ist schwer zu beurteilen; einerseits ist
kaum glaubhaft, daß Pringsheim so "unwissend" war, wie Lipschitz offenbar
behauptete, andererseits durchaus denkbar, daß er höchst einseitig im Sinne
Weierstrassscher Funktionentheorie ausgebildet war. Pringsheim habilitierte
sich noch im gleichen Jahr in München und wirkte dort zeit seines Lebens, ab
1901 als Ordinarius. Bekanntlich war er Schwiegervater von Thomas Mann, in
dessen erzählerischen Werk Pringsheim mit Familie leicht zu finden ist.

3) Pringsheim war außerordentlich wohlhabend; seine Münchener Villa war später


ein Mittelpunkt des geistigen und kulturellen Lebens, bis er schließlich von
den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben wurde.

4) Lipschitz hat offenbar in größerer Zahl Exemplare seines Analysis-Buches


an Kollegen im In- und Ausland verschickt. In dem Briefwechsel finden sich
zahlreiche lobende Dankschreiben. Obwohl das Buch das erste "moderne" Analysis-
Buch in Deutschland gewesen ist, wurde es kein großer Erfolg; eine 2. Aufla-
ge ist offenbar nicht erschienen.

5) Die fehlgeschlagene Berufung nach Bonn wird von Koenigsberger in seiner


Helmholtz-Biographie nur ganz am Rande erwähnt.
- 159 -

BRIEFWECHSEL MIT LEOPOLD KRONECKER *)1)

Kronecker an Lipschitz

Berlin 18. Mai 59.

Geehrter Herr,

Sie werden mir gewiss zürnen, dass ich mehr als vier Wochen
habe verstreichen lassen und erst jetzt Ihr schätzbares Schrei-
ben vorn 9. April beantworte. Aber Sie werden mich entschuldi-
gen - denn nicht allein, dass ich Zeit und Rath von Freunden
brauchte um Ihnen ordentliche Auskunft zu geben, ich bin auch
in der Zwischenzeit durch mehrfache Reisen verhindert gewesen
selbst dringend Nöthiges zu erledigen. Das Ziel zweier jener
Reisen war Goettingen. Ich war in der ersten Hälfte des April
drei Tage bei Dirichlet, habe ihn damals nech gesehen und ge-
sprochen, habe ihn sehr leiden sehen, habe ihn aber doch noch
mit einer freilich schwachen Hoffnung eines nochmaligen Wie-
dersehens verlassen. Aber ich habe ihn nur als Leiche wieder-
gesehen, als ich am 9ten d.M. zur Beerdigung in Goettingen war.
Wie Sie wohl schon wissen werden, ist unser grosser Lehrer am
5ten d.M. Abends 7 1/4 Uhr seiner langen Krankheit erlegen. 2)
Was unsre Wissenschaft an dem unvergleichlichen Manne verlo-
ren, wissen Sie; ich aber weiss auch welch unermesslicher Schatz
von halb oder ganz vollendeten mathematischen Forschungen mit
ihm zu Grabe gegangen und der Wissenschaft vielleicht für ewig
verloren ist. Die hinterlassenen Papiere bestehen - mit Ausnah-
me der so gut wie vollendeten hydrodynamischen Abhandlung von
welcher viele seiner Freunde Kenntnis hatten - nur in Blättern,
bedeckt mit mathematischen Zeichen ohne allen Text. Er hatte
bestimmt, dass sie mir übergeben werden sollen, ob ich aber
irgend etwas werde entziffern können, steht gar sehr dahin. 3)
Aber schon eine erste oberflächliche Durchsicht jener Blätter
hat mich überzeugt, dass von den wichtigsten und werthvollsten
Untersuchungen - über welchen ich Dirichlet wusste - nichts

*) Fußnoten und Anmerkungen zu diesen Briefen folgen auf S. 186


- 160 -

aufgezeichnet ist. Sie sehen in welch vielfacher Beziehung der


Tod dieses Mannes ein Unglück ist. Wie ich ihn noch besonders
als solches fühle, werden Sie gewiss natürlich finden; da ich
seit achtzehn Jahren in persönlicher Beziehung zu Dirichlet
stand und ich stets an ihm einen wohlwollenden Freund und die
regste Theilnahme an allen meinen Arbeiten bei ihm gefunden
habe. Auch Sie sind, so viel ich weiss Jahre hindurch Dirich-
lets Schüler gewesen, Sie haben daher selbst gewiss die Erfah-
rung gemacht, wie ihn die seltene Vereinigung von Schärfe des
Geistes und Milde des Sinnes im vorzüglichsten Maasse zum Leh-
rer und zu seiner Stellung als Erster der Wissenschaft be-
fähigte. Kaum wird je wieder ein Zweiter erstehen wie dieser
Erste war!

über den Gegenstand Ihrer Anfrage habe ich mir bei meinem
Freunde Weierstrass und mittelbar auch bei Riess Rath erholt. 4)
Auf einliegendem Zettel finden Sie die Riessschen Notizen über
die drei Werke, in denen die Frage mit der Sie Sich beschäfti-
gen behandelt sein soll und zwar - wie ich höre - in einer der
Ihrigen ähnlichen Weise. Auch Riemann in Goettingen erzählte
mir - als ich ihn fragte ob er irgend eine Publication über
die Vertheilung der Elektr. auf zwei Leitern kenne - dass er
die bezügliche Aufgabe in seiner Vorlesung behandelt habe. Die
Andeutungen die er mir über die darin gegebene Lösung resp.
Zurück führung des Problems gab, schienen mir ebenfalls im we-
sentlichen mit den Ihrigen übereinzustimmen. Von Publicationen
über den Gegenstand wusste Riemann nichts, und seine immerhin
doch privaten Vorlesungen darüber dürfen Sie von weiteren Un-
tersuchungen und etwaigen Veröffentlichungen nicht abhalten.
Dagegen dürfte es doch erforderlich sein, dass Sie nach der
Notiz auf einliegendem Zettel dasjenige nachlesen was darüber
gedruckt ist. Sie werden Sich ja die beiden letzten Werke von
der Bibliothek, das erste auf buchhändlerischem Wege verschaf-
fen können. Je nach dem Resultate dieser Durchlesung werden Sie
vielleicht alsdann irgend etwas schon jetzt über Ihre Untersu-
chungen veröffentlichen wollen oder aber die Sache erst für
einen speziellen Fall (Scheiben, Ellipse) durchführen. Ver-
steht sich, dass Ihnen unser Journal für eine diessfallse Pub-
lication offensteht. Wenn Sie darin das Historische, Alles was
- 161 -

über die Sache gemacht ist, ausführlich mit erwähnen, dürfte


diess eine dankenswerthe Arbeit sein! - Ich glaube Ihnen hiermit
alles Nöthige über die Sache gesagt zu haben, bin aber auch
gern zu weiterer Auskunft erbötig, so weit dieselbe in meinen
Kräften steht. Mit Hilfe meiner Freunde kann ich - wie Sie se-
hen - so Manches herausbekommen; ich selbst würde Ihnen nicht
Viel nützen können, denn ich stehe seit vielen Jahren diesen
Sachen sehr fern. Meine zahlentheoret. und algebraischen Sachen
nehmen mich gar zu sehr in Anspruch.

Ich bitte zum Schluss nochmals wegen der verspäteten Antwort


um Entschuldigung und zeichne mit achtungsvollster Begrüssung
ergebenst

Kronecker

- * - * - * - * -

Kronecker an Lipschitz

Berlin 3. Mai 1867.

Geehrter Herr College, Ich erlaube mir Ihnen mit diesen Zeilen
meinen ältesten Sohn Ernst, der jetzt in Bonn sein juristisches
Studium beginnt, aufs Angelegentlichste zu empfehlen. Er wird
sich morgen oder übermorgen wahrscheinlich Ihnen vorstellen
und Ihnen in meinem Namen einen Separatabdruck meines Aufsätz-
chens über bilineare Formen überreichen. Ich glaube indessen
bei Ihnen meinen Sohn noch mit einiqen bealeitenden Worten und
Wünschen vorführen zu sollen. Er ist etwas über 17 Jahre alt,
also immerhin ein ziemlich junger Student, aber er ist nament-
lich in der Hinsicht noch ganz jung, dass er jetzt zum ersten
Male sein väterliches Haus verlassen hat und selbständig zu
leben und zu handeln versuchen soll. Er war ein ganz vortreff-
licher Schüler des Gymnasiums, das er jetzt zu Ostern verlassen
hat, und es stand daher seine Reife in dieser Beziehung ausser
aller Frage. In Beziehung auf das Leben aber wird er seine Rei-
fe jetzt erst zu bewähren haben. Grade von dieser Seite die
Bildung meines Sohnes energisch zu fördern, habe ich mich ent-
schlossen ihn gleich im ersten Semester auf eine andere Uni-
- 162 -

versität gehen zu lassen; und die Wahl Bonns wurde hierbei durch
mehrfache Erwägungen als günstig vorangestellt. Einerseits näm-
lich bedarf mein Sohn noch gar sehr der Stärkung und Entwick-
lung seines etwas schwächlichen Körpers, und ich hoffe in dieser
Beziehung viel von der Wirkung des dortigen günstigen Klimas,
andererseits bedarf mein Sohn vielleicht unter Umständen noch
des väterlichen Rathes und in dieser Beziehung kann ich vor
Allem auf den Beistand meines ältesten Jugendfreundes Rühle
dort rechnen. Dabei würde ich es aber auch sehr dankbar aner-
kennen und es vielleicht auch als einen Freundschaftsdienst
von Ihnen in Anspruch nehmen, wenn auch Sie an meinem Sohn
einiges Interesse nehmen und ihn eintretenden Falls mit Rath
unterstützen wollten. Vor Allem bedarf es hierbei freilich wohl
Ihrer gütigen Nachsicht mit dem noch etwas unerfahrenen jungen
Manne, aber Sie werden - wenn er Ihnen näher zu treten sich er-
lauben darf - auch alle Herzlichkeit und alle Dankbarkeit für
jede Unterweisung und Belehrung bei ihm finden. - Was meines
Sohnes Studien anlangt so will er mit meinem vollen Einverständ-
nis das juristische Studium im ernsteren Sinn und verbunden mit
gründlichen philologischen und historischen Studien durchmachen.
Seine bisherigen Neigungen waren eben durchaus philologische
und er kann wohl gerade in dieser Hinsicht dort bei Jahn passen-
de Collegien hören. Ich wünschte gar sehr, dass mein Ernst seine
guten philologischen Gymnasial-Grundlagen nicht nur nicht ver-
liere sondern in höherer Weise auf der Universität ausbilde.
In Beziehung auf das eigentliche Leben möchte ich für meinen
Sohn einen häufigen und guten Verkehr mit seinen Cornrnilitonen,
wofür sich ja dort arn ehesten Gelegenheit findet. Ich habe ihm
gerade dieses aufs Dringendste ans Herz gelegt ... [ ? J

Sie werden sich wundern, werther Herr College, wie extensiv


und intensiv ich Ihnen über meinen Sohn gesprochen habe, aber
es ist mir eben tiefe Herzenssache und, ich gestehe Ihnen auf-
richtig, ich habe es mir - als ich den Entschluss fasste -
nicht so schwer vorgestellt, meinen Sohn aus meinen väterlichen
Armen fortzuschicken, als es mir in der That geworden ist. Mein
Ernst ist seit vorgestern Abend fort von hier, und ich fühle
seitdem eigentlich schon recht grosse Sehnsucht nach ihm. Er
selber wird hoffentlich in der dortigen schönen Natur, in dem
frischen frohen Studentenleben nicht zu einem ähnlichen Gefühle
- J 63 -

der Bangigkeit kommen. - Ich habe Ihnen jetzt noch die besten
Grüsse unserer Freunde Kummer und Weierstrass zu bringen, mit
denen ich endlich (arn 30. April) eine kleine Excursion zu Heine
nach Halle unternommen hatte, um dort den Tag zu verleben, an
dem ich vor 25 Jahren Heines Promotion als Opponent beigewohnt
habe. Sie sehen hieraus unser Alter - wir feiern schon Jubiläen,
Heine's älteste Tochter besucht schon Bälle und mein ältester
Sohn die Universität. Dies ist doch wirklich die "ältere" Ma-
thematik! - In Bezug auf die bilinearen Formen habe ich noch
mancherlei Resultate erlangt; das Studium derselben hat mir
erst die Bedeutung der Formeln klar gemacht, welche ich über
die Klassenanzahlen der quadratischen Formen von negat. Deter-
minante gegeben habe. Ich werde wohl nächstens noch hierüber
eine Notiz veröffentlichen. Früher hatte ich den bilinearen
Formen niemals eine rechte Bedeutung zuerkennen mögen - und
doch musste es deren Studium sein, welches mich über die
Schwierigkeiten hinwegbrachte, die sich viele Jahre hindurch
der Ergründung der Transformation einer 8-Reihe in sich selbst
entgegengestellt hatten. Nunmehr bin ich überzeugt, dass in
den bi linearen Formen eine neue zahlentheoretische Welt ent-
halten ist. Aber es wird wohl noch mancher Irrfahrt bedürfen,
ehe dieselbe ganz erschlossen werde.- Entschuldigen Sie den
langen Brief, empfehlen Sie mich unbekannter Weise Ihrer Frau
Gemahlin und bewahren Sie eine freundliche Erinnerung Ihrem
Sie achtungsvoll grüssenden
Leopold Kronecker
Beste Empfehlungen von meiner Frau!

- * - * - * - * -

Lipschitz an Kronecker

Bonn den 29ten Hai 1868.

Verehrter Freund!

... [eine Seite Privatangelegenheiten; Krankheit von


Frau Rühle J •••
- 164 -

Nachdem vor 8 Tagen Plücker gestorben ist, liegt uns die Pflicht
ob, an die möglichst beste Besetzung seiner Stelle zu denken.
Seine Lehrtätigkeit war in den letzten Jahren vorzugsweise auf
die Physik gerichtet; seit dem Winter_ 1864/65 hat er keine ma-
thematischen Privatcollegien gehalten, er leitete nur geome-
trische übungen, vor dem Herbst 1866 privatissime, seit der
Zeit im Seminar. Diese Verhältnisse brachten mich in die Noth-
wendigkeit, in jedem Semester ein Privatcolleg für die Anfänger,
und eines für die Reiferen zu lesen, und das ist nicht ohne Mü-
he durchzuführen. Eine wesentliche Unterstützung habe ich nur
in dem Privatdocenten Kortum gehabt, den Weierstrass kennt und
der sich mir vortrefflich bewährt hat. Nach und nach ist die
Theilnahrne für das mathematische Studium eine grössere gewor-
den. Das Seminar half dazu, den Sinn für ein gediegenes Arbei-
ten zu erregen, indem wir den Eintritt in dasselbe zunächst an
keine Bedingungen knüpften, und dadurch die Pforte für jeden
öffneten,. der herein kommen mochte. Wir bildeten dagegen zwei
Abtheilungen, und nahmen in die höhere Abtheilung nur solche
auf, die wir vorher als tüchtig kennen gelernt hatten. Es
werden jetzt 8 in der höheren, 20 in der niederen Abtheilung
sein, und ich darf mich mit den Leistungen der jungen Leute
ziemlich zufrieden erklären.

Verzeihn Sie, dass ich diese Einzelheiten erwähne; sie sollen


dazu be~tragen, um deutlich zu machen, in welcher Hinsicht
nach meiner Anschauung ein Ersatz für Plücker zu suchen ist.
Ich wünsche, dass Helmholtz Professor der Physik werde, und
darf hoffen, dass diese Absicht sich werde realisieren lassen.
Ich glaube, in Kekule ist ein vortrefflicher Director des che-
mischen Laboratoriums hergekommen; und hoffentlich kommt die
Beschäftigung mit den Naturwissenschaften an unserer Universi-
tät bald in eine frische Bewegung.

Wie ich ausgeführt habe, hat der Zustand der mathematischen


Studien, der bei meinem Amtsantritt ein sehr niedriger war,
sich gegenwärtig bis zu einem mittlern Masse gehoben. Wenn
jetzt eine neue echte Kraft hinzutritt, ist auf einen bedeuten-
den Erfolg zu rechnen. Der Mann aber, auf den ich hier zähle,
kann kein Anderer sein, als eben Sie. Ich weiss es allerdings,
dass Sie abgelehnt haben, nach Göttingen zu gehni allein ich
denke mir, dass der Rhein und insbesondere die Stadt Bonn Ihnen
- 165 -

lieb und werth ist, und darum habe ich das Vertrauen, Sie ein-
fach zu fragen ob Sie sich entschliessen könnten, unter Umstän-
den der Unsrige zu werden. Vielleicht hat der Gedanke, mit
Helmholtz zusammen zu wirken, für Sie etwas anziehendes. Wel-
chen Werth ich darauf legen würde, wenn Sie herkommen wollten,
brauche ich nicht zu sagen; Sie empfinden es selbst. Leben Sie
sehr wohl, verehrter Freund, und geben Sie eine erwünschte
Antwort 5)

Ihrem ganz ergebenen


R. Lipschitz

- * - * - * - * -

Kronecker an Lipschitz

Berlin 5. Juni 68.

Verehrtester Freund, Familienfeste, Besuche, Landparthien und


dringende Arbeiten - also sehr heterogene Beschäftigungen haben
mir die bald ablaufende Pfingstwoche so ganz weggenommen, dass
ich später als es Wunsch und Absicht war dazu kam, Ihnen auf
Ihre lieben und freundlichen Zeilen zu antworten. Sie werden
Sich selber sehr wohl vorstellen können, wie mich der Inhalt
Ihres Briefes interessiert, erfreut und auch überrascht hat.
Ich verstehe und würdige vollkommen Ihr eifriges Bestreben
jetzt nach Plückers Tode für die dortige Universität bestmög-
liche Berufungen zu erwirken. Aber ich hatte mir eigentlich ge-
dacht, dass es nur gelte, einen Lehrstuhl der Physik - nicht
aber einen der Mathematik - neu zu besetzen, Sie, verehrter
Freund, versorgen doch eben unsre rheinische Universität mit
Mathematik und - ich kann es Ihnen getrost ins Angesicht sa-
gen - in vortrefflichster Weise. Dies weiss nicht bloss die
kleine mathematische Welt, die Ihre Arbeiten kennt, sondern
dies weiss auch die officielle ministerielle Welt; denn ich
habe neulich Gelegenheit gehabt zu erfahren, dass man auch dort
oben Ihre Wirksamkeit und Ihre Erfolge hochachtet und schätzt,
und dass man Sie deshalb mit Recht geradezu für unentbehrlich
in Bonn hält. Es wurde mir dies nämlich geradezu eingewendet,
- 166 -

als ich an massgebender Stelle auch Ihren Namen für die Göt-
tinger Professur zu nennen mir erlaubte~)wenn ich hiernach auch
nicht die näheren aber gewiss vollen wichtigen Gründe kenne,
welche Sie bestimmen noch die Gewinnung einer neuen mathemati-
schen Kraft für Bonn in Aussicht zu nehmen, so bin ich Ihnen
doch sehr dankbar für die Freundlichkeit mit der Sie dabei mei-
ner gedacht haben. Freilich, wenn ich aufrichtig sein soll, ist
mir ein Anderes, was ich dabei erkenne, noch mehr werth als
diese "Freundlichkeit", denn Ihre persönliche freundschaftliche
Gesinnung für mich ist mir eben seit Jahren gar wohl bekannt.
Sie, verehrter Freund, sind selber so von Herzen unserer Wis-
senschaft ergeben, dass Sie es nicht missdeuten werden, wenn
ich Ihnen sage, es war mir noch werthvoller, mein stilles und
sonst wenig verfolgten Bahnen zugewendetes wissenschaftliches
Wirken gerade von Ihnen geschätzt und beachtet zu sehen, da
Sie zu den Wenigen gehören, die Sinn Urtheil und Verständnis
dafür haben und an dessen Urtheil mir deshalb gar viel gelegen
ist. Ich hatte bei den in den letzten Monaten stattgehabten Ge-
sprächen über hervorragende mathematische Namen (Gespräche,
welche theils durch Correspondenten-Wahlen in der Akademie
theils durch die Göttinger Vakanz veranlasst waren) mehrfach
Gelegenheit gehabt, einen Ausdruck zu gebrauchen, den ich kei-
nen Anstand nehme Ihnen hier direct zu wiederholen, da derselbe
eine persönliche Anschauung bezeichnet, die für den Gegenstand
dieses Briefes von Wichtigkeit ist. Ich habe nämlich zum Öfte-
ren gesagt, dass ich bei einer Vergleichung der vielfach zusam-
men genannten Namen: Clebsch, ChristoffeI, K. Neurnann und Lip-
schitz mir selber kein rechtes Urtheil darüber zutraue, da mei-
ne mathematische Sympathie viel zu ausschliesslich Ihnen zuge-
wendet ist. Ich fühle mich deshalb zu wenig unpartheiisch und
Sie werden dies natürlich finden, da die Gemeinsamkeit der
Grundlagen unsrer mathematischen Bildung, das gemeinsame In-
teresse an den Problemen, ja ich möchte sagen eine gemeinsame
mathematische Geschmacks-Richtung uns von jeher einander nahe
gebracht hat. Ich erwähne dies hier nur, damit es Ihnen als
volle und ungeschminkte Wahrheit erscheint, wenn ich Ihnen sage,
dass gerade der nähere und persönliche Verkehr und das Zusammen-
wirken mit Ihnen eine der verlockendsten Seiten bei der Aus-
sicht wäre, die Sie mir in Ihren Zeilen eröffnen. Dazu käme
freilich, arbeiten an der Seite eines so grossartigen Genies
- 167 -

wie Helmholtz, leben an der Seite eines so innig geliebten treu-


en Freundes wie Rühle, und dies Alles an einem Orte, der für
mich seit einem vor 25 Jahren verlebten freudevollen Semester
immer einen besonderen Zauber behalten hat! Sie sehen, verehr-
ter Freund, des Anziehenden und Verlockenden genug - aber ich
muss. dennoch entsagen! Damit Sie diesen Entschluss in keiner
Weise missdeuten und die Gründe vollständig zu würdigen im Stan-
de sind, damit Sie trotz dieser verneinenden Antwort mir Ihre
gute Meinung und Freundschaft bewahren, muss ich Ihnen in aller
Kürze die Geschichte meiner Göttinger Berufung erzählen. Sie
werden daraus klar sehen, dass mir meine jetzige Handlungswei-
se bestimmt vorgezeichnet ist, und dass ein Schwanken jetzt mir
nicht gestattet wäre. Nachdem mir vor Jahr und Tag einmal Ols-
hausen [7] gelegentlich davon gesprochen hat, ob ich unter Um-
ständen einen Ruf nach Gött. annehmen möchte und ich dabei nur
meine augenblickliche "Empfindung" äusserte, dass ich mich wohl
kaum entschliessen dürfte, Berlin zu verlassen, habe ich kaum
wieder ein Wort davon gehört, bis mir Anfangs März, nachdem
eben durch die Cammern der Etat genehmigt und eine vortrefflich
dotierte ehrenvolle mathematische Professur in G. geschaffen
war, eine directe Anfrage und Anerbietung (7) in optima forma
von Müller schriftlich zuging. Die Ministerialräthe hatten es
absichtlich unterlassen noch weiter mündlich oder persönlich
mit mir zu unterhandeln, sondern nach dem ausgesprochenen Wun-
sche des Ministers sollte die Sache in ganz officieller Form
abgemacht werden, damit mir und den Anderen kein Zweifel an dem
Ernst der Absicht des Ministers bliebe. Ich habe die Sache zu-
erst mit den Meinigen besprochen, und als mir dabei klar gewor-
den war, dass ich durch Nichts gehindert sei meine Entschlies-
sung frei nur nach sachlichen Rücksichten zu fassen, habe ich
mich mit meinen Freunden Kummer, Weierstrass, Borchardt und
auch mit entfernter stehenden eingehend und sorgsam berathen.
Es ist mir dabei klar geworden, dass ich meine jetzige akademi-
sche Stellung nicht mit einer auswärtigen Professur vertauschen
darf. Meinem vorläufig noch sehr lebhaften ja eigentlich noch
wachsenden Bedürfnis einer angemessenen Lehrthätigkeit kann ich
hier in vollem Masse genügen, da ich als Mitglied der Akademie
das volle Recht habe, an der Universität gleich jedem ordentl.
Professor zu dociren. Dass ich dabei keine Fakultäts-Rechte
oder Pflichten habe, ist mir nicht von Erheblichkeit:)Einen ge-
- 168 -

wissen Einfluss - soweit derselbe sachlich berechtigt ist -


auf die Mathematik unseres Vaterlandes kann ich, wenn nöthig,
durch meine Stellung in der Akademie ausüben~)Diese meine Stel-
lung selbst ist mir in den sieben Jahren, in welchen ich der
Akademie angehöre, immer lieber und werther geworden; ich habe
darin viele Freunde gewonnen und unser collegiatisches Verhält-
nis ist im Grossen und Ganzen geradezu musterhaft geworden.
Wenn ich auch in dieser Beziehung selber Einiges zu den gün-
stigen Verhältnissen beigetragen habe, die jetzt in der Akade-
mie bestehen, so habe ich damit nur in sehr unvollkommener Wei-
se das wieder erstattet, was ich derselben durch Anregung und
Förderung verdanke. Fast mit allen Co lIegen in persönlichem,
mit .einem nicht geringen Theile derselben in näherem Verkehr,
so weit es meine Kräfte gestatten für das äussere und innere
Gedeihen unserer Körperschaft thätig und besorgt, genies se ich
selbst auch bei meinen Co lIegen solches Vertrauen und solche
Zuneigung, dass es mir sehr schwer geworden wäre aus einem sol-
chen Kreise von Männern zu scheiden, deren wissenschaftliche
und persönliche Bedeutung mit Recht überall hochgeschätzt wird.
Damit Sie mein ganzes Verhältnis hier klar übersehen, darf ich
Ihnen noch einen Umstand anführen, der dasselbe zu kennzeichnen
besonders geeignet ist. Auf Anregung - wie ich später hörte -
einiger derjenigen Collegen, die mir nicht zu allernächst ste-
hen, wurde mir vor einigen Wochen (am 16. Mai) von einer Anzahl
Mitgliedern der Akademie, die mehr als die Hälfte sämtlicher
Mitglieder beider Classen umfasste, ein solemnes Festessen ver-
anstaltet, um dabei meinen Entschluss, den Ruf nach Gött. ab-
zulehnen und in der Akademie zu verbleiben, zu ehren und zu
feiern. Es ist mir bei diesem seltenen und für mich ganz unver-
dient ehrenvollen Feste so viel Liebe und Achtung von meinen
Collegen entgegengetragen worden, dass es mir - wie Sie Sich
wohl denken können - ganz ausserordentlich wohltuend war, das
Bewusstsein haben zu können, dass ich solchen Männern auch et-
was werth bin. Soviel, geehrter Freund, über meine akademi-
schen Verhältnisse! Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen davon zu viel
vorerzählt habe; aber bei dem Interesse, welches Sie an mir
nehmen, dürfte Ihnen vielleicht selbst diese Ausführlichkeit
nicht unwillkommen sein. - Bei aller Bedeutsamkeit meiner all-
gemeinen Beziehungen zu meinen Collegen in der Akademie war es
- 169 -

doch ganz besonders mein inniges Verhältnis zu Kummer, Weier-


strass und Borchardt, welches mich hier gefesselt hat. Mit den
ersteren Beiden stehe ich, so lange ich in Berlin lebe, nicht
blass im vertrautesten persönlichen sondern auch in vertrau-
testem wissenschaftlichen Verkehr. Kaum geht mir ein mathema-
tischer Gedanke durch den Kopf, den ich nicht - wenn auch noch
unreif - meinen Freunden!mittheile; und dies ist gegenseitig.
Da namentlich wir Zwei,jWeierstrass und ich uns häufig in den
Gebieten unserer Gedanken begegnen, so weiss ich von so Man-
chem was er gemacht hat oder was ich im Laufe meiner hiesigen
Zeit erarbeitet habe kaum, wer von uns Beiden zuerst den Gegen-
stand angeregt oder mit irgend einer glücklichen Idee befruch-
tet hat. Diese Möglichkeit bester und vollständiger Mittheilung
hat wahrscheinlich freilich bei uns Beiden auch den grossen
Nachtheil der Lässigkeit in der Veröffentlichung hervorgerufen. 9)
Indessen - dies bei Seite - ist mir wenigstens dieses wissen-
schaftliche Zusammenwirken der grösste Genuss meines hiesigen
Lebens. Ich brauche nur auf den Unterschied in meinem Arbeiten
vor meinem Zusammensein mit Weierstrass und nachher zu blicken,
um die natürliche Besorgnis zu bekommen, dass ich, herausgeris-
sen aus diesem befruchtenden Verkehr mit ihm Kummer und Bor-
chardt wieder den wenn auch eifrigen doch einseitigen Forschun-
gen zu verfallen, mit denen ich mich früher ausschliesslich be-
schäftigt hatte. Vielleicht ist solche Besorgnis jetzt ungegrün-
det - aber hier war mir der Boden sicher, in Göttingen war er
mir unsicher - und so war die Wahl dem Rathe meiner Freunde ent-
sprechend gegeben. Es kam schliesslich noch eine Betrachtung
hinzu, deren Bedeutung mir wenigstens nicht gering erschien.
Sie wissen, dass ich seit 15 Jahren recht eifrig und theilweise
mit einigem Erfolge gearbeitet aber doch nur wenig davon ver-
öffentlicht habe. Ich habe zwar von vielen meiner Arbeiten die
Hauptresultate publicirt, aber fast niemals die ausführliche
Herleitung gegeben. Das alles bin ich noch schuldig. Ich besitze
einen grossen Wust von Arbeiten in meinen Schubkästen, die der
Redaction und Publikation harren und ich hoffe in den nächsten
Jahren Viel hierfür thun zu können. Freilich bin ich auch hier
in Berlin durch mannigfache akademische und Docenten-Geschäfte
in Anspruch genommen, aber ich darf mir doch nicht verhehlen,
- 170 -

dass eine Professur mir noch bei weitem mehr Verpflichtungen


auferlegen und mich von den nöthigen Publikationen noch auf Jah-
re hinaus abziehen würde.

Solche Erwägungen waren es, verehrter Freund, die mich veran-


lassten, die Berufung nach Göttingen auf einen Lehrstuhl abzu-
lehnen, welcher (wie sich mein Freund du Bois bei seinem Toast
an jenem Festdiner geistreich ausdrückte) durch die Namen Gauss,
Dirichlet und Riemann fast zu einern mathematischen Thron erho-
ben war. Grade die Scheu äusserlich der unzureichende Nachfol-
ger solcher Männer zu werden würde freilich mir auch schon ha-
ben verbieten können, auf die Offerte des Ministers einzugehen.
Indessen brauchte ich meine Überlegung gar nicht bis zu diesem
Punkt zu führen; jene Erwägungen waren hinreichend, um meinen
Entschluss zu motiviren und jene Erwägungen müssen, das werden
Sie mir nun wohl zugeben, auch in dem jetzigen Falle mir mass-
gebend bieiben. Noch im späteren Alter, im eigentlichen Mannes-
alter einmal auf den Punkt gekommen, noch über eine etwaige Än-
derung der Richtung meines Werkes entscheiden zu müssen, habe
ich nach reiflicher überlegung und berathen von treuen, warmen
und sachverständigen Freunden meine Wahl getroffen; ich muss
auch jetzt im ähnlichen Falle meinem Entschlusse treu bleiben,
wie schwer es mir auch wird all jenem Anziehenden zu widerste-
hen, was mir eintretenden Falls Bonn, Ihre Güte und die Will-
fährigkeit des Ministeriums bieten könnte. Jedenfalls nehmen
Sie meinen herzlichen Dank! Wie ich Ihnen hier wiederholen muss,
Ihre Anfrage und die Gesinnung aus welcher dieselbe hervorge-
gangen, hat mir sehr sehr wohl gethan!

Da Sie mich einmal in die Sache eingeweiht haben und da ich ein
offenes Herz für das Gedeihen unsrer Wissenschaft im Vaterlande
und namentlich auch in Ihrer Universität besitze, so müssen Sie
mir scha~ ein paar nähere Fragen gestatten, die Sie mir aber
bloss ganz ge~e,;e:; clich zu beantworten brauchen1.o~rstens: haben
Sie denn wirklich Aussicht Helmholtz zu bekommen und würde er
denn von [?] der Physiologie abgehen? Zweitens: sollte denn
wirklich das Ministerium die ausreichenden Mittel zu noch einer
ordentlichen Professur der Mathematik bewilligen? Würden Sie
nicht vielleicht in diesem Falle und wenn erst Ihre eigene Stel-
le angemessen und würdig dotiert ist, auf Christoffel reflecti-
- 171 -

ren, der noch dazu aus der Rheinprovinz gebürtig und katho-
lisch ist? Ich glaube, dass er. Zürich gern verlassen würde
und seine Acquisition möchte Ihnen vielleicht trotz Ihrer viel-
fach zusammentreffenden [?] mathematischen Richtung erwünscht
sein. Sie kennen seine Arbeiten hinreichend, als dass ich nö-
thig hätte Ihnen ein Wort über den grösseren oder geringeren
Werth derselben zu sagen, doch wäre ich, wenn Sie es wünschen,
zu weiterer Auskunft nicht bloss sondern auch zu eventueller
mündlicher Erläuterung Ihrer Wünsche bei Olshausen etc. bereit.
Sollte das Ministerium nur darauf eingehen, Ihnen einen Extra-
ordinarius für die Mathematik beizugeben, so würden Sie wohl
ganz andere Vorschläge in petto haben. Jedenfalls gönne ich
Ihnen von Herzen, nicht bloss um der Sache willen, einen Colle-
gen, der ein mathematisches Herz hat für Ihre Forschungen und
mit dem Sie Ihre glückliche Wirksamkeit dort fortsetzen können.
Ich selbst habe eben für Bonn noch einen ganz besonderen Platz
in meinem Herzen und Sie haben diesen Platz noch befestigt. Ich
werde mir's wohl noch schwerlich versagen, diesen Sommer zur
Jubiläumsfeier hinzukommen und dabei zugleich meine silberne
Jubiläumsfeier meines dortigen Studenten- und Burschenthums mit-
zufeiern. Ich treffe Sie und Freund Rühle doch dann zu Hause?

Ich werde zwar morgen noch an Rühle schreiben, möchte Sie aber
doch bitten, ihm gelegentlich Einiges aus diesem Briefe, was
die Göttinger Angelegenheit betrifft mitzutheilen. Ich will
nämlich dasselbe ihm nicht wiederholen und ihm doch Kenntnis
davon verschaffen, denn wir beide alte Freunde sind gewohnt
einander über die wichtigsten Angelegenheiten unserer Lebensge-
schichte au courant zu erhalten. Ich will diese fast unendlich
lange Epistel nicht schliessen, ohne Ihnen eine kleine mathema-
tische Notiz mitzutheilen, die vor einigen Monaten zu finden mich
sehr gefreut hat. In meiner Notiz über bilineare Formen habe ich
des Näheren den Grund meines Interesses an denjenigen Substitu-
tionen angegeben, zwischen deren Elementen Gleichungen bestehen
die bei der Zusammensetzung der Systeme erhalten bleiben. Bisher
bekannte Beispiele solcher Substitutions-Systeme sind die ortho-
gonalen und diejenigen, welche bei der Transformation der 6-
reihen auftreten. Ich habe nun gefunden 1) dass es für jedes
solche Substit.-System eine Form giebt, die durch dasselbe in
- 172 -

sich selbst transformirt wird 2) dass die Elemente aller solchen


Systeme sich rational durch die hinreichende Anzahl unabhängi-
ger Grössen ausdrücken lassen. Hiernach sind die Eulerschen For-
meln der Coordinaten-Transformation resp. deren von Cayley her-
rührende Ausdehnung auf allgemeine orthogonale Systeme ein ganz
spezieller Fall jener generellen Eigenschaft ad 2) die mir sehr
bemerkenswerth erscheint. Die ganze Sache ist so furchtbar all-
gemein, dass sie in Folge dessen äusserst leicht und übersicht-
lich abzumachen ist. Es galt eben nur den richtigen Punkt zu
finden, wo die Sache anzufassen war. Ich habe überdies mancher-
lei verwandte Fragen dabei erledigt und vielen Wust der rationa-
len Algebra mit einigen klaren Gedanken bewältigt. Darüber münd-
lich Näheres. Sie werden wohl so gut sein mir gelegentlich das
Datum Ihrer dortigen Jubiläumsfeier anzugeben, damit ich meine
vielen Reisedispositionen darnach treffen kann. Nun leben Sie
mir aber herzlich wohl und bewahren Sir mir Ihre freundschaft-
liche Gesinnung auch von ferne. Mit besten Grüssen von Haus zu
Haus stets

Ihr freundschaftlich ergebener


Leopold Kronecker

- * - * - * - * -

Lipschitz an Kronecker

Bonn den 17ten Juni 1868.

Verehrter Freund!

Wie gross auch mein Bedauern ist, dass Sie mir alle Hoffnung
nehmen, Sie als Collegen hier zu sehn, so muss ich doch die Gründ-
lichkeit der Erwägung anerkennen, welche für Sie zu diesem
Schlusse führt. Was Sie über mich schreiben, hat mir die aller-
grösseste Freude gemacht, weil es mir zeigt, dass Sie empfinden,
in welchem Sinne zu arbeiten mein stetes Verlangen war.

Ich will nun auf die Fragen näher eingehen, die Sie mir stell-
ten. Helmholtz hat auf meine Anfrage, ob er sich entschliessen
- 173 -

könnte, hier die Professur der Physik zu übernehmen, geantwor-


tet, dass er dazu geneigt sei, wenn die preussische Regierung
ihm ein Äquivalent für seine Heidelberger Stellung bieten wolle.
Er gesteht zu, dass die Physik von jeher sein Hauptinteresse war,
dass er der Physiologie mehr durch äussere Gründe zuge lenkt wor-
den, und meint, dass gegenwärtig, wo es eine tüchtige Schule in
der Physiologie, aber wenig gute mathematische Physiker unter
den Jüngern giebt, er in der letzteren Richtung vielleicht mehr
nutzen könne. Sie werden sich vorstellen, wie froh es mich ge-
macht hat, als sich diese Aussicht mir eröffnete. Wir hatten
wegen der Besetzung der physikalischen Stelle eine Sitzung, die
aber zu keinem Ergebnis führte. Dagegen konnte Niemand ernstlich
etwas einwenden, Helmholtz primo loco zu nennen, allein wegen
der andern beiden Nummern liess sich zunächst keine Einigung
erzielen, und nächsten Montag soll der neue Versuch gemacht
werden. Ich werde alles thun, was in meiner Macht steht, nur
solche Namen durchzusetzen, die man doch hören lassen darf. Sie
glauben aber nicht, ein wie geringer Sinn für sachliche Motive,
und ein wie reich entwickelter Sinn für Personalien unter mei-
nen naturforschenden Collegen vorhanden ist. 11 )

Also es ist eine Frage der materiellen Mittel, ob Helmholtz her-


kommt. Kann die Regierung es über sich gewinnen [?], ein Gehalt
zu bewilligen, das allerdings sehr hoch ist, dessen Ziffer der
Curator Beseler durch mich übrigens kennt, so zweifle ich nicht,
dass wir ihn haben. Denn seine innere Neigung spricht dafür,
das glaube ich sicher fühlen zu können.

Mit meinen Wünschen für die mathematische Stelle steht es nicht


so einfach.
[Lipschitz berichtet ausführlich und umständlich über seine Be-
sprechungen mit Argelander bezüglich dieser Stelle.]

Ich habe also Argelander gesagt, weil wir auf Sie verzichten
müssten, schiene mir Christoffel der passendste Mann zu sein;
auch vor Empfang Ihres lieben Briefes hatte ich mit ihm in die-
sem Sinne gesprochen. Nun kann ich Ihnen nicht verschweigen,
dass ich ihn in der That nur für den relativ besten halte. Mich
befriedigt allerdings namentlich die Strenge, die er gegen sich
selbst ausübt, die gediegene Durcharbeitung seiner Untersuchun-
- 174 -

gen; bisweilen kommt es mir aber vor, als ob er nicht den rech-
ten Fleck trifft, z.B. in dem Aufsatz über den Einfluss von
Realitäts= und Stetigkeitsbedingungen auf die Lösung gewöhn-
licher Differentialgleichungen, so weit ich diesen Aufsatz ken-
ne - denn in allen Tiefen studirt habe ich ihn nicht. - Ferner
ist es kein günstiges Zusammentreffen, dass er und ich mit Vor-
liebe theoretische Physik treiben, wofern noch ein Physiker von
theoretischer Richtung als dritter zu uns tritt. Endlich höre
ich, dass er stark ultramontan ist, und bei der Gefährlichkeit
dieser Elemente am Rhein würde ich immer etwas wie Reue fühlen,
eine Verstärkung derselben mit grosser Energie herbeigeführt zu
haben. Vielleicht können Sie sich in diese Verhältnisse nicht
hineindenken - glauben Sie mir, dass sie von der ernstesten Na-
tur sind.
Argelander, der seit meiner Geburt etwa sich mit Mathematik
nicht mehr befasst hat, kannte Christoffel's Namen nicht,
... Endlich zeigte es sich, dass er einen Mann wie Hesse meinte.
Darauf erwähnte ich, dass in dieser Categorie Aronhold sich be-
finde, dass dieser ein einseitiger Algebrist sei, den man aber
wegen der Gediegenheit seiner Arbeiten mit Ehren vorschlagen
12)
könne .
... Dann proponierte er, für den Fall, dass das Ministerium
einen Extraordinarius schicken wollte, Korturn zu nennen, und
das acceptirte ich.
Sie sehen nun verehrter Freund, wie die Sachen liegen. Was
Aronhold anlangt, so muss ich mich frei über ihn äussern, ob-
wohl er, denke ich, durch Heirath mit Ihnen verwandt ist. Die
Tüchtigkeit seiner Invariantenarbeiten kann ja Niemand leugnen.
Überall vollkommen correct halte ich seine Arbeiten aber nicht.
Dazu kommt, dass er Jahre lang die verschiedensten Disciplinen
gelehrt, und nur in einer etwas publicirt hat, woraus ich auf
eine grosse Einseitigkeit des Naturells schliesse. Ferner weiss
ich, wie wunderliche und nicht strenge zu rechtfertigende Dinge
er in dem Privatunterricht der Infinitesimalrechnung vorge-
bracht hat, und ich vermuthe, seine Vorträge werden von dem
vollen wissenschaftlichen Geist nicht ganz durchdrungen sein.

Es bleibt mir also nichts übrig, als in meinem die Vorschläge


begleitenden Gutachten zu entwickeln, dass die 3 in Rede stehen-
- 175 -

den Männer nur theilweise dem entsprechen, was hier noth thut
(denn was ich an Hesse vermisse, werden Sie sich schon selbst
sagen), und anzudeuten, dass die Anstellung des Dr. Kortum als
Extraordinarius der vernünftigste Schritt ist,
[Lipschitz kommt noch ausführlich auf Kortum zu sprechen und
macht klar, daß ihm dessen Beförderung vorrangig isr.] ... 13)

Ihre Mittheilung über die Substitutionen, für welche Zusammen-


setzung existirt, hat mich aufs höchste interessirt; ich hatte
immer eine stille Liebe zu diesem Gegenstande.

Ihr ganz ergebener


R. Lipschitz

- * - * - * - * -

Lipschitz an Kronecker

Bonn den 4ten Juli 1868.

Verehrter Freund!

... ist beschlossen worden, für die physikalische Professur die


folgenden Vorschläge zu thun: I Heimholtz, 11 Clausius, 111 Wüll-
ner, Wiedemann, Quincke. machte Argelander in einer zweiten
Sectionssitzung die 3 Vorschläge für die mathematische Stelle,
die ich mit ihm vereinbart hatte, und die Sie kennen. Dann mo~
1 4)
tivirte ich dieselben ausführlich .
... Doch ich muss suchen, mich von diesen Stimmungen frei zu
machen, und will gleich damit beginnen, dass ich Sie an ein Ge-
spräch erinnere, welches wir im Herbst 1866 in Berlin hatten,
und an dessen Gegenstand ich durch die aus dem Nachlass von
Riemann publicirte Abhandlung über die Hypothesen, welche der
Geometrie zu Grunde liegen, ge .. [?] worden bin. Ich theilte
Ihnen damals mit, dass ich den Beweis liefern könnte, dass das
Prinzip der virtuellen Geschwindigkeiten vollständig zu begrün-
den unmöglich ist. Mein Gedankengang war der folgende. Wenn ein
System einzelner Massenpunkte gegeben ist, so folgt aus dem
Trägheitsgesetz nach Newton's Fassung, dass jede einzelne Masse
- 176 -

ruht oder sich mit gleichförmiger Geschwindigkeit in gerader


Linie fortbewegt. Sind diese Massenpunkte einem System von Be-
dingungsgleichungen unterworfen, so steht apriori nur das fest,
dass dieselben unbewegt bleiben müssen, wenn sie die Anfangsge-
schwindigkeiten Null erhalten. Wenn man daher festsetzt, dass
ihre Bewegung durch ein System von Differentialgleichungen be-
stimmt sei, welches zur Folge hat, dass aus lauter verschwin-
denden Anfangsgeschwindigkeiten keine Bewegung sich ergeben
könne, und dass - wofern die Bedingungsgleichungen wegfallen -
alle Bewegungen nur in gerader Linie und mit constanten Ge-
schwindigkeiten geschehn, so hat man allen Forderungen der rei-
nen Theorie genügt.

Nun kann man diesen Forderungen auf die verschiedenste Art ge-
nügen. Das System Differentialgleichüngen muss nur, wenn die
Bedingungsgleichungen fortfallen in die Form

d 2x d 2 Ya
----a = 0 ---- = 0 = 0 übergehn (wo x a ' Ya' za die
dt 2 ' dt 2
rechtwinkligen Coordinaten der Massen a sind), und muss, auch
wenn die Bedingungsgleichungen gelten, ein Integral haben
2 2 2
~(v1,v2""'vp) = const , wo v 1 ,v 2 ' ... v p die Geschwindigkei-
ten der Massen m1 ,m 2 , ... mp sind, und die Funktion ~ die
Eigenschaft hat, dann und nur dann zu verschwinden, wenn die
Elemente derselben v 1 ,v 2 ' ... v p sämmtlich verschwinden.
Das Prinzip der virtuellen Geschwindigkeiten besteht darin,
'
d ass d lese Func t'lon g lelC
' h m1v 12 +m 2v 22 + ... + mpv p2 lS.
' t Wel'1
nun aber unendlich viele andere Functionen denselben Zweck er-
füllen können, so ist der Nachweis geführt, dass das Prinzip
der virtuellen Geschwindigkeiten apriori nicht begründet wer-
den kann.
Diese Betrachtung habe ich, wie schon erwähnt, im Jahre 1866
angestellt. Als ich Riemanns citirte Arbeit sah, fiel mir Fol-
gendes ein. Man könnte ja leugnen, dass eine Masse vermöge ih-
rer Trägheit sich in der geraden Linie bewege; denn das
Newton'sche Trägheitsgesetz ist auch nur ein Theorem der Er-
fahrung. Sobald nun, bei Voraussetzung des Euclidischen reellen
Raumes, eine Masse vermöge der Trägheit sich so bewegt, dass
das Integral
- 177 -

(wo x,y,z die rechtwinkligen von der Zeit tabhängenden Co-


ordinaten der Masse sind) ein Minimum wird, so erhalten die von
Riemann angestellten Speculationen eine neue Interpretation,
welche im geometrischen Sinn reell, und nur im mechanischen
Sinn ideal, oder wenn man so will, imaginär ist, und die vor
der Riemannschen Interpretation die grössere Anschaulichkeit
voraus hat. HeImholtz, der sich mit ähnlichen Fragen ohne von
Riemann's Arbeiten Kunde zu haben beschäftigt, und seine Resul-
tate in den Göttingischen Anzeigen publicirt hat, billigt die
Ideen, die ich Ihnen so eben angedeutet habe, durchaus. Er
schreibt mir, dass Schering sich mit mechanischen Speculationen
für den imaginären Raum abgegeben habe,wie dieser ihm brief-
lich communicirt hat, und meint, vielleicht könnten diese Ge-
danken mit den meinigen zusammentreffen. Ich will Schering's
Arbeit ruhig abwarten, aber mir liegt doch daran, wenigstens
bei Ihnen durch den Hinweis auf unser Gespräch von 1866 die
Independenz meiner Betrachtungen zu sichern. Leben Sie sehr
wohl, verehrter Freund. In 4 Wochen hoffe ich Sie heiter und
frisch in Bonn zu sehen.

Ihr ganz ergebener


R. Lipschitz

- * - * - * - * -

Lipschitz an Kronecker

Bonn den 7ten August 68.

Es hat mir ganz ungemein leid gethan, verehrter Freund,


dass ein Leiden ... Sie verhindere, zu unserem Jubiläum zu
1 5)
kommen.
Wie ich höre, verdanke ich Ihnen den [?], dass Weierstrass her-
kam; ich hatte ihn früher niemals so lange zusammenhängend ge-
sprochen, als in diesen Tagen, und bin ganz voll von dem, was
ich durch ihn erfahren habe. Als er mir einen Abriss von seiner
- 178 -

Theorie der Einheiten und Primfactoren im algebraischen Sinn


gab, konnte ich ihm nur antworten, mich betrübe nichts dabei,
als dass Dirichlet diese Entdeckung nicht erlebt habe; sie wäre
ganz nach seinem Herzen gewesen. 16)
Von unseren Berufungsgeschichten habe ich mit Weierstrass aus-
führlich gesprochen; und ich habe mich für Helwboltz I,
Clausius 11, Quincke 111 erklärt. Helmholtz war von Heidelberg
aus zum Jubiläum hergekommen ...

Die mathematischen Vorschläge, die ich Ihnen mittheilte, haben


Argelander und ich festgehalten,
Die Mehrheit der Section proponirte I Clebsch, 11 Hesse,
111 Christoffel, und empfahl Kortum als Fxtraordinarius.
Ich musste also wieder auseinandersetzp~, weshalb ich jene Vor-
schläge nicht zu meinigen machen konnte ....

- * - * - * - * -

Lipschitz an Kronecker

Bonn den 7ten Aug. 69.

Verehrter Herr College!

Der überbringer dieses, Dr. Felix Klein, hat in Bonn längere


Zeit Mathematik studiert, und kommt zu seiner ferneren Ausbil-
dung nach Berlin. Ich bitte Sie, dass Sie ihm hierbei Ihre Un-
terstützung möchten zu Theil werden lassen. Er hat sich bis
jetzt namentlich mit Geometrie beschäftigt, besitzt aber meiner
Ansicht nach auch für analytische Dinge eine sehr leichte Auf-
fassung. Wenn Sie sich seiner annehmen wollen, werde ich Ihnen
sehr dankbar sein. 17)
In den bevorstehenden Ferien will ich mich mit Ihren neuesten
Untersuchungen recht eingehend beschäftigen und freue mich da-
rauf; während des Semesters hatte ich mit leidigen Magenbe-
schwerden zu kämpfen, die aber nun wohl überwunden sind; da-
durch bin ich auch in meinen Arbeiten gehindert worden. Hoffent-
lich geht es Ihnen und Ihrer Gesundheit recht gut, und ich sehe
Sie bald einmal in Bonn. Indem ich Sie und Ihre verehrte Frau
- 179 -

Gemahlin bestens grüsse, bin ich

Ihr voll Hochschätzung ergebener


R. Lipschitz.

- * - * - * - * -

Kronecker an Lipschitz

Berlin 20.7.73

Geehrter Freund, ...

Ich hätte eigentlich Vielerlei mit Ihnen zu besprechen aus


der inneren und äusseren Mathematik; in letzterer Beziehung na-
mentlich auch die Goettinger Besetzungsfrage, wegen derer ich
erst neulich eine ziemlich eingehende Exposition zu machen und
bei der ich natürlich Ihrer ganz besonders zu gedenken hatte. 18 )
Aber wer weiss, was daraus wird, all derlei Dinge lässt man ja
jetzt ganz bei Seite, die politische Seite des Lebens hat Alles
absorbirt und was nicht als Mittel zur Erreichung der freilich
grossartigen und würdigen Bismarckschen Ziele gilt, das wird
in keinem unserer Ministerien sorgsam beachtet. Mit alter An-
hänglichkeit und mit freundschaftlichen Grüssen Ihr ergebener

Kronecker

- * - * - * - * -

Lipschitz an Kronecker

Bonn den 22ten Juli 73 .

... Ihre Abhandlungen über die Sturmschen Reihen werde ich mit
um so grösserem Interesse studiren, weil ich sehe, dass sie mit
den Transformationen von L x 2 in sich selbst zusammenhängt 19)
a a
Kummer schrieb mir vor einern Jahr etwa, Sie würden Ihre
Forschungen über Systeme von Functionen mehrerer Variablen in
- 180 -

extenso darstellen ... 20)


'" Dass Sie gelegentlich der Göttinger Stelle an mich gedacht
haben, ist mir, wie Sie denken können, um Ihres Urtheils willen
sehr werthvoll. Im übrigen glaube ich, wie Sie auch andeuten,
an keine Erledigung der Frage, oder wenn sie erledigt werden
sollte, an eine Erledigung in einem Sinne, der den in Göttingen
waltenden Anschauungen entspricht, und der wohl ein anderer
21)
sein wird.

- * - * - * - * -

Lipschitz an Kronecker

Bonn, den 17ten Januar 1881.

Verehrter Herr College!

... Ich bin jetzt damit beschäftigt, die Untersuchungen über


Summen von beliebig vielen Quadraten zu verfolgen, wovon ich
die erste Mittheilung Ihnen zuzusenden so frei war. Wenn ich
bald zu einem Abschluss komme, möchte ich die Ausarbeitung Ih-
nen und Herrn Collegen Weierstrass, den ich bestens zu grüssen
bitte, für das Journal anbieten, dessen Leitung jetzt in Ihren
Händen liegt. Mein Augenmerk ist namentlich darauf gerichtet,
die Beziehungen z~ ermitteln, durch welche meine Arbeit mit
früheren Forschungen zusammenhängt, und da hat es mir Vergnü-
gen gemacht, auf einen Gegenstand geführt zu werden, den ich
anfangs für ganz unabhängig hielt, dem unser verewigter Freund
Borchardt und Sie selber ein Interesse gewidmet haben, nämlich
die quadratischen Formen möglichst grosser Determinante für die
in jenen Untersuchungen festgehaltenen Bedingungen. Der Connex
ist ein so einfacher, dass ich ihn mit wenigen Worten angeben
kann.

- * - * - * - * -
- 181 -

Lipschitz an Kronecker

Bonn, den 19ten Juli 1883

Sehr geehrter Herr College!

Beifolgend übersende ich Ihnen eine Abhandlung über die Ber-


noullischen Zahlen, die ich Sie bitten möchte, in Ihr Journal
aufzunehmen. In dem ersten Theil bin ich durch den Aufsatz des
Herrn Worpitzki und namentlich durch Ihre darauf folgende Mit-
theilung veranlasst worden, wie Sie sehen werden, zu dem zweiten
Theil durch eine seit längerer Zeit gehegte Vermuthung, dass
hinter der von Staudt und Clausen gegebenen Darstellung der
Bernoullischen Zahlen eine analytische Function von ganz beson-
derer EigenthÜIDlichkeit verborgen sein müsse. Endlich glaube
ich diese Function gefunden zu haben, deren Eigenschaften nach
den verschiedensten Richtungen deuten. Es ist die über alle
ungraden [?] Primzahlen auszudehnende, für die complexen Werthe
von u, deren Hodul grösser als Eins ist, convergente Summe
L 1 22)
p p(Up-U)

Da ich der Arbeit Hermites über die ganzzahligen Bestand-


theile der Bernoullischen Zahlen so viel verdanke, habe ich
demselben so eben einige Hauptresultate meiner Arbeit brieflich
mitgetheilt.

- * - * - * - * -

Kronecker an Lipschitz

7. Aug. 1883

Geehrtester Herr College,

... Ich bin nämlich eifrigsc dabei, Vieles aus alten beinahe
druckreifen Arbeiten nun fertig zu machen und herauszugeben.
Bei dieser Gelegenheit habe ich das lange gesuchte Fundament
meiner ganzen Formentheorie gefunden, welches gewissermassen
"die Arithmetisierung der Algebra" - nach der ich ja das Streben
- 182 -

meines mathematischen Lebens gerichtet habe - vollendet, und


welches zugleich mir mit Evidenz zeigt, dass auch umgekehrt die
Arithmetik dieser "Association der Formen" nicht entbehren kann,
dass sie ohne deren Hülfe nur auf Irrwege geräth oder sich Ge-
dankengespinste macht, die wie die Dedekindschen, die wahre Na-
tur der Sache mehr zu verhüllen als zu klären geeignet sind. In
meinen Publicationen in den Sitzungsberichten, die ich Ihnen
anbei zu senden mir erlaube finden Sie Näheres darüber, doch
werde ich die Sachen in einem grösseren Zusatze zu meiner Fest-
schrift noch weiter ausführen. Dass die "Formen höherer Stufen"
selbst für ein so abgesuchtes Feld wie das der elliptischen
Functionen Neues bringen können, mag gewiss merkwürdig erschei-
nen, aber dass sie schon für die allerersten Elemente der Zah-
lentheorie nothwendig sind, ist doch noch merkwürdiger und zeigt
noch mehr die Echtheit der durch sie eingeführten Begriffe. Ich
werde vielleicht nicht anstehen im nächsten Winter, wo ich die
ganz gewöhnliche Zahlentheorie zu lesen habe, diese ganz neuen
Gesichtspunkte auch dem "grossen Publikum" darzulegen. Als ich
jene Quelle fand, musste ich wohl an das Wort denken: "Was man
in der Jugend sich wünscht ... " - ich erinnere mich noch ganz
genau unseres Zusammenseins in Bann im Herbst 1869, wo ich Ihnen
die Theorie der algebraischen Zahlen, wie ich sie seit 1857
hatte, in kurzen Zügen auseinandersetzte, und ich Ihnen dabei
die Gründe darlegte, die mich an einer Veröffentlichung hinder-
ten. Unter diesen stand eben der fundamentale Mangel voran, den
ich - bei meiner ganz allgemeinen Behandlung der algebraischen
Grössen - wohl fühlte, und den ich erst jetzt behoben habe. 23)

Mit freundschaftlichstem Gruss Ihr ergebener College


L. Kronecker

- * - * - * - * -

Lipschitz an Kronecker

Bann, ? August 83.

Sehr geehrter Herr College!

Für Ihre werthvollen gedruckten und geschriebenen Mittheilungen


- 183 -

sage ich Ihnen den besten Dank. Bis jetzt habe ich mir erst Ihre
Anwendung rein algebraischer Betrachtungen auf das Additions-
theorem der elliptischen Functionen ein wenig überlegen können,
muss aber bekennen, dass es mir vollkommen einleuchtet, wie auf
diesem Wege neue Resultate haben gefunden werden können. Ich
habe mir nämlich immer gedacht, so wie sich die Theorie der tri-
gonometrischen Functionen aus der Gleichung zwischen zwei Ver-
änderlichen x 2 +y2 ableiten lässt, müsse sich auch die Theo-
rie der elliptischen Functionen auf einem rein algebraischen
Grunde aufbauen lassen,
... bemerkte ich, dass sich für die m-te Bernoullische Zahl ein
asymptotischer Ausdruck aufstellen lässt, nämlich

1 1 2m-.l
-(2m
48m --)
2 2
4me
2"iT"e

der die Zahlen von m 7 ab in einer sehr befriedigenden Weise


darstellt ... 24)

- * - * - * - * -

[Aus der Zeit Oktober bis November 1884 existiert ein längerer
Briefwechsel (3 Briefe von Lipschitz, 5 von Kronecker) , der
sich fast ausschließlich um den Satz dreht, daß eine Funktion
von n reellen Variablen nicht mehr als n unabhängige Perio-
den haben kann. Lipschitz läßt sich nicht überzeugen, daß sei-
ne diesbezügliche Arbeit nichts wesentlich Neues enthält.
Vgl. auch Brief von Weierstrass vom 16.11.84]

- * - * - * - * -

Berlin, W. Bellevuestrasse 13.


den 9. Januar 1885.

Kronecker an Lipschitz

Geehrtester Herr College,

Vor einigen Tagen erhielt ich einen Brief von Cremona, in welchem
- 184 -

derselbe mich anfragt, ob ich ihm vielleicht von hier aus Statu-
ten, Reglements etc. der deutschen Universitäten schicken könne.
Ich habe mich deshalb zuerst an unsere Universität und dann auch
an das Ministerium gewendet. Auf dem letzteren erhielt ich heute
den Bescheid, dass es kürzer und also zweckentsprechender sein
würde, wenn ich mich direct an diejenigen Universitäten wendete,
deren Einrichtungen aus den darüber vorhandenen gedruckten Be-
stimmungen kennen zu lernen für Cremona von Wichtigkeit wäre.
Denn das Ministerium selbst würde nichts anderes thun können,
als sich die erforderlichen Publicationen von den einzelnen Uni-
versitäts-Bureaus kommen zu lassen.

Da Cremona, wie er mir schreibt, die gewünschten Schriftstücke


zu einer wichtigen Angelegenheit braucht, nämlich zur Ausarbei-
tung eines vom Senat beschlossenen Gegenprojects eines Gesetzes
über die Universitäten, so haben wir allen Grund dem befreunde-
ten Mathematiker auch bei Erfüllung einer Pflicht behülflich zu
sein, welche ihm als Mitglied des italienischen Senats aufgetra-
gen ist. Ich erlaube mir deshalb, Sie zu ersuchen, alle in den
Bureaus Ihrer Universität vorhandenen Statuten, Reglements, Be-
stimmungen betreffend die Professoren, Docenten und Studenten,
namentlich auch diejenigen, welche sich auf die Kosten der Exa-
mina, Collegien etc. beziehen entweder mir zur Weiterbeförderung
an Cremona gefälligst einsenden zu wollen oder auch, wenn Sie
dies vorziehen, die Papiere direct an Cremona, dessen Adresse ich
b e~'f"
uge, zuzusc h'~c k en. 25)

Ich werde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie die Güte haben, mir
baldigst mitzuteilen, ob Sie in der Lage sind, meinem hier aus-
gedrückten Wunsche zu entsprechen, und ich bemerke nur noch,
dass ich mich, gemäss einer auf dem Ministerium erhaltenen Aus-
kunft, allein an die Universitäten Bonn, Göttingen und Strassburg
gewendet habe, weil die übrigen in Bezug auf die Organisation
nichts Wesentliches hinzubringen würden.
Mit achtungsvollem Grusse ergebenst

L. Kronecker

- * - * - * - * -
- 185 -

[Im April/Mai 1885 wird der Briefwechsel über Perioden von


Funktionen mehrerer Veränderlicher fortgeführt (4 Briefe von
Kronecker, 2 von Lipschitz).l

- * - * - * - * -

Kronecker an Lipschitz

Berlin, W. Bellevuestrasse 13
13. Nov. 85

Geehrtester Herr College,

Ich beeile mich Ihnen meinen besten Dank für Ihren freundlichen
Brief von gestern zu sagen. Dass Sie nunmehr in der Lage sind,
meinem Ihnen früher ausgesprochenen Wunsche zu entsprechen und
uns - d.h. Weierstrass und mir - einen Beitrag für den 100. Band
unseres Journals einzusenden, hat mich aufs Höchste erfreut.
Nicht bloss die andre mathematische Welt weiss es, sondern Sie
selbst müssten es auch wissen, dass Ihre in unserem Journal pu-
blicirten Arbeiten zu den werthvollsten gehören, ja zu denen,
die eben dem Journal selber zu seinem Werthe verholfen haben.
Und darum eben war es uns so besonders wünschenswerth, dass Ihr
Name auch den 100sten Band mit schmücke. Ich brauche nach diesem
kaum noch auf Ihre Frage zu antworten, ob es uns recht sei, wenn
Sie Ihren Aufsatz einsenden. Er wird uns auf's Höchstewillkom-
men sein! Nach dem, was Sie mir über den Inhalt schreiben,
scheint mir sogar Ihr Aufsatz ein eminent passender für so eine
Art Jubelband zu sein, da er eine im Dirichlet-Riemannschen
Geiste geführte fundamentale und umfassende Untersuchung ent-
hält, die zugleich vom allgemeinsten Interesse ist. Dass dabei
diese Untersuchung deutlich das Gepräge Ihrer eigenen Weise zei-
gen wird, ist mir schon aus Ihren Andeutungen klar geworden. Ich
erwarte also mit Freuden die Einsendung Ihres Aufsatzes und wer-
de dafür sorgen, dass derselbe gleich das erste Heft ziere.

Anfangs September habe ich einer Aufforderung Hermite's Folge


geleistet und bin einige Tage bei ihm in Planville (bei Metz)
gewesen. Ich habe dort höchst genussreiche Stunden mit ihm und
- 186 -

seiner Familie (Picard eingeschlossen) verlebt. Die neuen el-


liptisch-arithmetischen Resultate, die ich ihm mitteilen konnte,
haben ihn sehr interessirt. Dass Hermite von Ihnen mit eben
solcher Herzlichkeit als Hochachtung [?] gesprochen hat, darf
ich gewiss noch hier erwähnen.

Weierstrass liest in diesem Winter nicht. Doch hoffen wir, dass


er übers Jahr seine Collegien wieder aufnehmen wird. Mit herz-
lichen Grüssen von Haus zu Haus!

Ihr hochachtungsvoll ergebener


L. Kronecker

- * - * - * - * -

Anmerkungen und Fußnoten

Es ist bedauerlich, daß über Leopold Kronecker (1823-1891) keine


umfassende wissenschaftliche Biographie existiert, denn er ist
eine der bedeutendsten und interessantesten, aber auch schillernd-
sten uno mastrittensten Gestalten der Mathematik des 19. Jahrhun-
derts. Die wichtigsten äußerlichen Daten seines Lebens und sei-
ner wissenschaftlichen Karriere sind die folgenden: Sein Lehrer
auf dem Gymnasium war E. Kummer (1810-1893), mit dem er zeitle-
bens in engster Verbindung blieb; er studierte von 1841-1845
hauptsächlich in Berlin bei Dirichlet und Steiner, aber auch in
Breslau bei Kummer und in Bonn. Danach war er zehn Jahre lang
mit der Verwaltung des Farnilienbesitzes beschäftigt. (Ih~

deshalb, wie R. Thom es getan hat, als "durch Börsenspekulatio-


nen reich gewordenen Bankier" zu bezeichnen, ist falsch und un-
gerecht.) 1855 kehrte Kronecker zunächst als unabhängiger pri-
vatgelehrter nach Berlin zurück, wurde aber Anfang 1861 zum Mit-
glied der Akademie gewählt. In dieser Stellung arbeitete er eng
mit Kummer und Weierstrass zusammen, hielt er Vorlesungen an
der Berliner Universität und gewann von Jahr zu Jahr mehr Ein-
fluß, was Personalangelegenheiten und Stellenbesetzungen betraf.
Erst 1883 übernahm er als Nachfolger Kummers offiziell eine Tä-
tigkeit an einer Universität. Seine Hauptarbeitsgebiete waren
zahlentheorie, algebraische Zahlentheorie, Algebra und Funktio-
- 187 -

nentheorie, insbesondere elliptische Funktionen. Sein tiefes,


schwer zugängliches und stellenweise fragmentarisches Werk ist
vor allem durch die von ihm aufgedeckten vielfältigen Verbin-
dungen zwischen den genannten Gebieten gekennzeichnet.

Fußnoten

1) Der Briefwechsel mit Kronecker ist offenbar weitgehend erhalten. Bei


Lipschitz' eigenen Briefen befindet sich ein Vermerk von Lipschitz' Hand:
"Briefe an L. Kronecker nach dessen Tode an mich zurückgegeben." Es wäre
interessant zu wissen, ob mit anderen Korrespondenzen von Kroneckers Erben
ähnlich verfahren wurde, denn Kronecker war offenbar ein eifriger Briefe-
schreiber, dessen Korrespondenz viele mathematik-historisch interessante
Details enthalten sollte. Von seinem geschraubten Stil kann sich jeder Le-
ser selbst ein Bild machen; Hermite bezeichnete in einem Brief an Lipschitz
Kroneckers Deutsch einmal als "absolument impenetrable". (Gleiches kann
auch von seiner Handschrift gesagt werden; vgl. die Faksimile-Probe.)

2) Für weitere zeitgenössische Briefe über Dirichlets letzte Monate und


seinen Tod vgl. Scharlau [1981], S. 47-49, 54-56.

3) Außer der von Dedekind herausgegebenen und sehr sorgfältig bearbeiteten


hydrodynamischen Arbeit (Dirichlets Werke, Bd. 11, 263-301) ist aus dem
Nachlaß Dirichlets nichts erschienen. Es wäre vielleicht besser gewesen,
wenn sich Dedekind statt des ruhelosen und ungeduldigen Kroneckers des
Nachlasses angenommen hätte.

4) Es geht offenbar um Lipschitz Arbeit Nr. 7 der "Chronologischen Liste


seiner Publikationen (vgl. S. 235).

5) Lipschitz' Haltung in der gesamten Berufungsangelegenheit Nachfolge


Plücker ist nur schwer zu durchschauen (vgl. die Briefe von Helmholtzl. Er
hat offenbar wirklich gehofft, Helmholtz gewinnen zu können; daß er aber
ernsthaft mit der Möglichkeit gerechnet hat, Kronecker für Bonn zu gewin-
nen, erscheint kaum denkbar. Der Plücker-Lehrstuhl wurde schließlich mit
Clausius ganz ausgezeichnet besetzt.

6) Nachfolge Riemanns, zunächst Kronecker angeboten, dann durch Clebsch


besetzt.
- 188 -

7) Wie schon bemerkt, wurde Kronecker erst sehr spät - nämlich als Nachfol-
ger Kummers - Professor an der Berliner Universität.

8) Hier untertreibt Kronecker natürlich; in Wirklichkeit war er der ein-


flußreichste deutsche Mathematiker dieser Zeit und benutzte seinen Einfluß
oft in nicht besonders objektiver Weise (z.B. gegenüber Cantor).

9) Was hier Kronecker über seine Beziehungen zu Weierstrass schreibt ist


im Hinblick auf das spätere Zerwürfnis der beiden besonders interessant.

10) Nachdem die ganze gegenseitige und eigene Beweihräucherung vorbei ist,
wird jetzt Kronecker - da es ja um eine wichtige Stelle geht! - ganz schnell
sachlich und konkret und stellt präzise die entscheidenden Fragen.

11) Trotz dieser Bemerkung ist festzuhalten, daß die Personalpolitik der
Bonner Universität auf dem Gebiet der Naturwissenschaften sehr erfolgreich
war. Sicher hatte Lipschitz daran wesentlichen Anteil.

12) S.H. Aronhold (1819-1884) war Schüler von Jacobi, Hesse und Steiner und
wirkte in Berlin; er war einer der Begründer der Invariantentheorie. Trotz
Lipschitz' Bemerkung galt er als guter Universitätslehrer, der z.B. Weier-
strass während dessen Krankheiten vertrat.

13) Der ganze lange, hier stark gekürzte Brief hat etwas ziemlich Groteskes
an sich. Am Anfang ist von hochkarätigen Namen wie Helmholtz und auch noch
einmal von Kronecker die Rede, dann von Christoffel und Hesse, schließlich
noch von Aronhold, und ganz zum Schluß rückt Lipschitz mit seinem eigentli-
chen Wunsch heraus, den Bonner Privatdozenten Kortum zum Extraordinarius be-
fördert zu sehen.

14) Aus dem Briefwechsel geht der Vorschlag nicht klar hervor; es könnte
sich um eine Liste 1) Christoffel 2) Hesse 3) Aronhold handeln. Aus dem fol-
genden Brief ergibt sich, daß sie offenbar noch einmal geändert wurde. Offen-
sichtlich wurde der Antrag im Ministerium abgelehnt, denn ein weiterer Lehr-
stuhl wurde in Bonn erst viel später eingerichtet. Wie gewünscht erhielt
Kortum' das Extraordinariat.

15) Es dürfte sich um die Feierlichkeiten zum fünfzigjährigen Bestehen der


Bonner Universität handeln.

16) Es ist nicht ganz sicher, was hier gemeint ist. Von einer Beschäftigung
Weierstrass' mit der algebraischen Zahlentheorie ist nichts bekannt. Daher
- 189 -

ist anzunehmen, daß es um Weierstrass' Untersuchungen des Ringes der kon-


vergenten Potenzreihen und den Vorbereitungssatz ging.

17) Es dürfte kaum erforderlich sein, hier Felix Klein (1849-1925) näher vor-
zustellen. Er war das Oberhaupt der geometrischen Schule in Deutschland und
von 1886 an als Professor in Göttingen auch in wissenschafts-organisatorischer
und -politischer Rolle führend tätig. (Für seine Biographie verweisen wir
auf R. Tobies: Felix Klein, Leipzig 1981.) Klein hatte von 1865 bis 1868 in
Bonn Physik und Mathematik studiert, aber hauptsächlich bei Plücker, dem er
wesentliche Anregungen für seine späteren geometrischen Untersuchungen ver-
dankte. Nach Plückers Tod (Mai 1868) hatte er sich enger an Clebsch ange-
schlossen, promovierte jedoch formal bei Lipschitz im Dezember 1868. Engere
Beziehungen zu Lipschitz haben nicht bestanden; Briefe von Klein an Lipschitz
scheinen nicht zu existieren. Der Aufenthalt Kleins in Berlin war nur von
kurzer Dauer; wesentliche Anregungen hat er dort nicht bekommen, am ehesten
noch von Kronecker.

18) Es ging um die Nachfolge Clebschs. In diesem Zusammenhang wurden viele


Namen diskutiert, U.a. Weierstrass, Dedekind, Lipschitz, C. Neumann, E. Heine.
Schließlich erhielt L. Fuchs den Ruf (vgl. Dugac [1976], S. 186-188).

19) Bei dieser unklaren aber interessanten Bemerkung könnte es sich um fol-
gendes handeln: Die Sturmschen Reihen werden bekanntlich benutzt, um die
Zahl der reellen Nullstellen eines Polynomes p(X) zu bestimmen; Lipschitz
erkennt offenbar einen Zusammenhang mit der Theorie der orthogonalen Gruppen,
d.h. der quadratischen Formen. Tatsächlich schien im 19. Jahrhundert ziemlich
allgemein bekannt zu sein (Sylvester), daß sich die gesuchte Anzahl aus der
Signatur der Spurform der R-Algebra R[X]/p(X) ergibt. Dieser Sachverhalt
wurde vergessen und viel später u.a. von O. Taussky wiederentdeckt.

20) Hier ist Kroneckers ebenso berühmte wie unzugängliche Festschrift "Grund-
züge einer arithmetischen Theorie der algebraischen Grössen" gemeint (er-
schienen 1882, vgl. Werke II, 237-387), nach Dieudonne "der erste Traum von
der Theorie der Schemata".

21) Die Spannungen zwischen der Berliner und Göttinger Schule hatten sich
offenbar seit Beginn der 70er Jahre manifestiert; vgl. auch den Brief von
Borchardt vom 21.12.1875, S. 22/23.

22) Diese Funktion wird auch in Briefen an Hermite erwähnt ohne daß klar
wird, wie sich Lipschitz den Zusammenhang mit den Bernoullischen Zahlen vor-
stellt. In Lipschitz' Arbeiten über Bernoullische Zahlen kommt sie nicht vor.

23) Dieser Brief ist für jede wissenschaftliche Biographie Kroneckers sicher

ein hochinteressantes Dokument. Leider ist er genauso unklar und dunkel


wie so vieles bei Kronecker. Die Bemerkungen scheinen sich zunächst auf
Kroneckers Arbeit "Zur Theorie der Formen höherer Stufen" (Werke 11, 419-
424) zu beziehen.

24) Dies ist eine ziemlich triviale Bemerkung; man benutzt die Eulersche
Formel für s(2m) (~1 für großes m) zusammen mit der Sterlingschen Formel.

25) L. Cremona (1830-1903) war ab 1873 Professor in Rom; er interessierte


sich sehr für Fragen des mathematischen Unterrichts, war, wie der Brief
zeigt, auch politisch aktiv und später sogar für kurze Zeit Minister.
- 191 -

BRIEFE VON G, MITTAG-LEFFLER AN LIPSCHITZ *)

Helsingfors. 8 Octobre 1878.

Monsieur,

Je vous prie de vouloir bien me dire a quelle epoque vous


comptez faire apparaitre le tome 11 de votre excellent ouvrage
"Lehrbuch der Analysis". J'ai introduis votre livre ici a
l'universite et it il Y a au moins 50 de mes eleves qui atten-
dent avec impatience l'apparetion de votre tome 11.

G. Mittag-Leffler
Prof. ordin. de Mathemat. a l'universite d ' Helsingfors,
Finlande (Russie)

- * - * - * - * -

Engelsberg 11/8 1890

Hochverehrter Herr college!

Entnehmen Sie meinen besten Dank wegen die Güte und Gastfreund-
schaft die Sie mir in Bonn zeigten und bitte überbringen Sie
Ihrer geehrten Frau Gemahlin meine hochachtungsvollen und dank-
baren Empfehlungen. Grüssen Sie auch bitte von mir am besten
Ihr hochgeehrter Herr College Kortum und Herr Professor Herz.
Ihren freundlichen Brief vom 7 August habe ich gestern erhalten
und ich danke Sie wegen die Mittheilungen die Sie mir über die
Abhandlung machen die ich hoffe Sie für Acta bestimmen möchten
Ich hatte auch daran gedacht mich an Herrn Adolf Hansemann, den
ich gut kenne, zu wenden um Beziehungen zu seinen Bruder Herr
Gustaf v. Hansemann zu bekommen. Wenn es sich zeigt dass die
Unterhandlungen mit den Pariser Banquiers, wie sehr möglich ist,

*) Fußnoten und Anmerkungen folgen auf S. 194


- 192 -

zu nichts führen, werde ich auch gewiss mir von diesem Auswege
bedienen. Danken Sie bitte Herrn Kortum dafür dass er gütigst
daran gedacht hat.
Ich musste leider durch Berlin ohne Aufenthalt reisen um zur
Zeit in Stockholrn einzutreffen. Ich weiss also nichts neues
von Herrn Weierstrass. Hier fand ich eine solche Masse von Brie-
fe und Manuskripte dass ich mehrere Wochen brauchen werde um
wieder im gewöhnlichen Geleise zu kommen. Meine Vorlesungen
fangen am 15 September an und denke ich diessmal Höhere Algebra
und Abelsche Funktionen nach Weierstrass zu lesen. Frau Kowa-
levsky wird Anwendung der Analysis auf der Zahlentheorie lesen -
zum ersten Mal. Ich habe früher diese Vorlesung gehalten aber wir
haben jetzt vorgezogen zu wechseln. Phragmen liest Theorie der
dynamischen Gleichungen nach Poincare in seiner Preisschrift,
Bendixson liest über die Abelschen und Galoischen Theorien in
der Höheren Algebra. Kobb wird über die letzten Arbeiten von
Picard und Schwarz in der Theorie der partiellen Differential
Gleichungen lesen. Wir werden auch einige Wochen ein Collegium
über die Staudtschen geometrischen Theorien von meinem Schwager
Del Pezzo, Duca di Caianello, Schüler von Sannio und Cremona
und Professor der Geometrie an der Universität in Neapel haben.

Wie Sie sehen können wir hier ziemlich weit gehen, aber das
hängt davon ab, dass unsere Schüler schon an andere Universitä-
ten ihre mehr elementarische Studien gemacht haben. Wir haben
auch nicht viele, nur ungefähr zehn. 1)

[Der Schluß dieses Briefes ist offenbar verlorengegangen.]

- * - * - * - * -

Paris, le 19 Juin 1892

Tres-honore collegue,

Monsieur Herrnite aura 70 ans a la fin du mois de Decembre. 11


se forrnera une comite internationale pour demandre une peau
d'argent des geometres de tous les pays argent qui doit etre
emploier a frapper une medaille a offrir a M. Hermite a son
anniversaire. Les membres francais de la comite sont Darboux,
- 193 -

Jordan, Poincare. C'est dans leur nom et dans le moins que je


vous demande si vous voulez faire part de la comite. Ce
s'adresse a vous et a M. Fuchs cornrne etant ceux des geometres
allemands qui ont en le plus de rapport avec M. Hermite . . . . 2)

.•. votre tres-devoue


Mittag-Leffler

- * - * - * - * -

16/10 1900.

Hochgeehrter Herr College,

Erlauben Sie mir das Projekt einer neuen wissenschaftlichen


Publication, über welches ich mich in Paris und später in
Aachen mit mehreren Fachgenossen unterhalten habe, hiermit
Ihnen unterzustellen. Ich möchte eine Art von wissenschaftliche
Autogeschichte der ersten jetzt lebenden Mathematiker herausge-
ben. Jeder Mathematiker wird selbst ein Referat des Hauptinhal-
tes seiner sämtlichen Arbeiten zusammenstellen. Eine vollstän-
dige Bibliographie wird hinzugefügt werden. Ebenso eine kurze
"Vita".
Die Selbstreferate von Gauss geben ein vorzügliches Muster. In
neueren Zeiten haben die Franzosen dasselbe gemacht in die
"Notice sur mes travaux scientifiques", die sie publiciren bei
ihren Kandidaturen für das Institut. Es scheint mir, dass der
Werth einer solchen Publication für unsere Zeit und für künfti-
ge Zeiten nicht hoch genug geschätzt werden kann. Von welcher
Bedeutung wäre es nicht, wenn Gauss, Jacobi, Riemann, Weier-
strass eine solche Zusammenstellung der Hauptergebnisse ihren
wissenschaftlichen Thätigkeit hinterlassen hätten.

Ich wage jetzt an Sie, hochgeehrter Herr College, die Bitte zu


richten, Sie möchten mir Ihre Unterstützung gewären in so fern,
dass Sie ein solches Selbstreferat über Ihre verschiedene Ar-
beiten für mich verfassen wollten. Es scheint dass ich auf Un-
terstützung von allen Seiten rechnen könne. Ich hege sogar die
Hoffnung, dass Hermite für mich ein Selbstreferat seiner Arbei-
ten ausarbeiten wird.
- 194 -

Ich bitte Sie gütigst meine ganze jetzige Mittheilung bis auf
weiteres als eine ganz vertrauliche ansehen zu wollen. 3)

Ihre baldige Antwort entgegensehend zeichne ich mit vorzügli-


cher Hochschätzung Ihr ergebenster

Mittag-Leffler

- * - * - * - * -

Anmerkungen und Fußnoten

G. Mittag-Leffler (1846-1927) war einer der bedeutendsten Wei-


erstrass-Schüler, vor allem aber auch von nachhaltigem Einfluß
durch seine engen Beziehungen zu vielen führenden Mathematikern,
durch die Gründung der Zeitschrift "Acta Mathematica", die von
ihrem ersten Band an zu den wichtigsten mathematischen Zeit-
schriften gehörte, durch die Gründung des Institutes in Djurs-
holm und viele andere internationale Aktivitäten, z.B. Mitarbeit
bei der organisation der ersten Internationalen Mathematiker-
Kongresse.

Fußnoten

1) In der Tat scheint das Niveau der mathematischen Vorlesungen in Stockholm


bemerkenswert hoch gewesen zu sein. Die erwähnte Vorlesung von S. Kowalewsky
dürfte nicht gehalten worden sein, denn sie verbrachte den Winter 90/91 in
Frankreich und starb im Februar 1891.

2) Vgl. Hermites Brief vom 30.12.1892.

3) Dieses Projekt scheint nicht realisiert worden zu sein.


- 195 -

BRIEF VON C, NEUMANN AN LIPSCHITZ

Verehrter Herr College!

Meine Absicht ist es, Sie um Ihre gütige Unterstützung zu bitten


bei einem Unternehmen, welches für die Mathematische Wissenschaft
erwünscht und förderlich sein dürfte.

Bei aller Vortrefflichkeit nämlich, welche das Crelle = Borchardt-


sehe Journal besitzt, dürfte nicht zu bestreiten sein, dass das-
selbe, in Folge seiner Beschränkung auf ein bestimmtes Volumen,
den heutigen Bedürfnissen nicht mehr völlig genügt. Demgemäss
ist von Clebsch und mir der Entschluss gefasst worden, ein neu-
es Mathematisches Journal zu begründen, welches in wirklich
zwanglosen Heften erscheinen soll, so dass je nach Anzahl der
einlaufenden Aufsätze binnen eines Jahres bald sehr viele, bald
nur wenige Hefte zu ediren sind. In solcher Weise wird erreicht
werden können, dass jeder eingesendete Aufsatz in kurzer Zeit
(etwa innerhalb sechs Wochen) im Druck vollendet ist.

Ich gebe mich der Hoffnung hin, dass Sie die grosse Wichtigkeit,
welche eine derartige Einrichtung sowohl für die Wissenschaft im
Allgemeinen als auch speciell für den betreffenden Autor hat,
anerkennen werden. Und demgemäss erlaube ich mir, an Sie die
dringende Bitte zu richten, unser Unternehmen gütigst unter-
stützen zu wollen. Jeder von Ihnen uns zugehende Aufsatz würde
uns im höchsten Grade willkommen sein, und viel dazu beitragen,
unser neues Journal zu heben, zu unterstützen, glücklich hinweg-
zuführen über die Gefahren der ersten Anfangszeit.

Sollten Sie, wie wir hoffen, unser Journal zu unterstützen ge-


neigt sein, so würden wir Ihnen für eine kurze Mittheilung da-
rüber zu grossem Dank verpflichtet sein.

Hochachtungsvoll Ihr ergebener


C. Neumann. Prof.

Tübingen. 11. August 1868.


- 196 -

Anmerkung

Carl Neumann (1832-1925), Sohn des Begründers der mathemati-


schen Physik in Deutschland Franz Neumann (1798-1895), wirkte
von 1868 bis zu seinem Lebensende in Leipzig. Sein Hauptinter-
esse galt der Potentialtheorie und der (Riemannschen) Funktionen-
theorie. Zu seinem gleichaltrigen Landsmann Lipschitz dürfte er
kaum engere Beziehungen gehabt haben. Wie aus dem Brief hervor-
geht, gründete er 1868 mit Clebsch die Mathematischen Annalen,
die sich bald hervorragend entwickelten, während Crelles Journal
unter der Leitung des etwas pedantischen und in mathematischen
Dingen konservativen Borchardt stagnierte.
- 197 -

BRIEF VON H, POINCARE

Paris, le 5 Fevrier 1889

Monsieur,

Monsieur Hermite m'a communique votre derni2re lettre, ce qui


m'a fait beaucoup de plaisir, d'abord parte que les considera-
tions arithmetiques que vous y developpez m'ont beaucoup
intereresse et ensuite parce que j'ai ete flatte de voir qu'un
homme tel que vous avait pris la peine de lire mon travail sur
les fonctions fuchsiennes et l'arithmetique. C'est bien en
effet sur le fait que la forme ternaire quadratique b 2 -ac est
un invariant de la forme quadratique binaire

2
ax +2bxy+cy
2

que tout repose.


Ainsi les substitutions lineaires qui n'alterent pas une forme
ternaire pourront etre etudies de la facon suivante; il suffira
de se rendre compte des changement qu'une substitution lineaire
introduit dans une forme binaire.

Veuillez agreer, Monsieur, avec l'assurance de mon admiration


pour votre talent, celle de ma respectueme consideration

Poincare

- * - * - * - * -

H. Poincare (1854-1912), auf allen Gebieten der reinen und an-


gewandten Mathematik aktiv, gilt allgemein neben D. Hilbert als
der bedeutendste Mathematiker seiner Zeit.
- 198 -

BRIEFE VON E. STUDY *)

Wieck bei Greifswald, 19.5.97.

Hochverehrter Herr Geheimrath,

Mein Anfang hier war nicht sehr vielversprechend, meine Zuhörer


hatten Differentialrechnung und Determinanten zwar gehört, aber
nicht geübt, und hatten, wie sich bei der Prüfung sogleich her-
ausstellte, nur höchst verschwommene Begriffe. Ich habe daher,
statt der angezeigten Vorlesungen, vorläufig lauter Übungsstun-
den abgehalten - also 8 Stunden übungen die Woche - und nun
geht es schon viel besser; zwei bis drei meiner Zuhörer wenig-
stens sind eifrig und bearbeiten die gestellten Aufgaben auch,
was mir bisher noch niemals vorgekommen ist. Nun bin ich schon
dabei, die Zahl der übungs stunden zu reduciren, und hoffe, dass
ich nach Pfingsten mit meinem eigentlichen Programm beginnen
kann. Auch sonst lässt es sich recht gut an; die Herrn Collegen
Richarz und Thome sind die Liebenswürdigkeit selbst, und in der
Facultät scheinen angenehme Verhältnisse zu herrschen •

... Wieck hat sich in den letzten Tagen in ein wahres Paradies
verwandelt; ich sitze mitten im Grünen, zwischen blühenden
Apfelbäumen, und habe aus meinem Studierzimmer Aussicht auf den
Hafen, wo immer einige Fischerboote mit fliegenden Segeln in Be-
wegung sind. Wir gedeihen alle sehr gut hier, namentlich die
Kleine, die den ganzen Tag im Garten ist. Auch die Verpflegung
ist recht gut, Victualien sind billig, namentlich die Fische.
Das Pfund Lachs kostet jetzt 80 Pfge, und das findet man hier
zu Lande unerhört theuer. Neulich wurde ein grosser Stör ge-
fangen, 160 Pfund schwer. S.tücke davon zieren in geräuchertem
Zustand unsere Abendtafel, auch Aale werden massenhaft vertilgt.
Die Luft hier ist ganz herrlich, immer frisch, wie in der
Schweiz, niemals so schwül wie in Bonn, und dabei werden wir
noch bemitleidet, dass wir so viel "schlechtes" Wetter gehabt
haben. Wir haben daher auch beschlossen, noch den ganzen Monat

*) Fußnoten und Anmerkungen folgen auf S. 206


- 199 -

August hierzubleiben, und von hier, per Schiff und Rad, dann
und wann einmal einen Ausflug nach Rügen zu machen . ...

Ihr aufrichtig und dankbar ergebener

E. Study.

- * - * - * - * -

Wieck, 22.7.1897.

Hochverehrter Herr Geheimrath,

Haben Sie vielen Dank für Ihren freundlichen Brief: Wir freuen
uns sehr der guten Nachricht von Ihnen und den Ihrigen. Eine
besondere Freude aber haben Sie mir gemacht durch die Mitthei-
lung, dass Sie Engel an erster Stelle vorschlagen wollen. Er
hat es gewiss verdient, und Sie werden, wenn er kommt, diese
Wahl in keiner Hinsicht zu bereuen haben; auch mit Heffter
werden Sie sicherlich gut fahren, er ist ein sorgfältiger und
guter Docent und liebenswürdiger Mensch. Über die Herrn Colle-
gen Gutzmer und Bohlmann kann ich Ihnen leider nur ganz wenig
Auskunft geben. Ich kenne ihre Arbeiten nicht, und ihr Gebiet
liegt mir zu fern, als dass ich es wagen dürfte, mir in der
Kürze auch nur ein oberflächliches Urtheil zu bilden. Von Bohl-
mann weiss ich nur, dass er in seinen Arbeiten sich zum Theil
auf Lie'sche Theorien stützt. Nach Gutzmer habe ich Herrn Col-
legen Thome gefragt, der seine Arbeiten genau kennt (von Bohl-
mann weiss er Nichts). Er scheint nicht besonders viel von ihm
zu halten, Harn in Charlottenburg habe viel bessere Arbeiten
gemacht. Ich glaube aber, nach Dem was ich über Harn gehört
habe, nicht, dass es sich empfehlen würde, ihn auf die Liste
zu bringen; er soll sich als Docent nicht sonderlich bewährt
haben. Dagegen sollen die Hallenser mit Gutzmer sehr zufrieden
sein. Seine Persönlichkeit (er war im vorigen Jahre in Frank-
furt) macht einen angenehmen Eindruck. Sonst sind seit mehreren
Jahren habilitirt Doehlemann und v. Brunn in München, Haussner
in Würzburg, Landsberg in Heidelberg und Hausdorf in Leipzig,
sowie London. Von Doehlemann und Haussner kenne ich Arbeiten,
- 200 -

die mir aber gar nicht gefallen haben, über v. Brunn hat sich
Noether sehr abfällig geäussert. Landsberg dagegen ist sicher
ein ganz ausgezeichneter Mathematiker, leider eine wenig ange-
nehme Persönlichkeit. über Hausdorf (Privatdocent für Mathema-
tik und Astronomie) will ich Erkundigungen einziehen im Falle
Sie es wünschen sollten. Es ist aber bei dem Mangel an tüchti-
gen jüngeren Kräften wohl kaum nöthig, eine so gros se Liste
1)
aufzustellen.

Bitte Ihren verehrten Angehörigen und Herrn Collegen Kortum


unsere herzlichsten Grüsse zu bestellen!

Ihr aufrichtig und dankbar ergebener


E. Study.

- * - * - * - * -

Greifswald, 20 Dec. 1897.

Ausserdem lese ich über die Galois'sche Theorie, zum ersten


Male. Diese Vorlesung, die ich im Sommer fortsetzen werde, ab-
sorbirt fast meine ganze Zeit. Es giebt auch nicht eine einzi-
ge brauchbare Darstellung dieser Dinge, selbst in dem Weber'schen
Werke ist die Grundlage - die Untersuchung der Reducibilität
einer ganzen Function in beliebigem Rationalitätsbereich - un-
richtig dargestellt. Da die Sachen ziemlich schwer und meine
Herren Zuhörer nicht übermässig begabt sind, so ist ziemlich
viel Reibung zu überwinden.

- * - * ~ * - * -

Greifswald, 8. Juni 1898.

Ich werde mich für Ihre Gabe wohl nicht so bald revanchi-
ren können, denn meinen Zncyclopaedie-Artikel, der nun fertig
gedruckt ist, kann ich nicht rechnen. Man wird diesem wohl
nicht ansehen, wie viel Zeit, Mühe (und Verdruss) er mich ge-
kostet hat. Er war ursprünglich 3j Bogen stark, die Redaction
- 201 -

hat ihn aber sehr beschnitten, wobei u. A. auch das Referat


über Ihre Summen von Quadraten schlecht weggekommen ist. Sie
werden Sich auch über manche gar nicht zur Sache gehörige Ci-
tate wundern. Diese, bezüglich auf Schriften des Herrn F. K.,
habe ich auf Anordnung der Redaction anbringen müssen. 2)

Ich habe ausser einern Buch, an dem ich schon länger arbeite,
zwei Abhandlungen im Werk, kann aber bei der Menge des Stoffes
und meiner zerrissenen Zeit nicht zum Abschluss kommen.
Die eine behandelt quaternäre orth. Subst und Nicht-Euclid.
Geometrie, die andere wiederum qu. orth. S., und die 8 Schnitt-
punkte dreier Flächen 2. Grades. Ich habe Anwendungen der
orth Subst von ganz neuer Art, es wird aber noch lange dauern,
bis etwas herauskommt.

Um Ihre Zuhörer beneide ich Sie sehr; es werden unter so vie-


len doch auch tüchtige sein. Bei uns ist der Zuwuchs spärlich,
da die Universität wegen der in den letzten Jahren vorgekomme-
nen Unregelmässigkeiten im Studienplan gemieden wird, und die
Beschaffenheit des jungen Nachwuchses spottet aller Beschreibung.
Heute frage ich: kann man aus x 2 y2 schliessen, dass x = y
ist? Antwort: "Ja". Einer weiss nicht, dass die Summe der Win-
kel im ~ = 2 Rechten ist, und ein anderer meint gar, -0 sei =!

- * - * - * - * -

Greifswald, 20. Aug. 1898.

Dies führte mich zu einer höchst merkwürdigen Construction,


die Sie, wie ich glaube, interessiren wird.
Ich nenne "Motor" die Figur zweier Geraden g,h im Raume, die
bestimmt geordnet sind, und der einzigen Bedingung zu genügen
haben, dass ihr Winkel (g,h) kein Rechter ist. Zwei solche
h h'
Motoren Mund M , setze ich nun dann einander gleich, wenn

-----r-------
g g
der zweite aus dem ersten durch Ver-
k. schiebung längs einer auf g und h
,, senkrechten Geraden, und durch Dre-
hung um diese Gerade abgeleitet wer-
3~ den kann.
- 202 -

Da es =8 Paare von Geraden giebt, so giebt es danach =6 Motoren,


der Motor hat gerade so viele Constante, wie ein Kräftesystem.

Jedem Motor lässt sich nun ein Kräftesystem zuordnen, und umge-
kehrt: Die gemeinsame Normale Von 9 und h giebt die Richtung der
Einzelkraft an; tg(g,h) die Intensität der Einzelkraft; endlich
der kürzeste Abstand von 9 und h, unter gehöriger Berücksichti-
gung des zusammenhangs zwischen Richtung und Drehungssinn, das
Moment des zugehörigen Kräftepaares.
Nun kann man, wenn zwei Motoren gegeben sind, es immer so ein-
richten, dass sie den selben Anfangsstrahl 9 haben, so dass sie
in der Form Mh und Mk erscheinen (wie leicht zu erkennen ist).
9 9
Nun bezeichne gh die gemeinsame Normale von 9 und h; dann kann
man aus den beiden Motoren Mh und Mk einen dritten MI herleiten,
9 9 9
als "geometrische Summe" der beiden ersten bezeichne:
+ Mgk , durch folgende Constructionen:

gh k, gk
~

g~, k2 g~2
h 2k n k 2h

1 mn

[Alle Winkel bei


den Punkten ••
sind rechte]

Der Motor MI bezeichnet dann das Kräftesystem, das mit den


beiden Kräffesystemen Mh und Mk äquivalent ist.
. 9 g
Das ist, wie ich glaube, eine Construction, deren Einfachheit
nicht mehr übertroffen werden kann. Leider ist sie nur "im
Allgemeinen" anwendbar, specielle Fälle wie auch der elementar-
geometrische Beweis des bei aller Einfachheit sehr verborgen
liegenden Satzes verursachen Schwierigkeiten, die ich noch
- 203 -

nicht habe überwinden können. 3)

Bei mir ist Alles wohl; hoffentlich bei Ihnen auch. Mit vielen
Grüssen und Empfehlungen von Haus zu Haus, auch an Herrn Colle-
gen Kortum, Ihr aufrichtig ergebener

E. Study.

- * - * - * - * -

Greifswald, 15. Dec. 1898 .

... Ihrer Ansicht über Lie's Beurtheilung der Helmholtz'schen


Untersuchung kann ich nur beipflichten, was freilich nicht
viel sagen will, da ich auf diesem Gebiete noch nicht gearbei-
tet habe. Jedenfalls ist der von Helmholtz gemachte Schluss
vom Endlichen auf das Infinitesimale kein grober Fehler gewe-
sen, und nicht schlimmer, als zahlreiche Fehler, die Lie selbst
gemacht hat, bevor ihm durch die Mitwirkung Engels eine syste-
matische Bearbeitung seiner Theorie möglich geworden war. Un-
gefähr jeder Andere, dem die von Lie angeführten Beispiele
nicht zur Verfügung standen, würde wohl auch in diesen Fehler
verfallen sein. Und dann hat doch Helmholtz das im Falle n = 2
nöthige Monodromieaxiom entdeckt. Das ganze Auftreten Lie's
gegen Helmholtz, wie auch gegen Klein, den er ebenfalls unge-
recht behandelt, ist wie ich glaube, aus einer gemüthlichen
Störung zu erklären, die ihm von einer Erkrankung, ich glaube
im Jahre 1890, zurückgeblieben ist. Ich habe, als ich noch in
Leipzig war, ihn immer wohlwollend und wahrhaft liebenswürdig
gefunden, ja ich habe manchmal seine Geduld und Mässigung zu
bewundern Gelegenheit gehabt. Seit jener Zeit aber soll sich,
auch in den collegialen Beziehungen, eine bedauerliche Ände-
rung in seinem Charakter vollzogen haben, die dann auch in
seinen Schriften vielfach hervorgetreten ist. Dass Sie, der
Sie dies wohl nicht wussten, ihm dennoch Gerechtigkeit wider-
fahren lassen, freut mich sehr; leider stehen Sie aber damit
ziemlich vereinzelt. Namentlich die Berliner sind weit davon
entfernt, Lie's wissenschaftlichen Arbeiten Gerechtigkeit wi-
derfahren zu lassen.
- 204 -

Greifswald, 7. Jan. 99.

Zwischen Lie und Klein hat doch Jahrelang Feindschaft bestan-


den; erst nachdem Klein klug genug gewesen war, seine Verstim-
mung das von ihm abzugebende Gutachten nicht beeinflussen zu
lassen, sollen sie sich wieder vertragen haben. Jedenfalls
hält Lie von Klein sehr viel weniger als von Heimholtz; diesem
hat er doch immerhin ausgedehnte Abschnitte seines Werkes ge-
widmet, während er Klein, in Bezug auf Nicht-Euclidische
Geometrie, nur als popularisirenden Schriftsteller gelten las-
sen will. So wenig ich Klein liebe, dem ich vor kurzem in al-
ler Form den ferneren Verkehr aufgekündigt habe, so scheint
mir doch auch diese Werthschätzung nicht gerecht zu sein.

- * - * - * - * -

Greifswald, 28.5.1899.

Den erwähnten Aufsatz habe ich mit grossem Interesse gelesen;


einige Bedenken aber habe ich, deren Äusserung Sie mir freund-
lich gestatten wollen, in Betreff der Citate in der Einleitung.
Der Begriff der Systeme complexer Grössen rührt, wie ich glau-
be, von Hamilton und Hankel her; von Hamilton das Wesentliche,
von Hankel die heute übliche Fassung. Da nun Ihre Untersuchung
schon von § 3 an (wo durch Einführung des Symbols Q-1 die
clefs algebriques und andere Bildungen der Art, soviel ich se-
he, ausgeschlossen werden) sich nur auf solche Systeme bezieht,
so wäre wohl ~ankel zu nennen gewesen, daneben wohl auch noch
Frobenius und Andere, die, wie ich zu glauben wage, die Theorie
der Systeme complexer Grössen mehr gefördert haben, als Weier-
strass'. Weierstrass hat, wie mir scheint, nur den Begriff der
Systeme complexer Grössen speciell gefasst, und zwar, wie
S. Lie bemerkt, so speciell, dass alle Systeme, die wirkliches
Interesse haben, ausgeschlossen werden. Weierstrass hat dabei
in der so oft citirten Abhandlung das dort von ihm gestellte
oder specielle Problem gar nicht gelöst, trotzdem dieses Pro-
blem, dessen Lösung später von Dedekind mit einem ungeheuren
- 205 -

Aufwand von Hülfsmitteln (darunter Variationsrechnung) gegeben


worden ist, auf die allereinfachste Weise erledigt werden kann
(Vgl. meine Note in den Göttinger Nachrichten vorn 8. Januar 1898).
Es kann ja sehr wohl geschehen, dass auch einmal ein Mathemati-
ker vorn Range eines Weierstrass das Nächstiiegende nicht sieht,
und dass dann die Anderen, die später kommen, weil sie an eine
solche Möglichkeit nicht denken, da Schwierigkeiten suchen, wo
keine sind; wenn es sich aber in diesem Falle so verhält - und
das kann kaum in Frage gestellt werden - dann kann dieser Ar-
beit von Weierstrass (die übrigens auch Dedekind gesprächsweise
nach brieflicher Mittheilung von Hilbert in einer Unterhaltung
mit Hurwitz als dessen schwächste Leistung bezeichnet haben
soll) eine solche Bedeutung wohl nicht beigemessen werden, wie
Sie sie ihr einzuräumen scheinen. 4)
Ich bin gewiss dass Sie auch bei abweichender Ansicht - deren
Gründe zu kennen mir von grossem Interesse wäre - in dieser
meiner Kritik keine Unbescheidenheit finden werden; ich glaube
ein Recht zu haben zu solcher Kritik, durch die, nach meiner
Ansicht, der durch andere Arbeiten wohl erworbene Ruhm von
Weierstrass in keiner Weise geschmälert wird.

Was nun Cauchy anlangt, den Sie als Erfinder der clefs alge-
briques nennen, so darf ich Ihnen vielleicht eine Stelle aus
der Ausdehnungslehre H. Grassmann's von 1862 citiren (Werke
I, 2. Seite 9):
"Späterhin veröffentlichte Cauchy in mehreren Aufsätzen, wel-
che in den Comptes rendus von 1853 abgedruckt sind, eine Me-
thode, um vermittelst gewisser symbolischer Grössen, die er
clefs algebriques nennt, algebraische Gleichungen und verwandte
Probleme zu lösen; eine Methode, welche genau mit der in mei-
ner Ausdehnungslehre von 1844 (§ 45, 46 und 95) dargestellten
übereinstimmt. Ich bin weit davon entfernt, den berühmten Ma-
thematiker eines Plagiats beschuldigen zu wollen, doch glaubte
ich, es mir und der Sache schuldig zu sein, dass ich deshalb
eine Prioritätsreclamation an die Pariser Akademie richtete.
(Ein paar Zeilen vorher erwähnt Grassmann, dass er zuvor Exem-
plare seines Buches an Cauchy geschickt hatte.) Allein die
Commission, welcher diese Reclarnation im April 1894 zur Prüfung
und Berichterstattung übergeben wurde ... hat nie etwas von
- 206 -

sich hören lassen, und auch Cauchy hat seitdem über den Gegen-
stand nichts mehr veröffentlicht."

Das Letzte ist, wie mir scheint, recht gravirend für Cauchy.
Hätte er, wie es sich gehörte, die Priorität Grassmanns öffent-
lich anerkannt, so würde Ihnen das gewiss nicht entgangen sein.
Ich selbst gehöre nicht zu den extremen Bewunderern von Grass-
mann, möchte aber doch nicht gerne, dass was unserem Landsmann
gebührt, einem Franzosen zugeschrieben wird; deshalb habe ich
mir erlaubt, Sie auf die citirte Stelle aufmerksam zu machen.
übrigens wird es Sie vielleicht interessiren, zu sehen, was
Grassmann im 2. Kapitel des II. Abschnittes der Ausdehnungs-
lehre von 1862 sagt. Ich bin in diesen Betrachtungen, die mir
früher geläufiger waren, nicht mehr recht zu Hause, und kann
daher auch nicht genauer sagen, in welchem Zusammenhang sie mit
Ihren Untersuchungen stehen.

Ihr Brief an Frau Lie wird die arme Frau gewiss sehr erfreut
haben. Lie hatte unglaublicher Weise bei seiner Rückkehr nach
Norwegen keine Wittwenpension sich ausbedungen, trotzdem er
darauf aufmerksam gemacht worden war, und wiewohl ihm eine sol-
che gewiss gewährt worden wäre. Vermögen ist auch nicht vorhan-
den, und so gerieth die unglückliche Frau in die peinlichste
Situation. Es soll dann für den Storthing ein besonderer Ge-
setzentwurf aus oberem Anlass vorbereitet worden sein, ich
weiss aber nicht, wie die Sache ausgelaufen ist.

- * - * - * - * -

Anmerkungen und Fußnoten

über Eduard Studys (1862-1930) Persönlichkeit, Leben und Werk


unterrichtet am besten der Aufsatz von Krull in dem schon er-
wähnten Sammelband Bonner Gelehrte (Beck et al. [1970]). Er
schreibt einleitend: "Als der Geometer Study 1904 nach Bonn be-
rufen wurde, freute er sich in dem Gedanken, den Lehrstuhl
einnehmen zu können, den von 1835 bis 1868 der große Geometer
Plücker innegehabt hatte. An Plückers große letzte Werke knüpft
Study thematisch oft an. Menschlich führt eine direkte Verbin-
dung von Plücker zu Study über Felix Klein. Denn Klein war ei-
- 207 -

nerseits als Bonner Student der Assistent Plückers, anderer-


seits 1881/82 in Leipzig der Lehrer Studys, und 1885 hat er
Study in Leipzig habilitiert." Study wurde 1894 als Extraordi-
narius Kollege von Lipschitz in Bonn, 1897 wurde er nach Greifs-
wald berufen und 1904 kehrte er (formal als Nachfolger von
Lipschitz) nach Bonn zurück. Studys nicht leicht zugängliches
·werk lag immer etwas abseits der mathematischen Hauptströmungen
und hat nie die Wirkung entfaltet, die es vielleicht verdient
hätte. Study - eine vielschichtige und widersprüchliche Per-
sönlichkeit - interessierte sich auch sehr für Biologie und
vor allem Philosophie; er hat mehrere philosophische Bücher
geschrieben, die nicht alle gedruckt wurden.

Fußnoten

1) Offenbar geht es um die Nachfolge Studys auf dem Bonner Extraordinariat.


Die Stelle wurde mit Heffter (1862-1962) besetzt.

2) Es handelt sich um Studys Artikel "Theorie der gemeinen und höheren Kom-
plexen Grössen" (Enzyklopädie der Math. Wiss, Band I, Teil I, 148-183).
"F.K." ist übrigens kaum zitiert.

3) In diesem Brief bekommt man einen Eindruck von Studys etwas ausgefalle-
nen Arbeitsgebieten (vgl. auch sein Buch "Geometrie der Dynamen ... ",
Leipzig 1903).

4) Bei dem Problem, insbesondere den erwähnten Arbeiten von Weierstrass


(Werke 11, 311-339) und Dedekind (Werke 11, 1-20), geht es um die Klassifi-
kation der kommutativen halbeinfachen t-Algebren. Die Behandlung dieses vom
heutigen Standpunkt nahezu trivialen Problemes ist in der Tat undurchsich-
tig und kompliziert und zeigt, wie wenig die Methoden der abstrakten Algebra
und Linearen Algebra Allgemeingut waren.
- 208 -

BRIEFE VON HEINRICH HEBER *)

Königsberg, den 25ten März 1876.

Hochgeehrter Herr College,

Entschuldigen Sie, dass ich erst heute Ihnen für Ihr freundli-
ches Schreiben und die Zusendung der 100 Mark für das Neumann-
stipendium meinen Dank sage. Ich wollte die Feier erst vorüber-
gehen lassen, um Ihnen über den Verlauf berichten zu können.
Was unsere Sammlung betrifft, so ist dieselbe sehr zu unserer
Zufriedenheit ausgefallen und hat unsere Erwartungen übertrof-
fen. Wir werden im Stande sein ein für hiesige Verhältnisse
recht stattliches Stipendium zu begründen. Auch die Feier
selbst ist sehr gut abgelaufen und wird gewiss allen die an der-
selben betheiligt waren eine unvergessliche und schöne Erinne-
rung sein. Neurnann hat sich dabei. in vollkommener geistiger
Frische und verhältnissmässig auch in körperlicher Rüstigkeit
gezeigt und hat trotz der Besorgnisse der Familie den für ihn
sehr anstrengenden Tag ganz ohne nachtheilige Folgen überstan-
den.
Über den Erfolg unserer Sammlung wird Ihnen in Kurzem ein ge-
druckter Bericht zugehen. 1)

Hochachtungsvoll
Ihr ergebenster
H. Weber.

* - * - * - * -

Königsberg 31/1 77.

Hochgeehrter Herr College,

Ich muss Sie heute im Interesse unserer philosophischen Facul-


tät mit einer Bitte belästigen. Es macht sich bei uns immer

*) Fußnoten und Anmerkungen zu diesen Briefen folgen auf S. 215


- 209 -

dringender das Bedürfniss geltend, die Geschäftsführung der


philosophischen Facultät zu theilen, indern entweder eine beson-
dere mathematisch naturwissenschaftliche Facultät abgezweigt
wird, oder wenigstens die bestehende Facultät in zwei Sectio-
nen getheilt wird; welche ihre Geschäfte unabhängig von einan-
der besorgen. Ich höre nun, dass an Ihrer Universität eine
solche Einrichtung bereits besteht und es würde für ~nsere Be-
strebungen ein grosser Vortheil sein, wenn wir über die bezüg-
lichen Verhältnisse an der Banner Universität näher unterrichtet
wären. Es würde vielleicht genügen, wenn Sie die Güte hätten,
mir ein Exemplar Ihrer Statuten zuzuschicken; wenn aber aus
den Statuten die Einzelheiten nicht hinlänglich zu ersehen sind,
so würden Sie mich sehr verbinden durch eine baldige schrift-
liche Mittheilung namentlich auch über die Vertheilung der ein-
zelnen Fächer in die beiden Abtheilungen.
Dedekind hat mir mitgetheilt, dass ich in den verflossenen
Herbstferien durch eine Reise das Vergnügen verloren habe, Sie
hier zu sehen. Hoffentlich trifft es sich bei einem nächsten
Besuch, den Sie in hiesiger Gegend machen, glücklicher für mich.

Mit bestem Gruss


Ihr ergebenster
H. Weber.
Kleine Schlossteichgasse 1.

- * - * - * - * -

Charlottenburg Bismarckstrasse 106


den 11 ten Mai 1883.

Sehr geehrter Herr College!

Ich freue mich sehr und bin Ihnen dankbar dafür, dass Sie mir
durch Ihr Schreiben Gelegenheit geben, mich Ihnen gegenüber
über meinen lieben Schüler und jungen Freund Minkowski auszu-
sprechen. 2)

Die schmählichfn und unbegreiflichen Verläumdungen deren Ge-


genstand derselbe in der Presse gewesen ist sind nun glückli-
- 210 -

cher Weise auch öffentlich widerlegt und an der Originalität


und Bedeutung der von der Pariser Akademie gekrönten Arbeit,
die mir übrigens zum grossen Theil bekannt ist, kann nach den
Erklärungen der Akademie kein Zweifel mehr sein. Was ich Ihnen
über Minkowskis Persönlichkeit mitzutheilen habe, ist folgen-
des. M. ist der Sohn eines wohlhabenden aus Russland stammen-
den jüdischen Kaufmanns in Königsberg und gegenwärtig, etwa
19 oder 20 Jahre alt, in seinem siebenten Studiensemester.
Schon als Primaner hat er mich auf Empfehlung seines Lehrers
Dr. Hübner öfter besucht um über seine Arbeiten sich Rath zu
holen, deren Auswahl und Behandlung schon damals ein richtiges
und eindringendes Verständniss der Zahlentheorie bewies. In
verhältnissmässig jungen Jahrer hat er, in allen Fächern mit
Auszeichnung das Abiturientenexarnen bestanden und studierte
dann 5 Semester in Königsberg und dann hier in Berlin. Schon
in den ersten Stunden, in denen er arn Seminar Theil nahm, war
mir sein ausserordentliches Talent aufgefallen. Sehr bald mach-
te er sich, übrigens ganz ohne mein Zuthun oder Anrathen, an
die Bearbeitung der Pariser Preisaufgabe, in Folge dessen er
weniger an den Übungen des Seminars Theil nahm. Er hör te zwar
regelmässig meine Vorlesungen; an seinem gros sen Erfolg kann
ich mir aber wenig oder kein Verdienst beimessen, denn M. ist
ein so selbständig denkender und arbeitender Kopf, dass er
seine Erfolge nur sich selbst und seinem Talent und Fleiss zu
danken hat. Bei alledem ist er ein liebenswürdiger und beschei-
dener Mensch und bei Allen, die ihn kennen beliebt. Alles zu-
sammengefasst geht meine bestimmte Meinung dahin, dass Minkows-
ki ein ganz ausserordentliches mathematisches Talent besitzt,
von dem noch hervorragende Leistungen zu hoffen sind. In wie-
fern es für Sie gerathen ist, mit der Besetzung Ihrer Stelle
auf ihn zu warten, werden Sie nach diesen Mitteilungen beurthei-
len können. Was Minkowski für die Zukunft selbst für Pläne hat,
weiss ich nicht. Da er jedenfalls noch einige Zeit wird stu-
dieren wollen und dann auch noch promovieren muss, so werden
wohl noch einige Semester verstreichen, bis er zur Habilitation
kommt. Da er jetzt hier studiert und mich öfters besucht, so
könnte ich, wenn Sie es wünschen, mit ihm selbst darüber spre-
chen. Ich werde das aber natürlich nicht thun ohne eine aus-
- 211 -

drückliche Weisung und Ermächtigung dazu von Ihrer Seite.

Indem ich Sie bitte, meine Frau und mich Ihrer Frau Gemahlin
bestens zu empfehlen bin ich mit freundlichem Gruß

Ihr
hochachtungsvoll ergebenster
H. Weber.

- * - * - * - * -

Charlottenburg d. 29 ten Mai 1883


Bismarckstr. 106

Hochgeehrter Herr College!

Ich bedaure im Interesse meines Freundes Minkowski, aus Ihrem


Briefe zu erfahren, dass der gegen denselben geschleuderte un-
würdige Verdacht wenigstens in den Augen des ferner stehenden
Publikums immer noch nicht für vollständig widerlegt gilt.
Durch die bevorstehende Veröffentlichung der Arbeit werden ja
aber diese Gerüchte zum Schweigen kommen. Die Abhandlung wird
in den Memoiren der Pariser Akademie und zwar mit möglichster
Beschleunigung gedruckt werden; ich vermuthe sogar, der Druck
wird schon begonnen haben. Beifolgend schicke ich Ihnen die
Nummer der Nationalzeitung, in welcher die bezügliche Erklä-
rung von Kronecker steht. Ich kann ausser den von Kronecker
aufgeführten Gründen noch meine persönliche Bekanntschaft und
mein persönliches Vertrauen zu Minkowski in die Wagschale le-
gen. übrigens ist durch die ganze Art der Arbeit, welche eine
umfassende Theorie der quadratischen Formen mehrerer Variablen
enthält, eigentlich ein Plagiat schon ausgeschlossen.

Ich sage Ihnen schliesslich noch für die freundliche und mir
sehr werthvolle Zusendung Ihrer letzten Publicationen meinen
besten Dank.

Mit freundlichen Grüssen und besten Empfehlungen an Ihre Frau


Gemahlin bin ich
Ihr
hochachtungsvoll ergebenster
H. liveber.
- 212 -

Strassburg 3. Juni 1898

Sehr geehrter Herr College!

Zunächst meinen besten Dank für Ihre freundlichen Zeilen. Es


war mir eine Freude, wieder einmal direkt von Ihnen zu hören.
Ich habe zufällig erst gestern mit unserem gemeinschaftlichen
Freunde Friedländer von Ihnen gesprochen.

Die Abhandlungen, auf die Sie mich aufmerksam machen, sind mir
durchaus nicht unbekannt; auch die von Riemann angewandte Me-
thode der Lösung des Greenschen Problems durch das Prinzip der
Spiegelung habe ich schon in Vorlesungen von Neumann kennen ge-
lernt. Von wem sie ursprünglich herrührt, weiss ich im Augen-
blick nicht, vielleicht von Thomson.

Für das Problem der Vertheilung der statischen Electricität auf


einem Parallelepipedon oder Würfel nutzt diese Methode aber
nichts, da man hier die Greensche Function für das Äussere des
Körpers kennen müsste, während sie bei Riemann nur für das In-
nere bestimmt ist. Das würde z. B. ausreichen für die Wärme-
vertheilung im Innern oder für die stationäre electrische Strö-
mung. Dagegen muss ich für jetzt noch dabei bleiben, dass das
Problem der Electrostatik von einer ganz anderen und viel
schwierigeren Art ist. 3)

Dass das Problem für die Ebene, also das unendlich lange Pris-
ma, von Schwarz gelöst ist, weiss ich auch seit lange. Aber
diese Methode ist auf den Raum nicht ausdehnbar. Die Schwierig-
keit scheint mir immer dann vorhanden, wenn in der Grenze gegen
den Raum, für den die Function bestimmt werden soll, überstumpfe
Winkel vorkommen.

In den Riemannschen Manuscripten, die ich ja doch genau kenne,


habe ich über diese Frage auch keine Andeutung gefunden.

Etwas, was damit wenigstens verwandt ist, ist die Frage nach
dem electrischen Gleichgewicht auf drei leitenden Kugeln. Dies
Problem soll Riemann nach mündlicher Tradition gelöst haben.
In den Papieren habe ich aber auch darüber nichts sicheres ge-
funden. Aber auch dies Problem scheint mir bei weitem nicht die
Schwierigkeit zu haben wie das für das Prisma.
- 213 -

Ich füge meinen besten Dank für die Zusendung Ihrer Abhandlung
bei und bin mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr
hochachtungsvoll ergebenster
H. Weber.

Werden wir uns nicht vielleicht in diesem Herbst einmal wieder


auf der Naturforscher-Versammlung sehen? Sie ist ja in Ihrer
Nähe in Düsseldorf und ich habe die Absicht hinzugehen.

Mit freundlichem Gruss


Ihr H. Weber.

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Strassburg d. Sten August 1898

Sehr geehrter Herr College!

Haben Sie zunächst freundlichen Dank für Ihren Brief. Von der
Richtigkeit Ihres Schlusses kann ich mich aber immer noch nicht
überzeugen. Zunächst spricht dagegen folgende einfache Überle-
gung. Wenn dem Würfel eine gewisse Electricitätsmenge mitge-
theilt ist, und keine anderen electrischen Kräfte wirken, dann
ist ja das Potential für das Innere, die Function die Sie mit
V' bezeichnen, von vorn herein bekannt, nämlich = constans.
Es ist gar nicht nöthig, die Greensche Function anzuwenden,
und Ihre Formel

(dV I ) - 2 p'
\dn I - rr

würde die Dichtigkeit Null ergeben, was widersinnig ist. Den


Irrthum Ihrer Ableitung glaube ich nun in Folgendem zu erblik-
ken.

Sie theilen sehr richtig das Potential, und zwar sowohl inne-
res als äusseres in sechs Bestandtheile, die von den Belegungen
der sechs Seitenflächen herrühren. Ich will diese Potentiale
- 214 -

mit P1,P2,P3,P4,PS,P6 bezeichnen, so dass P1 von der Bele-


crung der Fläche x =~ herrührt. Dann ist auch Ihre Formel

P1 (x) = P 1 (a-x)

richtig, und daraus ergibt sich, wenn man die beiden Functions-
werthe die sich auf die Grenzstelle x =~- 0 und x = ~ + 0
beziehen, durch die Buchstaben i und a (inneres und äusse-
res) unterscheidet

1• (:P 1) = _ (~)
\oX i dX a

Für die anderen Bestandtheile des Gesamtpotentials hat man aber


an derselben Stelle

(dP 2 \ r'lP 2 \
\3X}i + \2J){}
a
2. .
(~)
dX . =
(dP 6 \
\3X) a
l

~venn nun das innere Potential bekannt ist, so ist die Summe

(::1). l
+ (::2). l
+ ... + (dP 6 )
\ dX i

bekannt, z. B. in dem oben angeführten Fall 0 , und die


Summation der Gleichungen (1) (2) ergiebt (für diesen Fall z.B.)

oV
ax: + ... (::6) a
4rr x Dichtigkeit)

und diese Function ( ~)


dX .
l
ist nicht bekannt.
- 215 -

Die Aussicht, Sie in Düsseldorf zu sehen ist mir sehr erfreu-


lich.
Mit besten Grüssen bin ich

Ihr hochachtungsvoll ergebener


H. Weber.

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Aruaerkungen und Fußnoten

Heinrich ·weber (1842-1913), ein außerordentlich vielseitiger


Mathematiker, war auf vielen wesentlichen Gebieten der Mathema-
tik des 19. Jahrhunderts aktiv (algebraische Zahlentheorie, ma-
thematische Physik) und wirkte an zahlreichen Universitäten
u.a. in Zürich, Königsberg, Marburg, Göttingen und Straßburg.
Er war eng mit Dedekind befreundet, mit dem er viel zusammen-
arbeitete.
Noch heute ist er durch sein hervorragendes dreibändiges Al-
gebra-Lehrbuch bekannt (das insbesondere auch die Theorie el-
liptischer Funktionen umfaßt).

Fußnoten

1) Es geht offenbar um die große Feier zum fünfzigjährigen Doktorjubiläum


von Franz Neumann (1798-1895).

2) Es geht in diesem und dem folgenden Brief um die wohlbekannten Vorgänge


im Zusarrm~nhang mit der Verleihung des Preises der Pariser Akademie an den
18-jährigen Studenten H. Minkowski (1864-1909). Für weitere Dokumente in
diesem Zusammenhang vgl. Strobl: Ein Beitrag zur Jugendgeschichte von
Hermann Minkowski, preprint 1984.

3) Die Verteilung der statischen Elektrizität auf leitenden Oberflächen


war im 19. Jahrhundert ein wichtiges Thema in der Theorie der partiellen
Differentialgleichungen.
- 216 -

BRIEFE VON K, WEIERSTRASS AN LIPSCHITZ *)

Berlin, 26 März 1867

Verehrter Herr College!

Wollen Sie gütigst entschuldigen, dass ich Ihr freundliches


Schreiben vom 4ten v.M. erst heute beantworte. Als ich es er-
hielt, lag ich an einem heftigen gastrischen Fieber darnieder,
und nach meiner Genesung haben mich meine Vorlesungen so voll-
ständig in Anspruch genommen, dass meine Correspondenz ganz in's
Stocken ger athen ist. Seit gestern, meinem ersten Ferientage,
habe ich aber begonnen, meine Schulden endlich abzutragen.

Ihre Bemerkungen über die beiden conjugirten Minimalflächen


habe ich mit grossem Interesse gelesen, obwohl mir die von Ihnen
entwickelten Sätze im wesentlichen bereits bekannt waren. Es
hat nämlich, seitdem ich vor mehreren Jahren die Theorie der
Minimalflächen im math. Seminar vorgetragen, einer meiner dama-
ligen Zuhörer, Dr. Schwarz, mit gutem Erfolge die Aufgabe be-
handelt, eine derartige Fläche so zu biegen, dass sie eine Mi-
nimalfläche bleibe - wovon Beispiele sich schon bei Ossian-Bon-
net finden. Unter andern giebt Schwarz folgenden Satz: Wenn man
auf zwei M.flächen diejenigen Punkte einander zuordnet, welche
parallele Normalen haben, so wird die eine Fläche ein conformes
Abbild der andern. 1)

Mit Hülfe dieses Satzes und meiner Formeln ergiebt sich dann,
dass sich aus jeder M.fläche durch Biegung eine stetige Schar
anderer herleiten lässt - und zu diesen gehört auch die von Ih-
nen betrachtete. Schwarz hat dann zweitens ausführlich unter-
sucht, wie sich nach einer solchen Biegung einer M.fläche die
Krümmungs linien , die Asymtoten-linien u.s.w. gestalten.

In dem zweiten Theile meiner Arbeit über die in Rede stehenden


Flächen habe ich hauptsächlich mit der Aufgabe mich beschäftigt,
die kleinste Fläche zu bestimmen, welche von einer aus geraden

*) Fußnoten und Anmerkungen zu diesen Briefen folgen auf S. 225


- 217 -

Strecken bestehenden Linie begrenzt wird. Eine vorläufige Notiz


darüber erlaube ich mir Ihnen zu übersenden. Das Problem hat
mich besonders deswegen interessirt, weil es auf eine lineare
Differential-Gleichung zweiter Ordnung mit rationalen Coeffi-
cienten führt. Wenn die in dieser Gleichung vorkommenden Con-
stanten nicht noch durch transzendente Gleichungen mit einan-
der zusammenhingen, so könnte es jetzt als vollständig gelöst
betrachtet werden. In speziellen Fällen lassen sich allerdings
vollständig entwickelte Formeln aufstellen. Wenn z.B. die vor-
geschriebene Begrenzung ein räumliches Viereck abcd ist, in
welchem ab=ad, cb=cd, so können die von mir
mit G(u), H(u) bezeichneten Functionen -
die Figur E ist dabei ein Kreis - durch hy-
pergeometrische Reihen ausgedrückt werden.
a.. Von Borchardt habe ich kürzlich einen Brief
erhalten; er sowohl als auch seine Frau be-
finden sich ganz wohl. Kronecker hat von dem schlechten Winter,
den wir hier gehabt, auch zu leiden gehabt, und Kummer wird stark
von Rheumatismus heimgesucht, so dass er diesen Sommer wird nach
Teplitz müssen. Beide lassen bestens sich Ihnen empfehlen.

Mit freundlichstem Grusse


Ihr ergebenster
Weierstrass

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[undatiert]

Geehrter Herr College!

Ihr freundliches Schreiben vom 17ten dieses M. zu beantworten


wird mir einigermassen durch den eigenthÜffilichen Umstand er-
schwert, dass ich selbst bei der Sache, in der Sie meinen Rath
begehren, betheiligt bin. Die Breslauer Facultät hat nämlich
bei mir angefragt, vorläufig allerdings nur auf privatem Wege,
ob ich vielleicht gesonnen sein möchte, die fragliche Stelle an-
zunehmen - und ich habe nicht unbedingt abgelehnt, indem ich in
der That zu erwägen habe, ob auf die Dauer für die bei den Stel-
- 218 -

len, die ich jetzt bekleide, meine Kräfte ausreichen werden,


wenn ich nicht ganz auf anderweitigen Arbeiten verzichten sOll.2)
Aber eben so offen spreche ich es auch aus, dass ich nicht glau-
be, ich werde wirklich nach Breslau gehn. Abgesehen davon, dass
ich doch Gründe genug habe, lieber hier zu bleiben, wird auch
meiner Ansicht schon der Umstand, dass mir das Ministerium eine
sehr erhebliche persönliche Zulage bewilligen müsste, denn ich
habe keine Neigung, von meinem gegenwärtigen Gehalte etwas ein-
zubüssen - und dass ich alsdann ein höheres Gehalt beziehen
würde als die ältesten Mitglieder der Breslauer phil. Facultät,
meiner Berufung ein sehr erhebliches Hinderniss entgegenstellen.

Nach diesen nothwendigen Vorbemerkungen gestatten Sie mir Ihnen


anzugeben, welche Schritte Sie nach meiner Ansicht thun könnten.
Wenn Sie sich schriftlich an die Breslauer Facultät und auch an
das Ministerium wenden wollen, mit der Bitte, dass man Sie bei
der Wiederbesetzung der fraglichen Stelle berücksichtigen möch-
te, so glaube ich, kann Ihnen dieses auf keinen Fall schaden,
sondern jedenfalls insofern wenigstens von Nutzen sein, dass das
Ministerium auf Sie aufmerksam wird, von Ihren Arbeiten - die
beizulegen Sie nicht versäumen dürfen - Kenntniss nimmt und auch
von Sachkundigen darüber ein Urtheil zu verlangen Veranlassung
hat. Hat dann auch Ihre Bewerbung diesesmal vielleicht keinen
Erfolg, so wird sie Ihnen bei anderer Gelegenheit doch erleich-
tert. Selbst schon jetzt hieher zu kommen würde meiner Meinung
nach von keinem Nutzen für Sie sein. Schröter ist hier gewesen,
hat aber, wie ich höre, ausser den gewöhnlichen Redensarten kei-
nen andern Bescheid erhalten als dass man zunächst die Vorschlä-
ge der Facultät erwarten wolle. Bis jetzt ist auch, so viel ich
weiss, noch keiner der hiesigen Mathematiker über die Angelegen-
heit befragt worden.

Ihre Grüsse an Kummer und Kronecker habe ich ausgerichtet; Bor-


chardt ist leider wieder sehr krank.

Hochachtungsvoll,
Ihr ganz ergebener
Weierstrass

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- 219 -

Berlin, 13 Febr. 83

Hochgeehrter ilerr College!

[redaktionelle Angelegenheiten] ...

Bei meinem Vortrage über Minimalflächen, den ich vor 12-15 Jah-
ren im Seminar gehalten, bin ich von Formeln ausgegangen, die
mit den Ihrigen in einem nahen Connex stehen. Ich dachte mir
die Gleichung der Fläche in Ebenencoordinaten gegeben, d.h.
wenn x,y,z die orthogonalen Coordinaten eines Punktes der Flä-
che sind, und

ux+uy+wz =t
die Gleichung ihrer Tangentialebene in diesem Punkte, so betrach-
tete ich tals Function von u,v,w die dann in Kt übergeht, wenn
man u,v,w alle drei mit derselben, beliebig zu wählenden Grösse
K multiplicirt. Dann lassen sich x,y,z, P1+ P2' P 1 P 2 sehr einfach
und elegant durch die partiellen Differentialquotienten von t
ausdrücken, und man erhält z.B. zur Bestimmung der Minimalfläche
die Gleichung

o ,

die sich mit Zuhülfenahme der Gl.

3t + vi:!: + w3t = t
Uau 3v 3w

allgemein integriren lässt, wie ich dann daraus auch die allge-
meine Gleichung der Minimalfläche in Ebenencoordinaten, die sich
[in] meiner Abhandlung findet, abgeleitet habe.

überhaupt lässt sich jede auf die Krümmungsverhältnisse einer


Fläche sich beziehende Gleichung in eine Gleichung zwischen den
partiellen Ableitungen (2ter Ordnung) der als Function von
u,v,w betrachteten Grösse t umformen, und diese hat dann jeden-
falls vor der g gegebenen partiellen Differentialgleichung das
voraus, dass sie symmetrisch ist.
Ihre Frage nach dem Dr. Lilienthal kann ich dahin beantworten,
- 220 -

dass ich denselben, der ziemlich lange in Göttingen und hier


studirt hat, als einen sehr strebsamen jungen Mann, der es mit
seinen Studien recht ernst genommen und Tüchtiges gelernt hat,
schätze und die wohlbegründete Hoffnung habe, dass er als Do-
cent sich bewähren werde. Nicht unbemerkt will ich dabei lassen,
dass er zugleich ein Mann von höchst ehrenwerthem Charakter und
sehr liebenswürdigem Wesen ist, so dass ich Ihnen denselben be-
stens empfehlen kann. Wenn Sie ihm antworten, dass seiner Habi-
litation bei Ihnen nichts im Wege stehe, falls er das Erforder-
liche leiste - die äusseren Vorbedingungen sind sämmtlich er-
füllt und er besitzt auch hinreichende Mittel, um sich ganz der
Universität widmen zu können - so wird er im Stande sein, im An-
fang des Sommer-Semesters seine Habilitationsschrift einzurei-
chen. 3)

Mit freundlichstem Grusse


Ihr hochachtungsvoll ergebener
Weierstrass

- * - * - * - * -

Berlin 16 Nov. 84

Hochgeehrter Herr College!

... [redaktionelle und persönliche Angelegenheiten] ...

Gestatten Sie mir nun, ohne weitere Vorbemerkung sogleich zur


Sache überzugehen. 4)
In meiner Abhandlung vom 9ten November 1876 (Monatsber. der Ber-
liner Akademie, 1876, s. 680 f.f.) ist im ersten §. bei der De-
finition einer periodischen Function von n Veränderlichen und
bei der Herleitung der aufgestellten Sätze durchaus nicht ange-
nommen worden, dass die Function eine analytische (Function
complexer Argumente im Riemann'schen Sinne) sei; eben so wenig
ist über den Bereich der Argumente der Function und die Anzahl
der Werthe, welche die letztere für ein und dasselbe System von
Argumenten besitzen solle, eine Voraussetzung gemacht ausser
der im Begriff einer periodischen Function liegenden, dass, wenn
- 221 -

(u 1 ,u 2 ' ... u n ) ein beliebiges Argumentensystem einer solchen


Function ist und (P 1 ,P 2 , ... P n ) ein Periodensystem derselben
sein soll, die Function auch für das Argumentensystem
(u 1 +P 1 , u 2 +P 2 , ... un+P n ) definirt sein und für dasselbe, wenn
sie mehrdeutig ist, genau dieselben Werthe haben muss wie für
das erstere. Es gelten daher die aus der gegebenen Definition
einer periodischen Function abgeleiteten Sätze auch in dem Fal-
le, wo die Function nur für reelle Werthe ihrer Argumente defi-
nirt ist, sowie auch, wenn ihre Argumente zwar auch complexe
Werthe annehmen können, von ihren Periodensystemen aber nur
diejenigen, in denen jede einzelne Periode reell ist, in Be-
tracht gezogen werden. Es ergiebt sich dies sofort aus der lei-
der durch einen argen Druck- oder Schreibfehler (grössten Werth
statt kleinsten Werth) entstellten Definition der mit r bezeich-
neten Zahl. Diese Definition lässt sich auch so fassen:
Es mögen p Periodensysteme einer Function von n Veränderlichen

als abhängig oder unabhängig von einander betrachtet werden,


jenachdem es möglich oder nicht möglich ist, p reelle Grössen
m1 ,m 2 , ... m , die nicht sämmtlich gleich Null sind, so zu bestim-
men, dass die n Gleichungen

p
0, . . . "
L mAP n(A) o
A=1

bestehen. Dann sind p beliebig angenommene Periodensysteme der


Function immer abhängig von einander, wenn p grösser als 2n ist.
Es existiren also nothwendig Complexe von einander unabhängiger
Periodensysteme, in denen die Anzahl der letzteren ein Maximum
ist. Dieses Maximum ist die in der Abhandlung mit r bezeichnete
Zahl, welche also nur einen der Werthe 1,2, ... 2n haben kann.
Für jede bestimmte periodische Function F(u 1 ,u 2 , ... u n ) ergiebt
sich dann aus der Definition der Zahl r unmittelbar, dass, wenn

(P 1 , ••• P )
,r n,r

irgend r von einander unabhängige Periodensysteme der Function


- 222 -

sind, jedes beliebige Periodensystem (P 1 , ... P n ) derselben sich


in der Form

dergestalt darstellen lässt, dass ~1'~2' ... ~r reelle Grössen


sind. Wenn sich aber von der betrachteten Function beweisen
lässt, dass sie keine Systeme unendlich kleiner Perioden besitzt,
so ergiebt sich weiter der fundamentale Satz, dass es immer mög-
lich ist, die genannten r Periodensysteme so auszuwählen, dass
in den vorstehenden Gleichungen die ~1'~2' ... ~r sämmtlich ganze
rationale Zahlen werden.

Wenn die Function nur reelle Periodensysteme hat, so kann r


höchstens gleich n sein, die aufgestellten Sätze aber behalten
ihre volle Gültigkeit.

Ferner gilt, was hier von dem Periodensystem einer Function von
n Argumenten gesagt ist, ganz unverändert auch von den gemeinsa-
men Periodensystemen mehrerer Functionen derselben n Argumente.
Denn alles beruht auf zwei Sätzen:
1.) Ist (P 1 ,P 2 , ... P n ) ein Periodensystem einer Function von n
Veränderlichen, so ist auch (-P 1 ,-P 2 , .. -P n ) ein solches;

2.) sind (Pi,P 2, ... P~), 1 2, ... P 2) irgend zwei


(P ,P Perioden-
systeme der Function, so ist auch (Pi+P 1' P 2+P 2, ... P~+P~) ein
solches System.

Diese beiden Sätze gelten aber unverändert für die gemeinschaft-


lichen Periodensysteme beliebig vieler Functionen derselben n
Argumente.

Wie schon bemerkt, haben die im Vorstehenden angegebenen Ergeb-


nisse Geltung für ganz beliebige periodische Functionen von n
Argumenten. (In der That sind sie ganz unabhängig davon, dass
die betrachteten Grössensysteme (P 1 ,P 2 , ... Pn ) Perioden einer
Function von n Argumenten sein sollen, man gelangt vielmehr zu
ihnen, wenn man annimmt, es seien im Gebiete von n (complexen
oder reellen) Veränderlichen Stellen, d.h. Systeme bestimmter
Werthe der Veränderlichen auf irgend eine Weise so definirt,
dass erstens, wenn (P 1 ,P 2 , ... P n ) eine dieser Stellen ist,
(-P 1 ,-P 2 , ... -P n ) auch zu den definirten Stellen gehört, und
- 223 -

dass zweitens, wenn (P ,P 1 2, ... (P 1,P 2, ...


P~), P;) zwei von den
definirten Stellen sind, (P 1+P 1, P 2+P 2, ... P~+P;) ebenfalls eine
solche ist.) Bei der weiteren Untersuchung aber, betreffend die
Frage, wie man für eine bestimmte Function entscheiden könne, ob
sie unendlich kleine Periodensysteme besitze oder nicht, habe
ich darauf verzichten müssen, diese Frage für beliebige Func-
tionen zu erledigen, und nur eindeutige analytische Functionen,
sowie solche mehrdeutigen, die von eindeutigen analytischen
Functionen algebraisch abhängen, in Betracht gezogen. Das Resul-
tat der Untersuchung ist am Schlusse der Abhandlung angespro-
chen und lautet: Eine Function F(u 1 ,u 2 , ... u n ) von dem angege-
benen analytischen Charakter sei periodisch, ohne sich als Func-
tion von weniger als n, linear von den Veränderlichen
u 1 ,u 2 ' .•. u n abhängigen Argumenten darstellen zu lassen, und r
habe für die Function die oben festgestellte Bedeutung; so las-
sen sich - auf mannigfaltige Weise - r von einander unabhängige
Periodensysteme der Function

(P,
,r , • •• P n,r )

so auswählen, dass durch die Gleichungen

P
n

särnrntliche Periodensysteme der Function geliefert werden, wenn


man für ~1'~2' ... ~r alle möglichen Systeme von r ganzen Zahlen
setzt.

Beim Beweise dieses Satzes ist aber nur vorausgesetzt worden,


dass die ersten Derivirten der betrachteten Functionen existi-
ren und, wenn man von singulären Werthsystemen der Veränderli-
chen u 1 , ... u n absieht, continuirliche Functionen seien. (Die
letztere Bedingung fordert eigentlich mehr, als unbedingt nö-
thig ist, ich sehe aber hiervon ab.)

Ebenso bleibt der Satz gültig für die gemeinsamen Periodensy-


steme beliebig vieler Functionen derselben n Veränderlichen; es
muss nur der Passus "ohne sich ... darstellen zu lassen" lauten:
"ohne dass sie sich sämmtlich durch eine und dieselbe lineare
Transformation ihrer Argumente in Functionen von weniger als n
Grössen verwandeln lassen".
- 224 -

Es bedarf wohl nicht der Bemerkung, dass in dem Falle, wo es


sich um die gemeinsamen Periodensysteme mehrerer Functionen
handelt, für das System der letzteren die Zahl r eine andere
sein kann als für jede einzelne Function. übrigens hat man nur
nöthig, alle Sätze, um die es sich handelt, für eine Function
zu beweisen. Denn in dem Falle, wo die gemeinsamen Perioden-
systeme mehrerer Functionen

f 1 (u 1 ' • •• u n ), ,... f m (u 1 ' • •• u n )

Gegenstand der Untersuchung sind, kann man statt des Systems


dieser Functionen die eine Function

wo C1 , ... Cm unbestimmte, von u 1 ' ..• u n unabhängige Grössen be-


deuten, betrachten, indem dieselbe nur solche Periodensysteme
besitzt, welche gemeinsame Periodensysteme der Functionen
f 1 (u 1 '··· u n ),··· f m (u 1 '··· u n ) sind.
Schliesslich möchte ich Sie noch auf eine Frage aufmerksam ma-
chen, die sich mir beim Niederschreiben dieser Bemerkungen wie-
der aufgedrängt hat. Kann der Satz, dass eine eindeutige Func-
tion von n Veränderlichen Systeme unendlich kleiner Perioden
nur in dem Falle besitzt, wo sie sich als Function von weniger
als n, linear von den ursprünglichen abhängigen Argumenten dar-
stellen lässt, bewiesen werden, d.h. mit aller Strenge bewiesen
werden, ohne dass es nöthig ist, auf die Ableitungen der Func-
tion zu recurriren? - Mit freundlichstem Gruss Ihr hochachtungs-
voll ergebener
Weierstrass

(B. 111 von Jacobi geht Ihnen in den nächsten Tagen zu.)

- * - * - * - * -
- 225 -

Montreux, Pension Lorius


22.12.85

Verehrter Herr College!

Empfangen Sie meinen aufrichtigsten Dank für das herzliche


Glückwunschschreiben, mit dem Sie mich am 31sten Oktober er-
freut haben~)Dass ich darauf erst jetzt antworte, daran trägt
die Schuld der Umstand, dass ich, mit der Absicht umgehend,
Berlin auf längere Zeit mit den Meinigen zu verlassen, den gan-
zen November hindurch ungemein beschäftigt gewesen bin, zu dem
Zwecke, mich auf ein Jahr wenigstens von allen äusseren Ver-
pflichtungen frei zu machen. Den Winter gedenke ich am Genfer
See, wo das Klima mir zusagt, zu verbringen und hoffe, recht
tüchtig arbeiten zu können. Vor meiner Abreise habe ich noch
in einer kleinen Abhandlung die Lindemann'schen Untersuchungen
über die Exponentialfunction in elementarer Darstellung einem
grösseren Leserkreise zugänglich zu machen versucht, und in
einem etwa 18 Bogen starken Bande eine Anzahl grösstenteils
schon gedruckter, aber völlig vergriffener Abhandlungen neu
abdrucken lassen.

Mit herzlichem Grusse


Ihr hochachtungsvoll ergebener
Weierstrass

- * - * - * - * -

Anmerkungen und Fußnoten

Karl Weierstrass (1815-1897) war einer der bedeutendsten Analy-


tiker des vorigen Jahrhunderts und der Begründer einer großen
funktionentheoretischen Schule, aus der viele bekannte Mathema-
tiker hervorgingen. Zusammen mit Kummer und später Kronecker
wirkte er von 1856 bis zu seinem Tode an der Berliner Universi-
tät.
- 226 -

Fußnoten

1) H.A. Schwarz (1843-1921), später Professor in Göttingen und Berlin und


einer der führenden Vertreter der Weierstrassschen Schule.

2) Weierstrass hatte bis mindestens 1864 eine Stelle an dem Berliner Gewer-
beinstitut. Möglicherweise gehört dieser Brief zeitlich vor den vorhergehen-
den.

3) R. Lilienthai (1857-1935) hatte bei Weierstrass promoviert; er wurde


später Professor in Chile und Münster.

4) Es geht um den Satz, daß in einem n-dimensionalen reellen Vektorraum


ein Gitter höchstens vom Rang n ist. Über diesen Satz gab es auch eine
ausführliche Korrespondenz Kronecker-Lipschitz. Wie aus dem folgenden her-
vorgeht, hatte Weierstrass die wesentlichen Punkte ziemlich klar erkannt,
aber vom heutigen Standpunkt ist es doch etwas verwunderlich, daß sich Ma-
thematik~r vom Range Kroneckers und Weierstrass' so ausführlich mit diesem
eher elementaren Satz beschäftigen und daß Lipschitz die entscheidenden
Punkte offenbar gar nicht richtig klar waren.

5) Glückwünsche zum 70. Geburtstag.


- 227 -

VERZEICHNIS DES BRIEFWECHSELS


IM NACHLASS LIPSCHITZ

Die im Nachlaß vorhandene Korrespondenz umfaßt etwa 440 Briefe


und Karten an Lipschitz und etwa 102 Briefe, Briefkonzepte und
-abschriften von Lipschitz. Im Folgenden wird eine nach Korre-
spondenten alphabetisch geordnete Aufstellung gegeben, dabei
zuerst immer die Briefe an Lipschitz. Sind keine weiteren Anga-
ben gemacht, handelt es sich nur um Briefe an Lipschitz. Einige
wenige Korrespondenten (nur Nichtmathematiker mit Briefen rein
privaten Inhalts) sind nicht aufgeführt. Die Aufstellung wird
ergänzt durch einige ganz knappe Bemerkungen über Inhalt, even-
tuelle Veröffentlichungen und ähnliche Hinweise. Ist der Name
des Korrespondenten durch * gekennzeichnet, so ist ein Teil des
Briefwechsels in diesem Band abgedruckt. Folgende Abkürzungen
werden verwandt:
B Brief, K Karte, Kz Konzept, L. Lipschitz, dt in deutscher
Sprache, e in englischer Sprache, fr in französischer Sprache,
it in italienischer Sprache.

P. ApPELL (1855-1930)
2 B (fr) vom 7.1.87,12.6.88.

A. BELTRAMI (1835-1900)
6 B (it) vom 18.11.72, 12.7.73, 28.2.77, 13.3.77, 20.7.80,
18.3.98 und eine undatierte K (it).

A. BERTRAND (1822-1900)
2 B (fr) vom 3.11.85, 6.8.87. Privatangelegenheiten

K.W. BORCHARDT* (1817-1880)


57 B aus den Jahren 1860-1877. Fast alle B betreffen von L. im
crelle'schen Journal eingereichte Arbeiten; außerdem private
Angelegenheiten, Bemerkungen über Baltzer, Bertrand, Clebsch,
- 228 -

Hermite, Jordan, Schering, Beziehungen zwischen französischen


und deutschen Mathematikern.

G, CANTOR* (1845-1918)
6 ~ vom 4.5.77,20.11.81,17.12.81, 19.11.83,10.10.b5, 18.10.85.
~ vom 4.5.77 betrifft ternäre Formen; vom 20.11. und 17.12.bl
~erufung Dedekinds nach Halle, den ersten hatte L. am 16.12.
beantwortet; B vom 19.11.83: Cantor skizziert seine Theorie der
wohlgeordneten Mengen, Diskussion der bekannten Ansicht Gauss'
zwn Aktual-Unendlichen im Brief an Schumacner vom 12.7.31;
10.10. und 1b.10.85 Bemerkungen zur Goldbachsehen Vermutung;
Verallgemeinerungen davon.

A, CAYLEY* (1821-1895)
2 ti (e) vom 7.8.78 (?), 20.12.80. Der erste B behandelt ein
~eispiel einer nicht-kommutativen Algebra, dargestellt durch
Erzeugende und Relationen.

A, CLEBSCH* (1833-1872)
3 ~ vom 25.10.65, 16.12.65, 15.11.70. B vom 25.10.65: Ernennung
Gordans zum Extraordinarius; 16.12.65: programm seiner Theorie
der abelscnen Funktionen mit Gordan.

W,K, CLIFFORD (1845-1879)


3 undatierte B (e). Kurze Verabredungen zu persönlichen Treffen.

L, CREMONA (1830-1903)
2 ti (fr u. it) undatiert und 22.1.85. Betreffen u.a. Veröffent-
lichungen.

G, DARBOUX (1842-1917)
8 ~ und 1 K (fr) vom März 72,30.4.[72 ?], 8.9.72, 3.10.72,
11.2.82,6.2.1885,4.8.86 (K), 12.12.86, 19.5.92;
3 BKz (dt) von L. an Darboux vom 29.9.72, 8.10.72, 14.2.82.
Betreffen Veröffentlichungen.
- 229 -

R, DEDEKIND* (1831-1916)
13 b vom 5.11.61, 29.4.76, 30.5.76, 10.6.76, 27.7.76, 12.8.76,
28.9.76,1:).2.77,30.7.77,17.8.77,5.4.78,17.1.94,23.1.94

R, FLEISCHER
4 Baus 1876. Betreffen "Enzyklopädie der gesammten Naturwissen-
schaften", Bitte an L., die Redaktion des mathematischen Teiles
zu übernehmen.

FRIEDLAENDER
1 B an L. vom 6.2.85. Berufungs- und Privatangelegenheiten.

FRIEDRICH, PRINZ VON SACHSEN-MEININGEN


6 B

L, FUCHS* (1833-1902)
3 B vom 25.6.92, 19.1.94, 19.9.97. Betreffen Mitterausgabe von
Crelle's Journal, Berufung Schlesingers als Priv.-Doz.

P, GOR DAN (1837-1912)


1 B an L. vom 6.8.77. Dank für Buch.

J, HADAMARD (1865-1963)
2 B (fr) undatiert (ca. 1889 und 1896). Betreffen L. Arbeiten
88 und 34 (?) (vgl. Brief von E. Lemoine).

E, HEINE* (1821-1881)
3 B vom 20.10.59, 7.1.60, 13.5.60. Betreffen u.a. L. Arbeit 7
und Heines Buch über Kugelfunktionen.

H, V, HELMHOLTZ* (1821-1894)
23 B vom 2.11.56, 23.3.57, 25.12.58, 6.3.59, 19.3.59, 10.5.62,
18.2.68, 29.5.68, 2.6.68, 5.6.68, 7.6.68, 11.6.68, 19.6.68,
27.6.68, 30.11.68, 4.1.69, 10.1.69, 16.10.72, 15.8.76, 2.3.81,
- 230 -

21.2.86, 27.10.86, undat.

CHi HERMITE* (1822-1901)


Der Briefwechsel mit Hermite ist der bei weitem bedeutendste
des gesamten Nachlasses. Er besteht aus ca. 163 B (fr) Hermites
an L. (dabei einige wenige Postkarten) und beginnt am 18.8.77
(nachdem Hermite bei der Gauß-Gedenkfeier in Göttingen L. per-
sönlich kennengelernt hatte) und endet am 16.7.1900 mit einem
Glückwunschschreiben zur Wahl L. in die Pariser Akademie.
Zu den meisten der ersten 74 B (bis zum 17.10.85) sind die
Konzepte der Antwortschreiben (fr) L. vorhanden (insgesamt 69).
Der Briefwechsel behandelt (im Gegensatz zu der übrigen Korre-
spondenz L.) hauptsächlich mathematische Fragen. Andererseits
fehlt kaum ein Name eines prominenten zeitgenössischen Mathe-
matikers. Von Hermite ist bekannt, daß er einen umfangreichen
Briefwechsel mit vielen Mathematikern führte.

O. HESSE* <1811-187 11)


5 B vom 22.11.61,27.5.62, 1.4.62, Jan. 70, 16.2.72. Betreffen
verschiedene Berufungen.

J. HOÜEL* (1823-1886)
6 B vom 24.9.72, 27.10.72, 18.11.72, 6.3.76, 6.8.76, 24.8.76.
Betreffen vor allem Veröffentlichungen im Bulletin des Sciences
Mathematiques et Astr., auch von Dedekind.

E. DE JONQUIERES (1820-1901)
2 B vom 4.1.83, 15.1.83, Kz eines Antwortbriefes. Betreffen
Anzahl der Primzahlen.

C. JORDAN (1838-1922)
5 B vom 15.2.86, 27.5.86, 28.7.86, 2.8.86, 24.8.86. Betreffen
L. Publikation 80 (?) und eventuell weitere Arbeiten.
- 231 -

G. KIRCHHOFF (1824-1887)
1 Brief vom 13.6.1861. Betrifft eine der Arbeiten 7 oder 8 von L.

A. KÖLLI KER
1 Brief an L. vom 17.6.68. Betrifft Berufung von Clausius
nach Bonn.

L. KOENIGSBERGER* (1837-1921)
9 B vom 22.9.68, 13.6.68, 25.2.76, 22.9.76, 7.5.77, 13.5.77,
21.10.80, undat., 14.1.02. Betreffen Koenigsbergers Repetitorium,
Pringsheims gescheiterte Habilitation in Bonn, Koenigsbergers
Helmholtz-Biographie.

L. KRONECKER* (1823-1891)
22 B Kroneckers vom 18.5.59, 13.2.65, 3.5.67, 5.6.68, 26.9.69,
29.9.69, 20.7.73, 7.8.83, 3.9.83, 31.5.84, 15.10.84, 18.10.84,
23.10.84, 24.10.84, 5.11.84, 5.11.84, 9.1.85, 18.4.85, 7.5.85 (K),
8.5.85,10.5.85, 13.11.85.
20 Briefe L. an Kronecker (dabei ein Zettel von L. Hand:
"Briefe von L. Kronecker nach dessen Tode an mich zurückgege-
ben") vom 29.5.68, 11.6.68, 4.7. (?) 68, 7.8.68, 7.8.69, 29.9.69,
11.10.69, 22.7.73, 17.1.81, 11.4.83, 19.7.83, 10. Aug. 83,
30.10.83, 29.5.84, 9.6.84, 14.10.84, 22.10.84, 25.10.84 (mit
handschr. Notizen Kroneckers), 6.5.85 (Kz), 11.5.85 (Kz).

E. LEMOINE (1840-1912)
1 B (fr) vom 26.11.96. 1 B (fr) von L. an Lemoine vom 18.11.96.
Betreffen Brief von Hadamard 1896.

W. LEXIS (1837-1914)
1 B vom 25.2.77. Betrifft Beförderung Kieperts zum Ordinarius.

P. MANSION (1844-1919)
1 B (fr) vom 14.7.1880. Betrifft Grundlagen der Analysis,
insbesondere L. Lehrbuch.
- 232 -

G, MITTAG-LEFFLER* (18QS-1927)
6 B vom 8.10.78 (fr), 11.10.83 (dt), 10.4.87 (dt), 11.8.90
(unvollständig) (dt), 19.6.92 (fr), 16.10.00 (dt). Betreffen L.
Analysis-Buch, Veröffentlichungen in den Acta, Besuch Mittag-
Lefflers in Bonn, Hermites 70. Geburtstag.

J I r10LK

2 B (fr) vom 26.12.86, 3.1.87, 1 B (Kz) von L. an Molk vom


22.1.87. Betreffen Übersetzung von Arbeiten L. für Darboux '
Journal.

G, MORERA (1856-1909)
1 B (dt) vom 18.6.86. Betrifft Integration im Komplexen.

C, ~EUMANN*' (1832-1925)
1 B vom 11.8.68. Betrifft Gründung der mathematischen Annalen
und Bitte um Mitarbeit.

F, NEUMANN (1798-1895)
1 B vom 19.7.68, Antwort auf: 1 B (Kz) von L. vom 14.6.68.
Betrifft Nachfolge Plücker, v. Helmholtz, Kirchhoff, Clausius.

C, LE PAIGE 0852-1929)
2 B (fr) vom 7.9.78, 23.11.81. Betreffen Arbeit von Sylvester,
Empfehlungsschreiben.

J, PERROT
1 B (dt) vom 28.3.82. Betrifft Arbeit von L.

E, PICARD (1856-1941)
1 B (fr) vom 9.6.1900.

L, PI NTO
1 B (it) vom 2.9.96. Dankbrief.
- 233 -

H. POINCARE* (1854-1912)
3 B (fr) vom 5.2.89, Jan. 92, undat.

P. RICCARDI
1 B (it) vom 21.6.79

G. SABININE
1 B (dt) undat .. Betrifft Arbeiten S. 's.

E. SCHERING (1833-1897)
1 B vom 2.4.83. Betrifft Gauß' Werke, eine Stelle im Gauß-Nach-
laß.

E. SCHÖNFELD (1828-1891)
2 B vom 2.3.80, 21.3.90. Der zweite betrifft Arbeiten Niemanns
über den Saturnring.

H. SCHRÖTER (1829-1892)
3 B vom 31.3.62, 19.6.67, 27.1.72. Betreffen L. Berufung nach
Breslau, Manuskripte Steiners, Rosanes.

H.A. SCHWARZ (1843-1921)


1 B vom 20.3.79. Betrifft Privatangelegenheiten.

D.E. SMITH (1860-1944)


1 B (dt) vom 15.5.94. Betrifft Grab von Clausius.

M.A. STERN (1807-1894)


1 K (2.2.84) und 1 B (6.2.84). Betreffen L. Arbeit über Ber-
noulli-zahlen (67 oder 68).

E. STUDY* (1862-1930)
10 B vom 19.5.97, 22.7.97, 20.12.97, 8.6.98, 20.8.98, 15.12.98,
7.1.99, 28.5.99, 2.10.99, 30.12.99. Betreffen Privatangelegen-
heiten, S. Lj_e, Engel, Klein, math. Arbeiten Studys.
- 234 -

J,J, SYLVESTER (1814-1897)


lOB vom 1. 1 1 . 7 2, 2 1 . 8 . 7 8, 2 3 . 8 . 7 8, 7. 9 . 7 8 , 2 8 . 1O. 7 8, 2 2 . 4 . 8 4 ,
13.1.86,14.8.86,21.1.87,19.7.89.2 B (Kz) von L. an Sylvester
vom 28.8.78, 29.9.78. Betreffen Arbeiten und Veröffentlichungen
zur Invariantentheorie, Arbeiten Cayleys, Privatangelegenheiten,
Veröffentlichungen im American Journal of Mathematics.

R, VIRCHOW
1 B vom 27.6.1875. Betrifft Mitarbeit in einer Publika-
tionsreihe.

H, WEBER* (1842-1913)
8 B vom 25.3.76,31.1.77,11.5.83,29.5.83,30.10.84,11.11.89,
3.6.98, 5.8.98. Betreffen H. Minkowski (Mai 83!) Promotions-
und Berufungsangelegenheiten, elektrostatische Ladungsvertei-
lung auf dem Würfel.

0, HEBER
1 B vom 1. 11 . 65

\~, f4EBER
1 B vom 10.10.76. Danksagung

C. WEIERSTRASS* (1815-1897)
10 B vom 26.3.67,28.1.74,11.12.82,13.2.83, undatiert,
20.1.83, 1.8.83, 4.7.84, 16.11.84, 22.11.85. Betreffen verschie-
dene mathematische Gegenstände, Jacobis Werke, Kortum, Abhand-
lungen und Veröffentlichungen von L.
- 235 -

CHRONOLOGISCHE LISTE DER WISSENSCHAFTLICHEN ARBEITEN VON


P. LIPSCHITZ *)

Determinatio status magnetici viribus inducantibus commoti


in ellipsoide; Dissertation, Berlin, 9. August 1853

2 Einige Sätze aus der Theorie der quadratischen Formen;


crelles Journal 53, 238-259, November 1854

3 Zur Theorie der quadratischen Formen; Crelles Journal 54,


193-196

4 Untersuchung einer aus vier Elementen gebildeten Reihe;


crelles Journal 54, 313-328, Juli 1856

5 Über die Darstellung gewisser Funktionen durch die Euler-


SChe Summenformel; crelles Journal 56, 11-26, 12. Juli 1857

6 über ein Integral der Differentialgleichung

d 2I + 1 l! + I o
~ x dX
oX

crelles Journal 56, 189-196, 14. Juli 1858

7 Beiträge zur Theorie der Verteilung der statischen und der


dynamischen Elektrizität in leitenden Körpern;
Crelles Journal 58, 1-53, 6. Oktober 1859

8 Über die Verteilung der statischen Elektrizität in einem


kreisförmig begrenzten Segment einer Kugelfläche;
crelles Journal Sb, 152-173, 11. Mai 1860

~ untersuchung über die Anwendung eines Abbildungsprinzips


auf die Theorie der Verteilung der Elektrizität;
crelles Journal 61, 1-21, 6. November 1861

10 Untersuchungen über oie Anwendung eines Abbildungsprinzips


auf oie Theorie oer Gravitation, crelles Journal 61, 22-65,
b. November 1861

*) Diese Liste wurde dankenswerterweise von W. Thimm zur Ver-


fügung gestellt.
- 236 -

11 Versuch zur Herleitung eines Gesetzes, das die Dichtigkeit


für die Schichten im Innern der Erde annähernd darstellt
aus den gegebenen Beobachtungen; Crelles Journal 62,1-35,
13. Juli 1862

12 untersuchung über das Gesetz, nach dem sich die Dichtigkeit


der Schichten im Innern der Erde ändert; Monatsber. Kgl.
Akad. Wiss. Berlin, 13. Oktober 1862

13 Beitrag zur Theorie des Gleichgewichts eines nicht homoge-


nen flüssigen rotierenden Sphäroids; crelles Journal 63,
289-295, 29. Januar 1864

14 Beitrag zur Theorie der Variation der einfachen Integrale;


crelles Journal 65,26-41,9. Dezember 1864

15 De nexu, quo arithmetica sublimior cum ceteris matheseos


disciplinis coniuncta est; Antrittsvorlesung Universität
Bonn, 7. Mai 1864

16 über die asymptotischen Gesetze von gewissen Gattungen


zahlentheoretischer Funktionen; Monatsber. Kgl. Akad. Wiss.
Berlin, 24. April 1865

17 über gewisse Beziehungen zwischen räumlichen Gebilden;


crelles Journal 66, 267-284, 3. Juni 1866

18 über einen algebraischen Typus der Bedingungen eines be-


wegten LVlassensystems; crelles Journal 66, 363 -37 4,
16. Oktober 1866

19 Beitrag zur Theorie der linearen partiellen Differential-


gleichungen; crelles Journal 69, 109-127, 28. Februar 1868,
Referat: Fortschr. d. Math. 1, 117, 1868

20 Erörterung der Möglichkeit, ein gegebenes System gewöhnli-


cher Differentialgleichungen vollständig zu integrieren;
Schrift zum 50. Jahrestag der Gründung der Universität
Bonn, 15. Juni 1868

21 Disamina della possibilita d'integrare completamente un


dato sistema di equazione differenziale ordinarie;
Annali di Matematica pura ed appl., Serie rr a , 2, 288-302
- 237 -

22 Sur la possibilite d'integrer completement un systeme


donne d'equations differentielles; Bulletin des Sciences
Iv1athem., 10,
Referat: Fortschr. d. Math. 8, 177-179, 1876

23 Untersuchung in Betreff der ganzen homogenen Funktionen von


n Differentialen; crelles Journal 70, 71-102, 4. Januar
1869

24 untersuchung in Betreff der ganzen homogenen Funktionen


von n Differentialen; Monatsber. Kgl. Akad. wiss. Berlin,
14. Januar 1869

25 Entwicklung einiger Eigenschaften der quadratischen Formen


von n Differentialen (1. Mitteilung); crelles Journal 71,
274-287, 18. Oktober 1869

26 Entwicklung einiger EigenSChaften der quadratischen Formen


von n Differentialen (2. Mitteilung); crelles Journal 71,
288-295, 9. Januar 1870,
Referat für (25) und (26): Fortschr. d. Math. 2, 130

27 Fortgesetzte Untersuchungen in Betreff der ganzen homogenen


Funktionen von n Differentialen; crelles Journal 72, 1-56,
22. Dezember 1869

28 Beitrag zu der Theorie der Umkehrung eines Funktionensystems;


Nachrichten d. Kgl. Gesellschaft d. Wissenschaften zu
Göttingen, 22, 12. November 1870,
Referat: Fortschr. d. Math. I 2, 206-207

29 Sopra la teoria della inversione di una sistema di funzione;


Annali di Matematica pura ed appl., Serie II a , 4, 239-259
6. Oktober 1870,
Referat: Fortschr. d. Math. 3, 187

30 Untersuchung eines Problems der Variationsrechnung, in


welchem das problem der Mechanik enthalten ist;
ereIlesJournal 74,116-149,15. Juli 1871,
Referat: Fortschr. d. Math., 4, 180

31 Entwicklung eines Zusammenhanges zwischen den Abelschen


Transzendenten und den quadratischen Formen von n Differen-
tialen; crelles Journal 74, 150-171, 15. Juli 1871,
Referat: Fortschr. d. Math. 4, 227
- 238 -

32 Theorem der analytischen Mechanik; Niederrheinische Gesell-


schaft f. Natur- u. Heilkunde, 7. August 1871

33 über eine Ausdehnung der Theorie der Minimalflächen;


Monatsber. Kgl. Akad. Wiss. Berlin, 27. Mai 1872

34 Extrait de six memoires, publies dans le Journal de Mathe-


matiques de Borchardt; Bulletin des Sciences Mathem. et
Astr. 4, 297-362, 20. August 1872,
Referat: Fortschr. d. Math. 6, 255-261

35 Extension of the Planet - Problem to aspace of n dimensions


and constant curvature; Quaterly Journal of Mathematics
12, 349-370, 26. September 1872,
Referate: Fortschr. d. Math. 5, 442 und 6, 227

36 Extrait d'une lettre de M.R. Lipschitz; Bulletin des


Sciences Mathem. et Astr. 3, 349-352, November 1872

37 Sätze aus dem Grenzgebiet der Mechanik und der Geometrie;


Mathematische Annalen 6, 416-435, 10. Februar 1873,
Referate: Fortschr. d. Math. 5, 372 und 5, 432-441

38 über eine Ausdehnung der Theorie der Minimalflächen;


Monatsber. Kgl. Akad. Wiss. Berlin, 28. Mai 1872,
Referat: Fortschr. d. Math. 6, 519-523

39 Ausdehnung der Theorie der Minimalflächen; crelles Journal


7 8 , 1 - 4 5, 1 9. Ju l i 1 87 3

40 Beitrag zu der Theorie des Hauptachsen-problems; Abhandl.


Kgl. Akad. Wiss. Berlin, 1873, 1-23, 27. November 1873

41 Reduktion der Bewegung eines flüssigen homogenen Ellipsoids


auf das Variationsproblem eines einfachen Integrals, und
Bestimmung der Bewegung für den Grenzfall eines unendlichen
elliptischen Zylinders; crelles Journal 78, 245-272,
9. März 1874

42 Beweis eines Satzes der Elastizitätslehre; crelles Journal


78, 329-337, 25. Mai 1874

43 oeterminazione della pressione nell'intorno d'un fluido in-


compressibile soggetto ad attrazione interne ed esterne;
Annali di Matematica pura ed appl., Serie II a , 6, 226-231
25. Mai 1874,
Referat: Fortschr. d. Math. 6, 613-615
- 239 -

44 Bedeutung der theoretischen Mechanik, Sammlung gemeinver-


ständlicher Vorträge, herausgegeben von Virchow und
Holtzendorff, 1876, 26. Mai 1875

45 Beitrag zur Theorie der Krümmung; crelles Journal 81,


230-242, 26. Dezember 1875,
Referat: Fortschr. d. Math. 8, 477-478

46 Beitrag zur Theorie der Krümmung; Repetitorium f. reine


u. angew. Mathematik, 277-282

47 Generalisation de la theorie du rayon osculateur d'une


surface; Crelles Journal 81,295-301, Dezember 1875,
Referat: Fortschr. d. Math. 8, 477

48 Generalisation de la theorie du rayon osculateur d'une


surface; cornptes rendus, 10. Januar 1876, 295-300

49 Bemerkungen zu dem prinzip des kleinsten zwanges;


Crelles Journal 82, 316-342, 13. November 1876
Referat: Fortschr. d. Math. 9, 629-632

50 Lehrbuch der Analysis, Erster Band, Grundlagen der Analysis;


Verlag M. Cohen & Sohn (Fr. Cohen), Bonn, 1877

51 Sur la fonction de Jacob Bernoulli et sur l'interpolation,


Extrait d'une lettre adressee a M. Herrnite;
cornptes rendus, 14. Januar 1878, 119-121,
Referat: Fortschr. d. Math. 10, 187-188

52 Demonstration of a fundamental theorem obtained by Mr. Syl-


vester; American Journal of Mathematics 1, 336-340, 1878,
Referat: Fortschr. d. Math. 10, 296-297

53 Sur des series relatives a la theorie des nornbres, Extrait


d'une lettre adressee a M. Herrnite; Cornptes rendus, 1. Sep-
tember 1879, 948-950,
Referat: Fortschr. d. Math. 11, 142-143

54 Sur des series relatives a la theorie des nornbres, Extrait


d'une lettre adressee a M. Hermitei Cornptes rendus, 8. De-
zember 1879, 985-987,
Referat: vgl. 53

55 Lehrbuch der Analysis, Zweiter Band, Differential- und In-


tegralrechnungi Verlag M. Cohen & Sohn (Fr. Cohen), 1880
- 240 -

56 Principes d'un calcul algebrique qui contient comme


especes particulieres le calcul des quantites imaginaires
et des quaternions; Comptes rendus, 11. Oktober 1880,
619-621 und 18. Oktober, 660-664,
Referat: Fortschr. d. Math. 12, 303-304

57 Sur l'integrale
Tl/2 a+b
f (2 cos x) cos(a-b)x dx
o
Bulletin des Sciences Mathematiques et Astr., 2 e serie, 5,
Referat: Fortschr. d. J.Vlath. 14, 228

58 Sur le pendule, Extrait d'une lettre adressee a M. Hermite;


Comptes rendus, paris, 4. Dezember 1882, 1141-1144,
Referat: Fortschr. d. Math. 14, 759-760

59 Sur une communication de ]1;1. de Jonquieres relatives aux


nombres premiers, Extrait d 'une lettre adressee a M. Her-
mite; Comptes rendus, 26. Dez~ber 1882, 1344-1346,
Referat: Fortschr. d. Math. 14, 119

60 Sur une communication de M. de Jonquieres relatives aux


nombres premiers, Extrait d'une lettre adressee a M. Hermi-
te; Comptes rendus, 2. Januar 1083, 58-61,
Referat: Fortsehr. d. Math. 15, 134-135

61 Addition a une note sur les nombres premiers, Extrait


d'une lettre adressee a M. Hermite; comptes rendus,
8 . J anu ar 1 8 83 ,
Referat: vgl. 60

62 Application d'une methode donnee par Legendre, Extrait


d'une lettre adressee a M. Hennitei Comptes rendus,
29. Januar 18b3, 327-329,
Referat: vgl. 60

63 Untersuchungen über die Bestimmung von Oberflächen mit


vorgeschriebenen, die KrÜmIDungsverhältnisse betreffenden
Eigenschaften; Sitzungsberichte d. Kgl. Akad. Wiss.
Berlin, LI, 1882,1077-1087,14. Dezember 1882,
Referat: Fortschr. d. Math. 14, 650-652
- 241 -

64 Untersuchungen über die Bestimmung von Oberflächen mit vor-


geschriebenen, die Krümmungsverhältnisse betreffenden Eigen-
schaften; Sitzungsberichte d. Kgl. Akad. i,Hss. berlin,
VI, 1883,169-188,18. Januar 1883
Referat: Fortschr. d. Math. 15, 626-627

65 untersuchungen über die Bestimmung von Oberflächen mit vor-


geschriebenem Ausdruck des Linearelements; Sitzungsberichte
d. Kgl. Akad • .-liss. Berlin, XXII, 1883, 541-':;60,
19. April 1883,
Referat: Fortschr. d. Math. 15, 627-630

66 Bemerkung zu der Abhandlung: Untersuchungen über die Be-


stimmung von Oberflächen mit vorgeschriebenem Ausdruck des
Linearelements; Sitzungsberichte d. Kgl. Akad. Wiss. Berlin,
1883, 649-650, 12. Juni 1883,
Referat: Fortschr. d. Math. 16, 659

67 Sur quelques points dans la theorie des nombres (gemeinsam


mit H. Hermite); Acta Mathematica 2, 299-304, 6. Juni 1883

68 Beiträge zu der Kenntnis der Bernoullischen zahlen;


crelles Journal 96,1-16,19. Juli 1883,
Referat: Fortschr. d. Math. 16, 152-153

69 Sur un point de la theorie des fonctions elliptiques;


comptes rendus, 11. Dezember 1883, 1411-1414,
Referat: Fortschr. d. Math. 15, 397

70 Sur l'usage des produits infinis dans la theorie des


fonctions elliptiques (gemeinsam mit M. Hermite);
Acta Hathematica 4, 193-196, 20. Dezember 1883,
Referat: Fortschr. d. Math. 16, 407

71 Sur une representation de la fonction exponentielle par un


produit infini, Extrait d'une lettre adresse a M. Hermite;
Comptes rendus, 27. Oktober 1884, 701-703,
Referat: Fortschr. d. Math. 16, 394

72 Deduction arithmetique d'une relation due a Jacobi,


Extrait d'une lettre adressee a M. Hermite; Acta Mathemati-
ca 7, 95-100, 2. Februar 1885,
Referat: Fortschr. d. Math. 17, 438-439
- 242 -

73 Sur les sommes des diviseurs des nombres; Comptes rendus,


6. April 1885, 845-847,
Referat: Fortschr. d. Math. 17, 126-127

74 Sur une formule de M. Hermite, Extrait d'une lettre


adressee a M. Hermite; ereIle Journal 100, 66-70,
25. August 1885,
Referat: Fortschr. d. Math. 18, 396

75 Sur la theorie des fonctions elliptiques, Extrait d'une


lettre adressee a
M. Hermite; Annales scientifiques de
l'ecole normale superieure, 3 e serie 2, September 1885,
315-320,
Referat: Fortschr. d. Math. 17, 461

76 Beitrag zu der Theorie der Bewegung einer elastischen


Flüssigkeit; crelles Journal 100, 89-120, 30. Dezember 1885,
Referat: Fortschr. d. Math. 18, 894-899

77 Sur la representation asymptotique de la valeur numerique


ou de la partie entiere des nombres de Bernoulli; Bulletin
des Sciences Mathem. et Astr., 2 e serie, 10, 29. Januar 1886,
Referat: Fortschr. d. Math. 18', 225-226

78 untersuchungen über die Summen von Quadraten; Verlag Max


Cohen & Sohn (Fr. eohen), Bonn, 1886, 1-147,
Referat: Fortschr. d. Math. 18 152-156

79 Untersuchungen über die Summen von Quadraten; Bulletin des


Sciences Mathematiques et Astr., 2 e serie, 10, 168-183

80 Recherches sur la transformation par des substitutions


reelles d'une somme de deux ou de trois carrees en elle
meme Journal de Mathematiques pures et appl., 4 e serie,
2, 373-439, 1886,
Referat: Fortschr. d. Math. 18, 156-157

81 Sur la theorie des diversites, Extrait d'une lettre


adressee a M. Hermite; comptes rendus, 15. März 1886,
602-604,
Referat: Fortschr. d. Math. 18, 329-330
- 243 -

82 Bemerkungen über eine Gattung vielfacher Integrale, Auszug


aus einem Briefe an L. Kronecker; crelles Journal 101,
214-226, Dezember 1886,
Referat: Fortscnr. d. Math. 19, 277

83 Propositions arithmetiques tirees de la theorie de la


fonction exponentielle; Extrait d'une lettre adressee a
M. Hermite; Journal de Mathematiques pures et appl., 4 e
serie, 2, 219-237, 1886,
Referat: Fortschr. d. Math. 18, 1 42

84 Sur les surfaces ou la difference des rayons de courbure


principaux en chaque point est constant; Comptes rendus,
21. Februar 1887, 418,
Referat: Fortschr. d. Math. 19, 759-760

85 Zur Theorie der krummen Oberflächen; Acta Mathematica 10,


131-136,4. April 1887,
Referat: vgl. 84

86 Beweis eines Satzes aus der Theorie der Substitutionen;


Acta Mathematica 10, 137-144, 4. April 1887,
Referat: Fortschr. d. Math. 19, 139

87 Principes d'un calcul algebrique qui contient camme


especes particulieres le calcul des quantites imaginaires
et des quaternions; Extrait d'une lettre adressee a
M. Hernlitei Bulletin des Sciences mathß~atiques, 2 e serie,
11, Mai 1887,
Referat: Fortschr. d. Math. 19, 63

88 Untersuchung der Eigenschaften einer Gattung von unendlichen


Reihen; crelles Journal 105, 127-156, 25. Februar 1889,
Referat: Fortschr. d. Math. 21, 176-177

89 Bemerkung zu dem Aufsatz: Untersuchung der Eigenschaften


einer Gattung von unendlichen Reihen; crelles Journal
106, 27-29,
Referat: Fortschr. d. Math. 22, 214

90 Sur un theoreme arithmetique, Extrait d'une lettre adressee


a H. Hermite; comptes rendus, paris, 7. März 1889, 489-492,
Referat: Fortschr. d. Math. 21, 177-178
- 244 -

91 Sur la cambinaison des observations; Camptes rendus 111,


21. Juli 1890, 163-166,
Referat: E'ortschr. d. Math. 22, 238-239

92 Beiträge zu der Theorie der gleichzeitigen Transformation


von zwei quadratischen oder bilinearen Formen; Sitzungs-
berichte d. Kgl. Akad. Wiss. Berlin, XXVI, 22. Mai 1890,
485-523,
Referat: Fortschr. d. Math. 22, 164-165

93 EXtrait d'une lettre adressee a M. Hermite; Bulletin des


Sciences J.Viathematiques, 2 e serie, 16, 206-208, Juli 1892,
Referat: Fortschr. d. Math. 24, 741-742

94 Solution camplete d'une question proposee par Fermat


Bulletin des Sciences Mathematiques, 2 e serie, 22, 123-128,
Mai 1898,
Referat: Fortschr. d. Math. 29, 151

95 Nachweis des Zusammenhanges zwischen den vier Drehungs-


achsen einer Lagenänderung eines orthogonalen Systems und
einem J.Vlaximumstetraeder; Acta Mathematica 24, 123-158,
24. Oktober 1899,
Referat: Fortschr. d. Math. 31, 301

96 Bemerkungen über die Differentiale von symbolischen Aus-


drücken; Sitzungsberichte der der kgl. Akademie Wiss.
Berlin, VIII, .16. Februar 1899,122-136,
Referat: Fortschr. d. Math. 30, 267-268

Lipschitz dürfte einer der wenigen Mathematiker sein, der auch nach seinem
Tode noch wissenschaftlich arbeitete; im Jahre 1959 wandte er sich mit einem
Brief aus dem Jenseits an die Redaktion der Annals of Mathematics

co correspor!dence
Annals of Mathematics 69, 247-251 (1959)
- 245 -

LITERATURVERZEICHNIS

Anonym [1873]: Zum Andenken an Rudolf Friedrich Alfred Clebsch.


Math. Ann. 6, 197-202

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- 246 -

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burtstag. Mitt. Math. Ges. DDR H. 2/4, 84-110

w. Purkert, H.J. Ilgands [1985]: Georg Cantor. Biographien


hervorragender Naturwissenschaftler, Techniker und
Mediziner Band 79. Leipzig

w. Scharlau (Hrss.) [1981]: Richard Dedekind 1831/1981.


Eine Würdigung zu seinem 150. Geburtstag. Braunschweig/
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ein Bericht eines Augenzeugen. Arch. Hist. Exact Sci.

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w. S tr ob 1 [1 982] : Ein Beitrag zur Jugendgeschichte


Hermann Minkowskis. Unveröff. Manuskript

w. Waterhouse [1979]: Gauss on Infinity. Historia math.


- 247 -

NAMENSVERZEICHNIS *l

Appell 227
Argelander 4,116,134,173,174,175,178
Aronhold 174, 188
Artin 40

Bachmann 63
Baltzer 15, 16, 227
Beer 113, 118
Beez 24
Beltrami 227
Bendixson 192
Beneke 3
Bertrand 21, 24, 145, 227
Beseler 124, 126-129, 173
Bismarck 179
Bohlmann 199
Bolyai 151
Boncompagni 151
Bonnet 21
Borchardt 5, 6, 8, 12-26, 140, 167, 169, 180, 189, 196, 218, 227
Bouquet 142
Brahms 4
v. Brunn 199, 200
Bunsen 118

Cantor, G. 6, 7, 28-37, 76, 79, 87, 88, 112, 147, 188, 228
Cantor, M. 117, 134
Cardano 38
Caspary 118
Cauchy 91-95, 105, 142, 205-206

*l Kursive Ziffern beziehen sich auf in diesem Band abge-


druckte Briefe.
- 243 -

Cayley 38-40, 141, 145, 172, 228, 234


Chasles 21
Christoffel 17, 84, 111, 149, 166, 170, 173, 174, 178
Clairaut 14
Clausen 181
Clausius 4, 118, 119, 127, 134, 148, 175, 178, 187, 231, 233
Clebsch VI, 4, 5, 6,18,24,26,41-43,151,166,178,187,189,195,196,
227, 228
Clifford 228
Cremona 183-184, 190, 192, 228

Darboux 4, 25, 44-46, 47, 48, 5C, 70, 74, 150, 151, 152, 192, 228
Dedekind 1, 2, 4, 5, 6, 7, 28, 29, 47-106, 134, 147, 149, 151, 182, 187,
189, 204-205, 207, 209, 215, 228, 229, 230
DeI. Pezzo 192
Descartes 33
Diesterweg V

Dieudonne 189
Dirichlet V, 2, 4, 8, 23, 26, 36, 47, 54, 82, 102, 111, 119, 133, 159,
170, 178, 185, 186, 187
Doehlemann 199
Dubois, E. 170
Dubois, P. 16
Dumas 114

Edwards
Eisenstein 23
Engel 6, 199, 203, 233
Euklid 58, 66, 67, 71, 72, 76-79
Euler 35, 141, 172
Ewald 16
Exodus 34

Faihofer 74
Fick 119
Fleischer 229
Fourier V
Fricke 100, 106
- 249 -

Friedländer 212, 229


Friedrich, Prinz von Sachsen-Meiningen 229
Frobenius 3, 104, 204
Fuchs 3, 107-109, 189, 193, 229

Galois 102
Gauss 4, 17, 24, 32, 34, 35, 42, 86, 89, 90, 109, 150, 170, 193, 228, 233
Gehring 42
Goldbach 35
Gordan 6, 41, 43, 228, 229
Grassmann 74, 132, 205-206
Gutzmer 199

Hadamard 229
Hamilton 141, 204
Hanke 1 204
Hansemann 191
Hanstein 118
Harn 199
Haussdorf 199, 200
Haussner 199
Heffter 199, 207
Hegel 117
Heine 22, 24, 25, 28, 76, 110-112, 113, 116, 163, 189, 229
Helmholtz 3, 4, 6, 7, 18, 26, 107, 113-135, 148, 157, 164, 167, 170, 172,
175, 177, 178, 187, 203, 204, 229, 231
Helmholtz, O. geb. von Velten 134
Hermite 4, 7, 8, 21, 26, 45, 87, 90, 91, 105, 136-147, 181, 185, 187, 189,
192, 197, 228, 230
Hertz 4, 191
Hesse 46, 47, 48, 52, 56, 181, 148-149, 174, 175, 178, 188, 230
Hilbert 205
Hoüel 46, 47, 48, 52, 56, 81, 150, 230
Hübner 210
Humboldt, A. V
Hurwitz 146, 205

Jacobi 12, 23, 24, 25, 26, 42, 58, 82, 149, 155, 188, 193, 224, 234
Jahn 22, 118, 120, 123, 128, 162
- 250 -

Joachim 4
Jolly 128
de Jonquieres 230
Jordan 22, 23, 143, 193, 228, 230

Kappeier 4, 18, 148


Kekule 4, 164
Kiepert 231
Kirchhoff 118, 154, 157, 231
Klein VI, 5, 6, 24, 26, 100, 178, 189, 201, 203, 204, 206, 233
Kobb 192
Kölliker 231
Koenigsberger 109, 133, 153-158, 231
Kortum 5, 53, 164, 174, 175, 178, 188, 191, 234
Kossak 53
Kowalev3ky 192, 194
Kronecker, E. 161
Kronecker, L. 4,5,6,7,12,22,23,26,53,109,123,135,143,144,
147, 159-190, 211, 217, 225, 231
Kummer 3, 6, 26, 57, 58, 61, 62, 63, 68, 69, 71, 102, 109, 143, 163, 167,
169, 179, 186, 188, 217, 225, 226

Lagrange 54
Landsberg 199, 200
Laplace 14
Laurent 22
Legendre 24
Leibniz 33, 91
Lejeune-Dirichlet, siehe Dirichlet
Lemoine 231
Levy 21
Lexis 231
Lie 6, 203, 204, 206, 233
Lilienthai 219-220, 226
Lindemann 225
Liouville 21,24
Lobatschewski 150, 151
London 199
- 251 -

Mann 158
Mansion 231
Meray 147
Mertens 32
Minkowski 100,108,142,143,209-211,215
Mittag-Leffler 4, 9, 147, 191-194, 232
Möbius 149
Molk 232
Morera 232
Müller 167
Münchow V

Netto 22
Neumann, C. 4, 6, 18, 42, 110, 112, 129, 166, 189, 195-196, 212, 232
Neumann, F. 3, 196, 208, 215, 232
Newton 40, 95, 176
Noether, M. 200

Olshausen 3, 126, 167, 171

le Paige 232
Parow 87, 88
Perrot 232
Peschl 5
Pflüger 123, 125, 128, 135
Phragmem 192
Picard 145, 186, 192, 232
Pinto 232
Plücker VI, 4, 26, 113-116, 123, 124, 133, 134, 149, 164, 187, 189, 206,
207
Pockeis 100, 101
Poincare 145, 192, 193, 197, 233
Pringsheim 153-156, 158, 231
Prym 18

Quincke 175, 178

Radicke 113
Redtenbacher 120
- 252 -

Resal 24
Riccardi 233
Richarz 198
Riemann 4, 5, 6, 24, 41, 42, 43, 48, 60, 70, 82, 83, 84, 90, 102, 104, 117,
132, 142, 151, 160, 170, 175-177, 185, 187, 193, 212, 220
Riess 160
Ritter 85
Roch 42, 112
Rosanes 233
Rosenhain 143, 155
Röthnig 13
Rühle 162, 167, 171

Sabinine 233
Sannio 192
Schaafhausen 124
Schacht 118
Schering 85, 89, 90, lOS, 177, 228, 233
Schlesinger 108, 109, 229
Schoenfeld 115, 233
Schopenhauer 130, 131
Schröder 74
Schröter 15, 218, 233
Schwarz 17,109,112,140,192,212,216,226,233
Simon 90
Simrock 115
Smith, D.E. 233
Smith, H.J.S. 143
Sommer 86, 88, 89
Springer 122
v. Staudt 34, 181, 192
Steiner 186, 188, 233
Stern 90, 233
Study 6, 198-207, 233
Sylvester 9, 139, 146, 189, 232, 234

Taussky 189
Thimm 5
- 253 -

Thom 186
Thome 198, 199
Thomson 212
Trings 88

Virchow 4, 234

Wagner 130
Weber, H. (Physiker) 101
Weber, H. 48, 83, 84, 88, 89, 200, 208-215, 234
Weber, 0. 120, 234
Weber, W. 88, 234
Weierstrass 3, 4, 5, 6, 7, 22, 23, 26, 42, 53, 104, 105, 107, 109, 110,
139, 140, 147, 155, 157, 160, 163, 164, 167, 169, 177, 178,
180, 183, 185, 186, 188, 189, 191, 193, 194, 204-205, 207,
216-226, 234
Wiedemann 175
Worpitzki 181
Wüllner 123, 175

Zehfuss 148
Zeuner 158
Zincke, gen. Sommer, siehe Sommer
Zöllner 88
Zolotareff 90
Winfried Scharlau
Richard Dedekind 1831-1981
Eine Würdigung zu seinem 150. Geburtstag
1981. VIII, 146 S. 14,8 X 21 cm. Brosch.
Dieser Band soll dazu beitragen, unsere Kenntnisse vom Leben und der mathematischen Arbeit
Dedekinds - vor allem in seiner ersten Lebenshälfte - zu erweitern und zu vervollständigen,
und zwar hauptsächlich dadurch, daß er selbst zu Wort kommt: Es werden Auszüge aus bisher
unbekannten Briefen an Familienangehörige veröffentlicht, die viel biographisch Interessantes
enthalten, aber auch sein Verhältnis zu Dirichlet und Riemann erhellen. Die Briefe wurden
durch Iise Dedekind, eine Großnichte Richard Dedekinds, erschlossen.
Aus seinem wissenschaftlichen Nachlaß wird eine längere Ausarbeitung über Algebra und Ga-
lois-Theorie abgedruckt, die bisher nur in Auszügen bekannt war und wichtige Aufschlüsse über
die Ausformung algebraischer Grundbegriffe im vorigen Jahrhundert gibt.
Der Band enthält außerdem biographische Beiträge und Arbeiten, die wesentliche Aspekte
seines Werkes aus heutiger Sicht behandeln.

R ichard Dedekind
Was sind und was sollen die Zahlen?
Stetigkeiten und irrationale Zahlen
2., unveränderter Nachdruck der 7. bzw. 10. Auflage.
1969.88 S. 14,8 X 21 cm. (Stud. Ausg.1 Paperback
In der Schrift "Was sind und was sollen die Zahlen?" hat sich Richard Dedekind eine schwierige
und problematische Aufgabe gestellt, nämlich die natürlichen Zahlen und das Rechnen mit
ihnen logisch zu begründen. Schwierig war diese Aufgabe vor allem deshalb, weil die hierzu er-
forderlichen Gedankengänge und Begriffsbildungen der allgemeinen Mengenlehre damals eben-
falls erst im Entstehen waren. Es muß in diesem Zusammenhang betont werden, daß die in der
Schrift niedergelegten tiefen Gedanken von großer Bedeutung für die Entwicklung der Mengen-
lehre waren: Zwischen Dedekind und Georg Cantor hat lange Zeit hindurch ein wissenschaft-
licher Briefwechsel stattgefunden, und der Einfluß Dedekinds auf die Entwicklung der Cantor-
schen Ideen ist unverkennbar. Problematisch war diese Aufgabe insbesondere deshalb, weil die
Frage nach einer logischen Begründung der natürlichen Zahlen eine ganz bestimmte und für die
damalige Zeit sehr kühne GrundeinsteIlung zur Mathematik voraussetzte, die man heute gern als
logizistische Auffassung bezeichnet.
Die Schrift "Stetigkeiten und irrationale Zahlen" ist, wie ihr Autor im Vorwort selbst vermerkt,
aus dem Bestreben entstanden, ein klares begriffliches Fundament für die Infinitesimalrechnung
zu schaffen. Insbesondere galt es, an die Stelle der als mehr oder minder evident angesehenen
geometrischen Vorstellungen von der Stetigkeit des Systems der reellen Zahlen klare mathema-
tische Begriffe zu setzen.