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Studienleistung Sommersemester 2019

Vom sozialen Ich zum persönlichen Ich


- und wieder zurück:
Alexander Mitscherlich`s Bedeutung für die
Psychoanalyse

Hausarbeit im Rahmen der Vorlesung:

„Erkenntnis- und subjekttheoretische Implikationen psychoanalytisch-


tiefenpsychologischer Zugänge sowie exemplarische Diskursfelder aus den
Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften“

im Modul 8:

„Psychoanalyse im Feld der geistes- und kulturwissenschaftlichen Diskurse“


Dozentin: Prof. Dr. C. Kirchhoff

Hiermit versichere ich, dass ich die vorliegende Hausarbeit selbständig verfasst und keine
anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt habe.
Berlin, 31. August, 2019

Autor: Dominik Müller (Matrikelnummer: 2484)


2

Inhaltsverzeichnis

1. ZUR EINLEITUNG: WARUM MITSCHERLICH? 3


2. MITSCHERLICHS WERDEGANG 5
2.1 ANLEHNUNG AN DREI ERSATZVÄTER: MITSCHERLICHS AFFINITÄT ZUR KONSERVATIVEN KULTUR-KRITIK, ZUR
DEMOKRATIEFEINDLICHKEIT UND ZUR KRITISCHEN BIOLOGIE 6
2.1.1 BEGEGNUNG MIT ERNST JÜNGER: VON MÜNCHEN NACH BERLIN 7
2.1.2 ZUSAMMENARBEIT MIT ERNST NIEKISCH: OSZILLATION NACH LINKS 8
2.1.3 VON WEIZSÄCKER: MEDIZINISCHE ANREGUNG 9
2.1.4 ZWISCHENFAZIT 10
2.2 DER NÜRNBERGER ÄRZTEPROZESS: EINE KEHRWENDE? 11
2.3 NACH DEM KRIEG: ENGAGEMENT FÜR DIE PSYCHOANALYSE 14
2.4 PSYCHOSOMATIK: MITSCHERLICH ALS ARZT 16
2.5 DESOMATISIERUNG & RESOMATISIERUNG UND ZWEIPHASIGE VERDRÄNGUNG 17
2.6 DICHTE INTERPRETATION: PSYCHOANALYTISCHE ERKENNTNIS/ERKENNTNISTHEORIE 18
2.7 UNFÄHIGKEIT ZU TRAUERN 20
2.8 DAS SOZIALE UND DAS PERSÖNLICHE ICH: ENTWICKLUNG EINES KRITISCHEN ICHS 21
3. DISKUSSION 22
3.1 DIE VATERLOSIGKEIT BETRAUERN? 22
3.2 WAS BLEIBT? 22
LITERATURVERZEICHNIS 25

Abkürzungsverzeichnis
evtl. eventuell
Hrsg. Herausgeber
insb. insbesondere
Kap. Kapitel
resp. respektive
u. a. unter anderem
u. U. unter Umständen
unveröff. unveröffentlicht
z. B. zum Beispiel
3

»Im Seelenleben des Einzelnen kommt ganz regelmäßig der Andere als Vorbild, als Objekt,
als Helfer und als Gegner in Betracht und die Individualpsychologie ist daher von Anfang an
auch gleichzeitig Sozialpsychologie in diesem erweiterten, aber durchaus berechtigten
Sinne« (Freud, 1921, S. 73)

1. Zur Einleitung: Warum Mitscherlich?


Warum Mitscherlich? Das fragten sich schon Tobias Freimüller (2007) und Norbert Frei (2008)
einleitend in ihren Arbeiten zur bekannt-verkannten Person Alexander Mitscherlich. Begegnet
man Mitscherlich über seine Werke, fallen zuerst einmal seine publikumswirksamen Titel und
seine pointiert erfassten gesellschaftlichen Problemfelder auf:
Titel wie »Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft«, »Die Unwirtlichkeit unserer Städte«
oder »Die Unfähigkeit zu trauern« brachten schwer greifbare Grundprobleme und Stim-
mungslagen der westdeutschen Gesellschaft auf den Punkt; sie wurden zu geflügelten Wor-
ten, zu sprachlichen Ikonen der Zeitgeschichte, die für sich zu sprechen schienen und keiner
weiteren Erklärung bedürftig waren (Dehli, 2007: 9).1

Mitscherlich war einer der bedeutendsten Psychoanalytiker und Publizisten der Nachkriegs-
zeit. Vor allem aufgrund seiner individualpsychologisch fundierten Gesellschaftskritik, in der
er sich mit der NS-Zeit auseinander setzte, stieß er bei vielen Intellektuellen, insbesondere der
1968er Studentengeneration, auf große Zustimmung (Freimüller, 2008). Er hat die Verbrechen
von Ärzten und die Förderung oder Duldung derselben während der NS-Zeit für die Öffent-
lichkeit aufgearbeitet sowie die nachfolgende umfassende Verschwiegenheit über diese Zeit,
die gesellschaftliche und politische Trägheit und die Gefühlsstarre der deutschen politischen
Nachkriegszeit insgesamt angeklagt. Er hat städteplanerische und bauliche Fehlentwicklungen
thematisiert, die „objektive“ Medizin und „objektiven“, verdinglichenden Krankheitsbegriffe
hinterfragt und er trat dafür ein, das Krankheitsgeschehen als einen vielschichtigen psychoso-
matischen Vorgang aufzufassen. Zudem hatte sich Mitscherlich ganz entscheidend um die
Psychoanalyse im Nachkriegsdeutschland verdient gemacht: U. a. als Herausgeber der Psyche,
als Gründer und Leiter der Klinik für psychosomatische Medizin in Heidelberg, später wieder-
um als Begründer und Leiter des Sigmund Freud Institutes in Frankfurt sowie als Netzwerker
und Versöhner zwischen der emigrierten - inbesondere angelsächsischen - und der erst wieder
zu begründenden deutschen Psychoanalyse, resp. ihren VertreterInnen.

1
Wichtige Werke sind zudem: Medizin ohne Menschlichkeit (1960), Krankheit als Konflikt. Studien zur
psychosomatischen Medizin. Teil 1 & 2 (1966) sowie zusammen mit Margarete Mitscherlich Die Idee
des Friedens und die menschliche Aggressivität. (1969) und Eine deutsche Art zu lieben (1970).
4

Für Habermas (Habermas, 1982 :1061) (wie für viele andere auch) gehörte sein Freund
Mitscherlich „zu denen, die die geistigen Orientierungen unseres Landes in den drei Nach-
kriegsjahrzehnten bestimmt haben.“ Und ebenso: “Ich kenne in der Bundesrepublik keinen
zweiten Wissenschaftler, der eine mentalitätsprägende Kraft in einem so breiten Publikum
hätte entfalten können“ (ebd.). Heinz Kohut (1969: 4) sprach in der Laudatio anlässlich der
Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels vom „beteiligten Bürger, als Trä-
ger des nationalen Gewissens, als Sozialreformer“ der es auf sich nehme „ … als Einziger oder
als die tapfere Stimme der Wenigen Notlagen aufzuzeigen, Verbesserungsmöglichkeiten vor-
zuschlagen, Änderungen zu verlangen“ (ebd.) Und Kohut ergänzt: „Sein Bestes aber gibt er im
Generellen, im synthetisch-lehrenden Überblick und in der mutigen organisatorischen Tat“
(ebd.: 2). Erfolgt hier indirekt (schon?) eine leise Relativierung der Bedeutung Mitscherlichs
für die wissenschaftliche und psychoanalytische Nachwelt?

Trotz all seiner enormen Schaffenskraft, seiner Bekanntheit und der weitherum anerkannten
Leistungen erfasst einen im Nachhinein eine doppelte Botschaft: Mitscherlich als ungeheuer
wichtiger und präsenter Exponent und Träger der psychoanalytischen Bewegung sowie be-
deutender Nachkriegsgesellschaftsanalytiker einerseits und andererseits als vergessener, ent-
täuschter und fordernd um Anerkennung bemühter Zukurzgekommener andererseits. Schon
während des Soziologiestudiums Ende der 80iger Jahre in Zürich war ich dem Namen Mit-
scherlich ab und an begegnet, geblieben sind aber nur die „in den allgemeinen Sprachge-
brauch“ (Freimüller, 2007: 8) eingesickerten Buchtitel, jedoch konnte ich ihn schon damals
nicht wirklich fassbar einordnen in eine Ideengeschichte oder einen umfassenderen kohären-
ten theoretischen Kontext. Er war und blieb ein prominenter Psychoanalytiker, politischer Arzt
und ein bedeutender Publizist und Gesellschaftskritiker, stand aber doch eher in der zweiten
Reihe hinter Habermas, Adorno, Reich oder auch Marcuse. Daran hatte sich – auch nach der
Seminar-Lektüre von „Das individuelle und das soziale Ich“ (noch) nichts geändert.

Für Freimüller (2007: 8) ist es „auffällig, dass der Frankfurter Psychoanalytiker zu Beginn der
60er Jahre mit seiner Publikation Medizin ohne Menschlichkeit in das Blickfeld der Öffentlich-
keit trat, für einige Jahre zur »moralisch-öffentlichen Instanz, zum Gewissen der Nation wurde
und mit dem Ende der Reformzeit zu Beginn der 1970er Jahre – kaum 65-jährig – wieder weit-
gehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand“. Die öffentliche Person „… Mitscher-
lich verblasste schon in den 70er Jahren, als er krankheitsbedingt immer seltener in Erschei-
nung trat“ (ebd.: 21). Nach seinem Tod 1982, einigen Sonderheften der Psyche, zahlreichen
5

Nachrufen und der 1987 veröffentlichten ersten ziemlich unkritischen Biographie seines ehe-
maligen Mitarbeiters Hans-Martin Lohmann (1987) „… wurde es still um Alexander Mitscher-
lich“ (Dehli, 2007: 10). Erst um seinem hundertstem Geburtstag herum, am 20. 9. 2008 haben
gleich drei Autoren das biographische, geistige und politische Bild Mitscherlichs aufgearbeitet
und zum Teil gravierend umgeschrieben: Martin Dehli in Leben als Konflikt (2007), Tobias Frei-
müller in Gesellschaftsdiagnosen und Psychoanalyse nach Hitler (2007) und Timo Hoyer mit
Im Getümmel der Welt (2008). Zudem erschienen die Sammelbände Freud in der Gegenwart -
Alexander Mitscherlichs Gesellschaftskritik (Drews, 2006), Psychoanalyse und Protest. Alexan-
der Mitscherlich und die Achtundsechziger (Freimüller, 2008) und Unterwegs in der vaterlosen
Gesellschaft. Zur Sozialpsychologie Alexander Mitscherlichs (Heim & Modena 2008). Daran an-
schließend erschienen wieder etliche Artikel sowie ein Sonderheft von Psychoanalyse im
Widerspruch (2009), die sich mit den neu hervorgebrachten Aspekten auseinandersetzten.

Weshalb ist Mitscherlich zwischenzeitlich und auch anhaltend so in Vergessenheit geraten?


Inwiefern hatte dies mit seinem Leben und Schaffen zu tun? Dieser Frage soll in der vorlie-
genden Hausarbeit nachgegangen werden.

2. Mitscherlichs Werdegang
Alexander Mitscherlich wird 1908 in München geboren und wuchs unter einem autoritären,
deutschnational gesinnten Vater auf: „Die Mutter ewig unzufrieden …“,“ der Vater, dieser
Koloß an Leib und Zorn “… „die große Angstquelle meiner Kindheit, trotz der zeitweiligen Be-
wunderung, die ich für ihn hegte“ und „dazwischen ich, ein einziges, einsames Kind“ (Mitscher-
lich, zitiert in: Dehli, 2007: 24, 25).

Mitscherlich’s Urgrossvater Eilhard Mitscherlich wurde aufgrund seiner Arbeiten zur


Isomorphie der Kristalle und zur Petrochemie einer der Begründer des Faches Chemie in
Deutschland. Nach ihm folgten in drei Generationen 18 Universitätsprofessoren und so
gehörte die Familie für lange Zeit „zur obersten Schicht des deutschen Bildungsbürgertums und
zur scientific community der deutschen Universitäten“ (ebd.: 21). Alexander von Humboldt war
Taufpate und Namensgeber des Grossvaters von Alexander Mitscherlich, mit dem er den Na-
men teilte. Dessen Sohn Harbord - Mitscherlichs Vater - jedoch hatte die Familienerwartungen
nicht erfüllt und war nach einem Chemiestudium (nur noch) erbender Fabrikbesitzer in Hof.
Die Mutter Clara Heigenmooser – Tochter eines Direktors der Lehrerinnen-Bildungsanstalt in
München - war in den Augen der Familie eine „Mesalliance“ und wurde ausgegrenzt. Mit-
scherlich erlebte somit, wie eine Familientradition zerfiel und die Ehe seiner Eltern verun-
6

glückte. Mitscherlich „beschrieb sein Elternhaus als eine Welt voller Verbote und Unaufrichtig-
keit“ (ebd.: 24) und zog sich als Einzelkind zurück. Er flüchtete 1928 nach München, wo er
zunächst ein Studium in Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie aufnahm, dieses jedoch
wegen Streitigkeiten um seine Dissertation abbrach: der antisemitische Karl Alexander von
Müller hätte sich 1932 geweigert, Arbeiten seines Vorgängers, des getauften Juden und 1930
verstorbenen Paul Joachimsen, weiter zu betreuen (Mitscherlich, 1984). Allerdings zeigt Dehli
(2007) auf, dass weder von Müller Nachfolger von Joachimsen‘s war, noch dass Mitscherlich
unbedingt bei von Müller hätte doktorieren müssen. Es hätte durchaus Alternativen gegeben.
Für Dehli mystifizierte Mitscherlich „das Scheitern seines Geschichtsstudiums zum politischen
Erweckungserlebnis und umgab sich selbst mit der Aura eines »Antifaschisten der ersten
Stunde« – der er nicht war“ (ebd.: 34).

2.1 Anlehnung an drei Ersatzväter: Mitscherlichs Affinität zur konservativen Kultur-

kritik, zur Demokratiefeindlichkeit und zur kritischen Biologie


Hans-Martin Lohmann, als Lektor im Suhrkamp-Verlag für diverse Publikationen Mitscherlichs
mitverantwortlich, publizierte 1987 ohne spezielle Kenntnisse eine sehr unkritische und - wie
er selbst sagt – positiv befangene Biographie, von der er sich selbst später jedoch deutlich
distanzierte und eine unvermeidliche Korrektur einräumte (Lohmann, 2008).

2007/2008 folgen nach einer längeren Periode der Stille gleich drei biographische Arbeiten
über Mitscherlich: Dehli (2007) behandelt und aktualisiert die frühen Stadien in Mitscherlichs
Leben bis vor dem Ende des 2. Weltkrieges, recherchiert sorgfältig seine Affinität zu konser-
vativen Kreisen und rückt dessen eigene Autobiographie teilweise zurecht. Freimüller (2007)
führte viele Gespräche mit Personen aus dem Umfeld Mitscherlichs und fokussierte ebenfalls
eher kritisch mehr auf dessen öffentliche Figur in der Nachkriegszeit. Hoyer (2008) untersuch-
te als ehemaliger Mitarbeiter am Sigmund-Freud-Institut das umfangreiche Archiv Mitscher-
lichs und wertete viele erstmals veröffentlichte Quellen und Abbildungen sowie bislang nicht
zugängliche Briefe aus dem Besitz von Margarete Mitscherlich aus. Aber auch er vermochte
jene Seite seines Protagonisten nicht zu verdeutlichen, die bislang am wenigsten ausgeleuch-
tet war: die des privaten Alexander Mitscherlich, des dreifachen Ehemanns und siebenfachen
Vaters, des Hobby-Ornithologen und Liebhabers moderner Kunst. Auf die oft als Ehe- und
Denkgemeinschaft bezeichnete Beziehung Alexander und Margarete Mitscherlichs geht er
ebenso wenig ein wie auf das nicht unkomplizierte Verhältnis Mitscherlichs zu seinen Kindern.
7

Politisch wurde Mitscherlich von Ernst Jünger und Ernst Niekisch geprägt, zwei bedeutende
Protagonisten jener weltanschaulichen Strömung, für die sich die Bezeichnung Konservative
Revolution eingebürgert hat. Und auch Mitscherlichs akademischer Lehrer Viktor von Weiz-
säcker hat versucht, sich mit dieser Bezeichnung weltanschaulich zu verorten (Dehli, 2007).
Darüber hinaus war von Weizsäcker mit seiner medizinischen Anthropologie vorübergehend
auch im medizinischen Verständnis sein Vorbild bis hin zur eugenischen Medizin (siehe unten).

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Hinweis Lohmanns auf eine Hypothese der
Sexualwissenschaftlerin Sophinette Becker, die in ihren Studien feststellte, dass gerade die
Wissenschaften, die sich als kritisch verstehen, bzw. als »jüdische« Wissenschaften vom
Nationalsozialismus diffamiert und verfolgt wurden, besondere Widerstände gegen die Auf-
klärung der eigenen Geschichte zeigten, wie eben beispielsweise die Psychoanalyse und die
Sexualwissenschaften (Sigusch, 2008: 428). Es fragt sich, ob es gerade hier als besonders
scham- und schmerzvoll empfunden worden wäre, die erlittene Ohnmacht, Erniedrigungen
und Demütigungen, allenfalls auch ambivalentes Beteiligtsein ungeschützt - und ohne Garan-
tie für ein Verständnis - nochmals vorgeführt zu bekommen.

2.1.1 Begegnung mit Ernst Jünger: von München nach Berlin

Der rechtsnationale Philosoph Ernst Jünger (1895 - 1998) lud Mitscherlich 1932 - nach einem
feucht-fröhlichen Abend in Hof - ein, nach Berlin zu ziehen. Der hochdekorierte Offizier und
vielfach geehrte Schriftsteller, Publizist und Insektenforscher nimmt in der Geschichte des
anti-liberalen, moderne-kritischen Denkens bis in die heutige Zeit einen wichtigen Platz ein.2
Auffällig aus früher Zeit sind die ästhetisierenden, kriegsapologetischen Verklärungen seiner
Kriegsbeteiligungen, die Blut und Tod auf dem Schlachtfeld feiern, zugleich aber die zerstöreri-
sche Macht einer Kriegstechnik kritisieren, die den wahren Heldentod unmöglich macht (von
der Lühe)3. Jünger sympathisierte in München mit einem Kreis ehemaliger Frontsoldaten, der
den Hitler-Putsch 1923 organisierte (u.a. mit Erich Ludendorff, Adolf Hitler).

2
Jünger erfreute sich seit Anfang der 50er Jahre bis zu einem Tod grosser Anerkennung bis in höchste
politische Kreise und erhielt u.a. 1982 den Goethe-Preis. Er wurde mit seiner Haltung der desinvolture,
der Nicht-Zuständigkeit und Unberührbarkeit zum Vorbild für einen neuen autoritären, antiliberalen
und dabei stets stilbewusstem Rechts-Intellektualismus (von der Lühe). Er starb 1998 103-jährig.
3
U. a.: In Stahlgewittern, 1920; Der Kampf als inneres Erlebnis, 1922; Das Wäldchen, 1925. „Das blutige
Kriegsgeschehen, das Leben im Schlamm und Schmutz der Unterstände, im Wechsel von Apathie und
Angriff, von Abstumpfung und Aufregung, Lethargie und Leidenschaft wird in Jüngers Kriegsschriften
zu einem »ästhetischen« Erlebnis, das mit dem real Erfahrenen nicht einfach nur versöhnen, dass es
nicht lediglich »konsumierbar« machen, sondern dass ihm eine »Gestalt« geben soll“ (von der Lühe).
8

Mitscherlich bewunderte Jünger, der mit unterschiedlichem Erfolg in diversen Zeitschriften


publizierte. In seinem Gross-Essay Der Arbeiter (1932) entwirft Jünger „einen autoritär-impe-
rialen Staat, der das bürgerliche Zeitalter hinter sich gelassen, der mit dem „bürgerlichen
Kunst-, Kultur- und Bildungsbetrieb“ aufgeräumt hat und in der „Gestalt“ des Arbeiters zu ele-
mentaren Bindungen von Führer und Gefolgschaft, Befehl und Gehorsam zurückkehren wird“
(von der Lühe). Jünger wird zum elitären Apostel der Konservativen Revolutionären und deren
Verachtung für Republik und Demokratie, Liberalismus und Aufklärung. Von ihm stammen die
„profunde Ablehnung von Idee und Wirklichkeit einer liberalen Demokratie, seine Verehrung
des Soldatischen und des Elitären, seine Haltung kalter Beobachtung und Verachtung alles
Gesellschaftlich-Politischen“ (ebd.). In dieser Hinsicht spiegelt Jünger die Ansichten von Mit-
scherlichs Vater wieder. Während letzterer - als traditionell Konservativer - jedoch den einzi-
gen Wunsch hegte, Kaiser Wilhelm II möge wieder zurückkommen, wünschten sich die Neuen
Nationalisten eine neue elitäre Gemeinschaft. Nur in dieser doch ziemlich kleinen Differenz
unterschied sich somit auch Mitscherlichs Position von dem seines Vaters.

Zwar ging Jünger nach 1933 sehr deutlich auf Distanz zum NS-Regime, wird jedoch als Ange-
höriger der deutschen Wehrmacht (1939 – 1944) während der Besatzung in Paris die Haltung
eines Ästheten im Offiziersrang pflegen. Die Freundschaft und der Kontakt zwischen Mitscher-
lich und Jünger lockerten sich nach und nach und hielten insgesamt ca. 10 Jahre.

Bereits 1931 hatte Klaus Mann, Thomas Manns ältester Sohn, zu Jünger konstatiert:
Dass er schreiben kann, erst das macht ihn gefährlich. Seinen Gaben nach gehört er zu uns
(…). Aber ein Geist von der finsteren Glut Jüngers kann Unheil stiften. Eine geheimnisvolle
Perversion des Gefühls hat ihn auf die Seite getrieben, wo notorische Böswilligkeit und
Menschenfeindlichkeit sich als Tugend blähen (Mann, 1992: 272).
Mitscherlich ging tatsächlich nach Berlin und eröffnete in Berlin-Dahlem eine Buchhandlung.
Zudem war er als Journalist, Herausgeber und Verleger tätig, ab 1934 begann er - auf Anre-
gung seiner ersten Frau Melitta Behr - nebenher ein Medizinstudium. 1933 wird er wegen der
Verbreitung nationalrevolutionärer Zeitschriften erstmals verhaftet, die Buchhandlung wenig
später von der SA geschlossen.

2.1.2 Zusammenarbeit mit Ernst Niekisch: Oszillation nach links4

Eine zweiter „geliehener Vater“ (Freimüller 2008) war der vormalige Sozialist, Schriftsteller
und Politiker Ernst Niekisch, der einem völkischen Sozialismus oder Nationalbolschewismus

4
Dehli, 2007: 56
9

anhing. Darin enthalten war auch eine - aus heutiger Sicht – merkwürdige Dichotomie zwi-
schen einer (westlichen) romanisch-angelsächsischen versus einer germanisch-russisch-slavi-
schen Differenzierung (ausführlicher dazu: Dehli, 2007: 59ff):
An der Stelle der westlichen Zentralisations- und gleichmacherischen Einebnungstendenzen
tritt das organisch-irrationale, germanisch-slawische Ordnungsprinzip, das nicht die
logisch-vernunftgemäße unpersönlich Schablone, sondern den persönlichen Führer und
Gebieter als höchste Autorität setzt (Niekisch, 1930: 115f; zitiert in Dehli, 2007: 64).5
Anfangs 1935 hatte Niekisch Mitscherlich – der verlegerisch tätig werden wollte - eine Zusam-
menarbeit mit seinem Widerstandsverlag angeboten. Dieser beteiligte sich in der Folge mit
dem aus dem Verkauf der Buchhandlung erzielten Einkommen an der Finanzierung diverser
Publikationen. Er hatte sich zunehmend mit der eigenständigen Figur Niekischs und der „Zeit-
schrift »Widerstand« identifiziert“ (Dehli, 2007: 60). Der Widerstand bezog sich ursprünglich
auf den Versailler Vertrag und ebenfalls auf die Weimarer Republik. Niekisch kritisierte an Hit-
ler vor allem, dass dieser die Mechanismen des demokratischen Systems für seine Machtstre-
bungen nutzen wollte und Hitler „sich deshalb zur Stütze der Weimarer Republik entwickelt
habe“ (ebd. 61), weswegen Niekisch sich öffentlich gegen den Nationalsozialismus wandte. Er
wurde 1937 verhaftet und 1939 wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilt, kam aber
nach dem Krieg frei.
Mitscherlich wird ab 1935 steckbrieflich gesucht, worauf er nach Zürich emigriert und dort
sein Medizinstudium fortsetzt und die später sehr wichtige Bekanntschaft mit dem Psycho-
analytiker Gustav Bally macht. 1937 wird er bei einer unvorsichtigen Reise nach Deutschland
von der Gestapo verhaftet und acht Monate (nach Mitscherlichs eigenen Angaben), tatsäch-
lich wohl aber nur 3 Monate (Dehli, 2007: 73) in Nürnberg gefangen gehalten.

2.1.3 Von Weizsäcker: Medizinische Anregung

Nach dem Gefängnisaufenthalt in Nürnberg durfte Mitscherlich unter Auflagen in Heidelberg


u.a. bei Victor von Weizäcker weiterstudieren. 1939 folgte das Staatsexamen, 1941 die Promo-
tion als Neurologe bei von Weizäcker über Synästhetische Wahrnehmung und 1946 die Habili-
tation Vom Ursprung der Sucht. Von Weizsächer hatte ein sehr ambivalentes Verhältnis zur

5
Niekisch hatte „die Idee einer Kreuzung der germanischen und der slawischen »Rasse«, die eine deu-
tsche Hegemonie in einem »german-slawischen« Block von Wladiwostok bis Vlissingen herbeiführen
sollte . […] »Innerhalb der germanisch-slawischen Blutmischung bleibt das Germanische das vorwal-
tende und herrschende Element; wo der Germane in slawische Bezirke eindringt, tut er es in der Regel
als Gebieter und Herr«“ (Niekisch, 1930: 39; zitiert in Dehli, 2007: 65). Die slawisch-germanische Herr-
schaft im Osten bedeute gleichzeitig die Befreiung Deutschlands von romanischem Einfluss
10

Psychoanalyse: mal publizierte er dank des persönlichen Kontaktes zu Freud selbst in dessen
Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse, mal bezeichete er diese als ätzendes Reinigungs-
mittel (Dehli, 2007: 94). Aber er forderte die Einführung der Psychotherapie in die Innere
Medizin und für die Behandlung von organischen Krankheiten. So entwickelte er eine inte-
grierte Psychosomatik (ebd.) und er sah in der Wertfreiheit ihrer naturwissenschaftlichen
Grundlagen einen der Gründe für die Krise der modernen Medizin. Mitscherlich wurde auf
Basis einer medizinischen Anthropologie für eine ganzheitlichen, holistischen Medizin ausge-
bildet und parallel dazu hatte er vor 1945 und auch noch in den ersten Jahren der Psyche noch
jene synoptische Psychotherapie vertreten, die sich nach der Vertreibung der deutschsprachi-
gen Elite der Psychoanalyse vor allem in Deutschland - explizit am Deutschen Institut für psy-
chologische Forschung und Psychotherapie von Matthias Heinrich Göring in Berlin - hatte
entfalten können. Erst zu Beginn der fünfziger Jahre (also nach der Begründung der Zeitschrift
Psyche) wandte er sich verstärkt der Psychoanalyse zu (Dehli, 2007).

Über seinen Lehrer Viktor von Weizsäcker geriet Mitscherlich zeitweise


sogar in eine fatale Nähe zur eugenischen Medizin. Mitscherlich erschrak dann zwar selber
über das auch von ihm »damals Gedachte« – gemeint ist seine 1943 abgeschlossene, noch
1946 publizierte Schrift Freiheit und Unfreiheit in der Krankheit mit ihrer prekären Nähe zu
einer kritischen Biologie«, die wie der französische Eugeniker und Nobelpreisträger Alexis
Carrel »von der Notwendigkeit der Lebensvernichtung, um Gesundheit zu erhalten«, sprach
(Lütkehaus, 2009: 232).
2.1.4 Zwischenfazit

Mitscherlichs zeitweilige Begeisterung für die nationalistische und antidemokratische Rechte


wurde im Blick auf seine späteren Verdienste noch zu seinen Lebzeiten von ihm selbst und
später auch von Laudatoren und anderen Kommentatoren zu reinen Entwicklungsmomenten
und Schwärmereien herabgestuft und teilweise unterschlagen (Dehli, 2007). Deshalb mussten
seine autobiographischen Dokumente ergänzt und teilweise auch korrigiert werden. Mit-
scherlich war zwar Gegner des Nazi-Regimes und wurde deswegen von der Gestapo inhaftiert.
Aber er stand den Exponenten der nationalen konservativen Revolution, die zwar das NS-Re-
gime ebenfalls verachteten, zugleich jedoch zu den Feinden der Weimarer Republik zählten
und mit Teilen der NS-Ideologie übereinstimmten, während vieler Jahre sehr nahe. Er hat dies
in seiner Biographie (1984) mehr oder weniger ausführlich beschrieben. Er hat sich davon dis-
tanziert und er hat die Fehltritte auch bedauert, ohne allerdings die Motivationen dieses Wan-
dels zu offenbaren, und dabei trotzdem nach wie vor vieles ausgelassen, verharmlost oder
unter den Tisch gewischt. Erst die Arbeiten von Dehli (2007), Freimüller (2007), Hoyer (2008)
11

und Lockot (2003; 2010; 2013a; 2013b) haben dieses Bild zurechtgerückt und Mitscherlichs
Biographie vervollständigt.

Nach dem Krieg blieb Mitscherlich noch einige Zeit in Heidelberg und versuchte eine eigene
Klinik zu gründen, was sich aber hinzog und von vielfältigen Hindernissen begleitet war (Frei-
müller2007: 134ff). 1946 wurde er von der Ärztekammer als Beobachter zum Nürnberger
Ärzteprozess delegiert, aufgrund dessen er bald zum engagiertesten Kritiker einer Medizin
ohne Menschlichkeit wurde (ebd.: 97ff). Die Berichte vom Prozess6 markieren für Lütkehaus
(2009: 232) „die entscheidende Wende, die »Kehre« in Mitscherlichs Biographie.“ Als promi-
nenter »Nestbeschmutzer« riskierte Mitscherlich bewusst (Freimüller, 2007) Ruf wie Karriere.
Als sich in Heidelberg keine Lösung abzeichnete ging Mitscherlich nochmals nach Zürich an die
medizinischen Polyklinik. Dort begegnete er auch wieder Margarete Nielsen und Gustav Bally.

2.2 Der Nürnberger Ärzteprozess: eine Kehrwende?


Im Rahmen des Nürnberger Ärzteprozess 1946/477 entstanden drei unabhängige Dokumenta-
tionen (TWC, 1950; Bayle 1950; Mitscherlich und Mielke, 1947), die im Vergleich einen interes-
santen Blick auf Mitscherlichs Ansatz und Stellung erlauben. Roelcke und Lepicard (2009) be-
leuchten dabei Mitscherlichs Rolle in der „Tradition einer kritischen Selbstreflexion in der Me-
dizin“ (ebd.: 17) und ordnen das Verhältnis zwischen NS-Regime und Ärzteschaft in 4 Themen-
kreise: 1. Gleichschaltung der medizinischen Institutionen und Gesellschaften, Verfolgung und
Vernichtung jüdischer und anderer unerwünschter Mediziner und das Verhalten der Ärzte,
das durch Anpassung, Passivität und sehr selten durch Widerstand oder zumindest Ausnutz-
ung von Handlungsspielräumen gekennzeichnet war. 2. Systematische Programme zur Ver-
besserung des kollektiven Erbgutes und zur Eliminierung, d.h. konkreten Tötung von chronisch
kranken und behinderten Menschen – Programme also zur umfassenden und systematischen
Eugenik bzw. Rassenhygiene und zur Euthanasie.8 3. Medizinische Forschung an Menschen in
KZs, Psychiatrischen Anstalten und Krankenhäusern, wobei die Autoren betonen, dass die

6
Der erste Bericht hiess: Das Diktat der Menschenverachtung (Mitscherlich & Mielke, 1947). Das Buch
1949 Wissenschaft ohne Menschlichkeit und 1960 in neuer Auflage Wissenschaft ohne Menschlichkeit.
7
Angeklagt waren 23 Personen, wovon 20 Ärzte und drei hohe Medizinalbeamte. Sieben wurden zum
Tode verurteilt, 9 erhielten Haftstrafen, sieben wurden freigesprochen (Roelcke & Lepicard, 2009)
8
Es wurden alleine in Deutschland ca. 365.000 Menschen sterilisiert und ca. 160.000 Menschen unter
Mithilfe von Ärzten als lebensunwertes Leben klassifiziert und getötet (Roelcke & Lepicard, 2009: 17f).
12

Fragwürdigkeit im „Beiseiteschieben jeglicher juristischer und ethischer Grenzsetzungen“ so-


wie in der „völligen Rücksichtslosigkeit gegenüber den als Experimentalobjekten benutzen
Menschen“ und nicht bei ungenügenden wissenschaftlichen Standards lag.9 (ebd.: 17). 4.
Umgang von Ärzten mit Zwangsarbeitern (ebd.)

Roelcke und Lepicard vergleichen auf dieser Konzeption die drei Dokumentationen, welche
alle nur je einen Bruchteil der vorgelegten Beweismaterialien und Zeugenaussagen verwendet
hatten. Das heisst nichts anderes, als dass sich auch eine je spezifische und charakteristische
Interpretation ergab. Sie fassen zusammen:
Die amerikanische Dokumentation fokussiert die Frage der Humanexperimente und margi-
nalisiert die Themen Eugenik und Euthanasie. … Die französische Dokumentation interpre-
tiert die Medizinverbrechen als Folge der Psychopathologie isolierbarer Einzeltäter. Die Do-
kumentation von Mitscherlich und Mielke thematisiert … alle relevanten Dimensionen der
Medizin im Nationalsozialismus und stellt die Frage nach den mentalen Dispositionen, insti-
tutionellen Strukturen und Wertehierarchien, welche die Medizinverbrechen überhaupt er-
möglicht haben, und nach der Bedeutung solcher Dispositionen und Strukturen auch nach
1945 (ebd.: 15).
Durch die Unterdrückung der Euthanasie-Thematik in der amerikanischen Version entstand
ein Bild vom Prozess, nach welchem das Hauptproblem der Medizin in der NS-Zeit der Umgang
mit den Humanexperimenten gewesen sei und nur marginal eines der Euthanasie. Die franzö-
sische Version subsumiert alles unter die Humanexperimente und verwässert so Differenzen.
Sie individualisiert und pathologisiert einzelne fanatisierte Täter, isoliert die Taten von einem
sozialen, politischen und kulturellen Kontext und entlastet so letztlich alle anderen: Medizin
und Ärzte bleiben als Ganzes unberührt. Mitscherlich und Mielke hingegen nehmen eine indi-
viduelle Akteurs- und Betroffenen-Perspektive ein: „Es geht um konkrete einzelne Personen,
Opfer, Angehörige, und konkrete Ärzte auf allen Ebenen der Hierarchie“ (ebd.: 26). Sie postu-
lieren z. B., dass nur auf dem Hintergrund früher erlassener Gesetze (Gesetz zur Verhütung
erbkranken Nachwuchses, Gesetz zur Zwangssterilisation von Erbkranken von 1934), …) die
systematischen Patiententötungen verstanden werden können. Mitscherlich und Mielke
verweisen auf »die Katastrophe einer Wissenschaft, die sich von einer politischen Ideologie …
forttreiben lässt und plötzlich bei der Organisation des Mordes steht« (Mitscherlich & Mielke,
1947: 163).
Nur die geheime Übereinstimmung der Praxis von Wissenschaft und Politik kann erklären,
wieso … die Namen von Männern mit hohen wissenschaftlichen Ranges fallen, die vielleicht

9
Deren Resultate werden scheinbar auch heute noch ohne Erwähnung des Kontextes ihrer Entstehung
im Medizinstudium vermittelt (Roelcke und Lepicard, 2009)
13

unmittelbar keine Straftat begangen, aber doch objektives Interesse genug an all dem
nahmen, was wehrlosen Menschen als grausames Geschick zustieß (ebd.: 152).
Damit stellen Mitscherlich und Mielke das gesamte Unternehmen einer wissenschaftsorien-
tierten Agenda in der Medizin grundsätzlich in Frage. Sie kritisieren die Inhumanität, die sich
aus der Betrachtung des Subjektes als Objekt, des Menschen als Ding ergibt und insistieren,
dass das Vertrauen der Kranken und Behinderten unverzichtbar ist, die Arzt-Patienten-Inter-
aktion im Zentrum der Medizin steht. „Ausdrücklich erklären sie, dass es völlig unangemessen
sei, die 23 Angeklagten als abnorme Individuen anzusehen. Vielmehr sprechen sie vom Zwie-
licht, in dem »wir alle als Ärzte stehen«“ (Roelcke und Lepicard, 2009: 27).

Roelcke und Lepicard argumentieren, „dass die Konfrontation mit den Medizinverbrechen für
Mitscherlich Ausgangspunkt für ein Programm der systematischen Selbstreflexion über sozia-
le, epistemologische und ethische Prämissen von ärztlichem Handeln wurde“ (ebd.: 15). „Wie
konnte es geschehen, dass eine Gesellschaft, die sich selbst als führende »Kulturnation«
verstand, den Respekt vor der Würde gerade der schwachen und wehrlosen Menschen verlor,
und diese Menschen zum Objekt ökonomischer und eugenischer Optimierungsprogramme
machte?« (Mitscherlich 1945). „Diese Frage führte Mitscherlich zu einer dauerhaft kritisch-
reflektierenden Haltung gegenüber der Medizin seiner Zeit“ (Roelcke und Lepicard; 2009: 27).
Die in Nürnberg verhandelten Verbrechen waren für ihn nicht das Resultat eines von außen
der Medizin auferlegten Zwanges, und ebenso wenig die Folge des Handelns einzelner, un-
moralischer und ideologisierter Ärzte. Vielmehr interpretierte er die massiven Menschen-
rechtsverletzungen als Manifestation schon lange zuvor auferlegter problematischer epis-
temologischer und ethischer Weichenstellungen, die dann unter den Bedingungen der
Diktatur in radikaler Weise manifest werden konnten (ebd.: 28)
In den folgenden Jahren hat Mitscherlich viele der Themen die ihn im Rahmen dieses speziel-
len Auftrages beschäftigten weiter entwickelt und konkretisiert: Die Leib-Seele-Thematik (Die
wechselseitige Beeinflussung des Freiheits- und Krankheitsbegriffes in einer anthropologischen
Heilkunde, 1951), Krankheit verursachende Aspekte der modernen Gesellschaft (1957), die So-
ziologie des ärztlichen Berufes (1962) oder die Notwenigkeit einer psychologisch und soziolo-
gisch informierten Medizin (Mitscherlich 1958a & b). Und auch die Entwicklung eines Program-
mes einer psychosomatischen Medizin ist Resultat dieser tiefgreifenden Auseinandersetzung
mit dem Beruf des Arztes und der damaligen Medizin (Roelcke und Lepicard; 2009: 28).

Die Autoren folgern, dass erstens die internationale Kontextualisierung von Mitscherlichs Den-
ken und Handeln sich als sehr ergiebig erwies und bisher so noch nirgends dargestellt wurde
14

und dass zweitens, Mitscherlichs systematische Reflexion über gesellschaftliche Rahmenbe-


dingungen – z.B. bezüglich molekulargenetischer Fragen der Reproduktionsmedizin oder
bezüglich der Ökonomisierung der Gesundheitswesens - bis heute aktuell geblieben ist. Aus
der Ärzteschaft folgten auf die Publikation 1947 heftige Reaktionen, Beschuldigungen10 und
ein langfristiges Mobbing: Mitscherlich erhielt nie einen medizinischen Lehrstuhl und erst viel
später einen im psychologischen Fachbereich in Frankfurt (Dehli, 2007; Hoyer 2008).

2.3 Nach dem Krieg: Engagement für die Psychoanalyse


Wolfgang Loch (1983: 337) beschreibt, dass es in Berlin während und nach dem Krieg „eine
Gruppe von Männern und Frauen [u.a. Carl Müller-Braunschweig, Felix Böhm, John Rittmeis-
ter] gab, die, in innerer Emigration lebend, das Freudsche Gedankengut tradierte“11, und erst
1950 an die Öffentlichkeit trat, als sie sich von der DPG trennten und die DPV gründete:
Im Herbst 1955 hielt Alexander Mitscherlich an der Freien Universität einen Vortrag, in dem
er gerade auch über die Struktur und die mögliche Therapie und vor allen Dingen auch über
die Psychogenese der Psychosen Ausführungen machte. Es war für viele, und insbesondere
auch für mich, das erste Mal, daß man erlebte, wie sich ein deutscher Universitätsprofessor
öffentlich zu Freud und zu seinem Werk bekannte und damit weite Horizonte eröffnete und
tiefe Einsichten erörterte (ebd.).
Wenig später wurde Loch Assistent von Mitscherlich an der mittlerweile aufgebauten Klinik in
Heidelberg, wo ein sehr freies, kommunkatives Klima herrschte:
Es herrschte völlige Meinungsfreiheit. Heftige, leidenschaftlich geführte Debatten dienten
nicht der Diskriminierung und Unterdrückung, sondern wurden im Sinne einer »herr-
schaftsfreien Kommunikation« (Habermas) geführt. Sie hatten stets das Ziel, die
Selbstverborgenheit (ein Ausdruck, den Alexander Mitscherlich liebte) des Kranken wie des
Analytikers wie auch des Seminars im ganzen zu verringern und damit das Potential eines
klinischen Bewußtseins und also auch die therapeutische Effizienz zu erweitern (ebd.: 338).
Es wird deutlich: etwas hat sich verändert. Mitscherlich gewinnt Profil, er emanzipiert sich von
seinen ehemaligen Leitbildern und entwickelt seine eigenen, vielleicht auch Mithilfe und
durch die langsam zunehmende Annäherung an die Psychoanalyse.

Müller-Braunschweig, Schultz-Henke und Mitscherlich sind für Regine Lockot (2013: 735) die
drei zentralen Figuren der Nachkriegsgeschichte der Psychoanalyse in Deutschland, wobei die

10
Ferdinand Sauerbruch in Berlin, Franz Büchner in Freiburg, Hermann Rein in Göttingen. Siehe dazu:
Lockot, 2003, 2010 ,2013a; b
11
Vgl. dazu: Karl Abraham Institut, 1971
15

inhaltlichen12 und persönlichen Differenzen zwischen den ersteren beiden, ihr Gerangel um
Positionen und Anerkennung einerseits die Involviertheit der psychoanalytischen Bewegung
in Deutschland während der NS-Zeit vorerst unbeleuchtet liess. Andererseits eröffnete gerade
diese Konstellation Mitscherlich die Möglichkeit, über seine internationalen Reisen und Kon-
takte zu vielen ausländischen Psychoanalytikern seine eigene Wichtigkeit für die deutsche Psy-
choanalyse zu etablieren. Dazu gehörten u.a. Gustav Bally, Ludwig Binswanger, Paul Parin und
Mario Erdheim in Zürich, Erwin Stengel, Michael Balint und Paula Heimann, Erik Erikson, Franz
Alexander, Rene Spitz und viele andere, mit denen er ein aktives Netzwerk bildetet und
persönliche Beziehungen knüpfte. Jedoch erst spät und wohl doch nur auf Druck der DPV geht
er zwischen 1958 und 1959 zu Paula Heimann nach London in eine Lehranalyse (Dehli, 210).

1947 wird Mitscherlich Herausgeber der Psyche, die er später nach und nach zur wichtigsten
Zeitschrift für Psychoanalyse um- und ausbaute. 1949 gründete er an der Universität Heidel-
berg die Abteilung für Psychosomatische Medizin, die später zu einer Klinik ausgebaut wird,
1952 wird er außerplanmäßiger Professor für psychosomatische Medizin an der Universität
Heidelberg und gleichzeitig etablieren und intensivieren sich Kontakte z.B. auch zur Frankfur-
ter Schule (Horkheimer, Adorno, Habermas). 1955 heiratet er die dänische Ärztin und Psycho-
analytikerin Margarete Nielsen und gründet 1960 das Sigmund-Freud-Institut – eine Lehr- und
Forschungseinrichtung für Psychoanalyse - in Frankfurt am Main, dessen Leiter er bis zu seiner
Emeritierung 1976 ist. 1966 - 1973 ist er Professor für Psychologie an der Universität
Frankfurt/Main und 1969 erhält Mitscherlich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Am 26. Juni 1982 stirbt Alexander Mitscherlich, schon länger von Krankheit gezeichnet.

Als Mitscherlich kurz nach dem Krieg ein Büchlein über die Freiheit und Unfreiheit in der Krank-
heit (1945) veröffentlichte, erwähnte er im Vorwort die Isolierung des deutschen Forschers,
der „kaum einen Blick in die Welt jenseits der Grenzen des Landes« tun konnte. Und er gab der
Hoffnung Ausdruck, daß er dazu beitragen werde, „ein Gespräch« in Gang zu bringen, »das
wir so lange entbehren mußten und dessen wir so bedürftig sind“. Zwanzig Jahre später er-
schienen Mitscherlichs Studien zur psychosomatischen Medizin, Krankheit als Konflikt (1966),
und wir sehen, wie er die Themen, mit denen er allein gerungen hatte, weiterführte, und wie

12
Müller-Braunschweig als orthodoxer Vertreter der traditionellen Psychoanalyse versus Schultz-
Hencke als Abtrüniger und Begründer der Neo-Psychoanalyse. Die Konflikte zwischen diesen beiden
führte letztlich auch zur Neugründung der DPV neben der DPG mit entsprechend langanhaltenden
Zwisten und Streitigkeiten (Lockot, 2003, 2010 ,2013a; b)
16

er es, wie kein anderer in Deutschland, verstanden hatte, die Arbeiten „jenseits der Grenzen
des Landes“ (Kohut, 1969: 2) sich selbst und einer sich stets vermehrenden Gruppe von Mit-
arbeitern vertraut zu machen. Schon vor der Gründung der Psyche und des Institutes in
Frankfurt hatte Mitscherlich Psychoanalytiker aus den benachbarten Ländern hinzugezo-gen,
um zu beraten, wie das Werk Sigmund Freuds und das Gedankengut der Frankfurter Schule
am besten in die Praxis einer Lehr- und Forschungsstätte umzusetzen wäre.

2.4 Psychosomatik: Mitscherlich als Arzt


Mitscherlichs medizinische Orientierung basierte zuerst auf anthropologisch-biographischen
und personenzentrierten Ansätzen (Warum gerade jetzt?) Victor von Weizsächers. Die drei-
dimensionale Sicht auf eine Krise erfolgt im „Schnittpunkt von Krankengeschichte, Lebensge-
schichte und Zeitgeschichte“ (Mashur, 2013: 582). 1950 eröffnete Mitscherlich mit Hilfe der
Rockefeller Foundation in Heidelberg die erste Abteilung für psychosomatische Medizin, 1962
baute Horst Eberhard Richter in Giessen das Psychosomatische Universitätszentrum auf und
wurde dessen Direktor. Eine zentrale Methode der Psychosomatik sind die vom ungarischen
Psychoanalytiker und in England lebenden Michael Balint entwickelten und weit verbreiteten
Balint-Gruppen. Zwischen Balint und Mitscherlich erfolgte eine enge Zusammenarbeit.

Die Psychosomatik13 ist eine ganzheitliche Krankheitslehre, in der die gegenseitigen Verflech-
tungen und Abhängigkeiten von psychischen Fähigkeiten und Verhaltensweisen, körperli-
chen Vorgängen und sozialen Lebensumständen betrachtet werden, weshalb psychosomati-
sche Kliniken Psychotherapie und Psychoanalyse und teilweise körpertherapeutische Ele-

13
Psychosomatik ist eine Zusammensetzung der altgriechischen Wörter psyché (Atem, Hauch, Seele)
und soma (Körper, Leib). Das Gegenstück ist die Somatopsychologie, die sich mit den Auswirkungen
körperlicher Vorgänge auf emotionale und kognitive Prozesse befasst. Oft wird diese nicht von der Psy-
chosomatik unterschieden. Zur Psychosomatik gehören die Psychoonkologie, Anpassungsstörungen
und Posttraumatische Belastungsstörungen, Hypochondie und Konversionsstörungen, Essstörungen,
somatoforme Störungen (Schmerzen, funktonelle Beschwerden des Herz-Kreislauf-Systems, des Ma-
gen-Darmtracktes und des Skelett- und Muskelsystems (Ermann, 2016). U. a. zählen dazu: Asthma,
Urticaria, Magenulcus, Colitis ulc., Ekzeme, etc. Die Ursprünge der Psychosomatik gehen auf das Leib-
Seele-Thema seit der Antike zurück: „Ein fröhliches Herz bringt gute Besserung, aber ein zerschlagener
Geist vertrocknet das Gebein“ (Spr. 17, 22; Elberfelder Bibel 1871). Georg Groddeck (Buch vom Es,
1923) ergänzte Massagen des Körpers mit Psychotherapie: Libidinöse Energie (Es) wird (aufgrund von
moralischen Verboten => Über-Ich) in somatische Innervation im Sinne von körperlichen Symbolen
umgewandelt (= Konversion; dazu: Freud, 1894). Das körperliche Leiden ist Symbol des unbewussten
Konfliktes bzw. Traumas. Später wurde die Psychosomatik u.a. in verschiedene Richtungen modifiziert
(u.a.: Wilhelm Reich, Franz Alexander, Max Schur, Alexander Mitscherlich) oder zur Psychoneuro-
endokrinologie und Psychoneuroimmunologie weiterentwickelt (Heim & Meinlschmidt, 2003; Ehlert
& von Känel, 2011; Schubert, 2016;).
17

mente in ihr Programm aufnehmen. Sie ist die Gegenbewegung, respektive kulturhistorische
Antwort auf die tiefe Spaltung von Geistes- und Naturwissenschaften, die in der Aufklärung
entstand und zunächst die Dichotomie von Körper und Seele mit sich brachte (von Uexküll:
1976). Obwohl als interdepentent, d.h. wechselseitig abhängig definiert, wird dabei oft primär
der psychische (psychogene) Einfluss auf körperliches Leiden betont, weshalb sich Patienten
oft als Simulanten oder eingebildete Kranke missverstanden und stigmatisiert fühlen (ebd.).

2.5 Desomatisierung & Resomatisierung und Zweiphasige Verdrängung


Das ebenfalls dichotome Konzept der Desomatisierung fusst auf der Vorstellung von Schur
(1973), wonach leibliche, seelische, topische und genetische Progressionen in Richtung Sym-
bolisierung und Loslösung vom körperlichen Erleben einem erwünschten gesunden Fort-
schritt, einer höheren Reife entsprechen, während Regressionen sich zur Resomatisierung hin
entwickeln, also einen Rückschritt bedeuten: Nach der Desomatisierung im Rahmen der
gesunden Entwicklung kann bei drohender innerer oder äußerer Gefahr eine Resomatisierung
mit entsprechender körperlicher Reaktion ausgelöst werden (von Uexküll, 1976).

Das Konzept der Zweiphasigen Verdrängung (Mitscherlich, 1966b) darf als Mitscherlichs
wichtigster Beitrag zur psychoanalytischen Theoriebildung bezeichnet werden (Herzog, 2009).
Er Mitscherlich knüpfte mit dieser Theorie direkt an Schur an. Beide erklärten psychosoma-
tische Reaktionen und Krankheiten auf der Basis von Anlagen, die im Rahmen bestimmter see-
lischer Belastungen - insbesondere Traumatisierungen - benutzt werden. Das heißt, dass sie
von einer nicht verallgemeinerbaren, intraindividuellen Spezifität ausgingen. Bei der Bewälti-
gung einer chronischen Belastung werden in einer ersten Stufe psychische Abwehrkräfte mit
neurotischer Symptombildung (zulasten einer Icheinengung) mobilisiert, das bedrängte Ich
versucht, innere oder zwischenmenschliche Konflikte auf seelischem Wege unbewusst zu
machen (Verdrängung). Gelingt dies aufgrund einer vorliegenden Ich-Schwäche (strukturell
oder funktionell) nicht, versucht dieses Ich in der zweiten Stufe einen Rückgriff auf frühere,
somatische Ausdrucksformen für anders nicht kanalisierbare Affekte und körperliche (kon-
vertierte) Abwehrvorgänge führen zur Ausbildung körperlicher Symptome. (Mitscherlich,
1966b; 1980). Unter Rückgriff auf Schur schrieb Mitscherlich:

Mit einem Begriff Max Schurs (1974) zu sprechen - »Desomatisierungsvorgänge« (Zurück-


drängung körperlicher Korrelate emotioneller Erregung) können durch traumatisch wirksa-
me Erlebnisse eine definitive Behinderung erfahren. Oder es kann schon bei geringer Belas-
tung ein Rückgriff auf die charakteristischen körperlichen Affektkorrelate der frühen Kind-
heit erfolgen, vor allem den Angstaffekt und seine Ausdrucksformen. Die Kraft zur Neutrali-
18

sierung von Energie ist im Ich dann geschwächt. Mit dieser Bemerkung spielen wir auf die
Theorie von Heinz Hartmann (1964/65) an, es müsse dem Ich gelingen, Triebenergie von ih-
ren ursprünglichen Zielen abzuziehen, zu »neutralisieren« und sich selbst zunutze zu ma-
chen, ohne dass dabei aufwendige Konflikte mit Es und Über-Ich entstehen. Nur so könne
es sich mit eigenen Zielen gegen die ältere Organisationsform der Triebe, das Es, zur Geltung
bringen; unter Umständen auch gegen die innere Präsenz der gesellschaftlichen Normen
des Verhaltens, gegen das Über-Ich.
Dabei kann niemals das ursprüngliche, infantile psychosomatische Gesamtmilieu wieder er-
reicht werden. Die Reaktionsformen für das erste, zweite oder dritte Lebensjahr psychoso-
matisch charakteristisch und adäquat waren, sind nicht mehr verfügbar. Der Kompromiss
zwischen den realen Möglichkeiten des Organismus und einem stürmischen, auf die
Außenwelt keine Rücksicht nehmenden Verlangen nach Abhilfe - sei es eines auf
Befriedigung pochenden Triebwunsches, sei es starker Angsteinwirkung - vollzieht sich dann
in der pathologischen Leistungsveränderung (Mitscherlich, 1980: 397)

2.6 Dichte Interpretation: Psychoanalytische Erkenntnis/Erkenntnistheorie


Psychoanalyse als Wissenschaft des Unbewussten, hat den Anspruch, eine umfassende Kon-
zeption des Mentalen und seiner Verbindungen zu den Bereichen des Körperlichen (Somati-
schen) und des Soziokulturellen (Gesellschaftlichen) darzustellen. Psychoanalyse ist die unauf-
hörliche Wahrheitssuche, ein fortwährenden Bemühen um Erkenntnis und ein nicht endendes
Fragen nach dem Sinngehalt von Erleben und Verhalten. Darin liegt die emanzipatorische Fun-
ktion der Psychoanalyse (Auchter & Strauss, 1999). Erkenntnisziel ist das Verstehen vor allem
der unbewußten Bedeutungen von emotionalen Erfahrungen, Interaktionen, Gedanken, Re-
den, Handlungen und bildlichen Vorstellungen.

Mitscherlich liefert eine kurze Beschreibung psychoanalytischen Denkens/Erkenntnis:


Aber nicht nur Erinnerungen, auch Einsichten können verloren gehen. Wir verfügen nicht
autoritär über unsere unbewusste Welt, sondern müssen mit Mühe Unbewusstes, was in
uns am Werke ist und bewusst zu werden droht, in diesem Zustand erhalten. Die vertrackten
psychischen Instanzen, unser Ich und Über-Ich, möchten natürlich vor allem das loswerden,
was sie in Konflikt mit beschämenden Erlebnissen gebracht hat und wieder zu bringen in
Gefahr ist (Mitscherlich, 1984: 10).
Determinismus bedeutet in psychoanalytischer Sichtweise, dass „alles seinen Sinn hat“ und
die psychische Gegenwart von der individuellen und kollektiven Erfahrungsvergangenheit mit-
geprägt wird. Dementsprechend besteht die Aufgabe der Psychoanalyse darin, im „Kampf um
die Erinnerung“ (Mitscherlich, 1983) gegen unbewusste Widerstände die unbewussten le-
bensgeschichtlichen Sinn- und Bedeutungszusammenhänge im aktuellen Erleben und Verhal-
ten erkennbar zu machen, zu rekonstruieren und zu deuten. Als Erlebens-, Denk- und Sprech-
gemeinschaft stellt ein psychoanalytischer Prozess wesentlich einen Versuch der Wahrneh-
mungserweiterung und Wahrnehmungsveränderung dar. Die psychoanalytische Metapsycho-
19

logie als Gesamtheit der theoretischen Vorstellungen ist dabei kein in sich geschlossenes
System.14

Tiefenhermeneutik, ein psychoanalytisch orientiertes Erkenntnisverfahren kultureller Erschei-


nungen basiert auf Freud, insbesondere seiner Traumdeutung und den kulturtheoretischen
Schriften sowie auf den Weiterentwicklungen von Alfred Lorenzer (1986) mit dem Begriff des
Szenischen Verstehens. Textinhalte können doppeldeutig sein, d.h. unterhalb der manifesten,
sprachlich vermittelten und sozial geteilten Sinnebene kann eine eigenständige, latente Sinn-
ebene liegen. Ziel tiefenhermeneutischer Kulturanalysen ist die Enträtselung dieser unbe-
wussten Bedeutungsgehalte in einem Prozeß dieses szenischen Verstehens. Mit der von
Lorenzer (1981, 1986) entwickelten tiefenhermeneutischen Kulturanalyse verfügt die Psycho-
analyse über eine besondere eigene Untersuchungsmethode, welche den narrativen Gehalt
von Texten und Bildern über die Wirkung auf das Erleben der Forscherinnen und Forscher
untersucht.15

„Dichte Beschreibung“ hat demgegenüber der amerikanische Ethnologe Clifford Geertz (1987)
in Anlehnung an Gilbert Ryle eine Forschungs-Methode der Ethnologie genannt und meint, in
vielerlei Hinsicht gleiche das Verfahren dem der Tiefenpsychologie. Nach Paul Parin (1993)
könnte man sagen, dass Mitscherlich die Methode der dichten Beschreibung in die psycho-
analytische Gesellschaftskritik eingeführt hat. Hans-Dieter König (2000; 2001) spricht auch
von Dichter Interpretation. Paul Parin schreibt:
Das Instrument der Psychoanalyse erwies sich als geeignet, viele, wenn nicht alle
Kulturerscheinungen zu untersuchen, nicht nur die psychologischen Vorgänge zu erhellen,
die bei und zwischen den vergesellschafteten Individuen eine Rolle spielen, sondern auch
die gesellschaftlichen Einrichtungen selber und ihre historischen Veränderungen besser zu
verstehen.
Die Deutung sozialer und psychischer Phänomene ist jedoch für die Ethnologie ebenso wie
für die Psychoanalyse nur dann ergiebig und sinnvoll, wenn der Forscher sich selbst, seine
Subjektivität, sein Erleben, seine eigenen bewußten und unbewußten Ängste, Wünsche,
Vorurteile und utopischen Ideologien in den Deutungsprozeß mit einbezieht. Der Deutende
deutet auch sich selber. Statt der Distanz akademischer Wissenschaftlichkeit wird Nähe und

14
Der amerikanische Psychoanalytiker Pine hatte z.B. vier Psychologien der Psychoanalyse unterschie-
den, die sich nicht bruchlos miteinander vermitteln, zusammen jedoch bedeutsame psychoanalytische
Zugangswege zum seelischen Geschehen darstellen: Trieb-Psychologie, Ich-Psychologie, Selbst-
Psychologie und Objektbeziehungs-Psychologie (Pine, 1990: 232 ff.). Heute müssten wohl weitere
dazukommen…
15
Sie ist dabei von einer direkten und naiven Anwendung der Psychoanalyse auf die Kultur zu unter-
scheiden, die sich dadurch auszeichnet, dass die in der psychotherapeutischen Praxis entwickelten
Begriffe Freuds in einer gedankenlosen Weise auf soziale Prozesse überträgt (König, 2001).
20

gegenseitige Veränderbarkeit des Forschers und des Gegenstandes angestrebt. In der klini-
schen Psychoanalyse ist dieses Postulat längst unter dem Stichwort »Analyse der Gegen-
übertragung« anerkannt (Parin, 1993: 367).
Mitscherlich fand im Werk Freuds die einzigartige Möglichkeit, „sowohl seinen Mitbürgern in
ihrem verzerrten und verdorbenen Leben zu helfen als auch den schlimmen Verhältnissen
kritisch zu begegen“ (ebd.)

2.7 Unfähigkeit zu trauern


Ein Beispiel für dichte Beschreibung ist das Werk Die Unfähigkeit zu trauern (Mitscherlich &
Mitscherlich, 1967), verfasst zusammen mit Margarete Mitscherlich. Sie verstehen es als Fort-
setzung von Freuds Massenpsychologie (1921) und postulieren, dass sie die „Grundlagen kol-
lektiven Verhaltens“ (Untertitel) untersuchen: „Unsere Hypothese“ ist, dass „die gegenwärtige
politisch-gesellschaftliche Sterilität durch Verleugnung der Vergangenheit hervorgerufen“
wird (Mitscherlich, 1967, S. 24). Aus dieser Grundannahme geht auch das politische Engage-
ment für diese Untersuchung der neueren Geschichte Deutschlands hervor.

Die Unfähigkeit zur Trauer um den erlittenen Verlust des Führers ist das Ergebnis einer in-
tensiven Abwehr von Schuld, Scham und Angst; sie gelingt durch den Rückzug bisher starker
libidinöser Besetzungen. Die Nazivergangenheit wird derealisiert, entwirklicht. Als Anlass
zur Trauer wirkt übrigens nicht nur der Tod Adolf Hitlers als realer Person, sondern vor allem
das Erlöschen seiner Repräsentanz als kollektives Ich-Ideal. Er war ein [äusseres] Objekt, an
das man sich anlehnte, dem man die Verantwortung übertrug, und [gleichzeitig] ein inneres
Objekt. Als solches repräsentierte und belebte er aufs neue die Allmachtsvorstellungen, die
wir aus der frühen Kindheit über uns hegen; sein Tod und seine Entwertung durch die Sieger
bedeutete auch den Verlust eines narzißtischen Objekts und damit eine Ich- oder
Selbstverarmung und -entwertung (Mitscherlich, 1967, S. 34 f.).
Mitscherlichs schreiben, dass an die Stelle der Trauerarbeit gemäß Freuds Formel Erinnern,
Wiederholen, Durcharbeiten in der Nachkriegszeit Deutschlands die Verleugnung der Ver-
gangenheit getreten sei. Für sie ist nicht primär die Trauer um die Opfer, sondern die „Trauer
um den geliebten Führer” die versäumt worden war, dass also vor allem die emo-tionale und
kognitive Verabschiedung von der von Hitler produzierten Illusion eines 3. Reiches oder von
der von ihm angestrebten Rehabilitation Deutschlands verpasst worden ist. Nur diese hätte
auch eine Anerkennung der Opfer und der Verbrechen ermöglicht (ebd.). Allerdings löste sich
der Begriff der Unfähigkeit zu trauern später vom dahinterstehenden psycho-analytischen
Argument und stand immer mehr für einen umfassenden Mangel an Einfühlungsvermögen
(Freimüller, 2007). Und Lütkehaus (2009: 233) stellt kritisch fest, dass von der „realen Vater-
losigkeit der Nachkriegsgeneration erstaunlicherweise nicht die Rede“ ist.
21

Das Wirtschaftswunder stelle eine manische Abwehr und somit ein Ungeschehenmachen dar
und habe so jene „blitzartige Wandlung” ermöglicht, derzufolge die Deutschen den National-
sozialismus fortan wie eine „Dazwischenkunft einer Infektionskrankheit in Kinderjahren”
hätten betrachten können (Mitscherlich & Mitscherlich, 1967, S. 25). Folge dieser autistischen
Haltung und Erinnerungsverweigerung war eine auffallende Gefühlsstarre der Deutschen, „die
sich in unserem gesamten politischen und sozialen Organismus bemerkbar macht” (ebd. S. 17).
Die Mitscherlichs sehen einen Zusammenhang zwischen der Verdrängung der NS-Vergangen-
heit und der psychischen Verfassung der westdeutschen Gesellschaft in den 60er Jahren und
führen die damalige kollektive Unfähigkeit zur Aufarbeitung der Vergangenheit explizit auf die
massenhafte Integration der Deutschen in die nationalsozialistische Volksgemeinschaft zurück
(Freimüller, 2007).

2.8 Das soziale und das persönliche Ich: Entwicklung eines kritischen Ichs
Für Freimüller ist es unklar, ob die Übertragung des an ein individuelles Erleben gebundenen
psychoanalytischen Terminus der Trauerarbeit auf ein gesellschaftliches Phänomen möglich
und statthaft ist (ebd.). Was ist kollektive Trauerarbeit und wie sollte sie sich ausdrücken? Für
die Mitscherlichs kann es ein humanes Verhalten (wozu auch die Fähigkeit zur Trauer, zur Auf-
arbeitung von Schuld gehört) nur dort geben, wo ein Individuum der Einfühlung in ein anderes
Individuum fähig sei. Die erste und wichtigste Entscheidung darüber, ob und wieweit ein
Mensch solche Fähigkeit erwirbt, fällt in der Kindheit: "Ein Identitätssprung nach vorwärts
kann nur dort gelingen, wo die Ich-Entwicklung vom Anfang des Lebens an gefördert wurde."
(Mitscherlich & Mitscherlich, 1967, S. 216).
Freimüller (2007)versteht Die Unfähigkeit zu trauern (inkl. des Kapitels Das persönliche Ich und
das soziale Ich) als Plädoyer, die Gesellschaft durch Stärkung der individuellen kritischen Ich-
Leistung gegen zukünftige Bedrohungen zu immunisieren. Und Freimüller ergänzt: „Die Hoff-
nung, mit Hilfe psychoanalytischer Erkenntnis Muster kollektiven Verhaltens erkennen und
fortan die Geschicke der Menschheit positiv beeinflussen zu können, einte Mitscherlich und
sein Publikum“ (2007: 20). Dass dies eine Erfordernis ist, die auch Widerstände und Gefahren
birgt, weiss Mitscherlich nur zu gut: „Das Eintreten für eine freiere Verständigung über Sexua-
lität wird [...] nicht mehr als Skandal empfunden wie im Jahre 1910. Aber das Eintreten für kri-
tische Urteilsselbständigkeit nimmt den Platz des alten Skandals ein“ (Mitscherlich, 1970: 7).
22

3. Diskussion
1980 publizierte Mitscherlich seine Autobiographie, in der er einzelne prägende Lebenserfah-
rungen und biographische Stationen (und viele auslassend) psychologisch diskutiert (Freimül-
ler, 2007: 21). Und Dehli schreibt dazu:
Gründergestalten sind durch eine eigenartige Dialektik gekennzeichnet. Durch die geistigen,
institutionellen und politischen Neuerungen negieren sie den Boden, auf dem selbst noch
standen. … Zum Monument geworden, verdecken sie … dem rückschauenden Betrachter
den Blick auf die eigene Herkunft und Entwicklung (Dehli, 2007: 10)

3.1 Die Vaterlosigkeit betrauern?


Auf einige Aspekte von Mitscherlichs blinden Flecken sind wir in früheren Abschnitten schon
eingegangen. Im Kontext mit der Vaterlosen Gesellschaft und mit der Unfähigkeit zu trauern
fällt jedoch schon markant auf, dass in seiner Biographie seine sieben Kinder mit keinem Wort
erwähnt werden. Sie existieren gar nicht. Und auch seine 3 Ehen finden entweder keine oder
nur eine marginalste Erwähnung (dazu auch Freimüller, 2007: 246 sowie Dehli, 2007). Da fehl-
te wohl oft schlicht ein realer präsenter Vater und Ehemann oder auch Geliebter, etwas was
er ja auch in seinem eigenen Zuhause als Kind und Jugendlicher vermisst hatte. Da wäre
vielleicht schon was zu betrauern. Sieben Kinder sind ja auch nicht einfach „Zufall“, nicht für
einen Arzt und Psychoanalytiker. Das Schweigen kann in diesem Zusammenhang auch nicht
mit Abstinenz begründet werden. Natürlich gilt es die Privatsphäre gerade von Kindern – aber
auch anderen Personen - zu wahren und genau abzuschätzen, ob eine Erzählung inhaltlich
einen Beitrag in einer Biographie leistet und ob dafür eine angemessene Form gefunden wer-
den kann. Ja: es hätte Möglichkeiten dafür gegeben, die den Respekt für die Kinder und für
andere Personen gewahrt und gleichzeitig doch eine erhellendere Berücksichtigung seines ei-
genen Verhältnisses zu Vater- und Partnerschaft ermöglicht hätten. Dass seine Lieben, seine
Ehen und Kinder überhaupt keine Bedeutung für sein berufliches und wissenschaftliches Le-
ben gehabt hätte ist schlicht unglaubwürdig. Und genau dies trägt vielleicht eben etwas dazu
bei, „vergessener“ zu werden, als es eventuell hätte nötig sein müssen.

3.2 Was bleibt?


Zu Mitscherlichs Verdiensten gehört auf jeden Fall seine Bereitschaft und Fähigkeit, den für
die Nachkriegsgeneration in Deutschland (und darüber hinaus) so bestimmenden verleugne-
ten Scham- Trauer und Schuldkomplex anzusprechen und das gebrochene Verhältnis der Nach-
kriegsgeneration zu ihren Eltern mit ihrer komplizierten Mischung von Identifikationen und
23

Kontraidentifikationen verstehend reflektiert zu haben. Seine kritische und fordernde Haltung


zu vielen akademischen und politischen Institutionen führte zu einer Vielzahl nicht nur kon-
kreter institutioneller Interventionen, sondern ebenso zu veränderten Diskursen in
Wissenschaft und Gesellschaft. Er betrieb eine Verwissenschaftlichung der gesellschaftskriti-
schen Haltung, indem er „medizinische Hypothesen in den Kontext historisch-soziologischer
Fragestellungen“ stellte (Mundt, 2009: 11). Dies tat er insbesondere zuerst im Rahmen seiner
Dokumentation der medizinischen Verbrechen in der NS-Zeit, auch wenn diese – nach „der
»Zeit der Stille« bis 1968“ (ebd.: 12) - erst im zweiten Anlauf mit der Medizin ohne Mensch-
lichkeit (1960) und mit der Dynamik der 68er Bewegung die notwendige breite Öffentlichkeit
erreichte. Nicht nur an der Heidelberger Psychiatrischen Klinik – welcher 1933 bis 1945 einer
der Hauptverantwortlichen für die Umsetzung der NS-Euthanasie vorgestanden hatte - haben
Arbeitsgruppen (spät) die historische Psychiatrie-, Medizin- und auch Psychoanalyse-Forsch-
ung vorangetrieben und einen unverstellteren Blick ermöglicht (u.a. DGP DPV, DGPT).16

Doch es bleibt in der Zusammenfassung: „… die wenigsten Zeitgenossen wüssten zu sagen,


was eigentlich jenseits ihrer sprechenden Titel Inhalt und Gegenstand von Mitscherlichs Arbei-
ten gewesen ist“ (Freimüller, 2007: 8). Liegt dies daran, dass man bei der Lektüre von Mit-
scherlich immer wieder den Eindruck gewinne, „fortwährend die selbstverständlichsten
Selbstverständlichkeiten zu lesen“? (Rutschky, 1984: 712). Sollte als Fazit bleiben, dass „seine
erfolgreiche Arbeit als Wissenschaftsorganisator … für die Entwicklung der Psychoanalyse
wichtiger werden [sollte] als seine wissenschaftlichen Beiträge“? (Dehli, 2007; 16).

Mitscherlich galt als Mann „mit vielen Feinden“ (Freimüller, 2007: 20), dazu gehörten nicht
nur der Kanzlerkandidat Rainer Barzel, den er öffentlich analysiert hatte, sondern auch die
Ärzteschaft, Grundstücksbesitzer, ehemalige Mitstreiter und auch Vertreter orthodoxerer
Ausrichtung innerhalb der Psychoanalyse. Er hatte sich getraut, unbequem zu bleiben, eigene
Positionen zu vertreten, sein kritisches Ich über das soziale Ich zu stellen. Lütkehaus schreibt:
Vor dem Hintergrund einer zwischen vehementer Kritik und unbewußter Verinnerlichung
schwankenden Beziehung zum autoritären Vaterhaus und zu den antidemokratischen
Ersatzvätern aus der Weimarer Republik, mit unfreiwilliger Selbstironie in Bezug auf die ei-
gene Theorie und Praxis »vaterloser Gesellschaft« mit drei Ehen und sieben Kindern,
oszilliert selbst die Diagnose der Vaterlosigkeit zwischen Verlustanzeige und emanzipatori-
schem Modell. (Lütkehaus, 2009: 232)

16
Z.B.: Fuchs et al; 2007: Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst oder Heimans-
berg. Ebenso: Lockot, 2003, 2010 ,2013a & b
24

In Die Unfähigkeit zu trauern, die „mehr der Verdrängung der Bindung an das verlorene
kollektive Ich-Ideal des »Führers« als der Trauer um die Opfer galt, mag wohl auch etwas von
der eigenen Unfähigkeit zu trauern eingegangen sein“ (ebd.: 233). Ich vermute sehr wohl, daß
Mitscherlichs Verschwinden aus dem öffentlichen Diskurs mit diesen Differenzen zu tun hat,
daß unaufgearbeitete Brüche, unbewusste Inkongruenzen und Derealisationen dazu beige-
tragen haben, daß die Kommunikation zwischen Mitscherlich und der sowohl wissenschaft-
lichen wie auch breiten Öffentlichkeit ins Stocken gekommen war.

Die posthume Auf- und Verarbeitung hat ihn uns doch wieder deutlich näher gebracht, ihn
zugänglicher und menschlicher gemacht. Gerade durch seinen naturwüchsigen Lebenslauf
könnte er damit zu einem realistischeren Vorbild und Untersuchungsmodell werden.

Manchmal weiß man am Anfang einer Arbeit nicht so genau, wohin die Reise gehen wird. Ich
habe viel über der Geschichte Deutschland im 20. Jahrhundert gelernt, über den Rechtskon-
servatismus, den Umgang mit der NS-Zeit in der Nachkriegszeit, über Psychosomatik und
unterschiedliche Ausrichtungen der Psychoanalyse, über die Geschichte der DPG und der DPV,
und über die Beharrlichkeit des Habitus (Bourdieu, 1991), der über Generationen anhaftet
und auch mit aller Psychoanalyse nicht ganz aufgelöst werden kann und blinde Flecken
aufrechterhält. Das persönliche, kritische Ich bleibt eben doch seinem (elitären) sozialen Ich –
welches ich in seiner Familiengeschichte erkenne - sehr stark verhaftet.

Indem er seine früh erworbenen Kenntnisse als Buchhändler, Verleger und Herausgeber, sein
Geschichtsstudium ebenso wie sein Medizinstudium in bester Weise kombinieren und in pro-
duktiver Weise für vielerlei Projekte umsetzen konnte, hat sich Alexander Mitscherlichs Viel-
seitigkeit in seinem Lebenswerk sehr schön zusammengefügt. Dass er nicht wie Bion, Bowlby,
Winnicott, Kohut, Balint und v.a. oder im deutschen Sprachraum Argelander, Rudolf oder
Mentzos einen wichtigen und nachhaltigen theoretischen Beitrag leisten konnte mag ihn
geschmerzt haben, schmälert seine Leistungen und institutionellen Verdienste jedoch keines-
wegs. Er wird seinen verdienten Platz in der psychoanalytischen Genealogie behalten. Seine
uneingestandenen Schwächen machten ihn erst etwas suspekt und liessen ihn vergessen,
doch die posthume Aufarbeitung seines Lebens durch seine Biographen bringen ihn einem
näher, machen ihn menschlicher mit allen Stärken und Schwächen. Sie erlauben eine
integralere Rehabilitation und vielleicht erhellen sich auch noch die nach wie vor bestehenden
abgedeckten Ecken.
25

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