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Busch, Werner: „Das Capriccio und die Erweiterung der Wirklichkeit“, in: Mai,

Ekkehard (Hrsg.): Kunstform Capriccio : von der Groteske zur Spieltheorie der
Moderne, Köln 1998, S. 53-79.

Das Capriccio
 lebt vom Aufbau der Illusion und seiner folgenden Zerstörung
 der Verfall präsentiert sich unter der Maske des Perfekten
 „am Grunde“: Ungeordnetes, Unproportioniertes, Ver-rücktes, Mystisches,
Okkultes, Undurchschaubares, Ängstigendes, Höhnisches, Skatologisches,
Perverses, unverhüllt Sexuelles
I.
Schwierigkeiten der Definition des Capriccios
 das „beschworene“ Dach der Definition des Capriccio als Gattung
 bei Gemälden und Zeichnungen drohte die Annahme capriccioartiger Züge
beliebig zu werden
 das Problem diskutiert Gustav René Hockes in seinen Büchern über den
Manierismus in der Kunst und in der Literatur (1957 und 1959):
o alles Manieristische, Übersteigerte, forciert Subjektive, Irreguläre, alles
Antiklassische ist capriccioartig  Verstoß gegen die Regeln im Namen
freier Phantasie- und Kunstgestaltung (hierbei zugehörig ist die gesamte
Kunst des Manierismus, ein Gutteil des Barock und Rokoko, Romantik und
Surrealismus)

Die klassische Sicht als Gegenpool


 Verstoß gegen die Regeln im Namen freier Phantasie- und Kunstgestaltung ist
aus klassischer Sicht „verdammenswert“
 Goethe (ein bekannter Vertreter der Klassik) bezeichnet die Romantik als
„krank“; sieht die Klassik als „gesund“
 diese Klassifizierungstradition reicht bis in die Antike zurück
o Angst vor der sich frei entfaltenden Phantasie, die dem Unkontrollierten,
Irrationalen, Individualistischen ein Übergewicht einräumt
o Klassische Literatur- und Kunsttheorie  durch das Aufstellen von Regeln
das gefürchtete Überborden des künstlerischen Ingeniums verhindern
(wollen das Gleichgewicht zwischen der Kunst der Nachahmung [als
objektives Vorbild) und der Einbildungskraft (der subjektiven
Erfindungsgabe] erhalten
o Phantasie gehört durch Vernunftregeln kontrolliert

Phantasie und Capriccio


 christlich-moralische Diskreditierung der Phantasie: durch die Trugbilder,
welche erzeugt werden (besonders die verführerisch sinnlichen) kann der Teufel
von der Vorstellung des Menschen Besitz ergreifen und ihn ins Verderben locken
 in einer langen kunsttheoretischen Tradition (16.18.Jhd.) wird die Phantasie vom
Capricciobegriff vertreten
 Architekturtheoretiker Milizia (18 Jhd.): setzt „capriccio“ mit „follia“ gleich; wird
als absurder Phantasieauswuchs aus der Architektur „vertrieben“

Rahmen des Capriccios


 Vasari: nutzt den Begriff „capriccio“ positiv zur Charakterisierung ingeniöser
künstlerischer Erfindungen, ABER er fordert, dass es vom künstlerischem Urteil
(„giudizio“) kontrolliert wird  dabei bleibt es bei der klassischen Kunsttheorie
 Der Stellenwert der Phantasie kann größer und kleiner sein; aber die Entfaltung
muss im Rahmen bleiben
 Der Rahmen wird bestimmt durch:
1. durch die sich herausbildende Rangordnung der Gattungen
2. durch die kunsttheoretische Institution des Dekorum, die das Angemessene
regelt und darüber befindet was angemessen ist und was nicht
 Je unsichtiger das Thema, desto mehr Freiheit für die Phantasie; dem „capriccio“
wird in den niederen Gattungen meist mehr Raum gelassen
 das Capriccio wurde unter anderem auch dem ornamentalischen Bereich
zugeordnet (Seit der Wiederentdeckung der Grotesken und der Raffaelischen
Anwendung in den Loggien des Vatikan)

Außerdem im Text:
 Im Laufe der Geschichte befassten sich viele Theoretiker/ Kritiker mit dem
Stellenwert der feien Phantasie in der Dichtung.
 graphische Gattung des Capriccios/ Karikatur & Scherzo & Capriccio