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RalfPtak

Vom Ordoliberalismus zur


Sozialen Marktwirtschaft
RalfPtak

Vom Ordoliberalismus zur


Sozialen Marktwirtschaft
Stationen des Neoliberalismus in
Deutschland

Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2004


Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier.

Die Deutsche Bibliothek- CIP-Einheitsaufnahme

ISBN 978-3-8100-4111-1 ISBN 978-3-663-11779-7 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-663-11779-7

© 2004 Springer Fachmedien Wiesbaden


Ursprünglich erschienen bei Leske + Budrich, Opladen 2004

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Inhaltsverzeichnis

1 Einführung .............................................................................................................. 9
2 Der Ordoliberalismus als theoretische Grundlage der Sozialen
Marktwirtschaft ...................................................................................................... 23
2.1 Die Phasen ordoliberaler Theoriebildung ..................................................... 23
2.2 Die Entstehungsphase des Ordoliberalismus:
Die Weltwirtschaftskrise 1929/32 und der politische
Zusammenbruch der Weimarer Republik ..................................................... 30
2.2.1 Röpkes Deutung der Weltwirtschaftskrise als ,sekundäre Krise' ................. 30
2.2.2 Eucken und Rüstow: Von der Kritik am Interventionsstaat zum
Plädoyer für den ,starken Staat' ....................................................................... 33
2.2.3 Ein erster Eckpfeiler ordoliberaler Programmatik: Begrenzung von
Parlamentarismus und Masseneinfluß ........................................................... 38
2.2.4 Müller-Armacks Entwurf einer Entwicklungstheorie des
Kapitalismus .................................................................................................................... 44
2.3 Die theoretische Fundierung des Ordoliberalismus
zwischen 1937 und 1945 ............................................................................................... 5?
2.3 .1 Zum Verhältnis zwischen Ordoliberalismus und Nationalsozialismus ............ 62
2.3.2 Miksch, Erhard und Müller-Armack: Publizistik und
Wirtschaftsberatung im Kontext von nationalsozialistischer
Kriegsökonomie und Großraumwirtschaft ................................................... 72
2.3.3 Die ,Ordnung der Wirtschaft': Staatlich veranstalteter
Leistungswettbewerb und soziale Formierung der Gesellschaft.. ................ 90
2.3.4 Euckens Entwurf einer Theorie der Wirtschaftsordnung ....................... 109

5
3 Von der Theorie zur Praxis: Der Ordoliberalismus und
die wirtschaftliche Nachkriegsordnung ............................................... 133
3.1 Vorbereitungen für eine wirtschaftliche Nachkriegsordnung................. 136
3.2 Die ordoliberale Formierung in der Neuordnungsdebatte
nach 1945 ......................................................................................................... 155
3.2.1 Aufbau einer ideologischen Front gegen den ,Kollektivismus' .............. 157
3.2.2 Zwischen Abgrenzung und Verteidigung:
Der ,neue' Liberalismus und seine liberalen Wurzeln .............................. 165
3.2.3 Das ordoliberale Versprechen:
Konsequente Monopolbekämpfung und ,echte' Marktwirtschaft durch
Ordnungspolitik und liberalen Interventionismus .................................... 174
3.2.4 Soziale Strukturpolitik als Kern einer ,widergelagerten'
Gesellschaftspolitik ........................................................................................ 189

4 Die Soziale Marktwirtschaft als Träger


des ordoliberalen Programms .................................................................. 201
4.1 Von der ordoliberalen Utopie zum pragmatisch-evolutionären
Konzept der Sozialen Marktwirtschaft ....................................................... 206
4.1.1 Begriffsgenese und Doppeldeutung der Sozialen Marktwirtschaft ....... 206
4.1.2 Müller-Armarcks Idee einer Sozialen Marktwirtschaft als Strategie
im politischen Raum ...................................................................................... 212
4.2 Die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen zur
Durchsetzung und Stabilisierung der Sozialen Marktwirtschaft ................ 233
4.2.1 Ordnungspolitische Weichenstellungen für den
marktwirtschaftliehen Neubeginn in Westdeutschland ........................... 235
4.2.2 Das ordoliberale Netzwerk in Politik, Wirtschaft und Publizistik als
Element der Implementierungsstrategie ..................................................... 248
4.2.3 Das ,Wirtschaftswunder' als Legitimationsbasis der
Sozialen Marktwirtschaft ............................................................................... 265
4.2.4 Die Soziale Marktwirtschaft als Markenprodukt moderner
politischer Massenwerbung ........................................................................... 279

5 Ergebnisse ..................................................................................................... 289

Abkürzungsverzeichnis ............................................................................. 301

Literaturverzeichnis .................................................................................... 303

6
Vorwort

Der vorliegende Text wurde im November 2002 als Dissertation an der Ham-
burger Universität für Wirtschaft und Politik eingereicht und nach Erstellung
der Gutachten im April 2003 im öffentlichen wissenschaftlichen Gespräch ver-
teidigt.
Ich danke insbesondere Prof. Dr. Herbert Schui und dem externen Gut-
achter, Prof. Dr. Werner Abelshauser von der Universität Bielefeld, für viel-
faltige Anregungen im Entstehungsprozeß dieser Arbeit. Auch den Kollegen
und Freunden Christian Christen und Fabian Virchow bin ich zu besonderem
Dank verpflichtet, die die Arbeit mit einem ständigen offenen Ohr begleitet
haben. Viele nahestehende Personen- Familie, Freunde und Bekannte- haben
in der langen Phase des Werdens das mit dem Schaffen zeitweise unvermeidbare
Leiden aufgefangen und mich in vielfältiger Hinsicht unterstützt, wobei ich an
erster Stelle meine Eltern, lnge und Wilfrid Werner, und Johanna Schmok er-
wähnen möchte. Für eine literaturintensive Arbeit dieser Art war es zudem von
besonderer Bedeutung, sich auf gut funktionierende und gut bestückte Biblio-
theken verlassen zu können. Diese wissenschaftliche Infrastruktur habe ich
neben der Bibliothek der Bundeswehruniversität Harnburg vor allen Dingen in
der Zentralbibliothek der Wirtschaftswissenschaften am Institut für Weltwirt-
schaft in Kiel gefunden - mein Dank gilt hier besonders den Bibliotheks-
mitarbeitern Solveig Roese, Hans-Herman Harz und Erich Kruse, die unbüro-
kratisch und mit Geduld meine Literatur verwaltet haben.
Die Arbeit wurde unterstützt durch ein Promotionsstipendium der Hans-
Böckler-Stiftung.

Ko"/n, im November 2003

7
1 Einführung

Wenn in der Bundesrepublik von Neoliberalismus die Rede ist, wird seit den
achtziger und neunziger Jahren in der Regel auf seine angelsächsische Variante
abgehoben, meist in Gestalt eines Minimalstaatskonzeptes oder auch radikal-
libertärer Strömungen, die auf das Phantasiegebilde einer weitgehend staats-
freien Marktgesellschaft abheben. Dabei liegt einer der räumlichen und ideenge-
schichtlichen Ursprünge des Neoliberalismus gerade in Deutschland, wo sich
der ,neue' Liberalismus seit Beginn der dreißiger Jahre mit einer spezifisch kon-
tinentaleuropäischen Ausprägung entwickelt hat. Der Ordoliberalismus, wie der
deutsche Neoliberalismus später genannt wurde, war in den fünfziger Jahren
durch seinen Einfluß auf die Gestaltung der Wirtschaftsordnung der Bundesre-
publik national wie international zu hohem Ansehen gekommen und spielte
deshalb auch im ersten Jahrzehnt der 1947 gegründeten neoliberalen Internatio-
nale, der Mont Pe/erin Socie!J, eine gewichtige Rolle. 1 Mit der Sozialen Marktwirt-
schaft hatte das ordoliberale Spektrum zwar eine im neoliberalen Lager durchaus
umstrittene Strategie zur Durchsetzung marktwirtschaftlicher Ziele gewählt, aber
im Ergebnis entgegen den vorherrschenden wirtschafts- und sozialtheoretischen
Zeitströmungen des Keynesianismus und des Wohlfahrtsstaates in Westdeutsch-
land eine liberale Wirtschaftsordnung durchsetzen und stabilisieren können.
Nicht ohne Stolz auf diesen Erfolg des deutschen Neoliberalismus schrieb
Alexander Rüstow 1953: "Das einzige mir bekannte konsequente, durchdachte,
einheitliche und eigenständige wirtschaftspolitische Gegenprogramm auf unserer
Seite ist dasjenige des sogenannten Neoliberalismus, der ,Sozialen Marktwirt-
schaft' nach der glücklichen Prägung des kürzlich in das Bundeswirtschaftsmi-
nisterium berufenen Kollegen Müller-Armack, das Programm, an dem meine
Freunde und ich seit Jahren arbeiten, eine Gruppe, deren anerkannter Führer in
Deutschland unser viel zu früh verstorbener Freund Walter Eucken war. " 2
Ungeachtet dieser Entwicklung wurde die Soziale Marktwirtschaft im Laufe
der Jahrzehnte in der öffentlichen Wahrnehmung zu einem Synonym für den
Sozialstaat. Mit der historischen Zäsur von 1989 und der darauf folgenden for-
cierten Diffamierung wohlfahrtsstaatlicher Politik bekam die Soziale Marktwirt-

Vgl. Ronald Max Hartwell, A History ofthe Mont Pelerin Society, Indianapolis 1995
2 Alexander Rüstow, Soziale Marktwirtschaft als Gegenprogramm gegen Kommunismus und
Bolschewismus, in: Albert Hunold (Hrsg.), Wirtschaft ohne Wunder, Erlenbach-Zürich 1953,
S. 97-127, hier S. 101

9
schaftim breiten Bewußtsein der bundesrepublikanischen Bevölkerung, der Par-
teien und Verbände gar den Status einer scheinbar letzten Verteidigungslinie
gegenüber einem allein auf Individualismus, Deregulierung, Privatisierung und
freien Wettbewerb gestützten Wirtschafts- und Gesellschaftsentwurf. Dies
schlägt sich auch in der quantitativen Ausweitung der wissenschaftlichen Dis-
kussion um das Konzept und die Wirtschaftspolitik im Namen der Sozialen
Marktwirtschaft nieder, 3 in der erbittert um das geistige Erbe und den theoreti-
schen Gehalt dieser erfolgreichen politischen Formel gestritten wird. Dabei
drängt sich der Eindruck auf, daß das Erkenntnisziel oftmals hinter dem politi-
schen oder ideologischen Zweck zurückbleibt, denn schon die forschungs-
leitenden Fragen sind meist davon geprägt, mit dem Bezug auf die Soziale
Marktwirtschaft entweder den bundsdeutschen Sozialstaat zu legitimieren oder
aber ihn im selben Namen abzulehnen.
So heben allein drei größere Arbeiten der jüngeren Zeit von Friedrun
Quaas, Rolf Kowitz und Daniel Dietzfelbinger auf eine personalistische
Interpretation der Sozialen Marktwirtschaft ab. Für sie ist die Soziale Marktwirt-
schaft nicht das Ergebnis der Formierung des ,neuen' Liberalismus in der
westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, sondern eine davon abgesetzte, durch
Alfred Müller-Armack eigenständig entwickelte Idee, die als eine tendenziell
sozialstaatliche Konzeption verstanden wird. 4 Andere dem ordoliberalen Gedan:.
ken eher nahestehenden Autoren, wie beispielsweise Dieter Cassel und Siegfried
Rauhut, Karl Hohmann oder Phillip Herder-Dorneich, fordern eine zum Teil
fundamentale Erneuerung der theoretischen Grundlagen der Sozialen Markt-
wirtschaft, um ihrem ursprünglich ordnungspolitischen Anspruch wieder Gel-
tung zu verschaffen, wobei kaum mehr zu erkennen ist, was sie mit der
originären Konzeption der Nachkriegszeit überhaupt noch verbindet, obwohl
sich die Autoren explizit auf die Soziale Marktwirtschaft beziehen. 5 Fundamen-

3 Vgl. Joachim Starbatty, Soziale Marktwirtschaft als Forschungsgegenstand: ein Literaturbe-


richt, in: Ludwig-Erhard-Stiftung (Hrsg.), Soziale Marktwirtschaft als historische Weichenstel-
lung, Bonn- Düsseldorf 1997, S. 63-98; Starbatty stützt seine Schätzung von 14.500 Publikati-
onen für den Zcitraum von 1986-1995 auf die jährlichen Literaturauswertungen von Gerhard
Hahn, Bibliographie zur Sozialen Marktwirtschaft. Die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung
der Bundesrepublik 1982/87, Baden-Baden 1989; für die Zcit bis Anfang der achtziger Jahre
vgl. Kar! Dapper/Gerhard Hahn, Bibliographie zur Sozialen Marktwirtschaft. Die Wirtschafts-
und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland 1945/49-1981, Baden-Baden 1983
4 Vgl. Friedrun Quaas, Soziale Marktwirtschaft. Wirklichkeit und Verfremdung eines Konzep-
tes, Bem - Stuttgart - Wien 2000; Rolf Kowitz, Alfred Müller-Armack: Wirtschaftspolitik als
Berufung. Zur Entstehungsgeschichte der Sozialen Marktwirtschaft und dem politischen Wir-
ken des Hochschullehrers, Köln 1998; Daniel Dietzfelbinger, Soziale Marktwirtschaft als Wirt-
schaftsstil. Alfred Müller-Armacks Lebenswerk, Gütersich 1998
5 Vgl. Dieter Cassel/Siegfried Rauhut, Soziale Marktwirtschaft: Eine wirtschaftspolitische Kon-
zeption auf dem Prüfstand, in: Dieter Cassel (Hrsg.), 50 Jahre Soziale Marktwirtschaft, Stutt-
gart 1998, S. 3-31; Kar! Hohmann, Stellungnahme aus Sicht der Wirtschaftseth.ik, in: Bertels-
mann-Stiftung (Hrsg.), Markt mit Moral, Gütersich 1994, S. 73-79; Phillip Herder-Domeich,
Soziale Marktwirtschaft als weltweites Modell. Versuch einer Neuformulierung, Köln 1993

10
tale Kritik an der Formulierung sozialer Ziele in einer Marktwirtschaft kommt
von den rigorosen V ertretem des mitderweile auch in Deutschland do-
minierenden angelsächsisch beeinflußten Neoliberalismus, etwa von Herbert
Giersch, Erich Hoppmann, Gerard Radnitzky6 oder Anthony de Jasay, der die
Soziale Marktwirtschaft in einer von der Ludwig-Erhard-Stiftung dokumentierten
Debatte aus heutiger Sicht als eine "marktorientierte Version des Sozialismus"7
angreift. Auch innerhalb des neoliberalen Lagers wird mitderweile also vehe-
ment um die Deutung der Sozialen Marktwirtschaft und ihre Bezüge zum
Ordoliberalismus gerungen,8 nachdem bis zur Auflösung der sozialistischen
Staaten die gemeinsame Frontbildung gegen die Kritiker der Marktwirtschaft im
Vordergrund gestanden hat. Das führt bisweilen soweit, daß eine grundsätzliche
"Unvereinbarkeit" zwischen den ordnungstheoretischen Grundsätzen der
FreiburgerS chule um Walter Eucken, Franz Böhm und Leonhard Miksch und dem
konzeptionellen Ansatz der Sozialen Marktwirtschaft im Sinne Müller-Armacks
behauptet wird. 9
Diese Art der Ausdifferenzierung des deutschen Neoliberalismus greift
schon deshalb zu kurz, weil sie den Gegenstand zuvorderst im Hinblick auf
seine aktuelle Bedeutung zu analysieren und zu bewerten sucht. Um die Ent-
wicklung vom Ordoliberalismus zur Sozialen Marktwirtschaft als wechselseitiges
Verhältnis unvoreingenommen untersuchen zu können, ist allerdings ein histori-
scher Zugang unabdingbar, der zunächst als eine historisch-strukturelle Einord-
nung in die Grundlinien deutscher Wirtschaftsgeschichte und ihrer Theoriebil-
dung zu verstehen ist. 10 Die Entstehung des Ordoliberalismus ist ohne den
Kontext der Weltwirtschaftskrise und den Niedergang der Weimarer Republik
ebenso wenig zu begreifen, wie seine theoretische Fundierung mit ihrem ausge-
prägten autoritären Element nur im Zusammenhang mit der nationalsozialisti-
schen Ära nachvollziehbar wird. Die ordoliberale Formierung nach 1945 in den

6 Vgl. Herbert Giersch, Das Dilemma des Sozialen, in: Ludwig-Erhard-Stiftung (Hrsg.),
Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik 1983, Bonn 1983, S. 39-47; Erich Hoppmann,
Soziale Marktwirtschaft oder Konstruktivistischer Interventionismus? Zur Frage der Verfas-
sungskonfonnität der wirtschaftspolitischen Konzeption einer ,Neuen Wirtschaftspolitik', in:
Egon Tuchtfeldt (Hrsg.), Soziale Marktwirtschaft im Wande~ Freiburg 1973, S. 27-68; Gerard
Radnitzky, Marktwirtschaft: frei oder sozi~ in: ders./Hardy Bouillon (Hrsg.), Ordnungs-
theorie und Ordnungspolitik, Berlin- Heidelberg- New York 1991, S. 47-75
7 Anthony de Jasay, Soziale Marktwirtschaft: Sozialismus in anderer Form?, in: Ludwig-Erhard-
Stiftung (Hrsg.), Adjektivlose oder Soziale Marktwirtschaft?, Bonn 1993, S. 9-18, hier S. 17
8 Vgl. Wemer Zohlnhöfer, Von der Sozialen Marktwirtschaft zum Minimalstaat? Zur politi-
schen Ökonomie des Wohlfahrtsstaates, in: ORDO, Bd. 43, 1992, S. 269-283
9 Vgl. hierzu rlie markante Zuspitzung bei Jürgen Lange-von Kulessa/ Andreas Renner, Die
Soziale Marktwirtschaft Alfred Müller-Armacks und der Ordoliberalismus der Freiburger
Schule- Zur Unvereinbarkeitzweier Staatsauffassungen, in: ORDO, Bd. 49, 1998, S. 79-104
10 Vgl. Wemer Abelshauser, Die ordnungspolitische Epochenbedeutung der Weltwirtschaftskrise
in Deutschland: Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Sozialen Marktwirtschaft, in:
Dietmar Petzina (Hrsg.), Ordnungspolitische Weichenstellungen nach dem Zweiten Weltkrieg,
Schriften des Vereins für Socialpolitik, N.F., Bd. 203, Berlin 1991, S. 11-29; Keith Tribe,
Strategies of economic order. German economic rliscourse, 1750-1950, Cambridge 1995

11
Westzonen des besetzten Deutschlands zeugt nicht nur von der Anpassung an
ein verändertes gesellschaftliches Umfeld, sondern die Entwicklung der Nach-
kriegszeit verdeutlicht auch, daß die ordoliberale Programmatik unter den gege-
benen Bedingungen weder realitätstauglich noch politisch durchsetzbar war.
Erst vor diesem Hintergrund wird die Soziale Marktwirtschaft als eine adäquate
politische Strategie zur Implementierung ordoliberaler Vorstellungen erfaßbar.
Die vorliegende Arbeit verfeinert gewissermaßen den historisch-strukturel-
len Ansatz. Sie ist in ihrem Schwerpunkt eine dogmen- und ideengeschichtliche
Untersuchung zur Genese des Ordoliberalismus und der Sozialen Marktwirt-
schaft, in der zugleich versucht wird, in der Tradition der historischen Sozialfor-
schung die theoretische und konzeptionelle Entwicklung beider Stränge vor dem
Hintergrund der jeweiligen ökonomischen, politischen und institutionellen Be-
dingungen einzuordnen. Das wesentliche Ziel besteht darin, ein umfassendes
Bild des originären Ordoliberalismus zu zeichnen, das die einzelnen wirtschafts-
theoretischen, wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Vorstellungen analytisch
zusammenfuhrt und so die Entwicklung des ,neuen' Liberalismus in Deutsch-
land als ganzheitliche Erscheinung erkennbar macht. Über den von Beginn an
formulierten politischen Gestaltungsanspruch des Ordoliberalismus gegenüber
Wirtschaft und Gesellschaft wird die Brücke zur Sozialen Marktwirtschaft
geschlagen. Das Verhältnis von Ordoliberalismus und Sozialer Marktwirtschaft
wird dabei weniger auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin untersucht. Der
Blick wird vielmehr auf die Struktur des jeweiligen Ansatzes gerichtet, die sich
im Kern als Theorie einerseits und politische Strategie andererseits charakterisie-
ren läßt. Die Untersuchung erstreckt sich im wesentlichen auf den Zeitraum von
etwa 1930 bis zu Beginn der sechziger Jahre, wobei zum Verständnis der jünge-
ren Sekundärliteratur im beschränkten Maße auch aktuelle Fragestellungen und
Interpretationen einbezogen werden. Die auf eine hermeneutische Herangehens-
weise gestützte Textanalyse wird durch die umfangreiche Auswertung von ordo-
hberalen Originaltexten auf eine breite Basis gestellt, um selektive Deutungs-
muster weitmöglichst auszuschheßen. 11 Aus dem relativ weit gefaßten Analyse-

11 Das Problem eines selektiven, aus dem Zusammenhang gerissenen Zitierens fmdet sich insbe-
sondere in der wissenschaftlichen Diskussion um die Soziale Marktwirtschaft, die durch ihre
Struktur als evolutionäre Konzeption einem ständigen programmatischen Wandel unterzogen
war (und ist). So ergeben sich teilweise vollkommen falsche Schlüsse, wenn beispielsweise
Texte von Müller-Armack aus den Jahren 1946/48 ohne zeitgeschichtlichen Hintergrund, oh-
ne Kenntnis über das Gesamtwerk und über die konzeptionelle Struktur der Sozialen Markt-
wirtschaft herangezogen werden. Zu Recht verweist Horst Friedrich Wünsche darauf, daß in
vielen Fällen "weder nach der Sozialen Marktwirtschaft selbst, noch nach unabhängigen Urtei-
len über sie geforscht (wird); es wird vielmehr gerechtfertigt und quasi notifiziert, was die
Soziale Marktwirtschaft nach irgendeiner vorgegebenen Ansicht sein soll." Horst Friedrich
Wünsche, Ludwig Erhards Gesellschafts- und W!rtschaftskonzeption: Soziale Marktwirtschaft
als Politische Ökonomie, Stuttgart 1986, S. 22; leider begeht Wünsche selbst diesen methodi-
schen Fehler, indem er seine Publikationen seit über 15 Jahren auf den Gedanken fokussiert,
daß auch die theoretische Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft von Ludwig Erhard ge-
prägt worden sei.

12
ansatz der Arbeit, sowohl vom Gegenstand als auch vom Betrachtungszeitraum
her, ergibt sich notwendigerweise eine Makrosicht auf die Dinge, die manches
historische Detail vernachlässigen muß und sicherlich auch von der Mikrosicht
durch Zeitzeugen zu unterscheiden ist. 12
Mit der Thematisierung des Ordoliberalismus im Kontext des Nationalsozi-
alismus und seiner wirtschaftstheoretischen Positionierung wird in der vorlie-
genden Untersuchung ein empfindlicher und zugleich umstrittener Gegenstand
der wissenschaftlichen Diskussion angesprochen. Seine Behandlung ist schon
aufgrund der Tatsache unumgänglich, daß die wesentlichen theoretischen
Grundlagen des Ordoliberalismus und die Leitgedanken der Sozialen Marktwirt-
schaft in der zweiten Hälfte der dreißiger und zu Beginn der vierziger Jahre ent-
standen sind. Indem die ordoliberalen Pioniere durch das neoliberale Spektrum
meist völlig unreflektiert als Gegner des NS-Regimes oder gar als Widerständler
idealisiert werden, ist eine sachliche Auseinandersetzung nur schwer möglich,
gilt eine Kritik an dieser historischen Interpretation sogleich als politisch moti-
vierte Denunziation des wirtschaftlichen Liberalismus in Deutschland. 13 Demge-
genüber ist zu betonen, daß der Zweck dieser Auseinandersetzung allein in der
unvoreingenommenen Erfassung der historischen Wtrklichkeit liegt, die - wie zu
zeigen sein wird - eben nicht dem Bild einer liberalen Opposition gegen die na-
tionalsozialistische Wirtschaftspolitik entspricht.
Es muß nun zunächst geklärt werden, wer oder was eigentlich gemeint ist,
wenn vom Ordoliberalismus die Rede ist bzw. wie Ordoliberalismus und Neo-
liberalismus, der hier im Sprachgebrauch der späten vierziger Jahre zugleich als
,neuer' Liberalismus bezeichnet wird, voneinander abzugrenzen sind. Diese
Frage ist in der Literatur nicht zuletzt deshalb heftig umstritten, weil durch die
jeweilige Zuordnung auch bestimmte Forschungsfragen präformiert oder ausge-
schlossen werden. Erschwerend kommt hinzu, daß die Begriffe im Zeitverlauf
unterschiedlich benutzt worden sind. So wird der Begriff Neoliberalismus seit
den späten neunziger Jahren im öffentlichen Diskurs - vor allem im Hinblick
auf die Globalisierungs- und Sozialstaatsdebatte - mit einer kompromißlosen
Politik des "Marktfundamentalismus"14 identifiziert, die durch Deregulierung,
Privatisierung und Liberalisierung der Wtrtschaft die Politik entmachtet und die
Individualisierung der Gesellschaft forciert, oder auch zur Profilierung einer

12 Vgl. Erich Streissler (Hrsg.), Studien zur Entwicklung der ökonomischen Theorie XVI. Die
Umsetzung wirtschaftspolitischer Grundkonzeptionen in die kantinentaleuropäische Praxis
des 19. und 20. Jahrhunderts, I. Teil - Schriften des Vereins für Socialpolitik, N.F., Bd.
115/XVI, Berlin 1997, Vorwort, S. 1
13 Vgl. für viele: Hans Willgerodt, Die Liberalen und ihr Staat - Gesellschaftspolitik zwischen
Laissez-faire und Diktatur, in: ORDO, Bd. 49, 1998, S. 43-78, hier S. 51 ff.
14 George Soros, Die Krise des globalen Kapitalismus. Offene Gesellschaft in Gefahr, Berlin
1998, s. 19.

13
"Neuen Mitte" verwandt. 15 In der Bundesrepublik der späten vierziger und
fünfziger Jahre zog der Ordoliberalismus gerade aus einer gegenteiligen Position
seine Legitimation, indem er sich auf ideologischer Ebene - zeitweise mit be-
achtlicher Wirkung - ausdrücklich von einem rein marktwirtschaftliehen Den-
ken im Sinne des klassischen Liberalismus distanzierte. In dieser Zeit wurden
Ordoliberalismus und Neoliberalismus meist gleichgesetzt, was durchaus einer
gewissen Logik folgte, solange der deutsche Neoliberalismus maßgeblich durch
das ordoliberale Spektrum geprägt wurde. Auch die Kritiker des ordoliberalen
Theoriegebäudes, allen voran die verschiedenen Vertreter der christlichen Sozi-
allehre wie etwa Egon Edgar Nawroth oder Oswald von Nell-Breuning, sahen
eine Übereinstimmung zwischen Ordo- und Neoliberalismus, allerdings, weil sie
das Element des ,Neuen' gegenüber den Annahmen des klassischen Wirtschafts-
liberalismus weder in dem einen noch dem anderen zu erkennen vermochten. 16
Typisch ftir das ordoliberale Spektrum ist dagegen die begriffliche Verwendung
durch Rüstow, der unter Berufung auf den Neoliberalismus in Deutschland den
Laissez-faire-Liberalismus attackierte, deren zeitgenössische Vertreter er als
"Altliberale" klassifizierte. Gemeint waren damit vor allem die angelsächsischen
Neoliberalen um Ludwig von Misesund Friedrich August von Hayek, denen er
vorwarf, den ordoliberalen Grundsatz, "daß innerhalb des Marktes Freiheit herr-
schen soll und im Rahmen des Marktes Planmäßigkeit", in seiner Bedeutung für
die Funktionsfähigkeit einer Wettbewerbsordnung zu verkennen. Auch dieser
Kreis "zum Teil von sehr intransigenten Altliberalen" würde "sich fälschlicher-
und irrefuhrenderweise ,Neuliberale' nennen und damit große Verwirrung stif-
ten. Leider können wir dagegen nicht mit Patentprozessen und Markenschutz
vorgehen. " 17
Allerdings sollten die zum Ende der funfziger Jahre deutlich zutage getrete-
nen Differenzen zwischen dem angelsächsisch und dem kontinentaleuropäisch
geprägten Neoliberalismus, die sich in heftigen Auseinandersetzungen innerhalb

15 Vgl. Bodo Hombach, Aufbruch. Die Politik der Neuen Mitte. Mit einem Vorwort von
Gerhard Schröder, München- Düsseldorf 1998; Anthony Giddens, Der dritte Weg. Die Er-
neuerung der sozialen Demokratie (britische Originalausgabe: The Third Way. The Renewal of
Social Democracy, Cambridge 1998), Frankfurt am Main 1999
16 Vgl. Egon Edgar Nawroth, Die Sozial- und Wirtschaftsphilosophie des Neoliberalismus,
Sammlung Politeia, Bd. XIV, Heidelberg 1961; ders., Die wirtschaftspolitischen Ordnungsvor-
stellungen des Neoliberalismus, FIW-Schriftenreihe, Heft 3, Köln- Berlin- Bonn- München
1962; etwas zurückhaltender kritisiert Oswald von Nell-Breuning. Gemeinsames und Trennen-
des in den Hauptrichtungen der Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspolitik, in: Grund-
satzfragen der Wirtschaftsordnung. Wirtschaftswissenschaftliche Abhandlungen der FU
Berlin, Heft 2, Berlin 1954, S. 215-231; ders., Neoliberalismus und katholische Soziallehre, in:
Patrick M Boarmann (Hrsg.), Der Christ und die Soziale Marktwirtschaft, Stuttgart 1955,
S. 101-122. Vgl. auch die strenger ökonomisch formulierte Grundsatzkritik von Hans Peter,
Freiheit der Wirtschaft. Kritik des Neoliberalismus, Köln 1953
17 Alexander Rüstow, Sozialpolitik diesseits und jenseits des Klassenkampfes (Erstver-
öffentlichung 1959), in: Bemhard Külp/Wilfrid Schreiber (Hrsg.), Soziale Sicherheit, Köln-
Berlin 1971, S. 17-26, hier S. 26

14
der Mont Pelerin Society niederschlugen, 18 nicht überbewertet werden. Auch die
jüngst mit Blick auf den begrifflichen Bedeutungswechsel des Neoliberalismus
aufgestellte These von den "zwei ,Neoliberalismen'"19 greift entschieden zu
kurz. Schließlich gibt es weder den Neoliberalismus als eine einheitliche Strö-
mung, noch ist von einer geschlossenen theoretisch-ideologischen Konzeption
des Neoliberalismus zu sprechen. 20 Hayek hat die besondere Wandlungsfahig-
keit des Neoliberalismus, die Bestandteil seiner evolutorischen Betrachtung von
Gesellschaft und Wirtschaft ist, bereits 1944 positiv hervorgehoben: "Die
Grundsätze des Liberalismus enthalten keine Elemente, die ihn zu einem starren
Dogma machten und es gibt keine strengen Regeln, die ein für allemal feststän-
den. Das Hauptprinzip, wonach wir uns in allen Stücken so weit wie möglich auf
die spontanen Kräfte der Gesellschaft stützen und so wenig wie möglich zu
Zwangsmaßnahmen greifen sollten, kann in der Anwendung unendlich variiert
werden."21 Insgesamt stellt der Neoliberalismus also eine durchaus heterogene
internationale Richtung der Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie dar, deren
verbindendes Ziel, eine zeitgemäße Legitimation für eine marktwirtschaftlich
dominierte Gesellschaft zu entwerfen und durchzusetzen, unter verschiedenen
politischen und ökonomischen Bedingungen verfolgt wurde und wird. 22 Es sind
gerade diese Variabilität und seine Struktur als eine ideologisch geleitete Recht-
fertigungslehre, die eine fundierte theoretische Auseinandersetzung mit dem
Neoliberalismus erschweren, was noch dadurch verstärkt wird, daß das neolibe-
rale Spektrum seine Empfehlungen für die Gestaltung von Wirtschaft und Ge-
sellschaft gleich einem Dogma mit einem universalen, unabhängig von Zeit und
Raum formulierten Gültigkeitsanspruch versieht.
In diesem Sinne wird der Neoliberalismus hier als ein Oberbegriff verstan-
den, unter dem verschiedene theoretische Ansätze und Implementierungsstrate-
gien zu fassen sind. Um das Verhältnis zwischen Ordoliberalismus und Neolibe-

18 Vgl. Kari-Heinz Roth, Klienten des Leviathan: Die Mont Pelerin Society und das Bundeswirt-
schaftsministerium in den fünfziger Jahren, in: 1999, Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20.
und 21. Jahrhunderts, 16. Jg., Heft 2, 2001, S. 13-41
19 Vgl. Andreas Renner, Die zwei ,Neoliberalismen', in: Fragen der Freiheit, Folge 256, Oktober-
Dezember 2000, S. 48-64
20 Gerade, weil der Neoliberalismus "eher als eine Ideologie der Befreiung des Kapitalismus zu
verstehen (ist)", ist es kaum möglich, "den Neoliberalismus als Theorie zusammenzufassen."
Herbett Schui/Stephanie Blankenburg, Neoliberalismus: Theorie, Gegner, Praxis, Harnburg
2002, s. 10
21 Friedrich August von Hayek, Der Weg zur Knechtschaft, (britische Originalausgabe: The
Road to Serfdom, London 1944), Mit einer Einleitung von Milton Friedman, München 1971,
S. 36; ähnlich schon Ludwig von Mises, Liberalismus, Jena 1927, S. 7
22 Neben der genannten Untersuchung von Schui und Blankenburg, in der in erster Linie die ver-
schiedenen Schulen des us-amerikanischen Neoliberalismus diskutiert werden (Fn. 20), siehe
für einen historisch eingebetteten Gesamtüberblick Bemhard Walpen, Von Igeln und Hasen
oder: Ein Blick auf den Neoliberalismus, in: UTOPIE kreativ, Heft 121/122, 2000,
s. 1066-1079
15
ralismus bzw. dessen verschiedene Ausformungen insgesamt-23 sinnvoll bewerten
zu können, ist wiederum eine Einordnung in den historisch-politischen Kontext
unabdingbar. Die Tatsache, daß "der Neoliberalismus insgesamt kein einheitli-
ches Programm aufzuweisen hat",24 erklärt sich nicht zuletzt aus den länder-
spezifischen Entwicklungswegen zum bürgerlichen Staat und zur modernen In-
dustriegesellschaft sowie den daraus resultierenden Unterschieden in der natio-
nalökonornischen Dogmenbildung und der Theorie des Liberalismus. 25 Der
Ordoliberalismus mit seiner besonderen Betonung des ,starken Staates' als
Durchsetzungsinstrument liberaler Wirtschaftspolitik ist deutlich beeinflußt vom
konservativ-liberalen Entwicklungsstaat Bismarck'scher Prägung. Seine autori-
täre Substanz steht in der Tradition des deutschen Nationalliberalismus, und
seine sozialpolitischen Vorstellungen knüpfen an das Denken der Liberalen Lo-
renz von Stein und Friedrich Naumann oder der Kathedersozialisten Gustav
von Schmollet und Adolph Wagner an. Dagegen war das emanzipatorische
Element der bürgerlich-liberalen Kräfte in Deutschland im Unterschied etwa zu
Frankreich nie besonders stark ausgeprägt. 26
Der Ordoliberalismus ist also eine vorwiegend aus den deutschen Bedin-
gungen hervorgegangene Strömung des Neoliberalismus, dessen historische Be-
sonderheit darin besteht, mit dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft nicht
nur einen konkreten Entwurf für die gesellschaftliche Praxis in die wissenschaft-
liche und politische Debatte eingebracht, sondern auch erreicht zu haben, daß
dieses Konzept in Deutschland zum zentralen Referenzpunkt für die Gestaltung
der Wirtschafts- und Sozialordnung geworden ist. Schon aus dieser Betrach-
tungsperspektive ergibt sich, daß der Ordoliberalismus hier - in Anlehnung an
Heinz Grossekettler27 - in einem weiteren Sinne als eine Strömung verschiede-

23 Zur Einordnung der verschiedenen Strömungen des Neoliberalismus in der Nachkriegszeit


vgl. Reinhard Behlke, Der Neoliberalismus und die Gestaltung der Wirtschaftsverfassung in
der Bundesrepublik, Berlin 1961, S. 37-47; Egon Edgar Nawroth, Die Sozial- und Wirtschafts-
philosophie des Neoliberalismus, a.a.O., S. 5-12; Helmut Paul Becker, Die soziale Frage im
Neoliberalismus. Analyse und Kritik, Sammlung Politeia, Bd. XX, Heidelberg 1965, S. 35-41
24 Egon Edgar Nawroth, Die Sozial- und Wirtschaftsphilosophie des Neoliberalismus, a.a.O.,
S. 12
25 Darauf verweist auch Eucken hinsichtlich der konkreten Durchsetzungsbedingungen der uni-
versalistisch angestrebten ,freien Verkehrswirtschaft': "In jedem Lande sind andere Ausgangs-
situationen, andere Machtkonstellationen, andere Möglichkeiten der Wirtschaftspolitik und an-
dere Einzelaufgaben gegeben. Die Wirtschaftspolitik kann nicht von der jeweiligen geschichtli-
chen Situation der einzelnen Länder gelöst werden. Man kann nicht ein umfassendes wirt-
schaftspolitisches Gesetzbuch aufstellen, das für alle Länder Geltung gewinnen könnte." Wal-
ter Eucken, Die Wettbewerbsordnung und ihre Verwirklichung, in: ORDO, Bd. 2, 1949, S. 1-
99, hier S. 29; identisch in: ders., Grundsätze der Wirtschaftspolitik (1. Auflage 1952), hrsg.
von Edith Eucken und K. Paul Hensel, 6. durchgesehene Auflage mit einem Vorwort von
Emst-Joachim Mestrnäker, Tübingen 1990, S. 251
26 Vgl. Reinhard Kühn!, Deutschland seit der Französischen Revolution, Heilbronn 1996
27 Vgl. hierzu das Organigramm personeller Verbindungen bei Heinz Grossekettler, Die Wutschafts-
ordnung als Gestaltungsaufgabe. Entstehungsgeschichte und Entstehungsperspektiven des Ordo-
liberalismusnach 50 Jahren Sozialer Marktwirtschaft, Münster- Harnburg 1997, S. 14

16
ner Kreise und Personen verstanden wird, die seit den frühen dreißiger Jahren
mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten an der Positionierung eines
,neuen' Liberalismus arbeiteten und sich nach 1945 als Netzwerk um den
ORDO-Gedanken mit seinem Zentrum einer staatlich abgesicherten Wettbe-
werbsordnung sammelten. Dabei macht es durchaus Sinn, innerhalb des Ordoli-
beralismus drei Gruppen zu unterscheiden: die Freiburger Schule um Eucken,
Böhm und Miksch,28 den soziologischen Flügel um Rüstow und Wilhelm
Röpke29 und die Gruppe der Praktiker mit Ludwig Erhard und dem FAZ-
Herausgeber Brich Weiter, wobei Müller-Armack sowohl der zweiten wie auch
der dritten Gruppe zugerechnet werden kann. 30 Wesentlich ist allerdings, daß
der Ordoliberalismus im Rahmen dieser Arbeit - entsprechend seiner Formie-
rung und seines Auftretens in der wirtschafts- und ordnungspolitischen Diskus-
sion nach 1945 - als eine gemeinsam agierende Strömung aufgefaßt wird. Eine
übermäßige, der Tendenz nach disziplinäre Differenzierung des deutschen Neo-
liberalismus, wie sie etwa Egon Tuchtfeldt vornimmt, indem er den Ordolibera-
lismus allein mit der FreiburgerS chule gleichsetzt, darüber hinaus von einem unab-
hängigen Wirtschafts- und Sozialhumanismus spricht und zusätzlich die Soziale
Marktwirtschaft als eigenständige Gruppierung verortet,31 verschließt durch eine
künstliche Trennung den Blick auf die tatsächliche Genese von Theorie, Kon-
zept und Praxis.
Zweifelsohne legt der mehr individualistisch orientierte Neoliberalismus an-
gelsächsischer Prägung wesentlich engere Maßstäbe an, wenn es um die Rolle
des Staates bei der ,Veranstaltung' des Wettbewerbes oder die Aufgaben der So-

28 Neben einer Reihe von späteren Schülern, wie beispielsweise Hans-Otto Lenel oder Kurt
Biedenkopf, können Friedrich A. Lutz, Hans Gestrich, Bemhard Pfister, Fritz W. Meyer, Kar!
Friedrich Maier, K. Paul Hensel und Constantin von Dietze zum engeren Kreis der Fniburger
Schu/e gezählt werden.
29 Helmut Paul Becker (Die soziale Frage im Neoliberalismus, a.a.O., S. 44 f.) spricht in Anleh-
nung an Röpke vom "soziologischen Neoliberalismus" innerhalb des Ordoliberalismus.
30 Rainer Klump spricht in ähnlicher Weise - allerdings mit Blick auf die Wege zur Entstehung
der Sozialen Marktwirtschaft - von drei Strömen (der Fnib~~tger Schu/e, der Wirtschaftsstillehre
Müller-Armacks und der politischen Gestaltung durch Erhard), die ,,in vielfaltiger Weise mit-
einander in Beziehung getreten (sind); sie repräsentieren grob gesagt eine ordnungstheoreti-
sche, eine ordnungspolitische und eine politische Konzeption von Sozialer Marktwirtschaft."
Rainer Klump, Wege zur Sozialen Marktwirtschaft- Die Entwicklung ordnungspolitischer
Konzeptionen in Deutschland vor der Währungsreform, in: Erich Streissler (Hrsg.), Studien
zur Entwicklung der ökonomischen Theorie XVI, Berlin 1997, S. 129-160, hier S. 132; unver-
ständlich bleibt, warum Klump die maßgeblichen Vertreter des soziologischen Neoliberalis-
mus, Röpke und Rüstow, die zudem als Exilanten eine herausragende Rolle für die Implemen-
tierung der Sozialen Marktwirtschaft spielten, unberücksichtigt läßt.
31 Vgl. Egon Tuchtfeldt, Soziale Marktwirtschaft als offenes System, in: Fritz Windhager (Hrsg.),
Soziale Marktwirtschaft, Sonderheft 4 der Schriftenreihe ,Sicherheit und Demokratie', Wien
1982, S. 17-32, hier S. 22 f.

17
zialpolitik geht. 32 Die häufig bemühte Grundsatzkritik Hayeks am "Wiesel-
Wort"33 des ,Sozialen' und seine Bedenken daran, "daß nicht nur meine Freunde
in Deutschland es für angezeigt und wünschenswert hielten, den Begriff der
Marktwirtschaft als ,soziale Marktwirtschaft' zu qualifizieren",34 sollte allerdings
nicht voreilig im Sinne eines grundlegenden Widerspruchs zur Sozialen Markt-
wirtschaft interpretiert werden. Hayek ging es insoweit um eine kritische Würdi-
gung dieses Konzeptes, als er- in gewisser Weise nicht völlig zu Unrecht-be-
fürchtete, daß mit der Verwendung des Begriffs soziale Begehrlichkeiten ge-
weckt werden, die die marktwirtschaftliehen Grundsätze aufweichen und in den
Wohlfahrtsstaat führen, der eigentlich durch die Soziale Marktwirtschaft verhin-
dert werden sollte. Andererseits war Hayek und selbst seinem Spiritus Rektor,
Mises, durchaus bewußt, daß die Implementierung der Marktwirtschaft als Sozi-
ale Marktwirtschaft den spezifischen politischen Bedingungen in Westdeutsch-
land nach 1945 entsprach, denn ohne ein flexibles Konzept als Strategie im poli-
tischen Raum hätte die Wiedereinführung einer Marktwirtschaft unmittelbar
nach dem Krieg nicht auf der Tagesordnung gestanden. 35 Zu Recht weist Knut

32 "Es dürfte richtig sein, die Abgrenzung allein in zwei wesentlichen Programmpunkten des
Ordoliberalismus zu sehen. Der erste und wesentlichste Unterschied zwischen Ordo-
liberalismus und Neoliberalismus ist der, daß der Neoliberalismus eine ,competitive order'
oder ,workable competition' zu fördern sucht, während der kontinentale (deutsche) Ordo-
liberalisrnus eine lückenlose ,ordered competition' zu ,veranstalten' strebt. Zweitens haben die
Maßnahmen zur Besitz- und Einkommensverteilung einen verstärkt sozialliberalen Charakter."
Ernst-Wolfram Dürr, Wesen und Ziele des Ordoliberalismus, Winterthur 1954, S. 7
33 "Wir verdanken den Amerikanern eine große Bereicherung der Sprache durch den bezeich-
nenden Ausdruck ,weasel-word'. So wie das kleine Raubtier, das auch wir Wiesel nennen, an-
geblich aus einem Ei allen Inhalt heraussaugen kann, ohne daß man dies nachher der leeren
Schale anmerkt, so sind die Wiesel-Wörter jene, die, wenn man sie einem Wort hinzufügt, die-
ses Wort jedes Inhalts und jeder Bedeutung berauben. Ich glaube, das Wiesel-Wortpar excel-
lance ist das Wort ,sozial'. Was es eigentlich heißt, weiß niemand. Wahr ist nur, daß eine sozi-
ale Marktwirtschaft keine Marktwirtschaft, ein sozialer Rechtsstaat kein Rechtsstaat, ein sozia-
les Gewissen kein Gewissen, soziale Gerechtigkeit keine Gerechtigkeit - und ich fürchte auch,
soziale Demokratie keine Demokratie ist." Friedrich August von Hayek, Wissenschaft und So-
zialismus, Vorträge und Aufsätze des Walter-Eucken-lnstituts, Heft 71, Tübingen 1979, S. 16.
Es muß beachtet werden, daß dieser Vortrag Hayeks Ende der siebziger Jahre verfaßt wurde,
in einer Zeit also, als der Marktradikalismus des Neoliberalismus den keynesianisch geprägten
Wohlfahrtsstaat international abzulösen begann - Hayek selbst beriet zu diesem Zeitpunkt
Margret Thatcher bei ihrem neoliberalen Umbau von Wirtschaft und Staat in Großbritannien.
Es handelt sich hier insofern mehr um eine Abrechnung mit den sozialen Zugeständnissen des
bis dahin gültigen kapitalistischen Gesellschaftsmodells als um eine Auseinandersetzung mit
dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft.
34 Friedrich August von Hayek, Was ist und was heißt sozial?, in: Albert Hunold (Hrsg.), Masse
und Demokratie, Erlenbach-Zürich- Stuttgart 1957; S. 71-84, hier S. 72
35 So bekundete Mises 1961 in einem Brief an Müller-Arrnack als Staatssekretär im BMWi, "daß
politische Machtverhältnisse auch einen überzeugten folgerichtigen Vertreter des Liberalismus
(...) nötigen können, sich mit interventionistischen Maßnahmen (etwa Schutzzöllen) abzufin-
den. In der praktischen Politik kann man nur selten das Vollkommene erreichen. Man muß
sich in der Regel damit begnügen, daß kleinere Übel zu wählen. Was Sie und Erhard für die
Wiederaufrichtung der deutschen Wirtschaft vollbracht haben, wird ungeachtet mancher

18
Borchardt darauf hin, daß gerade im Hinblick auf den offenen Ansatz der Sozi-
alen Marktwirtschaft als Konzeption die Übereinstimmung mit den Ideen Hay-
eks meist unterschätzt wird.36
Zudem darf nicht vergessen werden, daß Hayek selbst lange Zeit Mither-
ausgeber der wichtigsten Publikation des Ordoliberalismus, dem ORDO (Jahr-
buch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft), war, als Professor an
der Universität Freiburg gewirkt und als Vorstandsmitglied des Walter-Eucken-In-
.rtitut.r den "älteste(n) ordoliberale(n) ,think tank' der WeJt'<37 entscheidend
beeinflußt hat. Auch Müller-Armack stellt in seiner bekannten Deftnition der
Sozialen Marktwirtschaft von 1956 unzweideutig fest, daß ihr programmatischer
Kern "auf der in der Forschung der letzten Jahrzehnte gewonnenen Einsicht
auf(baut), daß Wirtschaftspolitik ohne eine klare Entscheidung für ein Koordi-
nierungsprinzip nicht erfolgreich geführt werden kann. Die negativen Erfahrun-
gen, die mit interventionistischen Mischsystemen gemacht wurden, haben die
von Walter Eucken, Franz Biihm, F. A. von H'!)'ek, Wilhelm Riipke, Alexander
Rktow u.a. entwickelte Wirtschaftsordnungstheorie zur Einsicht geführt, daß das
Prinzip des Wettbewerbs als unerläßliches Organisationsmittel von Massen-
gesellschaften nur funktionsfahig ist, wenn eine klare Rahmenordnung den
Wettbewerb sichert."38 Müller-Armack beruft sich also als wichtigster konzep-
tioneller Denker der Sozialen Marktwirtschaft eindeutig auf alle Teilströmungen
des Ordoliberalismus. Seine und die anderer Ordoliberaler in einigen Publika-
tionen nachzulesende Abgrenzung zur Bezeichnung ,Neoliberalismus' entpuppt
sich bei genauerer Betrachtung als taktisches Manöver im Rahmen der politi-
schen Strategie der Sozialen Marktwirtschaft.
Während die Soziale Marktwirtschaft in ihren theoretischen Bezügen also
eindeutig als ordoliberales Konzept zu verorten ist, ist sie als politischer Begriff
zu einem übergreifenden Grundsatz nicht nur der großen Volksparteien gewor-
den. Auch im linken Spektrum, innerhalb der deutschen Kirchen und sogar
durch extrem rechte Kräfte wird positiv auf deren Prinzipien abgehoben, ihre

,Schönheitsfehler', mit Recht überall als eine große Tat des Liberalismus angesehen. Was
Deutschland geleistet hat, ist ,a lesson for the U.S."'. Ludwig von Mises, Im Namen des Staa-
tes oder Die Gefahren des Kollektivismus (Wiederabdruck der Erstveröffentlichung von
1939). Mit einem Vorwort von Alfred Müller-Armack, Stuttgart 1978, S. 16 f.
36 Vgl. Knut Borchardt, Die Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft in heutiger Sicht, in:
Otmar Issing (Hrsg.), Zukunftsprobleme der sozialen Marktwirtschaft, Schriften des Vereins
für Socialpolitik, NF 116, Berlin 1981, S. 33-53, hier Fn. 5, S. 36
37 Patrick Weiter, Das Waltee Eucken Institut und die Rolle des Staates. Freiburger Forschung
auf den Spuren Walter Euckens und F.A. Hayeks, Handelsblatt 28.01.1997
38 Alfred Müller-Armack, Soziale Marktwirtschaft, in: Erwin von Beckerath/Carl Brinkmann
u.a. (Hrsg.), Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, Bd. 9, Stuttgart - Tübingen -
Göttingen 1956, S. 390-392, hier S. 390; Herv. im Original

19
Einhaltung oder Weiterentwicklung gefordert. 39 Diese positive Bezugnahme
sehr unterschiedlicher gesellschaftlicher Akteure erklärt sich zunächst aus der
Popularität des Begriffs. Die Soziale Marktwirtschaft ist in Deutschland ein po-
litisches Schlagwort geworden, an dem niemand vorbeikommt, wenn es um
Grundfragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik geht. 40 Zusammen mit dem
(ehemaligen) D-Mark-Symbol und der Legende vom ,Wirtschaftswunder' steht
die Soziale Marktwirtschaft in der öffentlichen Meinung41 der Bundesrepublik
für wirtschaftlichen Erfolg unter Teilhabe breiter Schichten der Bevölkerung. Sie
ist das Symbol für einen sozial gebändigten Kapitalismus, der wirtschaftliche
Leistungskraft und sozialen Ausgleich miteinander verbindet. Kurz, die Soziale
Marktwirtschaft ist zu einem bedeutenden sozialen Mythos avanciert, ja sie stellt
sogar eine Art Ersatz-Nationalismus für die westdeutschen Nachkriegsgesell-
schaft dar, der nach 1945 an die Stelle der diskreditierten Nation in einer durch
Säkularisierung bestimmten Gesellschaft trat. Das durch die Verdrängung der
NS-Vergangenheit entstandene Identitätsvakuum füllte sich in der entstehenden
Bundesrepublik durch eine Flucht in den wirtschaftspolitischen Erfolg, dessen
Bedeutung weit über die Befriedigung materieller Bedürfnisse nach dem Krieg
hinausging.
Es spricht deshalb vieles dafür, daß "im kollektiven Gedächtnis der Deut-
schen die Währungsreform von 1948 als entscheidender Einschnitt der Nach-
kriegsgeschichte haften geblieben (ist) - und nicht die Gründung der Bundesre-
publik 1949."42 Mit der Einführung der D-Mark und der (teilweisen) Freigabe

39 "Viel radikaler als die ,Frankfurter Schule' war die ,Freiburger Schule'. Während die einen
Wirtschaftsmacht irgendwie demokratisieren wollten, wollten die anderen konkret Wirtschafts-
macht überhaupt abschaffen." Walter Oswalt, Machtfreie Marktwirtschaft, TAZ 20.06.1995.
Zur Diskussion der Kirchen über die Soziale Marktwirtschaft aus theologisch-ethischer Sicht
vgl. Franz Segbers, Die Hausordnung der Tora. Biblische Impulse für eine theologische Wirt-
schaftsethik, 3. durchgesehene Auflage, Luzern 2002, S. 226 ff. Zum Verhältnis der extremen
Rechten in der Bundesrepublik zum Konzept der Sozialen Marktwirtschaft im Rahmen ihrer
wirtschafts- und sozialpolitischen Debatte vgl. Ralf Ptak, Die soziale Frage als Politikfeld der
extremen Rechten. Zwischen marktwirtschaftliehen Grundsätzen, vormodernem Antikapitalis-
mus und Sozialismus-Demagogie, in: Jens Mecklenburg (Hrsg.), Braune Gefahr. DVU, NPD,
REP- Geschichte und Zukunft, Berlin 1999, S. 97-145, hier besonders S. 135 f.
40 In diesem Sinne wird hier auch einer Großschreibung der Sozialen Marktwirtschaft ohne
Anführungszeichen gefolgt. Die häufig mit der Großschreibung verbundene Präferenz
zugunsten des Konzepts soll damit allerdings nicht zum Ausdruck gebracht werden. Für die
wissenschaftliche Auseinandersetzung um die Struktur und Bedeutung der Sozialen
Marktwirtschaft ist der ideologische Streit um die Frage, ob die Soziale Marktwirtschaft groß
oder klein geschrieben wird, allerdings zu vernachlässigen.
41 In Bezug auf die Wahrnehmung der Sozialen Marktwirtschaft im öffentlichen Raum vgl. den
späteren Regierungssprecher der Kohl-Regierung Friedhelm Ost, Die Soziale Marktwirtschaft
im Bewußtsein der Öffentlichkeit, in: Wirtschaftspolitische Chronik, 28. Jg., Heft 1, 1979,
S. 41-63; Elisabeth Noelle-Neumann, Soziale Marktwirtschaft im Bewußtsein der Öffent-
lichkeit, in: Ludwig-Erhard-Stiftung e.V. (Hrsg.), Soziale Marktwirtschaft als historische
Weichenstellung. Bewertungen und Ausblick. Eine Festschrift zum hundertsten Geburtstag
von Ludwig Erhard, Bonn- Düsseldorf 1997, S. 607-627
42 Bemd Ziesemer, Volk ohne Symbol, Wirtschaftswoche 18.06.1998, S. 28-36, hier S. 29

20
der Preise am 20. Juni 1948 wurde die Soziale Marktwirtschaft nach landläufiger
Meinung praktisch auf den Weg gebracht, folglich lange vor der Verabschiedung
des Grundgesetzes. Durch diese enge Identitätsbindung an den wirtschaftlichen
Erfolg "wurde ein alltäglicher ,Ökonomismus' der gemeinsame sozialpsychologi-
sche Nenner für das sich neu konstituierende Staatswesen." Das gilt für die
Bundesrepublik 1948/49 gleichermaßen wie fur das Deutschland von 1990 -
mit entsprechenden "Folgen für die Stabilität dieses Staatswesens: seine
Legitimität hing und hängt von der wirtschaftlichen Leistungskraft ab, jede
wirtschaftliche Krise delegitimiert in der Bundesrepublik Deutschland den Staat
selbst." 43
Aber die Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft steht nicht nur im Span-
nungsfeld einer von der ökonomischen Potenz abhängigen sozialpsychologi-
schen Grundstimmung, sie ist zugleich bestimmt durch den Widerspruch zwi-
schen theoretischer Intention und gesellschaftlicher Praxis. Ihre originäre
Zielsetzung, durch einen staatlich geordneten Leistungswettbewerb "Wohlstand
für alle" (Erhard) zu verwirklichen, d.h. die Wirtschaftspolitik des Staates auf die
Durchsetzung marktwirtschaftlicher Ordnungsgrundsätze zu beschränken und
seine Sozialpolitik auf einen kleinen Bereich nicht-marktfähiger Einkommensbil-
dung zu begrenzen, stand bereits beim Übergang von den Bewirtschaftungsvor-
schriften der Alliierten zur Marktwirtschaft unter dem Druck der gesellschaftli-
chen Realität. 44 Die Bundesrepublik entwickelte sich fortan entgegen den ord-
nungspolitischen Prämissen der Sozialen Marktwirtschaft seit den fünfziger Jah-
ren zu einem Sozialstaat mit einer relativ hohen Regulierungsdichte im Arbeits-
und Sozialrecht, einem entwickelten System der sozialen Sicherung und später
auch temporären Ansätzen von makroökonomischer Steuerung in der Wirt-
schaftspolitik. Dies war die Folge gesellschaftlicher Konflikte, in denen mindes-
tens drei Faktoren eine solche Entwicklung förderten. Zum einen existierten
starke soziale Kräfte, insbesondere mitgliederstarke Gewerkschaften mit hoher
Mobilisierungskraft gerade in den Schlüsselindustrien, denen es bis in die achtzi-
ger Jahre gelang, auf betrieblicher und gesamtgesellschaftlicher Ebene soziale

43 Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft: Gesellschaft und


Politik im Ordoliberalismus, Baden-Baden 1991, S. 12
44 Oswald von Nell-Breuning verdeutlicht dies in der Bemerkung zu einer Begegnung mit Eu-
cken während der Vorbereitungen für das ,Leitsätzegesetz' im Frühjahr 1948 (N eoliberalismus
und katholische Soziallehre, a.a.O., 104; Herv. im Original): "In lebhafter Erinnerung steht
mir, wie Eucken sich einem Vorschlag widersetzte, der mit Berufung auf marktwirtschaftliche
Prinzipien ein lebenswichtiges Bedarfsgut seiner Meinung nach verfrüht aus Bewirtschaftung
und Preisbildung entlassen wollte. Ich sehe Eucken noch vor mir, wie er erregt den Redner
mit dem Zwischenruf unterbrach: Ja, wenn sie 20 Millionen Menschen zugrunde gehen lassen
wollen!' Die Theoreme Eucken'scher Bücher mögen anders lauten; dies war der wirkliche, der
lebendige Eucken (man möchte anfügen, der realistische Eucken; Anm. R.P.) (...) - Marktwirt-
schaft, freie Verkehrswirtschaft, wo immer möglich. Diese Möglichkeit ist aber an Vorausset-
zungen gebunden. Auch diese Voraussetzungen soll man schaffen, wo immer es möglich ist.
Aber: ob diese Voraussetzungen gegeben sind oder sich schaffen lassen und inwieweit sie gege-
ben sind und inwieweit sie sich schaffen lassen, das sind Tatfragen, keine Grundsatzfragen."

21
Standards zu erhöhen und die Einkommenssituation der abhängig Beschäftigten
zu verbessern. Zweitens wirkten das überdurchschnittliche Wirtschaftswachsturn
der lange anhaltenden Nachkriegskonjunktur und die sehr niedrigen Arbeitslo-
senquoten bis Anfang der siebziger Jahre positiv auf die Entwicklung des Sozial-
staates. Und drittens wurden in der politischen Sphäre viele der realen sozial-
und wirtschaftspolitischen Maßnahmen als Erfolg der Sozialen Marktwirtschaft
bezeichnet, obwohl sie dem Konzept nicht entsprachen oder gar zuwider liefen.
Entscheidend war hier nicht, ob die Maßnahmen den ordnungspolitischen
Grundsätzen folgten, sondern ob sie in politischen Auseinandersetzungen einen
V orteil versprachen. 45
Betrachtet man also den Begriff der Sozialen Marktwirtschaft in seiner
Funktion als sozialer Mythos und in seiner identitätsstiftenden Bedeutung für
die Gesellschaft einerseits sowie seiner schon im Grundsatz angelegten Span-
nung zwischen Theorie und Praxis andererseits, wird verständlich, warum um
seine Deutung von so unterschiedlichen Kräften gerungen wird. Allein mit dem
Begriff, der sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem fast beliebigen Schlagwort
der politischen Alltagskultur entwickelt hat und nicht selten auch als Umschrei-
bung der realen Wirtschaftsordnung in der Bundesrepublik Deutschland ge-
braucht wird, ist daher wenig über seine inhaltliche Substanz gesagt. Für das
Verstehen der Sozialen Marktwirtschaft ist deshalb eine mehrschichtige Unter-
suchung erforderlich, welche die theoretischen Ursprünge im Kontext des neo-
liberalen Aufbruchs und die konkrete konzeptionelle Ausgestaltung in der Nach-
kriegszeit ebenso berücksichtigt wie die Bedeutung der Sozialen Marktwirtschaft
als diskursmächtiges Schlagwort und als Bezeichnung für die reale Wirtschafts-
und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik. Dazu gehört auch eine Spiege-
lung der theoretischen und ideologischen Aussagen mit den realen wirtschaftli-
chen und politischen Bedingungen der Nachkriegszeit, dem Einfluß der Besat-
zungsmächte auf die ordnungspolitischen Weichenstellungen und der ordo-
liberalen Implementierungsstrategie in der Neuordnungsdebatte.

45 Für Horst Siebert, lange Jahre Präsident des InsliiNis ftir Weltwirtschaft in Kiel und Mitglied des
Sachverständigenrats, liegt die Gefährdung der Sozialen Marktwirtschaft im Sinne einer freien
Wettbewerbswirtschaft in erster Linie in diesem Einfluß der Politik begründet: "Die Zukunft
der Sozialen Marktwirtschaft muß mit einer grundsätzlichen Schwierigkeit klar werden. Die
Politik ist bei ihren Entscheidungen an kurzfristigen Resultaten interessiert; die öffentliche
Meinung will handfeste Aktivitäten sehen, die Medien transportieren nur einfache Bilder. Da-
gegen sind institutionelle Regelungen, Regelwerke oder Rahmenordnungen für eine Volkswirt-
schaft durch komplexe Interdependenzen und langfristige Wirkungsketten gekennzeichnet, die
schwer vermittelbar sind. Die Zeithorizonte sind unterschiedlich (...). Zu groß erscheint die
Versuchung der Politik, im Interesse eines schnell erzielten Ergebnisses - eines Quick Fix -
auf langfristige Wirkungen nicht zu achten." Marktkräfte für mehr Wohlstand und Beschäfti-
gung freisetzen, Handelsblatt 23.01.1997

22
2 Der Ordoliberalismus als theoretische Grundlage der
Sozialen Marktwirtschaft

2.1 Die Phasen ordoliberaler Theoriebildung

Die Entstehung der ordoliberalen Theorie und ihrer Bedeutung als Fundament
der Sozialen Marktwirtschaft läßt sich nur anhand verschiedener Entwicklungs-
phasen nachzeichnen, die sich vom Ende der zwanziger Jahre bis in die frühen
flinfziger Jahre erstrecken. Erst ab diesem Zeitpunkt kann man von einer mehr
oder weniger geschlossenen Theorie des ,neuen' Liberalismus sprechen und das
Verhältnis zwischen Ordoliberalismus und Sozialer Marktwirtschaft bestimmen.
Dementsprechend ist kaum erstaunlich, daß der Begriff ,Ordoliberalismus' erst-
mals 1950 eingeführt und als Selbstbezeichnung sogar erst Ende der fünfziger
Jahre benutzt wird. 1
Zweifelsohne lassen sich einige konkrete Wurzeln des ,neuen' Liberalismus
bereits in früheren Strömungen, beispielsweise im Sozialliberalismus des späten
19. bzw. frühen 20. Jahrhunderts, erkennen. Daraus aber "eine kontinuierliche
Entwicklung vom ,alten' zum ,neuen' Liberalismus"2 abzuleiten, wie es die neo-
liberale Dogmengeschichte kolportiert, geht an der tatsächlichen Entwicklung
vorbei. Den expliziten Ausgangspunkt theoretischer Ansätze des Ordolibera-
lismus bildete die Weltwirtschaftskrise 1929/32, einen Zeitraum, in dem es be-
sonders schlecht um die liberale Wirtschaftswissenschaft in Deutschland stand.
"Der einzige einflußreiche und aktive Theoretikerkreis, der bis 1933, wenn auch
vergeblich, so doch mit großer Anstrengung, für eine freie Wirtschaft kämpfte'?
war die Gruppe der sogenannten ,Ricardianer', die sich in und um den Verein

"Der Begriff ,Ordoliberalismus' erscheint in der deutschsprachigen Literatur, u. W. zuerst bei


Hero Moel/er (... ), der damit ein bestimmte neoliberale Richtung, den sog. ,Ordo-Kreis' um
Waller EHcken und seine Freiburger Schule, in Anlehnung an den Namen des von ihr seit 1948
herausgegebenen Jahrbuchs ORDO, kennzeichnen wollte. Im 12. ORDO-Band, mehr als ein
Jahrzehnt nach Hero Moellers Begriffsschöpfung, wurde er u. W. erstmalig von den Heraus-
gebern des Jahrbuchs (Böhm- Lutz- Meyer, XXXII bis XLVIII) selbst übernommen, und
auch Ludwig Erhard (... ) hat ihn neuerdings gebraucht." Helmut Paul Becker, Die soziale
Frage im Neoliberalismus, a.a.O., S. 41; vgl. Hero Moeller, Liberalismus, in: Jahrbücher für
Nationalökonomie und Statistik, Bd. 162, Stuttgart 1950, S. 214-240, besonders S. 224
2 Friedrich August von Hayek/Hugo Sieber/Egon Tuchtfeldt/Hans Willgerodt, Wilhelm Röpke
- Einleitende Bemerkungen zur Neuausgabe seiner Werke, in: Wilhelm Röpke, Ausgewählte
Werke- Die Lehre von der Wirtschaft, 12. Auflage, Bem- Stuttgart 1979, S. V-XXXVI, hier
S. XXXII
3 Friedrich August von Hayek, Die Wiederentdeckung der Freiheit- Persönliche Erinnerungen,
in: VDMA (Hrsg.), Produktivität, Eigenverantwortung, Beschäftigung. Für eine wirtschafts-
politische Vorwärtsstrategie, Köln 1983, S. 9-22, hier S. 12

23
Deutscher Maschinenbau-Anstalten (VDMA) orgarustert hatte. Diese Gruppe um
Rüstow, der seit 1925 die wirtschaftspolitische Abteilung des VDMA leitete,4
kann mindestens in personeller Hinsicht als eine Keimzelle des ,neuen' Libera-
lismus in Deutschland bezeichnet werden, trafen sich hier doch mit Gestrich,
Veit, Ilau und Lutz eine Reihe von Wissenschaftlern, die nicht nur zur Reform
des Wirtschaftsliberalismus beigetragen, sondern den Neoliberalismus nach 1945
auch in verschiedenen, z. T. maßgeblichen Funktionen repräsentiert haben.
Für die Genese der ordoliberalen Theoriebildung dürften allerdings die im
folgenden diskutierten, von Eucken, Rüstow, Röpke und Müller-Armack verfas-
sten Texte aus den Jahren 1932/33 von zentraler Bedeutung gewesen sein, die
unabhängig voneinander die ,Krisis des Kapitalismus' seit Ende der zwanziger
Jahre zu analysieren suchten und erste Sondierungen für einen "neue(n) Libera-
lismus"5 zum Ausdruck brachten. Diese Gründungtexte 6 umreißen mit unter-
schiedlichen Akzenten die Pole des liberalen Umbruchs. Auch wenn es durchaus
plausible Gründe gibt, weitere Dokumente als Gründungsmanifeste heranzu-
ziehen, so bildete sich doch gerade in den hier bearbeiteten Texten von Eucken,
Rüstow, Röpke und Müller-Armack der Bezugspunkt Weltwirtschaftskrise als

4 Zur Person Rüstows und seiner Mitarbeit beim VDMA vgl. Dieter Haselbach, Autoritärer
Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 200 ff.
5 Alexander Rüstow, Interessenpolitik oder Staatspolitik, in: Der deutsche Volkswirt, 7. Jg., Heft
6, 1932, S. 169-172, hier S. 172; der Text entspricht bis auf die fehlende Anrede dem Wortlaut
eines Diskussionsbeitrages von Rüstow im Rahmen der Verhandlungen des Vereins für
Socialpolitik zum Thema ,Deutschland und die Weltkrise' am 28./29.09.1932, in: Schriften des
Vereins für Socialpolitik, Bd. 187, München 1932, S. 62-69
6 Als eigentliche Gründungstexte des Ordoliberalismus gelten gewöhnlich: Walter Eucken,
Staatliche Strukturwandlungen und die Krisis des Kapitalismus, in: Weltwirtschaftliches Ar-
chiv, Bd. 36, Heft 2, 1932, S. 297-321 und Alexander Rüstow, Interessenpolitik oder Staats-
politik, a.a.O. (vgl. hierzu: Ernst-Wolfram Dürr, Wesen und Ziele des Ordoliberalismus, Win-
terthur 1954, S. 8 f.; Gottfried Eisermann, Alexander Rüstow. Persönlichkeit und Werk, in:
ASM (Hrsg.), Wirtschaftsordnung und Menschenbild. Geburtstagsgabe für Alexander Rüstow,
Schriftenreihe, Heft 4, Köln 1960, S. 147-152, hier S. 148). In diese erste Reihe wird von
prominenter neoliberaler Seite auch ein Beitrag Röpkes zu den "Maximen rationeller Interven-
tion" gestellt: Wilhelm Röpke, Staatsinterventionismus, in: Handwörterbuch der Staatswissen-
schaften, 4. Auflage, Ergänzungsbd., Jena 1929, S. 861-882 (vgl. Friedrich August von Hayek
u.a., Wilhelm Röpke - Einleitende Bemerkungen, a.a.O., S. XXXII). Erwähnt werden in der
Literatur auch zwei Texte von Alfred Müller-Armack, Entwicklungsgesetze des Kapitalismus.
Ökonomische, geschichtstheoretische und soziologische Studien zur modernen Wirtschafts-
verfassung, Berlin 1932 und ders., Staatsidee und Wirtschaftsordnung im neuen Reich, Berlin
1933; darüber hinaus wird verwiesen auf: Franz Böhm, Wettbewerb und Monopolkampf Eine
Untersuchung zur Frage des wirtschaftlichen Kampfrechts und zur Frage der rechtlichen
Struktur der geltenden Wirtschaftsordnung, Berlin 1933; Hans Gestrich, Liberalismus als Wirt-
schaftsmethode, Berlin 1930; Wilhelm Röpke, Epochenwende (Erstveröffentlichung 1933), in:
ders., Wirrnis und Wahrheit. Ausgewählte Aufsätze, Erlenbach-Zürich - Stuttgart 1962, S.
105-124 (vgl. Helmut Paul Becker, Die soziale Frage im Neoliberalismus, a.a.O., S. 41-43;
Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 19, 23 f., 72
f.; Hans-Georg Reuter, Genese der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft, in: Knut Wolf-
gang Nörr/Joachim Starbatty (Hrsg.), Soll und Haben - 50 Jahre Soziale Marktwirtschaft,
Stuttgart 1999, S. 67-95, hier S. 71 ff.)

24
Wendepunkt des wirtschaftlichen Liberalismus in Deutschland ab. Im Vorder-
grund stand dabei eine Revision der liberalen Haltung zum Staat als Institution,
der nunmehr als zentrales Instrument zur Durchsetzung marktwirtschaftlicher
Prinzipien gesehen wurde. Gemeinsam ist in allen Texten - trotz deutlicher
Unterschiede im jeweiligen analytischen Ansatz- das Bemühen zu erkennen, die
bis dahin schwerste Krise der kapitalistischen Ökonomie nicht als Beweis für
deren Scheitern zu deuten, sondern nach einer neuen theoretischen und ideolo-
gischen Legitimation für das Wirken einer freien Marktwirtschaft zu suchen.
Das implizite Eingeständnis, daß die klassisch-liberale Theorie die Notwen-
digkeit einer aktiven Rolle des Staates in der Marktwirtschaft unterschätzt hatte,
wurde in diesen ersten Texten mit dem Angriff auf das politische System der
Weimarer Republik und die Politik des punktuellen Interventionismus ver-
knüpft. Kritisiert wurde insbesondere die Entwicklung hin zum sogenannten
,Wirtschaftsstaat' (Eucken), der die politische und damit auch die wirtschaftliche
Macht den verschiedenen Interessengruppen der Gesellschaft überlassen habe,
wodurch der ,Staat als Beute' (Rüstow) der Parteien seine eigenständige Hand-
lungsf:ihigkeit verloren habe. Deshalb forderten die späteren Ordoliberalen die
Wiederherstellung des Dualismus von Staat und Gesellschaft unter der Obhut
einer über allen gesellschaftlichen Akteuren stehenden staatlichen Autorität. Ge-
rade in den Anfängen zeigte sich deutlich, daß der sich formierende Ordolibera-
lismus die Willensbildung in der parlamentarischen Demokratie als Ausdruck
unterschiedlicher Interessenlagen und ökonomischer Machtstellungen nicht zu
akzeptieren bereit war. Nicht die Schieflage der wirtschaftlichen und sozialen
Verhältnisse wurde als gesellschaftliches Problem ausgemacht, nicht das Fehlen
einer Wirtschaftstheorie in Deutschland beklagt, die das Wesen der Weltwirt-
schaftskrise hätte erfassen und mögliche ökonomische Antworten hätte geben
können, sondern der Blick richtete sich auf die mangelnde Organisation des ka-
pitalistischen Wirtschaftssystems. 7 Ins Zentrum der Krisenanalyse rückte die Su-
che nach einer ordnungspolitischen Konzeption der Wirtschaft, auf welche die
Gesellschaft im Rahmen einer proklamatorischen Entscheidung verpflichtet
werden sollte, um so die unterstellte immanente soziale Dimension einer auf
freier Konkurrenz beruhenden Marktwirtschaft zur Entfaltung zu bringen.
So zeichnete sich in dieser frühen Phase mit aller Deutlichkeit die zentrale
Stütze des Ordoliberalismus zur Durchsetzung seiner wirtschafts- und gesell-
schaftspolitischen Ziele ab: der ,starke Staat', der den schwachen Interventions-
staat ablösen und eine funktionsf:ihige Wettbewerbswirtschaft gewährleisten
sollte. Die späteren führenden Köpfe der Ordoliberalen standen am Ende der
Weimarer Republik auf der Seite derjenigen, die in einer Beschränkung der
parlamentarischen Demokratie die unbedingte Voraussetzung zur Lösung der

7 Abelshauser weist darauf hin, daß das "Denken in Ordnungen" eine allgemeine Erscheinung
in der deutschen Wirtschaftswissenschaft der Zwischenkriegszeit war. Vgl. Wemer Abelshau-
ser, Die ordnungspolitische Epochenbedeutung der Weltwirtschaftskrise in Deutschland,
a.a.O., S. 19 f.

25
wirtschaftlichen und sozialen Krise sahen. Neben diesem autoritären Zug wird
in jenen Frühtexten des Ordoliberalismus deutlich, daß er seine Identität und
Dynamik in erster Linie "aus seiner Opposition gegen wesentliche Zeitströmun-
gen (bezieht)",8 vor allem aus der Gegnerschaft zur marxistischen und der sich
parallel zum Neoliberalismus entwickelnden keynesianischen Wirtschaftstheorie.
"Diese Frontstellung erklärt sein kämpferisches Element"9 - ein Element, das
den Ordoliberalismus bis heute beseelt. Dabei ist weniger die Negation als Aus-
gangspunkt einer Theoriebildung verwunderlich, sondern vielmehr der stringent
dogmatische Zug des Ordoliberalismus bemerkenswert, der schon aus einer dis-
kurstheoretischen Betrachtung den Eindruck bekräftigt, es handele sich um eine
einseitige Legitimationstheorie zugunsten von Wettbewerb und Markt. Zu Recht
weist Egon Edgar Nawroth in seiner fundierten Untersuchung zu den wirt-
schafts- und sozialphilosophischen Grundlagen des Neoliberalismus darauf hin,
"daß es den Neoliberalen nicht so sehr um eine ernsthafte Diskussion der auf-
geworfenen Probleme, sondern mehr oder weniger um ein Gespräch zwischen
den eigenen vier Wänden geht, das sich im wesentlichen darin erschöpft, die
eigenen Thesen ständig zu wiederholen und grundsätzliche Einwände mit
Schweigen zu übergehen." 10
Während also der Ordoliberalismus zum Ende von Weimar seinen Anfang
fand, war die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft die Phase seiner theo-
retischen Fundierung. Zwischen 1933 und 1945 wurden nicht nur die Grund-
steine der Freiburger Schule als bedeutendster wissenschaftlicher Institution des
Ordoliberalismus gelegt, sondern es entstanden auch die wichtigsten Grund-
lagentexte bzw. die Vorarbeiten für verschiedenste Schriften, die unmittelbar
nach dem Krieg das eigentliche theoretische Fundament des Ordoliberalismus
ausgemacht haben. Dazu zählen zunächst die 1940 zum ersten Mal erschienenen
Grundlagen der Nationalökonomie Euckens, die Habilitationsschrift Böhms aus dem
Jahr 1933, Wettbewerb und Monopolkampfi sowie dessen Schrift Die Ordnung der
Wirtschaft als geschichtliche Asifgabe und rechtschopfende Leistung von 193 7. Es waren
vor allen Dingen Waltet Eucken und sein Schüler Leonhard Miksch sowie Pranz
Böhm, die in jener Zeit maßgeblich die Wettbewerbstheorie des Ordoliberalis-
mus und die daraus abgeleiteten Empfehlungen für die Praxis ausarbeiteten, do-
kumentiert etwa in einem Sammelband der Gruppe Wirtschaftswissenschaft (Arbeits-
gemeinschaft Preispolitik) der Akademie ftir Deutsches Recht aus dem Jahr 1942. 11 So

8 Hajo Riese, Ordnungsidee und Ordnungspolitik - Kritik einer wirtschaftspolitischen Konzep-


tion, in: Kyklos, Vol. XXV, 1972, S. 24-48, hier S. 27
9 Ebenda
10 Egon Edgar Nawroth, Die Sozial- und Wirtschaftsphilosophie des Neoliberalismus, a.aO., S. 18
11 Folgende Beiträge liegen vor: Walter Eucken, Wettbewerb als Grundprinzip der Wirtschafts-
verfassung (S. 29-49); Franz Böhm, Der Wettbewerb als Instrument staatlicher Wirtschaftslen-
kung (S. 51-98); Leonhard Miksch, Möglichkeiten und Grenzen der gebundenen Konkurrenz
(S. 99-106), in: Akademie für Deutsches Recht (Hrsg.), Der Wettbewerb als Mittel volkswirt-
schaftlicher Leistungssteigerung und Leistungsauslese, Schriften der Gruppe Wirtschaftswis-
senschaft, Heft 6, Berlin 1942

26
entstand schrittweise eine Theorie, in deren Zentrum die ordnungspolitische
Eindämmung monopolistischer Strukturen stand, angelehnt an Euckens Typo-
logie der Wirtschaftsordnungen, die das Modell der vollständigen Konkurrenz
zur wichtigsten Norm des ordoliberalen Wettbewerbs werden ließ. Diese
Ausrichtung sollte in der Folge im neoliberalen Lager zu ernsthaften Kontrover-
sen über das Wettbewerbsverständnis, die Monopolfrage und das Verhältnis
zwischen Staat und Wirtschaft führen - eine Debatte, die bis in die Gegenwart
anhält.
Parallel dazu arbeiteten Röpke, Rüstow und Müller-Armack an der soziolo-
gischen Flankierung des ,neuen' Liberalismus, obgleich sie alle drei als Ökono-
men bis zum Beginn der dreißiger Jahre mit wirtschaftswissenschaftlichen bzw.
wirtschaftspolitischen Fragestellungen beschäftigt waren. Ausgangspunkt dieser
"kulturellen Wende im Ordoliberalismus" 12 waren die immer wieder von
ordoliberaler Seite hervorgehobenen sozialen, kulturellen und weltanschaulichen
Merkmale der ,Krisis der Gesellschaft', die es nun theoretisch aufzubereiten galt.
Müller-Armack hatte bereits mit seiner 1932 veröffentlichten Studie Entwick-
lungsgesetze des Kapitalismus den Anspruch formuliert, einen bedeutenden Beitrag
zur gesellschaftstheoretischen Kapitalismus-Forschung leisten zu wollen. Sein
wichtigstes Anliegen bestand dabei darin, den Kapitalismus im Gegensatz zur
marxistischen Entwicklungstheorie als offenen Prozeß darzustellen, der durch
die ,Tat' und den Willen zur ,Entscheidung' beeinflußt werden kann und damit
die Überwindung kapitalistischer Krisen ermöglicht. Nach der 1933 erschiene-
nen, streng ideologisch verfaßten Schrift Staatsidee und Wirtschqftsordnung im neuen
Reich legte Müller-Armack erst 1940 nach einer längeren publizistischen Pause
die Genealogie der Wirtschaftsstile vor, eine religionssoziologische Studie zur geistes-
geschichtlichen Grundlage des Kapitalismus, die in Anlehnung an Max Webers
Thesen den Zusammenhang zwischen religiös-konfessioneller und ökonomi-
scher Entwicklung im 16.-18. Jahrhundert untersucht. In den folgenden Jahren
erweiterte Müller-Armack diese Untersuchungen auf das 19. und das 20. Jahr-
hundert, die allerdings erst nach 1945 unter den Titeln Das Jahrhundert ohne Gott
(1948) und Diagnose unserer Gegenwart (1949) veröffentlicht wurden. 13
In diesen Arbeiten ging es wie auch in den kulturtheoretischen Schriften
Röpkes und Rüstows um die Suche nach einer ideellen, weltanschaulichen Basis
sowie sozialtheoretischen Legitimation für das ökonomische Fundament des
Ordoliberalismus, es lief "auf nicht weniger als den Plan hinaus, eine der kapita-
listischen Marktwirtschaft adäquate soziale und kulturelle Organisation der Ge-
sellschaft zu entwerfen." 14 Röpkes Trilogie Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart
(1942), Civitas humana (1944) und Internationale Ordnung (1945) sowie die nach lan-

12 Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 71


13 Seine religionssoziologischen Studien hat Müller-Armack mit Ausnahme der Diagnose unserer
Gegenwart in einem Extra-Band zusammengefaßt: ders., Religion und Wirtschaft. Geistesge-
schichtliche Hintergründe unserer europäischen Lebensform, Stuttgart 1959
14 Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 71

27
ger Vorarbeit als nnversalgeschichtliche Kulturkritik veröffentlichte dreibändige
Ortsbestimmung der Gegenwart (1950-1957) Rüstows fanden diese Basis ebenso wie
Müller-Arrnack in seinen Schriften im Rückgriff auf die christlich-abendländi-
sche Kultur. Ergänzt durch eine streng konservative Kulturkritik, die in Röpkes
Texten am deutlichsten hervortritt, wurde sie zum gemeinsamen Nenner der
Werteorientiernng des Ordoliberalismus. 15
Nach 1945- genau genommen mit der Neuordnnngsdebatte am Ende des
Krieges - beginnt die dritte Phase der ordoliberalen Theoriebildnng, die von
einem konkreten gesellschaftlichen Anwendnngsbezug gekennzeichnet war nnd
dabei die Frage der Implementiernng in den Vordergrnnd rückte. Trotz alliiertet
Vorbehalte gegenüber einer liberalen Wirtschafts- nnd Sozialpolitik im besetzten
Deutschland nnd einer in der Bevölkernng weit verbreiteten Stimmnng zugnns-
ten einer geplanten Steuernng des Wirtschaftsprozesses gelang es den Ordolibe-
ralen, entscheidenden Einfluß auf die Gestaltnng der Wirtschafts- nnd Sozial-
ordnnng der entstehenden Bnndesrepublik zu gewinnen. Ihr wesentlicher Vor-
teil gegenüber anderen intellektuellen Strömnngen lag in der Wlffiittelbaren
Nachkriegszeit darin, daß der ordoliberale Kern in Gestalt der Freiburger Schule
anders als die emigrierten bzw. ausgeschalteten keynesianisch oder marxistisch
orientierten Wissenschaftler während der NS-Zeit16 hatte weiter arbeiten können
nnd sich insofern sowohl auf einen gemeinsamen Diskussionstand wie auch auf
verhältnismäßig funktionsfahige institutionelle Strukturen stützen konnte. 17
Die Ordoliberalen verstanden es trotz ihrer geringen Zahl, das institutio-
nelle Vakuum dieser Zeit geschickt zu nutzen nnd gewannen rasch Einfluß auf
die sich neu formierenden Eliten in Wirtschaft, Politik nnd Wissenschaft. Als er-
folgreich erwies sich die publizistische Offensive der Ordoliberalen gleich nach
dem Krieg, die im Kampf um die Meinnngsführerschaft in der wirtschaftsord-
nnngspolitischen Debatte vor allen Dingen eines zum Ziel hatte: die V erteidi-
gnng marktwirtschaftlicher Grnndsätze gegenüber allen zur Diskussion stehen-
den Alternativen planwirtschaftlicher oder wohlfahrtsstaatlicher Politik. Aus-
gestattet mit einem geradezu nnumstößlichen Sendnngsbewußtsein, gespeist
durch die Selbstbetrachtnng als ,Don Quijote' gegen die interventionistischen
Strömnngen der Zeit, attackierten die Ordoliberalen alle Bestrebnngen, Wirt-
schaft nnd Gesellschaft nach politischen Kriterien nnd Vorgaben zu gestalten.
Das umfangreiche Schrifttum dieser Zeit widmete sich im wesentlichen fünf
Schwerpunkten: erstens dem Aufbau einer ideologischen Front gegen den
,Kollektivismus' in Gestalt der Wirtschafts- nnd Gesellschaftsordnnng der

15 Vgl. Kurt Lenk, Deutscher Konservatismus, Frankfurt am Main- New York 1989, S. 208 f.
16 Vgl. Hauke Janssen, Nationalökonomie und Nationalsozialismus. Die Deutsche Volkswirt-
schaftslehre in den dreißiger Jahren, Marburg 1998
17 So gab Eucken mit seiner Fniburger Schule ab 1948 das Jahrbuch ORDO heraus, das sich fortan
- neben dem 1954 gegründeten Walter-Eucken-Institut- zum Kristallisationspunkt ordoliberaler
Theoriebildung entwickelte. Müller-Armack nutzte die von ihm geleitete Forschungsstelle für all-
gemeine und textile Marktwirtschaft an der Universität Münster von 1945 bis zum Ende der vierziger
Jahre zur schnellen Verbreitung seiner aktuellen wirtschaftspolitischen Publikationen.

28
Sowjetunion sowie seiner verschiedenen westlichen ,Spielarten', etwa dem Ge-
danken der Wirtschaftsdemokratie, der Wirtschaftslenkung oder der V Ollbe-
schäftigungspolitik keynesianischer Prägung,18 zweitens der inhaltlichen Ausein-
andersetzung und daraus folgender Abgrenzung vom Grundsatz des Laissez-
faire als Legitimation für eine Überwindung der Fehler des ,alten' Lieberalis-
mus,19 drittens der Legitimierung und Ausdifferenzierung der ordnungstheore-
tischen Grundlagen des Ordoliberalismus sowie deren konkrete Übertragung für
die wirtschaftspolitische Praxis als positive Leitlinien einer ,veranstalteten'
Marktwirtschaft,20 viertens der Suche nach geisteswissenschaftlichen, sozialphi-
losophischen und soziologischen Grundlagen einer nach marktwirtschaftliehen
Prinzipien organisierten Gesellschaft als integrierende Klammer des Gemeinwe-
sens,21 fünftens der Präsentation eines alle Faktoren zusammenführenden positi-
ven Entwurfs für Wirtschaft und Gesellschaft, einem ,Dritten Weg' zwischen
Kapitalismus (als überwundene historische Phase) und Sozialismus (als Bedro-
hung der Gegenwart), der sich im Konzept der Sozialen Marktwirtschaft mate-
rialisieren sollte. 22

18 Vgl. vor allem: Friedrich August von Hayek, Der Weg zur Knechtschaft, a.a.O.; Wilhelm
Röpke, Die Krise des Kollektivismus, München 1948; Alexander Rüstow, Soziale Marktwirt-
schaft als Gegenprogramm gegen Kommunismus und Bolschewismus, a.a.O.
19 Gerade die Auseinandersetzung mit dem klassischen Liberalismus zieht sich durch fast alle
ordoliberalen Texte kurz nach dem Krieg, vor allem in den folgenden Arbeiten: Alexander
Rüstow, Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus (1. Auflage 1945), 2. Auflage, Godesberg
1950; Leonhard Miksch, Wettbewerb als Aufgabe (1. Auflage 1937), 2. Auflage, Godesberg
1947; Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O.
20 Vgl. die Vorarbeiten zu Euckens ,Grundsätzen': Walter Eucken, Das ordnungspolitische Prob-
lem, in: ORDO, Bd. 1, 1948, S. 56-90; ders., Die Wettbewerbsordnung und ihre Verwirkli-
chung, a.a.O.; Wilhelm Röpke, Die Ordnung der Wirtschaft, Frankfurt am Main 1948; ders.,
Die natürliche Ordnung. Die neue Phase der wirtschaftspolitischen Diskussion, in: K yklos,
Vol.II, 1948, S. 211-232
21 Vgl. die Arbeiten von: Alfred Müller-Armack, Diagnose unserer Gegenwart. Zur Bestimmung
unseres geistesgeschichtlichen Standorts (1. Auflage 1949), 2. erweiterte Auflage, Bem- Stutt-
gart 1981; Wilhelm Röpke, Civitas Humana (1. Auflage 1944), 2. durchgesehene Auflage,
Zürich-Erlenbach 1946; ders., Maß und Mitte, Erlenbach-Zürich 1950; Alexander Rüstow,
Ortsbestimmung der Gegenwart. Eine universalgeschichtliche Kulturkritik, Bd. 1: Ursprung
der Herrschaft, Erlenbach-Zürich 1950, Bd. 2: Wege der Freiheit, Erlenbach-Zürich 1952,
Bd. 3: Herrschaft oder Freiheit, Erlenbach-Zürich 1957
22 Wesentliche Texte der frühen Debatte sind: Alfred Müller-Armack, Wirtschaftslenkung und
Marktwirtschaft, Harnburg 1947; ders., Die Wirtschaftsordnung, sozial gesehen (Erstver-
öffentlichung 1947), in: ders., Genealogie der Sozialen Marktwirtschaft. Frühschriften und
weiterführende Konzepte, Bem - Stuttgart 1974, S. 73-89; ders., Vorschläge zur Verwirkli-
chung der Sozialen Marktwirtschaft (Erstveröffentlichung 1948); in: ders., Genealogie der So-
zialen Marktwirtschaft, 2. erweiterte Auflage, Bem - Stuttgart 1981, S. 51-73; Alexander
Rüstow, Zwischen Kapitalismus und Kommunismus, in: ORDO, Bd. 2, 1949, S. 100-169

29
2.2 Die Entstehungsphase des Ordoliberalismus:
Die Weltwirtschaftskrise 1929/32 und
der politische Zusammenbruch der Weimarer Republik

Die Weltwirtschaftskrise zwischen 1929 und 1932 bildete nicht nur den sozial-
ökonomischen Hintergrund des politischen Zerfalls der Weimarer Republik, sie
stellte zugleich eine Zäsur in der Dogmengeschichte der Wirtschaftswissen-
schaften dar. Insofern ist von einer "Epochenbedeutung der Weltwirtschafts-
krise"23 zu sprechen, in deren Folge die politische Gestaltung und Intervention
in den Markt zur allgemeinen Richtschnur fast aller kapitalistischen Staaten
wurde, die sich in der Wirtschaftstheorie ab 1936 vornehmlich auf Keynes
General Theory of Emplf!Yment, Interest and Monry stützte. Durch diese Entwicklung
war die bis dahin von der Neoklassik und der subjektiven Werdehre dominierte
Wirtschaftstheorie unter Druck geraten. Ihre Analyse von einem normalen,
wenn auch besonders ausgeprägten Verlauf der Konjunktur in der Weltwirt-
schaftskrise, der sich in einem schmerzhaften Anpassungs- und Reinigungs-
prozeß selbstregulierend auf ein neues wirtschafiliches Gleichgewicht zube-
wegen würde, konnte vor dem Hintergrund der Zähigkeit dieser Krise, ihrer
politischen Folgen sowie der theoretischen Verschiebungen in der National-
ökonomie kaum mehr aufrecht gehalten werden. Die Texte von Eucken,
Rüstow, Müller-Armack und Röpke aus den Jahren 1929-1932 liefern insofern
Zeugnis dieser Suchbewegung nach einer erneuerten theoretischen Basis für den
wirtschafilichen Liberalismus, in deren Mittelpunkt erste Überlegungen zur
Überwindung liberaler Passivität und ein Überdenken der Rolle des Staates in
der Wirtschaftspolitik standen. Wenngleich sich die frühen Dokumente des
Ordoliberalismus zunächst auf die Deutung der Krise und ihrer politischen
Bewältigung sowie die leidenschafiliche Verteidigung freier Marktwirtschaft
beschränkten, so werden in diesen Texten bereits weseniliche Elemente sichtbar,
die sich später in der ordoliberalen Theorie und im Konzept der Sozialen
Marktwirtschaft wiederftnden.

2.2.1 Ropkes Deutung der Weltwirtschaftskrise als ,sekundäre Krise'

Es ist bemerkenswert, daß die Krisenanalyse des frühen Ordoliberalismus sich


kaum ökonomischen Aspekten widmete, vielmehr politische und soziologische
Fraugestellungen in den Vordergrund stellte, im Falle Müller-Armacks gar irrati-
onale Deutungs- und Lösungsmuster auf der Basis des italienischen Faschismus
anbot. Eine Ausnahme bildete ein Text von Röpke aus dem Jahre 1933, in dem

23 Knut Borchardt, Wachstum und Wechsellagen 1914-1970, in: Hermann Aubin/Wolfgang


Zorn (Hrsg.), Handbuch der deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 2, Stuttgart
1976, S. 685-740, hier S. 710

30
er unter dem Titel Die sekundäre Krise und ihre Überwindunj4 zur zeitgenössischen
wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion der Weltwirtschaftskrise Stellung bezog.
Sein Ausgangspunkt war "die Frage, wie es zur mörderischen Degenerierung der
gegenwärtigen Krise kommen konnte, die nachgerade das gesamte Sozialsystem des
Abendlandes in seinem Bestande bedroht", wobei sich in den Wirtschaftswissen-
schaften "Verlegenheit oder doch zum mindesten Unsicherheit" zeige, "wenn
wir die unheimlich Hartnäckigkeit und den rückfälligen Charakter der Krise er-
klären sollen. " 25 Röpke verstand sich in diesem Meinungsstreit als Vertreter ei-
ner dritten Gruppe, die er ebenso "in kühler Distanz zu neurotischen Untergangs-
theorien aller Art" verstanden wissen wollte, wie er "ein passives Geschehenlas-
sen"26 der klassischen Gleichgewichtstheorie nicht länger gelten lassen mochte-
bei aller Übereinstimmung mit den Grundsätzen der liberalen Traditionalisten,
die er dabei immer wieder betont hat. Schließlich "wollen (wir) nichts zu schaffen
haben mit der Behauptung vom Ende des Kapitalismus und der Weltwirtschaft."27
Das Kernstück von Röpkes ökonomischer Analyse der Weltwirtschaftskrise
hob auf die Behauptung einer "sekundären Krise" 28 ab, die in Folge der norma-
len "primären Krise" ab 1931 einen verhängnisvollen "circulus vitiosus" in Gang
gebracht habe, der "einen Prozess kumulativen Niedergangs in Bewegung ge-
setzt (hat). " 29 Die damit einher gehende Deflation unterscheide sich von der
gängigen Deflation einer "primären Krise" und könne deshalb nicht als normaler
Reinigungs- und Anpassungsprozeß hingenommen werden. Bei der "sekundären
Deflation", wie Röpke sie nannte, könne man weder von einer Politik derbe-
wußten Geldwertsteigerung sprechen, noch sei das Sinken des Preisniveaus der
entscheidende ökonomische Indikator. Röpke analysierte statt dessen einen all-
gemeinen Nachfragerückgang, der zusammen mit dem Fall der Einkommen und
der Produktion zu einer gewaltigen Kontraktion der Volkswirtschaft führen
mußte. "Diese Nachfragekontraktion steht durchaus im Vordergrunde; sie ist die
eigentliche causa movens der sekundären Deflation." Ihre Ursache "kann man
auf die kurze Formel bringen, daß Einkommensbildung und Einkommensverwendung
weit auseinanderklaffen und damit eine Grundvoraussetzung wirtschaftlichen Gleich-
gewichts immer wieder vereitelt wird." 30 Röpke war sich dabei der theoretischen
Nähe zum Keynes'schen Spar- und Investitionsproblem bewußt, lehnte aber

24 Wilhelm Röpke, Die sekundäre Krise und ihre Überwindung, in: Econonomic Essays. In
honour of Gustav Cassel, London 1933, S. 553-568
25 Ebenda, S. 554; Herv. im Original
26 Ebenda, S. 556; schon hier deutet sich bei Röpke die Position vom ,Dritten Weg' an.
27 Ebenda
28 Röpke stand mit dieser Terminologie nicht alleine, er war aber einer der prominentesten Ver-
treter dieser Definition: Die Besonderheit der soziökonomischen Situation habe man "vielfach
dadurch zum Ausdruck bringen wollen, daß man von der ,Konjunkturkrise' oder ,Stockung'
bis 1931 sprach und dieses Phänomen abhob von der ,Strukturkrise', der ,sekundären
Deflation' oder der eigentlichen ,Weltwirtschaftskrise' der Jahre 1931/32." Knut Borchardt,
Wachstum und Wechsellagen 1914-1970, a.a.O., S. 707
29 Wilhelm Röpke, Die sekundäre Krise und ihre Überwindung, a.a.O., S. 556 f.
30 Ebenda, S. 560 f.; Herv. im Original

31
dessen wirtschaftspolitische Schlußfolgerungen bereits zu diesem Zeitpunkt ent-
schieden ab. Sein Dilemma bestand nun darin, welche Konsequenzen aus der
mit Keynes geteilten Analyse der Situation, daß die ungenutzten Produktionsres-
sourcen die Bevölkerung ohne wirtschaftspolitische Gegenmaßnahmen zum
Verhungern verdammen, zu ziehen seien. Der politische Preis für eine restrikti-
ve Wirtschaftspolitik, also die passive Herstellung eines Gleichgewichts auf nied-
rigstem Niveau, schien ihm zu hoch. Zwar führe auch dieser Weg "zu einer Lö-
sung,- nur mit dem Unterschied, daß einige Tausende mehr zum Gasschlauch
greifen, einige Tausende mehr in politischen Straßenkämpfen ihr Leben verlie-
ren und die allgemeine Verarmung und die Hoffnungslosigkeit der Arbeitslosen
im Verein mit der allgemeinen Hysterie der Massen die Fundamente des Staates
und der Gesellschaft erschüttern." 31 Die Schwere der ökonomischen Krise und
die unabsehbaren politischen Folgen würden zeigen, "daß keine andere Form
der Überwindung der Krise denkbar ist als die( ...) Form der Reexpansion." 32
Auch wenn Röpke dabei betont, daß es zur Aufrechterhaltung einer indivi-
duell ausgerichteten Wirtschaftsordnung keine zivilisatorische Alternative gebe,
so ist dem Text anzumerken, wie der Druck der ökonomischen Verhältnisse und
der politischen Instabilität das Denkgebäude eines der renommiertesten Ökono-
men der Weimarer Republik33 durcheinander gewirbelt hat. Seine Analyse führt
ihn schlußendlich zu der "Überzeugung, daß wir unser Wirtschafts- und Sozial-
system in die größte Gefahr bringen, wenn wir die in ihm ruhende ungeheure
Kraft der Reichtumsschaffung verrotten lassen."34 Es ist die Angst um die Zu-
kunft der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die in ihm die Einsicht in eine
Ausweitung einer staatlichen Wirtschaftspolitik erweckt und das Problem der
mangelnden effektiven Nachfrage ins Zentrum stellt. Allerdings ist die Siche-
rung einer individualistisch geprägten Wirtschaft für Röpke nicht allein ein
Gebot der ökonomischen Vernunft, sondern zugleich die unbedingte Voraus-

31 Ebenda, S. 565
32 Ebenda, S. 566; auf S. 567 heißt es: "Als ein Ausweg aus dem Dilemma erscheint nur eine
wohlabgewogene Verbindung der Auflockerungspolitik (Ausgabenbeschränkung, Steuerent-
lastung, Deregulierung etc.; Anm. R.P.) mit einer Politik der Reexpansion." Bemerkenswert ist
dabei, daß diese Formulierung in leicht modifizierter Form über sechzig Jahre später Einzug in
die wirtschaftspolitische Orientierungssuche der (west)europäischen Sozialdemokratie hält,
etwa bei Anthony Giddens für Großbritannien oder Bodo Hornbach für Deutschland.
33 Zum Wirken Röpkes in der Schlußphase der Weimarer Republik, insbesondere zu seiner Funk-
tion als "inoffizieller Sprecher" der sogenannten Brotms-Kommission zur Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit vgl. Friedrich August von Hayek u.a., Wilhelm Röpke - Einleitende Bemer-
kungen, a.a.O., S. XII f.; Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirt-
schaft, a.a.O., S. 46-48; anders: Roland Hahn, Wilhelm Röpke, Denker der Freiheit, Bd. 2,
Liberales Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung (Hrsg.), Sankt Augustin 1997, S. 14:
"Obwohl Wilhelm Röpke schließlich für kurze Zeit einer der wirtschaftspolitischen Berater
der Regierung Brüning war, blieb sein Einfluß insgesamt gering." Hahn ist hier offensichtlich
bemüht, den zu diesem Zeitpunkt nachfrageorientierten Standpunkt Röpkes und sein
Eintreten für eine - zeitlich auf die von ihm geprägte Begrifflichkeit der Initialzündung
begrenzte - staatliche Konjunkturpolitik unbeachtet zu lassen.
34 Wilhelm Röpke, Die sekundäre Krise und ihre Überwindung, a.a.O., S. 568

32
setzung für zivilisatorischen Fortschritt, den er ausschließlich in der abendländi-
schen Kulturgeschichte beheimatet sieht- eine Denkfigur, die in seinen späteren
kulturkritischen Arbeiten eine herausragende Stellung erhalten wird.
Dieser Text von Röpke ist also nur insofern den ordoliberalen Gründungs-
texten zuzuordnen, als er die Notwendigkeit einer aktiven staatlichen Wirt-
schaftspolitik explizit hervorhebt und die Marktwirtschaft kulturalistisch begrün-
det, d.h. als quasi unumstößliches Ergebnis menschlicher Zivilisation darstellt.
Demgegenüber steht die Betonung des Nachfrageproblems im deutlichen
Gegensatz zur weiteren ordoliberalen Theorieentwicklung, die später so von
Röpke nicht wieder aufgegriffen wurde. 35

2.2.2 Eucken und Rüstow: Von der Kritik am Interventionsstaat zum Plädqyer
für den ,starken Staat'

Der wohl bedeutendste Gründungstext für die Entstehung des Ordoliberalismus


dürfte Euckens Staatliche Strukturwandlungen und die Krisis des Kapitalismus von 1932
sein, der auch heute noch als maßgeblicher Orientierungspunkt des
Ordoliberalismus fortwirkt. 36 Eucken entwarf hierin ein Krisenszenario, in dem

35 Bemerkenswert ist, daß der Aufsatz Die .rekundiire Krise und ihre Überwindung weder in der von
Röpke 1962 selbst herausgegebenen Aufsatzsammlung Wirrnis und Wahrheit noch in dem 1959
von Albert Hunold herausgegebenen Gegen die Brandung. Zeugnisse eines Gelehrtenlebens unserer Zeit
Berücksichtigung fand.
36 Im ORDO-Jahrbuch 1997, das sich im thematischen Schwerpunkt dem 50-jährigen Jubiläum
der Sozialen Marktwirtschaft widmet, wurde Euckens Text aus dem Jahre 1932 erneut voll-
ständig abgedruckt. In der Vorbemerkung der ORDO-Schriftleitung heißt es: "Die deutsche
Gegenwart unterscheidet sich davon (der Endphase der Weimarer Republik; Anm. R.P.) vor
allem durch die wirtschaftlichen Reserven, die sie einer langen Wiederaufbauphase in der Zeit
Ltdwig Erhards und einem davon ausgehenden Wirtschaftswachstum verdankt. Diese Reserven
erlauben es einstweilen noch, ähnliche Krisenerscheinungen zu überbrücken, wie sie 1932 in
den Vordergrund gerückt waren, nämlich eine auf die Dauer unerträgliche Arbeitslosigkeit und
eine Krise des Fiskal- und Sozialstaates. Trotzdem sind die Aussagen Euckens bei allem zeitge-
bundenen Kolorit für die nicht mehr länger hinwegzudisputierende Ordnungskrise der Bun-
desrepublik Deutschland im Grundsatz ebenso zutreffend wie für seine Zeit." In völliger Um-
kehrung zu den gegenwärtigen Haupttendenzen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik Deutsch-
lands und der übrigen industriellen Kernländer sieht die ORDO-Schriftleitung "ähnlich wie
am Ende der Weimarer Republik Kräfte in den Vordergrund (kommen), die zu einer Über-
windung der marktwirtschaftliehen Organisation und der in ihr enthaltenen neoliberalen An-
teile drängen." Es könne nicht genug auf die Gefahren hingewiesen werden, "die in vielen
westlichen Demokratien von einem vielregierenden, dadurch geschwächten und den Interes-
sengruppen ausgelieferten Interventionsstaat ausgehen. Es ist die Aufgabe zu lösen, die Staats-
autorität wiederherzustellen und zugleich ihrem Mißbrauch vorzubeugen." ORDO, Bd. 48,
1997, S. 3 f.; Herv. im Original. Acht Jahre vorher bewertete Willi Meyer Euckens Text von
1932 als "eine aufschlußreiche Analyse der innenpolitischen und außenpolitischen (Fehl-)Ent-
wicklungen in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. (... ) Seine Analysen der Politik nehmen ge-
wisse- naheliegende- Ideen der modernen politischen Ökonomie vorweg." Willi Meyer, Ge-
schichte und Nationalökonomie: Historische Einbettung und allgemeine Theorien, in: ORDO,
Bd. 40, 1989, S. 31-54, hier S. 45

33
er die Weltwirtschaftskrise und ihre Folgen ausschließlich aus der Perspektive
nationaler Ordnungspolitik betrachtete, ohne auf makroökonomische Problem-
stellungen und Erklärungsversuche überhaupt nur ansatzweise einzugehen.
Einen grundsätzlichen Mangel an wirtschaftlicher Dynamik vermochte er trotz
aller Krisenerscheinungen im entwickelten Kapitalismus genauso wenig
erkennen, wie er das prinzipielle Fehlen innovativer Unternehmer bestritt. Auch
die vom ihm beklagte Tendenz zu wirtschaftlicher Konzentration durch mono-
polistische Industriezweige sah Eucken keineswegs als Problem kapitalistischer
Entwicklungsdynamik. Für ihn ging es "um einen ganz anderen Tatsachen-
komplex'<,37 nämlich das Phänomen einer historisch-politischen Entwicklung
zum sogenannten "Wirtschaftsstaat", in dem durch politisch motivierte Inter-
ventionen die Kräfte des Wettbewerbs innerhalb der Gesellschaft lahmgelegt
würden, weil "die Peitsche der Konkurrenz" 38 abhanden gekommen sei.
Wie nun war es zu dieser Entwicklung zum "Wirtschaftsstaat" gekommen,
dessen wichtigstes Merkmal für Eucken die Aufhebung des Dualismus von Staat
und Gesellschaft war und was machte seine neue Qualität gegenüber den vorhe-
rigen Entwicklungsstufen der kapitalistischen Entwicklung aus? Eucken war kein
liberaler Utopist. Er gestand dem merkantilen Staat durchaus eine aktive Rolle
bei der Durchsetzung einer liberalen Wirtschaftsordnung zu, indem dieser als
"Anreger und Träger des ökonomischen Fortschritts"39 wirkte. Der Interventio-
nismus des Merkantilismus war allerdings aus der Sicht Euckens nur deshalb ak-
zeptabel, weil er ausschließlich von der Verfolgung eines übergeordneten Staats-
interesses getragen wurde, wie auch die wirtschaftspolitischen Eingriffe des
Konservativen Bismarck in der Phase der Industrialisierung ein "Interventionis-
mus der Staatsräson"40 waren. Bismarcks Verlassen des liberalen Weges in der
Sozialpolitik, selbst seine gegen das liberale Dogma des Freihandels gerichtete
Schutzzollpolitik galten für Eucken als gerechtfertigt, weil sie im Rahmen eines
großen Ganzen standen, einer wie im Merkantilismus autoritär durchgesetzten
"Gesamtpolitik" für ein übergeordnetes Gemeinwohl. Eucken gestand hier zu-
mindest indirekt ein, daß auch aus liberaler Sichtweise bestimmte Eingriffe in die
Wirtschaftspolitik notwendig sind, die allerdings bestimmten Bedingungen genü-
gen müßten; eine Position, die Rüstow zum gleichen Zeitpunkt mit seiner For-
derung nach einer "dritte(n) Art des Verhaltens" in Abgrenzung zum "alten Li-
beralismus" und zum "reaktionären Interventionismus" der Weimarer Regierun-
gen als "liberalen Interventionismus" 41 schon deutlicher artikuliert hatte. In sei-

37 Walter Eucken, Staatliche Strukturwandlungen und die Krisis des Kapitalismus, a.a.O., S. 301
38 Ebenda, S. 298
39 Ebenda, S. 302
40 Ebenda, S. 303
41 Alexander Rüstow, Interessenpolitik oder Staatspolitik?, a.a.O., S. 170; an dieser Stelle definiert
Rüstow auch den neuen "liberalen lnterventionismus": "Das wäre ein Eingreifen in genau der
entgegengesetzten Richtung, als in der bisher eingegriffen worden ist, nämlich nicht entgegen
den Marktgesetzen, sondern in Richtung der Marktgesetze, nicht zur Aufrechterhaltung des

34
ner späteren Ordnungstheorie setzte Eucken an die Stelle der Leitlinie "Gesamt-
politik" den Begriff der "Interdependenz der Ordnungen", die den ganzheit-
lichen Rahmen eines ordoliberalen Interventionismus abstecken sowie den inte-
ressengebundenen Interventionismus der Weimarer Republik überwinden sollte.
Den Wechsel von dem konstruktiven Interventionismus der absolutisti-
schen Herrscher des Merkantilismus und des autoritären Staatsmanns Bismarcks
hin zum destruktiven, weil punktuellen Interventionismus des "Wirtschafts-
staates" sah Eucken darin begründet, daß "aus der gesamten deutschen Politik
die zentrale, alle ihre Einzelgebiete - also auch der Wirtschaftspolitik -
beherrschende politische Idee, die Kraft und der beherrschende Wille (verschwand)." 42
Eucken war offensichtlich beeindruckt von der Machtfülle der Herrscher im
aufgeklärten Absolutismus und der herausgehobenen Stellung des Reichs-
kanzlers im Kaiserreich, die es der jeweiligen Staatsführung ermöglichte, wirt-
schaftspolitische Grundsätze mit kompromißloser Strenge auch gegen alle
politischen Widerstände durchzusetzen. 43 Er erkannte aber auch, daß es dem
entwickelten Kapitalismus zu Beginn der dreißiger Jahre nicht zuletzt an einer
ideologischen Klammer gegen die zu dieser Zeit viel diskutierten desintegrie-
renden Folgen der Marktwirtschaft fehlte, denn das allgemeine Wohlstands-
versprechen des klassischen Liberalismus ließ sich vor dem Hintergrund der
Inflation zu Beginn der zwanziger Jahre und der Weltwirtschaftskrise kaum
mehr aufrecht erhalten. Gleichzeitig beklagte Eucken bitterlich die Verschiebung
der politischen Macht in der Entwicklung zur modernen Industriegesellschaft -
weg von der absoluten staatlichen Autorität hin zu den verschiedenen Trägern
der neu entstandenen sozialen Kräfte. Es ist dabei paradox, zumindest aber
inkonsistent, wenn das durch die Marktgesellschaft selbst induzierte Freisetzen
individueller Interessen quer durch alle sozialen Schichten zum eigentlichen
Kern des Verfallsprozesses zum "Wirtschaftsstaat" erklärt wird. "Die Wirt-
schaft" - für Eucken in diesem Zusammenhang ein negativer Sammelbegriff für
die Artikulation sozioökonomischer Interessen durch widerstreitende Verbände
- "begann die Führung in dem Verflechtungsprozeß von beiden (Staat und
Wirtschaft; Anm. R.P.) zu übernehmen." 44
Damit zeichnet sich ein wesentliches Dilemma der ordoliberalen Theorie
bereits ab: Während der ökonomische Fortschritt moderner kapitalistischer Pro-
duktion uneingeschränkt befürwortet wird, werden die soziologischen Verschie-

alten, sondern zur Herbeiführung eines neuen Zustandes, nicht zur Verzögerung, sondern zur
Beschleunigung des natürlichen Ablaufs". Ebenda
42 Walter Eucken, Staatliche Strukturwandlungen und die Krisis des Kapitalismus, a.a.O., S. 303;
Herv. durch R.P.
43 Kirchgässner spricht in diesem Zusammenhang vom "Bild des wohlmeinenden Diktators",
auf das sich das ordoliberale Denken stützt. Gebhard Kirchgässner, Wirtschaftspolitik und Po-
litiksystem: Zur Kritik der traditionellen Ordnungstheorie aus der Sicht der neuen Politischen
Ökonomie, in: Dieter Cassel/Bernd-Thomas Ramb/H. Jörg 1bieme (Hrsg.), Ordnungspolitik,
München 1988, S. 53-75, hier S. 59
44 Walter Eucken, Staatliche Strukturwandlungen und die Krisis des Kapitalismus, a.a.O., S. 303

35
bungenund sozialen Folgen in der Gesellschaft durch die veränderten Produk-
tionsverhältnisse ebenso wenig akzeptiert wie die Veränderungen der politischen
Entscheidungsstrukturen - dem ökonomischen Modernismus wird ein soziolo-
gisch-politisches Denken in traditionellen Kategorien beiseite gestellt. Folgerich-
tig können die sozioökonomischen Interessenkonflikte "nicht in einer Ver-
schlechterung ihrer (der Massen; Anm. R.P.) Lebenshaltung durch den Kapitalis-
mus gesucht werden" und sind ebensowenig in einer "Verschärfung der Gegen-
sätze von Reichtum und Arbeit zu finden." 45 Eucken interpretierte die
Grundlage sozialer und politischer Konflikte als ein irrationales "Phänomen, das
nur aus der seelischen Lage des modernen Menschen" erklärt werden könne,
sah ihre Ursachen in dem "Zusammenbruch einer überkommenen Lebensord-
nung".46 Das wichtigste Symptom für diesen "Zusammenbruch" sah Eucken in
einer überzogenen Erwartungshaltung gegenüber dem Staat, die im Zuge der
Entwicklung zum "Wirtschaftsstaat" zu einem allgemeinen Glaubensgrundsatz
mit quasi religiösem Bestand geworden sei. "Heute ist es der Glaube an den
Staat, und zwar an den totalen, alles beherrschenden Staat, der weitgehend zum
Religionsersatz geworden ist; im totalen Staat der Zukunft wird heute von vielen
Deutschen ein übermenschliches, alles vermögendes Wesen gesehen." 47
Damit war das zentrale Feindbild des Ordoliberalismus deutlich verortet:
Der ,totale Staat', der in der ordoliberalen Interpretation wie in der Staatstheorie
Carl Schrnitts48 - auf den sich die Ordoliberalen der Weimarer Republik immer
wieder beriefen - eigentlich ein schwacher Staat ist, weil er den Interessengrup-
pen der pluralen Gesellschaft willenlos ausgeliefert sei. "Die Erscheinung", hebt
Rüstow in einem Dissussionsbeitrag vor der Dresdner Tagung des Vereins fürS o-
cialpolitik 1932 mit besonderer Deutlichkeit hervor, "die Carl Schmitt im An-

45 Ebenda, S. 305
46 Ebenda
47 Ebenda, S. 306
48 Schmitt legte die zwei Seiten des ,totalen Staates' in seinem bekannten Vortrag vor dem Lang-
namverein der rheinischen und westfalischen Industriellen 1933 dar. Er unterschied zwischen
dem totalen Staat, der "ein besonders starker Staat (ist). Er ist Iota/ im Sinne der Qualiliü und der
Ener;gie, so wie sich der faschistische Staat einen ,stato totalitario' nennt, womit er zunächst sa-
gen will, daß die neuen Machtmittel ausschließlich dem Staat gehören und seiner Machtsteige-
rung dienen. Er denkt nicht daran, die neuen Machtmittel seinen eigenen Feinden und Zerstö-
rern zu überliefern und seine Macht unter irgendwelchen Stichworten, Liberalismus, Rechts-
staat oder wie man es nennen will, untergraben zu lassen. Er kann Freund und Feind unter-
scheiden. (... ) Nun gibt es aber noch eine andere Bedeutung des Wortes vom totalen Staat,
und das ist leider Gottes diejenige, die für die Zustände des heutigen Deutschlands zutrifft.
Diese Art totaler Staat ist ein Staat, der sich unterschiedslos auf alle Sachgebiete, alle Sphären
des menschlichen Daseins begibt, der überhaupt keine staatsfreie Sphäre mehr kennt, weil er
überhaupt nichts mehr unterscheiden kann. Er isl /ola/ in einem "'in quanlilalit'Cn Sinne, im Sinne
des bloßen Volumens, nicht der lnlensilälund der politischen EnefJ!,ie. Das ist allerdings der deutsche
Parteienstaat (... ) Der heutige deutsche Staat ist Iota/ aus Schwiiche und Widerstandslosigkeit, aus
der Unfahigkcit heraus, dem Ansturm der Parteien und der organisierten Interessen
standzuhalten." Carl Schmitt, Starker Staat und gesunde Wirtschaft. Ein Vortrag vor Wirt-
schaftsführern, in: Volk und Reich, Heft 2, 1933, S. 81-94, hier S. 84; Herv. im Original

36
schluß an Ernst Jünger den ,totalen Staat' genannt hat (...) ist in Wahrheit das ge-
naue Gegenteil davon: nicht Staatsallmacht, sondern Staatsohnmacht. Es ist ein
Zeichen jämmerlichster Schwäche des Staates, einer Schwäche, die sich des ver-
einten Ansturms der Interessentenhaufen nicht mehr erwehren kann. Der Staat
wird von den gierigen Interessenten auseinandergerissen. (...) Was sich hier ab-
spielt, staatspolitisch noch unerträglicher als wirtschaftspolitisch, steht unter dem
Motto: ,Der Staat als Beute'."49
Dahinter verbarg sich bei Eucken wie bei Rüstow eine kaum verhüllte
Kritik an der Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft durch die
Ereignisse von 1918/19, die in der Weimarer Reichsverfassung ihren Nieder-
schlag gefunden hatte. 50 Beide sahen in der Einführung der parlamentarischen
Demokratie jenen Dualismus von Staat und Gesellschaft aufgehoben, der aus
ihrer Sicht bis dato ein Gleichgewicht zwischen Regierungsgewalt und freien
Individuen gewährleistet hatte und nun den Staat zum Werkzeug der Verbände,
vor allem aber der Parteien, habe werden lassen. Kritisiert wurden die Grund-
lagen des modernen Parlamentarismus: Mit der Möglichkeit des Parlamentes
unmittelbaren Einfluß auf die Politik der Regierung im allgemeinen und die
Gesetzgebung im besonderen auszuüben, also über direkte Macht zu verfügen,
wurde die aus ordoliberaler Sicht sinnvolle Beschränkung parlamentarischer
Aufgaben auf die Kontrolle der Regierung aufgehoben. Indem die Regierung
von den Parteien und damit von den Wählermassen abhängig wurde, fehlte es
ihr an Autorität und Durchsetzungskraft in der Gesellschaft. Statt dessen be-
ruhte die Regierungsgewalt nach 1919, wie Rüstow schon 1929 in einem Vortrag
an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin analysierte, "auf dem Prinzip
des Kuhhandels." 51 Rüstow attackierte die Suche nach politischen Kompromis-
sen im Rahmen des Weimarer Verfassungsstaates als Flucht vor politischer Ver-
antwortung, die Politik und Staat handlungsunfähig werden lasse, so daß "hier

49 Alexander Rüstow, Interessenpolitik oder Staatspolitik?, a.a.O., S. 171; mit einem sehr ähn-
lichen Akzent heißt es in Müller-Armacks Entwick!ung.rgesel'lf(n) des Kapita!ismu.r (a.a.O., S. 196
f.): Den zunehmenden Einfluß von Parteien und Verbänden auf die Wirtschaftspolitik des
Staates "gibt der Terminus Interventionsstaat nur ungenau wieder, da er nur auf die eine Seite
des Vorganges, eben die Ausdehnung der Staatstätigkeit hinweist, aber die andere Seite, daß
dieser Staat selbst völlig von wirtschaftlichen Interessengruppen her ergriffen wird,
verschweigt. Carl Schmitt hat für dieses Doppelverhältnis das freilich auch wieder mißver-
ständliche Wort ,Totaler Staat' geprägt. Wenn man sich darüber klar ist, daß dieser Staat die
Spannung zweier Systeme immer noch in sich erhält, zum Teil direkt verschärft, daß er also
insofern alles andere als eine totale Verschmelzung der bisherigen Gegensätze bedeutet, mag
man diesen Terminus wählen oder vielleicht einfacher von einem interventionistischen
Parteienstaat reden."
50 Willgerodt ist um Relativierung der frühen ordoliberalen Demokratiekritik bemüht: "Es geht
also nicht um radikale Ablehnung des Pluralismus, sondern um die vom liberalen Standpunkt
aus falsche Art der politischen Mitwirkung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Gruppen."
Hans Willgerodt, Die Liberalen und ihr Staat, a.a.O., S. 48
51 Alexander Rüstow, Diktatur innerhalb der Grenzen der Demokratie, Dokumentation des
Vortrages und der Diskussion von 1929 an der ,Deutschen Hochschule für Politik', in:
Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 7.Jg., Heft 1,1959, S. 85-111, hier S. 91

37
die Dinge unendlich langsam gehen (...) als sei Deutschland das Land der unbe-
grenzten politischen Unmöglichkeiten." 52 Sein Vortrag konzentrierte sich hier
noch auf die Frage - auch in diesem Punkt stützte sich Rüstow auf die Argu-
mentation von Carl Schmitt53 - wie bei Beachtung der Reichsverfassung das
Prinzip staatlicher Führung gegen die parlamentarische Demokratie gestärkt
werden könnte. Seine Überlegungen führten Rüstow zum Vorschlag einer Art
Kanzlerdiktatur, die dem Reichskanzler die Möglichkeit eröffnen sollte, "inner-
halb gewisser Grenzen Maßnahmen zunächst einmal durchzuführen, aber dann,
da die Demokratie aufrecht erhalten werden soll, sich stellen zu müssen."
Rüstow war zu diesem Zeitpunkt offensichtlich überzeugt vom plebiszitären
Führerprinzip, betonte aber zugleich, daß es sich um "eine befristete Diktatur"
handeln müßte, "sozusagen eine Diktatur mit Bewährungsfrist. " 54

2.2.3 Ein erster Eckpfeiler ordolibera/er Programmatik: Begren::;?mg von


Parlamentarismus und Masseneinfluß

Der Zweck dieser ersten staatspolitischen Korrekturvorschläge des frühen Or-


doliberalismus, die Loslösung der Regierungsgewalt vom Einfluß des Parla-
ments, hatte einen im Prinzip sehr einfachen materiellen, sprich wirtschaftspoli-
tischen Gehalt. Es ging im Kern darum, im klassisch liberalen Sinne die wirt-
schaftliche Tätigkeit des Staates auf ein Minimum zurückzufUhren. Betriebe, die
in Folge der Sozialisierungsdiskussion nach der Novemberrevolution unter staat-
liche Kontrolle geraten waren, sollten privatisiert, die staatlichen Ausgaben, vor
allen Dingen im Sozialbudget, deutlich reduziert und die Unternehmen von den
Steuerbelastungen weitgehend befreit werden. Das Problem bestand nun auf der
Ebene der Realpolitik darin, daß sich für diese Vorhaben kaum politische Mehr-
heiten finden ließen, so daß der Parlamentarismus zum eigentlichen Problem der
Ordoliberalen wurde. Zwar erhoffte sich Eucken von "einer strengen theore-
tisch-ökonomischen Schulung" 55 der Bevölkerung mehr Verständnis für die
eigenen wirtschaftspolitischen Überzeugungen, dennoch überwog das Mißtrauen
gegenüber den Einsichtsfahigkeiten der ,Masse'.
Der Begriff ,Masse' stand und steht -mit gewissen sprachlichen Modiftkati-
onen - auch heute noch bei den Ordoliberalen als Synonym für eine nicht gebil-
dete, unzivilisierte, an primitiven Urinstinkten orientierte Bevölkerungsmehrheit,

52 Ebenda, S. 94
53 Dagegen sieht Reuter zwar eine Übereinstimmung der neoliberalen Gründungsmanifeste mit
der Schmitt'schen Staatsanalyse, "dessen Therapie vollzogen sie aber nicht mit." Für ihn
"(liegt) der Unterschied auf der Hand: Rüstow forderte die Rückkehr zum liberalen Staat, der
zusätzlich aber auch den Wettbewerb durch die Aufstellung der ,Spielregeln' und die Über-
wachung ihrer Einhaltung schützen soll." Hans-Georg Reuter, Genese der Konzeption der
Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O., S. 72
54 Alexander Rüstow, Diktatur innerhalb der Grenzen der Demokratie, a.a.O., S. 99
55 Walter Eucken, Staatliche Strukturwandlungen und die Krisis des Kapitalismus, a.a.O., S. 320

38
die sich und die zivilisierte Welt ins Verderben stürzt, wenn sie nicht durch eine
starke, durchsetzungsfähige Elite geführt wird. Wenn die frühen Ordoliberalen
wie Eucken, Rüstow, aber auch Röpke zu Beginn der dreißiger Jahre von
,Masse' sprachen, sich dabei aufOrtegay Gassets Der Aufstand der Massen 56 stüt-
zend, taten sie dies aus einem Gefühl tiefster Verachtung gegenüber dem Kol-
lektivgedanken, in dem die Vorstellung von einem eigenständigen politischen
Denken und Handeln der Bevölkerungsmehrheit keinen Platz hatte. Individua-
lität und Subjektivität waren für sie prinzipiell an einen bürgerlichen Status ge-
bunden. Rüstow glaubte gar in dem bereits erwähnten Plädoyer für einen auto-
ritären Verfassungsstaat eine weit verbreitete Stimmung erkannt zu haben, nach
der das eigentlich authentische Bedürfnis der ,Masse' darin bestünde, "anständig
geführt zu werden." 57 Eucken sah in der Demokratisierung den Sieg der
"chaotischen Kräfte der Masse", durch die "jede ordnende Kraft aus dem Völ-
kerleben verschwand." 58 Sie galt ihm als die eigentliche Ursache, sowohl für die
innen- wie die außenpolitische Instabilität, aber auch der ökonomischen Störun-
gen nach dem ersten Weltkrieg. "Wie die innere Struktur der Staaten in erster
Linie unter dem Druck der Massen umgestaltet wurde, und so der heutige Wirt-
schaftsstaat entstand, ist auch das überkommene Staatensystem gerade infolge
des wachsenden Einflusses der Massen zerstört worden. " 59 Eucken analysierte
nicht, er entwarf ein Untergangsszenario, an dessen Ende aus der Enge seiner
Argumentation nur totales Chaos oder die Befreiung des Staates vom Einfluß
der Massen stehen konnte. Die Rücknahme der politischen Reformen ab 1918
erschien ihm als unabdingbare Voraussetzung zur gedeihlichen Entwicklung des
Kapitalismus, die Forderung nach Revitalisierung der "alten ordnenden Prinzi-
pien"60 konzentrierte sich 1932 deshalb auf die Struktur des politischen Systems.
Mehr noch als Eucken rückte Röpke in seinem 1933 erschienenen Aufsatz
Epochenwende? das Phänomen der Massenfrage in den Mittelpunkt seiner Be-
trachtungen. Im Gegensatz zu seinem oben diskutierten Beitrag zur ,sekundären
Krise' ging es Röpke hier nicht um eine ökonomisch-rationale Auseinander-
setzung mit der Weltwirtschaftskrise und ihren Folgen, sondern darum, den
Beweis anzutreten, daß "objektiv-materiell keinerlei Grund für die Annahme
(besteht), daß die gegenwärtige Weltkrise einen Untergang des bestehenden
Wirtschafts- und Gesellschaftssystems und eine Wende zu einer neuen ge-

56 Jose Ortegay Gasset, Der Aufstand der Massen (spanische Originalausgabe: La rebeli6n de las
masas, Madrid 1930), Harnburg 1956
57 Alexander Rüstow, Diktatur innerhalb der Grenzen der Demokratie, a.a.O., S. 102
58 Walter Eucken, Staatliche Strukturwandlungen und die Krisis des Kapitalismus, a.a.O., S. 312
59 Ebenda
60 Ebenda

39
schichtliehen Epoche eingeleitet hat." 61 Der Text ist im Kern eine Verteidi-
gungsschrift liberaler Prinzipien, die Röpke durch die "rücksichtslos zur Macht
drängenden Massen" 62 bedroht sah. Dabei schien es für ihn unerheblich zu sein
für welches Ziel eine Massenbewegung eintrat, auch wenn er hier vor allem vor
dem nationalsozialistischen Drängen zur Macht warnte. Röpke sah in jeder
Massenbewegung eine Gefahr für die liberale Gesellschaftsordnung, die er als
die über zwei Jahrtausende alte Grundlage der abendländischen Kultur
charakterisierte. 63 Tatsächlich hatte diese univeralgeschichtliche Einordnung des
Liberalismus und die Hervorhebung seiner kulturellen Dimension für die Ent-
wicklung der Zivilisation vor allen Dingen den Zweck, das Bedrohungsszenario
durch die zersetzende ,Masse' als besonders gravierend darzustellen. Denn
Röpke stellte eindeutig klar, daß der von ihm zur Verteidigung ausgerufene
Liberalismus zuvorderst auf dem Grundsatz negativer Freiheit fußt 64 und daß
die wirtschaftliche Freiheit das unumstößliche Zentrum des Liberalismus ist. So
wäre zwar ein illiberales System mit Wirtschaftsfreiheit vereinbar, "aber daß ein
liberales Land die Wirtschaftsunfreiheit zum Prinzip erheben könnte, ist zu
vemeinen." 65 Der Kern von Röpkes Sorgen um die Zukunft des Liberalismus
konzentrierte sich somit auf das Fortbestehen eines kapitalistischen Wirtschafts-
systems, hierin an erster Stelle die Untrennbarkeit von "Liberalismus und Privat-
eigentum. " 66 Alle anderen Errungenschaften des liberalen Gedankens ordnete er
diesem Hauptziel unter 67

61 Wilhelm Röpke, Epochenwende?, a.a.O., S.106; die Zuordnung dieses Textes ist aus den
bibliographischen Angaben in Röpkes Aufsatzsammlung Wirrnis und Wahrheit nicht zu er-
schließen. Offensichtlich handelt es sich um einen Vortrag Röpkes vom 08.02.1933, der aus
neoliberaler Sicht ein früher Beleg für den Antitotalitarismus des ,neuen' Liberalismus darstellt.
Vgl. Friedrich August von Hayek u.a., Wilhelm Röpke - Einleitende Bemerkungen, a.a.O.,
S. XXVIII f.; Hans Willgerodt, Die Liberalen und ihr Staat, a.a.O., Fn. 8, S. 54
62 Ebenda
63 "Zuallererst haben wir einzusehen, daß der Liberalismus( ... ) keine Erfindung des 19. Jahrhun-
derts (... ) ist. Tatsächlich ist er um mindestens zwei Jahrtausende älter. Er bezeichnet ein kultu-
relles Kraftzentrum, das in allen Blüte-Perioden abendländischer Kultur wirksam gewesen ist
und von den Gedanken der besten aller Zeiten gespeist worden ist, mag auch die tiefe Unbil-
dung unserer Zeit nichts mehr davon wissen." Ebenda, S. 110
64 "Nicht das ,frei von etwas', sondern das ,frei zu etwas' ist das Entscheidende." Ebenda
65 Ebenda, S. 113
66 Ebenda
67 Herbert Marcuse hat diese Einengung liberalen Gedankengutes und ihre Folgen bereits 1934
in seinem bedeutenden Aufsatz Der Kampfgegen den Uberalismus in der totalitiiren Staatsauffassung
herausgearbeitet. "Bei aller strukturellen Verschiedenheit des Liberalismus und seiner Träger in
den einzelnen Ländern und Epochen bleibt die einheitliche Grundlage erhalten: die freie Ver-
fügung des individuellen Wirtschaftssubjektes über das Privateigentum und die staatlich-recht-
lieh garantierte Sicherheit dieser Verfügung. Alle ökonomischen und sozialen Forderungen des
Liberalismus sind wandelbar um dies eine stabile Zentrum - wandelbar bis zur Selbstaufhe-
bung." Denn, so fahrt Marcuse fort, "selbst gewaltsame Eingriffe der Staatsgewalt in das Wirt-
schaftsleben (sind) oft genug während der Herrschaft des Liberalismus geschehen, sobald es
die bedrohte Freiheit und Sicherheit des Privateigentums verlangte (... ). Der Gedanke der
Diktatur und der autoritären Staatsführung ist dem Liberalismus (... ) durchaus nicht fremd;

40
Um nun den schädlichen Einfluß der ,Masse' auf das liberale Wirtschafts-
system zurückzudrängen, setzte Röpke auf zweierlei: Zum einen mußte es gelin-
gen, "den Raum wirtschaftlicher und sozialer Freiheit innerhalb unseres Wirt-
schaftssystems zu erweitern und durch Diffusion des Besitzes eine weitgehende
,Entproletarisierung' zu erreichen." 68 Der Zweck solcher Maßnahmen sollte
darin bestehen, durch eine strukturelle Streuung von Kleinbesitz, etwa in Form
zinsgünstiger Kredite für Eigenheimerwerb, Volksaktien, Mitarbeiterbeteiligun-
gen etc., die sozialen Gegensätze im Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit zu
entschärfen, um so das kapitalistische Wirtschaftssystem in langer Frist zu stabi-
lisieren. Was Röpke hier erstmals als "Entproletarisierung" bezeichnet hatte,
fand allerdings erst in der ordoliberalen Nachkriegsprogrammatik der Sozialen
Marktwirtschaft als staatliche Mittelstandspolitik ihren konkreten Niederschlag.
Sie wurde zum Kernpunkt der Vorstellungen, mittels einer strukturierenden So-
zialpolitik das soziale Gefüge der Gesellschaft zu beeinflussen.
Andererseits ließ Röpke im Gleichklang mit Eucken und Rüstow keinen
Zweifel aufkommen, daß "es für den Bestand unserer Kultur keine größere Ge-
fahr als den totalen Machtanspruch des modernen Staates (gibt), dessen Ver-
wirklichung schließlich zur V erdorrung alles geistigen Lebens und damit auch
zur Verschüttung der letzten Kraftquelle des Staates selbst führen muß." 69 Zwar
sprach sich Röpke deutlicher als seine beiden späteren WeggeHihrten gegen völ-
kische Mythologie, Nationalismus und jungkonservative Gewaltphantasien als
irrational-ideologische Grundlage des ,totalen Staates' nationalsozialistischer Prä-
gung aus. Aber das grundsätzliche Problem sah er im "Vordringen der Massen",
das "eine Hauptursache des Illiberalismus ist."70 Ihren Einfluß zu stoppen, er-
schien ihm als zentrale Aufgabe liberalen Denken und Handelns, denn "diese
Masse steht im Begriff, den Garten der europäischen Kultur zu zertrampeln,
skrupellos, verständnislos. Kein Konservativer kann den Liberalen in der Über-
zeugung übertreffen, daß die Masse niemals aufbauen, sondern nur zerstören
kann und daß die Tyrannei der Masse die ärgste von allen ist, weil es ihrem We-
sen entspricht, für die Individualität auch nicht einen Funken des Verständnisses

und oft genug sind in der Zeit des pazifistisch-humanitären Liberalismus nationale Kriege ge-
führt worden. Die heute so verhaßten politischen Grundforderungen, die sich auf der Basis
seiner Wirtschaftsauffassung ergeben (wie Rede- und Pressefreiheit, volle Öffentlichkeit des
politischen Lebens, Repräsentativsystem und Parlamentarismus, Teilung bzw. Balancierung
der Gewalten) sind faktisch niemals ganz verwirklicht worden: sie wurden je nach der gesell-
schaftlichen Situation eingeschränkt oder ganz ausgesetzt." Herbert Marcuse, Der Kampf ge-
gen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung (Erstveröffentlichung 1934), in: Otto
Bauer/ ders./ Arthur Rosenberg u.a., Faschismus und Kapitalismus. Theorien über die sozialen
Ursprünge und die Funktion des Faschismus, neu herausgegeben von Wolfgang Abendroth,
Frankfurt am Main- Wien 1967, S. 39-74, hier S. 44
68 Wilhelm Röpke, Epochenwende?, a.a.O., S. 113
69 Ebenda, S. 121
70 Ebenda, S. 123

41
aufzubringen. " 71 Auch Röpkes Vorstellungen mußten so zwangsläufig darauf hi-
nauslaufen, die parlamentarische Demokratie zu beschränken, um das Funktio-
nieren einer freien Marktwirtschaft zu gewährleisten: "Wenn der Liberalismus
daher die Demokratie fordert, so nur unter der Voraussetzung, daß sie mit Be-
grenzungen und Sicherungen ausgestattet wird, die dafür sorgen, daß der Libe-
ralismus nicht von der Demokratie verschlungen wird. " 72
Es bestand also weitgehende Übereinstimmung unter den späteren Kory-
phäen des Ordoliberalismus, daß die zentrale Bedingung des ,neuen', modifizier-
ten Liberalismus in der Überwindung des ,Pluralismus' liegen mußte, was einen
starken, von parlamentarischen Einflüssen befreiten Staat voraussetzte. Dabei
blieb zunächst offen, welche konkreten Aufgaben dem Staat in der Organisation
der Wirtschaft beigemessen werden sollte, und mehr noch muß festgehalten
werden, daß das eigentliche ökonomische Programm merkwürdig verschwom-
men blieb. Soweit in den ordoliberalen Frühtexten die Empörung über die
veränderten gesellschaftlichen Bedingungen überhaupt abgelegt bzw. die Ana-
lyse als Bestandsaufnahme der Situation überschritten wurde, konzentrierten
sich die wenigen positiven Programmaussagen auf die Suche nach jener Organi-
sation des Staates, die einem "einheitlichen Gedanken und Willen" folgend das
"reine Staatsinteresse"73 repräsentiert. Rüstow brachte diese Vorstellungen in
seinem Diskussionsbeitrag von 1932 in bestechender Deutlichkeit auf den
Punkt: "Der neue Liberalismus (...) fordert einen starken Staat, einen Staat ober-
halb der Wirtschqft, oberhalb der Interessenten." Für liberale Toleranz blieb in dieser
Frage kein Platz, denn "wer sich zu diesem starken Staat bekennt, muß liberale
Wirtschaftspolitik wollen, und wer liberale Wirtschaftspolitik für richtig hält, muß
den starken Staat wollen. Eines bedingt das andere. " 74
Was bedeutete nun aber das ,reine Staatsinteresse' Euckens, wofür stand
Rüstows ,Staat oberhalb der Wirtschaft'? Eine konkrete Antwort blieben beide
schuldig, sie unterstellten lediglich die Existenz eines übergeordneten Gesamtin-
teresses in der modernen Gesellschaft, ohne über ein idealistisches Wollen hin-
aus zu kommen. Letztlich stützte sich die These von der ,neutralen' Instanz
Staat auf nichts anderes als ein ideologisches Konstrukt von Gemeinschaft, mit-
hin die Folge ihrer Sichtweise, nach der die realen wirtschaftlichen und sozialen
Probleme nicht aus den Bedingungen der Gesellschaft selbst, sondern nur als
Konsequenz fehlender politischer Führung und dem Mangel ideeller Gesamtori-
entierung interpretiert wurde. Damit war der Bedarf an ,ideologischem Kitt' of-
fensichtlich, den die Ordoliberalen zunächst in einem fast mystischen Rückgriff
auf die abendländische Wertetraditionen konstruierten, nach 1945 dann im Be-
kenntnis zum Christentum suchten, immer mit dem Ziel die Behauptung einer

71 Ebenda, S. 124
72 Ebenda
73 Walter Eucken, Staatliche Strukturwandlungen und die Krisis des Kapitalismus, a.a.O., S. 307
74 Alexander Rüstow, Interessenpolitik oder Staatspolitik?, a.a.O., S. 172; Herv. durch R.P.

42
"natürlichen Ordnung" 75 zu verteidigen. Dazu gehörte andererseits auch, jene
von Eucken geforderte ,strenge theoretisch-ökonomische Schulung' auf den
Weg zu bringen, was im wesentlichen nichts anderes bedeutete, als in der ,scien-
tific community' der Ökonomen nach Hegemonie zu streben und Schlüsselpo-
sitionen in der wirtschaftlichen Politikberatung mit dem eigenen Personal zu be-
setzen, um insbesondere Entscheidungsträger und die öffentliche Meinung zu
beeinflussen. 76 So mühten sich schon die frühen Ordoliberalen ihre eigene
Theorie und Vorschläge fiir die Praxis als allgemeinverbindliche Grundsätze der
Nationalökonomie durchzusetzen,77 um sie dann im öffentlichen Diskurs als
objektive wissenschaftliche Erkenntnis darzustellen. Aus dieser Perspektive
konnte man nun auf eine scheinbar neutrale Instanz zurückgreifen, eine Schar
,unabhängiger Experten' als Definitionsmacht des ,reinen Staatsinteresses'.
Zunächst aber muß noch die Frage gestellt werden, wie sich der von den
Ordoliberalen geforderte ,starke Staat' legitimieren sollte, welche Kräfte ihn po-
litisch durchsetzen und dann dauerhaft tragen sollten. Haselbach stellt nüchtern
fest, daß "die Frage nach einer gesellschaftlichen Machtbasis" völlig unbeant-
wortet blieb, "daß genau an dieser Stelle die Argumentation abbricht": "Der
Übergang vom schwachen zum ,starken Staat' bleibt so ein Mysterium, Roß und
Reiter werden nicht benannt."78 Vor dem konkreten zeitgeschichtlichen Hinter-
grund der an die Macht strebenden NSDAP kann das ordoliberale Verlangen
nach dem ,starken Staat' und der Ruf nach starker Führung kaum mehr als Nai-
vität bewertet werden. Objektiv gesellten sich die frühen Ordoliberalen zu jenem
politischen Konglomerat, das die Beseitigung des Weimarer Verfassungsstaates
betrieb und damit den Nationalsozialisten als stärkster Kraft den Weg ebnete.
Euckens Plädoyer fiir die auf Vemunft gestützte Überzeugungsarbeit durch das
ökonomische Argument konnte aufgrund der zugespitzten Krisensituation zu-
mindest in kurzer Frist nicht wirksam werden, zumal sein Mißtrauen gegenüber
der Einsichtsfähigkeit der ,Masse' überwog. Rüstow war sich der grundsätzlichen
Bedeutung des Problems offensichtlich eher bewußt, indem er feststellte, "er
(der ,starke Staat'; Anm. R.P.) muß sich doch auf irgend etwas stützen." Aber

75 Ein im Ordoliberalismus immer wieder benutzter Terminus, so etwa bei: Wilhelm Röpke, Die
natürliche Ordnung. Die neue Phase der wirtschaftspolitischen Diskussion, in: Kyklos, Vol. li,
1948, S. 211-232
76 Vgl. hierzu: Dieter Plehwe/Bemhard Walpen, Wissenschaftliche und wissenschaftspolitische
Produktionsweisen im Neoliberalismus. Beiträge der Mont Pelerin Society und marktradikaler
Think Tanks zur Hegemoniegewinnung und -erhaltung, in: PROKLA, Heft 115, 1999, S. 203-
235; allgemeiner und mit Blick auf die amerikanische Situation: Frank Fischer, Die Agenda der
Elite. Amerikanische Think Tanks und die Strategien der Politikberatung, in: PROKLA,
Heft 104, 1996, S. 463-481; ebenfalls mit besonderem Blick auf die angelsächsische Diskus-
sion: Richard Cockett, Thinking the unthinkable. Think-Tanks and the economic Counter-re-
volution, London 1995
77 Röpke stellte schon in seinem Aufsatz Epochenwende? die Behauptung auf, daß "der
ökonomische Liberalismus in der Tat mit der wissenschaftlichen Nationalökonomie identisch
(ist)." A.a.O., S. 117
78 Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 56

43
außer einem Hinweis "auf die vielleicht zentralste Frage der Staatspsychologie
und Staatssoziologie",79 die er allerdings selbst unbeantwortet ließ, konzentrier-
ten sich seine Gedanken ebenfalls auf den ideellen Aspekt von Einsicht und
Überzeugung. "In jedem Staatsbürger, selbst in dem egoistischsten und bornier-
testen Interessenten, steckt irgendwo ein anständiger Kern, der danach verlangt
anständig regiert zu werden, im Sinne des Ganzen regiert zu werden, der an-
gesprochen werden kann auch und gerade durch eine Maßregel, die gegen sein
eigenes im übrigen noch so laut vertretenes egoistisches Interesse geht.'' 80

2.2.4 Müller-Armacks Entwurf einer Entwicklungstheorie des Kapitalismus

Müller-Armacks Position während dieser Phase ist insofern eine Besonderheit


unter den späteren Theoretikern der Sozialen Marktwirtschaft, als er sich ein-
deutig politisch im Sinne eines korporativen Faschismus-Modells positionierte
und somit seine Kritik an den Weimarer Verhältnissen im Gegensatz zu Eucken
und Rüstow nicht bei einem allgemeinen Bekenntnis zum ,starken Staat' beließ.
Seine beiden Texte dieser Zeit aus den Jahren 1932 und 1933, Entwicklungsgeset~
des Kapitalismus sowie Staatsidee und Wirtschaftsordnung im neuen Reich, stehen direkt
in einer Linie, 81 wenngleich der zweite durch die Begeisterung fiir die nationalso-
zialistische Idee diesen Zusammenhang in sprachlicher Hinsicht nicht immer auf
den ersten Blick erkennen läßt. Müller-Armack selbst, seine Schüler und wohl
gesonnenen Interpreten betrachteten und betrachten die Schrift von 1932 als ei-
nen Grundlagentext im Werk Müller-Armacks, insofern als bedeutende theoreti-
sche Vorarbeit fiir das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft,82 während seine

79 Alexander Rüstow, Interessenpolitik oder Staatspolitik?, a.a.O., S. 172


80 Ebenda
81 "Wie E11cken und Riistow im selben Jahr befürwortete Mülltr-Armack zur Zurückdrängung des
Gruppeninterventionismus eine Stärkung des ,schwachen Interventionsstaates' und dadurch
gleichzeitig der individuellen Initiative und Verantwortung; im Gegensatz zu ihnen hoffte er
damals, dieses Ziel durch ein korporatives Staatssystem zu erreichen (...). Die gleichen Gedan-
ken wiederholte Müller-Armackin einer 1933 erschienenen Veröffentlichung( ... )." Helmut Paul
Becker, Die soziale Frage im Neoliberalismus, a.a.O., S. 43; Herv. im Original; "Den ,Entwick-
lungsgesetzen' schob Müller-Armack 1933 mit dem Bändchen ,Staatsidee und Wirtschafts-
ordnung im neuen Reich' einen Text nach, in dem all das, was 1932 noch in der Schwebe ge-
halten war, offen ausgesprochen wurde. Bemerkenswert an dieser Arbeit ist weniger der
Inhalt, gegenüber 1932 fmdet sich nichts Neues. Müller-Armack stellt seine theoretischen An-
sätze und seine politischen Schlußfolgerungen zur ,Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus'
unter Berücksichtigung der neu eingetretenen politischen Situation lediglich noch einmal neu
dar." Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 121 f.
82 So stellen etwa Christian Watrin und Hans Willgerodt in der von ihnen herausgegebenen Fest-
schrift zum 75. Geburtstag von Müller-Armack im Vorwort fest (Widersprüche der Kapitalis-
muskritik. Festschrift zum 75. Geburtstag von Alfred Müller-Armack, Bem - Stuttgart 1976),
daß mit den gedanklichen Grundlinien der ,Entwicklungsgesetze' "ein Grundthema seiner
späteren Arbeiten angeschlagen (ist), die Suche nach Möglichkeiten zur Gestaltung des Wirt-
schafts- und Soziallebens unter dem Leitbild einer irenischen Ordnung, der Sozialen Markt-

44
Staatsidee und Wirtschaftsordnung im neuen Reich entweder (bibliographisch) unter-
schlagen wurde oder - in jüngerer Zeit - als einmaliger ,Fehlgrifr verortet
wird. 83 Gerade weil Müller-Armack für die eigentliche Konzeptionierung der
Sozialen Marktwirtschaft im engeren Sinne meist als herausragende Person ge-
nannt wird, soll hier den Entwicklungsgesetzen des Kapitalismus wie auch den davor
liegenden Arbeiten zur Konjunkturforschung besondere Aufmerksamkeit ge-
widmet werden.
Müller-Annack, der bis zum Ende der zwanziger Jahre unter dem Namen
Alfred MüllerB 4 publizierte, hatte sich bis zur Weltwirtschaftskrise vornehmlich
konjunktur-theoretischen und -politischen Fragestellungen gewidmet. 85 Er ge-
hörte zu jener Strömung von Wirtschaftswissenschaftlern, die nicht nur einen
deutlichen Bezug der Nationalökonomie auf die wirtschaftspolitische Praxis ein-
forderten, sondern auch nach konjunkturpolitischen Instrumenten zur Beein-
flussung ökonomischer Krisen suchten, insbesondere im Feld der Kreditpolitik.
Dabei ging Müller-Annack davon aus, daß die dynamische Entwicklung des Ka-

wirtschaft." In derselben Festschrift verweist Egon Tuchtfeldt (Der ,Interventionskapitalis-


mus' - eine gemischte Wirtschaftsordnung. Bemerkungen zur systematischen Erfassung kon-
kreter Wirtschaftsordnungen, S. 61-74, hier S. 61) auf die 1932 begonnene "Suche nach dem
(...) ,Dritten Weg'". "Wer den geistigen Weg Müller-Armacks nachvollzieht, wird in seinem
,Interventionskapitalismus' von 1932, wenn auch erst in groben Umrissen, eine Vorahnung des
Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft erkennen." .Ähnlich äußert sich Ralf Kowitz, Alfred
Müller-Armack: Wirtschaftspolitik als Berufung, a.a.O., S. 30, 138 und 144
83 Vgl. dazu die Abschnitte 2.3.1 und 2.3.2 dieser Arbeit
84 In den zwanziger Jahren hatte er den Geburtsnamen seiner Mutter, Elise Armack, in den eige-
nen Namen aufgenommen. Seine Texte erschienen dann ab 1929 unter Alfred Müller-Armack,
allerdings mit Ausnahmen in den vierziger Jahren und Verwechslungen in den Textnachweisen
bis in die funfziger Jahre hinein. Im Rahmen dieser Arbeit wird die originale Namensverwen-
dung in den Literaturnachweisen angegeben - im Literaturverzeichnis selbst sind alle Texte
unter Müller-Armack eingeordnet, aber mit einer entsprechenden Kennzeichnung versehen.
Im laufenden Text wird durchgängig von Müller-Armack gesprochen, um Mißverständnisse zu
vermeiden.
85 Zu den wichtigsten Arbeiten dieser Phase zählen: Alfred Müller, Kreditpolitik als Mittel des
Konjunkturausgleichs, in: Kölner Sozialpolitische Vierteljahresschrift, Zeitschrift des For-
schungsinstitutes für Sozialwissenschaften in Köln, 4. Jg., Heft 3/4, 1925, S. 251-268, Alfred
Müller, Ökonomische Theorie der Konjunkturpolitik, Kölner wirtschafts- und sozialwissen-
schaftliche Studien, Zweite Folge, Heft 1, Leipzig 1926; ders., Formen der Kreditexpansion
und der Kreditpolitik, in: Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität
Köln (Hrsg.), Die Kreditwirtschaft, Leipzig 1927, S. 155-169; ders., Aufgaben und Organisa-
tionsprobleme der öffentlichen Unternehmung im Gebiete der Bankwirtschaft, in: Julius
Landmann (Hrsg.), Modeme Organisationsformen der öffentlichen Unternehmung, 2. Teil:
Deutsches Reich, Schriften des Vereins für Socialpolitik, Band 176, München- Leipzig 1931,
S. 389-435; ders., Konjunkturforschung und Konjunkturpolitik, in: Ludwig Elster/ Adolf
Weber (Hrsg.), Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. gänzlich umgearbeitete Auflage,
Ergänzungsband, Jena 1929, S. 645-677, hier zitiert als Wiederabdruck in: ders., Genealogie
der Sozialen Marktwirtschaft. Frühschriften und weiterfuhrende Konzepte, 2. erweiterte
Auflage, Bem- Stuttgart 1981, S. 197-255; ders., ohne Titel, in: Gustav Clausing (Hrsg.), Der
Stand und die nächste Zukunft der Konjunkturforschung. Festschrift für Arthur Spiethoff,
München 1933, S. 199-204

45
pitalismus unvermeidbar mit konjunkturellen Schwankungen einher gehe, sogar
gehen muß.S 6 Andererseits stellte er sich gegen die u.a. von Schumpeter vertrete-
ne Auffassung der grundsätzlichen Existenz einer periodischen Depression,
denn "die Depression gehört so nicht zu den Grundvorgängen der wirtschaft-
lichen Entwicklung", die Ursachen des Rückschlages seien vielmehr "theoretisch
zufälliger Natur", 87 wobei das Eintreten dieser Zufälle "aus der eigenartigen
Struktur des Fortschrittsprinzips wahrscheinlich gemacht werden kann. " 88 Wäh-
rend Müller-Armack also frühzeitig Abschied vom klassischen Ideal einer
schwankungsfreien Konjunktur nahm und zur Vermeidung negativer Folgen fur
den wirtschaftlichen Gesamtprozeß eine staatliche Konjunkturpolitik empfahl,
hielt er die Depression als strukturelles Entwicklungsproblem des Kapitalismus
zwar fur "wahrscheinlich", aber theoretisch doch fur "zufällig". 89 Damit bestritt
Müller-Armack die Notwendigkeit grundsätzlicher wirtschaftspolitischer Refor-
men, die von ihm geforderte Konjunkturpolitik hatte zur Voraussetzung, daß
"das produktive Grundphänomen der Entwicklung unangetastet bleibt. " 90
Zu diesem Zweck plädierte er fur eine politische Steuerung der Kreditpoli-
tik, indem der Kreditzins "möglichst zu Anfang der Hausse durch starke Ver-
knappung des Geldmarktes heraufgesetzt werden (muß)", wobei "zu erhoffen
(steht), daß die frühe Steigerung die letzten Zinskulminationen infolge der
Notnachfrage der Krise vermeidet und so zu einer im ganzen stetigeren Zins-
bewegung fuhrt. " 91 Insofern ist es zwar richtig, "daß Müller-Armack früh eine
aktive Rolle des Staates"92 in Hinblick auf konjunkturpolitische Überlegungen
befurwortete, allerdings mit der Beschränkung, daß es sich hierbei um eine aus

86 "Der wesentliche Einwand gegen diese Zielsetzung (Ziel einer Gleichförmigkeit und Stetigkeit
des Wirtschaftsprozesses, Ideal einer konjunkturlosen Wirtschaft; Anm. R.P.) ist, daß hier der
Sinn der wirtschaftlichen Konjunkturen nicht in seinen auch positiven Seiten erfaßt ist. Zuge-
geben, daß die zyklischen Schwankungen eine beträchtliche Verlustquelle des Wirtschaftsle-
bens darstellen, in der Hausse durch Hereinziehung unwirtschaftlicher Betriebe, durch zu ge-
ringen Anreiz zu technischer Ausgestaltung, in der Baisse durch Kapitalbrachlegung, Güter-
verschleuderung und wechselwirkende Lähmung der Kaufkraft. Aber damit darf keineswegs
die eminent wirtschaftsfördernde Bedeutung aller Stadien der Wechselwirkung verkannt wer-
den." Alfred Müller, Ökonomische Theorie der Konjunkturpolitik, a.a.O., S. 11; Herv. im
Original
87 Alfred Müller-Armack, Konjunkturforschung und Konjunkturpolitik, a.a.O., S. 220
88 Ebenda, S. 222
89 Haselbach vertritt in dieser Frage eine andere Auffassung, indem er gerade nicht auf diese
Differenzierung in der Position Müller-Armacks abhebt, sondern der theoretischen Verortung
der Depression als ,wahrscheinliche', aber ,zuflillige' "Figur" die "optimistische Vorstellung"
von einer "konjunkturlosen Wirtschaft" (Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und
Soziale Marktwirtschaft, a.aO., S. 240) gegenüberstellt. Dafür lassen sich allerdings in den
konjunkturtheoretischen Texten Müller-Armacks ab 1926 keine Belege finden.
90 Alfred Müller-Armack, Konjunkturforschung und Konjunkturpolitik, a.a.O., S. 224
91 Alfred Müller, Formen der Kreditexpansion und der Kreditpolitik, a.a.O., S. 167
92 Rolf Kowitz, Alfred Müller-Armack: Wirtschaftspolitik als Berufung, a.a.O., S. 153

46
seiner Sicht notwendige ,,Anpassungsmethode"93 (in Abgrenzung zur antizykli-
schen Politik) handelt, die lediglich für einen größeren Konjunkturausgleich sor-
gen, nicht aber aktiv in den Wirtschaftsprozeß eingreifen sollte. Keinesfalls
dürften die Preise als Steuerungssignal des Wutschaftsprozesses im Konjunktur-
ausgleich außer Kraft gesetzt werden. Explizit grenzt sich Müller-Armack von
der Keynes'schen Idee einer expansiven Geldpolitik ab, die für ihn zu einer
"funktionslosen Form der Kreditausdehnung führen muß."94
In diesen frühen Arbeiten zur Konjunkturpolitik zeichnet sich tatsächlich
die Grundrichtung eines Denkens ab, das später im Konzept der Sozialen
Marktwirtschaft von herausragender Bedeutung werden sollte. Der Einsatz
staatlicher Interventionen in die Wutschaft wird insoweit gebilligt, wie er an dem
Ziel der Stabilisierung einer marktwirtschaftliehen Ordnung ausgerichtet ist. Es
handelt sich also um ein funktionales Verständnis staatlicher Eingriffe, das kei-
neswegs das klassisch-liberale Marktvertrauen aufhebt, im Prinzip nicht einmal
antastet. Dies wird gerade auch an den wenigen sozialpolitischen Aussagen
Müller-Armacks jener Zeit deutlich, etwa, wenn er in seiner Habilitationsschrift
aus dem Jahre 1926 den Umfang und die Qualität der Sozialpolitik an das erfolg-
reiche Funktionieren der kapitalistischen Ökonomie bindet (und nicht an den
gesellschaftlichen Bedarf bzw. politische Entscheidungen). "Gerade diese öko-
nomische Seite muß auch vom Sozialpolitiker besonders beachtet werden, damit
nicht durch die ökonomisch negativen Wirkungen sozialpolitisch erwünschter
Maßnahmen deren Resultat wieder in Frage gestellt wird. Letztlich sind alle so-
zialpolitischen Maßnahmen beschränkt durch die Ertragsbasis. Diese muß zuerst
sichergestellt werden."95 Das Adjektiv ,sozial' stand für Müller-Armack schon in
den zwanziger Jahren für nichts anderes als die institutionelle Sicherung einer
möglichst effektiv funktionierenden Marktwirtschaft. "Nur ein mit höchster
Wirtschaftlichkeit verteiltes Kapital vermag auf die Dauer eine tragflihige Basis
für die Erhöhung der Lebenshaltung der breitesten Schichten abzugeben." 96
Mit den Entwicklungsgeset!{!ll des Kapitalismus aus dem Jahr 1932 wandte sich
Müller-Armack von der ökonomischen Krisenanalyse im Sinne einer Konjunk-
turtheorie und Konjunkturpolitik ab,97 wobei die herausragende Bedeutung der

93 Müller-Annack unterschied in der Kreditpolitik neben der von ihm favorisierten "Anpassungs-
methode" die "Stabilisierungsmethode" und die "Restriktionsmethode". Z.B.: Alfred Müller,
Formen der Kreditexpansion und der Kreditpolitik, a.a.O., S. 162 ff.
94 Ebenda,S. 168
95 Al&ed Müller, Ökonomische Theorie der Konjunkturpolitik, a.a.O., S. 10
96 Alfred Müller, Kreditpolitik als Mittel des Konjunkturausgleichs, a.a.O., S. 268
97 1933 sah Müller-Annack in einem Beitrag für die Festschrift zum 60. Geburtstag Arthur
Spiethoffs (ohne Titel, a.a.O.) die Wende der Konjunkturforschung zu einer allgemeinen Ent-
wicklungstheorie gekommen: Da "der Zyklus (immer tiefer) in das gesamte soziale und politi-
sche Schicksal der Nation (greift)" habe "die Konjunkturforschung eine neue Etappe ihres
wandlungsreichen Weges erreicht." ,,Der Stamm der Konjunkturforschung zeigt einen neuen
Wachstumsring: Mit der universalen Erweiterung ihres Gegenstandsgebietes verliert sie zu-
nehmend den Charakter einer Spezialdisziplin, sie wird zur Methode. Die Einheit der Kon-
junkturforschung liegt heute schon nicht mehr in einer abgrenzbaren wissenschaftlichen Do-

47
Geldpolitik im Rahmen einer marktwirtschaftliehen Ordnungspolitik ein zent-
rales Element seiner wirtschaftspolitischen Vorstellungen bleiben sollte. 98 Unter
dem unmittelbaren Eindruck der Weltwirtschaftskrise und ihren politischen wie
sozialen Folgen führten die offensichtlichen Defizite der ökonomischen Theorie
nicht zu einer kritischen Bilanzierung seiner bisherigen Arbeit, sondern zu einer
grundlegenden Verschiebung seines Forschungsansatzes "hin zu einer anthropo-
logisch und geschichtsphilosophisch begründeten allgemeinen politischen Theo-
rie."99 Nunmehr verortete sich Müller-Armackin der zu jener Zeit verbreiteten
Kapitalismusforschung, die er auf der Basis dieser mehrschichtig angelegten
Untersuchung weiterzuentwickeln suchte. Sein hoch gestecktes Ziel bestand da-
rin, in enger Anlehnung an den Schumpeter'schen Entwicklungsbegriff bei
scharfer Abgrenzung zum marxistischen Entwicklungsverständnis nicht nur
einen Forschungsbeitrag für eine gesellschaftstheoretisch geleitete Untersuchung
des Kapitalismus zu leisten, sondern auch Orientierungshilfe für die konkrete
gesellschaftspolitische Situation anzubieten. Insofern sind die Entwicklungsgesetze
des Kapitalismus eine eindeutig politische Schrift, um "dem Menschen der Ge-
genwart eine Gesamtorientierung in seiner geschichtlichen Situation zu ge-
ben."100 Dazu sei es aus Sicht Müller-Armacks in jedem Fall notwendig, "die
Theorie der Dynamik auf den Gesamtbereich der theoretisch zugänglichen Pro-
bleme der kapitalistischen Entwicklung auszudehnen." 101
Müller-Armack betrachtete die klassische Gleichgewichtstheorie und ihre
Erweiterung durch die Grenznutzenschule als unzureichenden Analyserahmen
zur Erklärung der kapitalistischen Dynamik und ihrer immanenten Krisen. Die
Entwicklungsgesetze des Kapitalismus sollten demgegenüber den Grundstock für eine

mäne, sie ist vielmehr zu einer Art des Sehens und Begreifens geworden, zu einer überall an-
wendbaren Form, Dinge in ihrer Entwicklung zu verstehen." (S. 199) Die Aufgabe der Kon-
junkturtheorie "scheint mir zu sein, neben dem Gleichgewichtstheorem der statischen Wirt-
schaft eine Lehre der Entwicklungsmodelle zu geben, gewissermaßen der Formen, in denen
die wirtschaftliche Entwicklung abläuft. Die Konjunkturtheorie wird hier zu einer Entschei-
dung in Fragen von geschichtstheoretischer Würde aufgerufen." (S. 201)
98 Für den Müller-Armack-Schüler Joachim Starbatty "(nahm) Müller-Armacks Therapie also wich-
tige Erkenntnisse des modernen Monetarismus vorweg: - Im Mittelpunkt seiner Konjunkturpoli-
tik steht die Geldpolitik; - die Finanzpolitik spielt eine flankierende Rolle; - die Geldpolitik sollte
nicht antizyklisch reagieren, sondern verstetigend auf die Zinsentwicklung einwirken." Joachim
Starbatty, Werk und Wirken Müller-Armacks (1901-1978), in: mensch technik gesellschaft, Zeit-
schrift für Sozialökonomie, 40/41. Folge, 14.Jg., 1979, S. 46-50, hier S. 48
99 Rolf Kowitz, Alfred Müller-Armack: Wirtschaftspolitik als Berufung, a.a.O., S. 136; Kowitz ist
bemüht, diese Verschiebung bei Müller-Armack als "eine nur vordergründig abenteuerlich
anmutende Wendung" darzustellen, wobei "(sich) bei genauerem Hinsehen jedoch recht deut-
lich (zeigt), daß hinter diesem Erscheinungsbild eine durchaus konsequente und plausible
Entwicklung steht." Die von Kowitz dabei ausgemachte Entwicklung zu einer ,ganzheitlichen
Weitsicht' bleibt ebenso schwammig wie seine Erklärung dieser Umorientierung durch die
Veränderung innerhalb der Nationalökonomie, insbesondere dem abnehmenden Einfluß der
historischen Schule.
100 Alfred Müller-Armack, Entwicklungsgesetze des Kapitalismus, a.a.O., S. 5
101 Ebenda, S. 74

48
sozialwissenschaftlich geleitete Theorie bilden. Dabei knüpfte Müller-Armack an
Wemer Sombarts Kapitalismusstudien und vor allen Dingen an Max Webers
religionssoziologische Thesen zur Herausbildung des Kapitalismus an. Im Zen-
trum aber stand seine Bezugnahme auf die philosophische Anthropologie Max
Schelers und Helmuth Plessners, die auch die Basis für seine geschichtsphiloso-
phischen Betrachtungen bildete. In theoretischer Hinsicht ging es Müller-
Armack um "die Grundlegung zur ,Sozialwissenschaftlichen Anthropologie',
also eine Umsetzung von Impulsen aus der ,Philosophischen Anthropologie' in
positive sozialwissenschaftliche Forschung zu leisten." 102
Müller-Armacks "Ausgangspunkt ist die univeralgeschichtliche Eingliede-
rung des Kapitalismus", 103 den er in Anlehnung an Marx als historische Forma-
tion und zugleich entgegen Marx als nicht determinierten Entwicklungsprozeß
deutete. Dabei ignorierte Müller-Armack nicht nur den dialektischen Gehalt der
marxistischen Erkenntnistheorie, sondern er blendete die von Marx formulierten
ökonomischen Gesetze über die Entwicklungsdynamik des Kapitalismus - etwa
den tendenziellen Fall der Profitrate oder den langfristigen Trend zu Konzent-
ration und Zentralisation- als Diskussionsgegenstand gänzlich aus. Ihm ging es
allein um die Darstellung des marxistischen Geschichtsverständnisses als eine
"finalistische Betrachtung", einer "Verbindung von Geschichtseschatologie und
naturalistischer Evolutionstheorie", 104 nach der die kapitalistische Entwicklung
zwangsläufig als zielhaftet Prozeß aufgefaßt werden muß. Dagegen wollte
Müller-Armack unter Beweis stellen, daß der Kapitalismus ein offenes System
ist, 105 das kein bestimmtes (wirtschafts-, sozial- oder gesellschaftspolitisches)
Ziel verfolgt. "Die vom Kapitalismus zum Systemgedanken gemachte Fort-
schrittsförderung hat eine Richtung, aber kein festes Ziel. Der vom Kapitalismus
realisierte Fortschritt darf nicht als schrittweise Annäherung an ein Ideal verstan-
den werden. " 106 Auch wenn es vor dem Hintergrund des eigenwilligen theoreti-
schen Zugangs schwierig zu erkennen ist, so bringt Müller-Armack hier bereits
eine zentrale Prämisse des späteren Neoliberalismus zum Ausdruck: Die Ablö-
sung des allgemeinen Glücksversprechens der Klassik zugunsten einer ,Offenen
Gesellschaft' (Karl Popper), deren Voraussetzung gerade in der Ergebnisoffen-
heit, also dem Verzicht zur Durchsetzung eines allgemeinen Entwicklungszieles,

102 Dieter Haselbach, Autoritärer Sozialismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 120; Müller-
Armack verfolgt diesen theoretischen Ansatz zeitlebens, vgl. etwa: Alfred Müller-Armack, Ge-
danken zu einer sozialwissenschaftliehen Anthropologie, in: Friedrich Karrenberg/Hans
Albert (Hrsg.), Sozialwissenschaft und Gesellschaftsgestaltung. Festschrift für Gerhard
Weisser, Berlin 1963, S. 3-16
103 Alfred Müller-Armack, Entwicklungsgesetze des Kapitalismus, a.a.O., S. 3
104 Ebenda, S. 9
1OS Die "maßgebliche Rolle" dieser These für das "Konzept der sozialen Marktwirtschaft" hebt
insbesondere Tuchtfeldt hervor: "In diesem Zusammenhang ist es besonders interessant, daß
Müller-Armack sich schon 1932 zur Offenheit der Zukunft und damit auch zur Möglichkeit
der Zukunftsgestaltung bekannt hat." Egon Tuchtfeldt, Der ,lnterventionskapitalismus'- eine
gemischte Wirtschaftsordnung, a.a.O., S. 73 f.
106 Alfred Müller-Armack, Entwicklungsgesetze des Kapitalismus, a.a.O., S. 38

49
besteht. Ökonomisch gesehen geht es nicht mehr um die Realisierung eines op-
timalen gesamtwirtschaftlichen Outputs zur maximalen Bedürfnisbefriedigung,
vielmehr wird die individuelle Möglichkeit zur Teilnahme am Markt zur bestim-
menden Leitlinie des aufkommenden ,neuen' Liberalismus. "Seine (des Kapita-
lismus; Anm. R.P.) Intention auf wachsende Verfügungsmacht über die Natur
wird dadurch eingeschränkt, daß sich sein Wirtschaften nicht am Bedürfnis
schlechthin, sondern nur am kaufkräftigen Bedürfnis orientiert, wobei sich die
Verteilung der Kaufkraft rein nach der Marktfunktion richtet." 107
Diese Offenheit im Prozeß kapitalistischer Dynamik belegte Müller-Armack
mit dem Begriff der Selbstrealisierung, eine Vokabel, die er bereits in seinen
konjunkturtheoretischen Arbeiten zu verwenden begann und nun auf die
politisch-ökonomische Sphäre ausweitete. 108 Während die Selbstrealisierung
zunächst im engeren ökonomischen Sinne die Kredit- und Kaufkraftschöpfung
als strukturelles Merkmal des dynamischen Kapitalismus kennzeichnen sollte (als
Unterscheidungskriterium zu vorkapitalistischen Entwicklungsstufen), erfuhr der
Begriff in den Entwicklungsgesetzen des Kapitalismus eine Erweiterung als Umschrei-
bung des Kapitalismus als historische Gesellschaftsformation. 109 In seiner Ge-
schichtsauffassung charakterisierte Müller-Armack die Selbstrealisierung als
"Grundvorgang der Geschichte" oder auch als "primäre Kategorie der Ge-

107 Ebenda
108 Falsch ist allerdings die Zuordnung dieses erweiterten Begriffs zur Habilitationsschrift von
Müller-Armack, wie dies Kowitz behauptet (Alfred Müller-Armack, Wirtschaftspolitik als Be-
rufung, a.a.O., S. 164). Das von ihm hier angeführte Belegzitat stammt aus den Entwicklungsge-
set"n des Kapitalismus, S. 18. Müller-Armack hatte in seinem Beitrag zum Handwörterbuch der
Staatswissenschaften aus dem Jahre 1929 den Begriff der Selbstrealisierung aus vorwiegend
wirtschaftswissenschaftlicher Sicht entwickelt. Theoretisch ordnete er seine Gedanken der
Klassik zu, wenn er herausstellte, daß "diese Argumentation nichts anderes (ist), als eine die
Geldzirkulation mitberücksichtigende Neuformulierung der Sayschen ,Theorie der Absatz-
wege'." (S. 211) Folgerichtig stellte Müller-Armack fest: "Das Eigenartige dieser wirtschaftli-
chen Entwicklung ist, daß sie selbst die Bedingungen schafft, die ihr Gelingen garantieren. (...).
Kapitalistische Entwicklung kann so nur in dem Modell einer sich selbst realisierenden Bewe-
gung verstanden werden. Nicht etwa müßige Geldbeträge, zuf:i.llige Ersparnisse oder nicht
verwendete· Güter- und Arbeitskräfte veranlassen die Bewegung der wirtschaftlichen Ent-
wicklung; diese treten in der Regel wohl nur als Resultate von Entwicklungsstörungen auf, set-
zen also die Entwicklung bereits voraus (... ) Die Schaffung von zusätzlicher Kaufkraft setzt
den Prozeß erst in Bewegung. Diese zusätzliche Kaufkraft hat kein Fundament in dem Ver-
gangenen, sie ist lediglich gestützt auf eine Antizipation zukünftiger Erträge; wobei es wesent-
lich ist, einzusehen, daß diese Vorwegnahme 'if'kiinftiger Erträge die Basis ist, all[ der die Realisierung der
'if'kiinftigen Erträge erfolgt. (...) Der kapitalistische Prozeß trägt sich so selbst, er wird nicht vor-
wärts gedrängt, sondern baut sich in völliger Freiheit aus." Alfred Müller-Armack, Konjunk-
turforschung und Konjunkturpolitik, a.a.O., S. 214; Herv. im Original
109 Haselbach legt überzeugend dar, daß Müller-Armack hier - wie in seinem entwicklungs-
theoretischen Ansatz insgesamt - Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung folgt: "Er
adaptierte dessen Theorie in seine eigene, von der Philosophischen Anthropologie angeregten
Terminologie, indem er deren Geschichtsverständnis mit Schumpeters Begriff des Kapitalis-
mus als ,Dynamik' generierenden Mechanismus verknüpfte." Dieter Haselbach, Autoritärer
Lberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 27

50
schichte", die im Unterschied zwn Geschichtsmaterialismus und historischen
Idealismus allein dazu befahige, geschichtliche Vorgänge tatsächlich zu erfassen
und Entwicklungen zu begreifen. Voraussetzung dafür sei es, "den spontanen
Charakter kultureller Entwicklung" zu akzeptieren, denn "Spontanität und Frei-
heit sind die wesentlichen Attribute der Selbstrealisierung." 110
Müller-Armack entwarf hier ein Entwicklungsszenario der kapitalistischen
Gesellschaft, das bereits wesentliche Elemente der später insbesondere durch
Hayek formulierten Theorie der ,Kulturellen Evolution' enthielt. 111 Im Kern
handelte es sich dabei- wie im Neoliberalismus insgesamt- wn eine dem Zeit-
geist angepaßte Variante zur Verteidigung des Kapitalismus als die der mensch-
lichen Entwicklung gemäße Gesellschaftsordnung, oder zugespitzter formuliert:
wn den Kapitalismus als "geschichtliches Monopol". 112 Spontanität steht in die-
sem Zusammenhang für ein Entwicklungsverständnis, nach dem die moderne
Marktwirtschaft eben nicht bewußt durch die Vorgabe bestimmter wirtschaft-
licher oder gesellschaftlicher Ziele geschaffen wurde und auch nicht geschaffen
werden kann, denn "nicht im Rationalismus liegt die Errungenschaft des Kapita-
lismus". Vielmehr "(ist) das ganze System rationaler äußerer Ordnung und inne-
rer Haltungen nur zu verstehen als ein Antizipationsschema für den ökono-
mischen Fortschritt." 113 Die Herausbildung des Kapitalismus ist gewissermaßen
eine geschichtliche Eigenbewegung, deren Dynamik weder einer bestimmten
Entwicklungslogik noch bestimmten Interessen folgt. Statt dessen erhält die
Dynamik ihre Richtung durch den "Marktprozeß", der ein "offenes Selektions-
instrwnent (dar)stellt". 114 Seine realen Ergebnisse in Gestalt der ökonomischen
wie auch der sozialen Struktur der kapitalistischen Gesellschaft waren somit für
Müller-Armack Ergebnisse eines lediglich funktionalen Ausleseverfahrens, nicht
Ausdruck von Macht, Gewalt und Ausbeutung, denn "das Moment irrationaler
Gestaltung liegt in der Struktur des Marktmechanismus selbst, der eben nur den
kapitalistisch Qualifizierten mit dem Aufstieg prämiert. " 11 5
Auch das zweite Element der Selbstrealisierung, die Freiheit, hat nur eine
Funktion für den dynamischen Prozeß der kapitalistischen Expansion. Sie steht
nicht für eine in jede Richtung offene menschliche Entwicklung und schon gar
nicht können materielle Rechte gegenüber dem Staat und der Gesellschaft aus

110 Alle Zitate: Alfred Müller-Armack, Entwicklungsgesetze des Kapitalismus, a.a.O., S. 21


111 Im Ergebnis gibt es in dieser Frage tatsächlich deutliche Parallelen beider Autoren, auch wenn
Hayek seine theoretische Begründung der ,kulturellen Evolution' über erkenntnistheoretische
und sozialphilosophische Aspekte entwickelt; vgl. hierzu besonders: Friedeich August von
Hayek, Die Verfassung der Freiheit (eng!. Originalausgabe: The Constitution of Liberty,
London und Chicago 1960), Tübingen 1971; ders., Recht, Gesetzgebung und Freiheit, (Law,
Liberty and Legislation, London 1979), Bd. 1: Regeln und Ordnung, München 1980 sowie Bd.
3: Die Verfassung einer Gesellschaft freier Menschen, München 1981
112 Alfred Müller-Armack, Entwicklungsgesetze des Kapitalismus, a.a.O., S. 18
113 Ebenda
114 Ebenda, S. 86
115 Ebenda, S. 200

51
ihr abgeleitet werden. Es ist deshalb durchaus berechtigt, Müller-Arrnacks Frei-
heitsverständnisals einen Vorläufer der später üblichen Definition des Neolibe-
ralismus von Freiheit als ausschließlich negative Kategorie zu bezeichnen.
Offenheit und Gebundenheit bilden eine dialektische Einheit in seinem Bild von
Geschichtlichkeit. "So sehr die Geschichte von spontanen Anstößen getrieben
wird, so sehr ist sie durch die vorgefundene geistige und realsoziologische Ge-
samtsituation gebunden." Das bedeutet, daß der Mensch zu jeder Zeit "eine
konkrete Situation vor(findet), an deren einschränkenden Bedingungen er sein
Handeln orientieren muß, und er kann keinesfalls hoffen mit seinem Handeln
über die Geschichtlichkeit hinauszukommen, er wird immer von der Geschichte
überholt, ohne auf einen außerzeitlichen Standort fliehen zu können." 116 Trotz
aller ideologischen Wandlungen, die Müller-Arrnack in seiner wissenschaftlichen
Laufbahn und seiner Tätigkeit als Politikberater nnd -administrator durchlaufen
hat, sah er diese Gebundenheit - gerade auch im Hinblick auf die soziale Ver-
faßtheit der Gesellschaft - stets als unverrückbar an. 117 Es ist deshalb nur be-
dingt richtig, wenn etwa Christian Watrin Müller-Arrnacks These von kapitalisti-
scher Entwicklung als offenem Prozeß dahingehend deutet, daß "sie ziel-
orientiertes menschliches Handeln zur Beeinflussung und Steuerung von gesell-
schaftlichen und ökonomischen Problemen- im Gegensatz zu geschichtsdeter-
ministischen Positionen - sinnvoll (machte)." 118 Denn Müller-Arrnacks Hand-
lungsoptionen waren zugleich gebunden an die vorgefundene kapitalistische
Formation, so daß jedes Handeln sich ausschließlich im Ordnungsrahmen einer
marktwirtschaftlich verfaßten Gesellschaft bewegen durfte.
Obwohl Müller-Arrnack Spontanität und Freiheit als die konstituierenden
Merkmale der Selbstrealisierung definierte und diese wiederum zur Grundlage
der ökonomischen Dynamik im Kapitalismus erklärte, wollte er sich zur Siche-
rung des wirtschaftlichen Fortschritts keineswegs allein auf den ideologischen
Überbau verlassen. Diese Komponente diente vor allen Dingen der Abwehr der
unterschiedlichsten Kapitalismuskritiken jener Zeit. Zur Durchsetzung und
Stabilisierung einer funktionsfahigen Marktwirtschaft hielt er es darüber hinaus

116 Ebenda, S. 169 f.


117 In seinen Gedanken t!' einer so?falphilosophischen Anthropologit, a.a.O., S. 14 heißt es: "So ist die
Geschichte nicht ein Hineingehen des Menschen in ein Reich völliger Freiheit, vielmehr ein
konkreter Prozeß, in dem nur das realisiert zu werden vermag, was in der Geschichte Macht
erlangen kann und sich durchsetzt. Auch im sozialen Prozeß folgt die konkrete geschichtliche
Bewegung nicht dem Spiel grenzenloser Möglichkeiten, die dem Menschen vorschweben. Sie
verwirklicht sich nur, wo das geistig Neue mit den realen Kräften übereinstimmt."
118 Christian Watrin, Alfred Müller-Armack (1901-1978), in: Friedrich-Wilhelm Henning (Hrsg.),
Kölner Volkswirte und Sozialwissenschafder. Über den Beitrag Kölner Volkswirte und Sozial-
wissenschafder zur Entwicklung der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Köln - Wien
1988, S. 39-68, hier S. 46; obwohl Watrin diesen Aspekt mit direktem Bezug auf die
Entwicklungsgesetze hervorhebt, begrenzt er zugleich die Tragweite dieser Aussage dadurch,
daß er jenes ,zielgerichtete menschliche Handeln' zwar für "sinnvoll, wenn auch nicht ohne
weiteres erfolgreich" hält. Watrin will das Augenmerk mehr "auf die Koordinations- und
Organisationsproblematik" beschränkt wissen. (Ebenda)

52
schon 1932 für unabkömmlich, daß "ein objektives Ordnungsgefüge, mit dem
der erwünschte Erfolg zu erreichen ist, ,erfunden' wird." 119 Diese ,Erfindung'
sollte dann mit der Sozialen Marktwirtschaft als ordnungspolitischer Konzeption
nach 1945 ihre Erfüllung finden. Bleibt noch die Frage, wer in den Augen
Müller-Armacks der Träger der sich selbst realisierenden Bewegung der kapi-
talistischen Entwicklung sein sollte? Schließlich verlangte Müller-Armack im
Rahmen seiner ,gebundenen Offenheit' von wirtschaftlicher Entwicklung die
"Verantwortung zur steten aktuellen Entscheidung", die er durch "die immer
neu zu orientierende gestaltende Tat" 120 verwirklicht sehen wollte. Ganz im
Schumpeter'schen Sinne setzte er auf den Unternehmer als Träger spontaner In-
novationsprozesse, wobei in den Entwicklungsgesetzen des Kapitalismus nicht
eindeutig ersichtlich wurde, ob er hier von der Unternehmerfunktion als solcher
oder dem personifizierten Unternehmer als Privateigentümer ausging. 121 In je-
dem Fall "(wird) die Vollmacht zu wirtschaftlicher Initiative durch die offene
Form einer unbekannten, anonymen Schicht erteilt." Müller-Armack bezeich-
nete dies als "die Blankovollmacht an den unbekannten Unternehmer". 122
Wie bei Eucken war also auch bei Müller-Armack die Existenz des hand-
lungsfähigen Unternehmers eine der entscheidenden Voraussetzungen für die
konkrete Überwindung der Krise des Kapitalismus. Nicht zuletzt dadurch ka-
men sie- bei aller Unterschiedlichkeit im theoretischen Zugang ihrer jeweiligen
Krisenanalyse -Anfang der dreißiger Jahre zu einer sehr ähnlichen Problem-
wahrnehmung der realen Situation von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Im
Vordergrund stand bei beiden die scharfe Kritik an dem ordnungspolitischen
Rahmen der Weimarer Republik, denn "staatliche und private Organisierung des
Wirtschaftslebens schränken den Bereich individueller Unternehmerinitiative in
einem seit dem Kriege noch verstärkten Tempo ein." 123 Allerdings wählte
Müller-Armackin seiner Auseinandersetzung mit dem Interventionsstaat einen
anderen Zugang als Eucken und Rüstow. Für ihn stand "die Tatsache der
Durchstaatlichung des Wirtschaftsprozesses unverrückbar fest", 124 weshalb für
Müller-Armack eine Theorie der Wirtschaftspolitik nur von diesem Ausgangs-
punkt möglich sein konnte. Zwar sah auch Müller-Armack die Grenzen des
Interventionismus in der wirtschaftspolitischen Praxis der Weimarer Republik

119 Alfred Müller-Armack, Entwicklungsgesetze des Kapitalismus, a.a.O., S. 42


120 Ebenda, S. 218
121 So auch Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 51;
demgegenüber hält Kowitz, der hier ebenfalls Bezug auf Haselbach nimmt, diese Frage für
entschieden, indem er Müller-Armacks Unternehmerbegriff eindeutig einem funktionalen Ver-
ständnis im Sinne Schumpeters zuordnet. Rolf Kowitz, Alfred Müller-Armack: Wirtschafts-
politik als Berufung, a.a.O., S. 165
122 Alfred Müller-Armack, Entwicklungsgesetze des Kapitalismus, a.a.O., S. 48
123 Ebenda, S. 98
124 Ebenda, S. 218; Müller-Armack betonte allerdings, daß trotz dieses Übergangs vom "liberalen
zum lnterventionskapitalismus" nicht von der "Vorform einer erwarteten staatskapitalistischen
oder staatssozialistischen Zukunft" zu sprechen ist. (S. 103 f.)

53
längst gekommen, da sich "leider häufig genug" gezeigt habe, daß die "Förde-
rung wirtschaftlicher Sonderinteressen (...) den Prozeß der wirtschaftlichen Ent-
wicklung hemmt." 125 Aber im Gegensatz zu seinen späteren l\fitstreitem hielt er
die Fundamente des Kapitalismus dadurch keineswegs für bedroht, sprach statt
dessen von einem "noch nicht durchorganisierten lnterventionismus",126 für den
Müller-Armack nun eine theoretische Grundlage zu bieten glaubte.
Der ,Politisierung der Wirtschaft' als von ihm analysierte Ursache der
Entwicklung zum "schwachen lnterventionsstaat"127 wollte Müller-Armack -
zugespitzt formuliert- dadurch die Negativwirkung nehmen, daß er eben diese
Politisierung zur "Möglichkeit der Durchsetzung eines sich stabilisierenden Ka-
pitalismus"128 erklärte. Das von Müller-Armack im Sinne von Carl Schmitt for-
mulierte Primat der Politik129 zielte nicht auf eine Beseitigung der Marktwirt-
schaft durch die politische Lenkung des Wirtschaftsprozesses, sondern im
Gegenteil auf die Konzentration politischer Macht beim Staat, um "der privaten
Initiative wieder einen größeren Betätigungsradius einzuräumen." 130 Denn da
nicht "damit zu rechnen ist, daß der Staat seinen Charakter als Wirtschaftsstaat
aufgibt, wird alles davon abhängen, daß er auch im Wutschaftlichen seine volle
Souveränität gegenüber den einzelnen Interessenten, die er bisher nicht besessen
hat, erlangt." 131 So wurde auch bei Müller-Armack der ,starke Staat' zur Voraus-
setzung der Entwicklungsmöglichkeit des Kapitalismus, der gewissermaßen eine
Integration aller Wirtschaftssubjekte in den Marktprozeß von oben erzwingen
sollte. Wenn erst die "Hegemonie gegenüber der Wirtschaft" hergestellt sei, so
hoffte Müller-Armack, "(würde) eine eigentümliche Dialektik der Geschichte die
Sphäre freien liberalen Handeins auf einer neuen Stufe der Entwicklung als Aus-
drucksform eines starken staatlichen Lebens wieder zur Geltung bringen." 132 Als
grobes Vorbild diente ihm dabei seit l\fitte der zwanziger Jahre das Staats-
verständnis des italienischen Faschismus. Dessen nationalistische Ideologie von
einem korporativen Gesellschaftsaufbau zur Befriedung von Interessengegen-
sätzen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik beeinflußten Müller-Armack ebenso
wie die Vorstellung von der autoritären Durchsetzung eines allseits verpflichten-
den Ordnungsrahmens in der Wirtschaftspolitik. 133 Weitgehend unklar blieb

125 Ebenda, S. 109


126 Ebenda,S. 118
127 Ebenda. S. 125
128 Ebenda, S. 119
129 Haselbach verweist bei aller Übereinstinunung von Müller-Amlack mit Schmitt darauf, daß
der Begriff des Politischen bei Müller-Armack sich nicht allein auf die Unausweichlichkeit ei-
ner irrationalen Gewaltentscheidung stützt, sondern bei ihm durch eine "ethische Begrün-
dung" legitimiert sein muß. Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Markt-
wirtschaft, a.a.O., Fn. 27, S. 287
130 Alfred Müller-Armack, Entwicklungsgesetze des Kapitalismus, a.a.O., S. 127
131 Ebenda, S. 126
132 Ebenda, S. 127
133 "Einen gewissen Anhalt gibt die Entwicklung im faschistischen Italien. Durch die völlige Ein-
beziehung der Wirtschaft in den Staat gewinnt der Staat als solcher den Spielraum in sich, der

54
allerdings, wie bei Eucken und Rüstow, welche konkrete Wirtschaftspolitik
dieser ,starke Staat' verfolgen sollte. Die von Müller-Annack aufgeführten Vor-
schläge stellten eher den Versuch dar, erste, eher unsystematische ordnungs-
politische Grundsätze für einen liberalen Interventionismus zu formulieren. 134
Müller-Annacks scharfe Kritik am ,schwachen Interventionsstaat' führte ihn
über das Plädoyer zugunsten eines ,starken Staates' zwangsläufig in unmittelbare
Gegnerschaft zum politischen System des Parlamentarismus. So analysierte er
das quantitative Niveau staatlicher Interventionen als unmittelbare Folge parla-
mentarischer Entscheidungsprozesse. Da "alle parlamentarische Aktion not-
wendig an Interessenausgleich und Kompromiß gebunden (ist)", mußte sich
"zur Erhaltung des parlamentarischen Gleichgewichts" 135 ein Übennaß von
Interventionen ergeben, welche die jeweiligen Interessen einzelner gesellschaft-
licher Gruppen bedient. Müller-Annack leitete daraus zum einen die mangelnde
Zielgenauigkeit dieser staatlichen Eingriffe ab, zum anderen warf er die später
durch Röpke und insbesondere durch Hayek weiter verfolgte These von dem
Selbstläufer eines ",additive(n)' Interventionismus" 136 auf. Im "interventionis-
tischen Parteienstaat", 137 wie Müller-Annack die Weimarer Republik definierte,
ziehe eine Intervention die nächste nach sich, 138 um immer wieder jenes
Gleichgewicht auf einem ständig steigenden Niveau herzustellen. Folgerichtig
stellte Müller-Annack mit direktem Bezug auf Carl Schmitt die- dann nur noch
rhetorisch formulierte - Frage, "ob auf die Dauer das Parlament in der Lage ist,

privaten Initiative wieder einen größeren Betätigungsradius einzuräumen, denn die private Tä-
tigkeit schränkt hinfort nicht mehr die Staatstätigkeit ein, sondern fallt mit ihr zusammen. Ein
Motiv, den Staat durch ihre Zurückdrängung zu stärken, fallt damit weg. Entsprechend hat
sich in Italien die staatliche Betätigung mehr auf das Gebiet der Gesetzgebung und Organisie-
rung der Nation beschränkt, und in ihr den Rahmen gezogen, innerhalb dessen die private Ini-
tiative sich zu entfalten vermag, ohne daß der Staat versuchte, in der gleichen Ebene mit sei-
nen Bürgern in Wettbewerb zu treten. Dadurch, daß die Staatsgewalt von einzelnen Gruppen
unabhängiger gemacht ist und gleichzeitig durch die Organisierung der Erwerbsstände im kor-
porativen System diesen selbst eine innere Hemmung gegen zu einseitige Vertretung ihrer In-
teressen eingeschaltet wird, schützt er sich gegen die systemlose Beanspruchung, die im bis-
herigen Interventionsstaat zu seinem Verhängnis wurde." Ebenda, S. 126 f.
134 Vgl. ebenda, S. 216 f.; Müller-Armack kritisierte das Fehlen eines ordnungspolitischen Rah-
mens für öffentliche Unternehmen sowie die "Häufung von Aufgaben" bei öffentlichen Insti-
tutionen, insbesondere bei der Zentralbank und beklagte die staatlichen Regulierungen auf
dem Arbeitsmarkt, die "gerade im Interesse der Arbeiterschicht ein behutsames Vorgehen"
erforderlich machten. Darüber hinaus forderte er grundsätzlich eine Begrenzung des
staatlichen Interventionismus auf einem Niveau, das den "Gleichgewichtspunkt zwischen
steuerlicher Schonung und Inanspruchnahme der privaten Wirtschaftsträger" auslotet sowie
die Einrichtung von "Kontrollinstanzen, die seine Gesamtwirkung regulieren."
135 Ebenda, S. 110
136 Ebenda
137 Ebenda, S. 197
138 Damit argumentierte Müller-Armack hier ganz im Sinne des Begriffs der "Interventions-
spiralen", den Mises 1929 geprägt hatte. Vgl. Ludwig von Mises, Kritik des lnterventionismus.
Untersuchungen zur Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsideologie der Gegenwart, Jena 1929

55
Träger des Interventionsstaates zu sein." 139 Nein, für Müller-Armack lag die
Lösung der Krise des Kapitalismus wie bei allen anderen späteren Ordoliberalen
im Bekenntnis zum Autoritarismus. Statt parlamentarischer Kompromisse sollte
"ein zentraler politischer Wille" 140 die Gesellschaft im allgemeinen und die
Wirtschafts- und Sozialordnung im konkreten stabilisieren. Dazu gehörte bei
Müller-Armack auch die ideologische Befriedung der Gesellschaft, die ihn am
Programm Mussolinis so begeistert hatte. In seinem optimistischen, geradezu
überschwenglichen Bild eines dynamisch-harmonischen Kapitalismus als
Fortschrittsmotor der Gesellschaft konnten Interessenkonflikte und Klassen-
gegensätze keinen Platz haben. Deshalb forderte Müller-Armack die "Durch-
brechung der internationalen Front der Arbeiter- und Unternehmersoli-
darität"141 durch "eine völlige nationale Durchstrukturierung der Wirtschafts-
organisation, in der kaum eine Schicht an der nationalen Wirtschaftspolitik
uninteressiert bleibt." 142 In der Entwicklung zum Wirtschaftsstaat sah Müller-
Armack eine hervorragende Grundlage und Chance zur Erreichung dieses Ziels.
Zwar habe der Wirtschaftsstaat jene notwendige ,Souveränität' gegenüber den
Interessengruppen verloren, aber zugleich "(ist) bei allem Interventionismus in
Rechnung zu stellen", daß "die solidarischen Interessen aller Schichten in der
kapitalistischen Expansion der Gegenposten (sind)."143
Allerdings ist Müller-Armacks Bekenntnis zum Nationalismus als ideologi-
sche Klammer seines dynamischen Kapitalismus nicht in erster Linie aus einer
weltanschaulichen Perspektive von Bedeutung, er selbst sprach "von einer halb
echten, halb dazuerfundenen nationalen Idee." 144 Diese ,nationale Idee' hatte zu
allererst eine Funktion als stabilisierendes Element der kapitalistischen Gesell-
schaft, konkret als politischer Mythos für eine zeitgemäße Legitimation des auto-
ritären Staates. Müller-Armack benutzte sie als eine "Herrschaftstechnik", ein
Mittel, "mit dem Parlamentarismus und Interventionismus überwunden, eine
Renaissance des untemehmerischen Kapitalismus eingeleitet werden" 145 sollte.
Und gerade weil der Nationalismus für Müller-Armackin erster Linie einen in-
strumentellen Charakter hatte, ist seine nationalistische Begeisterung beim Macht-
antritt der Nationalsozialisten ebenso logisch wie die Tabuisierung dieses Be-
kenntnisses nach 1945. Denn nun mußte ein neuer, den veränderten politisch-
gesellschaftlichen Bedingungen angepaßter Mythos diese Stabilisierungsfunktion
übernehmen, den Müller-Armack als soziale Dimension einer nach engen
ordnungspolitischen Regeln formierten Marktwirtschaft konstruierte - her-
geleitet aus seinen religionssoziologischen Arbeiten der frühen vierziger Jahre.

139 Alfred Müller-Armack, Entwicklungsgesetze des Kapitalismus, a.a.O., S. 110


140 Ebenda, S. 216
141 Ebenda, S. 122
142 Ebenda, S. 214
143 Ebenda, S. 110
144 Ebenda, S. 213
145 Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 62

56
2.3 Die theoretische Fundierung des Ordoliberalismus
zwischen 1937 und 1945

Nachdem also zu Beginn der dreißiger Jahre erste Problemstellungen des ,neu-
en' Liberalismus aus einer staatstheoretischen, demokratiekritischen und kultur-
pessimistischen Perspektive benannt waren, formierte sich der deutsche Ordo-
liberalismus während des Nationalsozialismus allmählich zu einer wirtschafts-
wissenschaftlichen Richtung, die sich das Ziel stellte, allgemeingültige Ord-
nungsgrundsätze für die Wirtschaftspolitik zu formulieren - wie zu zeigen sein
wird - durchaus mit Blick auf die gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
Der Kreis um Eucken wurde zum Ausgangspunkt und theoretischen Rückgrat
des deutschen Ordoliberalismus. Da deren räumliches Zentrum in Freiburg lag,
ging sie als Freibur;ger S chu/e in die ökonomische Dogmengeschichte ein.
Nach einer ersten, nur zwei Jahre währenden Professur in Tübingen 146 folg-
te Eucken 1927 dem Ruf als ordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre
(Nachfolge von Götz Briefs) an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakul-
tät der Universität Freiburg, 147 wo er nach seiner Etablierung mit Nachdruck am
Aufbau einer eigenen Schule arbeitete. 148 Sein Weggefährte Franz Böhm lehrte
als Privatdozent von 1933 bis 1936 ebenfalls in Freiburg, danach bis 1940 im
Rahmen einer Vertretungsprofessur in Jena, wo ihm allerdings wegen seiner Kri-

146 Eucken fühlte sich dort offenbar durch den starken Einfluß der historischen Schule und
gemeinwirtschaftlicher Strömungen in seinen Entwicklungsmöglichkeiten gehemmt. Vgl.
Wendula Gräfin von Klinckowstroem, Walter Eucken: Eine biographische Skizze, in: Lüder
Gerken (Hrsg.), Walter Eucken und sein Werk. Rückblick auf den Vordenker der sozialen
Marktwirtschaft, Tübingen 2000, S. 53-115, hier S. 70 f.
147 Neben ihm besetzten Kar! Diehl, der 1937 durch Constantin von Dietze abgelöst wurde, und
Adolf Lampe die wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstühle in Freiburg.
148 Nach Brintzinger entfielen von den 128 zwischen 1933 und 1945 in der Fakultät abgeschlosse-
nen Promotionen allein 45 auf Eucken. Vgl. Klaus-Rainer Brintzinger, Die Nationalökonomie
an den Universitäten Freiburg, Beideiberg und Tübingen 1918-1945, Frankfurt am Main 1996,
S. 120 ff. Dazu gehörten K. Paul Hensel (1937), der nach Euckens Tod zusammen mit dessen
Ehefrau Edith die Gmndsät'{f der Wirtschaftspolitik herausgeben hatte, Fritz Walter Meyer
(1937), der spätere Kardinal Joseph Höffner (1940), Hans Otto Lenel (1942) und Ernst Heuß
(1944). Mit Bemhard Pfister und Friedrich A. Lutz habilitieren in Freiburg noch vor 1933 zwei
Eucken-Schüler, es folgten 1938 Leonhard Miksch und F. W. Meyer, der im Anschluß als For-
schungsgruppenleiter an das Institut für Weltwirtschaft nach Kiel wechselte. Neben den ge-
nannten späteren Hochschullehrern zählt von Klinckowstroem zu den weiteren Schülern
Günther Kobersteins, die späteren Spitzenbeamten bei Bundesbank und Bundeswirtschaftsmi-
nisterium, Rolf Gocht und Otto Schlecht sowie die Journalisten Hans Herbert Götz, Wilhelm
Seuss und Ernst Günter Vetter. Vgl. Wendula Gräfin von Klinckowstroem, Walter Eucken:
Eine biographische Skizze, a.a.O., 79 f. Im Gegensatz zu Brintzinger erwähnt auch Janssen die
zweite Habilitation nach 1933 von F. W. Meyer. Bei ihm findet sich zudem ein Hinweis auf
Hans Gestrieb als stark von Eucken beeinflußter Ökonom. Vgl. Hauke Janssen, Nationalöko-
nomie und Nationalsozialismus, a.a.O., S. 559 und S. 534

57
tik an der NS-Rassenpolitik die Lehrerlaubnis entzogen wurde. 149 Zum Kern der
Freiburger Schule gehörte zunächst auch der Rechtswissenschafder Großmann-
Doerth, der mit Eucken und Böhm zusammen ab 1937 die Schriftenreihe Ord-
nung der Wirtschqft herausgab.
Die Schriftenreihe erschien mit insgesamt vier Heften, weitere sollen nach
Wemer Krause 150 in Vorbereitung gewesen sein. Der rote Faden bestand gemäß
des Titels der Reihe zum einen darin, die Notwendigkeit ordnungspolitischer
Grundsätze für eine staadiche Wirtschaftspolitik aufzuzeigen; zum anderen
sollte verdeudicht werden, daß bei Beachtung dieser Prinzipien die seit der Welt-
wirtschaftskrise in die Kritik geratenen liberalen Wirtschaftsgrundsätze in ihren
negativen volkswirtschafdichen und sozialen Wirkungen gebändigt werden
könnten. Von besonderer Bedeutung im Kontext dieser Arbeit ist dabei Böhms
grundsätzliche Legitimation des ordnungspolitischen Ansatzes der Freiburger
Schule, die als erstes Heft der Schriftenreihe unter dem Titel Die Ordnung der Wirt-
schqft als geschichtliche Aufgabe und rechtsschlipfende Leistung 193 7 veröffentlicht
wurde. 151 Diese Arbeit, auf die sich Böhm zeidebens bezogen hat, spielt für die
Diskussion der Sozialen Marktwirtschaft eine wichtige Rolle, 152 ebenso wie die
wettbewerbstheoretische Arbeit von Miksch aus dem selben Jahr, Wettbewerb als
Aufgabe - Die Grundsätze einer Wettbewerbsordnung, 153 die 1947 in bereinigter Form,
d.h. mit einigen Auslassungen und bestimmten Ergänzungen,154 herausgebracht
wurde. Die beiden geldtheoretischen Arbeiten von Lutz und Gestrich 155 im
Rahmen der Schriftenreihe sollen hier nur am Rande behandelt werden.

149 "Ich selbst hatte seit 1938 eine Kette von Disziplinar- und Strafverfahren - wegen Verstoßes
gegen das Heimtückegesetz, vornehmlich wegen Angriffen auf die Judenpolitik Hitlers -
hinter mir, war in den Wartestand versetzt und meiner Lehrerlaubnis verlustig erklärt worden."
Franz Böhm, Freiburger Schule und Nationalsozialismus, FAZ 24.05.1955; vgl. auch Konrad-
Adenauer-Stiftung (Hrsg.), Franz Böhm. Beiträge zu Leben und Wirken, Meile 1980, S. 132;
Rudolf Wiethölter, Franz Böhm (1895-1977), in: Bemhard Diestelkamp/Michael Stolleis
(Hrsg.), Juristen an der Universität Frankfurt arn Main, Baden-Baden 1989, S. 208-525, hier S.
221 ff. Grossekettler spricht falschlieherweise von einer Entlassung Böhms im selben Jahr sei-
ner Berufung. Heinz Grossekettler, Der Beitrag der Fnibu'J!,er Schule zur Theorie der Gestal-
tung von Wirtschaftssystemen. Volkswirtschaftliche Diskussionsbeiträge der Westf:ilischen
Wilhelms-Universität Münster, Beitrag Nr. 90, Münster 1987, S. 4; ähnlich ders., Franz Böhm
(1895-1977). Überblick über Leben und Werk, Volkswirtschaftliche Diskussionsbeiträge der
Westf:ilischen Wilhelms-Universität Münster, Beitrag Nr. 259, Münster 1998, S. 1
150 Krause erwähnt geplante Schriften von Eucken, Großmann-Doerth, Tschierschky und Kuhr,
ohne allerdings zu erläutern, warum diese nicht erschienen sind. Werner Krause, Wirtschafts-
theorien unter dem Hakenkreuz. Die bürgerliche politische Ökonomie in Deutschland
während der faschistischen Herrschaft, Berlin 1969, S. 191
151 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, Heft 1 der Schriftenreihe Ordnung der Wirtschaft, hrsg. von Franz Böhm/Walter
Eucken/Hans Großmann-Doerth, Stuttgart - Berlin 193 7
152 Vgl. Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 93
153 Leonhard Miksch, Wettbewerb als Aufgabe, a.a.O.; 2. erweiterte Auflage, Godesberg 1947
154 Dies wird in den folgenden Abschnitten an einigen Beispielen dokumentiert.
155 Friedrich Lutz, Das Grundproblem der Geldverfassung, Heft 2 der Schriftenreihe Ordnung
der Wirtschaft, hrsg. von Franz Böhm/Walter Eucken/Hans Großmann-Doerth, Stuttgart-

58
Von herausragender Bedeutung für die Entwicklung des Ordoliberalismus
waren sicherlich Euckens Grundlagen der Nationalökonomie, die 1940 in erster Auf-
lage erschienen. Nachdem Eucken seine bereits in den zwanziger Jahren begon-
nenen kapitaltheoretischen Untersuchungen 193 7 mit einem Aufsatz zu zeitli-
chen Aspekten im Produktionsprozeß abgeschlossen hatte, 156 widmete er sich
nun einer grundlegenden Auseinandersetzung mit der Historischen Schule, 157
die mit der Herrschaft des Nationalsozialismus wieder vermehrten Einfluß auf
die Volkswirtschaftslehre in Deutschland bekam. Mit den ,Grundlagen' legte
Eucken ein überwiegend methodisch orientiertes Werk vor, mit dem er den An-
spruch formulierte, die "große Antinomie", wie er den Streit zwischen der histo-
risch orientierten und der theoretischen Richtung innerhalb der deutschen Nati-
onalökonomie bezeichnete, durch eine Art Synthese zu überwinden. Durch das
Verfahren "pointierender Abstraktion" und den daraus abgeleiteten "Idealty-
pen" glaubte er zugleich die Grundlage für eine Theorie der Wirtschaftsordnun-
gen überhaupt gefunden zu haben, um "das Ordnungsgefüge und damit den
Aufbau der Wirtschaftsordnung einerjeden Epoche und einesjeden Volkes zu er-
kennen" und "ein geeignetes Werkzeug" zu besitzen, "um den konkreten wirt-
schaftlichen Alltag (...) einer jeden konkreten wirtschaftlichen Ordnung" 158 zu be-
schreiben. Auf der Basis dieses Verfahrens begründete Eucken seine an
Stackelberg angelehnte Marktformlehre, die ausgehend von der Gegenüberstel-
lung zweier Grundtypen - der "zentralgeleiteten Wirtschaft und der Verkehrs-
wirtschaft" eine Vielzahl theoretisch möglicher Wirtschaftssysteme beinhaltet,
letztlich aber nur eine ordnungspolitisch umrahmte Marktwirtschaft als ökono-
misch sinnvoll und menschengerecht akzeptiert. Durch eine staatlich organi-
sierte Wirtschaftspolitik der Annäherung an die vollständige Konkurrenz sei es
möglich, wirtschaftliche Machtballungen zu zerschlagen und damit die Fehlent-
wicklungen der freien Wirtschaft zu kompensieren - so die zentrale These der
,Grundlagen'. Mit der Schrift Nationalökonomie wo!"(!/? legte Eucken 1938159 eine
kurze, eher populärwissenschaftlich formulierte Zusammenfassung der Kernge-
danken der ,Grundlagen' vor.
Neben den Positionen der Freiburger Gruppe sollen in diesem Kontext
auch einige theoretische Beiträge von Erhard zur Diskussion gestellt werden,
nicht zuletzt deshalb, weil er immer wieder sowohl im Hinblick auf die politi-
sche Durchsetzung aber auch hinsichtlich der geistigen Vorarbeiten als ,Vater'

Berlin 1936; Hans Gestrich, Neue Kreditpolitik, Heft 3 der Schriftenreihe Ordnung der Wirt-
schaft, hrsg. von Franz Böhm/Walter Eucken/Hans Großmann-Doerth, Stuttgart- Berlin 1936
156 Walter Eucken, Vom Hauptproblem der Kapitaltheorie, in: Jahrbücher für Nationalökonomie
und Statistik, Bd. 145, 1937, S. 533-564
157 Walter Eucken, Die Überwindung des Historismus, in: Schmollers Jahrbuch, 62. Jg., 1.
Halbbd., 1938, S. 63-86; ders., Wissenschaft im Stile Schmollers, in: Weltwirtschaftliches
Archiv, Bd. 52, 1940 (II), S. 468-506
158 Walter Eucken, Die Grundlagen der Nationalökonomie (1. Auflage 1940), 3. durchgearbeitete
Auflage, Jena 1943, S. 254 f.; Herv. durch R.P.
159 Walter Eucken, Nationalökonomie- wozu?, Leipzig 1938

59
der Sozialen Marktwirtschaft angesehen wird. 160 Als promovierter Betriebswirt
wirkte Erhard während der NS-Zeit zwar in erster Linie in der praxisbezogenen
Markt- und Verbrauchsforschung sowie in der wirtschaftspolitischen Beratung,
aber neben einer Vielzahl von Publikationen auf diesem Gebiet beschäftigte sich
Erhard auf theoretischer Ebene mit ordnungspolitischen Fragen der Wirt-
schaftspolitik, insbesondere mit Blick auf die gesellschaftspolitischen Rahmen-
bedingungen von Märkten und die Implikationen der Preisbildung. 161 In diesen
Beträgen zeigt sich deutlich seine Nähe zur sich herausbildenden ordoliberalen
Position, die in Erhards Publikationen aus der Übergangszeit noch deutlicher
wird, etwa in seinem bekannten Gutachten von 1943/44 zur Kriegsftnaniferung und
Schu/denkonsolidierung. 162 Der Einwand von Wünsche, daß "die Ordoliberalen auf
Erhards politische Konzeption keinen direkten Einfluß ausgeübt (haben)",163 ist
weder in Bezug auf die engen personellen Verflechtungen (vor allem in der
Nachkriegszeit) 164 noch hinsichtlich der theoretischen Überschneidungen über-
zeugend. Von einer eigenständigen, durch Erhard geprägten Konzeption der
Sozialen Marktwirtschaft kann vor dem Hintergrund der realen Theorieentwick-
lung des ,neuen' Liberalismus nicht gesprochen werden. Erhard war ein Be-
standteil der ordoliberalen Strömung, allerdings mit dem Selbstverständnis eines
praxisorientierten Wirtschaftswissenschaftlers. 165

160 Diese Position vertritt mit besonderem Nachdruck der letzte persönliche wissenschaftliche
Referent von Erhard und jetzige Geschäftsführer der Ludwig-Erhard-Stiftung e.V.: Vgl. Horst
Friedrich Wünsche, Ludwig Erhards Gesellschafts- und Wirtschaftskonzeption, a.a.O.; ders.,
Ludwig Erhards Soziale Marktwirtschaft - Ein Diskurs über Fehldeutungen und Entstellun-
gen; in: ORDO, Bd. 45, 1994, S. 151-167; ders., Erhards Soziale Marktwirtschaft: von Eucken
programmiert, von Müller-Armack inspiriert?, in: Ludwig-Erhard-Stiftung (Hrsg.), Soziale
Marktwirtschaft als historische Weichenstellung, Bonn - Düsseldorf 1997, S. 131-169; aber
auch Roth, der Erhards Wirken insbesondere unter dem Aspekt der Kontinuität der deutschen
Wirtschafts- und Sozialordnung untersucht, geht offensichtlich von dieser Überbewertung Er-
hards aus; vgl. Karl-Heinz Roth, Das Ende eines Mythos. Ludwig Erhard und der Übergang
der deutschen Wirtschaft von der Annexions- zur Nachkriegsplanung (1939-1945). Teil II:
1943-1945, in: 1999, Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, 13. Jg. Heft
1, 98, S. 92-123, hier S. 98 (Fortsetzung 14.Jg., Heft 1, 1999, S. 73-91)
161 Ludwig Erhard, Einfluß der Preisbildung und Preisbindung auf die Qualität und Quantität des
Angebots und der Nachfrage, in: Georg Bergler/ders. (Hrsg.), Marktwirtschaft und Wirt-
schaftswissenschaft Festschrift für Wilhelm Vershofen, Berlin 1939, S. 47-100; ders., Voraus-
setzungen und Prinzipien der Marktforschung, in: Vereinigte Glanzstoff-Fabriken (Hrsg.),
Marktforschung als Gemeinschaftsaufgabe für Wissenschaft und Wirtschaft. Festschrift für
Conrad Herman, Kiel - Nümberg - Wuppertal 1939, S. 29-44; ders., Die Marktordnung, in:
Kar! Theisinger (Hrsg.), Die Führung des Betriebes. Festschrift für Wilhelm Kalveram, Berlin
-Wien, 1942, S. 274-282
162 Ludwig Erhard, Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung. Faksimiledruck der
Denkschrift von 1943/44. Mit Vorbemerkungen von Ludwig Erhard, Theodor Eschenburg
und Günter Schmölders, Frankfurt am Main - Berlin- Wien 1977
163 Horst Friedrich Wünsche, Erhards Soziale Marktwirtschaft: von Eucken programmiert, von
Müller-Armack inspiriert?, a.a.O., S. 155
164 V gl. Abschnitt 4.2.2 dieser Arbeit
165 Eben daraus scheint sich seine Ambivalenz gegenüber der ,reinen' Theorie zu erklären, von
der Wünsche immer wieder spricht, die eben auch - zumal mit zunehmender politischer

60
Die Aufsätze von Böhm, Eucken und l\1iksch in der von der Klasse IV der
Akademie für Deutsches Recht (AfDR) 166 1942 herausgegebenen Schrift Der
Wettbewerb als Mittel volkswirtschaftlicher Leistungssteigerung und Leistungsauslese167
knüpfen unter verschiedenen Aspekten an einzelne wettbewerbstheoretische
und wettbewerbspolitische Fragestellungen der Freiburger Schriftenreihe an.
Diese Beiträge bringen in theoretischer Hinsicht kaum neue Aspekte, sie sind
vielmehr unter politischen Gesichtspunkten von Bedeutung, denn in der Lite-
ratur wird die Mitarbeit der Ordoliberalen in dieser wichtigsten nationalsozialis-
tischen Wissenschaftsinstitution sehr kontrovers diskutiert. Tatsächlich beinhal-
ten alle Beiträge in erster Linie eine direkte Auseinandersetzung mit der konkre-
ten nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik, allerdings sind sie bei genauerer
Betrachtung kaum als Beleg einer fundamentalen Opposition gegen den Natio-
nalsozialismus anzuführen, wie immer wieder behauptet wurde und wird. 168
Vielmehr spricht vieles dafür, die Mitarbeit verschiedener Ordoliberaler in den
beiden Arbeitsgemeinschaften Volkswirtschaftslehre und Preispolitik dahinge-

Macht im Nachkriegsdeutschland - zur scharfen Kritik an den ,Modelltheoretikern' führen


konnte. Andererseits bezeichnete Erhard sich selbst gelegentlich als Ordoliberalen (so bei-
spielsweise 1961 vor dem evang. Arbeitskreis der CDU, in: ders., Deutsche Wirtschaftspolitik.
Der Weg der Sozialen Marktwirtschaft, Düsseldorf 1962, S. 592) und schrieb zum 80. Ge-
burtstag von Böhmin Anerkennung der Leistungen seiner Mitstreiter: "Ich bekenne freimütig,
daß ohne Walter Eucken, Franz Böhm, Wilhelm Röpke, Alexander Rüstow, F. A. von Hayek,
Alfred Müller-Armack und viele andere, clie mitdachten und mitstritten, mein eigener Beitrag
zu diesem Werk (der Sozialen Marktwirtschaft; Anm. R.P.) kaum möglich gewesen wäre."
Ludwig Erhard, Franz Böhms Einfluß auf clie Politik, in: Hans Sauermann/Ernst-Joachim
Mestmäcker (Hrsg.), Wirtschaftsordnung und Staatsverfassung. Festschrift für Franz Böhm
zum 80. Geburtstag, Tübingen 1975, S. 15-21, hier S. 15
166 Die 1940 als Klasse IV der AfD R gegründete Gruppe Wirtschaftswissenschaft zur "Erfor-
schung der völkischen Wirtschaft" unter dem Vorsitz von Jens Jessen bestand aus insgesamt
neun Arbeitsgemeinschaften mit den Themenfeldern Wirtschaftsgeschichte, Sozialpolitik, Ag-
rarpolitik, Geld und Kreclit, Finanzwirtschaft, Preispolitik, Verkehrspolitik, Außenwirtschaft
und einer Art koordinierendem Zentralausschuß Volkswirtschaftslehre. Die Vertreter ordoli-
beraler Provenienz sammelten sich vor allem in den Arbeitsgemeinschaften Volkswirtschafts-
lehre und Preispolitik Vgl. Hauke Janssen, Nationalökonomie und Nationalsozialismus, a.a.O.,
S. 189 ff.; Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O.; S.
94 ff.; Ludolf Herbst, Der Totale Krieg und die Ordnung der Wirtschaft. Die Kriegswirtschaft
im Spannungsfeld von Politik, Ideologie und Propaganda 1939-1945, Stuttgart 1982, S. 148 f.
16 7 Vgl. hierzu Fn. 11 dieser Arbeit, S. 26
168 So auch in zwei neueren Arbeiten: Friedrun Quaas (Soziale Marktwirtschaft. Wirklichkeit und
Verfremdung eines Konzeptes, a.a.O., S. 58) will hier einen "Zusammenhang des geistigen
Widerstandes gegen das nationalsozialistische System und des Nachdenkens über die gesell-
schaftliche und wirtschaftliche Spezifik der Nachkriegsordnung" entdeckt haben. In der mate-
rialreichen Dissertation von Hauke Janssen (Nationalökonomie und Nationalsozialismus,
a.a.O.) heißt es, mit dem Band Wetlbewerb als Mittel volkswirtschaftlicher Leistungssteigerung und Leis-
tungsausle.re sei nicht nur "eine vernichtende Absage an das planwirtschaftliche System" (S. 193)
bestätigt worden, sondern er behauptet auch, daß im Bereich der Wirtschaftswissenschaften
"einzig von ihnen" - der Freibu'J!,er Schule- "bereits in den dreißiger Jahren ein organisierter
und öffentlich vorgetragener Widerstand gegen den neuen offiziellen Kurs in der deutschen
Volkswirtschaftslehre aus (ging)." (S. 195)

61
hend zu bewerten, daß sie "als Mitglieder der Arbeitsgruppe durchaus konstruk-
tiv an der Lösung von spezifischen Problemen der Kriegswirtschaft mitarbeite-
ten" und darin eine Chance sahen, "auf die programmatischen Planungen für die
Wirtschaftspolitik nach dem Krieg Einfluß zu gewinnen." 169 Aus dieser Sicht
muß die These, daß die Mitarbeit der Ordoliberalen in der Klasse IV der AfDR
des Nationalsozialismus zum Sammelpunkt für eine geheime Widerstandsstruk-
tur und "Untergrundökonomie" 170 oder gar zum Ausgangspunkt des Ordolibe-
ralismus schlechthin wurde, 171 grundsätzlich in Zweifel gezogen werden.
Es ist deshalb notwendig, bevor die eigentlichen Fragen der ordoliberalen
Theoriebildung diskutiert werden, zunächst das Verhältnis des Ordoliberalismus
zum Nationalsozialismus als eigenständigen Schwerpunkt zu behandeln, gerade
weil die angebliche Widerstandshaltung der Freiburger Schule oder auch Erhards
eine zutiefst legitimatorische Funktion für die Nachkriegsordnung der Sozialen
Marktwirtschaft besitzt. Denn "diese ,neo-liberale' Lehre", so Röpke in einem
Nachruf aufEucken, sei ein Beleg dafür, "wie aufrechte, scharfsinnige, der Frei-
heit und dem Recht ergebene Männer in Deutschland auf die Vergewaltigung
des Menschen durch den Kollektivismus und Totalitarismus geantwortet haben.
Sie haben sich ein Recht darauf erworben, die Welt darüber aufzuklären(...), wie
unzertrennlich Freiheit und Rechtsstaat von der Freiheit der wirtschaftlichen
Ordnung sind." 172

2.3.1 Zum Verhältnis iJVischen OrdoJiberaJismus und Nationalsoifalismus

Allein die Tatsache, daß der Ordoliberalismus seine theoretischen Grundlagen


maßgeblich im nationalsozialistischen Deutschland entwickelt hat, wirft die poli-
tische Frage auf, wie es um das Verhältnis zwischen den Ordoliberalen und dem
Nationalsozialismus im allgemeinen und seiner Wirtschaftspolitik im speziellen
bestellt war. Dabei handelt es sich keineswegs um ein bereits abgeschlossenes

169 Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 95 f.


170 Otto Schlecht, Die Genesis des Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft, in: Otmar Issing
(Hrsg.), Zukunftsprobleme der sozialen Marktwirtschaft, Schriften des Vereins für Socialpoli-
tik, NF 116, Berlin 1981, S. 9-31, hier S. 15; für Blumenberg-Lampe "ist es gelungen, die
Klasse IV zu einer Oppositionsgruppe werden zu lassen". Christine Blumenberg-Lampe, Das
wirtschaftspolitische Programm der ,Freiburger Kreise'. Entwurf einer freiheitlich-sozialen
Nachkriegswirtschaft Nationalökonomen gegen den Nationalsozialismus, Berlin 1973, S. 30;
auch Schmölders erblickt eine "Oppositionsgruppe in Gestalt der Klasse Wirtschaftswissen-
schaft der ,Akademie für deutsches Recht"', die unter "sorgfaltigster Tarnung und vorsichtiger
Anlehnung an eine möglichst einflußreiche anerkannte Institution" den akademischen Wider-
stand organisierte. Günter Schmölders, Personalisierter Sozialismus. Die Wirtschaftsordnungs-
konzeption des Kreisauer Kreises der deutschen Widerstandsbewegung, Köln - Opladen,
1969, s. 29
171 Vgl. Gerhard Schulz, Über Johannis Popitz (1884-1945), in: Der Staat, Bd. 24, 1985, Heft 4, S.
485-511, hier S. 502
172 Wilhelm Röpke, Walter Euckent, NZZ 25.03.1950

62
Kapitel innerhalb der Dogmengeschichte -im Gegenteil, gerade die beträcht-
liche Zahl jüngerer Publikationen, vor allem aus dem ordoliberalen Spektrum
selbst, 173 belegt die hohe Aktualität und Sensibilität dieses Themenkomplexes
für die Auseinandersetzung mit dem Ordoliberalismus und dem Konzept der
Sozialen Marktwirtschaft.
Die ordoliberale Deutung dieses Problems kann kaum anders als apologe-
tisch bezeichnet werden. 174 Eine selbstkritische Aufarbeitung des Verhältnisses
zwischen Ordoliberalismus und Nationalsozialismus existiert nicht einmal in
Ansätzen. 175 Statt dessen wird das Bild von einer durchgängig aufrechten, gegen
den Nationalsozialismus opponierenden Haltung konstruiert - offensichtlich
eine Legendenbildung mit dem Zweck, die führenden Vertreter des deutschen
Neoliberalismus vom Vorwurf nationalsozialistischer Verstrickungen reinzu-
waschen. Für Lothar Bossle, Würzburger Soziologe und Leiter des dortigen
Instituts für Demokratieforschung, "(hat) die Idee des Neoliberalismus die
Weihe des Antifaschismus. Alle wissenschaftlichen Begründer des Neoliberalis-
mus waren entweder (...) in der Emigration oder (...) im Kreis der inneren Wi-
derstandsbewegung gegen Hitler." Zwar belegt Bossle seine These nicht, dafür
wird aber sein eigentliches Ansinnen um so deutlicher, wenn er sagt, daß "die
Anwendung des Ordoliberalismus in der Konzeption der Sozialen Marktwirt-
schaft zu einem vorbildlichen Weg in der ersten Aufbauperiode der deutschen
Nachkriegsperiode geführt (hat)." 176 Dieser "vorbildliche Weg", den Bossle

173 Vgl. u.a. Heinz Grossekettler, Der ,starke' Staat als Garant einer ,sozialen' Marktwirtschaft: die
Ideen der Gründungsväter aus heutiger Sicht, in: Peter Hampe/Jürgen Weber (Hrsg.), SO Jahre
Soziale Mark(t)wirtschaft. Eine Erfolgsstory vor dem Ende?, München 1999, S. 46-68; Hans
Willgerodt, Die Liberalen und ihr Staat, a.a.O.; Horst Friedrich Wünsche, Erhards soziale
Marktwirtschaft: von Eucken programmiert, von Müller-Armack inspiriert?, a.a.O.
174 Symptomatisch ist der Beitrag von Franz Böhm, Freiburger Schule und Nationalsozialismus,
a.a.O., in dem er sich mit einigen Vorwürfen gegen die Freibu1J!,er Schule während der NS-Zeit
auseinandersetzt. Darin distanziert sich Böhm mit eindringlichen Worten von jedweder Ko-
operation mit oder auch nur Überzeugungsarbeit gegenüber den nationalsozialistischen Ent-
scheidungsträgem: "Wir haben keineswegs den Diktatoren unser Schoßkind Wettbewerb ans
Herz gelegt, sondern umgekehrt dargetan, daß man sich entweder für eine frei oder für eine
staatlich gesteuerte Wirtschaft entscheiden muß und daß, wenn man sich für eine staatlich ge-
steuerte Wirtschaft entscheidet, keine Möglichkeit besteht, den Wettbewerb zu bemühen."
Das allerdings ist, wie zu zeigen sein wird, bestenfalls die halbe Wahrheit. In jüngster Zeit hat
Hans Willgerodt (Die Liberalen und ihr Staat, a.a.O., S. 51 ff.) noch einmal vehement den "Fa-
sci:Usmusvorwurf" gegenüber den Ordoliberalen zurückgewiesen und damit zugleich Kritiker
mit dem Pauschalvorwurf einer indifferenten Argumentation überzogen.
175 Es ist deshalb erstaunlich, daß Friedrun Quaas (Soziale Marktwirtschaft. Wirklichkeit und Ver-
fremdung eines Konzeptes, a.a.O., S. 70 f.) für die Zeit nach 1945 in Bezug auf Müller-
Armack von einer "eingehenden Analyse der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik"
spricht. In den beiden angesprochenen Texten von 1946 und 1947 wird der Bezug zur
nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik lediglich in Abgrenzung zum liberalen Wirtschafts-
konzept hergestellt. Weder kann in diesem Zusammenhang von einer spezifischen Analyse
noch gar von einer persönlichen Reflektion Müller-Armacks die Rede sein.
176 Lothar Bossle (Hrsg.), Perspektive 2000. Der ökonomische Humanismus im Geiste Alexander
Rüstows, Würzburg 1987, S. 70

63
1987 als Perspektive für die bundesrepublikanische Wirtschafts- und Sozialord-
nung im Jahr 2000 empfiehlt, braucht für seine Glaubwürdigkeit ,vorbildliche
Wegbereiter', und genau deshalb wird die Auseinandersetzung mit dem tat-
sächlichen Wirken der frühen Ordoliberalen in der NS-Zeit dem Legitimations-
bedürfnis untergeordnet.
Es stellt sich zunächst die Frage, warum und wie es trotzder rigorosen poli-
tischen Unterdrückung durch den Nationalsozialismus- nicht zuletzt im wissen-
schaftlichen Bereich- an der Freiburger Universität gelingen konnte, "eine Art
Naturschutzpark der liberalen Wirtschaftswissenschaft" 177 zu etablieren. Auch
die vielniltigen Publikationsmöglichkeiten ordoliberaler Autoren in diesem Zeit-
raum sind wohl kaum ein Beleg für eine oppositionelle Haltung, sondern deuten
zumindest auf eine nationalsozialistische Duldung gegenüber dem ordoliberalen
Projekt hin. 178 Ähnliches gilt für die selbst von Willgerodt eingestandene "Tat-
sache, daß unter der Herrschaft des Nationalsozialismus liberale Ratschläge ge-
geben worden sind." Seine Schlußfolgerung allerdings, daß die mittelbare und
unmittelbare Beratungstätigkeit seitens der Ordoliberalen "weder den National-
sozialismus liberal noch die Ratgeber nationalsozialistisch macht",179 bestätigt
die affirmative Haltung der deutschen Neoliberalen, wenn es um ihre Ursprünge
geht. Indem Willgerodt bewußt vereinfacht, verdeckt er die eigentlichen Fragen,
deren Beantwortung notwendig ist, um das Verhältnis der Ordoliberalen zum
NS-System und zu dessen Wirtschaftspolitik einigermaßen treffsicher beurteilen
zu können.
Welchen Adressaten hatten die wissenschaftlichen Texte der Freiburger in
den dreißiger und frühen vierziger Jahren? Was bedeutet es, wenn Eucken im
September 1939 als einer "von acht namhaften Wissenschaftlern" zum Gut-
achter einer vom Reichswirtschaftsministeriums in Auftrag gegebenen Unter-
suchung zur Kriegsfinanzierung bestellt wurde? 180 Wie erklärt sich, daß Euckens
Grundlagen der Nationalökonomie im Jahresbericht der AfDR von 1941 als wichtig-
ster Diskussionstext der zentralen Arbeitsgemeinschaft Volkswirtschaftslehre
erwähnt wird, der "Ansatzpunkte zur Erörterung der Grundlagen und Begriffe

177 Günter Schmölders, Personalisierter Sozialismus, a.a.O., S. 29


178 Allerdings wird man der Lösung der Frage auch nicht dadurch gerecht, daß man von dieser
Publikationsmöglichkeit einfach auf eine direkte Nähe der Ordoliberalen zum Nationalsozialis-
mus schließt. Vgl. in diesem Sinne die zwei DDR-Publikationen von Otto Rühle, Zur Theorie
der ,Wettbewerbsordnung' von W. Eucken, in: Wirtschaftswissenschaft, Heft 5, 1954, S. 538-
557, hier S. 539 und Oscar Christians, Die ,Ordo-Lehre' Walter Euckens - ein Mittel zur Ver-
teidigung des staatsmonopolistischen Kapitalismus; in: Wirtschaftswissenschaft, Heft 6, 1957,
S. 879-890, hier S. 879; kritisch dazu: Wemer Krause, Wirtschaftstheorien unter dem Haken-
kreuz, a.a.O., S. 187
179 Hans Willgerodt, Die Liberalen und ihr Staat, a.a.O., S. 54
180 Gerhard Schulz, Über Johannis Popitz (1884-1945), a.a.O., S. 500; das Gutachten wurde mit
Datum vom 9. Dezember 1939 unter dem Titel "Kriegsfinanzierung" von den Professoren
Eucken, Berkenkopf, Hasenack, ]essen, Lampe, Frhr. von Stackelberg, Stucken und
Teschemacher abgefaßt.

64
einer neuen deutschen Volkswirtschaftslehre bietet"? 181 Wie sind die unmittel-
baren Beratungstätigkeiten von Erhard und Müller-Armack in der Markt- und
sogenannten Raumforschung zu bewerten, wie das umfangreiche publizistische
Wirken des Eucken-Schülers Miksch in der Wirtschciftskuroe, einer im Umfeld der
Frankfurter Zeitung angesiedelten Fachzeitschrift, in der bis kurz vor Kriegsende
Stellungnahmen und Empfehlungen zur nationalsozialistischen Wirtschaftspoli-
tik und kriegswirtschaftlichen Planung formuliert wurden? All dies rechtfertigt
nicht den Begriff des Widerstandes, sondern deutet vielmehr auf das Bestreben
einer Teilhabe an der Macht hin und zeigt, daß die ordoliberal ausgerichteten
Wissenschaftler in Bezug auf die Formulierung bzw. Umsetzung nationalsozia-
listischer (Wirtschafts-)Politik mindestens teilweise involviert waren.
Allerdings setzt eine Auseinandersetzung mit den ordoliberalen Positionen
dieser Zeit voraus, den eigentlichen Bezugspunkt - die nationalsozialistische
Wirtschaftspolitik - deutlich zu bestimmen und richtig einzuordnen. Gerade die
Verfechter der These vom ordoliberalen Widerstand neigen hierbei wiederum
zur bewußten Vereinfachung, indem sie die nationalsozialistische Wirtschafts-
politik leichtfertig als ausschließlich planwirtschaftliches System charakterisieren,
dem Gegenpol des ordoliberalen Marktideals. Die antiliberale Propaganda der
NSDAP-Ideologen gilt dann schon als Beleg für die Gegnerschaft des National-
sozialismus zur Marktwirtschaft. Damit allerdings bleiben sowohl die unter-
schiedlichen Phasen der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik unberück-
sichtigt wie auch die insgesamt variable und flexible Politik der NSDAP in Be-
.zug auf Wirtschaftsfragen 182 als Ausdruck unterschiedlicher Interessenströmun-
gen innerhalb der Partei und als Ausdruck sich ändernder Erfordernisse im
Rahmen der nationalsozialistischen Expansionsstrategie.
Obwohl "die Analyse der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik in den
letzten drei] ahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht hat", 183 handelt es sich

181 C. A. Emge, Aus der Arbeit der Akademie für Deutsches Recht im Jahre 1941, in: Zeitschrift
der Akademie für Deutsches Recht, 8.Jg., Heft 22/23,1941, S. 357-361, hier S. 357
182 Vgl. F riedrich-Wilhelm Henning, Das industrialisierte Deutschland 1914-1972, Paderborn
1974, S. 144; Franz Neumann, Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-
1944 (nach der us-amerikanischen Fassung 1963), Originalausgabe 1942/44, Frankfurt am
Main 1993, S. 285. Interessanterweise bestätigt sich dies auch bei Betrachtung der zeitgenössi-
schen ordoliberalen Sicht. Man müsse "sich vor Augen halten", so Miksch, "daß die deutsche
Wirtschaftspolitik betont undogmatisch ist. Sie setzt sich bestimmte allgemeine Ziele, be-
trachtet aber die Methoden, die ihrer Verwirklichung dienen sollen, als eine Frage der Zweck-
mäßigkeit." Leonhard Miksch, Freihandel in Europa?, in: Die Wirtschaftskurve, 20. Jg., Heft
IV, 1941, S. 256-266, hier S. 256. An anderer Stelle heißt es: "Es bildet einen besonderen
Vorzug der deutschen Wirtschaftspolitik, daß sie die unvermeidlichen Steuerungs- und Pla-
nungsmaßnahmen nicht allgemein, sondern von Fall zu Fall und unter besonderer Berück-
sichtigung der jeweiligen Bedürfnisse aufbaut." Ders., Rationierungssysteme, in: Die Wirt-
schaftskurve, 19. Jg., Heft III, 1940, S. 153-155, hier S. 153
183 Ludolf Herbst, Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik im internationalen Vergleich, in:
Wolfgang Benz/Hans Buchheim/Hans Mommsen (Hrsg.), Der Nationalsozialismus. Studien
zur Ideologie und Herrschaft, Frankfurt am Main 1993, S. 153-176, hier S. 153

65
doch wn einen insgesamt eher vernachlässigten Bereich der Theoriegeschichte
der Wirtschaftswissenschaften, aber auch der Geschichts- und Politikwissen-
schaft. Die beiden hauptsächlichen Untersuchungsgegenstände in diesem Zu-
sammenhang, das Verhältnis zwischen Wirtschaftswissenschaft und Nationalso-
zialismus einerseits sowie die Frage nach der Originalität der nationalsozialisti-
schen Wirtschaftspolitik anderseits, sind nicht hinreichend geklärt. 184 Unbestreit-
bar ist allerdings, daß sowohl die nationalsozialistischen Bestrebungen zur
Entwicklung einer eigenständigen Wirtschaftsdoktrin als auch die Arbeiten an
der ordoliberalen Programmatik 185 in den Kontext des allgemeinen Umbruchs
der Wirtschaftswissenschaften in den dreißiger Jahren gestellt werden müssen. 186
Die tiefgreifenden Strukturprobleme der Weltwirtschaftskrise hatten in der
Wirtschaftswissenschaft und der Wirtschaftspolitik in praktisch allen entwickel-
ten Industriestaaten zu einem grundsätzlichen Umdenken geführt. Im Mittel-
punkt dieser internationalen Diskussion stand - angeregt durch die keynesiani-
sche Revolution - das Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft, damit verbun-
den die Suche nach geeigneten Instrumenten zur Überwindung oder zumindest
Eindämmung der kapitalistischen Krise, insbesondere durch eine aktive staatli-
che Wirtschaftspolitik. Das galt gleichermaßen für die binnen- wie die
außenwirtschaftliche Entwicklung. Insofern lassen weder die frühen wirtschafts-
politischen Maßnahmen durch den nationalsozialistischen Staat, etwa im Bereich
der Arbeitsbeschaffung, der Landwirtschaft oder des Außenhandels, noch der
gesamtwirtschaftliche Umbau zur Kriegswirtschaft im Grundsatz einen spezi-
fisch deutschen Weg in der Wirtschaftspolitik erkennen. 187

184 So auch Hauke Janssen, Nationalökonomie und Nationalsozialismus, a.a.O., S. 77 ff., der
feststellt, daß "das nationalsozialistische Wirtschaftsdenken höchst selten Gegenstand ökono-
mischer Forschung gewesen (ist)." (S. 77) Er sieht trotz einigerneuererArbeiten zum Thema
das Problem darin, daß die Debatte von Nicht-Ökonomen dominiert wird.
185 Miksch spricht 1941 davon, wie sehr "die Revolution der Wirtschaftsordnung, die seit einem
Jahrzehnt im Gange ist, es erforderlich (macht), die Zusammenhänge von Grund aus neu zu
überdenken." Leonhard Miksch, Freihandel in Europa, a.a.O., S. 259
186 "Die Koordinaten der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik werden also von einer Zeit-
achse bestimmt, die die Dauer des politischen Systems des Nationalsozialismus arn Anfang
und arn Ende erheblich überragte. Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik ist daher in
Bezug zu setzen zu ihrer nicht nationalsozialistischen Vor- und Nachkriegsgeschichte." Ludolf
Herbst, Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik im internationalen Vergleich, a.a.O., S. 154
187 Vgl. eben da S. 155 ff.; Herbst urteilt auf der Basis eines Vergleichs der wichtigsten Industrie-
staaten und kommt trotz der Unterschiede in Hinblick auf Intensität, Zeitabfolge und vor
allen Dingen die politische Einbettung wirtschaftlicher Maßnahmen zu dem Ergebnis, daß die
nationalsozialistische Wirtschaftspolitik einem allgemeinen Trend zur Regulierung in der In-
dustrie und Landwirtschaft folgte, die "auch in Deutschland ihren Charakter als situations-
bedingte Not- und Übergangsmaßnahmen" (S. 175) behielten. Vgl. auch Kar! Georg Zinn,
Systemstabilität und ordnungspolitischer Wandel des Kapitalismus - Die soziale Marktwirt-
schaft als politisches Kabinettstückchen, in: Wolfram Elsner/Wemer Wilhelm Engelhardt/
Wemer Glastetter (Hrsg.), Ökonomie in gesellschaftlicher Verantwortung. Festschrift zum 65.
Geburtstag von Siegfried Katterle, Berlin 1998, S. 163-192, hier S. 169 ff.

66
Die deutsche Besonderheit im internationalen Vergleich lag eher darin, daß
es den Nationalsozialisten durch die zügige und autoritär abgesicherte Anwen-
dung einzelner Instrumente keynesianscher Wirtschaftspolitik früher als den
anderen führenden Industrienationen gelungen war, die Folgen der Weltwirt-
schaftskrise zu überwinden, sichtbar vor allem durch die Realisierung von Voll-
beschäftigung im Jahr 1936. Gerade aus diesem Vorsprung einer erfolgreichen
Krisenpolitik gewann das nationalsozialistische System eine nicht zu unter-
schätzende Autorität innerhalb der Bevölkerung, ja selbst Anerkennung im
Ausland. Mit dem ,Wirtschaftswunder' der dreißiger Jahre wurde das "materielle
und nicht zuletzt auch das psychologische Fundament der deutschen Diktatur
und ihre(m) sozialrevolutionären Anspruch" gefestigt, "vor allem aber legte es
die Grundlage für die Mobilisierung aller Ressourcen für den kommenden
Krieg." 188 Damit hatte sich die frühzeitige Entscheidung der Nationalsozialisten
für die flexible Anwendung einer "marktwirtschaftlichen Lenkungswirtschaft" 189
in doppelter Hinsicht bezahlt gemacht.
Von einer originären wirtschaftspolitischen Konzeption kann vor diesem
Hintergrund bis zum Ende des Nationalsozialismus nicht gesprochen werden, 190
Hitler betonte mehrfach, daß die NSDAP keiner bestimmten Wirtschaftstheorie
folge. 191 Ausschlaggebend war für Hitler die Zweckerfüllung der Wirtschafts-
politik für das nationalsozialistische GesamtzieL Der ,starke Staat' sollte dem
Primat der Politik auch im Bereich wirtschaftspolitischer Maßnahmen Geltung
verschaffen, um nach innen ökonomische und soziale Stabilisierung zu gewähr-
leisten und nach außen die militärische Expansion zur Schaffung des völkischen
Lebensraumes ökonomisch zu sichern. Aus diesem Grundsatz der Zweckmä-
ßigkeit erklärt sich die Ambivalenz der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik,
die sich einerseits auf das marktwirtschaftliche Konkurrenzprinzip in der Inter-
pretation eines darwinistischen Ausleseverfahrens, die selbständige Unterneh-

188 Wemer Abelshauser, Kriegswirtschaft und Wirtschaftswunder. Deutschlands wirtschaftliche


Mobilisierung für den Zweiten Weltkrieg und die Folgen für die Nachkriegszeit, in:
Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 47.Jg., Heft 4, 1999, S. 503-538, hier S. 512
189 Wemer Abelshauser, Die ordnungspolitische Epochenbedeutung der Weltwirtschaftskrise in
Deutschland, a.a.O., S. 21
190 Vgl. hierzu die ergiebige Studie von Ludolf Herbst, Der Totale Krieg und die Ordnung der
Wirtschaft, a.a.O., hier besonders S. 283. Eine gewisse Originalität in der NS-Wirtschafts-
politik sieht demgegenüber Avraham Barkai, Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus
(Erstausgabe 1977), erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main 1988. Allerdings sieht Barkai
trotz der von ihm herausgearbeiteten Spezifik des NS-Wirtschaftssystem mitsamt seinen
Restriktionen in Produktion, Einkommensverteilung und V erbrauch ein "kapitalistisches
System (... ) in den engen Grenzen eingeschränkter Entscheidungsbefugnisse" erhalten. (S. 230)
191 Hitler verdeckte die Konzeptionslosigkeit der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik, indem
er den Verzicht auf eine theoretisch fundierte Orientierung als bewußte Entscheidung dar-
stellte. In der Wirtschaftspolitik, so Hitler vor Bauarbeitern in Berchtesgaden am 20.05.1937,
kenne er "nur das einzige Dogma, daß es auf dem Gebiet kein Dogma gibt, daß es hier über-
haupt keine Theorie gibt, sondern daß es hier nur Erkenntnisse gibt." Zit. nach Hildegard von
Kotze/Helmut Krausnick (Hrsg.), "Es spricht der Führer." 7 exemplarische Hitler-Reden,
Gütersloh 1966, S. 178-223, hier S. 185 f.

67
merinitiative und die Sicherung des Privateigentums stützte und die andererseits
zur Durchsetzung des Hegemonialanspruchs in Europa eine umfassende wirt-
schaftliche Planung zur Vorbereitung und Durchführung des Krieges benötigte,
die spätestens in der Phase des ,totalen Krieges' alle Bereiche der Volkswirt-
schaft beeinflußen mußte - dann mit erheblichen Beschränkungen der privat-
wirtschaftlichen Autonomie und der Konsumentenfreiheit.
Dennoch gilt selbst für die Phase der Hochrüstung, "daß der Wettbewerb
gerade auch im Rahmen der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft eine be-
deutende Aufgabe hatte." 192 Folgerichtig war das Ergebnis der forcierten
Aufrüstungsanstrengungen der Nationalsozialisten "keineswegs Planwirtschaft.
Es entstand allenfalls staatliche ,Kommandowirtschaft"' 193 mit einem komple-
xen, oftmals sich selbst behindernden, bürokratischen Apparat, in dem private
und öffentliche Verwaltungsstrukturen der Wirtschaft miteinander verwoben
waren. Die dabei auftretenden Reibungsverluste im Wirtschaftsablauf führten
selbst im planungszentrierten :Ministerium für Rüstung und Kriegsproduktion
unter Speer zu der Einsicht, die Beschneidung der wirtschaftlichen Freiheiten
"zugunsten von mehr industrieller Selbstverwaltung zurückzudrängen (...),ohne
die Prärogative des Speer'schen ,Produktionsministerium' anzutasten." 194 Für
Abelshauser "(hatte) diese in der Ära Speer entstandene Kriegs-Ordnungspolitik
nicht zuletzt den Vorzug, mit dem reformliberalen Geist der ,Sozialen Markt-
wirtschaft' kompatibel zu sein." 195
Anders ausgedrückt: Die Nationalsozialisten waren keineswegs - wie die
Ordoliberalen in der Nachkriegszeit immer wieder unterstellt haben- prinzipiel-
le Gegner marktwirtschaftlicher Grundsätze in der Wirtschaftspolitik, 196 zumal
führende nationalsozialistische Funktionsträger regelmäßig den volkswirtschaft-
lichen Nutzen einer marktwirtschaftliehen Ordnung hervorhoben, solange diese
nach dem "Prinzip der fakultativen Intervention" 197 unter staatlicher Aufsicht

192 Horst Friedrich Wünsche, Ludwig Erhards Gesellschafts- und Wirtschaftskonzeption, a.a.O.,
Fn. I, S. 46
193 Wemer Abelshauser, Kriegswirtschaft und Wirtschaftswunder, a.a.O., S. 523
194 Ebenda, S. 532
195 Ebenda; dies bestätigt sich beispielsweise durch die Publikationen von Miksch in der
Wirl.rchaft.rkum, die im folgenden Abschnitt dieser Arbeit erläutert und diskutiert werden.
196 Hitler betonte selbst in der ,Kampfzeit' der NSDAP, daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer
einerseits zwar "Sachverwalter der gesamten Volksgemeinschaft" seien, aber im Wirtschafts-
prozeß in ihrem Handeln frei sein müßten: "Das hohe Maß an persönlicher Freiheit, das ihnen
in ihrem Wirken dabei zugebilligt wird, ist durch die Tatsache zu erklären, daß erfahrungsge-
mäß die Leistungsfahigkeit des einzelnen durch weitgehende Freiheitsgewährung mehr gestei-
gert wird als durch Zwang von oben, und es weiter geeignet ist zu verhindern, daß der
natürliche Ausleseprozeß, der den Tüchtigsten, Fähigsten und Fleißigsten befördern soll, etwa
unterbunden wird." Adolf Hitler, Mein Kampf, Band 2 (1927), 29.-30. Auflage, München
1934,5.676
197 Ludolf Herbst, Der totale Krieg und die Ordnung der Wirtschaft, a.a.O., S. 80. In Hinblick auf
die Preiskontrolle lobt Miksch den restriktiven Einsatz der Lenkungsmöglichkeiten durch die
zust:i.ndige Behörde: Es "führt eine genauere Betrachtung zu dem Ergebnis, daß der
Preiskommissar niemals bis zur völligen Ausschöpfung aller für die Stabilhaltung der Preise

68
stehe. Absolute Priorität hatte aber die Verwirklichung der nationalsozialisti-
schen Idee vom Lebensraum nach völkischen Gesichtspunkten als Grundlage
für eine ökonomische Expansion im Rahmen der avisierten europäischen Groß-
raumwirtschaft. So richtig es also ist, den Vorrang der nationalsozialistischen
Ziele bei der Auswahl der wirtschaftspolitischen Instrumente zu konstatieren, so
indifferent ist es zugleich, daraus voreilig zu schlußfolgern, "daß es dem Natio-
nalsozialismus sehr wohl um die Lenkung der gesamten Wirtschaft ging", 198
denn das Primat der Politik bedeutete eben gerade nicht eine einseitige Festle-
gung auf das Prinzip der zentralen Planung zur Steuerung der Wirtschaft.
Das zeigt sich auch daran, daß den führenden Nationalsozialisten der
Widerspruch zwischen einem als sinnvoll erachteten marktwirtschaftliehen
Grundprinzip in der Wirtschaft und den Planungserfordernissen für das als un-
bedingt notwendig erklärte Expansionsziel durchaus bewußt war. Tatsächlich
könnten, wie Hitler 1935 hervorhob, die rüstungswirtschaftlichen Ziele nur
"durch eine planmäßig geleitete Wirtschaft gelöst werden." 199 Aber dies sei "ein
geHihrliebes Unternehmen, weil jeder Planwirtschaft nur zu leicht die Verbüro-
kratisierung und damit die Erstickung der ewig schöpferischen privaten Einzel-
initiative folgt." Ausdrücklich grenzte er sich von einer Planwirtschaft sozialisti-
scher Prägung mit dem typisch ordoliberalen Argument der Gefahr einer schlei-
chenden Transformation des Wirtschaftssystems ab: "Wir können aber im Inte-
resse unseres Volkes nicht wünschen, daß durch eine sich dem Kommunismus
nähemde Wirtschaft und der dadurch bedingten Einschläferung der Produkti-
onsenergie die mögliche Gesamtleistung unserer vorhandenen Arbeitskraft ver-
mindert und somit der allgemeine Lebensstandard statt eine Verbesserung, erst
recht eine Verschlechterung erfahrt." Auch den Wettbewerb als Motor kapitalis-
tischer Entwicklung sah Hitler dabei bedroht: "Diese Gefahr wird noch erhöht
durch die Tatsache, daß jede Planwirtschaft nur zu leicht die harten Gesetze der
wirtschaftlichen Auslese der Besseren und der Vernichtung der Schwächeren

zur Verfügung stehenden Möglichkeiten gegangen ist. (...) Die Preispolitik ist elastisch
gehandhabt worden." Leonhard Miksch, Warum Gewinnstop?, in: Die Wirtschaftskurve, 20.
Jg., Heft li, 1941, S. 89-100, hier S. 96
198 So das Fazit von Hans-Georg Reuter (Genese der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft,
a.a.O., S. 82) im Hinblick auf die nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik als möglicher Refe-
renzrahmen für die neoliberale Doktrin. Reuter rekurriert dabei ausschließlich auf Nachweise
zum Beleg für das Primat der Politik im Wirtschaftspolischen Denken der NSDAP, wobei
selbst manche der angeführten nationalsozialistischen Quellen zur Bewertung dieser Frage
wenig Erhellung bringen, sind sie doch allein vom völkisch-antikapitalistischen Pathos natio-
nalsozialistischer Sozialdemagogie getragen. Reuter versäumt der Zwiespältigkeit der national-
sozialistischen Wirtschaftskonzeption nachzugehen, wohl, weil das Ergebnis seiner Analyse
dieser Konzeption in Beziehung zum Ordoliberalismus feststeht: "Der Vergleich kann nur das
Ergebnis haben, daß alle Positionen der Neoliberalen und des Nationalsozialismus - seien es
Grundüberzeugungen oder wirtschaftspolitische Konzeptionen- inkompatibel sind." (S. 83)
199 Dies und die folgenden Zitate: Rede von AdolfHitler am 21.05.1935 im Deutschen Reichstag,
in: Paul Meier-Benneckenstein (Hrsg.), Dokumente der deutschen Politik, Bd. 3, Berlin 1937,
S. 68-99, hier S. 71 f.

69
aufhebt oder zumindest einschränkt zugunsten einer Garantierung der Erhal-
tung auch des minderwertigsten Durchschnitts (...) und damit zu Lasten des all-
gemeinen Nutzens." Hiders Fazit zeigt deudich, daß die Beschränkungen der
marktwirtschaftliehen Freiheit kein Selbstzweck, sondern lediglich .Mittel zum
nationalsozialistischen Zweck waren: "Wenn wir also trotz solcher Erkenntnisse
diesen Weg beschritten haben, dann geschah es unter dem härtesten Zwang der
Notwendigkeit."
Es ist genau diese Spannung in der nationalsozialistischen Wirtschaftspoli-
tik, die das ordoliberale Ziel, mehr Markt und mehr Wettbewerb in die NS-Wirt-
schaft einzubringen, durchaus realistisch erscheinen ließ. 200 Dazu kam, daß die
Nationalsozialisten jenen ,starken Staat' geschaffen hatten, den die Ordolibe-
ralen als wesendiche Voraussetzung für eine nach ihren Vorstellungen geordnete
Marktwirtschaft ansahen - nicht durchgängig in der Begeisterung eines Müller-
Armacks, wie sie in seiner Staatsidee und Wirtschr.iftsordnung im neuen Reich zum
Ausdruck kam,201 aber doch mit Wohlwollen und mit dem Vertrauen auf eine
starke staatliche Autorität ,oberhalb der Interessenten'. So hob Böhm 1936 her-
vor, daß "mit der Machtübernahme der nationalsozialistischen Regierung die Be-
sorgnisse ausgeräumt waren, daß die neue öffentliche Ordnung der Wirtschaft
eine marxistische Ordnung sein oder daß die Verwirklichung der Idee (einer
rechtlichen Ordnung der Gesamtwirtschaft; Anm. R.P.) an der Schwäche oder
Unentschlossenheit der Führung scheitern werde." 202 Und trotz einer relativen
Distanz gegenüber der nationalsozialistischen völkischen und rassistischen Ideo-
logie seitens der meisten Ordoliberalen ist doch auch eine prinzipielle Zustim-
mung in Hinblick auf die Durchsetzung und Verpflichtung der Allgemeinheit
auf eine ,höhere Idee' im Rahmen der Wirtschafts- und Sozialordnung zu
konstatieren, von der sich die Ordoliberalen eine gewisse Beschränkung staat-
licher Zwangsmaßnahmen im Wirtschaftsbereich durch ,freiwillige' Einsicht
erhofften, um so die Einhaltung marktgerechten Verhaltens zu gewährleisten.

200 "Der Ordoliberalismus konnte sich mit seinen wirtschaftspolitischen Ansätzen gerade in den
Jahren von 1933 bis 1945 durchgehend auf eine starke Fraktion innerhalb der nationalsoziali-
stischen Administration stützen." Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale
Marktwirtschaft, a.a.O., S. 98
201 Unter der Überschrift "Wirtschaftsordnung im nationalsozialistischen Staat" heißt es: "Ein
Staat, der weiß, daß Geschichte nicht erlebt, sondern geführt werden muß, hat alle Kräfte
wachzuhalten. Seine Lebensform ist die totale Mobilmachung, wie es Ernst Jünger genannt
hat, die Einsetzung von allem und jedem an die Aufgabe der Volkswerdung. Es entsteht der
totalitäre Staat, für den geschichtliches Leben und Politik eins sind, der alle Lebensbezirke als
politisch anspricht und in sich einbezieht. (... ) Unter Wirtschaftsordnung im bisherigen Sinne
verstand man die Entscheidung über die Art, wie das öffentliche Leben in eine verstaatlichte
und eine private Sphäre aufgeteilt werden sollte. (... ) Der neue Staat erkennt die Zweisphären-
theorie als einen tiefen Irrtum. Er spricht allen Lebensäußerungen des Volkes politische
Bedeutung zu und fördert sie in dem Maße, als sie der Einheit des Volkes dienen." Alfred
Müller-Armack, Staatsidee und Wirtschaftsordnung im neuen Reich, a.a.O., S. 38 f.
202 Franz Böhm, Die Wirtschaftsordnung als Zentralbegriff des Wirtschaftsrechts, in: Mitteilun-
gen des Jenaer Instituts für Wirtschaftsrecht, Heft 31, 1936, S. 3-14, hier S. 5

70
Besonders deutlich wird dies bei Erhard, der den Gedanken, eine staatlich
veranstaltete Wettbewerbswirtschaft mit ideellen Elementen zu verknüpfen,
nach 1945 im Konzept der Sozialen Marktwirtschaft fortgesetzt hat. "Da sich im
Markte einer hochentfalteten Wirtschaft", so Erhard 1942, "nicht nur ökonomi-
sche Gegebenheiten manifestieren, sondern gleichermaßen auch geistig-seelische
und gesellschaftliche Strömungen kreuzen, müssen auch die anzuwendenden
Mittel der Marktordnung den verschiedenen und vor allem auch den irrationalen
Bereichen des gesellschaftlichen und völkischen Lebens endehnt werden." Es
gebe keinen Zweck der Wirtschaft ohne einen übergeordneten Sinn, was eine
"erfolgreiche Proklamierung oder noch besser das bewußte gemeinschaftliche
Erleben eines höchsten Wertes"203 voraussetze.
Insofern existierte in Hinblick auf wirtschaftspolitische Fragen und ihre
gesellschaftspolitische Einbettung zwischen den Ordoliberalen und Teilen der
nationalsozialistischen Administration204 eindeutig ein Bereich an inhaltlichen
Gemeinsamkeiten, ohne daß damit sogleich eine systematische "Verbindungs-
linie zwischen den Vertretern einer marktwirtschaftliehen Ordnung und na-
tionalsozialistischen Vorstellungen" 205 gezogen werden soll, denn in politischen
Grundsatzfragen und ethischen Orientierungen gab es sicherlich erhebliche
Differenzen. Mitglieder der NSDAP wurden lediglich Müller-Armack und der
Eucken-Assistent Fritz Walter Meyer. 206 Aber es geht hier in erster Linie auch
nicht um die Frage, ob und inwieweit einzelne Vertreter der Ordoliberalen
nationalsozialistischen Einstellungen nahe standen. Wesentlich ist die erwähnte
tatsächliche wirtschaftspolitische Schnittmenge, die sich einerseits im theore-
tischen Ansatz des frühen Ordoliberalismus erkennen läßt, die andererseits um
so deutlicher wird, wenn man die Tätigkeiten ordoliberaler Vertreter außerhalb
des Wissenschaftsbetriebes in der unmittelbaren wirtschaftspolitischen Beratung
betrachtet. 207

203 Ludwig Erhard, Die Marktordnung, a.a.O., S. 276


204 Im Hinblick auf die Nachkriegsplanungen gilt dies vor allen Dingen für das Reichswirtschafts-
ministerium - vgl. Abschnitt 3.1 dieser Arbeit
205 Hans-Georg Reuter, Genese der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O., S. 84
206 Müller-Armacks NSDAP-Mitgliedschaft ist vielerorts erwähnt; seltener findet sich ein Hinweis
auf Meyer, der bereits 1933 in die NSDAP eintrat, nach seiner Freiburger Zeit zum Weltwirt-
schaftsinstitut in Kiel ging und es dort bis zum Direktorial-Assistenten brachte. Ab 1946 war
Meyer Professor für Volkswirtschaftslehre in Bonn, seit 1950 Mitglied des Beirates des Bun-
deswirtschaftsministeriums und 1964/65 Mitglied des Sachverständigenrates. Ein Angebot
von Erhard, die Abteilung Grundsatz im Wirtschaftsministerium zu übernehmen, soll er ab-
gelehnt haben. Vgl. Christoph Diekrnann, Wirtschaftsforschung für den Großraum. Zur The-
orie und Praxis des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und des Hamburger Welt-Wirtschafts-
archivs im ,Dritten Reich', in: Götz Aly u.a. (Hrsg.), Beiträge zur nationalsozialistischen
Gesundheits- und Sozialpolitik, Bd. 10: Modelle für ein deutsches Europa, Berlin 1992,
S. 146-198, hier Anm. 102, S. 190
207 "Diese Orientierung an der wirtschaftlichen Realität trug gewiß dazu bei, der neuen, dem
Primat des Staates verpflichteten marktwirtschaftliehen Schule in der Praxis des Dritten
Reiches eine beachtliche Aufmerksamkeit zu sichern." Werner Abelshauser, Die ordnungs-
politische Epochenbedeutung der Weltwirtschaftskrise in Deutschland, a.a.O., S. 24

71
Aus den divergierenden Maßnahmen der nationalsozialistischen Wirt-
schaftspolitik mußten sich in der Praxis zwangsläufig ökonomische Probleme
mit der Gefahr auch sozialer oder gar politischer Spannungen ergeben, die sich
mit zunehmender Rüstungsproduktion bei knapper werdenden Ressourcen noch
verschärften. Durch die forcierte Lenkung der wirtschaftlichen Ströme in den
Investitionsgüter- und Rüstungssektor sank stetig die Konsumgüterproduktion
(bis zum Krieg stieg sie zunächst nur langsamer als die Produktionsgüter-
produktion,208 danach fiel sie auch in absoluten Zahlen), was eine Reduzierung
des Güterangebotes mit immer umfangreicheren Rationierungsmaßnahmen zur
Folge hatte. Die NS-Führung wollte in jedem Fall Inflation vermeiden209 und
die Beschränkungen des Konsums trotz der Produktionsverschiebungen mög-
lichst erträglich halten,210 um die Unzufriedenheit in der Bevölkerung- auch mit
Blick auf die Erfahrungen des 1. Weltkriegs und den tiefsitzenden Schock der
November-Revolution- nicht anzuschüren. 211
Nicht zuletzt deshalb arbeiteten die nationalsozialistischen Planungsstellen
permanent an einer Effektivierung und Rationalisierung der Kriegswirtschaft
und suchten zugleich nach Möglichkeiten, die ökonomischen und sozialen Fol-
gen der immer knapper werdenden Konsumgüter in den Griff zu bekommen. In
beiden Problemfeldern beteiligten sich Ordoliberale an der Suche nach Lösun-
gen.

2.3.2 Miksch, Erhard und Mül/er-Armack: Publiifstik und Wirtschaftsberatung im


Kontext von nationalsoifalistischer Kriegsökonomie und Großraumwirtschaft

In kriegswirtschaftlichen Fragen tat sich über mehrere Jahre insbesondere der


enge Vertraute Euckens, Leonhard Miksch, hervor, der in der Übergangszeit
nach 1945 als Grundsatzreferent der Presseabteilung der Verwaltung für Wirt-

208 Erhard erwähnt 1939, daß "seit dem Jahre 1933 die Produktionsmittel-Erzeugung eine Steige-
rung von 153% erfahren (hat), während im gleichen Zeitraum der Zuwachs an Verbrauchsgü-
tern nur knapp 30% ausmacht." Ludwig Erhard, Einfluß der Preisbildung und Preisbindung
auf die Qualität und Quantität des Angebots und der Nachfrage, a.a.O., S. 82
209 Darauf verweist Herbst, der dem NS-Regime in Bezug auf Inflationsbefürchtungen "eine
erstaunliche Unsicherheit" attestiert. Ludolf Herbst, Krisenüberwindung und Wirtschafts-
neuordnung. Ludwig Erhards Beteiligung an den Nachkriegsplanungen am Ende des
Zweiten Weltkrieges, in: Vierteljahrsheft für Zeitgeschichte, 25. Jg., Heft 3, 1977, S. 305-
340, hier S. 307
210 "Die deutsche Diktatur entwickelte eine fast ängstliche Sensibilität für die Stimmung innerhalb
der Bevölkerung und stützte kurzfristig den Lebensstandard auch auf Kosten rüstungsrelevan-
ter Rohstoffimporte." Wemer Abelshauser, Kriegswirtschaft und Wirtschaftswunder, a.a.O.,
s. 526
211 Mason spricht von der "ständige(n) Sorge der Machthaber, daß drastische Entscheidungen in
der Sozialpolitik den erzwungenen Burgfrieden wieder zerrütten könnten." Tirnothy W.
Mason, Sozialpolitik im Dritten Reich. Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft, 2. Auflage,
Opladen 1978, S. 34 ff.

72
schaft einer der wichtigsten Mitarbeiter Erhards wurde - bemerkenswerterweise
als Sozialdemokrat. 212 In der Wirtschaftskurvt?- 13 publizierte Miksch neben dem
Hauptschriftleiter Erich Welter,Z14 dem späteren Herausgeber der FAZ, zu prak-
tisch allen Aspekten der Kriegsökonomie, nicht nur ohne jede Distanz, sondern
mit dem wunißverständlichen Bemühen, die ökonomischen Probleme des Krie-
ges lösen zu helfen. Dabei folgte er durchaus der nationalsozialistischen Propa-
ganda zur Rechtfertigung des Angriffskrieges: "Die gesamte Wirtschaftspolitik
Deutschlands steht unter dem Zwange, die nationale Unabhängigkeit eines Lan-
des zu erringen und zu behaupten, das von Natur aus über ungenügende Roh-
stoff- und Ernährungsquellen verfügt und als Kontinentalland von den überseei-
schen Bezugsquellen abgeschnitten werden kann. Deutschland aus dieser Lage
zu befreien, war der Sinn der deutschen Wirtschaftspolitik seit 1933 und ist,
nachdem die Gegner die Entscheidung durch die Waffen gesucht haben, auch
der Sinn des Krieges. Schon heute ist der Deutschland einschließende Ring ge-
sprengt und die Enge des Raumes durch die Zusammenfassung Europas und
durch die Gewinnung wertvollster Gebiete im Osten überwunden." 215
Bereits 1939 hatte Miksch mit Blick auf die staatlichen Verbrauchs-
lenkungen davon gesprochen, daß die eingeleiteten Maßnahmen zwar so geregelt
seien, "daß die Versorgung für eine praktisch unbegrenzte Kriegsdauer gesichert
ist", zugleich aber gemahnt, daß es "erforderlich (bleibt), die freiwerdende
Kaufkraft abzuschöpfen und dem Reich für Zwecke der Kriegsftnanzierung
zuzuführen." Zur Umsetzung empfahl Miksch neben "gewissen Lohnkorrek-
turen" vor allem "Kriegszuschläge" auf Genußmittel und "Kriegsbeiträge der
Länder, Gemeinden und der anderen Körperschaften öffentlichen Rechts."216
Mit Gespür für die sozialdemagogischen Strömungen der NSDAP sprach sich
Miksch auch für eine "Begrenzung der Gewinne auf ein unbedingt erforder-
liches Ausmaß" aus, allerdings nicht ohne auf die Notwendigkeit der Kapital-

212 Vgl. Gerold Ambrosius, Die Durchsetzung der Sozialen Marktwirtschaft in Westdeutschland
1945-1949, Stuttgart 1977, S. 172 f.
213 Die Wirtschaftskurve kam ursprünglich viermal im Jahr als Ergänzung des Wirtschaftsteils der
Frankfurter Zeitung heraus. Während letztere am 31.08.1943 verboten wurde, konnte die Wirt-
schaftskurot selbst das Zeitungssterben 1944 überleben. Sie stand "unter dem Schutz des
Planungsamtes" und "vertrat das Planungskonzept von Kehr! (Hans, Chef des Planungsamtes
im Ministerium für Rüstung und Kriegsproduktion; Anm. R.P.) nach außen." Ludolf Herbst,
Der Totale Krieg und die Ordnung der Wirtschaft, a.a.O., Fn. 394, S. 443
214 In seiner Darstellung der personellen Verbindungen des deutschen (kontinentalen) und
angelsächsischen Neoliberalismus ordnet Grossekettler Weiter dem erweiterten Kern des
deutschen Ordoliberalismus zu. Vgl. Heinz Grossekettler, Der ,starke' Staat als Garant einer
,sozialen' Marktwirtschaft, a.a.O., S. 50
215 Leonhard Miksch, Von der Reichsstelle zum Lenkungsbereich. Zur Reform der
Kriegswirtschaft I, in: Die Wirtschaftskurve, 21. Jg., Heft IV, 1942, S. 205-218, hier S. 205;
Fortsetzung: Von der Vergleichszeit zum Bedarfsplan. Zur Reform der Kriegswirtschaft II, in:
Die Wirtschaftskurve, 22. Jg., Heft II, 1943, S. 83-101
216 Leonhard Miksch, Die deutsche Kriegswirtschaft, in: Die Wirtschaftskurve, 18. Jg., Heft IV,
1939, S. 327-346, hier S. 332

73
bildung in der gewerblichen Wirtschaft hinzuweisen und zu ermahnen, "daß die
berechtigten Gewinne nicht unterbunden werden sollen, da sie als Anreiz der
privaten Initiative eine wichtige volkswirtschaftliche Funktion erfüllen. " 217
Diese Äußerungen und Empfehlungen von I\fiksch sind keineswegs
Einzelerscheinungen, in vielen Beiträgen in der Wirtschaftskurve wiederholt er
seine positive Haltung zum Krieg. Dabei darf nicht vergessen werden, daß
I\fiksch einer der wichtigsten Vertreter der Freibu'l,er Schule war,218 ohne daß dazu
von anderen Mitgliedern, auch nicht nach 1945, kritisch Stellung bezogen wor-
den wäre. 219 Bei all dem verfolgte I\fiksch ein rationales wirtschaftspolitisches
Ziel, die ideologische Verherrlichung des Krieges war für ihn Nebensache. Er
unterstützte die Interessen der nationalsozialistischen Expansion aus einer öko-
nomischen Sicht, insbesondere die Schaffung eines europäischen Wirtschafts-
raumes,220 und er bemühte sich auf dieser Grundlage, die sich abzeichnende
ordoliberale Programmatik den nationalsozialistischen Entscheidungsträgem als
erfolgversprechende Option anzubieten. Es ist die ständige Suche nach Kompa-
tibilität, die sich in den Arbeiten von I\fiksch niederschlägt. Indem er sich ohne
Wenn und Aber auf das nationalsozialistische Vorgehen in der Wirtschaftspolitik
einließ, Schwachstellen in der Alltagspraxis problematisierte und konkrete Lö-
sungsvorschläge anbot, erhoffte sich I\fiksch trotz der Theorieaversionen der
Nationalsozialisten im allgemeinen und der Undurchsichtigkeit ihrer Wirt-
schaftspolitik im speziellen Akzeptanz und Einfluß für die ordoliberale Position.

217 Ebenda, S. 333


218 In der Schriftenreihe Ordn11ng der Wirtschaft "benützt er (Miksch; Anm. R.P.) die Gelegenheit,
um Professor Eucken für zahlreiche Anregungen (... ) herzlich zu danken." Leonhard Miksch,
Wettbewerb als Aufgabe, a.a.O., Fn. 19, S. 22
219 Es ist deshalb sehr gewagt, den Freiburger Kern des Ordoliberalismus im nachhinein als
Kriegsgegner darzustellen: "Die Mitglieder des Freiburger Kreises kritisierten insbesondere
den Rüstungszweck, auf den die Volkswirtschaft ausgerichtet wurde." Elmar Müller, Wider-
stand und Wirtschaftsordnung. Die wirtschaftspolitischen Konzepte der Widerstands-
bewegung gegen das NS-Regime und ihr Einfluß auf die Soziale Marktwirtschaft, Europäische
Hochschulschriften, Bd./Vol. 365, Frankfurt am Main- Bem- New York- Paris 1988, S.
112. Müller zitiert als Beleg Dietze und Lampe (die beiden anderen Inhaber der Lehrstühle für
Volkswirtschaft in Freiburg), die erstens nicht zum engeren Kreis der Ordoliberalen gezählt
werden können und deren Aussagen zweitens nicht die Deutlichkeit hergeben, die Müller
anl..iindigt. In einem weiteren Nachweis wird Eucken in den ,Grundsätzen' mit einer
allgemeinen Aussage zur Kriegsökonomie zitiert, die mit einer (wirtschafts-)politischen
Aussage zum NS-Krieg nichts zu tun hat. Müller wäre zu anderen Erkenntnissen gekommen,
hätte er sich mit Euckens Sympathie für deutsches Großmachtdenken in den S taatliche(n)
Stf11klllf'W(J1UIIIIngen 11nd die Krise des Kapitalism11s beschäftigt.
220 "Deutschland muß auch in Zukunft darauf achten, seine uhr-Mrtschaftliche Selbstbestimm11ng, der
es seine politischen Erfolge verdankt, zu bewahren. Es wird im Gegenteil bestrebt sein, um
seine eigene Versorgung mit allen lebensnotwendigen Produkten gleichsam als einen zweiten
Ring auch die wehrwirtschaftliche Unabhängigkeit des europäischen Kontinents zu legen, um
die Grundlage für eine selbständige europäische Politik zu schaffen." Leonhard Miksch,
Europa als Arbeitsfeld, in: Die Wirtschaftskurve, 19. Jg., Heft III, 1940, S. 151-153, hier
S. 152; Herv. im Original

74
Zu diesem Zweck bescheinigte Miksch der nationalsozialistischen Wirt-
schaftspolitik mitsamt ihrer weltanschaulichen Einbettung einerseits den
Charakter einer "Revolution", die einen erfolgreichen Weg aus der Weltwirt-
schaftskrise gewiesen habe, um andererseits immer wieder auf das immanente
marktwirtschaftliche Element zu verweisen: "Privateigentum, Wettbewerb und
Unternehmertum werden bejaht, müssen sich aber der allgemeinen Zielsetzung
ein- und unterordnen."221 Auch hätten die Nationalsozialisten in der gelenkten
Wirtschaft "den Unternehmen Gewinnmöglichkeiten belassen", so daß "in den
Jahren vor dem Krieg im allgemeinen gut verdient worden" 222 ist. Durch die
regelmäßige Wiederholung der drei marktwirtschaftliehen Imperative in den
Texten von Miksch zeigt sich allerdings auch eine gewisse Unsicherheit, manch-
mal auch Skepsis gegenüber der möglichen wirtschaftspolitischen Entwicklung
nach dem Krieg. Noch 1941 bestand für ihn "kein Grund anzunehmen, daß die
Wirtschaftslenkung in ihrer gegenwärtigen Gestalt länger als notwendig beibe-
halten werden wird."223 1943 nach der Kriegswende klang Miksch schon pessi-
mistischer, wenn er feststellte, daß "vorläufig niemand sagen (kann), zu welchem
Zeitpunkt die marktwirtschaftliehen Fragen ihre alte Bedeutung zurückgewinnen
werden. " 224 Dennoch glaubte Miksch inbrünstig, fast im Glauben an eine
entwicklungsgeschichtliche Zwangsläufigkeit, an die Wiederkehr des freien
Marktes, allerdings - und das ist bemerkenswert in Hinblick auf die Person, die
federführend das ,Leitsätzegesetz' und damit die konkreten wirtschaftspoliti-
schen Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft formuliert hat - sollte es sich
"dabei zweifellos als wertvoll erweisen, daß die gesetzlichen Bestimmungen über
die Marktverbände und die Marktordnung überhaupt unabhängig von den rein
kriegswirtschaftlichen bedingten Ermächtigungen und Einrichtungen niederge-
legt und vervollständigt worden sind und daher bei einer Rückbildung der
Kriegswirtschaft sofort angewendet werden können."225
Hier zeigt sich eine prinzipielle Kontinuität zur späteren Konzeption der
Sozialen Marktwirtschaft, die neben dem Bekenntnis zu marktordnenden Insti-
tutionen des Staates auch in anderen Aspekten zum Ausdruck kommt. So lobte
Miksch, daß Deutschland trotz der weltwirtschaftliehen Turbulenzen der
dreißiger Jahre "an der Währungsstabilität festgehalten habe",226 einem Kernele-
ment der ordoliberalen Programmatik. Auch in der Mittelstandspolitik, einer der
zentralen Stützen der sozialen Strukturpolitik in der Sozialen Marktwirtschaft,
sah Miksch gute Voraussetzungen, durch die politische Steuerung der Kriegs-

221 Ebenda, S. 151


222 Leonhard Miksch, Warum Gewinnstop?, a.a.O., S. 96
223 Leonhard Miksch, Brauchen wir noch Unternehmer?, in: Die Wirtschaftskurve, 20. Jg., Heft I,
1941, S. 5-14, hier S. 13
224 Leonhard Miksch, Was wird aus den Kartellen?, in: Die Wirtschaftskurve, 22. Jg., Heft I, 1943,
S. 22-41, hier S. 34
225 Ebenda
226 Leonhard Miksch, Der Großbetrieb im Vormarsch. Kriegswirtschaft und Mittelstand, in: Die
Wirtschaftskurve, 20.Jg., Heft III, 1941, S. 175-187, hier S. 178

75
wirtschaft mittels der "Auftragsstreuung" zugunsten des Mittelstandes - für ihn
die "erste Bekundung einer entschiedenen mittelstandspolitischen Linie", die
dazu geführt habe, "unerwünschte Strukturverschiebungen zu unterbinden." 227
In ähnlicher Weise attestierte Miksch der nationalsozialistischen Wirtschaftspoli-
tik im Krieg das Bemühen um sozialen Ausgleich durch eine angeblich gerechte
Verteilung der K.riegslasten, sah Gemeinsamkeiten in der Überzeugung von der
Notwendigkeit "einer breiten Besitzverteilung"228 innerhalb der Gesellschaft.
Selbst wenn man unterstellt, daß manche Überlegungen und die Wortwahl
in bestimmten Fällen aus taktischer Rücksichtnahme auf die politischen Bedin-
gungen erfolgten, und auch wenn Miksch in seinen Beiträgen hier und da de-
zente Kritik an der wirtschaftspolitischen Praxis des NS-Regirnes anbrachte
(übermäßige Bürokratisierung, unübersichtliche Zuständigkeiten der verantwort-
lichen Stellen, unzureichende Begrenzung wirtschaftlicher Macht in der Kartell-
politik), so bezeugt seine publizistische Tätigkeit im Kem doch das Bemühen
um eine Verständigung mit dem Nationalsozialismus. Er sah sowohl den starken
ordnenden Staat als auch die deutsche Vormacht innerhalb Europas als erfolg-
versprechende Anknüpfungspunkte für das ordoliberale Projekt und baute auf
eine Friedensordnung nach dem Krieg, in welcher eine unter der Aufsicht des
Staates stehende Marktwirtschaft die ökonomische und soziale Stabilität des
Kapitalismus gewährleisten sollte.
Betrachtet man nun das Wirken von Erhard während der NS-Zeit, wird
deutlich, warum dieser gerade Miksch in der Zeit unmittelbar nach dem Krieg
als einen seiner engsten Mitarbeiter auswählte. Erhards Tätigkeiten in der natio-
nalsozialistischen Ära, die mittlerweile umfangreich untersucht wurden229 und
deshalb nur im hier interessierenden Kontext diskutiert werden, erstreckten sich
auf drei Bereiche: Erstens auf den Bereich der Marktforschung, wo er seit 1928
im Institut ftir Wirtschciftsbeobachtung der deutschen Ferti~tm (IfW) sowie in der eng
damit verbundenen 1935 gegründeten Gesellschcift ftir Konmmforschung (GfK) in lei-
tender Funktion tätig war; zweitens auf das Feld der wissenschaftlichen Beratung
bei der Einbindung der okkupierten Gebiete (konkret: Österreich, Lothringen,
Polen) in die deutsche Großraumwirtschaft; drittens auf die Arbeit an einer wirt-

227 Ebenda
228 Ebenda, S. 179
229 Vgl. Ludolf Herbst, Krisenüberwindung und Wirtschaftsneuordnung. Ludwig Erhards Beteili-
gung an den Nachkriegsplanungen am Ende des Zweiten Weltkrieges, a.a.O.; Kari-Heinz
Roth, Das Ende eines Mythos. Ludwig Erhard und der Übergang der deutschen Wirtschaft
von der Annexions- zur Nachkriegsplanung (1939-1945). Teil I: 1939-1943, in: 1999,
Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, 10. Jg., Heft 4, 1995, S. 53-93 -
Teil II: 1943-1945, a.a.O.; Christian Gerlach, Ludwig Erhard und die "Wirtschaft des neuen
deutschen Ostraumes". Ein Gutachten aus dem Jahr 1941 und Erhards Beratertätigkeit bei der
deutschen Annexionspolitik 1938-43, in: Halbierte Vemunft und totale Medizin, Beiträge zur
nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, Bd. 13, Berlin-Göttingen 1997, S. 241-
276; vgl. auch die Hinweise in den Biographien von: Dieter Mühle, Ludwig Erhard. Eine
Biographie, Berlin 1965; Volker Hentschel, Ludwig Erhard. Ein Politikerleben, München -
Landsberg 1996

76
schaftliehen N achkriegsordnung, die er in enger Anhindung an die Reichsgruppe
Industrie (RI) über sein 1942 gegründetes Institut for Industrieforschung abwickelte.
Schon gleich zu Beginn der NSDAP-Herrschaft bemühte sich Erhard als
Lobby-Vertreter der Konsumgüterindustrie in dem von ihm mit herausgegebe-
nen Fachblatt Die Deutsche Fertigware (ab 1939 Markt und Verbrauch) in der Funk-
tion des Schrifdeiters um eine Übereinkunft mit den neuen Machthabern. Er
versicherte dem "nationalsozialistischen Gesetzgeber Dank für die Vermeidung
von fragwürdigen Experimenten und für die weise Mäßigung" 230 in Wirtschafts-
fragen. Wie Miksch bescheinigte Erhard der nationalsozialistischen Wirtschafts-
politik eine Kontur, "in der bei grundsätzlicher Wahrung des Privateigentums
der Schutz und die Förderung der Interessen ausgewogen werden sollen an ei-
nem dem Wohle der Gesamtheit dienenden Plan, durch den zugleich der Dua-
lismus zwischen dem Streben nach Freiheit auf der einen und nach organischer
Bindung und Eingliederung in den umfassenden Rahmen des Wirtschafts- und
Gesellschaftslebens auf der anderen Seite zu einem möglichst befriedigenden
Ausgleich gebracht werden kann."231 Es ist diese Bedingtheit von Freiheit und
Bindung, die sich durch Erhards Denken zieht, seine Vorstellungen eines freien
Marktes waren umgrenzt von einer starken staatlichen Autorität, aber auch von
"einer größeren, die Gesamtheit umfassenden und bindenden ldee."232 Erhard
konnte den Nationalsozialismus insoweit akzeptieren, als dieser versprach, das
Verhältnis von Staat und Wirtschaft gleichermaßen mit starker Hand und ideo-
logischer Integration neu zu ordnen. Er zeigte sich trotz anfangliehet Kritik an
der außenwirtschaftliehen Abschottung angetan von einer staatlich beaufsich-
tigten Ständewirtschaft, deren ideelle Klammer er zu diesem Zeitpunkt in der
Nation sah. Aus dieser Perspektive bestand der Zweck des Wirtschaftens für
Erhard darin, "dem Volke die physische Existenzgrundlage zu schaffen, von der
aus es als Nation seine höheren Aufgaben erfüllen kann."233 Folgerichtig stellte
Erhard auch seine Arbeit als Marktforscher in den Dienst dieser Nation, durch-
aus mit Blick auf die Weiterentwicklung der eigenen Karriere. 234

230 Ludwig Erhard, Organischer Aufbau der deutschen Wirtschaft, in: Die Deutsche Fertigware,
Heft 3, Teil A, 1934, S. 33-36, hier S. 36
231 Ludwig Erhard, Nationalwirtschaft, in: Die Deutsche Fertigware, Heft 2, Teil A, 1933, S. 17-22,
hier S. 19; auch noch 1939 sieht Erhard in "geradezu eindeutiger Weise" bestätigt, "daß es
nicht in den Zielen der Staatsführung liegt, die in ihren Grundzügen freie Marktwirtschaft zu
beseitigen." Ludwig Erhard, Voraussetzungen und Prinzipien der Marktforschung, a.a.O., S. 42
232 Ludwig Erhard, Nationalwirtschaft, a.a.O., S. 20
233 Ludwig Erhard, Einfluß der Preisbildung und Preisbindung auf die Qualität und Quantität des
Angebots und der Nachfrage, a.a.O., S. 80
234 Es bleibt unverständlich, warum es für Wünsche, der sich ausführlich den Frühschriften
Erhards gewidmet hat, "kaum angemessen (wäre), diese Schriften nunmehr aufgrund der Er-
wartungen einer politischen Öffentlichkeit, der Öffentlichkeit der Gegenwart, zu beurteilen."
(Horst Friedrich Wünsche, Ludwig Erhards Gesellschafts- und Wirtschaftskonzeption, a.a.O., S.
29) Zweifelsohne ist der zeitgeschichtliche Kontext jener Schriften zu berücksichtigen, was al-
lerdings eine darauf gestützte, aktuelle Bewertung nicht nur nicht ausschließt, sondern gerade-
zu erfordert, soll die Untersuchung nicht in Deskription verharren oder in Apologie verfallen.

77
Erhards Arbeit im IfW, das sich im Nationalsozialismus zu einer bedeuten-
den privatwirtschaftliehen Forschungseinrichtung entwickeln konnte,235 wurde
zu seinem Karrieresprungbrett Von hier aus baute er sein Netzwerk in die ver-
arbeitende Industrie auf, das ihm später zu führenden Positionen in Wirtschaft
und Gesellschaft verhelfen sollte. Dem Nationalsozialismus bot sich das IfW mit
Erhard als umtriebigem Akquisiteur als kompetente Institution der Markt-
forschung an, die durch präzise Kenntnisse über die einzelnen Konsumgüter-
märkte, aber auch der Verbrauchsgewohnheiten der Konsumenten (zuständig
hier die GfK) dazu beitragen konnte, die volkswirtschaftlichen Folgen der
Kriegswirtschaft wirtschaftspolitisch aufzufangen. 236 Erhard legitimierte diesen
Zweck der Marktforschung, die nun, da der Staat gegenüber der Wirtschaft den
Primat der Politik durchsetzte, nicht mehr nur im privatwirtschaftliehen
Interesse läge, sondern auch "in einem höheren Sinne Marktordnungs-
funktionen ausüben" könne. Eine gut ausgebaute Marktforschung gewährleiste,
daß der Staat, "gesicherte Unterlagen für wirtschaftspolitische Maßnahmen in
die Hand"237 bekomme. Für Erhard war es von "entscheidender Bedeutung",
im Rahmen der kriegswirtschaftlichen Produktionslenkung "das Größen-
verhältnis zwischen Produktionsgütern einerseits und Verbrauchsgütern ande-
rerseits so zu ordnen, daß sowohl den Anforderungen des Staates an die
Erzeugung Genüge getan werden kann als auch die Bedarfsversorgung gesichert
bleibt. Jede hier auftretende Störung", warnte Erhard, "wirkt sich nicht nur als
wirtschaftliche Fehlleitung und Fehlleistung aus (...), sondern berührt auch das
gesellschaftliche Leben aufs engste. " 238 Seine Lösungsvorschläge zielten denn
auch darauf ab, "durch eine Steigerung der Leistungsergiebigkeit und durch
Erhöhung der Wutschaftlichkeit"239 eine eher behutsame Reduzierung der
individuellen Konsummöglichkeiten durch "Spartätigkeit, Besteuerung und auch
Preiserhöhung" 240 zu ermöglichen. Gerade, weil in Erhards Vorstellungen einer

235 "Unter ERHARDS Geschäftsführung hatte das Nürnberger Institut eine bemerkenswert
große Dimension angenommen: mehr als 100 Mitarbeiter waren mit vielfältigen Forschungs-
aufgaben und Untersuchungsaufträgen befaßt." Horst Friedrich Wünsche, Erhards Soziale
Marktwirtschaft, a.a.O., S. 157; Herv. im Original; ähnlich Dieter Mühle, Ludwig Erhard. Eine
Biographie, a.a.O., S. 14
236 Dies wird deutlich in dem von Wilhelm Vershofen, dem Vorgesetzen von Erhard, heraus-
gegebenen Handbuch der V erbrauchsforschung, auf das sich Erhard explizit bezieht (Ludwig
Erhard, Die Marktordnung, a.a.O., S. 280). Dort heißt es: "Deshalb gehört Verbrauchs-
forschung in Friedenszeiten zu den notwendigsten Vorbereitungen für den Kriegsfalt Sie kann
im Krieg nicht erst einsetzen, sie kann aber in diesem Fall, wenn sie richtig vorbereitet worden
ist, sehr wertvoUe Dienste leisten, die je nach der Sachlage mehr in einer Erkundung des
Verhaltens selbst, aber auch einer Erforschung der psychischen Wirkung der Maßnahmen zum
Ausdruck kommen können." Bd. 1- Grundlegung, Berlin 1940, S. 175
237 Ludwig Erhard, Voraussetzungen und Prinzipien der Marktforschung, a.a.O., S. 40
238 Ebenda, S. 42
239 Ludwig Erhard, Einfluß der Preisbildung und Preisbindung auf die Qualität und die Quantität
des Angebots und der Nachfrage, a.a.O., S. 84
240 Ebenda, S. 83

78
Marktordnung die subjektive Zustimmung zu dieser Ordnung eine zentrale
Größe bildet, mahnte er allerdings an, derlei Maßnahmen, die "immer wieder als
ein bewußtes Opfer empfunden werden" (z.B. Preis- oder Steuererhöhung),
möglichst maßvoll einzusetzen und statt dessen mehr auf indirekte Maßnahmen
zu setzen, die "dem Einzelnen nicht gleich deutlich bewußt werden". 241 Ohne
die freiwillige Opferbereitschaft durch eine Mehrheit der Bevölkerung, so lautete
die Botschaft Erhards, könne die Kriegswirtschaft auf Dauer nicht erfolgreich
funktionieren.
Erhard hatte ein gewisses Gespür dafür, sein Denken und Handeln den
jeweiligen politischen Anforderungen anzupassen,242 ohne sich den Weg für ei-
nen späteren Positionswechsel zu verbauen. So wählte Erhard in seinen veröf-
fentlichten Texten stets Formulierungen, die dem nationalsozialistischen Zeit-
geist genüge taten, ohne sich sprachlich eindeutig festzulegen, etwa, wenn er all-
gemein von der "nationalen Zielsetzung" sprach und die Verwirklichung einer
deutschen Vormachtstellung in Buropa meinte oder, wenn er das nationalsozia-
listische Aufrüstungsprogramm als "nationales Aufbauprogramm" bezeichnete.
Aber wie deutlich geworden sein dürfte, ist schon sein Wirken im Rahmen des
If\V und GfK keineswegs als individuelle Überwinterungsstrategie eines auf-
rechten Liberalen zu interpretieren, wie in der einschlägigen Literatur zu Erhard
fast durchgängig behauptet wird. 243 Erhard war sich bewußt, daß seine Arbeit in
der Marktforschung zu den wirtschaftlichen Kriegsvorbereitungen gehörte, und
er bot sie den nationalsozialistischen Machthabern im vollen Bewußtsein dieser
Bedeutung an. Seine wirtschaftswissenschaftliche Gutachtertätigkeit ab 1939 zur
ökonomischen Integration der durch die nationalsozialistische Expansion
einverleibten Gebiete, zunächst in Bezug auf Österreich und Lothringen,244
dann in Hinblick auf Polen,245 bestätigt dies in aller Deutlichkeit. Es sprechen
deshalb viele Fakten für die Charakterisierung von Erhard als "einen Ökono-
men, der die Kriegswirtschaft der NS-Diktatur rückhaltlos bejahte und es sich

241 Ebenda, S. 85
242 Auf wirtschaftspolitischem Gebiet zeigt sich dies beispielsweise an Erhards Haltung zur
nationalsozialistischen Preispolitik oder zur Politik der Zwangskarteliierung - vgl. die
Darstellung bei Horst Friedrich Wünsche, Ludwig Erhards Gesellschafts- und Wirtschafts-
konzeption, a.a.O., S. 120 f. und S. 132 ff.
243 Vgl. die Hinweise bei Kari-Heinz Roth, Das Ende eines Mythos, Teil 1, a.a.O., S. 54
244 Vgl. ebenda, S. 58 f. Erhard hatte parallel zu seiner Tätigkeit im IfW, allerdings ohne die Zu-
stinunung des Instituts, einen persönlichen Auftrag des zuständigen Gauleiters und Reichs-
kommissars Bürckl angenommen, um die rüstungswirtschaftlichen Potentiale der Österreichi-
schen und Iothringischen Industrie zu erfassen und dafür eine monatliche Vergütung von
1.200 RM erhalten. Vgl. Kar! Günther Weiss, Wahrheit und Wirklichkeit. Der Weg aus den
Weltkriegen in die Soziale Marktwirtschaft und eine künftige Weltordnung, Hornburg-
Saatpfalz 1996, S. 654
245 Vgl. Christian Gerlach, Ludwig Erhard und die ,Wirtschaft des neuen deutschen Ostraums',
a.a.O., S. 246 ff.

79
zur Aufgabe machte, ihre Strukturen binnenwirtschaftlich wie annexionspoli-
tisch zu effektivieren. " 246
Daran ändert auch Erhards gelegentliche Ermahnung gegenüber den
nationalsozialistischen Entscheidungsträgem zur Einhaltung marktwirtschafth-
eher Grundsätze nichts. Wenn Erhard beispielsweise in einer quasi appellieren-
den Weise 1942 feststellt, daß der Staat "darauf verzichten (wird), in seinen die
Marktordnung berührenden Gesetzen(...) genaueVerfahren für die Preisfestset-
zung vorzuschreiben, sondern er sich darauf beschränken (wird), allgemeinver-
bindliche Regeln einer Marktordnung zu statuieren und deren Einhaltung si-
cherzustellen",247 dann belegt dies zunächst lediglich seine unmittelbare
Übereinstimmung mit einem Kernelement des ordoliberalen Programms. Er-
hard stellte, wie seine übrigen in Deutschland gebliebenen ordoliberalen Kolle-
gen, die Forderung nach marktwirtschaftliehen Spielräumen nicht fundamental
gegen den Nationalsozialismus, sondern er bemühte sich um die Einsicht der
wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger und suchte nach Möglichkeiten des
Einbaus in das real existierende NS-Wirtschaftssystems. 248
Nun könnte man letztlich noch Erhards etwa 1942 beginnende Arbeit zur
wirtschaftlichen Nachkriegsplanung als Beispiel für eine individuelle Wider-
standshandlung anführen. Entsprechende Debatten über die zukünftige Wut-
schaftsordnung beinhalteten allerdings nicht, wie oftmals pauschal unterstellt
wird, schon an sich ein oppositionelles Element. Die Nationalsozialisten selbst
hatten bereits nach den ersten Kriegserfolgen - darauf weist Herbst hin - die
Diskussion über eine vom Deutschen Reich dominierte europäische Friedens-
wirtschaftsordnung angestoßen. 249 Auch die Arbeit in der Klasse IV der AfDR
zur "Erforschung der völkischen Wirtschaft" schuf dafür einen offiziellen Rah-
men auf höchster Ebene. 250 Nach der Kriegswende und der Mobilisierung zum

246 Kari-Heinz Roth, Das Ende eines Mythos, Teilt, a.a.O., S. 61 -zum gegenteiligen Ergebnis
kommt Horst Friedrich Wünsche, Ludwig Erhards Gesellschafts- und Wirtschaftskonzeption,
a.a.O., S. 100 ff., besonders S. 104: Neben der unterschiedlichen Bewertung der Beratungs-
tätigkeit von Erhard bleibt die Einschätzung Wünsches unverständlich, die Publikationen
Erhards während der NS-Zeit zeigten, daß er "sich mit zeitlos wichtigen Fragen der
Politischen Ökonomie (befaßt)."
247 Ludwig Erhard, Die Marktordnung, a.a.O., S. 279
248 Abelshauser sieht von Seiten Erhards "zumindest drei Positionen, die mit der herrschenden
Ideologie übereinstimmten: Er lehnte die Idee des Klassenkampfes ab; bejahte - wenn auch in
engen Grenzen - die Notwendigkeit staatlicher Interventionen in die Wirtschaft und ver-
teidigte nachhaltig das Primat des Staates gegenüber der Wirtschaft" Wemer Abelshauser, Die
ordnungspolitische Epochenbedeutung der Weltwirtschaftskrise in Deutschland, a.a.O., S. 27
249 Vgl. Ludolf Herbst, Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik im internationalen Vergleich,
a.a.O., S. 172 ff.; ders., Der Totale Krieg und die Ordnung der Wirtschaft, a.a.O., S. 127 ff.;
ders., Krisenüberwindung und Wirtschaftsneuordnung, a.a.O., besonders S. 306
250 Dabei ging es um verschiedenste Aspekte der Kriegsfinanzierung, die mit zunehmender
Kriegsdauer auch in Hinblick auf die Demobilisierungsproblematik diskutiert wurden, etwa
anhand der Frage, wie der bestehende Kaufkraftüberhang nach dem Krieg abgebaut werden
kann oder wie und in welchem Umfang nach allmählicher Rücknahme der Bewirtschaftungs-
vorschriften jeweils marktwirtschaftlicher Wettbewerb bzw. staatliche Lenkungsmaßnahmen

80
,totalen Krieg' veränderten sich diese Bedingungen insoweit, als mit dem Führer-
erlaß vom 13.01.1943 öffentliche Debatten über eine mögliche Nachkriegsord-
nung untersagt wurden. Und obwohl Erhards im März 1944 fertig gestellte
Denkschrift unter dem Titel Krieg.rfinan!(jerung und Schuldenkonsolidierung genau in
diese ,heiße' Phase fiel, war sie als Auftragsarbeit im Rahmen der neu justierten
Nachkriegsplanungen der Reichsgruppe Industrie keineswegs eine geheime
Kommandosache. Schließlich unterstützte das Reichswirtschaftsministerium die
von einer militärischen Niederlage ausgehenden Planungen für eine wirtschaftli-
che Neuorientierung nach dem Krieg. Aber dazu im nächsten Kapitel mehr.
Nicht zuletzt muß an dieser Stelle noch das Wirken von Müller-Armack
beleuchtet werden, der als Nachfolger des 1950 verstorbenen Miksch im Bun-
deswirtschaftsministerium Erhards zunächst als Abteilungsleiter, dann als Staats-
sekretär, aber auch als Hochschullehrer an der Kölner Universität maßgeblich
zur politischen Umsetzung der Sozialen Marktwirtschaft beitragen sollte. Seine
bereits erwähnte, vom italienischen Faschismus beeinflußte Schrift Staatsidee und
Wirtschaftsordnung im neuen &ich, ist mit Blick auf das Verhältnis Müller-Armacks
zum Nationalsozialismus vielerorts diskutiert worden und soll hier deshalb nur
begrenzt zum Gegenstand gemacht werden. Im Ergebnis ist Haselbach zu
folgen, der die ,Staatsidee' als Beleg wertet, daß Müller-Armack sich zu Beginn
der nationalsozialistischen Herrschaft "ohne jeden Vorbehalt (...) hinter die
neuen Machthaber"251 stellte.
Müller-Armack hat sich nur ein einziges Mal im Rahmen einer angeforder-
ten Stellungnahme zur ,Staatsidee' geäußert,252 sah er sich doch selbst im Rück-
blick in der Rolle eines durch die Nationalsozialisten in der Entfaltung gehem-
mten Wissenschaftlers. 253 In den offiziellen Bibliographien blieb die Schrift aus
dem Jahr 1933 lange Zeit einfach unerwähnt. 254 Aus dem Umfeld der Schüler

zum Tragen konunen sollen. Vgl. Ludolf Herbst, Krisenüberwindung und Wirtschaftsneuord-
nung, a.a.O., S. 313 f.; an anderer Stelle resümiert Herbst, "daß bereits im Vorfeld der Neu-
ordnungsplanungender Versuch gemacht wurde, in dieser Frage an die Wissenschaft heran-
zutreten und den in Deutschland verbliebenen Kapazitäten der Volkswirtschaftslehre ein
Forum für ordnungspolitische Erörterungen zu schaffen." ders., Der totale Krieg und die
Ordnung der Wirtschaft, a.a.O., S. 149
251 Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 122
252 Vgl. Stellungnahme von Professor Alfred Müller-Armack, in: Braune Universität. Deutsche
Hochschullehrer gestern und heute, zusanunengestellt und herausgegeben von Rolf Seeliger,
Heft 6, München 1968, S. 60-61, in dieser Stellungnahme weist Müller-Armack schroffund in
knapper Form jedwede Verbindung zum Nationalsozialismus zurück.
253 In seiner autobiographischen Schrift entwirft Müller-Armack das Bild von der erzwungenen
,inneren Immigration': "Die wissenschaftliche Kontinuität der konjunkturpolitischen Arbeit
wurde durch den Nationalsozialismus jäh unterbrochen. Alles, was seine Wurzeln in der libe-
ralen Ökonomie hatte, wurde als geistig überwunden abgelehnt, so daß dem, der seine geistige
Freiheit bewahren wollte, nichts anders übrig blieb, als ein anderes Gebiet zu wählen." Alfred
Müller-Armack, Auf dem Weg nach Europa. Erinnerungen und Ausblicke, Tübingen -
Stuttgart 1971, S. 16
254 Vgl. Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., Fn. 31,
s. 287

81
Müller-Armacks wurde bis in die achtziger Jahre die von ihm selbst vorgegebene
These von der "innere(n) Immigration"255 kolportiert, nach der sich Müller-
Armack nach kurzer Begeisterung für die nationalsozialistische Idee zurück-
gezogen habe, um sich politisch unverfänglichen Fragen der Religionssoziologie
zu widmen. In jüngerer Zeit wurde dieses Bild auch aus ordoliberaler Perspek-
tive vorsichtig relativiert, etwa durch Wattin, der die große Hoffnung Müller-
Armacks, durch den NS-Staat die kapitalistischen Ordnung zu revitalisieren
ebenso kritisiert wie seine Abkehr vom Weimarer Verfassungsstaat. 256 Allerdings
schwächt Wattin seine Kritik gleich wieder dadurch ab, daß er Müller-Armack
als Kind seiner Zeit darstellt, dem in Folge einer verfehlten Wirtschaftspolitik
durch die Reichsregierung sowie durch die Verfll.zung von Wirtschaft, Politik bis
hinein in intellektuelle Kreise kaum andere Orientierungsmöglichkeiten geblie-
ben seien. 257
Deutlicher noch als Miksch und Erhard attestierte Müller-Armack dem
Nationalsozialismus "ein Bekenntnis zur Erhaltung der individuellen untemeh-
merischen Initiative." Dem neuen Staat fehle "jeder Anlaß zu einer grundsätzli-
chen Feindschaft gegenüber der individuellen Arbeit und der persönlichen Initi-
ative." Denn, so verband Müller-Armack die nationalsozialistische Ideologie mit
seinen eigenen Vorstellungen, "die Erhaltung eines gesunden Volksaufbaus setzt
die Erhaltung von Zwischen- und Aufstiegsschichten voraus, fordert direkt die
Erhaltung des auf individueller Produktionsweise aufbauenden Bauemtums."258

255 Harriet Hoffmann, Zu Arbeit und Werk von Alfred Müller-Annack; in: Christian
Watrin/Hans Willgerodt (Hrsg.), Widersprüche der Kapitalismuskritik, Festschrift zum 75.
Geburtstag von Alfred Müller-Annack; Bem- Stuttgart 1976, S. 231-236, hier S. 232. Aus der
Sicht des ins Exil gedrängten Adolph Lowe war eine solche Argumentation nichts als eine
nachträgliche Rechtfertigung des eigenen Verhaltens in der NS-Zeit, berichtet Krohn aus Ge-
sprächen mit Lowe 1983 und 1986. Seine ehemaligen Kollegen "zeigten kaum Neigung, ihre
Vergangenheit zu reflektieren, überzeugter Nationalsozialist war angeblich niemand gewesen,
man reklamierte für sich die ,innere Immigration' oder nur formale Parteimitgliedschaften."
Claus Dieter Krohn, Wissenschaft im Exil. Deutsche Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler in
den USA und die New School for Social Research, Frankfurt am Main- New York 1987,
S.223
256 Christian Watrin, Alfred Müller-Armack (1901-1978), a.a.O., S. 49 ff.
257 Für Watrin war es "die Brüningsche Krisenbekämpfungspolitik" sowie die Mißachtung der
"Ratschläge der Wirtschaftswissenschaft" (Ebenda, S. 50) einerseits und die "Unfahigkeit, all-
gemeine Interessen wirkungsvoll gegenüber Gruppen- und Verbandsinteressen zu vertreten"
andererseits, die "bei vielen eine Abkehr von der Weimarer Demokratie (bedingte)." Ebenda,
S. 51. Ähnlich rechtfertigt Kowitz Müller-Armacks Bekenntnis zum ,starken Staat' damit, daß
dieser mit seinem Verhalten "dem Wandel des Politikverständnisses der Weimarer Republik
(folgte)." Sein "Abrücken vom Parlamentarismus war primär jedoch nicht politischer Natur,
sondern tr'{!"Ungen durch die institutionell bedingte Unfahigkeit, auf die ökonomische Krise zu
reagieren." Rolf Kowitz, Alfred Müller-Armack: Wirtschaftspolitik als Berufung, a.a.O., S. 31
und S. 161; Herv. durch R.P. Auch für Dietzfelbinger (ist) Müller-Annacks "Begeisterung für
die neue Staats- und Wirtschaftsordnung im Zusammenhang mit der 1929 ausbrechenden
Weltwirtschaftskrise zu sehen". Daniel Dietzfelbinger, Soziale Marktwirtschaft als Wirtschafts-
stil, a.a.O., S. 45
258 Alfred Müller-Armack, Staatsidee und Wirtschaftsordnung im neuen Reich, a.a.O., S. 47

82
Seine Anknüpfung an das organische Gesellschaftsbild des Nationalsozialismus,
akzentuiert durch die Hervorhebung wirtschaftlicher (und damit auch sozialer)
Anreize mit Blick auf Mittelstand und bäuerliche Wirtschaft, war keineswegs nur
taktisch bedingt, sondern Ausdruck seines grundsätzlichen Verständnisses eines
in seinen sozialen Strukturen formierten Kapitalismus, das er später im Konzept
der Sozialen Marktwirtschaft als "irenische Formel"259 fortsetzt. 1933 setzte
Müller-Armack deshalb auf den nationalsozialistischen Staat, von dem er sich
die Wiederherstellung einer funktionsfähigen Marktwirtschaft durch autoritäre
Sicherung versprach.
Den Grundstein für diese Haltung hatte Müller-Armack schon 1932 in den
,Entwicklungsgesetzen' gelegt. Zwar teilte Müller-Armack mit Eucken und
Rüstow die Auffassung, daß der Weimarer Interventionsstaat ein ,totaler Staat'
aus Schwäche sei, aber anders als die beiden kennzeichnete er den Interventions-
staat als unurnkehrbare historische Entwicklung,260 die gerade durch die Exis-
tenz des ,totalen Staates' im Sinne von Carl Schmitt ihre Auflösung finden
könne. "Es ist ein eigentümlicher dialektischer Prozeß, daß die unternehmen-
sehe Betätigung, nachdem sie lange durch das Vordringen des Staatsinterventio-
nismus bedroht war, nun mit dem wirklichen Totalwerden des Staates ein neues
rechtmäßiges Element der künftigen Wutschaftsordnung wird." Indem "der
Staat alle Macht in sich vereinigt und prinzipiell kein Gebiet als staatsfern oder
staatsdifferent anerkennt, kommt er gerade über eine Steigerung seiner Macht zu
einer neuen Bestimmung seiner Funktion." Damit "gewinnt der Staat einen
neuen Abstand zum Wirtschaftlichen, der es ihm ermöglicht, die bisher so un-
gehemmte Tendenz zur Steigerung der Intervention einzudämmen und auch der
privaten Tätigkeit wieder ihr Recht werden zu lassen."261 Müller-Armack deutete
also die Krise des Interventionsstaates zugleich als Chance zur Weiterentwick-
lung des Kapitalismus. Die Wiederherstellung einer Trennung der Sphären von
Staat und Wirtschaft sei unter der Obhut des ,totalen Staates' durch eine natio-
nale Formierung möglich, an deren Ende die "Einheit der Nation"262 in Gestalt
einer ständischen Wirtschaftsordnung stehen sollte.
Insofern ging es bei Müller-Armack weniger um die Ausgestaltung einzelner
ordnungspolitischer Instrumente des ,starken Staates', sondern in erster Linie
um dessen ideologische Ausstrahlung zur Herstellung und Stabilisierung einer
marktwirtschaftlicher Ordnung. Zu dieser Zeit hielt Müller-Armack den Natio-
nalismus für die geeignete Ideologie, von der er sich die Konstruktion eines
"Gesamtvolkswillen(s)" versprach, um ökonomische und soziale Interessenge-
gensätze in der Gesellschaft einzuebnen. Dabei ließ er deutlich erkennen, daß

259 Vf!}.. hierzu Abschnitt 4.1.2 dieser Arbeit


260 Vgl. Alfred Müller-Annack, Entwicklungsgesetze des Kapitalismus, a.aO., S. 218
261 Alfred Müller-Annack, Staatsidee und Wirtschaftsordnung im neuen Reich, a.a.O., S. 48;
ähnlich schon seine Formulierung 1932: ders., Entwicklungsgesetze des Kapitalismus, a.a.O.,
s. 127
262 Alfred Müller-Annack, Staatsidee und Wirtschaftsordnung im neuen Reich, a.a.O., S. 50

83
dieser "Gesamtvolkswille" weder "durch Abstimmungen und dergleichen zu
ermitteln, noch überhaupt konkret vorhanden (ist)."263 Er betrachtete die Be-
griffe ,Nation' und ,Volk' unter Berufung auf Georges Sorel264 als Mythos, in
diesem Sinne als politische Ideen für einen historisch gebundenen Zweck, die er
nicht von ihrem Inhalt und ihrer Substanz her, sondern in ihrer Funktion als
Mittel der Herrschaftsstabilisierung zur Sicherung des Kapitalismus bestimmte.
Müller-Armack blieb dieser Linie "auch über den Wechsel von der ,fascisti-
schen' zur Position der Sozialen Marktwirtschaft hinweg" treu, sein Thema blieb
fortwährend "ökonomisch die Verteidigung des Untemehmerkapitalismus, so-
ziologisch die Sicherung der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse, poli-
tisch die Suche nach einem Ansatzpunkt zur Formierung und Stabilisierung von
Gesellschaft durch einen ,Mythos' im Sinne George Sorels." 265
Mit seinem funktional bestimmten, fast pragmatischen Verhältnis zur
Ideologie als Herrschaftsinstrument geriet Müller-Armack tatsächlich in einen
gewissen Widerspruch zur ,reinen' nationalsozialistischen Lehre eines biolo-
gistisch determinierten, völkischen Rassismus. Diese Differenz stand der Fort-

263 Ebenda, S. 35
264 "Idee als geschichtliche Macht ist mehr als das bloße Leitziel des Idealismus oder das mechani-
sche Auslaufen der Entwicklung im Marxismus. Diese geschichtsbildende Kraft ist es, die
Georges Sore! meinte, wenn er politische Ideen Mythen nannte und lehrte, daß historische
Wandlungen an die Entstehung eines solchen Mythos gebunden sind." Ebenda, S. 31; Herv.
im Original; "Volk ist ein Mythos im Sinne Sorels, mehr eine geschichtsbildende Kraft als ein
ausschöpfbarer Begriff. Es ist Gemeinsamkeit volkstümlicher Überlieferung wie gegenwärtige
Arbeits- und Schicksalsgemeinschaft. Es ist Einheit des Geblüts und des Bodens wie letzte
Übereinstimmung in Fühlen und Denken. Aber es geht im Tatsächlichen und Feststellbaren
nicht auf. ,Volk ist eine Idee, wir sollen ein Volk werden'", zitiert Müller-Arnuck abschließend
Novalis. Ebenda, S. 37
265 Dieter Haselbach, Autoritärer Lberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 117. Eine
Kontinuitätslinie stellt auch Wünsche heraus. Er sieht in Müller-Armacks ,Staatsidee' "das Be-
kenntnis eines Wissenschaftlers zu einer bestimmten gesellschaftspolitischen Denkweise, (...)
die allen späteren Schriften von MÜLLER-ARMACK zugrunde liegt." Wünsche sieht eine sol-
che Lnie neben Müller-Arnucks Evolutionsverständnis v.a. in dessen Begeisterung für "jede
neu aufkommende soziale Strömung, die alte Fehler überwinden und Großes, allen Dienliches
gestalten will", begründet. Horst-Friedrich Wünsche, Erhards Soziale Marktwirtschaft: von
Eucken programmiert, von Müller-Arnuck inspiriert, a.a.O., S. 162; Herv. im Original. In
jüngster Zeit haben Lange-von Kulessa/Renner ebenfalls eine Kontinuitätslinie bei Müller-
Armack nachgezeichnet, die sie ausgehend von seinen Frühtexten am Staatsverständnis
entwickeln, allerdings sei "zu betonen," so die Verfechter einer stringent anti-interventioni-
schen Position, "daß daraus keine Kontinuität der politischen Inhalte abgeleitet werden kann."
Jürgen Lange-von Kulessa/ Andreas Renner, Die Soziale Marktwirtschaft Alfred Müller-
A=cks und der Ordoliberalismus der Freiburger Schule, a.a.O., S. 87. Vgl. zur Kontinui-
tätsthese auch Quaas, die allerdings im Gegensatz zu Wünsche und Lange-von Ku-
lessa/Renner das Kontinuum im Denken Müller-A=cks positiv bewertet, um ihn als Vor-
denker einer sozialstaatlich interpretierten Sozialen Marktwirtschaft zu präsentieren. Entspre-
chend sieht sie die "Kontinuität des Gedankens (...) von einer partiell und zeitweilig vorhan-
denen Verbeugung vor dem nationalsozialistischen Zeitgeist nicht wirklich und wesentlich
tangiert." Friedrun Quaas, Soziale Marktwirtschaft. Wirklichkeit und Verfremdung eines Kon-
zeptes, a.a.O., S. 39 ff.

84
setzung seiner wissenschaftlichen Laufbahn allerdings nicht im Wege. Im
Gegenteil: Müller-Armack, seit 1933 NSDAP-Mitglied, machte im National-
sozialismus eine wissenschaftliche Karriere, wurde nach einigen Zwischenstatio-
nen 1940 ordentlicher Professor und damit auch geschäftsführender Direktor
des Instituts ftir Wirtschcifis- und Soifalwissenschcifien an der Universität Münster. Er
selbst leitete zwei der vier dem Institut angeschlossenen Untergliederungen,266
die Forschungsstelle ftir Siedlungs- und Wohnungswesen, ab 1941 auch als Direktor die
von ihm in Zusammenarbeit mit Vertretern der Textil- und Kunstfaserindustrie
begründete Forschungsstelle ftir allgemeine und textile Marktwirtschcifi. 267 Es ist deshalb
wenig verständlich, wenn Wünsche einerseits feststellt, daß Müller-Armack "sich
weder dem Nationalsozialismus angedient hat, noch ist er irgendeinem Irrtum
unterlegen", und daß seine ,Staatsidee' "weder Lobhudelei noch getarnte Kritik
am Nationalsozialismus ist"268 und andererseits auf die Beziehung zwischen der
Karriere Müller-Armacks und seiner Nähe zum Nationalsozialismus hinweist. 269
Wie Miksch und Erhard war auch Müller-Armack durch seine wissenschaft-
lichen Beratungstätigkeiten mittelbar in die nationalsozialistische Expansions-
politik einbezogen. Das Institut ftir Wirtschcifis- und S oifalwimnschaften arbeitete
nicht nur eng mit der Wirtschaft der Region und staatlichen Stellen zusammen,
sondern erhielt über die Wirtschaftspolitische Gesell.rchcifi ftir Westfalen-Lippe Geld aus
der Industrie und von der NSDAP,270 so daß "in erheblichem Maße Einfluß auf
die konzeptionelle Arbeit des lnstituts"271 genommen wurde. Das von Müller-
Armack geleitete Institut wurde vor diesem Hintergrund vollständig in die
kriegswirtschaftlichen Aufgaben und die Bewältigung ihrer wirtschafts- und
sozialpolitischen Folgen integriert.

266 Vgl. Ralf Kowitz, Alfred Müller-Armack: Wirtschaftspolitik als Berufung, a.a.O., S. 39
267 Kowitz verweist als Gründungsdatum des Instituts auf den 01.04.1941: ebenda, S. 48.
Dietzfelbinger sieht die Entstehung des Instituts zwischen 1940/41: Daniel Dietzfelbinger,
Soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftsstil, a.a.O., S. 48; ähnlich Dieter Haselbach, Autoritärer
Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 124
268 Horst-Friedrich Wünsche, Erhards Soziale Marktwirtschaft: von Eucken programmiert, von
Müller-Armack inspiriert, a.a.O., S. 161 f.
269 "Welche Forschungsrichtung er auch immer wählen mochte, ohne erkennbare ,Linientreue'
wäre er nicht vorangekommen." (S. 156) "Grundlage der Beförderungen von MÜLLER-
ARMACK war vermutlich die Konkretisierung der Kritik am Interventionsstaat, die
MÜLLER-ARMACK 1933 mit der Schrift ,Staatsidee und Wirtschaftsordnung im neuen
Reich' vorgelegt hat." (S. 157) Ebenda; Herv. im Original. Nach Kowitz "sicherte er sich
sowohl in Köln als auch in Münster das Wohlwollen regionaler Nazigrößen. In Münster stand
er bei den Studenten im Ruf, ,die besten Beziehungen' zum NS-Kurator Beyer gehabt zu
haben. Seine guten Kontakte zum Gauleiter Meyer brachten der Forschungsstelle (für
allgemeine und textile Marktwirtschaft; Anm. R.P.) gar den Ruf einer Parteiinstitution ein."
Ralf Kowitz, Alfred Müller-Armack: Wirtschaftspolitik als Berufung, a.a.O., S. 65. Ob man
hier der Interpretation Kowitz folgen will, daß es sich dabei um eine Taktik Müller-Armacks
gehandelt habe, sei dahingestellt.
270 Vgl. Ralf Kowitz, Alfred Müller-Armack: Wirtschaftspolitik als Berufung, a.a.O., S. 37
271 Ebenda

85
Im Rahmen der Forschungsstelle ftir Siedlungs- und Wohnungswesen ging es nicht
nur um Fragen der Wohnraumbewirtschaftung als Teil der nationalsozialisti-
schen Sozialpolitik, wie auch der Kriegsvorbereitungen, sondern mit Beginn des
Krieges vor allen Dingen um Problemlösungen zur regionalen Umsetzung der
avisierten Großraumwirtschaft in Europa. Müller-Armack beschäftigte sich in
diesem Zusammenhang mit konkreten Problemen der West-Ost-Ansiedlung,
also mit der Frage, in welchem Umfang und mit welchen wirtschaftspolitischen
Mitteln Betriebe vom Westen (hier aus Westfalen und Lippe) in die besetzten
Ostgebiete verlagert werden könnten, um deren ökonomische Integration zu
gewährleisten. In der von ihm verantworteten Studie Die gewerblichen Umsiedlungs-
möglichkeiten in Westfalen aus dem Jahr 1942 heißt es: "Die Besiedlung der neuen
deutschen Ostgebiete stellt die Wirtschaftsplanung vor eine ihrer größten Auf-
gaben. Ihre wissenschaftliche Vorbereitung fordert nicht nur eine eingehende
Untersuchung der Raumprobleme des Ostens, sondern auch ein vertieftes Ein-
gehen auf die Wirtschaftsstruktur des Altreiches, insbesondere des Westens." 272
Unmißverständlich hielt Müller-Armack fest, daß die "vorliegende Untersu-
chung (...) an einem Einzelbeispiel methodische Vorarbeit" für "eine das Ge-
samtreich umfassende Erhebung" 273 der Reichsstelle für Raumordnung leisten
soll. Von Distanz oder Zurückhaltung gegenüber der nationalsozialistischen Ex-
pansionspolitik kann also auch 1942 kaum die Rede sein.
Müller-Armack empfahl in dieser Studie, daß neben der Ansiedlung
landwirtschaftlicher Produktion im "Ostraum"274 (wegen der Verfügbarkeit gro-
ßer Agrarflächen), durch die "ohne Zweifel die Agrarstruktur des Altreiches (...)
einer grundlegenden Sanierung entgegengeführt werden (kann)", zur "Schaffung
eines kompaktes Volkskörpers im Osten" 275 auch eine gewerbliche Ansiedlungs-
politik unverzichtbar sei. Die von Teilen der NSDAP-Führung und der Großag-
rarier-Lobby bevorzugte Konzentration auf die landwirtschaftliche Produktion
war in den Augen Müller-Armacks in ökonomischer Hinsicht unsinnig. Die Stu-
die stellte deshalb "die Notwendigkeit einer gewerblichen Verdichtung des Os-
tens"276 in den Vordergrund. Müller-Armack dachte zu dieser Zeit bereits in der
Perspektive einer europäisierten, auf Deutschland zugeschnittenen Volkswirt-

272 Alfred Müller, Die gewerblichen Umsiedlungsmöglichkeiten in Westfalen. Voruntersuchung


zur künftigen West-Ostsiedlung - Nur für den Dienstgebrauch!, bearbeitet im Institut für
Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und der Forschungsstelle für Siedlungs- und Woh-
nungswesen an der Universität Münster, Berichte zur Raumforschung und Raumordnung,
Reihe B, Bd. 1, hrsg. im Auftrage der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung von Prof.
Dr. Paul Ritterbusch, o. 0., o. J., Vorwort datiert vom 23.01.1942, Vorwort
273 Ebenda
274 "Der llilnllm im hier gemeinten Sinne umfaßt die ehemals polnischen Gebiete der Gaue
Ostpreussen, Danzig-Westpreussen, Wartheland und Schlesien. Insgesamt ein Gebiet von
90.000 qkm. Es dürfte in der Lage sein, insgesamt etwa 4-5 Millionen Menschen aus dem Alt-
reich aufzunehmen, so daß sich mit den bereits dort wohnenden Deutschen und Zuwanderern
(...) eine deutsche Bevölkerung von 5 Millionen ergibt." Ebenda, S. 4; Herv. im Original
275 Ebenda, S. 1
276 Ebenda, S. 2

86
schaft, bei der er dem Osten schon aus der geographischen Lage heraus eine
"Mitderstellung" zuwies, die neben der Landwirtschaft und eigenständigen regi-
onalen Wirtschaftszentren des Aufbaus einer industriellen "Ergänzungswirt-
schaft"277 bedürfe. Vor dem Hintergrund knapper Arbeitskräfte drängte Müller-
Armack auf die maximale Steigerung der Produktivität der anzusiedelnden Un-
ternehmen, warnte allerdings davor, daß "die gewerbliche Umsiedlung(...) zwar
auch vom Staat gelenkt werden", aber doch anders als die Landwirtschaft "auf
die Initiative des unternehmerischen deutschen Menschen gestellt werden
(muss). (...) Da sich objektiv vertretbare Auslesegrundsätze, nach denen Betriebe
des Westens für den Osten auszuwählen wären, nicht ftnden lassen und die Ei-
genverantwortung schlechterdings nicht abzunehmen ist, kann der Staat die An-
siedlungspolitik durch Subventionen, Steuervorteile, Aufträge usw. zwar erheb-
lich erleichtern, aber letztlich nicht ersetzen." 278
Müller-Armack plädierte hier erstmals für den Einsatz eines wirtschafts-
politischen Instrumentariums, das später im Konzept der Sozialen Marktwirt-
schaft als marktkonforme Ordnungspolitik bezeichnet wurde. 279 Er forderte die
Einhaltung marktwirtschaftlicher Grundsätze, die er durch einzelne ordnungs-
politische Maßnahmen flankiert wissen wollte, um das wirtschaftspolitische Ziel
der gewerblichen Ansiedlung auch tatsächlich zu erreichen. Mit besonderem
Nachdruck unterstrich Müller-Armack dabei die Notwendigkeit unternehmen-
scher Initiative und warnte davor, die staatlichen Eingriffe zur Förderung der
gewerblichen Ansiedlung so "zu gestalten, daß im Osten kein durch ein Risiko
gestähltes Unternehmertum entstünde, sondern wirtschaftliche Pfründe, mit
denen auf die Dauer kein Wirtschaftsraum mit Leben zu erfüllen ist. " 280 Auch
Müller-Armack engagierte sich also im Rahmen seiner konkreten Beratungs-
tätigkeit für die nationalsozialistische Raumforschung und Wirtschaftsplanung
für eine durch den Staat geordnete Marktwirtschaft und unterstützte damit wie
Miksch und Erhard die nationalsozialistische Politikziele in diesem Bereich.
Dies wird unterstrichen, wenn man Müller-Armacks Tätigkeit als wis-
senschaftlicher Direktor der Forschungsstelle ftir allgemeine und textile Marktwirtschcift
betrachtet. Ihr Aufbau erfolgte mit persönlicher Unterstützung des Gauwirt-
schaftsberaters Franke, auf Initiative und mit großer ftnanzieller Hilfestellung

277 Ebenda, S. 3
278 Ebenda, S. 8
279 Allerdings ist die von Kowitz vorgelegte Interpretation, daß Müller-Armack damit "einen
wichtigen Forschungsansatz zur Kompatibilität von Regulierungsmaßnahmen innerhalb einer
Marktordnung initiiert (hatte)," verfehlt. (Rolf Kowitz, Alfred Müller-Armack: Wirtschafts-
politik als Berufung, a.a.O., S. 60). Tatsächlich ging die Unterscheidung marktkonformer bzw.
-inkonformer Maßnahmen von Röpke aus. Vgl. Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der
Gegenwart (1. Auflage 1942), 6. Auflage, Bem- Stuttgart 1979, S. 258 ff.; diese Ausführungen
stützen sich auf zwei konkrete Vorarbeiten aus den Jahren 1929 und 1937: ders., Staatsinter-
ventionismus, a.a.O., S. 186 ff. und ders., Die Lehre von der Wirtschaft, Wien 1937, S. 191 f.
280 Alfred Müller, Die gewerblichen Umsiedlungsmöglichkeiten in Westfalen, a.a.O., S. 26

87
aller Bereiche der Textilindustrie. 281 Das Institut betrieb umfangreiche Markt-
forschung, zunächst in Hinblick auf die Absatzmöglichkeiten der deutschen
Textilindustrie, dann in erster Linie für kriegswirtschaftliche Belange der
Textilproduktion. Wichtigster Auftraggeber des Instituts, das Ende 1943 immer-
hin rund 30 Wissenschaftler2 82 beschäftigte, war die Wehrmacht und ihr ange-
schlossene Logistikinstitutionen, die mittels des OK.W auch die erforderlichen
Daten aus dem In- und Ausland zur Verfugung stellte, um die Versorgung der
deutschen Streitkräfte mit notwendigen Textilien zu gewährleisten. 283
Schon 1941 hatte Müller-Armack bei einem Vortrag vor der Fördergesell-
schaft der Forschungsstelle den Praxisbezug und den Nutzen der neu geschaffe-
nen Institution hervorgehoben: "Die kriegswirtschaftliche Einschränkung des
Textilmarktes wie die Überleitung in die Friedenswirtschaft stellen die Inlands-
marktforschung vor neue Aufgaben." 284 Wie Erhard, den er 1940 bei der Eröff-
nung der Forschungsstelle als Vertreter des IfW kennen gelernt hatte,285 em-
pfahl er zur Lösung der ökonomischen Probleme im Rahmen der "nationalso-
zialistische(n) Marktordnung (...) eine eingehende Verbrauchsforschung, um bei
den Steuerungsmaßnahmen die Harmonie von Bedarf und Deckung einigerma-
ßen aufrecht erhalten zu können." 286 Den Textilunternehmern erläuterte Müller-

281 Nach Kowitz flossen zwischen 1941 und 1944 per anno 200.000 RM an die Forschungsstelle.
Vgl. Ralf Kowitz, Alfred Müller-Armack: Wirtschaftspolitik als Berufung, a.a.O., S. 52. Zur
Argumentation aus Sicht der Textilindustrie vgl. den Leiter der Wirtschaftsgruppe Textil-
industrie, Hans Croon, Das Verhältnis der Textilindustrie zur Forschungsstelle für allgemeine
und textile Marktwirtschaft, in: Arbeitsberichte zur Marktforschung Heft 1, 1941, S. 1-4
282 Ebenda, S. 56
283 Trotz der Tatsache, daß die Forschungsstelle sowohl durch den Staat als auch durch die
betroffene Industrie unterstützt wurde, wird ihre Existenz gern als Beleg für die angeblich
widerständige Haltung Müller-Armacks angeführt. Schon die Erwähnung des Begriffs
Marktwirtschaft im Namen der Forschungsstelle sei "für die Nazis gewiß eine provokante
Bezeichnung". Heribert Klein, Freispruch für Alfred Müller-Armack, FAZ 26.04.1997. Etwas
dezenter, aber mit der selben inhaltlichen Botschaft, Ralf Kowitz, Alfred Müller-Armack:
Wirtschaftspolitik als Berufung, a.a.O., S. 59. Auch Haselbach unterstellt in diesem
Zusammenhang indirekt eine grundsätzliche Gegnerschaft der NS-Entscheidungsträger zur
Marktwirtschaft, wenn er schreibt: "Implizit enthielt ,Marktforschung' so ein Element der
Kritik an Funktionsweise und Folgen der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik." Dieter
Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 125
284 Alfred Müller, Wissenschaft und Wirtschaftspraxis; in: Arbeitsberichte zur Marktforschung,
Heft 3, 1941, S. 65-73, hier S. 73
285 Vgl. Horst-Friedrich Wünsche, Erhards Soziale Marktwirtschaft: von Eucken programmiert,
von Müller-Armack inspiriert, a.a.O., S. 156 f. Kowitz spricht von "sporadischen informellen
Treffen zwischen Erhard und Müller-Armack" durch ihre Zusammenarbeit in der
Marktforschung. Ralf Kowitz, Alfred Müller-Armack: Wirtschaftspolitik als Berufung, a.a.O.,
S. 49. Müller-Armack selbst nennt 1940 als Jahr des Kennenlemens und erwähnte, daß er
Erhard "ins Ruhrgebiet zu öffentlichen Vorträgen einQud) und erlebte, wie es ihn geradezu
trieb, in freimütigen Äußerungen bis an die Grenze dessen zu gehen, was bei gutem Glück in
einer Diktatur noch zu sagen war." Alfred Müller-Armack, Ein exemplarisches Leben. Zum
achtzigsten Geburtstag Ludwig Erhards, in: Wirtschaftspolitische Chronik, 26. Jg., Heft 1,
1977, S. 7-11, hier S. 8
286 Alfred Müller, Wissenschaft und Wirtschaftspraxis, a.a.O., S. 73

88
Armack, daß zur "Schaffung des großdeutschen Wirtschaftsraumes (...) nicht
nur die Frage nach der sinnvollen Eingliederung der neuerworbenen Textilge-
biete im Elsaß und in Holland" zu beantworten, sondern auch, daß "durch eine
Umsiedlung an der gewerblichen Verdichtung der neuen deutschen Ostgebiete
mitzuwirken" 287 sei, zumal dort ausreichend Arbeitskräfte zur Verfügung
stünden. Müller-Armack forderte von den Unternehmen und der Politik also
(Standort-)Flexibilität und strategisches Marktdenken einerseits -insofern argu-
mentierte er als marktwirtschaftlich orientierter Ökonom, der unter den gegebe-
nen Bedingungen für mehr Markt in der Wirtschaft warb. Anderseits stellte er
die von ihm zu verantwortenden wissenschaftlichen Beratungs- und Dienstlei-
stungen in den Dienst der ökonomischen Expansionsstrategie des nationalsozia-
listischen Regimes in Europa.
Es bleibt festzuhalten, daß Erhard, Müller-Armack und Miksch, die nach
1945 in herausragenden Positionen für die politische Implementierung der So-
zialen Marktwirtschaft in Westdeutschland sorgten, keine Widerstandskämpfer
waren. Vielmehr kooperierten sie als Wissenschaftler bzw. Publizisten mit dem
NS-System, in einigen Bereichen wurde daraus sogar eine aktive Unterstützung
der Regierungspolitik. Weder ihr unbestreitbares Eintreten für marktwirt-
schaftliche Ordnungsgrundsätze in der Wirtschaftspolitik noch ihre Distanz zur
völkisch-rassistischen NS-Ideologie können dies entkräften.
Darüber hinaus zeigt sich eine praktische Verbindungslinie zwischen den
ordoliberalen Programmansätzen und der faktischen NS-Wirtschaftspolitik.
Auch die reinen Theoretiker der Ordoliberalen, die wie Eucken und Böhm den
inhaltlichen Kern der ordoliberalen Konzeption entwickelten, zeichnen sich mit
ihren Arbeiten kaum durch Opposition aus. Ihre Texte aus den Jahren zwischen
193 7 und 1945 zeugen von der Suche nach einer Konzeption für eine autoritär
umklammerte, staatlich organisierte Marktwirtschaft, die zwar die planwirt-
schaftliehen Elemente der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik als gefähr-
lich definierte, aber weder in Abgrenzung zur Kriegswirtschaft an sich noch in
grundsätzlicher Gegnerschaft zur Expansionspolitik der Nationalsozialisten for-
muliert wurde. Vielmehr suchten die Ordoliberalen zumindest in den ersten
Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft nach Möglichkeiten der Einfluß-
nahme auf die verantwortlichen Stellen in Staat und Wirtschaft, um den aus
ihrer Sicht effizienteren Weg marktwirtschaftlicher Steuerung sowohl in kriegs-
wirtschaftlichen Belangen wie in Fragen der Neuordnung der Wirtschaft nach
dem Krieg auf den Weg zu bringen. Gerade die Auswertung der Freiburger
Texte zwischen Mitte der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre zeigt, daß die
Realisierung des ordoliberalen Programms unter den Bedingungen der
nationalsozialistischen Herrschaft gedacht wurde. 288 Für die Behauptung, "daß
dieser Ordo-Liberalismus aus der Opposition, aus der Ablehnung und schließ-
lich aus dem Widerstand gegen die Unklarheiten und wehrwirtschaftlichen Be-

287 Ebenda
288 Zu diesem Ergebnis kommt auch Keith Tribe, Strategies of economic order, a.a.O., S. 212

89
engungen nationalsozialistischen Wirtschaftsdenkens entstanden" 289 sei, gibt es
außer vagen Interpretationen keine nachvollziehbaren Beweise, zumal die theo-
retischen Ursprünge des Ordoliberalismus ganz offensichtlich weit vor dem
Krieg lagen.

2.3.3 Die ,Ordnung der Wirtschaft~· Staatlich veranstalteter Leistungswettbewerb


und so~aie Fonnierung der Gesellschaft

Mit der Schriftenreihe Ordnung der Wirtschqft beginnt die nach außen
wahrnehmbare theoretische Formierung des Ordoliberalismus in Gestalt der
Freiburger Schule ab 193 7. Das erste von Böhm verfaßte Heft der Schriftenreihe
mit dem programmatischen Titel Die Ordnung der Wirtschqft als geschichtliche At1gabe
war als erster gemeinsamer Entwurf fUr das ordoliberale Forschungsprogramm
angelegt. 290 K.loten sieht in der Arbeit Böhms ein "richtungsweisendes Werk" 291
des Neoliberalismus, für Grossekettler "kann man das Erscheinen dieses Buches
deshalb als ,Geburtsstunde' der Schule bezeichnen." 292 Das wird dadurch unter-
strichen, daß Böhm, Eucken und Großmann-Doerth gemeinsam mit ihren
Unterschriften für das Vorwort einstanden,293 unter der pathetisch anmutenden
Überschrift "Unsere Aufgabe". Böhms Monographie bildet auch den Kern der
Schriftenreihe, die von den Arbeiten von Miksch, Gestrich und Lutz umrahmt
wird. 294 Insofern ist es sinnvoll, den Text vonBöhmindas Zentrum der Analyse
zu stellen und die anderen Arbeiten, insbesondere die Ausführungen von
Miksch zur Wettbewerbstheorie, in diesem Kontext zu diskutieren. Dabei ist
zunächst hervorzuheben, daß sowohl Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche
Aujgabe als auch die übrigen Arbeiten der Schriftenreihe ein zweifaches Ziel ver-
folgen. Zum einen ging es um die Formulierung theoretischer Grundlagen bzw.
einzelner Bausteine einer zu entwickelnden Theorie des ,neuen' Liberalismus,
andererseits wollten die Freiburger mit ihren Beiträgen in die konkrete
Diskussion um die Gestaltung der grundlegenden Fragen der realen Wirtschafts-
politik eingreifen. 295 In diesem Sinne sind die Texte der Schriftenreihe ein

289 Gerhard Schulz, ÜberJohannis Popitz (1884-1945), a.a.O., S. 502


290 "Es war F. Böhm, der in Heft 1 (... ) die Grundgedanken der Freiburger Schule formulierte."
Wemer Krause, Wirtschaftstheorie unter dem Hakenkreuz, a.a.O., S. 190
291 Norbert Kloten, "Was zu bedenken ist"- Bemerkungen zum Referat von Rainer Klump, in:
Erich Streissler (Hrsg.), Studien zur Entwicklung der ökonomischen Theorie XVI, Berlin
1997, S.161-170, hierS. 165
292 Heinz Grossekettler, Der Beitrag der Freiburger Schule zur Theorie der Gestaltung von
Wirtschaftssystemen, a.a.O., S. 4.
293 "Im Vorwort zum ersten Band dieser Reihe (... ) stellten die Herausgeber der Reihe ihr
Programm vor." Hans Otto Lenel, Walter Euckens ,Grundlagen der Nationalökonomie', in:
ORDO, Bd. 40, 1989, S. 3-20, hier S. 3
294 Vgl. zur Schriftenreihe in diesem Kapitel, S. 58
295 Gerade aus der Bedeutung des Textes als konzeptioneller Beitrag für die wirtschaftspolitische
Praxis ergeben sich - wie zu zeigen sein wird - die Anknüpfungspunkte für das spätere

90
konkretes Beratungsangebot an den Nationalsozialismus, denn "die Männer der
Wissenschaft sind (...) die einifgen oijektiven Ratgeber, die der staatlichen Wirt-
schaftspolitik und der öffentlichen Meinung einen zutreffenden Einblick in die
schwierigen Zusammenhänge des Wirtschaftslebens geben und damit die
Grundlage für die wirtschaftspolitische Urteilsbildung liefern können." 296
Diese Botschaft des frühen Ordoliberalismus war eindeutig und hat bis heu-
te Gültigkeit: Nicht die kritisierten Interessengruppen und andere inkompetente
Ratgeber sollen die Regierung in Sachen ,richtiger' Wirtschaftspolitik beraten
bzw. beeinflussen, sondern die zum objektiv richtigen ,Sachverstand' erhobene
Kompetenz der ordoliberalen Wissenschaftler wird zum Maßstab qualifizierter
Beratung erklärt. In ihrem Vorwort beklagten Böhm, Eucken und Großmann-
Doerth deshalb den Verfall des Einflusses der Wissenschaft auf politisch-ökono-
mische Entscheidungen der Regierung, insbesondere die "Entthronung"297 von
Rechtswissenschaft und Nationalökonomie, die sie als Folge der zunehmenden
Bedeutung des Historismus interpretierten. 298 Dem punktuellen Denken und
Fragen der historischen Schule wollten sie eine grundsätzliche Denkweise der
Rechts- und Wirtschaftswissenschaften gegenüberstellen, die "rationales Denken
und schöpferisches Handeln" 299 miteinander verbindet. Statt "durch den Nebel
frei schwebender Ideologien" zu wanken, müsse den ökonomischen "Tatbe-
ständen" Rechnung getragen werden, die "den Eifordernissen der Sache selbst' 300
gerecht wird, um auf dieser Basis "eine politische Gesamtentscheidung über die
Ordnung des nationalen Wirtschaftslebens" 301 auf den Weg zu bringen.
Wichtigstes Anliegen der Schrift war die Verteidigung des Konkurrenzme-
chanismus als Motor ökonomischer Entwicklung: Nicht der Wettbewerb an und
für sich sei für die eingestandenen sozioökonomischen Verwerfungen in der ka-
pitalistischen Entwicklung verantwortlich, sondern seine mangelnde Einbettung
in ein neu zu schaffendes staatliches Ordnungsgefüge. Prinzipielle Bedenken
gegenüber dem Funktionsprinzip der Marktwirtschaft wies Böhm zurück, denn
es "(dürfte) kaum eine andere Ordnung von so geschlossener Systematik und
solcher Eindeutigkeit und Folgerichtigkeit des Inhalts geben wie die Ordnung
der freien Verkehrswirtschaft." 302 Wenn sich dennoch in der Öffentlichkeit ein
Bild von der freien Marktwirtschaft als Auflösungsprozeß der Gesellschaft her-

Konzept der Sozialen Marktwirtschaft. Vgl. Wolfgang Benz, Von der Besatzungsherrschaft
zur Bundesrepublik Stationen einer Staatsgründung 1946-1949, Frankfurt am Main 1985,
s. 125
296 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. VII; Herv. durch R.P.
297 Ebenda
298 Zur ordoliberalen Kritik am Historismus vgl. den folgenden Abschnitt, da die dichteste
Auseinandersetzung zu dieser Frage in Euckens ,Grundlagen' nachzuvollziehen ist.
299 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. XVII
300 Ebenda, S. XVIII; Herv. im Original
301 Ebenda, S. XIX
302 Ebenda, S. 18

91
ausgebildet habe, sei dies einerseits in der irrigen Definition des Wettbewerbs als
Destruktionsprinzip begründet, die den friedlichen Kampfcharakter des Wettbe-
werbs ignoriere 303 und andererseits auf ein falsches Verständnis von übersteiger-
ter wirtschaftlicher Freiheit304 zurückzuführen. Beides hätte aber nichts mit dem
eigentlichen Organisations- und Funktionsprinzip der Wettbewerbswirtschaft zu
tun.
Das wesentliche Problem sah Böhm in der "Abdankung der Politik", die
durch "ein leichtfertiges und bequemes Vertrauen der Staatsführung auf das
wohltätige Walten einer prästabilierten Harmonie" 305 ersetzt wurde. Die Ab-
grenzung zur Klassik306 erfolgte aber nur insoweit, als das restriktive Staatsver-
ständnis eines laissez faire, laissez aller kritisiert wurde, während der grund-
sätzliche Glaube, daß sich letztlich "die Interessen der freien, nur ihren
individuellen Vorteil suchenden Einzelpersonen von selbst aufeinander einspielen", 307
ungebrochen blieb und unter den Neoliberalen auch bis heute ist. Trotz Böhms
Polemik gegen jene falsch verstandene Wirtschaftsfreiheit darf nicht übersehen
werden, daß die Annahmen zur (neo)klassischen Gleichgewichtstheorie implizit
übernommen wurden, 308 wobei die daraus abgeleiteten Gleichgewichtsstörungen
nicht in erster Linie als ökonomisches Problem, sondern in der mangelnden

303 "Der gewerbliche Wettbewerb hat in bezug auf das Prinzip des Einsatzes der Kampfmittel
(parallel, nicht entgegengerichtet) und auf das Kampfziel (Überflügelung, nicht Niederwerfung
und Vernichtung des Gegners) gar keine Ähnlichkeit mit dem Krieg, mit dem er so oft irriger-
weise verglichen wird, sondern steht auf einer Linie mit den organisierten Au.rlem>eran.rlallungen,
deren Zweck das Messen, die Ermittlung und die Förderung jeweils ganz bestimmt bezeichne-
ter Eigenschaften ist, also etwa mit einem Preisausschreiben, Staatsexamen oder Sportwett-
kampf." Ebenda, S. 124; Herv. im Original
304 "Das Motto, unter dem diese Sorte von Wirtschaftsfreiheit steht, läßt sich nur dahin
formulieren: Was geschieht, weiß man nicht, aber das Dümmste ist das wahrscheinlichste."
Ebenda, S. 70
305 Ebenda, S. 18 f.
306 Vgl. hierzu aus der ordoliberalen Perspektive der achtziger Jahre: Fritz Holzwarth, Ordnung
der Wirtschaft durch Wettbewerb. Entwicklung der Ideen der Freiburger Schule, Freiburg
1985, S. 29 ff.; in Bezug auf Böhms frühe Arbeiten zur Wettbewerbstheorie spricht Holzwart
von einer konsequenten Orientierung an den Ideen Adam Smiths, die erst durch die
Zusammenarbeit mit Eucken einer gewissen Identifizierung der Klassik mit dem Grundsatz
des Laissez-faire gewichen sei (vgl. Fn. 125, S. 33 und S. 142).
307 Franz Böhm, Kartelle und Koalitionsfreiheit, Berlin 1933, S. 18; Herv. im Original. Bei Miksch
heißt es: "Daß die sich selbst regulierende Ordnung des freien Wettbewerbs so weit irgend
möglich als Grundlage der Wirtschaftsverfassung erhalten werden muß, ergibt sich aus der
Tatsache, daß es schlechterdings kein anderes Prinzip gibt, das mit einem Minimum an
Verwaltungsaufwand ein Ma.ximum an Leistungsfahigkeit, Elastizität und Fortschritt
verbindet." Leonhard Miksch, Wettbewerb als Aufgabe, a.a.O., S. 135
308 "Vom Herkommen her fühlten sie (die Ordoliberalen; Anm. R.P.) sich in der Nachfolge der
klassischen Schule. Das Denken in mikroökonomischen Bezügen und in Marktformen
überwog. Methodologisch bediente man sich vorwiegend der komparativen Statik, damit des
Vergleichs von Gleichgewichtszuständen und der Erklärung der Übergänge zwischen ihnen."
Norbert Kloten, Der Staat in der Sozialen Marktwirtschaft, Vorträge und Aufsätze des Walter-
Eucken-Instituts, Heft 108, Tübingen 1986, S. 12

92
Existenz und Durchsetzung ordnungspolitischer Grundsätze in der Wirtschafts-
politik gesehen wurden.
Hier greift nun die Verbindung zwischen Recht und Ökonomie, die zum
Grundpfeiler des Ordnungsverständnisses der im Aufbau befindlichen Freiburger
Schule wurde. 309 In der Definition Böhms ist eine Wirtschaftsordnung "das
Gesamtsystem aller Rechtsgrundsätze und Rechtseinrichtungen, deren Bestim-
mung es ist, die wirtschaftlichen Handlungen aller in einer arbeitsteiligen Wirt-
schaft Tätigen aufeinander abzustimmen und zu einem für die Gemeinschaft
nützlichen, produktiven Gesamteinsatz zusammenzufassen." 310 Zur konkreten
Ausgestaltung einer funktionsfähigen Wirtschaftsordnung auf der Basis von
Wettbewerb empfahl er den Ausbau und die Verdichtung bestehender Grund-
sätze im Wirtschaftsleben zu einer umfassenden Wirtschaftsverfassung, 311 die ei-
nerseits einen verpflichtenden Rahmen für alle Akteure im Wirtschaftsprozeß
bilden und anderseits als konsistente Leitlinie für die staatliche Wirtschaftspolitik
fungieren sollte. Als Vorbild verwies Böhm auf die zentrale Bedeutung der Ein-
führung der Gewerbefreiheit zur Entfaltung des Kapitalismus, die er im histori-
schen Rückblick als "eine grundsätzliche wirtschaftsvetjassungsrechtliche Gesamtent-
scheidung"312 bewertete. Die Aufgabe der Schriftenreihe sei es, eine zeitgemäße
"Generalinventur unserer derzeitigen Wirtschaftsverfassung" zu bewerkstelligen,
um daraus entsprechende Empfehlungen für die Ordnung der Wirtschaft abzu-
leiten. Für die Umsetzung sollte allerdings der ,starke Staat' verantwortlich sein:

309 Heuß verteidigt in diesem Zusammenhang den Ordoliberalismus gegenüber jüngeren


Strömungen der N euen Politischen Ökonomie aus dem angelsächsischen Bereich: "Die
Theorie der Verfügungsrechte stellt daher, zumindest in der Grundkonzeption einen Reimport
dar. Letzten Endes geht es ihr um nichts anderes als um den Zusammenhang zwischen Recht
und Wirtschaft. Dies aber ist ein Anliegen, das sich schon in den dreißiger Jahren Waller
E11cken, Franz Böhm und Hans Großmann-Doerth in der von ihnen herausgegebenen Schriften-
reihe ,Ordung der Wirtschaft' zum Thema gemacht haben." Ernst Heuß, ,Die Grundlagen der
Nationalökonomie' vor 50 Jahren und heute, in: ORDO, Bd. 40, 1989, S. 21-30, hier S. 23;
Herv. im Original
310 Franz Böhm, Die Wirtschaftsordnung als Zentralbegriff des Wirtschaftsrechts, a.a.O., S. 8
311 Den Gedanken, den Wirtschaftsprozeß durch eine Wirtschaftsverfassung zu ordnen, hatte
Böhm bereits in seiner Habilitationsschrift ausgeführt. Dort formulierte er die "Aufgabe, das
Ruht einer freien Wettbewerbswirtschaft im einzelnen darz11stellen, 11nd zwar in detjenigen Gestalt, die es
a11jweisen m11ß, wenn man dieser Ordn11ng den exakten verfassungsrechtlichen Sinn Hnlerste!!t, den sie nach
der Lehre der k!assirchen Nationalökonomie haben sollte." Franz Böhm, Wettbewerb und
Monopolkampf, a.a.O., S. 211; Herv. im Original. Für Eucken "(stellt) die Wirtschaftsverfas-
sung die Gesamtentscheidung über die Ordnung des nationalen Wirtschaftslebens dar. Ist sie
brauchbar, so erübrigen sich damit auch zahlreiche konjunkturpolitische Einzelmaßregeln zur
Behebung besonderer Notlagen. Der Wirtschaftswissenschaft (... ) fallt heute die Aufgabe zu,
diese Idee einer WirtschaftsverfassHng, die klare und zweckmäßige Spielregeln zur Geltung bringt,
<" erfassen und bis in die Ein<!lheiten hinein aiiSS(IIarbeiten." Walter Eucken, Nationalökonomie -
wozu?, I. Auflage, a.a.O., S. 55; Herv. im Original. Vgl. zum Begriff auch Dieter Cassel, Wirt-
schaftspolitik als Ordnungspolitik, in: ders./Bemd-Thomas Ramb/H. Jörg Thieme (Hrsg.),
Ordnungspolitik, München 1988, S. 313-333, hier S. 315
312 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 40; Herv. im Original

93
"Das wichtigste Erfordernis jeder Wirtschaftsordnung, die diesen Namen ver-
dient, ist, daß die politische Führung Herr der Gesamtwirtschaft im Ganzen wie
in ihren Teilen sein muß; es ist notwendig, daß die staatliche Wirtschaftspolitik
das wirtschaftliche Geschehen geistig und machtmäßig in den Griff be-
kommt."313 Auch Miksch betonte, "daß der Aufbau einer geordneten Wirt-
schaftsverfassung im Sinne Pranz Biihms nicht denkbar ist ohne einen starken
Staat, der die einzelnen Märkte in größerer oder geringerer Freiheit organisiert
und dafür sorgt, daß das Gesamtsystem seine Einheitlichkeit und Geschlossen-
heit nicht wieder verliert. Der - keineswegs nur aus wirtschaftlichen Gründen -
verstiirkte Führungswille des Staateseifüllt also eine wettbewerbspolitische Forderung." 314
Zwar wies Böhm darauf hin, daß die Ausarbeitung einer Wirtschafts-
verfassung zu vorderst eine rechtswissenschaftliche Aufgabe sei, da aber "der
Primat der Politik außerhalb jeden Zweifel gerückt wird",315 könne sie nur als
Teil der politischen Gesamtverfassung entworfen und verwirklicht werden.
Böhm proklamierte hier also das, was Eucken später als Interdependenz
zwischen wirtschaftlicher Ordnung und politischem System zum Programm des
Ordoliberalismus erhoben hat, zu diesem Zeitpunkt allerdings in der V erbin-
dung einer "kombinierten Wirtschaftsverfassung", 316 sprich mittelbare Lenkung
durch Wettbewerb einerseits und- wenn unvermeidbar- unmittelbare Lenkung
durch den Staat andererseits, mit der umfassenden Staatsgewalt der NS-
Diktatur.317 Gerade bei der institutionellen Implementierung und politischen
Durchsetzung der Wirtschaftsverfassung setzte Böhm auf die staatliche Auto-
rität, denn es sei "von größter Wichtigkeit, daß die Ordnung der Wirtschaft als
das erkannt wird, was sie ist, nämlich als eine politische Veifassung des nationalen

313 Ebenda, S. 10
314 Leonhard Miksch, Wettbewerb als Aufgabe, a.a.O., S. 5; Herv. im Original. In der zweiten
Auflage von 1947 hat Miksch diese Passage weggelassen. Statt dessen heißt es: "Im 20.
Jahrhundert muß der Wettbewerb als das wesentlichste, wenngleich nicht einzige Element der
staatlich gesetzten Wirtschaftsordnung verstanden werden, der die Vorzüge der Konkurrenz
und der freien wirtschaftlichen Betätigung mit denen einer sparsamen, auf das unbedingt
notwendige Maß sich beschränkenden, aber, wo es erforderlich ist, energisch und zielbewußt
eingreifenden staatlichen Steuerung verbindet." (S. 6)
315 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 11
316 Ebenda, S. 71 und S. 86 f.
317 Zu Recht stellt Haselbach die Frage, "inwieweit die im Nachkriegs-Ordoliberalismus
verfochtene These von einer ,Interdependenz der Ordnungen' politischer und wirtschaftlicher
Freiheit nur eine neue Sprachregelung oder Ergebnis einer theoretischen Revision war." Dieter
Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 87 f. Er verweist in
diesem Zusammenhang auf Feldman, der "von einem polyvalenten Charakter von Wirt-
schaftsliberalismus und Kapitalismus" spricht, "der sich letztlich jedem System - zumindest
wenn es auf offene Feinseligkeilen verzichtet- anpassen kann." Gerald D. Feldman, Aspekte
deutscher Industriepolitik am Ende der Weimarer Republik 1930-1932 (Erstveröffentlichung
1978), in: ders., Vom Weltkrieg zur Weltwirtschaftskrise. Studien zur deutschen Wirtschafts-
und Sozialgeschichte 1914-1932, Göttingen 1984, S. 218-233, hier S. 232. Vgl. in diesem
Zusammenhang auch die Position Marcuses in Fn. 67 dieser Arbeit, S. 40

94
Wirtschcifislebens von öffentlich-rechtlichem Charakter, als inhaltlich bestimmte, feierli-
che Entscheidung eines bewußten politischen Willens." 318 Die "feierliche Ent-
scheidung" als öffentlich inszenierte Proklamation sollte aus ordoliberaler Sicht
vor allen Dingen den verbindlichen Charakter der Prinzipien der zu schaffenden
Wirtschaftsordnung verdeutlichen und durch ein permanentes wirtschafts-
politisches Erziehungsprogramm ergänzt werden. Es bedürfe "einer gewaltigen
nationalen Erziehungsaufgabe", um gegen "einen geradezu elementaren psycho-
logischen Widerstand" in der entwickelten Wirtschaftsgesellschaft "die Beweg-
lichkeit der Wirtschaftenden sicherzustellen und zu fördern." 319
Dem Staat wurde also über die liberalen Grundsätze der Klassik hinaus 320
insgesamt eine sehr aktive Rolle bei der Gestaltung der Wirtschaft zugewiesen,
die sich in vier Punkten zusammenfassen läßt.
Der Staat sollte erstens "durch die auf dem Leistungsgedanken aufbauende
Veranstaltung und Überwachung eines allgemeinen Wettbewerbs für eine straffe
Ordnung und Kontrolle der in dauernder Bewegung sich vollziehenden Wirt-
schaftsabläufe"321 sorgen. Kurz und knapp formulierte Miksch: "Die Wettbe-
werbspolitik des Staates (...) rückt in den Mittelpunkt, aus der ,Naturordnung' wird
eine staatliche Veranstaltung." 322 Zu diesem Zweck sprachen sich die Ordoliberalen
für einen Ausbau und eine Verfeinerung des Wettbewerbsrechts aus. Unvoll-
kommenheit sah Böhm in einem mangelnden Rechtsbewußtsein darüber, "daß
der Wettbewerb ein von der Rechtsordnung veranstaltetes Ausleseverfahren ist, das
strenge Spiel- und Kampfregeln besitzt."323 Auf der exekutiven Ebene forderte er
vom Staat eine hinreichende Durchsetzung und Sicherung des Leistungsprinzips
in der Wettbewerbsordnung, insbesondere im Bereich der Preispolitik. 324
Zweitens "(bedarf) das Geld- und Kreditsystem dauernder Beobachtung und
Pflege, damit es gut funktioniert und die sichere Grundlage einer Wirtschaft des
Leistungswettbewerbs bildet." 325 Diese von Gestrich eingeforderte Dauerbeob-
achtung bildete allerdings nur den Ausgangspunkt fiir das damalige ordoliberale
Postulat, durch eine staatliche Finanzpolitik326 Konjunkturschwankungen ent-
gegenzuwirken, um deren negative wirtschafts- und sozialpolitische Folgen zu
minimieren und so insgesamt das wettbewerbswirtschaftliche Element in der

318 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 53; Herv. im Original
319 Ebenda, S. 51 und 50
320 Als Grundaufgaben definiert Böhm die "Sorge für gutes Geld, (...) Bereitstellung einer
leistungsfahigen Justiz, (...) Sicherung der militärischen und politischen Stärke nach außen und
(...) Pflege eines guten Schulwesens!" Ebenda, S. 34
321 Ebenda
322 Leonhard Miksch, Wettbewerb als Aufgabe, a.a.O., S. 9; Herv. im Original
323 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 100; Herv. im Original
324 Vgl. ebenda, S. 101
325 Hans Gestrich, Neue Kreditpolitik, a.a.O., S. 91
326 Gestrich selbst verwandte in seinem Beitrag eher das Begriffspaar "Geld- und Kreditpolitik",
ohne diese beiden Sphären deutlich voneinander abzugrenzen.

95
Wirtschaft zu stabilisieren. 327 "Die Lehre ist: Der Staat kann nicht gelassen bei-
seitestehen, wenn die Bedürfnisse des Goldwährungssystems die Volkswirtschaft
in einen mörderischen Deflationsprozeß verwickeln. Er kann sich der Aufgabe
einer rationalen Steuerung des Kreditwesens nicht entziehen, er kann sie auch
nicht auf andere staatliche Organe abwälzen, denn sie muß immer im Einklang
mit den sonstigen Aufgaben der Staatspolitik gelöst werden. " 328 Lutz wies mit
Bezug auf Böhms Kerntext darauf hin, wie diese Steuerung ordnungspolitisch
einwandfrei funktionieren sollte, nämlich indem "die Macht und Verantwortung
über das Geld dem Staat oder der Zentralbank zufallt, daß aber die qualitative
Kreditkontrolle Sache privater, dem Wettbewerb unterworfener Institute ist." 329
Drittens sollte der Staat dort, wo die Marktverhältnisse keinen geordneten
Wettbewerb zuließen, sich des Mittels der "autoritären Lenkung" 330 bedienen.
Allerdings müsse dies nach dem Grundsatz geschehen, daß der Staat "als
Platzhalter des Wettbewerbs" 331 agiere, um eine dem marktliehen Wettbewerb
entsprechende Effizienz zu gewährleisten und damit die wirtschaftliche Gesamt-
ordnung systematisch und einheitlich zu gestalten. Diese Imitation des Wettbe-
werbs, das sogenannte Als-ob-Prinzip, wurde insbesondere von Miksch mit
Blick auf unterschiedliche Formen der Monopolbildung entwickelt. Miksch
betonte in voller Übereinstimmung mit Böhm, daß "die staatliche Lenkung ein
Monopol (...) nicht als Mittel zur Wirtschaftslenkung benützen (sollte)" 332 - etwa
indem potentielle Monopolgewinne als Steuerquelle verwendet werden - um
unerwünschte Auswirkungen auf das Wettbewerbsprinzip als grundsätzliches
Ordnungselement der Wirtschaft zu vermeiden. "Die Schwierigkeiten einer
solchen wirtschaftlichen Befehls- und Führungsordnung" lagen aus Böhm Sicht
vor allem "auf dem Gebiete des Führens selbst. Die Güte der Führung, nicht die
Güte der Rechtsverfassung, entscheidet hier über Erfolg oder Misserfolg. " 333
Viertens erwarteten die frühen Ordoliberalen vom Staat die Überwindung
der politischen Zerrissenheit einer durch Interessengegensätze gespaltenen Ge-
sellschaft, wie sie Eucken und Rüstow am Ende der Weimarer Republik
analysiert hatten, durch ideologische Integration. Der "Zentrifugalkraft der Inte-
ressen" sollte "die Einheit einer politisch-sittlichen Idee" entgegengesetzt wer-

327 Gestrich hatte schon 1934 von der Notwendigkeit einer "konjunkturausgleichenden Finanzpo-
litik" gesprochen und "die außerordentlich wichtige Stellung des Staates im Konjunkturzyklus"
hervorgehoben." Hans Gestrich, Geldpolitik und Weltwirtschaft. Eine Untersuchung der
weltwirtschaftliehen Konsequenzen monetärer Konjunkturpolitik, Berlin 1934, S. 14
328 Ebenda, S. 94
329 Friedrich Lutz, Das Grundproblem der Geldverfassung, a.a.O., S. 95
330 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als gescruchtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 161
331 Ebenda, S. 162
332 Leonhard Miksch, Wettbewerb als Aufgabe, a.a.O., S. 74
333 Franz Böhm, Die Wirtschaftsordnung als Zentralbegriff des Wirtschaftsrechts, a.a.O., S. 11

96
den, wn die "in sich gespaltene Gesellschaft zu einer wahren Volksgemeinschaft
zusammenzuschweißen. "334
Dabei ist zu beachten, daß die Verwendung des Begriffs Volksgemeinschaft
durchaus eine inhaltliche Substanz für die frühe Freiburger Schule hatte, also nicht
nur sprachliches Zugeständnis gegenüber dem Nationalsozialismus war. 335
Böhms Interpretation einer ideologischen Formierung der kapitalistischen
Gesellschaft stütze sich allerdings nicht auf das rassistische und völkische
Element der nationalsozialistischen Ideologie und auch nicht so explizit wie bei
Erhard und vor allem Müller-Armack auf die Nation, sondern in erster Linie auf
die soziokulturelle Konstruktion einer konfliktfreien Wirtschaftsgesellschaft, in
deren Zentrwn die gesellschaftliche Verankerung einer durch Wirtschafts-
verfassung geordneten Ökonomie stehen sollte.
Diese wnfassenden Anforderungen an den Staat bringen zweierlei zwn
Ausdruck. Sie zeugen einerseits von dem Bemühen, dem nationalsozialistischen
Primat der Politik durch eine wirtschaftspolitische Konzeption entgegenzukom-
men, die dem Pragmatismus der NS-Verantwortlichen in der Wirtschaftspolitik
durch den Vorschlag einer "kombinierten Wirtschaftsverfassung" gerecht wer-
den sollte, aber dennoch die Wettbewerbswirtschaft in das Zentrum der Wirt-
schaftsordnung stellte. So pries Böhm den auf eigenverantwortlicher (Unter-
nehmer-)Initiative gestützten Kapitalismus als Möglichkeit an, mit dem der
deutsche Staat "einen Vorsprung nicht nur an Wohlstand, sondern auch an poli-
tischer Selbstbehauptungs- und Verteidigungskraft erzielen"336 könne. Zugleich
hob er anerkennend hervor, daß "die politische Entscheidung des nationalsotfalistischen
Staates denn auch mit eindeutiger Bestimmtheit !{!lgunsten einer produktiven Wirtschaft
gefallen (ist). Die größtmögliche Anspannung aller produktiven Kräfte im Dienst
der nationalen Ertragssteigerung ist zur programmatischen Forderung erhoben
worden. " 337 An anderer Stelle hatte Böhm hervorgehoben, daß "die Freiheit der
Wirtschaft das zugrunde liegende Prinzip, die staatliche Markdenkung dagegen
der Ausnahmegrundsatz ist. "338

334 Pranz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 21
335 Darauf verweisen auch Heinz Rieter/Matthias Schmolz (The ideas of Geman Ordoliberalism
1938-45: pointing the way to a new economic order, in: The European Journal of History of
Economic Thought, Vol. 1, No. 1, 1993, S. 87-114, hier S. 104), die im Freiburger Rückgriff
auf die ,Volksgemeinschaft' eines von vier zentralen Elementen des ,Freiburger Imperativs'
erkennen.
336 Pranz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 45
337 Ebenda, S. 50; Herv. im Original. Im selben Tenor heißt es aufS. 103: "Über die Gnmdidee der
getroffenen wirtschaftspolitischen Gesamtentscheidung: Dynamische Wutschaft mit zwei sich
ergänzenden Methoden der Marktsteuerung hat die geltende Wirtschaftsordnung jedenfalls
1101/e Klarheit geschaffen. Die Marschrichtung ist also gegeben: alles übrige ist Aufgabe der
fl11Sbatiende11 Syslelllveifei~~enmg durch Gesetz, Rechtsauslegung, Wirtschaftspolitik, Wissenschaft,
Aufklärung, Erziehung und Wirtschaftspraxis." Herv. im Original
338 Pranz Böhm, Die Wutschaftsordnung als Zentralbegriff des Wutschaftsrechts, a.a.O., S. 5

97
Diese Interpretation spricht für eine zu diesem Zeitpunkt doch überwie-
gend optimistische Haltung seitens der Ordoliberalen in Hinblick auf die Ent-
wicklung der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. 339 Das wird nicht zuletzt
dadurch bestätigt, daß Böhm die Institutionalisierung des Vierjahresplans ab
1936 hoffnungsvoll als Bestandteil "wichtiger Sonderaufgaben (...) im Rahmen des
Ausnahmeverfassungsrechts" analysierte. Diesen Ausnahmezustand wollten die
Ordoliberalen zugleich nutzen, um "den Atifbau der auf die Dauer berechneten, norma-
len Wirtschaftsveifassung mit Macht in Angriff ifl nehmen", denn viele wirtschafts-und
sozialpolitische Maßnahmen, die der Staat nun in diktatorischer Manier anordne-
te, "(hätten) sich in normalen Zeiten nicht ohne heftige Kämpfe gegen überlie-
ferte Vorstellungen und eingefressene Mißbräuche durchsetzen lassen. " 340
Andererseits standen die weit gefaßten Vorstellungen zu einer staatlich
veranstalteten Wettbewerbswirtschaft aber auch für die Entwicklung einer
originären Konzeption des in die Krise geratenen deutschen Liberalismus, der
sich vom Modell eines autoritären Liberalismus die Lösung der Probleme des
entwickelten Kapitalismus versprach. Dabei schienen die Ordoliberalen den
nationalsozialistischen Staat trotz aller Bedenken eher als Ausgangspunkt für die
Durchsetzung ihres Programms zu sehen als die von ihnen abgelehnte
demokratisch verfaßte Weimarer Republik. Insofern geht es nicht nur um die
Auseinandersetzung mit der ordoliberalen Anpassung an die NS-Diktatur,
sondern gerade auch um das Begreifen ihres Programms, das durch die
vollkommene Entkopplung der politisch-emanzipatorischen Elemente des
Liberalismus zu einer Verselbstständigung seiner ökonomischen Substanz
geführt hat, die mit einer parlamentarischen Demokratie kaum mehr vereinbar
sein konnte. 341

339 Ob es sich dabei um Zweckoptimismus und das Prinzip Hoffnung oder um eine tatsächliche
Einschätzung anhand der realen Entwicklung gehandelt hat, ist aus heutiger Sicht nicht
abschließend zu klären. Fakt bleibt allerdings, daß die nach 1945 aufgestellte Behauptung, die
Ordoliberalen und insbesondere ihr Freiburger Kern seien prinzipienfeste Gegner der
staatlichen Marktlenkung im Nationalsozialismus gewesen, unzutreffend ist.
340 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 180; Herv. im Original. Auch für Eucken war die Frage nach dem "Weiter-
bestehen der heutigen Wirtschaftsordnung auch in der Nachkriegszeit" eindeutig "zu vernei-
nen". Die staatliche Lenkung des Wirtschaftsprozesses sei "zwecks Lösung besonderer, vorü-
bergehender Aufgaben" geschaffen worden. "Aufrüstung und Krieg waren die Aufgaben, de-
nen sie ihre Existenz verdankt. (... ) Und gerade darin zeigt die Zentralverwaltungswirtschaft
ihre Stärke. Mit ihren Mitteln kann rasch und vollständig eine Ausrichtung der Kräfte auf ein
Ziel durchgesetzt werden, rascher und vollständiger als es mit den Mitteln der Verkehrswirt-
schaft möglich ist." Nach dem Krieg "werden ganz andere wirtschaftliche Aufgaben in den
Vordergrund treten. (...) Die Zentralverwaltungswirtschaft eignet sich hierzu nicht (...), bei Be-
friedigung zersplitterter, vielfaltig wechselnder Bedürfnisse scheitert sie." Walter Eucken,
Wettbewerb als Grundprinzip der Wirtschaftsverfassung, a.a.O., S. 30 f.
341 So stellt immerhin Erwin von Beckerath in einer Besprechung von Euckens ,Grundsätzen'
fest, daß "die parlamentarische Demokratie (... ) nicht zu dem von Eucken entwickelten Ord-
nungsbilde (paßt)." Erwin von Beckerath, Walter Euckens Grundsätze der Wirtschaftspolitik,
in: ORDO, Bd. 5, 1953, S. 289-297, hier S. 296

98
Die Verteidigung der wirtschaftlichen Freiheit wurde im ersten ordolibera-
len Programm zu einer ausgeprägten Zwangsveranstaltung, "denn auch das
Recht der freien Marktwirtschaft anerkennt die Freiheit nur im Rahmen der Ord-
nung." Böhm ließ keinerlei Zweifel aufkommen, daß "bei einem Konflikt zwi-
schen Freiheit und Ordnung dem Gesichtspunkt der Ordnung unbedingter Vor-
rang zu(kommt)." 342 Das Maß und "die Möglichkeit, Freiheit zu gewähren"
hänge "notwendig von der effektiven psychologischen Wirksamkeit der Ordnungs-
einrichtungen ab."343 Das Paradoxe daran war, daß die Ordoliberalen zwar eine
Freiwilligkeit in den Marktbeziehungen anstrebten und anstreben - als notwen-
dige Voraussetzung für die viel beschworene lnnovationfahigkeit und Leistungs-
bereitschaft einer dynamischen Wirtschaft - aber andererseits wenig Vertrauen
gegenüber den Wirtschaftssubjekten hatten, daß diese die notwendigen Spiel-
regeln der Wettbewerbswirtschaft344 tatsächlich akzeptieren und freiwillig einhal-
ten würden. So mutierte der Wettbewerb als Kernelement der ordoliberalen
Wirtschaftsordnung zu einer Institution, die ohne die Androhung staatlichen
Zwangs nicht auszukommen schien. "Es (ist) da, wo sich der Staat der unmittel-
baren Marktlenkung nicht bedient, Pflicht aller Beteiligten, sich dem Wettbewerb Z!l
unter.dehen. (...) Die Teilnehmer an einem freien Wettbewerb sind jedenfalls nicht
berechtigt, auf Kosten anderer Wirtschaftsgruppen unter sich gegenseitig kolle-
giale Rücksicht zu nehmen und sich über eine Abschwächung des gegenseitigen
Leistungskampfes zu verständigen, sondern es ist umgekehrt ihre Pflicht der
Gesamtwirtschcift gegenüber, in den angespanntesten Leistungswettbewerb miteinander Z!l
treten." 345 Zuwiderhandlungen müßten aus der Sicht Böhms eigentlich "als
Sabotage oder Komplott' bezeichnet werden, wenngleich er beklagte, daß man im
Bereich der Wirtschaftswissenschaften dafür so harmlos anmutende Begriffe wie
"Kartelle, Marktregelung, genossenschaftliche Selbsthilfe"346 etc. erfunden hätte.

342 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 101 f.; Herv. im Original. "Freiheit kann sich also erst in der Ordnung
richtig entfalten - ein Blickwinkel, der eher der scholastischen Tradition entspricht denn der
Freiheitsphilosophie Kants." Nils Goldschmidt, Zum 50. Todestag des Nationalökonomen
Walter Eucken, SZ 20.03.2000
343 Ebenda, S. 108; Herv. im Original
344 "Der wirtschaftliche Wettbewerb ist nicht ein Kampf Mann gegen Mann, sondern ein Wettlauf,
d.h. die Leistungskraft der Beteiligten wird nicht, wie etwa bei Duell, Ring- oder Boxkampf
oder beim Krieg in atifeinanderprallender, sondern in paralleler Richtung eingesetzt; der Sieg darf
nicht durch Überwältigen, sondern nur durch Überflügeln des Gegner erfochten werden
(Parallelkampf). Alle im Wettbewerb aufgewendeten Anstrengungen, auch diejenigen der
weniger erfolgreichen Konkurrenten, sollen der Gesamtwirtschaft ungeschmälert zugute
kommen; mit diesem Ziel würde ein Kampfrecht, das die unmittelbar schädigende Einwirkung
der kämpferischen Leistungskraft des einen auf die Leistungskraft des anderen zuließe, nicht in
Einklang stehen." Ebenda, S. 124; Herv. im Original
345 Ebenda, S. 102; Herv. im Original. Auch bei Miksch "(ist) für die Beteiligten (... ) der
Wettbewerb nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht." Leonhard Miksch, Wettbewerb als Aufgabe,
a.a.O., S. 136; Herv. im Original
346 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 122; Herv. im Original

99
Dennoch wollte Böhm im Rahmen der vorgeschlagenen Wirtschafts-
verfassung aus dem zentralen Bereich des Wettbewerbs möglichst keine Rechts-
pflicht werden lassen, nicht nur, weil eventuelle juristische Probleme im Wege
stünden, sondern vor allen Dingen, um die marktwirtschaftliche Dynamik nicht
übermäßig zu behindern, zumal die inhaltliche Abgrenzung zur staatlichen Wirt-
schaftsplanung und-lenkungdadurch noch undeutlicher geworden wäre. Böhm
setzte große Hoffnungen darauf, die Einhaltung der Marktdisziplin durch "die
Methode der psychologischen Beeinflussung" und "der politischen Erziehung" 347 der
Bevölkerung zu erreichen - Eucken hatte bereits 1932 von der Notwendigkeit
"einer strengen theoretisch-ökonomischen Schulung"348 gesprochen. Davon
versprach man sich gewissermaßen eine Internalisierung der marktwirtschaft-
liehen Grundsätze, die offenen Zwang möglichst überflüssig machen sollte. Die
frühe Freiburger Schule forderte deshalb von der Regierung die öffentliche Ver-
ankerung einer "so':{jal- und wirlschtiftspolitische(n) Ehrenpflicht' 349 als moralisch-
ethisches Korsett einer Wettbewerbswirtschaft. 350 Dem Recht, konkret der Wirt-
schaftsverfassung, sollte dabei die Funktion eines Leitbildes zukommen, mit
dem "in das tatsächliche Geschehen und die Motivation der Handelnden" einge-
griffen wird "auf Grund einer Idee, einer Vorstellung von dem, was geschehen und
wie gehandelt werden, bzw. was nicht geschehen und wie nicht gehandelt wer-
den soll." Diese Vorstellung müsse die "Partitur der so':{jalen Symphonie"351 inner-
halb der Gesellschaft zum Ausdruck bringen, also ein Abbild der gewünschten
Wirtschafts- und Sozialordnung sein. Dementsprechend sollten die bestehenden
Rechtsgrundsätze angepaßt, d.h. entsprechend der "Kompositionsidee" ausge-
legt und nur ggf. verändert werden. 352

347 Ebenda, S. 117; Herv. im Original


348 Walter Eucken, Staatliche Strukturwandlungen und die Krisis des Kapitalismus, a.a.O., S. 320
349 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 122; Herv. im Original
350 Noch prägnanter formulierte Böhm es 1942: "Alle die Aufgaben, zu denen auch die Wirt-
schaft gehört, dürfen nicht in der Weise durchgeführt werden, daß sich die politische Führung
auf erzieherische Maßnahmen beschränkt und sich im übrigen auf den guten Willen und den Ge-
meingeist der Geführten verläßt. Vielmehr muß hier entweder 11nmittelbanr &chts'{}P<lng einge-
setzt oder aber an prycho!ogische Bestimm11ngsgriinde angeknüpft werden, die geeignet sind, a11ch
aso'ifa/e 11nd llnso'ifale Mitglieder zu einem gemeinnützigen oder von der Führung gewünschten
Verhalten zu bestimmen. Und zwar muß dies nicht nur mit Rücksicht auf eine möglichst um-
fassende und sachlich gute Lösung der betreffenden Sozialaufgabe, sondern auch mit Riicksicht
mif die so:;;ja! handelnden Mitglieder geschehen." Franz Böhm, Der Wettbewerb als Instrument
staatlicher Wirtschaftslenkung, a.a.O., S. 79; Herv. im Original
351 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 93; Herv. im Original
352 "Es ist einleuchtend, daß sich nach diesem Schema jede Anwendung, Interpretation oder
Fortentwicklung des Rechts jeweils danach richten wird, welche ,soziale Symphonie' gerade
gespielt wird. Recht wird so ohne Änderung des Wortlauts gegenüber weltanschaulichen Ziel-
setzungen geschmeidig." Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirt-
schaft, a.a.O., Fn. 107, S. 272

100
Den Wirkungsbereich der ,freiwilligen', durch Recht gestützten "sozial- und
wirtschaftspolitische(n) Ehrenpflicht" wollte Böhm nicht allein auf die Markt-
handlungen innerhalb der gewerblichen Wirtschaft beschränkt wissen. Auch im
Hinblick auf die Gestaltung des Arbeitsmarktes und der Arbeitsbeziehungen-
Böhm sprach in diesem Zusammenhang von einer eigenständigen "Arbeits-
wirtschaft"353 - forderte er zur "Überwindung der Klassenspaltung und des markt-
mäßigen Interessengegensatzes (...) als eine ~sätzliche Rechtspflicht die so~ale
Ehrenpflicht." 354 Gerade im unmittelbaren Verhältnis zwischen Kapital und Ar-
beit konkretisierte sich also jene ordoliberale Vorstellung einer "wahren Volks-
gemeinschaft" als "Einheit einer politisch-sittlichen Idee". Die vage anmutenden
Formulierungen hatten allerdings einen sehr konkreten, materiellen Bezug, ging
es doch darum, die bereits durch den Nationalsozialismus vollzogene Revision
der sozialstaatliehen Elemente des Weimarer Verfassungsstaates mit den
theoretischen Positionen des Ordoliberalismus zu untermauern. Im Mittelpunkt
ihrer Analyse stand das Tarifvertragssystem, daß aus der Sicht der Ordoliberalen
"zur Folge (hatte), daß die Löhne erstarrten und daß das zufällige
Machtverhältnis, nicht aber wirtschaftliche Vernunft und Rücksicht auf die
höchstmögliche Produktivität der Volkswirtschaft das tatsächliche Lohnniveau
(...) bestimmte."355 Im Gegensatz zum niedrigen Lohnniveau in der Phase der
Frühindustrialisierung habe das "System des kollektiven Arbeitsrechts" oftmals
eine "Überhöhung der Löhne" bewirkt, wobei "wiederum die Arbeiterschaft,
diesmal in Gestalt der Massenarbeitslosigkeit"356 die Konsequenzen habe tragen
müssen. Neben der bis in die Gegenwart vom Neoliberalismus vertretenen
These, daß vor allem die Höhe des Lohnniveaus das Ausmaß der
Arbeitslosigkeit bestimmt, warnte Böhm allerdings mit besonderem Nachdruck
vor den ,,politischen Folgen des kollektiven Systems", da "jede Tarifverhandlung die
gegenseitige Erbitterung (steigerte)."357

353 Böhm unterteilte die Wirtschaft zur Konstruktion der Wirtschaftsverfassung in drei Bereiche,
denen er jeweils eine "Teilverfassung" zuordnete: die "Ernährungswirtschaft", die "Arbeits-
wirtschaft" und die "gewerbliche Wirtschaft". In seiner Besprechung der Ordnung tkr Wir/schaß
hielt der Reichskommissar für Preisüberwachung und spätere Mitstreiter der konservativen
Widerstandsbewegung, Kar! Friedrich Goerdeler, es für unsinnig, "die Arbeitswirtschaft neben
die Ernährungs- und gewerbliche Wirtschaft zu stellen." Er sah darin "eine Gefahr der V er-
wirrung", da "der arbeitende Mensch im Mittelpunkt der Ernährungs- wie der gewerblichen
Wirtschaft (steht). (... ) Die Gegenüberstellung aber des arbeitenden Menschen gegen Bereiche
der Wirtschaft widerspricht den Gesetzen organischen Denkens." Kar! Friedrich Goerdeler,
Die Ordnung der Wirtschaft. Wirtschaftspolitische Bemerkungen zu dem Buch von Franz
Böhm, in: Finanzarchiv, 5. Jg., 1937/38, S. 489-497, hier S. 495
354 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 77; Herv. im Original
355 Ebenda, S. 81
356 Ebenda, S. 82
357 Ebenda; Herv. im Original

101
Die Ordoliberalen sympathisierten offensichtlich mit der "völlig neuartigen
Lösung des so::rjalpolitischen Problems" 358 im nationalsozialistischen System, in dem
an die Stelle einer kodifizierten Arbeitsverfassung die Ideologie der "Betriebs-
gemeinschaft" gesetzt wurde. Das konnte zu diesem Zeitpunkt im konkreten
nicht anderes als die Deutsche Arbeitsfront unter der Führung von Robert Ley
sein. Böhm unterstützte die Idee einer aus "Führung" und "Gefolgschaft"
bestehenden Unternehmensstruktur, in der die "Fürsorge" der Arbeitgeber mit
der "Treue" der Arbeitnehmer verbunden sein sollte. Er sah darin einen Weg
für "eine neue Kultur der sozialen Beziehungen", um so in der Arbeitswelt statt
klassenkämpferischer Fronten "eine echte politische und soziale Gemein-
schaft"359 zu formen. Den Ordoliberalen imponierte es, daß sich die Nationalso-
zialisten auf einer symbolischen Ebene der sozialen Frage widmeten, zumindest
solange die antikapitalistische Propaganda des linken Flügels der NSDAP von
der Parteiführung im Zaum gehalten und die Substanz einer auf markt-
wirtschaftlichen Grundsätzen basierenden Wirtschaftsordnung unangetastet
blieb. Sie selbst hatten die Behandlung der sozialen Frage auf ihre Agenda
gesetzt, da sie das Ausblenden dieses Problems als einen strategischen Fehler
des alten Liberalismus analysierten.
Wenn Böhm nun etwa davon sprach, daß "die Arbeiter sich auch bei voller
Freizügigkeit in einer nachteiligen Lage (befinden)",360 wobei er sowohl deren
Marktposition wie auch die Vermögensseite ansprach, dann war dies allerdings
nicht- wie Goerdeler unterstellte - als grundlegende Kritik an der "Ungerech-
tigkeit des Lohnsystems und (...) des Eigentums" 361 auszulegen. Das Eingeständ-
nis von ungleichen Startbedingungen der Arbeitsmarktparteien hatte schon bei
den frühen Ordoliberalen nur die Forderung zur Folge, daß durch Ordnungspo-
litik auf dem Arbeitsmarkt "die Vorbedingungen für ein einigermaßen ausrei-
chendes Marktgleichgewicht zu schaffen" 362 seien. Einkommenspolitik, bei-
spielsweise auf der Basis von Tarifverhandlungen, wurde- wie oben dargelegt-
als ökonomisch widersinnig wie politisch schädlich gekennzeichnet und als beid-
seitiges Monopol abgelehnt. Da letztlich aber unklar war, was unter einem "aus-
reichenden Marktgleichgewicht" zu verstehen bzw. wie überhaupt ein beidseiti-
ger Wettbewerb am Arbeitsmarkt zu verwirklichen sein sollte, ohne dabei die
ungleichen Ausgangsbedingungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern fortzu-
setzen, blieb als Empfehlung für die Praxis nur "das Gebot der sozialen Ehre".
Von den Unternehmen mit einer guten Ertragslage verlangte Böhm "aus freien
Stücken im Dienste einer großen politischen Idee Opfer u.a. an Rentabilitätsin-

358 Ebenda; Herv. im Original. Böhm führte in diesem Zusammenhang konkret die Institution
der ,Treuhänder der Arbeit' wie auch das ,Gesetz zum Schutz der nationalen Arbeit' als
positive Beispiele an.
359 Ebenda, S. 83
360 Ebenda, S. 81
361 Karl Friedrich Goerdeler, Die Ordnung der Wirtschaft, a.a.O., S. 496
362 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 81

102
teressen zu bringen", die er als Ausdruck einer "sozial orientierte(n) Teilnahme
der Unternehmer am Zustandebringen des Gemeinschaftserfolges" verstand. 363
Das ordoliberale Credo für die Gestaltung der Beziehung zwischen Kapital
und Arbeit läßt sich mithin einfach zusammenfassen: Verzicht auf kollektive,
verpflichtende Tarifvereinbarungen zur Regulierung der Arbeitsbeziehungen,
statt dessen Disziplin und Gehorsam seitens der Arbeitnehmer bei freiwilliger
Fürsorge der Unternehmer - abhängig von deren wirtschaftlichem Erfolg.
Voraussetzung wiederum für den wirtschaftlichen Erfolg sollte die (moralische)
Pflicht zum Wettbewerb sein - als Grundlage maximaler Rentabilität und damit
als potentieller Spielraum für soziale Leistungen. Was die Löhne betraf, wollten
die Ordoliberalen langfristig eine Ermittlung durch den Markt, d.h. sie sollten
auf individueller oder betrieblicher Ebene ausgehandelt werden. Gerade in
Hinblick auf die Arbeitsbeziehungen und den Arbeitsmarkt wird deutlich, daß
die Ordoliberalen in der nationalsozialistischen Politik durchaus die Chance
sahen, das bis dahin entwickelte System sozialer Regulierung zu zerschlagen,
quasi als schrittweise Vorbereitung für eine Arbeitsmarktpolitik nach liberalen
Grundsätzen in der Nachkriegswirtschaft. 364
Aber anders als ihre liberalen Vorgänger bewiesen die Ordoliberalen dabei
eine gewisse Sensibilität gegenüber den sozialen Implikationen einer marktwirt-
schaftliehen Politik, indem sie die soziale Frage als solche nicht mehr nur
einfach ignorierten, sondern durch eine autoritär-liberale Interpretation zu be-
setzen versuchten. Das kam gerade auch in Böhms eindringlichem Appell an die
Unternehmer zum Ausdruck, die Behandlung der sozialen Frage ernst zu neh-
men, da sie "einen Prüfstein bildet für die politische und soziale Tauglichkeit der
geltenden Gesamtwirtschaftsverfassung und ihrer Sorge für die Erhaltung eines
freien, selbstverantwortlichen Unternehmertums." 365 In dieser Sensibilität der
Ordoliberalen gegenüber der sozialen Frage liegt zugleich eine der wesentlichen
Wurzeln für das Nachkriegskonzept der Sozialen Marktwirtschaft. Aber - und
das ist entscheidend - die soziale Dimension des ordoliberalen Programms ist
allein unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise und der daraus folgenden
Bedrohung des Systems entstanden, d.h. sie hatte von Beginn an nur eine
funktionale Bedeutung zur Stabilisierung des Kapitalismus; ihr materieller Kern

363 Ebenda, S. 83 f.
364 "Die Arbeitswirtschaft untersteht in ihrem ganzen Umfang dem dynamischen Prinzip.
Förderung der nationalen Produktivität ist der leitende Grundsatz. Zu diesem Behufe ist eine
Ordnung geschaffen worden, die im Vergleich zu der Arbeitsverfassung der Nachkriegszeit
einen wesentlich höheren Grad von Elastizität und Anpassungskraft aufweist. Zur Erreichung
dieser Beweglichkeit sind ~i Ordnungsmethoden vorgesehen: die freie Lohnbildung und die
staatliche Feslsel'\fmg von Löhnen und Arbeitsbedingungen. Nach der Anlage des Gesetzes zum
Schutz der nationalen Arbeit ist das freie Einspielen der Löhne die Regel (Lohnfestsetzung in
Einzelarbeitsvertrag oder in der Betriebsordnung) und die staatliche Manipulation die
Ausnahme. Die radikale und sofortige Durchführung dieser Auflockerungsabsicht würde
indessen zu wirtschaftlich und sozial unerträglichen Folgen geführt haben." Ebenda, S. 80;
Herv. im Original
365 Ebenda, S. 84

103
ist wenig originell und beschränkt sich auf die Durchsetzung und Gewähr-
leistung einer funktionsfahigen Wettbewerbswirtschaft zur Herstellung eines
optimalen Outputs.
Auch die später im Konzept der Sozialen Marktwirtschaft immer wieder
hervorgehobene Rolle des Wirtschaftssubjekts als freier Konswnent findet ihren
Ausgangspunkt in Böhms Text von 1937. Das ist insofern von Bedeutung, weil
Böhms Fügung von der Marktwirtschaft als "tägliche und stündliche plebistftäre
Demokratie" und damit als "technisch idealste Erscheinungsform von Demo-
kratie"366 nach 1945 zu einer der wichtigsten Legitimationsfiguren des Ordo-
liberalismus für die Restauration kapitalistischer Verhältnisse in Westdeutsch-
land geworden ist. Allerdings wird bei der Konswnentensouveränität - Böhm
bezeichnete sie 193 7 als "Konswntionsfreiheit" - wie schon bei der Wettbe-
werbsfreiheit deutlich, daß auch diese Freiheit nur im Rahmen der vorge-
gebenen, möglichst ordoliberal ausgerichteten Wirtschaftsordnung nutzbar sein
soll. Es sei falsch, schrieb Böhm, wenn der Staat sich "mit der Gewährung einer
sehr weitgehenden Konswnfreiheit begnügt", da "keinerlei Gewähr dafür
gegeben (ist), daß der einzelne die im Interesse der Gesamtheit gebotene Grenze
zwischen Konswn und Spartätigkeit richtig zieht und daß er bei seinem Konswn
aus freien Stücken die notwendige Rücksicht auf die höheren Gesichtspunkte
nimmt." Deshalb sprach er auch von der "Notwendigkeit, auf die Einkommens-
verwendung der Volksgenossen Einfluß zu nehmen." 367
Offensichtlich wollte man sich nicht auf das individuellen Verhalten der
Sparer verlassen, wn das durch die Kriegswirtschaft bereits verschärfte Akku-
mulationsproblem nicht noch weiteren Belastungen auszusetzen. Andererseits
widersprach es liberalen Grundsätzen, einen Konswn- oder Sparzwang unmittel-
bar anzuordnen. Deshalb empfahl Böhm auch in diesem Zusammenhang die
schon bekannten propagandistischen Steuerungsmaßnahmen, "die unmittelbare
psychologische Ertfehung des Konsums selbst. (...) Ihr Ziel ist eine Veredelung der Be-
dürfnisse unter tätiger Mitwirkung der Geführten selbst." 368 Abgesehen davon,
daß Böhm sich an dieser Stelle aus einer theoretischen Perspektive den wirt-
schaftspolitischen Erfordernissen der NS-Politik mit "Rücksicht auf die höheren
Gesichtspunkte" unterordnete- wie Müller-Armack, Erhard und Miksch es in
ihrem eher praxisorientierten Ansatz taten - so zeigt sich hier das ambivalente
Freiheitsverständnis der Ordoliberalen, einmal als unmittelbar autoritäre Varian-
te während des Nationalsozialismus, später dann als demokratisches Postulat in
der entstehenden Bundesrepublik

366 Franz Böhm, Wirtschaftsordnung und Staatsverfassung (Erstveröffentlichung 1950), in: ders.,
Freiheit und Ordnung in der Marktwirtschaft, hrsg. von Emst-Joachim Mestmäcker, Baden-
Baden 1980, S. 53-103, hier S. 89; Herv. im Original
367 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 112; Herv. im Original
368 Ebenda, S. 113; Herv. im Original

104
Neben der Gefahr für die staatspolitischen Ziele hielten die Ordoliberalen
der dreißiger Jahre eine unbeschränkte Konswnfreiheit gerade auch mit Blick
auf die soziale V erfaßtheit der Gesellschaft für problematisch. Die durch große
Einkommensunterschiede bewirkte Spreizung der Kaufkraft "setzt die Nation
der Gefahr der Klassenentfremdung und des sozialen Unfriedens aus." 369 Zwar
befürworteten die Ordoliberalen die wirtschaftspolitische Anreizfunktion hoher
Einkommen, sorgten sich aber zugleich wn das Ungerechtigkeitsempfmden,
welches sie bei weiten Teilen der Bevölkerung vermuteten bzw. befürchteten. Ob-
wohl die praktischen Lösungsvorschläge für dieses Problem wenig substantiell
waren, sind sie doch zugleich aufschlußreich, da sie gewissermaßen einen ersten
Überblick in Bezug auf das konkrete Sozialverständnis der Ordoliberalen liefern.
Das Prinzip der Differenzierung galt den Ordoliberalen in der Einkommenspoli-
tik als unabdingbarer Anreiz zur Erbringung maximaler individueller Leistung
im Wirtschaftsprozeß. Dabei sollten die Stufen allerdings so fein abgestimmt
sein, daß das subjektive Gefühl, die nächste Ebene erreichen zu können, nicht
zerstört wird - später wurde dann von ,Aufstiegschancen' gesprochen. Es bliebe
konkret "nichts anderes übrig, als die Entgeldchancen für jede einzelne Funktion
so zu bemessen, daß sie ihre prychologische Lockwirkung mit dem denkbar höchsten
Zuverlässigkeitsgrad auszuüben vermag. " 370 Staatliche Einkommenspolitik wur-
de als nicht-ordnungskonform strikt abgelehnt, da sie mit dem Prinzip des Leis-
tungsanreizes einer Wettbewerbswirtschaft unvereinbar sei. Das galt mit Nach-
druck gerade auch für das Instrument einer progressiven Einkommenssteuer.
Sozialpolitik sollte in erster Linie nicht Sache des Staates, sondern freiwillige
Leistung der vermögenden Schichten in der Gesellschaft sein. Wiederum blieb
allein der Appell an das gute Gewissen und die Vorbildfunktion der Vermögenden,
"daß Eigentum und höheres Einkommen politische Verpflichtungen auferlegt." 371
Von ihnen erwarteten die Ordoliberalen statt hedonistischem Lebensstil purita-
nische Ethik, Sparmoral und Kapitalbildung statt exzessivem Konsum.
Ob bei der Ausformung der Konswnfreiheit oder der Gestaltung der
Arbeitsbeziehungen, letztlich ging es dabei wn Variationen derselben Botschaft
an die Mächtigen in Wirtschaft und Gesellschaft: ,In der sozialen Frage steckt
politischer Sprengstoff, der das kapitalistische System erschüttern kann - beach-
tet dies in der Form angemessener Gesten, ohne die wettbewerbspolitischen
Grundsätze einer Marktwirtschaft außer Kraft zu setzen.' Allerdings warnte
Böhm vor einem "Sozialismus des schlechten Gewissens", der in der Bevölke-
rung nur einen "peinlichen Eindruck"372 hinterlasse und damit dem erwünsch-
ten Zweck der sozialen Befriedung zuwider laufe.
Insgesamt betrachtet, stellt der erste Programmentwurf des Ordoliberalis-
mus - dokwnentiert in der Freiburger Schriftenreihe Ordnung der Wirtschrift- den

369 Ebenda, S. 114


370 Ebenda, S. 116
371 Ebenda, S. 117
372 Ebenda, S. 118

105
Versuch dar, den in die Krise geratenen Liberalismus als wirtschaftstheoreti-
sches, aber auch als ideengeschichtliches Fundament der kapitalistischen Öko-
nomie zu revitalisieren. Dabei arrangierten sich die Väter des Ordoliberalismus
nicht nur mit den veränderten politischen und ideologischen Bedingungen im
nationalsozialistischen Staat, sondern sie zeigten sich darüber hinaus bemüht, ihr
eigenes Programm zur Ordnung der Wirtschaft mit den neuen Anforderungen
in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu verknüpfen. Für den Bestand der
marktwirtschaftliehen Kernelemente Privateigentum, Leistungswettbewerb und
freies Unternehmertum waren die frühen Ordoliberalen bereit, zentrale Elemen-
te der liberalen Weltanschauung einer fundamentalen Revision zu unterziehen.
Im Mittelpunkt stand die Idee einer Wirtschaftsverfassung als rechtliches und
ideologisches Leitbild einer auf den Wettbewerbsgedanken focussierten Wirt-
schaftsordnung, die qua "feierlicher Entscheidung" der Staatsführung zur Hand-
lungsgrundlage der Wirtschaftssubjekte erklärt werden sollte. Über die Imple-
mentierung hinaus wurde dem Staat eine dominante Rolle als ,Veranstalter' die-
ser Wettbewerbsordnung mitsamt einer darauf abgestimmten Geld- und Fi-
nanzpolitik, aber auch als institutioneller Rahmen einer ideologischen Integra-
tion der (\X'irtschafts-)Gesellschaft zugewiesen. 373 Die Ordoliberalen bauten auf
einen aktiven, autoritären Staat, um gegen alle Widerstände ein Maximum an
freiem Wettbewerb im Wirtschaftsprozeß durchzusetzen, einschließlich der
Konstruktion eines staatlich kontrollierten ,Als-ob-Wettbewerbs' für jene Berei-
che der Wirtschaft, die sie aus verschiedenen Gründen für nicht durch den
Markt steuerbar hielten. Zu Recht verweist Borchert auf die paradoxe Situation,
daß sich die Ordoliberalen "zwar gegen die Omni- oder Präpotenz staatlicher
Autorität richteten, daß sie aber einen potenten Staat ausdrücklich forderten -
ohne den sie sich Marktwirtschaft nicht denken konnten."374
Offensichtlich saß das Mißtrauen gegenüber kollektiven Interessenverbän-
den zu diesem Zeitpunkt weit tiefer als die liberale Skepsis gegenüber den staatli-

373 Insofern ist es verfehlt, man muß fast sagen tendenziös, wenn etwa Lange-von Kulessa und
Renner unter Berufung auf Böhms und Mikschs Arbeiten von 1937 das ordoliberale
Programm dergestalt analysieren, daß die einzige "Aufgabe der staatlichen Ordnungspolitik die
Wahrung des Wettbewerbs (ist)." Jürgen Lange-von Kulessa/ Andreas Renner, Die Soziale
Marktwirtschaft Alfred Müller-Armacks und der Ordoliberalismus der Freiburger Schule,
a.a.O., S. 92; ähnlich Reuter, der im ,starken Staat' der deutschen Neoliberalen allein eine
Funktion "als Hüter der Wettbewerbsordnung, die Freiheit konstituiert" zu erkennen vermag.
"In diesem, und nur in diesem Sinn, sprechen die Neoliberalen vom starken Staat, dem Primat
der Politik oder verwenden ähnliche Wendungen." Hans-Georg Reutet, Genese der Konzep-
tion der Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O., S. 75
374 Knut Borchardt, Die Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft in heutiger Sicht, a.a.O., S. 35;
ähnlich Kirchgässner: "Zum einen wird ein Staat gefordert, der gegenüber den wirtschaftlichen
Interessengruppen sehr stark ist (... ). Zum anderen wird ein ausgesprochen schwacher Staat
gefordert, der auf Eingriffe in den wirtschaftlichen Ablauf und damit z.B. auf eine aktive
Sozialpolitik weitgehend wenn nicht sogar vollständig verzichtet." Gebhard Kirchgässner,
Wirtschaftspolitik und Politiksystem, a.a.O., S. 53

106
chen Institutionen,375 wenn etwa Böhm und seine Freiburger Kollegen selbst die
von der nationalsozialistischen Wirtschaftsführung initiierte Mitwirkung der Be-
rufsverbände an der Organisation der Wirtschaftsordnung ablehnten. 376 Die Im-
plementierung einer Wirtschaftsverfassung, resümierte Böhm in der Ordnung der
Wirtschaft, "(kann) nur von der wirtschaftspolitischen Staatsführung geleistet
werden." Die dazu notwendige "straffe Konzentration und Zentralisation" der
Aufgaben erfordere eine staatliche Stelle, "die für das Schicksal und das Ge-
deihen des Ganzen der Volkswirtschaft verantwortlich ist und die zu diesem Be-
hufe dem Widerstreit der wirtschaftlichen Einzel- und Gruppeninteressen so
vollkommen wie möglich entzogen werden muß." 377 Für diese Aufgabe einer "Ge-

375 Haselbach sieht diese Art von Irrationalität des Ordoliberalismus in einer "ordoliberale(n)
Urangst" begründet, die durch "die Weltwirtschaftskrise und die mit ihr verbundene politische
Destabilisierung der Weimarer Republik" ausgelöst wurde. Dieter Haselbach, Autoritärer
Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 17
376 Die Haltung Böhms in Bezug auf die Rolle der berufsständischen Organisationen in der Wirt-
schaft bzw. den ständestaatliehen Gedanken im allgemeinen hatte durchaus zwei Seiten.
Einerseits sah er in der "Aufgabe, diese Wirtschaft in das politische, kulturelle und weltan-
schauliche und moralische Gesamtleben einiJiordnen" neben der Schaffung der "eigentlichen
Ordmmg" einen Kernbereich der nationalsozialistischen Regierung zur Gestaltung der Wirt-
schaft. (Franz Böhm, Die Wirtschaftsordnung als Zentralbegriff des Wirtschaftsrechts, a.a.O.,
S. 8; Herv. im Original) Böhm betonte die integrative Funktion dieser Politik der Einordnung,
denn "der berufsständische Aufbau (...) reiht jeden Vülksgenossen an der natürlichen und ge-
hörigen Stelle in das bunt gegliederte große Ganze ein." Er wollte die berufständischen Orga-
nisationen zudem dazu genutzt wissen, "den Millionen der Berufstätigen den Blick für die im
Grunde einfachen und großen Zusammenhänge zu öffnen, die selbst in einem so komplizier-
ten, verwickelten und scheinbar unübersichtlichen Sozialgebilde obwalten, wie es eine mo-
derne, große Wirtschaftsnation ist." (Franz Böhm, Wettbewerb und Monopolkampf, a.a.O., S.
XII). Andererseits sah er einen "leichtsinnige(n) und wirklichkeitsfremde(n) Optimismus im
Spiele", wenn die Berufsverbände und die Selbstorganisation der Wirtschaft "zu Trägem der
neuen Wirtschaftsordnung" gemacht würden, da die "alte Grundsatzlosigkeit des wirtschafts-
politischen Denkens" noch lange nicht überwunden sei. "Nicht die Berufsstände haben die
WirtSchaftsverfassung zu schaffen, sondern die Wirtschaftsverfassung hat sich die Berufs-
stände heranzubilden." (Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe
und rechtschöpferische Leistung, a.a.O., S. 187 f.) Böhm wollte die Berufsverbände demnach
als Institutionen der wirtschaftspolitischen Erziehungsarbeit, nicht aber als eigenständige Kraft
in der Wirtschaftspolitik, deren Formulierung ausschließlich dem Staat vorbehalten sein sollte.
Mit dieser Haltung stellte sich Böhm gegen die nationalsozialistische Praxis der Selbstorgani-
sation der Wirtschaft - im übrigen die einzige Passage in Böhms Text, in der eindeutig
Position gegen die NS-Wirtschaftspolitik bezogen wurde.
377 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 188. Goerdeler hielt Die Ordmmg der Wirtschaft zwar insgesamt für "eine
hochwertige Bereicherung der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur", kritisierte aber die
Haltung der Ordoliberalen gegenüber der Selbstorganisation der Wirtschaft und deren
Wunsch nach staatlicher Dominanz in Wirtschaftsfragen. Er gab zu Bedenken, "daß ewige
Vormundschaft alles Reifen hemmt und schließlich jede Verantwortung tötet. (... ) Nein, wir
müssen wieder stärker zur Prüfung durch Erfolg und zur Selbstprüfung durch die Betroffenen
übergehen. Der Staat ist nicht dazu da, alle Handlungen und Lebensbetätigungen seiner
Bürger zu überwachen." Kar! Friedrich Goerdeler, Die Ordnung der Wirtschaft, a.a.O., S. 497

107
neralstabsarbeit (...) von hoher wissenschaftlicher Qualität"378 wollten sich die
Ordoliberalen gern zur Verfügung stellen. Allerdings wurde eine entsprechende
Institution erst nach 1945 durch Ludwig Erhard geschaffen: als Abteilung für
Grundsatzfragen im Bundeswirtschaftsministerium mit Müller-Armack als des-
sen Leiter. Bemerkenswert ist dabei, daß die Ordoliberalen dem Staat zwar um-
fassende Funktionen zuordneten, auch eine sehr konkrete Vorstellung über die
originäre Implementierung ihres Programms durch die Staatsführung hatten,
aber völlig im unklaren ließen, wer eigentlich der oder die Träger zur Umsetzung
und Sicherung des Programms sein sollten. Denn der Staat blieb im ersten ordo-
liberalen Programm eine völlig abstrakte Kategorie, ohne daß konkrete Hand-
lungssubjekte benannt wurden. Die Frage nach der sozialen Basis im Staat wur-
de- wie schon in den Frühtexten des Ordoliberalismus- nicht einmal gestellt.
Aber nicht nur im Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft, sondern auch
durch das spezifische Verständnis von Freiheit erwiesen sich die ersten Mani-
feste des Ordoliberalismus durchgängig als autoritäre Konzeption. Freiheit redu-
zierte sich dabei auf ihre ökonomische Funktion im Wettbewerb, sie war zweck-
rationaler Bestandteil des zur allgemeinen Pflichtveranstaltung erklärten Leis-
tungswettbewerbs im Rahmen der Wirtschaftsordnung. Die Grenzen der ordoli-
beralen Freiheit waren somit eng gezogen, denn zur Unterordnung der autoritär
vom Staat vorgegebenen Grundsätze für Wirtschaft und Gesellschaft gab es für
das Individuum keine Alternative. Alles andere bedeutete aus ordoliberaler Sicht
den sicheren Weg in den Untergang der Zivilisation. Es ist aus dieser Perspek-
tive bezeichnend, wenn aus heutiger neoliberaler Sicht unter Berufung auf
Böhms Text von 1937 hervorgehoben wird, die Ordoliberalen seien zuvorderst
dafür eingetreten, "Stabilität durch stetigen Wandel und Beweglichkeit zu
fördern." 379 Damit wird einerseits das statische Ordnungsdenken im frühen
ordoliberalen Wettbewerbsmodell übergangen380 und andererseits das erste

378 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., S. 183
379 Horst Wemer, Ordnungspolitik für Stabilität und Wandel, in: Rolf H. Hasse/Josef Mols-
berger/Christian Watrin (Hrsg.), Ordnung in Freiheit. Festgabe für Hans Willgerodt zum 70.
Geburtstag, Stuttgart- Jena- New York 1994, S. 89-102, hier S. 89. Die Textstelle, auf die
sich Wemer hier bezieht, lautet im Original: "Es wird der Schritt gewagt, den einzelnen
endgültig und grundsätzlich aus der Zucht und Schule der engeren, statisch verfaßten
Gemeinschaft zu entlassen, ihn auf eigene Füße zu stellen und ihm zuzumuten, sich ohne
nähere Anlehnung auf dem schwankenden Boden eines in Dauerbewegung befmdlichen
sozialen Alltags fortzubewegen, ohne die Fühlung mit der zur Nation erweiterten politischen
Gesamtgemeinschaft zu verlieren." Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als
geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische Leistung, a.a.O., S. 42
380 "Die Spannung in der Argumentation von Franz Böhm wird besonders deutlich, wenn er die
freie Verkehrswirtschaft als eine Wirtschaftsordnung kennzeichnet, die sich durch Dynamik
und durch die Fähigkeit auszeichnet, sich ständig an veränderte Umstände anzupassen, gleich-
zeitig also (gemeint ist wohl: aber - Anm. R.P.) eine mehr statisch orientierte Zustandsbe-
schreibung eines erwünschten idealen Wettbewerbs gibt. Das mag insbesondere an der
dezisionistisch orientierten Idee der Wirtschaftsverfassung liegen". Fritz Holzwarth, Ordnung
der Wirtschaft durch Wettbewerb, a.a.O., S. 150

108
ordoliberale Programm - bewußt oder unbewußt, sei an dieser Stelle
dahingestellt - aus seinem politischen und gesellschaftlichen Kontext gelöst. Für
die Väter des Ordoliberalismus aber war eine dynamische Marktwirtschaft nur
mit einem autoritären Staat vorstellbar, der anhaltend den Wettbewerb sichern
kann und darauf abgestimmt die Formierung der Gesellschaft betreibt.
Ein wesentlicher Aspekt dieser Formierung von Gesellschaft bestand in
dem Bestreben nach sozialer Integration. Sie wurde als unabdingbarer Teil der
Gesamtkonzeption einer wirtschaftlichen Ordnung begriffen und war insofern
durchaus eine Zielgröße im ordoliberalen Programm. Es ist deshalb irreführend,
wenn behauptet wird, daß "eine Fesdegung der Gesellschaft auf ein von der Po-
litik vorgegebenes Gesamtziel im Rahmen dieser Konzeption nicht möglich
(ist)." 381 Allerdings bestand das Ziel nicht darin, eine sozial gerechte Gesellschaft
zu definieren und nach Wegen ihrer Verwirklichung zu suchen. Vielmehr hatten
die frühen Ordoliberalen aus den sozialen Konflikten in der Entwicklungsge-
schichte des Kapitalismus die Lehre gezogen, die Gestaltung dieses Politikfeldes
nicht den Sozialisten und Gewerkschaften zu überlassen, sondern es mit einem
eigenen Sozialverständnis zu belegen, das sich von egalitären Grundsätzen ab-
setzte. Die soziale Integration war für sie zuvorderst eine ideologische Aufgabe,
die darin bestand, mit psychologischen und erzieherischen Mitteln, die Böhm
immer wieder hervorhob, deudich zu machen, daß nur ein marktwirtschaftlicher
Leistungswettbewerb die soziale Frage lösen kann. Damit war ein wesendiches
Grundprinzip für das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft benannt.

2.3.4 Euckens Entwurf einer Theorie der Wirtschaftsordnung

Bevor Eucken 1942 mit seinem Beitrag in dem von der AfDR herausgegebenen
Sammelband Der Wettbewerb als Mittel volkswirtschqftlicher Leistungssteigerung und
Leistungsauslese der nationalsozialistischen Regierung Empfehlungen für die Wirt-
schaftspolitik der Nachkriegszeit zu geben versuchte,382 hatte er sich bereits mit
der Veröffendichung der Grundlagen der Nationalökonomie eine anerkannte Posi-
tion in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Dritten Reiches ver-
schafft. Eucken galt als Kopf der Freiburger Schule und war sicherlich ihr bekann-
tester und zugleich anerkanntester Wissenschaftler, der sich in seinen wissen-
schafdichen Publikationen mehr als seine Kollegen direkter politischer Äußerun-
gen enthielt. Seine erstmals 1940 erschienenen ,Grundlagen' wurden schon in
der zeitgenössischen Kritik umfassend diskutiert383 und gelten bis heute als her-

381 Jürgen Lange-von Kulessa/ Andreas Renner, Die Soziale Marktwirtschaft Alfred Müller-
Armacks und der Ordoliberalismus der Freiburger Schule, a.a.O., S. 93
382 Vgl. Walter Eucken, Wettbewerb als Grundprinzip der Wirtschaftsverfassung, a.a.O.; vgl. in
diesem Kapitel S. 61.
383 Vgl. die Auflistung bei Ernst Heuß, ,Die Grundlagen der Nationalökonomie' vor 50 Jahren
und heute, a.a.O., Fn. 1, S. 21

109
ausragendes Werk und zentraler Bezugspunkt des Ordoliberalismus. 384 Durch
die breite Rezeption der ,Grundlagen' auch in der wissenschaftstheoretischen
Diskussion wie in der Ordnungstheorie (in jüngerer Zeit in der Neuen
Politischen Ökonomie) liegt eine Fülle an Material vor, so daß hier- anders als
bei der Schriftenreihe Ordnung der Wirtschtift - auf eine gleichermaßen intensive
Diskussion der Primärquelle verzichtet werden kann. Es ist allerdings wenig
verwunderlich, daß den ,Grundlagen' trotz der großen Beachtung in
Deutschland "die gebührende Anerkennung durch die internationale For-
schungsgemeinschaft versagt blieb",385 denn Eucken bezog sich in seinen Frage-
stellungen nur am Rande auf die internationale ökonomische Diskussion jener
Zeit und konzentrierte sich selbst im nationalen Rahmen auf die Auseinander-
setzung mit der historischen Schule.
Im Gegensatz zu den posthum erschienen Grundsätzen der Wirtschtiftspolitik,
die nach dem Tode Euckens von seiner Frau Edith Eucken-Erdsiek und seinem
Mitarbeiter K. Paul Hensel fertig gestellt und 1952 erstmals herausgebracht
wurden,386 können die ,Grundlagen' als vollendete Arbeit von Eucken betrach-
tet werden. 387 Eucken selbst hatte die regelmäßigen Auflagen der ,Grundlagen'
jeweils einer Bearbeitung unterzogen, ohne dabei die Substanz zu verändern,
auch nicht in den beiden Auflagen, die nach dem Ende des Nationalsozialismus
noch zu Lebzeiten Euckens erschienen waren. 388 Obwohl die ,Grundlagen' von
Eucken in erster Linie als theoretisch-methodisches Fundamentalwerk der
Nationalökonomie konzipiert waren, das keine konkreten Empfehlungen für die
wirtschaftspolitische Praxis beinhalten sollte, bildete es zweifelsohne die Basis
für Euckens Arbeiten nach 1945, vor allen Dingen für die Grundsritze der Wirt-

384 Sichtbar wird dies beispielsweise im ORDO-Jahrbuch 1988, das sich fast ausschließlich der
Auseinandersetzung mit den ,Grundlagen' widmet. Auch im Jahrbuch 1998 bildet die
Diskussion der Ordnungstheorie des frühen Ordoliberalismus den Schwerpunkt des Bandes,
wenngleich hier vor allen Dingen Euckens Gnmdsäl:(! der Wirfschaftspolitik behandelt werden.
Dabei fallt auf, daß die jüngere Generation von Ordoliberalen eher durch die evolutionäre
Konzeption Hayeks/Hoppmanns beeinflußt ist und aus dieser Perspektive in einer gewissen
kritischen Distanz zu dem ordnungstheoretischen Ansatz von Eucken steht.
385 Helmut Leipold, Die große Antinomie der Nationalökonomie: Versuch einer Standortbestim-
mung, in: ORDO, Bd. 49, 1998, S. 15-42, hier S. 34
386 Peter kritisiert die Veröffentlichung der ,Grundsätze' in einer Besprechung als unausgereift:
"Es ist bedauerlich, daß diese Grundsätze der Politik in einer Form veröffentlicht werden
mußten, die eine letztmalige Überarbeitung des Meisters schmerzlich vermissen lassen." Hans
Peter, Besprechung von Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, in: Finanzarchiv,
NF, Bd. 13, 1951/52, S. 729-733, hier S. 733
387 Vgl. Artur Woll, Freiheit durch Ordnung: Die gesellschaftliche Leitidee im Denken von Walter
Eucken und Friedrich A. von Hayek, in: ORDO, Bd. 40, 1989, S. 87-97, hier S. 87
388 Damit stellt sich die Frage, welche Ausgabe(n) für die Diskussion der ,Grundlagen' heranzu-
ziehen ist (sind). Im Rahmen dieser Untersuchung wird mit der 1. Auflage von 1940, im fol-
genden zitiert als Walter Eucken, Grundlagen der Nationalökonomie (1940) und der 5. Auf-
lage von 1947, der ersten nach dem Krieg, zitiert als Walter Eucken, Grundlagen der National-
ökonomie (1947), gearbeitet. In letzterer bittet Eucken die Leser, "diese Auflage als die
maßgebende Fassung anzusehen." (S. XIX)

110
schqftspolitik, mit denen er "erheblichen Einfluß auf die Wirtschaftspolitik" in der
unmittelbaren Nachkriegszeit ausüben konnte. Tatsächlich "(ist) die Begründung
der Sozialen Marktwirtschaft ohne sein Wirken nur schwer vorstellbar. " 389
Das wird um so deutlicher, wenn man sich Euckens Forschungsanliegen in
den ,Grundlagen' vergegenwärtigt. Sein erstes Anliegen, die ,große Antinomie'
der Nationalökonomie aufzulösen - gemeint war der als Methodenstreit in die
Dogmengeschichte eingegangene Konflikt zwischen historisch und theoretisch
ausgerichteter Wirtschaftswissenschaft - hatte neben dem eigentlichen Erken-
ntnisziel vor allen Dingen einen unmittelbaren praktischen Zweck. Es galt den
als Verursacher dieser Krise der (Wirtschafts)-Wissenschaft ausgemachten ,His-
torismus' zurückzudrängen, um "der Rechtswissenschaft und der Nationalöko-
nomie (...)wieder den gebührenden Platz im Leben der Nation"390 zu verschaf-
fen. Indem die beiden Wissenschaften aufgehört hatten, in der Gesellschaft "ei-
ne geistige und sittliche Macht zu sein", so die Analyse im Vorwort zur Ordnung
der Wirtschqft, wurden sie zu "Trabanten" degradiert und "um so erfolgreicher
konnten wirtschaftliche Machtgruppen ihre Interessen zur Geltung bringen." 391
Da die wirtschaftspolitische Beratung der Staatsführung aber eine zentrale
Größe für die Implementierung des ordoliberalen Programm bildete, mußte
dieses Problem folgerichtig angegangen werden.
Mit der Thematisierung der wirtschaftlichen Macht ist das zweite wesentli-
che Themenfeld umrissen. "Das Hauptanliegen Euckens ist die Gefahr wirt-
schaftlicher Macht",392 verstanden ausschließlich als Marktmacht, deren Verhin-
derung er als die zentrale Aufgabe der Wirtschaftsordnungspolitik betrachtete.
Das Versprechen, durch eine staatlich ,veranstaltete' Marktwirtschaft, gedacht in
der Marktform der vollständigen Konkurrenz, die Macht der Monopole und
Kartelle zu brechen, war für die spätere Legitimation der Sozialen Marktwirt-
schaft von herausragender Bedeutung. Das leitet über zum dritten und "eigentli-
chen Zweck der wissenschaftlichen Übung",393 der Übertragung der großen ord-
nungspolitischen Aufgabe in die wirtschaftspolitische Praxis. Es gehe darum,
verkündete Eucken am Schluß der ,Grundsätze', "die Schaffung einer funktions-
fähigen Ordnung der modernen Wirtschaft durch ,Wirtschqftsveifassung' gedank-
lich vorzubereiten." 394 Damit ist ein Spannungsfeld vorgezeichnet: Euckens
Anspruch, eine allgemeine Ordnungstheorie zu entwickeln, die das Funk-

389 Artur Woll, Freiheit durch Ordnung, a.a.O., S. 87


390 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische
Leistung, a.a.O., Vorwort, S. VIII
391 Ebenda, S. XVI
392 Claudius Christi, Die Ordnungstheorie Walter Euckens in einer offenen Gesellschaft. Eine
konstruktivistische Anmaßung von Wissen?, in: ORDO, Bd. 49, 1998, S. 127-140, hier S. 134
393 Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 109
394 Walter Eucken, Grundlagen der Nationalökonomie (1940), a.a.O., S. 266; ab der 2. Auflage
spricht Eucken an dieser Stelle von "Dauerordnung". In der 5. Auflage (1947) erweitert
Eucken den Begriff, indem er eine funktionsfahige 11nd menschenwürdige Dauerordnung"
einfordert; a.a.O., S. 371; Herv. durch R.P.

111
tionieren der Wirtschaftsabläufe im Jetzt ebenso zu erkennen und erklären ver-
mag wie im Vergangenen, kollidiert mit seiner Positionierung zugunsten einer
bestimmten Ordnung, dem ORDO als Synonym für eine ordnungspolitisch
flankierte Marktwirtschaft.
Aber kommen wir zunächst zurück auf den methodologischen Ausgangs-
punkt der Eucken'schen Analyse. Sein Erkenntnisinteresse formuliert Eucken in
einer weit gefaßten Ausgangsfrage: "Wie erfolgt die Lenkung dieses großen ar-
beitsteiligen Gesamtzusammenhangs, von dem die Versorgung jedes Menschen
mit Gütern, also jedes Menschen Existenz, abhängt?" 395 Euckens Anspruch,
nach den strukturellen Merkmalen der wirtschaftlichen Entwicklung anhand ih-
rer Steuerungsmechanismen zu suchen, brachte ihn zum Problem der "großen
Antinomie", dem Verhältnis von Theorie und Geschichte. Denn "mit Recht
sieht der Nationalökonom das wirtschaftliche Alltagsgeschehen als Teil der je-
weiligen historisch-individuellen Lage an. (...) Mit Recht sieht er in ihm aber
auch ein allgemein-theoretisches Problem." 396 Aus dieser Position formulierte
Eucken seine Kritik am damaligen Ist-Zustand der Nationalökonomie, dem er
etwas grundsätzlich Neues entgegenstellen wollte. Das rein deduktive Herange-
hen vieler theoretisch ausgerichteter Wirtschaftswissenschaftler kritisierte
Eucken als "Begriffsnationalökonomie", deren universaler Anspruch sich auf
"pseudo-axiomatischen Thesen" stütze. Ihr Ansatz bewirke "Wirklichkeits-
fremdheit und Sektenbildung",397 da ihre Annahmen nicht aus den wirtschaftli-
chen Tatsachen gewonnen, sondern Ergebnis von Spekulationen in Form ge-
setzter Begriffe seien. In ähnlicher Weise lehnte Eucken die Hinwendung zu
mathematischen Modellen innerhalb der Wirtschaftswissenschaften ab, auch ihr
Analyseapparat galt ihm als methodische Verengung, mit der eine Erklärung
wirtschaftlicher Vorgänge nicht zu bewerkstelligen sei.
Euckens Auseinandersetzung mit der historischen Schule398 als zweitem Pol
innerhalb des Dualismus von Theorie und Geschichte fiel nicht nur umfangrei-
cher, sondern auch wesentlich engagierter aus. Das lag zum einen daran, daß
Euckens früher wissenschaftlicher Werdegang selbst von der jüngeren histori-

395 Ebenda, S. 2
396 Walter Eucken, Grundlagen der Nationalökonomie (1947), a.a.O., S. 34
397 Ebenda, S. 48 f.; "Für die Begriffsnationalökonomen ist die ,Theorie' ein Gebäude von
Begriffen, das vor der wissenschaftlichen Feststellung von Tatsachen errichtet wird. Daß alle
erfahrungswissenschaftliche Arbeit zunächst mit den Begriffen des Alltags arbeiten muß und
daß sie die Überwindung dieser Alltagserfahrung nur durch die Aufwerfung von Sachpro-
blemen und durch Eindringen in die Sache - nicht durch Aufstellen von Definitionen -
durchzuführen vermag, wird verkannt. Am Anfang der Forschung ist der Nationalökonom
noch nicht legitimiert, wissenschaftliche Definitionen zu geben. Zugleich wird nicht gesehen,
daß ein solches Eindringen in die wirtschaftliche Wirklichkeit ohne theoretische Analyse
unmöglich ist." (S. 49; Herv. im Original)
398 Zum Überblick über die Strömungen der historische Schule mit Blick auf die sozialpolitischen
Implikationen vgl. Karl-Heinz Schrnidt, Gustav Schmoller und die Entwicklung einer
sozialpolitischen Schule in Deutschland, in: Erich Streissler (Hrsg.), Studien zur Entwicklung
der ökonomischen Theorie XVI, Berlin 1997, S. 43-79, besonders S. 47

112
sehen Schule beeinflußt war. 399 Zum anderen hatten die Nationalsozialisten der
historischen Schule trotz ihrem hohen Maß an Heterogenität400 zu erneutem
Einfluß verholfen, da sie hier vor allen Dingen ideologische Anknüpfungs-
punkte sahen, während die wesentlichen Vertreter der theoretischen National-
ökonomie ins Exil gedrängt worden waren. Insofern begab sich Eucken durch-
aus in Konflikt mit den Verantwortlichen in der nationalsozialistischen Wissen-
schaftspolitik, wenn er das Denkgebäude der historischen Schule einer deutli-
chen Kritik unterzog.
Sein Hauptaugenmerk galt der Negation von allgemeingültigen Gesetzen,
deren Ursache er schon 1938 in einer "Relativierung der Wahrheitsidee" 401 zu
erkennen glaubte. Er warf der historischen Schule ein punktuelles Denken vor,
dem ein falsches Theorieverständnis zugrunde liege, da sie den instrumentellen
Charakter von Theorie verkenne. 402 Eucken widersprach der Vorstellung, daß
eine Theorie ~gleich ein Bild der konkreten Wirklichkeit wiedergeben und All-
gemeingültigkeit in Anspruch nehmen kann. Zwar unterstützte er den Gedan-
ken, das individuelle Element wirtschaftlicher Entwicklung zu erfassen, sah aber
das empirische Verfahren der historischen Schule zum Selbstzweck degeneriert.
Mit besonderem Blick auf Schmoller verwarf Eucken die induktive Herange-
hensweise der historischen Schule, die sich aus ordoliberaler Sicht im Detail ver-
lieren mußte und deshalb dem Anspruch, ein Gesamtbild der wirtschaftlichen
Situation zu vermitteln, nicht genügen konnte. Die Bildung von Theorie "steht
nicht am Ende der Wissenschaft, und die theoretischen Sätze, die wir suchen
müssen, sollen nicht die ,Quintessenz der Erfahrung' darstellen." Nur durch
eine "allgemeine Fragestellung" 403 könne der Weg zum Erkennen der Bedingungs-
zusammenhänge beschritten werden.

399 Vgl. Helmut Leipold, Die große Antinomie der Nationalökonomie, a.a.O., S. 23
400 Darauf hatte bereits mit besonderem Nachdruck Mises verwiesen: "Wer den Versuch
unternommen hat, die Lehren des Historismus geschlossen darzustellen, hat wohl in der Regel
die Unmöglichkeit, die Auffassung des Historismus systematisch auszubauen, an irgendeiner
Stelle seines Lehrgebäudes erkennen lassen müssen. Doch die Bedeutung des Historismus liegt
nicht in den durchaus mißglückten Versuchen, ihn als geschlossene Lehre vorzutragen. Er ist
in seinem Wesen nach nicht System, sondern Ablehnung und grundsätzliche Vemeinung der
Möglichkeit ein System zu bilden. Er lebt und wirkt nicht im Gesamtaufbau eines Gedanken-
gefüges, sondern in kritischen Apercus, in den Begründungen wirtschafts- und sozialpoli-
tischer Programme und zwischen den Zeilen geschichtlicher, beschreibender und statistischer
Darstellungen." Ludwig von Mises, Grundprobleme der Nationalökonomie. Untersuchungen
über Verfahren, Aufgaben und Inhalt der Wirtschafts- und Gesellschaftslehre, Jena 1933, S. 7
401 Walter Eucken, Die Überwindung des Historismus, a.a.O., S. 68
402 Darauf verweist auch Gestrich unter Berufung auf Euckens ,Grundlagen': "Der Grundfehler
liegt in der verfehlten Auffassung der historisierenden Nationalökonomie darüber, was
Theorie ist und was sie leisten kann und soll. (...). Um die Wirklichkeit erkennend zu durch-
dringen, muß man mit Fragen an sie herantreten, zu deren Lösung die Theorie als Instrument
dient. An der Verkennung des instrumentalen Charakters der Theorie ist die historische Schule
gescheitert und mußte sie scheitern." Hans Gestrich, Nationalökonomie und Geschichte, in:
Die Bank, 33. Jg, Heft 51/52, 1940, S. 896-900, hier S. 897
403 Walter Eucken, Grundlagen der Nationalökonomie (1940), a.a.O., S. 25; Herv. im Original

113
Neben dem als "Relativismus" kritisierten Ansatz der von Schmoller be-
einflußten historischen Schule wandten sich die frühen Ordoliberalen gleicher-
maßen gegen den sogenannten "Fatalismus", womit grundsätzlich die Vorstel-
lung entwicklungsmäßiger Gesetzmäßigkeiten in Wirtschaft und Gesellschaft
gemeint war. Das führte nicht nur zu einem scharfen Angriff auf das marxis-
tische Entwicklungsverständnis, sondern auch zu massiver Kritik an den aus der
jüngeren historischen Schule entstandenen Theorien der Wirtschaftsstufen und
Wirtschaftsstile. Eucken und die anderen Vertreter der Freiburger Schule sahen
darin einen Determinismus ökonomischer Entwicklung fixiert, der auf der
praktischen Ebene jedwede Gestaltbarkeit der Wirtschaftsordnung und -politik
unmöglich erscheinen ließ. Da aber die Gestaltbarkeit der Wirtschaftsordnung
eine unbedingte Voraussetzung für die Realisierung des ordoliberalen Pro-
gramms bedeutete, mußte "unter allen Umständen die antizipierte Entwick-
lungs- und Fortschrittsidee fallen." "Wir müssen gründlich mit der Gewohnheit
brechen", so Eucken weiter, "Geschichte einseitig als Entwicklung zu betrach-
ten." Damit begrenzte Eucken sogleich wieder die eingeforderte Offenheit im
geschichtlichen Prozeß, in dem er davor warnte, "von vomhinein Dauerndes in
der Geschichte zu leugnen."404 Riese bezeichnete dieses Denken in seiner
Auseinandersetzung mit der Eucken'schen Ordnungstheorie als "Dichotomie
von Freiheit und Determiniertheit",405 die- so müßte man ergänzen- mit dem
Begriffspaar ,Freiheit und Bindung' auch in den Arbeiten von Böhm, Müller-
Armack und Erhard zu ftnden ist und damit zweifellos ein verbindendes
Grundelement des frühen Ordoliberalismus in Deutschland darstellt.
Die Ordoliberalen hielten allerdings auch die Typenbildung der Stufen- und
Stilforschung als Referenzrahmen für das Erkennen wirtschaftlicher Zusammen-
hänge für nicht ausreichend. In den Mittelpunkt ihrer eigenen Theoriebildung
stellten sie statt dessen den Begriff der Ordnung, verstanden als das Ordnungs-
gefüge der Wirtschaft in einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Da
"alle wirtschaftliche Tätigkeit sich im Rahmen irgendeiner Wirtschaftsordnung
(vollzieht)" - so lautete die These- "(muß) die Nationalökonomie, gleichviel, ob
sie die Vergangenheit oder die Gegenwart betrachtet, in Wirtschaftsordnungen
denken und die konkreten Wirtschaftsordnungen (...) erkennen."406 Mit der
Einführung der abstrakten Kategorie ,Wirtschaftsordnung' als eine von Zeit und
Raum unabhängige Größe glaubten die frühen Ordoliberalen den maßgeblichen
Schlüssel für die Weiterentwicklung der ökonomischen Theorie gefunden zu
haben. Auff:illig ist dabei, daß traditionelle Fragen der Ökonomie, wie etwa das
Problem der Entstehung und Verwendung von Einkommen und seine
Wirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Situation, als theoretischer Ausgangs-
punkt ebenso wenig Berücksichtigung fanden wie die seit der Weltwirtschafts-
krise geführte Diskussion um das Problem der Nachfragerestriktion im

404 Walter Eucken, Wissenschaft im Stile Schmollers, a.a.O., S. 487


405 Hajo Riese, Ordnungsidee und Ordnungspolitik, a.a.O., S. 27
406 Hans Gestrich, Nationalökonomie und Geschichte, a.a.O., S. 899

114
entwickelten Kapitalismus. Es drängt sich nicht zuletzt deshalb der Eindruck
auf, daß das Denkgebäude der historischen Schule, vor allem in Gestalt der
Wirtschaftsstilforschung, trotz aller verbalen Abgrenzungen der eigentliche
Bezugspunkt der Eucken'schen Theoriebildung gewesen ist und ihren Ansatz
sowie die Methodologie wesentlich beeinflußt hat.
Euckens Verfahren zur Auflösung der ,großen Antinomie', an deren Ende
die Gewinnung einer allgemeinen Theorie der Wirtschaftsordnung auf der Basis
geschichtlicher Anschauung stehen sollte, stützte sich dabei im Prinzip auf die
verbindende Anwendung von konkreter Beobachtung und verallgemeinemder
Abstraktion. Nach Albert besteht es aus "zwei Phasen: einer quasi induktiven
Phase (...) und einer deduktiven Phase. " 407 In der ersten Phase wollte Eucken durch
die Methode der pointierend hervorhebenden Abstraktion zu sogenannten
,Idealtypen' oder ,reinen Formen' gelangen, die er explizit von den ,Realtypen'
als "Abbilder der wirtschaftlichen Wirklichkeit" 408 unterschied. Sein Idealtypus
sollte- in Abgrenzung zu Max Weber- "kein Vollkommenheitsideal" darstellen
und "kein ethischer Begriff' 409 sein. Durch die isolierende Abstraktion wollte er
vielmehr, angeleitet von einer theoretischen Fragestellung, aus der Erfassung des
Besonderen allgemeine Grundtypen von Wirtschaftssystemen destillieren, als
abstrakte Begriffe, die in der Wirklichkeit - darauf wies Eucken mehrfach hin -
in dieser Form nicht existierten und niemals existieren konnten. Auf der Basis
der so gewonnenen Idealtypen war dann für Eucken die Ableitung deduktiver
Aussagen über die realisierten Wirtschaftssysteme möglich, die er durch die
Anwendung ,generalisierender Abstraktion' 410 umzusetzen glaubte.

407 Hans Albert, Marktsoziologie und Entscheidungslogik. Zur Kritik der reinen Ökonomik, Tü-
bingen 1998, S. 141; Herv. im Original
408 Walter Eucken, Grundlagen der Nationalökonomie (1947), a.a.O., S. 69; zur Unterscheidung
der Begriffe Ideal- bzw. Realtypus S. 394 f. und S. 420
409 Ebenda, S. 420; "Was Weber zur Idealtypenbildung sagt, ist nicht nur ein Torso, sondern ent-
hält auch schwere Mängel. Er erkannte weder den fundamentalen Unterschied von Realtypen
und Idealtypen, noch den logischen Charakter von beiden, noch die Verschiedenheit der Abs-
traktionsverfahren, die zur Bildung der beiden Typen führen. Infolgedessen hat der Typus,
den er Idealtypus nennt, einen unbestimmten Begriffsinhalt." (S. 419; zuM. Weber siehe auch
S. 193 f.) Kritisch dazu: Alexander Rüstow, Zu den Grundlagen der Wirtschaftswissenschaft,
in: Revue de Ia Faculte des Seiences Economiques de l'Universite d'Istanbul, 1940/41, 2. Jg.,
S. 105-154, hier S. 118 ff. Für Rüstow ist der "von Max Weber geprägte Begriff des Idealtypus
(...) so entscheidend wichtig geworden, daß man, im Interesse der Verständigung der Wissen-
schaft, nur auf dringendste davon abraten kann, gerade diesen Terminus in einem Sinne zu
verwenden, der dem von Max Weber geradezu entgegengesetzt ist." (Ebenda, S. 118) Vgl.
auch Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 103
410 Mit der generalisierenden Abstraktion will Eucken die durch Reduktion gewonnenen Grund-
typen von Wirtschaftsordnungen mit der jeweiligen gesamtgesellschaftlichen Situation in Ver-
bindung bringen. "Die Erläuterung dieser Methode (der generalisierenden Abstraktion; Anm.
R.P.) f:illt wohl nicht zuf:illig etwas spärlich aus. Allein die unbestimmte Forderung, das
,Ganze der Wtrtschaft' zu berücksichtigen, müßte selbst spezialisierte Wirtschaftshistoriker
hoffnungslos überfordern, die ja stets nur aufgrund problem- und theoriegeleiteter Frage-
stellungen historische Besonderheiten erfassen und erforschen können." Helmut Leipold, Die
große Antinomie der Nationalökonomie, a.a.O., S. 25

115
Aus der pointierend hervorhebenden Abstraktion gewann Eucken nnn
seinen Ausgangspunkt für alle weiteren Untersuchnngsschritte, die Zuspitznng
auf "die beiden konstitutiven Grnndformen" von Wirtschaftsordnnngen, "das
Wirtschaftssystem der verkehrslosen ,zentralgeleiteten Wirtschaft' nnd das Wirt-
schaftssystem der ,Verkehrswirtschaft'."411 In dieser zugespitzten Reduktion auf
zwei gegensätzliche Grnndformen, die im übrigen "prinzipiell nicht neu
waren",412 sah Eucken die Basis einerseits fiir das Erkennen des Aufbaus von
Wirtschaftsordnnngen (geschichtlich, wie in der Gegenwart) nnd andererseits fiir
die im Anschluß gedachte theoretische Analyse wirtschaftlicher Abläufe in
bestimmten Wirtschaftsordnnngen. Aber schon die Auseinandersetznng mit den
methodischen Prämissen läßt fundamentale Zweifel am Sinn nnd Nutzen des
Eucken'schen Modells aufkommen. Albert etwa kritisiert Euckens Ansatz wegen
der impliziten Annahmen, die zur Gewinnnng der reinen Formen bereits
vorhanden sein müssen, um überhaupt zu einer entsprechenden Kategorie-
bildnng zu kommen. "Wie das vor Beginn der Theoriebildnng möglich sein soll,
bleibt ein Rätsel", urteilt Albert nnd folgert im Hinblick auf das Verfahren der
pointierend hervorhebenden Abstraktion, daß es von Eucken "keineswegs so
charakterisiert wird, daß man darin eine Methode erkennen könnte." 413 Machlup
widerspricht mit Nachdruck Euckens Ansatz von der Ableitnng der reinen
Formen aus der konkreten Wirklichkeit. Für ihn stellen sie lediglich "Deutnngs-
schemata"414 dar, mit denen beobachtete Erscheinnngen interpretiert werden
können. Leipold weist darauf hin, daß Euckens "rigorose Abstraktion von
jeglichem Raum-Zeit-Bezug ein rigoroses Geschichtsverständnis (bedingt), das
nur dann nachvollziehbar ist, wenn Geschichte als Wiederkehr gleicher Pro-
bleme nnd gleichartiger Zusammenhänge der Tatbestände verstanden wird."415
Und Rüstow, der sich als neoliberaler Zeitgenosse im Exil ausfuhrlieh mit
Euckens Grnndlagen auseinandergesetzt hatte, sah in dessen Typisiernng mehr
begriffliche V erwirrnng als wirklichen Erkenntnis gewinn, wobei er Euckens
Idealtypen lediglich als "Partialbegriffe"416 verstanden wissen wollte.
Rüstows Kritik wird um so verständlicher, wenn man Euckens inhaltlichen
Maßstab ftir die Herausbildnng der beiden Grnndtypen von Wirtschafts-
systemen betrachtet. Euckens zentrale Klassifiziernng war dabei die Frage des
wirtschaftlichen Planes. Der Ausgangspunkt seiner Überlegnngen bestand darin,
daß in allen Wirtschaftssystemen Pläne zur Überwindnng von Knappheiten
existieren, woran sich die verschiedenen Wirtschaftssubjekte jeweils ausrichten.
Sein spezifisches Kriterium zum Destillieren der Grnndformen konzentrierte

411 Walter Eucken, Grundlagen der Nationalökonomie (1947), a.a.O., S. 127


412 Rainer Klump, Wege zur Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O., S. 137
413 Hans Albert, Marktsoziologie und Entscheidungslogik, a.a.O., S. 139
414 Fritz Machlup, Idealtypus, Wirklichkeit und Konstruktion, in: ORDO, Bd. 12, 1961, S. 21-57,
hier S. 46
415 Helmut Leipold, Die große Antinomie der Nationalökonomie, a.a.O., S. 25
416 Alexander Rüstow, Zu den Grundlagen der Wirtschaftswissenschaft, a.a.O., S. 118

116
sich nun auf das Planungssubjekt, konkret auf die Frage nach der Anzahl der
planenden Einheiten innerhalb eines Wirtschaftssystems. Planungsprozesse, die
mittels einer Zentralinstanz gesteuert werden, ordnete Eucken der ,zentral-
geleiten Wirtschaft' zu; die dezentralen, über den Markt vermittelten Pläne von
Haushalten und Unternehmen, kennzeichnen hiernach die ,Verkehrswirtschaft'.
Tatsächlich stellte dieses in den Mittelpunkt gerückte Unterscheidungskriterium
allerdings nur eine von Eucken nicht weiter ausgeführte Annahme dar, denn mit
der Fokussierung auf die Anzahl von Planungsträgem war und ist keineswegs
sicher gestellt, daß es sich dabei erstens um ein entscheidendes Kriterium für die
Unterscheidung von Wirtschaftssystemen handelt und zweitens, ob nicht und
wenn ja, welche anderen Beurteilungsmaßstäbe heranzuziehen sind.
Auch in Euckens konkreter Auseinandersetzung mit dem Idealtyp der
zentralgeleiteten Wirtschaft, die er im Grundsatz nach einer autarken Eigen-
wirtschaft und einer Zentralverwaltungswirtschaft unterschied,417 wird deutlich,
daß es ihm in erster Linie um die Herausbildung eines Gegensatzpaares prin-
zipiell möglicher Wirtschaftssysteme ging. Euckens Auseinandersetzung mit
diesem Idealtypus blieb an der Oberfläche418 und hatte letztlich nur die
Funktion, das ordoliberale "Dogma der Alternative zwischen Markt- und Ver-
waltungswirtschaft"419 zu begründen. Denn Eucken fragte nicht wirklich nach
den Möglichkeiten und Funktionsweisen zentraler Wirtschaftsplanung,420 son-
dern rekurrierte letztlich allein auf das Modell einer Zentralverwaltungswirt-
schaft mit einer staatlichen Planungsbehörde, in der alle wirtschaftliche Macht
konzentriert ist. "In Euckens Überlegungen zum ,Wirtschaftssystem' der
,Zentralverwaltungswirtschaft' fallen ,wirtschaftliche Macht' und Souveränität
der Planungsinstanz ineinander. (...)Wie eine ,zentral verwaltete' Gesellschaft zu
dem ,zentralen Plan' kommt, welche Gegen-Machtmittel die der Planung Unter-

417 Zur weiteren Differenzierung der zentralgeleiteten Wirtschaft nach vier Formen vgl. Walter
Eucken, Grundlagen der Nationalökonomie (1940), a.a.O., S. 94 ff.; kritisch dazu Norbert
Kloten, Zur Typenlehre der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen, in: ORDO, Bd. 7,
1955, S. 123-143, insbesondere S. 125 f.
418 Dieser Mangel wurde innerhalb des ordoliberalen Spektrums mehrfach aufgegriffen, so etwa
durch Kloten: "Die kardinale Frage lautete also: Wie viele planen? Wir können nicht umhin, in
dieser Fragestellung und ihrer Beantwortung durch Eucken eine übermäßige Vereinfachung,
wenn nicht einen Bruch zwischen geschichtlicher Erfahrung und theoretischer Forschung zu
sehen - ein Mangel, den Eucken selbst gespürt hat." Norbert Kloten, Zur Typenlehre der
Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen, a.a.O., S. 125
419 Hans Peter, Freiheit der Wirtschaft, a.a.O., S. 141
420 "Ist es nicht eine ganz extreme Situation, daß ein so umfangreiches Gebilde wie der Zentral-
plan einfach als ein von außen gegebenes Datum aufgefaßt werden kann? Muß nicht eher an-
genommen werden, daß auch der zentrale Plan auf eine Vielzahl von Plänemachern zurück-
geht, die vielleicht im großen und ganzen übereinstimmen, die aber in den Einzelheiten doch
sehr abweichende Meinungen haben, so daß auch hier mit einem sozialen Prozeß der Willens-
bildung zu rechnen ist, durch den diese Meinungen sich einander angleichen, bis sich schließ-
lich die eine Ziffer herausgebildet hat, die dann in den Plan als Planziffer eingeht." Phitipp
Herder-Domeich, Wirtschaftsordnungen. Pluralistische und dynamische Ordnungspolitik,
Berlin 1974, S. 93

117
worfenen haben, welche Rücksichten die Zentrale zu nehmen hat, welche
Interessen- und Machtdifferenzen innerhalb der von Eucken immer nur mono-
lithisch gedachten Zentrale bestehen, kurz: alle jene Formen sozialer und
politischer ,Macht', die nicht unter die Planungssouveränität der Zentrale fallen,
spielen in seinem ,Idealtypus' der ,Zentralverwaltung' keine Rolle."421
Die durch Eucken vorgenommen Klassifizierung von Wirtschaftssystemen
nach der Anzahl der Planungssubjekte führte ihn unmittelbar zum Problem der
wirtschaftlichen Macht, die er als die eigentliche Bedrohung entwickelter
Wirtschaftssysteme betrachtete. 422 Aus dieser Perspektive stellte Eucken seinem
Idealtyp der ,zentralgeleiteten Wirtschaft' den Idealtyp der ,Verkehrswirtschaft'
gegenüber. Es gibt in den ,Grundsätzen' keinen Hinweis darauf, daß Eucken mit
der ,Verkehrswirtschaft' etwas anderes als eine Marktwirtschaft bezeichnen
wollte. 423 Offensichtlich ging es ihm um die Verwendung einer ,neutralen',
unbelasteten Terminologie, um das Element des ,Neuen' in seinem theoreti-
schen Ansatz zu unterstreichen. Ausgehend von seinem Idealtyp entwickelte
Eucken in Bezug auf die ,Verkehrswirtschaft' eine umfangreiche, fast
unübersichtliche Morphologie, mit der er die in der Realität möglichen Formen
der Marktwirtschaft erfassen wollte, aber deren Erkenntniswert insgesamt doch
wenig überzeugend erscheint. Eucken unterschied fünf Marktformen (Kon-
kurrenz, Teiloligopol, Oligopol, Teilmonopol, Monopol), die er im weiteren
nach dem möglichen Marktzutritt (offen/geschlossen, nochmals unterschieden
nach Angebots- und Nachfrageseite) sowie der Art der Preisfestsetzung
(frei/ öffentlich-rechtlich) auffächerte. 424 Als weiteres Kombinationsmerkmal
führte Eucken das Geldsystem mit zwei reinen Formen und drei reinen Geld-
systemen an,425 so daß er unter Berücksichtigung aller genannten Faktoren auf
"einige tausend mögliche Formen der Verkehrswirtschaft" kam. Daß Euckens
Systematik "mit einem erheblichen Opfer an systematischer Einfachheit und
Übersichtlichkeit erkauft werden mußte", hielt Rüstow zwar für bedenklich, aber
zugleich für unvermeidbar, da nur so der "Monismus"426 der klassischen Markt-
analyse habe überwunden werden können.

421 Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 105
422 Am Ende seines Abschnitts zur Morphologie der ,zentralgeleiteten Wutschaft' schrieb Eucken:
"Mit der Besrimmung und der theoretischen Analyse der Wirtschaftssysteme kommen wir
eben einem großen geschichtlichen Problem näher - dem Problem der lllirlschaftlichtn Macht."
Walter Eucken, Grundlagen der Narionalökonomie (1940), a.a.O., S. 103; Herv. im Original
423 Seine Definition der Verkehrswirtschaft lautete: "Setzt sich jedoch die gesellschaftliche
Wirtschaft aus z»<i oder viekn Einzelwirtschaften zusammen, von denen jede Wirtschaftspläne
aufstellt und durchführt, so ist das Wirtschaftssystem der Verkehrswirtschaft gegeben."
Ebenda, S. 94; Herv. im Original. Vgl. hierzu auch Phitipp Herder-Domeich, Wirtschafts-
ordnungen, a.a.O., Fn. 58, S. 94 f.
424 Vgl. ebenda, S. 130 f.
425 Vgl. ebenda, S. 132 ff.
426 Alexander Rüstow, Zu den Grundlagen der Wirtschaftswissenschaft, a.a.O., S. 113 f.

118
Wichtiger aber als die Frage nach der Handhabbarkeit der monströs anmu-
tenden Morphologie Euckens ist seine Verknüpfung der Marktformen mit dem
Problem der wirtschaftlichen Macht. Durch sein Kriterium der Anzahl von Pla-
nungseinheiten als Maßstab zur Charakterisierung von Wirtschaftssystemen
hatte Eucken die ,Zentralverwaltungswirtschaft' zu einem Extrempunkt einer
vermachteten Wirtschaft erklärt,427 dem er nun am anderen Ende der Skala die
Marktform der vollständigen Konkurrenz als machtfreie Wirtschaftsform entge-
genstellte. "Nur in einer einifgen Marktform fehlt das Phänomen der wirtschaftli-
chen Macht fast völlig: Nämlich bei Verwirklichung der vollständigen Konkur-
renz. (...) Oder - anders formuliert: Jeder hat eine so kleine Portion an Macht, daß sie
unbeachtlich ist. Das Problem der wirtschaftlichen Macht würde in einem solchen
Lande praktisch nicht existieren." 428 Zwar gestand Eucken ein, daß es sich bei
der vorausgesetzten Marktform um die Modellkonstruktion eines in der Wirk-
lichkeit nicht vorzufindenden Idealfalls handelt und kritisierte deshalb die "viel-
fach mathematisch gedachte(n) Konstruktionen" der vollständigen Konkurrenz,
die er für die konkrete wirtschaftspolitische Anwendung als untauglich ab-
lehnte.429 Aber auch im Rahmen seines zweistufigen Abstraktionsverfahren, das
die Verbindung von der Theorie zur vielschichtigen Wirklichkeit schlagen sollte,
blieb Eucken dem neoklassischen Analysemodell verhaftet. 430 Allen Widersprü-
chen zum Trotz wurde die Figur der vollständigen Konkurrenz als normatives
Leitbild der Wettbewerbsordnung zu einem wesentlichen Element des ordolibe-
ralen Nachkriegsprogramms,431 sichtbar etwa an der positiven Hervorhebung in

427 "Es gibt kein Wirtschaftssystem, in dem Macht stärker konzentriert wäre. Und in seinem
Rahmen wiederum am stärksten in der total zentralgeleiteten Wirtschaft. Hier äußert sich
wirtschaftliche Macht unbeschränkt." Walter Eucken, Grundlagen der Nationalökonomie
(1940), a.a.O., S. 103; Herv. im Original
428 Ebenda, S. 230; Herv. im Original
429 "Man bezeichnet z.B. die vollständige Konkurrenz als diejenige Marktfonn, bei welcher der Ein-
fluß des Einzelnen gleich Null ist, was offensichtlich nur bei einer unendlichen Zahl von An-
bietern oder Nachfragern der Fall ist. (...) Demgegenüber hat die Gewinnung von Marktfor-
men aus und für die wirtschaftliche Wirklichkeit zu erfolgen." Ebenda, S. 284; Herv. im Original
430 In entgegengesetzte Richtung argumentieren Lüder Gerken/ Andreas Renner, Die ordnungs-
politische Konzeption Walter Euckens, in: Lüder Gerken (Hrsg.), Walter Eucken und sein
Werk, Tübingen 2000, S. 1- 47, hier S. 6 f. und S. 31 f. Ihre Argumentation bleibt insoweit
widersprüchlich, als sie einerseits Euckens neoklassische Methodenpräferenz bestätigen (S. 8)
und andererseits seine Gegnerschaft zur neoklassischen Gleichgewichtstheorie behaupten (S.
6, und S. 32). Euckens Abstraktionsverfahren hebt diesen Widerspruch eben gerade nicht auf.
431 Diese Orientierung auf die Realisierung einer bestimmten Marktform wurde Mitte der fünfzi-
ger Jahre von Seiten der Ordoliberalen allmählich korrigiert. Sie wird im gesamten Spektrum
des Neoliberalismus wegen ihrer statischen Ausrichtung als Fehler angesehen (weitere Ausfüh-
rungen hierzu finden sich im 4. Kapitel dieser Arbeit). Selbst ein Eucken-Anhänger wie Lenel
vertritt die Position, "daß die starke Hervorhebung der vollständigen Konkurrenz (...) als eine
Schwäche anzusehen ist." Hans Otto Lenel, Walter Euckens ,Grundlagen der Nationalöko-
nomie', a.a.O., S. 11; Konsens ist bei aller Unterschiedlichkeit in der Argumentation, daß das
Denken in Marktformen dem dynamischen Charakter des Wettbewerbs nicht gerecht wird.
Zwar "(haben) die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte gezeigt, daß sich der Wettbewerb nicht
automatisch einstellt; vielmehr ist in der modernen Wirtschaft ein ständiger Hang zu Wettbe-

119
den Grundsätzen der Wirtschaftspolitik, in der Euckens Präferenz zugunsten dieser
Marktform noch deutlicher zutage trat als in den ,Grundlagen'.432
Wenn aber die (annähernde) Verwirklichung der vollständigen Konkurrenz
mit der Abwesenheit von wirtschaftlicher Macht gleichzusetzen war, konnte
wirtschaftliche Macht bei Eucken letztlich nur als diejenige Marktmacht definiert
sein, die Konkurrenzpreise außer Kraft zu setzen in der Lage ist. Für ihn lag die
Ursache wirtschaftlicher Macht deshalb in einer mangelhaften Marktorganisa-
tion, die zu beseitigen Aufgabe der staatlichen Wirtschaftspolitik sein sollte, eben
durch Herstellung des Zustandes möglichst vollkommener Konkurrenz. Dieser
Standpunkt Euckens hat bis in die Gegenwart zu vielschichtigen Auseinander-
setzungen um die Ursachen, Bedeutung und Folgen wirtschaftlicher Macht
geführt, im neoliberalen Lager selbst wie auch von den Kritikern außerhalb des
neoliberalen Spektrums. So hält etwa Fritz Marbach den von Eucken pro-
klamierten "Idealzustand der Machtlosigkeit" für schiere Träumerei, weil dabei
von der Annahme ausgegangen wird, es ließe sich ein bestimmter Zustand des
Marktes dauerhaft ftxieren. Dadurch aber würden die individuellen Kräfte des
Wettbewerbs außer Kraft gesetzt, was in einer Marktwirtschaft nicht funktionie-
ren könne. Für Marbach ist Wettbewerb "unausweichlich mit einer laufenden
Änderung der Machtverhältnisse am Markt verbunden. Dem Wettbewerb ist
eine Veränderung der in einem bestimmten Zeitpunkt gegebenen Machtstruktur
inhärent. Er läßt sich vom Begriff der Macht gar nicht trennen." 433
Die heute innerhalb des neoliberalen Lagers dominierende Position, die
insbesondere durch Mises und Hayek geprägt wurde, sieht in Euckens Analyse
eine zu starke Betonung der Gefahr privater Marktmacht und zugleich eine
Unterschätzung der Gefahr staatlicher Macht, um so mehr, als das ordoliberale
Programm zur ,Veranstaltung' der ,machtfreien' Marktwirtschaft den Staat zum
zentralen Instrument seiner Ordnungspolitik erkoren hatte. Denn für Mises und
Hayek waren ökonomische Machtkörper wie Monopole und die von ihnen ge-
setzten Monopolpreise fast ausnahmslos auf staatliche Interventionen oder Be-

werbsbeschränkungen zu beobachten. Daraus leitet sich die Aufgabe des Staates als Ord-
nungsinstanz ab, den Wettbewerb zu fördern und zu schützen sowie seine Verzerrungen ab-
zubauen, d.h. ihn wirksam zu machen und zu erhalten." Andererseits, so Besters, "(ist) wirk-
samer Wettbewerb prozessual als unendliche Abfolge von vorstoßenden (innovatorischen)
und nachfolgenden (imitatorischen) Entscheidungen und Handlungen der Wirtschaftseinhei-
ten aufzufassen. Folglich ist es abwegig, ihn mit einer bestimmten Marktform zu identifizieren.
Die Marktform der vollständigen Konkurrenz (...) kann ebensowenig als Leitbild gelten wie die
unvollständige Konkurrenz (... ) oder das weite Oligopol (...), weil das jeweils auf die Konser-
vierung einer bestimmten Marktform und -struktur hinausliefe, insonderheit dem Wettbewerb
als Entdeckungsverfahren (...) nicht gerecht würde." Hans Besters, Neoliberalismus, in: Ro-
land Vaubel/Hans D. Barbier (Hrsg.), Handbuch Marktwirtschaft, Pfullingen 1986, S. 107-
122, hier S. 110
432 Vgl. Hans Otto Lenel, Walter Euckens ,Grundlagen der Nationalökonomie', a.a.O., S. 11
433 Fritz Marbach, Zur Frage der wirtschaftlichen Macht, in: Vom Sinn der Konzentration.
Beiträge aus Wissenschaft und Praxis. Volkmar Muthesius zum 65. Geburtstag, Frankfurt am
Main 1965, S. 19-29, hier S. 23

120
schränkungen zurückzuführen. 434 Bei einem wirklich freien Markt ohne staat-
liche Eingriffe würde sich das Problem wirtschaftlicher Macht gewissermaßen
von selbst erledigen, noch vorhandene Monopole seien dann Ausdruck
tatsächlich vorhandener Überlegenheit durch effizientere Produktionsweise, Be-
triebsgröße, Technologie etc.
Man könnte Eucken aus heutiger Sicht zugute halten, das Thema der
privaten ökonomischen Macht im allgemeinen und die Monopolfrage im spe-
ziellen überhaupt in die wirtschaftswissenschaftliche Diskussion gebracht zu
haben, gerade weil man ansonsten das "(erstaunlich) geringe Interesse" kon-
statieren muß, "das die Volkswirtschaftstheorie über weite Strecken ihrer ZOO-
jährigen Geschichte Machtfragen entgegengebracht hat." 435 Allerdings spricht
bei genauer Betrachtung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen vieles
dafür, daß Eucken bei der Behandlung dieser Frage nicht zuletzt den damaligen
Diskursanforderungen gefolgt ist, denn ohne die (zumindest symbolische)
Thematisierung wirtschaftlicher Macht wäre wohl weder im Nationalsozialismus
und noch weniger in der frühen Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik die
Revitalisierung einer marktwirtschaftliehen Ordnung möglich gewesen. 436 Dem
eigentlichen Problem ist Eucken dabei kaum näher gekommen, da er durch
seine Reduktion auf die Analyse unvollkommener Marktorganisation im Rah-

434 Für Hayek muß "betont werden, daß es wichtiger ist, daß die Regierung sich jeglicher
Unterstützung von Monopolen enthält, als daß sie sie bekämpft. (. ..) Es ist in der Tat sehr
zweifelhaft, ob heute überhaupt ein besondere Maßnahmen erforderndes Monopolproblem
bestehen würde, wenn sich die Regierung immer konsequent enthalten hätte, Monopole zu
schaffen oder sie durch Schutzzölle, Patentgesetze oder gewisse Bestimmungen des Körper-
schaftsrechts zu fördern." Zwar seien "Monopolpositionen in jedem Falle unerwünscht, aber
oft aus objektiven Gründen, die wir nicht ändern können oder auch nicht ändern wollen,
unvermeidlich." Friedrich August von Hayek, Freiburger Studien. Gesammelte Aufsätze,
Tübingen 1969, S. 123; bei Mises heißt es: "Nahezu alle Monopolpreise, die auf den Märkten
gefordert und bewilligt werden, verdanken ihr Entstehen den Eingriffen der Regierungen. (... )
Sie (die nationalökonomische Betrachtung; Anm. R.P.) hat einfach festzustellen, daß man
durch behördliche Eingriffe in das Marktgetriebe die Bedingung für die Entstehung von
Monopolen und die Bildung von Monopolpreisen schaffen kann und heute tatsächlich in
großem Umfange schafft." Ludwig von Mises, Nationalökonomie: Theorie des Handeins und
Wirtschaftens, Genf 1940, S. 620; darauf aufbauend: Erich Hoppmann, Wettbewerb und
Wachstum in marktwirtschaftliehen Ordnungen, in: Erich Streissler/Christian Watrin (Hrsg.),
Zur Theorie marktwirtschaftlicher Ordnungen, Tübingen 1980, S. 240-248, hier S. 247 f.
435 Knud Hansen, Stichwort ,Macht, ökonomische', in: Handwörterbuch der Volkswirtschaft, 2.
Auflage, Wiesbaden 1980, Spalte 743 bis 761, hier Spalte 759
436 Vgl. Mariarme Welteke, Theorie und Praxis der Sozialen Marktwirtschaft. Einführung in die
politische Ökonomie der BRD, Frankfurt am Main 1976, hier S. 38. Ausführlicher hierzu vgl.
auch Abschnitt 3.2 in der vorliegenden Arbeit.

121
men eines statischen Modells wesentliche Aspekte des Problems wirtschaftlicher
Macht und ihrer Ursachen kategorisch ausgeblendet hat. 437
Das galt insbesondere für die Wechselwirkung zwischen wirtschaftlicher
und politischer Macht und die Verteilungsfrage. Bereits Stackelberg kritisierte in
seiner zeitgenössischen Besprechung der ,Grundlagen' Euckens Verengung auf
die Marktform: "Die wirtschaftliche Macht beruht nicht nur auf der Marktstel-
lung. Sie hängt auch von dem Grade ab, in welchem eine Wirtschaftseinheit
über Güter verfügen kann. Verschiedenheiten in der Vermögensverteilung be-
gründen Machtbeziehungen auch dann, wenn der Markt die Form vollständiger
Konkurrenz aufweist." 438 Demgegenüber bewertete Euckens Kollege Rüstow
die Entmachtungswirkung bei vollständiger Konkurrenz am Markt zwar positi-
ver als Stackelberg, stimmte diesem aber darin zu, "daß ererbte Verschieden-
heiten in der Vermögensverteilung auch hier eine wirtschaftliche Ungerechtig-
keit bedeuten würden, die durch eine Änderung des Erbrechts zwecks Herstel-
lung wirtschaftlicher Startgleichheit bzw. Startgerechtigkeit beseitigt werden
müßte. " 439
Auch Hans Peter ging in seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem
deutschen Neoliberalismus von 1953 auf die Notwendigkeit zur Herstellung
gleicher Startbedingungen im Marktgeschehen ein. Ohne entsprechende Voraus-
setzungen zu schaffen, könne marktwirtschaftliche Konkurrenz nur zu gesell-
schaftlicher Destruktion führen, denn "Konkurrenz unter Ungleichen liefert(...)

437 Pütz unterscheidet neben der Marktmacht, die er als "marktwirtschaftliche Macht" bezeichnet,
noch die "wirtschaftspolitische Macht" des Staates und - unter Berufung auf Jöhr- die "wirt-
schaftspsychologische Macht", womit die Fähigkeit, das wirtschaftliche V erhalten zu beein-
flussen, gemeint ist. Theodor Pütz, Marktmechanismus, wirtschaftliche Macht und Wirt-
schaftsordnung, in: Jahrbuch für Sozialwissenschaft, Bd. 2, Heft 1, 1951, S. 1-20, hier S. 15
und S. 18
438 Heinrich von Stackelberg, Die Grundlagen der Nationalökonomie. Bemerkungen zu dem
gleichnamigen Buch von Walter Eucken, in: Weltwirtschaftliches Archiv, Bd. 51, 1940 (1), S.
245-286, hier Fn. 1, S. 280
439 Alexander Rüstow, Zu den Grundlagen der Wirtschaftswissenschaft, a.a.O., S. 410; seine Vor-
stellung, durch eine Veränderung des Erbrechts eine generationenbezogene Umverteilung von
Privateigentum vorzunehmen, ist zweifellos die weitest gehende Verteilungsvorstellung des
Ordoliberalismus und brachte Rüstow massive Kritik aus dem eigenen Lager ein. Allerdings
hat Rüstows Vorstellung zuvorderst eine legitimatorische Funktion, um durch die "Verbin-
dung von Startgerechtigkeit mit freier Leistungskonkurrenz" (S. 97) die Akzeptanz für das
marktwirtschaftliche System zu erhöhen. Rüstow orientierte sich an einem Marktideal mit
breiter Eigentumsstreuung. Vgl. zu seiner Position in dieser Frage: Alexander Rüstow, Das
Versagen des Wirtschaftsliberalismus, (1. Auflage 1945), 2. Auflage, Bad Godesberg 1950, S.
96 ff.; zur Kritik durch Ilau, Röpke und Eucken-Erdsiek vgl. Dieter Haselbach, Autoritärer
Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., Fn. 352, S. 335 f. Zwar ist Haselbach zu fol-
gen, wenn er in Zusammenhang mit Rüstows sozialreformerischer Vergangenheit davon
spricht, daß "manchmal die alte utopische Frische auf(blitzt)." (S. 215) Nicht zutreffend er-
scheint mir in diesem Zusammenhang allerdings die Verwendung des Begriffs "Chancen-
gleichheit" (ebenda), denn Rüstow sprach stets nur von "Startgerechtigkeit" und "Startgleich-
heit" als singulärem Akt zur Flankierung der individuellen Verantwortung in einer unter diesen
Bedingungen leistungsgerechten Marktwirtschaft.

122
den Schwachen dem Starken aus."440 Für Peter liegt eine wesentliche Ursache
des idealisierten Marktverständnisses mit seinen angeblich machtfreien Struktu-
ren im Freiheitsverständnis des Neoliberalismus begründet, der Freiheit allein
aus der Perspektive der ,Stärkeren' in der Wirtschaftsgesellschaft interpretiert
und sie zugleich ihres materiellen Kerns endeert. Dem stellt er die "Forderung
nach gleicher Chance und materiell gerechter Verteilung" als "Bedingungen der
Freiheit" 441 entgegen. Denn Peterhält die ökonomische Annahme Euckens, daß
der Gleichgewichtszustand bei freier Konkurrenz quasi automatisch einen Zu-
stand von Gerechtigkeit im Sinne von Macht- und Chancengleichheit her-
beiführt,442 für eine unbewiesene Annahme im "Marktmodell der liberalen
Utopie",443 auf die sich trotz ihres hypothetischen Charakters das gesamte
ordoliberale Modell stützt.
Einen anderen Ansatz in der Auseinandersetzung mit dem neoliberalen
Machtverständnis wählten Erich Preiserund Gert von Eynern, indem sie wirt-
schaftliche Macht in Beziehung zur Nachfrage- bzw. Angebotselastizität setzten.
Auch bei vollständiger Konkurrenz, so die These, ist die Position der Marktteil-
nehmer von ihrer jeweiligen Elastizitätslage abhängig und kann damit wirtschaft-
liche Macht begründen. Am Beispiel des Arbeitsmarktes zeigt sich: Für die
abhängig Beschäftigten ist die Lage unelastisch, das Arbeitsangebot ist starr,
denn sie haben grundsätzlich keine Alternative, als ihre Arbeitskraft anzubieten,
können in der Regel nicht einmal das Angebot reduzieren. Die Marktseite der
Arbeitgeber befindet sich dagegen in einer elastischen Lage und damit macht-
volleren Position, da sie gegebenenfalls wählen kann, ob sie auf Rationalisierung
durch neue Technologien und Produktionsstrukturen bzw. -verfahren oder aber
auf menschliche Arbeitskraft setzen will. "Hinter der Elastizität des Angebots
steht die Macht, die der Besitz verkörpert, und dieses Fundament", so folgert
Preiser in Hinblick auf den ordoliberalen Vorwurf des gewerkschaftlichen
Machtmonopols, "ist weitaus stabiler als etwa ein Kollektivmonopol der
Arbeiter, das das Angebot von Arbeit nur künstlich und der Natur der Sache

440 Hans Peter, Freiheit der Wirtschaft, a.a.O., S. 100


441 Ebenda, S. 129
442 Diesen Zusammenhang hob Eucken mit besonderer Deutlichkeit in seinen Grundsätzen der
Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 166 hervor: "Die Aufgabe bleibt immer die gleiche: die Herstel-
lung einer funktionsfiihigen und geruhten Ordnung. Was Gleichgewicht bedeutet, kann einem im
Angesicht dieser doppelten Aufgabe klar werden: Die Funktionsfähigkeit ist eine Frage des
Gleichgewichts. Nicht weniger aber ist es -was hier nur angedeutet werden soll- die Gerech-
tigkeit. Dem Gleichgewicht kommt also mehr als eine bloß ökonomisch-technische Bedeutung
zu." (Herv. im Original) Peter sieht darin eine unzulässige Vermischung des theoretischen
Gleichgewichtsbegriff mit der politischen Präferenz zugunsten einer bestimmten Ordnung.
Für ihn ist dies "ein Denkfehler, über dem das Gebäude zusammenbricht." Hans Peter, Frei-
heit der Wirtschaft, a.a.O., S. 67
443 Hans Peter, Freiheit der Wirtschaft, a.a.O., S. 132

123
nach nur vorübergehend einschränken kann." 444 Von Eynern kommt zu dem
Schluß, "daß Machtverhältnisse mit all ihren eventuell brutalen Folgen auch bei
vollständiger Konkurrenz nicht nur möglich, sondern sogar in einem sozial-
relevanten Umfange üblich und außerdem nicht ganz zu vermeiden sind. (...)
Das Konkurrenzsystem ist weit weniger harmonisch als es die alten und neuen
Liberalen wahr haben wollen." 445 Um die Elastizitätsdifferenzen zu beseitigen,
sieht er letztlich keine andere Alternative als korrigierende Eingriffe in die
bestehende Eigentums- und Vermögensverteilung, denn "Eigentum ist eine
Quelle wirtschaftlicher Macht."446
Selbst ohne an dieser Stelle weiter auf das spannungsgeladene Verhältnis
von wirtschaftlicher und politischer Macht eingehen zu können bzw. die weite-
ren Erscheinungs- und Wirkungsebenen wirtschaftlicher Macht zu beleuchten,
dürfte anhand der von sehr unterschiedlichen Interessen geleiteten Kritik deut-
lich geworden sein, daß das immer wieder hervorgehobene Ansinnen Euckens,
die wirtschaftliche Macht beseitigen zu wollen, sich im Kern auf das Leitbild
vollständiger Konkurrenz stützt, das zudem unter zweifelhaften Modellannah-
men konstruiert wurde; faktisch ist die Eucken'sche These von der Notwendig-
keit und Möglichkeit einer ,entmachteten' Wirtschaft die zwangsläufige Folge
des auch bei den Ordoliberalen vorhandenen Glaubens an die selbstregulieren-
den Kräfte der Marktwirtschaft. 447 Somit ist der theoretische Kern in Euckens
Ausführungen zur wirtschaftlichen Macht wenig originell, realistischerweise liegt
ihre Bedeutung eher auf der politisch-ideologischen Ebene, in der Vision einer
machtfreien Marktwirtschaft zur Rechtfertigung marktwirtschaftlicher Ord-
nungspolitik. Aber selbst, wenn man Euckens These folgen würde, ist damit
noch nicht geklärt, darauf verweist Pütz, ob "es in unsere freie Wahl und Ge-
staltungsmöglichkeit gestellt ist, die Machtverteilung beliebig zu verändern." 448
Pütz bleibt bei der Beantwortung dieser Frage skeptisch, für ihn ist die
wirtschaftliche Vermachtung historisch-soziologisch bedingt und deshalb nicht
einfach strukturell zu beseitigen.
Hatte Eucken also durch die Behandlung der Frage der wirtschaftlichen
Macht eine eindeutige Positionierung zugunsten einer bestimmten Wirtschafts-

444 Erich Preiser, Besitz und Macht in der Distributionstheorie, in: ders., Bildung und Verteilung
des Volkseinkommens. Gesammelte Aufsätze zur Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik,
Göttingen 1957, S. 173-192, hier S. 183
445 Gert von Eynem, Die wirtschaftliche Macht, Schriftenreihe der Deutschen Hochschule für
Politik Berlin, Berlin 1952, S. 19
446 Ebenda, S. 20
447 "Aus der Logik des mechanistischen Selbstregulierungsprozesses der Marktwirtschaft folgt,
daß die Macht in dem doppelten Sinne der marktwirtschaftliehen und wirtschaftspolitischen
Macht keine Ordnungskraft sein kann, sondern nur ein ordnungsstörender Faktor. (...) Die
Theorie des hypothetischen Marktmechanismus mlljl als eine ihrer Hypothesen die ,Ent-
machtung' einführen, um dem Marktmechanismus ordnende Kraft zuschreiben zu können."
Theodor Pütz, Marktmechanismus, wirtschaftliche Macht und Wirtschaftsordnung, a.a.O.,
S. 16 f.; Herv. im Original
448 Ebenda, S. 20

124
ordnung vorgenommen, so stand doch mit den ,Grundlagen' eigentlich der An-
spruch im Vordergrund, eine allgemeine Theorie der Wirtschaftsordnung zu
präsentieren. Im Anschluß an seine durch pointierende Abstraktion gewonnene
Morphologie der Idealtypen formulierte Eucken denn auch den Anspruch, dafür
eine unabhängig von Zeit und Raum gültige Grundlage geschaffen zu haben, um
"das Ordnungsgefüge und damit den Aufbau der Wirtschaftsordnung einer jeden
Epoche und eines jeden Volkes zu erkennen" und zum zweiten in der Anwen-
dung seiner theoretischen Sätze "ein geeignetes Werkzeug" zu besitzen, "um
den konkreten Wirtschaftsprozeß (...) einer jeden konkreten wirtschaftlichen Ord-
nung"449 zu erkennen. Fast zwangsläufig drängt sich bei einem solch komplexen
Anspruch die Frage auf, wie Eucken mit der Herausbildung von Idealtypen
diesen universellen Ansatz mit historischer Dimension bewerkstelligen wollte,
angesichts der Fülle von Bedingungskonstellationen und Kausalzusammenhän-
gen, die auf die Entstehung und Entwicklung von Wirtschaftsordnungen wirken.
Euckens Lösung lag in einer "methodische(n) Selbstbeschränkung"450 bezo-
gen auf den sogenannten Datenkranz, mit dem er die Summe von Daten be-
zeichnete, die im einzelnen oder im Zusammenwirken Einfluß auf das wirt-
schaftliche System ausüben können, so ,Natur', ,Arbeit', ,technisches Wissen',
,Bedürfnisse' und ,rechtliche und soziale Organisation'. Zwar bestritt Eucken
keineswegs, daß konditionale oder kausale Zusammenhänge zwischen den
Daten bestehen, bzw. daß die Veränderung von Daten Rückwirkungen auf die
Wirtschaftssituation hat, hielt aber die ökonomische Theorie für nicht geeignet,
den Datenkranz zu erklären. 451 Die Daten hatten somit für Eucken einerseits
realen Einfluß auf die Ökonomie (und umgekehrt), sie galten ihm zugleich als
(entwicklungsgeschichtlich) indeterminiert, stellten also prinzipiell eine ge-
staltbare Größe dar,452 blieben aber andererseits als von außen gesetzte Faktoren
aus seiner Theorie der Wirtschaftsordnung gänzlich ausgeklammert.
Es sind deshalb erhebliche Zweifel angebracht, ob Eucken mit seinem "Bild
des ,Datenkranzes', der die Marktwirtschaft umgibt", tatsächlich wie jüngst Hans
F. Zacher konstatiert, "ein leistungsfahiges Muster (schuf), um zwischen der

449 Walter Eucken, Grundlagen der Nationalökonomie (1947), a.a.O., S. 254 f.; Herv. durch R.P.;
Albert spricht in diesem Zusammenhang "von der unglücklichen Charakterisierung der
Theorie als eines Systems allgemeiner, hypothetischer Urteile von apodiktischer Gewißheit."
Hans Albert, Marktsoziologie und Entscheidungslogik, a.a.O., S. 142
450 Helmut Leipold, Die große Antinomie der Nationalökonomie, a.a.O., S. 26
451 "Gesamtwirtschaftliche Daten sind diejenigen Tatsachen, die den ökonomischen Kosmos be-
stimmen, ohne selbst unmittelbar von ökonomischen Tatsachen bestimmt zu sein. An den
faktischen gesamtwirtschaftlichen Daten endigt die theoretische Erklärung. Aufgabe der
Theorie ist es, die notwendigen Zusammenhänge bis zum Datenkranz zu verfolgen und
umgekehrt zu zeigen, wie von den einzelnen Daten das wirtschaftliche Geschehen abhängt.
Aber die ökonomische Theorie ist nicht fahig, ihr Zustandekommen zu erklären." Walter
Eucken, Grundlagen der Nationalökonomie (1947), a.a.O., S. 243 f.
452 V gl. Ernst Heuß, ,Die Grundlagen der Nationalökonomie' vor 50 Jahren und heute, a.a.O., S. 26

125
Marktwirtschaft und den sie umgebenden Politikfeldern zu unterscheiden",453
wird doch gerade die an anderer Stelle proklamierte Einheit von Wirtschafts-
und Sozialordnung methodisch aufgehoben. Die Ausklammerung des Daten-
kranzes aus der ökonomischen Analyse erscheint tatsächlich als ein "merkwürdig
anmutender Versuch" zur Lösung der ,großen Antinomie'. Gebhard Kirchgäss-
ner sieht denn auch "keinen Grund für die von Eucken postulierte Grenze" 454
der Daten. Gerade, weil Eucken den Einfluß der Daten auf die Wirtschaftsord-
nung und den Wirtschaftsprozeß nicht nur abstrakt anerkannt, sondern auch
selbst analysiert und daraus allgemeine staatspolitische Empfehlungen abgeleitet
hat (explizit in seiner Weimarer Schrift Staatliche Strukturwandlungen und die Krisis
des Kapitalismus), bleibt die methodische Eliminierung der Daten ebenso un-
verständlich, wie die Anwendung theoretischer Instrumente bei Eucken den
Eindruck einer gewissen Beliebigkeit hinterläßt. 455 Durch das Verweisen des in-
stitutionellen Staatsaufbaus in den außerökonomischen Bereich wird auch
Euckens These von der Interdependenz der Ordnungen theoretisch unzuläng-
lich. Das daraus abgeleitete ordoliberale Implementierungsprojekt beschneidet
sich genau hier, fehlen der ordnungspolitischen Beratung damit doch "konkrete
institutionelle Ausgestaltungsempfehlungen für den politischen Bereich". 456 In
der Renaissance der Ordnungstheorie seit den achtziger Jahren wird nun ver-
sucht, dieses Dilemma im Rahmen der ,Neuen Ökonomischen Institutionen-
theorie' aufzulösen, 457 die in der Praxisebene darauf abzielt, die marktwirtschaft-
liehe Regierungsberatung stärker auf die politisch-institutionellen Voraus-
setzungen einer Liberalisierungspolitik auszurichten.
Ob Euckens methodische Selbstbeschränkung, wie Meyer unter Berufung
auf Albert meint, Ausdruck einer "strukturellen Relativierung" ökonomischer
Theoriebildung ist, die dieser vornimmt, weil er "es für unmöglich hält, die je-
weils erforderlichen Bedingungen vollständig und in einer Weise formulieren zu
können, die es gestattet, die Zusammenhänge exakt zu erfassen",458 muß be-
zweifelt werden. Die Isolierung der Daten bei Eucken spricht eher für eine
Überhöhung der ökonomischen Theorie zu einer Art Leitwissenschaft, die
durch andere Disziplinen, insbesondere die Soziologie, bestenfalls ihre Ergän-

453 Hans F. Zacher, Grundlagen der Sozialpolitik in der Bundesrepublik Deutschland, in: Bundes-
ministerium für Arbeit und Sozialordnung und Bundesarchiv (Hrsg.), Geschichte der Sozial-
politik in Deutschland, Bd. 1, Baden-Baden 2001, S. 333-684, hier S. 461
454 Gebhard Kirchgässner, Wirtschaftspolitik und Politiksystem, a.a.O., S. 56 f.
455 "Die ökonomische Theorie ist in ihrer Gesamtheit ein Kasten voller gedanklicher Instrumente.
Welche dieser Instrumente bei Bearbeitung des einzelnen konkreten Problems eingesetzt wer-
den müssen und welche hierbei in dem Kasten verbleiben, entscheidet der einzelne konkrete
Fall in seiner Besonderheit." Walter Eucken, Grundlagen der Nationalökonomie (1947),
a.a.O., S. 270
456 Dieter Cassel/Siegfried Rauhut, Soziale Marktwirtschaft: Eine wirtschaftspolitische Konzep-
tion auf dem Prüfstand, a.a.O., S. 21
457 Vgl. Helmut Leipold, Das Ordnungsproblem in der ökonomischen Institutionenheorie, in:
ORDO, Bd. 40, 1989, 129-146
458 Willi Meyer, Geschichte und Nationalökonomie, a.a.O., S. 48

126
znng findet. 459 Schon :Mitte der fünfziger Jahre hatte Nell-Brenning kritisiert,
daß innerhalb der neoliberalen Ordnnngstheorie "Wirtschaft mehr oder weniger
gleichgesetzt erscheint mit Katallaktik", in der zur Aufrechterhaltnng dieser Re-
duktion "immer mehr nnd mehr Probleme in den sogenannten Datenkranz (ab-
gedrängt werden), den Rahmen, so daß schließlich der Datenkranz das interes-
santeste wird." 460 Letztlich überdeckt die Eucken'sche Datentabuisiernng die
Begrenztheit des neoklassischen Modells, dem er in seinem theoretischen Ansatz
folgt, 461 nnd sie kaschiert den normativen Charakter der ordoliberalen Ord-
nnngstheorie zugnnsten eines bestimmten Modells marktwirtschaftlicher
Ordnnng.
Um das letzte Argument nachzuvollziehen, ist es notwendig, sich noch
einmal mit dem Ordnnngsbegriff Euckens auseinanderzusetzen. Sein Ordnnngs-
begriff stand für zwei Bedeutnngsebenen, einmal für die Analyse von bestehen-
den Wirtschaftssystemen, also als theoretischer Begriff, zum anderen zur Cha-
rakterisiernng einer gewollten Wirtschaftsordnnng, damit als wertender, norma-
tiver Begriff. 462 Bei Eucken vermischten sich beide Ebenen, auch wenn er selbst
ab der 6. Auflage der ,Grnndlagen' nnd darauf aufbauend in den Grundsätzen der
Wirtschciftspolitik eine begriffliche Trennnng seines Verständnisses von ,Ordnnng'
einführte. 463 Aber diese Begriffsglättnng ändert nichts am eigentlichen Problem,

459 Vgl. Hans-Günter Krüsselberg, Das Systemkonzept und die Ordnungstheorie: Gedanken über
einige Forschungsaufgaben, in: Dieter Cassel/Gemot Gutmann/H. Jörg Thieme (Hrsg.), 25
Jahre Marktwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Konzeption und Wirklichkeit,
Stuttgart 1972, S. 26-45, hier S. 28; Krüsselberg sieht diese Entwicklung allerdings als Folge
einer unzureichenden Interpretation Euckens, die dazu geführt hat, "daß sein Ansatz als ein
wesentliches Argument zur Begründung der ,theoretischen Autonomie des ökonomischen
Denkens' benutzt und dabei zugleich der Soziologie die Rolle einer ,Datenwissenschaft' zuge-
wiesen wurde." Auf das Problem der Datenausgrenzung geht auch Albert ein: Die "Freiburger
Schule Euckens (... ) wollte offenbar die Theorie nach altem Vorbild so aufbauen, daß der
Preismechanismus ,rein' zum Vorschein kam und die anderen Sanktionsmechanismen und
Strukturkomponenten des sozialen Feldes durch Datenbildung theoretisch neutralisiert wer-
den konnten. Die Grenze zwischen Ökonomie und Soziologie schien nur auf diese Weise ein-
wandfrei konstruierbar zu sein." Hans Albert, Marktsoziologie und Entscheidungslogik, a.a.O.,
s. 103
460 Oswald von Nell-Breuning, Neoliberalismus und katholische Soziallehre, a.a.O., S. 117
461 Vgl. Hans Albert, Marktsoziologie und Entscheidungslogik, a.a.O., Fn. 56, S. 274
462 Vgl. zu dieser Frage unter vielen: Dieter Cassel, Wirtschaftspolitik als Ordnungspolitik, a.a.O.,
S. 323 ff.; Hans Peter, Freiheit der Wirtschaft, a.a.O., S. 38 f.
463 "Wir trennen diese Begriffe, indem wir die konkreten ,Wirtschaftsordnungen' von dem
Streben nach ,Ordnung der Wirtschaft' unterscheiden." Walter Eucken, Grundsätze der Wirt-
schaftspolitik, a.a.O., S. 373; im Vorwort des ORDO-Jahrbuches, Bd. 12, 1960/61 präzisierten
Böhm, Lutz und Meyer Euckens Argumentation: "Es ist aber in der Tat ein großer Unter-
schied zwischen der ,Wirtschaftsordnung' in dem Sinne, in dem ein Nationalökonom diesen
Begriff verstehen muß, wenn er versucht, empirisch festgestellte Wirtschaftsabläufe theore-
tisch zu analysierten und zu erklären, und der ,Wirtschaftsordnung', an die er denkt, wenn er
als wirtschaftspolitischer Theoretiker über die Möglichkeiten nachdenkt, eine Gesellschafts-
wirtschaft politisch und rechtlich normativ zu ordnen." (S. XLI f.; Herv. im Original). Damit
scheint für Hoppmann das eigentliche Problem der Doppeldeutigkeit von ,Ordnung' gelöst zu
sein, wenngleich er hinsichtlich der politischen Auswirkungen einschränkend anmerkt: "Ob

127
daß Eucken einerseits eine allgemeine Theorie der Wirtschaftsordnung mit
höchstem sozialwissenschaftliehen Anspruch anstrebte, andererseits implizit im
Rahmen seiner nur scheinbar wertneutralen Typenbildung und am Ende der
,Grundlagen' auch explizit nur eine bestimmte ordnungspolitische Entscheidung
für möglich hielt. Tatsächlich "(erweist sich) die methodische Abgrenzung von
Ordnungstheorie und Ordnungsidee als brüchig'', 464 und verwischt dabei "das
logische Problem, das in einem Übergang von einer Theorie der Ordnungen zu
einem Entscheiden über Ordnungen liegt."465 Denn es bleibt unklar, wie
Eucken von der Analyse der Wirtschaftssysteme zum theoretischen Ergebnis als
Grundlage der Entscheidung für eine bestimmte Wirtschaftsordnung gelangt ist.
Das V erfahren und die Kriterien für diesen Schritt bleiben weitgehend im Dun-
keln, letztlich war Euckens Entscheidung zuvorderst eine politische Bewertung,
die allerdings nicht deutlich als solche ausgewiesen wurde. 466 Zwar ließ Eucken
erkennen, daß "die Antwort auf die Frage, welche Ordnungsformen realisiert
werden sollen, vor allem davon ab(hängt), ob sie die Herstellung eines Gleich-
gewichts bewirken",467 aber auch damit bewegte sich Eucken bereits wieder im
neoklassischen Denkgebäude, so daß die ordnungspolitische Entscheidung
bereits präformiert war.
Euckens Präferenz tritt eindeutig zu tage, wenn er abschließend in den
,Grundlagen' für "eine funktionsfähige und menschenwürdige Dauerord-
nung"468 auf der Basis einer Wirtschaftsverfassung plädierte, wie sie in der Reihe
Ordnung der Wirtschaft bereits vorgezeichnet worden war. Diese Dauerordnung,
konkretisierte Eucken nach 1945, müsse eine Ordnung sein, "die dem Wesen
des Menschen und der Sache entspricht; das heißt Ordnung, in der Maß und
Gleichgewicht bestehen. (...) Die Ordnung wird gesucht, welche anders - als die
gegebenen Ordnungen- der Vernunft oder der Natur des Menschen und der
Dinge entspricht."469 Damit ist der eigentliche Kern des ORDO-Gedanken
umrissen, der mit der Herausgabe des ORDO-Jahrbuchs ab 1948 zur

diese Terminologie sehr glücklich war, bleibe dahingestellt, die Mißverständnisse in der wirt-
schaftspolitischen Diskussion hat sie nicht verhindert." Erich Hoppmann, Konzertierte
Aktion und der ,Rahmen der marktwirtschaftliehen Ordnung' (1971), in: ders., Wirtschaftsord-
nung und Wettbewerb, Baden-Baden 1988, S. 8-55, hier S. 27
464 Hajo Riese, Ordnungsidee und Ordnungspolitik, a.a.O., S. 36
465 Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., Fn. 168, S.
279
466 Deshalb machte Rüstow es sich in diesem Zusammenhang doch sehr einfach, wenn er schrieb:
"Selbstverständlich aber bedeutet eine solche formal-theoretische Parität noch keinen Verzicht
auf ein objektives Urteil über die unterschiedliche Zweckmäßigkeit und Effizienz dieser
Wirtschaftsformen, und ebensowenig bedeutet sie eine Blindheit gegenüber der singulären
Vorzugsstellung, welche auch rein theoretisch innerhalb des Systems der Wirtschaftstheorien
der Theorie der Verkehrswirtschaft tatsächlich zukommt." Alexander Rüstow, Zu den
Grundlagen der Wirtschaftswissenschaft, a.a.O., S. 111
467 Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 164
468 Walter Eucken, Grundlagen der Nationalökonomie (1947), a.a.O., S. 371
469 Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 372; Herv. im Original

128
programmatischen Linie des deutschen Neoliberalismus erhoben wurde. Der
ORDO-Begriff steht dabei für zweierlei, einmal für das ordnungspolitische
Leitbild des Ordoliberalismus, konkret eine auf vollständiger Konkurrenz
beruhende verkehrswirtschaftliche Wirtschaftsordnung, und zum zweiten für die
Legitimation dieser Ordnung als quasi menschengerechtes Produkt der
Zivilisation. 470 Deshalb ist eine Alternative zum ORDO eben nur theoretisch
möglich,471 "methodisch gesehen reduziert sich der Unterschied zum klassischen
Liberalismus auf die eingestandene Möglichkeit, daß eine Ordnung wählbar ist,
die dem Menschen nicht gemäß ist - nämlich eine Planwirtschaft." Man kann
deshalb Riese ohne Einschränkung zustimmen, wenn er sagt, "daß Eucken nicht
die Absicht hatte, eine Theorie der Funktionsweise von Wirtschaftsordnungen
zu entwickeln, sondern, daß er seine Ordnungstheorie schuf, um das Fundament
der Rechtfertigung der freien Verkehrswirtschaft zu legen." 472
Diese fundamentale Kritik an Euckens Werk scheint auch deshalb gerecht-
fertigt zu sein, weil weder die für die ,wirtschaftspolitische Gesamtentscheidung'
zugrunde gelegte Bildung der Idealtypen noch Euckens Analyse und Lösung der
wirtschaftlichen Macht zu überzeugen vermögen. Zwar kann man Eucken zu-
gute halten, daß er mit der ,großen Antinomie' die für alle Sozialwissenschaften

470 Im Ergebnis erinnert diese Argumentation an Hayeks Theorie der kulturellen Evolution, nach
der sich Marktwirtschaft und Wettbewerb im Prozeß der Zivilisation als überlegenes Wirt-
schaftssystem herausgeschält haben. Durch die Identifizierung von Zivilisation mit marktwirt-
schaftlichem Wettbewerb erscheint bei Hayek jede Korrektur dieser Wirtschaftsordnung als
Rückfall hinter zivilisatorischen Fortschritt und ist deshalb auch nur eine theoretische Alterna-
tive, die aus Hayeks Sicht nur in einem totalitären System enden kann. Allerdings ging Hayek -
gestützt auf seine erkenntnistheoretische Figur von der ,Begrenztheit menschlichen Wissens' -
von einer unbeabsichtigten, weil ,spontanen' Entwicklung aus, während Eucken hier differen-
zierte. Er unterschied zwischen "traditionell gewachsene(n) und rational nach Ordnungsprin-
zipien geschaffene(n)" Wirtschaftsordnungen, wobei Eucken in einer Wirtschaftsverfassung
das zentralen Element zur Schaffung einer geplanten Ordnung sah. Gerade die Entwicklung
zur modernen Industriegesellschaft war für Eucken durch das rationale Prinzip gekennzeich-
net - im Gegensatz zu den meisten anderen historisch zu beobachtenden Wirtschaftsordnun-
gen. Vgl. Walter Eucken, Grundlagen der Nationalökonomie (1940), a.a.O., S. 62-65
471 Das unterstreicht die ORDO-Interpretation Böhms: "Es handelt sich also bei der
Wettbewerbsordnung um einen besonderen Typus von Ordnung. Diesen Ordnungstypus
wollte Eucken durch das lateinische Wort ,Ordo' kennzeichnen. Nicht jede soziale Ordnung
ist ORDO. Aber in den Augen Euckens entspricht eine soziale Ordnung in dem Grade der
Menschenwürde, als sie ORDO ist. Deshalb hielt er es für ein Menschheitsanliegen, dafür zu
sorgen, daß unter den möglichen sozialen Ordnungen denjenigen der Vorzug gegeben wird,
denen die Natur des ORDO innewohnt. Darin erblickte er die rechtspolitische und
wirtschaftspolitische Aufgabe unserer und jeder Zeit." Franz Böhm, Die Idee des ORDO im
Denken Walter Euckens. Dem Freunde und Mitherausgeber zum Gedächtnis, in: ORDO, Bd.
3, 1950, S. XV-LXIV, hier S. XVI
472 Hajo Riese, Ordnungsidee und Ordnungspolitik, a.a.O., S. 36; ähnlich Philipp Herder-
Domeich (1974): Wirtschaftsordnungen, a.a.O., S. 74: "Die neoliberale Ordnungstheorie war
somit äußerlich dllali.rtisch angelegt, im Effekt aber eher monistisch (d.h. beruhte auf einem
einifgen Lenkungssystem)." Herv. im Original; auch Peter analysiert, daß Eucken "unter den
möglichen gesellschaftswirtschaftlichen Formen nur die marktwirtschaftliche in Betracht
zieht." Hans Peter, Freiheit der Wirtschaft, a.a.O., S. 67

129
wichtige Frage nach dem Verhältnis von historischer Erscheinung und theoreti-
scher Erklärung thematisiert und die Frage aktiver politischer Gestaltung des
Verhältnisses von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft auf die Agenda der wirt-
schaftswissenschaftlichen Diskussion gesetzt hatte. Aber letztlich enden alle
Stränge der Eucken'schen Argumentation ebenso wie die Beiträge der Schriften-
reihe Ordnung der Wirtschaft in einem normativen Ansatz von Wirtschaftsord-
nungspolitik.473 Dabei stand das konkrete Leitbild einer voll funktionsfähigen,
weil geordneten Wettbewerbswirtschaft unumstößlich fest, gleich einem Dog-
ma,474 so "daß jedes Abweichen um einen Zoll von der Linie der Marktwirt-
schaft unaufhaltsam zum anderen Extrem"475 einer ineffizienten, auf Befehl ge-
stützten Zentralverwaltungswirtschaft führen mußte. Für die politisch unüber-
sichtliche und wirtschaftlich schwierige Nachkriegssituation stellte dieses Leit-
bild auf der Basis der in einem Jahrzehnt gewachsenen ordoliberalen Konzep-
tion allerdings eine günstige Ausgangsposition zur Restauration marktwirtschaft-
liehet Verhältnisse dar. Denn das durch relative Geschlossenheit und
wirtschaftspolitischen Praxisbezug gekennzeichnete Programm der Ordolibera-
len war zu diesem Zeitpunkt praktisch konkurrenzlos, 476 um so mehr als mit der

473 Insofern ist es konsequent, wenn Gerken (Direktor des Walter-Eucken-Instituts von 1991 bis
2001, seitdem Vorstand der Stiftung Marktwirtschaft-Frankfurter Institut/Kronherger Kreis)
und Renner in einem als Grundlagentext gedachten Aufsatz zur Eucken'schen Ordnungskon-
zeption die Untersuchung mit folgenden Sätzen beginnen: "Mit seiner ordnungspolitischen
Konzeption verfolgt Eucken ein hochgestecktes Ziel. Er möchte die Wissenschaft in die Lage
versetzen, der Politik Orientierungspunkte für eine wünschenswerte Ordnung von Wirtschaft
und Gesellschaft zu vermitteln. Das kann nach seiner Überzeugung nur über eine sorgfaltige
ökonomische Analyse geschehen (...)." So wird aus der Wissenschaft allein ein Mittel zum
Zweck. Lüder Gerken/ Andreas Renner, Die ordnungspolitische Konzeption Walter Euckens,
a.a.O., S. 2
474 So sieht Cassel bei aller Übereinstimmung mit den ordoliberalen Grundsätzen das Problem,
daß "normative Theorien der Ordnungspolitik ständig Gefahr Qaufen), zum bloßen Dogma zu
verkommen." Seine Empfehlung, zur Vermeidung der Dogmatisierung die "wirtschafts-
politische(n) Prinzipien(...) einem Meta-Prinzip zu unterwerfen, nach dem sie zu ändern sind,
falls sie sich nicht mehr als zweckmäßig erweisen", scheint angesichts der weitverbreiteten
Eucken-Apologie nur wenig Beachtung zu finden. Dieter Cassel, Wirtschaftspolitik als
Ordnungspolitik, a.a.O., S. 325; Kirchgässner vergleicht den ordoliberalen Dogmatismus, dem
er auch antiliberale Polemik und Aggressivität vorwirft, mit der Dogmenlehre der Theologie.
Dieser Dogmatismus "spricht möglicherweise für dessen Begründer Eucken, aber nicht
unbedingt für seine Nachfahren. Es könnte eher ein Indiz dafür sein, daß eine
Weiterentwicklung dieser Theorie seit seinem Tode nicht mehr stattgefunden hat." Gebhard
Kirchgässner, Wirtschaftspolitik und Politiksystem, a.a.O., S. 65
475 Hans Peter, Freiheit der Wirtschaft, a.a.O., S. 141
476 "Im Unterschied zu den Engländern (... ) hatten es die deutschen Ökonomen bis Kriegsende
nicht vermocht, sich zu einer einzigen, auch nur annähernd einheitlichen Lehrauffassung
zusammenzufinden." Wemer Krause, Zur Entwicklung der bürgerlichen politischen
Ökonomie in Deutschland bis 1945, in: Herbert Meißner (Hrsg.), Bürgerliche Ökonomie des
Kapitalismus. Ideologische und praktische Bedeutung der westdeutschen Wirtschaftstheorie,
Berlin 1967, S. 17-47, hier S. 47; die Ursache hierfür ist sicherlich in der Emigration
bedeutender Wirtschaftswissenschaftler, der allgemeinen wissenschaftlichen V erflachung im
Nationalsozialismus und der Funktionalisierung (nicht nur) der Wirtschaftswissenschaften für

130
scharfen Kritik an der ,Zentralverwaltungswirtschaft' als Kontrapunkt der ,freien
Marktwirtschaft' weit verbreitete antikommunistische Ressentiments bedient
werden konnten. Zudem verstanden es die Ordoliberalen in der öffentlichen
Argumentation, das volkswirtschaftliche Chaos und die soziale Misere nach dem
Krieg vom ursächlichen Zusammenhang der Kriegswirtschaft zu lösen und statt
dessen als Ergebnis einer sich ständig ausweitenden zentral geleiteten Wirtschaft
darzustellen. 477 Das hatte nebenbei noch den Effekt, daß sich die Ordoliberalen
als Gegner des Nationalsozialismus in Szene setzen konnten und so von ihrer
eigenen Verstrickung in das NS-System ablenkten.

die nationalsozialistische Politik zu suchen. In jeden Fall mußte unter diesen Bedingungen das
ordoliberale Programm hervorstechen.
477 Auf den tendenziösen Charakter der ordoliberalen Argumentation verweist Peter: "Niemand
wird bestreiten, daß sich in den Kriegen die Zwangswirtschaft verschärft hat (... ). Aber sehr
wundem muß man sich darüber, daß ein Wissenschaftler vom Range Euckens diese ,Erfah-
rung' als Stütze der Behauptung ansieht, daß jede Abkehr von der Marktwirtschaft zu immer
vollständigerer Zwangswirtschaft führen müsse, und daß deshalb die Erfahrung gegen Len-
kung der Volkswirtschaft spräche. Eucken bagatellisierte es geflissentlich, daß diese Entwick-
lung dadurch verursacht worden ist, daß sich der Gütermangel in Folge der Kriegsereignisse
(... ) von Tag zu Tag verschärfte. Diese zunehmende Not und der zunehmende Mangel an
Kriegsmaterial erforderte immer einschneidende Eingriffe (...). Euckens Analyse der Kriegs-
wirtschaft ist einfach falsch und stützt seine Behauptung über die zwangsläufige Ausweitung
lenkungswirtschaftlicher Maßnahmen in keiner Weise." Hans Peter, Freiheit der Wirtschaft,
a.a.O., S. 118 f.

131
3 Von der Theorie zur Praxis: Der Ordoliberalismus
und die wirtschaftliche Nachkriegsordnung

Am Ende des Krieges und der nationalsozialistischen Barbarei hatte sich der
,neue' Liberalismus in Deutschland in Gestalt des Ordoliberalismus als eigen-
ständige Strömung im Bereich der Wirtschaftswissenschaften ebenso etabliert
wie in der wirtschaftspolitischen Beratung von Staat und Industrie. Zwar
handelte es sich dabei- bezogen auf das gesamte Spektrum des Neoliberalismus
- nicht um eine einheitliche Schule mit festen organisatorischen Beziehungen,
wohl aber um ein Netzwerk von Personen, die durch verschiedenste Querver-
bindungen miteinander im Austausch standen und in ihren jeweiligen Funktio-
nen umfangreiche Kontaktfelder aufgebaut hatten.
Das eigentliche theoretische Rückgrat bildete die Freiburger Schule um
Eucken und Böhm, während Müller-Armack, Miksch und insbesondere Erhard
durch ihre unmittelbare Einbeziehung in die kriegswirtschaftlichen Planungen
über ausgezeichnete Kontakte zur deutschen Industrie und in die staatliche
Wirtschaftsverwaltung verfügten. Beide Faktoren, der relativ geschlossene ord-
nungspolitische Ansatz der Freiburger-arrondiert durch Röpkes und Rüstows
Vorstellungen einer liberalen Gesellschaftspolitik - wie auch die umfangreichen
Kontakte zu den Entscheidungsträgem der Wirtschaftspolitik, sollten sich für
die Implementierung der ordoliberalen Grundsätze in die Wirtschafts- und Sozi-
alordnung Nachkriegsdeutschlands als überaus nützlich erweisen. Ein dritter
Faktor kam hinzu. Mit den Exilanten Röpke und Rüstow gehörten neben
Hayek1 zwei gänzlich ,unbelastete' Wissenschaftler zum Kreis der ,neuen'
Liberalen, die durch ihr Eintreten für den deutschen Ordoliberalismus zu dessen
Reputation gegenüber den Alliierten und der internationalen Öffentlichkeit

Hayek kann man nicht unmittelbar zu den Exilanten zählen, da er sich unabhängig von der
politischen Entwicklung in Deutschland und Österreich in den USA und England
wissenschaftlich betätigt hat. Seine Rolle bestand nach 1945 vor allen Dingen in der
internationalen Koordination des Neoliberalismus. So gilt Hayek als treibende Kraft des 1947
gegründeten neoliberalen Elite-Zirkels Mont Pelerin Society. Vgl. hierzu aus neoliberaler Sicht:
Ronald Max Hartwell, A History of the Mont Pelerin Society, a.a.O.; Kurt R. Leube, Friedrich
A. von Hayek, Leben und Werk, in: ders. (Hrsg.), Liberale Marktwirtschaft. Aufsätze Friedrich
A. von Hayek zum Gedenken, Wien 1992, S. 9-25

133
beitragen konnten. 2 Erst das Zusammenwirken dieser drei Faktoren im Sinne
einer arbeitsteiligen Implementierungsstrategie erklärt den beträchtlichen Ein-
fluß der ordoliberalen Strömung auf die ursprüngliche Gestaltung der Wirt-
schafts- und Sozialordnung Westdeutschlands.
Betrachtet man das Wirken des frühen Ordoliberalismus zwischen den
dreißiger und frühen vierziger Jahren in seiner Gesamtheit, so ist festzuhalten,
daß die theoretischen Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft, aber auch be-
stimmte institutionelle Voraussetzungen bereits vor Ende des Krieges geschaf-
fen waren. Die bisher diskutierten Texte, ergänzt um die eher soziologisch und
kulturwissenschaftlich angelegten Arbeiten Röpkes, Müller-Armacks und
Rüstows aus demselben Zeitraum,3 beinhalten die gesamte Bandbreite an Ele-
menten, die im Entwurf und der späteren Ausgestaltung der Sozialen Marktwirt-
schaft zum Tragen kommen. Entstanden aus dem Schock der Weltwirtschafts-
krise und beeindruckt vom Vormarsch der keynesianischen Ideen, suchten die
,neuen' Liberalen nach Möglichkeiten, die Grundannahmen der klassischen und
neoklassischen Theorie soweit zu modifizieren, daß einerseits die wesentlichen
ökonomischen Prämissen unberührt bleiben und andererseits die Chancen für
die politische Durchsetzbarkeit liberaler Wirtschaftsgrundsätze vergrößert wer-
den konnten.
Bei aller Unterschiedlichkeit im Detail verbanden die späteren Ordolibera-
len dabei die Vorstellung, die ordnungspolitische Funktion des Staates als ,Ver-
anstalter' des marktwirtschaftliehen Wettbewerbs aufzuwerten, um in einer Wirt-
schaftsordnung nach dem Krieg ,vollständigen Leistungswettbewerb' durchzu-
setzen und zu sichern. Das dahinter liegende Paradoxon, dem Markt - wie
schon im Gedankengebäude der liberalen Klassiker, wenn auch unter Verzicht
auf deren naturrechtliche Begründungen - ein unendliches Vertrauen in
Hinblick auf die Lösung wirtschaftlicher und sozialer Probleme entgegen zu
bringen und zugleich sein Zerstörungspotential einzugestehen und durch
Ordnungspolitik eindämmen zu wollen, war neben der liberalen Metamorphose
in Sachen Staat ein verbindendes Kernelement des Ordoliberalismus. Aber auch
die Einsicht, der sozialen Frage aus liberaler Perspektive eine gewisse materielle
wie ideelle Aufmerksamkeit zu widmen und das Gesamtgefüge einer
marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft durch ideologische Integration
stabilisieren zu wollen, gehörte zum gemeinsamen Fundus des ,neuen'
Liberalismus in Deutschland.

2 Vgl. Dieter Plehwe, Ludwig Erhards D-Mark. Kontinuitätslinien des Rechtsliberalismus, in:
LAKS Hessen e.V. (Hrsg.), 50 Jahre Deutsche Mark, Berlin 1998, S. 16-27, hier S. 24 ff.;
Rainer Klump, Wege zur Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O., Fn. 105, S. 157; Daniel Johnson,
Exiles and Half-Exiles: Wilhelm Röpke, Alexander Rüstow and Walter Eucken, in: Alan
Peacock/Hans Willgerodt (eds.), German Neo-Liherals and the Social Market Economy,
London 1989, S. 40-68; Marianne Welteke, Theorie und Praxis der Sozialen Marktwirtschaft,
a.a.O., S. 35
3 Vgl. clie konkreten Hinweise im Kapitel 2 dieser Arbeit, S. 27 f.

134
Tatsächlich muß das Aufkommen des Ordoliberalismus deshalb im Kontext
der "Epochenbedeutung der Weltwirtschaftskrise in Deutschland" 4 interpretiert
werden. Gegen den Einfluß des keynesianischen Interventionismus und gegen
das Konzept eines makroökonomisch fundierten Wohlfahrtsstaates auf der Basis
von Vollbeschäftigungspolitik stellten die deutschen Liberalen die Idee einer
,sozialen' Marktwirtschaft, mit der sie an die ordnungspolitischen Grundlinien
des "organisierten Kapitalismus" 5 in Deutschland angeknüpften. Abelshauser
spitzt diese Analyse zu, indem er betont, "daß Soziale Marktwirtschaft nicht wie
Manna vom Himmel gefallen war, sondern seit den frühen 30er Jahren zu einer
der festen Alternativen deutscher Ordnungspolitik zählte." 6 Damit sind wesent-
liche Prämissen, die bis in die Gegenwart zur Legitimation der Sozialen Markt-
wirtschaft dienen, in Frage gestellt. Die immer wieder angeführte Behauptung,
daß die Soziale Marktwirtschaft für eine nach 1945 geborene Konzeption steht,
die in Reaktion auf zwangswirtschaftliche Entwicklungen entstanden sei, ist
ebenso in das Reich der Legendenbildung zu verweisen wie die Behauptung, das
ordoliberale Programm mitsamt seinen Praxisvorschlägen sei in Gegnerschaft
zum Nationalsozialismus entstanden. Das gilt eben auch ftir die im folgenden zu
behandelnden Nachkriegsplanungen der Ordoliberalen, die sie trotz marktwirt-
schaftlicher Grundorientierung lange Zeit im Rahmen des nationalsozialistischen
System dachten - nicht aus nationalsozialistischer Überzeugung, sondern mehr
aus Gründen der Staatsräson, waren sie doch vor allen Dingen daran interessiert,
die Regierung von der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit wirtschaftsliberaler Grund-
sätze zu überzeugen.
Auch wenn Abelshauser also ohne Wenn und Aber zuzustimmen ist, daß
die Grundzüge der Idee der Sozialen Marktwirtschaft weit vor 1945 theoretisch
umrissen waren, so darf damit nicht die eigentliche Konzeption, wie sie sich in
der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft real durchgesetzt hat, gleichgesetzt
werden. Von der theoretisch inspirierten Idee zum tatsächlich umgesetzten
Konzept war ein weiter Weg zurückzulegen, in dessen Folge viele theoretische
Vorgaben des Ordoliberalismus geopfert werden mußten. Das betraf insbeson-
dere die Prämisse vom ,starken Staat', die unter Maßgabe einer demokratischen
Verfassung nicht aufrecht zu erhalten war, aber auch das Ideal einer ,macht-
freien' Wirtschaft der vollständigen Konkurrenz, das an der wirtschaftlichen
Wirklichkeit scheitern mußte. Die Herausbildung der Sozialen Marktwirtschaft

4 Wemer Abelshauser, Die ordnungspolitische Epochenbedeutung der Weltwirtschaftskrise in


Deutschland, a.a.O.
5 Der Begriff wurde vom sozialdemokratischen Finanzminister Rudolf Hilferding geprägt - vgl.
zur Genese: Hans-Ulrich Wehler, Der Aufstieg des Organisierten Kapitalismus und
Interventionsstaates in Deutschland, in: Heinrich August Winkler (Hrsg.), Organisierter
Kapitalismus. Voraussetzungen und Anfange, Göttingen 1974, S. 36-57; als vergleichende
Darstellung: Andrew Shonfield, Geplanter Kapitalismus. Wirtschaftspolitik in Westeuropa und
USA (englische Originalausgabe 1965), Köln- Berlin 1968
6 Werner Abelshauser, Die ordnungspolitische Epochenbedeutung der Weltwirtschaftskrise,
a.a.O., S. 28

135
ist deshalb zugleich Ausdruck des Spannungsverhältnisses zwischen ordolibera-
ler Theorie einerseits und der wirtschaftspolitischen Realität sowie den allge-
meinpolitischen Bedingungen der frühen Bundesrepublik andererseits. Um an
dieses Spannungsfeld heranzuführen, wird im folgenden Kapitel zunächst die
Übertragung der ordoliberalen Theorie auf die gesellschaftliche Praxis analysiert.
Wie also und mit welchen programmatischen Schwerpunkten positionierte sich
der Ordoliberalismus in der Übergangsphase und dann in der Wirtschaftsord-
nungsdebatte des frühen Nachkriegsdeutschland?

3.1 Vorbereitungen für eine wirtschaftliche


Nachkriegsordnung

Für die politische Legitimation der Sozialen Marktwirtschaft ist die Deutung der
Schlußphase des Krieges von besonderer Bedeutung. In der einschlägigen Lite-
ratur wird das ordoliberale Engagement zur Lösung der wirtschaftlichen und so-
zialen Folgen des Krieges in der Regel als moralische Geburtsstunde der Sozia-
len Marktwirtschaft gewertet. "Die kleine Gruppe der Hochschullehrer,"
schreibt Kloten in seinem Vorwort zu der von Blumenberg-Lampe herausgege-
benen Dokumentation der Ergebnisse der Arbeitsgemeinschtift Erwin von Beckerath,
"die sich vornehmlich in Freiburg traf und aus innerster Überzeugung die Fun-
damente für eine Neuordnung Deutschland nach Ende des Krieges, damit nach
Ende der nationalsozialistischen Herrschaft, zu erarbeiten antrat, war wohl das
wichtigste Beispiel eines von wirtschaftswissenschaftlichen Professoren - unter-
stützt durch gleichgesinnte Rechtswissenschafder - ausgehenden Widerstandes
im Dritten Reich." 7 Auch in der in den fünfzigerJahrenviel beachteten Unter-
suchung des US-Amerikaners Wallich zum wirtschaftlichen Wiederaufstieg
Westdeutschlands wird die als "intellektuelle Widerstandsbewegung" charakteri-
sierte Freiburger Schule mit den Vorarbeiten zur Sozialen Marktwirtschaft in Ver-
bindung gebracht, deren "marktwirtschaftliche Doktrin Ausdruck des Protestes
gegen die damaligen Zustände (war). " 8
Den Bezugspunkt für das Bild von der hohen moralischen Integrität der
Ordoliberalen bildet die meist nur implizit unterstellte Behauptung, daß alle
Vorarbeiten zur Gestaltung der Nachkriegsordnung der Wirtschaft ausschließ-
lich in Gegnerschaft zum Nationalsozialismus formuliert wurden und auch nur

7 Vorwort von Norbert Kloten bei Christine Blumenberg-Lampe, Der Weg in die Soziale
Marktwirtschaft: Referate, Protokolle, Gutachten der Arbeitsgemeinschaft Erwin von
Beckerath 1943-1947, Stuttgart 1986, S. 16
8 Henry C. Wallich, Triebkräfte des deutschen Wiederaufstiegs, Frankfurt am Main 1955, S. 109

136
formuliert werden konnten9 und deshalb als Widerstandshaltung zu bewerten
seien. Wie bereits im letzten Kapitel dargelegt wurde, ist die Behauptung in die-
ser Verknüpfung falsch. 10 Selbst wenn man für die Schlußphase des Krieges die
Gültigkeit dieser These in Rechnung stellt, weil das untergehende NS-System in
dieser Phase keine öffentliche Neuordnungsdiskussion wie nach den ersten
Kriegserfolgen mehr zuließ,11 bedeutete dies keineswegs, daß entsprechende
wirtschaftspolitische Diskussionen nicht trotzdem auch in offiziellen Kreisen der
NS-Administration geführt oder zumindest unterstützt bzw. geduldet wurden. 12
Das galt neben dem Reichssicherheitshauptamt als Zentrale der SS insbe-
sondere für die Aktivitäten des Reichswirtschaftsministeriums, 13 das nach "ei-
nem personellen Revirement" 14 im Herbst 1943 zum Zentrum der Bemühungen
für eine marktwirtschaftliche Neuorientierung nach dem Krieg geworden war 15
und sich in seiner wirtschaftspolitischen Ausrichtung am ordoliberalen Pro-

9 "By the second half of the war at the latest, the last opportunities for unrundered publication
had been eliminated with the result that questions of economic order could only be debated
by small groups of experts (meeting principally in Freiburg)." Christian Watrin, The Principles
of Social Market Economy - its Origins and Early History, in: Zeitschrift für die gesamte
Staatswissenschaft, Bd. 135, 1979, S. 405-425, hier S. 409
10 Vgl. hierzu insbesondere die Arbeiten von Herbst (siehe Abschnitt 2.3.1 dieser Arbeit); vgl.
auch Michael Brackmann, Vom totalen Krieg zum Wirtschaftswunder. Die Vorgeschichte der
westdeutschen Währungsreform 1948, Essen 1993, S. 75 ff. und S. 126 ff.
11 Vgl. Ludolf Herbst, Krisenüberwindung und Wirtschaftsneuordnung, a.a.O., Fn. 104, S. 327 f.
12 Vgl. zum vielschichtigen Verlauf dieser Diskussion: Karl-Heinz Roth, Wirtschaftliche Vorbe-
reitungen auf das Kriegsende und Nachkriegsplanungen, in: Dieter Eichholtz, Geschichte der
deutschen Kriegswirtschaft 1939-1945, Bd. III: 1943-1945, unter Mitarbeit von Hagen
Fleischer, Manfred Oertel, Berthold Puchert und Kar!-Heinz-Roth, Berlin 1996, S. 509-611;
Kar! Günther Weiss, Wahrheit und Wirklichkeit, a.a.O., S. 512 ff., besonders S. 514
13 Wirtschaftsminister Funk hatte schon nach den anfangliehen Kriegserfolgen verkündet, daß
"(wir) gerade für die gewaltigen Aufgaben, die unserer Wirtschaft nach Beendigung des
Krieges gestellt sind, die schöpferischen Kräfte (brauchen), die im deutschen Unternehmer-
tum wirksam sind. Ein aktives, wagemutiges Unternehmertum wird immer die Vorausset'{!mg einer erfolg-
reichen Wirtschaftspolitik bleiben." Walther Funk, Wirtschaftslenkung- ein nationalsozialistischer
Grundsatz, in: Die Deutsche Volkswirtschaft, 10. Jg., Heft 26, 1941, S. 975-976, hier S. 976;
Herv. im Original
14 Michael Brackmann, Vom totalen Krieg zum Wirtschaftswunder, a.a.O., S. 132; im Vorfeld
der Umstrukturierung innerhalb des Reichswirtschaftsministeriums (RWM) war es zu Kompe-
tenzstreitigkeiten zwischen diesem und dem Reichsministerium für Rüstung und Kriegs-
produktion gekommen. Nach einem ,Führererlaß' vom 02.09.1943 war dem RWM die Richt-
linienkompetenz für wirtschaftspolitische Grundsatzfragen vor allem in Hinblick auf die
Nachkriegssituation übertragen worden. In der Folge berief Funk den SS-Brigadeführer Franz
Hayler, Leiter der Reichsgruppe Handel, als neuen Staatssekretär und den Hauptgeschäfts-
führer Reichsgruppe Handel, Otto Ohlendorf, zu dessen Stellvertreter, der zugleich mit der
politischen Verantwortung für den neu zu schaffenden Bereich für wirtschaftspolitische
Grundsatzfragen betraut wurde. Auch die für außenwirtschaftliche Fragen zuständige
Hauptabteilung IV wurde mit dem Industriellen Franz Kirchfeldt neu besetzt.
15 Vgl. mit etwas abgeschwächter Bewertung Rainer Klump, Wege zur Sozialen Marktwirtschaft,
a.a.O., S. 151 f.

137
gramm orientierte. 16 Eine besondere Rolle kam dabei dem stellvertretenden
Staatssekretär und SD-Inlandchef Ohlendorf1 7 zu, der nach der Umstrukturie-
rung im Reichswirtschaftsministerium die Zuständigkeit für die Hauptabteilung
II mit den Bereichen allgemeine Wirtschaftspolitik, Bewirtschaftung und Ver-
sorgung der Bevölkerung erhielt. Mit der Neugestaltung des Referates 11/1 unter
der Bezeichnung Volkswirtsch#liche Abteilung im August 1944 wurde zudem mit
dem Aufbau einer wirtschaftspolitischen Grundsatzabteilung begonnen, die in
Zusammenarbeit mit den führenden wirtschaftswissenschaftlichen Einrichtun-
gen,18 weiteren staatlichen Institutionen (z.B. dem Statistischen Reichsamt und
der wissenschaftlichen Beratungsstelle des Planungsamtes) und den Vertretern
von Industrie und Banken die wirtschaftspolitischen Nachkriegsplanungen bün-
deln sollte. Nach Auffassung von Karl Günther Weiss, damals als Rechtsasses-
sor Mitarbeiter im Referat 11/1, wurde Ohlendorf durch diesen Machtzuschnitt
und seine Kontakte "als der heimliche Beherrscher des Reichwirtschafts-
ministeriums betrachtet". 19
Damit hatte sich in der Schlußphase des Krieges unter der Führung von
Ohlendorf eine einflussreiche Strömung innerhalb des Nationalsozialismus her-
ausgebildet, die gestützt auf die Interessen der durch die Kriegswirtschaft beson-
ders leidenden Export- und Konsumgüterindustrien auf einen an marktwirt-
schaftliehen Grundsätzen ausgerichteten ordnungspolitischen Neuanfang hinar-
beitete.20

16 Mehr noch als Herbst oder Haselbach spitzt Brackmann die Bewertung dieser Verbindung zu.
Er spricht gar vom ",Siegeszug' des Ordoliberalismus im Nationalsozialismus." Michael Brack-
mann, Vom totalen Krieg zum Wirtschaftswunder, a.a.O., S. 101, vgl. auch dieS. 140, S. 142
und S. 152
17 Otto Ohlendorf hatte Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in Göttingen studiert. Nach
einer Mitte der zwanziger Jahre bei der SS begonnenen Karriere arbeitete er 1933 als Assistent
von Jens ]essen, dem Leiter des Weltwirtschaftsinstitutes in Kiel Oessen mußte hier 1934
gehen, wurde aber 1940 Vorsitzender der Gruppe Wirtschaftswissenschaft bei der AfDR).
Ohlendorf war ein nationalsozialistischer Multifunktionär der höchsten Ebene, der an der
Schnittstelle zwischen innerer Sicherheit und wirtschaftspolitischen Ordnungsfragen wirkte.
1938 trat er als Hauptgeschäftsführer in die Reichsgruppe Handel ein. Ab 1939 wurde er Leiter
des SD- Inland und des Amtes III im Reichssicherheitshauptamt, Funktionen, die er auch nach
seinem Eintritt ins Reichswirtschaftsministerium weiter ausübte. Vorher hatte sich Ohlendorf
1941/42 als Leiter der Einsatzgruppe D hervorgetan, wo er für die Liquidierung von über
90.000 Menschen in der Sowjetunion verantwortlich war. Ein amerikanisches Militärgericht
verurteilte Ohlendorf 1948 zum Tode und ließ ihn hinrichten.
18 "Praktisch war die gesamte Wirtschaftswissenschaft im Reich mit den Forschungsergebnissen
ihrer Universitäten herangezogen worden, insbesondere das Institut für Weltwirtschaft in Kiel,
das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, das Institut für Wirtschaftsbeobachtung der
deutschen Fertigware in Nümberg, das Institut für Sozial- und Staatswissenschaften in
Heidelberg und das Weltwirtschaftsinstitut in Leipzig, um nur einige Namen herauszugreifen."
Kar! Günther Weiss, Wahrheit und Wirklichkeit, a.a.O., S. 538
19 Ebenda, S. 535; vgl. auch Volker Hentschel, Ludwig Erhard, a.a.O., S. 34
20 Kloten geht demgegenüber offenbar von einer Position ohne jeden Einfluß im
nationalsozialistischen Machtgefüge aus, wenn er behauptet, daß die Entwicklungen im RWM
"mit der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik (...) im Grunde wenig zu tun (hatten). (... )

138
Nun könnte man einwenden, daß die Spitzenfunktionäre im Reichswirt-
schaftsministerium aufgrund der Konzeptionslosigkeit der nationalsozialisti-
schen Wirtschaftspolitik und des nahenden Untergangs die ordoliberale Position
für ihre eigenen Zwecke zu mißbrauchen versuchten. Das würde voraussetzen,
daß die Ordoliberalen ihr Programm tatsächlich in Opposition zum Nationalso-
zialismus formuliert hatten. Wie allerdings aufgezeigt wurde, zielte das ordolibe-
rale Programm nicht auf grundsätzliche Ablehnung, sondern auf die ordnungs-
politische Beeinflussung der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. Böhms
Vorschlag einer "kombinierten Wirtschaftsverfassung" aus markt-und lenkungs-
wirtschaftlichen Elementen in der Schriftenreihe Ordnung der Wirtschr.ift zeugt da-
von.21 Das ordoliberale Plädoyer für mehr Markt in der Wirtschaft schloß weder
eine politische Lenkung aus übergeordneten Gründen der Staatsräson aus, noch
war es mit einer grundsätzlichen politischen Opposition gegen den NS-Staat
verknüpft. Es spricht vieles dafür, daß sich an dieser Haltung auch in den Vor-
bereitungen auf die Phase nach dem Krieg nichts geändert hat bzw. nur in dem
Maße etwas änderte, wie durch die Erfolge der Anti-Hitler-Koalition eine neue
politische Konstellation nach dem Krieg absehbar wurde. Faktisch muß man
von einer an den realen Machtverhältnissen orientierten Haltung seitens der Or-
doliberalen sprechen, einer Mischung aus Opportunismus und Pragmatismus,
wie ihn auch andere gesellschaftliche Gruppen praktiziert hatten.
Was ist nun konkret gemeint, wenn über die ordoliberal beeinflußten Nach-
kriegskonzepte gesprochen wird? Im wesentlichen geht es um zwei Tätigkeitsbe-
reiche, die immer wieder als Beleg für die Widerständigkeit der Ordoliberalen
angeführt und zugleich als Vorarbeiten zum Konzept der Sozialen Marktwirt-
schaft verortet werden: einmal die gutachterliehen Tätigkeit Erhards im Rahmen
seiner Auftragsarbeiten für die Reichsgruppe Industrie, zum anderen um die
Diskussionen und Arbeitsergebnisse der bereits erwähnten Arbeitsgemeinschaft
Erwin von Beckerath.
Der Namensgeber Erwin von Beckerath hatte die zentrale Arbeitsgemeinschr.ift
Volkswirtschr.iftslehre der Klasse IV der AfDR geleitet. 22 Nachdem die AfDR in-
folge der Kriegsereignisse im März 1943 geschlossen worden war, setzten einige
der Mitglieder dieses Ausschusses ihre Arbeit zu Fragen der Nachkriegswirt-
schaft als Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath auf inoffizieller Ebene fort, wobei
sich die Aktivitäten auf den Freiburger Raum konzentrierten. Für Blumenberg-

Nichts spricht dafür, daß in den eigentlichen Führungskadern erwogen wurde, nach dem
Kriege einen Schwenk zugunsten einer liberalen marktwirtschaftliehen Ordnung zu voll-
ziehen." Norbert Kloten, "Was zu bedenken ist", a.a.O., Fn. 8, S. 163; es gab allerdings, wie
dargelegt wurde, weder die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik - wesentliches Merkmal
war gerade ihre Ambivalenz - noch ist insbesondere zum Ende des Krieges von einem
homogenen nationalsozialistischen Block auszugehen.
21 Vgi. Abschnitt 2.3.3 dieser Arbeit
22 Zur AIDR und der Klasse IV vgi. Fn. 166 in dieser Arbeit, S. 61

139
Lampe23 liegt hier "eine der Wurzeln der sozialen Marktwirtschaft". 24 Ihre
These, daß sich in der Arbeitsgemeinschaft Envin von Beckerath "antinationalsozia-
listische Wirtschaftswissenschaftler aus ganz Deutschland zusammen(fanden),"25
wirkt nicht nur in Hinblick auf die Anzahl der beteiligten Wissenschaftler
übertrieben,26 sondern stützt sich vor allen Dingen auf die Betonung von Quer-
verbindungen zu zwei weiteren Freiburger Arbeitsgemeinschaften aus dem
Umfeld der Bekennenden Kirche sowie daraus abgeleiteten Kontakten zu Carl
Goerdeler und der Widerstandsgruppe des 20. Juli 1944.27 Auch wenn einzelne
Personen der sogenannten ,Freiburger Kreise' wie Gerhard Ritter, von Dietze
oder Lampe in Verbindung zu konservativen Widerstandkreisen standen, so ist
daraus nicht automatisch eine entsprechende Positionierung der Arbeits-
gemeinschaft Envin von Beckerath abzuleiten. Blumenberg-Lampe hebt im übrigen
sogar selbst hervor, daß die Initiative zur Fortsetzung der Arbeitsgemeinschqft
Volkswirtschaftslehre nach Schließung der AfDR ",von oben' und ,unter der
Hand"' ausgesprochen wurde, hält es zudem für durchaus möglich, "daß die
Anregung zur Weiterarbeit offiziell von der Akademie kam." 28 An anderer Stelle
zeigt sie sich erstaunt, daß im Zuge der Verhaftungen nach dem 20. Juli keine

23 Christine Blumenberg-Lampe ist die Tochter von Adolf Lampe, der neben Dietze und Eucken
einen der wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstühle in Freiburg inne hatte. Lampe hat den
Großteil der Arbeitspapiere und Gutachten der Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath verfaßt
24 Christine Blumenberg-Lampe, Das wirtschaftspolitische Programm der ,Freiburger Kreise',
a.a.O., S. 153; ähnlich Elmar Müller, Widerstand und Wirtschaftsordnung, a.a.O., S. 115 und
s. 127
25 Ebenda, S. 7
26 Laut Blumenberg-Lampe, Der Weg in die Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 605 ff. handelt es
sich um insgesamt 12 bzw. 13 Personen, die mehr oder weniger regelmäßig an dem Dutzend
Treffen der Arbeitsgemeinschaft teilgenommen hatten: Erwin von Beckerath, Clemens Bauer,
Franz Böhm, Constantin von Dietze, Walter Eucken, Fritz Hauenstein, Adolf Lampe, Erich
Preiser, Günter Schmolders, Heinrich Freiherr von Stackelberg, Theodor Wessels. Jens )essen,
den ehemaligen Leiter der Klasse IV, zählt Blumenberg-Lampe in dieser Veröffentlichung zu
den Mitgliedern der AG, obwohl er an keinem der Treffen teilgenommen hatte und in ihrer
Dissertation von 1973 keine entsprechende Erwähnung fmdet.
27 Blumenberg-Lampe erwähnt neben der Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath noch das
"Freiburger Konzil" und den "Bonhoeffer Kreis". Diese beiden Gruppen aus dem pro-
testantischen Milieu hatten eher den Charakter loser Zusammenschlüsse als Arbeitskreis bzw.
Projektgruppe. Blumenberg-Lampe selbst sagt, daß das Hauptanliegen ihrer Arbeit darin
besteht, "das Wirtschaftsprogramm der Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath darzustellen."
Dies., Das wirtschaftspolitische Programm der ,Freiburger Kreise', a.a.O., S. 7 f. Segbers
wiederum spricht von einem "Freiburger Kreis", der offensichtlich identisch ist mit dem von
Blumenberg-Lampe als "Bonhoeffer Kreis" bezeichneten. Franz Segbers, Die Hausordnung
der Tora, a.a.O., S. 234 f. Vgl. auch Müller, der wiederum die Gruppe um von Beckerath als
"Freiburger Kreis" bezeichnet und diese in Beziehung zur Gruppe um Goerdeler bzw. dem
Kreisauer Kreis setzt. Sein Interesse gilt denn auch dem ,Beweis', daß "die
Wirtschaftsordnung, die sich die junge Bundesrepublik Deutschland gab, das geistige Erbe des
Widerstandes gegen den Nationalsozialismus (in sich trägt)." Elmar Müller, Widerstand und
Wirtschaftsordnung, a.a.O., S. 164
28 Christine Blumenberg-Lampe, Das wirtschaftspolitische Programm der ,Freiburger Kreise',
a.a.O., S. 37 f.

140
weiteren Festnahmen in Freiburg erfolgten nnd erklärt dies mit der schützenden
Hand von Ohlendorf,29 dem die Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft nicht nur be-
kannt gewesen sei, sondern die er auch für die Nachkriegsplannngen des
Reichswirtschaftsministeriums als überaus nützlich betrachtete. 30
Die Arbeitsgemeinschaft Envin von Beckerath war in ihrer Zusammensetznng
kein rein ordoliberales Gremium, eine Gleichsetznng von Freiburger Schule nnd
der oftmals auch als ,Freiburger Kreis' titulierten Arbeitsgemeinschaft ist inso-
fern verfehlt. Trotz mancher Differenzen nnter den Mitgliedern der Arbeitsge-
meinschaft bestand, wie Kloten es formuliert, durch "die prägende Kraft des
neoliberalen Denkens" 31 Übereinstimmnng in der Auffassnng, daß nach dem
Krieg schrittweise, aber entschieden, eine marktliehe Wirtschaftsordnnng zu
verwirklichen sei. Allerdings wurde die insbesondere von Lampe anvisierte Ver-
knüpfung markt- nnd planwirtschaftlicher Elemente im Rahmen einer zukünfti-
gen Wirtschaftsordnnng durch die Ordoliberalen strikt abgelehnt. 32 Sie wollten
die Beibehaltnng staatlicher Bewirtschaftnngsmaßnahmen nur für eine kurze
Übergangszeit akzeptieren nnd plädierten für eine zügige Umsetznng marktwirt-
schaftlicher Reformen. Schließlich hatte die Arbeitsgemeinschaft schon in einem
1943 verfaßten Diskussionspapier festgehalten, daß eine "entschlossene Wieder-
aufbaupolitik" im Rahmen einer marktwirtschaftliehen Friedensordnnng den
"Mut zur Armut" 33 erfordere. Auch in der Frage einer aktiven Konjnnkturpoli-
tik, dem Umfang sozialpolitischer Maßnahmen nnd der Gestaltnng der Arbeits-
marktbeziehnngen gab es nnterschiedliche Auffassnngen zwischen der organi-
sierten FreiburgerS chule nnd den übrigen Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft. 34

29 Das hindert die neoliberale Geschichtsschreibung nicht daran, immer wieder eine existentielle
Bedrohung von Leib und Leben zu behaupten. So sei das Überleben von Eucken "truly a
rniracle". Ronald Max Hartwell, A History of the Mont Pelerin Society, a.a.O., S. 20
30 Ebenda, S. 53 f.; Roth sieht nicht nur eine Duldung, sondern mehr noch die "Empfehlung des
Reichswirtschaftsrninisteriums" zur informellen Fortsetzung der Arbeitsgemeinschaft Erwin von
Beckerath gegeben. Karl-Heinz Roth, Wirtschaftliche Vorbereitungen auf das Kriegsende und
Nachkriegsplanungen, a.a.O., S. 519
31 Vorwort von Norbert Kloten bei Christine Blumenberg-Lampe, Der Weg in die Soziale
Marktwirtschaft, a.a.O., S. 15
32 Mit Nachdruck unterstreicht Lenel die Differenzen zwischen Lampe auf der einen und
Eucken bzw. Böhm auf der anderen Seite. Hans Otto Lenel, Die sogenannten Freiburger
Kreise, in: ORDO, Bd. 39,1988, S. 287-294, besonders S. 292
33 Entwurf eines Vorgutachtens zum Thema "Maßnahmen der Übergangswirtschaft nach dem
Kriege zur Wiederingangsetzung marktliehet Wirtschaftlenkung", Dokument 5 (3/1943), in:
Christine Blumenberg-Lampe, Der Weg in die Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 81-111,
hier S. 88
34 Vgl. Christine Blumenberg-Lampe, Das wirtschaftspolitische Programm der ,Freiburger
Kreise', a.a.O., S. 131 und S. 153; von Beckeraths Bruder Herbert, ebenfalls Wirtschaftswis-
senschaftler, der Ende 1933 in die USA emigrierte, kritisierte schon 1934 in einer Besprechung
der Böhm'schen Habilitationsschrift trotz grundsätzlicher Übereinstimmung dessen rechts-
dogmatisch-normativen Ansatz als unzureichend für die Festigung der Marktwirtschaft und
empfahl die stärkere Einflußnahme auf die Entscheidungsträger der Wirtschaftspolitik in Poli-
tik und Unternehmen. Heinrich von Beckerath, Besprechung: Franz Böhm, Wettbewerb und
Monopolkampf, in: Schmollersjahrbuch, 58.Jg., 1934, S. 340-345

141
Unberührt davon hatten die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft seit 1942 in
über 40 Gutachten und Arbeitspapieren verschiedenste Aspekte der wirtschaftli-
chen Neuordnung nach dem Krieg behandelt. Auf der Grundlage dieser Aus-
arbeitungen wurden dann nach 1945 weitere Gutachten für die Alliierten for-
muliert sowie Materialien für das erste Treffen von Wirtschaftswissenschafdern
nach dem Krieg erstellt, das 1947 in Rotbenburg stattfand. 35 Auch wenn der
konkrete Beratungserfolg der Arbeitsgemeinschqft Erwin von Beckerath bis dahin
recht bescheiden geblieben war, so sollte sich diese gewachsene Arbeitsstruktur
doch "als Sauerteig für eine neue freiheitliche und marktwirtschaftlich kon-
zipierte Lösung" 36 in Westdeutschland erweisen: Die Arbeitsgemeinschqft Erwin von
Beckerath stellte mit ihrem ordoliberalen Kern den ersten wissenschaftlichen
Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium und konnte damit - wie noch zu
zeigen sein wird - die Wirtschaftspolitik Erhards maßgeblich beeinflussen. Ihre
eigentliche historische Bedeutung lag somit in der Funktion als personelles
Reservoir marktwirtschaftlich orientierter Wirtschaftswissenschafder, in der
Existenz eines gewachsenen Netzwerk, das für die unübersichtlichen Nach-
kriegszeit erste Denkanstöße und Manpower bereit hielt. 37
Als ersten und wichtigsten Schritt zur Wiederbelebung der Marktwirtschaft
hatte die Arbeitsgemeinschaft die Sanierung der Währung empfohlen, wie schon
der programmatische Titel eines 1946 fertig gestellten Gutachtens Währungsord-
nung = Wirtschqftsordnung3 8 plakativ zum Ausdruck bringt. Dieser von den Frei-
burger Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft (Lampe, Eucken, Dietze) diskutierte
Text, der nach Blumenberg-Lampe "eine Art kurzgefaßtes Gesamtgutachten" 39
aller Ergebnisse der Arbeitsgemeinschaft darstellt und den politischen Erforder-
nissen der unmittelbaren Nachkriegszeit entsprechend augepaßt wurde, verdeut-
licht beispielhaft, warum die vom Ordoliberalismus beeinflußte Ordnungspolitik
als "Bastion des anti-keynsianischen Wirtschaftsdenkens"40 zu charakterisieren

35 Für Lenel handelt es sich allerdings zu diesem Zeitpunkt "nicht um Gutachten der oder für
die Arbeitsgemeinschaft, die nach meiner Kenntnis damals gar nicht tätig war." Hans Otto
Lenel, Die sogenannten Freiburger Kreise, a.a.O., S. 292
36 Vorwort von Norbert Kloten bei Christine Blumenberg-Lampe, Der Weg in die Soziale
Marktwirtschaft, a.a.O., S. 15
37 Insofern ist Klotens Warnung davor, daß die Verdienste der Arbeitsgemeinschaft Beckeralh als
eigenständige Gruppierung in der Diskussion um die Entstehung des Konzepts der Sozialen
Marktwirtschaft und die konkrete Konstituierung marktwirtschaftlicher Ordnungspolitik in
der Bundesrepublik "posthum Unangemessen ,überhöht' werden", durchaus berechtigt.
Norbert Kloten, "Was zu bedenken ist", a.a.O., S. 168; widersprüchlich ist allerdings, daß
Kloten selbst mit anderen Beiträgen wie dem Vorwort bei Blumenberg-Lampe (1986) selbst
zu dieser Überhöhung beigetragen hat.
38 Gutachten der Arbeitsgemeinschaft Beckerath, Währungsordnung = Wirtschaftsordnung,
Dokument 47 (1/1946), in: Christine Blumenberg-Lampe, Der Weg in die Soziale
Marktwirtschaft, a.a.O., S. 507-527
39 Christine Blumenberg-Lampe, Das wirtschaftspolitische Programm der ,Freiburger Kreise',
a.a.O., S. 147
40 Dieter Plehwe, Ludwig Erhards D-Mark, a.a.O., S. 23

142
ist. Im Grundsatz zielte das Gutachten auf Vorschläge zur möglichst zügigen
Umsetzung der ökonomischen Voraussetzungen für die Einführung einer
Marktwirtschaft, ohne die politische und soziale Stabilität in der ehedem proble-
matischen Nachkriegssituation über Gebühr zu strapazieren. "Die Unterbindung
der marktliehen Wirtschaftssteuerung hat sich schon in der Kriegswirtschaft
störend genug bemerkbar gemacht, sie muß aber im Stadium eines erstrebten
Wirtschaftsneubaus zum Verhängnis werden." 41 Tatsächlich wurde die Warnung
vor diesem "Verhängnis"- gemeint war vor allen Dingen das britische Wohl-
fahrtsstaatskonzept in Verbindung mit Vollbeschäftigungspolitik - zur zentralen
politischen Botschaft des Ordoliberalismus, verbunden mit der Verheißung, daß
jede Abweichung vom marktwirtschaftliehen Kurs "gradlinig zur Zenttal-
verwaltungswirtschaft (führt), die den Untergang der deutschen und damit der
gesamten europäischen Wirtschaft nach sich ziehen würde." 42 Deshalb sollte
eine "schlagartig durchzuführende" 43 Währungsreform den ,"Auftakt' zu einer
vollständigen Wirtschaftsneuordnung"44 bilden.
Um nun aber die Marktwirtschaft und damit das Preissignal als Steuerung
von Angebot und Nachfrage ohne allzu große Inflationsgefahr zur Geltung brin-
gen zu können, mußte das Problem des aus der Kriegswirtschaft hervorgegange-
nen Kaufkraftüberhangs gelöst werden. Dieser als "verdeckte Inflation"45 be-
zeichnete Kaufkraftüberhang sollte ,abgeschöpft' werden, um das Gleichgewicht
zwischen Geldmenge und Güterangebot wiederherzustellen. Das war zugleich
die Voraussetzung zur avisierten zügigen Freigabe der Preise, denn nur durch
die rigorose ,Abschöpfung' der überschüssigen Kaufkraft im Rahmen eines
Währungsschnitts ließ sich die kaufkräftige Nachfrage drosseln. Von der Preis-
freigabe versprach sich die Arbeitsgemeinschaft neben der Verdrängung von
Schwarzmärkten und Naturalwirtschaft ein Sichtbarwerden der tatsächlichen
Verarmung als Leistungsanreiz für die neu zu belebende Marktwirtschaft. 46
Zugespitzt könnte man sagen, daß mit der Knute der Armut die Marktwirtschaft
erzwungen werden sollte, um so mehr als die kleinen und mitderen Einkommen
nicht nur durch die geplante Entwertung der Sparguthaben überdurchschnittlich
betroffen sein mußten, sondern durch die weiteren Vorschläge zur Lohn-,
Steuer- und Sozialpolitik auch überdurchschnittlich belastet werden sollten.
Ausgehend von der Einschätzung, "daß die chronische Massenarbeitslosig-
keit (...) nach Abschluß des ersten Weltkriegs im wesentlichen eine Folge der
monopolistischen Lohnregelung durch Gewerkschaftsmacht gewesen ist,"47 for-
derte die Arbeitsgemeinschaft, "daß entweder das Preisniveau ohne Anpassung

41 Gutachten der Arbeitsgemeinschaft Beckerath, Währungsordnung = Wirtschaftsordnung,


a.a.O., S. 511
42 Ebenda, S. 513
43 Ebenda, S. 516
44 Ebenda, S. 527
45 Ebenda, S. 508
46 Vgl. ebenda, S. 514
47 Ebenda, S. 519

143
der Nominallöhne erhöht wird oder aber eine Senkung der Nominallöhne auf
unverändertem Gesamtpreisniveau erfolgt." 48 Zur Konsolidierung der desaströ-
sen Staatsfinanzen in Folge der stetig gewachsenen Kriegsausgaben empfahl die
Arbeitsgemeinschaft eine "einschneidende Neugestaltung des Steuerwesens",49
die vor allen Dingen als umfassende Steuerentlastung der Unternehmen gedacht
war. Gefordert wurde "eine Umgestaltung des Einkommens- und Lohnsteuerta-
rifs im Sinne wesentlich vermehrter Belastung der mittleren und kleinen Ein-
kommen", denn "jede weitere Progressionsübersteigerung würde den durch sie
ohnehin schon geschwächten Willen zur Mehrleistung beim Unternehmertum
°
vollends unterbinden." 5 Folgerichtig wurde auch die zu jener Zeit breit disku-
tierte "einmalige Vermögensabgabe" strikt abgelehnt: "Vor solchen utopischen
Plänen kann nicht eindringlich genug gewarnt werden." 51 Die Überwälzung der
Kriegslasten auf die abhängig Beschäftigten wurde durch die Ablehnung sozial-
staatlicher Politik arrondiert. Die Arbeitsgemeinschaft empfahl eine stringente
Ausgabenreduzierung des Staates mit besonderem Blick auf das Sozialbudget:
"Die bis 1933 durch unverantwortliche Machenschaften im politischen System
der Vielparteienherrschaft und dann durch die Leichtfertigkeit einer diktatori-
schen Staatsführung betriebene ,großzügige' Sozialpolitik muß auf der ganzen
Linie preisgegeben werden. " 52
Die wirtschaftspolitische Botschaft des Konzeptes war somit eindeutig libe-
ral. Es ging von der Grundannahme aus, daß "in einer völlig der Selbstregelung
überlassenen und unter Konkurrenzdruck stehenden Marktwirtschaft chroni-
sche Unrentabilität bei intakter Währung nicht aufkommen (kann)." 53 Die in
kurzer Frist angestrebte Währungsreform sollte mit der weitgehenden Freigabe
der Preise und der Aufhebung der Devisenbewirtschaftung als Voraussetzung
für die schnelle Reintegration in den Weltmarkt verbunden sein. Als wesentliches
Instrument zur Belebung einer binnenwirtschaftlichen Marktdynamik galt es, die
Sachkapitalbesitzer möglichst geringen ftnanziellen Belastungen auszusetzen, um
so Anreize für die Wiederaufnahme der Produktion zu bieten, die durch Kredit-
lenkung zunächst auf die Konsumgüterproduktion konzentriert werden sollte.
Indem die Unternehmen zum vorrangigen Träger des Wutschaftsprozesses erklärt
wurden, aber gleichzeitig enorme Mittel zum Abbau der Kriegslasten aufzubrin-
gen waren, hätte es zwangsläufig einer Verteilungspolitik bedurft, die die Unter-
nehmen und selbständige Einkommen entlastet und gleichzeitig die Lohnein-
kommen vermehrt belastet. Von Startgerechtigkeit konnte also in den Vorschlä-
gen der Arbeitsgemeinschqft Erwin von Beckerath kaum die Rede sein. Wenn man

48 Ebenda, S. 520; die Arbeitsgemeinschaft sprach sich dabei für die erste Variante aus, da diese
den "Vorzug" habe "vergleichsweise reibungslos abgewickelt werden zu können." (Ebenda)
49 Ebenda
50 Ebenda, S. 521
51 Ebenda, S. 524
52 Ebenda, S. 523
53 Ebenda, S. 518

144
einmal von den angedeuteten Maßnahmen zum Lastenausgleich absieht, wurden
die Fragen der Gerechtigkeit und des sozialen Ausgleichs nicht diskutiert.
Im übrigen betrachtete die Arbeitsgemeinschaft um Erwin von Beckerath
die wirtschaftspolitische Bewältigung der Nachkriegssituation selbst keineswegs
als ,Stunde Null', wie es in der Legendenbildung um die Entstehung der Sozialen
Marktwirtschaft bis heute gern getan wird. "Die deutsche Wirtschaft steht genau
genommen nicht vor Wiedernufbau, sondern vor Neu- und Umbauten größten
Stils",54 lautete das Ergebnis ihrer diesbezüglichen Analyse. Nicht nur in dieser
Grundeinschätzung, sondern auch in den vorgeschlagenen Maßnahmen traf sich
die Arbeitsgemeinschqft Erwin von Beckerath dabei mit wesentlichen Positionen
Erhards, die dieser parallel, aber offensichtlich unabhängig von den Freiburgern
entwickelt hatte.
Nach langjähriger Tätigkeit in der konsumgüterorientierten Marktforschung
und seiner wirtschaftspolitischen Beratung zur ökonomischen Integration der
annektierten Volkswirtschaften Österreichs, Lothringens und Polens in das
Projekt der deutschen ,Großraumwirtschaft' 55 widmete sich Erhard ab Ende
1942 Fragen der wirtschaftlichen Nachkriegsplanung. Sie sollen im Zusammen-
hang der vorliegenden Arbeit nur insoweit interessieren, als sie für die Einschät-
zung der Person Erhards und der Entstehung der Sozialen Marktwirtschaft von
Bedeutung sind. Wichtig ist vor diesem Hintergrund, daß es sich bei der im
März 1944 von Erhard vorgelegten Studie unter dem Titel Kriegifinan'{jerung und
Schuldenkonsolidierung um eine Auftragsarbeit für die Reichsgruppe Industrie han-
delte,56 die Erhard nicht nur mittelbar (durch Kontakte, Bereitstellung von
Datenmaterial etc.) unterstützte, sondern die insbesondere die finanziellen Res-
sourcen für das von ihm gegründete Institut fiir Industrieforschung zur Verfügung
stellte. 57 Die großzügige Unterstützung war nicht zuletzt Ergebnis seiner guten
Kontakte, insbesondere zu Vertretern der Konsumgüterindustrie, vor allem aber
zur Führungsspitze der Reichsgruppe Industrie, die sich über Erhards Schwager,
den Hauptgeschäftsführer des Verbandes Karl Guth, entwickelt hatten. 58

54 Ebenda, S. 521; Herv. im Original


55 Vgl. hierzu den Abschnitt 2.3.2 dieser Arbeit, S. 76 ff.
56 Vgl. Ludolf Herbst, Krisenüberwindung und Wirtschaftsneuordnung, a.a.O., S. 324
57 "Als entscheidend erwies sich jedoch eine Dreijahresfinanzierung durch die von der Reichs-
gruppe Industrie getragene Fördergemeinschaft der deutschen Industrie in Höhe von insge-
samt 450.000 RM, die später für das Haushaltsjahr 1944/45 um weitere 180.000 RM aufge-
stockt wurde." Karl-Heinz Roth, Das Ende eines Mythos, Teil ll, a.a.O., S. 93; Weiss erwähnt,
daß Erhard zu diesem Zeitpunkt "über seinen Schwager Guth bei der Reichsgruppe Industrie
mit dem Gehalt eines Abteilungsleiters angestellt" war. Karl Günther Weiss, Wahrheit und
Wirklichkeit, a.a.O., S. 592
58 Vgl. Michael Brackmann, Vom totalen Krieg zum Wirtschaftswunder, a.a.O., S. 155 f.; Ludolf
Herbst, Krisenüberwindung und Wirtschaftsneuordnung, a.a.O., S. 321 f. - Roth stellt aller-
dings die hier von Herbst vertretene These in Frage, daß Erhard vor der Gründung eines eige-
nen Instituts seinen vorherigen Arbeitsplatz - das Nürnberger Institut für Wirtschaftsbeob-
achtung- aus politischen Gründen verlassen mußte. Vgl. Karl-Heinz Roth, Das Ende eines
Mythos, Teil I, a.a.O., S. 55 und S. 59 f.

145
Innerhalb der Führungsgremien von Industrie und Großbanken begann
man sich nach der Kriegswende in Stalingrad auf eine veränderte Nachkriegssi-
tuation unter den Bedingungen einer militärischen Niederlage Deutschlands ein-
zustellen. Für die Reichsgruppe Industrie beschäftigte sich der sogenannte Stahl-
Kreis, 59 benannt nach Rudolf Stahl, dem Vorstandsvorsitzenden des Salzdet-
furth-Konzems und stellvertretenden Leiter der Reichsgruppe, mit den bin-
nenwirtschaftlichen Problemen, der Arbeitskreis für Außenwirtschaftsfragen mit der
Zukunft der deutschen Exportwirtschaft innerhalb einer gedachten weltwirt-
schaftliehen Konstellation der Nachkriegszeit. 60 Dabei konnte die Reichsgruppe
Industrie nach der personellen und politischen Neuformierung des Reichswirt-
schaftsministeriums mit konkreter Unterstützung rechnen und nutzte diesen
Spielraum bei der Erarbeitung und Ausformulierung der eigenen Nachkriegs-
ziele.61 Gerade Ohlendorf suchte den Schulterschluß mit der Industrie, indem er
eine Koordinierung der Nachkriegsplanungen zwischen den Ministerium und
der Reichsgruppe geradezu einforderte. 62 In einer Rede vor dem großen Beirat
der Reichgruppe Industrie vom 4. Juli 1944 warb Ohlendorf für die Durchset-
zung wirtschaftlicher Minimalziele nach dem verlorenen Krieg: "Sicherlich ist
das geringste Ziel, das mit Ende des Krieges gewährleistet sein muß, das der
freien Einsatzmöglichkeit für unsere Arbeitskräfte und für unsere vielfältige
Wirtschaft im allgemeinen. Denn wenn uns der Krieg diese Freiheit nicht
brächte oder ließe, dann wäre er nicht nur umsonst gewesen, sondern dann wür-
den wir uns in einem Maße zusammengedrängt sehen, wie wir es heute kaum
uns vorstellen können. " 63
Spätestens im Herbst 1944, als die Reichsgruppe Industrie "in der Lage
(war), sowohl für den Innen- als auch den Außenwirtschaftsbereich Planungs-
programme aufzustellen," 64 kam es dann zu einer konkreten Zusammenarbeit
zwischen Ministerium und dem Industrieverband, in die Erhard an herausragen-
der Stelle involviert war. Erhard hatte zunächst mit seiner Denkschrift zur
Kriegsfinan~erung und Schuldenkonsolidierung erste grundsätzliche Anstöße für die

59 Zur personellen Zusammensetzung und Arbeitsstruktur des Stahl-Kreises vgl. Karl-Heinz


Roth, Wirtschaftliche Vorbereitungen auf das Kriegsende und Nachkriegsplanungen, a.a.O.,
S. 587 f.
60 Vgl. Michael Brackmann, Vom totalen Krieg zum Wirtschaftswunder, a.a.O., S. 127; zur
Entwicklung der beiden Gremien 1944/45 vgl. im einzelnen: Karl-Heinz Roth, Wirtschaftliche
Vorbereitungen auf das Kriegsende und Nachkriegsplanungen, a.a.O., S. 537 ff. und S. 585 ff.
61 Vgl. LudolfHerbst, Krisenüberwindung und Wirtschaftsneuordnung, a.a.O., S. 335
62 "Alle diese Bemühungen (in 1944 im Referat 11/1 des Reichswirtschaftsministerium; Anm.
R.P.), die unter den gegebenen Umständen nur für die Nachkriegszeit von Bedeutung sein
konnten, trafen sich mit den Bestrebungen der deutschen Industrie, ihrerseits ein Konzept für
die Zukunft zu erarbeiten." Kar! Günther Weiss, Wahrheit und Wirklichkeit, a.a.O., S. 538;
ähnlich Volker Hentschel, Ludwig Erhard, a.a.O., S. 34
63 Zit. nach Kar! Günther Weiss, Wahrheit und Wirklichkeit, a.a.O., S. 526 f.
64 Ludolf Herbst, Krisenüberwindung und Wirtschaftsneuordnung, a.a.O., S. 330

146
binnenwirtschaftliche Diskussion innerhalb des Reichsverbandes geliefert,65 die
in der Folge von verschiedenen Abteilungen zu einem komplexen wirtschafts-
politischen Konzept verdichtet wurden. Sein Institut für Industrieforschung ko-
ordinierte diese verbandsinterne Konzeptionsbildung und avancierte "bis Mitte
1944 zur wirtschaftspolitischen ,Clearingstelle' der Reichsgruppe Industrie. " 66 In
dieser Rolle als Koordinator wurde Erhard im Auftrag des Reichsverbandes zum
direkten Austausch mit den Experten des Reichswirtschaftsministeriums ent-
sandt, wobei es auch zum persönlichen Kontakt mit Ohlendorf kam. 67 Dabei
hatte Erhard deutlich gemacht, daß ihm neben der Unterstützung der Reichs-
gruppe Industrie für das eigene Institut "noch mehr an einer entsprechenden
Rückendeckung durch das Reichswirtschaftsministerium gelegen wäre. " 68 Im
Dezember 1944 erhielt Ohlendorf dann die vollständige Fassung von Erhards
Denkschrift zur Knegfinan~enmg und S chuldenleonsolidierung.
Vor dem Hintergrund direkter Arbeitskontakte "zwischen den beiden füh-
renden Inspiratoren der jeweiligen Planungskonzepte, Erhard und Ohlendorr'69
erscheint das Bild vom unerschrockenen, uneigennützigen Erhard, der unter
Einsatz von Leib und Leben mit den Vorarbeiten zur Sozialen Marktwirtschaft

65 Vgl. Karl-Heinz Roth, Wirtschaftliche Vorbereitungen auf das Kriegsende und Nachkriegspla-
nungen, a.a.O., S. 555; so auch die Selbstsicht von Erhard, der sich gar in einer führenden
Rolle der Nachkriegsplanungen der Reichsgruppe Industrie wähnte. In einem von ihm formu-
lierten Expose, das als erster Entwurf eines Arbeitskonzeptes für die gesamten Nachkriegspla-
nungen der Reichsgruppe Industrie zusammen mit einem Auszug aus der Erhard'schen Denk-
schrift durch Stahl am 14.11.1944 an Ohlendorf geschickt wurde, heißt es (geschrieben in der
dritten Person!): "Mit einer umfangreichen und grundsätzlichen Arbeit über ,Kriegsfinanzie-
rung und Schuldenkonsolidierung' hat Dr. Erhard die Basis für eine Diskussion geschaffen
und die Herren Dr. Keiser und Dr. Grüning zu Co-Referaten über den gleichen Gegenstand
angeregt. Über ,Möglichkeiten und Verfahren der Vermögensabgabe' arbeitet derzeit Dr. Paul
Binder Berlin-Ebingen In Anlehnung an die Erhard'sche Arbeit behandelt Prof. Dr. Hero
Moeller, Tübingen, das ,Problem der Staatskreditären Abwicklung des Krieges' (...). Mit wäh-
rungspolitischen Fragen befaßt sich im Hinblick auf die künftige deutsche Außenhandelsges-
taltung auch Dr. Albrecht in seinen ,Überlegungen zum Wiederaufbau einer industriellen
Nachkriegswirtschaft unter besondere Berücksichtigung der Außenwirtschaft.' In seinem Co-
Referat nimmt Dr. Erhard vor allem auch zu der währungspolitischen Seite dieser Arbeit
Stellung. Derzeit in Bearbeitung befindet sich endlich noch eine wieder umfangreichere grund-
sätzliche Untersuchung von Dr. Erhard, die mit der Behandlung des Problems der Vollbe-
schäftigung und der Konjunkturstabilisierung sich eingehend auch mit der währungspoliti-
schen Neuordnung auseinandersetzt. Zu erwähnen sind noch(... ) die Betrachtungen von Dr.
Grüning über den ,Aufbau des deutschen Staatshaushaltes nach dem Kriege', mit denen der
Autor gleichzeitig eine schätzungsweise Aufgliederung der Erzeugungs- und Verbrauchs-
strukturen vorzunehmen sucht." Zit. nach Wolfgang Schumann, Nachkriegsplanungen der
Reichsgruppe Industrie im Herbst 1944. Eine Dokumentation, in: Jahrbuch für Wirtschaftsge-
schichte, 1972- Teil3, S. 259-296, hier S. 291
66 Karl-Heinz Roth, Das Ende eines Mythos, Teil II, a.a.O., S. 93
67 Vgl. Ludolf Herbst, Krisenüberwindung und Wirtschaftsneuordnung, a.a.O., S. 335 f.; Weiss
erwähnt mindestens ein Gespräch unter vier Augen am 17. November 1944 (Karl Günther
Weiss, Wahrheit und Wirklichkeit, a.a.O., S. 539 f.)
68 Kar! Günther Weiss, Wahrheit und Wuklichkeit, a.a.O., S. 540
69 Ludolf Herbst, Krisenüberwindung und W~rtschaftsneuordnung, a.a.O., S. 335

147
gegen die nationalsozialistische Kriegswirtschaft opponierte,70 unglaubwürdig.
Erhards Arbeit an den Vorbereitungen zur Nachkriegswirtschaft legen weder
Zeugnis ab vom "geistigen Widerstand gegen die Vergewaltigung der Wirt-
schaft",71 noch sprechen irgendwelche Fakten für eine persönliche Risikositua-
tion Erhards, der immerhin mit dem SD-Inlandschef über die Zukunft der Wirt-
schaftsordnung nach dem Kriege konferierte. Daran ändert auch die vielfach
angeführte Tatsache nichts, daß Gördeler die Erhard'sche Studie bekannt war
und seine Zustimmung fand, denn Erhard hatte mit dem Widerstandkreis um
Gördeler nichts zu tun. 72
Erhards Denkschrift für die Nachkriegsplanungen der deutschen Industrie73
behandelte einerseits die konkret-praktische Frage, wie die durch die Kriegswirt-
schaft entstandene Staatsverschuldung von ca. 400 Mrd. RM74 abzubauen sei,
andererseits wollte Erhard mit dem 270-seitigen Beitrag offensichtlich frühzeitig
in die ordnungspolitische Debatte der Nachkriegswirtschaft eingreifen, nicht
zuletzt um sich eine günstige Ausgangsposition für die eigene berufliche Zu-
kunft zu verschaffen. Auch er sah in der nahenden Phase des wirtschaftlichen
Übergangs nicht nur die Notwendigkeit, sondern auch die Möglichkeit, eine
marktwirtschaftliche Ordnung zu etablieren, wenngleich seine Vorstellungen in
stärkerem Maße als in der Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath von der takti-
schen Berücksichtigung der politischen Einflußfaktoren geprägt waren. In die-
sem Gespür für die politischen und sozialen Stimmungen lag- neben den her-
vorragenden Verbindungen zur Industrie - die eigentliche Stärke von Erhard,
und weniger im theoretischen Tiefgang seiner Arbeiten. 75
Erhards Ansatz in Hinblick auf das Problem der Schuldenkonsolidierung
war durch eine pragmatische Herangehensweise, aber keineswegs durch Distanz
zur verdeckten Kriegsfinanzierung der Nationalsozialisten gekennzeichnet.7 6 Er
wollte die eigentliche Frage der Kriegsfinanzierung auf ein allgemeines tech-

70 Vgl. z.B. Theodor Eschenburg, Aus persönlichem Erleben: Zur Kurzfassung der Denkschrift
1943/44, Vorbemerkung, in: Ludwig Erharcl, Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung
a.a.O., S. XX
71 Willi Schickling, Entscheidung in Frankfurt. Ludwigs Erharcls Durchbruch zur Freiheit. 30
Jahre Deutsche Mark. 30 Jahre Soziale Marktwirtschaft, Stuttgart 1978, S. 34
72 Vgl. Volker Hentschel, Ludwig Erhard, a.a.O., S. 33
73 Es ist bemerkenswert, daß Wünsche in seiner ausführlichen Darstellung der Erhard'schen
Denkschrift die Interessengebundenheit der Studie völlig unberücksichtigt läßt (Horst Fried-
rich Wünsche, Ludwig Erhards Gesellschafts- und Wirtschaftskonzeption, a.a.O., S. 170 ff.).
74 Vgl. Ludwig Erhard, Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung a.a.O., S. 104c
75 Vgl. für viele: Wolfgang Benz, Von der Besatzungsherrschaft zur Bundesrepublik, a.a.O. S.
125; dagegen betont Wünsche immer wieder, daß die theoretische Leistung Erhards in der
wirtschaftswissenschaftlichen Literatur zu unrecht vollkommen unterschätzt würde - vgl. die
Hinweise in dieser Arbeit Fn. 160, S. 60 und Fn. 165, S. 60 f.
76 "Insgesamt verteidigte Erhard die vom Nationalsozialismus praktizierte Politik der zurückge-
stauten Inflation." Michael Brackmann, Vom totalen Krieg zum Wirtschaftswunder, a.a.O., S.
157; noch akzentuierter bewertet Hentschel: Erhard "hielt die Finanzierung des Krieges im
Krieg fur unbedenklich, konsequent und zielsicher." Volker Hentschel, Ludwig Erhard, a.a.O., S. 29

148
rusch-ökonomisches Organisationsproblem reduziert wissen, das sich bei jedem
Krieg stellt, "denn immer und unabhängig von methodischen Fragen sieht sich
der Staat vor die Notwendigkeit gestellt, die Kollektivkaufkraft der Wirtschafts-
individuen zugunsten der Kaufkraftstärkung des Staates zu verkürzen, und jedes
l\1ittel ist gut und recht, das geeignet erscheint, die Umlenkung des Güterstroms
ohne Störungen (...) herbeizuführen."77 Allerdings sei durch "die von Deutsch-
land verfolgte Linie der Kriegsfinanzierung (...) eine nachträgliche Konsolidie-
rung der zunächst unsichtbaren Vorgänge und Bewegungen auf dem Geld- und
Kapitalmarkt erforderlich." 78 Zur Wiederherstellung des durch die Kriegswirt-
schaft verlorengegangenen Gleichgewichts zwischen Gütermarkt und Geld-
menge bedurfte es dieser Konsolidierung der Staatsfinanzen und der Beseitigung
des Geldüberhangs, ohne die die angestrebte marktwirtschaftliche Neuordnung
kaum bzw. nur um den Preis höchster Inflation realisierbar sein konnte.
Die politische Seite des ökonomischen Problems bestand nun darin, wer die
Lasten der Entschuldung zu tragen hatte, da die ursprünglich begonnene Kom-
pensation durch Raub angesichts der absehbaren militärischen Niederlage nicht
fortgesetzt werden konnte. Erhards 1943/44 formulierte Vorschläge präformier-
ten im Kern den später realisierten Ansatz eines Währungsschnitts als Startsignal
einer marktwirtschaftliehen Ordnung, wie er auch von der Arbeitsgemeinschaft
Erwin von Beckerath befürwortet wurde. Eine Kaufkraftabschöpfung durch Preis-
erhöhungen, die sogenannte "dosierte Inflation", 79 hielt er für ein nur begrenzt
sinnvolles volkswirtschaftliches Instrument, nicht zuletzt, weil "die Stabilität der
Preise und der Währung sich bei näherer Untersuchung immer mehr als eine
unabdingbare Voraussetzung des Aufbaus der Nachkriegswirtschaft (erweist)." 80
Erhard favorisierte eine von ihm als "Konvertierung" bezeichnet Lösung: "Die
Voraussetzung jeder Lockerung aber bildet(...) die Umwandlung der fmanzwirt-
schaftlich noch ungebundenen, freien Kaufkraft in Staatsschuldtitel, d.h. die
Umwandlung eines realen Anspruches an das Sozialprodukt in einen nominellen
Anspruch an den Staat", so daß "der Gegenwartsanspruch damit zu einem Zu-
kunftsanspruch auf die güterwirtschaftliche Leistung der Nation (wird)." 81
In der Konsequenz mußte das bedeuten, die Ansprüche der aufgestauten
Massenkaufkraft zunächst auf unbestimmte Zeit zurückzustellen, was vor allem
auf die Sparguthaben zielte, die durch das sinkende Konsumgüterangebot im
Krieg enorm angewachsen waren. Erst bei einem zukünftigen wirtschaftlichen

77 Ludwig Erhard, Kriegsftnanzierung und Schuldenkonsolidierung a.a.O., S. 14; an anderer


Stelle verweist Erhard zwar auf das Problem der fehlenden güterwirtschaftlichen Deckung der
Kriegsfmanzierung, betont aber, "daß diese Feststellung hier durchaus nicht im Sinne einer
Kritik getroffen (sei), ja, es sei vielmehr sogar anerkannt, daß das Funktionieren des Wirt-
schaftsablaufes im Krieg geradezu auf der Aufrechterhaltung einer solchen Fiktion basiert."
Ebenda, S. 140
78 Ebenda, S. 16
79 Ebenda,S. 105
80 Ebenda,S. 136
81 Ebenda, S. 151 f.

149
Aufschwung mit einem erheblich gewachsenen Sozialprodukt sollten dann diese
Ansprüche gegenüber dem Staat befriedigt werden, was ja umgekehrt bedeuten
mußte, daß bei Ausbleiben des Aufschwungs die Ansprüche hinfällig sein wür-
den. Offensichtlich baute Erhard darauf, daß die Forderungen gegenüber dem
Staat in mitderer Frist unter veränderten ökonomischen Bedingungen vernach-
lässigbar sein könnten, denn, "wenn der Erwerbstätige wieder in den Genuß ei-
nes in der Verwendung gesicherten Einkommens gelangt und er sich gleichzeitig
dessen bewußt ist, daß der Staat seine Schuld auch nur wieder durch Kürzung
dieses Einkommens abzudecken in ·der Lage ist, dann entfällt psychologisch
gesehen der Anreiz zu solchen Forderungen."82 Ganz im Sinne der Freiburger
Ökonomen wollte auch Erhard an erster Stelle die kleinen und mitderen Ein-
kommen zum Abbau der finanzieRen Kriegslasten heranziehen, während die
großen Vermögen, insbesondere das Produktivkapital, weitgehend verschont
bleiben sollten. Erhard warnte davor, daß "in der entscheidenden Stunde (...) die
Front derer, die in einer Vermögensabgabe eine reale Lösung sehen, sehr breit
sein wird"83 und daß "der Ruf nach einer Sozialisierung der Produktionsmittel
laut werden (wird). " 84
Um diese Situation zu entschärfen und der Diskussion um eine grundlegen-
den Neuordnung der Wirtschaft präventiv entgegenzuwirken, empfahl Erhard
die Implementierung einer maßvollen Besteuerung der Vermögensbesitzer, de-
ren Niveau sich daran bemessen lassen sollte, was sie "aus ihren laufenden Ein-
kommen erübrigen und abgeben können". 85 Durch eine Politik des "gerechten
Lastenausgleichs" sollten zudem die gröbsten Ungerechtigkeiten der in Folge
des Krieges und der beabsichtigten Schuldenkonsolidierung verschärften Ver-
teilungssituation abgemildert werden. Der Erhard'sche Grundsatz aber lautete:
"Die Kontinuität der Wirtschaftsordnung", womit in dieser Situation nur die Si-
cherung der Eigentums- und Vermögensverhältnisse gemeint sein konnte, "bil-
det also die erste und wesentlichste Voraussetzung jeglicher Staatsschulden-Re-
gelung, und schon allein aus diesem Grunde müßten alle Schichten des Volkes
an der Verhinderung gesellschaftswirtschaftlicher Experimente, die jene ehernen
Gesetzmäßigkeiten doch auch nie zu sprengen vermöchten, interessiert sein. " 86
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß Erhard, der sich in der Nach-
kriegszeit immer wieder mit scharfen Angriffen gegen die Macht der Verbände
hervorgetan hat, den Karrieresprung zum führenden WJ.rtschaftspolitiker West-
deutschlands nicht zuletzt seiner Tätigkeit als Gutachter auf Seiten der Indust-
rie-Lobby verdankte, die nach diesen Vorschlägen zu den eigentlichen Gewin-

82 Ebenda, S. 262; Brackmann konunt deshalb zu dem Schluß, die Erhard'schen Vorschläge
liefen fiir die Sparer "in letzter Konsequenz auf nichts anders als die komplette Annullierung
ihrer Schuldtitel hinaus." Michael Brackmann, Vom totalen Krieg zum Wirtschaftswunder,
a.a.O., S. 161 f.
83 Ludwig Erhard, Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung, a.a.O., S. 71
84 Ebenda, S. 98
85 Ebenda, S. 76; Herv. im Original
86 Ebenda, S. 149

150
nern der zukünftigen Friedenswirtschaft werden mußte. 87 Allerdings argumen-
tierte Erhard in der sich abzeichnenden Rolle als politisch-strategischer
Vordenker der Marktwirtschaft nicht offen aus der Position des lndustrielobby-
isten, sondern aus der eines sachverständigen Gutachters. Er stellte sich in die
Reihe der Vertreter eines geläuterten Liberalismus, der daran festhielt, daß
gerade in schwierigen ökonomischen und sozialen Zeiten nur die Marktwirt-
schaft die Rückkehr zu Wohlstand ermöglicht und zugleich in Abgrenzung zum
klassischen Liberalismus zugestand, daß die Marktwirtschaft zur Entfaltung ihrer
Leistungsfahigkeit weder auf einen ,starken Staat' noch auf Interventionen ver-
zichten kann. "In einer solchen Lage verfügt der Staat allein über das Ansehen
und die Macht zur Dekretierung von Maßnahmen, auf die im Interesse geord-
neter wirtschaftlicher Verhältnisse nicht verzichtet werden kann." 88 Die vorgese-
hene Schonung der großen Vermögen und des Produktivkapitals wollte Erhard
denn auch nicht im Sinne einer einseitigen Verteilungspolitik zugunsten der
Kriegsgewinnler verstanden wissen, sondern er empfahl sie als volkswirtschaft-
lich notwendige Maßnahme zur raschen Revitalisierung der marktwirtschaftli-
ehen Kräfte, insbesondere der vernachlässigten Konsumgüterproduktion.
In der Begründung dieses behaupteten Zusammenhangs zeigt sich der Kern
des Verständnisses vom Sozialen, wie es wenig später im Konzept der Sozialen
Marktwirtschaft manifestiert wurde: Nicht die "Frage der Verteilung" bestimme
den Lauf der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung, "nicht der Streit um die
Beteiligungsquoten am Sozialprodukt wendet das Schicksal, sondern allein die
güterwirtschaftliche Leistung schafft dem deutschen Volk eine neue materielle
Lebensgrundlage." 89 Entscheidend für die Deutung dieses Kernsatzes des
Erhard'schen Denkens ist aber nicht allein die darin enthaltene Rechtfertigung
ungleicher Startbedingungen beim angestrebten Übergang zur marktwirtschaft-
liehen Friedensordnung. Dies ist in Hinblick auf die ethische Rechtfertigung der
Sozialen Marktwirtschaft als Wirtschaftsordnung bestmöglicher sozialer Gerech-
tigkeit sicherlich von großer Bedeutung. Wichtiger noch ist aber die darin ent-
haltene wirtschaftspolitische Grundlinie, die zur Stimulierung der angestrebten
Marktwirtschaft allein auf die Stärkung der Angebotseite setzte, was für die Be-
dingungen der Nachkriegszeit bedeuten sollte, vor allem die Eigenkapitalbildung
der Unternehmen, hier primär im Bereich der Konsumgüterindustrie, durch
massive Steuerendastungen zu fördern und den Export im Rahmen einer zügi-
gen Weltmarktintegration anzukurbeln. Allgemein gesprochen handelte es sich
um ein mikroökonomisch fundiertes Konzept, das die privaten Unternehmen

87 Dabei ist es unerheblich, daß Erhards Gutachten lediglich als eine - wenn auch wichtige -
Diskussionsgrundlage der Nachkriegsplanungen des Stahl-Kreises diente, die durch andere
Abteilungen der Reichsgruppe Industrie erweitert und verändert wurde. Zur Entwicklung
dieser Diskussion vgl. Karl-Heinz Roth, Das Ende eines Mythos, Teil II, a.a.O., S. 94 f.;
Michael Brackmann, Vom totalen Krieg zum Wirtschaftswunder, a.a.O., S. 165 ff.
88 Ludwig Erhard, Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung, a.a.O., S. 192
89 Ebenda, S. 262

151
des im Krieg vernachlässigten Konsumgütersektors in den Mittelpunkt rückte
und den Wirtschaftsprozeß gerade nicht über eine hohe öffentliche Nachfrage
und die unmittelbare Stärkung der Massenkaufkraft steuern sollte. Damit stellte
sich Erhard eindeutig gegen eine nachfrageorientierte Politik im keynesianischen
Sinn, zumal er kurzfristig, sprich für "die der deutschen Wirtschaft gestellten
Nachkriegsaufgaben", eine Situation von "so dringlicher Natur" sah, "daß sie
gewiß keiner Stimulans (bedarf)", 90 abgesehen von der erwogenen Bereitstellung
günstiger Kredite für die Produzenten. 91
Wenn Erhard in der Darlegung seiner Vorstellungen einer zukünftigen
Wirtschaftsordnung akzentuierter als seine ordoliberalen Weggefährten die Be-
deutung der sozialen Frage hervorhob, so ist daraus keineswegs auf fundamen-
tale Widersprüche zu schließen. Es ging ihm, wie bereits an Erhards Texten aus
den dreißiger Jahren belegt wurde, nicht allein um die wirtschaftspolitische Ziel-
formulierung, sondern gerade auch um die Suche nach einer geeigneten politi-
schen Durchsetzungsstrategie und sozialpsychologischen Absicherung in der
Zeit des Übergangs, "denn auf lange Sicht", so formulierte es Erhard im Januar
1945, "kann der Staat immer nur die Wirtschaftsordnung verwirklichen, die der
Vorstellung des Volkes in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht entspricht." 92
Auch Böhm hatte 1937 die soziale Frage aus der Sicht des ,neuen' Liberalismus
zu interpretieren versucht und deren Beachtung zur Voraussetzung einer stabi-
len Wettbewerbswirtschaft erklärt. Es galt, auf der symbolischen Ebene gegen-
über den kritischen und skeptischen Stimmungen in der Bevölkerung ein Signal
zu senden, daß eine marktwirtschaftliche Ordnung eben nicht mit der Existenz
sozialer Probleme gleichzusetzen sei. Böhm wie Erhard setzten darauf, "etwai-
gen sozialen Spannungen auf psychologisch-ideologischer Ebene entgegenzuwir-
ken."93 In diesem Sinne instrumentalisierte Erhard den sozialen Aspekt für seine
Implementierungsstrategie. "Vor allem aber verdient(...) die Forderung nach ei-
ner sozialwirtschaftlich gerechten Lösung herausgestellt zu werden, denn in der
Anerkennung dieses Grundsatzes liegt vor allem anderen die sicherste Gewähr
für die Aufrechterhaltung der sozialwirtschaftlichen Ordnung." 94
Es muß deshalb unterschieden werden, an welchen Prämissen Erhard sein
langfristiges wirtschaftspolitisches Ziel orientierte und wie er sich als karriere-
und zeitgeistbewußter Wirtschaftsberater und -politiker im politischen Alltags-

90 Ebenda, S. 126
91 Es ist vor diesem Hintergrund wenig verständlich, wenn Roth in seiner Auseinandersetzung
mit Erhards Beiträgen zur wirtschaftlichen Nachkriegsplanung zu dem Schluß kommt, "daß er
dem keynesianischen Regulierungsmodell weitaus näher als dem Neoliberalismus seiner
Zeitgenossen Friedrich A. Hayek oder Wilhelm Röpke (stand)." Kari-Heinz Roth, Das Ende
eines Mythos, Teil li, a.a.O., S. 100
92 Ludwig Erhard, Der Staatshaushalt in der volkswirtschaftlichen Bilanz, in: Bankwirtschaft, Jg.
1945, Nr. 1, S. 1 ff., hier S. 2; Klump ordnet diese Textpassage falschlieherweise der Denkschrift
vom April1944 zu, vgl. Rainer Klump, Wege zur Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O., S. 153
93 Michael Brackmann, Vom totalen Krieg zum Wirtschaftswunder, a.a.O., S. 163
94 Ludwig Erhard, Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung, a.a.O., S. 192

152
diskurs posttlonterte. So gesehen ist es nicht wirklich verwunderlich, wenn
Erhard in einem im Januar 1945 erschienenen kurzen Aufsatz in der Bankwirt-
schajl5 zu dem Schluß kommt, daß der Weg zum makroökonomisch gestützten
"modernen Sozialstaat (...) unvermeidlich (ist)." 96 Offensichtlich rechnete
Erhard aufgrund des Diskussionsverlaufs im Stahi-Krei? 7 und mit Blick auf die
wirtschafts- und sozialpolitischen Optionen der Alliierten zu diesem Zeitpunkt
damit, daß eine an keynesianischen Grundsätzen orientierte Wirtschaftspolitik in
der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht zu vermeiden sein würde. Deshalb stellte
er sich auf einen Sozialstaat mit Verteilungscharakter ebenso ein wie auf eine
Politik der Vollbeschäftigung, ohne diese Position selbst zu übemehmen. 98 Auf
der Basis dieser Einschätzung suchte Erhard dann nach Möglichkeiten, die Len-
kungsdiskussion an marktwirtschaftliehen Grundsätzen auszurichten, etwa wenn
er die erwartete "Einkommensumschichtung (...) nur auf Grund neuer wirt-
schaftlicher Leistungen aus dem laufenden Sozialprodukt"99 ftnanziert wissen
oder die staatliche Ausgabenpolitik dadurch begrenzen wollte, daß er von einem
"ausgeglichenen Staatshaushalt" ausging, "der dem Staat nur eine Verwendung
von Kaufkraft im Umfang der Kürzung privater Ansprüche einräumt." 100
Ob die semantischen Anpassungsleistungen Erhards nun eher Ausdruck ei-
nes opportunistischen Verhaltens oder aber gewiefte Taktik eines Realpolitikers
waren, braucht hier nicht weiter beleuchtet zu werden. Wohl aber bleibt festzu-
halten, daß sich Erhards Positionen trotz seiner sprachlichen Ambivalenzen in
allen wesentlichen Fragen mit den Vorstellungen der Ordoliberalen um Eucken
zur Reorganisation der Nachkriegswirtschaft trafen. 101 Das gilt gleichermaßen

95 Ludwig Erhard, Der Staatshaushalt in der volkswirtschaftlichen Bilanz, a.a.O.; Herausgeber


und Hauptschriftleiter der Bankwirtschaft war Günter Keiser, der zugleich als Abteilungsleiter
für Statistik in der Wirtschaftsgntppe Privates Bankengewerbe wirkte und in dieser Funktion
gemeinsam mit Erhard an den Nachkriegsplänen der Reichsgruppe Industrie arbeitete.
96 Ebenda, S. 2
97 Vgl. Karl-Heinz Roth, Das Ende eines Mythos, Teil II, a.a.O., S. 96 f.; ders., Wirtschaftliche
Vorbereitungen auf das Kriegsende und Nachkriegsplanungen, a.a.O., S. 585 ff.
98 Es geht "die heute ziemlich allgemein an die Staatsführungen gestellte Forderung dahin, die
Vollbeschäjtig11ng, und das soll letztens heißen die soziale Wohlfahrt, zu garantieren. (...) Damit
droht das Verlangen nach Vollbeschäftigung von einer gewiß anzuerkennenden Forderung zu
einer Art ne11em ökonomischen Prinifp erhoben zu werden, das allerdings in dieser absoluten
Form noch der theoretischen Unterbauung bedürfte." Ebenda, S. 1; Herv. im Original
99 Ebenda, S. 2
100 Ebenda, S. 3
101 Dabei ist das Gegenargument Wünsches, daß Erhard keine Kenntnisse von den schriftlich fi-
xierten Nachkriegsplanungen der Freiburger Ordoliberalen und der Arbeitsgemeinschaft Envin von
Beckerath hatte, im Ergebnis unbedeutend. (Vgl. Horst Friedrich Wünsche, Erhards Soziale
Marktwirtschaft: von Eucken programmiert, von Müller-Annack inspiriert?, a.a.O., S. 151 f.)
Selbst, wenn man die Richtigkeit dieser Behauptung unterstellt, so zielt Wünsches Fragestel-
lung allein auf die Urheberschaft der theoretischen Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft.
Entscheidend ist aber, daß sowohl Erhard wie die Freib11rger Sch11k und die Gruppe der Exil-
anten- ob in Verbindung stehend oder unabhängig voneinander- einen ,neuen' Liberalismus
zu legitimieren und in der Nachkriegszeit gemeinsam als Dritten Weg zu implementieren ver-
suchten. Aus einer anderen Perspektive, aber mit ähnlichem Ergebnis spricht Roth von den

153
für die vorgeschlagenen konkreten wirtschaftspolitischen Maßnahmen wie für
die Grundlinien der Wirtschaftspolitik. 102 Übereinstimmung bestand erstens in
der Forderung nach einer "starke(n) Staatsführung" 103 als gesellschaftspoliti-
schem Stabilisierungsfaktor einer Wettbewerbswirtschaft, zweitens in der vorge-
sehenen Flankierung der Marktprozesse durch ein begrenztes Maß an Interven-
tionen und drittens in der Einsicht, daß die soziale Dimension auch aus liberaler
Perspektive eine gewisse Berücksichtigung erfahren muß, um das Gesamtziel
nicht zu gefährden. Letzteres hatte Erhard in seinem Gutachten für den Reichs-
gruppe Industrie klar formuliert: "Das erstrebenswerte Ziel bleibt in jedem Falle
die freie, auf echten Leistungswettbewerb beruhende Marktwirtschaft mit den
jener Wirtschaft immanenten Regulativen." 104 Wenn trotz dieser Überein-
stimmungen nach Gründung der Bundesrepublik gewisse Differenzen zwischen
Erhard und seinem Stab im Wirtschaftsministerium einerseits und den ordolibe-
ralen Wissenschaftlern andererseits aufgetreten sind, erklärt sich dies vor allem
aus dem jeweiligen Zugang zum Gegenstand, also aus dem Spannungsverhältnis
zwischen Theorie und Praxis. Denn die Soziale Marktwirtschaft mußte als
Konzept für die Praxis von einigen ordoliberalen Dogmen im vierten Kapitel
zur Entstehung der Sozialen Marktwirtschaft als befreit werden, umso mehr, als
seine realpolitische Umsetzung von verschiedensten gesellschaftlichen Konflik-
ten beeinflußt wurde. Auf dieses Spannungsverhältnis werde ich im Nachkriegs-
konzept der Bundesrepublik zurückkommen.

",ordoliberalen' Verkleidungen", die Erhard und dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft
angedichtet werden. (Karl-Heinz Roth, Das Ende eines Mythos, Teil II, a.a.O., S. 100) Für ihn
geht es dabei um den Nachweis einer Kontinuität zwischen der nationalsozialistischen Wirt-
schaftspolitik und der Sozialen Marktwirtschaft. Tatsächlich sind solche Kontinuitätsaspekte in
der deutschen Wirtschaftspolitik zu konstatieren, allerdings beruhen diese - wie dargelegt -
weniger auf der "spezifischen Variante der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik" als viel-
mehr auf bestimmten Traditionslinien in der deutschen Wirtschaftspolitik. Sofern über die
spezifische Organisation der Kriegswirtschaft hinaus überhaupt von einer nationalsozialisti-
schen Wirtschaftspolitik zu sprechen ist, bildete der sich formierende Ordoliberalismus den ei-
gentlichen Orientierungspunkt Diesen Aspekt scheint Roth zu unterschätzen.
102 Vgl. für viele: Rainer Klump, Historische Wurzeln, in: Roland Vaubel/Hans D. Barbier
(Hrsg.), Handbuch Marktwirtschaft, Pfullingen 1986, S. 138-143, hier S. 139
103 Ludwig Erhard, Kriegsfmanzierung und Schuldenkonsolidierung, a.a.O., S. 263
104 Ebenda, S. 264

154
3.2 Die ordoliberale Formierung in der
Neuordnungsdebatte nach 1945

Mit dem Zusammenbruch des NS-Systems mußten sich auch die Vertreter des
ordoliberalen Spektrums neu orientieren. Nun galt es, das eigene Programm den
veränderten und zunächst politisch unkalkulierbaren Bedingungen der unmittel-
baren Nachkriegssituation anzupassen. Die noch innerhalb einer nationalsozia-
listischen Ordnung gedachte Synthese aus Lenkungswirtschaft und Marktwirt-
schaft,105 die das Nebeneinander zweier Steuerungsmethoden des wirtschaftli-
chen Prozesses beinhaltete, schien nunmehr obsolet zu sein. Gleich nach dem
Krieg nutzten deshalb auch die in Deutschland gebliebenen Ordoliberalen die
neue Situation, um marktwirtschaftliche Grundsatzpositionen zu formulieren 106
und bemühten sich um Kontakte zu den für Wirtschaftspolitik Verantwortlichen
bei den Alliierten. Zwar fielen wesentliche wirtschaftspolitische Grundsatzent-
scheidungen in den Westzonen bereits 1947, die dann ihre institutionelle Aus-
formung in der Währungsreform und dem Leitsätzegesetz 1948 fanden, 107 aber
zumindest bis dahin war aus der damaligen Perspektive die konkrete Richtung
der ordnungspolitischen Grundsatzdiskussionen keineswegs absehbar. Und auch
nach dem wirtschaftlichen Zusammenschluß der Westzonen und der Entschei-
dung zugunsten einer marktwirtschaftliehen Ordnung blieb die ordnungspoliti-
sche Diskussion im Spannungsfeld von Markt und Plan ein zentrales Thema auf
der politischen Agenda der neuen Bundesrepublik Daß die Intensität und die
Härte dieser Wirtschaftsordnungsdebatte "mit rationalen Kriterien allein nicht

105 "Ich erinnere hier an die Arbeiten des Freiburger Kreises von Eucken, Lampe, v. Dietze,
Großmann-Doerth und Böhm, an (...) Röpke, an die Schriften Alfred Webers, in den insge-
samt sich (...) die Tendenz aussprach, zum mindesten eine Synthese von Lenkungswirtschaft
und freier Marktwirtschaft anzustreben." Alfred Müller-Armack, Das Grundproblem unserer
Wirtschaftspolitik: Rückkehr zur Marktwirtschaft (zuerst erschienen an der Forschungsstelle
für allgemeine und textile Marktwirtschaft an der Universität Münster 1946), in: Finanzarchiv,
N.F., Bd.11, Heft 1,1948,S. 57-78, hierS. 64
106 Das gilt in besonderem Maße für Erhard, Miksch und Müller-Armack, also jene Ordoliberalen,
die in den folgenden Jahren maßgeblich an der politischen Implementierung des ordoliberalen
Programms arbeiteten. Aufgrund der Fülle an Material würde es zu weit führen, hier sämtliche
Arbeiten zwischen 1945-1948 aufzuführen. Beispielhaft sei verwiesen auf die Textsammlung
von Ludwig Erhard, Deutsche Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 15-100; wichtig sind auch die über
die Forschungsstelle für allgemeine und textile Marktwirtschaft an der Universität Münster
verbreiteten sechs Arbeiten Müller-Armacks sowie die Publikationen von Miksch in der von
der Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebietes herausgegebenen
Zeitschrift Wirtschaftsverwaltung.
107 Vgl. Wemer Abelshauser, Wirtschaft in Westdeutschland 1945-1948. Rekonstruktion und
Wachstumsbedingungen in der amerikanischen und britischen Zone, Stuttgart 1975

155
erklärt werden kann",108 lag nicht zuletzt an der ideologischen Zuspitzung der
Ordoliberalen, die eine systematische und zugleich aggressive Diskriminierungs-
kampagne gegen alle wirtschaftspolitischen Optionen außerhalb einer marktwirt-
schaftliehen Lösung führten.
Die Ordoliberalen hatten längst den Kampf um die kulturelle Hegemonie in
Sachen Wirtschafts- und Sozialordnung aufgenommen und suchten dabei nach
einer den neuen politischen Verhältnissen angemessenen ideologischen Einbet-
tung ihres Programms. Dabei zeigte sich "der Neoliberalismus als antisozialisti-
sche Theorie in antikapitalistischer Hülle, in der gegen ,Dirigismus, Interventio-
nismus und Kollektivismus' zu Felde gezogen wurde." 109 Aus der Konstruktion
dieser Gegenpole ergab sich mit einer gewissen Logik die ideologische Figur ei-
nes Dritten Weges "jenseits von Kapitalismus und Kollektivismus", 110 für den
insbesondere Röpke seit den frühen vierziger Jahren eifrige Vorarbeit geleistet
hatte. 111 In seiner 1944 erstmals erschienen Schrift Civitas Humana entwarf
Röpke ein grausam anmutendes Untergangsszenario für die Zeit nach dem
Krieg, wenn nicht das zugleich umrissene positive Zukunftsszenario des ,neuen'
Liberalismus Realität werden sollte. In der optimistischen Variante bedeutete
dies: "Dieser Krieg und sein Ausgang werden wirklich die Wende zum Besseren,
die Heilkrise, bedeuten; die Menschheit wird (...) die tiefen und eigentlichen
Wurzeln der Katastrophe begreifen und mit allen Kräften ein Ende setzen, einer
Periode der geistig-moralischen Verwirrung, der Unterdrückung, Ausbeutung
und Herrschsucht, der Massenzivilisation mit ihren Rauschgiften und Hysterien,
des industriellen Monopolismus und Feudalismus, des Staatszerfalls durch
Gruppenanarchie, des Kults des Kolossalen, der pseudoreligiösen Massendog-
men und Ideologien, des Nationalismus, Imperialismus, Biologismus, Kapitalis-
mus und Kollektivismus; eine neue Weltordnung wird sich formen." 112
Röpke umriß hier nicht allein die Bandbreite der ideologischen Flankierung
des ordoliberalen Projektes, sondern es trat auch deutlich zu Tage, daß der Or-
doliberalismus über den ökonomischen Kern hinaus einen umfassenden gesell-
schaftspolitischen Gestaltungsanspruch formulierte. Ziel der folgenden Ab-
schnitte soll es sein, dieses Knäuel an ideologischen Frontlinien mit gesell-
schaftspolitischem Impetus zu entwirren. Wie also argumentierte der ,neue' Li-
beralismus, um seinen Dritten Weg zu präsentieren? Worauf stützte sich sein

108 Wemer Abelshauser, Dokumentation: Freiheitlicher Sozialismus oder soziale Marktwirtschaft?


Die Gutachtertagung über Grundfragen der Wirtschaftsplanung und Wirtschaftslenkung am
21. und 22. Juni 1946, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 24. Jg., Heft 4, 1976a, S. 415-
449, hier S. 425
109 Wemer Krause, Der westdeutsche Neoliberalismus, in: Herbett Meißner (Hrsg.), Bürgerliche
Ökonomie des Kapitalismus. Ideologische und praktische Bedeutung der westdeutschen Wirt-
schaftstheorie, Berlin, S. 48-76, hier S. 58 f.
110 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 46
111 1942 erschien von Röpke Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, 1944 GPitas Humana, 1945
lnllrnalionak Ordnung und Die Deutsche Frage
112 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 12 f.

156
immer wieder hervor gehobener Antirnonopolismus, wofür stand Röpkes For-
derung nach einer "widergelagerten Gesellschaftspolitik"? 113 Und worin sollten
die konkreten ordnungspolitischen Grundsätze bestehen, an denen die zukünf-
tige Wirtschaftspolitik auszurichten sei?
Den Ausgangspunkt der ordoliberalen Nachkriegsformierung bildete aller-
dings die Frontstellung gegen alle wohlfahrtsstaatliehen und planwirtschaftliehen
Optionen. Ausgestattet mit einem Selbstverständnis als richtungsweisende Wis-
senschaftselite oder - in der kulturalistischen Variante - als ,abendländische
Heilsbringer' konnte die Ordnungsdebatte aus ordoliberaler Perspektive nur in
Gestalt einer feindbestimmten Kampfhandlung geführt werden, bei der es galt,
jedwede Alternative zur ordoliberalen Option auszugrenzen. Offensichtlich sa-
hen sich die Ordoliberalen selbst in einer äußerst defensiven Position, wie Mül-
ler-Armack auch noch 1948 zum Ausdruck brachte: "Es ist so etwas wie eine
Zeitstimmung entstanden, für die eine zentral gelenkte Wirtschaft das einzige se-
riöse Mittel ist, einer so ernsten Lage wie der gegenwärtigen zu begegnen und
die den freien Organisationsformen gegenüber den Argwohn empftndet, es
werde hier leichthin und fast frivol einer Ordnung das Wort geredet, die einer
Zeit des bürgerlichen Überflusses vielleicht zu Gesicht stand, aber sich mit der
Armut unserer Gegenwart nicht mehr gut vertrage." 114

3.2.1 Aufbau einer ideologischen Front gegen den ,Kollektivismus'

Die antisozialistische Propaganda des ,neuen' Liberalismus setzte nicht erst zum
Ende des Zweiten Weltkrieges ein. Bereits seit Mitte der dreißiger Jahre hatten
insbesondere Röpke und Hayek115 ihre Kritik am wirtschaftspolitischen Inter-
ventionismus mit antisozialistischen Attacken verknüpft, die nicht selten in kru-
den antisowjetischen Ressentiments gipfelten: "Spricht man mit einem einzigen
Russen, so hat man mit allen gesprochen", heißt es 1937 in einem Artikel
Röpkes für die NZZ, in dem er sich dem "Insektendasein"116 der Sowjetmen-
schen widmet. Erinnert sei auch an die früheren Texte der in Deutschland ver-
bliebenen Vertreter des ,neuen' Liberalismus, in denen mit Blick auf die eigene

113 Ebenda, S. 85
114 Alfred Müller-Armack, Die Wirtschaftsordnungen sozial gesehen, in: ORDO, Bd. 1, 1948, S.
125-154, hier S. 125- der Text ist eine überarbeitete, stärker an ordoliberalen Positionen aus-
gerichtete Fassung der ersten Version, die 1947 an der Forschungsstelle für allgemeine und
textile Marktwirtschaft an der Universität Münster erschienen war: ders., Wirtschaftsordnung,
sozial gesehen, a.a.O.
115 Neben Hayeks wohl bekanntester antisozialistischer Schrift Der Weg ~r Knechtschaft vgl. seine
Texte zur Auseinandersetzung mit der sozialistischen Wirtschaftsplanung: Sozialistische Wirt-
schaftsrechnung I-III (Erstveröffentlichungen 1935 und 1940), in: Friedrich A. von Hayek,
Individualismus und wirtschaftliche Ordnung, Salzburg 1976, S. 156-267
116 Wilhelm Röpke, Sozialismus und politische Diktatur (Erstveröffentlichung 1937), in: ders.
(Hrsg.), Gegen die Brandung. Zeugnisse eines Gelehrtenlebens unserer Zeit, hrsg. von Albert
Hunold, Erlenbach-Zürich- Stuttgart 1959, S. 109-114, hier S. 110

157
Positionierung im nationalsozialistischen Staat mit äußerster Schärfe gegen
Marxismus und Bolschewismus polemisiert worden war. 117 In der Gegnerschaft
zum Sozialismus - ob in der Form des sowjetischen Staatssozialismus oder der
sozialistischen Arbeiterbewegung - sahen sich die frühen Ordoliberalen trotz al-
ler Differenzen zum Nationalsozialismus und seiner Wirtschaftspolitik in einer
gemeinsamen Abwehrfront mit der Führung des Dritten Reiches. Selbst im wohl
wichtigsten theoretischen Werk des Ordoliberalismus, Euckens Grundlagen der
Nationalökonomie, speiste sich - wie gesehen - die Legitimation der Marktwirt-
schaft aus der focussierten Abgrenzung zur Planwirtschaft, die im wissenschaft-
lichen Kontext des Ordoliberalismus unter der Bezeichnung Zentralverwal-
tungswirtschaft firmierte.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit sollte diese antisozialistische Grund-
haltung zum Kernpunkt der ordoliberalen Formierung werden, bei der vor allem
Röpke und Hayek die Leitlinien vorgaben. Im Kampf gegen den ,Kollektivis-
mus' entstand dabei eine eigentümliche Gemengelage aus politisch-ideologischer
Propaganda und wirtschaftsliberaler Kritik an Funktionsweise und Wirkung der
unterschiedlichen Wege des wirtschaftspolitischen lnterventionismus. Für die
Neo- und Ordoliberalen, ausgestattet mit dem Selbstverständnis einer militäri-
schen Formation, verlief hier die wesentliche Frontlinie im Kampf um die zu-
künftige Wirtschaftsordnung im Nachkriegsdeutschland: "So befinden wir uns
in der Lage einer Armee, die einen Teil ihrer Schützengräben im Angesicht des
Feindes ausbauen muß - eine Lage, die uns höchste Eile und Arbeitsintensität
zur Pflicht macht. " 118
Im Mittelpunkt des politisch-ideologischen Angriffs stand die als Kampf-
begriff verwendete Formel des ,Kollektivismus', für dessen internationale Ver-
breitung Röpke und Hayek sorgten. Dabei knüpfte Röpke an seine in den drei-
ßiger Jahren formulierte Kritik an der ,Massengesellschaft' an. 119 Unter
,Kollektivismus' subsumierte er fast die Gesamtheit der politischen und ideolo-
gischen Bewegungen und Phänomene des 20. Jahrhundert, die er für die wirt-
schaftlichen Krisen ebenso verantwortlich machte wie für die beiden Weltkriege.
"Die Verantwortung für das Wirtschaftsleben dem Staate anvertrauen, heißt:
Kollektivismus", 120 so Röpke 1948 in einem breiten definitorischen Wurf. Der
,Kollektivismus' bildete insofern begrifflich gesehen ein völlig indifferentes

117 Daß sich an der antikommunistischen Geisteshaltung der Freiburger S ch11/e auch nach 1945
nichts geändert hatte, zeigt Böhms Nachruf auf Eucken 1950. Seine Ausfalle gipfelten dort in
einer Gleichsetzung von Marx und Hitler, deren Geschichtsverständnis "im Grunde auf das
Gleiche hinaus(kommt)." Franz Böhm, Die Idee des Ordo, a.a.O., S. LVII
118 Alexander Rüstow, Marktwirtschaft und Demokratie; in: Arbeitsgemeinschaft Selbständiger
Unternehmer (ASU) (Hrsg.), Unternehmer, Marktwirtschaft und Sozialpolitik- Schriftenreihe
"Der selbständige Unternehmer", Heft 3, Frankfurt am Main 1951, S. 35-39, hier S. 38
119 Vgl. hierzu die Ausführungen im Abschnitt 2.2.3 dieser Arbeit
120 Wilhelm Röpke, Die Ordnung der Wirtschaft, a.a.O., S. 8; auch Röpkes spezielle Schrift zum
Thema ,Die Krise des Kollektivismus', a.a.O., liefert in Bezug auf eine begriffliche Klarheit
des ,Kollektivismus' kaum mehr Anhaltspunkte.

158
Bündel gesellschaftlicher und politischer Erscheinungen, einzig und allein zu-
sammengeführt durch die Negation zum lndividualismus. 121 Seine ideologische
Funktion war dafür um so deutlicher, ging es doch darum, Nationalismus und
Sozialismus in unmittelbare Beziehung zueinander zu setzen, 122 in Hinblick auf
Wirtschaftsfragen vor allem darum, sozialistische Planwirtschaft ebenso wie
keynesianische Vollbeschäftigungspolitik mit der nationalsozialistischen Kriegs-
wirtschaft gleichzusetzen. Röpke sprach gar von einem "Kriegskollektivismus
(...),weil Krieg und Kollektivismus einander iJigeordnet sind." 123 So sollten die leidvol-
len Erfahrungen praktisch aller Bevölkerungsgruppen mit der auf Befehl und
Gehorsam gestützten Kriegswirtschaft des NS-Staates für die Mobilisierung zu-
gunsten der Marktwirtschaft genutzt werden. 124 Gesamtwirtschaftliche Planung
-in welcher Form auch immer- mußte zwangsläufig, so lautete die Botschaft
aller Neoliberalen, in einer Gesellschaft voller Unfreiheit, Gewalt und Zwang,
letztlich in einer Diktatur enden. "Kollektivistische Wirtschaft kann immer nur
Kommandowirtschaft und nichts anderes sein, daran ist nichts zu rütteln. " 125
Darin sah er zugleich den "schlechthin entscheidende(n) Einwand gegen jeden
Kollektivismus: Er bedeutet unerträgliche Staatsallmacht, gerade, weil es an der
notwendigen Allwissenheit des Staates fehlt, und er ist mit einer Iiberal-demo-

121 Auch Hayek überschrieb das entsprechende Kapital im The Road to Serfdom mit "Individualis-
mus und Kollektivismus", ohne daß eine konkrete Definition erkennbar wurde. Er hielt es
lediglich für sinnvoll, "die Methoden, deren man sich für viele verschiedene Ziele bedienen
kann, Kollektivismus zu nennen und den Sozialismus als eine Spezies dieser Gattung
aufzufassen." Friedrich August von Hayek, Der Weg zur Knechtschaft, a.a.O., S. 54 ff.
122 "Der Antifaschismus der Kommunisten und der Antikommunismus der Faschisten - im
Grunde ist das ein Familienstreit innerhalb des totalitären Sektors der Welt, in dem keine der
beiden streitenden Parteien das Recht hat, die Sympathie des freien Weltsektors anzurufen."
Wilhelm Röpke, Sozialismus und politische Diktatur, a.a.O., S. 113; "Nur wenige wollen
zugeben", heißt es bei Hayek, "daß der Aufstieg von Faschismus und Nationalsozialismus
nicht als Reaktion gegen die sozialistischen Tendenzen der voraufgegangenen Periode,
sondern als die zwangsläufige Folge jener Bestrebungen begriffen werden muß. Dies ist die
Wahrheit, die die meisten nicht sehen wollten, selbst als man in weiten Kreisen klar erkannte,
daß sich das innere Regime im kommunistischen Rußland und im nationalsozialistischen
Deutschland in vielen seiner abstoßenden Züge ähnelte." Friedrich August von Hayek, Der
Weg zur Knechtschaft, a.a.O., S. 21; Hayek widmet an selber Stelle (S. 210 ff.) der
"sozialistische(n) Wurzel des Nationalsozialismus" ein eigenes Kapitel, in dem er die
Sozialismus-Demagogie der ,konservativen Revolution' als Beleg für seine Behauptung von der
Gleichsetzung anführt. Vgl. kritisch zu dieser Behauptung: Ralf Ptak, Die soziale Frage als
Politikfeld der extremen Rechten, a.a.O., S. 109 ff.
123 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 65; Herv. im Original
124 "Der Widerwille gegen die üppig wuchernden Kontrollen der Hit/er-, Kriegs- und Besatzungs-
zeit legte einen radikalen Liberalismus nahe, um so mehr, als die sozialistische Opposition
durch die Assoziation jeglicher Kontrollidee mit jenen unseligen Erinnerungen desorientiert
war und nicht sogleich ein alternatives Programm zur Wahl stellen konnte." Eduard Heimann,
Soziale Theorie der Wirtschaftssysteme, Tübingen 1963, S. 190; Herv. im Original
125 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 62

159
kratischen Struktur der Gesellschaft schlechthin unvereinbar, so sehr, daß er nur
mit Hilfe eines totalitären, autokratischen Staates zu verwirklichen ist." 126
Schon hier wird deutlich, daß der ,Kollektivismus'-Vorwurf von Röpke und
Hayek letztlich für nichts anderes stand als die Übertragung des für die Nach-
kriegszeit so zentralen Totalitarismus-Ideologems auf den wirtschaftspolitischen
und wirtschaftswissenschaftlichen Raum, gewissermaßen für "die ökonomische
Variante der Totalitarismustheorie". 127 Es ging ihnen nicht um rationale wissen-
schaftliche Argumentation, sondern um ideologische Pionierarbeit an der poli-
tisch-ökonomischen Front. Das zeigt sich gerade auch im Angriff auf die "uner-
trägliche Staatsallmacht", dessen ideologischer Impetus auf der Hand liegt, wenn
man sich noch einmal das ordoliberale Staatsverständnis bzw. das grundsätzliche
Verhältnis des Neoliberalismus zur parlamentarischen Demokratie vergegenwär-
tigt. Denn bereits 1933 hatte Röpke erklärt, "daß Wirtschaftsfreiheit sehr wohl
mit einem illiberalen Wirtschaftssystem vereinbar ist." 128 Zudem ist es im Hin-
blick auf den Autoritarismus-Vorwurf gegenüber gesamtwirtschaftlichen Pla-
nungsmodellen wenig überzeugend und kaum glaubwürdig, wenn Röpke (hier
stellvertretend für die Ordoliberalen im allgemeinen) 1939 gegen die "moderne
totalitäre Staatsform" ins Feld zieht und an gleicher Stelle zwischen einer (ak-
zeptierbaren) "Diktatur" und einer (abzulehnenden) "Tyrannis" differenziert.
Schließlich "(enthält) jeder festgefügte Staat ein mehr oder weniger starkes hie-
rarchisch-autoritäres Element, und es würde zu nichts Gutem führen, eine be-
sonders ausgeprägte Form der autoritären Herrschaft, wie sie die Diktatur kenn-
zeichnet, für das Merkmal der modernen ochlokratischen Gewaltherrschaften zu
halten." 129 Diese Verteidigung von autoritärer Staatsform und ,wohlmeinenden
Diktator' war eben nicht nur ein konstitutives Element des ,neuen' deutschen
Liberalismus am Ende der Weimarer Republik, sondern ist bis heute- mindes-

126 Ebenda, S. 63, ähnlich S. 67


127 Elmar Altvater, Der gar nicht diskrete Charme der neoliberalen Konterrevolution, in:
PROKLA, 11. Jg., Heft 44, 1981, S. 5-23, hier S. 15; Herv. im Original. Es ist erstaunlich, daß
dieser Zusammenhang in der Totalitarismus-Diskussion kaum Beachtung ftndet, obwohl sein
Einfluß auf die Herausbildung der bundesrepublikanischen Wirtschafts- und Sozialordnung
erheblich gewesen sein dürfte. Vgl. z.B.: Wolfgang Wipperrnann, Totalitarismustheorien. Die
Entwicklung der Diskussion von den Anfangen bis heute, Darmstadt 1997 oder Martin
Greiffenhagen/Reinhard Kühnl/Johann Baptist Müller, Totalitarismus. Zur Problematik eines
politischen Begriffs, München 1972. Das gilt um so mehr, als gerade Hayeks Road to Serfdom
entscheidenden politischen Einfluß auf die Wahlkampfstrategien der britischen Konservativen
und der deutschen Christdemokraten (,Freiheit statt Sozialismus') in den siebziger Jahren
gehabt haben dürfte. Vgl. Wemer Goldschrnidt, ,Freier Markt' oder ,Soziale Gerechtigkeit'.
Kritische Anmerkungen zu F. A. v. Hayeks ,evolutionärer' Gerechtigkeitstheorie, in:
ders./Dieter Klein/Klaus Steinitz (Hrsg.), Neoliberalismus. Hegemonie ohne Perspektive. Bei-
träge zum 60. Geburtstag von Herbett Schui, Heilbronn 2000, S. 177-193, hier Fn. 1, S. 177
128 Wilhelm Röpke, Epochenwende?, a.a.O., S. 113
129 Wilhelm Röpke, Das ,Zeitalter der Tyrannis' (Erstveröffentlichung 1939), in: ders., Gegen die
Brandung. a.a.O., S. 114-136, hier S. 119

160
tens implizit - wichtiger Bestandteil der staatstheoretischen Vorstellungen des
Neoliberalismus im ganzen.
Für den Ordoliberalismus galt dies in besonderer Weise, weil er dem ,star-
ken Staat' über die Rolle zur Begrenzung der parlamentarischen Demokratie
hinaus eben auch eine zentrale Funktion zur Durchsetzung und Gewährleistung
der Wettbewerbsordnung beimaß. Das brachte Giersch, den späteren Präsiden-
ten des Kieler Institutes für Weltwirtschaft, 1960 zu der Frage, "ob die konse-
quente Durchführung und erst recht die Durchsetzung der Wettbewerbsord-
nung im Sinne der ordoliberalen Konzeption nicht eine ähnlich große Macht-
fülle des Staates voraussetzt wie eine Zentralverwaltungswirtschaft." 130 Auch
wenn hier nicht der Ort ist, einen entsprechenden Vergleich anzustellen, so ver-
weist dieser doch fundamentale Anwurf eines exponierten Vertreters aus dem
eigenen Lager auf die Inkonsistenz der Argumentation gegenüber dem Macht-
und Freiheitsmißbrauch des ,kollektivistischen' Staates.
Versucht man nun die eigentliche ökonomische Kritik hinter dem antikol-
lektivistischen Kampfbegriff zu erfassen, so handelte es sich im Kern um Argu-
mentationsmuster, die schon im Ansatz darauf abzielten, die Unmöglichkeit
wirtschaftlicher Lenkung außerhalb des Marktmechanismus unter Beweis zu
stellen. Ausgangspunkt der Interpretation war prinzipiell - wie in Euckens
,Grundlagen' gesehen- eine ohne demokratische Kontrolle gedachte Zentrale,
die auf der Basis von bürokratischer Machtfülle und der Hörigkeit der Wirt-
schaftssubjekte den komplexen Wirtschaftsprozeß bei festgelegten Preisen allein
politisch zu steuern versucht. Als Referenzpunkt diente dabei in der Regel die
nationalsozialistische und sowjetische Kriegswirtschaft, deren ,Ausnahmecharak-
ter' zumindest im Hinblick auf die deutsche Wirtschaftspolitik von den Vertre-
tern der Freiburger Schule selbst anerkannt worden war. Mischformen bzw. demo-
kratisch organisierte Wirtschaftsplanung, wie sie in der Nachkriegsphase insbe-
sondere von sozialdemokratischen Kräften vertreten worden waren, galten
schon deshalb per se als undurchführbar, weil nach neoliberaler Auffassung jeg-
liche wirtschaftspolitische Intervention eine nicht mehr aufzuhaltende Kettenre-
aktion auslösen mußte, an deren Ende - wiederum zwangsläufig - nur die totale
Planwirtschaft stehen konnte. "Es hat sich herausgestellt, dass, wenn man die
Staatseingriffe aller Art häuft, den Kollektivismus immer weiter treibt und den
kommandowirtschaftliehen Sektor der Wirtschaft auf Kosten des marktwirt-
schaftliehen ständig verbreitert, früher oder später der kritische Punkt erreicht
wird, an dem es sich offenbart, daß der verbleibende Rest der Marktwirtschaft
seinen Dienst versagt."131 Noch konkreter äußerte sich Rüstow mit Blick auf die
wirtschaftspolitische Programmatik sozialdemokratischer Parteien: "Die engli-
sche Labour-Party, bisher auch die deutsche Sozialdemokratie, und entspre-
chende Parteien in anderen Ländern, verfolgen oder verfolgten das Programm
einer allmählichen fortschreitenden, schrittweisen Sozialisierung, ohne zu sehen,

130 Herbett Giersch, Allgemeine Wtrtschaftspolitik. Erster Band: Gnmdlagen, WJeSbaden 1960, S. 181
131 Wilhelm Röpke, Civitas Hurnana, a.a.O., S. 73

161
daß es auf diesem Wege keinen natürlichen Haltepunkt gibt, daß er vielmehr(...)
als Road to Serfdom schließlich gleichfalls zur Vollsozialisierung und zur totali-
tären Planwirtschaft führt. " 132 Der Gedanke war allerdings Mitte der vierziger
Jahre keineswegs neu. Mises, der Spiritus Rector Hayeks, hatte diesen Gedanken
bereits 1929 unter dem Begriff "Interventionsspiralen" formuliert. 133
In einem zweiten großen Komplex zur Machbarkeit gesamtwirtschaftlicher
Planung ging es um die Frage der Koordination wirtschaftlicher Handlungen,
wie also in einer wiederum total gedachten Planwirtschaft Angebot und Nach-
frage aufeinander abgestimmt werden. So interessant sich die Auseinanderset-
zung mit dieser Fragestellung auch gestalten könnte, so wenig ging es um ihre
tatsächliche Beantwortung, da die Signalfunktion der freien Preisbildung als ein-
zig mögliche Form der Steuerung von Produktion und Konsumption gesetzt
wurde. Wirtschaftliche Krisen und destruktive Tendenzen innerhalb kapitalisti-
scher Marktwirtschaften waren (und sind) in den Augen der Neoliberalen nicht
die Folge der Unvollkommenheit freier Märkte, sondern genau umgekehrt stets
Ausdruck des einmal begonnenen staatlichen Interventionismus. Aus dieser Per-
spektive muß die gesamtwirtschaftliche Planung schon vom Ansatz her die
höchste Stufe der Unwirtschaftlichkeit darstellen. Ihr wurde zudem eine prinzi-
pielle Undurchführbarkeit attestiert, da es "niemals" einen "exakt zu definieren-
den ,Gesamtnutzen"' 134 einer Volkswirtschaft geben könne. Allerdings wurde
die Negation eines kollektiven ökonomischen Ziels bezeichnenderweise nicht
mit den Schwierigkeiten demokratischer Willensbildung in Hinblick auf die Fest-
stellung gesamtgesellschaftlicher Bedürfnisse, sondern mit erkenntnistheoreti-
schem Pessimismus begründet: "Das Entscheidende ist nun gerade, daß unser
Mißtrauen in die seelisch-moralischen Antriebskräfte des kollektivistischen
Staates noch weit übertroffen wird durch unseren absoluten Mangel an Ver-
trauen zu der Intelligenz selbst von Übermenschen, die organisatorischen Aufgaben
kollektivistischer Wirtschaftsführung zu lösen." 135 Was Röpke hier noch im Stile
allgemeinen ,Menschenverstandes' formulierte, wurde dann von Hayek zur
These von der Begrenztheit menschlichen Wissens 136 ausgebaut und bis in die
siebziger Jahre zu einer komplexen Evolutionstheorie geformt. Das Ergebnis
stand allerdings schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit fest: Eine Abkehr

132 Alexander Rüstow, Soziale Marktwirtschaft als Gegenprogramm gegen Kommunismus und
Bolschewismus, a.a.O., S. 100; die sozialdemokratischen Parteien in den westlichen Industrie-
staaten bildeten das Hauptangriffsziel der Ordoliberalen und wurden deshalb besonders infam
attackiert: "Daß übrigens die für die Wirtschaftspolitik des Nationalsozialismus Verantwort-
lichen und mit ihr Sympathisierenden heute in der Regel die sozialdemokratische Uniform
angezogen haben( ...) wissen Sie." Briefvon Röpke an Rüstow vom 29.10.1949, in: Wilhelm
Röpke, Briefe. Der innere Kompaß 1934-1966, Erlenbach-Zürich 1976, S. 109
133 Vgl. Ludwig von Mises, Kritik des lnterventionismus, a.a.O.
134 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 53
135 Ebenda, S. 57; Herv. im Original
136 Vgl. hierzu den Vortrag, den Hayek 1974 bei der Entgegennahme des Nobelpreises für
Wirtschaftswissenschaften gehalten hat: Friedrich A. von Hayek, Die Anmaßung von Wissen,
in: ORDO, Bd. 26, 1975, S. 12-21

162
von der Marktwirtschaft - in welcher Form auch immer - stellt eine destruktive
Gegenbewegung zur Zivilisation dar, die ökonomisch in der Krise, sozial in Ar-
mut und politisch bei Hitler oder Stalin enden muß.
Für die Weichenstellung in Sachen Wirtschaftsordnung der Westzonen
dürfte die propagandistische Feldschlacht gegen den ,Kollektivismus' von nicht
unerheblicher Bedeutung gewesen sein. Nicht zuletzt durch die Polarisierung
der Wirtschaftsordnungsdebatte zu einer Freund-Feind-Konstellation gelang es
den ,neuen' Liberalen, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit weit verbreiteten
marktkritischen Positionen zu diskreditieren. Statt um eine offene Diskussion
über die Gestaltungsoptionen von Wirtschaft und Gesellschaft ging es nun um
eine fundamentale Schicksalsentscheidung für oder gegen Freiheit, Konsum und
Demokratie bzw. Unfreiheit, Mangel und totalitären Sozialismus. Dabei trieb der
Antikollektivismus selbst nach der politischen Entscheidung zugunsten einer
Marktwirtschaft so manche Blüte, 137 etwa, wenn Erhard in seinem populären
Werk Wohlstand ftir alle vor lauter Planungsphobie selbst das Instrument der
volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung geißelte. Zwar bestritt er nicht deren nütz-
lichen Erkenntnisse, allerdings "haftet dem Begriff der volkswirtschaftlichen Ge-
samtrechnung der penetrante Geruch der Erfüllung von Plan-Solls an und wird
damit nur allzu leicht an Stelle eines Erkenntnismittels zur Rechengrundlage diri-
gistischer Wirtschaftsplanung." 138 Solche ,Fehltritte' bildeten aber eher die Aus-
nahme. Insgesamt bewiesen gerade die in Deutschland gebliebenen Ordolibera-
len ein Gespür für die politisch-ideologische und sozialpsychologische Situation
und eine enorme Anpassungsfahigkeit an die veränderten Verhältnisse. 139

137 Gegen die "Schwarz-Weiß-Malerei des Ordoliberalismus" wandte sich mit klaren Worten der
angesehene Satin, der dafür im ORDO-Jahrbuch rüde angegriffen wurde (vgl. Vorwort, Bd.
12, 1960/61): "Es versperrt daher den Blick auf die wirtschaftlichen und sozialen Notwen-
digkeiten, wenn bald jeder staatliche Eingriff als ,Dirigismus' verpönt, jeder Dirigismus als
Weg zur totalen Planwirtschaft angeschwärzt und dadurch der Weg für Freibeuter und
Spekulanten geöffnet wird." Edgar Satin, Soziologische Aspekte der Konzentration, in: Fritz
Neumark (Hrsg.), Die Konzentration der Wirtschaft. Schriften des Vereins für Socialpolitik,
NF, Bd. 22, Berlin 1961, S. 16-44, hier S. 39 f.
138 Ludwig Erhard, Wohlstand für alle, 2. Auflage, Düsseldorf 1957, S. 364; in späteren Auflagen
wurde diese Passage dann gestrichen. Dennoch gab Giersch 1960 zu Bedenken: "Glaubt der
Bundeswirtschaftsminister, daß er sich selbst von diesem Instrument zum Dirigismus ver-
führen lassen würde?" Herbert Giersch, Allgemeine Wirtschaftspolitik, a.a.O., Fn. 131, S. 189
139 Es ist schon bemerkenswert, wie (nicht nur) ein Müller-Armack vom faschistischen Sympathi-
santen und Verherrlicher des totalen Staates plötzlich zum freiheitlichen Kritiker eines aktiven
Staates und autoritärer Wirtschaftslenkung avancierte. "Dieser Zusammenhang von
Wirtschaftslenkung und geistiger und politischer Unfreiheit muß gerade in Deutschland
besonders beachtet werden, da hier angesichts der Übermacht eines dem Staat zugewandten
Denkens die lebendige Tradition freiheitlicher Gesinnungen überaus schwach ist." Alfred
Müller-Armack, Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft, a.a.O., S. 64; weiter heißt es: "In der
Vergangenheit waren der deutsche Patriarchalstaat und das preußische Beamtenregiment
schlechte Schulen freiheitlicher Gesinnung. Wir haben einen hohen Preis dafür zahlen müssen.
Können wir von einer total fortgeführten Wirtschaftslenkung etwas anderes erwarten als die
Fortsetzung dieses Verhängnisses?" Ebenda, S. 105

163
Ein entsprechendes Gespür zeigten die Ordoliberalen mit ihrer Kampagne
gegen das "Zeitalter der Experimente", die auf den labilen Gemütszustand einer
verunsicherten und verarmten deutschen Bevölkerung zielte. Mit Geschick
knüpfte die ordoliberale Programmatik an das durch Krieg und Elend noch
einmal potenzierte Bedürfnis nach Stabilität und Kontinuität an. Die Zeit sei ge-
kommen, verkündete Eucken, "die Periode des Experimentierens abzuschließen
und ordnungspolitisch vorzugehen." 140 In einem geistigen Handstreich wurden
beide Weltkriege, wie auch wirtschaftliche und politische Krisen, ursächlich die-
ser ,Periode' zugeordnet, jener als ,Zeitalter des Kollektivismus' und des Inter-
ventionismus konstruierten Epoche. Nachdem die Marktwirtschaft damit über
Jahrzehnte verdrängt gewesen sei und damit die Marktgegner ihre historische
Chance gehabt hätten, sei nun die Zeit der Neuorientierung gekommen: "Die
letzten Jahrzehnte einer allgemein vordringenden Wirtschaftslenkung boten ei-
nen Erfahrungsfundus, an dem keine wirtschaftspolitische Erörterung fortan
vorbeigehen darf. Wir sind heute in der Lage, die Lenkungswirtschaft und die
Marktwirtschaft so miteinander vergleichen zu können, wie es bisher keiner ge-
schichtlichen Epoche möglich war." 141 Drastischer noch als Müller-Armack for-
mulierte es Röpke, der nunmehr die Stunde gekommen sah, "dem Kollektivis-
mus den Prozeß zu machen und die Schlußbilanz zu ziehen." 142
Aber trotz aller zur Schau gestellten Selbstgefälligkeit zweifelten die Ordoli-
beralen zu diesem Zeitpunkt offensichtlich an den historischen Entwicklungs-
chancen marktwirtschaftlicher Freiheit. "Gerade weil der Bolschewismus als ein
rationalistisch-universeller Islam einen verführerischen Appell an die geistigen
und charakterlichen Schwächen aller Menschen richtet, verfügt er über eine
,fünfte Kolonne', mit der verglichen diejenige des Nationalsozialismus lächerlich
wirkt. " 143 Die Bekämpfung des ,Kollektivismus' konnte deshalb aus Sicht der
Ordoliberalen nicht allein auf polarisierende Propaganda beschränkt bleiben, son-
dern bedurfte eines positiven wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Entwurfs.
Um im militärischen Sprachgebrauch der Ordoliberalen zu bleiben: Was nützt
das entfachte Sperrfeuer, wenn der eigentliche Angriff ausbleibt? Genau deshalb
beklagte Rüstow es als "die schlimmste und tiefstliegende Schwäche unserer Po-
sition, daß es uns bisher an einem Gegenprogramm gegen den Bolschewismus
fehlt." 144 Aber dazu mußte zunächst das öffentliche Profil des Liberalismus ge-
schärft werden, indem man jenen geläuterten, ,neuen' Liberalismus präsentierte,
an dem bei Kriegsende bereits seit fast 15 Jahren gearbeitet worden war.

140 Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 311


141 Alfred Müller-Annack, Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft, a.a.O., S. 60
142 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. SO
143 Wilhelm Röpke, Die Deutsche Frage (Erstveröffentlichung 1945), 3. erweiterte Auflage,
Erlenbach-Zürich 1948, S. 53
144 Alexander Rüstow, Soziale Marktwirtschaft als Gegenprogramm gegen Kommunismus und
Bolschewismus, a.a.O., S. 99

164
3.2.2 Zwischen AbgreniJing und Verteidigung:
Der ,neue' Uberalismus und seine liberalen Wurzeln

Für die von einer antikapitalistischen und antimonopolistischen Stimmung getra-


gene Nachkriegssituation mußte es aus liberaler Sicht zunächst darum gehen, die
glaubwürdige Erneuerung des Liberalismus unter Beweis zu stellen. Nur so
konnte es gelingen, dem ordoliberalen Programm zur Revitalisierung einer
geordneten Marktwirtschaft politischen Spielraum zu verschaffen. Deshalb
fehlte in praktisch keinem der unzähligen ordoliberalen Texte aus der un-
mittelbaren Nachkriegszeit der Hinweis auf die (selbst)kritische Ausein-
andersetzung mit Theorie und Praxis des klassischen Liberalismus, wobei
allerdings - von wenigen Ausnahmen abgesehen - allein auf die englischen
Klassiker, hier vor allem Adam Smith, abgehoben wurde, während der politische
Liberalismus als demokratisch-emanzipatorische Kraft gegen den Feudalismus
praktisch keine Beachtung fand. Das von den Ordoliberalen glorifizierte ,liberale
Zeitalter' - räumliche und zeitliche Zuordnung blieben meist diffus - stand aus
dieser Perspektive ausschließlich für die Ablösung des Merkantilismus durch die
liberale Marktordnung. So trennte man den Übergang zu einer veränderten
gesellschaftlichen Formation praktisch von seinen historischen Voraus-
setzungen. Nicht der fundamentale Bruch mit den feudalen Verhältnissen, nicht
die bürgerlichen Revolutionen, hatten hiernach die Herausbildung der bürger-
lichen Gesellschaft ermöglicht, sondern man betrachtete die "liberale
Marktordnung" wie eine selbständige Kategorie, die "als ein unbewußtes
Produkt der Geschichte entstanden (ist)." 145 Auf die Entmaterialisierung dieser
evolutionären Interpretation der Entstehung von Marktwirtschaft und Wettbe-
werb wird noch zurückzukommen sein.
Die ahistorische und entmaterialisierte Vorstellung von kapitalistischer
Entwicklung führte die ,neuen' Liberalen mit einer gewissen Zwangsläufigkeit in
Opposition zu einer ihrer ureigensten Wurzeln: der französischen Revolution.
Mit äußerster Verbitterung attackierten sie Weg und Ziel der französischen Re-
volution, deren umfassende, auch politische Befreiungsbestrebungen von den
Ordoliberalen ebenso als Signal der Bedrohung gedeutet wurden wie das Bünd-
nis von aufstrebendem Bürgertum und pauperisierten Massen. 146 So bezeichnete
Röpke die französische Revolution als "riesenhafte und noch heute nachwirken-
de Katastrophe", als "Tragödie, die den Beginn einer bis heute fortdauernden
Weltkrise bedeutet." Denn es müsse hier wie "gegenüber jeder Revolutions-

145 Alfred Müller-Armack, Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft, a.a.O., S. 13


146 Im Zusammenhang mit der Bezeichnung ,Neoliberalismus', die Röpke selbst zeitweise mit
Anführungszeichen versah, fragte er, "ob es - natürlich nicht aus taktischen Gründen, sondern
aus solchen der sachlichen Klarheit - zweckmäßig ist, den neuen Wein in den alten Schlauch
zu füllen und überhaupt noch von irgendeiner Art von ,Liberalismus' zu sprechen, wenn von
derjenigen antikollektivistischen Gruppe die Rede ist, der ich mich selber zurechne." Wilhelm
Röpke, Die natürliche Ordnung, a.a.O., S. 226

165
romantik aufs schärfte betont werden, daß jede echte Revolution ein wahres
Unglück ist, eine katastrophale Krisis der Gesellschaft, deren schließlieber Aus-
gang immer höchst ungewiß und deren hochgradig pathologischer Charakter
schon an ihren Formen zu erkennen ist. Sie ist eine möglicherweise tödliche Pa-
ralyse der Gesellschaft; sie ist Anarchie, Auflösung der Ordnung, Destruktion,
Urkampf der Leidenschaften und Instinkte." 147
Wenn also vom ,alten' oder klassischen Liberalismus die Rede war, so ging
es allein um die theoretische Auseinandersetzung mit der Marktwirtschaft und
ihrer wirtschaftspolitischen Umsetzung vom 18. bis zu Beginn des 20. Jahr-
hunderts. Schon in den Gründungstexten während der Weltwirtschaftskrise
waren die Ordoliberalen mit der Periode des Laissez-faire - zumindest auf den
ersten Blick - scharf ins Gericht gegangen. Mit Beginn der nationalsozialisti-
schen Herrschaft wurde die Tonlage gegenüber dem ,alten' Liberalismus noch
einmal verschärft, bei Erhard, Müller-Armack und Miksch bis hin zur offenen
Verleugnung selbst wirtschaftlicher Prämissen der liberalen Idee. 148 Aber trotz
dieser sprachlich-ideologischen Anpassung an das nationalsozialistische Umfeld
zeichnete sich in der ordoliberalen Argumentationskette zur Legitimation des
,Neuen' bereits ein Balanceakt ab, bei dem einerseits auf die praktischen und
theoretischen Leistungen des klassischen Liberalismus verwiesen und anderer-
seits ein Mangel an Ordnungspolitik in der Wirtschaft, aber auch das Fehlen
einer systemstabilisierenden Kultur- und Sozialpolitik in der Gesellschaft konsta-
tiert wurde.
Die ,neuen' Liberalen brauchten beides gleichermaßen, den Rückgriff auf
die Klassik bzw. die Neoklassik, um überhaupt eine geschlossene Theorie auf-
wiesen zu können, aber auch die Distanzierung vom ,Alten', um nicht mit den
ökonomischen, sozialen und gesellschaftspolitischen Verwerfungen des (Früh-)
Kapitalismus identifiziert zu werden. Gerade in den vierziger Jahren und in der
ersten Phase nach dem Krieg führte dieser Balanceakt zu zum Teil erheblichen
Widersprüchen in der Auseinandersetzung mit dem ,alten' Liberalismus, da offen-
sichtlich sehr unterschiedliche Diskussionsstränge zu bedienen waren. Ideologi-
sche Verkleidungen und der tatsächliche Gehalt an Veränderungen waren oft
nur schwer auseinander zu halten. Allerdings ließ Röpke keinen Zweifel aufkom-

147 Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, a.a.O., S. 71 f.


148 Als ein Beispiel sei hier Einleitung eines Textes von Ludwig Erhard aus dem Jahr 1933 ange-
führt: "Das eine ist jedenfalls gewiß: Das Zeitalter des Lberalismus, des freizügigen Individua-
lismus, ist vorüber. Die Auffassung, daß diese Wirtschaftsprinzipien am ehesten der Aufgabe,
die Menschen mit materiellen Gütern zu versorgen, gerecht zu werden vermögen, ist heute
nicht nur in Deutschland überwunden. Nie hätte ja auch der richtunggebende Satz: ,Gemein-
nutz geht vor Eigennutz' so starkes und nachhaltiges Echo finden können, wenn es wahr oder
doch nur geglaubt wäre, daß die freie Entfaltung des Individuums und dessen Streben nach
Reichtum, Glück und Geltung zugleich auch die Harmonie der Gesamtheit und den Ausgleich
der Interessen verbürge." Ludwig Erhard, Nationalwirtschaft, a.a.O., S. 17

166
men, "daß den Vertretern unseres Programms nichts ferner liegt als der Gedan-
ke an eine grundsätzliche Kampfstellung gegen den Liberalismus als solchen." 149
Der schmale Grad, auf dem sich der neu formierende Liberalismus nur
bewegen konnte, wurde schon 1942 von ihm klar umrissen: "Der Kampf gegen
den Kollektivismus (...) hat ja nur dann greifbare Erfolgsaussichten, wenn es uns
gelingt, das liberale Prinzip so zu reaktivieren, daß wir für alle heute offenbaren
Schäden, Ausfallerscheinungen und Fehlleistungen des historischen Liberalismus
und Kapitalismus befriedigende Lösungen finden, ohne damit die innere Struk-
tur des marktwirtschaftliehen Konkurrenzsystems und die Funktionsfahigkeit
unseres Wirtschaftssystems anzutasten." 150 Darin steckte zunächst einmal das
Eingeständnis, daß der Kapitalismus und seine ihm zugrunde liegende liberale
Theorie offensichtlich für verschiedenste Mängel verantwortlich zu machen
sind. Während die Freiburger Schule mit der Ausformung ihres ordnungspoliti-
schen Programms an "befriedigende(n) Lösungen" auf ökonomischen Gebiet
arbeitete, widmete sich Röpke der ideologische Vorfeldarbeit
Mit der Hervorhebung des historischen Moments drängte Röpke auf eine
Interpretation des Kapitalismus als historische Formation, die vom Ord-
nungsprinzip der Marktwirtschaft streng zu unterscheiden sei. Wenn überhaupt
eine Berechtigung bestünde, den Begriff Kapitalismus zu benutzen, "dann
äußerstenfalls nur zur Bezeichnung dieser historischen Form der Marktwirtschaft,
besser noch, der historischen Gesamtkombination, in der sie im 19. und 20. Jahr-
hundert auftritt, nicht aber zur Charakterisierung des Ordnungsprinzips als
solchen." 151 Auch Eucken benutzte den Begriff Kapitalismus nach 1945 in der
Regel nur unter der Verwendung von Anführungszeichen, um den seiner
Ansicht nach ideologischen Charakter der Terminologie herauszustellen. Er sah
im ,Kapitalismus' eine "mythische Figur",152 die von den Interventionisten als
Kampfbegriff gegen die Marktwirtschaft eingesetzt würde. In einem Rückblick
auf die wissenschaftlichen Ursprünge der Sozialen Marktwirtschaft resümiert
Müller-Armack 1973 dann erleichtert, daß "man es wenigstens im deutschen
Sprachgebrauch wohl mit Recht vermieden (hat), das Wort ,Kapitalismus', das
emotionsbelastet ist und im übrigen zur Sache wenig sagt, durch den neutraleren
Begriff der modernen Industriewirtschaft oder der Marktwirtschaft zu
ersetzen. " 153

149 Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, a.a.O., S. 41


150 Ebenda, S. 286; Herv. im Original
151 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 41; Herv. im Original
152 Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, S. 50 und S. 197
153 Alfred Müller-Armack, Die wissenschaftlichen Ursprünge der Sozialen Marktwirtschaft
(Erstveröffentlichung 1973), in: ders., Genealogie der Sozialen Marktwirtschaft, Frühschriften
und weiterführende Konzepte, 2. erweiterte Auflage, Bem- Stuttgart 1981, S. 176-184, hier
S. 181; kritisch zur neoliberalen Interpretation der Begrifflichkeit Kapitalismus/Marktwirt-
schaft: Elmar Altvater, Kapitalismus oder ,Marktwirtschaft', in: Landeszentrale für politische
Bildung NRW (Hrsg.), Unser Wirtschaft - Basis, Dschungel, Dogma? Marktwirtschaft in der
gegenwärtigen Auseinandersetzung, Köln 1973, S. 76-87

167
Demgegenüber stellten die ,neuen' Liberalen nunmehr prinzipiell in Frage,
ob überhaupt von einer ,Krise des Kapitalismus' zu sprechen sei, wie sie seit den
frühen dreißiger Jahren international diskutiert wurde. Die bereits in den
Gründungstexten aufgestellte These vom ausufernden Interventionismus rückte
dabei immer mehr ins Zentrum der Argumentation. 154 Man verkehrte praktisch
Ursache und Wirkung des Problems, indem die Reaktion auf das Versagen der
kapitalistischen Ökonomie, also die von unterschiedlichsten Interessen geleiteten
wirtschafts- und sozialpolitischen Gegenmaßnahmen von Regierung und V erbän-
den, als der eigentliche Verursacher der Krise selbst dargestellt wurde. Rüstow
etwa sprach von der "Entartung der Marktwirtschaft", die "durch gehäufte
subventionistische, protektionistische und monopolfördernde Maßnahmen des
Staates herbeigeführt worden war." Kritik gegenüber dem Liberalismus sei nur
insofern gerechtfertigt, als er "diesen Rückfall in den Merkantilismus nicht wirk-
sam verhindert hat. Aber das ist eine Unterlassungs-, keine Begehungsschuld.
Die entscheidende und katastrophale Selbstruinierung der kapitalistischen Wirt-
schaft ist nicht in Ausführung des liberalen Wirtschaftsprogramms, sondern in
flagranter Zuwiderhandlung gegen die Grundvorschrift dieses Programms
zustande gekommen." 155 Selbst die Weltwirtschaftskrise als historischer Aus-
gangspunkt des ,neuen' Liberalismus erschien aus dieser Logik kaum einer sach-
lichen Analyse wert, denn den zum Feindbild ausgerufenen interventionistischen
Kräften "schien jede Beschuldigung recht, die marktwirtschaftliche Ordnung,
die damals zusammenbrach, in Verruf zu bringen." Nun ging Müller-Armackin
seinem Kerntext der Sozialen Marktwirtschaft Wirtschaftslenkung und Marktwirt-
schaft aus dem Jahr 1947 zwar nicht so weit, die Weltwirtschaftskrise als Erfin-
dung marktkritischer Kräfte darzustellen, aber er unterstützte explizit die ordo-
liberale Argumentation in Sachen kapitalistischer Krisendeutung: "Es wurde von
der wissenschaftlichen Forschung nachgewiesen, daß die Hauptursachen für das
Versagen der liberalen Marktwirtschaft gar nicht so sehr in ihr selbst liegen, als
in einer Verzerrung, der sie durch den von außen kommenden Interventionis-
mus seit dem Ende des vergangenenJahrhunderts zunehmend unterlag." 156

IS4 Der zweite Hauptstrang des frühen Ordoliberalismus, die scharfe Kritik am parlamentarischen
System, wurde unter den veränderten politischen Bedingungen offensichtlich für nicht oppor-
tun gehalten, ohne daß allerdings auf das Instrument des ,starken Staates' verzichtet werden
sollte: "Ich habe an anderer Stelle schon 1932 ausgeführt, daß nur ein starker und unabhängi-
ger Staat die wirklich freie Wirtschaft sichern kann." Alexander Rüstow, Zwischen Kapi-
talismus und Kommunismus, a.a.O., S. 132
ISS Alexander Rüstow, Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus, a.a.O., S. 70
IS6 Alfred Müller-Annack, Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft, a.a.O., S. 8; im Original im
ganzen kursiv; an anderer Stelle konkretisiert Müller-Armack wie folgt: Seit Lst und Bismarck
"ist unverkennbar in Deutschland eine kollektivwirtschaftliche Richtung am Werk, die, blind
für die eigenen Mänge~ die Heilung jedes Schadens vom Staate erwartet. Die Einsicht in die
Möglichkeit der liberalen Methoden ist aus dem öffentlichen Zeitgeist fast verdrängt und nur
bei wenigen Theoretikern zu finden." Alfred Müller-Arrnack, Das Jahrhundert ohne Gott. Zur
Kultursoziologie unserer Zeit, Münster 1948, S. 92

168
Auch wenn die sozialen Verhältnisse während der Industrialisierung von
den Vertretern des ,neuen' Liberalismus in einigen Texten angeprangert wurden,
so teilten sie doch insgesamt die Auffassung, daß die Entwicklung zum Kapita-
lismus mit der weitgehenden Lösung der sozialen Frage verbunden gewesen und
deshalb als großer historischer Fortschritt zu bewerten sei. Dagegen galt die weit
verbreitete Kritik von Sozialreformern bis Sozialrevolutionären an Ausbeutung
und sozialer Ungerechtigkeit als "billiges Vorurteil der Zeit", bestenfalls als ein
"geschichtlicher Irrtum". 157 Das lag nicht zuletzt daran, daß sich der ordoliberale
Bewertungsmaßstab kapitalistischer Entwicklung allein auf die Steigerung der
gesamtwirtschaftlichen Leistung beschränkte, während etwa die Fragen der
Verteilungsgerechtigkeit, der Persönlichkeitsentwicklung in der Arbeitswelt, der
sozialen Sicherheit oder der politischen Freiheit keine oder kaum Berück-
sichtigung erfuhren. In der ordoliberalen Betrachtung, nach der jedwede Sozial-
utopie als Konstruktivismus abgelehnt werden mußte, galt das soziale Elend mit
der Entwicklung zum Kapitalismus zwar nicht als überwunden, wohl aber seien
erst durch die liberale Marktordnung die Voraussetzungen zu ihrer Lösung ge-
schaffen worden. 158 Müller-Armack sprach gar davon, daß mit dem "Durch-
bruch der bürgerlichen Gesellschaft eine soziale Befreiung großen Stiles
parallel'' 159 ging. Seine Vorstellungen einer zukünftigen Sozialpolitik orientierten
sich am verantwortungsbewußten Industriepatriarchen, der seinen Untergebe-
nen auf freiwilliger Basis eine gewisse soziale Sicherung zugestand. "Es ist nichts
weniger als die durch anderthalb Jahrhunderte reichende Geschichte jener frü-
hen liberalen sozialen Ideen und Bestrebungen, die sich im Rahmen der freien
Marktwirtschaft entwickelten." Auf diese und andere Formen "marktkon-
forme(r) Sozialpolitik"160 wird im Zusammenhang mit der Konkretisierung der
Sozialen Marktwirtschaft noch weiter einzugehen sein.
Der wichtigste Bezugspunkt zur Charakterisierung des ,Neuen' im Ordo-
liberalismus dürfte allerdings seine Positionierung zum theoretischen Herzstück
der liberalen Klassik sein, der ,unsichtbaren Hand' Adam Smiths. Dabei trafen
auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Einschätzungen aufeinander.
Während etwa Erhard von der "Fiktion der ,prästabilierten Harmonie'" 161
sprach, mochte Rüstow in der "Entdeckung des unsichtbaren (sie!) Auto-
matismus der Marktwirtschaft" eine der "genialsten Leistungen der Aufklärung"
erkennen. "Dieser Automatismus bietet den ungeheuren Vorteil, daß, wenn man
unter bestimmten Bedingungen die Wirtschaft seinem Spiel überläßt, der
egoistische Vorteil jedes Einzelnen zusammenfällt mit dem Gruppeninteresse

157 Ebenda, S. 10
158 Vgl. Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 185 ff.; Alfred Müller-
Armack, Die Wirtschaftsordnungen sozial gesehen, a.a.O., S. 146 ff.
159 Alfred Müller-Armack, Die Wirtschaftsordnungen sozial gesehen, a.a.O., S.129
160 Ebenda, S. 128
161 Ludwig Erhard, Voraussetzungen und Prinzipien der Marktforschung, a.a.O., S. 38

169
aller." 162 Nun scheint dieser Glaube Rüstows an die durch Modelldenken ge-
stützte Konstruktion des "unsichtbaren'"163 Marktprozesses im direkten Gegen-
satz zu Erhards Rede von der "Fiktion" eines selbsttätigen Marktausgleichs zu
stehen. Aber tatsächlich handelt es sich um einen nur scheinbaren Widerspruch,
denn beide Positionen sind Bestandteil des ordoliberalen Gedankengebäudes.
Letztlich stellt der Ordoliberalismus wie der Neoliberalismus insgesamt die
Existenz und das Funktionieren der Selbstregulation des Marktes keineswegs in
Frage. 164 Die Kritik der ,neuen' Liberalen richtet sich nicht gegen das Prinzip als
solches, sondern sie hebt ab auf die ungenügende institutionelle Umrahmung
und damit Sicherung des marktwirtschaftliehen Prozesses. Dem ,alten' Li-
beralismus wird lediglich vorgeworfen, die ordnungspolitische Bedeutung des
Staates in der Wirtschaftspolitik unterschätzt und das menschliche Verhalten im
Wirtschaftsprozell in seinem Gesamtkonzept unzureichend berücksichtigt zu ha-
ben. Damit setzte sich nach 1945 die Linie fort, die Böhm bereits 1937 in der
Schriftenreihe zur Ordnung der Wirtschaft gegenüber dem frühen Liberalismus und
der klassischen Nationalökonomie vorgezeichnet hatte, 165 nur daß das ord-
nungspolitische Programm der Freiburger mittlerweile systematisiert und
komplettiert worden war.
In seiner 1950 im ORDO erschienenen Hommage an Eucken bezeichnete
Böhm es als den "entscheidenste(n) Fehler der Klassiker", daß sie "den Anteil
der bewußten Kulturleistung an der Entfaltung der vorgegebenen Ord-
nungsmöglichkeiten weit unterschätzt"166 hatten. Miksch kritisierte den Wirt-
schaftsliberalismus, weil "er zweifellos die Vorbedingungen der inneren Koordination
nicht sorgfaltig genug geprüft (hat)."167 Dem wollte der Ordoliberalismus eine
bewußte Gestaltung der Marktwirtschaft entgegenstellen, eine Marktwirtschaft,
wie Röpke es formulierte, die "zu einem Objekt ständiger aktiver Politik
(wird)."168 Diese Politik sollte sich als Kernaufgabe des ,neuen' Liberalismus auf
nunmehr vier Säulen stützen: Erstens die Organisation des Wettbewerbs durch
die Gestaltung seiner "Formen", also die politisch-rechtliche Festsetzung von

162 Alexander Rüstow, Zwischen Kapitalismus und Kommunismus, a.a.O., S. 101; bei Böhm
heißt es: "Es handelt sich in der Tat um einen prästabilierten Vorgang, insofern er nicht von
uns, aber gleichwohl in gesetzmäßiger, wissenschaftlich erklärbarer Weise gesteuert wird."
Franz Böhm, Die Idee des Ordo, aaO., S. IL
163 Da die Entdeckung von etwas ,Unsichtbaren' einer gewissen Ironie nicht entbehrt, wurde später
im neoliberalen Kontext stets vom ,unpersönlichen' oder ,anonymen' Marktprozeß gesprochen.
164 So auch Friedrun Quaas, Soziale Marktwirtschaft. Wirklichkeit und Verfremdung eines
Konzeptes, a.a.O., S. 259: Trotz der ordoliberalen Bewertung "einer prästabilierten Harmonie
des Marktes als Illusion, (bleibt) der Harmoniegedanke aber im Keim erhalten."
165 Vgl. Abschnitt 2.3.3 dieser Arbeit, S. 91 f.
166 Franz Böhm, Die Idee des Ordo, a.a.O., S. XLVIII
167 Leonhard Miksch, Die Wirtschaftspolitik des Als-Ob, in: Zeitschrift für die gesamte
Staatswissenschaft, Bd. 105, 1948, S. 310-338, hier S. 317; Herv. im Original
168 Wilhelm Röpke, Die natürliche Ordnung, aa.O., S. 216

170
Regeln zur Erzwingung wirtschaftlicher Konkurrenz,169 was i]Veitens eine aktive
Rolle des Staates in der Wirtschaftsordmmgspolitik voraussetzen mußte. "Nie
mehr wird der Staat in die Rolle des Nachtwächters zurückverwiesen werden",
hatte Erhard in seinem Gutachten zur Nachkriegswirtschaft halb prognos-
tizierend, halb fordernd hervorgehoben. 170 Über die Ordnung der marktwirt-
schaftliehen Sphäre hinaus sollte ifim dritten ihrer politischen und ideologischen
Stabilisierung größte Aufmerksamkeit gewidmet werden. Das war nicht zuletzt
eine Konsequenz aus der Einschätzung, daß die Krisenanfilligkeit des Kapita-
lismus einem "seelische(n) Zerfall" der modernen Gesellschaft geschuldet sei,
der zu seiner Begrenzung "des Appells an die irrationalen Kräfte bedarf." Dieser
Appell Müller-Armacks an das transzendentale Element der Individuen fand
seine äußere Entsprechung in der Forderung nach einer zeitgemäßen Gemein-
schaftsideologie, um die "geschaffene Wirtschaftsordnung durch klare Bestim-
mung ihrer nicht zu überschreitenden Grenzen in sinnvoller Funktion zu
erhalten." 171 Um die ideelle ,Erneuerung' nicht dem Vorwurf einer zweck-
orientierten Kapitalismusrechtfertigung auszusetzen, bedurfte es viertens einer
glaubwürdigen gesellschaftspolitischen Positionierung des ,neuen' Liberalismus.
Auf diesem Feld, das unter der Bezeichnung "soziologischer Liberalismus" 172
firmiert, machten sich insbesondere Röpke, Rüstow und Müller-Armack für eine

169 "Das war der Fehler des Gedankens und der Politik des Laissez Faire oder der freien Wirt-
schaft alten Stils: Sie überließ sowohl den Kampf um die Spielregeln, um das Rahmenwerk
oder die Formen, in denen gewirtschaftet wurde, als auch den alltäglichen Kampf um Menge
und Preis den Einzelnen. Sie ließ diesen Kampf um die Ordnungsformen frei - wenn er nur
gewissen Formen des Rechts entsprach. Man hoffte, daß die ,unsichtbare Hand' (...) eine gute
Ordnung entstehen lasse, und daß in dieser Ordnung der alltägliche Wirtschaftsprozeß
reibungslos ablaufe. Man unterscheidet nicht Wirtschaftsformen und alltäglichen Wirtschafts-
prozeß. Vielleicht kann in der Tat in bestimmten Formen der Verkehrswirtschaft der alltägliche
Prozeß reibungslos vor sich gehen. Daß aber brauchbare Formen von selbst entstehen- diese
Möglichkeit wurde überschätzt." Walter Eucken, Die Wettbewerbsordnung und ihre Verwirk-
lichung, a.a.O., S. 6; Herv. im Original
170 Ludwig Erhard, Kriegsfmanzierung und Schuldenkonsolidierung a.a.O., S. 264
171 Alfred Müller-Armack, Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft, a.a.O., S. 13; in seiner
Begründung für die Notwendigkeit einer inneren und äußeren Stabilisierung bezog sich
Müller-Armack explizit auf Böhm, hier auf seine Schrift Die Ordnung der Wirtschaft als
geschichtliche Aujgabe und ruhtschöpfirische Leistung. "Erst die neuere Forschung hat begriffen, daß
die marktwirtschaftliche Organisationsform ihre Überlegenheit nur zu entfalten vermag, wenn
ihr aus geistigen und politischen Kräften eine feste äußere Ordnung gegeben wird." Ebenda,
S. 1; im Original vollständig kursiv.
172 "Der politisch-kN/tunl!t Liberalismus (...) ist das Primäre und der wirtschaftliche Liberalismus,
der nun einmal daraus folgt, etwas Sekundäres. Der Liberalismus, zu dem wir so gelangen, kön-
nte als ein soifoloischer gekennzeichnet werden, und gegen ihn bleiben die Waffen stumpf, die
gegen den alten, rein wirtschaftlichen Liberalismus geschmiedet worden sind." Wilhelm Röpke,
Civitas Humana, a.a.O., S. 51; zur Definition des "soziologischen Liberalismus": Ebenda, S. 91
f. Vgl. dazu Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S.
174 f.; Wünsche verortet die Kritik an der ,Soziologieblindheit' des klassischen Liberalismus
falschlieherweise erst 1945 in Rüstows Schrift Das Versagen des Wirtschafts/ibera/ismus: Horst
Friedrich Wünsche, Ludwig Erhards Gesellschafts- und Wirtschaftskonzeption, a.a.O., S. 108

171
gesellschaftspolitische Einbettung einer freien Marktwirtschaft stark. Denn "auf
sich allein gestellt, ist sie (die Marktwirtschaft; Anm. R.P.) gefährlich, ja un-
haltbar, weil sie dann den Menschen auf eine durchaus unnatürliche Existenz
reduzieren würde, die sie früher oder später abwerfen mitsamt der ihnen verhaßt
gewordenen Marktwirtschaft." 173 Das ordoliberale Nachkriegsprogramm bein-
haltete deshalb die Forderung nach "einer widergelagerten Gesellschafts-
politik. "174
Festzuhalten bleibt indes, daß der ,neue' Liberalismus der Ordoliberalen,
der gern auch als Dritter Weg zwischen Laissez-faire und Kollektivismus geprie-
sen wurde, 175 in seinen ökonomischen Prämissen im Denksystem der liberalen
Klassiker verhaftet blieb, denn auch die bewußt zu ,veranstaltende' Wettbe-
werbsordnung stützte sich, wie in der Auseinandersetzung mit den theoretischen
Prämissen dargelegt, auf das Vertrauen in den Selbstregulierungsmechanismus
der Marktkräfte. 176 Verändert haben sich nicht die Grundannahmen zur Funkti-
ons- und Wirkungsweise der marktwirtschaftliehen Eigendynamik, sondern nur
- darauf hatte bereits Riese verwiesen - ihre Legitimation durch eine ordnungs-
politische Grundsatzentscheidung, die an die Stelle einer naturgesetzliehen Be-
gründung getreten war. 177 Das war letztlich auch eine Folge des eigenen libera-
len Selbstverständnisses, nach dem der Ordoliberalismus seine Wurzeln nicht im
antifeudalen und demokratischen Charakter der bürgerlichen Revolutionen sah,
sondern im patriarchalen und national-autoritären Liberalismus, wie er sich im

173 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 82 f.


174 Ebenda, S. 85; fast identisch verläuft die Argumentation von Müller-Armack: Die Wettbe-
werbsordnung "zehrt an der Substanz geschichtlicher Bindungskräfte und stellt den einzelnen
in eine oft schmerzvoll empfundene Isolierung (...). Sie bedarf daher der Ergänzung durch
eine Gesellschaftspolitik." Alfred Müller-Armack, Stil und Ordnung der Sozialen Marktwirt-
schaft (Erstveröffentlichung 1952), in: ders., Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik, Bem
- Stuttgart 1966, S. 231-242, hier S. 235
175 Vgl. u.a. Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 46; ausführlich: ders., Die Lehre von der
Wirtschaft (1937), a.a.O., S. 187 ff.; aus der Perspektive der Nachgeborenen wird hervor geho-
ben, daß sich der Dritte Weg der Ordoliberalen "ganz im Sinne der Politik der Wettbewerbs-
ordnung" versteht und nachdrücklich von einer "kritisierten Politik der Mittelwege zu unter-
scheiden" sei. Lüder Gerken/ Andreas Renner, Die ordnungspolitische Konzeption Walter
Euckens, a.a.O., S. 18
176 Darauf verweist als zeitgenössischer Betrachter Rasch: ,Jedem Kenner der Wirtschaftsge-
schichte wird klar sein, daß die Grundgedanken einer solchen Wirtschaftsordnung, die wir als
so:;;jak Marklordmmg bezeichnen möchten, die der k!JJJsischen liberalen Nationalökonomie sind." Ha-
rold Rasch, Grundfragen der Wirtschaftsverfassung, Godesberg 1948, S. 146; Herv. im Origi-
nal. Peter spricht von einem Rückfall "in die Harmonielehre der alten Liberalen." Hans Peter,
Besprechung von Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 729. Auch in
einem viel beachteten Beitrag von Nicholls wird hervorgehoben, daß die ordoliberale Pro-
grammatik "natürlich in hohen Maße den Geist Adam Srnith's wider(spiegelt)- eines Vorläu-
fers, dessen Weisheit die Neoliberalen nur zu gern anerkannten und der mehr als ein J ahrhun-
dert zuvor das ökonomische Denken in Deutschland geprägt hatte." Anthony J. Nicholls, Das
andere Deutschland - Die ,Neoliberalen', in: Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, 33. Jg., Heft
2/3, 1984; S. 241-259, hier S. 246
177 Vgl. Hajo Riese, Ordnungsidee und Ordnungspolitik, a.a.O., S. 33 f.

172
Zuge der nachholenden Industrialisierung in Deutschland herausgebildet
hatte.178 Sein Antrieb zur Modernisierung des liberalen Programms bezog der
Ordoliberalismus weder aus der kritischen Analyse der kapitalistischen Ökono-
mie noch aus der Reflexion des Entwicklungsweges des deutschen Liberalismus,
sondern allein aus dem Bestreben, in der Neuordnung nach dem Krieg eine
marktwirtschaftliche Ordnung zu legitimieren und zu stabilisieren. Das Zuge-
ständnis an eine (begrenzte) Gestaltbarkeit der wirtschaftlichen Ordnung unter
instrumentaler Zuhilfenahme eines aktiven Staates, das Bekenntnis zu einer libe-
ralen Gesellschaftspolitik und die Anerkennung der sozialen Frage - also jene
Aspekte, mit denen sich der ,neue' Liberalismus vom ,alten' abzugrenzen pflegte,
waren aus der Einsicht geboren, daß ohne diese Anpassung eine marktwirt-
schaftliche Ordnung nicht durchsetzbar sein würde. Mit einem etwas anderen
Akzent kommt Grosser zu dem Schluß: "Es kennzeichnet die damals herr-
schende Stimmung in der Öffentlichkeit (gemeint ist die Phase zwischen 1945-
1948; Anm. R.P.), daß die neoliberalen Begründer der ,sozialen Marktwirtschaft',
vor allem Alfred Müller-Armack, aber auch Walter Eucken, selbst ihre Modell-
entwürfe viel deutlicher vom ,Kapitalismus' oder ,Wirtschaftsliberalismus' ab-
grenzten, als es der Sache nach zu rechtfertigen war." 179
Bevor nun die Soziale Marktwirtschaft als politischer Begriff erfunden bzw.
in die öffentliche Diskussion gebracht wurde, bemühte sich der ,neue' Libera-
lismus zunächst mit den originären Positionen des ordoliberalen Programms um
die Einflußnahme auf die zu gestaltende Wirtschaftsordnung. Dabei wurde be-
reits eine wesentliches Element der ordoliberalen Implementierungsstrategie
deutlich: Die Wirtschaftsordnungsdebatte müsse, so lautete nun das ordoliberale
Credo, von angeblich ,neutralem' wissenschaftlichen Sachverstand statt von poli-
tischen Interessen und Ideologien bestimmt sein. "Die Frage der Wirtschafts-
ordnung ist daher gegenwärtig kein Problem einer weltanschaulichen Option für
letzte Ziele", wie Müller-Armack in Abgrenzung zum klassischen Liberalismus
formulierte. "Sie ist in ihrem Kern eine fachlich wissenschaftliche Frage, die gar
nicht vor das Forum der Parteien gehört."180 Und welcher Fachverstand sollte
damit gemeint sein, wenn nicht der des ,neuen' Liberalismus? Andererseits
konnten es die Ordoliberalen kaum vermeiden, sich in der Debatte um die Zu-

178 Nicholls vertritt dagegen die Auffassung, daß der deutsche Neoliberalismus "von ganz anderer
Prägung war" als der seiner national und autoritär ausgerichteten Vorläufer. Anthony ].
Nicholls, Das andere Deutschland, a.a.O., S. 247. Ihm ist offenbar das autoritäre Staats- und
Gesellschaftsverständnis ebenso entgangen wie die ehemals nationalistischen Töne von Erhard
oder Müller-Armack. Auch in Nicholls neuer, umfangreicher Monographie zur Entwicklung
des deutschen Neoliberalismus findet sich keine kritische Würdigung seiner intellektuellen und
ideengeschichtlichen Wurzeln. Vgl. ders., Freedom with Responsibility: The Social Market
Economy in Germany, 1918-1963, Oxford- New York 2000
179 Dieter Grosser, Der Staat in der Wirtschaft der Bundesrepublik, Opladen 1985, S. 20 f.
180 Alfred Müller-Armack, Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft, a.a.O., S. 67; im Original
komplett kursiv. Bei Eucken heißt es: "Nicht Ideologien über Kapitalismus, Sozialismus usw.,
sondern das ordnende Denken leitet das ordnungspolitische Handeln." Walter Eucken, Die
Wettbewerbsordnung und ihre Verwirklichung, a.a.O., S. 19

173
kunft der Wirtschaftsordnung Deutschlands auch politisch zu positionieren, 181
handelte es sich doch offensichtlich um ein gesellschaftliches Terrain, das in der
Realität von politischen Grundsatzfragen bestimmt wurde. Zu diesem Zweck
präsentierte sich der ,neue' Liberalismus neben seiner selbst ernannten Rolle als
Hüter ordnungspolitischer Grundsätze in der Wirtschaftspolitik vor allem als
Verfechter eines konsequenten Antimonopolismus zur Verhinderung von
Marktmacht sowie als Befürwortet einer sozialen Strukturpolitik zur Stabilisie-
rung einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft. Damit sind zugleich
die auf die Wirtschaftspraxis zielenden Schwerpunkte des Ordoliberalismus in
der unmittelbaren Nachkriegszeit umrissen, die in den beiden folgenden Ab-
schnitten diskutiert werden sollen.

3.2.3 Das ordoliberale Versprechen: Konsequente Monopolbekiimpjung und ,echte'


Marktwirtschaft durch Ordnungspolitik und liberalen Interoentionismus

"Der Ordoliberalismus hat den Antimonopolismus in den Mittelpunkt eines


ganzen wirtschaftlichen System gerückt", 182 heißt es in der 1950 veröffentlichten
Liberalismus-Analyse von Moeller. Tatsächlich verband der Ordoliberalismus
seine Forderung nach Wiederbelebung der Marktwirtschaft mit dem wirtschafts-
und gesellschaftspolitischen Versprechen, Monopole, Kartelle, Trusts etc. als In-
stitutionen wirtschaftlicher Macht zu beseitigen und gestützt darauf, die soziale
Frage auf der Basis individueller Freiheit im Rahmen des marktwirtschaftliehen
Leistungswettbewerbes zu lösen. Das sollte explizit auch für die Übertragung auf
das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft gelten. 183 Diese Hervorhebung des
Antimonopolismus, die vom internationalen neoliberalen Lager mit zum Teil
großen Befremden aufgenommen wurde, 184 war letztlich eine logische Folge der

181 "Nun, die Neuliberalen sind natürlich genötigt, sich die Frage vorzulegen, ob die Wirtschafts-
ordnung. die sie anstreben, Aussicht hat eine soziale Ordnung zu werden." Franz Böhrn, Die
Aufgaben der freien Marktwirtschaft (Ungelöste Fragen, insbesondere das Monopolsystem),
München 1951, S. 25
182 Hero Moeller, Liberalismus, a.a.O., S. 225
183 "Eine wirksame Antimonopolgesetzgebung ist daher eine der grundlegenden Forderungen
unseres Programms und einer neuen wirklich sozialen Marktwirtschaft." Alexander Rüstow,
Wirtschaftsordnung und Staatsform, in: Ernst Winkler/ders./Wemer Schmid/Otto Lauten-
bach (Hrsg.), Magna Charta der sozialen Marktwirtschaft, Heidelberg 1952, S. 19-33, hier S. 30
184 So suchte z.B. der Schweizer Fritz Marbach nach den Motiven seiner deutschen Kollegen:
"Ich kann mir die neoliberalen Übertreibungen, wie sie in Deutschland jetzt so verbreitet sind,
nur dadurch erklären, daß die Monopole, insbesondere die Kartelle, in Deutschland durch den
Nazismus kompromittiert sind, und die KarteDpolitik des demokratischen Deutschland daher
in nicht unbegreiflicher Weise von Ressentiments getragen wird. Oder (Herr Böhm möge
diese Frage, die nicht boshaft sein will, entschuldigen) ist es vielleicht so, daß die Deutschen
jetzt die Freiheit entdeckt haben und in ihrer Gründlichkeit der Ansicht sind, man habe diese
jetzt mit allen Mitteln durchzuführen, notfalls auch mittels eines ganz unfreiheitliehen
Gebarens des als Marktpolizei auftretenden Staates?" Fritz Marbach, Abschließender
Redebeitrag auf der Tagung der Schweizer Gesellschaft für Volkswirtschaft und Statistik 1951;

174
ordoliberalen Theoriebildung, 185 denn aus der ordoliberalen Perspektive lag in
der Entstehung und Verfestigung von wirtschaftlicher Monopolmacht das zent-
rale ordnungspolitische Problem, das einer konstruktiven Entfaltung marktwirt-
schaftlicher Potenzen im Weg stand. Im "Sündenregister des Monopols" wur-
den deshalb nicht nur die Gewerkschaften als eine potentiell "überaus schädli-
che und gefahrliehe Monopolmacht" 186 aufgelistet, sondern Monopole galten
hiernach ebenso als Verursacher von allgemeiner wirtschaftlicher Erstarrung wie
von konkretem Marktversagen, von Arbeitslosigkeit und Preissteigerungen,
nicht zuletzt waren sie in der ordoliberalen Interpretation auch verantwortlich
für die Zunahme sozialer Konflikte. Um mit Schumpeter zu sprechen, "wurde
das Monopol zum Urheber beinahe aller Mißstände, ja es wurde zu einem be-
liebten Kinderschreck. " 187
Allerdings hatten die Ordoliberalen mit dieser antimonopolistischen Positi-
onierung ihre ordnungspolitischen Prämissen an konkrete Ergebnisvorstellungen
geknüpft, an deren Erfüllung sie sich später messen und überprüfen lassen
mußten. Vollmundig sprach Röpke davon, daß "unser Programm durchaus ,an-
tikapitalistisch' (ist)", durch die angestrebte Verwirklichung einer ,echten' Wett-
bewerbsordnunghabe es gar einen "revolutionären Charakter. Sein Wesen ist:
Antimonopolpolitik, und zwar eine solche der echten und radikalen Art, die Mo-
nopole nicht tolerieren und überwachen, sondern abschaffen will." 188 Auch für
Eucken bestand die "wesentliche Frage" darin, "ob sich Marktformen und
Geldsysteme realisieren lassen, in denen ,Ausbeutung' unmöglich ist, die mithin
nicht zur Vermachtung führen und in denen der Gesamtprozeß ins Gleichge-
wicht gebracht wird." 189 An die Realisierung dieser ordnungspolitischen Struktur
wurde zugleich die Legitimität "des Privateigentums an Produktionsmitten und
der unternehmerischen Dispositionsfreiheit" geknüpft, da allein die dauerhafte
Verwirklichung einer Wettbewerbsordnung deren "sittliche Rechtfertigung" 190
begründet.

Verhandlungsbericht der Tagung in: Schweizer Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik,
87. Jg., 1951, S. 231-260, hier S. 257
185 Vgl. hierzu die Interpretation von Pütz in Fn. 447 dieser Arbeit, S. 124
186 Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, a.a.O., S. 367
187 Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Erstveröffentlichung 1942,
7. erweiterte Auflage, Tübingen- Basel1993, S. 164
188 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 75; Herv. im Original
189 Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 273
190 Leonhard Miksch, Die Wirtschaftspolitik des Als-Ob, a.a.O., S. 334; in diesem Zusammenhang
besteht durchaus kein Widerspruch zu Eucken, der lediglich weniger markant formulierte als
der publizistisch geübte Miksch. Für Eucken "wirkt das Privateigentum (dann) in der Tat
unsozial, wenn der "Charakter des Privateigentum" nicht "wirklich wettbewerbskonform ist."
Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 274

175
Zumindest indirekt hatte sich der Ordoliberalismus damit auf bestimmte
(wirtschafts-)politische Ziele im Rahmen seiner Ordnungspolitik festgelegt. 191
Indirekt insofern, als das ordoliberale Versprechen der Machtfreiheit an die
Durchsetzung jener Wettbewerbsordnung gebunden war, dessen idealtypisches
Modell die Freiburger Schule entwickelt hatte. Das bedeutete, daß vor allen wirt-
schaftspolitischen Maßnahmen die bereits 193 7 von Eucken und Böhm gefor-
derte "ordnungspolitische Gesamtentscheidung" über die grundsätzliche Rich-
tung der Wirtschaftsordnung stehen mußte, was hier nur heißen konnte, eine
Entscheidung im theoretischen Gebäude der ,reinen Formen' Euckens zuguns-
ten entweder der Verkehrswirtschaft oder der Zentralverwaltungswirtschaft zu
fillen, bestimmt von der "Einsicht (...) in die strenge Ausschließlichkeit der
Alternative. " 192
Wurde im politischen Raum noch für einen Dritten Weg zwischen Laissez-
faire-Liberalismus und Sozialismus geworben, bedurfte es in der Wirtschaftspo-
litik einer eindeutigen Vorentscheidung, die aus ordoliberaler Sicht nur zuguns-
ten der Marktwirtschaft ausfallen konnte. In bezug auf die Frage, "auf welche
Ordnungs- und Antriebskräfte das Wirtschaftsleben im ganzen gegründet werden
soll", hieß es bei Röpke, "gibt es keinen ,Mittelweg' oder ,Dritten Weg'." 193
Auch Müller-Armack betonte unter direkter Berufung auf Mises, daß "wir daher
künftig die Wirtschaftspolitik von einer reinen Ordnungsidee her entwickeln (müs-
sen), die entweder marktwirtschaftlich oder lenkungswirtschaftlich sein müsste."
Wenn überhaupt eine wirtschaftspolitisch Synthese möglich sein sollte, dann sei
diese nur "auf dem Boden der anderen reinen Ordnung, eben der Marktwirt-

191 Darauf verweist auch Horst Friedrich Wünsche, Ludwig Erhards Gesellschafts- und Wirt-
schaftskonzeption, a.a.O., S. 46 f.; es ist daher unzutreffend, wenn etwa Lange-von Kulessa
und Renner den von der Freibu1J!!r Schule inspirierten Ordoliberalismus explizit als ein ziel- und
zweckfreies Ordnungsprojekt definieren, in dem spezifische wirtschaftspolitische oder gar ge-
samtgesellschaftliche Zielvorstellungen keine Rolle gespielt haben. Diese nachträgliche Reduk-
tion auf die ordnungspolitischen Normen wird der realen Entwicklung des ordoliberalen Pro-
gramms nicht gerecht. Ihr Zweck ist offensichtlich die Konstruktion eines Gegensatzpaares
zwischen dem normativen Leitbild der Freiblll'}!,er Sch11le in Gestalt ihrer ordnungspolitischen
Grundsätze einerseits und dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, verstanden als inter-
ventionistische, dem Wohlfahrtsstaat zugewandte Konzeption andererseits. V gl. Jürgen Lange-
von Kulessa/ Andreas Renner, Die Soziale Marktwirtschaft Alfred Müller-Armacks und der
Ordoliberalismus der Freiburger Schule, a.a.O., S. 98
192 Wilhelm Röpke, Die natürliche Ordnung, a.a.O., S. 225; vgl. auch Hayek: "Das Wettbewerbs-
prinzip verträgt zwar einen gewissen Zusatz von Reglementierung, aber es kann nicht mit
Planwirtschaftsprinzipien in jedem beliebigen Ausmaß kombiniert werden (...) Ebensowenig
ist die Planwirtschaft eine Medizin, die, in kleinen Dosen verabreicht, dieselben Wirkungen
hervorbringen könnte, die man von ihrer massiven Anwendung erwarten kann. Sowohl das
Wettbewerbsprinzip wie das der zentralen Steuerung werden zu schlechten und stumpfen
Werkzeugen, wenn sie unvollständig sind. Sie sind einander ausschließende Prinzipien zur Lö-
sung desselben Problems (...). Planwirtschafts- und Wettbewerbsprinzip können nur in einer
Planung zum Zwecke des Wettbewerbs, nicht aber in einer Planung gegen den Wettbewerb
miteinander kombiniert werden." Friedrich August von Hayek, Der Weg zur Knechtschaft,
a.a.O., S. 65 f.
193 Wilhelm Röpke, Die natürliche Ordnung, a.a.O., S. 225; Herv. im Original

176
schaft, zu suchen." 194 Damit grenzte Müller-Armack zugleich seinen Begriff ei-
ner ,gesteuerten Marktwirtschaft' ein, den er streng von der ,marktwirtschaftli-
chen Lenkungswirtschaft', wie ihn insbesondere die Vertreter des demokrati-
schen Sozialismus gefordert hatten, unterschieden wissen wollte.
Unbedingte Voraussetzung zur Erfüllung des ordoliberalen Versprechens
einer entmachteten Wirtschaft war also die Anerkennung der ordnungspoliti-
schen ,Reinheit' auf Grundlage eines marktwirtschaftliehen Systems. Erst durch
die implizite Ausschaltung aller ordnungspolitischen Alternativen konnte nach
ordoliberaler Vorstellung mit dem systematischen Aufbau einer funktionsfähi-
gen Wettbewerbsordnung als Kernstück der avisierten Wirtschaftsordnung be-
gonnen werden. Zur operativen Umsetzung dieser auch nach 1945 auf das Ideal
der vollständigen Konkurrenz gestützten Wirtschaftsordnung hatten Eucken
und Röpke wirtschaftspolitische Grundsätze formuliert, die vor allem durch
Miksch und Böhm ergänzt wurden, wobei aus heutiger Sicht sicherlich die Bei-
träge Euckens für die Entwicklung der Wirtschaftsordnungsdebatte der Bundes-
republik von herausragender Bedeutung gewesen sein dürften.
Die ersten konkreten Vorschläge zur Umsetzung einer ordnungsgerechten
Wirtschaftspolitik hatte allerdings Röpke in seiner Monographie Civitas Humana
formuliert, die er deutlicher als Eucken im Kontext eines "Gesamtprogramms
der Wirtschafts- und Gesellschaftsreform" 195 des ,neuen' Liberalismus verstan-
den wissen wollte. Im Hinblick auf die unmittelbare Ausgestaltung der Wirt-
schaftsordnung orientierte Röpke sein ,Gesamtprogramm' an zwei Grundsätzen.
Zum einen forderte er die "Herstellung einer echten Wettbewerbsordnung",196
was zu diesem Zeitpunkt für Röpke mit der direkten Auflösung von Monopolen
verbunden war, die er selbst als revolutionäres Moment des ,neuen' Liberalismus
angepriesen hatte. Auf dieser Grundlage sollte Röpkes zweiter Punkt, die soge-
nannte "positive Wirtschaftspolitik", greifen, die er in Abgrenzung zum klassi-
schen Liberalismus als permanenten Aktivposten zur Sicherung der Wettbe-
werbsordnung definierte. Sie wiederum bestand aus einer "Rahmenpolitik", die
dem Wettbewerb ein juristisch-moralisches Handlungsgerüst geben sollte und
einer von ihm als "Marktpolitik"197 bezeichneten aktiven Wirtschaftspolitik.

194 Alfred Müller-Armack, Stil und Ordnung der Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O., S. 236; Herv.
durch R.P. Müller-Armack betont an gleicher Stelle, daß "eine solche Politik den realen Vorteil
auf ihrer Seite (hat), an die vorhandenen Strukturen der Wirtschaft anknüpfen zu können und
jenen politisch gefahrliehen Weg zu vermeiden, den man gehen müßte, wenn man sich für
einen Konkurrenzsozialismus entschlösse." (Ebenda, S. 237) Mit diesem Hinweis auf die
Kontinuität wirtschaftspolitischer Grundlinien bricht das von den Ordoliberalen aufgebaute
Bild eines ordnungspolitischen Neuanfangs in sich zusammen, denn der viel beschworene
Neuanfang war ja - wie gesehen - in dezidierter Abgrenzung zur nationalsozialistischen
Lenkungswirtschaft definiert worden.
195 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 100; zu den in Röpkes Programm aufgeführten
Punkten "wirtschaftlich-soziale Strukturpolitik" und "Gesellschaftspolitik" vgl. den Abschnitt
3.2.4 dieser Arbeit
196 Ebenda, S. 100 und S. 74 f.
197 Ebenda, S. 79

177
In Fortsetzung seiner 1929 angerissenen "Maximen rationeller Interven-
tion"198 und in Anlehnung an Rüstows "liberalen Interventionismus" verstand
Röpke unter ,Marktpolitik' ein System "wohldosierter und wohlerwogener Ein-
griffe des Staates", 199 das denen für Wirtschaftspolitik Verantwortlichen als
Maßstab zur Anwendung ordnungsgerechter Interventionen dienen sollte. Dabei
wiederholte Röpke im Prinzip seine in der ,Gesellschaftskrisis' angeführten Kri-
terien von erlaubten und nicht erlaubten Eingriffen in den Wirtschaftsprozeß. 200
Er unterschied zwischen "als reaktionär, gefährlich und irrational"201 abzu-
lehnenden Erhaltungsinterventionen und zu akzeptierenden Anpassungsinter-
ventionen, welche die Folgen des wirtschaftlichen Strukturwandels insbesondere
beim Mittelstand, der Landwirtschaft, dem Kleingewerbe und den anhängig
Beschäftigten abfedern sollten. Als weiteres Kriterium galt ihm die bis in die
Gegenwart bedeutsame und unter den Neoliberalen heftig umstrittene grund-
sätzliche Unterscheidung zwischen konformen und nichtkonformen Eingriffen
in das Marktgeschehen. 202 "Bei jedem Staatseingriff müssen wir uns klar darüber
sein, ob er den Grundsätzen unseres marktwirtschaftliehen Systems noch gemäß
und von ihm noch verdaut wird, oder ob das nicht der Fall ist."203
Röpke glaubte, mit "dieser sehr einfachen Präzisierung" ein Instrument ge-
schaffen zu haben, das eine Anwendung staatlicher Interventionen "mit ausrei-
chender Genauigkeit" ermöglichen würde, wenngleich er keinen Zweifel daran
ließ, daß Staatsinterventionen prinzipiell nur eine Option darstellen, um weiter
gehenden Schaden von der marktwirtschaftliehen Ordnung abzuwenden, da
"wir nicht wollen, daß aus dem Interventionismus Kollektivismus wird." 204 Un-
klar blieb dabei nicht nur, wo die Grenzlinie zwischen den Erhaltungs- bzw.
Anpassungsinterventionen einerseits und den markt- bzw. nichtmarktkonformen
Eingriffen andererseits verlaufen sollte, sondern auch, wie die Marktkonformität
selbst konkret definiert sein konnte. Das galt umso mehr, als Röpke sich an
Euckens Typologie der Wirtschaftsordnungen anlehnte, die den Begriff der
Verkehrswirtschaft durch das hervorgehobene Kriterium der Anzahl der Pla-
nungssubjekte sehr weit faßte, so daß eigentlich kein wirklich klarer Bezugs-
punkt definiert war. Damit wurde die Frage nach Maß und Richtung staatlicher

198 Wilhelm Röpke, Staatsinterventionismus, a.a.O., S. 866 f.


199 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 76
200 Vgl. Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, a.a.O., S. 258 ff. und 297 ff.
201 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 77
202 Einer der schärfsten Kritiker ist Gerard Radnitzky, der diese Unterscheidung immer wieder als
Einfallstor für ordnungspolitische Fehlentscheidungen gebrandmarkt hat, z.B.: Wissenschafts-
theoretische Anmerkungen zum Begriff ,marktkonform', in: Ludwig-Erhard-Stiftung (Hrsg.),
Adjektivlose oder Soziale Marktwirtschaft?, Bonn 1993, S. 35-44; siehe auchJürgen Lange-von
Kulessa/ Andreas Renner, Die Soziale Marktwirtschaft Alfred Müller-Armacks und der
Ordoliberalismus der Freiburger Schule, a.a.O., S. 98 f.
203 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 78
204 Ebenda

178
Interventionen wiederum zu einer überwiegend politischen Problemstellung,
was der ,neue' Liberalismus eigentlich hatte verhindem wollen. 205
Mit der Unterscheidung von insgesamt sieben "konstituierenden" und vier
regulierenden" Prinzipien als Grundlage einer "Politik der Wettbewerbsord-
nung"206 verfolgte Eucken im Kern einen ganz ähnlichen Ansatz zur Sys-
tematisierung wirtschaftspolitischer Instrumente wie Röpke, allerdings mit einer
wesentlich strengeren normativen Ausrichtung der einzelnen Grundsätze. Als
"das wirtschaftsverfassungsrechtliche Grundprinifp'' galt Eucken "die Herstellung eines
funktionsfähigen Preissystems vollständiger Konkurrenz",2° 7 das er folgerichtig
an die erste Stelle seiner konstituierenden Prinzipien stellte. Wie schon in den
,Grundlagen' verknüpfte Eucken seine Vorstellung von Marktwirtschaft eng mit
dem Idealbild der vollständigen Konkurrenz, die den Leistungswettbewerb
durchsetzen und das Preissignal als alleiniges Steuerungsinstrument des Wirt-
schaftsprozesses gewährleisten sollte. 208 Für Eucken bedeutete vollständige
Konkurrenz "eine bestimmte, exakt definierbare Marktform",209 durch die die
Macht der Monopole gebrochen und eine Wiederkehr des Laissez-faire verhin-
dem werden konnte. Die Frage, ob Eucken mit seinem Eintreten für die voll-
ständige Konkurrenz einen bestimmten Wettbewerbszustand anstrebte oder al-
lein auf das Marktverhalten der Wirtschaftssubjekte abgehoben hat, ist für den
hier interessierenden Kontext von nachgelagerter Bedeutung.210 Unzweifelhaft

205 "Die neoliberale Theorie (...) hat eine liberale Wirtschaftspolitik prinzipiell möglich gemacht,
indem sie marktkonforme Eingriffe (...) von den nicht-marktkonformen Eingriffen unter-
scheidet. Dabei ist offenbar vorausgesetzt, daß Markt- und Planwirtschaft sich gegenseitig aus-
schließen (... ) Wie aber, wenn selbst diese Dichotomie durch die Erfahrung überholt wäre, da
sie doch auch in der Theorie schon überholt ist? Dies bringt uns zu der französischen
,economie concertee', die das große Paradoxon ist: eine freiheitliche Planwirtschaft. Diese
Planwirtschaft besteht im wesentlichen aus Ratschlägen der Unternehmer und genügt daher
überraschenderweise gerade der neoliberalen Forderung nach ausschließlich marktkonformen
Eingriffen." Eduard Heirnann, Soziale Theorie der Wirtschaftssysteme, a.a.O., S. 171
206 Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 241 ff.
207 Ebenda, S. 254; Herv. im Original
208 Eucken betonte dabei mit fast denselben Worten, wie Böhm es bereits 1937 getan hatte (vgl.
Fn. 344 dieser Arbeit, S. 99), die konstruktive Wirkung der wirtschaftlichen Konkurrenz, wenn
es gelänge, den Grundsatz vollständiger Konkurrenz ordnungspolitisch durchzusetzen: "In der
vollständigen Konkurrenz aber kann es keine Sperre geben. Oligopolisten und Monopolisten
des Angebotes oder der Nachfrage treiben Marktstrategie, die in der vollständigen Konkurrenz
fehlt. Vollständige Konkurrenz besteht nicht im Kampf Mann gegen Mann, sondern vollzieht
sich in paralleler Richtung. Sie ist nicht Behinderungs- oder Schädigungswettbewerb, sondern
,Leistungswettbewerb'." Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 247
209 Ebenda
210 Allerdings ist diese Frage für die Vertreter des jüngeren deutschen Neoliberalismus von
herausragender Bedeutung, da sie sich vom- aus heutiger Sicht- gescheiterten normativ-stati-
schen Ansatz der Fr.ibNrger Sch11k distanzieren und demgegenüber für eine Synthese der ord-
nungspolitischen Grundsätze der Freiburger mit dem Wettbewerbsbegriff von Hayek eintre-
ten. In der Folge wurde und wird versucht, Euckens Position ,dynamisch' zu interpretieren:
"So wird argumentiert, es handele sich bei der Forderung nach vollständigem Wettbewerb um
die theoretische Konstruktion eines Zustandes, der in der Wirklichkeit nicht bestehen könne.

179
ist allerdings, daß die Modeliftgur der vollständigen Konkurrenz, die manchmal
gar als vollkommene Konkurrenz bezeichnet wird, als zentrales Leitbild seiner ord-
nungspolitischen Vorstellungen fungierte, an deren - zumindest tendenzieller -
Realisierung Eucken den Erfolg einer Politik der Wettbewerbsordnung knüpfte.
Neben dem an erster Stelle genannten 1. "funktionsfähigen Preissystem
vollständiger Konkurrenz" postulierte Eucken als weitere konstituierende Prin-
zipien 2. die Herstellung einer dauerhaften Währungsstabilität ("Primat der
Währungspolitik"), 3. den freien Marktzutritt ("offene Märkte''), 4. die Sicherung
des "Privateigentums" an den Produktionsmitteln, 5. die Ausgestaltung einer
vom (Macht)Mißbrauch befreiten "Vertragsfreiheit", 6. eine weitreichende
Pflicht zur "Haftung" der Unternehmen als Flankierung des Leistungsprinzips
und 7. die "Konstanz der Wirtschaftspolitik" als psychologischer Komponente
zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Planungen. 211 Alle Prinzipen zusammen
bildeten bei Eucken einen unabdingbaren Zusammenhang, der erst die ange-
strebte Wirtschaftsverfassung im Rahmen der ,wirtschaftspolitischen Gesamt-
entscheidung' konstituieren konnte. 212 Während also die konstituierenden

Dabei wird offensichtlich vollständiger Wettbewerb mit ,perfekt competition' identifiziert, mit
einem Begriff also, mit dem man in der angelsächsischen Literatur das statische Modell des
Wettbewerbsgleichgewichts an einem Markt zu bezeichnen pflegt. Daß Eucken mit vollständi-
ger Konkurrenz keineswegs ,perfekt competition', sondern ein bestimmtes Marktverhalten
meint, wird aus seiner Beschreibung des Marktprozesses sofort erkennbar." Gernot Gutmann,
Individuelle Freiheit, Macht und Wirtschaftslenkung. Zur neoliberalen Konzeption einer
marktwirtschaftliehen Ordnung, in: Dieter Cassel/ders./H. Jörg 1bieme (Hrsg.), 25 Jahre
Marktwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Konzeption und Wirklichkeit, Stuttgart
1972, S. 3-17, hier S. 10. Der von Gutmann angeführte Bezug auf Euckens Die Wettbewerbs-
ordnung und ihn Verwirklichung bleibt ungenau. Denn hier wie in den daran angelehnten
,Grundsätzen' verfocht Eucken sehr wohl das Ziel der vollständigen Konkurrenz, hielt den
praxisbezogenen Begriff aber entgegen seinem selbst formulierten Anspruch einer "exakt defi-
nierbare(n) Marktform" sehr allgemein: "Wenn sowohl Anbieter als auch Nachfrager in Kon-
kurrenz miteinander liegen und wenn sie danach ihre Wirtschaftspläne aufbauen, so ist die
Marktform der vollständigen Konkurrenz realisiert." Walter Eucken, Die Wettbewerbsord-
nung und ihre Verwirklichung, a.a.O., S. 26. Holzwarth dagegen versucht in seiner Promotion
nachzuweisen, daß das statische Wettbewerbsmodell insgesamt untypisch für das ökonomi-
sche Verständnis der Frriburger Schule sei und in erster Linie auf den Einfluß von Miksch zu-
rückzuführen ist. Vgl. Fritz Holzwarth, Ordnung der Wirtschaft durch Wettbewerb, a.a.O., S.
33 und S. 140 ff. Resümierend will er "klar herausgearbeitet" haben, "daß der ausschließliche
Blick auf die von Eucken im Anschluß an Leonhard Miksch sogenannte und von Franz Böhm
übernommene vollständige Konkurrenz, die ordnungstheoretische und ordnungspolitische
Tragweite der Freiburger Konzeption nicht zu erschließen vermag." (Ebenda, S. 174) Der
spätere Eucken-Nachfolger in Freiburg, Erich Hoppmann, konstruiert auf dieser Basis ein Bild
der persönlichen Irrleitung Euckens: "Die mangelnde Systemgerechtigkeit entstand, weil Wal-
ter Eucken - wie wir heute wissen - damals von den Arbeiten seines Schülers Leonhard
Miksch sehr beeinflußt war, der nicht die Freiheit des Wettbewerbs, sondern das Modell der
vollständigen Konkurrenz als eine Ordnungsform ansah, welche die Wettbewerbsordnung
konstituiert." Erich Hoppmann, Walter Eucken - Heute, Baden-Baden 1995, S. 11
211 Waltee Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 254-291
212 "Die Zusammengehörigkeit der Prinzipien geht soweit, daß einzelne von ihnen bei isolierter
Anwendung ihren Zweck völlig verfehlen." Ebenda, S. 291

180
Prinzipien den Rahmen der Wirtschaftsverfassung fesdegen sollten, waren die
regulierenden Prinzipen als eine Art Sicherung vorgesehen gegen "gewisse sys-
temfremde Ordnungsformen" und gegen "Mängel und Schwächen, die der Kor-
rektur bedürfen", die auch bei "strenge(r) Befolgung der konstituierenden Prin-
zipien"213 nicht ganz auszuschließen seien. 214 Das implizierte neben dem zentra-
len Instrument der Monopolaufsicht auch die Option auf eine begrenzte Ein-
kommenspolitik durch Steuerprogression und bei einem - allerdings kaum er-
warteten- anomalen Verhalten auf dem Arbeitsmarkt ggf. die Festsetzung eines
Mindesdohnes. 215 Damit ließ also auch Eucken einen gewissen Spielraum für die
wirtschaftspolitische Korrektur von Marktergebnissen, die er allerdings dadurch
vor ,interventionistischen Mißbrauch' schützen wollte, daß er auf die "Interde-
pendenz der Wirtschaftsordnungspolitik" beider Prinzipienebenen verwies. "Je-
des Prinzip erhält nur im Rahmen eines allgemeinen Bauplanes der Wettbe-
werbsordnung seinen Sinn."216 Aber auch die normative Strenge und systema-
tisch-logische Ausrichtung der Eucken'schen Ordnungsprinzipien konnte nicht
darüber hinweg täuschen, daß sein ,Bauplan' letzdich für eine politisch gewollte
Konstruktion von marktwirtschafdicher Ordnung stand, die sich erst in der Rea-
lität gesellschaftspolitischer Kräfteverhältnisse und unter der Rahmenbedingung
einer parlamentarischen Demokratie behaupten mußte.
Gerade in der für die Durchsetzung und die Legitimierung des Ordnungs-
entwurfs der Ordoliberalen so wichtigen Monopolfrage zeigte sich das Span-
nungsfeld zwischen ordnungspolitischem Anspruch und (wirtschafts)politischer
Realität besonders deudich, denn, wenn "im Namen der echten Marktwirtschaft
gegen Monopolismus, Konzentration und Kolossalkapitalismus"217 zu Felde
gezogen wurde, mußte auch die Frage beantwortet werden, wie die wirtschafdi-
che Macht von Monopolen und Kartellen konkret gebrochen werden sollte. Da-
bei wurde schon in den entsprechenden ordoliberalen Beiträgen zur konstituie-
renden Wirtschaftsordnungsdebatte eine Widersprüchlichkeit von Wollen und
Sein deudich, die später durch die reale wirtschafdiche und politische Entwick-
lung der Bundesrepublik ihre Zuspitzung fand und das Projekt einer entmach-
teten Marktwirtschaft als endgültig gescheitert auswies. Unterstellt, daß die Or-
doliberalen tatsächlich Monopolmacht wirksam bekämpfen wollten, ihr Anti-
monopolismus also nicht allein als ideologische Flankierung zur Durchsetzung

213 Ebenda
214 Cassel etwa kritisiert diese nonnative Abgrenzung als praxisuntauglich, mithin der Anspruch
von Eucken und seinen Weggefahrten: "Wirtschaftsordnungs- und Wirtschaftsprozeßpolitik
bilden einen ,Sinnzusammenhang' (... ): Sie lassen sich zwar adäquat definieren und begrifflich
einwandfrei unterscheiden, sie sind aber in der wirtschaftspolitischen Praxis kaum voneinander
zu trennen." Dieter Cassel, Wirtschaftspolitik als Ordnungspolitik, a.a.O., S. 318
215 Vgl. Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 291-304; zur aktuellen
Interpretation der "regulierenden Prinzipien" durch das Walter-Eucken-Institut vgl. Lüder
Gerken/ Andreas Renner, Die ordnungspolitische Konzeption Walter Euckens, a.a.O., S. 20 ff.
216 Ebenda, S. 304
217 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 80

181
einer liberalen marktwirtschaftliehen Ordnung gedacht war,218 ergab sich zu-
nächst folgendes Problem: Da sich die im ordoliberalen Programm vorgeschla-
gene Monopolaufsicht in erster Linie gegen das Entstehen neuer wirtschaftlicher
Macht richtete, mußte eigentlich in einem ersten Schritt die Frage beantwortet
werden, wie die bestehenden wirtschaftlichen Machtstrukturen, die sich nicht zu-
letzt gerade in der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft noch verfestigt hatten,
beseitigt werden konnten. 219 Schließlich implizierte das ordoliberale Modell min-
destens eine relative Startgleichheit der Wirtschaftssubjekte, um die unterstellten
positiven Kräfte des Wettbewerbs zur Geltung zu bringen. Konsequent zu Ende
gedacht, setzte die Vorstellung der vollständigen Konkurrenz gar "eine kleinbe-
triebliche Demokratie voraus",220 in der nicht nur die wirtschaftlichen Macht-
körper aufzulösen, sondern auch großbetriebliche Strukturen als solche in Frage
zu stellen waren, wie es insbesondere Röpke und Rüstow auch formulierten.
Die Widersprüchlichkeit im ordoliberalen Antimonopolismus zeigt sich ge-
rade auch in der Position Euckens. Einerseits hielt er eine effiziente Monopol-
kontrolle bei einem starken Monopolisierungsgrad für kaum durchführbar:
"Nach der Erfahrung geht es über die Kräfte eines modernen Staates hinaus, in
einer Wirtschaftsordnung, in der große Teile der Industrie monopolisiert sind,
eine wirksame Monopolaufsicht durchzuführen. Hier ist der politische Einfluß
der Interessengruppen zu stark, und die Monopolprobleme sind zu mannigfaltig.
(...) Man mache sich über die Effizienz der Monopolkontrolle keine Illusionen,
wenn sie in Wirtschaftsordnungen erfolgt, in denen die Monopole der Industrie
oder der Landwirtschaft oder der Arbeiterschaft wuchern." Dann aber argu-
mentierte er an gleicher Stelle: "Ganz anders ist die Situation in der Wettbe-
werbsordnung. (...) Die Entstehung von monopolistischen Machtgebilden wird
verhindert." 221 Unbeantwortet blieb dabei, wie Eucken von den verkrusteten

218 Mit der Frage, ob und inwieweit der ordoliberale Antimonopolismus zumindest aus der sub-
jektiven Perspektive eine materielle Substanz hatte, beschäftigte sich aus marxistischer Sicht
Helga Nußbaum. Sie lehnte die unter marxistischen Kritikern verbreitete Einschätzung ab, es
handele sich dabei allein um eine raffinierte Taktik im Auftrag des Monopolkapitals und
verwies demgegenüber auf den inneren Widerspruch zwischen subjektivem Anspruch und den
objektiven Bedingungen der kapitalistischen Ökonomie, in dem die bürgerlichen Wirtschafts-
wissenschaftler gefangen seien. Daraus erklärte sie auch die Vielgestaltigkeit und ständige Mo-
difikation der ordoliberalen Monopolkritik. Helga Nußbaum, Bürgerliche Monopolgegner-
schaft, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, Teil Ill, 1962, S. 73-128, hier S. 112 ff.
219 Auch Welteke verweist auf dieses Dilemma. Für sie "ist die Forderung, durch wettbewerbs-
fördernde Maßnahmen die BildNng ökonomischer Macht zu verhindern, paradox." Marianne
Welteke, Theorie und Praxis der Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O., S. 39; Herv. im Original
220 Gert von E ynern, ,Soziale Marktwirtschaft'. Analyse eines wissenschaftlichen und politischen
Schlagworts, in: Institut für Konjunkturforschung (Hrsg.), Beiträge zur empirischen Kon-
junkturforschung. Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des Deutschen Instituts für Wirt-
schaftsforschung, Berlin 1951, S. 121-147, hier S. 125
221 Walter Eucken, Die Wettbewerbsordnung und ihre Verwirklichung, a.a.O., S. 65. Auch in den
,Grundsätzen' hob Eucken seine pessimistische Haltung gegenüber Maßnahmen der Mono-
polkontrolle hervor: "Eine Monopolkontrolle, die sich gegen den sogenannten ,Mißbrauch'
wirtschaftlicher Machtstellung wendet, scheitert. Der Begriff des ,Mißbrauchs' ist nicht exakt

182
Machtstrukturen zur bereinigten Wettbewerbsordnung kommen wollte, so daß
Eynem mit Recht die Frage stellte: "Läßt sich dieser circulus vitiosus ohne re-
volutionären Staatsumbau durchbrechen?" 222
Offensichtlich war das Problem der Startgleichheit unter den Bedingungen
einer marktwirtschaftliehen Ordnung nicht zu lösen. Tatsächlich entfernte sich
die ordoliberale Antimonopolpolitik schon zum Ende der vierziger Jahre von ih-
rem Ideal einer entmachteten Wirtschaft. In den realpolitischen Empfehlungen
an die verantwortlichen Wirtschaftspolitiker ging es nun um die Begrenzung der
wirtschaftlichen Macht durch eine strenge staatliche Monopolaufsicht. 223 So
sollte das zu schaffende Monopolamt (das später als Bundeskartellamt instituti-
onalisiert wurde) die Aufgabe haben, "vermeidbare Monopole aufzulösen und
unvermeidbare zu beaufsichtigen."224 Aber mit der Einteilung zwischen "ver-
meidbaren" und "unvermeidbaren" Monopolen mußte zwangsläufig die Diskus-
sion darüber einsetzen, nach welchen Kriterien diese Unterscheidung vorge-
nommen werden sollte. Dabei wurde die technologische und wirtschaftliche Ef-
fizienz großer wirtschaftlicher Einheiten zu einem gewichtigen Argument225 für
die ordoliberale Akzeptanz gegenüber monopolistischen und oligopolistischen
Strukturen. Schließlich sei "vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus nichts
dagegen einzuwenden", wie Lutz in einer Nachbetrachtung auf die Monopoldis-

zu definieren. (...) Nicht in erster Linie gegen die Mißbräuche vorhandener Machtkörper sollte sich die
Wirtschaftspolitik wenden, sondern gegen die Entstehung der Machtkörper überhaupt. Sonst besitzt sie
keine Chance, mit dem Problem fertig zu werden." Walter Eucken, Grundsätze der
Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 172; Herv. im Original
222 Gert von Eynem, ,Soziale Marktwirtschaft', a.a.O., 132; Pütz resümiert im Hinblick auf die
ordoliberale "These von dem grundsätzlich ordnungswidrigen Charakter der wirtschaftlichen
Macht", sie setzte voraus, "daß es in unsere freie Wahl und Gestaltungsmöglichkeit gestellt ist,
die Machtverteilung beliebig zu ändern. Dem ist aber nicht so. Die Marktformenstruktur der
Wirtschaft sowie die Art der wirtschaftspolitischen Zielsetzungen sind bis zu einem nicht un-
bedeutenden Grade durch die historisch-soziologische Entwicklung zwingend bedingt."
Theodor Pütz, Marktmechanismus, wirtschaftliche Macht und Wirtschaftsordnung, a.a.O.,
s. 20
223 "Die Monopolaufsicht sollte also einem staatlichen Monopolamt übertragen werden. Um es
den stets gefahrliehen (wenn auch in der Wettbewerbsordnung geschwächten) Einflüssen der
Interessenten zu entziehen, sollte es ein unabhängiges Amt sein, das nur dem Gesetz
unterworfen ist. Es darf also nicht etwa eine Abteilung des Wirtschaftsministeriums werden
(...). Dieses Monopolamt (...) entscheidet (...), ob in concreto der Tatbestand der wirtschaft-
lichen Machtstellung vorliegt oder nicht. (...) Das Monopolamt ist ebenso unentbehrlich wie
das oberste Gericht." Walter Eucken, Die Wettbewerbsordnung und ihre Verwirklichung,
a.a.O., S. 68
224 Ebenda
225 Auch Eucken selbst argumentierte unter Rückgriff auf das Verhältnis von Innovation und
Substitution in diese Richtung: "Die Technik führte zu einer ungeahnten Verschärfung der
Substitutionskonkurrenz. (...) Dadurch wächst die Elastizität der Nachfrage nach der einzelnen
Ware; die Marktform nähert sich also der vollständigen Konkurrenz an, auch wenn der
Anbietet der einzelnen Warenart Monopolist ist. Dadurch werden Monopole gezwungen, sich
ähnlich wie in Konkurrenz zu verhalten." Walter Eucken, Technik, Konzentration und
Ordnung der Wirtschaft, in: ORDO, Bd. 3, 1950, S. 3-17, hier S. 6

183
kussion der Nachkriegszeit konstatierte, "wenn der größere Betrieb den kleine-
ren und mittleren verdrängt, weil er billiger produziert."226 In ähnlicher Weise
hatte Müller-Armack 1947 den Kartellen "in Notzeiten" einen volkswirtschaftli-
chen Nutzen zugesprochen, wn einem überbordenden Preisverfall bei deflatio-
nären Tendenzen entgegenzuwirken, so daß Kartelle durchaus auch als "eine
marktstabilisierende Organisation angesehen werden" 227 müßten.
Mit der Akzeptanz der ,unvermeidbaren' Monopole und der Relativierung
der Gefahr für den Wettbewerb durch Oligopole 228 war das theoretische Leit-
bild der vollständigen Konkurrenz faktisch zerbrochen. Was blieb, war die
Miksch'sche Konstruktion eines Als-ob-Wettbewerbs, wn "die Träger wirt-
schaftlicher Macht zu einem Verhalten zu veranlassen, als ob vollständige Kon-
kurrenz bestünde. Das Verhalten der Monopolisten hat ,wettbewerbsanalog' zu
sein",229 wie Eucken unter Bezugnahme auf seinen Schüler Miksch einfor-
derte.230 Dabei stellte sich allerdings das methodische Problem, ein marktwidri-
ges Verhalten von Monopolisten überhaupt nachzuweisen, denn das setzte vor-
aus, den exakten Konkurrenzpreis innerhalb der gedachten Marktform der voll-
ständigen Konkurrenz als Referenzpunkt bestimmen zu können. 231 Letztlich be-
schränkten sich die Möglichkeiten bestenfalls auf die Ermittlung von Richtlinien
für ein wettbewerbsanaloges Verhalten, die zudem nicht unerheblich vom Er-
messen der damit befaßten Beamten beeinflußt sein mußten. Es verwundert
deshalb nicht, daß auch diese Position innerhalb des ordoliberalen Lagers
schnell revidiert wurde, denn hätte sich eine solche Imitation des Wettbewerbs
als praktikabel erwiesen, wäre kawn einsichtig gewesen, warwn nicht auch eine

226 Friedrich A. Lutz, Bemerkungen zum Monopolproblem, in: ORDO, Bd. 8, 1956, S. 20-43,
hier S. 39
227 Alfred Müller-Armack, Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft, a.a.O., S. 99; es müsse
"ausdrücklich darauf hingewiesen werden", heißt es an anderer Stelle, "daß diese (die Kartelle,
Anm. R.P.) teilweise eine berechtigte marktausgleichende Funktion ausüben, deren Erfüllung
in der Marktwirtschaft durchaus erforderlich ist." Ebenda, S. 97
228 "Ich würde sie (die Oligopole; Anm. R.P.) nicht einmal dem Monopolamt unterwerfen, vor-
ausgesetzt, daß keine offenen oder stillschweigenden Preisabreden oder sonstige kartell-
ähnlichen Abmachen vorliegen. Es ist natürlich richtig, daß solche Fälle von der vollständigen
Konkurrenz ziemlich weit entfernt sind. Aber sie sind mindestens ebensoweit vom vollstän-
digen Monopol entfernt." Friedrich A. Lutz, Einwände gegen die Wettbewerbsordnung. Ein
Gespräch mit Studenten, in: ORDO, Bd. 5, 1953, S. 245-266, hier S. 258
229 Waltet Eucken, Die Wettbewerbsordnung und ihre Verwirklichung, a.a.O., S. 68
230 Abweichend davon positionierte sich Rüstow. Er forderte die "Sozialisierung aller
Wirtschaftszweige, die, wie insbesondere der Schienenverkehr und die public utilities, aus
natürlichen, technischen oder sonstigen Gründen eine unvermeidliche Monopolstruktur haben
(... ). Solange doch noch ausnahmsweise private Monopole, insbesondere Trusts, bestehen:
scharfe Staatsaufsicht mit Preisgenehmigung und. Leferungszwang." Alexander Rüstow,
Zwischen Kapitalismus und Konununismus, a.a.O., S. 134. Rüstow begründete seine Haltung
ähnlich wie Eucken, aber er kritisierte das Versagen der staatlichen Monopolkontrolle
gegenüber privaten Monopolen mit weit drastischeren Worten. Vgl. ebenda, Fn. 34, S. 162
231 Vgl. Helmut Meinhold, Widersprüche in unserer Wirtschaftsverfassung, in: Grundsatzfragen
der Wirtschaftsordnung, Wirtschaftswissenschaftliche Abhandlungen der FU Berlin, Heft 2,
Berlin 1954, S. 175-191, hier S. 189 f.

184
andere Form bewußter Lenkung der Wirtschaft möglich sein sollte. So benutz-
ten die Kritiker aus den eigenen Reihen jetzt jene Argumente, mit denen sie
sonst gegen die ,Zentralverwaltungswirtschaft' zu Felde zogen. Nun galt die
Monopolkontrolle mit den zunächst avisierten ,wettbewerbsanalogen' Maßnah-
men als technisch unpraktikabel und zugleich als Einfallstor für eine "unbalan-
cierte Macht" beim Staat. 232
Die Diskussion um das Problem wirtschaftlicher Macht verlagerte sich
mehr und mehr auf eine Differenzierung zwischen privatem und öffentlichem
Sektor, wobei die wirtschaftliche Macht des Staates zunehmend als die eigentli-
che Bedrohung der Wettbewerbswirtschaft deftniert wurde. Hatte etwa Böhm
1946 noch davon gesprochen, "daß die Unternehmer die Wettbewerbsordnung
bewußt zerstörten, daß sie sämtliche Regeln dieser Ordnung verletzten",233 argu-
mentierte er schon 1951 in umgekehrter Richtung: "Wenn sich schon irgendwo
Macht ansammelt, die man nicht beseitigen kann, empftehlt es sich dann nicht,
diese Macht in die schwächsten Hände zu legen, die es gibt, nämlich in die
Hände von Privatpersonen?" 234 Miksch warnte deshalb vor einem Abweichen
von den erarbeiteten Grundsätzen des ,neuen' Liberalismus, wobei er insbeson-
dere den sich abzeichnenden Verzicht auf eine durchgreifende Entkartellierung
und eine aktive staatliche Lenkung der Wirtschaftspolitik kritisierte. "Daraus
könnte sich leicht ein Rückfall in die Fehler der liberalen Wirtschaftsverfassung
ergeben. " 235
In der Tat hatten die Ordoliberalen durch diese Revision ihrer theoretischen
Position nicht nur einen ihrer wichtigsten wirtschaftspolitischen Programm-
punkte selbst in Frage gestellt, sondern zugleich einen fundamentalen Wider-
spruch um die avisierte Rolle des Staates offenkundig werden lassen. Schließlich
wurde dem Staat im ordoliberalen Programm von Beginn an eine herausragende
Funktion zur Durchsetzung und Stabilisierung der Wettbewerbswirtschaft beige-
messen, dies sogar als eines der entscheidenden Kriterien des ,neuen' Liberalis-
mus proklamiert: "Wodurch unterscheidet sich denn unser Neoliberalismus von
dem längst überwundenen Paläoliberalismus des manchesterliehen laissez faire?
Eben dadurch, daß wir den Staat nicht erst aus dem Bereich der Wirtschaft hin-
ausweisen, um ihn dann zu den Hintertüren des lnterventionismus, Subventio-
nismus, Protektionismus desto geringer wieder hereinzuholen, sondern daß wir

232 "Der Zustand ,Als-Ob'-Konkurrenz herrschte, läßt sich nicht genau errechnen und als einzige
Regel für die Praxis der Monopol-Kontrolle gibt sie der Willkür großen Raum. Die Gefahr,
daß unbalancierte Macht, welche die Freiheit und damit die Sicherheit bedroht, durch die
Hintertür der Monopolkontrolle sich einschleicht, nachdem sie eben durch die Vordertür der
Monopolmacht entfernt worden war, droht auf alle Fälle; sie wird groß wenn wir den Begriff
der Konkurrenz zu eng fassen, wozu die Theoretiker oft neigen." Karl Friedrich Maier, Das
Verlangen nach sozialer Sicherheit, in: ORDO, Bd. 3, 1950, S. 19-28, hier S. 25
233 Pranz Böhm, Recht und wirtschaftliche Macht, in: Der Wirtschaftsspiege~ 1. Jg., Heft 5, 1946,
S. 1-8, hier S. 3
234 Pranz Böhm, Die Aufgaben der freien Marktwirtschaft, a.a.O., S. 60
235 Leonhard Miksch, Die Wutschaftspolitik des Als-Ob, a.a.O., Fn. 1, S. 334

185
einem starken und unabhängigen Staat von Anfang an die grundlegende Auf-
gabe der Marktpolizei, der Sicherung der Wirtschaftsfreiheit und ihre Leistungs-
konkurrenz zuweisen." 236 Es muß betont werden, daß Rüstow mit dieser Posi-
tion keineswegs allein stand, da praktisch alle führenden Vertreter des Ordolibe-
ralismus auch in der Nachkriegszeit die Notwendigkeit eines ,starken Staates' für
die Verwirklichung des eigenen Programms hervorhoben,237 obwohl sie zugleich
in der Debatte um den Umgang mit wirtschaftlicher Macht zuvorderst den Staat
als Quelle für wirtschafts- und auch gesellschaftspolitisches Versagen benannten.
Die Widersprüche innerhalb der eigenen Argumentation hinderten die Or-
doliberalen allerdings nicht daran, in der allgemeinen Wirtschaftsordnungsdis-
kussion der Nachkriegszeit die Frage der Entmachtung weiterhin ins Zentrum
ihrer wirtschaftspolitischen Prämissen zu stellen. Auch wenn die diesbezüglichen
Aussagen zunehmend an Schärfe und Prägnanz verloren, blieb eine am Ideal der
vollständigen Konkurrenz ausgerichtete Marktwirtschaft mit der unterstellten
Entmachtungswirkung wegen ihrer Bedeutung als Legitimationsfigur zumindest
für den politischen Raum ein zentrales Leitbild der ordoliberalen Protagonisten.
Je unrealistischer sich allerdings die Umsetzung des wirtschaftlichen Entmach-
tungsideals erwies, desto mehr rückte ein politischer Gedankengang in den Vor-
dergrund der ordoliberalen Argumentation. Dabei ging es um jenen von Eucken

236 Alexander Rüstow, Vom Sinn der Wirtschaftsfreiheit, in: Blätter der Freiheit, 6. Jg., Heft 6,
1954, S. 217-222, hier S. 221
237 So hieß es etwa bei Erhard: "Ein moderner und veranlwortungsbe~U~ßter Staat kann es sich einfach
nirht kisten, noch einmal in die Rollt des Nachtwächters zurückversetzt zu werden. Diese falsch-
verstandene Freiheit ist es ja gerade gewesen, die die Freiheit sowie eine segensreiche freiheitli-
che Ordnung zu Grabe gebracht hat." Ludwig Erhard, Wohlstand für alle, a.a.O., S. 253;
Herv. im Original. Eucken verwandte nach 1945 den Begriff vom "aktionsfahigen Staat", den
er in einem dialektischen Verhältnis zur Wettbewerbswirtschaft sah: "Ohne eine Wettbe-
werbsordnung kann kein aktionsfahiger Staat entstehen und ohne einen aktionsfahigen Staat
keine Wettbewerbsordnung." Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O., S.
338. Nach seinem ersten staatspolitischen Grundsatz "(sollte) die Politik des Staates darauf ge-
richtet sein, wirtschaftliche Machtgruppen aufzulösen oder ihre Funktionen zu begrenzen." Im
einem zweiten Grundsatz begrenzte Eucken dann die staatliche Wirtschaftspolitik dahinge-
hend, daß sie "auf die Gestaltung der Ordnungsformen gerichtet sein (sollte), nicht auf die
Lenkung des Wirtschaftsprozesses." Ebenda, S. 334 und S. 336 Besonders prägnant ist aller-
dings die Formulierung von Röpke, die er 1942 gewissermaßen als erste Zusammenfassung
der staatspolitischen Diskussion des ,neuen' Liberalismus formuliert und die er auch bei den
Neuauflagen der ,Gesellschaftskrisis' nach 1945 nicht änderte: "Wenn wir diesem Interventio-
nismus und der rücksichtslosen Ausbeutung des Staates durch die Interessenhaufen absagen,
so schaffen wir damit überhaupt erst die Voraussetzungen für einen vertrauenswürdigen Staat
und ein sauberes öffentliches Leben. Andererseits aber setzt diese selbe Aussage einen wirklich
.rlarken S /aal voraus, eine Regierung, die den Mut hat zu regieren. Ein starker Staat ist nun aber
nicht derjenige, der sich in alles mischt und alles an sich zieht. Im Gegenteil, nicht die Vielge-
schäftigkeit, sondern die Unabhängigkeit von den Interessengruppen und die unbeugsame
Geltendmachung seiner Autorität und seiner Würde als Vertreter der Allgemeinheit kenn-
zeichnen den wirklich starken Staat, während der vielgeschäftige schließlich zum jämmerlichen
Schwächling wird, der den Interessenten zur Beute fallt." Wilhelm Röpke, Die Gesellschafts-
krisis der Gegenwart, a.a.O., S. 310; Herv. im Original

186
als "Interdependenz der Ordnungen" bezeichneten und als unauflösbar defi-
nierten Zusammenhang zwischen politischer und wirtschaftlicher Ordnung,
nach dem nur eine freie Marktwirtschaft mit dem politischen System einer De-
mokratie verbunden sein könne. Diese Beziehung zwischen Wirtschafts- und
Gesellschaftsordnung sei "ein wesentlicher Tatbestand des Lebens und gerade
des modernen Lebens", den Eucken deshalb für "unausweichlich" hielt,Z38 aller-
dings nicht im Sinne eines Primats der Ökonomie verstanden wissen wollte. 239
Auch für Müller-Armack stand "die Frage der Wirtschaftsordnung in unlösba-
rem Zusammenhange mit der der politischen und Gesamtlebensordnung". 240
Neu war dabei weniger der Kern seiner Aussage als vielmehr der Austausch der
politischen Bezugspunkte. Nun hieß es, nur eine auf wirtschaftlicher Freiheit ba-
sierende Ordnung könne die Menschenwürde sowie individuelle Freiheit und
politische Grundrechte gewährleisten. Müller-Armack verstieg sich gar darin, die
Marktwirtschaft als wirtschaftliches Gegenstück zur politischen Gewaltenteilung
zu interpretieren. 241 Die Marktwirtschaft in einer vom Staat getrennten Sphäre
galt ihm als Herzstück einer politischen Demokratie. Rüstow übersetzte diesen
konstruierten Zusammenhang dann in griffige Propaganda: "Wer politische
Freiheit will, muß auch Wirtschaftsfreiheit wollen."242
Zugespitzt könnte man sagen, daß die nicht länger überzeugende ökonomi-
sche Argumentation zur Verteidigung der Marktwirtschaft nun durch eine politi-
sche Legitimation ersetzt wurde. Diese Argumentation mußte aus ordoliberaler
Sicht darüber hinaus zwei weitere Vorteile haben. Einmal stützte die Behaup-
tung von der unabdingbaren Verknüpfung von Markt und Demokratie die
These von der Alternativlosigkeit gegenüber einer marktwirtschaftliehen Ord-
nung, da jede andere Form des Wirtschaftens so zwangsläufig in einer undemo-
kratischen Gesellschaft enden mußte. Zudem bekannten sich die Ordoliberalen
auf diese Weise zumindest indirekt zu einer demokratischen Gesellschaftsord-
nung und konnten damit den veränderten politischen Rahmenbedingungen aus-
reichend gerecht werden, ohne sich explizit auf die parlamentarischen Demo-
kratie beziehen zu müssen. Allerdings wurde mit diesem reduzierten Verständnis
von Demokratie das ordoliberale Dilemma in Sachen politischer Ordnung ledig-

238 Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 183; im Original herv. Bei Miksch
heißt es: "Die ökonomische Souveränität des Konsumenten macht die innere Koordination
zum wirtschaftlichen Gegenstück der politischen Demokratie." Leonhard Miksch, Die
Wirtschaftspolitik des Als-Ob, a.a.O., S. 332; im Original herv.
239 "Falsch wäre die Ansicht, die Wirtschaftsordnung wäre gleichsam der Unterbau, und darauf
erhöben sich die Ordnungen der Gesellschaft, des Staates, des Rechts und andere Ordnungen.
Die Geschichte der neueren Zeit lehrt ebenso eindeutig wie die Geschichte früherer Epochen,
daß auch die staatlichen Ordnungen oder die Rechtsordnungen Einfluß auf die Gestaltung der
Wirtschaftsordnung ausüben." Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O.,
s. 182
240 Alfred Müller-Armack, Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft, a.a.O., S. 62
241 "Die Marktwirtschaft entspricht( ... ) soziologisch dem Ideal Montesquieus." Ebenda, S. 64
242 Alexander Rüstow, Vom Sinn der Wirtschaftsfreiheit, a.a.O., S. 220

187
lieh überdeckt,243 denn die Vorstellung eines ,starken Staates', der unabhängig
von den Interessengruppen agiert, war ja keineswegs obsolet geworden. Es ist
deshalb auch wenig erstaunlich, daß die Vertreter ordoliberaler Provenienz ihre
Abneigung gegenüber der parlamentarischen Massendemokratie nach 1945 nicht
revidiert haben, sondern dem Problem lediglich auswichen, indem sie die Markt-
wirtschaft selbst zum demokratischen Prinzip erhoben. Unabhängig davon, ob
man einem solch' verkürzten Verständnis von Demokratie überhaupt Plausibi-
lität zusprechen möchte, muß hier an das dialektisch deftnierte Verhältnis von
Freiheit und Bindung als Kern der marktwirtschaftliehen Koordination erinnert
werden, das Böhm in seinem Nachruf auf Eucken noch einmal bestätigt hat.
Während einerseits die "autonome Planungsfreiheit aller Wirtschaftsbeteiligten" als not-
wendige Voraussetzung der Marktwirtschaft hervorgehoben wurde, gab Böhm
andererseits zu verstehen, daß "sich alle Beteiligten" innerhalb der gesellschaftli-
chen Institutionen wie der einzelnen Wirkungsbereiche "einem einheitlichen
übergeordneten Plan unterwerfen (müssen) und bestenfalls einen begrenzten
Ermessensspielraum (Freiheit zu sinngemäßem Gehorsam), aber keine Autonomie
(besitzen). " 244
Es bleibt festzuhalten: Der ordoliberale Antimonopolismus war als zentrale
Legitimationsfigur zur Verteidigung der freien Marktwirtschaft ebenso wie sein
normatives Gegenstück einer dezentralisierten, konsumentenfreundlichen Wett-
bewerbswirtschaft der vollständigen Konkurrenz in sich zusammengefallen,
noch bevor er von der wirtschaftspolitischen Realität auch faktisch eingeholt
wurde. An die Stelle der versprochenen, konkreten Erneuerung der Marktwirt-
schaft trat das rein normative, bis heute allerdings recht einflußreiche wirt-
schaftsordnungspolitische Leitbild des Ordoliberalismus, wie es insbesondere
von Eucken und seinen Mitarbeitern formuliert wurde. Mit Euckens ,Grundsät-
zen' war die Durchsetzung einer am Leitbild der vollständigen Konkurrenz
ausgerichteten Marktwirtschaft zur langfristigen Ordnungsaufgabe der Wirt-
schaftspolitiker und ihrer Fähigkeit geworden, den Einfluß der Interessen-
gruppen konsequent einzudämmen. Zugleich wechselten die Ordoliberalen mit
der Gleichsetzung von Marktwirtschaft und Demokratie in der Wirtschafts-
ordnungsdebatte auf das politisches Terrain, nutzten so die sich abzeichnende
Ost-West-Konfrontation fli.r die Weichenstellung in Richtung Marktwirtschaft.

243 Röpke bezeichnete nach dem Krieg das Verhältnis zwischen Lberalismus und Demokratie
zwar als eine .,Verwandtschaft", die .,aber nicht frei von Spannungen ist. Diese können sich
durchaus zur offenen Gegnerschaft steigern, wenn - um mit Montesquieu zu reden - die Ge-
fahr besteht, die Macht des Volkes mit seiner Freiheit zu verwechseln." Den Machtmißbrauch
.,fürchtet der liberale von der Demokratie noch mehr als von jeder anderen Regierungsform,
weil der Rausch der Massen und der mystische Glaube, daß das Volk sich selber nicht knech-
ten könne, leicht Bremsen ausschalten, die sonst wirksam wären, und einen solchen auf der
bloßen Masse beruhenden Staat zum hemmungslosen Tyrannen im Inneren und zu einem
herausfordernden Kriegshaufen nach außen machen können." Wilhelm Röpke, Das Kultur-
ideal des Lberalismus, Frankfurt am Main 1947, S. 19
244 Franz Böhm, Die Idee des Ordo, a.a.O., S. XLVI f.; Herv. im Original

188
Der dahinter liegende Reduktionismus von Demokratie in ihrer Deutung als
Prinzip dezentraler Marktentscheidungen spiegelt sich nicht zuletzt im ord-
nungspolitischen Selbstverständnis der Ordoliberalen wieder. Während der
breiten Bevölkerungsmasse jede Einsichtsfahigkeit in die Ordnungsprinzipien
der Wirtschaft abgesprochen wurde, indem man ihr nur jene "Freiheit zu
sinngemäßem Gehorsam" oder wie Hayek nur "Demut vor den unpersönlichen
und anonymen sozialen Prozessen"245 zugebilligte, nahm der Ordoliberalismus
für sich selbst und die von ihm beratenen wirtschaftspolitischen Eliten in
Anspruch, die ,richtigen' Grundsätze der Wirtschaftsordnung zu erkennen und
zum Wohl der Allgemeinheit prägen zu können. 246 Auch nach dem Krieg war
die "ordoliberale Urangst"247 gegenüber Parlamentarismus und dem Massen-
einfluß offensichtlich nicht überwunden. Gerade deshalb suchten die
Ordoliberalen nach einer gesellschaftspolitischen Integration außerhalb demo-
kratischer Teilhabe, immer davon ausgehend, daß die "Konkurrenzwirtschaft
ein Moralzehrer ist und daher Moralreserven außerhalb der Marktwirtschaft
voraussetzt. " 248

3.2.4 S oifale Strukturpolitik als Kern einer ,widergelagerten' Gesellschaftspolitik

Eines der wesentlichen Merkmale des ,neuen' Liberalismus bestand von Beginn
an in der Überzeugung, die Marktwirtschaft nicht nur ordnungspolitisch ein-
betten zu müssen, sondern sie auch durch ein gesellschaftspolitisches Konzept
zu stabilisieren. Das war der Grund für die Thematisierung der ,Sozialen Frage'
wie auch für die immer wieder betonte Notwendigkeit, der gesellschafts-
politischen Integration größte Aufmerksamkeit zu widmen, um die zentrifugalen
Kräfte der marktwirtschaftliehen Organisation aufzufangen. Während noch in
den Gründungstexten der dreißiger Jahre das autoritäre Element als Instrument
der Zwangsintegration im Vordergrund stand, flankiert durch mehr oder
weniger eindeutige Bekenntnisse zum Nationalismus als ideologische Klammer
der Gesellschaft, mußte sich diese Ausrichtung nach 1945 schon allein deshalb
verschieben, weil die objektiven Voraussetzungen für eine Politik der autoritär-
nationalen Integration nicht mehr gegeben waren. Da unter den veränderten

245 Friedrich August von Hayek, Wahrer und falscher Individualismus; in: ORDO, Bd. 1, 1948, S.
19-55, hier S. 25
246 Es ist "nicht logisch, etwa zu sagen, daß die wirtschaftspolitisch Verantwortlichen die gesamt-
wirtschaftliche Einsichtsfahigkeit und Ordnungsbereitschaft haben könnten, während die
Einzelwirtschafter dieser Qualifikationen entraten." Theodor Pütz, Marktrnechanismus,
wirtschaftliche Macht und Wirtschaftsordnung, a.a.O., S. 11
247 Dieter Haselbach, Autoritärer Liberalismus und Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 17
248 Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, a.a.O., S. 88

189
politischen Bedingungen die klassische ,Soziale Frage'249 als Kritik an der kapi-
talistischen Dynamik wieder im Zentrum der öffentlichen Diskussion stand,
bedurfte es um so mehr einer eigenständigen liberalen Interpretation in diesem
von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften dominierten Diskursfeld.
Dabei erwies es sich als überaus nützlich, daß sich die Exilanten Röpke und
Rüstow in den vierziger Jahren insbesondere mit den soziokulturellen Rahmen-
bedingungen einer liberalen Wirtschaftsordnung beschäftigt hatten und dabei die
ökonomische Kritik am Laissez-faire-Prinzip durch eine Gesellschafts- und
Kulturkritik an der Marktwirtschaft ergänzten. Es ist sicherlich ein Verdienst des
Ordoliberalismus, das Destruktionspotential marktwirtschaftlicher Organisation
aus liberaler Perspektive überhaupt diskutiert zu haben. Zugleich zeigt sich in
dieser Auseinandersetzung eine merkwürdig anmutende Mischung aus uner-
schütterlichem Marktglauben einerseits und reaktionärem Fortschrittspessimis-
mus andererseits, in der ökonomische Modernität mit politischer, sozialer und
kultureller Antimodeme zu einem Gesellschaftsentwurf verknüpft wurde, der
schon an seinen immanenten Widersprüchen scheitern mußte.
Seit den frühen vierziger Jahren hielt Röpke den Vorfahren des klassischen
Liberalismus vor, nicht beachtet zu haben, "daß die Marktwirtschaft nur einen
engeren Bezirk des gesellschaftlichen Lebens ausmacht." Zwar sei sie im wirt-
schaftlichen Bereich eine "schlechthin unentbehrliche Anordnung", dort müsse
die Marktwirtschaft "unverfalscht und unaufgeweicht" zur Geltung gebracht
werden. Aber "auf sich allein gestellt, ist sie gefährlich, ja unhaltbar, weil sie
dann die Menschen auf eine durchaus unnatürliche Existenz reduzieren würde
(...). Die Marktwirtschaft bedarf also eines festen Rahmens, den wir der Kürze
halber den anthropologisch-so!(jologischen Rahmen nennen wollen." 250 Allerdings fällt
es nicht leicht, den inhaltlichen Kern dieses Rahmens genau zu erfassen, da
Rüstow und vor allen Dingen Röpke aus der Perspektive eines fundamentalistisch
ausgerichteten Kulturpessimismus gegenüber der unterstellten Gesellschafts-
krisis argumentierten- wie sie etwa Spengler in seinem Untergang des Abendlandes

249 Klassisch meint hier die Traditionslinie der Arbeiterbewegung, die die ,Soziale Frage' mit
Beginn der Industrialisierung zum Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzung gemacht
hat. Gert von Eyncm charakterisierte in diesem Sinne die ,Soziale Frage' der Nachkriegszeit als
ein drei Forderungen umfassendes Problem: "Das ,Recht auf den vollen ,Arbeitsertrag' - eine
Frage der Verteilung, des Reallohns - ferner das ,Recht auf Arbeit' - nicht nur als
Kündigungsschutz und gute Arbeitsvermittlung sondern auch als Vollbeschäftigungspolitik-
schließlich das Mitbestimmungsrecht - da das Risiko der Betriebs- und Wirtschaftsführung
keineswegs nur vom Unternehmer-Kapitalisten getragen wird, sondern mindestens ebenso
vom Arbeiter und Angestellten." Gert von Eynem, ,Soziale Marktwirtschaft', a.a.O., S. 136
250 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 82 f.; Herv. im Original. Bei Rüstow heißt es fast
identisch: "Die Konkurrenz in ihrer reinen Form (... ) bedeutet somit da, wo sie allein die sozi-
alen Beziehungen beherrscht, völlige Inkohärenz, völligen Mangel an sozialer Viskosität. Umso
mehr ist sie auf das Gegengewicht starker umrahmender Integrationskräfte anderer Art, auf
anderweit gesicherte ethische und soziologische Bindungen als ihre Ergänzung und Vorausset-
zung angewiesen." Alexander Rüstow, Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus, a.a.O., S. SO

190
während des ersten Weltkrieges formuliert hatte - Wld dabei eine an theoreti-
schen G!Wldsätzen Wld analytischer Strenge orientierte UntersuchWlg der gesell-
schaftlichen BedingWigen des entwickelten Kapitalismus eher vernachlässigten.
Im Kern ging es bei der ordoliberalen BetrachtWlg des gesellschaftlichen
Ist-Zustandes um eine MischWlg aus sozialwissenschaftlicher BeobachtWlg Wld
Metaphysik, die sich drei ErscheinWlgsebenen widmete: 1. der geistig-morali-
schen Krise, die zu Degenerationsprozessen Wld strukturellem Zerfall in der
Gesellschaft gefuhrt habe;251 2. jener EntwicklWlg zur Massengesellschaft, die
schon zu Beginn der dreißiger Jahre bei Röpke, Rüstow aber auch Eucken als
der wesentliche G!Wld für den Zerfall der Weimarer Republik deftniert worden
war Wld die nWl als Phänomen der sogenannten "Proletarisierung" in den Vor-
derg!Wld struktureller GesellschaftsbetrachtWlg trat;252 3. dem Element der
"Zentralisation" Wld des "Kollossalen",253 wo!Wlter neben der Kritik am
Zentralstaat vor allen Dingen heftige Anwürfe gegen die Folgen des technischen
Fortschritts,254 die Tendenz zum Großbetrieb 255 Wld die Zunahme von

251 Für Röpke ,.Qeiten uns) (... ) die Degenerationserscheinungen im geistig-moralischen Bereich
(... ) wahrscheinlich zum letzten Ursprung der Weltkrise", denen deshalb der ,.erste Platz in un-
serer Diagnose (gebührt)." Als wichtigste Folge galt ihm die gesellschaftliche Desintegration:
.,An die Stelle der echten Integration durch wirkliche Gemeinschaft, die das Band der Nähe,
der Natürlichkeit des Ursprungs und die Wärme der unmittelbaren menschlichen Beziehung
braucht, ist die Pse11dointegration durch Markt, Konkurrenz, zentrale Organisation, äußere Zu-
sarnmenpferchung, Stimmzettel, Polizei, Gesetz, Massenversorgung, Massenvergnügen, Mas-
senemotionen und Massenbildung getreten." Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Ge-
genwart, a.a.O., S. 22 und S. 24; Herv. im Original
252 ,.Immer aber wird ein Land dann als stark proletarisiert gelten müssen, wenn Großbetrieb und
Besitzkonzentration dahin geführt haben, daß ein großer Teil der Bevölkerung zu unselbstän-
digen, verstädterten und in die industriell-kommerzielle Betriebshierarchie eingegliederten Be-
ziehern von Lohn und Gehalt geworden ist und damit jene ökonomisch-soziale Vermassung
eingetreten ist, die wir kennen." Ebenda, S. 30
253 Röpke sprach von einem ,.Kult des Kollossalen", ebenda, S. 103 ff.; Rüstow von ,.Megalomanie
und Elephantiasis"; Alexander Rüstow, Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus, a.a.O., S. 71
254 Vgl. hierzu speziell: Alexander Rüstow, Kritik des technischen Fortschritts, in: ORDO, Bd. 4,
1951, S. 373-407; Rüstow hob einerseits hervor, daß die ,.abendländische Technik (... )
Einmaliges und Ungeheures geleistet hat", betonte aber andererseits, daß der technische Fort-
schritt in noch stärkerem Maße durch seinen ungezügelten Einsatz ,.bedenkliche, ja verhäng-
nisvolle Wirkungen gezeitigt hat", mit fatalen Folgen für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung.
(S. 392)
255 Die Argumentation der Ordoliberalen, speziell die von Röpke, zielte auf den Nachweis, daß ei-
ne Gleichsetzung von wirtschaftlichem Fortschritt mit der Entwicklung zum Großbetrieb keines-
wegs gerechtfertigt sei, daß vielmehr der Großbetrieb trotz seines allgemeinen Vordringens
weder die in der Regel unterstellten wirtschaftlichen Vorteile erbringe noch eine ausgewogene
Struktur der Volkswirtschaft gewährleiste. Vgl. Wilhelm Röpke, Die Funktion des Klein- und
Mittelbetriebes in der Volkswirtschaft, in: Schriftenreihe des Schweizerischen Instituts für gewerb-
liche Wirtschaft an der Handels-Hochschule St. Gallen, St. Gallen 1947, S. 21-40; identisch mit:
ders., Klein- und Mittelbetrieb in der Volkswirtschaft, in: ORDO, Bd. I, 1948, S. 155-174

191
Großstadtbildungen,256 aber auch gegenüber emer behaupteten Überbevölke-
rung257 zu fassen waren.
Es würde im Zusammenhang der vorliegenden Arbeit zu weit führen, die
ordoliberale Gesellschaftskritik als Ganzes zu diskutieren. Auffällig ist allerdings,
daß diese Kritik am Zerfall der modernen, kapitalistischen Gesellschaft von der
Richtung und Vehemenz kaum mit liberalen Grundpositionen, wohl aber mit
konservativem Gedankengut vereinbar ist. Röpke selbst sprach in diesem Zu-
sammenhang von der Verwandtschaft mit "religiös-konservativen Strömun-
gen".258 Aber so absurd es scheint, wenn die Protagonisten marktwirtschaftli-
eber Innovationskräfte die Ergebnisse dieser Dynamik mit äußerster Schärfe
geißeln, etwa in der Warnung vor den Folgen des aufkommenden Fernsehens,
"das unsere Familienwohnungen und Kinderstuben in Schundkinos zu verwan-
deln droht" 259 oder indem das Motorrad "zu einem der größten Sozialschäd-
linge"260 der Zeit erklärt wird, so sehr bildet dieser Antimodernismus im Kleide
einer Kultur- und Gesellschaftskritik doch die Grundlage für einen der Eck-
pfeiler des ordoliberalen Programms, der zumindest in der unmittelbaren Nach-
kriegszeit zu den spezifischen Merkmalen des deutschen Neoliberalismus gehört
hat.
Dahinter verbarg sich das Idealbild einer hierarchisch gegliederten Gesell-
schaft, jene ,natürliche Ordnung', von der Eucken, Böhm und Röpke sprachen,
die als ORDO zum quasi-religiösen Leitbild des ,neuen' Liberalismus in
Deutschland geworden war. Dabei fungierte der zugrunde gelegte ORDO-Ge-
danke nicht allein als ideologische Klammer eines hierarchisch-statischen, dem

256 Röpke galten die modernen Großstädte als "monströse Abnormität", wobei er sich nicht als
"Städtezertrümmerer" verstanden wissen wollte. Sein Beurteilungsmaßstab fand sich in einer
dreifachen "pathologischen Entartung" der Städteentwicklung: durch "monopolistische Zent-
ralisierung", "durch ihre über jedes Maß hinausgehende Größe" und durch "ihre damit zu-
sammenhängende soziologische Struktur, die sie zum Hauptfelde der Vermassung, Proletari-
sierung und Devitalisierung macht." Für Röpke bestand "das äußerste Maximum einer alle ihre
Funktionen erfüllenden, wohlabgerundeten und gesunden Stadt bei 50-60.000 Einwohnern."
Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 287
257 Es "droht uns eine Überbevölkerung der Erde von katastrophalem Ausmaß. Dabei war und ist
per saldo diese ganze kaninchenhafte Bevölkerungsvermehrung, der ,Geburten zahllosen
Plage', von niemanden gewünscht und gewollt, sie hat sich als Folge des planlosen technischen
Fortschritts auf diesem Gebiet ,von selbst' ergeben. (...) Man scheint gemeinhin zu übersehen,
daß es nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine soziologische Überbevölkerung gibt,
jene quantitativ, gemessen an der Versorgung, diese qualitativ, gemessen an der Vitalsituation."
Alexander Rüstow, Kritik des technischen Fortschritts, a.a.O., S. 389; auch Röpke sah eine
"beispiellose Menschenhochflut der letzten hundert Jahre". Wtlhelm Röpke, Die Gesell-
schaftskrisis der Gegenwart, a.aO., S. 28
258 Wilhelm Röpke, Die natürliche Ordnung, a.aO., S. 226
259 Alexander Rüstow, Kritik des technischen Fortschritts, a.aO., S. 395
260 Alexander Rüstow, WirtSchaftsethische Probleme der sozialen Marktwirtschaft, in: Patrick M.
Boarmann (Hrsg.), Der Christ und die Soziale Marktwirtschaft, Stuttgart 1955, S. 53-74,
hier S. 69

192
Mittelalter entliehenen, gesellschaftspolitischen Leitbildes,261 sondern er diente
zugleich als Legitimation für seine Unumstößlichkeit, indem der ORDO als
Endergebnis der abendländischen Hochkultur, quasi als Höhepunkt menschli-
cher Entwicklung definiert worden war.262 Der ORDO, so hatte Eucken ausge-
führt, stehe für eine "Ordnung, die dem Wesen des Menschen entspricht; das
heißt Ordnung, in der Maß und Gleichgewicht bestehen." 263 Tatsächlich gibt es
kaum einen ordoliberalen Text mit gesellschaftspolitischer Intention aus den
vierziger und frühen fünfziger Jahren, in denen diese Eindimensionalität nicht
mindestens implizit zum Ausdruck kommt. Allerdings stellte sich für die kon-
krete gesellschaftspolitische Umsetzung ein Problem. Zwar waren die inhaltli-
chen Eckpunkte des ORDO-Gedankens im Grundsatz zu erkennen: eine an
ständischen Vorbildern orientierte Gliederung der Gesellschaft,264 Eliten- statt
Masseneinfluß bei der politischen Entscheidungsfmdung, der unbedingte Schutz
und die Ausweitung von Privateigentum, sowie die Dezentralisation und Subsi-
diarität als primäre Strukturprinzipien der Gesellschaft. Aber als positives Leit-
bild für die konkrete Umsetzung liberaler Gesellschaftspolitik taugte der
ORDO-Gedanke mit seinem metaphysischen Ursprung kaum. Deshalb käme es
nun darauf an, wie Otto Veit 1953 im ordoliberalen Jahrbuch konstatierte, "et-
was zu leisten, was ins Metaphysische greift: die Ordnung in dieser Welt dem
ORDO der Ideenwelt anzunähern."265
Zu diesem Zweck übersetzten Röpke und Rüstow die Metaphysik des
ORDO in ein konkretes gesellschaftspolitisches Programm, ergänzten so das
normative Gebäude der ordoliberalen Wirtschaftsordnung um das Sein-Sollen
einer bestimmten Sozialstruktur. Röpke bezeichnete diese Komponente des or-
doliberalen Programms als "Strukturpolitik", die die "soifalen Vorausseti!Jngen der
Marktwirtschaft (...) nicht länger als gegeben hinnimmt, sondern in einer be-
stimmten Absicht verändern will" und so als "widergelagerte Gesellschaftspolitik" 266
zur Stabilisierung der marktwirtschaftliehen Ordnung beiträgt. Bei Rüstow fir-
mierte der gesellschaftspolitische Gestaltungsanspruch unter dem Begriff der
"Vitalpolitik", der über das Anliegen struktureller Gesellschaftsprägung hinaus
die ideologische Funktion des ,Überwirtschaftlichen' betonen sollte. Es gelte zu

261 "Im Mittelalter ist dieser Ordo-Gedanke ausgeprägt worden, der auf den Aufbau der ganzen
mittelalterlichen Kultur entscheidend wirkte. Er bedeutet die sinnvolle Zusammenfügung des
Mannigfaltigen zu einem Ganzen." Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O.,
S. 372; Herv. im Original
262 Vgl. hierzu auch Abschnitt 2.3.4 dieser Arbeit, S. 128 f.
263 Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 372
264 Der ständische Gedanke hatte allerdings als gesellschaftliches Leitbild für die Ordoliberalen
dort seine klare Grenze, wo er die Wettbewerbsordnung behindern konnte. Die Sympathie
galt allein der hierarchischen Staffelung der Gesellschaft, nicht aber der regulierenden
Funktion im Wirtschaftsleben. Hier lag im übrigen ein gewichtiger Widerspruch zur
katholischen Soziallehre. Vgl. hierzu die Position Böhms, Fn. 376 dieser Arbeit, S. 107
265 Otto Veit, ORDO und Ordnung. Versuch einer Synthese, in: ORDO, Bd. 5, 1953, S. 3-47,
hier S. 32
266 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 79 und S. 85; Herv. im Original

193
erkennen, so Rüstow, "daß auch innerhalb der Wirtschaft selber das unwägbar
Vitale und Anthropologische wichtiger ist als das eigentlich Wirtschaftliche, in
Mengenzahlen Meßbare. "267
Was wie eine humanistische Kritik an der Beschränktheit betriebswirt-
schaftlichen Denkens klingt, war in erster Linie gegen eine an verteilungspoliti-
schen Grundsätzen orientierte Sozial- und Lohnpolitik gerichtet. Rüstow hob
hervor, "daß der Begriff der Vitalpolitik entstanden ist im Gegensatz zu einer
rein materiell eingestellten Sozialpolitik."268 Nicht die Forderung nach höheren
Einkommen, nach besseren Arbeitsbedingungen oder kürzeren Arbeitszeiten,
also die klassischen Forderungen· der Arbeiterbewegung, seien als bestimmender
Gradmesser einer positiven Lebenssituation für die ,Masse' geeignet,269 sondern
eine Politik, die "sich auf das Wohlbefinden, auf das Sich-Fühlen des einzelnen
Menschen auswirkt." 270 Insofern zielte Rüstows "Vitalpolitik" auf die Schaffung
einer neben der wirtschaftlichen Sphäre liegenden, im wesentlichen immateriel-
len, ideologischen Basis zur Befriedung der sozioökonornischen Interessenge-
gensätze innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Man könnte durchaus von
einem Subjektivismus des Sozialen sprechen, bei dem ein zu generierendes Zu-
friedenheitsgefühl an die Stelle realer, materieller Problemlösungen der sozialen
Frage treten sollte.
Zusammen genommen bildeten Rüstows sozialpsychologisch-ideologischer
Ansatz271 einer "Vitalpolitik" und Röpkes soziologisch ausgerichtete "Struktur-
politik" die bestimmenden Pole der konkreten ordoliberalen Gesellschafts-
politik.272 Als übergeordnetes Leitbild ihrer eigentlichen ideologischen wie
materiellen Ausgestaltung stützten sich die Ordoliberalen auf den Grundsatz der
Dezentralisation, der zunächst einfach die Frontstellung zu einer kollektiv ausge-
richteten Gesellschaftspolitik zum Ausdruck bringen sollte. In Anlehnung an das
Ideal einer ,natürlichen Ordnung' galt "eine Politik der Dezentralisation in allen

267 Alexander Rüstow, Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus, a.a.O., S. 91


268 Alexander Rüstow, Vitalpolitik gegen Vermassung, in: Albert Hunold (Hrsg.), Masse und
Demokratie, Erlenbach-Zürich- Stuttgart 1957, S. 215-238, hier S. 235
269 "Es wäre ein Aberglaube zu meinen, das Glück des arbeitenden Menschen sei proportional
der Lohnhöhe und umgekehrt proportional der Arbeitszeit." Alexander Rüstow, Soziale
Marktwirtschaft als Gegenprogramm gegen Kommunismus und Bolschewismus, a.a.O., S.
104; ähnlich Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, a.a.O., S. 354
270 Alexander Rüstow, Vitalpolitik gegen Vermassung, a.a.O., S. 235; ganz ähnlich Rüstows
Definition der Vitalpolitik, "einer Politik, die bewußt alles einbezieht, wovon das wirkliche
Sichfühlen des Menschen, seine Zufriedenheit und sein Glück, abhängen, und die es sich zum
Ziel setzt, die Voraussetzungen für ein Iebenswertes und verteidigungswürdiges Leben zu
schaffen." Ders., Ortsbestimmung der Gegenwart, Bd. 3, a.a.O., S. 520
271 Rüstow sah gerade in der psychologischen Flankierung marktwirtschaftlicher Politik erhebliche
Defizite und forderte, daß "hier mit aller Behutsamkeit sehr tief gegraben werden (muß), und
die umsichtige und besonnene Hilfe geläuterter tiefenpsychologischer Erkenntnis uns hier
besonders not (tut)." Alexander Rüstow, Soziale Marktwirtschaft als Gegenprogramm gegen
Kommunismus und Bolschewismus, a.a.O., S. 107
272 Vgl. Helmut Paul Becker, Die soziale Frage im Neoliberalismus, a.a.O., S. 238

194
Bereichen als folgerichtige Therapie"273 eines ,echten' Liberalismus, als "re-
volutionärer Gedanke" 274 für die Ausgestaltung einer marktwirtschaftlich
verfaßten Gesellschaft.
Im Mittelpunkt dieses Politikansatzes stand die Stärkung einer bürgerlichen
Sozialstruktur durch die konsequente und nachhaltige Wirtschaftsförderung von
Klein- und Mittelbetrieben, aber auch des bäuerlichen Familienbetriebes. 275 Die
Angehörigen des selbständigen Mittelstandes sollten das soziale Subjekt der
ordoliberalen Gesellschaftspolitik sein, sollten den "Mutterboden"276 der ange-
strebten Ordnung bilden. Im idealisierten Bild der Ordoliberalen galten sie als
der ,gesunde' Kern innerhalb der im Industrialisierungsprozeß zersetzten,
,kranken' Gesellschaft, als unpolitische und unbestechliche Größe, die wisse,
"daß man zwar dem Kaiser geben soll, was des Kaisers ist, aber auch Gott, was
Gottes ist." 277 Auch die Funktion der Mittelschichten als Zwischenstufe des
sozialen Aufstiegs wurde immer wieder hervorgehoben, nicht zuletzt von
Müller-Armack, der - mit einem allerdings eher pragmatischen Blick - auf die
Funktion des "soziologischen Ausgleich(s)" der "überaus wichtigen Zwischen-
und Mittelschichten" verwies.278
Neben dieser soziologischen Bedeutung des selbständigen Mittelstandes
wurde vor allen Dingen seine ökonomische Funktion heroisiert. In ihm sah man
die Gesamtheit der positiven Werte marktwirtschaftliehen Handeins verkörpert,
insbesondere das Streben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit und Selbstän-
digkeit: "Hier ist das breit sich öffnende Feld des schöpferischen Individuums,
des beweglichen Kleinunternehmers, des Einzelgängers, der keinen anderen
Herrn mehr über sich hat als den Markt, des Wagemutigen, des Erfinders, des
Künstlers, des Meisters." 279 Auf die Spitze getrieben wurde dieser Kult der Selb-
ständigkeit in Hinblick auf den bäuerlichen Familienbetrieb, der geradezu ro-

273 Wilhelm Röpke, Die natürliche Ordnung, a.a.O., S. 227; Herv. im Original
274 Wilhelm Röpke, Die Funktion des Klein- und Mittelbetriebes in der Volkswirtschaft, a.a.O., S. 29
275 Die Familie sollte prinzipiell den positiven Sozialkern der dezentralisierten Wirtschafts-
einheiten bilden. Sie wurde von Röpke definiert als "die natürlichste Gemeinschaftszelle" der
Gesellschaft und "als das naturgegebene Feld der Frau". Wilhelm Röpke, Die Gesellschafts-
krisis der Gegenwart, a.a.O., S. 31; Rüstow sprach in diesem Zusammenhang von der Not-
wendigkeit "einer Erneuerung der ,ewigen Familie'." Alexander Rüstow, Vitalpolitik gegen
Vermassung, a.a.O., S. 222
276 "Diese Mittelklasse nun, die - gleichweit entfernt von Proletarisierung und korrumpierendem
Reichtum - Eigentum und Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und Kulturpflege vereinigt und in
einfach bleibenden Verhältnissen den eigentlichen Hort der geistig-moralischen Überlieferung
darstellt, pflegt der Mutterboden zu sein, aus dem die eigentlichen und führenden" Kräfte der
Gesellschaft rekrutieren sollten. Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 224
277 Ebenda, S. 223
278 Alfred Müller-Armack, Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft, a.a.O., S. 127
279 Wilhelm Röpke, Die Funktion des Klein- und Mittelbetriebes in der Volkswirtschaft, a.a.O.,
s. 26 f.
195
mantisierend als Hort "einer wahrhaft befriedigenden Vitalsituation"280 geprie-
sen wurde. Euckens Freiburger Kollege Dietze hatte schon 1942 in seinem Auf-
satz Landwirtschaft und Wettbewerbsordnung den Mitgliedern des bäuerlichen Famili-
enbetriebes eine besondere "Freude an der selbständigen Tätigkeit, an der ange-
stammten Arbeit" 281 zugeschrieben. Daraus leitete er eine spezifische Wettbe-
werbsneigung in der Landwirtschaft ab,282 ja er sah in ihr aufgrund der überwie-
gend kleinbetriebliehen Struktur "geradezu ein Musterbeispiel für die Verwirkli-
chung der Voraussetzungen vollständiger Konkurrenz" gegeben. 283
Die strukturelle Stärkung von kleinbäuerlichen Betrieben und selbständigem
bürgerlichen Mittelstand hatte somit einen doppelten Zweck: Einmal sollte sie
gegen den potentiellen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einfluß der
Arbeiterbewegung eine zuverlässige soziale Stütze innerhalb der Marktgesell-
schaft herausbilden und diese dauerhaft stabilisieren. 284 Zugleich versprachen
sich die Gesellschaftstheoretiker der Ordoliberalen von einer mittelständisch ge-
prägten Wirtschaftsstruktur auch vermehrte ökonomische Stabilität im markt-
wirtschaftlichen System selbst, denn "die Dezentralisierung der Produktion (ist)
wahrscheinlich das wichtigste Mittel, das wir zur Verfügung haben, um aus dem
circulus vitiosus steigender Unstabilität und einer verzweifelten Wirtschaftspoli-
tik herauszukommen, die die Unstabilität beseitigen will, sie aber nur noch im-
mer mehr steigert und dabei ein Freiheitsrecht nach dem anderen opfern
muß."285
Gerade Röpke und Rüstow, aber auch Erhard, hielten sowohl den bäuerli-
chen Familienbetrieb wie überhaupt die Klein- und Mittelbetriebe für prinzipiell
weniger konjunkturanfillig als die industriellen Großbetriebe, da sie gegenüber
dem Auf und Ab des Marktes über eine größere "Geschmeidigkeit"286 verfügten
- vorausgesetzt, daß man ihre subsidiären Strukturen nicht durch staatliche oder
andere institutionelle Regulierungen, wie etwa allgemeinverbindliche Tarifver-

280 Alexander Rüstow, Die weltgeschichtliche Bedeutung des Bauerntums in Vergangenheit,


Gegenwart und Zukunft, in: ASM (Hrsg.), Schriftenreihe, Heft 2, Überwirtschaftliche
Bedeutung und wirtschaftliche Aussichten des Bauerntums, Köln 1958, S. 7-33, hier S. 16; vgl.
auch Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, a.a.O., S. 324 f.
281 Constantin von Dietze, Landwirtschaft und Wettbewerbsordnung, in: Schmollers Jahrbuch,
66. Jg., Halbbd. 1, 1942, S. 129-157, hier S. 150; auch nach 1945 hob Dietze die besondere
"Wirtschaftsgesinnung und Verhaltensweise" innerhalb des bäuerlichen Familienbetriebes
hervor. Ders., Landwirtschaft und Bauerntum in Staat und Volkswirtschaft, in: BMfV (Hrsg.),
Schicksalsfragen der Gegenwart, Bd. 5: Lebensbereiche und Lebensordnungen, Tübingen
1960, S. 113-130, hier S. 114
282 Ebenda, S. 131
283 Ebenda, S. 133
284 Formuliert im antikommunistischen Jargon der fiinfziger Jahre sah Rüstow insbesondere im
"Bauerntum (... ) das festeste Bollwerk gegen den Bolschewismus". Alexander Rüstow, Die
weltgeschichtliche Bedeutung des Bauerntums, a.a.O., S. 32
285 Wilhelm Röpke, Die Funktion des Klein- und Mittelbetriebes in der Volkswirtschaft, a.a.O.,
s. 35
286 Ebenda

196
träge, behindern würde. 287 Unter der Bedingung eines deregulierten Arbeits-
marktes könnten sie insgesamt flexibler am Markt agieren, auf Nachfrage-
änderungen oder veränderte Konsumbedürfnisse schneller reagieren und ggf.
zwischenzeitliche Einkommenseinbußen unproblematischer kompensieren. 288
Insofern waren die Klein- und Mittelbetriebe sowie die bäuerlichen Familien-
betriebe nicht zuletzt als direktes Gegengewicht zu einer nachfrageorientierten
Industriepolitik gedacht, um - wie Röpke es nannte - "die sozialen Kosten des
Großbetriebes"289 aufzufangen. Röpke unterstellte zudem eine spezifische
Externalisierung bestimmter Kosten durch die Großbetriebe, etwa bei den allge-
meinen Umwelt- und Gesundheitsbelastungen, den öffentlichen Aufwendungen
für Infrastrukturmaßnahmen oder einer behaupteten Kriminalitätszunahme,290
die zu schweren volkswirtschaftlichen Schäden und zu ungerechtfertigten Wett-
bewerbsvorteilen gegenüber den Klein- und Mittelbetrieben führen mußten.
Als wichtigstes Instrument zur Umsetzung einer dezentralisierten Wirt-
schafts- und Sozialstruktur hatten die Ordoliberalen die Landes- und Standort-
planung im Blick, konkret eine durch materielle Anreize gestützte Siedlungspoli-
tik mit dem Ziel, die ländlichen Gebiete stärker in den Wirtschaftsprozeß zu in-
tegrieren.291 Dabei ging es den Ordoliberalen allerdings nicht um eine Reintegra-
tion von Industriearbeitern in die Landwirtschaft, denn trotz aller Bauernroman-
tik herrschte die ökonomische Einsicht vor, daß der Anteil der in der Agrar-
wirtschaft einer entwickelten Industriegesellschaft Beschäftigten dauerhaft sin-
ken werde. Vielmehr sollten mittlere Industriebetriebe in bäuerlichen Gegenden
angesiedelt werden, um einerseits die Abwanderung in die Großstädte und In-
dustriezentren aufzuhalten und andererseits den bäuerlichen Habitus zumindest
auf Teile der Industriearbeiterschaft durch "die Erziehung zur Bäuerlichkeit"292
zu übertragen. Rüstow bezeichnete den gewünschten Beschäftigtentypus als
sogenannte "Halbbauern" oder auch "lndustriebauern", die zwar im industriell
geprägten Betrieb arbeiten, aber zugleich "ein Eigenheim mit dazugehörigen
Grund und Boden bekommen"293 sollten, um ggf. bei Einkommensverlusten in

287 Für Röpke "ist (es) der Großbetrieb mit seinem Proletariat, seinem städtischen Milieu und
seiner Unsicherheit, der mehr und mehr den kleineren Betrieb durch das Mittel der Tarifver-
träge und noch mehr ihrer Allgemeinverbindlicherklärung ein Lohnniveau oder sonstige V er-
besserungen des Arbeitsvertrages erzwingt, die der Eigenart, der örtlichen Lage und den mit
beiden verbundenen unschätzbaren, wenn auch nicht in Geld ausgedrückten, sozialen Vor-
teilen des dezentralisierten Betriebes nicht gerecht werden und ihn ruinieren." Ebenda, S. 36
288 So auch Dietze, der gerade die Existenz selbständiger Landwirte als "ein wichtiges Element
für die Stetigkeit der industrialisierten Volkswirtschaften" hervorhob. Constantin von Dietze,
Landwirtschaft und Bauerntum in Staat und Volkswirtschaft, a.a.O., S. 116
289 Wilhelm Röpke, Die Funktion des Klein- und Mittelbetriebes in der Volkswirtschaft, a.a.O., S.
33; im Original herv.
290 Vgl. ebenda, S. 32
291 Vgl. ebenda, S. 35; Alexander Rüstow, Vitalpolitik gegen Vermassung, a.a.O., S. 222 f.
292 Alexander Rüstow, Die weltgeschichtliche Bedeutung des Bauerntums, a.a.O., S. 26
293 Ebenda, S. 24; "Ein Halbbauerntum, das ,halb' nur in ökonomischer Hinsicht ist, dagegen in
soziologischer Hinsicht, was die Bäuerlichkeit, die Bodenständigkeit und die damit verbundene

197
der Lohnarbeit im Nebenerwerb landwirtschaftliche Produkte zu erzeugen, vor
allem aber zur "Glücksproduktion", denn "das wirkliche Vitalbedürfnis der
Familie wird erst erfüllt, wenn sie in einem Eigenheim mit Garten leben
kann." 294
Damit ist zugleich das zweite wesentliche Instrument der gesellschaftlichen
Strukturpolitik des Ordoliberalismus benannt: die Eigentumspolitik als vorbeu-
gendes Mittel zur Entproletarisierung. Indem man breiten Schichten der Bevöl-
kerung den Zugang zu einem zumindest bescheidenen Umfang an Privateigen-
tum ermöglichen wollte, beispielsweise durch zinsgünstige Kredite für den Er-
werb von Haus und Grundstück, durch Aktienerwerb oder andere Formen be-
triebsbezogener Vermögensbildung,295 erhofften sich die Ordoliberalen eine zü-
gige Verbreitung marktfreundlicher Gesinnung. Aus dem Proletarier sollte ein
"Kleinkapitalist"296 werden, der durch seine subjektive Verstrickung in die
Mechanismen der Marktwirtschaft zu einerunbewußt-freiwilligen Einordnung in
die kapitalistische Wirtschafts- und Sozialordnung gelangt. "Wir machen die Prole-
tarier~ Eigentümern", lautete die Propagandaformel von Röpke, weil nur so ver-
hindert werden könne, "daß alle zu Proletariern werden, sei es revolutionär (...),
sei es schrittweise. " 297 Damit wurde die Eigentumspolitik zu einem strategischen
Element des ordoliberalen Nachkriegsprogramms, mit der die Integration oder
zumindest die Ruhigstellung der Arbeiterbewegung gefestigt werden sollte.
Allerdings schienen die Ordoliberalen selbst gewisse Zweifel an der Reali-
sierbarkeit bzw. der politischen Wirkung ihrer Eigentumspolitik auf die Arbei-
terbewegung zu haben, gerade mit Blick auf die in der unmittelbaren Nach-
kriegszeit viel diskutierten Forderungen der Gewerkschaften nach umfassender
wirtschaftlicher Mitbestimmung der abhängig Beschäftigten. Deshalb setzten die
Ordoliberalen als ergänzendes Instrument ihrer Eigentumspolitik darauf, den
Aufbau der zu schaffenden marktwirtschaftliehen Ordnung durch eine betriebli-
che "Vitalpolitik" zu begleiten, nicht zuletzt, um so gegen die auf Wirtschafts-
demokratie zielenden Mitbestimmungsforderungen der Gewerkschaften ein po-
litisches Gegengewicht zu schaffen. Im Prinzip handelte es sich dabei um den
Versuch, die nationalsozialistische Ideologie der Betriebsgemeinschaft in ihrem
materiellen Kern auch in die Wirtschafts- und Sozialordnung der Bundesrepu-

Einstellung und Gesinnung betrifft, durchaus als voll gerechnet werden darf." (S. 26) Rüstow
sah darin die "dringend notwendigen Ordnungsgestaltungen des ,Marktrandes', deren Aner-
kennung zu den wichtigsten Unterschieden des von uns vertretenen Neoliberalismus gegen-
über dem Paläoliberalismus des laissez-faire gehört." Alexander Rüstow, Garten und Familie,
in: Friedrich Karrenberg/Hans Albert (Hrsg.), Sozialwissenschaft und Gesellschaftsgestaltung.
Festschrift für Gerhard Weisser, Berlin 1963, S. 285-303, hier S. 295
294 Alexander Rüstow, Garten und Familie, a.a.O., S. 295 f.
295 "Es muß sich vorzugsweise um Eigentum von vitaler Bedeutung handeln, und dies ist
einerseits das Produktionseigen111m und andererseits das WohnNngseigentNm." Wilhelm Röpke,
Civitas Humana, a.a.O., S. 283; Herv. im Original
296 Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, a.a.O., S. 354
297 Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 264 f.; Herv. im Original

198
blik zu transformieren, vor allem durch die Beschneidung des gewerkschaftli-
chen Einflusses in den Betrieben. Es gelte, so Rüstow, in den Betrieben das
Klima "einer ehrlichen, gesunden Betriebssolidarität" zu generieren, um eine
"Klassenkampffront durch Gewerkschaften und Arbeiterparteien"298 zu verhin-
dern. Schließlich sei "das Bedürfnis nach Solidarität eines der zentralsten und
positivsten Bedürfnisse der menschlichen Natur", das allerdings "nur innerhalb
jedes einzelnen Betriebes seine Befriedigung" ftnden dürfte. 299
Betrachtet man den ordoliberalen Ansatz einer Gesellschaftspolitik im gan-
zen, ist zunächst festzustellen, daß sich die Ordoliberalen mit ihrem Ansatz einer
sozialen Strukturpolitik in Widerspruch zu ihren eigenen liberalen Grundsätzen
brachten. Während einerseits die Unantastbarkeit des Marktprinzips betont
wurde, sollte anderseits eine bestimmte Zusammensetzung und Formierung der
Gesellschaft geschaffen werden. Das konnte ohne Eingriffe in den Marktprozeß
nicht realisiert werden, da ohne diese Interventionen die avisierten gesellschafts-
politischen Wirkungen kaum, auf jeden Fall nicht punktgenau, zu erzielen waren,
wie insbesondere bei den ordoliberalen Vorstellungen zur Landwirtschafts- und
Mittelstandspolitik deutlich wurde.
Den Kern der ordoliberalen Gesellschaftspolitik bildete allerdings das Stre-
ben nach einer außerökonomischen Integration innerhalb der Marktgesellschaft.
"Wir müssen es lernen", forderte Rüstow, "alle öffentlichen Maßnahmen unter
dem Gesichtspunkt zu beurteilen, ob sie integrierend oder desintegrierend wir-
ken", um mahnend fortzufahren, "jede Gelegenheit zu einer gesunden Steige-
rung der Integration zu ergreifen." 300 Indem so die Notwendigkeit sozialer
Integration anerkannt, aber zugleich als Prinzip innerhalb der Wirtschaft abge-
lehnt wurde, entstand ein dualistisches Denkgebäude von Marktwirtschaft und

298 Alexander Rüstow, Vitalpolitik gegen Vermassung, a.a.O., S. 230; Rüstow definierte die
"Betriebssolidarität" als einen "der wichtigsten Programmpunkte einer auf Entmassung
gerichteten Vitalpolitik"
299 Alexander Rüstow, Soziale Marktwirtschaft als Gegenprogramm gegen Kommunismus und
Bolschewismus, a.a.O., S. 103; vor diesem Hintergrund akzeptierten die Ordoliberalen das
1952 verabschiedete Betriebsverfassungsgesetz "trotz mancher kleiner Schönheitsfehler" als
rechtliche Grundlage zwischen Kapital und Arbeit, da es die Handlungsmöglichkeiten der
Betriebsräte auf die wirtschaftliche Einheit Betrieb fokussierte und den Einfluß der
Gewerkschaften gering hielt. Vgl. eben da
300 Alexander Rüstow, Ortsbestimmung der Gegenwart, Bd. 3, a.a.O., S. 522; Rüstow stützt seine
Analyse gesellschaftlicher Integration/Desintegration auf die Überlagerungsthese, nach der -
grob gesprochen - im Übergang von einfachen Gemeinschaften zu komplexen Gesellschaften
langfristig Zerfalls-, Zersetzungs- und Auflösungsprozesse freigesetzt werden, welche die
Bindungskräfte vollständig aufzehren, wenn nicht, so Rüstows Folgerung, durch jene ,echte'
Integration entgegengewirkt wird (statt durch sozialistischer ,Überintegration'). Ortsbe-
stimmung der Gegenwart, Bd. 1, a.a.O., S. 109 ff.

199
gesellschaftlicher Integrationssphäre, 301 das zwangsläufig ein Widerspruchsver-
hältnis begründen mußte: Die Ordoliberalen wollten der "Zersetzung und
Atomisierung des Sozialkörpers"302 durch die Marktkräfte entgegenwirken, ohne
allerdings die Marktkräfte selbst zu beschneiden. Die soziale Integration redu-
zierte sich damit allein auf ihre Funktion als Mittel der Systemstabilisierung -
entweder in Form metaphysischer Pseudo-Integration oder aber als gesellschaft-
liche Strukturpolitik mit dem Ziel, die Wünsche und Bestrebungen nach sozialer
und wirtschaftlicher Emanzipation auf marktwirtschaftliche Handlungsweisen
umzulenken.
Das konstruierte Nebeneinander von wirtschaftlicher und sozialer Sphäre
im ordoliberalen Gesellschaftsbild fand seine Fortsetzung im Widerspruch zwi-
schen dem Glauben an die Unantastbarkeit des ökonomischen Fortschritts
durch das Organisationsprinzip der Marktwirtschaft einerseits und der Ver-
dammung seiner Ergebnisse anderseits. Der rückwärtsgewandte, fast nihilisti-
sche Blick auf die gesellschaftlichen Umstrukturierungen im Prozeß der Indust-
rialisierung bei gleichzeitiger Idealisierung mittelalterlicher Gesellschaftsstruktu-
ren erzeugte ein weiteres Dilemma, aus dem die ordoliberale Gesellschaftspolitik
zu keinem Zeitpunkt herausgeführt werden konnte. So blieb die Gesellschafts-
politik des ,neuen' Liberalismus ohne konsistente Programmatik einem kleinbür-
gerlichem Idealismus verhaftet, konnte weder die Realität erklären, noch taugte
sie als Leitlinie zur Gestaltung einer modernen Industriegesellschaft auf der
Grundlage einer parlamentarischen Demokratie, obwohl genau dieser Gestal-
tungsanspruch dem ordoliberalen Programm immanent war. Das mußte Folgen
haben für die Implementierungsstrategie des Ordoliberalismus.

301 Für Rüstow zeigt sich in der Frage sozialer Organisation der entscheidende Unterschied
zwischen (Neo-)Liberalismus und Sozialismus. Während im Sozialismus "die notwendige so-
ziale Integration unter allen Umständen innerhalb der Wirtschaft selber erfolgen müsse", habe
man sich "aus guten Gründen" dazu entschlossen, "auf Integration innerhalb der Wirtschaft
zu verzichten." Schließlich stünden "außerhalb der Wirtschaft viel zahlreichere und wirk-
samere Integrationsmöglichkeiten politischer, ethischer und religiöser Natur zur Verfügung."
Alexander Rüstow, Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus, a.a.O., S. 52
302 Ebenda

200
4 Die Soziale Marktwirtschaft als Träger des
ordoliberalen Programms

Die ideologische wie programmatische Formierung des Ordoliberalismus nach


1945 in den diskutierten Bereichen Anti-Kollektivismus, erneuerter Liberalis-
mus, Anti-Monopolismus und liberaler Gesellschaftspolitik kennzeichnet zu-
gleich den Versuch, die Grundsätze der ordoliberalen Theorie über den Weg der
Durchdringung des publizistisch-wirtschaftspolitischen Raumes in die gesell-
schaftliche Realität zu übertragen. Diese Form der Aufklärung war neben der
Politikberatung das wesentliche Element der ordoliberalen Implementierungs-
strategie, um unter Einbeziehung der gegebenen Bedingungen der unmittelbaren
Nachkriegszeit die politische Stimmung zugunsten einer marktwirtschaftlicher
Ordnungspolitik zu beeinflussen.
Fragt man nun nach der konkreten Wirkung dieser Formierung, so ist fest-
zustellen, daß die ,neuen' Liberalen in der Tat mit ihrer antikollektivistischen
und antimonopolistischen Positionierung an zwei Grundstimmungen der Nach-
kriegszeit anknüpfen konnten: den durch den aufziehenden ,Kalten Krieg' wie-
derbelebten Antikommunismus, der durch die Anti-Kollektivismus-These seine
ökonomische Ausformung erhielt und die verbreitete Kapitalismuskritik als be-
herrschendes Moment der wirtschaftlichen Neuordnungsdiskussion. Die ordoli-
berale Monopolkritik öffnete den ,neuen' Liberalen überhaupt erst den Weg zur
Teilnahme an dieser Debatte, war doch der Antikapitalismus durchaus mit einer
"sozialisti,schen Grundstimmung" 1 in der Bevölkerung verbunden, sichtbar an
der nicht nur im sozialdemokratischen und kommunistischen Spektrum ver-
breiteten Programmatik, sondern auch an der zunächst recht einflußreichen
Strömung des Christlichen Sozialismus im sich neu orientierenden konservativen
Lager. 2 Ein offenes Bekenntnis zur Wiederherstellung einer kapitalistischen
Wirtschaftsordnung war bis 1948 politisch in keiner Partei oder Organisation
möglich, wie nicht zuletzt die programmatische Entwicklung der CDU zeigt.
Auf ihre spätere Funktion als politischer Träger der Sozialen Marktwirtschaft
wird im folgenden einzugehen sein.
Dennoch war die praktische Politik in den westlichen Besatzungszonen
kaum von konkreten Schritten zur Verwirklichung einer sozialistischen Wirt-
schafts- und Gesellschaftsordnung bestimmt. Zwar schienen Planung und Len-

1 Gerold Ambrosius, Die Durchsetzung der Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O., S. 14


2 Vgl. ebenda, S. 14 ff.

201
kung des wirtschaftlichen Prozesses für eine unbestimmte Zeit unausweichlich
zu sein, aber spätestens 1946/47 erwies sich die ordnungspolitische Alternative
einer sozialistischen Planwirtschaft in den westlichen Zonen als obsolet. In der
ordnungspolitischen Debatte dominierte die eher allgemeine Vorstellung von
einer Wirtschaft, die zu gesamtgesellschaftlicher Verantwortung verpflichtet ist,
verbunden mit der staatlichen Verantwortung zur Schaffung einer für alle Teile
der Bevölkerung gerechten Daseinsvorsorge. Die in jenen Jahren verab-
schiedeten Landesverfassungen brachten entsprechende Leitbilder zum Aus-
druck, wie beispielsweise der Artikel 51 der Landesverfassung von Rheinland-
Pfalz: "(1) Die Wirtschaft hat die Aufgabe, (...) für alle Glieder des Volkes die
zur Befriedigung der Lebensbedürfnisse erforderlichen Sachgüter zur Verfügung
zu stellen. Die Ordnung des Wirtschaftslebens muß den Grundsätzen der sozia-
len Gerechtigkeit mit dem Ziel der Gewährleistung eines menschenwürdigen
Daseins für alle entsprechen." 3 Um diese Zweckbestimmung der Wirtschaft
durchzusetzen und dauerhaft sicherzustellen, forderten praktisch alle relevanten
politischen Kräfte als Ausdruck einer breiten Stimmung in der Bevölkerung die
umfassende Sozialisierung der für die Daseinsvorsorge wichtigen Industrien wie
auch von ehemals marktbeherrschenden Großunternehmen, Banken und
Versicherungen 4 Zugleich schälten sich für die tatsächliche Entwicklung des Wirt-
schaftslebens "zwei nachhaltige Ansätze heraus", 5 der Grundsatz der Gewerbe-
freiheit und das l\iitbestimmungsrecht der Arbeitnehmer, die auf der real-
politischen Ebene erste Gegenpole einer grundlegenden Neuordnung der
Wirtschaft konstituierten.
Dem Neoliberalismus in Deutschland kam zugute, daß weder die sozialisti-
sche Programmatik bereits ausgeprägte Konturen aufwies, konnte sie sich doch
im Gegensatz zum ordoliberalen Ansatz kaum auf eine aktuelles theoretisches
Fundament stützen, noch daß der Antikapitalismus durchgängig an eine sozia-
listische Weltanschauung gebunden war. 6 Gerade die Verknüpfung des ordolibe-

3 Zit. nach llans F. Zacher, Grundlagen der Sozialpolitik in der Bundesrepublik Deutschland,
a.a.O., S. 449
4 VgL Iians F. Zacher, Grundlagen der Sozialpolitik in der Bundesrepublik Deutschland, a.a.O.,
S. 450 f und S. 460; Kar! Georg Zinn, Soziale Marktwirtschaft. Idee, Entwicklung und Politik
der bundesdeutschen Wirtschaftsordnung, Mannheim - Leipzig 1992, S. 67; ausführlicher zur
Sozialisierungsdebatte: Friedrun Quaas, Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 88 ff.; Rolf
Stcininger, Die Rhein-Ruhr-Frage im Kontext britischer Deutschlandpolitik 1945/46, in:
Heinrich :\ugust Winkler (Hrsg.), Politische Weichenstellung im Nachkriegsdeutschland 1945-
1953, Göttingen 1979, S. 111-166
5 Hans F. Zacher, Grundlagen der Sozialpolitik in der Bundesrepublik Deutschland, a.a.O., S. 447
6 Für Blum gab es bei aller Sympathie der Be,·ölkerung für eine gelenkte Wirtschaft mit staatli-
cher Verantwortung, die das Spannungsverhältnis gegenüber dem liberalen Grundsatz der
Wirtschaftsfreiheit bestimmt, "andererseits ein Drang zu individueUer Freiheit und Unabhän-
gigkeit nach Ende des Krieges." Er resümiert: "Dies legt die Vermutung nahe, daß die sozia-
listische Einstellung weiter Kreise der Bevölkerung mehr einer ,antikapitalistischen' als einer
echten sozialistischen Einstellung entspringt." Reinhard Blum, Soziale Marktwirtschaft. Wirt-
schaftspolitik zwischen Neoliberalismus und Ordoliberalismus, Tübingen 1969, S. 131; auch

202
ralen Antimonopolismus mit dem gesellschaftspolitischen Ideal einer wohl
strukturierten Mittelstandsgesellschaft in kleinen, überschaubaren Dimensionen,
wie sie in Röpkes ,sozialer Strukturpolitik' oder Rüstows ,Vitalpolitik' zum Aus-
druck kam, konnte durchaus auf Zustimmung hoffen in einer Phase der Orien-
tierungssuche nach dem nationalsozialistischen Größenwahn. Auch suggerierte
die ordoliberale Interpretation des Nationalsozialismus als eine von der kapita-
listischen Wirtschaftsform unabhängige ,Entartung' die Möglichkeit eines
bruchlosen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Neubeginns, zumal mit den
Monopolen ein Sündenbock benannt war und mit der versprochenen Möglich-
keit ihrer Bekämpfung eine wirtschaftspolitische Lösung durch die staatlich ge-
ordnete Marktwirtschaft in Aussicht gestellt wurde. "Der Entwurf dieser klein-
bürgerlichen, frühkapitalistisch anmutenden Wirtschafts- und Gesellschaftsform,
die Attacken gegen Proletarisierung und Vermassung, das Sonntagsmalerische
Bild einer geradezu bäuerlichen Lebensform kamen weiten Teilen der deutschen
Bevölkerung in ihrer Sehnsucht nach einer ,heilen' überschaubaren Welt entge-
gen. Das mag aus heutiger Sicht erstaunen, doch war in dem für viele lebens-
notwendigen Verdrängungsprozeß die Vision eines anderen Lebens Quelle
neuer Hoffnung." 7
Die Chancen zur Durchsetzung einer ordoliberal geprägten Wirtschaftsver-
fassung oder zumindest einiger Bestandteile waren also trotz der dominierenden
Diskussion um Vollbeschäftigungspolitik und Sozialisierung nicht aussichtslos,
auch, weil die sichtbare Neuausrichtung der us-amerikanischen Deutschland-
und Europapolitik seit 1946 im Gefolge der verschärften Ost-West-Konfronta-
tion die Möglichkeit einer liberalen Wirtschaftsordnung wahrscheinlicher werden
ließ. Andererseits waren die Ordoliberalen bis zur Währungs- und Wirtschaftsre-
form 1948 eine nur kleine Gruppe von Intellektuellen, zunächst ohne eine kon-
krete politische und soziale Basis in der Gesellschaft, deren Positionen auch im
wissenschaftlichen Bereich keineswegs mehrheitsfähig waren. Das berührt die
Frage der Implementierungsstrategie: Welche gesellschaftlichen Kräfte hatten
ein Interesse an einer marktwirtschaftliehen Regeneration unter ordoliberalen
Vorzeichen, wen konnten die ,neuen' Liberalen für ihr Ordnungsmodell gewin-
nen, und welche Strukturen und Institutionen ließen sich für ein solches markt-
wirtschaftliche Projekt in Anspruch nehmen?
In diesem Zusammenhang erwies es sich zusätzlich als problematisch, daß
die Ordoliberalen zwar durchaus einflußreiche Ideologeme in die Wtrtschafts-

Rasch umschreibt als dem ordoliberalen Gedanken nahestehender Zeitgenosse die verbreitete
Orientierung am Sozialismus eher als Ausdruck von Unzufriedenheit, Müdigkeit und Unsi-
cherheit in Folge von Nationalsozialismus und Krieg denn als weltanschauliche Aufbruch-
stimmung: "Was einst das Ideal des kleinen Beamten war, ein stilles Glück im Winkel ohne
viel Anstrengungen, aber auch ohne Risiken, das ist die Sehnsucht von Millionen geworden. In
Empfmdungen solcher Art und nicht in volkswirtschaftlich tiefer begründeten Meinungen lie-
gen die Quellen für den Hang weitester Schichten zum Sozialismus." Harold Rasch, Grund-
fragen der Wirtschaftsverfassung, a.a.O., S. 16 f.
7 Mariarme Welteke, Theorie und Praxis der Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O., S. 43

203
Ordnungsdebatte eingebracht hatten, aber dennoch über kein konsistentes Ge-
samtprogramm für die konkrete Ausgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft
verfügten. So stand das in sich geschlossene Ordnungskonzept der Freibur;ger
Schule in keiner direkten konzeptionellen Verbindung mit den sozialen und ge-
sellschaftspolitischen Komponenten, die Röpke und Rüstow entwickelt hatten,
und selbst der ökonomische Kern der Freiburger Konzeption beschränkte sich
im wesentlichen auf die ,Veranstaltung' einer funktionsfähigen Wettbewerbs-
ordnung. Wenn überhaupt von einem Bezug zwischen der wirtschafts-und der
gesellschaftspolitischen Ebene gesprochen werden kann, dann lediglich im Hin-
blick auf den realitätsfernen Charakter der Utopie einer vollkommenen wie ent-
machteten Marktwirtschaft und des Ideals einer nach mittelalterlichen Vorbil-
dern geformten Gesellschaftsordnung. Zudem war das ordoliberale Programm
von seiner Anlage her als ein Langfristprogramm zur Beeinflussung der gesell-
schaftlichen Entscheidungsträger und der Regierungspolitik angelegtll - einer
Regierung, die noch gar nicht bestand und Institutionen, die überhaupt erst ge-
schaffen werden mußten. Insofern fehlte es an einer konkreten, auf die unmittel-
bare Nachkriegssituation abgestimmten Programmatik, denn die akute soziale
Not und die ökonomischen wie politischen Verhältnisse erforderten schnelle
Entscheidungen, wollten die Ordoliberalen nicht die historische Chance verpas-
sen, die sich im entstehenden westdeutschen Staat abzeichnende Ordnungsalter-
native zwischen einer keynesianisch-wohlfahrtsstaatlichen Lösung wie in Groß-
britannien oder Skandinavien und einer geläuterten liberalen Marktwirtschaft zu
beeinflussen. Es war Müller-Armack, der in seinen ersten Texten nach dem
Krieg die Dringlichkeit dieser Entscheidungssituation thematisierte, die zugleich
den Ausgangspunkt seiner Vorstellungen zur Sozialen Marktwirtschaft als
Nachkriegskonzeption bildeten. 9
Bei genauer Betrachtung ist es deshalb nur teilweise richtig, wenn Herder-
Domeich feststellt, daß mit der seit den dreißiger Jahren entwickelten
Ordnungstheorie und -politik für die Zeit nach 1945 "ein in sich geschlossenes

8 Gerade Eucken stellte im Hinblick auf die Wirkungsmächtigkeit der ,Sozialen Frage' die
Langfristigkeit des ordoliberalen Projektes heraus: "Wenn ein Dampfer im Strom vorbeifahrt,
so schlagen die Wellen oft noch dann ans Ufer, nachdem er längst entschwunden ist. Gerade
dies gilt auch für die Ideen, welche die heutige Wirtschafts- und Sozialpolitik beherrschen. Das
19. Jahrhundert ist vergangen, aber die Ideen, die in ihm entstanden, sind noch mächtig."
Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.O., S. 190
9 "Damit steht Deutschland bei der Entscheidung über seine künftige Wirtschaftsordnung, eine
Frage, die wir keineswegs der Zukunft anheimgeben können, da gegenwärtig Kräfte am Werke
sind, um möglichst viele Vorentscheidungen zugunsren der künftigen Wirtschaftsordnung zu
treffen. Aber auch unabhängig davon hat sich im letzten Jahr gezeigt, daß der Versuch, erst
einmal aufzubauen und dann eine Wirtschaftsordnung zu gestalten, töricht ist. Eine echte
Wirtschaftsordnung ist der Grundstein, auf dem allein der Wiederaufbau wirklich möglich ist,
und mit der Entscheidung hier zu zögern heißt, auch den Wiederaufbau weiter hinauszuschie-
ben." .'\lfred Müller-Armack, Zur Diagnose unserer wirtschaftlichen Lage (Erstveröffentli-
chung 1947), in: ders., Genealogie der Sozialen Marktwirtschaft, 2 erweiterte Auflage, Bem -
Stuttgart 1981, S. 51-73, hier S. 60

204
Konzept zur Verfügung (stand)", auf das sich die "Lehre von der Sozialen
Marktwirtschaft" als "theoretische(s) Gebäude stützen (konnte)." 10 Das stimmt
insoweit, als die Theorie der Wettbewerbsordnung auch den wirtschaftspoliti-
schen Kern der Sozialen Marktwirtschaft bildet, läßt aber außer acht, daß für den
Übergang zur Marktwirtschaft eben "kein genau bestimmtes Konzept" vorhan-
den war und - wie Hans Möller in einem ordnungspolitischen Rückblick auf die
späten vierziger Jahre betont - für die Bereiche Geld- und Währungsordnung,
Außenwirtschaftsordnung, Ordnung der Arbeitsmärkte, Steuerungsmechanismen
im öffentlichen Sektor und Sozialpolitik "kaum theoretische Analysen
vor(Iagen)." 11
Damit ist das eigentliche Problemfeld dieses Kapitels angesprochen, das zu
den Fragen führt, wie aus den theoretischen Bausteinen des Ordoliberalismus
die Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft entstanden ist, für welches kon-
krete wirtschafts- und gesellschaftspolitische Programm sie überhaupt steht und
was die politischen, ökonomischen und institutionellen Bedingungen waren, die
die Etablierung einer marktwirtschaftliehen Konzeption unter dem Label der
Sozialen Marktwirtschaft möglich gemacht haben. Die Ausgangthese lautet, daß
die Soziale Marktwirtschaft als ein evolutionär angelegtes politisches Strategie-
konzept zur Durchsetzung des neoliberalen Programms verstanden werden
kann, ja daß dieses Konzept die nebeneinander stehenden Prämissen der ordoli-
beralen Theorie unter sensibler Berücksichtigung der politischen und soziokultu-
rellen Bedingungen überhaupt erst zu einem praxistauglichen Programm ge-
macht hat. 12 Aus dieser Zweckbestimmung der Sozialen Marktwirtschaft erge-
ben sich schon von der Sache her gewisse Reibungspunkte und Widersprüche
zum theoretischen Kern des Ordoliberalismus, die allerdings nicht - wie in wei-
ten Teilen der Literatur immer wieder behauptet wird - zwei gegensätzliche
Richtungen im ,neuen' Liberalismus konstituierten.
Was also ist gemeint, wenn Rüstow von der "Durchführung des neolibera-
len Programms der Sozialen Marktwirtschaft" 13 spricht? Auf welche Faktoren
stützt sich ihre Durchsetzung als wirtschaftspolitisches Leitbild der Bundesre-
publik, und wie erklärt sich die ungeheuere Popularität der Sozialen Marktwirt-

10 Phillip Herder-Domeich, Soziale Marktwirtschaft als weltweites Modell, a.a.O., S. 14


II Hans Möller, Zur Theorie und Politik der Wirtschaftsordnung; Kielcr Vorträge gehalten am
Institut für Weltwirtschaft, Neue Folge, Heft 99, Tübingen 1983, S. 19
12 Ambrosius hebt in ähnlicher Weise auf dieses Spannungsfeld ab, betont aber im Hinblick auf
den Ordoliberalismus vor allem dessen Dogmatismus und Theorielastigkeit: "Wenn der Ordo-
liberalismus der Gefahr ausgesetzt war, an seinen immanenten liberalen Vorurteilen und an
seiner theoretischen Abstraktheit gegenüber der realwirtschaftlichen und realpolitischen Ent-
wicklung zu scheitern, so versuchte die Soziale Marktwirtschaft ihr Konzept gerade als Ant-
wort auf die sozialistische Zeitströmung zu entwickeln, um es in der konkreten politischen
Situation verwirklichen zu können." Gerold Ambrosius, Die Durchsetzung der Sozialen
Marktwirtschaft, a.a.O., S. 37
13 Alexander Rüstow, Die geschichtliche Bedeutung der Sozialen Marktwirtschaft, in: Erwin von
Beckerath/Fritz W. Meyer/ Alfred Müller-Armack (Hrsg.), Festschrift für Ludwig Erhard,
Wirtschaftsfragen der Freien Welt, Frankfurt am Main 1957, S. 73-77, hier S. 76

205
schaft als politischer Begriff, der zum wohl bedeutendsten Mythos der Nach-
kriegsgeschichte wurde? Diese Überlegungen lenken den Blick auf die Betrach-
tung der Sozialen Marktwirtschaft als nicht nur theoretisch-konzeptionelles,
sondern auch als reales Phänomen und werfen die Frage auf, ob und inwieweit
die seit 1948 praktizierte Wirtschafts-, Sozial- und Gesellschaftspolitik tatsäch-
lich den Prämissen des ,neuen' Liberalismus folgte - eine Frage, die in der neoli-
beralen Diskussion zur sozioökonomischen Entwicklung der Bundesrepublik bis
in die Gegenwart damit beantwortet wird, daß der gesamtwirtschaftliche Erfolg
in den fünfziger Jahren ausschließlich oder in erster Linie das Ergebnis der ord-
nungspolitischen Stringenz der Regierung im Sinne des Ordoliberalismus war,
gestützt auf die persönliche Überzeugungskraft der ,Gründungsväter' der Sozia-
len Marktwirtschaft in Wirtschaft und Politik.

4.1 Von der ordoliberalen Utopie zum pragmatisch-


evolutionären Konzept der Sozialen Marktwirtschaft

4.1.1 Begriifsgenese und Doppeldeutung der So'{jalen Marktwirtschaft

Nicht nur die Bewertung der theoretischen Substanz der Sozialen Marktwirt-
schaft und ihrer inhaltlichen Ausformung ist umstritten, sondern schon die Dis-
kussion über den Ursprung des Begriffs der Sozialen Marktwirtschaft ist Ge-
genstand der wissenschaftlichen Debatte, wobei in der Regel Müller-Armack als
ihr originärer Namensgeber benannt wird. 14 Dabei dürfte der spezifische Blick
auf die personelle Urheberschaft der Wortschöpfung als solcher für die analyti-
sche Erfassung der Sozialen Marktwirtschaft von nachrangiger Bedeutung sein,
denn die damit in der Regel verbundene Personifizierung programmatischer Po-
sitionen beeinträchtigt eher das Verstehen und Erklären der Genese dieser
Konzeption.
Die Verwirrung um den begrifflichen Ursprung der Sozialen Marktwirt-
schaft erklärt sich nicht zuletzt aus dem jeweils gewählten analytischen Zugang
zum Gegenstand, ob nämlich im Kontext eines Epochenbegriffs diskutiert wird
(also mit Blick auf das historisch-strukturelle Element) oder aber im engeren
Sinne einer spezifischen Konzeption des deutschen Neoliberalismus nach 1945.
In der historischen Perspektive des Epochenbegriffs ist der Blick auf die grund-
sätzliche Entwicklungsrichtung von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat gerichtet,

14 Vgl. zu dieser Diskussion stellvertretend für ,;ele: Friedrun Quaas, Soziale Marktwirtschaft,
a.a.O., S. 43 ff. und Rainer Klump, Wege zur Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O., S. 148 ff.; wäh-
rend Quaas die These von der ausschließlichen Urheberschaft Müller-Armacks vertritt, zeigt
sich Klump an dieser Stelle differenzierter und deutet andere, parallel verlaufende Diskus-
sionsstriinge an.

206
also auf den wirtschaftsordnungspolitischen Trend einer Epoche, hier konkret
beginnend mit der Weltwirtschaftskrise und ihren Auswirkungen auf die Debatte
wirtschaftspolitischer Konzeptionen seit Beginn der dreißiger Jahre. 15 In diesem
Sinne beschreibt der Begriff ,soziale Marktwirtschaft' eine ordnungspolitische
Richtung, die in Reaktion und als Alternative zum aufkommenden Keynesianis-
mus durch eine aktive staatliche Wirtschaftspolitik gekennzeichnet ist, in welcher
der marktwirtschaftliche Wettbewerb das Regelprinzip darstellt, ohne andere
Lenkungsmechanismen prinzipiell auszuschließen, sollten es die ökonomischen
oder gesellschaftspolitischen Bedingungen erforderlich machen.
Derart weit gefaßt stellt die Idee einer ,sozialen Marktwirtschaft' also einen
konzeptionellen Trend der Wirtschaftspolitik in den dreißiger Jahren dar, in den
nicht allein die ordoliberale Strömung einzuordnen ist, sondern der auch von -
wie im letzten Kapitel dargelegt- gewichtigen Teilen des Establishments im na-
tionalsozialistischen Staat unterstützt wurde und nicht zuletzt eine bemerkens-
werte Anhängerschaft in der öffentlichen Wirtschaftsverwaltung hatte. Eben
daraus erklärt sich die relativ breite Verwendung des Begriffs ,soziale Marktwirt-
schaft' seit etwa Mitte der vierziger oder ähnlich zu interpretierender Wortge-
füge bereits seit Beginn der vierziger Jahre. Erinnert sei nur an den Tagungsband
der Akademie for Deutsches Recht aus dem Jahr 1942 Der Wettbewerb als Mittel volks-
wirtschaftlicher Leistungssteigerung und Leistungsauslese, in dem beispielsweise Böhm als
ordnungspolitische Alternative zwischen reiner Wettbewerbswirtschaft und
zentralem Plan ein "kombiniertes wirtschaftspolitisches System" vorschlug oder
Erich Preiser von der Möglichkeit einer "gelenkten Marktwirtschaft" sprach. 16
Es ist insofern durchaus vorstellbar, daß im Zuge der Neuordnungsdebatte
im Reichswirtschaftsministerium auf der Suche nach einer eingängigen Wort-
schöpfung für die wirtschaftliche Nachkriegsordnung bereits im Januar 1945 der
Begriff ,soziale Marktwirtschaft' fiel, wie dies Weiss in seiner autobiographischen

15 Vgl. zu diesem Ansatz: Keith Tribe, Strategies of Economic Order, a.a.O., S. 203-240; Wcmer
Abelshauser, Die ordnungspolitische Epochenbedeutung der Weltwirtschaftskrise in Deutsch-
land, a.a.O.
16 Franz Böhm, Der Wettbewerb als Instrument staatlicher Wirtschaftslenkung, a.a.O., S. 54;
Erich Preiser, Wettbewerbspreis und Kostpreis, in: AfDR (Hrsg.), Der Wettbewerb als Mittel
volkswirtschaftlicher Leistungssteigerung und Leistungsauslese, Berlin 1942, S. 107-129, hier S.
126; zu Recht ordnet Hans-Jürgen Seraphim in einer kritischen Begriffsanalyse die Entstehung
der Sozialen Marktwirtschaft in den allgemeinen Kontext der wirtschaftswissenschaftlichen
Diskussion um die Möglichkeiten der Wirtschaftslenkung ein. Er zeigt sich verwundert, daß
Müller-Armack in seinem Text WirlJchajiJ!tn!f.llng 11nd MarktwirlJchafi terminologisch unscharf
von einer "gesteuerten Marktwirtschaft" spricht und den Begriff der Lenkung "schlechthin
mit den Methoden der Zentralverwaltungswirtschaft identifiziert", um die ordnungspolitische
Frontstellung der Sozialen Marktwirtschaft zu unterstreichen. Hans-Jürgen Seraphim, Kri-
tische Bemerkungen zur Begriffs- und Wesensbestimmung der Sozialen Marktwirtschaft, in:
Erwin von Beckerath/Fritz W. Meyer/ Alfred Müller-Armack (Hrsg.), Festschrift für Ludwig
Erhard, Wirtschaftsfragen der Freien Welt, Frankfurt am Main 1957, S. 184-196, hier S. 193

207
Erzählung behauptet. 17 Indem Weiss fiir sich in Anspruch nimmt, selbst Erfin-
der der Wortschöpfung zu sein bzw. für die Einführung des Begriffs in die ord-
nungspolitische Diskussion gesorgt zu haben, 18 stellt er die gängige These von der
Urheberschaft Müller-Armacks in Zweifel. Ginge es allein um die Darstellung
und Befriedigung persönlicher Eitelkeiten, wäre die Bewertung dieser Behaup-
tung zu vernachlässigen. Tatsächlich beinhaltet sie aber den Vorwurf des Plagi-
ats gegenüber Müller-Armack, soll doch sein für die konzeptionelle Entwicklung
der Sozialen Marktwirtschaft so wichtiger Schlüsseltext Wirtschaftslenkung und
Marktwirtschaft von 1947 eine fast wortgetreue Aufbereitung von Unterlagen aus
dem Reichwirtschaftsministerium sein. 19 Ohne hier die Möglichkeit zu haben,
die These im Einzelnen zu prüfen - zumal der (wirtschafts)historische For-
schungsstand in diesem Zusammenhang kaum Erhellung bringt2° - ist den Aus-
sagen vonWeisseine gewisse Plausibilität nicht grundsätzlich abzusprechen. Das
gilt sowohl für eine Reihe zeitgeschichtlicher Details, die Weiss beschreibt, wie
auch für sein Argument eines "politischen Pragmatismus" im Hinblick auf die
Legitimation der Sozialen Marktwirtschaft in der entstehenden Bundesrepublik,
denn "für das politische Zweckdenken erschien es wichtig, daß ein guter Gedan-
ke nur unter demokratischen Auspizien zur Welt gekommen sein durfte." 21
Belegt ist in jedem Fall, daß Harold Rasch, der stellvertretender Vorsitzen-
der des Verwaltungsrates für Wirtschaft in der Bi-Zone und stellvertretender
Leiter des Verwaltungsamtes in Minden in den Jahren 1946/47 war, recht früh-
zeitig fur die angestrebte Wirtschaftsreform die später so populäre Formel
benutzte: Sein viertes Kapitel der im September 1947 fertiggestellten und 1948

17 Vgl. Karl Günther Weiss, Wahrheit und Wirklichkeit, a.a.O., S. 568 ff., besonders S. 571;
Weiss hatte eigenen Angaben zufolge im Auftrag des verhinderten Ohlendorf arn 12.01.1945
im Reichswirtschaftsministerium ein Gespräch mit Erhard. Darin will Weiss Erhard für die
favorisierte "großräumige Wirtschaftsordnung mit freien Märkten und einer privaten Eigen-
tumsgarantie" den Begriff Soziale Marktwirtschaft vorgeschlagen haben, "worin Ohlendorf ei-
nen Anklang an seine nationalsozialistischen Vorstellungen erblicken würde." Erhard soll da-
raufhin angeblich gesagt haben: "Das ist ein Begriff, der mir gefallt. (... ) ,Soziale Marktwirt-
schaft', das ist der Weg, um die Vergangenheit mit der Zukunft auf vernünftige Weise zu
verbinden." (S. 571)
18 Ebenda, S. 571 und S. 646 ff.
19 Ebenda. S. 649; hiernach sei Müller-Armack durch Erhard über die Existenz der Unterlagen
unterrichtet worden und habe sich auf dessen Bitte mit Erfolg bei der britischen Besatzungs-
macht um die Beschaffung des Materials gekümmert, das im März 1945 aus dem Ministerium
in Berlin in den Harz oder nach Westdeutschland ausgelagert worden war. (\'gl. S. 665 ff.)
20 Klump \"erweist in bezug auf die begriffliche Urheberschaft durch Müller-Armack auf drei
Texte aus dessen Nachlaß ("I..enkungswirtschaft und Marktwirtschaft", "Fragen der Wirt-
schaftslenkung" und "Die Bewährungsprobe der Wirtschaftslenkung"), datiert auf Mai 1944,
die er als erste Fassung des Müller-Armack'schen Text WirtschaftsltnkMng Jl1lli MarlelwirtJChajt in-
terpretiert, ohne allerdings im einzelnen den Nachweis für diese Verbindung zu führen. (Rai-
ner Klump, Wege zur Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O., S. 148 f.) Im Falle der Verifizierung
würde das der Weiss-These widersprechen, aber andererseits die Behauptung in Frage stellen,
daß die Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft in Reaktion auf das nationalsozialistische
Wirtschaftssystem entstanden sei.
21 Kar! Günther Weiss, Wahrheit und Wirklichkeit, a.a.O., S. 649

208
erschienenen Schrift Grundfragen der Wirlschaflsveifassung wird eingeführt unter der
Überschrift "Grundzüge einer sozialen Marktwirtschaft",22 in der im folgenden
ein liberal-konservatives Wirtschaftsprogramm für die Nachkriegszeit vorgestellt
wird, das sich in weiten Zügen mit dem ordoliberalen Ansatz deckt. 23 Auch
Edmund Kaufmann, der unter Erhard als stellvertretender Direktor der Ver-
waltung für Wirtschaft wirkte, äußerte sich 1948 in einer Stellungnahme zur
Kritik an der Preisfreigabe nach der. Währungsreform unter dem Titel S o~ale
Marktwirtschaft in die gleiche Richtung. Seine wirtschaftsordnungspolitischen
Kernthese lautet: "1. Die Wirtschaftslenkung muß soweit aufgelockert werden,
daß sie sich nur noch als indirekte Lenkung vollzieht (...). Oder umgekehrt aus-
gedrückt: Die Marktwirtschaft ist wieder herzustellen; sie hat sich aber in den
Rahmen einer so~alen Ordnung einzufügen. Wir brauchen eine durch so~ale
Gesichtspunkte gesteuerte Marktwirtschaft. Die neue Ordnung muß wirlschafllich vernünftig
und so~al g~cht sein. Im Finden dieser Synthese besteht die Aufgabe unserer
Zeit." 24
Müller-Armacks später formulierter Programmsatz, daß "(es) Sinn der sozi-
alen Marktwirtschaft ist, das Prinzip der Freiheit auf dem Markte mit dem des
sozialen Ausgleichs zu verbinden", 25 folgt also durchaus einer wirtschaftspoliti-
schen und wirtschaftstheoretischen Zeitströmung - von einer besonderen Origi-
nalität des Grundgedankens kann daher kaum gesprochen werden. Es macht
deshalb mit Blick auf die konzeptionelle Entwicklung der Sozialen Marktwirt-
schaft auch wenig Sinn, einen ganz bestimmten Zeitpunkt für die Entstehung
der Konzeption fesdegen zu wollen. Die in der Regel als ,Geburtsstunde' ange-
führte Währungsreform vom 20.06.1948 mit dem kurz darauf folgenden Leitsät-
zegesetz als Beginn der marktwirtschafdichen Deregulierungspolitik hebt dem-
gegenüber auf die realwirtschafdiche Entwicklung ab. Auch neuere Untersu-
chungen zur Entstehung der Sozialen Marktwirtschaft, wie die von Klump, mo-
difizieren lediglich diese zeidiche Einordnung, indem er als "zentralen histori-
schen Angelpunkt(...) die Zeit zwischen der Währungsreform in den drei West-
zonen und der Etablierung der ersten Regierung der Bundesrepublik unter
Konrad Adenauer" benennt. 26
Damit ist zugleich ein weiteres Problem in der begrifflichen Auseinander-
setzung mit der Sozialen Marktwirtschaft angesprochen, denn schon an der
Diskussion ihrer zeidichen Entstehung wird die Vermischung der theoretisch-

22 Harold Rasch, Grundfragen der Wirtschaftsverfassung, a.a.O., S. 118 ff.; in einer Fußnote er-
wähnt Rasch, daß er diese Grundgedanken zur Sozialen Marktwirtschaft bereits in seiner Min-
dener Zeit formuliert und auszugsweise im Februar und Mai 1947 in der Zeit publiziert hat
(Fn. 1, S. 170).
23 Rasch verweist selbst auf die Arbeiten von Hayek, Röpke, Adolf Weber, Böhm und auch
Müller-Armack- ebenda, S. 153
24 Edmund Kaufmann, Soziale Marktwirtschaft, in: Wirtschaftsverwaltung, 1. Jg., Heft 8, 1948,
S. 2-7, hier S. 2; Herv. im Original
25 Alfred Müller-Armack, Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 390
26 Rainer Klump, Wege zur Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O., S. 130

209
konzeptionellen Ebene mit der wirtschafts- und sozialpolitischen Realität deut-
lich. Es mangelt nicht selten an einer deutlichen Unterscheidung dieser Ebenen,
wie sie etwa Dieter Grosser vornimmt, indem er zwischen dem Leitbild der
Sozialen Marktwirtschaft (als Ausdruck der theoretisch konzeptionellen Ebene),
der geltenden Wirtschaftsordnung (als institutioneller und rechtlicher Rahmen
der Wirtschaftspolitik) und dem jeweils bestehenden Wirtschaftssystem (als
politisch-ökonomische Zeitformation) unterscheidet. 27 Der Ursprung dieser ver-
wirrenden Verquickung liegt in der Wachstumsphase der fünfziger Jahre, als mit
dem langanhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung der Bundesrepublik die
Soziale Marktwirtschaft "trotz aller Abweichungen der geltenden Wirtschafts-
ordnung vom Leitbild (...) immer mehr zum Symbol der wirtschaftlichen Realität
(wurde). Das war zwar wissenschaftlich nicht korrekt, aber es war den An-
hängern des Leitbildes recht, der Regierungsmehrheit billig und auch begründ-
bar."28 Aus der sozialen Marktwirtschaft wurde so das erfolgreiche politische
Schlagwort der Sozialen Marktwirtschaft.
Die Grenzen zwischen der Funktion der Sozialen Marktwirtschaft als politi-
schem Schlagwort und ihrer zeitgeschichtlichen Bedeutung als Konzeption des
deutschen Neoliberalismus sind fließend. 29 In gewisser Hinsicht bedingen sich
beide Seiten sogar, "(war) doch die Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft
von vomherein primär als vereinfachter Ausdruck politischen Wollens ge-
dacht"30- ein Wollen, das darauf abzielte, durch die Hervorhebung der sozialen
Dimensionen einer funktionsfahigen Wettbewerbswirtschaft die Einführung der
Marktwirtschaft politisch möglich zu machen und in der Folge zu stabilisieren.31

27 Vgl. Dieter Grosser, Die Wirklichkeit der Wirtschaftsordnung. in: ders./ Andreas Müller-
Armack u.a., Soziale Marktwirtschaft, Stuttgart- Berlin- Köln- Mainz 1988, S. 35-73, hier
S.35
211 Ebenda
29 In der aktuellen Sicht des Neoliberalismus wird dieser Zusammenhang häufig unterschlagen,
etwa wenn Strcisslcr herablassend, fast polemisch die Soziale Marktwirtschaft als "eine un-
glückliche Wortprägung eines Religionssoziologen" bezeichnet. Erich W. Streissler, Der Wirt-
Schaftsliberalismus in Mitteleuropa: Umsetzung einer wirtschaftspolitischen Grundkonzep-
tion?, in: ders. (Hrsg.), Studien zur Entwicklung der ökonomischen Theorie XVI, Berlin 1997,
S. 81-127, hier S. 109
30 Hans-Jürgen Seraphim, Kritische Bemerkungen zur Begriffs- und Wesensbestimmung der
Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O., S. 184
31 Woll, der die Soziale Marktwirtschaft als wirtschaftspolitische Begrifflichkeit im Hayek'schen
Sinne für einen "Pleonasmus" hält, zeigt dennoch ein gewisses Verständnis für die politische
Situation unmittelbar nach dem Krieg: "Die Begriffbildung und ihre erfolgreiche Durchset-
zung läßt sich deshalb nicht rational, sondern nur historisch begreifen. (... ) Das Adjektiv ,so-
zial' in Verbindung mit Marktwirtschaft war die fällige Reaktion auf diese verbreitete Kritik"
der Um·ereinbarkeit von Marktwirtschaft und sozialer Gerechtigkeit. Artur Woll, Wirtschafts-
politik, München 1984, S. 85; abfällig äußert sich dagegen Streissler: "Einem im Überfluß an
Solidarität und Gleichmacherei gewohnten deutschen Bürger sollte ,Marktwirtschaft' wieder
schmackhaft gemacht werden mit dem Hinweis, man müsse dabei keineswegs verzichten auf
soziale Ausrichtung des Staatszweckes." Erich Streissler, Soziale Marktwirtschaft und Demo-
kratie - Die ökonomischen Aspekte, in: Ludwig-Erhard-Stiftung (Hrsg.), Soziale Marktwirt-
schaft und Parlamentarische Demokratie, Stuttgart - New York 1990, S. 7-28, hier S. 22

210
Ihre Bedeutung als politische Begrifflichkeit gewann die Sozialen Marktwirt-
schaft allerdings erst im Jahr 1949 durch die Übernahme der Terminologie in die
Programmatik der CDU, die mit der Verabschiedung der Diisseldoifer Leitsätze als
Grundlage für die Wahl zum ersten Bundestag manifest wurde. 32 Die Steigerung
zum politischen Schlagwort erfolgte dann mit der argumentativen Verknüpfung
von Sozialer Marktwirtschaft und ,Wirtschaftswunder' im Rahmen einer langan-
gelegten Werbekampagne seit Beginn der fünfziger Jahre- auf sie wird im Ab-
schnitt im 4.2.4 dieser Arbeit zu den Durchsetzungsbedingungen der Soziale
Marktwirtschaft einzugehen sein.
Die ideologische Aufladung der Sozialen Marktwirtschaft blieb im übrigen
nicht auf den engeren Bereich der wirtschafts- und sozialpolitischen Ausein-
andersetzung beschränkt. Gerade Rüstow und Röpke verknüpften die Rechtfer-
tigung der Marktwirtschaft mit der antikommunistischen Propaganda der fünf-
ziger und sechziger Jahre. Das geschah einmal auf der Ebene sprachlicher Dis-
kriminierung der ordnungspolitischen Alternativen, wenn etwa Rüstow fast
überschlagend in einem Zug von "kommunistisch - bolschewistisch - totali-
täre(r) Zwangsverwaltungs-, Zwangs- und Kommandowirtschaft" spricht. Die
Soziale Marktwirtschaft wurde entsprechend als "ein in sich geschlossenes
Gegenprogramm gegen Kommunismus und Bolschewismus" präsentiert, von
dem man sich vermeintlich oder tatsächlich den "entscheidenden Sieg im kalten
Krieg" 33 versprach. Auch Röpke spielte mit der durch den Antikommunismus
erzeugten Angst der Menschen, wenn er in seinem höchstoffiziellen Wirr-
schaftsgutachten für die Bundesregierung von 1950 abschließend davor warnt,
daß bei Abweichungen vom marktwirtschaftliehen Kurs "wir uns unter das
Kommando des kollektivistischen Staates beugen müssen - einschließlich der
Arbeiter und Bauern. " 34
Es ist insofern kennzeichnend für die Soziale Marktwirtschaft als Konzep-
tion der Nachkriegszeit im engeren Sinne, daß sie quasi von Beginn an nur in ei-
nem Spannungsbogen von politisch-ideologischem Auftrag und ordoliberalem
Leitbild zu erfassen ist. Aus dieser zwiespältigen Doppelfunktion muß fast
schon logisch folgen, "daß der Begriff (...) auch im wissenschaftlichen Schrift-
tum nicht scharf umrissen ist, seinen Inhalt im Laufe der Zeit noch dazu ge-
ändert hat und insgesamt immer verschwommener geworden ist." 35 Noch weiter
geht Tribe in seiner Bewertung, der zu dem Schluß kommt, daß "a sceptical

32 Vgl. Martin Wengeler, "Die Planwirtschaft ist das Unsozialste, was es überhaupt gibt, und nur
die Marktwirtschaft ist sozial." Zur Geschichte eines bundesdeutschen Fahnenwortes, in:
Dietrich Busse/Fritz Herrnans/Wolfgang Teubert (Hrsg.), Begriffsgeschichte und Diskursge-
schichte, Opladen 1994, S. 107-123, hier S. 112
33 Alexander Rüstow, Vom Sinn der Wirtschaftsfreiheit, a.a.O., S. 219 f. und S. 222
34 Wilhelm Röpke, Ist die deutsche Wirtschaftspolitik richtig? Analyse und Kritik, Stuttgart -
Köln 1950, S. 95
35 Heinz Grossekettler, Kritik der Sozialen Marktwirtschaft aus der Perspektive der Neuen
lnstitutionenökonomik, in: Knut Wolfgang Nörr/Joachim Starbatty (Hrsg.), Soll und Haben-
50 Jahre Soziale Marktwirtschaft, Stuttgart 1999, S. 53-81, hier S. 53

211
attitude to the real substance of a Social Market Economy as a specific
economic regime is quite justifiable." 36 Worin also besteht tatsächlich die Subs-
tanz der Konzeption?

4.1.2 Miiller-AT7JJacks Idee einer Sozialen Marktwirtschaft aiJ Strategie im


politischem Raum

Das Verhältnis zwischen dem Ordoliberalismus als deutscher Ausprägung des


Neoliberalismus und der Sozialen Marktwirtschaft wird seit Jahrzehnten kontro-
vers in der Literatur diskutiert. Die Positionen reichen von der Bewertung als
einer weitgehenden Übereinstimmung, wie im Falle Nawroths, für den sich die
Soziale Marktwirtschaft nur "auf den ersten Blick"37 vom Ordoliberalismus der
Freiburger St-huk unterscheidet, bis zu einer extremen Differenzierung wie bei
Tuchtfeldt, der die Soziale Marktwirtschaft als eigenständige Richtung gegen-
über den Freiburger und der von ihm als "Wirtschafts- und Sozialhumanismus"
bezeichneten Gruppe um Röpke und Rüstow abgrenzt. 38 Die Unterschied-
lichkeit der Positionen ergibt sich nicht zuletzt aus den sehr verschiedenen Aus-
gangsinterpretationen des Ordoliberalismus respektive des deutschen Neolibera-
lismus, der im Rahmen der vorliegenden Arbeit als eine Strömung verstanden
wird, die trotz unterschiedlicher theoretischer Zugänge und einzelner Differen-
zen durch das gemeinsame Interesse an der Verwirklichung und Verteidigung
einer individualistischen Marktgesellschaft verbunden ist. 39 Aus dieser Sicht ist
Otto Schlecht, dem langjährigen Staatsekretär im Bundeswirtschaftsministerium
und ehemaligen Vorsitzenden der Ludwig-Erhard-Stiftung, zuzustimmen: "Über
die feinen Unterschiede in den Auffassungen der wichtigen Vertreter der
Sozialen Marktwirtschaft sollte man allerdings die wesentlich größere Menge der
Gemeinsamkeiten nicht vergessen." 40
Müller-Armack selbst hatte sich gerade in der Frühphase der Sozialen
Marktwirtschaft immer wieder auf die Arbeiten des neoliberalen Spektrums be-
zogen, explizit auf Eucken, Böhm, Miksch, auf Rüstow und Röpke wie auch auf

36 Keith Tribe, Strategies of economic order, a.a.O., S. 204


37 Egon Edgar Nawroth, Die Sozial- und Wirtschaftsphilosophie des Neoliberalismus, a.a.O., S.
121, auch S. 144 f.
38 Egon Tuchtfeldt, Soziale Marktwirtschaft als offenes System, a.a.O., S. 22 f.; vgl. auch
Friedrun Quaas, Soziale Marktwirtschaft, a.a.O., S. 254 ff., die in Anlehnung an Tuchtfeldt
versucht, die Diskussion um das Verhältnis zwischen Sozialer Marktwirtschaft und Ordoli-
beralismus zu systematisieren, wobei sie vom Interesse geleitet ist, die Soziale Marktwirtschaft
als eine spezifische Konzeption Müller-Annacks darzustellen, die sie im sozialstaatliehen Sinne
interpretiert versucht. Gelegentlich wird auch von einer eigenständigen "Münsteraner Schule"
gesprochen, vgl. z.B. Rolf Kowitz, Alfred Müller-Annack: Wirtschaftspolitik als Berufung,
a.a.O., S. 7 und S. 12
39 Vgl. hierzu die Erläuterungen in der Einführung dieser Arbeit
40 Otto Schlecht, Die Genesis des Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O., S. 21

212
Mises und Hayek. 41 Und trotz temporärer Unstimmigkeiten, vor allem in den
sechziger Jahren, über die Bedeutung der Wettbewerbsordnung in der Wirt-
schaftspolitik ließ er auch 1970 keinen Zweifel daran, daß "der Gedanke der
Sozialen Marktwirtschaft (...) entstanden (ist) als eine Konzeption von Wissen-
schaftern des neoliberalen Kreises und durchgeführt worden von Politikern, die
von der Überzeugung getragen waren, daß der Wirtschaftsaufbau nur möglich
sei durch eine Regeneration des damals von der Wirtschaftslenkung über-
wucherten Wettbewerbsgedankens." 42 Letztlich ist ein auf die Differenzen aus-
gerichteter Vergleich zwischen der Sozialen Marktwirtschaft als Konzeption und
der ordoliberalen Theorie auch deshalb wenig erkenntnisleitend, weil damit zwei
vom wissenschaftlichen Zugang und vom Zweck her sehr unterschiedliche
Ansätze miteinander verglichen werden.
Wenn hier Müller-Armack für die Konzeptbildung an herausragender Stelle
genannt wird, dann nicht, weil die Soziale Marktwirtschaft als eine spezifisch-
eigenständige oder gar individuell-persönliche Konzeption angesehen wird, die
in Abgrenzung oder Konkurrenz zum Ordo- bzw. Neoliberalismus entwickelt
wurde. Sie ist im Gegenteil in ihrem historischen Ausgangspunkt ein Projekt des
deutschen Neoliberalismus, das sich im Kern auf die seit den frühen dreißiger
Jahren entwickelten Grundlagen des ,neuen' Liberalismus stützt. Die besondere
Rolle von Müller-Armack lag nun darin, daß er die Konzeption der Sozialen
Marktwirtschaft in einem parallelen Prozeß zur ordoliberalen Formierung und
Politikberatung als eine Strategie zur Übertragung der Grundsätze des ,neuen'
Liberalismus in den politisch-gesellschaftlichen Raum entwarf und ständig
weiterentwickelt hat. "Unsere Theorie", erläuterte er 1953 auf der Jahrestagung
der neoliberalen Internationale, der Mont Pelerin Society, "ist abstrakt, sie kann
öffentlich nur durchgesetzt werden, wenn sie einen konkreten Sinn bekommt
und dem Mann auf der Straße zeigt, daß sie gut für ihn ist." 43
Nicht zuletzt aus dieser Legitimationsfunktion erklärt sich, warum keine in
sich geschlossene Theorie der Sozialen Marktwirtschaft vorliegt, sondern eine in
einzelnen Schritten gewachsene Programmatik, deren besonderes Merkmal das
hohe Maß an Flexibilität und Anpassungsf:ihigkeit gegenüber den sich verän-
dernden ökonomischen, politischen und soziokulturellen Bedingungen und
Kräfteverhältnissen in der Gesellschaft ist. Es ist diese evolutionär-kompromiß-
hafte Grundstruktur des Müller-Armack'schen Ansatzes, die im Laufe der Zeit
fast zwangsläufig zu Spannungen gegenüber dem stringent normativen Charak-
ter der ordoliberalen Theorie mit ihrem dogmatisch-kompromißlosen Anspruch
führen mußte - oder in den Worten des Müller-Armack-Schülers und lang-

41 Nachweise fmden sich unter anderem in folgenden Texten: Alfred Müller-Armack, Wirt-
schaftslenkung und Marktwirtschaft, a.a.O.; der.;., Die Wirtschaftsordnungen sozial gesehen,
a.a.O.; später dann: der.;., Die wissenschaftlichen Ursprünge der Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O.
42 Alfred Müller-Armack, Der Moralist und der Ökonom. Zur Frage der Humanisierung der
Wirtschaft, in: ORDO, Bd. 21, 1970, S. 19-41, hier S. 25
43 Zit. nach Kari-Heinz Roth, Klienten des Leviathan, a.a.O, S. 29 f.

213
jährigen Vorsitzenden der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft,
Joachim Starbatty: "Während das Konzept des Ordoliberalismus Politikern ein
fest umrissenes Programm vorgibt, könnte man Müller-Armacks Konzept der
Sozialen Marktwirtschaft- überspitzt- als methodisches Prinzip verstehen." 44
In der Tat sind es zwei methodische Leitideen, die das Konzept der
Sozialen Marktwirtschaft in seiner Entwicklung durchziehen: sein evolutionäres
Moment und die sogenannte irenische Formel. Beide stehen insoweit in einer
engen Beziehung zueinander, als sie zusammen den Charakter der Sozialen
Marktwirtschaft als politische Strategie verdeutlichen können. Beginnen wir mit
Müller-Armacks irenischer Formel.
Müller-Armack hatte den irenischen Gedanken, der im ursprünglichen Sinne
eine auf friedlichem Wege angestrebte interkonfessionelle Aussöhnung bezeichnet,
bereits im Kontext seiner religionssoziologischen Arbeiten behandelt45 und von
dort auf die gesellschaftspolitische Ebene übertragen. 1950 wurde der Begriff
dann durch Müller-Armack unter der Bezeichnung "soziale Irenik" 46 als kon-
zeptionelle Säule in die Debatte um die Soziale Marktwirtschaft eingeführt. Ire-
nik umschreibt bei Müller-Armack gewissermaßen einen ethischen Grundsatz,
ein soziologisches Wollen oder eine anthropologische Idee in Gestalt einer allge-
meinen Formel, deren inhaltliche Bedeutung vielschichtig ist. Entsprechend wird
sie mal als ein "Prinzip des sozialen Ausgleichs" begriffen,47 dann als eine "gesell-
schaftspolitische Versöhnungsbotschaft" verstanden,48 auch allgemeiner als ein auf
die politische Mitte abzielendes "Kompromißkonzept"49 oder einfach als "über-
greifende Sozialidee" 50 zur Überbrückung weltanschaulicher Konflikte ausgelegt.

44 Joachim Starbatty, Die Soziale Marktwirtschaft aus historisch-theoretischer Sicht, in: Hans
Pohl (llrsg.), Entstehung und Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft. Beiheft 45 der
Zeitschrift für Untemehmensgeschichte, Stuttgart 1986, S. 7-26, hier S. 16
45 So erwähnt Müller-Armack 1940 als Beispiel einer gelungener Irenik die protestantische Syn-
these in der preußischen Staatsbildung: "Für die Entstehung des preußischen Staatsstiles dürf-
te mit entscheidend die Tatsache sein, daß sich hier im 17. Jahrhundert die weltgeschichtlich
einmalige Verbindung von Luthertum und Calvinismus vollzog. Als dem lutherischen Lande
eine calvinistische Spitze aufgesetzt wurde, entstand eine spezifisch neue Staatsstruktur, die
weder calvinistisch noch lutherisch war. Indem der Calvinismus von oben und das Luthertum
\'On unten eine gegenseitige Assimilationsfahigkeit bewiesen, entstand ein unvergleichlich
Neues." Alfred Müller-Armack, Genealogie der Wirtschaftsstile. Die geistesgeschichtlichen
Ursprünge der Staats- und Wirtschaftsformen bis zum 18. Jahrhundert (Erstveröffentlichung
1940), in: ders., Religion und Wirtschaft. Geistesgeschichtliche Hintergründe unserer euro-
päischen Lebensform, Stuttgart 1959, S. 46-244, hier S. 156 f.
46 Vgl. Alfred Müller-Armack, Soziale Irenik, in: Weltwirtschaftliches Archiv, Bd. 64 (1), 1950,
s. 181-203
47 Egon Tuchtfeldt, Soziale Marktwirtschaft als offenes System, a.a.O., S. 24
48 Joachim Starbatty, Die Soziale Marktwirtschaft aus historisch-theoretischer Sicht, a.a.O., S. 16
49 Kar! Georg Zinn, Systemstabilität und ordnungspolitischer Wandel des Kapitalismus, a.a.O.,
s. 180
50 Gernot Gutmann, Ideengeschichtliche Wurzeln der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft,
in: Dieter Cassel (Hrsg.), 50 Jahre Soziale Marl.."tWirtschaft, Stuttgart 1998, S. 49-65, hier S. 58

214
Der Gedanke der Irenik steht in direktem Zusammenhang mit Müller-
Armacks Einordnung der Sozialen Marktwirtschaft als Stilgedanken, den er in
Anschluß an die Arbeiten von Wemer Sombart und Max Weber zum Wirt-
schaftsstil als allerdings umfassenderen Kulturstil einer Gesellschaft verstanden
wissen wollte. 51 Im Stilbegriff sah Müller Armack 1940 "die in den verschieden-
sten Lebensgebieten einer Zeit sichtbare Einheit des Ausdrucks und der
Haltung", von einem spezifischen Wirtschaftsstil sei dort zu sprechen, "wo die
Erscheinungsformen im Bereich des Sozialen und Wirtschaftlichen den
Ausdruck einheitlichen Gepräges aufweisen." 52 Die Irenik könnte man insofern
als Trägerin des Stilgedankens auffassen, beinhaltet sie doch das Verständnis
einer harmonischen Marktgesellschaft, in der die Klassenkämpfe überwunden
und die Differenzen verschiedener Weltanschauungen durch die Anerkennung
einer übergeordneten Idee eingeebnet sind.
Diese Idee konnte in den Augen Müller-Armacks für "die geistige Situation
der europäischen Welt diesseits des Eisernen Vorhangs" nur das Projekt der
Sozialen Marktwirtschaft sein. Auf sie sollten sich die vier "geistigen Mächte"
der westlichen Welt, "die sich gegenwärtig die Waage halten" - Katholizismus,
Protestantismus, demokratischer Sozialismus und Liberalismus - verständigen,
zumal nach Auffassung Müller-Armacks für keine der Gruppen die Aussicht
bestünde, die jeweils andere zu verdrängen. 53 Um die weltanschauliche Annähe-
rung zwischen den Gruppen zu erleichtern, stellte Müller-Armack gerade in der
Phase der unmittelbaren Durchsetzung der Sozialen Marktwirtschaft zwei in-
haltliche Punkte in den Vordergrund der Konzeptbildung: den angeblich ideolo-
giefreien, scheinbar ,neutralen' Charakter des ,neuen' Liberalismus, der durch die
anti-utopische, realitätsbezogene Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft
seinen expliziten Ausdruck finden sollte und damit eng verknüpft die rein
funktionale Bedeutung der Marktwirtschaft selbst. "Die Marktwirtschaft
erscheint uns heute", schrieb Müller-Armackin Wirtschaftslenkung und Markt-
wirtschaft, "als instrumentales Mittel, während der Liberalismus in Versuchung
war, sie zum Idol seiner Weltanschauung zu machen." Sie sei allein ein
"formales und neutrales Organisationsmittel, welches selbst noch keine be-
stimme Lebensgesinnung zum Inhalt hat." 54 Eine derart von ihren ideologischen

51 Vgl. Alfred Müller-Armack, Zur Metaphysik der Kulturstile, in: Zeitschrift für die gesamte
Staatswissenschaft, Bd. 105, 1948, S. 29-48, hier S. 33
52 Alfred Müller-Armack, Genealogie der Wirtschaftsstile, a.a.O., S. 57
53 Alfred Müller-Armack, Soziale Irenik, a.a.O., S. 182 f.; an anderer Stelle heißt es in Anspielung
auf die These vom Weimarer ,Parteienstaat': "Die Soziale Marktwirtschaft scheint mir viel-
mehr so begriffen die wirtschaftspolitische Konzeption zu sein, welche die verschiedensten
Kräfte von politischen und konfessionellen Gruppen zu einer irenischen, versöhnenden Ein-
heit zusammenzuführen imstande ist, die wir in Deutschland insbesondere im Parteienleben
so sehr entbehren." Alfred Müller-Armack, Grundprinzip der Sozialen Marktwirtschaft, For-
schungsstelle für allgemeine und textile Marktwirtschaft an der Universität Münster, Münster
1950,S. 6
54 Alfred Müller-Armack, Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft, a.a.O., S. 86 und S. 103

215
Bewertungen befreite ,echte' Marktwirtschaft "ist ein realistisches System, wie es
einer Zeit angemessen ist, die ihre Illusionen über die Idole und Utopien des
vergangen Jahrhunderts eingebüßt hat." 55 Nach Müller-Armacks Verständnis
konnte und sollte die Soziale Marktwirtschaft deshalb "keine Weltanschauung
im Sinne des Altliberalismus oder des Sozialismus sein." 56
Daraus folgerte Müller-Armack, daß die Soziale Marktwirtschaft als solche
"ein irenischer Ordnungsgedanke, eine strategische Idee innerhalb des Kon-
fliktes verschiedener Zielsituationen (ist)." Sie sei zugleich "eine Integrations-
formel, durch die versucht wird, die wesentlichen Kräfte unserer heutigen
Gesellschaft in eine echte Kooperation zu führen." 57 Diese Formel bestand in
der Implementierungsphase der Sozialen Marktwirtschaft zweifellos im Aus-
gleich zwischen marktwirtschaftlicher Freiheit und sozialer Sicherung. Allerdings
war Müller-Armack klar, daß die irenische Formel keine zeitlose Gültigkeit im
Sinne eines theoretischen Lehrsatzes haben konnte, sondern der sich verändern-
den ökonomischen und gesellschaftlichen Realität angepaßt werden mußte, um
die jeweils neuen Strukturprobleme und Konflikte aufzulösen oder zu befrieden.
"Der Spannungs- und Konfliktzustand unserer Gesellschaft unterliegt selbstver-
ständlich dem geschichtlichen Wechsel und verlangt, daß die jeweiligen strate-
gischen Formeln dieses irenischen Ausgleichs immer wieder neu gesucht werden
müssen, um ihrer Aufgabe gewachsen zu sein. Soziale Marktwirtschaft ist so",
faßte Müller-Armack 1962 den irenischen Gedanken zusammen, "eine Strategie
im gesellschaftlichen Raum; ob sie gelingt und ihr Ziel erreicht, wird nie exakt
entschieden werden können."ss
Flexibilität und Geschmeidigkeit kennzeichnen die Soziale Marktwirtschaft
nicht nur in ihrer Bedeutung als Befriedungsstrategie, sondern sie bestimmen
den Charakter der Konzeption im ganzen. Röpke hatte die Notwendigkeit eines
evolutionär geformten Programmansatzes zur Umsetzung neoliberaler Politik

55 Alfred Müller-Annack, Die Wirtschaftsordnungen sozial gesehen, a.a.O., S. 146


56 Alfred Müller-Annack, Stil und Ordnung der Sozialen Marktwirtschaft, a.a.O., S. 238; damit
allerdings hatte Müller-Annack die Frage eines Wertefundamentes der Sozialen Marktwirt-
schaft nicht nur wie Rüstow in den außerökonomischen Bereich verdrängt, sondern auch of-
fen gelassen, aus welcher Quelle diese Werte generiert werden sollten: "Die Frage der sittli-
chen Werte, auf denen der Bau der Gesellschaft beruhen muß, kann hier nicht weiter erörtert
werden. Ob die Wertegeneration aus säkularen Kräften geleistet werden kann oder, wie ich
glaube, nur vom Religiösen her zu gewinnen ist, sei hier nicht erörtert." Ebenda; Müller-
Armack hat diesen Widen.-pruch aber auch an keiner anderen Stelle erörtert, letztlich wohl
deshalb, weil dieser Widerspruch nicht auflösbar ist, denn seine Präferenz für das religiöse und
transzendente Element, sein Bekenntnis zum Christentum, paßte einfach nicht zusammen mit
der Konstruktion einer über den Weltanschauungen der Zeit stehenden irenischen
Konzeption.
57 Alfrcd Müller- Annack, Das gesellschaftspolitische Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft;