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WILHELM DILTHEY

GESAMMELTE SCHRIFTEN

XII. BAND

B. G. TEUBNER VERLAGSGESELLSCHAFT · STUTTGART

VANDENHOECK & RUPRECHT IN GÖTTINGEN


ZUR PREUSSISCHEN GESCHICHTE

SCHLEIERMACHERS POLITISCHE GESINNUNG


UND WIRKSAMKEIT · DIE REORGANISATOREN
DES PREUSSISCHEN STAATES
DAS ALLGEMEINE LANDRECHT

5., unveränderte Auflage

B. G. TEUBNER VERLAGSGESELLSCHAFT · STUTTGART

VANDENHOECK & RUPRECHT IN GÖTTINGEN


CIP-Kurztiielaufnahme der Deutschen Bibliothek

Dilthey, Wilhelm:
Gesammelte Schriften / Wilhelm Dilthey. - Stuttgart : Teubner ; Göttingen :
Vandenhoeck u. Ruprecht
Ab Bd. 15 besorgt von Karlfried Gründer. — Teilw. nur im Verl.
Vandenhoeck u. Ruprecht
NE: Gründer, Karlfried [Hrsg.]; Dilthey, Wilhelm: [Sammlung]
Bd. 12. Zur preussischen Geschichte. — 5., unveränd. Aufl. — 1985
Enth. u. a.: Schleiermachers politische Gesinnung u. Wirksamkeit.
Die Reorganisatoren des preussischen Staates
ISBN 3-525-30313-0

5. Auflage 1985

B.G.Teubner Verlagsgesellschaft m.b.H., Stuttgart 1960; 1964 - Printed in


Germany - Ohne ausdrückliche Genehmigung der Verlage ist es nicht gestattet, das
Buch oder Teile daraus auf foto- oder akustomechanischem Wege zu vervielfältigen.
Druck- und Bindearbeit: Hubert & Co., Göttingen
VORBERICHT DES HERAUSGEBERS
Die in dem vorliegenden Bande zusammengestellten Arbeiten Dil-
theys beziehen sich auf P r e u ß e n und seine Aufgabe in der deutschen
Geschichte. Diese Zusammenstellung war nicht wie bei den anderen
Sammelbänden der Ausgabe durch eine aus Diltheys Gesamtwerk be-
kannte Hauptrichtung seines Forschens und einen von ihm selbst er-
wogenen Titel gegeben. Sie ergab sich aus der im Vorbericht zu Bd. XI
dargelegten Aufgabe einer Auswahl aus der unbekannten Schrift-
stellerei seiner Frühzeit, von deren Fülle die Bibliographie am Schluß
des Bandes Kunde gibt. Dabei hob sich diese Gruppe historisch-poli-
tischer Aufsätze heraus, die in dem Gesamtwerk des Philosophen
scheinbar an der Peripherie liegen, aber mit seiner Grundrichtung ver-
bunden sind durch sein Verlangen nach ,,wirkungskräftigem" Wis-
sen — „wer wahrhaft lebendig ist, will durch Wissenschaft wirken".
So konnte auch in diesem Bande wieder an die Jugendaufsätze eine
Schrift des reifen Alters — die Abhandlung über das Allgemeine preu-
ßische Landrecht — angefügt werden.
Die Briefe des jungen Dilthey schlössen die bis dahin unbekannte
politische Seite seiner Existenz auf; die Aufsätze über die deutschen
Geschichtschreiber, die Erinnerungen anHaym, Treitschke und Scherer,
die in Bd. XI abgedruckt sind, zeigen, wie leidenschaftlich auch der
n a t i o n a l e I m p u l s seiner Jugend war. Dilthey gehörte wie Dahl-
mann, Treitschke, Scherer zu denen, die aus Neigung und Wahl Preu-
ßen wurden, stärker als viele geborene Preußen überzeugt von der deut-
schen Mission dieses Koloniallandes; er gehörte zu dem engsten Kreis
derer, die, um die „Preußischen Jahrbücher" versammelt, noch ein-
mal Professorenpolitik machten. Der Siebzigjährige denkt mit Stolz
an jene Tage zurück: „Was für beste Männer waren das, die damals
für Preußens Vorherrschaft stritten, und was für gute Kämpfe!" Er
erinnert, daß diese Zeit „die einzige war, in der auch er politische Ar-
tikel schrieb" (Bd. XI, S. 225). Diese politischen Artikel waren nicht
aufzufinden, die A n z e i g e d e r „ P r e u ß i s c h e n J a h r b ü c h e r " , mit
der wir die Reihe schließen, gibt jedoch eine lebendige Vorstellung
von der Art seines Einsatzes. Die Legende von dem nur ästhetisch
empfindenden, alles verstehenden, vorsichtig zurückhaltenden Dilthey
VI Vorbericht des Herausgebers
wird beseitigt durch das Bild, das uns hier entgegentritt: von dem
Freunde und rückhaltlosen Bewunderer Treitschkes, der mit ihm selbst
gegen Ranke steht, der die „stahlharte Natur" Schleiermachers hinter
der weichen Außenseite entdeckt und liebt, dem „Männlichkeit die
Tugend der Tugenden ist". So erhellt sich jetzt jener eigene Zug in
seinen geistesgeschichtlichen Arbeiten, daß er mit Vorliebe der Wir-
kung männlicher Naturen, wie Lessing, Schiller, Schlosser, Schleier-
macher, der „germanischen Kraft", dem „Heldenmütigen" in der
W i s s e n s c h a f t nachgeht.
Ein politischer Historiker ist Dilthey freilich nicht geworden; der
„auf die Einheit unseres Volkes gerichtete politische Affekt", der auch
ihn ergriffen hatte, führte ihn vielmehr dazu, die geistigen Kräfte zu
erforschen, die hinter dem politischen Geschehen stehen. Er weist sie
aber nicht nur nach verstehend auf, sondern er e n t s c h e i d e t sich zwi-
schen ihnen, und das ist es eben, was ihn an die Seite Preußens führte.
Die spannungsreiche Begegnung zwischen dem durch den Willen seiner
Monarchen im Geiste der Aufklärung und der absoluten Staatsmacht
gegen alle natürlichen Bedingungen im wörtlichen Sinne g e s c h a f -
f e n e n Preußen und der großen Selbstbesinnungsbewegung des deut-
schen Geistes, die die Wiederentdeckung seiner g e w a c h s e n e n
Grundlagen in Volkstum, Sprache und Dichtung einschloß, ist ihm der
Sinn der deutschen Geschichte, die aus der Begegnung entsprungene
Gemeinsamkeit des Willens in der preußischen Reform und in den
Freiheitskriegen ihr Gipfel.
Von diesen Zeiten berichten die Aufsätze über die „ R e O r g a n i -
s a t o r e n d e s p r e u ß i s c h e n S t a a t e s " . Sie wollen keine eigene
Forschung geben, sondern ; n der einfachen Erzählung deutlich machen,
worauf es jetzt in dem neuen Deutschen Reich nach dem Gesetz, nach
dem es geworden ist, ankommt. Damals, als diese Aufsätze geschrie-
ben wurden, gab es noch keine der großen Darstellungen der Männer
der Reformzeit, durch die heute unser Urteil bestimmt ist. Nur die
ungefügen Materialsammlungen der Pertz und Klippel lagen vor.
Ihnen folgt Dilthey, aber er zeigt überall den inneren Zusammenhang,
den diese schuldig bleiben, oft mit überraschenden Vorgriffen auf
moderne Auffassungen, so in der Beurteilung Steins: „Die staatbildende
Kraft Preußens verknüpfte sich mit der Entwicklung des Unterrichts,
der Wissenschaften und des freien schöpferischen Gedankens. Aus
diesem Zusammenwirken heraus vollzog sich die Reorganisation Preu-
ßens seit 1807. Sie hat unter dem Gesichtspunkt der Ereignisse seit
1866 eine ganz neue Bedeutung erhalten." Ist hier die Einheit betont,
so an einer anderen Stelle die Spannung: ,,Ιη der neueren Geschichte
Preußens haben stets zwei Elemente nebeneinander gewirkt, aber stets
Vorbericht des Herausgebers VII
als getrennte, manchmal als in Fehde liegende Kräfte. Das ältere Preu-
ßen erzog einen Staatssinn, den es aber zugleich einschränkte auf die
Beamtenwelt, als die unmittelbare und zugleich ausschließende Staats-
arbeiterschaft. Dieser altpreußischen Staatsgesinnung stellte sich seit
der Katastrophe zur Seite der Inbegriff idealer deutscher Kräfte,
welche unsere große geistige Revolution entbunden hatte. Man darf
sagen, daß die Fehde zwischen diesen beiden Mächten, altpreußischer
straffer prosaischer Staatsgesinnung und dem Enthusiasmus des im
vorigen Jahrhundert neugeborenen geistigen Deutschland, auch heute
noch nicht beschwichtigt ist. Nie durfte sie durch Aufgeben einer der
beiden Richtungen beschwichtigt werden. Ihre Versöhnung ist eine
der großen Aufgaben des neuen Deutschen Reiches" (Bd. XII, S. 65).
Die eigene Forschungsarbeit Diltheys konzentrierte sich damals im
Zusammenhang mit der Arbeit am Schleiermacher zunächst auf die
eine Seite, die „Deutsche Bewegung". Der Aufsatz über „ S c h l e i e r -
m a c h e r s p o l i t i s c h e G e s i n n u n g u n d W i r k s a m k e i t " ist ein
gewichtiges Zeugnis dieser Richtung seines Denkens, wie später der
S ü v e r n (Bd. IV, S. 451—506). Auf der Höhe seines Lebens sah er
dann seine p r a k t i s c h e n Aufgaben in der Richtung, die ein Brief an
den Vater vorahnend geschildert hatte (1864, Der junge Dilthey, Nr. 83,
S· 193) : „Mich täuscht gewiß nicht die sichere Ahnung, daß nicht bloß
die theoretische Laufbahn raschen Erfolg haben wird; sondern auch,
daß diese Zeit, welche alles in Gärung versetzt und in der zu leben eine
Freude ist, sicher auch den Moment herbeiführen wird, in welchem
der öffentliche Unterricht und die kirchlichen Verhältnisse umge-
staltet werden müssen, und daß dann wirklich fruchtbare und wohl-
erwogene Grundgedanken über die intellektuelle und moralische Bil-
dung des Menschen allein befähigen, auf diese Umgestaltung, die ich
für ebenso wichtig halte als die politische, einen bestimmenden Ein-
fluß zu üben." Ein unmittelbares, mehr als beratendes Wirken lag
schwerlich je in seinem Sinne; auch sein Freund Yorck, den er fin-
den berufenen Kultusminister hielt, hat das politische Kampffeld nicht
betreten. Aber seine pädagogischen Vorlesungen und seine Studien
zur Geschichte des preußischen Unterrichtswesens (jetzt in Bd. IX
gesammelt) zeigen, wie seine Arbeit diesen Absichten diente. Auch
in ihnen machte es seine Eigenart aus, daß er realistische Überzeu-
gungen von der Macht des Staates als Bedingung für das Dasein der
Nation verbindet mit tiefen Einsichten in die „scheinlose Macht des
Geistes", der im Verborgenen wirkt.
Im Alter wendet sich Dilthey noch einmal zur preußischen Geschichte
zurück, nun aber beschäftigt ihn — im Zusammenhang der Studien zur
Geschichte des deutschen Geistes — die andere Seite des Spannungs-
VIII Vorbericht des Herausgebers
gefüges, das Phänomen des friderizianischen Staates. Die vollendeten
Teile seiner Studien über die geistigen Grundlagen dieses Staates sind
bereits in Bd. III herausgegeben; jedoch der Abdruck der großen
Abhandlung über „Das a l l g e m e i n e L a n d r e c h t " , die nach der
Aussage des Herausgebers „die Darstellung des friderizianischen Staa-
tes krönen sollte", unterblieb dort aus schwerwiegenden Gründen. In
dem jetzt vorliegenden Zusammenhang ergab sich eine Möglichkeit,
sie ohne Umarbeitung, freilich auch unter Fortlassung des umfassen-
den wissenschaftlichen Apparates, der Öffentlichkeit zugänglich zu
machen. Denn aus dieser Abhandlung, mit der der fast Achtzigjährige
so etwas wie „sein Testament" geben wollte, wird ersichtlich, wie
seine „Geschichte des Deutschen Geistes" im tiefsten Sinne praktisch
gemeint war, und dieser Zusammenhang schließt sich von den hier
vorangestellten Jugendaufsätzen her jetzt auf. Wie der Achtund-
zwanzigjährige sich äußerte, als er die „Einbildungen" eines spezi-
fischen Preußenrums auf den „Staat der Intelligenz" abwehrte: „Aber
wenn der Idealismus, welcher in der Intelligenz überall den ersten be-
stimmenden Faktor alles Geschehens sucht, echt deutsch ist, dann muß
wohl ganz Deutschland auf die Geschichte eines Staates stolz sein, der
durch rein geistige Energie zweimal in entscheidenden Kämpfen um
seine Existenz neubegründet worden ist, dessen Stellung nach seiner
Lage und Ausdehnung auf seiner geistigen Spannkraft beruht, nicht
auf Naturverhältnissen. Diese Energie des G e i s t e s , d e r s e i n e r
H e r r s c h a f t g e w i ß i s t , ist zugleich der Ursprung der Größe Preu-
ßens und der Charakter der deutschen Nation."

Erich Weniger.
INHALT
Durch einen · sind die bisher unveröffentlichten Abhandlungen und Fragmente bezeichnet.
Seite
Vorbericht V
Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit 1

DIE REORGANISATOREN DES PREUSSISCHEN STAATES


(1807—1813)
I. Der Freiherr vom Stein 37
II. Karl August von Hardenberg 53
III. Wilhelm von Humboldt 64
IV. N e i t h a r d t von Gneisenau 86
Jugendjahre und Garnisondienst 86
Der französische Krieg von 1806 und Gneisenaus Verteidigung Kolbergs 88
Die militärische Reorganisationskommission und Gneisenaus leitender
Gesichtspunkt . . . .' 90
Einzelne Arbeiten 91
Die Schwierigkeiten der Stellung von Gneisenau und Scharnhorst. —
Gneisenaus Abschied 93
Englischer Aufenthalt. 1809. 1810 95
Plan eines Volksaufstandes. 1811 97
Gneisenau als Feldherr 99
V. Scharnhorst 100
Jugendjahre 100
Leitung der Militärschule in Hannover. Schriftstellerische Arbeiten . . . 1 0 2
Anteil an dem Kriege von 1793—95 104
Preußische Dienste. Die Militärschule in Berlin und die dortige militärische
Gesellschaft 106
Seine Stellung im preußischen Generalstab 107
Beurteilung seines Anteils am preußisch-französischen Krieg von 1806 . 109
Die Aufgabe der Militärreform 114
Der König und die Reorganisationskommission 115
Scharnhorsts Gedanke der allgemeinen Wehrpflicht aller Preußen . . - 116
Zeiten des Organisierens und Abwartens 118
Sieg und Ende 119
Scharnhorsts Charakter 120
Die Preußischen Jahrbücher 123
Χ Inhalt

• DAS ALLGEMEINE LANDRECHT


Seite
Einleitung. Der friderizianische S t a a t und die Objektivierung
seines Geistes im Landrecht 131
E r s t e s Kapitel. Geschichte der Justizreform bis zum Landrecht . 133
Zweites Kapitel. Das Preußische N a t u r r e c h t 152
1. Die Sittlichkeit als die Grundlage von Recht und Staat 155
2. Die Souveränität 163
3. Das allgemeine Wohl als Prinzip des Landrechtes 177
4. Der Wohlfahrtsstaat und seine Allmacht 182
D r i t t e s Kapitel. Der soziale Beruf der Monarchie und die Auf-
klärung 183
1. Die materielle Fürsorge 183
2. Das Kriminalrecht 185
3. Das geistige Wohl. Kirche, Schule und Aufklärung 191
Viertes Kapitel. Der R e c h t s s t a a t 199
Anmerkungen 205
V e r z e i c h n i s der S c h r i f t e n W i l h e l m D i l t h e y s von den Anfängen
b i s zur „ E i n l e i t u n g in die G e i s t e s w i s s e n s c h a f t e n " . . . . 208
SCHLEIERMACHERS
POLITISCHE GESINNUNG UND WIRKSAMKEIT
Wenn man für die ersten Dezennien unseres Jahrhunderts von einer
politischen Wirksamkeit d e r Männer spricht, welche außerhalb des
Beamtenstandes standen, so kann man eine solche nur innerhalb sehr
bestimmter und sehr enger Grenzen meinen. Organisatorische Pläne
und Gedanken entspringen zu allen Zeiten nur aus Erfahrung im Staats-
leben, damals also aus dem abgeschlossenen politischen Stande des
Beamtentums, welcher das ausschließliche Vorrecht solcher Erfahrung
besaß. Und auch die Not der außerordentlichen Zeiten, welche 1806
begannen, vermochte nicht an diesem Gesetz der Sache zu rütteln. Aber
diese Not — und zwar sie weit mehr, als alle Einflüsse französischer
und englischer Theorien und Zustände — rief neben dem Mechanis-
mus des Staates neue Kräfte wach, welche mitarbeiteten an der Ret-
tung des Staates, und, einmal aus ihrer Passivität aufgerüttelt, einen
Anteil an der Leitung desselben erstrebten und errangen.
Es ist für die Geschichtschreibung außerordentlich schwierig, diese
unwägbaren Kräfte g r o ß e r p a t r i o t i s c h e r G e s i n n u n g u n d
s e l b s t t ä t i g e n A n t e i l s der P r i v a t m e n s c h e n am S t a a t , wie
sie damals durch die starren Formen desselben hindurchbrachen, in
ihrer Wirksamkeit zu fassen und in ihren Erfolgen zu würdigen. Bei
jedem Ruck, welchen Preußen von da ab tat, ist dieser Hebel neben
dem bürokratischer und militärischer Einsicht bemerkbar. In den
mannigfaltigsten, meist unbehilflichen, zuweilen auch gefährlichen
Formen; denn jede bürgerliche Selbsttätigkeit bleibt eine Gefahr für
den Staat, solange sie nicht zur geregelten Mitwirkung an demselben
gelangt. Bis dann endlich dies flüchtige Element in dem Repräsentativ-
system seine Form und seinen verfassungsmäßigen Anteil am Staats-
leben erhielt.
Dies ist der Gesichtspunkt, unter den wir die folgenden Erörterungen
und Mitteilungen über Schleiermachers politische Gesinnung und Wirk-
samkeit stellen möchten. Auch er gehört zu den großen Männern,
welche zuerst aus ihren Privatverhältnissen heraus einen Weg fanden,
für den Staat zu leben, ohne Beamtenstellung, ohne den Ehrgeiz poli-
tischer Abenteuer, im sicheren Selbstgefühl des Bürgers. Ohne dies
Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
Selbstgefühl dünkt uns das Leben nicht mehr lebenswert. Und doch
ist es nicht viel mehr als ein halbes Jahrhundert, daß diese Männer es
uns errangen.
Und was Schleiermacher selbst betrifft, so helfen vielleicht diese
Mitteilungen ein unglaublich lächerliches Vorurteil der Unwissenden
zu zerstören, welche fortfahren, aus einiger Lektüre der Reden über
Religion und gewisser Partien der Briefe diese stahlharte Natur für
eine empfindsame Seele zu halten, welche zeitlebens am liebsten im
zarten Gespräch mit edlen Frauen die großen Fragen des mensch-
lichen Gemüts diskutiert habe. Da man diesen Guten, welche in
Schleiermacher eine weibliche Natur erkannt haben, schwerlich zu-
muten kann, die Kritik der Sittenlehre oder die Ethik zu lesen: so
erregen ihnen doch vielleicht einige der hier folgenden Äußerungen
und Tatsachen wenigstens einigen Zweifel an ihrer leicht errungenen Er-
kenntnis.

Nichts deutet in dem früheren Leben Schleiermachers auf irgendein


besonderes Interesse ^m Staat. Auch er hatte, wie alle jungen Philo-
sophen der ersten neunziger Jahre, dem Schulproblem der Zeit, der
Vertragstheorie, seinen Tribut dargebracht. Noch sind Aufzeichnungen
für eine umfassende Behandlung dieser Frage unter seinen Papieren.
Aber diese betraf ja weder Preußen noch irgendein anderes wirkliches
Land unter dem Monde. Auch er diskutierte, wie alle Welt, gelegent-
lich über die Französische Revolution, aber mit der Erhabenheit des
in Eberhards und Garves Schule von aller Leidenschaft und allem
realen Wollen gereinigten Weisen, welche den jungen Gesichtern jener
Zeit so seltsam steht. Er liebt die Revolution, aber klüglich scheidet
er aus, „was menschliche Leidenschaften und überspannte Begriffe
dabei getan haben". Er verabscheut die Hinrichtung eines schuld-
losen Königs, aber er erschreckt den alten Grafen Dohna, der sehr
viel auf Etikette hielt, mit dem philosophischen Paradoxon, daß, „wenn
die Todesstrafe überhaupt etwas Rechtmäßiges sei, und Ludwig etwas
verbrochen hätte, was den Gesetzen gemäß sie verdiente, das Gesalbt-
sein seiner Verdammung weiter nicht hinderlich sei". Soviel und be-
geistert er sich mit der englischen Literatur in jenen Jahren beschäf-
tigt: das politische Selbstgefühl derselben lag so weit ab von den Stim-
mungen und Zuständen jener Tage in Deutschland, wie etwa das des
Demosthenes und Cicero, das wie die Regeln ihrer Grammatik und
Rhetorik eben mit zum Schulbetrieb gehörte.
Und als er nun in Berlin das farblose und spitzfindige Wesen der
Philosophie und Theologie jener Jahre, dem alles zum moralischen
Problem wurde, von sich abschüttelte und aus der Wielandschen und
Unpolitische Jugendzeit
Spaldingschen Empfindelei, welche aus Gefühlen die Glückseligkeit
herausrechnete, dazu fortschritt, in neuer Jugend und Freiheit der
Empfindung dem großen Zuge seiner Natur, der ihn von Kind auf
bewegt hatte, der seit drei Generationen in seiner Familie wirksam ge-
wesen war, mit freiem Herzen zu folgen: da traf dieser Zug, die Ge-
nialität einer echten religiösen Natur, in der i n n e r e n B i l d u n g
j e n e r Z e i t einen wahlverwandten, seit Jahrhunderten aufgehäuften
und durchgebildeten Stoff; lange Zeit fand sie in der großen Aufgabe
volles Genüge, welche sich hier vor ihr auf tat; die geschichtlichen
und politischen Ideen traten ihr ferner als je.
Aber es liegt in den Gesetzen der Dinge, daß tiefgedachte Wahr-
heiten oft ihr Licht plötzlich auf einen scheinbar ganz von ihnen ab-
liegenden Punkt werfen. Und sittliche Wahrheiten sind zugleich
Kräfte; sie gestalten Lebensgebiete um, auf welche sie sich bei ihrer
ersten Aufstellung durchaus nicht bezogen. So geschah es, daß der sitt-
liche Grundgedanke, den Schleiermacher in dieser Periode an der
Anschauung des Privatlebens durchbildete, zugleich für den Staat und
unser politisches Leben gedacht ward.
Wenn wir an den Wendepunkt unseres Jahrhunderts denken, so
stehen die großen Dichter und Philosophen vor unserer Seele und ver-
decken alle ärmlicheren Gestalten. Der breite Strom der Bücher aus
jener Zeit hat sich verlaufen, und nur, wer sie in ihrer Verlassenheit
auf einer der großen Bibliotheken, besonders in der damals von Biester
geleiteten Berliner, wo mit Vorliebe die Opposition gegen die Aristo-
kratie des Geistes gepflegt ward, einmal aufsucht, bekommt einen
Begriff davon, in welchem Grade der Idealismus auch damals in der
Minorität war. Einmütig bemerken dies alle einsichtigeren Beobachter
mit Schrecken — von so strengen Urteilern wie Stein und Fichte ganz
zu schweigen. Die vom Staat abgedrängte, von der Religion emanzie-
pierte Masse verfiel in ein ängstlich eifriges, überkluges Suchen nach
Glückseligkeit. Eudämonismus war der gesamte Charakter unserer Lite-
ratur; überall Theorie der Empfindung, der Glückseligkeit. Gab es
auch noch nicht das lösende Wort von der alleinseligmachenden Zivili-
sation: den Nicolai und Biester lag die Empfindung davon bereits
in den Gliedern. Und auch seine Poesie hatte schon dieser Vorläufer
des Materialismus — die Poesie von Wieland und Heinse, Iffland und
Kotzebue. Es gab damals keinen tieferen Kopf in Deutschland, der
nicht vor dem haltlosen Treiben dieser Staat- und fast religionslosen,
einem weichlichen und bornierten Egoismus verfallenen Menge tiefen
Ekel empfunden hätte. Wenn man der völligen Verderbnis der leiten-
den Politiker jener Jahre nicht Unrecht tun will, muß man sie im Zu-
sammenhang mit diesen Stimmungen und Anschauungsweisen nehmen.
Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
Kein männliches Wort, kein ganzer Charakter schien in diesen Kreisen
mehr zu finden. Und diese Verderbnis hatte nach dem allgemeinen Ur-
teil aller Tüchtigen in Berlin ihren Hauptsitz. Ein merkwürdiges histo-
risches Zeugnis hiervon ist die Wirkung der Übersiedelung der Re-
gierung nach Königsberg. Erst auf dem Boden von Ostpreußen, in
jenem Kreise, welchen Kant mit seiner nüchternen, auf den starken
Willen gestellten Philosophie und Kants Freund, der hochbejahrte
Nationalökonom Kraus, mit den auf freie Bewegung gerichteten Leh-
ren Adam Smiths erfüllt hatte: inmitten der Schön, Schrötter, Auers-
wald, fand Stein die Gesinnung, das selbständige Studium der Kräfte
des Staates, deren er für seine großen Pläne bedurfte. Damals erlebte
die Philosophie Kants, die den Menschen auf den Willen und das Han-
deln stellte, und die bisher, seinen Einen großen Nachfolger aus-
genommen, nur in dünnen theoretischen Streitfragen an die Öffent-
lichkeit getreten war, eine zweite Wirksamkeit, welche dem Geiste des
großen Denkers, der sich mit dem Staat und der Geschichte so tief
beschäftigt hatte, wohl besser behagt hätte, als das Kathederhelden-
tum der Krug und ihresgleichen. Bei dieser Lage der Dinge mußte
gerade in Berlin der Gedanke reifen, welcher den Männern von Königs-
berg, Weimar und Jena notwendig fremd blieb: d e r Summe d e r
inneren Bildung, welche das abgelaufene J a h r h u n d e r t
a u f g e h ä u f t h a t t e , eine F o r m zu v e r l e i h e n , in w e l c h e r Ge-
d a n k e u n d P o e s i e s i t t l i c h e M a c h t w ü r d e n . In Kant und
Fichte hatte die Philosophie sich in ihr eigenes Wesen vertieft, sie
hatte die Welt aus dem Bewußtsein zu erklären unternommen. Eine
unausfüllbare Kluft schien aufgetan zwischen dem philosophischen
Bewußtsein in seiner absoluten Selbstgewißheit und der gemeinen An-
sicht der Dinge. Die Dichter hatten in freiem Spiel der Phantasie eine
fernabliegende Welt ästhetischer Vollendung ersonnen; zwischen der
freien Ruhe, mit welcher sie an diesen Gebilden schufen, und dem ver-
worrenen, hastigen Leben der Menschen fehlte das verknüpfende Band.
Einen Augenblick mochte der Idealismus in der Philosophie die ge-
meine Wirklichkeit verneinen, in der Dichtung sie vergessen. Seine
größte Aufgabe war doch, sie u m z u b i l d e n . Wo Dichter und Philo-
sophen endeten, begann, wenn man den Ausdruck recht verstehen will,
der Ethiker, der religiöse Redner. Ihm, seiner innersten Natur nach,
waren die höchsten Resultate der idealistischen Bildung weder ein
asketisches Postulat, noch ein Vorrecht hoher Menschen, sondern eine
unwiderstehliche sittliche Macht. So stellte er, was ihn bewegte, in den
Reden, den Monologen, den Predigten hin, damit die Anschauenden
davon ergriffen würden. Und nach ihm Fichte in demselben Geiste.
Es kann hier nicht einmal angedeutet werden, welche Gestalt die innere
Der deutsche Idealismus
Bildung jener Zeit in der Seele des Ethikers, des religiösen Redners
gewann, wie die Fülle eines großen Herzens, ein Tiefblick für das
sittliche Leben und seine Gestaltung, wie er auch in Deutschland ohne-
gleichen war, sich über das ganze Gebiet unseres Privatlebens ver-
breitete. Es galt, das innere Leben der einzelnen, die Liebe und Ehe,
die Geselligkeit und das religiöse Leben aus jener ganzen Fülle einer
nach innen gekehrten, dem Privatleben zugewandten Bildung, welche
die vergangene Entwicklung hervorgebracht hatte, zu reformieren.
Diese Reform gab dem allen eine neue Gestalt: der Hauch eines ge-
waltigen religiös-sittlichen Pathos durchdringt hier auch die weltlich-
sten Gedanken unserer Dichter. Alles einzelne läßt sich, wie in einem
Brennpunkte, in dem Gedanken von der s i t t l i c h e n A u t o n o m i e
d e r f r e i e n I n d i v i d u a l i t ä t sammeln. In diesem Gedanken versöhnte
sich die ästhetische Harmonie Goethes und Schillers mit dem Sitten-
gesetz Kants und Fichtes. Der kategorische Imperativ hatte den ein-
zelnen zu einer eintönigen und gleichgültigen Wiederholung des allge-
meinen Sittengesetzes gemacht. Die ästhetische Erziehung war in Ge-
fahr, im Spiel der schönen Individualitäten die positiven und allge-
meinen Zwecke des Lebens aufzulösen. Über beide erhob sich die
sittliche Anschauung Schleiermachers. Das Individuum erfaßt in sich
das Allgemeine und Ewige; es erfaßt es durch einen energischen Akt
des freien Willens; aber wie es dasselbe als sein inneres Gesetz findet,
ist es nicht farblos allgemeines Sittengesetz, sondern bestimmte, indi-
viduelle Form desselben. Nunmehr ist eigenartige Persönlichkeit und
alle Leidenschaft persönlichen WoUens nicht mehr eine Abweichung
von der in der Aufgabe der Vernunft liegenden kühlen Allgemeinheit,
eine Unvollkommenheit : erst in ihr vielmehr wird die menschliche Be-
stimmung erreicht. Sie ist auch nicht der exklusive Besitz ästhetischer
Naturen, zum flüchtigen Genuß für die übrigen in dichterischen Ge-
stalten hingestellt: sie ist vielmehr eine a l l g e m e i n e s i t t l i c h e Auf-
g a b e . Der Denker wird zum Redner, um durch sein begeistertes Wort
dies Selbst, das in alle gelegt ist, in allen zu erwecken; wie er dies
überall empfand, aufregte, erhob, darin treffen alle einzelnen Bestre-
bungen und Leistungen dieses vielseitigsten Menschen zusammen.
Das Resultat einer großen Bildungsgeschichte war mit diesem Ge-
danken ausgesprochen. Langsam, aber mit unwiderstehlicher Gewalt
war mit der Reformation das Selbstgefühl der auf sich selber ruhenden
Individualität bei uns als unser höchstes Gut herangewachsen; alles,
unsere politischen und unsere religiösen Zustände, zwang den, der
sich nicht selbst verlieren wollte, auf diesen Weg; alles Edle und Tap-
fere, was uns erhalten blieb, beruhte auf dieser Stimmung. Und von
hier aus war uns auch bestimmt, zu politischem Selbstgefühl und poli-
Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
tischer Tüchtigkeit fortzuschreiten. Ganz entgegengesetzt der Entwick-
lung, welche England durchmachte und durchmacht : denn noch heute
ist dort die freie individuelle Bewegung in religiösem und wissen-
schaftlichem Denken wie in gesellschaftlichen Formen verpönt, die bei
uns allem politischen Selbstgefühl vorausging. Dieser Fortschritt hat
sich bei uns in mehreren deutlich unterschiedenen Ansätzen vollzogen.
Es war das erste Bedürfnis dieses moralischen Individualismus, auf
dem Gebiet selber, auf welchem er erwachsen war, dem religiös-wissen-
schaftlichen, dem alles regierenden bürokratischen Mechanismus Gren-
zen zu setzen. In diesem Streben treffen Schleiermacher, Wilhelm von
Humboldt und Fichte in ihren Jugendschriften zusammen. Emanzi-
pation der Wissenschaft, der Kirche und der Presse vom Staatszwang:
das war das erste Gut politischer Freiheit, um welches in Deutschland
gestritten wurde, weil es hier das erste Bedürfnis war. Die einzige ori-
ginale und wirksame Theorie aber, welche aus dieser Bewegung, die
den Staat b e g r e n z e n wollte, hervorging, war die Schleiermachers
von der totalen Sonderung von Kirche und Staat. Wie man auch über
ihre Richtigkeit denken mag: in den Kämpfen um die Gestaltung der
protestantischen Kirche, welche seit 1817 sich erhoben haben, war sie
unbedingt die durchgreifendste geistige Macht. Durch das Vorbild
der Brüdergemeinde und die genauere Kenntnis der Landeskirche er-
hielt jene allgemeine Tendenz der persönlichen Selbständigkeit ge-
g e n ü b e r und a u ß e r h a l b des Staates hier eine bestimmte Gestalt.
Schon von Schlobitten aus schrieb der junge Hofmeister dem Oheim,
„in der ganzen Verbindung der Kirche als einer Sozietät mit dem
Staate liege immer noch der Keim der Intoleranz und des Gewissens-
zwanges, und das einzige radikale Gegenmittel sei, daß der Staat sich
gar nicht um die Religion der Untertanen kümmere." Als ihm dann
aufging, daß Religion nicht eine Tradition von Vorstellungen, sondern
eine Produktion in der Tiefe des Gemüts sei, erschien ihm der Staat —
in den Reden — wie ein Feind, der den großen freien Verkehr reli-
giöser Hingabe und Anschauung zerstört, indem er überall Schranken
aufrichtet; mit dem Stolz einer großen religiösen Natur sprach er den
Wunsch aus: „daß nie der Saum eines priesterlichen Gewandes den
Fußboden eines königlichen Zimmers berührt haben, daß nie der Pur-
pur den Staub am Altar geküßt haben möchte." Aus d e r B e z i e h u n g
und a n a l o g e n E n t w i c k l u n g m i t dem S t a a t v e r s e t z t er
d i e R e l i g i o n in d i e mit d e r G e s e l l i g k e i t , dem Element, in
welchem jenen Lehren und jenem Kreis das sittliche Leben kulminierte.
„Wenn die Geselligkeit" — mit deren Studium er sich zu gleicher Zeit
mit der Abfassung der Reden auf das unablässigste beschäftigte, wie
noch vorhandene Bruchstücke zeigen — „vom höchsten Standpunkt
Die Wendung zum Staat
aus in ihrem innersten Wesen erkannt wird", dann steigert sie sich
zu der religiösen als zu „ihrem vollendetsten Resultat". Es ist das Cha-
rakteristische dieser Ansicht, daß sie den religiösen Gesichtspunkt für
die Kirche wiederherstellt, aber das Recht des sittlich-staatlichen voll-
kommen verkennt. Wie eine Andeutung dieses Fehlers steht in den
Reden der Gedanke da: habe der Staat ein solches sittlich-politisches
Institut nötig, so sei ja neben der „religiösen Geselligkeit" für ein sol-
ches Raum da. Natürlich also, daß mit dem wachsenden Verständnis
des Staates diese Theorie sich milderte; aber es blieb ihr auch in ihrer
späteren schönen und echt religiösen Entwicklung mit tiefen Spuren
eingeprägt, daß sie zu einer Zeit entstanden war, in der man die freie
und selbständige Bewegung der Persönlichkeit nur retten zu können
glaubte, indem man ihr außerhalb des Staates Spielraum gewähre.
Aber auch damals bereits — scheinbar auf dem Höhepunkt des pri-
vaten Interesses — wird das negative Verhältnis der persönlichen
Freiheit zum Staat schmerzlich empfunden. Sehnsüchtig regt der selb-
ständig gewordene Geist die Flügel, endlich in der Luft eines wahren
Staates sich in freiem, hohem Flug zu regen. Es gibt nur einen Spiel-
raum für die große und männliche Bewegung der freien Individuali-
tät: den Staat. So wendet sich denn das Buch, in dem Schleiermacher
das Leben im Geist der neuen persönlichen Freiheit schildern wollte,
die Monologe, gegen die Entfremdung der Zeit vom Staat und seinen
Interessen. „Wo sind vom Staat die alten Märchen der Weisen? Wo
ist die K r a f t , d i e d i e s e r h ö c h s t e G r a d des D a s e i n s d e m
M e n s c h e n g e b e n , das Bewußtsein, das jeder haben soll, ein Teil
zu sein von seiner Vernunft und Phantasie und Stärke? Wo ist die
Liebe zu diesem neuen, s e l b s t g e s c h a f f e n e n Dasein?" Aber diese
Entfremdung ist nicht nur die Schuld der Bürger, sondern mehr noch
des Staates selber. Denn der selbständig gewordene Mensch kann
nichts verstehen, nichts achten, nichts lieben, das nicht Charakter und
Individualität hat. „Wo ist der eigene Charakter jedes Staates? Und
wo die Werke, durch die er sich verkündet?" Denn wenn dieser Cha-
rakter fehlt, dann kommt es zu der Torheit, „daß alle glauben, der
sei der beste Staat, den man am wenigsten empfindet, und der auch
das Bedürfnis, daß er da sein müsse, am wenigsten empfinden lasse".
„Wer so das schönste Kunstwerk des Menschen, wodurch er auf die
höchste Stufe sein Wesen stellen soll, nur als ein notwendiges Übel
betrachtet, als ein unentbehrliches Maschinenwerk, um seine Gebrechen
zu verbergen, der muß ja das n u r als B e s c h r ä n k u n g f ü h l e n ,
was ihm den h ö c h s t e n G r a d des L e b e n s zu g e w ä h r e n b e -
s t i m m t ist." — Und wie nun Schleiermacher sich in den festen Be-
rufsverhältnissen von Halle und einer großen, schönen öffentlichen
D il t h e y , Gesammelte Schriften XII ~
8 SMeiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
Wirksamkeit einlebt, wie seine Ethik ihn nötigt, aller persönlichen
Vorliebe vergessend, einen Überblick über das gesamte Leben der sitt-
lichen Welt zu gewinnen, wie dazu ein tragisches Geschick kurz vor
dem Unglück des Staates das vieljährige Gewebe persönlicher Emp-
findungen und Wünsche zerreißt, als wollte es ihn ganz und frei auf
die Welt der Handlung, des Staates, der patriotischen Aufopferung
hinweisen: da war aus dem Gedanken der freien Individualität die
schönste Frucht herangereift, das energische Gefühl, daß es kein Leben
gebe für männliches Selbstgefühl ohne den tätigen Anteil am Staat
und daß es besser sei hierfür zu sterben, als unter willkürlicher Herr-
schaft staatlos und heimatlos zu leben.
Wenn in dem schlichten Familiensaal des römischen Mannes die
Wachsmasken aller Ahnen, die vor ihm dem Staat gedient und Staats-
ehren erlangt, ihn umgaben, wenn er gedachte, wie sie eines Tages
alle, mit purpurgesäumten, goldgestickten Mänteln angetan, je nach
den Ämtern, die sie zu Lebzeiten erlangt, seiner Bahre das Geleit geben
würden und auf dem Markt um ihn herumsitzen, während ihre Ehren
und Taten aufgezählt würden, und dann ihnen folgend auch die seini-
gen: gab es für einen solchen Mann eine andere Wahl, als für den
Staat zu leben und zu sterben? Nirgend im Privatleben gab es Ehre,
Genuß, Macht, Lebensfreude, die ihm nur einen Tag den Staat ent-
behrlich gemacht hätten. Unsere individuelle Bildung hat das Leben
mit Werten der verschiedensten Art erfüllt und geschmückt. Es ent-
spricht unserem modernen Leben, wie die Schleiermachersche Ethik
es schon in ihrer Gliederung scharf ausdrückt, daß das höchste Gut
uns nicht im Staate aufgeht, sondern dieser ein Gut unter Gütern, eine
sittliche Form unter anderen sittlichen Formen ist. Hier, in der Über-
fülle sittlicher Werte, inmitten einer ganz neuen und tiefen Schätzung
der Ehe und Geselligkeit, der Religion und Kunst, muß die politische
Gesinnung wie von neuem erobert werden. Dies Leben hinzugeben für
das Vaterland — das ist mehr als ein Grieche oder Römer tat. Und
so bedurfte es einer großen idealistischen Gesinnung, um in dieser
reichen, scheinbar dem Schicksal des späteren Griechenland zueilen-
den deutschen Kulturwelt Taten und Opfer für den Staat hervor-
zurufen, die lange wie Sagen des Altertums erschienen waren. Es wird
unvergessen bleiben, was die Philosophie der Kant, Fichte, Schleier-
macher, die Philosophie des Willens, des auf das eigene Ethos gestell-
ten Subjekts, damals gewirkt hat.*

* Über den Einfluß dieser Richtung auf die späteren politischen Fortschritte
in Deutschland, im Gegensatz zu der Hegeischen, darf ich auf den von mir ver-
suchten Nachweis in betreff Schlossers, bei dem man es am wenigsten erwarten
sollte, verweisen; Preuß. Jahrb. 1862, S. 373ff. [Bd. XI S. 131 ff.]
Politische Überzeugungen vor der Katastrophe
Dies etwa war der innere Zusammenhang der bewegenden Gedan-
ken, welche Schleiermacher der Katastrophe des preußischen Staates
entgegenbrachte. Jedes eingehendere Studium der Zeit zeigt, wie falsch
die herrschende Ansicht sei, als habe erst diese Katastrophe selbst in
den Männern des Idealismus den Sinn für den Staat geweckt. Lange
Zeit vor dem Ausbruch des Krieges verfolgten diese mit tiefer Miß-
billigung die falschen Schritte der preußischen Politik: weit entfernt,
nur Muße für ihre wissenschaftlichen oder Kunstinteressen zu begehren,
wünschten sie den Krieg mit Frankreich. Schleiermacher vor allen sah
in diesem Krieg nach seiner großartigen Ansicht von Wissenschaft
und Protestantismus nur den Kampf für dieselbe Gesinnung, für welche
sie bisher friedlich hatten arbeiten dürfen.
Als er im Frühjahr 1806 mit Steffens und Herrn v. Voß in Berlin
war, hielt ihn bereits die Aufregung der Lage von dem alten, engen
literarischen Kreise ferner. Preußen hatte sich mit seiner Politik un-
selig verwickelt. Hannover von den Preußen besetzt und diese dort
verhaßter als die Franzosen selbst; Rußland erzürnt, Österreich heftig
erbittert; nach allem Preußen an Frankreich unrettbar gebunden. In
dieser Lage sah man der Kriegserklärung von England täglich ent-
gegen. Die politische Ansicht der Tüchtigsten war ganz entschieden.
„Alles was edel und vornehm in Preußen war — so erzählt Steffens,
den, wie er bekennt, Schleiermachers Gespräche damals erst zu ent-
schieden preußischer Gesinnung bekehrt hatten —, erschien zur selben
Zeit auf das Innigste mrt England verbunden, als dieses Land im Be-
griff war, uns den Krieg zu erklären." Die politische Aufregung die-
ser Lage hatte das alte literarische Berlin ganz verwandelt; wenn man
sich zur Mittagsstunde bei dem schönen Frühlingswetter unter den
Linden traf, verdrängte das politische Gespräch jedes andere.
Schleiermacher hoffte „auf einen nordischen Bund, zu dessen Grund-
lagen, als Band des allgemeinen Vertrauens, Handelsfreiheit notwen-
dig gehörte, und auf ein vereinigtes Militärsystem, das die Deutschen
wieder zu Brüdern gemacht hätte". Er teilte nicht die Täuschung, als
ob Preußen, wie es sei, und kurzweg in diesem Kampfe siegen könne,
sondern wie mit prophetischem Auge sah er schon damals den Gang
der Dinge — nur von seiner idealistischen Gesinnung gefärbt — vor-
aus. Dies zeigt ein merkwürdiger Brief vom 20. Juni aus Halle. „Be-
denken Sie — schreibt er einer entfernten Freundin —, daß kein ein-
zelner bestehen, daß kein einzelner sich retten kann, daß doch unser
aller Leben eingewurzelt ist in deutscher Freiheit und deutscher Ge-
sinnung, und diese gilt es. Glauben Sie mir, es steht bevor, früher
oder später, ein allgemeiner Kampf, dessen Gegenstand u n s e r e Ge-
s i n n u n g , u n s e r e R e l i g i o n , u n s e r e G e i s t e s b i l d u n g nicht
10 Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
weniger sein werden, als unsere äußere Freiheit und äußeren Güter,
ein Kampf, der gekämpft werden muß, den die Könige mit ihren ge-
dungenen Heeren nicht kämpfen können, sondern die Völker mit ihren
Königen gemeinsam kämpfen werden — an den sich jeder, jeder, wie
es die gemeinsame Sache erfordert, anschließen muß." — „Ich atme
— so schließt er — in Gewitterluft und wünsche, daß ein Sturm die
Explosion schneller herbeiführe; denn an Vorüberziehen ist, glaube
ich, nicht mehr zu denken." Es war in denselben Wochen, daß er
jenen merkwürdigen Schluß zur zweiten Auflage der Reden schrieb,
der so recht das Hervorwachsen seines Patriotismus aus der geschil-
derten Gesinnung veranschaulicht. Keine Lockung und kein Schrecken
werde die Protestanten bewegen, einen von Napoleon reformierten Ka-
tholizismus anzunehmen. „Ja ich möchte herausfordern den Mäch-
tigsten der Erde, ob er dieses nicht auch etwa durchsetzen wolle, wie
ihm alles ein Spiel ist, und ich möchte ihm dazu einräumen alle Kraft
und alle List; aber ich weissage ihm, es wird ihm mißlingen, und er
wird mit Schanden bestehn. Denn Deutschland ist immer noch da,
und seine unsichtbare Kraft ist ungeschwächt, und zu seinem Beruf
wird es sich wieder einstellen mit nicht geahndeter Gewalt, würdig
seiner alten Heroen und seiner vielgepriesenen Stammeskraft; denn
es war vorzüglich bestimmt, diese Erscheinung zu entwickeln, und es
wird mit Riesenkraft wieder aufstehn, um sie zu behaupten."
Der Sommer verging in wachsender Spannung. Endlich war der
Krieg entschieden. Ein preußisches Armeekorps stand in der Gegend
und in Halle selbst. „Ich freue mich auf den nun doch wohl unver-
meidlichen Krieg gegen den Tyrannen und habe große Lust an der
allgemeinen mutigen Stimmung der Truppen und des Volkes bei uns.
Mir ist schon oft so zumute gewesen ein p o l i t i s c h e s W o r t l a u t zu
r e d e n , wenn ich nur die Zeit dazu hätte gewinnen können." Die all-
gemeine Kriegsbegeisterung riß ihn hin.
Dann kam die Entscheidungsschlacht am 14. Oktober, und zwei Tage
darauf erschienen die Franzosen, die Preußen verfolgend, in der Stadt.
Die Freunde erfuhren zum ersten Male die Not des Kriegs. Sie hatten
sich — Steffens mit den Seinigen, Gaß, Schleiermacher — mit Lebens-
gefahr in die Wohnung des letzteren in einem großen Hause der
Merkerstraße geflüchtet und wurden da ausgeplündert — indes scheinen
die beiden jungen Professoren nach ihrem Bericht dabei keinen er-
heblichen Verlust erlitten zu haben. Dort in der engen Wohnung, die
noch durch einen einquartierten Beamten des kaiserlichen Kriegsbüros
beschränkt war, brachten sie nun die nächste Zeit, während der Be-
setzung von Halle, gemeinsam in mannigfacher Aufregung und Ver-
legenheit zu. „Der Einquartierte — erzählt Steffens — versuchte es
Franzosen in Halle II
oft, ein Gespräch mit uns anzuknüpfen, und zwar ein in mancher Rück-
sicht bedenkliches; ja, da wir uns immer vorsichtig und zurückhaltend
äußerten, wagte er es, Schleiermacher aufzufordern, einen Brief auf-
zusetzen, dessen Inhalt ein Angriff auf den preußischen Hof und die
Regierung, und die Hoffnung, welche die Einwohner auf die heil-
bringende Herrschaft des Kaisers gründeten, sein sollte. Daß ein Mann
von Schleiermachers allgemein bekannter starker Gesinnung genötigt
war, eine solche Zumutung mit Entrüstung abzuweisen, empörte mich."
Dann erschien der französische Kaiser selber in der Stadt; als er am
zweiten Tage mit seinen Marschällen durch die Merkerstraße ritt, for-
derte der einquartierte Beamte die Freunde auf, den Zug zu betrach-
ten. Schleiermacher und Steffens schlugen es aus, und nur nach wieder-
holten Bitten mußten sie doch widerwillig einen Blick auf die Straße
werfen. Man gedenkt bei dieser Szene unwillkürlich des geschichts-
philosophischen Enthusiasmus, mit welchem Hegel, im Kleinstaaten-
tum aufgewachsen, den Kaiser, „diese Weltseele", anstaunte. Und um
Schleiermacher in diesen Verwirrungen, dieser Angst um das Vaterland
und einer völligen Ungewißheit über die politische Lage das einzige
Mittel, zu dem sonst sein energischer Geist in jeder schmerzlichen Ge-
mütsbewegung griff, lebendige Tätigkeit, zu nehmen, folgt nun die
brutale Vertreibung der Studenten aus Halle. Es hatte nichts ge-
holfen, daß der arme Prorektor Maaß, den die bei ihm einquartierten
französischen Soldaten, da er keinen Bedienten hatte, gezwungen haben
sollen, ihnen eigenhändig die Stiefel zu putzen, keine Versammlung
der Mitglieder des Konziliums, wie sie Schleiermacher verlangt hatte,
gestattete, damit man sie nicht für eine Verschwörung halte. Es war
nun freilich ein sehr dürftiges Leben, das die Freunde in Steffens'
kleiner Wohnung zwischen ihren Arbeiten führten; dort, in einer Ecke
des gemeinsamen Familienzimmers, in welchem auch Steffens arbeitete,
hat Schleiermacher sein für die neutestamentliche Kritik epoche-
machendes Sendschreiben über den ersten Brief an Timotheus geschrie-
ben. ,,Wir leben hier so armselig als möglich, eigentlich mehr als
möglich", an dem Nötigsten litten sie Mangel. Es war eine Entschei-
dung, wie sie nur großer Gesinnung möglich ist, daß Schleiermacher
eine in diesem Augenblick ihm gebotene schöne Stellung in Bremen
ausschlug, so sehr er sich nach seiner Kanzel sehnte. „Solange noch
ein Schatten von Hoffnung ist für das Bestehen der Universität auf
dem bisherigen Fuß, lasse ich mich auf nichts anderes ein. Und un-
gerner als je würde ich mich jetzt von dem Könige trennen, dem ich
eine recht herzliche Sehnsucht habe, ein tröstliches ermunterndes Wort
zu sagen, in dem Unglück, das wahrlich nicht durch seine Sünden über
ihn und uns gekommen ist." Und noch energischer lautet ein Brief
12 Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
an Brinckmann: solange Halle preußisch bleibe und er Kartoffeln
und Salz da auftreiben könne, werde er bleiben. Würde es aber säch-
sisch oder französisch, dann werde er seinem König bis in den ent-
ferntesten Winkel der Monarchie folgen. Für jene wissenschaftlich-
religiöse Gesinnung, welche er bisher in Preußen auf Katheder und
Kanzel verkündigt hat, will er hier in seinem Vaterlande, wenn die Zeit
es fordert, auch handeln, sein Leben einsetzen. Wenn das Werk seines
Lebens, die freie Ausbildung und Verbreitung dieser Gesinnung in
seinem Vaterlande, unwiederbringlich zerstört ist: dann ist sein zweiter
Wunsch, daß es möglich sein möchte, in der gemeinsamen Sache den
Tod zu finden. Und ihn dünkt, vielleicht bald werde die Erfüllung
jenes Wunsches ihn überraschen. „Denn wenn das Glück nicht um-
schlägt, so wird er gewiß bald wüten gegen den Protestantismus, und
dann wird es vor vielen anderen mein Beruf sein hervorzutreten. Nie-
mand kann wissen, was ihm bestimmt in dieser Zeit! Es k a n n n o c h
wieder Märtyrergeben, wissenschaftliche und religiöse!"
Sein Gedanke war, Napoleon werde einen Frieden erzwingen, der ihn
zum Herrn von Niederdeutschland mache. Dann würde er, nach ver-
schiedenen Äußerungen zuschließen, den Protestantismus angreifen und
ein Religionskrieg nach alter Art würde ausbrechen: „denn der ganze
norddeutsche Sinn und unser ganzes wissenschaftliches Streben hängt
am Protestantismus". „Wenn das kommt—schreibt er seinem Freunde,
dem Prediger von Willich — dann laß uns nur auf unseren Posten
stehn und nichts scheuen. Ich wollte, ich hätte Weib und Kind,
damit ich keinem nachstehen dürfte für diesen Fall." Er war ent-
schlossen, dann hervorzutreten und für jene protestantische Gesinnung,
wie sie vor seinem Geiste stand in den großen Zügen der sittlichen
Autonomie der freien Individualität, mit seinem Leben einzustehn.
Es war ihm nicht bestimmt, auf solche Weise im Vordergrund des
gewaltigen Kampfes zu stehen, ein Held und Märtyrer seiner Gesin-
nung zu werden, wozu alle Spannkraft und alle streitlustige Schärfe
in seiner stählernen Natur lag. Der Kampf zog sich hin. Verschiedene
Pläne faßte er vorübergehend in dem unruhigen Drang seines Herzens.
Er suchte nach einer Form, „dem guten König ein Wort zu sagen über
die Anhänglichkeit des besseren Teiles der Nation, über den Mut für
die gute Sache des Vaterlandes und über den Haß gegen die Nieder-
trächtigkeiten des Feindes". Dann wieder in einem Briefe an Brinck-
mann wünscht er sich, wie Fichte, eine „Möglichkeit, in das Haupt-
quartier meines Königs zu kommen, der gewiß Leute, die hier ganz
müßig sitzen, recht gut auf irgendeine Art brauchen könnte". D i e da-
m a l i g e F o r m des S t a a t e s bot d i e s e n M ä n n e r n n i r g e n d s
e i n e n Raum.
Politische Pläne 13
Nie, glauben wir, hatte bis dahin ein großes Volk so wenig Öffent-
lichkeit gehabt. Und doch gab es damals, in jener Lage, keine mäch-
tigere Waffe als das freie öffentliche Wort. Schleiermacher hatte recht
mit seinem Wort über Napoleon: „eine freie Rede ist für ihn das
schärfste Gift." Der deutsche Idealismus — es sollte ihm ewig ge-
dankt werden —, bis dahin stumm im Staate, eroberte sich Stimme
und Macht. Fichtes eherner Geist schuf sich ein Publikum und eine
Rednerbühne für seine Worte, die wie Blitz und Schwerter trafen.
Arndts Lieder gingen von Mund zu Mund wie lebendige Rede. Und
das einzige Organ, das sich die Nation in ihrer gewaltigsten Zeit und
durch ihren gewaltigsten Mann geschaffen hatte, die deutsche Predigt
Luthers — dieses ergriff Schleiermacher. Wie er, nach unserer Darstel-
lung, diesen Kampf verstand, war er eins mit dem Interesse der echten
protestantischen Gesinnung. So war es völlig seines Amtes, ihn auf der
Kanzel aufzunehmen. Er ward der Prediger an die deutsche Nation.
Er ward überhaupt d e r e r s t e p o l i t i s c h e P r e d i g e r in g r o ß e m
S t i l , w e l c h e n d a s C h r i s t e n t u m h e r v o r b r a c h t e . Denn dazu
bedurfte es anderer Dinge, als der politischen Anspielungen oder der
üblichen Zitate von der Obrigkeit, unter welcher wir „ein geruhiges
Leben führen mögen", wie man sie bis dahin in den Kirchen vernom-
men hatte — von den wilden Reden fanatischer Sekten abgesehen.
Das Christentum, wie es in der Bibel vorliegt, gleicht an einigen Stellen
den Grundrechten einer Nation, die erst ihrer Ausführung in den ein-
zelnen Gesetzen harren. In alle Zeit hinaus bleibt als ein Wunder an-
zustaunen, wie es die ewige Lage des Menschen sich selbst, Gott, den
höchsten Gütern gegenüber erfaßt. Aber so arm und zerrüttet war die
sittliche Welt, in welcher es sich erhob, daß einige große sittliche
Konsequenzen desselben erst unter anderen Verhältnissen sich er-
schlossen. So hat erst die Reformation — obwohl mit dem vereinzelten
Bibelwort im Streite — Ehe und Familie in ihren vollen Zusammen-
hang mit dem christlichen Gedankenkreis eingesetzt. So begann der
Staat noch später und schwerer in diesem Gedankenkreise seine Stel-
lung zu finden. Auch die Anschauung der Reformation, obwohl sie
zuerst von Kirchenvorurteilen frei war, haftete noch an der persön-
lichen Vertiefung des einzelnen in den göttlichen Heilswillen, in die
Rechtfertigung und deren Bewährung. Somit wird jede Handlung so-
fort wieder als auf ihren letzten Zweck, auf den Gemütsprozeß des
Individuums zurückbezogen, das mit Gott allein ist. Und indem der
Mensch sich n u r getragen, n u r bestimmt von dem Ewigen fühlt, über-
wältigt diese Seite der menschlichen Existenz, wie sie in der passiven
Lehre von der Prädestination ihren Ausdruck findet, ihn völlig. Die
Wahrheit dieser unbedingten passiven Hingebung unseres Gemüts an
14 Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
das Unendliche, welche die Hälfte unserer religiösen Seligkeit um-
schließt, hat auch Schleiermacher empfunden, wie nur je einer jener
einsamen Mystiker, in denen alles Wollen und Tun wie aufgesogen
war von der verzehrenden Liebe des Unendlichen. Aber es gibt im
Christentum ein zweites Element, ein aktives, energisches, der Gemein-
schaft zugewendetes. Männlich und kampflustig genug redet es aus
den Sätzen Jesu über das Reich Gottes, dem ältesten Bestandteil der
Evangelien. Hier, in diesen ältesten und allgemeinsten religiösen Ge-
danken des Christentums fand Schleiermacher den Ausgangspunkt für
ein aus der Tiefe desselben geschöpftes Verständnis politischen Lebens
und politischer Gesinnung, wie es in den Predigten hervortritt.
Diese Predigten, und die Predigten Schleiermachers überhaupt, müs-
sen die in Erstaunen versetzen, welche immer noch, nach der Tra-
dition einer Zeit, in welcher man nur Reden und Dogmatik vor sich
hatte, in Schleiermachers christlicher Weltansicht nur passive religiöse
Gefühle suchen. Es bleibt zu bedauern, daß Schleiermacher diese Welt-
ansicht nicht in ihrer inneren Einheit dargestellt, sondern in zwei
schematisch gesonderte Disziplinen zerfällt hat: aber er wußte, was
er tat, als er die Herausgabe der c h r i s t l i c h e n S i t t e n l e h r e an-
ordnete. Diese erst enthält jene aktive Seite des Christentums. Die
Religion, aus dem Interesse der Vorstellung betrachtet, ist Glaubens-
lehre; in der Sittenlehre dagegen wird sie erkannt als Antrieb, als in
den Willen aufgenommen — als G e s i n n u n g . Demnach ist in der
praktischen, sittlichen Welt des Christentums, in welcher sich die Prer
digten bewegen, ziemlich ausschließlich von Gesinnung die Rede,
äußerst selten von Gefühlen. Wohl bedarf die Religion immer wieder
der Momente stiller Einkehr; aber die Summe auch des christlichen,
wie jedes anderen tüchtigen Lebens ist Gesinnung, das heißt die Gegen-
wart der Ideen als Antrieb, Wille und Handlung.
Daher ist die Grundstimmung dieser Predigten durchaus nicht das
Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit, sondern ein t i e f g e -
f a ß t e r V o r s e h u n g s g l a u b e , den er geradezu Glauben nennt. Er
ist das Innewerden, „daß das Gesetz, welches in den Frommen ge-
bietet, und die Kraft, welche das Ganze der menschlichen Angelegen-
heiten leitet, eines und dasselbige sind". Er ist das sichere Wissen,
daß Gott den Frommen über ihre Mitwirkung an seinem Reiche die
Augen öffnen, und daß er diese Mitwirkung mit Erfolg krönen wird —
er ist, kurz gesagt, Glaube an die sittliche Weltordnung, oder wie die
Bibel es in ihrer Sprache ausdrückt, an das göttliche Reich. Da ist
Gott nicht „das Unendliche", sondern der Träger aller Zwecke und
Güter und Werte der Welt. Durch ihn sind in Individuen, Staaten,
Generationen Schicksal und Charakter eins.
Der politische Prediger 15
In s i c h fest u n d w a h r h a f t i g ist d a h e r n u r ein L e b e n ,
d a s in d e n I d e e n u n d Z w e c k e n G o t t e s l e b t . Herr der Erde
ist, wer um der göttlichen Gesetze willen keine Stätte hat, wohin er
sein Haupt lege. „Wer aber nicht die Sache der Wahrheit, des Rechts,
der Ordnung um jeden Preis verteidigen will: der nimmt ja den Gütern
des Lebens, von denen er so feigherzig ist, sich nicht trennen zu wollen,
dasjenige, was ihnen allein Sicherheit und Bestand geben kann. Wie
sicher er auch gestellt scheine, er ist der unsteteste Flüchtling, folgend
mit seinem ganzen Dasein der Vergänglichkeit der Dinge, mit umher-
geworfen von den Verwicklungen, die wir Zufall nennen, nichts in sich
tragend, als die unsicheren, wechselnden, immer wieder verschwinden-
den Eindrücke von dem, was er unglücklich genug ist, zu sehr zu
lieben." Wenn die großen Kreise unserer Tätigkeit gestört sind, dann
muß im Kampf für ihre Wiederherstellung das wertlos gewordene
Leben für nichts geachtet werden.
Es wäre ermüdend, allen Ausführungen dieses Gedankens zu folgen,
aber die Lektüre zeigt, daß neben Kant und Fichte kaum jemand aus-
schließlicher, härter den Wert des Individuums in den Willen, in
die Arbeit für die allgemeinen Zwecke gesetzt hat, als dieser Mann
der Gefühle und der schönen Individualität. Und zwar schon in Prer
digten, die neben den Reden, Monologen und Luzindenbriefen her-
laufen.
Die große Form aber, durch welche nach dem Gesetz der Dinge das
Individuum in die allgemeinen Zwecke und den göttlichen Weltplan
eingreift, ist a u s s c h l i e ß l i c h d e r S t a a t . Alles Große verlangt eine
Versammlung von Kräften zu einer dauernden Einheit; und diese hat
keine andere Grundlage als die Volkseinheit. „Wessen Kurzsichtig-
keit oder Hochmut dieses zu klein ist, wer, anstatt auf sein Volk und
mit seinem Volke zu wirken, sich weiter ausstreckt und es gleich auf
das Ganze des menschlichen Geschlechts anlegt, der wird in der Tat
erniedrigt, anstatt erhöhet zu werden. Denn wer jene große Haltung,
jene mächtige Hilfe verschmäht, kann doch auf das Ganze unmittelbar
nicht anders wirken, als indem er als einzelner auf einzelne wirkt."
Und als solchem stehen ihm immer nur einzelne vorübergehende Ein-
wirkungen auf die Empfindungen anderer zu Gebote. Bis zur Paradoxie
geht der politische Prediger in seinem Hasse gegen „die gemeine
Rede, die, dem Himmel sei Dank, noch jung ist und nur einer schlech-
ten erschlafften Zeit angehört, daß die wissenschaftlich Gebildeten
am wenigsten ein Vaterland hätten". „Alle" — sagt er — „die Gott zu
etwas Großem berufen hat in dem Gebiete der Wissenschaften, in
den Angelegenheiten der Religion, sind immer solche gewesen, die
von ganzem Herzen ihrem Vaterlande und ihrem Volke anhingen und
l6 Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
dieses fördern, heilen, stärken wollten." Denn „es ist nicht die Not,
die den Menschen festhält an seiner Stelle, sondern eine innere Lust
und Liebe, ein angeborenes gemeinsames Dasein, eine unzerstörbare
Zusammenstimmung". Ja, er erklärt mit einer völlig schonungslosen
Schärfe gegen die Lehre von der schönen Individualität, daß selbst
die schönen Empfindungen des Privatlebens in dieser Lage des staat-
losen Daseins verdürben. „Ihre allgemeine Liebe beschränkt sich auf
die gewöhnlichen guten Eigenschaften, welche sich, wenn ich so sagen
darf, im kleinen Dienst des Lebens äußern. Und darum sind sie
größtenteils so weichlich empfindsam gegen alle Kleinigkeiten, welche
sich da ereignen." Erst durch den Staat erhält das Empfindungsleben
des Individuums einen großen Zug und die Freiheit und Energie der
Bewegung, deren die starke Individualität eben am meisten bedarf.
Noch bevor die Not von Jena die Bedeutung des Staates und des
Patriotismus handgreiflich machte, drang sein moralischer Individua-
lismus zu dieser Hingabe an den Staat vor. Denn diese Sätze über denr
selben gehören Predigten an, die vor der Katastrophe lagen. Aber auf
ihrer Höhe stand diese Gesinnung, als alles verloren schien und nichts
übrigblieb, als der große Glaube an die unwiderstehliche Gewalt des
mit der göttlichen Weltordnung einigen, in sich selber ruhenden Wil-
lens. Wenn man die Predigten aus dieser Zeit liest, ist es, als ob aller
Reichtum seines religiösen Lebens sich damals in diesen einzigen Ge-
danken gesammelt hätte. Und dieser Gedanke zündete. „Es gibt keinen"
— erzählt Steffens von seiner Berliner Kanzelwirksamkeit —, „der wie
er die Gesinnungen der Einwohner hob und regelte; Berlin ward durch
ihn ein ganz anderes. Sein mächtiger, frischer, stets reger Geist war
einem kühnen Heere gleich in dieser trüben Zeit." So wirkte er auf
Unzählige. Und als in jener Nacht, am 5. Januar 1809, Preußens größ-
ter Staatsmann auf seinem einsamen Schlitten, proskribiert, der Grenze
zueilte: da hat auch er an Schleiermachers Neujahrspredigt gedacht
über das, was der Mensch zu fürchten habe und was nicht zu fürchten
sei, die er am ersten Tage dieses Jahres mit den Seinigen gelesen hatte;
sie erschien ihm nun als die passendste Vorbereitung auf die nachher
so rasch gefolgten Ereignisse. In seiner einsamen Seele weckte sie
eine ruhige Fassung, die alles Gewaltigste auf seinen wahren Wert
zu bringen bereit war. Und welche wunderbare Form war es, in der
Schleiermacher diese Wirkung übte! Wenn man sich in diese Predigten
einliest, scheint es einem undenkbar, daß dieser ruhige Fluß gleich-
mäßig langer, ineinander verketteter Perioden, in welchen ein künst-
licher Bau weitverzweigter Gedanken sich gelassen bewegt, jemals ein
Gemüt wirklich ergriffen hätte. Nirgend schlägt ein rascherer Puls
der Empfindung in knappen Sätzen oder schneidenden Worten; kaum,
Wirkung der Predigten
daß die Bewegung des Gemüts sich manchmal in einem Bilde Aus-
druck schafft. Die Sprache Piatos, der Geist antiker Ruhe und Ge-
messenheit spricht aus ihnen. Wie man sie nun aber öfter und — was
unerläßlich ist — mit Vergegenwärtigung aller Zeitverhältnisse über-
blickt, wie fast auf jeder Seite die bestimmtesten Beziehungen auf diese
Verhältnisse im klaren Fluß der Rede ruhig hervortreten: da emp-
findet man es nach, mit welchem eigentümlichen Zauber diese tiefe
Ruhe und Besonnenheit, indem sie ihr stilles Licht über unerhörte Lei-
den und Befürchtungen, kühne Entschlüsse, schmerzliche Verzweiflung
ausbreitet, die Gemüter erfüllen mußte. Hier läßt sich bur andeuten,
was allein durch eine chronologisch bearbeitete Sammlung dieser Pre-
digten mit historischen Vorbemerkungen und Winken zur Anschauung
gebracht werden könnte.*
Das preußische Heer war im Rückzug nach der Oder, die Prenzlauer
Kapitulation verbreitete einen panischen Schrecken, Halle war besetzt.
In Schleiermachers Briefen schlägt überall die Furcht vor einem
raschen Frieden durch. Da hielt er in Halle jene wunderbare Predigt,
deren Thema schon wie Ironie klingt: daß überall Friede sei im Reiche
Gottes — in der in seiner eigensten Weise, mit einem scheinbar un-
willkürlichen, in der Tat bitter treffenden Witze aus Friedenswünschen
überall die Hoffnung auf Ausdauer im Kriege abgeleitet wird. Innere
Ordnung, Besonnenheit in der Kühnheit, das ist der Friede in dieser
Welt des Krieges, in der es nach außen nur Waffenstillstände gibt;
die Gesinnung, welche der äußeren Ruhe den inneren Frieden opfert,
ist die schlimmste Feindin dieses wahren Friedens.
Wie die Nachrichten von den Kapitulationen sich häufen, Welle
auf Welle der Strom des Unheils hereinbricht, zeichnet er mit ruhigen,
großen Zügen, dem müßigen Klagen und faulen Lästern der eudämo-
nistischen Masse gegenüber, die Bedeutung der letzten Ereignisse. Es
ist die Predigt über die Benutzung öffentlicher Unglücksfälle. In den
Fehlern der Feldherren, der Truppen, der Regierung kommt nur die
Schuld des Ganzen an den Tag. Und neben ihnen mag man sich doch
daran erfreuen, daß auch jetzt noch dem Volke überall Duldsamkeit
in Beschwerden und Mut in Gefahr einzuflößen sind, wo Vertrauen
* Die Chronologie der politischen Predigten läßt sich leider nicht überall her-
stellen, obwohl sie gerade hier, für das Verständnis der einzelnen Anspielungen,
besonders nötig wäre. Doch läßt sich so viel sagen : die klassische Predigt I, 223
fällt in die zweite Hälfte August oder Anfang September 1806: I, 239 wahr-
scheinlich etwa 16. November 1806; I, 251 etwa den 23. November (Briefw. mit
Gaß 57, aus Schleiermachers Leben II, 79); die beiden folgenden sind bezeichnet
als am letzten Sonntag 1806 und Neujahrstag 1807 gehalten; die zwei Predig-
ten I, 326—360 fallen dann wahrscheinlich in den Dezember 1807, Januar 1808;
die letzte der Sammlung ist bezeichnet als am 22. Januar gehalten. Die hierher-
gehörigen Predigten des vierten Bandes sind datiert.
l8 Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
auf eine verständige Führung herrscht — eine offenbare Anspielung
auf die Bravour des Blücherschen Rückzuges. Welche Demütigungen
auch noch in dieser Zeit der Läuterung unserem Volke und wie lange
bevorstehen mögen: nach dem Gesetz der göttlichen Weltordnung wird
es, wenn es sich nicht selbst aufgibt, einst noch der Mittelpunkt wer-
den, um den alles Gute und Schöne sich sammelt. Wie derselbe Ge-
danke in einem gleichzeitigen Briefe anklingt: „Deutschland, der Kern
von Europa, wird in einer schöneren Gestalt sich wieder bilden."
Das unglückselige Jahr neigte sich zu Ende. Was hatte er verloren !
Es war nicht lange, daß er an seinem Geburtstage in schmerzlichem
Nachsinnen überdacht hatte, wie ihm das Schicksal alles geraubt habe:
ein Jahr zuvor hatte er um Eleonoren trauern müssen, mit welcher
alle Träume seiner Jugend von ihm schieden; und nun war er des
Berufs beraubt, an dem er sich damals noch halten durfte. Aber sein
tiefes Auge schaut darum nicht weniger hell in den großen Gang der
Zeit, der hinter den erschütternden Ereignissen und den persön-
lichen Geschicken liegt. Er spricht es aus, „daß die letzten Zeiten
nicht schlechter sind als die vorigen". Aus der Ruhe und dem Wohl-
stand erhob sich ein leichtfertiges Jagen nach Genuß, selbstischer,
friedloser Sinn in der Familie, habsüchtiger Egoismus der Beamten
und Indolenz der Bürger im Staate. Unser früherer Reichtum war
Schein. Und Schein ist auch unser jetziger Verlust. Unsere Selbständig-
keit ist vernichtet, unser König zurückgedrängt an die Grenzen seines
Reichs; aber ein selbständiger reiner Wille der einzelnen, in der Fa-
milie ein herzliches Ineinanderleben, getragen von großen gemein-
samen Gefühlen, im Staate ein neues Vertrauen der Stände aufein-
ander, eine neue Hingebung aller an das Ganze haben sich erhoben.
Mitten unter den Ausbrüchen der Krankheit verkündigen sich schon
die Zeichen der Genesung.
Und dann, ein paar Tage darauf, am Neujahrstag 1807, wendet er
sich von der Vergangenheit zur Zukunft mit jenem herrlichen „was
wir fürchten sollen und was nicht". Es ist der helle, scharf-heitere
Geist der Monologen — noch in der persönlichen Erscheinung des
Sechzigjährigen das am meisten Charakteristische —, was aus dieser
Predigt voll Leben und Will ens énergie redet. Die Furcht ist schlimmer
als jeder Verlust, schlimmer als der Tod selber. „Wer sich erst ge-
stattet, aus Furcht irgend der Stimme seines Herzens nicht zu folgen,
sondern die inneren lebendigsten Bewegungen zurückzuhalten, dem
wird allmählich auch die Beweglichkeit selber verloren gehen; und in
einer Fühllosigkeit, welche mit der Furcht wächst, bis er an nichts
mehr teilnimmt, als an seinem eigenen schon ganz verarmten und un-
würdigen Dasein, wird er die schönste Hälfte seines Lebens verlieren."
Was wir fürchten sollen und was nicht ig
— „Ohne einen Verdacht zu hegen, als sei es schlechter geworden, ent-
steht in ihm jener schwächliche zitternde Zustand, der den Menschen
nicht mehr derb auftreten, nicht mehr fest zuschreiten läßt" — ihm
das Verhaßteste und Armseligste. Der furchtlose Wille aber ist über
jedes Schicksal erhaben. Es klingt wie aus den Monologen, wenn er
ausspricht: „Wie auch jedem die äußere Wirksamkeit zerrüttet, die
wohlausgeführten Werke zerstört und alles Leibliche seines Tuns und
Seins verwundet oder getötet werde (empfand er doch das alles selber) :
wir werden unter allen Zerstörungen jene göttliche Kraft in uns fühlen,
vermöge deren der Geist überall seinen Leib, seine Glieder, seine Werk-
zeuge wiederherstellt oder neu erschafft; und so werden wir mutig
und heiter, tüchtig und unbesiegt der Welt zum Trotz, Gott zum Preise,
uns selbst zur Zufriedenheit dastehen."
Nur eine Predigt ist dann noch aus der Halleschen Zeit vorhanden —
seltsam, aber in ihrer Seltsamkeit für das feine Umspinnen biblischer
Sätze mit der üppig wuchernden Dialektik seiner Gedanken, wie es
ihm eigen war, höchst charakteristisch. Er nimmt die Wandlung des
Wassers in Wein zum Text. Und indem jedes einzelne Wort umge-
deutet wird, schildert er mit lebendiger Anschaulichkeit, wie die edlen
Männer, welche diesem eudämonistischen Zeitalter aufhelfen sollen,
zu kämpfen haben, wie man ihres Winkes gewärtig sein müsse, wie
die Geduld sich endlich in herrlichem Erfolg belohnen würde. Die
ganze Geschichte von der zukünftigen Erneuerung und Befreiung
Deutschlands blickt hinter dem alten Wunderbericht hervor.
In einem merkwürdigen Briefe an Raumer aus dem Januar 1807
spricht sich dieselbe Ansicht der Lage, die in den Predigten zugrunde
liegt, nüchtern und im Detail dahin aus: „die Anschauung der fran-
zösischen Armee hat mich wenigstens überzeugt, daß an eine dauernde
Herrschaft dieser Macht über unser festes Land nicht zu denken ist,
und was man von der französischen Verwaltung sieht, scheint nicht
mehr Sorge zu erregen. Der Herrscher hat zu wenig den Sinn eines
Königs; alles scheint mir darauf berechnet zu sein, einen unsicheren
Emporkömmling durch Benutzung jedes niedrigen Interesses zu be-
festigen. Und sollte es denn nicht leicht sein, selbst seine Kriegskunst
zu besiegen durch Beharrlichkeit von vorn und durch k l u g e L e i t u n g
d e r B e w e g u n g e n , die sich notwendig weit im Rücken der Heere
organisieren müssen? Doch wäre dies vielleicht für manches andere
Übel eine Palliativkur. Um ein neues Deutschland zu haben, muß wohl
das alte noch viel weiter zertrümmert werden. Außerdem, daß ich
ein Deutscher bin, habe ich wirklich aus vielen Gründen die Schwach-
heit, ein Preuße zu sein, zum großen Ärger Ihres Bruders und Stef-
fens'. Aber freilich geht meine Leidenschaft auf eine I d e e v o n
20 Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
P r e u ß e n , w e l c h e v i e l l e i c h t in d e r E r s c h e i n u n g d i e w e n i g -
s t e n e r k e n n e n . " Mitten im Unglück tritt hier nur mutiger fort-
gebildet sein alter Gedanke von Preußen als dem Staat protestantischer
Bildung und der auf dieser ruhenden straffen persönlichen Kraft her-
vor. Im Rücken der Heere wird er durch diese Kraft der Bürger
einen unbesiegbaren Rückhalt gewinnen; durch sie wird er dann der
Mittelpunkt Deutschlands werden. Man konnte nicht genauer die Ge-
danken ausdrücken, auf welchen die Zukunft des preußischen Staates
damals ruhte. Aber der Prophet selber ahnte, welche Widerstände im
Hintergrund lagen. „Ob sich nun diese Idee nach der gegenwärtigen
Krisis besser herausarbeiten wird, steht dahin; vieles Gute erscheint
mir fast unvermeidlich." Wie bitter spricht aus diesem „unvermeid-
lich" seine Ansicht von den damaligen Leitern der preußischen Politik.
Zunächst sollte der Tilsiter Friede eine furchtbare Enttäuschung
bringen. Aus dem von Feinden besetzten, vereinsamten Halle war
Schleiermacher für den Sommer nach Berlin gegangen. Den wohl-
meinenden Ratschlägen der Freunde entgegen hatte er die noch schwe-
benden Bremer Verhandlungen abgebrochen. Er hatte keine äußere
Stütze, als eine Ungewisse entfernte Aussicht auf eine Berliner Uni-
versität und die edle Freundschaft Georg Reimers. Einstweilen las
er über die griechische Philosophie. Er war eben gerade zu seiner
Erholung auf ein paar Tage bei seinem jungen Freunde Marwitz in
Friedersdorf, als Reimer und Varnhagen die Nachricht von den Til-
siter Friedensbedingungen brachten. „Marwitz und Schleiermacher
waren in Niedergeschlagenheit ganz betäubt, als sie diese schmach-
vollen Bedingungen der Reihe nach vernahmen." Mit überaus komi-
scher Entrüstung berichtet Varnhagen, wie diesem tiefen Schmerz
gegenüber jedes geistreiche Gespräch wirkungslos geblieben sei; ja
Schleiermacher habe ihm sogar verübelt, daß er sich über die Nieder-
geschlagenheit desselben „zu rasch und überlegen hinweggesetzt habe".
Alle nächsten Pläne waren zertrümmert.
Sein erstes Wort über diesen Frieden, der kein Frieden sein konnte,
war der bittere „heilsame Rat, zu haben als hätten wir nicht". Er sagt
es geradezu, daß er diesen Rat gegen die richte, welche in diesem dem
Namen nach wiederhergestellten Frieden den Anfang wirklicher Ruhe
sehen möchten, aus dem Mißbehagen der gestörten Genußsucht, oder
auch aus dem armseligen Bedürfnis äußerer Sicherheit. Das Leben ist
keine ruhige Ansiedelung, sondern ein Kampf. Rüstige Streiter sollen
wir sein, die alles gern dahinter lassen, was sich nicht mit der leichten
und behenden Führung der Waffen verträgt. Es gilt alles, Beruf,
Lebensfreude, häuslichen Kreis, zu haben als hätten wir nicht. Wie
unser Beruf, unsere äußere Lage, die ruhigen Verhältnisse unseres
Tilsiter Friede 21
Lebens aus unserem Willen entstanden sind, in das Reich Gottes wir-
kend einzugreifen: so soll das alles allezeit auch nur als solches Mittel
geachtet werden. Jeder Schmerz soll nur der Sache, nicht unserem Ver-
lust gelten. Wenn uns Gedanken beschleichen möchten, ob es recht
sei, vielleicht vergeblich Not über die Unseren zu bringen, andere uns
anvertraute Menschen für das große Werk mit aufs Spiel zu setzen:
,,dann ist es hohe Zeit, uns zu ermannen, Weiber, Kinder, Freunde zu
haben, als hätten wir keine." Wir sollen in dem Sinne für die Unseren
handeln, daß nur deren sittliches Urteil damit übereinstimmen sollte,
gleichviel, ob sie es tun: das ist nicht Härte, sondern Wohltat. „Was
verloren ist für uns, das kann nur wiedergewonnen werden durch sol-
chen Sinn; was noch übrig ist und in Gefahr schwebt, kann nur er-
halten werden durch ihn."
Wie mußten solche Worte ergreifen, ohne rednerisches Pathos, der
reine, gefaßte Ausdruck seines persönlichsten Willens. Es ist merk-
würdig, wie in den paar erhaltenen Briefen dieser Jahre überall die
Themata der Predigten anklingen: sie waren der Ausdruck seiner inner-
sten Kämpfe und Erlebnisse. Und darum hing er auch so an der Kanzel,
daß er sagte: ,.Predigen, mit einiger Muße und der täglichen Nah-
rung ist alles, was ich eigentlich bedarf." So geht ζ. Β. neben dieser
letzten Predigt ein Brief her, in dem er sagt: „Vor allem bin ich über
mein eigenes zerstörtes Schicksal so ruhig und gleichgültig, wie ich
mir kaum gedacht hätte. Die einzelnen kleinen Verhältnisse des Lebens
verschwinden ganz neben · dem großen Schauspiel. Das kleinste, was
ich in diesem wirken könnte, würde mich jetzt mehr freuen, als das
größte in meinem besonderen Kreise. Unser u n v e r s c h u l d e t e r
Friede ist noch unsicherer, als der Krieg gewesen ist. Nur den Vor-
satz habe ich, meinem unmittelbaren Vaterlande Preußen so lange
nachzugehen, als es besteht und dieses Vorsatzes nicht unwürdig ist.
Sollte es dem Unglück ganz erliegen, so will ich, solange ich kann,
das deutsche Vaterland da suchen, wo ein Protestant leben kann und
wo Deutsche regieren. Dabei tun zu können, was meines Berufs ist,
wird mir doch nie ganz fehlen. So muß sich trösten, wer die Waffen
nicht führen kann."
Und noch einschneidender, kriegerischer lautet dann die nächste
Predigt. ,,Von der Beharrlichkeit gegen das uns umdrängende Böse."
Er warnt vor der Tollkühnheit vereinzelter eigenwilliger Kämpfe ; aber
wo einer im Namen des Ganzen steht — diese Mahnung ist direkt an
die unter den Augen des Feindes in Berlin tätigen Beamten gerichtet
— lasse er sich durch keine Drohung oder Überredung über den Willen
des Ganzen täuschen, als würde dieses nicht mehr die alte Pflicht-
erfüllung von ihm fordern; er handle im Geist der vaterländischen
22 Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
Gesinnung. Und wenn es einmal gilt, das Höchste zu wagen: dann
schwinde alles Hin- und Herrechnen über den Erfolg vor dem ein-
fachen, harten physischen Mut. „Wie gewaltig die Natur in den Tieren
wirkt, wenn sie um ihr Leben kämpfen, daß sie unbesorgt um den
künftigen Augenblick und um die allmähliche Erschöpfung ihrer
Kräfte, nur in jedem gegenwärtigen alles daransetzen, was sie haben:
so gewaltig wirke in uns die Gnade, das Gefühl von der Heiligkeit
des sittlichen Willens, daß wir, unbekümmert um das Ende, nur jeden
Augenblick den Angriffen des Bösen alle unsere Kräfte entgegen-
stellen."
Als nun das Ministerium Steins mit der Reform des Staates be-
gann, scheute er sich nicht, auf der Kanzel die Verteidigung derselben
zu führen. Am Geburtstag Friedrichs des Großen, den eine ohn-
mächtige und kindische Sehnsucht zurückrief, während bereits der
Mann da war, der sein Werk erhalten und fortsetzen sollte, sprach er
„über die rechte Verehrung gegen das einheimische Große aus einer
früheren Zeit". Wohl gibt es Bleibendes, Unvergängliches im preußi-
schen Staate, Gesetze des altpreußischen Wesens: arbeitsame Sparsam-
keit, Rechtsschutz gegenüber der Regierung und Gleichheit der Bürger
vor dem Gesetz, Aufklärung, Glaubens- und Gewissensfreiheit. Diese
gilt es völlig und aufrichtig zu handhaben. Auf diesen Grundlagen
muß ein neues Gebäude errichtet werden; das Alte, das vor den Stür-
men der Zeit wich, hat sich dadurch des Wiederaufbaus unwert er-
wiesen. Dies neue Gebäude ist nichts anderes, als der nach Steins Re-
formen reorganisierte Staat. Es ist der Grundgedanke desselben, daß
jeder in den Stand gesetzt werde, durch nützliche Tätigkeit seinen
ganzen inneren Wert frei darzulegen, daß dieser Wert anerkannt werde
von der Gesellschaft, daß endlich sich künftig das Recht durch die
Übereinstimmung aller als die natürlichste Wirkung des vereinigten
Verstandes und der vereinten Kräfte bilde. Das war in der Tat der
Staat, wie er aus den Prinzipien folgte, deren Entwicklung bei Schleier-
macher wir hier verfolgt haben.
Im Februar 1808 hat Schleiermacher seine politischen Predigten
in einer Sammlung veröffentlicht, damit sie „einleuchtend machten,
woher allein wahres Heil kommen kann und wie ein jeder dazu mit-
wirken muß". Die Hauptsache blieb die Wirkung auf Berlin selbst,
dem er fortab als Prediger angehörte. Es war ein seltsam gemischtes
Publikum, das sich in der Dreifaltigkeitskirche um den „Redner der
Religion" versammelte. Scherzend schreibt er an Brinckmann: „Bunter
ist wohl kein Auditorium : Herrnhuter, Juden, getaufte und ungetauf te,
junge Philosophen und Philologen, elegante Damen, und das schöne
Bild vom heiligen Antonius muß mir immer vorschweben." Die ge-
Neuer politischer Wirkungskreis 23
wichtigsten Zeugen bestätigen, daß durch ihn und Fichte der Geist
der Stadt in diesen Jahren völlig umgewandelt wurde. Auf ihnen, auf
ihrer Überzeugung von der göttlichen Weltregierung und dem Beruf
des prqtestantischen Deutschland in dem Plane derselben, nicht auf
orthodoxen Theorien von Erbsünde oder Zurechnung beruhte die reli-
giöse Begeisterung, welche die Freiheitskriege durchdrang. Heute, wo
die freie Sprache der Tribüne der politischen Begeisterung offen steht,
klingt manches Wort aus Schleiermachers Predigten seltsam und ab-
strakt, welches politische Ideen in Kanzelsprache umsetzt; an mancher
Anspielung würden wir jetzt die Überschreitung des religiösen Ge-
bietes mißbilligen. Hat man doch auch in Fichtes Schriften aus jenen
Jahren die Vermischung des Politischen und Wissenschaftlichen hart
getadelt. Worüber die Fachkritik den Kopf schüttelt, gerade daran
erfreut sich hier der historische Blick. In seiner Absperrung vom poli-
tischen Leben schuf sich damals der patriotische Drang willensstarker
Naturen Formen, wie er eben vermochte; gleichviel, was Kritiker davon
denken mochten: es galt, daß in ihnen d i e Gedanken an die Nation
kamen, deren sie bedurfte.

Aber diesem leidenschaftlichen Drang patriotischer Wirksamkeit er-


öffnete sich seit 1808 noch ein anderer höchst merkwürdiger Wir-
kungskreis, der ein persönliches, praktisches Eingreifen gestattete. Wir
begegnen auch hier wieder einer außerordentlichen Form der Tätig-
keit für den Staat, welche aus der ungewöhnlichen Lage desselben
entsprang. Wir meinen die patriotischen Verbindungen dieser Jahre.
Seit der Broschürenflut, welche Schmalz' Angriff auf diese Verbin-
dungen 1815 hervorrief, haben wir über die Organisation der Patrioten-
partei von 1808 und 1809 — denn auf eine solche zielten eigentlich
alle diese Verbindungen ab — mannigfache Mitteilung erhalten, die
interessantesten von Hausser aus der Götzenschen Korrespondenz und
von Barsch aus dem Schatze seiner Erinnerungen zur Berichtigung
der Voigtschen Schrift über den Tugendbund. Schleiermachers früher
vielbesprochener Anteil an dieser nationalen Agitation trat im zweiten
Band seiner Briefe zwar in einigen Briefen an seine Braut in geheimnis-
vollen und spannenden Andeutungen hervor, ohne indes näher aufge-
klärt werden zu können. Dies wird nun durch einige Briefe von und
an Schleiermacher möglich, welche wir aus dem Nachlaß verschie-
dener Personen zusammenstellen. Sie müssen im Zusammenhang der
damaligen Tätigkeit der Patriotenpartei betrachtet werden.
Diese Tätigkeit beruhte auf der Lage und Stimmung Norddeutsch-
lands zwischen dem Tilsiter und dem Wiener Frieden. Nach diesem
ersteren Frieden standen auch in den preußisch gebliebenen Landesteilen
D il t h e y , Gesammelte Schriften XII ο
24 Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
noch bedeutende französische Truppenmassen; durch nichtswürdige
Interpretation des Friedensvertrags, der nur „genügende Bürgschaft" für
die Kontributionen verlangte, ward die Räumung des Landes von
Monat zu Monat hinausgeschoben; Napoleon hemmte durch diese Fes-
sel die preußische Regierung vorläufig in der kleinsten ihm unwill-
kommenen Bewegung. Die Tätigkeit der Regierung zur Vorbereitung
eines etwaigen Kriegs war völlig suspendiert. Und doch mußte Preu-
ßen, nach dem Urteil einer Partei, welche die Besten in sich schloß
und von der Stimmung des Landes getragen war, die nächste günstige
Kombination zu einer Allianz gegen Frankreich ergreifen, sollte es
nicht gebunden seinem Ruin entgegengeschleift werden. Der Regierung
in ihren öffentliche Äußerungen stand nur der Weg einer den Fran-
zosen in ihrem wahren Sinne unverständlichen Reform offen; aber
daneben waren die bedeutendsten Mitglieder derselben, Stein, beson-
ders aber Scharnhorst und Gneisenau, im stillen für die Verstärkung
des Kriegsmutes, der Waffenfähigkeit, der engen Verbindung der Pa-
trioten im Lande tätig. Mehr noch von dem Gefühl innerer Überein-
stimmung mit den Bestrebungen dieser Männer, als von ausdruck-
lichen Beziehungen zu denselben getragen, vereinigten sich überall in
den einzelnen Provinzen und engeren Kreisen Patrioten zu gemein-
samer Tätigkeit. Die große Anzahl der im Frieden entlassenen Offi-
ziere und der Beamten der verlorenen Provinzen bot, ohnehin beruflos
und von der heftigsten Leidenschaft gegen Napoleon bewegt, überall
die leichtesten Anknüpfungspunkte dar. Ihre Zwecke waren klar. Auch
nach der Reorganisation des Heeres vom Herbst 1807 setzten Scharn-
horst, Gneisenau, Boyen große Hoffnung auf einen Volkskrieg. Der
Mut hierzu mußte der Bevölkerung eingeflößt, Waffen beschafft, Ver-
bindungen geknüpft werden, damit im Augenblick des Kriegs wie mit
einem Schlage alles bereit sei. Auch auf das nichtpreußische Nord-
deutschland mußte man rechnen, und auch hier wurden Verbindungen
angeknüpft. Man mußte eine Übersicht über Verteilung und Anzahl
der französischen Truppen haben. Kurz, Wille und Leitung der Re-
gierung, welche in dieser Zeit gehemmt war, mußten durch die gemein-
same Tätigkeit der Privaten von einzelnen Kreisen aus ersetzt werden.
Geheime Verbindungen, in dem Sinne der Illuminaten und späteren
Verbindungen in unserem Jahrhundert, mit fester Organisation, feier-
licher Aufnahme, Gehorsam gegen die Oberen waren diese Einigungen,
von denen wir hier reden, nicht. Erst aus dem Schöße des Freimaurer-
ordens, der Loge zu den drei Kronen in Königsberg, kam im Frühjahr
1808 der Gedanke an eine solche Organisation, welche dieser Tätig-
keit der einzelnen Kreise eine einheitliche Leitung gäbe; aber die mei-
sten der hier geschilderten Verbindungen weigerten sich, dieser künst-
Die politischen Verbindungen 25
liehen Organisation sich einzufügen. Die Existenz eines „Tugendver-
eins" als einer geschlossenen Einheit dieser Verbindungen a u ß e r h a l b
des Tugendbundes hat sich wenigstens bis jetzt nicht historisch kon-
statieren lassen.
Das abfällige Urteil tüchtiger und patriotischer Männer wie Yorck
und Niebuhr über diese Verbindungen ist bekannt; es ist auch neuer-
dings wieder aufgenommen worden. Indes weiß man, wie bitter der
eine von diesen über die Tätigkeit Steins 1808, der andere über die
Katastrophe des großen Staatsmanns geurteilt hat: beide waren min-
destens zu leidenschaftliche Beurteiler. Der Wille auch der in dem
hohen Ziele Einigen stieß in diesen aufgeregten Zeiten oft hart einer
gegen den anderen; die Urteile der großen Männer gegeneinander
haben daher nicht selten etwas Scharfes, Maßloses. Auf der anderen
Seite dürfen wir uns darauf berufen, daß Männer wie Scharnhorst und
Gneisenau in beständiger Beziehung zu diesen Verbindungen standen
und ihre Wirksamkeit billigten, daß Männer wie Grolmann, Boyen,
Eichhorn, Schleiermacher — so viele andere Tüchtige — in ihnen mit
Begeisterung tätig waren. Die Hauptsache scheint uns diese: D a s U r t e i l
über diese V e r b i n d u n g e n ist a u s s c h l i e ß l i c h a b h ä n g i g von
dem ü b e r e i n e n p r e u ß i s c h e n K r i e g im J a h r e 1808 o d e r 1809.
Denn ohne geheime Vorbereitungen der verschiedensten Art konnte
ein solcher schlechterdings nicht geführt werden. Für solche bedurfte
es Komitees. Daß es aber zu einem solchen Krieg im Verein mit Öster-
reich und mit Unterstützung Englands, während Spanien den Impera-
tor ohnehin beschäftigte, damals nicht kam : das beklagt auch der Ver-
fasser der deutschen Geschichte, gewiß ein kompetenter Beurteiler
dieser Dinge. Und wer bedenkt, wieviel günstiger damals die Aus-
sichten für eine würdige Gestaltung Deutschlands durch einen Frieden
gewesen wären, wird nicht anders können, als es beklagen. Hiermit
fällt aber das Deklamieren gegen das sogenannte „Verbindungswesen"
in nichts zusammen. Etwas anderes ist das Urteil darüber, ob man gut
tat, zu diesem großen Zweck auch gefährliche Elemente, wie sie na-
mentlich die Kreise der jungen Offiziere bargen, zu benutzen, und ο b
n a c h d e r Z u r ü c k z i e h u n g d e r f r a n z ö s i s c h e n T r u p p e n die
Verbindungen noch ein Bedürfnis waren.
Unter diesem Gesichtspunkt muß nun auch das Komitee oder die
Verbindung betrachtet werden, welche in Berlin bestand und zu der
Schleiermacher damals zugezogen wurde. An der Spitze stand Graf
Chasot. Als die eigentliche Seele desselben bezeichnet der freilich in
diesem Punkte nicht unparteiische Steffens den damaligen Kammer-
gerichtsassessor Eichhorn, den späteren preußischen Unterrichts-
minister. Die Fäden, welche diese Verbindung unterhielt, liefen über
20 Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
ganz Norddeutschland; zum Teil mit englischem Gelde reisten Offi-
ziere in den verschiedensten Teilen desselben; ein weitverzweigter
Briefwechsel ward unterhalten. Was ihre Organisation betrifft, so er-
klärt Schleiermacher von ihr, daß „durchaus keine Form bestand und
es mehrere Personen gab, von denen er nicht zu sagen gewußt hätte, ob
sie Mitglieder waren oder nicht", „daß er bei ihren Zusammenkünften
nie das leiseste Gefühl gehabt habe, als handle er seinem Grundsatz
entgegen, nie in eine geheime Gesellschaft zu treten". „Ich rechnete
mir's zur Ehre — so erzählt er in der Broschüre gegen Schmalz —, als
sie mich in ihren Kreis zogen, gewiß mehr, um mir selbst einen er-
freulichen Haltungspunkt mehr zu geben, als daß sie viel von mir er-
wartet hätten. Denn wenn ich gleich ganz in ihrem Sinne war, eo
gestatteten mir meine Verhältnisse doch nicht, viel in diesem Sinne
zu tun. Ich wage auch nicht, mich den anderen gleichzustellen, da sie
alle ohne Ausnahme, auch die nicht vorher schon Soldaten waren, her-
nach, als es wirklich galt, für den König und die Befreiung des Vaterlan-
des ihr Leben darangewagt und manche Teure es auch geopfert haben."
Die erste Andeutung seiner Beziehung zu dieser Gesellschaft findet
sich am 7. August 1808. Seit dem Dezember hatte er sich in Berlin
fest niedergelassen; als er nun eben im Sommer von einer Rügener
Reise zurückgekehrt war, ward die Verbindung angeknüpft. „Viel Ver-
trauen und Liebe — so schreibt er damals — ist mir hier entgegen-
gekommen, auch schon in dieser kurzen Zeit, von n e u e n u n d m e r k -
w ü r d i g e n S e i t e n , und was ich geweissagt habe, daß diesen Winter
noch große Verwirrungen in Deutschland losgehen werden, davon sehe
ich schon mehrere bedeutende Vorzeichen." Dann, einige Tage später,
am 18. August 1808, abermals an seine Verlobte: „An dem, was mich
jetzt am meisten bewegt und beschäftigt, mußt Du eben auch Anteil
nehmen, und wenn Dir die Herz nichts gesagt hat, so fordere es ihr
doch ab. Mir ahnt keine Gefahr, ich gehe keinen anderen Weg, als den
meines Berufes, und an Mäßigkeit und Vorsicht fehlt es weder mir
noch denen, welche im einzelnen mein Tun zu leiten haben. Es ist
durchaus eine würdige, schöne, tadellose Rolle, die ich spiele, und
was kann es Schöneres geben, als daß ich den Zustand der Dinge, auf
dem das Glück unseres Lebens beruhen muß, selbst kann leiten und
herbeiführen helfen. Der Himmel gebe nur, daß die Dinge einen sol-
chen Gang gehen, d a ß d i e A u s f ü h r u n g d e s s e n , was b e s c h l o s -
sen i s t , wirklich kann unternommen werden, welches n u r u n t e r
s o l c h e n U m s t ä n d e n g e s c h e h e n s o l l , u n t e r d e n e n es k a u m
m i ß l i n g e n kann." — „Noch eins — fügt er dann am Schluß des
Briefs hinzu — es kann sein, daß ich noch eine Reise nach Königs-
berg machen muß. Doch ist die Sache, die ich in sehr vieler 'Rück-
Schleiermachers Mitwirkung 27
sieht wünschen muß, noch sehr ungewiß; länger als drei Wochen hält
sie mich wohl kaum entfernt." Acht Tage darauf befand er sich be-
reits, im Auftrag jener patriotischen Gesellschaft, in Königsberg.*

Hier treten nun die vorhandenen Briefe ein. Wir versuchen ihre Re-
sultate im Zusammenhang darzustellen.
Diese Briefe führen uns in die verhängnisvolle Zeit, in welcher
sich Preußens Stellung zum Krieg von 1809 entschied. Die Darstellung
der damaligen Vorgänge, welche wir versuchen, wird die eine und
andere Stelle unerläutert lassen müssen: zeigen doch die wiederholten
Klagen über mangelnde „Musterhaftigkeit", „schlechte Dinte" und
ähnliche, daß die Freunde selber nicht alles zu enträtseln vermochten.
Das „am Rande" in dem Steffensschen Briefe deutet auf eine der
von ihm selber beschriebenen Methoden, besondere geheime Mittei-
lungen zu verstecken; wahrscheinlich muß ein ausgeschnittenes Blatt
über den Brief gelegt werden. Natürlich läßt sich dies nicht mehr
ermitteln.
Die aufregenden Nachrichten vom spanischen Volkskriege und seinen
Erfolgen kamen im August und September 1808 trotz des Absperrungs-
systems von Napoleon, eine die andere drängend, nach Norddeutsch-
land — Duponts Kapitulation bei Baylen, die Unruhen in Madrid, die
Flucht Josephs, endlich der Rückzug der Franzosen über den Ebro.
Unter dem begeisternden Eindruck dieser spanischen Nationalbewegung
rüstete Österreich unter Stadion energisch. Man rechnete diesmal neben
der Armee auf den Volkskrieg. Wenn es gelang, mit englischer Hilfe
Norddeutschland zur Erhebung zu bringen, durch plötzlich gesam-
melte Massen bis in das Königreich Westfalen hinein die französischen
Truppen zu vernichten: dann sah sich Napoleon dem verzweifelten
Kampf von halb Europa gegenüber; alle westlichen Nationen von den
schwedischen Nordküsten bis zur Südspitze Spaniens gegen ihn.
Gelang es nicht, isolierte sich Preußen, dann schien diese Monarchie
ein Spiel in der Hand Napoleons werden zu müssen; man mußte, wie
Scharnhorst dem König vorstellte, wehrlos seinen Plan erwarten, „dem
noch gebliebenen preußischen Staat eine andere Form zu geben und
alle Nationalität auszulöschen, der regierenden Dynastie sich zu be-
mächtigen".
Den Führern der preußischen Reformpolitik, Stein, Scharnhorst und
Gneisenau, erschien in dieser Lage der Krieg unvermeidlich. Er er-

* Aus den Daten seiner damaligen Korrespondenz läßt sich bestimmen, daß
sein Aufenthalt in Königsberg vom 25. August bis zum 22. oder 23. September
dauerte. (In den Pr. Jbb. folgen nun die Briefe, die hier fortgelassen sind. Ihre
Deckworte wurden von Dilthey entziffert.)
28 Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
schien ihnen aber auch nur mit der höchsten Anspannung aller Kräfte
denkbar. Die Aktenstücke dieser Männer aus dem August 1808 atmen
eine rücksichtslose Größe der Gesinnung, welche Preußen unbesieg-
bar gemacht hätte. Damals erklärte Stein, der Krieg müsse zur Be-
freiung von Deutschland, durch Deutsche geführt werden; auf den
Fahnen des Landsturms müsse das ausgedrückt sein; bei seinem Be-
ginn möge man den Adel aufheben, nur dem Verdienst in diesem
Kriege solle er zuteil werden. Es sollte keiner Zeugnisse bedürfen,
obwohl es nicht an solchen fehlt, daß diese preußische Regierung
die Vorbereitungen und Rüstungen zu einer allgemeinen Erhebung
Norddeutschlands, wie sie die Komitees und Verbindungen betrieben,
nicht nur nicht mißbilligte: da sie auf d i e s e l b e n a l s auf e i n s
d e r w e s e n t l i c h s t e n E l e m e n t e i h r e s P l a n s r e c h n e t e . In
seiner klassischen „Darstellung der Lage von Europa" vom n . August
1808 sagt Stein: „Man muß die Nation mit dem Gedanken der Selbst-
hilfe vertraut machen, man muß gewisse Ideen über die Art, wie eine
Insurrektion zu erregen und zu leiten, verbreiten und beleben. Hierzu
werden sich mehrere Mittel auffinden und anwenden lassen, ohne daß
die Regierung dabei tätig erscheint, die aber bei schicklicher Gelegen-
heit und unter günstigen Umständen diesen Geist wird benutzen kön-
nen." Über diese Mittel waren besondere Mémoires ausgearbeitet. So
weit waren unter Leitung der Regierung bereits die Vorbereitungen
der Insurrektion gediehen, daß, als der König seine Zustimmung von
der des Kaisers von Rußland abhängig machte, Stein und Scharn-
horst auf eine schnelle Entscheidung drangen, „damit nicht ohne hin-
reichende Veranlassung das Leben von Menschen auf das Spiel ge-
setzt und der Staat kompromittiert werde".
Denn bereits am 23. Juli hatte der König den General Götzen nach
Schlesien geschickt, der dort — an der Grenze von Österreich und
Preußen — Rüstungen ordnete, Verbindungen knüpfte, die geheimen
Gesellschaften unter dem Tugendbund konzentrierte, um eine raschere
einheitlichere Bewegung derselben zu ermöglichen. Wir sind über an-
dere Gegenden bis jetzt weniger instruiert; aber Scharnhorsts und
Gneisenaus Verbindungen liefen nach den verschiedensten Seiten.
So war nun auch, im Einverständnis mit Götzen, der Regierungs-
assessor Bardeleben, ein sehr tätiges und wie es scheint zur Verhand-
lung geschicktes Mitglied des Tugendbundes, im August kurze Zeit
in dem noch immer von den Franzosen besetzten Berlin gewesen, dort,
wie sich Götzen ausdrückt, „die Kommunikation zu eröffnen". Seine
Bemühung blieb erfolglos. Der Kriegsrat von Ahlefeld und der Geh.
Rat Schmalz, welche er gewann, traten bald wieder zurück. Nur sein
Schwager, der Geh. Sekretär Jochmus ward dauernd gewonnen und
Reise nach Königsberg 29
war für die Ausbreitung des Tugendbundes in lebhafter Tätigkeit.
Wir zweifeln kaum, daß man auch, wie Bardeleben überall in Schle-
sien tat, mit dem vorhandenen patriotischen Komitee Verbindungen
anknüpfte. Wahrscheinlich beziehen sich die Verhandlungen von Rei-
mer und Schleiermacher mit Böckler (Jochmus oder einem anderen
Mitglied des Tugendbundes), deren in den Briefen mehrmals Erwäh-
nung geschieht, auf Versuche dieser Art. Schleiermacher und seine
nächsten Freunde hatten zu der künstlichen Organisation des Tugend-
bundes mit seinen Kammern, Räten und Zensoren, seinem Über-
wachungssystem und seinen feierlichen Aufnahmeformeln kein Zu-
trauen.
Was Stein und Scharnhorst in der obigen Äußerung an den König
aussprachen, mußte das unter den Augen des Feindes tätige Berliner
Komitee lebhaft empfinden: ohne einen bestimmten Plan der Regie-
rung weitere Vorbereitungen zu treffen, die Offiziere in Aufregung
zu erhalten, gefährliche Korrespondenzen zu führen, schien bedenklich.
Schleiermacher erhielt den Auftrag, mit den in der Regierung befind-
lichen Freunden in Königsberg über die Vorbereitungen und Verbin-
dungen Rücksprache zu treffen, sich über die Sachlage zu informieren,
möglichst auf Entscheidung und Krieg zu drängen.
Am 25. August, gerade in den Tagen, an welchen Scharnhorst und
Stein in täglichen Gesprächen und Vorlagen, im lebhaftesten Kampf
mit der Gegenpartei, das Mißtrauen des Königs in seine Nation und
Österreich zu besiegen, sein Vertrauen auf Rußland zu widerlegen be-
müht waren, kam er in Königsberg an. Es zeigt, wieviel Wert man auf
das Berliner Komitee legte und wie gern man auch Schleiermacher
sah, daß er Steins (Christs) „ziemlich genaue Bekanntschaft" in ver-
traulichen Gesprächen machen durfte, mit Gneisenau und Scharnhorst
(Call und Mansfeld) konferierte. Auch die Königin (Quednows Frau)
sprach er, und lernte die Prinzeß Wilhelm (seine Schwägerin), die mit
ihrem Manne eine der edelsten Stützen der Patriotenpartei war, „eine
der ersten und herrlichsten deutschen Frauen", kennen. Der Geist,
der diese alle, Männer wie Frauen, durchdrang, war völlig entschie-
den; über die „Notwendigkeit des Hauptgeschäftes", wie er es bezeich-
net, war hier nirgends ein Zweifel. Sein erster, verlorengegangener Be-
richt erregte im Berliner Kreise große Freude und Hoffnung. Aber
dieser Geist war keineswegs der allein herrschende; Steins Ministerium
befand sich schon damals, am 6. September, also vor der Koppeschen
Affäre, in einer solchen Krisis, daß Schleiermacher diese Entscheidung
(Christs conte courante) abwarten zu können glaubte. Es stimmt diese
Auffassung Schleiermachers, der damals mit den Hauptpersonen per-
sönlich zu tun hatte, mit der Notiz von Pertz, daß Stein schon vor
30 Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
dieser Briefangelegenheit, im September, von sehr hoher und zuver-
lässiger Hand eine Warnung erhalten habe. Über den eigentlichen
Hergang dieses „Hauptsturms" sind wir bis heute noch nicht genauer
unterrichtet. Es wird vielfach angedeutet, daß persönliche Intrigen
beim König damals gegen ihn sehr täjtig gewesen seien; die politische
Frage war, wie sie Schamhorst schon im August formulierte, daß der
König sich entweder für die Kriegspolitik entscheiden und dann alle
widerstrebenden Elemente aus der Regierung entfernen müsse („das
Amt nicht länger im Unkraut liegen lassen") oder Stein und Scharn-
horst, den faktischen Kriegsminister, entlassen, wenn er sich zu Napo-
leon und Alexander halten wollte. „Wird ein kräftiger Entschluß ge-
faßt — schrieb damals Stein —, so entferne man alle Freunde der
Ruhe, damit nicht alles wieder gelähmt und in seiner fortschreitenden
Bewegung aufgehalten werde."
Die nächste Frage war, wie sich die Verhandlungen des Prinzen
Wilhelm am Pariser Hofe gestalteten, für welche man von einer per-
sönlichen Unterredung des Prinzen mit Napoleon immer noch gün-
stigen Erfolg hoffte. Denn auch Napoleon schien in seinen Verwick-
lungen ein klares Verhältnis zu Preußen zu bedürfen. Am 10., 13. und
17. August fanden die wichtigen Unterredungen des Prinzen mit Cham-
pigny — da der Kaiser immer noch nicht in Paris erschien — statt.
Auf diese Erwartung bezieht sich wohl die Briefstelle, daß man in
Königsberg Nachricht über ein Gespräch zwischen dem lieben Manne
(Napoleon) und unserem dortigen Freunde (Prinzen W.) erwarte, das
am 20. habe vorfallen sollen. Der Gesandte schlug eine Art Beitritt
zum Rheinbunde vor, welchen der König mit Entrüstung ablehnte, und
erhöhte mit unerhörter Dreistigkeit abermals die pekuniären Forde-
rungen.
Alle Hoffnung des Königs war nun auf den Kaiser Alexander ge-
richtet. Wenn irgendein einzelner die Schuld der langjährigen Ohn-
macht Europas Napoleon gegenüber zu tragen hat, so war es dieser
verschlagene und zugleich weichherzig-phantastische Mann mit seinen
ungeheuren Plänen, welche die Ostseeprovinzen und das osmanische
Reich umspannten. Auch damals, in einer Lage Europas, welche end-
lich gestattete, Frankreich in die Grenzen seiner Macht zurückzuwer-
fen, wurde er von Napoleon durch die „großen Ideen von Tilsit" für
Frankreich gewonnen. Er ward der Keil, der in die sich vorbereitende
Allianz von England, Schweden, Preußen und Österreich getrieben
ward. Während seiner dreitägigen Anwesenheit, in welcher Stein noch
einmal — vergebens — mit der ganzen einschneidenden Wucht seines
Verstandes ihm und dem König die Lage vorstellte, erhielt er es vom
König, daß dieser ihm die Verhandlungen für eine Ermäßigung der
Geheimer Briefwechsel 21
französischen Forderungen in Erfurt überließ. Was dies bedeutete,
durchblickt der Schleiermachersche Bericht, der am Tage der Ab-
reise Alexanders (Quednows Gast) geschrieben ist, vollkommen. Je
besser Alexander die preußische Kontributionssache auf dem Erfurter
Kongreß (der Erf. Messe) ordnet, desto mehr sinken die Hoffnungen,
daß der König sich zum Krieg entschließt (der Herde Brot gibt).
Seinen positiven Gegenplan vermögen wir nicht zu enträtseln. Er
wünscht, daß Alexander sich so eng mit Napoleon in Erfurt verbinde,
daß die Engländer (Freunde über See) imstande seien — was das
folgende betrifft, so wollen wir phantastischen Vermutungen keinen
Raum geben. Soviel ist gewiß: er fürchtete, daß nach diesem Ent-
schluß des Königs die Leitung der Dinge in die Hände der Gegner
fallen müsse (sie würden erbärmliches Unkraut davon haben).
Am Tage nach der Absendung des zweiten Königsberger Briefs,
welcher diese Befürchtungen aussprach, am 21. September, erhielt man
in Königsberg den Abdruck des Steinschen Briefes im Moniteur, mit
dem theatralisch drohenden: „als ein Denkmal der Ursachen des Ge-
deihens und des Sturzes der Reiche." Schleiermachers Ausdruck, „nach-
dem der Hauptsturm glücklich überstanden gewesen sei, habe man
Stein durch e i n e e l e n d e I n t r i g e " verloren, stimmt genau mit dem
des Ministers Reden: „Sie sind das Opfer einer bestimmten weitange-
legten Trame" und liefert, da die Freunde in Berlin wohl gut über
eine in Berlin sich abspielende Geschichte unterrichtet waren, ein
neues Zeugnis für den alten Verdacht gegen die damalige Kreuz-
zeitungspartei, daß sie in dieser Sache mit Soult kooperiert habe.
Steins Ministerium war von einem Wort Napoleons abhängig.
Um so eifriger betrieb die Patriotenpartei die Entscheidung für den
Krieg, da auf Steins Beistand nicht mehr lange zu rechnen war. Der
Schwerpunkt der Verhandlungen lag in der Verständigung mit Öster-
reich, welche vorzugsweise von Schlesien und Prag aus von Götzen
durch Agenten betrieben wurde; sie war dadurch besonders schwierig,
da man sich weder Österreich gegenüber binden, noch Frankreich
gegenüber kompromittieren durfte, und hierin lag vielleicht die größte
Schwäche des ganzen Plans. Aber es galt daneben, die Verbindung in
Bewegung zu halten und eine Übersicht über die französischen Truppen
zu gewinnen, während sich in Erfurt die Geschicke Österreichs und
Preußens entschieden. Unter den Tätigen war auch wieder Schleier-
macher. Erst am 22. oder 23. September von Königsberg zurückge-
kehrt, verabredete er mit seinen alten Halleschen Freunden Steffens
und Blanc eine Zusammenkunft auf dem Wege zwischen Berlin und
Halle, in Dessau. Im entscheidenden Augenblick die Studenten in
Halle zu gewinnen und so auch hier für die westfälische Insurrektion
32 Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
einen festen Anhalt zu erhalten, war natürlich von großer Wichtig-
keit. Wie denn auch Chasot später, vor dem Ausbrechen des Dörn-
bergschen Aufstandes, in Halle war und die in Dessau geknüpften
Verbindungen benutzte. Daneben konnte man von Dessau aus ohne
Gefahr über den Gang des benachbarten Kongresses und die Bewegun-
gen der dortigen Truppen Nachrichten einziehen. Mit Schleiermacher
zusammen waren dort sein Freund Georg Reimer und Leo v. Lützow,
der von da „in Geschäften" weiterreiste. Am 14. waren die Freunde in
Dessau. Es war der Jahrestag der Jenaer Schlacht, und es ist bekannt,
daß Napoleon, Prinz Wilhelm zur Seite, auf der Ebene des Schlacht-
feldes an diesem Tage ein Hasenjagen abhalten ließ. Es wäre wie ein
Spruch des antiken Fatums gewesen, wäre damals der Imperator im
Übermut des Glückes auf dieser Ebene unter den Kugeln eines Mör-
ders gefallen. Nimmt man von Steffens Erzählung das, was wohl der
Phantasie der norwegischen Novellen angehört: so bleibt doch das Fak-
tum, daß der Plan der beiden wahnsinnigen Offiziere, welche diese
Absicht hegten, irgendwie dem Berliner Komitee mitgeteilt worden
war. Vielleicht, als es bereits zu spät war, dies zu hindern. Vielleicht
auch hofften die beiden Freunde, indem sie nachreisten, es noch ver-
hindern zu können. Besser als jede Reflexion zeigt freilich dies Fak-
tum, welche gefährlichen skrupellosen Elemente aus der verzweifelten
Lage Deutschlands aufwuchsen und sich an die kühnen, aber reinen
Pläne dieser edlen Männer anhefteten.
Inzwischen begannen die Franzosen doch, vielleicht von deutschen
Gegnern der Reformpartei gewarnt, auf die Stimmungen ein wach-
sames Auge zu haben. Unter den bei Marschall Davoust Denunzierten,
welche von ihm eine Warnung erhielten, befand sich auch Schleier-
macher. „Sie wissen ja — erzählt er sehr hübsch in seiner Gegenschrift
gegen Schmalz —, daß er mich auch kurz vor seinem Abzüge (27. No-
vember) rufen ließ als eine tête chaude et ardente — schrecklich zu
hören ! aber neben mir brannte zu meinem Trost ebenso lichterloh
das Haupt unseres Propstes Hanstein. Als ich ihm nun, um zu er-
fahren, ob er etwa einige Notiz bekommen hätte von der Gesellschaft,
deren Sie erwähnen, immer enger zu Leibe ging, was er denn von mir
wüßte, und er sich immer nur auf seine Tablettes berief, entgegnete
ich, ich begriffe eben nicht, wie ich auf diese käme, denn ich wäre
ein ohne alle öffentliche Wirksamkeit lebender, auf seinem Studier-
zimmer emsiger Gelehrter, kurz, ich sagte ihm gerade heraus, ich wäre
ein privatisierender Gelehrter, auf den es am wenigsten paßte, daß er
sich an ihn halten wolle, wenn die Regierung, wie er sagte, Tor-
heiten beginge." — „Das Ganze war denn nichts, als daß er uns eine
Rede hielt, wir wären notiert als hitzige Köpfe und Unruhstifter. Ich
Steins Entlassung 33
mußte noch den Dolmetscher abgeben bei den anderen und habe meine
Rolle sehr ernsthaft gespielt."
Am 24. November ward Stein entlassen. „Es drückt mich vieles
recht schwer — schrieb Schleiermacher darüber — in den allgemeinen
Angelegenheiten. Unser guter König hat sich überraschen lassen von
einer elenden Partei, und sich zu einem Schritt verführen, der alles
aus dem sicheren Gang, in den es eingeleitet war, wieder herausbringt.
Es stehen zwar noch immer treffliche Männer" — er dachte beson-
ders an seinen Freund Dohna, zu dem er großes Zutrauen hatte —
„an der Spitze, aber wer weiß, wie lange sie sich werden halten können
gegen die schlechten, die den König immer aufs neue verstrickt halten,
und so kann es sein, daß das Vaterland zum zweiten Male an den
Rand des Verderbens geführt wird, wenn n i c h t d i e B e s s e r e n es
d u r c h M a ß r e g e l n zu r e t t e n s u c h e n , w e l c h e i m m e r a u c h
s e h r m i ß l i c h b l e i b e n . Ich kann Dir schriftlich nichts Ausführ-
licheres mitteilen, selbst wenn auf die größte Sicherheit zu rechnen
wäre." Aber der alte Glaube an Preußen, in dem sein unmittelbares
Lebensgefühl und seine ganze geschichtliche Ansicht zusammentrafen,
wich auch bei diesem neuen Rückgang der Verhältnisse nicht aus
seiner Seele. „Niemals kann ich dahin kommen, am Vaterlande zu
verzweifeln; ich glaube zu fest daran, ich weiß es zu bestimmt, daß
es ein auserwähltes Werkzeug und Volk Gottes ist. Es ist möglich,
daß alle unsere Bemühungen vergeblich sind und vorderhand harte
und drückende Zeiten eintreten — aber das Vaterland wird gewiß
herrlich daraus hervorgehen in kurzem." Es war recht in seiner Art,
der es selber bekannte, daß er weder gegen sich noch andere die ge-
wöhnliche Weise von Mitgefühl bei äußeren Unfällen habe, und bei
dem es nicht Phrase, sondern frühgebildeter Grundzug des Wesens
war, das äußere Geschick nur als Stoff für das Handeln zu betrach-
ten, daß er über Steins Verfolgung schrieb: „sie hat mich gar nicht
alteriert; ich hatte zwar gar .nicht daran gedacht, aber als es kam, war
es mir als etwas ganz Bekanntes und Erwartetes. Nur das hat mir
erstaunlich leid getan, daß er, was gar nicht nötig gewesen wäre, so
schnell abgereist ist, und daß ich ihn nicht vorher noch gesprochen
habe. Ich habe ihm sagen lassen, ich gratulierte ihm, denn es wäre die
größte Ehre, die einem Privatmanne widerfahren könnte, für einen
Feind der großen Nation erklärt zu werden."
Stein hatte vor seiner Abreise auch den Eintritt des Grafen Alex-
ander von Dohna in das Ministerium vorgeschlagen. Er war der älteste
Sohn jener Familie, in welcher Schleiermacher einst ein paar glück-
liche Kandidaten jähre als Erzieher verlebt hatte; wie er mit der ganzen
Familie in den besten Beziehungen blieb, so war er mit Alexander
34 Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
herzlich befreundet. Durch ihn, als Minister des Innern, durfte er
auf den Gang der Regierungspolitik einigen, wenn auch bei Dohnas
wohlwollendem, aber unsicherem Charakter vielfach durch andere Ein-
flüsse aufgewogenen Einfluß üben. „Dohna — schreibt er am 6. Ja-
nuar — setzt mich in rasende Bewegung; er möchte posttäglich die
ausführlichsten Briefe von mir haben, und ich kann kaum anders als
willfahren, da ich ihm über Gegenstände der inneren Verwaltung
schreiben kann, die für mich vom höchsten Interesse sind." Wenn
Dohna, nachdem ihn Altenstein in den ersten Wochen der Geschäfts-
führung völlig okkupiert hatte, doch allmählich Mißtrauen gegen den-
selben faßte und sich mehr auf Beymes Seite neigte, so war sicher
Schleiermachers Einwirkung nicht ohne Einfluß auf diese veränderte
Stellung. In den vorhandenen Briefen nimmt Schleiermacher durch-
aus die Stellung des älteren Ratgebers.
Der Weg der Reform ward wenigstens nicht verlassen; aber die
Partei der Patrioten verlangte zugleich energische Schritte in der
äußeren Politik, da der Krieg zwischen Österreich und Frankreich
immer näher rückte. Solange die französischen Truppen noch in den
preußischen Provinzen standen, war der Plan, beim Ausbruch des öster-
reichischen Krieges loszuschlagen. „Wenn der Krieg mit Österreich
losgebrochen wäre, ehe die Franzosen diese Provinzen geräumt hätten:
so würde es auch hier ernsthafte Auftritte, ich zweifle nicht von herr-
lichem Erfolg, gegeben haben." Am 10. Dezember 1808 waren die
ersten preußischen Truppen unter Schill in Berlin eingezogen. Damit
endete ein Zustand, welcher dem dortigen Komitee ein Recht zu selb-
ständigem Handeln gegeben hätte. Und Schleiermacher war bei seiner
scharfen Entschiedenheit doch nicht der Mann, die Grenze, die hier
bestand, zu mißachten. „Nun aber — so erklärt er — kann und darf
man der Regierung nicht vorgreifen."
Aber ein anderer verhängnisvoller Entschluß der Patriotenpartei tritt
in dem eben benutzten Brief vom 11. Februar 1809 hervor. „Wenn
Preußens böser Dämon siegte", wenn man sich zum Krieg nicht zu
entschließen vermöchte: „dann muß wenigstens der gute Geist des
übrigen nördlichen Deutschlands das seinige tun." Es war die un-
selige Zeit der Petersburger Reise des Königs, eine Zeit, in der auch
der edle Gneisenau den Plan faßte, seine bisherige Stellung zu ver-
lassen und in Prag in einer deutschen Legion eine Zuflucht zu er-
öffnen für die letzten Reste des preußischen Geistes. Preußische Unter-
händler gingen von dem Berliner Komitee aus nach England, dessen
Unterstützung zu sichern. Es war das ein Anschlag, der auf der Hoff-
nung beruhte, an der österreichischen Armee eine Basis für einen
norddeutschen Aufstand zu gewinnen und Preußen in die allgemeine
Norddeutscher Aufstand 35
Bewegung mit hineinzuziehen. Beide Voraussetzungen erwiesen sich
als Täuschungen; und so nahmen die nunmehr isolierten Erhebungen
in Hessen und Magdeburg, sowie der Schillsche Zug, ihre tragische
Wendung.
Mehrere Data geben die Verbindungsfäden der Aufstände mit der
patriotischen Gesellschaft in Berlin an die Hand. Chasot befand sich
vor dem Ausbruch der Dörnbergschen Insurrektion in Halle; Eichhorn,
Schleiermachers Freund, nach dem Briefe von Steffens ebenfalls; seine
Absichten dort bezogen sich offenbar auf den Fall, daß der Aufstand in
Kassel glücke; dann sollte einer in Halle folgen. Eichhorn ging dann
nach Hessen, wohin er auch einen Brief von Steffens an Martin,
einen hessischen Beamten, mitnahm, mit welchem Steffens Verbin-
dung unterhielt; nach einem Brief von Rumohr (Lübecker Freund),
der an einer Lübecker patriotischen Gesellschaft teilgenommen hatte,
nach Prag hatte fliehen müssen und von dort aus mit Hessen in Ver-
bindung stand, war auch Martin bereits bedroht. Von da wagte sich
dann Eichhorn nach Kassel selbst, wo er zwei Tage vor dem Los-
bruch ein Gespräch mit DÖrnberg hatte. Eichhorn folgte dann dem
Schillschen Zug, nebst Leo v. Lützow, dem Begleiter Schleiermachers
auf der Dessauer Reise. Über den Zweck Eichhorns — denn dieser
ist offenbar mit der Stelle gemeint — sprach sich Schleiermacher später
in der Broschüre gegen Schmalz aus: ,,Ist einer aus dieser Gesell-
schaft dem Schill nachgegangen, um das tolle Unternehmen minder
gefährlich zu leiten, und hat seine ganze bürgerliche Existenz an die
gute Absicht gesetzt, ein paar hundert brave Männer, deren Kräfte
in besseren Zeiten dem Staat noch nützlich werden konnten, von einem
eitlen Verderben zu retten, so verdient er nicht, und noch weniger
eine Gesellschaft, die niemanden zwang und niemanden abhielt, die
Beschuldigung, etwas gegen den Willen des Königs unternommen zu
haben." Mit dem Erlöschen dieser Aufstände und dem Aufgeben der
englischen Landung sanken die Hoffnungen der Nationalpartei zu-
sammen; bis zum letzten Augenblick hatte sie ein Mann wie Stein mit
eisernem Willen festgehalten. Erst 1811 war wieder ein Moment, in
welchem Schamhorst und Gneisenau die alten Verbindungen wieder
aufnahmen und auch Schleiermachers Tätigkeit vorübergehend durch
einen Auftrag in Schlesien wieder in Anspruch genommen ward.
Inzwischen eröffneten sich diesem reichen Geiste andere Wege, für
die Erneuerung Preußens zu wirken. Die Stellung gestaltete sich, in
welcher er dann Jahrzehnte hindurch auf die politisch-kirchlichen Ver-
hältnisse Preußens Einfluß gewinnen sollte. Von 1809 ab sehen wir ihn
als einen der Mitbegründer der Universität, als den gefeierten Pre-
diger der Dreifaltigkeitskirche, als energisches Mitglied des Unter-
36 Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit
richtsdepartements tätig. In diesem Jahr führte er Henriette v. Willich
heim. Alle Kreise seines Lebens, wie er sie in den Monologen mit
prophetischer Ahnung umschrieben hatte, waren nun erfüllt. Schon
damals war ihm sein Ziel klar vor Augen gewesen. Wenn Hegel zur
selben Zeit die ungeheure Aufgabe ergriffen hatte, vom philosophi-
schen Gedanken aus mit enzyklopädischer Allseitigkeit das mensch-
liche Wissen zu umfassen, so war schon damals das seine U n i v e r -
s a l i t ä t des L e b e n s — das Ziel einer großen ethischen Natur. Es
war jetzt erreicht: „Wissenschaft und Kirche, Staat und Hauswesen —
weiter gibt es nichts für den Menschen auf der Welt, und ich ge-
hörte unter die wenigen Glücklichen, die alles genossen hätten. Frei-
lich ist es nur in dieser neuesten Zeit, wo die Menschen alles trennen
und scheiden, daß eine solche Vereinigung selten ist; sonst war jeder
tüchtige Mensch wacker in allem, und so muß es auch werden, und
u n s e r e g a n z e B e m ü h u n g g e h t d a r a u f , d a ß es so werde."
Auf dieser Grundrichtung seiner Natur beruhte nun das Charakte-
ristische sowohl seines praktischen Einflusses auf den Staat von seiner
jetzt gewonnenen Stellung aus, als auch seiner politischen Theorie, deren
Ausbildung seit 1808 damit Hand in Hand ging. So fand er in seiner
Predigerstellung eine Handhabe, für die Freiheit der Kirche zu wir-
ken. So hat er von den ersten Plänen zur Gründung der Berliner Uni-
versität ab für die Selbstverwaltung derselben gestritten. Mit dieser
Richtung stand er so gut Fichte und Hegel, als dem preußischen Be-
amtentum entgegen. Nichts bezeichnet diese seine Stellung schärfer,
als die Geschichte seines Anteils an der Begründung der Berliner
Universität.
Mit dieser werden wir zu beginnen haben, wenn wir demnächst ver-
suchen, seine politische Wirksamkeit und sein politisches System, wie
sie sich in d e r z w e i t e n H ä l f t e s e i n e s L e b e n s entwickelten, in
ihren Hauptzügen darzustellen.
DIE REORGANISATOREN
DES PREUSSISCHEN STAATES (1807-1813)

I. DER FREIHERR VOM STEIN


Die Geschichte Deutschlands ist erst in unseren Tagen an einem
Punkte angelangt, an welchem sie durchschaut und dargestellt werden
kann. Man bemerkt das heute, wenn man auch die besten Schriften,
wie Häussers treffliche Deutsche Geschichte, zur Hand nimmt: es ist
etwas Pathetisches und Unbestimmtes in ihnen, das uns schon ganz
fremdartig vorkommt. Wir sind die Letztgeborenen in der großen euro-
päischen Völkerfamilie. Das fühlt man, wenn man etwa Voltaires oder
Machiavellis reife und illusionslose Wahrheit vergleicht mit dem
dunkel und mächtig Vorandringenden in unseren großen Dichtern und
Denkern. Das fühlte man, wenn man in einem Eisenbahnwagen zwi-
schen den durchgearbeiteten Gesichtern der kriegsgefangenen Fran-
zosen, in welchen Bewußtsein aller Leidenschaften und aller Winkel
des Lebens sichtbar ist, das, ich möchte sagen, naive Gesicht eines
deutschen Soldaten erblickte. Aus der furchtbaren Sündflut des
Dreißigjährigen Krieges, in welcher Wohlstand, frisches, heiteres Ge-
mütsleben, kriegerische Kraft, reine Sitte und Sprache untergegangen
waren, erhob sich Deutschland durch das Zusammenwirken höchst
verschiedenartiger Kräfte. Die staatbildende Kraft Preußens ver-
knüpfte sich mit der Entwicklung des Unterrichts, der Wissenschaf-
ten und des freien, schöpferischen Gedankens. Aus diesem Zusam-
menwirken heraus vollzog sich die Reorganisation Preußens seit 1807.
Sie hat unter dem Gesichtspunkt der Ereignisse seit 1866 eine ganz
neue Bedeutung erhalten. Wir sehen heute erst, welches die Leistungs-
fähigkeit des so reorganisierten Staates war. Wir sehen erst jetzt, wel-
ches die Tragweite der einzelnen Teile dieser sich in wenigen Jahren
vollziehenden Umgestaltung war. Will man die jetzige Stellung
Deutschlands erkennen, so muß man zunächst in die Werkstätte jener
Jahre blicken. In ihr schmiedeten Helden Pflugschar und Waffen,
durch die wir stark wurden.
38 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
Es ist nicht meine Absicht, das Leben der Männer in gleichmäßigem
Gang zu erzählen, welche dies Werk taten. Ich widerstehe dem Reiz, den
mannigfachen, zuweilen dem Abenteuerlichen sich nähernden Lebens-
schicksalen eines Stein oder Gneisenau nachzugehen. Denkwürdig ist
freilich der Unterschied ihres Lebens von dem unserer gegenwärtigen
Führer in Politik und Krieg. Sie bezahlten ihre geschichtliche Größe
durch ein vor und nach jenen mächtigen Jahren zerstücktes, in bangen. Er-
wartungen, herben Enttäuschungen, großen Verlusten verbrachtes Leben.
Ich werde den Gang ihres Lebens nur in flüchtiger Skizze darlegen,
dagegen ihren Anteil an dem großen Werke der Grundlegung unseres
heutigen politischen Organismus genau und gründlich hinzustellen den
Versuch machen.
Das Leben Steins ist in vielen Büchern populär geschildert worden.
Das, was er wirklich für die Reorganisation Preußens leistete, ist in
Pertz' umfassender, vielbändiger Sammlung von Denkschriften und
Briefen enthalten; eine einfache faßliche Darstellung existiert nicht.
Um diese aber ist es mir zu tun.

Vom 7. bis 9. Juli 1807 war in Tilsit der Friede verhandelt worden,
durch welchen Preußen auf die Hälfte seines Umfangs zurückgeführt
und damit aus der Zahl der Großstaaten gestrichen wurde. Rings um-
lagerten dies Land der Rheinbund, das Königreich Sachsen, welchem
auch das Herzogtum Warschau untergeordnet war, das Königreich
Westfalen: drei Schöpfungen Napoleons, alle drei berechnet, Preußen
in Schach zu halten. Preußen selbst blieb besetzt von französischen
Truppen, bis die Kriegsentschädigungssumme von 150 Millionen Ta
lern bezahlt sei.
Es ist interessant, Nationen, die in ähnlicher Lage sich befinden,
miteinander zu vergleichen. Preußen hatte damals nach den raschen
Schlägen, welche durch keinen Erfolg mehr ausgeglichen werden konn-
ten, sofort, ohne weitere Experimente zu machen, den Frieden an-
genommen, so hart derselbe war, vielleicht der härteste, der je in
gleicher Lage einem Lande aufgelegt wurde. Es untersuchte die Ur-
sachen dieses jähen Falles ohne selbstgefällige Phrase oder Beschöni-
gung. Es reorganisierte und erwartete dann die Gelegenheit, den Krieg
wieder zu beginnen. Dies alles tat es unter Bedingungen, die nur den
Mutigsten noch eine Aussicht auf Erfolg ließen.
Und der Mann, von dem allein man hoffte, daß er diese Reorgani-
sation zu leiten vermöchte, war der Freiherr vom Stein. Kein Jahr war
vergangen, seitdem (im Januar 1807) ihm der König selber geschrieben
hatte: ,,Sie sind als ein widerspenstiger, trotziger, hartnäckiger und
ungehorsamer Staatsdiener anzusehen, der, auf sein Genie und seine Ta-
Der Freiherr vom Stein 39

lente pochend, weit entfernt, das Beste des Staates vor Augen zu haben,
nur durch Kaprizen geleitet, aus Leidenschaft und aus persönlichem
Haß und Erbitterung handelt." Er hatte in einigen formlosen und
beleidigenden Zeilen seinen Abschied erhalten. Seine Bitte um ord-
nungsmäßige Entlassung war ohne Erfolg und ohne Antwort geblieben.
Nun schrieb ihm Hardenberg: „Sie sind in der Tat der einzige, auf den
alle gute Vaterlandsfreunde ihre Hoffnung setzen." Die edle Prinzessin
Louise schrieb : „Auf Sie, mein lieber Stein, wenden sich alle unsere
Blicke in diesen traurigen Augenblicken; von Ihnen hoffen wir Trost
und Vergessen der Unbilden, welche Sie von uns entfernt, und
deren sich zu erinnern Sie zu großmütig sein werden, zu einer Zeit,
wo derjenige, der Sie beleidigt hat, nur noch Ihre Teilnahme und
Ihre Hilfe verdient." Stein kam sogleich, ohne irgendeine Bedingung
über seinen Geschäftskreis zu stellen.
Ein kurzer Rückblick scheint erforderlich, wie der Mann sich ge-
bildet hatte, auf welchem, nach dem Urteil aller Beteiligten, die Hoff-
nung beruhte, den so verkleinerten und geschwächten preußischen
Staat wieder leistungsfähig zu machen zu neuem Kampf.
Heinrich Friedrich Karl vom Stein war am 26. Oktober 1757 ge-
boren, auf der Burg zu Nassau an der Lahn, aus einem uralten reichs-
freiherrlichen Geschlechte Frankens. Er hatte den gewöhnlichen Weg
junger Adeliger auf Universitäten und Reisen gemacht. Die Eltern
hatten ihn, ob er gleich der jüngste der Söhne war, zum Stammhalter
auf den Gütern bestimmt. Er war in den preußischen Staatsdienst ge-
treten in den letzten Jahren Friedrichs des Großen: denn er gehörte
zu den wenigen erlesenen Geistern, welche, wie Gneisenau, auch des
alternden Königs Sonne noch unwiderstehlich anzog. In mannigfachen
Zweigen der preußischen Verwaltung bildete er sich nunmehr aus. Seit
1793 war er Präsident der märkischen Kriegs- und Domänenkammer.
Seit 1804 war er Minister für das Akzise-, Zoll-, Fabriken- und Han-
delsdepartement in Berlin. So war er rasch, aber auf Grund genauer
Geschäftserfahrung, zum Ministerium in seiner Branche aufgestiegen,
als Jena und die darauffolgenden furchtbaren Schläge eintraten.
Dies muß beachtet werden, will man die Stellung verstehen, welche
er zu der Reorganisation der inneren Zustände Preußens, andererseits
aber zu den umfassenderen Fragen der auswärtigen Politik einnahm.
Ihm war, wie allen gründlichen Charakteren, Dilettantismus das Verhaß-
teste. Mit Männern verschiedener sittlicher Grundsätze hat er wohltätig
zusammen gearbeitet, den Dilettantismus verfolgte er schonungslos. Er
war der gegebene Mann für die Reorganisation der inneren Zustände
Preußens. Diese hatte er mit genialem Blick und unermüdlicher Arbeit
studiert. In die äußere Politik trat er spät ein. Und er würde es nie
Dilthey, Gesammelte Schriften XII 4
4O Die Reorganisatoren des preußischen Staates
getan haben unter gewöhnlichen Verhältnissen. Aber mit einem Schlage
waren für die auswärtigen Angelegenheiten zwei Faktoren entschei-
dend geworden, welche er in hohem Grade besaß: energischer Cha-
rakter und das Vermögen, die inneren Kräfte der Staaten richtig zu
beurteilen und gegeneinander abzuwägen. Dagegen waren die Über-
lieferungen des Rechts und der Formen in ihrem Werte gesunken.
Trotzdem griff Stein hier nicht mit so folgerechtem, sicherem Zu-
sammenhang ein als in den inneren Reorganisationen. Jene seine Tätig-
keit auf der großen Bühne der europäischen Politik war glänzender;
diese seine Reorganisationstätigkeit war als Leistung weit vollendeter
und tadelloser. In jener Tätigkeit ist er durch Vorgänger und durch
einen Nachfolger überboten worden; in dieser steht er allein da in
seinem Geschäftskreis. Was er unvollständig zurückließ, ist bis heute
noch nicht vollendet worden.
Die erste Forderung, welche Stein stellte im Interesse der Reorgani-
sation Preußens, betraf den Sturz der Kabinettsregierung, die Auf-
richtung einer einheitlichen, folgerichtigen Regierung durch den König
und den Staatsrat der Minister. Sie ward gestellt nach der politischen
Niederlage dieser Kabinettsregierung, welche Haugwitz am 15. Fe-
bruar 1806 durch seinen Vertrag mit Napoleon besiegelte: Preußen
ward an diesem Tage politisch gänzlich isoliert. Sie ward erneut nach
der militärischen Niederlage, als in Königsberg die Regierung neu
gebildet wurde und der König Stein das Ministerium des Auswärtigen
anbot. Als dieser Schritt die formlose und beleidigende Entlassung
Steins in seinem Gefolge hatte, ward sie erst nach seiner Wieder-
berufung allmählich durchgesetzt.
Mit markigen Zügen entwirft Stein in seiner ersten Denkschrift die
Grundzüge der Regierungsgeschichte in Preußen: eine Stelle, deren
Wortlaut niemand ungelesen lassen darf.
„Friedrich Wilhelm I. herrschte selbständig, beratschlagte, beschloß
und führte aus durch und mit seinen versammelten Ministern.
Er bildete die noch vorhandenen Verwaltungsbehörden und regierte
mit Weisheit, Kraft und Erfolg.
Friedrich der Große regierte selbständig, verhandelte und berat-
schlagte mit seinen Ministern s c h r i f t l i c h und durch U n t e r -
r e d u n g , führte durch sie aus, seine Kabinettsräte schrieben seinen
Willen und waren ohne Einfluß.
Er besaß die Liebe der Nation, die Achtung seiner Bundesgenossen,
das Zutrauen seiner Nachbarn.
Friedrich Wilhelm II. regierte unter dem Einfluß eines Favoriten,
seiner Umgebungen, sie traten zwischen den Thron und seine ordent-
lichen Ratgeber.
Der Freiherr vom Stein
Gegenwärtig verhandelt, beratschlagt und beschließt der Regent mit
seinem Kabinett, dem mit diesem affiliierten Grafen von Haugwitz,
und seine Minister machen Anträge und führen die in dieser Ver-
sammlung gefaßten Beschlüsse aus. Es hat sich also unter der jetzigen
Regierung eine neue Staatsbehörde gebildet. Diese hat k e i n g e s e t z -
l i c h e s und ö f f e n t l i c h anerkanntes Dasein; sie verhandelt, be-
schließt, fertigt aus in der Gegenwart des Königs und im Namen des
Königs. Sie hat alle Gewalt, die endliche Entscheidung aller Ange-
legenheiten, die Besetzung aller Stellen, aber keine Verantwortlichkeit,
da die Person des Königs ihre Handlung sanktioniert. Den obersten
Staatsbeamten bleibt die Verantwortlichkeit der Anträge, der Aus-
führung, die Unterwerfung unter die öffentliche Meinung. Alle Einheit
unter den Ministern selbst ist aufgelöst. Der Monarch selbst lebt in
einer gänzlichen Abgeschiedenheit von seinen Ministern."
Und nun wendet sich die Denkschrift schonungslos zur Analyse der
Personen, welche das damalige Kabinett des Königs bildeten. Man
erwäge, daß dies noch vor der militärischen Niederlage geschrieben
ist, in dem Gefühl, daß der Staat so dem Verderben entgegengehe. Sie
schildert Beyme, einen talentvollen, arbeitsamen Mann, „aber das neue
Verhältnis, in welches er als Kabinettsrat trat, machte ihn übermütig
und absprechend, die gemeine Aufgeblasenheit seiner Frau war ihm
nachteilig, seine genaue Verbindung mit der Lombardschen Familie
untergrub seine Sittenreinheit." Alsdann Lombard selber: „Er ist phy-
sisch und moralisch gelähmt und abgestumpft, seine Kenntnisse schrän-
ken sich auf französische Schöngeisterei ein. Seine frühe Teilnahme
an den Orgien der Rietzschen Familie, seine frühe Bekanntschaft mit
den Ränken dieser Menschen haben sein moralisches Gefühl erstickt."
Endlich der dem Kabinett affiliierte Minister Haugwitz: „Sein Leben
ist eine ununterbrochene Kette von Verschrobenheiten oder von Äuße-
rungen von Verderbtheit."
Die Umgestaltung der obersten Leitung des preußischen Staates ge-
lang erst, nachdem die Ereignisse selber eine vernichtende Kritik an
der Kabinettsregierung geübt hatten. Den 30. September 1807 kam
Stein, in das Ministerium vom König zurückgerufen, während vorher
die Forderungen dieser Denkschrift ihn mit Friedrich Wilhelm III.
entzweit hatten, nach Memel und fand dort den flüchtigen Monarchen
niedergedrückt, überzeugt, daß ein unerbittliches Verhängnis ihn ver-
folge, geneigt, in den Privatstand zurückzutreten. Stein legte einen
Plan der Wiederherstellung Preußens vor: wenn der König ihn an-
nehme und Beyme entlasse, war er bereit, die oberste Leitung aller
Zivilangelegenheiten zu übernehmen. Nach schwerem Kampf entschloß
sich der König, Beyme zum Präsidenten des Kammergerichts in Berlin
42 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
zu ernennen. Immer noch zögerte er dann, ihn aus seiner Nähe zu
lassen. Es kam ein bedenklicher Augenblick, in welchem die Königin
selber Stein schreiben mußte: „Ich beschwöre Sie um König, Vater-
land, meiner Kinder, meiner selbst willen um Geduld." Den i. Juni
1808 endlich ward das bisherige Kabinett aufgelöst.
Ein großer Schritt dem gegenwärtigen verfassungsmäßigen König-
tum entgegen war damit geschehen. Aber in dem von französischen
Truppen zum Teil besetzten Preußen war in diesem Augenblick die
Feststellung einer dauernden Organisation der oberen Behörden nicht
möglich. Und doch war das Prinzip, welches hier herrschte, gänzlich
veraltet, und Stein war vom ersten Augenblick ab entschlossen, es
aufzugeben. Die Geschäfte waren nicht nach den Sachen, sondern nach
den Provinzen verteilt; Provinzialminister leiteten sie. Strenge Durch-
führung großer leitender Prinzipien der Verwaltung durch die ganze
Monarchie war hierdurch gehemmt, fachmäßige Behandlung der Ge-
schäfte vielfach beeinträchtigt. Die Verwaltungseinrichtungen, welche
Stein nunmehr traf, hatten nur einen provisorischen Charakter. Erst
nach seinem Austritt aus dem Ministerium kam es zu der ersten dauern-
den Organisation nach Steins Plänen.
Dies waren Veränderungen, welche praktischer Scharfblick notwen-
dig auf die eine oder andere Weise durchführen mußte, nachdem ein-
mal durch Steins mächtige Persönlichkeit die Kabinettsregierung ge-
stürzt war. Aber Steins geniale schöpferische Kraft begann nun den
Umbau des Staates vom Grunde aus. Er legte den Grund und sah be-
reits auf demselben sich ein verfassungsmäßiges preußisches König-
tum im Geiste erheben.
Zwei große Gebiete der Reformen müssen hier auseinandergehalten
werden. Die Verteilung von Besitz, Recht und Pflicht zwischen den
einzelnen oder größeren Gruppen konstituiert die Gesellschaft. Auf
ihrer breiten Basis erhebt sich der Staat. Auf beiden Gebieten bedurfte
es umfassender Reformen.
Die Reform der Gesellschaft war in ihrer Notwendigkeit erkannt,
bevor Stein auftrat. Galt es doch hier nur die Arbeit, welche in Frank-
reich die Revolution unter Strömen von Blut, mit sich überbietenden
radikalen Edikten, in einer von gegenseitigem Haß zerfleischten Ge-
sellschaft getan hatte, in Deutschland nicht ungenutzt zu lassen. Dies
war von Anfang an eine Notwendigkeit der inneren Politik. Es ward,
seitdem Napoleon das neue Recht der Revolution kodifiziert und in
die von ihm abhängigen Teile Deutschlands getragen hatte, zu einer
Notwendigkeit der äußeren Politik. Preußen, wollte es existieren,
durfte nicht das Probehaltige in der neuen Gesetzgebung einfach zu-
rückweisen. Welcher aber war hier der Hauptpunkt ? Alle europäischen
Der Freiherr vom Stein 43
Staaten, außer England, waren auf den Ackerbau gegründet. Diese
Grundlage des Staates war in Preußen, wie vordem in Frankreich,
tief zerrüttet durch den Fortbestand der alten Leibeigenschaft unter
neuen Formen. Die adligen Geschlechter waren durch die Monarchie
unter den Willen des Königs gebeugt worden, aber ihre erbliche Herr-
schaft über die Bauern auf ihrem Grund und Boden bestand fort in
modifizierter, doch höchst drückender Gestalt. Toquevilles genialer
politischer Blick hat als eine Hauptursache der Französischen Revo-
lution erkannt, daß die alten Vorrechte des Adels sich in Privilegien,
d. h. das alte, auf die verschiedensten Motive gegründete gesellschaft-
liche Verhältnis sich zu einem einseitig drückenden Geldanspruch um-
gebildet hatte: alle Affekte von Neid und Haß wurden so in Frank-
reich dem Adel gegenüber großgezogen, kein einziges von den früheren
Gefühlen der Pietät und Ehrfurcht blieb in seiner alten Stärke. In
Preußen hatte das Verhältnis sich viel günstiger gestaltet. Es blieb
ein Verhältnis der Pietät. Und die preußische Justiz mit ihrer Un-
parteilichkeit stand in Streitfällen zwischen dem Bauern und seinem
Herrn. Dennoch mag man aus Büchern, wie Buchholz' Gemälde des
gesellschaftlichen Zustandes in Preußen bis zum 14. Oktober 1806,
sich überzeugen, wie die Erbuntertänigkeit — denn in dies Verhältnis
hatte sich die alte Leibeigenschaft umgebildet — zerstörend wirkte.
Der Bauer war doppelter Untertan, des Staates und des Grundherrn.
Er war im erblichen, vollen Besitz seiner eigenen Scholle, aber er war
verpflichtet, zwei, drei,.vier, bisweilen sogar fünf Tage für den zu
arbeiten, der sich seinen Grundherrn nannte; er war mit seiner Fa-
milie nicht persönlich leibeigen, aber er war gebunden, für eine be-
stimmte und ganz ungenügende Entschädigung Sohn oder Tochter,
wenn es verlangt wird, in den Dienst des Edelmannes oder seines Päch-
ters zu geben. Er war in ein rechtliches Verhältnis getreten, aber dies
rechtliche Verhältnis gab ihn, seiner Natur nach, welche Anstrengungen
er auch machen mochte, der Gewalt seiner Grundherren, der schlim-
meren Gewalt der Pächter preis. Hierauf gründete sich ein teils ge-
fährlicher, teils jeden Fortschritt hindernder und jedes patriotische
Gefühl erstickender geistiger Zustand in den erbuntertänigen Bauern-
schaften, den Buchholz folgendermaßen beschreibt: „Faßte man den
preußischen Bauer in seiner doppelten Beziehung zu dem Grundherrn
und zum Staate ein wenig schärfer ins Auge, so ward man in ihm ein
Wesen gewahr, welches durch Mißtrauen, Schadenfreude, Neid, Aber-
glauben, kurz durch alle jene feindseligen Leidenschaften regiert
wurde, die dem Menschen den wahrhaft menschlichen Charakter rau-
ben und ihn zum ewigen Antagonisten seiner Gattung machen." Hier-
auf gründete sich von der Seite der Grundbesitzer und ihrer Pächter
44 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
ein Mißbrauch der Gewalt, welcher den Ergebnissen der Arbeit und
der Moralität der Familien gleicherweise schädlich war. Dies Miß-
verhältnis ward dadurch gesteigert, daß der König selbst Grundbesitzer
war; seine Domänen wurden von Pächtern verwaltet. Und es ward da-
durch verallgemeinert, daß dieser Gegensatz der Erbuntertänigen und
des mit dem König verbundenen Adels alle Verhältnisse auch des
Staates, des Militärwesens und selbst des Beamtentums durchdrang.
Es war die alte, aus den Banden des Mittelalters noch nicht befreite
Monarchie, welche politisch und militärisch den Ideen der Revolution
unterlag. Die physisch und intellektuell überlegenen deutschen Stämme
mußten aus diesen Banden befreit werden, sollten sie ihre Kraft ent-
falten. Dies war Steins Mission in bezug auf die Reform der Ge-
sellschaft.
Er selbst war aus uraltem Reichsadel, stolz darauf, nichts weniger
als frei von den Vorurteilen, welche sich an eine solche Geburt zu
knüpfen pflegen. Aber die Verhältnisse hoben den in die Tiefe der
gesellschaftlichen Grundverhältnisse blickenden Mann notwendig über
solche Vorurteile hinaus, als es die Rettung des Staates galt. Dies ist
sehr deutlich, wenn man seine energische Reorganisation von 1808
vergleicht mit den späteren Denkschriften und Briefen, die von dem
Schlosse Nassau ausgingen. Er blieb ein Hochtory. Gerade ein solcher
war fähig, die Bedenken am Hofe und im Adel zu überwinden.
So kam das epochemachende „Edikt, den erleichterten Besitz und
den freien Gebrauch des Grundeigentums sowie die persönlichen Ver-
hältnisse der Landbewohner betreffend" vom 9. Oktober 1807 zustande.
Die Not, die Wissenschaft, die Erfahrung der höchsten Behörden for-
derten einstimmig, und Stein wog ab, formulierte, setzte durch.
Zwei Theorien über die Behandlung des Grundbesitzes standen ein-
ander gegenüber bei den wissenschaftlich durchgebildeten und ihre
Zeit erfassenden Staatsmännern. Die eine war getragen durch den un-
gemeinen Einfluß der Königsberger Universität und des dortigen Na-
tionalökonomen Kraus auf die Ausbildung der hervorragenden Ver-
waltungsbeamten. Dieser Einfluß ward durch eine Lage des Staates
verstärkt, in welcher die Provinz Preußen und bald Königsberg selbst
plötzlich zum Sitz der obersten Behörden auf längere Zeit wurde.
Kraus folgte den Lehren Adam Smiths, des Begründers der modernen
Nationalökonomie. Der Ort seines Wirkens, eine mit England vielfach
verknüpfte Handelsstadt, gab seinen Grundsätzen Überzeugungskraft
und Deutlichkeit; seine vielfachen Verbindungen mit der Provinz in
ihren verschiedenen Ständen gaben ihnen Gewicht und Anwendbarkeit.
Es ist sehr beachtenswert, daß so hervorragende Träger der Reform,
als Schön, Schrötter, Auerswald, aus seiner Schule hervorgingen. Sein
Der Freiherr vom Stein 45
Einfluß war außerordentlich. Am konsequentesten vertrat Schön die
Smith-Kraussche Theorie. Er ging davon aus, daß die Aufgabe der
Politik auf diesem Gebiete sei, alles Hemmende wegzuräumen, damit
auf dem gegebenen Räume eine möglichst große Masse äußerer Güter
geschaffen werde. Ob die jetzigen schwächeren Besitzer erhalten blieben,
erschien ihm als gleichgültig, wenn nur kräftigere an ihre Stelle träten.
Dieser Richtung traten Niebuhr und Stägemann in der für die
schwebende Frage eingesetzten Immediatkommission entgegen. Nie-
buhrs umfassender historischer Gesichtspunkt stellte sich gegen den
ausschließlich wirtschaftlichen von Kraus. Der konservative, mit den
bestehenden Grundlagen der Gesellschaft verwachsene Sinn vieler
hoher Beamten stellte sich gegen die negativen Konsequenzen von Adam
Smith. So erschien dieser Partei das Interesse an der denkbar größten
Produktion eingeschränkt durch das wichtigere Interesse an der Er-
haltung" eines gesunden und kräftigen Bauernstandes. War Schöns An-
sicht, daß ein Besitzer von vier Hufen Landes mit sechs Pferden mehr
leiste als vier Besitzer von einer Hufe, welche sechzehn Pferde be-
durften, und daß demgemäß die Konsolidation zu größerem Besitz
und die Verdrängung kleiner Bauern nicht durch Gesetze gehemmt
werden dürfe: so erschien die Erhaltung eines zahlreichen Standes
kleiner Grundbesitzer einem Niebuhr als erstes Interesse des Staates;
die Preisgebung der unter den Kriegslasten verschuldeten kleinen Be-
sitzer an das Kapital als eine Ungerechtigkeit. Niebuhr, eine leiden-
schaftliche Natur, trat aus der Kommission, weil er es für unmöglich
halte, lange in ihr zu sein, „ohne sich mit Freunden zu entzweien,
wenn ihre Grundsätze oft gar zu ungeheuer und ihre Konsequenz noch
fürchterlicher ist."
Stein glich die Gesichtspunkte beider Richtungen mit weiser Be-
sonnenheit aus und verallgemeinerte die Vorschläge der Kommission
für Besserung der Zustände der Provinz Preußen zu einer Reihe orga-
nischer Gesetze für den preußischen Staat. Grundlage war die Auf-
hebung des Untertänigkeitsverhältnisses. Alsdann wurden Maßregeln
getroffen, die Bewirtschaftung der Güter zu steigern, indem man das
Kapital zum Grundeigentum ohne Hemmung gelangen lasse, anderer-
seits das Grundeigentum dem Kapital zugänglich zu machen. Denn die
Steigerung aller Bewirtschaftung des Grundeigentums hat den Zutritt
des Kapitals zu ihm zu seiner Voraussetzung. War das Kapital durch
besondere zugunsten des Grundeigentums getroffene Bestimmungen
von demselben zurückgescheucht worden, so wurden nunmehr die Be-
stimmungen aufgehoben. Waren adelige Güter bisher dem Kapital viel-
fach verschlossen durch die Bestimmung, daß nur Edelleute sie kaufen
durften, so wurde auch diese Einschränkung aufgehoben. Von jetzt
46 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
ab durfte Grundbesitz ungehindert geteilt, verbunden, kurz als ganz
freies Eigentum behandelt werden. Eine einzige Einschränkung for-
derte das hochwichtige Interesse des kleinen Bauernstandes. Die Zu-
sammenziehung kleiner Bauerngüter zu einem größeren Ganzen war
nur unter Genehmigung der Kammern der Provinz gestattet.
Mit dieser Gesetzgebung wirkte eine andere Maßregel zusammen,
welche dem Staat durch Finanznot abgezwungen, aber von einsichtigen
Politikern als im wahren Interesse des Ganzen liegend begrüßt wurde.
Der Staat war im Besitz umfangreichen Grundeigentums in allen Pro-
vinzen, der sogenannten Domänen, welche von einem Heer von Be-
amten und Pächtern verwaltet und bewirtschaftet wurden. Er sah sich
nun genötigt, einen beträchtlichen Teil derselben zur Veräußerung an-
zubieten. Ökonomisch und politisch war dies ein großer Fortschritt
im Sinne des modernen Staates. Ein so ausgedehnter Wirtschafts-
betrieb durch den Staat wird ökonomisch einstimmig von allen Ken-
nern verworfen. Und ein so starkes Interessiertsein des Staates in seiner
ganzen Gesetzgebung vermöge seiner eigenen Stellung als Großgrund-
besitzer muß von allen, welche gerechte Gesetzgebung wollen, als ein
geradezu unsittliches Verhältnis verworfen werden.
Durch diese Mittel ward die gesellschaftliche Grundlage wesentlich
abgeändert. Es geschah das — man darf sagen durch eine Revolution
von oben. Uralte Rechte einzelner Stände mußten dem Bedürfnis des
großen Ganzen weichen. Stein war niemals konservativ aus juristischer
Peinlichkeit, er war es nur aus Überzeugung über die wahren Interessen
des großen Ganzen. In diesem Punkte sind alle wahrhaft großen kon-
servativen Staatsmänner einander ähnlich. So blieb er kalt dem Sturme
gegenüber, der sich wegen verletzter altherkömmlicher Rechte erhob.
Es ist interessant gegenüber dem heutigen Geschrei der Franzosen
über den deutschen Eigennutz, die Art zu sehen, wie Napoleon die
Kontribution und Besetzung Preußens behandelte. Die Verfahrungs-
weisen von damals und heute sollten einmal einander gegenübergestellt
werden. Der Plan war, daß für 100 Millionen Franken Domänen an
Frankreich verpfändet werden und so die Besetzung Preußens ver-
ewigt, ein Heer von jede politische Bewegung ausspähenden Beamten
durch Preußen verteilt werde. Das war die Zeit, in welcher der edle
Prinz Wilhelm den hochherzigen Entschluß faßte, persönlich sich zur
Haft in Paris zu stellen, als Geißel für die Abzahlungen. Anleihen,
wie sie heute Frankreich immer noch zu Gebote stehen, mißglückten.
Es bedurfte aller erfinderischen Kraft Steins, des ganzen Opfermutes
des Landes, Preußen allmählich von den Franzosen frei zu machen.
Diese dringenden Aufgaben des Moments kreuzten immer wieder die
großen Pläne der Reorganisation.
Der Freiherr vom Stein 47
Doch ging diese unaufhaltsam weiter. Die zweite große Reihe von
Maßregeln, welche er, um Staatsgesinnung zu erwecken und zu stei-
gern, unternahm, gipfelt in der Städteordnung. Auch sie war nicht iso-
liert, sondern Teil eines Gesamtplanes.
Nirgends vielleicht zeigt sich klarer der geschichtliche und poli-
tische Einblick Steins als in der Denkschrift, welche diesen Gesamt-
plan begründet. Er geht aus von dem naturgesetzlichen Verhältnis1
zwischen dem Bildungsgrade eines Volkes und seinen Bedürfnissen
in bezug auf die Verfassung seines Staates. „Hat eine Nation sich
über den Zustand der Sinnlichkeit erhoben, hat sie sich eine bedeu-
tende Masse von Kenntnissen erworben, genießt sie einen mäßigen
Grad von Denkfreiheit, so richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre
eigenen National- und Kommunalangelegenheiten. Räumt man ihr nun
eine Teilnahme daran ein, so zeigen sich die wohltätigsten Äußerungen
der Vaterlandsliebe und des Gemeingeistes: verweigert man ihr alles
Mitwirken, so entstehen Mißmut und Unwille, der entweder auf man-
nigfaltige schädliche Art ausbricht, oder durch gewaltsame, den Geist
lähmende Maßregeln unterdrückt werden muß." In der Tat war dieser
Erfolg an den Preußen schon in den letzten Jahren Friedrichs des
Großen zu studieren gewesen.
Wer kennt nicht Mirabeaus Schilderungen und Vorschläge, so ver-
fehlt in dem Radikalismus ihrer Absicht, aber so scharfblickend in
der Analyse der Tatsachen. Gewaltsam war der Bürgergeist, der nach
freier Diskussion und -Anteil am Staate rang, in die nichtige Bahn
politischen Pasquillantentums oder literarischer Kritik abgelenkt wor-
den. Es war endlich Zeit, daß dem ein Ende gemacht wurde. Stein
durchschaute die Folgen, welche hervorgetreten waren. Ausschließende
Richtung auf Erwerb und Genuß, ein hier und da plötzlich hervor-
brechender wilder und unverständiger Tadel der Regierung und usur-
pierter Wert der spekulativen Wissenschaften — das war das Ergebnis
gewesen. So begründete er die große Forderung einer „ T e i l n a h m e
der Nation an der Verwaltung der ö f f e n t l i c h e n Ange-
legenheiten." Das Verdrängen der Nation aus dieser erstickt den
Gemeingeist. Man muß also bemüht sein, „die ganze Masse der in
der Nation verhandenen Kräfte auf die Besorgung ihrer Angelegen-
heiten zu lenken".
So ging Stein durch geschichtliche Generalisation und Studium der
Staatszustände seiner Zeit die große Lehre von der S e l b s t v e r w a l -
tung als der G r u n d l a g e der p o l i t i s c h e n B i l d u n g der Na-
tionen auf. Sie ist der selbständige Anfang unserer deutschen Ver-
fassungsbestrebungen. Nicht von England entlehnt, wie man wohl ge-
glaubt hat, sondern aus der eigensten Tiefe des gründlichen deutschen
48 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
Geistes hervorgegangen ist dieser Anfang. Und höchst merkwürdig
erscheint, wie Stein den Gegensatz dieser Freiheit, welche ihm vor-
schwebte, zu der französischen durchblickte. Der ganze Grundgedanke
von Toquevilles Schrift über das alte Regime und die Revolution ist
in Steins lapidaren Sätzen enthalten: „In Frankreich ist die Nation
nur zum Schein zur Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten
zugelassen, ihr gesetzgebender Körper ist nur eine der registrierenden
Verwaltungsbehörden, das Maschinenwesen ihrer Bürokratie ist zu-
sammengesetzt, kostbar, in alles eingreifend und wird von dem un-
gebundenen, rücksichtslosen Willen eines einzelnen geleitet."
Auf Grund dieser tiefen politischen Einsichten entstand zunächst
die Städteordnung Steins. Dies war in der Tat der erste Schritt im
Gange unserer politischen Freiheit. Als gründliche Deutsche haben
wir mit dem Anfang begonnen.
Die alte Freiheit der Städte war geschwunden. Die obrigkeitlichen
Stellen in den Städten mußten laut Vorschrift mit Invaliden besetzt
werden: diese e i n e Bestimmung zeigt, was aus der stolzen Entwick-
lung des deutschen Städtewesens in der Hand des absoluten Staates
geworden war. Alle inneren städtischen Angelegenheiten, bis zu den
unbedeutendsten hinab, wurden vor die Staatsbehörden gezogen und
dort endgültig entschieden. Selbsttätigkeit der Gemeinde ward so mit
ihren Wurzeln von der eigenen Hand des Staates ausgerissen.
Wohin das führte, hatte der Krieg gezeigt. Es ist doch nicht genug
zu beachten, wie dieser furchtbare Zusammenbruch unseres Staats-
gebäudes alle Fehler in seiner Anlage in bitterklarer, tagheller Ge-
nauigkeit bloßgelegt hatte. Wie sich die Kriegsgefahr den Städten
näherte, sah man das Unzureichende dieser Invalidenversorgungs-
anstalten, welche als Städteverwaltungen bezeichnet wurden. Man
konnte nicht anders, als schleunigst den Bürgerschaften selber die
Leitung ihrer Angelegenheiten in die Hände zu geben. Der Beweis
in betreff dieser Fragen war damit erbracht. Man beschloß, die Ver-
fassung der sämtlichen Städte auf dem Grunde der ursprünglich freien
und geordneten Teilnahme der Bürger an der Besorgung ihrer Ge-
meindeangelegenheiten herzustellen.
Schon am 19. November 1808 war der Entwurf der Städteordnung
vollendet und vom König bestätigt.
Die Städteordnung Steins hat den Bürgerschaften die Verwaltung
des städtischen Vermögens und aller städtischen Angelegenheiten zu-
rückgegeben, die Teilnahme der Bürgerschaft an der Verwaltung durch
von ihr gewählte Vertreter, die Wahl der Magistrate aus der Mitte
der Bürgerschaft. Sie hat damit in den Bürgern ein erhöhtes Gefühl
für Selbständigkeit und Ehre geschaffen. Sie hat echten Gemeinde-
Der Freiherr vom Stein 40,
sinn geschaffen, auf den sich dann in weiterem Umkreis Staatssinn
gründen kann. Sie hat in der Teilnahme an den naheliegenden, über-
schaubaren städtischen Angelegenheiten die beste Schulung der Bürger
gewährt für die Teilnahme an den allgemeinen Angelegenheiten.
Und zwar war sogleich im ersten Entwurf die Städteordnung von
Stein nur als erste Maßregel in einem System gedacht, welches in preu-
ßischen Reichsständen seinen Abschluß finden sollte.
Die ersten Verhandlungen über diesen Gegenstand sind noch nicht
veröffentlicht. Das erste, was wir haben, ist das Gutachten des Präsi-
denten von Vinke, vom 20. September 1808. Steins eigene damalige
Vorschläge sind uns im einzelnen unbekannt. In seinem berühmten
politischen Testament vor Ausgang 1808 fordert er eine allgemeine
Nationalrepräsentation. „Mein Plan war, jeder aktive Staatsbürger, er
besitze hundert Hufen oder eine, er treibe Landwirtschaft oder Fabri-
kation oder Handel, er habe ein bürgerliches Gewerbe oder sei durch
geistige Bande an den Staat geknüpft, habe ein Recht zur Reprä-
sentation. Auf diesem Wege allein kann der Nationalgeist positiv er-
weckt und belebt werden." Wohl und Wehe des Staates schien ihm
davon abhängig, ob der König sich entschließe, der Nation eine solche
allgemeine Repräsentation zu geben. Hardenberg übernahm es, nach
dem Abgang Steins, die Maßregeln für die Errichtung einer solchen
Repräsentation zu treffen. Nichts geschah inzwischen, bis nach der
Wiederherstellung der Staatenordnung Europas durch den großen
Krieg die Frage nach der Neuordnung der deutschen Staaten brennend
wurde. Stein gab im September 1814 den Anstoß zur Beratung der
Verfassungsfrage. Er ging davon aus, daß gleichförmige Verfassungen
in den einzelnen deutschen Ländern gewünscht werden müßten. Er
wünschte wenigstens, daß alle Deutschen unter e i n e m öffentlichen
Rechte ständen. Es leuchtet ein, wie dies ebensosehr im Interesse der
Regierungen war als in dem des Volkes. Es leuchtet ebenso ein, welch
straffen Zusammenhaltens der Regierungen es bedurft hätte, des Vor-
teiles, der hier für sie lag, sich zu bemächtigen. So kam es, daß der
Plan Steins von Metternich und Münster angenommen ward. Stein hatte
bittere Erfahrungen in diesen Jahren in betreff der Gesinnungen der ein-
zelnen souveränen deutschen Fürsten gemacht, und so lautet seine Sprache
herb genug. „Alle Maßregeln, die man zur Beschränkung des Sultanis-
mus zu ergreifen beschließen wird, werden unterstützt und ausführbar
durch das Übergewicht an Macht der Verbündeten und durch den in
Deutschland herrschenden und laut gewordenen Unwillen über den
gegenwärtigen Druck der Fürsten." Aber zugleich kam es auf Grund
obiger Verhältnisse so, daß auf ein einmütiges Vorgehen der einzelnen
Regierungen verzichtet werden mußte.
50 Oie Reorganisatoren des preußischen Staates
Als im Frühjahr 1815 der Krieg noch einmal begann, als die Fürsten
empfanden, was sie den Völkern schuldeten, die von neuem gegen
Napoleon sich in ungeheuren kriegerischen Massen bewegten: damals
endlich ward in betreff einer künftigen preußischen Verfassung vom
König eine eingehende und bindende Erklärung erlassen. Sie ist von
Steins Hand. Es soll eine Repräsentation des Volkes gebildet werden.
Zu diesem Zweck sollen Provinzialstände wiederhergestellt oder neu
organisiert werden. Aus ihnen wird die Versammlung der Reichsstände
gewählt, die in Berlin ihren Sitz haben wird. Die Wirksamkeit der-
selben soll sich über alle Gegenstände der Gesetzgebung erstrecken.
So die Order des Königs vom 22. Mai 1815, welche zur weiteren Be-
ratung dem Staatskanzler von Hardenberg die Ernennung einer Kom-
mission empfahl. Man bemerkt, daß der Hauptpunkt mit Schweigen
übergangen war. Eine solche Körperschaft konnte nicht nützen, ja,
sie mußte schaden, wenn sie eine bloße beratende Stimme hatte. Sie
bedurfte vor allem des Rechts, neue Steuern zu bewilligen. Sie be-
durfte alsdann des Rechts, neue Gesetze anzunehmen oder zu ver-
werfen. Aber man würde irren, dächte man, der König oder Stein
oder Hardenberg hätten die Absicht gehabt, die preußische National-
vertretung mit solchen Rechten auszustatten. Hier war die Grenze für
die politische Einsicht auch der ersten Staatsmänner der damaligen
Generation. Und so konnte aus dem tiefsinnigen Anfang der Städte-
ordnung keine preußische Verfassung in diesen Jahren erwachsen, in
welchen Stein auf die innere Verwaltung Preußens Einfluß hatte.
Es gab endlich ein noch weitergreifendes politisches Problem, wel-
ches diese Generation weder übergehen noch lösen konnte. Der alte
Bund war aufgelöst. Diesen Zustand dauern zu lassen, war die Auf-
lösung und Zerrüttung in Permanenz. Diesen Zustand zu ändern, schien
anfangs Sache des Einverständnisses von Preußen und Österreich;
wie die Dinge sich verschoben und verwickelten, wurde der Wille
immer mehrerer in die Entscheidung gezogen. Mit dem Willen die
Interessen. Hatte anfangs nur eine Schwierigkeit bestanden, ein großes
Reich mit zwei leitenden Mächten zu organisieren, so traten nun neue
Schwierigkeiten aus den monarchischen Bedürfnissen der Einzelfürsten
hinzu. Es gab keine vernünftige Lösung dieses großen politischen Pro-
blems mehr.
Es ist nun nicht zu sagen, wie die Entwürfe sich drängten, sich
entgegentraten, welche auf die Neugestaltung des Deutschen Reiches
gingen. Unter ihnen sind durch politischen Tiefblick und Einfluß die-
jenigen Steins die am meisten hervorragenden.
Als er 1809, durch Napoleons Einfluß aus dem Ministerium ver-
drängt, in Brunn saß, den Fortgang der Ereignisse erspähend, wie ein
Der Freiherr vom Stein 51
Adler, der zum Hinabstoßen bereit ist: da schrieb er unter anderen
Betrachtungen auch eine nieder über Deutschlands künftige Verfas-
sung. Noch war damals für die Betrachtung des Künftigen keine
Schranke in zu berechnenden Interessen. Und so entwickelte Stein da-
mals sofort diejenigen Grundideen, die von da ab bei allen Nationen
leitend geblieben sind. Sie boten sich sogleich seinem klaren Blicke
dar. Sie mußten bald hernach fallengelassen werden, wie die Inter-
essen sich verwickelten. „Die Auflösung Deutschlands", so bemerkt
er, „in viele kleine, ohnmächtige Staaten hat dem Charakter der Na-
tion das Gefühl von Würde und Selbständigkeit genommen, das bei
großen Nationen Macht und Unabhängigkeit erzeugt; es hat ihre Tätig-
keit abgeleitet von den größeren Nationalinteressen; es hat Titelsucht
und das elende Treiben der Eitelkeit, Absichtlichkeit, Ränke durch
die Vervielfältigung der kleinen Höfe vermehrt." Er findet: Muni-
zipal- und Provinzialverfassung, Beteiligung der Bürger an der Ver-
waltung hätten alle die Vorteile gewähren können, welche man den
kleinen Staaten nachrühmt. Aber er ahnt, daß ihre völlige Beseitigung
nicht werde durchgesetzt werden können. Und so hat er denselben
Vorschlag schließlich, auf den die Geschichte selber gekommen ist.
„Wollte man auch einen Bund kleiner Fürstentümer beibehalten, so
müßte ihnen doch die Teilnahme an der Leitung der äußeren Ver-
hältnisse, des öffentlichen Einkommens und der Verteidigungsanstal-
ten entzogen werden. Sie würden nur die übrigen Verwaltungszweige
behalten, und diese nach den Beschlüssen des Reichstages oder nach
Selbstbestimmung ausüben."
Als 1812 der russische Krieg die Möglichkeit eröffnete, Deutsch-
land zur Erhebung zu bringen und von der Last Napoleons frei zu
machen, sah Stein sofort der Frage scharf ins Auge, welcher Zu-
stand aus dem Chaos hervorgehen solle. Das Argument, von dem er
ausging in seiner „Denkschrift über Deutschlands künftige Verfassung"
an Kaiser Alexander, war unantastbar. „Die Ruhe Europas erheischt,
daß Deutschland so eingerichtet sei, daß es Frankreich widerstehen,
seine Unabhängigkeit erhalten, England in seinen Häfen zulassen und
der Möglichkeit französischer Einfälle in Rußland zuvorkommen
könne." Was er für Deutschland wollte, war hier nur in der Sprache
der Interessen von Rußland und England ausgedrückt. „Diesen Zweck"
— schließt Stein weiter — „kann man erreichen erstens, entweder
durch Vereinigung Deutschlands zu einer Monarchie, zweitens, oder
wenn man es nach dem Lauf des Main zwischen Preußen und Öster-
reich teilt, drittens, oder indem man in diesen beiden großen Teilen
einige Länder, wie ζ. Β. Hannover und andere unter einem Bündnis
mit Österreich und Preußen bestehen läßt." Denn die alte Verfassung
Die Reorganisatoren des preußischen Staates
Deutschlands kann nicht wieder hergestellt werden. Sie war nicht das
Ergebnis des Willens der Nation, sondern einer Reihe von Ursachen,
welche von diesem Willen unabhängig waren, ja ihm entgegenarbei-
teten. Ihre Wiederherstellung forderte die Restauration der Ober-
gewalt Österreichs, die Verkleinerung Preußens und Bayerns, die Er-
neuerung der geistlichen Fürstentümer, der Reichsstädte und Reichs-
gerichte. Und auch so würden in Deutschland nur von neuem der
kriegerische Geist und das Gefühl der Würde einer großen Nation
zerstört. Man bemerkt, daß hier jener obige Plan bereits vor der Macht
der damaligen politischen Tatsachen zusammengesunken war. Eine
einheitliche Reichsgewalt für Krieg und äußere Politik forderte eine
herrschende Macht. Der Antagonismus von Österreich und Preußen
war die gegebene Tatsache, welche jeden Versuch einer vernünftigen
Verfassung sofort zurückdrängte. Erst mußte dieser durch das Schwert
aufgehoben sein, bevor der ursprüngliche Plan Steins verwirklicht wer-
den konnte. Was er nun plante, war doch nur ein Notbau.
Während dann die deutschen Heere gegen Paris vorrückten, ent-
warf Stein einen neuen Plan, welcher den Dingen selber näher auf
den Leib rückte. Er war bedingt durch die politischen Tatsachen, mit
denen man einmal rechnen mußte. Aber von diesen Tatsachen aus
einmal genommen, zeigt er bedeutende Vorzüge vor demjenigen, wel-
cher nachher durch die Wiener Bundes- und die Schlußakte Verfassung
Deutschlands für ein halbes Jahrhundert geworden ist. Er will als
oberste leitende und ausführende Behörde des Bundesstaates Gesamt-
deutschland ein Direktorium. Dieses sollte aus den vier mächtigsten
Staaten, Österreich, Preußen, Bayern und Hannover gebildet sein. Es
sollte den Bundestag leiten, welcher aus den Abgeordneten aller Bun-
desstaaten jährlich einmal zusammenträte, die von ihm gegebenen Ge-
setze ausführen — was aber die Hauptsache war, das selbständige
Recht besitzen, Krieg und Frieden zu schließen und die auswärtigen
Verhältnisse zu leiten.
Es ist höchst schmerzhaft, den weiteren Verhandlungen zu folgen.
Das war immer noch, auch nachdem es sein Herzblut für die Befreiung
Europas geopfert hatte, dasselbe Deutschland, über dessen Verfassung
alle Großstaaten Europas mitsprachen von ihrem Interesse aus. Es
war immer noch dasselbe unlösbare Problem, während die großen euro-
päischen Dynastien die verwandten kleinen Fürsten'höfe in ihren Schutz
nahmen, während der Antagonismus Österreichs und Preußens jeden
kräftigen Schritt hemmte, durch politischen Verstand eine Verfassung
zu entdecken, welche Deutschland stark machte, ohne irgendeiner
Macht Europas unangenehm zu sein. Was nun geplant und getan ward,
entsprang nicht aus folgerecht durchgeführtem politischem Plan, son-
Der Freiherr vom Stein. Karl August von Hardenberg 53
dem aus dem Kampf der widerstreitenden Interessen. Unsere poli-
tische Verfassung ward von neuem, wie sie es das erstemal gewesen,
nicht ein Werk des politischen Verstandes, sondern ein Vertrag der
kämpfenden Interessen.

Dies sind die Grundzüge der Reorganisation des preußischen Staa-


tes, welche Steins Ministerium 1808 durchführte. Es ist bezeichnend
für dieselbe, daß sie von dem großen Gedanken getragen war, den
Nationalgeist und zugleich das Gefühl der persönlichen Würde aller
einzelnen zu beleben, daß sie alsdann diesen großen Gedanken nicht durch
irgendeine Repräsentation und ihre Debatten oder eine andere ähnliche
äußere Einrichtung durchzuführen versuchte, sondern dadurch, daß
sie ökonomisch und sozial die einzelnen mündig zu machen suchte,
politisch aber mündige und selbständige größere Ganze zu schaffen
begann. Diesem Tiefsinn der Steinschen Gesetzgebung verdanken wir
es, daß unser Staat sich auf germanischen Grundlagen, frei von allen
Schablonen, aus seinen eigensten Bedürfnissen entwickelt.

II. KARL AUGUST VON HARDENBERG


Es gibt Politiker von außerordentlichen intellektuellen Gaben, welche
unter der Leitung eines großen Charakters ungemeiner Leistungen
fähig sich erweisen, die aber, selbst zur höchsten Leistung berufen,
stets den Eindruck machen, als blickten sie sich nach dem starken
Arm um, an welchen sich zu lehnen ihnen Bedürfnis ist, und über
deren Verdienst oder Schuld alsdann die Bedingungen entscheiden,
welche sie vorantreiben. Ein solcher war Hardenberg. Hätte er mit
Stein zusammen den preußischen Staat leiten können, so wäre er eben
der Mann gewesen, was in Stein hindernd war, auszugleichen. Er hätte
dem feurig vorandringenden Manne die Kunst seines Benehmens und
sein gewinnendes, ja bezauberndes Wesen geliehen. Er hätte den in
der Verwaltung aufgewachsenen Staatsmann durch seine Kenntnis des
äußeren Departements und der in ihm herrschenden Formen unter-
stützt. Er hätte den stürmischen Reformer ausgeglichen und versöhnt
mit den tief verletzten höheren Klassen, deren Rückstoß unfehlbar
sich gegen Stein gewandt hätte, wäre er länger im Amte geblieben.
Nun sollte diese weltmännische Natur das Gewicht der inneren Re-
formen und der großen äußeren Politik allein tragen seit 1809, wel-
ches für die mächtigen Schultern des größten deutschen Staatsmannes
seit Friedrich dem Großen bemessen war. Anderes kam dazu, was
diesem merkwürdigen Manne schwer machte, für große politische
54 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
Maßregeln mit seiner Person einzustehen, mit ihnen zu stehen und zu
fallen, wie doch jeder wahre Staatsmann muß. Es ist ein merkwürdiges
psychologisches Drama, das Leben des späteren Staatskanzlers Fürsten
Hardenberg.
Er war das älteste von neun Kindern des Generalfeldmarschalls von
Hardenberg in Hannover. In Begleitung eines Hauslehrers studierte
er in Göttingen, durch dessen Schule ebenso Stein und Humboldt ge-
gangen sind. Denn diese Universität verknüpfte zuerst in Deutschland
Geschichte, Recht und Politik und ward daher für den höheren Staats-
dienst die allgemeine Schule. Eine aufflammende Neigung für das
schöne Fräulein von Münchhausen ward durch das Einschreiten der
Verwandten von beiden Seiten zurückgedrängt, und Hardenberg ging
nach Leipzig, wohl, um zu vergessen; erst nach einem Jahre kehrte er
nach Göttingen zurück und beendete dort seine Studien. In der Kam-
mer, der höchsten Verwaltungsbehörde in Hannover, fand er dann An-
stellung, und sein rascher, gewandter Geist durchschaute schnell, wie
sehr die Verwaltung dieses Landes der Reform bedurfte. Diese Ar-
beiten wechselten mit Reisen, welche seinen politischen Gesichtskreis
erweiterten. So besuchte er mit seinem Vater England unter den gün-
stigsten Verhältnissen: den alten tapferen Feldmarschall zu ehren
eilten alle höchsten Kreise, und die Anmut des Jünglings gewann alle
Herzen. Ebenso besuchte er die deutschen Höfe, besonders aber Wetz-
lar, wohin immer noch der höchste deutsche Gerichtshof mit seinen
in der Ferne schwer zugänglichen Einrichtungen, wie zu der Zeit,
als Goethe da war, junge Juristen zog. Im folgenden Jahre sah er
Frankreich und England. Schon damals stellte sich seine Lebens-
weise fest, welche in den heterogenen Anlagen seiner Natur und dem
Mangel eines dieselbe beherrschenden starken Willens gegründet war.
Er wechselte zwischen tiefem Studium der Verfassung dieses Landes
und üppigem, uneingeschränktem Sinnengenuß.
Die Eltern verheirateten ihn mit der kaum dem Kindesalter ent-
wachsenen fünfzehnjährigen Gräfin Juliane von Reventlow in Holstein.
Anmut, Schönheit, hohe Geburt, sehr großen Reichtum, allen Glanz
des Lebens brachte sie ihm zu. Hardenberg selbst war damals vierund-
zwanzig Jahre alt, die Gestalt von mittlerer Größe, der Körperbau
kräftig, er bewegte sich mit großer Gewandtheit und leichtestem An-
stände, aus den feurigen Augen und der hohen, gewölbten Stirn
sprach ein Geist, der unfehlbar seine Umgebung bezauberte. Wer die
beiden sah, dem schienen sie wie geboren, einander das höchste Glück
zu bringen. Doch waren das keine Naturen, welche die Unfertigkeit
ihres Charakters in geduldigem Ernst zu bessern die Neigung besaßen.
Sie wollten beide grenzenlos genießen. Sie hatten beide keine Idee
Karl A ugust von Hardenberg 55
von Ordnung des Hauses und der Verhältnisse. Sie verstanden beide,
bittere Zerwürfnisse im leidenschaftlichen Genuß des nächsten Mo-
ments zu vergessen. So ward diese Verbindung für sie die Quelle
tiefer Verwicklungen. Nicht lange nach der Verbindung, 1774, traten
schon die ersten Zerwürfnisse ein.
Diese Vorfälle, zusammentreffend mit seinem kühnen Auftreten in
der Beurteilung der hannoverschen Verwaltung, führten zu Schwierig-
keiten, welche ihn aus seiner Bahn warfen. Er hatte dem König in
London zwei Denkschriften eingereicht, deren eine die Mängel der
Finanzverwaltung, den Druck der Steuerlast schonungslos bloßlegte,
deren andere die gefährdete politische Lage des Kurfürstentums dar-
legte und, ganz wie bald darauf Friedrich der Große, ein Bündnis
zwischen Preußen, Hannover, Sachsen, Hessen und Braunschweig an-
riet. Diese Denkschriften erwarben ihm ebensoviel Feinde als Bewun-
derer. Und ein Vorfall kam, welcher den Feinden eine furchtbare
Blöße bot. Als geheimer Rat der Kammer war er mit seiner Gemahlin
nach London gegangen, und beide überließen sich dort, gefeiert in
der ersten Gesellschaft, dem Übermut wenig gezügelter Leidenschaf-
ten. Unter den Verehrern der schönen Frau gewann nach einiger Zeit
der englische Thronfolger allen anderen den Vorrang ab. Das Ver-
hältnis beider ward bald ein beliebter Gegenstand in den englischen
Tagesblättern. Nur ein königliches Machtwort hinderte, daß Harden-
berg sich mit dem Prinzen von Wales mit dem Degen in der Hand be-
gegnete. Hannover war ihm nun verleidet. Und als er sich bereit er-
klärte, als Reichstagsgesandter nach Regensburg zu gehen, hintertrie-
ben seine Feinde diese Ernennung. So trat er aus dem Staatsdienst.
Die Familie empfand aufs tiefste, was geschehen war.
Aber dies war keine Natur, an der Treulosigkeit eines schamlosen
Weibes zugrunde zu gehen. Auf Vermittlung eines seiner Verwandten
ging er 1782 in braunschweigische Dienste, als wirklicher Geheimrat.
Seine Reformtätigkeit in dem Herzogtum war durchgreifend. Er be-
gann auch hier mit den Finanzen und setzte die Steuern des Bauern-
standes herab, belebte durch Unterstützung des Staates die Gewerbe-
tätigkeit. Ein Amt nach dem anderen übertrug ihm das Vertrauen
des Herzogs, bis er schließlich das Herzogtum regierte. Es scheint
indessen, daß die Verwirrungen seiner persönlichen Lage ihm auch
hier den Aufenthalt verleideten. Er machte mit Frau von Hardenberg
in Braunschweig ein glänzendes Haus. Sie überboten sich in Ver-
schwendung. Rücksichtslos fast gegen den äußeren Anstand, gab sich
Hardenberg allen sinnlichen Genüssen hin. Und als die Scheidung von
seiner Frau vollzogen war, verband er sich, ehe noch irgend die Geld-
angelegenheiten geordnet waren, mit einer schönen Frau, für die er
D i l t h e y , Gesammelte Schriften XII c
56 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
schon seit Jahren eine leidenschaftliche Liebe gehegt hatte, Sophie
von Lenthe, geborene von Heßberg. Nur das außerordentliche Wohl-
wollen des Herzogs machte es ihm möglich, sich pekuniär zu halten.
Hardenberg wünschte einen Wechsel des Ortes.
1786 hatte der König von Preußen Hardenberg kennengelernt, als
derselbe im braunschweigischen Auftrag das Testament Friedrichs des
Großen nach Berlin überbrachte. Er hatte die gewinnende Persönlich-
keit desselben nicht vergessen. Er sandte ihn nun nach Ansbach und
Bayreuth in eine höchst bedenkliche Stellung, welche zu beherrschen
gerade Hardenberg sehr geeignet erschien. Es galt, den Markgrafen,
dessen Land später dem Erbrecht nach an Preußen fiel, zu beauf-
sichtigen und zu lenken. Hardenberg scheute schlüpfrige Wege
nicht, dem Markgrafen die Abtretung des Landes zu seinen Leb-
zeiten abzugewinnen. Er leitete alsdann in fast selbständiger Stellung
als Statthalter diese Fürstentümer. Er reformierte nach preußischem
Muster.
Die großen Weltbegebenheiten riefen ihn 1795 a u s Bayreuth zu einer
hervorragenden, aber nichts weniger als erfreulichen Rolle. Der Mi-
nister Graf von der Goltz war inmitten der Baseler Friedensverhand-
lungen plötzlich gestorben, und Hardenberg ward ernannt, diese Ver-
handlungen von preußischer Seite fortzuführen. Es war ein unseliges
Debut eines Staatsmannes, mit dem Abschluß dieses für Deutschland
verderblichen Friedens zu beginnen. Zugleich trat von da an die Eifer-
sucht von Haugwitz Hardenberg entgegen. Er wußte ihn auf die innere
Verwaltung der Fürstentümer zu beschränken und auch hier dadurch
zu hemmen, daß er ihn zwang, von Berlin aus dieselbe zu führen. Alle
stimmen überein, daß diese Verwaltung vortrefflich war. Die Irrnisse
seines persönlichen Lebens hafteten nach wie vor an ihm. Die leiden-
schaftliche Liebe, die er einst für seine zweite Gemahlin genährt, war
erloschen. Schönheit, Zartheit, reiche Empfindung, aufrichtige Er-
widerung seiner Liebe hatten nicht vermocht, den in seinen Neigungen
so Wankelmütigen dauernd zu fesseln. Von neuem wirkte seine eigene
Verschuldung auf die Gesinnung der Frau zurück, und auch diese
zweite Ehe ward gelöst. Nicht genug damit. Eine Schauspielerin, die
aller Reize des Geistes und des Körpers entbehrte, Charlotte Lengen-
feld, verstand es, ihn in ein dauerndes Verhältnis zu verwickeln. Nach-
dem sie sich von ihrem Ehemann getrennt, begleitete sie ihn nach
Basel, Ansbach, Berlin. Durch einen festen Willen, verbunden mit der
Absicht und der Kunst, Hardenberg zu lenken, erreichte hier eine
Frau, die in allem tief unter ihm war, was Anmut, Liebe und Geist
nicht über ihn vermocht hatten. Weder die Bemühungen der Familie,
noch die unangenehmsten Szenen mit der Geliebten selber, die auf
Karl A ugust von Hardenberg 57
maßlosen Forderungen fest zu bestehen pflegte, vermochten dies Ver-
hältnis zu lösen. Ja, der ihn umgebende Widerstand, zusammen mit
einer solchen Charakteren eigenen marklosen Güte, trieb ihn nur weiter.
Er erhob sie 1807 zu seiner Gemahlin. Dies war ein bequemes Ver-
hältnis für ihn, das weder nach innen Treue, noch nach außen ge-
messene Repräsentation von ihm forderte. Allen vorübergehenden An-
wandlungen der Sinne durfte er sich überlassen. Aber es zerstörte zu-
gleich in ihm jede heroische Regung des Ehrgefühls. Es isolierte ihn,
auch in den höchsten Stellungen. Es fesselte ihn an seine hohen Posten.
Denn nur auf diesen überwand er den Widerstand der Welt.
Man kann nicht umhin, eine allgemeinere Betrachtung hier anzu-
stellen. Die Leidenschaften greifen das Innerste des Charakters an, wo
sie den Menschen abhängig machen von einer äußeren Lage, welche
doch nur nach den höchsten Gesichtspunkten mit dem ganzen Gefühl
der Verantwortlichkeit behandelt werden dürfte. In dieser Art aber
waren die Staatsmänner der Wiener Verträge und der Restauration ab-
hängige Naturen. Metternich, Gentz, Hardenberg hatten nicht den Mut,
ihre Pflicht gegen Deutschland zu erfüllen, weil sie nicht den Mut
hatten, ihre Stellungen zu wagen. Es ist unzureichend, nur von Harden-
bergs Schwäche zu reden. Dieser hochbegabte Staatsmann ist Deutsch-
land dadurch auf eine so verhängnisvolle Weise verderblich geworden,
daß er, nach der persönlichen Lage, in welche seine Leidenschaften
ihn versetzten, gar nicht daran denken konnte, an die Gesichtspunkte,
welche seine politische Überzeugung ausmachten, seine Person zu
setzen. Indem er sie geltend machte, mußte er gleichzeitig im Auge
behalten, nicht gegenüber dem König mit ihnen zu stehen und zu
fallen, nicht um ihn her Intrigen das Übergewicht zu verschaffen,
nicht allzu mächtige Feindschaften hervorzurufen. Durch seine Natur-
anlage befähigt, durch Anmut des Betragens überall zu versöhnen und
zu gewinnen, Persönliches und Sachliches zu verknüpfen, Gegensätze
zu vermitteln, entwickelte er, zunehmend in sich die Neigung, auch in
den größten Verhältnissen, in welchen männliche Beharrlichkeit er-
fordert war, seinen persönlichen Bedürfnissen und den Neigungen
seiner Natur nachzugeben auf Kosten der Sachen. Stein, der ihn fest-
gehalten hätte durch eine Art physischer Gewalt, welche ein solcher
gewaltig sich äußernder Wille über Naturen von Hardenbergs Art
hat, hatte seit 1809 keine amtliche Stellung, die seinen Einfluß auf
Hardenberg gesichert hätte. Humboldt, in dem freies Interesse an den
Sachen, unbestechlicher Wahrheitssinn und klarer Wille zusammen-
trafen, um ihn überall zum denkbar trefflichsten Ratgeber zu machen,
war doch in der Hardenberg untergeordneten Stellung, die er einnahm,
durch die geschlossene Kühle, in welcher sein Wille hervortrat, nicht
5*
58 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
der Mann, den Minister zu bewegen, ja zu bezwingen. So nahmen die
Dinge ihren unseligen Lauf.
Seit 1804 erlangte Hardenberg das Übergewicht über Haugwitz und
leitete mit Unterbrechungen die auswärtige Politik Preußens. Es kann
hier nicht meine Absicht sein, in diese verwickelten politischen Ver-
hältnisse unseres Jahrhunderts einzugehen. In den Gesichtskreis dieser
Darstellung fällt erst seine Tätigkeit, seitdem er 1810 an die Spitze
aller Geschäfte Preußens gestellt ward und sonach die Aufgabe vor
ihm stand, die von Stein begonnene Reorganisation des Staates fort-
zuführen.
Am 6. Juni 1810 ernannte ihn der König zum Staatskanzler und be-
auftragte ihn mit der Leitung aller äußeren und inneren Angelegen-
heiten.
Wir besitzen eine höchst merkwürdige Denkschrift Hardenbergs,
in welcher dieser Staatsmann, fern von den Geschäften, die „Reorgani-
sation des preußischen Staates" in Grundzügen entwirft. Es war, als er un-
mittelbar nach dem Frieden von Tilsit dem Argwohn Napoleons hatte
weichen müssen und Stein an seine Stelle getreten war. Die Größe der
Zeit erhob ihn gewissermaßen über sich selber. „Mußte ich", schrieb er
damals an Stein, „nicht darauf rechnen, daß Sie jede persönliche Rück-
sicht beiseite setzen werden, um die Befriedigung zu haben, den Staat
zu retten, dem Sie seit Ihrer Jugend Ihre Kräfte geweiht haben? Es
ist von größter Wichtigkeit, daß Sie sich ohne Zögern zum König be-
geben. Die ersten Augenblicke werden die größte Sorgfalt erfordern.
Der König hat durch das Unglück viel gewonnen, und seine Ausdauer
macht ihm Ehre." Dies war auch die Voraussetzung, unter welcher er
wagte, aufgefordert von dem König, ihm die folgenden Gesichtspunkte
darzulegen.
Diese Gesichtspunkte sind von höchstem Interesse. Man ist heute,
unter dem Einfluß der letzten Begebenheiten, nicht selten ungerecht
gegen den Einfluß, welchen Frankreich auf unsere politische Entwick-
lung gehabt hat. Sicher müssen wir unsere Auffassung dessen, was in
der Revolution geschah, modifizieren. Das Heroentum der heutigen
Kommune wirft ein unheimliches Licht auf das Heroentum der revo-
lutionären Ausschüsse jener Zeiten rückwärts. Indem wir heute not-
gedrungen lernen, Lüge und Wahrheit in der Phraseologie Frankreichs
zu scheiden, sehen wir uns genötigt, rückwärts in den berühmtesten
Reden der Führer der Revolution dieselbe Scheidung vorzunehmen.
Aber diese gerechte Kritik hindert nicht eine gerechte Anerkennung.
Unsere Nation erhielt durch die Revolution und die von ihr aus-
gehende Propaganda Antriebe, welche uns von größtem Werte waren.
Die Französische Revolution wirkte auf die deutsche Reform. Sie tat
Karl August von Hardenberg 50,
es, indem sie im populären Geiste und in der Klasse der Schriftsteller
neue Ideen in Bewegung brachte und neue Ziele aufstellte. Sie tat es,
indem sie durch die Gewalt der Waffen und das politische Über-
gewicht in Europa, welches sie unter Napoleons Führung erlangte, die
deutschen Regierungen nötigte, den Wettlauf der Freiheit mit dem
aus der Revolution entsprungenen französischen Kaisertum einzugehen.
Hardenberg, welcher von der äußeren Politik herkam, welcher die
Reorganisation als ein Mittel für die politische Selbsterhaltung Preu-
ßens auffaßte, stellt diesen Gesichtspunkt nackt und einfach voran.
Die Französische Revolution, sagt er, gab den Franzosen unter Blut-
vergießen und Stürmen einen ganz neuen Schwung. Das Veraltete ward
zerstört. Die schlafenden Kräfte wurden geweckt. Die benachbarten
Regierungen sahen den Einfluß der Revolution auf ihre eigenen Län-
der wachsen von Tag zu Tag, und die Mittel selber, zu welchen sie
griffen, verstärkten nur dies Wachstum. „Der Wahn, daß man der
Revolution am sichersten durch Festhalten am Alten und durch strenge
Verfolgung der durch solche geltend gemachten Grundsätze entgegen-
treten könne, hat besonders dazu beigetragen, die Revolution zu för-
dern und derselben eine stets wachsende Ausdehnung zu geben. Die
Gewalt dieser Grundsätze ist so groß, sie sind so allgemein anerkannt
und verbreitet, daß der Staat, der sie nicht annimmt, entweder seinem
Untergang oder der erzwungenen Annahme derselben entgegensehen
muß; ja selbst die Raub-, Ehr- und Herrschsucht Napoleons und seiner
begünstigten Gehilfen· ist dieser Gewalt untergeordnet und wird es
gegen ihren Willen bleiben."
Nun zieht Hardenberg seine politische Folgerung.
„Also eine Revolution im guten Sinne, gerade hinführend zu dem
großen Zweck der Veredelung der Menschheit, durch Weisheit der
Regierung und nicht durch gewaltsame Impulsion von innen oder von
außen, das ist unser Ziel, unser leitendes Prinzip. Demokratische
Grundsätze in einer monarchischen Regierung, dies scheint mir die
angemessene Form für den jetzigen Zeitgeist."
Es ist beachtenswert, wie diese ursprüngliche politische Ideenreihe
Hardenbergs ihn, hätte er selbständig die Reorganisation Preußens
übernommen und hätte er die Kraft gehabt, inmitten aller Hemmungen
sie durchzuführen, einen ganz anderen Weg geführt hätte, als welchen
Stein zur selben Zeit einzuschlagen begann, in der Hardenberg dies
niederschrieb. Der Gegensatz der Charaktere unterscheidet auch hier.
Stein, gegenüber der aus der Revolution erwachsenen furchtbaren
Macht, stemmt sich nur um so fester auf die ureigenen Bedingungen
und Charakteranlagen seines Landes, seiner Nation. Hardenberg, be-
weglich, gewandt, geneigt zum Vorteil zu wenden, was andere besaßen,
6θ Die Reorganisatoren des preußischen Staates
ließ sich von den Erfolgen Frankreichs fortreißen und sah allein in
mäßiger Aufnahme der dortigen Ergebnisse in die eigene politische
Entwicklung Rettung. Hardenberg hatte sich durch den Gang seiner
persönlichen Schicksale von den Interessen seines Standes losgelöst.
Stein besaß die geistige Größe, diese Interessen den Staatsinteressen
unterzuordnen, aber mit starker Betonung hob er sie jederzeit hervor.
So fordert denn Hz rdenberg als leitende Maxime für die innere Ver-
waltung nach französischem Muster „möglichste Freiheit und Gleich-
heit". „Jede Stelle im Staat, ohne Ausnahme, sei nicht dieser oder jener
Kaste, sondern dem Verdienste und der Geschicklichkeit und Fähigkeit
aus allen Ständen offen. Jede sei der Gegenstand allgemeiner Ämu-
lation, und bei keinem, er sei noch so klein, noch so gering, töte der
Gedanke das Bestreben: Dahin kannst du bei dem regsten Eifer, bei
der größten Tätigkeit, dich fällig zu machen, doch nie gelangen. Keine
Kraft werde im Emporstreben zum Guten gehemmt."
Dies also waren die durchgreifenden politischen Gesichtspunkte, mit
welchen im Sommer ίδιο Hardenberg an die Spitze der Geschäfte trat.
Die Basis aber, von welcher aus er weiter zu bauen gedachte, war
die Vervollständigung der sozialen Umbildung durch Stein, indem be-
sonders auch der Verkehr von seinen Fesseln befreit wurde; alsdann
eine durchgreifende rationelle Steuergesetzgebung. Dies waren die Ge-
danken, welche er mit den Erfahrungen vieler in der Verwaltung zu-
gebrachter Jahre mitbrachte. Leider ist das Verdienst ihrer Durch-
führung sehr wesentlich durch die Schwäche eines Charakters be-
einträchtigt worden, welcher erschrak vor dem Lärm der höchsten
Klassen über den Verlust ihrer Privilegien, und zurückscheute davor,
sich mit den Tüchtigsten zu umgeben, welche solide Arbeit und
rasche Durchführung ermöglicht hätten.
So ging denn der Minister in folgender Ordnung mit seiner Reform
vor. Am 27. Oktober 1810 legte er dem König einen Gesetzentwurf
zur Unterzeichnung vor, in welchem die Steuerfreiheit des Adels auf-
gehoben und die Aufstellung eines allgemeinen Landeskatasters be-
fohlen wurde. Den 30. Oktober legte er dem König einen zweiten Ge-
setzentwurf vor, in welchem die geistlichen Güter eingezogen wurden,
um mit ihnen einen Teil der Staatsschuld zu bezahlen. Dann folgte
den 2. November das Gesetz über Zünfte und Gewerbefreiheit.
Hier ist denkwürdig, wie wörtlich durchgeführt das von Harden-
berg aufgestellte Programm in diesen drei Verordnungen erscheint.
Ähnliche Dekrete hatte die französische Nationalversammlung zwanzig
Jahre früher erlassen, und der preußische Staat hatte in seiner Gesetz-
gebung innerhalb sechs Tagen einen Zyklus durchlaufen, den zu durch-
laufen die Revolution zwei Jahre gebraucht hatte.
Karl August von Hardenberg 6t
Viel länger dauerte es, bis die Akzise zu fallen begann. Harden-
berg erkannte ganz genau ihre Unhaltbarkeit. Aber er schwankte lange
über das System der indirekten Steuern, welches sie zu ersetzen im-
stande wäre. Endlich durch das Gesetz vom 26. Mai 1818 wurden alle
Zollinien im Innern aufgehoben und auf die allgemeine Grenze Preu-
ßens verlegt: so war der sämtliche Verkehr im Innern frei. Als Ersatz
traten zwei andere indirekte Steuern auf. Eine Verbrauchssteuer, durch
Gesetz vom 8. Februar 1819 eingeführt, von folgenden vier Gegen-
ständen inländischer Erzeugung, von Wein, Bier, Branntwein, Tabaks-
blättern. Die Schlacht- und Mahlsteuer, durch Gesetz vom 30. Mai
1820 eingeführt, nicht neu als solche, wohl aber in dieser gleich-
mäßigen Durchführung durch 132 Städte der Monarchie. So war die
Akzise umgeformt in die indirekten Steuern, die bei Eintritt der Waren
aus dem Ausland und ihrer Ausfuhr erhoben wurden, und die Ver-
brauchssteuern bestanden in inländischen Produkten. Den Ausfall
mußte endlich eine direkte Personensteuer decken, welche unter die
Einwohner nach Klassen verteilt wurde.
Große und schwere Fehler wurden begangen. Ein Chirurg, der einen
Arm abnehmen soll und dies ins Werk setzte, indem er täglich einen
Finger und so weiter abnähme, würde keinen Dank verdienen. Ist ea
anders mit den Abgaben eines Staates? Sie sind ein System von Glie-
dern in der Staatsmaschine, man kann nicht allmählich, stückweise
eines nach dem anderen abnehmen, ohne unnütze Grausamkeit. Durch
Hardenbergs zögernde Reform entstand eine verhängnisvolle Un-
sicherheit in den Verkehrsverhältnissen. Der erste Grund lag leider
auch hier in dem Charakter des Staatskanzlers. Das Gesetz von i8io
über die Durchführung der Grundsteuer rief den Widerstand des
ganzen Standes der von Steuern befreiten Grundbesitzer gegen ihn
auf. Man zieh ihn jakobinischer Grundsätze: man intrigierte zu seinem
Sturz. In den Provinzialständen organisierte sich ein starker Wider-
stand. Da wich Hardenberg zurück. Er verzichtete darauf, das Ge-
setz vom 27. Oktober 1810 uneingeschränkt durchzuführen. Die Grund-
lage seines Werkes blieb damit schwankend.
Worauf hatte das bisherige Steuersystem Preußens beruht? Die lei-
tenden Grundsätze waren: Die direkten Steuern werden als unveränder-
liche Staatsrenten aus dem Grundeigentum behandelt. Zu ihnen treten
die Renten aus dem ansehnlichen Staatseigentum, d. h. den Domänen.
Alle Bedürfnisse, welche durch diese Einkünfte nicht gedeckt sind,
werden durch indirekte Steuern aufgebracht.
Die Erhebung so hoher indirekter Steuern — denn diese mußten
mehr als jene direkten vom Grundeigentum einbringen — war nur mög-
lich durch die berüchtigte Akziseeinrichtung, mit deren letzten Resten
02 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
wir heute zu kämpfen haben. Wenn heute der Reisende durch die
Tore Berlins fährt und ihm die Frage des Zollwächters entgegentönt:
Nichts Zollpflichtiges? auf sein verdrießliches Nein dann der Wagen
weiterrollt: so mag er daran denken, daß dies ein letzter Rest eines
umfassenden, schwer drückenden Systems ist, das einst auf allem Han-
del und Wandel im Königreich Preußen lastete. In den fünf alten
Provinzen betrugen diese Steuern zwischen acht und neun Millionen.
Die Erhebung so hoher indirekter Steuern war aber nur infolge der
Tatsache möglich, daß aller Verkehr in den Städten des Landes kon-
zentriert war. Man behandelte die Städte gewissermaßen als könig-
liche Packhöfe. Da das flache Land seine Bedürfnisse in den Städten
holte, ward es mit besteuert. An den Toren der Städte erhob man
diese indirekten Steuern, welche das Haupteinkommen des Staates
ausmachten.
Schon seit dreißig Jahren hatte man das Lähmende solcher Binnen-
zölle für Gewerbe und Verkehr erkannt. Eine der ersten Maßregeln der
französischen Nationalversammlung war die Unterdrückung der Zölle
im Innern Frankreichs selbst gewesen. Die Freiheit des Verkehrs in
der europäischen Gesellschaft ist einen von der Natur der Sache vor-
geschriebenen Weg gegangen. Man verlegte zuerst die Zollgrenzen,
welche ehedem Orte nächster Nachbarschaft voneinander wie durch
Schlagbäume geschieden hatten, an die äußeren Grenzen der Staaten.
Man hat in Deutschland dann die Zollgrenzen der einzelnen Zoll-
vereinsstaaten aufgehoben. Endlich schreitet man dazu fort, sowohl
die Klassen der zu besteuernden Gegenstände als die Höhe der Steuern
an den großen Grenzen der europäischen Staaten zu verringern.
Der Staatskanzler fügte zu den sozialen Reformen Steins, die haupt-
sächlich den Ackerbau betroffen hatten, solche, welche die Gewerbe
betrafen. Am 2. November 1810 legte er dem König den denkwürdigen
Gesetzentwurf vor, in welchem die Zünfte aufgehoben und eine völlige
Gewerbefreiheit eingeführt wurde, damit jeder Staatsbürger seine
Kräfte frei und nach eigener Einsicht gebrauchen könne.
Damit war notwendig gegeben, daß das Akzisesystem fallen mußte.
Denn wo Schlagbäume benachbarte Städte voneinander scheiden, ist
der Freiheit der Gewerbe die Lebensader unterbunden.
Alsdann vermochte er ebensowenig energisch die ergänzenden Maß-
regeln von hervorragenden Finanzautoritäten durchführen zu lassen.
Die erste außer Stein war damals Niebuhr. Dieser war so tief erbittert
von der frivolen Art, mit welcher der Staatskanzler die Frage behan-
delte, daß er trotz der lebhaftesten Bitten desselben sich weigerte,
mit ihm gemeinsam zu arbeiten. Damals rief er Schön zu Hilfe. Aber
auch Schön, einverstanden durchaus mit den leitenden Gesichtspunk-
Karl August von Hardenberg 63
ten, war von seinem Finanzplan ganz unbefriedigt. So entsprangen
überall aus seinem Wesen Hemmungen.
Von diesen wichtigsten Arbeiten Hardenbergs, welche die Gesell-
schaft und die Verwaltung betrafen, wenden wir uns zu der Stellung,
welche er der großen Verfassungsfrage gegenüber einnahm.
Die Gesellschaft muß die Mittel zu ihren Bedürfnissen aufbringen;
aber sie allein vermag auch anzuzeigen, wie sie aufzubringen seien.
Ein rationelles Steuer-, Handels- und Finanzsystem in Europa ward
erst möglich durch den allmählichen Fortgang der Repräsentativver-
fassungen. Daher hatte Hardenberg an die neue Gesetzgebung unmittel-
bar die Aussicht auf eine Repräsentativverfassung geknüpft.
Ich habe erzählt in der Übersicht über Steins Wirken, welche Ver-
sprechungen gegeben, welche Vorschläge gemacht wurden, vor und
unmittelbar nach dem Kriege. Es waren auf dem Wiener Kongreß
besonders die preußischen Gesandten, welche darauf drangen, daß
ein Minimum ständischer Rechte in der Bundesakte selber festgestellt
werde. Als dies durch widerstrebende Interessen einzelner Fürsten ver-
eitelt war, als der König zum zweiten Male sein Volk auffordern
mußte, in den Kampf zu ziehen, uneingelöst die älteren Versprechun-
gen: da ging Preußen allein vor; der König erklärte den 22. Mai 1815,
daß er nach beendetem Kriege dem Lande eine Repräsentativverfas-
sung geben werde.
Als der Krieg beendet war, wurde zunächst die wichtige Organi-
sation der Verwaltungsbehörden vollendet. Was Stein vorbereitet hatte,
ward nun abgeschlossen. Denn man trat in definitive Zustände. Den
20. März 1817 erschien das Gesetz, welches den Staatsrat errichtete,
auf den Stein von Anfang seiner Laufbahn ab hingewiesen hatte. Ein
Ausschuß dieses Staatsrats ward mit Ausarbeitung einer Verfassungs-
urkunde beauftragt. Man saß zusammen, beriet, arbeitete.
Da kamen die Gegenwirkungen. Das Studentenfest auf der Wart-
burg. Stourdza über die Gefahren des deutschen Universitätswesens.
Kotzebues Ermordung durch Sand. Metternichs für Österreich höchst
scharfsinnige, für Preußen unheilvolle Furcht vor der Ausbreitung
der Repräsentativverfassungen.
Hardenberg ward von der Partei der Restauration umlagert und be-
wacht. Sie kannten ihn. Er, der gefürchtete Staatskanzler, beobachtete
nicht nur sorgsam jede Wendung seiner Gegner in Berlin und an an-
deren europäischen Höfen, sondern fürchtete sie. Er wollte die Stelle
behaupten, die er inne hatte. Er wollte gern den seinen Überzeugungen
entsprechenden Weg gehen, aber lieber jeden anderen, als die Höhe
verlassen, zu der keine Widrigkeit aus seinen persönlichen Verhält-
nissen hinaufreichte. Er sah den König täglich. Besser als irgend
64 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
jemand durchschaute er, daß dieser keine Repräsentativverfassung ak-
zeptieren würde. Ja, er sah, daß der König mit Metternich völlig ein-
stimmig war. Damit war ihm die Linie seiner eigenen Politik vorge-
zeichnet. So trüb als die öffentlichen Verhältnisse waren seine per-
sönlichen. Von seiner dritten Frau hatte er sich durch gütliches Ab-
kommen getrennt. Er selber kränkelte. Ein Nervenschlag endete sein
Leben, zu einer Zeit, da niemand wahrhaft ihn betrauerte als die-
jenigen, welche von ihm abhingen. Sein einziger Sohn entsagte für sich
der fürstlichen Würde und starb ohne Nachkommen. Seine einzige
Tochter löste zwei Ehen. So versank ein Geschlecht, welches bestimmt
schien, durch ihn zum höchsten Glanz sich zu erheben.
„Man kann", so urteilte Humboldt über ihn, „mit Wahrheit von
ihm sagen, daß, wenn man die Begebenheiten von 1810 bis 1816
wie die Entwicklung eines Dramas betrachtet, ein Dichter keinen ge-
eigneteren Charakter hätte finden können, dieselbe für Preußen herbei-
zuführen, als den seinigen. Ich habe dies inmitten dieser Begeben^
heiten oft gefühlt." Man darf hinzufügen: in allem Guten und Schlim-
men, was in dieser Zeit geschah, leitend durch seine Stellung, bedurfte
er für die Durchführung des Guten mächtiger durch die Zeit ge-
gebener Beweggründe und starker ihm zur Seite stehender Naturen;
auch das Schlimme war bedingt durch mächtige Verhältnisse und
eine Verbindung von Europa leitenden Personen, welchen zu wider-
stehen ein stärkerer Wille wäre erforderlich gewesen, und ein reinerer,
als der seinige war. So versanken die Hoffnungen Deutschlands auf
nationale Einheit und auf Repräsentativverfassung während seines Mi-
nisteriums, nicht zuletzt durch die Schuld seines Charakters.

III. WILHELM VON HUMBOLDT


Fremdartig, dem ganzen Gepräge seines Geistes nach, tritt in diesen
Kreis Wilhelm von Humboldt, der Schüler Kants und der Griechen,
der Genosse Goethes und Schillers, welcher das Glück seiner römi-
schen Existenz aufgab, um ohne jeden Ehrgeiz, ja ohne Tatendrang,
im Gefühl der Pflicht gegen den Staat und gegen sich selber, in dem
zerrütteten Staat das schwierige Departement des Unterrichts und des
Kultus zu übernehmen. Ein Mensch, der für sich nichts als Muße ge-
wünscht hätte, und doch der genaueste und unermüdlichste Arbeiter, den
man sich denken kann. Grieche nach seiner ganzen Bildung, und nun trat
er an die Spitze der preußischen Kirchenleitung. Preußen besaß nie
einen Unterrichtsminister, der an Größe der Gesichtspunkte und genauer
Tüchtigkeit der Ausführung mit ihm zu vergleichen gewesen wäre.
Wilhelm von Humboldt 65
Die Gesichtspunkte richtig aufzufassen, mit denen er in den Zu-
sammenhang der Reorganisationen in Preußen eintrat, muß man ver-
stehen, wie er geworden ist.
Ohnehin gewährt ein Überblick dieses Lebens ein eigentümliches
Interesse hoher Art für die hier in Rede stehenden Probleme. In der
neueren Geschichte Preußens haben stets zwei Elemente nebenein-
ander gewirkt, aber stets als getrennte, manchmal als in Fehde
liegende Kräfte. Das ältere Preußen erzog einen Staatssinn, den es
aber zugleich einschränkte auf die Beamtenwelt, als die unmittelbare
und zugleich ausschließende Staatsarbeiterschaft. Dieser altpreußi-
schen Staatsgesinnung stellte sich seit der Katastrophe zur Seite der
Inbegriff idealer deutscher Kräfte, welche unsere große geistige Revo-
lution entbunden hatte. Man darf sagen, daß die Fehde zwischen
diesen beiden Mächten, altpreußischer straffer prosaischer Staats-
gesinnung und dem Enthusiasmus des im vorigen Jahrhundert neu-
geborenen geistigen Deutschland, auch heute noch nicht beschwich-
tigt ist. Nie durfte sie durch Aufgeben einer der beiden Richtungen
beschwichtigt werden. Ihre Versöhnung ist eine der großen Aufgaben
des neuen Deutschen Reiches. Als der Repräsentant der in der gei-
stigen Bewegung Deutschlands entbundenen Kräfte tritt Wilhelm von
Humboldt neben einen Stein. Sein Ursprung und sein Lebensgang
hatten ihm von den Gewohnheiten und Gesinnungen des hohen preußi-
schen Beamtentums nur gerade genug mitgegeben, daß er in diesem
Ganzen mitzuwirken überhaupt in der Lage war.

Wenige Fremde werden Berlin besucht haben, ohne Schloß und Park
von Tegel, den Ort, an dem Wilhelm und Alexander von Humboldt
aufgewachsen sind und der mit ihrem Gedächtnis untrenilbar verknüpft
ist, gesehen zu haben. Das Schloß liegt drei Stunden von Berlin —
man kommt durch düstere Kiefernwaldung und Sand — an der Havel,
die sich da wie ein See ausbreitet, an der nordöstlichen Spitze dieses
Sees, umgeben von einem anmutigen Park. Eine echte Brandenburger
Landschaft. In jenen Zeiten stand noch nicht das heutige Schloß,
das vielmehr erst eine Schöpfung Wilhelm von Humboldts ist, son-
dern ein engeres, altertümliches, von den Zeiten des großen Kurfürsten
her aneinander gebaut.
Wilhelm von Humboldt wurde 1767 geboren, alsdann Alexander
1769. Es macht einen eigentümlichen Reiz ihrer Lebensgeschichte
aus, daß in ihr Charaktere und Schicksale von zwei so verschiedenen
und doch durch die geniale Verallgemeinerung des Blickes so ver-
wandten Naturen verbunden sind. Ihre Erziehung war eine gemein-
66 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
same. Da der Vater schon im Jahre 1779 starb, so wuchsen die Bru-
der unter den Augen ihrer ausgezeichneten Mutter in der Aufsicht
zuerst — komisch es zu sagen — des glorreichen Aufklärers Campe
auf, alsdann aber des trefflichen Kunth. Von Campe wird noch er-
zählt: als er mit Wilhelm das Zimmer besah, in dem Rousseau ge-
storben, und als Hofmeister doch überall ein wichtiges Wort äußern
zu müssen geglaubt, sei er an das Fenster getreten und in die Worte
ausgebrochen: „Zu diesem Fenster ist die große Seele hinausgefah-
ren." Dennoch, so wunderlich der Mann war, gedenkt man daran, daß
vielleicht seine sprachlichen Arbeiten die ersten Triebe der Sprach-
forschung im Geiste Wilhelms weckten, sein Robinson und seine Bil-
der aus dem Leben kühner Weltumsegler Alexanders Phantasie viel-
leicht zuerst mit Bildern kühner Entdeckungsfahrten erfüllten. Chri-
stian Kunth ward dann nicht nur der Lehrer, sondern für das ganze
Leben, auch als er in eine Staatsstellung übergegangen war, der treue
Vertraute beider Brüder, ihr Ratgeber in Vermögensangelegenheiten,
der Verwalter ihres Besitzes, wenn Wilhelm in Spanien und Italien
weilte, Alexander jenseits des Ozeans. Ich wüßte nicht, daß je ein
Gelehrter einen so vortrefflichen Erzieher gehabt hätte. Ruhig, ge-
ordnet, beharrlich verfolgte er die Aufgabe, alles, was Berlin an echten
Bildungsmitteln besaß, für die Entwicklung großer Anlagen fruchtbar
zu machen. Unter anderem nahmen sie an Vorlesungen teil, welche der
berühmte Staatsmann D o h m , damals im Departement des Auswär-
tigen in Berlin, einigen jungen Leuten hielt. Alexander wußte immer
mit dem älteren Bruder gleichen Schritt zu halten. In der ersten Zeit
der Kindheit hatte man ganz an seinen Fähigkeiten verzweifelt, bis es
im späteren Knabenalter plötzlich licht in seinem Kopf wurde. Auf
Engels Veranlassung hielt ihnen K l e i n , seit 1781 Mitarbeiter an der
großen preußischen Gesetzesreform, Vorlesungen über das Naturrecht.
Aber der Hauptanteil an der Erziehung Wilhelms gebührt nach seinem
eigenen Zeugnis demselben Mann, der später der Erzieher des Königs
war, unter welchem Humboldt an der Staatsverwaltung Anteil nahm.
E n g e l war es, der in Humboldt durch seinen Unterricht die klare
logische Durchbildung des Gedankens und Ausdrucks, die unerschüt-
terliche Nüchternheit des Untersuchungsgeistes förderte, welche zu-
gleich in Humboldts Anlage so tief gegründet waren. So erwuchs er
ganz und gar in der Atmosphäre der Berliner Aufklärung.
Diese Aufklärung darf nicht unterschätzt werden. Vor allem war
sie durch Friedrich in Preußen ganz mit der preußischen Staatsgesin-
nung verschmolzen. Begeisterung für das Gemeinwohl der bürger-
lichen Klasse, für den Ruhm des Königs, für die Stellung Preußens
in Europa, für den großen Gang fortschreitenden Unterrichts und
Wilhelm von Humboldt 67
wachsende Aufklärung waren die Seele aller Bestrebungen der Engel,
Biester, Nicolai. Die Schöpfer der preußischen Landwehr und diese
Männer waren desselben Geschlechts. Wilhelm von Humboldt mußte
später, als er mit den Jakobi und Forster verkehrte, viel Spaß über
seine alten Lehrer und Freunde vernehmen, aber was er von ihnen
empfangen, gab ihm doch diesen gegenüber die unbestechliche Festig-
keit und Klarheit des historisch-politischen Blickes, durch welche er
in seinen Schriften sie hinter sich läßt und in seinem Leben zu schöp-
ferischem, zusammenhängendem Wirken befähigt war.
Doch war diese Natur so reich, daß noch Elemente ganz anderer
Art, welche sich der Erziehung durch die Aufklärung entzogen, in
dem Jüngling hervortraten. Es war eine mächtige Sinnlichkeit und
ein tiefes Empfindungsleben in ihm. Durch Kunth ward Humboldt
in das Haus von Marcus Herz eingeführt und gehörte bald zu denen,
welche sich unter die Seelenleitung der Frau Hofrat stellten. Sie
machte ihn mit ihren Freundinnen bekannt. Er ward in eine Art von
Tugendbund aufgenommen. Er lernte dann in Göttingen Thérèse For-
ster kennen. Auch die Freundschaft mit jener Frau, welche später
die „Briefe an eine Freundin" von dem Greise empfing, stammte aus
einer obwohl nur kurzen Begegnung dieser Jahre.
Wer durchdringt ganz den Menschen ! Seltsam waren die schroffsten
Gegensätze ungeheurer Empfindsamkeit und kältester Ruhe in dem
Jüngling gepaart, welche dann erst allmählich im Verlauf einer tief-
sinnigen und idealen Entwicklung sich ausglichen. Ein Vorfall zeichnet
das drastisch. In Göttingen badete er mit seinem Freunde Stieglitz
in der Leine und, fortgerissen, vergeblich ringend, begann er zu sinken
und sah den Tod vor sich. Da rief er dem Freunde zu: „Stieglitz,
ich ertrinke, aber es tut nichts." Stieglitz sprang nach und rettete ihn.
Humboldt erzählte später seine Empfindungen, es waren die der zar-
testen und edelsten Freundschaft für den anwesenden Freund, des
innigsten Andenkens an seine Geliebte, aber in den unmittelbaren Äuße-
rungen fand sich nichts davon, er ging mit dem Freunde, der ihn ge-
rettet hatte, unter Scherz und Lachen noch lange in der Mondnacht
spazieren. Es ist bezeichnend für ihn, daß er auch später den tiefsten
echtesten Sinn für Männerfreundschaft mit kühlem und keuschem Be-
zeigen und Aussprechen verband. Nicht minder seltsam ist in ihm die
größte Fähigkeit für Geschäfte gepaart mit einer Gesinnung, für welche
in der persönlichen Ausbildung der schließliche Zweck des Lebens,
in den Ideen das Leitende lag. „Hätte ich", schrieb er an Schil-
ler, „einen Wirkungskreis wie der, welcher jetzt eigentlich Europa
beherrscht (Napoleon), so würde ich ihn doch immer als ein jenem
Höheren Untergeordnetes ansehen, und das ist meine wahre Meinung."
68 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
Die Gesellschaft, in welche er nunmehr in Göttingen und von da
ab eintrat, entsprach mehr als die Berliner dem Gefüge seines Wesens.
Doch sieht man auch hier durch, daß er die Inkonsequenz und Ein-
seitigkeit der neuen Genossen mitten im schönsten Enthusiasmus keinen
Moment vergaß. Er blieb auch hier überlegen. Er lernte F ors t e r
kennen. Als ein Siebzehnjähriger hatte dieser die Reise um die Welt
gemacht, als ein Zwanzigjähriger sie beschrieben; ein die Erde um-
fassender Blick, eine Verknüpfung aller Interessen, welche Natur-
forschung und Historie darbieten, im Studium und der Förderung des
Menschen, eine ihn selber und andere verwirrende Vielseitigkeit, in
welcher er so aufwuchs: das war sein intellektueller Charakter, und
wie mußte er Humboldts Seele erweitern, ohne doch zugleich ihm die
Freiheit zu nehmen. Er lernte J a k o b i kennen. Fünf Tage, welche sie
in Pyrmont zusammen waren, ließen ihn zugleich den Adel seines
vom Selbstgefühl getragenen Empfindens und seinen dialektisch her-
vorragenden, aber für den Gedankenaufbau unproduktiven Scharfsinn
durchschauen: so sonderbar ist in die starken Seiten dieses Mannes
überall etwas eingemischt gewesen, wodurch sie beinahe degenerierten.
Diesen deutschen Kreisen gab einen sonderbaren Hintergrund die
ausbrechende Französische Revolution. Das weltgeschichtliche Drama
begann, in dessen Verlauf Humboldt als Mithandelnder in den letzten
Akten aufzutreten bestimmt war. Damals hatte er sich mit dem Men-
schenfreund Campe als heiterer Zuschauer des ersten Aktes einge-
funden. Die beiden waren ausdrücklich nach Paris gereist, der Be-
freiung der Humanität von mittelalterlichen und dynastischen Fesseln
persönlich beizuwohnen. Sie sahen den Schauplatz des eben beendeten
Kampfes vom 14. Juli. Sie wurden von Mirabeau in die dichtgefüll-
ten Zuschauerräume des Parlaments geführt, um den Debatten beizu-
wohnen. Sie mischten sich unter die Deputierten, welche am 13. August
Ludwig XVI., als dem Wiederhersteller der französischen Freiheit,
ihre Glückwünsche darbrachten, und sahen Marie Antoinette im
Schlosse und den König —: ein deutscher Edelmann und ein exzen-
trischer deutscher Humanitätsschriftsteller unter den französischen
Politikern des ersten Revolutionsjahres versteckt. Campe, in seinem
dann gedruckten Tagebuch, wird ganz närrisch angesichts dieser Vor-
gänge. Humboldts großes, klares, vornehmes Auge sah die Revolution
von Anfang, wie sie war, und er brachte sehr ernüchternde Berichte
nach Deutschland zurück.
An solche Anschauungen schloß sich die wichtige Schule des Be-
amtentums. Humboldt arbeitete nunmehr in Berlin als Referendarius
am Kammergericht. Dieses bildete damals das letzte Bollwerk aller
Rechte im preußischen Staat. In einem wichtigen Prozeß, der die Preß-
Wilhelm von Humboldt 69
freiheit gegenüber den Maßregeln des Ministeriums Wöllner betraf,
funktionierte Humboldt als Protokollführer neben seinem Lehrer, dem
berühmten Juristen Klein. Daneben politisierte und lebte Humboldt
mit G e n t z , der damals in Berlin den hervorragendsten politischen
Verstand, für seine Verhältnisse die meisten Schulden und für einen
Mann seiner Art den schlechtesten Ruf hatte. Ein neuer Mitspieler
in den letzten Akten des großen Dramas, das von 1789 bis 1815 sich
abgespielt hat, trat damit in Humboldts intimste Nähe. Über zwanzig
Jahre später sollten die beiden bei den großen Friedensschlüssen am
selben grünen Tisch sitzen.
Nun aber trat Humboldt endlich in den Kreis ein, welcher seiner
großen Natur genug tat, in welchem er den festen Grund seiner per-
sönlichen und wissenschaftlichen Weltstellung legen sollte. Weder
Campe, Biester und Engel, noch Forster und Jakobi waren dieser
tiefen, festgegründeten, umfassenden Natur gewachsen gewesen. Nun
traten ihm die entgegen, mit welchen er die schönsten Jahre seines
Lebens in einer beneidenswerten Gemeinschaft denken, arbeiten, ge-
nießen sollte.
Die Liebe sollte ihn in diesen Kreis führen. Der Kreis, in welchem
er in Berlin lebte, war auch mit Karoline von Dacheröden, einer Ver-
wandten des Koadjutors Dalberg, in Erfurt, in Verbindung. So ent-
wickelte sich eine Verbindung, welche für Humboldt das ganze Leben
hindurch eine Quelle des seltensten Glückes sein sollte. Schiller be-
zeichnete Karoline als eine ungewöhnliche idealische Erscheinung voll
Adel und Feinheit. Im Juni 1791 verbanden sie sich, und Humboldt
zog sich, nachdem er als Legationsrat den Staatsdienst verlassen, nach
Burgörner, in der Nähe von Mansfeld, einem Gute seiner Frau, zurück,
in tiefster Einsamkeit dort seiner Liebe und seinen Studien zu leben.
In dieser Einsamkeit entstand die Schrift, welche Humboldts Ant-
wort auf die Tatsache der Französischen Revolution ist.
Sein gesunder, an Kant geschulter Sinn verwarf die ganze Methode,
wodurch die neue französische Verfassung zustande gekommen war.
Hier entspringt eine wichtige historisch-politische Ansicht, welche ihr
Licht auch auf die Geschichte unserer Gesamtverfassung von 1848
wirft. Die französische Verfassung ward gebildet „nach bloßen Grund-
sätzen der Vernunft" und wird demgemäß sich nicht erhalten können.
Denn ohne Erfahrung ist Vernunft nicht politisch schöpferisch, und
ohne die realen Verhältnisse sind ihre Produkte nicht haltbar. Ver-
fassungen haltbarer Natur entspringen daher nur im geschichtlichen
Kampf politischer Ideen mit „der gesamten individuellen Beschaffen-
heit der Gegenwart, der vorhandenen Summe individueller mensch-
licher Kräfte".
JO Die Reorganisatoren des preußischen Staates
Er verwarf den leitenden Gedanken, welcher inhaltlich der in der
Französischen Revolution geschaffenen Verfassung zugrunde lag. Die-
ser Gedanke war nichts als die Fortsetzung des leitenden Gedankens
im alten Regime. Die Regierung, verantwortlich für das physische
und moralische Wohl der Staatsbürger, entwirft einen Inbegriff von
Maßregeln, um dieses zu regeln. Humboldt nannte diese Maxime mit
Recht „den drückendsten und ärgsten Despotismus".
Diese Gedanken zirkulierten in Briefen Humboldts an verschiedene
Freunde. So gelangten sie an D a l b e r g , der schon damals bestimmt
war, Kurfürst von Mainz zu werden. In diesem Manne, der sich mit
gemütsweichen, aber wenig praktischen Plänen trug, wie er das Wohl
der künftigen Untertanen zu schaffen hoffe, riefen sie lebhaften Wi-
derspruch hervor. Er bat Humboldt um eine Darlegung über die
Grenzen der Wirksamkeit des Staates. So entstand die Schrift: „Ideen
zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu be-
stimmen."
Sie ist in ihrer negativen Tendenz höchst bedeutend und unangreif-
bar. Sie ist geschrieben „gegen den Wahnsinn des Regierens, als die
verderblichste Krankheit der neueren Regierungen". Anschaulich stellt
sie dar, was Humboldt am preußischen System so genau als seinen
Grundfehler kennengelernt hatte. Er war hier ganz eins mit Stein.
Dies System der Vielregiererei von oben macht aus dem Beamtentum
eine dienstbare Maschine, aus den Untertanen selbstlose Gegenstände
für diesen Regierungsapparat, in welchen dann der praktische, selb-
ständige Sinn mangelt. Mit derselben anschaulichen Klarheit zeigt
dieser Versuch das Unternehmen der Französischen Revolution in
seiner Nichtigkeit, einen Vernunftstaat zu gründen, welcher durch neu-
erdachte Maschinen der Regierung das Wohl aller verwirkliche.
Auch die positive Absicht ist höchst bedeutend, doch keineswegs
geeignet, durchaus Billigung zu finden. Der Staat ist da um des Men-
schen willen, nicht dieser um des Staates willen. Die Aufgabe des
Menschen ist freie Entwicklung all seiner Kräfte. Diese Aufgabe
fordert Freiheit oder Selbständigkeit einerseits, Sicherheit anderer-
seits. Diese letztere kann der Staat allein gewähren; er ist also als
Rechtsstaat eine Sicherheitsanstalt. Die erstere Aufgabe selbständiger
Entwicklung braucht der Staat nur nicht zu hindern, sie positiv zu
fördern vermag er nicht. Hieraus folgt, daß er in Erziehungswesen,
Religion und Sitten nicht einzugreifen hat. Von diesen Gedanken aus
deutet Humboldt umfassende Reformen des Rechts an: keinerlei Be-
schränkung der Ehescheidung, kein Testatrecht, möglichst gelinde
Strafen, mit völligem Ausschluß der Strafe der Ehrlosigkeit.
Sind so die Fesseln des Staates gebrochen, so vermag alsdann, nach
Wilhelm voi? Humboldt yχ
Humboldts Ansicht, frei. das Gestaltende und Verknüpfende in der
menschlichen Natur die Verbindungen der Glieder einer Nation her-
vorzubringen. Die Nation stellt sich Humboldt unter dem Bilde einer
edlen Gesellschaft vor, eines „Nationalvereins". „Es ist das freie Wir-
ken der Nation untereinander, welches alle Güter bewahrt und die
Menschen in eine Gesellschaft führt." Freie Assoziationen leisten so,
was vordem die für das Wohl der Nation sorgende Regierungsgewalt
leistete. Und der Staat selber muß streben, „die Menschen durch
Freiheit dahin zu führen, daß leichter Gemeinheiten entstehen, deren
Wirksamkeit an die Stelle des Staates treten könne".
Es ist die Stärke dieser politischen Theorie, daß sie die Selbst-
regierung an die Stelle der Regierung setzt. Es ist ihr schwacher Punkt,
daß sie diese Selbstregierung nicht in organische Verbindung mit
dem Staatszweck und den obersten Organen des Staates setzt. Sie ist
im edelsten Sinne deutsch durch jene erste Tendenz, mit allen größten
Leistungen der Reorganisationsepoche einmütig. Indem sie aber den
abstrakten Gegensatz zwischen dem selbsttätigen Menschen und der
ihn einschränkenden Staatsgewalt festhält, bleibt sie stehen vor dem
schöpferischen Gedanken, mit welchem Stein und Scharnhorst ein-
setzten. Hier liegt ein Mangel Humboldts, welcher ihm in seiner ganzen
politischen Tätigkeit eigen blieb. Der am meisten demokratische unter
den großen preußischen Staatsmännern, stand er doch jederzeit un-
entschlossen vor der Aufgabe, Steins Reform durch eine Repräsentativ-
verfassung zum Abschluß zu bringen.
Im Mai 1792 war diese Schrift vollendet. Am 6. Januar 1809 erst
traf ihn der Ruf, in die Reorganisation Preußens miteinzugreifen. Sieb-
zehn Jahre sich vertiefender Selbstbildung und umfassender Forschung
lagen dazwischen. In ihnen näherte er sich stetig der hohen Reife,
in welcher seine große politische Aufgabe und seine wissenschaftliche
von ihm ergriffen werden sollten. Denn diese glückliche Natur erfaßte
nichts zu früh, bewältigte aber mit den Jahren das Höchste.
Die Reorganisation des Unterrichts, die großen Friedensschlüsse
waren seine politische Aufgabe; die Begründung der Sprachphiloso-
phie seine wissenschaftliche.

Er begann mit der Altertumswissenschaft. F r i e d r i c h A u g u s t


W o l f , der Begründer derselben in Deutschland, ward selber sein
Führer. Im Sommer 1792 besuchte Humboldt den genialen Philologen
in Halle, und von da an nahm ihn Wolf in seine strenge und genaue
Schule. In den Weihnachtsferien von 1792, als Wolf bei ihm in
Auleben war, ermutigte er ihn, seine Ideen über den Charakter der
D i l t h e y , Gesammelte Schriften XII 5
72 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
Griechen und den Zweck ihres Studiums niederzuschreiben. Die Aufgabe
der Altertumswissenschaft ist ihm schließlich die „philosophische
Kenntnis des Menschen überhaupt". Der Blick muß, diese Kenntnis
zu erlangen, anhaltend auf eine große Nation und deren Bildungsgang
gerichtet sein. Er muß sie, wie die Biographie ein Individuum, um-
fassen. Die Griechen aber sind das Mustervolk für die Erkenntnis
echter Menschlichkeit. Daher entspringt aus ihrem Studium mitten in
der Erkenntnis zugleich die zarte Blüte der „Bildung des schönen
menschlichen Charakters". Diese Grundzüge sind für Wolf leitend ge-
worden. Was in ihm naive Genialität war, fand er hier philosophisch
erkannt. Vergeblich hatte er versucht, das zusammenfassende Wort
für die von ihm erstrebte Reform der Altertumswissenschaft zu fin-
den; der philosophisch geschulte, tief denkende Genosse sprach es ihm
nun aus. So reifte denn in Wolf jene vierzehn Jahre später erschienene
„Darstellung der Altertumswissenschaft", welche eine so mächtige Wir-
kung hervorbringen sollte. In ihr bekannte er, wieviel er den münd-
lichen und schriftlichen Unterredungen des „edlen und vortrefflichen
Genossen seiner philologischen Studien" verdanke; hier verwob er mit
seinen eigenen Ideen eine Reihe von Stellen jenes frühen Aufsatzes
von Humboldt.
Von der Altertumswissenschaft und ihrem genialen Vertreter schritt
Humboldt weiter zu umfassenden philosophischen Forschungen, an-
geschlossen an das Höchste, was unsere Nation damals zu bieten ver-
mochte: Schiller, Goethe und Kant. Persönliche Bildung und verglei-
chende Anthropologie als philosophisch-historische Wissenschaft be-
schäftigten ihn in dieser nunmehr folgenden höchst glücklichen
Epoche.
In den ersten Tagen des April 1793 hatte er von Erfurt aus S c h i l -
l e r besucht, dessen Frau und Schwägerin seiner Frau innig befreundet
waren. Fäden persönlichster Art waren zwischen ihnen; sie traten sich
von vornherein nicht als Fremde gegenüber. Es war die Zeit jener
philosophisch-ästhetischen Vertiefung Schillers, die seiner großen
schöpferischen Epoche voraufging. In dieser Zeit mußte die Begeg-
nung für beide Männer ein Ereignis werden. Humboldt siedelte nach
Jena über, und eine Freundschaft zwischen beiden Männern entstand,
welche Humboldt jederzeit unter die höchsten Güter seines Lebens
gerechnet hat. Schiller ward erfaßt von der „seltenen Totalität" in
Humboldts Wesen. Er fand, daß sich im Gespräch mit ihm all seine
Ideen leichter entwickelten. Sie waren beide Idealisten. Man kann
nicht schlichter und tiefer dies aussprechen, als mit den Worten der
Nachrede Humboldts an den früh verstorbenen Freund. Wie „der Ge-
danke das eigentliche Element seines Lebens gewesen, wie er nicht
Wilhelm von Humboldt 73
anders als umgeben von den höchsten Ideen und den glänzendsten
Bildern gelebt hatte, wie er in rastlosem geistigem Fortbewegen sein
Leben und Streben stets als etwas Unendliches betrachtet, wie er mit
tiefer Liebe, mit echter und steter Leidenschaft in seinem Schaffen
und dessen Gegenstand versenkt gewesen, wie alles Gemeine tief unter
ihm gelegen und wie selbst das Gewöhnliche durch die Größe der
Ansicht und der Behandlung von ihm geadelt worden".
Welch ein Gespräch entwickelte sich zwischen diesen beiden Men-
schen! Sie hatten in der schönsten Vertraulichkeit eine persönliche
gemeinschaftliche Grundlage, in der Philosophie Kants, welche aus-
zubauen beiden als höchstes Ziel philosophischer Forschung erschien,
eine wissenschaftliche Basis. Die beiden Familien lebten wie eine.
Meist zweimal des Tages sahen sich die zwei Freunde, und ihre Abend-
gespräche zogen sich oft bis tief in die Nacht. Humboldt selber hat
die Gesprächsweise des Freundes beschrieben. Liebenswürdigkeit und
Größe verschmolzen sich ineinander, die Begeisterung des Schaffens
sprühte dann in den Worten seines Mundes, den Flammen seines
Auges: in den glücklichsten Momenten seines Gesprächs war er mit
keinem unter allen Menschen zu vergleichen. Von Humboldts Ge-
spräch aber schrieb Schiller an Körner, „es wecke jede schlummernde
Idee und nötige zur schärfsten Bestimmtheit".
Als „vergleichende Anthropologie" bezeichnete Humboldt die wis-
senschaftliche Aufgabe, welche sich ihm unter dem so erweiterten
Gesichtskreis ergab. Einzelne Studien über die Geschlechter, über das
Epos, anknüpfend an „Hermann und Dorothea", traten heraus. Der
Gesamtplan aber ward der breite und tiefe Untergrund, auf welchem
seine Sprachforschung sich aufbauen sollte.
Dies vergleichende Studium des Menschen forderte, daß er zunächst
die Individualitäten der großen Kulturnationen studiere. Er teilte mit
seinem Bruder Alexander den universellen Blick und die in realisti-
schen Naturen mit ihm untrennbar verknüpfte Reiselust. Nichts, hatte
er schon früher erklärt, möchte er unangeschaut auf der Erde zurück-
lassen. So wurden die nächsten Jahre in Frankreich, Spanien und
Italien zugebracht. Ja, noch weiter wollte ihn dieser Zug locken. Kaum
hielt er sich zurück, den Bruder auf einer von diesem projektierten
großen orientalischen Reise zu begleiten.
Zuerst ließ man sich in Paris bequem nieder. Interessante Beobach-
tungen über die französische Schauspielkunst teilte er damals nach
Deutschland mit. Der französische Schauspieler spielt im ganzen mehr
die Leidenschaft als den Charakter; er läßt den Zuschauer nicht so-
wohl in eine Gemütsart und einen Gang der inneren Bewegungen
blicken, als in einen augenblicklichen Gemütszustand. Daher ist die
74 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
Darstellung verschiedener Rollen weniger individuell nuanciert; sie
folgt mehr gewissen wiederkehrenden Typen. Der Ausdruck der Lei-
denschaft ist mehr der physische der Natur als der höhere idealische.
Es ist durchsichtig, wie hinter dieser Darlegung die Einsicht in eine
wesentliche Verschiedenheit französischer und deutscher Nationalität
liegt. Auch physiognomische Studien beschäftigten ihn zur selben Zeit.
Er suchte nach Grundtypen. Immer wieder forschte er an jenem Punkte,
an welchem Sinnliches und Geistiges verschlungen sind, den Men-
schen zu studieren. Darum zog ihn das Problem der Geschlechter an,
der Gesichtsausdruck: bis er endlich in der Sprache das Problem fest-
halten sollte, welches von hier aus die umfassendsten Perspektiven
eröffnet.
Dies Problem der Sprache trat ihm nun näher auf seiner weiteren
Reise nach Spanien. Das Studium des Baskischen fesselte ihn dort.
Er durchforschte die Pariser Manuskripte, als er von der spanischen
Reise zurückgekehrt war. Er wandte sich dann plötzlich noch einmal
nach Spanien, sein Material zu erweitern. Er hatte den Punkt gefunden,
an welchem seine wissenschaftliche Forschung ihre Hebel einsetzte,
jenes große und universelle Problem einer vergleichenden Anthropolo-
gie zu bewegen.
Und nun führte ihn das Schicksal an denjenigen Ort, welcher von
allen der geeignetste ist, den mächtigen Umkreis emporgestiegener
und gesunkener Nationen wie mit einem Blicke zu überschauen. Wer
wäre in Rom gewesen, und es wäre nicht über ihn jene universelle
Gemütsverfassung gekommen, in welcher wie von selber der Blick den
ganzen Horizont menschheitlicher Geschichte umschreibt! Es war ihm
beschieden, nun eine Reihe von Jahren in glücklichster Muße in Rom
zu leben.
Mit seltener Gunst hatte das Schicksal über ihm gewaltet. Sein Reich-
tum hatte ihm möglich gemacht, solange er ganz sich selber leben
wollte, dies in völliger Freiheit zu tun. Seine vornehme Geburt, die
Verbindungen seiner Familie machten ihm möglich, die einzige Staats-
stellung, welche in dieser Zeit seinen Wünschen und seinen wissen-
schaftlichen Plänen entsprach, sofort zu erhalten, sobald er sie be-
gehrte. Denn die Familie Humboldt war seit alten Zeiten im Dienste
der brandenburgischen Fürsten. Humboldts Vater hatte zu Friedrich
Wilhelms II. bevorzugten Günstlingen gehört. Humboldt selber stand
in nahen Beziehungen zu dem Hof und den ersten Ratgebern Fried-
rich Wilhelms III. Uhden hatte um seine Abberufung aus Rom nach-
gesucht. Die Stelle des dortigen Gesandten war damals die einzige,
welche Humboldt locken konnte, und sie ward ihm, auf Beymes An-
trag, sofort zuteil. Im Herbst 1802 trat er die Reise nach dem neuen
Wilhelm von Humboldt 75
Bestimmungsorte an. Er sah in Halle abermals Wolf, um sich von
ihm mit philologischen Notizen und Aufträgen beladen zu lassen.
Er sprach in Weimar mit Goethe über das Land, „wo das Herrlichste,
was die Kunst hervorgebracht, unter freiem Himmel steht, und wo
man zu solchen Wunderwerken unentgeltlich, wie zu den Sternen des
Firmamentes aufschauen darf". Er sagte Schiller Lebewohl, dem teuer-
sten Freunde, den seine Augen nicht wiedererblicken sollten. „Wie
oft", schrieb er an Goethe, da er Schillers nach seinem Tode gedachte,
„ist es mir eingefallen, daß der Mensch sich leichtsinnig trennt, zer-
reißt, was ihn beglückt, und mutwillig nach dem Neuen hascht. Wenn
die wahre Ungewißheit des menschlichen Schicksals dem Menschen
so lebendig vor Augen stände, als sie es sollte, würde kein Mensch von
Gefühl je sich entschließen, die Spanne Landes zu verlassen, auf der
er zuerst Freunde umarmte."
Am 25. November abends fuhr er durch die Porta del Popolo in
Rom ein und bezog seine Wohnung auf dem Monte Pincio in einem
alten Bau, von dem aus einst die Maltheserritter auf die ewige Stadt,
die Campagna und die Höhen von Albano geschaut hatten.
Nie war ein preußischer Gesandter so populär in Rom als Wilhelm
von Humboldt. Er hatte keine Art von politischen oder religiösen
Forderungen an den Vatikan. Um so lieber gewährte man ihm, was
er für die Deutschen von Schutz und Förderung erbat. Nicht, als
hätte er nicht durchschaut, wo in anderen Zeiten der politisch-religiöse
Schwerpunkt seiner Stellung gelegen haben würde. Behielt er doch
unter so ungünstigen Umständen stets als die Aufgabe seiner Stel-
lung im Auge, „dem Zwang, den man von Rom aus sogar noch in den
entferntesten Gegenden ausüben möchte, soviel es angeht zu steuern".
Doch schönere Befriedigung fand er darin, die hervorragenden deut-
schen Künstler, welche damals in Rom vereint waren, zu fördern, ge-
lehrten Unternehmungen hilfreich zu sein, einen Mittelpunkt der Deut-
schen in seinem Hause zu schaffen. Denn hier umgab ihn das heiterste
Gelingen. Seine Frau besaß ein unvergleichliches Talent der Gesellig-
keit, ihm selber, mit seinen feinen diplomatischen Formen, war im
Vatikan das Unmögliche im Kleinen zu erreichen möglich — wenn er
das Große nur nicht anrührte!
Mit Humboldt begann jene schöne Verbindung des preußischen
Staates mit dem Boden und der Vergangenheit der ewigen Stadt. Nie-
buhr und Bunsen sind in demselben Geiste als Gesandte in Rom tätig
gewesen. Die Schule der deutschen Kunst in Rom, der dortige Sitz der
Kunstwissenschaft und Inschriftenkunde Deutschlands entstanden so.
Für ihn selber war Rom die Vollendung seiner gesamten inneren
Bildung. Ich wüßte nicht, daß sich, außer Goethe, jemand so tief als
76 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
Humboldt über Rom ausgesprochen hätte. Hier sei, sagte er, „der
Begriff des welthistorischen Ganges der Menschheit, das Gefühl des
notwendigen Sinkens alles Bestehenden in der Zeit, wie in einem un-
geheuren Bilde auf alle Zeiten verkörpert hingestellt". In diesem Ge-
fühl konnte er sich bis zu Äußerungen hinreißen lassen, welche härter
klingen, als die härteste und vielangefochtenste von Goethe. „Nur
wenn", so schreibt er an Goethe, „in Rom eine so göttliche Anarchie,
und um Rom eine so himmlische Wüstenei ist, bleibt für die Schatten
Platz, deren einer mehr wert ist als dies ganze Geschlecht." Sicher
würde er als praktischer Politiker jeden Schritt unterstützt haben, der
Rom aus diesem Zustande der Anarchie gerissen hätte. Aber es muß
erlaubt sein, zu abstrahieren und sich einem Eindruck ganz hinzugeben,
ohne durch andere, ebenso berechtigte, ihn aufzuheben. Dieser Ein-
druck war ihm derjenige der „Stadt der Trümmer". Er fühlte jene
weltgeschichtliche Melancholie über den Ruinen weben, welcher einst
Gibbon einen so erhabenen Ausdruck gegeben hat. Aus dieser Stim-
mung entsprang die Elegie, welche er Rom gewidmet hat:
Stets an Albas ernster Scheitel hängen
Möchte zauberisch gebannt der Blick,
Wo einst Latium mit Festgesängen
Flehte von dem Donnrer Sieg und Glück,
Zu Soraktes lichten Höhn sich drängen
Kehren über Tiburs Hain zurück:
All die tiefen schweifenden Verlangen
Halten in dem engen Raum gefangen.
Auf diesem Boden setzte er seine sprachwissenschaftlichen For-
schungen fort. „Im Grunde ist alles, was ich treibe, auch der Pindar,
Sprachstudium. Ich glaube die Kunst entdeckt zu haben, die Sprache
als ein Vehikel zu brauchen, das Höchste und Tiefste und die Mannig-
faltigkeit der ganzen Welt zu durchfahren, und ich vertiefe mich
immer mehr in dieser Ansicht." Selbst die Übersetzungen des Aga-
memnon von Äschylos und Pindarischer Oden, welche hier entstanden,
sind beherrscht von dem linguistischen Gesichtspunkt. „Mir hat es
immer geschienen", sagt die Einleitung zum Agamemnon, „daß vor-
züglich der Umstand, wie sich in der Sprache Buchstaben zu Silben
und Silben zu Worten verbinden, und wie diese Worte sich wieder in der
Rede nach Weile und Ton zueinander verhalten, das intellektuelle,
ja sogar nicht wenig das moralische und politische Schicksal der Na-
tionen bestimmt oder bezeichnet." Der grammatisch-rhythmische Ge-
sichtspunkt ist daher sogar in diesen Übersetzungen herrschend. Für
die Linguistik selber kamen ihm nunmehr immer bedeutendere Hilfs-
mittel zusammen. Hier war das Institut der Propaganda, aus welchem
Priester ausgehen, in den verschiedensten Sprachen das Evangelium
Wilhelm von Humboldt 77
zu verkünden. In ihm lagerten reiche Schätze für sprachliche Stu-
dien. Und Alexander erschien aus der neuen Welt mit reichen Mate-
rialien zum Studium der amerikanischen Sprachen. An Alexander rich-
tete er jenes Gedicht, das schließlich am besten die Stimmung ver-
anschaulicht, in welcher er diese römischen Jahre abschloß:
Glücklich bist du gekehrt zur Heimatserde,
Von fernem Land und Orinokos Wogen.
Ο wenn — die Liebe spricht es zitternd aus —
Dich andren Weltteils Küste reizt, so werde
Dir gleiche Huld gewährt, und gleich gewogen
Führe das Schicksal dich zum Vaterherde,
Die Stirn von neu errungnem Kranz umzogen.
Mir gnügt, im Kreis der Lieb', im stillen Haus,
Daß mir den Sohn zum Ruhm dein Name wecke,
Mich einst ein Grab mit seinen Brüdern decke.
Lag doch dort bei der Pyramide des Cestius sein Kind, der Liebling
seines Herzens, begraben, und bei ihm zu ruhen war sein Wunsch.

Aber schon griff, was in Deutschland inzwischen geschehen war,


nicht nur aufs tiefste in sein Gemütsleben ein: es bestimmte auch sein
nunmehr folgendes Schicksal.
Humboldt liebte seine Nation. Aber er hatte sie geliebt, wie er
Griechenland liebte. Die beschauliche Tiefe in ihr, deren Kehrseite
ihre politische Ratlosigkeit war, erfüllte ihn mit ausschließlicher Be-
geisterung. Die einander "überbietenden Fehler der politischen Leitung
erregten in ihm Ekel, aber nicht das Feuer patriotischer Entrüstung.
Da kam der Schlag von Jena und rüttelte auch ihn auf. „Wir sind alle
unglücklich", schrieb er aus Rom, „ich sage wir alle, die sonst ein
froher und harmloser Kreis umschloß. Die Samen unseres Unglücks
lagen in unserer damaligen Sorglosigkeit. Mir war seit lange vor dem
Ausgang bange und ich zitterte vor dem Augenblick der Entschei-
dung."
Er verließ Rom. Denn auch das Schicksal des Kirchenstaates war
entschieden. Die Stadt war von französischen Truppen besetzt, der
Papst in seiner eigenen Residenz ein Gefangener. Rom war eine fran-
zösische Stadt, die amtliche Stellung Humboldts hatte damit ihr Ende
erreicht, und im Herbst 1808 kehrte Humboldt nach Deutschland
zurück.
Den 6. Januar 1809 traf ihn von Königsberg aus in Erfurt die Auf-
forderung des Königs, in der neugebildeten Regierung die Stelle des
Direktors der Sektion für den Kultus und Unterricht zu übernehmen.
Eben war Stein auf den Befehl Napoleons entlassen worden; er hatte
vor der französischen Achtserklärung Schutz in den österreichischen
78 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
Staaten suchen müssen. Das Ministerium Altenstein-Dohna war gefolgt.
Nach der damaligen Organisation der obersten Behörden waren Kultus
und Unterricht dem Minister des Innern untergeordnet; die Leitung
desselben, als Abteilungsdirektor, sollte nunmehr Humboldt überneh-
men. Humboldt zweifelte nicht einen Augenblick, was die Pflicht von
ihm fordere. Er glich in diesem Punkte wenig Goethe oder Wolf. Er
war ein alter märkischer Edelmann, und er war ein Kantianer. Wenn
der König und die Pflicht riefen, war er auf seinem Posten. Ohne
allen Drang nach den Geschäften, nach großer Wirksamkeit, aber mit
einer ruhigen Sicherheit, welche in diesen aufgeregten Zeiten gewiß
aufrichtend und stärkend auf seinen Kreis wirkte. So schreibt er von
Königsberg aus 1809 an Wolf: „Von der Zerfallenheit der Dinge,
wie Sie es nennen, zeigt sich nicht eben mehr, ja weniger, als sich
vor einiger Zeit besorgen ließ. Niemand kann die Zukunft enträtseln;
aber ich weiß nicht, ich habe einen vielleicht manchem wunderbar
scheinenden Mut." Bald darauf die großgedachten Worte, mit denen
er auch das Wagnis der Berliner Universität begründete: „Man muß
am Rande des Abgrundes das Gute nicht aufgeben."
Humboldts Tätigkeit war im echten Zusammenhang mit der von
Stein gegründeten Reorganisation. Schon Vincke hatte die Reorgani-
sation des Schul- und Kirchenwesens als die Hauptsache bezeichnet,
ohne welche alle anderen Reformbestrebungen in sich zerfallen müß-
ten. Stein in seinem politischen Testament hatte Neubelebung des reli-
giösen Sinnes im Volke und geistig-sittliche Bildung der Heranwach-
senden als die Bedingungen genannt, unter welchen allein alle son-
stigen Einrichtungen ihren Zweck erreichen könnten. Humboldt wußte,
was Vincke und Stein forderten. Und wenn das Ministerium Altenstein-
Dohna scharfem und gerechtem Tadel unterlag: das von Humboldt
verwaltete Departement nahm man immer aus und erkannte an, daß
in ihm allein der Steinsche Geist lebendig und die Steinschen In-
tentionen mächtig seien. Stein selber würdigte freudig Humboldts
Tüchtigkeit.
In allen Kreisen des Unterrichtswesens verbreitete sich durch Hum-
boldt ein neuer Geist.
Das Elementarschulwesen war lange ohne neue durchgreifende Im-
pulse gewesen. Nun traf Humboldts Tätigkeit zusammen mit einer
Epoche theoretischer Regeneration. In P e s t a l o z z i hatte sich, da er
das Elend des Volks sah, der Gedanke einer neuen Erziehung erhoben,
welche seine wahren Kräfte entbände. Die Grundkräfte des mensch-
lichen Wesens sollten durch die Erziehung entwickelt werden. Der
Mensch aber sollte nicht von außen gebildet werden, als gelte es, durch
Erziehung ihn willkürlich zu formen; die selbsttätige Kraft seines
Wilhelm von Humboldt yg
eigenen Wesens sollte nur zu freier und gesunder Entfaltung gelangen.
Es war derselbe Grundgedanke, auf dem die kraftvolle Philosophie
Fichtes beruhte, und Fichte nahm sie begeistert auf in seinen Plan
einer Neubildung der Nation. Ebenso kam diese Erziehung der Auf-
gabe entgegen, welche sich Stein gestellt hatte, und Stein erkannte
freudig diese Methode an, welche „die Selbsttätigkeit des Geistes er-
höht, den religiösen Sinn und alle edleren Gefühle des Menschen er-
regt, das Leben in der Idee befördert und den Hang zum Leben im
Genuß mindert und ihm entgegenwirkt". So war schon, als Humboldt
eintrat, die Förderung dieser Methode ins Auge gefaßt, und man hatte
Zeller, vielleicht den fähigsten Schüler von Pestalozzi, nach Deutsch-
land kommen lassen. Besonders N i c o l o v i u s , welcher unter Hum-
boldt die Kultusangelegenheiten bearbeitete, hatte in Kraft früherer
persönlicher Anschauung dieser Pestalozzischen Bestrebungen mit Leb-
haftigkeit die Sache gefördert. Es war Humboldts Verdienst, daß nun
alle Schwierigkeiten entfernt und die Angelegenheit energisch betrie-
ben wurde. Von da ab fand die Erziehungsmethode Pestalozzis in
Preußen eine neue Heimat und begeisterte Verteidiger. Pestalozzi sel-
ber war tief ergriffen von diesem Gang seiner Reformbestrebungen.
Es erschien ihm als die Sicherung seines großen Werks, daß der preu-
ßische Staat in den Zusammenhang seiner Reorganisation dasselbe
einzufügen den Willen hatte. In Königsberg bestand Zellers Institut,
und während seiner dortigen Anwesenheit besuchte Humboldt das-
selbe mehrmals. Ja, er übergab seinen eigenen Sohn, den er aus Italien
mitgebracht hatte, einer Pestalozzischen Erziehungsanstalt. So tief war
er von der Richtigkeit und Bedeutung dieser Methode durchdrungen.
Indem er sich den Gymnasien zuwandte, war Humboldt ganz auf
seinem eigensten Felde. Ein ganzes Leben hindurch hatte er über die
Bedeutung der Alten für unsere Bildung nachgedacht. Wie hätte er
nicht genau und selbständig hier eingreifen sollen? Humboldt legte
den Grund zu der nachmaligen Blüte der Gymnasien in Preußen. Er
steckte das Ziel des Gymnasialunterrichts höher. Wolfs Rat stand ihm
hier zur Seite, nicht minder wertvoll war die tätige Mitarbeit Sü-
v e r n s , der, selber ein vortrefflicher Philologe, in die Sektion des
Unterrichts eingetreten war.
Dies alles aber ward überragt durch die eine Tat, welche vor allem
Humboldts Namen auf dem Gebiet der Tatsachen unsterblich macht,
die Gründung der Universität Berlin mitten in der äußersten Finanz-
not und der politischen Krisis des Staates. Gedenkt man der kurzen,
bedeutungsvollen Verwaltung Humboldts, so haftet an dieser Grün-
dung vor allem das Auge.
Die Monarchie hatte die Universität Halle verloren. Zwei Universi-
8o Die Reorganisatoren des preußischen Staates
täten allein waren ihr geblieben: Königsberg und Frankfurt an der
Oder. Die Universität Königsberg war hervorragend: es war dies die
Blütezeit derselben: Kant als Philosoph und Kraus als Nationalökonom
gaben ihr auf die ganze Haltung der Monarchie einen hervorragenden
Einfluß, aber an der östlichen Grenze gelegen, war sie ganz ungeeignet,
den Bedürfnissen der ganzen Monarchie Genüge zu tun. Frankfurt an
der Oder war eine zurückgebliebene Universität. Humboldt kannte
sie genau genug, denn er hatte selber dort eine Zeitlang studiert.
Die Meinung der Vorsichtigen ging dahin, Frankfurt zu heben; da-
mit seien alsdann die Bedürfnisse des so sehr verkleinerten preußischen
Staates vollkommen gedeckt. Diese Meinung ward unterstützt durch
die unermüdlichen Bitten der Mitglieder der Frankfurter Universität.
Humboldt selber trat vorsichtig und langsam in die Pläne derer ein,
welche in Berlin eine Universität forderten. Aus den Kreisen der
Schriftsteller und Gelehrten war dieser Plan schon lange hervorge-
gangen. Eine Denkschrift Engels lag schon Beyme vor, und dieser
Staatsmann, höchst schädlich in seiner Gesamtwirkung, aber den Wis-
senschaften aufrichtig zugetan, hatte denselben zu dem seinigen ge-
macht. Es war auf einen höheren Dilettantismus im Sinne der Ber-
liner Aufklärung abgesehen. Als dann das Bedürfnis durch den Weg-
fall von Halle dringend wurde, gingen von verschiedenen Gelehrten
tiefergreifende Pläne aus. Dies alles lag vor. Der König hatte bereits
auf Beymes Antrag eine Kabinettsorder unter dem 4. September 1807
erlassen, durch welche die Errichtung einer höheren Lehranstalt in
Berlin genehmigt wurde.
Humboldt erst gab dem abstrakten Plan die feste und klare Wirk-
lichkeit. Den 10. Juli 1809 richtete er seinen formulierten Antrag zur
Gründung einer Universität an den König. Berlin sollte eine Univer-
sität im höchsten Sinne werden. Sie sollte mit der Akademie der Wis-
senschaften und der Künste sowie mit allen in Berlin bereits vor-
handenen wissenschaftlichen Instituten zu einem organischen Ganzen
vereinigt werden, daß jeder Teil bis auf einen gewissen Grad selb-
ständig bliebe, alle aber gemeinschaftlich zu dem einen großen Zweck
zusammenwirkten. Mit der Regierung selber sollte sie im wohltätig-
sten Wechseleinfluß stehen.
Für diesen großartigen Plan forderte er eine Summe, die selbst
unter unseren gegenwärtigen Verhältnissen höchst bedeutend erscheint.
Seitdem Schiller tot war, gab es vielleicht keinen Mann in Deutsch-
land mehr, welcher den erhabenen Idealismus Humboldts besessen
hätte, bei genauester Kunde der gesamten Finanzlage die höhere Not-
wendigkeit dieses Schrittes in sich zu fühlen und dies starke, idea-
listische Gefühl allen Personen, die in Frage kamen, mitzuteilen. Auf
Wilhelm von Humboldt 8l
dem Lande lastete eine unerschwingliche Kriegssteuer; Grund und
Boden war entwertet ; die Preise waren gestiegen, der Wert des laufen-
den Geldes gesunken. Unter solchen Umständen, da jeder einzelne
bis zum König hinauf die schwersten Lasten sich auflegen mußte,
forderte Humboldt die großen Summen, deren sein umfassender Plan
bedurfte.
Doch tat er es mit dem klaren Bewußtsein auch der politischen Be-
deutung dieses Schrittes für die äußere Lage des Staates. „Alles, was
sich in Deutschland für Bildung und Aufklärung interessiere", werde
sich der König damit aufs neue auf das festeste verbinden; einen neuen
Eifer und neue Wärme für das Wiederaufblühen seiner Staaten er-
regen; und, in einem Zeitpunkt, wo ein Teil Deutschlands vom Kriege
verheert, ein anderer in fremder Sprache von fremden Gebietern be-
herrscht wird, der deutschen Wissenschaft eine vielleicht kaum noch
gehoffte Freistatt eröffnen. So begründete er seinen Antrag bei dem
König.
Er besaß dann die zähe Beharrlichkeit, das groß Begonnene würdig
zur Ausführung zu bringen. In dem ersten Lektionsverzeichnis las man
die Namen von Fichte und Schleiermacher, von Reil, damals dem
ersten wissenschaftlichen Arzt Deutschlands, von Savigny, dem größ-
ten deutschen Juristen, von Böckh.
Seine ganze geschäftliche Praxis faßte sich in den Worten zusam-
men: „In Geschäften ist es mein Grundsatz, daß man nur dann gut
wirkt, wenn man ruhig, geduldig und beharrlich ist. Auch die reifste
Überlegung kann durch Zufälligkeiten ihres Zwecks verfehlen; aber
wenn man nur diesen im Auge behält und immerfort redressiert, so
kommt man doch ans Ziel." So gelang ihm, seine Pläne für das Unter-
•richtswesen durchzuführen.
Anders stellte er sich zu den Angelegenheiten der Kirche, mit deren
Verwaltung er ebenfalls vertraut war. Immer tiefer und inniger, bis
zum Lebensende, gestaltete sich in Humboldt eine eigentümliche Fröm-
migkeit, welche nicht darum gering geachtet werden darf, weil sie
nicht spezifisch christlich war. Seine Frömmigkeit war die Kants und
des moralischen Idealismus, aber viel tiefer, klarer und gründlicher
gefaßt durch jene vergleichende Wissenschaft der Menschheitsge-
schichte, welche er zuerst als vergleichende Anthropologie bezeich-
nete, deren Instrument er alsdann in der Sprachvergleichung entdeckte.
Die leitenden Ideen, moralische Vollkommenheit, die Vorsehung, die
Unsterblichkeit sah er in ihrer individuellen Verzweigung das Leben
der gesamten Menschheit durchdringen. In ihnen ruhte er selber mit
der sichersten Überzeugtheit. Diese Anschauungen hatten nichts von
der „religiösen Gemütlichkeit", deren in solchen Zeitlagen der Mann
82 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
bedurft hätte, der an der Spitze des Kultusdepartements unmittelbar
auf die Masse der Nation hätte bewegend wirken sollen. Es war ein
zweifelloser Vorzug eines Stein, daß er den religiösen Überzeugungen
der Nation so viel näher stand, den Dialekt gewissermaßen ihrer Reli-
gion redete. Aber Humboldt glich dies aus durch das klarste Be-
wußtsein davon und den redlichsten Willen. Er sah in der Religion
des Volkes den Idealismus, der für alle ist. Er sah in ihr die An-
gelegenheit, „welche alle Glieder der Nation ohne Ausnahme tief und
ernsthaft beschäftigt und gleich nahe den Gefühlen verwandt ist, die
sie durch Familie und Vaterland an die Welt, als mit denen, die sie
durch ihr Gemüt an etwas Überirdisches knüpfen". Darüber hinaus
sah er den Zweck des Gottesdienstes darin, daß er „alle Glieder der
Nation nur als Menschen und ohne die zufälligen Unterschiede der
Gesellschaft vereinigt". Von solchen objektiven Gesichtspunkten aus
mußte ihm sehr wertvoll sein, einen Mann wie Nicolovius als Direktor
der Abteilung für den Kultus vorzufinden. Nicolovius war einmütiger
mit dem christlichen Glauben. Er hatte sich die Aufgabe gestellt,
denselben in den Gemeinden wiederzuerwecken. Er war dabei ge-
mäßigt und in vollem Einverständnis mit der idealen, wissenschaft-
lichen Richtung des Unterrichtsdepartements. So ließ ihn sein Vor-
gesetzter, W. von Humboldt, frei schalten und erhielt doch zugleich
einen einmütigen Geist in diesem ganzen Umkreis des idealen Lebens
der Nation.
Während Humboldt in seinem Departement stetig fortarbeitete, ge-
riet das Gesamtministerium in immer tiefere Verwirrung. Die Auf-
lösung ging in erster Linie von der Finanzverwaltung aus. Altenstein
war kein Finanzmann. Und doch welcher Finanzmann hätte dazu gehört,
Maßregeln zu ergreifen, welche die Durchführung der begonnenen Reor-
ganisationen mitten in derKrisis des von Kontributionen unterdrückten
Staates ermöglicht hätten. So geriet alles ins Stocken. Humboldt sah,
daß er auf die Durchführung seiner Pläne zum größten Teil werde
verzichten müssen. Da geschah ein noch Schlimmeres. Die Lage wuchs
Altenstein so über den Kopf, daß er dem König die Abtretung Schle-
siens vorschlug. Es war der Bruch mit der gesamten Tradition des
friderizianischen Staates. Humboldt nahm nun, am 29. April 1810,
seine Entlassung.
Er ward zum Gesandten in Wien mit dem Charakter eines Geheimen
Staatsministers ernannt. Auf der Reise verweilte er in Brunn, um seine
Gedanken über die unglückliche Lage des Staates mit Stein auszutau-
schen. Dieser hatte mit zustimmendem Anteil Humboldts Strebsam-
keit verfolgt und gewünscht, man möge Humboldt zugleich das Mi-
nisterium des Äußeren übertragen. Diese günstige Ansicht ward durch
Wilhelm von Humboldt 83
die persönlichen Eindrücke sehr verstärkt. Der große Reformer be-
dauerte, nicht früher die Bekanntschaft eines Mannes gemacht zu
haben, welcher ihm der würdigste Genosse in seinem Werk der Re-
generation Preußens gewesen wäre. Humboldt seinerseits sah hier zu-
erst eine Geistesart verkörpert, im größten Stil, die ihm Bewunderung
abzwang, Aufgehen des ganzen Menschen in die e i n e , einzige Leiden-
schaft für den Bestand und die sittliche Bedeutung des Gemeinwesens,
dem er eingeordnet war. Er war entschlossen, sich selber keinem Ruf
des Vaterlandes zu entziehen und finanziellen und staatswissenschaft-
lichen Studien die größere Muße zuzuwenden, welche seine Gesandten-
stellung in Wien zunächst bot, verglichen mit der eines Leiters von
Unterricht und Kultus.
Er sollte nicht wieder in eine Lage gelangen, welche ihm vergönnt
hätte, weiterzuarbeiten an der Regeneration, die Stein begonnen, er
alsdann fortgesetzt hatte.

Überblickt man seine nun folgende so glänzende politische Lauf-


bahn, so liegt doch offenbar etwas Unbefriedigendes über ihr im
ganzen. Er war ein Diplomat von den feinsten Formen und dem durch-
dringendsten Verstande, der höchsten Macht des Wortes. Auch ge-
lang ihm einige Male Wichtiges in dieser Tätigkeit. Der Beitritt Öster-
reichs zur Liga gegen Napoleon war nicht zuletzt sein Werk. Öfter ver-
mochte er Hardenbergs Tätigkeit wenigstens durch seine Gründlich-
keit und Genauigkeit zu heben. Aber was nutzte es, daß die Kongresse
einmütig in der Bewunderung seines staatsmännischen Talentes waren,
wenn sein Vaterland doch im ganzen geringen Nutzen aus demselben
für die wichtigsten Entscheidungen zog! Ihm fehlte das Naturell und
die Gesinnung des Diplomaten. Er imponierte auf den Kongressen
durch seine Logik, aber nicht durch seine tätige Veränderung der
Allianzverhältnisse, welche doch schließlich die Entscheidung be-
stimmten, der logischen Folgerichtigkeit aber nur wenig zu tun übrig-
ließen.
Er war der Mann gewesen, als tiefdringender, wahrhaftiger, gründ-
lich wissenschaftlicher Kopf der inneren Verwaltung die wichtigsten
Dienste zu leisten. Hier gerade schloß man ihn aus. Es kamen zwar
zweimal Momente, in welchen möglich schien, daß er die Leitung der
Staatsverwaltung übernähme. 1817, nachdem er hervorragenden An-
teil an den Friedensschlüssen als preußischer Bevollmächtigter unter
Hardenberg genommen, trat er, vom König durch das Eiserne Kreuz
erster Klasse sowie eine Dotation geehrt, aber der herrschenden Partei
ein bedenklicher Mann, in den neugegründeten Staatsrat. Humboldt
84 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
erschien in Berlin und fand die Autorität des ersten Staatskanzlers
tief erschüttert. Hardenberg war nicht viel mehr als ein eitler und
gebrechlicher alter Mann, von den feinsten diplomatischen Formen.
Umgeben von den herrschenden Koterien, belagert gewissermaßen von
ihnen, über sich die hereinbrechende Wolke der Reaktion, hatte er
nur den Willen, Ehre und Einkünfte seiner Stellung zu wahren. In
diesem Moment griff Wilhelm von Humboldt ein.
Er war sowohl zum Mitglied des Verfassungs- als des Finanzaus-
schusses ernannt. In dem Finanzausschuß trat zuerst seine Opposition
schneidig hervor. In der Sitzung vom 2. Juli 1817 stellte er schonungs-
los die wirkliche preußische Finanzlage der Darlegung des Finanz-
ministers von Bülow gegenüber. Bülow mußte zurücktreten. Auch die
Stellung Hardenbergs war bedroht, und man sprach von seinem be-
vorstehenden Rücktritt. Mit einem Schlage war Humboldt zu einem
populären Manne, zum Haupte der Opposition geworden. Aber Hum-
boldt stand auf dem Gebiet der Intrige hinter dem Staatskanzler so
weit zurück, als er ihm auf dem genauer Verwaltung, strenger Ge-
wissenhaftigkeit in Staatssachen, durchdringenden Scharfsinns und
überzeugender Beredsamkeit überlegen war. So gelang es Hardenberg,
Humboldt als Gesandten nach London zu entfernen und alsdann zu
seinem Rücktritt zu bewegen.
Ein neuer Moment kam, als Humboldt 1819 vom König mit der Lei-
tung der ständischen und Kommunalangelegenheiten betraut ward, mit
Sitz und Stimme im Ministerium. Er ward so durch den König an
den wichtigsten Punkt der Staatsleitung gestellt. Die Denkschrift Hum-
boldts liegt vor, durch welche er für diese wichtigste Frage des da-
maligen politischen Lebens eine vollständige Einsicht in seine Über-
zeugungen gewährt.
Sie setzt in dem Grundgedanken der von Stein gegründeten Re-
organisation ein: „Es kommt nicht bloß auf die Einrichtung von
Wahlversammlungen und beratenden Kammern, es kommt auf die
ganze politische Organisation des Volkes selbst an."
Die Grundlage liegt daher in der Organisation der städtischen und
ländlichen Gemeinden. Über ihnen erheben sich die Provinzialstände.
Aber das Ganze muß abschließen in den allgemeinen Ständen. Sie
gehen hervor aus unmittelbarer Volks wähl. Ihr Gegenstand sind Gesetz-
und Geldvorschläge. Und zwar — dies war der entscheidende Punkt,
um welchen alle damaligen Debatten sich drehten, der Punkt, an wel-
chem Hardenberg und der König durchaus abweichender Ansicht
waren — sie haben nicht bloß eine beratende, sondern eine entschei-
dende Stimme. „Über Entschlüsse, die man doch auszuführen gesonnen
ist, allgemein auszusprechende Mißbilligung gleichsam hervorrufen zu
Wilhelm von Humboldt 85
wollen, kann unmöglich zweckmäßig genannt werden." Und zwar fällt
jede Veränderung des Besteuerungszustandes in den Umkreis der
Gegenstände, über die ihre Stimme mitentscheidet.
Mit der Verfassung zugleich muß dann als ein integrierender Teil
derselben Sicherheit der Person und des Eigentums, Unabsetzbarkeit
der Richter, Freiheit des Gewissens und der Presse verbürgt werden.
Diese Humboldtsche Verfassung von 1819 damals durchgeführt ge-
dacht, wieviel Unheil und Krisen wären Preußen erspart geblieben!
Aber Humboldt sah in Berlin bald, wie wenig oder gar keine Hoff-
nung bestand. Drittehalb Monate war er da, ohne den König gesehen
zu haben. Der Staatskanzler wünschte nichts anderes, als den Plan
Humboldts durch Schweigen und Zögern zu beseitigen. Und er ver-
kehrte doch von allen Ministern allein mit dem König. Da kamen das
Wartburgfest und Sands Tat. „Nun sei eine Verfassung unmöglich",
rief Hardenberg aus, als die Nachrichten anlangten. Mit Humboldt
nahmen auch Boyen und Beyme ihre Entlassung. Dies war das Ende
der politischen Laufbahn Wilhelm von Humboldts.

Wer war nicht von solchen, die Berlin gesehen, in Tegel, in dem
Hause am See, angefüllt mit Statuen, in deren Umgebung nun Hum-
boldt seine wissenschaftliche Laufbahn wieder aufnahm und zu so
ruhmreichen Ergebnissen fortführte? Das schönste und fruchtbarste
Alter war ihm bestimmt: Nur ein Verlust traf hart bis in die Wurzel
seines Lebens, der seiner Gattin. Am Abend des 8. April 1835 starb
er. Im Garten zu Tegel, an der Säule, welche die Hoffnung trägt,
ruht er neben seiner Gattin. Ein Sonett, das Rahel gewidmet ist, mag
die Stimmung vergegenwärtigen, welche die Summe seines Lebens war:
Zwei Punkte sind im menschlichen Gemüte,
Von welchen aus der Weg zum Höchsten führet;
Das Ich, in dem das Forschen sich verlieret.
Das All, der Götterkraft freiwill'ge Blüte.
Du hast gelebet in des Ichs Gebiete,
Hast jeder seiner Falten nachgespüret.
Gefühlet alle Flammen, die es schüret;
Kein Blick sieht mehr, wie er hinstarrend brüte.
Allein das All, in dem das Ich sich findet,
Doch daß darin es ist, als Ich nicht fühlet —
Nie wölbte sich hervor aus deinem Wesen.
Vertraut mit allem, was die Brust durchwühlet.
Mit jedem irdischen Tragen und Genesen,
Bliebst fremd du dem, was überirdisch bindet.
Nicht Schmerz ist Unglück, Glück nicht immer Freude :
Wer sein Geschick erfüllt, dem lächeln beide.
86 Die Reorganisatoren des preußischen Staates

IV. NEITHARDT VON GNEISENAU


Friedrich der Große hatte die genialste Leitung der Staatsgeschäfte
und der Armee in seiner Person verknüpft; er war sein eigener Mi-
nister des Innern, Kriegsminister und Chef des Generalstabs gewesen.
Die Reorganisation des preußischen Staates dagegen vollzog sich, ganz
wie im letzten Dezennium der Aufbau des Deutschen Reiches, durch
eine Verbindung von Staatsmännern und Militärs, welche in einer
Freundschaft miteinander verbunden gewesen sind, die nicht minder
fruchtbar war, als die vielgepriesene Goethes und Schillers einst ge-
wesen. Stein, Scharnhorst und Gneisenau haben zusammengestanden
wie in unseren Zeiten Bismarck, Roon und Moltke.
Aber wie verschieden erscheint der Lebenslauf jener Männer von
dem unserer gegenwärtigen Führer. Die furchtbaren Wechsel jener
Zeiten, die tiefe, andauernde Zerrüttung des ganzen Staates, die un-
seligen Wendungen nach der endlich errungenen Herstellung, eigentüm-
liche Züge daneben im Charakter des Königs selber brachten jähen
Wechsel, lange Jahre steter Unsicherheit, Verluste und Entbehrungen
aller Art in das Leben dieser Männer, und schließlich die herbsten
Enttäuschungen in das der beiden von ihnen, welche den Krieg über-
lebten.
Nur um so glänzender hebt sich auf dem Hintergrunde solcher
Schicksale die hohe, ritterliche Gestalt Neithardt von Gneisenaus ab.

J u g e n d j a h r e und Garnisondienst.
In der Mitte des Siebenjährigen Krieges, im Spätherbst des Jahres
1760, genas die junge Frau eines sächsischen Artillerieleutnants, August
Wilhelm von Neithardt, in Schiida, dicht unter den Kanonen und dem
Trommellärm der zwei feindlichen Lager, eines Knaben, der August
Wilhelm Antonius getauft ward — des späteren Grafen und Feld-
marschalls Neithardt von Gneisenau. Dann schreckte wenig Tage dar-
auf der Sieg des großen Königs bei Torgau, am 3. November, alles,
was je zu den Reichstruppen gehörte, zu wilder Flucht auf, und in
dem furchtbar verworrenen Nachtrab einer geschlagenen Armee ward
die Mutter mit ihrem Kinde mit fortgeschleppt. In kalter November-
nacht auf offenem Bauernwagen schlief sie erschöpft ein, ihren Armen
entglitt der Knabe und fiel auf die Chaussee, wo er unfehlbar unter
den Rädern der folgenden Wagenzüge umgekommen wäre, hätte nicht
ein Soldat der Bedeckung ihn gefunden und dem Wagen nachgebracht.
Die Mutter erlag diesen furchtbaren Eindrücken. So begann dies
Neithardt von Gneisenau 87
Leben, das ganz erfüllt sein sollte von Soldatentum, Krieg und kriege-
rischen Abenteuern.
Der Leutnant folgte der Trommel und ließ siebzehn Groschen zur
Verpflegung des Knaben zurück. Es wird erzählt, dieser habe zu
Schiida die Gänse gehütet. Als die Eltern der Mutter in Würzburg
vernahmen, wie es ihm erging, fuhr eines Tages eine prächtige Kutsche
mit Kutscher und Bedienten in Staatsröcken vor, ihn zu ihnen zu holen.
So überraschend nahte sich ihm das Glück. Er durchlief in Würzburg
unter den angenehmsten Verhältnissen das Gymnasium und bezog 1777
als Studiosus der Philosophie die Universität Erfurt. Das kleine mütter-
liche Erbteil schien geeignet, seine Studien zu sichern; sein Leichtsinn
vergeudete es in zwei Jahren. Er trat, um den sich häufenden Schwie-
rigkeiten zu entrinnen, in die kaiserliche Armee, aber ein Duell endete
hier rasch seine Laufbahn. Nun ging er zu den Truppen des Mark-
grafen von Ansbach und Bayreuth, um in Amerika sich militärischen
Ruhm und militärische Stellung zu schaffen; hier sammelte er Tat-
sachen über die Natur und Wirkung des Volkskriegs, welche bedeu-
tend auf seine spätere Ansicht einwirken sollten. Mit so weitem Ge-
sichtskreis kehrte er als Leutnant, 24 Jahre alt, aus Amerika zurück.
Die Garnison in Bayreuth konnte ihm unter solchen Umständen nicht
behagen. Er wandte sich an den großen König, und dieser beschied
ihn zu sich. Das große, durchdringende blaue Auge des alten Helden
ruhte mit Wohlgefallen auf der schönen, kräftigen Gestalt, der selbst-
bewußten, würdevollen Haltung, den edlen, ausdrucksvollen Zügen
des Jünglings, der auf alle an ihn gerichteten Fragen rasch und tref-
fend Antwort gab, wie es der große König liebte. Er ernannte ihn
zum Premierleutnant in seinem Gefolge.
Anfangs des Jahres 1786 trat Gneisenau in die Armee, auf deren
fernere Gestaltung und Schicksale er einen so tiefgreifenden Einfluß
erhalten sollte. Er gehörte der Umgebung des Königs und seinem
Generalstabe an und wohnte in Potsdam. Rüchel und Massenbach —
Namen, die mit den folgenden Katastrophen der Armee eng verfloch-
ten sind — lernte er hier kennen und ward unter ihnen in den General-
stabsdienst eingeführt. Ein halbes Jahr war rasch in diesen Beschäf-
tigungen vergangen, als der Tod des Königs ihnen unerwartet ein Ende
machte. Friedrich Wilhelm II. machte bedeutende Änderungen in der
Armee, neue Regimenter wurden errichtet, und in eins derselben trat
Gneisenau ein, wohl immer wieder gedrängt von seinen Schulden, und
in der Hoffnung, so leichter in die Lage zu gelangen, sie zu tilgen. Er
sollte acht Jahre in Garnison unter den drückendsten Verhältnissen
in Löwenberg zubringen. Er lebte in diesen langen Jahren ausschließ-
lich für den Dienst und suchte in den Wissenschaften eine einsame
D i l t h e y , Gesammelte Schriften Xlt y
88 Die Reorganisatoren des preußischen Staates

Beschäftigung. Sein Vater wurde im Baufach verwandt, aber mit ge-


ringen Einnahmen, und der Sohn war unermüdet, für ihn zu wirken,
für die Söhne aus der zweiten, wenig glücklichen Ehe desselben mit-
zusorgen. Er befürchtete, die Halbgeschwister möchten dem Namen
Gneisenau keine Ehre machen. Die eigenen Angelegenheiten lasteten
schwer auf ihm. Ein neues Duell führte zu verdrießlichen Verwick-
lungen. Endlich befreite ihn die Ernennung zum Hauptmann. Das war
damals in der preußischen Armee der große Schritt. In der Hand des
Hauptmanns lag der Haushalt der Kompanie, und so belief sich sein
Einkommen nicht selten auf 2000 Taler.
Nun konnte er auch ein eigenes Hauswesen gründen. Über allem
in seinem Leben liegt ein Hauch von ritterlichem Abenteuer. Ein
Freund von ihm war im Duell gefallen, und Gneisenau überbrachte
der schönen Braut desselben, Freiin Karoline von Kottwitz, seine letz-
ten Grüße. Wenige Monate darauf kehrte er zurück, um ihre Hand
zu werben: im Herbst 1796 führte er sie heim. Ein Gut, welches seine
Frau mit ihrem Vermögen erwarb, brachte manche Sorgen, aber ein
ruhiges Heimatsgefühl.

Der f r a n z ö s i s c h e K r i e g von 1806


und Gneisenaus V e r t e i d i g u n g Kolbergs.
Der französische Krieg kam. Auf die Kunde vom Vordringen des
Feindes im Saaltal warf Gneisenau Bemerkungen aufs Papier, welche
zeigen, wie vollkommen er die Lage durchschaute. „Als Patriot seufze
ich. Man hat in Zeiten des Friedens viel vernachlässigt, sich mit
Kleinigkeiten abgegeben, des Publikums Schaulust gefrönt, und den
Krieg, eine sehr ernsthafte Sache, vernachlässigt. Der Geist der Offi-
ziere ist vortrefflich, und hieraus kann ich große Hoffnungen ver-
sprechen, aber, aber . . . Was die Franzosen ferner tun werden, weiß
ich; was wir, weiß ich nicht. Ich habe den Angriff längs der Saale
längst vorausgesagt. Allein ich seufze in den niederen Graden, und
mein Wort gilt nicht. Das Herz ist mir beklemmt, wenn ich die Folgen
berechne. Ο Vaterland, selbstgewähltes Vaterland! Ich bin vergessen
in meiner kleinen Garnison und kann nur für selbiges fechten, nicht
raten."
Man fühlt durch, wie er sein Schicksal empfand, durch sein Aus-
scheiden aus dem Generalstabe und die langen Jahre der kleinen
Garnison nun die Stellung für den Krieg verscherzt zu haben, in wel-
cher er einzugreifen die Macht gehabt hätte. Er empfand seine Über-
legenheit, und er hatte kein Mittel, sie zu gebrauchen.
Die Schlacht von Jena machte Gneisenau in der Suite seines alten
Lehrers vom Generalstab her, des Generals Rüchel, mit. Die Erfahrung
Neithardt von Gneisenau 89
dieses furchtbaren Tages haftete in ihm mit unauslöschlichem Ein-
druck. Er hatte gelernt, daß das kriegerischste Heer, unter dem Ge-
wicht des Schreckens in willenlose Haufen aufgelöst, fast widerstands-
los vernichtet wird. In der Erinnerung an diese Erfahrung war es,
daß er am Abend der Schlacht bei der Katzbach den vergeblichen
Rat unausgesetzter Verfolgung gab, daß er dann selber in der Nacht
des 18. Juni 1815 das letzte Pferd und den letzten Mann zur Vernich-
tung des Napoleonischen Heeres mit ungeheurem Erfolg voranführte.
Er selbst berichtet mit bitterem Humor: „Bei Saalfeld bekam ich
einen Schuß ans Bein, daß ich einen Satz in die Höhe machte. Ich
machte meinen Rückzug hinkend. Bei Jena focht ich zu Pferde und
stellte noch die letzten Truppen aus, aber zuletzt lief ich mit den
anderen davon, in guter Gesellschaft, mit Fürsten und Prinzen. Bei
Nordhausen focht ich wieder und schlich mich am Ende durch den
Harz, abgeschnitten von allen, kam aber am Ende zu den übrigen
Davonlaufenden. Das waren Greuel ! Tausendmal lieber sterben, als
dies wieder erleben. Aber, aber, unsere Generale und Gouverneure.
Das wird wunderbare Zeilen in der Geschichte geben. Immer und
überall der Alte, dankbar und gut und gefaßt, der sich sehr freuen
würde, jemals wieder an einer gewissen Tafel über vergangene Un-
glücksfälle sich lustig zu machen und dabei mit der Zuckerstreu-
büchse seinen Pudding auf seinem Teller umzuwenden. Aber auslachen
muß man mich nicht, da verstehe ich keinen Spaß."
Der König ernannte ihn-auf Bericht seines Verhaltens in der Jenaer
Schlacht zum Major, und als Kolberg sich an ihn um einen helden-
haften Verteidiger wandte, sandte er Gneisenau.
Eben hatten die Kolberger den König verlassen, als Gneisenau an-
langte, sich demselben als Führer seines Bataillons zu präsentieren.
Es wird erzählt, er habe, ganz unbekannterweise, beim Herabsteigen
Beyme begegnend, diesem einen so ungemeinen Eindruck gemacht,
daß dieser in ihm den richtigen Mann für Kolberg erkannt habe.
Denn so war der Eindruck seiner Gestalt, daß sie beim ersten Eintreten
in einen Saal sogleich aus der ganzen Menge hervortrat; und ein aus-
gezeichneter General, der alle Befehlshaber der großen Kriegszeit ge-
sehen hatte, erklärte, daß keiner von allen gleich Gneisenau diese
schlanke, edle Gestalt, diese hervorragende Muskel- und Geistesspann-
kraft gezeigt, diesen Eindruck des kühnen, kräftigen Soldaten hinter-
lassen habe.
Es begann jene heldenmütige Verteidigung von Kolberg, in welcher
Gneisenau jede Erwartung seines Königs übertraf. Aus viermonatigen
Kämpfen gegen einen siegesgewissen, weit überlegenen Feind ging die
Festung unbezwungen hervor, während vor und neben ihr viel stär-
7*
go Die Reorganisatoren des preußischen Staates
kere, solche darunter, die für unüberwindlich galten, nach geringem
Widerstand oder unverteidigt gefallen waren. „Ein kraftvolles und
kluges Wirken" — schrieb ihm der König — „sowie das ehrenvolle
Benehmen der Kolberger Garnison und seiner treuen Bürgerschaft wird
Ihnen gemeinschaftlich in den Annalen der vaterländischen Geschichte
in dieser verhängnisvollen Zeit ein ewiges, unvergeßliches Denkmal
stiften." Ein Augenzeuge seiner unermüdlichen Tätigkeit schrieb: „Er
ist der erste Kommandant von Europa."

Die m i l i t ä r i s c h e R e o r g a n i s a t i o n s k o m m i s s i o n
und Gneisenaus l e i t e n d e r Gesichtspunkt.
Nun hatte er die erste Schwierigkeit seiner großen Laufbahn be-
siegt. Er hatte lange Jahre in der kleinen Garnison verloren und war
vergessen worden. Jetzt hatte die Verteidigung von Kolberg ihn unter
die Ersten gestellt. Der König ernannte ihn mit dem Range eines
Oberstleutnants den 25. Juli zum Mitglied der Kommission, welcher
die Reorganisation der Armee anvertraut wurde.
Hier trat er in Beziehung zu Scharnhorst.
Diese beiden hervorragenden Männer hatten den nun geendeten
Krieg in sehr verschiedenen Stellungen durchgemacht. Scharnhorst
war Chef des Generalstabs des Herzogs von Braunschweig gewesen.
Gneisenau hat die beiden Maßregeln, welche er in dieser Stellung
beim Beginn des Krieges durchgesetzt hatte, nicht gebilligt. Er tadelte
die neue Gliederung der Armee nach Divisionen, dem französischen
Muster gemäß, weil man nach seiner Meinung nicht die genügende
Zahl tüchtiger Generäle hatte, diese Divisionen zu befehligen, beson-
ders aber tadelte er, daß man die Kavallerie durch Verteilung in die
Divisionen zerstückelt hatte, so daß sie außerstande war, einen ent-
scheidenden Schlag zu tun. Er war alsdann mit dem Feldzugsplan
nicht einverstanden, welchem gemäß man mitten durch den Thüringer
Wald über die französischen Quartiere in Franken herzufallen ge-
dachte. An diesem Plan hatte Scharnhorst hervorragenden Anteil.
Aber Gneisenau, so gut als Scharnhorst, wußte, daß im Kriege das
im ganzen Zweckmäßige zutun ein besserer Weg zum Siege ist, als über
dem Allerbesten zu sinnen und die Zeit zu verlieren. Unter den hervor-
ragendsten Ursachen für den schlimmen Ausgang hob er hervor, daß
Schamhorsts Einwirkung im Hauptquartier so früh neutralisiert wor-
den war. Er trat ihm mit dem besten Vorurteil gegenüber. Er seiner-
seits hatte kein Mittel gehabt, auf den Gang des Krieges eine wesent-
liche Einwirkung zu üben. Er war eben erst nach langen, öden Garni-
sonsjahren im Aufsteigen begriffen.
Jetzt zeigte sich in den Geschäften, wie sie einander ergänzten.
Neithardt von Gneisenau g, ι
Scharnhorst war nur vier Jahre älter als Gneisenau; aber neidlos, mit
jener beinahe in bezug auf seine Person lässigen Vornehmheit, über-
ließ ihm Gneisenau die leitende Stellung in dem, was nun geschah.
Seine Ideen gehen mit den Ansichten Scharnhorsts parallel. Aber
ein eigentümlicher Glanz, eine siegesgewisse Frische sind Gneisenau,
eigen. Er entwickelt die Gründe der Reorganisation:
„Man hat seither alles aufgeboten, um den Menschen finanzistisch,
und für alle Zwecke der Staatsmaschine nützlich zu bilden, aber bei
weitem weniger, um ihn frei und edel und selbständig zu machen, als
den, der sich fühlt, auch ein Teil des Ganzen zu sein und für
sich selbst eine Würde zu haben." Er schildert den Gegensatz
des Staates mit stehendem Heer und des Staates mit kriegerisch
ausgebildeter Bevölkerung: „Man klagt über Entnervung und Ent-
artung der Völker, aber nichts hat mehr dazu beigetragen als die
stehenden Heere, die den kriegerischen Geist der Völker und ihren
Gemeinsinn zerstörten. Durch sie trennen die Regierungen ihre
Interessen von denen des Volkes. Die Aufgabe ist, eine von an-
deren Völkern beneidete Konstitution zu haben; dabei die Mittel
vorbereitet, um zur entscheidenden Stunde gerüstet dazustehen,
andere Staaten zu überleben. Dahin führen Wohlstand, Aufklärung,
Sittlichkeit und bürgerliche Freiheit; ein Volk, arm, roh, unwissend
und sklavisch wird es nie mit einem an Kenntnissen und Hilfsmitteln
reichen aufnehmen können. Um ein ganzes Volk zu Soldaten zu machen,
muß ihnen mitten im Frieden militärischer Geist eingeflößt werden."
Aber welche Anstrengungen erforderte die Umgestaltung nach die-
sen Gesichtspunkten! Gneisenau berichtet im Sommer 1807: „Ich esse
einsam auf meinem Zimmer, schlage die meisten Einladungen aus,
schlafe nur fünf Stunden und widme beinahe alle meine Zeit dem
Staatsdienst."

Einzelne Arbeiten.
Wir heben nur einzelnes aus der Fülle der Arbeiten heraus, welche
der Leser bei Pertz zusammengestellt findet.
Er begleitete Scharnhorsts Mémoire über die allgemeine Dienst-
pflicht mit noch heute sehr lesenswerten Bemerkungen über die „mili-
tärischen Einrichtungen der Stadtschulen". Sein Vorschlag ist, daß
in denselben mehr reine Mathematik als bisher gelehrt werde, daß
jede Schule sich ihre Offiziere wähle und unter ihnen Disziplin und
den Gebrauch der Waffen lerne, daß endlich Leibesübungen zur Er-
holung in den Schulen eingeführt würden. Kurz, er wollte eine körper-
liche Erziehung der Jugend, welche sie vorbereite zur Erfüllung der
allgemeinen Wehrpflicht.
0_2 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
Er entwarf, auf Scharnhorsts Antrag den 24. Mai 1808 zum Inspek-
teur der Festungen ernannt, eine Instruktion für die Festungskomman-
danten, deren Stellung in dem zu erwartenden französischen Kriege
von größter Wichtigkeit sein mußte. Diese Instruktion zeigt in ihrer
Schärfe den neuen kriegerischen Geist. Glaubt ein Kommandant alle
Verteidigungsmittel erschöpft zu haben, so hat er einen Kriegsrat um
sich zu versammeln, und ist in diesem ein einziger, welcher die Über-
gabe noch um einige Tage verziehen zu können glaubt, so übernimmt
dieser sogleich namens Sr. Majestät das Kommando, und er allein ist
dann für die folgenden Maßregeln verantwortlich.
Er führte, auf Scharnhorsts Antrag alsdann auch zum Chef des
Ingenieurkorps ernannt, die Neubildung des Ingenieurkorps durch.
Hatte er doch bei der Belagerung von Kolberg auch für diesen Dienst-
zweig seine hohe Schule durchgemacht. Er selber freilich empfand,
nun im täglichen Austausch mit Scharnhorst, welchen Wert eine zu-
sammenhängendere wissenschaftlich-militärische Bildung auch auf
diesem neuen Posten für ihn gehabt haben würde. Er schrieb an den
König: „Meine äußerst vernachlässigte Erziehung hat mir keine Ge-
legenheit gegeben, mir die theoretischen Kenntnisse zu verschaffen,
die zu einem solchen Posten gehören, und wenn ich auch späterhin die
Lücken in meiner militärischen Bildung fühlte, so konnte ich solche
teils nur durch mühsames Selbstlernen ausfüllen, teils nötigte mich
meine unstete Lebensart, meinen Blick nur auf die praktischen Re-
sultate zu heften. So fehlt mir alle zu meiner neuen Eigenschaft er-
forderliche streng wissenschaftliche Bildung." Diese offene Darlegung
an den König ist so ganz in der nachlässig großen Art dieses Cha-
rakters.
Auch der Presse bediente sich Gneisenaus vorurteilsfreier Geist bei
mehreren Gelegenheiten, Vorurteile in wichtigen Punkten zu beseitigen.
Er war sehr entschieden für die Abschaffung der entehrenden Prügel-
strafe im Militärdienst. Stein in seiner derben, konservativen Weise
äußerte gegen ihn, die Prügelstrafe erscheine den Deutschen gar nicht
so ehrenrührig, als die neuen Kriegsartikel der Kommission es hinstell-
ten. Hierüber im eifrigen Gespräch mit Leutnant Barsch (dem Gründer
des Tugendbundes), der den „Volksfreund" herausgab, diktierte er
diesem sofort einen Artikel: „Freiheit des Rückens." „Jede Nation",
sagt er, „muß sich selbst ehren und keine Einrichtungen bei sich, dul-
den, die sie in den Augen anderer Völker herabsetzen. Ebenso jeder
Stand. Aber was soll der Fremde, was soll der Bürger denken, wenn
er den Soldaten auf öffentlichem Platze mit dem Stocke mißhandeln,
ihn oft für geringfügige Exerzierfehler von eigener Hand seiner hohen
Vorgesetzten willkürlich mit Schlägen übersäen sieht und gewahr wird,
Neithardt von Gneisenau 93
daß dem oft erst der Kindheit entwachsenen Befehlshaber niederen
Grades dasselbe Recht zusteht, und sogar der Unteroffizier dieselbe
Willkür ausübt. Muß der Zuschauer nicht seine Blicke unwillig weg-
wenden? Die Proklamation der Freiheit der Rücken scheint also der
Verallgemeinerung der Waffenpflichtigkeit vorangehen zu müssen."
Ebenso bediente er sich des ,,Volksfreunds", um eine Reihe von Vor-
urteilen in bezug auf die Karriere zu bekämpfen. An seinem Geburts-
tage, den 3. August, genehmigte der König die Abschaffung der
Leibesstrafen in der Armee, die zweite sogenannte Strafklasse aus-
genommen. Und einige Tage darauf veröffentlichte er jene Verordnung
über die Besetzung der Offizierstellen, welche mit den alten Vor-
urteilen brach, die Bürgerlichen in der Armee den Adligen gleich-
setzte und das Prinzip der Anciennität aufhob.

D i e S c h w i e r i g k e i t e n d e r S t e l l u n g von G n e i s e n a u
und Scharnhorst. — Gneisenaus Abschied.
Was so geleistet wurde, kann der erst richtig würdigen, welcher den
Inbegriff entgegenwirkender Kräfte abschätzt. Es war das eine ganze
alte Generalität. Es waren die Offiziere, die in der Umgebung des
Königs emporgekommen waren. Es war endlich die ganze große Masse,
welche durch die bisherigen Mißbräuche Bequemlichkeiten und Vor-
teile genossen hatte, die sie als ihr Recht betrachtete und sich nun
entrissen sah.
Wie natürlich ist es, daß die in solchem Getriebe Kämpfenden zu-
weilen von Müdigkeit übermannt wurden! Hätte nicht Scharnhorst
durch seine wundervolle Klugheit und dem König so genehme Ein-
fachheit seine Stellung fest behauptet : so hätte eine so durchgreifende
Reform der ganzen Armee nie errungen werden können. Im Frühjahr
1809 schrieb Gneisenau an seine Frau: „Notwendigkeit und Mißver-
gnügen raten mir gleich stark, in einem anderen Lande mein Unter-
kommen zu suchen; in welchem? darauf sollst Du den stärksten Ein-
fluß haben. Vielleicht wunderst Du Dich über das von mir gebrauchte
Wort ,Mißvergnügen', aber dem ist so. Ich will nicht länger hinter
Leuten dienen, die zehn bis zwölf Jahre jünger sind als ich, und die
weder etwas geleistet haben, noch jemals etwas leisten werden, die aber
ihre verborgenen Pfade gehen und dadurch ihre Verdienstlosigkeit
emporzubringen wissen. Auch sind diese Menschen von einer Art poli-
tischer Überzeugung, und diese Überzeugung wirkt so nachteilig, daß
ich mich schon deswegen entfernen müßte, wenn auch nicht die Not-
wendigkeit dazu triebe." Und in derselben Zeit schrieb er an Barsch,
als Schill in Berlin mit Begeisterung als der Held von Kolberg beim
Einzug der Truppen begrüßt wurde und Barsch bei ihm anfragte, ob
94 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
nicht eine Berichtigung dieser Entstellung des wirklichen Tatbestandes
zu wünschen sei: „Mag die Welt immerhin glauben, daß er Kolberg
verteidigt hat, für den Staat ist dies um so besser. Schill ist noch jung,
mit mir geht es bergab. Durch Schills allverbreiteten Namen können
noch schöne Dinge getan werden; wir müssen daher solchen verherr-
lichen soviel wir können. Sie verstehen mich, mein lieber Barsch, wo-
hinaus ich will. Mich plagt kein Ehrgeiz, vielmehr drücken mich Fa-
miliensorgen und Geldsorgen danieder. Mein Blick in die Zukunft er-
heitert sich nur dann, wenn ich mir die Möglichkeit denke, dem frem-
den Joche zu entgehen; in einem solchen Kampfe will ich gern unter-
gehen. Ich habe nur e i n e s im Auge: Unabhängigkeit, und für diesen
Zweck opfere ich alles."
Man erwägt nicht hinlänglich, welche Opfer viele Jahre hindurch
diese Führer der Patriotenpartei bringen mußten. Seit dritthalb Jahren
war nun Gneisenau ganz von Frau und Kindern getrennt. Seine poli-
tische Energie hatte selbst zwischen seiner Frau und ihm zeitweise eine
tiefe Verstimmung hervorgebracht, welche nun nicht durch die süße
Gewohnheit täglichen Zusammenlebens gemildert wurde. Zu der weiten
Entfernung von den Seinen gesellte sich die Sorge. Er hatte die Füh-
rung der Gutsverwaltung seiner Frau überlassen müssen, und zu deren
Unterstützung, bei den grenzenlosen Erpressungen der Franzosen, Vor-
schüsse erhalten, die nun eingefordert werden mußten. Er sah die
Notwendigkeit voraus, sich des ererbten Grundbesitzes zu entledigen.
Und das bei der einfachsten Lebensweise, bei der angestrengtesten
Arbeit. Durch eine persönliche Anwesenheit gelang ihm wenigstens,
dies Mißgeschick abzuwenden. Bei der Ankunft in Mittelkauffung er-
kannten die Kinder ihren Vater nicht wieder.
Alle Schwierigkeiten erhöhten sich, als der unglückliche Zug Schills
im Frühjahr 1809 den Gegnern einen Anhalt für die elendesten Ver-
leumdungen bot. Nichts weniger als eine Thronrevolution sollte im
Werk gewesen sein. Schill sollte von den Häuptern des Heeres, Scharn-
horst, Blücher, Gneisenau, Chasot, benutzt worden sein, um bei gün-
stigem Verlauf seines Aufstandes den Prinzen Wilhelm auf den Thron
zu erheben. Ja, der armselige Bischof Eylert träumt noch in seiner
Lebensbeschreibung von einem Auftrag, den ihm Stein gegeben habe,
auf der Kanzel den Prinzen Wilhelm zum König auszurufen — und
preist seine Loyalität an, es nicht getan zu haben. Man kann denken,
was damals erst an den König herankam von seiten der skrupellosen
•konservativen Partei.
Der König ließ Chasot nach Berlin zur Verantwortung bescheiden.
Er schrieb an Blücher einen unangenehmen Brief in schwebenden
Dienstangelegenheiten, welchen der alte Held sofort durch ein Ent-
Neithardt von Gneisenau
lassungsschreiben beantwortete; auch die Ernennung zum Kavallerie-
general besänftigte ihn nicht. „Noch", schrieb er, „will ich eine kleine
Frist geben; ordnet es sich dann nicht, kommen wir nicht zu einem
Entschluß, so gehe ich. Trage Fesseln wer da will, ich nicht." Dem
General Scharnhorst drückte der König in Gegenwart aller Minister
seine Unzufriedenheit über die militärischen Behörden und die neue
Einrichtung derselben aus. Scharnhorst entfernte sich mitten im Vor-
trag und sandte von Awaiden aus sein Entlassungsgesuch, begleitet
von jener herrlichen Denkschrift über die Geschäftsführung der Mili-
tärkommission, welche für alle Zeiten ein Denkmal seines großen Sin-
nes bleiben wird. Gneisenau, gegen welchen ebenfalls eine Denunziation
vorlag, ward durch Estafette aus Schlesien zurückgerufen. „Ich eilte
Tag und Nacht, um hierherzukommen, aber wie fand ich den Zustand
der Dinge ! Der General von Scharnhorst verfolgt, verleumdet, denun-
ziert, noch krank von einem Gallenfieber, war im Begriff, von seinem
Posten abzutreten. Die Finanzen in grausamer Verwirrung. Kein kräf-
tiger Entschluß von oben." Er arbeitete nun entschieden an seinem
Austritt aus der Armee, um nach England zu gehen. Schrieb doch auch
Blücher, ungeduldig und immer noch grollend: „Gesund bin ich wie
ein Fisch, aber die liebe lange Weile, der Schreibtisch und das ewige
Einerlei sind mich Gift." Die Trennung selbst öffnete das Herz des
Königs wieder gegen Gneisenau. Er erhielt seinen Abschied nur für
die Friedenszeit. Und der König ließ ihm zweitausend Dukaten zahlen,
„Euch einen Beweis meiner Zufriedenheit mit Euren mir und dem
Staate geleisteten treuen Diensten zu geben, soweit es die Lage des-
selben gestattet." Gneisenau seinerseits sah den neuen Versuch, den
er machte, als im Dienste seines Königs und Vaterlandes gemacht an,
ebensosehr als alles, was er bis dahin getan hatte.

E n g l i s c h e r A u f e n t h a l t . 1809. 1810.
Im August 1809 betrat er den englischen Boden und suchte sofort
eine Zusammenkunft mit dem englischen Minister Canning nach. Aus-
gearbeitete Pläne lagen in seinem Kopfe, wie durch eine Landung
Englands an der norddeutschen Küste eine große und für Deutsch-
land heilsame Entscheidung herbeigeführt werden könne.
Was für Erfahrungen sollte nun der leidenschaftliche ritterliche
Gegner Napoleons in England machen, das ihm als die letzte Zuflucht
großer Pläne erschienen war ! Abwechselnd setzten ihn die ungeheuren
Kräfte dieses Landes, sein Reichtum und die jeder Aufgabe gewach-
sene Stärke der Individuen in Begeisterung, und dann wieder die
Weise, wie diese Kräfte von Regierung und militärischer Leitung ver-
schleudert wurden. In den höchsten Kreisen bestand der Plan, einen
Die Reorganisatoren des preußischen Staates
nordwestdeutschen Staat zu gründen. Das weifische Haus mußte be-
fürchten, bei dem Tode des Prinzen von Wales vom großbritannischen
Thron ausgeschlossen zu werden; so richtete man seinen Blick auf die
Begründung einer Herrschaft in Deutschland. Aber wo waren die mili-
tärischen Kräfte, einen solchen Plan auszuführen?
Die Autorität für deutsche Kriegsangelegenheiten war der General
von der Decken. Gneisenau durchschaute diesen Mann sofort. „Sein
Charakter ist aus Feigheit, List und Geiz zusammengesetzt. Er hat sich
durch die Werbung der deutschen Legion ein großes Vermögen er-
worben; dieses ist zum Teil in Deutschland angelegt. Dieser Mann,
der das Feuer nicht liebt, will die Früchte seiner Industrie in Ruhe
genießen. Eine Expedition nach Deutschland hätte ihn mit dorthin
gezogen, und dies vermied er. Er schilderte daher eine solche Ex-
pedition als zwecklos und gefährlich, und die Deutschen als unsol-
datisch, feige und den Franzosen ergeben." Ebenso elend war der eng-
lische Befehlshaber an der Scheide, Lord Chatham. Er war aus den
Kreisen der Londoner Lebemänner genommen und übertrug die Sitten
der Hauptstadt in sein Lager. Spät stand er auf, mittags frühstückte
er, und vor der Mahlzeit am Abend gab er die Befehle für den Tag
aus, der bereits verstrichen war. Kurz, Gneisenau fand: „In diesem
Lande werden die Regierungsangelegenheiten ebenfalls auf die er-
bärmlichste Art betrieben. Dies Volk müßte zugrunde gehen, wenn
nicht seine geographische Lage es schützte."
Unter solchen Verhältnissen wies er den Antrag, in englische Dienste
zu treten, entschieden zurück. Er durfte nicht für Pläne eintreten,
welche den damaligen preußischen Territorialbestand bedrohten. Und
er mochte nicht einer Armee angehören, von der er urteilte, sie sei die
am übelsten befehligte der Welt.
Er verbrachte beobachtend und lernend die nächsten Monate in
Schweden und Rußland. Es scheint nicht, daß er hier Beziehungen zu
den regierenden Kreisen pflegte.
Das Resultat, besonders seines englischen Aufenthalts, war wenig
tröstlich. Es war nur die Bestätigung einer Ansicht, welche er inmitten
der hohen Politik der letzten Jahre sich schon längere Zeit gebildet
hatte. „Ich halte die alten Regierungen für verloren. Ein Mann mit
solchen Talenten und solcher Gewalt wie Napoleon, mit einer solchen
Kenntnis der ihm entgegenstehenden Höfe und der Nichtswürdigkeit
der meisten Menschen, und mit einer solchen Verwegenheit, wird und
muß seine Pläne zur Reife bringen, sofern er das Leben behält. Er
wird das feste Land von Europa unterjochen, weil er den Willen dazu
hat, und die alten Herrscher werden zugrunde gehen, weil keine Ein-
heit in ihren Maßregeln und keine Kühnheit zum Entschlüsse da ist.
Neithardt von Gneisenau gy
Von allen Regenten, die ihre Throne verlieren werden, beklage ich
nur unseren König. Er hat den besten Willen gehabt, sein Volk glück-
lich zu machen, und hätte dies auch in einem weniger stürmischen Zeit-
alter bewirkt; so aber fiel, zu seinem Unglück, seine Regierung gerade
in die schwierigste Epoche, die jemals die Geschichte aufzeichnete."
Er selber, wenn er in der Einsamkeit der winterlichen Tage in
Stockholm auf sein vergangenes Leben zurückblickte, hielt ihm eine
wenig erfreuliche Nachrede. Die kühne Offenheit seines Charakters
litt weder sich selbst noch anderen gegenüber ein Dunkel; der große
Schnitt seiner Natur litt nichts Halbes. „Wenn man", schrieb er, „in
die letzten Räume der Lebensbahn eintritt und unparteiische Betrach-
tungen über sich selbst anstellt, so wird man mit Unmut gewahr, wie
wenig wahrhaft Nützliches man geleistet hat. Wieviel Unnützes habe
ich gelesen, wieviel habe ich gelernt, um es wieder zu vergessen ! Wie-
viel Nützliches hätte ich nicht statt dessen treiben können, wenn ich mit
Verstand zu Werke gegangen wäre. Eine rohe Erziehung und eine
noch rohere Lebensart nachher ließen das Bessere in mir nicht zur
harmonischen Entwicklung kommen. So blieb es immer bei unfrucht-
barem Wollen und kam nie zum Vollbringen. So fehlt mir jetzt das,
was ich so häufig an anderen Menschen gewahr werde: Selbstzufrie-
denheit."
Im Sommer 1810 war er auf der Rückreise nach Kauffung; an der
Grenze traf ihn eine Kabinettsorder des Königs, welche ihm eine
Staatsdomäne mit fünfzehnhundert Taler Einkommen jährlich über-
wies; er begab sich nach Kauffung zu den Seinen, wo er endlich die
Muße hatte, seine finanzielle Lage zu ordnen. Und von hier aus spähte
er aus, welchen Gang die stets wachsenden europäischen Verwick-
lungen nehmen würden. Napoleon bildete in dieser Zeit den Gedanken
der Weltherrschaft aus und brütete, über Rußland herzufallen. Da-
mit rückte für Preußen der Kampf um seine Existenz selber heran.

P l a n e i n e s V o l k s a u f s t a n d e s . 1811.
Plötzlich kann sich's umgestalten! Laß den Schwächling angstvoll zagen!
Mag das dunkle Schicksal walten! Wer um Hohes kämpft, muß wagen;
Mutig auf der steilsten Bahn! Leben gilt es oder Tod!
Trau dem Glücke! Trau den Göttern! Laß die Woge donnernd branden.
Steig trotz Wogendrang und Wettern Nur bleib immer, magst du landen
Kühn wie Cäsar in den Kahn! Oder scheitern, selbst Pilot!
Berlin, 8. August 1811. v. Gneisenau.
Mit diesen Worten wandte sich Gneisenau an den König, als er seine
Pläne vorlegte, Napoleon zuvorzukommen und den Krieg zu eröffnen,
die ganze Nation unter die Waffen zu rufen. Die Denkschriften sind
im zweiten Bande des Gneisenau von Pertz abgedruckt, mit den höchst
g$ Die Reorganisatoren des preußischen Staates
merkwürdigen Randbemerkungen des Königs und den Antworten Gnei-
senaus auf dieselben. Eine sei herausgehoben. Gneisenau hatte vor-
geschlagen, daß auch die Kanzeln benutzt werden müßten, zur Ver-
teidigung anzufeuern. An das jüdische Volk unter den Makkabäern
sollten die Prediger erinnern, an den tapferen Widerstand der öster-
reichischen Milizen gegen die französische Reiterei. Der König schrieb
an den Rand: „Als Poesie gut." Hierauf Gneisenau: „Religion, Ge-
bet, Liebe zum Regenten, zum Vaterland, zur Tugend sind nichts an-
deres als Poesie, keine Herzenserhebung ohne poetische Stimmung.
Wer nur nach kalter Berechnung handelt, wird ein starrer Egoist. Mit
Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet. Wie so mancher von
uns, der mit Bekümmernis auf den wankenden Thron blickt, würde
eine ruhige, glückliche Lage in stiller Abgezogenheit finden können,
wie mancher dürfte selbst eine glänzende erwarten dürfen, wenn er,
statt zu fühlen, berechnen wollte. Die Bande der Geburt, der Zu-
neigung, der Dankbarkeit fesseln ihn an seinen Herrn; mit ihm will
er leben und fallen; für ihn entsagt er den Familienfreuden und gibt
seine Lieben einer Ungewissen Zukunft preis. Dies ist Poesie, und zwar
von der edelsten Art. An ihr will ich mich aufrichten mein Leben
lang." Man bemerkt, wie ein edler Unmut hier die innersten Gefühle
Gneisenaus ans Tageslicht hervorzwingt.
Gneisenau zauderte keinen Augenblick, in diesem Moment, in wel-
chem es galt, alle moralischen Kräfte für eine übergroße Aufgabe
zu entfesseln, zu den radikalsten Maßregeln zu greifen. Floß erst Blut,
so mußten die niederen Stände dadurch zur Rache gereizt werden.
Der Bürgerstand sollte erregt werden, indem Verdienste in diesem
Kriege inmitten desselben einen Stand von Notabein schüfen, aus welchem
allein alsdann Repräsentanten und Beamte genommen werden sollten.
Endlich kein anderer Adel sollte nach errungener Unabhängigkeit
gültig sein, als derjenige, der in diesem heiligen Kriege durch Hand-
lungen großer Tapferkeit oder ersprießliche Ratschläge, durch herbe
Verwundungen oder große dem Vaterlande dargebrachte Opfer er-
neuert sei.
Solche Wagnisse waren nicht im Sinne des Königs. Es ist schwer,
die Entscheidungen der Menschen, deren Gründe in der Politik eines
ganzen Weltteils lagen, nachträglich zu beurteilen. In dem Königstand,
gegenüber den Vorschlägen dieser kühnen Männer, stets im Hinter-
grund ein Mißtrauen erregender Gedanke. Er allein hatte eine Krone
zu verlieren. Er allein war seinen Kindern für ein ererbtes Reich ver-
antwortlich. Es trennt den Fürsten in Momenten eines solchen Ent-
schlusses von seinen Ratgebern eine breite Kluft. Er ist doch allein
mit sich selber und seinem ererbten Königtum. Und wenn er Rat
Neithardt von Gneisenau go,
empfängt, wird ihm der genehm sein, der von Menschen ausgeht,
welche nur ihm persönlich attachiert sind und daher mehr von seinen
Interessen aus urteilen, als von solchen, welche das große Ganze im
Sinne haben, die Nation und den Staat. Aber es kann sein, daß in
solchen ungeheuren Krisen der fürstliche Instinkt der Selbsterhaltung
sicherer leitet als die größten Gesichtspunkte. Von Monat zu Monat
finden wir dem König andringende Vorschläge vorgelegt, verknüpft
mit der Befürchtung, daß nunmehr der Kampf mit Napoleon unaus-
weichlich, und ohne entschiedenes Vorgehen die Krone verloren sei.
Der Erfolg hat für den König entschieden, welcher die Entscheidung
hinausschob, bis der ungeheure Ehrgeiz Napoleons auf einen jener
Zufälle stieß, welche dafür zu sorgen scheinen, daß das Ungeheure
und Grenzenlose auf der Erde sich nicht realisiere.
Doch würde man irren, was nicht sofort verwirklicht wurde von
solchen Plänen, für verlorene Mühe zu halten. Der Tropfen höhlte
den Stein. Ideen, welche dem König fremd waren, wurden ihm ge-
wohnt. Ideen, welche er im ganzen verwarf, wurden im einzelnen und
herabgemindert realisiert. Auf diesem Gegenwirken der Kräfte beruhte
die Reorganisation unseres Staates.

Gneisenau als Feldherr.


Die Tätigkeit Gneisenaus für die Reorganisation war 1811 im wesent-
lichen abgeschlossen. Die politischen Kombinationen beschäftigten ihn
1811 und 1812, alsdann der Krieg.
Mit dem Abschluß der Allianz zwischen Frankreich und Preußen
war vorläufig die Politik der patriotischen Aktionspartei beseitigt.
Eine ganze Anzahl von Offizieren, unter ihnen Scharnhorst, Gneisenau
und Boyen, nahm und erhielt im Frühjahr 1812 den Abschied.
Gneisenau verbrachte das nächste Jahr in Bemühungen, die Kräfte
gegen Napoleon zu sammeln. Er ward in Österreich, Rußland, Schwe-
den, England mit Vertrauen aufgenommen. Während seines Aufent-
halts bei dem russischen Heere gewährten seine scharfsichtigen Be-
obachtungen und Ratschläge in Unterredung und Denkschrift dem
Kaiser Alexander wichtige Belehrung. Es ist bemerkenswert, daß
Gneisenau schon in einer Denkschrift vom Sommer 1812 dem Kaiser
von Rußland den folgenden Vorschlag machte: „Alles Getreide und
Vieh muß weggenommen und in das Innere gebracht werden, alle
Dorfwirtshäuser mit ihren großen Ställen müssen zerstört, alle Mühlen
vernichtet und ihre Maschinen zerbrochen werden; die Einwohner sich
in die großen Waldungen und die Sümpfe flüchten. Mit solchen Maß-
regeln wird es gelingen, die Bewegungen des Feindes zu lähmen. Dann
wird das Klima nicht zögern, seine Wirkung zu üben. Während der
IOO Die Reorganisatoren des preußischen Staates
Schnee die Zufuhr für das russische Heer erleichtert, wird die Härte
eines nordischen Winters den Mut aller dieser Horden lähmen." Von
da wandte er sich nach Schweden und bestärkte den Kronprinzen in
dem Plan, als ein zweiter Gustav Adolf im Rücken Napoleons an der
Ostküste zu landen. Am längsten verweilte er in England, und nun
kamen ihm die Erfahrungen jener früheren vergeblichen Reise zu-
statten. Sein Gedanke, daß in Deutschland, nicht in Spanien, die Ent-
scheidung des Kampfes gegen Napoleon liege, fand jetzt Eingang. Aus-
gerüstet mit englischen Mitteln, kehrte er nach Yorcks entscheiden-
dem Schritt zurück.
Er erscheint in Breslau, wo der König um sich die Kriegsmittel nun-
mehr offen sammelt. Der König stellt ihn neben Scharnhorst in Blü-
chers Hauptquartier. Scharnhorst erliegt der Wunde der ersten Schlacht,
und Blücher, mit seinem scharfen Blick und seiner schlichten Offen-
heit, sprach es sofort aus, daß er nun nur noch auf Gneisenau bauen
dürfe und nichts ohne diesen vermöge. Was Scharnhorst das Schick-
sal mißgönnte, unternimmt nun Gneisenau. Jenes einzige Bündnis zwi-
schen ihm und Blücher stellt sich fest, welches in der ganzen Kriegsv
geschichte kaum seinesgleichen hat. Was Gneisenau je von Ruhm und
militärischer Größe geträumt hat, wird ihm jetzt vollauf zuteil.

V. SCHARNHORST
Scharnhorst hat die Organisation der preußischen Armee gegründet,
welche 1813 unser Vaterland befreite, und welche dann, über die
nächste Absicht dieses großen Genies hinaus, einer der gewaltigsten
Hebel für die Errichtung des Deutschen Reichs geworden ist. Wie
Luther ging dieser Mann mächtigen Willens und unbeugsamen, mas-
siven Verstandes aus dem Volke hervor.

Jugendjahre.
Ein Ernst Wilhelm Scharnhorst war um die Mitte des vorigen Jahr-
hunderts, nachdem er als Quartiermeister den hannoverschen Dienst
quittiert hatte, auf sein kleines ererbtes Bauerngut, in der Nähe von
Hannover, zurückgekehrt und hatte die Verwegenheit, die jüngste
Tochter Tegtmeyers, des Besitzers des ritterschaftlichen Gutes Bor-
denau, zu lieben. Die reichen Eltern des Mädchens verwarfen den
Liebhaber, und erst als die Tochter, um sich den schlimmen Nachreden
der Leute zu entziehen, ihre Heimat längere Zeit verlassen mußte,
willigten sie gezwungen in die Verbindung. Ein Mädchen kam, und
ihm folgte dann in Bordenau am 12. November 1755 der erste Sohn,
Scharnhorst ΙΟΙ

Gerhard, welcher den Großvater damals ganz aussöhnte und später


den Namen der Scharnhorst unsterblich machen sollte.
Er wuchs unter fünf Geschwistern auf einer Pachtung heran und
wurde von seinem Vater als Aufseher der Tagelöhner gebraucht. Die
Erzählung, daß er die Schafe gehütet habe, eine Erzählung, welche
seltsamerweise in der Jugendgeschichte Gneisenaus wiederkehrt, hat
nach den Verhältnissen der Familie wenig Wahrscheinliches. Als 1772
ein Prozeß über Bordenau zugunsten des alten Scharnhorst entschieden
war, siedelte man auf dies Gut. Der tatkräftige Wille des alten Scharn-
horst hob bald den Ertrag desselben ansehnlich. Nun ward dem Sohn
auch gestattet, sich seinem entschiedenen Wunsche gemäß der mili-
tärischen Laufbahn zu widmen.
Varnhagen hat ein schönes Lebensbild des Reichsgrafen von Schaum-
burg-Lippe entworfen, welcher in verkrüppelt kleinen Verhältnissen
seine militärischen Ideen zu verwirklichen suchte. Man kann nicht
umhin, wechselsweise über ihn zu lächeln und ihn zu bewundern. Er
erneuerte in seiner Grafschaft das altdeutsche Gesetz, nach welchem
jeder ansässige Einwohner zum Kriegsdienst verpflichtet war, und er-
richtete mit Hilfe dieser Gewaltsamkeit, der niemand begegnen konnte,
da die Grafschaft keine Landstände mehr hatte, ein Regiment zu Fuß,
eine Abteilung Artillerie und eine Reiterschwadron. Er bildete diese
kleine Armee zu einer Mustertruppe und errichtete auf dem Wilhelms-
stein musterhafte militärische Anstalten. In diese, welche dem väter-
lichen Gütchen ganz nahe lagen, trat nun Schamhorst ein. Der Graf
pflegte selber zu prüfen und zu entscheiden. Er bemerkte zwar in
den Vorkenntnissen des achtzehnjährigen Jünglings noch erhebliche
Lücken; aber ihn erfreute die Reinheit seiner Sitten, ein unbefangenes
bescheidenes Benehmen, seine lebhafte Wißbegierde und die freudige
Kriegslust, welche aus den großen blauen Augen und den offenen,
edlen Zügen leuchtete.
Die Vorbildung, welche Scharnhorst nunmehr empfing, ward für
ihn von bleibender Bedeutung. Es ist ein Werk des Grafen „über den
Defensivkrieg" von 1775 erhalten, welches erst einen Einblick in das
innere Verhältnis der Leistungen beider Männer gibt. Gneisenau er-
klärte hierüber an Varnhagen von Ense: „Sie haben den Grafen von
Lippe sehr gerühmt, aber lange noch nicht nach Verdienst, er war
viel größer noch, als Sie ihn darstellen. Ich habe mich früher eine
Zeitlang in Bückeburg aufgehalten und dort im Archive seine Hand-
schriften durchgelesen. Unsere ganze Volksbewaffnung vom Jahre 1813,
Landwehr und Landsturm, das ganze neuere Kriegswesen hat der Mann
ausführlich bearbeitet, von den größten Umrissen bis auf das kleinste
einzelne, alles hat er schon gewußt, gelehrt, ausgeführt. Denken Sie
102 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
nun, was das für ein Mann gewesen, aus dessen Geiste, so weit in
der Zeit voraus, die größten Kriegsgedanken sich entwickelt, aus deren
späterer Verwirklichung zuletzt die ganze Macht Napoleons eigentlich
zusammengebrochen ist." Der Graf liebte Scharnhorst. Er verlieh ihm
die goldene Medaille der Kriegsschule und beförderte ihn zum Offi-
zier untersten Grades.

L e i t u n g d e r M i l i t ä r s c h u l e in H a n n o v e r .
S c h r i f t s t e l l e r i s c h e Arbeiten.
Als der Graf von Schaumburg im Herbst 1777 seiner geliebten
Gattin, der Freundin Herders, nachstarb, meldete sich Scharnhorst
zum hannoverschen Militärdienst. Er besaß bereits eine geschlossene
militärische Ausbildung. Auch über sie hinaus hatte sein Geist geblickt. Es
wird erzählt, daß er mit besonderer Vorliebe Young, Klopstock, Schubart,
Lessing und Goethe gelesen habe. So trat er in das 8. hannoversche Re-
giment von Estorff-Dragoner. Dieser vortreffliche Offizier, General von
Estorff, hatte eine Kriegsschule in seinem Regiment für die jüngeren
Offiziere errichtet. Der Übergang Scharnhorsts in sein Regiment war
ihm besonders erwünscht, weil gerade die Kriegsschule des Grafen
von Schaumburg ihm bei seinen eigenen Bestrebungen als Muster vor-
schwebte. Scharnhorst ging eifrig in seine Pläne ein. Vor kurzem noch
Schüler, lehrte er nun mit um so mehr Feuer Mathematik, Artillerie-
wissenschaft, Fortifikation. Er ward sofort der Lieblingslehrer der
jungen Offiziere. Und daneben fand er noch hinreichend Muße, in
den Militärwissenschaften selbständig fortzuarbeiten und eine Reihe
schriftstellerischer Versuche auf diesem Gebiet teils zu veröffentlichen,
teils zu beginnen.
Eine so ernste, gründliche, erfolgreiche Tätigkeit machte Scharn-
horst bald auch in Hannover bekannt. Und als man dort eine Ar-
tillerieschule errichtete, wurde er als Fähnrich an diese berufen. Eine
lange Reihe von Jahren, 1782—1793, sollte er in Hannover zubringen,
hier sollte er für seine militärische Ausbildung den Abschluß und für
sein Leben die geliebte Gefährtin finden. An der Spitze der Artillerie-
schule stand Oberstleutnant von Trew, welcher seine Verdienste voll-
auf würdigte. Scharnhorst ward die Seele dieses ganzen Unterneh-
mens. Damals verfaßte er ein Handbuch für Offiziere in den an-
gewandten Teilen der Kriegswissenschaften, das seit 1788 erschien.
Es ist bezeichnend für ihn, daß der Vorwurf vernommen wurde, er
verfahre zu streng wissenschaftlich in seinem Unterricht, und er be-
handle die am Unterricht teilnehmenden Offiziere zu sehr als Schüler,
nicht als Offiziere. In der Biographie des späteren hannoverschen
Generals Sir Julius von Hartmann, der sein Schüler in der Anstalt
Scharnhorst 103
und sein Untergebener in der Kompanie war, wird Scharnhorsts Ein-
fluß so geschildert: „Scharnhorst übte schon damals ein außerordent-
lich großes Gewicht auf seine Umgebung und speziell auf seine Schüler
aus. Er bewirkte dies weniger durch seinen Unterricht. Dieser hätte
wohl für seine damaligen weniger entwickelten Schüler elementarer
sein können. Viel entschiedener wirkten seine große Freundlichkeit
und Humanität, sein herablassendes Hineingehen in der jungen Leute
Ansichten, welche er in mannigfachsten Richtungen, nicht bloß auf
dem militärischen Felde, berichtigte und leitete. Bis in seine letzten
Lebenstage erinnerte sich Hartmann mit jugendlichem Schwünge der
Gespräche Scharnhorsts während der Zwischenstunden mit den Kadetten
und Offizieren. Besonders interessant waren seine kriegsgeschichtlichen
Vorlesungen über den Siebenjährigen Krieg, die Belagerung von Gi-
braltar und andere Ereignisse, bei denen hannoversche Truppen tätig
gewesen waren."
Er war eine Gelehrtennatur, welche durch die militärische Schulung
nur jene geschlossene Haltung empfangen hatte, welche an den her-
vorragenden Mitgliedern dieses Standes so angenehm berührt, und so
trieb ihn seine Neigung zu zusammenhängender schriftstellerischer
Tätigkeit. Seit 1782 gab er die militärische Bibliothek heraus, welche
dann unter dem Titel „Bibliothek für Offiziere" von ihm fortgesetzt
wurde; alsdann erschien 1788 bis 1790 zu Hannover sein „Hand-
buch für Offiziere", ein Werk, das bis jetzt im einzelnen erreicht, doch
im ganzen noch nicht übertroffen ist; eine Geschichte der Belagerung
von Gibraltar und eine andere, die Veränderung und Einrichtung des
schwedischen Kriegswesens durch Gustav Adolf, folgten. Am meisten
Aufsehen aber machte das Taschenbuch für Offiziere, welches 1792
erschien und versuchte, in der Kürze alles zusammenzufassen, was dem
Offizier im Felde und bei Belagerungen von Nutzen sein kann. Sein
Erscheinen traf mit dem Beginn des französischen Revolutionskrieges
zusammen. Schon nach einem Jahr war eine zweite Auflage nötig.
Und noch viel später urteilte Clausewitz, Scharnhorst habe in diesem
Taschenbuch über den eigentlichen Krieg von allen bisherigen Militär-
schriftstellern am besten geschrieben. Friedrich der Große hatte 1762
für seine Offiziere eine „Anweisung zur Kriegskunst für Offiziere"
herausgegeben; diese gab nun Scharnhorst 1793 heraus und fügte zahl-
reiche Zusätze hinzu, teils aus den späteren kriegswissenschaftlichen
Werken des Königs, teils Ergänzungen aus seinen eigenen Studien.
Durch diese Arbeiten trat Scharnhorst in die Reihe der ersten Militär-
schriftsteller aller Zeiten.
Bald nach seiner Ankunft in Hannover war sein Vater gestorben,
und das Gütchen Bordenau war auf ihn übergegangen. Während er
DU t h e y , Gesammelte Schriften XII 8
104 D™ ^^Organisatoren des preußischen Staates
für die Ausbildung seiner Brüder eifrig Sorge trug, hatte er den Haus-
halt selber aufgelöst, die Ländereien verpachtet. Er hatte dann Ur-
laub genommen, um auf einer längeren Reise bis Wien die militärischen
Verhältnisse verschiedener Staaten aus eigener Anschauung kennen-
zulernen. 1785 hatte er sich mit Clara Schmalz verheiratet, deren elter-
liches Haus er durch ihren Bruder kennengelernt hatte, welcher da-
mals als Privatgelehrter eine Lebensbeschreibung des Grafen Wilhelm
von Bückeburg ausarbeitete. In Bordenau, im Kreise der Verwandten
und Freunde, wurde die Verbindung gefeiert. Die weiche, sanfte, zu
stiller Beschaulichkeit neigende Gemütsart seiner Gattin ging hin-
gebend in Scharnhorsts wissenschaftliche Pläne ein; es machte sie
glücklich, ihm als Sekretär zur Seite zu stehen. Im Frühjahr 1786
brachte sie ihm den ersten Sohn, und um so freudiger arbeitete er
nun für Frau und Kind. Er las kein Buch, ohne bei der Lektüre eigene
Ideen niederzuschreiben; er war eine im größten Sinne produktive
Natur. Ich finde unter solchen Aufzeichnungen die Bemerkung: „Es
hat mich immer traurig gemacht, daß wir Deutschen so wenige Vater-
landsliebe und so wenigen Nationalstolz besitzen; daß ein Teil unserer
feurigsten, unserer vorzüglichsten Schriftsteller sich mit mehr Enthu-
siasmus für die französische, als ihre eigene Nation interessieren kann."
Damals plante er auch eine Erklärung von Cäsars Kommentarien, eine
Geschichte des Siebenjährigen Krieges.

A n t e i l an d e m K r i e g e von 1793—95.
Während Scharnhorst so in glücklichen Verhältnissen seinen militär-
wissenschaftlichen Arbeiten und seiner Familie lebte, näherten sich
die Gewitter der Französischen Revolution immer drohender. Vor dem
Schluß 1792 erging an die Mehrzahl der hannoverschen Truppen der
Befehl, sich marschbereit zu machen. Am 29. Januar spät abends traf
in Hannover die Nachricht von der Hinrichtung Ludwigs XVI. ein.
Scharnhorst hatte, wiewohl mit Vorsicht und Einschränkungen, die
Bewunderung der Nationalversammlung geteilt, wie ein Schlözer, Klop-
stock, Schiller sie aussprachen. Von solchen Gefühlen war nichts mehr
bei ihm übrig. Aber er erkannte, daß die Maßregeln des Schreckens-
regiments und die vereinfachte Taktik der Republik dem französischen
Heer entschiedene Vorteile gaben. Mit genialem Blick in die Grund-
fehler des französischen Soldaten, Eitelkeit und Ungeduld, empfahl
er damals: „Daher sollte man in einem Kriege gegen die Franzosen
sich zur Grundregel machen, sie stets in Bewegung zu erhalten, beson-
ders bei üblem Wetter, sie beständig anzugreifen, u n d sie nie i h r e n
e i g e n e n D i s p o s i t i o n e n f o l g e n zu l a s s e n , sondern sie zu zwin-
gen, sich nach den unsrigen zu richten. Ihre Ungeduld würde sie bald
Scharnhorst 105
zu einem Hauptfehler verleiten. Ist aber ihr Anführer klug und schlägt
ihnen ihr unvernünftiges Begehren ab, so begegnen sie ihm verächtlich,
werden aufrührerisch und gehen davon."
Es ist diesem Zusammenhang fremd, den unglückseligen Krieg der
Verbündeten gegen Frankreich von 1793—95 zu schildern. Schamhorst
nahm als Hauptmann Anteil an demselben. Aus diesem ruhmlosen
Feldzuge leuchtet die Verteidigung von M en in hervor. Diese wurde
durch den General von Hammerstein und durch Scharnhorst als seinen
ersten Generalstabsoffizier geleitet. Die treffliche Biographie von
Klippel gibt ausführlicher die Geschichte dieses ganzen Unternehmens
aus dem handschriftlichen Material. Als endlich der größte Teil der
Stadt in einen Schutthaufen verwandelt, die spärlichen Lebensmittel
unter den Ruinen der Häuser begraben waren, als die Garnison pro
Mann nur noch dreißig bis vierzig Schüsse hatte: sammelte der Ge-
neral abends um 10 Uhr die Kommandeure um sich, ihnen mitzuteilen,
er sei entschlossen, mit den 2000 Mann sich durch die 20000 Mann
starke Armee der Belagerer durchzuschlagen. „Das Zimmer", so er-
zählt Scharnhorst selbst, ,,in welchem die Disposition ausgegeben
wurde, war mehr durch die Flammen der brennenden Gebäude als der
aufgestellten Lichter erleuchtet; die Bomben spielten nach dieser
Richtung hin gerade jetzt sehr lebhaft; bald fielen sie auf das Ge-
bäude, in dem sich der General befand, und krachten in demselben,
als wenn der Blitz einschlüge, bald krepierten sie in dem Garten, nahe
vor den Fenstern. Nach 12 Uhr mitternachts hatten sich die Truppen
versammelt." Der General redete jedes Bataillon einzeln an. „Die un-
aufhörliche Unruhe", sagt Scharnhorst, „und die beständige Gefahr,
in der die Truppen seit vier Tagen waren, gaben dieser Unternehmung
einen eigenen Anstrich. Es schien, als wenn sie glaubten, daß dies
der gewöhnliche Gang des Krieges wäre. Man wünschte einander Glück,
daß es endlich so weit gekommen, und bloß diejenigen waren untröst-
bar, welche zurückbleiben sollten. Das augenblickliche Bedürfnis reizt
im Krieg zu großen Taten. Man sollte diesen Umstand mehr benutzen,
nicht wie Tilly und Trenck, aber wohl wie im Revolutionskrieg die
Franzosen." Der Durchbruch gelang unter den furchtbarsten und aben-
teuerlichsten Wechselfällen. In seiner Relation sagt Hammerstein:
„Vor allen anderen halte ich mich verpflichtet, vom Hauptmann
Scharnhorst allein Erwähnung zu tun. Dieser Mann hat bei seinem
ganzen Aufenthalt in Menin, nachher beim Bombardement und letzt-
lich beim Durchschlagen Fähigkeiten und Talente, verbunden mit einer
unvergleichlichen Bravour, einem unermüdeten Eifer und einer be-
wundernswürdigen Kontenance gezeigt, daß ich seiner Anordnung
allein den langen Aufenthalt in Menin während des Bombardements
Ιθ6 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
und den glücklichen Ausgang des Plans, mich durchzuschlagen, ver-
danke. Er ist bei allen Ausführungen der erste und der letzte gewesen.
Wenn je einem eine Belohnung für etwas Außerordentliches geworden,
so verdient sie Hauptmann Scharnhorst im größten Maße." Scharn-
horst ward zum Major und zweiten Generalquartiermeister der hanno-
verschen Truppen ernannt.
Der Krieg neigte sich zu Ende. Scharnhorst fand keine Gelegen-
heit mehr, sich auszuzeichnen. Er kehrte zu den gewohnten, liebgewor-
denen Beschäftigungen in Hannover zurück, und zu ihnen traten die
Pflichten seiner neuen Stellung. Er stieg zum Oberstleutnant und Ge-
neralquartiermeister der Armee auf. Aber er fand jetzt im Frieden
sich gegenüber Hemmungen, welche er entschlossen war, nicht gelten
zu lassen. Es war für seine pekuniäre Lage entscheidend, wenn er
Inhaber eines Regiments wurde; auch war Graf Wallmoden durchaus
nicht gegen diesen Wunsch; er kannte seine Unentbehrlichkeit. Da-
gegen erfuhr Scharnhorst unter der Hand aus sicherer Quelle, daß so-
wohl Geheimrat von Lenthe in London als auch ein paar einflußreiche
Männer von Adel in Hannover selber sich mit Entschiedenheit gegen
die Erfüllung seines Wunsches erklärten. Seine bürgerliche Herkunft,
seine wissenschaftliche Richtung erregten bei ihnen Anstoß. Öfters
bereits war von Preußen aus ihm der Wunsch ausgedrückt worden,
er möge in die dortige Armee eintreten; jetzt nahm er diese Verhand-
lungen auf, und als er nach langem Zögern im Mai 1801 seinen Ab-
schied erlangt hatte, trat er in preußische Dienste über.

P r e u ß i s c h e D i e n s t e . Die M i l i t ä r s c h u l e in B e r l i n
und die d o r t i g e m i l i t ä r i s c h e Gesellschaft.
Er brachte vollendete militärische Bildung und Tüchtigkeit aus han-
noverschen Diensten mit. „Gewiß", sagt der Biograph des Generals
Hartmann, „war Scharnhorst in seiner speziellen wissenschaftlichen
Bildung nur als eine besondere Einzelheit zu betrachten, dennoch fußte
er ganz in der hannoverschen allgemeinen Bildung, war gleichsam ihre
Spitze und bezeichnete ihren Typus. Diesen charakterisierte aber vor
allem der gesunde, einfache Menschenverstand, der fern von den
üppigen Wucherungen der Spekulation eines Heinrich von Bülow und
eines Massenbach die Tatsachen im Lichte der Wirklichkeit prüfte,
und aus ihnen die einfachen Regeln für die Praxis zog. Nüchternheit,
Ruhe und Gesundheit waren die hervorragenden Eigentümlichkeiten
der militärischen Bildung Scharnhorsts und der hannoverschen Offi-
zierkorps im allgemeinen."
Dreiundzwanzig Jahre hat Scharnhorst dem Dienste des Staates ge-
widmet, dem er durch seine Geburt und bürgerlichen Verhältnisse an-
Scharnhorst
gehörte. Mit dem Eintritt in preußische Dienste begann der für die
Geschichte des Militärwesens und der Staaten von ganz Europa denk-
würdige Abschluß seines Lebens. Ein Dutzend Jahre nur noch sollte
ihm vergönnt sein; aber in dieser Zeit gestaltete sein gründlicher und
mächtiger Geist das ganze Militärwesen Friedrichs des Großen um.
Seit 1797 regierte Friedrich Wilhelm III. Er war sehr gründlich
militärisch gebildet und von klarem, einfachem Blick. „Glauben Sie
mir", schrieb einmal Gneisenau, „der König ist der Unterrichtetste
von allen, die ihn umgeben; unglücklicherweise hat er Fremden ge-
folgt und seine Besseren hintangesetzt." Aber indem man in die näch-
sten Jahre Scharnhorsts in Berlin blickt: sieht man, wie die Intrigen
in den militärischen Kreisen den guten Absichten des Königs entgegen-
wirkten. Scharnhorst leitete die Militärschule in Berlin; er war Präsi-
dent der militärischen Gesellschaft; seine Arbeiten sicherten ihm den
ersten Rang unter den damals der preußischen Armee angehörigen
militärischen Schriftstellern. Aber seine Stellung inmitten der ent-
gegengesetzten Parteien wurde ihm täglich verhaßter. Er hatte an-
fangs gehofft, durch ruhige Neutralität sich Frieden zu erhalten, aber
er hatte es dann unmöglich gefunden. Neid verfolgte ihn. Seine Gattin
und eine Tochter starben ihm kurz hintereinander weg, und eine an-
dauernde Schwermut bemächtigte sich seiner nun; er wünschte drin-
gend eine Veränderung seiner Lage. Der gütige König, welcher ihn
1802 in den Adelstand erhoben, versetzte ihn nun in den Generalstab
als dritten Generalquartiermeister-Leutnant. Aus diesen schmerzlichen
Jahren sollen ihm eine tiefe Schwermut, eine vorsichtige Zurückhal-
tung im Verkehr und eine gewisse Reizbarkeit zurückgeblieben sein,
welche sich nicht selten in kurzabfertigender Schroffheit und unnach-
sichtiger Strenge, zumal im Dienst, äußerten.

S e i n e S t e l l u n g im p r e u ß i s c h e n G e n e r a l s t a b .
Der Generalstab der damaligen preußischen Armee, welche nunmehr
bald in den Entscheidungskampf mit Napoleon eintreten sollte, war
wenig homogen zusammengesetzt. An seiner Spitze stand der Kriegs-
minister selber, welcher der Masse der Geschäfte nicht gewachsen war;
er begnügte sich, ein äußeres friedliches Verhältnis mit jedem ein-
zelnen Mitglied des Generalstabs aufrechtzuerhalten. Unter ihm stan-
den die drei Generalquartiermeister-Leutnants.
Der älteste unter ihnen war der Oberst von Phull. Er galt für einen
gründlichen Gelehrten; aber von Natur kalt und in sich verschlossen,
war er dem Soldatenleben und der Kameradschaft gänzlich fremd.
In dieser unbehaglichen Stellung hatte er versucht, sich der bedeuten-
den Persönlichkeit des Prinzen Louis Ferdinand und einigen jüngeren
Ιθ8 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
Offizieren anzuschließen; er hielt ihnen Vorträge über den Krieg.
Geistvoll und wissenschaftlich gebildet, wie er es war, hat er zwar
vielen Menschen imponiert, aber wenigen Vertrauen und keinem Liebe
einzuflößen gewußt. Eine solche Persönlichkeit mußte durch ihre Nei-
gung zu frondieren im Kriege sich unheilvoll erweisen. Und der Erfolg
wird uns dies bestätigen.
Auf ihn folgte der Stellung nach der Oberst von Massenbach. Auch
dieser war ein geborener Württemberger und aus der Stuttgarter Mili-
tärschule. „Ein Feuerkopf, reich an Ideen, von einer aufreibenden,
aber nie praktischen Tätigkeit. Er war von der Leidenschaft geplagt,
alles um sich her zu regieren" ; er sprach gern und schön : aber im ent-
scheidenden Augenblick fehlte ihm die courage d'esprit, und seine
lebhafte, springende Phantasie zeigte den Sachen gegenüber sich un-
kräftig, sie zu bewältigen. So geschah es, daß dieser hervorragende
Offizier ebenfalls vorzugsweise hemmend wirkte, als es galt, den Feld-
zug durch rasche und entscheidende Schläge zu eröffnen, und daß
er dann Ursache jener schmachvollen Kapitulation von Prenzlau ward.
Er hat später viele Schriften zu seiner Rechtfertigung herausgegeben.
Sie sind alle geistreich, leidenschaftlich, beredt; doch zeigen sie alle
nur einen Mann, der sich selbst geltend machen wollte, aber nicht
einen Gedankenzusammenhang, auf dessen Grunde Staat und Heer mit
Erfolg hätten tätig sein können.
Als Jüngster war nun Scharnhorst hinzugetreten. Seine Tätigkeit
war, da man in der Artillerie ihm entgegengewirkt hatte, von 1802
bis 1806 hauptsächlich auf die Schulung der Infanterie-und Kavallerie-
offiziere in der Militärschule gerichtet. Er erweiterte den Unterricht,
welcher in Berlin schon seit Friedrich dem Großen diesen Offizieren
über Kriegskunst erteilt worden war, und dem bisher ein einziger
Lehrer vorgestanden hatte, zu einer wahren Akademie. Er übernahm
die Stelle des Direktors und lehrte selbst denjenigen Teil der Kriegs-
kunst, der bis dahin auf Kathedern und in Büchern noch wenig zur
Sprache gekommen war, den eigentlichen Krieg. So verbreitete sich
durch ihn zuerst in der preußischen Armee die Kenntnis der neueren
Kriegsart, welche, durch den Revolutionskrieg herbeigeführt, mit Bona-
parte ihren Gipfel erreicht hatte. Diese Neuerungen waren der preußi-
schen Armee fremd geblieben; denn zur Zeit der Feldzüge 1792—1794
hatten sie noch nicht gehörige Reife erlangt gehabt.
Die Bildungsanstalt, welche auf diese Weise durch Scharnhorst ge-
schaffen wurde, besteht noch jetzt in der preußischen Armee und hat
den größten Teil der Generalstabsoffiziere gebildet.
Im Generalstab selber standen ihm Phull und Massenbach nach
Charakter und wissenschaftlicher Richtung beinahe feindlich gegen-
Scharnhorst IGO,
über. Er kannte den Dienst in den verschiedenen Waffen. In seinem
ganzen Wesen drückte sich eine fast mit Ängstlichkeit verbundene
Bestimmtheit aus, mit der er das durch scharfes Nachdenken Er-
kannte anwandte. Gesunder, einfacher Menschenverstand galt ihm
über alles.
Kaum hatte die Wirksamkeit von Scharnhorst begonnen, sich be-
merkbar zu machen, als ihr der ausbrechende Krieg ein jähes Ende
machte.

B e u r t e i l u n g seines Anteils
am p r e u ß i s c h - f r a n z ö s i s c h e n K r i e g von 1806.
Wie beurteilte Scharnhorst die Lage Preußens? Er gehörte nicht zu
der Partei, an deren Spitze unter den Militärs Massenbach stand,
welche an der Möglichkeit, Krieg zu führen, verzweifelte, und dem-
gemäß bis zum letzten Augenblicke Unterhandlungen hinzog. Er hielt
den Krieg für eine Notwendigkeit. Er gehörte ebensowenig zu jener
anderen Partei, welche unbesonnen und übermütig nichts begehrte, als
daß der Krieg nur erst erklärt wäre, welche damit die Hauptsache
für getan hielt; es ist bekannt, daß unter den Offizieren der Prinz
Louis Ferdinand und seine Kameraden von der Garde diese Ansicht
laut und stürmisch aussprachen. Er verlangte umsichtige Vorbereitung,
wenn aber erst der Krieg beschlossen sei, raschesten Angriff.
Klippel hat im dritten Bande seiner Biographie Scharnhorsts die
beste bis heute vorhandene Zusammenstellung von Tatsachen gegeben,
welche die nun folgende Katastrophe erklären. Leider ist seine Dar-
legung so wenig anschaulich, daß kaum einer seiner Leser ein klares
und zusammenhängendes Bild davontragen wird. Die Sache ist für
die Würdigung von Scharnhorst von größter Bedeutung. Scharnhorst
war der leitende Generalstabsoffizier des Herzogs von Braunschweig,;
sein Name kann nicht anders als in das allgemeine Urteil über dessen
Kriegsführung mit hineingezogen werden. Der Herzog von Braun-
schweig fiel mitten im Verlauf der Schlacht von Auerstedt; es scheint,
als hätte Scharnhorst die Leitung des Ganzen übernehmen müssen, und
die Verwirrung, welche eintrat, scheint auch auf Scharnhorst einen
Schatten zu werfen.
Es ist sehr bequem, auf die preußische Armee selber en gros alle
Vorwürfe zu werfen, welche der Ausgang dieses Feldzugs aufdrängt.
Auch Scharnhorst spricht es aus, daß „die inneren Verhältnisse der
Armee keine glücklichen Erfolge zuließen". Aber er sprach jederzeit
mit der höchsten Anerkennung von der Bravour und Tüchtigkeit der
Truppen und der Offiziere. Er selber, auf dem Flügel, auf dem er
die Schlacht leitete, hatte keinen Augenblick Grund, sich über seine
HO Die Reorganisatoren des preußischen Staates
Truppen zu beklagen, einen Teil der Kavallerie ausgenommen; ja, er
sagt geradezu: „In der Bravour waren wir den Franzosen überlegen."
Auch Gneisenau hob die Tüchtigkeit der Offiziere als einzige Hoff-
nung hervor.
Man lasse also jene allgemeinen Deklamationen gegen die preu-
ßische Armee von 1806 fallen. Es ist eine Reihe sehr hervorspringen-
der Ursachen, deren Zusammenwirken so verhängnisvolle Wirkungen
hatte.
In der Organisation der Armee selber lag die erste Klasse von Ur-
sachen. Gneisenau bezeichnete sie so: „ U n s e r R e k r u t i e r u n g s -
wesen, mit allen seinen Exemtionen, das nur einen Teil der Nation
zu den Waffen verpflichtete, dessen Dienstzeit über die Gebühr ver-
längerte, der folglich mit Widerwillen diente und nur noch durch die
Disziplin zusammengehalten wurde; Einrichtungen, die dem Soldaten
erlaubten, sich mit einer Familie zu belasten, deren Schicksal gar oft
dem bekümmerten Vater das Ende des Krieges wünschenswert machte;
das B e u r l a u b u n g s w e s e n , das den darauf mit seinen Einkünften
angewiesenen Kompaniechef verleitete, den noch wenig disziplinierten
Rekruten in seine Heimat zu entlassen, die schlechte Beschaffenheit
unserer Regimentsartillerie und unserer Waffen und die in den seit-
herigen Friedensjahren zur Tagesordnung gewordene B e s c h ä f t i -
g u n g mit n i c h t s w ü r d i g e n K l e i n i g k e i t e n d e r E l e m e n t a r -
t a k t i k , für die Schaulust des Publikums erfunden, um alles zu um-
fassen, unser Eigendünkel, der uns nicht mit der Zeit fortschrei-
ten ließ."
Die zweite Klasse von Ursachen lag in der Führung dieser Armee.
Gneisenau faßt diese Klasse einfach zusammen als „Untauglichkeit
der meisten unserer Generale". Scharnhorst schreibt darum seinem
Sohne, welchen es drängte mitzufechten, nach Ausgang des Jahres
1805, vor Ausbruch des Krieges: „Dies macht Deinem Mut und Deinem
Patriotismus Ehre. Lerne aber, mein Sohn, diese Tugenden früh be-
siegen. Sie haben mir von jeher und vorzüglich in diesem Augenblick
mehr Kummer als irgendein Laster gemacht. Übrigens wünsche ich
nicht, daß Du jemals als Soldat auftrittst; schwerlich würdest Du
hier Befriedigung finden. Alter, Schwäche, Untätigkeit, Unwissenheit
und Unmut auf der einen Seite, Tätigkeit und Entschlossenheit auf
der anderen. Die preußische Armee wird von dem besten Geiste be-
seelt, Mut und Geschicklichkeit, nichts fehlt ihr. Aber sie wird nicht,
sie soll nicht, sie kann nicht in der Lage, in der sie ist, in die sie kom-
men wird, etwas Großes und Entscheidendes tun." Näher analysiert
Gneisenau die Mängel der Führung folgendermaßen: „Die Unfähig-
keit des Herzogs von Braunschweig, einen soliden Feldzugsplan zu
Scharnhorst III
entwerfen, die seinem Alter so gewöhnliche Unentschlossenheit, sein
Feldherrnunglück, das Mißtrauen der Armee in ihn, die Uneinigkeit
der Koryphäen des Generalstabs, die Neutralisierung einiger der fähig-
sten Mitglieder desselben."
Hier ist ohne Frage in erster Linie Scharnhorst gemeint. Dieser hatte
sich am 23. September 1806 als Chef des Generalstabs des Herzogs
von Braunschweig in Naumburg eingefunden. Der Herzog war da-
mals 72 Jahre alt, hatte gleichwohl eine merkwürdige Rüstigkeit des
Körpers und Frische des Geistes sich bewahrt. Wir haben in diesen
Zeiten gesehen, wie wenig berechtigt das Urteil derer ist, welche das
Alter des Höchstkommandierenden und einiger anderer Generäle als
eine hervorragende Ursache des folgenden Unglücks hervorheben. Aber
er fühlte sich selber der obersten Leitung einem Napoleon gegenüber
nicht gewachsen und hatte sie nur übernommen, weil er immer noch,
hoffte, dem Krieg ausweichen zu können. Was hiermit zusammenhängt:
er hatte alsdann kein Zutrauen zu den Generälen und der Armee.
Wenn ihn die Heftigkeit übermannte, nannte er Rüchel einen Fanfaron,
Möllendorf einen abgestumpften Greis, Hohenlohe einen schwachen
und eitlen Mann. Alsdann erschien seine Natur und Ausbildung wenig
geeignet, sich mit der seines Generalstabchefs Scharnhorst zu ver-
ständigen. Das Methodische in Schamhorsts Vortrag war ihm nicht
angenehm. Es behagte ihm nicht, daß Scharnhorst bei Meinungsver-
schiedenheiten in eine strenge, ausführliche Auseinandersetzung ein-
trat. Er stutzte, wenn ihm Scharnhorst auf diese Weise Vorschläge
im Geiste der neueren Kriegsführung machte. Dann rekurrierte er gern
auf den Scharnhorst beigegebenen Muffling, und suchte dieser Scham-
horsts Ideen ihm näherzubringen, so war er verstimmt. Scharnhorst
erlangte von ihm die Gliederung der Armee in Divisionen nach dem
französischen Muster, d. h. in selbständige taktische Körper mit eigener
Verwaltung nach allen Beziehungen. Er erlangte alsdann von ihm die
endliche Feststellung des Feldzugsplanes, welchem gemäß die preu-
ßische Armee mitten durch den Thüringer Wald über die franzö-
sischen Quartiere in Franken herfallen sollte. Hier aber endete sein
Einfluß.
Am Abend des 23. September waren der König und die Königin
mit Möllendorf und Phull im Hauptquartiere eingetroffen. Auch
Massenbach war da. Der Herzog, froh, sich der Verantwortung zu
entledigen, begann nun, lange strategische Beratungen zu halten, in
welchen Phull, Massenbach, Scharnhorst einander neutralisierten. In
einer solchen Beratung, nachdem Massenbach einen langen Vortrag
gegen den akzeptierten Feldzugsplan vorgelesen und einen Abmarsch
über Hof und Bayreuth vorgeschlagen hatte und der alte Herzog nun
112 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
sich an Scharnhorst wandte: „Herr Oberst, was sagen Sie dazu?" ant-
wortete Scharnhorst in seiner schneidigen Art: „Ich kann zwar dem
Vorschlag des Obersten von Massenbach nicht beitreten, indes darauf
kommt es hier nicht an. Denn ob man im Krieg immer das beste tut,
ist die Frage. Das beste ist aber gewiß, daß man e t w a s tut." Es
war umsonst. Immer noch plante der Herzog Frieden. Gegen Scharn-
horst verschloß er sich. Nicht einmal über das Ergebnis des Kriegs-
rats vom 12. Oktober zu Jena erfuhr Scharnhorst ein Wort. Nun hatte
Napoleon den Vorteil der Initiative erlangt, der im Krieg von so hoher
Bedeutung ist.
Man sieht, eine dritte Klasse von Ursachen für den schlimmen Aus-
gang lag darin, daß der Herzog und auch der von Haugwitz beein-
flußte König ihre Friedenswünsche in die Vorbereitungen zum Krieg
hineinwirken ließen, ja in die ersten so entscheidenden Stadien der
Kriegsführung.
Unter so ungünstigen Umständen maß sich die preußische Armee
mit der französischen. Und hier haben die Franzosen stets die Be-
rechnung eines letzten Faktors unterlassen, welcher ebenfalls von gro-
ßem Gewicht war. Napoleon pflegte öffentlich zu behaupten, mit einer
Minderzahl die weit überlegene Mehrzahl besiegt zu haben. In der
Tat war eins seiner mächtigsten Hilfsmittel, daß er einige seiner wich-
tigsten Kriege mit großen Überzahlen eröffnete. In bezug auf die
Schlacht bei Jena hat er dies Verhältnis später selber zugegeben. Die
preußische Armee betrug 238 000 Mann, während Napoleon ihr 560000
Mann gegenüberstellte.
Bald nach Beginn der Schlacht wurde Scharnhorst vom Herzog zum
linken Flügel geschickt. „Ich mache Sie", sagte er ihm, „für alles,
was dort geschieht, verantwortlich." Es ist wahrscheinlich, hätte zwi-
schen beiden das richtige Verhältnis bestanden, so würde Scharnhorst
im Mittelpunkt der Leitung geblieben sein. Da er sich nun bei dem
linken Flügel unentbehrlich fand, da der Herzog ihn für dessen Lei-
tung verantwortlich gemacht hatte, blieb er während der Schlacht und
leitete diesen Flügel mit der ganzen gründlichen Sicherheit und Bra-
vour, die ihm eigen waren. „Auf dem linken Flügel", schrieb er nach
der Schlacht, „wo ich war, siegten wir, und ich darf sagen, allein durch
Bravour und Geschicklichkeit. Man überließ mir alle Anordnungen,
und ich habe nie mit mehrerem Vergnügen eine Affäre gemacht." Das
Pferd wurde unter ihm erschossen, er selber ward verwundet. Er
war einer der letzten, die das Schlachtfeld verließen, das Gewehr
in der Hand, da er sein zweites Pferd dem Prinzen Heinrich über-
geben hatte.
Auf dem Rückzug bildeten sich drei Korps. Das eine unter Kalk-
Schamhorst 113
reuth, das bei Auerstädt gar nicht gefochten hatte, vereinte sich mit
dem zweiten, welches Hohenlohe aus den Trümmern seines bei Jena
geschlagenen Heeres gesammelt hatte. Das dritte unter Blücher bildete
die Arrieregarde, und in diesem übernahm Scharnhorst als Chef des
Stabs neben Blücher die Führung. Blüchers Rückzug bis Lübeck und
die vielen Gefechte, die er auf ihm lieferte, sind ohne Frage das
Rühmlichste in dieser Periode; er erhielt seinen Ruf in einer Zeit
allgemeiner Auflösung, in welcher so viele militärische Reputationen
zugrunde gegangen sind. Scharnhorst hatte an diesem Verlauf seinen
vollen Anteil. Sie sahen sich genötigt, sich in die Stadt Lübeck zu
werfen, und dort ward Scharnhorst gefangengenommen. Als ihn Blü-
cher nach seiner Auswechslung wiedersah, sagte er ihm mit Tränen in
den Augen: „Wie Sie gefangen waren, war ich verloren. Sie waren
die Seele meines Korps, ohne Sie hatte niemand mehr Mut, ohne Sie
konnte nichts geschehen." Dem König schrieb er: „Der festen Ent-
schlossenheit und dem einsichtsvollen Rat von Scharnhorst muß ein
großer Teil des glücklichen Ausgangs meines mühsamen Rückzugs
zugeschrieben werden."
In was für einer Stimmung suchte Scharnhorst das Hauptquartier
des Königs auf! „Hätte ich nicht", schrieb er seinen Kindern, „den
Zweck und die Verbindlichkeit, für Euch zu sorgen, ich würde mich
nicht der Verachtung preisgegeben haben, ich würde Gelegenheit ge-
funden haben, mit Ehren zu scheiden. Schon den 14. war ich dazu
disponiert." In Wehlau traf" er den König. Dieser empfing Scharnhorst
sehr gnädig. Scharnhorst betrieb seine Versetzung zu einem agierenden
Korps. „Nur in ununterbrochener Tätigkeit vor dem Feind kann ich
in unserem Unglück Ruhe finden." Er ward zum Chef des General-
stabs des Generals von Lestocq ernannt.
Dies preußische Korps war dem russischen beigegeben, das Ben-
nigsen befehligte. Der Ruhm der preußischen Waffen ward durch
dasselbe in jener blutigen und unentschiedenen Schlacht von Preußiseh-
Eylau wiederhergestellt, welche zu den furchtbarsten und hartnäckig-
sten der neueren Zeit gehört. Beide Parteien, Napoleon und Bennigsen,
beanspruchten den Sieg; unbestritten war nur die furchtbare Erschüt-
terung und völlige Erschöpfung beider Teile. Napoleons Absicht war
gescheitert, in erster Linie durch den geschickten Flankenmarsch und
das rechtzeitige Eingreifen der Preußen. Dies war das Verdienst
Scharnhorsts. Der König verlieh ihm den Orden pour le mérite; Miß-
helligkeiten mit seinem unbrauchbaren General bestimmten ihn, sich zum
König zu begeben, und bald nach seiner Ankunft machte der Tilsiter
Friede auch diesem Teil des Kriegs ein Ende.
114 Die ReOrganisatoren des preußischen Staates

Die Aufgabe der M i l i t ä r r e f o r m .


Der König ernannte wenige Tage nach dem Frieden, am 17. Juli
1807, Scharnhorst zum Präsidenten der Militärreorganisationskommis-
sion mit dem Rang eines Generalmajors.
Das alte Kriegswesen war im Revolutionskrieg zusammengestür2t.
Die Formen des Kriegs sind jederzeit bedingt durch die ökonomischen,
politischen und intellektuellen Verhältnisse. Die Franzosen hatten das
alte Instrument der Kriegführung mit ihren revolutionären Mitteln
wie mit Scheidewasser angegriffen. Der von den Fesseln der bisherigen
diplomatisch-militärischen Überlieferung befreite Krieg schritt nun mit
seiner rohen Gewalt daher. Man sah die alte Kriegskunst in Trüm-
mern; man sah auf der anderen Seite unerhörte Erfolge; aber niemand
unterschied noch ein neues System der Kriegführung, d. h. neue, posi-
tive Formen im Gebrauch der Waffe.
Und zwar hatte der Krieg eine andere, viel breitere Basis in der
Revolution erhalten. Er war gewissermaßen dem Volke wiedergegeben,
von welchem ihn die stehenden Heere zum Teil entfernt hatten.
Und während unter den Händen der Revolution in Bonaparte dies
ungeheure Instrument nach und nach ganz neue Form empfing, er-
schienen Systemmacher, welche nacheinander ganz verschiedene, aber
gleich einseitige Theorien entwarfen, in welchen sie die ungeheure
französische Praxis zu erfassen gedachten. So Bülow und Jomini. Wäh-
rend der Krieg selber gewissermaßen auf dem Katheder stand und
täglich praktischen Unterricht gab, unternahmen sie vorschnell, ihm
seine Lehre vom Munde abzulesen.
Scharnhorst unternahm unterdessen, durch Organisation, durch die
Militärschule, durch schriftstellerische Tätigkeit und persönlichen Um-
gang ein Heer zu bilden, welches den neuen Umständen gewachsen
wäre. Ihn berührten jene windigen Systeme gar nicht. Andererseits
hemmte ihn jenes alte militärische System nicht, welches in den Revuen
und Herbstmanövern des preußischen Heeres überliefert wurde.
Sein positiver Geist zog seine Schlüsse nicht aus den neuesten Be-
gebenheiten, sondern aus der ganzen Kriegsgeschichte seit den schle-
sischen Kriegen. Von den wirklichen Begebenheiten aus schienen sich
so die allgemeinen Grundsätze von selbst zu bilden. So fielen seine
Grundsätze mit dem praktischen Kriege selber, wie er sich im 19. Jahr-
hundert entwickelt hatte, zusammen; obwohl sie im einzelnen viel mehr
Elemente von Überlegung, Klugheit und List enthielten, als der etwas
plumpe Stoßmethodismus der französischen Generäle. Und so för-
derte er in der Armee jene natürliche und gesunde Verbindung der
Wissenschaft mit praktischer Tüchtigkeit, welche ihr so eigen blieb.
Scharnhorst
So ging seine Tätigkeit für das preußische Militärwesen von der
in ihrer ganzen Tiefe verstandenen Aufgabe aus. Und er war ganz
ohne jedes Vorurteil, wenn es nun galt, zur Lösung dieses Problems
die Mittel zusammenzustellen.
Diese Mittel ordnet Clausewitz in folgende Hauptpunkte:
1. Eine der neuen Kriegsart entsprechende Einteilung, Bewaffnung
und Ausrüstung.
2. Veredlung der Bestandteile und Erhebung des Geistes. Daher die
Abschaffung des Systems der Anwerbung von Ausländern, eine An-
näherung an die allgemeine Verpflichtung zum Kriegsdienst, Abschaf-
fung der körperlichen Strafen, Einrichtung guter militärischer Bil-
dungsanstalten.
3. Sorgfältige Auswahl der Offiziere, die an die Spitze der größeren
Abteilung gestellt werden. Daher wird das Dienstalter in seinen Rech-
ten beschränkt. Wirklich sind unter Scharnhorsts Administration die
meisten der Männer zuerst herangezogen worden, die später zu den
ausgezeichnetsten Führern gehörten.
4. Neue, der neuen Kriegsart angemessene Übungen.

Der K ö n i g u n d d i e R e o r g a n i s a t i o n s k o m m i s s i o n .
Die Militärreorganisationskommission wurde zusammengesetzt aus
Scharnhorst, Massenbach, Lottum, Bronikowsky, Gneisenau und Grol-
mann. Die Vertreter des Alten waren anfangs für eine eingreifende
Tätigkeit zu stark, und so schied auf den Betrieb von Schamhorst
noch in demselben Jahre Bronikowsky aus, während Götzen und Boyen
eintraten. Die geistigen Träger der Reorganisation waren Scharnhorst,
Gneisenau, Grolmann und Boyen, die Seele des Ganzen Scharnhorst.
Der König selber hatte noch vor dem Tilsiter Frieden „Instruk-
tionen und Entwürfe" ausgearbeitet, welche zeigen, wie klar er die
Gebrechen der bisherigen preußischen Taktik und Kriegführung durch-
schaute. Nun legte er der Kommission vierzehn Punkte vor, welche
bestimmt waren, ihren Arbeiten die Richtung zu geben. Man kann
nicht zweifeln, daß er in militärischen Dingen einen gesunden, natür-
lichen und klaren Blick hatte. Er wollte Abschaffung des Ausländer-
und Werbesystems, Verminderung der Exemtionen in der Militär-
pflichtigkeit, Bildung größerer Ersatzbezirke, Abschaffung aller be-
sonderen Einnahmen der Kompaniechefs. Damit war die Hand an die
nicht mehr haltbaren Grundlagen der Militäreinrichtung Friedrichs
des Großen gelegt; das Werbesystem mit all seinen Übeln Folgen war
aufgegeben und der erste Schritt zu einer nationalen Heereseinrichtung
getan. Damit stand in notwendigem Zusammenhange die Abschaffung
der entehrenden Militärstrafen und die Umarbeitung der Kriegsartikel.
Il6 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
Alsdann forderte er Reinigung des Offizierkorps von unwürdigen Ele-
menten, verbesserte Avancementordnung der Offiziere und freiere Kon-
kurrenz der Nichtadligen zu den Offiziersstellen. Endlich, wenn so
die Truppenmasse selber und das Offizierkorps reorganisiert seien,
erstrebte er eine verbesserte militärische Technik dieses Ganzen, Ein-
teilung in Divisionen, Vereinigung der Kavallerie zu größeren tak-
tischen Körpern, Zusammenstellung der Artillerie in Batterien, Ver-
besserung der Bekleidung und Verminderung der Bagage, Entwicklung
der Übungen gemäß den neuen Bedürfnissen.
Wohl durfte Scharnhorst an Clausewitz schreiben: „Der König hat
nicht allein sich ohne alle Vorurteile willig gezeigt, sondern mir sehr
viele dem Geiste und den neuen Verhältnissen angemessene Ideen ge-
geben." In Ausführung dieser Ideen arbeitete eine militärische Unter-
suchungskommission, den Offizierstand zu reinigen und zu heben, und
die Militärkommission selber entwarf neue Ordnungen.

Scharnhorsts Gedanke
der a l l g e m e i n e n W e h r p f l i c h t aller Preußen.
Scharnhorst selber griff noch tiefer in die bisherigen Grundlagen
des preußischen Militärsystems. In seinem Kopfe bildete sich der Ge-
danke eines nationalen Heeres.
Den Gesichtspunkt, von dem er ausging, drückte er in einem Briefe
an Clausewitz vom 27. November 1807 so aus: „Wäre es möglich, aus
den Ruinen sich wieder zu erheben, wer würde nicht gern alles daran-
setzen. Aber nur auf einem Wege, mein lieber Clausewitz, ist das
möglich. Man muß der Nation das Gefühl der Selbständigkeit ein-
flößen, man muß ihr Gelegenheit geben, daß sie mit sich selbst be-
kannt wird, daß sie sich ihrer selbst annimmt; nur erst dann wird sie
sich selbst achten und von anderen Achtung zu erzwingen wissen. Dar-
auf hinzuarbeiten, dies ist alles, was wir können. Die Bande des Vor-
urteils lösen, die Wiedergeburt leiten, pflegen und sie in ihrem freien
Wachstum nicht hemmen, weiter reicht unser hoher Wirkungskreis
nicht."
Dies war der Gedanke, welcher ihn leitete, als er den 31. Juli 1807
dem König sein Mémoire über Landesverteidigung und Errichtung
einer Nationalmiliz vorlegte. In den schlichtesten Worten wurde hier
dem König ein Gedanke vorgelegt, welcher mächtiger als irgendein
anderer seit der Reformation auf die Geschichte der deutschen Nation
einwirken sollte.
Scharnhorst schlug vor, bei jeder Kompanie einen überzähligen Offi-
zier zu führen, jährlich einen Teil der ausgebildeten Leute zu entlassen
und durch neue zu ersetzen. Für die entlassene Mannschaft aber Klei-
Scharnhorsi 117
dung, Schießbedarf und Waffen bereitzuhalten und sie jährlich in
den Kantons zu revidieren. Dies einfache Prinzip war wirklich das Ei
des Kolumbus, wenn es galt, daß ein Staat von Mittelgröße eine poli-
tisch-militärische Stellung behaupte. Er schlug alsdann vor, alle, welche
nicht solchergestalt dem Heere angehörten und doch die Mittel be-
saßen, sich selber zu bewaffnen, zu einer Landmiliz zu vereinigen.
Diese Miliz müßte militärisch gekleidet, geübt und im Schießen tüch-
tig vorgebildet werden; alsdann würde sie zum Garnisondienst, als
leichte Truppe in Verbindung mit dem stehenden Heere zur Verteidi-
gung der Flüsse, Posten, im durchschnittenen Terrain, endlich im gün-
stigen Moment mit der übrigen Armee zur Landesverteidigung ge-
braucht werden können. So gedachte Scharnhorst die Errichtung einer
Nationalmiliz vorsichtig und allmählich vorzubereiten.
Der Gedanke fand so beim König noch keinen Eingang. Aber
Scharnhorst wußte, was es galt; er trat kaum einen Monat darauf von
neuem mit dem „Entwurf einer Verfassung der Reservearmee" hervor.
„Alle Bewohner des Staates", so formuliert er den fundamentalen
Satz, ,,sind geborene Verteidiger desselben." Und zwar bilden dieselben
die stehende Armee, sofern sie nicht sich selbst zu bewaffnen und zu
erhalten vermögen, dagegen die Reservearmee, sofern sie auf eigene
Kosten zu dienen imstande sind. Man bemerkt, wie hier ein wenig
angemessener Entscheidungsgrund für die Stellung des einzelnen in
der einen oder anderen Armee aus seiner pekuniären Lage hergenom-
men wurde.
Die Bedenken des Königs riefen eine neue Erwägung hervor. Nun
entstand ein Entwurf von der Hand Scharnhorsts, welchen auch die
Militärkommission zu dem ihren machte. „Für große und reiche, für
erobernde Staaten", heißt es hier, „ist die bisherige Verfassung der
stehenden Heere vielleicht die beste, sie entspricht aber nicht den
eigentümlichen Verhältnissen der mittleren Staaten. Haben diese eine
gute Verfassung, so steht ihnen ein Mittel zu Gebote, welches den
größeren, nicht mit Vernichtung bedrohten Staaten fehlt. Dies ist die
freiwillige Aufopferung für die Erhaltung des Staates, des Eigentums
und der Rechte der Bewohner desselben. Kein unabhängiges Volk
unterwirft sich dem Joch eines anderen, ohne seine letzten Kräfte auf-
zubieten, wenn es gut regiert wird. Die mittleren Staaten können daher
in ihrem Innern mit der ganzen Masse ihrer streitbaren Männer auf-
treten, wenn sie vorher in den Waffen geübt, mit den nötigen Streit-
mitteln versehen und mit der unentbehrlichen militärischen Disziplin
bekannt gemacht werden." Unter diesem Gesichtspunkt wird der
frühere Entwurf wörtlich in den neuen aufgenommen. Auch hier wird
als zweckmäßig angesehen, daß das stehende Heer aus den zu eigener
Il8 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
Ausrüstung nicht Bemittelten gebildet werde. Seine Größe ist abhängig
vom Bedürfnis der politischen Kombination und von der Forderung,
daß die ganze ärmere Klasse der streitbaren Männer des Staates ge-
übt werde. Wolle man dagegen auch die Miliz durch das stehende Heer
laufen lassen, so würde erst nach Ablauf der Dienstzeit in demselben
mit Errichtung einer Miliz begonnen werden können. Der große mo-
mentane Zweck, daß die Nation mit der Regierung aufs innigste ver-
eint werde, mußte durch die Anforderung an die Vermögenden, zuerst
durch das stehende Heer zu gehen, verfehlt werden. Man bemerkt, wie
diese beiden Gründe von entscheidendem Gewicht für den damaligen
Moment waren, daß sie aber einer späteren gerechteren Durchführung
des Prinzips der allgemeinen Wehrpflicht nicht in den Weg treten
durften.
Durch diese Arbeiten ward Scharnhorst der Schöpfer des preußi-
schen Systems allgemeiner Wehrpflicht. Es darf nicht gezweifelt wer-
den, daß die entscheidenden Gedanken von ihm ausgingen. Gneisenau,
Boyen und Clausewitz, mit denen er damals in Memel und Königsberg
am vertrautesten verkehrte, denen er öfters diese seine Gedanken aus-
einandersetzte, erklären es einstimmig.

Zeiten des O r g a n i s i e r e n s und Abwartens.


Nun trat Stein hinzu. Die Reorganisation hatte mit dem Militärwesen
begonnen; aber es war notwendig, die Nation und ihre Verfassung
mit den neuen Formen des Heeres in Einklang zu setzen; es war not-
wendig, von allen Punkten aus das Nationalgefühl zu wecken. Stein
trat in die Militärkommission am 5. Oktober 1807, aber leider wurde
er schon am 26. November 1808 durch Napoleon gezwungen, seinen
Abschied zu nehmen und Preußen zu verlassen. Scharnhorst hielt
sich in allen Verwicklungen, indem er stets klugbescheiden zurück-
trat und jede Einmischung in die anderen Departements unterließ.
Er wurde nun bei der neuen Einrichtung des Ministeriums an die
Spitze des ganzen Kriegsdepartements gestellt. „Ich habe", schreibt
er an Götzen, „nicht gesucht, Kriegsminister zu werden, und ganz
entgegengesetzte Projekte gehabt. Ich habe dem König gesagt, ich
würde darin das größte Glück sehen, wenn er mich zu irgendeiner
anderen Anstellung als die jetzige, oder zu einer einstweiligen Invali-
dität bestimmen wollte — weil ich meiner Verhältnisse müde bin, weil
ich die noch zu lebenden zehn oder zwölf Jahre nicht in Verdruß und
Kabale zubringen will. — Dies weiß niemand außer mir und dem
Könige." Der König vertraute ihm wie keinem der anderen hervor-
ragenden Männer, welche an der Reorganisation des Staates arbeiteten.
Einen Augenblick nur erregte ihm der abenteuerliche Zug Schills auch
Scharnhorst I ig
gegen Scharnhorst Mißtrauen; die Freunde der alten Einrichtungen
schürten dies Mißtrauen. Scharnhorst ging sofort mutig zum Angriff
über, in einer Verteidigungsschrift an den König schreibt er: „Die
Materialien der Armee und die Nationalstimmung hatten die Richtung
zu großen heroischen Taten, aber die Verfassung der Armee und die
Oberbehörden derselben erstickten diese Tugenden, oder hinderten,
daß wir von ihnen Früchte sahen, da sie Greise an die Spitze stellten,
der Einbürgerung von Eigennützigkeit, welche dem menschlichen Ge-
schlechte eigen ist, freien Lauf ließen, oder sie gewissermaßen beför-
derten und überall einen größeren Wert auf die Form als auf den
Geist legten." Und nun deckt er den Inbegriff der niedrigen Beweg-
gründe auf, welche die Verteidiger des Alten an dieses fesseln; er
erklärt dem König, wenn der Weg der Reform verlassen würde, so
stünden noch mehrere Schlachten von Auerstädt zu erleben: die ganze
männliche Sicherheit seines Wesens tritt schneidig hervor. Der Wider-
stand war damit vollkommen zurückgeschlagen. Eins blieb seinen Geg-
nern übrig: sie denunzierten ihn bei dem französischen Gesandten
wegen seiner Verbindung mit England. Nun ließ Napoleon dem König
seinen Wunsch ausdrücken, daß Scharnhorst nicht länger dem Kriegs-
departement vorstehe, Scharnhorst selbst bat dringend, ihn zu ent-
lassen, und so wurde die Einrichtung getroffen, daß er sich in seine
Stellung als Chef des Generalstabs zurückzog, während der neue Chef
des Kriegsdepartements, von Hake, verpflichtet wurde, sich in allen
wichtigeren Fragen nur als- ausführend, Scharnhorst aber nach wie
vor als den eigentlichen Leiter zu betrachten. Es war Scharnhorst eine
besondere Freude, als im Frühjahr 1810 der Organisationsplan der
Berliner Militärakademie festgestellt war. Sie ist wesentlich seine
Schöpfung; sie ist der Ausdruck jener naturgemäßen und gesunden
Verbindung des wissenschaftlichen Geistes mit militärischer Praxis,
welche in Scharnhorst so vollendet entwickelt war. Er stellte seinen
großen Schüler Clausewitz an dieser Anstalt an, und er selber er-
schien nicht selten bei dem Unterricht.
In dieser schwülen, drückenden Zeit arbeiteten Scharnhorst und
seine Freunde Tag für Tag, unablässig, unermüdlich an der Reorgani-
sation des Militärwesens bis ins kleinste Detail. Und sie ward getan,
ohne daß jemand wissen konnte, ob sie jemals dem König und dem
Staat nützen würde.
Sieg und Ende.
Es kam die russische Niederlage, die Konvention Yorcks zu Tau-
roggen. Niemand sollte die mächtige Erzählung dieser Ereignisse in
der Geschichte des Jahres 1813, vom General Clausewitz, ungelesen
D i l t h e y , Gesammelte Schriften XII
120 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
lassen. Kein deutscher Geschichtschreiber ist mit diesem genialen
Schüler Scharnhorsts zu vergleichen. Nun ward der große Plan Scharn-
horsts, die Gründung der Landwehr, verwirklicht. Schon anfangs 1813
hatte Scharnhorst seine seit Jahren vorbereitete Arbeit vollendet; nur
einzelne notwendige Verbesserungen wurden bis zu ihrer am 17. März
erfolgten Bekanntmachung vorgenommen.
Scharnhorst hatte hervorragenden Anteil an dem Plan des ganzen
nunmehr folgenden Feldzugs; aber er empfing gleich in der ersten
Schlacht, bei Großgörschen, jene Wunde, der er erlegen ist. Clause-
witz schrieb: „Scharnhorst führte hauptsächlich das Gefecht auf dem
rechten Flügel. Er war mehrere Male mit gezogenem Säbel an der
Spitze der Kavallerie und Infanterie in den Feind gedrungen; er
feuerte die Leute an und rief: Es lebe der König!, indem er den Säbel
schwang. Seine Wunde, die er etwa gegen 7 Uhr erhielt, ist nicht ge-
fährlich. Gneisenau befand sich auf dem linken Flügel und hat an
der Spitze der Kavallerie mit eingehauen. Unsere Truppen sind offen-
bar viel braver als die feindlichen. Scharnhorst vermissen wir alle
sehr; er hat sehr in dem Vertrauen der Armee gewonnen, und alle Men-
schen sehen auf ihn als die Seele des Ganzen." Die Wunde Scharn-
horsts verschlimmerte sich ganz unerwartet auf der Reise nach Wien.
Voll Ungeduld, schreibt er damals seiner geliebten Tochter Julie:
„Könnte ich das Ganze kommandieren, so wäre mir daran viel ge-
legen, ich halte mich in aller Vergleichung ganz dazu fähig. Da ich
das aber nicht kann, so ist mir alles gleich. An Distinktionen ist mir
nichts gelegen. Alle Orden und mein Leben gäbe ich für das Kom-
mando e i n e s Tages."
Er starb in Prag am 28. Juni 1813, im 58. Jahre seines Lebens, wäh-
rend der ungeheure Kampf um die Existenz Preußens raste, in dem
Moment, in welchem man am nötigsten seiner bedurfte. „Glauben Sie
mich", schrieb Blücher, „eine verlorene Schlacht wäre kein größerer
Verlust für uns gewest, nu ist Gneisenau noch da, geht der auch ab,
so vollge ich lebendig oder todt."

Scharnhorsts Charakter.
Die intellektuelle Ausstattung von Scharnhorst war wohl der jedes
großen wissenschaftlichen Kopfes, den wir in Deutschland hatten, ge-
wachsen. Es war ein ruhiger, wenig beweglicher, aber zu seinem Ziele
sicher durchdringender Verstand. Die Bewegungen dieses Verstandes
waren mehr innere, als solche, die sich äußerlich zeigten. Er war in
einer beständigen inneren Arbeit, aber man wurde es nicht an ihm
gewahr.
Zwei Eigentümlichkeiten dieses Denkens traten hervor. Es war völlig
Scharnhorst 121
unabhängig von jeder Meinung und von jeder Autorität. Es besaß eine
große Vorliebe für die Kraft des historischen Beweises in allen Gegen-
ständen seines Bereichs. Daher liebte er, selbst, wo es künstlich er-
schien, seine Meinungen mit den Handlungen hervorragender Militärs
zu vergleichen und durch sie zu rechtfertigen. Spielende Beweglich-
keit des Geistes und Glanz der Ideen waren ihm fremd. Es scheint,
daß ein solcher Verstand der Kriegskunst besonders entsprechend ist.
Seinem außerordentlich klaren Vorstellungsvermögen stand nicht
der klare Ausdruck zu Gebote. Wenn er begann, erschien er weit-
läufig, unbestimmt, langsam. Es war, als ob ihm die Mitteilung der
Ideen schwer würde. Daher er im mündlichen Vortrag dem Gedanken
dadurch Klarheit gab, daß er verschiedene Formulierungen desselben
sich ergänzen ließ; so war er trotz der Unbehilflichkeit des Ausdrucks
ein trefflicher Lehrer. Wenn er schrieb, besserte er, bis der Ausdruck
den Gedanken deckte und ausprägte.
Eine große Wirksamkeit um ihrer selbst willen, aus Geistesbedürfnis
lieben, war ihm der Stempel des Mannes. Als ein Fremdling im Land
und Heer, ohne Familienverbindungen, ohne Talent und Übung in
den Sitten der Höfe, der Ratgeber eines schwer zu gewinnenden Kö-
nigs zu werden, in dieser Stellung still die Mittel zu einem riesenhaften
Widerstände vorzubereiten: zu einem solchen Unternehmen gehört
männliche Kühnheit. Auch ging ihm am Soldaten nichts über Tapfer-
keit im Kriege; und er selber zeigte sich kühn im Gedanken und per-
sönlich tapfer, so oft der Krieg Gelegenheit bot. Einen einzigen Tag
gegen Napoleon zu kommandieren, dafür hätte er sein Leben gegeben.
So erlangen auch Menschen, die vom Glück ungemein begünstigt er-
scheinen, doch nicht das letzte Ziel ihrer Wünsche.
Er war fest und unbeweglich in dem Verfolgen seiner Pläne. Er
besaß vollendete Herrschaft über sich selbst in der Aufwallung, und
es war, als koste ihn diese auf der Oberfläche seines Geistes herr-
schende Stille gar nichts. Das Studium der Kriegskunst hatte ihn ge-
lehrt, zu den Mitteln der List zu greifen, und ein feiner Verstand,
ein weiches Wesen neigten eben dahin. Neben der List stand unbesieg-
bare Verschlossenheit, welche sich, weder durch eigene Eitelkeit, noch
durch fremde Klugheit abringen ließ, was sie zu verschweigen ge-
dachte. Beide Eigenschaften aber bezogen sich nie auf seine persön-
lichen Verhältnisse, sondern standen im Dienste seiner weitreichenden,
tiefgedachten Absichten für das Ganze. Dies gab selbst Eigenschaften,
welche sonst zum Kleinen herabzuziehen pflegen, ein großartiges
Gepräge.
Die Menschen urteilen lieber nach der äußeren Erscheinung als
selbst nach festgestellten und zweifellosen Tatsachen. Der Soldat muß
122 Die Reorganisatoren des preußischen Staates
sich nach dem allgemeinen Urteil in kräftigem Auftreten, kühnem
Reiten, stattlicher Gestalt zu Fuß und zu Pferde und gebietendem
Ton erweisen. Es nützt nichts, daß die Geschichte gerade an einigen
der größten Feldherren das Gegenteil beweist. Es nützt sogar nichts,
daß die Tatsachen selber sich zum Beweis ordnen gegenüber der äuße-
ren Erscheinung. Und so ist denn die lässige Erscheinung Scharn-
horsts, die etwas gebeugte Haltung, der in sich gekehrte Gang, welche
mehr den Gelehrten als den Soldaten zu bezeichnen scheinen, dem
großen Soldaten stets hinderlich gewesen, sich die Anerkennung zu
erringen, welche seine Handlungen fordern durften. Und doch zeigten
Menin, Auerstädt, der Rückzug nach Lübeck, Eylau, Görschen, daß
er ein geborener Soldat war. Alles, was den großen Feldherrn macht,
besaß er, Kühnheit und Vorsicht, Fassung in erschütternden Momenten,
Fruchtbarkeit an neuen Hilfsmitteln, List, Verschlossenheit, alles ge-
tragen von genialer theoretischer Kenntnis und praktischer Übung;
das Schicksal aber hat ihm nicht verstattet, zu dem Ruhm des größten
militärischen Organisators, von dem wir wissen, den eines großen Feld-
herm zu fügen.
DIE PREUSSISCHEN JAHRBÜCHER
I.
Lebenskräftige politische Parteien entspringen stets aus geistigen Be-
wegungen allgemeinerer Art. Weder die Anomalien in der Partei-
s t e l l u n g , die sich in jeder politischen Generation finden, noch das
Stationäre der Partei η am en, das den Wechsel der wirklichen poli-
tischen Parteien überdeckt, darf uns über diese immer neue Entstehung
der Parteien aus allgemeinen geistigen Bewegungen, über den i d e e l l e n
K e r n in ihnen und über die Umbildungen, denen derselbe mit jeder
neuen Generation unterworfen ist, täuschen. Auch indem sich Männer
anschließen, die auf anderen oft höchst seltsamen Wegen zu den prak-
tischen Zielpunkten der Partei gelangt sind, bleibt dieser ideelle Kern
vorherrschend. Auch indem die aus neuen Impulsen hervorgegangene
Bewegung in die alten Parteien — eigentlich sind es nur Parteinamen —
einmündet, bleibt die Partei neu. Denn ihre Grundlage bildet ein Zu-
sammenhang von Gedanken, aus welchen eine neue Anschauung des
Staatslebens erwächst. Gelten nun in der handelnden Politik nur prak-
tische Ziele, schließen die Parteien diesen gemäß Kompromisse und
Bündnisse, so wird doch dadurch jene ideelle Grundlage der Partei-
bildung nicht aufgehoben; aus ihr schöpft jede Partei das tiefere Be-
wußtsein ihrer Bedeutung, aus ihr entnimmt sie die Waffen für ihre
Kämpfe; in ihr liegt das Maß ihrer unsichtbaren Triebkraft.
Werden nun die täglich erscheinenden Zeitungen von dem wech-
selnden Interesse der Tagesfragen vorherrschend bewegt, so wird jede
bedeutende Partei das Bedürfnis fühlen, sich Organe zu schaffen, in
denen d i e s e r Z u s a m m e n h a n g d e r P o l i t i k m i t d e n a l l g e -
m e i n e n g e i s t i g e n B e w e g u n g e n und mit den der Politik benach-
barten Wissenschaften, der Staatswissenschaft und Geschichte, seinen
Ausdruck fände. Man weiß, welche Rolle solche Organe in den beiden
politisch bewegtesten Staaten spielen. Auch in Deutschland haben we-
nigstens die entscheidenden politischen Bewegungen solche Zeitschriften
geschaffen.
Schlözers „Neuer Briefwechsel" und seine „Staatsanzeigen" sind in
Deutschland die ersten politischen Zeitschriften in diesem großen Stile
124 ^* e Preußischen Jahrbücher
gewesen. Die früheren politischen Kämpfe waren in vereinzelten Jour-
nal-Aufsätzen, Denkschriften und Broschüren ausgekämpft worden; so
hat gleich die Reformation eine umfassende Broschürenliteratur her-
vorgebracht. Diese ersten großen politischen Zeitschriften nun waren
das Organ der deutschen Aufklärungsperiode für die Politik. Auch
die große Umwandlung in ihrer Richtung von der Vertretung eines
freisinnigen auf die Volkswünsche hörenden Despotismus zur Billi-
gung der repräsentativen Monarchie drückte nur den Gang der öffent-
lichen Meinung in Deutschland vom Zeitalter Friedrichs des Großen
zu dem der Französischen Revolution aus. Schlözer bekämpfte 1773
aufs heftigste die nordamerikanischen und noch 1782 ff. die holländi-
schen demokratischen Bewegungen; als dann die Französische Revo-
lution ausbricht, begrüßt er sie mit Jubel, und alle ihre Stadien bis
1792, wo die „Staatsanzeigen" zuerst über Frankreich schweigen müs-
sen, dann völlig verstummen, verfolgt er mit Beifall. Schon 1788 erkennt
sein scharfer Blick: „die Menschheit ist zu einer Revolution reif. Der
Bürgerstand (das Volk) reklamiert seine Rechte. Er ist der manns-
stärkste, hat auch wohl in Frankreich die größte Aufklärung, wird's
also wohl durchsetzen." In der Bewegung selbst sah er ,,das allgemeine
Staatsrecht zum Durchbruch gekommen". Man verfolgt gern die Kraft-
ausdrücke, den trockenen kernigen Witz, mit denen er die Staatsver-
änderungen mitteilt. Für Deutschland ist ihm der Hauptpunkt: „Man
predige von den Dächern: Der Herrscher — der König oder Magistrat
gleichviel — sei des Volkes wegen geschaffen, nicht vom lieben Gott;
er sei diesem Volke comptes rendus schuldig, und zwar früher noch
als am jüngsten Tage." Sucht man den Schwerpunkt der in dieser
Zeitschrift herrschenden Ideen, so liegt er nicht in dem Gedanken
einer bestimmten Staatsverfassung, obwohl die konstitutionelle Mon-
archie seinen Gedanken sichtlich am meisten entspricht, sondern in der
Forderung der Unterordnung aller persönlichen Privilegien und Vor-
rechte unter das Volkswohl. Deshalb ist ganz im Geiste jener Zeit der
n a t i o n a l ö k o n o m i s c h e G e s i c h t s p u n k t so vorherrschend; des-
halb ist ihm Aufhebung aller Sonderprivilegien der erste, Garantie
einer auf das wahre Volksrecht gerichteten Regierung durch Preßfrei-
heit und irgendeine Form, die Staatshandlungen der Zensur der öffent-
lichen Meinung zu unterwerfen, der zweite Hauptsatz seiner Desiderien
für Deutschland. Von jeder Art von Selbstregierung hat er noch kein
Verständnis.
Wir berühren die in Berlin von Unger gegründete Woltmannsche
Zeitschrift nur kurz, da sie es weder innerlich zu einer festen Haltung,
noch äußerlich zu einer größeren Wirksamkeit gebracht hat. Die eklek-
tische Manier, in der Woltmann die Philosophie Fichtes, die roman-
Schlözers Staatsanzeiger. Zeitschriften der Romantik 125
tische Theorie von Mittelalter und Kunst und Johann v. Müllers histo-
rische Art miteinander vermengte, ließ keine klare politische Stellung
der Zeitschrift aufkommen. Interessant ist immerhin, wie hier bereits
die ersten Versuche philosophisch-historischer Konstruktion auftauchen,
die erste Bewunderung der politisch-religiösen Einheit Europas im
Mittelalter laut wird. Erst Adam Müllers und Friedrich Schlegels
Zeitschriften zogen voll und klar alle K o n s e q u e n z e n d e r R o -
m a n t i k für d i e P o l i t i k . Sie lassen sich kurz in zwei Punkten zu-
sammenfassen. Für die innere Form des Staates ward die ständische
Gliederung Ausgangspunkt. Selbständige Gewalt der Kirche als des
uralten Mittelpunktes aller geistigen Interessen; eine ethische, vom
Grundbesitz unabhängige Bedeutung des Adels; die Zünfte als die
wahren Repräsentanten des Volks — das waren in dieser Beziehung die
Kanones, welche diese Zeitschriften zuerst aufstellten; wenn man sie
jetzt einmal wieder zur Hand nimmt, erkennt man leicht, wie auch die
letzten abfließenden Gewässer der feudalen Staatstheorie aus diesen
Quellen gespeist worden sind. Für die äußeren Verhältnisse der Staaten
— das ist der zweite Hauptpunkt — ist jene politisch-religiöse Einheit
Europas das Endziel der Restauration, von der diese Politiker träum-
ten, daß sie im Zeitalter der Kreuzzüge bestanden habe. Man weiß,
wie aus solchen Ideen die heilige Allianz und die Politik einer gemein-
samen Unterdrückung jeder Bewegung in Europa entstanden ist, der
gegenüber erst jetzt das Recht der einzelnen Nationen, ihre Angelegen-
heiten selbst zu ordnen, zur Anerkennung kommt. Der Grundgedanke,
welcher diese Zeitschriften durchdringt, ist: Restauration der aus dem
Mittelalter erhaltenen gesellschaftlichen Gliederung als einer gött-
lichen, durch die Gemeinschaft der Fürsten zu erhaltenden Ordnung.
Zerstörung derselben, wo sie irgend der Sorge des Staates für das
Wohl aller einzelnen hindernd entgegensteht, war überall Schlözers
Maxime gewesen. Nach den ungeheuren Erschütterungen, welche dieser
Grundsatz in Frankreich hervorgerufen hatte, sah man in der m i t t e l -
a l t e r l i c h e n H e r r s c h a f t der G e s e l l s c h a f t über den S t a a t
die einzige Rettung vor der modernen Vernichtung der älteren Gesell-
schaftsordnung im Interesse des Staates.
In der Julirevolution zuerst brach sich die Macht dieser Richtung.
Die Bourbonen gingen an dem Versuche unter, der Geistlichkeit und
dem Adel die alte Herrschaft in der Gesellschaft durch Zwang zurück-
zu ver schaff en. Das Hauptinstrument der neuen Bewegung war die Ge-
schichte gewesen, wie Nationalökonomie und Finanzwissenschaft das
der Bewegung von 1789. Thiers und Guizot nahmen die Ministerstühle
ein, welche die Freunde der geistlichen Macht und des Adels hatten
verlassen müssen. Dieser wichtigen Veränderung entsprach eine gleich-
120 Die Preußischen Jahrbücher
zeitige unmerklichere, aber weit durchgreifendere in Deutschland. Auch
hier lag ihr Schwerpunkt in den Universitäten und in den historischen
Wissenschaften. Diese modernen Politiker gingen von Erörterungen
über Staatsformen, nicht über die ökonomische Basis der Staaten, noch
weniger über ihre gesellschaftliche Gliederung aus. In dem Studium
der neueren, besonders der englischen Geschichte und Verfassungen
wurzelten sie, nicht in statistischer Untersuchung oder gar in philoso-
phischer Konstruktion des Mittelalters aus dem Gedanken der Gesell-
schaftsgliederung. Das wissenschaftliche Organ dieser Partei waren
d i e d e u t s c h e n J a h r b ü c h e r . Sie wurden von der Schlosserschen
Schule gegründet, welche die Geschichte durch den politischen Zweck,
durch den Hinblick auf die unmittelbare praktische Wirkung neu zu
beleben begann. Den Schwerpunkt dieser Partei zeigt die von Gervinus
herrührende Einleitung in die Jahrbücher am deutlichsten. In Schlos-
sers Geschichtschreibung erkennt er ,,ein Zeichen, daß in der Ge-
s c h i c h t e vielleicht der Anfang gemacht werden dürfte, den aus-
schließlichen Weg der objektiven Forschung zu verlassen und indem
man darstellende Werke gibt, die von Ideen ausgehen, welche die
Zeit und ihr Bedürfnis bedingen, die Wissenschaft für die gegenwär-
tige Umgebung fruchtbar zu machen". ,,Wenn die Literatur, und wenn
selbst die Staatsverwaltungen, welche die Völker nach Theorien zu
regieren denken, meinten, diese Indifferenz und der Schlaf in der
politischen Welt hätte von längerer Dauer sein können, so zeigte eben
die neueste Zeit, daß dies eine Täuschung war. Wie konnte man ver-
gessen, daß das vorige Jahrhundert die ungeheuersten Ideen aufstellte,
die man zwar, weil sie in Frankreich mit einer frivolen Keckheit
auf eine unnatürliche Spitze getrieben wurden, wieder fallen ließ,
aber keineswegs, um sie für immer liegen zu lassen. Gerade der
Geist der Humanität, den das letzte Jahrzehnt mit der klassi-
schen Literatur wieder aufbrachte, und gerade d i e r ü h r i g e F o r -
s c h u n g in d e r G e s c h i c h t e , d i e im j e t z i g e n J a h r h u n d e r t
f o l g t e , mußte die besonnene Wiederaufnahme jener Ideen gleich-
sam bedingen."
Die „ P r e u ß i s c h e n J a h r b ü c h e r " nehmen nun die Grundrich-
tung dieser deutschen in einer glücklicheren und politisch weit reiferen
Zeit wieder auf.
A ndere politische Zeitschriften 127

II.
Der politische Rationalismus des vorigen Jahrhunderts, der sich
so naiv in den von uns aus Schlözers Staatsanzeigen zitierten
Kraftstellen ausspricht, litt an dem ihm damals tief verborgenen, aber
bald in einer furchtbaren Katastrophe sich enthüllenden Irrrum, der
Theorie von der persönlichen Verantwortung des Herrschers gegenüber
dem Volk. Mit jenen „comptes rendus" waren nur Verwaltungsrechen-
schaftsberichte gemeint, aber in Paris zog man die entsetzliche Kon-
sequenz der kriminellen Verantwortung, und zeigte durch eine fluch-
beladene Tat, daß jener Irrtum nichts mehr und nichts weniger als
die Vernichtung des monarchischen Prinzips enthält.
Die Restaurationspolitik krankte an dem entgegengesetzten Irrtum,
indem sie die Autorität der Obrigkeit überall auf unmittelbar ge-
gebene göttliche Ordnungen zurückführte, deren Gestaltung sie den
unhistorischen Vorstellungen mittelalterlicher Zustände entlehnte.
Darunter mußte die nüchterne und klare Strenge der Rechtsidee
leiden.
Politisch reifer nannten wir soeben die Jetztzeit, und sie ist es un-
verkennbar zunächst diesen Perioden des politischen Rationalismus
und der Restaurationsideen gegenüber, aber auch gegen die ihnen viel
näher liegende Erscheinungszeit der Deutschen Jahrbücher ist ein
mächtiger Fortschritt nicht zli verkennen, der hauptsächlich darin liegt,
daß sich jetzt die öffentliche Diskussion überall auf bestimmte prak-
tische Ziele richtet, während zur Zeit der Deutschen Jahrbücher der
Kampf ein wesentlich theoretischer blieb.
Im übrigen erkennt man die innere Kontinuität zwischen den „Deut-
schen Jahrbüchern" und den „Preußischen Jahrbüchern" leicht, wenn
man letztere mit der anderen bedeutendsten politischen Zeitschrift
Deutschlands: der V i e r t e l j a h r s s c h r i f t vergleicht.
In der Fülle von Geist und Wissen, die ihnen zu Gebote steht, sind
beide Zeitschriften völlig ebenbürtig. Von der Verschiedenheit ihres
Charakters, der durch den Unterschied der Erscheinungszeit bedingt
wird, reden wir hier natürlich auch nicht. Aber es ist sehr merkwürdig,
welchen Gegensatz der Anschauungen der Boden beider Zeitschriften
bedingt. Obwohl durch eine große Kluft der politischen Stellung von
den anderen auf Österreich und den von ihm abhängigen Bestrebungen
beruhenden Zeitschriften, denen der Romantiker und Adam Müllers,
dann den 1818 erschienenen Wiener Jahrbüchern der Literatur ge-
trennt, stimmt die Vierteljahrsschrift doch darin mit ihnen durchaus
überein, daß die Naturelemente des Staates: Gesellschaftliche Gliede-
128 Die Preußischen Jahrbücher
rung, Arbeitsteilung, Verhältnis der Nationalitäten usw. überall ihr
vorherrschendes Interesse bilden ; Nationalökonomie und Gesellschafts-
lehre sind ihr Lieblingsgebiet; auch Theorien der allgemeinen Politik,
wie sie schon Gentz' Zeitschrift am Beginn dieses Jahrhunderts ent-
hielt, finden sich gelegentlich; dagegen treten politische Geschichte,
Biographie, Behandlung der literarischen Vertreter der verschiedenen
Parteien durchaus zurück. Es ist ein Staat, der auf einer gewaltigen
materiellen Grundlage ruht, vielartige Nationalitäten und Gesellschafts-
formen in sich vereinigt, dessen Geschichte voll von gewaltigen Be-
wegungen der Nationalitäten, der finanziellen und ständischen Ver-
hältnisse, aber beinahe an keinem Punkte von geistigen Bewegungen
bedingt ist, dessen Gegenwart mit den Fragen kämpft, welche die finan-
zielle Lage, der Gegensatz der Nationalitäten, die Übermacht der
Kirche über den Staat usw. ihr aufdringt, dagegen der Frage nach der
Herrschaft des Rechtsstaates über die gesellschaftliche Gliederung
sich erst allmählich nähert — ein solcher Staat ist es, dessen Lage,
Probleme und Ziele die Vierteljahrsschrift vorherrschend beschäf-
tigen.
In demselben Verhältnisse, in welchem die Vierteljahrsschrift zu
Österreich steht, stehen die Preußischen Jahrbücher zu Preußen. Und
der Charakter dieses Staates mußte notwendig dieser Zeitschrift ein
von jener sehr verschiedenes Gepräge geben.
Die Einbildungen des spezifischen Preußentums heute pflegen zu
wollen, wäre für jede Zeitschrift ein Unrecht und eine Torheit. Es
gibt keinen Staat der Intelligenz in dem Sinne, als ob irgendein Teil
Deutschlands reicher an dieser wäre, als die übrigen. Aber wenn der
Idealismus, welcher in der Intelligenz überall den ersten bestimmenden
Faktor alles Geschehens sucht, echt deutsch ist, dann muß wohl ganz
Deutschland auf die Geschichte eines Staates stolz sein, der durch rein-
geistige Energie zweimal in entscheidenden Kämpfen um seine Exi-
stenz neubegründet worden ist, dessen Stellung nach seiner Lage und
Ausdehnung auf seiner geistigen Spannkraft beruht, nicht auf Natur-
verhältnissen. Diese Energie des G e i s t e s , d e r s e i n e r H e r r s c h a f t
g e w i ß i s t , ist zugleich der Ursprung der Größe Preußens und der
Charakter der deutschen Nation. Und in diesem Sinne darf man wohl
Preußen den Staat der Intelligenz wie den deutschesten Staat nennen.
Es ist bekannt, wie dieser historische Charakter Preußens an dem
Herausgeber der Preußischen Jahrbücher von jeher einen begeisterten
Vertreter gehabt hat. Verdanken wir ihm doch die klassische Darstel-
lung des Mannes, in welchem sich nach dem unvergleichlichen Fried-
rich dem Großen dieser Charakter des preußischen Staates am tiefsten
ausspricht, Wilhelm von Humboldts. Man war längst gewöhnt, in Haym
Verhältnis zu Preußen. Leitende Gedanken 120,
einen der Hauptvertreter jener heilsamen Überzeugung zu erblicken,
daß alle Güter des Denkens und der Forschung, die unser Volk seit
lange gesammelt, in diesem Augenblicke dem einen, alles überragen-
den Zwecke dienstbar werden müßten, unserer Nation zu einer ihrer
würdigen, politischen Existenz zu verhelfen. Von dieser Überzeu-
gung ist nun auch die von ihm geleitete Zeitschrift ganz bestimmt.
Auch den scheinbar abgelegensten ästhetischen und literarischen
Objekten weiß seine energische Hand eine Beziehung zu derselben
zu geben; von ihr aus umfaßt sie aber auch in der Tat, wie sie
von Anfang versprach, „alle Gebiete des wirklichen wie des gei-
stigen Lebens der Gegenwart". In dieser Grundrichtung liegt es, daß
Geschichte und Biographie, die Welt des Handelns und der geistigen
Bewegung, das Interesse der Zeitschrift vorwiegend beschäftigen,
daß die Zustände und die natürliche Basis des Staates dagegen zu-
rücktreten.
Von nicht geringerer Wichtigkeit ist ein zweiter Grundzug unserer
Zustände, der sich in den Preußischen Jahrbüchern ausspricht. Das
Ziel der inneren Entwicklung Preußens ist in einer merkwürdig be-
wußten und zusammenhängenden Weise der R e c h t s s t a a t . In einer
Zeit, in der unser Staat das Gedächtnis seines wahren Wesens zu ver-
lieren begann, trat diese Zeitschrift hervor, und sie hatte sich in erster
Linie zur Aufgabe gesetzt, das politische Rechtsbewußtsein zu kräf-
tigen, welches die Seele des Staates ist. Sie hatte den Künsteleien der
Interpretation gegenüber sich, zum Zwecke gestellt, das einfache und
ungekünstelte Festhalten an der Verfassung als Basis aller politischen
Tätigkeit hervorzuheben. Sie hatte freilich auf keinen anderen Erfolg
rechnen dürfen, als wahre politische Gesinnung zu erhalten und zu
kräftigen, indem sie den unabänderlichen Gang des politischen Fort-
schritts in der Geschichte wahrnahm, indem sie aus der Betrachtung
von Wissenschaft, Kunst und jedem anderen Zweig des menschlichen
Strebens das tröstliche Resultat zog, daß sie alle untrennbar mit dem
politischen Leben des Volkes verbunden sind und so alle dasselbe ver-
bürgen. Solche Gesinnungen und Überzeugungen konnte sie zu ver-
breiten suchen: auf unmittelbare, im Moment eingreifende Wirksam-
keit mußte sie verzichten. Aber diese Lage änderte sich bald nach
dem Beginn der Zeitschrift auf das Erfreulichste. Nun wurde die
öffentliche Meinung eine Macht; es galt, die einzelnen drängenden
Fragen zu ergreifen, zu ihrer Lösung mitzuwirken. Die Aufgabe der
Jahrbücher nach dieser Seite hin war wesentlich verschieden von der
täglich erscheinender Zeitungen, die mehr oder weniger unter dem
Einflüsse rasch wechselnder Stimmungen stehen und leicht von der
Aufregung des Moments über ihr Ziel hinausgetrieben werden; sie
130 Die Preußischen Jahrbücher
selbst formulierten sie dahin, „nicht der Aufregung des Moments das
Wort zu leihen, nicht ein allzeit fertiges Urteil zu geben, vielmehr die
Dinge teils ruhig vorzubereiten, teils zu begleiten, und aus ihnen das
Ergebnis zu ziehen". Das war die Aufgabe, die sie sich stellten und die
sie auch in den Momenten heftiger Aufregung, wie sie die letzten Jahre
gebracht haben, treulich gehalten haben.
DAS ALLGEMEINE LANDRECHT

EINLEITUNG
DER FRIDERIZIANISCHE STAAT
UND DIE OBJEKTIVIERUNG SEINES GEISTES
IM LANDRECHT
An den Grenzen des deutschen Lebens, umgeben von starken Staaten
hat sich eine Monarchie gebildet, zusammengesetzt aus verschieden-
artigen Bestandteilen, zur äußersten Zusammenfassung ihrer Kräfte
genötigt. Nur wenn die einzelnen bereit waren, der Sicherheit, der Ein-
heit, der Macht, dem Wohl dieses Staates alles zu opfern, konnte er
zunehmen und wachsen. Die Entwicklung dieser Staatsgesinnung hatte
durch das Erziehungswerk und die Taten Friedrichs des Einzigen
eine unermeßliche Förderung erfahren. Aus dieser Schule sind die
Schöpfer des Landrechtes hervorgegangen. Jeder Teil ihres Werkes·
ist davon durchdrungen.]

Der friderizianische Staat wird Gesetzgeber. Der Geist, der diesen


Staat erfüllt, der in seinen Organen vom König bis zum letzten Be-
amten und Unteroffizier wirksam war, der in den Schriften Friedrichs,
in Denkern wie Christian Wolff und Kant, in Juristen, Staatsrechts-
lehrern und politischen Schriftstellern einen freien literarischen Aus-
druck fand, hat selber sein allgemeines und dauerndes Wesen im Land-
recht ausgesprochen. Nicht ein einzelner spricht hier, sondern der
Staatswille durch seine von ihm bestellten Organe. Er betrachtet das
Leben nicht, sondern als höchster Wille ordnet er dasselbe. Und dies
geschieht nicht in einzelnen Verordnungen oder Maßregeln, sondern in
einer Gesetzgebung, die sich auf alle Lebensverhältnisse erstreckt und
sie allgemein regelt. Der vom Geist dieses Staates und dieses Zeit-
alters erfüllte Staatswille gebietet allgemeine Regeln des äußeren Han-
delns für die ihm unterworfenen Einzelnen und Gemeinschaften, durch
welche die Bedingungen, deren das Zusammenleben auf seinem Boden
bedarf, vermittels seiner Zwangsmittel realisiert werden. Das ist das
Wesen des Rechts. In ihm stellt der Wille des Staates das Dauernde
und Allgemeine in ihm als Macht über die ihm Unterworfenen her-
132 Der friderizianische Staat und die Objektivierung seines Geistes im Landrecht
aus. Das ist die Art, wie das Recht den Geist des Staates objektiviert.
Die werdende christliche Kirche objektivierte den religiösen Geist,
der sie erfüllte, im Dogma, das 18. Jahrhundert fand die höchste Form
der Objektivation seines Geistes in der Gesetzgebung.
Wir suchen in das, was dieser Zusammenhang zwischen dem Geist
des friderizianischen Staates und seiner Gesetzgebung bedeutet, tiefer
einzudringen. Die Lebensverhältnisse, die das Recht regelt, sind ge-
gründet in den Bedürfnissen der Individuen, der Kultursysteme, der
Organisationen. Jedes derselben ist inhaltlich durch die Zwecke be-
stimmt, die in ihm verwirklicht werden sollen. Sofern es diesen ent-
spricht, hat es darin seine Vollkommenheit. [Es realisiert sie voll-
ständig.] Die Regeln, durch die das Recht sie ordnet, bezwecken daher
die Verwirklichung eines zweckentsprechenden Typus dieser Verhält-
nisse. So reicht das Recht mit seinen Wurzeln in die Tiefe des Lebens.
Diesen Zusammenhang aufsuchen heißt: Recht verstehen. So ist
es auch mit dem Landrecht. Und wie nun die Lebensverhältnisse kon-
kret, individuell, historisch bestimmt sind, muß auch das Recht, das
sie regelt, ein historisches sein — gebunden an ein bestimmtes Gemein-
wesen, sein wirtschaftliches Leben, seine soziale Gliederung, die ihm
eingeordneten Gemeinschaften. Nur von hier aus wird es gebildet.
Daher kann auch das Landrecht nur aus dem friderizianischen Staat
verstanden werden. Sein Geist kommt in ihm zum Ausdruck. Aber in
jedem historischen Recht, in den Verhältnissen, die es regelt, gelangt
doch ein immer gleiches, in der Natur menschlicher Verhältnisse und
in der Kraft der Vernunft sie zu ordnen Gegründetes zum Ausdruck.
Eigentum, Vertrag, Ehe, religiöse Gemeinschaften, Staat, Verbrechen
und Strafe kehren überall wieder. Sie haben gewisse gemeinschaftliche
Bestimmungen [die ihre Einheit ausmachen], denen überall Elemente
der Rechtsregeln entsprechen. Hierin liegt die Wahrheit des Natur-
rechts. Und da diese Bestimmung ein Zweck ist, ein immerwährender
Typus, so enthält es in irgendeinem Grade einen Zug zur Realisierung
des Rechtsideals. Es ist nun entscheidend für die vollkommensten
Gesetzgebungen des i8. Jahrhunderts gewesen, daß sie den Zusammen-
hang des Rechts als einen ewigen in den naturrechtlichen Schriften
ihres Jahrhunderts fanden. So vollzog sich ein Zusammenhang zwi-
schen dem historischen Wesen der Staaten, dem Geist der Zeit, der
sie alle durchdrang, und der Gesetzgebung. Und in keiner dieser Ge-
setzgebungen spricht sich nun der Geist eines Staates so vollständig
aus als im Landrecht, da dieses sich über Privatrecht, Staatsrecht, Kir-
chenrecht und Straf recht erstreckt und eine einheitliche Rechtsanschau-
ung in allen diesen Gebieten zur Geltung bringt. Darum ist die Ge-
schichte dieses Landrechts für den Historiker so belehrend.
Geschichte der Justizreform bis zum Landrecht

ERSTES KAPITEL
GESCHICHTE DER JUSTIZREFORM
BIS ZUM LANDRECHT
Die Selbstherrschaften, die sich aus der mittelalterlichen Staatsord-
nung entwickelt haben, mußten sich gegeneinander behaupten, und so
waren sie vom stärksten Machtstreben erfüllt. Es fand gleichsam eine
geschichtliche Auslese zwischen ihnen statt, in der die stärksten sich
behaupteten und erweiterten. Die so im Krieg und durch Erbschaft er-
worbenen Territorien mußten zu Einheitsstaaten zusammengenommen
werden. In einer solchen Lage, da kein Staatsgefühl die unter den Für-
sten äußerlich vereinigten Territorien noch miteinander verband, war
die Staatseinheit verkörpert in den Fürsten. Sie bändigten den pro-
vinzialen Geist und die ständischen Eigeninteressen. Das war ihnen
aber nur möglich, indem sie die Organe, durch welche sie ihre Hoheits-
rechte ausübten, die Armee, von der alles abhing, das Finanzwesen,
die Verwaltung und die Justiz, so leistungsfähig und stark als mög-
lich machten. So entstanden politische Gebilde von einer starken Aus-
bildung der leitenden Organe, wie sie die neueren Völker noch nicht
besessen hatten. In diesem Zusammenhang ist nun auch in Preußen
die Reform des verrotteten Justizwesens durchgeführt worden, welche
im Landrecht ihren Abschluß fand. Sie entstand in langer und müh-
seliger Arbeit, deren Anfänge in die Regierung der beiden ersten Kö-
nige zurückreichen: unter dem großen König gelangte sie dann im
Landrecht zu einem gewissen Abschluß, aber es konnte erst beinahe
ein Dezennium nach seinem Tode, 1794, publiziert werden, und in die-
sen Jahren hat auch hier Wöllner seinen verderblichen Einfluß geübt.
Verschiedene Momente haben die Justizreform notwendig gemacht
und kamen in ihr zur Geltung.
Die Reform entstand zunächst aus den Mißständen im Justizwesen.
Die immer zunehmende Menge der Gesetze, die Rückständigkeit vieler
unter ihnen, der unausgeglichene Gegensatz zwischen den deutschen
und römischen Bestandteilen im geltenden Recht verdunkelten das
Recht und machten die Entscheidungen der Gerichte unsicher. Diese
Unsicherheit wurde erhöht durch die mangelhafte Vorbildung der Rich-
ter und die Zufälligkeiten im Rechtsgang. Die Prozesse wurden ver-
langsamt und verteuert durch den Anteil der Richter an den Sportein,
den Spielraum, den die sittlich und wissenschaftlich unzureichenden
Advokaten für die Ausnutzung ihrer Klienten hatten, die Einmischung
der Prokuratur, die sich geldgierig und unwissend zwischen die Ad-
134 Geschichte der Justizreform bis zum Landrecht
vokaten und ihre Klienten eingeschoben hatte, und durch die man-
gelnde Vorbildung und unzureichende Stellung der Richter. Endlich
wirkten diese Umstände der friedlichen Beilegung von Rechtsstreitig-
keiten entgegen.
Ein zweites Moment, das zur Justizreform drängte, lag in der Ver-
schiedenheit der Gesetzgebung und des Rechtsgangs in den Territorien.
Die Ausbildung starker Einheitsstaaten forderte überall die Rechts-
einheit. Ein einheitliches, in seinem Instanzenzug wohl geregeltes und
von der Verwaltung besser abgegrenztes Justizwesen mußte hergestellt
werden. Die Rechtseinheit konnte aber ihren Abschluß erst in einem
gemeinsamen Gesetzbuche finden, das dem ganzen Staate ein einheit-
liches materielles Recht gab. Und wie nun ein solches Gesetzbuch eine
einheitliche Rechtsanschauung forderte, die dem Geist dieses Staates
gemäß und den Bedürfnissen des praktischen Lebens in ihm angemes-
sen war und in einem System von Rechtsbegriffen den Forderungen
juristischer Technik entsprach, drängte auch von dieser Seite das prak-
tische Bedürfnis vorwärts; die preußischen Universitäten mußten als
Staatsanstalten eine dem Bedürfnis der Richter und Beamten entspre-
chende Jurisprudenz ausbilden; ein Richterstand war nötig, der durch
seine Vorbildung, seine persönliche Würde und seine praktische Er-
fahrung befähigt war, diese Jurisprudenz überzuführen in ein den Ver-
hältnissen des Lebens genügendes Gesetzbuch. Forderungen, welche es
begreiflich machen, wie mehrere Generationen vergehen mußten, bis
ein Gesetzbuch gelang.
Zu der Forderung der Rechtseinheit trat in den modernen Staaten
die der Unabhängigkeit des Rechtsganges von jeder Macht außerhalb
des Staates. Auch im Rechtsleben mußte der preußische Staat sonach
seine Souveränität durchzuführen suchen. Die Rechtsprechung im Lande
mußte auch in ihrer obersten Instanz vom Reich und von den Univer-
sitäten unabhängig gemacht werden. Ward man so auch von dieser
Seite auf einen regelmäßigen, wohl geordneten Instanzenzug und einen
obersten Gerichtshof im Lande geführt, so forderte das erstarkte
Rechtsgefühl eine bessere Abgrenzung des so geregelten Justizwesens
von der Verwaltung und seine Unabhängigkeit gegenüber königlichen
Machtsprüchen.
In derselben Richtung wirkt ein Zug von allgemeinem geistigem
Charakter in der Aufklärung auf den Rechtsgang und dann auch auf
die Gesetzgebung. In immer zunehmendem Grade sind der Verstand
und die Wissenschaft an der Arbeit, das öffentliche Leben einzurich-
ten. Ihr Ideal ist Einheit, Klarheit, Durchsichtigkeit in der Beziehung
der Teile und Funktionen der Gesellschaft. In der Wissenschaft sucht
man eine Begründung auf Axiome, in der Kunst Symmetrie, und so
Motive der Justizreform
erstrebt man auch im Rechtsgang Regelhaftigkeit und Gleichförmig-
keit und in der Gesetzgebung logischen Zusammenhang, der sich
über alle Gebiete des Rechts erstreckt. Die allgemeine Jurisprudenz ist
das Ziel des Naturrechts, und so wird das Landrecht die erste Gesetz-
gebung, welche unter höchsten Prinzipien alle Teile des Rechts umfaßt.
Ein letzter Zug macht sich in dieser Justizreform geltend. Er ist
oft und mit Recht als Geist der Bevormundung scharfem Tadel unter-
worfen worden. Seine schädlichen Wirkungen haben sich über alle
Teile des preußischen Staatswesens erstreckt bis zum Zusammenbruch
der alten Form desselben. Es gilt doch, ihn aus der inneren Notwen-
digkeit der Zeit zu verstehen. Richter, die nur zum Teil die entspre-
chende Vorbildung besaßen, Advokaten, welche würdelos alle Künste
der Schikane und der Ausnützung übten, eine unkultivierte niedere
Bevölkerung, ein gelehrtes schwerverständliches Recht aus der Fremde
und schriftliches Verfahren: das waren die Verhältnisse, welche die
Kontrolle der im Prozeß beschäftigten Personen und die Bevormun-
dung der Rechtsuchenden nötig machten und schließlich selbst ein
Gesetzbuch forderten, welches die freie Erwägung des einzelnen Falles
durch den Richter möglichst einschränkte. Und über die Notwendig-
keiten hinaus macht sich in der Justizreform ein Mißtrauen bei Fried-
rich Wilhelm I. und dem großen König geltend, das sich in der Be-
wachung ihrer Organe nicht genug tun kann — ein natürliches Schicksal
der Selbstherrschaft.
So mannigfach waren die Antriebe der Justizreform und die Auf-
gaben, die aus ihnen entsprangen. An den meisten dieser Aufgaben
hatten preußische Fürsten und Behörden lange gearbeitet, und
ihre Lösung war jetzt nur unter der Macht der vereinigten Antriebe
dringender geworden. Sie wurden jetzt in einem gewissen Zusammen-
hange aufgefaßt.
Im Interesse der Größe des neuen königlichen Hauses hat schon
Friedrich I. den Rechtsgang im wesentlichen vom Reich losgelöst.
Unter seiner Regierung trat aber auch schon die Idee eines allgemeinen
Gesetzbuches für den preußischen Staat hervor. Auch hier steht am
Beginn Leibniz mit seinem hellseherischen Blick in die kommenden
Notwendigkeiten der Rechtsentwicklung. Sein Ausgangspunkt war
noch das römische Recht. Aus diesem spricht nach ihm die Vernunft
der Sache durch den Mund der größten logischen Techniker des
Rechts. Aber in dieser römischen Gesetzgebung fehlt die systematische
Einheit : die philosophische Jurisprudenz muß analytisch von den über-
lieferten römischen Rechtsquellen rückwärts dringen zu den elemen-
taren Rechtsbegriffen und Rechtsregeln, sie erweisen sich als die
Grundsätze der juristischen Vernunft, und so ergibt ihre Kombination
D i l t h e y , Gesammelte Schriften XII
136 Geschichte der Justizreform bis zum Landrecht
die Einheit des Naturrechts mit der positiven römischen Jurisprudenz.
Ideen, die bei wachsender Kenntnis des römischen Rechtes nicht stand-
halten konnten, aber sie haben den ersten Entwurf eines preußischen
Gesetzbuches durch Cocceji noch beherrscht. Er selbst ist zuletzt über
diese Pläne seiner Jugend hinausgegangen. Das Recht ist in Deutsch-
land „durch die Menge, Dunkelheit, Unvollkommenheit der Gesetze,
durch die abweichenden Sprüche der Gerichtshöfe, durch die Streitig-
keiten der Rechtsgelehrten verfinstert und zu einer merkwürdigen Un-
gewißheit herabgekommen". Nur neue Kodifikationen können hier
helfen. Das römische Recht muß zurücktreten in die Rolle eines großen
Lehrers, einer Manifestation des Rechtsgeistes. Das neue Rechtsbuch
muß aus dem umfassenden Stoff des gegenwärtig geltenden Rechtes,
seinen Grundlagen in der römischen und in der einheimisch-deutschen
Rechtsbildung, vor allem aber aus den evidenten Geboten der Billigkeit
gewonnen werden. Es muß kurz, klar und für die Entscheidung der
Rechtsfälle ausreichend sein. Sätze, welche die Richtung klar bezeich-
nen, in welcher das friderizianische Landrecht die Aufgabe gelöst hat.
Der Regierungsantritt Friedrich Wilhelms brachte die Justizreform
wieder in Bewegung, und auch der Plan eines Landrechts wurde nun
wieder aufgenommen.
Eine Ordre des Königs an die juristische Fakultät von Halle ent-
wickelt Prinzipien für die Herstellung eines festeren Rechts in der
Mark, die bedeutsam in die Zukunft hineinreichten. Die Prinzipien
des Naturrechts werden ausdrücklich als Grundlage bezeichnet. Wo
die Rechtsgelehrten uneinig sind, soll die gesunde Vernunft entschei-
den. Die Gesetze sollen die natürliche Billigkeit vor Augen haben, und
sie sollen auch vom gemeinen Mann verstanden werden können. Ihr
Stil soll deutsch, leicht und gleichförmig sein. Die Leitung der in
Halle zu leistenden Arbeit wurde Thomasius übertragen. Aber der
kühne Neuerer erwies sich auch hier als gesunder Realist. Er erkannte,
daß die Zeit für eine solche Gesetzgebung nicht reif war. Erst mußten
die Universitäten aus der langen Finsternis theologischer Vorurteile
und dem Schlendrian handwerksmäßigen Betriebes sich erheben; die
Rechtswissenschaft mußte fortschreiten; Beamte und Richter mußten
gebildet werden. Dies war in der Tat der Weg, der zu durchlaufen war,
bevor dem Bedürfnis, das Volk, Praktiker, der König selbst so stark
empfanden, entsprochen werden konnte. Und die ungestüme Autokraten-
natur dieses organisatorischen Genies konnte wohl das Justizwesen för-
dern: eine Gesetzgebung forderte feinere, geduldigere Hände. Viel-
leicht, daß auch das Thomasius empfand.
Das Leben des Königs neigte sich schon dem Ende zu, als er den
Plan des Landrechts noch einmal aufnahm. Im November 1737 erhielt
Friedrich Wilhelm I. Cocceji 137
C o c c e j i die Leitung der Justiz, und wenige Monate danach erschien
die Ankündigung einer Gesetzgebung auf der Grundlage des römischen
Rechts. Hiermit begann die Periode in der Entwicklung des Land-
rechts, die auch die Regierungszeit des großen Königs bis zu Coccejis
Tode 1752 umfaßt.
Samuel von Cocceji gehört zu den Männern, welche in frühen Jahren
einen Standpunkt erfassen, unerschütterlich an ihm festhalten und so
wissenschaftlich und praktisch der kurzen Dauer menschlicher Lebens-
zeit einen einheitlichen bedeutenden Ertrag abgewinnen. Er war ganz
von den Ideen seines Vaters bestimmt, der als Professor der Juris-
prudenz in Frankfurt a. d. Oder wirkte. Dieser Heinrich von Cocceji
war eine der festen Naturen des 17. Jahrhunderts, in denen der prote-
stantische Glaube und die neuen Forderungen rationaler Begründung
zusammenwirkten zu einer festen Stellung dem Leben gegenüber. Er
leitete nach einer älteren juristischen und philosophischen Tradition
das Recht aus dem Willen und der Herrschaft Gottes ab. Pufendorfs
Prinzip der Sicherheit und des Friedens der Gesellschaft genügte ihm
nicht, den bindenden Charakter des Rechts abzuleiten und seine n>
haltlichen Bestimmungen auf den verschiedenen juristischen Gebieten
zu begründen. Sein Bedürfnis nach Vereinigung von Autorität mit
rationaler Ableitung machte sich auch im Gebiet des bürgerlichen
Rechts geltend: er schöpfte aus dem römischen Rechte, sah aber in
ihm ähnlich wie Leibniz die Vernunft der Sache selbst verwirklicht.
Indem nun sein Sohn diese Gedanken ergriff, mußte ihm dies eine
feste und dem damaligen Charakter der preußischen Monarchie ent-
sprechende Position geben. Er war kurze Zeit in Frankfurt Professor
der Rechte gewesen, trat aber dann in den ersten Jahren des 18. Jahr-
hunderts in preußische Dienste. Die Natur hatte ihn nicht zu einem
ruhigen Gelehrten bestimmt; er war kein produktiver wissenschaft-
licher Kopf. Aber er übertrug auf sein amtliches Wirken die wissen-
schaftlichen Grundgedanken, mit denen er sich erfüllt hatte, die Herr-
schaft über die Jurisprudenz, den Blick auf letzte große Ziele des Wir-
kens und eine systematische Ordnung der Kenntnisse, in der ihm alles
wie in Schubfächern bereit lag und gleichsam an seiner Stelle liegen
blieb, bis es oft nach langen Hemmungen wieder aufgenommen wer-
den konnte. Er war ein großes organisatorisches Talent und ein un-
vergleichlicher Arbeiter, wie denn keiner der damaligen Minister so
viel Aktenpapier als er verschrieben hat. Schon diese Bereitschaft
alles aufzuarbeiten, gab ihm ein Übergewicht über seinen Gegner
Arnim von Boytzenburg, der als ein vornehmer Herr lieber abwartete
und persönlich wirkte. In letzter Instanz aber gab ihm nun seine Über-
legenheit über seine Gegner, Nebenbuhler und Neider ein energischer,
I38 Geschichte der Justizreform bis zum Landrecht
zäher, harter Wille, wie er den verrotteten Zuständen des Justizwesens
gegenüber nötig war. Er war wohl oftmals gewaltsam und rücksichts-
los den Personen und manchmal auch den Sachen gegenüber; damals
aber ist in den großen Geschäften der Selbstherrscher nirgends ohne
Benutzung fürstlicher Eigenheiten und ohne Intrige Bedeutendes zu
erreichen gewesen. Manches der Art wird von ihm berichtet, vornehm-
lich aber verstand er den Willen der Selbstherrschaft mit den wirt-
schaftlichen und gesellschaftlichen Interessen der Stände in seinen
großen Maßregeln zu vereinigen.
So war der Mann, der nun zunächst unter Friedrich Wilhelm die Lei-
tung des Justizwesens 1737 übernommen hatte. Der König war bereits
alt und krank; eben darum war er eiliger, gewalttätiger und miß-
trauischer als je. Sein Justizminister war von Kabalen umgeben. Die
Reduktion der Sportein der Justizbeamten wurde der Ausgangspunkt
eines Konflikts, der Coccejis Stellung erschütterte, und so wurde seine
Reform in kollegialischen Beratungen begraben, bis der König starb.
Unter ihm war die Richtung der Justizreform eingeschlagen worden,
die dann sein Sohn zur Durchführung brachte. Stärkung und Entwick-
lung der staatlichen Organe der Justiz, Erweiterung des mündlichen
Verfahrens, und die Strafrechtspflege, für die der König echt patriar-
chalisch sich besonders verantwortlich fühlte, war reformiert worden.
Aber seinem Sohn und Nachfolger fiel doch die wirkliche Durch-
führung des Reformwerks zu. Unter ihm ist Cocceji erst zur Durch-
führung seiner Ideen gelangt.
Zunächst dauerte die Stockung in der Reform fort; sie war eben
darin begründet, daß für ein Werk, das eine einheitliche Leitung er-
forderte, entgegengesetzte Kräfte zusammengespannt waren. Aber als
der König aus dem Zweiten Schlesischen Krieg nach Berlin zurück-
kehrte, erklärte er in einer denkwürdigen Kabinettsorder vom 12. Ja-
nuar 1746, er wolle sich nun selbst den Angelegenheiten der Justiz-
reform widmen. Nun sollte endlich rasche und billige Justiz nach
Vernunft und Billigkeit für jedermann ohne Ansehen der Person ge-
schaffen werden. Welch ein heller und starker Klang geht durch solche
Worte ! Und als nun Cocceji einer raschen Rechtspflege die Bahn frei
machte, indem er persönlich, nicht ohne Härte, aber in kurzer Frist
mehrere Tausend verschleppter Prozesse beendigte, war der König für
ihn gewonnen; es lag in dessen Absicht, daß er nun Cocceji die selb-
ständige Durchführung der Reform überließ. Die Vorbildung des
Richterstandes wurde geregelt, der Anteil der Richter an den Sportein
aufgehoben. Bei Verminderung der Zahl der Richter konnte ihr Ge-
haltsverhältnis würdiger gestaltet werden. So hob sich der richterliche
Stand. Prozeßordnung und Gerichtswesen wurden im Sinn des moder-
Friedrich II. Grenzen Coccejis 15g
nen Staates geregelt. In drei Stufen bauten sich nun im regelmäßiger»
Instanzenzug die Gerichte auf. Und die Selbständigkeit dieses Ge-
richtswesens wurde durch zwei Maßregeln gefördert: die Aktenver-
sendung an juristische Fakultäten wurde aufgehoben, wodurch diesen
auch Raum für wissenschaftliche Arbeit geschafft wurde. Und auf
die Eingriffe der Selbstherrschaft in den Gang der Zivilprozesse, dies
alte Königsrecht, das mit den Rechtsbegriffen des väterlichen Regi-
ments so innig zusammenhing, hat Friedrich unter dem Einfluß der
neuen Zeit, die in Montesquieu ihren Repräsentanten fand, verzichtet.
Die wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe lag noch vor
Cocceji: ein auf die natürliche Vernunft und die Landesverfassung
gegründetes Landrecht, wie es ein Reformplan vom Mai 1746 verlangt
hatte. Sie war immer in Sicht gewesen; vielleicht war er schon bei der
Kabinettsorder von 1736 beteiligt, 1738 war ihm dann unter den an-
deren Aufgaben der Reform auch diese übertragen. Dies Hauptwerk
seines Lebens sollte nun getan werden. Er stand dem 70. Lebensjahr
nahe, und seine körperlichen Kräfte waren verbraucht. Allein und in
kurzer Zeit wollte er eine Arbeit leisten, die nachher nur in einem
langen Zeitraum und in einem seltsam glücklichen Zusammentreffen
großer Kräfte getan worden ist. Personen- und Familienrecht, Sachen-
und Erbrecht wurden in den nächsten Jahren abgeschlossen und ge-
druckt. Aber mitten in der Ausarbeitung des Obligationenrechtes ent-
sank dem müden Mann die Feder. Sein Werk blieb nur Vorarbeit für
die glücklicheren Schöpfer des Landrechts. Aber so seltsam ist in den
menschlichen Dingen das Schicksal des einzelnen mit dem Fortschritt
des Ganzen gemischt, das über ihn hinweggeht: es war für die preu-
ßische Gesetzgebung ein Glück, daß sein Werk nicht zustande kam. Er
war der rechte Mann gewesen, die Schwierigkeiten der Justizreform
zu überwinden, aber den großen freien Horizont, den die neue Auf-
gabe forderte, hat er nicht gehabt. Mehrere Schwächen lagen in der
von ihm noch geleisteten Arbeit, von denen jede allein für diese ver-
hängnisvoll sein mußte. Er ging von der einseitigsten Bevorzugung
des römischen Rechtes aus. Die nahe Beziehung, welche die Zeit, Leib-
niz voran, zwischen dem römischen und dem natürlichen Recht an-
nahm, ist von ihm überspannt worden. Das Vernunftrecht war für ihn
in allem Wesentlichen durch das Genie der römischen Juristen reali-
siert worden: ihrem Rechte ermangelte nur die systematische Ordnung.
So wollte sein Landrecht die „im römischen Recht versteckten prin-
cipia iuris naturalis hervorsuchen" — hierin nahm er den tiefen Ge-
danken einer Analysis des römischen Rechtes von Leibniz auf, und
aus den Prinzipien, dem Rechtsalphabet von Leibniz, wollte er das
Universalsystem der Rechtsvernunft ableiten. Alles was in den römi-
140 Geschichte der Justizreform bis zum Landrecht
sehen Rechtsquellen zeitlich bedingt war, hatte in diesem System von
Gesetzen keinen Platz: wer dächte hierbei nicht an Semlers ähnliche
Sonderung der jüdischen Vorstellungen von dem vernünftigen christ-
lichen Glauben in der Bibel. Das so gewonnene System sollte der
Deutschen Landesverfassung angepaßt werden. Von den Rechtsgelehr-
ten, die das deutsche Recht „bei den Haaren wieder hervorgezogen
haben", spricht Cocceji abschätzig. So herrschen denn die römischen
Begriffe. Die Vergleichung des Landrechts mit dem Entwurf Coccejis
zeigt leicht an entscheidenden Punkten die Abweichung dieses römisch-
rechtlich gedachten Entwurfs vom Rechtsbewußtsein der Zeit. Hiermit
ist ein zweiter Mangel verbunden. Dies Gesetzbuch jagte der Schimäre
eines allgemeinen Vernunftrechts nach und verkannte völlig die Be-
stimmtheit jedes Rechts durch den Staat und seine Entwicklungsstufen.
Und so wenig als sein Inhalt entsprach seine Form dem Bedürfnis. Es
fiel aus dem Stil des Gesetzes immer wieder in den des Lehrbuchs;
es mischte die römischen Kunstausdrücke in den deutschen Text. Selbst
an dem Maßstab der Zeit gemessen, war Cocceji schon durch seine
Sprache zum Gesetzgeber nicht geeignet.
Eine bedeutende Einwirkung auf das spätere Landrecht ist doch
von diesem Gesetzentwurf ausgegangen in dem Ziel eines gewissen,
die richterliche Willkür ausschließenden Landrechts, in der Methode
einer gedankenmäßigen Gliederung und in den verschiedenen Hilfs-
mitteln, auch in der Zukunft von diesem Recht neue Streitigkeiten fern-
zuhalten.
Der König hatte mit Zuversicht Coccejis Reformwerk verfolgt. So
groß war doch der Eindruck, den der tiefe Menschenkenner in persön-
lichen Verhandlungen von ihm hatte, daß er ihm in dem Vortrag vor
der Akademie nach seiner Intelligenz, seiner unvergleichlichen Ak-
tivität und Rechtschaffenheit einen Platz neben den großen Männern
des Altertums zuerkannte. Wie erhöhte es doch sein königliches Selbst-
gefühl, daß er nach siegreichen Kriegen, nach Erweiterung der Gren-
zen seiner Monarchie nun derselben als Gesetzgeber eine einheitliche
Rechtsordnung gab — wie die römischen Kaiser und Ludwig XIV.,
denen er sich so verwandt fühlte. Damals hat er eine Denkmünze
schlagen lassen, auf der er als Reformator des Justizwesens ganz wie
Ludwig neben der Göttin der Gerechtigkeit erscheint.
Am deutlichsten erhellt aber sein inneres persönliches Verhältnis
zur Justizreform aus der Dissertation über die Gründe, die Gesetze zu
erlassen oder aufzuheben, die er am 22. Januar 1750 in der Akademie
vortragen ließ. Sie gehört zu den geringeren Arbeiten des Königs. Ihr
historischer Teil war schon für einen damaligen deutschen Leser, der
unsere rechtsgeschichtliche Wissenschaft kannte, vielfach rückständig.
Über die Gründe, die Gesetze zu erlassen 141
Und der systematische Teil zeigt ein selbst am Schüler des Voltaire-
schen Stils auffallend loses Gefüge. Schon das läßt vermuten, daß der
König durch eine praktische Tendenz zu der Arbeit bestimmt worden
sei. In der Tat benutzte er auch hier seine Akademie, eine Regierungs-
maßregel zu verkündigen und zu rechtfertigen. Die Initiative der
Justizreform war von ihm ausgegangen. Leitende Gedanken derselben
gehörten ihm an. Wie in der unbeschränkten Monarchie auf den Für-
sten die Verantwortung für alle falschen Regierungsmaßregeln fällt,
so bildete auch jede gelungene einen Teil seines Ruhmes. Als den
„Eroberer-Gesetzgeber" bezeichnete Voltaire den König, und Cocceji
preist ihn als den neuen Salomon. Vom Gefühl dieser Stellung ist der
Vortrag erfüllt.
Er entwickelt die Prinzipien, die für sein Gesetzgebungswerk leitend
gewesen waren; die Bedenken, die von den Männern der vorsichtigen
Praxis geltend gemacht worden sind, erörtert er und unternimmt, sie
zu widerlegen. Dies ist der Zusammenhang, der hinter der wissenschaft-
lich angesehen lose gefügten Gedankenfolge besteht und alle ihre Teile
durchdringt. Das Ergebnis seiner vergleichenden Betrachtung ist: die
Kodifikationen entspringen aus den mannigfachen Bedürfnissen der
Nation, welche bald die Klarheit, Eindeutigkeit und Sicherheit des
Rechtes, bald seine Humanität, bald seine staatsbildende Macht vor-
nehmlich in den Vordergrund stellen. Die Dauer jeder Gesetzgebung
ist abhängig von der Richtung des Gesetzgebers auf das öffentliche
Wohl und die natürliche Billigkeit, wie von der Anpassung seiner Ge-
setze an den Geist seines Volkes und seiner Zeit. Wie der König in
seiner Regierungspraxis es immer betont hatte, so fordert er auch hier
Humanität und Milderung des Drucks auf die unteren Klassen. So er-
scheinen ihm als nötigste Maßregeln die Abschaffung der Tortur, die
Herabsetzung der Strafen auf den Diebstahl und den Kindesmord der
unehelichen Mutter und eine von kirchlichen Gesichtspunkten freie Be-
handlung der Sittlichkeitsvergehen. Sehr bedeutsam ist aber dann der
allgemeine Gegensatz, der hier zwischen den Ideen des Königs und
dem Programm Coccejis zu seiner Gesetzgebung hervortritt. Er be-
trifft eben den Punkt, in welchem Cocceji der Intention des ganzen
Reformwerks nicht genug tat. Der König denkt historisch. Die Theorie
der Gesetzgebung beruht ihm auf dem Studium der Gesetzgebung bei
den verschiedenen Nationen. Auch er hatte von dem naturrechtlichen
Zug der Zeit ein gutes Stück in sich. Aber der ganze Sinn seiner Abhand-
lung ist auf eine Gesetzgebung gerichtet, die dem Geist seines preußi-
schen Volkes und der politischen Ordnung seines Staates entsprechend
sei. Der große Realist war dem Gesetzgebungswerk seines Ministers
überlegen und antizipierte die Richtung des späteren Landrechts.
142 Geschichte der Justizreform bis zum Landrecht
Besonders deutlich tritt aber hier in dem Bilde des historischen Den-
kers ein eigener Zug hervor. Er sieht in der Rechtsgeschichte nirgends
Werden sondern überall Macht. Die absichtliche Zwecksetzung, diese
Form des Vernunftwillens, ist dem Sohn der Aufklärung auch die
innere Form der Rechtsbildung. Das Recht'entsteht aus der Anpassung
des überlegenen Gesetzgebers an den Geist der Nation. Auch nachdem
.die historischen Schulen von Savigny und Niebuhr die Tiefen der
rechts- und staatsgeschichtlichen Vorgänge eröffnet haben, bleibt doch
in der historischen Anschauung des Königs und seinem Verhältnis zur
Gesetzgebung ein Moment von dauernder Geltung. —
Beinah ein Vierteljahrhundert verfloß, bis das Werk einer allge-
meinen Gesetzgebung, das Coccejis Tod unterbrach, wieder in Angriff
genommen wurde. Der Entwurf Coccejis blieb in Ruinen liegen; nur
die Bestimmungen über das Ehe- und Vormundschaftsrecht erhielten
in einzelnen Provinzen Gesetzeskraft. Dies Vierteljahrhundert war er-
füllt von beständiger Wachsamkeit in der äußeren Politik, vielen
Kriegsjahren, mühseliger Wiederherstellung des Landeswohls und der
Finanzen. Dies war indes kaum der einzige Grund. Es ist immer schwer
in der Seele des Königs zu lesen: vielleicht hat Friedrich neben der
begeisterten Zustimmung der Aufklärungsschriftsteller auch von den
Bedenken der Fachmänner Kenntnis genommen, da ja seine eigenen
Gedanken von Cocceji abwichen, und sicher fühlte er, daß die näch-
sten Nachfolger desselben nicht die Männer waren, das Werk zu Ende
2u führen. Ein ganz anderer als sein Vater, kannte er die Natur einer
solchen geistigen Arbeit und wußte sie zu werten. Nach dem Frieden
vom Frühjahr 1779 wandte er sich zunächst wieder der Reform der
Justiz zu; mißtrauisch gegen Gerichte und Advokaten, griff er dann
in den bekannten Prozeß des Müllers Arnold gegen seinen Grundherrn
ein. Sein Mißtrauen gegen die Gerichte kam in einer der stärksten
Explosionen seines Temperamentes zum äußersten Ausdruck, gewiß
in Verkennung des Tatbestandes, aber im Gefühl, der Anwalt der
armen Leute zu sein. Fürst wurde entlassen und sein Gegner C a r m e r
zu seinem Nachfolger ernannt. Und damit war nun die Bahn frei, so-
wohl für Carmers Pläne einer neuen Reform der Prozeßordnung als
für die Wiederaufnahme der Kodifikation.
Endlich waren die Zeiten reif für die Lösung der Aufgabe, an der
drei Könige gearbeitet hatten. In Halle hatte sich eine philosophisch-
juristische Schule gebildet, deren Doktrinen vom Geist dieses Staates
ganz erfüllt waren. Ein Zusammenhang von Rechtsbegriffen war hier
von Wolff ab entwickelt worden, welcher der Gesetzgebung eine Grund-
lage bot. Vornehmlich unter der Einwirkung dieser Universität hatte
sich ein wissenschaftlich geschulter Richterstand gebildet. Die Reform
Neuer Beginn. Universität Halle. Carmer 143
des Justizwesens hatte auch ihn mit dem Gefühl der Würde seiner
richterlichen Tätigkeit erfüllt. Er war vom Geist der Aufklärung und
der preußischen Staatsgesinnung getragen. So war er fähig, in dem
Gesetzeswerk eine leitende Rolle zu übernehmen. Zwischen dem König,
seinen Beamten und dem Volk bestand eine Gemeinsamkeit aufgeklär-
ten Staatsinteresses, wie es in dem damaligen Europa ohnegleichen
war. Daran änderten weder seine explosiven Gewaltakte etwas, noch
die Gegensätze und Intrigen um ihn her. Eben diese Gemeinsamkeit
war das, was dem neuen Gesetzbuch sein eigenstes Gepräge gegeben
hat. Und nun war auch in der Entwicklung unserer Literatur die Prosa
zu der Reife gelangt, deren ein Gesetzeswerk bedarf. Was Cocceji seine
Zeit nicht geboten hat, war für Suarez nun bereit. Lessing, Mendels-
sohn, der junge Kant, Moser — sie alle hatten zu der neuen Prosa ihren
Beitrag gegeben. Ohne Zweifel hatten die Verfasser des französischen
Gesetzwerkes große Vorteile voraus; sie schrieben in einer Sprache,
welche der des römischen Rechtes verwandt war: wieviel leichter war
ihnen die Übertragung dieser technischen Ausdrücke gemacht als den
Verfassern des Landrechts. Aber diese hatten doch einen anderen un-
schätzbaren Vorzug in der Gewöhnung an die pedantische Pünktlich-
keit der Begriffe und Definitionen, wie sie aus dem systematischen
Geiste des deutschen Universitätsbetriebes herstammten.
Und nun waren auch die Personen da, deren das Werk bedurfte. Der
neue Kanzler war durch Geburt und Besitz zur Herrschaft befähigt.
Er kannte die große Welt "und wußte sie zu behandeln. Seine geistige
Bildung war nicht einseitig juristisch, er war mit der englischen und
französischen Literatur vertraut. Sie hatte ihm das Streben eingeflößt
für das Wohl des Menschengeschlechts. Früh war er nun in eine be-
deutende Stellung gelangt. So besaß er den weiten Horizont des Staats-
mannes. Er war immer von großen Gesichtspunkten beherrscht. Und
zur Durchführung seiner leitenden Gedanken einten sich ihm uner-
schütterlicher Mut, der von den unendlichen Schwierigkeiten der Auf-
gabe sich nie schrecken ließ, mit der Lebensklugheit, welche verschie-
dene Könige richtig zu behandeln und bedeutenden Gegnern gegen-
über sich auch durch Nachgiebigkeit im Unvermeidlichen sein Werk
zu retten wußte. Und er wußte die mit ihm Arbeitenden mit seinem
Mut und seiner Begeisterung zu erfüllen.
Dem neuen Großkanzler folgte nach Berlin Carl Gottlieb S u a r e z .
Sein Vater, Ratsherr in Schweidnitz, hatte sein Vermögen im Sieben-
jährigen Kriege verloren und war dann früh gestorben. In engen Ver-
hältnissen, frühreif, arbeitsam, eingezogen durchlief der Jüngling das
Gymnasium in Schweidnitz und die Universität in Frankfurt a. d. O.
Hier hat er unter der Einwirkung des Juristen und Philosophen Darjes
144 Geschichte der Justizreform bis zum Landrecht
sich mit dem naturrechtlichen Standpunkt der Wölfischen Schule er-
füllt. Er war noch nicht zwanzig Jahre alt, als er die Universität ver-
ließ und in Breslau seine Amtstätigkeit begann. Dort trat er in das
Lebensverhältnis zu Carmer, das ihn bald in große Lebensinteressen
und Geschäfte führte und ihm dann 1780 in Berlin die Tätigkeit er-
öffnete, für die er geboren war. Seine Mitarbeit begleitete den ganzen
Verlauf der Entwicklung von Carmers Plan einer neuen Prozeßordnung
bis zu dem Abschluß 1793. Aber erst im Landrecht fand sein juristi-
sches Genie die große einheitliche Aufgabe seines Lebens. Sein Ver-
hältnis, wie er es nun zu Carmer in dem großen Werk der Gesetzgebung
gestaltete, ist demjenigen ähnlich, in dem Süvern später zu W. von
Humboldt gestanden hat. Vor seinem Geist stand immer das Ganze,
und er widmete zugleich jedem Paragraphen die peinlichste Sorgfalt.
In ihm verkörperte sich die Gesinnung dieser aufgeklärten Monarchie
so, wie außer ihm vielleicht nur in Zedlitz. Ihm genügte die unabläs-
sige, tagtägliche, aufreibende Arbeit an dem großen Werk, die Teil-
nahme an den Kämpfen für dasselbe im Interesse der Aufklärung, eine
edle, schlichte Häuslichkeit und der einfache Verkehr mit gleich-
denkenden Freunden. Wenige Jahre nach der Einführung des Land-
rechts ist er gestorben, 1798, aufgerieben von der unablässigen Arbeit.
Neben den beiden tritt unter den Mitarbeitern des Landrechtes Ernst
Ferdinand K l e i n als eine bedeutende Persönlichkeit hervor. Er war
wie Suarez mühsam aus engen Lebensverhältnissen hervorgegangen.
Wie dieser hatte er sich die neue philosophische Jurisprudenz ange-
eignet, und zwar an ihrem Hauptsitz in Halle, und er arbeitete sich wie
Suarez mit eisernem Fleiß empor. Er war von früh auf mit Suarez be-
freundet. Zunächst trat er in den vielgeschmähten und viel gemaß-
regelten Stand der Advokaten ein, und Vorschläge über dessen Ver-
besserung bildeten den Ausgangspunkt seiner schriftstellerischen Tätig-
keit. Denn darin lag nun seine Bedeutung, daß er seit 1781 an dem
Reformwerk mitwirkte, zugleich aber als Schriftsteller die stille,
schwere Arbeit mit der juristischen Welt vermittelte. Umfassende gei-
stige Kultur, lebendige Beziehungen zu den leitenden Männern der
Aufklärung und strenge Jurisprudenz befähigten ihn hierzu. Nach
Abschluß seiner Arbeit 1791 hat er in Halle, von wo seine Studien
ausgegangen waren, nun als Professor und Direktor der Universität
gewirkt und daneben eine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit
entfaltet. 1800 ist er dann Mitglied des Obertribunals geworden und
lebte bis 1810.
[Über das Gesetzbuch hinaus erscheint Suarez als einer der großen
Repräsentanten der friderizianischen Monarchie, die Paladinen gleich
den großen König umgeben, und von seiner umfassenden Ansicht fällt
Suarez. Klein 145
wieder ein Licht auf seine positive Arbeit am Landrecht. Sie bildet den
großen allgemeinen Hintergrund desselben. Jedem von ihnen gibt sein
Beruf ein eigenes Gepräge. Suarez ist die Verkörperung des juristischen
Denkens; er ist erfüllt von dem stolzen Bewußtsein seines Berufs, die
Verwirklichung des Rechts, seine Herrschaft im Staat zu realisieren.
Daher er in der Kontinuität der Rechtsverhältnisse gegenüber der
Französischen Revolution die Pflicht der Monarchie erblickt. Schutz
und Sicherung des Eigentums ist die nächste Aufgabe des Staates;
bestehende Rechte dürfen nicht ohne Entschädigung abgeschafft wer-
den. Ein Gesetz kann wohl mittelbar dem einzelnen Schaden zufügen;
aber es kann nie nutzbare Rechte ohne Entschädigung aufheben. Selbst
in bezug auf die erbuntertänigen Bauern scheint er der Meinung ge-
wesen zu sein, daß der Grund und Boden, der Bearbeitung erfordert,
geschützt werden müsse durch Sicherung der Seßhaftigkeit gegen den
Zug in die Städte. Wie hier erscheint er überall als ein starker Realist.
Den großen Idealen der Revolution, der Verkündigung der Menschen-
rechte, der Hoffnung, daß irgendeine Verfassung der Gewalt dauernde
Grenzen setzen könnte, setzt er die Nüchternheit des praktischen Ju-
risten entgegen. Vor allem aber: dieser Wirklichkeitssinn läßt ihn
darauf bestehen, daß die dem preußischen Staat entsprechende Auf-
gabe die Verwirklichung der bürgerlichen Freiheit sei. Wenn die Na-
tion zum Interesse am Gemeinwohl, zu gesetzlichem Sinn, zur Vater-
landsliebe, zur bürgerlichen Freiheit erzogen sei, dann erst werde sie
reif sein zum Übergang zur politischen Freiheit. An der Realisierung
dieser bürgerlichen Freiheit aber hält er nun unentwegt fest, und nur
gezwungen hat er von deren Forderungen im Landrecht nachgelassen.
Der Monarch muß durch die Gesetze sich selbst einschränken. Die
Nation muß durch die Erziehung zur Aufklärung geführt werden, und
aufs äußerste bekämpft er die Lehre, daß der Bruch des Gehorsams
gegen den König in der Französischen Revolution durch die Aufklä-
rung der Bürger gefördert sei. So eröffnet sich uns ein weiterer Zu-
sammenhang. Die Ideen des Suarez schließen sich an die Abhandlun-
gen von Hertzberg, welche die friderizianische Monarchie verteidigen,
und sie stehen ebenso im Zusammenhang mit Kleins Verteidigung der-
selben gegen Schlosser. Alle drei erfassen den Hauptpunkt. Die un-
umschränkte Monarchie, in der der König sich durch Gesetze be-
schränkt und die bürgerliche Freiheit verwirklicht, ist eine notwendige
Stufe in der Entwicklung Preußens. Notwendig nicht nur zur Lösung
der Aufgabe, inmitten der Großmächte sich aufrechtzuerhalten, son-
dern zugleich — was freilich in untrennbarem Zusammenhang damit
steht —, um ein vom lokalen Geist der Provinzen und durch das Einzel-
interesse der Stände getrenntes Gemeinwesen zu innerer Gemeinschaft,
Geschichte der Justizreform, bis zum Landrecht
zum Staatssinn, zum gesetzlichen Sinn zu erziehen, das Gemeinwohl
und die bürgerliche Freiheit zu verwirklichen. Und so sehen wir, daß
der friderizianische Staat am Schluß dieser Regierung im höchsten
Bewußtsein seiner Kraft, seiner Aufgaben, seiner Bedeutung gelebt hat.
Es ist wenig, was der Geschichtschreiber zu diesem zum Verständnis
noch hinzuzufügen hat. Nicht sein geschichtliches Schicksal, sondern
sein Wille, und zwar der einmütige Wille des Königs und seiner in
der Aufklärung erwachsenen höchsten Beamten, hat die Aufgabe dieses
Staates realisiert. Und damit erreichen wir endlich den Punkt, von
welchem aus das Landrecht unter seinem wahren Gesichtspunkt ver-
standen werden kann. Es war in erster Linie der Ausdruck des Willens,
der Monarchie Einheit im Recht zu geben. Aus dem Selbstgefühl des
neuen Königtums Friedrich Wilhelms I. war zunächst dieser Wille er-
wachsen, ganz ebenso wie das in der Gesetzgebung Ludwigs XIV. und
Colberts der Fall war. Dann aber vertiefte sich die Aufgabe dazu, dem
Geist dieses Staates eine objektive Gestalt in einer einheitlichen Gesetz-
gebung zu geben.]
Die Männer, welche das Werk durchführten, waren getragen von
denselben Grundüberzeugungen und standen in dem schönsten persön-
lichen Verhältnis zueinander. Dies war ein wesentlicher Grund für
die Kraft und Einheit ihres Werkes. Auch das höhere Beamtentum
dieser Tage ist herausgewachsen aus dem abgemessenen, abgestuften,
förmlichen gegenseitigen Verhalten der Zeit, in welcher die Berufs-
gliederung das persönliche Verhältnis bestimmte. Und nun brachte die
freie Menschlichkeit der Aufklärungszeit eine Gemeinschaft hervor,
die aus dem Bewußtsein entsprang, gemeinsam an dem Fortschritt
der Menschheit zu arbeiten. Gerade Carmer lebte in diesen Überzeu-
gungen, und sein Blick war immer auch dem allgemeinen Fortschreiten
der politischen Ideen in den leitenden Kulturländern zugewandt. Nicht
die inneren Probleme des Seelenlebens, die Diskussion über sie bilden
das Band, das diese Beamtengesellschaft, in der auch Zedlitz eine her-
vorragende Rolle spielte, verknüpft. Es ist die Gemeinsamkeit der Auf-
klärungsidee, die Arbeit an ihrer Verwirklichung, worauf diese uner-
schütterlichen Verhältnisse beruhen. Sie gibt diesen Männern das frohe
Bewußtsein des Zusammenwirkens, ihr sicheres Vertrauen zueinander,
und sie schafft ihnen in ihrer schweren Arbeit eine eigene gelassene
Heiterkeit. Feste Familienverhältnisse umgeben sie. Und eben aus
ihrer tiefen Sicherheit im Gewissen und aus ihren aufgeklärten Über-
zeugungen entspringt eine Seelenverfassung, die später Fichte als die
Freudigkeit des Rechttuns bezeichnet hat.
Ein Ausdruck dieses Bewußtseins von Gemeinschaft im Beamtentum
der Aufklärung war die Mittwochsgesellschaf t, welche eben in derZeitder
Zusammenhalt der Mitarbeiter. Mittwochsgesellschaft ^47
Arbeit am Landrecht 1783—1800 in Berlin bestand und der Suarez und
Klein angehörten. Sie bestand vornehmlich aus hohen Beamten, leitenden
Geistlichen und Schulmännern und einigen Aufklärungsschriftstellern.
Man wollte mit vollkommener Sicherheit und Offenheit sich aussprechen,
und so durften die Aufsätze, die innerhalb der Gesellschaft verlesen
und besprochen wurden, niemandem außerhalb der Gesellschaft mitge-
teilt werden. Den Hauptgegenstand der Diskussion bildeten die Pro-
bleme des Staates, des Rechts, der Religiosität. Hier hat auch Suarez
prinzipiell bedeutende Fragen behandelt, die bei der Arbeit am Land-
recht hervortraten. Wer wüßte nicht, welche Kraft für die eigene Ar-
beit aus solcher Gemeinschaft erwächst! Ein merkwürdiges Dokument
des Geistes dieser Gesellschaft ist uns in acht Gesprächen E.F.Kleins
über die Beschlüsse der Französischen Nationalversammlung erhalten.
Sie sind eine ideale Nachbildung der Personen, die hier vereinigt
waren, ihrer Art zu debattieren. In der Aufklärung war für all diese
Männer der gemeinsame Boden. Während sie alle in Geschäften ver-
einigt sind durch das politische Gefüge, in dem sie ihren Beruf erfül-
len, sprechen sie hier sich in der völligen Freiheit aus, die das gegen-
seitige Vertrauen ihnen gab. Da sieht man denn die Hauptrichtungen,
die sich in den nächsten Dezennien der preußischen Geschichte geltend
machen sollten, schon hier bei der Beurteilung der Französischen Revo-
lution im engsten Raum zum Ausdruck kommen. Die Möglichkeiten
der weiteren Entwicklung des preußischen Staates werden erwogen.
So außerordentlich günstige Bedingungen waren in diesem Beamten-
tum für die Verwirklichung des großen Werkes vorhanden. Cocceji
hatte allein, unter dem Druck der Eile gearbeitet; das Zusammenwir-
ken, wie es nun zwischen diesen Menschen in einem langen Zeitraum
bestand, machte die Verbindung der geschlossensten Zusammenarbeit
mit der gewissenhaftesten Durchbildung des einzelnen möglich. Die
Werkstätte ihrer gemeinsamen Arbeit war das Palais an der Königs-
brücke, das Carmer bewohnte ; in dieses nahm er Suarez auf, und dieser
hat fünfzehn Jahre hindurch da mit ihm gewohnt. Auch Klein fand
dann dort Platz. Es bezeichnet das menschlich freie Verhältnis des
Großkanzlers zu den beiden Arbeitsgenossen, wie sie ihn regelmäßig
auf seinen Ausfahrten begleiten oder in seinem einfachen Landhaus
in Steglitz und in dessen ländlicher Umgebung die großen Fragen der
Gesetzgebung mit ihm besprachen. Suarez selbst schildert den Arbeits-
plan, von dem er ausgeht. Die von den Ufern des Rheins bis an die
russischen Grenzen sich ausbreitenden preußischen Staaten, die im
Verlauf von drei Jahrhunderten unter dem Zepter des Hauses Branden-
burg vereinigt worden waren, verschieden wie sie in Verfassung, Rech-
ten und Gewohnheiten waren, sollen nun ein gemeinsames Gesetzbuch
148 Geschichte der Justizreform bis zum Landrecht
erhalten. Es kann kein naturrechtliches Ideal aussprechen, sondern
muß den Sitten, dem Charakter, den Gewohnheiten und Geschäften
des Volkes sich anpassen. Der unter diesen gegebenen Umständen
höchstmögliche Grad von Wohlfahrt muß sein Ziel sein. Das Natur-
recht bietet ihm die Prinzipien, und das römische Recht, das fast in
allen Provinzen subsidiäre Geltung hat, wird in seinen Rechtssätzen
und Rechtsbegriffen das juristische Instrument der Arbeit. Die Ein-
heit des Gesetzgebungswerks, das so entstand, war darin begründet,
daß das Naturrecht auf dem römischen Recht beruhte und auch das
gemeine Recht von ihm aus sich gebildet hat. Die Ergänzung dieses
Gesetzbuches sollte dann in der Zusammenfassung der Gesetze der
einzelnen Landesteile, die Gültigkeit behielten, zu besonderen Gesetz-
büchern liegen. So sollte das ganze Gesetzgebungswerk aus zwei Teilen
bestehen, dem allgemeinen Gesetzbuch und den einzelnen Landesgesetz-
gebungen; diese sind dann nicht zustande gekommen.
Diesem Plan entsprach die Methode der Ausarbeitung. Man sah sich
zunächst nach einer Hilfskraft für einen Auszug aus den justinianischen
Rechtsbüchern um. Die Arbeit ist dem hervorragenden Juristen Schlos-
ser, dem Schwager Goethes, angetragen worden. Er war ein Gegner
des Planes einer solchen Kodifikation, im Sinne der späteren histo-
rischen Rechtsschule erkannte er wohl die Aufgabe, aus dem römi-
schen Recht die in ihm verborgenen Grundbegriffe herauszuheben,
er war geneigt, in seinen Einwendungen, mit Muße und in freien Ver-
hältnissen dafür zu arbeiten: aber er konnte sich nicht entschließen,
nach Berlin überzusiedeln. Die Arbeit ist dann von untergeordneten
Kräften in wenig zureichender Weise geleistet worden, Savigny hebt
nachdrücklich hervor, wie nachteilig das für das Landrecht geworden
ist. Schließlich war doch die damalige Jurisprudenz für die Lösung
dieser Aufgabe überhaupt noch nicht reif. Erst von Savigny bis zu
der Analyse Iherings konnte diese Vorarbeit geleistet werden. Und
eine ähnliche für das deutsche Recht dem Landrecht zugrunde zu
legen, daran war nun damals gar nicht zu denken. Dies waren die
beiden wissenschaftlichen Schranken des Landrechts, daß erst das
Deutsche Bürgerliche Gesetzbuch auf erweiterter wissenschaftlicher
Grundlage arbeiten konnte.
Die Arbeit selbst ging von dem geltenden Rechte aus: „das Volk
hat seit Jahrhunderten Gesetze; es ist gewohnt, seine Handlungen
danach einzurichten und sich danach beurteilen zu lassen. Also sollen
für es nicht sowohl neue Gesetze erfunden, als vielmehr nur die bereits
vorhandenen gesammelt und verbessert werden." Wo eine Abände-
rung oder nähere Bestimmung erforderlich schien, gaben die ersten
Entwürfe, die Klein anfertigte, die Motive hierfür an. Und in dem
Römisches Hecht und geltendes Recht 14g
weiteren amtlichen Verlauf des Gesetzgebungswerks, das sich an die
Umarbeitung des Kleinschen Entwurfs durch Suarez als die eigent-
liche Grundlage der Gesetzgebung anschloß, der Begutachtung durch
die Gesetzgebungskommission, der Revision durch Suarez, dem Vor-
trag beim Großkanzler werden immer die neuen Gesetze mit dem gel-
tenden Recht verglichen, und die Abweichungen werden diskutiert.
Man bemerkt dabei nur selten eine Auseinandersetzung mit Coccejis
Entwurf und neben dem Rückzug auf das römische Recht die Be-
nutzung der Jurisprudenz der Zeit. An wichtigen Punkten hat Carmer
eigene Entwürfe aufgestellt.
Coccejis Gesetzbuch war den Justizkollegien, Fakultäten und Land-
ständen vorgelegt worden. Jetzt ging man weiter. Die Vorerinnerung
des neuen Entwurfes forderte die „philosophischen Rechtsgelehrten"
des Inlandes und des Auslandes zur Kritik desselben auf. Hervor-
ragende Sachverständige wurden besonders um ihr Gutachten ersucht.
Zwei Preise wurden ausgesetzt. Auch hier wurde als Maßstab der Be-
urteilung Vernunftmäßigkeit und Billigkeit der Rechtsbestimmungen
herausgehoben. Dies Verfahren und seine Begründung, daß in einer
für das ganze Publikum so wichtigen Angelegenheit auch seine Stimme
vernommen werden müsse, fand begeisterte Aufnahme.
Unter den schriftstellerischen Äußerungen waren die von Pütter,
Schlosser und Mirabeau die bedeutendsten; sie repräsentieren die vor-
nehmsten Stimmen der öffentlichen Meinung.
Es ist klar, daß ein Gesetzbuch, das seinen begrifflichen Zusammen-
hang sucht in der gegenseitigen Verpflichtung des Staates und seiner
Bürger zur Realisierung des gemeinen Wohls, auf den Widerstand aller
derjenigen Elemente stoßen mußte, die ihren Vorteil in der Konser-
vierung des uneingeschränkten Absolutismus und der ständischen Un-
gleichheit des ancien régime fanden und den Bestrebungen der Auf-
klärung, die der individuellen Freiheit den Weg brachen, sich wider-
setzten. Am 20. März 1791 hatte der König das Publikationspatent
vollzogen. Mit dem 1. Juni 1793 sollte das Gesetzbuch in Kraft treten.
Im Frühjahr 1792 setzte der Kampf ein. Die Verhältnisse hatten sich
zugunsten der politischen und religiösen Reaktionäre gewandt. „Auf
zufällige Umstände und Konjunkturen" kam leider außerordentlich
viel an, wie Suarez im Juni dieses Jahres an einen Freund seines Wer-
kes schrieb. Der König war über das Verhalten des Kammergerichts
in dem Prozeß gegen den Pastor Schulz auf das äußerste erbittert. Die
„Justizbedienten" schienen ihm einen Ton anzunehmen, der ihm gar
nicht gefiel; „es ist beinahe, als ob sie eine Art von Parlament vor-
stellen wollten, welches ihnen nie gestatten, sondern sie bei aller Ge-
legenheit derbe auf die Finger klopfen werde, wofern sie sich nicht
150 Geschichte der Justizreform bis zum Landrecht
solches bald abgewöhnen". Der Widerwille des Königs gegen eine
Selbständigkeit der Rechtspflege, die seine Stellung als höchster Rich-
ter tangierte, seine Eingriffe in das Verfahren aufhob, erfuhr durch
die Zeitereignisse eine Stärkung. Am 20. April hatte Louis XVI. in
der Nationalversammlung den Krieg gegen Deutschland proklamieren
müssen. Als nun noch in den letzten Tagen dieses Monats die öster-
reichischen Waffen glücklich fochten, lebte die Hoffnung, die Revo-
lution allgemein zu unterdrücken, auf. Da wagten sich auch in Preußen
die heimlichen Widersacher des Gesetzbuches vor. Der Regierungs-
präsident von Küstrin berichtete von Unruhen der Landbevölkerung,
die die neuen Freiheiten kennenlernen wollte. Die Bauern erklärten,
zu größeren Leistungen an die Gutsherrschaft als das Gesetzbuch vor-
schriebe, nicht verpflichtet zu sein. Die ständische Kommission zur
Begutachtung des Gesetzbuches beantragte, bis zur Einführung der
beabsichtigten Provinzialgesetzbücher die Dispositionen des neuen Ge-
setzbuches nicht zur Anwendung zu bringen. Unter diesen Umständen
hatte der Minister für Schlesien, von Dankelmann, sowohl ein per-
sönlicher Widersacher des Großkanzlers als politisch ein Anhänger
des ancien régime, beim König Erfolg mit dem Vorschlag auf Sus-
pension. Am 18. April erging eine Order des Königs an den Groß-
kanzler, die das Gesetzbuch bis auf weiteres suspendierte. Man scheute
sich, das Kind beim rechten Namen zu nennen. Der Grund, den Dankel-
mann in seinem Antrag geltend gemacht hatte, wurde auch Carmer
eröffnet: Das Publikum habe sich noch nicht genug mit dem Inhalt
des Gesetzbuches vertraut machen können. Ein Scheingrund! Und Car-
mer erklärt mit stolzer Offenheit in seinen Gegenvorstellungen an den
König: ,,Ich bin völlig überzeugt, daß alle Insinuationen, welche Ew.
Kgl. Maj. gegen das Gesetzbuch gemacht worden, von einigen wenigen
mit einer aristokratischen Regierungsform schwanger gehenden Köpfen
herrühren, denen daran gelegen ist, die Sache erst zu verschieben,
dann nach und nach zu untergraben und solchergestalt ihre eigenen
Pläne und Anmaßung der gesetzgebenden Macht zur Reife zu bringen."
Mit Schärfe und Zähigkeit haben Carmer und Suarez um ihr Werk
gekämpft. Zunächst ohne Erfolg. Eine abermalige Order vom 5. Mai
hielt die Suspension auf unbestimmte Zeit aufrecht. Die nächste Auf-
gabe der Gesetzgeber war, die Scheingründe ihrer Gegner zu besei-
tigen. Ihr diente der von Suarez verfaßte „Unterricht über die Ge-
setze", der Anfang des Jahres 1793 herauskam. Die Brauchbarkeit dieses
Buches für den Zweck, sich mit dem neuen Gesetzbuch vertraut zu
machen, wurde überall anerkannt. Trotzdem wäre das Schicksal des
Gesetzbuches mit der fristlosen Suspension besiegelt gewesen. Da
brachte der Erwerb Südpreußens durch die Teilung Polens eine glück-
Kampf um die Einführung 151
liehe Wendung. Bei der Einführung preußischer Rechtsverhältnisse
für die neue Provinz dachte man an das Carmersche Gesetzbuch. Es
war Dankelmann selbst, der die Einführung gewisser Partien desselben
neben dem allgemeinen Recht empfahl. In der allmählichen Steige-
rung der Gegenvorschläge Carmers beantragt dieser schließlich, den
Richtern Südpreußens das Gesetzbuch in die Hand zu geben und bil-
ligt Dankelmanns Vorschlag, für das Volk eine polnische Übersetzung
zu autorisieren. Nun ist endlich die Sache so weit, daß mit offenem
Visier gekämpft werden muß. Der alte Grund, daß das Volk mit den
neuen Gesetzen noch nicht genügend vertraut sei, hat für Südpreußen
keine Kraft. Denn hier muß sich unter allen Umständen der Unter-
tan an neues Recht gewöhnen. Zum ersten Male eröffnet Dankelmann
ehrlich seine Bedenken gegen das Carmersche Werk. Die Suspension
sei hauptsächlich wegen der im Gesetzbuch enthaltenen „passus, welche
mehr auf das Staatsrecht als Privatrecht gehen", erfolgt. Das Ver-
hältnis zwischen Staat und Untertanen sei in einer für die Krone be-
denklichen Weise festgelegt. „Nur vom Gesetz, d. h. von ergehenden
Ge- und Verboten, nicht vom Recht müsse der Staatsbürger Kenntnis
haben." Schließlich empfiehlt Dankelmann eine Revision des Gesetz-
buches, dessen großen Nutzen er an sich gar nicht verkennt. Man
sieht: Dankelmann ist recht eigentlich der Vertreter einer konservar
tiven, absolutistischen Staatsanschauung. Die Wöllner, Bischofswerder,
Goldbeck, der Chefpräsident des Kammergerichts, die dem Orden der
Rosenkreuzer angehören, unterstützen das kirchlich-reaktionäre Mo-
ment der Opposition gegen das Landrecht. In Verbindung mit diesen
Männern, die leider eine häßlich vergiftende Sprache gegen den alten
Carmer führen, weiß nun Dankelmann den König zu bestimmen, dem
Großkanzler eine Revision des Gesetzbuches anzubefehlen. Carmer und
Suarez geben die Hoffnung bis zum letzten Augenblick nicht auf,
die Reinheit ihrer Schöpfung unverletzt zu erhalten. Carmer bittet um
bestimmte Angaben der anstößigen Stellen, natürlich in der Absicht,
diese aufs äußerste zu verteidigen. Und während Goldbeck für den
Gebrauch des Königs diese Stellen moniert, läßt er Carmer in einer
kgl. Order scharf antworten, daß die wegzulassenden Stellen ihm als
Rechtsgelehrten und Verfasser genügend bekannt sein müßten. Die
Denkschrift Goldbecks vereinigte nun die Bedenken der politischen
und kirchlichen Reaktion. Der § 6 der Einleitung über die Machtr
sprüche wird als der verwerflichste bezeichnet. Er sollte fallen, im
Zusammenhang mit ihm die Terminologie des § 7 und 9 der Ein-
leitung, sowie der § 528 und 529, die den Terminus Machtspruch ge-
brauchten, geändert werden. Das Wort Bürger wollte Goldbeck nicht
dulden wegen der damit verbundenen Nebenbegriffe. Schließlich wurde
D i l t h e y , Gesammelte Schriften XII II
152 Das Preußische Naturrecht
Einspruch erhoben gegen die Ausdehnung der Ehe zur linken Hand
und gegen das Verbot des Mißbrauchs religiöser Handlungen zu Zau-
berei und Gespensterbannen, namentlich wenn damit sektiererische
Nebenzwecke verbunden sind. Carmer war nun vor die Entscheidung
gestellt, das Ganze fallen oder sich die Verstümmelung gefallen zu
lassen. Nun ist es sein Rat Suarez, der den zähen Kampf bis zum letzten
nicht aufgeben will. Er verteidigt Dankelmann gegenüber noch ein-
mal ausführlich sein Werk. „Es enthalte nichts, als was Preußens Mon-
archen von Despoten unterscheide, die sie nie hätten sein wollen."
„Diejenigen, welche behaupten, es stehe auf den Prinzipien der fran-
zösischen Konstitution, ließen im blinden Eifer die Konstitution dem
Gesetzbuch vorausgehen." Mit gleicher Energie verteidigte er die un-
politischen Partien, an denen Anstoß genommen wurde. Es war um-
sonst. Als im Laufe der Verhandlungen Carmer endlich die Bedenken
spezifiziert wurden, versuchte er auf den Wunsch seines treuen Rates
eine neue Formulierung der Paragraphen. Er fand damit kein Ge-
fallen. Seine Gegner verlangten die sachliche Verwandlung. Und als
schließlich eine wieder von Goldbeck diktierte Order die Revision
innerhalb bestimmter Frist anbefahl, gab man den Widerstand im
Interesse des Ganzen, dessen geistiger Gehalt durch diese Exstirpation
doch nicht zu töten war, auf. Satz auf Satz wurde von Suarez im
Staatsrat verlesen und verteidigt und bis auf die inkriminierten an-
genommen. Am 1. Juni 1794 erfolgte die Publikation des Gesetzbuches
unter seinem neuen Titel als Landrecht. Ein heimlicher Angriff, den
die märkischen Stände wenige Tage danach nochmals eröffneten, blieb
nunmehr ohne Folgen.

ZWEITES KAPITEL
DAS PREUSSISCHE NATURRECHT
Die Begriffe des Naturrechts leben in den Verfassern des Land-
rechts, und sie liegen ihm zugrunde. Das Landrecht hat es nicht mit
der Natur der moralischen Person, nicht mit dem psychologischen
Wesen der Handlung oder mit dem Umfang der Naturrechte zu tun,
sein Inhalt ist politisches Recht. Andererseits ist es nicht Darstellung
eines solchen, sondern Gesetzgebung. Jeder Satz ist durch seine ord-
nungsmäßige Veröffentlichung Vorschrift für die Untertanen dieses
preußischen Staates. Aber in allen Teilen dieser gesetzlichen Vorschrif-
ten machen sich als Voraussetzung, als Terminologie, als verbinden-
der Geist die naturrechtlichen Sätze bemerkbar. Die klare deutsche
Terminologie des Landrechts über „äußere freie Handlungen", Ver-
Publikation. Naturrecht als Grundlage 153
bindlichkeit, die Grade der Zurechnung ist in der Arbeit der narur-
rechtlichen Schule Wolffs erworben. Im Landrecht findet dann der
Satz über die allgemeinen Rechte des Menschen seinen Platz, der eine
Zusammenfassung der naturrechtlichen Bestimmungen ist: „Die all-
gemeinen Rechte des Menschen gründen sich auf die natürliche Frei-
heit, sein eigenes Wohl ohne Kränkung der Rechte eines anderen
suchen und befördern zu können." [Das Naturrecht der modernen Zeit,
das im Landrecht zum Ausdruck kam, hat seine mächtigste Wirkung
geübt durch seinen Grundgedanken, durch den der Ausgangspunkt
von Recht und Staat in die Individuen verlegt wurde. Schließlich be-
ruhte dies auf der Umwälzung der Ideen, welche in der Verbindung
der christlichen und germanischen Anschauung vom Unabhängigkeits-
wert der Person entstanden waren. Im Christentum war diese Unab-
hängigkeit bedingt im religiösen Erlebnis, im Germanentum in der
mächtigen Selbständigkeit der Person. Das war der Keim für eine
Entwicklung, die dann in der Doktrin der Menschenrechte dem ganzen
modernen Verfassungsleben zugrunde liegt. Die Formel für die recht-
liche Darstellung dieser Idee war die naturrechtliche Ableitung des
öffentlichen Rechts aus dem Vertrag, und diese war die notwendige
Konsequenz der Konstruktion des Rechtes von der Einzelperson aus.]
Im Vertrag vereinigt sich eine Anzahl Menschen zu einer Gesell-
schaft, welche die öffentliche Wohlfahrt zum Zweck hat, und es kann
dann die so entstandene Regierungsgewalt, die zunächst allen Bür-
gern zusteht, durch den Unterwerfungsvertrag einer aus wenigeren
Personen bestehenden Obrigkeit unter bestimmten Bedingungen über-
tragen werden. Der Staat ermöglicht dann das erzwingbare Recht, auf
dem seine innere Sicherheit beruht. So gründet sich nach dem Land-
recht die Ehe auf einen Vertrag, der für einen bestimmten Zweck
geschlossen ist. Ebenso beruhen die Gesellschaften auf dem Vertrag.
Es sind Verbindungen von Mitgliedern des Staates zu einem gemein-
schaftlichen Endzweck, von den erlaubten unterscheiden sich die privi-
legierten oder Korporationen. Unter das Recht dieser Gesellschaften
fallen alle die geduldeten oder privilegierten Kirchen. Aus dieser Unter-
ordnung folgt, daß das Landrecht, wie das Naturrecht, auch sie juristisch
aus dem Gesellschaftsvertrag konstruiert. Und der Staat selber? Suarez
bezeichnet ausdrücklich als die Grundlage der landrechtlichen Auf-
fassung des Staates den Vertrag. Daß das neue Staatsrecht den Staat
auf den Gesellschaftsvertrag gründen müsse, ist für ihn eine unantast-
bare Wahrheit. Indem er nun hierin mit Rousseau und der französi-
schen Nationalversammlung übereinstimmt, bestimmt er dann den
Zweck des Vertrags und des auf ihm gegründeten Gemeinwesens um-
fassender, als jene es taten. Er schließt sich in diesem entscheidenden
154 Das Preußische Naturrecht
Punkte an Wolff und seine Schule an. Der Anlaß, in Staatsverbin-
dungen zu treten und die vereinigten Kräfte der Gesellschaft in die
Hände des Regenten gleichsam niederzulegen, mag die Sicherheit der
Person und des Eigentums gewesen sein. Aber der Zweck, den die
Staatsgewalt zu realisieren übernimmt, reicht weiter, er liegt im all-
gemeinen Wohl des Gemeinwesens und seiner Teile. Aus diesem Zweck
erklärt sich die Hingabe von Einzelrechten im Interesse der Steige-
rung der Glückseligkeit der Gesellschaft, die Übertragung von Pflichten
an sie. Dieser Gesellschaftsvertrag ist ihm, wo er ihn als Grundlage
des Landrechts anerkennt, nicht als historisches Faktum gewiß, son-
dern als Grundlage der juristischen Konstruktion. In demselben Sinn
geht auch Klein von der Vertragslehre aus. Und da das Landrecht
positives Recht eines bestimmten Staates ist, so treten zu ihm alle im
Lauf seiner Geschichte entstandenen Verträge, erteilten Rechte und
Privilegien hinzu. Jedes Rechtsverhältnis, in dem Gemeinschaften ge-
gründet sind, setzt einen Vertrag voraus. Gegenseitige Verpflichtung
ist die Grundlage jeder Gemeinschaft, jeder Rechtsbeziehung des ein-
zelnen zu ihr und der einzelnen wie der Gemeinschaften zum Staat.
Die Festlegung von Rechtsgrundsätzen für jedes Lebensverhältnis und
die Begründung derselben auf eine im Staatszweck festgelegte Be-
ziehung der Rechte auf Pflichten, der Pflichten auf das allgemeine
Wohl; dies ist das Ziel, das die Gesetzgeber des Landrechts sich ge-
stellt haben.
Der Entwurf selbst enthält in seiner Vorerinnerung eine merkwürdige
Anwendung der Lehre vom bürgerlichen Vertrag: die Prüfung der
in ihm vorliegenden Gesetzesvorlage durch einen Ausschuß von Kol-
legien und Ständen und die Annahme durch diesen wird als ein Ver-
trag zwischen der Krone und den Repräsentanten des Landes auf-
gefaßt. „Der bürgerliche Vertrag, dieser von den Weltweisen mit men-
schenfreundlichem Witz erfundene Grund des Gehorsams gegen die
Gesetze, wird alsdann etwas mehr sein als eine schöne Hypothese."
Darin besteht die historische Bedeutung des Landrechts im Vergleich
zu den anderen Gesetzgebungen vor ihm, daß es nicht den konkreten
geschichtlichen Verhältnissen gegenüber ein Vernunftrecht geltend
macht, sondern die diesem Staat immanente Vernünftigkeit zum Aus-
druck bringen will; in ihr ist dann die Regel des Fortschreitens für
diesen Staat gegeben. Und wenn es von den Verhältnissen eingeengt,
oft hinter dem, was den Gesetzgebern als Ideal vorschwebte, zurück-
blieb, schon im Entwurf, mehr dann noch in der letzten Redaktion:
sie haben doch im hartnäckigen Kampf mit der Regierung Friedrich
Wilhelms 11. diesen Grundzug ihrer Gesetzgebung auch auf dem kirch-
lichen und politischen Gebiet aufrechtzuerhalten gewußt.
Die Vertragstheorie des Naturrechts
Die Lösung dieser Aufgabe ist durch zwei historische Momente be-
dingt gewesen. Die Maßregeln des friderizianischen Staates waren aus
demselben Geiste hervorgegangen, den nun die Gesetzgebung ru zusam-
menhängendem Bewußtsein erhob. Und der dies Preußen unter Fried-
rich erfüllende Geist hatte seine begrifflichen Formeln in dem Natur-
recht und der Jurisprudenz der Universitäten erhalten. Unter diesem
Gesichtspunkt versuchen wir nun das Landrecht selber historisch zu
verstehen. Vor allem enthält die Philosophie Wolffs und seiner Schule
den Schlüssel für das geschichtliche Verständnis des Ideenzusammen-
hangs im Landrecht.
Das Prinzip der Souveränität und das des allgemeinen Wohls haben
sich unabhängig voneinander entwickelt; in dem der Souveränität kom-
men Beziehungen auf andere Gewalten zur Geltung, welche über den
einzelnen Staat und das ihn bestimmende Wohlfahrtsprinzip hinaus-
reichen. So werden in der nachfolgenden Darstellung beide Prinzipien
voneinander getrennt; aber die dargelegte Beziehung beider aufein-
ander, wie sie das Landrecht erfüllt, muß in der Darstellung desselben
immer gegenwärtig gehalten werden. Es ist die Beziehung von Rechten
und Pflichten der Staatsgewalt als der Macht, die Glieder des Staates
durch Zwang zu beherrschen, und des Wohlfahrtsprinzips als des
Zwecks, aus dem alle Machtverhältnisse gerechtfertigt werden.

1. DIE SITTLICHKEIT
ALS DIE GRUNDLAGE VON RECHT UND STAAT
Die juristische Konstruktion von Recht und Staat im Landrecht hat
ihren Hintergrund in einem Gedanken, der tief in den Zusammen-
hang der germanischen und christlichen Ideen zurückgreift. Die Macht
ist nicht Besitz sondern Amt. Im Amt aber sind die Rechte an die
Pflichten gebunden. Die Obrigkeit besitzt daher ihre Rechte zur Er-
füllung ihrer Pflichten. Die sittliche Ordnung ist die Grundlage der
Rechtsordnung. Diese Ideen haben im Naturrecht der auf dem Pro-
testantismus begründeten germanischen Nationen überall ihren Aus-
druck gefunden. Indem sie nun aber in dem Zeitalter der in ganz
Europa sich entwickelnden Selbstherrschaft sich Geltung zu verschaf-
fen suchen, nehmen sie entweder eine oppositionelle Stellung zu dieser
Selbstherrschaft ein, oder es entsteht gleichsam ein Vertrag dieser
beiden großen Kräfte miteinander. Eine solche Vereinigung konnte
nur vollzogen werden, indem die Gegenseitigkeit der Bindung des
Volkes und des Fürsten nicht nur die Begründung in der hinter dem
Recht liegenden moralischen Ordnung fand, sondern auch die Er-
zwingbarkeit der Pflichten des Fürsten im wesentlichen innerhalb der
156 Das Preußische Naturrecht
in den Formen der Selbstherrschaft regierten Staaten beinah voll-
ständig in die moralisch-religiöse Sphäre ihrer Verantwortlichkeit vor
Gott verlegt wurde. Das ist der kritische Punkt in all diesen Systemen:
das Problem, in welchem Umfange diese Erzwingbarkeit auf das Recht
des Widerstandes des Volkes begründet werden dürfe oder der Ver-
lauf auf Erden der göttlichen Zulassung zu überlassen sei und nur
das Bewußtsein des Fürsten von seiner Pflicht und seine Erwartung
des göttlichen Richterspruches die Schranke der selbstherrlichen Ge-
walt sei. Betrachtet man die naturrechtlichen Systeme unter diesem
Gesichtspunkt, dann ist doch billig zu erwägen, daß von jeder Ver-
fassungsform unabhängig es einen Punkt gibt, an welchem das Staats-
recht endigt und die Rechtsverhältnisse zwischen dem Fürsten und
dem Volke der Machtfrage Platz machen.
Unter den verschiedenen Formen, welche die Begründung des öffent-
lichen Rechtes auf eine sittliche Ordnung in der Aufklärungszeit an-
genommen hat, ist nun die bedeutsamste diejenige, die in dem Preußen
Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen sich entwickelt hat
und im Landrecht ihren Ausdruck fand. Es ist für dessen Verständnis
von entscheidender Bedeutung, sein Verhältnis zu dem Naturrecht fest-
zustellen. Die Sittlichkeit als die Grundlage von Staat und Recht ist
bedingt durch die naturrechtliche Ableitung dieser Begriffe aus der
menschlichen Vernunft.
Von der Reformation ab hatte ein sittlich-religiöses Band zwischen
den protestantischen Fürsten und dem Volksganzen wie den einzelnen
Untertanen bestanden. Es war von entscheidender Bedeutung, daß da-
mals dies Verhältnis im Naturrecht eine von der Religiosität losge-
löste allgemeingültige Grundlage erhalten hat.
Thomasius gründet das Verhältnis von Staat und einzelnen auf die
natürlichen sittlichen Pflichten, die in dem germanischen Rechts-
bewußtsein der deutschen Entwicklung gegeben waren. Und das war
von unermeßlichem Einfluß auf die Geschichte des preußischen Rechts,
da von der Staatslehre des Thomasius die Herrschaft dieser Vor-
stellungen auf der Universität Halle ausging. Die Vernunft erfaßt in
uns das Gesetz der Natur. In diesem ist eine Bindung gegeben, die
dem erzwingbaren Rechte voraufgeht, ja eben in dem Bestand dieser
Norm liegt die Voraussetzung für die bindende Kraft des Staatsver-
trages. Unter diesen Normen tritt nun auch das oberste Prinzip des
Rechts auf: unabhängig vom Staatsvertrag und den aus ihm fließen-
den erzwingbaren Rechten hat es seine Geltung. Es verbietet allgemein,
einem anderen das zu tun, wovon wir nicht wünschen, daß andere
es uns tun. In Übereinstimmung mit ihm grenzt das Landrecht die all-
gemeinen Rechte der Menschen ab.
Naturrechtliche Ableitung des Staates. Thomasius
Auf allen Lebensgebieten herrschen solche Prinzipien und Normen,
unabhängig von der Gesellschaft und ihren Anforderungen und vor
derselben. Aber sie sind so vermischt in der Seele des Menschen mit
der Torheit, den Einbildungen und den Leidenschaften, daß sie nicht
die Kraft haben, den äußeren Frieden aufrechtzuerhalten. So muß
durch den Vertrag der Staat geschaffen werden, der durch seine
Zwangsgewalt nach innen in der Rechtsordnung und nach außen mit
den Mitteln des Krieges und der Politik den Frieden aufrechterhalten
kann. Damit realisiert der Staat die Bedingung, deren die Bürger zur
Erreichung ihrer Glückseligkeit bedürfen.
Diese naturrechtliche Theorie löst wie die von Hobbes und Pufen-
dorf das Staatsrecht los von jeder theologischen Lehre; sie verneint
die unmittelbare Übertragung der Staatsgewalt von Gott; sie gründet
deren Recht auf die Vernunft: Aber im Sinne der deutschen Auf-
klärung behauptet sie nach Pufendorf eine natürliche Ordnung der
menschlichen Pflichten, die der Staat nicht schafft, sondern auf der
er selber beruht und aus der seine Rechtsordnung ihren geistigen Ge-
halt schöpft. Sie verweltlicht den Staat, indem sie seinen Zweck im
äußeren Frieden findet, sie sondert zum ersten Male reinlich die sitt-
liche Bindung von dem erzwingbaren Recht, aber in der sittlichen
Ordnung, in der gegenseitigen Verpflichtung erkennt sie das sittliche
Band an, welches von altersher in den germanischen Staaten zwischen
ihren Gliedern, zwischen der Obrigkeit und den Untertanen bestanden
hatte. Und vielleicht das wichtigste, das, was Thomasius am meisten
am Herzen lag, in dem moralische Energie, pietistische Neigung und
der Wille zur religiösen Freiheit so eigen verbunden waren: diese
Theorie ermöglicht die Sphäre der Gewissensfreiheit zu erweitern und
das Recht der Staatshoheit zum Schutz der Mitglieder der Kirchen
gegen die Eingriffe der geistlichen Gewalt im Sinne der religiösen
Freiheit auszudehnen. Thomasius zuerst hat die neue Abgrenzung zwi-
schen den Rechten des Staates, der ihm unterworfenen Personen und
der Kirchen vollzogen. Wenn Pufendorf die Grundlage des Staates in
einem allgemeinen religiös moralischen Glauben gefunden hatte, der
über der Trennung der Konfessionen steht; wenn nun Thomasius er-
kannt hatte, daß der Staat selbst seit dem ihn konstituierenden Ver-
trag vom Bestand eines moralisch religiösen Bewußtseins abhängig
ist, das an die übernommene Pflicht bindet, so ergaben sich aus der
Verbindung dieser Pflicht des Staates mit dem Rechte seiner Unter-
tanen auf Gewissensfreiheit die Sätze : Das Tun und Lassen der Unter-
tanen, das den gemeinen Frieden nicht verhindern noch befördern
kann, ist den Rechten eines Fürsten nicht unterworfen. Wissenschaft-
liche Überzeugung und religiöser Glaube als innerer Zustand eines
158 Das Preußische Naturrecht
Menschen unterliegen keiner Inquisition und dürfen nicht mit Strafe
belegt werden. Treten sie aber in Lehre und Handlung nach außen,
dann findet ihre Duldung eine Grenze an der Störung des äußeren
Friedens, und eine solche Störung liegt auch in jedem äußeren Wirken
für Lehrmeinungen, welche die gemeinen menschlichen Pflichten auf-
heben. So ist der Staat nicht verpflichtet, Atheisten auf seinem Ge-
biet zu dulden. Andererseits darf er sie nicht mit Strafen belegen.
Es ist immer der Staatszweck, der die Abgrenzung der Rechte be-
stimmt. Bei Thomasius ist er prohibitiv: nur Schutz des äußeren und
inneren Friedens. Wolff und seine Schule erweitern den Staatszweck
ganz außerordentlich. Der Staat soll das allgemeine Wohl befördern,
das in der Vollkommenheit aller einzelnen besteht. Die sittliche Pflicht
der einzelnen zur Vollkommenheit wird die Richtlinie der staatlichen
Fürsorge. So erfaßt das Hallesche Naturrecht Wolffs den Geist poli-
zeilicher Bevormundung, wie er dem Staat Friedrich Wilhelms eigen-
tümlich war. Das öffentliche Wohl verpflichtet jeden einzelnen zum
Streben nach eigener Vollkommenheit und Mitarbeit an der Vollkom-
menheit der anderen. Die Machtvollkommenheit des Staates recht-
fertigt sich aus seiner moralischen Verpflichtung im Dienste des all-
gemeinen Wohls. Und diese moralische Verbindlichkeit setzt er sich
selbst als Schranke seiner Macht. Diese Moralgesetze bekommen da-
durch eine objektive Gültigkeit. Die Rechtsidee gewinnt eine Selb-
ständigkeit, welche nun den Fortgang zur Idee des Rechtsstaates mög-
lich machte. Die gegenseitige sittliche Bindung zwischen Staat und
Untertanen, die jenem die Macht als das Fundament eines Amtes
lieh, erwirkt andererseits dem Individuum einen Umkreis von Rech-
ten, die in Korrespondenz zu seinen natürlichen Pflichten stehen. Diese
angeborenen Rechte des Individuums sollen ihm den bürgerlichen
Rechtsschutz, die Gewissensfreiheit sichern. Schließlich setzte sich die
Ausbildung natürlicher Rechte des Individuums in Widerspruch mit
der überlieferten Rechtsordnung der ständisch gegliederten Gesell-
schaft. Sie wirkte nivellierend und bereitete ein allgemeines Staats-
bürgerrecht vor. So führte die sittliche Bindung, der sich die Macht-
fülle des absoluten Staates in diesem Zeitalter der Aufklärung unter-
warf, zu einer natürlichen Selbstüberwindung des Absolutismus.
Das Landrecht steht nun ganz auf dem ethischen Boden dieses
Staatsrechts. In dem Pflichtenverhältnis des einzelnen Individuums
ist das moralische Prinzip gegeben, von dem aus das Landrecht kon-
struiert ist. Am Anfang steht die Pflicht des Individuums zur Voll-
kommenheit. Sie ist die Grundlage seines natürlichen Rechts, sein
eigenes Wohl zu fördern. Dieses Recht wird nur durch die Pflicht
gegen die anderen beschränkt: Die allgemeinen Rechte des Menschen
Wolff. Vorrang der Pflichten 15g
gründen sich auf die natürliche Freiheit, sein eigenes Wohl ohne Krän-
kung der Rechte eines anderen suchen und befördern zu können. Diese
Pflicht gegen die anderen führt von dem Verbot, in die Sphäre der
Verwirklichung der Vollkommenheit bei den anderen einzugreifen,
weiter zu dem Gebot der Unterstützung der anderen. Auch das Ge-
setzbuch enthält dies moralische Prinzip der Pflicht der Mitarbeit zum
Wohle der anderen. Ein jedes Mitglied des Staates ist das Wohl und
die Sicherheit der anderen nach dem Verhältnis seines Standes und
Vermögens zu unterstützen verpflichtet.
Dies Verhältnis von Pflicht und Recht räumt der Pflicht den Vor-
rang ein. Es ist die Pflicht, die jeder- Recht erst moralisch begründet.
Alle Herrschaftsverhältnisse erhalten den Charakter eines Amtes, (da.
ihr Zweck) in die Erfüllung von Pflichten gelegt wird. War dieser
Begriff des Amtes im germanischen Recht und im Christentum be-
gründet, so wird er jetzt hiervon gelöst und aus der Vernunft abge-
leitet.
In dem Staatszweck der Realisierung des Wohles aller sind die
Pflichten jedes Amtes vorgezeichnet. Und wenn nun in diesem abso-
luten Staat diese Aufgabe in letzter Linie vom Selbstherrscher über-
nommen wird, so wird ihr Inhalt, nämlich der Inbegriff dessen, was
zu entwickeln ist, nicht verändert. Der Landesherr hat für Anstalten
zu sorgen, wodurch den Einwohnern Mittel und Gelegenheiten ver-
schafft werden, ihre Fähigkeiten und Kräfte auszubilden und die-
selben zur Beförderung ihres Wohlstandes anzuwenden.
In dieser Übertragung liegt, daß das allgemeine Wohl jedesmal
dem besonderen vorangestellt werden darf. Einzelne Rechte und Vor-
teile der Mitglieder des Staates müssen den Rechten und Pflichten
zur Beförderung des gemeinschaftlichen Wohls nachstehen. So findet
dadurch eine Einschränkung der Rechte des einzelnen statt. Aber sie
ist beschränkt durch den Zweck, den die Übertragung hatte, nämlich
die Entwicklung des einzelnen zur Vollkommenheit darf nicht auf-
gehoben werden. Dies moralische Prinzip sichert dem Individuum eine
vom Staat unabhängige Rechtssphäre, ohne die seine sittliche Frei-
heit und Selbstbestimmung undenkbar wäre: Das Gewissen ist frei!
Die Anerkennung der Gewissensfreiheit ist eine Frucht des Kampfes
um das weltliche Kirchenregiment, das die Toleranz gegen die Kon-
fessionen bedingte, eine Entwicklung, von der im Rahmen der Sou-
veränität die Rede sein wird. Das Landrecht ist erfüllt von dem Be-
streben, die Gewissensfreiheit auf eine gesetzliche Grundlage zu stellen.
Sein kirchenrechtlicher Abschnitt beginnt mit den Sätzen: „Die Be-
griffe der Einwohner des Staates von Gott und göttlichen Dingen, der
Glaube, und der innere Gottesdienst können kein Gegenstand von
ΐ6θ Das Preußische Naturrecht
Zwangsgesetzen sein." „Jedem Einwohner im Staate muß eine voll-
kommene Glaubens- und Gewissensfreiheit gestattet werden", § 1 , 2 .
Über die Privatmeinung seiner Untertanen in Religionssachen darf
der Staat keine Vorschrift geben, er kann keine Angabe darüber for-
dern, zu welcher Religionspartei jemand sich bekenne, sofern nicht die
Gültigkeit gewisser bürgerlicher Handlungen davon abhängt, und nur
Unfähigkeit zu diesen und was aus ihr sich ergibt, darf aus dem Ge-
ständnis abweichender Meinungen folgen. Hiermit ist dem Individuum,
dem Naturrechte entsprechend, persönliche religiöse Freiheit als eine
unantastbare Rechtssphäre gesichert, in welche keine inquisitorische
Frage und kein Strafrecht dringen darf. Auch ist jedem Hausvater
sein häuslicher Gottesdienst frei überlassen. Sobald nun aber Religio-
sität und Gottesverehrung in öffentlichem Gottesdienst nach außen
tritt, machen die Beschränkungen sich geltend, welche das Landrecht,
dem geschichtlich bedingten Tatbestand entsprechend, in der Zulas-
sung und Privilegierung den Kirchengemeinschaften zum Gottesdienst
gelassen hat. Aber darin liegt nun sein bedeutsamer Fortschritt: es
bindet diese nur an die Regel des allgemeinen Wohles, die Anwendung
dieser Regel auf den einzelnen Fall ist offen, und so hatte die Ent-
wicklung zu völliger Gewissensfreiheit in diesem Punkte freie Bahn,
<da die Einschränkung) sonach jederzeit beliebig verschiebbar ist:
der freien Entwicklung in Zulassung aller Sekten mit der Veränderung
der Anschauungen gibt das Landrecht eine rechtliche Grundlage.
Die andere Seite der Gewissensfreiheit des Individuums besteht in
seiner Unabhängigkeit von der Macht der Kirche. Wenn der Staat die
Kirchengewalt seinen Gesetzen unterwirft und durch sie einschränkt,
so sind die Verfasser des Landrechts im Sinne des großen Königs hier-
bei sehr wesentlich von dem Gedanken geleitet, die Gewissensfreiheit
des einzelnen zu schützen. Im preußischen Staate darf niemand wegen
seiner Religionsmeinungen beunruhigt, zur Rechenschaft gezogen, ver-
spottet oder verfolgt werden, II 11, §4. Unter dem Vorwande des
Religionseifers darf niemand den Hausfrieden stören oder Familien-
rechte kränken, § 44. Die Geistlichen müssen sich aller zudringlichen
Einmischungen in Privat- und Familienangelegenheiten enthalten, § 69.
Der Staat schützt vor allem die Mitglieder der Kirchen diesen gegen-
über in bezug auf die Freiheit ihrer persönlichen Überzeugung. Es
war ein großes Ergebnis des Zeitalters der Aufklärung, in welchem
immer mehrere von dem positiven Kirchenglauben sich loslösten, daß
der Staat sie der Kirchenregierung gegenüber in dieser ihrer religiösen
Stellung schützte. „Keine Kirchengesellschaft ist befugt, ihren Mit-
gliedern Glaubensgesetze wider ihre Überzeugung aufzudringen", II 11,
§ 45· „Wegen bloßer von dem gemeinen Glaubensbekenntnisse ab-
Gewissensfreiheit l61
weichender Meinungen kann kein Mitglied ausgeschlossen wer-
den", § 55.
Die Religionsfreiheit ist endlich abhängig von der Art, wie die
Geistlichen an eine religiöse Norm gebunden sind. Zwei Momente müs-
sen an diesem Punkt zusammenwirken. Die Geistlichen und mit ihnen
die Gemeinden dürfen nicht abgesperrt werden von den Ergebnissen
der Wissenschaft, und die Gemeinden müssen vor Eingriffen der Geist-
lichen in ihrem Glauben geschützt werden. Seitdem die Wissenschaft
nicht nur die Glaubensbekenntnisse in Frage stellte, sondern auch das
Wort Gottes, das in der Bibel enthalten ist, aber schon nach Luther
mit ihr sich nicht deckt, in seiner Abgrenzung ganz unsicher machte,
seitdem so Glaube ganz verschiedener Art in den Gemeinden selbst
nebeneinander stand, wurde in der protestantischen Kirche eine Lö-
sung dieses Problems innerhalb der bestehenden Kirchenverfassung
unmöglich. Sie hätte nur annähernd glücken können, wenn die Ge-
meinden als die eigentlichen Kirchen, die Träger eines religiösen Glau-
bens anerkannt worden wären. Wir werden noch sehen, daß im Natur-
recht ein solcher Rechtsbegriff vorbereitet war; auch das Landrecht
enthält Ansätze der Entwicklung in einer solchen Richtung. Aber an
diesem entscheidenden Punkte geht es doch von den objektiven Nor-
men einer Religionspartei aus. Das Prinzip, welches das Landrecht
für den Lehrvortrag der Geistlichen aufstellt, ist: „In ihren Amtsr
vorträgen, und bey dem öffentlichen Unterrichte, müssen sie, zum
Anstoße der Gemeine, nichts einmischen, was den Grundbegriffen ihrer
Religionspartey widerspricht. In wie fern sie, bey innerer Überzeu-
gung von der Unrichtigkeit dieser Begriffe, ihr Amt dennoch fort-
setzen können, bleibt ihrem Gewissen überlassen", § 73—74. Die Ver-
fasser des Landrechts überließen die Handhabung dieser Norm der
geistlichen Lehre einer gemäßigten, aufgeklärten, mit dem Staat in
Zusammenhang stehenden kirchlichen Leitung. Hierdurch war eine im
ganzen befriedigende Lösung gegeben. Sie waren zugleich überzeugt
von der Fortdauer einer solchen Gesinnung in der Kirche. Da sich
dieser Optimismus der Aufklärung als trügerisch erwiesen hat, kann
innerhalb privilegierter protestantischer Kirchen die Religionsfreiheit
doch nur gewahrt werden durch die Verselbständigung der Gemeinden.
Geschieht dies nicht, so bleibt nur die völlige Freiheit in der Bildung
neuer religiöser Gemeinschaften übrig. Historisch, unter den Bedin-
gungen der Aufklärung angesehen, enthielt auch hier das Landrecht
die Formulierung einer dem Fortgang der Religionsfreiheit und der
Aufklärung günstigen Praxis.
Gerade an dieser Stelle, an dem Schutz, den der Staat dem Indivi-
duum gegen kirchliche Gewalten zuteil werden läßt, tritt das reine
IÖ2 Das Preußische Naturrecht
Pflichtverhältnis, in dem der Staat zu den einzelnen steht, deutlich
hervor. Und es liegt in der Lehre von der Übertragung staatlicher Ge-
walt, daß das Verhältnis von Pflicht und Recht nicht verändert wird,
auch wenn es im Staatsoberhaupt sein Subjekt hat. Auch für den Für-
sten sind die Rechte da zur Erfüllung seiner Pflicht. In ihm als dem
Oberhaupt vereinigen sich alle Rechte und Pflichten des Staates. Seine
vorzügliche Pflicht ist, sowohl die äußere als innere Ruhe und Sicher-
heit zu erhalten und einen jeden bei dem Seinigen gegen Gewalt und
Störungen zu schützen. Der Monarch hat seinen Untertanen Mittel und
Gelegenheit zu verschaffen, ihre Fähigkeiten und Kräfte auszubilden.
Und in einem besonderen Paragraphen des Landrechts werden die
Rechte des Staates ausdrücklich als die Bedingung seiner Pflichterfül-
lung hingestellt: „Dem Oberhaupt im Staate gebühren daher alle Vor-
züge und Rechte, welche zur Erreichung dieser Endzwecke erforder-
lich sind." So wird auch das Imperium zu einem Amt. Es entspricht
aber der Natur der emporkommenden Selbstherrschaften, daß weder
eine Erzwingbarkeit der Pflichterfüllung noch ein Widerstandsrecht
gegen den Mißbrauch der übertragenen Gewalt dem Fürsten gegenüber
statt hat; und auch das Landrecht hat davon nichts.
Der große Fortschritt des Landrechts liegt nun aber in der sittlichen
Selbstbeschränkung des Monarchen durch die von ihm gegebenen Ge-
setze und die von ihm eingesetzten Gerichte. Aus diesem Geist ver-
kündete der Entwurf zum Landrecht: Durch Machtsprüche soll nie-
mand an seinem Recht gekränkt werden. Und indem dieser Satz das
. Prinzip der Unantastbarkeit der Individualrechte anerkannte, wie sie
im Anspruch auf den Schutz der Gesetze, Freiheit des Lebens und
Eigentums und vor allem auf Gewissensfreiheit bestehen, wurde die
Entwicklung zum Rechtsstaat mächtig gefördert.
Diese Individualrechte sind in dem Vernunftcharakter der Person
begründet. Aus ihm folgt aber auch ihre Verantwortlichkeit; denn er
begründet ihre Freiheit, die in der selbständigen Bildung des Willens
zu Handlungen unabhängig vom Körper und seiner Umgebung besteht.
Aus dieser vom Staat geschützten Willensfreiheit folgt nun aber auch
die Zurechnung der Handlungen als die Voraussetzung der staatlichen
Strafgewalt. Wer durch eine freie Handlung — oder durch freie Unter-
lassung dessen, was die Gesetze fordern — jemandem widerrechtlich
Schaden zufügt, der begeht ein Verbrechen und macht sich dadurch
nicht nur dem Beteiligten, sondern auch dem Staat, dessen Schutz
derselbe genießt, verantwortlich. Wer aber frei zu handeln unver-
mögend ist, bei dem findet kein Verbrechen, also auch keine Strafe
statt. Alles was das Vermögen eines Menschen mit Freiheit und Über-
legung zu handeln mehrt oder mindert, das mehrt oder mindert auch
Selbstbeschränkung der Monarchie. Machtcharakter des Staates 163
den Grad der Strafbarkeit. Je mehr Bewegungsgründe jemand gehabt
hat, die begangene strafbare Handlung zu unterlassen, desto mehr muß
sie ihm zugerechnet werden. Je mehr Pflichten jemand gegen den an-
dern oder gegen den Staat hat, desto größer ist das Verbrechen,
wenn er dieselben beleidigt.
Die Verantwortung wächst mit dem Pflichtverhältnis, in dem ein
jeder zu den andern steht, und der Staat selbst übernimmt schließlich
die Verantwortung für die, die sie selbst zu tragen nicht fähig sind,
die Unmündigen und Schwachsinnigen.

2. DIE SOUVERÄNITÄT
Die Entwicklung der modernen Staaten war vor allem auf die Un-
abhängigkeit der Staatsgewalt nach außen wie nach innen gerichtet.
Die in einem Gebiet vereinigten Menschen stehen unter einer obersten
Gewalt, welche ihre Freiheit durch Zwang zu beschränken berechtigt
ist — dem Willen des Staates. Wenn innerhalb der mittelalterlichen
Gesellschaft verschiedene Gewalten mit selbständigem Zwangsrecht
ausgestattet ineinandergreifen, strebte der moderne Staat nach der
Zusammenfassung aller Zwangsgewalt in seiner Willensmacht. Von
ihm soll alles Recht zum Zwang ausgehen. Er will keine unabhängige
Zwangsgewalt über sich, neben sich, auf seinem Territorium dulden.
Dies ist der Sinn, der im Begriff der Souveränität liegt. Er ist das
Ideal, das in dem Streben jedes Staates nach Macht enthalten ist. Mit
dem Begriff der Souveränität beginnt die moderne Auffassung des
Staates. Denn er bezeichnet die Eigenschaft des Staates, welche für
die vollkommene Realisierung seines Zwecks erforderlich ist. Auf
diese Art hat auch das Naturrecht die Staatssouveränität abgeleitet.
Diese naturrechtlichen Theorien begleiteten die Ausbildung des mo-
dernen Staates in Frankreich, England und Deutschland. Sie wurden
auch nach Preußen übertragen, das eben im Fortgang zu seiner euro-
päischen Machtstellung ihrer bedurfte. Hier aber erhielten sie an den
preußischen Universitäten eine eigene Fortbildung, und eben diese
hat dann das Landrecht bestimmt.
Auf den Grundlagen von Pufendorf und Thomasius ruhen das Natur-
recht von Wolff und seiner Schule, das Staats- und Kirchenrecht der
Halleschen Juristen, die den friderizianischen Staat durchdringenden
Ideen, aus deren Zusammenwirken die Durchführung der Staatssouve-
ränität im preußischen Landrecht hervorgegangen ist. Gerade der
Gegensatz zu Hobbes in Pufendorf und Thomasius eröffnet den Ein-
blick in das Wesen der Staatssouveränität, wie sie die Grundlage der
preußischen Monarchie ausmacht. Macht ist das erste Bedürfnis der
164 Das Preußische Naturrecht
neuen Selbstherrscher. Keine Wohlfahrtstheorien dürfen hierüber täu-
schen. Aber von Anfang an war in diesem deutschen, protestantischen
Staat der sittlich-religiöse Wert der Einzelperson, das durch die Ge-
sellschaft hindurchgehende Verhältnis von Rechten und Pflichten, die
Bindung der obersten Gewalt an ihr Amt, ihren Beruf und ihre Pflicht
die Bedingung für jede Machtbefugnis, für jedes königliche Recht.
Wir verfolgen jetzt, wie in jedem Teil des Landrechts diese in der
ganzen Entwicklung angelegten Ideen zugrunde liegen. Wir zeigen
das Verhältnis, in welchem die einzelnen Momente der Staatssouve-
ränität auf Grund der die Verfassung des Landrechts beherrschenden
Schriftsteller der Zeit in der Gesetzgebung zum Ausdruck gelangt sind.
Während sich rings um Deutschland souveräne Großstaaten entwickelt
hatten, waren hier selbständige Gewalten emporgewachsen; unter ihnen
hatte Preußen die Stellung einer europäischen Großmacht errungen.
Es dachte nicht daran, die politische Einheit der Nation aufzulösen.
Aber es mußte so viel Souveränitätsrechte in sich konzentrieren, daß
es im Kampf der europäischen Kräfte sich aus eigenen Mitteln be-
haupten konnte. Unter dem großen König war die europäische Groß-
machtsstellung erreicht. Jetzt konnten zwei Forderungen des Natur-
rechts, die Rechtshoheit und die Kirchenhoheit, definitiv verwirklicht
werden.
<Die R e c h t s h o h e i t . ) Die Justizreform schuf ein selbständiges,
in Instanzen geregeltes Gerichtswesen; die Versendung von Prozeß-
akten an juristische Fakultäten außerhalb des Staates wie auch inner-
halb desselben hörte auf, und die Gerichte aller Provinzen hatten nun
im Lande selbst die oberste Instanz. Die Gerichtshoheit des Staates, die
Wolff naturrechtlich so ausführlich demonstriert und in ihren Konse-
quenzen bis auf ein Oberappellationsgericht entwickelt hatte, erhielt
nun im Landrecht eine allgemeine Fassung: „Die allgemeine und
höchste Gerichtsbarkeit im Staate gebührt dem Oberhaupt desselben
und ist als ein Hoheitsrecht unveräußerlich. Und jede Gerichtsbarkeit,
die durch Personen, Familien, Korporationen und Gemeinden im Staate
ausgeübt wird, beruht auf der Übertragung des staatlichen Hoheits-
rechts auf diese."
< K i r c h e n r e c h t u n d S t a a t s h o h e i t . ) Und auch eine andere For-
derung, die das Naturrecht an die Souveränität des Staates nach außen
stellen muß, wurde nun erfüllt. Jeder auswärtigen Gewalt gegenüber
besitzt der Staat uneingeschränktes kirchliches Hoheitsrecht; die katho-
lische Kirche darf sich in Kirchensachen keine gesetzgebende Macht
anmaßen. Eine Gerichtsbarkeit darf sie nur innerhalb des Landes unter
ausdrücklicher Einwilligung des Staates und durch einen von diesem
genehmigten Stellvertreter üben. Ihre Geistlichen bedürfen der Ge-
Rechtshoheit. Kirchenrecht und Staatshoheit 165
nehmigung des Staates für die Teilnahme an Kirchenversammlungen
und ebenso für die Beschlüsse derselben.
Diese Bestimmungen schließen jede Verhandlung zwischen der katho-
lischen Kirche und dem preußischen Staat als zwischen zwei selbstän-
digen Gewalten aus. Der Inhaber der Zwangsgewalt ist auch in diesem
Falle nur der Staat. Und er übt die Gesetzgebung in kirchlichen Din-
gen ganz autonom. Diese Festlegung der Souveränität des Staates der
katholischen Kirche gegenüber war nur möglich in einer Zeit politisch
größter Macht Preußens und sie war zugleich bedingt durch eine kir-
chenrechtliche Auffassung, welche die Hoheitsrechte des Staates den
kirchlichen Gemeinschaften gegenüber aufs äußerte anspannte.
Die Erzählung erreicht hier einen Punkt, an welchem die deutsche
Aufklärung ein neues Machtmittel von außerordentlicher Stärke ge-
wonnen hatte. Die dem Staat eingeborene Tendenz, alle Zwangsrechte
in seiner Willensmacht zu vereinigen, verbündete sich mit der reli-
giösen Aufklärung des 18. Jahrhunderts.
Die Forderungen der naturrechtlichen Souveränitätslehre wurden
verwirklicht durch die Unterordnung der Kirchen unter das weltliche
Hoheitsrecht des Staates. Und eben hierin gelangte nun die deutsche
Aufklärung in den Besitz der Machtmittel zur Durchführung einer be-
sonnenen Beziehung der gesamten Bevölkerung zu einem freien Chri-
stentum. Der friderizianische Staat und das Landrecht gewannen an
diesen Punkten für die Fortentwicklung des deutschen Geistes eine
epochemachende Bedeutung.
Die große Bewegung, welche diese Fortbildung des kirchlichen
Rechtes herbeigeführt hat, ist ein Teil der geistigen Arbeit, deren
Hauptsitz die preußischen Universitäten, insbesondere Halle, waren,
neben ihnen andere deutsche, wie Tübingen. In ihr griffen Tho-
masius, der Begründer des Kirchenrechts Justus Henning Böhmer in
Halle und Christoff Matheus Pfaff in Tübingen, der Schöpfer des
Kollegiatsprinzips, mit ihren Untersuchungen ineinander. Sie war von
den großen historischen Kräften des reformatorischen Spiritualismus,
des Pietismus, der Aufklärung und der ihrem Höhepunkt zustreben-
den Selbstherrschaft bestimmt. Naturrecht, Kirchenrecht und Staats-
recht wirkten in ihr zusammen.
Die Wurzeln des neuen kirchlichen Rechtes muß man in den Tie-
fen jener an erster Stelle entwickelten Begriffe suchen, welche die
Eigenheit der deutschen Souveränitätslehre ausmachen, in der Erfas-
sung der Sittlichkeit als der Grundlage von Staat und Recht. Die In-
dividuen sind sittliche Kräfte, die Beziehungen zwischen den Unter-
tanen und der Obrigkeit beruhen auf gegenseitiger moralischer Ver-
bindlichkeit. Der Staat hat sittliche, ja religiöse Ideen in sich aufge-
l66 Das Preußische Naturrecht
nommen, und unabhängig von den Kirchen, die auf seinem Territorium
bestehen, bringt er sie in seinem ganzen Wirken zur Geltung. Wenn
die Übermacht der katholischen Kirche im Mittelalter in erster Linie
darauf beruhte, daß die Wirkungssphäre des Staates in kultureller
Hinsicht eine enge und dürftige war, so beruhte Anspruch und Macht
des modernen Staates darauf, daß er die höchsten Kulturaufgaben
in sich aufgenommen hatte. Er förderte nun allein die Wissenschaften;
er war Träger des Schulwesens. Das ist nun auch der Punkt, von dem
aus die Begründung des Verhältnisses unternommen wird, in das der
Staat zu den Kirchen trat.
Hier ist die Lehre des Thomasius von höchster Bedeutung. Anknüp-
fend an Pufendorf geht er auf die urchristlichen Gemeinden zurück.
Der Zweck der apostolischen und evangelischen Religionen ist der
Friede mit Gott. Ihre Verfassung unterscheidet nicht Herrschende und
Beherrschte, sondern Lehrer und Zuhörer. Ihr Ziel ist mit dem des
Staates in Übereinstimmung. Da sich aber die Kirche als eine Gesell-
schaft in dem gemeinen Wesen befindet, so ist die Ordnung in Reli-
gionssachen das Recht des Fürsten. Und wenn eine Kirche lehrt, daß
einem Ketzer Treu und Glauben nicht gehalten werden müssen, wenn
sie durch Exkommunikation das Band zwischen König und Untertan
aufhebt, wenn sie fordert, daß ihre Mitglieder einem anderen Men-
schen oder Kollegium, die nicht unter des Fürsten Botmäßigkeit sind,
mehr gehorchen — es sei nun dieser Mensch oder dieses Kollegium 7u
Konstantinopel, Rom, Wittenberg oder wo es sonst wolle —, dann ist
hierdurch der äußere Friede in Frage gestellt und der Staat braucht
solche Lehren nicht zu dulden. Und wenn kirchliche Behörden ein Zwangs-
recht in Sachen des Glaubens über die ihr untergeordneten Laien üben
wollen — ,,sie mögen sich Concilia, Synodes, Ministeria, theologische
Facultäten oder sonst nennen, sie mögen Schrift oder Concilia oder
Traditiones zu dem Deckmantel ihrer Zank- und Herrschsucht brau-
chen oder nicht" — so hat der Staat seine Untertanen dagegen zu
schützen.
Indem schließlich Wolff den Staatszweck durch das allgemeine
Wohl bestimmte, erwies sich die inhaltliche Fülle und elastische Na-
tur dieser Bestimmung in der damaligen Lage des kirchlichen Rechtes
besonders nützlich, konnte zunächst die immer zunehmende Ausdeh-
nung der Hoheitsrechte des Staates den Kirchen gegenüber gerecht-
fertigt werden. Die Tendenz zur Erweiterung der Staatsmacht ist von
Pufendorf durch Thomasius zu Justus Henning Böhmer wirksam. Das
Episkopalsystem mit seiner zwiefachen Ableitung der kirchlichen Be-
fugnisse des Landesherrn war überwunden. Man leitete diese kirch-
lichen Befugnisse ausschließlich aus dem Hoheitsrecht des Landes-
Kirchenrecht der Hallischen Schule
herrn über die Kirche ab. Sie sind daher unabhängig von der Zu-
gehörigkeit des Fürsten zu der Kirche, über welche sie sich erstrecken.
Sie sind der Ausfluß der in der Staatsgewalt gegründeten Hoheits-
rechte des Landesherrn, nicht anders als die Befugnisse, Beamten ein-
zusetzen oder Steuern zu erheben. Diese weltliche Auffassung des Ver-
hältnisses des Fürsten zur Kirche enthielt in sich das Prinzip der
Gleichberechtigung der Konfessionen, die Forderung an sie, Frieden
zu halten, die Pflicht des Fürsten, sich der Bekehrungsversuche zu ent-
halten. In sich und in seinem Fortgang hat das preußische Naturrecht
diese Forderungen immer folgerichtiger entwickelt. Und mit diesem
außerordentlichen Fortschritt der kirchlichen Freiheit war in dem
preußischen Naturrecht ein nicht minder wichtiger in der Auffassung
des Staates verbunden. Sein Zweck lag in der Aufrechterhaltung des
Friedens und der Sicherheit im Interesse des Wohls seiner Bürger. Die
Theorie von Pufendorf, Thomasius und Böhmer erhielt noch eine grö-
ßere Tiefe, als Christian Wolff als Zweck des Staates die Wohlfahrt
des gemeinen Wesens, welche in der Vollkommenheit seiner Glieder
ihr letztes Ziel hat, aufstellte. Hierin war die religiös-moralische
Instanz in der Ausübung der Hoheitsrechte auf das Gewissen des Für-
sten gelegt. Das ist wohl zu erwägen, wenn man das Kirchenrecht die-
ser Schule und das mit ihm zusammenhängende Territorialsystem
historisch würdigen will. Der Staat konzentriert jetzt in sich die oberste
Gewalt in allen Lebensäußerungen, die auf seinem Territorium statt-
finden, auch in denen der Kirche und Schule, weil er die Sorge für
die Vervollkommnung und das Glück seiner Bürger und die Wohl-
fahrt des ganzen Gemeinwesens übernommen hat.
Alle diese Sätze der Schule Pufendorf-Thomasius-Böhmer sind
von den Verfassern des Landrechts angenommen worden. Sie bilden
die Grundlagen des friderizianischen Gesetzbuchs.
Die Einwirkung greift weiter. Auch die juristische Konstruktion
des Kirchenrechts durch seine Unterordnung unter das Recht der Ge-
sellschaften, durch welche das Landrecht von allen vorangegangenen
Gesetzgebungen auf kirchlichem Gebiet sich unterscheidet, faßt mit
schöpferischer Kraft die Sätze zusammen, welche von Pufendorf bis
Nettelbladt entwickelt worden sind. Diese Staatslehrer schufen all-
mählich auf Grund der Vertragslehre eine Theorie der Gesellschaften.
Alle Verbände sind auf Vertrag gegründet und hierin einander gleich.
Sie sind moralische Personen. Christian Wolff gab dieser Lehre von
den Gesellschaften eine systematische Gestalt. Die Haupt Vertreter die-
ser Gesellschaftslehre stimmen darin überein, daß der Unterschied
der obrigkeitlichen Gewalt und der ihr Unterworfenen den Staat von
den anderen Formen der Gesellschaft unterscheidet. Er entsteht, in-
D i l t h e y , Gesammelte Schriften XII
168 Das Preußische Naturrecht
dem zu dem Gesellschaftsvertrag der Unterwerfungsvertrag hinzu-
tritt. An diesem Punkte setzt nun gerade bei Böhmer, dem herrschen-
den Kirchenrechtslehrer, noch in der Zeit des Landrechts die Dar-
legung des gänzlichen Unterschieds der Staatsgewalt von den Befug-
nissen der Kirchenleitung ein. Die Kirchen sind Gesellschaften. Sie
heben sich aus ihnen nur durch den höheren Zweck hervor, der ihnen
allen gemeinsam ist. Ihre innere Leitung muß wie die jeder anderen
Gesellschaft durchaus unterschieden werden von der obrigkeitlichen
Gewalt des Staates. Hier aber griff nun ein anderes wichtiges Moment
in die Ausbildung des neuen Kirchenrechtes ein, das aus den kirchen-
historischen Studien herstammte. Diese lösen von Arnolds Kirchen-
und Ketzerhistorie ab die katholische Lehre von der Übertragung einer
kirchlichen Gewalt auf Petrus und von diesem ab auf seine Nach-
folger auf. Die Ordnung der Kirchen hat ihren Ursprung in der in-
neren Religiosität, und in diese einzugreifen hat der Staat kein Recht.
Demnach erkennt dies naturrechtliche System eine vom Staat unab-
hängige Rechtssphäre der Kirchen an und sie erstreckt sich auf das
Gebiet des in der kirchlichen Gesellschaft geltenden Glaubens; sie
umfaßt die Kultushandlungen, die aus dem inneren Wesen dieses Glau-
bens sich ergeben. Und auch die hiervon unabhängige äußere Ord-
nung der Kirchengemeinschaft gehört zu den Gesellschaftsrechten der
kirchlichen Gemeinschaft. Sie stehen aber wie jede andere Gesellschaft
unter der Hoheit der Staatsgewalt.
Die Anerkennung der Gewissensfreiheit, deren Begründung durch
das Naturrecht und Durchführung im Landrecht wir verfolgten, be-
stimmte schließlich auch die S t e l l u n g d e s S t a a t e s zu d e n e i n -
z e l n e n K o n f e s s i o n e n . Sie forderte zunächst die Zulassung von
Konfessionen, die noch nicht durch den Westfälischen Frieden geschützt
waren. Der sich allmählich bildende preußische Territorialstaat war
mit seinem Nebeneinander reformierten, lutherischen und katholischen
Bekenntnisses zur Toleranz präformiert. Der Große Kurfürst durch-
brach schon durch die Aufnahme der Réfugiés, deren Bekenntnis
durch die Bestimmungen des Westfälischen Friedens formell nicht ge-
schützt war, dessen Schranken. Und als der König der Aufklärung zur
Herrschaft gelangte, als er Zuwachs der Bevölkerung für seine Fi-
nanzen und ausländisches Menschenmaterial für seine Heere suchte,
wo er sie finden konnte, öffnete der Staat seine Grenzen auch den
christlichen Sekten. Die konfessionellen Beschränkungen des West-
fälischen Friedens, von denen in Brandenburg die Katholiken betrof-
fen waren, traten in dem vergrößerten Staat außer Kraft. Das Natur-
recht der preußischen Universitäten unternahm nun eine Rechtsregel
aufzustellen, welche allgemein die Zulassung verschiedener Bekennt-
Staat und Konfessionen. Toleranz l6g
nisse ordnen sollte. Sie fließt aus dem naturrechtlichen Prinzip vom
weltlichen Charakter des landesherrlichen Kirchenregiments. Nach
diesem ist das Verhältnis des Staates zu den Konfessionen durch das
öffentliche Interesse bestimmt; schon Pufendorf erkennt, daß dieses
die Glaubenseinheit nicht fordere. Wohl aber fordere nach ihm das
Staatsinteresse, daß Bekenntnisse, welche die Hauptwahrheiten des
Christentums nicht anerkennen, nicht geduldet werden sollten. Nicht
nur Juden und Mohammedaner, sondern auch Christentum auflösende
Sekten will er ausgeschlossen wissen. Und so stark war schon in ihm
der Geist der Aufklärung, daß er an eine öffentliche Glaubensformel
dachte, welche die von allen geduldeten Religionsgemeinschaften zu
fordernden Sätze enthalten sollte; wie dann tatsächlich nachher im
Landrecht diese allgemeinsten Forderungen präzisiert worden sind.
Sein Schüler Thomasius war der freieste und furchtloseste Kämpfer
für die Glaubensfreiheit im damaligen Deutschland. Indem er, wie
später der große König, Lessing und Kant, die Unabhängigkeit der
Moral vom Religionsglauben proklamierte, macht seine Theorie den
Staat innerlich unabhängig von der Kirche; ja, es ist nun ein Maß-
stab für die Beurteilung der katholischen Kirche gewonnen, der zur
Verurteilung ihrer Intoleranz und der in ihr selber herrschenden
Zwangsverhältnisse führt. Und indem der Staat die moralischen Kräfte
in sich aufnimmt, erreicht er die Überlegenheit über die Aufgaben der
Kirchen, welche seine Zwangsgewalt über sie rechtfertigt. Nicht min-
der wichtig und von einer ganz reinen Wirkung war ein anderer Fort-
schritt der Glaubensfreiheit im Naturrecht. Es strebte, innerhalb der
Kirchen die Individuen von jeder Art kirchlichen Zwanges zu be-
freien. Thomasius hat in seinen Leitsätzen über das Recht eines christ-
lichen Fürsten in Religionssachen auf Grund von Pufendorf die ent-
scheidenden Sätze hierüber aufgestellt.
Das Individuum hat nach diesen naturrechtlichen Theorien seine
Gewissensfreiheit nicht mehr aus der Hand der Kirche zu empfangen,
sondern aus der des Staates. Noch war, wenn man von einigen ver-
wegenen Worten des Thomasius absieht, der Umkreis der zugelassenen
Kirchen begrenzt. Und die Glaubensfreiheit hat der Philosoph des
Staates von Friedrich Wilhelm durch das Bedürfnis des Staates nach
viel Religion und die Pflichten gegen Gott, die Gebet und Gottesdienst
einschließen, recht erheblich eingeschränkt.
Es bezeichnet eine Epoche in der Geschichte der Gewissensfreiheit,
als der philosophische König den Thron bestieg. Er zog scharf und
rücksichtslos die Konsequenzen aus der naturrechtlichen Lehre von
dem angeborenen Recht, dem eigenen Glauben nachzuleben. Die Tole-
ranz, die die neuen Philosophen predigten, hat sein auch dem flachen
170 Das Preußische Naturrecht
Optimismus der Aufklärung gegenüber skeptischer Geist folgerichtiger
als seine Lehrer, die neuen Philosophen, zur Geltung gebracht. Wie
der Adler aus einsamer Höhe auf das Gewimmel des Erdbodens,
blickte er auf all die Glaubensformen hinab, in die menschliche Be-
schränktheit sich eingeschlossen hat. In dieser Verbindung philoso-
phischer Gleichgültigkeit mit königlicher Gerechtigkeit wird immer
mehr ein Mensch sichtbar, der den Reichtum der menschlichen Ge-
fühle zurückgelassen hat auf seiner kalten Höhe. Religiöse Verfolgung
erschien ihm wie Besessenheit durch den Aberglauben. Er sagte einmal,
man lasse in Preußen jedem die Freiheit, auf dem Weg in den Him-
mel zu gehen, der ihm behage. Und in einem Brief an den Fürst-
bischof von Breslau meinte er: Gott auf seine Weise zu dienen, macht
in der Vorstellung der Menschen einen Teil ihres Glückes aus, er werde
sie darin nicht stören: das Interesse des Fürsten dürfe sich nicht auf
die Streitigkeiten der Priester erstrecken. Er wollte das Urteil über
religiösen Glauben dem überlassen, der allein über menschliche Ge-
wissen zu gebieten habe, denn — das Größte, was er hierüber gesagt —:
Gott hat zur Ausführung seiner Sachen menschliche Assistenz und
Förderung durch den Staat nicht nötig. Seine kirchliche Politik war
der Ausdruck dieser Idee. Gleichberechtigung der Reformierten mit
den Lutheranern, Aufnahme der französischen Reformierten, Toleranz
den Katholiken gegenüber, im Herzogtum Preußen die Anerkennung
von Sekten hatten allmählich die historische Mission Preußens als
des vorbildlichen Staates der Gewissensfreiheit erweitert. Welcher
freie Geist macht sich nun bei dem großen König in der Zulassung an-
derer Religionsgemeinschaften geltend! Der König öffnete sein Land
auch den Sekten, die den frommen Gemütern ein Abscheu waren, weil
sie die gemeinsamen Grundwahrheiten der größeren Kirchengemein-
schaften bekämpften. In dem preußisch gewordenen Schlesien fanden
die Anhänger von Huß und Schwenckfeld eine Zuflucht. Und selbst
die Antitrinitarier in Preußisch-Litauen durften ihr Bethaus in eine
Kirche umwandeln. Er dachte einmal daran, die öden Strecken von
Westpreußen durch Tataren zu bevölkern. Die protestantischen Kir-
chen erhielten unter Friedrich eine Behördenorganisation, welche dem
staatlichen Hoheitsrecht die leitenden kirchlichen Organe unterord-
nete. Dieser Organisation eingegliedert wurden nun tatsächlich die
Geistlichen, wie das Naturrecht es forderte, Lehrer, die sich immer
mehr als Organe für die erziehende Aufgabe des Staates ansahen. Das
gesetzgeberisch unlösbare Problem, die bestehende Bekenntnisver-
pflichtung mit dem Geist der Aufklärung, den die Universitäten unter
den Geistlichen verbreiteten, auszugleichen, wurde in der Praxis durch
die einheitlichere, mildere, den Tatsachen offene Denkart im Ober-
Religionspolitik Friedrichs II.
konsistorium leidlich gelöst. Nach rechts und links trat der König
jedem Zwang in geistlichen Dingen entgegen. Er schützte das freie
Denken auch in höchst problematischen Persönlichkeiten, besonders
das Recht der Geistlichen zu selbständiger Mitteilung dem gelehrten
Publikum gegenüber machte er geltend, und er trat ebenso für das
Recht frommer Gemeinden ein, sich ein modernes Gesangbuch nicht
aufdrängen zu lassen.
Besonders schwierig war die Durchführung der Souveränität des
Staates der katholischen Kirche gegenüber. Cocceji wollte sie durch
allgemeine Bestimmungen festlegen. Dies hätte doch nur durch eine
allgemeine kirchliche Gesetzgebung im Sinne des Landrechts ge-
schehen können. Der König zog nach den ersten Maßregeln vor, von
Fall zu Fall zu unterhandeln und sich zu entscheiden. Wenn in einer
römischen Gerichtsbarkeit auf preußischem Boden die Staatssouverä-
nität aufgehoben erscheint, so versuchte er diese Schwierigkeit durch
die Übertragung der Stellvertretung des Papstes an das Breslauer
Bistum in gewissen Grenzen zu lösen: aber er mußte dann doch da-
von abstehen. Dagegen gelang ihm ohne Rücksicht auf die Rechte
des Papstes einen ihm genehmen, moralisch mehr als bedenklichen
Kandidaten des bischöflichen Amtes in Breslau durchzusetzen. Das
Wichtigste war doch, daß er nach dem Vorgang katholischer Mächte
sein Hoheitsrecht darin geltend machte und durchsetzte, daß die Gel-
tung päpstlicher Erlasse von seiner Anerkennung abhing. Er seiner-
seits schützte die Katholiken in ihrer Parität den Protestanten gegen-
über — man meinte wohl, bis zum Unrecht gegen diese; ja, zu der-
selben Zeit, in welcher die katholischen Staaten und der Papst den
Kampf gegen die Jesuiten führen, hat er diesen im Interesse des schle-
sischen Schulwesens, ein wenig auch, um seinen Philosophen gegenüber
eine wahrere, unbefangenere Toleranz zu üben, in seinen Landen
Schutz gewährt.
So nimmt der Staat nach den Ideen Friedrichs eine neue Stellung
zu den religiösen Gemeinden ein : Er ist von weltlichen Gesichtspunkten
in der Handhabung seiner Hoheitsrechte geleitet, neutral gegen alle
Religionsgesellschaften, jeder ihre Gottesdienstübungen gewährend,
wenn sie nur die allgemeine natürliche Moral, welche auch ihm das
Vernunftgesetz unseres Sittentages ist, nicht bekämpfen und den bür-
gerlichen Frieden nicht stören. Wer dies als religiösen Indifferentis-
mus schilt oder wehmütig beklagt, versteht den Gang des modernen
Geistes zur Freiheit nicht, dessen Führer im 18. Jahrhundert der große
König gewesen ist. Das Landrecht folgt ihm hierin, es hat die wich-
tigsten Momente der friderizianischen Religionsfreiheit mit dem
geltenden kirchlichen Recht in Einklang zu bringen unternommen.
172 Das Preußische Naturrecht
Und es vollzieht auch hier seine Funktion, indem es die nach den
historischen Verhältnissen der Provinzen verschiedene kirchenrecht-
liche Praxis des friderizianischen Staates einer einheitlichen kirchen-
rechtlichen Gesetzgebung unterwirft.
In allen seinen Bestimmungen liegen die Sätze des Naturrechts dem
Landrecht zugrunde. Es kodifiziert die völlige Umwälzung des kirch-
lichen Rechtes, die sich im friderizianischen Staate vollzogen hatte.
Die Kirche ist hier wie im Naturrecht nicht mehr eine Anstalt, in
welcher die Gottheit ihren übersinnlichen Zweck mit den Menschen
realisiert, sie hat so nicht mehr eine dem menschlichen Willen ent-
nommene Welt: sie ist geschaffen, gemacht durch die Vereinigung von
Individuen zu Zwecken des Gottesdienstes. Hieraus folgt aber zugleich,
daß sie um dieses ihres immanenten Zweckes willen existiert und daß
die Verwirklichung desselben innerhalb der Grenzen des allgemeinen
Wohls selbständig von ihr verwirklicht wird.
Zu den Rechten der Kirchen gehören auch die Anordnungen über
äußere Formen und Feier des Gottesdienstes, die Initiative für neue
Kirchenordnungen.
Kirchen stehen aber als Gesellschaften unter dem Hoheitsrecht des
Staates. Dieser entscheidet über ihre Zulassung, er stellt unter seinem
weltlichen Gesichtspunkt die Gesetze fest, unter denen sie stehen, er
beaufsichtigt sie.
Die erste Frage ist: Welchen Kirchengemeinschaften erteilt der
Staat des Landrechts Zutritt zu seinem Territorium? Die Antwort er-
gibt sich aus dem Verhältnis einer Kirchengesellschaft zum Wohl des
Gemeinwesens. Und hier macht sich der moralisch-religiöse Hinter-
grund dieser Staatsauffassung wie im Naturrecht geltend. Eine
oberste Regel wird aufgestellt, welche über die Zulassung religiöser
Gemeinschaften entscheidet: „Jede Kirchengesellschaft ist verpflichtet,
ihren Mitgliedern Ehrfurcht gegen die Gottheit, Gehorsam gegen die
Gesetze, Treue gegen den Staat und sittlich gute Gesinnungen gegen
ihre Mitbürger einzuflößen." So sind die Kirchen dem allgemeinen
gesellschaftlichen Zweckzusammenhang· eingeordnet, der auf die Reali-
sierung des Gemeinwohls gerichtet ist.
Aus dem Gesichtspunkt des allgemeinen Wohls entsteht nun aber
dem Landrecht die Unterscheidung von geduldeten und privilegierten
Kirchen. Die ersteren sind mit dem allgemeinen Wohl verträglich, die
anderen sind durch ihren fortdauernden gemeinnützigen Zweck dem-
selben förderlich. Auch jene genießen die Freiheit gottesdienstlicher
Versammlungen in den dazu bestimmten Gebäuden, der Ausübung der
ihren Religionsgrundsätzen gemäßen Gebräuche. Aber keine Glocken
dürfen ihren Gottesdienst einläuten und jenseits der Mauern ihrer Ver-
Die Kirchen im Landrecht 173
sammlungshäuser darf keine öffentliche Feier von ihnen angestellt
werden. Die privilegierten Kirchen haben Korporationsrechte, sie sind
moralische Personen, ihre Geistlichen haben die Rechte staatlicher
Beamten. Sie sind als Beamte des Staates der Regel nach von den per-
sönlichen Lasten und Pflichten des gemeinen Bürgers frei und ge-
nießen einen privilegierten Gerichtsstand. Ihre Kirchen sind als privi-
legierte Gebäude des Staates anzusehen, ihr Gottesdienst darf sich
freier nach außen zeigen.
Das allgemeine Gesellschaftsrecht begründet diesen Unterschied.
Gesellschaften, die sich zu einem fortdauernden gemeinnützigen Zweck
verbunden haben, können vom Staat die Rechte von Korporationen und
Gemeinden erhalten. Vermittelst dieses Prinzips wird nun die Vernunft
in den historisch entstandenen Unterschieden zwischen den geduldeten
Religionsgesellschaften aufgezeigt. Die Mitglieder der christlichen
Hauptkonfessionen sind durch einen fortdauernden, gemeinnützigen
Zweck verbunden. Der Staat erkennt die Gemeinnützigkeit ihres Got-
tesdienstes, der durch ihr Verhältnis zu den Bekenntnissen der alten
Kirche geregelt ist, an, und darum privilegiert er sie. Er erkennt da-
mit einfach die historische Wirkung an, welche eben dem Ausdruck
des christlichen Glaubens in ihnen eine besonders ausgezeichnete Stel-
lung gegeben hat. Das Landrecht hat hier in derselben Art narur-
rechtliche Bestimmungen mit der Würdigung des historisch Gewor-
denen verbunden, wie bei seiper Behandlung der ständischen Gliede-
rung und des grundherrlichen Verhältnisses. Es ist gezeigt, wie eben
hierauf sein Wesen beruht; es spricht das historisch Gewordene in
einem begrifflichen Zusammenhange aus, der den Weg zur Fort-
entwicklung von modernen Gesichtspunkten aus frei macht. So ist
auch in diesem Fall dem Staat vollkommen freigelassen, Korporations-
rechte auch anderen Religionsgemeinschaften zu erteilen, da in ihm
nicht festgestellt ist, welche Religionsgemeinschaften der Forderung
eines fortdauernden gemeinnützigen Zweckes in religiöser Beziehung
entsprechen. Ebenso ist das Urteil, welche Anforderungen zu einer
gegebenen Zeit das Staatswohl an die angemeldeten Kirchengesell-
schaften zu machen habe, nach der Unbestimmtheit des Begriffes
Staatswohl ihm freigegeben. Der Staat hat die Hände frei, den Aus-
schreitungen des kirchlichen Geistes entgegenzutreten.
Das allgemeine Landeskirchentum, das die Geschichte selber zer-
stört hatte, machte so einem Zusammenhang kirchenrechtlicher Be-
griffe Platz, die der modernen Zeit angehören. Man kann sagen, daß
es nunmehr durch die Anerkennung mehrerer, bevorzugter Korpo-
rationen ersetzt ist, und wie nun diese Anerkennung auf dem an-
dauernden gemeinnützigen Zweck beruht, tritt ein rein staatlicher Ge-
Naturrecht
sichtspunkt an die Stelle des alten Begriffs der Landeskirche, wie er
aus der Reformation erwachsen war.
Die Selbständigkeit der Kirchen darf nicht mit den alten Begriffen
von Landeskirche, von privilegierten Kirchen in einer Verfassung ver-
bunden werden, wie das dann (in der späteren Reaktion^) geschah.
Sie kann auch nur auf dem Grunde des naturrechtlichen und landrecht-
lichen Begriffs von der selbständigen Gemeinde, der auch bei Schleier-
macher zugrunde liegt, durchgeführt werden. Selbständigkeit der Kir-
chen kann denselben nur nützen in Verbindung mit der Freiheit der
Kirchenbildung unter vollständiger Neutralität des Staates gegenüber
den Kirchen. Die Kirchenverfassungen nach dem Landrecht haben
alle nur reaktionär gewirkt.
Der nächste Ausdruck der Kirchenhoheit des Staates ist die Aufsicht
über die Kirchen. Sie entwickelte sich aus dem alten ius circa sacra
als neues Hoheitsrecht des Staates. Welche Kämpfe waren um dieses
seit der Entwicklung des Papsttums geführt worden! Das Landrecht
entstand in einer Zeit, in welcher die Aufklärung in den modernen
Staaten die Macht der katholischen Kirche verringert hatte und von
der Hoffnung ihres Niedergangs erfüllt war. In der Tat hatte sie
durch den wissenschaftlichen und literarischen Kampf gegen den
Aberglauben und die Täuschungen der Überlieferung den wahren Weg
beschritten, dies Ziel zu erreichen. Selbst der große König hat sich
damals über die Möglichkeit eines schnellen Siegs über sie getäuscht.
In diesem günstigen Moment entstand die landrechtliche Gesetzgebung,
welche die Kirchenhoheit des Staates über die katholische Kirche
durch einen selbständigen gesetzgeberischen Akt des Staates kodi-
fiziert. Ebenso erhielten den protestantischen Kirchen gegenüber die
Hoheitsrechte des Staates eine außerordentliche Ausdehnung, indem
die alten Schutzrechte der Landesfürsten zu weltlichen Aufsichtsrech-
ten wurden. Diese Erweiterung der Staatsaufsicht über die Kirchen
entsprach dem Bedürfnis, die staatliche Souveränität durchzuführen,
den Maßstab des gemeinen Wohls überall zur Geltung zu bringen, die
Gewissensfreiheit der einzelnen den Kirchen gegenüber zu schützen,
den Frieden der Konfessionen untereinander herbeizuführen. Es liegt
in der Konsequenz des Gesellschaftsrechtes, daß der Staat auch den
privilegierten Kirchen, wenn sie dem Gemeinwohl schädlich werden,
diese ihre Vorrechte, ja selbst die Duldung entziehen kann. Er kann
ebenso anderen Korporationsrechte verleihen. Seinen Gesetzen sind
alle Kirchengesellschaften unterworfen. Ihm müssen die gottesdienst-
lichen Ordnungen zur Genehmigung vorgelegt werden. Er beaufsich-
tigt die Religionsübungen der Kirchen; er schränkt die Kirchenzucht
der guten alten gläubigen Zeiten erheblich ein und behält sich selbst
Staatliches Aufsichtsrecht. Staat und Stände
die Strafen an Leib, Ehre und Vermögen vor. Er verbietet den Aus-
schluß eines Mitgliedes wegen Meinungen, die vom gemeinen Glau-
bensbekenntnis abweichen, und wo Streit über das Recht der Aus-
schließung entsteht, behält er sich die Entscheidung vor. Er hat seine
Hand in allen Details der zweckmäßigen Verwaltung des Kirchenver-
mögens, bis hinab zur Veräußerung kirchlicher Gerätschaften. Unter
den Formeln des bevormundenden Regiments lag in diesen Bestim-
mungen, verglichen mit den alten Verhältnissen, ein außerordentlicher
Fortschritt in der Emanzipation von der langen Übermacht der Kirche,
in der Wertung der weltlichen Interessen und in dem Schutz der G&-
wissensfreiheit.
Die S o u v e r ä n i t ä t des S t a a t e s u n d d i e S t ä n d e . So fand
die Durchführung der Souveränität des Staates den Kirchen gegenüber
im Landrecht eine rechtliche Regelung. Und auch die andere Entwick-
lung, die sich in dem Verhältnis der fürstlichen Gewalt zu den Stän-
den und Landtagen vollzog, fand in einigen wenigen, aber entscheiden-
den Sätzen des Landrechts einen Abschluß in der Gesetzgebung.
In mannigfachen Formen hat im System der neueren europäischen
Staaten der Absolutismus als eine Stufe, die vom Feudalstaat zum
Rechts- und Verfassungsstaat hinüberführt, sich geltend gemacht. In
Preußen ist dies unter besonderen Umständen geschehen. Wie in
Frankreich galt es, selbständige Landschaften zu einem Einheits-
staat zu verbinden. Wie diese Teile ökonomisch, sozial, in ihrem Recht
und in ihrer Verfassung höchst verschieden voneinander waren, durch
das Indigenatsrecht sich gesondert hielten, konnte nur die fürstliche
Gewalt sie einigen. Es gab keinen anderen Weg, die Stände und Land-
tage dieser Landschaften, die von ihrem eigenen Interesse beherrscht
waren, dem Ganzen unterzuordnen, als indem ihr eigenwilliges Sonder-
dasein politisch zerstört wurde. Ein zweites Moment lag aber eben in
dem Bestände einer Anzahl selbständiger Staaten, welche um die
Macht miteinander rangen. Die hierin liegende Gefahr wurde durch
die gewaltige Entfaltung des französischen Einheitsstaates gesteigert.
Wie hätten die von Ost nach West weitausgestreckten Landschaften,
die unter den Hohenzollern zusammengekommen waren, sich erhalten
können, dort von Schweden und Rußland, hier von Frankreich bedroht,
als durch die starke Entwicklung der monarchischen Gewalt und der
Armee. Die Krone allein war in ihren Interessen eins mit dem Staat;
die einzelnen Stände, der Adel, die Städte und soweit Vertreter der
bäuerlichen Bevölkerung in den Landtagen mitsaßen, waren uneinig
und in ihre Einzelinteressen verloren. Wie wäre da die Fortentwick-
lung der Landtage zu einer Vertretung des Volkes möglich gewesen?
Der Weg zur Bildung einer alle Stande umfassenden staatlichen Ge-
Das Preußische Naturrecht
sinnung, zu einem öffentlichen Bewußtsein, ging nur durch die Selbst-
herrschaft. Und schließlich haben doch die Taten des großen Königs,
gemeinsame Not und gemeinsamer Sieg, die Preußen erst unter sich
und mit dem Königtum in Gemeingeist verbunden. Der Adel wurde
versöhnt, indem er für den Verlust seiner politischen Machtstellung
entschädigt wurde durch Verstärkung seiner wirtschaftlichen Lage
und seines Einflusses in der Verwaltung.
So war das Verhältnis zwischen Königtum und Ständen entstanden,
wie es zur Zeit der Ausarbeitung des Landrechts vorlag. Das Land-
recht nimmt eine merkwürdige Stelle in der Entwicklung der preu-
ßischen Staatsverfassung aus dem ständischen Staat zu dem staats-
bürgerlichen ein. Es kodifiziert die Hoheitsrechte der neuen Monarchie,
es versucht, in dem Fortbestand der ständischen Gesellschaftsgliede-
rung soziale Gesichtspunkte durchzuführen. Und es ist ganz durch-
drungen von Staatsgesinnung. Suarez und Klein blicken sehnsüchtig
in das Aufdämmern der staatsbürgerlichen Ordnung hinüber, wie die
Anfänge der Französischen Revolution und die Philosophie Kants sie
zeigen.
Auch hier bildet das Naturrecht das Mittelglied zum Landrecht hin,
hatte es doch an den vom staatsbürgerlichen Geist erfüllten antiken
Theorien seine Grundlage, und in den Niederlanden, die in dieser ihrer
glorreichen Zeit ganz von diesem Geist erfüllt waren, ist sein Begrün-
der aufgetreten. Die Jurisprudenz von Pufendorf, Thomasius und
Wolff verband mit der Forderung einer alle Bürger umfassenden, ver-
einigenden moralisch-politischen Gesinnung die Anerkennung der un-
umschränkten Monarchie. Dies Naturrecht Wolffs verhält sich an sich
neutral gegenüber den einfachen Staatsformen, der Monarchie, Aristo-
kratie und Politie. Der Fürst besitzt nur da Souveränität, wo er un-
beschränkt ist. Das ist genau der Sinn, in welchem Friedrich Wil-
helm I. von seiner Souveränität gesprochen hat: „Ich ruiniere die Jun-
kers ihre Autorität und stabiliere die Souveränität wie einen rocher
de bronce." Und wenn Wolff nun die Vorteile, welche die einzelnen
Staatsverfassungen bieten, überlegt, wenn er hier nun hervorhebt, wie
in einem unreifen Volke nur die unbeschränkte Monarchie „Parteibil-
dung" hindern und wie nur sie in einem kriegerischen Verwicklungen
stark ausgesetzten Staat die Raschheit und Heimlichkeit der Politik
ermögliche, so tritt hier doch hervor, wie der Philosoph für seinen
preußischen Staat die unumschränkte Monarchie nötig findet und aus
dem tatsächlich entscheidenden historischen Grunde.
Das Landrecht geht vom Staat aus. Sein staatsbürgerlicher Geist
spricht sich darin aus, daß Rechte und Pflichten überall im Staat
einander entsprechen, auch für den König. Daß dem Gesetz jeder unter-
Unbeschränkte Monarchie als Stufe zum Einheitsstaat xyy
worf en ist ; daß jeder vom König abwärts unter derselben Bindung, die
im Zweck des Staates gegeben ist, steht. Aber alle Rechte und Pflich-
ten des Staates vereinigen sich allein im Oberhaupt, der Person des
Königs. Das Landrecht scheidet aus seiner Gesetzgebung das innere
Staatsrecht aus — und in dieses fällt auch das Verhältnis des Staats-
oberhauptes zu den Ständen und zu den Organen der Staatsregierung.
Aber es bestimmt doch zureichend die Hoheitsrechte des Staates und
die Stellung des Monarchen. Dem König kommt selbstverständlich
allein das Recht über Krieg und Frieden, das Gesetzgebungsrecht
und die Gerichtshoheit zu. Die Finanzhoheit des Staates, die Basis
seiner Machtentfaltung wird nun ebenfalls gesetzlich festgelegt: „Das
Recht, zur Bestreitung der Staatsbedürfnisse das Privatvermögen,
die Personen, ihre Gewerbe, Produkte oder Konsumtion mit Abgaben
zu belegen, ist ein Majestätsrecht." Damit ist schlichtweg die Un-
abhängigkeit der Krone von irgendwelchen Steuerbewilligungsrechten
ausgesprochen. Ebenso behält sich der Staat die Entscheidung in dem
Münz-, Maß- und Gewichtswesen als ein Majestätsrecht vor. Nur
diese einheitliche Geschlossenheit der monarchischen Machtfülle kann
den Staatszweck des Landrechts, Sicherheit und Wohl aller, ver-
bürgen. Was in den Provinzialrechten als deren Einschränkung fort-
dauernd gültig zurückbleibt, wird nicht im Sinn seiner historischen
Entstehung begründet, sondern dem Naturrecht entsprechend auf Über-
tragung durch den souveränen Staat rechtlich fundiert. Privilégia als
Ausnahmen der allgemeinen Gesetze zu bewilligen, Standeserhöhungen,
Staatsämter und Würden zu verleihen, gebührt nur dem Oberhaupt des
Staates. Und über diesen Rechten der einzelnen Landschaften erhebt
sich nun in durchgreifender Kraft die allgemeine, die Beziehungen zwi-
schen dem Fürsten, den Ständen, den Untertanen regelnde landrecht-
liche Gesetzgebung und bereitet so den Einheitsstaat vor.

3. DAS ALLGEMEINE WOHL


ALS PRINZIP DES LANDRECHTES
Die Grundlage des Landrechts war der naturrechtliche Aufbau der
Rechtsordnung, der vom Individuum zu dem Vertrag, zu den Gesell-
schaften und von diesen zu dem sie alle umfassenden und beherrschen-
den Staat fortschreitet. Wenn nun das Streben zur Macht, zur Unab-
hängigkeit nach außen und innen in erster Linie die aufkommenden
Monarchien beherrschte und im Naturrecht als die Idee der Sou-
veränität ihren Ausdruck fand, so zeigt sich das Landrecht als von
dieser Idee erfüllt und getragen. Und das Naturrecht bot nun auch
dem Landrecht das Prinzip für die Abgrenzung der einzelnen, der
Das Preußische Naturrecht
Gesellschaften und des Staates. Es ist das allgemeine Wohl. In seinem
Namen werden die Rechte der einzelnen eingeschränkt. Kraft des-
selben unterwirft sich der Staat die kirchlichen Gesellschaften. Es
bestimmt den Bau jedes Schulhauses, die Fürsorge für die öffentlichen
Universitäten und die Pflege der Wissenschaften. [Sein erster und all-
bedingender Teil ist aber die Sicherheit des Staates. Und hieraus
stammt der eiserne, friderizianische Zug in dieser Gesetzgebung.] Kurz,
die Seele des Landrechtes ist Pflicht und Recht des Staates, das all-
gemeine Wohl zu verwirklichen. Es faßt das Wesen des Wohlfahrts-
staates unter Friedrich Wilhelm I. und dem großen König zusammen.
Das Mittelglied, das nun dies innere Leben des preußischen Staates
mit seiner landrechtlichen Gesetzgebung verbindet, liegt im Naturrecht
und der Jurisprudenz, wie sie sich an den Universitäten desselben ent-
wickelt haben. Die Anfänge lagen in Frankfurt an der Oder. Dann
aber gewann Halle die herrschende Stellung für die philosophischen
und juristischen Schulen in Deutschland. Und hier vollzog sich nun
die Umsetzung der Realität dieser Monarchie in eine Wissenschaft
von Staat und Recht.
Der erste, der aus dem gemeinen Wohl als dem Zweck des Staates
die Abgrenzung der Rechte in ihm ableitete, ist Christian Wolff ge-
wesen. Er war der Philosoph dieses Wohlfahrtsstaates unter den drei
ersten preußischen Königen. Unter Friedrich Wilhelm I. ist er 1706
nach Halle berufen worden; aber als er auf der Höhe seines Ruhmes
und seines Einflusses stand, haben die Gegner der religiösen Auf-
klärung durch ihre Intrigen Friedrich Wilhelm bestimmt, ihn abzu-
setzen und auszuweisen; schon besaß er am Hof und im Beamtentum
einen starken Anhang; der König selbst hat in seiner letzten Lebens-
zeit an seine Rückberufung gedacht, und nach dem Bericht seines
Sohnes hat er sich noch mit Wolffs Werken beschäftigt; Friedrich
hat ihn dann zurückgerufen. Als Kronprinz hat er die Schule der
Schriften Wolffs durchlaufen. Es scheint, daß sie sein erstes ein-
dringendes philosophisches Studium bildeten. Man blickt in das Ver-
hältnis der Ideen dieser deutschen Aufklärung zu den Regierungs-
handlungen Friedrichs, wenn dieser die Widmung des Naturrechts
von Wolff mit der Erklärung beantwortete: „Die Philosophen sollen
die Lehrer der Fürsten sein, ihr folgerichtiges Denken ist die Schule
für ein folgerichtiges fürstliches Handeln." Und auch, als sein Glaube
an die Metaphysik Wolffs erschüttert war, hat das Naturrecht fort-
gefahren, seine Ideen zu beeinflussen. Auch an den Universitäten
machte sich die Doktrin des Philosophen von Halle überall geltend,
er machte Schule, er bildete die junge Generation der Beamten, er
wirkte durch seine Schriften auf das Publikum. Je älter er wurde,
Begründung des Staatszweckes aus dem allgemeinen Wohl
desto mehr verlegte er seine Studien in die Gebiete der sittlichen
Welt, des Rechts und des Staates. Seine Herrschaft hierüber beruhte
auf den gründlichsten Studien. Zumal auf dem Gebiet des römischen
Rechts, das damals noch im Mittelpunkt der Jurisprudenz stand, über-
traf er ebenso im Verständnis des großen Zusammenhangs wie in
Verwertung des Details die meisten naturrechtlichen Schriftsteller.
Das Naturrecht Wolffs ist dann vornehmlich durch Darjes und
Nettelbladt in einer für die Technik der Gesetzgebung angemessenen
Form an die Gesetzgeber des Landrechts übermittelt worden. Daniel
Nettelbladt war der treueste unter den Schülern Wolffs. Er war der
Systematiker des Rechts innerhalb der Schule Wolffs. Ihn benutzten
vor allem die Verfasser des Landrechts. Unter seinen Schülern war
Ferdinand Klein, der bedeutende Mitarbeiter am Landrecht. Joachim
Georg Darjes war von der Wolffischen Schule ausgegangen, und wenn
er sich dann gegen die Lehre vom zureichenden Grunde und gegen den
Determinismus dieses Systems wandte, so blieb doch sein Naturrecht
stets von dem Wolffs abhängig. Suarez hat zu seinen näheren Schü-
lern gehört.
Welches ist nun die Begründung, wie sie das Wolffische Naturrecht
gibt und das Landrecht augenscheinlich überall voraussetzt? Die Sonne
der moralischen Welt, um welche das Leben der Gesellschaft, des
Staates und der einzelnen kreist, ist das Gesetz der Natur. Diese
höchste Regel sagt: ,,Tu, was dich und deinen Zustand vollkommen
macht und unterlaß, was dich und deinen Zustand unvollkommen
macht." Und aus dieser Regel folgt die andere Pflicht, das Recht an-
derer auf ihre Vollkommenheit nicht zu verletzen und soweit die Auf-
gabe der eigenen Vollkommenheit es möglich macht, für das Glück
der anderen zu sorgen. So steht die Pflicht am Anfang der praktischen
Philosophie Wolffs. Der Zusammenhang mit Kant ist offensichtlich:
„ein vernünftiger Mensch ist sich selbst ein Gesetz". Nun kann aber
niemand zu etwas verpflichtet sein, was an sich oder für ihn unmög-
lich ist. So folgen aus den natürlichen Pflichten des Menschen seine
natürlichen Rechte. Und wie nun die natürlichen Pflichten der Men-
schen als solche unveränderlich und notwendig sind, ihr Gebot daher
sich an alle Menschen richtet, so müssen alle auch in ihren natür-
lichen Rechten einander gleich sein. So haben alle Menschen ein Recht
zu dem, was in der Forderung der Vollkommenheit an sie enthalten
ist. Und dieses Recht erstreckt sich auf ihren inneren wie auf ihren
äußeren Zustand.
Und wenn sich nun die Individuen zum Staat vereinigen, so wird
dadurch nichts an ihrer Verbindlichkeit dem natürlichen Gesetz gegen-
über geändert: es bleibt die Richtschnur des gemeinen Wesens. Es
18θ Das Preußische Naturrecht
ist nun eine Verständigung zwischen einer Anzahl von Personen ent-
standen, in einem vertragsmäßig festgestellten Umfang ihre innere
und äußere Vollkommenheit und ihre Glückseligkeit gemeinsam zu
fördern. Damit entsteht der Begriff der Wohlfahrt einer Gesellschaft:
sie besteht in einem „ungehinderten Fortgang in Befriedung des ge-
meinen Besten, das man durch vereinigte Kräfte zu erhalten gedenkt".
Da nun aber die Absicht des gemeinen Wesens über die jeder Ge-
sellschaft hinausgeht, Sicherheit und Frieden als Bedingung des Wohl-
fahrtsstrebens der einzelnen und der Gesellschaften heischend, so for-
dert ihre Verwirklichung die Unterwerfung unter die Herrschaft (im-
perium) einer Obrigkeit. Diese übernimmt die Realisierung dessen,
was in der gemeinen Wohlfahrt enthalten ist: auswärtigen Feinden
gegenüber Sicherheit, im Verhältnis zu dem im Staat Vereinten Frie-
den, so daß sie nicht beständig Unrecht zu fürchten haben und bei
seinem Eintreten der Genugtuung gewiß sind, und den Inbegriff des-
sen, worin die Lebensnotwendigkeiten und die Bequemlichkeit besteht,
des Lebens Genüge (vitae sufficientia). Dieses höchste Gut des Staates
steht bei Wolff nur im Dienst der Wohlfahrt der einzelnen. Aber wie
dieser Staat in sich zusammengefaßt die einzelnen in seinen Dienst
stellt, alle Organisationen in sich einbezieht, im König persönlich den
einheitlichen Willen für seine Herrschaftsmacht hat, wird er selber
für die Preußen jener Tage zu einem höchsten Gut, zu einer Lebens-
einheit. „Verschiedene, die in einer Gesellschaft miteinander leben, sind
in Ansehung ihrer gemeinen Wohlfahrt als eine Person anzusehen."
Aus diesem Zusammenhang des Wolffschen Naturrechts ergibt sich
nun die juristische Konstruktion, welche die Pflichten und Rechte des
Staates, der Gesellschaften und der einzelnen gegeneinander abgrenzt.
Zunächst der Satz, welcher der Selbstherrschaft in den nordischen
Monarchien, die in Luthers Glauben wurzeln, ihren sittlichen Hinter-
grund und damit ihre Schranke gibt. Der König hat seine Rechte nicht
als einen Besitz, sondern als Erfordernis für die Erfüllung seiner
Pflichten.
Der König und alle die, durch welche er das Staatswohl realisiert,
haben in dem Staatsvertrag (ihren Auftrag und ihre Grenze. Er) ist
ganz allgemein seiner Natur nach die Verpflichtung des einzelnen
zu Gehorsam und Förderung des Gemeinwohls, verbunden mit der Ver-
pflichtung des Staates an die einzelnen, für ihre Sicherheit, ihren Frie-
den und ihr Lebensgenüge zu sorgen. Er setzt gegenseitige Verbind-
lichkeit voraus. Herrschaft ist vom König abwärts ein Amt. Die
oberste Regel der Abgrenzung aber ist: „Tue, was die Wohlfahrt der
Gesellschaft fördert, unterlaß, was ihr hinderlich ist", und wenn diese
Pflicht in Konflikt mit der, für das eigene Wohl zu sorgen, gerät, so
Juristische Konstruktion der Pflichten
soll die Gemeinde, die Wohlfahrt des Ganzen, der von Einzelgesell-
schaften und von einzelnen vorgezogen werden.
Von diesen allgemeingültigen naturrechtlichen Sätzen ist das Land-
recht abhängig. Es enthält selbstverständlich keine Theorie, aber es
setzt eine solche voraus. Auch hier ist dieselbe moralische Grund-
lehre, welche in der Beziehung der Begriffe des Wohls, der Pflicht
und des Rechtes verläuft. Die Pflichten sind überall das erste und
Rechte die Bedingung ihrer Erfüllung. Das Anfangsglied dieser Kette
ist aber das Suchen und Befördern des eigenen Wohls. Auf diesen all-
gemeinen moralischen Prinzipien beruhen die Beziehungen zwischen
dem gemeinen Wesen und dem einzelnen. Aus dem Naturgesetz, nach
dem der einzelne sein eigenes Wohl sucht und fördert, folgt die natür-
liche Freiheit dazu, und auf diese gründen sich „die allgemeinen
Rechte des Menschen". Kraft des Verhältnisses, in welchem Einzel-
wohl und allgemeines Wohl zueinander stehen, ist das Individuum
zugleich als Mitglied des Staates verpflichtet, das Wohl und die Sicher-
heit des gemeinsamen Wesens nach dem Verhältnis seines Standes
und Vermögens zu unterstützen. Und kraft desselben Verhältnisses
gehen die Rechte und Pflichten zur Beförderung des allgemeinen
Wohls im Fall der Kollision den einzelnen Rechten und Vorteilen
der Staatsangehörigen vor. Dasselbe Verhältnis zwischen Pflicht und
Recht gilt für den Staat und sein Oberhaupt. Ausdrücklich wird in
dem Abschnitt von den Rechten und Pflichten des Staates zuerst der
Inbegriff seiner Pflichten entwickelt, und darauf werden dann seine
Majestätsrechte gegründet, vermittels des Satzes: „dem Oberhaupt im
Staate gebühren aher alle Vorzüge und Rechte, welche zur Erreichung
dieser Endzwecke erforderlich sind." Und ausdrücklich wird die Aus-
bildung der Fähigkeiten und Kräfte der einzelnen (Vollkommenheit)
und die Möglichkeit, sie zur Beförderung ihres Wohlstandes anzu-
wenden (der vollkommene Zustand, die äußere Glückseligkeit) mit
der Wolffischen Schule als das Wohl des einzelnen ausmachend her-
ausgehoben. Dieser Zusammenhang des Landrechts mit dem Natur-
recht tritt noch deutlicher in den Grundsätzen des Rechts im Entwurf
hervor, nach dessen Anordnung das Landrecht beginnt. „Das allge-
meine Wohl ist der Grund der Gesetze", und zwar ist der Staat ver-
pflichtet, für die innere und äußere Ruhe seiner Mitglieder (die nach
Wolffs Naturrecht als der alle anderen Teile des allgemeinen Wohls
bedingende Bestandteil anzusehen sind) zu sorgen, aus diesem seinem
„Endzweck" und seiner Pflicht fließt seine Berechtigimg, „die äußeren
Handlungen seiner Schutzbefohlenen diesem Endzweck gemäß anzu-
ordnen". Alle einzelnen Rechte der Bürger müssen diesem Endzweck
untergeordnet werden. Es ist bemerkenswert, wie an dieser Stelle auch
182 Das Preußische Naturrecht
die Pflicht jedes Bürgers, das seinige zur Erreichung dieses Endzwecks
beizutragen, ganz allgemein vorgeschrieben wird: nichts zeigt deut-
licher das Hereinwirken eines moralischen Hintergrundes in diese Ge-
setzgebung. Dasselbe Endziel des allgemeinen Wohls bestimmt an-
dererseits den Umfang der natürlichen Rechte der einzelnen: „Der
Staat kann die natürlichen Rechte der einzelnen nur insofern ein-
schränken, als das Wohl der gesellschaftlichen Verbindung solches
fordert." Und die gegenseitige moralische Bindung, auch wo Erzwing-
barkeit endigt, also die sittliche Grundlage des Landrechts, findet ihren
höchsten Ausdruck in dem Satz:,,Sowohl dem Staat als seinen Bürgern
müssen die wechselseitigen Zusagen und Verträge heilig sein."
So erschließt sich hier von einer neuen Seite der Zusammenhang
des friderizianischen Staates, seines Naturrechts und des Landrechts.
Welche Aufgabe wäre es, den geschichtlichen Charakter des Rechts
am Landrecht, wo noch die ganzen Materialien, seine Entstehung und
Ausarbeitung vorliegen, aufzuzeigen. In letzter Instanz ist es die
große moralische Lebensdeutung dieser deutschen Aufklärung, wie sie
in Wolff, Lessing, dem alten König, Kant vorliegt, die im Landrecht
mit der Macht der Gesetzgebung ausgestattet auftritt. Es sind daher
die dieser moralischen Bestimmung des Lebenswertes damals zukom-
menden Wertungen von Familien, Ständen, Kirche, Staat, die im Land-
recht zu bestimmenden Kräften des nationalen Lebens werden.

4. DER WOHLFAHRTSSTAAT UND SEINE ALLMACHT


Aus dieser Rechtskonstruktion folgt nun, daß der Staat seine Macht
auf alles erstreckt, worin er den einzelnen in seinem Zweck der inne-
ren und äußeren Vollkommenheit seines Lebens unterstützen, oder wo
er dessen Tätigkeit besser durch die seine ersetzen kann. Nie seit
den Zeiten des Altertums sind irgendwo die Pflichten und die Macht
des Staates so ausgedehnt worden, wie in dem Preußen Friedrich
Wilhelms und Friedrichs II. Die begeisterten Theoretiker dieser Praxis
waren auch hier Wolff und seine Schüler. Der Fanatismus staatlicher
Bevormundung und Einmischung in Wolffs Naturrecht und Gesell-
schaftslehre ist oft verspottet worden. Und nie in neueren Zeiten ist
die moralische Natur des Staates, seine erzieherische Funktion, so
stark und einseitig geltend gemacht worden. Aus der Verbindung dieser
beiden Momente entsprang nun in Wolffs Auffassung der menschlichen
Gesellschaft neben ihrer großen Stärke eine eigentümliche Schranke:
die wurzelhafte Kraft und Eigenheit der Kräfte des Lebens, ihr Recht,
in ihrer Art und Freiheit geschützt zu werden, kommt nicht zur Gel-
tung. Die Macht der Poesie über das Gemüt soll dazu benützt werden,
Der soziale Beruf der Monarchie und die Aufklärung
in Komödien und Tragödien die Wirkung der Tugend und des Lasters
anschaulicher darzustellen, als sie im gewöhnlichen Verlauf des Lebens
sichtbar werden. Von den Schulen und den Universitäten -und
Akademien wird der freie Trieb des Wissens dem Zwecke der Mora-
lität oder Zurichtung der Menschen für die Zwecke des Staates unter-
geordnet. Hieraus wird die Einrichtung der Gotteshäuser, die Höhe
des Gehalts der Professoren und die Regelung ihres Lebenswandels
wie die Form der Theaterstücke abgeleitet. Und aus dem Gesichts-
punkt des Staatswohls wird jede freie Tätigkeit und Freude einge-
schränkt. Theaterstücke will er verboten haben, die von der Tugend
abführen. Verbreiter atheistischer Lehren will er aus dem Lande ver-
wiesen haben, schon weil der Staat des Eides bedarf. Dieser Staat
Wolffs ordnet sich die Gesellschaften unter. Er mischt sich in jeden
Teil des Lebens ein. Er regelt die Auswanderung. Er soll die Stu-
denten hindern, ihr Geld schlecht anzuwenden. Er soll die Zahl derer,
die sich einem Beruf widmen, bestimmen, die Preise der Waren fest-
stellen. Aber vieles, was so dieser Staatssozialismus im Interesse des
allgemeinen Wohles vorschreibt, ist im Laufe der Zeit tatsächlich dem
Staat übertragen worden. Es war seit Piaton und den Verkündern sozia-
listischer Ideale die stärkste Anspannung und Ausdehnung der Staats-
gewalt. Und alle diese Herrschaftsrechte des Staates leitet Wolff aus
seiner Pflicht zur Realisierung des allgemeinen Wohls ab. Das Land-
recht vollzieht dann die vorsichtige und gemäßigte Übertragung dieses
politischen Ideals durch die Gesetzgebung in das tägliche Leben der
preußischen Staatsbürger. In diese Gesetzgebung der materiellen Für-
sorge, eines sozialgerichteten Kriminalrechtes, der Erziehung, der Auf-
klärung, der Entwicklung der Staatsgesinnung treten wir nunmehr ein.

DRITTES KAPITEL
DER SOZIALE BERUF DER MONARCHIE
UND DIE AUFKLÄRUNG
i. DIE MATERIELLE FÜRSORGE
Das allgemeine Wohl umfaßt im Landrecht das Glück der einzelnen
und die Kraft, Ruhe und Sicherheit des Ganzen. Beides fordert die
Fürsorge des Staates für die wirtschaftlich Abhängigen auf dem Land
und in den Städten.
Eine solche soziale Fürsorge hat sich in Preußen früh aus den Be-
dürfnissen seines ständischen Staates entwickelt. Sie war für das Macht-
streben der Monarchie im Innern ein unentbehrliches Mittel, ein Halt
gegen die ständischen Gewalten. Sie war für den Staat eine Not-
D i l t h e y , Gesammelte Schriften XII
184 Der soziale Beruf der Monarchie und die Aufklärung
wendigkeit, die militärische Kraft nach außen zu erhöhen. Die Härten
des ständischen Staates wurden durch sie gemildert. Und die von
ihm Gedrückten sahen in dem Monarchen ihren Schützer. Eine solche
soziale Fürsorge war in den älteren Zeiten den Fürsten durch das
christliche Gewissen geboten, alle, die sich nach den bestehenden so-
zialen Ordnungen nicht selber schützen konnten, in ihren Schutz zu
nehmen. Als dann das Naturrecht die Anerkennung der Rechte des
einzelnen forderte, als die Zeitideale der Aufklärung und der Hu-
manität den Anspruch der Unterdrückten auf ein menschenwürdiges
Dasein geltend machten, verlangte die politische Klugheit selbst, sol-
chen Forderungen genug zu tun. Und der große König war selber
von den neuen Ideen ganz erfüllt. Er hat als Schriftsteller im Namen
der Humanität die Lage des Bauern, der an den Boden gebunden
Sklave des Edelmannes ist, verurteilt. Er wünschte von Herzen diesen
barbarischen Zustand aufheben zu können. Seine Regierungsmaßregeln
waren beharrlich auf die Lösung dieser größten sozialen Aufgabe der
Zeit gerichtet. Er ging aufs schärfste vor, wo die Vertreter des Staates
den Bauer nicht gegen den Grundbesitzer schützten. Er suchte den
körperlichen Strafen Einhalt zu tun. Er trat dem Bauernlegen durch
den adligen Grundbesitz entgegen. Er wollte dann nach dem Sieben-
jährigen Kriege die Grundbesitzer nur unterstützen, wenn sie die Leib-
eigenschaft aufhöben. Aber der Widerstand des Adels war ί,ο stark,
die Gefahr der Entvölkerung des platten Landes bei Entlassung der
Erbuntertänigen von der Bindung an den Boden so groß, daß er sich
schließlich mit der Regelung begnügen mußte, die dann im Landrecht
ihren Ausdruck fand. Das Volk verstand doch seinen König. Das Ver-
fahren einer langsamen Reform hat in Preußen den Konflikt zwischen
dem zunehmenden Bewußtsein der natürlichen Rechte und den stän-
dischen Privilegien aufgehalten, der wenige Jahre nach dem Tod des
Königs Frankreich erschüttern sollte. In einer gutmütigen loyalen
Bevölkerung von ruhigem Temperament und langer Übung der
Unterordnung verstärkte sich die Anhänglichkeit an die Monarchie
durch die Gewöhnung, vom König Schutz und Hilfe zu erwarten.
In den Fürsten selber aber hat Friedrichs starkes Bewußtsein der
Pflicht sozialer Fürsorge fortgewirkt bis in die letzten großen gesetz-
geberischen Maßnahmen.
In diesem Verlauf nimmt das Landrecht eine wichtige Stelle ein.
Es brachte das Erreichte in einen inneren Zusammenhang. Es stellte
diesen unter das Prinzip, daß das Interesse des allgemeinen Wohls
dem der einzelnen Stände voranzugehen habe. So bezeichnete es eine
Richtung, die nach langen schädlichen Hemmungen zur Gesetzgebung
der Reformzeit hinführte.
Ständische Hemmungen. Kriminalrecht 185

2. DAS KRIMINALRECHT
Die Bewegung, auf der auch das Strafrecht des Landrechts und
eine zeitgemäße Kriminalgesetzgebung beruhte, begann mit dem Nie-
derländer Anton Matthäus (1601 —1654), aber auch hier ging die ent-
scheidende Fortbildung vom Naturrecht aus. Die Zergliederung des Wil-
lens mit seiner Beziehung zur Handlung und der Natur der Zurech-
nung ist im Naturrecht zuerst wissenschaftlich durchgebildet worden;
insbesondere d a s p r e u ß i s c h e N a t u r r e c h t hat in Pufendorf, Tho-
masius und Wolff und seiner Schule diese Grundlage geschaffen.
Das andere entscheidende Moment lag nun darin, daß zwar mora-
lische Verletzungen der Pflichten gegen Gott in der Wolffischen
Schule anerkannt werden, aber diese werden rechtlich strafbar nur,
sofern sie im Widerspruch mit dem öffentlichen Wohl stehen. Hier-
aus folgte, daß Gotteslästerung und Ketzerei nur insofern strafbar
sind, als sie eine Verletzung des öffentlichen Wohls enthalten. Und
ebenso entsprang aus diesem Gesichtspunkt eine andere Auffassung
der fleischlichen Vergehen. Nun aber wirkte hiermit zusammen das
Prinzip der Humanität, das in den weicheren Stimmungen des 18. Jahr-
hunderts gegründet war. Der Kampf gegen die Tortur, dessen deut-
scher Wortführer Thomasius war, mußte das ganze inquisitorische Be-
weisverfahren umstürzen, das von dem ausgedehnten Gebrauch der
Tortur abhängig war. Die Ketzer- und Hexenverfolgungen entsprachen
nicht mehr den menschlicheren Zeiten. Die Ausdehnung der Lebens-
und Leibesstrafen wurde als Grausamkeit empfunden. Indem nun diese
Gedanken sich verbreiteten, erhielten sie eine besondere Kraft durch
die starke persönliche Initiative Friedrichs des Großen. Es ist dar-
gelegt, wie er in seiner Abhandlung über die Gründe, Gesetze zu geben
und abzuschaffen, die spezialisierende Anpassung der Strafen an die
Natur der Delikte und die Abzweckung derselben auf das allgemeine
Wohl geltend gemacht hat; es zeigt sich jetzt, wie vielfach er mit
den Bestrebungen der Zeit übereinstimmt. Denselben Geist atmen seine
einzelnen Maßregeln. Er beschränkte die Anwendung der Tortur auf
schwerste Staatsverbrechen und große Mordtaten, und sie ist während
seiner Regierung außer Gebrauch gekommen. Er milderte die Strafe
für die Kindesmorde, den Diebstahl und die Wilddieberei, er hob die
Strafe für Selbstmord auf. Auch die kriminalistische Wissenschaft
kam der Gesetzgebung zu Hilfe, der Hauptbearbeiter dieser Abteilung,
Klein, beherrschte das wissenschaftliche Kriminalrecht, und unter den
Schriften, die man hinzuzog, hat besonders die Berner Preisschrift
von Globig und Huber entschiedenen Einfluß auf das Landrecht ge-
übt. Die Gesetzgebung Friedrich Wilhelms I. hatte in Preußen wenig
l86 Der soziale Beruf der Monarchie und die Aufklärung
gebessert. Die Verwirrung wuchs durch die mildernden Einzelgesetze,
in ihr griffen nun die Richter in die Rechte der Gesetzgebung ein.
Aus dem Gesichtspunkt des öffentlichen Wohls verteidigten ange-
sehene Schriftsteller der preußischen Juristenschule die Willkür in
der Auslegung der Gesetze durch die Gerichte. So entstand zwischen
der bestehenden Kriminalgesetzgebung, die immer noch von den Grund-
sätzen der Carolina bedingt war, und dem Bedürfnis der Zeit ein un-
erträglicher Widerspruch.
Das Bedürfnis einer neuen Gesetzgebung rief den Kriminalkodex
Bayerns 1751 und den Österreichs 1769 hervor. Aber beide entsprachen
den Forderungen der neuen Zeit nicht. Das österreichische Kriminal-
gesetz war mit Bildern geschmückt, welche die Anordnungen über
die Tortur illustrierten. Das Landrecht zuerst hat die Verwirklichung
der neuen Ideen im Strafrecht herbeigeführt. Das hat auch Mirabeau,
der scharfe Kritiker des preußischen Staatswesens, anerkannt. Es lag
in der neuen großartigen Zusammenfassung der verschiedenen Zweige
der Gesetzgebung im Landrecht, daß das Kriminalrecht ihm einge-
gliedert wurde. Neu war dann weiter, daß unbedingt strafbare Delikte
nur aus der Verletzung anderer Personen entstehen. Die Verletzung
der Pflicht gegen Gott wird nur strafbar, sofern in ihr ein Delikt
gegen die Kirche, einzelne Personen oder den Staat enthalten ist. Und
Verletzung der Pflichten gegen sich selbst findet sich im Landrecht
nur in den Fällen mit Strafe belegt, in denen das Beispiel schädlich
auf andere wirkt; wie dies bei Nettelbladt ausdrücklich ausgesprochen
ist, der in sein Naturrecht ebenfalls das Kriminalrecht einbezieht. Ist
so in jeder strafbaren Handlung eine Verletzung des allgemeinen
Wohles enthalten, so entspricht dem das weitere Prinzip, nach welchem
der Staat allein in letzter Instanz Träger der Strafgewalt ist. Und
ebenso neu und für den Charakter des Landrechts bezeichnend ist nun
der Zusammenhang, in den die moralische Aufklärung in Schule und
Kirche zu der Rechtspflege gesetzt wird. Verwandte Ideen hatte die
Berner Preisschrift von Globig und Huber ausgesprochen. Sie bezeich-
neten den peinlichen Gesetzgeber als den Arzt des Gemeinwesens: die
nächste Aufgabe ist, durch Diät den Kranken zu heilen, ehe er zu
starken Arzneien greift. Aufklärung und Religiosität sind die wich-
tigsten Mittel zur Verhütung der Verbrechen. Es war irrig, wenn man
hierin eine Herabwürdigung der Sittlichkeit und Religion, eine Unter-
ordnung unter das Staatsinteresse gesehen hat. Das Wolffsche Natur-
recht geht eben von der Sittlichkeit, d. h. der Pflicht zur Vollkommen-
heit aus, und die Verwirklichung derselben im allgemeinen Wohl ist
der Zweck des Staates. So beginnt das Landrecht mit Sätzen über die
Verhütung der Disposition zu Verbrechen durch den moralischen Ein-
Reform des Strafrechts 187
fluß der Familie, der Schule, der Kirche, der Gemeinde und des
Staates. Hier wird die strafbare Handlung aufgefaßt als Ausfluß
eines seelischen Zustandes, welcher im Grunde nicht hätte ent-
stehen dürfen, und die Strafe als ein Mittel der Gesamtheit, sich zu
schützen, zugleich aber den Sträfling zu bessern. Das Strafrecht tritt
in den Zusammenhang der erzieherischen Aufgaben des Staates. Es
liegt in der gleichen Linie, wenn neben die scharfen Maßregeln gegen
die Beleidigung der Obrigkeit die Pflicht derselben tritt, die Ein-
wendungen und Bedenklichkeiten gegen Anordnungen des Staates und
die Vorschläge der Besserung aufmerksamer Prüfung zu unterziehen.
Die Gesetzgebung, die den Verbrechen vorbeugen will, wird nach
dem Entwurf auch durch eine Form wirken müssen, die sie „dem
großen Haufen der Einwohner des Staates zugänglich macht". So
muß „nachmalen also das Bürgerliche Gesetzbuch ein eigentümlicher
Volkskodex sein". So „ist sie selbst bei dem Schulunterricht mit zu-
grunde zu legen". Sie muß daher aus kurzen und deutlichen Vor-
schriften bestehen. So wird sie „durch Kenntnis der schädlichen Folgen
eines jeden Verbrechens warnen und abschrecken". Eine Instruktion
für den Richter wird das enthalten, was für die Bevölkerung zu schwie-
rig oder verwirrend sein würde. Auch eine Neigung zum Verstecken-
spielen dem Volke gegenüber, welche diesem Staat als Erzieher eigen
ist, offenbart sich hier: Nichts, was die Abschreckung des Verbrechens
mindern könnte, darf in diesen Strafkodex aufgenommen werden.
Dieser in dem preußischen Naturrecht gegründete pädagogische Stand-
punkt des Landrechts ist nirgends in ihm so stark ausgeprägt als in dem
Überwachungssystem, das die Entstehung des verbrecherischen Willens
verhüten soll. Der Entwurf hat die wichtigsten Mittel des Überwachungs-
systems in der Einleitung des 8.Titels, der das Kriminalrecht umfaßt
(§ ι —18), zusammengenommen, während hier das Landrecht nur sechs
Paragraphen gibt und das übrige an einzelne Stellen verstreut. Es ist
bemerkenswert, daß „Aufklärung" an der Spitze dieser Mittel steht.
Sie fallen unter folgende Gesichtspunkte: Kontrolle des sittlichen Ver-
haltens und der Kinderzucht der Gemeindemitglieder durch die Geist-
lichen. Kontrolle der Schulkinder außerhalb der Lehrstunden durch
die Lehrer, Zwangsmittel der Obrigkeit gegen liederliche Hauswirte,
Trunkenbolde, mutwillige Verschwender. Ausweis der Beschäftigung
und der Quellen des Unterhalts an die Obrigkeit, wo es wünschens-
wert. Fürsorge gegen ärgerliche Beispiele und Verführung. Die Frem-
den selbst sind einem Examen über die Zwecke und Absichten ihrer
Reise zu unterwerfen, und wenn sie sich nicht ausweisen können, wer-
den sie über die Grenze gebracht. Und nun werden Geistliche, Lehrer,
Obrigkeit, Gemeinde verantwortlich gemacht für die Durchführung
188 Der soziale Beruf der Monarchie und die Aufklärung
dieser moralischen Fürsorge. Schlechte Hauswirte, Trunkenbolde, Ver-
schwender sollen durch Zwangsmittel zu ihren Pflichten angehalten
werden. Pflichtversäumnis der zu all diesem Beauftragten wird wieder
unter Strafen gestellt. Überall wird hier die Theorie der Philosophen
und Juristen, des öffentlichen Wohls zur Gesetzgebung erhoben. Man
lese Wolffs vernünftige Gedanken vom gesellschaftlichen Leben, und
man sieht dem wohlwollenden Polizeistaat, der hier im Landrecht
redet, ins Herz.
Das Landrecht bedroht Mütter oder Ammen, die Kinder unter zwei
Jahren bei sich oder anderen schlafen lassen, mit Gefängnis oder
körperlicher Züchtigung, verhängt über jede ängstliche Person, die
einen Menschen nicht aus der Hand der Räuber und Mörder, aus
Wasser oder Feuer rettet, falls dabei keine erhebliche Gefahr besteht,
Gefängnisstrafen, schreibt Müttern einen Unterricht an ihre Töchter
in sexuellen Fragen vor. Kurz, es begleitet mit seinen Kontrollmaß-
regeln unablässig den Untertanen von der Geburt bis zum Grabe. Der
große Arzt-Staat ist immerfort und unermüdlich beschäftigt, Krank-
heiten der Seele, die zu Verbrechen disponieren, und das heimlich
schleichende Gift der Verführung aufzusuchen, festzustellen und durch
seine Maßregeln zu beseitigen. Das sind die Folgen der Doktrin, nach
welcher der elastische, jeder Ausdehnung fähige Zweckbegriff des all-
gemeinen Wohls dem Recht des einzelnen auf freie Entwicklung vor-
angesetzt wird.
Der Strafzweck wird im Entwurf nur undeutlich bestimmt. „Der
Zweck der Strafen ist vorzüglich die Sicherheit des Staates und seiner
Einwohner; zugleich aber auch die Besserung des Verbrechers durch
Züchtigung der schädlichen Leidenschaft, die ihn zu dem Verbrechen
bewogen hat." Doch ist es wichtig, daß auch er unter dem Gesichts-
punkt des gemeinen Wohls gefaßt ist. Das Wohl des Ganzen fordert
Sicherheit, und so wird auch als „Hauptzweck der Strafgesetze" die
Abschreckung bezeichnet·. Das Wohl des Straffälligen fordert Besse-
rung. Für die Strafbestimmung macht auch das von dem König so
stark geltend gemachte Prinzip der Proportionalität der Strafe mit
dem Delikt sich geltend. Noch war der Kampf aus einem einheitlichen
Prinzip abgeleiteter Strafrechtstheorien nicht ausgebrochen.
Der entscheidende Fortschritt, den das Landrecht gegenüber den
anderen Kriminalgesetzgebungen vor ihm im 18. Jahrhundert gemacht
hat, ist wieder in der Anwendung der naturrechtlichen Theorien be-
gründet. Wir sahen, wie dieses, und zwar gerade da am meisten, wo
es von den natürlichen Pflichten ausging, für deren Darstellung einer
allgemeinen psychologisch-ethischen Theorie des Willens, seines In-
halts, seiner Form, der Handlungen und Leidenschaf ten bedurfte. Eben
Strafrechtliches im Landrecht 180,
hierauf konnte es nun, wo es das Kriminalrecht behandelte, eine Lehre
von der Zurechnung gründen, aus welcher Straffälligkeit und Straf-
maß von Handlungen sich ergaben. Das Landrecht zuerst hat hiervon
für sein Strafrecht Gebrauch gemacht. Es geschah noch in unvollkom-
mener Art. Die Ausführung dieses seines Teils steht hinter der der
anderen Teile zurück. Aber die Grundlage war hiermit gelegt. Es
trennte nun entsprechend den Grundsätzen der kriminalistischen Zu-
rechnung die durch diese bedingte Verschiedenheit der Strafbestim-
mung in bezug auf Arten der Rechtsverletzung von der Strafverschär-
fung oder Strafmilderung, die in den hinzutretenden Umständen ge-
legen ist, nach dem Vorgang des Kriminalisten Koch. Hälschner hat
auch darauf hingewiesen, wie das Landrecht von den Kriminalisten
Böhmer, Meister, Quistorp, Westphal, Püttmann abhängig war, be-
sonders aber von Kochs Institutiones iuris criminalis. Es milderte die
Strafen; es bevorzugte die Freiheitsstrafen, welche eine mannigfache
Abstufung zulassen — wie das in den Intentionen Friedrichs und dem
geltenden preußischen Verfahren lag.
Die Einteilung der Verbrechen entspricht ebenfalls dem naturrecht-
lichen Prinzip des allgemeinen Wohls. Jede Verletzung des einzelnen
macht den Staat, dessen Schutz derselbe genießt, verantwortlich. Es
wird im Interesse des allgemeinen Wohls bestraft. In diesem unter-
scheidet das Naturrecht die äußere Sicherheit des Staates, den inneren
Frieden und die Lebensgenugsamkeit seiner Glieder. Sonach richten
sich Verbrechen gegen den Staatsbestand (Hochverrat), die äußere
Sicherheit des Staates (Landesverräterei), seine innere Ruhe oder
gegen die einzelnen. Das Landrecht fügt dem weiter hinzu, als unter-
schieden von den Verbrechen gegen Bestand, äußere und innere Ruhe
des Staates, die persönliche Beleidigung des Staatsoberhauptes, der
königlichen Familie und der obrigkeitlichen Personen, sowie die An-
maßung und Beeinträchtigung der vorbehaltenen Rechte des Staates.
Und da die im Staat aufgenommenen Religionsgesellschaften nach
dem Landrecht Leistungen im Interesse des Staates vollziehen, so
schließt es an die Verletzungen gegen den Staat folgerichtig die Be-
leidigung der Religionsgesellschaften. Die Strafgesetze gegen Staats-
verbrechen vergegenwärtigen ganz den friderizianischen Staat, der im
Bewußtsein seiner Pflichten lebt, aber in diesem auch Delikte gegen
ihn aufs härteste strafte. Rad, Schwert und Strang schützen seine
militärische Sicherheit. „Auf ein Unternehmen, welches auf eine ge-
waltsame Umwälzung der Verfassung des Staates oder gegen das Leben
oder die Freiheit seines Oberhauptes abzielt", sind die „härtesten und
schreckhaftesten Leibes- und Lebensstrafen" gesetzt. Selbst die nicht
mitschuldigen Kinder kann der Staat in ständiger Gefangenschaft
Der soziale Beruf der Monarchie und die Aufklärung
halten oder verbannen. Eltern, Ehegatten, Kinder sind bei schwerer
Strafe den Hochverrat des Sohnes, Vaters oder Gatten anzuzeigen ver-
pflichtet. Nirgends so deutlich als hier kommt die Verschiedenheit in
der Abschätzung der Rechtswerte und der Beurteilung des strafbaren
Willens zwischen jenen Zeiten und den unseren, welche auch revo-
lutionäres politisches Handeln ganz anders beurteilen, zum Ausdruck.
Gemildert ist das Strafmaß für die, welche „durch frechen unehr-
erbietigen Tadel oder Verspottung der Landesgesetze und Anordnun-
gen im Staat Mißvergnügen und Unzufriedenheit der Bürger gegen
die Regierung" veranlassen; aber die elastische Fassung des Deliktes
gab dem Staat freie Hand, die berechtigte Kritik der Regierung zu
hindern. Und es entsprach recht der Überspannung des Beamtenstaates,
wenn dafür der Untertan auf den regelmäßigen Weg der Anzeige der
Mängel des Regiments und der Vorschläge seiner Verbesserung ver-
wiesen und ihm aufmerksame Prüfung zugesichert wird. Ebenso wird
die Pflicht der obrigkeitlichen Personen, in der Sphäre ihres Standes
jede Beschwerde persönlich anzunehmen und der gegründeten schleu-
nigst abzuhelfen, gesetzlich festgelegt, und scharfe Bestimmungen über
die Delikte der Diener des Staates sichern das Gemeinwesen und die
einzelnen. Besonders wohltätig macht sich der Einfluß der narurrecht-
lichen Ideen in der landrechtlichen Behandlung der Religionsver-
brechen geltend. Hier vollzieht sich dem gemeinen Recht gegenüber
ein entscheidender Fortschritt. Der gottesfürchtige Philosoph Wolff
entwickelt breit und nachdrücklich die im natürlichen Gesetz gegrün-
deten Pflichten des Menschen gegen Gott. Aber die Verletzung der-
selben ist ihm an sich nicht straffällig. Selbst die Gotteslästerung ist
nicht als ein Verbrechen gegen Gott strafbar. Denn der Staat hat
nicht den Schutz Gottes, sondern der Gesamtheit wahrzunehmen. Und
innerhalb der Schule gelangt zur Anerkennung, daß die Verletzungen
der Pflichten gegen Gott nur insofern strafbar sind, als sie der öffent-
lichen Wohlfahrt zuwider sind. Die Religion ist Sache unserer an-
geborenen Freiheit; über sie kann kein anderer Mensch nach seinem
Belieben uns vorschreiben. Ketzer dürfen nur durch Belehrung be-
kehrt werden. Dementsprechend treten nun die religiösen Delikte im
Landrecht als Beleidigungen der Religionsgesellschaften auf. Sie haben
ihren Platz nach den Verletzungen der Ehrfurcht gegen den Staat.
Ihre Stelle ist darin begründet, daß die Zwecke der privilegierten
Kirchen das Staatswohl fördern. Öffentlich ausgestoßene grobe Gottes-
lästerungen werden nur des Ärgernisses wegen vom Staat bestraft,
und zwar in einer mäßigen Weise. Nach ausgestandener Strafe soll der
Gotteslästerer der Gemeinde, der er angehört, Abbitte leisten. Wenn
eine Sekte die Bedingungen, unter denen eine Religionsgemeinschaft
Der Staat als Erzieher 10,1
gegründet ist, angreift, so soll ihr Stifter in einer öffentlichen Anstalt
belehrt und gebessert werden, unter Umständen durch „körperliche
Heilungsmittel". Vor allem aber fordert die Toleranz, daß Erregung
von Haß gegen Religionsparteien, Stiftung von Unfrieden in der Fa-
milie aus Religionseifer durch die Geistlichen Amtsentsetzung, Orts-
verweisung, Freiheitsstrafen zur Folge habe. Die strafrechtlichen Be-
stimmungen über die Verbrechen gegen einzelne beruhen überall auf
der Philosophie und Jurisprudenz dieser naturrechtlichen Epoche und
den Ideen des großen Königs. Unter diesem Einfluß wurden die straf-
rechtlichen Sätze moderner gefaßt, die Unsicherheit des Rechtes wurde
so gemindert, die Strafen selbst wurden milder, und es ist wieder ein
großer Fortschritt, daß die S traf wer rung der fleischlichen Vergehen
nunmehr nicht mehr unter theologischen Gesichtspunkten, sondern
unter denen der Verletzung des gemeinen Wohls stattfand.

3. DAS GEISTIGE WOHL.


KIRCHE, SCHULE UND AUFKLÄRUNG
Die Fürsorge des Staates erstreckt sich weiter auf die geistige Bil-
dung und Aufklärung seiner Untertanen. Ihr dienen die Schulen, Uni-
versitäten, Akademien; die Kirche wird in den Dienst dieser Aufgabe
gestellt, und selbst die Strafrechtspflege wird im Zusammenhang mit
ihr aufgefaßt. Es ist der Wijle des Staates, durch die geistige Hebung
aller seiner Untertanen sie fähig zu machen, ihre Pflicht als Bürger
zu erfüllen und in ihrem Beruf eine gesteigerte Leistungsfähigkeit zu
erreichen. Zu dieser Zeit des großen preußischen Königs erfaßt der
Staat zum ersten Male in der Geschichte der neueren Völker die Bil-
dung und Aufklärung seiner Untertanen als eine systematisch und
folgerichtig durch die verschiedenen ihm verfügbaren Mittel zu ver-
wirklichende Aufgabe. Durch das Landrecht geht ein klarer Zusam-
menhang: Das Schulwesen Staatsanstalt zur Erfüllung dieser Aufgabe,
das Hoheitsrecht über die Kirchen zu demselben Zweck ausgeübt und
die strafrechtliche Gesetzgebung hiermit in Verbindung gebracht.
Dieser innere Zusammenhang bildet den vorgeschrittensten und selb-
ständigsten Teil des Gesetzbuches. Drei Momente wirken hier zusam-
men, der Staat selbst nimmt tätig die Ausbildung seiner Untertanen
zu ihren bürgerlichen Pflichten und zu ihrem Beruf in die Hand. Ein
anderes Moment liegt nun darin, daß er im Sinn des ganzen Natur-
rechts das allgemeine Menschenrecht anerkennt, das eigene Wohl ohne
Kränkung anderer zu suchen und zu fördern. Hierin ist das Prinzip
der persönlichen Selbständigkeit, der Gewissensfreiheit und der freien
Meinungsäußerung enthalten, und der Staat macht es gegenüber den
192 Der soziale Beruf der Monarchie, und die Aufklärung
Eltern, der Kirche, den Gutsherrschaften geltend. Aber wie er die
einzelnen Rechte und Vorteile seiner Mitglieder den Rechten und
Pflichten zur Beförderung des gemeinschaftlichen Wohls unterordnet,
so entstehen hieraus, dem Wolffischen Naturrecht entsprechend, Ein-
schränkungen der allgemeinen menschlichen Rechte, welche nach der
Elastizität des Wohlfahrtsbegriffs diese zweifellos über das damals
erforderliche Maß hinaus einschränkten. Das Mißtrauen, das in dem
Wesen des unbeschränkten Königtums liegt, die Besorgnis vor Er-
örterung zweifelhafter Zustände des Finanzwesens und der bäuerlichen
Untertänigkeitsverhälrnisse, dazu die in Frankreich sich ausbreitende
Kritik der unbeschränkten Monarchie haben eine nicht zu rechtfer-
tigende Einschränkung der Meinungsäußerung in der Praxis und im
Landrecht herbeigeführt.
Der durchgreifende Fortschritt lag doch in der Anerkennung der
Nützlichkeit der Aufklärung für das Staatsleben, in der zusammen-
hängenden Bildungsarbeit und in der Durchführung des weltlichen
Gesichtspunktes in der Stellung zur Kirche und den Bestimmungen
des Kriminalrechtes.
Die Arbeit Friedrich Wilhelms I. für das niedere Schulwesen legte
die Grundlagen einer allgemeinen geistigen Kultur. Auf ihr erhob
sich die weltgeschichtlich bedeutende Schöpfung des ersten Staats-
schulwesens der neueren Völker. Auf dem Boden des ständischen Staa-
tes, getragen von der deutsch-protestantischen Anschauung des ge-
meinen Wesens als einer Berufsordnung, in der vom Bauern bis zum
König jeder Beruf ein von Gott aufgetragenes Amt ist, und in auf-
steigender Linie immer mehr sich erfüllend mit der Idee des Rechtes
der Persönlichkeit auf Entwicklung. Überall brachte die Aufklärung
dieses Recht zur Geltung. Das preußische Naturrecht gründet es auf
die Pflicht, das natürliche Gesetz zu erfüllen. Und wenn nun der
Zweck des Staates das allgemeine Wohl und das dauerndste Mittel
desselben die Bildung und Aufklärung ist, dann verpflichtet es den
Staat zu einem Bildungswesen, das die Lösung dieser Aufgabe mög-
lich macht, aber auch den Interessen der ständischen Monarchie
unterwirft : so entsteht die Theorie des Staatsunterrichtswesens im Ein-
verständnis mit der preußischen Praxis. Und das Landrecht auf Grund
der bestehenden Schuleinrichtungen schafft aus den in ihnen enthalte-
nen Rechten und Pflichten das neue Recht des preußischen Bildungs-
wesens.
Drei Faktoren wirken in der Ausbildung des Schulwesens der neue-
ren Völker zusammen: die Familie, die Kirche, Staat und Gemeinde.
In der Abmessung ihrer Rechte und Pflichten besteht jedes Schulrecht.
Das Entscheidende ist, daß im Landrecht der Einfluß der Kirche
Unterrichtswesen 103
zurückgedrängt wird hinter die Machtfülle des Staates und die natur-
rechtlichen Anforderungen an die Selbständigkeit der Person.
„Schulen und Universitäten sind Veranstaltungen des Staates, welche
den Unterricht der Jugend in nützlichen Kenntnissen und Wissen-
schaften zur Absicht haben." Der Staat hat die ständische Gliederung
zur Grundlage seiner Wirtschaft und Verwaltung gemacht. Sie be-
stimmt auch die Erziehungsaufgabe. Wohl stehen die Kinder unter der
väterlichen Gewalt. Aber der Staat hat die Aufsicht darüber, daß
ihnen standesgemäßer Unterhalt und Erziehung zuteil werden. Aus
der Fürsorge des Staates entsteht auch den Rechten der Eltern gegen-
über die Schulpflichtigkeit jedes Kindes. Nach zurückgelegtem fünften
Lebensjahr müssen alle Kinder zur Schule geschickt werden, sei es in
die öffentlichen oder in die privaten, die unter seiner ständigen Kon-
trolle stehen. Der Privatunterricht der Kinder im Hause bleibt den
Eltern freigestellt; aber er ist mit dem gesetzlich festgelegten Alter
zu beginnen, und seine Zweckmäßigkeit unterliegt der Prüfung des
Staates. Der Schulunterricht hat für jedes Kind sein Ziel in den für
jeden Menschen seines Standes notwendigen Kenntnissen, und diese
Forderungen durchzusetzen, stehen dem Staat Zwangsmittel gegen die
widersetzlichen Eltern zur Verfügung.
Das Landrecht bringt die natürlichen Rechte des Heranwachsenden
auf Freiheit der religiösen Überzeugung besonders der Kirche gegen-
über zur Geltung. Nach zurückgelegtem 14. Jahr haben die bis dahin
im Bekenntnis der Eltern erzogenen Kinder freie Wahl, zu welcher
Religionspartei sie sich bekennen wollen. Der Zutritt in öffentliche
Schulen darf niemandem wegen Verschiedenheit des Bekenntnisses ver-
sagt werden. Und Kinder, die in einer anderen Religion, als welche
in den öffentlichen Schulen gelehrt wird, erzogen werden, können
deren Religionsunterricht beizuwohnen nicht angehalten werden. Der
Staat selbst enthält sich jeden Einflusses auf die religiöse Erziehung.
Der Entwurf hebt ausdrücklich hervor, daß diese Bestimmungen sich
auf schon vorhandene Landesgesetze gründen. Das Landrecht selbst
zieht dem Einfluß der katholischen Kirche gegenüber die Schranke,
daß keines der Eltern das andere bei Verschiedenheit des Bekennt-
nisses durch Vertrag verpflichten darf zur Abweichung von den ge-
setzlichen Vorschriften über die religiöse Erziehung ihrer Kinder. In
Übereinstimmung mit dieser Bestimmung verbietet das Landrecht den
Religionsgesellschaften, ein Kind aufzunehmen oder zum öffentlichen
Bekenntnis in einer anderen Religion, als wozu dasselbe den gesetz-
lichen Bestimmungen nach gehört, zuzulassen.
Das Recht der Person auf freie Entwicklung und Benutzung ihrer
Kräfte fordert dann die freie Berufswahl. Der ständische Staat
IQ4 Der soziale Beruf der Monarchie und die Aufklärung
schränkte diese ein. Aber über diese Einschränkungen hinaus haben
die Doktrinen von Halle aus der höheren Geltung der öffentlichen
Wohlfahrt eine Regulierung der Berufswahl durch den Staat emp-
fohlen. Über Wolff geht hierin noch die Schule des Heineccius hin-
aus. Eine Einrichtung wird gewünscht, durch welche vor dem Eintritt
in eine bestimmte Richtung der Studien die Anlage dazu festgestellt
würde. Das Landrecht zeigt bereits eine höhere Achtung der persön-
lichen Rechte. Es spricht den staatlichen Organen nur die Pflicht zu,
die zum Studium Unbegabten ernstlich abzumahnen und Eltern und
Vormünder in diesem Sinne zu instruieren, Begabte aber aufzumuntern
und zu unterstützen. Und vom 15. Lebensjahre ab übernimmt der Staat
den Schutz der Rechte des Sohnes dem Vater gegenüber: Verharrt
der Sohn in der Abneigung gegen die vom Vater für ihn gewählte
Lebensart, so kann er das vormundschaftliche Gericht anrufen, das
dann eine den Anlagen und Neigungen des Sohnes sowohl wie dem
Stand und Vermögen des Vaters angemessene Entscheidung herbei-
führt. Wie stark macht sich hier doch die naturrechtliche Lehre von
der Pflicht des Staates geltend, die Glückseligkeit des Ganzen und
der einzelnen zu fördern. Die Anerkennung der Freiheit des Gefühls-
lebens wird schließlich vollendet durch den Satz, daß Eltern ihre Kin-
der zur Wahl eines künftigen Ehegatten nicht zwingen können. Die
Dichtung der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist besonders im
Lustspiel als dem Spiegel der ^Gesellschaft hier wirksam gewesen).
U n i v e r s i t ä t e n . Dem System des Staatsschulwesens sind nach den
in Preußen bestehenden Rechtsverhältnissen auch die Universitäten
eingeordnet. Ihre Lehrer sind Diener des Staates und stehen im all-
gemeinen unter den Rechtsbestimmungen für diese. Und die Rechte
und Pflichten der Universität selbst sind nach dem Gesellschaftsver-
trag geregelt; sie haben nun ihren Platz neben den anderen privile-
gierten Gesellschaften; sie haben die Rechte derselben. Diese kommen
ihnen zu, weil sie einen fortdauernden gemeinnützigen Zweck verwirk-
lichen. Wie jede andere privilegierte Gesellschaft, sind sie in ihrer
inneren Verfassung durch die bei ihrer Einrichtung geschlossenen Ver-
träge, die vom Staat erteilten Privilegien und Konzessionen bestimmt.
Diese historisch bestimmte Rechtsstellung ist also für jede Univer-
sität verschieden. Und gemeinsam ist ihnen nur nach dem Landrecht
die Regierung durch Senat und Rektor, die Handhabung der Gerichts-
barkeit über die Mitglieder, eine sehr weitgehende polizeiliche Auf-
sicht über die Studierenden und die Pflicht, die Zeugnisse, auf Grund
deren jeder Landeseingeborene wegen seiner Qualifikation zu seinem
Amt sich auszuweisen hat, der Behörde zu liefern. So schließt das
Landrecht die Umformung der Universitäten in Rechtsanstalten ab,
Universitäten. Kirchen 195
welche das Resultat einer langen Entwicklung in den protestantischen
deutschen Ländern gewesen ist und welche die Hallesche Schule auch
naturrechtlich begründete. Wolffs Gesellschaftslehre, dieses Muster-
buch des allmächtigen Polizeistaates, enthält die ergötzlichsten An-
weisungen, wie die Obrigkeit das Universitätsleben von einer uniformen
Regulierung des Studiums bis herunter zum Trinken, Schreien und
Singen und den überflüssigen Geldausgaben der Studierenden zu fas-
sen habe. Erheblicher noch waren die Gefahren, die aus der Unter-
werfung der Lehre unter den Staat erwachsen mußten.
In diesem Zusammenhang erscheint nun auch das Verhältnis dieses
Staates zu den christlichen Kirchen in seinem wahren Lichte. Die
protestantische Entwicklung hatte das Element der moralischen Ver-
antwortlichkeit im Christentum zu höchster Kraft erhoben und den
Staat mit ihm durchdrungen; so hatte sie diesen mit neuen Kräften
erfüllt: welche Möglichkeiten an Entwicklung taten sich so auf für
seinen Machtwillen, seine innere Beseelung, das Glück seiner Bürger,
das dieser Aufklärung eins war mit ihrem sittlichen Wesen ! Wie hätte
er da nicht seine Majestätsrechte über die Kirche dazu benützen sollen,
zu verstärken und zur Geltung zu bringen, was ihm als der unvergäng-
liche Gehalt des Christentums erschien ? Denn in dieser Bewertung des
Christentums waren ja der große König und die deutsche Aufklärung
einig. So wurde nun auch die Kirche einbezogen in den Zusammenhang der
moralischen Bildung der Staatsangehörigen. Die Vorteile, die sie ihrer-
seits durch diese Verbindung gewann, können nicht hoch genug ein-
geschätzt werden. Der Staat übernahm den Schutz des Gottesglaubens,
nach dessen Beziehung zum Eid, den das Rechtsleben bedarf, zur
Moral, in der das Staatsleben wurzelt. Vor allem behauptete sie im
friderizianischen Staat die Aufsicht über das ganze Unterrichtswesen.
Es war vielleicht die Zeit des ruhigsten, gründlichsten, ausgebreitet-
sten Einflusses der protestantischen Geistlichen auf die Lebenshaltung
ihrer Gemeinden. Aber auch hier enthielten doch das Dienstverhältnis
der Kirche unter dem Staat und das Zurücktreten des spezifisch reli-
giösen Gehalts im Christentum hinter das moralische Moment in ihm
große Gefahren für die Zukunft.
So hat der Staat ein positives Verhältnis zur Aufklärung. Sie stei-
gert die Leistungsfähigkeit seiner Untertanen. Sie gibt dem Glauben
an Gott und dem Bewußtsein der Pflicht Festigkeit durch wissen-
schaftliche Begründung. Sie gewährt dem Recht auf persönliche Ent-
wicklung freien Spielraum. Sie fördert die Toleranz, welche die Lebens-
bedingung der neuen weltlichen Fassung des Staatsaufgabe ist. Aber
nicht minder stark ist doch sein Interesse daran, daß das Räsonne-
ment die Substanz der Moralität, des Gottesglaubens und der Staats-
196 Der soziale Beruf der Monarchie und die Aufklärung
gesinnung nicht zersetze. Und der nüchterne Wirklichkeitssinn dieses
Geschlechtes durchschaute, daß die freie Reflexion diese Grenzen nicht
einhalten würde. Die Zunahme des zersetzenden Geistes in Frankreich
zeigte das deutlich. Das zufahrende, harte Wesen des Herrscherge-
schlechtes, sein überwachsames Mißtrauen respektierte das persönliche
Recht freier Meinungsäußerung wenig. Hieraus entsprang das kom-
plizierte Verhältnis dieses Staates zur Aufklärung, es sprach sich aus
im Naturrecht seiner Universitäten und, durch dessen Begriffe be-
stimmt, fand es seinen Ausdruck im Landrecht.
Der Kampf um das Recht der christlichen Bekenntnisse zu freier
Religionsübung war der Ausgangspunkt für jeden Anspruch auf freie
Meinungsäußerung gewesen. In dem Aufgang der Naturwissenschaften
und der mit ihnen verbundenen Philosophie entstand dann die Forde-
rung freier Forschung und Mitteilung: denn es lag in ihr die Be-
dingung für den wissenschaftlichen Fortschritt. Und als nun in dessen
Interesse die Berliner Akademie gegründet wurde, erhielten ihre Mit-
glieder besondere Privilegien in bezug auf den Druck ihrer Schriften.
Sie übten die Zensur über wissenschaftliche und politische Druckschrif-
ten, die in Preußer, gedruckt oder dorthin eingeführt wurden. Das
Regulativ für ihre Handhabung zeigt, in wie enge Grenzen Druckfrei-
heit damals noch eingeschlossen war. Was der Ehre Gottes, der Würde
der christlichen Religion, der gesunden Moral, dem Gottesglauben
zu nahe trat oder ehrbare Sitten verletzte, was die Ehre oder das
Interesse des Königs, den Respekt gegen die höchsten Häupter ver-
letzte, was ihnen zu Mißfallen oder Beleidigung gereichen konnte, den
guten Leumund angesehener Gelehrten angreift, in Widerlegung von
Meinungen das Maß übertreibt, sollte unterdrückt werden. „Woraus
dem Publico mehr Schaden als Nutzen erwachsen möchte", sollte vor
dem Druck entfernt werden. So war eine Vormundschaft über die
Schriftsteller eingerichtet, welche sie von staatsförderlichen wissen-
schaftlichen Überzeugungen bis zu schicklichem Benehmen über-
wachte. Wie mußte die Entwicklung der deutschen Literatur durch
eine solche Vormundschaft gehemmt und verzögert werden. Der Fort-
schritt, der sich nun im preußischen Naturrecht vollzog, war beschei-
den. Es ging von dem Satz aus, daß das Recht es nur mit den nach
außen tretenden Handlungen zu tun hat. Inquisitorische Frage nach
Überzeugungen ist ebenso unerlaubt als deren Bestrafung. Es prüfte
dagegen äußere Mitteilung und Verbreitung von Gedanken an ihrem
Verhältnis zum Staatswohl. Und es unterwarf auch die Äußerungen
über sittliche Dinge der Kontrolle nur unter diesem Gesichtspunkt;
unter ihm schloß Leibniz gar die Leugnung der christlichen Grund-
wahrheiten und den Verstoß gegen die christliche Sitte aus. Thomasius
Recht der freien Meinungsäußerung
hat die Forderung der Denkfreiheit ganz allgemein geltend gemacht.
Der Verstand erkennt keinen Oberherrn als Gott. „Ungebundene Frei-
heit" ist seine Lebensluft. Außerhalb ihrer ist er „gleichsam tot und
entseelt". Sie ist die Bedingung des Fortschritts der Wissenschaften.
Sie hat in den Niederlanden, in England und vor der Verfolgung der
Reformierten auch in Frankreich die Reiche geführt. Ihre Unter-
drückung hat in Spanien und Italien die Entwicklung des wissenschaft-
lichen Geistes vernichtet. Das arme Deutschland wird nur dann auf
eine Blüte der Wissenschaft hoffen können, wenn seine Fürsten der
Forschung die bisher unterdrückte Freiheit gewähren. Aber auch der
große Naturrechtslehrer zieht dieser Freiheit noch recht enge Schran-
ken. Ein Ketzer kann zwar nicht mit weltlicher Strafe belegt werden:
das ergab sich ja aus dem Prinzip der Gewissensfreiheit: aber der
Fürst kann den Ketzer des Landes verweisen, wie ein Hausvater seinem
Knecht den Dienst aufsagt. Schärfer noch formuliert Wolff die Ein-
schränkung der Denkfreiheit. Der Irrtum ist nicht strafbar. Aber wenn
die Äußerung desselben der allgemeinen Wohlfahrt und Sicherheit
Eintrag tut, wird er strafbar. Und da die Rechtssicherheit auf dem
Eide beruht, sind Atheisten im Lande nicht zu dulden. Auch die be-
queme Doktrin vom beschränkten Untertanenverstand findet man bei
Wolff. Freie Forschung und Mitteilung will er nur den Mitgliedern
der Akademie zuerkannt wissen. Die Aufgabe der Akademie ist die
Erweiterung der Wahrheit; ihre Mitglieder bedürfen so das „Recht
völliger Freiheit" im Finden und Mitteilen wissenschaftlicher Wahr-
heiten: aus ihr, wenn sie in den Grenzen des Sicheren verbleibt, kann
eine Gefahr für Staat, Religion und ehrbaren Wandel nicht entstehen.
Die friderizianische Periode baute auf diesen Grundlagen weiter.
Aber einige Momente des vergangenen Zeitalters wirkten doch noch
fort. In der Welt der französischen Aufklärung schwand das Ver-
hältnis zu den christlichen Dogmen. Der neue Kampf war zwischen
dem teleologischen Gottesglauben und dem Naturalismus und Atheis-
mus. Trotz aller Druckschwierigkeiten verbreitete sich die Enzyklo-
pädie über Europa. Die Verfolgung atheistischer Schriften unterlag
in der öffentlichen Meinung starken Bedenken. Und dann setzte der
Kampf gegen die unumschränkte Monarchie in Montesquieu, gegen
die Grundlagen der bestehenden Staaten in Rousseau usw. ein. Schlözer
durfte in Göttingen die maßregelnde, umschränkende Monarchie einer
rücksichtslosen Kritik unterwerfen. Der Einfluß der Geistlichkeit min-
derte sich beständig. Der weltliche Gesichtspunkt in der Auffassung
der Kirche stieg. Wie verhielt sich nun hierzu der große König?
Es ist früher dargestellt worden, wie er die Verweltlichung der Er-
ziehung in ihrem Ziel, wie in den Beweggründen, die bei den Zog-
198 Der soziale Beruf der Monarchie und die Aufklärung
lingen ins Spiel zu setzen sind, anstrebte. Er verwarf die politische
und geistliche Doktrin vom Nutzen dumpfen Autoritätsglaubens für
die Regierenden. Er war darin moderner als das gegenwärtige Preußen.
In Religionssachen vertrat er die Freiheit eines jeden zu glauben,
was er will. Aber er fand in allen Religionen mit der natürlichen
Theologie von Wolff denselben moralischen Kern. Und in diesem sah
er die Grundlage des Staates. Je älter er wurde, desto inniger fand
er sich hierin eins mit der deutschen Aufklärung. Und je mehr in
Frankreich die auflösenden Tendenzen um sich griffen, desto stärker
betonte er seinerseits, die Toleranz dürfe nicht der Frechheit junger
Toren gestatten zu verhöhnen, was das Volk verehrt. Der große Rea-
list forderte gemäß der Natur des Menschen eine Schranke gegen die
französische Maßlosigkeit. Er kannte das Volk besser als die Literaten
der Salons. Die Ausrottung des religiösen Aberglaubens war ihm eine
Schimäre; unter unseren Irrtümern gibt es auch unschuldige, ange-
nehme, ja nützliche. Der Staat ist nur berechtigt, diejenigen zu be-
kämpfen, die das öffentliche Wohl beeinträchtigen. Und seine fried-
lichen Untertanen haben ein Recht darauf, daß ihr Glaube der Ver-
höhnung nicht preisgegeben werde.
Unter diesen Gesichtspunkten haben auch die Verfasser des Land-
rechts das Verhältnis des Staates zur Aufklärung angesehen. Der
Wille des Staates zur Erweiterung und Mitteilung des Wissens spricht
sich in dem staatlichen Charakter der Universitäten und der Akademie
aus. Indem der Staat ihnen diese Aufgabe überträgt, muß er sie auch
mit den Privilegien ausstatten. Aus ihrem Zweck entspringen die Privi-
legien dieser Körperschaften, die seine Erfüllung erst möglich machen.
Sie sind nicht in das Landrecht aufgenommen. Suarez hebt ausdrück-
lich hervor, daß das Gesetzbuch nur dauernde, grundsätzliche Bestim-
mungen hier gegeben habe. Die Akademie hatte das Privilegium der
Zensurfreiheit und die Universitäten das der Zensur über die Arbeiten
ihrer Mitglieder. Es entsprach ganz dem Charakter der Abmessung
von Rechten und Pflichten nach den Berufsaufgaben in diesem Staat.
Findung und Verbreitung der wissenschaftlichen Wahrheit war das Amt
der beiden Körperschaften. Die Privilegien, welche bestimmte christ-
liche Kirchen genießen in der Verkündigung und Verbreitung ihres
Glaubens, beruhen nun ebenfalls darauf, daß die Grundsätze ihrer
Lehre den Anforderungen des Staatswohls entsprechen. Und die An-
forderungen, die an jede geduldete Religionsgesellschaft gestellt wer-
den, sind der Ausdruck jener natürlichen Moral, in der Friedrich den
echten wesentlichen Kern jeder Religiosität erblickte. Gründer von
Sekten, welche die Grundsätze verletzten, wurden mit strengen Strafen
bedroht.
Der Rechtsstaat 199
Die Mitteilungsfreiheit des einzelnen, der nicht kraft eines staat-
lichen Auftrags religiöse oder politische Fragen bespricht, war in
diesem Staat der Berufsordnung auch unter Friedrich dem Großen
sehr eingeschränkt. Das Landrecht enthält in den harten Gesetzen des
Kriminalrechts, die zum Schutz des Staates und der Kirche dienen,
auch einige hierauf bezügliche Bestimmungen. Die öffentliche Kritik
politischer Zustände ist diesem Staat nicht erwünscht. Er verweist seine
Bürger auf den instanzengemäßen Gang der Anzeige und Beschwerde.
Und schreitet mit strengen Strafen gegen jede die Ruhe gefährdende
Verbreitung politischer Ideen, gegen jede Verspottung der Landesgesetze
ein. Ebenso wird den Kirchengesellschaften kriminalrechtlicher Schutz
gewährt, Gotteslästerung wird als gemeines Ärgernis bestraft. Das
Eifern der Prediger verschiedener Konfession gegeneinander wird
durch Amtsentsetzung geahndet. Wo die Mittel des Straf rechts endigen,
stand dem Staat die Zensur zur Verfügung. Die Bestimmungen über
sie fallen nicht in den Rahmen des Landrechts. Tatsächlich hat der
preußische Staat wie alle Monarchien des 18. Jahrhunderts, England
ausgenommen, sie gehandhabt. Die Regierung des großen Königs be-
zeichnet einen Fortschritt in der gelinden Anwendung der Zensur. Man
kennt seine Erklärung, daß „Gazetten, wenn sie interessant sein sollen,
nicht geniert werden dürfen".

VIERTES KAPITEL
DER RECHTSSTAAT
Das Landrecht bezeichnet einen wichtigen Moment auf dem Weg
zur Realisierung des Rechtsstaates. Wie der souveräne und der Wohl-
fahrtsstaat, so bezeichnet auch der Rechtsstaat eine Vollkommenheit,
die sich allmählich in der Geschichte realisiert, ohne je zu völliger
Vollendung zu gelangen. Die Entwicklung in Preußen durchläuft die
Stadien des absoluten, des gesetzlich geregelten und des Verfassungs-
staates. Im ersten ist der Monarch der uneingeschränkte Inhaber der
Macht, Gesetze zu geben und richterliche Entscheidungen zu treffen.
Im zweiten ist er durch die Gesetze gebunden, die er sich selber ge-
geben hat, indem die richterliche Handhabung dieser Gesetze nur
durch die von ihm als selbständig konstituierten Organe der Rechts-
pflege geschieht. Und im dritten, dem Verfassungsstaat, ist auch die
Übereinstimmung des Volksbewußtseins mit den Gesetzen durch eine
selbständig konstituierte gesetzgebende Gewalt gesichert. In dem Recht
selbst sind Anforderungen an dessen Vollkommenheit enthalten, die zur
Verwirklichung des Rechtsstaates und Verfassungsstaates hinführen.
D i l t b e y , Gesammelte Schriften XII
200 Der Rechtsstaat
Das Landrecht bezeichnet den Übergang vorn absoluten zum Rechts-
staat. Nach der Intention seiner Urheber und besonders von Suarez
und Klein kann der große Fortschritt, den in dieser Richtung das
Landrecht bildet, kurz zusammengefaßt als die Selbstbeschränkung
des Monarchen durch die von ihm gegebenen Gesetze und die von
ihm eingesetzten Gerichte bezeichnet werden. Die Justizreform und
die landrechtlichen Bestimmungen schaffen ein von der Verwaltung
getrenntes, in gewissen Grenzen unabhängiges Gerichtswesen, das die
Gesetze zur Geltung zu bringen imstande ist. Die Gesetze erstrecken
sich über alle Teile des Rechts, und der Eingriff des Monarchen in
den Rechtsgang ist aufgehoben. Man kann sagen, daß das Landrecht
die Sicherung des Rechtes für alle Staatsangehörigen durch eine Tei-
lung der Gewalten herbeiführt, wie sie innerhalb des bestehenden Staa-
tes möglich war. Der Monarch übt unumschränkt die Hoheitsrechte
der Regierung und der Gesetzgebung, aber er bindet sich an die Ge-
setze, die er gegeben hat, wenigstens für die Zeit, bis sie durch andere
ersetzt sind. Und er schafft sich ein Organ des Vollzugs der Gesetze
in einem relativ selbständigen Gerichtswesen. Man sieht die Grenzen,
innerhalb deren hier von einer Selbstbeschränkung des Monarchen
durch Gesetze die Rede ist. Man sieht ferner, daß nur der Fortgang
zur Trennung der drei Gewalten und zur konstitutionellen Monarchie
den Rechtsstaat vollenden konnten. Aber der Weg für die weitere Ent-
wicklung war nun geöffnet. Auch dieser Fortschritt hatte seine Grund-
lage in dem Naturrecht, in der Rechtswissenschaft der Aufklärung
und in der Rechtspraxis des friderizianischen Staates. Aus dem Natur-
recht stammt auch hier der herrschende Satz, aus den Pflichten des
Staatsoberhauptes folgen seine Rechte, und sie haben nur unter der Be-
dingung Geltung, daß er jene Pflichten erfüllt. Die ideelle Grundlage
des Naturrechts, die dargelegt worden ist, wirkt auch hier. Am klar-
sten, freiesten hatte diese Lehre einst in den Streitigkeiten über die
Bindung der fürstlichen, Gewalt Huber in seiner Schrift über den
Staat 1674 ausgesprochen. Er steht noch unter dem Einfluß des kühnen
Althusius. Beide geben der Verletzung des Unterwerfungsvertrags zwi-
schen dem geeinten Volk und dem Fürsten die Rechtsfolge der Nichtig-
keit des rechtsverletzenden Gebotes und der Berechtigung zum aktiven
Widerstand. Wir werden sehen, wie Suarez auf anderem Wege aus
der gegenseitigen Bindung entschiedene Folgerungen zieht. An diesem
Punkte macht sich denn auch besonders deutlich der Einfluß von
Montesquieu geltend. Sein Geist der Gesetze war 1748 erschienen und
in allen Händen. So hat Kircheisen als Präsident des Kammergerichts
in einer Ansprache an den Kronprinzen sich auf Montesquieus Lehre
berufen, nach der die Sicherheit der Untertanen allein durch die Selb-
Übergang zum Rechtstaat 201
ständigkeit der richterlichen Gewalt der fürstlichen gegenüber gewahrt
ist. In despotischen Staaten — so sagt Montesquieu — darf der Fürst
richten; auf der selbständigen, organisierten Gewalt der Justiz beruht
in der Monarchie Vertrauen, Liebe, Ehre und Sicherheit.
Die Vorbedingung für die Verwirklichung des Rechtsstaates lag
darin, daß das Landrecht eine einheitliche Gesetzgebung für die ganze
Monarchie erwirkt. Es umfaßte zugleich alle Gebiete des Rechtslebens
und bringt neben dem Zivilrecht auch das ständische und das Kirchen-
recht in einen begrifflichen Zusammenhang. An die Stelle der Mi-
schung verschiedenen Rechtes trat nun ein einheitliches geschriebenes
Recht. Dieses Recht bildete einen Zusammenhang, der seine Bestim-
mungen auf das Wohl des Ganzen zurückführte. Seine Form sollte es
den Rechtsuchenden benutzbar machen und so den preußischen Bürger
zu eigenem Rechtsbewußtsein erziehen. Hierin sahen die Gesetzgeber
die Verwirklichung der subjektiven Bedingungen in den Bürgern für
ihr inneres Verhältnis zu den Gesetzen. Insbesondere sahen Suarez
und Klein darin, daß der Entwurf der öffentlichen Meinung unter-
breitet und den Deputierten der Stände vorgelegt wurde, eine Mit-
wirkung der Nation, ja gewissermaßen eine Fundierung dieser Gesetz-
gebung auf ein Übereinkommen zwischen dem Souverän und der Na-
tion im Sinn des „bürgerlichen Vertrags". Und der weitere Erlaß
von Gesetzen wurde an die Prüfung ihrer Übereinstimmung mit dem
Landrecht und ihrer Billigkeit und Nutzbarkeit durch die Gesetzes-
kommission gebunden. Ja der Entwurf bestimmt sogar die Initiative
der Gesetzeskommission bei Nichtbeobachtung dieser Vorschrift und
die Suspension der Veröffentlichung des Gesetzes. Man möchte an-
nehmen, daß die Überweisung dieses Rechtes an die einzelnen De-
partementschefs im Staatsrat auch hier der Verselbständigung der
„Justiz" in der Richtung der französischen Parlamente einen Riegel
vorschieben sollte.
Die allgemeinsten Prinzipien des Rechtsstaates sind dann in der Ein-
leitung zum Landrecht ausgesprochen. „Die Gesetze binden alle Mit-
glieder des Staates ohne Unterschied des Standes, Ranges und Ge-
schlechts." „Jeder Einwohner des Staates ist den Schutz desselben
für seine Person und sein Vermögen zu fordern berechtigt." Und in
mehreren Rechtssätzen werden auch den untertänigen Bauern ihre
staatsbürgerlichen Rechte auf Leben, Freiheit, Eigentum gesichert.
Rechtsstreitigkeiten zwischen dem Oberhaupt des Staates und seinen
Untertanen sollen bei dem ordentlichen Gerichte nach den Vorschrif-
ten der Gesetze erörtert und entschieden werden. In diesen Sätzen ist
die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz durchgeführt. Hierdurch
wird erst der moderne Begriff des Staatsbürgers möglich. Denn jedem
202 Der Rechtsstaat
Bürger ist nun Sicherheit in seinen Rechtsverhältnissen auch der Obrig-
keit gegenüber gewährleistet.
[Von diesen Ideen aus war die Praxis des Königs allmählich zu einer
Entscheidung gelangt, welche für die Ausbildung des Rechtsstaates
von der größten Bedeutung war. Ihre Vorbedingung lag in der Reform
des Rechtgangs und des Richterstandes, die dargestellt worden ist.
Der König war im älteren Staat der Oberste Richter in seinem Land.
Jedem Untertanen sollte stets der direkte Weg zu ihm offenstehen.
So wurden denn Bittschriften, die gegen die Urteile ordentlicher Ge-
richte an sein höchstes Richteramt supplizierten, angenommen und
aus königlicher Machtvollkommenheit entschieden. Nach der Reform
trat nun die Anomalie eines solchen königlichen Eingriffs in den
Rechtsgang der Zivilprozesse um so auffälliger hervor. Vor allem
begann Montesquieus Geist der Gesetze zu wirken. Noch 1748 hatte
Friedrich ein Urteil gegen einen armen Halberstädter Bauern aus
landesherrlicher Autorität aufgehoben. Aber schon im politischen
Testament von 1752 tritt ein Wechsel in seinen Anschauungen hervor:
,,Ich habe mich entschlossen, niemals den Lauf der Prozesse zu stören.
In den Gerichtshöfen müssen die Gesetze reden, der Souverän muß
schweigen; aber dies Schweigen hat mich niemals gehindert, die Augen
of Jen zu haben zur Überwachung der Richter." Auf Machtsprüche
will. Friedrich also verzichten, nicht aber auf die notwendige Kon-
trolle der Richter. Diese Grundsätze hat Friedrich seitdem sorgsam
beobachtet. Und auch sein Eingreifen in den Arnoldschen Prozeß
hat formal eine Aufhebung der kammergerichtlichen Entscheidung
durch königlichen Spruch vermieden. So hat der König die Unab-
hängigkeit der bürgerlichen Rechtspflege durch seinen Verzicht an-
eDcannt.]
Tiefer noch durchschaut man die Intentionen des Landrechts in
den durch die Reaktion nach dem Tode des großen Königs ausge-
merzten Paragraphen des Entwurfs. In ihnen ist die Selbstbeschrän-
kung des Souveräns durch die von ihm erlassene Gesetzgebung ent-
halten. „Sowohl dem Staat als seinen Bürgern müssen die wechsel-
seitigen Zusagen und Verträge heilig sein." ,,Durch Machtsprüche soll
niemand an seinem Recht gekränkt werden." So hat auch Suarez in
seinen Vorträgen an den Kronprinzen die Selbständigkeit der Gerichte
und die Ausschließung der Machtsprüche für „die Schutzwehr der
bürgerlichen Freiheit eines preußischen Untertanen" erklärt. Hier liegt
eben der Unterschied der Bürger der preußischen Monarchie und der
Sklaven eines orientalischen Despoten. Die Sicherheit der Rechts-
ordnung beruht hierauf. Es war ihm klar, daß eine formell ein-
seitige Willenserklärung des Souveräns in der von ihm geschaffenen
Grenzen des Rechtsstaates 203
und erlassenen Rechtsordnung diesen nur moralisch, seinen Nachfolger
aber gar nicht bindet. Die Willkür der gesetzgebenden königlichen
Gewalt ist in dieser preußischen Selbstherrschaft doch die immer wirk-
same Quelle uneingeschränkter Entschließung. Das hat auch Schlosser
dem anderen Mitarbeiter des Gesetzbuchs, Klein, gegenüber geltend
gemacht. Und formell war das unanfechtbar.
[Formal konnte auch dieser Paragraph als ein freiwilliger einsei-
tiger Akt der Selbstbeschränkung, der einer auf dem Willen beruhen-
den Rechtsordnung angehörte, mit dieser selbst oder einzelnen Teilen
derselben aufgehoben werden. Auch als Willensentschluß genommen,
war ein solcher für den Nachfolger nicht bindend. Nichts konnte die
Kluft überbrücken, die zwischen diesem Verhältnis und einer ver-
tragsmäßig mit Verbindlichkeit für die Rechtsnachfolge fundierten
und beschworenen Verfassung bestand. Daher konnte der Rechtsstaat
erst vollkommen im Verfassungsstaat realisiert werden. Dann bleibt
nur die Schranke, die allem Staatsrecht als solchem anhaftet, wie
dem Völkerrecht, daß hier die Konflikte über das Recht nur durch
die Gewalt entschieden werden können.]
Aber die Schöpfer des Landrechts taten, was sie innerhalb der Gren-
zen dieser preußischen Verfassung tun konnten. Die Willenserklärung
des Königs, die durch die Gesetzgebung bestimmte Überzeugung des
Richterstandes und der Rechtsgelehrten, die Rechte der Gesetzeskom-
mission in bezug auf Erlaß oder Abschaffung von Gesetzen bildeten
eine mächtige Schutzwehr in einem Staate, in welchem der königliche
Wille durch die Überzeugung der Beamtenaristokratie, mit der er re-
gierte, eingeschränkt war. Und Suarez hat auch in diesen Vorträgen
den Kronprinzen daran gemahnt, wohin die lettres de cachet des fran-
zösischen Königtums geführt hatten. Aber aus dieser Lage der Sache
begreift sich nun doch, daß als die Reaktion unter Friedrich Wil-
helm II. sich gegen den Paragraphen über die Machtsprüche und
die ihm entsprechenden Stellen des Landrechts wandte, die Schöpfer
des Landrechts sich die Frage stellten, ob sie hier überhaupt nach-
geben durften und nicht lieber das Zustandekommen des ganzen Ge-
setzbuchs in Frage stellen sollten. Zeigte doch der Eingriff des neuen
Königs in dem Prozeß des Predigers Schulz die Gefahr. Ihre Ent-
schließung, auch ohne diese Bestimmung das Landrecht zur Geltung
zu bringen, war richtig. Denn die in seinem Zusammenhang liegende
Richtung zum Rechtsstaat hat sich auch so folgenreich für die Ver-
fassungsgeschichte Preußens geltend gemacht.
Der Rechtsschutz der Bürger ist weiter bedingt durch eine Justiz,
welche die Herrschaft der Gesetze sichert. Der Rechtsstaat fordert
die Unabhängigkeit der Gerichte, die Trennung der richterlichen Funk-
204 Der Rechtsstaat
tion von der Verwaltung und die Ausdehnung derselben auf jeden
Gegenstand, der eine richterliche Entscheidung fordert. Es ist ge-
zeigt, welche Arbeit die mit der landrechtlichen Gesetzgebung un-
trennbar verbundene Justizreform geleistet hat, dies Ziel zu erreichen.
Das Landrecht vermehrte die Garantien für die Selbständigkeit des
richterlichen Standes und die Sicherung des Rechts durch die Aus-
schließung der königlichen Machtsprüche, durch sein Beamtenrecht
und durch seine Regelung der Aufsicht über die Patrimonialgerichts-
barkeit. Die Sonderung der Justiz von der Verwaltung war in der
Zentralbehörde ausgesprochen in der Trennung des Justizministeriums
vom Generaldirektorium.· Klein hat das Justizministerium nebst den
untergeordneten Justizkollegien als das Palladium der bürgerlichen
Freiheit in den preußischen Staaten bezeichnet. In den Lokalinstanzen
dauerte allerdings noch die verderbliche Verbindung der Funktionen
von Verwaltung und Justiz fort. Den Kammern als Verwaltungsbehör-
den waren die Prozesse zwischen dem Fiskus und den Bürgern zu-
gewiesen. Indem sie das Interesse des ersteren vertraten, konnte da
von einer Unabhängigkeit des richterlichen Verfahrens nicht die Rede
sein. Auch in der weiteren Justizreform von 1782 blieb eine Personal-
union von Verwaltung und Justiz. Erst die Stein-Hardenbergsche Re-
form führte die Trennung von Verwaltung und Justiz völlig durch,
die Prozesse gingen jetzt an die Oberlandesgerichte. Und der Abschluß
der Bewegung wurde durch die Schaffung der Verwaltungsgerichts-
barkeit herbeigeführt: in ihr wurde nun endlich die Sicherung der
bürgerlichen Rechte der Verwaltung gegenüber erreicht. [Schließlich
aber ist hier der Punkt, an welchem der Schutz der Rechte immer
eine Grenze finden wird. Der Verfassungskonflikt wird immer nur
durch die Machtfrage entschieden.]
ANMERKUNGEN
Über das Technische vgl. die Vorbemerkung zu den Anmerkungen von Bd. XI

Schleiermachers politische Gesinnung und W i r k s a m k e i t .


Erschienen 1862 in den PrJ. Bd. X (Bibl. Nr. 17), dort die Anmerkung:
„Der vorliegende Aufsatz ist die Erweiterung eines Vortrags, welchen
der Herausgeber der zwei letzten Bände der Schleiermacherschen Korre-
spondenz, Wilhelm Dilthey, vor einer alljährlich sich versammelnden
Gesellschaft von Freunden Schleiermachers an dessen Geburtstag
<2i. XI. 1861 in Berlin) gehalten hat." Über die Entstehungsgeschichte
vgl. J. Nr. 68, S. 165 und Nr. 73, S. i76f. — Einige wenige Teile der
Abhandlung sind in das Schlußkapitel „Der politische Prediger" der
2. Auflage von Diltheys „Leben Schleiermachers" eingegangen. — Die
geschlüsselten Briefe (PrJ. S. 261 —267) mußten hier fortfallen, sie
wurden von Dilthey, mit Erläuterungen versehen, wieder abgedruckt in
„Aus Schleiermachers Leben. In Briefen" Band IV 1863, S. 158—168
und 171 f.
Fortgelassen ist auch der Schluß der Abhandlung: „Mit dieser <der
Geschichte seines Anteils an der Begründung der Berliner Universität)
werden wir zu beginnen haben; wenn wir demnächst versuchen, seine
politische Wirksamkeit und sein politisches System, wie sie sich in der
zweiten Hälfte seines Lebens entwickelten, in ihren Hauptzügen
darzustellen." In einem Briefe an Haym, der etwa im Juli 1862 ge-
schrieben ist, berichtet D. über den Plan der Fortsetzung: „Der erste
Artikel enthält alles über seine politische W i r k s a m k e i t , der zweite
kürzere über Entstehung, Bedeutung und Wirksamkeit seiner politi-
schen Theorie (Verhältnis derselben zu Vincke, Dahlmann usw., d. h.
zur neuen englischen Schule, ebenso dann zu der ä l t e r e n Montes-
quieus sowie zu Plato-Aristoteles und besonders dem Geist der antiken
Politik). Dann über seine Anfänge einer richtigen Einteilung der Ver-
fassungen, über seine Wirkung in bezug auf Stellung der Kirche und
Wissenschaft zum Staat und dergleichen. Dieser zweite Artikel wird
nicht groß, etwa ein Bogen vermute ich."
Zu dieser Darstellung ist es dann nicht mehr gekommen. Aber am
5. Juli 1900 las Dilthey in der Berliner Akademie „über Beziehung und
Zusammenhang der Ideen Schleiermachers über Kultur und Staat".
In den Sitzungsberichten heißt es: „Er legte den Einfluß Fichtes auf das
historische Denken dar, die Stellung Schleiermachers zur historischen
Schule, den Zusammenhang der Ethik Schleiermachers mit seiner Staats-
lehre". Dann folgt der Vermerk: „erscheint nicht in den Akademischen
Schriften" — wohl weil D. noch an die Fortsetzung des Schleiermacher
dachte. Der Nachlaß enthält noch Aufzeichnungen über dieses Thema.
2θ6 Anmerkungen
Die R e o r g a n i s a t o r e n des preußischen S t a a t e s (1807—1813).
Erschienen 1872 unter dem Pseudonym W. Hoff η er in WM.: Bibl.
Nr. 44. — I. Der F r e i h e r r vom Stein. Zugrunde liegt Pertz. II. K a r l
August von Hardenberg. III. Wilhelm von H u m b o l d t . IV. Neit-
h a r d t von Gneisenau. Von P e r t z ' Gneisenau lagen damals nur drei
Bände vor, bis zum Jahre 1813 reichend, daraus erklärt sich wohl, daß
Dilthey auf Gneisenaus Feldherrntum nur so kurz eingeht. V. S c h a r n -
horst. Zugrunde liegt G. H. Klippel, Das Leben des Generals von
Scharnhorst, 1869—1871 und, gelegentlich in wörtlicher Übernahme, Carl
von Clausewitz, Über das Leben und den Charakter von Scharnhorst (1832).
Die P r e u ß i s c h e n J a h r b ü c h e r . Anonyme Anzeige in der APr
(Stern-)Z. 1861, Nr. 143 vom 21. und Nr. 145 vom 23. IX. : s. Bibl. Nr. 13.
In zwei weiteren Folgen bis zum 28. IX. werden dann die Artikel des
laufenden Jahrganges besprochen, besonders ausführlich die über Baur
und Fichte. Charakteristisch für Dilthey sind folgende Sätze (27. IX.) :
„Dürften wir solcher Fülle von Mitteilungen gegenüber noch einen
Wunsch aussprechen, so wäre es der, daß jener oben entwickelte und
gerühmte Charakter der Zeitschrift, durch den sie vorzugsweise auf Ge-
schichte begründet ist, nicht allzu ausschließlich festgehalten werde und
die andere Hälfte unsrer Bildung, deren Einfluß auf unsere Begriffe vom
Staat wahrlich nicht gering anzuschlagen ist, wir meinen die exakten
Wissenschaften und die mit ihnen zusammenhängende Anthropologie
und Nationalökonomie, vielleicht zuweilen etwas mehr Raum finde —
natürlich nur in ihrer Beziehung zu den Grundgedanken, welche diese
Zeitschrift vertritt." Die Anzeige schließt: „Möge der aus den Worten
des Herausgebers der Preußischen Jahrbücher hervorleuchtende Geist
seine Wirkung in weiten Kreisen des Vaterlandes äußern und jede
Selbstsucht und schwankende Gleichgültigkeit verzehren helfen, welche
noch irgendwo der Lösung der geschichtlichen Aufgabe des preußischen
Staates im Wege steht !"

Das allgemeine L a n d r e c h t . Über die ursprüngliche Stellung dieser


Abhandlung vgl. Bd. III, Vorwort des Herausgebers S. IX. — Im Nach-
laß Diltheys finden sich vier Konvolute (A 27, 28, 2g, 30) über das all-
gemeine Landrecht. A 28 —30 sind Sammlungen von Notizen, Exzerpten,
Entwürfen und Diktaten, die dann ausgeschieden wurden. In A 27 da-
gegen findet sich eine Reihe von zusammenhängenden Diktaten mit um-
fangreichen Einschaltungen von Diltheys eigener Hand, die von ihm je-
weils mit dem Vermerk „Letztes Manuskript" versehen sind. Jeder der
einzelnen Lagen waren ausführliche und sorgfältige Anmerkungen bei-
gefügt, die von verschiedenen Sekretären zusammengestellt und von
Dilthey geprüft sind. Die Diktate sind größtenteils von Dilthey durch-
korrigiert, doch hat er nicht jeden Schreib- oder Hörfehler beseitigt (das
ist hier stillschweigend geschehen). — Die schwerwiegenden Bedenken,
die sich dem Abdruck bei der Herausgabe der „Studien" entgegen-
stellten, werden auch in dem hier nach dem „Letzten Manuskript" her-
gestellten Text der Abhandlung noch ersichtlich sein. —Überschneidungen
und Wiederholungen waren nur gelegentlich nicht ausgeglichen und Ein-
lagen nicht genau angepaßt; es war möglich, hier schonend zu bessern.
Auch hängen die Wiederholungen zum Teil mit Diltheys Art zusammen,
Anmerkungen 2O7
die jeweils das Ganze unter neuen Gesichtspunkten neu zusammenzu-
stellen geneigt ist. In solchen Fällen haben wir nicht geändert. — Die
Anmerkungen Diltheys mußten leider aus Raumgründen fortfallen.
Die einzelnen Titel sind von Dilthey selbst festgelegt, wir haben nur die
Kapiteleinteilung hinzugefügt und die Abschnitte des zweiten Kapitels
unter dem von Dilthey wiederholt im Text benutzten Begriff „Das
preußische Naturrecht" zusammengefaßt. Im dritten Kapitel ist die
Überschrift eines Teiles für den ganzen Abschnitt genommen, der im
Manuskript unter dem Schlagwort „Soziale Fürsorge und Aufklärung"
eingeordnet war. Hier lagen auch die Abschnitte „Das allgemeine Wohl
als Prinzip des Landrechts" und „Der Wohlfahrtsstaat und seine All-
macht", die von uns in das systematische zweite Kapitel übernommen
sind. Einlagen im Text sind in eckigen Klammern an den Stellen ein-
gefügt, zu denen sie uns zu gehören scheinen, ebenso Randbemerkungen
Diltheys ; die Zuordnung war nicht immer sicher festzustellen.
Einleitung. Der friderizianische Staat und die Objektivierung
seines Geistes im Landrecht. A 27, 4—8; davor eine Aufzeichnung aus
A 27, 326, die Dilthey für das — nicht ausgeführte — Schlußstück be-
stimmt hatte. Wir haben diesen Absatz an den Anfang gestellt.
E r s t e s Kapitel. Geschichte der Justizreform bis zum Landrecht.
A 27, 9—91. Gestrichen wurde eine Darstellung der Kritik am Landrecht
27, 76—84 (Pütter, Johann Georg Schlosser, Mirabeau). Es folgte dann
eine Lage: „Das Individuum, die Gesellschaften und der Staat" 27,
97—117. Da der Inhalt in den späteren Abschnitten an verschiedenen
Stellen wiederkehrt, haben wir diesen Abschnitt fortgelassen und die
Stellen 27, 105—117, erheblich gekürzt, an den Anfang des folgenden
Kapitels „Das preußische Naturrecht" gesetzt.
Zweites Kapitel. Das preußische Naturrecht. 1. Die Sittlichkeit als
Grundlage von Recht und Staat 27, 170—201, ohne wesentliche Kür-
zungen. Fortgelassen kurze Ausführungen über Grotius, Hobbes, Pufen-
dorf.
2. Die Souveränität 27, 203—285. Fortgelassen Ausführungen über
Bodin, Hobbes und Pufendorf. Dann gestrichen 27, 225—234 über die
Entwicklungsgeschichte des Kirchenrechts, ebenso 248—251 und 259
bis 263, endlich 280—81 ein Abschnitt über die Kompetenz der Provinzial-
landtage.
3. Das allgemeine Wohl als Prinzip des Landrechts 27, 303 —322.
4. Der Wohlfahrtsstaat und seine Allmacht 27, 322—325.
D r i t t e s Kapitel. Der soziale Beruf der Monarchie und die Auf-
klärung. 1. Die materielle Fürsorge 27, 329—335.
2. Das Kriminalrecht 27, 354—374 mit einigen Streichungen.
3. Das geistige Wohl 27, 380 —405 ohne größere Streichungen.
Viertes Kapitel. Der Rechtsstaat. 27,433—448. Einige Sätze aus
dem Entwurf eines Schlusses für dies Kapitel 27, 470—471 wurden ein-
gefügt, dieser selbst ebenso fortgelassen wie der nicht abgeschlossene
Entwurf einer Einleitung 27, 449—453.
VERZEICHNIS DER SCHRIFTEN WILHELM DILTHEYS
VON DEN ANFÄNGEN
BIS ZUR „EINLEITUNG IN DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN"*

Im folgenden sind alle bibliographisch einwandfrei feststellbaren Veröffent-


lichungen Diltheys aus den Jahren 1857—1883 angeführt. Das Verzeichnis reicht
bis zu dem Werk, das in dieser Ausgabe seiner „ Gesammelten Schriften" den ersten
Band bildet. Die Hauptabsicht dabei war, die durch die vorausgehende Zeit hindurch-
gehende, früh einsetzende anonyme und pseudonyme Schriftstellerei Diltheys, von
der Bd. XI und XII eine Vorstellung geben, in ihrer ganzen Breite sichtbar zu
machen, in Ergänzung der bereits 1912 erschienenen, von H. Zeeck gegebenen
Zusammenstellung (Archiv f. Gesch. d. Philos. Bd. XXV S. 154—161). So wurde
auch die umfassende Rezensententätigkeit des jungen Dilthey hier einbezogen,
was um so mehr geboten schien, weil einige seiner bekanntesten Aufsätze aus
Buchbesprechungen hervorgegangen sind. Diese Rezensionen sind durch die Ab-
kürzung rec. bezeichnet. Aus Raumgründen mußte aber darauf verzichtet werden,
unter 59, 59a und b, 69 und 70 die zahlreichen besprochenen Schriften einzeln aufzu-
führen und für jede Besprechung die genauen Seitenzahlen anzugeben. Ebenso
konnten von den Zeitschriften und Zeitungen der 60er Jahre, an denen Dilthey
mitgearbeitet hat, nur die Berliner Nationalzeitung von 1858—1863, die Deutsche
Zeitschrift für christliche Wissenschaft und christliches Leben, die Protestantische
Kirchenzeitung, Westermanns Illustrierte Deutsche Monatshefte und die Preußi-
schen Jahrbücher systematisch durchgesehen werden. Wir haben versucht, eine
genaue Chronologie zu geben, doch ist zu bedenken, daß das Jahr des Erscheinens
sich nicht immer mit der Entstehungszeit der Arbeiten deckt.** Auch von Dilthey
nicht veröffentlichte Jugendarbeiten, die aber inzwischen (außer Nr. 4a und 30a)
in den Gesammelten Schriften abgedruckt worden sind, wurden aufgenommen ; sie
sind durch eckige Klammern abgehoben. Den Wiederabdruck veröffentlichter
Arbeiten weisen wir unter der Abkürzung W. A. nach. Wo nur eine Bandzahl an-
gegeben ist, z. B. Bd. V, handelt es sich dabei um die Gesammelten Schriften. Bei
mehreren Aufsätzen, die in den Zusammenhang von Bd. XI und XII gehören,
mußte der Wiederabdruck aus Raumgründen unterbleiben; sie sind durch ein

* Abkürzungen : NZ. = Berliner Nationalzeitung ; DZchrW. = Deutsche Zeit-


schrift für christliche Wissenschaft; ProtKZ. = Protestantische Kirchenzeitung;
WM. = Westermanns Illustrierte Deutsche Monatshefte ; Pr J. = Preußische
Jahrbücher; BAZ. = (Schmidts) Berliner Allgemeine Zeitung; APrZ. = All-
gemeine Preußische Zeitung.
** Über diese sind zu vergleichen die Brief Sammlungen : „Der junge Dilthey,
Ein Lebensbild in Briefen und Tagebüchern 1852—1870", zusammengestellt von
Clara Misch geb. Dilthey, Leipzig und Berlin 1933 (die darin wiedergegebenen
Tagebücher Diltheys vordem für sich gedruckt in den „Mitteilungen aus dem
Literaturarchiv in Berlin" N. F. 10, Berlin 1915, unter dem Titel „Ethika") und
„Briefe Wilhelm Diltheys an Bernhard und Luise Scholz 1859—1864", mitgeteilt
von Sigrid v. d. Schulenburg, S.-A. der Sitzungsberichte der Preußischen Akademie
der Wissenschaften Phil.-hist. Klasse 1933, Bd. X, Berlin; ferner die Briefe Diltheys
an Kii'lolf Haym, herausgegeben von Hrich Weniger in den Abhandlungen der
PreuUischcn Akademie der Wissenschaften K).V'· l'liil.-hist. Kl. Nr. ·)• Oie Angaben
in Bd. Xf. S. VI und S. 273 sind zu berichtigen.
Verzeichnis der Schriften Wilhelm Diltheys 209
Sternchen gekennzeichnet. Mit einem Fragezeichen sind die Stücke versehen, die
zwar höchst wahrscheinlich, aber nicht sicher nachweisbar von Dilthey stammen ;
sie sind ebenso wie ungedruckte Arbeiten und gelegentliche Kleinigkeiten unter
dem Zeichen a) zwischen die Zahlen eingeschoben. Wo im folgenden weder ein
Pseudonym noch ein Zeichen angegeben ist, sind die Arbeiten unter Diltheys
Namen erschienen.
Leider haben sich einige Arbeiten Diltheys, deren Druck nach seinen eigenen
Angaben feststeht, trotz aller Bemühungen nicht nachweisen lassen. So war ein
Aufsatz über Macaulay weder in der APrZ. noch in der BAZ., in denen Dilthey
ihn vermutet hat, zu finden. Ebensowenig eine Anzeige der Zeitschrift für Völker-
psychologie, die in den WM. und eine (zweite) Anzeige der Pr J., die in der Süd-
deutschen Zeitung 1863 erschienen sein soll. Auch die politischen Artikel, von
denen D. in den Erinnerungen an Haym (Bd. XI S. 225) spricht, waren bisher
nicht festzustellen. E. W.

1. Artikel in Herzogs Realencyklopädie für protestant. Theologie und Kirche,


1. Aufl Bd. 8 (1857): Lapsi S. 200—201 ; Lerinum S. 333—335; Llorente S. 443 bis
447; Loen S. 452—454; Lütkemann (Joachim) und der Streit um die Menschheit
Christi im Tode S. 536—538; Bd. 9 (1858): Marcion, Gnostiker und seine Schule
S. 25—39· Von der 2. Auflage des Werkes an verblieb nur der Artikel Lütkemann:
Bd. 9 (1881) S. 3—5, 3. Aufl. Bd. 11, S. 681—682.
2. Johann Georg Hamann (rec. : Κ. Η . Gildemeister, Hamanns Leben u. Schrif-
ten). DZchrW. N. F. 1. Jahrg. Nr. 40. Berlin, 2. 10. 1858, S. 315—320. Nr. 41, 9.
10. 1858, S. 323—327. Nr. 44, 30.10. 1858, S. 347—354.—W. A. Bd. XI, S. 1—39.
3. rec. : Programm des Gymnasiums zu Sondershausen, 1858: Tolle, Über das
Verhältnis der Religion zur Kunst. Ebd. N. F. 2. Jahrg., 1859, Nr. 1. 1. 1. 1859,
S. 63—64. Unterzeichnet: Berlin. D.
4. Schleiermacher. WM. Bd. 5, März 1859, S. 602—614. Pseudonym: Wilhelm
Hoffner. W. A. in Schleiermachers Pädagogischen Schriften. 2. Bd.. herausgegeben
von Erich Weniger 1957, S. XI—XtXXII
[4. a) Preisschrift über die Hermeneutik von Schleiermacher. Vor März 1860.
Nachlaß Fase. Β 44. Nicht gedruckt.]
5. rec. : Gustav Baur, Festrede zur Säkularfeier des Geburtsfestes Schillers.
DZchrW. N. F., 3. Jahrg, Nr. 6, 11.2. i860, S. 45—46. gez.: D.
6. rec.: J. G. Deinhardt, Der Begriff der Religion. Ebd. Nr. 11, 17. III. i860,
S. 85- Gez.: D.
6. a) rec. : David Schenkel, Die christliche Dogmatik vom Standpunkt des Ge-
wissens dargestellt. Ebd. Nr. 22, 2. VI. 1860, S. 169—172. Ungezeichnet.
7. Zum Jubiläum von Carl Immanuel Nitzsch, den 16. Juni. Ebd. Nr. 24,
16. VI. 1860, S. 185—192. — W. A. Bd. XI, S. 39 ff. Ungezeichnet.
8. Das Jubiläum des Propstes C. Imm. Nitzsch. Preußische (Adler) Zeitung.
21. Juni i860. Unterzeichnet: v.
9. Satan in der christlichen Poesie. WM. Bd. 8, Juni i860, S. 321—329, Juli
i860, S. 434—439. Pseudonym: Wilhelm Hoffner. W. A. in Wilhelm Dilthey „Die
große Phantasiedichtung und andere Studien zur vergleichenden Literatur-
geschichte", herausgegeben von Herman Nohl 1954, S. 109—131.
10. Aus Schleiermachers Leben in Briefen. Bd. 3. Berlin 1861.
11. Ein Brief A.W.Schlegels an Huber. P r J . Bd. 8, H. 3, September 1861,
S. 225—235. (Mit einer Einleitung über die Gelehrten Zeitschriften im 18. Jahr-
hundert.) Ohne Namen. W. A. der Einleitung „Die gelehrten Zeitschriften im
18. Jahrhundert" als Beilage I in „Briefe Wilhelm Diltheys an Rudolf Haym".
S. 36—41.
11a. Erklärung über die bcnleiermacher-Briefe „Berliner Xationalzeitung"
Xr. 44Γ vom 21. Sept. 1861. W. A. als Beilage II zu „Briefe Wilhelm Diltheys an
Rudolf Haym i86r—1873".
2 ΙΟ Verzeichnis der Schriften Wilhelm Diltheys

n b . Selbstanzeige der Schleiermacher-Briefe, Preußische Jahrbücher, Bd. X,


Heft 3, September 1861, S. 279—282, ohne Namen. W. A. „Briefe Wilhelm Dil-
theys an Kudolf Haym 1861—1873", S. 42—45 als Beilage III.
12. Geschichte Spaniens, r e c : Hermann Baumgarten, Geschichte Spaniens
zur Zeit der französischen Revolution. NZ. 14. Jahrg., Nr. 429, 14. IX. 1861.
9 Spalten. Gezeichnet: D.
13. Die Preußischen Jahrbücher. APr(Stern)Z. 1861, Nr. 143, 145, 147 und 149,
21. bis 28. September 1861. Ungezeichnet. — W. A. Bd. XII, S. 123—130.
14. Fr. Chr. Schlosser, I. Lehr- und Wanderjahre. II. Die Universalgeschichte.
NZ. 14. Jahrg. Nr. 506 und 512, 30. 10. und 2. XI. 1861. Gez.: D—.
14. a) ? rec. : Ein Ergebnis aus der Kritik der Kantischen Freiheitslehre.
ProtKZ. 8. Jahrg. Nr. 47, 23. XI. 1861, Sp. 2004—2007. Ungezeichnet.
15. Friedrich Christoph Schlosser. P r J . Bd. 9, H. 4, April 1862, S. 373—433-
Ungezeichnet. — W. A. Bd. XI, S. 104—164.
15a) Anzeige des I. Quartals 1862 der Preußischen Jahrbücher in „Beilage zur
.Berliner Allgemeinen Zeitung' ", Nr. 198, 30. April 1862. W. A. in „Briefe Wilhelm
Diltheys an Kudolf Haym", als Beilage IV, S. 46 bis 48.
16. Laienbriefe über einige weltliche Schriften. I. Weltliche und theologische
Literatur. II. Gustav Freytag und seine „Bilder aus der deutschen Vergangenheit".
ProtKZ. 9. Jahrg., 1862, Nr. 34, 23. VIII., Sp. 743—746. Nr. 35, 30. VIII.,
Sp. 759—768. Gezeichnet: D—. W. A. Bd. XI, S. 57—70.
17. Schleiermachers politische Gesinnung und Wirksamkeit. P r J . Bd. 10, H. 3,
September 1862, S. 234—277- — W. A. Bd. XII, S. 1—36.
18. r e c : Die Kultur der Renaissance in Italien, ein Versuch von Jacob Burck-
hardt. BAZ. 1862, Nr. 420, 10. IX. Ungezeichnet.— W. A. Bd. XI, S. 70—76.
18. a) Macaulay. um 1862. APrZ. oder BAZ. Vgl. Diltheys Notiz Bd. XI, S. 223.
19. Die Technik des Dramas, r e c : Gustav Freytag, Technik des Dramas. BAZ.
1863, in vier Folgen, 26. III.—9. IV. — W. A. Shakespeare-Jahrbuch Bd. 69,
N. F. Bd. X, 1933, S. 27—60 und „Die große Phantasiedichtung" S. 132—159.
20. Aus Schleiermachers Leben in Briefen. Bd. 4. Berlin 1863.
21. De prineipiis ethices Schleiermacheri. Dissertation. Berlin 1864.
[22. Versuch einer Analyse des moralischen Bewußtseins. 1864. Habilitations-
schrift. Aus dem Nachlaß abgedruckt Bd. VI, S. 1—55·]
23. Artur Schopenhauer. WM. Bd. 16. September 1864, S. 634—651. Pseudonym:
Dr. Wilhelm Hoffner.*
24. Grundriß der Logik und des Systems der philosophischen Wissenschaften.
Für Vorlesungen (16S.). Berlin 1865.
25. Novalis. P r J . Bd. 15, H. 6. Juni 1865, S. 596—650. — W. A. „Erlebnis und
Dichtung" 1. Aufl. 1905., 10. Aufl. 1929, S. 268—348.
26. Ferdinand Christian Baur. WM. Bd. 18, September 1865, S. 581—599.
Pseudonym: Wilhelm Hoffner. — W. A. Bd. IV, S. 403—432.
26. a) ? rec. : Ludwig Hausser, Deutsche Geschichte vom Tode Friedrichs des
Großen bis zur Gründung des Deutschen Bundes. 3. Bd. Ebd. Bd. 19, Dezember
1865, S. 255—261. Ungezeichnet.*
?7. Deutsche Geschichtschreiber. Ebd. Pseudonym: Wilhelm Hoffner. I. Jo-
hannes von Müller. Bd. 19, Dezember 1865, S. 245—254. — W. A. Bd. XI, S. 79-
II. Barthold Georg Niebuhr. Bd. 19, Januar 1866, S. 363—370. — W. A. Bd. X I ,
S. 93. III. Friedrich Christoph Schlosser. Bd. 19. Februar 1866, S. 484—491.
IV. Friedrich Christoph Dahlmann. Bd. 20, April 1866, S. 24—33·
28. Phantastische Gesichtserscheinungen von Goethe, Tieck und Otto Ludwig.
Ebd, Bd. 20. Juni 1866, S. 258—265. Pseudonym: Wilhelm Hoffner. — Benutzt
im Goethe-Aufsatz in „Erlebnis und Dichtung" 3. u. ff. Aufl., S. 190 und in „Die
Einbildungskraft der Dichter" Bd. VI, S. 178.
29. Die neuesten literarhistorischen Arbeiten über das klassische Zeitalter
unsrer Dichtung, (rec: Hettners „Geschichte der deutschen Literatur im 18. Jahr-
Verzeichnis der Schriften Wilhelm Diltheys 211
hundert" Bd. 1, 1862, Bd. 2, 1864 und Julian Schmidts „'Geschichte der deutschen
Literatur seit Lessings Tod", Bd. 1, 5. Aufl 1866). Ebd., August 1866, S. 482—491.
Pseudonym: Wilhelm Hoffner. — W. A. Bd. XI, S. 195—204.
30. Eduard Gibbon. Ebd. Bd. 21, November 1866, S. 135—149- Pseudonym:
Wilhelm Hoffner.*
[30. a) Ein deutsches Tedeum ,,nach Worten der Heiligen Schrift und christ-
licher Hymnen" von Bernhard Scholz (Text unter Mitarbeit Diltheys zusammen-
gestellt).]
31. Über Gotthold Ephraim Lessing. P r J . Bd. 19, 2. H., Februar, S. 117—161,
3. H., März 1867, S. 271—294. — W. A. erweitert in „Erlebnis und Dichtung".
1. Aufl. 1905. 10. Aufl. 1929. S. 17—174.
32. Hölderlin und die Ursachen seines Wahnsinns. WM. Bd. 22, Mai 1867,
S. 155—165- Pseudonym: Wilhelm Hoffner. — (Einige Stellen übernommen in den
Hölderlin-Aufsatz in „Erlebnis und Dichtung", 1905.)
33. Lebenskämpfe und Lebensfriede (Novelle). Ebd. Bd. 22, Juni 1867, S. 241
bis 265. Pseudonym: Friedrich Weiden.
34. rec. : Adolf Bastians Reisen im östlichen Asien. Ebd. Bd. 22, S. 315—317.
Ungezeichnet.
[35. Die dichterische und philosophische Bewegung in Deutschland 1770—1800.
Basler Antrittsvorlesung, Anfang Juli 1867· Aus dem Nachlaß abgedruckt Bd. V,
S. 12—27.]
36. L e b e n S c h l e i e r m a c h e r s . 1. Bd. 1. Lief, (bis S. 160). Berlin I867. Vgl.
Nr. 40.
37. Zu Lessings Seelenwanderungslehre. Erwiderung (an Konstantin Rößler).
P r J . Bd. 20, H. 4, Oktober 1867, S. 439—444. — Verarbeitet in den Anmerkungen
zu „Lessing" in „Erlebnis und Dichtung", 1. Aufl. 1905., 3. u. ff. Aufl. S. 464—466.
38. Ein Anthropolog und Ethnolog als Reisender. WM. Bd. 24, Juni 1868,
S. 269—276. Pseudonym: Wilhelm Hoffner. ( r e c : Adolf Bastian, Die Völker des
östlichen Asien. Bd. 3 und 4.) — W. A. Bd. XI, S. 204—212.
39. Die romantischen Dichter. Ebd. Bd. 25. Pseudonym: Wilhelm Hoffner.
I.Ludwig Tieck. Oktober 1868, S. 25"—42. II. Novalis. Dezember 1868, S. 272
bis 280.
40. L e b e n S c h l e i e r m a c h e r s . I. Bd., 2. Lief. (Schluß). Berlin (März) 1870. —
W. A. 2. Aufl. vermehrt um Stücke der Fortsetzung aus dem Nachlasse des Ver-
fassers, herausgegeben von Hermann Mulert. Berlin und Leipzig 1922.
41. Klaus Groth. r e c : Quickborn. 2. Teil. Im neuen Reich, Jahrg. 1, 1. Bd.,
2. Juni 1871, S. 809—817. Unterzeichnet: D. (S. 8l6 Diltheys Versuch einer Über-
tragung ins Hochdeutsche.)
42. Zum Andenken an Friedrich Überweg. P r J . Bd. 28, H. 3, September 1871,
s. 309—322.*
43. Ludwig Uhland. WM. Bd. 31, Oktober 1871, S. 94—99· Pseudonym:
W. Hoffner.
44. Die Reorganisatoren des Preußischen Staates. Ebd. Pseudonym: W. Hoffner.
I. Der Freiherr vom Stein. Bd. 31, Januar 1872, S. 366—376. II. Karl August von
Hardenberg. Bd. 31, März 1872, S. 599—607. HL Wilhelm von Humboldt. Bd. 32,
Mai 1872, S. 140—155. IV. Neithardt von Gneisenau. Bd. 32, August 1872, S. 470
bis 479. V. Scharnhorst. Bd. 33, Oktober 1872, S. 18—32. —W. A. Bd. XII, S. 37—122.
45. Friedrich Christoph Dahlmann. (rec. : Anton Springer, F. C. Dahlmann.) Ebd.
Bd. 34, Julil873, S. 373—386. Pseudonym: W.Hoffner. — W . A . B d . X I , S.164—185.
46. Die römische Kultur auf ihrer Höhe im Kaiserreich, (rec. : L. Friedländer,
Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms. Bd. 3.) Ebd. September 1873,
S. 660—668.
47. Die Literatur der Niederlande, (rec. : Jonckbloet, Geschichte der nieder-
ländischen Literatur.) Ebd. Bd. 35, Dez. 1873, S. 320—331. Pseudonym: W. Hoff-
ner. W. A. „Die große Phantasiedichtung" S. 160—176.
212 Verzeichnis der Schriften Wilhelm Dillheys
48. Friedrich von Raumer. Ebd. Februar 1874, S. 489—496. Pseudonym:
W. Hoffner. — W. A. Bd. XI, S. 185—194.
49. Voltaire, (rec: D. F. Strauß, Voltaire.) Ebd. Bd. 36. Mai 1874, S. 171—178.
Pseudonym: W. Hoffner. W. A. ..Die große Phantasiedichtung" S. 177—186.
50. rec. : Wilhelm von Giesebrecht, Geschichte der deutschen Kaiserzeit. 1. Bd.,
1. Teil, 4. Aufl. Ebd. Bd. 36, Juni 1874, S. 310— 311. Ungezeichnet.
51. Aus F. W. J. Schellings Leben, (rec: Kuno Fischer, Geschichte der neueren
Philosophie Bd. VI, 1.) Ebd. Bd. 37, Oktober 1874, S. 21—25. Pseudonym:
W. Hoffner.
52. Mohamed, (rec: E.Deutsch, Der Islam.) Ebd. Januar 1875. S. 444—447·
Pseudonym: W. Hoffner.
53. Die Fürstin Galitzin. (rec: Briefwechsel und Tagebücher der Fürstin G.)
Ebd. März 1875, S. 588—593. Pseudonym: W. Hoffner.*
54. Vittorio Alfieri. Ebd. Bd. 38, Juni 1875, S. 324—335, Juli 1875, S. 425—443-
— W. A. ,,Die große Phantasiedichtung", S. 187—228.
55. Neue Mitteilungen über G.A.Bürger, (rec.: Briefe von und an G.Bürger,
1874.) Ebd. Juli 1875, S. 443—448. Pseudonym: VV. H offner. W. A. unter dem
Titel ,,G.A.Bürger und sein Kreis" in ..Die große Phantasiedichtung", S. 229—23b.
56. Über das Studium der Geschichte der Wissenschaften vom Menschen, der
Gesellschaft und dem Staat. Philosophische Monatshefte Bd. 11, 1875, S. 118—132,
241—267· — W. A. Bd. V, S. 31—73.
57. Richard Wagner, (rec: Wagners Gesammelte Schriften und Dichtungen.)
WM. Bd. 39, Jan. 1876, S. 421—432. Pseudonym: Karl Elkan.·
58. Balzac. Ebd. Februar 1876, S. 476—483. Pseudonym: W. Hoffner. W. A.
„Die große Phantasiedichtung". S. 237—246.
59. Literaturbriefe I—XX. Ebd. Bd. 39—42, Februar 1876, S. 555 — September
1877, S. 672. Zunächst unter dem Pseudonym W. von Kleist. Ab Bd. 41 ohne
Namen und Zeichen. Zweifelhaft, ob von Bd. 43—46 (1877—1879) die Literatur-
briefe von Dilthey.
59a) 1. Literarische Mitteilungen. 2. Literarisches. Ebd., von Bd. 29—46. zweifel-
los von Dilthey. z.B. Bd. 29.S. 219. Bd. 35, S. 4960.. Bd. 40. S. 402ft.
60. Goethe und Corona Schröter, (rec. : Robert Keil, Vor hundert Jahren.) Ebd.
Bd. 40, April 1876, S. 71—75. Pseudonym: W. Hoffner.
61. Ein Beitrag zu unsrer Erkenntnis der ersten französischen Revolution, ( r e c :
Adolf Schmidt, Pariser Zustände während der Revolutionszeit. Erster Teil.) Ebd.
April 1876, S. 75—77. Ungezeichnet.
61. a) Zur sozialen Seite der französischen Revolution, (rec: Adolf Schmidt,
Pariser Zustände. Bd. 2.) Ebd., Mai I876, S. 209—216. Ungezeichnet.
62. Heinrich Heine, (rec: H. Heines Leben und Werke von Adolf Strodtmann.)
Ebd., Mai 1876, S. 147—155, Juni 1876, S. 311—320, August 1876, S. 478—491.
Pseudonym : Karl Elkan.
63- Japanesische Novellen, (rec. : Geschichten aus Altjapan von Α . Β. Mitford.)
Ebd., September 1876, S. 577—587- Pseudonym: W. Hoffner.
64. John Stuart Mill. Ebd. Bd. 41, Dezember 1876, S. 255—260. Pseudonym:
Karl Elkan'.*
65. Charles Dickens und das Genie des erzählenden Dichters, (rec. : Charles
Dickens Leben von John Forster.) Ebd., Februar 1877, S. 483—499, März 1877,
S. 586—602. Ein angekündigter weiterer Artikel ist nicht erschienen. — W. A.
..Die große Phantasicdichtung", S. 254—317.
66. George Grote. Ebd., März 1877, S. 650—657· Pseudonym: Karl Elkan.*
67. George Sand. Ebd. Bd. 42, April 1877, S. 93—98. Pseudonym: W. Hoffner.
VV. A. ..Die große Hliantasicdichtung", S. 247 - 253.
68. Über die Einbildungskraft der Dichter, (rec : Goethe, Vorlesungen von Her-
mann Grimm, 1877·) Ztschr. f. Völkerpsychol. Bd. 10, 1878. S. 42—104. W. A.
„Erlebnis und Dichtung 1 ' 1 unter dem Titel: „Goethe und die dichterische Phan-
Verzeichnis der Schriften Wilhelm Diltheys 213
tasie" ; in den folgenden Auflagen ganz umgearbeitet und um die systematische
Darstellung gekürzt.
69. Literarische Mitteilungen. WM. Bd. 47, Oktober 1879, S. 124—130. Un-
gezeichnet.
70. Neuigkeiten des Kunstverlags. Ebd., November 1879, S. 258—259 und
Dezember 1879, S. 386—388. Ungezeichnet.
71. Schleiermachers Weihnachtsfeier. Ebd., Dezember 1879, S. 343—364. —W.A.
Leben Schleiermachers. 2. Aufl., 1922, S. 765—798.
72. Einleitung in die Geisteswissenschaften. Bd. 1. Leipzig 1883. —
W. A. Bd. I.
•Zur preußischen Geschichte
Eckhart Hellmuth
Naturrechtsphilosophie und bürokratischer Werthorizont
Studien zur preußischen Geistes- und Sozialgeschichte des 18. Jahrhunderts. 1985. 302 Seiten,
Leinen. Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 78

Ute Frevert · Krankheit als politisches Problem 1770-1880


Soziale Unterschichten in Preußen zwischen medizinischer Polizei und staatlicher Sozialversiche-
rung. 1984.469 Seiten mit 4 Tabellen, kartoniert. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 62

Hanna Schissler • Preußische Agrargesellschaft im Wandel


Wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Transformationsprozesse von 1763 bis 1847.
1978. 285 Seiten, kartoniert. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 33

Preußische Finanzpolitik 1806-1810


Quellen zur Verwaltung der Ministerien Stein und Altenstein. Bearbeitet von Eckart Kehr.
Herausgegeben von Hanna Schissler und Hans-Ulrich Wehler. Mit einer Einleitung von Hanna
Schissler. 1984. 557 Seiten, Leinen

Barbara Vogel · Allgemeine Gewerbefreiheit


Die Reformpolitik des preußischen Staatskanzlers Hardenberg (1810-1820). 1983. 340 Seiten,
kartoniert. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 57

Dirk Blasius • Bürgerliche Gesellschaft und Kriminalität


Zur Sozialgeschichte Preußens im Vormärz. 1976. 203 Seiten, kartoniert. Kritische Studien
zur Geschichtswissenschaft 22

Alf Lüdtke · »Gemeinwohl«, Polizei und »Festungspraxis«


Staatliche Gewaltsamkeit und innere Verwaltung in Preußen, 1815-1850. 1982. 390 Seiten
und 6 Kunstdrucktafeln, Leinen. Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 73

Norbert Andernach · Der Einfluß der Parteien


auf das Hochschulwesen in Preußen 1848-1918
1972. XVIII, 324 Seiten und 1 Faltblatt, Leinen. Studien zum Wandel von Gesellschaft und
Bildung im 19. Jahrhundert 4

Hans-Jürgen Puhle / Hans-Ulrich Wehler (Hg.)


Preußen im Rückblick
1980. Elf Beiträge. 323 Seiten, kartoniert. Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 6

Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen/Zürich