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SAMSTAG, 5.

OKTOBER 2019 WISSEN & INNOVATION W5

Politikwissenschaft. Seit zwölf Jahren lebt Aaron Tauss in Lateinamerika: Er lehrt und forscht derzeit in Medellı́n an der
öffentlichen Universität, wo Studierende aktiv die Gesellschaft prägen. An den Privatunis machte er andere Erfahrungen.

Kritisch forschen im konservativen Kolumbien


VON VERONIKA SCHMIDT Alternativen.“ Der Linksruck der
2000er-Jahre in Lateinamerika hat

S chon in der Schule im Bur-


genland legte Aaron Tauss
den Grundstein, dass er heu-
te in Lateinamerika forscht. „Ich
hatte vier Jahre Spanisch im Gym-
das neoliberale Modell in Frage
gestellt, es begann mit dem Wahl-
erfolg von Hugo Chávez in Vene-
zuela. „2014 war der Höhepunkt
erreicht, als viele Länder wie Boli-
nasium. Dadurch konnte ich im vien, Ecuador oder Brasilien Mitte-
Studium leichter den Bezug zu links-Regierungen mit einer pro-
spanischsprachigen Ländern her- gressiven Agenda hatten“, erklärt
stellen“, erzählt Tauss, der seit Tauss. Doch dann folgte der
zwölf Jahren in Südamerika lebt. Rechtsruck, der bis heute anhält –
An der Uni Wien studierte er mit Mauricio Macri in Argentinien,
Philosophie, Politik- und Kommu- Jair Bolsonaro in Brasilien oder
nikationswissenschaften und auch Lenı́n Moreno in Ecuador.
schloss seinen Master in Friedens- „Kolumbien war nie links regiert in
und Konfliktforschung an der dieser Zeit, und mit Iván Duque
European Peace University im bur- kam nun die extreme Rechte an
genländischen Stadtschlaining ab die Macht.“ Als wichtigster Ver-
(heute Österr. Studienzentrum für bündeter der USA in der Region
Frieden und Konfliktlösung). spielt Kolumbien auch im Vene-
Schon während des Doktorats an zuela-Konflikt eine federführende
der Uni Wien suchte Tauss The- Rolle.
men, die den Neoliberalismus in
Lateinamerika kritisch betrachten. Abstand gewinnen
„Lang möchte ich nicht mehr hier
leben, zwölf Jahre sind genug“,
IN DER FERNE überlegt Tauss, der nächstes Jahr
ein Sabbatical in Wien einlegt, um
FORSCHEN Abstand zu gewinnen von dem oft
auch belastenden Leben in Medel-
„Mein erster Schwerpunkt wa- lı́n: Die Luft ist schlecht, die Stadt
ren die besetzten Fabriken in Ar- zählt zu den schmutzigsten in Süd-
gentinien, in denen die Arbeiterin- amerika. „Und man muss immer
nen und Arbeiter zur Selbstverwal- auf der Hut sein, vor allem nachts.
tung griffen.“ Zu der Zeit lernte Es gibt nach wie vor – vor allem in
Tauss eine Peruanerin kennen und den ärmeren Vierteln – Schießerei-
zog mit ihr nach Lima: Sein dorti- Die Universidad Nacional de Colombia bietet gute Forschungsbedingungen, obwohl sie seit Jahren unterfinanziert ist. [ Tauss ] en, und es kann jederzeit etwas
ger Aufenthalt sollte länger dauern passieren.“ In Wien schätzt Tauss
als das Liebesglück, und seither schaftliche Interessen, und sie ste- es Abstriche bei der Infrastruktur, schen sind die öffentlichen Uni- nun die Zusammenarbeit mit der
lebt der Burgenländer in Südame- hen ideologisch sehr weit rechts. den Räumlichkeiten und der Aus- versitäten immer federführend. kürzlich gegründeten Forschungs-
rika. „In Lima war ich Mittelschul- Die herrschenden Klassen holen stattung: „Kürzlich ist in Bogotá Die Studierenden bauen eigene gruppe Lateinamerika am Institut
lehrer für Geschichte und Philoso- sich dort ihre Abschlüsse ab“, er- ein Gebäude fast eingestürzt, aber Bomben aus Kartoffeln, die sie ,pa- für Politikwissenschaft, die von
phie, aber das war nichts für klärt Tauss. Schlechte Noten und zum Glück gab es keine Verletz- pa bombas‘ nennen, wobei leider seinem ehemaligen Doktorvater
mich“, sagt Tauss. eindeutige Plagiate musste Tauss ten.“ Die Studierenden entstam- immer wieder Unfälle passieren“, Ulrich Brand geleitet wird.
den reichen Studierenden durch- men eher der unteren Mittelklasse, erzählt Tauss.
Privatuni als Kaderschmiede gehen lassen: „Ihr Wissenschafts- was man auch an den Parkplätzen Er schätzt den Umgang mit ZUR PERSON
Daher nahm er 2010 eine Stelle an verständnis war ganz ein anderes vor der Uni merkt. Während bei den Studierenden, die einen kriti-
der Privatuniversität EAFIT in Me- als meines.“ der Privatuni so viele Mercedes schen Zugang zu Wissenschaft und
dellı́n, Kolumbien, an. Das Lehren Sobald Tauss den Doktortitel und BMW parken, dass die Kapazi- Gesellschaft pflegen: „Viele sind
und Forschen in dieser Institution der Uni Wien in der Tasche hatte, täten nie ausreichen, gelangen die engagiert in politischen Parteien Aaron Tauss wurde 1977
war für einen kritischen Men- konnte er an die größte öffentliche meisten Studierenden hier mit und sozialen Bewegungen.“ Auch in Güssing geboren und
schen, wie Tauss es ist, nicht leicht. Universität Kolumbiens wechseln, dem öffentlichen Bus zur Universi- als Lehrender fühlt Tauss sich gut studierte an der Uni Wien.
„Privatunis sind in Kolumbien die die Universidad Nacional de Co- dad Nacional. vertreten: „Wir haben drei Ge- Seit 2009 lebt Tauss in
Kaderschmieden der großen Fir- lombia, mit knapp 3000 Professo- werkschaften, die sich für die In- Medellı́n, wo er an der Universidad
men: Die Studenten bzw. ihre El- ren an neun Standorten. „Hier Bei Streiks federführend teressen der Universitätsangestell- Nacional de Colombia das Department
tern zahlen einen Batzen Geld und habe ich ideale Arbeitsbedingun- „Ideologisch sind die öffentlichen ten einsetzen.“ für Politikwissenschaften leitete und
erwarten, dass sie deswegen durch gen: 50 Prozent Lehre und 50 Pro- Unis eher links angesiedelt“, weiß Seine Vorlesungen fokussieren Studiendirektor des Politik-Master-
jede Prüfung kommen.“ Gelernt zent Forschung. Die Kollegen und Tauss. Dies sei auch ein Grund, auf internationale Politik, politi- programms war. Sein Buch „Sozial-
wird nur das Nötigste, um auf den Studierenden sind offen, kritisch warum die Regierung kaum Unter- sche Ökonomie und zeitgenössi- ökologische Transformationen: Das Ende
Arbeitsmarkt vorbereitet zu sein. und interessiert“, sagt Tauss. stützung bietet, denn Kolumbien sche politische Philosophie. „Und des Kapitalismus denken“ erschien 2016
„Kritik als solches ist meistens Da aber die öffentlichen Uni- ist das am längsten konservativ re- ich kann in Ruhe forschen: Ein im VSA-Verlag. Forschungsschwerpunkte
nicht gewünscht. Hinter den Pri- versitäten seit Jahren von der Re- gierte Land in Lateinamerika. „Bei Schwerpunkt ist die Krise des Ka- sind der Friedensprozess in Kolumbien
vatuniversitäten stecken wirt- gierung unterfinanziert sind, gibt nationalen Streiks und Protestmär- pitalismus und post-kapitalistische und die Krise des Kapitalismus. [ Foto: Privat ]

Die Mongolen waren kein barbarisches Reitervolk NACHRICHTEN

Kulturgeschichte. Handschriftliche Quellen belegen den Einfluss der Mongolen auf die autochthone Bevölkerung. Fossiler Rochen mit
Die nomadischen Eroberer bewirkten einen Kulturwandel, der einer frühen „iranischen Revolution“ gleich kommt. bizarrem Körperbau
Wiener Forscher haben im
VON ERICH WITZMANN breitet“ – hätten kulturlose, aber Als Ausgangspunkt für seine des 13. Jahrhunderts stießen die Fachblatt Scientific Reports
militärisch äußerst erfolgreiche durch die Start-Auszeichnung ge- mongolischen Krieger bis Polen, in (1. 10.) eine bisher unbekannte
„Die Mongolen im 13. und 14. Barbaren zahlreiche Länder er- förderte Forschung hält de Nicola den Osten Deutschlands, Böhmen Stachelrochenart beschrieben,
Jahrhundert waren keine illitera- obert. Aber tatsächlich sei dies, so fest: Der heutige Iran ist zu einem und Ungarn vor und vernichteten die vor 50 Millionen Jahren in
ten und gewissermaßen kulturlo- der ÖAW-Forscher, im Iran eine bestimmten Teil durch die mongo- im Jahr 1241 in der Schlacht von den Korallenriffen des heutigen
sen Eroberer.“ Bruno de Nicola fruchtbare Periode gewesen. Dies lische Herrschaft zu verstehen. Die Liegnitz eine polnisch-deutsche Italien gelebt hat. Sein eiförmi-
will dieses Vorurteil ausräumen. werde durch Hunderte hand- Eroberer zerstörten das seinerzei- Streitmacht. Innere Streitigkeiten ger Körper, dem im Gegensatz
Dem an der Akademie der Wissen- schriftliche Manuskripte sowie tige Kalifat und leiteten mit ihrem um die mongolische Erbfolge führ- zu heute lebenden Exemplaren
schaften forschenden Iranisten persische und arabische Begleit- pragmatischen Zugang eine neue ten aber zum Rückzug der bis da- der lange Schwanz fehlt, brach-
wurde im Juni dieses Jahres der texte belegt. Entwicklung der bestehenden isla- hin siegreichen Mongolen aus Ost- te ihm den Namen Lessiniabatis
mit 1,2 Millionen Euro dotierte mischen Religion ein. Das führte europa. aenigmatica ein – zu Deutsch:
Start-Preis des Forschungsförde- LEXIKON zu einer veränderten Interpreta- Können auch in Europa mon- bizarrer Rochen aus Lessinia.
rungsfonds FWF zuerkannt. tion des Islams, wie dies im Schiis- golische Einflüsse festgestellt wer-
Interaktionen zwischen einer Das Institut für Iranistik der Akademie mus oder Sufismus deutlich ge- den? Der ÖAW-Forscher will sich Auch verborgenes Eis
autochthonen Bevölkerung und in der Wissenschaften besteht seit 2003. worden ist. Und auch die Ausbil- im Bereich der Kultur nicht festle- der Pasterze schwindet
ihr Territorium hereinkommen- Die kulturgeschichtlichen Forschungen dung der heutigen persischen gen. Sicher sei jedenfalls, dass
den Nomaden bestimmten schon reichen über den Iran hinaus auf die Sprache wurde durch die mongoli- durch den Mongolensturm der Der Klimawandel lässt die Glet-
seine Studien an der Universität Länder Zentralasiens. sche Herrschaft mitbestimmt. Handelsweg von Europa nach Asi- scher rapide schrumpfen – das
Barcelona. „Die mongolische en initiiert wurde, dass somit Mar- gilt auch für das Toteis der Pas-
Herrschaft im Iran und in Zentral- Bruno de Nicola (40) studierte an der Vorstoß bis nach Europa co Polo noch im 13. Jahrhundert terze, das unter Geröll und
asien war für mich die perfekte Universität Barcelona und an der School Die mongolische Epoche im Iran auf den Spuren der Mongolen das Wasser im Vorfeld des Glet-
Möglichkeit, eine derartige Wech- of Oriental and African Studies London – Bruno de Nicola spricht von europäische Zeitalter der Entde- schers verborgen liegt. Zu die-
selwirkung zu erforschen“, sagt sowie an der University of Cambridge. Er einer frühen „iranischen Revolu- ckungen eröffnet hatte. De Nicola: sem Schluss kamen Forscher
Bruno de Nicola. Nach der gängi- arbeitet am ÖAW-Institut für Iranistik tion“ – ist nicht nur für das Land „Indirekt hat es durch den mongo- von der Universität Graz, die an
gen Geschichtsforschung – „Und und hat einen Lehrstuhl für die selbst und Zentralasien wichtig, lischen Vorstoß wirtschaftliche, rund 4200 Punkten am See vor
diese Vorstellung ist in Bezug auf Geschichte des Mittleren Ostens am sondern hat auch Auswirkungen kulturelle und religiöse Transfor- dem Gletscherrand Echolot-
die Mongolen nach wie vor ver- Goldsmith College London. auf Europa. In der ersten Hälfte mationen gegeben.“ messungen durchführten.

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