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Alexander C. T. Geppert/Till Kössler (Hg.

Obsession der
Gegenwart
Zeit im 20. Jahrhundert
V&R Academic
Geschichte und Gesellschaft
Zeitschrift für Historische Sozialwissenschaft

H erausgegeben von
Jens Beckert / Christoph Conrad / Sebastian Conrad / Ulrike Freitag
Ute Frevert / Svenja Goltermann / Dagmar Herzog / Wolfgang Kaschuba
Simone Lässig / Paul Nolte / Jürgen Osterhammel / Margrit Pernau
Sven Reichardt / Stefan Rinke / Rudolf Schlögl / M artin Schulze Wessel
Adam Tooze / Hans-Peter Ullmann

Sonderheft 25:
Obsession der Gegenwart. Zeit im 20. Jahrhundert

Vandenhoeck & Ruprecht


Obsession der Gegenwart
Zeit im 20. Jahrhundert

Herausgegeben von

Alexander C. T. Geppert und Till Kössler

Vandenhoeck & Ruprecht


Bibliografische Inform ation der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche N ationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der


Deutschen N ationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 9 78-3-647-36425-4

Weitere Ausgaben und O nline-A ngebote sind erhältlich unter: www.v-r.de.

Um schlagabbildung: M etropolis, Regie: Fritz Lang, U niversum -Film AG (UFA),


D eutschland 1925/1926; hier Szenenfoto m it Gustav Fröhlich.
© bpk / Stiftung Deutsche K inem athek / Horst von Harbou

© 2015, Vandenhoeck & Ruprecht Gm bH & Co. KG, T heaterstraße 13, 37073 G öttingen/
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bed arf der vorherigen schriftlichen Einw illigung des Verlages.

Satz: textform art, G öttingen


© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
Inhalt

A lexan der C. T. G eppert und Till Kössler


Zeit-Geschichte als A u fg ab e................................................................................. 7

Lucian H ölscher
Von leeren und gefüllten Zeiten.
Zum Wandel historischer Zeitkonzepte seit dem 18. Jahrhundert . . . . 37

P enelope J. C orfield
Time and the Historians in the Age of R ela tiv ity .......................................... 71

Tom R eichard
Die Zeit der Zigarette.
Rauchen und Temporalität in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts . . 92

K atja Schm idtpott


Die Propagierung moderner Zeitdisziplin in Japan,1906-1931 ............. 123

C hristopher Clark
Time of the Nazis.
Past and Present in the Third Reich ................................................................. 156

Till Kössler
Von der Nacht in den Tag.
Zeit und Diktatur in Spanien, 1939-1975 ....................................................... 188

A lexan der C. T. G eppert


Die Zeit des Weltraumzeitalters, 1942-1972 ................................................. 218

Jon athan Gershuny


Time Use and Social Inequality Since the 1960s.
The Gender Dimension ........................................................................................ 251

Zeit-Geschichte.
Eine Auswahlbibliographie ................................................................................. 272

Autorinnen und Autoren ..................................................................................... 287


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ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
Alexander C. T. Geppert und Till Kössler

Zeit-Geschichte als Aufgabe*

Abstract: Contemporary society seems obsessed with time, yet current deba-
tes on temporality have rarely taken its history into account. Given that the
twentieth century was characterized by frequent ruptures and numerous su­
persessions of competing regimes d ’historicite, it is remarkable that time has
not played a more central role in its analysis. This article surveys, first, the role
of time in the writing of history. Second, it discusses the history of time along
three poles: standardization vs. pluralization, discipline vs. flexibility, and acce-
leration vs. Eigenzeit (one’s own time). Third, it sketches three concepts - tem-
poralization, rhythm and simultaneity - as building blocks for a »time-history«
of the twentieth century.

Gilt das neunzehnte Jahrhundert als das Jahrhundert


der Geschichte, so könnte man das zwanzigste Jahr­
hundert als das der Gegenwart bezeichnen.
Ulrich R a u lff1

Die Antinomie im Innersten der Zeit ist unauflösbar.


Siegfried K racau er2

Zeit hat sich in der Gegenwart zu einem Problem besonderer Art, wenn nicht
gar zu einer Obsession entwickelt. Dass die Zeit so vertraut wie fremd ist
und man ihr trotz allem nicht entkommen kann, ist häufig festgestellt wor­
den. Zeit-Beobachter glauben jedoch, im Zeitalter des global-digitalen Echt­
zeit-Kapitalismus eine neue Pathologie von Zeitlichkeit ausmachen zu kön­
nen. Sie beschreiben die moderne Gesellschaft als eine »high-speed society«, in

* Für Hinweise, K ritik und Kommentare danken wir Friedrich Jaeger, A lf Lüdtke, Tom Rei-
chard, den M itgliedern des Arbeitskreises Geschichte + Theorie (AG+T), den anonymen
Gutachtern sowie - stellvertretend für das Herausgebergremium von G eschichte und G esell­
sch aft - Christoph Conrad und Paul Nolte. Ruth Haake, Magdalena Stotter und Laura Mar-
tena sind wir für ihre ausgezeichnete Redaktionsarbeit ebenfalls zu D an k verpflichtet.
1 U lrich Raulff, Der unsichtbare Augenblick. Zeitkonzepte in der Geschichte, Göttingen 1999,
S. 10.
2 Siegfried Kracauer, History. The Last Things Before the Last, New York 1969, S. 163 (dt.: G e­
schichte. Vor den letzten Dingen, Frankfurt 1971, S. 154); siehe auch ders., Tim e and History,
in: History and Theory 5. 1966, Beiheft 6, S. 65-7 8 , hier S. 77.
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
der ständig zunehmender »Zeitdruck« herrsche, »alles jetzt« passieren müsse
und »schnelles Kapital« jeden Lebensbereich durchdringe. Entsprechend sei
die Gegenwart am treffendsten über temporale Kategorien wie »24/7 Kapitalis­
mus« oder »fast capitalism« zu begreifen.3 Zugleich beschäftigt sich eine wach­
sende Ratgeberliteratur mit den negativen Folgen der allenthalben beobachte­
ten Beschleunigung für das Individuum, fragt nach »Zeitnot«, »burn out« und
»entleerten« Zeiten und offeriert im Umkehrschluss den Weg zurück zu einer
sinnvollen, erfüllten oder guten alten Zeit, sei es qua »Entschleunigung«, »slow
food« oder effizienterem Ressourcenmanagement. »Zeit« ist in der medial ver­
fassten Öffentlichkeit genauso omnipräsent wie in den Sozialwissenschaften
und hat sich zu einem Zentralbegriff gegenwärtiger Gesellschaftsbeschreibung
entwickelt.
Viele meinen zudem, dass sich in den vergangenen Jahren das überkom­
mene Zusammenspiel von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verscho­
ben habe. Eine emphatisch grundierte Zukunftsorientierung sei einer Über­
macht des Vergangenen gewichen oder habe sich in einer »erstreckten«, wenn
nicht gar »ewigen Gegenwart« aufgelöst. Ähnlich wie die Soziologin Helga No­
wotny bereits Ende der 1980er Jahre und der Medientheoretiker Paul Virilio in
den 1990er Jahren hat unlängst auch der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich
Gumbrecht einen Zerfall des seit dem 19. Jahrhundert vorherrschenden Zeitver­
ständnisses ausmachen wollen. In der Gegenwart gelinge es immer weniger, die
Vergangenheit hinter sich zu lassen, während sich die Zukunft zusehends ver­
jünge. Die Gegenwart schlucke beides, Vergangenes wie Zukünftiges, und Ge­
schichte gehe nicht länger »nach vorne«, sondern immer weiter in die Breite.
Pointiert hat der französische Historiker Francois Hartog diese Zeitordnung
einer omnipräsenten Gegenwart als »Präsentismus« bezeichnet.4

3 Judith W ajcman, Pressed for Time. The Acceleration of Life in Digital Capitalism, Chicago
2015, S. 13 u. S. 17; Douglas Rushkoff, Present Shock. W hen Everything Happens Now, Lon­
don 2013 (dt.: Present Shock. Wenn alles jetzt passiert, Freiburg 2014); Jonathan Crary, 24/7.
Late Capitalism and the Ends of Sleep, London 2014 (dt.: 24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus,
Berlin 2014); Ben Agger, Fast Capitalism. A Critical Theory of Significance, Urbana 1989;
ders., Speeding Up Fast Capitalism. Cultures, Jobs, Families, Schools, Bodies, Boulder 2004;
John Tomlinson, The Culture o f Speed. The Com ing o f Immediacy, Los Angeles 2007. W ei­
tere Beschreibungen finden sich in: Robin Mackay u. Armen Avanessian (Hg.), #Accelerate.
The Accelerationist Reader, Falmouth 2014 (dt.: #Akzeleration, Berlin 2013).
4 Helga Nowotny, Eigenzeit. Entstehung und Strukturierung eines Zeitgefühls, Frankfurt
1989, S. 9 u. S. 53; Paul Virilio, La vitesse de liberation. Essai, Paris 1995, S. 166 (dt.: Flucht­
geschwindigkeit. Essay, Frankfurt 2001, S. 187); Hans U lrich Gumbrecht, Unsere breite G e­
genwart, Berlin 2010, S. 15 f.; Francois Hartog, Regimes d’historicite. Presentisme et ex-
periences du temps, Paris 2003, hier S. 18 u. S. 119-127 (engl.: Regimes o f Historicity.
Presentism and Experiences of Time, New York 2015, S. X IV -X IX , S. 8 u. S. 107-114);
Rushkoff, Present Shock. Siehe auch Wolfgang Ernsts medientheoretische K ritik eines li­
nearen Geschichtsbegriffs: Signale aus der Vergangenheit. Eine kleine Geschichtskritik,
München 2013.
Bei allen Unterschieden zeichnen sich solche soziologischen, medien- und
kulturwissenschaftlichen Positionen durch die Annahme eines fundamenta­
len Bruchs moderner Zeitregime in der jüngsten Vergangenheit aus. Ob die
Zeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts wirklich »aus den Fugen« geraten ist, wie
ein Essay kürzlich insinuiert hat, ist zumindest fragwürdig. Krisen der gesell­
schaftlichen Zeitordnung sind seit der Französischen Revolution immer wie­
der neu diagnostiziert worden, und die Erfahrung von Beschleunigung gilt seit
Beginn des 19. Jahrhunderts als Ausweis von Modernität schlechthin.5 Die his­
torische Zeit-Forschung im engeren Sinne hat sich lange auf den Übergang von
der Frühen Neuzeit zum 19. Jahrhundert konzentriert und diese zeitgenössi­
schen Debatten kaum zur Kenntnis genommen.6 »Der Zeithistoriker«, haben
Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael demgegenüber gefordert, »muß
sich [...] mit einer Veränderung der historischen Zeit auseinandersetzen.«7
Ähnlich hat Lynn Hunt gerade Historikerinnen und Historiker des 20. Jahr­
hunderts dazu aufgerufen, sich intensiver mit Zeit zu beschäftigen, sei deren
grundlegende Bedeutung doch offenkundig.8

5 Aleida Assmann, Ist die Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne,
München 2013, hier S. 21 f. u. S. 280. Siehe auch die Dokum entarfilm e The End o f Time,
Grimthorpe, Schweiz 2012 und Speed. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Dreamer
Joint Venture, Deutschland 2012.
6 Etwa Alain Corbin, L’arithm etique des jours au X IX e siecle, in: Traverses 35. 1985, S. 91-97
(dt.: Die Zeit und ihre Berechnung im 19. Jahrhundert, in: ders., Wunde Sinne. Über das
Begehren, den Schrecken und die Ordnung der Zeit im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1993,
S. 9-21); Ferdinand Seibt, Die Zeit als Kategorie der Geschichte und als Kondition des his­
torischen Sinns, in: Die Zeit, München 1983, S. 145-188; Trude Ehlert (Hg.), Zeitkonzep­
tionen, Zeiterfahrung, Zeitmessung. Stationen ihres Wandels vom Mittelalter bis zur M o­
derne, Paderborn 1997; M artina Kessel, Langeweile. Zum Umgang m it Zeit und Gefühlen in
Deutschland vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Göttingen 2001; Arndt Brendecke u. a. (Hg.),
Die Autorität der Zeit in der Frühen Neuzeit, Berlin 2007; Michael J. Sauter, Clockwatchers
and Stargazers. Tim e Discipline in Early Modern Berlin, in: Am erican Historical Review 112.
2007, S. 685 -7 0 9 ; Achim Landwehr (Hg.), Frühe Neue Zeiten. Zeitwissen zwischen Refor­
mation und Revolution, Bielefeld 2012, sowie ders., Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte
der Zeit im 17. Jahrhundert, Frankfurt 2014. Für einen Ü berblick siehe Peter Burke, Reflec-
tions on the Cultural History o f Time, in: Viator 35. 2004, S. 617-626; für eine materialreiche
tou r d e fo r c e durch die Geschichte des Zeitbewusstseins vom altbabylonischen Reich bis ins
20. Jahrhundert siehe Rudolf Wendorff, Zeit und Kultur. Geschichte des Zeitbewußtseins in
Europa, Opladen 1980.
7 Anselm Doering-M anteuffel u. Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeit­
geschichte seit 1970, Göttingen 2008, S. 31. Siehe auch Pierre Dubuis u. Jakob Messerli (Hg.),
Autour de l’histoire sociale du temps/Zur Sozialgeschichte der Zeit, Zürich 1997 (= Traverse
4, H. 3); Angela Schwarz, »Wie uns die Stunde schlägt«. Zeitbewußtsein und Zeiterfahrun­
gen im Industriezeitalter als Gegenstand der Mentalitätsgeschichte, in: Archiv für Kultur­
geschichte 83. 2001, S. 451-479, hier S. 459; sowie zuletzt Katja Patzel-Mattern u. Albrecht
Franz (Hg.), Der Faktor Zeit. Perspektiven kulturwissenschaftlicher Zeitforschung, Stutt­
gart 2015.
8 Lynn Hunt, Measuring Time, M aking History, Budapest 2008, S. 5.
Erst in jüngster Zeit zeichnet sich eine konzertierte historiographische Hin­
wendung zur »Zeit« ab,9 welche in ihrem Ausmaß an die »Wiederkehr des Rau­
mes« um die Jahrtausendwende erinnert. Galt vor dieser schnell als spatial turn
etikettierten Wendung zur Geographie die topographische Dimension vergan­
genen Geschehens als unterschätzt, bemühte sich die Geschichtswissenschaft
fortan um ihre eigene »Verräumlichung«.i° Trotz weitreichender Debatten um
Topographien und Orte der Erinnerung spielten in diesem Kontext Fragen nach
Zeit und Zeitlichkeit kaum eine Rolle. Dass es räumlicher Metaphern bedarf,
um von der Zeit zu sprechen, ist immer wieder konstatiert worden, und so ist
dies einerseits erstaunlich, können Raum und Zeit doch in der Tat nur zusam­
men gedacht werden.“ Andererseits ist es auch kein Zufall, dass die Wieder­
kehr des Raumes dem neuen Interesse an der Zeit vorausging, unterliegt letz­
tere im Vergleich doch einem strategischen Nachteil. Für gewöhnlich, hat Hans
Blumenberg argumentiert, wird der Raum der Zeit deshalb vorgezogen, weil

9 Siehe unter anderem Penelope J. Corfield, Time and the Shape of History, New Haven
2007; Alexandre Escudier u. Ingrid Holtey (Hg.), Vitesse et existence. La multiplicite des
temps historiques/Das Tempo des Lebens. Zeit und Zeitwahrnehmungen, in: Trivium
9. 2011, http://trivium.revues.org/4027; Peter Gendolla u. Dietm ar Schulte (Hg.), Was ist
die Zeit?, Paderborn 2012; M artin Sabrow, Die Zeit der Zeitgeschichte, Göttingen 2012; Jo ­
hannes Myssok u. Ludger Schwarte (Hg.), Zeitstrukturen. Techniken der Vergegenwärti­
gung in W issenschaft und Kunst, Berlin 2013; Assmann, Ist die Zeit aus den Fugen?; so­
wie Chris Lorenz u. Berber Bevernage (Hg.), Breaking up Time. Negotiating the Borders
Between Present, Past and Future, Göttingen 2013. Seinen Festvortrag zum 60. G eburts­
tag der Bundeskanzlerin Angela Merkel am 17.7.2014 widmete Jürgen Osterhammel dem
Them a »Zeithorizonte« (veröffentlicht als ders., Vergangenheiten. Über die Zeithorizonte
der Geschichte, in: FAZ, 19.7.2014, S. 11), während der am 5.7.2014 verstorbene H ans-U lrich
Wehler für den 14.7.2014 noch einen Vortrag in der Universität Bielefeld über »Zeitliche
Strukturierungen der Geschichte. Epochen« angekündigt hatte, als Teil einer Vorlesungs­
reihe »Tempus - oder Tempo? Unsere Gesellschaft zwischen Beschleunigung und Ent-
schleunigung«; Aushang gesehen in der Universität Bielefeld am 18.7.2014.
10 Stellvertretend für eine längst nicht mehr zu überschauende Literatur zum sp atial turn nur
in der Geschichtswissenschaft: Jürgen Osterhammel, Die Wiederkehr des Raumes. G eo­
politik, Geohistorie und historische Geographie, in: Neue Politische Literatur 43. 1998,
S. 374-397; David Blackbourn, A Sense of Place. New Directions in Germ an History, Lon­
don 1999; Alexander C. T. Geppert u. a. (Hg.), Ortsgespräche. Raum und Kommunikation
im 19. und 20. Jahrhundert, Bielefeld 2005, sowie U lrike Jureit, Das Ordnen von Räumen.
Territorium und Lebensraum im 19. und 20. Jahrhundert, Hamburg 2012. Zu Genese und
K ritik solcher häufig eher proklamierten als realisierten turns: Doris Bachm ann-M edick,
Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, Reinbek 2006; Christoph
Conrad, Die D ynam ik der Wenden. Von der neuen Sozialgeschichte zum cultu ral turn, in:
GG. Sonderheft 22: Wege der Gesellschaftsgeschichte 2006, S. 133-160; sowie das AHR Fo­
rum »Historiographic >Turns< in Critical Perspective«, in: American H istorical Review 117.
2012, S. 698-813.
11 Zum Zusammenhang von sp atial und tem poral turn: Robert Hassan, Globalization and the
»Temporal Turn«. Recent Trends and Issues in Time Studies, in: Korean Journal o f Policy
Studies 25. 2010, S. 83-102, hier S. 85-8 9 . Reinhart Koselleck, Zeitschichten. Studien zur
Historik, Frankfurt 2000, S. 9; Hunt, M easuring Time, S. 3.
letztere schlicht »weniger spektakulär, weniger affektiv wirksam« sei. Das von
manchen analog als tem poral turn apostrophierte neue Interesse an der »Zeit«
stellt so keine direkte Konsequenz, wohl aber eine Entsprechung der vorange­
gangenen Hinwendung zum Raum dar.12 Im Rahmen einer solchen Wieder­
entdeckung der »vierten Dimension« erweist es sich als ebenso vielverspre­
chende wie reizvolle Aufgabe, genauer nach der Bedeutung und dem Wandel
von Zeit in der Zeitgeschichte zu fragen, dabei Anregungen und Argumente
aus der Soziologie, Ethnographie und Kulturwissenschaft aufzugreifen und die
Gegenwartsdiagnosen einer historischen Überprüfung zu unterziehen.
Das 20. Jahrhundert war - so die Ausgangshypothese dieses Bandes - in be­
sonderer Weise von tief greifenden Zeitbrüchen sowie durch zahlreiche Versu­
che der Formung und Gestaltung von Zeit charakterisiert. Um 1900 wurde sie
zum Problem und Politikum sui generis. Experten erkannten die Notwendig­
keit internationaler Koordinierung und globaler Synchronisierung. Auf Kon­
ferenzen in Washington (1884) und Paris (1912, 1913) sowie durch die Einrich­
tung des B ureau Intern ation al de l’H eure (BIH) in Paris wurden existierende
Zeitnormen vereinheitlicht und universal gültige Standards geschaffen.13 Zu­
gleich erschütterte die Relativitätstheorie die Vorstellung von der Existenz einer
singulären, universal gültigen Zeit. »Wir haben zu berücksichtigen«, stellte Al­
bert Einstein 1905 fest, »daß alle unsere Urteile, in welchen die Zeit eine Rolle
spielt, immer Urteile über gleichzeitige Ereignisse sind« - und verwies damit auf
die Abhängigkeit jedweder Zeit vom Standort des Beobachters.14 Drei Jahre spä­
ter veröffentlichte der englische Philosoph John Ellis McTaggart einen einfluss­
reichen Aufsatz über die »Unwirklichkeit« der Zeit. Mit dem Argument, dass
ein einzelnes Ereignis nicht ohne Widerspruch als gegenwärtig, vergangen oder
zukünftig und zugleich als früher oder später in Bezug auf ein anderes Ereig­

12 Hans Blumenberg, Die Genesis der kopernikanischen Welt, Frankfurt 1975, S. 505. For­
schungsüberblicke finden sich bei Werner Bergmann, Das Problem der Zeit in der Soziolo­
gie. Ein Literaturüberblick zum Stand der »zeitsoziologischen« Theorie und Forschung, in:
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 35. 1983, S. 4 6 2 -5 0 4 ; Nancy Munn,
The Cultural Anthropology of Time. A Critical Essay, in: Annual Review o f Anthropo-
logy 21. 1992, S. 93-123; Rüdiger Graf, Zeit und Zeitkonzeptionen, in: Docupedia-Zeitge-
schichte, http://docupedia.de/zg/Zeit_und_Zeitkonzeptionen; Berber Bevernage u. Chris
Lorenz, Breaking up Time. Negotiating the Borders Between Present, Past and Future. An
Introduction, in: dies., Breaking up Tim e, S. 7-35, sowie Günter Warsewa, Die Zeit der G e­
sellschaft, in: Soziologische Revue 37. 2014, S. 273-282. Siehe darüber hinaus die Beiträge in
Zeitschriften wie Tim e and Society (seit 1992), KronoScope. Journal for the Study of Time
(seit 2001) sowie Temporalites. Revue de sciences sociales et humaines (seit 2004).
13 B. Wanach, Bericht über eine internationale Zeitkonferenz in Paris im Oktober 1912, in:
Die Naturwissenschaften 1. 1913, S. 35-38; Allen W. Palmer, Negotiation and Resistance in
Global Networks. The 1884 International M eridian Conference, in: Mass Comm unication
and Society 5. 2002, S. 7-24.
14 Albert Einstein, Zur Elektrodynam ik bewegter Körper, in: Annalen der Physik 322. 1905,
S. 891-921, hier S. 893 (Herv. i. O.); siehe auch den Beitrag von Penelope Corfield im vorlie­
genden Band.
nis beschrieben werden könne, bestritt er rundheraus ihre Existenz.15 »Es steckt
ein Problem im Zeitbegriff der Geschichtswissenschaft«, diagnostizierte auch
M artin Heidegger in seinem Freiburger Habilitationsvortrag vom Juli 1915.16
Wie diese unterschiedlichen Beobachtungen zeigen, wurde spätestens mit Be­
ginn des Ersten Weltkriegs die Vorstellung brüchig, in einer linearen, steuerba­
ren Zeit des Fortschritts und der stetigen Verbesserung zu leben. Das Erleben
radikaler Zeitumschwünge, der Revolutionier ung herkömmlicher Zeitvorstel­
lungen und eines Auseinanderklaffens von politischer, öffentlicher und per­
sönlicher Zeit wurde zur modernen Grunderfahrung. In dem Maße, in dem
sie selbst als unsicher begriffen wurde, entwickelte sich Zeit zur politisch um­
kämpften Ressource und zugleich zum Gegenstand intensiver theoretischer
Reflexion.17
Umfassende Geschichten der Zeit im 20. Jahrhundert gibt es kaum. Eine
Ausnahme stellt ein bereits Mitte der 1980er Jahre von Charles Maier entwickel­
tes Modell dar. Maier skizziert in dieser »stage theory of temporal conscious-
ness« den Übergang von einer liberal-linearen über eine kollektivistische hin
zu einer plastisch-pluralen Zeitordnung und unterteilt so die Geschichte der
modernen Zeitpolitik in drei Abschnitte: In einer ersten »liberal-bürgerlichen«
Phase im 19. Jahrhundert trennten sich private und öffentliche Zeitordnun­
gen voneinander. Galt Zeit zuvor als linear, konstant und intuitiv verstehbar,
wurde sie zunehmend gemessen, unterteilt und »verpackt« - und damit als aktiv
form- und gestaltbar begriffen. In einer zweiten, »faschistischen« Etappe initi­
ierten die totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts großangelegte Vorhaben, um
die Differenz zwischen öffentlicher und privater Zeit wieder einzuebnen; Zeit
sollte entsubjektiviert, zentral kontrolliert und so zu politischen Zwecken in ­
strumentalisiert werden. In bewusster Abkehr davon wurden in den »postlibe­
ralen« Demokratien der Nachkriegszeit öffentliche und private Zeitordnungen
schließlich wieder stärker voneinander geschieden, etwa bei der Einführung
der 40-Stunden-Woche in den 1960er oder der Lockerung der westdeutschen
Ladenöffnungszeiten in den 1990er Jahren. Folgt man Maier, ist die Zeit der

15 John Ellis McTaggart, The Unreality o f Time, in: Mind 17. 1908, S. 457-474; für einen aus­
führlichen Widerlegungsversuch siehe Doris Gerber, Was heißt »vergangene Zukunft«?
Über die zeitliche Dimension der Geschichte und die geschichtliche Dim ension der Zeit, in:
GG 32. 2006, S. 176-200, hier S. 181-186.
16 M artin Heidegger, Der Zeitbegriff in der Geschichtswissenschaft, in: Zeitschrift für Philo­
sophie und philosophische K ritik 161. 1916, S. 173-188; zitiert nach ders., Gesamtausgabe.
Bd. 1: Frühe Schriften, Frankfurt 1978, S. 413-433, hier S. 425.
17 Siehe Stephen Kern, The Culture o f Tim e and Space, 1880-1918, Cambridge, MA 1983;
jetzt auch ders., Changing Concepts and Experiences of Tim e and Space, in: M ichael T.
Saler (Hg.), The Fin -de-S iecle World, London 2015, S. 74-90. M artin Geyer, Verkehrte Welt.
Revolution, Inflation und Moderne, München 1914-1924, Göttingen 1998, insb. S. 379­
382; siehe auch ders., »Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen«. Zeitsem antik und die
Suche nach Gegenwart in der Weimarer Republik, in: Wolfgang Hardtwig (Hg.), Ordnun­
gen in der Krise. Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900-1933, München
2007, S. 165-187.
Gegenwart durch eine widersprüchliche Koexistenz von individuell-relativis­
tischen Zeitsystemen einerseits, hochgradig standardisierten und durchrationa­
lisierten Zeitordnungen andererseits charakterisiert.18

I. Die Zeit der Geschichtswissenschaft

So wenig fassbar die Zeit, so anspruchsvoll ist ihre Verzeitlichung. Zeit ist so­
wohl gegeben als auch geworden. Sie stellt nicht nur eine natürliche, unüber­
windbare Grunddimension menschlicher Existenz, sondern auch ein kollek­
tiv gestaltetes, symbolisch geprägtes Orientierungs- und Ordnungssystem dar,
das individuelle Beziehungen auf vielfältige Weise strukturiert. Als soziales
Produkt ist Zeit politisch und kann damit zum Gegenstand einer eigenen Zeit­
Geschichte werden. In der Zeit, so Norbert Elias, scheiden sich »Mensch«
und »Natur«, und es bedarf einer klaren Grundvorstellung dieses gemeinsa­
men Verhältnisses vom »Menschen in der Natur«, um Zeit sinnvoll untersuchen
zu können.19
Zeit wird nicht nur wahr- und hingenommen, sondern ebenfalls gemacht,
gestaltet und modifiziert. Verständnis, Bedeutung und der Umgang mit Zeit
unterliegen ebenso historischem Wandel wie ihr Erfahren und Erleben. Zeit, ar­
gumentiert Elias, ist mehr als nur ein soziokulturelles Produkt; sie stellt viel­
mehr einen »Regulierungsmechanismus von zwingender Kraft« dar, welcher
»einen überaus starken Zwang« ausüben kann«.2° Um den konzeptionellen Pro­
blemen zu entgehen, die durch die substantivische Form des Fetischbegriffs
»Zeit« entstehen, hat Elias den Begriff des »Zeitens« eingeführt, analog dem
englischen Verb »to time«. Beim Bestimmen von Zeit werden nicht nur Bezie­
hungen aufgezeigt, sondern selbst hergestellt. Mit dieser eingängigen Merkfor­
mel weist Elias darauf hin, dass Zeit aktiv gemacht wird. Entsprechend ist der
historische Umgang mit ihr an der Schnittstelle zwischen Natur und Mensch
zu untersuchen, und zwar individuell wie gesellschaftlich, ohne zugleich zu un­
terschlagen, dass Zeit letztlich immer noch etwas anderes darstellt als »nur« ein
hochabstraktes soziales Orientierungssystem .21
Selbst wenn er immerzu von ihrer Überwindung träumen sollte, kann ge­
rade der Historiker der Zeit nicht entkommen. Sie »klebt an seinem Den-

18 Charles S. Maier, The Politics of Time. Changing Paradigms o f Collective Tim e and Private
Tim e in the Modern Era, in: ders. (Hg.), Changing Boundaries o f the Political. Essays on the
Evolving Balance Between the State and Society, Public and Private in Europe, Cambridge
1987, S. 151-175, insb. S. 154-166, hier S. 166.
19 Norbert Elias, Über die Zeit, Frankfurt 1984, S. X V u. S. 72.
20 Ebd., S. 10.
21 Ebd., S. 7 f., S. 11 u. S. 43 f.; siehe dazu Carmen Leccardi, The Sociological Concept of Time,
in: Traverse 3. 1997, S. 11-22, sowie Simonetta Tabboni, The Idea o f Social Tim e in Norbert
Elias, in: Tim e and Society 10. 2001, S. 5-27.
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
ken wie die Erde am Spaten des Gärtners«, hat Fernand Braudel form u liert^
Folgt man dem Mediävisten Ferdinand Seibt, ist Zeit »das wichtigste Instru­
ment des Historikers, sein geistiges Rüstzeug, die Gedankenelle [sic], mit der er
Ordnung schafft im Chaos der Erinnerung; das analytische Skalpell, mit dem
er in der breiten Masse des Geschehens nach dem roten Faden sucht; und pa­
radoxerweise ist die Zeit sowohl das eigentliche M aß als auch das eigentliche
Thema der Geschichte.«^3 Obwohl - oder gerade weil - ihre Beziehung zur Zeit
ebenso komplex wie zentral ist, hat die Geschichtswissenschaft ihr Verhältnis
zur grundlegendsten Kategorie des historischen Denkens bislang nicht syste­
matisch klären können. Auch als in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre inten­
siv über die Integration poststrukturalistischer und sogenannter postmoderner
Ansätze in die Geschichtswissenschaft diskutiert und dabei deren epistemische
Grundl agen intensiv und vielleicht bis dato zum letzten Mal einer kritischen
Überprüfung unterzogen wurden, galt der Streit vorrangig Problemen der Dar­
stellung und Narrativität, dem Status von »Fakten«, Wahrheitsansprüchen und
Objektivitätsannahmen. Zeit und Zeitlichkeit waren nicht Gegenstand der hef­
tigen Auseinandersetzungen^ Während die einen der Geschichtswissenschaft
zugutehalten, dass sie sich »mit wichtigeren Dingen zu beschäftigen [habe] als
mit Periodisierungsfragen«, werfen andere ihren Historikerkolleginnen und
-kollegen konzeptionelle Nachlässigkeit vor, wenn sie diese als »temporale
Angsthasen« und »hoffnungslose Dilettanten« in Sachen »Zeit« bezeichnen oder
ihnen »keine besondere Affinität« zum »Zeitproblem« bescheinigen.25
W orin genau das von Heidegger bereits 1915 diagnostizierte »Problem im
Zeitbegriff der Geschichtswissenschaft« besteht, ist im Verlauf der vergange­
nen hundert Jahre immer wieder neu diskutiert worden. Zu unterscheiden
sind zwei entgegengesetzte Blickwinkel; gemeinsam sollen sie hier mit Sieg­

22 Fernand Braudel, Histoire et sciences sociales. La longue duree, in: Annales 13. 1958,
S. 725-753, hier S. 748: »En fait, l’historien ne sort jam ais du temps de l’histoire: le temps
colle a sa pensee comme la terre a la beche du jardinier« (dt.: Geschichte und Sozialwissen­
schaften. Die lange Dauer, in: Theodor Schieder und Kurt Gräubig (Hg.), Theorieprobleme
der Geschichtswissenschaft, Darmstadt 1977, S. 164-204, hier S. 197).
23 Seibt, Zeit als Kategorie, hier S. 147.
24 So hat die 1997 gegründete Zeitschrift Rethinking History dem Them a »Time and History«
nicht vor 2010 ein eigenes Heft gewidmet; ebd., 14. 2003, S. 317-440, insb. das Editorial von
W illiam Gallois, in dem dieser Zeit als »the great u n said in historical thinking« bezeichnet;
ebd., S. 317-320, hier S. 317.
25 Paul Nolte, 1900. Das Ende des 19. und der Beginn des 20. Jahrhunderts in sozialgeschicht­
licher Perspektive, in: G W U 47. 1996, S. 281-300, hier S. 281; Jürgen Osterhammel, Zeit, in:
Merkur 66. 2012, S. 618-624, hier S. 618; M ax Silberschmidt, Der M ensch und seine G e­
schichte im 20. Jahrhundert, in: Rudolf W. Meyer (Hg.), Das Zeitproblem im 20. Jahrhun­
dert, Bern 1964, S. 247-267, hier S. 247. Ähnlich wunderte sich der Autor einer um fangrei­
chen Abhandlung zur Geschichte des Zeitbegriffs von 1934, dass gerade Historikerinnen
und Historiker so wenig zu seiner konzeptionellen Ausgestaltung beigetragen hätten; siehe
Werner Gent, Das Problem der Zeit. Eine historische und systematische Untersuchung,
Frankfurt 1934, hier S. 156-158.
fried Kracauer als die innere A ntinom ie der Z eit-G eschichte bezeichnet werden.
Die Geschichtswissenschaft operiert beständig mit und in der Zeit (»die Zeit
der Geschichtswissenschaft«), kann diese aber auch zu ihrem eigenen Unter­
suchungsgegenstand machen (»die Geschichtswissenschaft der Zeit«). Den Ge­
brauch temporaler Erklärungsmodelle in der Geschichtswissenschaft zu proble­
matisieren und zugleich den Wandel von Zeitregimen in der Zeitgeschichte zu
verfolgen, stellt eine Herausforderung besonderer Art dar.26
Die eine Seite dieser Antinomie ist ein Problem untheoretisierter Praxis. So
sehr Zeit am historischen Denken »klebt«, so schwer fällt es, etwas über ihre Be­
schaffenheit zu sagen. Zeit stellt den Rahmen dar, innerhalb dessen die histo­
rische Forschung ihre analytischen Geschichten platziert. Mit einem chronolo­
gisch angeordneten Davor/Danach gibt Zeit eine sequentielle/lineare Richtung
vor und liefert damit das allen geschichtswissenschaftlichen Darstellungen zu­
grunde liegende Ordnungs- und Gliederungsprinzip. Historikerinnen und His­
toriker beschäftigen sich mit Wandel »in« der Zeit, aber weder die Zeit, in der
sich dieser Wandel abspielt, noch die sich wandelnde Zeit selbst gelten per se als
problematisch. Beständig operieren sie mit temporalen Hilfskonstruktionen,
um Ausschnitte des vergangenen Zeitflusses analytisch-erzählerisch beherrsch­
bar zu machen. Blumenberg hat das als »Phrasierung der Zeit« bezeichnet.27
Historikerinnen und Historiker portionieren vergangene Zeiten, indem sie Ge­
wesenes in »Phasen«, »Perioden«, »Epochen« oder »Zeitalter« unterteilen. Sie
setzen den Zeitfluss unterbrechende »Zäsuren«, widmen sich Phänomenen von
»kurzer« oder »langer Dauer« und streiten über Fragen von Kontinuität oder
Diskontinuität. Vergangene Zeit in Einheiten zu unterteilen, ist Teil des histo-
riographischen Alltagsgeschäfts, zumal sich konkurrierende Portionierungs-
vorschläge regelmäßig zum Ausgangspunkt neuer, selbst forschungsbefördern­
der Debatten entwickeln. Gerne als Selbstzweck verspottet, ist die praktische
Bedeutung von Zeitportionierungsdisputen keineswegs zu unterschätzen, gel­
ten Periodisierungsvorstellungen doch zu Recht als »sinngebende, aber verbor­
gene Auffassungsformen«, welche es immer neu zu überprüfen gilt.28

26 Peter Hüttenberger, Zeit als Kategorie historischen Denkens und der historischen Darstel­
lung, in: Bernd Mütter u. Siegfried Quandt (Hg.), Historie - D idaktik - Kommunikation.
W issenschaftsgeschichte und aktuelle Herausforderungen, M arburg 1988, S. 81-96, hier
S. 83. Zur klassischen Formulierung dieser Antinomie in der Philosophie des 20. Jahrhun­
derts siehe auch Eugen Fink, Operative Begriffe in Husserls Phänomenologie, in: Zeitschrift
für philosophische Forschung 11. 1957, S. 321-337, hier S. 326 f.
27 Hans Blumenberg, Lebenszeit und Weltzeit, Frankfurt 1986, S. 99.
28 Jürgen Osterhammel, Über die Periodisierung der neueren Geschichte, in: Berichte und
Abhandlungen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der W issenschaften 10. 2002,
S. 4 5 -6 4 , hier S. 47 f.; Jürgen Kaube, Lang, kurz, lang, die Zeitgeschichte, in: FAZ, 21.9.2011,
S. N3. Darüber hinaus Arnold Esch, Zeitalter und Menschenalter. Die Perspektiven his­
torischer Periodisierung, in: H Z 239. 1984, 309-351; W illiam A. Green, Periodization in
European and World History, in: Journal o f World History 3. 1992, S. 13-53; Jerry H. Bent-
ley, Cross-Cultural Interaction and Periodization in World History, in: American His-
torical Review 101. 1996, S. 749-770; Birgitta Bader-Zaar u. Christa Hämmerle (Hg.),
Für eine klassische Geschichtsschreibung, die sich darauf konzentriert, die
von ihr berichteten Ereignisse korrekt zu datieren und chronologisch richtig
anzuordnen, reichen solche temporalen Hilfskonstruktionen vollkommen aus.
Doch hat die Vernachlässigung der Komplexität des Phänomens Zeit ihren kon­
zeptionellen Preis. Vergleichsweise einfache narrative Strukturen und kausale
Erklärungsmuster, lineare Vorstellungen von geschichtlichem Wandel und die
Illusion einer »natürlich« voranschreitenden Entwicklung entlang einer einheit­
lichen Zeitachse gehören dazu. »Zeit scheint gemeinhin eine Bedingung zu sein,
unter welcher Geschichte stattfindet, sie kann aber selbst durch die Geschichte
nicht bedingt sein. Zeit lässt sich nicht erzählen: Sie ist die Bedingung dafür,
dass man erzählen kann«, hat ein Rechtshistoriker das Problem zusammenge­
fasst und damit auf die eine Seite der inneren Antinomie der Zeit-Geschichte
aufmerksam gemacht.29 Gerade für eine Geschichte des zeit-fragmentierten und
zeit-kritischen 20. Jahrhunderts stellen sich diese Fragen von Linearität, Kau­
salität und der narrativen Verfügbarkeit von Geschichte in besonderer Weise.
Die an dere Seite der Antinomie ist kein Problem untheoretisierter Praxis,
sondern eines unpraktizierter Theorie. Dass Zeit und Zeitlichkeit historio-
graphische Grundprobleme p a r excellence darstellen, wird länger diskutiert als
es im Schwung der gegenwärtigen sozial- und kulturwissenschaftlichen De­
batten den Anschein hat. Bei genauerem Hinsehen findet sich im geschichts­
theoretischen Denken des 20. Jahrhunderts sehr wohl ein zeit-bezogener Dis­
kussionsstrang, der jedoch kaum in die historiographische Praxis überführt
worden ist. In der französischen Geschichtsschreibung etwa setzte bereits wäh­
rend des Zweiten Weltkriegs ein intensives Nachdenken über die historische
Zeit ein. Marc Bloch unterschied zwischen der kulturell gedeuteten Zeit der
Historiker und derjenigen der Physiker und widmete ein knappes, indes Frag­
ment gebliebenes Unterkapitel seiner »Apologie pour l ’histoire« dem Problem
der »historischen Zeit«. 1949 veröffentlichte Fernand Braudel sein vielzitier­
tes Dreischichtenanalogon der Meeres-Zeit, ohne dabei bereits den inzwischen
häufig überstrapazierten Begriff der »langen Dauer« zu verwenden. Und ähn­
lich empfahl auch Philippe Aries 1954 in »Le temps de l’histoire« insbeson­
dere dem »l’historien du present« aus seiner eigenen Zeit herauszutreten, »nicht
um ein Mensch keiner Zeit zu sein, sondern um der einer anderen Zeit zu

NeuZeit?, Innsbruck 2001 (= W iener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit 1, H. 2), sowie
Friedrich Jaeger, Epochen als Sinnkonzepte historischer Entwicklung und die Kategorie der
Neuzeit, in: Jörn Rüsen (Hg.), Zeit deuten. Perspektiven - Epochen - Paradigmen, Bielefeld
2003, S. 313-354. Jaeger definiert Epochen als »methodische Instrum ente des historischen
Denkens [...], mit denen eine d iach ro n e U nterscheidung vorgenommen wird und ein tem ­
poraler Zusammenhang oder auch eine historische Differenz zwischen Vergangenheit und
Gegenwart als unterscheidbaren Aggregatzuständen des Zeitflusses hergestellt wird«; ebd.,
S. 316 (Herv. i. O.).
29 Jani Kirov, Eine andere Geschichte der Zeit, in: Rechtsgeschichte 11. 2007, S. 12-15, hier
S. 12.
sein«. Aufgabe der Historikerinnen und Historiker sei es, aus unterschiedlichen
Strukturen in Zeit und Raum Geschichte entstehen zu lassen.3°
Bloch, Braudel und Aries war gemein, dass sie Zeit als historisch und histori­
sierbar zugleich begriffen und damit das vorbereiteten, was Reinhart Koselleck
pointiert die »Denaturalisierung der alten Zeiterfahrung« nannte, als er An­
fang der 1970er Jahre ihr Verhältnis zur Zeit als das Zentralproblem jedweder
Geschichtswissenschaft identifizierte. In einem seiner Schlüsseltexte »Über die
Theoriebedürftigkeit der Geschichtswissenschaft« kam Koselleck 1972 zu dem
Schluss, dass Geschichte als Wissenschaft nur dann bestehen könne, »wenn sie
eine Theorie der geschichtlichen Zeiten entwickelt, ohne die sich die Historie
als Allesfragerin ins Uferlose verlieren müßte.« »Was geschichtliche Zeit sei, ge­
hört zu den schwer beantwortbaren Fragen der historischen Wissenschaft«, lau­
tet der erste Satz seiner einflussreichen Essaysammlung »Vergangene Zukunft«.
Ähnlich erklärte sein Münsteraner Kollege Karl-Georg Faber zwei Jahre später
die »Frage nach der Bedeutung der Zeit in der Geschichte und in der Historie«
zu einer der »weitreichendsten, weil die übrigen umgreifenden« Fragestellun­
g en ” Ein Jahrzehnt zuvor war bereits die Geschichte der Zukunft als vielver­
sprechendes Themenfeld historischer Forschung entdeckt worden. Nicht nur

30 Fernand Braudel, La mediterranee et le monde mediterraneen a l’epoque de Philippe II,


3 Bde., Paris 1949 (dt.: Das Mittelm eer und die mediterrane Welt in der Epoche Phi­
lipps II., 3 Bde., Frankfurt 1990); M arc Bloch, Apologie pour l’histoire. Ou m etier d’his-
torien, Paris 1949 (dt.: Apologie der Geschichtswissenschaft oder Der Beruf des Histori­
kers, Stuttgart 2002); Philippe Aries, Le temps de l’histoire, Monaco 1954, S. 309 f. (dt.: Zeit
und Geschichte, Frankfurt 1988, S. 249). Zu Braudel insb. Lennart Lundmark, The Histo-
rian’s Time, in: Tim e and Society 2. 1993, S. 61-74, hier S. 62 f.; U lrich Raulff, Ein H istori­
ker im 20. Jahrhundert. Marc Bloch, Frankfurt 1995, S. 148; ders., Augenblick, S. 13-49;
sowie Alain Maillard, Les temps de l’historien et du sociologue. Retour sur la dispute Brau-
del-Gurvitch, in: Cahiers internationaux de Sociologie 19. 2005, S. 197-222 (dt.: Die Zei­
ten des Historikers und die Zeiten des Soziologen. Der Streit zwischen Braudel und Gur-
vitch - wiederbetrachtet, in: Trivium 9. 2011, http://trivium.revues.org/4048). Im Umfeld
der A nn ales sind weitere einschlägige Arbeiten zum Them a entstanden, so Braudel, Longue
duree; Jacques Le Goff, Au Moyen Age. Temps de l’eglise et temps du marchand, in: Anna-
les 15. 1960, S. 417-433 (dt.: Zeit der Kirche und Zeit des Händlers im Mittelalter, in: Clau­
dia Honegger [Hg.], Schrift und Materie der Geschichte. Vorschläge zur systematischen A n­
eignung historischer Prozesse, Frankfurt 1977, S. 393-414) sowie, aus einer späteren Phase,
Krzysztof Pomian, L’ordre du temps, Paris 1984, und Jean-Claude Schm itt, Le temps. »Im-
pense« de l’histoire ou double objet de l’historien, in: Cahiers de civilisation medieval 48.
2005, S. 31-52.
31 Reinhart Koselleck, Über die Theoriebedürftigkeit der Geschichtswissenschaft, in: Werner
Conze (Hg.), Theorie der Geschichtswissenschaft und Praxis des Geschichtsunterrichts,
Stuttgart 1972, S. 10-28; zitiert nach Koselleck, Zeitschichten, S. 298-316, hier S. 303; ders.,
Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt 1979, S. 9. Bezeich­
nenderweise sollte der Untertitel von Kosellecks Aufsatzsammlung zunächst »Studien zur
geschichtlichen Zeit« heißen; siehe H ans-U lrich Wehler, Modernisierungstheorie und G e­
schichte, Göttingen 1975, S. 75, Anm. 41. Karl-G eorg Faber, Theorie der Geschichtswissen­
schaft, München 19743, S. 227-233, hier S. 227.
»Beschleunigung«, sondern auch »Zukunft« wurde damit genau in dem M o­
ment als historisch bedeutsam erkannt, als sich die Begriffe selbst als brüchig
erwiesen hatten und ihre Existenz nicht länger unstreitig angenommen wurde.
Offenkundig war es jeweils der Eindruck einer drohenden Verlusterfahrung,
welche ihre Historisierung relevant werden ließ und vorantrieb.32
Bei allem Sinn oder Unsinn derartiger Etikettierungen birgt die hinter
dem sogenannten tem poral turn aufscheinende Wiederkehr der Zeit demnach
eine doppelte Chance.33 Eine systematische Klärung von Status, Funktion und
Bedeutung der Zeit im und für das Schreiben von Geschichte trägt einmal
zur Selbstreflexion und -verständigung bei und stellt insofern Grundlagen­
forschung dar. Zum anderen eröffnet der Versuch ihrer Verzeitlichung eine
Vielzahl neuer Forschungsperspektiven für die Geschichtswissenschaft, gerade
im Hinblick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Dessen Brüche und Zer­
splitterungen fordern die Zeit-Historikerinnen und Zeit-Historiker dazu auf,
den schnellen Wandel und die rasche Abfolge konkurrierender Zeitordnun­
gen zu untersuchen und damit einer bisher weniger beachteten Dimension der
jüngsten Geschichte Aufmerksamkeit zu schenken. Da Zeit - ihre Organisation
und Beschleunigung, ihre Verfügbarkeit und ihr Mangel - in der Gegenwart als
ein grundlegendes gesellschaftliches Problem begriffen wird, ist es die Aufgabe
der historischen Wissenschaften, die Genese dieses Problems zu erhellen und
solche Gegenwartsdiagnosen kritisch zu überprüfen, zumal es sich um die His-
torisierung einer menschlichen Grunderfahrung p a r excellence handelt.34

32 Zur Geschichte der Zukunft siehe nur die einschlägigen Vorträge auf dem 25. Deutschen H is­
torikertag 1962 in Duisburg, insb. von Karl D ietrich Erdm ann (veröffentlicht als ders., Die
Zukunft als Kategorie der Geschichte, in: HZ 198. 1964, S. 4 4 -6 1 ) und Reinhart W ittram
(ders., Zukunft in der Geschichte. Zu Grenzfragen zwischen Geschichtswissenschaft und
Theologie, Göttingen 1966). Siehe auch Ernst Schulin, Die Zukunft im historisch-politischen
Denken des 20. Jahrhunderts, in: Heinz Löwe (Hg.), Geschichte und Zukunft. F ün f Vor­
träge, Berlin 1978, S. 91-110; Joseph J. Corn (Hg.), Im agining Tomorrow. History, Techno­
logy, and the American Future, Cambridge, MA 1986; Lucian Hölscher, Die Entdeckung
der Zukunft, Frankfurt 1999; Daniel Rosenberg u. Susan Friend Harding (Hg.), Histories of
the Future, Durham 2005; sowie das AHR Forum »Histories o f the Future«, in: American
Historical Review 117. 2012, S. 1402-1485. Siehe auch den Beitrag von Alexander Geppert
im vorliegenden Band.
33 Hassan, Globalization and the »Temporal Turn«, S. 83, datiert eine solche Wiederkehr der
Zeit bereits auf die frühen 1990er Jahre; ähnlich kritisch Achim Landwehr, Alte Zeiten,
Neue Zeiten. Aussichten auf die Z eit-G eschichte, in ders., Frühe Neue Zeiten, S. 9 -4 0 , hier
S. 15 f. Zum tem p oral turn siehe zudem die Beiträge von Lucian Hölscher, Penelope Corfield
und Christopher Clark im vorliegenden Band.
34 Zu Akteursperspektiven: Heidrun Friese, Die Konstruktionen von Zeit. Zum prekären Ver­
hältnis von akademischer Theorie und lokaler Praxis, in: Zeitschrift für Soziologie 27. 1993,
S. 323-337, hier S. 329-333.
II. Die Geschichtswissenschaft der Zeit

Im Laufe der Zeit haben Historikerinnen und Historiker »Zeit« auf unterschied­
liche Art und Weise zu historisieren versucht. Drei thematische Schwerpunkte
dieser Untersuchungen lassen sich unterscheiden: erstens die Entwicklung und
Verbreitung von Techniken des Messens von Zeit sowie ihre Normierung, Ko­
ordination und Synchronisation; zweitens die Genese und gesellschaftliche
Durchsetzung spezifischer rationaler und kapitalistischer Zeitregime, etwa im
öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz, im Militär oder in der Schule; sowie drit­
tens die Dynamisierung individueller Zeiterfahrungen. In allen drei Bereichen
können die existierenden Arbeiten und Ansätze jeweils zwischen zwei diametral
entgegengesetzten Polen situiert werden: Standardisierung vs. Pluralisierung für
den ersten Strang, Disziplinierung vs. Flexibilisierung für den zweiten und B e­
schleunigung vs. Eigenzeiten für den dritten. Eine Anordnung anhand dieser drei
Leitdichotomien erlaubt es, einen umfassenden Überblick über die Entwicklung
und den gegenwärtigen Stand der Zeit-Geschichtsforschung zu gewinnen.35

1. Standardisierung vs. Pluralisierung

Sich einer Geschichte der Zeit indirekt über die Techniken und Praktiken ih­
res Messens zu nähern, ist der klassische und am häufigsten praktizierte Ansatz
der Zeit-Geschichte. Die Geschichte der Chronometrie und Chronologie, das
heißt die Geschichte der Zeitmessung und Zeitrechnung mithilfe von Uhren
und Kalendersystemen, ist vergleichsweise gut erforscht. Für gewöhnlich wird
sie als Prozess der zunehmenden Präzisierung, Normierung, Standardisierung
und weltweiten Synchronisierung geschrieben, in deren Verlauf Zeit nicht nur
immer akkurater gemessen, sondern auch immer stärker in den Alltag der Men­
schen integriert wurde. Eine große zeit-geschichtliche Brücke schlagend, von
der Erfindung der ersten mechanischen Uhren im Spätmittelalter bis zur physi­
kalisch bestimmten Atomzeit des 20. Jahrhunderts, kann die Normierung von
Alltagszeit, insbesondere durch Besitz und Nutzung von Uhren, innerhalb einer
solchen Lesart als Indikator von Modernität und zugleich als Ausweis, aber
auch als Katalysator eines zugrunde liegenden Modernisierungsprozesses her­
halten. Mit der Einführung der C oordinated Universal Time (UTC) als Nach­
folgerin der G reenwich M ean Time (GMT) am 1. Januar 1972 und dem Verkauf

35 Peter Burke (Reflections on the Cultural History of Time) teilt primär frühneuzeitliche Ar­
beiten in drei andere Gruppen ein: »Times and Cultures« (Durkheim, Mauss, Hubert, aber
auch Bloch, Febvre und Koselleck), »Times and Groups« (Le Goff, Gurvitch, Thompson,
Schivelbusch) und »Times and Occasions« (Birth), wobei die dritte Kategorie merkwürdig
leer bleibt. M it Chronom etrie (Zeitmessung), Chronologie (Zeitrechnung), Chronographie
(Erzählen von Ereignissen in der Zeit) und Chronosophie (Nachdenken über Zeit) entwirft
Krzysztof Pom ian (L’ordre du temps) vier grundsätzliche Kategorien des Umgangs mit Zeit,
die er je unterschiedlich in Beziehung zueinander setzt.
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der ersten Quarzuhr durch die Firma Seiko zum Weihnachtsfest 1969 wurde
ein vorläufiger Höhepunkt erreicht. Präzisionszeit war jetzt überall leicht und
individuell konsumierbar.3®
Die verwendeten Messapparaturen sind dabei älter als die zum Einsatz kom­
menden Messeinheiten oder überhaupt die Nachfrage nach kollektiven Zeit­
ordnungen. Existierten erste mechanische Uhren bereits um 1300, wurde ihre
soziale Koordinationsfähigkeit mit der Einrichtung von Turmuhren entdeckt.
Spätmittelalterliche Städte entwickelten sich zu untereinander unverbundenen
Inseln abstrakter Zeitlichkeit, deren dominierendes Zeitregime - die gleichmä­
ßige Stunde - so weit reichte, wie das Signal der Glocken akustisch trug. Noch
um 1600 verfügten die meisten Städte nur über eine einzige öffentliche Uhr, die
entweder am Kirchturm oder am Rathaus angebracht war, dafür aber längst
über ein hochgradig differenziertes Signalsystem qua Geläut^7
Mit der Massenproduktion preiswerter Taschenuhren im 19. Jahrhundert
und dem Erfolg der Armbanduhren ein Jahrhundert später konnte individu­
elle Zeit präzise an vorherrschende Normzeiten angepasst werden. Die seit 1850
rapide zunehmenden Verkehrsgeschwindigkeiten erforderten und beförderten
Standardisierung und Synchronisierung. »The railroads introduced standard
time«, lautet die entsprechende Formel des amerikanischen Zeit-Historikers
Ian Bartky.38 Eisenbahngesellschaften wie -reisende propagierten überregionale

36 So etwa Gerhard Dohrn-van Rossum, Die Geschichte der Stunde. Uhren und moderne
Zeitordnungen, München 1992, hier S. 9-11. Aus der Fülle der Arbeiten zur C hron om etrie,
insb. zu Uhren, in chronologischer Reihenfolge: Carlo M. Cipolla, Le m acchine del tempo.
L’orologio e la societa (1300-1700), Bologna 1967 (dt.: Gezählte Zeit. W ie die m echanische
U hr das Leben veränderte, Berlin 1997); David S. Landes, Revolution in Time. Clocks and
the M aking o f the Modern World, Cambridge, MA 1983; Daniel J. Boorstin, The Discove-
rers, New York 1983, S. 26-7 8 ; Corbin, L’arithm etique des jours; Carlene E. Stephens, On
Time. How America Has Learned to Live by the Clock, Boston 2002; Peter Galison, Ein-
stein’s Clocks, Poincare’s Maps. Empires o f Time, New York 2003 (dt.: Einsteins Uhren,
Poincares Karten. Die Arbeit an der Ordnung der Zeit, Frankfurt 2003); Alexis McCrossen,
M arking Modern Times. A History o f Clocks, Watches, and Other Timekeepers in Ameri­
can Life, Chicago 2013; sowie zuletzt Andrew K. Johnston u. a., Tim e and Navigation, Wa­
shington, DC 2015. Zur Geschichte von K a len d ern siehe insb. Eviatar Zerubavel, Hidden
Rhythms. Schedules and Calendars in Social Life, Chicago 1981; Bronislaw Baczko, Le ca-
lendrier republicain. Decreter l’eternite in: Pierre Nora (Hg.), Les lieux de memoire, Bd. 1:
La Republique, Paris 1984, S. 37-83; Robert Poole, »Give Us Our Eleven Days!« Calendar Re­
form in Eighteenth-Century England, in: Past & Present 149. 1995, S. 95-139; ders., Tim e’s
Alteration. Calendar Reform in Early Modern England, London 1998; Duncan Steel, Mar-
king Time. The Epic Quest to Invent the Perfect Calendar, New York 2000; Leofranc Hol-
ford-Strevens, A History of Time, Oxford 2005 (dt.: Kleine Geschichte der Zeitrechnung
und des Kalenders, Stuttgart 2008); Sanja Perovic, The Calendar in Revolutionary France.
Perceptions o f Tim e in Literature, Culture, Politics, Cambridge 2012; sowie zuletzt Land­
wehr, Geburt der Gegenwart.
37 Dohrn-van Rossum, Geschichte der Stunde, S. 263-280.
38 Ian R. Bartky, The Adoption of Standard Tim e, in: Technology and Culture 30. 1989,
S. 2 5 -5 6 , hier S. 25; ders., Selling the True Time. Nineteenth-Century Timekeeping in Ame-
Koordination und internationale Vereinheitlichung der existierenden Lokal­
zeiten. Ebenso erkannten die Militärstrategen der imperialen Mächte die Vor­
teile einheitlicher Zeitordnungen für die Kriegsführung. Bereits in den 1870er
Jahren initiierte der kanadische Ingenieur Sir Sandford Fleming (1827-1915)
die sogenannte Standardzeit-Bewegung, deren Aktivitäten im Oktober 1884 in
der dreiwöchigen Intern ation al M eridian C onference in Washington, DC kul­
minierten. Dort einigten sich Vertreter von 27 Staaten auf das noch heute gül­
tige System von 24 Zeitzonen, mit dem Nullmeridian in Greenwich als Aus­
gangspunkt eines die Erde umspannenden unsichtbaren Zeitrasters.39 Nachdem
sich der frühere Chef des Generalstabs G raf Helmuth von Moltke (1800-1891)
vor dem Deutschen Reichstag vehement dafür ausgesprochen hatte, die exis­
tierenden fünf deutschen Regionalzeiten durch eine einzige Zeitzone zu er­
setzen, wurde im März 1893 - fast fünfzig Jahre später als in Großbritan­
nien und ein knappes Jahrzehnt nach der Washingtoner Konferenz - auch im
Deutschen Reich eine verbindliche Normalzeit eingeführt, nicht zuletzt auf
Druck der Eisenbahngesellschaften. »Die gesetzliche Zeit in Deutschland«, legte
das Reichsgesetzblatt lapidar fest, »ist die mittlere Sonnenzeit des fünfzehnten
Längengrades östlich von Greenwich.«40

rica, Stanford 2000; sowie ders., One Tim e Fits All. The Campaigns for Global Uniformity,
Stanford 2007. Zur S tandardisieru n g siehe Eviatar Zerubavel, The Standardization of Time.
A Sociohistorical Perspective, in: American Journal o f Sociology 88. 1982, S. 1-23; ders.,
The Seven Day Circle. The History and M eaning o f the Week, New York 1985; Carlene
E. Stephens, The Most Reliable Time. W illiam Bond, the New England Railroads, and
Tim e Awareness in 19th-Century America, in: Technology and Culture 30. 1989, S. 1-24;
Jakob Messerli, Gleichmässig, pünktlich, schnell. Zeiteinteilung und Zeitgebrauch in der
Schweiz im 19. Jahrhundert, Zürich 1995; M ike Esbester, Designing Time. The Design and
Use of Nineteenth-Century Transport Timetables, in: Journal o f Design History 22. 2009,
S. 91-113; David Rooney u. James Nye, »Greenwich Observatory Tim e for the Public Bene­
fit«. Standard Tim e and Victorian Networks o f Regulation, in: British Journal for the H is­
tory o f Science 42. 2009, S. 5 -30.
39 Siehe W illiam Frederick Allen, Short History o f Standard Tim e and its Adoption in North
America in 1883, Philadelphia 1904; John S. Allen, Standard Tim e in America. W hy and
How it Came About and the Part Taken by the Railroads and W illiam Frederick Allen, New
York 1951; sowie Clark Blaise, Tim e Lord. Sir Sandford Fleming and the Creation o f Stan­
dard Tim e, New York 2001 (dt.: Die Zähmung der Zeit. Sir Sandford Fleming und die E rfin ­
dung der Weltzeit, Frankfurt 2001).
40 Gesetz, betreffend die Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung, vom 12. März 1893,
in: Deutsches Reichsgesetzblatt Nr. 7, 16.3.1893, S. 93. Moltke zitiert nach Kern, Culture of
Tim e and Space, S. 12; Bartky, One Tim e Fits All, S. 120-127. Das Deutsche Reich bewegte
sich damit im Mittelfeld. Die entsprechende Resolution der Washingtoner Konferenz wurde
in Japan bereits 1888 ratifiziert und umgesetzt, in Frankreich jedoch erst 1911 und in den
Niederlanden nicht vor 1940. Nachdem es im Deutschen Reich bereits zwischen 1916 und
1919 eine eigene, um eine Stunde vorgestellte Sommerzeit gegeben hatte, wurde diese zur
besseren Ausnutzung des Sonnenlichtes 1980 erneut eingeführt. Seit 1996 sind alle euro­
päischen Sommerzeiten vereinheitlicht.
Gegenüber einer derartigen »Meistererzählung« der fortschreitenden Präzi­
sierung, Normierung und Standardisierung betonen neuere Arbeiten die Hete­
rogenität und Vielgestaltigkeit gleichzeitig existierender Zeiten, welche begriff­
lich als »Pluritemporalität«, oder besser: Polychronie gefasst werden können41
Uhrzeiten und Zeitordnungen waren nicht lediglich Gegenstand abstrakter
Synchronisierungsprozesse, welche umfassende technische Anpassungen er­
forderlich machten, sondern zugleich tief in lokalen Milieus und deren so­
zialen Praktiken verankert. Hinzu kamen symbolische Aufladungen: Das Läu­
ten von Kirchenglocken im Frankreich des 19. Jahrhunderts diente ebenso der
praktischen Synchronisation menschlicher Aktivitäten wie es im Kampf um
gesellschaftliche Deutungsmacht ein nicht zu überhörendes Zeichen katho­
lischer Selbstvergewisserung gegenüber republikanisch-laizistischen Kräften
darstellte.42 Auch die Durchsetzung der »Eisenbahnzeit« verlief alles andere als
konfliktfrei. Selbst in einer Vorreiternation der Zeitstandardisierung wie den
USA verschwanden die älteren lokalen Zeitordnungen nicht über Nacht, nach­
dem die über einhundert Zeitzonen 1883 durch nur vier ersetzt worden waren.
Angleichungsbestrebungen führten so nicht zwingend zur Vereinheitlichung,
sondern konnten paradoxerweise auch eine Vervielfältigung von Temporal­
strukturen zur Folge haben und so die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Zei­
ten befördern. Allen internationalen Koordinationsbestrebungen zum Trotz
bestanden überkommene Zeitordnungen und -praktiken bis weit ins 20. Jahr­
hundert lokal fort, und das w eltw eit^
Ein globalgeschichtlich erweiterter Blick hat zu einer noch weitergehen­
den Differenzierung des Standardisierungstheorems geführt. Widerstand ge­
gen die Einführung zentral geregelter Zeitordnungen lässt sich nicht nur in den
USA oder in Japan, sondern auch in allen in dieser Hinsicht erforschten euro­
päischen Kolonien finden. Einerseits hielten es die Kolonisatoren für einen zen­
tralen Bestandteil ihrer »zivilisierenden Mission«, dem vor Ort vermeintlich
vorherrschenden anarchischen Zeit-Chaos ein Ende zu setzen und den als »zeit­
los« wahrgenommenen indigenen Bevölkerungen solides europäisches Zeit­
bewusstsein zu vermitteln, inklusive entsprechender Pünktlichkeitskonven­
tionen. Symbolträchtig signalisierte in Kapstadt ein Schuss aus der sogenannten

41 Zum Begriff der Pluritemporalität: Landwehr, Alte Zeiten, Neue Zeiten, S. 25-29. Aufgrund
seiner Nähe zu weniger sperrigen und zugleich andernorts etablierten Term ini wie Dia- und
Synchronität wird hier dem B egriff der Polychronie Vorzug gegeben.
42 Alain Corbin, Les cloches de la terre. Paysage sonore et culture sensible dans les campagnes
au X IX e siecle, Paris 1994 (dt.: Die Sprache der Glocken. Ländliche Gefühlskultur und sym­
bolische Ordnung im Frankreich des 19. Jahrhunderts, Frankfurt 1995); Hannah Gay, Clock
Synchrony, Tim e Distribution and Electrical Timekeeping in Britain 1880-1925, in: Past &
Present 181. 2003, S. 107-140; Sauter, Clockwatchers and Stargazers.
43 Allen, Standard Tim e in America, S. 1; Wolfgang Schivelbusch, Geschichte der Eisenbahn­
reise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert, München 1977, S. 43;
Bartky, Adoption o f Standard Time, S. 26 f.
»noon gun« tagtäglich die Mittagszeit in Greenwich.44 Andererseits ersetzte
auch hier die neue globale Zeitordnung nicht schlicht die präexistierenden Lo­
kalzeiten, sondern führte zu Überlappungen und Überlagerungen. Die neue
Standardzeit etablierte sich als Zeit kolonialer Herrschaft und ihrer Insti­
tutionen, während die lokalen politischen, sozialen und religiösen Einrich­
tungen ihre eigenen temporalen Strukturen bewahrten. Die Bewohner der
Kolonien waren sich der unterschiedlichen Anforderungen bewusst und ent­
wickelten Geschick darin, sich zwischen konkurrierenden Zeitregimen zu be­
wegen. Dadurch, dass sich vielfältige Zeitordnungen überlagerten und durch­
drangen, entwickelten sich zeitgenössische Gesellschaften zu »zeit-gesättigten
Kulturen«, zu hochgradig heterogenen regimes d ’historicite - und damit die
Synchronisation unterschiedlicher temporaler Gefüge zu einer gesellschaft­
lichen Hauptaufgabe.45 Während gegenwartsdiagnostische Großthesen häufig
auf der Annahme homogener und dominierender Zeitregime basieren, müs­
sen Historikerinnen und Historiker gerade bei der Heterogenität und gleich­
zeitigen Existenz unterschiedlicher Zeitbegriffe, -ordnungen und -erfahrungen
ansetzen.

44 Zum Fall Kapstadt siehe Giordano Nanni, The Colonisation o f Time. Ritual, Routine and
Resistance in the British Empire, Manchester 2012, S. 219. Siehe darüber hinaus Johannes
Fabian, Tim e and the Other. How Anthropology Makes its Object, New York 1983; Frede-
rick Cooper, Colonizing Time. W ork Rhythm s and Labor C onflict in Colonial Mombasa,
in: Nicholas B. Dirks (Hg.), Colonialism and Culture, Ann Arbor 1992, S. 2 0 9-245; Willem
van Schendel u. Henk Schulte Nordholt (Hg.), Tim e Matters. Global and Local Tim es in
Asian Societies, Amsterdam 2001; Luchien Karsten, Globalization and Time, London 2013;
Lynn Hunt, Globalisation and Time, in: Lorenz, Breaking up Tim e, S. 199-216; Vanessa
Ogle, W hose Tim e Is It? The Pluralization o f Tim e and the Global Condition, 1870s-1940s,
in: American Historical Review 118. 2013, S. 1376-1402. Zu Japan siehe George M acklin
W ilson, Tim e and History in Japan, in: American Historical Review 55. 1980, S. 557-571;
Thomas C. Smith, Peasant Tim e and Factory Tim e in Japan, in: Past & Present 111. 1986,
S. 165-197; Sebastian Conrad, W hat Tim e is Japan? Problems o f Comparative (Intercultu-
ral) Historiography, in: History and Theory 38. 1999, S. 67-8 3 ; Reinhard Zöllner, Zeit und
die Konstruktion der Moderne - im Japan des 19. Jahrhunderts, in: Historische A nthro­
pologie 11. 2003, S. 47-71; Stefan Tanaka, New Tim es in Modern Japan, Princeton 2004;
Yulia Frumer, Translating Time. Habits o f Western-Style Timekeeping in Late Edo Japan,
in: Technology and Culture 55. 2014, S. 7 8 5-820. Siehe auch den Beitrag von Katja Schmidt­
pott im vorliegenden Band.
45 Stephen E. Hanson, Tim e and Revolution. M arxism and the Design o f Soviet Institutions,
Chapel H ill 1997, S. 1. Wie p resen tism e wurde auch der B egriff der regim es d ’historicite von
Francois Hartog geprägt; siehe ders., Time, History and the W riting of History. The O rder
of Time, in: R olf Torstendahl u. Irm line Veit-Brause (Hg.), History M aking. The Intellectual
and Social Formation of a Discipline, Stockholm 1996, S. 95-113, hier S. 96, sowie ders.,
Regimes d’historicite, S. 17-22 (engl.: Regimes o f Historicity, S. X IV -X V III u. S. 8-11).
2. Disziplinierung vs. Flexibilisierung

Den zweiten Ausgangspunkt einer Historisierung von Zeit stellte die Beschäfti­
gung mit der Durchsetzung einer neuen kapitalistischen Zeitordnung im Zuge
der Industrialisierung Europas dar. Der konkurrenzbedingte Zwang zu Effi­
zienzsteigerungen führte zu einem dauerhaften Ringen um Rationalisierung
und Optimierung von Zeitabläufen, einer besseren Synchronisation von Pro­
duktionsprozessen und einer effizienteren Nutzung der Arbeitszeit der Be­
schäftigten46 Die Uhr, nicht die Dampfmaschine, sei die Schlüsselmaschine
des Industriezeitalters, lautet ein bekanntes Diktum des amerikanischen His­
torikers Lewis Mumford.47 Bereits Ende der 1960er Jahre hat der britische So­
zialhistoriker Edward P. Thompson gezeigt, wie das neue Fabriksystem des
19. Jahrhunderts neue Zeitstrukturen zur Folge hatte. Vormoderne, unregel­
mäßige Arbeitsrhythmen wurden durchbrochen und die Arbeiter einer neuen,
auf Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit basierenden Zeitdisziplin unterworfen.
Auch außerhalb der Fabrik entwickelte sich diese Verbindung von Arbeits- und
Zeitdisziplin zu einem zentralen Charakteristikum moderner Gesellschaften48
Trotz Kritik und entsprechender Modifikationen an Thompsons klassisch
gewordener These einer mechanischen Zeitdisziplin in der Fabrik stellt die Ver­
bindung von Zeit mit Themen sozialer Kontrolle seitdem ein einflussreiches
Deutungsmuster dar, insbesondere im Kontext der Herausbildung einer kapi­
talistischen Disziplinargesellschaft49 Für das 20. Jahrhundert hat vor allem Alf
Lüdtke frühzeitig auf die Bedeutung von Pausen und Pausenregelungen am Ar­
beitsplatz aufmerksam gemacht, als Ausdruck konfligierender Zeitregime zwi­
schen Fabrikbesitzern und Arbeitern, bei denen immer auch um Autonomie
und Selbstbestimmung gerungen wurde. Lüdtke sieht in den Aushandlungen
um Zeit und in den Versuchen ihrer »Rückaneignung« ein wesentliches M o­
ment innerbetrieblicher Konflikte, wobei paradoxerweise gerade betriebliche
Optimierungsbemühungen seit den 1920er Jahren aufgrund der Fehleranfällig­
keit komplexer Steuerungsprogramme den Arbeitern neue zeitliche Freiräume
verschafften.50

46 Nowotny, Eigenzeit, S. 111-114.


47 Lewis Mumford, Technics and Civilization, New York 1934, S. 14.
48 Edward P. Thompson, Time, Work-Discipline, and Industrial Capitalism, in: Past & Present
38. 1967, S. 5 6 -9 7 (dt.: Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus, in: Rudolf Braun
u. a. [Hg.], Gesellschaft in der industriellen Revolution, Köln 1973, S. 81-112).
49 So ist insbesondere Thompsons Unterscheidung zwischen traditionalen und modernen G e­
sellschaften kritisiert sowie auf die Koexistenz unterschiedlicher sozialer Zeitordnungen
sowohl vor als auch nach der Industrialisierung hingewiesen worden. Siehe Paul Glennie
u. Nigel T hrift, Reworking E. P. Thompson’s »Time, W ork-Discipline and Industrial Capi-
talism«, in: Tim e and Society 5. 1996, S. 275-299, sowie dies., Shaping the Day. A History of
Timekeeping in England and Wales 1300-1800, Oxford 2002.
50 A lf Lüdtke, Arbeitsbeginn, Arbeitspausen, Arbeitsende. Skizzen zur Bedürfnisbefriedigung
und Industriearbeit im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in: Gerhard Huck (Hg.), Sozial­
geschichte der Freizeit. Untersuchungen zum Wandel der Alltagskultur in Deutschland,
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
Der These einer Disziplinierung individueller und gesellschaftlicher Zeit­
ordnungen steht die Beobachtung zunehmender Flexibilisierung und Auflö­
sung von Zeitzwängen gegenüber. Vorschriften, die gesamte Bevölkerung auf
eine einheitliche Zeitgestaltung zu verpflichten, traten seit den 1970er Jahren in
den Hintergrund, während individuellen Wünschen alternativer Zeitgestaltung
vermehrt Platz eingeräumt und Arbeitszeiten flexibilisiert wurden. Stechuhren
wurden abgeschafft, Gleitarbeitszeiten eingeführt. Einerseits galt es, durch Be­
rücksichtigung individueller Zeitwünsche die Mitarbeiterinnen und M itarbei­
ter enger an sich zu binden, andererseits versprachen sich die Unternehmen Ef­
fizienzgewinne von einem Mehr an Zeitfreiheit.51
In den Industrienationen eröffneten sich durch die Reduzierung der Ar­
beitszeit für eine Mehrheit der Bevölkerung seit dem Ende des 19. Jahrhun­
derts neue Zeitoptionen im Rahmen der sogenannten »Freizeit«. Die durch­
schnittliche Wochenarbeitszeit von Industriearbeitern war auf dem Gebiet
des späteren Deutschen Reichs bis in die 1850er Jahre zunächst stark bis auf
14-16 Stunden angestiegen, fiel in den darauffolgenden Jahrzehnten jedoch
wieder deutlich ab, parallel zu einer Intensivierung der Arbeitsleistung und
der Kontrolle über die geleistete Arbeit. Die Wochenarbeitszeit sank zwischen
1871 und 1913 von 72 auf 55,5 Stunden. Mit Unterbrechungen während der bei­
den Weltkriege setzte sich diese Entwicklung im Verlauf des 20. Jahrhunderts
fort. Seit Ende des 19. Jahrhunderts hat sich die bezahlte Arbeitszeit pro Kopf
der Bevölkerung etwa um die Hälfte reduziert^
Freilich gilt dieser Entwicklungstrend nicht für alle Länder, Bevölkerungs­
und Berufsgruppen gleichermaßen und sagt zudem nur wenig über die indi-

Wuppertal 1980, S. 9 5 -1 2 2 (besser greifbar in A lf Lüdtke, Eigen-Sinn. Fabrikalltag, Arbei­


tererfahrungen und Politik vom Kaiserreich bis in den Faschismus, Hamburg 1993, S. 85­
119); darüber hinaus Gary Cross (Hg.), Worktime and Industrialization. An International
History, Philadelphia 1988, sowie Paul R. Gregory, Productivity, Slack and Tim e Theft in
the Soviet Economy, in: James R. M illar (Hg.), Politics, Work, and Daily Life in the USSR.
A Survey o f Former Soviet Citizens, Cambridge 1987, S. 241-276. Siehe auch den Beitrag von
Tom Reichard im vorliegenden Band.
51 Dietm ar Süß, Stempeln, Stechen, Zeit erfassen. Überlegungen zu einer Ideen- und Sozial­
geschichte der »Flexibilisierung« 1970-1990, in: AfS 52. 2012, S. 139-162; Richard Whipp,
A Tim e to Every Purpose. An Essay on Tim e and Work, in: Patrick Joyce (Hg.), The H is­
torical Meanings o f Work, Cambridge 1987, S. 210-237. Die zeitgenössische Literatur ist
umfangreich; siehe nur Oskar Negt, Lebendige Arbeit, enteignete Zeit. Politische und
kulturelle Dimensionen des Kampfes um die Arbeitszeit, Frankfurt 1984 sowie Jürgen
P. Rinderspacher, G esellschaft ohne Zeit. Individuelle Zeitverwendung und soziale Organi­
sation der Arbeit, Frankfurt 1985. Zur aktuellen Debatte siehe Anna Arlinghaus, Chancen
und Risiken flexibler Arbeitszeitformen, in: W ISO. W irtschafts- und sozialpolitische Zeit­
schrift 36. 2013, S. 55-70.
52 Gerhard A. Ritter u. Klaus Tenfelde, Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871 bis 1914, Bonn
1992, S. 360-367; M ark Spoerer u. Jochen Sreb, Leben, um zu arbeiten, oder arbeiten, um zu
leben? Warum uns der Rückgang der Arbeitszeit in den letzten 125 Jahren nicht beunruhi­
gen sollte, in: GG 34. 2008, S. 116-128, hier S. 118.
viduelle Zeitbelastung wie das subjektive Zeitempfinden aus. Ungleichheiten
der Zeitgestaltung von Männern und Frauen im Spannungsfeld von bezahlter
und unbezahlter, familiärer Arbeit sind weitgehend erhalten geblieben.53 Seit
den 1970er Jahren hat sich in vielen Ländern der Trend zu einer Reduzierung
der Wochen- und Lebensarbeitszeit unter dem Vorzeichen einer Ideologie der
Vollzeit und Vollbeschäftigung wiederum umgekehrt und zu einer neuen Dis­
kussion über Arbeitsüberlastung, Stress und den Verlust an Lebensqualität ge­
führt. In manchen, besonders gesellschaftlich höhergestellten Berufen, aber
auch in prekären Beschäftigungsverhältnissen ist inzwischen eine Zunahme der
Arbeitszeit zu beobachten.54
Disziplinierung und Rationalisierung einerseits, Flexibilisierung und Frei­
setzung andererseits bedeuten für unterschiedliche Individuen und soziale
Gruppen Unterschiedliches und lassen sich offenbar nicht klar voneinander
trennen. Die Flexibilisierung der Arbeitszeit konnte einerseits als Chance und
Verheißung einer neuen, individuelle Bedürfnisse stärker berücksichtigenden
Zeitordnung jenseits von Stechuhr und Fabriksirene begriffen, andererseits als
problematische Entgrenzung von Arbeit, als Übergreifen der Arbeitszeit auf
die arbeitsfreie Zeit und somit als neue Form der Ausbeutung menschlicher
Arbeitskraft verstanden werden. Eine schlichte Gegenüberstellung von Zeit­
disziplin und Zeitfreiheit greift zu kurz.

3. Beschleunigung vs. Eigenzeiten

Als besonders wirkmächtig hat sich drittens und letztens das Deutungsmuster
einer umfassenden und weitreichenden »Beschleunigung der Geschichte« er­
wiesen. Akzeleration wurde bereits von Soziologen der Jahrhundertwende wie
Georg Simmel und Werner Sombart als Signum moderner Gesellschaften be­
schrieben. Der »Drange nach Beschleunigung des Lebenstempos« sei für das
Zeitalter des Hochkapitalismus charakteristisch, heißt es etwa bei Sombart,
und drücke sich nicht nur in einem gesteigerten Wert der Zeit, der Perfektionie­
rung der Zeitmessung und der Verbreitung entsprechender Messinstrumente,
sondern auch in einem, immer weitere Kreise umfassenden »Streben nach
Beschleunigung der Lebensführung« aus: »Mit Vorliebe setzt man das Wort

53 Siehe hierzu: Nowotny, Eigenzeit, S. 105-133; Julia Kristeva, Women’s Tim e, in: Signs
7. 1981, S. 13-35; Frieda Johles Forman u. Caoran Sowton (Hg.), Taking Our Time. Fem i­
nist Perspectives on Temporality, Oxford 1989; M artina Kessel (Hg.), Zwischen Abwasch
und Verlangen. Zeiterfahrungen von Frauen im 19. und 20. Jahrhundert, München 1995;
W ajcman, Pressed for Time, S. 111-135; sowie insb. den Beitrag von Jonathan Gershuny im
vorliegenden Band.
54 Siehe für die USA Benjam in Hunnicutt, Free Time. The Forgotten American Dream, Phila­
delphia 2013.
>Schnell< vor alle möglichen Vorgänge und Vornahmen: Schnellzug, Schnell­
dampfer, Schnellpresse, Schnellbleiche, Schnellphotographie.«55
Die Annahme einer stetig zunehmenden Geschwindigkeit der Welt gehörte
während des »Raum- und Zeitrausches« der langen Jahrhundertwende zum
Selbstverständnis gesellschaftlicher Eliten.56 Demgegenüber wurde das Konzept
der Beschleunigung erst in den 1970er Jahren von der Geschichtswissenschaft
aufgegriffen, allen voran Reinhart Koselleck. Zur gleichen Zeit wie Histori­
kerinnen und Historiker begannen sich auch Medientheoretiker wie Virilio
und Kulturwissenschaftler wie Wolfgang Schivelbusch für Formen und Fol­
gen technischer Beschleunigung zu interessieren. Virilio schlug vor, neben
der Chronologie eine eigene W issenschaft der Geschwindigkeit zu begründen,
die »Dromologie«. Deren Aufgabe sei es, die gesellschaftlichen Auswirkun­
gen der technischen Akzeleration sowie die daraus resultierende Bedrohung
der menschlichen Lebenswelt zu untersuchen. Ähnlich räsonierte Schivel-
busch 1980, Beschleunigung stelle »vielleicht das Phänomen der Moderne über­
haupt« dar.57
Seit den 1970er Jahren hat sich das Konzept zu einer zentralen Kategorie ge­
genwärtiger Gesellschaftsdeutung entwickelt. Der Soziologe Harmut Rosa etwa
hat zeitliche Verdichtung zur Grundtatsache gesellschaftlichen Wandels im
20. Jahrhundert schlechthin erklärt. Technische Beschleunigung, Beschleuni­
gung des sozialen Wandels und Beschleunigung des Lebenstempos würden sich
gegenseitig verstärken und trieben auf diese Weise die Beschleunigungsspirale
unaufhörlich voran. Folgt man Rosa, emanzipiert sich Zeit vom Raum: »Die Er­
fahrung von Modernisierung ist eine Erfahrung der Beschleunigung.« Ein Aus­
weg eröffne sich nur dann, wenn man bereit sei, die Moderne als Projekt und
Prozess gleichermaßen aufzugeben. Alle Forderungen nach »Entschleunigung«
erweisen sich als utopisch.58

55 Georg Simmel, Die Bedeutung des Geldes für das Tempo des Lebens [1897], in: Heinz­
Jürgen Dahme u. David Frisby (Hg.), Aufsätze und Abhandlungen 1894 bis 1900, Frankfurt
1992, S. 215-234; ders., Das Problem der historischen Zeit [1916], in: ders., Das Individuum
und die Freiheit. Essais, Berlin 1957/1984, S. 4 8 -6 0 ; Werner Sombart, Der moderne Kapita­
lismus, München, Bd. 2 (1902), S. 86 u. Bd. 3 (1927), S. 23 f.
56 Peter Borscheid, Das Tempo-Virus. Eine Kulturgeschichte der Beschleunigung, Frankfurt
2004, hier S. 342. Siehe auch Nowotny, Eigenzeit, S. 21.
57 Reinhart Koselleck, Gibt es eine Beschleunigung der Geschichte? [1976], in: ders., Zeit­
schichten, S. 150-176; Paul Virilio, Vitesse et politique. Essai de dromologie, Paris 1977
(dt.: Geschwindigkeit und Politik. Ein Essay zur Dromologie, Berlin 1980); ders., Vitesse de
liberation; Wolfgang Schivelbusch, Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft. Eine
Geschichte der Genußmittel, München 1980, hier S. 123. Siehe auch die Beiträge von Tom
Reichard und Alexander Geppert im vorliegenden Band.
58 Hartm ut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne,
Frankfurt 2005, S. 51, S. 61, S. 124-138 u. S. 4 8 8 -4 9 0 . Zur Rezeption siehe etwa Sabrow,
Zeit der Zeitgeschichte, S. 17 f., sowie die K ritik bei M ike Crang, The Calculus o f Speed.
Accelerated Worlds, Worlds o f Acceleration, in: Tim e and Society 19. 2010, S. 4 0 4 -4 1 0 . Siehe
»Beschleunigung« wird dabei als allumfassendes Strukturmerkmal zeitge­
nössischer Gesellschaften begriffen, das den Einzelnen unter Zeitdruck setzt
und eine neue soziale Ungleichheit zwischen »fast« und »slow classes« erzeugt.59
Akzelerationseffekte sind in Prozessen politischer Entscheidungsfindung be­
schrieben und für Veränderungen demokratischer Verfahrensweisen verant­
wortlich gemacht worden. Politologen wie W illiam E. Scheuerman und Me­
dienwissenschaftlern wie Robert Hassan zufolge zeigen sich etablierte, auf
Partizipation der Bürger basierende politische Strukturen den Geschwindigkei­
ten moderner Kommunikationsmittel und ökonomischer Transaktionen nicht
länger gewachsen. Das legislative Verfahren moderner Demokratien erweist
sich als übermäßig zeitintensiv und damit als dysfunktional, was umgekehrt die
Bedeutung einer mit Dekreten regierenden Exekutive stärkt®0
Innerhalb der Geschichtswissenschaft ist dieses Deutungsmuster bisher vor
allem von der Technik- und Kommunikationsgeschichte sowie der Diktatur­
forschung aufgegriffen worden. Einen weiten Bogen vom Spätmittelalter bis in
die Gegenwart schlagend, hat etwa der Sozial- und W irtschaftshistoriker Peter
Borscheid die Geschichte der Geschwindigkeitssteigerung nachgezeichnet. Um
1900 zum Selbstzweck und zur zentralen Fortschrittskomponente erhoben,
wirkt der Beschleunigungsimperativ seitdem als Hauptmovens der wirtschaft­
lichen, technischen und gesellschaftlichen Entwicklung der westlichen Welt,
mit durchaus ungewissem Ausgang. Politische Regime werden als Zeit-Regime
interpretiert; die totalitären Staaten des vergangenen Jahrhunderts sind als
»Beschleunigungsdiktaturen« zu charakterisieren.®1 Während die Faszination
des Faschismus für Geschwindigkeit und Tempo gut bekannt ist, haben jüngere
Arbeiten eine spezifisch faschistische Zeitlichkeit mitsamt eines eigenen »Zeit­
kults« auszumachen versucht. Be- und Entschleunigung sollten im Faschis­
mus verschmolzen, die vermeintlich »tote« Zeit des normalen Zeitflusses auf­
gehoben und die Trennung von individueller und kollektiver Zeit überwunden
werden. Ähnlich haben Historikerinnen und Historiker der Sowjetunion die

darüber hinaus Schwarz, »Wie uns die Stunde schlägt«, S. 471; Barbara Adam, Time, Cam ­
bridge 2004, S. 128-136; Alexandre Escudier, Le sentiment d’acceleration de l’histoire m o­
derne. Elements pour une histoire, in: Esprit 6. 2008, S. 165-191 (dt.: Das G efühl der B e­
schleunigung der modernen Geschichte. Bausteine für eine Geschichte, in: Trivium 9. 2011,
http://trivium.revues.org/4034); sowie als populäre Darstellung James Gleick, Faster. The
Acceleration of Just About Everything, New York 1999.
59 Siehe Anm. 3.
60 W illiam E. Scheuerman, Liberal Dem ocracy and the Social Acceleration o f Time, Baltimore
2004; Robert Hassan, Empires o f Speed. Tim e and the Acceleration of Politics and Society,
Leiden 2009; Kimberly Hutchings, Tim e and World Politics. T hinking the Present, M an­
chester 2008.
61 Borscheid, Tempo-Virus, S. 10 f. und S. 356; Lutz Raphael, Imperiale Gewalt und m obi­
lisierte Nation. Europa 1914-1945, München 2011, S. 228 f. Siehe auch Andreas Braun,
Tempo, Tempo! Eine Kulturgeschichte der Geschwindigkeit im 19. Jahrhundert, Frankfurt
2000.
»temporale Oberflächenstruktur« des Regimes, das heißt die Zeitvorstellungen
und Zeitprojekte der kommunistischen Eliten, untersucht und dort ebenfalls
eine eigene Zeitpolitik im Zeichen der Beschleunigung identifizieren können.
Sinnbildlich für diese Politik steht eine Kampagne von 1928, die darauf abzielte,
den ersten Fünf-Jahres-Plan innerhalb von vier Jahren zu erfüllen, um so die
Zukunft einzuholen“
Sich gegen einen solchen »Akzelerationismus« positionierende Arbeiten
sind auf deutlich weniger Resonanz gestoßen. Lynn Hunt hat die von Kosel-
leck, Virilio, Rosa und anderen ins Feld geführten Belege für eine Beschleu­
nigung des Lebenstempos als kaum zwingend beschrieben, auf die Relativität
jedweder Geschwindigkeit verwiesen und die kulturkritische Färbung des Kon­
zepts kritisiert. Eine vermeintlich neue Hast und Zerstückelung von Zeit werde
mit der statischen Vorstellung von erfüllter und sinnvoll verbrachter Zeit kon­
trastiert“ Widersprochen wird dem Beschleunigungstheorem auch von Stu­
dien zur individuellen Zeiterfahrung und Zeitgestaltung. Individuen nehmen
Zeit oft nicht als gerichteten Strom, als stetig zunehmende Zeitknappheit und
unaufhörliche Beschleunigung, sondern in Form unterschiedlicher, sich über­
lappender Rhythmen und in Wellen wahr. Technische Innovationen haben
nicht notwendig Beschleunigungseffekte zur Folge. Sie generieren ihren eige­
nen Zeitbedarf und prägen neue materielle und kulturelle Praktiken von unter­
schiedlicher zeitlicher Dauer.®4
In einem eindrucksvollen Essay hat Helga Nowotny argumentiert, dass in der
bürgerlichen Gesellschaft individuelle Zeit aus der gemeinsam verbrachten, so­
zialen Zeit herausgelöst und so neben der Normierung kollektiver Zeit eine wei­
tere, stärker subjektiv geprägte Zeitform entstanden sei, die sie als »Eigenzeit«
bezeichnet. In historischer Perspektive hat A lf Lüdtke gezeigt, dass sich im Le­
ben von Individuen im 20. Jahrhundert unterschiedliche Zeitzyklen überlager­
ten, von den Jahreszeiten über einmalige und wiederkehrende biographische
und politische Ereignisse bis hin zu den Rhythmen des Familien- und Arbeits­
lebens. Gerade in Umbruch- und Krisenzeiten wechselten sich intensive Zeit­

62 Sabrow, Zeit der Zeitgeschichte, S. 2 0 -2 6 ; Roger G riffin, Modernism and Fascism. The
Sense of a Beginning Under Mussolini and Hitler, Basingstoke 2007, S. 180; sowie die Bei­
träge in Fernando Esposito u. Sven Reichardt (Hg.), Fascist Temporalities, München 2015
(= Journal o f Modern European History 13, H. 1). Zur Sowjetunion vor allem Hanson,
Tim e and Revolution und Stefan Plaggenborg, Experim ent Moderne. Der sowjetische Weg,
Frankfurt 2006, S. 81-97, hier S. 81: »Die gesamte Sowjetunion hatte ein Zeitproblem, ja, es
war eines ihrer zentralen Probleme.« Siehe auch die Beiträge von Christopher Clark und Till
Kössler im vorliegenden Band.
63 Hunt, M easuring Time, S. 13 f. u. S. 7 6 -8 2 . Scharfe K ritik findet sich zudem bei Judy
W ajcman, Life in the Fast Lane? Towards a Sociology o f Technology and Time, in: British
Journal o f Sociology 59. 2008, S. 59-77, und Byung-Chul Han, Transparenzgesellschaft,
Berlin 2012, S. 4 9 -5 6 ; siehe auch Crang, Calculus o f Speed.
64 W ajcman, Life in the Fast Lane, S. 66.
erfahrungsphasen mit ereignisarmen, »leeren« Zeiten ab® Solche Eigenzeiten
individueller Leben stehen in einem Spannungsverhältnis zum Deutungsmus­
ter eines übergreifenden, allumfassenden und vor nichts Halt machenden Be­
schleunigungsprozesses »der Moderne«. Die Ethnologin Sarah Sharma hat
jüngst argumentiert, dass die Annahme einer allgemeinen Akzeleration - sowie
auch der Möglichkeit von Individuen sich dieser zu verweigern - die machtge­
prägten Relationen zwischen den sehr unterschiedlichen Zeitordnungen einzel­
ner sozialer Gruppen übersehe: »[N]ot everyone is equally out of time [and] kee-
ping people in and out of time is a form of social control«. Zugespitzt formuliert:
Nicht jeder fühlt permanente Zeitnot, und die Putzkräfte eines Slow-Food Res­
taurants unterliegen anderen Zeitzwängen als deren oft wohlhabende Gäste.®®
Unterschiede im individuellen Zeitverhalten dürfen bei der Historisierung von
Zeit nicht unberücksichtigt bleiben, nicht zuletzt im Hinblick auf unterschied­
liche Lebensabschnitte und im Generationenvergleich.®7
Kurzum: Die Geschichte der Zeit im 20. Jahrhundert hat bislang weitgehend
zwischen diesen drei Leitdichotomien oszilliert. Zusammengenommen legen es
die Ansätze nahe, dass in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein grundle­
gender Wandel des Zeitdenkens und der gesellschaftlichen Zeitverhältnisse er­
folgte, in dem sich ein neues Zeitregime herausbildete, das unsere Gegenwart
bestimmt. Als Elemente dieses Wandels werden neben einer Potenzierung von
Beschleunigungsprozessen die Zersplitterung eines linearen Geschichts- und
Fortschrittsdenkens, die Eintrübung des Zukunftshorizonts sowie die Über­
macht einer ausufernden Gegenwart angeführt. Aller Kritik zum Trotz ist

65 Nowotny, Eigenzeit, S. 7 u. S. 13; A lf Lüdtke, W riting Tim e - Using Space. The Notebook
of a Worker at Krupp’s Steel M ill and Manufacturing. An Example from the 1920s, in:
Historical Social Research 38. 2013, S. 216-228. Siehe darüber hinaus O tthein Ramm -
stedt, Alltagsbewußtsein von Zeit, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsycho­
logie 27. 1975, S. 4 7 -6 3, und August Nitschke, Dankbar, zerstörend und fordernd. Die
Zeit, in: Herwarth Röttgen (Hg.), Beiträge zur Zeit. Vorträge gehalten am 8. November
1991 aus Anlass des 65. Geburtstages von August Nitschke, Stuttgart 1992, S. 4 6 -5 6 . Zum
Wandel von Zeitvorstellungen, der Reflexion von Zeit-Brüchen und »Epochenbewußt­
sein« in Politikerautobiographien siehe auch Volker Depkat, Lebenswenden und Zeiten­
wenden. Deutsche Politiker und die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, München 2007,
S. 129-253.
66 Sarah Sharma, In the Meantime. Temporality and Cultural Politics, Durham 2014, S. 25.
67 Über dieses Spannungsverhältnis lässt sich die Zeit-Geschichte an etablierte Forschungsfel­
der wie die Alters- und Lebenslaufforschung bzw. die Generationengeschichte anschließen.
Siehe dafür stellvertretend Peter Borscheid, Geschichte des Alters, Münster 19872; C hris­
toph Conrad, Vom Greis zum Rentner. Der Strukturwandel des Alters in Deutschland zwi­
schen 1830 und 1930, Göttingen 1992; Pat Thane (Hg.), A History o f Old Age, Los Ange­
les 2005; Toni Pierenkemper, Arbeit und Alter in der Geschichte, Wiesbaden 2006; Bernd
Weisbrod, Generation und Generationalität in der neueren Geschichte, in: APuZ 8. 2005,
S. 3 -9 , insb. S. 9, sowie die von ihm herausgegebenen Göttinger Studien zur Generationsfor­
schung (Göttingen 2009-2014).
die Popularität vor allem des Beschleunigungstheorems ungebrochen, zumal es
sich - wie eingangs ausgeführt - zum Kern unzähliger populärer Gegenwarts­
diagnosen entwickelt hat.

III. Fluchtlinien einer Zeit-Geschichte der Zeitgeschichte

Wie lässt sich eine Zeit-Geschichte der Zeitgeschichte entwerfen, die die gegen­
wärtige Obsession mit »Zeit« zum Ausgangspunkt nimmt und zugleich jenseits
dieser drei Leitdichotomien operiert? Mit Verzeitlichung, Rhythmus und G leich­
zeitigkeit sollen zuletzt drei Ansatzpunkte eines solchen historiographischen
Projekts skizziert und jeweils anhand kurzer Beispiele erläutert werden.

1. Verzeitlichung

Der Geschichtswissenschaft die eigene Verzeitlichung anzutragen, stellt nur


auf den ersten Blick einen Pleonasmus dar. Vielmehr plädiert die hier ana­
log zur »Verräumlichung« vorgeschlagene Verzeitlichung dafür, die Historizi­
tät der Zeit als eigenen Faktor zu berücksichtigen und insbesondere die spezi­
fischen Zeithorizonte und -deutungen zu thematisieren, welche den jeweiligen
Untersuchungsgegenständen und -ansätzen eigen sind.®8 Verzeitlichung meint
hier nicht diejenige Art von Temporalisierung, die für die Naturwissenschaften
ab Ende des 18. Jahrhunderts beschrieben worden ist, als der Niedergang der
Chronologie und die Abkehr von naturalen Zeitvorstellungen mit dem Aufstieg
linear-historischen Denkens einherging.®9 Vielmehr wird das Konzept grund­
sätzlicher gefasst und auf den Wandel derjenigen Zeitbegriffe bezogen, welche
sowohl in den historischen Untersuchungsgegenständen selbst angelegt sind als
auch an diese Gegenstände von außen herangetragen werden. Die Zeitdifferenz
der Historikerinnen und Historiker zum Gegenstand stellt sich auch als Diffe­
renz unterschiedlicher Zeitmodelle dar, und die Zeitkategorien ihrer Darstel­
lungen entsprechen nicht notwendig denjenigen der historischen Akteure.
Verdeutlichen lässt sich diese erste der drei Fluchtlinien einer Zeit-Geschichte
der Zeitgeschichte am Wandel moralischer Bewertungen von Zeitkonzepten.
Während »Entschleunigung« heute als Heilsvision für eine beständig über

68 Zu B egriff und Program m der »Verräumlichung«: Alexander C. T. Geppert u. a., Verräum-


lichung. Kommunikative Praktiken in historischer Perspektive, 1840-1930, in: dies., O rts­
gespräche, S. 15-49, hier S. 28 u. S. 47-49. Siehe auch Landwehr, Geburt der Gegenwart,
S. 3 7 -4 0 ; und ders., Alte Zeiten, Neue Zeiten, S. 15-23.
69 W olf Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte. Verzeitlichung und Enthistorisierung in
der W issenschaftsgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, in: ders., Das Ende der Natur­
geschichte. Wandel kultureller Selbstverständlichkeiten in den W issenschaften des 18. und
19. Jahrhunderts, München 1976, S. 7-130, hier S. 16.
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Zeitnot klagende Gesellschaft gepriesen wird, bezeichneten die Autoren der
legendären soziographischen Studie »Die Arbeitslosen von Marienthal« die un­
verhoffte »Freizeit« der 1930 plötzlich erwerbslos gewordenen Textilarbeiter in
Niederösterreich als »tragisches Geschenk«. Jahoda und Lazarsfeld beobach­
teten, wie der Verlust von Arbeit die temporale Ordnung des Tagesablaufs zu­
sammenbrechen ließ und einen »Zerfall des Zeitbewußtseins« zur Folge hatte.
Jedwede Hast erschien den Arbeitern sinnlos: »Sie, die sich nicht mehr beeilen
müssen, beginnen auch nichts mehr und gleiten allmählich ab aus einer geregel­
ten Existenz ins Ungebundene und Leere.« Zeit wird zugleich als unweigerlich
»vorwärtsschreitend« konzipiert, kann aber doch individuell ausgedeutet wer­
den. Entschleunigte Zeit wird als sinnentleert begriffen und mit der Auflösung
sozialer Beziehungen gleichgesetzt.™
Umgekehrt sind auch auf Historikerseite die zur Verfügung stehenden ana­
lytischen Temporalkonzepte alles andere als überzeitlich, sondern verhalten
sich relativ zu ihren jeweiligen Zeithorizonten. Ulrich Raulff zufolge waren
es Fotografie und Film, die nach 1900 das Zeitdenken der Historikerinnen
und Historiker prägten, welches seitdem zwischen den Polen »Augenblick«
und »langer Dauer« changiere. Ähnlich ließen sich auch für Zeitkonzepte wie
»Aktualität«, »Präsenz«, »Latenz« oder »Wiederkehr« je eigene Geschichten
schreiben.7i Ein Verständnis dieser doppelten Zeitgebundenheiten erfordert
dann eine anspruchsvolle Operation. Ähnlich wie beim Raum gilt es, den pro­
zessualen Aspekt einer Verzeitlichung »mitlaufen« zu lassen und die Historizi­
tät sowohl der beobachteten als auch der angewandten Temporalkategorien zu
berücksichtigen. Historikerinnen und Historikern obliegt es, nicht nur ihre Ob­
jekte sorgfältig in Raum und Zeit zu positionieren, sondern sich selbst ebenfalls
entsprechend zu verorten.72

70 M arie Jahoda u. a., Die Arbeitslosen von M arienthal. Ein soziographischer Versuch über die
W irkungen langandauernder Arbeitslosigkeit [1933], Frankfurt 1975, S. 17, S. 83, S. 92 f. u.
S. 101.
71 Raulff, Augenblick, S. 9 f. Siehe darüber hinaus etwa Heidrun Friese (Hg.), The Moment.
Tim e and Rupture in Modern Thought, Liverpool 2001; Hans U lrich Gumbrecht, Nach
1945. Latenz als Ursprung der Gegenwart, Berlin 2012; sowie ders., Präsenz, Berlin 2012.
72 Dies ist das Anliegen solcher Konzepte wie »Timescape« oder »Timespace«. Siehe Barbara
Adam, Timescapes o f Modernity. The Environment and Invisible Hazards, London 1998;
dies., Naturzeiten, Kulturzeiten und Gender. Zum Konzept »Timescape«, in: Sabine Hof­
meister u. Meike Spitzner (Hg.), Zeitlandschaften. Perspektiven öko-sozialer Zeitpolitik,
Stuttgart 1999, S. 35-57; Jon May u. Nigel T hrift (Hg.), Timespace. Geographies of Tem-
porality, London 2001; sowie Corfield, Tim e and the Shape o f History, S. 15-18. Siehe auch
Penelope Corfields Beitrag im vorliegenden Band.
2. Rhythmus

»Jede Zeit hat ihre eigene Zeit und ihre eigenen Zeiten«, hat der Zeithistoriker
M artin Sabrow argumentiert; gesellschaftliche Ordnungen sind immer auch
Ordnungen von Zeit. Zur Analyse solcher Ordnungen bietet sich zweitens der
Begriff des Rhythmus an, den Marc Bloch 1941 prominent in die Geschichts­
wissenschaft eingeführt hat, um die spezifische Zeit von Gruppen, Genera­
tionen oder Gesellschaften erfassen zu können/3 Anders als die Verlaufskon­
zepte Standardisierung, Disziplinierung und Beschleunigung bietet Rhythmus
für eine Verzeitlichung der Zeit des 20. Jahrhunderts den Vorteil, Konjunkturen
und Entwicklungen ergebnisoffener zu fassen und die drei diskutierten Leitdi­
chotomien zu überwinden. Zu erklären sind nicht vermeintlich gradlinige und
ohnehin niemals zu einem Abschluss kommende Kumulationsprozesse von
Normierungen, Kontrollmaßnahmen oder Geschwindigkeiten, sondern die Art
und Weise, wie Gruppen oder Gesellschaften ihre je eigenen Zeiten generieren
und strukturieren, und wie sie miteinander um die Ordnung von Zeit ringen.
Die Polychronie des 20. Jahrhunderts lässt sich weder auf lineare Verlaufs­
prozesse reduzieren noch als eine Kakophonie unabhängig nebeneinander be­
stehender Zeitregime begreifen. Vielmehr zeigt sie sich gerade in der Ko­
existenz einer Vielzahl einander überlagernder Rhythmen. Aus einer solchen
Perspektive geraten etwa die fundamentale Bedeutung von Sitzungskalendern,
Wahlzyklen und Legislaturperioden für das Planungshandeln moderner De­
mokratien in das analytische Blickfeld.74 Ähnlich findet sich bereits in der Ma­
rienthalstudie von 1933 die Beobachtung, dass der »alle zwei Wochen wieder­
kehrende Tag der Unterstützungszahlung« den Lebenstakt der Arbeiterinnen
und Arbeiter bestimme: »Das gesamte Wirtschaftsleben schwingt in diesem
zweiwöchentlichen Rhythmus«. Wiederkehrende Rhythmen strukturieren den
Alltag des Einzelnen genauso wie das Institutionengefüge moderner Demokra­
tien, die Beziehungsgeflechte ganzer Wirtschaftssysteme oder internationaler
Organisationen. Sie überlagern, durchdringen und verschränken sich und bil­
den komplexe, aber nicht willkürliche politische, ökonomische und kulturelle
Routinen aus, die menschliches Handeln zugleich ermöglichen und begrenzen/5
Diese zweite der drei hier skizzierten zeit-geschichtlichen Fluchtlinien lenkt
zudem die Aufmerksamkeit auf das Problem der Synchronisation unterschied­
licher Zeittaktungen und -phrasierungen.7® Wie geschildert lassen sich in der
historischen Rückschau zwei gegenläufige Prozesse ausmachen: Einer Objek­

73 Sabrow, Zeit der Zeitgeschichte, S. 17 f.; Raulff, Historiker im 20. Jahrhundert, S. 150-155.
74 Siehe etwa Dirk van Laak, Planung. Geschichte und Gegenwart des Vorgriffs auf die Zu­
kunft, in: GG 34. 2008, S. 305-326, hier S. 319 f.
75 Jahoda, Arbeitslosen von Marienthal, S. 37. Darüber hinaus Aleida Assmann, Zeit und Tra­
dition. Kulturelle Strategien der Dauer, Köln 1999, S. 1; Lüdtke, W riting Tim e - Using Space,
S. 2 2 3 -2 2 6 ; George Kubler, The Shape of Time. Remarks on the History of Things, New Ha-
ven 1962 (dt.: Die Form der Zeit. Anmerkungen zur Geschichte der Dinge, Frankfurt 1982).
76 Siehe Hassan, Globalization and the »Temporal Turn«, S. 91.
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tivierung der Zeitmessung und globalen Angleichung der Zeitordnungen steht
eine Subjektivierung der Zeiterfahrung und die Herausbildung von »Eigen­
zeiten« gegenüber. Nowotny hat beide Prozesse als kausal verknüpft beschrie­
ben. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung ist nicht nur durch Produkti­
onszeiten gekennzeichnet, sondern benötigt auch Zeiträume, in denen die
Konsumenten die produzierten Güter verzehren. Rationalisierung von Zeit
in der W irtschaft findet ihr Korrelat in einer Neugestaltung von privater und
»freier« Zeit. Konsumgütern - seien es Autos, Ferienreisen, Kinofilme oder
Fertigpizzen - sind je eigene Zeitordnungen und Zeitrhythmen »eingebaut«,
welche die Zeitgestaltung der Konsumentinnen und Konsumenten prägen. Zu­
gleich entsteht an dieser Schnittstelle von Arbeits- und privater Zeit eine Viel­
zahl von Zeit-Konflikten. Ob und inwieweit deren Moderation und Regulierung
dem Individuum überlassen werden kann oder besser dem Wohlfahrtsstaat
zu überantworten ist, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem viel­
diskutierten Problem moderner Zeit-Politik entwickelt.77

3. Gleichzeitigkeit

Neben Verzeitlichung und Rhythmus soll mit G leichzeitigkeit die dritte und
letzte Fluchtlinie einer Zeit-Geschichte des 20. Jahrhunderts konturiert wer­
den. Trotz entsprechender physikalisch-philosophischer Vorbehalte gegen die
Möglichkeit von Gleichzeitigkeit überhaupt ist der Begriff in der Geschichts­
wissenschaft vor allem in der vielzitierten Formel der »Gleichzeitigkeit des Un­
gleichzeitigen« geläufig. Ursprünglich auf Hans Freyers Formulierung »Gleich­
zeitigkeit des Nicht-Gleichzeitigen« von 1955 zurückgehend, ist diese von
Reinhart Koselleck seit den 1970er Jahren erfolgreich popularisiert worden, in
jüngster Zeit jedoch in die Kritik geraten. »Alles in der Geschichte ist ungleich­
zeitig«, hat etwa Wolfgang Hardtwig neben vielen anderen den Gedanken auf­
gegriffen, um auf die Koexistenz von Überresten unterschiedlicher Zeitepochen
zu jedem gegebenen Zeitpunkt hinzuweisen. Demgegenüber hat Achim Land­
wehr einen Verzicht auf die Formel gefordert, da sie normative Annahmen über
die Entwicklung der westlichen Moderne enthalte und den Blick auf die »Kultur
pluraler Gleichzeitigkeiten« als Kennzeichen historischer Zeiten verstelle.78

77 Nowotny, Eigenzeit, S. 2 4 -2 6 , S. 4 0 -4 5 u. S. 105-115.


78 Hans Freyer, Theorie des gegenwärtigen Zeitalters, Stuttgart 1955, S. 7; Koselleck, Theorie­
bedürftigkeit, S. 307; Wolfgang Hardtwig, Der deutsche Weg in die Moderne. Die Gleich­
zeitigkeit des Ungleichzeitigen als Grundproblem der deutschen Geschichte 1789-1871, in:
ders. u. H arm -H inrich Brandt (Hg.), Deutschlands Weg in die Moderne, München 1993,
S. 9-31, hier S. 9; Achim Landwehr, Von der »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen«, in:
HZ 295. 2012, S. 1-34, hier S. 34; ders., Über den Anachronismus, in: ZfG 61. 2013, S. 5-29,
hier S. 15. Darüber hinaus Paul Nolte, Art. Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, in: Ste­
fan Jordan (Hg.), Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe, Stuttgart 2002,
S. 134-137, und Geyer, »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen«.
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Der Fokus hier ist indes wiederum ein anderer. Gleichzeitigkeit lässt sich in
dreifacher Hinsicht für die Zeit-Geschichte historiographisch fruchtbar ma­
chen. Erstens war und ist Gleichzeitigkeit selbst ein historisches Projekt, eine
handlungsleitende Utopie und wirkmächtige Verheißung. Viele politische, so­
ziale und religiöse Bewegungen versprachen ihren Anhängern den Weg in
eine neue Zeitordnung jenseits der Zerwürfnisse historischer Zeiten zu wei­
sen. Ähnlich erwarteten die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts von einer
Synchronisierung der Menschen Unmittelbarkeit, kollektive Dynamik und ge­
sellschaftliche Harmonie.79 Doch auch in Demokratien spielte die Verheißung
von Gleichzeitigkeit eine bedeutende Rolle, wie das größten TV-Ereignis aller
Zeiten, die erste Mondlandung am 20. Juli 1969, nahelegt. Zeitgleich von ge­
schätzten 650 Millionen Menschen live verfolgt, das heißt einem Sechstel der
damaligen Weltbevölkerung, produzierte das Fernsehen einen viel erinner­
ten Augenblick globaler Gleichzeitigkeit, dem die kurzlebige Hoffnung auf
eine künftige Weltgemeinschaft innewohnte. »Noch nie hat ein so großer Teil
der Erdbevölkerung zur gleichen Zeit in solcher Spannung den gleichen Bildern
zugesehen«, kommentierte die Fran kfu rter A llgem eine Zeitung: »Noch nie [...]
gab es ein so gemeinsames Erlebnis der M enschheit«^0
Zweitens hat sich Gleichzeitigkeit als Synchronisation von Kommunikation,
Wahrnehmung und Handlungen im 20. Jahrhundert zu einem historischen
Faktor ersten Ranges entwickelt. Pierre Bourdieu hat etwa auf die Bedeutung
medialer Echtzeitkommunikation für die Ausbreitung von Protestbewegungen
und Revolutionen hingewiesen. Die neuartige audio-visuelle Live-Berichterstat-
tung führte 1968 zu einer Synchronisierung der Zeitwahrnehmung zwischen
Metropole und Provinz, ohne die die Dynamik der Pariser Mai-Ereignisse nicht
zu erklären ist.81
Und drittens bedeutet die Polychronie der Gegenwart nicht nur eine histo­
rische, sondern auch eine historiographische Herausforderung. Wenn der Be­
fund zutrifft, dass sich im Zeitalter »weltumspannender Gleichzeitigkeit« die

79 Siehe hierzu auch die Beiträge von Christopher Clark und Till Kössler im vorliegenden
Band.
80 NASA HQ, Washington, DC, H istorical Reference Collection, 7350, Hearing on NASA
Authorization for Fiscal Year 1971, Enclosure 6, S. 1013-1015, hier S. 1015, 11.3.1970; M it­
erlebt, in: FAZ, 21.7.1969, S. 1. Siehe dazu nur Michael L. Smith, Selling the Moon. The U. S.
Manned Space Program and the Triumph o f Comm odity Scientism, in: Richard Wight-
man Fox u. T. J. Jackson Lears (Hg.), The Culture o f Consumption. Critical Essays in A m e­
rican History, 1880-1980, New York 1983, S. 175-209, hier S. 177; sowie aus medienwis­
senschaftlicher Perspektive Lorenz Engell, Das Mondprogramm. Wie das Fernsehen das
größte Ereignis aller Zeiten erzeugte und wieder auflöste, um zu seiner Geschichte zu fin ­
den, in: Friedrich Lenger u. Ansgar Nünning (Hg.), Medienereignisse der Moderne, D arm ­
stadt 2008, S. 150-171, hier S. 160.
81 Pierre Bourdieu, Homo academicus, Paris 1984, insb. Kap.: »La synchronisation«, S. 22 6 ­
233; siehe auch: Ingrid Gilcher-Holtey, »Kritische Ereignisse« und »kritischer Moment«.
Bourdieus Modell der Vermittlung von Ereignis und Struktur, in: Manfred Hettling u. A n­
dreas Suter (Hg.), Struktur und Ereignis (= GG. Sonderheft 19), Göttingen 2001, S. 120-137.
Gegenwart immer weiter ausdehnt und Vergangenheit wie Zukunft unter­
schiedslos aufsaugt, stellt das für die auf einem zeitlichen Nacheinander von Er­
eignissen aufbauende Geschichtswissenschaft ein schwerwiegendes Problem
dar. Selbstverständlich steht jedwede Art von Geschichtsschreibung vor der
Aufgabe, Vergangenes in analytische Narration zu überführen und damit in eine
Perspektive des Nacheinander zu bringen, doch trifft diese Herausforderung
für das 20. Jahrhundert besonders zu, da sich die auf einer wechselseitigen
Wahrnehmung beruhenden Bezüge zwischen zeitgleich verlaufenden Hand­
lungsketten vervielfachten. Es gilt, neue Analyseformen und Erzählmodi zu
entwickeln, um Simultanität in Abfolgen und Parallelität in Linearität zu über­
setzen. Auch wenn sie die Gegenwart sicherlich nicht von ihrer Obsession zu be­
freien vermag, könnte die hier skizzierte Zeit-Geschichte des 20. Jahrhunderts
einen vielversprechenden Ausweg eröffnen.82

IV. Anliegen und Anlage

Indem sie an ausgewählten Beispielen aus der Vorgeschichte der Gegenwart Ge­
nese und Wandel von gedachten Zeitordnungen und gelebten Zeitpraktiken un­
tersuchen, befassen sich die acht Beiträge des vorliegenden Bandes mit beiden
hier diskutierten Perspektiven auf Zeit-Geschichte, dem konzeptionellen Nach­
denken über Funktion, Rolle und Bedeutung von Zeit in der Geschichtsschrei­
bung einerseits, empirisch zu untersuchenden Zeitregimen und Zeitkonflik­
ten des 20. Jahrhunderts andererseits. Die Aufsätze möchten zu einem besseren,
da historisch perspektivierten Verständnis der aktuellen Debatten beitragen.
Auf zwei historiographisch-konzeptionelle Beiträge (Lucian Hölscher, Pene­
lope Corfield) folgen sechs historisch-empirische Fallanalysen. Diese fragen
nach der Bedeutung von Zeitpolitik in autoritären Systemen in Japan, Deutsch­
land und Spanien (Katja Schmidtpott, Christopher Clark, Till Kössler), unter­
ziehen das vielzitierte Beschleunigungstheorem der Fortschrittsmoderne einer
Überprüfung (Tom Reichard, Alexander Geppert) und verfolgen den gesell­
schaftlichen Umgang mit Zeit anhand der Allokation unterschiedlicher Zeit­
budgets seit den 1960er Jahren (Jonathan Gershuny). Gemeinsam loten die Auf­
sätze die konkreten Möglichkeiten und praktischen Grenzen der Historisierung
von »Zeit« als grundlegender, nur über Umwege zu fassender Kategorie histo­
rischen Denkens aus. Als Baustein einer neuen Zeit-Geschichte des 20. Jahr­
hunderts nimmt dieses Sonderheft nicht für sich in Anspruch, die Antinomie
im Innersten der Zeit aufzulösen, wohl aber deren Historisierung gezielt zu
befördern.

82 Nowotny, Eigenzeit, S. 11 u. S. 19 f. Siehe auch Karl Schlögel, Narrative der Gleichzeitigkeit


oder Die Grenzen der Erzählbarkeit von Geschichte, in: Merkur 65. 2011, S. 583-595, hier
S. 591.
Lucian Hölscher

Von leeren und gefüllten Zeiten

Zum Wandel historischer Zeitkonzepte seit dem 18. Jahrhundert

Abstract: Historical time is a concept of modern historiography deeply struc-


tured in two dimensions: the empty, mathematical time of the calendar on
the one hand, and the embodied time of historical subjects such as nations,
classes, ages and ideas on the other. Starting from the dispute between Leibniz
and Clarke, Newton’s defender in 1715/1716, this article discusses key concepts
of historical time and strategies of modern Western historiography to concep-
tualize history. Divided into three sections, it analyzes the making of »time
gardens« in the eighteenth century, the elaboration of historical »panoramas«
in the nineteenth century, and the fragmentation of universal time in the twen-
tieth century, closing with a commitment to the endangered idea of a universal
time throughout history.

I. Der doppelte Zeitbegriff der Historiker

1. Die Leibniz-Clarke-Kontroverse

Im November 1715 erhielt Caroline, die Gattin des englischen Thronfolgers,


in London einen brisanten Brief von ihrem vormaligen Lehrer und Men­
tor in Hannover, Gottfried Wilhelm Leibniz. Darin bezichtigte dieser Isaak
Newton, seinen angesehensten Konkurrenten in der internationalen Gelehr­
tenwelt, der Verbreitung atheistischer Lehren und der Untergrabung der Reli­
gion. Die Anklage war für Newton umso gefährlicher, als sie nicht ganz unbe­
rechtigt erfolgte. Stand Newton doch seit langem im Verdacht, pantheistische
Positionen zu vertreten, also in der Gleichsetzung von Gott und Natur die Exis­
tenz eines von der Welt unabhängigen Gottes zu leugnen/ Baruch Spinoza, der
holländische Freigeist, war dafür in den 1670er Jahren von seiner jüdischen
Heimatgemeinde in Amsterdam als Häretiker ausgeschlossen worden. Und
auch Newton konnte seine Regius-Professur für Mathematik in Cambridge nur
antreten, weil ihm der König den sonst üblichen Eid auf die Religionsverfassung
des Landes erlassen hatte.

1 Siehe James Gleick, Isaak Newton. Die Geburt des modernen Denkens, Zürich 2004, S. 114 f.
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Sollte die Anklage zutreffen, so bedeutete dies für Newton über die kirch­
liche Verdammung seiner Ansichten hinaus auch die Gefährdung seiner per­
sönlichen Stellung als öffentlicher Professor, als Präsident der Royal Society in
London und als Direktor der königlichen Münze, mithin seiner ganzen bür­
gerlichen Existenz. Die Prinzessin von Wales ging daher behutsam vor, als sie
Samuel Clarke, den Hofprediger in London und engen Vertrauten Newtons, bat,
Newton in einer Gegendarstellung gegen die Vorwürfe in Schutz zu nehmen.2
Daraus entwickelte sich in der Folge eine öffentliche Brief-Kontroverse, an der
mittels Abschriften große Teile der gelehrten Welt Europas Anteil nahmen und
die zu den wichtigsten philosophischen Kontroversen der Neuzeit gerechnet
werden kann. Sie zog sich in je fünf Briefen von beiden Seiten über fast ein Jahr
hin und endete mit einem offenen Patt - nicht nur bedingt durch Leibniz’ Tod
im November 1716, sondern auch weil sich die widerstreitenden Positionen zu­
nehmend verhärteten. Wegen ihrer grundlegenden Bedeutung für das neuzeit­
liche Wirklichkeitsverständnis soll mit ihr die folgende Erörterung historischer
Zeitkonzepte seit dem 18. Jahrhundert einsetzen.
Die Kontroverse berührte viele Themen, im Kern aber stritten Leibniz und
Newton beziehungsweise sein Verteidiger Clarke um das Wesen von Raum
und Zeit, genauer gesagt darum, ob Raum und Zeit Wesen beziehungsweise
Substanzen seien, die unabhängig von den realen Dingen dieser Welt existier­
ten oder nicht.3 Existierten Raum und Zeit auch dann, wenn es, wie im abso­
luten Vakuum, keine Dinge gab, die in ihnen vorhanden waren? Newton be­
hauptete dies, er schrieb Raum und Zeit damit allerdings Eigenschaften wie
Ewigkeit, Allpräsenz und Unwandelbarkeit zu, die auch Gott zukamen. Seine
Theorie setzte sich dadurch der Kritik aus, Gott mit Raum und Zeit gleichzu­
setzen, Gott also als weltimmanentes Wesen zu begreifen. Gegen solche damals
von den großen Religionsgemeinschaften als häretisch verworfenen Thesen
suchte er sich zwar zu verteidigen, indem er Raum und Zeit mal als Organ, mal
als Eigenschaft beziehungsweise Merkmal Gottes, dann auch wieder als Folge
von Gottes Existenz beschrieb, doch blieben solche Beschreibungen stets recht
unanschaulich und daher auch für Leibniz unglaubwürdig.
Leibniz, der Newtons Theorie von der Absolutheit von Raum und Zeit ab­
lehnte, beschrieb diese stattdessen als reine Relationsbegriffe: Raum nannte er
die Ordnung dessen, was gleichzeitig existiert, Zeit die Ordnung dessen, was
aufeinanderfolgt. Dinge, die solchermaßen zusammenhingen, galten ihm als
Lebenseinheiten. Solche Lebenseinheiten, in denen eine bestimmte raum-zeit­
liche Ordnung herrschte, nannte Leibniz Monaden. Einen Raum und eine Zeit
jenseits solcher Monaden, in dem sie sich bewegten, gab es für ihn nicht: Eine
solche Vorstellung, wie sie Newton behaupte, sei eine rein abstrakte Einbildung

2 Samuel Clarke, Der Briefwechsel mit Gottfried W ilhelm Leibniz von 1715/16, hg. v. Ed
Dellian, Hamburg 1990, S. X III-X V .
3 Gernot Böhme, Zeit und Zahl. Studien zur Zeittheorie bei Platon, Aristoteles, Leibniz und
Kant, Frankfurt 1974, S. 195.
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von Philosophen ohne Realitätsgehalt.4 Doch damit setzte er sich seinerseits der
nur schwer zu beantwortenden Frage aus, wie die vielen Zeit- und Raumord­
nungen zwischen den Dingen nun wiederum ihrerseits verflochten waren.
Leibniz’ Lösung dieses Problems war nicht weniger spekulativ und unan­
schaulich als diejenige von Newton. Sie lief auf die Lehre von einer in allen Din­
gen waltenden prästabilierten Harmonie hinaus: der Annahme einer göttlichen
an alogia entis, die garantiere, dass alle Monaden, neben und ineinander ge­
schachtelt, nach dem gleichen Bauprinzip konstruiert seien, die kleinste M o­
nade also schon das Lebensprinzip der größten und umfassendsten in sich ent­
halte. Indem er eine größte, allumfassende Monade, die Welt, annahm, konnte
er nun zwar die Existenz eines externen absoluten Raumes und einer eben sol­
chen Zeit außerhalb aller Monaden ausschließen. Er musste aber für die Dar­
legung des raum-zeitlichen Bauprinzips innerhalb dieser umfassenden Monade
auf das schwache Erklärungsmuster einer Analogie zurückgreifen.
Dem Streit zwischen Newton und Leibniz fehlte es nicht an Versuchen, dem
Gegner Widersprüche nachzuweisen. Die meisten Invektiven kamen von Leib-
niz und richteten sich gegen das von Newton postulierte Verhältnis von Gott
und Welt: Wenn Newton etwa den Raum als »Organ« Gottes bezeichne, schrieb
Leibniz, so behaupte er, dass Gott zur Wahrnehmung der Dinge eines M it­
tels bedürfe, die Dinge also von ihm unabhängig und m ithin auch nicht von
ihm erschaffen seien; wenn Raum und Zeit »absolute Wesenheiten« wären, wie
Newton behaupte, so wären sie Dinge, die keinen hinreichenden Grund hätten,
was dem (von Leibniz aufgestellten) Satz vom hinreichenden Grund aller Dinge
widerspräche; wenn Raum und Zeit schließlich »Eigenschaften« oder »Merk­
male« Gottes seien, so müssten sie doch Eigenschaften irgendeiner Substanz
sein. Von welcher Substanz aber wäre der leere Raum eine Eigenschaft?5 Clarke
als Verteidiger Newtons ging indessen seltener zum Gegenangriff über: so etwa
wenn er argumentierte, Raum und Zeit könnten keine bloßen »Relationen« zwi­
schen den Dingen sein, weil sie Mengen seien, die eine absolute Größe auszu­
drücken erlaubten; oder wenn er auf den möglichen Widerspruch in Leibniz’
Theorie hinwies, dass zwei völlig gleiche Dinge in Raum und Zeit doch zwei ver­
schiedene Lagen einnehmen könnten, was in Leibniz’ Theorie aber nicht vor­
gesehen sei.6

4 »Bloße Mathematiker, die sich mit dem Spiel der Einbildung begnügen, sind im Stande sol­
che Begriffe auszuhecken; aber diese haben vor höheren Vernunftgründen keinen Bestand.«
Leibniz, 5. Brief, § 29. Clarke, Briefwechsel, S. 72 f.
5 Leibniz, 1. Brief, Abs. 3; 3. Brief, Abs. 5; 4. Brief, Abs. 8 -10. Clarke entgegnete dem, Gott
nehme die Dinge nicht durch ein Organ im Sinne eines Hilfsmittels, sondern »durch seine
unm ittelbare Gegenwart« wahr (1. Brief, Abs. 3); Raum und Zeit seien auch nicht »absolute
Wesen«, sondern »Merkmale« bzw. »Eigenschaften« Gottes (3. Brief, Abs. 3); der leere Raum
schließlich sei keine Eigenschaft ohne Subjekt, vielmehr sei er nur leer von Körpern, wäh­
rend auch in ihm stets G ott gegenwärtig sei (4. Brief, Abs. 8).
6 Clarke, 3. Brief, Abs. 4. Leibniz entgegnete dem, auch Relationen könnten Mengen aus­
drücken; und zwei völlig gleiche Dinge gebe es in der Natur nicht. B rief 4, Abs. 4 -6 .
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In einem allerdings waren sich Newton und Leibniz einig: Raum und Zeit
mussten in Zusammenhang mit der Existenz Gottes gedacht werden. Gott war
das Prinzip, das allen Dingen allererst ihr Leben und damit ihren Zusammen­
hang gab.7 Raum und Zeit waren nicht als abstrakte Kategorien, als begriffliche
Abstraktionen zu denken, sondern nur als konkreter Lebenszusammenhang.
Für Newton zeigte sich dieser Zusammenhang darin, dass Gott in allen Dingen
anwesend war: nicht, wie Leibniz ihm vorwarf, indem er in ihnen aufging, sich
in seiner Existenz von der räumlichen und zeitlichen Existenz der Dinge abhän­
gig machte; wohl aber darin, dass er als belebendes, Verbindung stiftendes We­
sen in und zwischen ihnen wirkte. Für Leibniz bestand der Zusammenhang da­
gegen darin, dass Gott eine prästabilierte Harmonie zwischen allen Monaden,
einen grundsätzlichen Zusammenhang des Abbilds des Großen im Kleinen und
des Kleinen im Großen gestiftet hatte. Ohne Gott verlor die gesamte Monaden­
welt auch bei ihm ihre innere Ordnung, ihr Lebensprinzip.

2. Der doppelte Zeitbegriff in der Geschichte

Die Kontroverse zwischen Leibniz und Clarke ist für die moderne Geschichts­
wissenschaft von grundlegender Bedeutung. Anders nämlich, als manche Inter­
preten meinten, folgte diese nicht allein Leibniz’ Raum- und Zeit-Konzeption.8
Vielmehr stützt sie sich in ihren historischen Zeitmodellen seit dem 18. Jahr­
hundert auf beide Theorien: auf Newtons Konzept der abstrakten, von allen
Dingen leeren und sie doch durchwaltenden Zeit vor allem bei der Konstruk­
tion des neuzeitlichen Weltkalenders; auf Leibniz’ Konzept der inhaltlich struk­
turierten Zeit bei der Konstruktion unzähliger historischer Individuen. Darun­
ter fiel alles, was in seiner zeitlichen Ausdehnung einen einheitlichen Charakter
annimmt.
Newtons Theorie begründete die leere, rein mathematische (und doch von
Gottes Anwesenheit durchwaltete) Zeit, Leibniz’ Theorie hingegen die gefüllte,
sich in Individuen verkörpernde Zeit.9 Die neuzeitliche Geschichtsschreibung
kommt seither ohne keine von beiden aus: ohne das Konzept einer inhaltlichen,
sich verkörpernden Zeit nicht, weil sie sonst keine historischen Subjekte und
Sinneinheiten hätte, die sich in der Zeit entfalten könnten.™ Sie kommt aber
auch ohne das Konzept der leeren, mathematischen Zeit nicht aus, weil diese,

7 »Da G ott allgegenwärtig ist, so ist er in jedem Ding gegenwärtig, wesentlich und substan­
tiell.« Clarke, 3. Brief, Abs. 12.
8 Siehe etwa Ed Dellian in Clarke, Briefwechsel, S. X X III f.
9 Zur ähnlich gelagerten A ntinomie von leerer und geformter Zeit siehe Siegfried Kracauer,
Geschichte. Vor den letzten Dingen, Frankfurt 1971, S. 162-188 (Kap. 6: »Ahasver oder das
Rätsel der Zeit«).
10 Dabei ging es nicht allein um soziale Subjekte wie Menschen, Völker und Klassen, sondern
auch um Ideen und Zeitabschnitte: Epochen, Jahrhunderte oder Zeitalter wie das Zeitalter
des Humanismus oder der Renaissance. Siehe dazu auch George Kubler, The Shape of Time.
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etwa im Datierungsprinzip des Kalenders, die Dimension vorgibt, in der sich alle
historischen Individuen begegnen und miteinander verbinden können.11 Neu­
zeitliche Geschichtsschreibung vollzieht sich seit dem 18. Jahrhundert immer
im Zusammenspiel von leerer und gefüllter Zeit. Das gilt heute ebenso wie im
18. Jahrhundert. Allerdings zeigte die neuere Geschichtstheorie und Geschichts­
schreibung ein auffallend geringes Interesse für die Leistungen von Newtons
Konzept der leeren Zeit und konzentrierte sich weit mehr auf Leibniz’ Konzept
der gefüllten Zeit. Dabei liegt dessen Bedeutung nicht allein in der Konstruk­
tion einer homogenen, unendlichen und universalen Weltzeit, wie sie sich heute
im abstrakten Weltkalender präsentiert, sondern auch in der Etablierung eines
historischen Wirklichkeitsverständnisses, das alle Dinge und Ereignisse, sofern
sie ihren festen Ort in Raum und Zeit haben, miteinander in Beziehung setzt.12
Die Unterscheidung zwischen leerer und gefüllter Zeit durchzieht in der
neuzeitlichen Geschichtsschreibung seit dem 18. Jahrhundert auch formale
Zeitkategorien, etwa die Kategorien der Folge und der Gleichzeitigkeit. M it ih­
nen hatte Leibniz die Ordnungen von Raum und Zeit unterschieden, sie haben
aber auch in Newtons Zeit- und Raumtheorie ihre Bedeutung. »Folge« etwa be­
zeichnet als leere Zeitkategorie nichts weiter als das zeitliche Aufeinanderfolgen
zweier Zustände oder Ereignisse, als Kategorie gefüllter Zeit dagegen einen in­
haltlichen, in der Regel kausalen Zusammenhang zwischen ihnen; ebenso be­
zeichnet »Gleichzeitigkeit« als leere Zeitkategorie nichts weiter als die Tatsache,
dass zwei Ereignisse zur selben Zeit stattfinden, als Kategorie gefüllter Zeit da­
gegen die Tatsache, dass sie eben, weil sie gleichzeitig stattfinden, auch inhalt­
lich etwas miteinander gemein haben. Die leeren Zeitkategorien versehen einen
Ereigniszusammenhang mit potentiellem Sinn, in den gefüllten Zeitkategorien
verbinden sich die leeren Zeitbestimmungen mit bestim m tem S in n /3
Dasselbe gilt auch für das Konzept der »Dauer«.^ Als leere Zeitkategorie ver­
wenden dieses Historikerinnen und Historiker bis heute, wenn sie einen be­
stimmten Zeitabschnitt thematisieren, in dem sich viele Ereignisse oder auch
Zeitabläufe zugetragen haben mögen; als gefüllte Zeit dagegen, wenn sie dieser
Zeitspanne einen einheitlichen Charakter zuschreiben. Als Beispiel kann etwa
die Diskussion um die Periode 1914 bis 1945 dienen. Als leere Zeit verstan­
den enthält sie eine Fülle disparater Ereignisse in Deutschland: neben den
beiden Weltkriegen zum Beispiel auch die Zeit der Weimarer Republik, des
Dritten Reiches und vieles andere, was sich mit deren Dauer wiederum über-

Remarks on the History o f Things, New Haven 1962, S. 167 (dt.: Die Form der Zeit. A nm er­
kungen zur Geschichte der Dinge, Frankfurt 1982).
11 Günther Dux, Die Zeit in der Geschichte. Ihre Entwicklungslogik vom Mythos zur Weltzeit,
Frankfurt 1989.
12 Siehe Abschnitt V.
13 Zum Zusammenhang von Zeit und Sinn siehe Jörn Rüsen, Zeit und Sinn. Strategien histo­
rischen Denkens, Frankfurt 1990.
14 Siehe W olfgang Wieland, Art. Dauer, in: Historisches W örterbuch der Philosophie, Bd. 2,
Basel 1972, S. 26 f.
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lagerte. Als gefüllte Zeit kann man sie dagegen auch als zusammenhängende
Ereignisabfolge mit gemeinsamer Signatur verstehen, wie dies etwa in der Be­
zeichnung als »Zweiter Dreißigjähriger Krieg« oder, bezogen auf die Periode
1918 bis 1939, als »Zwischenkriegszeit« zum Ausdruck komm t®
Ähnliche Umdeutungen einer leeren Zeitdauer zwischen zwei Eckdaten zu
einer gefüllten Zeitdauer mit einheitlichem Charakter begegnen auch schon in
der älteren historischen Literatur, etwa in Droysens Hellenismus-Konzeption
oder in der Mittelalter-Forschung des 19. Jahrhunderts. Leere Zeitdauer bietet
einen Raum für die ganze Mannigfaltigkeit des historischen Lebens, lässt deren
Zusammenhang aber zunächst weitgehend offen. Gefüllte Zeitdauer dagegen
stellt den zeitlichen Wandel entweder still, sodass alles in ihm gleichzeitig zu
sein scheint, oder sie gibt ihm eine ganzheitliche Gestalt in Form eines inneren
Gestaltwandels, etwa in der individuellen Lebensmetapher der Zusammenhang
von Jugend und Alter oder in der organischen Einteilung von Epochen wie der
Renaissance in eine Früh-, Hoch- und Spätrenaissance.

II. Historische Zeitgärten des 18. Jahrhunderts

An der 1737 neu gegründeten Universität Göttingen rief der 1759 berufene His­
toriker Johann Christoph Gatterer (1727-1799) 1764 eine Historische Akade­
mie ins Leben, die sich der systematischen Erforschung der theoretischen und
methodologischen Grundlagen der Geschichtswissenschaft widmete.16 Unter
den zahlreichen Kollegen, die er in den folgenden Jahren nach Göttingen ziehen
konnte, trat vor allem August Ludwig Schlözer (1735-1809) als überaus erfolg­
reicher Lehrer und Weiterentwickler von Gatterers Wissenschaftskonzeption
an dessen Seite. Beide setzten sich zum Ziel, in der Folge des philosophischen
Programms von Christian W olff (1679-1754) m ore geom etrico die Welt der
Geschichte neu zu vermessen und damit in der Geschichte gewissermaßen his­
torische Zeitgärten anzulegen®

15 Siehe Arno J. Mayer, Der Krieg als Kreuzzug. Das Deutsche Reich, Hitlers W ehrmacht und
die »Endlösung«, Reinbek 1989; H ans-U lrich Wehler, Der zweite Dreißigjährige Krieg. Der
Erste W eltkrieg als Auftakt und Vorbild für den Zweiten Weltkrieg, in: Die Ur-Katastrophe
des 20. Jahrhunderts (= Spiegel Special, H. 1), Hamburg 2004, S. 138-143.
16 Zum Folgenden siehe Gerard Laudin, L’histoire comme science de l’homme chez Gatterer
et Schlözer, in: Philippe Büttgen u. a. (Hg.), Göttingen vers 1800. L’Europe des sciences de
l’homme, Paris 2010, S. 483-514; M artin Gierl, Geschichte als präzisierte W issenschaft.
Johann Christoph Gatterer und die Historiographie des 18. Jahrhunderts im ganzen Um ­
fang, Stuttgart 2012.
17 Christian Wolff, Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen,
Frankfurt 1733. Siehe Werner Schneiders, Aufklärung durch Geschichte. Zwischen G e­
schichtstheologie und Geschichtsphilosophie. Leibniz, Thomasius, Wolff, in: Albert Heine­
kamp (Hg.), Leibniz als Geschichtsforscher, Stuttgart 1982, S. 79-99. Zum Konzept des Zeit­
gartens siehe Abschnitt II.3, Anm. 45.
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1. Geographie und Geschichte

Schon in seiner Zeit als Lehrer der Geographie und Geschichte in Nürnberg
g riff Gatterer seit 1752 auf die neuesten Entwicklungen in den geographischen
Wissenschaften zu rück/8 Dort hatte sich seit Ende des 17. Jahrhunderts die Ver­
messung der Erdoberfläche mithilfe von Längen- und Breitengraden durch­
gesetzt: Ausgehend von einem willkürlich gewählten Nullpunkt - zunächst
wurden dafür verschiedene markante Hauptstädte wie Paris und Rom, schließ­
lich aber die britische Sternwarte Greenwich bei London gewählt - gliederte
man die Weltkugel in regelmäßig verteilte Längen- und Breitengrade und ent­
wickelte so ein globales Orientierungsraster, innerhalb dessen jeder Punkt auf
der Erde durch die Angabe des jeweiligen Längen- und Breitengrades theore­
tisch exakt angegeben werden konnte/9
Die Anwendung dieses einfachen Systems der Vermessung wurde allerdings
noch längere Zeit behindert, zunächst dadurch, dass man die Erdkugel als voll­
kommene Kugel angesehen hatte. Erst seit den Forschungen von Picard, Richer,
Huygens und Newton im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts erkannte man,
dass die Erde tatsächlich eine plattgedrückte Kugel ist, die Breitengrade im
Norden und Süden der Erde daher näher beieinander liegen als am Äquator.20
Doch auch in der Folge gab es noch Schwierigkeiten bei der praktischen Be­
rechnung des Längengrades, denn diese war nur mithilfe einer exakten Angabe
des Mond- und Sonnenstandes möglich. Dafür aber fehlten vor allem auf See bis
in die 1770er Jahre die technischen Hilfsmittel.
Gatterer nahm selbst durch seinen Göttinger Kollegen, den Mathematiker
und Kartographen Tobias Mayer (1723-1762), an den neuesten Entwicklungen
teil. Von den neuen Bestimmungsmöglichkeiten geographischer Orte und Aus­
dehnungen machte er in seinen geographischen Lehrbüchern, vor allem dem
»Abriss der Geographie« (1775), sofort und ausgiebig Gebrauch, indem er ne­
ben bestimmten Orten auch Gebirge, Flussläufe und ganze Länder und Konti­
nente in ihrer genauen geographischen Ausdehnung angab.21 Das war seinem

18 Siehe W erner W ilhelm Schnabel, Johann Christoph Gatterer in Nürnberg. Über die Früh­
zeit des Göttinger Historikers, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für M ittelfranken 96.
1992/1993, S. 61-109.
19 Siehe Isabelle Surun, Le blanc de la carte, matrice de nouvelles representations des espaces
africains, in: Isabelle Laboulais-Lesage (Hg.), Combler les blancs de la carte. Modalites et
enjeux de la construction des savoirs geographiques, X V Ie-X X e siecle, Straßburg 2004,
S. 117-144.
20 Diese Entwicklung schilderte Johann Christoph Gatterer selbst in seinem Abriss der
Geographie, Göttingen 1775, S. 28-3 2 .
21 »Zu jeder Begebenheit gehört, ihrem Wesen nach, Zeit und Ort, wenn und wo sie ge­
schehen ist.« Ebd. S. 4. »Wer die Länge eines geographischen Gegenstandes nebst der Pol-
höhe oder geographischen Breite derselben weiß, kann die Lage eines solchen Gegenstandes
pünktlich angeben.« Ebd. S. 7.
Geschichtsentwurf zufolge nun aber auch für die Geschichtswissenschaft von
großer Bedeutung.22
Dieselbe Methode der Rasteridentifizierung übertrug Gatterer dann auch auf
die historischen Zeitangaben. Was in der Geographie die Längen- und Breiten­
grade, das sollten in der Geschichte die Jahres- und Jahrhundertangaben leisten.
Sie stellten ein universelles Raster bereit, das unabhängig von allen kulturellen
Vorgaben, regionalen Kalendern und religiösen Bindungen jedes Ereignis und
jeden Zeitraum auf dem Globus und zu allen Zeiten in ihrer Ausdehnung exakt
datieren ließ. Gatterers »Abriss der Chronologie« von 1777, in dem er die aller­
meisten damals bekannten Kalender in den christlichen Weltkalender über­
führte, bildete so gerade im Kontext seiner Arbeiten zur Universalgeschichte
einen großen Fortschritt bei der Vermessung der Welt. Er trug damit allerdings
auch erheblich zur Europa-Zentrierung der neuen »universalistischen« Ge­
schichtsschreibung bei®
Newtons Konzept der leeren Zeit fand hier seine bislang stringenteste Um­
setzung. Gatterers Chronologie erlaubte nicht nur, jedes Einzelereignis, wo im ­
mer es auch stattgefunden hatte, genau zu datieren, sondern auch, verschiedene
Ereignisse und Zeitläufte miteinander in Beziehung zu setzen und so im Me­
dium der Zeit historische Verknüpfungen herzustellen, die eben gerade in ih­
rer zeitlichen Erstreckung ihr wesentliches Bestimmungsmerkmal fanden. Die
Zeit wurde damit zum historischen Argument, zum Medium eines potenziellen
universalen Sinnzusammenhangs aller wirklichen Dinge. Zusammen mit dem
Raum begründete sie eine für das neuzeitliche Wirklichkeitsverständnis grund­
legende Dimension.24
Gatterers Wissenschaftskonzeption zielte auf eine vollständige Durchdrin­
gung von Geographie und Geschichte. Sein Bestreben sei es, hieß es 1775 im
»Abriss der Geographie«, »die wahre Gestalt der Erde und ihrer Bewohner in
jedem Zeitalter« kennenzulernen.25 So dehnte er nicht allein das Feld der Ge­
schichtswissenschaft durch Einbezug von Regionen der Erde wie Ostasien aus,
die in der Geschichtsschreibung bislang nur selten und unsystematisch berück­
sichtigt worden waren, sondern er verlieh auch umgekehrt der Geographie eine
historische Dimension. Sie solle, so Gatterers Anspruch, nicht allein den gegen­
wärtigen Zustand der Erde, sondern auch frühere Stationen ihres Wandels ge-

22 »Besonders wichtig ist, nicht nur dem Geschichtskundigen, sondern auch jedem G eschichts­
liebhaber, die Kenntnis von Graden der Länge und Breite: aus deren Vereinigung die Netze
der Landkarten, das ist die Bestim m ungslinien der Lagen bestehen.« Johann Christoph Gat-
terer, Einleitung in die synchronistische Universalhistorie zur Erläuterung seiner synchro­
nistischen Tabellen, Göttingen 1771, S. 12.
23 Siehe stellvertretend für eine breite Literatur Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der
Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, hier S. 129-180.
24 Siehe hierzu etwa Georg Simmel, Das Problem der historischen Zeit [1916/1922], in: ders.,
Das Individuum und die Freiheit. Essais, Berlin 1957/1984, S. 4 8 -6 0 .
25 Gatterer, Geographie, S. 3.
nau dokumentieren .26 Selbst die Messinstrumente des Wandels, Zeit- und Län­
genmaße, unterwarf Gatterer einer konsequenten Historisierung.27 Allerdings
diente ihm die Historisierung der Kategorien menschlicher Welterfassung noch
nicht wie der modernen Mentalitätsgeschichte dazu, zur Entwicklung einer
Darstellung multipler Wirklichkeiten einzuladen; und ebenso wenig nutzte er
seine Methode zur konsequenten Erforschung historisch leerer Räume, wie die
Geographen dies mittlerweile durch die Eingrenzung »weißer Flecken« auf dem
Globus begonnen hatten.28
Ein bekanntes Beispiel hierfür hatte 1749 der französische Kartograph Jean-
Baptiste d’Anville mit seiner berühmten Afrikakarte geliefert. In ihr war zum
Beispiel der Verlauf des Niger nur in seinen damals schon erforschten Teilen, das
heißt ohne Ergänzungen über seinen vermutlichen weiteren Verlauf verzeich­
net. Nicht erkennbar war aus ihr unter anderem, wo der Niger in den Atlantik
mündete. Die Beschränkung der Darstellung auf das bislang bekannte Wissen
eröffnete neue geographische und epistemische Räume für weitere Erkundun­
gen, markierte in Leerräumen also genau, wohin sich die Forschung künftig zu
bewegen habe. Eine analoge Markierung leerer Zeiten wäre im Prinzip auch in
der Geschichtswissenschaft möglich gewesen. Gatterer und mit ihm auch die
folgenden Historikergenerationen vermieden sie jedoch, vermutlich weil da­
für die Erhebung zusätzlicher Informationen nötig gewesen wäre, an deren Be­
schaffungsmöglichkeit sie nicht glauben mochten. Sie legten dafür aber den
Grund, indem sie die Historiker dazu anleiteten, in der Geschichte nur noch das
zu verzeichnen, was quellenkritisch abgesichert oder als historisch wahrschein­
lich ausgewiesen war. Legenden, Mythen und andere unsichere Überlieferungen
wurden dagegen seither aus der Geschichtserzählung ausgegrenzt.

2. Das Konzept der Gleichzeitigkeit

Im universalgeschichtlichen Entwurf der Göttinger Historiker hatte schon früh


das Konzept der Gleichzeitigkeit eine zentrale Rolle gespielt.29 Die Vorstel­
lung gleichzeitiger Ereignisse war auch schon in der älteren Geschichtsschrei­
bung keineswegs unbekannt gewesen, etwa wenn Ereignisse aus verschiedenen

26 »Auch die Menschen haben keinen geringen Anteil an der Veränderung des Erdbodens [...].
M it diesen bald schnell, bald langsam erfolgenden Veränderungen sollte die Geographie
imm er in gleichförmigen Schritten fortgehen.« Gatterer, Einleitung, S. 14.
27 »In den ersten Zeiten des Menschengeschlechts und in den rohen Zeiten aller, auch späterer
Völker, selbst noch in unseren Tagen findet man Abstand und Umfang der Länder, Örter,
Wälder etc. [ . ] nur nach Tagereisen angegeben. Erst mit dem Fortgang der Aufklärung ka­
men einige alte Völker auf Stadien und andere Arten von Meilen.« Ders., Geographie, S. 12.
28 Siehe hierzu Surun, Le blanc.
29 Ebenso wie das Konzept entstand auch das W ort »Gleichzeitigkeit« erst um die M itte des
18. Jahrhunderts; siehe Jacob u. W ilhelm Grim m , Deutsches W örterbuch [1854-1954],
München 1984, Bd. 7, Sp. 8 2 80-8282.
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Kulturkreisen dadurch aufeinander bezogen wurden, dass man sie demsel­
ben Zeitpunkt zuwies. Berühmt geworden ist zum Beispiel die von Titus Livius
vorgenommene zeitliche Gleichsetzung des Sturzes des letzten römischen Kö­
nigs Tarquinius Superbus mit dem Tyrannenmord der Brüder Harmodios und
Aristogeiton in Athen im Jahre 510 vor Christus. Die chronologische Gleichzei­
tigkeit stand für die Gleichartigkeit des Geschehens in unterschiedlichen Kul­
turen. Auch bei späteren Historikern finden sich immer wieder Beispiele für
solche Synchronisationen von historischen Ereignissen, welche auf die innere
Verwandtschaft zweier Ereignisse verwiesen™
Seit alters vertraut war auch die Anlage sogenannter synchronistischer Ta­
bellen nach dem Vorbild des chronologischen Kanons des Eusebius von Caesa­
rea, der solche Tabellen schon im 4. Jahrhundert nach Christus angelegt hatte.
Darin waren in der Folge der Jahrhunderte und Jahrzehnte die Namen der an­
tiken Herrscher aller von ihm berücksichtigten Reiche mit allen bedeuten­
den Ereignissen ihrer Zeit »synchronistisch«, das heißt in parallelen Spalten
auf gleicher Höhe verzeichnet. Auch andere Autoren legten in der Folge ähn­
liche synchronistische Tabellen an® Anders als ihnen dienten Gatterer und
den ihm folgenden Historikern diese Tabellen aber nicht mehr dazu, gleichar­
tige und heilsgeschichtlich relevante Ereignisse aufeinander zu beziehen, son­
dern um mit ihrer Hilfe die gesamte Weltgeschichte in einen allgemeinen Sinn­
zusammenhang zu bringen. Angeregt wurde er durch das von Christian W olff
propagierte Wissenschaftskonzept einer »geometrischen« Darstellung der Welt,
welche die Verkettung allen Lebens aufwies®
Bei der historiographischen Umsetzung dieses Konzepts lief Gatterer al­
lerdings bald sein jüngerer Kollege August Ludwig Schlözer den Rang ab. In
seinem universalgeschichtlichen Entwurf von 1772 arbeitete er das Konzept
der historischen Verkettung allen Lebens weiter aus, indem er vom diachronen
»Realzusammenhang« der Dinge, die »als Ursachen und Wirkungen in einan­
der gegründet sind«, den synchronen »Zeitzusammenhang« alles dessen unter­
schied, was gleichzeitig geschah® Diese synchronistische Lesart der Geschichte

30 Siehe z. B. Jacob Benignus Bossuet, Einleitung in die allgemeine Geschichte der Welt bis auf
Kaiser Carln den Großen, Leipzig 1757, S. 34 f.
31 So z. B. Jacques Barbeu du Bourg, Chronographie, ou description des tems, contenant toute
la suite des souverains de l’univers et des principaux evenements de chaque siecle, Paris
1753; Gatterer, Einleitung. Siehe Catherine Colliot-Thelene, Chronologie und Universalge­
schichte, in: Johannes Rohbeck u. Herta Nagl-Docekal (Hg.), Geschichtsphilosophie und
Kulturkritik. Historische und systematische Studien, Darmstadt 2003, S. 21-4 8 , hier S. 22.
32 Siehe Arthur Oncken Lovejoy, The Great Chain of Being. A Study o f the History o f an Idea
[1936], Cambridge, MA 1957.
33 August Ludwig Schlözer, Vorstellung seiner Universal-Historie [1772], Göttingen 1997,
S. 46. »Der bloße Realzusammenhang hat unter Begebenheiten statt, die nicht in einander
gegründet, aber doch gleichzeitig sind: das ist unter Factis, die in ganz verschiedenen Län­
dern oder in verschiedenen Weltteilen, aber doch zu einerlei Zeit geschehen sind. So hängen
Confucius und Anakreaon, Daniel und Tarquin der Alte, der Mongolische Timur und die
Skandinavische M argaretha zusammen. Diese Personen lebten zu einerlei Zeit, sie wussten
stellte sich den Göttinger Historikern als ebenso schwierig dar wie die Berech­
nung des Längengrades in der Geographie.34
Um die Schwierigkeiten einer synchronistischen Lesart der Geschichte zu
meistern, griff Schlözer auf ein Konzept zurück, das im theologischen Dis­
kurs schon seit langem für alle übersinnlichen, metaphysischen Zusammen­
hänge bereit stand, bei ihm nun aber eine neue, säkulare Bedeutung annahm:
das Konzept des Geistes. Schon Leibniz hatte es nach dem Vorbild von Henry
More und anderen ins Spiel gebracht, als er den Zusammenhang der Dinge in
Raum und Zeit erläuterte® Dinge, die zur gleichen Zeit existieren, sind durch
einen gemeinsamen Geist verbunden. Diese Denkfigur machte im 18. Jahrhun­
dert Schule. Montesquieus »Lettres persanes« (1721) und seine berühmte Schrift
»De l’esprit des lois« (1748), auch Voltaires »Essay sur les mreurs et l’esprit des
nations« (1756) sorgten dafür, dass Nationen als Gemeinschaften verstanden
wurden, die in ihrem Leben und Handeln von einem je eigenen »Geist« (esprit)
bestim mt wurden.
Wie sah das konkret aus? Montesquieu ging davon aus, dass Nationen auf
der Grundlage allgemeiner Vernunftgesetze der Menschen durch national ver­
schiedene Einflüsse geprägt seien, etwa vom Klima und der Bodenbeschaffen­
heit des Landes, in dem sie lebten. »Wenn ich auf die Antike zurückgegriffen
habe«, schrieb er 1748 im Vorwort zum »Geist der Gesetze«, »habe ich mich
bemüht, ihren Geist zu treffen, um nicht Dinge für ähnlich zu halten, die in
W irklichkeit verschieden sind, und nicht die Unterschiede unter den ähnlich er­
scheinenden zu verfehlen® 6 Voltaire entwarf die Weltgeschichte als erster un­
ter dem Begriff einer philosophie de l ’histoire als ein System, in dem alle Teile
wechselseitig aufeinander Einfluss nehmen. In ganz Europa, auch in Deutsch­
land, wurde diese Vorstellung schnell aufgegriffen; der damals neu entstandene,

aber nichts von einander: unter ihnen ist also ein bloßer Zeitzusammenhang, wenigstens
nach unserm beschränkten Begriffe; denn ein höherer Geist, der die Verkettung aller Dinge
unseres Erdbodens durchschaut, würde auch unter ihnen eine entweder spätere oder frü­
here Realverbindung finden. Hier ist die Forderung der Universalgeschichte, alle gleichzei-
tige[n] Facta zu kombinieren, sich die Tage der Welt in jedem gegebenen Zeitalter auf ein­
mal vorzustellen, und solchergestalt jede einzelne Begebenheit synchronistisch zu denken.«
Ebd., S. 48 f.
34 »Begebenheiten, die von Natur in einander verflochten sind, lassen sich eben dadurch leicht
als gleichzeitig denken: aber Begebenheiten ohne allen m erklichen Realzusammenhang, die
Siege des Timurs und die Intrigen der Margaretha, wie lassen sich diese als koexistent be­
halten? Sie haben keine Verbindungspunkte, sie verhalten sich eben so willkürlich wie W ör­
ter und Ideen zusammen, und die systematische Weltgeschichte scheint dadurch eine eben
so lästige Memoriensache wie das Sprachenlernen zu werden.« Ebd., S. 50.
35 G ottfried W ilhelm Leibniz, Betrachtungen über die Lehre von einem einzigen allum fassen­
den Geist, in: ders., Fünf Schriften zur Metaphysik, hg. v. Herbert Herring, Stuttgart 1966,
S. 51-65.
36 Charles de Montesquieu, Vom Geist der Gesetze [1748], hg. v. Ernst Forsthoff, Tübingen
1992, S. 5 f.
vor allem von Herder im Deutschen eingeführte Begriff des Volksgeists zeugt
davon bis heute”
Zur selben Zeit, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, entstand im Deutschen
aber auch der Begriff des Zeitgeists/8 Ebenso wie die Begriffe Zeitgenosse, Zeit­
bedürfnis, Zeitgemäßheit und andere verdankte er im 18. Jahrhundert der da­
mals neuen Kategorie der Gleichzeitigkeit seine Entstehung. Anders als der
Volks- beziehungsweise der Nationalgeist fasste der Zeitgeist den Geist aller­
dings nicht diachron über die Zeiten hinweg, sondern synchron in einer be­
stimmten Epoche. Das Wörterbuch der Brüder Grimm definiert ihn, mit Erst­
beleg in Goethes »Wilhelm Meister«, als »die zu einer Zeit geltenden Meinungen,
Geschmack, Wille«.39 Obwohl neuerdings gelegentlich eine gewisse Skepsis ge­
genüber dem metaphysisch angelegten Begriff zu hören ist, kann doch auch die
neuere Geschichtsschreibung nicht auf die Argumentationsfigur verzichten,
dass, was gleichzeitig stattfindet, auch inhaltlich zusammengehört.40
Alle Geist-Konzepte spiegeln zentrale Elemente der Geschichtsphilosophie
im Zeitalter der Aufklärung. Teils verweisen sie auf den diachronen, teils auf
den synchronen Zusammenhang der Welt- beziehungsweise der Universalge­
schichte jenseits aller empirischen Einwirkungen menschlicher Handlungen
aufeinander. Seither bilden die synchrone und die diachrone Lesart der Ge­
schichte methodische Alternativen, deren Gebrauch stark die narrative Struk­
tur jedweder Einzelgeschichte bestim m t41 Für Schlözer bildeten sie, zumindest
analytisch gesehen, geradezu alternative Geschichtsentwürfe, welche beide ihre
Berechtigung hätten, aber nicht wirklich kombinierbar seien.42
Die Annahme eines Geistes in und über allen empirischen Fakten war eine
wichtige konzeptuelle Hilfe bei der Transformation der Geschichte zur Wissen-

37 Erhard Wiersing, Geschichte des historischen Denkens. Zugleich eine Einführung in die
Theorie der Geschichte, Paderborn 2007, S. 259. Ein ganz ähnliches Anliegen verfolgte z. B.
auch Lessing im Streit m it Pastor Goetze, wenn er den »Geist«, nicht den »Buchstaben« der
biblischen Schriften zu erfassen suchte.
38 Werner Conze u. a. (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur poli­
tisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 8.2 (Register), Stuttgart 1997, S. 1275; Joachim
Ritter u. a. (Hg.), Historisches W örterbuch der Philosophie, Bd. 11, Basel 20012, Sp. 2011.
39 Grimm , Deutsches Wörterbuch, Bd. 31, S. 558 f.
40 Siehe hierzu die weitere Diskussion dieses Konzepts im Abschnitt IV. 4.
41 Dabei kann es allerdings auch zu kunstvollen Ineinanderblendungen synchroner und dia-
chroner Erzählstränge kommen, etwa wenn Heinrich von Treitschke in seiner Darstellung
der Vorgänge zur Zeit der Juli-Revolution von 1830 jeweils diachron dem Gang der Ereig­
nisse in einzelnen europäischen Ländern folgt, die chronologische Folge dann aber nach
einigen Jahren abbricht, um zur Darstellung desselben Zeitabschnitts in einem anderen
Land überzugehen. Siehe Heinrich von Treitschke, Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert
[1889], 4. Teil, Königstein 1981, S. 3-97. Ein Beispiel für die synchronistische Zusammen­
stellung diachroner Darstellungen einzelner gesellschaftlicher Teilbereiche bietet H ans-U l­
rich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, 5 Bde., München 1987-2008.
42 Daher forderte Schlözer: »Jede Reihe von Begebenheiten muss auf eine doppelte Art gele­
sen werden: einm al in die Länge, vor- und rückwärts; und dann in die Breite, seitwärts oder
synchronistisch.« Schlözer, Universal-Historie, S. 46.
schaft.43 Sie erhob den Historiker über den Zeitgenossen und stellte ihn gewis­
sermaßen an die Stelle Gottes. Damit stützte sich das Konzept zwar auf eine me­
taphysische Ausgangshypothese, die sich aus keiner historischen Quelle, keiner
Erfahrung ableiten ließ. Aber sie begründete damit einen Begriff von histo­
rischer W irklichkeit und der Einheit der Geschichte, der seine Gültigkeit bis
heute nicht eingebüßt hat. Nur Ereignisse, die potentiell miteinander in raum­
zeitlicher Beziehung stehen können, so lautet das Axiom moderner Geschichts­
wissenschaft, sind real. Für fiktive, zum Beispiel literarische Ereignisse, gilt dies
nicht, so sehr es auch eine ideelle Beziehung zwischen den dort fingierten Ereig­
nissen geben mag. Deshalb müssen fiktive Ereignisse auch von realen Ereignis­
sen unterschieden werden.44

3. Epochenbegriffe

Aufgrund ihrer systematischen zeitlichen Anlage lassen sich Geschichtswerke


der Aufklärung, dem Vorbild der zeitgenössischen Analogisierung von Raum­
und Zeitverhältnissen folgend, mit barocken Gartenanlagen vergleichen. Cha­
rakteristisch für sie ist, dass sie sich nach außen durch einen Zaun scharf von
der wilden Natur abheben. Im Innern sind sie vor allem an ihrer oft symme­
trischen Anlage, ihrer Einteilung in proportionierte Flächen von oft ähnlicher
Größe und je eigener einheitlicher Bepflanzung zu erkennen. Auch wollen sie
aus einer bestimmten Perspektive, im Idealfall von der B eletage des Schlosses
aus betrachtet werden. Sie weisen dadurch eine bestimmte Zentralperspektive
auf, eine Grundlinie und einen Fluchtpunkt des Blicks, auf den die ganze An­
lage zuläuft.
All dies lässt sich auch in dem klassischen Geschichtswerk des Barockzeit­
alters, dem »Discours sur l ’histoire universelle« (1681) des französischen Kardi­
nals und Hauslehrers Ludwig XV. Jacques Benigne Bossuet (1627-1704), beob­
achten. Vor allem im ersten Teil besteht der »Discours« aus einem diachronen
Durchgang durch die Geschichte, der bis zur Zeit Karls des Großen reicht. Er
teilt sich, in Anlehnung an Augustins Gliederung der Weltgeschichte, in sie­
ben Zeitalter, erweitert diese jedoch, um auch die säkulare Geschichte der anti­
ken Mittelmeerwelt einzubeziehen, um weitere fünf Kapitel auf zwölf Perioden.

43 W ie selbstverständlich die Annahm e und historische Deutung von Gleichzeitigkeiten im


19. Jahrhundert geworden war, belegt etwa Johann Gustav Droysen in seiner Historik
[1868], hg. v. Rudolf Huebner, Stuttgart 1972, S. 167: »In der Geschichte verläuft natürlich
alles unter der Einwirkung von Gleichzeitigkeiten.«
44 Siehe hierzu unten Abschnitt V. Ob die postmoderne Infragestellung dieses Axioms zu
einem kohärenten neuen G eschichtsentw urf führen wird, bleibt abzuwarten. Zur Einschät­
zung ihres theoretischen Potentials siehe etwa Michael Bentley, Modern Historiography. An
Introduction, London 1999, S. X f. u. S. 140 f. Zum Verhältnis von fiktiven und realen Ereig­
nissen siehe Lucian Hölscher, Neue Annalistik. Umrisse einer Theorie der Geschichte, G öt­
tingen 2003, S. 3 0 -3 4 .
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So entstand ein historischer »Zeitgarten«, das heißt eine klassische Zeitanlage,
welche, dem damaligen Wissensstand entsprechend, gerade noch beanspruchen
konnte, die Geschichte der Welt insgesamt zu repräsentieren. Begrenzt wurde
sie durch Gottes Heilsplan, von dem die Völker außerhalb Europas und Vorder­
asiens, also vor allem die Völker Amerikas und Ostasiens, in dieser frühen Zeit
noch ausgeschlossen w aren/5
Die Begriffe, mit denen Bossuet seine Zeitalter und Zeitperioden bezeich-
nete, les temps, l ’epoque, l ’ere, le siecle, verhielten sich semantisch noch neu­
tral gegenüber der Unterscheidung von leerer und gefüllter Zeit. Das heißt, sie
konnten sowohl im Sinne der abstrakten chronologischen Datierung als auch
im Sinne einer inhaltlich gefüllten Zeit gelesen werden: l ’epoqu e zum Beispiel
bezeichnete noch in erster Linie den kalendarischen Zeitpunkt eines Ereignis­
ses, dann aber auch schon die spätere Sinneinheit eines Zeitraums zwischen
zwei epochalen Daten.46 Zeitalter wurden von Bossuet noch im Wesentlichen
durch das Auftreten großer historischer Persönlichkeiten und durch große his­
torische Ereignisse bestimmt, nicht wie in Voltaires »Zeitalter Ludwig XIV.«
zwei Generationen später durch charakteristische kulturelle Merkmale der
Zeit zwischen solchen weltgeschichtlichen Z äsuren/7 Zur Veranschaulichung
seiner Geschichtskonzeptionen nutzte Bossuet nicht die Metapher des Zeit­
gartens, sondern die der geographischen Karte, indem er etwa zwischen all­
gemeinen und Spezialkarten unterschied und so auf die Notwendigkeit und
Möglichkeit einer Distanznahme von den speziellen Eigenheiten jeder partiel­
len Nationalgeschichte hinw ies/8 Eine solche Distanznahme sah er gerade für
seinen Zögling, den Dauphin von Frankreich, als ebenso lehrreich wie aben­
teuerlich an/9

45 Der B egriff »Zeitgarten« ist noch nicht zeitgenössisch belegt, sondern von m ir gebil­
det worden, um die eigentümliche Konstruktion einer konkreten historischen Zeitordnung
zu veranschaulichen, die sich an das Vorbild konkreter Raumordnungen anlehnt, wie sie
damals in der Geographie entworfen wurden.
46 Siehe Reinhart Herzog (Hg.), Epochenschwelle und Epochenbewusstsein, München 1987.
47 Siehe Bossuet, Einleitung, S. 6: »Diese sind Adam oder die Schöpfung; Noah oder die Sünd-
flut; der Beruf Abrahams oder der Anfang des Bundes Gottes mit den Menschen; Moses
oder das geschriebene Gesetz; die Einnahm e der Stadt Troja; Salomon oder der Bau des
Tempels; Romulus oder die Erbauung der Stadt Rom; Kyrus oder das aus der babylonischen
Gefangenschaft befreite Volk Gottes; Scipio oder die Überwindung der Stadt Karthago; die
Geburt Jesu Christi; Constantin oder der Friede in der Kirche; Karl der Große oder die Auf­
richtung eines neuen Kaisertums.«
48 Ebd., S. 4: »Diese Art einer allgemeinen Geschichte ist in Vergleichung m it den Geschich­
ten eines jeden Landes und eines jeden Volkes nichts anderes als was eine allgemeine Land­
karte gegen Spezialkarten ist. In den Spezialkarten sehen Sie alle Abteilungen eines K ö­
nigreiches oder einer Provinz besonders; in den allgemeinen Karten sehen Sie, wie diese
Teile der Welt im Ganzen liegen müssen: Sie sehen, was Paris oder die Isle de France im
Königreich ist, was das Königreich in Europa und Europa in der ganzen Welt bedeutet.«
49 Ebd., S. 5: »Wenn Sie eine Universalkarte betrachten, so verlassen Sie das Land, wo Sie
geboren worden sind, und den O rt der Sie einschließt, um die ganze bewohnte Erde durch­
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Dem kartographischen, an den zeitgenössischen Idealen einer Vermessung
der Welt orientierten Interesse von Universalhistorikern kam die Veranschau­
lichung der Geschichte in räumlichen Kategorien sehr entgegen. Sie erschöpfte
sich allerdings gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit dem wachsenden Einfluss
poetologischer Konzepte auf die Geschichtsschreibung. Weit wichtiger wurde
jetzt die Metapher des Theaters, welche den Gang der historischen Handlung,
etwa bei Schiller oder später bei Treitschke, nach dem Vorbild eines Dramas in­
szenierte. Der Paradigmenwechsel von der Raumvermessung zur Inszenierung
der Geschichte nach Art eines Dramas vollzog sich in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts langsam.
Auch die Geschichtswerke der Göttinger Schule waren noch wesentlich vom
Ziel der weltgeschichtlichen Zeiteinteilung bestimmt. Sie gingen dabei aber im­
mer mehr zur Darstellung von Gemälden einzelner historischer Epochen über:
Um der didaktischen Einfachheit willen gliederte Schlözer seine Universal­
Historie 1772 möglichst in Zeiteinheiten von 400 Jahren oder dem Mehrfachen
von ihnen. Ebenso teilte Gatterer seine Universal-Historie 1773 in Großeinhei­
ten von je 1800 Jahren ein, deren Zäsuren beim Turmbau zu Babel, Alexander
dem Großen und der Eroberung Konstantinopels lagen™ Dabei spielten nicht
zuletzt didaktische Gesichtspunkte der leichteren Fassbarkeit der Geschichte
eine entscheidende Rolle. Um die Weltgeschichte überschaubar darzustellen,
schlug Schlözer deshalb weiterhin vor, zunächst einmal die »wüsten Räume« der
Zeit vor der Gründung Roms und nach der Eroberung Konstantinopels als Vor-
und Nachgeschichte auszusparen, mit der Begründung: von der älteren Zeit
wisse man zu wenig, von der neueren hingegen zu viel.51
In den verbleibenden 2.300 Jahren allerdings, welche die klassische Ge­
schichte des römischen Reichs von seiner Gründung im 8. Jahrhundert vor
Christi Geburt bis zu seinem Untergang im Osten im 15. Jahrhundert um­
fasste, bemühten sich die Göttinger Historiker um eine synchronistische, das
heißt epochal integrative Perspektive. Gatterer arbeitete dazu für jede Periode
aus der Fülle gleichzeitiger Nationalgeschichten jeweils eine weltgeschichtlich
führende Nation heraus und betonte deren weltgeschichtliche Bedeutung für
den ganzen Erdkreis. Vom Aufstieg des Islam im 7. Jahrhundert etwa heißt es
bei ihm: »Wenn Mohammed hundert Jahre früher erschienen wäre, so hätte er
allenfalls eine vorübergehende kleine Sekte in Arabien errichten können; aber
der Stifter einer Hauptreligion und einer Monarchie, die mit der Zeit von Sa­
markand bis Lissabon reichte, wäre er ohne Zweifel nicht geworden.« Und von
den Mongolen: »Hätten ihre Gewalttaten nicht Veränderungen in der Welt her­

zugehen, die Sie in Gedanken m it allen ihren Meeren und Ländern fassen. Eben so begeben
Sie sich, wenn Sie einen chronologischen Abriss der Historie betrachten, aus den engen
Grenzen ihrer Jahre, und breiten sich in alle Jahrhunderte aus.«
50 Johann Christoph Gatterer, Abriss der Universal-Historie, Göttingen 1773.
51 Schlözer, Universal-Historie, S. 62 u. S. 40: »Der Historiker aber kann von Gegenständen
nur in einer bestim mten Entfernung, wie das Auge richtig urteilen: allzu nah täuscht ihn
ebenso leicht, als allzu weit.«
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vorgebracht, die noch jetzt andauern, so verdiente ihre Geschichte, zur Ehre der
Menschheit, in ewiger Vergessenheit vergraben zu liegen. Durch die Eroberung
gesitteter Menschen wurden sie erst zu Menschen, besonders in China.«^2
Wenigstens in der klassischen Zeit zwischen der dunklen Früh- und der noch
unabgeschlossenen Zeitgeschichte entstanden so temporale Einheiten, in denen
sich das Ideal des allseitigen Zusammenhangs von allem mit allem realisieren
ließ. Begriffe wie Zeitalter, Jahrhundert und Epoche wandelten sich so aus lee­
ren Zeithülsen Schritt für Schritt zu Zeitkörpern, das heißt zu Konzepten einer
inhaltlich gefüllten, verkörperten Zeit. Voltaires epochales Werk »Das Zeitalter
Ludwigs des XIV.« (im Original eigentlich: das Jahrhundert, le siecle de Louis X IV)
von 1751 erhob diesen Anspruch schon im Vorwort mit besonderer Deutlich­
keit: »Bei dem, was hier beschrieben werden soll, handelt es sich nicht allein um
das Leben Ludwigs des XIV., es geht um eine größere Aufgabe: Versucht werden
soll, für die Nachwelt ein Bild nicht allein der Taten eines Menschen, sondern
des Geistes der Menschen in dem aufgeklärtesten aller Zeitalter zu malen.«^3
Die Geschichtsschreibung wandte sich damit, in der Metapher eines Barock­
gartens gesprochen, gewissermaßen von der äußeren Einteilung des Gartens
der besonderen Bepflanzung jedes ihrer Teile zu. So entstanden in den folgen­
den Jahrzehnten immer mehr Epochenbezeichnungen, welche nicht mehr die
zeitliche Erstreckung der Epoche als solche, sondern deren innere Verfasstheit
zum Thema machten: Epochenbezeichnungen wie Renaissance und Humanis­
mus, Aufklärung und Hellenismus entstanden als Epochenbezeichnungen alle
erst nach 1750, die meisten sogar erst im Laufe des 19. Jahrhunderts, auch wenn
sie sich auf weit ältere Zeiträume bezogen.
Es war ein eigentümlich widersprüchliches Merkmal solcher Epochen­
begriffe, dass sie den Fluss der Zeit gewissermaßen still zu stellen vermochten
und damit Newtons Vorstellung vom kontinuierlichen Verlauf der Zeit konter­
k a rierten ^ Alle Ereignisse, die etwa dem Zeitalter der Aufklärung zugerechnet
wurden, geschahen so historiographisch gesehen gewissermaßen gleichzeitig,
selbst wenn hundert Jahre zwischen ihnen lagen. Erst an ihren Grenzen, im
Übergang von einer Epoche zur nächsten, kam die Zeit, jetzt aber nur sprung­
haft, wieder in Fluss. Das lässt sich in historischen Darstellungen bis heute be­
obachten: Die zeitliche Dauer spielt, so lange es nur darum geht, Ereignisse einer
bestimmten historischen Epoche zuzuordnen, argumentativ keine Rolle, ledig­
lich ihre inhaltliche Beziehung zueinander stehen zur Debatte. So werden zum
Beispiel häufig die Französische Revolution von 1789 und die europäische Re­
volution von 1848 epochal aufeinander bezogen, ohne dass der zeitliche Ab-

52 Gatterer, Geographie, S. 622 u. S. 719.


53 Voltaire, Le siecle de Louis XIV, Paris 1792, S. 13: »Ce n’est pas seulement la vie de Louis X IV
qu’on pretend ecrire; on se propose un plus grand objet. On veut essayer de peindre a la
posterite, non les actions d’un seul homme, mais l’esprit des hommes dans le siecle le plus
eclaire qui fut jamais.«
54 Siehe dazu Simmel, Problem der historischen Zeit.
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stand von sechzig Jahren oder zwei Generationen dabei eine argumentative
Rolle spielt.55 Es bedarf dann einer besonderen Anstrengung, der Bildung eines
übergeordneten Begriffs, etwa dem der Generationenabfolge, um sie in ihrer
zeitlichen Erstreckung wieder zu them atisieren/6
Zu den Epochenbezeichnungen kamen im ausgehenden 18. Jahrhundert
neue historische Handlungseinheiten hinzu, Konzepte wie das des Volkes, der
Nation und der Klasse, ferner ideelle Handlungsträger wie Freiheit und Gleich­
heit. Auch ihnen wurde ein historisches Eigenleben zugeschrieben. Sie durch­
liefen in ihrer historischen Entfaltung und ihrem Niedergang biographische
Zyklen und glichen auch darin den Blumen eines Gartens, der sich im Wech­
sel der Zeiten immer wieder erneuert. Sie alle folgten dabei dem Leibniz’schen
Konzept einer verkörperten, organisch-monadischen Zeit, das weniger an einer
systematischen Vermessung der Welt als vielmehr an der Vielfalt kultureller In ­
dividuen (Monaden) in der Geschichte interessiert war.

III. Die Zeit als Panoram a im 19. Jahrhundert

1. Schillers Paradigmenwechsel

In seiner Antrittsvorlesung als Geschichtsprofessor an der Universität Jena


»Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?« gab Fried­
rich Schiller seinen Studenten am 26. Mai 1789 eine Anleitung zum »philoso­
phischen« Studium der Universalgeschichte, die einen Paradigmenwechsel in
der deutschen Geschichtswissenschaft einleitete. Da ihre Quellen, argumen­
tierte Schiller, immer begrenzt und lückenhaft seien, könne die Geschichtswis­
senschaft auf dem bisher eingeschlagenen Weg der Vermessung der Welt nie­
mals einen systematischen Charakter annehmen.57 Leider verfolgte Schiller die
Möglichkeit der Identifizierung solcher systematischer Wissenslücken nicht
weiter, sondern versuchte stattdessen, einen anderen Weg einzuschlagen, damit
die Geschichte, wie man dies damals ausdrückte, aus einem bloßen »Aggregat«
von Fakten zu einem »System« historischen Wissens werde. Ein solcher Ü ber­
gang, so Schillers Überzeugung, könne nur gelingen, wenn die Geschichts-

55 Siehe z. B. Beatrix Bouvier, Französische Revolution und deutsche Arbeiterbewegung. Die


Rezeption des revolutionären Frankreich in der deutschen sozialistischen Arbeiterbewe­
gung von den 1830er Jahren bis 1905, Bonn 1982.
56 So etwa Reinhart Koselleck, Die Restauration und ihre Ereigniszusammenhänge 1815-1830,
in: Louis Bergeron u. a. (Hg.), Das Zeitalter der europäischen Revolutionen 1780-1848,
Frankfurt 1969, S. 296 f.
57 Friedrich Schiller, Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?
[1789], in: Golo M ann (Hg.), Schillers Schriften, Bd. 4, Frankfurt 1966, S. 4 2 1-438, hier
S. 434: »Weil die Weltgeschichte von dem Reichtum und der Armut an Quellen abhängig ist,
so müssen ebenso viele Lücken in der Weltgeschichte entstehen, als es leere Strecken in der
Überlieferung gibt.«
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betrachtung ihren Ausgangspunkt ganz von der Gegenwart nehme und danach
frage, was vorausgegangen sein müsse, damit es zum gegenwärtigen Zustand
habe kommen können: »Selbst dass wir uns in diesem Augenblicke hier zu­
sammenfanden, uns mit diesem Grad von Nationalkultur, mit dieser Sprache,
diesen Sitten, diesen bürgerlichen Vorteilen, diesem Maß von Gewissensfrei­
heit zusammenfanden, ist das Resultat vielleicht aller vorangegangenen Welt­
begebenheiten: Die ganze Weltgeschichte würde wenigstens nötig sein, diesen
einzigen Moment zu erklären.«58
Zu einem systematischen Zusammenhang sollte die Geschichte Schiller zu­
folge dadurch werden, dass man sie einer fundamentalen Perspektivierung aus­
setzte. Nur aus dem Blickwinkel eines betrachtenden Subjekts gewann sie, als
Vorgeschichte der Gegenwart, ihre einheitliche Gestalt. Das war neu. Zwar
hatte schon Johann M artin Chladenius 1752 eine Lehre vom »Sehepunkt«
vorgestellt, welche alle historische Beobachtung unter den Vorbehalt des Blick­
winkels stellte, unter dem zeitgenössische Beobachter ihren jeweiligen Gegen­
stand betrachteten.59 Doch bei Chladenius bot sich dem Historiker immer noch
die Möglichkeit, in der abwägenden Zusammenschau aller subjektiven Ein­
drücke ein objektives Bild seines historischen Gegenstands zu gewinnen. Chla-
denius’ Geschichtstheorie zielte weiterhin auf Objektivität, allgemeine Gültig­
keit der historischen Darstellung. Für Schiller hingegen verbot sich eine solche
Hoffnung auf objektive historische Erkenntnis. Ihm ging es bei seiner histo­
rischen Perspektivenlehre auch gar nicht um das einzelne historische Ereig­
nis, sondern um die Verknüpfung aller historischen Ereignisse im Rahmen der
Geschichte überhaupt.
Damit wurde das Ideal einer lückenlosen Kartierung der Geschichte, das
der geographischen Erforschung des Erdraums nachgebildet war, insgesamt
fallen gelassen. Historisch relevant war Schiller zufolge nur noch, was »auf
die heutige Gestalt der Welt und den Zustand der jetzt lebenden Generation
einen wesentlichen, unwidersprechlichen Einfluss« hat. Daraus ergab sich seine
historiographische Anweisung: »Das Verhältnis eines historischen Datums zu
der heutigen Weltverfassung ist es also, worauf gesehen werden muss, um Ma­
terialien für die Weltgeschichte zu sammeln.« Was sich diesem Kriterium nicht
fügte, wurde dem Vergessen anheimgestellt. Aber nicht nur dies: Auch die Su­
che nach Ausfüllung der »weißen Flecken« im Geschichtsverlauf nahm nun
eine andere Wende. Gefragt waren nicht mehr neue Einzelheiten über jene bis­
lang noch unzureichend bekannten Räume und Zeiten (an deren Auffindbar-
keit Schiller nicht mehr glaubte). Gefragt waren vielmehr philosophische Ideen,
die geeignet seien, die schon bekannten »Bruchstücke durch künstliche Binde­
glieder« zu verketten®0 Dadurch nahm die Geschichte eine teleologisch auf die

58 Ebd., S. 430.
59 Johann M artin Chladenius, Allgemeine Geschichtswissenschaft [1752], Weimar 1985,
S. 91-115.
60 Schiller, Universalgeschichte, S. 435.
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Gegenwart zulaufende, von Schiller als »philosophisch« aufgewertete Richtung
an. Und dies wiederum galt nicht nur für die Vergangenheit, selbst das zukünf­
tige Geschehen ließ sich, wie Schiller postulierte, im Prinzip aus dem vergange­
nen schon jetzt prognostisch ablesen. Die Geschichte konnte damit insgesamt
als Symbol einer höheren, ewigen Weisheit gelesen werden, gewissermaßen als
Analogie zur Einsicht Gottes in den Gang aller menschlichen Dinge.®1

2. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Im Kontext seiner Geschichtstheologie führte Schiller nun auch erstmals die


Begriffe Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in die Geschichtswissenschaft
ein.62 Sie scheinen, ebenso wie die formalen Epochenbegriffe Jahrhundert und
Epoche, auf den ersten Blick nur eine formale Einteilung der leeren Zeit - wenn
auch jetzt aus dem Blickwinkel des jeweiligen historischen Betrachters - vorzu­
nehmen. Tatsächlich handelt es sich jedoch zugleich um inhaltlich gefüllte Zeit­
begriffe, welche die historische Zeit als Zeitgemälde oder Panoramen zur Spra­
che bringen. Mit ihnen setzte sich die Verdrängung der leeren chronologischen
Universalzeit weiter fort, die im 20. Jahrhundert zur Auflösung des universal­
historischen Kosmos in der Geschichtsschreibung führte.
Die Substantive Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft waren im Deut­
schen um 1790 noch neu und wenig gebräuchlich, in historischen Werken ka­
men sie überhaupt noch nicht vor. Das mag heutige Historikerinnen und His­
toriker überraschen, die sich fragen, wie man ohne solche Begriffe bis dahin
überhaupt von der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hatte sprechen
und schreiben können. Denn schließlich war die Erforschung und Darstellung
der Vergangenheit schon immer das zentrale Geschäft des Historikers gewe­
sen. Tatsächlich war in deutschen historischen Werken bislang aber immer nur
von vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Ereignissen die Rede gewe-

61 Ebd., S. 437: »Der M ensch verwandelt sich und flieht von der Bühne; seine Meinungen
fliehen und verwandeln sich m it ihm: Die Geschichte allein bleibt unausgesetzt auf dem
Schauplatz, eine unsterbliche Bürgerin aller Nationen und Zeiten.« Entschiedener noch
als Schiller war Johann G ottfried Herder (1744-1803) zur gleichen Zeit davon überzeugt,
dass eine Zeit kommen werde, »da es eine W issenschaft der Zukunft wie der Vergangen­
heit gibt, da kraft dieser W issenschaft die edelsten Menschen so gut für die Nachwelt als
für sich rechnen. Siehe ders., Vom W issen und Nichtwissen der Zukunft, in: ders., Sämt­
liche Werke, hg. v. Johann von Müller, 2. Abt.: Zur Philosophie und Geschichte, Bd. 7, Stutt­
gart 1828, S. 53. Siehe dazu auch Lucian Hölscher, Die Entdeckung der Zukunft, Frankfurt
1999, S. 43 f.
62 Indem das Studium der Weltgeschichte näm lich den Menschen daran gewöhne, »sich mit
der ganzen Vergangenheit zusammenzufassen, und mit seinen Schlüssen in die ferne Zu­
kunft vorauszueilen; so verbirgt sie die Grenzen von Geburt und Tod, die das Leben des
Menschen so eng und so drückend um schließen, so breitet sie optisch täuschend sein kur­
zes Dasein in einem unendlichen Raume aus, und führt das Individuum unvermerkt in die
Gattung hinüber.« Schiller, Universalgeschichte, S. 437.
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sen, nie von der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schlechthin. Anders
im Englischen und Französischen: Dort waren substantivische Bezeichnun­
gen wie the p a s t oder le p asse schon seit dem 16. Jahrhundert gebräuchlich, der
adjektivische und substantivische Gebrauch aber von der Wortform nicht zu
unterscheiden.63 Deshalb beschränkt sich die Erörterung der historiographi-
schen Zeitbegriffe hier auch zunächst auf die deutsche Geschichtstheorie und
Geschichtsschreibung.
Der semantische Unterschied zwischen der adjektivischen und der substan­
tivischen Form wird deutlich, wenn man deren lateinische Äquivalente in älte­
ren Quellen aufsucht. Augustin zum Beispiel hatte schon zu Beginn des 5. Jahr­
hunderts in seinen »Bekenntnissen« die Frage nach dem, was Zeit ist, an die aus
der lateinischen Grammatik vertrauten Begriffe praeteritum , p raesen s und f u ­
turum gebunden. Sie bezeichneten bei ihm wie bei allen späteren Autoren aber
niemals Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als Zeiträume, sondern immer
nur einzelne Dinge beziehungsweise Ereignisse, die in der Vergangenheit, Ge­
genwart oder Zukunft lagen, also gewissermaßen Vergangenes, Gegenwärtiges
und Zukünftiges. Darauf deutet schon die Tatsache hin, dass diese Ausdrücke
immer schon auch im Plural gebräuchlich waren.®4
Die Substantive Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begegnen in deut­
schen Texten erst seit den 1730er Jahren und hier auch zunächst nicht in der
Bedeutung von Zeiträumen.®5 Der Sprachgebrauch schwankte vielmehr an­
fangs, vor allem bei den Ausdrücken Gegenwart und Zukunft, zwischen einer
schon länger geläufigen räumlichen Bedeutung und der Bezeichnung der Eigen­
schaft von Dingen, zugegen, vergangen oder zukünftig zu sein. Er bezog sich
dabei aber - vor allem in der poetischen Sprache, wo sich die ersten Belege fin ­
den - zunächst noch in der Regel nur auf einzelne Dinge.®® Als Zeitbegriffe
finden sich die Ausdrücke Vergangenheit und Zukunft erst seit den späten
1760er Jahren.®7

63 Oxford English Dictionary, Bd. 7, Oxford 1933, S. 538, Art. »the past«; Le Grand Robert de
la langue fran^aise, Bd. 7, Paris 1992, S. 146 f., Art. »passe«.
64 Siehe Hölscher, Entdeckung der Zukunft, S. 20.
65 Bei ihrer Einführung spielten vermutlich in einem bislang noch nicht hinreichend erforsch­
ten Ausmaß französische Begriffe wie aven ir eine Rolle. Auch Parallelbegriffe wie Vorwelt,
Mitwelt und Nachwelt müssen in ihrer Bedeutung für die Konzeption der neuen Zeitraum ­
begriffe noch näher untersucht werden.
66 So etwa in dem »Unvollkommenen Gedicht über die Ewigkeit« des Schweizer Mediziners
Albrecht von Haller aus dem Jahr 1736: »Beständigs Reich der Gegenwärtigkeit! Die Asche
der Vergangenheit / Ist dir ein Keim von Künftigkeiten«; siehe ders., Gedichte, hg. v. Lud­
wig Hirzel, Bd. 2, Leipzig 1917, S. 151. Ebenso bezog sich der Ausdruck »Künftigkeiten«,
noch im Plural gesetzt, hier auf einzelne Dinge, so vermutlich auch der noch neue Ausdruck
Vergangenheit, welcher dann entsprechend im Sinne von »Asche des Vergangenen« zu
verstehen wäre.
67 Zu einem temporalen Paar poetisch vereint finden sie sich erstmals in einem Gedicht
Herders von 1769, das den Titel »Der Genius der Zukunft« trägt: »Flamm auf, du Licht der
Zeiten, Gesang! Du strahlst / Vom Angesicht der Vergangenheit, und bist / M ir Fackel,
Dem Dichter Schiller waren die neuen Zeitbegriffe spätestens seit den frühen
1780er Jahren bekannt.®8 In dem sogenannten philosophischen Gespräch aus
dem »Geisterseher« von 1787 titulierte er sie als Reiche beziehungsweise Räume,
die für ihn als Zeiträume eine je spezifische Qualität besaßen: »Wenn alles vor
mir und hinter mir versinkt - die Vergangenheit im traurigen Einerlei wie ein
Reich der Versteinerung hinter mir liegt - wenn die Zukunft mir nichts bietet -
wenn ich meines Daseins ganzen Kreis im schmalen Raume der Gegenwart be­
schlossen sehe - wer verargt es mir, dass ich dieses magere Geschenk der Zeit,
feurig und unersättlich wie ein Freund, den ich zum letzten Male sehe, in meine
Arme schließe?«®9
Im Wunsch, sich aus dem Gefängnis der Gegenwart zu befreien, setzte auch
Novalis um 1800 seine Hoffnung auf eine Verknüpfung und wechselseitige
Durchdringung der historischen Zeiten/o Zukunft und Vergangenheit wurden
in der romantischen Literatur vielfach als innere Welten thematisiert und stan­
den darin der Welt der Träume und der Mythen nah. Sie dienten damit einer
Erweiterung der Gegenwart zu einem umfassenden Konzept sich historisch
entfaltender Wirklichkeit, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
wechselseitig aufeinander verwiesen.71

meinen Gang dort fürder / Zu leiten! D ort wo die Zukunft graut / Wo ihr Haupt der Saum
der Wolke verhüllt, wo Erd’ und Himmel / Sich weben, als wär’ es eins! / [...] - M it Flam ­
menzügen glänzt / In der Seelen Abgründen der Vorwelt Bild / Und schießt weit über weis­
sagend starkes Geschoß / In das Herz der Zukunft. Siehe, da steigen / Der M itternacht G e­
stalten hervor! W ie Götter aus Gräbern empor [. ] Dann liest der Geist in seines Meers
Zauberspiegel die Ewigkeit«. Johann Gottlieb Herder, Sämtliche Werke in vierzig Bänden,
Bd. 13, Stuttgart 1852, S. 110 f.
68 Der bislang früheste Beleg findet sich 1781 in den »Räubern«: »Freilich steht’s nun in meiner
Macht nicht mehr, die Vergangenheit einzuholen«. Friedrich Schiller, Werke (Nationalaus­
gabe), Bd. 3, W eimar 1953, S. 135. Auch hier ist die Lesart »vergangene Ereignisse« noch
nicht auszuschließen.
69 Ders., Werke in fü n f Bänden, hg. v. Benno von Wiese, Bd. 4, Köln 1959, S. 345. Ganz im glei­
chen Sinne qualitativ unterschiedlicher Zeiträume beschrieb Schiller die historischen Zei­
ten 1796 in den »Sprüchen des Confucius«: »Dreifach ist der Schritt der Zeit: / Zögernd
kommt die Zukunft hergezogen, / Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen, / Ewig still steht die
Vergangenheit.« Ebd., S. 80.
70 So etwa in der »Vermählung der Jahreszeiten«, einem aus dem unabgeschlossenen zwei­
ten Teil des »Heinrich von Ofterdingen« übrig gebliebenes Fragment aus der Zeit um 1800:
»Wären die Zeiten nicht so ungesellig, verbände Zukunft mit der Gegenwart und Vergan­
genheit sich; schlösse Frühling an Herbst sich, und Sommer an Winter«. Novalis, Schriften,
hg. v. Ludwig Tieck u. Friedrich Schlegel, 1. Teil, Berlin 18153, S. 256; und an anderer Stelle
im selben Roman: »Zukunft und Vergangenheit hatten sich in ihm berührt und einen inn i­
gen Verein geschlossen; er stand wie außer der Gegenwart, und die Welt ward ihm erst teuer,
als er sie verloren hatte, und sich nur als Fremdling in ihr fand«. Heinrich von Ofterdingen,
zweiter Teil, ebd., S. 219.
71 So z. B. schon öfter in den erstmals 1808 publizierten »Ansichten von der Nachtseite der Na­
turwissenschaft« des Naturforschers G otthilf Heinrich von Schubert (1780-1860).
Erst seit den 1820er Jahren setzten sich die neuen Zeitbegriffe in Deutschland
allgemein in der Geschichtsschreibung durch. Ihre Herkunft aus der poetischen
Welt klingt noch in Rankes berühmter Abgrenzung seines Erstlingswerks, der
»Geschichte der romanischen und germanischen Völker« (1825), gegenüber den
Ansprüchen eines philosophisch-literarischen Bezugs auf die Geschichte nach:
»Man hat der Historie das Amt, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum
Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren, beigemessen; so hoher Ämter unterwin­
det sich gegenwärtiger Versuch nicht: er will bloß sagen, wie es eigentlich ge-
wesen.«72 Rankes Geschichtswissenschaft wollte einen wissenschaftlich nüch­
ternen Bericht, keine poetischen Bilder von der »Vergangenheit« liefern. In der
populären historischen Literatur war es gleichwohl genau dies, was Geschichts­
werke auch im 19. Jahrhundert schon zu Bestsellern machen konnte.
Um das jetzt um sich greifende Bestreben zu veranschaulichen, die Vergan­
genheit ebenso wie die Gegenwart als einen synchronen Gesamtzusammen­
hang zu entwerfen, können Gustav Freytags »Bilder aus der deutschen Vergan­
genheit« (4 Bände, 1859-1867) als Beispiel dienen/3 Freytags historische Studien
waren Zeitgemälde, vergleichbar den damals so beliebten Panoramen von gro­
ßen Städten wie London oder den Bildern der Camera obscura von fernen exo­
tischen Ländern und vergangenen idyllischen Szenen des Lebens. Man konnte
sie um 1860 schon seit einigen Jahrzehnten in einer Art früher Dia-Show an sich
vorüberziehen lassen.74 Dasselbe wie für die Vergangenheit galt bald auch für
die Zukunft. Zukunftsromane wie etwa der gegen Ende des 19. Jahrhunderts
beliebte Roman des amerikanischen Bodenreformers Edward Bellamy »Loo-
king Backward 2000 to 1887« (1888) verzückten die Zeitgenossen mit Bildern
einer Zukunftsgesellschaft, die auf die gegenwärtige Gesellschaft folgen würde.
Wissenschaftliche Genauigkeit und künstlerische Ausgestaltung standen hier
in keinem Widerspruch, vielmehr zeigten die literarischen Gattungen, wonach
eigentlich auch die historische Literatur strebte: nach einer Vergegenwärtigung
des Vergangenen und Zukünftigen in Form anschaulicher Zeitgemälde.
Dabei war in den Zeitbegriffen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von
Anfang an ein Moment der Illusionierung des Lesers angelegt, das sich streng
genommen methodisch nicht einlösen ließ. Was hier unter den Begriffen Ver­
gangenheit und Zukunft als Zeitlandschaft vorgestellt wurde, war nämlich tat­
sächlich nur aus einer begrenzten Anzahl gegenwärtig bekannter - und damit
unlösbar mit dem gegenwärtigen Wissensstand verbundener - Tatbestände er-

72 Leopold Ranke, Geschichte der romanischen und germanischen Völker, Leipzig 1824, S. 5.
73 Bis 1909 erschienen davon an die dreißig Auflagen, das Werk zählte zu den beliebtesten
deutschen Geschichtswerken des 19. Jahrhunderts überhaupt. Der moderne Leser werde in
seinem Werk, so setzte Freytag in der Einleitung ein, »in eins der früheren Jahrhunderte
zurückversetzt, zuerst ein maßloses Staunen, zuletzt einen Schauder vor ihrer Umgebung
empfinden.« Gustav Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, Bd. 1, Leipzig 1892,
S. 1, S. 7 u. S. 11.
74 Zur Geschichte und Popularität von Panoramen im 19. Jahrhundert: Stephan Oettermann,
Das Panorama. Die Geschichte eines Massenmediums, Frankfurt 1980.
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
hoben worden, zwischen denen oft kein aus den Quellen ableitbarer Zusam­
menhang bestand. Die Begriffe suggerierten zwar, es könne dem künstle­
risch geschickten Wissenschaftler gelingen, aus ihnen Gesamtbilder von fernen
Lebenswelten zu entwerfen, die in sich ebenso konsistent sind wie die Welt, in
der sich der Leser gegenwärtig bewegte. Doch dazu bedurfte es einer poetischen
Verknüpfung der Einzeldaten, welche methodisch sauber niemals wirklich ge­
lingen konnte.
Die Auswirkungen solcher historisch-prognostischen Illusionskunst lassen
sich bis heute verfolgen. Methodisch abgesichert sind in allen Zukunfts- und
Vergangenheitsentwürfen immer nur die einzelnen Tatbestände. Deren Ver­
knüpfung zu zukünftigen beziehungsweise vergangenen Lebenswelten bleibt
ein Geschäft der Poesie, dessen Zeitgebundenheit sich dem Leser schnell er­
schließt, wenn die Entstehung solcher Zukunfts- und Vergangenheitsentwürfe
schon einige Zeit zurück liegt.

IV. Die Fragmentierung der Zeit im 20. Jahrhundert

Wie zuletzt an den Zeitkonzepten der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft


gezeigt, war der Zerfall des historischen Kosmos, der in der Geschichtstheorie
des 18. Jahrhunderts als universale Zeiteinheit angelegt war, schon in der his­
toristischen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts in vollem Gange. Seit
Ende des 19. Jahrhunderts beschleunigte sich dieser Zerfall gleichwohl noch
einmal in bedeutendem Maße. Bis dahin hatten qualitative Zeitmodelle die Ge­
schichtsschreibung nur mit immer neuen Modellen bereichert, das Konzept
der Geschichte aber nicht als solches aufgelöst. Nun aber begannen neue Zeit­
konzeptionen, den Gesamtzusammenhang der Geschichte als solchen infrage
zu stellen.
Der A ngriff auf den klassischen historischen Zeitbegriff richtete sich ge­
gen das Konzept der leeren Zeit selbst. Dieses in der Geschichtsschreibung des
19. Jahrhunderts im Grund nicht über Newton und Kant hinaus weiter ent­
wickelte Konzept hatte in der Form des Kalenders bislang ja nicht allein das
Nacheinander der geschichtlichen Ereignisse geregelt, sondern zugleich auch
ihren - sei es potentiellen, sei es aktuellen - inneren Zusammenhang garantiert.
Die Kulturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts interessierte sich jedoch
weit mehr für den Zeitzusammenhang innerhalb kultureller Einheiten, etwa
innerhalb des Zeitgeistes einer Epoche oder einer bestimmten Kulturstufe der
W irtschaft und Gesellschaft. In der Vorstellung von der Materialität, anders ge­
sagt: der empirischen Gebundenheit aller Zeitverhältnisse an die Dinge, an de­
nen man zeitliche Veränderungen beobachtete, wurde sie dabei unterstützt von
der philosophischen Zeittheorie, wie sie etwa in der materialistischen Theo­
rie von Friedrich Albert Lange (1828-1875) und in der Theorie der symboli­
schen Formen von Ernst Cassirer (1874-1945), aber auch in der phänomenolo­
gischen Analyse der Zeit bei Henri Bergson (1859-1941) und Edmund Husserl
(1859-1938) entwickelt wurde. Ihr zufolge waren nicht mehr die Dinge in der
Zeit, sondern umgekehrt die Zeit in den Dingen aufzusuchen.75 So hatte zwar
in gewissem Sinne auch schon Leibniz gegen Newton, später Herder gegen Kant
argum entiert/6 Doch die phänomenologische Betrachtung der Welt folgte nicht
mehr Leibniz’ theologischem Konzept einer prästabilierten Harmonie, das bei
ihm dann doch immer noch zur Idee eines einheitlichen Weltzusammenhangs
geführt hatte. Das Zeitverständnis der Neukantianer und Phänomenologen
rechnete vielmehr mit einer Fülle ganz unterschiedlicher und nicht aufeinander
abgestimmter Zeitverläufe in den »Phänomenen« selbst.
Nach dem Ersten Weltkrieg begannen vor allem Historiker, die sich mit den
Denk- und Lebensweisen ferner Epochen beschäftigten, die historische Zeit
selbst zu historisieren, indem sie diese in ihre jeweilige Gesellschaft einban-
den.77 Lucien Febvre und Johan Huizinga etwa arbeiteten schon in den 1920er
Jahren das von der modernen Gesellschaft abweichende Zeitempfinden mittelal­
terlicher und frühneuzeitlicher Gesellschaften heraus, Bernhard Groethuysens
Studien reichten bis ins 18. Jahrhundert/8 Nachfolgende Historikergenera­
tionen, unter ihnen Jaques Le Goff, Carlo Ginzburg, Reinhart Koselleck und Pe­
ter Burke, setzten diese Arbeit nach dem Zweiten Weltkrieg fo rt/9 Gemeinsam

75 Siehe Friedrich Albert Lange, Geschichte des Materialismus, Iserlohn 1866; Ernst Cassirer,
Schriften zur Philosophie der symbolischen Formen, Hamburg 2009; Henri Bergson, Ma-
tiere et memoire. Essai sur la relation du corps a l’esprit [1896], Gütersloh 1982; Edmund
Husserl, Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins, hg. v. M artin
Heidegger, Halle 1928.
76 Siehe Johann G ottfried Herder, Verstand und Erfahrung. Eine M etakritik zur K ritik der
reinen Vernunft, in: ders., Werke, Bd. 8: Schriften zur Literatur und Philosophie 1792-1800,
hg. v. Dietrich Emscher, Frankfurt 1998, S. 3 0 3 -6 4 0 , hier S. 360 f. Dazu Wolfgang von Ley­
den, History and the Concept of Relative Time, in: History and Theory 2. 1963, S. 263-285,
hier S. 279 f.
77 Zur K rise des historischen Zeit-Bewusstsein im Ersten W eltkrieg liegt bislang noch keine
umfassende Studie vor. Verwiesen sei deshalb nur auf die vielfachen Symptome dieser Krise
im W erk von Theodor Lessing, Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen [1919], München
1983; Franz Rosenzweig, Der Stern der Erlösung [1921], Frankfurt 1988; M artin Heidegger,
Sein und Zeit [1927], Tübingen 1967; und Walter Benjam in, Über den Begriff der Geschichte
[1939], in: ders., Gesammelte Schriften, hg. v. R olf Tiedemann u. Herrm ann Schweppen-
häuser, Bd. I. 2, Frankfurt 1980, S. 691-704. Siehe dazu auch die Einleitung zum vorliegen­
den Sonderheft.
78 Lucien Febvre, Pour une histoire a part entiere, Paris 1962 (dt.: Der neugierige Blick. Le­
ben in der französischen Renaissance, Berlin 1989); Johan Huizinga, Herfsttij der Middele-
euwen. Studie over levens- en gedachtenvormen der veertiende en vijftiende eeuw in
Frankrijk en de Nederlanden, Haarlem 1919 (dt.: Herbst des Mittelalters. Studien über Le­
bens- und Geistesformen des 14. und 15. Jahrhunderts in Frankreich und den Niederlan­
den, Stuttgart 200612); Bernhard Groethuysen, Die Entstehung der bürgerlichen Welt- und
Lebensanschauung in Frankreich [1927/1930], Frankfurt 1978.
79 Jacques Le Goff, La naissance du purgatoire, Paris 1981 (dt.: Die Geburt des Fegefeuers.
Vom Wandel des Weltbildes im Mittelalter, Stuttgart 1984); Carlo Ginzburg, Il formaggio e
war ihnen allen, dass sie die Zeit als gesellschaftsabhängiges, als kulturelles Phä­
nomen beschrieben, das sich im Laufe der Zeiten wandelte. Da der formale Zeit­
begriff des Kalenders aber zugleich doch noch immer beibehalten wurde, ent­
stand so ein mehrbödiges System sich überlagernder Zeitschichten.

1. Zeitschichten in der Sozialgeschichte

Ähnliche Zeitrevolutionen wie in der Geschichtswissenschaft lassen sich seit


dem Ersten Weltkrieg auch in vielen anderen Wissenschaften beobachten: etwa
in der Physik, wo Einsteins allgemeine Relativitätstheorie von 1916 die Zeit als
abhängige Variable der Materie beschrieb; ebenso in der W irtschaftstheorie mit
Kondratjews Entdeckung der Wirtschaftszyklen in den 1920er Jahren; in der
Chronobiologie mit der Entdeckung der »inneren Uhr« natürlicher Organis­
men; auch in der Entwicklungspsychologie mit Jean Piagets Untersuchungen
zum kindlichen Zeitempfinden. Sie alle wurden bestimmt von der Vorstellung,
dass Zeit ein den menschlichen Gesellschaften, den biologischen Organismen,
ja der Materie überhaupt eingeschriebenes M aß des Wandels sei, dass sie sich in
Rhythmen und Entwicklungsprozessen äußere, die den Lebewesen vorgegeben
sind, über die sie nicht unmittelbar verfügen.80
Innerhalb einer systematischen Betrachtung materieller, sozialer und bio­
logischer Prozesse bildete die Zeit dabei eine akzidentielle Bestimmung der Ge­
genstände wie jede andere auch. Nur in der Geschichtswissenschaft musste die
Analyse der historischen Zeit im Medium dieser historischen Zeit selbst betrie­
ben werden. Deren je nach Gegenstand unterschiedliche Strukturierung rückte
allmählich immer weiter ins Zentrum des Geschichtsentwurfs selbst. So schlug
der Leiter der französischen A nnales-Schule in den 1950er und 1960er Jahren,
Fernand Braudel, 1958 als erster in seinem großen Essay über die longue duree
vor, die Zeit zur gemeinsamen Projektionsfläche aller Humanwissenschaften
zu machen, auf der deren je unterschiedliche Zeitmodelle miteinander kommu­
nizieren könnten.81
Wie dies im Rahmen einer sozialgeschichtlich erweiterten Geschichtswissen­
schaft geschehen könnte, hatte Braudel schon 1949 in seinem großen Werk »La
mediterranee et le monde mediterraneen a l’epoque de Philippe II« vorgeführt.

i vermi. Il cosmo di un mugnaio del’500, Turin 1976 (dt.: Der Käse und die Würmer, Frank­
furt 1979); Koselleck, Vergangene Zukunft; Peter Burke, Popular Culture in Early Modern
Europe, London 1978 (dt.: Helden, Schurken und Narren. Europäische Volkskultur in der
frühen Neuzeit, Stuttgart 1981); Dux, Zeit in der Geschichte.
80 Siehe dazu etwa Marc Bloch u. a., Schrift und Materie der Geschichte. Vorschläge zur syste­
m atischen Aneignung historischer Prozesse, hg. v. Claudia Honegger, Frankfurt 1977.
81 Fernand Braudel, Histoire et sciences sociales. La longue duree, in: Annales 13. 1958,
S. 725-753 (dt.: Geschichte und Sozialwissenschaften. Die lange Dauer, in: Theodor Schie-
der und Kurt Gräubig (Hg.), Theorieprobleme der Geschichtswissenschaft, Darmstadt 1977,
S. 164-204).
Darin gliederte er den Stoff nach drei Zeitebenen: erstens der Zeit der langen
Dauer (longue duree), dem langsamen Tiefenstrom der Geschichte, auf dem sich
die mediterrane Welt des 16. Jahrhunderts, etwa in deren geographischen For­
mationen und dem Klima, nur sehr langsam gewandelt hatte; zweitens der Zeit
der Konjunkturen, dem mittleren Zeitstrom, auf dem sich in Zeitrhythmen
mittlerer Dauer zum Beispiel die Entstehung sozialer Klassen und W irtschafts­
zyklen abbilden ließen; und drittens der Zeit der kurzlebigen historischen Er­
eignisse (l’histoire evenem entielle), welche sich gewissermaßen an der Oberflä­
che des historischen Prozesses abspielten und deshalb auch nur von temporärer
Bedeutung waren.
Für die Sozialgeschichtsschreibung begründete Braudels Dreischichtenmo­
dell der Zeit eine neue Form historischer Bedeutungszuschreibung. Statt wie im
klassischen Zeitmodell der Göttinger Schule jedem Ereignis seine historische
Bedeutung durch einen eindeutigen Ort im Zeit- und Raumkontinuum der Ge­
schichte zuzuweisen, bestimmte sich die Bedeutung historischer Ereignisse nun
durch die Überlagerung verschiedener Zeitschichten im Augenblick ihres his­
torischen Auftretens. Eine politische Wahl zum Beispiel nahm eine andere his­
torische Bedeutung an, wenn das Ende des Regierungszyklus in die Zeit eines
Auf- als wenn sie in die eines Abschwungs der W irtschaft fiel. Die Tiefenströme
des langsameren wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Wandels wurden so
zu Determinanten politischer Ereignisse erklärt.
Braudels Modell der geschichteten Zeit wurde in den 1960er Jahren auch in
Deutschland vorbildhaft. Theoretisch weiter entwickelt wurde es damals vor
allem von dem Historiker Reinhart Koselleck (1923-2006). Braudel folgend
forderte Koselleck auf dem Kölner Historikertag 1970 eine »Theorie der his­
torischen Zeiten«, welche den historischen Wandel im Medium ihrer je unter­
schiedlichen Zeitstrukturen untersuche:

Es gibt mehrschichtige Zeitabfolgen, die alle für sich ein Vorher und Nachher ken­
nen, die aber auf dem Raster der naturalen Chronologie in ihrer linearen Sequenz
nicht zur Deckung zu bringen sind. Daher kommt es darauf an, Temporalstruktu­
ren freizulegen, die den mannigfachen geschichtlichen Bewegungsweisen angemes­
sen sind.82

Unter den von Koselleck untersuchten Zeitstrukturen finden sich so unter­


schiedliche Zeitmodelle wie die naturale und die vom Menschen künstlich
errichtete Zeit, Erfahrungsraum und Erwartungshorizont, Einmaligkeit und
Wiederholung, Bruch und Dauer, Aufstieg und Niedergang, Beschleunigung
und Verlangsamung/3 Als leitende Fragestellung ist in diesen Analysen im­
mer wieder das Bemühen zu erkennen, die Eigenart moderner gegenüber vor­
modernen Gesellschaften herauszuarbeiten. Charakteristisch für Kosellecks

82 Reinhart Koselleck, Wozu noch Historie? [1971], in: ders., Vom Sinn und Unsinn der G e­
schichte, Frankfurt 2010, S. 48 f.
83 Siehe ders., Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt 2000.
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Kategorienbildung ist jedoch vor allem die begriffliche Aufwertung subjekti­
ver Erfahrungen zu objektiven historischen Tatbeständen. Dies soll im Folgen­
den am Beispiel des Konzepts der Beschleunigung dargestellt und kritisch kom­
mentiert werden.

2. Beschleunigung als Signatur der Neuzeit

Nicht nur von Reinhart Koselleck wird die Neuzeit heute häufig als Epo­
che der Beschleunigung beschrieben“ Zahlreiche historische Prozesse weisen
dieser Hypothese zufolge die exponentielle Form einer sich nach oben krüm ­
menden Kurve auf: Waren- und Personenströme, Energieverbrauch, die Kom­
munikationsdichte der Menschen und viele andere Indikatoren des gesell­
schaftlichen Wandels folgen dem immer selben Verlauf eines exponentiellen
Wachstums.85 Selbst der politische Erfahrungshaushalt der Zeitgenossen, so be­
hauptete Koselleck gelegentlich, einem Diktum Friedrich Schlegels folgend, sei
seit der Französischen Revolution einem beschleunigten Wandel ausgesetzt“
Gegen diese These lässt sich auf die subjektiven Anteile solcher Beobachtun­
gen verweisen, welche in deren kategorialen Parametern liegen. Das demogra­
phische Wachstum, das Statistiker spätestens seit Beginn der industriellen Re­
volution im 18. Jahrhundert beobachten, konnte erst zu einem Zeitpunkt als
solches wahrgenommen werden, als die allgemeine Kategorie der »Bevölke­
rung« bereit stand. Zur Diagnose eines wachsenden Energieverbrauchs bedurfte
es der Kategorie der Energie, in der verschiedene Energieformen wie Holz-,
Kohle-, Öl- und Stromverbrauch zusammengefasst werden konnten. Sie stand
aber erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bereit. Noch jüngeren Datums ist
die Kategorie der Kommunikation, in der die verschiedenen Formen des Trans­
ports von Waren, Menschen und Nachrichten zusammengefasst werden.
Im Aufkommen neuer statistischer Kategorien spiegelt sich der Aufmerk­
samkeitswandel einer Gesellschaft für bestimmte Veränderungen ihrer Um­
welt. Diese Veränderungen mögen quantitativ schon seit langem begonnen ha­
ben und statistisch auch bis in eine ferne Vergangenheit hinein nachweisbar
sein, sie wurden qualitativ aber meist erst zu einem weit späteren Zeitpunkt

84 Siehe Hartm ut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne,
Frankfurt 2005.
85 Ein prominentes angewandtes Beispiel bieten die Wachstumskurven von Donella H. Mea-
dows Studie »Die Grenzen des Wachstums«; siehe dies. u. a., The Lim its to Growth. A
Report for the Club of Rome’s Project on the Predicament o f M ankind, New York 1972
(dt.: Die Grenzen des W achstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Rein­
bek 1973).
86 Reinhart Koselleck, Neuzeit. Zur Semantik neuzeitlicher Bewegungsbegriffe, in: ders.,
Vergangene Zukunft, Frankfurt 1979, S. 330; ders., Gibt es eine Beschleunigung der G e­
schichte?, in: ders., Zeitschichten, S. 150-176; ders., Zeitverkürzung und Beschleunigung.
Eine Studie zur Säkularisierung, in: ebd., S. 177-202.
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politisch und wissenschaftlich relevant. Statistische Befunde sind daher an ein
je gegenwärtiges gesellschaftliches Bewusstsein gebunden, sie sind Ausdruck
einer zeit-perspektivischen Wahrnehmung und daher nicht einfach nur objek­
tiv im Sinne eines epochenübergreifenden Sachverhalts anzusetzen. Dies zeigt
sich schon daran, dass statistische Befunde ihre Evidenz für die Zeitgenossen in
aller Regel aus dem Erfahrungsraum ihrer je eigenen Generation beziehen: Wer
noch miterlebt hat, wie ein Brief einen oder mehrere Tage brauchte, bis er die
Empfänger erreichte, wird die Beschleunigung der Kommunikation durch das
Internet als sozial relevante Tatsache verbuchen und dann als Historiker oder
Historikerin auch nach früheren Beschleunigungen der Nachrichtenkommuni­
kation Ausschau halten.
An älteren Prognosen über das Wachstum der nationalen Bevölkerung in
den 1930er Jahren oder der Weltbevölkerung um 1900 lässt sich zeigen, wie sich
im Laufe der Zeit auch die statistischen Kriterien, nach denen gezählt wurde,
verschoben haben. Begriffliche Gegensätze wie der zwischen gesundem und de­
generiertem Nachwuchs oder der zwischen der weißen und den nicht-weißen
»Rassen« spielen heute bei weitem keine ebenso große Rolle mehr wie noch vor
einem halben beziehungsweise einem ganzen Jahrhundert.87 Auch statistische
Befunde wandeln sich also im Laufe der Zeit je nach dem, worauf die Gesell­
schaft ihre Aufmerksamkeit richtet. Das relativiert den statistischen Befund
einer Beschleunigung als rein objektiver, aller Erfahrung vorgegebener Tatsache.
Charakteristisch für die Nutzung der Zeitkategorie Beschleunigung in his­
torischen und sozialwissenschaftlichen Untersuchungen ist heute allerdings,
dass subjektive, an Generationen und spezifische kulturelle Räume gebundene
Erfahrungen mit objektiven historischen Tatbeständen ineinander geblendet
und dadurch zu Interpretamenten neuzeitlicher Gesellschaften aufgebaut wer­
den. Die subjektive Dimension historischer Erfahrung wird dabei nicht geleug­
net, sondern in den objektiven Befund selbst mit hineingenommen. Die darin
vollzogene Verknüpfung sozialer und naturaler Zeiten lässt sich auch an einem
weiteren Konstrukt heutiger Zeittheorien beobachten: der Kombination subjek­
tiver und objektiver Zeitmodelle im Begriff einer vergangenen Zukunft.

3. Vergangene Zukunft und vergangene Vergangenheit

Zeitgleich auf dem Berliner Historikertag von 1964 brachten die Historiker
Reinhart W ittram (1902-1973) und Reinhart Koselleck den Begriff einer ver­
gangenen Zukunft in die Diskussion und wiesen damit auf die Zukunftsvor­
stellungen vergangener Zeiten als eigenes, bislang noch wenig beachtetes For-

87 Vgl. etwa die demographischen Parameter bei Charlotte Höhn, Demographische Probleme
des 21. Jahrhunderts aus deutscher Sicht, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 25.
2000, S. 375-398, mit denjenigen von Friedrich Burgdörfer, Bevölkerungsentwicklung im
Dritten Reich. Tatsachen und Kritik, Heidelberg 1935.
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schungsfeld hin. Die auf den ersten Blick unsinnig erscheinende Kombination
zweier konkurrierender Bezeichnungen für historische Zeiträume nutzte eine
alte abendländische Ambivalenz des Zeit-Begriffs. Im Rückgriff auf Aristoteles
konnte Zeit dabei immer schon als objektive Bewegung, nämlich als Maß der
Wiederholung einer immer gleich bleibenden Kreisbewegung wie der der Erde
um die Sonne (Jahr) oder um sich selbst (Tag), im Rückgriff auf Augustin hin­
gegen auch als subjektive Zeiterfahrung eines Beobachters beschrieben werden,
der seine Aufmerksamkeit aus seiner eigenen Gegenwart heraus erwartend der
Zukunft beziehungsweise der Vergangenheit erinnernd zuwendete.
Im Begriff der vergangenen Zukunft verknüpften sich die subjektiven Per­
spektiven eines zeitgenössischen und eines heutigen Betrachters auf dem Hin­
tergrund eines objektiven geschichtlichen Zeitbegriffs. Was der Zeitgenosse
noch als Zukunft vor sich hatte (vergangene Zukunft), war für den späteren
Historiker schon zur Vergangenheit geworden (gegenwärtige Vergangenheit).
Die Pointe der Begriffsbildung lag jedoch gerade darin, dass beides, vergangene
Zukunft und gegenwärtige Vergangenheit, subjektiv (und damit auch für den
Mentalitätshistoriker, der sich mit den Denk- und Wahrnehmungsformen be­
schäftigte) nicht mehr zusammenfiel - obwohl sie in denselben W irklichkeits­
horizont der sich kalendarisch entfaltenden Geschichte projiziert wurden.
Daraus entstand eine neue Forschungsrichtung, die Historische Zukunfts­
forschung, die Reinhart Koselleck selbst auch historiographisch mit seiner Hei­
delberger Antrittsvorlesung von 1969 zur »Vergangenen Zukunft der frühen
Neuzeit« einleitete.88 Ebenso wie schon die älteren Arbeiten von Lucien Febvre
und Marc Bloch eignete sie sich besonders dazu, den gegenwärtigen Blick auf
die Vergangenheit durch zeitgenössische Zeiterfahrungen zu relativieren und
damit den historischen Blick für die Andersartigkeit der Vergangenheit zu
schärfen. Darüber hinaus zeigte sie jedoch zugleich auch, dass die vergangene
Zukunft nicht in der gegenwärtigen Vergangenheit aufging, wie es die klassi­
sche Geschichtsphilosophie spätestens seit Schiller intendiert hatte.
Das Verfahren der begrifflichen Auffächerung historischer Zeiten in deren
je eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wurde Ende der 1960er Jahre
von dem Soziologen Niklas Luhmann zur Konfiguration von neun möglichen
historischen Zeiten erweitert: der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Seither richten sich soziologische und
historische Fragestellungen auch auf andere Zeiten neben der vergangenen Zu­
kunft, in der neueren Erinnerungsgeschichte von Jan Assmann etwa auf die ver­
gangene Vergangenheit Ägyptens, so wie sie uns im Diskurs der Freimaurer des
18. Jahrhunderts begegnet. Ebenso wie die vergangene Zukunft der frühen Neu­
zeit mit der heutigen Vergangenheit moderner Geschichtsbilder lässt sich auch

88 Siehe Lucian Hölscher, Zukunft und Historische Zukunftsforschung, in: Friedrich Jaeger
u. a. (Hg.), Handbuch der Kulturwissenschaften, Bd. 1, Stuttgart 2004, S. 401-416; ders.,
Entdeckung der Zukunft; Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft der frühen Neuzeit, in:
ders., Vergangene Zukunft, S. 17-27.
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diese »erinnerte« Vergangenheit der Freimaurer des 18. Jahrhunderts mit dem
heutigen Bild vom alten Ägypten kontrastieren^9
Das Verfahren der kontrastierenden begrifflichen Kombination unterschied­
licher Zeiträume ließe sich im Prinzip auch auf die Zukunft als Forschungsfeld
erweitern. Dort könnte es dazu einladen, über die Differenz zwischen der ge­
genwärtigen Praxis, prognostisch-programmatisch Zukünfte zu entwerfen, und
einer zukünftigen Gegenwart oder gar einer möglichen Wahrnehmung unserer
Gegenwart als zukünftige Vergangenheit nachzudenken.90 Die Geschichtstheo­
rie ist hier gegenwärtig dabei, die Grenzen zwischen den historischen Zeiten
neu auszuloten und die pragmatische Dimension ihrer Festlegung durch eine
neu reflektierte Zeitpolitik in der Gegenwart herauszuarbeiten.91

4. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Eine andere Variante des mehrbödigen Systems sich überlagernder Zeitschich­


ten stellte der Philosoph Ernst Bloch (1885-1977) schon 1935 in seiner Schrift
»Erbschaft dieser Zeit« mit dem Konzept einer »Gleichzeitigkeit des Ungleich­
zeitigen« vor. Darin schrieb er den Sieg des Faschismus in Deutschland dessen
Fähigkeit zu, »ungleichzeitige« Konflikte und gesellschaftliche Widersprüche,
die aus älteren Zeiten noch liegen geblieben waren, in einen modern anmuten­
den nationalsozialistischen Zukunftsentwurf zu integrieren und so die Illusion
einer Modernität zu erzeugen, die er doch nie werde einlösen können®2
Der Sache nach war die Argumentation mit ungleichzeitigen Entwicklungen,
die in der Gegenwart gleichzeitig zu beobachten sind, schon wesentlich älter.®3
Sie reichte bis in die geschichtsphilosophische Konstruktion der Göttinger Uni­
versalhistoriker im späten 18. Jahrhundert zurück. Schon Johann Christoph
Gatterer und August Ludwig Schlözer forderten in der Nachfolge Voltaires,
wie oben beschrieben, dass der Historiker ebenso wie jedes Zeitalter so auch
jedes Volk als eine Einheit betrachten solle, in der alle Begebenheiten wechsel-

89 Niklas Luhmann, Weltzeit und Systemgeschichte. Über Beziehungen zwischen Zeithori­


zonten und sozialen Strukturen gesellschaftlicher Systeme, in: Peter Christian Ludz (Hg.),
Soziologie und Sozialgeschichte, Opladen 1973, S. 81-115; Jan Assmann, Die Zauberflöte.
Oper und Mysterium, München 2005.
90 Ein erster Ansatz hierzu findet sich bei Isabel Kranz, Die Ruinen der Zukunft. (Fehl)Archä-
ologie und kulturelles Selbstverständnis bei Alfred Franklin, Leo Claretie und Albert
Speer, in: M arion Herz u. a. (Hg.), Goofy History. Fehler machen Geschichte, Köln 2009,
S. 107-129.
91 Zum Einstieg in dieses noch neue Forschungsfeld siehe Alexander C. T. Geppert und Till
Kössler, Zeit-Geschichte als Aufgabe, im vorliegenden Band, sowie Chris Lorenz u. Berber
Bevernages (Hg.), Breaking up Time. Negotiating the Borders Between Present, Past and
Future, Göttingen 2013.
92 Ernst Bloch, Erbschaft dieser Zeit [1935], Frankfurt 1962.
93 Siehe Achim Landwehr, Von der »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen«, in: HZ 295. 2012,
S. 1-34.
seitig aufeinander verwiesen. Aus solchen Analysen gingen die seither geläu­
figen Beschreibungen des kulturellen Niveaus eines Volkes und seiner relati­
ven Alterungsstufe hervor. Wo man deshalb, wie zum Beispiel Herder in seinen
»Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« (1784-1791) oder Schil­
ler in seiner Jenaer Antrittsvorlesung von 1789, »junge« und »alte«, »noch wilde«
und »schon kultivierte« Völker gleichzeitig beobachtete, da war der Sache nach
immer auch schon von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen die Rede. Die
Denkfigur verknüpfte schon damals eine morphologische, auf einzelne histo­
rische Subjekte wie Völker und Klassen bezogene Betrachtungsweise mit einer
universalistischen, auf die ganze Menschheit bezogenen Geschichtsbetrach­
tung; anders ausgedrückt: ein Konzept der inhaltlich gefüllten, verkörperten
Zeit mit dem einer leeren, chronologischen Zeit.
Doch die Formel der »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« entstand erst
im 20. Jahrhundert und hatte unter Annahme unterschiedlicher Zeitschichten
auch andere zeittheoretische Implikationen. Für den Marxisten Ernst Bloch,
der den Ausdruck erstmals bildete, schwang das Kapital noch den Taktstock
der Geschichte. Ihm zufolge zwang das Kapital auf die Dauer alle »ungleichzei­
tigen« Entwicklungen in das Prokrustesbett der kapitalistischen Gesellschafts­
entwicklung. Er folgte damit immer noch dem Konzept eines letztlich einheit­
lichen und konvergierenden Geschichtsverlaufs.94
Im Zuge der Auflösung des einheitlichen historischen Zeitbegriffs in den So­
zialwissenschaften verwies der Topos dagegen bei Reinhart Koselleck in den
1960er Jahren auf einen ganz anderen Befund, nämlich auf die temporale Viel­
schichtigkeit historischer Lagen und Prozesse. Koselleck zufolge lassen sich
diese heute kaum noch auf einem einheitlichen Maßstab weltgeschichtlicher
Entwicklung abbilden, sie erscheinen daher verschiedenen Beobachtern auch
nur noch als ungleichzeitig, ohne es tatsächlich zu sein.95 In solchem neuen Kon­
text nimmt die Analyse von Gleichzeitigkeiten des Ungleichzeitigen eine Diffe­
renzbestimmung zwischen der morphologischen (gefüllte Zeit) und der univer­
salistischen Betrachtung der Geschichte (leere Zeit) vor, die niemals aufhebbar,
sondern nur historisch an jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt neu auslotbar ist.

V. Plädoyer für eine W iederentdeckung der leeren Zeit

Der hier bis in die 1990er Jahre skizzierte Abriss historischer Zeitkonzepte seit
dem 18. Jahrhundert zeigt, wie sehr die Geschichtsschreibung seither von spe­
zifischen Zeitbegriffen und Zeitkonzepten geprägt und gelenkt wird, die nicht
vollständig aufeinander abbildbar und schon gar nicht innerhalb eines einheit-

94 Ebd. sowie Paul Nolte, Art. Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, in: Stefan Jordan (Hg.),
Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe, Stuttgart 2002, S. 134-137.
95 Siehe Koselleck, Zeitschichten; Kracauer, Geschichte, S. 171-173.
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lichen Zeitbegriffs homogenisierbar sind. Es wäre daher wohl durchaus mög­
lich, anhand des Wandels ihrer Zeitkonzepte eine Geschichte der neuzeitlichen
Geschichtsschreibung zu entwerfen, die zum Kern ihrer jeweiligen Anliegen
vorstoßen kann. Zeitkonzepte sind die Bedingung jeder möglichen Geschichts­
schreibung. Mit diesem Bekenntnis schließt sich dieser Aufsatz der Forde­
rung von Braudel und Koselleck an, eine Theorie historischer Zeiten zu kon­
zipieren. Eine solche Theorie scheint jedoch weniger konsistent auszufallen als
Braudel und Koselleck wohl noch hofften. Die Zahl möglicher Zeitkonzepte ist
weiterhin offen, ein systematischer Zusammenhang unter ihnen wie etwa der
der Kantischen Kategorientafel nicht abzusehen. Das muss kein Nachteil sein,
im Gegenteil: Man kann darin auch ein Zeichen historiographischer Produk­
tivität sehen.
Gleichzeitig deutet sich in der neuzeitlichen Expansion historischer Zeitmo­
delle aber auch eine Gefahr an. Im Zuge des Zerfalls eines einheitlichen histori­
schen Kosmos droht sich der moderne W irklichkeitsbegriff selbst aufzulösen®6
Konzepte der inhaltlich gefüllten, materiell gebundenen und verkörperten Zeit
haben den Siegeszug über das Konzept der leeren Zeit angetreten, die nur noch
als abstrakte kalendarische Folie für formale zeitliche Relationen dient. Die ka­
lendarische Datierung ist vielfach zur akzidentiellen Zugabe historischer Fakten
geworden, die ihre historische Bedeutung erst im Kontext materiell gebundener
Zeitkonzepte gewinnen. Der Zusammenhang zwischen den von ihnen verkör­
perten Zeitwelten wird zunehmend uneinsichtig. Die historische Wirklichkeit
verflüchtigt sich dadurch zu einem metaphysischen Konstrukt, einer mathema­
tischen Abstraktion, wie es Leibniz nannte.
Die Stärke des historischen Wirklichkeitsbegriffs liegt aber darin, dass er
Realität von Fiktion zu unterscheiden erlaubt und bei konkurrierenden histo­
rischen Deutungen über ein und denselben historischen Gegenstand zur Ent­
scheidung drängt, welche Deutung der W irklichkeit näherkom m t” Im his­
torischen W irklichkeitsbegriff hängt alles Wirkliche mit allem Wirklichen
zusammen, der historische W irklichkeitsbegriff ist grenzenlos. Das gilt für fik­
tive Ereignisse, wie sie in der schönen Literatur erzählt werden, nicht. Der Kos­
mos ihrer W irklichkeit ist immer begrenzt, er reicht immer nur so weit wie das
Kunstwerk, in dem die Ereignisse, Personen und Geschichten erzählt werdend

96 Stefan Haas u. Clemens W ischerm ann (Hg.), Die W irklichkeit der Geschichte. W issen­
schaftstheoretische, mediale und lebensweltliche Aspekte eines (post-)konstruktivistischen
W irklichkeitsbegriffs in den Kulturwissenschaften, Stuttgart 2015.
97 Siehe Richard J. Evans, In Defence o f History, London 1997 (dt.: Fakten und Fiktionen. Über
die Grundlagen historischer Erkenntnis, Frankfurt 1998).
98 Siehe hierzu die weitläufige Diskussion zum Verhältnis von Realität und Fiktion in der G e­
schichtswissenschaft, wie sie etwa im Anschluss an Hayden W hite diskutiert wird. Hayden
W hite, Tropics of Discourse. Essays on Cultural Criticism, Baltim ore 1978 (dt.: Auch Klio
dichtet oder Die Fiktion des Faktischen. Studien zur Tropologie des historischen Diskurses,
Stuttgart 1986); Stephan Jaeger, Performative Geschichtsschreibung. Forster, Herder, Schil­
ler, Archenholz und die Brüder Schlegel, Berlin 2011, S. 59-70.
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Zur Konstruktion eines offenen, prinzipiell universalen Wirklichkeitskon­
zepts ist die Geschichtswissenschaft aber auf das Konzept einer leeren Zeit, wie
sie Newton entwarf, angewiesen. Ohne ein solches Konzept zerfällt die Welt
in Teil-Wirklichkeiten, welche die materiellen Zeitkonzepte der Akteure nicht
mehr überschreiten, sondern in ihnen aufgehen. Die Transzendierung des be­
stehenden Zustands wird dann zu einer Frage des Orts oder sozialen Zusam­
menhangs, wenn nicht gar des Zufalls oder bloßer Machtsetzung. Solche Ten­
denzen sind in der Auseinandersetzung um die postmoderne Geschichtstheorie
kontrovers diskutiert w orden." Sie können jedoch nicht im Interesse einer
Geschichtswissenschaft liegen, der an der radikalen Offenheit menschlicher
Kommunikation liegt, einer Offenheit, die mehr umfasst als die Ausschöpfung
bestehender Spielräume der Kommunikation. Nur in Anerkennung einer all­
umfassenden W irklichkeit lässt die Geschichtswissenschaft auch die Perspek­
tive auf eine das Bestehende transzendierende Zukunft offen. Es bedarf zur An­
erkennung einer solchen W irklichkeit der Wiederentdeckung eines Konzepts
von leerer Zeit, allerdings einer leeren Zeit, welche die Existenz bestehender
Zeitkörper nicht aus-, sondern einschließt.
Im Vorgriff auf eine künftige historische Zeittheorie, die solches leistet, sol­
len hier abschließend einige Anregungen formuliert werden. Im 18. Jahrhun­
dert wurde das Problem der Zeit nicht nur unter erkenntnistheoretischen und
naturalistischen, sondern, wie oben gezeigt, auch unter ethischen Gesichts­
punkten diskutiert. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte ging diese Dimension
allerdings zunehmend verloren. Um sie wiederzugewinnen, mag eine Rück­
besinnung auf die theologische Dimension des Zeitbegriffs bei Newton hilfreich
sein. Newton beschrieb die Zeit als ein Organon, eine Eigenschaft, ein Merk­
mal beziehungsweise als Folge der Existenz Gottes. Übersetzt man den Gottes­
begriff als Lebensprinzip, so verweist er auf ein Charakteristikum historischer
Zeit, das in der post-metaphysischen Debatte um den Zeitbegriff immer weiter
in den Hintergrund gerückt ist: Die Zeit Newtons ist eine Zeit, in der sich das
Leben entfaltet, die dem Leben dient und dieses in seiner Ganzheit erhalten will.
Newtons Zeitkonzept wohnt so eine normative Dimension der Sorge um die Er­
haltung und Entfaltung des Lebens inne.
Wenn Zeiträume allerdings als Lebensräume verstanden werden, dann folgt
daraus zweierlei. Zum einen strukturiert Zeit bestehende Lebensräume, die ihre
je eigene Zeitordnung aufweisen. Diese Zeitordnungen müssen jedoch offen für
Übergänge, Verschmelzungen, Mutationen und vollständige Revisionen sein,

99 Siehe etwa die Kontroverse zwischen Frank Ankersmit (Historiography and Postmoder-
nism, in: History and Theory 28. 1989, S. 137-153) und Perez Zagorin (Historiography and
Postmodernism. Reconsiderations, in: ebd. 29. 1990, S. 263-274). Dazu Christoph Conrad
u. M artina Kessel, Einleitung, in: dies. (Hg.), Geschichte schreiben in der Postmoderne. Bei­
träge zur aktuellen Diskussion, Stuttgart 1994, S. 9 -3 6 ; sowie Stephan Jaeger, Geschichte als
Wahrnehmungsraum. Ihr selbstreflexiver Vollzug in der Geschichtsschreibung, in: Stefan
Deines u. a. (Hg.), Historisierte Subjekte - Subjektivierte Historie. Zur Verfügbarkeit und
Unverfügbarkeit von Geschichte, Berlin 2003, S. 123-140.
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sonst werden sie zu Gefängnissen einer konservativen Zeitpolitik. Das aber ist
nur im Horizont einer Konzeption von leerer Zeit möglich. Zeitleere bezeich­
net nach dieser Seite also die Potentialität offener Lebensvollzüge. Zum andern
bieten die unterschiedlichen Zeitordnungen den Menschen, die in ihnen le­
ben, auch einen Schutz, der nicht einfach aufgegeben werden kann: Junge Men­
schen leben mit Recht in einer anderen Zeitordnung als alte Menschen - sie
haben zum Beispiel weniger den Tod als ihre Karriere vor Augen. Die nachträg­
liche Einbeziehung von Menschen früherer Zeiten in unsere moderne Zeitord­
nung tut ihnen unter Umständen auch Unrecht - wenn etwa die Mormonen
Nichtchristen früherer Zeiten nachträglich und ohne deren Zustimmung durch
christliche Patenschaften adoptieren; oder wenn die Taten mittelalterlicher Ak­
teure nachträglich in eine kulturelle Fortschrittsgeschichte eingezeichnet wer­
den. Nach dieser Seite zielt Zeitleere also auf die Zeitautonomie der Menschen.
Zeitordnungen sind ein wesentliches Medium sozialer und historischer Ge-
rechtigkeit .100 Diese Gerechtigkeit kann jedoch nur im Medium eines Konzepts
von leerer Zeit hergestellt werden. Dabei gilt es schließlich auch noch einen drit­
ten Begriff von Zeitleere zu bedenken, nämlich die Abwesenheit von zeitlichen
Relationen überhaupt. Nicht alle Dinge in der Zeit stehen in zeitlicher Relation
zueinander. Bei dem Buch, das ich lese, dem Bild, das ich anschaue, dem phi­
losophischen Argument, das ich in einer Diskussion verwende, spielt das his­
torische Zeitverhältnis zwischen mir und meinem Gegenüber meist überhaupt
keine Rolle. Gleiches gilt zukunftsgerichtet etwa auch für wirtschaftliche und
politische Planungsprozesse. Wie lange ein Bauvorhaben bis zur Fertigstellung
braucht, steht meist noch im Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit; wie lange
der Bau halten wird, oft schon weit weniger; danach, wie lange absehbare Fol­
geschäden, die durch die Errichtung der Bauanlage entstehen, bis zu ihrer Be­
seitigung anhalten, wird aber oft gar nicht erst gefragt. Eine künftige Theorie
historischer Zeit und Zeiten müsste daher auch eine Dimension ethisch verant­
worteter Zeitökonomie enthalten, welche neben positiven Zeitordnungen auch
Konzepte der Zeitleere umfasst.

100 Siehe hierzu Herwig Unnerstall, Rechte zukünftiger Generationen, Würzburg 1999, sowie
dies., Intertem porale Gerechtigkeit, in: M arcus Düwell u. Klaus Steigleder (Hg.), Bioethik.
Eine Einführung, Frankfurt 2003, S. 4 2 2 -4 3 4 .
Penelope J. Corfield

Time and the Historians in the Age of Relativity*

Abstract: Historians study the long-term workings of time as evidenced in


the past. Hence the discipline was shaken by Einstein’s radical new physics of
relativity (1905/1916), which denied time’s independent reality. Three phases
of response are analysed: First, old grand narratives were undercut by a new
cultural relativism and an analytical prioritisation of space and synchronic
structures. Second, there was a revived interest in time as a cultural variable
in its own right. Third, historians rebutted a frontal challenge from postmod­
ern scepticism and theories of atemporalism. Now a restored awareness of
the power of time within the space-time continuum is fostering a significant
“temporal turn”.

Historians study, not Time in the abstract, but the long-term workings of Time
as evidenced in the past.1 Such a great canvas gives historians a lot to analyse,
along with the practitioners of other longitudinal disciplines, including actu-
aries, anthropologists, archaeologists, astro-physicists, biologists, demographers,
geographers, geologists, and zoologists. Most specialise in one way or another.
Yet they are aware that the synchronic moment is always part of a diachronic
process, just as long-term legacies always contribute to the immediate moment.
Furthermore, the past is constantly expanding, as Time passes daily, nano-
second by nanosecond. It is a mysterious, restless force, which bounds the cos-
mos. And there is no simple definition of Time in terms of T=. Instead, it is aptly
described as the “familiar stranger”.2
Needless to say, empirical historians do not devote much effort to worrying
about its nature. They leave that quest to physicists and philosophers. Yet those
who study the past cannot but be affected, even unwittingly, by changing cul-
tural and scientific ideas about temporality. The greatest challenge during the
last century has come from the ramifications, both direct and indirect, of the
concept of relativity. In Paris in the 1910s, as the historian Lucien Febvre later

* The author expresses heartfelt thanks to Tony Belton, Alexander Geppert, Amanda Good­
rich, T ill Kössler and the anonymous assessors, for their critical readings o f the text; to Sue
Morgan for timely bibliographical references; and to Guy W ilson for (sceptically) checking
the physics.
1 Note that the capital letter for Tim e indicates a generic temporality or state of timefulness,
rather than specific dates or periods. Space with a capital S also refers to an abstract spatial-
ity or rather than to specific spaces and places.
2 Julius T. Fraser, Time, the Fam iliar Stranger, Amherst 1987.
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recalled, the first circulation of Einstein’s ideas caused an intellectual furore.
Scholars from many disciplines gathered in informal seminars “to delimit, set-
tle and measure precisely the ravages made in our theories by the great advances
of modern physics”.3
One immediate challenge was to traditional assumptions that Time was qui-
etly providing an immutable framework, moving existence along in a smooth
and unproblematic manner. Relativity theory, however, envisaged both tempo-
rality and spatiality in a new way. “Henceforth Space by itself, and Time by it-
self, are doomed to fade away into mere shadows,” wrote the mathematician
Hermann Minkowski, ominously enough, in 1908. He was highlighting the im-
plications of the new physics first introduced in 1905 by his friend and former
pupil, Albert Einstein.4 Far from being separate forces, lateral Space and longi­
tudinal Time are inextricably intertwined. Again it was Minkowski who pro-
vided a pithy explanation. “Henceforth”, he continued: “Space by itself, and Time
by itself, are doomed to fade away into mere shadows, and only a kind o f union o f
the two w illpreserve an indepen dent reality.” The duality formed a seamless com-
posite, which he named as Space-Time. That portmanteau word has become a
commonplace - although a minority of analysts, myself included, prefer T im e­
Space, as giving linguistic priority to the dynamic force of unidirectional Time.5
The reverberations of Einstein’s reformulations are still being felt across all
fields of knowledge. It is not too much to say that Einstein began a new “Age of
Relativity”, which still holds sway. To be sure, there are other potential appella-
tions for the bellicose and inventive twentieth century. Eric Hobsbawm’s “Age of
Extremes” is one plausible example that readily springs to mind. Nonetheless,
the theoretical and practical impact of relativity not only within the pure and
applied sciences but also across the humanities, social sciences, and the wider
culture is so pervasive that Einstein’s formulation has a serious claim to being
one of the most apt definitions. In that context, it is worth noting that the ap-
propriately named Time M agazine concurs. On 31 December 1999, it nominated
Einstein as the outstanding “person of the twentieth century”.6

3 Undated w ritten account by Lucien Febvre, as quoted in Fernand Braudel, Personal Testi-
mony, in: Journal of Modern History 44. 1972, pp. 4 4 8 -4 6 7 , here p. 460.
4 Hermann Minkowski, Space and Time, 1908, in: John J. C. Smart (ed.), Problems o f Space and
Time. Readings, New York 1964, p. 297. For Albert Einstein, see Paul Davies, About Time.
Einstein’s Unfinished Revolution, London 1995, p. 15, pp. 31 f. and pp. 4 4 -7 7 ; and Germ any’s
M ax Planck Institute for Gravitational Physics website: http://www.einstein-online.info.
5 Penelope J. Corfield, Tim e and the Shape of History, London 2007, p. 16 (added emphasis). I
chose this usage independently but, upon further research, was pleased to find fellow revi-
sionists: M ilic Capek, Time-Space Rather than Space-Time, in: id., The New Aspects of Time.
Its Continuity and Novelties, Dordrecht 1991, pp. 324-342; Erik Christiansen, The M usi­
cal Timespace. A Theory o f Music Listening, Aalborg 1996; Jon May and Nigel T h rift (eds.),
Timespace. Geographies o f Temporality, London 2001; Lu Cheng-Ming, Behind Civilization
and History. Towards Understanding M an in Time-Space, London 2001.
6 Eric Hobsbawm, Age of Extremes. The Short Twentieth Century, 1914-1991, London 1994.
Tim e Magazine, 31.12.1999, front-cover.
For historians, a number of puzzling questions were raised by Einstein’s new
physics. If Time in the era of relativity is fading into a shadow, then should the
discipline o f history fade too? In the new physics, temporality can be under-
stood, in certain specific circumstances, as curved or warped. Does that concept
abolish any chance of finding a coherent narrative running from past to pre­
sent? In fact, no. It should not and has not. Yet it has taken a circuitous route for
historians to respond. Without going into all the ramifications of all the global
debates, this essay explores schematically: relativity and the dethroning of ab­
solute Time; the analytical rise of Space; the exploration of “lived Time” as a cul-
tural variable; the challenge of atemporalism and postmodern scepticism; and,
eventually in the early twenty-first century, the coming “temporal turn”, with a
refreshed understanding of Time in Space (and, naturally, vice versa).

I. Relativity and the D ethroning o f Absolute Time

Einstein’s great intellectual breakthrough managed both to demonstrate and to


explain how time measurements, when made by observers moving at vastly dif­
ferent speeds, will not appear constant. Such an outcome appears to contradict
everyday expectations. But time measurements actually vary in relation to the
differential mobility of the observing agent. That is, people travelling in space at
very different speeds would experience the passing of time at different rates. In
one sense, it was a theoretical point, since in practice all humans live on or (in
the case of astronauts) very close to Planet Earth. But practical understandings
were also transformed. Einstein argued that Energy and Mass are not separate
but complexly linked. He provided the famous formula E=m c2. It calculated the
energy content (E) of a mass at rest, in terms of its mass (m) multiplied by the
speed of light (c from the Latin celeritas) squared. Einstein him self agreed that
the implications of relativity theory were epic.
“Time is no longer absolute”, he declared. This new formulation, which even-
tually swept the board, was named initially as Special Relativity (1905) and then
broadened into General Relativity (1916). The earlier view, promulgated by Isaac
Newton in the later seventeenth century, had stated clearly that: “Absolute, True,
and Mathematical Time, of itself, and from its own nature flows equably with­
out regard to any thing external, and by another name is called Duration.”7 It
seemed an unassailable bedrock. In fact, Newton did distinguish this formula­
tion from mere “Relative, Apparent, and Common Time”, which was locally ap­
plicable. Yet it was the absolute principle that informed the study of physics and,
by extension, that same absolute principle seemed amply confirmed by all other
longitudinal subjects, including history, geology, geography, and (importantly

7 Isaac Newton, Principia Mathematica, London 1686, liber primus, pp. 35 f. (engl.: The
Mathematical Principles o f Natural Philosophy, London 1729, vol. 1, p. 9).
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for the devoutly if unorthodoxly Christian Isaac Newton) theology. It was this
consensus on Time that Einstein’s relativity undermined, causing the intellec-
tual “ravages” which Lucien Febvre witnessed in prewar France.
Before going further, however, two key qualifications should be noted. In the
first place, neither Einstein nor Minkowski believed that they had abolished
Time. Their views do not, therefore, give comfort to those heretics in phys-
ics and social philosophy who reject the very concept of temporality. Instead,
Einsteinian relativity was based upon the integral links between Time and
Space. Thus the theory should really have been defined as “relationality”, since
that is what it expressed.
A second qualification is also important. Relativity as a theory of physics was
hard to comprehend, but its terminology was culturally accessible. It appeared
to imply, in a way that Einstein had n ot specified, that absolutes were every-
where to be thrown into doubt. Catch-phrases such as “Everything’s relative”
or “Anything goes” began to circulate, especially in liberal western circles. Such
declarations acted as antidotes to dogma. They also expressed a tolerant humil-
ity, which fitted with Einstein’s own personality. He reportedly defined his new
science in playful terms for popular consumption: “W hen you are courting a
nice girl, an hour seems like a second. W hen you sit on a red-hot cinder, a sec­
ond seems like an hour. That’s relativity.”8
His dictum cleverly caught the subjective/perspectival aspect of people’s re-
sponses to temporality, while allowing his audience to assume (wrongly) that
there were no other absolutes. If that were so, than anything indeed might go.
Thus an advertisement in Time M agazine in 1979, celebrating the centenary
of Einstein’s birth, declared resoundingly that: “In the cool, beautiful lan-
guage of mathematics, Einstein demonstrates that we live in a world of relative
values.”9
However, not so. The success of relativity (or relationality) as a better form of
understanding the physical universe did not banish all philosophical or physi-
cal absolutes, either in theory or practice. Indeed, there is a paradox in asserting
positively that nothing can be known. Surely a true belief-in-doubt could only
plausibly be formulated with a hesitant question mark? In fact, a statement like
“Everything is relative” is itself an absolute claim. As for Einstein, he specifically
rejected a complete relativism whether in physics or in morals. He had no inten­
tion of endorsing either scepticism or subjectivism. Indeed, he reacted angrily
to a colleague’s suggestion that individual electrons chose how to react when ex­
posed to radiation.i° There had to be some absolute yardsticks in the cosmos,

8 News Chronicle, 14.3.1949; quoted in Simpson’s Contemporary Quotations, Boston 1988,


p. 208. His explanation also appears, with slight variations, in many websites o f Einstein
quotations (usually cited without a source).
9 Tim e Magazine, 24.9.1979, opposite p. 64.
10 Einstein’s letter o f 29.4.1924, in: M ax Born (ed.), The Born-Einstein Letters. Correspon-
dence Between Albert Einstein and M ax and Hedwig Born, London 1971, p. 82.
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in order to be able to measure change. Thus Einstein’s already-cited formula
E=m c2 contains a constant that remains so by definition. The speed of light in a
vacuum (c) constitutes the invariant yardstick, measured at 299,792,458 metres
per second.
Similarly, within quantum physics, which paralleled and then augmented the
Einsteinian breakthrough, there remains an irreducible core value within the
sub-atomic fluidity. That is Planck’s constant (h), against which all other fluc-
tuations are measured. The advent of quantum physics - a term coined in 1931 -
undoubtedly added to the lay sense o f wonder at the mysteries of the universe.
It was discovered that some physical quantities change only in discrete amounts
(in Latin: quanta), and not in a continuous way. That discovery also seemed to
militate against any simple view of a steadily unfolding Time. Nonetheless Max
Planck, one of the best-known founders of this new field, also strenuously re-
jected a complete relativism. Without some invariant unit o f measurement, it
would be impossible to estimate the tiniest leaps and mutations at sub-atomic
level. Thus, even though quantum mechanics relies upon probabilistic calcula-
tions of momentum, it still needs a yardstick which is provided by Planck’s con­
stant, calculated at 4.2 thousand-trillionth of an electron-volt second.“ Such
ideas were startling enough, even for physicists, who still debate how best to syn-
thesise relativity theory with quantum physics.
Naturally, the effects were even more mystifying for laypeople. The physi-
cal universe was emerging as dramatically much more complicated than it im-
mediately appears (which anyway is far from simple). Such complications made
it intellectually comprehensible to take a precautionary view, murmuring that:
“everything is relative”, even though few if any people actually manage to live
without believing in one or two fundamental points. Notwithstanding the
doubters, generations of human effort have demonstrated that the great cos-
mos and its local manifestations are neither completely immeasurable nor en-
tirely unknowable.
After all, neither Time nor Space has actually dwindled into a shadow (or,
from a Platonic viewpoint, those concepts are no more or less shadowy than
they were before Einstein). Humans still walk firmly on the ground and still
continue to count the passing minutes, hours, days, weeks, years, centuries and
millennia; but the new scientific knowledge, complete with the wider cultural
simplifications, gave scope for new approaches in the arts and social sciences.
Above all, longitudinal Time seemed dethroned from its old absolute status.
Henceforth, it was humbly yoked in its relativistic relation to the lateral co-
extensiveness o f Space, which accordingly became the first conceptual benefi-
ciary of Einsteinian physics.

11 For M ax Planck and his formula, engraved on his simple gravestone in Göttingen, see John
D. Barrow, The Constants o f Nature. From Alpha to Omega, London 2002, pp. 23-2 6 .
II. The A nalytical Rise of Space

At the start of the twentieth century, history as a discipline was becoming a


large, well-established and ecumenical subject, ballasted by in-depth empiri-
cal research into original sources. It was developing many sub-disciplines, en-
sconced in different national traditions, and all about to become profession-
alised in universities across the world. The classic concerns of historians were
with long-term trends, causes, and effects. This tradition was not one for rapid
turning. But gradually rival approaches began to encroach, via innovations in
neighbouring subjects in the social sciences. These were stirred not only by
new scientific theories but also by applied technologies which in the later nine-
teenth and early twentieth centuries were producing the motorcar, the airplane,
the steamship, the telephone, the telegraph and the radio. Travel times were
slashed and people across the world could communicate instantly. The globe
itself seemed to be shrinking: a practical invocation of the relativity of spatial
relationships.
Synchronicity became a matter of particular fascination, as the advent of
the telephone, radio and later television generated the new phenomenon of sec­
ondary (non face-to-face) orality.^ In that context, it was not surprising that
linguistics provided the first case of a subject that switched its emphasis from
the diachronic (through-time) to the synchronic (at-one-moment). Tradition-
ally, scholars had focused upon the provenance of words, in a rather antiquar-
ian style. In 1917, however, that approach was subverted by Saussure’s “Course
in General Linguistics”. He was not interested in word-origins and long-term
trends but in how language conveyed meanings at any given point in tim e.^
His focus was upon words in use: the meshing of word/meaning within the con-
temporaneous spatiality of speakers and listeners (rather than their specific
physical location).
Strikingly, both Saussure and Einstein shared a similar intellectual back­
ground in the cultural ferment of later nineteenth/early twentieth-century cen­
tral Europe. That multi-ethnic and multi-national region, between East and
West, was a hub of diversity, interaction, and simmering conflict. Saussure, who
was Swiss-born, was Professor of Linguistics in Geneva, whilst the German­
born Einstein studied at Zurich and worked in Bern as a young man. The two
men had a common contact in the form of another Swiss linguist, Jost Winteler.
He was especially well known to Einstein, who acknowledged him as an inspi-

12 W olfgang Schivelbusch, Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum


und Zeit im 19. Jahrhundert, M unich 1977; Stephen Kern, The Culture of Time and Space,
1880-1918, Cambridge, MA 1983; John Stokes (ed.), Fin de siecle, fin du globe. Fears and
Fantasies o f the Late Nineteenth Century, Basingstoke 1992; Walter J. Ong, Orality and Lit-
eracy. The Technologizing o f the Word, London 1982.
13 Ferdinand de Saussure, Cours de linguistique generale, Lausanne 1916 (engl.: Course in
General Linguistics, Glasgow 1977); Jonathan Culler, Saussure, Glasgow 1976; Roy Harris,
Reading Saussure, London 1987; John E. Joseph, Saussure, Oxford 2012.
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rational figure. Winteler was a pioneer analyst of linguistic sound patterns. For
him, they made their meanings within a “configurational or situational relativ-
ity” (Relativität der Verhältnisse).14
Saussure’s approach to linguistics became known as semiotics or struc-
tural linguistics. It quickly became predominant within the relatively small
and homogeneous discipline, thanks especially to support in the 1920s from
scientific linguists like Roman Jakobson. (Only later and modestly did histori-
cal linguistics start to reassert its complementary validity.) Structural linguis-
tics was thus the pioneer subject to become influenced by a timeless “structural-
ism”. That term became pressed into service to define a mode or style of enquiry
rather than a single ideology, privileging synchronic meanings over diachronic
trends, causes and effects.15
Another significant case, learning from linguistics, was cultural anthro-
pology. Particularly in the early years of the subject, there was an assumption
that the so-called “primitive” societies in different parts of the world were some-
how timeless and immune to change. Closely studied, these apparently “uncon-
taminated” humans - by some still called “savages” - would reveal the essence
of human nature, unblemished by twentieth-century technology and economic
materialism. Thus Claude Levi-Strauss (once widely revered but now in deep in-
tellectual eclipse) sought to reveal “The Elemental Structures of Kinship” (1949)
and to found the subject of “Structural Anthropology” (1958).i6 These findings
were presented as fundamental and timeless, although in fact change became
apparent when later anthropologists returned to these societies and got differ­
ent results. In the case of Margaret Mead in Samoa, there were claims that she
had been hoaxed.i7 Either way, the first findings could not be freeze-framed.
Other fields that were sooner or later attracted to structuralist approaches
were social philosophy, cultural studies, literary theory, and Althusserian Marx-
ism. Many historians at this stage remained aloof. Nonetheless, there were some
signs of cross-over and intellectual fertilization. One came from Lucien Febvre,
who was one of the founders of France’s influential A nnales school of historians.
His study of “La terre et l ’evolution humaine” (1922) constituted a limpid call

14 For Jost Winteler, see Walter Isaacson, Einstein. His Life and Universe, London 2007, p. 27,
p. 29, p. 38 and p. 67; and Roman Jakobson, Verbal Comm unication, in: Selected Writings,
vol. 2: Word and Language, The Hague 1985, pp. 81-92.
15 For Rom an Jakobson, see Linda R. Waugh, Roman Jakobson’s Science o f Language, Lisse
1976. Theodora Bynon, Historical Linguistics, Cambridge, 1977; Raimo Anttila, Historical
and Comparative Linguistics, Amsterdam, 1989. Jonathan Culler (ed.), Structuralism, Lon­
don 2006.
16 See Claude Levi-Strauss, Les structures elementaires de la parente, Paris 1949 (engl.: The
Elementary Structures of Kinship, London 1969); and id., Anthropologie structurale, Paris
1958 (engl.: Structural Anthropology, Harmondsworth 1963).
17 Lowell D. Holmes, Quest for the Real Samoa. The Mead/Freeman Controversy and Beyond,
South Hadley, MA 1987; Peter Mandler, Return from the Natives. How Margaret Mead Won
the Second World War and Lost the Cold War, New Haven 2013.
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for a geographical history, stressing the “rapport” between human culture and
its local environment.18 It proved to be a prescient programme call for countless
local and regional studies. Febvre thus provided an intellectual link - onwards
to the twentieth-century’s foremost analyst of geo-history, his younger friend
Fernand Braudel - and backwards to the first excited reception in Paris of rela­
tivity theory.
Yet another contribution focused not upon physical geography but upon si-
multaneous political linkages in one time and place. In 1929 Lewis Namier, an
Anglicised Polish Jew with a Central European education, made converts and
stirred disputes in equal measure with his radically novel study entitled “The
Structure o f Politics at the Accession o f George III”.19 He had been influenced
by the theories of Vilfredo Pareto, who saw power as circulating between rival
elites rather than changing Marxist-style from social class to social class. Ac-
cordingly, Namier’s title revealed his synchronic focus, as he investigated not
great trends but the short-term mechanics o f political horse-trading among
Britain’s ruling aristocrats in the 1750s. Namier’s technique of group biography
has became known as prosopography.20 It attracted immediate attention and,
in Britain by the 1950s, was being applied to many other periods by a dedicated
group of Namierite historians.
Over time, however, it has transpired that this method of enquiry works best
for studying close-knit groups within stable systems but is much less helpful
for explaining conflicts and revolutionary upheavals. One unimpressed critic
denounced the whole endeavour as ignoring both the power o f ideas and the
influence of wider social groups. Thus the Namierites’ pointilliste gathering of
biographical details about political insiders was creating nothing but “a rope of
sand, a series of non-sequiturs.”21 Nonetheless, Namier’s methodology was ab-
sorbed into historians’ research repertoire. It found later applications in so­
cial and demographic history, and also in social-scientific studies of power net­
works - a “sleeping” legacy from continental structuralism.
Meanwhile, throughout the early twentieth century, big bold surveys of
global history over many centuries continued to appear, although the major-
ity of specialist historians stuck to relatively finite periods of (say) no more than
two to three centuries. Those big panoramic accounts, which attracted much
public attention, could not be more different from Namier’s close focus upon
one decade and one political milieu. Leading examples were Oswald Spengler’s
“Decline of the West” (1922) and, later, Arnold Toynbee’s multi-volume “Study

18 Lucien Febvre, La terre et l’evolution humaine. Introduction geographique a l’histoire, Paris


1922; J. H. Paxton, A Geographical Introduction to History [1925], London 2003.
19 Lewis B. Namier, The Structure of Politics at the Accession o f George III, London 1929; see
also Linda Colley, Lewis Namier, London 1989.
20 Lawrence Stone, Prosopography, in: Daedalus 100. 1971, pp. 46-71; reprinted in id., The Past
and the Present Revisited, London 1987, pp. 45-73.
21 Herbert Butterfield, George III. and the Historians, London 1957, pp. 10 f., pp. 204-215,
p. 293, pp. 297-329, esp. p. 214.
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of History” (1931-196 5).22 Both offered visions of cyclical history which sapi-
ently warned of the fall as well as the rise of world powers. Yet by the 1950s their
reputations began to nosedive and their style of history went decidedly out of
fashion. The mid-twentieth-century wars and associated upheavals fostered a
reaction against big apocalyptic end-time visions on the one hand and histories
of endless sunlit progress on the other.
Correspondingly, the exploration of Space remained much more promising
than the conceptual murkiness and unpredictability of Time’s unfolding in
history. There were many literary, filmic and science fiction speculations, in
post-Einsteinian vein, about temporal crossovers, variations, feedbacks and
loops .23 Jorge Luis Borges’s short story “The Garden of Forking Paths” (1941)
was an example of an intellectual play with the concept of infinite options
within history-as-a-labyrinth. His theme is often taken as a literary cogitation
on the “many worlds” hypothesis in quantum physics (even though, at the con-
clusion of Borges’s intricate story, there was a finite physical encounter and a fi­
nite murder to end the tale).
Given these uncertainties - both playful and intently serious - attention in
the 1950s turned to Space as the potential brave new frontier. The new rocket
technology would lead the way, turning war-honed expertise from destruction
into exploration. Humanity would be lifted out of the close confines of Planet
Earth. Colonies on the moon were envisaged, which were to be followed, some-
what later, by regreening strategies for the nearest planets (Mars being a favou-
rite). Bullish tracts enthused about a new Space Age, and promised, with some
hubris, the “Conquest” of Space.24

III. The Exploration of “Lived Tim e”

From the 1960s onwards, this compound of political, economic, intellectual,


cultural and scientific trends began to have a perceptible impact upon main­
stream history. There was a long-term seismic shift, which is only now com­
ing to the end of its cycle. Prolonged narratives began to give way to in-depth
probes. Old-style longitudinal studies of political, constitutional, and diplo-

22 For Oswald Spengler, see John Farrenkopf, Prophet o f Decline. Spengler on World History
and Politics, Baton Rouge 2001; for Arnold J. Toynbee, see Corfield, Tim e and the Shape of
History, pp. 55 f.; and contemporary responses in M. F. Ashley Montagu (ed.), Toynbee and
History. Critical Essays and Reviews, Boston 1956.
23 Hans Meyerhoff, Tim e in Literature, Berkeley 1955; and Gary W estfahl et al. (eds.), World
Enough and Time. Explorations o f Tim e in Science Fiction and Fantasy, Westport 2002.
24 Among many studies with this title, see Harry Harper, The Dawn of the Space Age, London
1946; see also the companion-essay by Alexander C. T. Geppert, Die Zeit des Weltraumzeit­
alters, 1942-1972, in this volume. Patrick Moore, The Conquest of Space, London 1959; Fran­
cis Dreer, Space Conquest. The Complete History o f Manned Spaceflight, Sparkford 2009.
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matic history did not disappear. Yet such approaches became relatively side-
lined, not so much in examination papers as in the activities of young research-
ers. Even economic history, which began in the early twentieth century as the
insurgent rival to “stuffy” old political history, found itself in the intellec-
tual doldrums. It moved suddenly from a “high noon” of popularity to relative
eclipse in the 1970s, especially as new quantitative methodologies turned the
subject into a dry and highly technical area of expertise.25
Instead, the new fashions encouraged from the 1960s onwards an eclec-
tic mix of urban history, social history, gender history, the history of sexuality,
and, especially in the 1980s and 1990s, cultural history. The new characteris-
tic style became that of “synchronic immersion” (latitudinal, in-depth, colour-
ful) rather than “diachronic sweep” (longitudinal, narrative, cool-toned). Fa-
voured themes included identities (group or individual), mind-sets (French:
mentalites), or “meanings” (whether symbolic or literal). Inspiration was found
in a range of ideas - not from physics directly, but indirectly from anthropol­
ogy, literary theory and social philosophy. One instance in the latter category
took the form of explosive debates in the 1970s and 1980s over Michel Foucault’s
claims for the hegemonic power of language and “discourse”.26 There was also,
in terms of temporal focus, a strengthened willingness to focus on micro-histo-
ries. One widely read example was “Montaillou” by Emmanuel Le Roy Ladurie,
a prominent Annaliste, who was updating his colleagues’ earlier emphasis upon
longitudinal analysis.27 Everywhere, the process of change was visible in new
courses, new research projects, new publications, new academic societies, new
journals and new terms of art, like “discourse”, all with distinctive fluctuations
in their popularity.
“Lived Time” now entered the historians’ research agenda not as the domi­
nant master force but as a relevant cultural variable in its own right. There was
no expectation that all would respond to or understand temporality in the same
way. Instead, relativity was accommodated by explorations of: firstly, changing
ways of measuring Time; secondly, changing communal experiences of Time;
and thirdly, changing ways of thinking about Time. The themes had the further
merit of being cross-disciplinary, linking to the history of technology, intellec-
tual history, and social-cultural history. W ith that breadth, Time studies have
begun slowly to multiply. It is notable, however, that their approaches are so var-

25 Donald C. Coleman, History and the Econom ic Past. An Account of the Rise and Decline of
Econom ic History in Britain, Oxford 1987.
26 Michel Foucault, Power/Knowledge. Selected Interviews and Other Writings, 1972-1977,
Brighton 1980. See also James P. Gee, An Introduction to Discourse Analysis. Theory and
Method, London 2005.
27 Emmanuel Le Roy Ladurie, Montaillou, village occitan de 1294 a 1324, Paris 1975 (engl.:
Montaillou, Cathars and Catholics in a French Village, 1294-1324, London 1978). See also
Peter Burke, The French Historical Revolution. The A n n ales School, 1929-1989, Cambridge
1990; and Sigurour G. Magnusson and Istvan M. Szijartö, W hat is Microhistory? Theory
and Practice, Abingdon 2013.
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iegated that they have not established a specialist sub-field with separate jour­
nals and conferences. Such is the embeddedness of the concept that temporality
may be examined in any guise - yielding rich research data but tending to re-
strict twentieth-century historians’ interest in theorising on the subject.
Changing technologies o f Time measurement and their cultural impact
form one obvious subject for contextual exploration. Classics in the genre in-
clude Carlo Cipolla’s “Clocks and Culture” (1967); David Landes’s “Revolution
in Time. Clocks and the Making of the Modern World” (1983); and Gerhard
Dohrn-van Rossum’s “Die Geschichte der Stunde” (1992).2® Older technolo­
gies of time measurement often continued alongside newer ones too. Thus the
regular ringing o f the church bells remained part o f the sensory landscape in
nineteenth-century rural France, as Alain Corbin has demonstrated.29 People
were nudged into awareness of the diurnal round without any special effort
on their part.
Indeed, cultural embeddedness remains a feature of communal understand-
ings of temporality, since the passing of Time is not constantly at the forefront of
human consciousness. To aid awareness, key moments of the annual cycle, such
as New Year or midsummer, are often commemorated by popular festivals. For
example, one affectionate study has highlighted the rich variety of local celebra-
tions of the “Seasons of the Sun” in seventeenth-century Britain.30 Moreover,
some of these enjoyable popular traditions, albeit subject to change in details,
survive to this day.
Communal attitudes to the timetabling of daily life have thus proved a sec-
ond great theme for Time studies in social and cultural history. Particularly im ­
portant here was the scintillating 1967 essay by the heterodox English Marx­
ist historian, Edward (E. P.) Thom pson” In his “Time, Work-Discipline and
Industrial Capitalism”, he acknowledged a specific debt to anthropology, with
its quest to understand the daily “lived experience” of ordinary people. For
Thompson, a wide array o f evidence, including poems and songs, suggested to
him there was a great break in British history with the coming of factory disci-
pline. Thereafter industrial workers toiled in an externally timetabled system,

28 Carlo M. Cipolla, Clocks and Culture, London 1967; David S. Landes, Revolution in Time.
Clocks and the M aking o f the Modern World, Cambridge, MA 1983; Gerhard Dohrn-van
Rossum, Die Geschichte der Stunde. Uhren und moderne Zeitordnungen, M unich 1992.
29 Alain Corbin, Les cloches de la terre. Paysage sonore et culture sensible dans les campagnes
au X IX e siecle, Paris 1998 (engl.: Village Bells. Sound and M eaning in the Nineteenth-
Century French Countryside, London 1999).
30 Ronald Hutton, The Stations o f the Sun. A History of the Ritual Year in Britain, Oxford
1991.
31 Edward P. Thompson, Time, W ork-Discipline and Industrial Capitalism, in: Past & Pres­
ent 38. 1967, pp. 56-9 7 ; also in: id., Customs in Common, London 1991, pp. 352-403. See
also Bryan D. Palmer, The M aking o f E. P. Thompson. M arxism , Humanism and History,
Toronto 1981; Harvey J. Kaye, The British M arxist Historians. An Introductory Analysis,
Cambridge 1984; and Scott Hamilton, The Crisis o f Theory. E. P. Thompson, the New Left,
and Postwar British Politics, Manchester 2011.
under close supervision, with “work” divorced from the rest of “life”. It was a
fate which he contrasted unfavourably with the task-oriented lifestyles of pre-
industrial times, clearly implying that the repressive force of industrial capital-
ism should be rejected. This interpretation was an activist one, incorporating
change (and resistance to change), which matched with Thompson’s rejection
of all forms of innate structuralism.32 His unorthodox Marxism here chimed
with the individualist attitudes found in 1970s hippy counter-culture: “do your
own thing”.
Gradually, an array of studies took up the challenge to discover exactly what
people historically did with their time all day. Generally the result has been to
find more and more complexities, hence rejecting interpretations which fo­
cus upon single short periods of universal transformation. In explicit opposi­
tion to E. P. Thomson, Nigel Thrift and Paul Glennie argued that the manu-
facture and use of clocks and watches had developed in England well before
the later eighteenth century” Accordingly, they found no single watershed be-
tween “pre-industrial” and “industrial” times. Timetabled lives were to be found
long before the 1790s, just as they dominate today among many urban-indus­
trial populations around the world of whom only a minority actually work on
the factory floor.
All these studies are immersed in relevant historical detail, taking ever
deeper the historians’ creed of loyalty to the original sources. The aim is not to
supply new theories of history - and still less definitions of Time - but to apply
the test of evidence within a longitudinal context to all generalisations. Provoc-
ative universals thus do not get sympathetic hearings. The suggestion, made
in 1981 by the Bulgarian-French feminist Julia Kristeva, that a fluid, cyclical
“women’s tim e” eternally contrasts with an inflexible male linearity, has not
ultimately found much support, even from fellow-feminists.34 Such an essential­
ist view not only underplays historic variations between different cultures and
different epochs but also ignores the equally crucial areas of congruent experi-
ences between men and women.
As such remarks indicate, Time remains a great topic for dramatic dicta and
summary sayings. After all, like sex and death, it is ubiquitous and unavoidable
sooner or later. Hence a third fascinating theme is the analysis of historical at­
titudes to Time. Changing viewpoints among scientists provide one way into
understanding the history of science itself. Similarly, philosophical ideas about

32 For Thompson’s polemic against Louis Althusser and structural M arxism , see id., The Pov-
erty of Theory and Other Essays, London 1978.
33 Nigel T h rift and Paul Glennie, Shaping the Day. A History o f Timekeeping in England and
Wales, 1300-1800, Oxford 2009. Other studies include Hans-Joachim Voth, Tim e and Work
in England, 1750-1830, Oxford 2001; and Tamara K. Hareven, Family Tim e and Industrial
Time. The Relationship Between the Family and Work in a New England Industrial Com ­
munity, Cambridge 1982.
34 Julia Kristeva, W omen’s Time, in: Signs 7. 1981, pp. 13-35. See Karlyn Crowley, Fem inism ’s
New Age. Gender, Appropriation and the Afterlife of Essentialism, Albany 2011.
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Time can illuminate not just the history of philosophy but also wider cultural
attitudes.35
There are some seismic eras when people think that they are living in the
eye of change. Apocalyptic visions of the end of the world come into this cate-
gory. But sometimes change may be viewed more benevolently. In intellectual
circles in later eighteenth-century Germany and Western Europe more gener-
ally, many came to express an optimistic sense of a “new tim e” or “Neuzeit”. In-
stead of the imminent End of the World and the Last Judgment, history began
to seem not pre-set but open-ended and full of options. This shift was analysed
particularly by Reinhart Koselleck, who was one of the founders of the German
Begriffsgeschichte, studying historical concepts in historical context. He himself
expressed some doubt as to whether “there actually is something called histori-
cal time.”36 The concept of relativity lurked in the background. But his research
proceeded to analyse the eighteenth-century advent of linear views of Time, and
highly optimistic ones at that. The Victorian belief in “Progress” was in the off-
ing. Two powerful models vying for support were Whiggish views of a steady
process of betterment or a Marxist-Hegelian belief in advancement via a series
of revolutionary breaks, although it is worth remembering that older models of
history as a great cycle (or series of cycles) had by no means disappeared/7
Notably, even while most social and cultural historians of Time eschew sim­
ple longitudinal narratives, they generally incorporate some element of change.
Often it took the binary form of “before” and “after”. In Thompson’s case, it
was a shift from pre-industrial to industrial times. For Koselleck, it was the
transition from a traditional cyclicality to a linear “Modernity”. These changes
might arguably be aligned as different definitions of the same process; but other
historians have found other turning points for other trends in many other peri-
ods. Cumulatively, the effect has generated not a new long-term narrative but a
widespread confusion.
“Modernity” in particular has become, via over-use, a fuzzy and problematic
concept. People in more than one era have seen themselves as in the vanguard

35 See variously Stephen Toulmin, The Discovery o f Time, London 1965; Robert DiSalle,
Understanding Space-Time. The Philosophical Development of Physics from Newton to
Einstein, Cambridge 2006; Jon Agar, Science in the Twentieth Century and Beyond, Cam ­
bridge 2012; Adrian Bardon, A B rief History of the Philosophy o f Time, Oxford 2013, and
Jon W hitm an (ed.), Romance and History. Im agining Tim e from the Medieval to the Early
Modern Period, Cambridge 2015.
36 See Reinhart Koselleck, Neuzeit. Remarks on the Semantics of the Modern Concepts
o f Movement; and id., Space o f Experience and Horizon o f Expectation. Two Historical
Categories, both in: id., Futures Past. On the Semantics o f H istorical Time, Cambridge, MA
1985, pp. 2 5 0 -2 5 3 and pp. 276-282, here p. X X I f. See also Niklas Olsen, History in the Plu­
ral. An Introduction to the W ork of Reinhart Koselleck, New York 2012.
37 John B. Bury, The Idea o f Progress. An Enquiry into its Origin and Growth, London 1920;
Christopher Lasch, The True and Only Heaven. Progress and its Critics, New York 1991;
Gerald A. Cohen, Karl M arx’s Theory of History, Princeton 1978; David McLellan, Marx-
ism after Marx, Basingstoke 2007.
of history. A great variety of studies have detected the “birth of the new” in peri­
ods ranging from classical antiquity via the fourteenth century to the twentieth-
century postwar world. Yet those accounts cannot all be talking accurately about
the same concept of “modernity”. W hat exactly does it mean? Jürgen Haber­
mas intervened magisterially from Germany to argue that modernity remains
an “unfinished project” (1981). Yet, for Bruno Latour, the French sociologist of
science, the epic moment is yet to come: “we have never been modern” (1993).38
The problems of labelling past ages indicated the areas of interpretation that re-
main subjective. Are historians overly projecting their own views onto scrappy
and imperfect evidence? Can the past really be recovered by later generations? By
the 1990s, that lurking challenge to all historians was coming into the open, fos-
tered by relativistic doubts at a moment of cultural flux and millennial anxiety.

IV. The Challenge of Atem porality and Postm odern Scepticism

By the later twentieth century, historians collectively were able to research, ex-
plain, and analyse the past in an impressive set of specialist categories. Yet their
marked eclecticism in terms o f their choice of themes and periods, and their
collective stress upon complexities, were not providing clear messages to one
another, let alone to the wider public. In that context, there was scope for intel-
lectual challenge from outside the discipline.
Professional history had become modest and realistic in its claims. It had
long become divorced from prophecy, even if in troubled times people might
hope that the past would offer guidance for the future. All the old Grand Narra­
tives - giving a big picture of everything, seamlessly from start to finish - had
run into the sands. Linear “progress”, after two world wars and the revelations
of the Holocaust, had lost its plausibility as an across-the-board scenario. There
are still enthusiasts for technological utopias, with or without the help of robots
or cyborgs. Yet, alongside them, sober analysts equally warn of global popula­
tion overload and/or ecological degradation and/or doomsday climate change.
Equally, the confident Marxist expectation o f progressive change through di-
alectical (revolutionary) leaps from one system to another, culminating in the
world-side success of communism, has not turned out as predicted. The system
has been overthrown in many countries; in those still technically professing
communism, the all-powerful central state has not “withered away” as prom-

38 Corfield, Tim e and the Shape of History, pp. 122-149, esp. pp. 134-139. See also Antoine
Compagnon, Five Paradoxes o f Modernity, New York 1994. Jürgen Habermas, Modernity.
An Unfinished Project [1981], in: Maurizio Passerin d’Entreves and Seyla Benhabib (eds.),
Habermas and the Unfinished Project o f Modernity. Critical Essays, Cambridge 1996,
pp. 38-5 5 ; Bruno Latour, We Have Never been Modern, New York 1993.
ised, nor has social and cultural equality been achieved/9 No clear pathway,
whether steadily linear or via successive class-revolutions, holds sway.
Similarly, cyclical models of history, with their stress upon the regularity of
change, also faced problems. They could incorporate failures and reverses. Yet
radical changes do not fit easily into patterns of cyclical repetition. Hence un-
precedented developments, such as the detonation of the atom bomb (1945),
manned moon-landings (1969-1972), the advent of the world wide web (1991),
and the growth of human population to an all-time high, are hard to inter­
pret plausibly as just “more of the same”. These changes do incorporate famil-
iar features (warfare, technological innovation, human reproduction), but not in
familiar ways or with familiar outcomes.
Alongside these theories, the twentieth-century historians did provide one
genuinely novel interpretation, which was propounded by Fernand Braudel in
the late 1950s. He followed his friend and mentor, Lucien Febvre, in stressing the
importance of geography; but in a new multi-layered way. Braudel’s model saw
the physical world as permanently calibrated at a glacial pace of change, verg­
ing on the static. This deep continuity he termed la longue duree. On the surface
of history, he allowed that there was an animated “froth” of events; and below
that, another intermediate layer of long-term trends. But these were, relatively
speaking, ephemera. Real history moved at a glacial pace: with “a slower tempo
which sometimes almost borders on the motionless.” It was a formulation which
justly pointed to elements of deep continuity which are too often overlooked40
Nonetheless, the Braudelian model underplayed the importance of events and
trends, while it equally overestimated the stability of geographical factors. As a
result, Braudelian geo-history was also unable to explain twentieth-century
political, military, social, economic, technological and environmental upheav-
als, let alone radical transformations in earlier eras.
Despairingly, one cry was recirculated to the effect that “history is no more
than one damn thing after another”. A historian first coined that remark in
1935, in a moment of analytical vexation41 It updated the old Henry Ford dic­
tum that “history is bunk”. These claims hardly disproved the value of study-
ing the past systematically; but they tended to be reiterated in face of complica-
tions. By the 1990s particularly there was a recrudescence of serious doubt in
many (but not all) western intellectual circles, especially among disillusioned or
disappointed Marxists. The certainties of a regularly unfolding Time and, with

39 For critiques, see Stephen F. Kissin, Farewell to Revolution. M arxist Philosophy and the
Modern World, London 1978; and David Conway, A Farewell to Marx. An Outline and Ap­
praisal o f his Theories, Harmondsworth 1987.
40 Fernand Braudel, Ecrits sur l’histoire, Paris 1977, p. 33 (engl.: On History, London 1980).
See also id., History and the Social Sciences [1960], and History and Sociology [1958-1960],
both available in: ibid., esp. pp. 27-33 and pp. 74-78. See Corfield, Tim e and the Shape of
History, pp. 2 6 -4 8 ; and id., W hy is the Formidable Power o f Continuity so often Over-
looked?, November 2010, http://www.penelopejcorfield.co.uk/BLOG/Archive_Blogs/1.
41 H. A. L. Fisher, A History o f Europe, London 1935, vol. 1, p. V II.
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that, a regularly unfolding history, were once again put under critical scrutiny.
Perhaps there are “many worlds” in parallel, not just one, even if humans have
no access to such speculative universes. Alongside the endless flux o f quantum
mechanics at the micro-level, some scientists and mathematicians turned to
study “chaotic” systems in the macro-world. In fact, the outcome enabled prob-
abilistic scenarios of non-linear factors to be modelled, in order to understand
the potential consequences of unpredictable conjunctions. As popularised, how-
ever, “chaos theory” seemed to legitimise a generalised doubt: “everything is
chaos”. Specifically, too, it made fashionable a focus upon the role of contin-
gency in history rather than systematic long-term trends or deep continuities.42
Once again a minority of physicists reiterated doubts about the very existence
of Time. Some literary scholars followed suit. One detected a crisis in old-fash-
ioned views of linearity and urged instead a “new construction of temporality”,
which would be flexible and circuitous rather than unvarying and d irect43 Time
seemed “broken”. Above all, it was Jacques Derrida, the Algerian-French literary
scholar with a following on the USA campus circuit, who gained the most pub­
licity for a thorough-going scepticism. For him, Time had no independent reality,
being a concept which “belongs entirely to metaphysics” (clearly, not intended as a
compliment). Instead, he evoked an atemporal spatiality, which he named as khora
(Greek: space or site).44 It constituted an eternal present which was able to absorb
apparent temporality. But, alas, a sympathetic architect’s plan to build a public
representation of the Derridean khora in a Parisian public garden was never real-
ised; and the concept remained, as it began, nebulous and unconvincing.
Most historians remained coolly unimpressed. However, when a determined
minority within the discipline declared their support for a theoretical formu-
lation of scepticism, known as postmodernism, then the lurking debates at last
came into the m ainstream 45 The critics saw themselves as representing a new
Zeitgeist, challenging the claimed certainties of a departing “modernity”. They

42 Neill Graham and Bryce DeW itt (eds.), The Many-Worlds Interpretation of Quantum M e­
chanics, Princeton 1973; James Gleick, Chaos. M aking a New Science, New York 1987; John
Briggs and F. David Peat, Turbulent M irror. An Illustrated Guide to Chaos Theory and the
Science of Wholeness, New York 1990; Gary Itzkowitz, Contingency Theory. Rethinking
the Boundaries of Social Thought, Lanham 1996; and a popular survey, Erik Durschmeid,
The Hinge Factor. How Chance and Stupidity Have Changed History, London 1999.
43 Julian Barbour, The End o f Time. The Next Revolution in our Understanding o f the Uni-
verse, London 1999; Elizabeth D. Erm arth, Sequel to History. Postmodernism and the C ri­
sis o f Representational Time, Princeton 1992, p. 14.
44 For Jacques Derrida, see Christopher Norris, Deconstruction. Theory and Practice, London
2002; and Benoit Peeters, Derrida. A Biography, Cambridge 2013. Jacques Derrida, Khora,
Paris 1993, pp. 58, pp. 75 f. and p. 96 (engl.: Khora, in: T. Dutoit [ed.], On the Name. Jacques
Derrida, Stanford 1995, p. 89-131). Earlier philosophic users of this concept were M artin
Heidegger and Julia Kristeva. See also Joanna Hodge, Derrida on Tim e, London 2007,
pp. IX -X , pp. 196-206 and pp. 213 f.
45 Keith Jenkins, Re-Thinking History, London 1991; id. (ed.), The Postmodern History
Reader, London 1997; Callum G. Brown, Postmodernism for Historians, Harlow 2005.
took their name from the revival of vernacular architecture in the 1970s, which
opposed stark, brutalist “modernist” buildings in glass-steel-and-concrete. Em-
boldened postmodern theorists did not deny some role for Time. But they in ­
corporated an undertow of Derridean scepticism and Nietzschean nihilism to
generate an approach which was analytically present-minded“ It privileged
the critic over the text, the historian over the evidence. And since historical re-
searchers not only work with fallible, incomplete evidence, but are themselves
fallible and biased, it seemed logical to argue that their historical output must
equally fail to be authoritative. As a result, history-writing should be viewed as a
sub-genre of literature, as the literary critic Hayden White argued.47 Histories
can thus be classified in a range from tragedy to comedy, although unsurpris-
ingly not many studies of the past qualify in the latter category.
In effect, postmodernist scepticism posed a frontal challenge to the truth
claims made by historians. Then at last robust polemics followed on behalf of
the discipline.48 Historians were already well aware of the many difficulties in
assessing evidence, and the risks of distorting bias on the part of the researcher.
Such problems have long been and still remain the stock-in-trade of history in-
duction courses. But the subject depends upon more than the say-so of any one
individual or the accuracy of any single piece of evidence. The study of the past
is a patient and cumulative project, which over time tries to transcend individ­
ual imperfections and errors. It is an endeavour which is shared not only geo-
graphically but also across successive generations. Thus, on the strength of in ­
tensive research and debate by many scholars, conclusions of greater or lesser
degrees of certainty do emerge. On that basis, it is possible - indeed impera­
tive - for historians to refute (say) Holocaust deniers.4® As a result, while it re-
mains true that humans cannot ever discover everything about the past, that
sobering fact does not mean that nothing can be known. On the contrary, the

46 See variously Jean-Fran^ois Lyotard, La condition postmoderne, Paris 1979 (engl.: The Post­
modern Condition. A Report on Knowledge, Minneapolis 1984); Charles Jencks, W hat is
Postmodernism? London 1986; David Harvey, The Condition of Postmodernity. An En-
quiry Into the Origins of Cultural Change, Oxford 1989; Lutz Niethammer, Posthistoire. Ist
die Geschichte zu Ende?, Reinbek 1989 (engl.: Posthistoire. Has History Come to an End?
London 1992); Fredric Jameson, Postmodernism. Or, the Cultural Logic of Late Capital-
ism, London 1991; Zygmunt Bauman, Intim ations o f Postmodernity, London 1992; Michael
Drolet (ed.), The Postmodernism Reader. Foundational Texts, London 2003.
47 Hayden W hite, Metahistory. The Historical Im agination in Nineteenth-Century Europe,
Baltim ore 1983; id., The Content of the Form. Narrative Discourse and Historical Represen­
tation, Baltimore 1987; and overview in: Herman Paul and Hayden W hite. The Historical
Im agination, Cambridge 2011.
48 Richard J. Evans, In Defence o f History, London 1997; Joyce O. Appleby et al., Telling the
Truth About History, New York 1994; John Tosh, W hy History Matters, Basingstoke 2008.
49 Deborah E. Lipstadt, Denying the Holocaust. The Growing Assault on Truth and Memory,
Glencoe, IL 1993; Richard J. Evans, Lying About Hitler. History, Holocaust, and the David
Irving Trial, New York 2001.
difficulties constitute a spur to more and better historical research, interpreta­
tion and debate.
Paradoxically, meanwhile, the postmodernist critics, who disparaged his-
tory, invoked a very schematic model of historical change in their own support.
For them, the so-called quest for truth was simply an elite power-broking proj-
ect. It allegedly began as an ideology of “modernity”, which was held to be the
counterpart of the classic eighteenth-century Enlightenment. In the eyes of its
postmodernist critics, this cultural/intellectual movement inaugurated a long-
running “project” which has tried (in vain) to impose cool, rationalist, scien-
tistic and universalist values upon a pluralist world. For good measure, these
characteristics were deemed to be not only “bad” but also typically “male”. In-
stead, for the postmodernist critics, the alternative principles to be cultivated, in
lieu of certainty and order, were the virtues of scepticism, doubt, irony, playful-
ness and eclecticism. These rival qualities - claimed as warm, intuitive, “good”
and characteristically “female” - were said to have constituted a new later
twentieth-century Zeitgeist and thus to have proved the critics’ case by over-
throwing the old ways.50
Nonetheless, the case for such a schematic switch in ideas did not itself with-
stand critical scrutiny. For a start, the characterisation of a male modernity and a
female postmodernity seemed to incorporate a crude gender essentialism which
is both empirically and theoretically questionable.51 Furthermore, the quest for
truth in many fields of human endeavour not only preceded the eighteenth-
century Enlightenment, which was not a uniform (and humourless) movement,
but also continues to the present day. Equally, scepticism, doubt, irony and in-
tellectual playfulness were by no means inventions of the twentieth century.52
It is implausible to envisage cultural and intellectual life as proceeding by bi­
nary discontinuities overnight. Often there are overlapping, intertwined and
sometimes rival views - and indeed architectural styles - at the same time.

50 For rival lists itemising the cultural components o f these alleged binaries, see Penelope J.
Corfield, POST-Medievalism/Modernity/Postmodernity?, in: Rethinking History 14. 2010,
pp. 3 7 9 -4 0 4 , here pp. 383-388, citing postmodernist pundits Ihab Hassan, Toward a
Concept o f Postmodernism, in: id., The Dismemberment of Orpheus. Toward a Postm od­
ern Literature, Madison 1982, pp. 267 f.; and Charles Jencks, The Post-Modern Agenda, in:
id., The Post-Modern Reader, London 1992, p. 34.
51 After some initial support, many feminists rejected the postmodernist philosophy of doubt,
which would undermine allegiance to feminism; see, for example, Somer Brodribb, Nothing
Matters. A Fem inist Critique of Postmodernism, Melbourne 1992; and Marysia Zalewski,
Fem inism after Postmodernism. Theorising through Practice, London 2000.
52 For debates over the nature and legacy o f Enlightenment, see Roy Porter and Mikulas Teich
(eds.), The Enlightenm ent in National Context, Cambridge 1981; Margaret Jacob, The Rad-
ical Enlightenment. Pantheists, Freemasons and Republicans, New York 1981; Gertrude
Himmelfarb, The Roads to Modernity. The British, French and American Enlightenments,
New York 2004; and Jonathan Israel, A Revolution o f the Mind. Radical Enlightenm ent and
the Intellectual Origins o f Modern Democracy, Princeton 2010.
Viewed retrospectively, it seems that the alleged postmodernist moment
peaked in the prelude to 2000. It marked a mood of not merely fin -d e-siecle
doubt but positively fin -de-m illen n iu m intellectual exhaustion. Yet, even then,
it had not carried all before it; and it waned fairly rapidly thereafter. As if con-
stituting a sign, the whimsical retro-style of architecture of the 1970s, once
dubbed the postmodernist style of late capitalism, is being overtaken by the re-
newed dominance of glass-and-steel. As the mood changes, so does the termi-
nology. Books with postmodernism in their title are disappearing. Rather than
naming a new age, the concept is “slipping into the strange history of those fu­
tures that did not materialise”. Faint echoes survive, for example in references
to P ost-P ostm odernism 5 But intellectual doubt, which is a perennially valid
stance, does not now constitute the universal Zeitgeist. Belief in a pervasive
atemporality, beyond Time and its entire works, is hard to sustain, particularly
in epochs of great change.

V. The Com ing Temporal Turn

Today there are signs, across many disciplines, of a coming tem poral turn.
That phrase acknowledges a fresh focus of intellectual attention. One physicist,
speculating in 2002 about “undiscovered ideas”, forecasts: “I think Time still
holds some surprises”. Others in different disciplines have suggested the same.
A philosopher in 2004 comments: “My recommendation is to watch Time
closely.” Certainly the world’s physicists take that literally. They cooperate to
measure time via a special cold caesium atomic clock in Switzerland, which has
the startlingly small error rate of no more than one second astray per thirty mil­
lion years. The result is a globally shared resource, which constitutes a cultural
as well as a technological marvel.54
Among the reasons for a renewed interest in the diachronic among histori­
ans and policy-makers are the pressures of big long-term issues, which will take
time to become resolved. History has bitten back. Climate change is obviously
one major question, especially now that geologists are debating whether to
name (and when to date) a new era in Earth history as the Anthropocene to re-

53 George Myerson, Ecology and the End o f Postmodernity, Cambridge 2001, p. 74. See also
Corfield, POST-Medievalism/Modernity/Postmodernity?; Charles Jencks, Critical Mod-
ernism. W here is Postmodernism Going?, Chichester 2007, pp. 214 f.; and Jeffrey T. Nealon,
Post-Postmodernism. Or, the Cultural Logic o f Just-in-Tim e Capitalism, Stanford 2012.
54 Tom Siegfried, Strange Matters. Undiscovered Ideas at the Frontiers of Space and Time,
W ashington, DC 2002, p. 245. Jim Baggott, Beyond Measure. Modern Physics, Philoso-
phy and the M eaning of Quantum Theory, Oxford 2004, p. 288. For Coordinated Universal
Tim e (U TC), which is adjustable to allow for slight unpredictable variations in the E arth ’s
rotation, see Claude Audoin and Bernard Guinot, The Measurement of Tim e. Tim e, Fre-
quency and the Atomic Clock, New York 2001.
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cord the impact of human interventions. The many conflicts over political and
religious issues world-wide are another. And the unexpected 2008/2009 global
economic recession, whose ramifications are still unfolding, is a third.55 Despite
the present-mindedness of much contemporary culture, the need to understand
the long-term workings of Time, as evidenced in human and Earth history, can-
not be gainsaid.
To historians, this recognition comes not as a surprise but as a welcome jus-
tification. Time, for them, has never gone away. So the discipline is busy up-
dating itself in response to the new intellectual climate. The recent research
reign of the micro-study is being counter-balanced by a return to macro-sweep.
There are campaigns to incorporate more long-span courses into teaching pro­
grammes. Global history is a fast-growing field.5® Short-termism among today’s
policy-makers is rousingly attacked; and policy-makers are urged to consult
the longitudinal expertise o f the historians. Past maps and models o f tempo­
ral change are being re-evaluated. Historians are being updated on the range of
Time studies. And a new lobby-group has emerged in the form of the Interna­
tional Big History Association, founded in 2010” Its practitioners take the lon-
gest view possible. They may start with the birth of the cosmos or merely with
the advent of the human species.5® But historical studies are encouraged to reach
back into Deep Time - covering the eons of pre-human geological Time - if the
analysis so requires, cross-linking with all the other disciplines which also un-
dertake longitudinal studies.

55 See M ark Levene et al. (eds.), History at the End o f the World? History, Climate Change
and the Possibility of Closure, Penrith 2010; Paul Dukes, Minutes to M idnight. History
and the Anthropocene Era from 1763, London 2011; John L. Brooke, Climate Change and
the Course o f Global History. A Rough History, New York 2014. For calls for economists to
study economic history, see Thomas Piketty, Le capital au X X Ie siecle, Paris 2013, pp. 57-61
and pp. 9 4 5 -9 4 7 (engl.: Capital in the Twenty-First Century, Cambridge, MA 2014, pp. 31­
33 and pp. 573-577); David North, The Econom ic Crisis and the Return of History, Oak
Park 2011; and the students at Manchester University’s Post-Crash Econom ics Society,
http://www.post-crasheconomics.com.
56 Penelope J. Corfield, Historians and the Return to the Diachronic, in: Gelina Harlaftis et
al. (eds.), New Ways History. Developments in Historiography, London 2010, pp. 1-32 and
pp. 187-192; also posted on: http://www.penelopejcorfield.co.uk/W hat_is_History?/pdf27.
Robert B. Bain, Challenges o f Teaching and Learning World History, in: Douglas Northrop
(ed.), A Companion to World History, Chichester 2012, pp. 111-127.
57 Jo Guldi and David Armitage, The History Manifesto, Cambridge 2014; Eviatar Zerubavel,
Tim e Maps. Collective Memory and the Social Shape o f the Past, Chicago 2003; Robert
Hassan, Globalisation and the “Temporal Turn”. Recent Trends and Issues in Tim e Studies,
in: Korean Journal o f Policy Studies 25. 2010, pp. 83-102. International Big History Associ­
ation, http://www.ibhanet.org.
58 Examples include David Christian, Maps of Time. An Introduction to Big History, Berke­
ley 2004; Cynthia S. Brown, Big History. From the Big Bang to the Present, New York 2007;
David L. Smail, On Deep History and the Brain, Berkeley 2008; Fred Spier, Big History and
the Future of Humanity, Oxford 2010.
Such changes within the discipline will entail a reconsideration of histori-
cal periodisation, or how historians divide up the past. But there is no need
to seek general agreement for a universally defined set of stages or a com­
mon set of names for different eras. (Happily, since historians profoundly dis-
agree). Instead, what is needed is a better understanding of how continuities and
changes of different kinds and degrees continually interlock and interact, in an
ever-varying format. My own formulation of this dynamic system identifies a
three-dimensional or “trialectical” through-Time perspective. The key compo-
nents are: continuity (persistence); evolution (momentum) and revolution (tur-
bulence).59 So considered, Time has three dimensions, as does Space.
Lastly, then, the coming tem poral turn does not envisage a return to an ab­
solute and stand-alone temporality. The work of Einstein holds good. Relativity
theory retains its place in the physics textbooks, even if cultural relativity needs
to be qualified in a world that still contains absolutes. There are universals and
there are contingencies, challenging observers and participants to determine
where the boundaries lie. The new tem poral turn also takes as given that Time
and Space are integrally linked. There is no need to choose between an inde­
pendent temporality and a separate spatiality. Historians and geographers can
work in concord.“ W hether the chosen nomenclature is Space-Time or Tim e­
Space is less important than accepting their relative interconnections or rela-
tionality, as Einstein might have named their link.
Crucially, the key is to reject Time nihilism. That realisation provides the
momentum for renewal. To conclude with my own speculative thought: tem-
porality seems to be something akin to a unique and dynamic form of super-
energy, holding and unfolding everything together in Time-Space. Perhaps that
is too fanciful from a mere historian. But anyway Time is now emerging from
the conceptual shadows to partner Space, as jointly framing cosmic and human
history. A dieu to atemporality. Welcome to a full appreciation and application
of the logical consequences of Einstein and Minkowski. And about time too.

59 Corfield, Tim e and the Shape of History, pp. 122 f., pp. 211-216, pp. 248-252.
60 Peter M errim an et al., Space and Spatiality in Theory, in: Dialogues in Human Geography 2.
2012, pp. 3 -2 2 .
Tom Reichard

Die Zeit der Zigarette*

Rauchen und Temporalität


in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Abstract: The rise of the cigarette at the turn of the nineteenth to the twentieth
century caused a profound change in temporal consumption practices in Im ­
perial Germany. Whereas pipes and cigars signified leisure and slowness, the
ephemeral cigarette came to be known as the characteristic tobacco product in
an age of increasing speed. By investigating temporal aspects of smoking in the
metropolis, the factory and the industrial battlefield up to the mid-century, this
article examines the widely held observation of an ever-accelerating moder-
nity in the twentieth century. It argues that the triumph of the cigarette, reach-
ing nearly ubiquity in everyday life in the 1950s, was due not least to its acceler-
ating character.

Als der Reichstag im Frühjahr 1916 eine kriegsbedingte Erhöhung der Tabak­
steuer diskutierte, forderten die deutschen Zigarren-Hersteller, dass die sich seit
der Jahrhundertwende immer größerer Beliebtheit erfreuende Zigarette un­
gleich höher besteuert werden müsse als alle anderen Rauchwaren. Bereits zu
Kriegsanfang 1914 waren in Deutschland erstmals mehr Zigaretten als Zigarren
verkauft worden, und ihr ungebremster Aufstieg stellte aus Sicht von Zigarren-
und Rauchtabak-Produzenten eine existenzielle Bedrohung der Branche dar.
Der nationalliberale Reichstagsabgeordnete Gustav Stresemann (1878-1929)
wollte allerdings nichts von einer solchen protektionistischen Steuerpolitik wis­
sen. Nicht die Zigarre, sondern die Zigarette, so Stresemann vor dem versam­
melten Parlament, sei der »Tabakkonsumartikel der Zukunft« und ihr Sieges­
zug so unaufhaltsam, dass er nur jedem Zigarren-Fabrikanten raten könne,
im Nebenbetrieb auch noch Zigaretten zu produzieren; ansonsten, so Strese-
mann, würden sie in wenigen Jahrzehnten überhaupt nichts mehr herstellen.
Die treibende Kraft hinter dem Siegeszug der Zigarette sah er nicht allein in
der zunehmenden Technisierung des Herstellungsverfahrens, sondern in einem
der Gesellschaft inhärenten Beschleunigungsprozess: »Es ist auch ein Stück­

* Für Hinweise, Ergänzungen und K ritik danke ich Alexander Geppert, T ill Kössler, den M it­
gliedern der Emmy Noether-Forschergruppe »Die Zukunft in den Sternen: Europäischer
Astrofuturismus und außerirdisches Leben im 20. Jahrhundert« an der Freien Universität
Berlin sowie den beiden anonymen Gutachtern.
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chen Psychologie des deutschen Volkes«, so Stresemann, »die da im Übergang
von der Pfeife zur Zigarre und von der Zigarre zur Zigarette zum Ausdruck
kommt: der Übergang eines Lebens der Beschaulichkeit in ein Leben von Hast
und Unruhe.«1
Bemerkenswert an Stresemanns Deutung ist der Zusammenhang von Zeit­
erfahrung und Konsumverhalten, die Wechselbeziehung von beschleunigter
Lebenswirklichkeit und der Wahl unterschiedlicher Rauchprodukte, die der
Zigarette zur Dominanz verholfen haben sollte. Während die Zigarre für ein
beschauliches Leben stand, galt die Zigarette in einer immer schneller werden­
den Zeit als die adäquatere Art zu rauchen. Stresemann stand mit dieser An­
nahme nicht alleine. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gehörte
es in Deutschland zur gängigen Epochendiagnose, dass sich mit einer als im ­
mer schneller und effizienter wahrgenommenen Arbeits- und Lebenswelt ohne
lange Pausen und Ruhezeiten geradezu zwangsläufig eine zeitliche Verkürzung
des Rauchkonsums einstellen müsse. Als zeitgenössische Beobachtung lässt sich
dieser Zusammenhang zwischen der Beschleunigung des Lebenstempos und
der Zunahme des Zigarettenkonsums für nahezu alle gesellschaftlichen Milieus
nachweisen: Schriftstellern, Medizinern, Soziologen, Wirtschaftswissenschaft­
lern und Industriellen galt die Zigarette gleichermaßen als Signum der Moderne.
Während der Tabakkonsum bereits über Jahrhunderte hinweg soziale Zugehö­
rigkeit, Geschlechterrollen und Geschmäcker definierte, wurde mit der Ziga­
rette nun auch ein modernes Zeiterleben verbunden, das sich durch eine Eigen­
schaft grundsätzlich von anderen Genussmitteln unterschied: Beschleunigung.2
Das schnelle Rauchen reihte sich in eine lange Abfolge sozialer Beschleu­
nigungen ein, die bereits im 19. Jahrhundert in anderen Bereichen des gesell­
schaftlichen Lebens bedeutsam geworden waren. Reinhart Koselleck hat ar­
gumentiert, dass Beschleunigung vor allem durch den Ȇberschritt von der
naturgebundenen Zeit der Fortbewegung zur technisch verfügbar gemach­
ten Zeit« des Eisenbahnverkehrs und der daraus folgenden »Denaturalisierung
der bis dahin überkommenen Zeiterfahrung« zu einer allgemeinen Erfahrung

1 Gustav Stresemann, Rede zur ersten Beratung des Reichshaushaltsetats und Haushalts­
etats für die Schutzgebiete am 22.3.1916, in: Verhandlungen des Reichstages. Stenographi­
sche Berichte. 13. Legislaturperiode, 2. Session, Bd. 307, Berlin 1916, S. 8 0 9-818, hier S. 812.
Erste Überlegungen zum Verhältnis von Zeitlichkeit und Konsum hielt Stresemann bereits
in seiner Dissertation aus dem Jahre 1900 fest; siehe ders., Die Entwicklung des Berliner
Flaschenbiergeschäfts, Berlin 1902, S. 21-23.
2 Siehe jeweils stellvertretend für den literarischen Betrieb: Stephan Dirk, Die Cigarette. Ein
Vademecum für Raucher, Leipzig 1924, S. 70 f.; für die Medizin: Johannes Bresler, Die E in­
wirkung des Tabakgenusses auf den m enschlichen Körper, in: Jacob W olf (Hg.), Der Tabak
und die Tabakfabrikate, Leipzig 1922, S. 2 25-238, hier S. 226; für die Soziologie: Georg Sim ­
mel, Die Mode [1911], in: ders., Philosophische Kultur. Über das Abenteuer, die G eschlech­
ter und die Krise der Moderne. Gesammelte Essais, Berlin 1983, S. 26-51, hier S. 35; für die
W irtschaftsw issenschaften: Kurt Borm ann, Die deutsche Zigarettenindustrie, Tübingen
1910, S. 1 f.; und für die Tabakindustrie: Haus Neuerburg, Vom Tabakblatt zur Zigarette,
Leipzig 1926, S. 41 f.
wurde.3 Die Verkürzung von Transport-, Technik-, Kommunikations- und Tä­
tigkeitsvorgängen, die nach und nach alle Bereiche des alltäglichen Lebens er­
griff, wurde immer häufiger als epochale Eigenheit wahrgenommen, die sich im
Topos des zunehmenden »Tempos« manifestierte und zu Beginn des 20. Jahr­
hunderts zur globalen Menschheitserfahrung entwickelte.4 Zeitsoziologische
Studien wie die von Hartmut Rosa haben diese historische Beobachtung zur
Grundlage einer Konzeptualisierung der Moderne über das Phänomen der all­
gemeinen sozialen Beschleunigung gemacht. Rosa unterscheidet dabei drei For­
men der Beschleunigung: die technische Beschleunigung, die Beschleunigung
des sozialen Wandels und die Beschleunigung des Lebenstempos, welche in der
Spätmoderne in einem Beschleunigungszirkel zu einem sich selbst antreibenden
System der Akzeleration geworden seien. Beschleunigung, so Rosa, sei damit
als »irreduzibles und tendenziell dom inantes G rundprinzip von Moderne und
Modernisierung zugleich zu verstehen«.5
Für den beispiellosen Erfolg der Zigarette im 20. Jahrhundert scheint sich
diese Erklärung der selbstantreibenden Beschleunigung geradezu aufzudrän­
gen. Die Verkürzung der effektiven Rauchzeit von bis zu dreißig Minuten
(Zigarre/Pfeife) auf unter sieben Minuten (Zigarette) bei gleichzeitiger Steige­
rung der Anzahl an gerauchten Zigaretten pro Tag bildete bereits in der ersten
Hälfte des letzten Jahrhunderts die Grundlage für immer häufigere Diagnosen
einer Beschleunigung des Konsums, deren sozio-kulturelle Folgen auch Ein­
gang in die historische Forschung fanden. »Die Ruhe und Konzentration, die ein
Zigarettenraucher im 20. Jahrhundert empfindet,« wie Wolfgang Schivelbusch
schon frühzeitig festhielt, »ist eine andere als die des Zigarren- oder Pfeifen­
rauchers im 19. Jahrhundert.«6 Aber lässt sich die Beschleunigungsrhetorik apo­
logetischer Zigaretten-Aficionados wie auch dezidierter Kritiker des schnellen

3 Reinhart Koselleck, Gibt es eine Beschleunigung der Geschichte? [1976], in: ders., Zeit­
schichten. Studien zur Historik, Frankfurt 2000, S. 150-176, hier S. 151 u. S. 153; Wolfgang
Schivelbusch, Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im
19. Jahrhundert, München 1977; und Wolfgang Kaschuba, Die Überwindung der Distanz.
Zeit und Raum in der europäischen Moderne, Frankfurt 2004. Für einen umfassenderen Zu­
gang zur gesellschaftlichen Beschleunigung siehe Peter Borscheid, Das Tempo-Virus. Eine
Kulturgeschichte der Beschleunigung, Frankfurt 2004.
4 M ichael Bienert, Die eingebildete Metropole. Berlin im Feuilleton der Weimarer Republik,
Stuttgart 1992, Kap. 3: »Topos Tempo«, S. 5 9-92. Siehe auch Knut Hickethier, Beschleunigte
W ahrnehmung, in: Jochen Boberg u. a. (Hg.), Die Metropole. Industriekultur in Berlin im
20. Jahrhundert, München 1986, S. 144-155. Zu den globalen Dimensionen der Beschleuni­
gung siehe Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahr­
hunderts, München 2009, S. 127.
5 Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frank­
furt 20129; zu den Formen der Beschleunigung: S. 161-198, zur Dynamik der Spätmoderne:
S. 243-255; Zitat: S. 441 (Herv. i. O.). Siehe auch ders., Beschleunigung und Entfremdung,
Frankfurt 2013, insb. Kap. 1: »Eine Theorie der sozialen Beschleunigung«, S. 13-67.
6 Wolfgang Schivelbusch, Das Paradies, der G eschm ack und die Vernunft. Eine Geschichte
der Genußmittel, München 1980, S. 127.
Rauchgenusses empirisch nachweisen? Und trug das Zigarettenrauchen selbst
zum Empfinden einer beschleunigten Lebenswelt bei? Oder übernahm die Zi­
garette lediglich eine symbolische Funktion für temporale Entwicklungen, die
vielmehr in anderen sozialen Kontexten wie dem motorisierten Reisen, der in ­
dustriellen Produktion oder der technisierten Kommunikation stattfanden?
Anhand der frühen Geschichte der Zigarette soll im Folgenden der eigent­
liche Erfahrungswert der Beschleunigung untersucht werden. Dabei wird das
in der historischen Forschung immer wieder bemühte Beschleunigungstheo­
rem hinsichtlich des alltäglichen Zeitempfindens im Kontext des aufkommen­
den (Massen-)Konsums einer kritischen Prüfung unterzogen. Zur Temporalität
des Zigarettenrauchens werden hierbei sowohl ihre zeitlichen Eigenschaften als
auch die technischen Bedingungen ihrer Produktion und Distribution sowie die
sozialen Kontexte ihres Konsums und die damit einhergehenden Deutungen ge­
zählt. Es sind vor allem drei Kontexte, in denen der Aufstieg der Zigarette zeit­
genössisch mit der spezifisch temporalen Qualität des Rauchens in Verbindung
gebracht wurde: die Stadt, als Labor der Moderne und Ort des gesteigerten Le­
benstempos; die Fabrik, mit ihrem strikten industriellen Zeitregime aus langer
Arbeitszeit und kurzen Pausen; sowie der Frontalltag in den beiden Weltkriegen.
Sie alle trugen maßgeblich zur gesellschaftlichen Popularisierung und Verbrei­
tung der Zigarette in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei.

I. Die Zigarette und das Großstadt-Tempo

Der Aufstieg der Zigarette zur meistkonsumierten Rauchware des vergangenen


Jahrhunderts begann in der Stadt. Urbane Räume dienten ab der Jahrhundert­
wende nicht nur als primärer Konsum-, sondern auch als wichtigster Produkti­
onsstandort der Zigarettenbranche. Aus den beschaulichen Anfängen der ersten
deutschen Zigarettenfabrik in Dresden (Compaigne Laferme, gegründet 1862),
die zunächst ausschließlich für den Export produzierte, entwickelte sich um
1900 ein ökonomisch bedeutender Industriezweig der deutschen Tabak- und
Genussmittelbranche.7 Aus zunächst kleinen Familienbetrieben waren im gan­
zen Deutschen Reich bekannte Unternehmen hervorgegangen, die andere Her­
steller aufkauften, um ihre Zigaretten zusehends überregional zu vertreiben
und somit eine geographische Expansion der gesamten Branche anstießen. Nun
etablierte sich auch Berlin als Zentrum der Zigarettenindustrie mit Herstel­
lern wie Garbaty (gegründet 1881), Josetti (1888) und Manoli (1894), die sich in

7 Als Indikator hierfür können auch die ersten beiden Dissertationen zur Entwicklung der
deutschen Zigarettenindustrie gelten, die im Jahr 1910 an den Universitäten Leipzig und Tü­
bingen eingereicht wurden: Borm ann, Zigarettenindustrie, und Ludwig Heyde, Die Volks­
w irtschaftliche Bedeutung der technischen Entwicklung in der deutschen Zigarren- und
Zigarettenindustrie, Stuttgart 1910.
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der Reichshauptstadt einen eigenen regionalen Absatzmarkt erschließen konn-
ten.8 Mit der 1918 erfolgten Verlagerung des ursprünglich in Trier beheimate­
ten Haus Neuerburg (1873) nach Köln entstand neben Dresden und Berlin ein
drittes industrielles Zentrum der Zigarettenfabrikation.9 Im darauffolgenden
Jahrzehnt kam es dann zur wichtigsten industriellen Konzentration der Bran­
che: dem Aufstieg des thüringischen Familienunternehmens Reemtsma (ge­
gründet 1894 in Erfurt) zum bedeutendsten Zigarettenhersteller innerhalb der
Grenzen des Deutschen Reiches. Nach dem Krieg zog das Werk nach Bahren­
feld bei Hamburg. Bis 1929 trieben die Brüder Hermann (1892-1961), Philipp
(1893-1959) und Alwin Reemtsma (1895-1970) eine Kartellierung der deutschen
Zigarettenindustrie voran, die ihnen die Marktführerschaft im Deutschen Reich
einbrachte. Durch den Verkauf qualitativ hochwertiger Zigaretten, die konse­
quente Mechanisierung und Rationalisierung der Produktion sowie eine ge­
schickte Übernahme- und Aufkaufpolitik produzierte das Unternehmen Ende
der zwanziger Jahre zusammen mit Haus Neuerburg nach einem nur sechs Jahre
währenden Aufstieg gut zwei Drittel aller in Deutschland versteuerten Zigaret-
ten.i° Damit waren Reemtsma und Haus Neuerburg mit Abstand die beiden er­
folgreichsten Konzerne; dahingegen deckten Firmen wie Batschari (gegrün­
det 1908), Greiling (1919) oder Haus Bergmann (1923) zusammen lediglich ein
Viertel des Marktes ab.11 Die Branche hatte damit zu Beginn der dreißiger Jahre
eine industrielle und geographische Ausprägung erreicht, die für die nächsten
beiden Jahrzehnte maßgeblich sein sollte. Neben die städtische trat die betrieb­
liche Konzentration als zweites ökonomisches Merkmal, das die Zigaretten­
industrie grundsätzlich von der übrigen Rauch- und Zigarrenbranche unter­
schied. Vor allem der von deutschen Herstellern gegen den Markteintritt des
ausländischen Zigarettentrusts aus US-amerikanischen und britischen Her­
stellern geführte »Trustkampf« (1901-1915) und die brancheninternen Preis­
kämpfe der Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg hatten in zunehmendem
Maße zu betrieblichen Zusammenschlüssen beigetragen.12
Die Urbanität der Zigarettenindustrie förderte nicht nur den direkten Ver­
kauf auf dem Hauptabsatzmarkt, sondern prägte in den 1920er und 1930er Jah-

8 Karl-Peter Ellerbrock, Geschichte der deutschen Nahrungs- und Genußmittelindustrie


1750-1914, Stuttgart 1993, S. 343.
9 Zur Unternehmensgeschichte von Haus Neuerburg siehe JT I Germany (Hg.), Ein Tabak­
unternehmen in Deutschland. Von Haus Neuerburg zu Japan Tobacco (1908-2008), Köln
2008.
10 Erik Lindner, Die Reemtsmas. Geschichte einer deutschen Unternehmerfamilie, München
2008, S. 59 f. Schätzungen zufolge deckten Reemtsma und Haus Neuerburg 1928 8 5 -8 7 %
des deutschen Marktes ab; siehe W ilhelm Blase, Die Rohtabakversorgung Deutschlands,
Bottrop 1933, S. 29.
11 Lindner, Die Reemtsmas, S. 57.
12 Vgl. Fritz Blaich, Der Trustkam pf (1901-1915). Ein Beitrag zum Verhalten der M inisterial-
bürokratie gegenüber Verbandsinteressen im W ilhelminischen Deutschland, Berlin 1975,
sowie Die Zigarettenkrise. Ein Schulfall, in: Magazin der W irtschaft 1. 1925, S. 1155-1158,
hier S. 1157 f.
ren auch nachhaltig das Bild der Zigarette unter den Konsumenten. Der Ber­
liner Schriftsteller und Feuilletonist Fritz Heinz Chelius (1890-1960) hielt die
Großstadt, die den neuen Rhythmus angäbe, für den Ursprungsort eines Ü ber­
gangs von der langen Pfeife zur Zigarette: »die Formen ändern sich dort zu­
erst, und die gewohnten Erscheinungen«, insbesondere die langen Pfeifen, »rü­
cken immer mehr von der Großstadt ab«, hielten sich noch für einige Zeit in
ländlichen Gebieten, »bis sie schließlich auch dort zur Kuriosität werden.« Da­
bei sei die Grundlage dieses konzentrischen Verbreitungsweges die Beschleuni­
gung des großstädtischen Lebens selbst. Man sähe »kaum mehr eine Pfeife auf
der Straße«, so Chelius 1930: »Raucht man in Berlin eine Pfeife auf der Straße,
so wird man als dunkelster Provinzler angesehen.«^ Das populäre Konzept
eines Ablöseprozesses folgte somit einem geografischen Erklärungsmuster, das
den städtisch-ländlichen Unterschied zwischen Zigarettenindustrie und übriger
Tabakbranche mit dem temporalen Regime des jeweiligen Ortes verschränkte.
Hierbei wurde dieser Prozess als evolutionäre Weiterentwicklung interpretiert:
Die Zigarette löste die veraltetet Zigarre nach der Jahrhundertwende als domi­
nierende Rauchware ab, nachdem diese ihrerseits Mitte des 19. Jahrhunderts die
Pfeife, genauer gesagt den Rauchtabak, abgelöst hatte. In Verbindung mit der
Konsumzeit bedeutete dies: Je schneller sich das Leben in der Stadt entwickelte,
desto stärker verkürzte sich auch die Rauchzeit.
Zeitliche Unterschiede im Rauchkonsum waren bereits um 1900 ein häufiges
Erklärungsmuster für das Aufkommen der Zigarette. Im Falle des Wechsels von
der Zigarre zur Zigarette kam hinzu, dass die Verkürzung der Produktionszeit
bei gleichzeitiger Erhöhung der hergestellten Stückzahl eine Beschleunigung
des Produktionsprozesses verursachte und der Ablöseprozess deshalb exponen­
tiell zu verlaufen schien.^ Bereits 1897 schrieb Gustav Lewinstein (1830-1902),
Redakteur der einflussreichen D eutschen Tabak-Zeitung, dass die Zigarette,
wie die anderen Formen des Tabakkonsums vor ihr, »siegreich alle gegen sie ge­
richteten Angriffe zurückschlagen« werde. Angesichts der Tatsache, dass die
Pfeife unlängst von der Zigarre als Marktführerin abgelöst worden war, sprach
Lewinstein davon, dass diese nunmehr »den Kampf gegen die Cigarre« er-
öffne.!5 Allerdings erwies sich diese Interpretation in zweierlei Hinsicht als vor­
eilig: Erstens war der Aufstieg der Zigarette um die Jahrhundertwende alles an­
dere als zwangsläufig; Zigaretten machten im Jahre 1900 noch nicht einmal ein
Prozent des gesamtdeutschen Tabakverbrauchs aus. Und zweitens erwies sich
Lewinsteins Annahme, dass die Zigarette ebenso lange wie die Zigarre brau­
chen würde, um zur vorherrschenden Rauchware in Deutschland zu werden,

13 Fritz Heinz Chelius, Von der Tabakpfeife zur Zigarette, in: Der Raucher 2. 1930, H. 5, S. 1 f.
14 Reinhart Koselleck spricht in diesem Zusammenhang von »exponentiellen Zeitkurven«,
die er als »Verkürzung unserer Erfahrungsfristen« versteht; ders., Zeitverkürzung und B e­
schleunigung. Eine Studie zur Säkularisation [1985], in: ders., Zeitschichten. Studien zur
Historik, Frankfurt 2003, S. 177-202, hier S. 200 f.
15 Gustav Lewinstein, Die deutsche Tabak-Industrie. Eine Skizze ihrer Entwickelung und ih ­
rer w irthschaftlichen Bedeutung, Berlin 1897, S. 40.
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nämlich etwa einhundert Jahre, als naive Zukunftsprojektion vorindustrieller
Marktdynamiken. Das Konzept eines evolutionären Ablöseprozesses existierte
demzufolge bereits, bevor der eigentliche Aufstieg der Zigarette begann - und er
verlief viel schneller als erahnt.
Gemessen an der absoluten Stückzahl hatte die Zigarette die Zigarre, deren
Verkauf 1914 schätzungsweise bei knapp siebeneinhalb Milliarden Stück lag,
bereits bei Anbruch des Ersten Weltkriegs überholt (Abb. 1)/6 Prozentual ge­
sehen war die Zigarette erstmals 1922 mit einem Anteil von knapp 37 Prozent
am deutschen Tabakgesamtverbrauch die am häufigsten konsumierte Tabak­
ware. 1929 machten Zigaretten 56 Prozent aller Einnahmen aus dem Tabak­
warenhandel aus, Zigarren lediglich 33 und Pfeifentabak nur acht Prozent.^
W irtschaftlich gesehen war die Zigarette damit bereits Ende der zwanziger
Jahre die profitabelste aller Tabakwaren. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs
war das Rauchen schließlich zum »sozialen Totalphänomen« geworden; 1949
rauchten 88 Prozent aller Männer, 63 Prozent davon ausschließlich Zigaretten.
In den 1970er Jahren verdrängte die Zigarette dann Zigarre und Pfeife nahezu
vollständig/8
Die Ausweitung der Produktion und der vermehrte Einsatz von Maschi­
nen in der Herstellung führten folglich in wenigen Jahrzehnten zum prakti­
schen Aufschluss an die klassischen Tabakwarenprodukte Pfeife und Zigarre:
Zigaretten waren schlicht maschinenfähiger als die Konkurrenzprodukte der
Tabakbranche. Während die Zigarette nur aus geschnittenem Tabak und einer
Papierhülse hergestellt wurde, benötigte es zur Fertigung einer Zigarre gleich

16 Ernst Pietschm ann, Die Verschiebungen in der Art des Tabakkonsums und ihr Einfluß auf
die deutsche Steuerpolitik, Lauban 1929, S. 17 f. u. S. 21. Kau- und Schnupftabak machten
1920 zusammen lediglich 6,4 %, 1925 sogar nur noch 3,4 % des Gesamt-Rohtabakverbrauchs
in Deutschland aus. Sie werden aufgrund der Dom inanz des Rauchtabaks im Folgenden
nicht diskutiert. Datengrundlage: M ax Zentz, Die Konzentration der Zigarettenindustrie
und die Zigarettensteuer, München 1927, Anlage X.
17 Carl Hausberg, Die deutsche Zigaretten-Industrie und die Entwicklung zum Reemtsma-
Konzern, unter besonderer Berücksichtigung der Reemtsma-Werke, Würzburg 1938; zum
Jahr 1922: S. 12; zum Jahr 1929: Tabelle X B im Anhang.
18 Gesam tzahl von m ännlichen Rauchern nach einer Umfrage des Instituts für Demoskopie
Allensbach (IFD) von 1950, siehe Klaus-Dietrich Stumpfe, Die Ausbreitung des Suchtstof­
fes Nikotin, in: Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (Hg.), Jahrbuch zur Frage
der Suchtgefahren 1989, Hamburg 1988, S. 111-129, hier S. 123. Thomas Hengartner und
Christoph M aria Merki sprechen angesichts der Verbreitung der Zigarette von einem
»sozialen Totalphänomen«, siehe Vorwort, in: dies. (Hg.), Tabakfragen. Rauchen aus kul­
turwissenschaftlicher Sicht, Zürich 1996, S. 7-11, hier S. 8. Geschlechterspezifische Zah­
len für das Jahr 1949: Institut für Demoskopie Allensbach (Hg.), Der Cigaretten-Konsum in
Westdeutschland 1949. Zum Vergleich: 2013 rauchten nur noch 24,5 % der deutschen B e­
völkerung (Mikrozensus 2013). Höhepunkte des Zigarettenverkaufs in Westdeutschland
waren die Jahre 1976 und 1981 mit jeweils mehr als 129 Milliarden versteuerten Zigaret­
ten. Seit der Wiedervereinigung hat sich der Zigarettenkonsum in Deutschland von knapp
153 M illiarden Stück im Jahr 1991 auf 80 Milliarden im Jahr 2013 fast halbiert. Alle Daten:
Statistisches Bundesamt.
Abb. 1: Versteuerte Zigaretten und Zigarren in Milliarden Stück in Deutschland,
1907-1940.
Quelle: Datengrundlage bis 1929: Adolf Flügler, Tabakindustrie und Tabaksteuer un­
ter besonderer Berücksichtigung der Zigarette, Jena 1931, S. 243. 1930 bis 1939: Aribert
Heilmann, Entwicklungstendenzen im deutschen Tabakwarenmarkt in den Jahren
1930 bis 1955, Heidelberg 1956, Anhang: Tabelle 1. 1940: Peter Eckelmann, Werbung
und Werbewettbewerb auf dem deutschen Zigarettenmarkt, Diss. Rheinisch-West­
fälische Technische Hochschule Aachen 1970, S. 140.

drei Tabakbestandteile, die auf komplexe Weise ineinander gerollt werden


mussten: Deckblatt, Umblatt und Einlage. Aus letzteren beiden wurde der W i­
ckel gedreht und mit dem Deckblatt, auch »Decke« genannt, umrollt. Beide Ar­
beitsschritte waren maschinell nur schwierig durchführbar, da sie hohe Prä­
zision erforderten. Wegen des hohen Tabakpreises mussten aus den Blättern
möglichst viele Decken herausgeschnitten werden, die wiederum nicht zu fest
gewickelt werden durften, sonst brannte die Zigarre nicht. Beide Arbeitsschritte
waren besser per Hand als mit der Maschine zu erledigen, und so blieb die Zi­
garrenindustrie handwerklich geprägt.19 Die Zigarettenindustrie war hingegen
seit den frühen 1880er Jahren in der Lage, ihr Produkt vollautomatisch herzu­
stellen. Hierzu wurde ein Strang Papierhülsen mit Tabak gestopft und in Ziga-

19 Hans Uhlm ann, Die Entwicklung von Unternehmung und Betrieb in der deutschen Zigarren­
Industrie unter besonderer Berücksichtigung der Tabakbesteuerung, Halle 1934, S. 10 f. u.
S. 14. Siehe auch Erich Bertram , Volkswirtschaftliche Probleme der Zigarrenindustrie un­
ter besonderer Berücksichtigung der Verbreitung und Wanderungen der Zigarrenindustrie,
Greifswald 1931, S. 15.
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rettenlänge zerschnitten. Je nachdem ob mit oder ohne Mundstück musste an­
schließend noch einmal manuell nachgearbeitet werden, aber auch das wurde
bald maschinell erledigt. Während die Zigarre mithin ein Produkt der Handar­
beit war und blieb, entwickelte sich die Zigarettenbranche damit vom anfäng­
lichen Restebetrieb, der lediglich die Abfälle der Zigarrenherstellung verarbei­
tete, zur modernen, hochtechnisierten Industrie.20
Parallel zur ökonomischen Beschleunigung der Zigarettenproduktion er­
gab sich aus den Charakteristiken des Zigaretten-Aufbaus eine Flüchtigkeit
der Tabak-Frische, die Rohtabak und Zigarren in dieser Art nicht hatten. Vor
allem im ersten Jahrzehnt der Zwischenkriegszeit konnte ein markenspezifi­
scher Qualitätsstandard nur sehr mühevoll gehalten werden. Die Zigarette war
besonders von Qualitätsschwankungen betroffen, da die zum Teil sehr auf­
wendig zusammengestellten Mischverhältnisse unterschiedlicher Geschmacks­
sorten wesentlich schneller an Qualität einbüßten, als die meist nur aus einer
Sorte bestehenden Zigarren oder der deutlich länger haltbare Rauchtabak. Da­
bei konnten Phasen verminderter Tabakqualität mitunter den Ruf klassischer
Marken wie beispielsweise den der Salem (von Manoli) nachhaltig schädigen,
wenn nicht gar vollständig ru inierend Deutsche Hersteller verfolgten ver­
schiedene Strategien, um dem flüchtigen Charakter der Zigarettenfrische ent­
gegenzuwirken. Die Einführung sogenannter Tropen-Packungen aus Blech mit
Verschlussstreifen in den dreißiger Jahren war beispielsweise einer dieser Ver­
suche, Zigaretten länger als gewöhnlich frisch zu halten. Die schnelle Vergäng­
lichkeit der Zigarette wurde auch selbst zum Thema ausgedehnter Werbezyklen,
die auf die kurze Frische aufmerksam machten und neue innovative Methoden
zur Qualitätssicherung präsentierten. Haus Neuerburg beispielsweise schaltete
in den 1930er Jahren Werbeanzeigen für die Marken Güldenring und Overstolz
mit dem Vermerk: »Unheimlich rasch verliert die Zigarette ihre Frische!«22
Neben luftundurchlässigen Verpackungen war es insbesondere die schnellere
Auslieferung der fertigen Zigaretten, von der sich die Produzenten Abhilfe ver­
sprachen. Reemtsma und Haus Neuerburg gründeten 1931 eine gemeinschaft­
liche Vertriebsgesellschaft, die Frischdienst GmbH, die durch ein dichtes Lager­
und LKW-Netz in ganz Deutschland die Zigaretten so schnell wie möglich von
den Produktionsstätten zum Konsumenten brachte. 1937 zählte der Dienst ins­
gesamt über siebzig Lager, von denen aus die Ware innerhalb weniger Stunden

20 H ans-Georg Friedrich, Entwicklung, Aufbau und Lage des deutschen Zigarettengewerbes,


Opladen 1937, S. 26. Erste Zigarettenm aschinen gab es bereits zu Beginn des letzten D rit­
tels des 19. Jahrhunderts. Die wohl einflussreichste war die nach ihrem US-am erikanischen
Erfinder James Albert Bonsack (1859-1924) benannte Bonsack-M aschine von 1880, die die
Branche mit einer Stückzahl von 150.000 pro Tag produzierten Zigaretten revolutionierte.
Siehe Heyde, Die Volkswirtschaftliche Bedeutung der technischen Entwicklung in der deut­
schen Zigarren- und Zigarettenindustrie, S. 56.
21 Lindner, Die Reemtsmas, S. 36.
22 Illustrierter Beobachter, 1937, H. 24, S. 316.
in das gesamte Reich ausgeliefert wurde.23 Bereits binnen kurzer Zeit hatte
sich der Dienst bewährt und entwickelte sich gleichsam zum »Synonym für
Reem tsm a«/4 Für den Verkaufserfolg von Reemtsma-Neuerburg sei damit auch
das »psychologische Moment« nicht zu unterschätzen, so der W irtschaftswis­
senschaftler Karlheinz Hassel 1934, das die Werbung des Frischdienstes auf den
Kunden habe, »durch die Gewißheit, daß jederzeit die gewünschte Ware auf
Anruf am Platz in frischem Zustand zugesandt werden kann.«25 Dabei wurde
der Frischdienst ganz konkret auch mit der üblichen Markenwerbung verbun­
den, wie beispielsweise im Fall der Marke Ernte 23. Die Symbiose, die Quali­
tät, Frische und Geschwindigkeit hierbei eingingen, war bei der Reemtsma-
Marke von 1924 ganz besonders augenfällig (Abb. 2), spielte der Name doch
auf die ausgezeichnete Qualität der Makedonien-Ernte aus dem Jahre 1923 an,
die fortan als Standard dieser Zigarettenmarke gelten sollte. Frische wurde mit
Schnelligkeit beworben, die zudem zu einem eigenständigen Qualitätsmerkmal
avancierte. Damit wurde ein Markenbild geschaffen, das die Beschleunigung
jenseits der kurzen Rauchzeit der Zigarette zum Thema machte und die Quali­
tät der Zigarette maßgeblich definierte.
Nicht nur Produktions- und Belieferungsverfahren standen im Zeichen der
Beschleunigung; auch das Rauchen selbst wurde in den ersten Jahrzehnten des
20. Jahrhunderts einfacher und damit schneller. Bereits Mitte des 19. Jahrhun­
derts erklärte der bayrische Zoologe Friedrich Tiedemann (1781-1861) den Auf­
stieg der Zigarre damit, dass sie einfacher mitgenommen werden könne als die
Tabakpfeife. Deshalb, so Tiedemann 1854, erblicke man an allen öffentlichen
Orten, »auf den Strassen, Plätzen und Spaziergängen, in den Gasthöfen und
Schenken, auf den Dampfbooten und Eisenbahnen, viel mehr Raucher, als in
früherer Zeit.«2® Die Zigarette sollte im Vergleich zur Zigarre diese Entwicklung
noch weiter steigern. Es war vor allem die Kleinstückpackung, die den Umgang
mit der Zigarette zeitlich neu justierte.
Zunächst blieb allerdings der lose Verkauf bis in die zwanziger Jahre gängige
Verkaufspraxis. Noch 1910 wurden im Einzel- und Fachhandel etwa die Hälfte
des deutschen Zigarettenumsatzes in Form loser Zigaretten aus Packungsgrö­
ßen von hundert bis eintausend Zigaretten verkauft. Billige Preislagen wurden
an Arbeiter in kleinen Tüten herausgegeben, teure Zigaretten zum Umfüllen
in das eigene Etui verkauft. Lediglich mittlere Preislagen wurden in Zehner-

23 Hausberg, Die deutsche Zigaretten-Industrie, S. 95 f. Tino Jacobs, Zwischen Intuition und


Experiment. Hans Dom izlaff und der Aufstieg Reemtsmas, 1921 bis 1932, in: Hartmut
Berghoff (Hg.), Marketinggeschichte. Die Genese einer modernen Sozialtechnik, Frankfurt
2007, S. 148-176, hier S. 165.
24 Lindner, Die Reemtsmas, S. 42.
25 Karlheinz Hassel, Absatz und Herstellung von Zigaretten im Deutschen Reich nach der Sta­
bilisierung unter besonderer Berücksichtigung der tabaksteuerlichen Wirkungen, Quaken­
brück 1934, S. 38.
26 Friedrich Tiedemann, Geschichte des Tabaks und anderer ähnlicher Genußmittel, Frank­
furt 1854, S. 377.
ERNTE 23-EXPRESSDIENST

Abb. 2: »Das Äußerste an Geschwindigkeit in der Belieferung«,


Reemtsma-Werbeanzeige, 1932.
Quelle: Werbemittelarchiv Reemtsma/Museum der Arbeit.

Packungen angeboten. Zunächst hatte es teure, harte Kappenschachteln zum


Aufklappen gegeben; später auch preiswertere, weiche Schiebeschachteln. In
den 1920er Jahren kamen aus Aroma- und Frischhaltegründen Blechschachteln
in Mode.27 Grundlage für die Proliferation der Kleinverkaufsschachtel war ein
finanzpolitisch motivierter staatlicher Eingriff, der die Verpackung 1906 zur
Pflicht gemacht hatte. Paragraph 5 des erstmals erlassenen Deutschen Zigaret-

27 G ustaf Nils Doren, Die Cigarettenpackung im Laufe der Reemtsma-Firmengeschichte,


Hamburg 1976.
tensteuergesetzes regelte den sogenannten Verpackungszwang. Auf dem Äuße­
ren der Packung mussten fortan verbindliche Hinweise zu Art, Menge und Preis
der Zigaretten angebracht werden.28 Die Zigarettenschachtelkosten wurden
durch die allgemeine Mechanisierung geringer und damit für eine steigende
Anzahl an Kunden erschwinglicher. So schrieb der Werbefachmann Hermann
Schmidt 1919: »Die heutige Zigarettenschachtel wird, bis sie leer ist, mit herum­
getragen und herumgereicht.«29 1930 wurde der Verkauf loser Zigaretten gänz­
lich verboten, was in der Folge zur Einführung kleinerer preiswerter Schachteln
führte und längerfristig die Dreier-, Vierer-, Fünfer- und Sechser-Schachteln
auf dem Markt etablierte.30 Auch die Werbung hatte sich nun der schnelleren
Verfügbarkeit und des kürzeren Gebrauchs der Einwegschachteln angepasst.
Die vor 1900 beliebten orientalischen Bildmotive wurden in den zehner und
zwanziger Jahren auf kürzere Werbebotschaften und den Markennamen redu­
ziert; Bilder wurden nun fast ganz weggelassen” Der schnellere Konsum wurde
also nicht nur durch die Einführung der Pappschachtel gefördert; auch Wer­
bung und Design passten sich den beschleunigten Rauchpraktiken an.
Die schnelle Verfügbarkeit der Zigarette wurde außerdem durch ein neues
Verkaufssystem ermöglicht, das für die Zigarette wie für kaum ein anderes Pro­
dukt gemacht war: der Warenautomat. Aus simplen ökonomischen Gründen war
es für den Zigarettenhersteller »besonders wichtig, dass sie [die Zigarette, T. R.]
an möglichst vielen Orten zu jeder Zeit angeboten« wird, »um den augenblick­
lich auftretenden Bedarf zu befriedigen.« Zentral war diese Omnipräsenz vor
allem, weil Tabakwaren zu jenen Gütern gehören, »bei denen ein augenblick­
licher Konsumverzicht nicht nachgeholt zu werden pflegt.« Hinzu kam, dass
Zigaretten in materieller und sozialpraktischer Hinsicht als »automatenfähi­
ger« galten als andere Produkte. Sie gehören »zum Güterkreis des problemlosen,
kurzfristigen, periodisch wiederkehrenden Konsumbedarfs.«^ Trotz anfäng­
licher Sorgen der deutschen Zigarettenhersteller, die jeweils eigenen Marken
könnten sich in der Zusammenschau mit der Konkurrenz nicht ausreichend
profilieren oder der Qualitätserhalt sei bei schwankenden Witterungsverhält­
nissen nicht zu garantieren, setzte sich der Zigarettenautomat in den dreißiger

28 Deutsches Zigarettensteuergesetz vom 3. Juni 1906/15. Juli 1909, in: Finanz-Archiv 27. 1910,
H. 1, S. 317-325, hier S. 318 f.
29 E. E. Hermann Schmidt, Tabak und Reklame, Berlin 1919, S. 40.
30 Zur Tabaksteuer-Durchführungsverordnung vom 20.12.1930 siehe U hlm ann, Unterneh­
mung und Betrieb, S. 106 f. Zu den Folgen für die Größe der Schachteln siehe G ustaf Nils
Doren, Die Herstellung der Cigarette im Laufe der Reemtsma-Firmengeschichte, Bd. 1: Die
Orientcigarette 1862-1939, Hamburg 1979. Die für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts
charakteristische Zwanziger-Packung wurde erst in den 1950er Jahren in Deutschland ein­
geführt; ders., Die Herstellung der Cigarette im Laufe der Reemtsma-Firmengeschichte,
Bd. 2: Die Blend-Cigarette 1945-1979, Hamburg 1980.
31 Dorothea Eichenauer, Verpackungsdesign des 20. Jahrhunderts. Hülle in Fülle, München
1994, S. 29.
32 R olf Helmut Wagner, Der Warenverkauf durch Automaten, Tübingen 1968, S. 83 f.
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Jahren auch in Deutschland durch. Mit dem Automatengesetz von 1934 war es
dem Tabakwarenhandel fortan sogar gestattet, Außenautomaten für den Ver­
kauf über die eigenen Ladenöffnungszeiten hinaus aufzustellen, die in der Regel
um 19:00 Uhr endeten. War es zuvor bereits möglich gewesen, Zigaretten nach
Ladenschluss des Tabakhandels an Gaststättenautomaten zu erstehen, so wurde
mit der Installation von Außenautomaten der Kauf von Zigaretten rund um die
Uhr möglich.33 Bereits 1938 betrug die Anzahl aller in Deutschland aufgestell­
ten Tabakwarenautomaten etwa 100.000; insgesamt machten diese schätzungs­
weise 13 Prozent des Gesamtumsatzes des Tabakverkaufs aus. Eine Umfrage
unter Automatenbesitzern ein Jahr zuvor ergab, dass 82 Prozent aller Automa­
tenverkäufe außerhalb der Ladenöffnungszeiten stattfanden. Dieser Trend sollte
sich in den kommenden Jahrzehnten verstärken: In den 1950er Jahren wurde
schließlich knapp die Hälfte des Zigarettenverkaufs über Zigarettenautomaten
abgewickelt.34
Eine weitere Innovation, die das Rauchen unterwegs und zu jeder Zeit er­
leichterte, wurde um 1900 populär und beschleunigte das Anstecken der Zi­
garette: das Streichholz. Auch wenn die Erfindung des Phosphorzündholzes
auf die 1830er Jahre zurück geht, blieb der wirtschaftliche Erfolg bei diesem
Vorgänger des modernen Streichholzes aufgrund seiner leichten Entflam m­
barkeit zunächst aus. Zum Massenphänomen wurden erst die seit 1852 in
Deutschland hergestellten Sicherheitsstreichhölzer. Doch die Zündhölzer beka­
men schnell Konkurrenz durch die sich immer größerer Beliebtheit erfreuenden
tragbaren Taschenfeuerzeuge. Mit dem noch heute gängigen Reibradfeuerzeug,
welches kurz nach der Jahrhundertwende erfunden wurde, bedurfte es schließ­
lich keiner größeren Gerätschaft mehr, um sich eine Zigarette anzustecken/5

33 Zu den Bedenken der Zigarettenhersteller in Bezug auf den Automatenverkauf ihrer Ware
siehe ebd., S. 84, und Franz Weyer, Entwicklung und Struktur des deutschen Tabakwaren­
einzelhandels, Stuttgart 1940, S. 180. Zum Automatengesetz von 1934 siehe Friedrich, Ent­
wicklung, Aufbau und Lage des deutschen Zigarettengewerbes, S. 108, und Georg Metz,
Die Warenautomaten-Gesetzgebung ab 1934, in: Cornelia Kemp u. Ulrike Gierlinger (Hg.),
Wenn der Groschen fällt. Münzautomaten gestern und heute, München 1989, S. 3 4 -4 0 .
Zur Verbreitung von Zigarettenautomaten siehe Weyer, Entwicklung und Struktur des
deutschen Tabakwareneinzelhandels, S. 185-187. Angelika Epple hat die Überschreitung
der Öffnungszeiten durch Warenautomaten in den USA bereits für die Zeit um 1900 fest­
gestellt; siehe dies., Automatic Trade. Self-Service and the Polycentric Early History o f Slot
M achines, in: Ralph Jessen u. Lydia Langer (Hg.), Transformations of Retailing in Europe
After 1945, Aldershot 2012, S. 103-114, hier S. 113 f.
34 Zur Umfrage unter Automatenbesitzern siehe Weyer, Entwicklung und Struktur des deut­
schen Tabakwareneinzelhandels, S. 181. Auch stieg der Umsatz an Zigaretten durch den
Automateneinsatz insgesamt: Friedrich, Entwicklung, Aufbau und Lage des deutschen Zi­
garettengewerbes, S. 110 f. Zu den 1950er Jahren siehe Doren, Blend-Cigarette.
35 Zur frühen Geschichte des Streichholzes siehe Hermann Pilz, Ueber den Tabak und das Rau­
chen. Ernstes und Heiteres aus der Culturgeschichte, Leipzig 1899, S. 206-211. Zu Sicher­
heitshölzern siehe Helmuth Aschenbrenner u. Günther Stahl, Handbuch des Handels mit
Tabakwaren [1939], Oldenburg 1950, S. 477. Zum Taschenfeuerzeug siehe: Die Geschichte
In den 1920er und 1930er Jahren änderten sich somit die zeitlichen Rahmen­
bedingungen des Rauchens im Privaten wie im Öffentlichen grundlegend. Rau­
chen war mit dem Ende der Zwischenkriegszeit unter jeden Umständen mög­
lich geworden, und die neuen Distributionsstrategien der Zigarettenkonzerne
verstärkten die seit Ende des Ersten Weltkrieges augenscheinliche Omnipräsenz
des Rauchens im öffentlichen Leben. Nun konnte nicht nur im räumlich ab­
getrennten Zimmer in der eigenen Wohnung oder dem eigenen Haus, dem Her­
ren- oder Raucherzimmer geraucht werden, sondern auch unterwegs, auf dem
Weg zur Arbeit, auf der Straße und in Parks. Von der Ruhe des Tabakgenusses,
die vor allem mit der allgemein verbreiteten Praxis des Rauchens nach dem Es­
sen in einem extra hierfür vorgesehenen Zimmer verbunden wurde, war zu Be­
ginn des Zweiten Weltkriegs nicht mehr viel übrig: Die Zigarette war zur über­
all und jederzeit erwerb- und rauchbaren Tabakware geworden.36 Insbesondere
die Infrastruktur der Großstadt machte das Rauchen zu jedem Zeitpunkt und
bei jeder Gelegenheit möglich. Ohne Stadt - keine Zigarette, so ließe sich die
gängige Interpretation des frühen 20. Jahrhunderts zusammenfassen. Dabei
wurde der Beschleunigung des Rauchens eine geradezu unumkehrbare Faktizi­
tät nachgesagt: »Die Zigarette ist das Symbol der Zeit«, argumentierte Chelius
1930, »einer Zeit der Zivilisation mit ihrem atemraubenden Rhythmus. [...] Sie
negieren, hieße die Zeit zu negieren, und wer sich bemüßigt fühlt, gegen dieses
Zeitsymbol Sturm zu laufen«, so Chelius, »müßte erst die ganze Zeit umkrem­
peln, ehe es ihm gelänge, einen sichtbaren Erfolg zu verzeichnen.«37

II. Die Zigarette und die Raucherpause im Fabrikalltag

Neben dem beschleunigten Lebenstempo der Großstadt bot auch der industri­
elle Arbeitsalltag in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einen zeitgenös­
sischen Erklärungsansatz für den deutlichen Anstieg des Zigarettenkonsums.
Der Erfolg der Zigarette wurde von Tabakindustrie und Zigaretten-Advokaten
nicht nur auf einen spezifisch metropolitanen Zeitrhythmus, sondern auch auf
ein neuartiges industrielles Arbeitszeitregime zurückgeführt, welches sich im
Kontrast zur vorindustriellen Zeitordnung unter anderem durch kürzere Pau­
senzeiten in städtischen und stadtnahen Fabriken auszeichnete. Man habe, so
beispielsweise der Rechtswissenschaftler Albert Manicke in einem Tabaksteuer­
gutachten von 1906, in der »gemächlichen Zeit, in der von dem heutigen ruhe-

des Zündholzes, in: Berliner Kolonialwaren-Zeitung, 25.5.1913, S. 359. Zum Aufkommen des
Reibradfeuerzeugs siehe Aschenbrenner u. Stahl, Handbuch des Handels mit Tabakwaren,
S. 478 f.
36 Zum Raucherzimmer siehe Matthew Hilton, Smoking in British Popular Culture 1800-2000.
Perfect Pleasures, Manchester 2000, S. 34 f. u. S. 52.
37 Chelius, Von der Tabakpfeife zur Zigarette, S. 2.
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losen Hasten und Jagen auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit noch kaum
eine Spur sich zeigte«, noch Muße für das Rauchen einer Pfeife oder einer
Zigarre gehabt. »Heute ist das anders, heute findet sich nur die Zeit zu einem
kurzen Genuss, zum Pausenrauchen! Intensive Arbeit - intensiver kurzer Ge­
nuss!« Aus der modernen Arbeitswelt, so Manicke weiter, ergebe sich das Be­
dürfnis, »in den kurzen Pausen, die angestrengte geistige und industrielle Tätig­
keit lassen, durch ein paar kurze und kräftige Züge dem Geist eine schnelle
Erholung und Anregung zu bieten.« Kurzum: »Diesem Bedürfnis entspricht die
Zigarette.«38
Das von Manicke beobachtete moderne Arbeitszeitregime, dem die Ziga­
rette in ihrer Eigenschaft des schnellen Genusses ideal entsprach, gründete in
der Annahme, dass alle industriellen Arbeitsabläufe immer effizienter gestaltet
werden könnten. Nicht nur die Arbeitsabläufe selbst, sondern auch Ruhe- und
Pausenzeiten würden dem Prinzip der effizienteren Ausnutzung der zur Verfü­
gung stehenden Zeit folgen. In den 1960er Jahren charakterisierte E. P. Thomp-
son diesen Zusammenhang von Zeitordnung und Arbeitsdisziplin mit der
These einer durchdringenden Rhythmisierung der Arbeitswelt in der industri­
ellen Moderne. Die puritanisch-kapitalistische Ideologie einer effizienten Nut­
zung der individuell verfügbaren Zeit habe, so Thompson, eine Zeitordnung
der strikten Trennung von Arbeit und Leben hervorgebracht, die alle anderen
Konzepte gesellschaftlicher Zeitordnungen überlagere.39 Ähnlich wie Strese-
manns Beobachtung, dass sich die zeitlichen Umstände der Großstadt letztend­
lich im Konsum widerspiegelten, so mussten sich auch die zeitlichen Umstände
des Arbeitslebens auf die Konsum- und Genussgewohnheiten der Arbeiter nie­
derschlagen. Für viele verkörperte die Zigarette diesen temporalen Wandel der
Industrialisierung. Sie fügte sich in den effizienten Herstellungsprozess des In ­
dustriezeitalters ein, als wäre sie speziell für die kurzen Pausen der industriellen
Produktion erfunden worden.
Der Einfluss des Tabaks auf die Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers
war seit Ende des 19. Jahrhunderts immer häufiger Gegenstand medizinischer
Untersuchungen. Bereits 1901 hatte der französische Physiker Charles Samson
Fere (1852-1907) experimentell festgestellt, dass der Tabak die Muskelleistung
vor allem bei Ermüdung kurzfristig steigern konnte. Das Forschungsinteresse
konzentrierte sich zumeist auf die Leistungssteigerung im Kampf gegen Mü-

38 Albert Manicke, Die Tabaksteuervorlagen, in: Finanz-Archiv 23. 1906, H. 2, S. 289-331, hier
S. 309. Eine noch frühere Verbindung von Pausenrauchen und Fabrikarbeit findet sich bei
Julius Stettenheim, Gentlemans Rauch-Brevier, Stuttgart 1880, S. 10 f.: »Rauchen und Ar­
beiten sind Gegensätze, deshalb sollte man auch [...] das Schmauchen während der Thätig-
keit am Arbeitspulte, im Felde oder in den Fabriken meiden. [ . ] Wem aber bei einer kleinen
Pause der Arbeit, bei vorübergehenden Besuchen, auch zu sonst unumgänglichen kleinen
Gängen, der Duft des Tabaks ein Bedürfnis ist, der greife zum eleganten Etui und rolle sich
ein kleines türkisches Lockköpfchen zur Ausfüllung der flüchtigen Minuten.«
39 E. P. Thompson, Time, Work-Discipline and Industrial Capitalism, in: Past & Present 38.
1967, S. 56-9 7 , hier S. 94 f.
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digkeit und Erschlaffung40 Der Tabak galt vielen Ärzten dabei als im Grund­
satz von anderen Genuss- und Rauschpharmaka verschieden. Der deutsche
Arzt Johannes Bresler (1866-1942) befand das Tabakrauchen, etwa anders als
den Alkohol, für förderlich im Kontext ökonomischer Leistungsaufrechterhal­
tung: »Tabak beansprucht nur, uns zur Überwindung von Müdigkeit, zur Voll­
führung von Leistungen soweit behilflich zu sein, als mit unserem Kräftebudget,
mit unserer seelischen Harmonie verträglich ist.« Der Alkohol hingegen lasse
»uns Kräfte vergeuden und drückt die Beschaffenheit der Leistung herab!« Ih ­
rer Wirkung nach sei die Zigarette - ganz ähnlich wie im Kontext der Großstadt
bei Chelius - »weniger oder wenigstens nicht in erster Reihe als Genußmittel
anzusehen [...], sondern im wesentlichen als geistiges und Nerven-Sparmittel,
bei dem die Hervorrufung angenehmer Empfindungen ein Nebenerfolg ist, in ­
dem mit der Beseitigung der Ermüdung ein Schwinden des Ermüdungsgefühls,
also eines Unlustgefühls einhergeht, nicht aber ein rauschartiges Lustgefühl er­
zeugt wird.«4i Auch die Zigarettenhersteller griffen diese Vorstellungen auf und
propagierten in gezielten Reklamezyklen die schnelle Regeneration bei harter
körperlicher Arbeit. Reemtsma bewarb beispielsweise 1932 seine Zigaretten mit
einem mehrteiligen Plakatzyklus, der den Vorteil der Zigarette für geistige und
körperliche Arbeit hervorhob. Ein Bauarbeiter wurde mit dem Satz zitiert: »Zur
Beruhigung meiner Nerven rauche ich doch lieber erst mal eine Reemtsma Ci­
garette Ernte 23«, Ingenieure und Techniker erhielten den Rat: »Die Cigarette 23
hilft bei der Arbeit! Sie verschafft Ruhe, Geduld und Entspannung«, und Archi­
tekten und Bauzeichnern riet die Werbung: »Bei wichtigen Entscheidungen hilft
eine gute Zigarette oft über Schwierigkeiten der Lösung hinweg.« Vor allem bei
Herstellern, die wie das Unternehmen Eckstein ausschließlich für die Niedrig­
preisklassen produzierten, sollten diese Konnotationen bis in die zweite Hälfte
des 20. Jahrhunderts beibehalten werden. Der rauchende Kumpel wurde für
Eckstein zum wiederkehrenden Symbol für die Hauptzielgruppe.42
Im Vergleich zu anderen Genussmitteln blieb das Tabakrauchen bis zum
Ende des 19. Jahrhunderts ein wenig verbreitetes Phänomen während der Fa­
brikarbeit. Was dem großstädtischen Bohemien nach 1900 Haschisch und Ko­
kain waren, war dem industriellen Arbeiter bis weit in die erste Hälfte des

40 Charles Fere, Travail et plaisir. Nouvelles etudes experimentales de psycho-mecanique, Paris


1904, S. 316-323. Zu geistiger Arbeit und Tabakkonsum siehe Carl Ferdinand van Vleu-
ten, Tabakgenuß und geistige Arbeit. Eine Umfrage, in: Nord und Süd 34. 1909, S. 135-144,
S. 232-241 u. S. 360-368.
41 Bresler, Einwirkung des Tabakgenusses auf den m enschlichen Körper, S. 226 f., u. S. 229.
42 Alle Beispiele finden sich in: Stefan Rahner u. Museum der Arbeit (Hg.), Werbewelten made
in Hamburg. 100 Jahre Reemtsma, Hamburg 2010, S. 168 u. S. 171. Das Fam ilienunterneh­
men Eckstein wurde 1923 von Haus Neuerburg und 1929 von Reemtsma übernommen. Der
R uf der Zigarettenmarke Eckstein No. 5 als Fabrikarbeiterzigarette des Ruhrgebiets wurde
in den 1920er und 1930er Jahren zum eigentlichen Markenkern und bis in die 1950er Jahre
auch in der Produktwerbung eingesetzt.
20. Jahrhunderts der Alkohol.^ Schon frühzeitig hatten Unternehmen aller
Branchen Alkoholverbote auf den Weg gebracht und Strategien entwickelt, die
notorische Trunkenheit bei der Arbeit zu verringern. Mit der Bereitstellung
von Kaffee, Tee, Mineralwasser und Milch sollte der Alkoholkonsum in der Fa­
brik minimiert werden. Die Reihe von Maßnahmen zur Alkoholverringerung
wurden sogar auf das Leben der Werksangestellten jenseits der Arbeitszeit aus­
gedehnt; so gab es Versuche, den Arbeitern Alternativen zum Wirtshaus zu bie­
ten und sie von diesem fernzuhalten, beispielsweise durch vom Werk angebo­
tene Sportmöglichkeiten.44 Erst mit dem späten 19. Jahrhundert etablierte sich
am Arbeitsplatz auch das Tabakrauchen neben dem Trinken von Branntwein
und Bier. Zunächst war es allerdings nicht die Zigarette, sondern die Pfeife,
die sich unter den Arbeitern - nicht zuletzt aus Kostengründen - großer Be­
liebtheit erfreute45 Erst nach dem Ersten Weltkrieg stieg die Zahl der Zigaret­
tenraucher rasch an. Trotz aller Marketingstrategien der Hersteller, Zigaretten
als geistig anregend und unter dem Gesichtspunkt der Erholung der Nerven zu
verkaufen, wurde das Rauchen während der Arbeitszeit von Fabrikanten ähn­
lich dem Alkoholkonsum von Anfang an zu unterbinden versucht. Im Falle der
Zigarette wurden von Arbeitgeberseite sowohl Sicherheitsgründe als auch prak­
tische Gründe, wie etwa das Arbeiten mit beiden Händen, als Argument ge­
gen die Zigarette angeführt. Gleichwohl spielten auch temporale Aspekte des
Konsums eine ernst zu nehmende Rolle: Eine unerlaubte Verlängerung oder
Ausweitung von Arbeitspausen wurde seitens der Arbeitgeber als Störung der
Arbeitsabläufe bewertet. Selbst die schnelle Zigarette konnte an dieser grund­
legenden Ablehnung von Arbeitsunterbrechungen nichts ändern.

43 Walter Benjam in, Über Haschisch. Novellistisches, Berichte, Materialien, Frankfurt 1972,
S. 9 5 -9 7 u. S. 101. Die Liste überlieferter Drogenexperimente ließe sich mit Namen wie
Hans Fallada (1893-1947), Ernst Jünger (1895-1998) und Klaus M ann (1906-1949) fortfüh­
ren. Siehe hierzu Werner Pieper (Hg.), Nazis on Speed. Drogen im 3. Reich, 2 Bde., Löhr­
bach 2009. Zum Alkoholkonsum unter Industriearbeitern siehe Hasso Spode, Die Macht
der Trunkenheit. Kultur- und Sozialgeschichte des Alkohols in Deutschland, Opladen 1993,
S. 248 f. Der starke Alkoholkonsum war bis weit ins 20. Jahrhundert ungebrochen. Davon
zeugen beispielsweise Rundschreiben des Regierenden Bürgermeisters von Berlin Adolf
Wermuth (1855-1927) und seines Stellvertreters Georg Reicke (1863-1923) aus den Jahren
1914 und 1917, in denen der weiterhin ungebrochene Alkoholkonsum vor und während der
Arbeitszeit in den Berliner Verwaltungsbehörden beklagt wurde; siehe Landesarchiv Berlin
[im Folgenden LAB], A Rep. 001-02 Nr. 3326.
44 Albert Mandel, Soziale Abteilung. W ohlfahrts-Einrichtungen, in: Friedrich Bayer u. Carl
Duisburg (Hg.), Geschichte und Entwicklung der Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer &
Co. Elberfeld in den ersten 50 Jahren, München 1918, S. 565-575, hier S. 573.
45 A lf Lüdtke, Arbeitsbeginn, Arbeitspausen, Arbeitsende. Skizzen zu Bedürfnisbefriedigung
und Industriearbeit im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in: ders., Eigen-Sinn. Fabrikalltag,
Arbeitererfahrungen und Politik vom Kaiserreich bis in den Faschismus, Hamburg 1993,
S. 85-119, hier S. 100. Für Österreich siehe Roman Sandgruber, Bittersüße Genüsse. Kultur­
geschichte der Genußmittel, W ien 1986, S. 112.
Wie in den meisten Betrieben seit geraumer Zeit ein Alkoholverbot bestand,
erfolgte mit der Zunahme des Tabakkonsums auch ein Rauchverbot oder zu­
mindest eine starke Limitierung des Rauchens während der Arbeitszeit und
auf dem Werksgelände.46 Nun wurden für viele Fabriken auch spezielle Rauch­
ordnungen erlassen, die reglementierten, wer wann und wo rauchen durfte.
Einen gut überlieferten Entscheidungsprozess zur Genese der innerbetrieb­
lichen Rauchordnung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bieten die Far­
benfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co. in Leverkusen, in denen bereits vor
dem Ersten Weltkrieg ein allgemeines Rauchverbot eingeführt w urde47 Ein
eingeschränktes Verbot aus dem Jahre 1911 wurde zu Beginn des Jahres 1913
in ein absolutes Rauchverbot abgeändert, welches bis Ende des Ersten Welt­
kriegs fast unverändert Bestand hatte. Die räumliche Grenze zwischen dem
Rauchverbot auf dem Fabrikgelände und der allgemeinen Raucherlaubnis in der
umgebenden städtischen Öffentlichkeit markierten nun Zigarren- und Pfeifen­
anzünder bei den Pförtnern an den Werkstoren.48 Während des Krieges häuf­
ten sich die Verstöße gegen die strikte räumliche Trennung und wurden mit
»Rücksicht auf die zur Zeit erhöhte Feuergefährlichkeit der Fabrik« ab April
1916 mit einer Geldstrafe von mindestens sechs Reichsmark geahndet.49 Das
Rauchen hatte mittlerweile durch den Krieg eine ausgesprochen weite Ver­
breitung gefunden. In der Rückschau erklärte ein Vertreter der Werksleitung,
dass unmittelbar nach Kriegsende ausnahmslos jeder geraucht habe.™ Ange­
sicht dieser neuen Umstände sah sich die Werksleitung gezwungen, das strikte
Rauchverbot zu lockern. Dieses Novum wurde unter ausdrücklicher Zustim­
mung des Arbeiter- und Angestelltenausschusses beschlossen und trat im Früh­
jahr 1919 in Kraft.
Auf den Vorschlag der Werksleitung hin stimmte der Arbeiterausschuss zu,
das »Rauchen in der freien Zeit in den Kaffeestuben [...], in den Laboratorien,
Kesselhäusern, im Ofenhaus der S. O.3-Fabrik und an den Feuerschmieden« zu
erlauben.5i Die Werksleitung war zuvor am Versuch gescheitert, im Gegenzug

46 Nicht so in der öffentlichen Verwaltung, wo Rauchverbote, wie beispielsweise in Berlin, nur


in Büros mit Publikumsverkehr erlassen wurden; siehe LAB, A Rep. 005-04 Nr. 36.
47 W ährend historische Rauchordnungen von Unternehmen nicht selten überliefert sind, feh­
len zumeist Nachweise über deren Entstehungsprozess. Die Farbenfabriken Bayer stellen in
dieser Hinsicht eine günstige Ausnahme dar.
48 Bayer Archiv, Leverkusen [im Folgenden BAL], 338-023, Abschrift des Gutachtens von Re­
gierungsrat K irchner vom 16.10.1921, S. 2.
49 BAL, 10-15 (Vol. 2), Schreiben des Direktoriums an das Sekretariat des Generaldirektori­
ums vom 29.4.1916.
50 BAL, 338 -0 2 3 , M itschrift der Besprechung über den neuen Entw urf der Rauchordnung
vom 23.9.1921, S. 2 f. Auf diese Aussage bezieht sich wohl auch das K irchner-G utach­
ten, wenn es dort heißt, dass nach der Novemberrevolution von 1918 »anscheinend über­
all geraucht worden« sei; siehe Abschrift des Gutachtens von Regierungsrat K irchner vom
16.10.1921, S. 2 f.
51 BAL, 214-11, Niederschrift über die Sitzung des Arbeiterausschusses vom 5.6.1919 (Beschluss­
protokoll), S. 150 f., hier S. 150. SO3 steht hier für die chemische Verbindung Schwefeltrioxid.
zu einer lokalen Einschränkung des Rauchverbots, die Mittagspause der Werks­
angestellten von einer halben Stunde zu verdoppeln; auch einen Kompromiss­
vorschlag, die Hauptpause auf eine Dreiviertelstunde zu erhöhen, lehnte die Ar­
beitervertretung ab. Die Unternehmensleitung befürchtete, dass sich durch die
Rücknahme des Rauchverbots, beispielsweise in den Kaffeestuben die Über­
schreitungen der Mittagspause, die bereits die Einführung einer Mittagskon­
trolle notwendig gemacht hatten, noch weiter verschlimmerten.52 Stattdessen
wurden die Arbeitervertreter dazu verpflichtet, »mit allen Mitteln dafür zu sor­
gen, dass die Arbeitszeiten pünktlich innegehalten würden.«53 Bei den Verhand­
lungen um das Rauchverbot schwang aus der Sicht der Werksleitung die zeit­
liche Implikation des Rauchvorgangs immer mit: Wenn das Rauchen generell
erlaubt würde, käme es dadurch zu Arbeitszeitverkürzungen und konterkariere
folglich die Produktionsleistung.
Die Mitarbeiter übertraten selbst das neue, gelockerte Rauchverbot, das eine
Fülle von Ausnahmen beinhaltete - Hauptstraßen auf dem Firmengelände,
Anorganische Abteilung, Metallwerkstätten, Kesselhäuser, Maschinenhäuser,
Aufenthaltsräume, Lagerplätze, Branddirektion und Pförtnerstuben, Labora­
torien, Büros und Schreibstuben - , in den folgenden beiden Jahren in zuneh­
mendem Maße.54 Insbesondere während Übergangsphasen im alltäglichen Ar­
beitsprozess, beispielsweise zwischen verschiedenen Arbeitsschritten, wurde
keine Rücksicht auf Raucheinschränkungen genommen. Die Firmenleitung
plante deshalb die Verabschiedung einer wesentlich strikteren Rauchordnung,
die zum 11. Mai 1921 in Kraft treten sollte. Da die Arbeitnehmervertreter aller­
dings auf der Beibehaltung der alten, nachlässigeren Rauchordnung bestanden,
wurde die Anrufung des Schlichtungsausschusses für den Landkreis Solingen
notwendig.55
In einer etwa zweistündigen Besprechung mit anschließender Werksbe­
sichtigung kamen so am 23. September 1921 sieben Vertreter der Werkslei­
tung und fünf Gesandte der Betriebsvertretung mit dem Düsseldorfer Ober­
regierungsrat Kirchner zusammen, der ein Gutachten zu dem Entwurf der
neuen Rauchordnung verfassen sollte. Gegenstand der konkreten Erwägun­
gen für das Leverkusener Werksgelände waren dabei auch die Rauchordnun­
gen vergleichbarer Fabriken und Partner-Unternehmen. Generelles Rauchver­
bot galt für die Unternehmen BASF (Ludwigshafen), die Cassella Farbwerke

52 BAL, 214-11, Niederschrift über die Sitzung des Arbeiterausschusses vom 5.6.1919, S. 137-145,
hier S. 139 f.
53 BAL, 214-11, Niederschrift über die Sitzung des Arbeiterausschusses vom 5.6.1919 (Be­
schlussprotokoll), S. 150 f., hier S. 150.
54 BAL, 338 -0 2 3 , A bschrift des Gutachtens bzgl. der sog. »neuen Rauchordnung« vom
16.10.1921, S. 3.
55 BAL, 338 -0 2 3 , M itschrift der Besprechung über den neuen Entw urf der Rauchordnung
vom 23.9.1921. Abschrift des Gutachtens von Regierungsrat Kirchner vom 16.10.1921, S. 4.
Leverkusen gehörte bis 1929 zum Landkreis Solingen, welcher seinerzeit Teil des Regie­
rungsbezirks Düsseldorf in der Rheinprovinz war.
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Mainkur AG (Frankfurt), Agfa (Wolfen), Weiler ter Meer (Uerdingen), AEG
(Hennigsdorf) und die Phoenix AG für Bergbau und Hüttenbetrieb (Düssel­
dorf). In der Chemischen Fabrik Kalle & Co. (Wiesbaden-Biebrich) und bei den
Siemens-Schuckert- und Siemens-Halske-Werken (Berlin) war das Rauchen
hingegen in Pausen, einzelnen Büros oder in Höfen gestattet. Teilweise erlaubt
war es in der Maschinenbauanstalt Humboldt AG und Van der Zypen & Char-
lier (beide Köln). Die Eisenbahnwerkstätten Opladen (Leverkusen) und die
Deutz AG (Köln) hingegen hatten das Rauchverbot bezüglich der unterschied­
lichen Rauchwaren beschränkt und gestatteten lediglich das Rauchen kurzer
Pfeifen.56
Weder die chemische Industrie im Allgemeinen noch Bayer im Speziellen
stellten eine Ausnahme von der Regel der Rauchverbote dar. Es handelte sich
hierbei vielmehr um ein branchenübergreifendes Phänomen der industriel­
len Produktion. In der Akkumulatorenfabrik AG, die in Berlin-Kreuzberg vor
allem elektrisch betriebene Nutzfahrzeuge herstellte, wurde das allgemeine
Rauchverbot erst während des Krieges 1942 eingeschränkt und das Rauchen
fortan in Büroräumen erlaubt. Im übrigen Werk blieb Rauchen jedoch weiterhin
verboten. Selbst als die Berliner Osram GmbH KG 1934 nach einem Brand in
einer Männergarderobe ankündigte, mehr Raucherräume einzurichten, wurde
das Rauchen im Betrieb dem Brandschutz weiterhin untergeordnet.57
Die Sonderstellung der Pfeife, die ihr in den Eisenbahnwerkstätten Opla­
den und der Deutz AG in Köln zugesprochen wurde, zeugt darüber hinaus von
einem weiteren Charakteristikum im Umgang mit dem Rauchen im Fabrik­
alltag in den 1920er Jahren: Die Zigarette wurde von der Werksleitung nicht
als Möglichkeit der schnellen Regeneration nach erschöpfender körperlicher
Arbeit, sondern in erster Linie als besonderes Sicherheitsrisiko wahrgenom­
men. Im Vergleich zur Pfeife galt sie als besonders gefährlich, weil sie einfach
weggeworfen oder weggeschnipst werden konnte. Der Entw urf für eine neue
Rauchordnung sah folglich eine stark limitierte Raucherlaubnis nach Rauch­
materialien vor: Zigaretten wurden gänzlich verboten, Zigarren und kurze Pfei­
fen durften nur in bestimmten Räumen während der Pausen und während der
Nachtzeit geraucht werden. Im Kontext des industriellen Fabrikalltags spielte
die verkürzte Rauchzeit der Zigarette und ihre stimulierende Wirkung in den
offiziellen Verhandlungen zwischen Fabrikleitung und Arbeitervertretern folg­
lich nur eine untergeordnete Rolle. Das von der Werksleitung geforderte all­
gemeine und ausnahmslose Rauchverbot wurde in Folge der Empfehlung des
Schlichtungsausschusses vom Betriebsrat Ende 1921 angenommen und trat

56 BAL, 338 -0 2 3 , M itschrift der Besprechung über den neuen Entw urf der Rauchordnung
vom 23.9.1921, S. 1-3.
57 LAB, A Rep. 2 5 0 - 0 3 -0 4 Nr. 11-01, Rundschreiben der Akkum ulatorenfabrik AG Berlin
(AfA) an alle Abteilungsleiter betreffend »Raucherlaubnis« vom 18. April 1942, sowie LAB,
A Rep. 231 Nr. 412, Verwaltungsvorschrift der Osram GmbH KG betreffend »Rauchverbot«
vom 8.5.1934.
zum 1. Januar 1922 in Kraft. Kompensationen zeitlicher oder anderer Art konn­
ten die Arbeitnehmer letztlich nicht durchsetzen.^
Allerdings kam es auch nach der Einführung des allgemeinen Rauchverbots
weiterhin zu Ordnungsverstößen. 1923 hielt das Direktorium die Werksbeam­
ten zu mehr Disziplin hinsichtlich der Durchsetzung des Verbots an und verwies
erneut darauf, dass das Rauchverbot »sowohl für die Arbeitsräume als auch für
die Bäder, die Aufenthaltsräume und die Bedürfnisanstalten« zu gelten habe. Ein
Jahr später erfolgte ein abermaliger Hinweis an die Belegschaft, dass Übertretun­
gen des Rauchverbots auch zur Betriebsentlassung führen könnten. Letztendlich
blieben alle Versuche, das Rauchen auf dem Fabrikgelände und während der Ar­
beitszeit einzudämmen, erfolglos. Bereits 1925 wurde auch diese Rauchordnung
m odifiziert.^ Gestattet war das Rauchen fortan wieder für Arbeiter während der
Pause in den Aufenthaltsräumen und für die Werksfeuerwehr während des Bereit­
schaftsdienstes auf der Brandinspektion. Eine eingeschränkte Erlaubnis wurde
auch für Laboratorien und Büros erteilt. Die lange Liste der Disziplinarmaßnah­
men und zum Teil sogar Entlassungen wegen der Übertretung des Rauchverbots
zeugen allerdings von der schlussendlichen Unfähigkeit der Werksleitung, das
Rauchen der Belegschaft lokal wie temporär gänzlich zu verbieten“
Infolge des Zweiten Weltkrieges hatte sich die Zigarette schließlich vollends
als alles beherrschende Rauchware durchgesetzt. Die Frage, ob das Rauchen von
Zigarren, Zigaretten oder Pfeifen gleichermaßen erlaubt sein sollte, wurde wie
schon dreißig Jahre zuvor mit der Präferenz für Pfeifen beantwortet. In einer
entsprechenden Anweisung für den Cs-Betrieb im Bayerwerk Dormagen hieß es
im Oktober 1950: »Das Rauchen von Zigaretten ist dabei unerwünscht, da hier­
durch das Arbeiten mit 2 freien Händen unmöglich ist.« Wer rauchen wolle, so
die Anweisung, könne sich eine Pfeife zulegen“ Das Rauchen wurde in den Tei­
len des Firmengeländes zugelassen, in denen mit Feuer gearbeitet wurde, oder
die durch Nässe kein erhöhtes Brandrisiko aufwiesen®2
Zwar löste die Zigarette den Alkohol als das am stärksten verbreitete Ge­
nussmittel schon mit dem Ende des Ersten Weltkrieges ab; dass der Zigaretten­
konsum jedoch per se auf eine zeitliche Beschleunigung des Produktionspro-

58 BAL, 10-15 (Vol. 2), Bekanntm achung des Direktoriums betreffend Einführung des all­
gemeinen Rauchverbots innerhalb der ganzen Fabrik vom 17.10.1921.
59 BAL, 10-14 (Vol. 2), Bekanntm achung des Direktoriums vom 18.4.1923 u. 10.6.1924. Die
M odifizierung erfolgte noch vor dem Zusammenschluss deutscher Farbenhersteller zur
I. G. Farbenindustrie AG im selben Jahr.
60 BAL, 10-15 (Vol. 2), Rauchordnung und Bekanntm achung der Rauchordnung für die
I. G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft Leverkusen vom 11.12.1925. Seit Einführung des
Rauchverbots 1922 kam es bis in die dreißiger Jahre wegen Ü bertretung des Verbots jäh r­
lich zu durchschnittlich über 120 Strafen.
61 BAL, 375-73, Notiz zum Rauchverbot im Cs-Betrieb vom 20.10.1950. Cs steht hier für das
chemische Element Cäsium.
62 BAL, 375-73, Rundschreiben zum Rauchverbot vom 16.10.1950 und Vorschlag zum Rauch­
verbot im Borsten-Technikum vom 24.10.1950.
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zesses zurückzuführen ist, wird aus dem Arbeitsalltag in den Farbenfabriken
Bayer und den angeführten Beispielen zunächst nicht ersichtlich. Das naht­
lose Eingliedern der Zigarette in den minutiös durchgeplanten und nur kurze
Pausen zulassenden Alltag der industriellen Fabrikarbeit war und blieb in ers­
ter Linie das Narrativ der Zigarettenhersteller zur Vermarktung ihres eigenen
Produkts. Zumindest von Seiten der Werksleitung wurde das Tabakrauchen we­
der als eine der Leistungsfähigkeit dienliche oder gar notwendige körperliche
beziehungsweise geistige Erholung angesehen, noch galt ihr die Zigarette als
maximal kurzfristige Regenerationsmöglichkeit der im Laufe des Tages nach­
lassenden Arbeitskraft. Stattdessen bewertete die Werksleitung das Rauchen
im Allgemeinen und die Zigarette im Besonderen vorwiegend unter den Ge­
sichtspunkten Arbeitszeitverlust und Sicherheitsrisiko. Konzessionen an die
Werksangestellten erfolgten widerwillig und wurden alsbald wieder rückgän­
gig gemacht. Gleichzeitig versuchten die Arbeitnehmer die Verhandlungen zur
Ausweitung ihrer Rauchmöglichkeiten zu nutzen. Der Verkürzung offiziell ge­
währter Pausen stimmte die Firmenleitung angesichts der sich ausweitenden
Übertretungen der Pausenzeiten allerdings nicht zu.
Die Vehemenz, mit der die Forderung nach Raucherpausen gestellt wurde,
zeugt allerdings von der besonderen Bedeutung des Rauchens für den Alltag der
Fabrikarbeit. Diese Bedeutung kann nicht alleine auf eine allgemeine Aufleh­
nung gegen die strengen Zeitvorgaben der Fabrikleitung zurückgeführt werden,
wie sie A lf Lüdtke für die Krupp-Werke in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­
derts nachgewiesen hat.63 Bei den Verhandlungen über die Raucherpausen ging
es ebenso um die Möglichkeit des Ausruhens und der Regeneration; die Pau­
senreglung für das Rauchen während der Dienstzeit war folglich mehr als nur
das Mittel zum Zweck einer temporären Arbeitsverkürzung. Das Verbot solcher
Arbeitsunterbrechungen konnte insofern auch nichts daran ändern, dass die
Zigarette im Fabrikalltag immer gegenwärtiger wurde. Demnach waren es ge­
rade nicht die Pausenzeiten im Arbeitsalltag der industriellen Moderne, die
letztlich zur weiteren Verbreitung der Zigarette beitrugen; vielmehr lässt sich
vermuten, dass es gerade das Rauchverbot auf dem Werksgelände war, das den
Wechsel von den länger brennenden Pfeifen und Zigarren zur Zigarette for­
cierte. Die häufige Widersetzung gegen das Verbot, von der die interne Statistik
der Verstöße zeugt, konnte immerhin mit der schnellen Zigarette eher heimlich
passieren als durch das längere Rauchen einer Pfeife oder Zigarre.

63 Vgl. Lüdtke, Arbeitsbeginn, Arbeitspausen, Arbeitsende.


III. Die Zigarette und das Rauchen im Krieg

Neben der leistungsfördernden Wirkung im Arbeitsalltag der industriellen M o­


derne wurde dem Tabak seit seinem Durchbruch in Europa im 17. Jahrhun­
dert in Militärkreisen auch eine wichtige Unterstützungsfunktion für Soldaten
in Kriegszeiten zugesprochen.64 Was für den Aufstieg der Zigarre die napoleo-
nischen Kriege (1792-1815) bedeuteten, war für den Aufstieg der Zigarette der
Krimkrieg (1853-1856). Englische Offiziere sollen von russischen und osmani-
schen Soldaten das Selbstdrehen von Zigaretten gelernt und daraufhin in Lon­
doner Clubs eingeführt haben.65 Zur gesamtgesellschaftlichen Verbreitung der
Zigarette kam es allerdings erst mit den Weltkriegen, die die Funktion gewal­
tiger Katalysatoren übernahmen. Aufgrund der weitreichenden gesellschaft­
lichen Mobilisierung der beteiligten Nationen erlangte die Ausbreitung der
Zigarette eine bis dato in Europa ungekannte Durchdringung aller gesellschaft­
lichen Schichten und Gruppen.
Tabak galt über die Jahrhunderte als bedeutend für die Aufrechterhaltung der
Moral und Motivation der kämpfenden Truppen. Vor allem die Pfeife hatte sich
im 19. Jahrhundert als weitverbreitetes Attribut des Soldaten im Felde etabliert
und blieb bis zum frühen 20. Jahrhundert beliebt.66 Erst die beiden Weltkriege
popularisierten die Zigarette als typisch soldatisches Kennzeichen, bis schließ­
lich die Virginia-Blend-Zigarette, die Anfang 1945 mit den amerikanischen Be­
satzungstruppen Einzug in Deutschland hielt, vollends zum Charakteristikum
des Soldaten in der zweiten Nachkriegszeit wurde®7
Die militärische Führung sprach dem Tabak vor allem aus psychologischen
Gründen Bedeutung für die im Kampfe stehenden Truppen zu. Generaloberst
Hans Hartwig von Beseler (1850-1921), Generalgouverneur des Generalgouverne­
ment Warschau, erklärte 1915 angesichts einer öffentlichen Befragung ranghoher
Militärs zur Rolle des Tabaks im Kriege: »Wenn es die größte aller Aufgaben im
Felde ist, einen frischen und fröhlichen Sinn zu beleben und zu erhalten, so ist uns
Führern für diese Aufgabe der Tabak der teuerste Helfer [...]. Der Tabak«, so von
Beseler weiter, »ist für uns alle ein wackerer und teurer Mitkämpfer geworden.«®8

64 Annerose Menninger, Genuss im kulturellen Wandel. Tabak, Kaffee, Tee und Schokolade
in Europa (16.-19. Jahrhundert), Stuttgart 2008, S. 283. Vor allem trug der Dreißigjährige
Krieg zur Verbreitung des Rauchens in Europa bei: Egon Caesar Conte Corti, Die Geschichte
des Rauchens. »Die trockene Trunkenheit«. Ursprung, Kam pf und Triumph des Rauchens
[1930], Frankfurt 1986, S. 295 f.
65 Corti, Geschichte des Rauchens, zur napoleonischen Zeit: S. 244 f., zum Krim krieg: S. 283.
66 Fritz Hansen, Die Tabakpfeife des Soldaten, in: Die Wochenschau 8. 1916, S. 597-599.
67 Vgl. Christoph M aria Merki, Die am erikanische Zigarette - das M aß aller Dinge. Rauchen
in Deutschland zur Zeit der Zigarettenwährung (1945-1948), in: Thomas Hengartner u.
Christoph M aria Merki (Hg.), Tabakfragen. Rauchen aus kulturwissenschaftlicher Sicht,
Zürich 1996, S. 57-8 2 . Vgl. auch Tino Jacobs u. Sandra Schürmann, Rauchsignale. Struktu­
reller Wandel und visuelle Strategien auf dem deutschen Zigarettenm arkt im 20. Jahrhun­
dert, in: Werkstatt Geschichte 16. 2007, H. 45, S. 33-52.
68 Das Rauchen im Felde. Eine Umfrage bei den Heerführern, in: Berliner Tageblatt, 4.1.1916.
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Diskussionen um den Status des Tabakrauchens als lebensnotwendige Verpfle­
gungsergänzung während des Ersten Weltkriegs zeugen ebenfalls von der Be­
deutung, die dem Tabak für die Aufrechterhaltung der Kampfmoral zugeschrie­
ben wurde®9 Die Dauer des Kriegs verschärfte die Spannung zwischen der für
die Aufrechterhaltung der Kampfbereitschaft als Notwendigkeit begriffenen
Tabakverteilung und der gleichzeitigen Abhängigkeit von Tabakimporten. Eine
Antwort hierauf suchte die Reichsregierung in der Schaffung von Kriegsgesell­
schaften, die den freien Handel teilweise unterbanden und den bestehenden
W irtschaftsbetrieb durch Steuerung, Beschlagnahmung und Kontingentierung
erhalten sollte. Am 6. Dezember 1915 erfolgte die Gründung der Zigaretten-Ta-
bak-Einkaufsgesellschaft (Zitag) mit Sitz in Berlin, die insbesondere für kleinere
Unternehmen der Branchen den Ankauf von Rohtabak aus Bulgarien und der
Türkei sicherstellen sollte. Für die Zigarrenbranche wurde zum gleichen Zweck
am 10. Oktober 1916 die Deutsche Tabakhandelsgesellschaft (Detag) mit Sitz
in Bremen (Überseetabak) und Mannheim (Inlandstabak) gegründet. Beide Ge­
sellschaften dienten primär dem gesteigerten Heeresbedarf in Kriegszeiten.™ Sol­
daten standen ab Februar 1915 täglich jeweils zwei Zigarren und zwei Zigaretten
zu, Anfang 1918 wurden mangels Zigarren nur noch eine Zigarre und vier Ziga­
retten via Feldpost versandt. Noch in den letzten Monaten des Krieges lieferte die
Reichswehr monatlich eine Milliarde Zigaretten und knapp 240 Millionen Zi­
garren aus. Der allgemeine Tabakkonsum unter den Soldaten wird dennoch weit
höher gelegen haben. Eine wichtige Bezugsquelle waren betriebliche und familiäre
Liebesgaben, deren Reichweite und Ausmaße allerdings quantitativ nirgendwo
erfasst wurden. Der Anteil der Raucher im Kriegsdienst war dementsprechend
hoch. Schätzungen zufolge kam bereits Ende 1916 lediglich ein Nichtraucher
auf hundert Raucher, wobei die Nachfrage der Soldaten nach Zigaretten, die von
Zigarren bereits überstieg/i

69 Das bekannteste Beispiel stammt von General Pershing, Oberkommandierender der US-
am erikanischen Streitkräfte in Frankreich, der 1917 nach W ashington meldete: »Tobacco is
as indispensable as the daily ration; we must have thousands o f tons without delay«, zit. n.
Albert Edward Hamilton, This Smoking World, New York 1927, S. 11.
70 Fritz Leistner, Der deutsche Zigarren- und Zigarettenhandel, Diss. Universität Frankfurt
1922, S. 79 f. u. S. 82. Zur staatlichen Steuerung des Tabakmarktes im Ersten W eltkrieg siehe
auch B. Zimmern, Die Tabakbewirtschaftung in Deutschland während des Krieges und
der Übergangszeit, in: Jacob W olf (Hg.), Der Tabak und die Tabakfabrikate, Leipzig 1922,
S. 261-272.
71 Konrad Lau, Die Heeresverpflegung, in: M ax Schwarte (Hg.), Der Große Krieg 1914-1918,
Bd. 9: Die Organisation der Kriegsführung, Zweiter Teil: Die Organisation für die Ver­
sorgung des Heeres, Leipzig 1923, S. 1-96, hier S. 64 f. Exemplarisch für die Liebesgaben
seien hier genannt Saul Bail Kahane (Hg.), Die Firma Zigarettenfabrik »Stambul« J. Borg
G.m.b.H. Danzig im Liebesgabendienst des Kriegsjahres 1914 - 1. August - 1915, Danzig
1915, und Sammelstelle für Zigarren und Zigaretten (Hg.), Die Zigarre im Felde! Liebes-
gaben-Zigarren-Verteilung hinter der Front, München 1915. Zum Raucheranteil unter deut­
schen Soldaten siehe: Der Tabak an der Front. Auf hundert Raucher ein Nichtraucher, in:
Offizielle Zeitung der Deutschen Zigarren-Laden-Inhaber, 15.10.1916, S. 9.
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Tabak auch offiziell nicht mehr als Genuss­
mittel, sondern als Lebensmittel und existenziell wichtiges Verpflegungsgut
der Wehrmacht eingestuft. Der Reichskommissar für Aus- und Einfuhrbewil­
ligung Hermann Landwehr (1884-1955) erklärte 1942, dass ihm zu Kriegsbe­
ginn ein höherer Offizier gesagt habe, dass es viel wichtiger sei, Zigaretten zu
haben als Butter.72 War während des Ersten Weltkriegs noch häufig ganz all­
gemein die Rede von der Versorgung der Truppe mit Tabaknachschub, so hatte
sich im Zweiten Weltkrieg ein grundlegender Wandel in der Versorgungsstrate­
gie der Wehrmacht vollzogen. Der Zigarettenkonsum war in den dreißiger Jah­
ren bereits so stark angestiegen (vgl. Abb. 1), dass die Zigarette der Reichswehr
bei ihren Verpflegungsplanungen als wichtigstes Tabakprodukt galt. Kurz nach
Beginn der Kampfhandlungen wurden bereits zwanzig Prozent mehr Zigaret­
ten als in Friedenszeiten produziert, die Rauchtabakindustrie steigerte ebenfalls
ihre Produktion, wenn auch nur um fünf Prozent, während die Zigarrenherstel­
ler ihre Fabrikation bereits Mitte 1941 deutlich um bis zu zwanzig Prozent im
Vergleich zur Vorkriegszeit verringerten/3
Wie lässt sich dieser Wechsel zur Zigarette in den Weltkriegen erklären? Als
Grund für die allgemeine Bedeutung des Tabakkonsums in Kriegszeiten wird ge­
wöhnlich seine vielseitige Verwendungsmöglichkeit bemüht; er galt in den Krie­
gen des 19. und 20. Jahrhunderts schlichtweg als wirkungsvolles und schier uni­
versell einsetzbares Substitutionsmittel gegen Hunger, Einsamkeit, Langeweile
und Anspannung.74 Eine überzeugende Erklärung für den kriegsbedingten Auf­
stieg der Zigarette zur meistgerauchten Tabakvariante kann diese auf alle Tabak­
waren gleichermaßen zutreffende Interpretation allerdings nicht liefern - zumal
ausgerechnet der Erste Weltkrieg eine temporäre Rückkehr der kurzen Pfeife er­
kennen ließ. Insbesondere die Zigarre konnte sich zu Kriegszeiten nicht halten.
Dabei sind es erneut die zeitlichen Eigenschaften der Zigarette, die ihren spe­
ziellen Vorteil gegenüber der Zigarre und der Pfeife im Krieg ausmachten. Zum
einen kann ihr Erfolg auf den einstweiligen Verlust der Zeitautonomie in Kampf­
handlungen zurückgeführt werden, den die Soldaten in Extremsituationen an der
Front erfuhren und der den Genuss anderer Rauchwaren erschwerte. Der Kon­
sum von Zigarren beispielsweise setzte eine gewisse freie Verfügung über die
eigene Zeit voraus, die aber dem unkalkulierbaren Fronteinsatz anheim fiel/5

72 Siehe hierzu Heinz Habedank, Zur Eingliederung des deutsch-bulgarischen Waren- und
Zahlungsverkehrs in die w irtschaftlichen Kriegsvorbereitungen und in die Kriegswirt­
schaft des deutschen Imperialismus (1931-1941), in: Bulletin des Arbeitskreises »Zweiter
Weltkrieg« 1978, H. 3/4, S. 88-116, hier S. 98.
73 Christoph M aria Merki, Die nationalsozialistische Tabakpolitik, in: VfZ 46. 1998, S. 19-42,
hier S. 34, Anm. 78.
74 Siehe hierzu jüngst Dirk Schindelbeck u. a., Zigaretten-Fronten. Die politischen Kulturen
des Rauchens in der Zeit des Ersten Weltkriegs, Marburg 2015, insb. Kap. »Gebrauch und
Begegnung«, S. 103-160.
75 Bernd Kölling, Das Öl im Kompaß. Zur Geschichte der Zigarre in Deutschland (1850-1920),
ZfG 45.1997, S. 219-240, hier S. 240.
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Im Vergleich zur Zigarette genügten Pfeife und Zigarre diesem temporalen
Strukturwandel nur unzureichend. Als Erfahrungskategorie des Fronteinsatzes
wird dieser Widerspruch zwischen zeitintensivem Genuss und Kriegsalltag in
einem Soldatenwitz greifbar, der im zweiten Kriegsjahr weite Verbreitung fand:
»Zigarrenmarke Handgranate: Wenn man sie angezündet hat, muss sie gleich
weggeworfen werden.«76
Neben der Verkürzung der Rauchzeit, die unter den Bedingungen des Massen­
krieges eine adäquatere temporale Eigenschaft darstellte, war es zum anderen die
beschleunigte Wirkung der Zigarette, die ihr einen Vorteil gegenüber der Zigarre
verschaffte. Der Neurologe und Psychiater Kurt Pohlisch (1883-1955) folgerte
1954, dass die Nikotinzufuhr der verschiedenen Rauchwaren entscheidend auf
die Präferenz der Soldaten hinsichtlich Pfeife, Zigarre und Zigarette eingewirkt
habe. Die Nikotinzufuhr beim Paffen einer Zigarre unterscheidet sich nämlich
erheblich von dem des inhalierten Zigarettenrauchs.77 Die Zigarre, so Pohlisch,
bleibe zunächst auch nach minutenlanger »Zufuhr ohne spürbare Wirkung«.
Erst allmählich setze eine »stetige Steigerung der Zufuhr bis zum Ende des Rau­
chens nach etwa 10 bis 30 oder mehr Minuten« ein. Dagegen erfolgt die Niko­
tinzufuhr beim Zigarettenrauchen durch die gängige Inhalation intensiver und
auf der Stelle: »die Kurve der Nikotinresorption und der spürbaren Wirkung
steigt nach mehreren Zügen, etwa nach 3 -5 , also in ca. 3 0 -6 0 Sekunden, steil
an und hält sich in großer Höhe bis zum Ende des Rauchens nach ca. 5 Minu­
ten.« Bereits ihre materielle Charakteristik »kommandiert flottes Rauchtempo
und eine dementsprechende Motorik. Relativ einheitliche Form, Größe, Tabak­
menge. Mehrfach tagsüber rasche, kurze Nikotinsättigung mit etwa 5 Minuten
Geschmacksgenuß.« Damit ist der Wirkungsunterschied von Zigarre und Ziga­
rette ein zeitlicher: »jede Zigarre eine Phase, jede Zigarette eine Attacke«. Auch
das psychische Tempo, so Pohlisch, habe einen gewissen Einfluss auf die Wahl
der Rauchware: »die Behäbigkeit des [pyknischen, T. R.] Zyklothemen neigt zur
Zigarre, die Sprunghaftigkeit des [leptosomen, T. R.] Schizothemen zur Ziga­
rette.« Warum neben der Zigarette nicht die Zigarre, sondern die kurze Pfeife
eine Renaissance im Ersten Weltkrieg erlebte, ist zu einem gewissen Grad auch
auf den temporalen Kontext ihres Gebrauchs zurückzuführen, weil sie ma­
ximale Tabakverwertung garantierte und gleichmäßige Nikotinzufuhr beim

76 Schützengraben-Humor, in: Offizielle Zeitung der Deutschen Zigarren-Laden-Inhaber,


14.5.1916, S. 21. Dieser Scherz ist in verschiedenen Variationen überliefert: Handgranaten,
in: Offizielle Zeitung der Deutschen Zigarren-Laden-Inhaber, 5.11.1916, S. 10.
77 Die hieraus abgeleiteten Schlussfolgerungen erhalten ein noch viel größeres Ausmaß, da es
sich beim Tabak in den fünfziger Jahren um das am meisten verbreitete Genussmittel über­
haupt handelte. Kurt Pohlisch, Tabak. Betrachtungen über Genuß- und Rauschpharmaka,
Stuttgart 1954, S. 2: »Gemessen an der Häufigkeit des einzelnen Genußaktes, z. B. dem
Rauchen einer Zigarette, hat der Tabak alle Genuß- und Rauschpharmaka überflügelt, auch
den weit verbreiteten Kaffee und Tee (als koffeinhaltige Genußpharmaka) und den Alkohol
(als Genuß- und Rauschpharmakon).«
Rauchen verhieß. Ähnlich wie die Zigarette wirkte die Pfeife umgehend, aber
eben nicht genauso stark. Sie war das Mittel, zu dem man in Situationen der
Ruhe und Langeweile griff.78
Neben den diversen Substitutionsfunktionen, die der Tabak in Zeiten des
Krieges übernahm, war es die schnellere Nikotinzufuhr als eigentliches Cha­
rakteristikum der Zigarette, die zu ihrer Popularität in Kriegszeiten beitrug.
Nur sie gewährleistete unter höchster physischer und mentaler Anstrengung
schnellstmögliche Stimulation. Anders als Zigarre und Pfeife ermöglichten ihre
Eigenschaften hinsichtlich Beschaffenheit (materielle Beschleunigung) und
Rauchpraxis (habituelle Beschleunigung) eine intensivere, schnellere und da­
mit die insgesamt »>rationellste< Auswertung des N ikotin s«/9 A uf diese Weise
war die Zigarette insbesondere an der kämpfenden Front den anderen Rauch­
waren überlegen. Hinzu kommt, dass sie bereits in den dreißiger Jahren einen
solchen Aufschwung erlebte, dass sie sich im Zweiten W eltkrieg unter der nun
für den Krieg eingezogenen Generation weitgehend durchgesetzt hatte. Die
Zeitlogik der industriellen Rationalisierung, die auch im Fabrikalltag eine wich­
tige Rolle spielte, wurde so unter einer anderen, aber mit ihr m ittelbar zusam­
menhängenden temporalen Strukturveränderung des frühen 20. Jahrhunderts
wirksam: dem neuen Zeitregime des industriellen Massenkrieges.
Die Auswirkungen, die der Zweite Weltkrieg auf die mit dem Rauchverhal­
ten in Verbindung stehende Zeitwahrnehmung der frühen Bonner Republik
hatte, zeigen sich in einer Umfrage der Nürnberger Gesellschaft für Konsum­
forschung (GfK) aus dem Frühjahr 1950. Ein Befragter berichtete beispielsweise
von der militärdienstbedingten Umstellung zur Zigarette: »Habe vor dem Krieg
in allen Mußestunden Zigarren geraucht, mich aber beim Barras auf Zigaret­
ten umgestellt.« Ein anderer Kommentar wiederum zeugt von dem sich selbst­
ständig steigernden Rauchrhythmus durch die Zigarette, bei dem es schwer
fiel, wieder zur Zigarre zurückzukehren: »Ich selbst rauche sehr gerne Zigar­
ren. Leider darf ich sie nicht rauchen, weil mein Rauchtempo zu schnell ist. Das
bekommt mir dann nicht, und so bleibe ich halt bei einer Zigarette.« Ein wei­
terer Raucher beschrieb das Zigarettenrauchen in der modernen Arbeitswelt,
die »ein dauerndes Auf-dem-Sprung-Sein« verlange: »für eine Zigarettenpause
langt’s schon mal, aber die Zigarre hat eine zu lange Brenndauer.« Auch die be­
schleunigte Wirkung wurde als Grund für die Zigarette angegeben: »Ich selbst
rauche die Zigarette zu bestimmten Zeiten, um mich zu beruhigen, was meist
schon nach ein paar Zügen gelingt. Eine Zigarre kann ich erst dann anzün­
den, wenn ich ruhig bin, Muße und Zeit habe.« Auf den Punkt brachte diesen
Umstand noch ein weiterer Raucher: »Zigaretten raucht man, wenn man Ruhe
braucht. Zigarren wenn man Ruhe hat.«8° Was Gustav Stresemann noch zu Be-

78 Ebd., S. 159-161.
79 Ebd., S. 160.
80 W ilhelm Vershofen, Tabak, Mensch und Gesellung. Psychologische und sozialpsychologi­
sche Untersuchung, in: Süddeutsche Tabakzeitung (Hg.), Ernte des Jahres. Almanach der
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ginn des Jahrhunderts als die grundlegende Eigenschaft der Zigarette beschrie­
ben hatte, die sie zum Symbol einer temporal neu formierten Zeit machte, war
mit ihrer schieren Omnipräsenz in Folge des Zweiten Weltkriegs tatsächlich zur
vertrauten Konsumpraxis geworden: Mit dem Rauchen der Zigarette wurde die
Beschleunigung zum unmittelbaren, persönlichen Erfahrungswert des alltäg­
lichen Massenkonsums.

IV. Zur Zeit-Geschichte der Zigarette oder


die Beschleunigung des Rauchkonsums

Als Symbol einer beschleunigten Epoche wurde die Zigarette ähnlich wie an­
dere Beschleunigungsphänomene sowohl apologetisch als auch kritisch gese­
hen. Im Gegensatz zum heute oft beschworenen Beschleunigungs-Imperativ
stand die Zigarette anfangs vor allem im Kontext einer emphatischen Beschleu-
nigungsbegeisterung.8i Unter Anhängern wie Gegnern bestand gleicherma­
ßen Einigkeit über ihren kontemporären Charakter: Die Zigarette galt als ein in
die eigene Zeit passendes Konsumgut. Als Symbol eines forcierten Lebenstem­
pos wurde in ihr die Komplexität der sich auf diverse Bereiche des gesellschaft­
lichen Lebens erstreckenden temporalen Strukturveränderungen erkannt. Und
weil die Zigarette mit der Verkürzung der Rauchzeit im Vergleich zu Pfeife und
Zigarre die Beschleunigung des Lebenstempos insgesamt zu verkörpern schien,
galt sie vielen bereits vor ihrem Aufstieg zur meistkonsumierten Tabakware des
20. Jahrhunderts als Signum der Moderne. Mit der zunehmenden Mechanisie­
rung der Zigarettenindustrie ab den 1880er Jahren wurde sie schließlich selbst
zum Produkt der allgemeinen technischen Beschleunigung. Dabei verstärkte
sich mit dem Zigarettenrauchen im Laufe der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­
derts ein beschleunigtes Zeitempfinden, welches spätestens zur Mitte des Jahr­
hunderts zu einer neuen, realen und allgemeinen Zeit-Erfahrung geworden war
und schließlich selbst zur weiteren Verbreitung der Zigarette in der industri-

Süddeutschen Tabakzeitung, M ainz 1951, S. 191-235, hier S. 205, S. 211 u. S. 213. »Barras«
ist Soldatenjargon für M ilitär; hier steht er für die Wehrmacht. Die Original-Um frage liegt
der G fK nicht mehr vor.
81 Zum imperativen Charakter heutiger Beschleunigungsprozesse siehe Jens Lönneker, Die
Verknappung der Zeit. Vom Konsum ieren in neuen Zeitrhythm en, in: Berliner Debatte
Initial 20. 2009, S. 4 -9 , hier S. 4. Der für die Gegenwart festgestellte Im perativ der Zeit­
knappheit habe sich, so Lönneker, in Folge grundlegender Individualisierungstendenzen
seit den 1970er Jahren steigernd auf die Beschleunigung des Konsums ausgewirkt. Siehe
auch Vera King, Beschleunigte Lebensführung. Ewiger A ufbruch. Neue kulturelle M us­
ter der Verarbeitung und Abwehr von Vergänglichkeit in Lebenslauf und G enerationen­
beziehungen, in: Psyche 65. 2011, H. 11, S. 1061-1088. H artm ut Rosa spricht in diesem
Zusam m enhang von »Beschleunigungstotalitarism us«: ders., Beschleunigung und E nt­
fremdung, S. 59.
ellen Massengesellschaft beitrug. Ihre größere Verfügbarkeit und die erhöhte
Bequemlichkeit des Konsums führten dazu, dass die Zigarette seit den 1920er
und 1930er Jahren zu jeder Zeit und überall geraucht werden konnte. Auch ihre
materielle Beschaffenheit als standardisierte Rauchware trug erheblich dazu
bei. Die industriellen Massenkriege der ersten Jahrhunderthälfte haben die Ver­
breitung der Zigarette noch weiter gefördert. Vor allem die schnellere Nikotin­
zufuhr im Vergleich zu Zigarre und Pfeife ließen Soldaten immer häufiger zur
Zigarette greifen. Die beschleunigte Wirkung der Zigarette war hierbei ihr Al­
leinstellungsmerkmal gegenüber anderen Tabakwaren.
Begann die Beschleunigung des Rauchens durch die Zigarette um 1900 im
großstädtischen Konsum zu einem tatsächlichen Erfahrungswert zu werden,
so galt die Zigarette anfangs in erster Linie als Ausdruck einer gesamtgesell­
schaftlichen Akzeleration der sozialen Umstände. Im Laufe der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts wandelte sich die Diagnose jedoch von der eines reinen
Produkts des schnelleren Lebenstempos zum selbstständigen Motor eines be­
schleunigenden Prozesses. Ein in der Fabrikarbeit etabliertes industrielles Zeit­
regime, welches unter Zeitgenossen als ebenfalls ursächlich für den Aufstieg der
Zigarette galt, war hingegen nebensächlich.
W ie die soziokulturellen Facetten des Zigarettenrauchens nicht alleine auf
den Faktor Beschleunigung gebracht werden können, so war sie als generel­
les Phänomen vieler Teilbereiche gesellschaftlichen Lebens kein der Zigarette
allein vorbehaltenes Erfahrungsgut. Gleichfalls dynamisierend wirkten bei­
spielsweise schnellere Verkehrsmittel und Nachrichtenüberm ittlung. Neben
der Akzelerations-Rhetorik um Produktion und Konsum ließ sie sich m it der
Zigarette allerdings konkret und direkt durch die Praktiken des Rauchens er­
fahren; durch die Zigarette wurde Beschleunigung im Bereich des Konsums
zur sozialen Realität. Veränderungen im Konsumverhalten gehen unter ande­
rem auf eine wahrnehmbare temporale Anpassung von Abläufen und Vorgän­
gen an andere alltägliche Gegebenheiten, Bedingungen und Tagesstrukturie­
rungen wie Arbeitsbeginn, Arbeitspause und Arbeitsende, aber auch räumliche
Beschränkungen wie Verbote zurück, die den Konsum zeitlich beschränken
oder gar eine bestim mte Zeit lang unterbinden. Die Geschichte der Zigarette
lässt sowohl einen Blick in die temporalen Veränderungen der Umstände des
Konsumverhaltens zu als auch auf die Auswirkungen, die das Rauchen selbst
auf die W ahrnehmung von zeitlichen Abläufen hatte. Für Genussmittel im
Allgemeinen war die Pause, oder Auszeit, die bestimmende temporale Einheit
im Arbeits- und Freizeitalltag der vorindustriellen Moderne. Genuss wurde
nicht ausschließlich über Geschmack definiert, sondern auch über die zeit­
lichen Implikationen des Genussvorgangs, dessen temporale Praxis sich im
Laufe der letzten beiden Jahrhunderte grundlegend gewandelt hat. D er Genuss
selbst wurde mit dem Zigarettenrauchen beschleunigt; die mit ihm in vorhe­
rigen Jahrhunderten verbundenen Eigenschaften Ruhe, Entspannung und
Zerstreuung unterliefen eine Transformation, welche die grundlegende Zeit­
Vorstellung der herkömmlichen Genuss-Praktiken infrage stellte und letztlich
e r n e u e rte t Die Intensität des Genusses verstärkte sich, während sich die G e­
nusszeit selbst verkürzte. Das sollte sich erst wieder mit der völligen Um struk­
turierung des Zigarettenmarktes nach dem Zweiten W eltkrieg ändern, als die
starke O rient-Zigarette alsbald von der milden Virginia-B lend-Z igarette US-
am erikanischen Vorbilds verdrängt w u rd e t
Nachdem sich die Zigarette allerdings als meistverbreitete Rauchware durch­
gesetzt hatte, ging ihre Symbolkraft für die wahrgenommene soziale Beschleu­
nigung verloren. Bestand hatten hingegen andere kulturelle Facetten des Rau­
chens. In der Übernahme der amerikanischen Zigarette durch die Deutschen
nach dem Zweiten Weltkrieg meinte der Schriftsteller und Kritiker Hanns
Braun (1893-1966) beispielsweise ein Mittel zu erkennen, den Besiegten-Status
zu überwinden und ein Stück weit an der Siegerkultur zu partizipieren/4 War
das Rauchen von Zigaretten bereits in den 1920er Jahren eine Art emanzipa-
torisches Statement der Frauenbewegung gewesen, so wurde es in der zweiten
Hälfte des Jahrhunderts auch tatsächlich zu einer weitverbreiteten Gewohn­
heit. Was die Anzahl der Raucherinnen und Raucher angeht, haben sich die
Geschlechter bis in die 1980er Jahre immer weiter angenähert. Auf 2,5 Rau­
cher kam schließlich im Jahre 1985 eine R aucherin/5 Zunehmend rückten
ab den 1950er Jahren auch die gesundheitsschädliche und krebserregende W ir­
kung des Tabakrauch-Inhalierens in den Fokus öffentlicher Auseinanderset­
zungen, die sich ab den 1980er Jahren um Diskussionen über die Schädlichkeit
des Passivrauchens erweiterte. Die wahrgenommene Rauch-Beschleunigung
blieb somit ein Erfahrungswert der ersten Jahrhunderthälfte, der in dem Maße
an Bedeutung verlor, wie das Zigarettenrauchen zum sozialen Totalphänomen
wurde.86
Als modernes Phänomen wurde die Beschleunigung des Lebenstempos
immer dann erfahren, wenn sie vor dem Hintergrund einer traditionellen
Erfahrungswelt auftrat, die gleichzeitig als Folie für Zukunftseuphorie und
Zukunftsangst diente. Was im 19. Jahrhundert die Eisenbahn in Bezug auf
Raumüberwindung und Zeitwahrnehmung für die Kutsche bedeutete, stellte
im 20. Jahrhundert die Zigarette für Zigarre und Pfeife hinsichtlich Konsum
und Zeitwahrnehmung dar. Das Nebeneinander aller drei Rauchwaren in den
ersten fünfzig Jahren des 20. Jahrhunderts machte ihre unterschiedlichen zeit-

82 Vgl. Schivelbusch, Das Paradies, der G eschm ack und die Vernunft, S. 121-142.
83 Jacobs u. Schürmann, Rauchsignale.
84 Hanns Braun, Die Zigarette, in: Die Zeit, 26.6.1947, S. 3.
85 Burckhard Junge u. a., Bestandsaufnahme. Tabakkonsum in der Bundesrepublik Deutsch­
land, in: Prävention 12. 1989, H. 2, S. 3 5 -4 0 , hier S. 39.
86 Vgl. hierzu Kosellecks Feststellung, dass auch »beschleunigende Abläufe zur Gewohnheit
werden« können: ders., Gibt es eine Beschleunigung der Geschichte?, S. 152 f. Zur R isiko­
geschichte des Rauchens: Claus-M arco Dieterich, Dicke Luft um Blauen Dunst. Geschichte
und Gegenwart des Raucher/Nichtraucher-Konflikts, M arburg 1998; zur Entdeckung des
Passivrauchens insb. S. 76 -8 0 .
lichen Eigenschaften vor allem in der Großstadt zur weitverbreiteten Alltags­
erfahrung. Während die Zigarette für die Beschleunigung des neuen Jahrhun­
derts stand, wurden Pfeife und Zigarre mit der Behäbigkeit des Vergangenen in
Verbindung gebracht. So lange sie neben der Zigarette existierten, erschien ihre
Gleichzeitigkeit als Anachronismus. Mit dem nahezu vollständigen Verschwin­
den von Pfeife und Zigarre aus dem öffentlichen Leben seit den 1950er Jahren
ging mit dieser Negativfolie auch allmählich die unmittelbare Erfahrung der
Beschleunigung des Rauchens verloren.
Katja Schmidtpott

Die Propagierung moderner Zeitdisziplin in Japan,


1906-1931*

Abstract: By the beginning of the twentieth century, the rule of modern time
discipline had made little inroad in Japan. Seeking to bring the country into line
with Euroamerican standards, Japan’s government began promoting punctua-
lity and efficient time use. This article focuses on the motives behind its cam­
paigns and the argumentative strategies that bureaucrats employed. It argues
that time discipline became a tool to strengthen Japan’s position in the glo­
bal competition against Euroamerican imperialist powers. W hile time moder-
nity was conceived as a Euroamerican concept, in the aftermath o f the First
World War more and more indigenous models were used in time education. The
article contends that this transition reflects the ambiguity o f the political and
intellectual landscape of interwar Japan, which oscillated between nationalism
and internationalism.

Wie die Französische Revolution und die Oktoberrevolution gehört auch die
Meiji-Restauration, die 1868 die Feudalherrschaft in Japan beendete und eine
moderne, ab 1889 dann konstitutionelle Monarchie an ihre Stelle setzte, in die
Reihe fundamentaler Umwälzungen von politischen Systemen, die die Ein­
führung neuer Zeitordnungen nach sich zogen.1 Die Meiji-Regierung betrieb
eine rigide Politik der Umgestaltung aller Bereiche von Staat und Gesellschaft
nach europäisch-nordamerikanischen Vorbildern, um Japan getreu dem Motto
»fukoku kyöhei« (reiches Land, starke Armee) in die Lage zu versetzen, ange­
sichts der Bedrohung durch den europäischen Kolonialismus seine Unabhän­
gigkeit zu bewahren. Ein Teil dieses umfassenden Modernisierungsprogramms

* Für ihre Kommentare danke ich Gerhard Leinss, Jan Schmidt und den beiden Gutachtern.
Alle japanischen Namen werden in der Reihenfolge wiedergegeben, die in Ostasien üblich
ist, d. h. der Fam iliennam e steht vor dem Personennamen. Für die Übertragung japanischer
Begriffe ins lateinische Alphabet wird die revidierte Hepburn-Um schrift verwendet. Sofern
nicht anders gekennzeichnet, stammen alle Übersetzungen von der Verfasserin.
1 G em äß den zeitsoziologischen Überlegungen von Andrea Maurer besteht die Zeitordnung
aus den Formen der Zeiteinteilung und -messung, etwa dem Kalender und der Uhr, und aus
Zeitinstitutionen, die eine starke normative W irkung entfalten und so das Zeitverhalten der
G esellschaft strukturieren, etwa dem Arbeitstag, dem Feierabend oder dem Wochenende;
siehe dies., Alles eine Frage der Zeit? Die Zweckrationalisierung von Arbeitszeit und Lebens­
zeit, Berlin 1992, S. 88.
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
war die Kalender- und Uhrzeitreform vom 1. Januar 1873, durch die das in
Europa und den USA gebräuchliche System der Zeiteinteilung, bestehend aus
dem Sonnenkalender und der Unterteilung des Tages in 24 gleich lange Stun­
den (Äquinoktialstunden), in Japan eingeführt wurde.2 Während zunächst wei­
terhin überall im Land unterschiedliche Lokalzeiten (chihöji) galten, die anhand
des jeweiligen Sonnenstandes ermittelt wurden, weckte auch in Japan die Aus­
dehnung des Eisenbahnnetzes den Bedarf nach einer Synchronisierung der Re­
gionen, um die Fahrplanabstimmung zu erleichtern. Übergangsweise galt eine
nationale Eisenbahnzeit, bis 1888 die japanische Standardzeit eingeführt wurde,
die auf der Washingtoner Meridiankonferenz von 1884 festgelegt worden w ar/
Diese neuerliche Zeitreform war nicht nur für Japan selbst von Bedeutung,
sondern ebenso ein wichtiger Schritt für die globale Verbreitung der auf dem
Greenwich-Meridian basierenden Zeitordnung, da die japanische Regierung als
erste weltweit die Beschlüsse der Meridiankonferenz umsetzte.4
Nachdem die Standardisierung von Zeit zunächst für einzelne euroameri­
kanische Nationalstaaten untersucht wurde, werden im Zuge des Aufstiegs der
Globalgeschichte in jüngster Zeit auch die Ende des 19. Jahrhunderts einset­
zende globale Vereinheitlichung und die verschiedenen Formen ihrer lokalen
Aneignung in den Blick genommen.5 In Bezug auf Japan wurde die Kalender­
und Uhrzeitreform von 1873 aus ideen- beziehungsweise kulturgeschichtlicher
Perspektive in den Diskurs über den Aufbau des japanischen Nationalstaats
eingebettet und als wichtige Maßnahme zur nationalen Integration gedeutet.6

2 Ein Standardwerk zur Kalender- und Uhrzeitreform ist Okada Yoshirö, Meiji kaireki. »Toki«
no bunmei kaika (Die Kalender- und Uhrzeitreform der M eiji-Zeit. Die zivilisatorische Er­
neuerung der Zeit), Tokyo 1994. Zum vormodernen Kalender, der durch die Reform abgelöst
wurde, siehe Gerhard Leinss, Japanische Lunisolarkalender der Jahre Jökyö 2 (1685) bis Meiji
6 (1873). Aufbau und inhaltliche Bestandsaufnahme, in: Japonica Humboldtiana 10. 2006,
S. 5 -8 9 ; sowie ders., Eine Dynastie, zahlreiche Herrscher und Ären. Japans Chronologie im
historischen Überblick, in: Harry Falk (Hg.), Vom Herrscher zur Dynastie. Zum Wesen kon­
tinuierlicher Zeitrechnung in Antike und Gegenwart, Bremen 2002, S. 2 4 0 -2 5 4 . Zur vor­
modernen Einteilung und Messung der Tageszeit siehe Brigitte Steger, (Keine) Zeit zum
Schlafen? Kulturhistorische und sozialanthropologische Erkundungen japanischer Schlaf­
gewohnheiten, Münster 2004, hier S. 61-106.
3 Nakamura Naofumi, Railway Systems and Tim e Consciousness in Modern Japan, in: Hashi­
moto Takehiko u. Kuriyama Shigehisa (Hg.), The Birth of Tardiness. The Formation of Time
Consciousness in Modern Japan (= Japan Review. Journal of the International Research Cen­
ter for Japanese Studies, special issue 14), Kyoto 2002, S. 13-38, hier S. 20 f.
4 Ian R. Bartky, One Tim e Fits All. The Campaigns for Global Uniformity, Stanford 2007,
S. 94. Siehe dazu auch die Einleitung von Alexander Geppert und Till Kössler im vorliegen­
den Band.
5 Vanessa Ogle, W hose Tim e Is It? The Pluralization of Tim e and the Global Condition,
1870s-1940s, in: American H istorical Review 118. 2013, S. 1376-1402.
6 Siehe u. a. Shimada Shingo, Social Tim e and Modernity in Japan. An Exploration o f Concepts
and a Cultural Comparison, in: Tim e and Society 2. 1995, S. 251-260; Jeffrey Hanes, Contes-
ting Centralization? Space, Time, and Hegemony in Meiji Japan, in: Helen Hardacre u. Adam
L. Kern (Hg.), New Directions in the Study of Meiji Japan, Leiden 1997, S. 4 8 5 -4 9 5 ; Naru-
Dabei wurde die Dimension der sozialen Zeit und somit die Frage nach dem ge­
sellschaftlichen Wirksamwerden dieser Reform jedoch weitgehend außer Acht
gelassen. Der Sonnenkalender setzte sich nur langsam durch und löste den al­
ten Lunisolarkalender niemals vollständig ab, da seine chronomantischen In­
formationen notwendig sind, um dem Volksbrauch entsprechend günstige Tage
für bestimmte Unternehmungen wählen zu können. Weder liegen allerdings zu
diesem Thema noch zur Akzeptanz des Äquinoktialstundensystems oder zur
Verdrängung der Lokalzeiten durch die japanische Standardzeit systematische,
empirisch untermauerte Studien vor, die Aufschluss über die Entstehung eines
Bewusstseins nationaler Synchronität und damit über die tatsächliche Bedeu­
tung der Kalender- und Uhrzeitreform für die Integration des Nationalstaats
geben könnten.7
Eine fundamentale Voraussetzung dafür, dass die Zeitordnung des National­
staats das Alltagsleben der Bevölkerung durchdringen konnte, war die Verbrei­
tung des ökonomisch-rationalen Zeitbewusstseins, das sich in der Einhaltung
der modernen Zeitdisziplin (jikan kiritsu) ausdrückte, das heißt in der Ausrich­
tung des Alltagshandelns an der Uhrzeit und in einer ökonomisch begründe­
ten, effizienten Zeitnutzung.8 Dies wiederum hing eng mit der Modernisierung
zusammen. In traditionalen Gesellschaften ist die mechanische Zeitmessung
kaum von Bedeutung, da Zeit als »qualitativ« und »organisch« verstanden wird,
das heißt als im Lokalen verhaftet und konkret im Sinne einer Orientierung an
im Jahresverlauf wiederkehrenden Tätigkeiten oder an natürlichen oder politi­
schen Ereignissen. Nach modernem Verständnis ist Zeit hingegen »quantitativ«
und »mechanisch«, abstrakt, gleichförmig und exakt messbar durch Uhren, an-

sawa Akira, The Social Order o f Modern Japan, in: Banno Junji (Hg.), The Political Economy
o f Japanese Society, Bd. 1: The State or the Market?, Oxford 1997, S. 193-236; Narita Ryüichi,
Sösetsu. Jikan no kindai. Kokum in kokka no jik an (Allgemeine Einführung. Die Moderne
der Zeit. Die Zeit des Nationalstaats), in: Ötsuka Shinichi (Hg.), Kindai Nihon no bunkashi
(Kulturgeschichte des modernen Japans), Bd. 3: Kindai chi no seiritsu (Die Entstehung des
modernen Wissens), Tokyo 2002, S. 1-51; Reinhard Zöllner, Zeit und die Konstruktion der
Moderne im Japan des 19. Jahrhunderts, in: Historische Anthropologie 1. 2003, S. 47-71;
Stefan Tanaka, New Times in Modern Japan, Princeton 2004. Für ein deutschsprachiges Ü ber­
blickswerk über die Entwicklung von Zeitempfinden und Zeitmessung in Japan von der A n­
tike bis in die Gegenwart siehe Florian Coulmas, Japanische Zeiten. Eine Ethnografie der
Vergänglichkeit, Reinbek 2000.
7 Narusawa Akira, Gendai Nihon no shakai chitsujo. Rekishiteki kigen o motomete (Die so­
ziale Ordnung im gegenwärtigen Japan. Auf der Suche nach den historischen Ursprüngen),
Tokyo 1997, S. 3 4 -3 6 ; Narita Ryüichi, Kindai Nihon no »toki« ishiki (Das Zeitbewusstsein
im modernen Japan), in: Satö Tsugitaka u. Fukui Norihiko (Hg.), Chiiki no sekaishi (Welt­
geschichte der Regionen), Bd. 6: Toki no chiikishi (Regionalgeschichte der Zeit), Tokyo 1999,
S. 352-385, hier S. 360; Meishin Chösa Kyögikai (Hg.), Meishin no jittai. Nihon no zokushin
(Zur Lage des Aberglaubens. Japanischer Volksglaube), Bd. 1, Tokyo 1979, S. 3 f.
8 Hashimoto Takehiko, Japanese Clocks and the History o f Punctuality in Modern Japan, in:
East Asian Science, Technology and Society 2. 2008, S. 123-133, hier S. 126.
gepasst an die Bedürfnisse von Gesellschaften, die durch Industrie und Handel
geprägt sind®
Der Wandel von Zeitbewusstsein und Zeitverhalten wurde bisher kaum mit
der Entstehung des japanischen Nationalstaats in Verbindung gebracht. For­
schungen zur sozialen Zeit kreisten vielmehr um die Genese des japanischen
Kapitalismus, die ein zentrales Problem der japanbezogenen Modernisierungs­
diskussion darstellte. Vor allem die US-amerikanische Sozial- und Geschichts­
wissenschaft konzentrierte sich in den 1950er Jahren darauf, in Anlehnung an
Max Weber eine spezifisch japanische Arbeitsethik als funktionales Äquiva­
lent zum Protestantismus als religiöser Grundlage der ökonomischen Rationa­
lisierung herauszuarbeiten. Dieser Argumentationsstrang wurde in den 1980er
und 1990er Jahren zu einem breit rezipierten kulturalistischen Interpretations­
ansatz ausgebaut, der eine traditionelle, im Konfuzianismus wurzelnde Ar­
beitsethik als einen der Schlüsselfaktoren nicht nur der japanischen Industria­
lisierung im 19. Jahrhundert, sondern auch des japanischen Wirtschaftserfolgs
nach 1945 betrachtete/0 Spätere sozial- und wirtschaftshistorische Forschun­
gen setzten sich mit dem Modell von Edward P. Thompson auseinander. Dieses
unterscheidet im frühindustriellen Europa ein agrarisches, an den Rhythmen
der Natur und den im Jahresverlauf zu erledigenden Arbeitsaufgaben orien­
tiertes Zeitbewusstsein von einem »modernen«, industriellen Zeitbewusstsein,
das sich mit der Verbreitung der industriekapitalistischen Produktionsweise
in einem konflikthaften Prozess allmählich auf die gesamte Gesellschaft aus­
dehnte.“ Obwohl vielfach nachgewiesen wurde, dass die Einführung der mo­
dernen Zeitdisziplin in industriellen Produktionsstätten in Japan die gleichen
Anpassungsprobleme hervorrief, wie sie unter anderem Thompson für europä­
ische Industrialisierungsprozesse beschrieb, dominiert in der euroamerikani­
schen Literatur die gegenteilige These des Japanhistorikers Thomas C. Smith,
der zufolge das Zeitbewusstsein der japanischen Arbeitskräfte dem Zeitregime
der Fabrik bereits zu Beginn der Industrialisierung entsprochen habe, da bereits
in der vormodernen Agrargesellschaft Zeitökonomie betrieben worden sei.i2

9 Peter Burke, Reflections on the Cultural History of Time, in: Viator 35. 2004, S. 617-626,
hier S. 618-620.
10 Zusammengefasst bei W olfgang Schwentker, Der »Geist« des japanischen Kapitalismus: Die
Geschichte einer Debatte, in: Wolfgang J. M ommsen u. Wolfgang Schwentker (Hg.), Max
Weber und das moderne Japan, Göttingen 1999, S. 270-298, hier S. 272-292; siehe auch
Nishimoto, Jikan ishiki no kindai, S. 105 f. Der bedeutendste Vertreter dieser Strömung war
Robert Bellah, Tokugawa Religion. The Cultural Roots of Modern Japan, New York 1957.
11 E. P. Thompson, Time, Work-Discipline, and Industrial Capitalism, in: Past & Present 38.
1967, S. 57-97.
12 Siehe u. a. Erich Pauer, Arbeit und Unternehmen in historischer Sicht, in: Peter Hanau u. a.
(Hg.), Die Arbeitswelt in Japan und in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Vergleich,
Darmstadt 1985, S. 117-133; Andrew Gordon, The Evolution o f Labor Relations in Japan
Heavy Industry, 1853-1955, Cambridge, MA 1985, S. 27; Narusawa, Gendai Nihon no shakai
chitsujo, S. 28 u. S. 175-177; Tsunoyama Sakae, Jikan kakumei (Revolution der Zeit), Tokyo
1998, S. 116 f. u. S. 126 f.; Janet Hunter, Women and the Labour Market in Japan’s Industria-
Dies wiederum stützte eine Kernthese der japanbezogenen Modernisierungs­
diskussion, wonach der Industrialisierungsprozess in Japan reibungsloser ver­
laufen sei als in Europa.
Neuere, differenziertere Arbeiten japanischer Sozial-, W irtschafts- und Tech­
nikhistorikerinnen und -historiker lassen die Konturen einer multiplicity o f
social times (Peter Burke) und damit eines Nebeneinanders unterschiedlicher
traditionaler und moderner Zeitvorstellungen in einer Gesellschaft, die etwa
von der Berufs- oder Religionszugehörigkeit oder von der Eingebundenheit in
bestimmte Institutionen mit je spezifischen Zeitregimes abhingen, auch für Ja­
pan sichtbar werden/3 Ansätze moderner Zeitdisziplin wurden in den vormoder­
nen Großstädten erkannt, wo sich die adelige Verwaltungselite der Samurai, aber
auch Handwerker und Kaufleute an der Uhrzeit orientierten, die durch Stun­
denglocken flächendeckend wahrnehmbar verkündet wurde. Vorstellungen von
Zeitökonomie lassen sich in vertraglichen Regelungen von Lohnarbeit nachwei­
sen und Arbeitsfleiß galt als Tugend.“ Diese Voraussetzungen mögen die spätere
Internalisierung und Umsetzung der modernen Zeitdisziplin im privaten und

lising Economy. The Textile Industry Before the Pacific War, London 2003, S. 89. Zu Thomas
C. Smith siehe ders., Peasant Tim e and Factory Tim e in Japan, in: Past & Present 111. 1986,
S. 165-197. Seine These wurde in jüngster Zeit z. B. noch von Jürgen Osterhammel aufge­
griffen; siehe ders., Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, M ün­
chen 2009, S. 125. Siehe auch Steven J. Ericson, The Sound o f the W histle. Railroads and
the State in Meiji Japan, Cambridge, MA 1996, S. 70; Coulmas, Japanische Zeiten, S. 274;
Zöllner, Zeit und die Konstruktion der Moderne, S. 70 f. Problematisch an Smiths Argu­
mentation ist erstens, dass er Anzahl und Gewicht der Quellen unterschätzte, die von der
allgemeinen Disziplinlosigkeit japanischer Arbeitskräfte noch bis in die 1920er und 1930er
Jahre hinein zeugen. Zweitens führte er die von ihm festgestellte vergleichsweise geringe
Anzahl an A rbeitszeitkonflikten während der japanischen Industrialisierung auf eine in
der Tradition verwurzelte kollektivistische Einstellung der Arbeitskräfte zurück, die zeit­
liche Fremdbestimmung akzeptabel erschienen gelassen habe, sofern sie m it wohlwollen­
der Behandlung vergolten wurde. Andere mögliche Erklärungen blendete er jedoch aus,
insbesondere das Vorherrschen handwerklicher Produktionstechnik, die lange Arbeitszei­
ten durchaus erträglich machte. Drittens basierte Smiths These auf der Analyse vormoder­
ner Agrarratgeber, also normativer Quellen. Er räumte selbst ein, dass man nicht wissen
könne, in welchem Umfang die darin propagierte Zeitökonomie internalisiert und in die
Praxis umgesetzt wurde.
13 Nishimoto Ikuko, The »Civilization« of Time. Japan and the Adoption o f the Western Time
System, in: Tim e and Society 6. 1997, S. 237-259; Tsunoyama, Jikan kakumei; Hashimoto
Takehiko u. Kuriyama Shigehisa (Hg.), Chikoku no tanjö. Kindai Nihon ni okeru jik an is-
hiki no keisei (Die Entstehung der Verspätung. Die Form ierung des Zeitbewusstseins im
modernen Japan), Tokyo 2001 (Hashimoto u. Kuriyama, The Birth o f Tardiness ist eine
leicht gekürzte englische Übersetzung); Nishimoto Ikuko, Jikan ishiki no kindai. »Toki
wa kane nari« no shakaishi (Die Moderne des Zeitbewusstseins. Die Sozialgeschichte von
»Zeit ist Geld«), Tokyo 2006; Hashimoto, Japanese Clocks; Burke, Reflections on the Cultu-
ral History o f Time, S. 6 2 0-624.
14 Yulia Frumer, Translating Time. Habits o f Western-Style Timekeeping in Late Edo Japan,
in: Technology and Culture 55. 2014, S. 785-820, hier S. 790 f.
öffentlichen Alltagsleben auf gesamtgesellschaftlicher Ebene begünstigt haben.
Es war dies jedoch ein langwieriger, komplizierter Prozess, dessen zeitliche Ein­
grenzung noch unscharf ist und dessen Triebkräfte wenig erforscht sind.
Zwar wurden die Zeitnormen Pünktlichkeit und Effizienz bereits seit den
1870er Jahren in den modernen Institutionen Grundschule, Militär und Fabrik
eingefordert. Der Betrieb und die Benutzung des neuen Verkehrsmittels Eisen­
bahn setzten die Beachtung der Uhrzeit ebenso voraus. Auch stand zu Beginn
des 20. Jahrhunderts im privaten Leben und im öffentlichen Raum eine ausrei­
chende temporale Infrastruktur zur Verfügung, da Uhren bis dahin in städti­
schen und ländlichen Haushalten allgemein verbreitet waren und in den länd­
lichen Regionen zumindest an Grundschulen, in den Städten auch an anderen
öffentlichen Gebäuden wie Bahnhöfen oder Post- und Telegrafenämtern U h­
ren angebracht w aren/5 Dennoch fehlte es in Teilen der Gesellschaft noch bis
nach 1945 am Verständnis für die Notwendigkeit, das Alltagsleben an der U hr­
zeit auszurichten. Anfänglich wurde vermutet, dass die moderne Zeitdisziplin
bis 1945 allenfalls innerhalb der »Zeitinseln« der genannten Institutionen galt
und anschließend auch im privaten und gesellschaftlichen Alltagsleben prakti­
ziert wurde. Allerdings sieht die Sozialhistorikerin Nishimoto Ikuko unter Be­
rücksichtigung des Stadt-Land-Unterschieds Anzeichen dafür, dass bereits die
1920er und 1930er Jahre eine Schlüsselperiode waren, in der die Uhrzeit in den
Städten flächendeckend alltagsstrukturierende Kraft gewann, während dies in
den ländlichen Regionen erst nach 1945 geschah/6 Zur Erklärung dieses Wan­
dels ist der wachsende Einfluss der modernen Institutionen durch die Auswei­
tung der Wehrpflicht, steigende Schulbesuchsraten und den Ausbau weiterfüh­
render Bildungsangebote, die Zunahme von Arbeitsplätzen in der Industrie und
die Entwicklung der Eisenbahn zum Massentransportmittel zu untersuchen.
Ein weiterer Einflussfaktor, der in Japan eine wichtige Rolle spielte, ist die staat­
liche Zeiterziehungspolitik.

I. Kampagnen als M ittel der Zeiterziehung in Japan

Japan gehört mit China und der Sowjetunion zur einer Gruppe von Gesellschaf­
ten, in denen moderne Verhaltensnormen in Form staatlich initiierter Auf­
klärungskampagnen propagiert wurden. Die japanische Ministerialbürokratie
setzte im Verlauf des 20. Jahrhunderts ungeachtet der Veränderungen des poli­
tischen Systems Kampagnen zur Mobilisierung individueller Ressourcen - ins­

15 Uchida Hoshimi, The Spread of Timepieces in the Meiji Period, in: Hashimoto u. Kuriyama,
Birth of Tardiness, S. 173-192.
16 Hashimoto u. Kuriyama, Chikoku no tanjö; Hashimoto, Japanese Clocks, S. 127 f. u. S. 130;
Nishimoto, Jikan ishiki no kindai, S. 210 f.
besondere Zeit, Geld und Arbeitskraft - kontinuierlich dazu ein, in Koopera­
tion mit zivilgesellschaftlichen Akteuren das Alltagsverhalten der Bevölkerung
zu beeinflussen.^ Auf diesem Wege sollten zumeist wirtschaftspolitische Ziele
erreicht werden, etwa die Steigerung der landwirtschaftlichen und industriellen
Produktivität, die Erhöhung der Sparquote oder die Verbesserung der Steuer­
moral. Die größten und dauerhaftesten Kampagnen der Vorkriegszeit waren die
vom Innenministerium (Naimushö) angestoßene »Kampagne zur Reform der
ländlichen Regionen« (chihö kairyö undö, 1906-1918), die gleichzeitig die erste
Kampagne überhaupt war, und die »Kampagne zur Verbesserung der Lebens­
führung« (seikatsu kaizen undö, 1920-1943), die vom Erziehungsministerium
(Monbushö) ausging. Die erste Kampagne sollte die Wirtschaftsleistung der
ländlichen Regionen erhöhen und darüber hinaus die Identifikation der dörf­
lichen und kleinstädtischen Bevölkerung mit dem Nationalstaat stärken sowie
dem »moralischen Verfall« entgegenwirken, der im Zusammenhang mit Ver­
städterung und Industrialisierung auch auf dem Lande wahrgenommen wurde.
Die zweite sollte hingegen eine vollumfängliche Rationalisierung der priva­
ten Lebensführung nach dem Vorbild der euroamerikanischen Mittelschicht
erreichen.^
Die Protagonisten beider Kampagnen waren jeweils in einem zentralen Len­
kungsgremium vereint, das landesweit Untergruppen einrichtete und ein Mit­
teilungsorgan veröffentlichte. Im Fall der »Kampagne zur Reform der länd­
lichen Regionen« war dies die Chüö H ötoku kai (Zentralvereinigung für dankbare
Tugenderwiderung), die die Zeitschrift Shimin (Dieses Volk) herausgab, im
Fall der »Kampagne zur Verbesserung der Lebensführung die Liga zur Ver­
besserung der Lebensführung« (Seikatsu Kaizen Dömeikai) mit der Zeitschrift

17 Zu China siehe Federica Ferlati, The New Life Movement in Jiangxi Province, 1934-1938, in:
Modern Asian Studies 44. 2010, S. 961-1000; Liu Wennan, Redefining the Moral and Legal
Roles o f the State in Everyday Life. The New Life Movement in China in the Mid-1930s, in:
Cross-Currents. East Asian History and Culture Review 7. 2013, S. 30-59. Zur Sowjetunion
siehe Jutta Scherrer, »Einholen und überholen«. Amerikanische Technologie aus sowjetrus­
sischer Sicht, Die zwanziger und frühen dreißiger Jahre, in: M artin Aust u. Daniel Schön­
pflug (Hg.), Vom Gegner lernen. Feindschaften und Kulturtransfers im Europa des 19. und
20. Jahrhunderts. Frankfurt 2007, S. 179-208, hier S. 188-202; Stephen E. Hanson, Time and
Revolution. Marxism and the Design o f Soviet Institutions, Chapel Hill 1997, S. 123-128;
Rene Fülöp-Miller, The Mind and Face o f Bolshevism. An Examination o f Cultural Life in
Soviet Russia, London 1927, S. 207-216. Siehe u. a. Sheldon Garon, Molding Japanese Minds.
The State in Everyday Life, Princeton 1997; Andrew Gordon, Managing the Japanese House-
hold. The New Life Movement in Postwar Japan, in: Social Policies. International Studies in
Gender, State and Society 40. 1997, S. 245-283; Simon Partner, Taming the Wilderness. The
Lifestyle Improvement Movement in Rural Japan, 1925-1965, in: Monumenta Nipponica 56.
2001, S. 487-520.
18 Siehe Sheldon Garon, Beyond Our Means. W hy America Spends W hile the World Saves,
Princeton 2013; sowie Kenneth Pyle, The Technology o f Japanese Nationalism. The Local
Improvement Movement, 1900-1918, in: Journal o f Asian Studies 1. 1973, S. 51-65; Pyle,
Technology o f Japanese Nationalism, S. 52.
Seikatsu (Die Lebensführung).19 Die nationale Ausbreitung dieser wie auch an­
derer Kampagnen wurde durch ein Netz staatlicher und zivilgesellschaftlicher
Intermediäre ermöglicht, das am Vorabend des Ersten Weltkriegs bereits weit
ausgedehnt war und ab den 1920er Jahren ganz Japan überspannte.20 Die wich­
tigsten staatlichen Intermediäre waren Bürgermeister und Grundschulrektoren,
die von zentralstaatlicher Ebene aus zur Mobilisierung der Bevölkerung ange­
wiesen wurden. Auf lokaler Ebene arbeiteten sie jeweils mit einer Vielzahl zivil­
gesellschaftlicher Organisationen wie insbesondere den Jungmännervereinen
(seinendan), Reservistenvereinen und Frauenvereinen zusammen .21 Zur Ausbrei­
tung der Kampagnen trugen schließlich auch die Massenmedien in Form von
Tageszeitungen und Zeitschriften bei, von denen einige zu Beginn der 1920er
Jahre bereits eine tägliche Auflage von mehreren hunderttausend Exemplaren
aufwiesen sowie ab 1925 auch der Rundfunk .22 Auf diesen Wegen wurden die
Botschaften der Kampagnen der Bevölkerung flächendeckend und nachhaltig
bewusst gemacht.
Der Beitrag der Kampagnen zur Verbreitung moderner Zeitdisziplin ist bis­
lang kaum erforscht. Dies gilt insbesondere für die »Kampagne zur Reform
der ländlichen Regionen«. Auf die große Bedeutung der Zeitdisziplin in der

19 Gemäß dem von Jarol B. Manheim postulierten Idealtypus sind an einer Kampagne drei
Gruppen von Akteuren beteiligt: die Protagonisten, die die Botschaften der Kampagne for­
mulieren, die Intermediäre, die die Botschaften der Kampagne an die Zielgruppe weiter­
leiten, und die Zielgruppe; siehe ders., Strategy in Inform ation and Influence Campaigns.
How Policy Advocates, Social Movements, Insurgent Groups, Corporations, Governments
and Others Get W hat They Want, New York 2011, S. 22. Der B egriff der Tugenderwiderung
bezieht sich auf die M orallehre von Ninomiya Sontoku (1787-1856), der die ländliche Bevöl­
kerung zur Befolgung bestim mter Tugenden wie Sparsamkeit und Fleiß angehalten hatte,
um ihre Lebensumstände zu verbessern. Seine Anhänger gründeten in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts eine quasi-religiöse, agrarreformerische Bewegung, die 1906 durch die
Gründung der Zentralvereinigung unter staatliche Ägide gestellt wurde. Inoue Tomoichi
(1871-1919), der Staatssekretär im Innenm inisterium , der die Kampagne koordinierte und
der Zeitschrift ihren Namen gab, wollte den Titel offenbar auch im Sinne von jich i m in sei
ni shisuru (wörtl.: »Selbstverwaltung und nationale Regierung unterstützen«) verstanden
wissen. Siehe Öshima Mitsuko, Dai1ji taisenki no chihö tögö seisaku (M aßnahmen zur re­
gionalen Integration während des Ersten Weltkriegs), in: Senshü shigaku 29. 1998, S. 1-49,
hier S. 4. Die Erstausgabe der Zeitschrift kam im April 1921 unter dem Titel Seikatsu kaizen
(»Verbesserung der Lebensführung«) heraus. 1925 wurde der Titel in Seikatsu geändert, b e­
vor die Zeitschrift ab 1935 bis zu ihrer letzten Ausgabe vom Juni 1943 wieder unter dem
alten Titel Seikatsu kaizen erschien.
20 Garon, Molding Japanese Minds, S. 7-12.
21 Die wichtigsten Intermediäre, die Reservisten- und Jungmännervereine, waren freilich so
eng an den Verwaltungsapparat angebunden, dass sie als sem i-staatlich bezeichnet werden
können. Es handelte sich dabei um landesweit verbreitete, hierarchisch aufgebaute Organi­
sationen, deren jeweilige Spitze mit einem M inisterium oder mehreren M inisterien koope­
rierte. Dadurch waren sie besonders leicht zu mobilisieren.
22 Zur Verbreitung der Massenmedien und der von ihnen getragenen M assenkultur der
1920er Jahre siehe u. a. Sandra W ilson, Enthroning Hirohito. Culture and Nation in 1920s
Japan, in: Journal o f Japanese Studies 37. 2011, S. 289-323, hier S. 295-297.
»Kampagne zur Verbesserung der Lebensführung« haben hingegen die Sozial­
historikerinnen Hirade Yüko und Nishimoto Ikuko hingew iesen/3 Sie äußerte
sich vor allem darin, dass im Jahr 1920 eine sogenannte »Zeitausstellung« (toki
no tenrankai) ausgerichtet und der »Tag der Zeit« (toki no kinenbi, wörtl.: »Zeit­
Gedenktag«) eingeführt wurde. Mit diesem nationalen Aktionstag setzte unter
dem Dach der »Kampagne zur Verbesserung der Lebensführung« eine eigene
Kampagne für Pünktlichkeit und effiziente Zeitnutzung ein, deren aktivste
Phase mit landesweiten Aktionen zum Tag der Zeit und permanenten Aktivi­
täten der Intermediäre auf lokaler Ebene bis in den Zweiten Weltkrieg hinein­
reichte. Anschließend wurde im Rahmen anderer Kampagnen, die sich auf
den ländlichen Raum konzentrierten, die gesellschaftliche Zeiterziehung un­
gefähr zwei Jahrzehnte lang fortgesetzt. Als ferner Nachklang der Zeitkampa­
gne wird der Tag der Zeit heute noch in einigen Kindergärten und Grundschu­
len begangen.
Im Folgenden wird anhand der zwei Kampagnen erstens gezeigt, dass die
Verbreitung moderner Zeitdisziplin wesentlich dazu diente, außenpolitische
Ziele zu erreichen. Dies wirft ein neues Licht auf die »Kampagne zur Verbes­
serung der Lebensführung«, die in der älteren Forschung als Reaktion auf in ­
nenpolitische Probleme erklärt w urdet4 Demnach hätte die japanische Regie­
rung sie als Mittel dazu eingesetzt, den sozialen Frieden wiederherzustellen,

23 Hirade Yüko, »Toki no kinenbi« no setsuritsu (Die Einführung des Tags der Zeit), in: Nihon
rekishi 725. 2008, S. 6 9 -8 4 ; Nishimoto Ikuko, Jikan ishiki no kindai, S. 267-279; Nishimoto
Ikuko, Kodomo ni jik an genshu o oshieru. Shögakkö no uchi to soto (Den Kindern Pünkt­
lichkeit beibringen. Inner- und außerhalb der Grundschule), in: Hashimoto u. Kuriyama,
Chikoku no tanjö, S. 157-187, hier S. 179-181.
24 Zur »Kampagne zur Verbesserung der Lebensführung« siehe Kobayashi Yoshihiro, Taishöki
ni okeru shakai kyöiku seisaku no shintenkai. Seikatsu kaizen undö o chüshin ni (Neue
Entwicklungen in der Volksbildung während der Taishö-Zeit. Unter besonderer Berück­
sichtigung der Kampagne zur Verbesserung der Lebensführung), in: Köza Nihon Kyöikushi
Henshü Iinkai (Hg.), Kindai II/K ind ai III (Moderne 2/3), Köza Nihon kyöikushi (Vorlesun­
gen zur Bildungsgeschichte Japans), Bd. 3, Tokyo 1984, S. 308-331; Garon, Molding Japa­
nese Minds; Nakajima Kuni, Taishöki ni okeru »Seikatsu kaizen undö« (Die Kampagne zur
Verbesserung der Lebensführung in der Taishö-Zeit), in: Sögö Joseishi Kenkyükai (Hg.),
Josei no kurashi to rödö (Leben und Arbeit der Frauen), Nihon joseishi ronshü (Aufsätze
zur japanischen Frauengeschichte), Bd. 6, Tokyo 1998, S. 2 3 0-263; Hisai Eisuke, Senzen no
seikatsu kaizen undö ni okeru »chishiki« to »jikkö«. Seikatsu Kaizen Dömeikai/Chüökai
no seikaku to sono hen’yö ni kansuru ikkösatsu (»Wissen« und »praktische Umsetzung« in
der Kampagne zur Verbesserung der Lebensführung während der Vorkriegszeit. Eine B e­
trachtung des Charakters und des Wandels der Liga zur Verbesserung der Lebensführung/
des Zentralvereins zur Verbesserung der Lebensführung), in: Nihon Shakai Kyöiku Gakkai
kiyö 42. 2006, S. 65-7 6 ; Hirade Yüko, Kokka no seikatsu kaizen no torikum i. Seikatsu K ai­
zen Dömeikai setsuritsu made (Staatliche M aßnahm en zur Verbesserung der Lebensfüh­
rung. Bis zur Gründung der Liga zur Verbesserung der Lebensführung), in: Seikatsu bun-
kashi 49. 2006, S. 65-7 6 ; Öba Nobutaka: Kindai Nihon no jik an chitsujo to shakai kyöiku
(Zeitordnung und Volksbildung im modernen Japan), in: Uesugi Takam ichi u. Öba Nobu­
taka (Hg.), Shakai kyöiku no kindai (Volksbildung in der Moderne), Kyoto 1996, S. 80-113.
der durch die gewalttätigen Reisunruhen von 1918 - hervorgerufen durch einen
massiven Anstieg der Verbraucherpreise - in Gefahr geraten war. Die Kam­
pagne sollte die Bevölkerung dazu befähigen, die im Alltagsleben zur Ver­
fügung stehenden Ressourcen einschließlich der Zeit effizienter zu nutzen,
um individuelle Lebensbedingungen zu verbessern und dadurch Staat und
Gesellschaft zu stabilisieren^5 Neuere Forschungen stellen die Kampagnen von
1906 bis 1945 jedoch in den Kontext der schon seit den 1880er Jahren andau­
ernden Bestrebungen von Ministerialbürokraten, Intellektuellen und lokalen
Eliten, die Unterstützung der Bevölkerung für die Modernisierungspolitik der
Regierung zu erlangen, deren Ziel darin bestand, Japan in der Auseinanderset­
zung mit den imperialistischen Großmächten zu stärken. Bereits die erste Kam­
pagne von 1906 war unter diesen Vorzeichen mit dem Ziel lanciert worden, Ja­
pans wirtschaftliche Leistungsfähigkeit als Basis seiner militärischen Stärke zu
steigern. Die »Kampagne zur Verbesserung der Lebensführung« diente aber­
mals dazu, die Wirtschaftsleistung zu erhöhen, um den Status als Weltgroß­
macht zu festigen, den Japan als Siegernation des Ersten Weltkriegs erlangt
hatte. 26 Der Faktor Zeit spielte dabei jeweils eine zentrale Rolle.
Zweitens erlaubt die Betrachtung der Zeiterziehung im Rahmen der Kam­
pagnen Rückschlüsse auf Japans kulturelles Selbstbewusstsein gegenüber den
euroamerikanischen Nationen zu ziehen, aus deren Zivilisation die Zeitnor­
men Pünktlichkeit und Effizienz stammten. Ihre Propagierung war eingebet­
tet in den breitangelegten Kulturtransfer, der Japans Modernisierung seit Mitte
des 19. Jahrhunderts zugrunde lag. Der Erste Weltkrieg gilt als Wendepunkt in
diesem Transferprozess, da Japan durch den damit verbundenen Aufstieg in
die Gruppe der fünf Weltgroßmächte so viel Selbstbewusstsein gegenüber dem
Westen gewonnen habe, dass die Bereitschaft, die kulturelle und moralische
Überlegenheit der westlichen Nationen anzuerkennen, im Laufe der 1920er und
1930er Jahre zurückgegangen sei und einer Rückbesinnung auf die vermeint­
liche Essenz der japanischen Kultur Platz gemacht habe, die es vor äußeren
Einflüssen zu schützen galt.27 Diese Sichtweise greift einerseits mit der global­
historischen These ineinander, dass der Krieg, der das Ende der politischen
Vormachtstellung Europas in der Welt einläutete, auch das Vertrauen in die
Segnungen der westlichen Zivilisation erschüttert habe und in vielen Ländern
kulturelle Gegenbewegungen entstehen ließ, die eigene Wertetraditionen in den
Vordergrund rückten. Andererseits widerspricht sie deren Relativierung, ins­
besondere in Teilen Ostasiens sei der Glaube an die europäische Zivilisation er-

25 Nakajima, Taishöki ni okeru »Seikatsu kaizen undö«, S. 256.


26 Garon, Molding Japanese Minds, S. 5-10 u. S. 13; Hirade, Kokka no seikatsu kaizen no tori-
kumi, S. 70.
27 Bob Tadashi Wakabayashi, Introduction, in: ders. (Hg.), Modern Japanese Thought, Cam ­
bridge 1998, S. 1-29, hier S. 15; Najita Tetsuo u. H. D. Harootunian, Japan’s Revolt Against
the West, in: ebd., S. 207-272.
halten geblieben/8 Anhand der Zeitkampagne wird gezeigt, dass in Japan bei­
des, die Rückbesinnung auf vermeintlich einheimische Traditionen, welche
nicht selten invented traditions waren, sowie die fortgesetzte intensive Orientie­
rung an den euroamerikanischen Nationen, welche zugleich als Bedrohung und
als Vorbild, als Gegner und als Partner verstanden wurden, miteinander verein­
bar war.

II. Die Verknüpfung von individueller Zeitdisziplin


und nationalem Interesse in der »Kampagne zur Reform
der ländlichen Regionen«, 1906-1918

Bis um die Jahrhundertwende wurde die Notwendigkeit individueller Zeitdis­


ziplin in Japan selten mit einem nationalen Interesse verknüpft und kaum an­
hand von internationalen Vergleichen begründet. Zeitdisziplin wurde in Schu­
len, Kasernen, Fabriken und im Eisenbahnverkehr vielmehr eingefordert und
eingeübt, um das Funktionieren dieser Institutionen zu gewährleisten. In der
Zeiterziehung im Schulunterricht wurde hervorgehoben, dass es im individu­
ellen Interesse der Schülerinnen und Schüler lag, durch Pünktlichkeit und pro­
duktive Zeitnutzung Gesundheit und Wohlstand zu erlangen/9
Sowohl im Schulunterricht als auch in der gesellschaftlichen Vermittlung
dieser Zeitnormen wurde einerseits an einheimische Tugendtraditionen an­
geknüpft, worunter vor allem frühes Aufstehen und frühmorgendlicher Ar­
beitsbeginn fielen, während andererseits Persönlichkeiten aus der euroameri­
kanischen Geschichte als Vorbilder präsentiert wurden.30 Diese entstammten
zumeist dem Ratgeber »Self-Help« des schottischen Moralschriftstellers Samuel
Smiles (1812-1904), der 1859 erstmals erschienen war und sich im letzten Viertel
des 19. Jahrhunderts zu einem globalen Bestseller entwickelte, welcher von
herausragender Bedeutung für die Verbreitung von Verhaltensnormen wie Aus­
dauer, Sparsamkeit, Fleiß oder Genauigkeit war, die den Anforderungen der
kapitalistischen Gesellschaftsordnung entsprachen. Unter dem Titel Saikoku
risshihen (»Edition ehrgeiziger Bestrebungen in westlichen Ländern«) 1871 ins
Japanische übersetzt, wurde »Self-Help« eines der einflussreichsten Bücher der
Meiji-Zeit, das im Schulunterricht ebenso verwendet wurde wie als Textgrund­
lage für Theaterstücke und das der jungen, aufstrebenden Führungsschicht des

28 Sebastian Conrad u. D om inic Sachsenmaier, Introduction, in: dies., (Hg.), Competing Vi-
sions o f World Order. Global Moments and Movements, 1880s-1930s, New York 2007,
S. 1-25, hier S. 12; Dom inic Sachsenmaier, Alternative Visions o f World Order in the After-
math o f World War I. Global Perspectives on Chinese Approaches, in: ebd., S. 151-178, hier
S. 153.
29 Yamamoto Takinosuke, Hayaoki (Frühes Aufstehen), Tokyo 1918, S. 140-149.
30 Zur Geschichte und Gegenwart des frühen Aufstehens als Verhaltensvorschrift siehe Steger,
(Keine) Zeit zum Schlafen?, S. 294-315; Nishimoto, Jikan ishiki no kindai, S. 167-171.
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
modernen Japans zur moralischen Orientierung d ie n te t Unter den in »Self-
Help« zusammengetragenen rund dreihundert Erfolgsgeschichten wird Zeitdis­
ziplin anhand von erstens Ludwig XIV., der die Maxime »Pünktlichkeit ist die
Höflichkeit der Könige« vertrat, zweitens Lord Nelson, der die Angewohnheit
besaß, stets eine Viertelstunde zu früh zu Verabredungen zu erscheinen, und
drittens George Washington verdeutlicht, der seinem Sekretär mit Entlassung
drohte, als dieser zu spät zum Dienst erschien. Zahlreiche Beispiele weiterer be­
rühmter Personen, deren Erfolgsrezept darin bestand, selbst kleinste Zeitspan­
nen produktiv zu nutzen, versinnbildlichten den ökonomischen Wert der Zeit.
»Self-Help« war an Ideen von John Stuart M ill angelehnt, wonach das Schick­
sal der Nation vom Verhalten eines jeden Einzelnen abhing, da sich individu­
elle Anstrengungen zu Fortschritt und Zivilisation addierten, während indivi­
dueller Müßiggang zum allgemeinen Verfall führte. Das Buch wurde jedoch vor
allem als Wegweiser für persönlichen Erfolg und Verbesserung der eigenen Le­
bensumstände gelesen.32
In den 1890er Jahren begann die militärische und bürokratische Elite Japans,
einen Zusammenhang zwischen dem individuellen Zeitverhalten und der na­
tionalen militärischen und wirtschaftlichen Entwicklung herzustellen. Zeit­
disziplin wurde von nun an als Schlüsselfaktor im Wettstreit der imperialis­
tischen Mächte betrachtet, zu denen Japan seit seinem Sieg über China 1895
gehörte, durch den es erste Kolonialgebiete in Asien erwarb. 1897 erläuterte
Oberst Töjö Hidenori (1855-1913), Mitglied im Generalstab der Kaiserlichen
Japanischen Armee und Dozent an der Japanischen Militärakademie, in einer
Rede vor dem japanischen Lehrerverband den Einfluss von individueller Zeit­
disziplin auf Japans militärische Stärke. Töjö hatte von 1888 bis 1891 einen Stu­
dienaufenthalt in Deutschland absolviert und dort die Abhängigkeit der Wehr­
fähigkeit von gesellschaftlichen Voraussetzungen, insbesondere von einem
disziplinierten Alltagsverhalten, erkannt.33 In seiner Rede führte er Japans Sieg
über China auf die überlegene Zeitdisziplin der japanischen Soldaten zurück,
warnte jedoch, dass das japanische Militär noch weit von der Diszipliniertheit
westlicher Armeen entfernt und Japan daher noch nicht bereit für einen Krieg
gegen eine euroamerikanische Großmacht war. Die Ursache dafür sah er darin,
dass die japanische Bevölkerung immer noch zu nachlässig mit der Zeit um-

31 Ogle, W hose Tim e Is It?, S. 1396 f. Zur Rezeptionsgeschichte siehe Earl Kinm onth, The Self-
Made Man in Meiji Japanese Thought. From Samurai to Salary Man, Berkeley 1981.
32 Samuel Smiles, Self-Help. W ith Illustrations of Conduct and Perseverance, London 1911,
S. 322-325; Nishimoto, Jikan ishiki no kindai, S. 167-169.
33 Rudolf Hartm ann, Japanische Offiziere im Deutschen Kaiserreich 1870-1914, in: Japonica
Humboldtiana 11. 2007, S. 93-158, hier S. 140 f. Töjö Hidenori war der Vater von Töjö Hideki
(1884-1948), der 1937 G eneralstabschef der Kwantung-Armee wurde, die de facto den ja ­
panischen M arionettenstaat Mandschukuo beherrschte, und der während des Pazifischen
Kriegs von 1941 bis 1944 japanischer Prem ierm inister war. Yoshida Yutaka, Nihon no
guntai. Heishitachi no kindaishi (Das japanische Militär. Die moderne Geschichte der Sol­
daten), Tokyo 2003, S. 9 f.
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
ging, da die jungen Rekruten in dieser Hinsicht von ihren Familien nicht ausrei­
chend vorbereitet wurden. Um Abhilfe zu schaffen, forderte er von den Lehrern,
Pünktlichkeit in den Schulen durchzusetzen.34
Nach Japans Sieg über Russland 1905 wurde individuelle Zeitdisziplin auch
mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Japans diskursiv verknüpft und
in der »Kampagne zur Reform der ländlichen Regionen«, mit der die Bemü­
hungen zur permanenten Mobilisierung der Bevölkerung begannen, erstmals
in systematischer Weise landesweit propagiert. Während sich Japan wegen
seines beispiellosen Kriegserfolgs einer nicht-westlichen Nation über eine im­
perialistische Großmacht aus euroamerikanischer Perspektive zu einer ernstzu­
nehmenden Konkurrenz entwickelte und einerseits als »Gelbe Gefahr«, ande­
rerseits als Vorbild für nationale Effizienz wahrgenommen wurde, war man sich
in Japan selbst der eigenen fortgesetzten militärischen und wirtschaftlichen Un­
terlegenheit nur allzu bew u sst^ In weltpolitischer Hinsicht besaß Japan nun
den Status einer regionalen Großmacht, in wirtschaftlicher Hinsicht blieb es je ­
doch ein Agrarstaat, dessen Staatskasse durch hohe Auslandsschulden infolge
der Kriegskosten sowie die Verwaltung seiner Kolonien und Pachtgebiete, den
Import von Rüstungsgütern und den Ausbau der industriellen Infrastruktur,
der nötig war, um die noch junge Schwerindustrie zu fördern, langfristig stark
belastet sein würde. Die politischen, militärischen und bürokratischen Eliten
fürchteten, dass Japan ohne das Fundament eines substantiellen W irtschafts­
wachstums die anstehenden Aufgaben nicht bewältigen und im internationa­
len Konkurrenzkampf wieder zurückfallen könnte. Mit der »Kampagne zur Re-

34 Zitiert in Theodore F. Cook, M aking Japanese Solders, in: Barbara Molony u. Kathleen
Uno (Hg.), Gendering Modern Japanese History, Cambridge, MA 2005, S. 259-294, hier
S. 279.
35 Vgl. insb. die 1906 in London erschienene Abhandlung Great Japan. A Study of National
Efficiency von Alfred Stead (1877-1933), in der dieser Japan als »effizienteste Nation auf der
Welt« (S. X V I) darstellte. Andere Autoren priesen Japans verm eintlich überragende Organi­
sationsfähigkeit und die praktische Anwendung wissenschaftlicher Methoden in verschie­
denen gesellschaftlichen Bereichen. Die kritischen Stimmen derjenigen, die die tatsächlich
vergleichsweise geringe Produktivität und hohe Im portabhängigkeit der Industrie sowie
die stockende Entwicklung der W issenschaften in Japan aus eigener Anschauung kannten,
gingen im Konzert eines kurzlebigen Japan-Kults unter, der Japans Vergangenheit glorifi­
zierte, um seine gegenwärtigen Erfolge zu erklären. Ein Teil dessen war das im Jahr 1900 er­
schienene Buch Bushido. The Soul o f Japan von Nitobe Inazö (1862-1933), das den Ehren­
kodex der Samurai (bu shido) als eine wichtige geistige Grundlage der gesellschaftlichen
Organisation Japans darstellte. Die Japan-Verehrung jener Zeit drückte sich auch in dem
Roman A Modern Utopia (1905) von H. G. Wells aus, der die utopische Gesellschaft, die er
darin beschrieb, von einer Herrschaftselite regieren ließ, die er Samurai nannte. Ihre A n­
gehörigen zeichneten sich durch strenge Disziplin, Askese und Orientierung an einer pu­
ritanischen Ethik aus. Siehe Geoffrey Russell Searle, The Quest for National Efficiency.
A Study in British Politics and Political Thought, 1899-1914, Berkeley 1971, S. 57 f. Ironi­
scherweise waren es gerade diese Wesenszüge, die die japanischen Eliten an ihren Lands­
leuten schmerzlich vermissten.
form der ländlichen Regionen« rief das Innenministerium daher die bäuerliche
Bevölkerung zu Fleiß und Sparsamkeit sowie zur korrekten Entrichtung der
Steuern a u f/6
Unter dem Imperativ der Produktivitätssteigerung wurden in der Kampagne
auch Pünktlichkeit und Zeitökonomie propagiert. Der einflussreiche Agrarwis­
senschaftler Yamazaki Enkichi (1873-1954) kritisierte in einem Vortrag über
die Verantwortung der Gemeinderäte für die Förderung der Landwirtschaft,
den er vor der Generalversammlung der Gemeinderäte des Landkreises Hidaka
in der Präfektur Wakayama 1917 hielt und den das Innenministerium für so
bedeutend erachtete, dass es ihn ein Jahr später in gedruckter Form landes­
weit verbreiten ließ, die japanische Unpünktlichkeit als ein »allgemeines Übel«
(tsühei), das den wirtschaftlichen Fortschritt hemme. Im ländlichen Raum
richte sich allein der Schulbetrieb nach der Uhrzeit - unter der vielerorts freilich
noch die alte Lokalzeit verstanden wurde - während die Gemeinderäte und Rat­
hausbeamten für gewöhnlich zu spät zur Arbeit und zu Terminen erschienen
und daher ihrer Vorbildfunktion für die Verbesserung der Volkssitten (minpü
no kaizen) nicht gerecht w ürden/7 Äußerungen wie diese unterstreichen, dass
zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur die allgemeine Bevölkerung, sondern
auch die dörflich-kleinstädtische Verwaltungselite in der Alltagspraxis noch
wenig diszipliniert mit der Zeit umging und Pünktlichkeitsappelle neben der
militärischen und wirtschaftlichen Stärkung Japans auch auf das Funktionie­
ren des sich ausdehnenden Verwaltungsapparates gerichtet waren. Tatsächlich
wurde die Behinderung von Verwaltungsvorgängen aufgrund mangelnder Zeit­
disziplin in der Kampagne immer wieder als Problem angesprochen, was dazu
führte, dass Pünktlichkeit in zahlreiche Dorfregularien (sonze) aufgenommen
wurde, die im Rahmen der Kampagne erstellt wurden, um das Alltagsverhalten
der ländlichen Bevölkerung zu steuern.38
Auch Yamazaki berief sich auf euroamerikanische Verhaltensvorbilder, in ­
dem er sich in seinem Vortrag auf die Washington-Anekdote aus »Self-Help«
bezog, wonach dieser, um der »nationalen Disziplin« (kuni no kiritsu) Genüge
zu tun, während des Unabhängigkeitskrieges einen einflussreichen Freund und
Unterstützer seines Amtes enthoben habe, als dieser 15 Minuten zu spät zu
einer Verabredung erschienen sei/9 Yamazaki verwandelte den im Original
erwähnten Sekretär von George Washington somit in einen einflussreichen
Freund, um hervorzuheben, dass ein disziplinierter Umgang mit der Zeit höher
zu bewerten war als persönliche Loyalität, da von individueller Disziplin letzt­
lich das Staatswohl abhing, das über dem Wohl des Einzelnen stand.

36 Pyle, Technology o f Japanese Nationalism, S. 52, S. 57 u. S. 61; Garon, Molding Japanese


Minds, S. 8 f.
37 Eine alternative Lesung seines Vornamens lautet Nobuyoshi; Yamazaki Enkichi, Yüryö
chöson no kensetsu (Der Aufbau hervorragender Gemeinden), Tokyo 1918, S. 97-100.
38 Yoshida, Nihon no guntai, S. 46 f.
39 Yamazaki, Yüryö chöson no kensetsu, S. 97 f.
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In der Kampagne griff man jedoch auch nach wie vor auf einheimische Tu­
gendtraditionen zurück, wozu vor allem frühes Aufstehen gehörte. In zahlrei­
chen Veröffentlichungen wurden Empfehlungen zur zeitlichen Regulierung des
Tagesablaufs ausgesprochen, die insbesondere die Schlafenszeiten betrafen40
Der Begründer der Jungmännervereine, die zu den wichtigsten Intermediären
der Kampagne gehörten, der Lehrer Yamamoto Takinosuke (1873-1931), hatte
frühes Aufstehen bereits 1909 in seinem Buch Chihö seinen dan tai (»Die Orga­
nisationen der jungen Männer auf dem Land«), das den Jungmännervereinen
als programmatische Grundlage dienen sollte, als Verhaltensvorschrift aufge­
nommen. 1918 verfasste er ein spezielles Brevier mit dem Titel H ayaoki (»Frühes
Aufstehen«), in dem er erklärte, dass vom frühen Aufstehen und dem damit ver­
bundenen frühen Arbeitsbeginn nicht nur das individuelle Schicksal und das
der eigenen Familie abhinge, sondern dass dadurch auch ein wichtiger Beitrag
für Gesellschaft und Nation geleistet würde41 Es sollte sowohl zur wirtschaft­
lichen Selbsthilfe verarmter Familien auf dem Land beitragen als auch Japan im
internationalen Konkurrenzkampf stärken. Zur Legitimierung dieser Verhal­
tensvorschrift berief sich Yamamoto auf Vorbilder aus allen drei Kultursphären,
die Japans Entwicklung geprägt hatten: die feudalzeitliche Tradition der Samu­
rai, das alte China und die euroamerikanische Moderne. Seine Beispiele, die er
aus japanischen Moralschriften des 17. und 18. Jahrhunderts, aus den Überliefe­
rungen von Konfuzius und Menzius und aus »Self-Help« bezog, wurden gleich­
gewichtig behandelt, sodass der Eindruck entstand, dass frühes Aufstehen eine
universal geschätzte Verhaltensnorm se i42
Von den euroamerikanischen Industrienationen wurden auch Ansätze wis­
senschaftlicher Konzepte individuellen Zeitmanagements übernommen, die
dort angesichts der entstehenden Trennung von Arbeitszeit und Freizeit ent­
wickelt wurden. Der Koordinator der Kampagne, der Staatssekretär im Innen­
ministerium Inoue Tomoichi, wies 1909 in einem Vortrag darauf hin, dass pro­
duktive Zeitnutzung nicht nur bedeute, dass die Arbeitszeit intensiver genutzt,
sondern auch, dass die freie Zeit sinnvoller verwendet werden müsse. Reine
Feiertage (matsuri) seien nutzlos verbrachte Tage. Vielmehr solle rekueeshon
(vom englischen recreation) im Sinne einer aktiven Freizeitgestaltung betrie­
ben werden, um sich für die Arbeit zu regenerieren, oder um sich für die lokale
Selbstverwaltung und für die Verbesserung der öffentlichen Moral zu engagie-
ren.43 Somit sollte individuelles Zeitmanagement nicht nur dazu dienen, die

40 Brigitte Steger, »Early to Rise«. M aking the Japanese Healthy, Wealthy, W ise, Virtuous,
and Beautiful, in: Lodewijk Brunt u. Brigitte Steger (Hg.), Worlds o f Sleep, Berlin 2008,
S. 211-236. Öba Nobutaka, Kindai Nihon no jik an chitsujo to shakai kyöiku (Zeitordnung
und Volksbildung im modernen Japan), in: Uesugi Takamichi u. Öba Nobutaka (Hg.),
Shakai kyöiku no kindai (Volksbildung in der Moderne), Kyoto 1996, S. 80-113, hier S. 84.
41 Yamamoto, Hayaoki, S. 45 u. S. 331.
42 Ebd., S. 5 2-55 u. S. 6 2 -6 8 .
43 Öba, Kindai Nihon no jik an chitsujo to shakai kyöiku, S. 85; Hirade, »Toki no kinenbi« no
setsuritsu, S. 79.
wirtschaftlichen Ziele der Kampagne zu erreichen, sondern auch ihr politisch­
ideologisches, das darin bestand, eine breitere Identifikation mit dem National­
staat zu erzeugen.
Die gesellschaftliche Wirkung der »Kampagne zur Reform der ländlichen
Regionen« wurde bislang zurückhaltend beurteilt. Sie habe allenfalls dazu ge­
führt, die lokale Verwaltungselite für die Unterstützung der Regierungsziele zu
gewinnen, die Masse der ländlichen Bevölkerung jedoch eher unberührt gelas-
sen.44 Die Quellen, die im Umfeld der Kampagne entstanden, etwa die bereits
erwähnte Zeitschrift Shimin sowie Senyü (Der Kriegskam erad), letztere das zen­
trale Mitteilungsorgan des Reichsreservistenverbands, lassen jedoch erkennen,
dass die Kampagne zumindest in Teilen bis auf die Mikroebene der Dorfbewoh­
ner durchgedrungen sein muss.
Kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs begründeten die Reservisten- und
Jungmännervereine unter dem Dach der Kampagne eine Bewegung für frühes
Aufstehen. In den Dörfern, in denen die Bewegung Fuß fasste, fand sich die
männliche Jugend an bestimmten Tagen im Monat gegen vier oder fünf Uhr
morgens zu Frühaufsteherversammlungen (hayaokikai) ein, die etwa eine Stunde
dauerten und eine Mischung aus körperlicher Ertüchtigung, geistiger Erbauung
und staatsbürgerlicher Belehrung darstellten. Ihre genaue Häufigkeit und Ver­
breitung sind unbekannt, jedoch werden Frühaufsteherversammlungen auch in
Quellen zur »Kampagne der Verbesserung der Lebensführung« in den 1920er
und 1930er Jahren noch erwähnt, die ihre landesweite Verteilung belegen. An­
gepasst an die Vorstellungen und Bedürfnisse der jeweiligen Dorfgemeinschaft
bestand das Programm dieser Versammlungen beispielsweise aus Sport, Wehr­
übungen, Vorträgen über Landwirtschaft, Nebenerwerbstätigkeiten, Gebeten
am Shintö-Schrein, Verehrung des Kaisers durch eine Verbeugung in Richtung
seines Palastes in Tokyo, Lesungen aus konfuzianischen Moralschriften oder
Aufklärung über die Ziele der Kam pagne/5 Auf diese Weise wurde der männ­
lichen Landjugend der Zusammenhang zwischen individuellem Zeitverhalten
und nationalem Wohl wiederholt verdeutlicht. Wenn auch nicht anzunehmen ist,
dass dies zu nachhaltigen Effekten in der Alltagspraxis geführt hat, da andern­
falls die in den 1920er Jahren folgende Zeitkampagne kaum nötig gewesen wäre,
hat die Bewegung für frühes Aufstehen doch dazu beigetragen, auch in den länd­
lichen Regionen schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein kollektives Bewusst­
sein für die Notwendigkeit moderner Zeitdisziplin zu schaffen.

44 Pyle, Technology o f Japanese Nationalism.


45 Beispiele u. a. in Yamamoto, Hayaoki; Tanaka Giichi, Futatabi hayaoki o shörei su (Zum
wiederholten Male frühes Aufstehen empfehlen), in: Sen’yü 85. 1917, S. 2 - 6 ; Asaokikai no
jikkö (Die Ausführung von Morgentreffen), in: ebd. 82. 1917, S. 78-8 0 .
III. D er Erste W eltkrieg und der Beginn
der »Kampagne zur Verbesserung der Lebensführung«

Der Erste Weltkrieg bestärkte die japanische Ministerialbürokratie in ihrer


Auffassung, dass die Zukunft Japans vom Alltagsverhalten aller Staatsbürger
abhing, und er ließ die gesellschaftliche Mobilisierung der Ressource Zeit noch
dringlicher erscheinen. Als Konsequenz daraus stieß das Erziehungsministe­
rium 1920 die »Kampagne zur Verbesserung der Lebensführung« an, in der die
Verbreitung der modernen Zeitdisziplin eine wichtige Rolle spielte.
Obwohl Japan gestärkt aus dem Ersten Weltkrieg hervorging, da es auf Sei­
ten der Sieger in die Gruppe der fünf Weltgroßmächte aufstieg und einen W irt­
schaftsboom erlebte, der die Entwicklung vom Agrarstaat zur Industrienation
um 1920 abschloss, hielt dieser »totale« Krieg der japanischen Bürokratie- und
Militärelite die militärische und wirtschaftliche Überlegenheit der euroameri­
kanischen Staaten abermals eindrücklich vor Augen, etwa durch den Einsatz
mächtiger neuer Waffen oder die Fähigkeit zur Mobilisierung ganzer Gesell­
schaften. Die meisten Kommentatoren aller Professionen und politischen Schat­
tierungen teilten die aus der imperialistischen Dynamik herrührende Vor­
stellung, dass Japan früher oder später unausweichlich in einen Krieg gegen
euroamerikanische Großmächte verwickelt werden würde. Die Beobachtung
sowohl des Kriegsgeschehens auf dem Schlachtfeld als auch der Organisation
der Heimatfront in den kriegführenden europäischen Staaten und in den USA
floss in Überlegungen der eigenen Kriegsvorbereitung e in 46 Dabei war die
Kriegserwartung nicht auf militärische Auseinandersetzungen beschränkt,
sondern bezog sich ebenso auf eine Zuspitzung des permanenten »W irtschafts­
kriegs« (keizaisen), der zwischen den Industrienationen h e rrs ch te t Man be­
fürchtete, dass der Entwicklungsvorsprung, den die Volkswirtschaften der
Konkurrenten ohnehin besaßen, infolge der zahlreichen Rationalisierungs­
maßnahmen, die unter Kriegsbedingungen eingeführt wurden, ungeachtet der
immensen materiellen und menschlichen Verluste nach dem Krieg noch wei­
ter anwachsen würde. Um 1920 entbrannte daher eine breite politische, gesell-

46 Siehe Jan Schmidt, Der Erste W eltkrieg als vermittelte Kriegserfahrung in Japan. Mediale
Aneignungen und Studien durch M ilitär und M inisterialbürokratie, in: GG 40. 2014,
S. 2 3 9 -265 sowie speziell zu japanischen Zukunftsvorstellungen während des Ersten Welt­
kriegs ders., D aiichiji sekai taisenki Nihon ni okeru »sengoron«. M iraizö no tairyö sei-
san (Der »Nachkriegsdiskurs« in Japan während des Ersten Weltkriegs. Eine M assenpro­
duktion von Zukunftsvorstellungen), in: Yamamuro Shinichi u. a. (Hg.), Gendai no kiten.
D aiichiji sekai taisen (Ursprung der Gegenwart. Der Erste Weltkrieg), Bd. 1: Sekai sensö
(Weltkrieg), Tokyo 2014, S. 155-178.
47 Yamamuro Shin’ichi, Der Erste W eltkrieg und das japanische Empire, in: Bochum er Jahr­
buch zur Ostasienforschung 34. 2010, S. 21-51, hier S. 21-24, und ausführlicher ders.,
Fukugö sensö to söryokusen no dansö. Nihon ni totte no dai-ichiji sekai taisen (Im
Spannungsverhältnis zwischen sich überlagernden Kriegen und totalem Krieg. Der Erste
W eltkrieg für Japan), Kyoto 2011, S. 15-28.
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schaftliche und wissenschaftliche Diskussion darüber, wie die Produktivität Ja­
pans zu steigern wäre. Sie kreiste um die Schlüsselbegriffe Effizienz (nöritsu)
und Rationalisierung (görika), die nicht nur auf die Industrie, sondern auf alle
Bereiche des privaten und gesellschaftlichen Lebens bezogen wurden48 In der
»Kampagne zur Verbesserung der Lebensführung«, die die Bevölkerung über
Methoden zur Rationalisierung des Alltagslebens aufklären sollte, verbanden
sich theoretische und praktische Aspekte dieser Diskussion.
Ihre Initiatoren waren die Beamten Tanahashi Gentarö (1869-1961), der Di­
rektor des Pädagogischen Museums (Kyöiku Hakubutsukan) in Tokyo, und
Norisugi Kaju (1878-1947), der erste Leiter der im Juni 1919 neu eingerichteten
Abteilung für Volksbildung im Erziehungsministerium49 Zusammen grün­
deten sie am 25. Januar 1920 die Liga zur Verbesserung der Lebensführung
(Seikatsu Kaizen Dömeikai).5o In dieser halbstaatlichen Volksbildungsorgani­
sation schlossen sich die Protagonistinnen und Protagonisten der gleichnami­
gen Kampagne zusammen, hauptsächlich Wissenschaftler, p u blic intellectuals,
Künstler und Rektoren von Privatschulen, darunter viele Frauen, die ehrenamt­
lich auf der Grundlage neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse praktische An­
leitungen zur Reform der vier Kernbereiche Ernährung, Wohnung, Kleidung
und gesellschaftliche Umgangsformen entwarfen. Unter Federführung ihres
Vordenkers Tanahashi gab die Liga als zentrales Lenkungsgremium die pro-

48 Der B egriff Effizienz (nöritsu) wurde in Japan im Zusammenhang m it der von Frederick
W. Taylor (1856-1915) in den 1890er Jahren entwickelten w issenschaftlichen Betriebs­
führung (scientific m an agem en t, jap . k ag ak u teki kan rihö) eingeführt. Schon in den Jah­
ren vor dem Ersten W eltkrieg waren einige der damit verbundenen Methoden einer Fach­
öffentlichkeit vorgestellt und vereinzelt in der Praxis erprobt worden. 1912/13 wurde das
Taylor’sche Standardwerk P rinciples o f Scientific M an agem en t (1911) ins Japanische über­
setzt. Anfang der 1920er Jahre entspann sich eine breite Diskussion über die Methoden
wissenschaftlicher Betriebsführung, eine Reihe von »Effizienzforschungsanstalten« und
Fachzeitschriften wurde gegründet. Methoden der Effizienzsteigerung (nöritsu zöshin)
wurden von imm er mehr Unternehmen und Behörden in Produktion und Verwaltung ein­
gesetzt. Vgl. Nishimoto, Jikan ishiki no kindai, S. 215-218 u. S. 236; W illiam M. Tsutsui,
M anufacturing Ideology. Scientific Management in Twentieth-Century Japan, Princeton
1998, S. 14-57.
49 Hirade, Kokka no seikatsu kaizen no torikum i, S. 69. Das Museum ist der Vorläufer des heu­
tigen Nationalen W issenschaftsmuseums Kokuritsu Kagaku Hakubutsukan (engl.: Natio­
nal Museum of Nature and Science). Zur Gründungsgeschichte des Museums vgl. Morris
Low, Prom oting Scientific and Technological Change in Tokyo, 1870-1930. Museums, In ­
dustrial Exhibitions, and the City, in: M iriam R. Levin u. a. (Hg.), Urban Modernity. Cultu-
ral Innovation in the Second Industrial Revolution, Cambridge, MA 2010, S. 205-253, hier:
S. 218-221.
50 Aochi Chüzö, »Toki« no kinenbi (Der Tag der Zeit), in: Naigai Kyöiku Shiryö Chösakai
(Hg.), Shijö toki tenrankai (Die Zeitschrift zur Zeitausstellung). Saishin hendö kyözai
shüroku rinjigö daikan dai10gö (Sammlung allerneuester Lehrmaterialien, Sonderausgabe,
Bd. 9 Nr. 10), Tokyo 1920, S. 110-130, hier S. 114; Hirade, »Toki no kinenbi« no setsuritsu,
S. 73. Die Organisation wurde 1933 in Zentralvereinigung zur Verbesserung der Lebens­
führung (Seikatsu Kaizen Chüökai) umbenannt und 1943 aufgelöst.
grammatische Richtung der Kampagne vor und koordinierte ihre Aktivitäten.
Dabei handelte es sich vor allem um Vorträge, Publikationen, Ausstellungen,
Verbraucherberatung per Post und den Vertrieb geeigneter Produkte, haupt­
sächlich elektrischer Haushaltsgeräte/1
Das Thema des Zeitsparens durchzog die gesamte Rationalisierungskampa­
gne, da Verbesserungsvorschläge in allen Bereichen auf eine effizientere Zeit­
nutzung hinausliefen. So sollte beispielsweise die Einführung westlicher Sitz­
möbel die unproduktiven »Nickerchen« verhindern, zu denen das traditionelle
Sitzen auf dem Fußboden angeblich verleitete, und der Konsum von Brot sollte
dazu verhelfen, die Zeit einzusparen, die das tägliche Reiskochen erforderte. Die
Umsetzung solcher Vorschläge setzte jedoch eine Reform des Zeitverständnis­
ses voraus, da ein ökonomisch-rationales Zeitbewusstsein ungeachtet der vo­
rausgegangenen »Kampagne zur Reform der ländlichen Regionen« in der Be­
völkerung immer noch kaum verbreitet war. Für Tanahashi war »kaum etwas
so dringend wie die Einführung der guten Sitte, die Zeit wertzuschätzen;« in
der Satzung der Liga wurde die Einführung der Pünktlichkeit (jikan o seikaku
ni m am oru koto) als vornehmstes Ziel genannt/2 Die Priorität, mit der die Ver­
breitung der modernen Zeitdisziplin behandelt wurde, drückte sich jedoch ins­
besondere darin aus, dass ein halbes Jahr nach Beginn der Kampagne eine spe­
zielle Aufklärungskampagne für Pünktlichkeit und effiziente Zeitnutzung aus
ihr hervorging, die in kurzer Zeit ganz Japan einschließlich der Kolonialgebiete
erfasste.
Die Zeitkampagne begann mit der Zeitausstellung von 1920, der ersten Aus­
stellung, die diesem Thema in Japan gewidmet war. Mit der Zielsetzung, »die
schönen Sitten der Wertschätzung der Zeit (jikan sonchö) und der Pünktlichkeit
(teiji reikö) in der Bevölkerung auszubilden und sie zu einer angespannteren,
disziplinierten Lebensführung anzuhalten«, wurde sie von Tanahashi und den
Mitgliedern der Liga zur Verbesserung der Lebensführung organisiert und vom
16. Mai bis zum 4. Juli im Pädagogischen Museum in Tokyo gezeigt. W ährend­
dessen wurde am 10. Juni 1920 der Tag der Zeit eingeführt, um ihre Botschaft
aus dem Museum hinaus in die Öffentlichkeit zu tragen und dauerhaft im
Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern. In den folgenden Jahrzehnten bil­
dete dieser Aktionstag, der schon im ersten Jahr außer in der Hauptstadt Tokyo
auch in den Großstädten Osaka, Nagoya und Fukuoka begangen wurde, den
Mittelpunkt der Zeitkampagne/3

51 Hirade, »Toki no kinenbi« no setsuritsu, S. 73. Aochi, »Toki« no kinenbi, S. 114; Hirade,
Kokka no seikatsu kaizen no torikum i, S. 65 u. S. 73.
52 Tanahashi Gentarö, Jikan sonchö no bifü o yösei subeshi (Die gute Sitte, die Zeit wertzu­
schätzen, ist einzuführen), in: Kyöiku jiron 1262. 1920, S. 5 -8 , hier S. 5; zitiert bei Hirade,
»Toki no kinenbi« no setsuritsu, S. 74.
53 Tanahashi Gentarö, Jo (Vorwort), in: Naigai Kyöiku Shiryö Chösakai (Hg.), Shijö toki ten-
rankai. Osaka Asahi Shinbun, 10.6.1920; Aochi, »Toki« no kinenbi, S. 125; Kawai Shöjirö,
Toki no kinenbi (Der Tag der Zeit), in: Tenmon geppö 7. 1920, S. 97-102; hier S. 101. Als
Ergebnis strömten am darauffolgenden Sonntag, dem 13.6.1920, knapp 23.000 Besucher in
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Der Ablauf des ersten Tags der Zeit gab ein Muster für die Aktivitäten vor,
die die Mitglieder der Liga zur Verbesserung der Lebensführung und die Inter­
mediäre der Kampagne, hauptsächlich Schülerinnen und Schüler, Frauenorga­
nisationen, Jungmänner- und Reservistenvereine, in den folgenden Jahren an
diesem Tag entfalteten. In den Städten kontrollierten sie üblicherweise die
Ganggenauigkeit öffentlicher Uhren mithilfe von Präzisionschronometern, ver­
teilten Flugblätter an belebten Orten und boten Passantinnen und Passanten
an, ihre Taschen- oder Armbanduhren nach der korrekten Uhrzeit zu stellen.
Die Liga lud Schulleiter zu Weiterbildungen ein, bei denen auch Lehrmateria­
lien zum Thema Zeit verteilt wurden und entsandte Dozenten in Schulen, Fa­
briken sowie zu Unternehmerverbänden. Uhrenhersteller und Uhrengeschäfte,
aber auch andere Unternehmen veranstalteten besondere Werbeaktionen. Lan­
desweit ließen Tempel, Schreine, Kirchen und Fabriken um Punkt 12 Uhr mit­
tags ihre Glocken, Trommeln oder Sirenen ertönen, um ein flächendeckendes
akustisches Zeitsignal zu erzeugen, nach dem die Bevölkerung ihre häuslichen
Uhren stellen konnte. Zum Abschluss des Tags der Zeit fand abends eine zen­
trale Feierstunde in einer Konzerthalle in Tokyo statt, bei der Grußworte des
Innen- und des Erziehungsministers sowie anderer hochrangiger Politiker ver­
lesen wurden, um die nationale Bedeutung der Kampagne zu unterstreichen.54
Drei Vorträge, die im Rahmenprogramm der Ausstellung gehalten wurden,
zeugen von der Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg. Die Redner -
der Astronom Hirayama Kiyotsugu (1874-1943), der Historiker Mikami Sanji
(1865-1939) von der Reichsuniversität Tokyo, der bedeutendsten Universität Ja­
pans, und der Schulleiter und Lokalpolitiker Imai Kanehiro (1868-1941), ein
Sonderbeauftragter des Innenministeriums - erwähnten darin die Sommer­
zeit, die während des Kriegs ab 1916 in vielen europäischen Ländern, darunter
das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn, Großbritannien, Italien, Frankreich
und die USA, als Rationalisierungsmaßnahme eingeführt worden war, um den
Brennstoffverbrauch für die abendliche Beleuchtung zu reduzieren. Sie zeigten
sich stark beeindruckt von dieser bewussten Manipulation der Zeitordnung, die
sie als Ausdruck des ausgeprägten Verständnisses der Menschen in den west­
lichen Industrienationen für den ökonomischen Wert der Zeit interpretierten.55

die Zeitausstellung, was einem Zehntel ihrer Gesamtbesucherzahl entsprach. Dies war die
größte Menge an Besuchern, die das Museum bis dahin an einem einzelnen Tag verzeichnen
konnte und ist daher ein beredtes Zeugnis für die Breitenwirksamkeit dieses Aktionstags.
Toki tenrankai raikanshasü (Die Besucherzahl der Zeitausstellung), in: Tenmon geppö 7.
1920, S. 105.
54 Tokyo Asahi Shinbun, 11.6.1920, Morgenausgabe; Osaka Asahi Shinbun, 11.6.1920; Aochi,
»Toki« no kinenbi, S. 115, S. 117 u. S. 123 f.; Kawai, Toki no kinenbi, S. 98 f.; Toki kinenbi
gaikyö (Allgemeines zum Tag der Zeit), in: Seikatsu 7. 1929, S. 27-4 3 , hier S. 28.
55 Tökyö Teikoku Daigaku, heute: Tökyö Daigaku (Universität Tokyo); Bartky, One Time
Fits All, S. 162-200; M ikam i Sanji, »Toki« ni tsuite kojin yori ukubeki kyökun (Was von
den Menschen im Altertum über die Zeit zu lernen ist), in: Naigai Kyöiku Shiryö Chösakai
(Hg.), Shijö toki tenrankai, S.1-16, hier S. 1.
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Der Astronom Hirayama rechnete vor, dass Deutschland dadurch jährlich
Brennstoffe im Wert von 200 Millionen Mark eingespart habe. Daran anschlie­
ßend behauptete der Historiker Mikami, dass die USA und einige europäische
Länder die Sommerzeit aufgrund ihres großen Erfolgs auch in Friedenszeiten
beibehielten, und warnte, dass dies den euroamerikanischen Ländern einen
Vorsprung im globalen wirtschaftlichen Wettbewerb beschere, was sich im
Kriegsfall als nachteilig für Japan erweisen würde. Dies widersprach der Tat­
sache, dass viele Staaten die Sommerzeit unmittelbar nach Kriegsende wieder
abgeschafft hatten, da ihre Effektivität schon damals umstritten war und sich
in den Bevölkerungen Widerstand gegen die Zeitumstellung regte, vor allem
auf dem Land.56 Die übertriebene Darstellung des Erfolgs der Sommerzeit stei­
gerte jedoch das Gefühl der Bedrohung durch die euroamerikanischen Kon­
kurrenten, zumal Japan dieses angeblich so wirkungsvolle Instrument verwehrt
blieb. Obwohl technisch betrachtet leicht möglich, rieten alle drei Redner da­
von ab, die Sommerzeit in Japan einzuführen, da die praktische Umsetzung
vermutlich am mangelnden Verständnis für die Uhrzeit scheitern würde. Die
Zeitausstellung zeigte jedoch, wie sich auf alternativem Wege, nämlich durch
mehr Effizienz in der privaten Lebensführung, »zum Fortschritt der Nation bei­
tragen« ließ e” Individuelles Zeitsparen wurde somit in Japan auch als funk­
tionales Äquivalent zur Sommerzeit mit dem Ziel propagiert, die Nation im
globalen wirtschaftlichen Wettbewerb zu stärken und dadurch auf künftige
Kriege vorzubereiten.

IV. Die »Japanisierung«


der euroam erikanischen Disziplinvorbilder

In der Zeitkampagne behielt man die Methode der Verwendung von Vorbildern
bei, die auch in der vorangegangenen »Kampagne zur Reform der ländlichen
Gegenden« vielfach eingesetzt worden war. Nur noch selten berief man sich je ­
doch, wie bisher üblich, auf die euroamerikanische Moderne, das antike China
oder die japanische Feudalzeit. Obwohl Euroamerika nach wie vor als Moder­
nisierungsvorbild anerkannt wurde, dem es nachzueifern galt, und der Erste
Weltkrieg das Bestreben, von diesen »Gegnern zu lernen«, noch angeheizt hatte,

56 Hirayama Kiyotsugu, Nikkö riyöan ni tsuite (Über den Vorschlag zur Einführung der Som­
merzeit), in: Naigai Kyöiku Shiryö Chösakai (Hg.), Shijö toki tenrankai, S. 17-28, hier S. 22;
M ikam i, »Toki« ni tsuite kojin yori ukubeki kyökun, S. 14 f.; Bartky, One Tim e Fits All,
S. 162-200.
57 Hirayama, Nikkö riyöan ni tsuite, S. 24; Imai Kanehiro, »Toki« ni kansuru kokuminteki
kunren to sono shisetsu (Die Zeitschulung der Nation und die zeitliche Infrastruktur), in:
Naigai Kyöiku Shiryö Chösakai (Hg.), Shijö toki tenrankai, S. 29-47, hier S. 35; M ikami,
»Toki« ni tsuite kojin yori ukubeki kyökun, S. 1. Tanahashi, Jikan sonchö no bifü o yösei
subeshi, S. 5.
wurden konkrete euroamerikanische Beispiele in der gesellschaftlichen Zeiter­
ziehung immer seltener verwendet/8 Stattdessen ging man bereits zu Beginn
der Zeitkampagne, in der Gestaltung der Zeitausstellung, dazu über, die euro­
amerikanischen Zeitnormen zu »japanisieren« und damit in einheimische Vor­
bilder zu kleiden.
Tanahashi, der Kurator der Ausstellung, leitete seine Vorschläge für gute
Zeitnutzung aus Beobachtungen ab, die er während eines Studienaufenthalts
von 1909 bis 1911 in Europa und den USA gemacht h a t t e t In einem Artikel für
die erziehungswissenschaftliche Zeitschrift Kyöiku jiron , in dem er das Kon­
zept der Zeitausstellung erläuterte, fasste er diese 1920 zusammen. Dabei be­
nutzte er Übertreibungen und Verallgemeinerungen als gängige Stilmittel, um
einem fortschrittlichen, euroamerikanischen Alltagsverhalten ein ebenso kon­
struiertes rückständiges, japanisches Alltagsverhalten holzschnittartig gegen­
überzustellen. Laut Tanahashi achteten Europäer und US-Amerikaner den Wert
der Zeit. Im Gegensatz zu den Japanern verschwendeten sie weder die eigene
noch die Zeit anderer Leute. Die Menschen in Europa und den USA teilten sich
nicht nur die Arbeitszeit, sondern auch die Zeit für Erholung, Bildung und Ver­
gnügen sorgsam ein, um jeden noch so kleinen Moment produktiv zu nutzen.
Die Frauen häkelten oder strickten, während sie in der Kirche die Predigt hörten
und nähten, während sie Gäste empfingen. Im Zug zur Arbeit läsen die Leute
Zeitungen, Magazine oder Bücher und nach der Arbeit trieben sie Sport oder
beschäftigten sich mit ihren Gemüsegärten. Man sähe fast niemanden, der, wie
in Japan üblich, mit seiner Zeit nichts anzufangen wisse. In Krankenhäusern
gebe es keine Wartezeit. Sitzungen in Politik und Verwaltung würden pünkt­
lich eröffnet, während in Japan Besprechungen und private Feiern nicht selten
mit einer Verspätung von zwei bis drei Stunden begönnen, wobei als Ausrede
für diese Verzögerungen angegeben werde, dass man sich noch immer nach den
alten Lokalzeiten richte, von denen jedoch effektiv keine eine solch große Dif­
ferenz zur nationalen Standardzeit aufwies. Obwohl Tanahashi Europa und
die USA somit klar als Vorbilder betrachtete, war dies in der Ausstellung kaum
erkennbar, da die Darstellung der Zeitnormen Pünktlichkeit und Effizienz
in Texten und Bildmedien überwiegend in rein japanische Kontexte eingebet­
tet wurde.60
Die Ausstellung bestand zum einen aus einer naturwissenschaftlich-tech­
nischen Abteilung, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse über die Zeit so­
wie Techniken der Zeitmessung und Zeitübermittlung anhand entsprechender
Vorrichtungen und Geräte aus verschiedenen Epochen und Kulturen vermit­
telte, und zum anderen aus einer Abteilung, die den Sinn von Pünktlichkeit und
effizienter Zeitnutzung anhand gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und biolo­
gischer Dimensionen der Zeit behandelte. Diese war in drei Themenbereiche

58 So der Titel von Aust u. Schönpflug, Vom Gegner lernen.


59 Hirade, Kokka no seikatsu kaizen no torikum i, S. 69.
60 Tanahashi, Jikan sonchö no bifü o yösei subeshi, S. 7 f.
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gegliedert, deren erster, Beschäftigung, Erholung, gesellschaftlicher Umgang und
Zeit, das Ziel der Bewusstseins- und Verhaltensänderung am klarsten ver­
folgte®1 Auf den ersten Blick waren auf den meisten der insgesamt 37 Schaubil­
der in diesem Themenbereich gewöhnliche japanische Alltagsszenen abgebil­
det. Ein Vergleich der Bildinhalte mit dem Inhalt des Artikels von Tanahashi
in Kyoiku jiron zeigt jedoch, dass sie tatsächlich das Zeitverhalten illustrierten,
das dieser in Europa und den USA beobachtet haben wollte.
Lediglich drei Schautafeln stellten »gutes« Zeitverhalten in Europa und den
USA »schlechtem« Zeitverhalten in Japan im offenen Vergleich gegenüber.
Hierzu gehörte beispielsweise ein Poster, das zur Einführung der Zeitinstitu­
tion »Termin« in Japan anregte, um Zeitverschwendung durch Warten zu ver­
meiden. Es bildete die Methoden der Zeitorganisation in einer japanischen und
in einer US-amerikanischen Zahnarztpraxis ab (Abb. 1). Im Wartezimmer der
japanischen Praxis ist eine größere Anzahl von Patienten versammelt, die von
stundenlangem Warten ermüdet sind. In der US-amerikanischen Praxis be­
findet sich hingegen gar kein Wartezimmer, sondern, wie von Tanahashi beob­
achtet, ein Terminplan.
Weitere sechs Schautafeln zeigen rein japanische Szenen, betten jedoch At­
tribute westlicher Kultur darin ein, um in symbolhafter Weise »gute« Zeitver­
wendung zu kennzeichnen. So warb ein Poster mit dem Titel: »Werden wir die
Sitzung heute wieder verschieben müssen?« (Abb. 2) für Pünktlichkeit in der
Verwaltung, wie sie bereits in der »Kampagne zur Reform der ländlichen Re­
gionen« angemahnt worden war. In der abgebildeten Sitzung eines Organs der
Lokalverwaltung ist ein Teil der Politiker oder Beamten pünktlich erschienen,
während ihre Kollegen bereits fast zwei Stunden auf sich warten lassen. Im Hin­
tergrund frönen sie unbekümmert ihrem Bedürfnis nach Geselligkeit und Un­
terhaltung beim Brettspiel Go. Auffällig ist, dass die Pünktlichen nach west­
licher Art am Tisch auf Stühlen sitzen und einige von ihnen westliche Kleidung
tragen. Die Unpünktlichen hingegen sitzen nach japanischer Art auf dem Fuß­
boden, alle sind traditionell gekleidet und sie gehen einem traditionellen Frei­
zeitvergnügen nach. Das Poster kritisiert das notorische Zuspätkommen der
lokalen Verwaltungselite als doppelt egoistisch, da dadurch nicht nur die indi­
viduelle Zeit der pünktlichen Kollegen verschwendet wurde, sondern auch die
Zeit der Nation, da oftmals Sitzungen verschoben werden mussten und das Ver­
waltungshandeln dadurch behindert wurde.
Die größte Gruppe der Schaubilder, die aus 28 Postern bestand, zeigte rein
japanische Alltagsszenen ohne symbolhafte Verwendung von Attributen euro­
amerikanischer Kultur, wobei das dargestellte Verhalten jedoch ausschließlich
westlichen Zeitnormen entsprach. Ein Poster über »Gute, sparsame Zeitnut­
zung von Frauen« zeigte zum Beispiel eine Hausfrau der oberen Mittelschicht,
die in ihrer Wohnung eine Besucherin empfängt (Abb. 3). Es fällt auf, dass
beide Frauen sich mit Handarbeiten beschäftigen, während sie sich unterhalten,

61 Die zwei anderen Themenbereiche hießen »Arbeit und Zeit« und »Natur und Zeit«.
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Abb. 1: Vergleich der Zeitorganisation in einer japanischen (oben) und einer U S-am eri­
kanischen Z ahnarztpraxis (unten). Poster der Zeitausstellung in Tokyo, 1920.
Quelle: Naigai Kyöiku Shiryö Chösakai (Hg.), Shijö toki tenrankai, S. 207.
Abb. 2 : »Werden w ir die Sitzung heute wieder verschieben
müssen?«, Poster der Zeitausstellung in Tokyo, 1920.
Quelle: N aigai Kyöiku Shiryö C hösakai (Hg.), Shijö toki ten-
rankai, S. 204.

obwohl dies gegen die tradierten Höflichkeitsregeln verstieß. Das Poster rief so­
mit dazu auf, auch im privaten Leben überkommene Umgangsformen an den
modernen Effizienzimperativ anzupassen, um, wie von Tanahashi in Europa
und den USA beobachtet, jeden noch so kleinen Moment produktiv zu nut­
zen. Es ist außerdem ein Beispiel dafür, dass in dieser Kampagne erstmals auch
Frauen dazu aufgefordert wurden, durch effiziente Zeitnutzung ihren Beitrag
zum Fortschritt der Nation zu leisten.
Wie die Besucher der Zeitausstellung ihre Botschaft aufnahmen, ist unklar.
Mit ihren 222.845 Besuchern reichte sie zwar nicht an das Millionenpublikum
heran, das die großen Industrie- und Landesausstellungen in Japan bereits um
Abb. 3: »Gute, sparsame Zeitnutzung von Frauen«, Poster der Zeitausstellung in
Tokyo, 1920 (Ausschnitt zum Thema »Besuch«).
Quelle: Naigai Kyöiku Shiryö Chösakai (Hg.), Shijö toki tenrankai, S. 212.

die Jahrhundertwende für sich reklamieren konnten, für eine monothemati­


sche Ausstellung mit aufklärerisch-erzieherischem Anspruch war sie jedoch
ungewöhnlich erfolgreich. Obwohl ursprünglich nur für einen Monat geplant,
wurde sie wegen des unerwartet großen Interesses um drei Wochen verlän­
gert, bevor sie auch in Osaka und vermutlich noch in anderen Städten gezeigt
wurde. Das Besucherinteresse konzentrierte sich einer Rezension in Kyoiku
jiron zufolge freilich auf die präsentierten Kuriositäten, was zumindest teilweise
auf die amateurhafte Gestaltung der edukativen Schaubilder zurückgeführt
wurde, welche zumeist von Schülerinnen in Handarbeit angefertigt worden
w aren“

62 Kokuritsu Kagaku Hakubutsukan, Kokuritsu Kagaku Hakubutsukan 100nenshi (100 Jahre


Nationales W issenschaftsmuseum), Tokyo 1977, S. 197. Siehe auch Daniel Hedinger, Im
W ettstreit mit dem Westen. Japans Zeitalter der Ausstellungen 1854-1941, Frankfurt 2011;
Hirade, »Toki no kinenbi« no setsuritsu, S. 70, und Osaka ni okeru toki tenrankai (Die Zeit­
ausstellung in Osaka), in: Tenmon geppö 7. 1920, S. 106. Laut Imai, »Toki« ni kansuru koku-
m inteki kunren to sono shisetsu, S. 47, waren weitere Präsentationen in Nagoya, Okayama,
Kagoshima und Kanazawa geplant. Über ihre Verwirklichung ist jedoch nichts bekannt.
Kanbe Takashi, »Toki no tenrankai« o mite (Eine Betrachtung der »Zeitausstellung«), in:
Kyöiku jiron 1265. 1920, S. 2 5 -2 8 , hier S. 25 u. S. 28.
V. Antike Vorbilder für moderne Zeitdisziplin:
Kaiser Tenchi und die Zeitpreisträger

Während in der Zeiterziehung euroamerikanische Einflüsse in den Hinter­


grund traten, wurden neue Vorbilder in den Vordergrund gerückt, die zum
einen aus der antiken Geschichte des japanischen Kaiserhauses und zum ande­
ren aus der zeitgenössischen japanischen Gesellschaft stammten. Die zentrale
Figur der Zeitkampagne war Kaiser Tenchi (626-672, r. 661-671), der als Urahn
der Pünktlichkeit in Japan popularisiert wurde. Der antiken Reichsgeschichte
N ihongi (720) zufolge nahm Kaiser Tenchi am 10. Juni 671 in seinem Palast eine
Wasseruhr in Betrieb und verkündete mithilfe von Trommeln und Glocken
erstmals in Japan die Uhrzeit. Dieses Datum wurde von der Liga zur Verbes­
serung der Lebensführung als Ursprung der einheimischen Zeitmessung und
-verkündung gedeutet und auf ihre Anregung hin unter der Bezeichnung »Tag
der Zeit« als nationaler Aktionstag in den japanischen Kalender eingetragen.“
Kaiser Tenchi zählte zu den bekannteren Persönlichkeiten des japanischen
Altertums, da er mit den Taika-Reformen der Jahre 645/646, einer wesentlichen
Weichenstellung im Prozess der Umgestaltung des japanischen Staatswesens in
einen zentralisierten Beamtenstaat nach chinesischem Vorbild, verbunden ist.
Als Reformer ließ er sich gut in die 1920er Jahre einpassen, die die Zeitgenos­
sen in verschiedener Hinsicht ebenfalls als eine Zeit der Reformen (kaizö) wahr­
nahmen.64 Der Regisseur Aochi Chüzö (1885-1970), der einen Lehrfilm für
die Zeitausstellung produziert hatte, in der dem Kaiser und der Wasseruhr ein
Raum mit entsprechenden Abbildungen und historischen Aufzeichnungen ge­
widmet war, deutete die Anekdote so, dass der Kaiser ein Bewusstsein für den
Wert der Zeit habe schaffen wollen, da er dieses als unverzichtbare Vorausset­
zung für den Aufbau der neuen Zivilisation betrachtete/5 Auf diese Weise ließ
sich die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpfen, in der die »Kampagne
zur Verbesserung der Lebensführung« ebenfalls dazu beitrug, in Form der stets

63 Kawai, Toki no kinenbi, S. 97, hier in gregorianischer Zeitrechnung. In der deutschen Ü ber­
setzung des N ihongi ist dieses Ereignis auf den 7.6.671 datiert, da für die Umrechnung der ju ­
lianische Kalender verwendet wurde. Vgl. Karl Florenz, Japanische Annalen A. D. 592-697.
Nihongi. Von Suiko-Tennö bis Jitö-Tennö (Buch V V II - X X X ), Tokyo 19032, S. 217.
64 Auf der politischen Bühne brach eine Zeit des Liberalismus und der Demokratisierung
(Taishö dem oku rash ii) an, in der Parteienkabinette die Oligarchenherrschaft der M eiji-Zeit
ablösten und ein breites Spektrum sozialer Bewegungen entstand, die sich für die Verbes­
serung der rechtlichen Situation und der Lebens- und Arbeitsverhältnisse einzelner Bevöl­
kerungsgruppen einsetzten. Auch die »Kampagne zur Verbesserung der Lebensführung«
war Ausdruck des Reform klim as jener Zeit. Vgl. einführend Regine Mathias, Das Entste­
hen einer modernen städtischen Gesellschaft und Kultur, 1900/1905-1932, in: Josef Kreiner
(Hg.), Kleine Geschichte Japans, Stuttgart 2010, S. 332-380. Zum Begriff der Reform (kaizö)
in Politik und Geisteswelt der Taishö-Zeit (1912-1926) siehe den Sammelband von Suetake
Yoshiya (Hg.), Taishö shakai to kaizö no chöryü (Die Gesellschaft der Taishö-Zeit und die
geistige Strömung der »Reform«), Tokyo 2004.
65 Osaka Asahi Shinbun, 11.6.1920; Aochi, »Toki« no kinenbi, S. 111.
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
als rational und effizient etikettierten Lebensweise der euroamerikanischen
M ittelschicht eine neue Zivilisation in Japan einzuführen. Die Erinnerung an
Kaiser Tenchi diente somit dazu, die aus Europa und den USA übernomme­
nen Zeitnormen Pünktlichkeit und effiziente Zeitnutzung durch die eigene Ge­
schichte historisch zu legitimieren und zu nationalisieren, um ihre Akzeptanz
in der Bevölkerung zu erhöhen. Diese Vorgehensweise knüpfte an die Praxis
der Traditionserfindung an, die seit dem 19. Jahrhundert dazu eingesetzt wurde,
die Restauration der Kaiserherrschaft zu begründen und den Spagat zwischen
der Orientierung an westlichen Vorbildern und der Bewahrung der einhei­
mischen Kultur zu bewältigen, der die japanische Modernisierung insgesamt
kennzeichnete.66
Die Erinnerung an Kaiser Tenchi und seine Inbetriebnahme der Wasser­
uhr prägte fortan den Tag der Zeit. Alljährlich wiederholten Presse und Rund­
funk die Geschichte, um der Bevölkerung die Herleitung dieses nationalen Ak­
tionstages zu erklären. Auch die Protagonisten der Liga zur Verbesserung der
Lebensführung gingen in Vorträgen, auf Flugblättern oder im Schulunterricht
darauf ein. Schließlich wurden zur Erinnerung an Kaiser Tenchi an verschie­
denen Orten in Japan spezielle öffentliche Shintö-Zeremonien eingeführt, die
jeweils am Tag der Zeit stattfanden, und über die Presse und Rundfunk landes­
weit berichteten. Die ersten beiden wurden bereits ab dem ersten Jahr 1920 in
den Schreinen Iwai Jinja in der Stadt Otsu und Sumeozu Jinja in der Stadt M o-
riyama (beide Präf. Shiga) nahe Kyoto abgehalten, in denen Kaiser Tenchi als
Shintö-G ottheit (kam i) verehrt wurde.®7 Eine dritte Zeremonie fand ab 1923
am Grabhügel von Kaiser Tenchi (Yamashina Goryö) im Stadtbezirk Higashi-
yama in Kyoto statt. Hier informierte eine Delegation der Liga zur Verbesse­
rung der Lebensführung den Kaiser symbolisch im Rahmen einer Unterrich­
tungszeremonie (hokoku sai) über die Fortschritte, die bei der Durchsetzung der
Pünktlichkeit in Japan erzielt worden waren.®8 Eine weitere Zeremonie wurde
am Tag der Zeit 1930 in Osaka eingeführt, obwohl dort kein lokaler Bezug zu
Tenchi gegeben war. Sie fand daher in einem Festzelt statt, das der Zeitungsver­
lag des Japanischen Juwelier- und Uhrmacherverbandes mitten im modernen
Geschäftsviertel der M illionenstadt, die bis in die 1930er Jahre hinein das wirt­
schaftliche Zentrum Japans war, errichten ließ.®9 In Osaka wurden demnach
nicht nur Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch Religiöses und Profa­
nes sowie nationales und lokales W irtschaftsinteresse miteinander verbunden.

66 Stephen Vlastos (Hg.), M irror o f Modernity. Invented Traditions o f Modern Japan, Berkeley
1998.
67 Aochi, »Toki« no kinenbi, S. 128. Siehe auch die entsprechenden Einträge zum Sumeozu Jinja
auf den Websites der Schreinbehörde der Präfektur Shiga: http://shiga-jinjacho.jp/ycBBS/
Board.cgi/02_jinja_db/db/ycDB_02jinja-pcdetail.html und der Stadt Moriyama: http://www2.
city.moriyama.shiga.jp/koho/070901/index16.html.
68 Toki no kinenbi (Der Tag der Zeit), in: Tenmon geppö 6. 1923, S. 93 f.
69 Osaka Asahi Shinbun, 11.6.1930.
Obwohl zu vermuten wäre, dass die Zeitkampagne sich infolge der zuneh­
menden Verbreitung ihrer Botschaft allmählich abgeschwächt hätte, gewann
das zeremonielle Gedenken an Kaiser Tenchi vor dem Hintergrund des wach­
senden Nationalismus der 1930er Jahre im Gegenteil immer mehr an Bedeu­
tung. Bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts galt die Verehrung des amtie­
renden Kaisers als zentraler Identifikationsfigur des modernen Nationalstaates
zu bestimmten Gelegenheiten als staatsbürgerliche Pflicht. Nach der Invasion in
der Mandschurei 1931, die eine Phase des Ultranationalismus in Japan einläu­
tete, nahm die Kaiserverehrung jedoch schließlich den Charakter einer Massen­
bewegung an, die das Alltagsleben der Bevölkerung immer stärker durchdrang.
Von dieser Entwicklung wurde auch die Erinnerung an Kaiser Tenchi erfasst:
1931 begannen alle Schulen, Bildungsorganisationen und Unternehmerverbände
am Tag der Zeit eigene Gedenkzeremonien für den Kaiser abzuhalten.™
Neben der Person des Kaisers nahm die Kampagne auch Bezug auf die Zeit­
ordnung seines Hofstaats. Während der Kaiser mit der Beachtung der Uhrzeit
und dadurch mit der Zeitnorm Pünktlichkeit in Verbindung gebracht wurde,
ließ sich aus Regularien für den Kaiserhof des 7. Jahrhunderts, in denen der
Dienstbeginn für die Hofbeamten auf vier beziehungsweise sechs Uhr morgens
festgelegt wurde, frühes Aufstehen als japanische Tradition effizienter Zeitnut­
zung konstruieren und zum indigenen Pendant der euroamerikanischen Som­
merzeit stilisieren.71 Der Historiker Mikami bezeichnete in seinem Vortrag zur
Zeitausstellung frühes Aufstehen als »eine althergebrachte Sitte unseres Lan­
des«, die im Laufe der Jahrhunderte verlorengegangen sei. Eine Rückbesinnung
auf die Zeitnutzung »unserer Vorfahren« könne jedoch die gleichen Ergebnisse
erbringen wie die Som m erzeit/2 Der Lokalpolitiker Imai behauptete zudem,
dass die Dienstvorschriften am antiken Kaiserhof vom Hofbeamten bis hinab
zum einfachen Bauern für jede und jeden gegolten und dazu beigetragen hätten,
dass die Bevölkerung sich an eine disziplinierte Lebensweise gewöhnt hätte, was
sich als Versuch interpretieren lässt, beim Publikum ungeachtet der sozialen
Schichtzugehörigkeit Identifikation mit dem historischen Vorbild zu erzeugen.
Schließlich appellierte er an das Nationalgefühl, indem er hinzufügte, dass man
nicht umhinkönne, stolz darauf zu sein, dass in Japan bereits vor 1.250 Jahren
gängige Praxis gewesen sei, was in Europa erst während des Ersten Weltkriegs
in Form der Sommerzeit eingeführt w urde/3 So konnte er die verbreitete Vor­
stellung der Rückständigkeit Japans in ihr Gegenteil wenden.

70 Ebd., 11.6.1931.
71 M ikam i, »Toki« ni tsuite kojin yori ukubeki kyökun, S. 2 f. Allerdings endete der Dienst für
die hohen Beamten bereits vor Mittag, während niedere Beamte und einfache Dienstleute
w ahrscheinlich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten mussten. Siehe Tanaka
Gen, Das Zeitbewusstsein der Japaner im Altertum. Struktur und Entwicklung, Wiesbaden
1993, S. 6.
72 M ikam i, »Toki« ni tsuite kojin yori ukubeki kyökun, S. 4; ebd., S. 1.
73 Imai, »Toki« ni kansuru kokuminteki kunren to sono shisetsu, S. 32.
In der Zeitkampagne wurden jedoch nicht nur erfundene Traditionen als
neue Vorbilder eingesetzt, sondern auch Personen aus dem Volk, die sich um
das Anliegen der Kampagne in besonderer Weise verdient gemacht hatten (toki
no körösha). Sie wurden ab 1921 mit Urkunden, Medaillen oder Nickeluhren
ausgezeichnet.74 Bei diesen Zeitpreisträgern, deren Zahl jedes Jahr für gewöhn­
lich mehrere Dutzend erreichte, handelte es sich um Einzelpersonen und lo­
kale Organisationen wie Jungmännervereine, Frauengruppen oder Reservisten­
vereine aus allen Präfekturen Japans sowie den Kolonialgebieten in Asien, das
heißt Sachalin, Korea, der Mandschurei und Taiwan. Die große Mehrheit lebte
in ländlichen Regionen, und ihre Adressen belegen, dass die Kampagne schon
Mitte der 1920er Jahre im gesamten Empire verbreitet war/5
In ihrer Berichterstattung über den Tag der Zeit hob die nationale Presse
alljährlich einige Preisträger aus der Anonymität hervor, um sie einem M il­
lionenpublikum vorzustellen. Typischerweise wurden sie dafür ausgezeichnet,
dass sie mit Glocken, Trommeln, Sirenen oder Schlaghölzern täglich akustische
Zeitsignale erzeugten, um der lokalen Bevölkerung die Uhrzeit mitzuteilen. U n­
ter ihnen befanden sich beispielsweise die Glöckner der großen Tempel Sensöji
und Kan’eiji in Tokyo, die mithilfe der Tempelglocken die Uhrzeit verkündeten,
der Oberstleutnant, der seit 1922 die Mittagskanone von Tokyo abfeuerte oder
der Leiter der Uhrenreparaturstelle der Eisenbahndirektion Tokyo, der für die
Wartung von rund 1.500 Bahnhofsuhren und rund 10.000 Personaluhren zu­
ständig war.76 Da die Preisträger zumeist aus der gewöhnlichen Bevölkerung
kamen, konnten sich die meisten Japanerinnen und Japaner leicht mit ihnen
identifizieren, was die Nachahmung ihres vorbildlichen Zeitverhaltens geför­
dert haben mag.

V I. Fazit

Die staatliche Propagierung moderner Zeitdisziplin in Japan ist ein prägnantes


Beispiel für die soziale Konstruktion von Zeitordnungen. Anders als in Europa
und den USA versuchte die japanische Ministerialbürokratie, den Wandel von
Zeitbewusstsein und Zeitverhalten der breiten Bevölkerung durch die gezielte
Setzung der Zeitnormen Pünktlichkeit und effizienter Zeitnutzung und de­
ren Verbreitung in Form von Kampagnen zu steuern und voranzutreiben. Das
prägende Motiv dahinter war eine Zukunftsangst der Ministerialbürokratie,

74 Ebd., S. 28.
75 Laut den Adresslisten, die jeweils in der Juni-Ausgabe der Z eitschrift S eikatsu veröffent­
licht wurden. Erhalten und öffentlich zugänglich sind die entsprechenden Hefte der Jahr­
gänge 1924, 1929, 1933, 1938, 1939, 1941 und 1942.
76 Asahi Shinbun, Tokyo, 3.6.1926, Morgenausgabe; 11.6.1927, Abendausgabe; 10.6.1928, Abend­
ausgabe.
die von vielen Intellektuellen geteilt wurde. Das Gefühl der Bedrohung durch
den europäischen Kolonialismus war zwar nach Japans Sieg über China 1895,
durch den Japan selbst zur Kolonialmacht wurde, abgewendet. An seine Stelle
trat jedoch die Befürchtung, Japan könne nicht stark genug sein, um im W ett­
streit der imperialistischen Mächte zu bestehen. Zeitdisziplin wurde als einer
der Schlüsselfaktoren der militärischen und wirtschaftlichen Überlegenheit des
Westens erkannt, die die eigenen Großmachtambitionen gefährdete. Eine Be­
sonderheit der zeitlichen Disziplinierung der japanischen Bevölkerung ist da­
her, dass sie vor allem eine Reaktion auf externe Einflüsse darstellte.
Die Einbeziehung der »Kampagne zur Reform der ländlichen Regionen« in
die Betrachtung der staatlichen Propagierung von Zeitdisziplin zeigt, dass die
ländlichen Gegenden schon seit 1906 im Fokus staatlicher Zeiterziehungsbemü­
hungen standen. Es ist zwar nicht anzunehmen, dass sich das Zeitverhalten der
Landbevölkerung dadurch wesentlich veränderte, da auch die nach dem Ersten
Weltkrieg folgende Zeitkampagne sich noch auf die ländlichen Gegenden kon­
zentrierte, während sie andererseits auch die Städte erfasste. Dennoch zeigt die
Bewegung für frühes Aufstehen, die sich unter dem Dach der »Kampagne zur
Reform der ländlichen Regionen« entfaltete, dass ein Bewusstsein für Pünkt­
lichkeit und effiziente Zeitnutzung sowie für den Zusammenhang von indivi­
duellem Zeitverhalten und nationaler Stärke geschaffen wurde, das bis auf die
Mikroebene einzelner Dörfer und ihrer Bewohner hinabreichte.
Wie groß der Unterschied im Zeitbewusstsein zwischen Japan und den euro­
amerikanischen Nationen um 1920 noch war, lässt sich daran ablesen, dass
man in Japan eine Manipulation der Zeitordnung, wie sie die Sommerzeit be­
deutete, aufgrund der mangelnden Zeitdisziplin der Bevölkerung für nicht um­
setzbar hielt. Stattdessen galt es, in Form der »Kampagne zur Verbesserung der
Lebensführung« an die Bemühungen der »Kampagne zur Reform der länd­
lichen Regionen« anzuknüpfen und weiterhin Grundlagenarbeit zu leisten, in ­
dem in den Städten und auf dem Land Verständnis für den ökonomischen Wert
der Zeit sowie für die Notwendigkeit geschaffen werden sollte, die Uhrzeit im
Sinne der nationalen Standardzeit zu beachten. Die Zeitausstellung von 1920
kann in diesem Sinne als idealtypischer Entwurf für das erhoffte künftige Zeit­
verhalten aufgefasst werden. Anhand zahlreicher alltagspraktischer Beispiele
wurde ein locker zusammenhängendes Erziehungsprogramm formuliert, wel­
ches in den folgenden Jahren und Jahrzehnten am Tag der Zeit unablässig wie­
derholt wurde.
Die Zeitkampagne zeigt, dass die Orientierung an der europäischen Zivili­
sation, die sich aus japanischer Sicht mit der US-amerikanischen in der Kul­
tursphäre Euroamerika (Ö-Bei) vermischte, auch nach dem Ersten Weltkrieg
anhielt. Insofern ist sie Ausdruck einer ungebrochenen kulturellen Rezepti­
onsbereitschaft der japanischen Ministerialbürokratie und der übrigen Prota­
gonisten der Kampagne, einer Gruppe international erfahrener Intellektueller,
gegenüber den euroamerikanischen Nationen. Diese wurde durch die Beobach­
tung der kriegführenden Gesellschaften Europas und der USA eher noch ver-
stärkt, wobei im Kontext der Zeitkampagne die Sommerzeit eine besondere
Rolle spielte, da sie den Produktivitätsvorsprung der euroamerikanischen In ­
dustrienationen weiter zu vergrößern schien. Dass Japan aus dem Ersten Welt­
krieg selbst als Weltgroßmacht und Industrienation hervorging, beruhigte die
japanische Bürokratieelite nicht, sondern schien die wahrgenommene Fallhöhe
im Gegenteil vergrößert zu haben. Das Ziel, die wirtschaftliche und militärische
Leistungsfähigkeit Japans zu steigern, blieb bestehen, und damit auch die Not­
wendigkeit, von den euroamerikanischen Nationen zu lernen.
Auf der anderen Seite ist in der Kampagne auch die nach dem Ersten Welt­
krieg einsetzende Rückbesinnung auf einheimische Traditionen erkennbar.
Wurden vor dem Krieg häufig euroamerikanische Vorbilder in der Vermitt­
lung moderner Verhaltensnormen verwendet, so fanden diese in der Zeitkam­
pagne kaum noch Erwähnung. Im Zuge einer »Japanisierung« der Zeitnormen
Pünktlichkeit und Effizienz wurde die westliche Herkunft dieser Normen weit­
gehend im Hintergrund gehalten, während die gesamte Kampagne gleichzei­
tig stark national überhöht wurde. Dies wurde dadurch erreicht, dass einheimi­
sche Vorbilder in den Vordergrund gerückt wurden, die zum einen der antiken
Geschichte des japanischen Kaiserhauses entnommen wurden, bei denen es
sich zum anderen jedoch um einfache Menschen aus der Mitte der Gesellschaft
handelte, die für ihre vorbildliche Einhaltung der modernen Zeitdisziplin Aus­
zeichnungen erhielten. Insbesondere die öffentlichkeitswirksame, zeremonielle
Verehrung von Kaiser Tenchi, die von Jahr zu Jahr größere Ausmaße annahm,
trug wesentlich zur Überhöhung der Kampagne bei. Die Grußadressen von
Spitzenpolitikern, die während der Abendveranstaltung zum Tag der Zeit ver­
lesen wurden, unterstrichen ebenfalls die nationale Bedeutung der Kampagne.
So veränderte das Spannungsverhältnis zwischen der Notwendigkeit, weiterhin
vom Westen zu lernen, und dem anwachsenden Kulturalismusdiskurs die Art
und Weise, wie die euroamerikanischen Zeitnormen vermittelt wurden. »Nos­
trifikationsstrategien« wurden eingesetzt, die »die Quellen der Inspiration«
mehr und mehr verdeckten und gleichzeitig die Kampagne von höchster Stelle
legitimierten, um ihre Akzeptanz in der Bevölkerung zu fördern.77
Die neuen Vorbilder trugen überdies zur nationalen Integration bei, da sie
eine besondere Verbindung zwischen Kaiserhaus und Volk suggerierten, die
sich in der gemeinsamen Anstrengung ausdrückte, durch diszipliniertes Zeit­
verhalten zur Stärkung der japanischen Nation beizutragen. Die alljährliche
Synchronisierung der Nation durch flächendeckende akustische Signale um
12 Uhr mittags am Tag der Zeit machte die nationale Gemeinschaft schließlich
auch sinnlich erfahrbar.
Die Vielfalt der propagierten Vorbilder bot darüber hinaus vielfältige Iden­
tifikationsmöglichkeiten mit den Zielen der Kampagne. Durch deren parallele

77 M artin Aust u. Daniel Schönpflug, Vom Gegner lernen. Einführende Überlegungen zu einer
Interpretationsfigur der Geschichte Europas im 19. und 20. Jahrhundert, in: dies., Vom Geg­
ner lernen, S. 9 -3 5 , hier S. 31.
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Verankerung in Vergangenheit und Gegenwart wurden sowohl konservat ive
als auch progressiv eingestellte Bevölkerungsteile angesprochen. Die Verknüp­
fung mit dem Kaiserhaus sprach nationalistisch gesinnte Personen besonders
an, während andere sich von den sozial ähnlichen Vorbildern aus der Mitte
der Bevölkerung zur Nachahmung anregen lassen konnten. Die Frage, wel­
chen Einfluss diese Kampagne ebenso wie ihre Vorläuferin auf den Wandel des
Zeitverhaltens der Bevölkerung ausgeübt hat, muss mangels entsprechender
Rezeptionsanalysen jedoch vorerst offen bleiben. Künftige Forschungen müs­
sen zeigen, wie die Durchsetzung der Zeitnormen Pünktlichkeit und effiziente
Zeitnutzung in Japan verlief, welche regional-, schicht- oder gender-spezifischen
Effekte dabei auftraten und welches Gewicht anderen Einflussfaktoren zukam.
Christopher Clark

Time of the Nazis


Past and Present in the Third Reich

Abstract: That regimes of power may transform the collective experience and
understanding of time is clear, and it has long been recognised that the totalitar-
ian regimes of twentieth-century Europe did so in a consistent and aggressive
way. This article suggests that the temporality projected by the National Social­
ist regime in Germany was highly distinctive, even in the context of the con­
temporary European totalitarian experiments. It thus swims against the current
o f those recent studies that view the German and Italian regimes as expres­
sions of a generic “fascist” temporality, subsume Nazism under the rubric of the
“modern”, or bracket the three totalitarian dictatorships together as variations
on a single eschatological theme. Underlying the dictatorship’s vision of its place
in time, the article suggests instead, was a radical rejection of “history” and a
flight into deep continuity with a remote past and a remote future.

Did the National Socialist regime inaugurate a specific form of temporality?


That regimes of power may seek to transform the collective experience and un-
derstanding of time is clear. Reinhart Koselleck, one of the founding figures of
the current “temporal turn” in historical studies, argued that the aspiration to re-
structure calendar time was one of the defining novelties of the French Revolu­
tion.1 Since then, studies of ancien regime, revolutionary and Napoleonic policy in
France have illuminated in more detail the relationship between state power, se-
cularisation and the management of time, while nuancing Koselleck’s claim that
the revolution inaugurated a fundamental rupture in European time-awareness.2

1 Reinhart Koselleck, Anmerkungen zum Revolutionskalender und zur “Neuen Zeit”, in: id.
and R olf Reichardt (eds.), Die französische Revolution als Bruch des gesellschaftlichen B e­
wußtseins, Munich, 1988, pp. 6 1 -6 4 (engl.: The Practice of Conceptual History. Tim ing
History, Spacing Concepts, Stanford 2002, pp. 148-153); on the “temporal turn” in the hu­
man sciences generally, see Robert Hassan, Globalization and the “Temporal Turn”. Recent
Trends and Issues in Tim e Studies, in: Korean Journal o f Policy Studies 25. 2010, pp. 83-102.
See also Alexander Geppert’s and Till Kössler’s introduction to this volume, and the contri-
butions by Lucian Hölscher and Penelope Corfield.
2 See for example Noah Shusterman, Religion and the Politics of Time. Holidays in France
from Louis X IV through Napoleon, Washington, DC 2010; Sonja Perovic, The Calendar in
Revolutionary France. Perceptions o f Tim e in Literature, Culture, Politics, Cambridge 2012;
Matthew Shaw, Tim e and the French Revolution. The Republican Calendar, 1789-Year XIV,
Woodbridge 2011.
Historians of empire have noted the “intimate connection” between time and
imperial power - especially as manifested in the imposition of standardised re­
gimes of clock-discipline on labour and production processes.3 And there have
been many studies focusing on how disruptions in the continuity of power can
generate shifts in time-sense.4
It has long been recognised that the totalitarian regimes of twentieth-century
Europe intervened in the temporal order. The Soviet Union, Stephen E. Hanson
has argued, launched a revolutionary experiment in re-ordering the human re­
lationship with time; it aspired to inaugurate a totalitarian temporality, in which
the vanguard party overcame the constraints of conventional “bourgeois” linear
time through the infinite intensification of work. Recent studies of Italian fascism
have focused on the efforts of fascist intellectuals and propaganda to establish a
new temporality centred around the party itself as the ultimate historical agent.5

3 Giordano Nanni, The Colonisation of Time. Ritual, Routine and Resistance in the B ri­
tish Empire, Manchester 2012, p. 4. There is now a huge literature, but the classic study is:
E. P. Thompson, Time, Work-Discipline, and Industrial Capitalism, in: Past & Present 38.
1967, pp. 5 6 -9 7 ; see also Frederick Cooper, Colonizing Time. W ork Rhythm s and Labour
C onflict in Colonial Mombasa, in: Nicholas B. Dirks (ed.), Colonialism and Culture, Ann
Arbor 1992, pp. 2 0 9 -2 4 5 ; Keletso E. Atkins, “K afir Tim e”. Preindustrial Temporal Concepts
and Labour Discipline in Nineteenth-Century Colonial Natal, in: Journal of A frican History
29. 1988, pp. 2 2 9 -2 4 4 ; M ark M. Smith, Mastered by the Clock. Time, Slavery and Freedom
in the American South, Chapel H ill 1997; U. Kalpagam, Temporalities, History and Rou­
tines of Rule in Colonial India, in: Tim e and Society 8. 1999, pp. 141-159; M ike Donaldson,
The End o f Time? Aboriginal Temporality and the British Invasion of Australia, in: Time
and Society 5. 1996, pp. 187-207; Alamin Mazrui and Lupenga Mphande, Tim e and Labour
in Colonial Africa. The Case o f Kenya and Malawi, in: Joseph K. Adjaye (ed.), Tim e in
the Black Experience, W estport 1994, pp. 97-120; Dan Thu Nguyen, The Spatialization of
M etric Time. The Conquest o f Land and Labour in Europe and the United States, in: Time
and Society 1. 1992, pp. 2 9-50.
4 Particularly interesting work has been done on the impact o f political upheaval on the fractur-
ing o f traditional time orders and the ascendancy o f linear temporalities, see Luke S. Kwong,
The Rise o f the Linear Perspective on History and Time in Late Qing China c. 1860-1911, in:
Past & Present 173. 2001, pp. 157-190; Chang-tze Hu, Historical Tim e Pressure. An Analysis
o f M in Pao (1905-1908), in: Chun-chieh Huang and Erik Zürcher (eds.), Time and Space in
Chinese Culture, Leiden 1995, pp. 329-341; Q. Edward Wang, M odernity Inside Tradition.
The Transform ation o f Historical Consciousness in Modern China, Bloom ington 1996.
5 Stephen E. Hanson, Tim e and Revolution. M arxism and the Design o f Soviet Institutions,
Chapel Hill 1997, pp. V III f. and pp. 180 f. On the stark linearity o f M arxist-Leninist time and
its relationship with Stalinist praxis, see also Stefan Plaggenborg, Experiment Moderne. Der
sowjetische Weg, Frankfurt 2006, esp. pp. 80-105; on the transition from the Taylorist roman-
ticism o f the early Soviet Union to the “machine utopia” o f the Stalinist era, see Richard Stites,
Revolutionary Dreams. Utopian Vision and Experimental Life in the Russian Revolution, New
York 1989, here pp. 161-164; Claudio Fogu, The Historic Imaginary. The Politics o f History
in Fascist Italy, Toronto 2003, here p. 34; Jeffrey T. Schnapp, Fascism’s Museum in Motion, in:
Journal of Architecture Education 45. 1992, pp. 87-97; id., Fascinating Fascism, in: Journal of
Contemporary History 31. 1996, pp. 235-244; Marla Stone, Staging Fascism. The Exhibition
o f the Fascist Revolution, in: Journal o f Contemporary History 28. 1993, pp. 215-243.
And the historian of transnational fascism Roger G riffin has characterised the
advent of National Socialist government in Germany as a “temporal revolution”.
Eric Michaud’s exploration of the “Nazi m yth” focused on the paradoxical rela­
tionship between “motion” and “motionlessness” in Nazi visual imagery and re­
lated this to the logic of Christian eschatology, in which the subject is suspended
between the memory of a past redemption (in the form of Christ’s incarnation)
and the anticipation of a future collective salvation.6 Emilio Gentile has spoken
of a fascist “sacralisation of politics” through which the rites and usages of the
Christian tradition were adapted to the purposes of the Mussolini regime, cre-
ating an “internal symbolic universe” in which timeless universality of liturgical
performance was transferred to the collective experience of politics. All three to-
talitarian dictatorships, Charles Maier and M artin Sabrow have suggested, rep-
resented far-reaching interventions, not only in the social and political, but also
in the temporal order.7
This article builds on these threads in what is now a substantial literature, fo-
cusing in particular on the temporal dimension of National Socialism. But first
it is important to note some conceptual and methodological difficulties. Rather
than producing a toolkit of stable and widely used hermeneutical categories,
recent writing on modern temporalities has generated an increasingly diverse
repertoire of metaphor. The transition from ancien regim e to “modern” tempo-
ralities is variously conceptualised as a process of acceleration, expansion, nar-
rowing, regeneration, compression, distanciation, splitting, fracturing, empty-
ing, annihilation and liquefaction.8 And the category “temporality” has been

6 Roger G riffin, Party Time. The Temporal Revolution o f the Third Reich, in: History Today
49. 1999, pp. 4 3 -4 9 ; id., “I Am No Longer Human. I Am a Titan. A God!” The Fascist Quest
to Regenerate Tim e, Electronic Seminars in History, Institute of Historical Research, http://
www.ihrinfo.ac.uk/esh/quest.html (May 1998); Eric Michaud, The Cult o f Art in Nazi G er­
many, Stanford 2004, here p. 184, p. 196, p. 202 and p. 204. Michaud’s concept of the “Nazi
m yth” is inspired by the enigmatic reflections in Philippe Lacoue-Labarthe and Jean-Luc
Nancy, The Nazi Myth, in: Critical Inquiry 16. 1990, pp. 291-312.
7 Em ilio Gentile, Il culto del littorio. La sacralizzazione della politica nell’Italia fascista, Rome
1993. On the “denial of tim e” by the three totalitarian regimes, see Charles S. Maier, The Poli-
tics o f Time. Changing Paradigms of Collective Tim e and Private Tim e in the Modern Era,
in: id. (ed.), Changing Boundaries o f the Political. Essays on the Evolving Balance Between
the State and Society, Public and Private in Europe, Cambridge 1987, pp. 151-175; on the
“eschatological self-image” that united the dictatorships o f left and right, notwithstanding
differences in their “temporal codes”, see M artin Sabrow, Die Zeit der Zeitgeschichte, G öt­
tingen 2012, p. 21 and p. 23.
8 For a discussion of these problems, see Alexander C. T. Geppert and T ill Kössler, Zeit­
Geschichte als Aufgabe, in this volume, and Allegra Fryxell, Models of Time in European
Modernism. A Historiographical Review, unpublished manuscript, Cambridge 2013; on “ac­
celeration”, see above all Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstruk­
turen in der Moderne, Frankfurt 2005; on the “emptying” of time and “time-space distancia­
tion”, see Anthony Giddens, Consequences of Modernity, Stanford 1990, pp. 37-40; and id., A
Contemporary Critique of Historical Materialism, Berkeley 1981, pp. 90-9 7 ; on splitting and
fracturing, see David Harvey, The Condition of Postmodernity. An Enquiry into the Origins
deployed in a number of different ways. In some studies, the term denotes an
experiential or praxeological domain - a tendency on the part of individuals
or communities to orient themselves towards cyclical markers such as the sea-
sons or liturgical celebrations, fluctuations in the experienced duration of spe­
cific events, a tension between experience and expectation, a divergence in the
rhythms of private and public life or a pattern of time-management practices
associated with certain occupational cultures.9 Other studies focus on “chrono-
sophies” or philosophical reflections on time and their relationship with history
or with human existence more generally/0
We cannot speak, in the case of the “Third Reich”, of a conscious or coordi-
nated effort to restructure formal temporal frameworks. There was no attempt
to redesign the calendar, as occurred under the French Republic, and the aspi­
ration to replace Judaeo-Christian liturgical calendars with “pagan” or “Germa-
nic” substitutes remained confined to marginal groups.“ Nor was there a single
coherent “temporal dogma”. One can work around this problem, of course, by
tracing influential tropes through a wide range of sources ranging from spee-

o f Cultural Change, London 1989, pp. 260-307, and Richard Terdiman, Present Past. M o­
dernity and the Memory Crisis, Ithaca 1993, p. 9 and p. 23; on the “annihilation” o f time
(and space), see Stephen Kern, The Culture o f Tim e and Space, 1880-1918, Cambridge,
MA 2003, p. X III; W olfgang Schivelbusch, Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrial­
isierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert, M unich 1977, p. 30; Iwan R. Morus, The
Nervous System of Britain. Space, Tim e and the Electric Telegraph in the Victorian Age, in:
British Journal for the History of Science 33. 2000, pp. 4 5 5-475; and Jeremy Stein, Anni-
hilating Tim e and Space. The M odernization o f Firefighting in Late Nineteenth-Century
Cornwall, Ontario, in: Urban History Review 24. 1996, pp. 3-11; on “compression”, see
Jeremy Stein, Reflections on Time, Time-Space Compression and Technology in the Nine-
teenth Century, in: Jon May and Nigel T hrift (eds.), Timespace. Geographies o f Temporal­
ity, London 2001, pp. 106-119; for a critique of the annihilation metaphor, see Roland Wen-
zlhuemer, “Less Than No Tim e”. Zum Verhältnis von Telegrafie und Zeit, in: GG 37. 2011,
pp. 592-613; and on “liquefaction” see Roger G riffin, Fixing Solutions. Fascist Temporal-
ities as Remedies for Liquid Modernity, in: Journal o f Modern European History 13. 2015,
pp. 5-23.
9 On the experience of time as “simultaneous”, “atom istic” and “heterogeneous”, see Kern,
Culture o f Tim e and Space, p. 20 and pp. 68-7 0 ; on the psychology o f tim e as experienced
through memory, see Terdiman, Present Past, esp. pp. 344-359; for a study that combines
philosophical, experiential and psychological approaches, see Charles M. Sherover, Are We
in Time? And Other Essays on Tim e and Temporality, Evanston 2003; on the Durkheim ian
roots of temporal studies that focus on patterns o f social action and interaction, see Michael
A. Katovich, Durkheim ’s Macrofoundations of Time. An Assessment and Critique, in: So-
ciological Quarterly 28.3. 1987, pp. 367-385; on methodological and conceptual problems
more generally, see Nancy Munn, The Cultural Anthropology o f Time. A Critical Essay, in:
Annual Review o f Anthropology 21. 1992, pp. 93-123.
10 For chronosophically focused studies, see Charles M. Sherover, The Human Experience of
Time. The Development o f its Philosophic Meaning, New York 1975, and Kern, Culture of
Tim e and Space, esp. chapter 3.
11 Richard Steigmann-Gall, The Holy Reich. Nazi Conceptions of Christianity, 1919-1945,
Cambridge 2003, esp. pp. 86-113.
ches, printed texts, images and the built environment to relevant strands of
regime practice and inferring from these a shared “period awareness”. But pro-
ceeding in this way raises further questions about which sources and utterances
should be regarded as characteristic of the regime as a whole - a problem exacer-
bated by the competition between different cultural agencies that was characte­
ristic of the Hitler regime.
Bearing these challenges in mind, this article builds a case for the distinc-
tiveness of National Socialist temporality even within the context of the twenti-
eth-century totalitarian experiments. It thus swims against the current of those
recent studies that have viewed the German and Italian regimes as expressions
of a generic “fascist” temporality or have bracketed the three totalitarian dic-
tatorships together as “political religions”.12 By “temporality” I do not mean a
philosophically coherent view of time, or a specific mode of historical under-
standing or writing. Nor do I mean a species of collective experience. Rather I
have in mind a set of informal and often implicit claims about the relationship
between the present and the past, claims that also have implications for the sta­
tus of the future. In this respect I follow Francois Hartog, who has defined a
regime d ’historicite (temporal order) in terms of the conditions for the possibil-
ity of the production of histories, in other words as something more fundamen­
tal than an historical theory or a mode of historiographical practice. Depend-
ing on the relationship between past, present and future, Hartog observes, some
types of history are possible and others are not. And as Niklas Luhmann has
pointed out, the temporalities generated by particular social systems are marked
by “specific interpretations of what is temporally relevant”. From this it follows

12 The literature on National Socialism and its totalitarian contemporaries as “political re-
ligions” is now vast. For landmark contributions and useful discussions, see Philippe
Burrin, Political Religion. The Relevance of a Concept, in: History and Memory 9. 1997,
pp. 321-349; Em ilio Gentile, Fascism as Political Religion, in: Journal o f Contemporary
History 25. 1990, pp. 229-251; Stanley Stowers, The Concepts of “Religion”, “Political Re­
ligion” and the Study o f Nazism, in: Journal o f Contemporary History 42. 2007, pp. 9 -2 4 ;
David D. Roberts, “Political Religion” and the Totalitarian Departures of Inter-W ar Eu-
rope. O n the Uses and Disadvantages o f an Analytical Category, in: Contemporary Euro­
pean History 18. 2009, pp. 381-414; and Hans Maier, Political Religion. The Potentialities
and Limitations o f a Concept, in: id. (ed.), Totalitarianism and Political Religion, London
2007, pp. 272 -2 8 2 . Sabine Behrenbeck, Der Kult um die toten Helden. Nationalsozialis­
tische Mythen, Riten und Symbole 1923 bis 1945, Cologne 1996, is an excellent example of
an empirical study driven by the political religion paradigm. For a recent exposition of the
generic fascism approach (which tends now to overlap considerably with the political reli­
gion school), see Fernando Esposito and Sven Reichardt, Revolution and Eternity. Introduc-
tory Remarks on Fascist Temporalities, in: Journal o f Modern European History 13. 2015,
pp. 2 4 -4 3 . Studies in this mould have done much to illuminate “family resemblances”
among the totalitarian regimes by highlighting the liturgical character of public ceremo-
nial or focusing on comm on themes, such as rebirth, acceleration, the glorification o f an
idealised past and the appeal to myth and ideas o f eternity. This article, by contrast, is in-
terested in exploring what may have been distinctive in National Socialism ’s intuitions o f its
place in time.
that the configuration of this relationship in turn gives rise to a sense of time
that possesses an intuited shape (chronoscape), depending upon which parts of
the past are felt to be near and related intimately with the present and which are
perceived as alien and remote.13
This article is concerned, to borrow the words of Charles Maier, with “the
question of how politics is about tim e” and of what kind of time is “presupposed
by politics”. It opens with some reflections on the Revolutionsm useen estab-
lished after the seizure of power to “commemorate” the formation of the Hitler
government. It interrogates the temporal textures of the commemorative exhi-
bitions on show in these rather makeshift institutions and compares them with
efforts to musealise the past in Fascist Italy and the Soviet Union. The contrasts,
it suggests, are symptomatic of larger idiosyncrasies in the temporal orienta­
tion of the National Socialist regime. The last part of the article pursues this in­
tuition across a broader range of the regime’s cultural and political expression.

I. The Revolution Museums

On 15 September 1933, a new museum opened in Berlin. Its purpose was to lend
visible form to the momentous events that had recently transformed the politi­
cal fortunes of Germany. The Berlin Revolutionsm useum was initially housed
in one of the new regime’s lieux de m em oire, the apartment block of the fallen
Nazi activist and SA-Mann Horst Wessel on the corner of Jüden- and Paro-
chialstraße, though it later re-located to a more impressive venue, on the Neue
Friedrichstraße (Fig. 1).i4 The museum’s founder was W illi Markus (1907-1969),
a friend and sometime comrade of Horst Wessel and commanding officer of
the 6th Regiment of the Berlin SA. Guests at the modest opening ceremony in-
cluded friends of the Wessel family and a gathering of the local SA, including
Brigadeführer August Wilhelm, fourth son of Germany’s last Kaiser, Wilhelm
II. In time, the museum established itself as one of the cultural fixtures of an
emerging “National Socialist Berlin”.15

13 Francois Hartog, Regimes d’historicite. Presentisme et experiences du temps, Paris 2003, p. 28;
Niklas Luhmann, Weltzeit und Systemgeschichte. Über Beziehungen zwischen Zeithorizon­
ten und sozialen Strukturen gesellschaftlicher Systeme, in: id., Soziologische Aufklärung, vol.
2: Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft, Opladen 1986, pp. 103-133, here pp. 103 f.; see also
id., Temporalisierung von Komplexität. Zur Semantik neuzeitlicher Zeitbegriffe, in: id., Ge­
sellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft,
vol. 1, Frankfurt 1980, pp. 235-300. On historical “distance” as constructed and manipula-
ble, see Mark Salber Phillips, Rethinking Historical Distance. From Doctrine to Heuristic,
in: History and Theory 50. 2011, pp. 11-23.
14 Crawford Photographs Collection, Institute of Archaeology, Oxford University.
15 There is some uncertainty about the location o f the Berlin R evolutionsm useum . In a review
o f the exhibition dated 25.11.1933, the party organ D er S. A .-M ann described the museum as
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The Revolutionsm useum in Berlin was not the only institution of its type. There
were similar foundations in Halle, Kassel and Düsseldorf - not to mention Ehren­
hallen established in various other locations to commemorate the “achievements”
and “sacrifice” of the National Socialist movement. These were not the conse-
quence of directives from the regime, but local initiatives driven by regional or
district SA leaderships, often in collaboration with the Gau authorities/6 The SA
appears to have founded these institutions as a means of advertising its role in the
Nazi seizure of power. Local SA leaderships were also involved in the M useum
d er D eutschen Erhebung in Halle, figured prominently in the Revolutionsschau
in Düsseldorf and collaborated in the establishment of Ehrenhallen. The area
around the Revolutionsm useum in Berlin was one in which SA units had faced

occupying a house on the corner of Jüden- and Parochialstraße (Horst and Werner Wessel
had grown up in Jüdenstraße 51/52). The photographs taken o f the museum by O. G. S.
Crawford in September 1934, however, show an entrance on Neue Friedrichstraße 83, near
the corner with Königstraße. An article by Joseph Goebbels (Der Spiegel des Grauens. In
der Schreckenskammer der Hochtage des Kommunistenterrors, in: Völkischer Beobachter
[North Germ an edition], 12.12.1933, feature page: Aus der Bewegung) confirm s this loca­
tion and reports that the museum had been founded on 15 September. It may well be that
the museum was in fact re-founded in a larger and more ambitious format at that time;
this would explain an early reference by the Social Dem ocrat exile journalist in Paris Her­
m ann Wendel, who reported on 30.7.1933 that a “Museum der nationalen Revolution” had
just been opened in Berlin (see Hermann Wendel, Revolutionsmuseum, in: Lutz W inckler
[ed.], Unter der “Coupole”. Die Paris-Feuilletons Hermann Wendels 1933-36, Tübingen
1995, pp. 116-119). A lengthy comm entary in the M ärkische SA o f 10.4.1937, pp. 1 f., re­
ports on the recent re-opening o f the museum (“Erstes NS-Revolutionsmuseum der Stan­
darte 6 neu eröffnet”) and situates it in Taubenstraße 6. It may be that the museum was
moved, possibly after a travelling show of the exhibits, because its earlier premises had been
turned over to another use. There is some confusion on these matters in the secondary liter-
ature. Eva Zwach, Deutsche und englische M ilitärmuseen im 20. Jahrhundert. Eine kultur­
geschichtliche Analyse des gesellschaftlichen Umgangs m it Krieg, Münster 1999, p. 116,
suggests that the R evolu tion sm u seu m was installed in the premises o f what had previously
been Ernst Friedrich’s pacifist A nti-Kriegs-M useum at Parochialstraße 29; but this claim ap­
pears to be based on an article in the NSDAP party organ D er A n g riff (see “Sul.”, Vom A n­
tikriegsmuseum zum S.-A. Heim, in: Der Angriff, 25.3.1933, p. 4) which describes the sack-
ing o f the A nti-Kriegs-M useum and its conversion into a locale for the SA, but does not place
the R evolutionsm useum at that location. M artin Roth, Heimatmuseum. Zur Geschichte
einer deutschen Institution, Berlin 1990, p. 159, also states that the A nti-K riegs-M useum was
attacked and renamed “Erstes Revolutions-Museum der SA-Standarte 6 Berlin” in 1932, a
claim for which I can find no other supporting evidence. For references to the museum
as a NS tourist destination, see: Berlin und Umgebung. Kleine Ausgabe m it Angaben für
Automobilisten, Berlin 1936, p. 60; and Julek Karl von Engelbrechten and Hans Volz, W ir
wandern durch das nationalsozialistische Berlin. Ein Führer durch die Gedenkstätten des
Kampfes um die Reichshauptstadt, Munich 1937, p. 59.
16 The E h ren h alle at Buchholz in der Nordheide, for example, was the work of Gauleiter for
Osthannover Otto Telschow, in collaboration with the local SA; see Thomas Clausen, “Otto
Telschow. Hitlers Gauleiter in Osthannover”, unpublished manuscript. I am grateful to
Thomas Clausen for letting me see this document.
Fig. 1: Photograph by the British archaeologist O. G. S. Crawford of the entrance to the
Berlin Revolutionsmuseum.
Source: Institute of Archaeology, Oxford University.

especially determined resistance from the communists. At Parochialstraße 29,


just around the corner, were the premises of what had once been the Berlin Anti-
Kriegs-M useum, a crowded and rather chaotic installation founded by the paci-
fist Ernst Friedrich (1894-1967) that used images and objects - including photo-
graphs of maimed invalids - to invoke the horror of military violence. In March
1933, the local SA had seized and ransacked the museum, before transforming it
into an “SA-Heim” and torture cham ber/7
The choice of the term Revolutionsm useum is noteworthy, reflecting as it
does the SA’s preoccupation with the revolutionary character of the takeover
and the imminence of a “second revolution”, in which the political achievements
of January 1933 would be followed up with a far-reaching social transforma­
tion. The choice of objects and the mode of their exhibition reflected the petty
resentments and hatred fanned by the “years of struggle” for the R eichshaupt­

17 On Ernst Friedrich as a “renewer o f the museum” and a critic of conventional museum prac-
tice, see Zwach, Militärmuseen, p. 113; on the SA seizure of power, see M artin Schuster, Die
SA in der nationalsozialistischen “Machtergreifung” in Berlin und Brandenburg 1926-1934,
Ph.D. Diss., Technische Universität Berlin, Berlin 2004, p. 237 (http://edocs.tu-berlin.de/
diss/2004/schuster_m artin.pdf).
stadt. Among the exhibits was a framed photograph from an illustrated supple­
ment of 1932, showing the spacious apartment of the Jewish former Vice Presi­
dent of Berlin’s police department, Bernhard Weiß (1880-1951), onto which has
been mashed a pair of broken spectacles. Weiß had been a determined defender
of the Weimar republican order and - under the mocking sobriquet “Isidor
W eiß” - the foremost hate figure of the Goebbels press in the capital. Nazi cari-
catures regularly focused their loathing on the police chief’s round “Jewish”
spectacles. A review of the exhibition written by Joseph Goebbels and published
in the party daily V ölkischer B eobach ter described this item as “a cheerful and
tragic-comical reminder: Herr Isidor Weiß in person, [in the form of] the spec­
tacles he left behind as he fled in the greatest haste [from his home]”.i8
Clearly, one of the objectives of the Revolutionsm useum was to advertise the
victory of the regime (or at least of its armed shock troops) over the forces that
had opposed its coming into existence. A “rote Ecke” (red corner), in which
captured communist weapons and insignia were displayed, was a feature com­
mon to several museums of this ty p e/9 This flaunting of trophies was not in-
significant at a time when the danger of a Communist retaliation was still pre­
sented in official propaganda as a genuine threat - throughout the autumn of
1933 and the spring and summer of 1934, the party press continued to cover al-
leged “red plots” and incidents of “red terror” against policemen, Nazi officials
and members of the Hitler Youth, and there were widely publicised trials against
supposed communist rings, in which the description of confiscated weapons
played a prominent role.20 The museum was, one commentator put it, a “cham­
ber of horrors” (Schreckenskam m er) whose purpose was to impart a frisson of
dread at the thought of what might have been if the National Socialists had not
come to power. “It’s hot at the moment in Berlin”, wrote the conservative satirist
Adolf Stein in the summer of 1935, “but an ice-cold shudder runs down one’s
back in the Revolutionsm useum ”.21

18 Dietz Bering, Der Name als Stigma. Antisemitismus im deutschen Alltag, 1812-1933, Stutt­
gart 1988; Goebbels, Spiegel des Grauens.
19 See, for example, Revolutionsaustellung in Karlsruhe, in: Völkischer Beobachter (North
Germ an edition), 14.9.1933, Zweites Beiblatt, which speaks of “a piled up magazine o f re­
volvers, pistols, carbines, daggers, knuckle-dusters, machine-guns, explosive cartridges,
hand grenades etc.”
20 See, for example, Hochverratsprozeß gegen 111 Kommunisten in Breslau, in: Völkischer
Beobachter, 31.5.1934, p. 1; Geständnisse und Lügen der Mörder vom Bülowplatz, in: ibid.,
6.6.1934, p. 2; Kom munistische Bom benanfertiger vor dem Volksgericht, in: ibid., 4.9.1934,
p. 4; G ift als politisches Kampfmittel in den Händen der Kommunisten (reports that cyanide
has been founds in the hands o f a comm unist group in quantities sufficient to kill 100-150
people), in: ibid., 14.9.1934, p. 2; Kom munistische Enthüllungen vor dem Dortmunder
Gericht. Zechen, Eisenbahn und Brücken sollten gesprengt werden, in: ibid., 22.9.1934,
p. 8.
21 Adolf Stein, Im Revolutionsmuseum, in: Rumpelstilzchen: Nee aber sowas! (= Rumpel­
stilzchen Bd. 15), 11.7.1935, p. 273.
To the student of temporalities, the Revolutionsm useen are of interest above
all because the museum as an institution was, among other things, an instru­
ment for the manipulation of temporal awareness: the apparatus of the museum
could be used both to distance the viewer from the epoch or phenomena on
display and to establish a sense o f immediacy. As M artin Roth has shown, the
years 1924-1932 saw a massive growth in museum foundations, an elevation in
the cultural authority o f the institution and a dramatic “actualisation” o f mu­
seum content - several features of the Revolutionsm useum were borrowed from
the left-leaning “social museums” of the early Weimar Republic, whose exhibits
were almost entirely contemporary in orientation .22 In deploying the idiom of
the museum - with its labelled exhibits and glass cabinets - the founders of the
Revolutionsm useum aimed to connect the visitor with the actuality o f the Na­
tional Socialist transformation, while confining the Weimar Republic, whose
history extended to within eight months of the moment at which the exhibition
was opened, to a bygone past. “The Revolutionsmuseum”, said the posters on
the newspaper columns in central Berlin: “shows the symbols o f a superseded
era” (Fig. 2 ) /3 In his commentary on the exhibition, Goebbels observed that the
objects on display were mere remnants, reminders of a bygone epoch. “Only in
the memory”, he wrote, “do those days of bloodthirsty [communist] terror once
again rise up’V®4 The purpose of these “symbols” of the conquered left, another
party journalist observed in 1937, was to serve as a reminder of “times that will
never return”. The leftist posters that hung from the walls were “dead rags, as
dead as the mottos they were emblazoned with”/ 5 Laid out and labelled in their
glass cases, the paraphernalia o f the Weimar communists resembled the mute
pottery shards and metal ornaments that adorned so many museums of eth-
nography and Germanic pre-history.
This effort to confine the Weimar years to the past and to posit a fundamen­
tal rupture between the events o f the Weimar era and those o f the Nazi pres­
ent was entirely in accordance with the priorities set by the public utterances
of a regime that defined itself as marking a caesura between epochs and in-
augurating a new ep och /6 “It is not merely that a new government was consti-
tuted on the 30 January 1933,” Hitler declared in a speech of July 1934: “Rather,
a new regime extirpated an old and sickly era.” The transition between the pol­
itical history of Weimar and the Nazi seizure of power was to be seen as a radical

22 M artin Roth, Heimatmuseum. Zur Geschichte einer deutschen Institution, Berlin 1990,
here p. 35, p. 64, p. 157 and p. 162.
23 “Das Revolutions-Museum zeigt die Symbole einer überwundenen Zeit”; see figure 2.
24 Goebbels, Spiegel des Grauens.
25 Erstes NS-Revolutionsmuseum der Standarte 6 neu eröffnet, in: M ärkische SA, 10.4.1937,
p. 1 (supplement to the SA-Mann o f the same date).
26 Karsten Fischer, “Systemzeit” und Weltgeschichte. Zum Motiv der Epochenwende in der
NS-Ideologie, in: id. (ed.), Neustart des Weltlaufs? Fiktion und Faszination der Zeitwende,
Frankfurt 1999, pp. 184-202.
Fig. 2: Photograph by the British archaeologist O. G. S.
Crawford of a poster advertising the Berlin Revolutions­
museum.
Source: Institute of Archaeology, Oxford University.

temporal disconnect: “We National Socialists have the right to refuse that we be
integrated into that line”, Hitler insisted, referring to the “miserable” sequence
of Weimar Chancellors between 1919 and 1932” Restructuring the relation­
ship between the present and the past in this way allowed the vanquished “sys­
tem” of the recent past to be evacuated from the present. But what is striking in
the case of the Revolutionsm useen is the sense that what had been accomplished
was not merely a complete break with the immediate past, but the inauguration
of a new kind of time.

27 Hitler speech o f 13 July 1934, quoted in Völkischer Beobachter (North Germ an edition),
15./16.7.1934, p. 1.
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Fig. 3: The Museum der nationalsozialistischen Erhebung, Halle.
Source: Kreisleitung der NSDAP Halle (ed.), Führer durch
das NS-Museum des Gaues Halle-Merseburg der NSDAP. Eh­
renhalle der nationalsozialistischen Erhebung, Revolutions­
museum, NS-Archiv, Halle 1934.

We can see this more clearly if we examine another National Socialist Revolu­
tionsm useum in the city of Halle, a much more imposing foundation than its
Berlin counterpart, which opened on 14 June 1934 before formations of SA, SS,
Reichswehr and Police, flanked by members of the public and local party offi-
cials. The Halle M useum der n ationalsozialistischen Erhebung was a founda­
tion of the Gau leadership and was intended to project the regional identity of
the party in the Halle-Merseburg region (Fig. 3). Situated in a converted water
tower, it was divided into two parts. A lower section offered a spectacle simi-
lar to the one on show in Berlin: this was, as one press commentator put it, “no
paper museum with bare statistical tables”, but a collection of “tangible pieces
Fig. 4: Lower floor of the Museum der nationalsozialistischen Erhebung, Halle.
Source: Kreisleitung der NSDAP Halle (ed.), Führer durch das NS-Museum des Gaues
Halle-Merseburg der NSDAP. Ehrenhalle der nationalsozialistischen Erhebung, Revo­
lutionsmuseum, NS-Archiv, Halle 1934.

from the days of most bitter struggle”, including “political stickers, armbands,
membership books, clubs of iron and wood”.2® Here one wandered through a
disorienting space densely packed with posters, documents, photographs and
telling objects, such as a L itfaßsäule peppered with bullet holes, or caches of
confiscated weapons and bombs (Fig. 4). The upper storey, by contrast, housed a
Hall of Honour (Ehrenhalle) for fallen Nazis from the region. This was - in the
words of the official guide to the museum - “a place of memory for the blood
witnesses of the national and National Socialist revolution, a place of medita­
tion to celebrate the new Germany”.2® Here there were no exhibits, just a large
darkened space occupying the entire upper floor of the building and lined with
“memorial niches and windows” bearing the names o f fallen comrades and
of units that had distinguished themselves in the struggle (Fig. 5). This juxta-
position of memory on the one hand and remembrance on the other was entirely

28 Das erste nationalsozialistische Museum in Halle eröffnet, in: Völkischer Beobachter (North
Germ an edition), 15.6.1934, p. 7.
29 Kreisleitung der NSDAP Halle (ed.), Führer durch das NS-Museum des Gaues Halle-M erse­
burg der NSDAP. Ehrenhalle der nationalsozialistischen Erhebung, Revolutionsmuseum,
NS-Archiv, Halle 1934, p. 33.
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ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
Fig. 5: Upper floor of the Museum der nationalsozialistischen Erhebung, Halle.
Source: Kreisleitung der NSDAP Halle (ed.), Führer durch das NS-Museum des Gaues
Halle-Merseburg der NSDAP. Ehrenhalle der nationalsozialistischen Erhebung, Revo­
lutionsmuseum, NS-Archiv, Halle 1934.

deliberate. On the one hand, as Gauleiter Rudolf Jordan put it in a speech for the
opening of the museum, there was the “timeless struggle” (der zeitlose K am pf)
of the National Socialist movement; on the other, the “parliaments, with all the
blabbering of day-to-day politics”.™
A number of the revolution museums combined memory and remembrance
in this way. Even the relatively modest Berlin museum incorporated a simple
shrine room with inscriptions, insignia and lists of names. The Revolutions­
schau in Düsseldorf combined a triumphal process of party flags and side gal­
leries exhibiting objects from the Weimar years with a large chamber for the
purpose of meditation and remembrance, in which the lights were dimmed and
the Horst-Wessel-Lied could perpetually be heard at low volume in the back­
ground. But nowhere was this juxtaposition more trenchantly articulated than
in Halle, where the visitor could ascend directly from the chaos of the lower
story into the stillness of the memorial chamber above.
In his speech at the opening ceremony, the director and creator of the Halle
Museum, Professor Hans Hahne (1875-1935), gave an account of the thinking
behind the dual structure of the installation. The museum, he wrote, had not

30 A ufruf des Gauleiters Staatsrat Jordan, in: ibid., p. 4.


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been planned as a “depot for more or less valuable objects”, but rather as “a vis­
ible extension of the Hall of Honour using the medium of the museum” (ins M u­
seale). The museum, Hahne suggested, served two kinds of memory. On the one
hand, the many exhibits downstairs would awaken many “inconspicuous ‘rec-
ollections’ of the time of struggle and victory”, restoring the totality of a past
experience: “Holes in letter boxes and poster columns once again become whis-
tling gunshots, garish colours become highpitched screams”. But in its “formal
totality” (Gesam tform ung), Hahne explained, “our museum is also a memo­
rial for the dead.” The roots of this form of remembrance, he claimed, lay deep
in the history of Nordic man. And it was a feature of Nordic memorials for the
dead that they did not confine the deceased to a world beyond or below, but in-
tegrated them into the world of the living: “The kingdom of the dead is part of
the total domain of existence (G esam t-D aseinsbereiches) of the human commu­
nity to which the dead continue to belong.”3i In short, the upstairs-downstairs
structure of the Halle Museum invoked two kinds of temporality: the stochastic
history of events, of conflict, disruption and discontinuity on the one hand, and
the smooth longue duree of Germanic memory on the other.

II. Totalitarian Contrasts

A comparison of these exhibitions with analogous efforts by the Italian fascists


to celebrate the establishment of their regime reveals a suggestive contrast. The
fascist super-exhibition L a M ostra della Rivoluzione Fascista, which went on
show in Rome in 1932-1934 and attracted over three and a half million visitors,
was no conventional exhibition, but rather a highly charged space in which one
could experience “history in action”. The exhibition, a vast complex of carefully
sequenced halls and rooms, instilled a sense of “perpetual movement and insta-
bility”, of “agitation, compression and disorientation”.32
The contrast with Nazi temporal sensibilities is best captured in Giuseppe
Terragni’s spectacular “Room O”, an immense chamber on the left side of the
exhibition (Fig. 6). This space was dominated by a vast photo-montage extend-
ing high into a non-symmetrical space. On the bottom right of the image could
be seen thronging crowds of individual heads surging wavelike towards two im ­
mense turbines; rushing away from the turbines towards the upper left were
masses of stylised hands outstretched as if in the fascist salute, a feature that may
have been borrowed from a 1927 Soviet poster by the Bolshevik constructivist

31 Vorspruch vom Leiter des Museums Universitäts-Professor Dr. Dr. Hahne, in: Führer durch
das NS-Museum, here pp. 9-11.
32 Schnapp, Fascism’s Museum in Motion, esp. p. 88 and p. 93; on the M ostra, see also Susanne
von Falkenhausen, Der zweite Futurismus und die Kunstpolitik des Faschismus in Italien
von 1922-1943, Frankfurt 1979; and Stone, Staging Fascism.
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ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
Fig. 6: Giuseppe Terragni, “Room O” of the Mostra della Ri-
voluzione Fascista.
Source: Dino Alfieri and Luigi Freddi, Mostra della Rivolu-
zione Fascista, Rome 1933, p. 189.

Gustav Klutsis.33 The turbines collaged along the faultline between the massed
heads and the massed hands rendered explicit the historical dynamism sug-
gested by the composition. They were aligned with the image of a letter written
by Mussolini to the mother of a fascist martyr, as if Terragni wanted the viewer
to understand not just that it was the party (and above all the Duce) who trans-
formed masses of individuals into fascists animated by a collective will, but also
that this transformation was achieved through a process of turbine-like acceler-

33 Ibid., p. 223.
ation.34 There was, to be sure, a memorial chamber in the M ostra, the “shrine of
the martyrs” (sacrario dei martiri), a darkened space centred on a simple cross
inscribed with the words “For the immortal Fatherland!” and ringed by bands
of dark metal into which was cut, thousands of times over, the luminous word
“Presente!”. Here, as in the “memorial niches” of the Nazi revolution museums,
the dead were remembered within a perpetual present. But the structural rela­
tionship between the memorial chamber and the rest of the exhibition was fun­
damentally different. The visitor to the M ostra had no choice but to approach
the shrine chamber through a “gallery of fasci” lined with stone columns bear-
ing a sequence of dates: 1918, 1919, 1920 and so forth; and the only way out of the
sacrario led back down the gallery of the years and into the kinetic historical tra-
jectory of the museum. There was, to be sure, a tension between the cool mod-
ernism of the memorial chambers and the hot modernism of the other rooms,
but their purpose was above all to “reinscribe” the diachronic sequence of his-
tory “within a ritual order”, and to present the fascist seizure of power as the
completion of an historical process, not to undermine the legitimacy of history
as such.35 The imposing modernist armature of the exhibition, as a reviewer in
the daily magazine Il Popolo d ’Italia put it, “signified the enormous weight of
fascism, which throws itself onto the paths of history’? 6 To put it another way,
in the fascist museum, history in the form of a chronological sequence sur-
rounds and incorporates the space of memory; in the National Socialist “rev­
olution-museum”, the continuum-time of memory trumps and stifles history.
This helps to explain the curious remark by a French visitor that the M ostra
was “so thoroughly Bolshevist” in spirit that “with a change of emblems, the
piece would bring applauses in Moscow’? 7 For all the differences between
them, both the Fascist and the Soviet revolutionary temporalities were based
upon a kind of turbo-charged Hegelianism. As Stephen E. Hanson has sug-
gested, Marxism-Leninism was based on the Marxist idea that “effective revo-
lutionary praxis depends upon utilising rational time discipline to master time
itself”. W hat resulted was an amalgam that Hanson describes as a “charismat­
ic-rational conception of tim e’? 8 And Francine Hirsch has shown that So­
viet ethnographers responded to the essentialism of Nazi race theory with an
insistence that “national cultures” did not express primordial traits, but were
rather artefacts of a “sociohistorical process” that could be accelerated by the

34 On Room O as the dramatization o f a “moment o f transform ation”, see Falkenhausen, Der


zweite Futurismus, p. 206.
35 Schnapp, Fascism’s Museum, p. 94; Gigliola Fioravanti, La M ostra della Rivoluzione Fas-
cista, Rome 1992, p. 32; Claudi Fogu, The Fascist Stylisation of Time, in: Journal of Modern
European History 13. 2015, pp. 98-114, here p. 109.
36 Ottavio Dinale, La M ostra della Rivoluzione. Visioni d’Arte, in: Rivista Illustrata del Popolo
d’Italia, 11.6.1933, quoted in Stone, Staging Fascism, p. 220.
37 Louis Gillet, Rome Nouvelle, in: Revue des deux Mondes, 15.12.1932, pp. 7 9 2-826, here
p. 810.
38 Hanson, Tim e and Revolution, pp. V III f., pp. 180 f.
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intervention of the vanguard party. The notion that the Tajiks, for example,
should be musealised by means of displays highlighting the abiding and tim e­
less strands of Tajik culture - the Tajik tea ceremony, for example - fell sharply
out of favour, to be replaced by exhibitions depicting Tajiks on the historical
road towards Soviet peoplehood, their progress accelerated by the interventions
of the communist party.39 Soviet thinking on time was founded upon a col-
lapsing of theory and praxis into a model in which progress and history were
essentially the same thing. For both the Soviet and Fascist regimes, it was the
party that represented the apotheosis of history, a history still conceived as a
forwards-driving machine of progress. The fascist intellectual Giovanni Gen-
tile saw his “actualist” philosophy of revolution as an elaboration of Hegelian
dialectics aimed at affirming the “absolute immanence of theory and practice
in the ‘pure act’”.40
For the Nazis, by contrast, the idea of history as an unstoppable forwards ca-
reer of transformation had much less appeal. “Every people has its own rhythm”,
wrote the poet and publicist Carl Maria Holzapfel (1890-1945) in an op-ed re-
flection on “The Rhythm of Tim e” for the V ölkischer Beobachter, a newspaper
in which reflections on the nature of time are surprisingly frequent. For the Ger­
man people, it was the pattern of seasonal renewal and death, “the polarities of
the solstice in nature”, that set the “pulse-beat” of existence. Time, in this sense,
was just “a portion of eternity”, the great revolutions - including the putative
revolution of 1933 - , were not just moments in high politics, but “hours of re-
newal” for all members of the ethnic community, “hours in which every one of
us experiences God in the most extraordinary way’t The National Socialist re­
gime did not seek to revolutionise the paradigm of linear history from within,
powering it up for the needs of an all-transforming party, but rather sought to
evade history altogether, to slip out of it into the racial continuum-time of a
trans-historical memory. They resembled Mircea Eliade’s archaic man, who
“sets him self in opposition to history, regarded as a succession of events that are
irreversible, unforeseeable, possessed of no autonomous value” and can appre-
hend past events and individuals only in the form of timeless a rch ety p est
We find this same repatterning of time in the major German mass-audience
mega-exhibitions of the 1930s. Ewiges D eutschland, for example, curated in Ber-

39 Francine Hirsch, Empire of Nations. Ethnographic Knowledge and the M aking o f the Soviet
Union, Ithaca 2005, here pp. 264-272.
40 Fogu, Historic Imaginary, p. 13. Stefan Plaggenborg’s interesting reflections on the “his-
torylessness” (Geschichtslosigkeit) of the Soviet regime in: id., Experim ent Moderne,
pp. 105-119, do not contradict this observation, since Plaggenborg uses this term to denote
a temporal order in which the forwards momentum o f history has become inseparable from
the regime itself. The “disappearance” of history thus amounts to an absorption o f history
into the present, rather than signifying the rejection of linear history as a temporal logic.
41 Carl M aria Holzapfel, Vom Rhythm us der Zeit, in: Völkischer Beobachter (North German
edition), 10./11.5.1934, Beiblatt Volkstum, Kunst, W issenschaft, Unterhaltung.
42 M ircea Eliade, The M yth o f the Eternal Return or, Cosmos and History, London 1989, p. 95.
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lin b y th e Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums and th e P ru ssia n
State L ib ra ry in 1934, aim e d to aw aken in th e m in d s o f v isito rs an aw areness
o f “th e e te rn a l” (das Unvergängliche) in G e rm a n lite ra tu re , in o rd er to “b rin g
G e rm a n p resen t an d G e rm a n fu tu re in to new relatio n sh ip s w ith G e rm a n eth -
n ic ity (Volkstum) in th e p a s t”.43 D as deutsche Antlitz im Spiegel der Jah rh u n ­
derte, w h ich o p en ed in F r a n k fu rt in 1937 u n d er th e c u ra to rsh ip o f th e C ity o f
F r a n k fu rt an d th e Rassenpolitisches A m t o f th e N SD A P arg u ed th a t th e fo u n ­
d atio n s o f a ll cu ltu re lay in th e “in h e rite d pow ers o f r a c e ”; it asp ired to exp o se
“th e u n ch an g eab le and c o n sta n t b lo o d -v alu es o f o u r p eo p le” th a t had b e e n ob -
scu re d b y th e “v icissitu d es o f its h is to r y ” (W echselfälle seiner Geschichte).44
H ere, to o , h is to ry w as m ere con tin g e n cy , a seq u en ce o f m o re or less ra n d o m di-
vergences fro m an u n d erly in g p a tte rn th a t besto w ed m e a n in g o n th e p ast, the
p resen t and th e fu tu re . T h e m e g a -e x h ib itio n D eutsche Größe, w h ich op en ed in
M u n ic h o n 8 N o v em b er 1940 and th e n to u red th e c o u n try a ttra c tin g a to ta l o f
6 5 7 ,0 0 0 v isito rs, w as m o re e m p h a tica lly h is to r ic a l in its co n te n t and far less fo -
cu sed o n ra c ia l th e m es. B u t even h ere, th e lin e a r seq u en ces o f “h is to ry ” w ere
fold ed in to a m ille n n ia l ch ro n o sca p e. T h e G e rm a n s o f 1940 ap p eared in th is
e x h ib itio n as th e d irec t h e irs and e x ecu to rs o f th e U r-G e rm a n s o f p re -h isto ry ;
th e re -e n e rg ise d “h is to r y ” o f th e p resen t cu lm in a te d in an e n co u n te r w ith the
d ista n t p a s t 45 “E v en tu ally th e steel b o w o f th e G e rm a n a rm ie s exten d ed fro m
th e B a ltic to A lsace , fro m F lan d ers to th e C rim e a ”, th e M u n ic h h is to ria n K arl
A le x an d er v on M ü ller d eclared in th e catalo g u e o f th e e x h ib itio n . “A n d in a l­
m o st ev ery place w here th e ir b o o ts s tru c k th e g ro u n d , old m e m o rie s ra n g like
ech o es o f ou r p ast.”4® W h a t s tru c k and m ov ed th e v isito r to th is e x h ib itio n , one
a n o n y m o u s review er o bserved , w as n o t th e m o m e n tu m o f h is to ry u n fo ld in g ,
b u t “a friss o n o f awe at th e p ro sp e ct o f th a t w h ich is im m o r ta l an d tra n sc e n d s
th e c e n tu rie s ” 47

43 Alfred Rosenberg, Vorwort, in: Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttum s u.
Preußische Staatsbibliothek (ed.), Ewiges Deutschland. Deutsches Schrifttum aus fünfzehn
Jahrhunderten, Berlin 1934. For a discussion of the m ega-exhibitions o f the “Third Reich”,
see H ans-U lrich Thamer, Geschichte und Propaganda. Kulturhistorische Ausstellungen in
der NS-Zeit, in: GG 24.1998, pp. 349-381.
44 Das deutsche Antlitz im Spiegel der Jahrhunderte. Große Ausstellung der Stadt Frank­
furt am Main unter M itwirkung des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, Frankfurt 1937,
p. VI.
45 Brigitte Zuber, Großmachttraum im Andachtsraum. Welche Ausstellungen Münchner Schü­
lerinnen und Schüler 1933-1943 klassenweise besuchten, in: Einsichten und Perspektiven.
Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte 2. 2009, pp. 128-151.
46 Hans Georg Otto (ed.), Deutsche Größe, Munich 1940, p. 12.
47 “Die Schauer der Ehrfurcht [...] vor dem, was unsterblich wirkt und waltet über die Jahr­
hunderte hinweg”, in: Deutsche Größe im Schritt von zwei Jahrtausenden. Heute Eröffnung
der eindrucksvollen Ausstellung im Bibliotheksbau des Deutschen Museums, in: Münchner
Neueste Nachrichten, 8.11.1940, quoted in C hristof Kivelitz, Die Propagandaausstellung in
europäischen Diktaturen. Konfrontation und Vergleich. Nationalsozialismus in Deutsch­
land, Faschismus in Italien und die UdSSR der Stalinzeit, Bochum 1999, p. 205.
Even the exhibition “Gebt mir vier Jahre Zeit!”, which opened amidst a storm
of publicity on 30 April 1937 and was intended to advertise the transformation
of Germany over the four years since the seizure of power, subordinated the de-
velopmental logic of history to a temporally flat ontological opposition between
the new time and the old. As Joseph Goebbels reminded visitors in his opening
speech, the only way to show what the National Socialists had achieved since
the seizure of power was to juxtapose the present with the “hopelessly devas-
tated time” whose legacy the Nazis had inherited in 1933. This exhibition, he
announced, would take the form of a “spectacle of oppositions” (Schau d er Ge­
gensätze), for the contrasts between then and now were as profound as “between
day and night”“ There was no attempt here to “re-actualise history” or to “in-
volve the observer in a sequence of actions”; this was revelation, not history/9

III. The Nearness of the Remote Past

Germanic pre-history was another area of special interest to the temporal activ-
ists of the regime. The R eichsbund fü r deutsche Vorzeit, a pressure group with
close links to the Amt Rosenberg, coordinated efforts to raise the profile of Ger­
manic archaeology by developing a more attractive, informative and accessible
mode of exhibition.50 The aim was to depict the millennial evolution of Ger­
manic life both as a self-enclosed and autochthonous phenomenon capable of
warding off alien influences and as something vivid and proximate to contem­
porary experience/1 The early years of the Nazi dictatorship witnessed a sharp
growth in archaeology and pre-history at the universities and the subject ex-
panded dramatically across research institutes and in the teaching training
sector as well, encouraged by a public endorsements from Hermann G örin g/2

48 Quoted in Gianluca Falanga, Berlin 1937. Die Ruhe vor dem Sturm, Berlin 2007, p. 122.
49 Kivelitz, Propagandaausstellung, p. 67.
50 Reinhard Bollmus, Das “Amt Rosenberg”, das “Ahnenerbe” und die Prähistoriker, in:
Achim Leube (ed.), Prähistorie und Nationalsozialismus. Die m ittel- und osteuropäische
Ur- und Frühgeschichtsforschung in den Jahren 1933-1945, Heidelberg 2002, pp. 21-48;
see also id., Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum M achtkam pf im National­
sozialistischen Herrschaftssystem, Stuttgart 1970, pp. 69 f., pp. 161 f. and p. 226 f.
51 See, for example, M ax Wegner, Museen für die Volksgemeinschaft!, in: Völkischer Beobachter
(North German edition), 13.4.1934, Beiblatt Volkstum, Kunst, Wissenschaft, Unterhaltung;
Deutsche Vorgeschichte ist Ehrensache des ganzen deutschen Volkes, in: ibid., 16.10.1934, p. 1.
52 W olfgang Pape, Zur Entwicklung des Faches Ur- und Frühgeschichte bis 1945, in Leube,
Prähistorie und Nationalsozialismus, pp. 163-226, esp. p. 167, p. 188, p. 206 and pp. 215 f.;
Uta Halle, W ichtige Ausgrabungen der NS-Zeit, in: Focke-Museum Bremen (ed.), G ra­
ben für Germ anien. Archäologie unterm Hakenkreuz, Darmstadt 2013, pp. 65-7 3 ; M ar­
ion Bertram , Zur Situation der deutschen Ur- und Frühgeschichtsforschung während der
Zeit der faschistischen Diktatur, in: Staatliche Museen zu Berlin. Forschungen und Berichte
31. 1991, pp. 2 3 -4 2 .
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A rch a e o lo g ica l and p re h isto rica l th e m es w ere p ro m in e n t in sch o o lb o o k s and at-
tra c te d m u ch a tte n tio n in nov els, c in e m a , c o lle c tin g card s and so on, to th e ex-
ten t th a t one cou ld s p e a k o f p re h isto ry as a p ro p ag an d istic “a d v e rtisem e n t” for
th e re g im e.53 H ere, to o , we c a n d isce rn th e im p rin t o f N a tio n a l S o cia lis t tim e s-
cap in g , in th e sen se th a t th e a ctiv ists involved asp ired to situ ate th e p resen t n o t
at th e c o a lfa ce o f “h is to r y ”, im a g in e d as a seq u en ce o f u n fo re o rd a in e d events,
s to c h a s tic and d isru p tiv e - b u t ra th e r w ith in th e a ll-e n c o m p a ssin g envelope o f
th e G e rm a n ic tim e o f th e T h ird E m p ire.
N o t ev eryone in th e reg im e sh ared th is e n th u siasm fo r G e rm a n ic p re -h is-
tory. H itler at tim e s exp ressed sce p ticism abou t H im m le r’s e n th u siasm fo r G e r­
m a n ic arch aeo log y. “I t’s bad e n o u g h ”, A lfred Speer re ca lle d h im sayin g, “th at
th e R o m an s w ere e re c tin g g reat b u ild in g s w hen o u r fo re fath e rs w ere s till liv in g
in m ud hu ts; now H im m le r is s ta rtin g to d ig up th ese v illag es o f m u d hu ts and
en th u sin g over every p o tsh erd and ston e axe he fin d s.”54 H itle r’s ow n aw areness
o f G e rm a n ic ra cia l c o n tin u ity w as less g e o g ra p h ica lly s p e c ific th a n H im m le r’s.
H is ra c ia l h is to ry w as a m ille n n ia l n arrativ e in w h ich th e ach iev em en ts o f the
T h ird R eich w ere fo re o rd ain e d to “r e -e n a c t” th o se o f th e R o m a n E m p ire at the
h eig h t o f its pow er, a v ie w p o in t re fle cte d in h is s tro n g p referen ce for n e o -c la s -
s ic a l fo rm s in th e p u b lic a rc h ite ctu re b u ilt and p lan n e d fo r th e p resen t and fu-
tu re N a tio n a l S o cia lis t G erm an y . In th is re sp e ct H itle r d iffered fro m th o se en-
th u siasts o f deutsche Vorgeschichte (such as H ah n e) w ho celeb rated th e N o rd ic
and th e G e rm a n ic in o p p o sitio n to R om e. W h ic h e v e r o f th ese v a ria tio n s one
ad opted , th e n o v elty o f th e re su ltin g c h ro n o sca p e w as evid ent: T h e re c e n t p o l­
itic a l h is to ry o f W e im a r w ould b e co m e a s tro n o m ica lly re m o te , w hile th e m il-
le n n ia l a n teced en ts o f th e n ew reg im e - eith er G re e k and R o m a n a n tiq u ity or
th e lo n g and o b scu re h is to ry o f G e rm a n ic settle m e n t in ce n tra l and n o rth e rn
E u ro p e, or b o th - cam e to see m (or w ere supposed to seem ) v ery near. T h is was
th e v isio n th a t w as in s titu tio n a lise d in th e c u ltu ra l w o rk o f th e SS-Ahnenerbe.55
T h e re w as a c o n n e c tio n here w ith th e e ffo rts to m u sealise th e N azi seizu re
o f pow er, b e cau se th e d ire c to r and d esign er o f th e M useum d er D eutschen Er­
hebung in H alle, H an s H a h n e , had b e e n an im p o rta n t ex p o n en t o f a new
d iscip lin e in w h ich th e stu d y o f p re -h is to ric G e rm a n ic s e ttle m e n t and the
m e th o d o lo g y o f eth n o g ra p h y blen d ed w ith völkisch ra c ia l ideas to p ro d u ce an
u ltra -e s se n tia lis t and b io lo g is tic a cco u n t o f th e genesis and e v olu tio n o f G e rm a n
life in E u ro p e. F o r th is m od e o f stu d y in g th e re m o te p ast, H ah n e p o p u larised

53 H anning Hassmann, Archäologie und Jugend im “Dritten Reich”. Ur- und Frühgeschichte
als M ittel der politisch-ideologischen Indoktrination von Kindern und Jugendlichen, in:
Leube, Prähistorie und Nationalsozialismus, pp. 107-146.
54 Quoted in Bettina Arnold, Archaeology in Nazi Germany, in: Tim Murray and Christopher
Evans (eds.), Histories o f Archaeology. A Reader in the History o f Archaeology, Oxford
2008, pp. 120-143, here pp. 129 f. Goebbels shared this scepticism; see Helmut Heiber, Walter
Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschland, Stuttgart 1966, p. 256.
55 The classic study is Michael Kater, Das “Ahnenerbe” der SS 1935-1945. Ein Beitrag zur Kul­
turpolitik des D ritten Reiches, Munich 1997.
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th e te rm Volkheitskunde. In 1912, he w as ap p oin ted d ire c to r o f th e Provinzial­
m useum zu Halle, a ra th e r d u sty in s titu tio n fo u n d ed in 1884 th a t h o u sed the
c o lle c tio n o f th e “T h u rin g ia n -S a x o n A sso cia tio n fo r H is to ry and A n tiq u itie s ”.
U n d er H a h n e ’s su p erv isio n , th e p ro v in c ia l m u se u m w as tra n s fo rm e d ; u n d er its
n ew n a m e , th e L an desan stalt fü r V olkheitskunde acq u ired a m o n u m e n ta l m a in
b u ild in g for th e p u rp o se o f e x h ib itin g th e c o lle c tio n and h o s tin g con fe re n ces
an d co llo q u ia.
H ah n e to o k th e lead in d ev elopin g a m o d e o f e x h ib itio n p ra c tice th a t w ould
ren d er v isible th e co n tin u itie s b e tw e e n th e p resen t an d th e p re -h is to ric p ast o f
th e G e rm a n ic peoples. M ap s, m o d els and illu stra tio n s w ere used to b rin g alive
th e sca tte re d re m n a n ts o f a n c ien t s e ttle m e n ts. T h e a im , H ah n e w ro te in 1914,
w as to “lay b a re th e th re ad s th a t c o n n e c t us w ho live in th e p resen t w ith the
[world] o f p re h isto ry [...], fo r o u r c u ltu re o f to d ay and th e c u ltu re o f th e p reh is-
to ry o f o u r c o u n try is lin k e d above all b y th e id e n tity o f o u r b lo o d w ith th a t o f
ou r fo re b e a rs”.56 T h is im p lied , am o n g o th e r th in g s, w o rk in g ag ain st th e c o n ­
te m p o ra ry p re -e m in e n ce o f classical arch aeo log y, and ag ain st th e te n d e n cy to
ascrib e th e m o re so p h istica te d arc h a e o lo g ic a l d iscov eries to R o m a n w o rk m an -
ship or in flu e n c e - a n u m b e r o f H a h n e ’s early w orks fo cu se d o n re fu tin g v ariou s
“R o m a n h y p o th e se s” in d efen ce o f a n au to n om o u s “G e rm a n arch a e o lo g y ” co n -
c ern e d w ith “se lf-c o n ta in e d e x iste n tia l groups an d c u ltu ra l c irc le s ” w hose id e n ­
tity w as sh ap ed b y a h a rm o n io u s relatio n sh ip w ith a s p e c ific n a tu ra l landscape.57
H a h n e ’s u n d e rsta n d in g o f h is d iscip lin e had alw ays b e e n völkisch in o rie n ta ­
tio n , b u t it w as o n ly in th e tu m u ltu o u s y ears fo llo w in g th e end o f th e F irst W orld
W ar th a t b io lo g ic a l and ra c is t p ersp ectiv es b e g a n to d o m in ate h is th in k in g . It
was in th ese years th a t he b e ca m e a n ex p o n en t o f a “p o litic a lly applied b io lo g y ”
for w h ich “ra c ia l scie n ce is th e fo u n d a tio n and key to w orld h is to ry ”^ 8 H a h n e ’s
id ea o f h is to ry was n o t abou t d isru p tio n , c o n flic t and ch an g e, b u t ab o u t th e eter-
n a l re tu r n o f a cy c lica l e x iste n ce m ark e d out b y th e season s. H e w as e n th ra lle d ,
for e xam p le, b y th e v ario u s seaso n al ritu a ls th a t cou ld s till be o b served in th e ru ­
ra l and sm a ll-to w n co m m u n itie s o f T h u rin g ia . A n exam p le w as th e Questenfest,
a c o m m u n a l ritu a l o f alleg ed ly a n cien t G e rm a n ic o rig in asso ciate d w ith th e lit-
tle to w n o f Q u e ste n b u rg in th e H arz m o u n ta in s in w h ich a w re ath p o ssib ly sig-
n ify in g th e su n w as h u n g fro m a te n -m e te r h ig h po le, to b e b u rn t and rep laced
a m id st sin g in g and cele b ratio n s o n th e W h it M o n d ay o f each year. H ah n e and
h is co lla b o ra to rs b e c a m e p ra c titio n e rs o f B rauchtum sforschung - th e stu d y o f
c u sto m - and d o cu m e n te d a ran ge o f lo ca l sea so n a l ritu a ls. So fond w as H ah n e
o f th ese o b se rv a n ce s th a t he in v en ted su n fe asts and Jahresspiele o f h is ow n,

56 Quoted in Irene Ziehe, Hans Hahne (1875 bis 1935), sein Leben und W irken. Biographie
eines völkischen W issenschaftlers, Halle 1996, pp. 28 f.
57 Johannes Wiegelt, Hans Hahne, 1875-1935, in: Walter Schulz (ed.), Hans Hahne zum
Gedächtnis, Halle 1937, p. 7.
58 Gerhard Heberer, Hans Hahne und die rassenkundliche Forschung, in: ibid., p. 11.
scrip te d w ith passages fro m th e E d d a and p e rfo rm e d b y b a n d s o f lo ca l c h ild re n
and ad olescents.
H a h n e ’s d ee p e n in g en g ag em en t w ith th e tra c e s o f a c y c lica l tim e th a t pos-
sessed in tim a tio n s o f te m p o ra l d ep th and c o n tin u ity w as m o re th a n an in te lle c-
tu a l p re o ccu p a tio n ; it w as a refu ge fro m th e p re d ica m en ts o f h istory. F o r H ah n e
p erson ally , it w as cle arly c o n n e cte d w ith th e tra u m a o f th e F irst W o rld W a r -
or m o re p recisely o f th e w ar’s tra u m a tic close, am id st d efeat, s o c ia l d islo ca tio n ,
p o litic a l u n re st and u n c e rta in ty abo u t th e c o u n try ’s fu tu re. In a le tte r o f M ay
1919 to h is m o th er, H ah n e gave exp ressio n to a sen se o f d islocatio n :

The thoughts o f every w aking and sleeping hour, indeed o f every hour, are a motley,
wild confusion. These days, everything one ‘th in k s’ is built on m ood, physical condi­
tion and random influences, in fact one doesn’t really th in k any thought through to
its conclusion, because everywhere there are barbed wires o f ifs and buts. So one does,
step by step, what the day, what the hour dem ands, absorbing nothing and hoping, as
appearances w arrant, for much, little or nothing.

In a c u rio u s passage fro m th is letter, H ah n e appears to fu se h is m is e ry w ith the


id ea o f h is to ry itself. T h e p rin tin g press, he w ro te, has tu rn e d out to b e th e w o rk
o f th e devil:

I can’t love Gutenberg any m ore, I would alm ost like to erase h im - was [the invention
o f print] really a kind o f progress? T he whole idea o f progress seems m ore dubious to
me than ever.59

O n e is re m in d e d here o f w hat M irc e a E liad e called th e “te rro r o f h is to ry ” -


th e sen se th a t one is at th e m e rcy o f fo rces b ey o n d o n e ’s c o n tro l, fo rced to re-
sp on d to th e ra n d o m ag itatio n s o f an e n v iro n m e n t ro ck e d b y up heavals w hose
o u tco m e is u tterly u n fo reseeab le. T h e h is to r ia n H an s R o th fels put th e sam e
p o in t in a d iffe re n t w ay w hen he o bserved th a t th e “s h o c k to G e rm a n h is to ric a l
co n sc io u sn e ss” cau sed b y th e F irst W o rld W ar lau n ch ed h is to ria n s o n a quest
for “th e e x e m p lary ” in G e rm a n h is to r y “ B u t th e e n th ro n in g o f a rch e ty p e s in -
ev itab ly su p p resses co n tin g en cy , in th e m a n n e r o f E liad e ’s “m a n o f a rch a ic
c u ltu re ” w ho “to lerates ‘h is to r y ’ w ith d iffic u lty and attem p ts p e rio d ic a lly to
ab o lish i t ” “

59 Hans Hahne to his mother, 23 May 1919, quoted in Ziehe, Hans Hahne, p. 36.
60 Hans Rothfels, Bism arck und der Staat. Ausgewählte Dokumente, Stuttgart 19 532, p. IX.
61 Eliade, Myth o f the Eternal Return, p. 38. On the value o f Eliade’s diagnosis of “archaic”
temporalities for an understanding o f fascism, see Raul Carstocea, Breaking the Teeth of
Time. M ythical Tim e and the “Terror of History” in the Rhetoric of the Legionary Move­
ment in Interwar Romania, in: Journal of Modern European History 13. 2015, pp. 79-97, esp.
pp. 8 0 -8 3 .
IV. The Flight from History

This is not a problem unique to the German experience of defeat and revolu­
tion - it may apply more generally to the relationship between trauma and tem-
porality, especially when the trauma in question involves a violent disruption of
the structures of power. We can discern signs of such a linkage in the work of
Fernand Braudel, the illustrious exponent of the A nnales school associated with
the ascendancy of the longue duree in postwar French historical studies.“ The
longue duree was imagined in contrast to an “event-based” or political history
that privileges “a short time span, proportionate to individuals, to daily life, to
our illusions, to our hasty awareness - above all the time of the chronicle and the
journalist”. But it was also a refuge from the agitations of history in this sense:
“It is a ‘semi-stillness’ around which all of history gravitates.” The problem with
the presumption that time was fragmented and discontinuous, Braudel ob-
served in a critique of the Russian-born sociologist Georges Gurvitch, was that it
effectively imprisoned the contemporary individual in a “brief living moment”
in which he was “cloistered, a prisoner” and unable to “make use of the past or
be nourished by it”.“ For Braudel, the insistence on continuity thus possessed
therapeutic potential, for the traumatic events of (French) history, recalled as a
list of calendrical markers signifying defeat and invasion - 1815, 1871, 1914,
1940 - merely signified a sequence of “monstrous wounds” that would scar over
and be forgotten. The quest for continuity was a flight from history: “Rejecting
events and the time in which events take place”, he wrote, “was a way of placing
oneself to one side, sheltered, so as to get some sort of perspective, to be able to
evaluate them better, and not wholly to believe in them”.®4
Nor is this a specifically European or western causal nexus. Mahatma
Gandhi’s H ind Swaraj, written in 1910 to counter the terrorist politics of expatri-
ate Indian radicals, was similarly dismissive of history as a mere “record of the
wars of the world” in which there could be no place for the trans-generational
continuity of soul-force. History, by his reading, was “a record of every interrup­
tion of the even working of the force of love” and thus of the “force of nature”.
It was the instrument with which the English sought to maintain the Indians in
an awareness of their own cultural inferiority.“ The conditions that produced
Gandhi’s rejection of “history” were radically different from those that pre-
vailed in Germany after the First World War. But common to all of these cases

62 These reflections on Braudel draw on the im portant article by Olivia Harris, Braudel, His-
torical Tim e and the Horror o f Discontinuity, in: History Workshop Journal 57. 2004,
pp. 161-174.
63 Fernand Braudel, Georges Gurvitch ou la discontinuite du social, in: Annales 8. 1953, pp. 347­
361, quoted in Harris, Braudel, p. 173.
64 Fernand Braudel, Histoire et sciences sociales. La longue duree, in: Annales 13. 1958, S. 725­
753, here p. 748.
65 Mohandas Karamchand Gandhi, Hind Swaraj and Other Writings, Cambridge 1997, p. 56
and pp. 89 f.
was a sense that history involved a radical curtailment o f autonomy, a loss of
power and a consequently disturbed relationship with the past. W hat was dis-
tinctive about the National Socialist case was the adoption of a counter-histori-
cal temporality by the regime itself as the platform on which the ultimate ends of
state power could be imagined and legitimated.
Once we become attuned to this repatterning o f temporality, we find it
almost everywhere we look in the world fashioned by the National Socialists. It
was already implicit in the substitution of the Volk for the state as a central or­
ganising concept for politics. Since Samuel Pufendorf, the state had been asso­
ciated with the idea of a rationalising project that extended forward in time. In
Pufendorf’s theoretical justification for the concentration of power in the hands
of the territorial sovereign, the state was a history machine, tearing through the
fabric of tradition, triumphing over custom and entrenched privilege to estab-
lish new realities. In Hegel’s writings, the term underwent an unprecedented
discursive escalation. Its majesty resonated more compellingly than ever before,
at least within the milieu o f academia and senior officialdom. The state, Hegel
argued, was an organism possessing will, rationality and purpose. Its destiny -
like that of any living thing - was to change, grow, and progressively develop.
The state was “the power of reason actualising itself as will”.66
Hegel’s was not a liberal vision, but the progressive orientation of his vision
was undeniable. For all his misgivings about the Jacobin experiment, Hegel cel-
ebrated the French Revolution as a “splendid dawn” that had been greeted with
joy by “all thinking people”. Hegel’s Berlin students were told that the Revolu­
tion represented an “irreversible achievement of the world spirit” whose conse-
quences were still unfolding67 The centrality of reason and a sense of forward
momentum suffuse his reflections on the state at every point. And by elevat-
ing the state above the plane o f partisan strife, Hegel brought into view the ex-
hilarating possibility that progress - in the sense of a beneficent rationalisation
of the political and social order - might simply be a property of the unfold-
ing of history, as embodied in the Prussian state.68 Throughout the nineteenth
and well into the twentieth century, the “Prussian school” of history would re-
main overwhelmingly focused on the state as the vehicle and agent of historical
change.69
By contrast, a temporality focused on the Volk - not as a population, but
as a trans-historical racial essence - was likely by nature to be non-progressive
and non-developmental. The history of the Volk could only be a chronicle of its
identity with itself, o f its immalleability and refusal to succumb to alien power

66 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Berlin 1821, § 258A.
67 Quoted in Horst Althaus, Hegel. An Intellectual Biography, Oxford 2000, p. 186.
68 See the introduction by G areth Stedman Jones to Karl M arx and Friedrich Engels, The
Comm unist M anifesto, edited by Gareth Stedman Jones, London 2002, pp. 74-82.
69 George G. Iggers, The Germ an Conception o f History. The National Tradition of Historical
Thought from Herder to the Present, Middletown 1968, p. 82 and pp. 88 f.
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
and in flu e n c e . T h is is n o t to say th a t historical writing u n d er th e N azi d ictato r-
sh ip alig n ed its e lf o v ern ig h t w ith th e lo g ic o f a Volk- cen tre d te m p o rality . T h e
“fo lk h is to r y ” (Volksgeschichte) th a t flo u rish e d in th e W e im a r and N azi years
w as m a rk e d , to be su re, b y a te n d e n cy to id ealise th e r u ra l p ast and to stig m a-
tise m o d e rn is a tio n (in th e fo rm , for e xam p le, o f u rb a n isa tio n and “p ro le ta ria n i-
sa tio n ”) as a n egative c o u n te rfo il to p re -in d u stria l h arm o n y , b u t it also ten d ed to
m erge th e em p h asis o n ra c ia l c o n tin u ity w ith o th e r ap p roach es, in clu d in g p ro ­
gressive and d ev elo p m en talist fo rm s o f s o c ia l h isto ry , p ro d u cin g a ran g e o f h is-
to rio g ra p h ic a l m o d es th a t v aried in th e in te n s ity o f th e ir c o m m itm e n t to ra c ia l
thinking.7o N o r did th e reg im e ever get aro u n d to p re scrib in g a s p e cific agreed
m o d e o f h is to r ic a l w ritin g , b ey o n d calls for an ap p roach m o re firm ly cen tred
o n ra ce and Volkstum . 71 Even th e Reichsinstitut fü r die G eschichte des neuen
D eutschlands r u n b y th e h is to r ia n W alter F r a n k (1 9 0 5 -1 9 4 5 ) w as riv en b y p ro ­
fe ssio n al riv alrie s and co m p e te n ce stru g g les w ith and b e tw e e n th e R o sen b erg
o ffic e , th e In te rio r M in istry , th e SS-Ahnenerbe and th e ed u catio n m in is tr y o f
B e rn h a rd R u st. To th is one cou ld add th a t th is sh o rt-liv ed reg im e collap sed b e ­
fo re th e ideas o f th e n ew lead ersh ip cou ld con v erge in to a sh ared o u tlo o k or
w o rk th e ir way w ith an y c o n siste n cy in to h isto rio g ra p h ic a l p ra c tic e /2
Y et th e u n d erly in g lo g ic o f a tru ly völkisch u n d e rsta n d in g o f th e p ast w as by
n a tu re at odds w ith th e sta tist p arad ig m th a t had d o m in ate d G e rm a n h isto ri-

70 W illi Oberkrome, Volksgeschichte. M ethodische Innovation und völkische Ideologisierung


in der deutschen Geschichtswissenschaft 1918-1945, Göttingen 1993; Stefan Schweizer,
“Unserer Weltanschauung sichtbaren Ausdruck geben”. Nationalsozialistische G eschichts­
bilder in historischen Festzügen, Göttingen 2007, p. 47; on the penetration of V olks­
g eschichte by biological and racist language and arguments, see Ingo Haar, Ostforschung
im Nationalsozialismus. Die Genesis der Endlösung aus dem Geiste der W issenschaften,
in: Rainer Mackensen (ed.), Bevölkerungslehre und Bevölkerungspolitik im D ritten Reich,
Opladen 2004, pp. 219-240; on the emergent “m atrix” o f racist “population discourse”, see
Thomas Etzemüller, Ein ewigwährender Untergang. Der apokalyptische Bevölkerungs­
diskurs im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2007, esp. pp. 37-40; on the combination of “tradition”
and “innovation” in one prominent practitioner, see Jan Eike Dunkhase, Werner Conze. Ein
deutscher Historiker im 20. Jahrhundert, Göttingen 2010.
71 That the historiography of the “new” Germany should be focused on race and V olkstum was
agreed at the 19. H istorikertag in Erfurt in 1937; see Jürgen Elvert, Geschichtswissenschaft,
in: Franz-Rutger Hausmann (ed.), Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich,
1933-1945, M unich 2002, pp. 87-135, here p. 123.
72 Heiber, Walter Frank und sein Reichsinstitut, pp. 636-937. There already exists a substan-
tial literature on the discipline o f history under the dictatorship; see, for example, Michael
Salewski, Geschichte als Waffe. Der nationalsozialistische Mißbrauch, in: Jahrbuch des
Instituts für deutsche Geschichte 15. 1985, pp. 289-310; Adam Wandruszka, National­
sozialistische und “Gesamtdeutsche” Geschichtsauffassung, in: Karl D ietrich Bracher and
Leo Valiani (eds.), Faschismus und Nationalsozialismus, Berlin 1991, pp. 137-150; W infried
Schulze and Otto Gerhard Oexle (eds.), Deutsche Historiker im Nationalsozialismus,
Frankfurt 1999; Ursula Wiggershaus-Müller, Nationalsozialismus und Geschichtswissen­
schaft. Die Geschichte der Historischen Zeitschrift und des Historischen Jahrbuchs von
1933-1945, Hamburg 1998.
cal writing since the early nineteenth century. And as Frank-Lothar Kroll has
shown, more or less elaborate “philosophies” of history were an important in-
gredient in the political thought and praxis of many leading National Social-
ists.73 Adam Tooze’s thought-provoking juxtaposition of Gustav Stresemann
with Adolf Hitler illuminates how stark the contrast between a conventionally
“historical” understanding of the past and one centred on racial destiny could
be.74 Hitler and Stresemann were exponents, as Tooze shows, of diametrically
opposed understandings of what history, and specifically economic history,
meant. Stresemann, the author of a doctoral dissertation on the Berlin beer in-
dustry, embraced the idea of an economic history driven by the heterogeneous
stresses of a globalised economy/5 Even an industry as localised in its sourc-
ing as beer brewing was susceptible, he argued, to the fluctuations of the global
system. For Stresemann, an annexationist during the First World War, Ger-
many’s interest lay in securing dependable access to a continental market large
enough to allow it to compete in terms of economies of scale with the United
States. By contrast, Hitler visualised an economy sufficient unto itself, securing
by conquest the resources it needed, autarchic, immune to international pres-
sures. W hile Stresemann sought access to markets and consumers, in order, as
it were, to insert Germany under the most advantageous terms in the “history”
of the economic future, Hitler wanted (in the east) to exterminate the consumers
and to populate their evacuated lands with Germans. Far from being the objects
(or even the subjects) of international market forces, the Germans would cre-
ate a history-proof self-sustaining millennial production system of their own.
The völkisch ideologue Hermann W irth (1885-1981), founder of the SS-Ahnen-
erbe, wrote in 1928 of how a reawakening Nordic racial consciousness would
lead to “a redemption from the otherwise inexorably encroaching total mecha-
nisation and materialisation, from the mammonism with its cult of the moment,
which we know as ‘world economy’”/ 6 What we see here is a violent rejection of
heteronomy, of an order in which the nation is forced to live within someone -
or something - else’s time. For the Germans under Hitler, the road out of history
was to lie in the virtually limitless expansion of biological space, the conquest
of Lebensraum . The Volk would flow out across the European plain, suspend-
ing the operations of W eltwirtschaftsgeschichte, precipitating the Germans at
the end of history and the beginning of the unruffled, ethnographic, millennial
time of the Third Empire/7

73 Frank-Lothar Kroll, Utopie als Ideologie. Geschichtsdenken und politisches Handeln im


Dritten Reich, Paderborn 1991.
74 Adam Tooze, The Wages o f Destruction. The M aking and Breaking o f the Nazi Economy,
London 2006, pp. 3-12.
75 On Stresemann, see also Tom Reichard’s article in this volume.
76 Hermann W irth, Vom Mythos und magischen Denken, Jena 1928, p. 22.
77 For some interesting reflections on the relationship between National Socialist spatiality
and the regime’s temporality, see Alon Confino, W hy Did the Nazis Burn the Hebrew Bible?,
in: Journal of Modern History 84. 2012, pp. 3 6 9 -4 0 0 , esp. pp. 381 f.
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
V. Back to the Future

T races o f th e sam e re -p a tte rn in g in te m p o ra litie s c a n b e see n in H itle r’s m o ­


dus o p e ran d i as a p o litic ia n . H e did n o t w o rk in th e in c re m e n ta l m a n n e r we
a sso ciate w ith m o d e rn state sm e n , w eigh in g up o p tio n s and w o rk in g w ith w hat
appeared feasible in a given s itu a tio n ; in ste ad he o rien ted h im s e lf tow ard s end-
states, v a n ish in g p o in ts at w h ich all th e d em an d s o f th e p resen t cou ld b e p re-
su m ed to have resolv ed th em selv es. H itle r’s p o litic a l ca lcu lu s w as n o t foun d ed
o n p ro b a b ilistic p re d ictio n s - w h ich o p erate aro u n d th e categ o ries o f c o n tin -
g e n cy and p resu m e fa cto rs b ey o n d th e c o n tro l o f th e ca lc u la to r - b u t o n p ro ­
phecy. W h e re a s p re d ictio n rep resen ts th e p ro je c tio n in to th e fu tu re o f a n o n -
cy clica l, s to c h a s tic h is to r ic a l tim e in w h ich n u m e ro u s p o ssib le risk s and gain s
have to b e w eighed up, p roph ecy, as R e in h a r t K o se llec k o b serv ed , draw s n o fu n ­
d am e n tal d is tin c tio n b e tw e e n p ast, p resen t an d fu tu re; it an ticip ate s an en d th a t
is alread y given; it is p o sited u p o n th e p ro je c tio n o f m ille n n ia l tim e in to a fore-
o rd ain e d future.78
H itler o fte n refe rre d to h im s e lf as a p rop h et, m o st fam o u sly on 30 Ja n u a ry
1939, w hen he “p ro p h esied ” th e e x te rm in a tio n o f E u ro p e a n Jew ry in th e event
th a t th e Jew s w ere to plunge th e states o f E u ro p e in to “a n o th e r w orld w ar”, by
w h ich he m e a n t a w ar in v o lv in g th e U n ited States. T h is p ro m ise , to w h ich H it­
ler rep e ate d ly re tu rn e d , h as d raw n m u ch a tte n tio n fro m h is to ria n s o f th e H o ­
lo cau st, b e cau se it appears to a c co u n t for th e e sc a la tio n in m ass m u rd er fro m
A u g u st 1941, w hen C h u rc h ill and R o o sev elt sig n ed th e A tla n tic C h a rte r and
th e su b seq u en t tra n s itio n to a p o lic y o f c o n tin e n ta l e x te rm in a tio n a fte r D e cem -
ber, w hen th e U n ite d States en tered th e war. T h e re w as, o f co u rse , an elem en t
o f p rim itiv e b la c k m a il in H itle r’s fo rm u la tio n . B u t th e fa c t th a t he ch o se to ar-
ticu la te th e th re a t th ro u g h “p ro p h e cy ” is s trik in g n o n e th ele ss. B y fra m in g the
m a tte r in th is way, H itler asp ired to m ak e it p ossib le to ex p e rie n ce th e fu tu re as
s o m e th in g o rd a in e d an d inherited.79
T h e “red em p tive a n tise m itis m ” o f th e N azi re g im e w as its e lf a fo rm o f in -
v erted p ro p h e cy o p e ratin g in a m ille n n ia l tim e fram e.8° T h e p ro m ise given in
P a u l’s L etter to th e R o m a n s th a t th e Jew s w ould u ltim a te ly b e resto red to C h rist

78 On prognosis and prophecy and the difference between their implicit temporalities, see for
example Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft der frühen Neuzeit, in: id., Vergangene
Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt 1979, pp. 17-38.
79 On the significance o f this prophecy for Hitler’s decision to embark on the exterm ination of
European Jewry, see Tobias Jersak, Kriegsverlauf und Judenvernichtung. Ein Blick auf Hit­
lers Strategie im Spätsommer 1941, in: Historische Zeitschrift 268. 1999, pp. 311-374, esp.
pp. 339 f. and p. 373.
80 The term was coined in Saul Friedländer, The Years o f Persecution. Nazi Germany and the
Jews, 1933-1939, New York 1998; for a useful discussion, see A. D irk Moses, Redemptive An-
tisemitism and the Im perialist Imaginary, in: Christian Wiese and Paul Betts (eds.), Years
o f Persecution, Years of Exterm ination. Saul Friedländer and the Future of Holocaust Stud­
ies, London 2010, pp. 233-254. On antisem itism as the inversion o f Pauline prophecy, see
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
had lo n g b e e n ta k e n to su p p o rt th e m ille n a ria n e x p e c ta tio n th a t a Jew ish co n -
v ersio n en m asse w ould u sher in th e end o f days. B u t th is p re su m p tio n o f an
in tim a c y b etw een th e Jew s and salv ation , a h ig h ly in flu e n tia l th em e in seven-
te e n th and e ig h te e n th -c e n tu ry G e rm a n th eo lo gy, w as sec u la rised and in v erted
in th e n in e te e n th , w hen th e view g ain ed g ro u n d th a t th e Jew s w ould b rin g
abo u t th e end o f days o n ly in a s ecu la r and negative sen se - h en ce T re itsc h k e ’s
in v erted P au lin e slo g an: “D ie Ju d en sin d u n ser U n g lü ck .” In g en eral, th e N azi
m o v em en t exh ib ited p ro p h e cy ’s tra d itio n a l p referen ce fo r fin a l states o f a ffa irs,
fo r th e p a in tin g and re a lis a tio n o f E ndzeit sce n a rio s - E ndkam pf, Endlösung,
Endsieg.

V I. Supersessions

It is s trik in g th a t G o e b b e ls ch o se 14 Ju ly 1933 to a n n o u n c e th a t th e N SD A P was


no w th e o n ly legally co n stitu te d p a rty in G erm an y . In a rad io sp eech a n n o u n c -
in g th e a n ti-Je w ish b o y c o tt o n 1 A p ril, he had d eclared th a t “th e year 1789”
cou ld n o w b e “exp u ng ed fro m th e h is to ry b o o k s ”.®i H is c o n fid e n c e th a t one
co u ld em p ty out and su b stitu te th e m e a n in g o f a d ate, th e re b y u n m a k in g the
p ast, w as c h a ra c te r is tic o f th e su p e rse ssion ist te m p o ra lity o f a re g im e ob sessed
w ith a n n iv e rsa ries, th e re c u rr in g m a rk e rs o f its ow n b r ie f h isto ry. B y in v e stin g
th e re d -le tte r day 14 July w ith n ew m e a n in g s, G o e b b e ls im p lied , one co u ld over-
co m e , su p ersed e, a n ab an d on ed past. A n d it is in te re stin g in th is c o n n e c tio n to
re c a ll a c o m m e n t fro m G o e b b e ls’ c o m m e n ta ry o n th e B e rlin Revolutionsm u­
seum. T h e “m o st in te re stin g and v alu able o b je c t o f all [those o n d isplay]”, he ob-
served , “p riceless for an y co lle cto r, w as a laissez-p asser fro m P aris to N ice d ated
25 V entose o f Y ear 5 (1794) o f th e F re n ch R ep u b lic and b e a rin g th e sig n atu re o f
R o b e sp ie rre ”.“ T h is d o cu m e n t had b e e n pillag ed b y th e SA fro m th e C o m m u -
n ist h ead q u arters at th e L ie b k n e ch t H ouse.
O v e rco m in g th e F re n ch R ev o lu tio n m e a n t n o t o n ly b re a k in g w ith th e idea
o f rig h ts, in d iv id u al lib e rty and p o litic a l c itiz e n sh ip asso ciate d w ith th e great
R ev o lu tio n in its o p e n in g p h ase, it also m e a n t e scap in g fro m a kind o f time - a

Christopher Clark, “The Hope o f Better Tim es”. Pietism and the Jews, in: Jonathan Strom et
al. (eds.), Pietism in Germany and North America, 1680-1820, Farnham 2009, pp. 251-270,
esp. pp. 269 f.
81 Joseph Goebbels, Radio speech on the anti-Jewish boycott, 1.4.1933, transcribed in W olf­
gang von Hippel (ed.), Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Die Französische Revolution
im deutschen Urteil von 1789 bis 1945, M unich 1989, pp. 344 f. Goebbels would make the
same claim again on 2 September at the Nuremberg Party Rally, see Karl D ietrich Bracher
et al., Die nationalsozialistische Machtergreifung. Studien zur Errichtung des totalitären
Herrschaftssystems in Deutschland 1933/34, Cologne 1960, p. 7.
82 Goebbels, Spiegel des Grauens.
regime d ’historicite - that had been inaugurated, or at least whose advent had
been accelerated, by the events in France. More than any other event in m o­
dern times, Peter Fritzsche has argued, drawing on the arguments of Reinhart
Koselleck, the French Revolution made possible the idea of history as a “conti-
nual iteration of the new”, as a runaway train, as a sequence of non-foreordained
“moments” or “events” that, because they are not anchored in a cyclical tempo­
ral structure, can play through at any speed.83 One can argue about the extent
to which the foundations for this transition had already been laid down before
the revolution, but the place of the revolution in accelerating it seems beyond
question.
In the context of the three totalitarian regimes, then, National Socialist tem­
poral awareness appears rather distinctive. Underlying the dictatorship’s vision
of its place in time was a radical rejection of “history” and a flight into deep con-
tinuity with a remote past and a remote future. It would be ludicrous to sug-
gest that this amounted to a homogeneous period temporality or that the tem­
poral awareness we have been exploring was equally valid at all times and for
all groups and individuals. Recent research on temporality has stressed the plu-
rality of contemporaneous chronoscapes and the difficulties elites faced in at-
tempting to suffuse societies with their own temporal awareness“ It may well
be, moreover, that the attachment to continuum time was more forcefully articu-
lated at some moments than at others (the opening phase of the Hitler dictator-
ship, for example, or the apocalyptic years after Stalingrad).85 But even a very
cursory survey suggests that the regime’s rather diverse efforts to project its lo­
cation in time - notwithstanding the “ideological polycentrism” of its leader­
ship - reflected an intuitive grasp of the same fundamental chronoscape“ To
be sure, the regime derived some of its charisma from its ability to align itself
with “themes of modernization and industrial progress”.87 There was no fun­
damental break with modernity; it was rather that the linear energies of pro-
ductivization and force maximisation were projected into a larger, non-linear
temporality. And this was the chronoscape that in turn endowed what came

83 Peter Fritzsche, Stranded in the Present. Modern Time and the Melancholy o f History,
Cambridge, MA 2004, esp. p. 201 and p. 212.
84 Paul Glennie and Nigel T hrift, Reworking E. P. Thompson’s “Time, W ork-Discipline and
Industrial Capitalism”, in: Tim e and Society 5. 1996, pp. 275-299; Dieter Langewiesche,
“Postmoderne” als Ende der Moderne?, in: W olfram Pyta and Ludwig Richter (eds.), G e­
staltungskraft des Politischen. Festschrift für Eberhard Kolb, Berlin 1998, pp. 331-347, here
p. 336; Ernst Wolfgang Becker, Zeit der Revolution! Revolution der Zeit? Zeiterfahrungen in
Deutschland in der Ära der Revolution 1789-1848/49, Göttingen 1999.
85 I am grateful to U lrich Herbert for a suggestion to this effect in response to an earlier ver­
sion of this article presented at the Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIA S) in 2010.
86 Kroll, Utopie als Ideologie, p. 19.
87 Maier, Politics o f Time, p. 162. On the complex issue o f the relationship between National
Socialism and modernity there is now a vast literature but see Riccardo Bavaj, Die Ambiva­
lenz der Moderne im Nationalsozialismus. Eine Bilanz der Forschung, Munich 2004.
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
to be the ultimate and definitive objectives o f the regime - the destruction of
European Jewry, the murder and enslavement of Slavs, the biologisation of poli-
tics, the extirpation o f the socially and sexually deviant, the construction of
vast neo-classical edifices and the acquisition of continental L ebensraum - with
“meaning and legitimacy”.88
Herein lies the most fundamental difference between the German and the
Italian dictatorships. Italian Fascism, like National Socialism, aimed to trans­
form the lived relationship between past and present. As Joshua Arthurs has
shown, the excavation o f ancient structures in the Italian capital was intended
not to preserve a bygone past, but rather to “blur the spatial and temporal
boundaries between Roman antiquity and fascist modernity”. The antique and
renaissance pasts were to be mobilised in the service o f fascist counter-mod-
ernism, with ancient Rome as “a dynamic vital force, to be enacted in the pres-
ent”.89 The analogies between the “hybrid” temporalities of National Socialism
and Italian Fascism are undeniable, but the difference is surely more import­
ant, namely, that whereas the fascist regime projected these chronopolitical ma-
nipulations onto a temporality whose logic remained essentially historical, lin­
ear and modernist, the German regime adorned itself with modern attributes
but articulated its ultimate and defining claims in terms of an ahistorical, racial
continuum-time. An exploration of the deeper reasons for this difference must
lie beyond the margins of this essay, but its traces can be seen in virtually every
sphere of the two regimes’ activities.9°
One closing thought on the images reproduced above of the Berlin R evo­
lutionsm useum , the only ones ever to have surfaced that show us the exterior
and interior o f the institution: The postcards on sale within the museum itself

88 See the question posed by Alon Confino: “W hat was the imagination of time and history
that gave m eaning and legitimacy to this radical spatial policy?”, in: id., W hy Did the Nazis
Burn the Hebrew Bible?, p. 381.
89 For a brilliant discussion o f the place of Roman antiquity in fascist chronopolitics, see
Joshua Arthurs, The Excavatory Intervention. Archaeology and the Chronopolitics of R o­
man Antiquity in Fascist Italy, in: Journal of Modern European History 13. 2015, pp. 4 4 -5 8 ,
here p. 47 and p. 53.
90 Possible reasons include divergent attitudes to the era of nation-building: whereas the
Italian fascists seem to have been reluctant to jettison the historicist romance o f the R isor­
g im en to, the Nazis denigrated the nineteenth century as a liberal “epoch o f decline”. On
this contrast, see Esposito and Reichardt, Revolution and Eternity, p. 40. Defeat and polit­
ical unrest in 1918-1919 may have disturbed traditional historicist assumptions to an ex-
tent that was never quite matched in Italy. The special place o f the Catholic church in fas­
cist Italy (and Rome in particular) may be another factor. For illum inating reflections on the
rivalry between Catholic liturgical and fascist public representations in early 1930s Rome,
see Richard J. B. Bosworth, L’Anno Santo (Holy Year) in Fascist Italy 1933-1934, in: Euro­
pean History Quarterly 40. 2010, pp. 436-457. Fascist chronopolitics were not static, and the
“racial turn” of 1938 may have brought about a partial convergence with National Social-
ism; see Joshua Arthurs, Excavating Modernity. The Roman Past in Fascist Italy, Ithaca
2012, pp. 125-150.
were collected and archived by the British archaeologist Osbert G. S. Crawford
(1886-1957), who visited Berlin in September 1934.®i Crawford also took several
photographs that allow us to reconstruct the environment around the museum.
Sadly, Crawford’s papers were largely destroyed by fire during the Southampton
Blitz, so that we lack any commentary or journal entries that might tell us about
his motivations in making and archiving these images. Yet there is reason to
suppose that Crawford was alert to the nuances of these efforts by the SA to dis-
cipline time. Crawford had been an observer in the Royal Flying Corps during
the First World War, when it was his task to photograph enemy lines from the
exposed rear seat of a Bristol fighter. W hile he was engaged in this work, he no-
ticed the faint lines etched into the landscape behind the entrenchments whose
systematic study by means of aerial photography would revolutionise British
archaeology in the interwar period. It was to present the results of his work to
German archaeologists that Crawford travelled to Berlin in 1934. Crawford had
no sympathy for National Socialism as a regime, but he was interested in the ef­
forts of men like Hahne to capture and catalogue the remnants of the deep past
and he viewed everything with the archaeologist’s interest in layers. Among the
photos he took in Berlin that year are poignant images of painted communist
graffiti peeping irrepressibly through Nazi whitewash on the walls and fences
of the city’s working-class districts. Perhaps the temporal manipulations of the
Revolutionsm useum caught his eye. Why else would a visiting British archaeolo­
gist have photographed for his archive a bill-poster urging Berliners to attend
the exhibition of a “superseded era”?

91 On O. G. S. Crawford, see Kitty Hauser’s superb study Bloody Old Britain. O. G. S. Crawford
and the Archaeology of Modern British Life, London 2008. I am grateful to Dr. Hauser for
drawing my attention to Crawford’s visual archive and for stimulating conversations about
the significance of the images in his Germ an albums.
Till Kössler

Von der Nacht in den Tag

Zeit und Diktatur in Spanien, 1939-1975

Abstract: In th e early 1960s, th e F ra n c o d ictato rsh ip u n d e rto o k con sid erab le ef-
fo rts to re fo rm an d to sy n c h ro n iz e p u b lic an d priv ate tim e use in Sp ain . It p re-
scrib e d a m o re ra tio n a l usage o f tim e th a t w ould allow S p ain to ca tch up w ith
e co n o m ica lly m o re ad van ced co u n trie s and im p rov e p u blic m o rals. H ow ever,
th e v o ca l o p p o sitio n fro m a v a rie ty o f s o c ia l and in te re st groups as w ell as the
failu re to u n d erstan d th e c o m p le x ity o f s o c ia l tim e u ltim a te ly fo rced th e reg im e
to a b an d o n its fa r-flu n g v isio n . T h e F ra n c o is t ca m p a ig n w as p a rt o f larg er tr a n s ­
n a tio n a l attem p ts to ra tio n a liz e tim e use and its stu d y suggests a new u n d er-
sta n d in g o f p o litic a l a u th o rita ria n is m a fte r 1945.

Im F rü h ja h r des Jah res 1961 lie ß die p o litisch e F ü h ru n g der F r a n c o -D ik ta tu r in


der P resse eine R eih e v o n B e s tim m u n g e n p u b lizieren , m it d en en die Z e its tru k ­
tu r des sp a n isc h e n L eben s gru n d leg en d u m g e stalte t w erden sollte. D as R egim e
legte zu m 1. Ju n i 1961 fü r A rb e ite r u n d A n g estellte e in e n frü h e re n A rb e itsa n fa n g
un d ein e d eu tlich e V e rk ü rz u n g der zu d iesem Z e itp u n k t m e ist seh r lan g en M it­
tagspau se fest. P a ra lle l v erfü g te es ein e V o rv erleg u n g der L ad en sch lu sszeiten
a u f 18:30 U h r u n d des B e g in n s der ab e n d lich e n T h e a te r- u n d K in o v o rste llu n ­
gen. N eu w ar s ch lie ß lic h die E in fü h r u n g ein er S p errstu n d e fü r R e sta u ra n ts und
B a rs u m 1:00 U h r n ach ts. D ie Sp an ier so llte n ih re A rb e it ein ig e S tu n d e n zeitig er
b e g in n e n u n d ih re n A rb eitsp latz eher als b ish er verlassen , sie so llte n freie Z e it am
A b en d g e w in n en u n d frü h e r zu B e tt gehen. D er s p a n isch e A lltag so llte sich n ach
d em W ille n der p o litis ch e n F ü h ru n g m e h r am Tag und w eniger in der N ach t a b ­
sp ielen .1 D ie B e s tim m u n g e n w aren das E rg eb n is eines m e h rjä h rig e n p o litisch e n
R in g en s. Ih re V e rö ffe n tlich u n g e n tfach te so fo rt eine in ten siv e ö ffe n tlic h e D e ­
b a tte , die Z e itre fo rm e n stellten im F rü h ja h r 1961 das alles b e h e rrsch e n d e in n e n ­
p o litisch e G e sp rä c h sth e m a dar. D ie R efo rm p län e w u rd en »im F rise u rsa lo n , im
R e sta u ra n t, in der B ar, im C afe, vor dem K in o , im B u s, in d en eigenen v ier W ä n ­
den« k o n tro v ers d isk u tie rt un d w aren G e g e n stan d z a h llo se r Z e itu n g sb e rich te ,

1 Erste detaillierte Regelungen gelangten im Januar an die Presse, am 19. April verabschiedete
der M inisterrat als formal höchstes Entscheidungsgremium der Diktatur die endgültigen
Bestimmungen und am 1. Juni traten die neuen Regeln in Kraft: El horario laboral, en todas
las actividades del pais, es posible que se modifique en breve plazo, in: Pueblo, 12.1.1961.
K o m m en ta re , L eserb riefe und s a tiris ch e r D a rs te llu n g e n / E in e n b e so n d e re n A k­
zen t setzte in der N ach t zu m 1. Ju n i 1961 eine G ru p p e v o n K ü n stle rn , Jo u r n a lis ­
te n und b e k e n n e n d e n N ach tsch w ä rm e rn in der sp a n isc h e n H au p tstad t, die em -
b lem a tisc h e S tä tten des s tä d tisch e n N ach tle b e n s w ie b e rü h m te B ru n n e n , Plätze
u n d N ach tlo k ale au fsu ch te, u m sich ö ffe n tlic h k e itsw irk sa m »von d en M ad rid er
N äch ten « zu v e rab sch ie d e n .3 A n h a lte n d e P ro teste w ich tig er B ev ö lk e ru n g sg ru p ­
p en sow ie eine V ie lz a h l v on u n e rw a rte te n p ra k tis c h e n P ro b le m en e rsch w erten
u n d v erzö g e rte n je d o c h im m e r w ieder die U m se tz u n g w ich tig er Teile der h o c h ­
g e ste ck ten P län e u n d lie ß e n im F rü h ja h r 1962 d en R e fo rm ela n , der sich auch in
m e d ia le n W e rb e k a m p a g n e n n ie d e rg e sch lag e n h a tte , erlah m en . Z w ar b lieb die
p o litisch e R e g u lie ru n g von Z e it in d en v ersch ie d e n en G e se llsch a ftsfe ld e rn w ei­
te rh in e in w ich tig es T h e m a , d o ch die w e itreich en d en H o ffn u n g e n , über ein e u m ­
fassend e R a tio n a lisie ru n g u n d S y n c h ro n is a tio n ö ffe n tlich e r w ie in d iv id u eller
Z e it die sp an isch e G e s e lls ch a ft zu ern e u e rn , tra te n in den H in te rg ru n d .
D ie F r a n c o -D ik ta tu r w ar n ic h t das erste p o litisch e R e g im e, das ö ffe n tlich e
und priv ate Z e it u m g e stalte n w ollte. S eit d em H o ch m itte la lte r fin d e n sich V e r­
su ch e, M e n sch e n zu ein er zeitb ew u ssten L e b e n sfü h ru n g a n z u h a lten und d urch
d en E in sa tz v on U h re n in die g e se llsch a ftlich e Z e itg e sta ltu n g ein zu g reifen . Im
V e rla u f des 19. Jah rh u n d e rts w u rde n ic h t n u r die Z e itm e ssu n g w eiter v e rfe in ert,
so n d e rn Z eit w u rde au ch a u f n eu e W eise als fo rm - u n d b e h e rrsc h b a re R esso u rce
v o n G e se llsch a fte n b e g riffe n . S o ziale u n d p o litisch e E lite n b e g a n n e n P län e ein er
u m fasse n d e n R a tio n a lisie ru n g ö ffe n tlic h e r und priv ater Z e it zu fo rm u lie re n .4
D iese B em ü h u n g e n m a ch te n sich frü h in der in d u strie lle n A rb eitsw elt b e m e rk ­
bar, fan d e n ih re n A u sd ru c k ab er auch in der in te rn a tio n a le n B ew eg u n g zur
S ta n d a rd isie ru n g von Z eit. Im m e r m e h r g riffe n R e g ie ru n g e n au ch p o litisch in
die ö ffe n tlich e Z e itg e sta ltu n g ein, etw a d u rch die F e stse tz u n g von A rb e itsz e ite n
und arb e itsfre ie n T agen, S ch u lz e ite n od er die B e s tim m u n g der D au er des W e h r­
d ien stes. D ie G e sta ltu n g v on Z e it w u rde zu ein e m G eg en stan d p o litisch e r A u s­
ein an d e rse tzu n g e n . D ies tr if ft in b e so n d e re m M a ß e au ch a u f die K o lo n ia lg e se ll­
s c h a fte n zu, in d en en die D u rch se tz u n g ein er »eu ro p äisch en « Z e ito rd n u n g ein
w esen tlich es Z iel u n d M itte l k o lo n ia le r H e rrs ch a ft d arstellte.5

2 Madrid al dia, in: ABC, 26.4.1961.


3 El adios a las noches de Madrid, in: Pueblo, 1.6.1961, S. X X .
4 Charles S. Maier, The Politics of Time. Changing Paradigms of Collective Tim e and Private
Tim e in the Modern Era, in: ders. (Hg.), Changing Boundaries o f the Political. Essays on the
Evolving Balance Between the State and Society, Public and Private in Europe, Cambridge
1987, S. 151-175, hier S. 156-160.
5 Siehe nur: Vanessa Ogle, W hose Tim e is it? The Pluralization of Tim e and the Global Condi­
tion, 1870s-1940s, in: American Historical Review 118. 2013, S. 1376-1402; Giordano Nanni,
The Colonisation of Time. Ritual, Routine and Resistance in the British Empire, Manchester
2012; Lynn Hunt, Globalisation and Time, in: Chris Lorenz u. Berber Bevernage (Hg.), Brea-
king up Time. Negotiating the Borders Between Present, Past and Future, Göttingen 2013,
S. 199-216.
Im 20. Ja h rh u n d e rt w aren es d a n n z u n ä ch st die n eu en D ik ta tu re n , die in d iv i­
duelle und k o llek tiv e Z e it ein e m u m fasse n d e n p o litisch e n Z u g r iff u n te rw arfe n
u n d o ft in »Jah resp län en « o rg a n isie rte n . D iese to ta litä re G e sta ltu n g v o n Z e it hat
in den v erg an g en en Ja h re n neu e A u fm e rk sa m k e it e rfa h ren . M a r tin Sabrow h at
etw a e in e n »K ult der Zeit« un d d en G lau b en an die B e h e rrsch b a rk e it v o n Z eit
als w esen tlich e E lem en te to ta litä re r Id eo lo g ien u n d als eine g ru n d leg en d e G e ­
m e in sa m k e it von N a tio n a lso z ia lism u s und S ta lin ism u s h erau sg estellt, auch
w enn diese im E in z e ln e n d a n n seh r u n te rsc h ie d lich e Z e itk u ltu re n und Z e it­
cod es entw ickelten.6 In ä h n lich e r W eise h at R og er G r iffin d en ze n tra le n S te lle n ­
w ert te m p o ra le r K o n zep te u n d M e ta p h e rn im N a tio n a lso z ia lism u s und ita lie n i­
s ch e n F asch ism u s h erau sg earb eitet. D ie F a sc h iste n w o llten gegen die d ekad ente
Z e it der lib e ra le n Ä ra e in e n n e u en h is to ris ch e n A n fa n g setz e n , in dem in d iv i­
duelle u n d k o llek tiv e Z e it, V erg an g en h eit und Z u k u n ft m ite in a n d e r v e rsc h m e l­
zen u n d die »tote« Z e it des n o rm a le n Z e itflu sse s au fg eh o ben w erd en würde.7
F ü r die S o w je tu n io n h a b e n in sb eso n d e re Steven E. H a n so n u n d S te fan P lag gen ­
b o rg seh r d iffe re n z ie rt das R in g en der B o lsch ew iste n m it der Z e it u n d die K o n ­
k u rre n z und A bfolge u n te rsc h ie d lich e r p o litisch e r Z e itm o d e lle an aly siert. D ie
B o lsch ew iste n b e m ü h te n sich n a ch 1917 intensiv , die ih n e n d u rch die Z e it au fer­
le g te n B e s c h rä n k u n g e n zu ü b erw in d en . In ih re r H e rrsch a ftsp ra x is v ersu ch ten
sie seit d en sp äten 1 920e r Ja h re n ein v o lu n ta ristisch e s, » c h a rism a tisch e s« Z e it­
v e rstä n d n is, n a ch d em der rev o lu tio n äre W ille in der Lage sei, sich über je g lich e
z e itlich e B eg re n zu n g e n h in w eg zu setzen , m it ein er »ratio n alen «, ta y lo ristisch e n
K o n z e p tio n v on Z eit als ein er a b stra k te n , g le ich m ä ß ig v e rflie ß e n d e n O rd ­
n u n g zu v e rsö h n e n , die m ö g lic h st e ffiz ie n t zu n u tz e n sei.8 A u ch in den N a ch ­
k rie g sd e m o k ra tie n , die b ish er n u r p u n k tu e ll z u m G eg en stan d h is to ris ch e r Z e it­
fo rsch u n g gew ord en sin d , b lie b die R e g u lie ru n g v o n Z eit ein w ich tig es T h e m a ,
w ie die D e b a tte n ü b er A rb e itsz e ite n , L ad e n ö ffn u n g sze ite n od er jü n g s t ü b er E l­
te rn z e it u n d G a n z ta g ssch u le n zeigen. D ie T h e se v o n C h arles M aier, d ass es, ge­
rad e au ch in A b g re n zu n g zu den G ro ß d ik ta tu re n , im V e rla u f der N a ch k rie g s ­
ja h r z e h n te zu e in e r E n tk o p p e lu n g und F le x ib ilis ie ru n g v o n ö ffe n tlic h e r und
priv ater Z e it k a m , stellt e in e n e rsten V ersu ch dar, E n tw ick lu n g e n in e in z e ln en
G e se llsch a ftsb e re ich e n au fein an d er zu b e zie h en .9

6 M artin Sabrow, Die Zeit der Zeitgeschichte, Göttingen 2012, S. 2 0 -2 6 .


7 Roger G riffin, Modernism and Fascism. The Sense of a Beginning Under Mussolini and
Hitler, Basingstoke 2007, S. 180. Siehe auch Claudio Fogu, The Historic Imaginary. Politics
o f History in Fascist Italy, Toronto 2003, sowie Fernando Esposito u. Sven Reichardt (Hg.),
Fascist Temporalities, München 2015 (= Journal of Modern European History 13, H. 1).
8 Stephen E. Hanson, Tim e and Revolution. M arxism and the Design o f Soviet Institutions,
Chapel Hill 1997; Stefan Plaggenborg, Experim ent Moderne. Der sowjetische Weg, Frank­
furt 2006, S. 81-97. W eiterhin: Claudia Verhoeven, Time o f Terror, Terror o f Time. On the
Impatience o f Russian Revolutionary Terrorism, in: Jahrbücher für die Geschichte Ost­
europas 58. 2010, S. 254-273.
9 Siehe nur: Maier, Politics o f Time, S. 164-171; Helga Nowotny, Eigenzeit. Entstehung und
Strukturierung eines Zeitgefühls, Frankfurt 1989, S. 103-133; Dietm ar Süß, Stempeln, Stechen,
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
W ie fü g t sich n u n die Z e itp o litik der F r a n c o -D ik ta tu r in diese G e sch ich te
p o litisch e r Z e itg e sta ltu n g ein u n d w elche w eitergeh en d en E rk e n n tn isse las­
sen sich aus ih re r A n aly se g e w in n en ? Im F olgen d en w ird a rg u m e n tie rt, dass
ein e U n te rsu ch u n g der Z e itre fo rm e n der frü h e n 1 9 6 0 e r Jah re etab lie rte Topoi
der h is to ris ch e n A u to rita rism u sfo rsch u n g in fra g e stellt u n d n a h ele g t, das B ild
des S p ä tfra n q u ism u s als ein er p o litis ch im m o b ile n , v e rg a n g e n h e itsz e n trie rte n
p o litisch e n O rd n u n g zu m o d ifiz ie re n . In ein er w eiteren , tra n s n a tio n a le n P er­
sp ektive g ib t die fra n q u istisc h e Z e itp o litik A u fsch lü sse über den p o litisch e n
U m g an g m it Z eit n a ch dem Z w eiten W e ltk rie g un d in sb eso n d e re ü b er die W irk -
m a c h t, aber au ch die G re n z e n ein er P o litik der Z e itra tio n a lisie ru n g un ter d ik ta ­
to risc h e n V o rzeich en . D a m it e rö ffn e t sich ein e neu e v ergleich en d e P ersp ek tiv e
a u f die G e sch ic h te a u to ritäre r R eg im e u n d lib e ra le r D e m o k ra tie n n a ch 1945.
Es sin d in b e so n d e re r W eise tem p o rale K ateg o rien , die in der w isse n sch a ft­
lic h e n D eb atte au to ritäre H e rrs ch a ft sow oh l v o n to ta litä re n w ie au ch v o n d em o ­
k ra tisch e n G e se llsch aftso rd n u n g e n a b grenzen. G erade ih re rad ik ale A u srich tu n g
a u f die Z u k u n ft sow ie eine d am it in V erb in d u n g steh en d e D a u e rm o b ilisie ­
ru n g der B e v ö lk e ru n g im Z e ich e n ein er e p o ch a le n K n ap p h eit an Z e it w ird als
ein d efin ieren d es M e rk m a l der to ta litä re n G ro ß o rd n u n g e n des 20. Ja h r h u n ­
d erts in s Feld g e fü h rt. L utz R ap h ael hat N a tio n a lso z ia lism u s, ita lie n isc h e n F a ­
sch ism u s u n d S o w je tk o m m u n ism u s in d iesem S in n e als » B esch leu n ig u n g sd ik ­
tatu ren « b e sc h rie b e n , die sich u n d ih re B e v ö lk e ru n g e n u n ter e in e n e n o rm e n
Z e itd ru ck s etz te n und »geradezu in ein e n W e ttla u f m it der Z eit« e in tra te n .i°
D em g eg en ü b er z e ich n e n sich n a ch der e in flu ssre ich e n D e fin itio n des P o lito ­
logen Ju a n L in z au to ritäre R e g im e, als d eren P arad eb eisp iel die F ra n c o -D ik -
ta tu r gelten k a n n , gerade d urch eine fehlend e tem p o rale D y n a m ik aus, d urch
eine V e rg a n g en h e itsfix ie ru n g u n d den V ersu ch , g e s e lls ch a ftlich e n W an d el zu
u n terb in d en . L in z c h a ra k te ris ie rt au to ritäre S taaten als sta tisch e u n d e rsta rrte
G eb ild e, d eren »M en talitäten « and ers als die u to p isch en , a u f die Z u k u n ft g e ­
rich te te n »Id eolog ien « der to ta litä re n S ta a ten »näh er a n der G eg en w art u n d der
V erg an g en h eit« an g elag ert seien. A u to ritä re R eg im e en tw ick e lte n n u r e in e n » b e ­
g re n z te n U top ism u s«, da w eitreich en d e Z u k u n ftsv isio n e n die In te g ra tio n der
u n te rsc h ie d lich e n p o litis ch e n »F am ilie n « erschw ere. G le ich zeitig b eg ren ze die
A b w esen h eit ein es Z u k u n ftsp ro g ra m m s den g e se llsch a ftsp o litisc h e n E h rg eiz
der D ik ta tu re n . Ih n e n gehe es w eder u m die F o rm u n g »neu er M en sch en « n o c h
u m die A k tiv ie ru n g v o n S taatsb ü rg e rn , so n d e rn u m ein e E n tp o litisie ru n g der
B e v ö lk e ru n g als M itte l der S ta b ilisie ru n g tra d itio n e lle r H e rrsch aftsstru k tu ren .11

Zeit erfassen. Überlegungen zu einer Ideen- und Sozialgeschichte der »Flexibilisierung«


1970-1990, in: AfS 52. 2012, S. 139-162.
10 Lutz Raphael, Imperiale Gewalt und mobilisierte Nation. Europa 1914-1945, München
2011, S. 228 f.
11 Juan Linz, Totalitarian and Authoritarian Regimes [1975], London 2000, S. 159-262, hier
insb. S. 162-168. Zur Debatte um den Franquismus als autoritäres Regime imm er noch le­
senswert: W alther L. Bernecker, Spaniens »verspäteter« Faschismus und der autoritäre
»Neue Staat« Francos, in: GG 12. 1986, S. 183-211.
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D ie m a ß g e b lic h e n h is to ris ch e n D a rste llu n g e n der D ik ta tu r F ra n c o s (1 9 3 6 ­
1975) s c h lie ß e n an diese D e u tu n g en a n / 2 S p ätesten s n a ch dem E nd e ein er
e rsten sch w ach to ta litä re n P hase des R eg im es, die m it d em a lliie rte n Sieg im
Z w eiten W e ltk rie g en d ete, sei die p o litisch e A gend a F ra n c o s v o rran g ig a u f die
V e rh in d e ru n g so ziale n W an d els, die B ew a h ru n g so zialer H ie ra rch ie n u n d die
S ta b ilisie ru n g ü b e rk o m m e n e r a u to ritäre r W e rte u n d N o rm e n au sg erich tet g e ­
w esen. E in e b e g ren zte g e se llsch a ftsp o litisc h e In n o v a tio n sk ra ft w ird led ig lich
ein er k le in e n G ru p p e von »R efo rm ern « z u g e sch rie b e n , die in d en 1960e r Jah ren
zu Z u g e stä n d n isse n geg enü ber F o rd e ru n g e n aus der B e v ö lk e ru n g etw a in H in ­
b lic k a u f die P ressezen su r u n d das V e re in sre ch t b e re it w ar, u m die p o litisch e
O rd n u n g zu stabilisieren.13 V or d iesem H in te rg ru n d h at sich die F o rsch u n g
b isla n g vor allem fü r die K o n flik te z w isch en d em e rs ta rrte n R eg im e u n d ein er
sich seit den 1950e r Ja h re n ra sch in R ich tu n g ein er u rb a n e n M a ss e n k o n su m ­
g e se llsch a ft v erän d ern d en G e s e lls ch a ft sow ie n e u en ziv ilg e se llsc h a ftlic h e n O p ­
p o sitio n sb ew eg u n g en in te re ssiert.
In eine solch e Sich tw eise a u f die F r a n c o -D ik ta tu r lassen sich die Z e itk a m ­
p ag ne un d die Z e itre fo rm e n der sp äten 1950er u n d frü h e n 1960e r Jah re a lle r­
d in gs n u r schw er in te g rie re n und m ü ssen u n v erstä n d lich b leib en . W ie so in v es­
tie rte die fra n q u istisc h e F ü h ru n g so v iel E n erg ie in ein p o litisch e s P ro je k t, das
die tra d itio n e lle G e se llsch a ftso rd n u n g gru n d leg en d tra n s fo rm ie re n w ollte und
sich d abei m it d em W id e rsta n d auch v on w ich tig en U n te rstü tz e rk re ise n des
R e g im es k o n fro n tie r t sah? In ein er w eiteren P ersp ek tiv e legen n ic h t n u r diese
W id e rsp rü ch e , so n d e rn auch T en d en zen der n e u eren p o lito lo g isch e n A u to ri-
tarism u sfo rsch u n g eine erneu te B e s c h ä ftig u n g m it dem F ra n q u ism u s n ah e.
A n g esich ts der an h a lte n d e n E rfo lg e a u to ritär v e rfasster R eg im e in vielen L ä n ­
d ern un d W e ltre g io n e n der G eg en w art u n d ih re s o ft b e d eu ten d en R ü ck h a lts in
der B e v ö lk e ru n g h a t die F o rsch u n g die ein seitig e Id e n tifiz ie ru n g von A u torita-
rism u s m it T ra d itio n a lism u s u n d S ta g n a tio n fa lle n gelassen u n d v ersteh t au to ­
ritä re R eg im e n ic h t län g er als e in e n h is to ris ch e n A n a c h ro n ism u s, so n d e rn als
eig en stän d ig e V a ria n te m o d e rn e r Staatlichkeit.14 In d ieser P ersp ek tiv e gew in n t
die Frage n a c h der W an d lu n g s- und A n p a ssu n g sfä h ig k e it der F ra n c o -D ik ta tu r,
ih re r Z u k u n ftse n tw ü rfe und G e s e lls c h a fts p o litik e in n eu es In teresse.

12 Raymond Carr u. Juan Pablo Fusi, Espana, de la dictadura a la democracia, Barcelona 1979;
Stanley Payne, The Franco Regime 1936-1975, Madison 1987; Borja de Riquer, La dictadura
de Franco, Barcelona 2010; Antonio Cazorla Sanchez, Fear and Progress. Ordinary Lives
in Franco’s Spain, 1939-1975, Oxford 2010; Walther L. Bernecker, Geschichte Spaniens im
20. Jahrhundert, München 2011, S. 177-267; Michael Richards, After the Civil War. M aking
Memory and Re-M aking Spain since 1936, Cambridge 2013.
13 Carme Molinero u. Pere Ysas, La anatomia del franquismo. De la supervivencia a la agonia,
1945-1977, Barcelona 2008; Antonio Cazorla Sanchez, Order, Progress, and Syndicalism?
How the Francoist Authorities Saw Socio-Econom ic Change, in: Nigel Townson (Hg.), Spain
Transformed. The Late Franco Dictatorship, 1959-1975, Basingstoke 2007, S. 97-117.
14 Siehe nur: Holger Albrecht u. R olf Frankenberger, Autoritäre Systeme im 21. Jahrhundert, in:
dies. (Hg.), Autoritarismus Reloaded. Neuere Ansätze und Erkenntnisse der Autokratie­
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I. Stilllegen und Aufholen

Z e itlich e D e u tu n g ssch em a ta p rä g te n seit d em 18. Ja h rh u n d e rt die Selbst- und


F re m d w ah rn eh m u n g S p an ien s. S p an ie n z e ich n e te n a ch M e in u n g in - w ie au s­
lä n d isch e r B e o b a c h te r n ic h t n u r eine rä u m lic h e , so n d e rn au ch eine zeitlich e
D ista n z zu d en fo rtg e s ch ritte n e n L ä n d ern N ord w esteu ro p as aus. D as e in flu ss ­
reich e D e u tu n g sm u ste r der so g e n a n n ten »sch w arzen Legend e« ko n d en sierte
diese A u ffassu n g : S p an ie n h abe in der Z e it der G e g e n re fo rm a tio n d en A n ­
sch lu ss a n die eu ro p äisch e E n tw ick lu n g v erlo ren und v erh arre seitd em in ein em
Z u stan d des z e itlo sen S tillsta n d s. D ie e in flu ssre ich e n B ild er eines a rc h a isc h e n
Sp an ien s k o n n te n p o sitiv w ie n eg ativ b e se tz t w erden. W ä h re n d A u to ren der
R o m a n tik w ie W a s h in g to n Irv in g S p an ie n als e in u rsp rü n g lich e re s, v on der in ­
d u strie llen M o d e rn e u n v erd o rb en es L an d feierten , b e k la g te n lib e ra le u n d p ro ­
gressive D e n k e r die v e rm e in tlic h e w irts c h a ftlic h e , p o litisch e und k u ltu re lle
R ü ck sc h rittlic h k e it S p a n ie n s.15
M it der N ied erlage im s p a n isc h -a m e rik a n isc h e n K rie g v o n 1898, in d em das
L an d sein e le tz te n ü b e rse e isch e n K o lo n ie n verlor, rü c k te n die Z eitd e u tu n g en in
d en M itte lp u n k t p o litisch e r A u se in a n d e rse tz u n g e n u n d g e se llsch a ftlich e r R e ­
fo rm bew eg u n g en . E in erse its fo rm u lie rte n lib erale P o litik e r u n d In te lle k tu elle
P ro g ra m m e des A u fh o le n s, der b e sc h le u n ig te n »E u ro p äisieru n g « des L and es.
D u rch gru n d leg en d e p o litisch e und g e se llsch a ftlich e R e fo rm en so llte S p an ien
zu den in d u strie ll fo rtg e s ch ritte n e n N a tio n e n N ord w esteu rop as au fsch lie ß e n .
A n d ererseits b ild ete sich a u f der k a th o lisc h g ep räg ten k o n se rv ativ e n R e ch te n
eine G eg e n p o sitio n h erau s, die eine R ü ck b esin n u n g a u f die eigen en n a tio n a le n
T ra d itio n e n und eine A bw end ung v o n lib e ra le n und der sp a n isc h e n N a tio n v er­
m e in tlic h fre m d e n F o rts c h rittsm o d e lle n fo rd e rte . 16 E in e Z u sp itzu n g e rfu h re n
d iese K o n flik te in d en Ja h re n der Z w eiten R ep u b lik , in d en en w ech seln d e R e-

forschung, Baden-Baden 2010, S. 11-17; Samuel Salzborn, Autokratie, Autoritarismus - und


Demokratie? Konzeptionelle Anmerkungen zum Stand der Autokratieforschung, in: Neue
Politische Literatur 57. 2012, S. 253-267; Susanne Rippl (Hg.), Autoritarismus. Kontroversen
und Ansätze der aktuellen Autoritarismusforschung, Opladen 2000.
15 M artin Baumeister, Diesseits von Afrika? Konzepte des europäischen Südens, in: Frithjof
Benjam in Schenk u. M artina W inkler (Hg.), Der Süden. Neue Perspektiven auf eine euro­
päische Geschichtsregion, Frankfurt 2007, S. 2 3 -4 8 , insb. S. 3 8 -4 2 ; Richard L. Kagan, Pres-
cott’s Paradigm. American Scholarship and the Decline o f Spain, in: American Historical
Review 101. 1996, S. 4 2 3 -4 4 6 ; Frank Graue, Schönes Land, verderbtes Volk. Das Spanienbild
britischer Reisender zwischen 1750 und 1850, Trier 1991. Als Ü berblick über die spanischen
Debatten: Ricardo Garcia Carcel, La leyenda negra. Historia y opinion, Madrid 1992. Vgl.
auch: Jose Älvarez Junco, Mater dolorosa. La idea de espana en el siglo X IX , Madrid 2003.
16 Als Überblick: Javier Moreno-Luzon, M odernizing the Nation. Spain During the Reign
o f Alfonso X III, 1902-1931, Brighton 2012 [span.: Alfonso X III. Un politico en el trono,
Madrid 2003]; Santos Julia, Historia de las dos Espanas, Madrid 2004; Antonio Moreno
Juste, Las relaciones Espana-Europa en el siglo X X . Notas para una interpretacion, in:
Cuadernos de Historia Contemporanea 22. 2000, S. 95-133.
gierungen der republikanisch-sozialistischen Linken ein forciertes Programm
des Fortschritts (progreso) und der Modernisierung Spaniens gegen erbitterte
Widerstände der katholischen und reaktionären Opposition durchzusetzen
versuchten.^
Die Franco-Diktatur stand in der Tradition dieser Auseinandersetzungen,
doch führte sie die alten Kämpfe nicht einfach fort. Obwohl die Vertreter des
Regimes die Kritik der republikanischen Modernisierungspolitik über die Jahre
des Bürgerkriegs hinweg fortsetzten, waren die Zeitdebatten der Diktatur kei­
neswegs statisch und von Anfang an komplexer, als es das einseitige Schema
von Tradition und Moderne nahelegte. Zunächst war das Regime nach der un­
mittelbaren Stabilisierung seiner Herrschaft bemüht, sich als neuartiges histo­
risches Gebilde darzustellen und den Putsch Francos von den vielen Militärauf­
ständen in der spanischen Geschichte seit dem frühen 19. Jahrhundert deutlich
zu unterscheiden. Francos Sieg habe in einem weltgeschichtlichen revolutionä­
ren Akt das zyklische Bewegungsmodell von Aufstieg und Dekadenz der spa­
nischen Geschichte seit der Frühen Neuzeit durchbrochen und eine »neue Zeit«
geschaffen.i8 In den Jahren des Bürgerkriegs und der Frühphase der Diktatur
gewannen auch eschatologische Deutungen ein gewisses Gewicht in der Selbst­
darstellung des Regimes. Franco entwarf in öffentlichen Reden vielfach eine
heilsgeschichtliche Deutung des Krieges und stellte seine militärischen Er­
folge als ein Ergebnis göttlicher Intervention dar: wichtige Siege seien häufig an
hohen kirchlichen Feiertagen errungen worden. Mit dem Aufstand gegen die
Republik habe ein neuer »Heilszyklus« (ciclo de salvacion) begonnen.^
Diese Deutungen bestimmten die frühen Eingriffe des Regimes in die Ge­
staltung gesellschaftlicher Zeit, wobei es an die seit der Französischen Revolu­
tion etablierten Muster der Umgestaltung des Kalenders und der Einführung
einer neuen Zeitrechnung anknüpfte.2° Die neuen Machthaber entfernten re­

17 Den besten neueren Ü berblick bietet: Nigel Townson, The Spanish Second Republic Revisi-
ted. From Dem ocratic Hopes to the Civil War (1931-1936), Brighton 2012.
18 J. Miquelarena, Los que no entendieron, in: ABC, 18.7.1940; W. Fernandez Flores, Los forja-
dores del futuro, in: ABC, 18.7.1940; BOCE No. 2 de 17.3.1943, in: Jose Maunel Sabin Rodri-
guez, La Dictadura Franquista (1936-1975). Textos y Documentos, Madrid 1997, S. 26; Rede
Franco, 1.4.1947, in: Fernando Diaz-Plaja, La Posguerra espanola en sus documentos, Barce­
lona 1970, S. 233. Siehe weiterhin nur zwei Reden Francos der Jahre 1942 und 1943: Franco
habla al Consejo Nacional del Movimiento, 18.7.1942, in: Diaz-Plaja, La posguerra espanola,
S. 132-138, hier S. 132; BOCE No. 2 de 17.3.1943, in: Sabin Rodriguez, Dictadura franquista
(1936-1975), S. 26 f.
19 Discurso de Franco a los componentes del Frente de Juventudes, 4.10.1942, in: Diaz-Plaja,
La posguerra espanola, S. 142-146, hier S. 143. Siehe bereits: 18 de Julio, in: ABC, 18.7.1939.
Zur katholischen Mobilisierung: M ary Vincent, The Spanish Civil War as a War o f Reli­
gion, in: M artin Baumeister u. Stefanie Schüler-Springorum (Hg.), »If You Tolerate This ...«
The Spanish Civil War in the Age of Total War, Frankfurt 2008, S. 74-89.
20 Sanja Perovic, Calendar in Revolutionary France. Perceptions o f Tim e in Literature, Culture,
Politics, Cambridge 2012; Noah Shusterman, Religion and the Politics of Time. Holidays in
France from Louis X IV through Napoleon, Washington, DC 2010.
publikanische Feiertage aus dem Jahreskalender, nahmen traditionelle christ­
liche Festtage wieder auf und führten eine ganze Anzahl neuer Feiertage ein.
Zu nennen sind hier insbesondere der Jahrestag des Kriegsbeginns, der 18. Juli,
und der »Siegestag« des 1. April (Dia de la Victoria). Auch der 20. November
als Todestag des Gründers der spanischen faschistischen Partei, Jose Antonio
Primo de Rivera, sowie der »Tag des Führers« (Dia del Caudillo) am 1. Oktober
prägten ab 1939 das spanische Kalenderjahr. Darüber hinaus etablierte die Dik­
tatur für einige Jahre eine alternative Jahreszählung. Offizielle Briefe führten
neben der überkommenen Jahreszahl Kennzeichnungen wie »Erstes Triumph­
jahr« (Prim er Ano Triunfal) 1936 oder »Siegesjahr« (Ano de la Victoria) 1939.2i
Schließlich löste das Regime als Teil seiner Annäherungspolitik an die faschis­
tischen Mächte Spanien Anfang der 1940er Jahre aus einer Zeitzone mit Groß­
britannien und übernahm die Mitteleuropäische Zeit.22 Diese einzelnen frühen
Entscheidungen grenzten das neue Regime symbolisch von der vorangegan­
genen republikanischen Epoche ab und präsentierten die neue franquistische
Ordnung als ein sowohl in christlichen Traditionen verankertes als auch aus
dem Bürgerkrieg hervorgegangenes revolutionäres Regime. Sie zeigten, dass
Franco und seine Mitstreiter von Anfang an der Ordnung von Zeit politische
Bedeutung beimaßen. Allerdings griffen die Maßnahmen noch nicht in die Ge­
staltung von Arbeitswelt und Lebensalltag ein, sie zielten nicht auf eine grund­
legende Umgestaltung gesellschaftlicher Zeit.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete einen wichtigen Einschnitt in
der Selbstverortung der Franco-Diktatur in der Zeit. Neue außen- wie innen­
politische Herausforderungen legten eine temporale Neuorientierung des Re­
gimes nahe, die den Hintergrund für die Zeitreformen der frühen 1960er Jahre
bildete. Zunächst drängte die außenpolitische Lage Franco und seine Gefolgs­
leute zu einer neuen Thematisierung der Frage von Rückstand und Fortschritt.
Nach dem Sieg der Alliierten über die faschistischen Regime in Deutschland
und Italien erschien der Franco-Staat einer weltweiten Öffentlichkeit als Ana­
chronismus, ein Umstand, der dem international geächteten Regime schmerz­
lich bewusst war. Angesichts von Kritik und Isolierung sah sich das Regime

21 18 de Julio, in: ABC, 18.7.1939; BOCE No. 2 de 17.3.1943, in: Sabin Rodriguez, Dictadura
franquista, S. 26 f.; Bernecker u. Brinkm ann, Kam pf der Erinnerung, S. 152-155. Paloma
Aguilar Fernandez u. Carsten Humlebaek, Collective Memory and National Identity in the
Spanish Democracy. The Legacies of Francoism and the Civil War, in: History and Memory
14. 2002, S. 121-164; Paloma Aguilar Fernandez, Memory and Amnesia. The Role o f the
Spanish Civil War in the Transition to Democracy, New York 2002 [span.: Memoria y olvido
de la guerra civil espannola, Madrid 1996], S. 71-73.
22 Zum genauen Zeitpunkt der Einführung der Mitteleuropäischen Zeit liegen widersprüch­
liche Angaben in den Quellen vor. Siehe die Hinweise: Franco desfaso el horario espa-
nol para sintonizar con los nazis, in: Publico, 2.4.2013, http://publico.es/culturas/franco-
desfaso-horario-espanol-sintonizar.htm l; Raquel Vidales, En Espana, siempre con »jet lag«,
in: El Pais, 26.9.2013.
genötigt, der Weltöffentlichkeit seine Zeitgemäßheit zu demonstrieren und da­
durch seine Existenz zu rechtfertigen.23 Weiterhin sahen sich Franco und seine
Mitstreiter nach der Ausnahmesituation von Bürgerkrieg und Weltkrieg in ­
nenpolitisch einem erhöhten Druck konkurrierender Regimeflügel ausge­
setzt, die zukünftige Ordnung des Staats festzulegen, zumal die Möglichkeit
eines plötzlichen Todes des 1892 geborenen Franco mittelfristig eine Rege­
lung der Nachfolge geraten erscheinen ließ. Welche Bedeutung das Thema be­
saß, zeigen interne Analysen am Ende der 1950er Jahre, die selbst in regime­
nahen Kreisen eine »exzessive Sorge um die Zukunft« feststellten.24 Die Frage
nach der Zukunft der Diktatur war politisch heikel, da es innerhalb der die
Diktatur tragenden Gruppen einen grundlegenden Dissens darüber gab, ob
das Regime in eine konstitutionelle Monarchie einmünden oder, wie es wich­
tige Teile der faschistischen Falange forderten, als eine sozialrevolutionäre
Diktatur ausgestaltet werden sollte.25 Schließlich legte der drohende Staats­
bankrott am Ende der 1950er Jahre, der auf eine rigide Autarkiepolitik zurück­
geführt werden kann, eine temporale Neuerfindung der Diktatur nahe. In dem
Maße, in dem eine neue Gruppe ökonomischer Experten um den Reformer
Laureano Lopez Rodo eine grundlegende Liberalisierung der W irtschaftsord­
nung für unausweichlich hielten, erwies sich die bisherige Verklärung der Dik­
tatur als einem Endpunkt der wechselhaften spanischen Geschichte als h in­
derlich, da sie die Vorstellung von Veränderung und Entwicklung zumindest
in der Theorie nicht zuließ. Im Angesicht der ökonomischen Krise wuchs je ­
doch die Dringlichkeit, Wandel auf neue Weise konzeptionell zu denken und
zu begründen/6
Die ökonomische Entwicklung und der Druck seitens der neuen W irtschafts­
fachleute und auch von Unternehmern, die sich zunehmend an US-amerika­
nischen Vorbildern und Wirtschaftskonzeptionen orientierten, bewegten die
Regimeführung in den 1950er Jahren zu einer diskursiven Neuausrichtung/7
Unter Rückgriff auf das Vokabular westlicher Modernisierungstheorien ent-

23 M olinero u. Ysas, A natom ia del Franquismo, S. 3; Bernecker, G eschichte Spaniens,


S. 2 2 8 -2 3 5 .
24 Direcion general de prensa, consigna a los diarios A B C e In form acion es, 9.3.1957, in: Sevil­
lano Calero, Ecos des papel, S. 190. Siehe allgemein: Antonio Cazorla Sanchez, Order, Pro­
gress, and Syndicalism?, S. 104; ders., Fear and Progress, S. 174 f.; Franciscio Sevillano
Calero, Ecos de papel. La opinion de los espanoles en la epoca de Franco, Madrid 2000,
S. 189 f.; Borja de Riquer, La dictadura de Franco, Barcelona 2010, S. 413-472.
25 Molinero u. Ysas, Anatomia del Franquismo, S. 18-27.
26 M ary Vincent, Spain, 1833-2002. People and State, London 2007, S. 180. Vgl. auch die zeit­
genössische regimenahe Darstellung: Jose L. Sureda, Funcion del estado en el desarrollo
economico de Espana, in: Raymond Aron u. a. (Hg.), Espana en el desarrollo mediterraneo,
Madrid 1964, S. 93-111, hier S. 111.
27 Vgl. auch: Nuria Puig, La ayuda economica de Estados Unidos y la am ericanizacion de los
empresarios espanoles, in: Lorenzo Delgado u. M aria Dolores Elizalde (Hg.), Espana y Esta­
dos Unidos en el siglo X X , Madrid 2005, S. 181-206.
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warf sich das Regime offensiv als modellhafte Entwicklungsdiktatur. Die auto­
ritäre Staatsordnung wurde mit der vermeintlichen Rückständigkeit Spaniens
historisch begründet und damit gerechtfertigt. Das Ziel des Regimes sei es von
Anfang an gewesen, so lautete nun die offizielle Darstellung, ein rückständiges
Land zu Fortschritt und Wohlstand zu führen. Dynamische Zeitbegriffe wie
Fortschritt (progreso), Entwicklung (desarrollo) und Transformation (transfor-
m acion) fanden einen neuen prominenten Platz in Reden und Texten der fran-
quistischen Größen. Franco argumentierte etwa im April 1964, dass »sich die­
jenigen irren, die glauben, wir seien Anhänger eines politischen Stillstands«.
Und wenige Monate später erklärte er zum Jahrestag des Beginns des Bürger­
kriegs: »Kein materieller und geistiger Fortschritt ist mit [dem Regime, T. K.]
unvereinbar. Der Horizont der konkreten Möglichkeiten ist unbegrenzt«^8 Ge­
rade die Rückständigkeit Spaniens erfordere es, »einen hohen Rhythmus bei­
zubehalten, um Spanien zu erneuern«. Dazu sei auch der »Umbau (renovacion)
und die Verjüngung (rejuvenecimiento)« der Staatsorgane unausweichlich. Es
gelte sich »dem Rhythmus, den die Gegenwart verlangt«, anzupassen.29 In einer
Umkehr der politischen Zuordnungen der Vorbürgerkriegszeit, in denen die Be­
griffe eindeutig mit der republikanischen und sozialistischen Linken in Verbin­
dung standen, wurden Fortschritt und Entwicklung im Verlauf der 1950er Jahre
zu Projekten der Rechts-Diktatur.

II. Zeit und Gesellschaft

Im Jahr 1957 verabschiedete sich das franquistische Regime von seiner lang­
jährigen Politik der Autarkie und leitete eine Phase wirtschaftlicher Libera­
lisierung und Öffnung ein. Die Maßnahmen stellten eine wichtige Zäsur in
der Geschichte des Franquismus dar, auch wenn neuere Studien die Gren­
zen und Widersprüche der ökonomischen Erneuerungspolitik betonen.3° Die
Wirtschaftsreformen, das hat die historische Forschung bislang weitgehend
übersehen, waren jedoch nur ein Teil einer umfassenderen gesellschaftlichen
Modernisierungspolitik. Die Regimeeliten drangen auf eine grundlegende Ra­
tionalisierung des gesellschaftlichen Lebens, durch die Spanien in die Lage ver­
setzt werden sollte, sowohl ökonomisch wie auch politisch mit den führenden
Industrienationen zu konkurrieren. Nicht nur die W irtschaft sollte moderni­

28 Discurso de Franco ante el Consejo Nacional (10.4.1964), in: Diaz-Plaja, La posguerra espa-
nola, S. 333-346, hier S. 344; Historia Viva, in: ABC, 18.7.1964. Siehe auch: Molinero u. Ysas,
Anatomia del Franquismo, S. 39.
29 Discurso de Franco ante el Consejo Nacional (10.4.1964), in: Diaz-Plaja, La Posguerra espa-
nola, S. 3 4 4 -3 4 6 . Siehe auch die Hinweise in: Vincent, Spain, S. 183.
30 Die beste Studie der Entscheidungsprozesse innerhalb der Regimeelite ist die Arbeit von
Molinero u. Ysas, Anatomia del Franquismo, hier S. 39-67.
siert werden, sondern auch die gesamte Lebensführung. Die Spanier sollten die
ihnen zur Verfügung stehende Zeit zum eigenen wie zum gesellschaftlichen
Wohl effizienter und sinnvoller als in der Vergangenheit nutzen.
Erste Forderungen, den spanischen Tagesablauf umzugestalten und eine
neue Zeitordnung einzuführen, finden sich im Jahr 1953. Ein Leitartikel der
führenden spanischen Tageszeitung A B C vom Oktober 1953 referierte ausführ­
lich die grundlegende Kritik eines US-amerikanischen Ökonomen an der spa­
nischen Arbeits- und Lebensgestaltung. Zeitung und W irtschaftsfachmann wa­
ren sich insbesondere in der Ablehnung der mehrstündigen Mittagspause einig.
Diese verringere die Produktivität der Beschäftigten, belaste in den größeren
Städten den öffentlichen Nahverkehr über Gebühr, da sie täglich einen doppel­
ten Weg zur Arbeit notwendig mache, und raube den Spaniern insgesamt wert­
volle Zeit, die ihnen am Abend als Freizeit fehle.3i In den folgenden Jahren wur­
den die hier entwickelten Reformpläne immer wieder publizistisch erörtert und
propagiert. Die vom Regime überwachten Tageszeitungen boten dabei immer
auch kritischen Stimmen Raum, gerade auch auf den Leserbriefseiten, doch
standen sie im Ganzen eindeutig hinter den Reformplänen. Es steht deshalb
außer Frage, dass die Kampagne von Anfang an von der franquistischen Füh­
rung geleitet und von einer Mehrheit der maßgeblichen Kräfte an der Regime­
spitze unterstützt wurde.
Daneben zählten jedoch auch große Wirtschaftsunternehmen und deren
Interessenorganisationen zu den Protagonisten der Zeitreform. Industrieunter­
nehmen wie die Madrider Textilfirma P alao plädierten ebenfalls schon 1953 in
Werbeanzeigen für die Einführung einer durchgängigen Arbeitszeit (jorn ad a
continua) mit einer auf eine halbe Stunde verkürzten Mittagspause. Es sei eine
»soziale Notwendigkeit« des modernen Lebens, zunächst in den urbanen Zen­
tren »eine rationalere und gerechtere Zeitordnung« in der W irtschaft einzufüh­
ren. Dazu gehörten im Verständnis des Unternehmens eine deutliche Trennung
von Arbeitszeit und Freizeit und eine frühere Bettruhe, die durch eine Vorver­
legung der Theater- und Kinoprogramme am Abend erreicht werden sollte.
Das spanische Leben sollte sich weniger in der Nacht und mehr am Tag abspie-
len.32 In den folgenden Jahren warben insbesondere auch die einflussreichen In­
dustrie- und Handelskammern (C am aras O ficial de Industria) der Großstädte
Barcelona und Madrid in Anzeigen und Informationsveranstaltungen für eine
»Modernisierung der gegenwärtigen Arbeitszeitgestaltung« als - wie ein wohl
wollender Zeitungskommentar notierte - Mittel eines »grundlegenden Wandels
in der Gestaltung des Gemeinwesens«.33 Auch in den späteren Jahren gehörten

31 Jose M aria Massip, ABC en Washington. Observaciones de un Econom ista Norteamericano


sobre ciertos aspectos de la Vidas Espanola, in: ABC, 23.10.1953.
32 Werbung Palao (Textil), A ano nuevo [horario nuevo!, in: ABC, 10.1.1954.
33 Horario de trabajo, in: ABC, 7.4.1955; J. M., Cronica de Barcelona, in: ABC, 24.4.1955. Siehe
weiterhin: Hacia la jornada de trabajo ininterrumpida, in: ebd., 7.2.1957; Coloquio sobre
die Großindustrie sowie große Handelsketten zu den wichtigsten Unterstützer­
gruppen der Zeitreformen. Für den Unternehmer Jose Fernandez Rodriguez,
der die große Kaufhauskette G alertas P reciados leitete, war die neue Zeitord­
nung zum Beispiel »logischer, rationaler und humaner« als die gegenwärtige
und auch der Leiter der wichtigsten spanischen Automobilfirma SEAT, Jose
Ortiz de Echagüe, sah in den Reformen »nur V orteile«^ Neben einer höheren
Arbeitsproduktivität versprachen sie sich von ihnen eine engere wirtschaftliche
Verflechtung des Landes mit den nord- und westeuropäischen Staaten.
Die Frage einer Rationalisierung der Tagesgestaltung stieg in den 1950er Jah­
ren allmählich zu einem ebenso wichtigen wie umkämpften Thema der innen-
und wirtschaftspolitischen Debatten auf. Einen ersten Höhepunkt erreichte die
Kampagne im Sommer 1956 in einer großangelegten Artikelserie der Zeitung
ABC. Unter dem Motto »Durch eine neue Zeitgestaltung zu neuen Gewohnhei­
ten« (Nuevo H orario p a ra Nuevas Costumbres) warb sie zwischen Juli und Sep­
tember für eine grundlegende Rationalisierung des spanischen Lebens. Die Zei­
tungskampagne ließ unter anderem Unternehmer, Wirtschaftswissenschaftler
und Psychologen zu Wort kommen und kämpfte wortgewaltig für eine »ratio­
nale Zeitordnung«, um ein »aktives, aufgewecktes und in seinen Gebräuchen
gesundes Spanien« zu schaffen.35 Ein wichtiges Element der Kampagne war der
ständige Kontrast einer anachronistischen spanischen Lebensweise, die allein
»der Faulheit und dem Müßiggang diene«, mit der effizienten und gesunden Ta­
gesgestaltung in den USA und in Nordwesteuropa/6 Diese Gegenüberstellung
findet sich auch in den folgenden Jahren immer wieder. Die der katholischen
Kirche nahestehende Zeitung Ya beklagte etwa im April 1961, »dass wir uns
vom Lebensrhythmus der anderen Länder Europas und unserer eigenen Tra­
dition entkoppelt haben. Die arbeitsamen Nationen sind Nationen von Früh-
aufstehern.«37
In der Bevölkerung riefen die Vorschläge von Anfang an ein ebenso brei­
tes wie widersprüchliches Echo hervor. In einer Flut von Leserbriefen nahmen
Spanier in den 1950er und frühen 1960er Jahren in häufig hitzigen Worten für
oder gegen eine Reform Stellung und die führende Satirezeitschrift L a Codor-
niz räumte der Reflektion über die neue »nordamerikanischen Zeit« (horario
n orteam ericano) bereits in ihrem Jahresrückblick 1953 einen prominenten Platz
ein. Sie entwarf das humoristische Bild eines modernisierten, amerikanisierten

horarios de apertura y cierre del Comercio, in: ebd., 2.7.1958; La reforma del horario del
Comercio en Madrid, in: ebd., 16.11.1958; La reforma del horario laboral, in: ebd., 3.8.1960;
Jornada laboral y horario, in: ebd., 8.12.1960.
34 Encuesta sobre el nuevo horario (1). Los Espanoles, en torno a la reforma del horario, in: Ar­
riba, 27.5.1961. Weiterhin: Encuesta sobre el nuevo horario (2), in: Arriba, 28.5.1961; Stel­
lungnahme: Don Eduardo Barreiros, in: Si o no al nuevo horario, Blanco y Negro, 20.5.1961.
35 Nuevo horario para nuevas costumbres, in: ABC, 1.8.1956.
36 Ebd.; Nuevo horario para nuevas costumbres, in: ebd., 3.8.1956.
37 Nuevo horario de trabajo (Kommentar), in: Ya, 27.4.1961.
Tagesablaufs, der ein ausgiebiges Frühstück mit Toast und Rührei am frühen
Morgen, aber keine Mittagspause enthielt.^
Das Interesse an einer Reform der spanischen Lebensweise war eng mit Fra­
gen wirtschaftlichen Wohlstands sowie dem rapiden Wachstum der Großstädte
verbunden. Unternehmer wie ökonomische Experten gewannen die Überzeu­
gung, dass die spanische W irtschaft nur dann im internationalen Wettbewerb
bestehen könne, wenn es gelänge, die Arbeitsproduktivität der spanischen Be­
schäftigten zu steigern. Zugleich reagierten die Reformvorschläge auf die Aus­
dehnung der großen Metropolen aufgrund einer massiven Landflucht. Die Ex­
pansion der Vor- und Satellitenstädte verlängerte für viele Spanier die Fahrten
zur Arbeitsstelle, die aufwendiger und kostenintensiver wurden, und stellte zu­
gleich den öffentlichen Nahverkehr vor gewaltige Herausforderungen.^ Jenseits
dieser ökonomischen Beweggründe für eine Neugestaltung des Tagesablaufs
waren die Reformpläne aber auch in einen breiten, politisch nicht eindeutig
zuzuordnenden populärkulturellen Diskurs der Beschleunigung des Lebens­
tempos eingebettet. Dass sich der und die Einzelne dem modernen Leben mit
seinem beschleunigten Lebensrhythmus anzupassen habe und aus dieser An­
passung Befriedigung ziehen könne, war Ende der 1950er Jahre und Anfang
der 1960er Jahre ein verbreiteter Topos in Reportagen, Kommentaren und
der Werbung. Werbeanzeigen hielten ihre Leserinnen und Leser dazu an, den
»Rhythmus des modernen Lebens« zu übernehmen und offerierten zeitspa­
rende Produkte wie bügelfreie Hemden oder Schnellgerichte, die auch dann,
wenn »Sie Überstunden machen müssen« einen »maximalen Ertrag Ihrer Ar­
beitskraft« versprachen.“ Kochseiten in populären Zeitschriften offerierten
Tipps für schnelle Gerichte, wie etwa den »funktionalen Salat« (ensalada fu n -
cional), die sich zeitsparend zubereiten ließen, und Reportagen und Anzeigen
stellten Schauspieler und andere Prominente als Vorbilder dar, die ihre Lebens­
zeit effizient nutzten und die Zwänge eines engen Zeitplans zu beherrschen und
zu bewältigen verstanden." Die populären Massenmedien vermittelten den
Spaniern die Vorstellung, an der Schwelle einer modernen Welt zu stehen, die
sich nicht zuletzt durch eine beschleunigte Lebensweise auszeichnete. Die neue
Lebensweise sei in den fortgeschrittenen Industrienationen bereits W irklich­

38 Horario espanol, in: ABC, 25.11.1953; Nuevo horario para nuevas costumbres, in: ABC,
3.8.1956; Auch in den folgenden Jahren stellten Artikel imm er wieder die große Zahl an
Leserbriefen und Meinungsäußerungen zum Them a heraus: La reforma del horario, in:
Arriba, 17.2.1961; Resumen del ano pasado, in: La Codorniz, 10.1.1954. Ähnlich schon: La
oficina es un invento antipatico y cruento, in: ebd., 3.1.1954.
39 Als anschauliche Beschreibung: Nuevo horario para nuevas costumbres, in: ABC, 3.8.1956.
40 Für die verschiedenen Werbeanzeigen siehe Parker 45, in: Blanco y Negro, 18.11.1961; Fos-
gluten, Reconstituyente Cerebral, in: Gaceta Ilustrada, 28.5.1961. Ähnlich: Fosgluten, in:
Blanco y Negro, 16.11.1957; Duward Uhren, in: La Vanguardia Espanola, 11.5.1957; Nuevos
Tiempos, Nuevas Profesiones, in: Blanco y Negro, 29.9.1962; Viladomin, in: ebd., 28.10.1963.
41 Ensalada funcional, in: ebd., 15.7.1961; Reportage Paquita Rico, in: ebd., 6.12.1958; Werbung
Pond’s Cold Cream, in: Gaceta Ilustrada, 21.1.1961.
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keit gew ord en u n d v erlan ge v o m E in z e ln e n ein e e ffizie n te G e sta ltu n g sein er
Z e itre sso u rce n . In d iesem P u n k t ü b e rsc h n itte n sich die p o p u lä rk u ltu re lle n R e ­
p rä se n ta tio n e n m it d en V o rsch läg e n ein er N eu g estaltu n g v o n A rb e it u n d F re i­
zeit d u rch das R e g im e, E x p e rte n g ru p p e n u n d U n te rn e h m e r. In der F o rsch u n g
ist B e sc h le u n ig u n g im m e r w ied er als ein e G ru n d e rfa h ru n g der M o d e rn e und
in jü n g ste r Z e it auch als G ru n d s tru k tu r m o d e rn e r G e se llsch a fte n id e n tifiz ie rt
w ord en.42 Jen seits der u m stritte n e n Frage, inw iew eit je n s e its ein er te ch n isc h e n
B e sc h le u n ig u n g und ein er A k z e le ra tio n v o n K o m m u n ik a tio n au ch ein e B e ­
sch le u n ig u n g sozialer P ra k tik e n festg estellt w erd en k a n n , zeig t das sp an isch e
B eisp iel seh r d eu tlich , d ass B e sc h le u n ig u n g d en M e n sch e n der N a c h k rie g s ja h r­
zeh n te auch als k u ltu re lle R e p räse n tatio n , als A n g e b o t und A n fo rd e ru n g geg en ­
ü b e rtra t, das eigene L eb en neu zu o rg an isieren .
D ie P re sse k a m p a g n e n sow ie die L o b b y a rb e it der W irtsc h a fts v e rb ä n d e ver-
z e ich n e te n b e re its in d en 1 950e r Ja h ren ein e n p o litis ch e n E rfo lg . Im A ugust
1956 v erfü g te der A rb e its m in is te r n a ch ein er E in g ab e des S y n d ik ats fü r das V er­
sich eru n g sw esen , in d em A rb e itg e b er und A rb e itn e h m e r zw angsw eise g e m e in ­
sa m o rg a n isie rt w aren , ta tsä c h lich ein e N eu o rd n u n g der A rb e itsz e ite n in d ieser
B ra n c h e , die u n ter an d erem die E in fü h r u n g ein er d u rch g eh en d en T a g e sa rb e its­
zeit und eine g le ich m äß ig e V e rte ilu n g der A rb e itsstu n d e n a u f die Tage im Ja h ­
re sv e rla u f b e in h a lte te . D ie in v ie le n B ra n c h e n ü blich e R egelu n g, in den W in te r­
m o n a te n m e h r u n d im S o m m e r w eniger zu a rb e ite n , so llte ab g e sch a fft w erden.
D as V ersich eru n g sw esen folg te d am it d em V o rb ild des B au g ew erbes und der
P ra x is vieler au slän d isch er F irm e n , in d en en eine d u rch g än gige A rb e itsz e it m it
n u r k u rz e n P au sen die Regel war.43 Im S ep tem b er 1956 w u rd en zu d em der R e ­
g im e fü h ru n g erste P län e v o rgelegt, die A rb e itsz e ite n im w ich tig en B an k g ew erb e
zu re fo rm ie re n . D iese sa h e n n ic h t n u r eine z u sam m e n h än g e n d e A rb e itsz e it,
so n d e rn au ch k u n d e n fre u n d lich e Ö ffn u n g sz e ite n am N a ch m itta g vor.44
In sg e sam t k a m e n die R e fo rm in itia tiv e n vor d em F rü h ja h r 1961 je d o c h über
v erein zelte E rfolg e n ic h t h in au s. W ie n o c h zu zeigen ist, h atte d ies ein erseits
m it W id e rstä n d e n in der B e v ö lk e ru n g u n d in e in z e ln en W irtsc h a fts b e re ic h e n
zu tu n . A n d ererseits e rk a n n te n die R e fo rm er am E nd e der 1950er Jah re zu ­
n e h m e n d die K o m p le x ität ih re s V o rh ab en s, die eine ü b ereilte U m se tz u n g w e­
n ig sin n v o ll e rsch ein e n ließ.45 Je in ten siv er sich die R e fo rm er der F o rm u lie ru n g
k o n k re te r M a ß n a h m e n zu w en d eten, d esto d eu tlich e r w u rde es, dass eine Z eit-

42 Reinhart Koselleck, Gibt es eine Beschleunigung der Geschichte? [1976], in: ders., Zeit­
schichten. Studien zur Historik, Frankfurt 2000, S. 150-176; Hartm ut Rosa, Beschleuni­
gung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt 2005; sowie die E in­
leitung zu diesem Sonderheft.
43 Nuevo horario para nuevas costumbres, in: ABC, 11.8.1956. Siehe zur Reaktion der Politik
auch: J. M., Cronica de Barcelona, in: ebd., 24.4.1955; Nuevo horario para nuevas costum-
bres, in: ebd., 1.8.1956.
44 Nuevo Horario para nuevas costumbres, in: ebd., 6.9.1956; Nuevo Horario para nuevas
costumbres, in: ebd., 7.9.1956.
45 Siehe La Reforma del horario del Comercio en Madrid, in: ebd., 16.11.1958.
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reform sich schwerlich auf einen oder wenige Wirtschaftsbereiche begrenzen
ließ, sondern unweigerlich weitergehende, das gesamte öffentliche Leben be­
treffende Maßnahmen erforderte. Jede Reformanstrengung musste nicht nur
die spezifischen Arbeitsbedingungen der unterschiedlichen Industriezweige be­
rücksichtigen, sondern auch die Fahrpläne der öffentlichen Verkehrsbetriebe,
die Ladenöffnungszeiten des Einzelhandels, die Anfangs- und Schließzeiten der
Schulen und Bildungseinrichtungen und die Zeitgestaltung von Theatern und
Kinos sowie die Programmgestaltung des Radios. Ein früherer Arbeitsschluss
legte beispielsweise nicht nur einen kürzeren Schultag, sondern auch eine Vor­
verlegung der Anfangszeiten der Kino- und Theateraufführungen nahe. Zu­
sätzlich erschwert wurden die Reformpläne durch Überlegungen, die Arbeits­
zeiten je nach Branche auf solch eine Weise miteinander zu koordinieren, dass
Stoßzeiten im Berufsverkehr möglichst verhindert würden.
Neben diese grundlegenden Fragen trat eine Reihe praktischer Probleme,
von denen das Massenphänomen der Mehrfachbeschäftigungen (multiempleos)
eine besondere Bedeutung besaß. Da die Gehälter in vielen Branchen auch nach
den von Hunger und Mangel geprägten Nachkriegsjahren nicht zur Versor­
gung einer Familie ausreichten, sahen sich viele Spanier gezwungen, mehreren
Beschäftigungen gleichzeitig nachzugehen. Sie waren dabei auf eine lange M it­
tagspause angewiesen, um pünktlich von einer Arbeitsstelle zur anderen zu ge­
langen. Jeder Eingriff in die Struktur der Arbeitszeiten und des Tagesablaufs
musste diese zeitlich fein abgestimmten Arrangements jedoch notwendiger­
weise durcheinander bringen.46 Welche Tücken im Detail der Umgestaltung
steckten, zeigte schon die Neugestaltung der Arbeitszeiten im Versicherungs­
wesen. Bei der Einführung des durchgängigen Arbeitstages hatten die Reformer
schlicht vergessen, überhaupt Pausenzeiten einzuplanen, was sofort zu heftigen
Protesten der betroffenen Angestellten f ü h r t e t Es ist angesichts des Vorbehalts
in der Bevölkerung und der zahlreichen praktischen Probleme, die mit einer
Zeitreform verbunden waren, wenig erstaunlich, dass die Reformforderungen
zunächst kaum praktische Konsequenzen nach sich zogen. Erst die tiefgrei­
fende ökonomische Krise der späten 1950er Jahre und der radikale wirtschafts­
politische Schwenk des Regimes schufen eine Situation, in der die radikalen
Umgestaltungspläne politisch durchsetzbar wurden.

46 J. M., Cronica de Barcelona, in: ebd., 24.4.1955; Cartas al Director. Joaquin Merino, Horario,
in: Arriba, 29.1.1961.
47 Siehe die Wiedergabe eines Leserbriefs in: Nuevo horario para nuevas costumbres, in: ABC,
6.9.1956.
III. Zeitreform en

Im Februar 1957 nahm nach einer Phase interner Machtkämpfe Franco eine um­
fangreiche Regierungsumbildung vor und setzte eine Gruppe von Technokraten­
Reformern um Lopez Rodo in Machtpositionen ein, die in den folgenden Jah­
ren ein Programm grundlegender wirtschaftlicher Modernisierung entwarfen.48
Am 21. Juli 1959 implantierten sie mit dem Stabilisationsplan (Plan de Estabili-
zacion) ein umfassendes wirtschaftliches Reformprogramm, das unter anderem
eine Währungsabwertung, eine Reduzierung des öffentlichen Defizits und eine
Erhöhung der Leitzinsen zur Bekämpfung der hohen Inflationsrate beinhaltete.
Die Politik strikter staatlicher Kontrollen der W irtschaft wurde aufgegeben und
insbesondere der Außenhandel liberalisiert. Im vorliegenden Kontext ist wichtig,
dass der Eliten- und Politikwechsel seit 1957 für einige Jahre einen politischen
Möglichkeitsraum öffnete, in dem die weitgreifenden Umgestaltungspläne von
W irtschaft und Gesellschaft vorangetrieben werden konnten.
Vor diesem Hintergrund erarbeitete die Regimespitze im Verlauf des Jahres
1960 ein konkretes Bündel von Maßnahmen der Zeitreform, die sie zusammen
mit einem detaillierten Zeitplan ihrer Umsetzung im Januar 1961 der Öffent­
lichkeit vorstellte. Es handelte sich um ein höchst ambitioniertes Gesamtpaket
von Reformen, das alle W irtschafts- und Gesellschaftsbereiche betraf und auf
einen Schlag die spanische Arbeits- und Lebensordnung umgestalten wollte.
Die weitreichende Absicht zeigt sich nicht zuletzt daran, dass der Entwurf zu­
meist sehr genaue Zeitvorgaben machte und sich nur in wenigen Fällen mit der
Angabe allgemeiner zeitlicher Ober- oder Untergrenzen begnügte. So sollte
etwa in der Bauindustrie die Arbeitszeit generell von 8:00 bis 17:00 Uhr betra­
gen mit einer einstündigen Mittagspause zwischen 12:00 und 13:00 Uhr. Der
Unterricht an den Primarschulen hatte von 9:00 bis 13:00 Uhr und von 15:00
bis 18:00 Uhr zu erfolgen und Theater mussten die erste Abendvorstellung vor
20:30 Uhr beenden und die zweite Vorstellung vor Mitternacht. Cafes und Bars
hatten um spätestens 0:45 Uhr zu schließen und der öffentliche Nahverkehr
sollte um 1:15 Uhr in allen Städten seinen Verkehr einstellen/9 Das der Öf­
fentlichkeit präsentierte Rahmenregelwerk, das Vorgaben, die detailliert auf­
einander abgestimmt waren, mit einigen Elementen von Wahlfreiheit kombi­
nierte, folgte in sehr weitgehender Weise den seit 1953 erhobenen Forderungen
der Reformer. Nur hinsichtlich der Einführung einer durchgängigen Arbeits­
zeit, die in den 1950er Jahren den Ausgangspunkt der Debatten gebildet hatte,
kam das Regime den Kritikern entgegen, indem sie den Arbeitgebern lediglich

48 Als Überblick: Bernecker, Geschichte Spaniens, S. 2 2 8-245; Molinero u. Ysas, Anatomia del
Franquismo, S. 34-3 9 . W eiterhin: Pablo M artin Acena u. Elena M artinez Ruiz, The G ol­
den Age o f Spanish Capitalism. Econom ic Growth W ithout Political Freedom, in: Townson,
Spain Transformed, S. 3 0 -4 6 .
49 El horario laboral, en todas las actividades del pais, es posible que se modifique en breve
plazo, in: Pueblo, 12.1.1961.
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empfohlen wurde. Doch dieses Zugeständnis und auch die sachlich-bürokrati­
sche Sprache der Verlautbarungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass
es sich insgesamt um einen radikalen Entwurf gesellschaftlicher Neuordnung
handelte.
Mit diesen Maßnahmen knüpften die franquistischen Eliten an allgemeine
Bildungsprojekte seit der Frühen Neuzeit an, die in der Gewöhnung an Zeit­
disziplin und Pünktlichkeit eine wesentliche Grundlage einer autonomen, m o­
ralischen und wirtschaftlich erfolgreichen Lebensführung sahen. Dieses Pro­
gramm einer Zivilisierung durch Zeitmanagement hatte im 19. und frühen
20. Jahrhundert besonders in kolonialen Kontexten eine herausragende Rolle
gespielt.50 Franco und seine ökonomischen Experten traten mit ihren Neuord­
nungsplänen in Vielem in die Fußstapfen der Kolonisatoren. Im Unterschied
zu früheren kolonialen Zeitprojekten ging es im Spanien der Nachkriegsjahr­
zehnte aber nicht länger primär um die Durchsetzung einer abstrakten Uhren­
zeit und eine Gewöhnung an industrielle Arbeitsrhythmen, sondern um eine
weiterreichende Optimierung und Synchronisierung gesellschaftlicher Zeit­
abläufe und Zeitpraktiken.
Die Zeit-Bestimmungen wurden in der kontrollierten Medienöffentlichkeit
kontrovers debattiert. Wenn die Entscheidungsträger erwartet hatten, dass der
detaillierte Entwurf der öffentlichen Debatte ein Ende setzen würde, so sahen sie
sich schnell getäuscht. Im Gegenteil, die Diskussionen begannen nun erst recht
und machten die Zeitreform zu einem der beherrschenden, von weiten Bevöl­
kerungskreisen intensiv diskutierten innenpolitischen Themen des Frühjahrs
1961. Eine ausführliche Berichterstattung mit zahlreichen »Meinungsumfra­
gen« sowie eine Vielzahl von Leserbriefen, satirischen Darstellungen, Karika­
turen und öffentlichen Stellungnahmen weist darauf hin, dass die Zeitreform
eine Projektionsfläche vielfältiger und widerstreitender Interessen, Hoffnun­
gen und Befürchtungen bildete und sowohl heftige Zustimmung als auch eine
grundsätzliche Ablehnung hervorrief.51 Zwar folgten Kommentatoren in der
Regel der Regimelinie und sprachen sich eindeutig für die Reformmaßnahmen
aus, doch berichteten die Zeitungen und Zeitschriften ebenso über abwei­
chende Meinungen und druckten Leserbriefe ab, die die Reformen in heftigen
Worten kritisierten. Die der Falange nahestehende Zeitung P ueblo publizierte
beispielsweise schon am selben Tag, an dem die Pläne einer weiteren Öffent­
lichkeit vorgestellt wurden, einen Aufruf des Syndikats der Bankangestellten
von Madrid, in dem es eine Revision der Reformpläne forderte. Weitere kriti­
sche Stellungnahmen folgten.52 Die beschränkte Pluralität der veröffentlichten

50 Siehe Nanni, Colonisation o f Time; sowie die Einleitung zu diesem Sonderheft.


51 Siehe neben der Behandlung des Themas in L a C odorn iz etwa: Exclusivo »G. I.«. Nuevo
horario de trabajo, in: Gaceta Ilustrada, 21.1.1961; Enrique Herreros, Nuevo horario de
verano, in: ebd., 3.6.1961.
52 Los empleados de banca piden una revision del nuevo horario, in: Pueblo, 12.1.1961. Auch
die Zeitung selbst sah die Reformpläne kritisch: El nuevo horario, in: ebd., 14.1.1961.
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Meinung - regimekritische Stellungnahmen blieben ausgeschlossen - spiegelt
die selbst in regimenahen Kreisen sehr unterschiedlichen Interessen und Er­
wartungen in Hinblick auf die Organisation der Zeit wider. Das Ringen um
eine Neugestaltung sozialer Zeit gibt damit auch einen Einblick in die politische
Stärke und Durchsetzungsfähigkeit einzelner gesellschaftlicher und wirtschaft­
licher Gruppen.
Die Bestimmungen fanden zunächst eine ganze Reihe von Befürwortern, die
in ihnen wie das Regime selbst einen Schritt zur wirtschaftlichen Leistungs­
fähigkeit, zur Förderung öffentlicher Moral und zu einer allgemeinen Verbesse­
rung des spanischen Lebens sahen. Zwar ist der Umfang der Zustimmung ange­
sichts der Regimeeingriffe in die Medien schwer zu quantifizieren, doch deutet
eine Auswertung der vielen Leserbriefe darauf hin, dass viele Menschen sich von
der Zeitreform sowohl eine bessere Gesellschaft als auch eine Verbesserung ih ­
res eigenen Lebens versprachen. Einige konkrete Motive der Unterstützung las­
sen sich erkennen. Neben den bereits erörterten ökonomischen und verkehrs­
bezogenen Argumenten führten viele Kommentatoren ältere Topoi bürgerlicher
Sozialreform ins Feld und verstanden die Reformkampagne als einen regelrech­
ten Kreuzzug gegen die Faulheit. Ein Kommentar äußerte »die Hoffnung, dass
der Spanier nach einigen Jahrhunderten des Niedergangs und der Arbeitsscheu
in der nahen Zukunft eine ertragreiche Aktivität entfalten« werde und die Ko­
lumnistin Angela C. Ionescu sah Müßiggänger, die ihre Tage »mit leerem Blick
und ausdrucksloser Miene« in Cafes vergeudeten, als entmenschlicht und krank
und als Symptome der spanischen Krise an.53 Die Befürworter hofften auch,
durch die Zeitreformen den nächtlichen Umtrieben jugendlicher Halbstarker
(gam berros) Einhalt gebieten und diese zu einer geregelten Lebensführung er­
ziehen zu können.54 Sozialreformerische Gründe lagen auch der Unterstützung
eines wichtigen Teils der katholischen Kirche für die neue Zeitordnung zu­
grunde. Katholische Intellektuelle versprachen sich von den Reformen vor allem
segensreiche familienpolitische Wirkungen. Sie hofften, dass die arbeitenden
Männer nach einem frühen Arbeitsschluss mehr Zeit mit ihren Familien ver­
bringen und auf diese Weise das Familienleben stabilisieren würden. Zugleich
würde die bessere Trennung von Arbeit und Freizeit den Spaniern mehr Zeit zur
spirituellen Besinnung und Einkehr ermöglichen.55
Verfechter einer neuen Organisation gesellschaftlicher Zeit fanden sich wei­
terhin auch unter Akademikern, die sich von einer Rationalisierung der Lebens­
gestaltung zivilisatorische Fortschritte erhofften. Der Professor Alfonso Garcia
Valdecasas hielt es beispielsweise für begrüßenswert, die »in einigen Aspekten

53 Lucas Jaen, ^Perezoso e espanol?, in: La Actualidad Espanola, 12.1.1961; Angela C. Ionescu,
Los Ociosos, in: Solidaridad Nacional, 26.2.1961.
54 Cartas al Director: Horario, in: Arriba, 3.2.1961; Cartas al Director: Horario, in: ebd.,
18.2.1961; El nuevo horario, in: Hoja de Lunes (Madrid), 29.5.1961.
55 La reforma del horario, in: Arriba, 17.2.1961; Un paso adelante, in: Arriba, 26.4.1961; Stel­
lungnahme: Mario Gonzalez Simancas, Si o no al nuevo horario (II.), in: Blanco y Negro,
27.5.1961; P. Federico Sopena, Religion. Horario y moral, in: ebd., 17.2.1962.
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irra tio n a le « h e rrsch e n d e Z e ito rd n u n g zu re fo rm ie re n u n d ein M ad rid e r Stu d ent
w u rde in ein er g ro ß e n R ep o rtag e w ie fo lg t z itie rt: »Ich stim m e den R e fo rm m a ß ­
n a h m e n zu. D ie neu e Z e ito rd n u n g s tim m t m e h r m it d en jen ig en ü b erein , die im
A u slan d h e rrsc h e n und ra tio n a le r sin d. [...] Ich glau be zu tiefst, dass [die R e ­
fo rm en , T. K.] zu ein er b e sse re n N u tzu n g der Z eit fü h r e n .« ^ D ie fre ie n A b e n d ­
stu n d e n w ü rd en d en S p a n ie rn n ic h t z u le tzt die M ö g lic h k e it der in d iv id u ellen
W eite rb ild u n g g eben u n d in sg e sa m t das B ild u n g sn iv eau des L an d es steigern .
Z u stim m u n g fan d sich au ch u n ter M e d iz in e rn und G e su n d h eitsex p e rte n , die
sich v on den M a ß n a h m e n e in e n B eitra g zu r V e rb e sse ru n g der V o lk sg esu n d h eit
v ersp rach en und b ereits seit län g erer Z e it a u f die v e rm e in tlic h e n g esu n d h eit­
lic h e n N ach teile der v o rh e rrsch e n d e n sp a n isc h e n L eb e n sg esta ltu n g m it ein em
sp äten A b en d essen und ein er g erin g en S ch lafd au er h in g ew iesen h a tte n .”
D ie se m h ete ro g e n en L ager der B e fü rw o rte r sta n d e n G ru p p en gegenüber, die
die R e fo rm m a ß n a h m e n in G ä n z e od er aber in w ich tig en T eilen vor allem aus
n a tio n a l-k u ltu re lle n o d er k lim a tisc h e n G rü n d e n ab leh n ten . V ie le M en sch en ,
die in d en Z e itu n g e n zu W o rt k a m e n , b e fü rc h te te n e in e n V erlu st sp an isch e r
E ig e n a rt d u rch die A n p assu n g an die n e u en Z eitv o rg ab en . E in B eisp iel h ie rfü r
ist die S ch a u sp ie le rin N ati M istra l, die b e fü rc h te te , dass die neu e Z e ito rd n u n g
»S p a n ie n sein es C h a rm e s und sein e r P ersö n lich k eit« b e ra u b en w erde. In die
A b leh n u n g m is ch te n sich o ft au ch xen o p h o b e T ö n e. E in e L e se rb rie fsc h re ib e rin
b e k la g te etw a d en »E ifer alles n a c h au slän d isch e m V o rb ild zu k o p ie re n « .^
Jen seits ein er so lch allg e m e in e n R e fo rm k ritik lassen sich sp e z ifisch e In te r­
essen g ru p p en id e n tifiz ie re n , die sich gegen die Z e itu m ste llu n g p o sitio n ie rte n .
E in h e llig e A b leh n u n g k a m n e b e n d em E in z elh a n d e l z u n ä ch st von den B e ­
tre ib e rn von K in o s, T h e a te rn und R e sta u ra n ts, die sch w in d en d e B e su ch e r­
z a h le n u n d d a m it sin k en d e E in n a h m e n b e fü rc h te te n . D er B esitz er des tra d i­
tio n sre ic h e n M ad rid e r T h e a te rs L ara, C o n ra d o B la n co , sag te sog ar d en »Tod
des T h eaters« v orau s, da die n e u en Z e itv o rs c h rifte n die ö k o n o m isc h n o tw e n ­
d igen zwei au fein an d er fo lg en d en V o rstellu n g en am A b en d u n m ö g lich m a ch -
te n .59 D e n v ie lleich t e rb itte rtste n W id e rsta n d gegen die R e fo rm m a ß n a h m e n
leistete der E in z elh a n d e l, da k le in e K au fleu te u n d G e s ch ä ftsin h a b e r b e fü rc h te ­
ten , m it dem v o rh an d en en P erso n a l k ein e d u rch g eh en d en Ö ffn u n g sz e ite n ge­
w äh rleisten zu k ö n n e n und d ad u rch gegenüber d en g ro ß e n H a n d e lsk e tte n an

56 Stellungnahme: Alfonso Garcia Valdecasas, Si o no al nuevo horario (II.), in: Blanco y


Negro, 27.5.1961. Stellungnahme: Don Cristobal Herrero Garcia, in: Si o no al nuevo ho­
rario, in: ebd., 20.5.1961. Auch der Rektor der Madrider Universität, Segismundo Royo-
Villanova, befand sich unter den Befürwortern: Encuesta sobre el nuevo horario (1). Los
espanoles, en torno a la reforma del horario, in: Arriba, 27.5.1961.
57 Stellungnahme: Don Conrado Blanco, Si o no al nuevo horario, in: Blanco y Negro,
20.5.1961. Siehe auch: Encuesta sobre el nuevo horario (2), in: Arriba, 28.5.1961; Cartas, Mas
sobre el nuevo horario, in: La Actualidad Espanola, 8.6.1961
58 Stellungnahme: Nati M istral, Si o no al nuevo horario in:, Blanco y Negro, 20.5.1961; Maria
del M ar Recas de Gonzalez, Cartas al Director. El nuevo horario, in: ebd., 17.6.1961.
59 Si y no al nuevo horario. Encuesta de Blanco y Negro, in: Blanco y Negro, 20.5.1961.
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Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen. In ihrer Wahrnehmung verschafften die
Reformen Großunternehmen, großen Handelsketten und Kaufhäusern einen
unlauteren Wettbewerbsvorteil.“ Ein Sprachrohr fand dieser Protest in der Fa-
lange, die mit der Reorientierung der W irtschaftspolitik seit 1957 deutlich an
politischem Einfluss verloren hatte, sich jedoch vehement gegen den ökono­
mischen Kurswechsel wehrte und versuchte, sich als sozialpolitisches Gewis­
sen der Diktatur Gehör zu verschaffen.“ Die Falange griff in den Zeit-Debat­
ten auch Befürchtungen aus Arbeiterkreisen auf, dass die neue Zeitordnung in
der Praxis auf zusätzliche Arbeitsbelastung und ein höheres Arbeitstempo und
damit zu einer Veränderung der Arbeitsbedingungen zugunsten der Unterneh­
mer hinauslaufen werde. Hinzu traten weitere Bedenken, die vor allem die Frage
von Überstunden und Nebenverdiensten betrafen.“ Schließlich schwangen in
vielen Stellungnahmen Sorgen vor einer zeitpolitischen Privilegierung der obe­
ren Gesellschaftsklassen mit. Eine Angestellte beklagte beispielsweise, dass sie
aufgrund der neuen Arbeitszeiten im Winter ihr Haus im Dunkeln verlassen
müsse, während es für die Chefs, die oft erst am späten Vormittag im Büro er­
schienen, »keine Zeitordnung geben würde« (para estos no hay horario).63 Und
auch der Chefredakteur von Pueblo befürchtete, »dass wir für die Vermögenden
Privilegien schaffen, während wir uns damit begnügen, die Übrigen [früh, T. K.]
ins Bett zu schicken.«64 Zu den Gegnern der Reform zählten weiterhin Haus­
frauen, die angesichts der frühen Ladenschließzeiten einen neuen Zeitdruck
und einen Verlust freier, selbstbestimmter Zeit während des Tages verspür-
ten.65 Aufmerksame Beobachter kritisierten schließlich, dass die Reformeliten
vor allem auf die großen Metropolen Barcelona und Madrid sähen, während sie
die gänzlich anders gelagerten Probleme ländlicher Zeitgestaltung völlig aus-
klammerten.66
Insgesamt wurden in den Zeitdebatten immer auch Konsumenten- und Be-
schäftigteninteressen gegeneinander abgewogen. Erstere wurden sehr deutlich
von L a C odorniz formuliert, die als Sprachrohr urbaner Mittelschichten und In­
tellektueller wiederholt längere Ladenöffnungszeiten, einen späteren Betriebs­
schluss des öffentlichen Nahverkehrs sowie eine Liberalisierung der Öffnungs-

60 Encuesta sobre el nuevo horario (1). Los espanoles, en torno a la reforma del horario, in: A r­
riba, 27.5.1961; La Cam era de Comercio de Madrid propone que se aplace hasta octubre la
implantacion del nuevo horario, in: ABC, 12.5.1961. Diese K ritik wurde bereits in den vor­
angegangenen Jahren m ehrfach öffentlich geäußert, so bei einer Anhörung in Madrid im
Sommer 1958: Coloquio sobre horarios de apertura y cierre del Comercio, in: ebd., 2.7.1958.
61 Molinero u. Ysas, Anatomia del Franquismo, S. 95-106.
62 Zusammenfassend: Loable Flexibilidad, in: Pueblo, 7.6.1961.
63 Carmen Hernandez, Cartas al Director. Horario femenino, in: Arriba, 25.5.1961. Ähnlich:
Cartas de los lectores: Responsabilidad y puntualidad, in: La Actualidad Espanola, 23.3.1961.
64 Stellungnahme: Em ilio Romero, Sio no al nuevo horario, in: Blanco y Negro, 20.5.1961.
65 M aria del Mar Recas de Gonzalez, Cartas al Director. El nuevo horario, in: Blanco y Negro,
17.6.1961. Ähnlich: Teresa Perez, Cartas al Director. Horario, in: Arriba, 26.1.1961.
66 Remigio Perez; Cartas al Director. Mas sobre el nuevo horario, in: La Actualidad Espanola,
8.6.1961.
zeiten von K in o s, T h e a te rn u n d R e sta u ra n ts fo rd erte. D em g eg en ü b er stellten
Z e itu n g e n , die der K irch e od er der F alan g e n a h esta n d e n , eher die R ech te der
B e s c h ä ftig te n a u f R u h ezeiten in den V o rd erg ru n d ® 7 Im K e rn g in g es u m die
Frage, in w iew eit sich S p an ie n a u f neu e W eise als K o n su m g e se llsc h a ft d e fin ie ­
re n sollte.
D as h ie r gezeich n ete B ild k la r u m rissen er, w enn au ch sta rk b in n e n d iffe ­
re n z ie rte r L ager m u ss je d o c h in ein e m n ä c h ste n S c h ritt k o rrig ie rt w erden. D ie
F ro n te n z w isch en B e fü rw o rte rn u n d G e g n e rn , z w isch en v e rm e in tlic h p ro ­
gressiv en u n d tra d itio n a listisc h e n P o sitio n e n w aren o ft w enig ein d eu tig . D as
B eisp iel der T o u rism u sb ra n ch e, die gerade in d en frü h e n 1960e r Ja h ren eine
sp e k ta k u lä re E x p a n sio n erlebte und zu ein e m der w ich tig sten n eu en W ir t­
sch aftszw eige des L and es au fstieg , v erm ag dies zu v erd eu tlich en . D ie B ra n c h e n ­
v e rtre te r sp rach e n sich v e h em en t fü r eine B e ib e h a ltu n g der ü b e rk o m m e n e n
Z e itg e sta ltu n g aus, da das e x o tisch w irken d e s p a n isch e N a ch tle b e n fü r N o rd ­
w esteu rop äer e in e n n ic h t zu u n te rsch ä tz e n d e n R eiz des U rlau bs a u f der ib e ­
risc h e n H alb in se l d arstellte u n d die T o u riste n in S p a n ie n g le ich sa m ein e a n ­
dere Z e itg e sta ltu n g erw arte te n . D ie T o u rism u slo b b y iste n tra te n im N am e n
b ritis c h e r u n d d eu tsch er T o u riste n als B ew ah rer v o n v e rm e in tlic h e n sp a n isch e n
k u ltu re lle n T ra d itio n e n auf.®8
A u ch e in zeln e A rg u m e n te fü r od er gegen die Z e itre fo rm e n lassen sich n ich t
ein d eu tig festen L ag ern zu o rd n en . W ie gezeigt, sa h e n v iele K o m m en ta to re n in
der F ö rd eru n g des F a m ilie n le b e n s ein w ich tig es A rg u m e n t fü r eine N e u g e stal­
tu n g der A rb eitszeiten . D as F a m ilie n le b e n k o n n te je d o c h au ch u m g e k eh rt g e ­
gen die R e fo rm en in S tellu n g g eb rach t w erden. E in L e se rb rie fsch reib e r b e fü rc h ­
tete etw a eine Sch w äch u n g fa m iliä r e n M ite in a n d e rs, da die R e fo rm en kein e
Z eit m e h r fü r e in g e m e in sam e s M itta g e sse n vorsahen.®9 Ä h n lic h w id ersp rü ch ­
lich fie l die B ew ertu n g der R efo rm p län e h in s ic h tlic h ih re r Fo lgen fü r die a b ­
h än g ig B e s c h ä ftig te n aus. N e b e n der A b leh n u n g der P län e als S c h ritt zu ein er
S teig eru n g des L eistu n g sd ru ck s am A rb e itsp latz gab es aus dem U m feld der Fa-
lange auch S tim m e n , die neu e F re ih e itsc h a n ce n fü r die A rb e ite r e rk a n n te n .
D er freie A b e n d b iete e rstm a ls der M asse der B e v ö lk e ru n g R au m u n d Z e it fü r
die i nd ivid u elle S e lb ste n tfa ltu n g d urch K u ltu r u n d B ild u n g . Z u d em b e d e u te ­
te n frü h e A n fa n g sz e ite n v o n T h e a te rn u n d K in o s ein e D e m o k ra tisie ru n g des
N ach tleb en s. A b h än g ig B e s c h ä ftig te , die stets frü h e r als and ere G e s e lls c h a fts ­
g ru p p en m it der A rb e it b e g in n e n m ü ssten , w ü rde es e rstm a ls u n ter der W o ch e

67 Horario Disparatado, in: La Codorniz, 12.6.1955; Un problema: El del pequeno comercio, in:
ebd., 25.6.1961; Horario. El de los bancos, in: ebd., 16.7.1961; Un servicio: El del »Metro«, in:
ebd., 27.5.1962. Dagegen siehe F. J. M artin Abril, Horas de oficina, in: La Familia Cristiana,
Juni 1961.
68 El nuevo horario, in: Pueblo, 14.1.1961; Una charla. La del nuevo horario, in: La Codorniz,
18.6.1961. Das Argument abschwächend: El nuevo horario, in: Hoja de Lunes (Madrid),
29.5.1961.
69 Espana habla del nuevo horario, in: La Actualidad Espanola, 23.2.1961. Siehe auch F. J. Martin
Abril, Horas de oficina, in: La Fam ilia Cristiana, Juni 1961.
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m ö g lich sein , k u ltu re lle n V e ra n sta ltu n g e n b e iz u w o h n e n /0 S c h lie ß lich w ar auch
die k irc h lic h e P o sitio n n ic h t e in h e itlich . E in ig e G e istlich e a rg u m e n tie rte n ge­
gen ih re G lau b en sg en o ssen fü r ein e B e ib e h a ltu n g der b e ste h e n d e n T agesgestal­
tu n g , da sie d en M e n sch e n m e h r R u h ep au sen im T ag esv erlau f e rm ö g lich e und
d a m it d en A llta g e n ts c h le u n ig e /1

IV. W iderstände und Kompromisse

D ie in ten siv en A u se in a n d e rse tz u n g e n des F rü h ja h rs 1961 fü h rte n im E rg eb n is


zu ein e m u n au sg esp ro ch en en K o m p ro m iss in der U m se tz u n g der R e fo rm g e ­
setzg ebu ng . E in erse its tra te n die R e fo rm en w ie gep lan t am 1. Ju n i in K ra ft, a n ­
d ererseits m ach te das R eg im e den G e g n e rn ein er N eu o rd n u n g d eu tlich e Z u g e­
stä n d n isse. S ch o n im en d g ü ltig en E rlass des In n e n m in is te rs v o m 19. A p ril 1961
m o d ifiz ie rte das R eg im e sein e u rsp rü n g lic h e n P län e leich t im S in n e g rö ß e re r
W a h lfre ih e it. So n a h m es etw a fü r d en B a n k e n se k to r die v e rp flic h te n d e n A n ­
fan g szeiten am M o rg en u n d n a ch der M ittag sp au se z u rü c k un d lie ß entg eg en
der u rsp rü n g lich e n A b sich t au ch u n te rsch ie d lich e ze itlich e R egelu n gen in der
U n te rh a ltu n g sin d u strie fü r die S o m m e r- un d W in te rm o n a te zu. Z u d em rü ck ­
te n die M a ch th a b e r a llm ä h lic h v o n ih re r F o rd e ru n g ein er flä ch e n d e ck e n d e n
E in fü h ru n g des d u rch g eh en d en A rb e itstag s ab. D ie w ich tig ste Ä n d eru n g des
E rlasses v o m A p ril b e sta n d je d o c h in der E rö ffn u n g der M ö g lic h k e it, d u rch die
B eru fssy n d ik a te b e i den Z iv ilg o u v ern eu ren der P ro v in z e n als o b e rste n zivilen
V e rw a ltu n g sin sta n z en A u sn a h m e n v o n den n eu en R egelu n gen zu b e a n tra g e n .
T a tsä c h lich g e n eh m ig te die R e g im e fü h ru n g in R e a k tio n a u f z a h lre ich e Ä n d e ­
ru n g sfo rd e ru n g e n im Laufe des M a i re c h t g ro ßzü g ige A u sn ah m ereg elu n g en . So
w u rde die Im p le m e n tie ru n g w ich tig er Teile der R e fo rm en b is in den H erb st 1961
bezieh u n g sw eise - dies b e tr a f die R egelu n gen fü r das A b en d - und N a ch tle b e n -
d en F e b ru a r 1962 a u s g e s e tz t/2 Z u g leich b e m ü h te sich die D ik ta tu rsp itz e um
eine rh e to risch e B esch w ich tig u n g der B ev ö lk eru n g . E in e E rk lä ru n g des P resse-
und In fo rm a tio n s a m te s des M in is te rra ts re c h tfe rtig te am V o rab en d des 1. Ju n i
in au sg esp ro ch en d efen siven T ö n e n die v e rsch ie d e n en M a ß n a h m e n n o c h e in ­
m a l m it den v e rm e in tlic h e n »A n o m alien « des sp a n isc h e n L eb en s u n d b e h a u p ­
tete, dass der 1. Ju n i le d ig lich e in e n e rsten sa ch te n R e fo rm sc h ritt, n ic h t aber
eine »totale, gew altsam e u n d sin g u läre U m g esta ltu n g des sp a n isc h e n L eben s«
bed eu te. D ie R e fo rm m a ß n a h m e n seien k ein e »Z w angsjacke«, so n d e rn led ig lich

70 Evaristo Acevedo, Relojes para todos, in: Pueblo, 2.5.1961; Regimen de horario, in: Arriba,
31.5.1961.
71 F. J. M artin Abril, Horas de oficina, in: La Fam ilia Cristiana, Juni 1961.
72 Nuevo horario de trabajo. Entrara en vigor el proximo 1 de junio, in: Pueblo, 25.4.1961;
Nuevos horarios de trabajo, in: ABC, 26.4.1961; Nuevo horario de trabajo y espectaculos. Se
busca la concentracion de las horas de descanso, in: Arriba, 26.4.1961; Los nuevos horarios
seran respetado en todo el territorio nacional. in: El Alcazar, 27.4.1961.
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»Leitlinien«.73 Wie schwach das Regime seine eigene Position in Hinblick auf
die Reformen einschätzte, zeigen die offenen Appelle an die Bevölkerung, frei­
willig und selbstständig an der Umsetzung der Bestimmungen mitzuwirken™
Die Zugeständnisse gegenüber den Kritikern bedeuteten jedoch keine grund­
sätzliche Abkehr von den weitreichenden Plänen. Nach dem ersten Reform­
schritt am 1. Juni ging die Diktatur in zwei Schritten daran, auch die zunächst
ausgesetzten Maßnahmen zu implementieren. Zum 1. November 1961 wurde
ein neuer Arbeitstag für die Banken eingeführt, der eine durchgängige Arbeits­
zeit sowie längere, über die Mittagszeit hinausreichende Öffnungszeiten der
Schalter umfasste. Und zum 1. Februar traten tatsächlich die neuen Öffnungs­
zeiten für Theater und Kinos in K ra ft/5
Es gelang dem Regime jedoch trotz aller politischen und rhetorischen Bemü­
hungen weder die Kritik an den Reformmaßnahmen zum Erliegen zu bringen,
noch seine Reformpläne dauerhaft umzusetzen. Blickt man auf die tatsächlichen
Veränderungen, so muss von einem weitgehenden Scheitern der hochgesteckten
Reformziele gesprochen werden. In den meisten Bereichen kam es nach einiger
Zeit zu einer stillschweigenden partiellen oder gänzlichen Rücknahme der Neu­
ordnung, nachdem die häufig dysfunktionalen praktischen Folgen der Refor­
men deutlich wurden. Die sichtbarsten Auswirkungen auf das spanische All­
tagsleben hatten zunächst die verkürzten Ladenöffnungszeiten. Im Dezember
1961 berichtete ein Reporter von A BC über die durch die Zeitreformen notwen­
dige Anpassung des vorweihnachtlichen Konsumverhaltens. Die Weihnachts­
einkäufe mussten in diesem Jahr zeitlich gedrängter stattfinden, was auf deut­
lichen Unmut seitens der Bevölkerung stieß.76 Es ist deshalb wenig erstaunlich,
dass sich die Proteste gegen die neue Zeitordnung seit dem Herbst 1961 wesent­
lich gegen die frühen Ladenschlusszeiten wendeten” Die massive Kritik veran-
lasste das Regime, bereits nach wenigen Wochen in begrenztem Umfang einer
erneuten Ausweitung der Öffnungszeiten zuzustimmen. Mittelfristig erlaubte es
dann stillschweigend, zu der alten Zeitordnung zurückzukehren. Die wichtige
Kaufhauskette El Corte Ingles stellte zu Weihnachten 1965 beispielsweise wie­
der auf die alten Öffnungszeiten mit einer langen Mittagspause und einer spä-

73 Zitate: No variara el horario de los cafes, bares y cafeterias, in: Arriba, 30.5.1961; El nuevo
horario, in: ebd., 6.6.1961. Zur Verteidigungsstrategie siehe: El cambio de horario no signi-
fica una violenta mutacion de la vida espanola, in: Pueblo, 30.5.1961; Razones, Propositos y
aplicacion del nuevo regimen horario, in: ABC, 31.5.1961. Ähnlich: Regimen de horario, in:
Arriba, 31.5.1961; Razones del nuevo horario de trabajo, in: ebd., 3.6.1961.
74 El Cambio de horario no significa una violenta mutacion de la vida espanola, in: Pueblo,
30.5.1961.
75 A causa del nuevo horario, in: ABC, 4.11.1961, En los teatros no oficiales seguiran las dos
funciones diarias, in: ebd., 7.2.1962.
76 Madrid al dia, in: ABC, 12.12.1961. Zur Umsetzung siehe auch schon: El nuevo horario. Un
paso mas de la libertad, de acuerdo con el interes general, in: ebd., 15.6.1961.
77 Ebd.; Un Problema. El del pequeno comercio, in: La Codorniz, 25.6.1961.
ten Schließzeit um 21:00 Uhr um.78 Es bleibt unklar, wer genau die Entschei­
dung zur Rücknahme traf. Doch ist zu vermuten, dass sowohl der Unmut der
Verbraucher als auch eine hartnäckige Lobbyarbeit des Einzelhandels zu dem
Ergebnis beitrugen.
Auch im Kulturbereich bewirkten die Änderungen keinen dauerhaften W an­
del. Zwar verlegten die Madrider Theater und Kinos im Februar 1962 den Auf­
führungsbeginn des Spätprogramms zunächst von 23:00 Uhr um eine halbe
bis eineinhalb Stunden nach vorne. Diese Veränderungen wurden aber schon
nach wenigen Monaten von den meisten Unternehmen zurückgenommen. Be­
reits nach einem Jahr war ein Großteil der Theater wieder zu den alten Anfangs­
zeiten zurückgekehrt, während sich in den Kinos eine nur geringfügig frühere
Anfangszeit um 22:30 Uhr etablierte/9
Im Bankensektor zeigten sich vielleicht am anschaulichsten die von den Ver­
antwortlichen oft nicht einkalkulierten Probleme der Umsetzung. Bereits kurz
nach der Einführung der neuen Arbeitszeiten Anfang Dezember 1961 stellte
L a Vanguardia E spanola aus Barcelona ein irritierendes Nebeneinander von
mindestens drei unterschiedlichen Formen der Arbeitszeitgestaltung in den
Banken fest.80 Einige Institute hatten die neue Zeitordnung vollständig über­
nommen, andere hatten sich auf einen »intensiven«, das heißt lediglich halb­
tägigen Arbeitstag verständigt, während schließlich eine dritte Gruppe, dar­
unter die wichtigen baskischen Banken, bereits nach wenigen Wochen wieder
vollständig zur alten Zeitordnung zurückgekehrt war. Am 10. Dezember stellte
die gleiche Zeitung fest, dass in Barcelona die Zeitreform »praktisch geschei­
tert [sei], aber ohne dass dies [offen, T. K.] ausgesprochen wird«^1 Ein wesent­
licher Grund für dieses Scheitern lag darin, dass weder das Regime noch die
Banken selbst Vorkehrungen hinsichtlich der Verpflegung der Angestellten in
der verkürzten Mittagspause getroffen hatten. Es existierten keine Kantinen,
und die meisten Arbeitnehmer scheuten die Kosten eines Essens in Restaurants
oder Bars.
Die katalanische Zeitung sprach unverhüllt ein Phänomen an, das die ge­
samte Umsetzung der Zeitreform gerade auch außerhalb der Hauptstadt Ma­
drid kennzeichnete: Von Anfang an wurden die Vorgaben stillschweigend um­
gangen. Es fehlten dem Regime der Wille und die Mittel, die Umsetzung der
Maßnahmen flächendeckend zu kontrollieren. Noch im Jahr 1967 beschwerte
sich ein Leserbriefschreiber aus der Region La Mancha darüber, dass in seiner
Heimatstadt »geregelte Ladenöffnungszeiten nicht existieren«. Im Sommer hät­
ten viele Geschäfte bis 22:00 Uhr und später geöffnet, Kontrollen seitens der

78 Werbung El Corte Ingles. Nuevo horario, in: ABC, 23.12.1965; Se prorroga ..., in: La Van­
guardia Espanola, 30.9.1961.
79 Alle Angaben basieren auf der Auswertung der Theater- und Kinoprogram m e in Hoja de
Lunes (Madrid).
80 Banca madrilena. Variedad de horarios, in: La Vanguardia Espanola, 13.12.1961.
81 La semana economica, in: ebd., 10.12.1961.
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ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
Arbeitsverwaltung der Provinz fanden nur äußerst selten statt.82 Die Missach­
tung der Vorschriften war jedoch nicht nur ein Phänomen der Provinz oder
von Regionen wie Katalonien, in denen es starke anti-zentralistische Bewegun­
gen gab. Selbst das Madrider Arbeitsministerium schenkte 1964 den Vorgaben,
nach denen die Angestellten der öffentlichen Verwaltungen nicht länger als bis
19:00 Uhr arbeiten sollten, wenig Aufmerksamkeit und erklärte zum Ärger vie­
ler Beschäftigter Arbeitszeiten bis 22:00 Uhr für zulässig^
Insgesamt lässt sich nach dem Frühjahr 1962 ein deutliches Abflauen der
Reformenphase und gleichzeitig eine Verlagerung der Zeitdebatten erkennen.
Stimmen in den Medien forderten in der Mitte der 1960er Jahre, nicht länger
ausschließlich über abstrakte Arbeits- und Schließzeiten zu diskutieren, son­
dern sich vermehrt Fragen der Arbeits- und Zeitproduktivität zuzuwenden.
Ein Zeitungskommentar beklagte 1965 beispielsweise bissig: »In einem spani­
schen Büro zählt es mehr, pünktlich um neun Uhr den Raum zu betreten und
bis zwei Uhr nachmittags die weiße Wand anzustarren, als später zu kommen
und wirklich etwas zu leisten.«84 Das Abrücken des Regimes von einer grundle­
genden Zeitreform muss auch vor dem Hintergrund neuer Herausforderungen
verstanden werden, die die Ressourcen der Diktatur seit dem Frühjahr 1962 in
hohem Maße fesselten. Zunächst entwickelte sich im April eine Streikbewegung
im asturischen Bergbau zu einem der längsten und erbittertsten Arbeitskämpfe
in der Geschichte des Franquismus, dessen Bedeutung weit über die Region hin-
ausging.85 Kurze Zeit später, Anfang Juni, demonstrierte die exilierte Regime­
opposition auf einem Kongress in München eine neue Einigkeit und erreichte
ein breites Echo in der internationalen Presse. Beide Ereignisse stellten die poli­
tische Legitimität der Diktatur infrage, bewirkten eine Regierungsumbildung
und lenkten die politischen Energien des Regimes weg von den gesellschafts-
reformerischen Projekten.
Die Zeitfragen blieben zwar dauerhaft ein Thema der öffentlichen Ausein­
andersetzungen, doch konzentrierten sich die Debatten seit 1962 immer mehr
auf Einzelfragen. Zu unterschiedlichen Zeitpunkten der 1960er Jahre stritten
Experten und Interessenvertreter etwa über die abendlichen Schließzeiten von
Mietshäusern und die Arbeitszeiten von Hausmeistern (porteros) und Haus­
angestellten (em pleadas de hogar). Zudem rückte immer mehr das Fernsehen
als zeitgestaltender Akteur in das öffentliche Bewusstsein und Bildungsfach­
leute diskutierten über eine Verkürzung der langen Sommerferien der Schulen.
Auch die Ladenöffnungszeiten blieben ein wichtiges Thema der öffentlichen

82 P. de A. C. Daim iel (Ciudad Real), Cartas al Director. Los horarios comerciales de Daimiel,
in: Blanco y Negro, 22.4.1967. Berichte über einen Verstoß gegen die gesetzlichen Arbeits­
zeitbestimmungen liefen in Madrid bereits vor den Zeitreformen ein. Vgl. Archivo General
de A dm inistration, Alcala de Henares, (14) 1.16 74/18850, Delegation Provincial de Trabajo
de Ciudad Real, Memoria correspondiente al ano 1960, 28.2.1961.
83 Breverias, El horario del m inistro de trabajo, in: ABC, 27.5.1964.
84 Jose M aria Sanjuan, Los relojes de Europa, in: ebd., 12.9.1965.
85 Ramon G artia Pineiro, Los mineros asturianos bajo el Franquismo, 1937-1962, Madrid 1990.
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ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
D iskussion/6 Doch schreckte das Regime in allen Fällen vor einschneidenden
Maßnahmen zurück. Ende der 1960er Jahre ließ es beispielsweise schnell Ge­
rüchte dementieren, dass eine neuerliche Reform der Ladenöffnungszeiten ge­
plant sei.87
Es liegt somit ein Bündel von Ursachen für das weitgehende Scheitern der
Zeitreformen vor. Zwei Gründe für den Misserfolg der Rationalisierungspoli­
tik stechen dabei hervor. Zunächst standen den Reformbefürwortern auch in ­
nerhalb der Trägergruppen der Diktatur einflussreiche Gegner gegenüber, die
in der Regimeführung Gehör fanden und die Reformen in ihrem Sinn zu be­
einflussen und einzuschränken verstanden. Darüber hinaus zeichneten sich die
Reformkräfte jedoch auch durch ein völliges Unverständnis für die Komplexität
gesellschaftlicher Zeitarrangements aus, wie sie sich beispielhaft in der fein ab­
gestimmten individuellen und familialen Organisation der Mehrfachbeschäf­
tigungen erkennen lässt. Diese Ignoranz kontrastierte merkwürdig mit den
äußerst weitreichenden Neuordnungsplänen und führte zu den zahlreichen gra­
vierenden Defiziten und Widersprüchen in der Implementierung einer neuen
Zeit. Vor diesem Hintergrund schwand der Reformwille in der Praxis rasch,
auch wenn die franquistische Führung ihre Ziele nie offiziell aufgab.
Noch in einer anderen Hinsicht markieren die Auseinandersetzungen der frü­
hen 1960er Jahre eine Zäsur. Parallel zu der Reformkampagne des Regimes ver­
schafften sich kritische Stimmen Gehör, die einer Rationalisierung des indivi­
duellen Lebens wie der Gesellschaft kritisch gegenüber standen und eine neue
Art der Fortschrittskritik formulierten. Sie stellten die vom Regime propagierte
Verbindung von Fortschritt, Beschleunigung und Effizienz radikal infrage. Das
»Tempo des modernen Lebens« wurde von ihnen nicht mehr als Verheißung in ­
tensivierten, erfüllten Lebens begrüßt, sondern mit einem Verlust an Lebens­
qualität gleichgesetzt. Ein Kommentar in L a Vanguardia E spanola gedachte bei­
spielsweise schon 1960 der »Gemächlichkeit häuslicher Gebräuche früherer Tage«
und argumentierte: »Moderne heißt rennen. Aber es wäre vielleicht nützlich, den
Schritt etwas zu verlangsamen. Dies wäre kein Zeichen von Müdigkeit, sondern
ein Beleg von Ernsthaftigkeit«. Fünf Jahre später forderte auch Blanco y Negro in
einer Überschrift, Kinder nicht dem »höllischen Tempo des modernen Lebens«
auszusetzen und sie in der Kunst des Zeit-Verlierens zu unterweisen. Andere Zei­
tungen veröffentlichten Ratschläge, in der Hektik des Lebens »Entspannung zu
lernen« und dem Leben ohne Hast und mit Geduld entgegenzutreten. Es lässt sich
in der Medienöffentlichkeit auch eine neue positive Wertung eines langsamen

86 Jose Limon Vozmediano, Cartas al Director: Opina un portero, in: Blanco y Negro, 26.6.1965;
Augusti Garcia, Cartas al Director. Los porteros piden, in: ebd., 31.7.1965; Television, La
increible competencia, in: ABC, 20.11.1966; Dam ian Carrillero, Cartas al Director, in:
Blanco y Negro, 22.4.1967; Se estudie el nuevo horario comercial, in: ABC, 4.10.1968; Anto­
nio Hidalgo Alarcon, Cartas al Director. Jornada laboral del servicio domestico, in: Blanco
y Negro, 14.12.1968.
87 No habra, por ahora, nuevo horario comercial, in: ABC, 20.6.1968; Desmentido al rumor
sobre nuevo horario comercial, in: ebd., 7.9.1969.
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ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
Lebensrhythmus auf dem Land feststellen. Dort habe die »rasende Bewegung des
Motorrads oder des Autos noch nicht den schläfrigen und gelassenen Trott des
Esels verdrängt«^ Die Landflucht und die Prozesse der Urbanisierung und Mo­
torisierung, die die spanische Gesellschaft in den Nachkriegsjahrzehnten grund­
legend veränderten, erschienen in dieser Perspektive als Teil einer Geschichte des
Verlusts intensiv erlebter Zeit, als Abschied von Stille und Besinnung.
Es ist bezeichnend, dass die Kritik nicht nur von vermeintlich traditionel­
len Zirkeln im Umkreis etwa der katholischen Kirche vertreten wurde, son­
dern auch von Gegnern der Diktatur.89 Eine Anklage der vermeintlich leeren
Beschleunigung des großstädtischen Lebens und eine Feier mythischer, zeitent­
hobener Orte in der Stadt finden sich sowohl in Reportagen des dem Regime
nahe stehenden Literaten Agustln de Foxa (1906-1959) in den 1950er Jahren
wie auch in Essays des kritischen Schriftstellers Francisco Umbral (1932-2007)
in den 1970er und 1980er Jahren®o In einer längerfristigen Perspektive lässt
sich an diesen Schriften ein erstaunlicher Positionswechsel feststellen. Waren
»Fortschritt« und das Projekt der Europäisierung in den 1930er Jahren noch
eindeutig mit dem politischen Republikanismus sowie der sozialistischen Lin­
ken identifiziert worden, so verfocht nun gerade die Rechtsdiktatur gegen W i­
derstände in der Bevölkerung eine Gesellschafts- und Zeitreform im Zeichen
des europäischen Fortschritts. Demgegenüber wandelte sich die Verteidigung
von Tradition, traditionellen Zeitrhythmen und der Eigenlogik von ländlichen
Zeitabläufen, ehemals ein der nationalen Rechten zugeschriebener Programm­
punkt, immer mehr zu einem herrschaftskritischen Projekt, das politisch zwar
nicht eindeutig zugeordnet, aber zunehmend auch mit der anti-franquistischen
Opposition in Verbindung gebracht werden konnte.

V. Schluss: Zeit der D iktatur und D iktatur der Zeit

Nicht nur die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts, auch der autoritäre
Staat Francos betrachtete Zeit als eine wichtige gesellschaftliche Ressource,
deren Einsatz kontrolliert und deren Ertrag optimiert werden musste. Die
Diktatur versuchte aktiv die öffentliche Zeitgestaltung wie auch den privaten
Zeitgebrauch im Sinne größerer Rationalität und Effizienz zu verändern. Beein-

88 Prisa en esto, prisa en lo otro ..., in: La Vanguardia Espanola, 19.2.1960; Las »Baby-Sitter«
llegan a Italia, in: Blanco y Negro, 11.4.1964; Andre Maurois, Aprenda a descansar, in: Ya,
9.4.1961; Andre Maurois, No trate de ir demasiado aprisa, in: ebd., 29.4.1961; Pedro Ber-
nardo, Un pueblo intacto, in: Blanco y Negro, 9.10.1965.
89 Jose del Rio Sainz, La fuga del campo y el tiempo, in: La Vanguardia Espanola, 5.3.1955.
Ähnlich: Trifon Aicua, Porque tantos matrim onios fracasan, in: La Fam ilia Cristiana, Juli
1961; Alfredo Merino, Domingo es siempre domingo, in: ebd., August 1961.
90 Agustin de Foxa, Madrid Aldea, in: ABC, 30.5.1954; Francisco Umbral, Teoria de Madrid,
Madrid 1981.
flusst durch Appelle der Großindustrie und von Wirtschaftsexperten machte
sich die franquistische Führungsclique in den 1950er Jahren die weitreichende
Zukunftsvision einer modernen, rationalen Gesellschaft zu eigen. Die spani­
sche Gesellschaft sollte auf einen gemeinsamen, rational entwickelten Rhyth­
mus eingeschworen werden, der das Land und seine Bewohner produktiver,
gesünder, zufriedener und erfolgreicher und dadurch auch »europäischer« ma­
chen sollte. Die Zeitreformen der frühen 1960er Jahren stellten als Versuch einer
umfassenden und plötzlichen Synchronisation kollektiver wie individueller Zeit
den Höhepunkt, aber gleichzeitig auch den Wendepunkt einer neuen Gesell­
schaftspolitik im Zeichen von Rationalität und Effizienz dar.
Anders als es das Konzept autoritärer Herrschaft in der Nachfolge von Linz
nahelegt, war die Gesellschaftspolitik des Regimes seit den 1950er Jahren kei­
neswegs ausschließlich auf die Verteidigung einer vormodernen politischen
Herrschaftsordnung gerichtet. Das Franco-Regime verfolgte ab 1957 nicht nur
eine ökonomische Modernisierung, sondern auch das Projekt einer gesell­
schaftlichen Modernisierung, in der westlich-demokratische Vorbilder unter
autoritären Vorzeichen angeeignet wurden. In diesem Punkt lassen sich deut­
liche Ähnlichkeiten zu anderen diktatorischen Gesellschaftsreformprojekten
des 20. Jahrhunderts erkennen, die sich gerade von einer Verschmelzung kol­
lektiver und individueller Zeit eine bessere Gesellschaft versprachen. Das Bei­
spiel der Franco-Diktatur zeigt, dass diese Projekte keineswegs nur auf die klas­
sischen totalitären Regime beschränkt waren, sondern als Politik autoritärer
Modernisierung verstanden werden müssen. Der von Linz eingeführte Begriff
des »begrenzten Utopismus« erscheint in diesem Kontext irreführend, da es die
utopische Aufladung des Projekts mit einer grundlegenden Rationalisierung
von Gesellschaft verkennt und die politischen und sozialen Energien, die dieses
Projekt beförderten und die es weckte, unterschätzt. Dass diese Energien poli­
tisch keineswegs eindeutig waren und sich politisch sehr unterschiedlich auf­
laden ließen, widerspricht dieser Einsicht nicht.
Auch die These, Franco und seine Mitstreiter hätten es allein auf eine politi­
sche Demobilisierung der Bevölkerung abgesehen, trifft nur bedingt zu. Sicher­
lich wollte das Regime keine unmittelbare politische Partizipation der Bürgerin­
nen und Bürger und unterdrückte jegliche politische Opposition entschlossen
und brutal. Doch unternahm es deutliche Anstrengungen, die Spanier zu einer
aktiven Teilnahme an dem Projekt einer Rationalisierung der Lebensführung zu
bewegen. Gleichzeitig darf die Unterstützung nicht unterschätzt werden, die die
Zeitreformen in bestimmten sozialen und politischen Milieus erhielten. In der
Unterstützung spielten auch populärkulturelle Bilder beschleunigten, erfüllten
Lebens eine wichtige Rolle, die über Ländergrenzen hinweg zirkulierten und als
Verheißung eines besseren Lebens gelesen werden konnten.
Ähnlichkeiten wies der franquistische Staat in seiner Zeitpolitik nicht nur
mit den totalitären Diktaturen, sondern auch mit kolonialen und postkolonia­
len Gesellschaften auf, in denen zunächst die kolonialen Machthaber, später
dann die postkolonialen Eliten durch eine forcierte »Europäisierung« von Zeit,
durch die Einführung von Zeitdisziplin und Pünktlichkeit, einen zivilisatorischen
Fortschritt erreichen und eine in temporalen Kategorien gedachte »Rückständig­
keit« beseitigen wollten. Mit diesen politischen Führern teilten die Franco-Eliten
den Glauben an die unbegrenzten Möglichkeiten einer rationalen Umgestaltung
gesellschaftlicher Zeit, aber auch die Verbindung von ökonomischen Kalkülen
einer Produktivitätssteigerung mit bürgerlich-sozialreformerischen Positionen,
die sich von der Einführung eines rationalen Zeit- und Lebensrhythmus eine He­
bung öffentlicher Moralität versprachen. In diesem Sinne nahmen die franquis-
tischen Eliten die Rolle von Kolonisatoren des eigenen Landes ein. Anders als
in den Kolonialgesellschaften des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war die Im ­
plementierung einer einheitlichen Standardzeit im Franquismus allerdings kein
herausragendes Thema mehr. Es ging nicht länger um die durch Uhren sym­
bolisierte Durchsetzung einer abstrakten, »leeren« Zeit und auch nicht primär
um die Zurückdrängung alternativer, lokaler oder milieugebundener Zeitord­
nungen. Und es ging auch nicht in erster Linie um die Gewöhnung der Spanier
an einen industriellen Lebensrhythmus, auch wenn die massive Landflucht die
neuen Stadtbewohner auch zu einer Umstellung ihrer Zeitgestaltung zwang. Viel­
mehr beabsichtigten die Reformen vor allem eine möglichst weitreichende, durch
wissenschaftliche Expertisen unterstützte Optimierung und Synchronisation
kollektiver und individueller Zeitabläufe.
Die Problemlagen, denen sich die Zeitreformer gegenübersahen, waren dieje­
nigen einer fortgeschrittenen Industriegesellschaft mit einer Vielzahl differen­
zierter Zeitrhythmen in unterschiedlichen Gesellschaftsfeldern. Die Zeitpolitik
des Franco-Regimes reagierte auf Probleme und Herausforderungen, mit denen
auch demokratische Staaten nach 1945 konfrontiert waren. Dazu zählten ein ex­
plosives Städtewachstum, ein Wandel in der Organisation industrieller Arbeit,
der Durchbruch zu einer Massenkonsum- und Mediengesellschaft und die mit
ihnen einhergehenden neuen Möglichkeiten der Gestaltung freier Zeit. Die ein­
zelnen Wandlungsprozesse legten gerade im urbanen Raum eine neue politische
Steuerung von Zeitabläufen nahe, etwa im Bereich des Nah- und Fernverkehrs,
des Konsums, später dann auch im Bereich der staatlichen Medien. In dieser Hin­
sicht lassen sich deutliche Ähnlichkeiten zwischen den franquistischen Debatten
und den zur gleichen Zeit diskutierten politischen Regelungen in demokratischen
Staaten vermuten. Das Spezifikum der spanischen Politik bestand dabei weniger
in den Gegenständen der Regulierung als in der umfassenden, radikalen Zugriffs­
absicht und dem Gefühl der Dringlichkeit, mit der die Neugestaltung von Zeit
für etwa ein Jahrzehnt betrieben wurde. Die franquistischen Planer wollten Spa­
nien gleichsam über Nacht in eine Zukunft katapultieren, die sie in den demo­
kratischen Nachbarländern bereits zu einem großen Teil verwirklicht sahen. An­
gesichts dieser Befunde werden die Frage des Austausches zwischen den Staaten
und die Rolle transnationaler Experten - der erste Stichwortgeber der Reformen
im Jahr 1953 war bezeichnenderweise ein amerikanischer Ökonom - in Zukunft
noch genauer zu bestimmen sein. Doch kann schon jetzt gefolgert werden, dass
eine vergleichende Untersuchung von Zeitreformen die spanische Entwicklung
nach 1945 näher an parallele Prozesse in westlichen Demokratien heranrückt, als
dies bisherige Definitionen des Autoritarismus getan haben. Die Befunde lassen es
lohnend erscheinen, die spanische Entwicklung unter dem Franquismus auf neue
Weise als einen alternativen, autoritären Pfad einer gemeinsamen europäischen
Nachkriegsgeschichte in den Blick zu nehmen und das Regime nicht länger als
eine anachronistische Herrschaftsordnung historisch zu exotisieren.
Im Rahmen einer politischen Geschichte der Zeit lassen sich anhand der
franquistischen Zeitreformen die Probleme politischer Zeitgestaltung in dif­
ferenzierten Industriegesellschaften erkennen. Die Implementierungsversuche
machten die unterschiedlichen, in der Alltagspraxis fein austarierten gesell­
schaftlichen Zeitarrangements und Zeitlogiken sichtbar, deren Bedeutung und
Beharrungsvermögen die Zeitplaner maßlos unterschätzt hatten. Die Reform­
politik deckte die Schwächen der Diktatur schonungslos auf, die sich als kaum
in der Lage erwies, zentral gefasste Beschlüsse in eine kohärente Praxis zu über­
führen. Allerdings blieb die Politik des Regimes und der mit ihm verbundenen
Expertengruppen nicht folgenlos. Sie bildeten vielmehr einen neuen Ausgangs­
punkt einer breit geführten Debatte über die Rückständigkeit, Modernisierung
und Europäisierung Spaniens und des spanischen Lebens, die bis in die Gegen­
wart reicht und in der W irtschaftskrise seit 2008 neue Aktualität gewonnen
hat.91 Die einzelnen Elemente der Debatte zeigen eine erstaunliche Beständig­
keit über die Jahrzehnte hinweg und werfen die Frage nach bisher wenig thema­
tisierten Kontinuitäten der spanischen Geschichte über die tiefgreifende politi­
sche Zäsur der Demokratiegründung Mitte der 1970er Jahre auf.
Schließlich weisen die franquistischen Zeitreformen auf einen allgemeinen
Umbruch der Betrachtungsweisen von gesellschaftlicher Zeit hin. In der Ab­
wehr der Regimepolitik gerieten allmählich die grundlegenden Ziele einer Syn­
chronisation und Rationalisierung von Zeit in die Kritik. Seit den 1960er Jahren
verlief die Frontstellung nicht mehr nur zwischen den Verteidigern traditionaler
und Verfechtern »moderner« und vermeintlich rationaler Zeitkulturen, sondern
immer mehr auch zwischen Rationalisierern und Verfechtern einer gesellschaft­
lichen Entschleunigung, die nun als ein neuer Wert in den Debatten entwickelt
wurde. Die 1960er Jahre erweisen sich zumindest im spanischen Fall damit
nicht nur als Jahrzehnt von Beschleunigungsverheißungen, sondern auch als
Ausgangspunkt einer neuen Beschleunigungskritik, die immer auch eine Herr­
schaftskritik beinhaltete. Die Opposition gegen die Franco-Diktatur entzündete
sich in den 1960er Jahren nicht nur an der Klassenpolitik und Repressivität des
Regimes, seiner politischen Korruption und Borniertheit, sondern auch an seiner
autoritären Modernisierungspolitik im Zeichen von Rationalität und Effizienz.

91 Siehe Jose Luis Barberia, El debate horario, in: El Pais, 14.12.2014; Raquel Vidales, En
Espana, siempre con »jet lag«, in: ebd., 26.9.2013; Spain, Land o f 10 P. M. Dinners, Asks if It’s
Tim e to Reset Clock, in: New York Times, 21.2.2014; Spain Considers Tim e Zone Change to
Boost Productivity, in: BBC News, 27.9.2013; Adios, siesta? Spain Considers Ending Franco’s
Change to W orking Hours, in: The Guardian, 26.9.2013.
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
Alexander C. T. Geppert

Die Zeit des Weltraumzeitalters, 1942-1972*

Abstract: T h ro u g h th e tw e n tie th cen tu ry , th e c o n tin u a l ex p lo ratio n o f outer


sp ace an d its im a g in a r y co lo n iz a tio n in scie n ce an d fic tio n has led to a n ew u n -
d erstan d in g o f th e sp a ce -tim e c o n tin u u m . W h ile th e p h y sical sp ace su rro u n -
d ing p la n e t E a rth w as co n ce p tu a liz e d ever m o re precisely, th e e n co u n te r w ith
th e im m e n sity o f tim e has p rov oked less re so n a n ce . T h is a rticle an alyzes th e
te m p o ra l d im e n sio n o f th e A ge o f Space in th re e step s. F irst, it ju x ta p o s e s va-
rio u s ways o f co n ce p tu a liz in g th e s o -c a lle d Space A ge as a s ig n ific a n t p e rio d in
h u m a n h isto ry. S e co n d , it e x a m in e s ord ers o f tim e in h e re n t in W e st-E u ro p e a n
sp ace th o u g h t, in p a rtic u la r th e w idespread ap p eal o f tim e d ila ta tio n as see n in
E u g en S än g e r’s p o p u lar 1950s p h o to n ro c k e t s ce n a rio . T h ird , it c h a rts th e e x p e ­
rie n ce o f tim e o n b o a rd sp acesh ip s, as d etailed in a stro n a u ts’ au tob io grap h ies.
T h is a rticle argues th a t th e ap p eal o f th e Space A ge lay n o t o n ly in th e p ro m ise
o f co n tin u e d p h y sical e x p a n sio n b u t also in th e to ta l c o n tro l over th e fo u r th d i­
m e n sio n en v isio n ed fo r th e fu tu re.

L’astronautique nous fait prendre m agistrale­


m ent conscience de »l’espace-temps«.
A lbert Ducrocq, 19611

A m 26. F e b ru ar 1958 k a m e n in der n ie d e rsä ch sisch e n P ro v in z W iss e n s c h a ft­


ler, P o litik e r u n d D ip lo m ate n zu sa m m e n , u m in der E v an g elisch en A k a d e ­
m ie in L o cc u m v ie r Tage lan g ü ber ein ak tu elles T h e m a v o n w eltan sch au lich er

* Dank gebührt den Mitgliedern der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten
Emmy Noether-Forschergruppe »Die Zukunft in den Sternen: Europäischer Astrofuturismus
und außerirdisches Leben im 20. Jahrhundert« am Friedrich-M einecke-Institut der Freien
Universität Berlin: Daniel Brandau, Jana Bruggmann, Ruth Haake, Tom Reichard, Tilm ann
Siebeneichner, Magdalena Stotter sowie - und in diesem Fall ganz besonders - Katja Rippert.
Für K ritik und Kommentare bin ich zudem Thore Bjornvig, R alf Bülow, Paul E. Ceruzzi, Colin
A. Fries, Till Kössler, Michael J. Neufeld und Anna Kathryn Kendrick zu Dank verpflichtet.
Der Aufsatz wurde während eines einjährigen Forschungsaufenthaltes als Alfred V. Verville
Fellow am Smithsonian National Air and Space Museum in Washington, DC abgeschlossen
und ist Teil einer größeren Studie zur Kulturgeschichte des westeuropäischen Space Age.
1 Albert Ducrocq, L’homme dans l’espace. Les engins spatiaux de seconde generation, Paris
1961, S. 254 (dt.: Der Mensch im Weltall. Die zweite Entwicklungsstufe der Raumflugkörper,
Reinbek 1963, S. 209: »Die Astronautik drängt unserem [...] Bewußtsein die überragende Be­
deutung der >Weltraum-Zeit< auf.«).
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
wie geopolitischer Brisanz zu verhandeln. Zum »Platzen substanzreich« sei die
Konferenz gewesen, befand das Sonntagsblatt später, obwohl sie einer Sache galt,
die es noch nicht gab: den »Menschen im Weltraum«. Unter den etwa 130 Teil­
nehmerinnen und Teilnehmern fanden sich nicht nur Theologen, darunter der
Hannoveraner Landesbischof Hanns Lilje (1899-1977), sondern auch führende
Raketen- und Weltraumexperten aus dem In- und Ausland. Einer der Red­
ner, Andrew G. Haley (1904-1966), war Präsident der International Astronau-
tical Federation (IAF) und stand damit derjenigen Organisation vor, zu der sich
Aktivisten und Enthusiasten der jungen Weltraumbewegung - die sogenann­
ten space person ae - auf Betreiben der verschiedenen nationalen Amateur- und
Lobbygruppen zusammengeschlossen hatten.2 Fünf Monate zuvor, am 4. Okto­
ber 1957, hatte die Sowjetunion den ersten künstlichen Satelliten, Sputnik I, drei
Monate lang im Erdorbit stationiert. Vier Monate später, am 31. Januar 1958,
waren die Vereinigten Staaten mit Explorer I nachgezogen. Beide Großmächte
hatten einen entsprechenden Start als Teil des Internationalen Geophysikali­
schen Jahres zuvor angekündigt. »Das planetarische Zeitalter hat begonnen«,
verkündete die Frankfurter A llgem eine Zeitung, und auch D ie Welt befand, dass
durch den sowjetischen Erdsatelliten eine »neue Epoche der Menschheit« ein­
geleitet worden sei.3 Nur wenige Monate später setzte es sich die Loccumer Kon­
ferenz zum Ziel, die hereinbrechende Zeit in all ihren gesellschaftspolitischen
Implikationen zu reflektieren. Im Vordergrund stehe nicht die neue Technik,
sondern die »Frage nach dem Menschen«, erklärte das Tagungsprogramm:

Der Flug in den Weltraum [wird] für alle Menschen auf der Erde eine tiefgreifende
Veränderung bedeuten [...], auch wenn vielleicht nur wenige eine solche Reise mit­
machen werden. Die Auseinandersetzung mit dem Problem ist notwendig, da diese
Phase des technischen Zeitalters in ethische und religiöse Bereiche hineingreift. Die
Möglichkeit eines Vordringens in den Weltraum kann den geistigen Standort des
Menschen in erheblichem Maße verschieben. In dieser Richtung können die Verän­
derungen sogar größer sein als vom Sachlichen her.4

Offenkundig erwartete man, dass die kulturellen Rückwirkungen der Raum­


fahrt den Zuwachs an technisch-naturwissenschaftlichem Wissen bei weitem
übersteigen würden.
Unter den zehn Vorträgen ragten zwei heraus und führten zu einem hand­
festen Streit. Dieser sorgte dafür, dass die Tagung in der umfangreichen Presse­

2 Wolfgang Berkefeld, Die Zeit ist nicht leer, in: Sonntagsblatt, 9.3.1958, S. 7. Zum Begriff:
Alexander C. T. Geppert, Space P ersonae. Cosmopolitan Networks o f Peripheral Knowledge,
1927-1957, in: Journal o f Modern European History 6. 2008, S. 262-286, hier S. 281 f.
3 Das planetarische Zeitalter hat begonnen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung [im Folgen­
den FAZ], 7.10.1957, S. 1; Der Erdsatellit erregt die Welt, in: Die Welt, 7.10.1957, S. 1.
4 Landeskirchliches Archiv Hannover [im Folgenden LkAH], E 46, Nr. 185; Tagungspro­
gramm zitiert nach Werner Schulz, Der M ensch im Weltraum. Bericht über eine Tagung der
Evangelischen Akademie Loccum, in: Zeitschrift für Flugwissenschaften 6. 1958, S. 117-123,
hier S. 117.
berichterstattung einhellig als »aufsehenerregend« beschrieben wurde.5 Der In­
genieur und führende Vertreter der westdeutschen Raumfahrt Eugen Sänger
(1905-1964), zu diesem Zeitpunkt Direktor des Forschungsinstituts für Physik
der Strahlantriebe in Stuttgart, pries die »Weltraumfahrt« als Schlüsseltechno­
logie der Zukunft, skizzierte, wie mit ihrer Hilfe der Krieg überwunden und der
Weltfrieden gesichert werde, und kündigte für das Jahr 1980 die erste bemannte
Raumstation im Erdorbit an.6 Solchen optimistischen Prognosen widersprach
einer der anwesenden scientific celebrities, der Physiker, Nobelpreisträger und
Mitunterzeichner der Göttinger Erklärung Max Born (1882-1970), mit einer der­
artigen Schärfe, dass er sich später zum Verfassen von Entschuldigungsschreiben
veranlasst sah. Born warnte vehement vor einer »ungehemmten Fortschritts­
jagd« und brandmarkte die Weltraumeroberung als »extravaganten Luxus«. Die
Raumfahrt rechtfertige nicht die erforderlichen hohen Kosten: »Ich gehöre zu der
Generation, die noch zwischen Verstand und Vernunft unterscheidet. Von die­
sem Standpunkt aus ist die Raumfahrt ein Triumph des Verstandes, aber ein tra­
gisches Versagen der Vernunft«, lautete der noch Jahre später zitierte Kernsatz
der »Raumfahrt und Zeitbegriff« betitelten Philippika Borns.7

5 Aus den etwa zwei Dutzend Tagungsberichten siehe nur: Adalbert Bärwolf, Was wollen wir
eigentlich im Weltraum?, in: Die Welt, 4.3.1958, S. 3 f.; Erste bemannte Raumstation 1980,
in: FAZ, 1.3.1958, S. 4; Kurz vor oder kurz nach Zwölf?, in: Die Zeit, 6.3.1958, S. 3; Hermann
Laupsien, W eltraum fahrt zwischen Tat und Furcht, in: Handelsblatt, 5.3.1958; Alexander
von Cube, Versagt im Weltraum die Vernunft?, in: Vorwärts, 23.5.1958, S. 19; zahlreiche
weitere Berichte in LkAH, E 46, Nr. 185. Im Juni 1959 organisierte die Loccumer Akademie
eine Nachfolgetagung zum Them a »Mensch - Atom - Rakete«. Eine Auswahl überarbeiteter
Vorträge erschien Ende 1959 unter dem Titel »Der Weltenraum in Menschenhand« (Stutt­
gart 1959) und wurde von dem langjährigen Akademieleiter Hans Bolewski (1912-2003) ge­
meinsam mit dem Ingenieur, Raketentechniker und Ex-»Peenemünder« Helmut Gröttrup
(1916-1981) herausgegeben.
6 An anderer Stelle (etwa ders., Die Zukunft der Raumfahrt, in: FAZ, 24.11.1956, S. BuZ1) gab
Sänger zu Protokoll, dass man bereits »kurz nach 1970« mit den ersten kleinen bemannten
Raumstationen zu rechnen habe, was sich in der Rückschau bestätigt (Saljut 1, 19.4.-11.10.1971).
Als Überblick zur Raumfahrtwissenschaft in der BRD: Helmuth Trischler, Die bundesdeut­
sche Raumfahrt der 60er Jahre. Forschungs- und technologiepolitische Weichenstellungen, in:
Johannes Weyer (Hg.), Technische Visionen - politische Kompromisse. Geschichte und Per­
spektiven der deutschen Raumfahrt, Berlin 1993, S. 59-72, hier S. 60 f., sowie Niklas Reinke,
Geschichte der deutschen Raum fahrtpolitik. Konzepte, Einflußfaktoren und Interdependen­
zen, 1923-2002, München 2004, S. 4 8 -5 4 .
7 M ax Born, Der Sinn der W eltraumfahrt, in: Physikalische Blätter 14. 1958, S. 238; LkAH, E
46, Nr. 185, Born an Bolewski, 5.3.1958: »Es tut m ir leid, daß ich gezwungen war, so etwas
wie ein Enfant terrible zu spielen und einen scharfen Ton in die Debatte zu bringen. Aber Sie
werden verstanden haben, daß ich das nicht aus Bosheit tat, sondern von meinem Gewissen
gestachelt [sic].« Ders., Ein Besuch bei den Raum fahrern und das Uhrenparadoxon, in: Phy­
sikalische Blätter 14. 1958, S. 207-212; ders., Vom Segen und Unsegen der W eltraum fahrt
[Vortrag im Hessischen Rundfunk, 1960], in: ders., Von der Verantwortung des Naturwis­
senschaftlers. Gesammelte Vorträge, München 1965, S. 131-139, hier S. 134.
In einem Punkt waren sich die Antagonisten indes einig: ihrem Interesse
an der Weltraumzeit, insbesondere dem sogenannten Uhren- oder Zwillings­
paradoxon. Heute für gewöhnlich unter dem Begriff der »Zeitdilatation« disku­
tiert, besagt dieses zum ersten Mal 1905 in Einsteins spezieller Relativitätstheo­
rie formulierte Paradoxon, dass die Zeit mit zunehmender Geschwindigkeit
langsamer vergeht. So könnten noch viele Lichtjahre entfernte Sterne inner­
halb der Lebenszeit eines Menschen erreicht werden, wenn sich das Raumschiff
mit entsprechend hoher Geschwindigkeit bewegt. Da die Zeit an Bord im Ver­
hältnis zur Zeit auf der Erde langsamer verstreicht, würden Weltraumreisende
bei ihrer Rückkehr auf deutlich später Geborene stoßen. Diese »scheinbar ver­
rückteste, schier unvorstellbare Konsequenz« der Relativitätstheorie, kommen­
tierte der Spiegel nach der Loccumer Tagung verblüfft, würde es »der Mensch­
heit gestatten, den anscheinend unabänderlichen ehernen Ablauf der Zeit zu
durchbrechen«.8
»Zeit«, »Zeitalter«, »Zukunft«, »Zeitbegriff«, »Zeitdilatation«: Unterschied­
liche Begriffe, Formen und Vorstellungen von Temporalität spielten eine zen­
trale Rolle in der nicht erst Ende der 1950er Jahre, sondern bereits in der Zwi­
schenkriegszeit einsetzenden, von Beginn an transnationalen und zusehends
breitenwirksamer geführten Diskussion um die fortschreitende Erschließung
des Weltraums und seiner imaginären Kolonialisierung in Science und Fic-
tion.9 Zu einem Zeitpunkt, an dem nach konventioneller Lesart das sogenannte
Space Age gerade erst eingesetzt hatte, waren die Debatten um seine Deutung
längst im G ange/0 Wie sich angesichts des bevorstehenden Ausgreifens in den

8 Albert Einstein, Zur Elektrodynam ik bewegter Körper, in: Annalen der Physik 322. 1905,
S. 891-921; Die letzte Reise, in: Der Spiegel 26.3.1958, S. 5 4 -5 6 , hier S. 54. Eine vom U. S.
Naval Research Laboratory veröffentlichte Bibliographie listete 1959 bereits über 240 Ver­
öffentlichungen ausschließlich zu diesem Problem; siehe Mildred Catherine Benton (Hg.),
The Clock Problem (Clock Paradox) in Relativity. Theories, Both Pro and Con, Recorded in
the Literature. An Annotated Bibliography, Washington, DC 1959. M itunter wird das U h­
renparadoxon auch als »Zeitparadoxon« oder »space-time-dilemma« bezeichnet; Kenneth
F. Gantz (Hg.), M an in Space. Principles and Practice o f Space Flight as Developed by the
United States Air Force, London 1959, S. 277.
9 Geppert, Space P ersonae; Michael J. Neufeld, Weimar Culture and Futuristic Technology.
The Rocketry and Spaceflight Fad in Germany, 1923-1933, in: Technology and Culture
31. 1990, S. 725-752.
10 Etwa W illiam E. Burrows, This New Ocean. The Story of the First Space Age, New York
1998. Selbst ein Produkt des Kalten Krieges, hat sich die sogenannte Space History erst in
den letzten Jahren sozial- und kulturhistorischen Fragestellungen gegenüber geöffnet, dabei
ihre stark bipolare Ausrichtung indes weitgehend beibehalten. Ein aktueller Forschungs­
bericht, der sowohl nicht-am erikanische als auch nicht-sowjetische Perspektiven berück­
sichtigen und systematisch die Bedeutung der Weltraumgeschichte für die Wissens-, Kul­
tur- und Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhundert herausarbeiten würde, existiert nicht;
siehe aber Roger D. Launius, The Historical Dim ension o f Space Exploration. Reflections
and Possibilities, in: Space Policy 16. 2000, S. 2 3 -3 8 , und A sif A. Siddiqi, American Space
History. Legacies, Questions, and Opportunities for Future Research, in: Steven J. D ick u.
W e ltra u m F rag en n a c h Z e itlich k e it a u f ra d ik a le W eise neu stellten , w ar e in en t­
sch eid en d es E rk e n n tn isin te re sse der T ag u n g so rg an isato re n . N a tü rlich m ach e
er sich G e d a n k e n über die » Z u k u n ft b e z ü g lich der E rsc h lie ß u n g des W e ltra u ­
m es u n d die fü r un s M e n sch e n a u f u n se re r k le in e n E rde en tsteh e n d en K o n s e ­
qu en zen «, h atte M itin itia to r P rin z W e lf H e in rich v o n H an n o v er (1 9 2 3 -1 9 9 7 ),
p ro m o v ie rte r Ju ris t und E n k el W ilh e lm s II., im V orfeld fo rm u lie rt. Z u e rw ar­
te n steh e »die A u ß e rk ra fts e tz u n g ein er Fü lle von M a ß s tä b e n u n d G ru n d lag e n
u n seres m e n sc h lic h e n D a se in s, u n serer R e c h tsb e g riffe , u n serer s ittlic h e n N o r­
m en , n ic h t zu letzt au ch u n seres re lig iö se n G lau b en s« - un d zu d iesen G ru n d ­
lagen zäh lte eb en au ch »die Frage der v e rsch ie d e n en Z e ite n von der W elt un d in
der R a k ete « .11
A us der u m g e k eh rte n , n ic h t w eltrau m -, so n d e rn z e ith is to risc h e n P ersp ek­
tive fü h r t der V ersu ch , » R a u m fa h rt u n d Z e itb e g riff« zu e in an d e r in B ezieh u n g
zu setzen , d irek t in s Z e n tru m ein er b isla n g u n g e sch rie b e n e n Z e it-G e sc h ich te
des 20. Ja h rh u n d e rts. In sb e so n d ere R e in h a r t K o se lleck h at im m e r w ieder d a r­
a u f h in g ew iesen , dass v o n der Z eit v o rn e h m lic h in M e ta p h e rn g esp ro ch e n w ird ,
w elche der rä u m lic h e n V o rstellu n g e n tle h n t sin d . D as V erg eh en der Z e it ist b e ­
k a n n tlic h n ic h t d irek t, so n d e rn n u r re la tio n a l zu e rfa h re n un d k a n n le d ig lich
a n der P o sitio n sv e rä n d e ru n g ein es sich im R au m bew egen d en G eg en stan d es
abgelesen w e rd e n .^ Im W e ltra u m z eita lter v e rsc h rä n k te n sich R a u m - u n d Z e it­
d en k en wie n ie m a ls zuvor, galt es d o ch , E n tfe rn u n g e n gan z n e u en A u sm aß es
u n d rä u m lic h e A u sd eh n u n g en b isla n g u n b e k a n n te r D im e n sio n e n zu b ed en k en .
W e n n das A rg u m e n t z u tr ifft, d ass ird isch e R au m v o rstellu n g en v o m im a g in ie r-
te n , aber au ch fa k tis c h e rfo lg te n A u sg reifen in d en die W elt u m g eb en d en R au m

Roger D. Launius (Hg.), Critical Issues in the History o f Spaceflight, Washington, DC 2006,
S. 4 3 3 -4 8 0 . Historiographisch-theoretisch am avanciertesten innerhalb dieses Feldes sind
die Arbeiten von M artin Collins, etwa ders., Afterword. Comm unity and Explanation in
Space History (?) [sic], in: Dick, Critical Issues, S. 603-613; ders., Production and Culture
Together. Space History and the Problem of Periodization in the Postwar Era, in: Steven
J. Dick u. Roger D. Launius (Hg.), Societal Im pact of Spaceflight, Washington, DC 2007,
S. 615 -6 2 9 ; sowie ders., The 1970s. Spaceflight and Historically Interpreting the In-bet-
ween Decade, in: Alexander C. T. Geppert (Hg.), Lim iting Outer Space. Astroculture After
Apollo, London [2016]. Jüngst Peter Dickens u. James S. Orm rod, The Production of Outer
Space, in: dies. (Hg.), The Palgrave Handbook o f Society, Culture and Outer Space, London
[2016]. Siehe auch Alexander C. T. Geppert, European Astrofuturism, Cosm ic Provincia-
lism. Historicizing the Space Age, in: ders. (Hg.), Im agining Outer Space. European Astro-
culture in the Twentieth Century, Basingstoke 2012, S. 3-24.
11 LkAH, E 46, Nr. 185, Prinz W elf Heinrich von Hannover an Uta von Kardoff, 5.7.1957. W elf
Heinrich hatte 1953 mit einer »Luftrecht und Weltraum« betitelten Arbeit an der Georg­
August-Universität in Göttingen zum Dr. jur. promoviert, der weltweiten ersten Disserta­
tion zum W eltraumrecht überhaupt.
12 Etwa Reinhart Koselleck, Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt 2000, S. 9; Norbert
Elias, Über die Zeit, Frankfurt 1984, S. 12 u. S. 74. Siehe auch Peter Hüttenberger, Zeit als
Kategorie historischen Denkens und der historischen Darstellung, in: Bernd Mütter u. Sieg­
fried Quandt (Hg.), Historie - D idaktik - Kom munikation. W issenschaftsgeschichte und
aktuelle Herausforderungen, M arburg 1988, S. 81-96, hier S. 87.
gep rägt w u rd en - v on C h risto p h A s e n d o rf m it C a rl S ch m itt als »R au m rev o lu ­
tion « b e z e ic h n e t - lie g t es n a h e, n a ch s o lch e n Q u erv erb in d u n g en , R ü ck b ezü g en
und W e ch se lw irk u n g e n z w isch en W e ltra u m - und Z e itd e n k e n zu frag en . D a die
R e ch n u n g , die je d e r K alen d er und je d e U h rz e it d arstellt, a u f der B eo b a c h tu n g
v o n re g elm ä ß ig e n B ew eg u n g en der H im m e lsk ö rp e r b a s ie rt, ist le tz tlich alle
ird isch e Z e it o h n e h in eine A rt v on »W eltrau m zeit«.!3
D er vorliegen d e A u fsatz geh t in d rei, c h ro n o lo g isc h au fein an d erfo lg en d en
S c h ritte n vor, u m eine solch e P ro b le m ste llu n g b u c h stä b lic h k o sm isch e r D im e n ­
sio n e n o p e ra tio n a lisie rb a r zu m a c h e n und W e ltra u m - in Z e it-G e sc h ich te des
20. Jah rh u n d e rts e in z u sch re ib e n . D ie erste der gew äh lten P ersp ek tiv en ist ein
k la ssisc h b e g riffs h isto risc h e r Z u gan g , m it d em zu g leich die Frage n a ch d en k b a ­
re n P erio d isie ru n g e n v erb u n d en ist: S eit w an n g ib t es die R ed e vom Space A ge,
w ie w u rde es c h a ra k te ris ie rt u n d w an n k ö n n te e in solch es W e ltra u m z eita lter
s ta ttg e fu n d e n h ab e n ? In ein e m zw eiten S c h ritt g ilt es, die d em w esteu ro p äi­
sch e n W e ltra u m d e n k e n in h ä re n te n F o rm e n v on Z e it, Z e itlic h k e it und - vor a l­
lem - Z u k u n ftsd e n k e n n a c h z u z e ic h n e n . S eit e in ig e n Ja h re n w ird d ieser enge
K o n n e x z w isch e n W e ltra u m b eg e iste ru n g u n d der w eitv erb reiteten V o rstellu n g
ein er b e v o rste h e n d e n »Z u k u n ft in d en Stern en « un ter dem a sso z ia tio n sre ich e n
B e g r iff »A stro fu tu rism u s« d isk u tie rt, in d es n ah ezu au ssch lie ß lic h a u f die V e r­
e in ig te n S taaten b e s c h r ä n k t/4 D ritte n s und letzten s w ird , k o m p lem e n tär dazu
und im S in n e des eingan gs z itie rte n fra n z ö s isc h e n W isse n sch a ftsp o p u la risa -
to rs A lb e rt D u cro c q (1 9 2 1 -2 0 0 1 ), n a ch R ü ck w irk u n g e n der A stro n a u tik a u f
das w estlich e Z e itb e w u sstsein g e frag t, in sb eso n d e re seit B e g in n der b e m a n n te n
R a u m fa h rt a m 12. A p ril 1961. L etz te n E n d es b e stä tig t sich h ie r eine B e o b a c h ­
tu n g N o rb e rt E lia s ’: Z e it ist e in v o m M e n sch e n g e sch affen e s O rie n tie ru n g ssy s­
tem ird isch e n C h a ra k te rs. D ass d ieses je n s e its der E rd g re n ze n n ic h t fu n k tio ­
n ie rt u n d b e re its a u f d em M o n d n ic h t m e h r sin n v o ll anzu w en d en ist, stellt eine
g en u in e E rfa h ru n g des W e ltra u m z eita lters dar. »Ich h ab e gesehen, w ie die Z eit
a u f der E rd e v e rstrich « , gab A p ollo 17-A stro n au t E ugene C e rn a n (1 9 3 4 -), der
bis dato letzte M e n sch a u f d em M o n d , n a ch sein e r R ü ck k e h r im D e ze m b e r 1972

13 Christoph Asendorf, Super Constellation - Flugzeug und Raumrevolution. Die W irkung


der Luftfahrt auf Kunst und Kultur in der Moderne, W ien 1997, S. 260; Carl Schm itt, G e­
spräch über den Neuen Raum [1955], in: ders., Gespräche über die Macht und den Zugang
zum Machthaber, Berlin 1994, etwa S. 59: »Heute öffnen sich uns die unendlichen Räume
des ganzen Kosmos.«
14 Dieser B egriff ist nicht der Quellensprache entnommen, sondern wurde von dem Literatur­
w issenschaftler De W itt Douglas Kilgore Ende der 1990er Jahre in die Debatte eingeführt;
siehe ders., Engineers’ Dreams. Wernher von Braun, W illy Ley, and Astrofuturism in the
1950s, in: Canadian Review o f American Studies 27. 1997, S. 103-131, sowie ders., Astro-
futurism. Science, Race, and Visions of Utopia in Space, Philadelphia 2003. Zuvor hatten
schon andere auf den engen Konnex von Weltraum- und Zukunftsdenken auch jenseits der
Science Fiction aufmerksam gemacht, etwa Brian Horrigan, Popular Culture and Visions of
the Future in Space, 1901-2001, in: Bruce Sinclair (Hg.), New Perspectives on Technology
and American Culture, Philadelphia 1986, S. 49-67.
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
zu P ro to k o ll: » D o ch so, w ie w ir sie v ersteh en , hat Z e it un s a u f d em M o n d ü b er­
hau p t n ic h t b e r ü h r t.« !5

I. W ann war das Space Age?

O bw oh l das E in - un d U n te rte ile n v ergan gen er Z eit in u n te rsc h ie d lich e P h a ­


sen k ü rze re r od er län g erer D au er ein S ta n d a rd v e rfa h re n jed w ed en h is to ris ch e n
A rb e ite n s d arstellt, w erden S in n u n d N u tzen des P erio d isieren s selten m e ta ­
h is to ris c h re fle k tie rt. Jü rgen O ste rh a m m e l h a t P e rio d isie ru n g als eine »u n g e­
lieb te N otw en d igk eit« b e z e ic h n e t u n d ih re G e rin g sch ä tz u n g a u f e in un ter H is ­
to rik e rn n u r w enig v erb reitetem In teresse a n der Z e it zu rückgefü hrt.i® Ü b e r das
O rd n e n v ergan gen er Z e it h in au s b ie te n P e rio d isie ru n g sfra g e n in d es die C h a n ce
h is to ris ch e n E rk e n n tn isg ew in n s. Jed er P e rio d isie ru n g sen tsch e id u n g lie g t die
A n n a h m e zu g ru n d e, dass der als »Phase«, »P eriod e«, »E p o ch e« od er gar »Z eit­
alter« b e z e ic h n e te Z e ita b s c h n itt d u rch g än g ig v o n ein e m g e m e in sa m e n S tru k ­
tu rm e rk m a l c h a ra k te ris ie rt w ird , w elches ih n v o n a n d eren E in teilu n g sm ö g ­
lic h k e ite n ab h eb t u n d die zu sam m e n g e fasste Z e it zu ein er S in n e in h e it m ach t.
V erd ich ten d e Z u sch re ib u n g e n d ieser A rt k ö n n e n sow oh l h isto risch -p ro sp e k ­
tiv als au ch h is to rio g ra p h is ch -re tro sp e k tiv erfolgen. D er U m g an g m it der e rs­
te n K ateg o rie v o n P e rio d isie ru n g e n - d en je n ig e n »in der Zeit« bezieh u ng sw eise
in n e rh a lb des z u sa m m e n z u fa ssen d e n Z e itra u m s u n d d am it n o c h vor dessen
End e en tw o rfe n e n - stellt eine b eso n d e re H erau sfo rd eru n g dar, sin d so lch e n
h is to ris ch e n G e g e n w artsd iag n o se n d o ch stets A n n a h m e n über z u k ü n ftig zu
erw arten d e E n tw ick lu n g e n in h ä re n t, w elche sich in der R ü ck sch au v o llstän d ig
and ers a u sn eh m en m ög en.
D e r B e g r iff des »W e ltrau m zeitalters« bezieh u n g sw eise des »Space Age« stellt
e in e n so lch en , zeitg en ö ssisch gep räg ten N e o lo g ism u s m it ein e m b e so n d e rs g r o ­
ß e n A n te il p ro sp ek tiv er A n n a h m e n dar. S e in em an a ly tisch -g e g e n w a rtsd ia g ­
n o s tis ch e n N u tzen steh e n b e trä c h tlic h e p ro g n o stisch -p o litisc h e B ed e u tu n g s­
an teile gegenüber. Fü r eine G e sch ic h te des W e ltra u m d e n k e n s ist der B e g r iff
allen id e o lo g isch e n K o m p lik a tio n e n zu m T ro tz in d es un v erzich tbar. E in m a l

15 Elias, Über die Zeit, hier S. X X I u. S. 34; Cernan zitiert nach Frank W hite, The Overview
Effect. Space Exploration and Human Evolution, Boston 1987, S. 21 f. (dt.: Der Overview
Effekt. Die erste interdisziplinäre Auswertung von 20 Jahren W eltraum fahrt, Bern 1989,
S. 42 f.). K ritisch zum religiös-kolonialistischen Impetus dieses weltraumhistorischen K las­
sikers Thore B j 0rnvig, Outer Space Religion and the Overview Effect. A Critical Inquiry
into a Classic of the Pro-Space Movement, in: Astropolitics 11. 2013, S. 4 -2 4 .
16 Jürgen Osterhammel, Über die Periodisierung der neueren Geschichte, in: Berichte und
Abhandlungen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der W issenschaften 10. 2002,
S. 4 5 -6 4 , hier S. 4 5 -4 8 u. S. 50. Siehe aber Hans Blumenberg, Die Legitimität der Neuzeit
[1966], Frankfurt 19882, S. 531-557, demzufolge die Neuzeit das erste und einzige Zeitalter
war, das sich selbst als eine eigene Epoche begriff und zur Abgrenzung dementsprechend
andere Epochen erfand. Ausführlicher dazu die Einleitung zum vorliegenden Band.
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
handelt es sich um den weltraumhistorischen Oberbegriff schlechthin. Auf
vage, aber wirkmächtige Art und Weise bündelte er die gesamte Programma­
tik, die Mitte des 20. Jahrhunderts der unmittelbar bevorstehenden »Erobe­
rung« des Weltraums und seiner unendlichen Weiten zugeschrieben wurden,
inklusive technizistischer Zukunftsversprechungen, fantastischen Expansions­
szenarien und transzendenten Heilserwartungen. Zum anderen dient er zur
präziseren Einordnung der Geschichte des Weltraums in den größeren zeithis­
torischen Kontext des 20. Jahrhunderts, ähnlich dem »Atomzeitalter«, das sich
ebenso wenig wie das Space Age auf ein Unterkapitel des Kalten Krieges be-
schränkt. 17 Gleichwohl ist der Begriff alles andere als unproblematisch. Trotz
seiner unverkennbaren Zeitgebundenheit wird er weiterhin verwendet, nicht
nur in der Öffentlichkeit, sondern ebenfalls von Fachwissenschaftlerinnen und
-wissenschaftlern, ohne dass seine analytische Eignung jemals diskutiert oder
eine Verständigung über seine gegenwartsbezogenen, politischen und technos-
zientistischen Implikationen erzielt worden w äre/8
Was war also dieses Space Age, wann setzte es ein und wie lange dauerte
es an? Als am 4. Oktober 1957 der erste künstliche, zunächst noch namenlose
Satellit die Erde umkreiste, wurde dies gemeinhin als der Moment gewertet, an
dem das ebenso lang erwartete wie häufig prognostizierte Weltraumzeitalter
begann. »Space Age is Here« titelte der Londoner Daily Express, die N ew York
Times erklärte das Space Age für »eröffnet«, und auch der Figaro feierte das neue
»l’age de l ’astronautique«, welches das »l’age de l’aviation« abgelöst habe und
»la premiere station du voyage interplanetaire« d a rste llet »Es ist von entschei­
dender Wichtigkeit«, kommentierte die Frankfurter A llgem eine Zeitung den
Beginn des neuen Zeitalters,

17 Dazu essayistisch Harald Bluhm, Das Atomzeitalter. Varianten einer Epochenbestimmung,


in: Karsten Fischer (Hg.), Neustart des Weltlaufs? Fiktion und Faszination der Zeitwende,
Frankfurt 1999, S. 203 -224; Trischler, Bundesdeutsche Raum fahrt, S. 62.
18 Aus der politik- oder geschichtswissenschaftlichen Forschung zum Space Age im engeren
Sinne: Walter A. McDougall, Technocracy and Statecraft in the Space Age. Toward the His-
tory o f a Saltation, in: American Historical Review 87. 1982, S. 1010-1040; ders., . t h e Hea-
vens and the Earth. A Political History of the Space Age, New York 1985; David Lavery,
Late for the Sky. The M entality o f the Space Age, Carbondale 1992; Burrows, New Ocean;
Svetlana Boym, Kosmos. Remembrances o f the Future, in: Adam Bartos u. dies., Kosmos.
A Portrait o f the Russian Space Age, New York 2001, S. 8 3 -9 9 ; Roger D. Launius, H istori­
cal Dimensions of the Space Age, in: Eligar Sadeh (Hg.), Space Politics and Policy. An Evo-
lutionary Perspective, Dordrecht 2002, S. 3-25; M arina Benjam in, Rocket Dreams. How the
Space Age Shaped Our Vision o f a World Beyond, New York 2003; Steven J. D ick (Hg.), Re-
m embering the Space Age, Washington, DC 2008 (insb. der Beitrag der früheren NASA-
Chefhistorikerin Sylvia Kraemer, Has There Been a Space Age?, ebd., S. 4 0 5 -4 0 7 ); sowie
Alexander C. T. Geppert, Rethinking the Space Age. Astroculture and Technoscience, in:
History and Technology 28. 2012, S. 219-223.
19 Space Age is Here, in: Daily Express, 5.10.1957, S. 1; I. M. Levitt, Now the Space Age Opens,
in: New York Times Magazine, 13.10.1957, S. 19 u. S. 8 2 -8 4 , hier S. 19; Andre George, Une
date, in: Le Figaro, 7.10.1957, S. 1; Pierre de Latil, L’ere de l’astronautique a commence, in:
ebd. 5./6.10.1957, S. 4.
daß das Gefühl, dabeigewesen zu sein, als aus dem vertrauten Rundfunkkasten in
unserer vertrauten Wohnung plötzlich ein summender Laut erklang, ein Zeichen aus
dem Weltraum - daß dieses Gefühl, Augen- und Ohrenzeugen eines weltgeschicht­
lichen Wendepunktes zu sein, uns in träumerische Meditation versetze, uns den
Atem stocken mache. Die Perspektiven dessen, was auf diesen ersten Satelliten nun
alles folgen wird, sind ungeheuer. Da wir seit Jahrzehnten mit technischen Wundern
vertrauten alltäglichen Umgang haben, ist anzunehmen, daß wir bald gedankenlos in
den Sog dessen, was nun Schlag auf Schlag folgen muß, gerissen werden.20

An der Zwangsläufigkeit, Folgerichtigkeit und Unabwendbarkeit der nach einem


solchen »weltgeschichtlichen Wendepunkt« nunmehr »Schlag auf Schlag« ein­
setzenden Entwicklung hegte Herausgeber Karl Korn keinen Zweifel, wohl aber
an der moralischen Reife einer Menschheit, die trunken vom »Rausch ihrer
Größe« nun in den Weltraum aufzubrechen ansetze.21
Indes war der mitunter so bezeichnete »Tag Null der Weltraumfahrt« kein
solcher. Genau wie der lange zuvor angekündigte und nun endlich vollzogene
»Drang in den Raum« weder eine komplette Überraschung darstellte noch im
Westen einen »Schock« auslöste, standen die entsprechenden Worte längst be­
reit, um diese »neue Epoche der Weltgeschichte« zu diskutierend Der Luft­
fahrt-Journalist Harry Harper (1880-1960) hatte den Begriff »Space Age« am
19. Januar 1946 in der Überschrift zu einem Artikel in der britischen Boule­
vardzeitschrift E verybody’s W eekly eingeführt. Detaillierter noch arbeitete er
die Konturen des nun einsetzenden Abschnittes der Menschheitsgeschichte
in einem im selben Jahr erschienenen Band »The Dawn of the Space Age« her­
aus. Harper zufolge müsse die historische Genese des neuen Zeitalters direkt
aus den bislang erzielten Fortschritten von W issenschaft und Technik abgelei­
tet werden, die sich in der Zukunft noch exponentiell fortsetzen und im inter­
planetarischen Reisen, zwischen den Planeten, kulminieren würden: »We have
had an age of steam-power, an age of electricity and of the petrol engine, and an
age of the air«, stellte Harper fest, »and now with the coming of atomic power
the world should, in due course, find itself in the space age. And this should be
the greatest age of a l b d Bemerkenswert an dieser sich als Gegenwartsdiagnose

20 Karl Korn, W ir sind dabei gewesen, in: FAZ, 7.10.1957, S. 1; siehe auch Heinz Gartm ann,
Und morgen - die Sterne?, in: ebd., 28.12.1957, S. BuZ1.
21 Korn, W ir sind dabei gewesen.
22 Ebd.; Heinz G artm ann, Sonst stünde die Welt still. Das große Ringen um das Neue,
Düsseldorf 1957, S. 344. Detaillierter zum Mythos des weit überschätzten »Sputnikschock«:
Alexander C. T. Geppert, Anfang - oder Ende des planetarischen Zeitalters? Der Sputnik­
schock als Realitätseffekt, 1945-1957, in: Igor J. Polianski u. M atthias Schwartz (Hg.), Die
Spur des Sputnik. Kulturhistorische Expeditionen ins kosmische Zeitalter, Frankfurt 2009,
S. 74-94.
23 Harry Harper, The Space Age, in: Everybody’s Weekly, 19.1.1946, S. 1 u. S. 8 f.; ders., Dawn
of the Space Age, London 1946, hier S. 5. Siehe auch Art. Space Age, in: Oxford English
Dictionary, Bd. 16, Oxford 19892, S. 90. In anderen einschlägigen Texten aus der Früh­
phase des Weltraumdenkens vor und nach dem Zweiten W eltkrieg ist der Begriff »Space
Age« nicht nachzuweisen; siehe etwa Hermann Oberth, Die Rakete zu den Planetenräumen,
g erieren d en Z u k u n ftsp ro g n o se w ar n ic h t n u r ih re b ritisc h e - u n d eb en n ich t
n o rd a m e rik a n isc h e - P ro v en ien z, so n d e rn vor allem der frü h e Z e itp u n k t m e h r
als e lf Jah re vor S p u tn ik . B ereits b e i der a lle re rste n B eg riffsv erw en d u n g w urde
ein k au saler Z u sa m m e n h a n g z w isch en dem W e ltra u m - u n d dem A to m ze italte r
h erg estellt, selb st In b e g r iff der F o rts c h rittsm o d e rn e . U n m itte lb a r n a ch K rie g s­
ende gep rägt, ist der S ig n ifik a n t »Sp ace A ge« über eine D ekad e älter als se in Sig­
n ifik a t u n d stellt k e in e n b e g r ifflic h e n N ied ersch lag , so n d e rn eine te rm in o lo g i­
sch e V o rb e d in g u n g dessen E in tre te n s dar.
D u rch H arp ers B a n d in die U SA e x p o rtie rt, en tw ick elte sich der T e rm i­
nu s »Sp ace A ge« ab d en frü h e n 1950er Ja h re n zu ein e m p o p u lären ze itd i­
a g n o stisc h e n S ch la g w o rt m it d eu tlich n o rm a tiv -p ro g n o stisch e n K o m p o n en ­
te n .24 Es stan d fü r eine sp ezifisch e V ersio n te ch n o sz ie n tistisch e r M o d e rn itä t,
d eren erste V o rb o te n m a n in der G eg en w art a u szu m ach en glau bte u n d die
d u rch den G lau b en an g rö ß tm ö g lic h e K o n tro llie r- u n d B e h e rrsch b a rk e it des die
E rd e u m g eb en d en R au m es c h a ra k te ris ie rt war. D ass sich im D e u tsch e n n ic h t
e in e in z e ln es H au p tb e g riffsp e n d an t d u rch se tzen k o n n te - z u sätzlich zu r »in te r­
p la n e ta risc h e n Ä ra« fin d e n sich un ter an d erem »W e ltrau m zeitalter«, »R au m ­
fa h rtz e ita lte r« , »R ak eten zeitalter«, »k o sm isch es Z eitalter« u n d »E p o ch e der
R a u m fa h rt« - tat der P o p u larität ein er Z e itd ia g n o se k e in e n A b b ru ch , w elche
das fü r die Z u k u n ft e rw a rte te A u sg reifen in den R au m zu m S ig n u m der G eg en ­
w art erhob.25
In sein e n im H erb st 1952 ab g e sch lo sse n en E rin n e ru n g e n a n die E n tw ick lu n g
v on A 4 /V -2 -R a k ete n in P een em ün de versu chte W alter R. D o rn b erg er (1 8 9 5 -1 9 8 0 ),

München 1923; David Lasser, The Conquest of Space, New York 1931; Philip Ellaby Clea-
tor, Rockets Through Space. The Dawn of Interplanetary Travel, London 1936; W illy Ley,
Rockets, Missiles, and Space Travel [1944], New York 19 524 und öfter; Arthur C. Clarke,
The Challenge o f the Spaceship. Astronautics and its Impact upon Human Society, in: Jour­
nal of the British Interplanetary Society 6. 1946, S. 6 6 -8 1 ; ders., The Exploration o f Space,
New York 1951. Sowohl Ley als auch der zeitgenössisch schon als »Prophet of the Space Age«
titulierte Clarke scheinen sich den B egriff relativ spät angeeignet, ihm dann aber zu großer
Popularität verholfen zu haben; siehe ders., The Challenge o f the Spaceship, New York 1961,
S. 7, bzw. ders. (Hg.), The Com ing of the Space Age. Famous Accounts o f M an’s Probing
o f the Universe, New York 1967. John Reddy, Arthur Clarke. Prophet o f the Space Age, in:
Reader’s Digest, November 1969, S. 74-78.
24 Ein kurzer Hinweis auf Harpers Band stellt die erste Verwendung des Begriffs in der N ew
York Tim es dar; siehe Other Books o f the Week, in: ebd., 30.7.1950, S. BR8. Die zweite Ver­
wendung ist ein Zitat Wernher von Brauns, der 1955 Eisenhowers Entscheidung, im R ah­
men des Internationalen Geophysikalischen Jahres einen Satelliten im Weltraum zu plat­
zieren, als »introducing mankind to the space age« lobte; ders., Man to Fly Space, Scientists
Expects, in: ebd., 6.8.1955, S. 32.
25 Ä hnlich wie diese Begriffe im Deutschen miteinander konkurrieren, finden sich im Fran­
zösischen neben »l’age de l’astronautique« auch »l’age du cosmos«, »l’ere spatiale«, »l’ere
astronautique« oder »l’ere interplanetaire« gleichermaßen verwendet; siehe Louis Guilbert,
Le vocabulaire de l’astronautique. Enquete linguistique a travers la presse d’information a
l’occasion de cinq exploits de cosmonautes, Paris 1967, S. 48, S. 64 u. S. 217.
eh em alig er G e n e ra lm a jo r der W e h rm a ch t und K o m m a n d eu r der d o rtig en H e e ­
re sv e rsu ch sa n sta lt, die V erb in d u n g v o n S ig n ifik a n t u n d S ig n ifik a t u m z e h n
Jah re rü ck z u d a tie re n und sein e » M ittä te rsch a ft« a n der au fsch e in e n d e n n eu en
E p o ch e der M e n sch h e itsg e sch ich te au ch b e g r ifflic h zu sich e rn . A ls am 3. O k ­
to b e r 1942 ein e der ersten A 4 /V -2 -R a k e te n die H öhe v o n 8 4 ,5 K ilo m e te rn e r­
reich te u n d d a m it als erstes A rte fa k t an die 1 0 0 -K ilo m e te r-G re n z e zu m W e lt­
ra u m s tie ß , so D o rn b erg e r 1952 in sein e r A u to b io g rap h ie »V-2: D er S ch u ß in s
W eltall«, h ä tte n die a n d eren P een em ü n d er u n d er selb st d iesen h is to ris ch e n
M o m e n t als den »ersten Tag eines Z e ita lte rs n eu er V e rk e h rste ch n ik , d em der
R a u m sch iffa h rt« gefeiert (A bb. 1). In der zwei Jah re später e rsch ie n e n en en g ­
lisch e n Ü b e rse tz u n g w u rd e d araus: »a n ew era [...], th a t o f sp ace t r a v e l...« / 6
D a m it steh e n b e re its d rei m ö g lich e A n fa n g sd a te n des W e ltra u m z eita lters
zu r D eb atte: der 3. O k to b e r 1942 m it d em e rsten Ü b e rsc h re ite n der G ren ze zu m
W e ltra u m d u rch e in m e n sch e n g em ach te s O b je k t, der 19. Ja n u a r 1946 als D a ­
tu m der B eg riffsp rä g u n g u n d der 4. O k to b e r 1957 als Tag der S ta tio n ie ru n g des
ersten k ü n s tlic h e n S ate llite n im E rd orb it. A b h ä n g ig v o n d en an g eleg ten K r ite ­
rie n sin d fre ilic h an d ere, sow oh l d eu tlich frü h e re als au ch d eu tlich spätere Z e it­
p u n k te vorstellbar.27 A ls im w eiteren V e rla u f in sch n e lle r A bfolge im m e r neue

26 Walter Dornberger, V2 - Der Schuß ins Weltall, Esslingen 1952 (engl.: V-2, New York 1954,
S. 17), S. 23: »Neben Erde, Wasser und Luft wird nunm ehr auch der unendliche leere Raum
Schauplatz kommenden, kontinentenverbindenden Verkehrs werden und als solcher poli­
tische Bedeutung erlangen können. Dieser 3. Oktober 1942 ist der erste Tag eines Zeit­
alters neuer Verkehrstechnik, dem der R a u m sch iffa h rt!.« In dem dieser Rede vermutlich
zugrunde liegenden Vortragsmanuskript vom 6. Juni 1942 findet sich das entsprechende
historische Verlaufsargument (»Auf dem dermaleinst mit unbedingter Sicherheit kom­
menden R aum schiff ist die Peenemünder Entwicklung ein erster Schritt.«), nicht aber der
B egriff selbst; siehe Vortrag des Abteilungschefs Wa P rü f 11 [Waffenamt Prüfwesen, Ab­
teilung 11 »Sondergeräte«] gelegentlich des ersten Versuchsschiessens m it A 4 am 12. Juni
1942 in Peenemünde (Dornberger), Sm ithsonian National Air and Space Museum Archi-
ves, Washington, DC [im Folgenden NASM], Captured Germ an Docum ents (World War
II), Fort Eustis (FE) Files 358, hier S. 1 f. Siehe auch Michael J. Neufeld, The Rocket and
the Reich. Peenemünde and the Com ing of the Ballistic Missile Era, Cambridge, MA 1995,
S. 164 f. u. S. 315.
27 Etwa Rüdiger Proske, Zum Mond und weiter, Bergisch Gladbach 1966, S. 80; U lrich Doerfel,
Die Landung im Mondstaub. Geschichte, Theorie und Zukunft der bem annten Raumfahrt,
Zürich 1969, S. 4 1 -4 4 . Zu den möglichen E ndzeitpun kten des Weltraumzeitalters zählen u. a.
der 20.7.1969 (erstmaliges Betreten eines fremden Himmelskörpers durch einen Menschen
und damit Erreichen des Höhepunktes), der 14.12.1972 (bislang letztmaliges Betreten und
damit Abschluss des »First« oder »Classical Space Age«) sowie, insbesondere aus am erika­
nischer Perspektive, der 28.1.1986 (Challenger-Unglück). In einem brillanten, bereits Ende
der 1980er Jahre veröffentlichten Aufsatz hat etwa der M ilitärhistoriker Alex Roland diese
dritte Möglichkeit stark gemacht; ders., Barnstorm ing in Space. The Rise and Fall of the R o­
m antic Era of Spaceflight, 1957-1986, in: Radford Byerly Jr. (Hg.), Space Policy Reconsidered,
Boulder 1989, S. 33-5 2 , hier S. 33-38. Auf die Erfolge der unbemannten Raum fahrt verwei­
send, halten Vertreterinnen und Vertreter einer vierten, »open end«-Position dem entgegen,
Zwischenziele erreicht wurden, wurde das menschliche Ausgreifen in den - im
Übrigen nur im Deutschen so bezeichneten - »Weltraum« zusehends zur all­
täglichen Realität. Sogenannte space firsts - das erste Lebewesen (3. Novem­
ber 1957) und der erste Mensch im Erdorbit (12. April 1961), der erste Ausstieg
außerhalb der schützenden Kapsel (28. März 1965), das erste Andockmanöver
(16. März 1966), die erste Mondumkreisung (24. Dezember 1968) und der erste
Mensch auf der Mondoberfläche (20. Juli 1969) - schienen retrospektiv sowohl
die Validität früherer Voraussagen zu bestätigen als auch die unentrinnbare Lo­
gik der für das Space Race prognostizierten zukünftigen Entwicklung zu bele­
gen. »Satelliten, Weltraumstationen, Flug nach dem Mond - das sind die aktu­
ellen, jetzt schon fast >offiziellen< Schritte zur Weltraumfahrt«, beschrieb Heinz
Gartmann (1917-1960), der produktivste westdeutsche Weltraumpopularisator
der Nachkriegszeit, diese Art in die Zukunft projizierter Pfadabhängigkeit,
während das Technikmagazin H obby den p eu a p eu umgesetzten »Weltraum­
fahrplan« als »Abenteuer nach Kursbuch« p ries/8 Der engen Abfolge von Er­
eignissen entsprach die Wahrnehmung einer ungeheuer beschleunigten Ent­
wicklung, vergingen doch vom Sputnikstart bis zur ersten Mondlandung nicht
einmal zwölf Jahre.
Im Space Age wurde die Raum- zur Zeitdiagnose. Der Weltraum wurde zum
Hauptmerkmal eines Zeitalters erklärt, der Glaube an seine unmittelbar bevor­
stehende »Eroberung« zum Definiens einer Gegenwart, deren Zukunft unwei­
gerlich im räumlichen Jenseits stattfinden werde. Weil die Zukunft schon heute,
im Jetzt, begann, stand die Gegenwart vollständig im Modus des Zukünftigen, in
dessen »Sog« sie bald gezogen werden würde. Der Weltraum galt als das Signum
eines auf Unendlichkeit angelegten, vom Vertrauen auf die fortschreitende Be­
schleunigung aller Innovationsprozesse gekennzeichneten und von der Plan- wie
Realisierbarkeit solcher Großunternehmungen zutiefst überzeugten Zeitalters.
Grundlage der interstellaren Expansionsfantasien und kosmischen Koloniali­
sierungsträume der Nachkriegszeit waren die beiden wichtigsten technischen
Innovationen, die während des Zweiten Weltkriegs entwickelt worden waren,
die Atombombe und die Rakete. Beide, das Atom- wie das Weltraumzeitalter,
speisten sich aus demselben militärischen Entstehungszusammenhang, lösten
sich jedoch zusehends voneinander ab, insbesondere hinsichtlich der jeweils as­
soziierten Zukunftsvorstellungen. Erlösungshoffnungen und Heilserwartungen

dass das Zeitalter der Raum fahrt bislang überhaupt zu keinem Ende gekommen sei, sondern
den technischen Alltag der Gegenwart längst mit einer solchen Selbstverständlichkeit dom i­
niere, dass das Bewusstsein dafür verloren gegangen sei. Siehe in diesem Kontext Roger D.
Launius, W hat Are Turning Points in History, and W hat Were They for the Space Age?, in:
Dick u. Launius, Societal Im pact o f Spaceflight, S. 19-39, sowie Abschnitt IV.
28 Heinz G artm ann, Dr. Sängers Flugmechanik der Photonenstrahlantriebe. Betrachtungen
zu einem aktuellen Them a, in: W eltraum fahrt 7. 1956, H. 3, S. 76-78, hier S. 76; Abenteuer
nach Kursbuch. Der W eltraumfahrplan, in: Hobby 10. 1963, S. 56-6 1 ; NASM, W illy Ley
Collection 01/05, W illy Ley, Time Table for Space Conquest, ca. 1955.
Abb. 1: S tart einer A 4/V -2-Rakete vom Prüfstand V II in Peenem ünde am 3. O k to ­
ber 1942.
Quelle: Sm ithsonian N ational A ir and Space M useum , W ashington, D C , NASM
83-13847.

w u rd en im u n e n d lich e n W e ltra u m p latziert, w äh ren d die u rsp rü n g lich e b e n ­


falls u to p istisch e A to m en erg ie sch o n b a ld fü r A n g st, S ch re ck e n un d Z e rstö ru n g
stan d , in der Ö ffe n tlic h k e it d eu tlich frü h e r als u n ter den E x p e rte n . 29

29 Claus Koch, K ritik der Futurologie, in: Kursbuch 14. 1968, S. 1-17, hier S. 13. Siehe Peggy
Renger-Berka, Atome spalten. Transzendenz und Gem einsinn im Diskurs um die K ern­
spaltung in Deutschland in Theologie und Politik in den 1950er Jahren, in: Katharina Neu­
meister u. a. (Hg.), Technik und Transzendenz. Zum Verhältnis von Technik, Religion und
Gesellschaft, Stuttgart 2012, S. 129-145, hier S. 129, sowie die Beiträge in D ick van Lente
(Hg.), The Nuclear Age in Popular Media. A Transnational History, 1945-1965, Basingstoke
2012, und Jonathan Hogg u. Christoph Laucht (Hg.), British Nuclear Culture, Cambridge
2012 (= British Journal for the History o f Science, Special Issue 4). Zu den »atomic cross-
roads« ausführlich: Robert Poole, The M yth of Progress. 2001: A Space Odyssey, in: Geppert,
Lim iting Outer Space.
II. Die Zukunft in den Sternen

Mit Beginn des Weltraumzeitalters schienen sich die Visionen einer Zukunft in
den Sternen zu bestätigen, die die etwa einhundert space p erson ae und Weltraum­
Experten um W illy Ley, Arthur C. Clarke, Wernher von Braun und andere auf
Grundlage älterer, utopisch-literarischer Szenarien seit den späten 1920er Jah­
ren im transnationalen Austausch entwickelt, mediengerecht aufbereitet und
international propagiert hatten.30 In ungebrochener, doch nur selten ausgespro­
chener Kontinuität zu den großen imperialen Expansionsprojekten des 19. Jahr­
hunderts hielten sie es für ausgemacht, dass der die Welt umgebende Raum in
naher Zukunft »erobert« und bald die Kolonialisierung des Sonnensystems ein­
setzen werde. Glaubte man den Experten, werde die Zukunft nicht nur im Welt­
raum stattfinden, sondern auch dort entschieden werden. Für etwa ein halbes
Jahrhundert, bis in die frühen 1970er Jahre, der sogenannten Post-Apollo-Ära,
avancierte der Weltraum zum Fluchtpunkt des Zukunftsdenkens und zum uto­
pischen Sehnsuchtsort schlechthin - und das, obwohl ein Raum bekanntlich
keinen Ort darstellt, sondern erst durch Bewegung entsteht, und der Begriff
»Utopia« lange genau dadurch charakterisiert war, keine existierende Ö rtlich­
keit, sondern ein dezidiert unlokalisiertes Irgendwo zu bezeichnen, ein unspe-
zifiziertes »Woanders« des gesellschaftlichen Idealzustandes.
Als sich jetzt, nach Ende des Zweiten Weltkriegs, der Kalte Krieg auch als Krieg
um die Zukunft erwies, fanden solche Fantasien räumlicher Expansion den Weg
in die breite Ö ffentlichkeit” Im Verlauf dieses Prozesses entstand der Weltraum
als gedachter Raum. Von einer reinen Projektionsfläche und einem ursprüng­
lich toten Ort - dem religiös konnotierten Jenseits - entwickelte er sich zu einem
tiefgestaffelten, die Erde umgebenden räumlichen Gebilde inklusive spezifischer
Ortsmarkierungen. Indem der Mensch in den Weltraum ausgriff, eignete er sich
seine Um-Welt an und gestaltete sie kurzerhand neu. Mit imperialer Rhetorik
vorgetragene Zukunftsversprechungen menschlichen Lebens jenseits der Erde
stießen auf breite Resonanz in einer Öffentlichkeit, die im Krieg die Leistungs­
fähigkeit neuer Großtechnologien hatte erfahren müssen und für die jetzt, nach
Kriegsende, eine Neujustierung der künftigen gesellschaftlichen Entwicklun­
gen überlebensnotwendig war. Die Parallelität ihrer Konjunkturen darf indes
nicht dazu verleiten, die Popularität des Weltraumdenkens lediglich als Funk-

30 Diese Schätzung bei W illiam Sims Bainbridge, The Spaceflight Revolution. A Sociological
Study, New York 1976, S. 36.
31 David C. Engerman, Histories o f the Future and the Futures of History, in: American H is­
torical Review 117. 2012, S. 1402-1410, hier S. 1407. Nicht viel später begannen Historiker
sich ebenfalls für die Zukunft zu interessieren; siehe Robert L. Heilbroner, The Future as
History, New York 1959 bzw. die Vorträge auf dem 25. Deutschen H istorikertag 1962 in
Duisburg zum Them a »Zukunft«, insb. von Karl Dietrich Erdmann, Die Zukunft als Kate­
gorie der Geschichte, in: Historische Zeitschrift 198. 1964, S. 4 4 -6 1 und Reinhart W ittram ,
Zukunft in der Geschichte. Zu Grenzfragen zwischen Geschichtswissenschaft und Theolo­
gie, Göttingen 1966.
© 2 01 5, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN P rin t: 9 7 8 3 5 2 53 64 25 3 — ISBN E-Book: 9 7 8 3 6 4 73 64 25 4
tio n ein er z u k u n ftssch w a n g e re n N a ch k rie g sz e it zu b e g reife n . R a u m fa h rte n th u ­
siasm u s u n d Z u k u n ftso p tim ism u s g in g en n ic h t in e in a n d e r auf, s o n d e rn b e d in g ­
te n und s tim u lie rte n sich gegenseitig. D ie v on H e rm a n n L übbe so b e z e ich n ete
» Z u k u n ftse x p a n sio n « des 20. Jah rh u n d e rts k o rre lie rte m it ein er R a u m a u sd e h ­
n u n g , in d eren V e rla u f die U top ie so ra d ik a l v e rrä u m lic h t w u rde wie n ie z u v o r”
D ass die p ro g n o stiz ie rte n Z u k u n ftse n tw ic k lu n g e n fü r re a lis tisc h geh alten
w u rd en und die p ro p a g ierten E x p a n sio n ssz e n a rie n als p lau sibel g alten , lässt
sich a n M e in u n g su m fra g e n ablesen. G in g im Ju li 1950 n o c h e in V ie rte l der B e ­
fra g te n in der B u n d e sre p u b lik davon aus, dass die M e n sch e n sp ätesten s u m die
Jah rtau sen d w en d e »and ere S tern e od er den M o n d b e su ch en « k ö n n te n , r e c h n e ­
te n im A u g u st 1955 b e re its 39 P ro ze n t, im M a i 1964 sog ar 58 P ro ze n t m it ein er
so lch e n E n tw ick lu n g . N ach d em End e der 1950e r Jah re die so w je tisch e n und
a m e rik a n isc h e n R a u m fa h rtp ro g ra m m e ein g esetzt h a tte n , verdop pelte sich die
A n z a h l d erje n ig e n , die die »im m e r g rö ß e re n E rfolg e im W eltrau m « als » F o rt­
s c h r itt der T ech n ik « b e g rü ß te n , v on 3 4 P ro z e n t (Ja n u a r 1963) a u f 6 6 P ro ze n t
(Ja n u a r 1969). D ass sich in te rp la n e ta risc h e R eisen im Ja h r 2 0 0 0 b e re its so w eit
d e m o k ra tisie rt h ä tte n , d ass jed er, der dazu L u st h ab e, eine R eise zu m M o n d u n ­
te rn e h m e n k ö n n e , n a h m A n fa n g 1969 in d es n u r ein Z e h n te l der B e fra g te n an.
A u ch w enn b e re its n a ch der e rsten der in sg e sa m t sech s M o n d la n d u n g e n die öf­
fe n tlich e B eg e iste ru n g rapid e z u rü c k g in g , erh öh te allein e der N ach w eis te c h ­
n isch e r M a ch b a rk e it die P lau sib ilität des G e sa m tu n te rfa n g e n s » E ro b e ru n g des
W eltrau m s« und v alid ie rte die d a m it v erb u n d en en Z u ku n ftsv ersp rech u ng en.33
W ie aber sa h e n diese Z u k ü n fte aus, und w elche R olle sp ielten Z eit u n d Z e it­
lic h k e it im W e ltra u m d e n k e n des 20. Ja h rh u n d e rts? N irgen d s so n st lassen sich
die E rw a rtu n g e n , aber au ch die E rfa h ru n g sh a u sh a lte des W e ltra u m z eita lters so
gu t stu d ie re n w ie an der V ie lz a h l der p ro p a g ierten E x p a n sio n ssz e n a rie n , ih re r
k o n ju n k tu re lle n V erläu fe u n d der e n tsp rech en d en Z u k u n ftste c h n ik e n . S eit den
frü h e n 1950er Ja h re n b a sie rte n viele d ieser P ro je k te a u f der A n n a h m e , d ass das
R a u m s c h iff der Z u k u n ft n ic h t län g er c h e m isc h , so n d e rn n u k le a r a n g e trie b e n

32 »Verzeitlichung der Utopie« ist Reinhart Kosellecks Begriff, »Zukunftsexpansion« von


Hermann Lübbe geprägt. Siehe Reinhart Koselleck, Die Verzeitlichung der Utopie, in:
W ilhelm Voßkamp (Hg.), Utopieforschung. Interdisziplinäre Studien zur neuzeitlichen
Utopie, Bd. 3, Stuttgart 1982, S. 1-14 bzw. Hermann Lübbe, Zeit-Erfahrungen. Sieben B e­
griffe zur Beschreibung moderner Zivilisationsdynamik, Stuttgart 1996, hier S. 16-19.
33 Institut für Demoskopie Allensbach (Hg.) [im Folgenden IDA], Jahrbuch der öffentlichen
Meinung, Bd. 4, 1965-1967, Allensbach 1967, S. 487 u. S. 489; IDA, Der Blick in die Zukunft,
Allensbach 1967, S. 4; IDA, Allensbacher Berichte. Die Deutschen und der Mond, A llens­
bach 1969, S. 2. Das Bielefelder Meinungsforschungsinstitut EM N ID kam im Januar 1958 zu
ähnlichen Ergebnissen: 64 % der Befragten gingen davon aus, dass der Mond in absehbarer
Zeit erreicht werde. Siehe Archiv des Deutschen Museums München [im Folgenden DM],
NL 185, vorl. Nr. 034, Einstellung zur Problematik der W eltraumfahrt. Eine Befragungs­
reihe innerhalb des Bundesgebietes, Bielefeld 1958, S. 1; Karl-G eorg von Stackelberg, Welt­
raumfahrt, Atom und öffentliche Meinung, in: Bolewski, Weltenraum in Menschenhand,
S. 153-160, hier S. 155. Für die USA siehe Roger D. Launius, Public Opinion Polls and Per-
ceptions o f US Human Spaceflight, in: Space Policy 19. 2003, S. 163-175.
sein werde und so größere Distanzen, etwa zum Jupiter, innerhalb einer vertret­
baren Zeit überwunden werden könnten/4 In Expertenzirkeln wie in der Öf­
fentlichkeit wurde immer wieder betont, dass es sich bei der Vielzahl der pro­
pagierten, bemannten wie unbemannten Satellitensysteme, Weltraumspiegel,
Raumstationen und Mondkolonien nicht um Science Fiction, sondern ledig­
lich um das Einsetzen der Zukunft in der Gegenwart handele. Dass, wenn über­
haupt, sich letztlich nur ein Bruchteil der Versprechungen als einlösbar erwies,
tat der weitverbreiteten Begeisterung über den beginnenden Aufbruch in die
interplanetare Unendlichkeit in den 1950er und 1960er Jahren keinen Abbruch.
Unter den Expansionsvisionen der Prä-Sputnik-Dekade, des »Golden Age of
Space Travel«, ragt Eugen Sängers fantastisch-realistisches Projekt einer Photo­
nenrakete heraus/5 Diese sollte die technische Grundlage jedweder interstella­
ren Raumfahrt darstellen und ein Vordringen in den intergalaktischen Raum
ermöglichen. In Fachkreisen wie der Gesellschaft für Weltraumforschung und
der British Interplanetary Society bereits seit Anfang der 1950er Jahre intensiv
diskutiert, wurde dieses Projekt Gegenstand einer erbitterten, national wie in­
ternational geführten Auseinandersetzung. Im Vergleich zum amerikanischen
P roject Orion (1957-1965) oder dem britischen Project D aedalus (1973-1978)
wurde Sängers Photonenrakete nicht nur deutlich früher, sondern auch gesell­
schaftlich breiter debattiert und erwies sich damit als ungleich wirkmächtiger.36
Während zu diesem Zeitpunkt manche Ingenieure bemannten Raumflug
noch immer grundsätzlich für unmöglich hielten, arbeitete Sänger an seiner
Lieblingsidee einer »relativistischen Raketenmechanik« und propagierte sie
über einen Zeitraum von knapp 14 Jahren, vom Sommer 1950 bis zu seinem
plötzlichen Tod im Februar 1964. Im Herbst 1950 publizierte er eine erste, drei­
seitige Skizze in der kurzlebigen französischen Zeitschrift L’A stronef, deren

34 Arthur C. Clarke, Interplanetary Flight. An Introduction to Astronautics, London 1950,


hier S. 76 f. u. S. 91 f., sowie ders., About Tim e, in: ders., Profiles o f the Future. An Enquiry
into the Limits o f the Possible, London 1962, S. 123-140 (dt.: Einiges über die Zeit, in: ders.,
Im höchsten Grade phantastisch. Ausblicke in die Zukunft der Technik, Düsseldorf 1967,
S. 187-212).
35 Frederick I. Ordway III. u. Randy Lieberm ann (Hg.), Blueprint for Space. Science Fiction to
Science Fact, Washington, DC 1992, hier S. 12. Zu Sänger vor allem: Johannes Weyer, Ak­
teurstrategien und strukturelle Eigendynamiken. Raum fahrt in Westdeutschland 1945­
1965, Göttingen 1993, S. 86-100, hier S. 86-8 9 .
36 Eugen Sänger, Was kostet Weltraumfahrt?, in: Weltraumfahrt 2. 1951, S. 4 9-55; Clarke, Ex­
ploration o f Space, S. 174-182; ders., Challenge o f the Spaceship [1961], S. 62; Leslie R. She-
pherd, Interstellar Flight, in: Journal o f the British Interplanetary Society 11. 1952, S. 149-167,
insb. S. 157-163. P roject Orion hatte die Entwicklung eines interplanetarischen, durch Atom­
bombenexplosionen angetriebenen Raumschiffes zum Ziel, während P roject D aedalu s die
Planung eines unbemannten Raumschiffes vorsah, welches innerhalb der Lebenszeit eines
Menschen den 5,9 Lichtjahre entfernten Barnards Stern erreichen könnte. Alle drei G roßtech­
nologieprojekte wurden nicht realisiert. Siehe George Dyson, Project Orion. The Atomic Spa­
ceship 1957-1965, London 2002; Alan Bond (Hg.), Project Daedalus. The Final Report on the
BIS Starship Study (= Journal o f the British Interplanetary Society: Supplement), London 1978.
Herausgeber Alexandre Ananoff (1910-1992) er im Jahr zuvor in Paris getrof­
fen hatte, und präsentierte eine erweiterte Fassung einem größeren Experten­
kreis auf dem IV. Internationalen Astronautischen Kongreß im August 1953 in
Zürich.37 Als »Bombe mit Zeitzünder«, die erst langsam ihren Weg in eine brei­
tere Öffentlichkeit fand, entpuppte sich schließlich eine nochmals überarbei­
tete Version, die er wiederum zweieinhalb Jahre später, am 8. Februar 1956, auf
einer Konferenz in Freudenstadt vorstellte.3® Zeitgleich erschien in der eher ab­
gelegenen Mitteilungsreihe seines Institutes unter dem alles andere als effekt-
hascherischen Titel »Zur Mechanik der Photonen-Strahlantriebe« Sängers erste
Hauptveröffentlichung zum Thema. Aufgrund ihres zugleich grundlegenden
wie weit ausgreifenden Charakters verglichen seine Kritiker die nicht einmal
hundert Seiten umfassende Schrift mit dem raumfahrttechnischen Klassiker
schlechthin, Hermann Oberths schmalem Bändchen »Die Rakete zu den Pla­
netenräumen« von 1923, das ebenfalls im Münchener Oldenbourg-Verlag er­
schienen war.39 Ähnlich wie Oberths Buch schien Sängers Schrift auf den ersten
Blick kein revolutionäres Programm zu formulieren, zumal es die Vielzahl an
Berechnungen, Formeln und Diagrammen zur weder massentauglichen noch
konsumentenfreundlichen Lektüre machten. Bevor die »Bombe« in der Öffent­
lichkeit platzen konnte, waren zunächst umfangreiche journalistische Überset­
zungsarbeiten durch Wissenschaftsvermittler, Popularisierer und Übersetzer

37 Rudolf H. Reichel, Die heutigen Grenzen des Raketenantriebes und ihre Bedeutung für den
Raumfahrtgedanken, in: Zeitschrift des Vereines deutscher Ingenieure 92. 1950, S. 873­
882, hier S. 882; Eugen Sänger, A propos des lim ites de l’astronautique, in: L’A stronef 1. 1950,
S. 8 -1 0 ; Photon-Rakete, in: FAZ, 6.8.1953, S. 10. Zu Ananoff: Pierre-Francois Mouriaux
u. Philippe Varnoteaux, Alexandre A nanoff (1910-1992). 30 Years to Promote Astronau-
tics before Sputnik, in: Acta Astronautica 93. 2013, S. 2 6 6-278. Den internationalen Ver­
flechtungen und Resonanzen dieser futuristischen Technikkonzepte kann hier nur be­
dingt nachgegangen werden; siehe aber O laf Stapledon, Interplanetary Man?, in: Journal
o f the British Interplanetary Society 7. 1948, S. 213-233; Arthur C. Clarke, The Planets Are
Not Enough, in: Saturday Review o f Literature, 26.11.1955, S. 11 f. u. S. 3 4 -3 6 ; Levitt, Now
the Space Age Opens, S. 84; sowie Eugen Sänger u. W illiam R. Brewster Jr., Tim e and the
Space Traveler, in: Atlantic Monthly 200. 1957, S. 153-158. Sängers Konzept war zudem
Teil eines umfangreichen Berichts, der 1959 dem am erikanischen Kongress vorlag; siehe
ders., The Future of Space Flight, in: Select Com m ittee on Astronautics and Space Explo­
ration (Hg.), The Next Ten Years in Space, 1959-1969, Washington, DC 1959, S. 158-172.
38 Alle drei Vortragsmanuskripte finden sich in Sängers Nachlass im Archiv des Deutschen
Museums in München; siehe DM, NL 230, vorl. Nr. 1205, Eugen Sänger, Zur Theorie der
Photonenrakete; ebd., NL 230/0797, Sänger, Zur Flugmechanik der Photonenraketen; sowie
ebd., NL 230/0720 und NL 230/0795, Sänger, Die Erreichbarkeit der Fixsterne. Vortrag auf
dem V II. Internationalen Astronautischen Kongreß in Rom, September 1956. Die ausführ­
lichsten Darstellunge