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von P E T E R W E IB E L

er franzosische Kulturminister softw are. D enn das Ergebnis der Show


D Jack Lang w ollte sich und Paris konnte den Erwartungen w ie eigenen An-
ein K unstereignis von internationalersprüchen
Be- kaum gerecht werden, zum al
deutung w ie die D ocum enta zu Kassel dem nicht: «Die B iennale ist ein M ittel
oder die Biennale von V enedig schenken, der Inform ation und des W echsels" (G. B.
dam it «Paris nicht nur in der internatio­ im K atalog). D enn einerseits wurde der
nal en Szene, sondern au ch im Kunst- herrschende Trend, der Taumel der figu-
markt die führende R olle übernehme", rativen M alerei fortgesetzt, besonders bei
w ie es G eorges Boudaille m it bemerkens- der A usw ahl eher unbekannter K ünstler
w erter D eutlichkeit im K atalog formu- w ie O la Enstad (N orw egen), Lo W esteritz
liert. Zu diesem Zweck wurde die Bien- (H olland), R icardo M osner (ein in Frank-

nale von Paris um funktioniert. Aus dem reich lebender Argentinier) auf extrem terdam ), Pencks Skulpturen bei W em er
Forum junger K ünstler unter 35 Jahren schw achem N iveau. Andererseits traf (Koln), Lüpertz’ Skulpturen «A lice im
w urde eine A usstellung ohne Alterslim it m an auf die im m er gleichen N am en, die W underland“ b ei M aeght-L elong (Zü-
und m it etablierten GrôBen. War die bis- rich), K iefers und D okoupils B ilder bei
herige Biennale bei ihrer Présentation M aenz (Kôln) - aber D okoupils B ild sah
neuer unbekannter Talente auf ein groBes m an gar nicht b ei der Erôffnung in Paris,
N etz nationaler Kom m issare angewiesen, denn D okoupil fand offensichtlich den
sollte nun unter der Leitung von Boudail­ fur ihn vorgesehenen Platz ungünstig.
le ein e internationale K om m ission (Alan- A uch d ie K om m entare im . K atalog sind
n a H eiss vom P S .l N ew York, Achille haufig Z itate von andereri A u sstellungs-
B onito O liva, Gérald Gassiot-Talabott katalogen. La N ou velle (Biennale) als
und Kasper Konig) die Auswahl treffen. D éjà-vu.
D ieses kulturpolitische Strategie-Spiel Aus divergierenden, ja kontradiktori-
des Chauvinism us bekannter Art erhielt Boyd Webb schen Interessen (die V erpflichtung des
^ "icht nur die groBe H alle im neuen Kurators seinen favorisierten K ünstlern
■_m ltu rzen tru m La V illette (20.750 qm m an seit Jahren auf allen internationalen gegenüber, das nationale Prestige, die
A usstellungsflâche), sondern auch ein K unst-A usstellungen sieht: Baselitz, Bu- groBen N am en, die B erücksichtigung
ren, Chia, Cucchi, C lem ente, Kiefer, Kir- auch v o n Landern w ie Finnland, Polen,
keby, M erz, Paladino, Penck, Polke, Rich- Schw eden, Ju goslaw ien - leider auf dem
ter, Rückriem , W oodrow, Schnabel, Salle, N iveau der Figuration) entstand eine
H aring usw. M an trifft nicht nur die M élangé pseudodem okratischer und
gleich en K ünstlernam en bei diesen inter­ „postm oderner“ G leichw ertigkeit, deren
nationalen A usstellungen, die Kunst- konservativer G rundzug aber obenauf
m arkten im m er âhnlicher werden, deren schw im m t. D er Diskurs der Politik hat so
Prolifération sie offensichtlich sind, son­
dern sogar w ie in einem Wanderzirkus auf
die gleichen E xponate. Immendorffs
Pofke, Haring, Holzer
Skulptur «Brandenburger Tor“ sah m an
schon auf der D ocum enta, Richters Ge-
énorm es Budget, ahnlich dem der D ocu­ m alde bei «von hier aus“ in Düsseldorf,
m enta, w enn nicht hoher. D ie A ngaben K irkeby bei einer von R udi Fuchs in
schw anken zw ischen 10 und 30 M illionen Turin organisierten A usstellung, Gilbert
N e u e Francs; ein offizieller Prospekt & G eorge auf der «schottischçn D ocu ­
spricht von 17 M illionen. m en ta i In G alerie-A usstellungen sah
D ie hardware und der W ille waren also man: Boltanskis schattenspiel-artige In­
vorhanden, aber offensichtlich nicht die stallation «Les O m bres“ bei Venster (Rot­ Boltanski

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lieblos zusam m engestellt ist der Bereich auf S eite 1, «C’est. la guerre pour la pre­
Perform ance, Ton, Theater, M usik. H in- mière place" (Der Krieg um d en ersten
gegen hat m an keine A nstrengung ge- Platz), «Exclusif: Les stratégies interna­
scheut, uns aile H üte des H istorism us zu tionales de Chia, Schnabel . . Di e R he-
servieren. D esw egen gibt es im K ataïog torik d es Sports und der M acht, w elche
auch gleich zw ei Essays dazu. D ieses Ter- das Interesse so unverblüm t au f Fragen
ritorium ist natürlich neben einigen ande- hetzt w ie, w er wurde diesm al ausgelassen
ren w ie dem Franzosen Gérard G arouste (z.B. d ie Berliner heftige M alerei), hat
die D om âne der Italiener und von A. B. diesen Typus internationaler GroB-Aus-
O liva, der hier m it seiner koinpletten stellungen so überformt, daB nicht nur
Flotte der Transavantgarde auffahren die K unst selbst kaum noch zur Sprache
darf, erweitert, um G. G allo, N unzio, kom m t, sondern sie auch im m er ahnli-
E C onnella, S. Mirri, M. Schifano und cher u n d langw eiliger werden.
andere Vorlaufer der G egenw art als N o ­ D abei sind es gerade jen e K ünstler
stalgie. D ie vehem ente Prasenz zeitge- und N am en, die sich den R itu alen der
nôssischer H istorien-M alerei und -Sku'lp- Etablierten, den W iéderholungen lângst
tur von Italien bis Brasilien, die relative bekannter Aussagen, den them atischen
Vorherrschaft vergangener Stilform en K riterien und persônlichen V orlieben der
(besonders durch die Franzosen w ie Ar- K uratoren entziehen, w elche das kreative
royo, A dam i, Erro und am erikanische Potential der Kunst und den K ern einer
guten A usstellung ausm achen. So zum
B eispiel die Ton-Installation v o n Takis,
TENNIS-TURNIER die Fotografien von Baldessari u nd von
Boyd W ebb, die Bilder von Polke und
Büttner, die Skulptur von Reinhard
den Diskurs der Kunst entm achtet. M an M ucha (ein Protest?), die D u o-G em ald e
spürt ein Kader- ùnd Proporz-Denken un- und -Z eichnungen von G ünter B rus/A r-
ter dem Zwang der Legitim ierung, aber nulf Rainer, die «Truismen" von Jen n y
nicht gegenüber der Kunst, sondern der H olzer auf elektrischen Laufbildern, ja
Konsens-Politik, der âsthetischen Sozial- sogar D avid Salle. Bill W oodrow ent:
partnerschaft.. In der M itte des Haupt- tâuschte, da seine Verarbéitung zw eier
raums, im Zentrum der A usstellung also: hângender A utos («L’usine, l’usine") sich
Penck, Baselïtz, Weiner, Baldessari, Ha- allzusehr dem âsthetischen Procedere
ring, M atta, Voss, Erro, V ielle, Bùren; das von V ostell genahert hat.
heiBt, zwei Expressive, drei K onzeptuelle, D och ail der publizistische und politi-
ein Graffiti, ein Foto, zwei Figurative, Woodrow, Buren sche Ehrgeiz («Die B egegnung intern atio­
zw ei Installationen, vier Franzosen, drei Pendants w ie R osenquist), w ie es ein Info naler Stars m it jungen franzôsischen
D eutsche, drei Am erikaner usw. Bildet zur A u sstellu n g selbst darstellt: „Kon- K ünstlem ist das erreichte Ziel") haben
diese U n ion wirklich das Zentrum der zeptkunst, A rte Povera, Figuration N ar­ statt einer vitalen K uhstausstellung uns
rative und Pop Art, N eo-E xpression, nur deren H ülle vor A ugen geführt, w o es
R ückkehr zu M ythen und Sym bolen, w eniger um die ausgestellten W erke geht,
Transavantgarde ...“ tragen nicht nur zur sondern um das Prestige der A u sstellu n g
konservativen Blâsse dieser A usstellung selbst. D ie A usstellung gib t sich selbst
bei und verwehren ihr den Anspruch auf den W ert und die Ehre. Was aus der K unst
Zeitgem âB heit, sondern m achen sie auch wird, w enn aus ihr m ehr fashionable
zu einer M anifestation postm oderner K unstpolitik wird, auch das sagt uns das
A usstellungspolitik. Biennale-Blatt: «Die B iennale hat w ie ei-
D och w ie immer, w enn das Spiel m att nige andere internationale M anifestatio-
ist, bleibt es interessanter, sich m it den nen das Im age groBer Tennis-Tufniere ".
Spielregeln selbst auseinanderzusetzen.
Günter Brus, Ârnulf Rainer M an erahnt ein System der A ffirm ation
M an muB auch einm al mit dieser Trâg- von N am en, der gegenseitigen A bschot-
heit SchluB m achen, m it N am Ju n e Paik tung von Kurator und Künstler, wo auf
und D an Graham stândig als alleiniges der hôchsten E bene die N am en ziem lich
A libi den Bereich Videôkunst abzudek- gleich bleiben, auf den E tagen darunter
ken, m it L. W einer und Buren die Kon- hingegen die N am en hâufig w echseln w ie
zeptkunst, m it Baldessari und B oyd Webb auf einer Probebühne, um herauszufin-
die K ünstlerfotografie. Es gibt auf ail den, w elche N am en nach oben steigen
diesen G ebieten seit Jahren zahlreiche und w elche herausfallen werden. Das offi-
W eiterentwicklungen, w elche die Bien­ zielle B iennale-B ulletin „ici Biennale"
nale dem Publikum vorenthielt. Einfach verkündet die Spielregeln als Schlagzeile David Salle

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