Sie sind auf Seite 1von 332

Die Geheimnisse unseres Gehirns

Weitere experimentelle Streifzüge in die Psychologie mit


Lebenspraxisbezug:

Patrick Amar, Psychologie für Fach- und Führungskräfte,


ISBN 978-3-642-37679-5

Serge Ciccotti, Hundepsychologie, ISBN 978-3-8274-2795-3

Serge Ciccotti, 150 psychologische Aha-Experimente,


ISBN 978-3-8274-2843-1

Sylvain Delouvée, Warum verhalten wir uns manchmal


merkwürdig und unlogisch?, ISBN 978-3-8274-3033-5

Gustave-Nicolas Fischer/Virginie Dodeler, Wie Gedanken


unser Wohlbefinden beeinflussen, ISBN 978-3-8274-3045-8

Nicolas Guéguen/Sébastian Meineri, Natur für die Seele,


ISBN 978-3-642-34820-4

Alain Lieury, Ein Gedächtnis wie ein Elefant?,


ISBN 978-3-8274-3043-4

Jordi Quoidbach, Glückliche Menschen leben länger,


ISBN 978-3-8274-2856-1
Alain Lieury

Die Geheimnisse
unseres Gehirns
Aus dem Französischen übersetzt von Gabriele Herbst
Alain Lieury
Université de Haute Bretagne
Rennes
Frankreich

ISBN 978-3-642-37506-4    ISBN 978-3-642-37507-1 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-642-37507-1

Übersetzung der französischen Ausgabe Tous les secrets de votre cerveau von Alain
Lieury, erschienen bei Dunod Éditeur S. A. Paris, © Dunod, Paris, 2012.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen


Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.­
d-nb.de abrufbar.

Springer Spektrum
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung,
die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen
Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen,
Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in
elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in


diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass
solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu
betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften.

Planung und Lektorat: Marion Krämer, Bettina Saglio


Redaktion: Regine Zimmerschied
Einbandentwurf: deblik Berlin unter Verwendung einer Illustration von Laurent Adouin

Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier

Springer Spektrum ist eine Marke von Springer DE. Springer DE ist Teil der
Fachverlagsgruppe Springer Science+Business Media.
www.springer-spektrum.de
Vorwort

Die Öffentlichkeit, selbst hochgebildete Menschen und zahl-


reiche Journalisten, verwechselt die Psychologie häufig mit
der Psychoanalyse oder der Psychiatrie. Die „Psychos“ gelten
hauptsächlich als therapeutisch tätige Fachleute. Diese Sicht-
weise ist falsch, denn die aktuelle wissenschaftliche Psycho-
logie teilt sich in sehr vielfältige Spezialgebiete auf. So ergibt
die umfangreichste Literaturdatenbank für die Psychologie
oder verwandte Wissenschaften auf internationaler Ebene
(„PsycLIT“) zusammengenommen etwa 100.000 psycholo-
gische Titel, Fachzeitschriften und Bücher pro Jahr. Die Psy-
choanalyse, die allzu häufig mit der Psychologie verwechselt
wird (vor allem in Frankreich), trägt einen Anteil von nicht
mehr als 1,7 % zu allen Veröffentlichungen bei.
Von etwa 150 Teilgebieten machen zwei Bereiche den
Löwenanteil aus, denn sie kommen auf mehr als 20 % aller
Veröffentlichungen. Darin geht es einerseits um Psychopa-
thologie im weitesten Sinn des Wortes, einschließlich kör-
perlich begründeter Defizite (Blindheit, Schädeltraumata),
psychiatrischer Störungen, der Kriminologie und so fort.
Den anderen Gegenstand bilden gesundheitspsychologi-
VI   Die Geheimnisse unseres Gehirns

Quantitative Verteilung von 103.223 Publikationen


im Jahr 2005 auf die Teilgebiete der Psychologie
(Lieury & Quaireau, 2006; Quelle: PsycInfo).

Gesundheits- experimentelle/
psychologie 17% kognitive Psychologie
16%

verschiedene 2%
Psychoanalyse 1%

angewandte
Psychologie
11%
Psychopathologie
20%
Neuro-
wissenschaften
14%
Schulpsychologie 7%
Entwicklungs-
Sozial- psychologie
psychologie 3%
9%

sche Aspekte und Fragen der Prävention (z. B. Stress, Alko-


holismus, Süchte).
Zu den übrigen großen Bereichen, die sich mit den nor-
malen Mechanismen unseres Erlebens und Verhaltens –
vom Gedächtnis bis zur Intelligenz – befassen, gehört die
kognitive Psychologie. Sie bildet den Hauptgegenstand
dieses Buches. Weitere Hauptgebiete sind die Neurowis-
senschaften (einschließlich der Psychopharmakologie), die
Sozialpsychologie, die Entwicklungs- oder Kinder- und
Jugendlichenpsychologie sowie die Schulpsychologie.
Schließlich gibt es zahlreiche Forschungsarbeiten auf
dem riesigen Gebiet der angewandten Psychologie, der
Vorwort   VII

Markt- und Konsumentenpsychologie1 oder der Betriebs-


und Organisationspsychologie. Den Wissensdrang und die
Vielfalt der Psychologie (in der Grafik unter „verschiede-
ne“ eingeordnet) veranschaulichen die Kunstpsychologie,
die Militärpsychologie, die Rechts- und Polizeipsychologie.
Die Psychologie unterteilt sich demnach in so unterschied-
liche Fachgebiete wie ihr Gegenstand, die menschlichen
Verhaltensweisen.
Auf all das einzugehen, wäre daher schwierig. Doch
wenn Sie wissen wollen, warum wir farbig sehen, ob unser
Gedächtnis mit fortschreitendem Alter verloren geht oder
ob sich der Charakter aus den Sternen vorhersagen lässt,
dann ist dieses Buch genau das richtige für Sie.

1 
Mehrere einschlägige Themen werden in dieser Sammlung unter Bezug auf
das Buch Psychologie du consommateur pour mieux comprendre comment on vous
influence von Nicolas Guéguen behandelt.
Inhalt

Vorwort��������������������������������������������������������������������������������������    V

1 Intelligenz ������������������������������������������������������������������������    1

2 Gedächtnis�������������������������������������������������������������������������   81

3 Wahrnehmung ����������������������������������������������������������������   135

4 Von der Zeit zum Unbewussten��������������������������������������   201

5 Motivation, Emotion und Persönlichkeit������������������������   233

Literatur ������������������������������������������������������������������������������������   295

Index������������������������������������������������������������������������������������������   317
1
Intelligenz

A. Lieury, Die Geheimnisse unseres Gehirns,


DOI 10.1007/978-3-642-37507-1_1, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
2   DBook Title
ie Geheimnisse unseres Gehirns

Inhaltsübersicht
1 Was ist Intelligenz? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   3

2 Ist mein Goldfisch intelligent? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   9

3 Ist Sprache das Privileg des Menschen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   12

4 Wie groß ist unser Wortschatz? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   15

5 Sind Musterschüler sportliche Nieten? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   17

6 Lässt sich an Ihrer Schrift ablesen, wie schlau Sie sind? . . . . . . . .   21

7 Woher kommt der Ausdruck „Denkerstirn“? . . . . . . . . . . . . . . . . .   24

8 Warum hat man Intelligenztests erfunden? . . . . . . . . . . . . . . . . .   26

9 Was ist das – der IQ? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   29

10 Ist Ihr Kind hochbegabt … und soll es eine Klasse


überspringen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   32

11 Was taugen Tests in Zeitschriften? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   36

12 Denken wir wirklich logisch? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   39

13  Was gibts Neues bei den Tests? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   46

14 Ist Intelligenz erblich? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   50

15 Warum war Einstein ein Genie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   53

16 Haben Zwillinge die gleiche Intelligenz? . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   56

17 Wo sitzt das Intelligenzgen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   59

18 War der Urmensch intelligent? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   63

19 Muss man das Gehirn trainieren? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   66

20 Regen Sie Ihre Neuronen an … ja, aber welche? . . . . . . . . . . . . .   69

21 Sind die Jugendlichen heutzutage dümmer oder schlauer? . . . . .   72

22 Kann Ihre Ernährung Sie zum Nobelpreisträger machen? . . . . . . .   76


1  Intelligenz   3

1 Was ist Intelligenz?


„Mein Hund ist intelligent, er hat die Zeitung ins Maul
genommen und sie mir gebracht.“ Würde aber ich meiner
Frau ihre Lieblingsillustrierte zwischen meinen Zähnen
bringen, dann würde sie mich sicher einen Idioten nennen.
Also was jetzt? Bedeutet der Begriff „Intelligenz“ jeweils
etwas anderes, wenn man ihn in Bezug auf ein Tier oder
auf einen Menschen gebraucht? Genauso käme es Ihnen
wohl nie in den Sinn, an der Intelligenz eines preisgekrön-
ten Schriftstellers zu zweifeln, selbst wenn er in Mathe eine
Niete ist, oder Schülern (ich kenne da so einige) die In-
telligenz abzusprechen, nur weil ihnen viele orthografische
Fehler unterlaufen, während sie ansonsten große Begabung
zeigen. Was also ist diese unergründliche Intelligenz?
Ist die Rede vom Gedächtnis oder von der Sprache, vom
Farbensehen oder von den Emotionen, weiß praktisch je-
der, was gemeint ist, und die Fachleute brauchen die De-
finition nur zu präzisieren. Beim Wort „Intelligenz“ ist
dies jedoch nicht der Fall. Es hat mehrere Bedeutungen.
Die Philosophen beispielsweise nannten die Intelligenz
„das Denken“ und betrachteten es oft als innere Sprache.
Bestimmte religiöse Denker hielten übrigens die Sprache
für ein Wesensmerkmal der menschlichen Seele. Doch die
Gleichsetzung von Sprache und menschlicher Seele warf
ein ernstes Problem auf, denn es gab Taube und Stumme.
So stellte der „Wilde von Aveyron“, ein Junge, den man zur
Zeit Napoleons in den Wäldern gefunden hatte, die dama-
ligen Gelehrten und Denker vor philosophische Probleme,
da er nicht sprach.
4   DBook Title
ie Geheimnisse unseres Gehirns

Diese Unschärfe des Ausdrucks „Intelligenz“ lenkte die


Forschungsinteressen der Wissenschaftler ab dem späten
19. Jahrhundert in sehr unterschiedliche Richtungen. Als
Resümee eines Jahrhunderts der Forschung kann man
heute sagen, dass der Begriff der Intelligenz (von Wissen-
schaftlern) vorwiegend in dreierlei Bedeutungen verwendet
wird. Im gebräuchlichsten Sinn meint er die allgemeinen
geistigen Fähigkeiten; der gegenwärtig aktuelle Ausdruck
lautet „kognitive Fähigkeiten“, vom lateinischen cognitio
für „Erkenntnis“ oder „Kennenlernen“. Diese Fähigkeiten
sind sehr umfassend, und man versteht darunter insbeson-
dere die Sprache, aber auch das Denkvermögen, die Wahr-
nehmung, das Erinnerungsvermögen und die sensomoto-
rischen Fertigkeiten. Diese allgemeine Definition liegt üb-
rigens den meisten Tests zugrunde. So gilt ein ganz kleines
Kind als normal begabt, wenn es einen Kreis zeichnen oder
seinen Vornamen nennen kann. Dagegen besteht zwischen
diesen verschiedenen Fähigkeiten kein besonders enger Zu-
sammenhang. In diesem allgemeinen Sinn wird der Intelli-
genzbegriff auch gebraucht, wenn es um verschiedene Tier-
arten geht. Man sagt, eine Ameise ist intelligent, weil bei
Ameisen die soziale Organisation und die Arbeitsteilung
im Vergleich zu anderen Insekten wie Schmetterling oder
Marienkäfer erstaunlich hoch entwickelt sind. Gleicher-
maßen schreibt man der Biene Intelligenz zu, weil sie über
eine primitive Sprache verfügt. Damit vermag sie Artgenos-
sinnen mitzuteilen, in welcher Richtung in Bezug auf den
Sonnenstand und in welcher Entfernung sich Futterquellen
befinden.
Die zweite Bedeutung haben in erster Linie die Psycho-
logen geprägt, obwohl manche Gelehrte früherer Jahrhun-
1  Intelligenz   5

derte, etwa Descartes, sie schon vorweggenommen haben,


nämlich Intelligenz als Denkvermögen. Intelligent sein
heißt, die Fähigkeit zu logischem Denken zu besitzen, das
heißt die Fähigkeit, ausgehend von Basiselementen zu einem
Ziel zu gelangen. Ein konkreter Fall ist das Problemlösen.
Achtung, wenn ich hier von „Problemen“ spreche, den-
ken Sie vielleicht an Mathematik. Der Psychologe jedoch
spricht in sehr allgemeiner Weise von „Problemen“. So löst
der Klempner ein Problem, wenn er einen Wasserrohrbruch
repariert. Die Organisation einer Hochzeit ist ein Problem
(und Ehen von Mathekanonen sind nicht zwangsläufig die
besten …), eine Nähmaschine zu bedienen, ist ein weiteres.
Und ich bewundere die Unbekannte, die das Stricken er-
funden hat: Einfacher als mit Wolle und zwei Nadeln geht
es doch kaum. Nicht einmal Einstein kam in seiner Formel
E = mc2, die aus fünf Symbolen besteht, mit weniger aus.
Stellen Sie sich unter einem Problem auch nicht unbedingt
etwas Lästiges vor, denn viele Spiele, vom Geduldsspiel bis
zum Schach und heute die Computerspiele, sind Probleme.
Schließlich hat das Wort „Intelligenz“ noch eine dritte
Bedeutung, und zwar Kultur. Intelligent sein heißt kul-
tiviert sein. Kultur meint Sprache (insbesondere reichen
Wortschatz) und gespeichertes Wissen. Kultur wird nicht
vererbt, sie beruht auf Gedächtnis und Lernen. Für eine
amerikanische, von den 1920er bis in die 1960er Jahre do-
minierende Theorie, den Behaviorismus (von behavior für
„Verhalten“), wird alles gelernt. Weil das Wort „Intelligenz“
an eine angeborene Fähigkeit erinnerte, wurde es übrigens
aus der Terminologie der Behavioristen verbannt und durch
den Ausdruck „Problemlösen“ ersetzt. Und ein Problem
löst man nicht durch einen jähen Geistesblitz, sondern man
6   DBook Title
ie Geheimnisse unseres Gehirns

lernt, es zu lösen. Ein Zimmermann kann nicht von heu-


te auf morgen ein kompliziertes Gerüst erstellen, genauso
wenig wie eine Schneiderin auf Anhieb elegante Kostüme
anzufertigen vermag. Die Vorstellung, dass Intelligenz aus
komplexen Lernprozessen erwächst, kommt derzeit wieder
in Mode. Orientiert am Modell des Computers hebt sie
jetzt auf das Gedächtnis ab und erklärt, Intelligenz sei zum
Großteil … Speicherkapazität!

Deutlich mehr Klarheit kam in die nebulöse „Intelligenz“,


als der englische Psychologe Charles Spearman um 1900
statistische Analyseverfahren entwickelte, mit denen sich
Zusammenhänge zwischen Schulfächern oder -leistungen
(oder Tests, wie die Amerikaner sagen) ermitteln lassen.
Die Analyse ergibt Wissens- oder Test„familien“, die sich
ähneln (z. B. Französisch und Geschichte/Geografie oder
Mathe und Physik). Mit solchen Verfahren identifizierte
der amerikanische Forscher Louis Leon Thurstone fünf sol-
cher intellektuellen Primärfaktoren (es gibt allerdings noch
mehr; Abb. 1.1) und entwickelte zahlreiche Tests, um sie
voneinander abzugrenzen. Er wollte aber keine Rangord-
nung unterstellen (denn in dieser Sicht der Intelligenz sind
alle Fähigkeiten „gleich“). Der verbale Primärfaktor hat
mit Sprachbedeutung zu tun und wird erfasst von Tests,
die das Verständnis von durch Worte ausgedrückten Ideen
prüfen. Der räumliche Primärfaktor besteht darin, sich
Gegenstände in zwei oder drei Dimensionen gut vorstellen
zu können. Eine Fähigkeit zu schlussfolgerndem Denken
entspricht dem Vermögen, logische Probleme zu lösen oder
Voraussagen oder Pläne zu machen. Die rechnerisch-ma-
thematische Fähigkeit zeichnet sich aus durch guten Um-
gang mit Zahlen und Lösen von quantitativen Problemen,
1  Intelligenz   7

Sprachverständnis

schlussfolgerndes Wortflüssigkeit
Denken

räumliches Zahlenverständnis
Vorstellungs-
vermögen

Abb. 1.1   Fünf Primärfaktoren der Intelligenz

wie sie gewöhnlich in Mathe vorkommen. Und schließlich


spiegeln sich in der Wortflüssigkeit Tempo und Gewandt-
heit im Umgang mit Wörtern (eine intelligente Person
kann redegewandt sein oder nicht …), wie bei einem Poli-
tiker oder einer Marktfrau.

Die zur Testkonstruktion von Thurstone durchgeführten


Studien ergaben, dass der verbale Faktor (Verständnis) so-
wie der des logischen Denkens den Fähigkeiten entspre-
chen, die den Erfolg in verschiedenen Schultests am besten
vorhersagen. Dies gilt etwa für den Wortschatz, Rechenauf-
gaben, literarische Texte oder Noten in Natur- und Sozial-
wissenschaften.
Der numerische Faktor und der räumliche Faktor schei-
nen sehr spezifisch zu sein, da ersterer ausschließlich mit
arithmetischen Problemen und letzterer mit räumlichen
Tests (nach Art des technischen Zeichnens) korreliert. Um-
8   DBook Title
ie Geheimnisse unseres Gehirns

gekehrt weisen verschiedene sensomotorische Aufgaben


– etwas zusammenbauen, Zapfen rasch in Löcher stecken
oder Werkzeuge vergleichen – nur einen schwachen oder
gar keinen statistischen Zusammenhang mit diesen fünf
großen Fähigkeiten auf.

Fazit
Diesen Ansatz einer „Intelligenz für jede Gelegenheit“
trieb Howard Gardner in seiner Theorie der multiplen
Intelligenzen (1993) auf die Spitze. Er postulierte sieben
Arten von Intelligenz: eine sprachliche (linguistische), eine
logisch-mathematische, eine räumliche, eine musikalische,
eine körperlich-kinästhetische (Tänzer und Sportler), eine
interpersonale (zwischenmenschliche) und eine intraperso-
nale (Wissen über sich selbst). Doch dieses Konzept stellt
eine derartige Erweiterung des Intelligenzbegriffs dar, dass
Intelligenz praktisch gleichbedeutend mit jedem beliebigen
Talent wird. Wenn man einem Athleten Intelligenz zu-
schreibt, weil er sehr schnell läuft oder sehr gut Tischtennis
spielt, was soll man dann über den Geparden oder den Ad-
ler sagen? Es ist doch besser, den Intelligenzbegriff auf die
abstrakten Formen des Denkens zu beschränken und dabei
die sensomotorischen Fähigkeiten und die anderen Aspekte
der Persönlichkeit zu würdigen. Eben dies hat die psycholo-
gische Forschung bewiesen. Eine freundliche oder kontakt-
freudige Wesensart kann in Beruf oder Familie angemesse-
ner sein als eine sehr abstrakte Intelligenz mit einem kalten
oder stark in sich gekehrten Charakter.
1  Intelligenz   9

2 Ist mein Goldfisch intelligent?


Wir sind keine rein geistigen Wesen, und Intelligenz im all-
gemeinen Sinn von geistigen Fähigkeiten hängt offensicht-
lich vom Gehirn ab. Doch dank Harry Jerison, der sein
Leben der Vermessung von Gehirnen gewidmet hat, weiß
man, dass es auf das Verhältnis von Gehirn- und Körperge-
wicht ankommt. Schließlich übertrifft die Gehirnmasse des
Elefanten (5 kg) oder des Wals (7 kg) die unsrige bei Wei-
tem. Was den berühmten Tyrannosaurus angeht, so besaß
er bei einem Gewicht von sieben Tonnen nur ein winziges,
200 g „schweres“ Gehirn – ein wahres Spatzengehirn! Das
ist angesichts der heutigen Erkenntnis, dass die Vögel von
den Dinosauriern abstammen, nicht weiter verwunderlich.
Allgemein gesagt lässt sich in der Entwicklung der Wir-
beltiere – Fische, Vögel, Säugetiere – und schließlich der
Primaten bis hin zum Menschen eine Steigerung des Ge-
hirngewichts im Verhältnis zum Körpergewicht feststellen.
Der Mensch besitzt ein Gehirn von durchschnittlich 1400 g
bei einem mittleren Körpergewicht von 70 kg. Sein relati-
ves Gehirngewicht ist demnach weitaus höher als das von
Tieren mit vergleichbarem Körpergewicht (z. B. Löwe oder
Strauß), aber einem zehn- bis 20-mal leichteren Gehirn.
Das Gehirn des Schimpansen wiegt 400 g, kaum weniger
als die 450 g unseres entfernten Vorfahren Australopithecus,
der berühmten Lucy. Unser kleiner Goldfisch rangiert am
unteren Ende der Skala; sein Minihirn wiegt weniger als ein
Zehntel Gramm (Abb. 1.2).
10 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Gehirngewicht
(in Gramm)
10 000
Mensch
1 000
Schimpanse

100 Pavian Löwe


Tyrannosaurus
Strauß
10
Rabe

1 Ratte

0,1
Goldfisch
Körpergewicht
0,01 0,1 1 10 100 1 000 (in kg)

Abb. 1.2   Die geistigen Fähigkeiten entsprechen dem Gehirnge-


wicht relativ zum Körpergewicht (vereinfacht nach Jerison 2001)

Trotz der riesigen Unterschiede zwischen den Tierarten


lassen sich zuweilen Vergleiche anstellen, sodass manche
Forscher (Bitterman 1965; Harlow 1949) die Intelligenz
verschiedener Tiere anhand derselben Aufgabe prüften. Bei
jeder Aufgabe muss das Tier, um an eine Belohnung zu ge-
langen, zwischen zwei Objekten (etwa einem Kreuz und
einem Kreis) wählen, doch bei jeder Wahl unterscheiden
sich die beiden Objekte. Ein erwachsener Mensch begreift
das Problem mit maximal zwei Versuchen: Entweder er
hebt das Objekt (unter dem sich die Belohnung befindet)
zufällig hoch (Lösung beim ersten Versuch), oder er hebt
das andere, das richtige, im zweiten Durchgang hoch. Ein
Schimpanse jedoch benötigt 200 Versuche (über mehrere
Monate), um zu diesem Ergebnis zu gelangen. Eine Taube
1  Intelligenz   11

erzielt nach 500 Durchgängen nur in 80 % einen Erfolg.


Eine Katze schafft nach 600 Trainingsversuchen nur 60 %,
während eine Ratte nach demselben Training kaum über
ein Zufallsergebnis hinaus gelangt.
Probieren wir es mit einem einfacheren Problem: Ein
Tier muss ein Ziel (z.  B. einen hellen Kreis) statt eines
anderen Reizes (schwarzer Kreis) wählen und wird dann
belohnt; eine Taube erhält Körner und unser Goldfisch
einen schmackhaften kleinen Wurm. Wenn er dann mehr-
mals Erfolg hat (bei 40 Durchgängen pro Tag), kehrt man
die Sache um, sodass die Belohnung sich nun unter dem
schwarzen Kreis verbirgt und so weiter. Eine Ratte macht
diese Umkehrungen gut mit und begeht trotz des Wechsels
des belohnten Ziels im Durchschnitt nicht mehr als zwei
Fehler. Die Taube verfügt über eine unflexiblere Intelli-
genz; ihr unterlaufen bis zu 50 Irrtümer, bis sie die Zielän-
derung gelernt hat, was ihr jedoch nach 20 Tagen gelingt.
Bei der Schildkröte ist das nicht der Fall; sie macht nach 20
Trainingstagen immer noch 40 Fehler pro Tag. Und unser
kleiner Goldfisch? Nun, da muss man feststellen, dass er
sich intelligenzmäßig nicht gerade mit Ruhm bekleckert;
er irrt sich bis zu 70-mal am Tag, selbst nach 20 Übungs-
tagen noch.

Fazit
Zusätzlich zu quantitativen Unterschieden wie der Ge-
hirnmasse (relativ zur Körpermasse) bestehen zahlreiche
„qualitative“, strukturelle Unterschiede des Denkorgans.
Beispielsweise ist der frontale Cortex (der Denken mög-
lich macht) des Schimpansen im Vergleich zu dem eines
primitiven Wirbeltieres gleicher Größe 60-mal größer, der
12 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

des Menschen sogar 150-mal größer. Der Hippocampus


(unerlässlich für das Gedächtnis) besitzt beim Schimpan-
sen das anderthalbfache und beim Menschen das vierfache
Volumen. Dagegen ist der Riechkolben (Bulbus olfactorius,
Sitz des Geruchssinnes) gleich groß.
Die Katze und die Ratte schließlich sind nicht so klug,
wie La Fontaine sie uns geschildert hat. Und unser kleiner
Goldfisch … ist halt nicht Nemo!

3 Ist Sprache das Privileg des


Menschen?
Der Erzbischof von Canterbury soll beim Anblick des ers-
ten Orang-Utans im 1828 eröffneten Londoner Zoo gesagt
haben: „Ihm fehlt nur die Sprache, damit ich ihn taufe.“
Die Sprache gilt tatsächlich schon immer als die letzte
Scheidelinie zwischen Tier und Mensch, und dennoch …

Der Nachweis des Erwerbs einer echten Sprache geht zu-


rück auf Allen und Beatrice Gardner (1969; gefolgt von
anderen, z. B. Ann und David Premack 1972). Ihr genia-
ler Einfall bestand in der Vermutung, dass Schimpansen
vielleicht deshalb nicht über Sprache verfügten, weil ihre
Artikulationsorgane dazu nicht ausreichten (was sich spä-
ter bestätigte; ihr Kehlkopf erlaubt es nicht, die Vielfalt
menschlicher Laute hervorzubringen), und nicht aufgrund
einer Beschränkung ihres geistigen Vermögens. Denn der
Schimpanse ist manuell sehr geschickt. Jane Goodall (La-
wick-Goodall 1971), die unter Schimpansen im Urwald
lebte, beobachtete beispielsweise, wie sie nach Termiten
1  Intelligenz   13

angelten, indem sie einen Grashalm in die Löcher eines


Termitenbaus steckten. Daher kamen Allen und Beatrice
Gardner auf die Idee, eine in den USA gebräuchliche Ge-
bärdensprache für Gehörlose zu verwenden, die American
Sign Language (ASL).
Das Experiment begann im Juni 1966 an der Univer-
sität von Nevada mit einem jungen, etwa zehn Monate
alten Schimpansenweibchen (Schimpansen werden mit
14  Monaten erwachsen und können in Gefangenschaft
bis zu 40 Jahre alt werden), das sie nach einem Landstrich
Nevadas „Washoe“ nannten. Washoe ist ständig in Gesell-
schaft von Menschen, die ASL beherrschen und sich mit
ihr beschäftigen, mit ihr spielen und Zuneigung zu ihr
auszudrücken. Unter diesen Bedingungen ahmt sie ihre
menschlichen Modelle (andere Forscher, die Schimpansen
in einer menschlichen Umgebung großgezogen haben, ha-
ben eine ausgeprägte Nachahmungsfähigkeit festgestellt,
vorausgesetzt, die Anregung erfolgt auf visueller Ebene)
problemlos nach: Sie putzt sich jeden Tag die Zähne, spielt
seit dem zweiten Monat des Experiments mit Puppen, und
ab dem zehnten Monat badet sie eine ihrer Puppen ge-
nauso, wie sie selbst gebadet wird, trocknet sie mit einem
Handtuch ab und seift sie manchmal ein. Ihre Sprachent-
wicklung geht recht rasch vonstatten. Während der ersten
sieben Monate tauchten vier Zeichen auf, neun neue in
den darauffolgenden sieben Monaten und nochmals 21 in
den nächsten sieben Monaten. Mit viereinhalb Jahren ver-
fügt Washoe über einen Wortschatz von 112 Zeichen für
Handlungen wie „komm“, „geh“, „essen“, für Gegenstände
wie „Zahnbürste“, „Blume“ und für Personen wie sie selbst
und ihre Freunde. Sie kann sogar „Sätze“ bilden, indem sie
zwei Zeichen verknüpft: „spielen – Ball“.
14 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Fazit
Andere Experimente bestätigten, dass die Menschenaffen
– Schimpansen und Gorillas – imstande sind, eine Spra-
che aus verschiedenen Zeichen, Plastikklötzchen und Ähn-
lichem zu erlernen. Die Leistungen Washoes wurden von
einem Affen einer kürzlich entdeckten Art, den Bonobos,
sogar noch in den Schatten gestellt. Diese Art ist noch nä-
her mit uns verwandt, und der aufrechte Gang fällt ihr von
Natur aus viel leichter. Ihr Skelett ähnelt dem des Australo-
pithecus, eines der ältesten Hominiden (3 Mio. Jahre).
Im Sprachforschungszentrum der Universität Atlanta in
Georgia führte Sue Savage-Rumbaugh (1993) umfangrei-
che Forschungsarbeiten mit einem von früh auf in mensch-
licher Obhut aufgezogenen Bonobo namens Kanzi durch
und wies erstaunliche Fähigkeiten bei ihm nach. Um die
Sprache von Primaten zu erforschen, hatte das Team ein
Vokabular aus 250 „Lexigrammen“ – visuellen Symbolen
– konstruiert. Primaten können nicht sprechen; sie können
aber auf mit Lexigrammen versehene Computertasten drü-
cken und so „Wörter“ zusammenstellen (solche Hilfsmittel
werden für Menschen mit bestimmten zerebralen Behin-
derungen benutzt). Durch systematisches Training lernte
Kanzi, die gehörten Wörter mit Bildern von Gegenstän-
den oder Personen zu verknüpfen. Er kann auf diese Weise
1000 Wörter verstehen: Objekte wie Schlüssel oder Tür,
Früchte wie Banane oder Apfel, Futter, Fruchtsaft, Lecke-
reien, Personen wie Sue und die anderen Teammitglieder,
Familienmitglieder, andere Tiere wie Maus oder Schlange
und so weiter.
1  Intelligenz   15

So ist er spontan imstande, Sätze zu verstehen und die


entsprechende Handlung zu vollziehen – etwa eine Kartof-
fel zu waschen oder mit einem Feuerzeug Feuer zu machen.
Umgekehrt kann er sich mithilfe der Lexigramme ausdrü-
cken. Er kann die in 600 Sätzen (wahrscheinlich mehr) be-
schriebenen Handlungen ausführen, etwa einen Schlüssel
in den Kühlschrank legen, Schnürsenkel aufknoten und
einen Schuh ausziehen. Kanzi ist eine „Intelligenzbestie“
im wahrsten Sinn des Wortes.

4 Wie groß ist unser Wortschatz?


Wenn unsere Vettern, die Menschenaffen, schon als sprach-
begabt gelten können, um wie viel mehr dann erst der
Mensch. Hier geht es nicht mehr um 100 oder 1000 Wör-
ter wie beim Schimpansen, sondern um Zehntausende.
Wie lässt sich der Umfang unseres Wortschatzes feststellen?
Das wahrscheinlich vollständigste Verzeichnis erstellten
die Amerikaner William E. Nagy und Richard C. Ander-
son (1984) nach einer computergestützten Durchmuste-
rung von über 5 Mio. Wörtern aus etwa 1000 Schulbuch-,
Magazin- und ähnlichen Texten, gedacht für Schüler von
der ersten Grundschulklasse ( grade 3) bis zum Ende der
Sekundarstufe I (in Frankreich vierklassig, grade 9 in den
USA; Carroll et al. 1971, zit. in Nagy und Anderson 1984).
Die Autoren untersuchten die Auftretenshäufigkeit anhand
einer Stichprobe von 7260 Wörtern und strichen wieder-
holte Wörter (mit demselben Sinn, aber unterschiedlicher
Schreibweise oder Syntax wie „Haus“ – „HAUS“ und
„heben“ – „gehoben“). Auf diese Weise identifizierten sie
16 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

semantische Familien abgeleiteter Wörter und schätzten auf


dieser Basis die Grundgesamtheit des in den Büchern aller
Niveaus (vom Kindergarten- bis zum Erwachsenenalter)
enthaltenen Wortschatzes auf etwa 88.500 verschiedene
Wörter.

Zwei französische Untersuchungen führten zu ganz ähn-


lichen Schätzungen. Eine Studie aus Poitiers (Ehrlich
et  al. 1978; Florin 1993) zog ihre Stichprobe aus einem
Wörterbuch. Nach verschiedenen Näherungen ergab sich
ein repräsentativer Auszug von 2700 Wörtern, welche die
Schüler auf einer fünfstufigen Skala bewerten sollten. Die-
se reichte von „Das habe ich noch nie gehört“ bis „Das
kenne ich sehr gut und verwende es sehr oft“. Insgesamt
2500 Kinder von der zweiten bis zur fünften Grundschul-
klasse aus 115 Klassen nahmen an der Studie teil. Die Zahl
der von den Schülern als „durchschnittlich bekannt“ ein-
gestuften Wörter insgesamt lag in der zweiten Klasse in der
Größenordnung von 3000, in der fünften um 6000, ins-
gesamt also bei 9000 Wörtern am Ende der Grundschule.
Die Studie aus Rennes (Déro 1998) griff das methodi-
sche Prinzip unserer Studie in der Sekundarstufe I (siehe
unten) auf. Sie erfasste den Wortschatz der Grundschul-
bücher und schätzte dann das Wissen der Schüler auf der
Grundlage von Multiple-Choice-Fragebögen. Während je-
doch in unserer Studie die Wörter manuell erfasst wurden,
ließ Déro die Bücher einscannen, was eine systematischere
Analyse gewährleistet. So ermittelte er einen Gesamtwort-
schatz von 11.000 Wörtern und schätzte das durchschnitt-
lich erworbene Vokabular auf 4500 Wörter am Ende der
ersten Grundschulklasse und auf 9000 Wörter am Ende
der fünften. Das bedeutet einen Fortschritt von ungefähr
1000 Wörtern pro Jahr.
1  Intelligenz   17

Fazit
Unsere Studien (Lieury und Mitarbeiter; siehe Lieury
2012) in der Sekundarstufe I sprechen dafür, dass sich in
der ersten Klasse der Sekundarstufe I der Wortschatz um
2500 neue Wörter über den der Grundschule hinaus er-
weitert; bis zur letzten Klasse wächst er auf 17.000. Rechnet
man die 9000 Wörter der Grundschule hinzu, dann erhält
man einen geschätzten Wortschatz von 26.000 in der letz-
ten Klasse der Sekundarstufe I. Das kommt einer Verdop-
pelung des Vokabulars alle zwei Jahre gleich.
Diese Schätzungen berücksichtigen die verschiedenen
Wortbedeutungen (semantisches Gedächtnis), doch bezieht
man, wie manche Autoren, auch lexikalische Ableitungen
(„sein“, „bin“, „sind“, „seid“, „seiend“ etc.) ein, umfasst
das Vokabular Zehntausende Wörter. Der gebildete Er-
wachsene dürfte daher über einen enormen Wortschatz von
mehreren Zehntausend Wörtern verfügen, was unendlich
viel komplexer ist als die Syntaxregeln, deren Zahl bei etwa
300 liegt. Aus diesem Grund bildet der Wortschatzumfang
offenbar einen der besten Untertests von Intelligenztests;
er entspricht vielleicht der Kapazität unserer persönlichen
„Festplatte“.

5 Sind Musterschüler sportliche


Nieten?
Intelligenz misst man durch die Beurteilung von geistigen
Leistungen: ein Problem lösen, Fragen beantworten, einen
Roman schreiben und so weiter. Von der Schule bis zur
18 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Universität heißt Intelligenz, gute Leistungen zu zeigen.


Ja, aber gute Leistungen in Französisch, in Geschichte, in
Sport? Wie beurteilt man die Bedeutung von Schulfächern
oder -tests? Im Lande Sherlock Holmes’ erfand der Englän-
der Charles Spearman den Korrelationskoeffizienten, um
das Ausmaß des Zusammenhangs zweier Leistungen zu be-
stimmen. „Elementar, mein lieber Watson!“
Der Korrelationskoeffizient ist ein statistisches Maß, das
vereinbarungsgemäß die Übereinstimmung zwischen zwei
Sachverhalten durch eine Zahl zwischen 0 und 1 ausdrückt,
genauso wie man festgelegt hat, Wärme als Temperatur zwi-
schen null und 100 Grad zu messen. Nehmen wir beispiels-
weise an, in einer Klasse hat Tiffany 16 von 20 Punkten in
Geschichte und ebenso 16 von 20 in Erdkunde, Alexander
15 von 20 in beiden Fächern und so fort bis zu Toto, der
in beiden Fächern auf 5 von 20 steht. Die Übereinstim-
mung zwischen den beiden Notenreihen ist perfekt: Defi-
nitionsgemäß nimmt der Korrelationskoeffizient zwischen
Erdkunde und Geschichte den Wert 1 an. Wohlgemerkt,
man findet niemals eine derart vollkommene Deckungs-
gleichheit. So drückt beispielsweise die stärkste mir be-
kannte Korrelation das Ausmaß der Ähnlichkeit zwischen
den Fingerabdrücken von eineiigen Zwillingen aus: Dieser
Koeffizient beträgt 0,97. Allerdings folgt man in der Statis-
tik den amerikanischen Gepflogenheiten: Der Punkt ersetzt
das Komma, und die Null fällt weg. Man schreibt also .97
und sagt: „Punkt siebenundneunzig“. Achtung, eine Kor-
relation ist kein Prozentsatz, es wäre also genauso falsch,
„97 Prozent“ zu sagen, wie eine Temperatur in Zentimetern
formulieren zu wollen. In der Praxis drücken Korrelations-
koeffizienten zwischen .70 und .90 eine starke Überein-
1  Intelligenz   19

stimmung aus und Werte unter .30 nur eine sehr schwache,
wie wir in verschiedenen Abschnitten sehen werden.
Bleiben wir einige Augenblicke bei der Nullkorrelation
(Koeffizient 0 oder fast 0), die häufig als negativer Zusam-
menhang verstanden wird (Korrelation –1). Ein negativer
Korrelationskoeffizient drückt aber ebenfalls einen starken
Zusammenhang aus, jedoch in gegenläufigem Sinn. So be-
steht eine negative Korrelation zwischen dem Alter und
dem Sehen in der Nähe: Je älter man wird, desto schlechter
sieht man im Nahbereich. Dagegen drückt eine Nullkor-
relation das Fehlen eines Zusammenhangs aus; es herrscht
der Zufall, alles ist regellos vermischt.

In einem Experiment mit acht Klassen einer großen Sekun­


darstufe (173 Schüler) berechnete man die Korrelationen
zwischen je zwei Fächern (mittlere Jahresnoten der Schü­
ler; Tab. 1.1). So betrug der Zusammenhang zwischen Ge-
schichte/Geografie und Mathematik .61, das heißt, dass
die Schüler, die in Geschichte/Geografie gut waren, im
Schnitt auch in Mathe vorn lagen, dass die mittelmäßigen
Geschichte/Geografie-Schüler in Mathematik ebenfalls im
Mittelfeld lagen und dass die im ersten Fach schwachen
Schüler meist auch in Mathe hinterherhinkten. Dann be-
rechnete man die Korrelationen zwischen Geschichte/
Geografie und Physik/Chemie und so fort für alle Fächer.
Man ordnete die Koeffizienten in eine Zeile, begann wie-
der von vorn mit den Korrelationen aller Fächer mit Ma-
thematik und trug sie in die zweite Tabellenzeile ein. Wie
Sie bemerken werden, braucht man die Korrelation zwi-
schen Mathe und Geschichte/Geografie (.61) nicht noch-
mals einzutragen, da sie ja identisch ist mit der zwischen
Geschichte/Geografie und Mathe. Daher bleibt die Tabelle
unterhalb der Diagonale um der Einfachheit willen leer.
20 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Tab. 1.1   Korrelationen zwischen Noten in verschiedenen


Schulfächern in der Abschlussklasse der Sekundarstufe I (8 Klas-
sen, 173 Schüler; vereinfacht nach Lieury et al. 1995)
Ge- Mathe- Biolo- Fran- Kunst Sport
schich- matik gie zö-
te/Geo sisch
Ge- 1 .61 .63 .54 −.01 .24
schichte/
Geo
Mathe- 1 .67 .41 .03 .22
matik
Biologie 1 .46 .06 .15
Franzö- 1 −.04 .00
sisch
Kunst 1 −.1
Sport 1

Letztlich gehen aus der Tabelle zwei übergreifende Er-


gebnisse hervor. Zum einen weisen bestimmte Fächer
einen starken Zusammenhang von .42 bis .71 auf, und
zwar Geschichte/Geo, Mathematik, Biologie, Französisch
mit (nicht in der Tabelle enthalten) Physik/Chemie und
den Sprachen. Dagegen korrelieren diese „Kernfächer“
kaum oder durchschnittlich mit Musik (von .21 bis .46)
und überhaupt nicht mit Kunst oder Sport. Beispielsweise
besteht eine Nullkorrelation (.00) zwischen den Noten in
Französisch und Sport, und die Korrelationen mit den an-
deren Fächern sind ebenfalls 0,00 oder unbedeutend (Ko-
effizienten unter .25 gelten als belanglos). Fächer wie Sport
und Kunst scheinen infolgedessen eher sensomotorische
Fertigkeiten zu beanspruchen als Fächer, in denen sich das
intellektuelle Leistungsvermögen ausdrückt.
1  Intelligenz   21

Fazit
Aber Vorsicht! Eine Nullkorrelation bedeutet nicht, dass
alle Streber körperliche Schwächlinge sind wie in dem Ste-
reotyp des schmächtigen, bebrillten Bücherwurmes. Sie
bedeutet vielmehr, dass hier der Zufall regiert. Also findet
man unter den „Intelligenzbestien“ gleich viele Sportska-
nonen und Bewegungsmuffel, und für die anderen Fächer,
Geschichte/Geo oder Mathe, gilt dasselbe.

6 Lässt sich an Ihrer Schrift ablesen,


wie schlau Sie sind?
Wenn es in Frankreich (weniger in den Vereinigten Staaten;
Kapitel 5) ein tief verwurzeltes Vorurteil gibt, dann das, dass
die Handschrift etwas über die Intelligenz verrate. Ebenso
wie für Gesichter oder Handmerkmale hatte der Pionier
der experimentellen Psychologie, Alfred Binet, Ende des
19. Jahrhunderts die Zusammenhänge zwischen Schrift
und Intelligenz untersucht. Er erhielt sogar die Unterstüt-
zung des Begründers der Grafologie in Frankreich, Jules
Crépieux-Jamin (1859–1940). Doch der berühmte Grafo-
loge vermochte seine Behauptungen nicht zu begründen,
sodass sich Binet einer anderen Methode zuwandte. Diese
führte schließlich zur Konstruktion des ersten Intelligenz-
tests. In Studien, die nach Übereinstimmungen zwischen
Intelligenztests und Messungen der motorischen Geschick-
lichkeit, der motorischen Reaktionszeit oder der Schreibge-
schwindigkeit suchten, ergaben sich Null- oder unbedeu-
tende Korrelationen (0,00 bis .25). Sie liegen also richtig,
22 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Wenn Sie von dem Gekritzel Ihres Arztes auf dem Rezept
nicht auf sein Können schließen!

Der prognostische Wert der Handschrift für die Eignung


einer Person für eine bestimmte Tätigkeit ist in Studien
untersucht und mit anderen Indikatoren wie der Be-
urteilung durch Kollegen oder Intelligenztests verglichen
worden. Laut einem Überblicksartikel amerikanischer
Forscher über eine große Anzahl solcher Studien sagen
Eignungstests (z.  B. Mathematik- oder Informatiktests
für eine Arbeit in der Informatik) oder Arbeitsproben am
meisten aus über die Eignung für einen Posten; Tests der
allgemeinen Intelligenz (mit mehreren Untertests) zeigen
eine mittlere Vorhersagekraft. Die Vorhersageleistung der
Grafologie dagegen ist gleich null (Tab. 1.2).

Fazit
Die Glaubwürdigkeit der Grafologie lässt sich im Übrigen
nur schwer prüfen, da die Grafologen keine objektiven Kri-
terien verwenden. Wie die Astrologen behaupten sie, dass
die anderen sich im Irrtum und sie selbst sich im Recht
befänden. Eine Untersuchung des nationalen französischen
Verbraucherinstituts1 verglich das Urteil von sechs Grafolo-
gen aus der Region Paris über die Schrift bekannter Persön-
lichkeiten. Das Model Inès de la Fressange beispielsweise
wurde von einem Grafologen als „realistisch“, von einem
anderen als „intuitiv“, von einem dritten als „analytisch“
und von einem vierten als „instinktiv“ eingestuft. Aus den

1 
50 Millions de Consommateurs, November 1989.
1  Intelligenz   23

Tab. 1.2   Validität von Methoden der Personalauswahl (modi-


fiziert nach Robertson und Smith, zit. in Huteau 2004)
Methoden Korrelation
Arbeitsprobe .38 bis .54
Eignungstest .53
Beurteilung durch Kollegen .43
und Vorgesetzte
Test der allgemeinen .25 bis .45
Intelligenz
Grafologie .00

Büchern des Journalisten und Schriftstellers Jean-Claude


Bourret über Ufos lässt sich zumindest schließen, dass er
Fantasie besitzt, so wie es ihm auch ein Grafologe beschei-
nigte. Ein anderer dagegen urteilte, seine Handschrift spre-
che für „wenig Fantasie“. Dasselbe Bild ergab sich in Bezug
auf den für seine Kreativität bekannten Philippe Bouvard.
Er arbeitet als Journalist, Humorist, Radio- und Fernseh-
moderator zugleich, doch ein Grafologe beurteilte ihn als
„wenig kreativ“. Dem Académie-Mitglied Jean d’Ormes-
son bescheinigte man die Eigenschaften „rigoros und ver-
standesbetont“. Zugleich jedoch lasen mehrere Grafologen
aus seiner Handschrift einen „Mangel an Abstand“ heraus.
Über Paul-Loup Sulitzer, der für seine Romane über Geld
und Macht bekannt ist, sagten die einen, er sei „klar und
präzise“ oder „zu intellektuell“, während andere sein Den-
ken als „weder besonders klar, noch besonders stringent“
beurteilten.
Auf welchen Heiligen Graphologus kann man sich ver-
lassen?
24 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

7 Woher kommt der Ausdruck


„Denkerstirn“?
Im 19. Jahrhundert machten die Ansichten des deutschen
Mediziners Franz Joseph Gall (1758–1828) Furore. Laut
seiner als „Phrenologie“ (vom griechischen phrän für „Ver-
stand“, „Gemüt“, „Wille“) oder „Schädellehre“ bezeichne-
ten Theorie sitzen die geistigen Funktionen an bestimm-
ten Stellen im Gehirn. Im Prinzip keine schlechte Idee! So
machte der französische Neurologe Pierre Paul Broca den
Fall eines Mannes bekannt, der nicht sprechen konnte
(Aphasie) und bei dem sich nach seinem Tod zeigte, dass
eine genau umschriebene Gehirnregion zerstört war. Dieses
Areal liegt in der dominanten Hirnhäfte (bei Rechtshän-
dern der linken) und ist das motorische Sprachzentrum.
Doch Franz Gall ging viel weiter. Er war überzeugt, dass die
Entwicklung einer Fähigkeit mit einer Vergrößerung des
entsprechenden Hirnbereichs einhergehe und sich an die-
ser Stelle der Schädel verforme. Diese Vorstellung gewann
große Popularität, und Ausdrücke wie „Denkerstirn“ oder
„musikalischer Hinterkopf“ haben bis heute überdauert. In
Frankreich spricht man sogar von der „Mathebeule“ oder
„Geschäftsbeule“. Natürlich muss ein Mensch mit hoch
entwickelten geistigen Fähigkeiten einen „großen Kopf“
haben, und wir verwenden diesen Ausdruck heute noch für
Menschen mit hoher Intelligenz.

Alfred Binet, der große Pionier der wissenschaftlichen


Psychologie, befasste sich gründlich mit dieser modischen
Theorie und vermaß gemeinsam mit seinem Freund, dem
Arzt Théodore Simon, Leiter einer Anstalt für geistig Be-
1  Intelligenz   25

hinderte, Hunderte von Köpfen. Die Aufgabe war gar


nicht so einfach. Er musste eine Unmenge komplizierter
Messungen vornehmen, von der Nasenwurzel bis zur Schä-
delbasis, von einer Seite des Schädels zur anderen, jeweils
bei den Ohren beginnend. Überdies stieß er auf Messfehler,
und beim Vergleich seiner Messungen mit denen Simons
stellte er nicht immer Deckungsgleichheit fest. Kurzum,
es war nicht leicht, doch Binet veröffentlichte mehrere
Artikel über diese Untersuchungen, bis er sie schließlich
aufgab. Darüber hinaus entdeckte er bei den geistig Behin-
derten größere Ausschläge hin zu den Extremen: Sie wiesen
oft kleinere, aber auch größere Köpfe auf. Heutige For-
schungsergebnisse zeigen in der Tat, dass Chromosomen-
anomalien (etwa drei X-Chromosomen statt zwei oder die
Kombination XXY statt XY bei Jungen) mit einem unter-
durchschnittlichen Kopfumfang verbunden sind. Umge-
kehrt entsteht bei einer Krankheit namens Hydrozephalus
(Wasserkopf ) zu viel Liquor (Gehirn-Rückenmark-Flüssig-
keit) in den Hirnventrikeln, was zu einer abnormen Schä-
delüberdehnung führt. Die betroffenen Kinder sehen mit
ihrer überhohen Stirn und ihrem ballonartig aufgeblähten
Schädel aus wie Außerirdische. Leider steigt der Druck
im Schädelinneren, sodass das Gehirn zusammengepresst
wird, was geistige Behinderungen hervorruft.

Fazit
Moderne Forschungen unter Verwendung statistischer Me-
thoden (Korrelation) kommen zu unterschiedlichen Ergeb-
nissen, was die Beziehung zwischen Intelligenz und Schädel-
umfang angeht. Manche Studie weisen gar keinen Zusam-
menhang nach, manche einen schwachen (höchstens .30).
26 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Nebenbei gesagt sind Mädchen im Schnitt kleiner und


besitzen daher auch einen kleineren Schädel als Jungen,
doch intellektuelle Unterschiede sind nicht nachweisbar.
Die leichte Korrelation zwischen der Intelligenz und den
körperlichen Parametern Schädelumfang, aber auch Statur,
würde vielmehr dafür sprechen, dass sowohl die Intelligenz
als auch die Statur mit einer guten biologischen Entwick-
lung zusammenhängen, wie sie vor allem eine gesunde Er-
nährung und das Fehlen (unbehandelter) Krankheiten be-
dingen.
Überdies setzen gute Gehirnfunktionen gute bioche-
mische Funktionen voraus, insbesondere komplexe Aus-
tauschprozesse zwischen mikrometergroßen Neuronen und
Molekülen, die sich in der Größenordnung von Nanome-
tern (Milliardstel Meter) bewegen … viel zu klein, um die
Schädelknochen zu verformen!

8 Warum hat man Intelligenztests


erfunden?
Alfred Binet (1857–1911) gilt als der Erfinder des ers-
ten Tests mit einem gewissen prognostischen Wert (für
den Schulerfolg). Denn während Binet der Theorie der
„Beulen“ den Garaus machte, führte er gleichzeitig gemein-
sam mit seinem Freund Simon Studien zur Intelligenz von
Kindern durch. Er untersuchte ihre Fähigkeit, Situationen
im Schulleben zu bewältigen, ihr allgemeines Wissen, ihr
Satzgedächtnis, ihre Rechenleistungen, ihren Wortschatz.
Anlass war ein offizieller Auftrag. Das damalige Unterrichts-
1  Intelligenz   27

ministerium hatte eine Kommission zur Förderung von


geistig Zurückgebliebenen eingesetzt. Um ein Unterrichts-
programm für solche Kinder zu entwickeln, musste man
sie zunächst einmal ausfindig machen, und Binet nahm das
Problem der Kriterien für Retardierung in Angriff.

Unter Aufbietung seines ganzen Know-hows entwickelte er


eine Reihe verschiedener Testaufgaben und ermittelte die
Durchschnittsleistungen von normalen Kindern verschie-
dener Altersgruppen. So fand er heraus, auf welcher Alters-
stufe welche Aufgaben typischerweise bewältigt werden.
Beispielsweise konnten zur damaligen Zeit einjährige Kin-
der im Durchschnitt einige Nahrungsmittel unterscheiden.
Zwei für fünfjährige Kinder in der Regel lösbare Aufgaben
bestehen darin, die schwerere von zwei Dosen zu erken-
nen und ein Quadrat nachzuzeichnen. Typische Aufgaben
für Achtjährige lauten, etwas zu lesen und sich davon zwei
Dinge zu merken, vier Farben zu nennen und nach Diktat
zu schreiben. Es gibt also typische Leistungen für das Alter
von einem Jahr, von zwei Jahren und so fort bis zum Alter
von 15 Jahren. Jede für ein Alter spezifische Aufgabengrup-
pe stellt einen Maßstab dar, und deshalb bezeichnete Binet
seinen Test als „échelle métrique de l’intelligence“ (metri-
sche Stufenleiter der Intelligenz, metrische Intelligenzska-
la). Die erste Version der psychometrischen Skala, der er
auch den Namen seines Freundes Simon verlieh, erschien
1905, gefolgt von einer Zweitfassung im Jahr 1908.
Wie bestimmt man nun in der Praxis die Retardierung
eines Kindes? Stellen wir uns ein zwölfjähriges Kind vor,
das nur Aufgaben für die Altersgruppe von zehn Jahren be-
wältigt. Dann sagt man, dieses Kind habe ein Intelligenz-
alter von zehn Jahren bei einem chronologischen Alter von
zwölf Jahren. So ist der Begriff des Intelligenzalters defi-
28 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

niert. Beachten wir – wie es danach bei allen Tests der Fall
sein wird –, dass die „Intelligenz“ zum Durchschnittswert
einer Stichprobe von Kindern eines bestimmten Alters ins
Verhältnis gesetzt wird. Es handelt sich also nicht um einen
absoluten Wert, sondern um einen relativen. Wie sich ins-
besondere mit der amerikanischen Fassung des Intelligenz-
tests zeigen lässt, sind amerikanische Kinder bei manchen
Aktivitäten weiter voraus. Kurzum, für Binet hieß durch-
schnittliche Intelligenz bei einem Kind, dass es bei den
Aufgaben den Durchschnittswert der Kinder seiner Alters-
gruppe erzielte. In der Folge wurde die auf dem Intelli-
genzalter beruhende psychometrische Skala zur Diagnostik
geistig zurückgebliebener Kinder eingesetzt.

Fazit
Die psychometrische Skala, die bald als Binet-Simon-Ska-
la bezeichnet wurde, war in den Vereinigten Staaten sehr
schnell erfolgreich. Dort erhielt sie auch die Bezeichnung
„Test“. Dieser fand in verschiedenen Bereichen Anwen-
dung: im Schulwesen, in der Psychiatrie, der Justiz und
so weiter. Bei diesem fachübergreifenden Gebrauch stellte
sich jedoch heraus, dass Verbesserungen notwendig waren.
Deshalb entwickelte Lewis Terman von der Universität
Stanford den Test zum Stanford-Binet-Test weiter.
1  Intelligenz   29

9 Was ist das – der IQ?


1916 erschien unter der Bezeichnung Stanford-Binet-Test –
zu Ehren seines französischen Erfinders Alfred Binet – die
Revision von Lewis Terman, Professor an der Universität
Stanford bei Los Angeles. Diese amerikanische Bearbeitung
ist keine simple Übersetzung, sondern enthält zahlreiche
Verbesserungen und Korrekturen. Die Gesamtanzahl der
„Items“ (Fragen oder Aufgaben) ist mit 90 (statt 60) höher,
was die Reliabilität (Zuverlässigkeit) des Tests steigert. Man
darf schließlich nicht vergessen, dass der Test vom Binet-
Typ eine stichprobenartige Auswahl intellektueller Leistun-
gen darstellt; so kann man den Wortschatz eines Kindes
abschätzen, indem man ihm fünf, zehn oder 100 Wörter
vorlegt. Prüft der Test lediglich die Kenntnis von fünf Wör-
tern, besteht die Gefahr, zufällig auf ein Wort zu treffen, das
noch nicht in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegan-
gen ist. So war etwa das Wort „Ozon“ vor einigen Jahren
ein Fachbegriff, den man nur kannte, wenn man Ahnung
von Physik und Chemie hatte, doch die Umweltverschmut-
zung hat dafür gesorgt, dass heute fast jeder dieses Wort
und Begriffe wie „Ozonschicht“ kennt. Also dürften binnen
einiger Jahre auch alle Kinder dieses Wort kennen, sodass
ihnen eine um 20 % (ein Wort von fünf = 20 %) höhere In-
telligenz attestiert würde. Deshalb umfasst der Wortschatz-
test in der letzten Version von Terman 45 Wörter. Ein guter
Test muss also wie jedes Messinstrument – Waage, Thermo-
meter, Uhr – unbedingt geeicht und normiert werden.
Schließlich enthält die amerikanische Fassung einen neu-
en, von einem anderen Psychologen vorgeschlagenen Be-
griff, über den viel Tinte verspritzt werden sollte: den des
30 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Intelligenzquotienten, des berühmten IQ. Zwar ist der Be-


griff des Intelligenzalters sehr praktisch, insbesondere bei
kleinen Kindern, doch eine Retardierung hat je nach dem
jeweiligen realen (chronologischen) Alter offensichtlich
nicht dieselbe Bedeutung. Beispielsweise besagt ein Rück-
stand von zwei Jahren bei einem Vierjährigen nicht dasselbe
wie bei einem 14-Jährigen. Im ersten Fall liegt eine propor-
tional um die Hälfte reduzierte Intelligenz vor, im zweiten
besteht ein viel geringerer geistiger Entwicklungsrückstand
(ein Siebtel). Der IQ drückt diesen Zusammenhang aus; er
berechnet sich durch das Verhältnis von Intelligenz- und
realem Alter, multipliziert mit 100:

Intelligenzalter
IQ = × 100
chronologisches Alter

In unserem Beispiel entspricht demnach ein Rückstand von


zwei Jahren im Alter von vier Jahren einem Intelligenzalter
von zwei Jahren und einem IQ von 50. Dagegen ergibt der-
selbe Rückstand im Alter von 14 Jahren ein Intelligenzalter
von zwölf Jahren, also einen IQ von 85 (Intelligenzalter 12
geteilt durch 14 mal 100).

Seit Binet und Terman errechneten Forscher immer wie-


der gute Korrelationen zwischen dem durch allgemeine
Intelligenztests gemessenen intellektuellen Niveau und
den Schulleistungen. So stellte man mit der französischen
Version des Stanford-Binet-Tests, dem Terman-Merrill-
Test fest, dass in den 1950er Jahren ein IQ über 100 (de-
finitionsgemäß der Mittelwert) erforderlich war, um eine
substanzielle Erfolgsquote bei der damaligen Hochschul-
reifeprüfung zu erzielen (Tab. 1.3).
1  Intelligenz   31

Tab. 1.3   Vorhersagewert des mit dem Terman-Merrill-Test ge-


messenen IQ (nach Cesselin 1959)
IQ Erfolgsquote bei der
französischen
Hochschulreifeprüfung (in %)
55–85 0
85–105 35
105–135 78
Über 135 100

Seither hat man Tests in großer Zahl konstruiert. Zu den


bekanntesten gehört der des Amerikaners David Wechsler.
Mit diesem Test ermittelt man den Durchschnittswert
aus zehn verschiedenen Untertests, von Wortschatz- oder
Wissensaufgaben (von Typ Trivial Pursuit) bis zu Denk-
oder Figurenlegeaufgaben.
Die (wissenschaftlich solide konstruierten) Tests der all-
gemeinen Intelligenz besitzen nach wie vor im Allgemei-
nen Vorhersagekraft für den Schulerfolg. Tab. 1.4 drückt
daher das von Tests gemessene Intelligenzniveau nicht als
IQ, sondern wie in der Schule als eine Notenstufe von
20 aus.

Fazit
Allgemeine Intelligenztests sagen wenig aus über die Eig-
nung für einen Beruf, der sehr spezifisches Know-how
(Handwerker) oder Wissen (Informatik), zuweilen sogar
Persönlichkeitsmerkmale (Extraversion als Animateur oder
Verkäufer) erfordert. Eignungstests besitzen hier offensicht-
lich größeren prognostischen Wert (Tab. 1.5).
32 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Tab. 1.4   Vorhersagekraft des durch Tests gemessenen Intel-


ligenzniveaus für den Abiturerfolg (Kouteynikoff 1967, zit. in
Bernard nach Cesselin 1959)
Niveau in Tests am Ende der Bestandenes Abitur
Sekundarstufe I (in %)
0 bis 4,4 0
4,5 bis 8,5 7
8,6 bis 12,5 24
12,6 bis 16,5 44
16,6 bis 20 79

Tab. 1.5   Vorhersagekraft von Eignungstests gegenüber Intelli-


genztests bei der Eignung für einen Beruf (nach Robertson und
Smith 1989, zit. in Huteau 2006)
Methoden Korrelation
Arbeitsprobe .38 bis .54
Eignungstests .53
Bewertung durch Kollegen .43
und Vorgesetzte
Tests der allgemeinen .25 bis .45
Intelligenz

10 Ist Ihr Kind hochbegabt … und


soll es eine Klasse überspringen?
Für jede Mutter ist ihr Baby das allerschönste, und natürlich
neigen viele Eltern zu der Ansicht, ihr Kind sei hochbegabt,
wenn es in der Schule glänzt. Viele geben ihre Illusionen
auf, wenn das Kind, das in einer kleinen Schule auf dem
1  Intelligenz   33

Land immer klassenbestes war, sich in einem Gymnasium


der nächstgrößeren Stadt im Mittelfeld wiederfindet. Auch
wenn das Kind in der Schule große Schwierigkeiten hat,
hilft ein Intelligenztest zu zeigen, wo das Kind im Verhält-
nis zum Durchschnitt steht.
Lewis Terman (der den ersten Intelligenztest für die USA
bearbeitete) hatte sich für intellektuell herausragende oder
begabte ( gifted) Kinder interessiert und Hochbegabung
statistisch definiert. Rufen wir uns ins Gedächtnis, dass
psychologische Tests statistische Instrumente sind: Intel-
ligent ist man, wenn man intellektuelle Aufgaben bewäl-
tigen kann, die der Durchschnitt einer Grundgesamtheit
bewältigt. Die Verteilung der IQ-Werte über alle Personen
stellt eine glockenförmige Gauß-Kurve dar, die Normalver-
teilung (Abb. 1.3).
Die Psychometriker unterteilen die Basis der Glocken-
kurve gewöhnlich in Einheiten von 15 IQ-Punkten. In einer
Standard-Gauß-Kurve besitzen 70 % der Personen einen
IQ zwischen 85 und 115, während lediglich vier Prozent
in die Extrembereiche fallen. Bei nur zwei Prozent aller Per-
sonen liegt also der IQ unter 70, ebenso am anderen Ende
der Skala, das heißt über 130. Terman zufolge ragen daher
die zwei Prozent Kinder mit den höchsten IQ-Werten – in
der Praxis also über 130 – wahrhaftig aus der Masse heraus
und können als hochbegabt bezeichnet werden. Zwei For-
schergenerationen beobachteten solche Schüler weiter und
zeigten, dass sie sich später als gute Studenten erwiesen, in
der Regel hochqualifizierte Berufe ergriffen und auch noch
im Ruhestand aktiv waren. Ein Forscher überschrieb daher
seinen Artikel mit „Aus kleinen Genies werden noble Alte“!
34 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

durchschnittliche
Intelligenz

geistige
Behinderung 50 %
hochbegabt
16 % 16 % oder geistig
frühreif
7% 7%
QI
70 80 90 100 110 120 130
sehr Grenz- niedrig normal hoch überdurch- überragend
schwach bereich normal normal schnittlich

Abb. 1.3   Beispiel einer IQ-Verteilung in einer Stichprobe zwölf-


jähriger Kinder

Indessen ist die Frage berechtigt, ob hochbegabte Kinder


nicht einen besonderen Unterricht benötigen. An dieser
Frage scheiden sich die Geister. Manche Autoren sind
mit dem Argument dafür, diese Kinder langweilten sich
im üblichen System, weshalb man sie besondere Schulen
besuchen oder einfach eine Klasse überspringen lassen
sollte (denn es sind nicht viele, zwei Prozent einer Jahr-
gangsstufe). Andere halten dagegen, dass der gemeinsame
Unterricht mit älteren Kindern die hochbegabten in ihrer
affektiven Entwicklung störe und sie isoliere. In den USA
hat man eine große Studie mit etwa 100 hochbegabten
Kindern (definiert als ein Prozent der Besten ihrer Alters-
stufe in Mathematiktests) durchgeführt. 100 zwölf- bis
13-jährige Schüler übersprangen (auf Wunsch der Eltern)
eine Klasse und durchliefen die Schule somit „beschleu-
nigt“. Sie wurden verglichen mit 100 gleichaltrigen, ähn-
1  Intelligenz   35

lich begabten Schülern, die als Kontrollgruppe dienten


und keine Klasse übersprungen hatten. Dann beobachte-
ten zwei Forscherinnen diese 200 Schüler über zehn Jahre
weiter; sie untersuchten zahlreiche Merkmale, intellektuel-
le wie psychosoziale.
Die Ergebnisse sind in zweierlei Hinsicht beeindru-
ckend. Einerseits bewahrten sich die „beschleunigten“
Schüler ihren Vorsprung von einem Jahr, sodass ihr mitt-
leres Leistungsniveau leicht über dem Durchschnitt lag.
Doch darüber hinaus ergaben sich für die intellektuellen
und psychosozialen Merkmale insgesamt keine Unterschie-
de. Sowohl „beschleunigte“ als auch „nicht beschleunigte“
Schüler blieben begabt, denn 98 % von ihnen besuchten
die Universität, 28 % von beiden Gruppen erhielten Aus-
zeichnungen, 60 % promovierten als Beste. Ebenso, und
das spricht eher gegen die Verfechter der Nichtbeschleu-
nigung, litten die „beschleunigten“ Schüler in affektiver
und sozialer Hinsicht nicht darunter, dass sie eine Klasse
übersprungen hatten. Sie erwiesen sich als ebenso gut inte-
griert und fühlten sich genauso wohl in ihrer Haut wie die
begabten Schüler, die in ihrer Altersstufe geblieben waren.
Ihnen gefiel die Schule genauso, sie nahmen an genauso
vielen außerschulischen Aktivitäten teil und hatten dassel-
be ausgeprägte Selbstwertgefühl.Kurzum, die beiden Auto-
rinnen dieser Studie gelangen zu dem Schluss, dass es keine
Auswirkungen hat, ob ein Kind eine Klasse überspringt
oder nicht. Man kann sich nach Belieben dafür oder da-
gegen entscheiden, vorausgesetzt, die Entscheidung läuft
dem Willen des Kindes nicht zuwider.
36 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Fazit
Kinder gelten also seit Terman als „hochbegabt“, wenn sie
in einem seriösen Test einen IQ von 130 oder mehr er-
reichen. Zwei Prozent klingen wenig, doch diese Quote
entspricht bei einer Bevölkerung von 100 Mio. immerhin
zwei Millionen Menschen oder 2000 in jeder Stadt über
100.000 Einwohner. In Frankreich sind das eine Million,
in Deutschland 1,6 Mio. Menschen. Das Phänomen ist
also gar nicht so selten. Die Medien in Frankreich verwen-
den die Bezeichnung „hochbegabt“ gerne, und aus diesem
Grund gebrauche ich sie. Ein bisschen übertrieben ist dieser
Begriff schon, denn eigentlich sagt man damit „begabter
als begabt“, was ein bisschen an diese alte Waschmittelwer-
bung mit „weißer als weiß“ erinnert. Die Amerikaner blei-
ben bei der Bezeichnung „begabt“ ( gifted), und sie reicht
vollkommen aus. Bleiben wir bescheiden: Es besteht ohne-
hin schon eine beachtliche Chance, begabt zu sein – dem ist
nichts mehr hinzuzufügen.

11 Was taugen Tests in Zeitschriften?


Soll ein Test wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, muss
er sorgfältig und unter Beachtung zahlreicher Kriterien
konstruiert werden. Ein Test ist in erster Linie ein statis-
tisches Werkzeug, dessen Zuverlässigkeit auf der Qualität
seiner Stichproben beruht – zum einen der der Stichproben
der geistigen Aufgaben und zum anderen der der Stich-
proben mehrerer Hundert Probanden zur Normerstellung.
A priori könnte man zur Konstruktion eines Tests zahlrei-
1  Intelligenz   37

che intellektuelle Aufgaben verwenden, etwa Kreuzworträt-


sel, Labyrinthe, Geduldsspiele, Rebusse oder Rätselfragen.
So sind die Psychologen auch vorgegangen, und gegen-
wärtig existieren ungefähr 5000 Intelligenztests: Tests mit
Labyrinthen, Figuren, Suche nach verborgenen Figuren,
Puzzles, Ordnen von Bildgeschichten, Suche nach dem feh-
lenden Teil in Zeichnungen, Kopfrechnen, Mosaiklegen …
Übrigens haben sich viele Spiele oder Kinderzeitschriften
diese Aufgaben zunutze gemacht.

Die Forschung hat jedoch gezeigt, dass bestimmte Aufga-


ben nicht immer lösbar sind und ihre Bewältigung nicht
mit einem bestimmten Alter zusammenhängt. So haben
sich während der Testkonstruktion bestimmte Aufgaben
wie Labyrinthe (die man in zahlreichen Kindermagazinen
findet) als schlechte kritische Items erwiesen, das heißt, sie
sind nicht typisch für ein bestimmtes Intelligenzalter, weil
sie von Kindern sehr unterschiedlicher Altersstufen gelöst
werden (Tab. 1.6).
Um diese Zuverlässigkeit zu erhöhen, beschloss David
Wechsler, der den meistverwendeten und meistübersetzten
Test konstruiert hat, die Intelligenz durch die Summe aus
einem Dutzend Untertests zu messen. Nach langen Unter-
suchungen im großen Krankenhaus Bellevue in New York
sonderte er viele Tests aus. Trotzdem geht aus der Korrela-
tionstabelle der beibehaltenen Untertests mit dem Gesamt-
test hervor, dass manche Untertests ziemlich repräsentativ
für den Gesamtest sind (hoher Korrelationskoeffizient),
etwa Gemeinsamkeiten finden oder der Mosaiktest. Da-
gegen korreliert der Rätseltest nur schwach, was bedeutet,
dass er sich weniger gut als die anderen dafür eignet, Intel-
ligenzunterschiede zwischen Menschen zu beurteilen.
38 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Tab. 1.6   Nicht alle Tests sagen Intelligenz gleich gut vorher
(Korrelationen auf der Basis von 355 Probanden zwischen 20
und 34 Jahren; nach Wechsler 1961, Tab. 43, Anhang III)
Korrelation mit Gesamttest
Gemeinsamkeiten finden .73
Mosaiktest .71
Zahlen-Symbol-Test .67
Allgemeines Wissen .67
Allgemeines Verständnis .66
Rechnerisches Denken .62
Bilder ergänzen .60
Bilder anordnen .51
Zahlen nachsprechen .51
Puzzle .41

Fazit
Tests in Zeitschriften stammen von einfalls- und erfin-
dungsreichen Leuten, aber ihre Skalen sind frei erfunden.
Ich kenne sogar Journalisten, die sich mit ihren Freundin-
nen Spiele ausdenken, wie andere ein Drehbuch erfinden;
das sind also nichts als Spielereien. Ein weiteres Merkmal
von Tests ist die Zeitbegrenzung. Für die Lösung zahlreicher
Probleme muss man Zeit aufwenden, weshalb viele Testauf-
gaben in einer bestimmten Zeitspanne zu absolvieren sind.
Da die „Psychotests“ in Zeitschriften weder geeicht sind,
noch in begrenzter Zeit bearbeitet werden müssen, sind sie
lediglich Spiele. Ich liefere Ihnen ein Beispiel: Legen Sie
Streichhölzer zu der folgenden Ungleichung: IV + I = IX + V
1  Intelligenz   39

(auch das Plus-, Minus- und Gleichheitszeichen bestehen


aus Streichhölzern).
So wie es da steht, macht das 4 + 1 = 9 + 5, was falsch ist.
Man muss diese Ungleichung also korrigieren, darf aber
nur ein einziges Streichholz bewegen.2 Viel Erfolg, aber sei-
en Sie unbesorgt, wenn Sie die Aufgabe nicht lösen können,
denn da dieses Spiel weder geeicht noch die Zeit begrenzt
ist, weiß man nicht, ob die Lösung durchschnittliche oder
überdurchschnittliche Intelligenz erfordert. Doch träumen
kann man immer, und das ist auch die Absicht der Zeit-
schriften, denn ihre „Tests“ sind reine Fantasieprodukte,
und sie legen es bestimmt nicht darauf an, ihre potenziellen
Käufer als minderbegabt hinzustellen.

12 Denken wir wirklich logisch?


Wenn hinter übersinnlichen Phänomenen häufig Schwin-
del oder grundloses Glaubenwollen steckt (manchmal aber
auch neuropsychologische Störungen wie Halluzinationen
oder Epilepsie), wie erklärt sich dann, dass solche Vorstel-
lungen so verbreitet sind? In ihrem ausgezeichneten Buch
Was macht der Fakir auf dem Nagelbrett? wundern sich die
Physiker Georges Charpak und Henri Broch darüber, dass
umfassendere Bildung nicht mit einer entsprechenden
Skepsis einhergeht. Sie führen eine soziologische Studie
2 
Das ist eine schwierige Aufgabe, denn man denkt eher daran, ein Streichholz
von einer Zahl und nicht vom Pluszeichen wegzunehmen. Die richtige Reaktion
besteht darin, das Streichholz des zweiten Pluszeichens zu entfernen, sodass ein
Minus daraus wird, und es vor die V zu legen, was IX − IV (9 − 4) ergibt. Dann
lautet die Lösung IV + I = IX − IV, also 5 auf beiden Seiten des Gleichheitszei-
chens.
40 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

an, wonach im Gegensatz zu gängigen Vermutungen die


gebildetsten Menschen keineswegs die kritischsten sind.
Grundschullehrer beispielsweise lassen sich am häufigsten
von derartigem Aberglauben fesseln.
Doch im Gegensatz zu der Ansicht Descartes,, dass in der
Welt nichts besser verteilt sei als der gesunde Menschenver-
stand, ist es wohl eher die Leichtgläubigkeit.
Auf purem Glauben beruhende Vorstellungen sind so
ziemlich überall verbreitet und nichts spezifisch Deutsches
oder Europäisches. In den Ländern Nordamerikas glaubt
man vermehrt an aus dem Christentum hervorgegangene
Vorstellungen. So ist der Glaube an Gott, den Teufel oder
an Engel sehr viel verbreiteter als in Europa (in den USA
glauben 78 % an Engel, dagegen nur 26 % in Großbritan-
nien). Auch der Spiritismus ist eher „nordamerikanisch“,
ebenso wie der Glaube an Ufos außerirdischer Herkunft.
Kurzum, die Franzosen sind bei Weitem nicht die irratio-
nalsten Menschen (Tab. 1.7).
Darüber hinaus deuten die Erhebungen – im Gegen-
satz zu einer verbreiteten Ansicht, wonach Esoterik und
Gläubigkeit in unserer hochtechnisierten Gesellschaft zu-
nähmen – auf eine Verringerung der Irrationalität hin. Zwi-
schen einer Umfrage des Markt- und Meinungsforschungs-
instituts CSA für die Zeitungen Le Monde und La Vie im
Jahr 2003 und einer Umfrage von 1994 nahmen Glaubens-
vorstellungen um zehn bis 20 % ab (Tab. 1.8).3
Worauf ist diese Abnahme zurückzuführen? Wahrschein-
lich nicht auf die Verbesserung der Bildung, denn der pro-
zentuale Anteil der Abiturienten an einer Altersklasse hat

3 
Zeitschrift afis – SCIENCE et pseudo-sciences, Nr. 259, Oktober 2003.
1  Intelligenz   41

Tab. 1.7   Vergleich von Glaubensvorstellungen (in Prozent) in


mehreren westlichen Ländern (Durchschnitt aus 59 Erhebungen
in den 2000er Jahren; nach Jean Quellette, „Le palmarès des
croyances“
USA Kanada Großbritan- Frank-
nien reich
Gott 86 81 56 56
Wünschelruten- – – – 63
gänger
Heilpraktiker – – 40 54
Telepathie 51 66 – 42
Engel 78 61 26 32
Teufel 69 48 25 27
Astrologie 31 45 – 35
Hellsehen 32 51 34 20
Außerirdische 48 – – 18
Ufos
Geister 51 38 38 13
Spiritismus 28 27 – 18
Reinkarnation 26 29 33 14
Durchschnitt 50 % 49 % 36 % 32 %
Zur Hervorhebung sind Prozentsätze über 50 fett gedruckt.

sich von 1995 (63 %) bis 2000 (62 %)4 nicht verändert.


Vermutlich spielen die Medien (Aufklärungssendungen,
Wissenschaftsbücher und -zeitschriften etc.) und vor allem

4 
Häufig wird von einer Erfolgsquote von etwa 80 % beim Abitur gesprochen.
Achtung, damit ist der Anteil der Gymnasiasten mit bestandener Prüfung ge-
meint, doch diese repräsentieren nicht die gesamte Altersgruppe. Die Erfolgs-
quote im Verhältnis zur gesamten Altersgruppe beträgt etwa 40 % für die
allgemeine Hochschulreife und 60 %, nimmt man das Fachabitur hinzu (Quel-
le: éducation.gouv.fr).
42 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Tab. 1.8   Abnahme von Glaubensvorstellungen während eines


Jahrzehnts (Personen in Prozent; Vergleich zweier Umfragen,
1994 und 2003)
1994 2003
Übernatürliche äu- 44 29
ßere Einflüsse auf
unser Leben
Kontakt mit einem 35 26
übernatürlichen
Phänomen
Gebete werden 54 46
manchmal erhört
Wunder gibt es 57 42
Sich auf Astrologie 60 37
verlassen
Hellsehern Glauben 46 23
schenken
An Hexerei glauben 41 21
Durchschnitt 48  32

die explosionsartige Entwicklung der Technik eine gro-


ße Rolle. Seit dem Golfkrieg ist bekannt, dass hinter den
Ufos zweifelsohne ultrageheime Versuche mit Marschflug-
körpern oder futuristischen Fluggeräten wie Tarnkappen-
flugzeugen steckten. Dank bestimmter Fernsehsendungen
ist bekannt, dass es keine Teleportation gibt, sondern dass
Zauberkünstler in ihren Nummern Zwillinge einsetzen.
Und die jungen Leute verabreden sich sicherlich eher über
ihr neuestes Mobilspielzeug als mit Telepathie!
Schon der große Psychologe und Logiker Jean Piaget
(1896–1980) hat gezeigt, dass ein bestimmtes Alter erreicht
1  Intelligenz   43

sein muss, bevor man zu einem logischen Verständnis der


physikalischen Welt imstande ist.

Mit zahlreichen Experimenten untersuchten Piaget und


seine Mitarbeiter, wie sich das Verständnis logischer Si-
tuationen entwickelt, beispielsweise das der Reihung, der
Schwingungen eines Pendels oder der Klasseninklusion.
Das Paradebeispiel liefert die Reihung. Die Aufgabe wird
dem Kind in Form von zehn bis 16,5 Zentimeter langen
Stäbchen vorgelegt, und es soll sie aufsteigend der nach
Länge ordnen (für die ganz Kleinen: sie wie eine Treppe
hinlegen). Die Versuchsleiter (insbesondere Bärbel In-
helder und Vinh-Bang) ermittelten vier Strategien oder
Lösungswege, angefangen mit völliger Unfähigkeit, eine
Reihung zustande zu bringen: Das Kind hantiert aufs Ge-
ratewohl. Bei der zweiten Strategie macht das Kind An-
sätze zu einer Anordnung, doch diese ist unvollständig.
Das Kind legt etwa kleine Pakete – die kleineren Stäbchen
zusammen und die größeren beiseite – oder Minireihen.
Piaget bezeichnete diese Phase als „infralogisch“. Eine
dritte Strategie entspricht durchaus einer Reihung, doch
die Umsetzung erfolgt tastend, durch Versuch und Irr-
tum. Schließlich legt das Kind mit der logischen Strategie
(„formal-operatorisch“ genannt) das kleinste Stäbchen hin,
dann das kleinste der verbleibenden und so weiter bis zum
letzten, als ob es ein mentales Modell hätte. Die Versuchs-
leiter schlagen zudem eine Prüfaufgabe vor; das Kind er-
hält ein elftes Stäbchen mittlerer Größe und soll es an der
richtigen Stelle einfügen.
Führt man diesen Test mit Kindern mehrerer Altersstu-
fen durch, so zeigt sich, dass die Vierjährigen keinen Ver-
such zu einer Reihung machen und auch nicht mit Reihen
(oder Päckchen) arbeiten, so wie es Fünfjährige überwie-
44 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

gend tun. Das Alter von sechs Jahren ist offenbar ein Über-
gangsstadium. Hier herrscht keine Strategie vor. Dagegen
gehen Kinder ab sieben Jahren mehrheitlich logisch vor.
Die Studien Piagets zeigen jedoch, dass diese Entwicklung
noch nicht abgeschlossen ist, denn diese Logik bezieht sich
nur auf Aufgaben mit sichtbaren Dimensionen (Größe,
Form, Farbe). Erst bei den Zwölf- oder 14-Jährigen zeigt
sich schlussfolgerndes Denken bei abstrakten Dimensio-
nen.
Doch selbst wenn wir das Alter der Vernunft erreicht ha-
ben, denken wir dann völlig logisch? Neuere Forschungen
wecken Zweifel an der menschlichen Logik.

Eine der meistverwendeten Aufgaben in der Erforschung


des menschlichen Denkens ist die Wason-Wahlaufgabe.
Man zeigt dem Probanden eine Reihe von Karten, die auf
einer Seite eine Zahl und auf der anderen einen Buchsta-
ben tragen. Dann nimmt man sie weg und lässt nur noch je
zwei Karten mit einem Buchstaben und einer Ziffer aufge-
deckt auf dem Tisch liegen wie in dem folgenden Beispiel.
Danach fragt der Versuchsleiter die Versuchsperson, welche
Karte/n sie umdrehen muss, um zu prüfen, ob die folgende
Regel richtig (oder falsch) ist:
Regel: Wenn sich auf der Oberseite ein A befindet, muss
auf der Rückseite eine 3 stehen.

 & ϯ ϳ
1  Intelligenz   45

Am häufigsten werden umgedreht:

• A allein,
• A und die Karte 3.

Der Logik zufolge müssen aber A und 7 umgedreht wer-


den. Schließlich muss die Karte A regelgemäß eine 3 auf
der Rückseite tragen, doch umgekehrt sieht die Regel nicht
vor, dass jede Karte mit der 3 ein A trägt: Eine 3 kann
also ein B oder ein F aufweisen. Trägt dagegen die Karte
7 ein A auf der Rückseite, trüge dieses A umseitig keine
3, und die Regel erwiese sich damit als falsch. Bei diesem
„bedingten“ oder „konditionalen“ Schließen der Form
„wenn A, dann …“ wählten nur 10 % aller erwachsenen
Probanden die richtigen Karten, was bedeutet, dass 90 %
von ihnen nicht logisch denken. Dieses schwache Ergeb-
nis hängt nicht vom Bildungsgrad ab, denn Promovierte
erzielen denselben Wert; nur Mathematik- oder Technik-
experten erreichen einen Wert von 50 %, was aber auch
nicht besonders hoch ist.

Fazit
Der Mensch denkt also nicht von Natur aus logisch, was
die irrationalen Glaubensvorstellungen erklärt. Der Cortex,
Sitz des Lernens, besteht aus Neuronen, die sich je nach
Bedarf miteinander vernetzen; sie können Mozart lernen
oder Rap, die eine oder andere Glaubensvorstellung … Wir
werden der Irrationalität in Sachen Glücksspiel (Lotto etc.)
wieder begegnen, aber auch in Bezug auf die Persönlichkeit,
die Grafologie und die Astrologie. Um solchen Überzeu-
gungen etwas entgegenzusetzen, bedarf es experimenteller
46 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Protokolle und statistischer Verfahren, die alles andere als


angeboren sind und die man erlernen muss (Kontroll-
gruppendesign, Parallelisierung, Korrelation etc.). Im Psy-
chologiestudium an der Universität beispielsweise gilt ein
Großteil des Unterrichts dem Erlernen wissenschaftlicher
Methoden und der Statistik, deren Entwicklung mehr als
ein Jahrhundert erforderte.

13 Was gibts Neues bei den Tests?


Neue Erkenntnisse der Intelligenzforschung führten zu
wichtigen Revisionen der Tests von Wechsler. So berück-
sichtigt insbesondere die letzte Fassung, der WISC-IV
(deutsche Version 2011), Studien zum Gedächtnis und zur
Aufmerksamkeit.

Durch schrittweise Näherungen auf der Basis der alten


Aufgaben gelangten die Testkonstrukteure zu vier großen
kognitiven Bereichen (Abb. 1.4): (1) „Sprachverständnis“
– ein Bereich, den man auch als „Sprachverständnis und
semantisches Gedächtnis“ hätte bezeichnen können –, (2)
„wahrnehmungsgebundenes logisches Denken“ – es ent-
spricht dem schlussfolgernden Denken Spearmans und
Thurstones (Abschn. „Ist mein Goldfisch intelligent?“) –,
(3) „Arbeitsgedächtnis“ – oder auch geteilte Aufmerksam-
keit – und (4) „Verarbeitungsgeschwindigkeit“, auch wenn
die beibehaltenen Aufgaben eher die Aufmerksamkeit oder
die visuomotorische Koordination prüfen. Es folgen zwei
Beispiele:
1  Intelligenz   47

wahrnehmungsgebundenes
Sprachverständnis logisches Denken

Gemeinsamkeiten finden .73


Mosaik-Test .59
Wortschatz-Test .73
Bildkonzepte .56
allgemeines Verständnis .62
Matrizen-Test .64
allgemeines Wissen .62
Bilder ergänzen .48
Begriffe erkennen .56

.81 QI .80
gesamt
Verarbeitungsge-
Arbeitsgedächtnis schwindigkeit
.69 .61

Zahlen nachsprechen .56 Zahlen-Symbol-Test .50


Buchstaben-Zahlen-Folgen .63 Symbol-Suche .56
rechnerisches Denken .64 Durchstreich-Test .32

(Die Korrelationen zwischen den Tests und dem Gesamt-IQ einerseits und
zwischen den Bereichen und dem Gesamt-IQ andererseits wurden
hinzugefüg.)

Abb. 1.4   Die vier kognitiven Bereiche des WISC-IV (modifiziert


nach Wechsler 2005)

Matrizentest
Der Matrizentest geht auf Forschungsarbeiten über das
schlussfolgernde Denken zurück. Man muss in einer
Tabelle in zwei Feldern der oberen Zeile die Regel erken-
nen und sie auf das untere Feld anwenden, um das leere
Kästchen ausfüllen zu können (Abb. 1.5). In meinem Bei-
spiel lautet die Regel Verdoppeln (der Melonen). Wendet
man diese auf das Kästchen „Zitrone“ an, schließt man,
dass zwei Zitronen in das leere Kästchen gehören. Im
Test werden verschiedene Lösungen vorgegeben, um die
48 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

1 2 3 4

Abb. 1.5   Beispiele (fiktiv) für den Matrizenuntertest des WISC-IV

Auswertung zu erleichtern und mögliche Fehlinterpretatio-


nen auszuschließen.

Symbolsuchetest
Der Symbolsuchetest ist ein Aufmerksamkeitstest; man
muss „ja“ oder „nein“ ankreuzen, je nachdem, ob eine Serie
(Reihe) zwei übereinstimmende Formen enthält oder nicht.
Bei diesen beiden Tests wird die Zeit gestoppt (sie sollen die
Verarbeitungsgeschwindigkeit messen); es handelt sich also
um eine Prüfung der visuellen Aufmerksamkeit (Abb. 1.6).

Vorhersagekraft des WISC-IV


Was würden Sie sagen, wenn die Waage in Ihrem Lebens-
mittelgeschäft verschiedene Werte für ein und dasselbe
1  Intelligenz   49

richtige Antwort

Symbole ja nein

ja nein

richtige Antwort

Abb. 1.6   Beispiel (fiktiv) für den Symbolsuche-Untertest im


WISC-IV

Gewicht anzeigen würde? Dasselbe gilt für einen Test. Ein


guter Test zeichnet sich durch mehrere Eigenschaften aus,
darunter Reliabilität, das heißt, er misst zu verschiedenen
Zeitpunkten immer dasselbe, und Validität, das heißt, er
misst tatsächlich das, was er zu messen vorgibt (hier die
Intelligenz in realen Situationen). Diese Version des Tests
von Wechsler scheint einen sehr guten prognostischen Wert
oder hohe Validität zu besitzen (Abb. 1.7).
Im Vergleich zum IQ von 100 einer Kontrollgruppe
zwölfjähriger Kinder erreichen gleichaltrige geistig behin-
derte Kinder IQ-Werte von 60 oder 50. Umgekehrt erzie-
len hochbegabte Kinder (in der Studie jünger als ein Jahr)
einen deutlich erhöhten IQ (130). Autisten verfügen im
Gegensatz zu einer verbreiteten Meinung nicht alle über
ein sagenhaftes Gedächtnis oder unglaubliche Rechenfähig-
keiten. Was Aufgaben angeht, die Kopfrechnen erfordern
(Arithmetik), ein Kurzzeitgedächtnis (Zahlengedächtnis)
oder ein Langzeitgedächtnis (Wissen und Wortschatz) vo-
raussetzen, so erreichen Autisten, im Gegensatz zu einer
Kontrollgruppe und erst recht zu hochbegabten Kindern,
in der Regel geringe Werte. In Wirklichkeit verfügt nur
50 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

140

120

100

80

60

40

20

0
Kontroll- hochbegabt leichte mittlere Autismus
gruppe Retardierung Retardierung
(Im Verhältnis zum IQ von 100 einer Kontrollgruppe haben überdurchschnittlich begabte Kinder
(unter einem Jahr) einen deutlich höheren IQ (130), während retardierte Kinder IQ- Werte von
60 oder 50 aufweisen.)

Abb. 1.7   Prognostischer Wert bei verschiedenen klinischen Stich-


proben (nach Wechsler 2005)

ein verschwindend geringer Prozentsatz autistischer Kinder


über außergewöhnliche Fähigkeiten.

14 Ist Intelligenz erblich?


In der Tier- und Pflanzenzucht betreibt man seit Jahrhun-
derten Auslese und sucht sie sogar mit kontrollierten wis-
senschaftlichen Verfahren zu optimieren. So weiß man, dass
1  Intelligenz   51

zahlreiche Faktoren von genetischen Gegebenheiten abhän-


gen, von der Kälteresistenz von Getreide bis zur Milchpro-
duktion. Warum also sollten die auf den Chromosomen
liegenden Gene für die Gestalt und Physiologie von Tieren
verantwortlich sein, nicht aber für das Verhalten? Die Vor-
stellung, dass Intelligenz erblich sei, geht zurück auf den
Engländer Francis Galton. Er versuchte gegen Ende des 19.
Jahrhunderts in einem Buch über die Vererbung von Ge-
nialität die familiäre Abstammung genialer Menschen wie
den Stammbaum von Rennpferden aufzuzeichnen.

Das erste Experiment mit verhaltensmerkmalgesteuerter


Zuchtwahl führte der Amerikaner Edward Tyron von 1927
bis 1940 mit Ratten, den bekannten Labortieren, durch.
Die Auslese erfolgte nach der Geschwindigkeit, mit der
die Tiere den Weg durch ein komplexes Labyrinth lern-
ten. Jede Ratte musste 19 Durchgänge absolvieren; ihre
Leistung bemaß sich an ihrer Gesamtfehlerzahl (Wahl
von Sackgassen). Die Ratten mit den wenigsten Fehlern
galten als „intelligent“ ( brights), die mit den meisten als
„beschränkt“ ( dulls). Aus diesen beiden Gruppen wurden
dann die Elterntiere ausgewählt; es gab also schlaue und
begriffsstutzige Eltern. Von diesem Moment an setzte die
Auslese ein, genau wie wenn man bei Blumen rot und weiß
blühende trennen möchte. In diesem Fall kreuzt man je-
weils immer nur die rötesten und die weißesten Blumen
miteinander, bis man nach mehreren Generationen knall-
rote und blendend weiße Blumen erhält. Tyron und sein
Team paarten die intelligenten Ratten und die dummen
jeweils untereinander. Die aus diesen Kreuzungen hervor-
gegangenen Tiere bildeten die erste Generation G1. Nach
der Lernphase der G1-Ratten führte man eine weitere Aus-
52 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

lese durch und paarte wiederum die schlauesten und die


dümmsten Tiere untereinander und so weiter bis zur 18.
Generation. Dieses Experiment zog sich über nicht weni-
ger als elf Jahre hin. Den Ergebnissen zufolge deutet sich
eine Differenzierung zweier Rattenarten erst ab der siebten
Generation an. Manche Zuchtlabore setzen übrigens diese
Auslese heute noch weiter fort, sodass die Forscher schlaue
oder dumme Rattenstämme kaufen können.
Wie verhält sich das beim Menschen? Ist Intelligenz bei
ihm genauso erblich? Um das zu untersuchen, berechnet
man paarweise Korrelationen zwischen den IQ-Werten von
Personen mit zunehmendem genetischen Verwandtschafts-
grad: Dabei reicht die Palette von gar nicht miteinander
verwandten Menschen bis zu eineiigen Zwillingen, die ja
identische Chromosomen besitzen. Zu diesem Thema lie-
gen mehr als 100 Studien vor, und ihre Ergebnisse stützen
sich auf insgesamt mehrere Tausend Personen.
In diesen 100 Studien variiert die durchschnittliche
Korrelation je nach Verwandtschaftsgrad beträchtlich. Wie
zu erwarten ist, beträgt die Korrelation zwischen den IQ-
Werten von Personenpaaren ohne Beziehung (zusammen-
gestellt nach dem Zufallsprinzip) null. Bei Cousins und
Cousinen erreicht der Koeffizient .15. Die Korrelation
zwischen Geschwistern oder zwischen Eltern und Kindern
ist gleich hoch, etwa .50. Und schließlich weisen eineiige
Zwillinge eine sehr ähnliche Intelligenz auf, denn diese
Korrelation liegt bei .85 und ist damit sehr hoch.

Fazit
Intelligenz wird durchaus vererbt, und je größer der Anteil
des gemeinsamen genetischen Erbes zweier Menschen ist,
1  Intelligenz   53

desto mehr ähneln sich diese im Hinblick auf die Intelli-


genz. Zu beachten ist aber, dass Intelligenz keinesfalls aus-
schließlich vererbt ist, denn auch die Entwicklungs- und
Bildungsvoraussetzungen spielen eine entscheidende Rolle
(siehe unten). Zu sagen, dass es im Ei Eiklar gibt, bedeutet
nicht, dass man den Dotter übersehen dürfte!

15 Warum war Einstein ein Genie?


Von den zahlreichen Forschern, die sich mit dem Rechnen
befasst haben, brachte insbesondere der Mathematiker Sta-
nislas Dehaene durch originelle Forschungsarbeiten und
einen bemerkenswert dokumentierten Gesamtüberblick
(1999, Original 1997) Licht in diese schwierige Mate-
rie. Mathematische Aufgaben beanspruchen eine Vielzahl
unterschiedlicher Regionen des Cortex (und sogar darunter;
Abb. 1.8). Das Lesen schriftlicher Zahlen oder das Erken-
nen zu zählender Objekte geschieht im Okzipitallappen (im
Inneren der linken Hirnhälfte), während die Übertragung
in arabische Ziffern oder Zahlwörter (9 und neun) im in-
ferioren okzipitalen (visuellen) Cortex stattfindet. Verschie-
dene Arbeiten, unter anderen die von Dehaene, zeigen, dass
der Parietalcortex (der linken wie der rechten Hemisphäre)
vor allem mit Stufen von Rechenvorgängen zu tun hat, ins-
besondere dem Zählen von Objekten. Nun spielt der Parie-
talcortex häufig auch eine Rolle bei der räumlichen Loka-
lisierung von Objekten. Dehaene vermutet, dass in dieser
Schläfenregion durch Abstraktion der Anzahl von räumlich
verteilten Objekten (unabhängig von ihrer Form und Far-
be) der Begriff einer Menge entsteht. Die berühmten Mul-
54 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

linke Hemisphäre rechte Hemisphäre

Okzipitallappen
Abzählen visueller Cortex
Frontallappen
Strategien an Fingern (im Inneren des
&
Mengenab- Okzipitalcortex)
Planung
straktion
Aufsagen visuelle Formen &
& Zählen schriftliche Zahlen

Tabellenge- schriftliche Wörter


dächtnis & Zahlen

Temporallappen
(subcorticale Zentren)

Um der Einfachheit willen ist nur die linke (sprechende) Hirnhälfte dargestellt; es
)
sind jedoch auch andere Areale der rechten Hemisphäre aktiv, vor allem parietale.)

Abb. 1.8   Mathematische Aufgaben nehmen eine Vielzahl unter-


schiedlicher Cortexregionen und subcorticaler Areale in Anspruch
(Überblick nach Dehaene, 1999, und verschiedenen Quellen)

tiplikationstabellen, die man in der Schule auswendig lernt,


werden in subcorticalen Kernen (im Inneren des Gehirns)
wie dem Thalamus gespeichert. Umgekehrt erfordern an-
dere Operationen ein Vokalisieren (Broca-Areal), und man
könnte vermuten, dass das Abzählen an den Fingern bei
kleinen Kindern die motorischen Zentren (superiorer mo-
torischer Cortex) aktiviert. Zwar wird vor allem die linke
Hemisphäre tätig, wenn es um Wörter und Verbalisieren
geht, doch die rechte Hemisphäre ist ebenfalls in der Lage,
bestimmte numerische Operationen wie Zahlen und Men-
gen zu verarbeiten. Dann würde der frontale Cortex die
Koordination leisten und wäre damit der Sitz dessen, was
die Intelligenzforscher als „schlussfolgerndes Denken“ und
die Gedächtnisforscher als „Arbeitsgedächtnis“ bezeichnen.
1  Intelligenz   55

Parietallappen

Sylvius-Furche
normales Gehirn Gehirn Einsteins

Abb. 1.9   Das Gehirn Einsteins unterscheidet sich von normalen


Gehirnen: Die Sylvius-Furche ist viel kürzer, weil der für Mathema-
tik und räumliche Abstraktion zuständige Parietallappen vergrö-
ßert ist (modifiziert nach Cardoso 1997)

Bei verschiedenen Untersuchungen entdeckten die Neuro-


login Sandra Witelson und ihre Kollegin Debra Kigar von
der kanadischen Universität Hamilton durch Vergleiche
mit ihrem „Gehirnarchiv“, dass die Sylvius-Furche (Sulcus
lateralis zwischen Schläfen-, Stirn- und Scheitellappen), die
in der Regel eine Länge von etwa 12 cm hat, bei Einstein
sehr kurz ist (Abb. 1.9). Die Verkürzung geht zurück auf
eine Vergrößerung des inferioren Parietalcortex. Eine Be-
merkung am Rande: Sylvius war das Pseudonym des fran-
zösischen Arztes und Anatomen Jacques Dubois, der zur
Zeit Franz I. (im 16. Jahrhundert) lebte.
Nun spielt der Parietalcortex eine Rolle bei verschiede-
nen mathematischen Fähigkeiten – Mengen, Zahlensinn –
und auch bei der räumlichen Lokalisierung. Von dort zur
Geometrie des Raumes ist es nur ein Schritt, und man
weiß, dass Einstein die Gravitation mit einer Raum-Zeit-
Krümmung erklärte, im Grunde also geometrisch. Das
steht im Gegensatz zu einer anderen Theorie, die „Gravito-
nen“ postuliert – Teilchen, die aufgrund einer Art „Klebe-
kraft“ Körper anziehen.
56 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

16 Haben Zwillinge die gleiche


Intelligenz?
Zwillinge faszinieren seit der Antike durch ihre Ähnlich-
keit. Bekanntlich gibt es zwei Arten Zwillinge, eineiige
und zweieiige. Das Baby geht aus einem Embryo hervor,
der sich seinerseits aus einem befruchteten Ei (in der Bio-
logie Zygote genannt) entwickelt. Die Zygote entsteht
durch die Befruchtung des mütterlichen Eis mit einem vä-
terlichen Spermium, sodass sie 23 Chromosomen von der
Mutter und 23 vom Vater, insgesamt also die bei normalen
Menschen üblichen 46 enthält. Manchmal teilt sich das be-
fruchtete Ei vollständig, wodurch zwei identische Zygoten
mit denselben Chromosomen und daher zwei einander
sehr ähnliche Wesen entstehen, die man in der Biologie als
„Klone“ bezeichnet. Eineiige Zwillinge (oder monozygo-
te Zwillinge, MZ) sind genetisch identisch, da sie aus der
Teilung ein und desselben Eies hervorgehen. Im Gegensatz
dazu kann es passieren, dass zwei Eier gleichzeitig von zwei
verschiedenen Spermien befruchtet werden und schließlich
zwei Babys gleichzeitig zur Welt kommen. Da sie aus zwei
verschiedenen Eiern und Samenzellen entstanden sind, äh-
neln sie sich teilweise; schließlich sind sie von denselben
Eltern gezeugt worden. Nehmen wir an, das Ei enthält das
Chromatid A (jedes Chromosom besteht aus zwei fädchen-
förmigen Halbchromosomen, aber die Geschlechtszellen Ei
und Spermium enthalten nur je eines) des Chromosoms 1,
das vom Großvater mütterlicherseits stammt, während ein
anderes Ei das Chromatid B enthält (von der Großmut-
ter mütterlicherseits stammend). Aus diesem Grund zeigen
1  Intelligenz   57

Kinder zuweilen ähnliche Züge wie die Großeltern oder


die Onkel und Tanten. Kurzum, bei zweieiigen Zwillingen
(oder dizygoten Zwillingen, DZ) ist die große Lotterie der
Chromosomen am Werk: Sie ähneln sich daher in genau
dem gleichen Maße wie gewöhnliche Geschwister, aber
nicht mehr.
Man hat sehr viele Studien mit eineiigen Zwillingen –
echten natürlichen Klonen – durchgeführt, und diese Stu-
dien zeigen, dass deren Intelligenz sehr ähnlich ausgeprägt
ist, da die Korrelationen zwischen ihren IQs .85 erreichen,
also einen sehr hohen Wert.

Die bekannteste Studie ist die Zwillingsstudie der Medizi-


nischen Fakultät der Universität von Louisville (Louisvil-
le-Zwillingsstudie). Diese Studie beinhaltet von Geburt an
Tests in regelmäßigen Abständen und wurde von Falkner
im Jahr 1957 begründet. Weitergeführt von Vandenberg
und später von Ronald Wilson (1983) bezieht sie ungefähr
500 Zwillingspaare in einem Alter von drei Monaten bis
15 Jahren ein (Abb. 1.10). Die Zwillinge werden im ersten
Lebensjahr alle drei Monate getestet, dann bis zu neun Jah-
ren jährlich, und die Abschlussuntersuchung findet mit 15
Jahren statt. Die Zwillinge werden aufgrund von 22 Anti-
genen im Blut als MZ und DZ identifiziert, mit Ausnahme
von Paaren verschiedenen Geschlechts, die definitionsge-
mäß DZ sind.
Die Ergebnisse für die MZ sind spektakulär, denn die
Korrelationen von .66 im Alter von drei Monaten steigen
unaufhaltsam bis auf .88 bei den 15-Jährigen. Die DZ zei-
gen ein deutlich anderes Bild; die Korrelationen sind mit
drei Monaten ähnlich hoch, sinken aber bis zum Alter von
etwa vier Jahren und erreichen schließlich den Wert um .50
58 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Intra-Paar- 1 eineiige Zwillinge (MZ)


Korrelation

0,8
zweieiige Zwillinge
(DZ)

0,6

0,4

0,2
Geschwister

0
3 Monate 1 2 4 8 15 Jahre
Alter

Abb. 1.10   Entwicklung der Korrelationen in Abhängigkeit von


Alter und Verwandtschaftsgrad (vereinfacht nach Wilson 1983)

für Geschwister. Die starke Übereinstimmung zwischen


allen Zwillingen am Lebensanfang ist daher auf das Milieu
im Mutterleib und in der frühen Kindheit zurückzufüh-
ren, was bei zu unterschiedlichen Zeitpunkten geborenen
Geschwistern nicht der Fall ist. Doch anschließend nimmt
die Entwicklung von Zwillingen unterschiedliche Wege.
Die MZ ähneln sich immer stärker, während sich die Kor-
relationen zwischen DZ denen zwischen Geschwistern
angleichen. Die Genetiker sehen darin das Wirken eines
„genetischen Druckes“: Die Gene steuern die Erzeugung
von Molekülen, welche in die Produktion von Grundbau-
steinen des Gehirns (Proteine, Neurotransmitter etc.) ein-
gehen. Das ist vergleichbar mit dem Bau zweier Häuser
1  Intelligenz   59

nach Fotokopien desselben Planes; da die Handwerker


nicht mit derselben Geschwindigkeit arbeiten, werden sich
die Häuser immer stärker ähneln, je weiter ihr Bau voran-
schreitet.

Fazit
Wenn die Vererbung ein entscheidender Faktor ist, dann ist
es die Umwelt ebenso. Eine eingehende Untersuchung mit
sofort nach der Geburt getrennten Zwillingen ergab folgen-
de Zusammenhänge: Wenn ihre Fingerabdrücke überein-
stimmen (.97), ist die Korrelation ihrer verbalen Intelligenz
ein wenig geringer als diejenige von gemeinsam aufgewach-
senen Zwillingen (.64 gegenüber .88). Dies ist auch der
Fall bei Körpergröße und -gewicht. Die verbale Intelligenz
(Kultur) hängt demnach gleichermaßen vom Erbe wie von
der Umwelt ab.

17 Wo sitzt das Intelligenzgen?


Erblichkeit von Intelligenz wird häufig so verstanden, dass
es ein Intelligenzgen geben müsse. Tatsächlich könnte es
sein, dass ein Gen über ein richtungsweisendes intellektuel-
les Merkmal entscheidet. So könnte das Gen die Fähigkeit
steuern, Laute miteinander zu verknüpfen oder sich etwas
schneller einzuprägen, weil Speichermechanismen auf der
Neuronenebene (NMDA-Rezeptor auf Chromosom 9)
wirksam werden. Das Gen CHRM2 auf Chromosom 7
beispielsweise könnte mit dem logischen Denken und dem
räumlichen Vorstellungsvermögen zu tun haben. Doch das
60 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Phänomen der genetischen Anomalien zeigt, dass es sich


um sehr grundlegende Mechanismen handelt, die ein sehr
hohes oder sehr niedriges allgemeines Funktionsniveau zur
Folge haben. Die bekannteste mit einer geistigen Behin-
derung einhergehende genetische Störung ist das Down-
Syndrom (oder Mongolismus, wie man früher sagte). Bio-
logische Studien ergaben, dass es mit einer abweichenden
Chromosomenzahl zusammenhängt: Die Betroffenen wei-
sen 47 Chromosomen auf statt 46. Das Paar Nr. 21 (die
Chromosomen werden paarweise geordnet und nach ab-
nehmender Größe von 1 bis 23 durchnummeriert) besteht
in diesem Fall aus drei Chromosomen. Aufgrund dieser Be-
sonderheit bezeichnet man die Störung auch als Trisomie
21. Abgesehen von körperlichen Defiziten ist die geistige
Behinderung im Allgemeinen sehr schwerwiegend; in einer
Studie mit 474 Betroffenen erreichte der mittlere IQ im
Alter von drei Jahren 60 und mit 15 Jahren 35.

Neurobiologische Forschungen brachten Licht in eini-


ge der Störungsmechanismen. Ein Chromosom besteht
chemisch aus Abschnitten von DNS (Desoxyribonuclein-
säure). Diese Sequenzen enthalten die Bauanleitung für be-
stimmte Moleküle; sie heißen Chromosomenbanden oder
-bänder und werden ebenfalls nummeriert. So enthält die
Unterbande 21–22 des Chromosoms 21 Gene, welche für
ein Enzym codieren, das mit dem Sauerstoffstoffwechsel
zu tun hat. Ein Zuviel dieser Sauerstoffderivate jedoch ist
sehr gefährlich, denn sie binden sich an jede beliebige Zelle
– es sind „freie Radikale“. Man kennt sie aus Frauenzeit-
schriften, denn sie lassen die Zellen altern, unter anderem
die der Haut. Nun altern Down-Syndrom-Kinder furcht-
bar schnell, und manche Forscher haben auf Ähnlichkeiten
1  Intelligenz   61

zwischen dieser beschleunigten Alterung und der Alzhei-


mer-Krankheit hingewiesen. Andere Studien zeigten, dass
die Banden 21–22 auch ein Gen enthalten, das den Vor-
läufer eines Proteins (genannt A4) kopiert und eine Rolle
bei der Regeneration der Zellmembranen spielt. Nun fin-
det sich dieses Protein im Gehirn sowohl von Down-Syn-
drom- als auch von Alzheimer-Patienten im Übermaß; es
„verstopft“ die Zwischenräume zwischen den Neuronen,
was die Signalübertragung behindert.
Eine zweite Form der geistigen Behinderung tritt auf als
Folge unbehandelter Phenylketonurie, auch Oligophrenia
phenylpyruvica oder Fölling-Syndrom, wobei Oligophre-
nie wörtlich „wenig Verstand“ bedeutet. Hier ruft ein ein-
ziges Gen eine ausgeprägte geistige Retardierung hervor.
Dieses Gen verändert die Produktion eines Enzyms, das die
Aminosäure Phenylalanin in eine andere Aminosäure, das
Tyrosin, umwandelt. Die Aminosäuren, 20 an der Zahl,
bilden die Grundelemente der Proteine, aus denen sich die
Bausteine für Knochen, Muskeln, das Nervensystem und
so weiter zusammensetzen. Tyrosin aber ist die Vorstufe
zweier wichtiger Neurotransmitter des Gehirns: Dopamin
und Noradrenalin. Das Gehirn kann also nicht mehr nor-
mal funktionieren. Das ist vergleichbar mit dem Abstellen
des Stromes bei Ihnen zu Hause. Daran sieht man, dass
die Intelligenz zwar von Erbfaktoren abhängt, es aber kein
einzelnes Gen für Intelligenz gibt. Die Gene liefern nur
die Grundbestandteile. Doch bestimmte Bestandteile sind
– wie die elektrische Energie in einem Haus – an so vielen
Prozessen beteiligt, dass der Ausfall eines einzigen Baustei-
nes zu einer ausgedehnten Funktionsstörung führen kann.
62 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Fazit
In bestimmten Fällen jedoch kann ein Gen unmittelbar
eine geistige Fähigkeit steuern. So haben Logopäden fest-
gestellt, dass in einer englischen Familie ( KE family) die
Hälfte der Familienmitglieder über drei Generationen hin-
weg von schweren Sprach- und Sprechstörungen betroffen
war. Nach vierjähriger Forschung konnten Genetiker der
Universität Oxford (Anthony Monaco) das verantwortliche
Gen auf Chromosom 7 identifizieren. Sie nannten es FoxP2
(für forkhead box P2, weil das Kopfende des Gens gegabelt
ist).

Der Neandertaler besaß bereits das Gen FoxP2 des modernen


Menschen und muss demnach gesprochen haben.

Seit wann spricht der Mensch? Die Entdeckung des Gens


FoxP2 hat es möglich gemacht, die Spur zurückzuverfol-
gen. Denn wenn Schimpansen nicht fähig sind, Sprachlau-
1  Intelligenz   63

te hervorzubringen, dann vermutlich weil sie eine andere


Form des FoxP2-Gens haben. Bei singenden Arten wie
dem Kanarienvogel oder sprechenden wie dem Papagei ist
es dagegen vorhanden. Forschergruppen, darunter die des
Instituts für funktionelle Genomik in Lyon, konnten in gut
erhaltenen fossilen Knochen des Neandertalers das Gen
FoxP2 nachweisen, und es zeigte dieselben Mutationen (für
Sprechvermögen) wie das des modernen Menschen. Der
Ursprung der Sprache dürfte sich also auf den Neandertaler
(vor 250.000 bis 30.000 Jahren) zurückführen lassen.

18 War der Urmensch intelligent?


Waren die prähistorischen Menschen intelligent? Glaubt
man dem Bonmot Binets, des Konstrukteurs des ersten
Tests, „Intelligenz ist das, was mein Test misst“, dann lau-
tet die Antwort wohl nein. Die ersten Vertreter von Homo
sapiens vor etwa 50.000 Jahren besaßen dasselbe Schädel-
volumen wie wir. Das spricht dafür, dass die geistigen Leis-
tungen des heutigen Menschen ausschließlich der Umwelt
geschuldet sind. Sprechen, Lesen, Rechnen und so weiter
sind das Ergebnis jahrtausendelanger Lernprozesse, weiter-
gegeben durch familiäre, schulische und soziale Erziehung.

Der amerikanischer Psychologe Harold Skeels von der


Iowa Child Welfare Research Station hat bewiesen, welch
ausschlaggebenden Einfluss eine förderliche Umwelt aus-
übt. Anlass zu seiner Studie gab ihm die Beobachtung, dass
der IQ von Kindern, die ab einem Alter von 16 Monaten
im Waisenhaus aufwuchsen, tragischerweise von 90 auf 60
64 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

im Alter von vier Jahren sank. Da er eine nachteilige Wir-


kung des Waisenhausmilieus vermutete, stellte er eine Ex-
perimentalgruppe vernachlässigter und retardierter Kinder
zusammen, deren mittlerer IQ im Alter von 16 Monaten
65 betrug. Die Kontrollgruppe mit einem durchschnittli-
chen IQ (90 mit 16 Monaten) blieb dann in dem Waisen-
haus, während die Kinder der Experimentalgruppe in eine
Spezialeinrichtung für geistig behinderte Kinder mit quali-
fiziertem Personal wechselten. Das intellektuelle Leistungs-
vermögen dieser Kinder verbesserte sich von da an rasch,
und mit drei Jahren erreichten sie einen fast normalen IQ
von 93. Im selben Zeitraum sank jedoch der IQ der im
Waisenhaus verbliebenen Kinder bis auf 60 mit vier Jahren.
Die kognitive und soziale Umwelt ist also entscheidend.

Formt die Umwelt die Fähigkeiten der Person für das ganze
Leben?

Um das herauszufinden, wollte derselbe Psychologe die-


selben Kinder ein weiteres Mal untersuchen, und zwar 20
Jahre später. Langzeitstudien zeichnen sich seinen eigenen
Worten zufolge aus durch Anpassungsfähigkeit und Be-
harrlichkeit. In fast kriminalromanhaftem Stil berichtet
er über seine Suche nach den Kindern: „Am 10. Oktober
1961 halte ich in Bradshaw (Namen von Personen und Or-
ten geändert), 355 Einwohner, und versuche, die Familie
Mitchell zu finden. Ihre Tochter Ruth gehört zu den 13
Kindern der Experimentalgruppe, und der letzte Kontakt
fand 1941 statt …“ Er geht zur Post; die Angestellte weiß
nicht, wo die Familie wohnt, vermutet jedoch, der Zahn-
arzt könnte sich vielleicht an sie erinnern. Der Zahnarzt
schickt ihn zu Farmern in der Nachbarschaft der Mitchells.
Einer von ihnen erklärt, diese hätten sich scheiden lassen,
1  Intelligenz   65

Ruth habe jedoch Verbindung zu einer Mrs. Marshall ge-


halten. Deren Tochter war mit einer der Schwestern Ruths
befreundet; diese hatte einen gewissen Ralph Strand in
Des Moines geheiratet. Mithilfe des Jahrbuches wird er
ausfindig gemacht, und ab da wird die Suche leichter …
Die Ergebnisse zeigen zweifelsfrei, dass die Folgen man-
gelnder Förderung katastrophal und endgültig sind. Die
in der Spezialeinrichtung aufgewachsenen Kinder (im
Waisenhaus waren sie geistig behindert) hatten schließlich
normale Schulen durchlaufen, waren sozial integriert, ver-
heiratet, hatten einen Beruf und verdienten entsprechend
dem Durchschnitt dieses Berufsstands. Im Gegensatz dazu
waren die im Waisenhaus verbliebenen Kinder mit einer
anfangs normalen geistigen Leistungsfähigkeit später so-
zial unangepasst, hatten ein sehr geringes Bildungsniveau,
arbeiteten als Ungelernte (drei als Tellerwäscher), waren
ledig und verdienten miserabel; nur ein Einziger hatte es
in einen normalen Beruf geschafft (Drucker). Der intellek-
tuelle und soziale Status des Individuums hängt demnach
entscheidend von seinen Bildungschancen ab.

Fazit
Die Umwelt (oder das Milieu) beeinflusst die Intelligenz
auf sehr unterschiedliche Weisen. Es gibt biologische Fak-
toren wie die Ernährung (siehe Abschn. 22), aber auch
psychologische Faktoren, die mit sensomotorischer, sprach-
licher, affektiver und sozialer Anregung zu tun haben. In
der Entwicklung des Kleinkindes spielen das Verhalten der
Eltern, der sozioökonomische Status, die gesellschaftliche
und ethnische Kultur, das kognitive und kulturelle Milieu
eine entscheidende Rolle. Angemessene Pflege und Ver-
66 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

sorgung sind selbstredend die Grundvoraussetzungen. So


berichtet ein Psychologe von einem Baby, das wegen einer
Vergiftung behandelt werden musste: Sein Sauger war mit
Klebstoff für Fahrradschläuche „repariert“ worden.
Über die kulturelle Umgebung bestimmen sicherlich
größtenteils die Familie und die Schule. Die Familie spielt
für die frühen Anregungen und den Spracherwerb eine ent-
scheidende Rolle; die Schule ist der bevorzugte Ort für den
Wissenserwerb, das Lesen, die Schulfächer. Der französi-
sche Psychologe André Flieller erklärt die Leistungsverbes-
serung von Kindern in Tests (Flynn-Effekt) mit dem ver-
stärkten Besuch weiterführender Schulen: 1967 lag er bei
60 %, 1993 bei 90 %. Was das französische Abitur angeht,
so erwarben 1939 drei Prozent eines Jahrgangs das Zeugnis,
im Jahr 2000 waren es 60 %.

19 Muss man das Gehirn trainieren?


Ende des 19. Jahrhunderts vermutete die Ärztin Maria
Montessori (1870–1952), dass Kinder aus armen Vierteln
deswegen „schwachsinnig“ seien, weil es ihnen an geistiger
Anregung mangelt. Sie kannte die Arbeiten des Franzosen
Jean Itard über Taubstumme aus der napoleonischen Ära,
entwickelte auf dieser Grundlage eine „Orthophrenieschu-
le“ und errichtete in heruntergekommenen Stadtvierteln
Kinderhäuser. Sie führte pädagogische Neuerungen ein:
Formen, Objekte und Farben sollten alle Sinne anregen.
In Tierversuchen konnte man diese Zusammenhänge
analysieren und insbesondere nachweisen, dass Anregung
in bestimmten Phasen eine entscheidende Rolle spielt. Die-
1  Intelligenz   67

se Zeiträume heißen „kritische“ oder „sensible Phasen“. Bei


der Katze, deren Wahrnehmungssystem dem unsrigen phy-
siologisch ähnelt, bewirkt völlige sensorische Deprivation
(zugenähte Augenlider) nach der Geburt eine irreversible
Degeneration von Nervenzellen; die Kätzchen bleiben auch
nach Öffnen der Augenlider blind. Der Ausfall kann auch
spezifischer sein. Beispielsweise sprechen die Cortexzellen
nicht mehr auf waagerechte Linien an (Registrierung mit-
tels Mikroelektroden), wenn die Kätzchen in einer Welt aus
Vertikalen herangewachsen sind. Die sensible Periode für
das Sehen liegt zwischen der dritten Woche und dem drit-
ten Monat. Durch biochemische Untersuchungen hat man
herausgefunden, dass die Ursache in einem großen Protein
liegen könnte, das man als „MAP“ (wörtlich „Karte“) be-
zeichnet hat.
Andere einschlägige Untersuchungen zur Biologie des
Gehirns – etwa Arbeiten über anregungsarme und -reiche
Umwelten – beweisen, dass diese tief greifenden Verände-
rungen auf frühe Anregungen zurückgehen.

Mark Rosenzweig von der Universität von Kalifornien


berichtet über den Ursprung dieser Entdeckung: In den
1950er Jahren versuchten Forscher an seinem Institut, eine
Korrelation zwischen den individuellen Unterschieden
des Problemlösungsverhaltens von Ratten und einem Ge-
hirnenzym, der Acetylcholinesterase, festzustellen. Dieses
regulierende Enzym spaltet überschüssiges Acetylcholin,
einen sehr wichtigen Neurotransmitter. Nun deuteten
aber die Messungen darauf hin, dass das Enzym im Gehirn
der Ratten – den Versuchstieren in den Problemlöseexpe-
rimenten  – aktiver war, vor allem im Okzipitalcortex (in
68 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

der Sehrinde). Aufgrund dieser Entdeckung konstruierten


Rosenzweig und seine Mitarbeiter verschiedene Umwelten
für die Rattenaufzucht. Die übliche Umgebung ist ein klei-
ner Käfig mit einem Wasserfläschchen und Platz für drei
Ratten. Nun richteten die Forscher zwei Milieus ein: einen
anregungsarmen Einzelkäfig und einen anregungsreichen
großen Gemeinschaftskäfig für zwölf Ratten, ausgestattet
mit verschiedenen, täglich ausgetauschten Gegenständen
(Leiter, Rad etc.); Nahrung und Wasser standen ständig
zur Verfügung. Die Gehirne der Tiere, die vier bis zehn
Wochen in dieser Umgebung herangewachsen waren, wie-
sen Unterschiede zu denen der Einzelkäfigratten auf: Ihre
Gehirnrinde war schwerer und dicker, die Enzymaktivi-
tät (Cholinesterase und Acetylcholinesterase) höher, und
es waren mehr Gliazellen (Stütz- und Nährzellen für die
Neuronen) vorhanden. Diese und ähnliche Studien erhär-
ten, wie überaus wichtig frühe Anregungen sind.

Fazit
Seit diesen Forschungsarbeiten gestaltet man die Umge-
bung in Einrichtungen für Kinder so, dass sie durch For-
men und Farben mehr Anregung bieten. Bunte, vielfältige
Anstriche, Poster und Spielzeuge verschönern nunmehr
Krippen und Kinderstationen. Später liefern dann die fa-
miliäre Umgebung und vor allem die Schule die beste und
reichste Anregung für das Gehirn.
1  Intelligenz   69

20 Regen Sie Ihre Neuronen an … ja,


aber welche?
Den Neuronen Anregung zu bieten und so das Gehirn leis-
tungsfähiger zu machen, ist also entscheidend – daran be-
steht kein Zweifel. Ja, aber wie? Beim Surfen im Internet
über die Angst vor dem Älterwerden oder Alzheimer stößt
man auf allerlei Methoden, die versprechen, das Gehirn zu
stärken, zu vergrößern oder zu verjüngen. Dr. Kawashimas
erfolgreiches Computerspiel propagiert Übungen zur Anre-
gung des Gehirns – angeblich bringen sie einem das Denk-
organ eines 20-Jährigen (zurück). Für Gehirnjogging wird
geworben wie für Antifaltencreme: Fernsehspots, Doppel-
seiten in Frauenzeitschriften. Doch viele der angepriesenen
Verfahren beruhen auf ganz herkömmlichen Übungen –
einfachen Rechenaufgaben, einzuprägenden geometrischen
Figuren – oder sind Abwandlungen psychologischer Tests.
Sind solche Methoden wirksam?

Eine Studie (Lorant-Royer et  al. 2008) untersuchte die


Effektivität der Kawashima-Methode und der vergleich-
baren Big Brain Academy für die Nintendo-Spielkonsole
DS im Vergleich zu einfachen Papier-und-Bleistift-Spielen
aus Kinderzeitschriften (Micky-Maus-Spiele) und keinem
Training. An dem Experiment nahmen vier Schülergrup-
pen der vierten Grundschulklasse (zehn Jahre) teil. Die
beiden ersten Gruppen profitierten von einem elfwöchigen
(fast drei Monate) Training (von einer Stunde pro Woche,
was den von Kawashima empfohlenen täglichen zehn Mi-
nuten entspricht). Ein Vor- und ein Nachtest bestanden
aus klassenarbeitsähnlichen Aufgaben: Biologie, Erdkunde
70 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

und Rechnen. Und um zu messen, ob solche Programme


„intelligenter“ machen, kamen noch drei Untertests des be-
rühmten und aktuellen Tests WISC-IV (2005; Abschn. 13)
hinzu: der „Matrizentest“ für logisches Denken, „Zahlen
nachsprechen“, klassisch zur Prüfung des Kurzzeitgedächt-
nisses, und „Symbolsuche“, ein Test der visuellen Aufmerk-
samkeit.Allgemein gesagt, sind die Trainingsmethoden
nicht ausreichend spezifisch, um sie auf klassenarbeits-
ähnliche Aufgaben zu übertragen. Für Biologie waren die
Ergebnisse gleich null (–3 Prozent), für Erdkunde negativ
(–17 %). Im Rechentest ergaben sich mit + 19 % schwache
Resultate; die Papier-und-Bleistift-Gruppe sowie die Kont-
rollgruppe lagen gleichauf (19 und 18 %). Insgesamt steckt
nichts anderes dahinter als simple Vertrautheit mit den
Tests (aufgrund des Vortests).

So viel also zu den Tests vom Klassenarbeitstyp. Doch stei-


gern die Computerspiele zur kognitiven Anregung die geis-
tigen Leistungen bei Aufgaben mit nichtschulischem Cha-
rakter?

Zunächst einmal liefert der Matrizentest einen geeigne-


ten Referenzwert für die Kawashima-Methode, da er sehr
gut das logische Denken prüft. Nun zeigt sich aber über-
haupt kein Fortschritt durch das Gehirnjogging (0,6 %;
Abb. 1.11).
Beim Zahlennachsprechen bringt das Kawashima-Pro-
gramm einen Anstieg von 20 %. Das ist positiv, doch nicht
besser als die Papier-und-Bleistift-Spiele. Mit großem In-
teresse hatten wir die Ergebnisse für den Test der visuellen
Aufmerksamkeit „Symbolsuche“ erwartet. Angelehnt an
solche Tests propagiert Kawashima mehrere Aufmerksam-
keitsspiele. Sehr gut angepasst an die kleine Konsole sind
1  Intelligenz   71

Anstieg (%) 100


bei den
kognitiven Tests
80

Matrizen
60 Zahlen
nachsprechen
Symbolsuche
40

20

ng
ift
ing

y
em

t
eis

gu
gg

ad

din
Bl
njo

Ac

 20 d

e
hir

un

llb
in
Ge

ro
r
Br

pie

nt
g

Ko
Pa
Bi

 40

Abb. 1.11   Anstieg (oder Rückgang) von Testwerten (in Prozent)


in Abhängigkeit von zwei Computerspielmethoden, dem Papier-
und-Bleistift-Spiel oder der Kontrollbedingung (nach Lorant-Roy-
er et al. 2008)

etwa der berühmte Stroop-Test sowie eine mit „Zahlen“


etwas unglücklich benannte (aber sehr nette) Übung, bei
der der Spieler bestimmten Kriterien entsprechende Zah-
len zählen muss: etwa die gelben Zahlen, die sich drehen
oder verschieben. Tatsächlich ist das Gehirnjogging mit
einem Plus von 20 % wirksam, aber nicht wirksamer als
die Kontrollbedingung, das Däumchendrehen – kurzum,
unzureichend zur Verjüngung unseres Gehirns, wie es uns
die Werbung weismachen will!In der Quintessenz sind die
Computerspielprogramme nur Spiele und nicht mehr. Sie
können den Lehrstoff der Schule in seiner Vielfalt und
Dauer keinesfalls ersetzen. Nur er bietet unseren lieben
Kleinen echte Anregung für das Gehirn.
72 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Fazit
Warum sind die „Alles-in-einem“-Methoden nicht wirk-
sam? Sie beruhen auf dem Prinzip des Transfers: Ein vor-
hergehendes Training kann das Lernen anderer Lerninhalte
erleichtern. Doch die Studien zu dieser Frage zeigten, dass
sich nur dann ein Nutzen einstellt, wenn die beiden Lern-
aufgaben sich ähneln: Training beim Silbenlernen trägt
nicht dazu bei, dass man sich Gedichte oder Latein besser
merken kann. Die Erklärung dafür liegt in der Komplexität
des Gehirns mit seinen 200 Mrd. Neuronen; die Erweite-
rung der Autobahn zwischen München und Stuttgart lässt
eben nicht den Verkehr zwischen Manhattan und Brooklyn
besser fließen.

21 Sind die Jugendlichen heutzutage


dümmer oder schlauer?
Ach ja! Zu meiner Zeit hat man noch mehr Köpfchen ge-
habt? Das kann man seit den Arbeiten von Flynn nicht
mehr behaupten. Nein, nicht Errol Flynn, der Robin Hood
des berühmten Filmes in Technicolor, sondern James
Flynn, immerhin aus derselben Gegend der Südhalbkugel,
aus Neuseeland.

Dieser Forscher trug geduldig die Werte zusammen, die


verschiedene Generationen in 35 Ländern in Intelligenz-
tests erzielt hatten. Bei den Tests handelte es sich um die
großen Klassiker, für die seit ihrer Konstruktion – bei man-
chen also seit 30 Jahren – Daten vorliegen. Die Ergebnis-
1  Intelligenz   73

se waren eindrucksvoll, da die Kinder und Jugendlichen


sich im Allgemeinen als intelligenter erwiesen als früher.
In Holland erreichten 18-Jährige 1952 im Mittel einen IQ
von 100 im Matrizentest von Raven (durchschnittlicher
IQ definitionsgemäß = 100), während 30 Jahre später die
Generation der 18-Jährigen einen IQ von 121 erzielte, also
einen Zuwachs von 21 IQ-Wertpunkten. Diese Zuwächse
schwanken von Land zu Land, sind jedoch immer relativ
deutlich. Allerdings bemerkte Flynn aufgrund dieser syste-
matischen Vergleiche, dass die Zuwächse bei den Tests des
logischen Denkens höher waren als bei den Wissenstests
(häufig verbal und mathematisch). Beispielsweise betrug
der Zuwachs im Raven-Test bei französischen Rekruten
(18–22 Jahre) von 1949 bis 1974 25 Punkte (Girod und
Allaume 1976, zit. in Flynn 1987), neun Punkte in einem
verbalen Test und 9,6 Punkte in einem Mathetest.
Der Test von Wechsler erlaubt diesen Vergleich auf-
grund seiner Zweiteilung in einen Verbal- und einen
Handlungsteil. Allgemein gesagt lässt der Handlungsteil –
wie der Raven-Test – mit einem IQ-Punkt mehr pro Jahr
die größten Unterschiede des IQ (über 30 Jahre) zu. Da-
gegen reagiert der Verbalteil – mit Abweichungen von drei
Punkten für Frankreich, aber bis zu 20 Punkten für Öster-
reich oder Japan – weniger empfindlich auf Generations-
effekte (Tab. 1.9).
Alles in allem kann man mit solchen Ergebnissen sehr
zufrieden sein – die Kinder und Jugendlichen werden im-
mer schlauer. Was die Praxis der Psychometrie angeht, so
müssen diese Befunde zu größter Vorsicht Anlass geben,
denn üblicherweise gilt ein IQ von 100 als Mittelwert einer
Altersgruppe. Wenn nun der Test nicht überarbeitet wird,
erscheint ein Kind intelligenter, als es in Wirklichkeit ist
(im Verhältnis zu seiner Generation). Aufgrund dieses ge-
74 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Tab. 1.9   IQ-Punktzuwächse für verschiedene Tests über 30 Jah-


re (oder mehr) in ausgewählten Ländern (nach Flynn 1987)
Wechsler Wechsler Wechsler
Verbalteil Handlungsteil gesamt
Frankreich 3 19 11
Vereinigte 8 10 9
Staaten
Deutschland 12 28 22
Japan 20 22 25
Österreich 20 28 25

nerationsbedingten Zuwachses kann die Verwendung einer


alten Testfassung viele Eltern glauben machen, ihr Kind
sei ein Genie. Praktisch gesehen hatte Lewis Terman die
zwei Prozent intelligentesten Kinder, was einem IQ von
130 entspricht, zu Studienzwecken ausgewählt. In Japan
oder Österreich könnte also ein Kind als hochbegabt (IQ
125) eingestuft werden, während es doch im Mittelfeld
liegt und ein korrekt revidierter Test ihm einen IQ um 100
zumessen würde.Worauf lässt sich diese Verbesserung der
allgemeinen Intelligenz zurückführen? Zweifelsohne gibt
es mehrere Ursachen, etwa bessere Gesundheit und Ernäh-
rung (Proteine, Vitamine), was auch an der Zunahme der
Körpergröße zu erkennen ist (auch das Gehirn profitiert
davon). Doch fraglos muss man dieses Phänomen in noch
größerem Maße einer umfassenderen Bildung aufgrund
eines früheren und allgemeineren Schulbesuchs zuschrei-
ben. André Flieller (1999) von der Universität Nancy be-
obachtete den Flynn-Effekt mit Tests in Anlehnung an die
Theorie Piagets (1987) und stellte fest, dass im Jahr 1967
60 % der Schüler die Sekundarstufe II besuchten, 1993
1  Intelligenz   75

dagegen 90 Prozent. Da jedoch die Verbesserung in Prob-


lemlösetests (auch „Tests des logischen Denkens“ genannt)
stärker ausgeprägt ist als in Wissens- und Wortschatztests,
spielt vermutlich die spielerische Intelligenzfrühförderung
zu Hause oder in der Krippe eine entscheidende Rolle.
Was die Verbesserung in Problemlösetests (Tests des
logischen Denkens oder Leistungstests) vielleicht am
stärksten beeinflusst, sind Computerspiele. Beispielsweise
benötigt man für ein einfaches Computerspiel wie Tetris
(herabfallende Formen aus vier Quadraten so drehen, dass
sie am unteren Rand möglichst lückenlose waagerechte Rei-
hen bilden) bestimmte Fähigkeiten – rasches Entdecken,
Dinge im Geiste drehen und schnelle Reaktionen –, die
auch in verschiedenen Tests erforderlich sind, etwa beim
Rätseltest oder beim Block Design Test von Kohs. Über-
dies wird in Logik/Leistungstests häufig die Zeit gestoppt.
So wiesen Okagaki und Frensch (1996, zit. in Greenfield
1998) nach, dass die Leistung in solchen Tests nach sechs
Trainingsstunden mit Tetris steigt. Ebenso fand Patricia
Greenfield (1998) Verbesserungen aufgrund verschiedener
Computerspiele, die ihr zufolge die Verarbeitung bildlicher
Informationen und die Fähigkeit zu mentaler Rotation ver-
besserten. Hinzufügen könnte man noch Lernspiele und
Kinderzeitschriften (Micky-Maus-Spiele etc.), die unmit-
telbar von Tests abgeleitete Spiele wie Rebus, Unterschiede
finden, Labyrinthe, Rätsel und so weiter enthalten.

Fazit
Abschließend muss man auf die Erweiterung des kulturel-
len Bereichs durch die außerordentliche Entwicklung von
Medien (Fernsehen, Bücher …) verweisen. Früher orien-
76 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

tierten sich die Lehrpläne an der Kultur eines Landes. In


Frankreich befasste man sich also mit den Departements,
mit Ludwig XIV. und Napoleon, Molière und Albert Ca-
mus. Doch seit den 1960er Jahren erleben wir eine Globa-
lisierung der Kultur; ausländische Werke wie Harry Potter
oder Der Herr der Ringe werden viel mehr gelesen als hier-
zulande Faust oder Die Blechtrommel. Im Kino, in Fern-
sehserien und in der Musik tritt das noch offenkundiger
zutage. Die Jugendlichen haben heute mit Sicherheit eine
Kultur, die über den Schulunterricht weit hinausgeht.
Die Alten können nicht mehr behaupten: „Zu unserer
Zeit war alles besser“!

22 Kann Ihre Ernährung Sie zum


Nobelpreisträger machen?
Offenkundig beeinflussen zahlreiche physiologische Fakto-
ren – Ernährung, Vitaminversorgung, Hygiene, Alkohol-
und Tabakkonsum der Mutter während der Schwanger-
schaft und so weiter – die Entwicklung im Mutterleib, im
Säuglingsalter und darüber hinaus. Zahlreiche Studien be-
fassten sich mit den Auswirkungen von Mangelernährung
beim Tier, insbesondere bei Ratten, und bestätigten unter
anderem eine schlechte Hirnentwicklung, kleinere Neuro-
nen und weniger Verzweigungen zu anderen Nervenzellen.
Während sich bestimmte Auswirkungen später durch eine
bessere Ernährung ausgleichen lassen, sind Schädigungen
des Hippocampus (eine für das Abspeichern im Gedächtnis
unerlässliche Hirnstruktur) offenbar dauerhaft.
1  Intelligenz   77

In Afrika führt die Unterernährung zu spezifischen


Krankheiten, welche die geistige Entwicklung massiv ver-
zögern. Mithilfe internationaler Institutionen wurden hier-
zu eine Reihe von Studien erstellt.

In Mittelamerika führte das INCAP (Institute of Nutrition


of Central America and Panama) eine groß angelegte Stu-
die in vier Dörfern Guatemalas durch. Die Untersuchung
umfasste 636 Schulkinder, die nach acht Jahren (von 1969
bis 1977) verschiedenen Tests unterzogen wurden. Ge-
prüft wurden zwei Arten der Nahrungsergänzung: Atole
(einem Schokoladengetränk ähnlich) und Fresco (einem
Erfrischungsgetränk ähnlich). Beide enthielten Vitamine
und Mineralsalze, Atole war jedoch zudem proteinreich,
während Fresco keine Proteine enthielt. Die Ergebnisse
sprachen für einen Effekt des Proteingetränks (Atole) bei
verschiedenen Tests: beim logischen Denken (Matrizentest
von Raven), bei den Rechenfähigkeiten, beim allgemeinen
Wissen, am ausgeprägtesten beim Wortschatz. Nach sozio-
ökonomischem Status betrachtet traten die ernährungsbe-
dingten Effekte nur bei Kindern aus benachteiligten oder
durchschnittlichen Verhältnissen auf. Vor dem Hinter-
grund, dass in höheren Schichten keine Unterernährung
vorkommt, ist das verständlich. Außerdem wirkte sich
eine bessere Ernährung umso deutlicher aus, je weiter die
schulische Bildung voranschritt (Grundschule). Da über-
dies Aminosäuren (aus denen sich die Proteine aufbauen)
die Vorläufer von Neurotransmittern sind (Tyrosin von
Dopamin und Noradrenalin, Tryptophan von Serotonin),
versteht man, warum Mangelernährung die geistige Ent-
wicklung so stark beeinträchtigt. Dieses Problem betrifft
offenkundig nicht nur die weniger entwickelten Länder.
78 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Auch in Ländern mit hohem wirtschaftlichem Niveau gibt


es sehr viele Familien, die unter Mangelernährung leiden.
Die Lipide (Fette) sind ebenfalls notwendig; sie schüt-
zen die Zellmembranen und stellen die elektrische Isola-
tion der Neuronen sicher. In unseren reichen Ländern ist
sicherlich eher das Übermaß als der Mangel schädlich, aber
wehe den jungen Mädchen, die den spindeldürren Models
nacheifern und sich drakonischen Diäten unterwerfen.
Dasselbe gilt im Hinblick auf die Kohlehydrate (Zucker).
Hierzulande ist eher das Übermaß die Norm, doch da
das Gehirn (wie auch die Muskeln) Glukose als Kraftstoff
brauchen, ist vor allzu strengen Diäten zu warnen. Auf die
Vitamine, die für alle Organfunktionen unerlässlich sind,
achtet man weniger. Doch statt sich nun wahllos damit
vollzustopfen wie in gewissen Ländern, sollte man für eine
ausgewogene Ernährung sorgen, vielleicht auch unter ärzt-
licher Aufsicht ein Nahrungsergänzungsmittel einnehmen.
So beruht eine der wichtigsten alkoholbedingten Gedächt-
nisstörungen auf einer Störung der Vitamin-B1-abhängi-
gen Stoffwechselmechanismen der Zelle. Dieses Vitamin
ist für den Hippocampus unverzichtbar. In Australien
treibt das seltsame Blüten: Da junge Australier viel Bier
konsumieren, fordern manche Mediziner, den Gerstensaft
mit Vitamin B1 anzureichern. Schlimm, nicht?

Fazit
Was eventuell hilfreiche Medikamente betrifft, so kennt
man noch keine. Geworben wird für Substanzen, die nicht
als Medikamente zugelassen und in Supermärkten oder so-
gar in Apotheken erhältlich sind. Man sollte jedoch wissen,
dass die Hersteller der Zulassungsbehörde gegenüber nur
1  Intelligenz   79

zu einem Wirksamkeitsnachweis für als Arzneimittel gel-


tende Substanzen verpflichtet sind. So enthalten beispiels-
weise manche Nahrungsergänzungsmittel in den Regalen
der Drogerieabteilungen Lezithine, die das Gedächtnis ver-
bessern sollen. Sie kommen aber von Natur aus in Eiern,
die allerdings auch Cholesterin enthalten, und in Scho-
kolade vor. Andere Mittel, etwa stark koffeinhaltige Pro-
dukte, die derzeit viele Studenten zu sich nehmen, wirken
anregend und können den Organismus schädigen. Sie ver-
ringern das Schlafbedürfnis und wirken sich unter ande-
rem auf das Herz aus. Substanzen wie Schlafmittel können
das Gedächtnis oder die Aufmerksamkeit beeinträchtigen.
Grundsätzlich sollte man ohne ärztlichen Rat überhaupt
nichts einnehmen, denn bestimmte Substanzen sind buch-
stäblich Gift für die Intelligenz. So ergab eine eingehende
psychologische Untersuchung (auch dazu dienen Tests) ver-
ringerte Testwerte bei vier- bis sechsjährigen Kindern mit
Bleivergiftung. Sie hatten sich diese Vergiftung durch den
Verzehr von Fisch aus dem Michigansee (an dem zahlreiche
Industriebetriebe liegen) zugezogen. Auch fortgeschrittene
Gesellschaften können die Intelligenz „vergiften“.
2
Gedächtnis

A. Lieury, Die Geheimnisse unseres Gehirns,


DOI 10.1007/978-3-642-37507-1_2, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
82 Die Geheimnisse unseres Gehirns

Inhaltsübersicht
23 Souvenirs, Souvenirs �������������������������������������������������������������������    83

24 Warum bewahrt man emotionsgeladene


Erinnerungen besser? �����������������������������������������������������������������    85

25 Entsprechen Erinnerungen immer der Wahrheit?�����������������������    88

26 Warum verlernt man Radfahren nie?�������������������������������������������    90

27 Hat Ihr Kind ein besseres Gedächtnis als Sie?�����������������������������    91

28 Warum sind Alkohol und Tabak Gift für Ihr Gedächtnis?�������������    96

29 Alkohol, Tabak, Drogen – warum wird unsere Psyche


so leicht abhängig von bestimmten Substanzen?�����������������������    98

30 „Ich bin ein visueller Typ!“��������������������������������������������������������  103

31 Verflixt, wie heißt er noch mal?


Mir liegt der Name auf der Zunge!��������������������������������������������  107

32 Warum lernt man durch Lesen besser als durch Zuhören? ��������  109

33 Warum ist Wiederholen so wichtig, obwohl es im


Lande Descartes’ als „stupide“ gilt?������������������������������������������  111

34 Frau Doktor, habe ich Alzheimer?����������������������������������������������  114

35 Ist Ihr Gedächtnis wohlgeordnet?����������������������������������������������  117

36 „Ich esse mit einer Zabel“ – woher kommen Versprecher? ������  119

37 Wie lässt sich das Vergessen erklären?��������������������������������������  122

38 Stimmt es, dass man im Alter


immer wieder das Gleiche erzählt?��������������������������������������������  125

39 Was ist das Geheimnis eines Elefantengedächtnisses?��������������  130


2  Gedächtnis   83

23 Souvenirs, Souvenirs
„Souvenirs, Souvenirs“ – das sang Bill Ramsay in den 1960er
Jahren. Wer beschwört nicht gerne mit einer gewissen Nost-
algie seine Jugend-, ja sogar Kindheitserinnerungen herauf?
Doch auf dem Weg zurück in die Vergangenheit werden die
Erinnerungen rar, bis man für die ersten Jahre der Kindheit
auf ein regelrechtes schwarzes Loch stößt. Dies ergab die
erste einschlägige Erhebung, durchgeführt von Victor und
Catherine Henri (1896). In der Regel stammen die frühes-
ten Erinnerungen von Erwachsenen, sofern sie sich bestä-
tigen lassen, aus dem Alter von drei bis vier Jahren. Die
Erklärung liegt in der Struktur des Gedächtnisses und der
Sprache, wie die sorgfältige Studie von Waldfogel (1948)
nahelegt.

Der Forscher bat 124 Studenten beiderlei Geschlechts,


sich ihre Kindheitserinnerungen bis zum Alter von acht
Jahren ins Gedächtnis zu rufen. Dabei sollten sie ihr je-
weiliges Alter zum Zeitpunkt der Erinnerung angeben und
beurteilen, ob sie „angenehm oder unangenehm“ war. Die
Probanden berichteten insgesamt 6486 Erinnerungen,
durchschnittlich also 52,3 unabhängig vom Geschlecht.
Das Durchschnittsalter zum Zeitpunkt der ersten Erinne-
rung lag zwischen drei und vier Jahren, was die zuvor an-
geführte Befragung bestätigt (Abb. 2.1).
Waldfogel verglich die Entwicklung von Kindheitserin-
nerungen mit der Entwicklung der Anzahl der dem Kind
bekannten Wörter (Wortschatz) sowie mit der Entwicklung
des autobiografischen Gedächtnisses in einem Test. Dieser
bestand darin, eine komplexe (nicht vom Autor vorgege-
bene) Situation aus dem Gedächtnis wiederzugeben. Wie
84 Die Geheimnisse unseres Gehirns

20

18
Durchschnittszahl wachgerufener Erinnerungen

Reproduktion einer
Geschichte
16

14

12

10
Erinnerung

8 Wortschatz

0
0 1 2 3 4 5 6 7 ϴ
Alter in Jahren

Abb. 2.1   Früheste Kindheitserinnerungen (vereinfacht nach


Waldfogel 1948)

sich zeigt, verläuft die Entwicklung der Erinnerungen ab


vier Jahren parallel zu der des biografischen Gedächtnisses
und streng parallel zur Entwicklung des Wortschatzes im
Zeitraum von einem bis sieben Jahren.

Fazit
Diese Befunde bestätigen klar, dass die Entwicklung der Er-
innerungen der allgemeinen Entwicklung des Kindes folgt.
Insbesondere zeigen sie, dass die „kindliche Amnesie“ in
2  Gedächtnis   85

einer Phase eintritt, in der das Kind über einen sehr ein-
geschränkten Wortschatz verfügt: Um eine Erinnerung zu
erzählen, muss man über die zu ihrer Beschreibung nötigen
Wörter verfügen. Als ich Kindern vom Trojanischen Krieg
erzählte, fragte mich eines, was talon de la Chine („China-
ferse“) – statt talon d’Achille („Achillesferse“) – bedeute.
Eine ähnliche Beobachtung: Ein kleines Mädchen sah den
Disney-Film Dornröschen, und in dem Augenblick, als der
König alle (Spinn-)Räder ( rouets) in seinem Reich verbot,
fragte es: „Warum verbrennen sie denn alle (Fahr-)Räder
( vélos)?!?“
Aus solchen Verballhornungen entstehen zweifelsoh-
ne Legenden, insbesondere in der mündlichen Überliefe-
rung. So besteht in der Originalfassung von Aschenputtel
von Charles Perrault der Pantoffel aus Feh ( vair), das heißt
aus dem grauen und weißen Pelz des sibirischen Eichhörn-
chens. Doch in der mündlichen Weitergabe wurde daraus
Glas ( verre), auch in dem berühmten Zeichentrickfilm.

24 Warum bewahrt man emotions-


geladene Erinnerungen besser?
Erinnerungen, die von einer starken Emotion begleitet
sind, behält man oft besser im Gedächtnis als alltägliche
Vorfälle; man erinnert sich deutlicher an die „ersten Male“,
die erste Liebe, den ersten Preis oder die erste Medaille,
den ersten Theaterbesuch, die erste Auslandsreise. Dassel-
be gilt für Schockerlebnisse, die das persönliche Leben auf
den Kopf stellen können. Brown und Kulik (1977) von der
86 Die Geheimnisse unseres Gehirns

Harvard-Universität haben sie als „Blitzlichterinnerungen“


( flashbulb memories) bezeichnet. Dem liegt der Gedanke
zugrunde, dass ein schockierendes öffentliches Ereignis
ein persönliches Ereignis hervorhebt, wie ein Blitzlicht die
fotografierte Szene erhellt.

Anstoß zu ihrer Studie gab die Umfrage einer Illustrierten,


was die Befragten zum Zeitpunkt der Ermordung Präsi-
dent Kennedys gerade gemacht oder wo sie sich aufgehal-
ten hatten. Die Erinnerungen waren im Allgemeinen sehr
präzise: „Julia war in der Küche und aß Suppe“, „Billy war
auf dem Golfplatz“, „Philippe fuhr gerade eine Rallye“ und
so weiter. Auf das Phänomen hatte bereits der französische
Psychologe Blondel (1934) hingewiesen; er erinnerte sich,
dass er an einem Montag in einer wichtigen Prüfung saß,
und sonntags war der französische Präsident Sadi Carnot
ermordet worden.
Blitzlichterinnerungen spiegeln also die Umstände wi-
der, unter denen man von einem dramatischen Ereignis
erfährt. So hatten in der Erhebung von Brown und Kulik
39 Weiße (von 40) und 40 Schwarze (von 40) eine Blitz-
lichterinnerung an die Ermordung John F. Kennedys. Doch
die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen schätzen die
politische Bedeutung eines Ereignisses unterschiedlich ein.
Das spiegelt sich darin, dass Schwarze häufiger eine Blitz-
lichterinnerung an die Ermordung von Martin Luther King
oder Malcolm X besaßen, Weiße dagegen eher an das ver-
suchte Attentat auf den amerikanischen Präsidenten Gerald
Ford oder den Tod des spanischen Diktators Franco.
Ferner korreliert die Länge des Berichts stark (.80 bis
.90) mit der Bedeutung, die der Proband dem öffentlichen
Ereignis beimaß (auf einer Bewertungsskala). Brown und
2  Gedächtnis   87

Kulik schlossen aus ihren Ergebnissen, dass das öffentli-


che Ereignis nur dann zu einer Blitzlichterinnerung führt,
wenn es bei dem Betreffenden erhöhte emotionale Erre-
gung auslöst.

Fazit
Auf den amerikanischen Neurobiologen Joseph Ledoux
geht die Entdeckung der Amygdala zurück. Diese Gehirn-
struktur, auch als Mandelkern bezeichnet, liegt neben dem
für die Speicherung neuer Ereignisse zuständigen Hippo-
campus und ist mit diesem verbunden. Die Amygdala hat
die Aufgabe, dem Gehirn zu sagen, ob ein Ereignis gut
(positiv) oder schlecht (negativ) ist. Löst das Ereignis ein
starkes Gefühl (wie Wut oder Angst) aus, schickt sie spe-
zielle Botenstoffe an den Hippocampus und verbessert da-
mit dessen Speicherfunktion. So ergaben Experimente mit
Versuchstieren (Mäuse, Ratten), dass diese schneller lernen,
wenn man ihnen schmerzhafte Elektroschocks verabreicht,
als wenn man sie positiv verstärkt (Futter); auch ist die Er-
innerung dauerhafter. Als Anekdote am Rande: Joseph Le-
doux spielt Gitarre in einer Wissenschaftler-Rockgruppe,
den Amygdaloids!
Ohne sich dessen bewusst zu sein, hat auch der Vater von
Sacha Guitry dieses Prinzip angewandt. Letzterer erzählt
folgende Begebenheit: Nach einer Vorstellung hatten sie Sa-
rah Bernhardt getroffen, und sobald sie die Garderobe der
berühmten Schauspielerin verlassen hatten, gab ihm sein
Vater eine kräftige Ohrfeige: „Damit du dich immer daran
erinnerst, mein Sohn, dass du der großen Sarah Bernhardt
begegnet bist.“
88 Die Geheimnisse unseres Gehirns

25 Entsprechen Erinnerungen immer


der Wahrheit?
Man neigt meist dazu, den eigenen Erinnerungen zu trau-
en. Doch schwelgt man als Paar oder im Freundeskreis in
gemeinsamen Erinnerungen, gehen die Meinungen sehr oft
auseinander. Sind Kinder die Akteure, ist es offenbar nicht
besser, ganz im Gegensatz zu der Redensart: „Kindermund
tut Wahrheit kund.“ Auf die Initiative der amerikanischen
Forscherin Elizabeth Loftus gehen zahlreiche Untersuchun-
gen zurück, mit denen man falschen Erinnerungen auf die
Spur kommen wollte. Diese haben schon oft zu öffentlichem
Aufsehen geführt. So ereignete sich 1992 im Staat Missouri
der Fall der Beth Rutherford, die sich in einer Therapie er-
innerte, von ihrem Vater, einem Pfarrer, vergewaltigt und
zweimal geschwängert worden zu sein. Während der Vater
unter dem Druck der Anschuldigungen von seinem Amt
zurücktreten musste, ergaben die medizinischen Untersu-
chungen, dass die junge Frau niemals schwanger gewesen
und noch Jungfrau war. Elizabeth Loftus beschrieb mehre-
re Fälle von Patienten, deren falsche Erinnerungen zu An-
klageerhebungen gegen Unschuldige führten. So auch den
einer jungen Pflegehelferin, die unter von ihrer Therapeutin
induzierter Hypnose die Überzeugung äußerte, von einer
Satanssekte vereinnahmt und zum Kannibalismus an Babys
gezwungen worden zu sein.

Die Forscherin hatte bereits nachgewiesen, dass Erinnerun-


gen durch spätere Ereignisse und vor allem durch Fragen
im Nachhinein stark verzerrt werden können. So zeigte sie
Versuchspersonen Dias von einem Verkehrsunfall; darauf
2  Gedächtnis   89

war ein grünes Auto zu sehen, das einen Fahrradfahrer um-


fährt, um einem Lastwagen auszuweichen. Stellte sie Fra-
gen wie „Warum fuhr das blaue Auto den Fahrradfahrer
um?“ und fragte sie später nach der Wagenfarbe, gaben
mehrere „Zeugen“ an, es sei blau gewesen, obwohl es grün
war. Einer der Gründe für diese falschen Erinnerungen
liegt darin, dass wir kein fotografisches Gedächtnis besitzen
und Erinnerungen aus bildlichen und vor allem verbalen
Elementen konstruiert werden, die sich selbst in Bilder ver-
wandeln können; solche Konstruktionen entwickeln sich
im Lauf der Zeit und können sich verändern. Fehlende
Elemente werden um einer besseren Logik der Geschichte
willen ergänzt, oder es werden anderen Ereignissen zugehö-
rige Elemente eingebaut, etwa Inhalte der von einem Ver-
suchsleiter oder Therapeuten gestellten Fragen.

Fazit
Andere Forscher konfrontierten ihre Probanden mit Geschich-
ten aus deren Kindheit, die ihre Eltern erzählt hatten; sie füg-
ten diesen realen Ereignissen jedoch falsche hinzu, beispiels-
weise den Auftritt eines Clowns bei einem Kindergeburtstag.
Beim ersten Gespräch erinnerte keine der Versuchspersonen
die hinzugefügten Ereignisse, doch bei einem späteren zwei-
ten Gespräch erinnerten sich 20 % von ihnen daran und er-
gänzten überdies noch Einzelheiten, obwohl es sich doch um
eine falsche Erinnerung handelte. Im Positiven bedeutet dies,
dass ein zweites Treffen nötig war (damit Vergessen eintrat),
damit 20 % etwas zusammenfabulierten, während 80 % über
ein gutes Gedächtnis verfügten. Gleichfalls betraf der Irrtum
im ursprünglichen Experiment von Loftus die Farbe, doch
alle Probanden erinnerten sich sehr gut an den Unfall.
90 Die Geheimnisse unseres Gehirns

26 Warum verlernt man


Radfahren nie?
Es trifft im Wesentlichen zu, dass man sensomotorisch
Gelerntes wie Fahrrad- und Autofahren oder Schwimmen
niemals vergisst, denn es beruht auf einem anderen Ge-
dächtnissystem als dem, das für Wissen, Wörter oder Bilder
zuständig ist.

Diese Erkenntnis stammt aus Untersuchungen an jungen


Menschen mit Hippocampusläsionen (Kriegsverletzun-
gen etc.). Der Hippocampus ist eine Hirnstruktur, die
zur Speicherung aller neuen Informationen – Wissens-
elemente, Wörter, Bilder, Gesichter – unerlässlich ist. Die
Patienten mit zerstörtem Hippocampus leiden daher an
Amnesie und erinnern sich nicht mehr an den Inhalt der
eine Stunde zuvor gelesenen Zeitung oder an vor Kurzem
empfangene Besucher. Die Erinnerungen vor Eintritt ihrer
Erkrankung jedoch bleiben ihnen erhalten. Forscher haben
herausgefunden, dass sich diese Patienten dennoch gelernte
Bewegungen merken konnten, sich dessen allerdings nicht
bewusst sind.

Fazit
Der kalifornische Forscher Larry Squire unterschied daher
zwischen zwei großen Gedächtnissystemen: dem deklarati-
ven und dem prozeduralen Gedächtnis. Ersteres betrifft das
bewusste Erinnern von Wörtern, Bildern und Gesichtern,
letzteres umfasst eingeschliffene motorische Gewohnhei-
ten. Radfahren, Autofahren, Schwimmen und Ähnliches
2  Gedächtnis   91

gehören also zum prozeduralen Gedächtnis. Anatomisch


gesehen sind dafür andere Gehirnareale (Streifenkörper)
und vor allem das Kleinhirn zuständig, das als Sitz von
Automatismen dient. Diese durch Tausende Wiederho-
lungen gefestigten Automatismen werden praktisch nicht
vergessen.
Doch aufgepasst: Selbst wenn man Fahrradfahren oder
Schwimmen nicht verlernt, so lässt doch die Leistung darin
bei mangelnder Übung beträchtlich nach. Das sieht man
deutlich an komplizierteren Bewegungen wie beim Klavier-
spielen.

27 Hat Ihr Kind ein besseres


Gedächtnis als Sie?
Die meisten Menschen halten das Gedächtnis von Kin-
dern für besser als das von Erwachsenen und führen da-
für mannigfaltige Beobachtungen an – wie leicht sie sich
in der Schule Gedichte oder Lieder einprägen können, wie
gut sie bei Gedächtnisspielen wie Memory sind. Doch in
diesen Alltagsbeobachtungen werden weder das Alter noch
die Qualität der Erinnerung oder die Übung des Kindes
kontrolliert. Daher sind Experimente nötig, und sie bergen
durchaus Überraschungen!

Die erste Überraschung besteht darin, dass die Kleinen kei-


neswegs ein so fabelhaftes Gedächtnis haben. Tatsächlich
zeigen alle Experimente im Labor oder in der Schule seit
100 Jahren, dass das Gedächtnis eines Kindes sich umso
mehr verbessert, je älter es wird. Die besten Gedächtnis-
92 Die Geheimnisse unseres Gehirns

leistungen erreichen Jugendliche und junge Erwachsene


zwischen 15 und 25 Jahren. Beispielsweise führten wir ein
Experiment an der Schule durch, in dem wir die Erinne-
rung der Schüler an den Speiseplan der Cafeteria testeten.
Am Freitag wussten die Jugendlichen zu durchschnittlich
25 Prozent, was es am Montag zu essen gegeben hatte. Die
sechs- bis achtjährigen Kinder dagegen erinnerten sich
nicht einmal mehr an das Mittagessen des vorigen Tages.
Das entscheidende Alter liegt offenbar zwischen neun und
elf Jahren, denn ab diesem Alter bestehen nur noch geringe
Unterschiede zu den Jugendlichen (fünf bis zehn Prozent).
Die zweite Überraschung jedoch liefern neuere Ent-
deckungen. Ihnen zufolge ist das Gedächtnis kein mono-
lithischer Block, sondern setzt sich aus Modulen oder
spezialisierten Gedächtnissen zusammen. Allerdings ver-
läuft die Entwicklung der bildhaften und semantischen
Aspekte sehr unterschiedlich. Die semantischen Fähigkei-
ten entwickeln sich mit dem Alter geradezu stürmisch, von
40 % mit drei Jahren bis zu 100 % mit sechs Jahren. Da-
gegen bleibt das Gedächtnis für die wahrnehmungsbezoge-
nen oder bildhaften Aspekte praktisch stabil. So erklären
sich in der Rückschau die Paradoxien unserer Erinnerun-
gen. Wir entsinnen uns der Details eines Hauses – etwa
einer alten, verwitterten Tür–, aber ohne zu wissen, was
wir dort gemacht haben und mit wem (semantisches Ge-
dächtnis).
Die Gedächtnisse entwickeln sich also nicht im selben
Tempo. Daher verglichen Sonia Lorant von der Universität
Straßburg, Céline Aufranc und ich bei 122 Kindern von
sieben, neun und elf Jahren sowie jungen Erwachsenen von
20 bis 25 Jahren die Entwicklung des Gedächtnisses bei
verschiedenen visuellen Tests.
2  Gedächtnis   93

Wir stellten den Probanden fünf Gedächtnisaufgaben,


darunter eine für das visuelle Gedächtnis (Kreise in Fel-
dern einer Tafel), eine für das visuell-räumliche Gedächtnis
(sich an die Verschiebung eines Steines auf einem schach-
brettartigen Brett erinnern) sowie eine Memory-ähnliche
Aufgabe (sich an den Ort auf einem Bilderbrett erinnern).
Die wichtigsten Ergebnisse zeigten, dass der Großteil der
Aufgaben dieselbe (langsame) Entwicklung nimmt. Die
Leistung beim Memory (Tierbilder oder bekannte Objek-
te) jedoch entwickelt sich sehr rasch und erreicht bei den
jungen Erwachsenen den Gipfel. Wenn sich das Bilderge-
dächtnis schneller entwickelt, dann wiederum aufgrund
der Sprache. Denn die Studien zum bildhaften Gedächt-
nis erhärten, dass Bilder gut erinnert werden, weil man im
Geiste ihre Bezeichnung ausspricht (Theorie der dualen
Codierung), beispielsweise „das ist ein Papagei“ oder „das
ist ein Zug“. Alles in allem also vermehren sich die „rein“
visuellen oder visuell-räumlichen Erinnerungen mit zuneh-
mendem Alter nur wenig. Dagegen erreicht das auf verba-
lem Wissen beruhende Gedächtnis seinen Höhepunkt erst
im Erwachsenenalter (Abb. 2.2).
Während jedoch die psychologischen Leistungen zwi-
schen 15 und 25 Jahren ihren Gipfel erreichen, ist die Plas-
tizität des Gehirns neueren Erkenntnissen zufolge vor dem
Alter von zehn Jahren deutlich besser.
Eine faszinierende Studie untersuchte das Gehirn von
Geigern mittels bildgebenden Verfahren. Dabei kam he-
raus, dass die corticale Repräsentation des linken kleinen
Fingers (mit dem der Geiger die Saite niederdrückt) und
des Daumens viel größer ist als bei Kontrollprobanden, die
niemals Geigespielen gelernt hatten. Überdies hängt die
Größe des Hirnareals vom Alter ab, in dem die Musiker zu
spielen begonnen hatten. Schätzungen der Autoren zufolge
94 Die Geheimnisse unseres Gehirns

Memory
20
durchschnittliche Erinnerungsleistung

18
16 visuelle
Gedächtnisspanne
14
12
10
8
6
4
2
0
1. Grund- 3. GS 5. GS Erwachsene
schulklasse
(GS) Altersgruppe

Abb. 2.2   Unterschiedliche Entwicklung des visuell-räumlichen


und des bildhaften Gedächtnisses. (nach Lorant, Aufranc und Lieu-
ry, i. D.)

verfügen Violinisten über 80.000 aktivierte Dendriten, die


Nichtviolinisten dagegen nur über 25.000. Als Dendriten
bezeichnet man die kurzen, Erregung aufnehmenden Fort-
sätze der Nervenzellen (die sich verzweigen wie das Wurzel-
werk einer Pflanze) (Abb. 2.3).
Bis zum Alter von zehn Jahren entwickelt sich der Cor-
tex (stark verdichtete äußere Neuronenschicht des Ge-
hirns) aufgrund der Lernerfahrungen phänomenal; setzt
das Lernen jedoch später ein, ist die Entwicklung weniger
beeindruckend.
2  Gedächtnis   95

Gehirnareal für den Kleinfinger

75.000
Anzahl
aktivierter
Dendriten 50.000

25.000
Geigenspieler
Nichtgeigenspieler
Nichtgeigenspieler
Ϭ
Ϭ ϱ ϭϬ ϭϱ ϮϬ
Alter bei Beginn des Geigenspielens

Abb. 2.3   Zahl aktivierter Dendriten im corticalen Kleinfinger-


areal von Geigern in Abhängigkeit vom Alter bei Beginn des Gei-
genspielens (modifiziert nach Elbert et al., 1996)

Fazit
Ein Paradox also! Meistens verbessert sich das Gedächtnis
bis ins Erwachsenenalter (15 Jahre und mehr). Je älter man
wird, desto besser vermag man sich Wörter oder Bilder zu
merken, wobei der Leistungsgipfel im Allgemeinen zwi-
schen 15 und 25 Jahren erreicht ist.
Aus der Vielzahl der Gedächtnisse folgt jedoch nicht,
dass sie Identisches leisten. So ist schon das Kind zu gu-
ten Gedächtnisleistungen imstande, wenn diese wenig mit
Wissen zu tun haben (visuell-räumliches Gedächtnis). Und
wahrscheinlich ist beim prozeduralen Gedächtnis (senso-
motorisches Lernen) die cerebrale Plastizität viel ausgepräg-
ter. Deshalb beginnt man besser vor dem Alter von zehn
Jahren, ein Musikinstrument zu erlernen.
96 Die Geheimnisse unseres Gehirns

28 Warum sind Alkohol und Tabak


Gift für Ihr Gedächtnis?
Ohne dieses dem Mediziner oder Neuropharmakologen
vorbehaltene Thema zu vertiefen, sind doch ein paar Hin-
weise nützlich. Zunächst einmal muss man Jugendliche
vor dem Feind Nr. 1 des Gedächtnisses warnen, dem Al-
kohol. Diese Geißel ist seit mehr als 100 Jahren bekannt,
als der russische Neurologe Sergei Korsakow beobachtete,
dass chronische Alkoholiker keine neuen Gedächtnisinhal-
te mehr zu speichern vermochten und daher unter einer
gravierenden Amnesie litten. Heute weiß man, dass Alko-
hol mit seiner zelltötenden Wirkung als Erstes den Hippo-
campus schädigt, die Gehirnstruktur, die als „Archivar“ des
Gedächtnisses dient und neue Informationen ins Gedächt-
nis stellt wie ein Bibliothekar neue Bücher ins Regal. Diese
Amnesie ist nicht total, da die Erinnerungen aus der Zeit
vor der Hippocampusschädigung bestehen bleiben, aber
dennoch: Was für ein Drama!
Ein junger Mann, der an einer schweren Epilepsie litt
und sich deshalb einer Hippocampusoperation (eigentlich
gibt es zwei solche Kerne, da das Gehirn aus zwei Hemi-
sphären besteht) unterziehen musste, kann nun immer
wieder dieselbe Zeitung lesen, ohne dass ihm die Inhalte
bekannt vorkommen. Er ist mit seinen Eltern umgezogen,
doch er begibt sich zur alten Adresse, wenn er sich in der
Stadt verläuft. Sicherlich ist ein maßvoller Alkoholkonsum
nicht gefährlich, doch man muss die Gewohnheiten der Ju-
gendlichen im Auge behalten. So können feuchtfröhliche
Feten zu einem Geselligkeitsalkoholismus führen.
2  Gedächtnis   97

100
Altern

80
normal
Gedächtnisquotient

60

40

Alk. pathologisch
20 WĂƌŬ͘

Alz. Amn.
0 Alter
10 20 30 40 50 60 70 80 90
(Zum besseren Vergleich ist der Gedächtnisquotient
für die Probanden mit den besten Leistungen – junge
Erwachsene von 20 Jahren – definiert als 100.)

Abb. 2.4   Gedächtnisquotient aus mehreren Gedächtnistests in


Abhängigkeit von normalem und von pathologischem Altern.
(Lieury et al., 1990; zit. in Lieury 2005)

Einer Studie zufolge, die ich mit meinem Kollegen aus der
Medizin, Francis Eudier, erstellte, zeigten 40-jährige Alko-
holiker (die zu einem Entzug ins Krankenhaus eingewiesen
worden waren) in Gedächtnistests Leistungen wie 70-Jäh-
rige. In unserer Zeit, in der viele ein Alter von mindes-
tens 80 Jahren erreichen, muss man behutsam mit seiner
Gesundheit umgehen und vielleicht anfangen, von einer
„Ökologie“ des Gehirns zu sprechen (Abb. 2.4).
98 Die Geheimnisse unseres Gehirns

Fazit
Von den gängigen Genussmitteln ist Tabak aus verschiede-
nen Gründen ähnlich schädlich. Sein Gewöhnungseffekt
hängt mit dem Nikotin zusammen, denn diese Substanz
ähnelt einem natürlichen Botenstoff des Gehirns, der die
Kommunikation zwischen Nervenzellen vermittelt (Neuro-
transmitter). Daher wirkt Nikotin anregend auf das Ge-
hirn; regelmäßiger Konsum jedoch führt zu Abhängigkeit
– schädlich für den Organismus wie für das Portemonnaie.
Außerdem ist Rauchen gefährlich, weil das Nikotin sowie
andere in Zigaretten enthaltene Substanzen die Blutgefäße
verengen und so die Durchblutung des Gehirns verringern.
Dadurch wird es weniger mit Sauerstoff und Nährstoffen
versorgt, und die „Geisteskraft“ nimmt ab. Wenn man alles
recht bedenkt, so ist frische Luft doch mehr wert als jeder
flüchtige Kick!

29 Alkohol, Tabak, Drogen – warum


wird unsere Psyche so leicht
abhängig von bestimmten
Substanzen?
In einer mondlosen Nacht des Jahres 1951 (wie es Pierre
Bellemare in Unglaubliche Geschichten erzählen würde) su-
chen grauenerregende Albträume die 250 Einwohner des
Dörfchens Pont-Saint-Esprit bei Nîmes heim. Im Mittel-
alter schrieb man solche Halluzinationen dem Teufel zu.
Der Name Antoniusfeuer für diese pathologische Erschei-
2  Gedächtnis   99

nung geht auf die berühmte Legende von der Versuchung


des Heiligen Antonius zurück, dem der Teufel in Gestalt
schöner nackter Frauen erschien. Doch jetzt befinden wir
uns im 20. Jahrhundert, und eine medizinische Untersu-
chung machte den fraglichen Dämon dingfest. Die Leute
hatten alle Roggenbrot von demselben Bäcker gegessen,
und das Mehl enthielt einen Schmarotzerpilz, bekannt
als Mutterkorn. Eben dieser Pilz lieferte ursprünglich das
Ausgangsmaterial für das synthetische LSD (Lysergsäuredi-
ethylamid), von dem man seit den psychedelischen Experi-
menten der Hippiezeit weiß, dass es die Wahrnehmung von
Farben und Kontrasten übersteigert und bei manchen sogar
künstlerische, erotische oder religiöse Halluzinationen wie
das Antoniusfeuer hervorruft.
Seit Jahrtausenden schlucken, kauen oder rauchen die
Menschen pflanzliche Stoffe, die ihre Psyche in bestimm-
ter Weise beeinflussen. In China ist die schmerzdämpfende
Wirkung des Opiums seit Langem bekannt. In Mittel- und
Südamerika nahmen die Azteken bestimmte Substanzen
ein, um sich in Trance zu versetzen und die Zukunft vor-
herzusehen. In den arabischen Ländern führt man mit indi-
schem Hanf einen Zustand der Ausgeglichenheit und Ge-
lassenheit herbei. In der westlichen Welt der 1970er Jahre
löste die Möglichkeit, diese Substanzen chemisch herzustel-
len, einen wahren Begeisterungsrausch in der Gesellschaft
aus, etwa die psychedelische Bewegung der Hippies. Die
modernen Verfahren der Biochemie und der Elektronenmi-
kroskopie konnten diese Effekte teilweise aufklären. Diese
Drogen wirken ähnlich wie natürliche chemische Substan-
zen des Gehirns, die Neurotransmitter.
100 Die Geheimnisse unseres Gehirns

Dendriten Axon Rezeptorneuron


Synapse

Ionenkanäle Neurotransmitter
Vesikel

Axon und
Natriumpumpe

Axon- synaptischer
membran Spalt Rezeptoren

Abb. 2.5   Ionenmechanismen der Signalleitung (Natrium-Kalium-


Pumpe) und Wirkung von Neurotransmittern

Moderne biochemische und elektronenmikroskopische


Verfahren brachten Licht in zahlreiche Funktionsmecha-
nismen von Nervenzellen (Abb. 2.5). So betrachtet man
heute die Signalleitung nicht mehr als elektrischen Strom
(Elektronen), der sich entlang des Axons (langer, Erregung
ableitender Fortsatz des Neurons) fortpflanzt, sondern
als Austausch von Ionen (elektrisch geladene Atome oder
Moleküle) oder „Natrium-Kalium-Pumpe“. Grob gesagt,
führt die Erregung eines Neurons dazu, dass sich über die
Membran des Axons verteilte „Schleusentore“ öffnen, die
Ionenkanäle (große Proteine, die sich öffnen und schlie-
ßen). Zunächst weiten sich die Natriumkanäle und lassen
Natriumionen (Na+, da sie positiv geladen sind) in das
Axon hineinströmen. Um diese Änderung der elektri-
schen Ladung (Einstrom positiver Ionen) auszugleichen,
2  Gedächtnis   101

öffnen sich Kaliumkanäle (K+) und lassen Kaliumionen


ausströmen. Doch dies zieht wiederum die Öffnung der
folgenden Natriumkanäle nach sich, sodass eine Kaskade
entsteht. Mit einer Elektrode an einem sich öffnenden Na-
triumkanal misst man eine Depolarisation (die Oberfläche
wird ein bisschen negativer, da positiv geladene Ionen ins
Innere fließen), die sich nach und nach an der Nervenfaser
entlang fortpflanzt. Das ist jedoch kein elektrisch negatives
Signal, das am Axon entlang läuft, sondern eine Kaskade
von Austauschprozessen elektrisch geladener Moleküle.
Die Kommunikation der Nervenzellen vollzieht sich daher
nur sekundär auf elektrischem Wege; der Hauptmechanis-
mus ist ein chemischer, und daher rührt die Wirkung von
Medikamenten und Drogen.
Eine Verdickung am Ende des Axons enthält Bläschen
(sichtbar gemacht mit dem Elektronenmikroskop), die
ihren Inhalt in den synaptischen Spalt entleeren. Chemi-
sche und pharmakologische Analysen ergaben, dass diese
Vesikeln kleine Moleküle freisetzen, die wie Schlüssel in
die „Schlösser“ der Rezeptormoleküle (große Proteine) des
benachbarten Neurons passen und sich an sie binden. Da-
mit setzen sie ein weiteres bioelektrisches Signal (Natrium-
Kalium-Pumpe) in Gang. Diese speziellen Moleküle nennt
man Neurotransmitter.

Fazit
Die Funktionsweise von Drogen ist also weniger rätselhaft,
seit Ähnlichkeiten zwischen der chemischen Struktur von
Neurotransmittern und der bestimmter Drogen nachge-
wiesen sind. Diese Drogen wirken in gewisser Weise wie
gefälschte Schlüssel, die bestimmte Mechanismen des Ge-
hirns auslösen. Mescalin hat praktisch dasselbe chemische
102 Die Geheimnisse unseres Gehirns

Grundgerüst wie Dopamin, LSD dasselbe wie Serotonin


(Barron et al., 1964).
Der berühmteste Botenstoff ist das Acetylcholin, denn
ein Mangel löst ein Absterben des Hippocampus und als
Folge davon eine Korsakow-Amnesie aus. Danach gleiten
die Betroffenen langsam in die Demenz und entwickeln die
zu trauriger Berühmtheit gelangte Alzheimer-Krankheit.
Acetylcholin passt in zwei „Schlösser“ der Nervenzellmem-
bran, den muscarinischen und den nikotinischen Acetyl-
cholinrezeptor. Sie haben richtig gelesen: nikotinisch wie
Nikotin; die anregende Wirkung des Nikotins der Zigarette
ist also diesem Acetylcholinrezeptor geschuldet. Noradre-
nalin und Dopamin sind starke Stimulanzien; sie aktivieren
und machen gute Laune. Aus diesem Grund untersuchten
einige Forscher, ob Amphetamine, die auf diese Rezeptoren
wirken, eine künstliche Anregung herbeiführen können.
Ecstasy, das leider bei den Partys junger Leute beliebt ist,
ist ein Amphetamin. Die Neurotransmitter werden in klei-
nen „Fabriken“ der Neuronen im Gehirn hergestellt, und
deren Zerstörung führt zu schweren Krankheiten. So geht
die Parkinson-Krankheit, die sich in einer Beeinträchtigung
der Willkürmotorik ausdrückt, auf einen Dopaminmangel
zurück.
Das Serotonin ist ein Botenstoff von mehreren, der of-
fenbar die Wahrnehmung beeinflusst. Mescalin aus dem
Peyote-Kaktus oder Psilocybin aus einem Pilz haben eine
serotoninähnliche chemische Struktur. So erklärt sich ihre
halluzinogene Wirkung, wegen der die Völker Mittel- und
Südamerikas sie nutzten. Die schmerzlindernden Eigen-
schaften des Opiums beruhen auf seiner chemischen Ähn-
lichkeit mit natürlichen Neurotransmittern, die an den
2  Gedächtnis   103

Schmerzzentren angreifen: Die Endorphine und GABA


(englische Abkürzung für Gamma-Aminobuttersäure)
sind Botenstoffe, welche die Synapsenaktivität hemmen.
So haben die Pharmakologen synthetische „Schlüssel“ her-
gestellt, die als Beruhigungsmittel wirken; das bekannteste
davon ist Valium.
Seit relativ kurzer Zeit weiß man, dass die Wirkung von
Drogen wie Marihuana, Cannabis, indischem Hanf, Ha-
schisch und so weiter auf einem in allen Formen enthalte-
nen Molekül beruht, dem Tetrahydrocannabinol (THC).
Es wirkt auf spezielle Schlösser, die Cannabinoid-Rezep-
toren. Diese interagieren mit den GABA-Rezeptoren, wo-
durch sich der beruhigende Effekt von Marihuana erklärt.
Umgekehrt löst Abstinenz Angstzustände und Reizbarkeit
aus. Viele Jugendliche betrachten Marihuana als weiche,
ungefährliche Droge, doch einige Arbeiten (Hampson
1999) zeigen, dass ihr Cannabinolgehalt sich störend auf
die visuelle Wahrnehmung und die motorischen Reaktio-
nen beim Autofahren auswirkt. Zudem beeinträchtigt Can-
nabinol durch Läsionen von (GABA-abhängigen) Neuro-
nen des Hippocampus das Gedächtnis. Wählen Sie daher
lieber „psychologische Tranquilizer“, Entspannung etwa,
ein Sonnenbad oder einen netten Abend mit Freunden, al-
les ohne künstliche Aufputschmittel.

30 „Ich bin ein visueller Typ!“


„Ich bin ein visueller Typ! Ich fotografiere meinen Text,
und wenn ich auf der Bühne stehe, blättere ich im Kopf die
Seiten um!“ So lautete im Prinzip die Antwort des großen
104 Die Geheimnisse unseres Gehirns

Schauspielers Philippe Noiret auf die Frage des Journalisten


Bernard Pivot, wie er seine Rollentexte lerne.
Schenkt man der verbreiteten Vorstellung Glauben, dann
sind unsere Erinnerungen sensorisch, soll dieser oder jener
Schauspieler oder wir selbst ein „fotografisches Gedächtnis“
besitzen. Der eine glaubt ein visueller Typ zu sein, weil er
den Eindruck hat, im Geist die Seiten vor sich zu sehen, der
andere ein auditiver, weil er eine Stimme in seinem Kopf
vernimmt, wieder ein anderer will ein Geruchsmensch sein
und so weiter. Diese Meinung, die in Pädagogenkreisen hier
und da noch kaum von wissenschaftlich erhärteten Fakten
abgelöst worden ist, stellt einen fossilen Überrest der Theo-
rie der Teilgedächtnisse vom Ende des 19. Jahrhunderts
dar, wie sie insbesondere der große Neurologe Jean Char-
cot vertreten hat. Dieser Theorie zufolge ist jedem unserer
Sinne ein spezielles Gedächtnis zugeordnet; es gibt also ein
visuelles, auditives, olfaktorisches und so weiter. Natür-
lich glaubte man, dass Musiker auditive Typen seien, und
übersah dabei, dass Beethoven taub war, nachdem er seine
4. Symphonie komponiert hatte. Schachspieler hielt man
selbstverständlich für visuelle Typen.

Schon am Ende des 19. Jahrhunderts zeigte Alfred Binet,


der Pionier der Experimentalpsychologie in Frankreich,
dass Schachspieler ganz gewöhnliche Fähigkeiten besaßen,
wenn sie sich alltägliche Gegenstände merken sollten. In
neuerer Zeit wiesen andere Forscher mit genaueren Verfah-
ren nach, dass das fabelhafte Gedächtnis von Schachgroß-
meistern auf fabelhaftem Training beruht.
Für eines dieser Experimente wählte man Schachspieler
nach ihrem Ranglistenplatz im amerikanischen Verband
aus (Abb. 2.6).
2  Gedächtnis   105

24
normale Partie

20
Anzahl erinnerter Figuren (max. 24)

16
Partiemitte

12

4 Zufall

0
- Einsteiger mittelmäßig erfahren

Einstufung beim Schach

Abb. 2.6   Gedächtnisleistung in Abhängigkeit von strategischer


oder zufälliger Anordnung von Schachfiguren. (vereinfacht nach
Frey und Adesman 1976)

Bei zufällig platzierten Figuren erzielten die Verbands-


meister beim Memorieren eines Schachbrettes (in acht
Sekunden) keine höheren Werte als mittelmäßige Spieler
oder sogar Einsteiger. Dagegen hingen die Leistungen bei
Spielsituationen mitten in einer Partie von der Stärke des
Spielers ab. Die Meister zeigten jedoch eine wirklich her-
ausragende Leistung, wenn sie jeden Zug der Figuren sehen
konnten. Legte man den Probanden die ersten 22 Züge
echter Turnierpartien vor und fragte sie dann nach der letz-
ten Position der Figuren (die doch nur zwei Sekunden lang
dargeboten worden waren), dann lag die Gedächtnisleis-
106 Die Geheimnisse unseres Gehirns

tung der Meister im Mittel bei etwa 20 Figuren, das heißt


80 % des Brettes, während die Einsteiger nur ein Zehntel
davon an der richtigen Position wiedergeben konnten.

Fazit
Laborstudien haben zwar durchaus die Existenz eines visuellen
Gedächtnisses nachgewiesen, doch es besitzt zwei Merkmale,
welche die Forscher veranlassen, es nicht als „fotografisch“ zu
bezeichnen. Stattdessen sprechen sie von „ikonischem“ Ge-
dächtnis (oder auch visuellem sensorischem Gedächtnis).
Das erste Merkmal dieses Gedächtnisses ist seine Flüchtig-
keit; genauere Berechnungen ergaben, dass es nur etwa eine
Viertelsekunde lang vorhält. Zum Zweiten bedingen die Be-
sonderheiten unseres Sehvermögens (Fovea; Abschn.  53),
dass der Bereich, in dem wir scharf sehen, nicht mehr als vier
oder fünf Buchstaben abdeckt. Daher kann man sich unmög-
lich eine ganze Seite eines Textes auf einmal einprägen.
Dennoch haben wir den Eindruck, diese Seite ganz deut-
lich vor uns zu sehen. Tatsächlich besitzen wir noch ein an-
deres Gedächtnis, das bildhafte oder Bildergedächtnis. Es
speichert eine vereinfachte Version von Bildern. Doch die-
ses Bild ist keine „Fotografie“, denn es ist sehr lückenhaft.
Stellen Sie dazu selbst ein kleines Experiment an. Fixieren
Sie fünf Sekunden lang die folgende Seite dieses Buches.
Klappen Sie es dann zu und versuchen Sie, sich diese Seite
vor Ihr geistiges Auge zu rufen. Gehen Sie zur zehnten Zeile
von oben. Haben Sie sie? Gehen Sie jetzt zum siebten Wort
von links. Sie werden selbst feststellen, dass Sie nicht im-
stande sind, dieses geistige Bild zu „lesen“, und dass es nur
ein schönes virtuelles Bild ist.
2  Gedächtnis   107

31 Verflixt, wie heißt er noch mal?


Mir liegt der Name auf der Zunge!
Verflixt, wie heißt er gleich wieder? Wir erzählen gerade
von einem Film, und in dem Augenblick, in dem wir den
Namen der Schauspielerin oder des Schauspielers nennen
wollen, gähnt da ein schwarzes Loch! Dennoch weiß man
den Namen – übrigens fällt er einem ein paar Minuten oder
eine Stunde später unvermittelt wieder ein. Man kennt das
Wort, es will heraus, es liegt einem „auf der Zunge“. Worauf
ist dieses seltsame Phänomen zurückzuführen? Unerklär-
lich ist es, wenn man von einem einzigen und einheitlichen
Gedächtnis ausgeht. Hingegen löst sich das Rätsel in der
modernen Theorie des Gedächtnisses. Ihr zufolge unterteilt
es sich in mehrere Systeme. In der Tat ergaben Studien, dass
das lexikalische Gedächtnis einer wunderbaren, wenn auch
recht seltsamen Bibliothek ähnelt. Es enthält die „Karos-
serie“ der Wörter, nicht aber ihre Bedeutung, vergleichbar
mit einer Garage voller Autos ohne Motor.

Das Phänomen des Wortes „auf der Zunge“ erforschten


Brown und McNeill (1966, danach weitere Autoren), in-
dem sie den Probanden Definitionen von seltenen Wörtern
(z. B. Bathyskaph, Sextant) vorlegten. Wenn die Probanden
angaben, das Wort zu kennen, es aber nicht produzieren
konnten, sollten sie beispielsweise die erste Silbe oder ein
Reimwort nennen, das ihnen dazu einfiel. In vielen Fällen
erwies sich, dass diese phonetischen Bruchstücke richtig
waren. Beispielsweise war in 57 % der erratene Anfangs-
buchstabe korrekt. Im Alltag kann das Wort oder der Name
noch öfter als in Experimenten wieder auftauchen, was be-
weist, dass es sehr wohl im Gedächtnis gespeichert war.
108 Die Geheimnisse unseres Gehirns

Fazit
Dass wir die Bedeutung eines Wortes oder die Rolle eines
Schauspielers beschreiben können (Semantik), beweist zu-
dem, dass uns das semantische Gedächtnis ebenfalls Infor-
mationen zur Verfügung stellt. Daher blockiert manchmal
das semantische Gedächtnis das lexikalische, was für deren
Unabhängigkeit spricht. Dieses Phänomen tritt in dauer-
hafterer Form bei einer bestimmten neuropsychologischen
Störung auf, der Namen- und Hauptwörteraphasie: Der
Betroffene versteht Sinn und Zweck eines Objekts, ohne
es benennen zu können. Dies unterstreicht ebenfalls die
Unterscheidung zwischen einem lexikalischen und einem
semantischen Gedächtnis.
Das ist doch unpraktisch, werden Sie jetzt sagen, die Ka-
rosserie und die Bedeutung in zwei verschiedenen Gedächt-
nissen zu speichern. Aber das ist es keineswegs, und sehr
sparsam ist es in jedem Fall, denn dieselbe lexikalische Ka-
rosserie dient als Träger mehrerer Bedeutungen. Nehmen
wir beispielsweise das Wort „Scheibe“. Es kann für eine Vi-
nylplatte mit Musik stehen, eine Parkscheibe, die Sonnen-
scheibe der alten Ägypter, eine Scheibe Wurst und was weiß
ich nicht noch alles. Das lexikalische Gedächtnis arbeitet
demnach platzsparend.
Schließlich verrate ich Ihnen noch einen (natürlich nicht
unfehlbaren) Trick, wenn das „Wort auf der Zunge“ Sie
heimsucht. Er ist sehr praktisch, wenn man beispielswei-
se nach einem längeren Urlaub den Vornamen eines Men-
schen vergessen hat. Sagen Sie im Geiste das Alphabet a, b,
c, d … auf (ohne das „ch“ zu vergessen), dann fällt Ihnen
der Name vielleicht wieder ein.
2  Gedächtnis   109

32 Warum lernt man durch Lesen


besser als durch Zuhören?
Viele Menschen verkünden, als sei das etwas Besonderes,
dass sie besser durch Lesen als durch Zuhören lernen könn-
ten. In Wirklichkeit ist das die Regel. Wie gesehen verhält es
sich eigentlich noch komplizierter, denn die Buchseite wird
nicht in einem fotografischen Gedächtnis gespeichert, son-
dern geht nur in ein ikonisches Gedächtnis ein, und dann
werden die Buchstabenfolgen rasch in Wörter (lexikalisches
Gedächtnis) und Begriffe (semantisches Gedächtnis) um-
gewandelt. Dessen ungeachtet entspricht die Beobachtung,
man lerne durch Lesen besser, voll und ganz der Realität,
wie verschiedene Experimente belegten.

In einer Studie verglichen wir bei Schülern der ersten und


zweiten Klasse der Sekundarstufe I verschiedene Darbie-
tungsformen einer Dokumentation (weiter unten werden
wir das Fernsehen genauer unter die Lupe nehmen). Lesen
ergab wesentlich bessere Resultate in einem Fragebogen – fast
die doppelte Leistung – als mündlicher Unterricht (auf der
Grundlage desselben Textes). Der Hauptgrund hängt mit den
Augenbewegungen bei der Lektüre zusammen (Tab. 2.1).
Liest man einen Text nicht in einem Buch, sondern läuft
er über den Bildschirm, dann ziehen die Wörter mit gleich-
mäßiger Geschwindigkeit vorbei. Man kann weder zurück-
blättern noch länger bei schwierigen Wörtern verharren; in
diesem Fall ist die Lektüre also wenig effizient. Lesen stellt,
wie wir gesehen haben, kein Fotografieren dar, sondern äh-
nelt eher einer Suche nach dem Sinn von Schriftbildern,
die das Auge fotografiert. Lichtet das Auge – im Prinzip
eine Kamera – beispielsweise den Satz „Der Löwe springt
110 Die Geheimnisse unseres Gehirns

Tab. 2.1   Wirksamkeit von sieben Darbietungen einer Dokumen-


tation. (elf- und zwölfjährige Schüler; Lieury et al., 1996)
Verbal (%) Bildhaft und Bildhaft (%)
verbal (%)
Visuell Lektüre 38 Lehrbuch 31 Fernsehen
ohne Ton 0
Auditiv Mündlicher Fernsehen 11
Unterricht 21
Audiovisuell Mündlicher Fernsehen mit
Unterricht Untertiteln 20
und Tafel 27

aus dem Busch hervor, um die Antilope zu fressen“, dann


werden dessen Schriftzeichen im Gedächtnis sehr schnell
als Wörter identifiziert, und die Bedeutung dieser sehr be-
kannten Wörter steht ebenfalls umgehend zur Verfügung.
Liest das Auge jedoch einen Satz wie „Der Tyrannosaurus
stürzt plötzlich aus den baumartigen Pteridophyten hervor,
um einen Triceratops zu zerreißen“, dann erfordern mehre-
re Wörter Zeit zur Identifikation, und die Suche nach der
Bedeutung dauert länger. Während beispielsweise der Blick
eine Viertelsekunde auf einem vertrauten Wort (Tier) ruht,
kann er bei einem schwierigen oder wenig bekannten Wort
wie „Tyrannosaurus“ doppelt so lange (eine halbe Sekun-
de) verharren. Ist das Wort unbekannt wie „Pteridophyten“
(Farne), geht gar nichts mehr, denn jetzt sind das Lexikon
(oder Google) oder Papa und Mama gefragt.

Fazit
Kameraaufzeichnungen der Augenbewegungen in solchen
Experimenten ergeben ebenfalls, dass der Blick zurück-
springt (man nennt das regressive Sakkaden). Die Anzahl
2  Gedächtnis   111

dieser regressiven Sakkaden verdoppelt sich bei seltenen


oder schwierigen Wörtern. Diese Mechanismen des län-
geren Fixierens oder Zurückspringens des Blickes können
beim Hören einer Vorlesung oder einer Radiosendung of-
fensichtlich nicht greifen. Aus diesem Grund ist die Lektü-
re einem mündlichen Vortrag (oder Radio und Fernsehen)
überlegen. Neben der Vertrautheit bietet das Lesen ein her-
vorragendes Mittel, um nach Informationen zu „angeln“,
denn es erlaubt eine selbstbestimmte Steuerung je nach
Textschwierigkeit. Einen Artikel über Viren liest man nicht
in demselben Tempo wie einen Artikel über den Liebes-
kummer von Britney Spears (obwohl …).

33 Warum ist Wiederholen so


wichtig, obwohl es im Lande
Descartes’ als „stupide“ gilt?
Während die Pädagogik der Antike der Wiederholung hul-
digte, ist diese heute ganz und gar nicht mehr in Mode – sie
wird vielmehr gerne als stumpfes Pauken betrachtet. Und
dennoch ist die Wiederholung für das Gehirn der Basisme-
chanismus. Das Gedächtnis beruht letzten Endes auf Kon-
takten zwischen Nervenzellen, und der Mechanismus, der
für die Stabilität dieser Verbindungen sorgt, ist das Wieder-
holen. Bei der berühmten Konditionierung nach Pawlow
beispielsweise muss der Glockenton mindestens 50-mal zu-
sammen mit der Belohnung dargeboten werden, bis beim
Hund der Speichel allein auf den Glockenton hin fließt.
Auch wenn das menschliche Gedächtnis viel höher entwi-
112 Die Geheimnisse unseres Gehirns

ckelt ist als das von Tieren, ist und bleibt die Wiederholung
ein absolutes Muss. So benötigen Autofahren oder Compu-
terspiele lange Lernphasen, und bekanntlich trainieren die
heutigen Weltmeister über Jahre viele Stunden täglich.

Zum Wiederholungslernen liegen Tausende Experimente


vor. Ein gutes Beispiel dafür, dass manches monatelanges
Lernen erfordert, ist das Erlernen des Morsealphabets für
die alte Telegrafie, denn man benötigt etwa 40  Wochen,
also fast zehn Monate. Die Ergebnisse zeigen eine klassische
Lernkurve mit einem raschen Leistungsanstieg, gefolgt von
einem Plateau, das als Ausdruck biologischer Grenzen ge-
deutet wird (Abb. 2.7).
Da sich Wörter leichter vorausahnen lassen, wenn
man die Anfangsbuchstaben hat, ist ihre Decodierungsge-
schwindigkeit höher (Kurve „Sätze“ in der Abbildung ), als
wenn man die Buchstaben einzeln entschlüsseln muss. Bei
kürzeren Lernphasen, im Labor beispielsweise, benötigt
man ungefähr zwölf Durchgänge, um sich etwa eine Liste
von 24 vertrauten Wörtern einzuprägen. Dieselbe Anzahl
ist nötig, bis Schüler eine geografische Karte mit 24 Städ-
ten auswendig wissen.
Auf jeden Fall genügt es nicht, den Zusammenhang
zwischen dem Morse-Code und den Buchstaben zu „ver-
stehen“ – man muss ihn lernen. Lernen und Üben stehen
in den angelsächsischen Ländern hoch im Kurs, gefördert
durch eine Philosophie (den Empirismus), die das Lernen
als Quelle des Wissens schlechthin betrachtete. Im Lande
Descartes’ hingegen glaubt man eher, es genüge zu verste-
hen, und lässt die Schüler gerne über Dokumente „nach-
denken“, als seien sie intuitiv Experten.
2  Gedächtnis   113

Buchstaben/min Sätze
140

120

100

80

60 Buchstaben

40

20

0
0 4 8 12 16 20 24 28 32 36 40
Übungswochen

Abb. 2.7   Erlernen des Morsealphabets für die Telegrafie. (Sen-


den verbundener Buchstaben oder Sätze; nach Bryan und Harter,
zit. in Munn 1956)

Fazit
Das Wiederholen nimmt nebenbei erwähnt sehr unter-
schiedliche Formen an. Unterscheiden wir um der Einfach-
heit willen zwischen dem lexikalischen Wiederholen – Aus-
wendiglernen – und dem semantischen Wiederholen – Be-
deutungslernen. Auswendiglernen ist die Wiederholung
des lexikalischen Gedächtnisses, während semantisches
Wiederholen subtiler ist und durch die Wiederholung von
Episoden geschieht. Greifen wir als Beispiel Sherlock Hol-
mes heraus: Auf einer Seite lesen Sie (und speichern Sie des-
114 Die Geheimnisse unseres Gehirns

halb), dass er einen Freund hat – Dr. Watson –, in einem


anderen Abschnitt, dass er Privatdetektiv ist. Dann erfahren
Sie, dass er zum Nachdenken gerne Pfeife rauchend in sei-
nem Sessel sitzt, und so weiter. Seite um Seite bereichern
verschiedene Episoden das Bild der Figur, und wenn Sie
eine oder mehrere Geschichten gelesen haben, erweitert
ein Netz aus Informationen im semantischen Gedächtnis
nach und nach die „Bedeutung“ der Figur. Dennoch haben
Sie dabei nicht den Eindruck von „Wiederkäuen“, denn in
unserem Beispiel handelt es sich um eine Wiederholung
von Episoden, die sich nicht ähneln, sondern jeweils ein
Bedeutungselement hinzufügen. Ich habe diese Methode
„multiepisodisches Lernen“ genannt (Lieury und Forest
1994; Lieury 1997). Manche Forscher sehen im Lesen eine
erstklassige Methode, um das semantische Gedächtnis zu
erweitern, da Wörter von Natur aus in unterschiedlichen
Kontexten auftreten (Nagy und Anderson 1984). Auch
Fernsehdokumentarfilme liefern dem Gedächtnis durch
denselben Mechanismus Informationen. Man wiederholt,
ohne sich dessen bewusst zu sein!

34 Frau Doktor, habe ich Alzheimer?


Nichts geht mehr! Sie betreten ein Zimmer, um ein Buch
oder eine Rechnung zu holen. Das Telefon klingelt, Sie ge-
hen dran und … Mist, Sie wissen nicht mehr, warum Sie
in dieses Zimmer gegangen sind! Keine Panik, Sie haben
nicht die Alzheimer-Krankheit – dieses kleine Missgeschick
passiert Leuten jeden Alters. Das liegt am Kurzzeitgedächt-
nis. Gemessen an dem Umstand, dass man sich seit der An-
2  Gedächtnis   115

tike mit dem Gedächtnis befasst, ist das Kurzzeitgedächtnis


noch nicht sehr lange bekannt. Erst in den 1960er Jahren
hat man entdeckt, dass es zwei Gedächtnisse gibt: das Lang-
zeitgedächtnis (die Bibliothek der Wörter, Bilder und Erin-
nerungen) und das Kurzzeitgedächtnis, dessen Spanne nur
einige Sekunden umfasst.

Das Kurzzeitgedächtnis zeichnet sich dadurch aus, dass es


umfassend und sehr rasch vergisst, doch man benötigt sehr
präzise Verfahren, um das nachzuweisen. Erstmals bewie-
sen 1958 der Engländer Brown und 1959 die Amerikaner
Margaret und Lloyd Peterson mit ähnlichen Techniken,
dass einfache Informationen nach einigen Sekunden ver-
gessen werden. Beispielsweise boten die Petersons in
ihrem Experiment ihren Probanden eine kurze Folge von
drei Konsonanten (etwa HBX) im Rhythmus von einem
Konsonanten jede halbe Sekunde dar. Der Sequenz folgte
eine dreistellige Zahl im selben Takt. Die Versuchsperson
musste zum Takt eines Metronoms jede halbe Sekunde in
Dreierschritten laut rückwärts zählen, beispielsweise 357,
354, 351 und so fort. Diese konkurrierende Aufgabe (oft
als Distraktor- oder Brown-Peterson-Aufgabe bezeichnet)
soll verhindern, dass man die verbalen Informationen im
Geist wiederholt, was man sonst spontan täte. Die Dauer
der Zählaufgabe schwankt je nach den experimentellen Be-
dingungen von null (Sonderfall der unmittelbaren Repro-
duktion) bis 18 Sekunden, wobei sich die Buchstabenfolge
jedes Mal ändert (Abb. 2.8).
Das Experiment der Petersons wies ein spektakulär
schnelles Vergessen nach: Die Reproduktionsleistung fiel
von fast 100 % bei der unmittelbaren Wiedergabe bis zu völ-
ligem Vergessen nach einer Zeitspanne von 18 Sekunden ab.
116 Die Geheimnisse unseres Gehirns

100

80
mittlere Wiedergabeleistung (in %)

60

40

20

0
0 3 6 9 12 15 18
Wiedergabeaufschub (s)

Abb. 2.8   Kurzzeitvergessen. (nach Peterson und Peterson 1959)

Fazit
Im Alltag tritt das Kurzzeitvergessen häufig auf. Uns ent-
fällt etwa eine gerade gelesene Telefonnummer, wenn uns
jemand anspricht. In einer Unterhaltung vergessen wir, was
wir sagen wollten, wenn ein anderer das Wort ergreift, und
so weiter. Aus diesem Grund sollte man Dinge sofort erle-
digen, andernfalls vergisst man sie sehr schnell. Im Volks-
mund heißt es ja deshalb auch: „Was du heute kannst be-
sorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“
2  Gedächtnis   117

35 Ist Ihr Gedächtnis wohlgeordnet?


Ja, wenn es sich um das semantische Gedächtnis handelt.
Im Bedeutungsgedächtnis herrscht offenbar Ordnung wie
in einer Bibliothek. Doch diese „Gedächtnisbibliothek“ ist
kompliziert, denn zum einen ist sie thematisch und nach
hierarchischen Kategorien (z. B. Tieren, Pflanzen und Klei-
dung) geordnet (Collins und Quillian 1969), zum anderen
nach Assoziationen (Rossi 2005).

Da das semantische Gedächtnis das leistungsfähigste


von allen Gedächtnissen darstellt, ist auch die semanti-
sche Gliederung die effizienteste Form des Lernens, wie
ein berühmtes Experiment zeigt. Bower und Mitarbeiter
(1969) von der Universität Berkeley in Los Angeles ließen
ihre Probanden eine riesige Liste von etwa 120 Wörtern
lernen, die jedoch in semantischen Familien angeordnet
waren – Tiere, Pflanzen und so weiter. Jede Großfamilie
war hierarchisch in Oberkategorien (essbare Pflanzen und
Zierpflanzen) und Unterkategorien (Blumen, Bäume etc.)
gegliedert. Um jedoch das Kurzzeitgedächtnis nicht zu
überlasten, ging die Anzahl der Wörter auf jeder Ebene
nicht über vier hinaus; es gab also vier Oberkategorien, da-
rin jeweils zwei oder drei Kategorien und schließlich drei
oder vier Wörter in jeder einzelnen Kategorie (Abb. 2.9).
Die Leistungen waren beeindruckend. Die Versuchs-
personen erinnerten sich im ersten Versuch an 70 Wörter,
in einer Kontrollgruppe, welche die Wörter bunt gemischt
erhielt, waren es nur 20. Die Experimentalgruppe hatte
praktisch die gesamte Liste nach drei Durchgängen gelernt.
Lernen entsprechend der Gliederung des semantischen
Gedächtnisses ist daher sehr effektiv.
118 Die Geheimnisse unseres Gehirns

Minerale

Metalle Stein

gewöhnliche Legierungen Edelmetalle Baumaterial Edelsteine

Eisen Zinn Gold Granit Rubin


Blei Messing Silber Sand Smaragd
Kupfer Bronze Platin Schiefer Saphir
Zink Marmor Diamant

Abb. 2.9   Eine der vier zu lernenden Tafeln; wie im semantischen


Gedächtnis sind die Wörter nach Kategorien geordnet. (nach Bo-
wer et al., 1969)

Fazit
Es besteht noch eine zweite Art der Gliederung. Sie ist aller-
dings weniger geordnet, weniger logisch. Doch auch sie ist
sehr raffiniert, da sie sich an Wörtern orientiert, die in der
Sprache häufig gemeinsam vorkommen – etwa „Tisch“ und
„essen“ – oder Gegensätze bilden – wie „warm“ und „kalt“.
Sage ich beispielsweise „Biene“, denken die meisten Men-
schen an „Honig“; bei „Katze“ werden „Hund“ und „Maus“
ins Gedächtnis gerufen, und selbstverständlich fällt einem
seit La Fontaine „Lamm“ ein, wenn von „Wolf“ die Rede
ist. Dieses Phänomen ist seit Langem bekannt, und schon
der große Denker der Antike Aristoteles wies darauf hin. Im
19. Jahrhundert bezeichnete man es als „Ideenassoziation“.
Daher rühren auch Ausdrücke, die sich in der Sprache er-
2  Gedächtnis   119

halten haben, wie „den Faden verlieren“. Tatsächlich kann


man sich das Gedächtnis als großes Fischernetz vorstellen:
Die Knoten sind die Neuronen und die Fäden dazwischen
ihre Verbindungen. Man vermutet, dass sich die neuronale
Erregung von einem Wort ausgehend ausbreitet und das
weitere Gespräch vorbereitet, indem es die nächstgelegenen
Wörter aktiviert. Wenn ich mich beispielsweise mit Freun-
den über Bienen unterhalte, werden Wörter wie „Honig“,
„Nektar“, „Blüte“ und „Schwarm“ im Gedächtnis bereit-
gestellt, das heißt voraktiviert.
Umgekehrt kann diese Voraktivierung dazu führen, dass
wir mit einer Dummheit herausplatzen. Kinder verleiten
sich gerne gegenseitig dazu. Das Spiel ist bekannt; man
muss ganz schnell mehrere Male hintereinander „weiß,
weiß, weiß, weiß“ sagen, und dann stellt jemand die Frage:
„Was trinkt die Kuh?“ Meistens tappt der Gefragte in die
Falle und sagt „Milch“, obwohl die Kuh ja Wasser trinkt.
Der Irrtum rührt daher, dass das Aussprechen der Wörter
„weiß“ und „Kuh“ das Wort „Milch“ voraktiviert hat, und
dieses Wort ist nun wie ein Sprinter in den Startblöcken
bereit loszulaufen – da, fast hätte ich gesagt „loszusaufen“!

36 „Ich esse mit einer Zabel“ –


woher kommen Versprecher?
Versprecher haben durch Freud (1901) Popularität erlangt.
Im Zusammenhang mit der sexuellen Befreiung der „68er“
glaubten viele, Versprecher hätten mit verdrängter Sexuali-
tät zu tun. Das kann zwar in einigen Fällen zutreffen, doch
120 Die Geheimnisse unseres Gehirns

es ist keineswegs der Normalfall. Oft tritt ein häufigeres


oder neueres Wort an die Stelle eines anderen, ihm phone-
tisch ähnlichen. Denn wenn das semantische Gedächtnis
wie eine Bibliothek eingeteilt ist, also nach Themenberei-
chen, dann sind, wie wir gesehen haben, auch die Wörter in
ein spezielles Gedächtnis, das lexikalische Gedächtnis, ein-
geordnet, und zwar nach ihrer Karosserie. Dieses Gedächt-
nis ist also phonetisch angelegt, in etwa so wie der alphabe-
tische Katalog der Bibliothek, aber in flexiblerer Weise, im
Großen und Ganzen nach der ersten Silbe und dem Reim.

In den Studien zum Phänomen des „Wortes auf der Zun-


ge“ legt man den Probanden Definitionen von seltenen
Wörter vor, die es zu finden gilt. Wie heißt beispielsweise
das Instrument, das Seeleute zur Kursbestimmung nach
den Sternen benutzten (Sextant)? Wenn die Versuchsper-
son nicht auf das richtige Wort kommt, fragt man sie, ob
sie die erste Silbe des Wortes nennen kann oder etwas, das
sich darauf reimt. Dabei stellt man fest, dass viele Proban-
den die richtige Silbe und den richtigen Reim im Sinn hat-
ten. Im Übrigen entsteht das auf der Zunge liegende Wort
recht häufig durch Konkurrenz mit einem anderen, ihm
ähnlichen Wort. Versprecher oder Wortirrtümer stellen ge-
nau solche phonetischen Wortverwechslungen dar. Im All-
gemeinen liegt eine Verwechslung mit einem phonetisch
ähnlichen und gebräuchlicheren Wort vor, das eben des-
halb im Gedächtnis der Person, auch eines Kindes, stärker
im Vordergrund steht. Schülern bereiten diese verwechs-
lungsträchtigen phonetischen Ähnlichkeiten manchmal
herbe Enttäuschungen, wenn sie etwa glauben, der Akku-
sativ hätte etwas mit dem Handyaufladen zu tun oder „Sui-
zid“ sei ein Insektengift.
2  Gedächtnis   121

Fazit
Diese Phänomene zeigen, dass das lexikalische Gedächtnis
phonetisch strukturiert ist. Die Wörter werden offenbar
nach der ersten Silbe und sekundär nach dem Reim geord-
net. Aus diesem Grund hat man sich übrigens vor der all-
gemeinen Verbreitung von Büchern Texte durch gereimte
Poesie eingeprägt. Die Phonetik liefert die Grundlage für
Kalauer und Wortspiele, und in diesen Fällen nutzen wir
unser lexikalisches Gedächtnis. Sieht man von diesem Klas-
sifikationsunterschied zum semantischen, nach Themen
geordneten Gedächtnis ab, kann man sich das lexikalische
Gedächtnis ebenfalls als riesiges Fischernetz vorstellen, in
dem die Maschen Wörter mit ähnlichen Silben oder Rei-
men verknüpfen. Daher treten auch dieselben Vorakti-
vierungsphänomene auf. Genau wie es eine semantische
Voraktivierung gibt (z.  B. durch „weiß“ bei „Was trinkt
die Kuh?“, siehe oben), kann auch eine lexikalische Vor-
aktivierung auftreten (Quaireau 1995), wie etwa bei dem
beliebten Wortspiel, ganz schnell „Zabel, Zabel, Zabel …“
zu wiederholen und dann die Frage zu stellen: „Womit isst
du deine Suppe?“ Nur allzu oft antwortet der Gesprächs-
partner „mit der Gabel“ (statt „mit dem Löffel“).
Anagramme, Scrabble und ein unter Jugendlichen ge-
bräuchlicher „Geheimcode“, bei dem die Reihenfolge der
Silben eines Wortes umgekehrt wird („typar“ statt „Par-
ty“) sind ebenfalls spielerische Übungen des lexikalischen
Gedächtnisses.
122 Die Geheimnisse unseres Gehirns

37 Wie lässt sich das Vergessen


erklären?
Das Vergessen ist die Kehrseite der Medaille des Gedächt-
nisses, und es geschieht durch vielfältige Mechanismen.
Zunächst einmal muss nochmals betont werden, dass das
Gedächtnis nicht die Fähigkeit eines reinen Geistes, son-
dern eines arbeitenden Gehirns ist. Die erste Messung des
Vergessens geht zurück auf Experimente des deutschen Psy-
chologiepioniers Hermann Ebbinghaus im Jahr 1885. Eb-
binghaus lernte selbst Silbenlisten auswendig, steckte dann
jede Liste in einen Umschlag und lernte sie nach Ablauf
einer gegebenen Zeitspanne erneut – nach einer Stunde,
einem Tag, einer Woche und so weiter bis zu einem Monat
später. Diese später replizierten Untersuchungen ergaben,
dass das Vergessen sehr schnell vonstatten ging; nach einer
Stunde betrug der Anteil vergessener Silben 50 Prozent,
nach einem Monat 80 Prozent. Schrecklich! Und dennoch
entspricht dies genau dem, was im Alltag geschieht: Ge-
schichtliche Personen und Daten, chemische oder trigo-
nometrische Formeln – all das gerät sehr schnell wieder in
Vergessenheit.
Das ganze detaillierte Wissen, das wir in der Schule parat
hatten – wird das alles gelöscht? Nein! Neuere Forschungs-
arbeiten über das Vergessen haben gezeigt, dass man nicht
allzu schwarz sehen darf. Wenn man etwas vergisst, wird es
nicht etwa vollständig getilgt, sondern zumeist gelingt es
nur nicht mehr, die gesuchten Informationen aus dem rie-
sigen Gedächtnisbestand hervorzuholen. Eben dies haben
einige Forscher nachgewiesen. Sie gingen dabei von der An-
2  Gedächtnis   123

nahme aus, dass das Gedächtnis wie ein Rechner oder eine
Bibliothek funktioniert (wahrscheinlich hat man Letztere
sogar nach unserem Bilde geschaffen). Genau wie Bücher
eine Signatur für ihren Standort in den Regalen tragen, so
sind auch unsere Erinnerungen mit „Kennungen“ versehen,
damit man sie wiederfindet, insbesondere im semantischen
Gedächtnis. Diese Kennungen bezeichnet man als Abruf-
hilfen, Abrufhinweise oder Abrufreize.
Es gibt zahlreiche solcher Abrufhilfen. Kategorienbe-
zeichnungen, Titel von Büchern oder Schulbüchern sind
semantische Abrufhinweise. Die Anfangsbuchstaben, die
erste Silbe oder auch Reimwörter helfen dem lexikalischen
Gedächtnis beim Abruf. Bilder und Fotos sind ebenfalls
ausgezeichnete Abrufhilfen, wie das folgende Experiment
beweist.

Harry und Phyllis Bahrick und Wittlinger (1975) hatten


die originelle Idee, mithilfe der Archive eines Colleges ehe-
malige Studenten bis zu 48 Jahre nach dem Abschluss wie-
derzufinden und ihr Gedächtnis für die Namen und Fotos
ihrer Schulkameraden zu prüfen. Während die Namen in
freier Wiedergabe schlecht erinnert wurden, bildeten die
Fotos sehr wirksame Abrufhilfen, außer nach sehr vielen
Jahren. Die Wiedererkennensleistung war sehr hoch, und
bei den Fotos (eingestreut zwischen Fotos von Fremden)
erstaunlich stabil, selbst nach 35 Jahren noch. Die bei
Namen und Fotos praktisch gleichwertige Wiedererken-
nensleistung lässt sich mit der Theorie des Personeniden-
titätsknotens gut erklären. Ihr zufolge werden Name und
Gesicht gemeinsam im Gedächtnis abgespeichert. Zwar
trat nach 50 Jahren ein leichter Rückgang der Wiederer-
kennensleistung (zehn bis 20 Prozent) auf, doch man muss
124 Die Geheimnisse unseres Gehirns

Wiedererkennen
100 von Namen
oder Fotos
Wiedergabe oder Wiederkennen (in %)

80

60
Wiedergabe
mit Fotos


40

Wiedergabe
20 ohne Hilfe

0
0 3 Monate
 25 Jahre 50 Jahre
verstrichene Zeit

Abb. 2.10   Wie hießen Ihre Klassenkameraden, die mit Ihnen Ab-
itur gemacht haben? Man glaubt, alle vergessen zu haben. Indes-
sen erinnert man sich mithilfe von Fotos als Abrufhinweisen an
einen Großteil der Namen. (nach Bahrick et al., 1975)

sich vor Augen halten, dass diese Probanden mittlerweile


ebenso viele Jahre älter geworden und somit etwa 70 Jahre
alt waren (Abb. 2.10).
So viel vergisst unser Gedächtnis eigentlich nicht, aber
ohne gute Abrufhinweise, ohne die richtigen Adressen der
Vergangenheit kommt es nicht aus. So helfen uns das Fa-
milienalbum oder Urlaubsbilder normalerweise, uns die
Gäste bei dieser oder jener Feier ins Gedächtnis zu rufen
oder uns an Reiseerlebnisse zu erinnern.
2  Gedächtnis   125

Die Rolle der Emotionen und Gefühle kommt in die-


sem Experiment ebenfalls sehr deutlich zum Ausdruck. Die
Leistung bei der freien Wiedergabe ist schwach; sogar nur
drei Monate nach dem Abgang werden Kameraden oder
Bekannte nur zu 15 % erinnert, nach 48 Jahren sinkt der
Anteil auf zehn Prozent. Dagegen bleibt die Erinnerung
an Liebesverhältnisse sehr lebhaft im Gedächtnis, doch nur
bis zu drei Monaten (60 Prozent). Dann tritt sehr bald Ver-
gessen ein bis zum Niveau der Erinnerung an gewöhnliche
Kameraden. Die Erinnerung an enge Freunde bleibt mit
einer Wiedergabeleistung von 40 bis 50 % sehr lebendig,
selbst nach 50 Jahren noch (Abb. 2.11).

Fazit
Im Gegensatz zum romantischen Bild der Jugendliebe
verflüchtigen sich Liebesverhältnisse in der Erinnerung
schneller als Beziehungen zu guten Freunden. Das wussten
schon Die Drei von der Tankstelle, als sie 1930 sangen: „Ein
Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf
der Welt …“

38 Stimmt es, dass man im Alter


immer wieder das Gleiche erzählt?
„Oh je, meine Großmutter erzählt die ganze Zeit Geschich-
ten aus ihrer Kindheit, aber von dem Film, den sie am Abend
zuvor gesehen hat, behält sie nichts.“ Stoßseufzer dieser Art
hört man häufig. Sie sind geradezu stereotype Beispiele für
das Gesetz der „Regression der Erinnerungen“ von Theodu-
126 Die Geheimnisse unseres Gehirns

Kameraden

100
enge Freunde

Liebesverhältnisse
80
freie Wiedergabe (in %)

60

40

20

0
3 Monate 25Jahre 8Jahre

Abb. 2.11   Prozentsatz der Gedächtnisleistung in Abhängigkeit


von der Beziehung nach Abständen von drei Monaten bis 48 Jah-
ren. (nach Bahrick et al., 1975)

le Ribot. In seinem Buch Les maladies de la mémoire (1881)


entwickelte Ribot eine an die Darwin’sche Evolutionstheo-
rie anknüpfende Theorie des Alterns. Ihr zufolge nimmt das
Gedächtnis mit der Alterung des Gehirns einen umgekehr-
ten Entwicklungsweg, unterliegt also einer Involution oder
Regression. Dieses Gesetz fand große Verbreitung (vor allem
in Medizinerkreisen, wo es als „Ribot’sches Gesetz“ bezeich-
net wurde). Es postuliert, dass sich das alternde Gedächtnis
für neuere Erinnerungen fortschreitend verschlechtert und
nur noch Kindheitserinnerungen bewahrt.
2  Gedächtnis   127

Zur gleichen Zeit befasste sich Francis Galton (1879, zit.


in Crovitz und Schiffman 1974) mit seinen Erinnerungen.
Er wollte ihren Umfang ausloten und rief sie sich dazu mit-
hilfe von beziehungsreichen Wörtern wie „Kirche“, „Mut-
ter“, „Puppe“, „Schule“ und „Trommel“ ins Gedächtnis. Er
fand – damals war er bereits fast 60 Jahre alt –, dass 39 % der
wachgerufenen Erinnerungen aus einem Alter von unter 22
Jahren stammten, 46 % aus dem Erwachsenenalter und nur
15 % aus eher jüngerer Zeit. Obwohl die Erinnerungen aus
dem Erwachsenenleben die wichtigsten sind, scheinen die
neueren Erinnerungen doch recht armselig.

Dieses Ergebnis überzeugte mich jedoch nicht, denn die


von Galton benutzten Stichwörter wie „Kirche“, „Mut-
ter“, „Puppe“, „Schule“ und „Trommel“ werden alle in
der frühen Kindheit erworben und könnten deshalb vor-
zugsweise Kindheitserinnerungen wachrufen. Wir (Lieury
et al. 1980, zit. in Lieury 2005) führten also nochmals ein
ähnliches Experiment durch. Hierfür wählten wir sowohl
„alte“ Wörter wie „Straße“, „Zug“, „Gewitter“, „Stuhl“,
„Baby“, „Berg“, „Kirche“ und „Blume“ als auch moderne
Wörter wie „Fernsehen“, „Rakete“, „Telefon“, „Energie“,
„Umweltverschmutzung“ und „Parkplatz“. Um zudem
möglichst gleich viele Erinnerungen zu erhalten, unter-
teilten wir das „Alter“ der Erinnerungen in Zehnjahresab-
schnitte (mit Ausnahme der Zeit von null bis 15 Jahren,
der Kindheit). Die Probanden sollten ihre Erinnerungen
zeitlich einordnen und ihr (ungefähres) Alter zum Zeit-
punkt des Ereignisses angeben. Fiel beispielsweise einer
Person auf das Stichwort „Berg“ ein Aufenthalt im Gebirge
ein, als sie 32 Jahre alt war, wurde diese Erinnerung in die
Lebensphase „30 Jahre“ eingeordnet. Um dafür zu sorgen,
128 Die Geheimnisse unseres Gehirns

dass man etwa gleich viele Erinnerungen aus dem letzten


Lebensabschnitt, also von 72- oder 78-jährigen Proban-
den erhält, zählt man für jeden die Erinnerungen aus dem
vergangenen Lebensjahrzehnt. An dem Experiment betei-
ligten sich „erwachsene“ Probanden von 40 bis 50 Jahren
sowie selbstständig lebende 70-Jährige und gleichaltrige
Heimbewohner.
Die zeitlichen Verlaufskurven der Erinnerungen unter-
scheiden sich abhängig von den Stichwörtern sehr stark, ja
sie sind sogar gegenläufig. Bei den 50-jährigen Probanden
beschworen die alten Wörter mehr Jugenderinnerungen he-
rauf, als Galton beobachtet hatte. Umgekehrt förderten die
moderneren Assoziationswörter immer mehr neue Erinne-
rungen zutage. Die zeitliche Entwicklung verläuft bei den
rüstigen 70-Jährigen fast gleich, insofern die Erinnerungen
weniger werden. Zudem riefen bei den 70-Jährigen sogar
die alten Wörter Begebenheiten aus den zehn zurückliegen-
den Lebensjahren hervor. Bei den Heimbewohnern zeigte
sich eine ausgeprägte Erinnerungsarmut, sowohl was die
Phase als auch die Art der Stichwörter anging (Abb. 2.12).

Fazit
Das „Gesetz“ der Regression der Erinnerungen bei alten
Menschen ist also falsch, und beim „Galton“-Verfahren
lässt sich die Mehrheit der frühen Erinnerungen auf „alte“
Auslösewörter zurückführen, welche eher die Kindheit als
jüngere Ereignisse heraufbeschwören. Bei betagten Perso-
nen (80 Jahre) in Heimen (die meist an verschiedenen Er-
krankungen leiden) verarmt die Erinnerung unabhängig
von der Lebensphase. Die Forscherin Pascale Piolino aus
2  Gedächtnis   129

„alte“ Wörter
3
durchschnittliche Anzahl erinnerter

50 Jahre
Begebenheiten

70 Jahre

im Heim
0
10 20 30 40 50 60 70 80
Lebensphase (Jahrzehnte)

4 moderne Wörter
durchschnittliche Anzahl erinnerter

50 Jahre
3
Begebenheiten

70 Jahre

1
im Heim

0
10 20 30 40 50 60 70 80
Lebensphase (Jahrzehnte)

Abb. 2.12   Zeitliche Verlaufskurven von Erinnerungen in Abhän-


gigkeit von alten oder neuen Stichwörtern und dem Alter der Pro-
banden. (nach Lieury et al. 1980; zitiert in Lieury 2005)
130 Die Geheimnisse unseres Gehirns

Caen wandte ein ähnliches Verfahren wie die Aufteilung


von Erinnerungen nach Lebensperioden an und bestätigte
damit (2003), dass das Ribot’sche Gesetz nur bei amnesti-
schen Pathologien zu beobachten ist. Bei gesunden älteren
Menschen tritt keine Erinnerungsverarmung auf, während
Alzheimer-Patienten nur etwa halb so viele neuere Erinne-
rungen (aus dem zurückliegenden Jahr) wie Kindheitserin-
nerungen (0 bis 17 Jahre) reproduzieren. Dieser Fall, der
allem Anschein nach das Ribot’sche Gesetz bestätigt, geht
zurück auf eine hippocampusbedingte Amnesie (der Hip-
pocampus ist für die Speicherung neuer Ereignisse zustän-
dig). Da neuere Ereignisse nicht mehr gespeichert werden,
werden nur die vergangenen erinnert.

39 Was ist das Geheimnis eines


Elefantengedächtnisses?
Ein fabelhaftes Gedächtnis, wie es Schachspieler oder auch
viele Fachleute wie Historiker, Dirigenten und Wissen-
schaftler auszeichnet, setzt im Allgemeinen viel Übung vo-
raus. Aber wie schaffen es Menschen, sich so zu trainieren
(und nicht zu vergessen)? Häufig tritt die entsprechende
Begabung schon in jungen Jahren zutage. Vermutlich lie-
gen also von vornherein überdurchschnittliche Fähigkeiten
vor, was medizinische bildgebende Verfahren zunehmend
bestätigen. Doch darüber hinaus existieren wahrscheinlich
weitere, noch ungeklärte Mechanismen auf neuronaler oder
biochemischer Ebene. Es folgen einige Beispiele (Höfer und
Röckenhaus 2006, sowie verschiedene andere Quellen).
2  Gedächtnis   131

Rüdiger Gamm ist ein Rechenkünstler. Man stellt ihm die


Aufgabe 62 geteilt durch 167 (Ergebnis 0,37 …), er über-
legt 23 Sekunden und rattert dann das Resultat bis auf 30
Ziffern hinter dem Komma genau herunter. Er ist imstan-
de, im Kopf mit 17 oder 20 zu potenzieren (was Zahlen im
Quadrillionenbereich ergibt). Schätzungen zufolge müsste
er bis zu 250.000 Zwischenergebnisse im Kopf behalten
können. Experimente mit medizinischer Bildgebung von
Thorsten Fehr von der Universität Magdeburg deuten da-
rauf hin, dass bei einer normalen Person für einfache Be-
rechnungen kleinere Areale aktiviert werden. Stellt jedoch
Gamm seine außergewöhnlichen Berechnungen an, wer-
den andere Regionen als die für das Rechnen zuständige
aktiviert, insbesondere eine, die gemeinhin der Gesichter-
erkennung dient. Daher dürfte die Vermutung berechtigt
sein, dass bestimmte Gedächtniskünstler ihre Fähigkeit
einer Art „Umwidmung“ verdanken: Bei ihnen werden alle
Hirnareale, die eigentlich der Speicherung verschiedener
spezifischer Inhalte vorbehalten sind, für eine einzige Art
von Information in Anspruch genommen, in diesem Bei-
spiel Zahlen.
Kim Peek, Vorbild für die autistische Hauptfigur des
Filmes Rain Man, konnte mit 16 Monaten lesen, und mit
viereinhalb Jahren hatte er sich acht Bände einer Enzyk-
lopädie „einverleibt“. Nach eigenen Angaben las er zwei
Seiten gleichzeitig – eine mit dem linken, eine mit dem
rechten Auge. Er konnte sich nicht alleine ankleiden, er
konnte nicht Auto fahren und keine Mahlzeit zubereiten,
und sein Vater kümmerte sich Tag und Nacht um ihn.
Er ging mit Kim in Bibliotheken, wo sein Sohn die Bü-
cher verschlang. Angeblich hat er 12.000 Bücher gelesen
und deren Inhalte komplett oder fast komplett behalten.
Während er acht Seiten in 53 Sekunden überflog und sich
132 Die
  D ie Geheimnisse unseres Gehirns

98 % des Inhalts merkte, braucht sein Vater dafür mehrere


Minuten und behält lediglich 40 Prozent. Das größte Ver-
gnügen seines Sohnes bestand darin, Schülern in Schulen
zu begegnen; er kannte den Ewigen Kalender auswendig,
das heißt, er war imstande, für den Tag der Geburt eines
Schülers den zugehörigen Wochentag (z.  B. Dienstag)
sowie den seines Geburtstags zu nennen. Er wusste un-
zählige biografische Einzelheiten über Karl den Großen,
Rembrandt, Churchill  … Medizinische Bildgebungsver-
fahren enthüllten bei ihm eher Gehirndefekte, von denen
einer seine Besonderheit erklärt. Kim besaß kein Corpus
callosum, keinen Balken. Normalerweise verbindet diese
Struktur die beiden Hirnhälften und lässt sie miteinander
kommunizieren. Die beiden Hemisphären Kims dagegen
arbeiteten wie zwei unabhängige „Festplatten“, weshalb er
zwei verschiedene Seiten gleichzeitig lesen konnte. Andere
Besonderheiten wie ein kleineres linkes Kleinhirn oder ver-
größerte Ventrikel erklären seine Meisterleistungen nicht.

Stephen Wiltshire, genannt die „menschliche Kamera“,


erregte schon in frühester Kindheit Aufsehen, als die Er-
zieher in seiner sonderpädagogischen Einrichtung bemerkt
hatten, dass er nach einem Ausflug Gebäude mit fotografi-
scher Präzision (Fensterzahl, Säulenzahl) nachzuzeichnen
vermochte. Als Wiltshire ein junger Mann war, nahmen
ihn Filmemacher auf einen 45-minütigen Rundflug über
Rom mit. Diese Stadt war ihm unbekannt. Nach dem Flug
zeichnete er auf einem mehrere Meter langen Panorama-
bild die Stadt Rom (in drei Tagen) aus dem Gedächtnis mit
verblüffender Genauigkeit – die Gässchen, die Windungen
des Tibers, Details der Bauwerke. In ihrem Film legten die
Filmemacher Wiltshires Zeichnung über ihre Aufnahme
2  Gedächtnis   133

vom Kolosseum, und wie sich zeigte, hatte er sämtliche


Säulen und Fenster genau so dargestellt, wie er sie gesehen
hatte – als hätte er das Wahrgenommene eins zu eins abge-
speichert. Bislang liegt keine neurologische Analyse vor, die
eine Erklärung böte. Seine sprachliche Retardierung – er
äußerte seine ersten beiden Wörter (mit Papier und Blei-
stift) erst mit fünf Jahren – lässt vermuten, dass sein Ge-
hirn nicht über Abstraktionsmechanismen verfügt und dass
seine Neuronennetze visuelle Szenen so speichern, wie die
Netzhaut sie räumlich einfängt, ähnlich einem Fotoapparat
oder einer Videokamera.
Es bleiben etliche weitere Rätsel zu lösen …

Liegen außergewöhnliche Fähigkeiten ohne spezielle Aus-


bildung vor, dann ist davon auszugehen, dass bestimmte
Gehirnareale überdurchschnittlich entwickelt sind. Das
Williams-Beuren-Syndrom illustriert das gut. In zahlrei-
chen Sagen und Märchen kommen niedliche kleine Wesen
vor mit vorspringendem Kiefer, breitem Lächeln und klei-
nen, spitzen Ohren – Elfen, Gnome oder Kobolde genannt.
Diese Beschreibung ist gar nicht so sagenhaft. Der neusee-
ländische Kardiologe J. C. W. Williams und der deutsche
Kardiologe Alois Beuren beschrieben Kinder, die ein sol-
ches „Gnomen“- oder „Faunsgesicht“, aber auch Fehlbil-
dungen der Aorta und des Herzens aufweisen und vorzeitig
altern. Zu dem Konglomerat von Merkmalen, die das
Williams-Beuren-Syndrom ausmachen, gehört auch eine
Retardierung der allgemeinen kognitiven Fähigkeiten, wie
dies bei Kindern mit Trisomie 21 der Fall ist (durchschnitt-
licher IQ von 60). Die Betroffenen sind allerdings sehr oft
musikalisch begabt (Lenhoff et  al. 1998). Die genetische
Anomalie wurde 1993 entdeckt; das Chromosom 7 ist in
134 Die Geheimnisse unseres Gehirns

der Bande, die das Gen für Elastin enthält, geschädigt. Da-
her rühren die Falten und die vorzeitige Alterung sowie die
vaskulären Fehlbildungen (der „Haut“ der Gefäße und Or-
gane). Die Untersuchung des Gehirns (durch postmortale
Autopsie oder bildgebende Verfahren) enthüllt zahlreiche
Abweichungen, vor allem aber „anatomische Merkmale …
[welche] die musikalischen Begabungen der Personen mit
Williams-Beuren-Syndrom teilweise erklären würden: Die
primäre Hörrinde ([…]Temporallappen) und das benach-
barte auditive Areal, das Planum temporale, sind größer als
normal […]. Überdies ist das Planum temporale in der lin-
ken Hemisphäre [Sprachlaute] normalerweise größer, doch
bei bestimmten Personen mit Williams-Beuren-Syndrom
ist es in der [rechten] Hemisphäre abnorm groß, wie bei
Berufsmusikern“ (Lenhoff et al. 1998).

Fazit
Besondere Begabungen sind demnach wahrscheinlich bio-
logischen Ursprungs. Übung kann jedoch Beträchtliches
bewirken. Eine Bildgebungsstudie (Pantev et al. 1998) ver-
glich Pianisten mit Nichtmusikern. Das für musikalische
Töne zuständige auditive Areal zeigte bei Ersteren eine um
bis zu 25 % gesteigerte Aktivierung. Überdies hing diese
Verstärkung mit der Anzahl der Praxisjahre zusammen, ob-
wohl sich das Areal für reine Töne überhaupt nicht verän-
dert hatte. Diese Ergebnisse zeigen, dass Training unter den
„Gaben“ des Gedächtnisses ebenfalls eine entscheidende
Rolle spielt. Genie könnte das Ergebnis von biologischer
Anlage plus Übung sein.
3
Wahrnehmung

A. Lieury, Die Geheimnisse unseres Gehirns,


DOI 10.1007/978-3-642-37507-1_3, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
136
136 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Inhaltsübersicht
40  Juckt es oder kitzelt es? ������������������������������������������������������������  138

41 Warum können Milliardäre eine Million beim


Spiel verlieren? ��������������������������������������������������������������������������  141

42 Warum schmeckt man nichts mehr, wenn man


Schnupfen hat? ��������������������������������������������������������������������������  145

43 Warum kann mein Hund besser riechen als ich?������������������������  150

44 Gibt es das Parfüm, das unwiderstehlich macht?����������������������  153

45 Warum erscheinen Ihnen manche Töne harmonisch


und andere völlig schräg?����������������������������������������������������������  156

46 Warum fährt Ihnen Musik in die Beine? ������������������������������������  159

47 Warum ist es gefährlich, volle Kanne Musik zu hören?��������������  162

48 Warum wird uns schwindelig?����������������������������������������������������  165

49 Was ist das: Licht?����������������������������������������������������������������������  167

50 Warum sieht unser Auge die Bilder auf dem Kopf?��������������������  168

51 Warum ist das Leben bunt?��������������������������������������������������������  170

52 Zwei Fotoapparate mit Millionen Pixeln!����������������������������������  174

53 Warum fällt es Ihrem Kind so schwer, die Ostereier


zu finden? ����������������������������������������������������������������������������������  177

54 Warum ist die „Schnelllesemethode“ ungeeignet


zum Lesen? ��������������������������������������������������������������������������������  180

55 Wo ist das 25. Bild abgeblieben?������������������������������������������������  183

56 Warum erscheinen entfernte Gegenstände kleiner?������������������  187

57 Ein Ticket in den Weltraum? ������������������������������������������������������  190

58 Telepathie, Telekinese – haben Sie übersinnliche Kräfte?����������  194


3  Wahrnehmung   1137
37

Man sagt gewöhnlich, es gebe fünf Sinne, oder man


spricht – was auf dasselbe hinausläuft – von einem soge-
nannten sechsten Sinn. Doch das stimmt so bei Weitem
nicht, denn in unserem Körper wimmelt es von Messfüh-
lern wie Blutdruckrezeptoren, Rezeptoren für den Blutzu-
ckerspiegel, Rezeptoren in den Muskeln und Sehnen und
so weiter: Beispielsweise sitzen im Karotissinus, wo sich
die Halsschlagader teilt, dicht an dicht Blutdruckrezepto-
ren. Dieser Punkt ist in den Kampfkünsten (Karate) seit
Jahrtausenden als lebenswichtig bekannt, denn ein Schlag
auf diese Stelle bewirkt eine Ohnmacht (das Gehirn deu-
tet ihn als überhöhten Blutdruck). Wenn uns gegen Mittag
der Hunger packt, dann weil die Glukoserezeptoren in be-
stimmten Hirnzentren ein Absinken des Blutzuckerspiegels
feststellen. Schließlich bewahren wir uns unsere aufrechte
Haltung, weil Millionen Drucksensoren in den Muskeln
und Sehnen Informationen an bestimmte Hirnareale mel-
den, und diese befehlen ihrerseits ausreichend Muskelspan-
nung, damit wir nicht umfallen.
Es gibt also eine breite Palette von Rezeptoren. Nichts-
destoweniger erfüllen offenbar die meisten von ihnen ihre
Funktion in automatischen Systemen und lösen keine be-
schreibbaren Empfindungen aus, außer bei sehr starker Er-
regung. Solche Erregungsniveaus äußern sich auf funktiona-
ler Ebene etwa als Alarmbereitschaft, als Sehnenspannung
oder als dumpfer Bauchschmerz. Auf anderen Kanälen
einlaufende Informationen ziehen beschreibbare Empfin-
dungen nach sich und fallen daher in den Zuständigkeits-
bereich der Psychologie. Bei diesen Kanälen handelt es sich
um die fünf althergebrachten Sinne Tasten, Schmecken,
Riechen, Hören und Sehen. Diese stellen selbst wiederum
138
138 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

keine einheitlichen Modalitäten dar (der Gleichgewichts-


sinn unterscheidet sich vom Hören, ist aber in nächster
Nähe zu den Hörzentren angesiedelt). Sie entsprechen viel-
mehr Kategorien mehrerer Sinnesmodalitäten, die jeweils
zu einer anatomischen Einheit gehören – der Haut, dem
Mund, der Nase, dem Ohr und dem Auge.

40  Juckt es oder kitzelt es?


Die Tastempfindungen illustrieren exemplarisch die zwei
Gesichter der Sinneseindrücke, die subjektive und die ob-
jektive Seite. Die subjektive Seite hat zu tun mit den viel-
fältigen, aber häufig unpräzisen Beschreibungen, zu denen
wir fähig sind: Man denke nur an die berühmte Unterschei-
dung von Jules Romains’ Dr. Kock zwischen „Jucken“ und
„Kitzeln“.
Die Forschung auf diesem Gebiet begann Mitte des 19.
Jahrhunderts mit einer originellen Technik, erfunden von
Max von Frey (1852–1932). Man erkundet die Haut mit-
hilfe von Nadeln, die mit Gewichten von einem bis zehn
Gramm beschwert werden und stumpf sind, um Verletzun-
gen zu verhindern. Mit seinem „Ästhesiometer“ wollte Frey
überprüfen, ob Schmerz in einer gegebenen Situation aus
einer überstarken Stimulation heraus entsteht, wie man es
damals glaubte. Dazu tastete der Forscher die Haut groß-
flächig mit seinen „Tastfasern“ (die man heute „Von-Frey-
Haar“ nennt) ab und entdeckte spezielle, besonders emp-
findliche Punkte, verteilt über die gesamte Hautoberfläche.
Manche stimulierten Punkte lösten eine Berührungsemp-
findung (berührt werden) aus, während die Probanden
3  Wahrnehmung   1139
39

Tab. 3.1   Dichte der sensiblen Punkte pro Quadratzentimeter


Haut in Abhängigkeit vom Körperbereich (nach Skramlik, zit. in
Woodworth 1949)
Schmerz Berührung Kälte Wärme
Stirn 184 50 8 0,6
Nasenspitze 44 100 13 0,5
Handrücken 188 14 7 0,5

(ihre Augen waren verbunden) an anderen Punkten nichts


spürten.
Schließlich riefen manche Punkte ausschließlich
Schmerzempfindungen hervor, allerdings nur bei starker
Stimulation (zehn bis 30  g). Amerikanische Forscher er-
weiterten später diese Technik mit thermischen Reizfüh-
lern, die eine heiße oder kalte Flüssigkeit enthielten. Diese
Forschungsarbeiten wiesen vier klar unterschiedene Klassen
von taktilen Empfindungen nach: Tast- oder Berührungs-,
Schmerz-, Wärme- und Kälteempfindungen. Die jeweili-
gen Sensoren sind je nach Körperregion ungleichmäßig in
der Haut verteilt.

Die Rezeptoren sind sehr unterschiedlich in der Haut ver-


teilt, sodass das Gehirn über die Geschehnisse in man-
chen Körperbereichen besser informiert ist als über die
in anderen. Es ähnelt damit dem Zentrum eines Überwa-
chungssystems mit mehr Kameras oder Sensoren in Hoch-
risikozonen.
Überspitzt kann man sagen, dass die Stirn Schmerz
(Schutz des Gehirns) meldet, die Nase Kälte und die Hand
Berührung (Tab. 3.1 macht Angaben zum Handrücken,
140
140 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

doch an den Fingerspitzen sitzen etwa 200 Rezeptoren pro


Quadratzentimeter.)

Fazit
Die Anatomen und Physiologen haben mehrere diesen vier
Kategorien zugeordneten Hautrezeptoren beschrieben. So
geht Schmerz auf die Erregung freier Nervenendigungen
zurück, Kälte auf die Stimulation der Krause-Endkolben
und Wärme auf andere freie Nervenendigungen. Die vier
Empfindungsarten lassen sich deshalb so klar unterschei-
den, weil sie über vier getrennte Nervenbahnen laufen
(Rosenzweig et al. 1998). Der Tastsinn arbeitet jedoch mit
mehreren verschiedenen Rezeptoren, was die vielfältigen
Empfindungen (Kitzeln, Druck, leichte Berührung etc.) er-
klärt: Merkel-Tastscheiben, Meissner-Tastkörperchen und
Golgi-Mazzoni-Körperchen (Abb. 3.1). Sie sind verant-
wortlich für die Empfindlichkeit des Tastsinnes und sitzen
am dichtesten in den Fingerspitzen, den Lippen und den
erogenen Zonen.
Vibrations- und Druckempfindungen vermitteln uns
die Pacini-Körperchen. Werden sie komprimiert, erweitern
sich die Poren der Axonmembran und lassen Natriumio-
nen einströmen, was ein Nervensignal auslöst (Loewenstein
1971, zit. in Rosenzweig et al. 1998). Die Ruffini-Körper-
chen dagegen sind offenbar für Dehnungsempfindungen
verantwortlich.
Jetzt wissen wir, wer uns – von der Liebe bis zum Rugby –
die ganze Fülle der Empfindungen verheißt!
3  Wahrnehmung   1141
41

freie Nervenendigungen
Merkel-Tastscheiben Schmerz
leichte Berührung

freie Nervenendigungen
Wärme
Krause-
Endkolben
Kälte Ruffini-Körperchen
Mechanorezeptoren
Fettzellen Pacini-Körperchen
Dehnungsrezeptoren
Haar
Golgi-Mazzoni-Körperchen
leichte Berührung (Fingerspitzen)
(Die Haut hat die Größe eines Strandlakens (2 m2) und enthält fünf Millionen
Rezeptoren. Manche vermitteln uns die Empfindung einer leichten Berührung,
einer Dehnung sowie von Druck, Wärme und Kälte und schließlich von Schmerz.)

Abb. 3.1   Die Thermo- und Mechanorezeptoren des Tastsinnes


(nach Lieury 2011)

41 Warum können Milliardäre eine


Million beim Spiel verlieren?
Es ist immer wieder erstaunlich, wenn man in Fernseh-
berichten über bewaffnete Konflikte Kinder inmitten von
Trümmern spielen und lachen sieht. Der Kontrast sticht
umso mehr ins Auge, wenn man sie mit manchen verwöhn-
ten Kindern vergleicht, die missvergnügt „aus der Wäsche
gucken“, obwohl ihnen doch der ganze Komfort der Mo-
derne zur Verfügung steht. Eine besonders aufschlussreiche
Erklärung dieses Phänomens kommt aus einem scheinbar
142
142 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

weit entfernten und häufig eher trockenen Fachgebiet, der


Psychophysik.
Die Psychophysik verfolgt das Ziel, Zusammenhänge
(häufig mathematische) zwischen der Einwirkung physika-
lischer Reize und den von ihnen ausgelösten subjektiven
Empfindungen zu finden.

Ende des 19. Jahrhunderts wies der Physiologe Ernst Weber


(1795–1878) einen seltsamen Sachverhalt nach: Wir kön-
nen keine absoluten Unterschiede wahrnehmen, sondern
nur relative (Piéron 1967). So zeigt sich in einem typischen
Experiment zur Schwereempfindung mit einem Standard-
gewicht von 100 g, dass die Versuchsperson mit verbunde-
nen Augen in der anderen Hand ein Gewicht von 110 g
benötigt, um einen Gewichtsunterschied wahrzunehmen.
Man könnte daraus schließen, dass für diese Versuchsper-
son der eben merkliche Unterschied zehn Gramm beträgt.
Benutzt man jedoch ein 200-Gramm-Bezugsgewicht, dann
muss man ihr 220 g in die andere Hand legen, damit sie
einen Unterschied spürt. Das setzt sich immer weiter fort:
30 g bei einem Bezugsgewicht von 300 g, 40 g bei 400 g
und so weiter. Weber wies also nach, dass wir nicht für den
absoluten, sondern für den proportionalen Unterschied zu
einer Bezugsgröße empfindlich sind. In unserem Beispiel
beträgt das Verhältnis von Reizunterschied zu Bezugsge-
wichtsgröße, auch Weber’scher Quotient genannt, zehn
Prozent.
Weber’scher Quotient 
110 − 100
= 10 %
100
220 − 200
= 10 %
200
330 − 300
= 10 %
300
3  Wahrnehmung   1143
43

Dieser Quotient, den ich im Beispiel der Einfachheit


halber mit zehn Prozent angegeben habe, beträgt bei der
Wahrnehmung von Gewicht in Wirklichkeit 2,5 %. Doch
im Wesentlichen kehrt dieses Prinzip bei der Mehrzahl der
ganz unterschiedlichen Wahrnehmungsmodalitäten vom
Sehen bis zum Hören wieder. Beim Geschmack beispiels-
weise beträgt er 20 % für süß, 25 % für bitter, 15 % für
salzig und 21 % für sauer. Dieses psychophysische Gesetz
ist allgemeingültig, weil es einem Funktionsmechanismus
des Gehirns entspricht. Die Nervenzellen sind oft vertikal
organisiert, und bestimmte Assoziationsneuronen (Schalt-
neuronen) werden erst dann aktiv, wenn die Aktivität eines
Zielneurons die der Kontextneuronen übersteigt. Kurzum,
wir nehmen nicht absolut wahr, sondern relativ zu einem
Kontext.
Dieses Phänomen war schon den Griechen aufgefallen:
Die Heiterkeitsausbrüche des Theaterpublikums waren
stürmischer, wenn sich zuvor etwas Dramatisches ereignet
hatte, das heißt in einer Tragikomödie. Es ist ein häufig
angewandter literarischer Kniff, den Helden aufzuwerten,
indem man ihm einen zerstreuten oder schwachköpfigen
Kumpan an die Seite stellt (wie dem Old Shatterhand den
Sam Hawkins) oder ihn mit schlimmen Schicksalsschlägen
überhäuft, nur damit sein Glück später umso größer er-
scheint. Dasselbe gilt, wenn es um die Wahrnehmung der
Gemütsverfassung geht: Am Tag nach einem Fest fällt die
Stimmung oft ins Bodenlose.
Weit vor Weber und seinem Fachkollegen Fechner hatte
der Mathematiker Daniel Bernoulli bereits im 18. Jahr-
hundert festgestellt, dass der moralische Vorteil nur mit
dem Wachstum des physischen Vermögens zunimmt. In
moderner Sprache besagt das nichts anderes als der We-
ber’sche Quotient: Der subjektive Nutzen von Geld verhält
144
144 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

sich relativ zum Reichtum der Person. Diese Beobachtung


erklärt, welche beeindruckenden Summen Milliardäre
beim Spiel verlieren können.
Nehmen wir nun an, der Weber’sche Quotient für Geld
beträgt zehn Prozent. Ein Student, der mit 200 € im Mo-
nat auskommen muss, würde somit einen Verlust unter
20 € nicht als Katastrophe betrachten. Damit jedoch ein
Milliardär Aufregung empfindet, muss er Summen in Mil-
lionenhöhe einsetzen. Umgekehrt (denken Sie daran, dass
Teilen durch Null unendlich ergibt) müsste eine leichte
Steigerung ein großes Vergnügen nach sich ziehen, wenn
die Bezugsgröße sehr gering ist. Beispielsweise war für die
Nachkriegsgeneration eine einfache Orange oder ein mit
Rosshaar gestopfter Teddybär ein wundervolles Geschenk.
So wird auch verständlicher, warum sich ein Kind in einem
benachteiligten Land so freut, wenn es sich aus einer im
Müll gefundenen Dose ein Musikinstrument gebastelt hat,
während in den reichen Ländern das Konsumbedürfnis
ständig wächst. Der Weber’sche Quotient liefert uns die
Gleichung des Glücks, von der Erklärung der asketischen
Lebensweise bis zu der des übermäßigen Konsums.
Die Glücksformel 

unwesentliche Menge − null


= unendlich
null

Fazit
Tolstoi bringt das in Krieg und Frieden scharfsichtig zum
Ausdruck. Nach der mörderischen Schlacht von Borodino
macht Prinz Peter als Gefangener den Rückzug von Na-
poleons Armee mit. Nach wochenlanger Hungersnot und
3  Wahrnehmung   1145
45

Eiseskälte hatte er „mit seinem ganzen Wesen erkannt, daß


der Mensch zum Glück geschaffen sei, daß das Glück in
ihm selbst liege und in der Befriedigung der natürlichen
Bedürfnisse, und daß alles Unglück nicht vom Mangel,
sondern vom Überfluß herkommt … er erkannte, daß es
eine Grenze der Leiden und eine Grenze der Freiheit gebe
und daß diese Grenzen einander sehr nahe seien. Er erkann-
te, daß er damals, als er aus freiem Willen, wie er glaubte,
seine Frau heiratete, nicht freier war als jetzt, wo man ihn
über Nacht in einen Pferdestall einsperrte. Das Schlimms-
te, was später auch er Leiden nannte, was er aber damals
kaum fühlte, waren seine bloßen, zerrissenen Füße … als
er seine schmerzenden Füße betrachtete, glaubte Peter, es
sei unmöglich, auf ihnen weiterzugehen, aber als sich alle
erhoben, hinkte auch er weiter, und als er warm geworden
war, verschwand der Schmerz, obgleich seine Füße abends
noch schrecklicher aussahen.“

42 Warum schmeckt man nichts


mehr, wenn man Schnupfen hat?
In der Filmkomödie Brust oder Keule von Claude Zidi mit
Louis de Funès und Coluche spielt de Funès einen gefürch-
teten Restaurantkritiker Er stürzt jedoch in tiefste Ver-
zweiflung, als er an Ageusie erkrankt, das heißt, er kann
nichts mehr schmecken. Genau dieses Schicksal ereilt uns
bei einem ausgewachsenen Schnupfen. Es kommt zu die-
sem Geschmacksverlust, weil sich der Geschmackssinn,
wie man ihn landläufig und unter Gastronomen versteht,
146
146 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

eigentlich aus mehreren Sinnesmodalitäten zusammensetzt,


von denen der Geruchssinn die wichtigste Rolle spielt.
In der Tat bestimmt der Geruch von Nahrungsmitteln
und Flüssigkeiten in erheblichem Maße den Geschmack.
Er entscheidet auch über das Aroma von Früchten oder
das Bukett eines Weines, vor allem wenn die Duftmoleküle
die Riechschleimhaut vom hinteren Rachen her erreichen,
durch die retronasale Öffnung. Bei einem Schnupfen ist
dieser Weg verstopft und es bleibt nicht mehr viel übrig
vom „Geschmack“. Eine andere Komponente des landläu-
figen Geschmacks hat mit Tastempfindungen zu tun, denn
die Zungen- und Mundschleimhaut enthält dieselben
Tastrezeptoren wie die Haut der Hand oder des Rückens.
Die Mechanorezeptoren der Zunge und der Mundinnen-
seite sorgen also für die Empfindungen von Wärme, Kälte
und Berührung, die man im Wortschatz der Gastronomen
wiederfindet, insbesondere der Weintester: temperiert
(Wärme), herb (adstringierend für die Önologen), seidig,
samtig (Berührung). In der Zunge und der Mundschleim-
haut sitzen zehnmal mehr Tastrezeptoren pro Quadratzen-
timeter als an den Fingerspitzen. Beispielsweise spürt man
den Strom einer Taschenlampenbatterie (4,5  V) mit den
Fingerspitzen nicht, mit der Zungenspitze dagegen sehr
wohl.

Aber was ist denn nun eigentlich Geschmack? Der Ge-


schmack im engsten Sinne entsteht durch die Erregung
der Geschmacksknospen, die Chemorezeptoren (spezielle
Neuronen) enthalten. Doch diese Geschmacksknospen
sind gut versteckt. Streckt man die Zunge heraus, sieht man
3  Wahrnehmung   1147
47

knopfartige Gebilde. Das sind die Papillen, welche die Ge-


schmacksknospen umschließen. Die Zungenpapillen ha-
ben unterschiedliche Formen und Größen (Fitzpatrick, in
Purves et al. 2005, und weitere Quellen). Am zahlreichsten
sind die Pilzpapillen, deren Name von ihrer Form herrührt.
An den hinteren Seiten und an der Zungenwurzel befin-
den sich nur zwei Blätterpapillen, doch ihre 20 überein-
andergelegten Falten enthalten 600 Geschmacksknospen.
Schließlich finden sich neun große, V-förmig angeordnete
Wallpapillen (geformt wie ein flacher, von einem Graben
umgebener Hügel) an der Zungenwurzel. Sie stehen da
am Eingang zur Speiseröhre wie eine Phalanx zur Abwehr
gefährlicher Nahrungsmittel. Die Wallpapillen ähneln ein
wenig Brombeeren, und ihre Wände umschließen je 250
Geschmacksknospen, also insgesamt mehr als 2000. In der
Summe verfügt die Zunge über 4000 Geschmacksknospen
in Hunderten Papillen.
Erregt man die Papillen mittels eines kleinen, in eine
Lösung getauchten Haares (quasi einer „Zahnbürste“
mit einer einzigen Borste) oder wendet (feine) elektri-
sche Reizmethoden an, dann zeigt sich, dass es nur fünf
Geschmacksqualitäten gibt. Das ist bei der Mehrzahl
der Tiere genauso, was klar dafür spricht, dass diese Ge-
schmacksqualitäten eine Anpassungsfunktion (durch
natürliche Auslese; Le Magnen 1951) besitzen. Salziger
Geschmack – das Paradebeispiel ist Kochsalz (NaCl) –
steht seit den Anfängen des Lebens für das Lebenselement
Meerwasser. Das Blut (und andere Körperflüssigkeiten,
etwa Lymphe) der landlebenden Tiere stellt bekanntlich
ein inneres aquatisches Milieu dar. Die Aufnahme von
Salz ist so unabdingbar, dass es in heißen Ländern als
148
148 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

wertvolles Handelsgut galt (z. B. Salzkarawanen). Schwit-


zen bringt einen Salzverlust mit sich, der unbedingt aus-
geglichen werden muss. Das im Salz enthaltene Natrium
ist eines der Schlüsselelemente für die Nervenleitung.
Süßer Geschmack ist wichtig für den Körper, da Gluco-
se der Energielieferant für die Muskeln und das Gehirn
ist. Geschmacksprototyp ist die Saccharose (Haushaltszu-
cker), die aus einem Glucose- und einem Fructosemolekül
besteht. Stärke (Mehl, Kartoffeln etc.) ist eine Kette aus
Glucosemolekülen. Der Speichel enthält ein Enzym, das
die Stärke in Glucosemoleküle spaltet; man sollte sich da-
her Zeit zum Essen nehmen. Saurer Geschmack hat eine
Schutzfunktion; Prototyp ist die Salzsäure (HCl). Säuren
wirken gewebezerstörend, weshalb eine hohe Empfind-
lichkeit für den Säuregehalt notwendig ist. Ähnliches gilt
für bitteren Geschmack, für den exemplarisch das Chinin
steht. Unsere tierischen Vorfahren haben ihn wohl erwor-
ben, weil viele Gifte, etwa in Pilzen, Alkaloide mit bitterem
Geschmack sind. Schließlich bildet der lange umstrittene
Geschmack umami die fünfte wissenschaftlich anerkannte
Geschmacksqualität. 1908 hatte der Japaner Kiunae Ike-
da einen Geschmack entdeckt, der sich nicht auf die vier
klassischen Geschmacksqualitäten zurückführen ließ, und
nannte ihn „umami“ (nach dem japanischen umai und
mi für „köstlich“ und „das Wesentliche“). In diesem Ge-
schmack drückt sich die Wahrnehmung von Aminosäuren
aus (Grundbestandteil pflanzlicher und tierischer Eiwei-
ße); Prototyp ist der Geschmack von Glutamat. Forscher
von der Universität von Miami entdeckten im Jahr 2000
einen Geschmacksrezeptor speziell für Glutamat (und
andere Aminosäuren) und bestätigten damit die Existenz
dieser fünften Geschmacksqualität.
3  Wahrnehmung   1149
49

Fazit
Doch wie unterscheidet das Gehirn diese fünf „Geschmä-
cker“? Lange glaubte man, die Geschmacksknospen seien je
nach Papillen spezialisiert und funktionierten nach den von
David Hänig 1901 entdeckten verschiedenen Geschmacks-
schwellen. Die Zungenspitze ist empfindlicher für süß,
die Ränder für sauer und die Wurzel (die Wallpapillen-
„Soldaten“) für bitter, weshalb man in vielen Büchern eine
Karte der Zunge findet. Diese ist jedoch falsch, da diese
Bereiche nur einen niedrigeren Schwellenwert für einen be-
stimmten Geschmack haben, denn erwiesenermaßen „spü-
ren“ alle Geschmacksknospen die fünf Geschmacksquali-
täten.
Und wie machen das diese kleinen Knospen? Gewiss sind
sie klein (50 μm im Durchmesser), aber sie enthalten 50 bis
150 Sinneszellen. Neuere Arbeiten, die verhaltensorientier-
te, genetische und mikroelektrophysiologische Verfahren
kombinieren, lüften das Geheimnis der Codierung der fünf
Geschmacksqualitäten. Mit solchen ausgefeilten Techniken
scheinen Jayaram Chandrashekar und seine Mitarbeiter
(2006) das Rätsel gelöst zu haben. Tatsächlich sind die Ge-
schmackssinneszellen jeder Knospe nicht beliebig, sondern
auf einen der fünf Sinne spezialisiert. So enthält jede Ge-
schmacksknospe fünf Arten von Geschmackssinneszellen,
deren Mikrovilli (Fortsätze, an denen die Rezeptoren sit-
zen) die Moleküle eines einzigen Geschmacks einfangen.
An jede Geschmackssinneszelle schließt sich ein spezielles
Neuron an, das die Signale per „Direktschaltung“ an das
Gehirn weiterleitet. Auf diese Weise nimmt es fünf einzelne
Geschmacksqualitäten wahr.
150
150 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Doch es gibt sowohl zwischen verschiedenen Tierarten als


auch zwischen wahrgenommen Substanzen riesige Unter-
schiede, was die Empfindlichkeit betrifft. Beispielsweise ist
die Empfindlichkeit des Monarchfalters für süß 1000-mal
höher als die des Menschen, während diesem bestimmte
Salze manchmal unverhältnismäßig (bis zu 400.000-mal)
salziger vorkommen als andere. Daher rühren die Ge-
schmacksvorlieben und -abneigungen.

43 Warum kann mein Hund besser


riechen als ich?
Im Gegensatz zum Geschmack, der sich auf fünf Emp-
findungsqualitäten beschränkt, erzeugt der Geruchssinn
Sinneseindrücke für Tausende chemischer Substanzen,
die in der Luft schweben (bei Menschen und landleben-
den Tieren) oder im Wasser gelöst sind (bei wasserleben-
den Tieren). Der Mensch vermag etwa 10.000 Gerüche zu
unterscheiden. Für manche bedarf es der Fähigkeit des Par-
fümeurs, verschiedene Gerüche zu unterscheiden und zu
kombinieren, die eher etwas mit Kunst als mit Wissenschaft
zu tun hat (Labows und Wysocki 1984). Es gab mehrere
Ansätze, Gerüche im Hinblick auf kommerzielle Anwen-
dungen (Lebensmittelindustrie, Kosmetik) zu klassifizieren.
In Tab. 3.2 findet sich eine ziemlich vollständige Einteilung
in zehn Aromatypen aus einem Weinführer.
Doch es ist schwierig, sich auf einfache Kategorien zu ei-
nigen, da die Palette der Gerüche so groß ist. Ein Standard-
werk über natürliche und chemische Duftstoffe (Arctander)
3  Wahrnehmung   1151
51

Tab. 3.2   Geruchsbeispiele (nach Gilbert und Gaillard 1999)


Aromatyp Beispiele
Fruchtige Gerüche Apfel, Birne, Traube, Himbee-
re, Zitrone, Pampelmuse
Florale Gerüche Veilchen, Nelke, Rose, Linde,
Eisenkraut, Weißdorn, Jasmin
Balsamische Gerüche Myrrhe, Kiefer, Wachs,
Weihrauch
Karamelisierte Gerüche Toast, Tabak, Kaffee, Kakao
Würzige Gerüche Pfeffer, Zimt, Gewürznelke,
Vanille, Lorbeer, Muskat
Animalische Gerüche Leder, Wild, Pelz, Moschus
Vegetabile Gerüche Gras, Heu, Chicorée,
Artischocke, Moos, Laub
Holzige Gerüche Holz, altes Holz, Zeder,
Sandelholz
Mineralische Gerüche Ton, Schiefer, Feuerstein,
Kreide
Ätherische und chemische Azeton, Seife, Hefe, Alkohol,
Gerüche Erdöl, Metall, Schwefel, faule
Eier

beschreibt fast 2500 reine Stoffe mithilfe von 250 Wörtern


(Chastrette et al. 1986).
Riechen beginnt, wenn mit der Luft eingeatmete Ge-
ruchsstoffmoleküle sich an die Riechschleimhaut an der
Decke der Nasenhöhle binden. Vom Gehirn trennt dieses
Epithel nur eine einfache Knochenschicht, durchbrochen
von kleinen Kanälen. Die Riechschleimhaut enthält zehn
Millionen Rezeptorzellen, die im Gegensatz zu den Neuro-
152
152 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

nen des Gehirns durch neue ersetzt werden, wenn sie ster-
ben. Die Rezeptorzellen tragen Cilien, Härchen aus Pro-
teinen, an welche die Duftstoffmoleküle andocken. Diese
(einem Schloss vergleichbaren) Rezeptorproteine halten
nur für sie spezifische Geruchsstoffmoleküle fest, so wie ein
Schlüssel nur in ein bestimmtes Schloss passt. Die Bindung
eines Moleküls an einen Rezeptor löst dann ein bioelektri-
sches Signal aus, das über den Bulbus olfactorius (Riechkol-
ben) zum olfaktorischen Cortex (Riechhirn) gelangt. Dort
werden Gerüche identifiziert wie „Formen“ von Objekten.

Richard Axel und Linda Buck (Axel 1995) erhielten 2005


den Nobelpreis für ihre Entschlüsselung der Gene der Che-
morezeptoren, der „Schlösser“ der Gerüche. Sie entdeck-
ten, dass von den 30.000 menschlichen Genen 1000 für
die Chemorezeptoren codieren. Dieser Anteil ist gewaltig,
aber verständlich, wenn man sich vor Augen hält, dass Ge-
rüche für Tiere mit lebenswichtigen Funktionen von der
Nahrungsaufnahme bis zur Fortpflanzung zu tun haben.
Die Bienen in einem Stock beispielsweise nehmen ihre
Befehle von einer Königin entgegen, die bestimmte, als
Signale dienende Duftstoffe verströmt. 1000 Rezeptoren
– das klingt beeindruckend, doch diese beachtliche Zahl
deckt die 10.000 vom Menschen unterscheidbaren Gerü-
che nicht ab. Man muss also annehmen, dass ein Geruch
mehrere Rezeptorzellen erregt, etwa wie man ein Gesicht
anhand mehrerer verschiedener Organe wie Nase, Augen
etc. als solches erkennt. Das Gehirn erstellt dann eine Kar-
te der im Riechkolben aktivierten Neuronengruppen und
somit gewissermaßen das Profil eines Duftstoffes.
3  Wahrnehmung   1153
53

Fazit
Ebenso wie beim Geschmack variiert die Empfindlichkeit
zwischen verschiedenen Personen und vor allem bestimmten
Tierarten sehr stark. Schon die Rezeptorsysteme der Riech-
schleimhaut enthalten eine sehr unterschiedliche Zahl von
Rezeptorzellen (Le Magnen 1969). Bei einem Menschen
sind es zehn Millionen, bei einem Deutschen Schäferhund
200  Mio. Diese Unterschiede, die sich auf der Ebene des
Gehirns (Bulbus olfactorius) vielleicht noch verstärken, er-
klären die außerordentlichen Leistungen mancher Arten.
Das Riechvermögen des Schäferhundes übertrifft das des
Menschen um den Faktor eine Million. Deshalb nimmt
der Hund die Ankunft seines Herrchens wahr, noch bevor
sein Auto am Ende der Straße zu sehen ist. Dahinter steckt
kein sechster Sinn, sondern der Geruchssinn. Dieses heraus-
ragende Riechvermögen bestimmter Hunde macht sich der
Mensch zunutze, um Vermisste, Drogen oder Sprengstoffe
aufzuspüren. Den Rekord aber halten sicherlich Fischarten,
die weite Wanderungen zurücklegen. Lachse besitzen einen
derart überragenden Geruchssinn, dass die Überlebenden
ihrer langen Wanderungen den Wasserlauf, in dem sie aus
dem Ei geschlüpft sind, „chemisch“ wiedererkennen können.

44 Gibt es das Parfüm, das


unwiderstehlich macht?
In seinen berühmten „Entomologischen Erinnerungen“
erzählt Jean-Henri Fabre, dass er einmal einen weiblichen
Seidenspinner, einen recht seltenen Nachtfalter, gefangen
154
154 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

und in einen Verschlag in einer Voliere gesetzt hatte. Zu


seiner großen Überraschung fand er am nächsten Morgen
mehrere männliche Seidenspinner (obwohl gewöhnlich
nur einer pro Quadratkilometer vorkommt) um den Käfig
flattern. Als er den weiblichen Falter unter eine Glasglocke
setzte, flogen die Männchen wieder davon. Daraus schloss
Fabre ganz richtig, dass die Falter auf mehrere Kilometer
Entfernung Sexuallockstoffe geortet haben mussten. Solche
Duftstoffe, die ganz speziell ein Verhalten auslösen (nicht
nur sexuelles, sondern beispielsweise auch Angst), werden
Pheromone genannt.
Bei den Säugetieren werden solche Sexualdüfte von
einem besonderen System detektiert, dem Vomeronasalor-
gan am Boden der Nasenhöhlen. Zerstört man bei Mäusen
dieses Organ, paaren sie sich nicht mehr. Bei den Wirbel-
tieren dürfte dieses Pheromon einer bestimmten Fami-
lie chemischer Verbindungen entsprechen (Amoore et  al.
1977). Dazu gehören vor allem Moschus (beim Tier) und
beim Menschen Androstendion und Androsteron (vom
griechischen andros für „Mann“). Beispielsweise widersetzt
sich die Sau der Begattung, wenn dieser Geruch nicht vor-
handen ist. Ein Teil der Sexualdüfte ist enthalten in Urin
und Schweiß und ein anderer in Moschus. Bestimmte Tiere
(Moschushirsch, Wal) erzeugen in einer besonderen Drüse
eine als Aphrodisiakum geltende Substanz, Moschus oder
Ambra, das aus diesem Grund in Parfüms verwendet wird.
Moschus kommt beim Menschen nicht vor, aber im Talg
stecken möglicherweise ähnliche Duftstoffe. Diese „Sexual-
düfte“ werden von den apokrinen Drüsen an den Haarwur-
zeln ausgeschieden; beim Mann sind sie größer, vor allem
3  Wahrnehmung   1155
55

in den Achselhöhlen, und man vermutet, dass sich Frauen


in unserer Kultur aus diesem Grund rasieren (Doty 1981).

Die sexuelle Wirkung dieses Geruchs ist umstritten. Man-


che Forscher glauben, er löse bei Personen, die man unter
einem Vorwand in einem mit diesem Stoff bedufteten
Raum warten lässt, sexuelle Fantasien aus. Andere Wissen-
schaftler jedoch konnten diese Resultate nicht bestätigen.
Das hat indes die Leitung des britischen Hotels, in dem
ein neues Album von Madonna vorgestellt wurde, nicht
daran gehindert, einen Sexuallockstoff in den Räumen zu
versprühen. Möglicherweise spielen hier unterschiedliche
Empfindlichkeiten eine Rolle; manche Menschen sind so
geruchssensibel, dass sie Konzentrationen in der Größen-
ordnung von 10 ppt, also zehn Volumenteile eines Stoffes
auf eine Trillion Volumenteile Luft (das ist ein Millions-
tel von einem Millionstel von einem Millionstel), wahr-
nehmen; eine höhere Konzentration kommt ihnen vor
wie ein abstoßender Uringeruch. Bei Frauen liegen die
Schwellen dreimal niedriger als bei Männern, insbesonde-
re während der Menstruation. Auf die für diesen Geruch
empfindlichen Frauen würden also winzige Dosen beim
Mann erregend wirken. In einer nur sehr geringfügig hö-
heren Konzentration lösen diese Gerüche eher Ablehnung
(Schweißgeruch im Aufzug oder in einer Menschenmenge)
als Anziehung aus.

Fazit
Möchte man gut ankommen, braucht man es mit dem Par-
füm nicht zu übertreiben, man sollte aber auf alle Fälle das
Candlelight-Dinner gleich nach dem Joggen vermeiden.
156
156 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

45 Warum erscheinen Ihnen


manche Töne harmonisch
und andere völlig schräg?
Schall ist ein komplexer Sinneseindruck. Auf physikali-
scher Ebene entspricht die Schallwelle Molekülen, die sich
gegenseitig anstoßen wie Leute in einer Menschenmenge
oder wie Dominosteine, die, zu einer Reihe aufgestellt, an-
gestoßen werden und alle nacheinander umfallen. Ebenso
beginnt ein Ton mit einem Stoß, einem Schlag auf eine
Box, einem plötzlich erhöhten Luftdruck in einer Röhre.
Der Stoß bringt die Luftmoleküle in Bewegung, die wiede-
rum ihre Nachbarn anstoßen und so weiter, bis die Energie
verbraucht ist. Es entsteht eine Schallwelle, genau wie eine
Welle in Wasser. In der Luft (für den Menschen der Nor-
malfall) pflanzt sich der Schall mit einer Geschwindigkeit
von 340 km in der Sekunde fort, also mit 1200 km/h. Hier
liegt die berühmte Schallmauer.

Physikalisch gesehen ist ein Ton eine komplexe periodische


Welle (die sich in immer derselben Form wiederholt); ist
die Welle nicht regelmäßig – nicht periodisch –, wird sie
als Geräusch wahrgenommen. Diese komplexe Welle wird
beschrieben durch drei physikalische Parameter, die drei
Kategorien auditiver Wahrnehmungen entsprechen. Die
Stärke des Tones oder der Schalldruck entspricht der Laut-
stärke, die wir beispielsweise an unserem Radio oder Fern-
seher einstellen. Die Lautstärke wird in Dezibel gemessen,
zu Ehren von Graham Bell, einem der amerikanischen
Erfinder des Telefons. Die Frequenz entspricht der Zahl
der Schwingungen (Wellen) pro Sekunde, und sie wird als
3  Wahrnehmung   1157
57

Zerlegung in Grund-
schwingung und Ober-
natürliche Schalldruck schwingungen
Schalldruck
Schallwelle (Watt/cm2)
(Watt/cm2)
Grundschwingung
Schalldruck Schalldruck
hoher

Zeit
niedriger

Oberschwingungen Zeit

1 Periode oder Zyklus 1 Periode oder Zyklus

Abb. 3.2   Die Schallwelle ist ein komplexes Wellenbündel, das


sich aus „Basiswellen“ – Grundton und harmonischen Oberschwin-
gungen – zusammensetzt

Tonhöhe wahrgenommen. Sind die Schwingungen sehr


zahlreich (viele eng beieinanderliegende Wellen), hören
wir einen hohen Ton. Bei wenigeren, längeren Wellen hö-
ren wir einen tiefen Ton. Die Frequenz wird gemessen in
Hertz, benannt nach dem deutschen Physiker, der Schwin-
gungsphänomene erforscht hat.
Es gibt noch einen dritten Parameter. Er hat mit der
Komplexität der Welle zu tun und wird als Klangfarbe be-
zeichnet. Letztlich setzt sich eine Schallwelle (auf einem
Bildschirm dargestellt wie in Abb. 3.2) aus mehreren einfa-
chen Sinuswellen (reinen Tönen) zusammen. In der Musik
spricht man von Grundton für die Grundschwingung oder
Grundfrequenz (sie legt die Note fest) und harmonischen
Oberschwingungen oder Partialschwingungen. Die Zahl
und die spezifischen Besonderheiten der Oberschwingun-
gen machen die „Persönlichkeit“ eines Musikinstruments
158
158 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

aus; deshalb nehmen wir dieselbe Note, je nachdem, ob sie


ein Klavier oder ein Saxophon oder auch die menschliche
Stimme hervorbringt, anders wahr.
Dieses Frequenzphänomen macht zwei wichtige Be-
griffe in der Musik verständlich: Oktave und Harmonie.
Eine Oktave entspricht annähernd der Verdoppelung der
Frequenz auf jeder Oktavenstufe; die Cs beispielsweise ha-
ben 16, 32, 64, 128 Hz, bis hinauf zu über 16.000. Was
den Akkord betrifft, so entspricht die erste Oberschwin-
gung der Frequenz der zwölften Note über der Note des
Grundtones und die zweite Oberschwingung der 17. Note
darüber. Bei einem C beispielsweise ist die zwölfte ein G
und die 17. ein E. Gemeinsam gespielt ergeben die drei
Noten einen angenehmen Klang; das ist das Prinzip des
vollkommenen Akkords. Die durchschnittlichen Gren-
zen der Wahrnehmbarkeit liegen im Mittel zwischen etwa
20 Hz (Hertz =  Zahl der Schwingungen pro Sekunde) –
den tiefsten Tönen einer Orgel – und den höchsten Tönen
mit 20.000  Hz. Es folgen einige Beispiele: Männerstim-
men liegen zwischen 100 und 200 Hz und Frauenstimmen
zwischen 150 und 300 Hz. Die von Kindern sind noch hö-
her und liegen zwischen 200 und 400 Hz. Allerdings hängt
das sehr stark von den Vokalen ab. Das O liegt bei ungefähr
150  Hz, das I dagegen erreicht bis zu 2.500  Hz. Musik-
instrumente erzeugen ein breiteres Frequenzspektrum. Das
Klavier liegt bei 27 bis 4.150 Hz, während die Orgel das
gesamte Hörspektrum des Menschen abdeckt; ihre tiefs-
ten Töne (die größten Pfeifen) schwingen mit 16 Hz, ihre
höchsten reichen hinauf bis zu 16.700, was den höchsten
für die meisten Menschen überhaupt hörbaren Tönen ent-
spricht. Tatsächlich empfinden wir Töne sehr schnell als
hoch, da die Stimme einer Opernsängerin bis zu 1150 Hz
3  Wahrnehmung   1159
59

erreicht und eine sehr hohe Flöte bis zu 4550. Die höchs-
ten Töne gehören sehr oft zu den Oberschwingungen.

Fazit
Im Vergleich mit unseren tierischen Freunden nehmen
sich unsere Leistungen hervorragend aus. Manche Tiere
jedoch stellen uns in den Schatten: Fledermäuse beispiels-
weise hören je nach Art Töne zwischen 50 und 100  kHz
(100.000 Hz), und der Delfin nimmt Töne bis zu 150 kHz
wahr. Wäre er ein Opernliebhaber, fände er wohl die Stim-
men von Sopranen sehr tief.

46 Warum fährt Ihnen Musik in die


Beine?
Das Ohr wandelt die Stöße von Molekülen in bioelektrische
Signale um, aus denen das Gehirn die tönende, klingende
Welt erschafft. Das Ohr gliedert sich in drei Abschnitte
(Abb. 3.3) – das sichtbarste ist das unnötigste. Das äuße-
re Ohr (Ohrmuschel) bündelt die Schallwellen und leitet
sie wie ein Trichter zum Trommelfell. Nebenbei bemerkt
besitzt der Fennek, ein kleiner Wüstenfuchs, oder die Fle-
dermaus riesige Lauscher. Der Delfin jedoch hat überhaupt
keine (das würde ihn im Wasser bremsen), was zeigt, dass
die Ohrmuschel zum Hören nicht notwendig ist. Der äuße-
re Gehörgang endet am Trommelfell, einer Membran, die
in Abhängigkeit vom Luftdruck schwingt, genau wie die
Bespannung einer Trommel. Das Mittelohr bilden die drei
Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel. Sie
160
160 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Hammer
Amboss
Trommelfell Steigbügel
ovales
Fenster
Eingang der
Cochlea

rundes Fenster

Cochlea
oder
Schnecke

äußeres Ohr Mittelohr Innenohr

Abb. 3.3   Das Ohr gliedert sich in drei Abschnitte. Das äußere
Ohr (Ohrmuschel) bündelt die Schallwellen, die das Trommelfell
in Schwingung versetzen. Das Mittelohr besteht aus drei Knöchel-
chen, welche die Schwingungen verstärken und zu einer Memb-
ran (ovales Fenster) am Eingang zur Cochlea (oder Hörschnecke)
weiterleiten. Dort werden die Schwingungen analysiert

fügen sich elastisch aneinander, nehmen die Schwingungen


des Trommelfells auf und leiten sie mechanisch weiter.
Das Innenohr ist eine Knochenstruktur, die einen Hohl-
raum bildet. Man bezeichnet es als Hörschnecke, weil es
schneckenhausförmig gedreht ist. Es enthält das Sinnes-
organ für Hörempfindungen, die Cochlea. Durch diese
zieht sich der Länge nach die cochleare Trennwand, die das
eigentliche Hörorgan, das Corti-Organ, enthält. Dieses be-
steht aus der Basilarmembran, die das Innere der Schnecke
3  Wahrnehmung   1161
61

auskleidet, und einer zweiten, in der umgebenden Flüssig-


keit (einer Art Meerwasser) beweglichen Membran, ver-
gleichbar einer in den Meereswellen wogenden Alge. Bei
ihren Bewegungen reibt diese Tektorialmembran an den
Cilien von speziellen Nervenzellen in der Basilarmem-
bran, Haarzellen genannt. Diese Aktivierungen durch die
„Wogen“ in der Schnecke lösen bioelektrische Potenziale
aus und setzen damit das auditive Signal in Gang. Von den
Haarzellen gehen Axone aus, die sich zum Hörnerv ver-
einigen. Dieser sendet die Informationen an verschiedene
Hirnzentren, die dann je nach ihrer speziellen Funktion das
Signal als Lärm, Musik oder Worte interpretieren.

Der ungarische Physiologe Georg von Békésy (Nobelpreis


für Physiologie oder Medizin 1961) beobachtete als Ers-
ter die Bewegungen in echten, mit kleinen Durchbrüchen
versehenen Hörschnecken von Tieren. Da eine Cochlea
winzig ist, setzte er alle Hebel in Bewegung, um sich die
Cochlea eines Zooelefanten zu verschaffen, von dessen Tod
er gehört hatte. Nach geduldigen Untersuchungen wies er
nach, dass die Sinneszellen für die höchsten Frequenzen
(hohe Töne) am Eingang der Schnecke liegen und sich
der Reihe nach immer tiefere Frequenzen (tiefe Töne) bis
zum Cochleaende hin anschließen. Diese Besonderheit er-
klärt, warum Schwerhörigkeit zuerst bei den hohen Tönen
einsetzt, denn der Schall ist am Eingang der Schnecke am
stärksten.

Fazit
Bestimmte Schallparameter haben zu tun mit Druck, mit
dem Stoß von Molekülen gegen das Trommelfell, was mit-
162
162 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

unter dazu führt, dass es reißt. Doch der Schall wird im


Innenohr in Schwingungen umgewandelt, und das ist viel-
leicht der Ursprung des Tanzes, das heißt unseres unwider-
stehlichen Dranges, schwingende Bewegungen mit Tönen
zu verknüpfen.

47 Warum ist es gefährlich, volle


Kanne Musik zu hören?
Toningenieure messen die Schallstärke in Dezibel. Die
Schmerzschwelle, das heißt der Punkt, ab dem der Aufprall
der Luftmoleküle auf das Trommelfell schmerzhaft wird,
liegt bei 100 Dezibel (dB). Im Alltag treten häufig Geräu-
sche mit sehr hoher Intensität auf. Es folgen einige unter-
schiedlich laute Lärmquellen in Form eines „Lärmthermo-
meters“ (Abb. 3.4).
Geräusche bis 50  dB (eine leise Waschmaschine) sind
schwach, doch ab 80 dB werden sie störend oder belastend
(laute Straße oder Gaststätte). Das ist das Zeichen für einen
zu starken Druck auf die Hörorgane, die bei über 100 dB
Schaden nehmen können.
Nun hängt es auch vom Schalldruck ab, wie man Töne
verschiedener Frequenzen wahrnimmt. Einem Audio-
gramm kann man entnehmen (Abb. 3.5), dass die Hör-
schwelle (die kleinste wahrnehmbare Intensität) für mittle-
re Frequenzen wie die menschliche Stimme bei nur einigen
Dezibel liegt, während man einen sehr lauten Ton von fast
100  dB benötigt, will man die Extremfrequenzen – sehr
tiefe Töne (20 Hz) oder sehr hohe (über 4000 Hz) – ver-
nehmen. Aufgrund dieser Eigenheit unseres auditiven Sys-
3  Wahrnehmung   1163
63

130 dB
Schmerz-
schwelle 120 dB

110 dB
gefährlicher
100 dB
Lärm
90 dB
belastender
Lärm 80 dB

70 dB
normaler
60 dB
Lärm
50 dB

40 dB

geringer 30 dB
Lärm
20 dB
10 dB

0 dB

Abb. 3.4   Dezibelskala

tems hören wir Musik mit hoher Lautstärke (Konzert, Dis-


ko, MP3-Player etc.), um die hohen und tiefen Töne gut
mitbekommen. Aber das ist eine gefährliche Gewohnheit.

Da Lautstärke auf den Aufprall von Luftmolekülen auf


das Trommelfell zurückgeht, kann übermäßige Lautstär-
ke die empfindlichen Strukturen der Cochlea zerstören.
In Experimenten erlitten Versuchstiere, die man 20  min
lang Tönen mit 130 dB aussetzte, irreversible Schäden der
Cochlea: Die Tektorialmembran schlug so heftig auf die
Cilien der Haarzellen des Corti-Organs, dass diese zerstört
wurden und irreversible Taubheit eintrat.
164
164 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

100

80
Lautstärke in Dezibel

60

40

20

0 Frequenz
15

30

60

120

250

500

1000

2000

4000

8000

16000
in Hertz

Abb. 3.5   Audiogramm: Man muss lauter stellen, um sehr tiefe


(15 bis 100 Hz) und sehr hohe (8.000 bis 16.000 Hz) Töne zu hören

Fazit
Laut Datenerhebungen in verschiedenen Ländern leiden
immer mehr Jugendliche aufgrund moderner Hörgewohn-
heiten unter Schwerhörigkeiten. Musik aus tragbaren Ge-
räten wie MP3-Playern erreicht oft 80 bis 110 dB, Rock-
konzerte sogar 100 bis 115 dB. Aus Audiogrammen nor-
wegischer Rekruten ging hervor, dass der Prozentsatz von
jungen Leuten mit Hörverlusten für hohe Töne im Zeit-
raum zwischen 1981 und 1987 von 18 % auf 35 % an-
gestiegen war (Rabinowitz 1992). Hohe Töne erregen in
der Tat die Sinneszellen ganz vorn in der Cochlea, wo der
Schall am stärksten ist (auf dem Weg die Schnecke entlang
nimmt die Energie ab). Eine französische Untersuchung an
mehr als 2.000 Gymnasien ergab 1994 einen durchschnitt-
lichen Verlust des Hörvermögens von zehn Dezibel für
3  Wahrnehmung   1165
65

hohe Töne.1 Für alle, die beruflich lautem Schall, ob Lärm


oder Musik, ausgesetzt sind, ist es daher unabdingbar, ein
Audiogramm zu erstellen, denn es besteht das Risiko, dass
sie schwerhörig oder gar taub werden.

48 Warum wird uns schwindelig?


Es gibt einen sechsten Sinn – den Gleichgewichtssinn. Das
sagt man halt so, denn wir besitzen schließlich viel mehr
als fünf Sinne (unbewusste Empfindungen, die vier hapti-
schen Sinne etc.). Dieser ebenfalls im Innenohr sitzende
Sinn wird häufig vergessen. Er funktioniert ganz ähnlich
wie der Hörsinn, denn auch hier werden Haarzellen in
Hohlräumen erregt, die im selben Knochen liegen wie die
Schnecke. Der Vestibularapparat (Abb. 3.6) besteht aus
zwei Makulaorganen (Utriculus und Sacculus) als stati-
schem Organ und drei halbkreisförmigen, senkrecht zuei-
nander stehenden Bogengängen für Bewegungen im Raum
(z. B. Walzerdrehungen).

Zahlreiche Experimente zeigen, dass Sacculus und Utricu-


lus Haarzellen enthalten, deren Cilien in eine Art Gelatine
eingebettet sind. Auf deren Oberfläche „kleben“ die Otoli-
then, kleine Kalkkristalle.
Neigt man den Kopf oder erfährt der Körper eine Be-
schleunigung (Auto, Flugzeug etc.), bewegt das Gewicht
der Otolithen die Cilien der Haarzellen, und das löst ein
bioelektrisches Signal aus. Die Haarzellen sind so groß,
dass sie manche Forscher mit einem an der Basis bewegli-
chen und somit eine enorme Kraft ausübenden Eiffelturm

1 
Quelle: MGEN, Oktober 1995.
166
166 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Bogengänge

Utriculus
Otolithen

Ampullen

Sacculus Haarzellen

(Das statische Gleichgewicht ermitteln zwei kleine „Beutel“, Sacculus und Utriculus.
Sie enthalten Kalkkörnchen (Otolithen), welche die Cilien der Haarzellen erregen.
Für das dynamische Gleichgewicht sind die Bogengänge zuständig. Sie sind
gefüllt mit einer Flüssigkeit, und diese erregt die Haarzellen in den zugehörigen,
an ihrer Basis gelegenen Ampullen.)

Abb. 3.6   Der Vestibularapparat ist das Organ des Gleichgewichts


(nach Lieury 2011)

verglichen haben – schon eine winzige Bewegung ruft eine


Bewegungsempfindung hervor. Aus diesem Grund werden
viele Menschen reisekrank oder können nicht Karussell
fahren.

Fazit
Nach Ansicht mancher Forscher erwächst das Schwindel-
gefühl, ja sogar die Reisekrankheit, aus einem Deutungs-
konflikt: Unser wichtigster Sinn, das Sehen, liefert keine
3  Wahrnehmung   1167
67

Informationen über Bewegungen, etwa im Auto oder Flug-


zeug, während das Gehirn von den Gleichgewichtsorganen
Informationen über manchmal heftige Bewegungen erhält.
Man merkt übrigens, dass man im Auto nur immer nach
vorn auf die Straße zu schauen braucht, um die Übelkeit
zu dämpfen, und wenn man selbst am Steuer sitzt, tritt sie
meist gar nicht erst auf.

49 Was ist das: Licht?


Wenn wir sehen, geschieht im Grunde nichts anderes, als
dass das Gehirn Wellen aus einem ganz kleinen Ausschnitt
des elektromagnetischen Spektrums aufnimmt und inter-
pretiert. Physikalisch gesehen kann man Licht sowohl als
Teilchen (Photonen) als auch als Wellen betrachten. Diese
Wellen pflanzen sich (im luftleeren Raum) mit einer Ge-
schwindigkeit von 300.000 km/s fort und reichen je nach
Wellenlänge von der kosmischen Strahlung bis zu den Ra-
diowellen. Beispielsweise liegt die Wellenlänge von „Lang-
wellen“-Radiosendern in einer Größenordnung von Kilo-
metern, während Röntgenstrahlen Wellenlängen unter
einem Milliardstel Meter (Nanometer, nm) aufweisen.

Der sichtbare Bereich des elektromagnetischen Spektrums,


das Lichtspektrum oder der visuelle Bereich (VIS), liegt
zwischen 400 und 700  nm, das heißt unmittelbar unter
dem Mikrometer (1000 nm = 1 µm).
168
168 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

kosmische Strahlung
Gammastrahlen
Röntgenstrahlen
Radar
400 500 600 700
sichtbares Mikrowellen
Licht Fernsehen
Ultraviolett Infrarot Radiowellen

10−12 10−10 10−8 10−6 10−4 10−2 100 102 104 106

10−9 10−3
1 nm 1 µm 1 mm 1m 1 km

Die Mehrzahl der Tiere nimmt den selben Bereich des


Spektrums wahr, doch es gibt Ausnahmen: Die Biene sieht
einen Teil des ultravioletten Lichtes, während Nachtfalter
Infrarot sehen können.

Fazit
Wir sind also umgeben von Strahlung, sehen jedoch nur
einen winzigen Teil davon. Wir nehmen weder die kosmi-
sche Strahlung noch Radiowellen noch die unserer Mikro-
welle oder unseres Handys wahr. Zum Glück bekommen
Leute, die etwas gegen Strahlung haben, nichts davon mit!

50 Warum sieht unser Auge die


Bilder auf dem Kopf?
Das Auge lässt sich mit einer Kamera oder einem Fotoap-
parat vergleichen: Seine Funktion besteht darin, auf dem
Augenhintergrund ein Bild zu erzeugen. Die ersten, die das
Auge als optisches System (der Fotoapparat war noch nicht
3  Wahrnehmung   1169
69

Sklera (Lederhaut)
stützende Hülle
Aderhaut
Cornea (Hornhaut) Versorgung
Vorsatzfilter

Fovea (Sehgrube)
Punkt des
Augenlinse schärfsten Sehens
Linse

Iris Sehnerv
Blende Ciliarmuskeln Übertragungsleitung
Blendeneinstellung

Abb. 3.7   Augapfel und Entstehung des Netzhautbildes (nach


Lieury 2011)

erfunden) begriffen haben, waren Leonardo da Vinci und


René Descartes.

Das Auge enthält durchsichtige, gekrümmte Strukturen,


welche die von den Gegenständen reflektierten (zurück-
geworfenen) Lichtstrahlen brechen (Abb. 3.7). Diese re-
flektierten Strahlen erzeugen auf der Retina oder Netzhaut
kleine Bilder, vergleichbar mit auf eine Leinwand proji-
zierten Dias. Eine dieser Strukturen ist die durchsichtige
Membran auf der Vorderseite des Auges, die Cornea oder
Hornhaut. Dahinter befindet sich eine Art durchsichti-
ges „Ei“, die Linse. Sie erfüllt die Funktion eines Zooms.
Durch Einwirkung der Ciliarmuskeln flacht sich diese
„Sammellinse“ ab oder wölbt sich stärker, wodurch die
Brechkraft der Linse angepasst wird (Akkommodation). Ist
das Objekt beispielsweise nahe, wölbt sich die Linse stärker
und erzeugt auf der Netzhaut ein kleineres Bild.
170
170 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Vor der Linse sitzt eine „Blende“ aus Ringmuskeln, die


Iris oder Regenbogenhaut, die den Augen auch ihre Farbe
verleiht. In der Mitte befindet sich ein Loch, die Pupille.
Sie erscheint schwarz, obwohl es sich in Wirklichkeit nur
um eine Öffnung handelt. Bei sehr hellem Licht verengt
sich die Pupille, um die Netzhaut vor Verbrennungen zu
schützen, und im Halbdunkel erweitert sie sich.

Fazit
Auf den Bau des Augapfels sind Erscheinungen wie etwa
die Kurzsichtigkeit (Myopie) zurückzuführen. Diese beruht
auf einer zu starken Brechkraft des Auges (bzw. einer über-
durchschnittlichen Länge des Augapfels), sodass das Bild
beim Blick in die Ferne vor der Netzhaut entsteht und da-
her unscharf erscheint.
Falls Sie sich mit Optik nicht gut auskennen, schauen Sie
sich das Schema (in Abschn. 56) gut an. Wenn die Licht-
strahlen die Linse in gerader Linie passieren, entsteht auf
der Projektionsfläche (im Auge auf der Netzhaut) ein auf
dem Kopf stehendes Bild des Gegenstands. Und dennoch
sehen wir ihn richtig herum – das Gehirn stellt ihn wieder
auf die Füße.

51 Warum ist das Leben bunt?


Wir sind es gewohnt, farbig zu sehen, und wundern
uns, wenn wir gelegentlich jemandem begegnen, der nur
schwarzweiß sieht. Tatsächlich ist das bei einem Großteil
3  Wahrnehmung   1171
71

unserer Vorfahren, der Tiere, die Regel. Wir sehen dank


einer speziellen Neuronenschicht, der Retina, die unserem
Fotoapparat Auge als „Film“ oder „Chip“ dient. In dieser
Netzhaut kommen vor allem zwei Arten von Zellen vor,
die das Licht in elektrische Signale umwandeln: Zapfen
und Stäbchen. Die Stäbchen sehen schwarzweiß, die Zap-
fen hingegen farbig, wie zahlreiche Experimente erhärteten.
Angefangen hat die Forschung jedoch mit dem englischen
Physiker Thomas Young, der, ohne es zu wissen, ein psy-
chologisches Experiment anstellte.

Das sichtbare Licht erscheint uns weiß, doch physikalisch


setzt es sich aus mehreren verschiedenen Wellenlängen zu-
sammen. Mittels eines Prismas lässt es sich in alle Regen-
bogenfarben zerlegen (bei einem Regenbogen wirken die
Wassertropfen als Prismen). Nur Licht von einer einzigen
Wellenlänge, monochromatisches Licht, erzeugt eine reine
Farbe, auch Spektralfarbe genannt. Die Erforschung des
Farbensehens erfolgt mithilfe dieser reinen Farben. Dabei
verwendet man meist Farben mit etwa den folgenden Wel-
lenlängen (in Nanometern, das heißt Milliardstel Metern):

400 500 600 700


172
172 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Abb. 3.8   Durch die Mischung von Rot, Grün und Blau lassen sich
alle Farben erzeugen

Thomas Young (1773–1829) trat in die Fußstapfen New-


tons. Dieser jedoch hatte sich nur vorstellen können, dass
unsere Farbwahrnehmung auf einer Vielzahl von Rezepto-
ren beruhen müsse (wir nehmen im Mittel 128 Farbtöne
wahr). Young stellte Farbmischexperimente mit reinen Far-
ben an und wies nach, dass sich praktisch alle Farbtöne mit
nur drei Farben erzeugen ließen. Seine Theorie von 1802
nennt man die trichromatische oder Dreifarbentheorie der
Farbwahrnehmung (Abb. 3.8).
3  Wahrnehmung   1173
73

Doch da sich mehrere Grundfarben mit ähnlichen Er-


gebnissen verwenden lassen, entdeckte der bedeutende
deutsche Physiologe Hermann von Helmholtz (1821–
1894), dass die besten Grundfarben Rot, Grün und Blau
sind.
Moderne Forschungen bestätigten, dass das Farbense-
hen auf drei Arten von Zapfen beruht. Sie enthalten ent-
weder ein für Rot, für Grün oder für Blau empfindliches
Pigment. Warum sehen wir Gelb? Im Gegensatz zu den
Farben eines Malers kommt Gelb als Grundfarbe nicht vor
(keine Zapfen oder Pigmente für Gelb), aber wir nehmen
es wahr, weil die Zapfen für Rot und Grün gleichzeitig er-
regt werden.
Viele tagaktive Wirbeltiere besitzen eine Netzhaut mit
Zapfen und Stäbchen und können Farben unterscheiden,
etwa Affen und tagaktive Vögel, darunter die Hühner. Bei
zahlreichen anderen Tieren jedoch – Hund, Pferd, Rind
etc. – finden sich in der Retina überwiegend farbunemp-
findliche Stäbchen. Selbst Ihre Majestät die Katze kann
offenbar keine Farben unterscheiden (Bonaventure 1965).
Man hat drei Gene entdeckt, welche beim Menschen die
Produktion der Farbsehpigmente steuern (Nathans 1989).
Das Gen für das blauempfindliche Pigment liegt auf Chro-
mosom 7, die Gene für das grün- und rotempfindliche
Pigment liegen am Anfang des Geschlechtschromosoms
X (Nr. 23, nicht auf dem Y-Chromosom, dem ein „Arm“
fehlt). Bei der Verdoppelung der Chromosomen während
der Zellteilung kann es passieren, dass ein Chromosom das
Gen für Grün verliert oder sogar die beiden für Grün und
Rot. Diese Störung heißt Farben- oder Rotgrünblindheit,
auch Daltonismus genannt, nach dem englischen Chemi-
ker John Dalton (1766–1844), der diese Farbenblindheit
an sich selbst festgestellt hatte.
174
174 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Fazit
Eine bedeutende Anwendung der trichromatischen Theorie
ist der Farbfernseher (oder Plasma- oder LCD-Fernseher).
Der Bildschirm setzt sich zusammen aus einer Vielzahl
kleiner Rechtecke, den Pixeln. Vereinfacht gesagt, besteht
jedes Pixel aus zwei Reihen kleiner Quadrate, die ein rotes,
ein grünes und ein blaues Pigment enthalten. Dieses Ver-
fahren beruht also auf dem sogenannten RGB-Farbraum
(Rot, Grün, Blau), Hätte es damals schon Patente gegeben,
Young und Helmholtz wären Milliardäre geworden!

52 Zwei Fotoapparate mit Millionen


Pixeln!
Das Auge ist gebaut wie eine Kamera: Ohne Film oder
heute Chip ist es nutzlos. Das Gegenstück zum Chip ist
die Retina, eine komplexe Nervengewebeschicht. Sie be-
steht hauptsächlich aus 127  Mio. Photorezeptoren, licht-
empfindlichen Sinneszellen. Das ist eine enorme Zahl,
wenn man bedenkt, dass heutige digitale Universalkameras
16  Mio.  Pixel und mehr haben und der Film einer ana-
logen (herkömmlichen) Kamera 16  Mio. entspricht. Der
Sehvorgang beginnt mit speziellen Nervenzellen, die ein
Pigment enthalten; treffen Photonen darauf, bricht es aus-
einander und erzeugt ein bioelektrisches Signal. Dieses wird
von im Sehnerv gebündelten Nervenbahnen an das Gehirn
weitergeleitet. Es gibt zwei Arten von Photorezeptoren. Die
Stäbchen (die alle Tiere besitzen) bewerkstelligen das Sehen
in Schwarzweiß; davon haben wir 120  Mio. Darüber hi-
3  Wahrnehmung   1175
75

naus besitzen wir (und einige Tierarten) sieben Millionen


Zapfen, mit denen wir farbig sehen können.
Auffällig ist jedoch, dass die Retina nicht homogen ist,
denn sie enthält eine zentrale Region, die Fovea oder Seh-
grube. Alles Übrige bezeichnet man als Peripherie (genau
wie Stadtzentrum und Peripherie). Die Fovea ist winzig
klein; sie misst lediglich 0,4  mm im Durchmesser. Den-
noch stellt sie eine ganz besondere Struktur dar, denn jeder
ihrer Zapfen ist über eine eigene Nervenleitung mit dem
Gehirn „verkabelt“. Dadurch nimmt das Gehirn zwei klei-
ne Lichtsignale, die sich in ihrer Stärke nur um ein Sech-
zigstel unterscheiden, als verschieden wahr. Diese außeror-
dentliche Besonderheit, die im Tierreich nicht die Regel ist,
macht die Sehschärfe aus. Dagegen sind die Photorezepto-
ren der Peripherie (vor allem die Stäbchen) zu Büscheln zu-
sammengefasst, sodass man immer verschwommener sieht,
je weiter sie vom Zentrum der Netzhaut, dem Sitz der Fo-
vea, entfernt liegen.
Beim Menschen entspricht die Sehschärfe einer Win-
kelminute2 (1/60 Grad). Das stellt im Tierreich eine sehr
gute Leistung dar, denn beim Rind entspricht sie sieben
Minuten, 18 bei Fischen und einer bei der Biene; unsere
Haus- und Nutztiere – Katzen, Hunde, Kühe – sehen meist
verschwommen. Und Zebras sind möglicherweise deshalb
gestreift, damit die kurzsichtigen Löwen nur bewegte Strei-
fen und keine einzelnen Zebras wahrnehmen, wenn ihre
Beutetiere als Herde vorüberlaufen. Dagegen übertreffen

2 
Für den physikunkundigen Leser: Die Maßeinheit Minute wird sowohl bei
der Zeitmessung als auch der Winkelmessung benutzt. Diese doppelte Verwen-
dung geht zurück auf die babylonischen Astronomen (damals sagte man „Astro-
logen“), die ein Zählsystem auf der Grundlage von 60 verwendeten und kein
Dezimalsystem wie wir heute.
176
176 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

uns die Raubvögel bei Weitem. Beim Adler etwa sitzen die
Zapfen fünfmal dichter als beim Menschen, und der Bus-
sard besitzt zwei Sehgruben, eine für die Fernsicht und eine
mit starker Vergrößerung.

Im Allgemeinen werden Wörter (Overton und Wiener


1966) oder Details von Zeichnungen (Nelson und Loftus
1980) nur in einem Winkel von zwei Grad (je ein Grad zu
beiden Seiten der fixierten Stelle) ausreichend scharf (mit
ungefähr 50 %) gesehen. Das ist sehr wenig und entspricht
in der Praxis gerade mal der Länge eines Wortes. Machen
Sie einmal den folgenden Versuch:
Lassen Sie einen Freund starr auf Ihren Zeigefinger
schauen, und zeigen Sie ihm dann ein Buch. Bitten Sie ihn,
den Titel zu lesen, ohne dass er den Blick von Ihrem Zei-
gefinger wendet. Nähern Sie das Buch Ihrem Zeigefinger,
und Sie werden feststellen, dass Ihr Freund den Titel erst zu
lesen vermag, wenn sich das Buch direkt vor seinen Augen
(anstelle Ihres Zeigefingers) befindet. Außerhalb der Fovea
sieht man also sehr unscharf (peripheres Sehen) – in dieser
Weise sehen die meisten Tiere.

Fazit
Da der Bereich des scharfen Sehens sehr klein ist, hat man
dies in praktischen Anwendungen berücksichtigt. So haben
Sie beim Autofahren sicher schon gemerkt, dass es schwie-
rig ist, auf die Straße und zugleich auf die Anzeigen auf dem
Armaturenbrett zu achten. Deshalb werden in manchen
modernen Fahrzeugen die Geschwindigkeit oder Warn-
signale (Ölkontrolllampe) in Leuchtschrift auf die Wind-
3  Wahrnehmung   1177
77

schutzscheibe projiziert. Ein anderes Phänomen, das sich


aufgrund der engen Begrenzung des zentralen Sehens erklä-
ren lässt, ist der von Fachleuten für Augenzeugenaussagen
sogenannte „Waffeneffekt“. Forscher haben festgestellt, dass
sich der Zeuge nach einem bewaffneten Angriff schlechter
an den Angreifer erinnert, weil er eher auf die Waffe gestarrt
hat. Und nicht zuletzt lassen wir uns beim Einkaufen zu
unbedachten Entscheidungen hinreißen, denn die teuers-
ten Produkte sind in Augenhöhe platziert und die billigs-
ten finden sich meist im untersten Regal. Ach, man hats
schwer, wenn man kurzsichtig ist!

53 Warum fällt es Ihrem Kind so


schwer, die Ostereier zu finden?
Zur Zeit von Christoph Kolumbus und Magellan erkunde-
ten die Seefahrer ferne Länder mithilfe von Kompass und
Sonnenstand. So ermöglichten sie es den Kartografen, Kar-
ten der Welt zu zeichnen. Die Wahrnehmung geht nicht
anders vor; das Gehirn ist der Kartograf, und die Augen
sind die Erforscher der visuellen Welt.
Das Auge sieht nur in einem so kleinen Winkel völlig
scharf (zentrales Sehen in einem Bereich von zwei Grad;
Abschn.  52), dass sich das Gehirn nur dank der Beweg-
lichkeit der Augen ein Gesamtbild zu verschaffen vermag.
Versuchen Sie einmal, mit Ihrer Nase oder Ihren Ohren zu
wackeln! Das Auge hingegen, bewegt von sechs Muskeln,
kann sich sehr rasch drehen und nach vielen Richtungen
Informationen erfassen. Die Formwahrnehmung beispiels-
178
178 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

weise ist nicht von einem Sehsystem alleine (Fovea oder


Peripherie) zu bewältigen. Deshalb werden zentrales und
peripheres Sehen in regelrechten Erkundungsstrategien
koordiniert. Diese bezeichnet man als Sakkaden und Fi-
xierungen.

Während wir subjektiv den Eindruck einer Rundumsicht


gewinnen, entsteht das Panorama dennoch wie zur Zeit der
großen Entdecker. Die einen verzeichnen in ihrem Bord-
buch die Koordinaten der erkundeten Inseln und Küsten,
und nach der Rückkehr in die Heimat zeichnen die Karto-
grafen die Umrisse der Kontinente.
Zwei Forscher von der kalifornischen Universität Ber-
keley, David Norton und Lawrence Stark, wandten ein
sehr raffiniertes Untersuchungsverfahren an. Ein dünner
Infrarotlichtstrahl (der für die Versuchsperson unsichtbar
ist) wird von ihrem Auge auf die gesehene grafische Dar-
stellung reflektiert, sodass eine Kamera jede Fixierung des
Auges auf eine bestimmte Stelle der Abbildung als roten
Punkt aufnehmen kann. Bei mehrmaliger Wiederholung
des Experiments stellten die Autoren fest, dass sich der
Verlauf der Augenbewegungen ähnelte, was dafür spricht,
dass die Versuchsperson sie sich einprägt. Wenn sie dann
überdies eine bereits gesehene Figur unter unbekannten
wiedererkennen soll, dann bleibt der Augenbewegungs-
verlauf für die erkannte Figur demjenigen vom Ende der
Lernphase ähnlich. Die Bewegungsabfolge dürfte daher ge-
speichert worden sein, so wie unser Entdecker sich an seine
wichtigsten Fahrten entlang einer Küste erinnern dürfte.
Aufgrund dieser Ergebnisse vermuten Norton und Stark,
dass das Abtasten einer Figur die Speicherung von zwei In-
formationsarten bewirkt: Gespeichert werden zum einen
3  Wahrnehmung   1179
79

Kameraobjektiv

Abb. 3.9   Verfahren zur Untersuchung der visuellen Exploration


bei Kindern (modifiziert nach Vurpillot 1974)

die bei jeder Fixierung aufgenommenen sensorischen In-


formationen (Querlinien, Vertikalen, Farbe etc.) entspre-
chend dem, was die Fovea bei jeder Fixierung sieht, und
zum anderen die motorischen, von den Augenbewegungen
generierten Informationen. Wir erblicken also eine Figur,
ein Plakat, eine Person oder eine Straße nicht als Ganzes,
sondern in kleinen „Portionen“, und erst das Gehirn macht
daraus ein Ganzes. Die Sache verläuft aber nicht vollkom-
men perfekt. Beispielsweise machen Augenzeugen häufig
lückenhafte oder falsche Angaben, und bestimmte Plakate
lenken geschickt unseren Blick auf sich, sodass wir Gefahr
laufen, eine rote Ampel zu übersehen.
Die Studien zur visuellen Exploration bei Kindern zei-
gen deutlich, dass die Erkundung mit den Augen in recht
unsteter Weise erfolgt und erst im Laufe jahrelangen Ler-
nens systematisch wird.
Das Kind soll die Fenster in zwei Hausfassaden verglei-
chen (Abb. 3.9). Eine genau in der Mitte platzierte Kamera
180
180 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

zeichnet das Abbild des von dem Kind fixierten Fensters


auf seinem Auge auf. Wie die Ergebnisse zeigen, sprin-
gen bis zum Alter von fünf Jahren die Augen des Kindes
zufällig hin und her und können die identischen Fenster
nicht ausfindig machen. Zwischen fünf und neun Jahren
nehmen die waagerechten Abtastbewegungen (von Fenster
zu Fenster) von 50 auf 70 % zu (Vurpillot 1974). Erst mit
etwa neun Jahren zeigen die Augen systematische Abtast-
bewegungen wie beim Erwachsenen und fixieren in den
beiden Fassaden nacheinander die entsprechenden Fenster
(an derselben Stelle); nur so kann das Kind feststellen, ob
die Fenster der beiden Häuser gleich oder verschieden sind.
Denn ein Fenster muss genau in den Bereich der Fovea
fallen, um scharf gesehen zu werden; andernfalls ist es für
das Gehirn ganz einfach nicht da.

Fazit
Deswegen fällt es Ihrem Kind so schwer, die Ostereier zu
finden!

54 Warum ist die
„Schnelllesemethode“
ungeeignet zum Lesen?
Nur mit der Fovea können wir so kleine Einzelheiten er-
kennen wie den kleinen Strich, der den Unterschied zwi-
schen „o“, „p“ und „d“ ausmacht, oder den geschlossenen
Kreis des „o“ im Gegensatz zu dem offenen „c“. Dieser
Bereich des scharfen Sehens ist aber mit nur zwei Winkel-
grad sehr klein; er entspricht einem Wort mit vier Buchsta-
3  Wahrnehmung   1181
81

Dieser Mann war seit zehn Jahren verheiratet. Seit zehn Jahren ...
300 160 150 170 210 170 250 120 90 170 160
(Jeder Kringel steht für eine Fixierung.)

Abb. 3.10   Beispiele von Sakkaden und Fixierungen beim Lesen


(nach O’Reagan und Lévy-Schoen 1978)

ben in einem 50 cm hohen Buch. Dagegen sieht man mit


der Peripherie verschwommen, aber in einem Winkel von
über 180 Grad. Aus diesem Grund bewegen sich die Augen
unablässig, insbesondere beim Lesen.

Das Lesen ist ein Paradebeispiel für die Untersuchung der


Augenbewegungen. Wenn wir lesen, sehen wir alles andere
als panoramaartig, und die Augen bewegen sich auch nicht
gleichmäßig an den Textzeilen entlang, wie man glauben
könnte. Aufzeichnungen der Augen (auf Film oder Video)
beweisen, dass das Lesen in Sprüngen und Pausen vonstat-
tengeht – in Sakkaden und Fixierungen (O’Reagan und
Lévy-Schoen 1978; Abb. 3.10).
Sakkaden sind Sprünge der Augen, die das Blickzent-
rum (die Fovea) genau über das Ziel (ein Wort) bringen
sollen. Sie benötigen nur einen sehr kurzen Augenblick in
der Größenordnung von 20 ms (Millisekunden) zwischen
zwei Wörtern und 80  ms für einen Zeilenwechsel. Fixie-
rungen sind Pausen, in denen Informationen aufgezeichnet
und an das Gehirn weitergeleitet werden.
Fixierungen dauern im Mittel 250 ms (1/4 s) beim Er-
wachsenen und ein bisschen länger, 300 ms, beim Kind. In
einer Sekunde finden demnach etwa drei Fixierungen statt.
Da dies allgemein gilt und nicht auf das Lesen beschränkt
ist, ergibt sich die fantastische Zahl von ungefähr 10.000
„Aufnahmen“ pro Stunde. Das Auge sendet „Teilfotoko-
182
182 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

pien“ von dem, was es sieht, an das Gedächtnis. Wenn


das Gedächtnis nicht versteht oder einen Fehler vermu-
tet, veranlasst es einen Sprung zurück, wie in Abb. 3.10,
in der das Auge zweimal die Information „seit zehn Jah-
ren“ sendet, was das Gedächtnis irritiert. Im Gegensatz zu
den vollmundigen Behauptungen mancher Verfechter von
Schnelllesemethoden hängt die Lesegeschwindigkeit nicht
von der Schnelligkeit der Augenbewegungen, sondern vom
Wortschatz ab. Experimenten zufolge treten mehr Fixie-
rungen und regressive Sakkaden (Abschn.  32) auf, wenn
der Test schwierige oder seltene Wörter enthält. Dies trifft
insbesondere auf das Kind zu, das langsamer liest als der
Erwachsene, obwohl seine Augenmuskeln noch „nagel-
neu“ sind.

Fazit
Schnelllesemethoden sind daher gewerbsmäßiger Betrug.
Das gilt vor allem für solche, die versprechen, man könne
durch das Training eine ganze Seite im Geist „fotografieren“
(die Fovea sieht nur ein einziges Wort scharf ) oder den Be-
reich des schärfsten Sehens erweitern (die Verkabelung der
Photorezeptoren der Retina lässt sich nicht ändern). Man
kann nur dann schneller lesen, wenn man mit dem behan-
delten Thema schon vertraut ist.
Bei den in der Schule genutzten Methoden muss man auf
der Zerlegung in Buchstaben und Silben bestehen, denn
das Auge springt von Zeit zu Zeit (Abtasten) und führt
nicht von Natur aus eine systematische Analyse Buchstabe
3  Wahrnehmung   1183
83

für Buchstabe durch. Eine Schnelllesemethode3 im stren-


gen Sinn dürfte demnach dem Erlernen der Rechtschrei-
bung abträglich sein, denn bei diesem Verfahren erahnt das
Gedächtnis die Wörter eher aufgrund einiger Buchstaben.
Das Lesen wird dann zu einer Art Ratespiel.

55 Wo ist das 25. Bild abgeblieben?


Wahrnehmen erfordert Zeit – die Pigmente der Retina
müssen lichtempfindlich werden, der Sehnerv muss die Sig-
nale weiterleiten, das Gehirn muss das Bild aufbauen. Diese
Zeit drückt sich für die Psychologen messbar in der Schwel-
le aus. Die Wahrnehmungsschwelle ist definiert als der
kleinste Wert eines physikalischen Reizes, der eine psycho-
logische Empfindung auslöst. Im Fall des Formensehens ist
das beispielsweise die kürzeste Zeitspanne, innerhalb derer
eine Form erkannt werden kann, etwa ein Buchstabe oder
ein Wort. Bleibt der Wert unter einer Schwelle (statistisch
nicht oder kaum relevant), dann ist das ein unterschwelliger
Reiz; darüber ist er immer wahrnehmbar.
Schwellen variieren in Abhängigkeit von den Personen
(je jünger man ist, desto besser sieht man) und von der Hel-
ligkeit (die Fovea benötigt viel Licht). Junge, gut sehende
Menschen brauchen im Mittel zehn bis 20 ms, um einfa-
che Reize wie ein Wort oder eine geometrische Form oder
Zeichnung zu erkennen (Fraisse 1992).

Schnelllesemethoden im strengen Sinn werden in Frankreich offenbar kaum


3 

noch angewandt, und 2006 riet das Bildungsministerium offiziell davon ab.
184
184 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Komplizierter wird die Sache jedoch, wenn mehrere In-


formationen aufeinanderfolgen (Kinofilm). Im Labor hat
man mehrere Kombinationen unter Berücksichtigung der
jeweiligen Dauer des Reizes Nr. 1 (S1 von „Stimulus“,
Reiz) und des Reizes Nr. 2 (S2) getestet. Die Ergebnisse
sind recht einfach:
Entspricht S1 + S2 weniger oder gleich 100  ms (Tau-
sendstel Sekunde), findet eine Integration, eine Verschmel-
zung, statt, das heißt, die Versuchsperson sieht nur eine
einzige Reizvorlage. Über diesem Zeitraum nimmt man
eine Abfolge wahr. Die Wahrnehmungsschwelle für eine
Abfolge liegt also bei 100 ms. Beispielsweise zeigte Fraisse
(1968) in einem eindrucksvollen Experiment zwei Wör-
ter nacheinander, beispielsweise F E R („Eisen“) und L
U I („er“), jedoch so, dass sich die Buchstaben der bei-
den Wörter räumlich ineinander schoben: Das L erschien
also zwischen dem F und dem R, Buchstaben, die gerade
verschwunden waren. Der Grauunterschied im folgenden
Beispiel steht für die zeitliche Verschiebung.

FLEURI
Überschreitet die Gesamtzeit (Dauer der Wörter und Zwi-
schenwörter) 100 ms nicht, sehen die Probanden das Wort
FLEURI („blühend“, „blumengeschmückt“) und nicht
die getrennten, physikalisch mit zeitlichem Abstand dar-
gebotenen Wörter F E R und L U I. Jenseits von 100 ms
treten komplexe Phänomene auf, die man als Maskierung
bezeichnet (Rossi 1975). Dabei löscht das Wort (oder die
3  Wahrnehmung   1185
85

Figur) mit der längeren Dauer das andere teilweise oder


ganz aus. Diese Phänomene erklären sich dadurch, dass die
Verarbeitung von visuellen Informationen Zeit benötigt;
solange die visuellen Bahnen ein Bild verarbeiten, werden
die anderen Bilder nicht berücksichtigt (ähnlich dem An-
ruf bei einem Teilnehmer, der bereits telefoniert).
Aufeinanderfolgende Ereignisse werden also in einem
Intervall von 100 ms als gleichzeitig wahrgenommen. Die-
sen grundlegenden Umstand fanden die Pioniere des Kinos
empirisch. Bei einem Kinofilm folgen die Bilder mit einer
Rate von 24 Stück pro Sekunde (25 bei Fernsehen oder Vi-
deo) aufeinander, das macht etwa 40 ms pro Bild. Zwei Bil-
der folgen einander also innerhalb von 80 ms, und das liegt
unter der kritischen Zeitspanne von 100 ms. Das Phäno-
men ist relativ robust, aber auf Kosten des Bewegungsein-
drucks. Deshalb erzeugen die Zeichentrickfilme von Walt
Disney und Tex Avery mit ihren 24 Bildern pro Sekun-
de den Eindruck einer geschmeidigen, glatten Bewegung,
während andere Trickfilme, die mit nur acht Zeichnungen
pro Sekunde arbeiten (wie manche DIVX), ruckartig und
abgehackt wirken.

Fazit
Im Jahr 1956 entbrannte nach Meldungen über „sublimi-
nale Werbung“ eine hitzige Debatte. Die Medien berich-
teten, Kinobesucher hätten sich infolge von in den Film
eingeblendeten unterschwelligen Werbebotschaften regel-
recht auf Cola und Popcorn gestürzt. Tatsächlich handelte
es sich um einen Schwindel; ein arbeitsloser Werbeagent
hatte unter Mithilfe eines Radiomoderators eine Falschmel-
dung verbreitet. Nachdem er Verträge mit Werbeagenturen
186
186 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

ergattert hatte, ergriff er die Flucht (Rogers 1993, zit. in


Myers 2005).
Subliminale Werbung bedeutet, dass ein Bild (=  40 ms)
eines kommerziellen (oder politischen) Werbespots zwi-
schen die 24 des Filmes eingeschoben wird. Angeblich
wird es dann nicht bewusst wahrgenommen, sondern soll
unbewusst wirken. Man nennt dieses Phänomen auch das
„25. Bild“, was allerdings nicht korrekt ist, denn im Kino
wird eines der 24 ersetzt.
Aber dieses Phänomen steht aufgrund des Mechanis-
mus der Maskierung auf tönernen Füßen: Ein Bild, das nur
40 ms lang erscheint, wird von den vorangegangenen und
nachfolgenden Bildern gelöscht. Im Experiment von Frais-
se sah die Versuchsperson, wenn das erste Wort FER länger
aufleuchtete als das zweite (LUI) lediglich FER; LUI wurde
gelöscht. Überdies benötigt ein Satz eine Decodierungs-
zeit (mehrere Sakkaden) von weit mehr als 40  ms (etwa
250  ms pro Wort). Damit wird die unterschwellige Dar-
bietung (40 ms) eines Reklameslogans wie „Wählen Sie die
Anti-Steuern-Partei“ oder „Trinken Sie das Allheilwasser“
unmöglich.
Die Canadian Broadcasting Corporation gab sich einmal
für ein einschlägiges Experiment her. In einer sehr belieb-
ten Sonntagabendsendung (bedenken Sie, dass eine Stunde
Fernsehen 90.000 Bildern entspricht) ließ sie 352-mal die
Botschaft „Telefonieren Sie jetzt“ einstreuen. Nicht eine der
500 befragten Personen hatte diese Botschaft wahrgenom-
men (zit. in Myers 2005).
In Frankreich enthüllte am 13. Mai 1988 die Zeitung
Quotidien de Paris die Affäre „Mitterand-Vorspann“ (Drou-
lers 1996). Von September 1987 bis Mai 1988, während
3  Wahrnehmung   1187
87

des Wahlkampfes um das Amt des Staatspräsidenten, liefen


im Vorspann des Senders Antenne 2 (heute France 2) vor
den Nachrichten etwa 50 Bilder, und das Bild von François
Mitterand erschien jeweils zehnmal eingestreut zwischen
anderen (Gorbatschow, TGV etc.). Laut Feststellungen der
französischen Rundfunkkommission CNCL war der Vor-
spann 2949-mal gesendet worden, das Gesicht Mitterands
also 29.490-mal erschienen. Und dennoch hatte kein Zu-
schauer irgendetwas bemerkt. Der Chef der Nachrichten-
redaktion des Senders erklärte: „Selbst mit der raffiniertes-
ten Ausrüstung fiel es mir sehr schwer, dieses Bild ausfindig
zu machen“ (zit. in Droulers 1996, S. 323).
Anmerkung: Manche verwechseln unterschwellige Wer-
bung mit indirekter Werbung. Bei einem Formel-1-Rennen
oder einem Fußballspiel erblickt man zahlreiche Markenlo-
gos; daran ist überhaupt nichts Subliminales, und der Zu-
schauer kann sie in Ruhe statt der Autos oder der Spieler
fixieren.

56 Warum erscheinen entfernte


Gegenstände kleiner?
In Italien in der Zeit der Renaissance entwickelten Thea-
termaler und später Architekten ein Bewusstsein für die
Perspektive, das heißt den Umstand, dass wir die Dinge
umso kleiner sehen, je weiter sie entfernt sind. Leonardo da
Vinci, Maler, Erfinder und Forscher, beschrieb dieses Phä-
nomen höchst präzise in seinem Trattato della pittura („Das
Buch über die Malerei“). Wahrscheinlich befassten sich die-
se Künstler oder Wissenschaftler im Zusammenhang mit
188
188 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

paralleler Strahl Sammellinse


Brennpunkt

optischer
Mittelpunkt

Abb. 3.11   Optisches Gesetz der Perspektive: Je weiter das Objekt


von der Linse entfernt ist, desto kleiner ist sein Abbild

dem Aufkommen der ersten Linsen (geschliffenen Gläser)


für Brillen mit diesem Phänomen. Auf älteren Darstellun-
gen, etwa in der ägyptischen oder der chinesischen Kunst,
findet sich keine Perspektive. Übrigens verweist Descartes
(1596–1650), Philosoph, Mathematiker und Physiker, ein
Jahrhundert später in seiner Dioptrik ausdrücklich auf die
Ähnlichkeit zwischen dem Auge und einer Linse.

Tatsächlich ergibt ein durch eine Sammellinse gesehenes


Objekt mit wachsender Entfernung ein immer kleineres
Bild. Um das Bild auf der Projektionsfläche zu konstru-
ieren, muss man zwei Lichtstrahlen betrachten. Der zur
optischen Achse parallele Strahl wird durch die Linse ge-
brochen und kreuzt jene zum Brennpunkt hin. Dagegen
erfährt der Strahl, der durch den optischen Mittelpunkt
geht, keinerlei Veränderung. Das Bild ist scharf in der Ebe-
ne, wo sich der gebrochene Parallelstrahl und der Strahl
durch den Mittelpunkt treffen. Die Größe des Bildes hängt
ab von dem Winkel, unter dem der Strahl den optischen
Mittelpunkt durchläuft. Das nennen Optiker das Gesetz
des Sehwinkels. Je weiter das Objekt entfernt ist, desto
kleiner ist der Sehwinkel und demzufolge auch sein Abbild
(Abb. 3.11).
3  Wahrnehmung   1189
89

Descartes hat als Erster nachgewiesen, dass das Auge


aufgrund des kleinen, im Querschnitt eiförmigen Organs
der Augenlinse sowie der Krümmung der Hornhaut einer
Sammellinse entspricht. Kurz gesagt trifft es daher zu, dass
ein immer weiter von unserem Auge entfernt platzierter
Gegenstand ein immer kleineres Bild auf unserer Netzhaut
erzeugt. Nebenbei sei noch darauf hingewiesen, dass eine
Sammellinse ein Bild immer auf den Kopf stellt. Das ist
auch bei unserer Retina so. Also stellt das Gehirn unsere
Welt wieder auf die Füße.
Aus diesem Grund scheinen Eisen-
bahnschienen immer dichter aufeinan-
der zu zu laufen und sich in der Ferne
zu berühren. Ebenso nehmen wir von
einem hohen Gebäude aus die Autos
und Menschen im Miniaturformat wahr.
Deshalb erscheint uns auch der Mond
genauso groß wie die Sonne, denn wir
sehen diese Himmelskörper aufgrund
eines astronomischen Zufalls unter dem-
selben Sehwinkel. Der Mond kann daher die Sonne voll-
ständig verdecken, dann haben wir eine Sonnenfinsternis.
Allerdings entfernt sich der Mond mit einer Geschwindig-
keit von 3,8 Zentimetern pro Jahr von der Erde und wird
irgendwann kleiner als die Sonne erscheinen. Aber ob wir
das noch erleben werden?
Die Perspektive betrifft alle Objektparameter, sowohl
die Breite (die Schwellen der Schienen), als auch die Län-
ge (den Abstand zwischen den Schwellen), sodass die
Schwellen immer kürzer, aber auch immer näher anein-
ander erscheinen. Und Leonardo da Vinci hat ganz rich-
tig gesehen, dass die Perspektive auch für die Beleuchtung
gilt. In der Ferne wirken das Licht gedämpfter und die
190
190 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Farben matter. Deshalb gilt er als der Maler von Licht


und Schatten.

Fazit
Dagegen findet die Perspektive keine Anwendung in Räu-
men mit Abmessungen von ein paar Dutzend Metern.
Warum? Weil das Gehirn wie ein Computer andere Ent-
fernungshinweise berücksichtigt, um die perspektivenbe-
dingte Schrumpfung auszugleichen. Schon Leonardo da
Vinci hatte zahlreiche dieser Kriterien entdeckt: Er glaubte
beispielsweise, dass wir unseren Eindruck von Kleinheit an-
hand von Entfernungskriterien korrigieren, dass Schatten
auf Oberflächenreliefs und auf die Lage von Gegenständen
zueinander hindeuten und so weiter. Moderne Forscher
haben die Beobachtungen Leonardos bestätigt und weitere
Mechanismen entdeckt, vor allem den Schlüssel zum drei-
dimensionalen Sehen, nämlich das binokulare oder beid-
äugige Sehen.

57 Ein Ticket in den Weltraum?


Das Sehen in drei Dimensionen (3-D), das heißt das räum-
liche Tiefensehen, ist für uns so selbstverständlich, dass
uns erst die Schwierigkeiten bei der Realisierung von 3-D-
Filmen zu Bewusstsein bringen, dass dieser Mechanismus
alles andere als trivial ist.
Viele Tiere – das ist Ihnen sicher nicht entgangen –, zum
Beispiel Fische, Frösche, Schlangen und Säugetiere, besit-
zen zwei Augen. Das ist nicht bei allen Tieren so, Spinnen
3  Wahrnehmung   1191
91

beispielsweise haben acht. Warum also zwei Augen? Die


ersten Experimentalpsychologen, insbesondere Benjamin
Bourdon in seinem Buch La Perception de l’espace (1902),
wiesen nach, dass mit einäugigem Sehen (ohne äußere Tie-
fenkriterien) keine korrekte Tiefenabschätzung möglich
ist. Doch erst in neuerer Zeit halfen mikroelektrophysio-
logische Studien, den genauen Mechanismus zu verstehen.
Dazu muss man den Weg der beiden Sehnerven durch das
Gehirn verfolgen.

Wenn wir einen Gegenstand betrachten, senden die beiden


Augen zwei Bilder davon in ein und dieselbe Hirnhälfte.
Doch zum Teil überlagern sich diese Bilder abhängig von
der Entfernung. Das ist die binokulare oder Querdispara-
tion. Sie können sich selbst davon überzeugen: Schauen
Sie auf eine seitlich platzierte Lampe, aber decken Sie im-
mer abwechselnd ein Auge ab. Ihnen wird auffallen, dass
das rechte Auge nach rechts verschoben sieht und das linke
Auge nach links. Man sieht also fortwährend „doppelt“,
aber man merkt es nicht, weil das Gehirn die beiden Bil-
der zusammenfügt und korrigiert. Forscher haben gezeigt,
dass der Unterschied zwischen den beiden Bildern von spe-
ziellen Neuronen im Gehirn analysiert wird und dass diese
den Eindruck von räumlicher Tiefe und Oberflächenstruk-
tur erzeugen. In der Ferne (30 bis 40 m) überlagern sich
die beiden Bilder, und das Gehirn verfügt nicht mehr über
Tiefenkriterien; es gibt nur noch die Größe des Bildes auf
der Netzhaut, die mit der Entfernung schrumpft – also die
Perspektive.
Die Geografen und Kartografen nutzten dasselbe Prin-
zip, um einen Raumeindruck zu erzeugen. Das Verfahren
besteht darin, zwei Luftbilder mit getrennten Objektiven
192
192 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

aufzunehmen und diese Fotos durch eine spezielle Anord-


nung von Linsen, die beide Bilder einander überlagert, zu
betrachten. Durch Verallgemeinerung dieses Prinzips ent-
standen in den 1950er Jahren erste 3-D-Kinofilme. Man
drehte sie mittels Kameras mit zwei Objektiven und zwei
Farbfiltern. Das eine Objektiv filmte die Szene in Rot und
die andere (die das zweite Auge nachahmte) in Grün. Die
Zuschauer mussten im Kinosaal eine Spezialbrille auf-
setzen; eines der Gläser war rot, das andere grün. Diese
Gläser dienten als Filter und machten die Verschmelzung
der beiden Bilder möglich. Der Film wurde schließlich in
Schwarzweiß gesehen. Ich weiß noch, dass ich als kleiner
Junge solche Filme gesehen habe. Sie waren wenig ein-
drucksvoll und eben nicht in Farbe, weshalb sich das Ver-
fahren nicht durchsetzte. Doch mit dem Aufkommen des
3-D-Kinos erfuhr es eine Renaissance. Normale Kinofil-
me laufen mit 24 Bildern pro Sekunde (Fernsehbilder mit
25), während das 3-D-Kino das Doppelte, also 48 Bilder
pro Sekunde, verwendet. Eine Spezialkamera nimmt die
Szenen durch zwei Objektive auf, die genauso weit von-
einander entfernt sind wie unsere Augen. Ein Objektiv
jedoch ist versehen mit einem vertikalen Polarisationsfil-
ter (der wie ein Kamm nur die in der waagerechten Ebene
schwingenden Photonen durchlässt), das andere mit einem
horizontalen Polarisationsfilter. Anschließend werden die
Bilder so gemischt, dass immer abwechselnd ein Bild ver-
tikal polarisiert ist und das andere horizontal (was wieder
24 Bilder pro Sekunde ergibt). Der Zuschauer erhält eine
Polarisationsbrille, bei der ein Glas nur vertikal polarisier-
tes Licht durchlässt und das andere horizontal polarisiertes.
Das Gehirn glaubt daher, zwei so unterschiedliche Bilder
der gefilmten Szene zu erhalten, als hätten die beiden Au-
gen sie wirklich gesehen. Die Wirkung ist jetzt spektakulär:
3  Wahrnehmung   1193
93

Die Zuschauer heben die Hände, um Dinge oder Personen


zu berühren, so überzeugend ist der räumliche Eindruck.
Ich erinnere mich an einen Film über die Luftfahrt, bei
dem ich glaubte, das Flugzeug aus der Leinwand „heraus-
fliegen“ zu sehen – es schwebte als virtuelles Bild zwischen
mir und der Leinwand. Beeindruckend? Der Technik ist es
gelungen, das Gehirn zu täuschen, aber zu unserem größ-
ten Vergnügen.

Fazit
Es gibt noch ein drittes (und einige weitere) Verfahren,
bei dem abwechselnd die Sicht des linken und des rechten
Auges „freigeschaltet“ wird. Es kam bei dem Film Avatar
zur Anwendung. Für diese Technik der neuesten Genera-
tion benötigt der Zuschauer eine Flüssigkristallbrille. Die
Bilder werden mit sehr hoher Geschwindigkeit, 120 Bilder
pro Sekunde, projiziert – deutlich mehr als die 24 des her-
kömmlichen Kinos oder die 25 des Fernsehens. Doch ein
Bild enthält ein Signal, welches das linke Glas aktiviert (das
linke Bild), und das Bild danach ist ein „rechtes“, denn sein
Signal aktiviert das rechte Glas. Insgesamt wechseln sich
60 „linke“ und 60 „rechte“ Bilder in schwindelerregendem
Tempo ab, 60 von beiden in jeder Sekunde. Sie überlisten
unser Gehirn, das sie miteinander verschmilzt und dreidi-
mensional sieht.
Außerhalb des Kinos gibt es zahlreiche Anwendungen,
beim Militär natürlich, aber auch bei Robotern für die
Tiefseeforschung oder für ferngesteuerte chirurgische Ope-
rationen. Man vermutet auch, dass das Verständnis dieser
Mechanismen für die Feinsteuerung eines Roboters in für
Menschen gefährlichen oder unzugänglichen Umgebungen
194   Die Geheimnisse unseres Gehirns

von Vorteil sein kann, da sich auf diese Weise das Profil und
der Abstand zwischen Objekten mit größtmöglicher Ge-
nauigkeit beurteilen lassen. So realisierten die NASA und
die Astronomen im Jahr 2006 das Unvorstellbare, als sie
die beiden STEREO-Raumsonden (Solar Terrestrial Rela-
tions Observatory) starteten. Sie machen Aufnahmen aus
zwei verschiedenen Blickwinkeln. Mit diesen Sonden ist es
bereits gelungen, großartige plastische Bilder von der Sonne
und ihren Protuberanzen zu erhalten.
Seit dem Erfolg von Avatar hat sich die Zahl der 3-D-
Filme vervielfacht. Die Technik hat es endlich geschafft, die
Meisterleistungen unseres Gehirns nachzuahmen.

58 Telepathie, Telekinese – haben Sie


übersinnliche Kräfte?
An einem stürmischen Abend des Jahres 1848 vernehmen
zwei junge Schwestern namens Fox (wie Fox Mulder, der
Held von Akte X) in ihrem Häuschen in einem kleinen Ort
im Staat New York (nicht in der Prärie) ein unerklärliches
Knarren. Überzeugt, dass ein Geist ihrer Vorfahren – das
Gegenstück zu einem englischen Schlossgespenst – mit ih-
nen Kontakt aufnehmen wolle, erfinden die Mädchen ein
Kommunikationssystem mit Fingerschnippen, ein „Rap-
Alphabet“ – nicht ganz ohne Bezug auf das kürzlich von
Morse entwickelte (1845). Die Journalisten bezeichnen es
ironisch als spiritual telegraph („spiritueller Telegraf“) (Parot
1994, S.  422); es ist der Vorläufer des Tischrückens. Die
3  Wahrnehmung   195

Geschichte zieht Kreise, und die Zahl der Anhänger, orga-


nisiert in Zirkeln jeweils um ein Medium herum, erreicht
in den Vereinigten Staaten drei Millionen.4
Der Spiritismus erfasst auch Europa – so sehr, dass auf
dem ersten Kongress der französischen Gesellschaft für Psy-
chologie deren Generalsekretär Charles Richet, ein hoch
angesehener Physiologe (Nobelpreis) und Verteidiger des
Spiritismus, spiritistischen Themen wie Telepathie, Tele-
kinese (Bewegen von Objekten durch Geisteskraft) oder
Wahrträumen großen Raum gewährt. Erst ein Skandal, der
in der Regenbogenpresse der damaligen Zeit für einen Rie-
senwirbel sorgt, diskreditiert den Spiritismus und verbannt
ihn aus der Psychologie.
Als Präsident der britischen Gesellschaft für Psychische
Forschung (1913 wird dem Philosophen Henri Bergson der
Vorsitz angetragen) reist Charles Richet mit einem Freund
nach Algier. Dieser führt ihn in die Villa Carmen; dort tref-
fen sie ein Medium, die Generalsgattin Carmencita Noël.
Sie ist überzeugt, Verbindung zu einem Geist namens „Bien
Boâ“ zu haben. Er war vor 300 Jahren Priester in Hindustan
und ist ein zaghafter, aber beharrlicher Verehrer der schö-
nen Carmencita, die zum Zweck einer besseren Verständi-
gung mit dem Jenseits Morphium nimmt, quasi das 11833
„Geist, bist du da“ jener Zeit. Seit 1904 bedient sich Frau
Generalin der Unterstützung eines berühmten europäischen
Mediums, Marthe Béraud. Sie tritt unter ihrem Künstler-
namen Eva Carrière auf und lässt das „Ektoplasma“, das sie
Phygia nannte, erscheinen. Während einem dieser nächtli-
4 
Eine der Schwestern gestand im Alter, dass die Sache ein Schwindel gewe-
sen war (Charpak und Broch (2005) Was macht der Fakir auf dem Nagelbrett?
München/Zürich: Piper).
196   Die Geheimnisse unseres Gehirns

chen Treffen begegnet Richet „Phygia, Priesterin des Tem-


pels von Heliopolis und eine seiner früheren pharaonischen
Gattinnen (Richets Überzeugungen hinsichtlich der Met-
empsychose scheinen daran keinen Zweifel zu lassen), eine
stark entblößte Schönheit, die ihm eine Locke ihres Haars
als Gegenleistung für einige Ringe bot“ (Parot, S. 439; Me-
tempsychose ist der Glaube an die Seelenwanderung, dass
man also in anderen Leben wiedergeboren wird). Doch
einem damaligen Paparazzo zufolge hatten Richet und sein
Freund wohl eher ein galantes Souper mit Phygia und ihrem
Medium. Das „Boulevardstück“ erregt in der Presse von Pa-
ris und ganz Europa großes Aufsehen und läutet das Ende
des Spiritismus ein; er wird ab diesem Zeitpunkt aus der
offiziellen wissenschaftlichen Psychologie verbannt wie sei-
nerzeit die Astrologie aus der Astronomie.

Die Begeisterung für den Spiritismus führte zur Gründung


des Institut Psychique International zur wissenschaftlichen
Untersuchung übersinnlicher, „paranormaler“ Phänome-
ne, dessen Annalen ich mich erinnere gelesen zu haben.
Dort empfing man jedes Medium, das vorgab, solche Kräf-
te zu besitzen. Allerdings wussten diese Personen nicht,
dass die Physiker und Physiologen jener Zeit in der Lage
waren, sie ohne ihr Wissen auf Infrarotfilm zu bannen und
so ihre Zaubertricks aufzudecken. So war das beispielsweise
bei der Telekinese, dem berührungslosen Bewegen von Ob-
jekten. In Wirklichkeit waren dabei dünne, fast unsichtba-
re Fäden am Werk. Eines der modischen Themen waren
die „Ektoplasmen“, wie man damals sagte. Man verstand
darunter von Medien in Trance ausgehende Gebilde – an-
geblich Materialisationen von Geistern. Die Infrarotbeob-
3  Wahrnehmung   197

achtung enthüllte jedoch, dass das Ektoplasma aus feuchter


Baumwolle oder ähnlichem Material bestand.
Die Medien verlangten, in einem düsteren oder sogar
völlig dunklen Raum zu arbeiten. Eine solche Umgebung
bot sich natürlich für alle möglichen Betrügereien an, wie
der Bericht einer „Prüfkommission“ unter Teilnahme des
Atomphysikers Paul Langevin und des Psychologen Ignace
Meyerson5 feststellte. Das Medium Jean Guzik behaupte-
te, ein Geist könne Gegenstände verschieben oder Dinge
oder Personen schlagen, während er, Guzik, sich in Trance
befinde. Seinem „Impresario“ de Jelski zufolge emittier-
te er zuweilen „Nebelschwaden und bewegliche Leucht-
punkte, die sich im Raum und um die Assistenten herum
entwickelten“. Laut de Jelski hatten bereits „qualifizierte
Persönlichkeiten“ diese Phänomene bestätigt. Natürlich
verlangte das Medium völlige Dunkelheit, sodass die Prü-
fer vor ihrem Tisch Leuchtstreifen anbrachten (um schrei-
ben zu können) und vereinbarten, dass einer das rechte
Bein des Mediums mit seinem Bein berührte und ein
anderer Kontakt mit dessen linkem Bein hielte. De Jelski
warnte die Kontrolleure, „dass es das Medium in allergröß-
te Gefahr brächte, plötzlich Licht zu machen“, sodass „die
Kontrolleure zusagten, sich jeden derartigen Eingriffs zu
enthalten“. Trotz ihres (allzu) großen Wohlwollens kamen
die Prüfer zu folgendem Schluss: „In keiner Sitzung wur-
den, im Gegensatz zu dem, was uns angekündigt worden
war, Leuchterscheinungen gleich welcher Natur erzeugt.“
Dagegen hörten sie, wie Objekte verschoben wurden, und
manche fühlten Berührungen oder sogar Schläge. Als auf
dem Teppich eine Spur von dem Verrücken eines Sessels
zu beobachten war, hegten sie den Verdacht, das Medium

5 
Ich danke Stéphane Laurens, der mich auf diesen Bericht hingewiesen hat.
198   Die Geheimnisse unseres Gehirns

verrenke sich auf die eine oder andere Weise, um den Sessel
zu verschieben oder einige von ihnen hinter dem Tisch zu
schlagen. In weiteren Sitzungen brachten sie Leuchtbän-
der an seinen Knöcheln, Handgelenken, seiner Krawatte
und so weiter an. Doch ab da „trat kein Phänomen von
keinerlei Art mehr auf …“. Danach verschob das Medium
die anderen Sitzungen auf unbestimmte Zeit, unter dem
Vorwand von Zahnschmerzen, dann einer Reise. „Das Ex-
periment war also beweiskräftig. Die automatische Kont-
rolle ließ jede ‚mediuminische‘ Äußerung verschwinden.“
Manchmal handelte es sich um Falschmeldungen. Ich erin-
nere mich an eine Fernsehsendung über einen Sarkophag,
der immer voll blieb, sogar in Zeiten der Trockenheit.
Sämtliche (in der Sendung) befragten Wissenschaftler und
Medien waren mit ihrem Latein am Ende. Später las ich
in meiner Fernsehzeitschrift die empörte Zuschrift einer
Person, die den berühmten Sarkophag auf einer Reise in
Augenschein genommen hatte – er war völlig trocken!
Manchmal jedoch sind psychologische Mechanismen
am Werk, aber aus dem Bereich des Normalen. Bestimm-
te Zaubertricks arbeiten mit Wahrnehmungstäuschungen:
Ein Kasten erscheint rechteckig, ist aber in Wahrheit tra-
pezförmig und mit einem doppelten Boden versehen. Der
französische Magier Arthur lässt im Fernsehen ein Haus im
Boden versinken, während sich in Wirklichkeit ein Podium
(mit falschem Bürgersteig und Garten) um das Haus her-
um hebt und so die Illusion hervorruft, das Gebäude senke
sich ab (da es keine Tiefenkriterien gibt). Manche lassen
ein Auto hinter einem Vorhang erscheinen; das Auto ge-
langt durch den Vorhang verdeckt in den Sehwinkel, so-
dass die Kamera seine Ankunft nicht registriert. Trotzdem
sehr effektvoll!
3  Wahrnehmung   199

Am häufigsten jedoch gehört die Parapsychologie ins


Reich der Zauberei oder des Schwindels. In letzterem Fall
sind die besten heutigen Entzauberer des Paranormalen
selbst Zauberkünstler, etwa der Amerikaner James Randi,
der als Experte für wissenschaftliche Zeitschriften ( Science
oder Nature) arbeitet. In Frankreich wies der Magier Gé-
rard Majax neben anderen auf die Rosstäuschereien von
Uri Geller hin (der vorgab, Metallgegenstände aus der Fer-
ne zu verbiegen), noch bevor sich herausstellte, dass das
angebliche Medium ein Zauberkünstler war. Selbst wenn
man es weiß, lässt man sich leicht von Profis an der Nase
herumführen, und es braucht schon Spezialisten, um Täu-
schungen zu entmystifizieren. Amerikanische Journalisten
deckten mithilfe eines Rundfunkempfängers auf, dass ein
Prediger die Informationen über die Familie der sich vor-
stellenden Jünger ganz einfach „hörte“; dank eines diskret
im Ohr versteckten Sensors vernahm das angebliche Me-
dium die ihm von einem Komplizen diktierten Informa-
tionen. Vergessen wir nicht, dass bei den heute verfügbaren
Techniken manche sogar so weit gehen, sich elektronische
Geräte implantieren zu lassen, um damit ultraviolett mar-
kierte Karten zu entdecken. Der Betrüger, der angeblich
dank seines Wunderamuletts beim Lotto (oder der Drei-
erwette) gewinnt, hat in Wirklichkeit mehreren Spielern
Gewinnlose (teurer) abgekauft und kann so unter notariel-
ler Aufsicht überprüfen lassen, dass er tatsächlich mehrere
Gewinnlose besitzt.
Ich für meinen Teil finde diejenigen Zaubertricks am
beeindruckendsten, bei denen man weiß, dass der Trick
auf besonderer Geschicklichkeit (Kartenmanipulation)
oder unglaublicher Raffinesse (die zuweilen enormen Ma-
terialaufwand erfordert) beruht. Was die Teleportation (das
„Beamen“ in Star Trek) der hübschen Assistentin von einer
200   Die Geheimnisse unseres Gehirns

Ecke der Bühne zur anderen betrifft, so ist diejenige, die


dort auftaucht, keine andere als ihre Zwillingsschwester.

Fazit
Harry Potter, Buffy, Charmed, Akte X … diese Serien (insbe-
sondere die amerikanischen) spiegeln die zeitlose Schwär-
merei für geheimnisvolle Kräfte wider. Doch diese Kräfte
gehören wie die von Superman und Spiderman ins Reich
der Fiktion und nicht der wissenschaftlichen Psychologie.
Die Parapsychologie, wie der Spiritismus heute heißt, hat
mit der Psychologie nichts zu tun, außer wenn es um die
Psychopathologie oder Psychiatrie (Halluzinationen) geht.
4
Von der Zeit zum
Unbewussten

A. Lieury, Die Geheimnisse unseres Gehirns,


DOI 10.1007/978-3-642-37507-1_4, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
202
202 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Inhaltsübersicht
59 Woher kommt der Jetlag?����������������������������������������������������������  203

60 Wissen Sie, dass der Schlaf mehrere Phasen hat?����������������������  206

61 Stimmt es, dass man im Schlaf besser lernt? ����������������������������  209

62 Es lebe der Mittagsschlaf! Ist man den ganzen


Tag über gleich wach?����������������������������������������������������������������  210

63 Warum verträgt sich Autofahren nicht mit Alkohol?������������������  212

64 Wie kommt man auf einem Fest miteinander ins Gespräch? ����  214

65 Warum dürfen Sie beim Autofahren nicht telefonieren?������������  217

66 „Wenn ich lerne, läuft der Fernseher – dann kann ich


mich besser konzentrieren!“������������������������������������������������������  222

67 Verbessert kommunikationstechnisches Multitasking


die Aufmerksamkeit?������������������������������������������������������������������  224

68 Wo befindet sich Ihr Unbewusstes?��������������������������������������������  226

69 „Da war das Auge im Grab und blickte auf Kain …“����������������  229
4  Von der Zeit zum Unbewussten   2203
03

59 Woher kommt der Jetlag?


Seit Jahrtausenden ist der Mensch umweltabhängigen
zeitlichen Rhythmen unterworfen, vor allem dem Tag-
Nacht- oder circadianen Rhythmus und den Jahreszeiten.
Dem Wechsel von Tag und Nacht können wir uns nicht
entziehen, doch um Anfang und Ende der verschiedenen
Jahreszeiten vorherzusagen, benötigen wir Hilfsmittel.
Wahrscheinlich zu diesem Zweck entstand in den hoch-
entwickelten, Ackerbau betreibenden Zivilisationen Me-
sopotamiens (heute Irak) und Ägyptens die Astronomie.
Die ersten Astronomen oder Astrologen hatten vor 3000
Jahren zwölf Sternbilder entdeckt, die im Jahresverlauf am
Punkt des Sonnenaufgangs (heliakischer Aufgang, vom
griechischen helios für „Sonne“) verschwanden. Das waren
die zwölf Sternbilder des Tierkreises. Die Zeit hatte für die
Griechen so große Bedeutung, dass sie sie zu einem Gott er-
hoben, Chronos. Sein Name steckt in den Bezeichnungen
der Wissenschaften, die sich mit biologischen oder psycho-
logischen Rhythmen befassen: Chronobiologie und Chro-
nopsychologie (Lecomte und Lambert 1991).
Der Mensch könnte sich auch ohne Uhr nach dem Tag-
Nacht-Rhythmus richten, doch wie schätzt er Zeit ohne
jede zeitliche Orientierung? Paul Fraisse, einer der Pionie-
re der Psychologie der Zeit, führte mehrere Experimente
mit Höhlenforschern durch. Diese erklärten sich bereit,
über einen längeren Zeitraum allein und ohne Uhr in einer
Höhle zu leben.

Dem längsten Versuch dieser Art unterzog sich der Speläo-


loge Jean-Pierre Mairetet. Er verbrachte 174 Tage, also fast
sechs Monate, unter der Erde (Fraisse et al. 1968). Ohne
204
204 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

80

ohne Mittagsschlaf
mit Mittagsschlaf
Zahl der Zyklen  60

40

20

0
10 20 30 40
Dauer (Stunden)

Abb. 4.1   Dauer des Wachzustands in Abhängigkeit von den Zy-


klen eines Speläologen bei einem sechsmonatigen Aufenthalt in
einer Höhle (modifiziert nach Fraisse et al. 1968)

zeitliche Orientierung unterlaufen dem Menschen grobe


Fehler. So schätzte Mairetet die Dauer seines Aufenthalts
nach seinen circadianen Rhythmen, das heißt nach den
notierten abwechselnden Wach- und Schlafphasen, auf 86
Tage. Diese enorme Unterschätzung bestätigte frühere Stu-
dien: Der Höhlenforscher Michel Siffre hatte seinen Auf-
enthalt auf 33 Tage geschätzt, während er in Wirklichkeit
58 Tage in der Höhle verbracht hatte, und Fraisse berich-
tet, dass im Jahr 1906 Bergarbeiter, die drei Wochen lang
in einem Stollen eingeschlossen gewesen waren, sich nur
vier oder fünf Tage lang verschüttet wähnten.
Eine genauere Analyse der Aktivität des Höhlenfor-
schers jedoch deckte Widersprüche auf. Um die Schlaf-
Wach-Zyklen des Speläologen zu ermitteln, hatte man
vereinbart, dass er einen Schlafanzug anziehen sollte, wenn
er sich schlafen legte. Nun zeigte sich (Abb. 4.1), dass die
4  Von der Zeit zum Unbewussten   2205
05

Mehrzahl der Zyklen zwar eine Wachphase von zehn bis 20


Stunden enthielt, ziemlich viele Zyklen (30 insgesamt) aber
sehr lange dauerten, etwa 30 bis 40 Stunden. Hielt Maire-
tet Winterschlaf wie ein Bär? Nein, während er glaubte,
ein Nickerchen gemacht zu haben, hatte er eine sehr lange
Nacht verbracht.
Unter dem Strich scheint eine Entkoppelung der (unter-
schätzten) psychologischen Zeit von der physiologischen
stattzufinden. Der Organismus schickt sich selbst schlafen,
und wenn man mittags ähnlich lange schläft wie nachts,
dann verlängert sich der „biologische“ Zyklus auf etwa 25
Stunden. Manche Forscher vermuten als Erklärung für
diese zeitliche Steuerung ohne äußere Anhaltspunkte eine
innere, „biologische Uhr“.
So würde sich auch der Jetlag nach Langstreckenflü-
gen erklären. Neurobiologische Untersuchungen (Denis
1992; Jouvet 1995) siedeln diese Uhr in einer kleinen
Gehirnregion an, die unsere vegetativen Funktionen
steuert, dem Hypothalamus, genauer, in einem kleinen
Kern (Neuronengruppe), Nucleus supraopticus genannt,
weil er genau über dem Sehnerv (Nervus opticus) liegt.
Dieser Kern erhält durch 1000 Kollaterale (Seitenäste
von Axonen, je eine von 1000) von Ganglienzellen Licht-
informationen von der Netzhaut. Auch diese Neuronen
arbeiten mit Neurotransmittern; Arginin sorgt für das Er-
wachen, VIP (vasoaktives intestinales Polypeptid) für das
Einschlafen.

Fazit
Ohne durch Photonen vermittelte Informationen (z.  B.
Isolierung in einer Höhle) besitzt die biologische Uhr den-
noch einen inneren Rhythmus. Wahrscheinlich entsteht er
206
206 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

durch Stoffwechselaktivitäten. Ohne Uhr stützen wir uns


auf die Dauer bestimmter altgewohnter Tätigkeiten. Man
spricht ja auch häufig von „Essenszeit“ oder „Einkaufs-
zeit“. So glauben manche Forscher, die Zeit bestimmter
Stoffwechseltätigkeiten gäbe den Rhythmus vor, denn die
Dauer eines vollständigen Schlafzyklus variiert bei Tieren je
nach Körpergröße (zehn Minuten bei der Maus, 24 bei der
Katze, 90 beim Menschen und … 120 min beim Elefan-
ten). Beim Erwachen steigt der Glucosespiegel (wichtigster
Treibstoff des Gehirns), und während des Schlafes sinkt er
wieder; die Glucose wird in den Astrocyten (sternförmigen
Nährzellen) in Glykogen umgewandelt und als Reserve ge-
speichert. Dieser Zyklus könnte wie der des Sauerstoffs als
„Sanduhr“ dienen, die den Rhythmus unserer biologischen
Uhr festlegt.

60 Wissen Sie, dass der Schlaf


mehrere Phasen hat?
In der griechischen Mythologie schenkt Hypnos, der Gott
des Schlafes, den Sterblichen den Schlummer, indem er sie
mit einer Mohnblüte berührt, während sein Sohn Mor-
pheus, der Gott der Träume, den schlafenden Menschen
die Träume bringt (Valatx 1998). Diese Legende erklärt,
was die alltägliche Beobachtung uns seit Jahrtausenden
zeigt – den Kreislauf von Wachsein (oder Vigilanz) und von
meist traumbegleitetem Schlaf. Den Weg zu einem tieferen
Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen haben
die Neurowissenschaftler gebahnt.
4  Von der Zeit zum Unbewussten   2207
07

Der französische Neurobiologe Michel Jouvet von der Uni-


versität Lyon ist ein Pionier der Schlafforschung. Er mach-
te sich insbesondere mit der Entdeckung des von ihm so
genannten „paradoxen“ Schlafes einen Namen. Im EEG
(Elektroenzephalogramm) lassen sich drei Schlafphasen
unterscheiden. Im Wachzustand sind die Gehirnwellen
– die im EEG erfasste elektrische Aktivität – schnell und
haben eine geringe Amplitude. Beim Einschlafen sind sie
langsamer und zeigen „Schlafspindeln“ (große Amplitude);
der Organismus ist entspannt und kurz davor, in Tiefschlaf
zu fallen. Dieser Tiefschlaf ist „paradox“, denn während
die Muskeln völlig locker sind und der Organismus keine
Empfindungen mehr wahrnimmt, zeigt im Gegensatz dazu
die Gehirnaktivität schnelle Wellen mit geringer Amplitu-
de wie im Wachzustand. Zudem vollführen die Augäpfel
schnelle Bewegungen (REM, rapid eye movements); ein
Mensch, den man in diesem Stadium weckt, erwacht mit-
ten aus einem Traum.
Nach der großen Epidemie der Spanischen Grippe im
Jahr 1918 stellte der Wiener Arzt Constantin von Eco-
nomo bei Verstorbenen, die unter Schlaflosigkeit gelitten
hatten, Läsionen des vorderen Teils des Hypothalamus (ve-
getatives Gehirn) fest und Läsionen des hinteren bei sol-
chen, die lethargisch gewesen waren. Diese Beobachtung
gab Anstoß zu der Vermutung, dass der Wachzustand vom
posterioren Hypothalamus initiiert wird (da dessen Läsion
Lethargie hervorruft) und der Schlaf vom vorderen Hypo-
thalamus. Verschiedene Forschungen (Jouvet 1995; Valatx
1998) wiesen die Existenz von Neuronennetzen nach, die
von zahlreichen Neurotransmittern erregt oder gehemmt
werden.
208
208 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Cortex

subcorticale
Sammelstelle
für Wahrneh-
mungen
GABA – Thalamus Dopamin +
Arginin + Histamin +
Riech- VIP – Kleinhirn
kolben

Schlafzentrum Glycin –
anteriorer
Hypothalamus Varolsbrücke
biologische Uhr verlängertes
Nucleus supraopticus Weckzentrum Rückenmark
Aktivierung
posteriorer Hypothalamus Hemmung
Formatio Rückenmark
Zentrum des reticularis
paradoxen Schlafes

(Anmerkung: Neurotransmitterbezeichnungen kursiv, + = aktivierend, – = hemmend.)

Abb. 4.2   Schaltkreise für Wachen und Schlafen mit den zugehö-
rigen Zentren und Neurotransmittern bei der Katze (vereinfacht
nach Valatx 1998)

Vereinfacht gesagt erregt das Wachzentrum das Gehirn


über Neuronennetze (Abb. 4.2), die vorwiegend mit zwei
Neurotransmittern arbeiten, Dopamin und Histamin (Am-
phetamine machen wach, weil sie die Dopaminausschüt-
tung anregen; Allergiker, die Antihistaminika einnehmen,
werden nur mit Mühe wach und neigen zu Schläfrigkeit).
Diese Schaltkreise verlängern die Erregung des Gehirns
durch Neuronennetze (Formatio reticularis) zwischen der
Varolsbrücke und dem verlängerten Rückenmark und ak-
tivieren dann über das Rückenmark (Kabelbaum) alle sen-
siblen und motorischen Teile des Körpers.
Dagegen scheint das Schlafzentrum in seinen Schalt-
kreisen hauptsächlich den wichtigsten hemmenden Boten-
4  Von der Zeit zum Unbewussten   2209
09

stoff GABA (Gamma-Aminobuttersäure) zu verwenden.


Insbesondere durch die Hemmung des Thalamus (sub-
corticale Sammelstelle für Wahrnehmungen) geschieht die
Blockierung der Empfindungen während des Schlafes.

Fazit
Deshalb beeinflusst eine große Gruppe von Schlafmitteln
oder Hypnotika, die Benzodiazepine, die GABA-Rezep-
toren. Cannabinol (Cannabis, Marihuana) wirkt ebenfalls
auf GABA-Rezeptoren, daher sein beruhigender, sogar ein-
schläfernder Effekt.

61 Stimmt es, dass man im Schlaf


besser lernt?
Nein! Das Lernen im Schlaf hat dennoch eine Zeitlang
Wellen geschlagen und wurde – wenn auch als verfehlte pä-
dagogische Methode – unter der Bezeichnung Hypnopädie
(vom griechischen hypnos für „Schlaf“ und paideia für „Er-
ziehung“, „Bildung“) propagiert.

Experimente haben ergeben, dass Personen, denen wäh-


rend des Schlafes eine Liste mit Zahlen vorgespielt wurde,
nach dem Erwachen keinerlei Erinnerung daran besaßen.
Im Gegenteil, man lernt umso besser, je wacher man ist.
Die Forschungen der Chronopsychologie belegen tages-
zeitabhängige Schwankungen der Leistungsfähigkeit; die
Zeit des Mittagsschlafes ist, wie jeder weiß, der ungeeig-
netste Zeitraum zum Lernen.
210
210 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Dagegen fördert der Schlaf die Konsolidierung des


untertags Gelernten. Experimente mit verschiedenen
Tieren haben gezeigt, dass in bestimmten Schlafphasen,
in denen das Gehirn für Informationen von außen völlig
verschlossen ist, rege Aktivität in seinem Inneren herrscht;
biochemische und biologische Mechanismen festigen die
Erinnerungen. Wahrscheinlich geschieht dies durch den
Aufbau neuer Kontakte zwischen Nervenzellen. Diese Pha-
se, aufgrund der starken Hirnaktivität „paradoxer Schlaf“
genannt, ist übrigens bei Säuglingen und in der Kindheit
sehr lang; beim alten Menschen verkürzt sie sich entspre-
chend. Der paradoxe Schlaf ist umso notwendiger, je mehr
neue Lernerfahrungen gemacht werden.

Fazit
Man muss also bei Jugendlichen ausreichend Schlaf sicher-
stellen, obwohl sich manche beim „Büffeln“ genau gegen-
teilig verhalten. Lernen im Schlaf ist keine gute Methode,
aber nach einem ausgefüllten Tag gut zu schlafen, das ist
eine!

62 Es lebe der Mittagsschlaf! Ist


man den ganzen Tag über gleich
wach?
Man muss zwar zum Lernen wach sein, aber die Vigilanz ist
nicht zu allen Tageszeiten auf dem Höchststand. Der fran-
zösische Fachmann François Testu hat diese Schwankungen
in der Unterrichtssituation ausführlich untersucht (1989).
4  Von der Zeit zum Unbewussten   2211
11

9
1. Grundschulklasse
2. Grundschulklasse
5. Grundschulklasse
Additionen oder Zahlen

5
8:40
11:20 9:5013:40 14:30 17:30
Tageszeit
(Die Aufgabe für die Erstklässler ist ein Zahlendurchstreichtest.)

Abb. 4.3   Rechenleistung im Verlauf des Tages für drei Klassen-


stufen (vereinfacht nach Testu 1989)

In einer seiner Studien – der umfassendsten, was die ver-


schiedenen Tageszeitpunkte betrifft – mussten die Schü-
ler zu verschiedenen Zeitpunkten im Tagesverlauf kurze
Aufgaben erledigen. Es handelte sich um drei Zeitpunkte
am Vormittag: bald nach dem Eintreffen im Klassenraum
(8:40), dann mitten am Vormittag (9:50) und am Ende
desselben (11:20). Dazu kamen nochmals drei Zeitpunkte
nachmittags: nach dem Mittagessen (13:40), in der Mitte
des Nachmittags (14:30) und an dessen Ende (17:30). Die
Ergebnisse anderer Arbeiten mit noch mehr Zeitpunkten
und verschiedenen Altersstufen bestätigten diese Resulta-
te, sodass ein „allgemeines“ Gesetz vorliegt (Testu 1989,
S. 76) (Abb. 4.3).
212
212 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Nach einem schwierigen Start steigen die Leistungen


und erreichen zwischen elf Uhr und mittags einen Gipfel;
der Nachmittag zeigt ebenfalls einen typischen Verlauf mit
einem Tiefpunkt während der Verdauung (postprandial,
für die Biologen) und einem Anstieg zum Ende des Nach-
mittags hin. Die beiden „Löcher“ haben biologische Ursa-
chen: verringerte Aktivität nach dem Schlaf am Morgen
und Verdauung am Nachmittag.

Fazit
Das Heilmittel für das „Suppenkoma“ ist altbekannt, in
manchen Mittelmeerländern ist es sogar eine Institution –
die Siesta.

63 Warum verträgt sich Autofahren


nicht mit Alkohol?
Der der Müdigkeit entgegengesetzte Gehirnzustand ist die
Wachheit. Doch um Leistung zu bringen, bedarf es eines
bestimmten Wachheitsgrades. Die Physiologen und Psy-
chopharmakologen bezeichnen diesen Grad von Wachheit
mit dem Begriff der Vigilanz. Messen lässt sich das Ausmaß
der Vigilanz beispielsweise durch die Reaktionszeit bei La-
boraufgaben. Doch da Autofahren für uns so wichtig ist,
versucht man zunehmend, die Vigilanz in der Fahrsituation
zu untersuchen.

Die Gruppe um Willumeit und Ott des psychopharmako-


logischen Labors Berlin führte zahlreiche Simulatorstudien
durch, um das von bestimmten psychotropen Substanzen
4  Von der Zeit zum Unbewussten   2213
13

Alkohol
Benzodiazepine
25
Verringerung (in %)

20

15

10

0
0,6 0,7 0,8 Lor Dia
Alkohol- oder Medikamentenspiegel

Abb. 4.4   Leistungsabfall (in %) auf einem Fahrsimulator in Ab-


hängigkeit von Blutalkohol (g/l) oder Tranquilizereinnahme (Lor-
metazepam und Diazepam) im Vergleich mit einem Placebo (Mo-
difiziert nach Willumeit et al. 1993)

bewirkte Absinken der Vigilanz (Somnolenz) zu untersu-


chen.
Das Diagramm in Abb. 4.4 zeigt, wie die Vigilanz beim
Fahren abhängig vom Blutalkohol und der Einnahme von
Benzodiazepinen (Tranquilizern oder Schlafmitteln) ab-
nimmt. Den Resultaten zufolge beträgt die Abnahme der
Vigilanz ab einem Blutalkoholspiegel von 0,6 Promille
(der in Frankreich erlaubte Wert beträgt 0,5) zwölf Prozent
und kann 25 % erreichen. Im Vergleich mit einem Placebo
(Scheinmedikament) bewirken die getesteten Benzodiaze-
pine (Diazepam ist besser bekannt unter seinem Handels-
namen Valium) eine ähnlich starke Abnahme zwischen
zehn und 25 %.
214
214 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Fazit
Die mit dem Konsum von Benzodiazepinen verbundene
Abnahme der Vigilanz beruht darauf, dass sie wie Nach-
schlüssel an die GABA-Rezeptoren andocken, und GABA
ist der hemmende Neurotransmitter schlechthin. Der
Negativeffekt von Alkohol hat komplexere Ursachen. Ab
0,5  g/l Blut schädigt Alkohol die Nervenzellmembranen
(Schichten aus Lipiden und Proteinen) und stört so die sy-
naptischen Funktionen. Was die Neurotransmitter angeht,
so vermindert Alkohol die Aktivität der (aktivierenden)
Acetylcholinrezeptoren und aktiviert die GABA-Rezepto-
ren, fördert also die Schläfrigkeit. Alkohol und Schlafmittel
vertragen sich daher nicht gut mit Tätigkeiten, die Auf-
merksamkeit erfordern. Am Freitag, den 14. April 2006,
überfuhr ein 33-jähriger städtischer Angestellter mit seinem
Kleintransporter zwei Kinder; er hatte 1,4 Promille Alkohol
im Blut und zudem Cannabis geraucht!

64 Wie kommt man auf einem Fest


miteinander ins Gespräch?
Nimmt man eine Festgesellschaft mit einer Videokamera
auf, erlebt man oft eine Überraschung: Alle reden durchei-
nander, und in dem heillosen Lärm ist nichts zu verstehen.
Doch die psychologische Realität ist eine ganz andere, denn
Ihnen entgeht keine Silbe dessen, was Ihre Gesprächspart-
nerin (oder Ihr Gesprächspartner) sagt, und Sie nehmen
das Getöse nur als Hintergrundgeräusch wahr. Der Brite
4  Von der Zeit zum Unbewussten   2215
15

Colin Cherry (1953), der am Massachusetts Institute of


Technology arbeitete, hat diesen Cocktail-Party-Effekt als
Erster entdeckt. Ihm und seinen Nachfolgern zufolge hören
wir unseren Gesprächspartner dank eines Mechanismus,
der eine Botschaft herausfiltert – der selektiven oder fokus-
sierten Aufmerksamkeit.

Um die Eigenschaften der Aufmerksamkeit zu erforschen,


erfand Cherry das Verfahren des dichotischen Hörens: Die
Probanden hören (über einen Stereokopfhörer) mit beiden
Ohren gleichzeitig zwei verschiedene Botschaften. Beide
Botschaften zu verstehen, ist unmöglich, und wie Cherry
feststellte, schlossen die Probanden die Augen, um sich bes-
ser zu konzentrieren. Wies er sie dagegen an, auf ein Ohr
(etwa das rechte) zu achten, nahmen sie diese Botschaft
deutlich wahr, die nicht beachtete (linkes Ohr) jedoch er-
innerten sie sehr schlecht. So funktioniert der Mechanis-
mus der selektiven Aufmerksamkeit; er erlaubt uns, uns zu
konzentrieren, eine lärmende Umgebung oder ein lautes
Gespräch auszublenden, wenn wir nachdenken oder lesen
wollen.
In der Folge hat man ausgiebig darüber diskutiert, wo
dieser Filter sich wohl befindet. Anfangs glaubten die For-
scher, nebensächliche Informationen würden zurückgewie-
sen und nicht verarbeitet. Doch nach und nach stellte sich
in Experimenten heraus, dass diese Informationen nicht
gelöscht waren, sondern zurückgeholt werden konnten
(Yntema und Trask 1963, zit. in Knight und Parkinson
1975). So bestanden die Botschaften in einem Experiment
mit dichotischem Hören für die beiden „Kanäle“ – rechtes
und linkes Ohr – aus vier Wort-Zahl-Paaren (z. B. Katze-4,
216
216 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Straße-8, Tag-3, Nest-9). Die Versuchsperson erhielt die


Anweisung, sich zunächst die Botschaft eines Ohrs (beach-
teter Kanal) zu merken, dann die andere. Eine experimen-
telle Bedingung sah vor, dass die Versuchsperson jedes Paar
nach „Ohr“ (z. B. Katze-4, Straße-8, Tag-3, Nest-9) erin-
nerte, und die Ergebnisse waren typisch (Cherry 1953).
Die Reproduktionsleistung für den beachteten Kanal war
mit 80 bis 100 % sehr gut. Dagegen ergaben sich für die
Botschaften des linken (unbeachteten) Ohrs katastrophale
Erinnerungsleistungen zwischen 20 und 60 %. Lautete die
Anweisung aber, sich nach Kategorie zu erinnern, das heißt
jeweils die Wörter und die Zahlen zusammen zu nennen –
„4, 8, 3, 9“ oder „Katze, Straße, Tag, Nest“ –, dann war die
Erinnerungsleistung für die Wörter viel besser als für die
Zahlen. Der Filter beseitigt daher die Information nicht,
denn sie lässt sich wiederfinden. Vielmehr wird die Infor-
mation zunächst verarbeitet und gespeichert, und danach
verrichtet die Aufmerksamkeit ihre Auswahlarbeit.

Fazit
Sie haben es im Übrigen oft selbst bemerkt: Auch wenn wir
in eine Zeitschrift vertieft oder von einer Fernsehsendung
gefangen sind, „spitzen“ wir die Ohren, sobald man über
uns spricht oder ein Wort zu einem Thema fällt, das uns in-
teressiert. Das steckt hinter dem Märchen vom Müller, der
erwacht, sobald er die Flügel seiner Mühle nicht mehr hört.
Und so funktioniert das bei der Mutter, die vor Desperate
Housewifes fest einschläft (kann man bei einer solchen Se-
rie einschlafen?) und sofort hellwach ist, wenn sie ihr Kind
hört.
4  Von der Zeit zum Unbewussten   2217
17

65 Warum dürfen Sie beim


Autofahren nicht telefonieren?
In den asiatischen Kampfkünsten gibt es den Kiai, den
Kampfschrei oder Schrei des Todes. Ein kurzer, lauter Schrei
überrascht den Gegner, und im Bruchteil dieser Sekunde
der Unaufmerksamkeit trifft ihn der tödliche Schlag. In
unserer modernen Zivilisation wird die menschliche Kraft
durch die der Maschinen vervielfacht, doch sie können ihn
auch töten, etwa wenn der im Prinzip kluge Mensch ( Homo
sapiens) auf seinem modernen Schlachtross in gestrecktem
Galopp bei 120 oder 150 km/h Radio hört oder telefoniert.
Eines der wichtigen Themen der kognitiven Ergonomie
oder Arbeitspsychologie ist das Multitasking oder die Fä-
higkeit, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bearbeiten. Viele,
die stillschweigend der Vorstellung anhängen, ein immate-
rieller Geist leiste jede geistige Tätigkeit ohne zeitliche und
räumliche Grenze, tun mehrere Dinge auf einmal. Nun zei-
gen aber zahlreiche Experimente, dass die Leistung, ob bei
Reaktions-, Gedächtnis- oder Kopfrechentests, ganz erheb-
lich nachlässt, wenn man zum Beispiel gleichzeitig akusti-
sche Botschaften hört oder spricht.

In einer Studie in Zusammenarbeit mit dem französischen


rundfunktechnischen Labor CCETT führten wir Messun-
gen der Reaktionszeit beim Bremsen durch. Allerdings trat
die Versuchsperson bei einem vereinbarten Gefahrensignal
nicht auf das Bremspedal eines Autos, sondern drückte mit
dem Finger auf eine Tastaturtaste. Auf dem Bildschirm er-
schienen verschiedene Bilder – Fahrrad, Krankenwagen,
Einbahnstraße etc. –, und der Proband sollte so schnell wie
218
218 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

möglich die Taste drücken, wenn das Signal „Gefahr“ (ent-


weder Krankenwagen oder rote Ampel) auftauchte. Jedoch
wurde die Reaktionszeit für die sogenannte Hauptaufgabe
in Abhängigkeit von verschiedenen konkurrierenden Auf-
gaben gemessen. Ging es um die Simulation der Auswir-
kung von Radiohören auf das Lenken eines Fahrzeugs, lief
ein Tonband mit verschiedenen Meldungen. Diese hatten
je nach experimenteller Bedingung eine von vier sprach-
lichen Schwierigkeitsgraden, vom Niveau 1, dem einfachs-
ten, bis zu Niveau 4, dem kompliziertesten mit langen,
verschachtelten Sätzen.

Wettervorhersage

Niveau 1
Kalt, Region Évreux, die ganze Woche.
Niveau 2
Kalt mit Glatteis, Region Évreux, Straße nach Dreux,
die ganze Woche von 18 bis 11 Uhr.
Niveau 3
Kälte mit Glatteisbildung in der Region Évreux, vor
allem auf der Straße nach Dreux, welche die ganze
Woche über zwischen 18 und 11 Uhr glatt sein wird.
Niveau 4
Vorsicht dürfte angebracht sein, denn in der Region
Évreux wird Kälte mit Glatteisbildung erwartet, vor
allem auf der Straße nach Dreux, welche die ganze
Woche über zwischen 18 und 11 Uhr glatt sein wird.

Die Forscher erfanden Meldungen aus verschiedenen Ru-


briken, um eine möglichst realistische Situation herzustel-
len – Veranstaltungshinweise (Kino, Eisstadion, Crêperie,
Museum), Werbung von Geschäften (Neuheiten, Tombo-
4  Von der Zeit zum Unbewussten   2219
19

1200

1100
Reaktionszeit (ms)

1000

900

800

700

600
Kontroll- Niveau 2 Niveau 4
gruppe
Schwierigkeitsgrad der akustischen Meldung

Abb. 4.5   Erhöhung der Reaktionszeit beim Hören von akusti-


schen Meldungen (Lieury et al. 1990)

la, Sonderangebote, Neueröffnung), Verkehrsmeldungen


(Wetter, Baustellen, Benzinpreise, Staus) und verschiedene
andere (Vortrag, Horoskop, Länderspiele, Pressemeldun-
gen) (Abb. 4.5).
Die Ergebnisse sind aufschlussreich, denn in der Kon-
trollgruppe, die nichts hörte, betrug die Reaktionszeit
650 ms. Beim Hören einfacher Meldungen (Niveau 1 und
2) erfolgte die Reaktion nach etwa 800  ms, während sie
sich bei komplexen akustischen Botschaften mit 1100 und
1180 nahezu verdoppelte. Obwohl die Versuchspersonen
sich sehr konzentriert und aufmerksam wähnten, waren
verschiedene psychologische Systeme des Gehirns – Auf-
merksamkeit, Sprache, Gedächtnis – gleichzeitig mit der
motorischen Aktivität und der Verarbeitung der akusti-
schen Meldungen beschäftigt. Man kann sich denken, dass
beim Autofahren, das vielfältige sensomotorische Koordi-
220
220 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

während der Reaktionszeit


zurückgelegte Strecke

130 km/h 23 m
Stille

90 km/h 16 m
akus-
tische Mel-
dungen 130 km/h 42 m

29 m
90 km/h

Abb. 4.6   Geschwindigkeitsabhängig zurückgelegte Strecke als


Funktion der Reaktionszeit bei Stille oder beim Hören von Mel-
dungen (Niveau 4)

nationsleistungen erfordert, diese kognitive Konkurrenz


wahrscheinlich noch viel ausgeprägter ist. Wie dem auch
sei, mit 90  km/h legt unser Wagen 25  m/s zurück. Eine
Verlängerung von 500 ms, also einer halben Sekunde, ent-
spricht demnach einer Verlängerung des Bremsweges um
12,5 m, also um zwei Autolängen. Bei 130 km/h legt der
Wagen 36 m in der Sekunde zurück, und dieselbe Reak-
tionszeitverlängerung um 500 ms bedeutet jetzt eine Ver-
längerung der zurückgelegten Strecke um 18 m, das heißt
drei Autolängen (Abb. 4.6).
In der Realität muss man noch den Bremsweg des
Autos selbst hinzurechnen. Angaben der Straßenverkehrs-
behörden zufolge rollt es bei einer Geschwindigkeit von
90 km/h noch 55 m weit und 144 m bei 130 km/h. Wenn
also die Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit und nur we-
nigen Metern Abstand dahinrasen, wie es häufig auf den
4  Von der Zeit zum Unbewussten   2221
21

Autobahnen zu beobachten ist, dann scheinen Zusammen-


stöße vorprogrammiert.
Die Benutzung des Handys fügt dem Hören und Ver-
stehen der Botschaft weitere konkurrierende Aufgaben
hinzu: Nummern wählen (was das visuelle System be-
ansprucht), unter Umständen Gefühlsausbrüche bei be-
stimmten Gesprächen und so weiter. Ein Experiment
des Verkehrsforschungsinstituts in Michigan untersuchte
die Auswirkungen des Telefonierens im Auto und ver-
glich dazu eine reale Fahrsituation mit einer Simulator-
situation (Reed und Green 1999). Die reale Fahrt fand
auf einem 20 km langen Schnellstraßenabschnitt zu einer
Zeit flüssigen Verkehrs mit der erlaubten Geschwindigkeit
(60  miles/h  =  96  km/h) statt. Über Lautsprecher wurde
die Aufgabe gestellt, einhändig mehrere Nummern auf
dem Handy zu wählen, während zahlreiche Sensoren ver-
schiedene Fahrparameter maßen. Die Ergebnisse der realen
Fahrt ähnelten denen aus dem Simulator und zeigten eine
mehr oder weniger ausgeprägte Leistungsverschlechterung
im Vergleich zur Kontrollbedingung (Fahren ohne Multi-
tasking): + 23 % bei den Abständen des Fußes zum Gaspe-
dal, + 38 % bei den Lenkbewegungsschwankungen und der
Erhöhung der seitlichen Fliehkräfte sowie bis zu + 118 %
(das heißt mehr als doppelt so viel) bei den Geschwindig-
keitsänderungen. Die Schlussfolgerung ergibt sich aus den
Fakten.

Fazit
In Paris erfasste am 10. Oktober 1998 ein Auto zwei Fuß-
gänger; die Fahrerin telefonierte und war dabei sehr flott
unterwegs!
222
222 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

66 „Wenn ich lerne, läuft der


Fernseher – dann kann ich mich
besser konzentrieren!”
Von Jugendlichen hört man häufig die Bemerkung, sie
könnten sich beim Hausaufgabenmachen oder Lernen bes-
ser konzentrieren, wenn sie dabei Musik hören. Das trifft
nicht zu, ganz im Gegenteil. Diese Bemerkung liefert ein
gutes Beispiel dafür, dass man in der Psychologie genau
wie in anderen Wissenschaften Experimente durchführen
muss, denn man darf nicht alles für bare Münze nehmen,
was die Menschen über sich selbst sagen, schon gar nicht
Kinder, im Gegensatz zu dem geflügelten Wort: „Kinder-
mund tut Wahrheit kund.“
Kindern fällt es bereits schwer, sich auf eine Tätigkeit zu
konzentrieren. Und wenn es obendrein noch Ablenkungen
gibt? In einem solchen Fall, wenn man also mindestens
zwei Dinge gleichzeitig tun muss, spricht man von geteilter
oder distributiver Aufmerksamkeit. Bei Erwachsenen beob-
achtet man dabei meist eine Leistungsabnahme von 20 bis
60 % bei der Hauptaufgabe, je nach der Schwierigkeit einer
Zweitaufgabe, etwa beim Autofahren Radio zu hören oder
zu telefonieren. Bei Kindern sind die Auswirkungen genau-
so eindrucksvoll.

In einer Studie von Boujon und seiner Gruppe mussten


Fünftklässler (zehn bis elf Jahre) eine Geschichte um das
Pony Poly und seinen Freund Pascal lesen. Eine Bedingung
sah stilles Lesen vor (selektive Aufmerksamkeit), drei ande-
re Bedingungen geteilte Aufmerksamkeit. Die Kinder einer
dieser Gruppen hörten beim Lesen klassische Musik, die
4  Von der Zeit zum Unbewussten   2223
23

50

Abnahme der Leseleistung (in %)


40

30

20

10

0
Stille Klassik Tonspur Videoclip
konkurrierende Aufgabe

Abb. 4.7   Abnahme der Leseleistung (in Prozent) bei geteilter


Aufmerksamkeit im Vergleich zu selektiver (stilles Lesen; nach
Boujon et al., zit; in Boujon und Quaireau 1997)

der zweiten die Tonspur eines Videoclips (ohne ihn zu se-


hen), und die Kinder der dritten Gruppe sahen und hörten
den Videoclip auf einem Fernsehbildschirm (Abb. 4.7).
Berechnet man den prozentualen Anteil des Leseleis-
tungsrückgangs bei geteilter Aufmerksamkeit im Vergleich
zum stillen Lesen, stellt man fest, dass klassische Musik
nicht stört (sie behindert die phonologischen Prozesse des
Lesens nicht). Dagegen bewirkt das Hören von gesproche-
ner Sprache einen Abfall von 25 %. Sahen die Probanden
zusätzlich das Video, sank ihre Leistung sogar um 40 %.
Die Ergebnisse sind also sehr aufschlussreich, bedenkt
man, unter welchen häuslichen Bedingungen die Kin-
der zuweilen den Stoff wiederholen – sie sehen sich dabei
DVDs oder ihre Lieblingsserie im Fernsehen an.
224
224 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Fazit
Geteilte Aufmerksamkeit dürfte vor allem ein Problem für
hyperaktive Kinder darstellen. In einem Experiment sollten
sich Kinder 15 Bilder einprägen und sie unter 30 wieder-
erkennen (Boujon und Jean, zit. in Boujon und Quaire-
au 1997). Es ergab sich kaum ein Unterschied (unter fünf
Prozent) zwischen einer Vergleichsklasse und einer Klasse
hyperaktiver Kinder. Galt es jedoch, die Bilder zu erkennen,
während gleichzeitig Rechenaufgaben (einfache, akustisch
dargebotene Additionen) zu lösen waren, sank die Leistung
der hyperaktiven Kinder im Vergleich zur Kontrollgruppe
um 25 %.

67 Verbessert kommunikations-
technisches Multitasking die
Aufmerksamkeit?
Ärgerlich! Ich esse mit einem Freund zu Mittag, begierig
auf den neuesten Klatsch und Tratsch aus dem Büro, und
er hört nicht auf, auf seinem I-Phone herumzuspielen – ich
komme mir vor, als redete ich gegen eine Wand! Ich be-
richte einem Freund, einem Fachmann für Aufmerksam-
keit und Unterrichtsplanung, von diesem Erlebnis, und
daraufhin erzählt er mir, neulich bei einer Konferenz im
Ministerium habe der Vertreter des Ministers unablässig auf
seinem Smartphone herumgetippt … und damit Fachleute,
Gewerkschaftsvertreter und Eltern verärgert!
Nun gut, sehen wir von dem Mangel an Kinderstube
einmal ab und fragen wir nach den Auswirkungen dieser
4  Von der Zeit zum Unbewussten   2225
25

neuen Sitte des Multitaskings mit Smartphones. Verbessert


es die Aufmerksamkeit ihrer Eigentümer oder beeinträch-
tigt es sie?

Dazu kommt eine Studienreihe von Forschern der Uni-


versität Stanford in den USA gerade recht. 100 Studenten
absolvierten drei aufeinanderfolgende Tests. Die Proban-
den wurden in zwei Gruppen geteilt, je nachdem ob sie
„High-Tech-Spieler“ waren oder nicht. Die Multitasking-
Studenten erwiesen sich als wenig leistungsstark, da irrele-
vante Reize ihre Aufmerksamkeit weckten; alles lenkte sie
ab. Beispielsweise zeigten ihnen die Versuchsleiter in einem
Experiment Serien von roten Rechteckpaaren, entweder
allein oder von zwei, vier oder sechs blauen Rechtecken
umgeben. Jede Serie erschien zweimal, und der Student
musste angeben, ob sich die roten Rechtecke an derselben
räumlichen Position befanden wie im ersten Durchgang.
Die Probanden erhielten sogar die Anweisung, nicht auf
die blauen Rechtecke zu achten. Die Studenten ohne Mul-
titasking lösten die Aufgabe sehr gut. Dagegen ließen sich
die „Multitasker“ ständig von den blauen Rechtecken ab-
lenken; ihre Leistung war fürchterlich.
Bei einem zweiten Test kam dasselbe heraus. Es erschie-
nen Buchstabenfolgen, und die Probanden sollten laut
sagen, wenn sich eine Folge wiederholte. Die Multitasker
hatten größte Schwierigkeiten, die letzten Buchstabenfol-
gen im Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnis zu behalten, da sie
gewohnt waren, sich mit mehreren Informationsquellen zu
verzetteln.
In einem dritten Experiment schließlich prüften die For-
scher (Nass et al. 2006) die Hypothese, Multitasker könn-
ten vielleicht relevante Information besser aus irrelevanter
herausfiltern, das heißt rascher von einer zu einer anderen
226
226 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Aufgabe umschalten. Also boten die Forscher ihren Pro-


banden Bilder, Buchstaben und Zahlen dar, wobei die Auf-
gabe sich unterwegs änderte: Die Versuchspersonen sollten
sich auf die Zahlen konzentrieren und jede ungerade Zahl
melden, dann wechselte man zu Buchstaben, und sie soll-
ten die Vokale angeben – aber wiederum erwiesen sich die
Multitasker als leistungsschwächer.

Fazit
Die modernen Kommunikationsmittel ändern unsere na-
türlichen Fähigkeiten eindeutig nicht, sondern sie haben
im Gegenteil das Potenzial, alles komplizierter zu machen,
indem sie uns zusätzliche Aufgaben aufbürden (reden und
simsen), zusätzliche Modalitäten beanspruchen (verbal,
bildlich, auditiv etc.) und das Tempo beschleunigen (Auto).
Neue Technologien, gut und schön, aber man achte auf die
Überlastung der Aufmerksamkeit – und die Gebote des An-
stands!

68 Wo befindet sich Ihr


Unbewusstes?
Nach der Einführung des Unbewussten durch Freud gelang
der erste neuropsychologische Nachweis der Unterschei-
dung zwischen Bewusstem und Unbewusstem, nachdem
Roger W. Sperry und Ronald Myers getrennte Funktionen
der beiden Gehirnhälften entdeckt hatten. Tatsächlich be-
steht das Gehirn, von dem man oft wie von einem mono-
4  Von der Zeit zum Unbewussten   2227
27

lithischen Block spricht, aus zwei Hemisphären, die durch


dichte „Kabelnetze“ – den Balken (Corpus callosum), die
Kommissurenbahnen (Commissura anterior und posterior)
und die Sehnervenkreuzung (Chiasma opticum) – mitein-
ander verbunden sind.

Die Verdrahtung der Nervenbahnen weist bei den Wirbel-


tieren die Besonderheit auf, dass das Gehirn spiegelverkehrt
ist: Was im rechten Gesichtsfeld auftaucht, wird in der lin-
ken Gehirnhälfte verarbeitet, die auch die rechten Glied-
maßen steuert. Umgekehrt ist die rechte Hirnhemisphäre
für alles zuständig, was auf der linken Seite geschieht. Die
Experimente von Sperry und Myers an „Split-Brain-Kat-
zen“ (den Tieren wurde der Balken durchtrennt) zeigten,
dass jede Hirnhälfte unabhängig von der anderen zu lernen
vermag. So kann man eine Katze darauf trainieren, bei Er-
scheinen eines Kreises in ihrem rechten Gesichtsfeld mit
der rechten Pfote einen Hebel zu drücken, worauf sie Fut-
ter erhält. Sie lässt sich aber genauso darauf dressieren, den
Hebel mit der linken Pfote zu drücken, wenn in ihrem lin-
ken Gesichtsfeld ein Quadrat erscheint – eine wahre Dr.-
Jekyll-und-Mr.-Hyde-Katze!
Beim Menschen erreicht diese Spezialisierung der Hirn-
hemisphären eine neue Dimension. Meist ist bei Rechts-
händern die linke Hälfte dominant (sie herrscht vor),
daher sind sie mit der rechten Hand geschickter. Überdies
verarbeitet die linke Hirnhälfte gesprochene Sprache (Le-
xik). Dieser fundamentale Unterschied ist zweifelsohne für
Bewusstsein verantwortlich, für die Fähigkeit zu beschrei-
ben, was uns widerfährt oder was wir tun (Sie kennen
diese innere Stimme). Michel Gazzaniga (1970) hat bei
228
228 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Split-Brain-Patienten (aufgrund von Operationen wegen


Epilepsie oder Tumoren) beunruhigende Bewusstseinsspal-
tungen beobachtet. Bei einer Patientin rief die Darbietung
von Dias gewöhnlicher Gegenstände im linken Gesichts-
halbfeld keine Reaktion hervor (die rechte Hemisphäre
blieb stumm), das Foto einer nackten Frau jedoch bewirkte
ein Lächeln, dessen Grund die Patientin nicht anzugeben
wusste. Eine andere Patientin erlebte eines Tages bei der
Wahl eines Kleides einen Konflikt zwischen ihren beiden
Gehirnhälften. Ihre rechte Hand (linke Hemisphäre) griff
in ihrem Kleiderschrank nach einem warmen Kleid (es war
kalt draußen), während ihre linke Hand ein Sommerkleid
nicht loslassen wollte; im vorliegenden Fall erwies sich die
linke Hemisphäre als vernünftig, die rechte jedoch ent-
schied sich „unbewusst“ für Eleganz.

Fazit
Diese Aufspaltung (die an bestimmte Beobachtungen
Freuds denken lässt) zeigt, dass das von der linken Hirn-
hälfte getragene Bewusstsein zumindest teilweise in der Fä-
higkeit besteht, das, was wir wahrnehmen oder tun, verbal
zu beschreiben. Dagegen ist das Unbewusste den Teilen des
Gehirns zugeordnet, die nicht „sprechen“. Das sind beson-
ders die rechte Hemisphäre, aber auch andere Regionen wie
der Hypothalamus – unsere vegetative Steuerzentrale (die
den Hunger, den Sexualtrieb, den Schlaf etc. lenkt) – und
das Kleinhirn, das unser automatisches Handeln steuert.
Das Unbewusste, das Freud bekannt gemacht hat, existiert
sehr wohl, aber es erscheint vielschichtiger.
4  Von der Zeit zum Unbewussten   2229
29

69 „Da war das Auge im Grab und


blickte auf Kain . . . “
Gewissen und Bewusstsein
Das Gewissen war immer ein schwer fassbares Thema, so
zahlreich und unterschiedlich sind seine Facetten. Manche
Philosophen (Foulquié 1914) unterschieden bis zu sieben
verschiedene Definitionen. Das hat im Französischen unter
anderem sprachliche Gründe. Das Wort für Gewissen ist
identisch mit dem für Bewusstein: conscience. Es geht auf
das lateinische conscientia zurück. In diesem Wort steckt das
Wort scientia, also „Wissen“. Die englischen Begriffe gehen
auf dieselbe Wurzel zurück, unterscheiden aber lexikalisch
Bewusstsein, consciousness, und Gewissen, conscience. Im
Deutschen leitet sich „Gewissen“ von den althochdeutschen
Wörtern für „gewusst“, „bewusst“ ab; es besteht also ein ge-
wisser inhaltlicher Zusammenhang zwischen „Bewusstsein“
und „Gewissen“, doch sprachlich ist beides klar unterschie-
den. Die Art von Bewusstsein, die wir als moralisches Ge-
wissen bezeichnen, stellt eine reflektierende Instanz dar, so
als sähen wir in unserem Körper (oder Gehirn) uns selbst
beim Denken oder Handeln zu. Die Dichter haben das Ge-
wissen oft personalisiert. So verkörpert es Victor Hugo in
seinem Gedicht Das Gewissen durch ein Auge: „Da war das
Auge im Grab und blickte auf Kain …“ In Pinocchio nimmt
es die Gestalt der Heuschrecke Jiminy an.

Die Psychologen Endel Tulving und Daniel Schacter


(Tulving 1985) führten sorgfältige Beobachtungen und
Gedächtnistests mit dem Patienten N. N. durch, der an
230
230 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

einer Läsion des Hippocampus litt. Diese Gehirnstruk-


tur ist unser Gedächtnisarchivar. Der Patient verfügte
über ein Kurzzeitgedächtnis mit einer Kapazität von acht
Gedächtniselementen, erzielte jedoch bei einem Wieder-
erkennungstest mit Bildern einen Wert von null (der üb-
liche Wert beträgt um 90 %). N. N. besaß sprachliche
Fähigkeiten und ein intaktes Allgemeinwissen (historische
Ereignisse etc.), doch im Gegensatz zu den üblichen Hip-
pocampus-Patienten (die sich keine neuen Dinge merken
können, aber alte Erinnerungen bewahren) verfügte N. N.
nicht mehr über persönliche Erinnerungen, alles blieb
unpersönlich. Schließlich war er, obwohl er Zeitbegriffe
kannte, weder imstande, sich selbst in der Vergangenheit
zeitlich einzuordnen, noch sich vorzustellen, was er in Zu-
kunft tun würde. Auf diesbezügliche Fragen antwortete er
mit Sätzen wie „Ich habe da ein großes Loch“ oder „Es
ist, als wäre ich in einem leeren Raum und jemand sagt,
ich solle mir einen Stuhl nehmen“ oder auch „Es ist, als
ob ich mitten in einem See schwimmen würde“. Tulving
deutete die Schwierigkeiten von N. N. mit einem Verlust
des von ihm als „autonoetisch“ bezeichneten Bewusstseins.
Dieses Bewusstsein ordnet normalerweise erinnerte Er-
eignisse in einen zeitlichen Kontext. Andere Autoren be-
zeichnen es mit dem einfacheren Begriff „autobiografisches
Gedächtnis“.

Fazit
Doch das Bewusstsein ist allem Anschein nach vielschich-
tig. Es gibt nicht nur das mit einem Unterschied zwischen
den Hirnhälften (voriger Abschnitt) zusammenhängende
„verbale“ Bewusstsein und das autobiografische Gedächt-
4  Von der Zeit zum Unbewussten   2231
31

nis, sondern andere Forscher glauben, dass die gerichtete


Aufmerksamkeit ebenfalls eine Form von Bewusstsein dar-
stellt. Beispielsweise steuere ich mein Auto automatisch,
doch ich kann mich so auf das Fahren konzentrieren, dass
mir meine Blicke auf die Straße und meine Bewegungen
zu Bewusstsein kommen. Das spricht für eine „verstell-
bare“ selektive Aufmerksamkeit. Michael Posner (1990),
ein Spezialist für Aufmerksamkeit, sprach sogar von einem
„mentalen Scheinwerfer“, was nicht von ungefähr an das
Auge bei Victor Hugo erinnert. Diese exekutive Funktion
des Bewusstseins erzeugt den subjektiven Eindruck, eine
bestimmte Tätigkeit werde von einem Lichtkegel erhellt.
So führt es gewissermaßen den philosophischen Begriff des
reflektierenden Bewusstseins – des Gewissens – weiter und
ruft bei Manchen den Eindruck hervor, von einer Seele oder
einem vom Körper getrennten Geist überwacht zu werden.
„Da war das Auge im Grab und blickte auf Kain …“
5
Motivation, Emotion und
Persönlichkeit

A. Lieury, Die Geheimnisse unseres Gehirns,


DOI 10.1007/978-3-642-37507-1_5, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
234
234 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Inhaltsübersicht
70 Hunger, Durst, Sexualität – woher kommen unsere Triebe?������  235
71 Wie erklärt man das Geheimnis des Vogelzuges?����������������������  237
72 Wer oder was treibt uns an?������������������������������������������������������  239
73 Wissen Sie, dass Sie ein drittes Auge haben?����������������������������  242
74 Warum stürzt sich das Verkaufspersonal in manchen Läden
auf die Kundschaft (und in anderen nicht)?��������������������������������  244
75 Gereizt, ohnmächtig, frustriert, angeekelt? ������������������������������  247
76 Warum will man immer mehr?���������������������������������������������������  250
77 Sage mir, was du spielst, und ich sage dir, wer du bist��������������  254
78 Trifft die Redewendung „Ein hungriger Bauch hat keine
Ohren“ zu?����������������������������������������������������������������������������������  257
79 Warum verspüren Sie Emotionen?����������������������������������������������  260
80 Was macht Ihnen Spaß, und was geht Ihnen auf die Nerven?����  264
81 Was lässt Sie vor Angst schlottern oder in Tränen
ausbrechen?��������������������������������������������������������������������������������  266
82 Sind Ihre Emotionen instinktiv? ������������������������������������������������  270
83 Was ist zuerst da: Gefühl oder physiologische Reaktion?����������  272
84 Stimmt es, dass ein großes Unglück krank machen kann?��������  275
85 „Das Herz hat seine Vernunft, die der Verstand nicht
kennt …“������������������������������������������������������������������������������������  278
86 „Autoritäre Sie sucht furchtsamen Ihn“ – was versteht
man unter Persönlichkeit?����������������������������������������������������������  279
87 Gefühlsbetont, herzlich, ordentlich – wie erklärt sich die
Vielfalt der Persönlichkeitszüge? ����������������������������������������������  284
88 Eignet sich die Grafologie als Instrument der
Personalauswahl? ����������������������������������������������������������������������  286
89 Lässt sich Ihr Charakter an Ihrer Handschrift ablesen?��������������  289
90 Sagen Sternzeichen etwas über Ihren Charakter aus?��������������  291
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2235
35

Bedürfnis, Instinkt, Lust, Leidenschaft, Verlangen, Trieb, In-


teresse, Neugier, Wille, Plan, Ziel, Motiv (des Verbrechens) –
im Alltagswortschatz wimmelt es von Bezeichnungen für
die Antriebskräfte unseres Handelns. In diesen vielfältigen
Begriffen spiegeln sich sehr unterschiedliche Vorstellungen,
angefangen vom Instinkt, der völlige genetische Determi-
niertheit unterstellt, bis hin zum Plan oder Willen, in denen
sich eine humanistische Überzeugung von der Willens-
freiheit des Menschen ausdrückt. Vom wissenschaftlichen
Standpunkt aus gesehen muss jedes neue Konzept seine Be-
rechtigung experimentell nachweisen, und all diese Ausdrü-
cke lassen sich unter dem Oberbegriff der Motivation zu-
sammenfassen. Darunter versteht man die Gesamtheit der
biologischen und psychologischen Mechanismen, die das
Handeln auslösen, es ausrichten (auf ein Ziel hin oder im
Gegenteil der Entfernung davon) und schließlich seine In-
tensität und Nachhaltigkeit bestimmen: Je motivierter man
ist, desto stärker und ausdauernder ist die Aktivität.

70 Hunger, Durst, Sexualität – woher


kommen unsere Triebe?
Kannibalismus gehört keineswegs der Vergangenheit an!
Nach einem Flugzeugabsturz in den Anden verzehrten die
Überlebenden die Toten, um am Leben zu bleiben. Diese
Meldung erregte so viel Aufsehen, dass das Ereignis als Vor-
lage für den Film Überleben von 1993 diente. Doch es war
kein Einzelfall; Kannibalismus kam auch in der Armee Na-
poleons beim Rückzug aus Russland vor. Dieses Verhalten
belegt – neben anderen wie Gewalttätigkeit und Mord –,
236
236 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

dass bei gleichwohl gut sozialisierten Menschen weiterhin


tierische Instinkte vorhanden sind. Instinkte gibt es also
nach wie vor, doch wie funktionieren sie?

Die Ethologen – Forscher, die das Verhalten von Tieren


in ihrer natürlichen Umgebung erforschen ( ethos bedeutet
wörtlich „Sitte“, „Brauch“) –, haben nachgewiesen, dass
sich hinter den gemeinhin „Triebe“ genannten Motivatio-
nen eine Mischung angeborener, aber auch erlernter Kom-
ponenten verbirgt.
Niko Tinbergen, ein berühmter Ethologe, erhielt für
seine unermüdlichen Forschungen den Nobelpreis. Der
Verhaltensforscher klärte unter anderem die Funktions-
weise des Fortpflanzungstriebes bei einem kleinen Süßwas-
serfisch, dem Stichling. In gewisser Weise deckte er unsere
Instinkte „in einem Aquarium“ auf. Das Verhalten des Fi-
sches von der Balz bis zur Brut unterteilt sich in mehrere
Sequenzen, die jeweils von einem ganz bestimmten Signal
(im Zusammenspiel mit dem Hormonhaushalt des Stich-
lings) ausgelöst werden. Bedingt durch hormonelle Verän-
derungen gegen Ende des Winters färbt sich der Bauch des
Stichlingsmännchens rot, und es zeigt ihn Eindringlingen,
um sein Territorium zu verteidigen. Die „Signalfarbe“ des
Tieres ist demnach der entfernte Vorfahr der Aufmachung
unserer mittelalterlichen Ritter oder, ganz modern, der
Tags, die das Territorium von Jugendbanden markieren.
Nachdem der Stichling ein tunnelförmiges Nest aus Pflan-
zenteilen gebaut hat, wird sein Rücken silbrig, und diese
neue Farbe dient als Signal, um Weibchen anzulocken. Es
folgen also verschiedene Sequenzen in unveränderlicher
Ordnung aufeinander, jede ausgelöst von einem primiti-
ven Signal (Handlungs- oder Reaktionskette). Tinbergen
bewies das, indem er falsche Signale oder Attrappen als
Auslöser benutzte. Beispielsweise löst das Männchen beim
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2237
37

Weibchen die Eiablage aus, indem es dieses wiederholt mit


dem Maul am Schwanz berührt; Tinbergen bewirkte durch
Berühren mit einem Holzstäbchen dasselbe. Dass Attrap-
pen umso wirksamer sind, je übertriebener sie sind, zeigen
Make-up (sexuelle Anziehung) oder Drohgebärden auf
dem Pausenhof (Vorspiel zu Aggressionen) – die mensch-
lichen Gegenstücke zu Auslösesignalen für biologische Ver-
haltenssequenzen.

Fazit
Je komplexer eine Spezies, desto mehr Gewicht gewinnen
die gelernten Komponenten. Beim Menschen schließlich
kann das so weit gehen, dass sozial Gelerntes mit den biolo-
gischen Bedürfnissen in Konflikt gerät. Beispielsweise scha-
den übermäßiges Trinken und Rauchen oder die berühmte
(archäologisch nicht nachgewiesene) Praxis bei römischen
Gelagen, sich absichtlich zu erbrechen, der Gesundheit und
stehen daher biologischen Bedürfnissen entgegen. Am an-
deren Ende der Skala herrschen bei primitiven Tieren, vor
allem Insekten, die angeborenen, genetisch programmier-
ten Komponenten vor; sie lassen sich in keiner Weise durch
Lernen korrigieren.

71 Wie erklärt man das Geheimnis


des Vogelzuges?
Die alljährlichen Wanderungen mancher Vögel zwischen
Brutgebiet und Winterquartier (Dorst 1956) bieten ein aus-
gezeichnetes Beispiel für die Komplexität dessen, was man
zu oberflächlich als Instinkt bezeichnet, in diesem Fall den
238
238 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Zugtrieb. Zunächst einmal ziehen nicht alle Vögel. Manche


wie Amsel oder Meise überwintern an Ort und Stelle, an-
dere verteilen sich nur auf ein größeres, leicht anders gele-
genes Gebiet, die Vögel Nordeuropas etwa nach Südwesten.
Findet ein Vogelzug statt, dann folgt er keinen einfachen
Gesetzmäßigkeiten. Die Vögel des Nordens (Skandinavien)
ziehen weiter als in niedrigeren, also wärmeren Breiten hei-
mische Arten. Zudem unterscheidet sich die Art und Weise
des Ziehens stark. Störche orientieren sich allem Anschein
nach am Landschaftsprofil oder an den Küstenlinien und
vermeiden längere Flüge über Wasserflächen, während die
großen Segler wie Küstenseeschwalbe und Papageitaucher
sich über Tausende Kilometer wie Segelflugzeuge von den
großen Luftströmungen tragen lassen.

Auch die Orientierungsmechanismen unterscheiden sich.


Die Jungvögel folgen den Altvögeln (wie bei Wildgänsen
und -enten, welche in V-Formation einem „Chef“ fol-
gen) und lernen auf diese Weise verschiedene geografische
Richtmarken (den Mississippi beispielsweise) oder astrono-
mische Orientierungshilfen wie die Sterne. Stephen Emlen
(1972) hat durch Experimente im Planetarium mit dem
Indigofink, einem Langstreckenzieher, nachgewiesen, dass
sich die Jungen an der scheinbaren Rotationsachse des
Himmelsgewölbes orientieren und sich in der Richtung
täuschen, wenn man im Planetarium eine andere Drehach-
se einstellt; die älteren Vögel hingegen täuschen sich nicht
und richten sich nach den auf früheren Zügen gelernten
Sternkonstellationen. Es besteht daher so etwas wie eine
„Zugtradition“, die im Verlauf mehrerer Züge durch Beob-
achtungslernen von den Alten an die Jungen weitergegeben
wird (Vögel besitzen ein ausgezeichnetes Sehvermögen und
visuelles Gedächtnis).
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2239
39

Fazit
Eine der erstaunlichsten Wanderungen unternimmt der ka-
nadische Goldregenpfeifer. Er brütet im Sommer im Nor-
den Kanadas und macht sich im Herbst auf eine sehr lange
Reise in sein Überwinterungsgebiet in Südamerika; dabei
überfliegt er etwa 3800 km Meer. Im Frühjahr fliegt er auf
einer anderen Route über Land zurück. Dass dieses kom-
plexe Verhalten angeboren sein soll, ist schwer vorstellbar.
Die verführerischste Hypothese (Dorst 1956) lautet, dass
die gegenwärtige Zugroute durch Probleme vergangener
Generationen entstanden ist. Die Vögel mussten immer
weiter nach Süden fliegen, „getrieben“ von der Abkühlung
ihrer Überwinterungsgebiete in den Quartäreiszeiten (die
vor einer Million Jahren einsetzten).

72 Wer oder was treibt uns an?


In der Antike glaubten vor allem die Griechen und Römer,
dass sowohl die Kräfte der Natur als auch unsere Handlun-
gen von den Göttern gelenkt würden. Eros (Amor, Cupido)
und Aphrodite (Venus) geboten über die Liebe, Thanatos
über den Tod, Dionysos (Bacchus) über das Fest. Für das
Christentum gingen böse Triebe eher auf das Konto des
Teufels. Am Ende des 19. Jahrhunderts brachte Freud ein
wenig Rationalismus in die Sache und erklärte bestimmte
Triebe mit einem sehr realistischen, aber noch geheimnisvol-
len Unbewussten. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts gelang es
aufgrund der Entdeckungen der Mikroelektrophysiologie
(Ableitungen von Nervensignalen oder Erregung einzelner
240
240 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Neuronen durch Mikroelektroden), Licht in die Funktion


bestimmter Hirnzentren zu bringen. Auf diese Weise ent-
deckte man das „Reservoir“ der Triebe – es handelt sich um
ein subcorticales (unter dem Cortex liegendes) Zentrum,
den Hypothalamus. Er erzeugt in speziellen Arealen den bio-
logischen Ursprung unseres programmierten Verhaltens –
Hunger, Durst, Suche nach einem Geschlechtspartner,
Schlaf –, löst aber auch Flucht- und Angstimpulse aus.

So drückten Ratten in einem Experiment des Physiologen


James Olds (1956) ohne Unterlass auf einen Hebel, der
eine elektrische Reizung (keine Schocks, sondern Stimula-
tion in der Stärke der natürlichen Elektrizität des Gehirns)
bestimmter Hirnregionen auslöste, und zwar des „Lust-
zentrums“. Andere Forscher entdeckten Zentren für Angst
oder Bestrafung, sodass die Reizung dieser Areale bei Tie-
ren Angst- oder Schmerzverhalten auslöst.
Diese Zentren wirken in komplexer Weise, insbesonde-
re durch die Vermittlung der Hypophyse, der „Dirigentin
der Hormondrüsen“. Sie schüttet in eng umgrenzten Be-
reichen Substanzen in kleinsten Mengen aus, die wiederum
auf die hormonausschüttenden Drüsen einwirken. So setzt
die chemische oder elektrische Reizung des Hypothalamus
verschiedene vegetative Bedürfnisse und Verhaltensweisen
in Gang. Die Injektion einer verschwindend kleinen Men-
ge Sexualhormone löst bei Ratten Hypersexualität aus: Die
Biologen Vaughan und Fisher brachten Ratten durch elek-
trische Reizung dazu, 44-mal hintereinander mit Ejakula-
tion zu kopulieren. Künstlich herbeiführen ließ sich auch
analoges Verhalten wie Überfressen oder der Eisprung bei
weiblichen Kaninchen (Donnet 1969).
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2241
41

Bei Menschen konnte das Lustzentrum während Ge-


hirnoperationen erforscht werden (Sem-Jacobsen und
Torkildsen 1960, zit. in Kretch und Crutchfield 1969).
Bei einer Autostimulation (wenn die Probanden auf einen
Knopf drückten, erfolgte eine Reizung des Lustzentrums)
gaben sie an, sich gut zu fühlen, lächelten und schienen
zufrieden, konnten dieses angenehme Gefühl aber nicht
benennen oder es mit früheren Erfahrungen in Zusam-
menhang bringen. Der eigentliche Kern der Lust ist nicht
sexuell, wie es Freud mit seinem Begriff der Libido (Sexual-
trieb) glaubte.

Fazit
Angeregt durch andere Studien unterschied der Neurobio-
loge Jaak Panksepp vier Emotionssysteme. Seiner Theorie
zufolge sind Motivation und Emotion lediglich zwei Aus-
prägungen desselben Reizes und unterscheiden sich nur
durch die Stärke: Eine schwache Reizung eines Systems
führt zu einem motivationalen Zustand, beispielsweise
Wachsamkeit, während eine starke Reizung panische Angst
hervorruft. Derselbe Unterschied besteht zwischen einem
leichten Bedürfnis nach Nahrung und einer unkontrollier-
ten Gier, die bis zu Kannibalismus gehen kann.
Eines der vier Systeme, die Suche, entspricht dem Lust-
zentrum, und hat zu tun mit Appetenz- oder Annäherungs-
motivationen: Hunger, Durst, Sexualität, Schlafbedürf-
nis und so weiter. Diese Bedürfnisse werden von inneren
Reizzuständen ausgelöst. Beispielsweise bewirkt ein Absin-
ken des Blutzuckerspiegels das Gefühl von Hunger; so hat
man das mit Glucoserezeptoren versehene Hungerzentrum
242
242 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

im Hypothalamus entdeckt. Umgekehrt erzeugt die Befrie-


digung dieser Bedürfnisse, etwa durch Essen, ein Gefühl
von Wohlbefinden. Ein zweites System, Furcht, reagiert
auf Bedrohungen oder bestimmte angeborene Reize (lauter
Lärm, beim Kind Verlust des Haltes, bei Vögeln Schatten
etc.) und löst Flucht oder Lähmung (weiche Knie) aus. Wut
als drittes System entsteht durch eine Verletzung oder Frus-
tration und setzt Droh- und Angriffsreaktionen in Gang.
Und schließlich ruft ein viertes System, das hauptsächlich
bei Primaten (also auch beim Menschen) und beim Hams-
ter, nicht aber bei der Ratte vorkommt, Jammern und Wei-
nen hervor. Der Auslösereiz dieses Systems der Panik/Ver-
zweiflung ist der Verlust des Sozialkontakts. Wahrschein-
lich suchen kleine Kinder (manchmal auch weniger kleine)
wegen dieses Systems Trost bei einem Plüschtier.
Wir befinden uns hier in der Welt der mächtigen Triebe,
die Freud entdeckt und mit dem verschwommenen Begriff
des Unbewussten versehen hat. Früher nannte man sie den
Teufel oder die Kräfte des Bösen. Der Mensch akzeptiert
das Tier in sich nicht und neigt dazu, das Auftreten scham-
oder furchtauslösender Verhaltensweisen äußeren Faktoren
zuzuschreiben.

73 Wissen Sie, dass Sie ein drittes


Auge haben?
Vernachlässigt von den Astrologen gibt es dennoch ein
Gestirn, das Einfluss auf unseren Charakter hat, und zwar
die Sonne. Sie bringt zunächst einmal das Leben (Pflanzen
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2243
43

gewinnen mithilfe ihres Chlorophylls Energie aus Licht),


doch neuere Forschungen haben gezeigt, dass auch unser
vegetatives Leben von der Sonne abhängt, ebenso das der
Pflanzen. Bei den Wirbeltieren – von den Fischen bis zu
den Säugetieren und natürlich dem Menschen – regelt der
Hypothalamus, das „Gehirn“ des vegetativen Lebens, die
physiologischen Komponenten von Hunger, Durst, Schlaf-
Wach-Rhythmus und Sexualität. Nun erhält der Hypo-
thalamus selbst wiederum Signale von einer anderen Hirn-
struktur, der Epiphyse. Sie ist eine Art altertümliches Auge
(bei niederen Tieren noch mit echten Photorezeptoren),
daher ihr mittelalterlicher Name „drittes Auge“ (oder Zir-
beldrüse zur Zeit Descartes’).

Mit diesem seltsamen System suchte man auch den Zug-


drang der Vögel zu erklären. Denn sobald der Frühling
naht, vollziehen sich bei diesen deutliche physiologische
Veränderungen wie Gewichtszunahme, Vergrößerung der
Geschlechtsdrüsen, dann Steigerung der Aktivität bis zum
Abflug. In der Vermutung, verstärkte Sonneneinstrahlung
sei die Ursache, stellten Forscher Experimente mit einer zu
den Zugvögeln gehörenden Entenart an. Einigen Exemp-
laren setzten sie eine Kappe auf, und diese entwickelten
sich nicht wie ihre sonnenverwöhnten Artgenossen. Eine
Reihe von Untersuchungen ergab, dass der entscheiden-
de Faktor tatsächlich die Lichtmenge war, die durch die
am Scheitel dünnere Schädeldecke hindurch auf eine be-
stimmte Struktur, eine Art urtümliches Auge einwirkte,
die Epiphyse oder Zirbeldrüse. Die Reizung der Epiphyse
durch Photonen steuert die Ausschüttung des Hormons
Melatonin, das alle Funktionen des Hypothalamus beein-
flusst.
244
244 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Descartes glaubte, Gott kommuniziere mit der Seele ge-


wissermaßen durch die Zirbeldrüse, der Schnittstelle
zwischen Geist und Körper und dem Ausgangspunkt der
„Animalgeister“, und diese setzten die Gedanken in Kör-
perbewegungen um. Damit hatte er nicht ganz und gar
Unrecht, denn wie für die Inka und die Ägypter ist Gott
die Sonne.

Fazit
Die Mediziner erkennen allmählich die negativen Auswir-
kungen des Sonnenlichtmangels, vor allem in langen Win-
tern, und bezeichnen unsere Antriebslosigkeit während
der grauen Wintermonate als „Winterdepression“. In den
Regionen am Polarkreis, in denen monatelang Dunkelheit
herrscht, ist es noch schlimmer. Dort werden die Menschen
mit Phototherapie behandelt; in den Schulen ist das sogar
institutionalisiert. Die Reisebüros haben das nur zu gut ver-
standen, das zeigt die Regel der 3 S: „Sea, Sex, and Sun“!

74 Warum stürzt sich das


Verkaufspersonal in manchen
Läden auf die Kundschaft (und in
anderen nicht)?
Die ersten quantitativen Studien zur Motivation wurden
in Lernexperimenten mit der guten, braven Laborratte im
Labyrinth gemacht. Mit der Beobachtung dieser Tierchen
meinten manche Forscher, die Mechanismen des Lernens
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2245
45

beim Menschen untersuchen zu können, nur in weniger


komplizierter Form. Das trifft zu, denn auf welche Wei-
se ein Pianist lernt, ein Rachmaninow-Konzert zu spielen,
liegt nicht unbedingt so klar auf der Hand.

Einer der führenden Lerntheoretiker der 1940er und


1950er Jahre, Clark Hull von der Universität Yale, er-
kannte sehr bald (schon in seinem ersten Buch Principles of
Behavior von 1943) die Notwendigkeit, Lernen mit Moti-
vation zu verknüpfen. Warum? Ganz einfach, weil unsere
liebe, kleine Ratte nur dann arbeitet, wenn sie hungrig ist
und dann belohnt wird. So bürgerte sich ein inzwischen
klassisches Verfahren ein: Im Ziel, am Ende des Labyrinths,
erhält sie eine Belohnung (ein Futterpellet oder ein Keks-
stückchen). So auch in dem berühmten Experiment eines
sehr bekannten Forschers jener Zeit, Edward Tolman. Er
erzeugte bei einer Rattengruppe leichten Hunger, bei einer
anderen starken. Dann unterteilte er jede in zwei Unter-
gruppen. Die Tiere der einen erhielten Futter als Beloh-
nung, wenn sie das Ziel am Ende des Labyrinths erreichten,
die der anderen Untergruppe nicht (sie wurden gefüttert,
wenn sie wieder in ihren Käfig kamen) (Abb. 5.1).
Den Ergebnissen zufolge lernt diejenige Untergruppe
am schnellsten (starke Fehlerabnahme), die sowohl großen
Hunger hatte als auch eine Belohnung bekam.
Solche Experimente fasste Hull zu einer berühmten
Formel zusammen (sichtlich orientiert an der Formel der
physikalischen Kraft von Newton K = Masse × Beschleu-
nigung), der zufolge die Stärke der Motivation von der
Bedürfnis- oder Triebstärke und der Verstärkung (Fachaus-
druck für Belohnung) abhängt.
246
246 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

300
Irrtumshäufigkeit
wenig hungrig
250 wenig hungrig +
Belohnung
hungrig
Bedürfnis 200
hungrig +
+ Belohnung
Belohnung

100

50

0
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18
Lerntage

Abb. 5.1  Doppeleffekt von Bedürfnis und Belohnung bei Ratten


in einem Labyrinth (vereinfacht nach Tolman und Honzik 1930)

Fazit
Dieses Hull’sche Gesetz fand praktische Anwendung im
Prämiensystem des Marketings: Der Verkäufer erhält nur
eine geringe Bezahlung, um ein Bedürfnis zu schaffen (ent-
spricht dem Hunger der Ratte), und wird jedes Mal, wenn
er einen Gegenstand verkauft oder ein Ziel erreicht hat (das
Ende des Labyrinths), mit einer Prämie belohnt (Futter-
pellet). Umgekehrt verringern negative Verstärkungen die
Häufigkeit eines unerwünschten Verhaltens.
Zuckerbrot und Peitsche!
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2247
47

75 Gereizt, ohnmächtig, frustriert,


angeekelt?
„Gereizt, ohnmächtig, frustriert, angeekelt?“ Nein, es geht
weder um die Schule noch um die Arbeit, sondern um ein
Computerspiel. So titelte die Computerspielzeitschrift Play-
er Station1 nach der Markteinführung von Tomb Raider III.
Indessen hätten wohl viele Schüler gerne die schöne Lara
Croft als Lehrerin! Ja, aber das Spiel ist zu schwer. Der Leit-
artikler schrieb: „Stop!!! Help! Angesichts einer Schwierig-
keit an der Grenze des Erträglichen glauben wir, dass Sie,
die Sie Geld in diesen Alptraum gesteckt haben, sich das
Leben am besten mit einer Komplettlösung erleichtern …“
Auf bestimmten Ebenen muss Lara Croft durch die kro-
kodilverseuchte Kanalisation von London kriechen oder
schwimmen, und die Taschenlampe leuchtet immer nur für
ein paar Sekunden. So wird Lara alle naselang gefressen.
Es gibt eine Forschungsrichtung, ursprünglich an Tieren,
die in diesem Bereich einen bedeutenden Fortschritt mit
manchmal dramatischen Folgen gebracht hat.

Alles begann mit Experimenten unter der Leitung von


Martin Seligman von der Universität von Pennsylvania. In
einem davon wurden Hunde drei Gruppen zugewiesen und
jeweils einzeln mit einem Geschirr in der Apparatur fixiert.
In der ersten Gruppe, genannt „Vermeidung“, erhielten die
Hunde 64 schmerzhafte, zeitlich auseinander liegende Elek-
troschocks (einen alle zwei Minuten). Drückte der Hund
während des Schocks auf eine direkt vor seiner Schnauze

1 
Nr. L8295.
248
248 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

angebrachte Platte, hörte jener auf, wenn nicht, hielt er


30 Sekunden an. 24 Stunden später kamen die Hunde in
einen zweigeteilten Käfig (Shuttle Box). Diese Vorrichtung
haben andere Forscher aus der Stressforschung erfunden,
und sie wird häufig benutzt, um die Wirkung von stressre-
duzierenden, beruhigenden, antidepressiven Medikamen-
ten an Ratten zu testen. Die Shuttle-Box besteht aus zwei
durch eine Barriere getrennten Abteilungen und ähnelt ein
klein wenig einem Miniatur-Tennisplatz. Doch damit hört
die Ähnlichkeit auch schon auf, denn nun ertönt ein Signal
und kündigt (zehn Sekunden später) einen Elektroschock
in der Käfigabteilung an, in der der Hund sich aufhält. In
dieser Anordnung, auch „Vermeidungslernen“ genannt,
erhält der Hund eine Warnung; springt er beim Ertönen
des Signals über die Barriere in das andere Käfigabteil, ent-
geht er dem elektrischen Schlag, falls nicht, erhält er zehn
Sekunden nach dem Ton den Schock. Eine zweite Grup-
pe, die „Kontrollgruppe“, durchläuft die vorexperimentelle
Phase in dem Geschirr nicht, sondern nur die zweite in der
Shuttle-Box. Die dritte Gruppe schließlich erhält ein vor-
experimentelles Training in dem Geschirr, doch stellt das
Drücken auf die Platte den Schock nicht ab. 24 Stunden
später kommen die Tiere der dritten Gruppe unter den-
selben Bedingungen wie die erste und die zweite in den
Käfig (Abb. 5.2).
Die Ergebnisse sind frappierend. Während die „Ver-
meidungs“- und die Kontrollgruppe, vom Schock über-
rumpelt, (durchschnittlich) etwa 27 s in diesem Käfigteil
zubrachten, brauchte die dritte Gruppe im Mittel fast
doppelt so lange, um sich in Sicherheit zu bringen (48 s).
Da der Schock zehn Sekunden nach dem Signal erfolgte,
gelang es 75 % der Hunde dieser dritten Gruppe nicht, we-
nigstens neun der zehn Schocks zu vermeiden. Dagegen
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2249
49

Hilflosigkeit

50

40
Zeit bis zum Sprung (s)

30

20

10

0
Vermeidung Kontrollgruppe Hilflose

Abb. 5.2  Verlängerung der Reaktionszeit zur Vermeidung eines


Elektroschocks in der Gruppe der „hilflosen“ Hunde im Vergleich
zu zwei anderen Gruppen (nach Maier und Seligman 1967)

erzielte kein einziger Hund der Vermeidungsgruppe ein


solches Extremergebnis. Die Hunde der dritten Gruppe
waren passiv, resigniert, und aus diesem Grund nannte Se-
ligman sie „hilflos“. Das ist die seither berühmte „gelernte
Hilflosigkeit“.

Fazit
Zahlreiche Experimente bestätigten dieses Phänomen,
beim Tier wie beim Menschen (Overmier und Blancheteau
250
250 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

1987), beispielsweise mit schrillem Lärm (Hiroto 1974).


Ebenso erzeugen sehr schwierige oder unmögliche Lern-
aufgaben bei Schülern Hilflosigkeit oder Entmutigung
(Dweck und Legget 1988; Ehrlich und Florin 1989; Lieury
und Fenouillet 2006).
Kurzum, psychologisch gesehen tritt Hilflosigkeit ein,
wenn das Lebewesen (Tier oder Mensch) keinen Zusam-
menhang zwischen seinem Handeln und den Ergebnis-
sen seines Handelns mehr wahrnimmt. Wir werden dem
Phänomen erneut begegnen. Auf neurobiologischer und
neurochemischer Ebene aktiviert dieser Stress offenbar die
schmerzdämpfenden Systeme des Gehirns, sodass „Endor-
phine“ genannte Substanzen freigesetzt werden. Sie heißen
so, weil sie chemisch dem Morphium ähneln, wodurch sich
auch die schmerzlindernden Wirkungen dieser Opiumderi-
vate erklären – mit all ihren psychologischen Begleiterschei-
nungen wie Appetitverlust, Lethargie, kurz, Motivations-
verlust.

76 Warum will man immer mehr?


Viele Spieler spielen unaufhörlich weiter, manche ihr ganzes
Lebens lang, ohne jemals zu gewinnen (oder nur minima-
le Summen). Das bezeichnet man als „Spielerparadoxon“
(Rachlin 1990) (Abb. 5.3).
Im Mittel gibt der Spieler oft mehr aus, als er gewinnt,
denn ein Großteil der Einnahmen, etwa 40 %, wird andern-
orts in der staatlichen Lottogesellschaft verteilt. Bei man-
chen Spielen wie Rubbellosen ist es noch schlimmer, da die
Spieler nur ein Drittel ihres Einsatzes zurückerhalten.
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2251
51

Beispiel Lottospiele

• Im Durchschnitt
– setzt der Spieler mehr ein, als er gewinnt,
– denn ein Großteil des Geldes geht anderswohin.

• siehe Diagramm
Spieler
8% Staat
6% Lotteriegesellschaft
Vertriebsnetz

28 % 58 %

Abb. 5.3  Umverteilung der Einnahmen der staatlichen französi-


schen Lotterie

Wie ist diese außerordentliche Beharrlichkeit – Zeichen


einer starken Motivation – zu erklären? Dieses rätselhafte
Verhalten lässt sich sehr gut erklären mit der Theorie von
Albert Bandura, einem Forscher der kalifornischen Univer-
sität Stanford, wonach die Verstärkung symbolisch vorweg-
genommen wird. Der Spieler braucht nicht tatsächlich zu
gewinnen, er gewinnt „in der Einbildung“ wie das Milch-
mädchen in Jean de la Fontaines Fabel (Milchmädchen-
rechnung).
252
252 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

In einer Erweiterung seiner Theorie hängt die Motiva-


tion wesentlich von der „Selbstwirksamkeitserwartung“
ab (Bandura und Schunk 1981; Bandura und Cervone
1983). Die Person ist aufgrund ihres Vorstellungsvermö-
gens nicht nur imstande, im Geist die aus ihren Erfolgen
oder Misserfolgen erwachsende Befriedigung vorwegzu-
nehmen („Ergebniserwartung“), sondern hat zudem Er-
wartungen hinsichtlich ihrer eigenen Fähigkeit, gesetzte
Ziele (persönliche Standards) zu erreichen. Die Motivation
hängt also nicht unmittelbar von den Zielen ab, sondern
zunächst von der persönlichen Einschätzung der eigenen
Zulänglichkeit oder Unzulänglichkeit. Das Gefühl von
„Selbstwirksamkeit“ stellt sich ein, wenn diese Erwartung
positiv ist. Daraus erwächst die Motivation. Durch die Er-
gebniserwartung (Ziel) wird dann die Befriedigung (innere
Verstärkung) antizipiert.
In einem der zahlreichen Experimente Albert Banduras
und seines Teams sollten Studenten unter dem Vorwand,
Aerobic-Übungen durchzuhalten, Gewichtheben trainie-
ren. Vorgesehen waren drei Bedingungen: Die der ersten
Bedingung, „nur Ziel“, zugewiesenen Probanden sollten
bei jedem Durchgang 40 % mehr heben als bei ihrem vo-
rigen Versuch. Ein Student beispielsweise, der beim ersten
Versuch 100  kg (persönlicher Standard) gehoben hatte,
sollte sich 140  kg als Ziel setzen. Die zweite Bedingung,
„nur Feedback“, sah vor, dass man den Studenten davon
in Kenntnis setzte, er habe so und so viele Kilo erreicht. In
Wirklichkeit war die Zahl fiktiv, entsprach jedoch für alle
Probanden einem fiktiven Fortschritt von 24 %. Lag der
Standard eines Studenten beispielsweise bei 100 kg, wurde
ihm gesagt, er habe 124  kg (fiktives Ergebnis) gehoben.
Der dritten Gruppe schließlich, „Ziel + Feedback“, setzte
man nicht nur das Ziel (40 %), sondern gab ihr auch das
Feedback (Abb. 5.4).
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2253
53

60

40
Leistung (in %)

20

0
k el k e
bac Zi bac upp
ed ed ll gr
Fe Fe tro
+ n
el Ko
Zi

Abb. 5.4  Wirkung der Verbindung von Ziel + Feedback (nach Ban-


dura und Cervone 1983)

Den Ergebnissen zufolge erzielte nur die Gruppe, wel-


che das Ziel und das Feedback bekam, Fortschritte gegen-
über der Kontrollgruppe (die ohne Anweisung trainierte).
Und das geschah rasend schnell, denn die Studenten dieser
Gruppe steigerten ihre anfängliche Leistung um 60 % (sie
hatten anfangs keine Erfahrung in diesem Sport).

Fazit
Bergsteiger suchen unter Todesgefahr immer höhere Gipfel
zu erklimmen, Seeleute immer schneller die Welt zu um-
runden. Doch auch ein Sammler fahndet leidenschaftlich
nach der letzten ihm noch fehlenden Briefmarke, und eine
254
254 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Domino-Day-Mannschaft bemüht sich, ein noch größeres


Bild aus Dominosteinen zu bauen. Warum will der Mensch
immer mehr? Die Theorie der Selbstwirksamkeitserwartun-
gen von Albert Bandura erklärt das gut. Sobald ein Mensch
einen Gipfel erobert hat, etwa den Mont Blanc, ist diese
Leistung für ihn kein Bravourstück mehr, sondern sein neu-
er persönlicher Standard. Um also eine neue „Motivation“
zu finden, muss er sich ein höheres Ziel stecken. Aufgrund
ihrer Einfachheit lässt sich die Theorie Banduras auf viele
Bereiche anwenden, und sie erklärt die unendliche Vielfalt
der „Leidenschaften“ und Hobbys, die sich nicht auf Be-
dürfnisse oder Triebe zurückführen lassen. Der Bergsteiger
nimmt sich als Herausforderung vor, unaufhörlich immer
höhere Gipfel zu erklimmen; der Sammler von Briefmar-
ken, Insekten, Autos oder Motorrädern ist immer auf der
Jagd nach dem einzigartigen „Stück“; der Surfer wartet auf
„die Welle“ und so weiter und so fort. Nebenbei bemerkt,
dieses „höher, schneller, weiter“ ist zu einer regelrechten In-
stitution geworden, dem Guiness-Buch der Rekorde.

77 Sage mir, was du spielst, und ich


sage dir, wer du bist
So weit wir auch in der Geschichte zurückgehen, das Spiel
war immer eine wichtige Betätigung, das römische Knö-
chelchenspiel, das Gänsespiel, Schach ...

Doch die Menschen spielen aus unterschiedlichen Grün-


den. In Rahmen einer explorativen Studie in unserem
Labor führten wir eine Faktorenanalyse (statistisches Ver-
fahren zur Zusammenfassung von Elementen zu Grund-
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2255
55

kategorien) von 50 sehr unterschiedlichen Spielen durch.


Dazu gehörten unter anderem die Gesellschaftsspiele
Tischfußball, das Gänsespiel, Schach, Trivial Pursuit und
Belote (ein dem Schafkopf ähnliches Kartenspiel), die
Computerspiele Tomb Raider und V-Rally, die Glücks-
spiele Lotto und Spielautomaten sowie Sportarten wie
Tennis und Fußball.
Wir legten 40 nach sozialem und beruflichem Hinter-
grund sehr verschiedenen Probanden einen Fragebogen
mit 80 Fragen vor. Diese bezogen sich auf einzelne Spiele
(Belote, Fußball) oder auf Spielkategorien (Erkundungs-
spiele, Wettbewerbsspiele); so wollten wir die verschiede-
nen expliziten Motivationen ausfindig machen. Die Fragen
lauteten beispielsweise:

• Finden Sie Fußball reizvoll?


• Finden Sie Rubbelspiele reizvoll?
• Finden Sie Spiele reizvoll, in denen Wettbewerb herrscht?
• Finden Sie Spiele reizvoll, in denen es auf Erkunden an-
kommt?
• Finden Sie Spiele reizvoll, in denen es nur auf das Glück
ankommt?

Die Probanden sollten eines von fünf Kästchen ankreuzen:


gar nicht, ein wenig, unentschieden, etwas, sehr.
Die Ergebnisse zeigen starke Korrelationen (siehe dazu
Abschn.  5) mit nur drei großen Motivationskategorien
(Tab. 5.1). Erkundung entspricht einem besonderen, von
den Forschern Richard Deci und Richard Ryan postulier-
ten Antrieb, der intrinsischen Motivation. Sind Personen
intrinsisch motiviert, üben sie eine Tätigkeit aus „Spaß an
der Freude“ aus (Entdeckerfreude, Sensationslust, Neugier)
256
256 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Tab.   5.1   Beispiele typischer Spiele mit Korrelation zu ihrer


Motivationskategorie (Lieury et al. 1999, in Lieury und Fenouillet
2006)
Erkundung und Fort- Wettbewerb Geld
schritt
Cluedo 0.49 Fußball 0.43 Lotto 0.63
Tomb Raider 0.48 Golf 0.36 Rubbelspiel 0.52
Rollenspiel 0.47 Fechten 0.34 Spielautomaten 0.52
Scrabble 0.47 Boule 0.32 Roulette 0.50
Schach 0.39 Belote 0.27 Poker 0.44
Monopoly 0.39 Dreierwette 0.39

und nicht um einer äußeren Verstärkung, Verpflichtung


oder Belohnung willen (das nennt man „extrinsische“ Mo-
tivation). In unserer Studie lösten Wissens- oder Erkun-
dungsspiele diese Motivation aus: Cluedo, Tomb Raider.
Wettbewerb entspricht einer Ich-bezogenen Motivation;
manche Forscher wie John Nicholls haben erkannt, dass
Menschen etwas leisten, um ihr Selbstwertgefühl zu stei-
gern – daher der Begriff „Leistungsmotivation“. Diese
Motivation ist häufig verbunden mit einer Wettbewerbs-
situation, in der die Person danach strebt, die oder der Bes-
te zu sein: In unserer Studie fand man sie bei Spielen wie
Fußball oder Trivial Pursuit. Bei Glücksspielen schließlich
wie Rubbellos oder Lotto wirkt das Gesetz der Verstärkung
(Hull’sches Gesetz), eine typische extrinsische Motivation.

Fazit
Spiele stellen durchaus ein Abbild unserer Aktivitäten im
Kleinen dar. Forschungen zufolge verbergen sich hinter der
extremen Vielfalt menschlichen Tuns nur recht wenige mo-
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2257
57

tivationale Mechanismen. Die Mehrzahl der Theorien führt


zwei Grundbedürfnisse an, das nach Selbstwert (von ande-
ren Forschern auch Ego oder Selbstwirksamkeit genannt)
und das nach Selbstbestimmung oder Entscheidungsfrei-
heit. Die intrinsische Motivation – die Neugier, der Drang
nach neuen Erfahrungen oder Erlebnissen – geht daher
zurück auf die beiden Bedürfnisse Selbstwert und Selbstbe-
stimmung. Diese letztere Motivation erklärt mustergültig
unsere Leidenschaften und Hobbys.

78 Trifft die Redewendung „Ein


hungriger Bauch hat keine
Ohren“ zu?
„Ein hungriger Bauch hat keine Ohren“ – so könnte man
die Theorie des humanistischen Psychologen Abraham
Maslow zusammenfassen. Sie fand großen Anklang im
Marketing, weil sie über die vereinfachende Analyse ein-
zelner Bedürfnisse hinausgeht. Für Maslow (1943) lassen
sich die Bedürfnisse in fünf Hauptkategorien einordnen
(Abb. 5.5). Originell an dieser Theorie ist jedoch, dass sie
die Bedürfnisse in eine Hierarchie bringt und postuliert,
dass sich ein Bedürfnis einer höheren Hierarchiestufe erst
dann bemerkbar macht, wenn alle Bedürfnisse der niedri-
geren Hierarchieebene befriedigt sind.
Sind biologische Bedürfnisse wie Hunger, Durst, Se-
xualität und Schlafbedürfnis befriedigt, treten andere Be-
dürfnisse in Erscheinung. Das gilt auch für die Bedürfnisse
nach Sicherheit und materiellem Komfort: das Bedürfnis
nach einem Zuhause, einem Fortbewegungsmittel. Ist die-
258
258 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Selbstver-
wirklichung

Ich-Bedürfnisse
(Anerkennung, Geltung)

soziale Bedürfnisse
(Freundschaft, Liebe, Zugehörigkeit)

Sicherheitsbedürfnisse
(materiell/beruflich)

Grundbedürfnisse
(Essen, Trinken, Schlafen)

Abb. 5.5  Bedürfnishierarchie nach Maslow

se Stufe befriedigt, treten die Bedürfnisse nach Zuneigung


oder Liebe oder sozialen Bindungen (im Marketing) in den
Vordergrund. Danach erscheinen die Motivationen, die mit
Selbst- und Fremdwahrnehmung zu tun haben und sich
unter dem Begriff Selbstwert subsumieren lassen; in der
Alltagssprache entspricht das dem „Ehrgeiz“. Die höchste
Ebene der Bedürfnishierarchie schließlich ist nach Maslow
die Selbstverwirklichung, die Motivation, seine Interessen,
Fähigkeiten und Werte auszuschöpfen.
Die Theorie Maslows findet in der Verkaufspsychologie
häufig Anwendung, denn diese sucht unter anderem zu
erklären, dass derselbe Kauf mehreren Bedürfnissen ent-
sprechen kann. Einem Betriebswirtschaftsbuch (Longatte
und Muller 2001) zufolge resultiert beispielsweise der Kauf
eines Kleidungsstücks aus unterschiedlichen Bedürfnissen.
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2259
59

Das können biologische sein wie beispielsweise, sich gegen


Kälte zu schützen oder, im Gegenteil, nicht unter Hitze zu
leiden. Auch das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zur einer
Gruppe (Bedürfnis nach Zuneigung) spielt eine Rolle,
also up to date zu sein, das heißt gekleidet wie die anderen
Gruppenmitglieder. Schließlich ist auch das Selbstwertbe-
dürfnis beteiligt, sich durch eine ganz individuelle Aufma-
chung aufzuwerten.

Diese Theorie war verführerisch, doch sie rief auch Wider-


spruch gegen zahlreiche Punkte hervor: Die Kategorien
Maslows sind nicht immer klar voneinander abgegrenzt,
insbesondere das Bedürfnis nach Selbstwert und nach Zu-
gehörigkeit nicht. In obigem Beispiel (Kauf von Kleidung)
entspricht „up to date sein“ ebenso sehr dem Bedürfnis
nach Zugehörigkeit wie dem nach Selbstwert.
Doch vor allem die Hierarchisierung selbst wirft Prob-
leme auf. Nicht immer steht die Befriedigung eines höher-
stufigen Bedürfnisses an, wenn das niederstufigere erfüllt
ist. So zeigten in einem großen amerikanischen Unterneh-
men mit zahlreichen Hierarchieebenen (Hall und Nou-
gaim 1968) die Führungskräfte immer ein sehr starkes
Erfolgsbedürfnis, selbst diejenigen, die bereits oft befördert
worden waren.
In einer Studie von Barbara Goebel und Dolorès Brown
(1981) sollten Probanden verschiedener Altersstufen von
neun bis 80 Jahren Bedürfnisse nach Wichtigkeit ordnen.
Man könnte vermuten, dass die niedrigeren Bedürfnisebe-
nen abhängig von Alter und Entwicklung im Mittel befrie-
digt waren und Bedürfnisse höherer Ebenen zutage traten.
Doch die Studie zeigte, dass in jedem Alter das Bedürfnis
nach Zuneigung vorherrscht. Die Liebe, die Liebe … das
unerschöpfliche Thema von Liedern, Romanen und Filmen!
260
260 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Fazit
Es gibt keine Bedürfnishierarchie; bestimmte grundlegende
Bedürfnisse wohnen gemeinsam in uns und wollen gemein-
sam befriedigt werden. Selbst die biologischen Bedürfnis-
se finden nicht immer Befriedigung. Beobachtungen oder
Biografien zeigen, dass bestimmte Persönlichkeiten derart
stark nach Selbstverwirklichung streben, dass dieses Be-
dürfnis Vorrang vor den physiologischen hat: Marie Curie
wurde im Verlauf ihres Medizinstudiums mehrmals be-
wusstlos aufgefunden, weil sie nichts gegessen hatte. Das
offenkundigste Gegenbeispiel zur Bedürfnishierarchie lie-
fern „Märtyrer“, die für ihre Ideen zu sterben bereit sind.
Dagegen ist der ursprüngliche Gedanke Maslows, dass
hinter verschiedenartigen Motivationen dasselbe Ziel ste-
hen kann, zweckdienlich und gut anwendbar auf die Liebe.
Menschen streben nach Liebe, um zahlreiche Bedürfnisse
zu befriedigen: Sex, Sicherheit (ein Heim, finanzielle Si-
cherheit), Zuneigung (Zärtlichkeit), aber auch Selbstwert
oder Selbstverwirklichung (Heirat mit einem Würdenträ-
ger, einem Prinzen, einem Star, einem Model). Doch die Be-
dürfnisse scheinen viel eher wie ein Puzzle, als hierarchisch
geordnet zu sein – sehr zum Glück der Drehbuchautoren!

79 Warum verspüren Sie


Emotionen?
Schon Leonardo da Vinci (1452–1519; in Munn 1956)
unterschied angenehme und unangenehme Gesichtsaus-
drücke, je nachdem, ob die Enden der Augenbrauen und
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2261
61

die Mundwinkel nach oben (lächelndes Gesicht) oder nach


unten (trauriges oder mürrisches Gesicht) wiesen. Ein
Jahrhundert später zeigte Descartes auch die Unterschie-
de zwischen dem furchtsamen Gesicht (verzerrt) und dem
zornigen Gesicht (stark verzerrt) auf. Darwin formulierte
in seiner Abhandlung Über den Ausdruck der Gemütsbewe-
gungen bei den Menschen und den Tieren die schon in den
Fabliaux (mittelalterliche Schwankdichtungen, die Reinicke
Fuchs und La Fontaine anregten) zum Ausdruck gebrachte
Vorstellung, dass sich menschliche und tierische Gefühle
ähneln. Er betrachtete die Emotionen in gewisser Weise
als Ableitungen von Verhaltensweisen, die einen Vorteil im
Kampf ums Überleben verschaffen. Beispielsweise sind Wut
und vielleicht das spöttische Lachen Reaktionen, die auf
den Kampf vorbereiten; das überraschte Zusammenzucken
ist vielleicht die Andeutung eines Sprunges zurück.

Caroll Izard, einer der produktivsten Forscher auf diesem


Gebiet, hat eine differenzielle Emotionstheorie und eine
entsprechende Skala vorgelegt. Diese beruht auf Analysen
der in verschiedenen Kulturen verwendeten Begriffe für
verschiedene Gesichtsausdrücke auf Fotos (Izard 1971,
1992, 1993). Diese Forschungen führten zur Identifi-
kation von zwölf Grundemotionen, in Tab.  5.2 mit pas­
senden Beispielen versehen.
In dieser Theorie bemerkt man Gefühle wie Verachtung
oder motivationsbezogene Verhaltensweisen wie Interesse.
Tatsächlich neigen die neurobiologischen Theorien dazu,
die Emotionen auf einige große Systeme zu begrenzen. Die
Vielfalt der Emotionen erklärt sich auf psychologischer
Ebene durch eine kontextabhängige Diversifizierung; sie
erscheinen dann eher als Gefühle.
262
262 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Tab.   5.2   Die Grundemotionen in der Theorie von Izard mit re-


präsentativen Items (modifiziert nach Izard et al. 1993)
Beispiele von Aussagen der
Skalen „Fühlen Sie (sich) in
Ihrem Alltag oft …“
I. Interesse interessiert an dem, was man
gerade tut
II. Freude fröhlich, alles läuft rund, alles
ist wunderbar
III. Überraschung erstaunt, wenn man nicht ver-
steht, was vor sich geht, es ist
so ungewöhnlich
IV. Traurigkeit entmutigt, nichts läuft
V. Zorn wütend, gereizt, nervös
VI. Widerwille angewidert wie von etwas
Ekelhaftem
VII. Verachtung wie jemandem gegenüber, der
zu nichts taugt
VIII. Furcht ängstlich, als ob Sie in Gefahr
wären, sehr angespannt
IX. Schuldgefühl Reue, Bedauern über etwas,
das Sie getan haben
X. Scham als ob die Leute über Sie
lachten
XI. Schüchternheit befangen, als ob Sie sich ver-
stecken wollten
XII. Feindseligkeit als ob Sie die eigene Person
gegen sich selbst ablehnten

Fazit
Durch ganz normales Beobachten können wir die Grund-
emotionen unterscheiden; wir erleben Freude als entspann-
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2263
63

Tab.   5.3   Physiologische Leitreaktionen für vier Grundemotio-


nen (vereinfacht nach Rimé et al.; zit. in Kirouac 1994)
Freude Angst
Herz schlägt schneller Herz schlägt schneller
Muskeln entspannt, locker Muskeln angespannt, steif
Diffuses Wärmegefühl Veränderung der Atmung
Wut Traurigkeit
Herz schlägt schneller Kloß im Hals
Wärmeempfindung, glühende Herz schlägt schneller
  Wangen Unangenehmes Gefühl im
Veränderung der Atmung Bauch

ten Zustand, Wut als heiße Flamme, die unser Herz fast
zerspringen lässt, und so weiter. In Tab. 5.3 finden sich Bei-
spiele für die heftigsten Reaktionen, welche Versuchsperso-
nen nannten, bevor sie ihre Emotionen schilderten.
Man sieht auf Anhieb, dass bestimmte Reaktionen spezi-
fisch sind, etwa die entspannte Muskulatur für Freude oder
das Kloßgefühl im Hals für Traurigkeit. Andere Reaktionen
jedoch, beispielsweise der beschleunigte Herzschlag, fin-
den sich bei allen Emotionen. Aus diesem Grund bestrit-
ten manche Forscher, dass es spezifische Reaktionen gebe;
der Unterschied liege in der kognitiven Interpretation einer
undifferenzierten emotionalen Erregung. Tatsächlich set-
zen die Emotionen gleichzeitig vielschichtige Reaktionen
in Gang, von denen etliche auf biochemischer Ebene ab-
laufen und daher subjektiv nicht zu spüren sind. Doch die
meisten lösen auch allen gemeinsame Reaktionen aus, etwa
die Aktivierung des sympathischen Nervensystems mit Ad-
renalinausschüttung oder Stress. Das erklärt beispielsweise,
warum sich bei den meisten Emotionen der Herzschlag be-
schleunigt.
264
264 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

80 Was macht Ihnen Spaß, und was


geht Ihnen auf die Nerven?
Die modernen Arbeiten am Schnittpunkt von Mikroelek-
trophysiologie und Pharmakologie bestätigen die Theorie
Darwins, wonach zwischen tierischen und menschlichen
Emotionen ein Zusammenhang besteht. Die Emotionen
stellen gewissermaßen Fossilien der Reaktionssysteme dar,
die bei unseren tierischen Vorfahren einen biologischen
Nutzen hatten. Bei den Säugetieren (Ratte, Katze, Löwe
… und Mensch) gibt es auf der Ebene des limbischen Sys-
tems – so etwas wie ein „Gefühlsgehirn“ (Hypothalamus,
Hippocampus, Amygdala, Bulbus olfactorius, ein Teil des
Thalamus; Karli 1969) – Regulationssysteme für die Emo-
tionen. Dieses Zentrum löst über vier große Schaltkreise
mehrere Emotionen aus.

Jaak Panksepp (1977, 1989) legte eine theoretische Syn-


these mit vier großen motivationsbezogenen Emotions-
systemen vor, den Systemen der Suche/Erwartung (auch
Lust), der Furcht, der Wut und schließlich der Panik/Ver-
zweiflung (Abb. 5.6).
Jedes System ist genetisch vorprogrammiert und re-
agiert auf eine begrenzte Anzahl natürlicher Auslösereize,
die spezifische instinktive Reaktionen in Gang setzen.
Panksepp spricht lieber von „Suche“ als von Lust, weil
jene dem entspricht, was die Physiologen einen motivatio-
nalen Zustand der Appetenz nennen, etwa die Suche nach
Nahrung oder einem Sexualpartner und so fort. Der Autor
weist darauf hin, dass sich Lust einstellt, wenn Furcht oder
Wut aufhört, und aus diesem Grund unterscheidet er zwi-
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2265
65

Erkundung
Annäherung

Suche/
Erwartung

Panik durch
Isolation Wut

Tränen Agression

Furcht

Flucht

Abb. 5.6  Die vier großen Emotionsschaltkreise (Nach Panksepp


1989)

schen Lust und Suche. Doch dieses Argument ist strittig,


und man kann sich fragen, ob wirklich Lust folgt, wenn
Schmerz, Wut oder Furcht endet. Man kann also glauben
und Panksepp „verraten“, dass die Suche beim Menschen
ganz allgemein den hedonistischen Bedürfnissen der Philo-
sophen entspricht, also der Suche nach Lust.
Das Wutsystem (Zorn, Aggressivität etc.) wurde als Ers-
tes entdeckt. Die operative Entfernung des Cortex bei der
Katze, des Riechkolbens bei der Ratte oder die elektrische
Reizung bestimmter Areale des limbischen Systems lösen
beim Tier einen Zustand rasender Wut – Rage – aus, der
es dazu treibt, Artgenossen in seinem Umfeld zu töten;
das sind die berühmten „Killerratten“ (Karli 1971). Unter
gewöhnlichen Umständen sind die natürlichen Auslöser
266
266 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Gereiztheit (Verletzungen, Schmerzen) und Frustration.


Die entsprechenden Reaktionen sind Angriff und Kampf
mit Beißen, vor allem beim Tier. Der Cortex, wie auch
bestimmte Reize (olfaktorische bei der Ratte, ganz sicher
visuelle beim Menschen), moduliert und hemmt kritische
Wutreaktionen und regelt die Rage auf Zorn oder Aggres-
sivität herunter.

Fazit
Bestimmte Substanzen wie Alkohol wirken enthemmend
auf den Cortex, den Sitz des sozialen Lernens und der
Moral. Andererseits verringert sich der Einfluss der indivi-
duellen Persönlichkeit in einer Gruppe, ja, er verliert sich
sogar ganz. Kommen diese enthemmenden Mechanismen
zusammen, erklärt sich, warum ansonsten „solide“ Leute
plötzlich zu Gewaltausbrüchen neigen, etwa im Fußball-
stadion oder in Kriegszeiten.

81 Was lässt Sie vor Angst schlottern


oder in Tränen ausbrechen?
Das Regulationssystem der Furcht (Angst, Ängstlichkeit
etc.) lässt sich ebenfalls durch Reizungen im Gehirn aus-
lösen. Dieses System sorgt dafür, dass sich eine Maus vor
einer Katze fürchtet. Die natürlichen Auslöser sind offen-
bar Schmerz und Vernichtungsgefahr. Die ausgelösten
Reaktionen sind, sofern möglich, Flucht oder Reglosig-
keit; bekannt sind die verschiedenen Ausdrücke, die die-
sen Zustand beim Menschen bezeichnen, wie weiche oder
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2267
67

zittrige Knie. Der biologische Sinn der Flucht liegt auf der
Hand – sie dient dazu, einem Fressfeind zu entkommen.
Nicht so klar jedoch ist der Sinn der Reglosigkeit (Vogel-
Strauß-Strategie). Aber ja, Starre kann lebensrettend sein,
und wenn Sie gerne Tierfilme sehen, dann wissen Sie, dass
viele Tiere Farben tragen, die sie mit ihrer Umgebung ver-
schmelzen lassen. Dieser Mechanismus heißt Homochro-
mie (Gleichfarbigkeit). Beispielsweise ähneln bestimmte
Falter oder Raupen farblich Baumrinde, Gras oder Sand;
zu den beeindruckendsten Vertretern dieser Strategie der
Reglosigkeit gehören die Stabheuschrecke, die einem Zweig
zum Verwechseln ähnlich sieht, und das Chamäleon, das
die Farben seines Untergrunds annimmt. Diese Reaktionen
sind zweifelsohne die entfernten Vorfahren des Wunsches,
sich zu verstecken, wenn man Angst hat, „sich ganz klein
zu machen“. Psychologische Studien ergaben stets, dass
Furcht eine sehr starke Emotion ist (stärker als Suche oder
Lust). Das lässt sich vermutlich auf die natürliche Auslese
zurückführen: Ein Tier, das nicht ängstlich ist, wird höchst-
wahrscheinlich gefressen und kann daher seine Gene nicht
weitergeben. Zweifelsohne ist die Furcht oder ihre chroni-
schere Form beim Menschen, die Ängstlichkeit, aus diesem
Grund ein so mächtiges System und Ursache zahlreicher
Verhaltens- oder Geistesstörungen. Die klinischen Psycho-
logen sehen unabhängig von jeder Schule oder Theorie in
Angst den gemeinsamen Nenner aller psychischen Erkran-
kungen.
Das vierte System schließlich ist das der Panik durch Iso-
lation (Verzweiflung, Traurigkeit), und man beobachtet es
eher beim Affen und beim Menschen. Läuft das System
268
268 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

rund, dann entspricht dies sozialem Verhalten, darunter


dem berühmten Grooming (wechselseitige Fellpflege,
„Lausen“) bei Affen und den Kontakten beim Menschen
vom Händeschütteln oder Schulterklopfen bis hin zu den
Zärtlichkeiten der Liebe. Auf biochemischer Ebene werden
verschiedene Hypophysenhormone im Gehirn ausgeschüt-
tet und erzeugen verschiedene emotionale Zustände. Bei-
spielsweise könnte Vasopressin das Hormon des sexuellen
Verlangens sein (bei kastrierten Männchen sinkt der Vaso-
pressinspiegel im Gehirn um die Hälfte), das Oxytocin das
Hormon des Mutterinstinkts (und des Pflegeverhaltens bei
Männchen) und der sexuellen Lust. So werden im Augen-
blick des Orgasmus im Gehirn große Mengen Oxytocin
und opioide Neurotransmitter ausgeschüttet.

Dagegen erzeugt das Fehlen von Sozialkontakten (Wärme


und Trost) soziale Verzweiflung und löst Tränen, Klagen,
Panik und beim Menschen existenzielle Angst aus. Die-
ses System hängt ebenfalls mit bestimmten Hirnregionen
zusammen, denn beim Meerschweinchen zieht intracere-
brale Reizung Panikkrisen nach sich. Panksepp, der mit
seinem Team diese Emotionen erforscht hat, ist der An-
sicht, dass die biochemischen Mechanismen des Panik-
systems (beim Menschen Traurigkeit und Kummer) eng
mit den Bindungsstellen für Endorphine (Neurotransmit-
ter, die chemisch Morphinen ähneln und als natürliches
Schmerzdämpfungssystem wirken; Guillemin et al. 1982)
verknüpft sind. In einer Serie von Experimenten mit ver-
schiedenen Tieren (Hundewelpen, Meerschweinchen etc.)
zeigte der Autor, dass die Anzahl „verzweifelter“ Lautäu-
ßerungen nach einer Morphininjektion stark zurückging
(Abb. 5.7).
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2269
69

320

280
Anzahl der Paniklautäußerungen (in 5 min)

240 Salzlösung

200

160

120

80
Morphin

40

0
0 1 2 3
Blöcke von drei fünfminütigen Tests

Abb. 5.7  Verringerung von Paniklauten bei Hundewelpen nach


Morphininjektion (nach Panksepp et al. 1980)

Fazit
Das würde erklären, warum sich das Verhalten bei emo-
tionaler Abhängigkeit und bei Opiatabhängigkeit so stark
ähnelt. Appetitverlust, Traurigkeit – all das kennt man bei
Schulkindern nach dem Ferienende und bei Verliebten.
Schon Bruder Lorenzo sagt zu Romeo: „Liegt junger Män-
ner Liebe denn in den Augen nur, nicht in des Herzens
270
270 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Triebe? … wie wusch ein salzig Naß … dir so oft die Wange
blaß! Und löschen konnten doch so viele Tränenfluten die
Liebe nimmer dir: sie schürten ihre Gluten“ (Shakespeare,
Romeo und Julia).

82 Sind Ihre Emotionen instinktiv?


Neben den genetisch programmierten Reaktionsmodellen
(z.  B. Lärm für Angst) liefern in der Familie oder in der
Schule gemachte Lernerfahrungen das, was die Sozialpsy-
chologie als Reaktionsmodelle bezeichnet.

Ein berühmtes Experiment belegte klar die Auslösefunk-


tion dieser kognitiven Reaktions„modelle“ (Schachter und
Singer 1962). Die Versuchspersonen erhielten eine Adre-
nalininjektion und wurden jeweils einer Gruppe von Kom-
plizen (in das Experiment eingeweihte Personen, die sich
gemäß den Anweisungen des Versuchsleiters verhalten)
zugewiesen. Die Komplizen gaben vor, entweder wütend
oder fröhlich zu sein. Als man die Probanden später nach
ihren Empfindungen fragte, schrieben sie ihren physio-
logischen Zustand dem jeweiligen Umfeld zu, in dem sie
sich kurz zuvor befunden hatten: Ihre gefühlte Emotion
entsprach derjenigen, welche die Komplizen zur Schau
getragen hatten. Obwohl sich dieses Experiment auf die
ausgelösten physiologischen Reaktionen (ausschließlich
Wirkungen des sympathischen Nervensystems) beschränk-
te, belegten die Autoren damit die Bedeutung kognitiver
Modelle; sie verändern oder bestimmen die Interpretation
dieser physiologischen Reaktionen.
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2271
71

Ereignis
Zielrelevanz

Emotion
neutral
Zielkongruenz

positive Emotion negative Emotion

Ich-Beteiligung zerstört Selbstwert


keine

Freude Wut
Angriff auf Selbst
steigert Selbstwert
Furcht/Ängstlichkeit
Stolz

wechselseitige Zuneigung Selbstverlust

Liebe Traurigkeit

Abb. 5.8  Ableitung verschiedener Emotionen oder Gefühle in


Abhängigkeit von kognitiven Bewertungen (Lazarus 1991, zit. in
Oatley und Jenkins 1996)

Fazit
Der Psychologe Richard Lazarus erklärte, dass die Vielfalt
der Gefühle durch Diversifikation einer Emotion in Ab-
hängigkeit vom jeweiligen psychologischen Kontext ent-
steht (Abb. 5.8). Zunächst einmal ist das Ereignis für die
Person relevant oder nicht. Je nach den Lernmodellen ist
die Emotion positiv oder negativ. Beispielsweise sind Spin-
nen für die meisten eklig, für einen Entomologen jedoch
sind sie reizvoll.
Dann bestimmt im Wesentlichen die Ich-Beteiligung
über die Differenzierung von Gefühlen und Emotionen.
Freude keimt auf, wenn keine Probleme auftreten, und
Stolz, wenn die Selbstachtung wächst. Liebe schließlich
272
272 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

entsteht bei wechselseitiger Zuneigung. Bei den negativen


Emotionen dagegen entsteht Wut aus der Zerstörung des
Selbstwerts. Ein Angriff auf die Selbstachtung löst Angst
aus, und Traurigkeit tritt ein, wenn das Selbstbild zerstört
wird.

83 Was ist zuerst da: Gefühl oder


physiologische Reaktion?
Die Philosophen und die ersten Psychologen haben sich oft
die Frage gestellt, was zuerst da ist: die physiologische Re-
aktion oder das Gefühl. Dann wäre das jeweils andere eine
simple Folge des ersten.
Modernen Auffassungen zufolge lässt sich das Janusge-
sicht der Emotion mit parallelen Prozessen erklären. Eine
gefühlsbetonte Situation aktiviert verschiedene Verarbei-
tungszentren, und diese lösen gleichzeitig vegetative und
kognitive Mechanismen aus, die sich dann wechselseitig
beeinflussen. Man kann die Vorstellung, eine Kategorie sei
Auslöser der anderen, getrost über Bord werfen.

Das Nervensystem setzt sich aus zwei großen Systemen zu-


sammen. Das eine – das Zentralnervensystem – besteht aus
dem größten Teil des Gehirns und dem Rückenmark, das
über Nervenstränge im Wirbelsäulenkanal Informationen
an die Muskeln leitet. Es steuert die Willkürmotorik, also
Laufen, Rennen und so weiter. Das zweite System, auch
autonom genannt, weil es der bewussten Kontrolle kaum
oder gar nicht unterliegt, regelt unser vegetatives und emo-
tionales Leben. Dieses vegetative Nervensystem besteht
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2273
73

wiederum aus zwei Systemen, dem sympathischen und


dem parasympathischen. Die Physiologen glaubten zu-
nächst, diese beiden Systeme seien Antagonisten ( para wie
in „Paradox“ bedeutet „gegen“). Doch die moderne For-
schung hat gezeigt, dass sie relativ unabhängig voneinan-
der sind und ihre spezifischen Besonderheiten haben. Der
Parasympathikus dient hauptsächlich vegetativen Funktio-
nen wie der Verdauung (Absonderung von Speichel und
Verdauungssäften etc.). Der Sympathikus fungiert eher
als Regler, beispielsweise der Körpertemperatur bei Kälte,
und wird aktiv beim Eintreten „kritischer Bedingungen“,
etwa heftiger Bewegung, Angst oder Wut, was derzeit als
„Stress“ bezeichnet wird. Das sympathische System wirkt
über Nerven, die durch das Rückenmark verlaufen und an
ihren Enden Neurotransmitter freisetzen, vor allem Adre-
nalin, das die Herzfrequenz steigert (vgl. bestimmte Do-
pingsubstanzen im Sport). Diese sympathische Achse setzt
die Energiereserven der Leber frei, erhöht den Pulsschlag
und erweitert die Gefäße, um die Muskeln binnen Sekun-
den auf Aktion vorzubereiten – bei Wut oder Angst, aber
auch beim Sexualakt.
Es gibt jedoch noch eine weitere Steuerungsachse, die
„corticotrope“. Sie ist langsamer, da sie über Hormone
wirkt (Mormède 1989). Es dauert eine Viertelstunde, bis
sie anspringt, da die Hormone vom Blutkreislauf weiterge-
leitet werden und dieser wesentlich langsamer funktioniert
als die Nervenleitung. Diese Achse beginnt im vegetativen
Gehirn (Hypothalamus) und führt über eine Kaskade von
Hormonausschüttungen bis zu den Hormonen der Neben-
nierenrinde (die Nebennieren sind auf den Nieren aufsit-
zende Drüsen). Diese Corticosteroide oder Corticoide sind
die Stresshormone (Abb. 5.9).
274
274 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Konzentrationen

ACTH
Cortisol
Adrenalin

2 5 30 Zeit (in min)

Abb. 5.9  Die verschiedenen körpereigenen Substanzen errei-


chen ihre Konzentrationsspitzen mit sehr unterschiedlichen Ge-
schwindigkeiten zwischen 2 und 30 min (nach Bentue-Ferrer et al.
1994)

Die Substanzen verbreiten sich mehr oder weniger rasch


im Organismus, die Konzentration erreicht einen Peak und
nimmt dann allmählich ab (Abb. 5.9). Die Diffusionsge-
schwindigkeit erklärt zudem die verschiedenen Phasen
einer Emotion. Die Wirkung des Adrenalins macht ver-
ständlich, warum das Herz (bei Wut oder Flucht) klopft
und warum die Muskeln schneller arbeiten. Dagegen er-
folgen die hormonellen Reaktionen, welche die vegetati-
ven Begleiterscheinungen von Angst (Blässe, weiche Knie,
Übelkeit) und Stress hervorrufen, langsam (ACTH (Adre-
nocorticotropin) und Cortisol).

Fazit
Wir haben hier somit ein ausgezeichnetes Beispiel für paral-
lele Prozesse: Die nervlich vermittelten Reaktionen erfolgen
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2275
75

sehr schnell (z. B. Herzklopfen), die hormonellen Reaktio-


nen sind langsam. Da sie nicht mit derselben Geschwindig-
keit ablaufen, gehören sie offenbar nicht zur selben Kate-
gorie. Hormone breiten sich langsamer aus als Nervenim-
pulse. Es dauert eine Viertelstunde, bis die Hormone in den
Blutgefäßen kreisen. Dagegen erfolgt die Nervenleitung
mit durchschnittlich 50 m pro Sekunde, fünfmal schneller
als der schnellste 100-Meter-Läufer (etwas weniger als zehn
Sekunden auf 100 m, das heißt zehn Meter pro Sekunde).
So erklären sich bestimmte Merkwürdigkeiten unserer
emotionalen Reaktionen. Wir können sehr schnell reagie-
ren, um einen Zusammenstoß zu vermeiden; wir bremsen
und weichen auf den Seitenstreifen aus (schnelle Nerven-
leitungen). Danach erst (langsame Hormone) bekommen
wir weiche Knie und uns wird schlecht. Daher auch der
berühmte posttraumatische Schock nach der Gefahr ...

84 Stimmt es, dass ein großes


Unglück krank machen kann?
Das Wort „Stress“ geht zurück auf den Kanadier Hans Se-
lye. Er bezeichnete damit Anpassungsreaktionen des Orga-
nismus auf widrige Ereignisse. Diese Reaktionen erzeugen
sehr starke nervliche und hormonelle Veränderungen, die
insbesondere zur Ausschüttung von Corticosteroidhor-
monen (Cortisol) durch die (auf den Nieren sitzenden)
Nebennieren führen. Diese Hormone setzen Energie in
Form von Glucose aus den Muskeln, den Knochen und
dem lymphatischen, für die Immunabwehr zuständigen
276
276 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

12
Hippocampusvolumen (ml)

10

0
0 10 20 30 40
Kampfeinsatz (Monate)

Abb.   5.10  Hippocampusatrophie in Abhängigkeit von Stress


(Kampfeinsatz in Monaten, vereinfacht nach Bremner et al. 1995)

Gewebe im Knochenmark frei. So führt Stress schließlich


zu einer ganzen Palette von Krankheiten von Muskel- und
Knochenabbau bis zu Immunschwäche. Das Stresssystem
ist ein funktionales System, doch bei übermäßiger Bean-
spruchung, wiederholten Alarmzuständen oder chronisch
aufgewühlten Emotionen wird es zu einem Notfallsystem,
einer letzten Chance, denn es schädigt den Organismus.

So hat man bei der Ratte nachgewiesen, dass Stress eine


Atrophie des Hippocampus bewirkt, da Stress bestimmte,
für die Langzeitspeicherung zuständige Neuronen schä-
digt. Andere Forscher entdeckten dieselben Auswirkungen
bei Soldaten, abhängig von der Dauer ihres Kampfeinsat-
zes (Abb. 5.10).
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2277
77

Tab. 5.4   Auszug aus einer Stressskala einer amerikanischen


Untersuchung (nach Dixon 1989)
Tod des Ehepartners 1.
Scheidung 2.
Schwere Krankheit oder schwerer Unfall 7.
Verlust des Arbeitsplatzes 9.
Streit mit dem Ehepartner 16.
Tod eines engen Freundes 17.
Weggang eines Kindes 22.
Probleme mit einem Vorgesetzten 26.
Urlaub 41.

Fazit
Diese Befunde bestätigen die Alltagsbeobachtung, dass ein
großes Unglück, beispielsweise der Verlust des Ehepartners,
krank macht oder sogar tötet. Auf der Grundlage von me-
dizinischen Studien hat man eine Skala belastender Lebens-
ereignisse entwickelt (Tab. 5.4).
Man kann sich also denken, dass Stress – in der Arbeit
oder in der Schule und selbst bei bestimmten „spieleri-
schen“ Tätigkeiten wie Sport – gefährlich sein kann. Zahl-
reiche Berichte haben das wahre Gesicht der Konkurrenz
am Arbeitsplatz oder im Sport und des übertriebenen Elite-
denkens aufgedeckt: Sie führen zu zahlreichen Krankheiten,
beispielsweise Herz- und Gefäßkrankheiten. Das erkannte
schon Henri Salvador in seinem Chanson Le travail c’est la
278
278 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

santé, rien faire c’est la conserver („Arbeiten bedeutet, gesund


zu sein; nichts tun bedeutet, es zu bleiben“).

85 „Das Herz hat seine Vernunft, die


der Verstand nicht kennt …“
Aufgrund dieses berühmten Satzes des Philosophen und
Mathematikers Blaise Pascal glaubten Generationen, Ver-
nunft und Gefühl seien unabhängig voneinander und das
Ideal des vernünftigen Menschen sei ein kaltes, aller Emo-
tionen bares Individuum.

Die klinischen Beobachtungen der Neurologen Hanna und


Antonio Damasio (Damasio 2004) belegen jedoch, dass
Vernunft und Gefühl sich gegenseitig beeinflussen, was in
Richtung der kognitiven Theorien geht. Ausgangspunkt
von Damasios Theorie ist der Fall eines jungen Mannes
namens „Elliot“. Dieser konnte infolge einer Verletzung
des frontalen Cortex keine Gefühle mehr empfinden. Er
war kalt und gleichgültig, auch wenn man ihm persönliche
Fragen stellte. Zwar schien seine Intelligenz in Tests nor-
mal, und er war über das Tagesgeschehen völlig auf dem
Laufenden, doch sein Leben war eine Katastrophe. Seine
schlechten Entscheidungen und seine Reaktionen hatten
ihm Bankrott und Scheidung eingebracht.
Diese klinische Beobachtung erinnert an einen be-
rühmten Fall aus den Annalen der Neurologie, den Fall
Phineas Gage. Beim Bau einer Eisenbahnstrecke im Jahr
1848 durchbohrte eine 1,80  m lange Eisenstange seinen
Schädel. Er überlebte diesen schrecklichen Unfall, doch
sein Charakter veränderte sich völlig. Er wurde rüpelhaft,
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2279
79

verlor jedes Gefühl für Anstand. Die computertomografi-


sche Rekonstruktion seines Gehirns aufgrund seines erhal-
ten gebliebenen Schädels ergab, dass die Verletzung in etwa
dieselbe Region betroffen hatte wie bei Elliot, den ventra-
len und medialen Teil des präfrontalen Cortex.

Fazit
Damasio schließt daraus, dass dieser Bereich des frontalen
Cortex die emotionalen Werte mit dem Wissen verknüpft
und dafür sorgt, dass wir Risiken eingehen und Verantwor-
tung übernehmen. Hier berühren sich also das Freud’sche
Über-Ich und die durch soziales Lernen erworbenen Werte.

86 „Autoritäre Sie sucht


furchtsamen Ihn“ – was versteht
man unter Persönlichkeit?
Persönlichkeit im weitesten Sinn meint die Summe der
charakteristischen Merkmale einer Person: sensomotorische
wie sportliche oder künstlerische Fähigkeiten, intellektuelle
Fähigkeiten oder Interessen, emotionale Züge wie ängst-
liches (furchtsames) oder cholerisches Temperament und
so weiter bis hin zu den sozialen Einstellungen und den
gesellschaftlich bedingten Werten. In einem engeren Sinn
bezeichnet Persönlichkeit nur die affektiven Aspekte (Mo-
tivationen und Emotionen) sowie die sozialen Aspekte, das
heißt das Temperament oder den Charakter. Dahinter steht
280
280 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

die Annahme, dass das Verhalten von Menschen in sozialen


Situationen ziemlich stabil bleibt.
Versuche, die Persönlichkeit (oder den Charakter) zu er-
klären, gab es schon in der Antike. Der griechische Arzt
Hippokrates (5. Jhdt. vor unserer Zeitrechnung) und nach
ihm Galen (griechischer Arzt 2. Jhdt. nach Christus) führ-
ten den Charakter auf das Überwiegen eines von vier Kör-
persäften zurück: Blut (griechisch haima, lateinisch sanguis),
Schleim ( phlegma), gelbe oder weiße ( chole) und schwarze
Galle ( melancholia). Aus diesen Körpersäften ergeben sich
das sanguinische, das phlegmatische, das cholerische und
das melancholische Temperament − Begriffe, die wir heute
noch kennen. Die antike Vorstellung hat sich auch in all-
täglichen Wendungen erhalten, etwa „ein galliges Wesen“
oder „hitziges Blut haben“.

Freundlich, boshaft, nett, kalt, uneigennützig, engstir-


nig, unkonventionell – angesichts der außerordentlichen
Vielfalt der Wörter für Charaktereigenschaften gehen die
heutigen Forscher vor wie bei einem Quartettspiel. Sie
versuchen, die Wörter mit gleicher Bedeutung zusammen-
zufassen, etwa nett, freundlich und so weiter. Technisch
gesehen wenden sie dazu häufig ein als Faktorenanalyse
bezeichnetes Verfahren an, und die damit identifizierten
„Quartette“ heißen Persönlichkeitsfaktoren. Diese For-
schungsrichtung beruht auf einer Methode aus den 1930er
Jahren (G. W. Allport). Diese ging von dem Gedanken aus,
dass die vielfältigen Facetten unserer Persönlichkeit sich in
einem über Jahrhunderte gewachsenen Wortschatz wider-
spiegeln: freundlich, ernst, gefühlsbetont, streitsüchtig
und so weiter. Schließt man Synonyme und unbeständige
oder ungenaue Eigenschaften aus, bleiben einige Hundert
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2281
81

Wörter (etwa 400) übrig. Mit diesen konstruiert man Fra-


gebögen mit Aussagen wie:

• Bei mir regt ein Traum den nächsten an (für die Eigen-
schaft „Fantasie“).
• Manchmal fühle ich mich wie von einem anderen Stern
(Depression).
• Ich bin einer von den ganz Sensiblen (gefühlsbetont).
• Ich bin ein offener Mensch (herzlich).

Als Vorkehrung gegen die Subjektivität (und die Unehr-


lichkeit) der Probanden lässt man die Fragebögen auch von
Freunden, Bekannten etc. ausfüllen (Fremdbeurteilung).
So kann man feststellen, ob die Probanden ausreichend
objektiv antworten.
Die Forschungen auf diesem Gebiet, auf dem die Ame-
rikaner Costa und McCrae Pionierarbeit leisteten, ergaben
fünf große Faktoren: Extraversion (Faktor I), Verträglich-
keit (Faktor II), Gewissenhaftigkeit (Faktor III), emotio-
nale Stabilität (Faktor IV) und Offenheit für Erfahrungen
(Faktor V). In der anderen Richtung (negativer Faktor)
steht der Faktor für den entgegengesetzten Charakter.
Beispielsweise ist Neurotizismus das Gegenteil von emo-
tionaler Stabilität, Introversion das von Extraversion. In
Tab.  5.5 sind einige gebräuchliche Adjektive, die diesen
Faktoren entsprechen, aufgeführt.

Fazit
Wie in den modernen Persönlichkeitstheorien sind diese
fünf großen Faktoren der Persönlichkeit (in der Psycholo-
gie als Big Five bezeichnet) konzipiert als Dimensionen mit
282
282 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Tab. 5.5   Das „Quartettspiel“ der Persönlichkeit: die fünf


großen Persönlichkeitsfaktoren und die wichtigsten ihnen
entsprechenden Adjektive (Überblick nach John 1990, zit. in
Huteau 2006; Johnson 1994, Borkenau und Ostendorf 1989, zit.
in Lieury 2011)
Charakter Positiver Pol Negativer Pol
Extravertiert extravertiert aktiv introvertiert
herzlich gesprächig ruhig
gesellig bestimmt zurückhaltend
Verträglich verträglich verlässlich unverträglich
nett uneigennützig misstrauisch
freundlich bescheiden kalt
geschätzt mitfühlend feindselig
vertrauens-
würdig
Gewissenhaft gewissenhaft kompetent unzuverlässig
organisiert ordnungslie- sorglos
sorgfältig bend unordentlich
effizient diszipliniert verantwortungs-
los
Emotional stabil emotional labil
stabil ruhig emotional
beherrscht ängstlich
jähzornig
depressiv
angespannt
nervös
reizbar
stressanfällig
somatische Be-
schwerden
Offen offen unkonventio- gewöhnlich
vielfältig nell eng interessiert
interessiert ästhetisch engstirnig
fantasievoll gefühlsbetont
kreativ idealistisch
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2283
83

einem positiven und einem entgegengesetzten negativen


Pol. Jedes Individuum lässt sich an irgendeinem Punkt auf
dieser Dimension ansiedeln. Beispielsweise bedeutet Faktor
IV emotionale Stabilität, wenn er positiv ist, und entspricht
Neurotizismus (emotional labil und sehr ängstlich) bei Per-
sonen mit entgegengesetztem Charakter (Faktor IV–). Eine
Person kann also sehr ängstlich, durchschnittlich ängstlich
oder gar nicht ängstlich sein. Die zugehörigen Tests verfü-
gen über eine Punkteskala von eins bis zehn. Die meisten
Menschen erreichen 5/10, das heißt, sie sind durchschnitt-
lich stabil und emotional. Den Faktor I, Extraversion, hatte
bereits der englische Psychiater Hans Eysenck entdeckt. Die
Anregung dazu fand er bei dem von Freud nicht anerkann-
ten Psychoanalytiker Carl Gustav Jung. Für Jung jedoch
stellten die Extravertierten und die Introvertierten reine
Typen dar: Der typische Extravertierte ist gesellig, sorglos,
ungehemmt, während der typische Introvertierte still und
schüchtern ist und sich ins Private zurückzieht. Eysenck
hatte bei seinen Untersuchungen im psychiatrischen Um-
feld einen Faktor des Neurotizismus oder der emotiona-
len Instabilität gefunden, der eng mit Angst, Reizbarkeit
und der Neigung zu somatischen Beschwerden korrelierte.
Ein diesem psychologischen Merkmal zugrunde liegender
neurobiologischer Mechanismus ist möglicherweise eine
Störung oder Schwäche der Mechanismen des Neuro-
transmitters GABA (Gamma-Aminobuttersäure). Dieser
Botenstoff ist bei Wirbeltieren reichlich vorhanden (45 %
der Synapsen des Gehirns gehören zu diesem Typ), weil
er als natürliches Beruhigungsmittel wirkt. Übrigens kur-
beln Tranquilizer oder Schlafmittel wie die Benzodiazepine
(z. B. Valium) die Produktion dieses Neurotransmitters an.
284
284 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

87 Gefühlsbetont, herzlich,
ordentlich – wie erklärt sich die
Vielfalt der Persönlichkeitszüge?
Geschichtlich betrachtet fingen Literaten wie auch Psy-
chologen mit der Beschreibung von Typen an, das heißt
von für die Persönlichkeit charakteristischen Profilen: der
Geizige bei Molière, der Eifersüchtige bei Shakespeare, der
Paranoiker oder die Hysterikerin des Psychiaters oder des
Psychoanalytikers. Aus der modernen Forschung ergibt
sich jedoch offenbar, dass der typische Eifersüchtige oder
Geizige selten vorkommt – die Menschen weisen vielmehr
eine Vielzahl von Facetten auf. Diese versuchen die For-
scher mithilfe der Faktorenanalyse, dem wissenschaftlichen
„Quartettspiel“ (Abschn. 86), zu unterscheiden.
Doch dass es nur fünf Hauptelemente unserer Persön-
lichkeit gibt, bedeutet nicht, dass Charaktere einfach ge-
strickt wären. Rufen Sie sich in Erinnerung (Kapitel
„Wahrnehmung“), dass wir alle Farben sehen, obwohl wir
nur drei Rezeptoren für Rot, Blau und Grün besitzen. Be-
stimmte Facetten unserer Persönlichkeit entsprechen zwar
manchmal reinen Faktoren, am häufigsten aber einer Fak-
torenkombination. Beispielsweise stellt die Ängstlichkeit –
eine unter pathologischen und extremen Bedingungen sehr
häufige Gemütsverfassung – einen reinen Faktor dar, denn
sie korreliert statistisch sehr eng mit dem Faktor emotionale
Instabilität (oder Neurotizismus). Ebenso zeichnet sich ein
Ästhet oder Idealist praktisch ausschließlich durch den Fak-
tor Offenheit für Erfahrungen (V) aus. Andere Wesenszüge
jedoch scheinen auf Kombinationen zu beruhen. Beispiels-
weise gehören die Eigenschaften Herzlichkeit, Mitgefühl
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2285
85

I Extraversion
lebhaft
aktiv

nt un herz
b eto eig lic
en h
hl s zurückhaltend nü
f ü tzi
ge g

V Offenheit für gewöhnlich kalt II


Erfahrungen Verträglichkeit
fantasievoll nett
unkonventionell freundlich
kooperativ

Neurotizismus sorglos

diszipliniert

IV Emotionale Stabilität III Gewissenhaftigkeit


ruhig organisiert
beherrscht gewissenhaft

(Jeder Faktor hat einen positiven Pol (großer, hellerer Stern) und einen
negativen; jeder Faktor (positiv oder negativ) lässt sich mit anderen
Charakterzügen kombinieren.)

Abb. 5.11  Schematische Darstellung der „großen Fünf“ und ihrer


Wechselbeziehungen (Lieury 2004)

oder Selbstlosigkeit offenbar gleichzeitig zu den Faktoren


Extraversion und Verträglichkeit, und ordnungsliebende
Menschen sind gewissenhaft (III+) und wenig offen, wenig
kreativ (V−).
Ein Schema der fünf Faktoren in Sternform (Abb. 5.11)
enthält gleichzeitig reine Persönlichkeitsfacetten und sol-
che, die auf eine Mischung von zwei Faktoren zurückgehen.
Der äußere (hellere) Stern bildet die positiven Faktorenpole
ab, der innere (dunklere) Stern die negativen. Die Symbo-
lik des Sternschemas ist natürlich willkürlich gewählt; ich
hätte mich auch für ein Fünfeck entscheiden können. Doch
286
286 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

wenn man die Persönlichkeit voraussagen will, ist es dann


nicht so, dass die Sterne nicht lügen?

Fazit
Man kann sich ausmalen, welch große Zahl möglicher
Kombinationen dieses Modell ergibt. Darin zeigt sich die
außerordentliche Vielfalt unserer Persönlichkeit. So wird
jeder Charakterzug in den Tests mit 1 bis 10 beurteilt. Ein
Künstler beispielsweise könnte extravertiert sein (7/10),
durchschnittlich verträglich (5/10), unkonventionell
(8/10), sehr emotional (7/10) und sehr fantasievoll (9/10).
Ein Politiker könnte introvertiert sein (3/10 auf Extra-
version), unsympathisch (2/10 für Verträglichkeit), sehr
ordnungsliebend (8/10), wenig empfindsam (10/10) und
wenig offen (4/10). Da jedes Merkmal in zehn Abstufun-
gen ausgeprägt sein kann, ergeben sich 100.000 Kombina-
tionen (10 × 10 × 10 × 10 × 10), viel mehr als die Horoskope
Ihrer Lieblingssterndeuterin!

88 Eignet sich die Grafologie als


Instrument der Personalauswahl?
Im Lande Prousts und der Colette war die Grafologie Köni-
gin, im Land von Tim und Struppi hatte sie ein etwas gerin-
geres Ansehen, und was das Land des Hollywood-Kinos be-
trifft, so gilt das Lesen des Charakters aus der Handschrift
kaum noch etwas.
In Tab.  5.6 führe ich einige Länder auf, in denen die
Handschriftendeutung bei der Personalauswahl noch zum
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2287
87

Tab. 5.6   Anwendung der Grafologie in verschiedenen Ländern


(Übersicht nach verschiedenen Quellen, zit. von Huteau 2004,
S. 30–33)
Land Befragte Stichprobe Grafologiean-
wender (in %)
Frankreich 42 große Unternehmen 93
und 60 Büros
Schweiz 800 Personalleiter 41–77
Belgien 64 Unternehmen und 36
25 Büros
Israel alle Personalleiter des 25
Landes
Großbritannien 158 Unternehmen 3
Niederlande 744 Unternehmen 3
Norwegen 61 Unternehmen 3
Vereinigte Staaten Umfrage 1980 2,8
Umfrage 1997 selten
Deutschland 88 Unternehmen 2

Einsatz kommt. Quelle ist ein fundierter Überblick des


französischen Persönlichkeitspsychologen Michel Huteau.
Laut Huteau (2004, S. 32) schränken in den Vereinigten
Staaten gesetzliche Vorschriften die Anwendung der Grafo-
logie ein; diese Vorschriften verlangen Wirksamkeitsnach-
weise für Auswahlmethoden (in der Psychometrie „empiri-
sche Validität“).

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts beweisen immer mehr


Forschungsarbeiten, dass die Grafologie zufallsbedingte
Aussagen über die Berufseignung macht (Nullkorrelation).
288
288 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Tab. 5.7   Validität von Auslesemethoden (modifiziert nach Ro-


bertson und Smith 1989, zit. in Huteau 2004)
Methoden Korrelation
Arbeitsprobe 0.38 bis 0.54
Eignungstest 0.53
Beurteilung durch Kollegen 0.43
und Vorgesetze
allgemeine Intelligenztests 0.25 bis 0.45
Referenzen 0.17 bis 0.26
Gespräch 0.14 bis 0.23
Persönlichkeitsfragebogen 0.15
Selbstbeurteilung 0.15
Grafologie 0.00

Amerikanische Forscher haben eine Metaanalyse einer gro-


ßen Zahl einschlägiger Studien erstellt. Käme man wohl
auf die Idee, einen Arzt aufgrund seiner Handschrift ein-
zustellen?
Nebenbei bemerkt sagen Persönlichkeits- und Interes-
sensfragebögen nicht besser vorher, ob ein Bewerber für
eine Stelle geeignet ist (eine Korrelation unter .25 ist ver-
nachlässigbar). Im Wesentlichen bieten die intellektuellen
Fähigkeiten die beste Prognose für eine erfolgreiche beruf-
liche Tätigkeit (Tab. 5.7).

Was spielt es schon für eine Rolle, ob ein Architekt oder


Ingenieur schüchtern oder extravertiert ist, wenn er nur in
seinem Metier glänzt? Man erlebt schließlich oft eine Ent-
täuschung, wenn man die Biografie einer Berühmtheit liest
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2289
89

Tab. 5.8   Beispiele für Analogien zwischen Schrift und Charakter


(Nach Peugeot, zit. in Huteau 2004, S. 117)
Handschrift Charakter
zarte Schrift „offene Emotionalität … Sensibilität“
feine Schrift „Diskretion … aufgeschlossene
Einstellung … Vorsicht“
unklare Linienführung „Bild einer unsicheren Persönlichkeit“
schwungvolle Schrift „Leidenschaft … Übermaß“
(In dieser Darstellung entspricht der Charakter semantisch der der Schrift zu-
geschriebenen Bezeichnung. Ist die Schrift fein, ist der Mensch taktvoll, ist sie
schwungvoll, ist er es auch. Das Ganze ist lediglich ein Spiel mit Synonymen.)

und feststellt, dass deren Charakter im Alltag nicht ganz die


Höhe ihres künstlerischen Schaffens zu erreichen scheint!

89 Lässt sich Ihr Charakter an Ihrer


Handschrift ablesen?
„Sage mir, wie du schreibst, und ich sage dir, wer du bist!“
Die Handschrift sagt zwar nichts über den beruflichen Er-
folg aus, aber vielleicht etwas über den Charakter? Wie Mi-
chel Huteau anschaulich darlegt, gelangen den Grafologen
keine wissenschaftlichen Nachweise für Zusammenhänge
zwischen Handschrift und Charakter; es bestehen allenfalls
symbolische Beziehungen und Analogien. So konstatiert
Huteau im grafologischen Handbuch von Jacqueline Peu-
geot rein intuitive Analogien zwischen der wahrgenomme-
nen Art der Handschrift und dem Charakter (Tab. 5.8).
290
290 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Ab 1919 jedoch erforschte man den Zusammenhang


zwischen Handschrift und Charakter mit wissenschaftli-
chen Methoden. In der Studie von Clark Hull und Robert
Montgomery (1919, zit. in Huteau 2004, S. 175), die laut
Huteau viel zur Diskreditierung der Grafologie beigetragen
hat, korrelierten die Forscher eine Reihe von Charakterzü-
gen mit zehn Aspekten der Handschrift. Die durchschnitt-
liche Korrelation betrug null (−.16). Bis heute kamen ver-
schiedene Studien immer wieder zu denselben Ergebnissen.
So berücksichtigte Geoffrey Dean in seiner Metaanalyse
ausschließlich Studien, die bestimmten Kriterien genügten
(Berechnung einer Korrelation, neutraler Inhalt des Schrift-
stücks). Die mittlere Korrelation über elf Studien betrug
immer noch null (.08, Dean, zitiert in Huteau S. 183).

Fazit
Die Handschrift besagt also nichts über die höheren Pro-
zesse, weder über die Intelligenz noch über den Charakter.
Aufgrund der Einfalt ihrer Prinzipien offenbart die Grafo-
logie nichts als das Fehlen einer wissenschaftlichen Bildung
bei ihren Anwendern. Huteau stellt fest (S. 25), dass eine
grafologische Ausbildung insgesamt etwa 180 Stunden er-
fordert. Zum Universitätsabschluss in Psychologie braucht
man dagegen Abitur und danach noch etwa fünf Jahre
Studium.
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2291
91

90 Sagen Sternzeichen etwas über


Ihren Charakter aus?
Einer Umfrage2 zufolge glauben nur wenige Menschen,
dass die Sterne unser Schicksal lenken (29 % der Befragten
gegenüber 68 %, die das nicht glaubten). Dagegen glaub-
te fast die Hälfte der Befragten (46 %), dass der Charakter
vom Sternzeichen abhinge (49 % verneinten dies). 58 %
hielten die Astrologie für eine Wissenschaft!
Welche Sterne sagen den Charakter vorher? Ziemlich
wenige, denn unter den Milliarden Himmelsobjekten –
Galaxien, Quasare, Nebel, Schwarze Löcher und so weiter
– sollen nur die zwölf Sternkonstellationen des Tierkreises
(bei einigen gewerbsmäßigen Astrologen vielleicht noch ein
paar Planeten und der Mond) Einfluss auf den Charakter
ausüben. Warum nur diese Sternbilder und nicht auch der
Große Bär, der Kleine Bär, Kassiopeia und der Drache, die
auf der Nordhalbkugel unabhängig von der Jahres- und Ta-
geszeit stets über unseren Köpfen stehen?
Die ägyptischen Astronomen entdeckten die Ekliptik,
die scheinbare Kreisbahn der Sonne am Himmel im Jahres-
lauf. Auf dieser Ekliptik liegen zwölf Sternkonstellationen,
die berühmten Tierkreiszeichen. Nebenbei bemerkt, die
Astronomen haben festgestellt, dass es eigentlich 13 sind.
Das 13. ist der Schlangenträger, den die Astrologen immer
noch nicht berücksichtigen (Broch 2005). Die Sternbilder
des Tierkreises befinden sich auf der Höhe des Äquators
und sind infolgedessen umso weniger sichtbar, je weiter

2 
Marktforschungsinstitut Sofres für Figaro-Magazine, 1993.
292
292 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

man sich dem Nordpol nähert.3 Während der Skorpion in


den Mittelmeerländern wie Griechenland (Mesopotamien,
das Ursprungsland der Astrologie, ist heute der Irak) sehr
gut und in Südfrankreich recht gut zu sehen ist, kann man
dieses Sternbild oberhalb der Loire praktisch nicht erken-
nen, wenn der Horizont auch nur leicht verdeckt ist. Wel-
chen Einfluss sollten solche Sternbilder ausüben können?
Zudem sind diese Bilder recht vage (der Große Bär äh-
nelt eher einer Kasserolle) und existieren nur von der Erde
aus gesehen, denn die Sterne einer Konstellation sind
manchmal weit voneinander entfernt. Um das Beispiel des
Skorpions nochmals aufzugreifen, so ist sein a-Stern Anta-
res 520 Lichtjahre von unserer Sonne entfernt; sein b-Stern
600 Lichtjahre und sein μ-Stern 400 Lichtjahre. Zum Ver-
gleich: 100 Lichtjahre entsprechen dem Zehnmillionenfa-
chen der Entfernung Erde–Sonne. Von einem in anderer
Richtung fliegenden Raumschiff aus gesehen gäbe es unsere
Sternbilder nicht mehr.

Für diejenigen, bei denen astronomische Argumente nicht


ziehen, ist die psychologische Zwillingsforschung aussa-
gekräftiger. Definitionsgemäß sind Zwillinge am selben
Tag, also im selben Sternzeichen, geboren. Es gibt eineiige
(monozygote) und zweieiige (dizygote) Zwillinge. Eineiige
Zwillinge sind auf biologischer Ebene völlig gleich und äh-
neln sich sehr stark in ihrer Intelligenz; zweieiige dagegen
ähneln sich (im Mittel) nicht stärker als gewöhnliche, in
verschiedenen Sternzeichen geborene Geschwister.

3 
Ich danke Jean-Marc Noël, ehemaligem Navigator und Professor für Seeschiff-
fahrt, für seinen Astronomiekurs an der Handelsmarineschule in Saint-Malo.
5  Motivation, Emotion und Persönlichkeit   2293
93

Tab. 5.9   Korrelationen zwischen ein- und zweieiigen Zwillingen


für die fünf Faktoren der Persönlichkeit (nach Plomin et al. 1990,
zit. in Huteau 2006)
Eineiige Zweieiige
Zwillinge Zwillinge
Extraversion 0.51 0.18
Emotionale Stabilität 0.48 0.20
Offenheit 0.51 0.14
Gewissenhaftigkeit 0.41 0.23
Verträglichkeit 0.47 0.11

Was den Charakter angeht, so belegten Studien –


manchmal mit Tausenden Zwillingspaaren – die Ähnlich-
keit (Korrelationen) der beiden Zwillinge hinsichtlich der
fünf großen Faktoren der Persönlichkeit (Tab. 5.9).
Den Ergebnissen zufolge ähneln sich monozygote Zwil-
linge (etwa 0.50), und dizygote Zwillinge ähneln sich nicht
(Korrelationen unter 0.25 sind vernachlässigbar). Unter
welchem Stern auch immer sie geboren sind, zweieiige
Zwillinge haben (im Durchschnitt) keinesfalls denselben
Charakter!

Fazit
Um zu verhindern, dass die Menschheit in solchen Aber-
glauben zurückfällt, gaben die Astronomen des 19. Jahr-
hunderts den Sternbildern der Südhalbkugel Namen von
Objekten wie Kreuz des Südens, Waage, Oktant oder
Kompass. Doch das hieß, die Rechnung ohne die mensch-
liche Irrationalität zu machen. Die Einheimischen der Insel
294
294 Book Title
  Die Geheimnisse unseres Gehirns

Réunion (französisches Hoheitsgebiet in der Nähe von Ma-


dagaskar), die im Tukan oder im Kreuz des Südens geboren
sind, lesen in den Zeitschriften der Hauptstadt trotzdem
ihr nach dem Geburtsdatum erstelltes Horoskop.
Letzten Endes spricht astronomisch gesehen nichts für
eine wie auch immer geartete Beziehung zwischen Tier-
kreiszeichen und Charakter. Nicht die Sterne bestimmen
die Persönlichkeit, sondern Erbe und Umwelt.
Literatur

1.  Was ist Intelligenz?


Bernaud, J. L. (2009). Tests et théories de l’intelligence. Reihe „Les
Topos“ (2. Aufl.). Paris: Dunod.
Huteau, M., & Lautrey, J. (1997). Les tests d’intelligence. La
Découverte PMA-Test von Thurstone, Anwendungshandbuch. Pa-
ris: Centre de psychologie appliquée, 1964.

2.  Ist mein Goldfisch intelligent?


Bitterman, M. E. (1965). The evolution of intelligence. Scientific
American.
De Lumley H. (2007). La grande histoire des premiers hommes euro-
péens. Paris: Odile Jacob.
Jerison, H. (2001). On theory in comparative psychology. In R. J.
Sternberg, & J. C. Kaufman (Hrsg.), The evolution of intelligence.
Mahwah: Lawrence Erlbaum Associate.

3.  Ist Sprache das Privileg des Menschen?


Gardner, A., & Gardner, B. (1969). Teaching sign language to a
chimpanzee. Science, 165, 664–672.
Lawick-Goodall, J. (1971). Wilde Schimpansen. Reinbek: Rowohlt.
Premack, A. J., & Premack, D. (1972). Teaching language to an
ape. Scientific American.

A. Lieury, Die Geheimnisse unseres Gehirns,


DOI 10.1007/978-3-642-37507-1, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
296   Die Geheimnisse unseres Gehirns

Savage-Rumbaugh S. (1993). Kanzi – An Ape of Genius. NHK-Do-


kumentarfilm.

4. Wie groß ist unser Wortschatz?


Ehrlich, S., Bramaud Du Boucheron, G., & Florin, A. (1978). Le
développement des conaissances lexicales à l’école primaire. Poitiers:
PUF/Laboratoire de psychologie de Poitiers.
Florin, A. (1999). Le développement du langage. Paris: Dunod.
Lieury, A. (2012). Mémoire et réussite scolaire (4.  Aufl.). Paris:
Dunod.
Nagy, W. E., & Anderson, R. C. (1984). How many words are
there in printed school English? Reading Research Quaterly, 19,
304–330.

5. Sind Musterschüler sportliche Nieten?


Bernaud, J. L. (2009). Tests et théories de l’intelligence. Reihe „Les
Topos“ (2. Aufl.). Paris: Dunod.
Huteau, M., Lautrey, J. (1997). Les Tests d’intelligence. Paris: La Dé-
couverte.
Lieury, A., Van Acker, P., & Durand, P. (1995). Mémoire encyclo-
pédique et réussite en 3e et au Brevet des collèges. Psychologie &
Psychométrie, 16, 35–59.

6. Lässt sich an Ihrer Schrift ablesen, wie schlau Sie sind?


Insitut national de la consommation (1989). 50 millions de con-
sommateurs, November.
Bernaud, J. L. (2009). Tests et théories de l’intelligence. Reihe „Les
Topos“ (2. Aufl.). Paris: Dunod.
Binet, A. (1904). La graphologie et ses révélations sur le sexe, l’âge
et l’intelligence. L’Année Psychologique, 9, 179–210.
Huteau, M. (2004). Écriture et personnalité: approche critique de la
graphologie. Paris: Dunod.
Literatur   297

7. Woher kommt der Ausdruck „Denkerstirn“?


Binet, A. (1900). Recherches sur la technique de la mensuration de
la tête vivante. L’Année Psychologique, 7, 314–429.
Lieury, A. (2011). Psychologie cognitive. Sammlung „Manuels Visuels
de Licence“ (2. Aufl.). Paris: Dunod.

8. Warum hat man Intelligenztests erfunden?


Bernaud, J. L. (2009). Tests et théories de l’intelligence. Reihe „Les
Topos“ (2. Aufl.). Paris: Dunod.
Binet, A., Simon, T. (1908). Le développement de l’intelligence
chez les enfants. L’Année Psychologique, 14, 1–94.
Huteau, M., & Lautrey, J. (1997). Les tests d’intelligence. Paris:
La Découverte.

9. Was ist das – der IQ?


Bernaud, J. L. (2009). Tests et théories de l’intelligence. Reihe
„Les Topos“ (2. Aufl.). Paris: Dunod.
Cesselin, F. (1959). Comment évaluer le niveau intellectuel: adapta-
tion française du test Terman-Merrill. Paris: Armand Colin.
Huteau, M. (2004). Écriture et personnalité: approche critique de la
graphologie. Paris: Dunod.
Huteau, M., & Lautrey, J. (1997). Les tests d’intelligence. Paris:
La Découverte.

10. Ist Ihr Kind hochbegabt?


Ined-Inetop (1978). Enquête nationale sur le niveau intellectuel des
enfants d’âge scolaire (Heft Nr. 83). PUF.
Swiatek, M. A., & Benbow, C. P. (1991). Ten-year longitudinal
follow-up if ability-matched accelerated and non-accelerated gif-
ted students. Journal of Educational Psychology, 83(4), 528–538.
298   Die Geheimnisse unseres Gehirns

11. Was taugen Tests in Zeitschriften?


Wechsler, D. (1961). Die Messung der Intelligenz Erwachsener. Bern:
Huber.

12. Denken wir wirklich logisch?


Brogniart, D. (2005). Les plus grands secrets de la magie … en-
fin révélés. Fernsehsendung, M6, Les productions du Labrador,
Oktober.
Charpak, G., & Broch, H. (2005). Was macht der Fakir auf dem
Nagelbrett? München: Piper.
Piaget, J., & Inhelder, B. (1963). Les opérations intellectuelles et
leur développement. In P. Fraisse, & J. Piaget (Hrsg.), Traité de
psychologie expérimentale (Bd. VII). Paris: PUF.

13. Was gibts Neues bei den Tests?


Lieury, A. (2011). Psychologie cognitive. Sammlung „Manuels Visuels
de Licence“ (2. Aufl.). Paris: Dunod.
Wisc-IV (2005). Échelle d’intelligence de Wechsler pour enfants
(4. Aufl.). Paris: ECPA.
Wisc-IV, deutsche Fassung (2011). F. Petermann, & U. Petermann
(Hrsg.). Frankfurt: Pearson.

14. Ist Intelligenz erblich?


Bouchard, T. J., & McGue, M. (1981). Familial studies of intelli-
gence: A review. Science, 212, 1055–1059.

15. Warum war Einstein ein Genie?


Cardoso, S. H. (1997). Why Einstein was a genius. Brain and Mind
Magazine, State University of Campinas.
Dehaene, S. (1999). Der Zahlensinn oder Warum wir rechnen kön-
nen. Basel: Birkhäuser.
Testard-Vaillant, P. (2007). Cerveau d’Einstein. Science & Vie,
1080, 107–114.
Literatur   299

Witelson, S. F., Kigar, D. L., & Harvey, T. (1999). The exceptional


brain of Albert Einstein. Lancet, 353, 2149–2153.

16. Haben Zwillinge die gleiche Intelligenz?


Bouchard, T. J., & McGue, M. (1981). Familial studies of intelli-
gence: A review. Science, 212, 1055–1059.
Wilson, R. S. (1983). The Louisville twin study: Developmental
synchronies in behavior. Child Development, 54, 298–316.

17. Wo sitzt das Intelligenzgen?


Dick, D. M., Aliev, F., Kramer, J., Wang, J. C., Hinrichs, A., Bertel-
sen, S., Kuperman, S., Schuckit, M., et al. (2007). Association of
CHRM2 with IQ: Converging evidence for a gene influencing
intelligence. Behavior Genetics, 37(2), 265–272.
Lai, C., Fisher, S. E., Hurst, J. A., Vargha-Khadem, F., & Monaco,
A. P. (2001). A forkhead-domain gene is mutated in a severe
speech and language disorder. Nature, 413(6855), 519–523.
Sinet, P. M., Lamour, Y., & Christen, Y. (1988). Genetics and Alz-
heimer’s Disease. Berlin: Springer.

18. War der Urmensch intelligent?


Aroles, S. (2007). L’Énigme des enfants-loups: Une certitude biologi-
que mais un déni d’archives (S. 1304–1954). Paris: Publibook.
Flieller, A. (1999). Comparison of the development of formal
thought in adolescent cohorts aged 10–15 years (1967–1996
and 1972–1993). Developmental Psychology, 35, 1048–1058.
Skeels, H. M. (1966). Adult status of children with contrasting
early life experience, monographies of social research. Child
Development, 31, 105.

19. Muss man das Gehirn trainieren?


Blakemore, C. (1978). Environmental constraints on development
in the visual system. In R. A. Hinde (Hrsg.), Constraints on Lear-
ning. New York: Academic.
300   Die Geheimnisse unseres Gehirns

Rosenzweig, M. R. (1976). Biologie de la mémoire. Paris: PUF.

20. Regen Sie Ihre Neuronen an


Lieury, A. (2010). Doper son cerveau: Réalité ou intox? Paris: Dunod.
Loarer, E., Chartier, D., Huteau, M., & Lautrey, J. (1995). Peut-on
éduquer l’intelligence? Bern: Lang.
Lorant-Royer, S., Spiess, V., Goncalvez, J., & Lieury, A. (2008).
Programmes d’entraînement cérébral et performances cogniti-
ves: Efficacité ou marketing? De la Gym Cerveau au programme
du Dr Kawashima. Bulletin de Psychologie, 61, 531–549.
Wisc-IV (2005). Échelle d’intelligence de Wechsler pour enfants
(4. Aufl.). Paris: ECPA.

21. Sind die Jugendlichen heutzutage dümmer oder schlauer?


Flynn, J. R. (1987). Massive IQ gains in 14 nations: What IQ tests
really measure. Psychological Bulletin, 101, 171–191.
Greenfield, P. M. (1998). The cultural evolution of IQ. In U. Neis-
ser (Hrsg.), The rising curve: Long term gains in IQ and related
measures. Washington D.C.: American Psychological Associa-
tion.

22. Kann Ihre Ernährung Sie zum Nobelpreisträger machen?


Levitsky, D. A., & Strupp, B. J. (1995). Malnutrition and the brain:
Changing concepts, changing concerns. The Journal of Nutrition,
Ergänzungsheft, 125, 2212–2220.
Pollitt, E., Gorman, K. S., Engle, P. L., Rivera, J. A., & Martorell,
R. (1995). Nutrition in early life and the fulfillment of intel-
lectual potential. The Journal of Nutrition, Ergänzungsheft, 127,
1111–1118.

23. Souvenirs, Souvenirs
Henri, V., & Henri, C. (1896). Enquête sur les premiers souvenirs
de l’enfance. L’Année Psychologique, 3, 184–198.
Literatur   301

Lieury, A. (2010). La réussite scolaire expliquée aux parents. Paris:


Dunod.
Waldfogel, S. (1948). The frequency and affective character of
childhood memories. Psychological Monographs, 62 (gesamte
Nr. 291).

24. Warum bewahrt man gefühlsbeladene Erinnerungen besser?


Blondel, C. (1948, Orig. 1934). Einführung in die Kollektivpsycho-
logie. Bern: Francke.
Brown, R., & Kulik, J. (1977). Flashbulb memories. Cognition,
5, 73–99.
Ledoux, J. (1994). Emotion, memory and the brain. Scientific Ame-
rican, 270, 34–39.
Lieury, A. (2005). Psychologie de la mémoire: Histoire, théories et ex-
périences. Paris: Dunod.

25. Entsprechen Erinnerungen immer der Wahrheit?


Loftus, E. (1995). Die therapierte Erinnerung: Vom Mythos der Ver-
drängung bei Anklagen wegen sexuellen Missbrauchs. Hamburg:
Klein.
Loftus, E. (1997). Les faux souvenirs. Pour la Science, 242, 34–40.

26. Warum verlernt man Radfahren nie?


Lieury, A. (2005). Psychologie de la mémoire: Histoire, théories et ex-
périences. Paris: Dunod.
Squire, L. R., & Zola-Morgan, S. (1991). The medial temporal lobe
memory system. Science, 253, 1380–1386.

27. Hat Ihr Kind ein besseres Gedächtnis als Sie?


Elbert, T., Pantev, C., Wienbruch, C., Rockstroh, B., & Taub, E.
(1995). Increased cortical representation of the fingers of the left
hand in string players. Science, 268, 111–114.
Lieury, A. (2012). Mémoire et réussite scolaire (4. Aufl.). Paris: Du-
nod.
302   Die Geheimnisse unseres Gehirns

28. Warum sind Alkohol und Tabak Gift für Ihr Gedächtnis?


Lieury, A., Raoul, P., Gandon, J. M., Decombe, R., Reymann,
J. M., & Allain, H. (1990). Profil des capacités mnésiques dans
les maladies de Parkinson et d’Alzheimer. Psychologie Médicale,
22(12), 1210–1217.
Lieury, A., Trebon, P., Boujon, C., Bernoussi, M., & Allain, H.
(1991). Le vieillissement des composants de la mémoire: Ana-
lyse factorielle de 17 scores de mémoire. L’Année Psychologique,
91, 169–186.

29. Alkohol, Tabak, Drogen – warum wird unsere Psyche so leicht


abhängig von bestimmten Substanzen?
Barron F (1964). The hallucinogenic drugs. Scientific American.
Changeux, J. P. (1984). Der neuronale Mensch. Reinbek: Rowohlt.
Hampson, V. (1999). Life Science.
Katz, B. (1961). How cells communicate. Scientific American, San
Francisco.

30. „Ich bin ein visueller Typ!“


Averbach, E., & Sperling, G. (1961). Short-term storage of infor-
mation in vision. In C. Cherry (Hrsg.), Symposium on Informa-
tion Theory (S. 196–211). London: Butterworth.
Binet, A. (1894). Psychologie des grands calculateurs et joueurs d’échecs.
Paris: Librairie Hachette et Cie.
Frey, P. W., & Adesman, P. (1976). Recall memory for visually pre-
sented chess positions. Memory and Cognition, 4, 541–547.

31. Verflixt, wie heißt er noch mal? Mir liegt der Name auf der
Zunge!
Brown, R. W., & Mcneill, D. (1966). The „tip of the tongue phe-
nomenon“. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 5,
325–327.
Literatur   303

Morton, J. (1970). Functional model of memory. In D. Norman


(Hrsg.), Models of memory. New York: Academic.

32. Warum lernt man durch Lesen besser als durch Zuhören?


Jamet, E. (1998). L’influence des formats de présentation sur la mé-
morisation. Revue de psychologie de l’éducation, 3, 9–35 (Presses
universitaires de Rennes).
Lieury, A., Badoul, D., & Belzic, A. L. (1996). Les sept portes de
la mémoire. Revue de psychologie de l’éducation, 1, 9–24 (Presses
universitaires de Rennes).

33. Warum ist Wiederholen so wichtig, obwohl es im Lande Des-


cartes’ als „stupide“ gilt?
Lieury, A. (2012). Mémoire et réussite scolaire (4.  Aufl.). Paris:
Dunod.
Lieury, A., & Forest, D. (1994). La mémoire et le concept: Les épi-
sodes de la connaissance. Le Langage et l’homme, 29(2): 125–145.
Munn, M. L. (1956). Traité de psychologie. Paris: Payot.
Nagy, W. E., & Anderson, R. C. (1984). How many words are
there in printed school English? Reading Research Quaterly, 19,
304–330.

34. Frau Doktor … habe ich Alzheimer?


Peterson, L. R., & Peterson, M. J. (1959). Short-term retention of
individual verbal items. Journal of Experimental Psychology, 58,
193–198.

35. Ist Ihr Gedächtnis wohlgeordnet?


Bower, G. H., Clark, M. C., Lesgold, A. M., & Winzenz, D. (1969).
Hierarchical retrieval schemes in recall of categorized word lists.
Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 8, 323–343.
304   Die Geheimnisse unseres Gehirns

Collins, A. M., & Quillian, M. R. (1969). Retrieval time from se-


mantic memory. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior,
8, 240–248.
Postal, V., & Lieury, A. (1998). Organisation de la mémoire en-
cyclopédique: Étendue et spécificité, implication dans la réus-
site scolaire. R.evue européenne de psychologie appliquée, 48(2),
113–126.
Rossi, J. P. (2005). Psychologie de la mémoire: De la mémoire épisodi-
que à la mémoire sémantique. Brüssel: De Boeck.

36. „Ich esse mit einer Zabel“ – woher kommen Versprecher?


Freud, S. (1917, Orig. 1901). Zur Psychopathologie des Alltagslebens.
Berlin: Karger.
Quaireau, C. (1995). Les effets d’amorçage en mémoire: de l’ac-
tivation aux mécanismes attentionnels. Dissertation, Université
Rennes 2.

37. Wie lässt sich das Vergessen erklären?


Bahrick, H. P., Bahrick, P. O., & Wittlinger, R. P. (1973). Fifty ye-
ars of memory for names and faces: A cross-sectional approach.
Journal of Experimental Psychology: General, 104, 54–75.
Ebbinghaus, H. (1971, Orig. 1885). Über das Gedächtnis. Darm-
stadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

38. Stimmt es, dass man im Alter immer wieder das Gleiche er-
zählt?
Crovitz, H. F., & Schiffmann, H. (1974). Frequency of episodic
memories as a function of their age. Bulletin of Psychonomic So-
ciety, 4, 517–518.
Lieury, A. (2005). Psychologie de la mémoire. Paris: Dunod.
Ribot, T. (1893, 1. Aufl.;1881). Les maladies de la mémoire. Paris:
Armand Colin.
Literatur   305

39. Was ist das Geheimnis eines Elefantengedächtnisses?


Höfer, P., & Röckenhaus, F. (2206). Expeditionen ins Gehirn, Teil
1: Gedächtnis-Giganten. Dreiteilige Fernsehdokumentation,
Arte.
Lenhoff, H., Wang, P., Greenberg, F., & Bellugi, U. (1998). Le syn-
drome de Williams. Pour la Science, 244, 78–83.
Pantev, C., Ostenveld, R., Engelien, A., Ross, B., Roberts, L. E., &
Hoke, M. (1998). Increased auditory cortical representation in
musicians. Nature, 392, 811–814.

40. Juckt es oder kitzelt es?


Lieury, A. (2011). Psychologie cognitive. Sammlung „Manuels Visuels
de Licence“ (2. Aufl.). Paris: Dunod.
Purves, D., Augustine, G. J., Fitzpatrick, D., & Hall, W. C. (2005).
Neurosciences. Brüssel: De Boeck.
Rosenzweig, M. R., Leiman, A. L. & Breedlove, S. M. (1998). Psy-
chobiologie. Brüssel: De Boeck.

41. Warum können Milliardäre eine Million beim Spiel verlieren?


Piéron, H. (1967). La sensation. Paris: PUF.

42. Warum schmeckt man nichts mehr, wenn man Schnupfen hat?


Chandrashekar, J., Hoon, M. A., Riba, N. J. P., & Zuker, C. S.
(2006). Encoding taste qualities at the periphery. Nature, 444,
288–294.
Lieury, A. (2011). Psychologie cognitive. Sammlung „Manuels Visuels
de Licence“ (2. Aufl.). Paris: Dunod.
Purves, D., Augustine, G. J., Fitzpatrick, D., & Hall, W. C. (2005).
Neurosciences. Brüssel: De Boeck.

43. Warum kann mein Hund besser riechen als ich?


Axel, R. (1995). De la molécule à l’odeur. Paris: Pour la Science.
306   Die Geheimnisse unseres Gehirns

Chastrette, M., Elmouaffek, A., & Zakarya, D. (1986). Étude sta-


tistique multidimensionnelle des similarités entre 24 notes uti-
lisées en parfumerie. Comptes rendus de l’Académie des sciences,
303(13), 1209–1214.
Gilbert, F., & Gaillard, P. (1999). L’Art du vin.
Labows, J. N., & Wysocki, C. J. (1984). Individual differences in
odor perception. Perfumer and Flavorist, 9, 21–25.

44. Gibt es das Parfüm, das unwiderstehlich macht?


Amoore, J. E., Pelosi, P., Forrester, L. J. (1977). Specific anosmias
to 5 alpha-andost-16-en-3 one and omega-penta-decalactone:
The urinous and musky odors. Chemical Senses and Flavor, 2,
401–425.
Doty, R. L. (1981). Olfactory communications in humans. Chemi-
cal Senses, 6, 351–376.

45. Warum erscheinen Ihnen manche Töne harmonisch und an-


dere völlig schräg?
Matras, J. J. (1961). Le son. Paris: PUF.
Stevens, S. S., & Warshofsky, F. (1977). Schall und Gehör. Reinbek:
Rowohlt.

46.  Warum fährt Ihnen Musik in die Beine?


Békésy, G. von (1957). The ear. Scientific American.
Gribenski, A. (1964). L’audition. Paris: PUF.
Stevens, S. S., Warshofsky, F. (1977). Schall und Gehör. Reinbek:
Rowohlt.

47. Warum ist es gefährlich, volle Kanne Musik zu hören?


Rabinowitz, J. (1992). Les effets physiologiques du bruit. La Re-
cherche, 22, 178–187.
Literatur   307

48. Warum wird uns schwindelig?


Lieury, A. (2011). Psychologie cognitive. Sammlung „Manuels Visuels
de Licence“ (2. Aufl.). Paris: Dunod.
Purves, D., Augustine, G. J., Fitzpatrick, D., & Hall, W. C. (2005).
Neurosciences. Brüssel: De Boeck.

49. Was ist das: Licht?


Hubel, D. (1994). Le cerveau et la vision. Pour la Science. Paris.
Lieury, A. (2011). Psychologie cognitive. Sammlung „Manuels Visuels
de Licence“ (2. Aufl.). Paris: Dunod.

50. Warum sieht unser Auge die Bilder auf dem Kopf?


Hubel, D. (1994). Le cerveau et la vision. Pour la Science. Paris.

51. Warum ist das Leben bunt?


Hubel, D. (1994). Le cerveau et la vision. Pour La Science. Paris.
Mueller, C. G., & Rudolph, M. (1966). L’œil et la lumière. Time-
Life.
Nathans, J. (1989). The genes of color vision. Scientific American,
260, 28–35.

52. Zwei Fotoapparate mit Millionen Pixeln!


Nelson, W. W., & Loftus, G. R. (1980). The functional visual field
during picture viewing. Journal of Experimental Psychology: Hu-
man Learning and Memory, 6, 391–399.
Overton, W., & Wiener, M. (1966). Visual field position and word-
recognition threshold. Journal of Experimental Psychology, 71,
249–253.

53. Warum fällt es Ihrem Kind so schwer, die Ostereier zu finden?


Lévy-Schoen, A. (1967). Les mouvements oculaires d’exploration.
L’Année psychologique, 67, 569–599.
308   Die Geheimnisse unseres Gehirns

Noton, D., & Stark, L. (1971). Eye movements and visual percep-
tion. Scientific American.
Vurpillot, E. (1974). Le monde visuel des enfants. La Recherche, 43.

54. Warum ist die „Schnellesemethode“ ungeeignet zum Lesen?


O’reagan, K., & Lévy-Schoen, A. (1978). Les mouvements des yeux
au cours de la lecture. L’Année Psychologique, 78, 459–492.
Jamet, E. (2008). La compréhension des documents multimédias: de la
cognition à la conception. Marseille: Solal.

55.  Wo ist das 25. Bild abgeblieben?


Droulers, O. (1996). Réalité et efficacité des stimulations sublimi-
nales en marketing. BWL-Dissertation, Université Rennes-1.
Fraisse, P. (1968). L’intégration et le masquage de lettres présentées
en succession rapide. L’Année Psychologique, 68, 321–345.
Fraisse, P. (1992). Des mots et des choses. Sammlung „Le Psychologue“.
Paris: PUF.
Myers, D. G. (2005). Psychologie. Heidelberg: Springer.

56. Warum erscheinen entfernte Gegenstände kleiner?


Gregory, R. L. (1966). L’œil et le cerveau. Paris: Hachette.
Hubel, D. (1994). Le cerveau et la vision. Pour La Science. Paris.
Ittelson, W. H., & Kilpatrick, F. P. (1951). Experiments in percep-
tion. Scientific American, 65–76.

57. Ein Ticket in den Weltraum?


Georgieva, S. et  al. (2009). The processing of three-dimensional
shape from disparity in the human brain. The Journal of Neuro-
science, 29(3), 727–742.
Hubel, D. (1994). Le cerveau et la vision. Pour La Science. Paris.
Pettigrew, J. D. (1972). The neurophysiology of binocular vision.
Scientific American.
Literatur   309

58.  Telepathie, Telekinese – besitzen Sie übersinnliche Kräfte?


Augier, S. (2000). Pourquoi-Comment. Akte paranormal, Fernseh-
sendung, FR3, MIP., Mai.
Brogniart, D. (2005). Les plus grands secrets de la magie … en-
fin révélés. Fernsehsendung, M6, Les productions du Labrador,
Oktober.
Langevin, P., Rabaud, E., Laugier, H., Marcelin, A., & Meyerson,
I. (1923). Rapport au sujet des phénomènes produits par le mé-
dium J. Guzik. L’Année Psychologique, S. 664–672.
Parot, F. (1994). Le bannissement des esprits: Naissance d’une
frontière institutionnelle entre spiritisme et psychologie. Revue
de Synthèse, 3–4, 417–443.
Zététique. Internetsite zur kritischen Analyse von Glaube, Aber-
glaube und Schwindel (www.zetetique.ldh.org/).

59.  Woher kommt der Jetlag?


Denis, P. (1992). Neuropeptides et œil. In Y. Christen, et  al.
(Hrsg.), Neurobiologie de la rétine. Les séminaires ophtalmologiques
d’IPSEN (Bd. IV, S. 19–35). Paris: Elsevier.
Fraisse, P., Siffre, M., Oléron, G., & Zuili, N. (1968). Le rythme
veille-sommeil et l’estimation du temps. Cycles biologiques et psychi-
atrie, Symposium Bel-Air (S. 257–265). Paris: Masson.
Jouvet, M. (1995). Structures et mécanismes responsables du cycle
veille-sommeil. Encyclopedia Universalis (Internetsite ura1195–
6.univ-lyon1.fr).
Lecomte, P., & Lambert, C. (1991). La chronopsychologie. Paris:
PUF.

60. Wissen Sie, dass der Schlaf mehrere Phasen hat?


Valatx, J. L. (1998). Sommeils et insomnies. Pour la Science, 243,
80–87.
310   Die Geheimnisse unseres Gehirns

61.  Stimmt es, dass man im Schlaf besser lernt?


Boujon, C., & Quaireau, C. (1997). Attention et réussite scolaire.
Paris: Dunod.
Lecomte, P., & Lambert, C. (1991). La chronopsychologie. Paris:
PUF.

62. Es lebe der Mittagsschlaf?


Lecomte, P., & Lambert, C. (1991). La chronopsychologie. Paris:
PUF.
Testu, F. (1991). Chronopsychologie et rythmes scolaires. Paris: Mas-
son.

63. Warum verträgt sich Autofahren nicht mit Alkohol?


Willumeit, H. P., Ott, H., & Kuschel, C. (1993). Driving perfor-
mance models: Comparison of a tracking simulator and an over-
the-road test in relation to drug intake. In I. Hindmarch, & P.
D. Stonier (Hrsg.), Human Psychopharmacology (Bd. 9, S. 142–
164). Chichester: Wiley.

64. Wie kommt man auf einem Fest miteinander ins Gespräch?


Cherry, E. C. (1953). Some experiments on the recognition of
speech, with one and with two ears. Journal of the Acoustical So-
ciety of America, 25, 975–979.
Knight, M. V., & Parkinson, S. R. (1975). Stimulus set and re-
sponse set: Influence of instructions on stimulus suffix effects
in dichotic memory. Journal of Experimental Psychology: Human
Learning and Memory, 104, 408–414.
Norman, D. (1968). Toward a theory of memory and attention.
Psychological Review, 75, 522–536.

65. Warum dürfen Sie beim Autofahren nicht telefonieren?


Boujon, C., & Quaireau, C. (1997). Attention et réussite scolaire.
Paris: Dunod.
Literatur   311

Lieury, A., Robert, M., & Castell, J. F. (1990). Mémorisation de


messages sonores ou visuels et concurrence cognitive. Techni-
scher Bericht für das CCETT in Rennes.
Reed, M. P., & Green, P. A. (1999). Comparison of driving perfor-
mance on-road and in a low-cost simulator using a concurrent
telephone dialling task. Egonomics, 42, 1015–1037.

66. „Wenn ich lerne, läuft der Fernseher – dann kann ich mich
besser konzentrieren!“
Boujon, C., & Quaireau, C. (1997). Attention et réussite scolaire.
Paris: Dunod.

67. Verbessert kommunikationstechnisches Multitasking die Auf-


merksamkeit?
Gorlick, A. (2009). Media Multitaskers Pay Mental Price. Stanford
University News.
Lachaux, J. P. (2011). Le cerveau attentif. Paris: Odile Jacob.
Nass, C., Ophir, E., & Wagner, A. (2009). Cognitive control in
media multitaskers. Proceedings of the National Academy of Scien-
ces, 106, 37.

68. Wo befindet sich Ihr Unbewusstes?


Gazzaniga, M. (1970). The bisected brain. New York: Appleton.
Sperry, R. W. (1964). The great cerebral commissure. Scientific
American.

69 „Da war das Auge im Grab und blickte auf Kain …“


Moscovitch, M. (1992). Memory and working-with-memory: A
component process model based on modules and central sys-
tems. Journal of Cognitive Neuroscience, 4, 257–267.
Posner, M. I. (1990). The attention system of the human brain.
Annual Review of Neurosciences, 13, 25–42.
312   Die Geheimnisse unseres Gehirns

Tulving, E. (1985). Memory and consciousness. Canadian Psycholo-


gy – Psychologie Canadienne, 26, 1–12.

70. Hunger, Durst, Sexualität … woher kommen unsere Triebe?


Tinbergen, N. (1966). Tiere und ihr Verhalten. Amsterdam: Time-
Life International.

71. Wie erklärt man das Geheimnis des Vogelzuges?


Dorst, J. (1956). Les migrations d’oiseaux. Paris: Payot.
Emlen, S. T. (1972). L’énigme des oiseaux migrateurs. Psychologie,
34.

72. Wer oder was treibt uns an?


Olds, J. (1956). Pleasure centers in the brain. Scientific American.
Panksepp, J. (1989). Les circuits des émotions. Sonderheft „Les émo-
tions“ (Nr. 168, S. 58–67). Science et Vie.

73. Wissen Sie, dass Sie ein drittes Auge haben? Der Einfluss der
Sonne in der Biologie der Motivation
Dorst, J. (1956). Les migrations d’oiseaux. Paris: Payot.

74. Warum stürzt sich das Verkaufspersonal in manchen Läden auf


die Kundschaft (und in anderen nicht)?
Fenouillet, F. (2012). La motivation. Reihe „Les Topos“ (2. Aufl.).
Paris: Dunod.
Lieury, A., & Fenouillet, F. (2006). Motivation et réussite scolaire
(2. Aufl.). Paris: Dunod.
Vallerand, R. J., & Thill, E. (1993). Introduction à la psychologie de
la motivation. Québec: Vigot.
Tolman, E. C., & Honzik, C. H. (1930). „Insights“ in rats. Univer-
sity of Columbia Publications in Psychology, 4, 215–232.
Literatur   313

75. Gereizt, ohnmächtig, frustriert, angeekelt?


Dweck, C., & Leggett, E. (1988). Social-cognitive approach to mo-
tivation and personality. Psychological Review, 95, 256–273.
Lieury, A., & Fenouillet, F. (2006). Motivation et réussite scolaire
(2. Aufl.). Paris: Dunod.
Maier, S. F., & Seligman, M. (1976). Learned helplessness: Theory
and evidence. Journal of Experimental Psychology, 105, 3–46.
Overmier, B., & Blancheteau, M. (1987). La résignation acquise.
L’Année Psychologique, 87, 73–92.

76. Warum will man immer mehr?


Bandura, A., & Cervone, D. (1983). Self-evaluative and self-effica-
city mechanisms governing the motivational effects of goal sys-
tems. Journal of Personality and Social Psychology, 45, 1017–1028.
Bandura, A., & Schunk, D. H. (1981). Cultivating competence,
self-efficacity, and intrinsic interest through proximal self-moti-
vation. Journal of Personality and Social Psychology, 41, 586–598.
Fenouillet, F. (2012). La motivation. Reihe „Les Topos“ (2.  Aufl.).
Paris: Dunod.

77. Sage mir, was du spielst, und ich sage dir, wer du bist
Fenouillet, F. (2012). La motivation. Reihe „Les Topos“ (2. Aufl.).
Paris: Dunod.
Lieury, A., & Fenouillet, F. (2006). Motivation et réussite scolaire
(2. Aufl.). Paris: Dunod.

78. Trifft die Redewendung „Ein hungriger Bauch hat keine Oh-


ren“ zu?
Fenouillet, F. (2012). La motivation. Reihe „Les Topos“ (2. Aufl.).
Paris: Dunod.
Lieury, A., & Fenouillet, F. (2006). Motivation et réussite scolaire
(2. Aufl.). Paris: Dunod.
314   Die Geheimnisse unseres Gehirns

Maslow, A. H. (1943). A theory of human motivation. Psychological


Review, 50, 370–396.
Munn, M. L. (1956). Traité de psychologie. Paris: Payot.

79. Warum verspüren Sie Emotionen?


Izard, C. E. (1992). Basic emotions, relations among emotions and
emontions-cognition relations. Psychological Review, 99, 561–
565.
Izard, C. E., Libero, D. Z., Putnam, P., & Haynes, O. M. (1993).
Stability of emotions experiences and their relations to traits
of personnality. Journal of Personality and Social Psychology, 64,
847–860.
Panksepp, J. (1977). Toward a general psychobiological theory of
emotions. The Behavioral and Brain Sciences, 5, 407–467.

80. Was macht Ihnen Spaß, und was geht Ihnen auf die Nerven?
Karli, P. (1971). Les conduites agressives. La Recherche, 18, 1013–
1021.
Panksepp, J. (1977). Toward a general psychobiological theory of
emotions. The Behavioral and Brain Sciences, 5, 407–467.
Panksepp, J. (1989). Les circuits des émotions. Sonderheft „Les émo-
tions“ (Nr. 168, S. 58–67). Science et Vie.

81. Was lässt Sie vor Angst schlottern oder in Tränen ausbrechen?


Panksepp, J. (1977). Toward a general psychobiological theory of
emotions. The Behavioral and Brain Sciences, 5, 407–467.
Panksepp, J. (1989). Les circuits des émotions. Sonderheft „Les émo-
tions“ (Nr. 168, S. 58–67). Science et Vie.

82. Sind Ihre Emotionen instinktiv?


Oatley, K., & Jenkins, J. (1996). Understanding Emotions. Cam-
bridge: Blackwell.
Literatur   315

Schachter, S., & Singer, J. E. (1962). Cognitive, social and phy-


siological determinants of emotional states. Psychological Review,
69, 379–399.
Singer, J. L., & Singer, D. G. (1981). Television, imagination and
agression. Hillsdale: Erlbaum.

83. Was ist zuerst da: Gefühl und physiologische Reaktion?


Bentue-Ferrer, D., Reymann, J. M., & Allain, H. (1994). Aspects
biologiques du stress. Dokument des Labors für experimentelle
und klinische Pharmakologie, Rennes, Medizinische Fakultät.
Mormède, P. (1989). Les hormones des émotions. Sonderheft „Les
émotions“ (Nr. 168, S. 43–49). Science et Vie.

84. Stimmt es, dass ein großes Unglück krank machen kann?


Bremner, et al. (1995). MRI-based measurement of hippocampal
volume in posttraumatic stress disorder. American Journal of Psy-
chiatry, 152, 973–981.
Dixon, B. (1989). Le corps humain. Paris: France Loisirs.

85. „Das Herz hat seine Vernunft, die der Verstand nicht kennt …“
Damasio, A. (2004). Descartes’ Irrtum. Berlin: List.

86. „Autoritäre Sie sucht furchtsamen Ihn“… was versteht man


unter Persönlichkeit?
Bernaud, J. L. (2009). Les méthodes d’évaluation de la personalité.
Reihe „Les Topos“ (2. Aufl.). Paris: Dunod.
Borkenau, P., & Ostendorf, F. (1989). Descriptive consistency and
social desirability in self and peer reports. European Journal of
Personality, 3, 31–45.
Huteau, M. (2006). Psychologie différentielle: cours et exercices
(3. Aufl.). Paris: Dunod.
Johnson, J. A. (1994). Clarification of factor five with the help of
the AB5C Model. European Journal of Personality, 8, 311–334.
316   Die Geheimnisse unseres Gehirns

McCrae, R. R. (1994). Openness to experience: Expanding to the


boundaries of factor V. European Journal of Personality, 8, 251–
272.

87. Gefühlsbetont, herzlich, ordentlich


Huteau, M. (2006). Psychologie différentielle: cours et exercices
(3. Aufl.). Paris: Dunod.
Johnson, J. A. (1994). Clarification of factor five with the help of
the AB5C Model. European Journal of Personality, 8, 311–334.
Lieury, A. (2011). Psychologie cognitive. Sammlung „Manuels Visuels
de Licence“. Paris: Dunod.
McCrae, R. R. (1994). Openness to experience: Expanding to the
boundaries of factor V. European Journal of Personality, 8, 251–
272.

88. Eignet sich die Grafologie als Instrument der Personalauswahl?


Huteau, M. (2004). Écriture et personnalité: approche critique de la
graphologie. Paris: Dunod.

89. Lässt sich Ihr Charakter an Ihrer Handschrift ablesen?


Huteau, M. (2004). Écriture et personnalité: approche critique de la
graphologie. Paris: Dunod.

90. Sagen Sternzeichen etwas über Ihren Charakter aus?


Broch, H. (2005). Au cœur de l’extra-ordinaire. book-e-book. com
(siehe auch die Internetsite von Broch, www.zetetique.ldh.org/).
Huteau, M. (2006). Psychologie différentielle: cours et exercices
(3. Aufl.).Paris, Dunod.
Lieury, A. (2011). Psychologie cognitive. Sammlung „Manuels Visuels
de Licence“ (2. Aufl.). Paris: Dunod.
Index

3-D-Filme  192–194 Multitasking  225


selektive  222, 231
A Aufranc, C.  92
Abrufhilfen  123 Auge  169, 177
Abrufhinweise  123, 124 Kamera  168, 174
Abrufreize  123 Linse  188
Ageusie  145 Augenbewegungen  181
Alkohol  96, 212, 214, 266 Autofahren
Vigilanz  213 Handy  221
Allport, G. W.  280 Multitasking  219
Alzheimer-Krankheit  114 Axel, R.  152
Amygdala  87, 264
Anderson, R. C.  15 B
Angst  267, 270 Bahrick, H.  123
siehe auch   Bahrick, P.  123
  Furchtsystem  266 Balken, siehe Corpus callo-
Anregung, sum  227
Gehirn  69 Bandura, A.  251, 252, 254
Umwelt  67 Basilarmembran  161
Aristoteles  118 Bedürfnishierarchie  258, 260
Arthur  198 Beethoven, L. van  104
Ästhesiometer  138 Békésy, G. von  161
Aufmerksamkeit Bell, G.  156
geteilte  223, 224 Belohnung  245
A. Lieury, Die Geheimnisse unseres Gehirns,
DOI 10.1007/978-3-642-37507-1, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
318   Die Geheimnisse unseres Gehirns

Béraud, M.  195 Chandrashekar, J.  149


Bergson, H.  195 Charakter
Bernhardt, S.  87 Handschrift  289
Bernoulli, D.  143 Sternzeichen  291
Beuren, A.  133 Charcot, J.  104
Bewusstsein, Charpak, G.  39
autonoetisches  230 Chemorezeptoren  152
Big Five, siehe Persönlichkeit, Cherry, C.  215
fünf große Chronopsychologie  203, 209
Faktoren  281 circadianer Rhythmus
Binet, A.  21, 24, 26, 28–30, 203, 204
63, 104 Cochlea (Hörschnecke)
Binet-Simon-Skala  28 160, 163
Blätterpapillen  147 Cocktail-Party-Effekt  215
Blitzlichterinnerungen  86 Codierung, duale  93
Blondel, C.  86 Cornea, siehe auch
Boujon, C.  222 Hornhaut  169
Bourdon, B.  191 Corpus callosum (Balken)
Bourret, J.-C.  23 132, 227
Bouvard, P.  23 Cortex, frontaler  278, 279
Bower, G.  117 Cortex, Rechnen  54
Broca, P. P.  24 Corticosteroide  273, 275
Broca-Areal  54 Corti-Organ  160, 163
Broch, H.  39 Costa, P. T.  281
Brown, D.  259 Crépieux-Jamin, J.  21
Brown, J.  115
Brown, R. W.  85, 86, 107 D
Brown-Peterson-Aufgabe  115 Dalton, J.  173
Buck, L.  152 Damasio, A.  278, 279
Bulbus olfactorius Damasio, H.  278
152, 153, 264 Darwin, C.  264
Dean, G.  290
C Deci, R.  255
Cannabis  103 Dehaene, S.  53
Carnot, S.  86 Déro, M.  16
Index 319

Descartes, R.  111, 112, 169, Faktorenanalyse  280, 284


188, 189, 244, 261 Farbwahrnehmung,  172
Down-Syndrom  60 Fechner, G. T.  143
Dubois, J.  55 Fehr, T.  131
Film  193
E Fixierungen  181, 182
Ebbinghaus, H.  122 Flieller, A.  66, 74
Economo, C. von  207 Flynn, E.  72
Einstein, A.  5, 53, 55 Flynn, J.  72, 73
elektromagnetisches Spekt- Flynn-Effekt  66, 72
rum  167 Ford, G.  86
Elliot  278, 279 Fovea (Sehgrube)  175, 176,
Emlen, S.  238 180, 181
Emotion FoxP2  63
Ich-Beteiligung  271 Fraisse, P.  184, 186, 203
kognitive Bewertung  271 Franco, F.  86
physiologische Frensch, P. A.  75
Reaktionen  272 Frequenz  156
Freud, S.  119, 228, 241, 279
Reaktionsmodelle  270
Frey, M. von  138
Emotionssysteme  242, 264
Furchtsystem  266
Empfindungen, taktile  139
Epiphyse  243
Erinnerungen G
Emotion  85 Gage, P.  278
Galen  280
falsche  88
Galton, F.  51, 127
Regression  128
Gamm, R.  131
Ernährung, Intelligenz  76
Gardner, A.  12, 13
Erregung, emotionale  263
Gardner, B.  12, 13
Eudier, F.  97
Gardner, H.  8
Extraversion  281, 283
Gauß-Kurve  33
Eysenck, H.  283
Gazzaniga, M.  227
Gedächtnis  123
F Gedächtnis,
Fabre, J.-H.  153 Alkohol  96
320   Die Geheimnisse unseres Gehirns

autobiografisches  230 Grundton  157


biografisches  84 Guitry, S.  87
deklaratives  90 Guzik, J.  197
fotografisches  132
ikonisches  106, 109 H
Kinder  91, 93 Haarzellen  161, 163, 165
lexikalisches  107–109, 120, Handschrift, Charakter  289
121 Hänig, D.  149
prozedurales  90, 95 Hautrezeptoren  140
Helmholtz, H. von  173, 174
semantisches  108, 109, 117
Henri, C.  83
Gedächtnismodule  92
Henri, V.  83
Gehirn, Anregung  71
Hertz, R.  157
Gehirngewicht  9
Hippocampus  76, 78, 87, 90,
Gehirnjogging  70
96, 102, 103, 130, 230,
gelernte Hilflosigkeit  249, 250
264, 276
Geller, U.  199
Hippokrates  280
Gerüche  150
Hochbegabung  33, 34
Geruchssinn  146, 150
Höhlenforscher  203
Geschmack  146
Holmes, S.  113
Geschmacksknospen  146, 149
Hören, dichotisches  215
Geschmacksqualitäten  147,
Hormone  273, 275
149
Hornhaut (Cornea)  169
Geschwister, Intelligenz  57
Hörschnecke (Chochlea)  160
Gewissen  229
Hörschwelle  162
Gleichgewichtssinn  165
Hörspektrum  158
Glutamatrezeptor  148
Hugo, V.  229, 231
Goebel, B.  259
Hull, C.  245, 290
Golgi-Mazzoni-Körper-
chen  140 Hull’sches Gesetz  256
Goodall, J.  12 Hungerzentrum  241
Grafologie  21, 22, 287 Huteau, M.  287, 289, 290
Greenfield, P.  75 Hypophyse  240
Grundemotionen  262 Hypothalamus  205, 207, 228,
240, 242–264, 273
Index 321

I Kohlehydrate  78
Ikeda, K.  148 Kolumbus, C.  177
Inhelder, B  43 Konditionierung  111
Innenohr  160 Korrelationskoeffizient  18, 19
Intelligenz  4, 17, 79 Korsakow, S.  96
Ernährung  76 Krause-Endkolben  140
Geschwister  57 Kulik, J.  85, 86
Schädelumfang  25 Kurzsichtigkeit  170
Umwelt  65 Kurzzeitgedächtnis  114, 115
Vererbung  50
Zwillinge  56, 59 L
Intelligenzalter  27 Langevin, P.  197
Intelligenzgen  59 Langzeitgedächtnis  115
Intelligenzquotient (IQ)  30 Lärm  162, 165, 270
Intelligenzskala  27 Lautstärke  156, 163
Intelligenztest  31 Lazarus, R.  271
Introversion  281 Le Magnen, J.  153
Iris  170 Ledoux, J.  87
Itard, J.  66 Leonardo da Vinci  169, 187,
Izard, C.  261 189, 190, 260
Lexigramme  14, 15
Licht, sichtbares  167, 171
J
Lichtspektrum  167
Jerison, H.  9
Linse  169
Jouvet, M.  207
Lipide  78
Jung, C. G.  283
Loftus, E.  88, 89
Logik  44
K
Lorant, S.  92
Kanzi  14, 15
LSD  99
Kawashima  69, 70
Lucy  9
Kennedy, J. F.  86
Lustzentrum  240, 241
Kigar, D.  55
Kindheitserinnerungen  83
M
King, M. L.  86
Magellan, F. de  177
Klangfarbe  157
Mairetet, J.-P.  203, 205
322   Die Geheimnisse unseres Gehirns

Majax, G.  199 Noël, C.  195


Malcolm X  86 Noiret, P.  104
Maslow, A.  257–260 Normalverteilung  33
McCrae, R. R.  281 Norton, D.  178
McNeill, D.  107
Mechanorezeptoren  141 O
Meissner-Tastkörperchen  140 Oberschwingungen, harmoni-
Melatonin  243 sche  157
Merkel-Tastscheiben  140 Offenheit für Erfahrungen  281
Meyerson, I.  197 Ohr, äußeres  160
Mittelohr  160 Okagaki, L.  75
Montessori, M.  66 Olds, J.  240
Montgomery, R.  290 Opium  99
Motivation  235 Ormesson, J. de  23
extrinsische  256 Otolithen  165
intrinsische  255, 257
Spiele  255 P
Multitasking  217, 224, 225 Panik durch Isolation  267
Mutterkorn  99 Panksepp, J.  241, 264, 265
Myers, R.  226, 227 Papillen  147
Parietalcortex  55
N Pascal, B.  278
Nagy, W. E.  15 Pawlow, I.  111
Nervenendigungen, freie  140 Peek, K.  131
Nervenleitung  148 Personalauswahl  286
Nervensystem, Persönlichkeit  279, 284
parasympathisches  273 Perspektive  187–190
sympathisches  273 Peterson, L.  115
vegetatives  272 Peterson, M.  115
Netzhaut (Retina)  171, 173 Peugeot, J.  289
Neurotizismus  283 Phase
Neurotransmitter  101, 102 kritische  66
Newton, I.  172, 245 sensible  67
Nicholls, J.  256 Phenylketonurie  61
Nikotin  98 Pheromone  154
Index 323

Photorezeptoren  174 Schacter, D.  229


Phrenologie  24 Schall  162
Piaget, J.  42–44 Schalldruck  156, 162
Pilzpapillen  147 Schallwelle  156
Piolino, P.  128 Schlaf  209, 210
Pivot, B.  104 Schlafphasen  207, 210
Posner M  231 Schnelllesemethode  182
Premack, A. J.  12 Schwereempfindung  142
Premack, D.  12 Schwerhörigkeit  164
Primärfaktoren  6 Sehen, räumliches  190
Proteine  77 Sehgrube (Fovea)  175
Psychophysik  142 Sehschärfe  175
Pupille  170 Selbstwirksamkeit  252, 257
Selbstwirksamkeitserwar-
R tung  252, 254
Rain Man  131 Seligman, M.  247, 249
Ramsay, B.  83 Selye, H.  275
Randi, J.  199 Siffre, M.  204
Raven, J. C.  73 Signalleitung  100, 101
Rechenkünstler  131 Simon, T.  24, 26
Retina (Netzhaut) 171, 174 Sinnesmodalitäten  138
Ribot, T.  126 Sinnesrezeptoren  137
Ribotsches Gesetz  126, 130 Skeels, H.  63
Richet, C.  195 Spearman, C.  6, 18, 46
Riechschleimhaut  151, 153 Spektrum, elektromagneti-
Romains, J.  138 sches  167
Rosenzweig, M.  67 Sperry, R. W.  226, 227
Rotgrünblindheit  173 Spielerparadoxon  250
Rutherford, B.  88 Spiritismus  40, 195, 196, 200
Ryan, R.  255 Split-Brain-Patienten  228
Squire, L.  90
S Stäbchen  171, 173, 174
Sakkaden  178, 181 Stabilität, emotionale  281
Sakkaden, regressive  110, 182 Stanford-Binet-Test  28
Savage-Rumbaugh, S.  14 Stark, L.  178
324   Die Geheimnisse unseres Gehirns

Sternzeichen, Charakter  234, Vestibularapparat  165


291 Vigilanz  210–214
Stress  275–277 Vinh-Bang  43
Stresshormone  273 Vitamine  78
subliminale Werbung  185 Vogelzug  238, 243
Sulitzer, P.-L.  23 Vomeronasalorgan  154
Voraktivierung  119, 121
T
Tastrezeptoren  146 W
Tektorialmembran  161, 163 Wahrnehmungsschwelle  183,
Telekinese  196 184
Terman, L.  28–30, 33, 36, 74 Waldfogel, S.  83
Terman-Merrill-Test  30 Wallpapillen  147
Testu, F.  210 Washoe  13, 14
Thurstone, L. L.  6, 7, 46 Wason, P.  44
Tinbergen, N.  236 Wason-Wahlaufgabe  44
Tolman, E.  245 Weber, E.  142
Tolstoi, L.  144 Weber’scher Quotient  142–144
Tonhöhe  157 Wechsler, D.  31, 37, 46, 49, 73
Trisomie 21  60, 133 Welle, komplexe periodi-
Trommelfell  159, 161 sche  156
Tulving, E.  229, 230 Wiederholung  111, 113
Tyron, E. B.  51 Williams, J. C. W  133
Williams-Beuren-Syn-
U drom  133, 134
umami  148 Willumit, H. P.  213
Umwelt, Anregung  67 Wilson, R.  57
Wiltshire, S.  132
V WISC-IV  46, 48, 70
Vergessen  122 Witelson, S.  55
Versprecher  120 Wittlinger, R. P.  123
Verträglichkeit  281 Wort auf der Zunge  108, 120
Verzweiflung  268 Wortschatz  16, 17
Verzweiflung, siehe Panik durch Wutsystem  265
Isolation  267
Index 325

Y
Young, T.  171, 172, 174

Z
Zapfen  171, 173, 175
Zwillinge  58, 292, 293
Intelligenz  56, 59