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ERANOS-JAHRBUCH

1945
(BAND XIII)

DER GEIST

Herausgegeben von Olga Fröbe-Kapteyn


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RHEIN-VERLAG ZÜRICH
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Apoll yon Belvedere I. 1946

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© ERDGEIST UND HIMMELSGEIST _
IN DER PATRISTISCHEN THEOLOGIE

Von HUGO RAHNER


„Wir aber haben nicht den Geist der Erde empfangen,
sondern den Geist Gottes“ (1 Kor. 2,12).
Dieses Wort des Paulus eröffnet wie mit einem dröhnen-
den Schlag das Geisterdrama des christlichen Lebens. Die
Lehre der neutestamentlichen Offenbarung vom Heiligen
Geist als Person und als Gabe wäre nicht voll begriffen, wür-
den wir die ebenso christliche Lehre vom Unheiligen Geist
verschweigen, vom „Geist der Erde‘, vom „Fürsten dieser
Welt‘, der von dem Heiligen Geist vertrieben wird. Erst
durch diesen Kontrapunkt wird das Dogma zum Drama;
Himmelsgeist und Erdgeist liegen in einem Kampf auf
Leben und Tod: mors et vita duello conflixere mirando,
möchte man über diese wahrhaftige Divina Commediaschrei-
ben, „Tod und Leben kämpften in wundersamem Streit‘. |
Der geistspendende Sieg, den Christus am Kreuz errungen |
hat, muß sich in der Geschichte der Seelen fortsetzen: „‚Da- |
zu ist der Sohn Gottes erschienen, um die Werke des Teu-
fels aufzulösen“ (1 Joh. 3, 8). Der Kampfplatz, auf dem
sich dieser den ganzen Kosmos durchwirkende Krieg ent- |
scheidet, ist das Innerste der menschlichen Seele; hier, in I
den heimlichsten Urgründen der Psyche,ringen die Geister |
in unmittelbarem Kontakt, wie zwei nackte Kämpfer, hier N
wird der Fürst der Welt hinausgeworfen, und an dem Er-
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238 HUGO RAHNER

ksal des Wenn wir also einen, wenngleich nur eben rasch erhasch-
gebnis dieses Kampfes hängt das endzeitliche Schic ten Einblick! in die Lehre vom Heiligen Geist gewinnen
zusammen
ganzen Kosmos. Pneuma und Daimon gehören wollen, wie sie sich aus den Werken der antiken Theologie
wie Freih eit und Knech tschaft,
wie Licht und Finsternis, ergibt, so müssen wir hier zuerst sprechen vom Widerpart
t von der Erlö sung und
Und wir können die frohe Botschaf des Pneuma Hagion, dem „Geist der Erde“. Erst dann
wir nicht s
vom Endsieg des Guten nicht verstehen, wenn wird uns einsichtiger, warum der Geist Gottes, den uns
des Dä-
mehr wissen (oder wissen wollen) von der Sklaverei Christus als Gabe geschenkt hat, ein „Geist des Him-
im Namen
monischen und vom Kampf, den die Kirche mels“ ist. ‘
ht:
Christi fortsetzt, wenn sie im Mysterium der Taufe spric
Heili-
„Weiche, du verfluchter Teufel und mach Platz dem I. DER ERDGEIST
ßt, wo er (in dem
gen Geist!“ Dante hat dies noch gewu
Haar en des
unerhörten Bild zu Ende des Inferno) an den Die Lehre der Kirchenväter vom Satan und seinen bösen
sein Loch“,
Satan, „des Wurms, der durch die Erde bohrt Geistern formt sich zunächst, wenn wir ihren dogmatischen
g, der da
hinaufsteigt ins Licht, auf den Berg der Läuterun Inhalt betrachten, ganz an der Lehre des Neuen Testamen-
stür-
genau entspricht der furchtbaren Höhlung, die der tes. Teufel und Dämonen sind für die Väter durchaus real
gen Tiefe n des Satan ,
zende Erdgeist riß. Aus den abgründi existierende Geistwesen, von deren Dasein und Wirkung
enge n Spalt
auf der Leiter seiner Zotten, geht es durch wir aus der von Christus gebrachten Offenbarung wissen,
empor zu den Sternen: die hinwiederum von derjenigen des Alten Testamentes
.. .klomm ich aus tiefer Gruft vorbereitet wird. Der „Teufel und seine Engel“ (Matth.
bis ich des Himmels schönes Licht von ferne 25, 41) sind die Gegenspieler des Heilswerkes Christi; der
erglänzen sah durch eine runde Kluft Kampf, den der siegreiche Christus gegen sie durch den
und steigend wir erschauten helle Sterne“. ganzen Lauf der Kirchengeschichte fortführt, endet mit
n dem Sturz des Satans„wie ein Blitz‘ (Luk. 10, 18); aus den
Und von da aus geht der Aufstieg weiter bis zu den Höhe einstmals hehren, gotterschaffenen Geistern des Himmels
des Parad iso, zu jener gött - |
des Heiligen Geistes am Ende wurden erdgestürzte Dämonen, und sie werden es bleiben:
Sonn und
lichen Liebe, „die da ins Schwingen bringet „Da wurde der große Drache gestürzt, die alte Schlange,
Chris ten. Die
Sterne“. Das ist die Göttliche Komödie des die da Teufel und Satan heißt und die ganze Welt ver-
nk- |
Theologie der antiken Kirchenväter hatte für die geda führt, auf die Erde wurde er gestürzt und mit ihm wurden
atik
liche und für die bildhafte Darstellung dieser Dram seine Engel gestürzt“ (Apok. 12, 9). „Erde“ und „Welt“
hisch e Faßkr aft: ihr Weltb ild
noch eine biblische und griec
die Höhe n des Heili-
geht von den Tiefen des Erdgeistes bisin 1 Der hier vorgelegte Aufsatz ist nur ein Auszug aus dem in den Vorträgen der
Eranostagung gebotenen Stoff. Und selbst der Auszug konnte unter dem Zwang
hen
gen Geistes undsieht zugleich dieinnerste Seele desMensc äußerer Umstände, besonders des Feblens jeglicher Bibliothek, nur aus Notizen und

als den Schauplatz dieser kämpfenden Entscheidung.


Ei Erinnerungen wieder rekonstruiert werden.
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werden hier zum Inbegriff und zum Symbol der sittlichen Luft gewandelt: er ist das Pneuma, das jetzt noch wirksam
Gottferne, in die sich die bösen Geister durch geistesfreie ist in den Kindern des Ungehorsams“ (Eph.2, 2). Und
Abkehr von Gott, vom „Himmel“ verkehrten. Der Satan zugleich konnte er die Christen auffordern zum Kampf
ist also „Fürst dieser Welt‘ (Joh. 12, 31; 14, 30; 16, 11), ja gegen diesen Erdgeist, der da den dunklen „Luftraum“ be-
Paulus nennt ihn einmal gar in erhabener Übertreibung herrscht: „Unser Kampf geht ja nicht nur gegen Fleisch
„Gott dieser Welt“ (2 Kor. 4, 4). Das Dunkle, Dumpfe, und Blut, sondern gegen die Mächte und Gewalten, gegen
Träge und Schwere dessen, was wir Erde und Materie nen- die finsteren Weltherrscher und gegen die bösen Geister
nen, wird zum tastbaren Bild dieser sonst so unfaßlichen in den Regionen des Himmels“ (Eph. 6, 12).
Tragödie, die sich im Reich der Geister abgespielt hat. Die Aber so sehr das Neue Testament gefüllt ist von dem
Kennzeichen, die das Neue Testament den vom Satan aus. Glauben an die erschrecklich wirkliche Existenz der bösen
gesandten „Engeln“ gibt, sind wie eine Psychographie des Geister, so sehr ist es auch voll von einem sieghaften, ge-
Dämonischen, das sich da der Menschen auf Erden be. radezu freudigen Wissen um die Möglichkeit, in Christus
mächtigt hat: sie sind „unrein‘‘ (Mark. 3, 30; Act. 5, 16), dieses dunkle Reich des Erdgeistes überwinden zu können:
sind „blindmachend und stumm‘ (Matth. 12, 22; Luk. und damit hat das Christentum in seiner Urform bereits die
11, 14), sie bewirken Krankheiten und fallende Sucht, sie ausgeglichene Mitte gefunden zwischen der Aufgeklärtheit
fahren in Schweine und rasen in die Tiefen der See, mitei- etwa der Sadduzäer, die da ‚„‚weder an Engel noch an Gei-
nem Wort: sie sind „böse Geister‘ (Matth. 8, 31 u. a.). ster glaubten“ (Act. 23, 8), und der hilflosen Ausgeliefert-
Das alles will in der Vielfalt der Bilder besagen, daß der heit der spätgriechischen Frömmigkeit an die kosmische
Satan und seine Dämonen Geister der „‚Tiefe‘‘ sind, nach Allgewalt der Dämonen. So real und so alltäglich die Be-
„unten“ ziehen, gestürzte Wesen sind, die selber nur immer gegnung mit den bösen Geistern der Erdeist: die Dämonen
eine einzige Tendenz haben können: Menschen mitzureißen sind doch ohnmächtig, sind überwindbar, sind in der Tiefe
in diesen Himmelsturz. Es handelt sich in der neutesta- bereits besiegt durch den, der den Fürsten der Welt am
mentlichen Dämonenlehre niemals um eine Art von kos- Kreuz hinauswarf und am Kreuz „‚die Mächte und Gewalten
mischem Mythos, sondern immer nur um den Versuch, das \ 'entwaffnet, offen an den Pranger gestellt und über sie tri-
sittliche Ereignis des Abfalls freier, gut geschaffener Geister umphiert hat“ (Kol.2, 15). „Selbst die Teufel sind uns
von Gott bildhaft darzustellen: aber kein Bildkreis war untertan in deinem Namen““, sagten die Jünger (Luk. 10,17).
geeigneter, gleichsam urmenschlicher, als eben der vom Der Satan kann den Christen nicht mehr überlisten, denn
seine Ränke sind offenbar (2 Kor. 2, 11), und „der Gott
„Sturz“ in die Tiefen dieses dunklen Erdkreises. In diesem
Sinne konnte Paulus, Sittliches in kosmischem Bild aus- des Friedens wird den Satan bald unter euren Füßen zer-
drückend, schreiben: „Ihr wart tot durch eure Missetaten malmen“ (Röm. 16, 20); der Teufel ist wohl ein „‚brüllender
und Sünden. In ihnen seid ihr einst nach der Weise dieser i! Löwe“, aber man kann ihm „tapfer im Glauben widerste-
hen“ (1 Petr. 5, 8; Jak. 4, 7). Die Theologie der Urkirche
Welt unter dem Einfluß des Herrschers der Mächte in der
16
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242

hat damit zwei Dinge erkannt und in quellendes Leben ein Spiegelbild dessen, was sich im sittlichen Innersten des
übertragen, die wir gerade heute wieder, inmitten der Menschen begibt. So ist ja auch bei Johannes der Begriff
Dämonien unserer Tage, fast neidvoll in ihrer religions. von „Welt“ zu verstehen: der Fürst dieser Welt ist zu-
psychologischen Größe und ihrer seelenheilenden Macht gleich „Menschenmörder von Anbeginn‘“ (Joh.8, 44), und
neu erkennen: daß die Dämonen existieren — und daß die | "die Welt ist zwar in der Klaue des Bösen (1 Joh.5, 19), aber
Dämonen überwindbarsind. nur darum, weil Menschen noch sündigen, die „nicht aus
Indessen sind wir mit dem Wort des Paulus vom „Be- Gott geboren sind“. Erst von da aus wirdes christlich über-
herrscher dieses Luftreiches“ zugleich auch in die Proble- haupt einsichtbar und erträglich, wenn man von einer
matik der Religionsgeschichte eingetreten - und auch da- Dämonisierungder „Welt“ spricht: denn die gleiche „Welt“,
von ist hier zu sprechen, wenn wir die höchst sublime Lehre die da in der Gewalt des Bösen sich befindet,ist doch auch
der Kirchenväter vom dämonischen Erdgeist verstehen „yon Gott gemacht worden“ (Joh. 1, 10). Am Menschen
wollen. Denn hier horchen wir auf: ist die Vorstellung vom entscheidet sich das Geschick des Kosmos: an der Sünde
Dämon als dem Beherrscher des dunklen Luftreichs nicht des Urmenschen, an der Erlösung des Gottmenschen und
ein deutliches Nachbild jener Lehren, wie sie uns Platon an dem Glauben des Christenmenschen. Durch die sündige,
und Xenokrates und Plutarch und Poseidonios verlegten? sittliche Tat des Urmenschenist auch die „Welt“, der Be-
Die Übereinstimmungist auffallend, und der Untersuchun- reich der Luft, das Körperliche, das seelisch Untergründige
gen darüber sind eine Unzahl. Indessen wird doch wohl viel in die Gewalt des bösen Geistes geraten, gewiß - und seit-
eher daran zu denken sein, daß Paulus hier sich einer Bild- dem wäre jegliche Weltseligkeit und jede Vollbejahung des
vorstellung bedient, die auch der spätjüdischen Dämono- Irdischen und Leiblichen und Menschlichen ein dämoni-
logie nicht fremd war. Die dem Juden geläufige Meinung, scher Irrtum. Aber in der Erlösung am Kreuz hat die Ent-
daß die bösen Geister in ihrem Sturz gleichsam im Bereich teufelung der Welt, das „Hinauswerfen““ des Weltgeistes,
der erdumgebenden Luft „stecken“ blieben und von da aus begonnen, und das setzt sich fort in der sittlichen Gei-
ihre unheilvolle Herrschaft auf den Bereich der Erde aus- sterscheidung, die das Christentum in die Welt gebracht
üben, wird bei Paulus zum Bild einer keineswegs mehr kos- hat wie ein scheidendes Ferment. Darum kann Paulus
mischen, sondern durchaus sittlich gedachten Entschei- sprechen von einer immer noch währenden Herrschaft der
dung. Die „Welt“ ist für ihn zutiefst der Mensch, der irdi- „Geister dieser Luft“: die Dämonen sind noch da, das
sche, erdhafte, sündige und dunkle Mensch - er ist dem ' „Mysterium der Bosheit ist annoch am Wirken“ (2 Thess.
Einfluß der bösen Geister unterworfen, er kann sich aber | 2, 7). Also: weil der Mensch noch dämonisch ist, ist es
auch „‚von der Finsternis zum Licht, aus der Gewalt des "auch noch die Welt. Und das paulinische Bild von den
Satan zu Gott bekehren“(Act. 26, 18). An der Glaubenstat luftbeherrschenden Geistern ist ein Zeichen von unerhörter
des Christen entscheidet sich der Kampf zwischen Erdgeist Tiefe für den Tatbestand des Sittlichen, das auf das Kos-
und Himmelsgeist, und das „Reich der Luft“ ist nur wie ; N 'mische hinüberwirkt. Wennsich die endzeitliche Befreiung
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der Menschenseele vollzogen hat, wird auch der Kosmos chen der Elemente. Das schwerste, gleichsam dumpfste
wieder ganz der Herrschaft des Erdgeistes entzogen sein:
Element ist die Erde, die zu unterst liegt; über ihr das Ele-
er wird dann „teilnehmen an der herrlichen Freiheit der
ment der Luft, das ebenfalls noch an der Dunkelheit des
Kinder Gottes, und darum wissen wir, daß durch die Irdischen teil hat, wenngleich auch irgendwie schon an der
ganze Schöpfung sich ein Seufzen zieht, sie liegt ja noch Vergeistigung der über der Luft sich dehnenden Sphäre
in Wehen bis zur Stunde“ (Röm.8, 21. 22). des Feuers. Die Luft ist das vermittelnde Element, ent-
Nach dieser, wenngleich dürftigen Skizze der neutesta- sprechend der Mondregion, die sich über ihr erhebt,. die
mentlichen Theologie vom „Geist der Erde“ sind wir vor.
Region der Luft also ist noch „unter dem Mond“, mithin
bereitet, die Kirchenväter zu verstehen. Zugleich wird es dem dumpfen Zufall, der blinden, trägen, kraß greifbaren
uns nun besser gelingen, den dogmatischen Kern ihrer Ungeistigkeit des Materiellen ausgesetzt. So ist die Sphäre
Lehre besser zu scheiden von dem Gewand der griechischen der Luft der eigentliche Ort für Wesen, die zwar noch gei-
Bilder,die sie als geborene Hellenen dem biblischen Glauben stig sind, aber doch irgendwie ins Erdhafte gehören: für
umwerfen. Denn es ist unbestreitbar, daß gerade in die die Dämonen. „Die ganze Luft ist von Seelenwesen erfüllt,
Dämonologie der Patristik viel spätgriechisches Gut ein-
die wir Dämonen oder auch Heroen nennen“, heißt ein
geflossenist. Ohne die christliche Substanz zu ändern, ohne Ausspruch des Pythagoras bei Diogenes Laertios.
in eine bloß kosmische Auffassung vom Sündensturz der Nun kommt zwar die Theologie der Kirchenväter, wenn
bösen Engel zu verfallen, sprechen sie doch von den erd-
sie von den Dämonen zu sprechen beginnt, aus ganz ande-
beherrschenden Dämonen in einer Weise, die deutlich an
ren geistigen Bereichen: aus der Welt der biblischen Offen-
Plutarch oder Poseidonios erinnert. Es ist unmöglich, hier '
barung vom Sturz der einst gut erschaffenen Geister, der
die patristische Dämonenlehre auch nur nach ihren we- in einem sittlichen Sündenfall bestand; sie hat also, sach-
sentlichsten Gedanken vollständig darzustellen. Wir greifen lich gesehen, nichts zu tun mit den seltsamen Spekulationen
vielmehr ein Stück heraus, das uns besonders instruktiy der späten Griechen von den Dämonen als kosmischen
zu sein scheint: die Lehre von den Dämonenals den „‚Erd- Mittelwesen zwischen Gott und den Menschen, nichts mit
geistern“‘. Wesen und Wirkungendieser „Engel des Teufels“, jenem Satz aus Platons Symposion: „Jedes Daimonionist
die sich der Erde bemächtigt haben, soll hier vorgelegt ein Mittelwesen zwischen dem Gott und dem Sterblichen“.:
werden. Aber wenn sie nun vom Wesen dieser gefallenen Geister zu
1. lehren haben,fließt ihnen in Bild und Sprachegriechisches
Gedankengut zu, und der faßbarste, plastischste Ausdruck
Die Väterlehre vom Wesen der Dämonenals der „Gei- | des sittlichen Sündenfalls der Dämonen samt den teuf-
ster der Erde“ läßt sich nur verstehen, wenn wir uns kurz lischen Wirkungen desselben auf den Bereich des Irdischen
das kosmische Weltbild des antiken Menschen vorführen. ist für die Kirchenväter dann doch das Bild von den in den
Die Welt baut sich aufin den übereinander liegenden Berei- i
1 Symposion 202 E.
ERDGEIST UND HIMMELSGEIST 247
246 HUGO RAHNER
ist so fragt sich einmal Basilius, wird er von der Schrift
ürzten bösen Geistern. So
dunklen Luftbereich abgest er von Däm o- „Fürst dieser Welt“ genannt? Und die Antwortet lautet:
christlichen Vät
denn das Weltbild auch der „Weil seine Herrschaft sich erstreckt rund um die Erde“.
Eng el des Satans hausen in der
nen ganz erfüllt. Diese -Der Kosmos ist gleichsam zugedeckt, eingehüllt in eine
d, erfüllen alles Irdische: der
dunklen Luft, unter dem Mon des Atmosphäre der teufelserfüllten Luft. „In diesem uns ganz
hat — vorläufig noch, trotz
Dämon ist ein Erdgeist, er - nahen undfinsteren Bereich wohnt der Böse, eingeschlossen
eine Herrschaft über das Erd
Sieges Christi am Kreuz — wie in einen Kerker von Luft“, sagt Augustinus. Und
den Menschen. „Alles, ja die
hafte im Menschen und um die es ist vielleicht die großartigste symbolische Schau ins
und seinen Engeln erfüllt,
ganze Welt ist vom Satan Stä lle “, Geisterreich, die von den Vätern niedergeschrieben wurde
die Bäder und die
Straßen und der Markt und ohn e wenn Augustinus in der Civitas Dei nach der Kblehnnzgg
mehr: „Kein Mensch ist
sagt Tertullian; ja noch jeder spätplatonischen Dämonenlehre das christliche We-
seinen Dämon“. sen des sittlichen Engelsfalls einkleidet in das Bild von den
Wesen entspricht und es
Der Wohnsitz also, der seinem Dämonen, die mit dem Kopf nach unten in der Luftregion
den Dämon der Bereich der
sinnbildlich ausdrückt, ist für stecken blieben und so verharren bis zur endgültigen Ver-
t, wenn Augustinus ein-
Luft. Es ist durchausantik gedach urteilung®. Der Dämon beherrscht die Erde gleichsam mit
äre der dunklen Luft dem
mal ausdrücklich diese Sph verkehrten Vorzeichen, er ist Vater der Lüge, der Perver-
ätherglänzenden Sterne gegen-
„Himmel“, dem Bereich der sion, der Gottflüchtigkeit. Wir hörten schon eingangs in
sen „hier unten, wo die fin-
überstellt: die Dämonen hau den Versen aus Dante, wie dieses augustinische Bild noch
enballen und wo die Vögel
steren Wolken sich zusamm einmal in der Divina Commedia dichterische Gestalt an-
sich Palladius im Einlei-
Nattern“. Ganz gleich denkt chichte, der Hi- nimmt: der Satanist der kopfüber ins Erdhafte abgestürzte
seiner berühmten Mönchsges
tungsbrief zu m Widergeist. Das ist durchaus antik und zugleich patristisch
: „Die Dämonen stürzten vo
storia Lausiaca, die Situation | gedacht. „Diabolus totus terra haeret“, sagte einmal Hie-
Teufel das Luftreich durch-
Himmel und müssen jetzt als ronymus in einer Predigt, „der Teufel steckt ganz und
Lehrmeistern im Himmel den
flattern, weil sie einst den gar in der Erde“. Zu dieser „Erde“ gehört aber (und eben
Feuerblitz fiel der Satan vom
Rücken kehrten“. „Wie ein dies muß festgehalten werden, wenn wir uns bemühen, im
helai, „und stürzte auf die
Himmel“, sagen die Acta Arc d, antiken Weltbild der Kirchenväter zu denken) der Eaum
abgestürzt und nie mehr wir
Erde. Ja, ins Irdische ist er arum schleicht der Luft, gehört aber ebenso das innerste Herz des irdi-
Himmels:d
er zugelassen in die Regionen des schen Menschen. Luftraum und Herzensraum sind ein und
*. Das gilt im höchsten,
er sich jetzt durch die Menschen“ onen. Warum, dieselbe „Erde“: die „Welt“ nun auch im aszetischen Sinn,
Hauptaller Däm
Sinn vom Satan selbst, dem ı Migne, Patres graeci 31, 352 A.
2 Epistula 102, qu. 3, 20. - Enchiridion 9, 28.
1 De spectaculis c. 8. 3 De civitate Dei IX,9.
2 De anima c. 57, 4, 4 Anecdota MaredsolanaIII, 6, S. 24.
chaeosc. 33.
. 3 De natura boni contra Mani u
4.0.36.
248 HUGO RAHNER ERDGEIST UND HIMMELSGEIST 249

die Welt, der man absagen muß, die es zu entteufeln gilt, reinigen und uns den Weg nach oben zu eröffnen!. Und die
die der Kampfplatz ist zwischen Erdgeist und Himmels. adlige Römerin Melania betet auf ihrem Sterbebett im
geist-— davon wird später noch genauer zu sprechen sein. armen Kloster zu Bethlehem:
Hier sei nur noch von einem Lehrstück die Rede, das für
„Läutere deine Magd, daß meine Seele frei von jeder Fes-
die antik christliche Dämonologie besonders bezeichnend
sel dir entgegen gehe, daß nicht die bösen Geister dieses
ist und nur verstanden wird, wenn wir das bisher Erarbei.
Luftgebiets mich hemmen, sondern daß ich makellos von
tete festhalten. Die Dämonen, die als Erdgeister alles Ir-
deinen heiligen Engeln geleitet zu dir ins himmlische
dische gleichsam in Bann geschlagen haben und den die
Haus gelangen darf“.
Erde umgebenden Luftraum beherrschen, haben nur mehr
einen einzigen Willen: den nach Erlösung ringenden Men-
2.
schen in ihren kopfabwärts gerichteten Sturz mit hineinzu-
ziehen. Der erlöste Mensch aber will nach oben, will in die Dieses Wesen des dämonischen Erdgeistes wird uns noch
klare Region des göttlichen Äthers, in den Himmel durch- faßbarer, wenn wir nach seinen Wirkungen fragen. Hier
dringen. Da stellen sich seinem aszetischen und (nach dem würdesich unsein vielfältiges Gebiet der anregendsten Fra-
Tod) seinem realen Aufstieg die erdbeherrschenden Dämo- en eröffnen,vor allem, wenn wir den patristischen Lehren
nen entgegen. Sie sind (um das in der antiken Aszetik be- von der Wirkung der Dämonen auf das Seelische nachgin-
liebte Bild zu gebrauchen) gleichsam die „Zollwächter“!, gen: inwiefern etwa diese Geister der Erde die Beziehungen
die an den einzelnen Stationen der himmlischen Seelenreise zwischen Leib und Seele beeinflussen, wie sie sich einmi-
sitzen, um die sehnsüchtig nach oben wallenden Seelen zu schen in die Gebiete des Religiösen, des Geschlechtlichen,
untersuchen, ob ihnen nicht noch irgend etwas Irdisches des Kultischen — also immer dort, wo es sich um die nie
(also dem Dämon Zugewandtes) anhafte. Nur wer aller aufzuhellenden Gebiete des Leibseelischen handelt. Die As-
Erdenreste frei ist, wer sich ganz entdämonisiert hat, kann zese der Väter und der alten Mönche war hier sehr klar-
ohne Gefährdung diese teuflischen Zollstationen passieren. sichtig und wußte noch mehr von der „‚Welt“ und ihren Dä-
Die Kraft, sich aller Befleckung des Irdischen zu entwinden monien als wir mit all unserer sogenannten Seelenkenntnis.
und selig unberührt durch das Dämonische hindurchzu- Aber wir müssen uns diesen Ausblick versagen.
gehen, kommt dem erlösten Christen zu aus dem geist- Wir könnten weiter sprechen von dem, was die alten Kir-
spendenden Kreuztod Christi. Darum, sagt Athanasius chenväter lehrten und wußten vom Einfluß der erdumflat-
in einem wundervollen Kapitel seines Buches über die ternden Dämonen auf die physischen, ja sogar physikali-
Menschwerdung, ragte das Kreuz des Herrn hoch in die schen Vorgänge der Erde,in der wir Menschen mit Nerven
Lüfte auf, um auch diese Region von den Dämonen zu und Blut stecken. Auch Gewitter und Hagel, Krankheit und
ı Vgl. etwa Origenes, Lukaskommentar 23; Athanasius, Vita Antonii c. 65u. ı De incarnatione Verbi c. 25.
66; Ps.-Makarius, Pneumatische Homilien 16, 3; 23, 9. 2 Vita Melaniae c. 64.
250 HUGO RAHNER ERDGEIST UND HIMMELSGEIST 251

Krieg können von den Dämonen kommen, das war ihre „Somnia quae mentes luduntvolitantibus umbris
feste Überzeugung. Die Dämonen mischen sich in dieall. non delubra deum nec ab aethere numina mittunt,
täglichsten und in die merkwürdigsten Dinge. Wir müßten sed sibi quisquefacit...
hier sprechen von der Lehre der Väter über den Einfluß der . quidquid lucefuit, tenebris agit“.
Erdgeister auf die Magie, auf das Wahrsagen, auf die ganze
wirre Welt des antiken Aberglaubens. Der gleichen Ansicht ist nun auch Tertullian in dem so
Lassen wir auch dies, und wenden wir uns hier nur einmal aufschlußreichen Traumkapitel seines Buches „Über die
einem ausgewählten Teilproblem zu: dem Einfluß der Dä- Seele“. Und Gregor von Nyssa sagt ausdrücklich, die
monen auf das Traumleben der Menschenseele. Im Traum Träume seien zunächst nichts anderes als ein „‚Nachklin-
ist der Mensch ja sozusagen am „‚irdischsten“, da steckt er geln“ der Tageseindrücke: „Wir sind der Ansicht, die phan-
ganz in seinem dunklen Blut, sinkt er ab in die tiefste Re. tastischen Gaukelbilder der Träume seien Figuren, die der
gion seines Wesens undlebt intensiv in der „Welt“, die er unterlogischen Kraft der Seele vorschweben je nach den ge-
sonst als wacher Geist oder gar als Christ ausschaltet oder habten Erlebnissen‘. Allein, das ist nicht alles. Die Väter
nicht wahr haben will. Das Traumlebenist also, nach der lassen darüber hinaus die Möglichkeit offen, daß sich im
Ansicht der Kirchenväter, in Sonderheit der gegebene Be- Traum auch ein himmlischer Geist oder ein Erdgeist, also
rührungspunkt zwischen Seele und Dämon. Es liegen uns Gott oder der Daimon, der Seele bewältigen können. Bei
dazu reiche Quellenbelege vor, denn immer wieder hat es Laktantius wird für diese beiden Möglichkeiten sogar auf
die christlichen Denker der Väterzeit gereizt, die Rätsel des den homerischen Mythos angespielt, den dann auch Vergi-
Traumlebens auch theologisch etwas aufzuhellen. Der näch- Hus im sechsten Buch der Aeneis wiederholt: durch zwei
tige Traum ist ihnen immer wie der Tummelplatz der Tore kommendie Träumein die Seele‘. Der Syrer Ephraem
flatternden Erddämonen vorgekommen. schildert die dämonischen Einwirkungen durch Träume aus-
Nun waren die Väter durchaus der Ansicht, daß man führlich in einer seiner rhythmischen Prosen. Und der Ar-
auch die Phänomene des Traums zunächst einmal durchaus menier Eznik von Kolb widerlegt die manichäische Man-
natürlich zu deuten habe. Sie bekannten sich hier zu der tik der Träume, aber er läßt auch als Christ die Möglichkeit
nüchternen Meinung, wie sie von der späten Stoa aufge- bestehen, daß die Dämonen — genau so, wie der Heilige
bracht wurde und in den bekannten Versen aus Petronius Geist - in nächtigen Bildern auf die Seele wirken:
einen hübschen Ausdruck fand: „Die Träume, die mit flüch-
tigen Schatten vor dem Geist gaukeln, stammen nicht aus „Auch die Träume haben verschiedene Ursachen. Bald
dem Heiligtum der Götter und sind nicht gesandt von äthe- ist es etwas, was der Mensch bei Tage im Munde führte
rischen Geistern, sondern die macht sich jeder selbst: was ı Saturae, fragmentum 30.
einer bei Tag getan, das vollbringt er auch des Nachts: 3 De anima c. 47.
3 De hominis opificio c. 13.
4 De opificio Dei18, 8. 9.
252 HUGO RAHNER ERDGEIST UND HIMMELSGEIST 253

und was beim Ausruhen des Körpers der Geist im ein Laster dann noch nicht ganz ausgerottet sei, wenn es
Schlaf wieder aufgreift. Bald ist es etwas, was ganz und wenigstens im Traum noch geliebt oder begangen wird.
gar nicht Gegenstand geistiger Beschäftigung gewesenist Prudentius hat uns in seinem schönen Hymnus auf den
und nun doch im Traum aufscheint — und dafür gibt es Schlaf diese dämonischen Attacken im Traum beschrieben.
zwei Ursachen. Entwederist dies das Schauen von etwas Zuerst, so sagt er mit Worten, die fast an das bereits ge-
Bestimmtem in sichtbarer Form durch Einwirkung der nannte Gedicht aus den Saturae des Petronius erinnern,
Gnade Gottes, um den Menschen zu Tugend anzutreiben, müssen wir festhalten, daß Träume aus dem bewußten
Oder aber es ist vom Widersacher: denn dieser ist un- Seelenleben des Tages aufsteigen, denn die Seele genießt
körperlich, wie auch die Seele des Menschen unkörperlich auch noch im Schlaf des Körpers einer „ganz dünnen Be-
ist. Er gaukelt verschiedene Gestalten vor, bald von Wei- tätigungskraft“:
bern, bald von wilden Tieren und Reptilien, um so „Imitata multiformes
Schrecken oder Lust zu erwecken“!, facies sibi ipsa fingit,
per quas repente currens
Um diesen Gedanken vom dämonischen Erdgeist, der in tenui fruatur actu“!.,
seltsam erdhaften Träumensich der Seele mitteilt, noch ge-
nauer zu beschreiben, müßten wir uns nun die schier un- Dasheißt: ‚‚Die Seele fabuliert sich selber nachahmendviel-
mögliche Mühe nehmen, aus der unübersehbaren Welt pa- fältige Bilder zusammen, und genießt so, durch diese Bilder
tristischer Werke alles herauszuheben, was da an Traum- eilig hindurchlaufend, einer dünnen Kraft der Betätigung.“
gesichten mitgeteilt wird. Das ist bisher noch nie geschehen, Das ist noch gut stoisch gedacht. Aber nun gibt es auch dä-
würde indes ein höchst aufschlußreiches Material ergeben. monische Träume, und gegen diese hat der Christ nur eine
Haben sich doch vor allem die in ihrer Seelenzergliederung einzige Waffe: er muß sich mit dem Zeichen des Kreuzes
fast unheimlich bewanderten Mönche der Wüste immer siegeln. Und der Dichter bricht in den Gebetsrufaus: „Wei-
wieder mit solchen Fragen beschäftigt und ihre Traumer- chet, weichet, ihr gaukelnden Zauberbilder der Träume! O
lebnisse aufgezeichnet oder sich mitgeteilt, um sie moral- du vielgewundene Schlange, die du in tausend Mäandern
theologisch und aszetisch zu werten. Wenn der Dämonsich mit biegsamer Täuschung die schlafenden Herzen auf-
einem Christen in wachem Zustand nicht mehr nähern kann, zegst“:
so plagt und bewegt er ihn doch immer noch im Traum: „O tortuose serpens
denn da bleibt die „‚unterlogische Kraft‘ der Seele (um qui mille per meandros
noch einmal mit dem Nyssener zu sprechen) solchen An- fraudesque flexuosas
griffen schutzloser ausgesetzt; und es war für die Wüsten- agitas quieta corda!“
väter ein ausgemachtes Prinzip des geistlichen Lebens, daß
ı Wider die Irrlehren II, 20. ı Cathemerinon VI, Hymnus ante somnum,
254 HUGO RAHNER ERDGEIST UND HIMMELSGEIST 255

Es ist der gleiche Gedanke, den die Kirche jeden Abend, auf den Himmelsgeist, in die Bitte um die freie, leichtbe-
heute noch, in ihrem Stundengebet aus dem abrosianischen schwingte, keusche Gnade des göttlichen Pneuma. Im In-
Hymnusbetet: nersten des Menschen, in seiner Seelenmitte, entscheidet
sich die heilbringende Begegnung zwischen Erdgeist und
Procul recendant somnia Himmelsgeist: eine Seele, die sich vom „Dämon der Erde“
et noctium phantasmata frei gemacht hat, ist unmittelbar auch eine Beherrscherin
hostemque nostrum comprime des Kosmos, erschwingt sich jetzt schon, und dann gar erst
ne polluantur corpora‘“. nach dem Tode, über alle Erde. Ich weiß keinen Text aus
„Weichen sollen die Träume und die nächtlichen Phantas- der reichen Welt der Kirchenväter, der dem tieferen Aus-
men. Drück ihn zu Boden (o Gott), unseren Feind, damit druck gegeben hätte, als der Hymnus des Synesios von
nicht unrein besudelt werden unsere Leiber!“ Hier wird auf Kyrene, mit dem wir diesen Vortrag vom Erdgeist be-
das Erdhafte der vom bösen Geist eingegebenen Träume schließen und denjenigen vom Himmelsgeist einleiten wol-
angespielt, deren Versunkenheit ins Dunkle, ins Schlüpf- len; er ist ein wundervolles Gebet zu Gott um die Befreiung
rige, ins elementarisch Niederstesich vor allem in geschlecht- vom Erdgeist und um die Gabe des Himmelsgeistes, ein
lichen Reizen kundgibt. Aber auch in allen anderen Be- Aufschrei der christlichen und griechischen Seele aus den
langen, die des Menschen nach oben strebende Seele hinab- Tiefen des Kosmos hinauf zu den Höhendes reinen Geistes:!
ziehenins Sinnliche,sie zerreißen in Sorgen oder Krankheit,
kann sich der böse Erdgeist in angsterregenden Träumen O, erbarmedich, Herr
der Seele nahen. Hier vereinen sich im Denken der Kirchen- der Seele, die fleht:
väter persönliche Herzenserfahrung mit christlichem Wis- Jage die Krankheit,
sen um die erbsündliche Schuld und mit platonischer Sehn- ja die Sorge,
sucht nach dem Reich des reinen undstillen Geistes zu einer die die Seele zerfrißt.
wundersamen Mischung. Die gleichen Dämonen, die der im Jage das Untier,
Tod vom Leib sich scheidenden Seele nachstellen und sie den irdischen Hund,
am engültigen Aufstieg in den himmlischen Äther hindern, den Dämon der Erde
suchen schon hienieden in Versuchung und in wüstem von meiner Seele,
Traum den Weg des inneren Aufschwungs zu verlegen. Nur von meinem Gebet,
der andere Geist, das himmlische Pneuma, das der Christ von meinem Leben,
in der Kraft des dämonenbesiegenden Kreuztodes Christi von meinen Werken!
besitzt, kann den lastenden Zwang nach unten aufheben. Außer dem Leibe,
Darum geht die Bitte des dem Erdgeist ausgelieferten Men- ı Hymnus IV, a8
a 240ff. Übertra, gung von Fr. Wolt
olters, bi
Lobgesänge und Hymnen,
schen von der Dämonenbeschwörung über in den Hymnus
256 HUGO RAHNER ERDGEIST UND HIMMELSGEIST 257

außer dem Geiste, A daß des Geistes Schwinge


außer allem | durch Hymnen zu dir
was ich habe und bin, - erdgenährtes Leben schwelle,
bleibe der Dämon. | daß ich schicksalsentronnen
Es weiche undfliehe ır frei von lastenden Fesseln
der Dämon des Stoffes, ledig vom Stoffe
Er, der Qualen Kraft, den Weg vollende,
der den steigenden Weg hin zu deinem Zelt
quer vermauert, und zu deiner Brust,
und den spürenden Schwung . von wo der Seele Bronnen
zu Gott hin lähmt!“ ! einstens entsprudelt.
5 Bi Drum gib> mir die Hand,
Und nun wendet sich. das Gebet,
. wie in einem erhabenen
s 5 und entführe dem Stoff,
Kontrapunkt, dem Himmelsgeist zu und erbittet sich von die Seele, ; die fleht!“ ||
der Gaben:
Gott diese köstlichste x
„Doch den Gefährten
geselle mir, Herr, II. DER HIMMELSGEIST
Ihn, der Heiligen Kraft, » a |
den heiligen Boten, j ‚. Der Hymnus des Synesiosreißt mit äußerster Schärfe die |
Boten des göttlich menschliche und christliche Stellung des Betenden auf: der \
entflammten Gebetes, Mensch ist mitten hineingeworfen zwischen den dämoni- |
den freundlichen Spender, "schen Erdgeist und den göttlichen Himmelsgeist, seine |
den Hüter der Seele, Seele ist der Kampfplatz der dunklen und der lichten Macht. |
den Hüter des Lebens, | Vielleicht könnte man die Dichtung des Synesios einesallzu |
der Gebete Wart, if betonten Platonismus zeihen, der das Christliche fast wie- |
der Werke Wart! ii der übertönt. Mag sein, aber tiefer besehen,ist sein Gebet |
Er bewahre den Leib durchauschristlich: denn es weiß ganz andersals es je der j
rein von Krankheit, .l späte Platonismus getan hat, von der Dämonie des Stoff- |
er bewahre den Geist ‚lichen, und der Schrei nach Erlösung durch den heiligen I
rein vor der Schande. Himmelsgeist ist nicht eine leibverachtende Bitte um Ent- |
Er gebe der Seele Hi körperung, sondern der Flehruf des Paulus: wer wird mich |
des Leids zu vergessen: \) erlösen vom Leibe dieses Todes? Esist eine christliche Er- |
|! f 17
HUGO RAHNER ERDGEIST UND HIMMELSGEIST. 259
258

kenntnis, daß die Herrschaft des bösen Erdgeistes sich vor der Menschenseele, wußten noch davon, daß am Grunde,
allem erstreckt auf das Materielle, das Fleischliche, auf
ganz tief im „Abyssus“ dieses Inferno, ein kopfüber ge-
alles, was den „spürenden Schwung zu Gott hin lähmt und © stürzter Daimon haust, wußten aber auch, daß dort unten,
in den letzten Tiefen, der Umschwung und der Sieg beginnt,
den steigenden Weg quer vermauert“. Das bedeutet aber
niemals eine Verteufelung des schönen Kosmos, sondern weil ein anderer Geist, der Himmelsgeist, noch tiefer ein-
nur wieder die Tatsache: daß der Daimon annoch eineteil. dringt in die seelischen Abgründe. „Der Teufel wird aus-
weise Herrschaft auf das Irdische ausübt, um von da aus getrieben aus den Herzen des ‚Glaubenden“, sagt Vieto-
die annoch im Leibe weilende Seele zu sich zu ziehen. Und rinus von Pettau, der urchristliche Deuter der Apoka-
umgekehrt: der heilige Himmelsgeist erfüllt das AI, ist das lypse, „und darum bemächtigter sich der Gottlosen, in de-
durch alle Welt und den schönen Kosmos brausende Pneu- ren blindgewordenen Herzen er Tag für Tag sich einnistet
wie in einem tiefen Abyssus“:. Allein, im Mysterium des
ma, um von da aus die Seele des Menschen an sich zu ziehen,
zu locken, zu „begeistern‘ und sie in das Licht seiner Liebe Glaubens und der Taufe. wird er aus diesem Abgrund ver-
hinaufzureißen. So wird denn, auch von hier aus gesehen, trieben, und nun beginnt der langsame, aber siegreich en-
der kosmische Kampf zwischen den beiden Geistern zum dende Prozeß des seelischen Exorzismus, jener aszetische
und mystische Kampf, von dem Cyrillus von Jerusalem
Abbild der seelischen Begebenheit: daß sich im Innersten
des Menschenherzens Pneuma und Daimon zu dem „du- seinen Taufbewerbern verkündete: „‚So lange er noch in
ellum mirandum“treffen, an dessen Ausgang sich auch das seinem Körper ist, hat der Mensch mit vielen und wilden
Geschick des Kosmos entscheidet. Das war ein Gedanke, Dämonen zu kämpfen. Aber Gott hat uns einen Mitkämpfer
der den Kirchenvätern immer teuer geblieben ist, das war und Verteidiger gegeben, den Heiligen Geist, und der ist
gleichsam die innerste Mitte ihrer Askese und ihrer Escha- größer als der Teufel und der bezwingtihn!“ Die Kirche
tologie. Was bedeutet, so fragt sich einmal Gregor der denkt und betet heute noch so in ihren Mysterien. Über
Große, das Wort des Herrn: der Fürst der Welt wird hin- jeden Menschen spricht sie in der Taufe: „Erkennealso,
ausgetrieben? Das will sagen, antwortet er, daß der Satan verfluchter Teufel, dein Urteil und gib die Ehre dem Heili-
wie eine Schlange aus der Höhle unseres Herzens vertrieben | gen Geist! Ich exorzisiere dich, unreiner Geist, auf-daß du
wird!! Das Menschenhezzist der Schauplatz der Weltent- ausfahrest aus diesem Gebilde Gottes, daß es werde zum
scheidung zwischen Christus und Belial, zwischen Licht und
Tempel des lebendigen Gottes und das heilige Pneuma in
Finsternis. Wenn es heißt, der Satan wohne in der Welt, ihm wohne“. Und wenn die Mutter Kirche, unsäglich wis-
send um die Dämonie des Irdischen,sich über das Salz und
sagt Makarius in den pneumatischen Homilien, so be-
das Wasser und das Öl der Erde beugt und daraus betend
deutet das, er wohne im Abyssus des Herzens”. Wahrlich,
den Daimon vertreibt, so will das zutiefst nur wiederum be-
diese Väter wußten noch mehr als wir von den Abgründen M j
ı Moralia in Job XVII, 32. - Vgl. auch Augustinus, Tractatus in Joannem
79, 2. n I "1 Migne, Patres Latini 5, 341.
3 Catechesis XVI, 19,
2 Homilie 23.
260 HUGO RAHNER ERDGEIST UND HIMMELSGEIST 261

sagen, daß diese kämpfende Entscheidung sich einzig im Duftes einzufangen, indem wir sprechen vom Heiligen Geist
Seelenherzen des Menschen vollzieht, allwo der ganze Kos. als dem „Himmelsgeist“, der den ganzen Kosmos erfüllt,
mos wie in einem einzigen Brennpunkt zusammengewach. weil er am tiefsten Grund des Menschenherzens wohnt.
sen ist. Die biblischen Grundstellen für diese patristische Theo-
Wenn wir also nun von diesem Himmelsgeist sprechen logie vom welterfüllenden Pneuma sind vorab drei: das
mit Gedanken der Kirchenväter, so dürfen wir das tun in Wort in der Genesis (1, 2) vom Pneuma, das über dem Ab-
einer engen Angleichung an die Lehre vom Erdgeist, wie rund schwebt oder brütet; und dazu zwei Worte im Buch
wir sie oben vorgelegt haben. Wir sprechen zuerst vom We- der Weisheit, die der altchristlichen Geistlehre und der an-
sen des Himmelsgeistes als dem Widerpart des ‚‚Fürsten tiken Liturgie teuer waren und immer wieder durch die
der Welt“, und dann von seinen Wirkungen, aus denen Hymnen auf den Creator Spiritus klingen. Das erste steht
wir wiederum einen besonderen Aspekt herausheben, der Sap. 1, 7: „Denn das Pneuma des Herrn hat den Erdkreis
gleichsam den Kontrapunkt bildet zu der dämonischen (vhv olxoun&vnv) erfüllt, und da es alle Dinge zusammen-
Traumlehre. hält, hat es Wissen um jede Stimme“. Das zweite ist ein
wahrer Lobgesang, eine ganz griechisch anmutende Are-
1.
talogie des Pneuma,Sap. 7, 22ff.: In Gott ist ein Geist, und
Das Wesen des Himmelsgeistes ist unbeschreibbar: denn der ist „denkend, heilig, vielteilig, fein, leichtbeweglich,
sein Wesenist, „zu wehen, wo er will“ (Joh. 3, 8). Das hei- durchdringend, unbefleckt, klar und unverletzlich, scharf,
lige Pneumaist in den Tiefen der Gottheit gleichsam das ungehemmt, menschenliebend, fest, sicher und sorgenfrei,
Intime, das Unfaßliche, darum nennen die Kirchenväter alles vermögend, alles überschauend und alle denkenden
den Geist gerne den Duft und den Jubel Gottes. Wohl ha- Geister innerlich durchdringend“. Gerade durch die nicht
ben wir die klaren und heilig nüchternen Aussagen der bi- überhörbaren Beziehungen dieser Worte zu den Pneuma-
blischen Offenbarung des Neuen Testamentes über den Geist lehren der griechischen Stoa sind sie zugleich die besten Wi-
als Person und als messianische Gabe; aber eben darin ist derlegungen gegen jede Gefahr einer pantheistischen Im-
gegeben, daß wir, auch christlich gesehen, sein umfassen- manenz des Weltengeistes geworden: an ihnen haben sich
des, alles durchdringendes Wesen nicht umgreifen können, die griechischen Väter die christliche Kraft des Denkens ge-
und die patristische Theologie und Mystik hat sich immer holt, die den Heiligen Geist als göttliche, von jeder geschaf-
die Scheu bewahrt, die einmal Cyrillus von Jerusalem fenen Welt unendlich getrennte Person sah, und dennoch
in die Worte prägte: „Natur und Wesen des Geistes sollst || niemals vergaß, daß dieser gleiche Geist der Welt unendlich
du nicht neugierig erforschen wollen. Was nicht geschrieben | „intimus“ ist, sie erfüllt, lenkt und in ihr das göttliche Spiel
ist, darüber wollen wir nicht zu sprechen wagen“. So wa- ii seiner Begeisterungen treibt. Es wäre dies ein hinreißendes
gen denn auch wir es nur, einen verwehenden Hauch dieses Kapitel der antik christlichen Theologie: zu zeigen, wie die
1 Cat. XVI, 24. \ Väter sich die schwebende Mitte ertasteten zwischen Im-
ERDGEIST UND HIMMELSGEIST 263
262 HUGO RAHNER

der Stein fällt nach unten, das Feuer fJammt nach oben, so
manenz und Transzendenz, zwischen dem weltjenseitigen
t; ist es mit dem Geist, er ist Gewicht und ist Flamme, er
Himmelsgeist und dem weltinnewohnenden Schöpfergeis
ene Perso nwürd e des Pneu. schwebte einst über den Wassern, er zieht alles an sich;
wie sie niemals die scharf umriss
und so ist es mit dem geisterfüllten Menschen. Pondus
ma preisgaben und eben aus dieser christlichen Sicherheit
en als die meum amor meus!, Noch schöner ist der augustinische
heraus dann das gleiche Pneuma preisen konnt
im In- Vergleich des Himmelsgeistes mit dem schaffenden Künst-
Herzenskraft, die am Grunde alles Geschaffenen, dem
ler: „Wie der schöpferische Wille eines Bildhauers über
nersten der großen und der schönen Dinge des Kosmos wal. nt
Holzstück schwebt, oder wie der' Seelengeist sich ausdeh
tet. Wir müssen uns hier mit ein paar Andeutungen be-
über alle Glieder des Körpers: also ist es mit dem Heiligen
gnügen.
Geist, er schwebt mit einer schöpferischen und formenden
Der Himmelsgeist ist da zunächst einmal der göttliche
Kraft (vi quadam effectoria et fabricatoria) über allen
Künstler, der die geschaffene Welt durchwaltet. Das haben
s ge- Dingen?.“ Ex ist die „ordnende Gewalt“ in allen gegenwär-
die Väter, wenn sie den Schöpfungsbericht der Genesi
tigen Geschöpfen?. Er bewegt alles, und ist selbst doch
deutet haben, immer aufs neue in hymnischer Sprachever-
zur ewig ruhig. Er ist das ordnungsetzende Maß und zugleich
kündet: hier wurzelt ihre fast modern anmutende Liebe
Schild erung von die ordnungssprengende, maßlose Begeisterung; zugleich
schönen Natur, ihre lyrische Feinheit der
fallender Stein und züngelnde Flamme (und immer können
Blume und Stern und Meer und Mensch.„Der Pol des Him-
darum die Väter nur in diesen Gegensätzen sprechen, wenn vom
mels sollte sich schmücken, die Erde sollte sprossen:
Heiligen Geist die Redeist). Hundert Jahre vor Dante hat
schwebt der Geist Gottes über ihnen. Denn durch ihn haben
noch Adam von Sankt Viktorin augustinischer Diktion
die Samen der neugebildeten Geschöpfe ihre Triebkraft, und
den Geist als die Liebe gepriesen,die da „‚die Sonne und die
so sagt es der Prophet: Sende aus deinen Geist, und alles
nach anderen Sterne bewegt“:
wird neu und frisch wird das Antlitz der Erde. Ja,
dem syrischen Text heißt es: der Geist Gottes brütete über Sohn und Vaters Liebesglühen,
es auf-
den Wassern. Das bedeutet: er belebte es, auf daß
Jedem, beiden im Erblühen
breche zu neuer Schöpfung und auf daß der Geist die Gleicher ganz und Ähnlicher
s zu wek-
Dinge bebrüte, um in ihnen den Odem des Leben
hmte n Kapitel Alles füllst du, alles pflegst du,
ken.“ So predigt Ambrosiust. In dem berü
Sterne führst du, Himmel regst du,
der Confessiones, wo Augustinus von der Liebe als der Ewig Unbeweglicher“.
Grundkraft alles Geschaffenen spricht (Dantes letzte Verse
n), wird
im Paradiso müssen von hier aus verstanden werde
dann auch das innerste Wesen des Menschen,seine eigene
ı Confessiones XIII, 9.
2 De genesi ad litteram TV,16.
mit einbezogen: 3 De diversis quaestionibus II, 5.
Liebeskraft, in die pneumatische Dynamik 4 Pfingstsequenz (Übertragung von Fr. Wolters, Hymnen und Sequenzen,
Berlin
vs 1914, S. 136).
ı ExameronI, 8, 29.
264 HUGO RAHNER ERDGEIST UND HIMMELSGEIST 265

Aber - und damit tun wir einen Schritt weiter in der Er- verhält sich in der Seele so wie im gesamten Kosmos, das
kenntnis des Wesens dieses Himmelsgeistes — in der inner- Herz des Menschenist der Inbegriff und Abriß des Univer-
sten Mitte dieses Kosmos steht der Mensch, und in der sums, ist gleichsam das Chaos, über dem das befruchtende
innersten Mitte des Menschen seine seelische Liebeskraft: Pneuma schwebt und brütet. „Das Pneuma, da es alle
darum wohnt und wirkt dort der Heilige Geist in einem Dinge zusammenhält, hat Wissen um jede Stimme“: das
ganz neuen und besonderen Sinn, den unserst die Botschaft bedeutet im Sinne der patristischen Geisttheologie, daß
des geistspendenden Messias eröffnet hat, und um dessent- die wirkende Kraft des „‚Weltgeistes‘‘ (nun im göttlichen
willen überhaupt .der Geist den nichtseelischen Kosmos Sinne des welterfüllenden Geistes) gipfelt in dem Wissen
erfüllt. um des geistbegabten Menschengeschöpfes Stimme, im
Die Kirchenväter könnensich ja überhaupt die Erfüllung Wort, in der mitgeteilten Wahrheit, in der Gottesschau.
des Kosmos durch den Himmelsgeist am besten vorstellen Ganz im Sinnedieser Theologie, die den sichtbaren Kosmos
(und darin sind sie durchaus Erben der Griechen) unter als Abbild der seelischen Ereignisse begreift, dichtete noch
dem Bild der den Körper des Menschen durchwirkenden der sanktgallische Mönch Notker die Verse seiner tief-
Seele. Es ist sehr lehrreich, einen sonst so nüchternen sinnigen Pfingstsequenz:
Theologen wie Hieronymus zu hören, wenn er auf dieses Als durch sein Wort einst
Pneuma der Welt und der Menschenseele zu sprechen die großen Werke
kommt. Da deutet er das Wort aus dem Propheten Haba- Gott erschaffen
kuk 2, 19, wo gesagt wird, daß in dem hölzernen Götterbild Himmels, Erde und des Meers,
„kein Pneuma wohnt, der Herr aber in seinem heiligen da schwebte über
Tempel thront“. Dieser Tempel, so legt er aus, „ist das den weiten Wassern,
ganze Universum, und der Heilige Geist bewohnt Himmel sie besämend,
und Erden, Meere und den gesamten Kosmos“. Und da, Dein Hauch, o hehrer Heiliger Geist.
höchst bezeichnend für das antike Denken christlicher Denn du befruchtest,
Theologen, kommt ihm der Vers aus Vergilius in den Lebenerweckender
Sinn, der zwar von der Menschenseele gilt (ganz im stoi-
Atem, die Wasser,
schen Sinn), nun aber kühn auf das himmlische Pneumage- durch deinen Odem
deutet wird: weckst du die geistigen
Spiritus intus alit: totamque infusa per artus Kräfte des Menschent,
mens agital molem et magno se corpore miscet!.
Die geistbefruchteten Wasser als sichtbare Andeutung,als
So können wir umgekehrt sagen: der schöpferische Geist ‚Symbol der übernatürlich erweckten Geistkräfte des Men-
i Commentarium in Habacuc I, 2. 1 Wolters a. a. O. S. 96.
266 HUGO RAHNER ERDGEIST UND HIMMELSGEIST 267

schen: das ist in seiner Zusammenschau, in seinem kosmi- 2.


be-
schen und seelischen Ineinander von Bild und Abbild, So ist denn dieser Himmelsgeist in einer fast widersprüch-
stes Erbe der alten Theologie, für die Welt und Seele, Außen
lich geformten Wahrheit der „Erdgeist‘“, weil er alle Welt
e
und Innen noch nicht auseinanderklaffen. Der Griech und weil er das Herz des Menschenerfüllt und schöpferisch
Basilius hat an der vielleicht schönsten Stelle seines
umgestaltet. Der böse Geist ist nur der angemaßte „Erd-
Werkes „Über den Heiligen Geist“ in einem anderen kos- geist“, sein Widerpart, sein Nachäffer, der sich der Welt
mischen Bild, demjenigen von der Sonne, das schöpferische und von da aus des Menschenherzens bemächtigt hat. In
Wesen des Himmelsgeistes, der im weiten Universum und "der Herzensmitte spielt sich der Kampf zwischen den bei-
im heimlichen Herzensgrund wirkt, dargestellt: „Das heilige den Geistern ab: und an den verschiedenen Wirkungen
Pneumaist ungeteilt ganz in jedem einzelnen, und esist dieser Geister lernt der Mensch„‚die Geister unterscheiden“
ungeteilt ganz allüberall.“ Wie der Sonnenstrahl für jeden - jene erhabene Seelenkunst, von der uns die antiken Kir-
einzelnen ganz da ist und doch die ganze Erde und die chenväter so Tiefes zu berichten haben. Endzustand dieser
Meerflut überstrahlt, so ist es auch mit der gnadenvollen beiden Geisterkräfte, die sich in des Menschen Herzensmitte
Einwohnung des Himmelsgeistes im Herzen des Menschen: treffen, sind die höllische Blindheit des in die Erdmitte ab-
sie ist je nach der Faßkraft des einzelnen in jedem wirkend, gestürzten Erdgeistes und die himmlische Schau der lich-
und dochalle einend. Hier geht des Basilius sonst so nüch- ten Gottnatur in der Erleuchtung des Himmelsgeistes. Die
terne Darstellung in einen stürmischen Hymnus auf den Entscheidung fällt, immer von neuem,in dieser Erdenzeit,
Geist über. „Wer einmal durch den im Geist errungenen da der Mensch noch: steht zwischen Himmel und Hölle,
zur
Sieg über alle irdische Leidenschaften zurückgekehrtist umgeben von den Boten des guten und des bösen Geistes,
Urschönheit, für den wird der Heilig e Geist zur Sonne,
den Engeln und den Dämonen. Der Himmelsgeist läutert,
Denn wie das klarblinkende Auge des Helios wird dann der der Erdgeist verfinstert. Notker der Stammler hat das,
Geist, und er wird dir in sich das Abbild des Unsichtbaren wiederum ganz im Geist der augustinischen Theologie, in
zeigen. Und in dem beseligenden Blick auf dieses Bild wirst der bereits genannten Pfingstsequenz gesungen:
du dann das Unaussprechliche der uranfänglichen Schön-
heit (der „archetypischen“ Schönheit, sagt der Text: rd Großer Läuterer
dieses
äppmrov ToB dpxerbmou x4AAoc) schauen. Durch aller Schändlichkeiten,
te
Pneuma werden wir dann zu Pneumatikern, durchleuchte die im Geiste wohnhaft sind:
die
und durchleuchtende Menschen, Wisser der Mysterien, Läutre unseres inneren Menschen
einst im Reigentanz mit den Engeln unendliches Glück allzu trübes Auge bald,
genießen, ja denen das Höchste aller ersehnbaren Dinge daß zu schauen
zu des Schöpfers Herrlichkeit
(rd dxpösrarov Täv dpexröv) zuteil wird: Gott gleich
sein (Hedv yeveadar)“. einst wir würdig sind.
268 HUGO RAHNER ERDGEIST UND HIMMELSGEIST 269

Wiederum müßten wir nun, um die Wirkungen des Him. Wir könnten und müßten sodann von einer zweiten Wir-
melsgeistes zu beschreiben, zunächst ausführlich sprechen kung des Himmelsgeistes sprechen - ähnlich jener Wirkung
von der patristischen Lehre der „Unterscheidung der Gei. des im Traum der Menschenseele sich anschmiegenden Erd-
ster“, diesen uralten Einsichten in eine dogmatisch rich. eistes. Denn auch der Heilige Geist kann sich der im
tige und zugleich fein beobachtende Psychotherapie. Aber Schlaf vom Leibe „‚geschiedenen‘‘ Seele mitteilen, und wir
das würde uns hier weit ab führen in ein noch wenigerforsch. müßten hier uns wiederum der schweren Aufgabe unter-
tes Gebiet. Wir könnten indessen dort lernen (und welch ein ziehen, aus der Fülle der patristischen Quellen die Traum-
Gewinn bedeutete dies für unsere Therapie von heute), berichte von himmlischen Gesichtern zusammenzufügen.
daß man über die Seele und ihre geheimnisvollen Kräfte Esist schon bei Tertullian eine tiefe christliche Einsicht,
nur halb und nur stammelnd reden kann, wenn mannichts daß die Bilder der Träume nachträglich nüchtern gesichtet
mehr weiß vom Himmel und vom Dämon, von der Schau werden müssen, eben mit der „Geisterdiskretion“, von der
Gottes, zu der wir im Himmelsgeist berufen sind, und von wir eben sprachen. „‚Denn das Vertrauen auf Traumbilder“,
der Blindheit des Satans, in die wir stürzen können. „Denn so sagt er mit lateinisch knapper Diktion, „baut nicht auf
es ist ja klar einsichtig“, sagt einmal Origenes, „daß die die geschauten Bilder selbst, sondern auf ihre Wirkungen“
Seele des Menschen, so lange sie in diesem Körper weilt, (ides somniorum de effectu non de conspectu renuntiatur):
zwei Energien ausgesetzt ist, zwei in ihr wirkenden Kräften: „denn nicht weil sie geschaut wurden, sind sie wahr, son-
dem guten und dem bösen Geist!.‘“ Das hat ja schon der dern weil sie sich erfüllen.‘ Ich weiß nicht, was ein Seelen-
einfache Christ der Urzeit gewußt, jener seltsame Verfasser kenner von heute zu dem himmlischen Traum sagen wird,
des „Hirten des Hermas“, wenn er schrieb: „Durch die der uns in einem Martyriumsbericht des vierten Jahrhun-
Sünde wird der in dir wohnende Heilige Geist verdunkelt derts erzählt wird: wie der Märtyrer, nachdem er den bluti-
von einem anderen, einem bösen Geist. Es wird dann dem gen Tod im Traum bereits vorausgelitten hat, in die himm-
zarten Geist zu enge in dir, der böse Geist sucht ihn zu er- lische Gottesschau eingeht und dabei das wundervoll er-
sticken. Und wenn beide Geister in einem Menschen zu- leichternde Traumgefühl erlebt, wie sein irdischer Leib
sammenwohnen, so ist das schädlich für den, in dem sie glasartig durchleuchtend wird,so daß der Blick der anderen
wohnen?.‘“ Welch kindliche Tiefsinnigkeit der Seelenkennt- ihm bis in die Mitte des Herzens gehen konnte: perlucida
nis! Diese „Unterscheidung der Geister‘ hat dann eine, man fuit caro nostra ut oculorum visum ad intima cordis ad-
könnte sagen glorreiche Geschichte gehabt, durch die er- mitteret?. Jedenfalls waren die antiken Christen überzeugt
leuchteten Einsichten der Wüstenmönche hindurch bis hin- davon, daß sich auch der Himmelsgeist dem begnadeten
aufzu den knappen, von einerunerhörten Seelenkenntniszeu- Menschen im Traum beglückend mitteilen könne, und
genden Regeln im Exerzitienbuch des Ignatius von Loyola. Prudentius besingt in seinem Hymnus auf den Schlaf
ı De principiis III, 3, 4, ı De animac. 57, 10.
2 Pastor Hermae, Mandatum V, 1. 2 Martyrium Montani et Luecii (Ruinart S. 278).
270 HUGO RAHNER ERDGEIST UND HIMMELSGEIST 271

diese „leuchtend klaren und mit andächtigem Schweigen 'yustand der seligen Schau vorweggenommen. Plotin meinte
zu verhüllenden Geheimnisse“, die in einem gnadenvollen das mit den Worten, die dieses mystische Geschehnis zu
Traum mitgeteilt werden: beschreiben versuchen, und mit keinem anderen Bild kann
der Mensch davon besser sprechen als mit demjenigen von
O quam profundaiustis
der „Trunkenheit‘ des Geistes. Wenn der Geist den Pro-
arcana per soporem
pheten packt, vollzieht sich ein Gleiches: er wird trunken,
aperit tuenda Christus,
er wird begeistert, aber es ist zugleich auch eine gehaltene,
quam clara, quam tacenda!
wundersam klare Nüchternheit; diese Gabe des Geistes ist
In dem Martyriumsbericht des Jacobus und Marianus Wasser und Feuer zugleich, der Trank aus dem Mischbecher
(um nur noch ein unbekanntes Beispiel anzuführen) wird des Pneuma berauscht und ermüchtert in einem. „Öffne
berichtet, wie der Märtyrer vor seinem Leiden im Traum deinen Mund und trinke“, wird dem Propheten im vierten
bereits den kühlenden Trunk aus den himmlischen Quellen Buch des Esra zugerufen.„Und ich öffnete meinen Mund:
vorauserlebt, und da bricht der Schreiber in den Ruf aus: siehe, da ward mir ein voller Becher gereicht, der war wie
„O du Traumschlaf, kraftvoller als jegliches Wachen! 0 von Wässer gefüllt, aber seine Farbe war feuergleich. Und
du Ruhe, in der glückselig schläft, wer immer im Glauben ich nahm und trank, und als ich getrunken, da sprudelte
wach ist! Schlaf, du lässest ja nur die irdischen Gliederent- mein Herz über von Verständnis, und mein Busen strömte
schlummern: aber Gott schauen,ja das kann nur der Geist", Weisheit aus...‘ Philon hat dieses Geisterlebnis in das
Dies alles übergehend, sprechen wir hier nur noch von Oxymoron von der „nüchternen Trunkenheit“ geprägt, und
einem Lehrstück der patristischen Geisttheologie, das von ihm haben es die alexandrinischen Väter, Origenes vor
gleichsam den äußersten Kontrapunkt bildet zu den dä- allem, übernommen: um es mit christlichem Sinn und mit
monischen Tiefen des Erdgeistes, der sich der ins Irdische der Erfahrung der Heiligen Geistes zu füllen. Gregor von
abgesunkenen Seele bemächtigt hat: ich meine die andere Nyssa und Ambrosius, diese besten Schüler des Origenes,
„Bemächtigung‘‘, der die Seele teilhaft werden kann, das haben es ihm nachgesprochen, durch Augustinus ist es der
Ergriffensein vom Himmelsgeist in der „Begeisterung“, in abendländischen Mystik für immer erhalten geblieben. Wir
jenem Zustand, den die antike Theologie die „nüchterne befinden uns hier noch einmal in jenem Bereich des Geistes,
Trunkenheit‘“ nannte. Eine Ahnung davon ging ja schon aus dem wir den Hymnus des Synesios aufklingen hörten:
durch die Geister der Griechen, wenn sie die Epiphanie des in { die Seele, die aus den dunklen Tiefen des Erdgeistes sehn-
Apollon in ihrer unaufhebbaren Doppelheit erfaßten: derBe- süchtig zum Reich des Himmelsgeistes aufsteigen will, wird
geisterung, aber der Begeisterung zur klaren Schönheit. In vom Pneuma ergriffen und in seine Höhen emporgerissen,
den seltenen Augenblicken, wo sich der himmlische Geist in die Ekstase. Von dem Mischbecher der Weisheit muß
dem irdischen Menschen mitteilt, wird der kommende End-
ı Enneade VI, 7, 35.
1 Ruinart S. a7. 2 IV. Esra-Buch, Vision VII, 6. .
272 HUGO RAHNER ERDGEIST UND HIMMELSGEIST 273

die Seele trinken, um solcher Begnadungteilhaft zu werden: huschende Vorwegnahme dessen, was dem Menschenzuteil
„Von jener guten und nüchternen Trunkenheit erfüllt muß werden soll, wenn er geläutert in den Bereich des Himmels-
sie werden“, sagt Gregor von Nyssa, „durch die den geistes eingegangenist. Der geisterfüllte Christ erlebt diesen
Menschen der Aufstieg aus der Materie heraus zum Gött- Vorgang in der lichten Dunkelheit des Glaubens, in der
lichen gegeben wird“. ’Ex röy ÖAuxöv Exoranıc, „Ent- Trunkenheit einer immerschlicht bleibenden Liebe. Augu-
rückung aus dem Stofflichen‘‘ — das ist des christlichen stinus mahnt dazu schon seine Neugetauften: „Der Hei-
Griechen Sehnsucht. Das himmlische Pneuma ist dessen lige Geist beginnt nun, seine Wohnung in euch zu nehmen.
die Kraftquelle, nicht der eigene ohnmächtige Versuch des Schließt ihn nicht aus eurem Herzen aus, er ist ja ein guter
Gnostikers, sondern die demütige, immer nüchtern’ blei- Gast: er berauscht euch. Wer sich über den Herrn freut und
bende Kraft, die uns von oben gegeben wird, durch den wer dem Herrn frohlockend lobsingt, gleicht der nicht einem
Menschen Christus und durch den Geist, den er uns in Trunkenen? Diese Trunkenheit lobe ich: denn bei dir, o
einem demütigen Kreuztod ausgegossen hat. Das wollte Herr, ist ja der Quell des Lebens und durch den Sturzbach
Ambrosius sagen, und dies ist die eigentlich christliche deiner Wonnen wirst du sie tränken!“ı Das ist schon hie-
Umformung des Griechischen, wenn er einmal von dem nieden eine wahre „Ekstase“, ein Hinausgehen über alles
Becher des Geistes spricht, „der vom Himmel auf die normale spießbürgerliche, rein menschliche Denken, ein
Erde gereicht wird‘, und der voll ist jenes Weines, „der „Verlieren des Verstandes“, wie Augustinus (übrigens in
da ausgepreßt wurde aus der Traube, die im Fleisch am einer an Plotin erinnernden Diktion) sagt: „„Es suchte der
Kreuzholz hing. Von dieser Traube stammt der Wein, der Heilige Geist nach Worten, mit denen er seine Gedanken
des Menschen Herz froh macht, der es mit Nüchternheit über menschliche Dinge aussprechen könnte; und weil nun
berauscht, mit dem Rausch und dem Duft des Glaubens, die Menschen, wenn sie trunken sind, den Verstand ver-
der wahren Gottbindung, dem Rausch der Reinheit‘?. Die lieren, so fand er darin gleichsam, waser sagen wollte: denn
lateinische Kirche hat nie wieder des Verses vergessen, den wenn man jene unaussprechliche Freude empfängt, dann
Ambrosius in seiner römisch nüchternen und klar geform- geht der menschliche Verstand irgendwie unter (perit quo-
ten Poesie gedichtet hat: „Fröhlich laßt uns trinken die dammodo mens), wird göttlich und berauscht sich am Über-
nüchterne Berauschtheit des Geistes“: fluß des Reichtums im Hause des Herrn“. Damit aber wird
diese irdische Trunkenheit schon zum Anfang und Angeld
Laeti bibamus sobriam
der himmlischen „Begeisterung“, in der wir als ewig ge-
ebrietatem Spiritus.
wordene Menschen gefahrlos und unaufhörlich verbleiben
Diese Ekstase, die aus dem Irdischen emporhebt,ist indes- können, zur „Sehnsucht nach dem Quell des Lebens, wenn
sen nur wieder eine augenblickliche, eine blitzartig vorbei- wir einmal mit nüchterner Trunkenheit überschwemmt wer-

ı Homilie 5 zum Hohenlied. 1 Sermo 225, 4 ad Catechumenos.


2 De fide ad Gratianum I, 1351. ? Enarrationes in Psalmos 35.

18
274 HUGO RAHNER ERDGEIST UND HIMMELSGEIST 275

den. Eine solche Trunkenheit stürzt den Geist nicht herab, \ begreift. Denn nur der Geist, der alles umfaßt und in sich
sondern trägt ihn nach oben und bringt Vergessenallerir. "birgt, hat „das Wissen um das Wort“: scientiam habet vo-
dischen Dinge“. "eis. Der Geist hört nur, was er selber in uns „unaussprech-
lich spricht“, sagt schon Paulus. Aber wenn einem Men-
Damit sind wir am Ende unserer Seelenreise von den Tie- schen diese Gnadezuteil wird, dann wandeltsie ihn in einen
fen des in die Erdmitte abgestürzten Weltgeistes bis zu den eistlichen Menschen um. Das Kennzeichen dieser Geist-
Höhen des überalle irdischen Dinge hinaufreißenden Him. wandlung läßt sich immer nur wieder in den Widersprüch-
melsgeistes angelangt. Die Divina Commedia des Menschen, lichkeiten der patristischen Geisttheologie ausdrücken: der
das göttliche Spiel zwischen den Geistern ist zu Ende. ‚Hier eistliche Mensch im christlichen Sinn ist ein Mensch der
schwand die Kraft der hohen Phantasie“, so leitet Dante Glut, aber der Weisheit; der Trunkenheit, aber einer nüch-
am Ende des Paradiso die hohe Vision ein, die ihm einen ternen; der Weltabsage, weil er vom Himmelsgeist empor-
blitzgleich aufflammenden und dann in geblendetes Dunkel gerissen wird, aber der Weltliebe, weil er im Kosmos den
versinkenden Blick in die Höhen der dreifaltigen Gottheit welterfüllenden Geist findet; der geistliche Mensch weiß um
gestattet hat. Aber er hat im Blitz das Ziel aller Menschen- die Dämonen, aber er kann sie besiegen; er kenntdie Seele,
seelen geschaut: die ewige Liebe, die da in Gott der Geist weil er Gott kennt. Für ihn beginnt auf einmal das Amorphe
ist und zugleich Sonnen bewegt und Sterne. Unendlich des bloß Sichtbaren wie ein Kristall aufzufunkeln: denn er
ferneist jetzt der Erdgeist, der sich für eine Weile des schö- hat, je mehr er sich von dem dunklen, erdhaft ungestalten
nen Kosmos bemächtigen durfte: er ist kopfüber in die Erd- | Dämon befreit, einen immer schärfer werdenden Blick er-
kluft seiner eigenen Gottferne gestürzt. Der im Geist empor- halten für die Gestaltungskraft des Himmelsgeistes (die vis
gexissene Mensch aber, und mit ihm der neu konsekrierte fabricatoria Spiritus Sancti, wie es Augustinus genannthat),
Kosmos, kehrt heim zu der Liebe, von der er ausgegangen: | If die da am Grundealler geschaffenen Dinge waltet.
„zu deinem Gezelt und zu deiner Brust, von wo der Seele So mögen diese Gedankenaus der Geisttheologie der alten
Bronnen entsprudelt‘‘, betete Synesios. Sterne und Steine,. Kirche beschlossen sein mit Versen eines unbekannten Dich-
Sonne und Seele, alles wird vom Himmelsgeist erfaßt und | ters, der wohl ein Zeitgenosse des großen Dante war, und
gesegnet sein. Und wieder wird, nun für immer, über der der aus uralter Tradition sowohl als auch aus dichterischer
Schöpfung die hegende Kraft des Geistes walten, der über Intuition sich noch auszudrücken verstand in den unaus-
den Wassern schwebt: Gottes Liebe. sprechlichen Gegensätzen,in denenallein wir die Wahrheit
Die Väter der alten Kirche waren der weisen und demi-, vom Heiligen Geist aussagen können:
tigen Meinung, daß nur jener Menschdieses Mysterium vom
Himmelsgeist erfaßt, der selbst schon vorher von eben die. Weisen ist dein Stein geschliffen,
sem Heiligen Geist erfaßt wurde. Daß nur der Ergriffene der begreift, den du ergriffen.
ı De agone christiano I, 9, 10. Selig, wer dich ganz erkor.
276 HUGO RAHNER

Du bist süß dem reinen Gaumen,


wer dich trank, zu dem beraumen
Glut und Weisheit ihren Chor!,

| LIDEE DE L’ESPRIT DANS L’ISLAM


| Par LOUIS MASSIGNON
La notion d’esprit, en Islam, est designöe, comme dansles
autres langues s&mitiques, par un couple tr&s contrast6,
Nafs, et Rüh. «Nafs» est le souffle de la glotte, il vient des
entrailles, il est «charnel» et li& au sang,il fait &ructer et
eracher, il fait goüter la saveur. «Rüh» est le souffle des
narines, il vient du cerveau, il fait nasiller et &ternuer
(ats: le 1 &ternüment d’Adam quand Dieu lui insuffle
la vie), il fait sentir les odeurs et discerner les qualit6s spiri-
tuelles. Tous deux sont discontinus et rythmiques, et sont
ä l’origine de notre conception du «temps interne» (oscil-
lant et vivant) par opposition au «tempsastral, cyclique»
(mesur& au gnomon) et au «temps se degradant» (mesur&
par l’epuisement du sablier, de la clepsydre). «Nafs» est
lie ä «Nafth», cracher, et ä «Nafkh», insuffler; «Rüh» est
li6 A «Rih», venter.
Nous examinerons d’abord l’historique des experiences,
puis P’histoire des definitions.
L’expörience de l’inspiration commence, en Islam, avec
les «commotions internes» ressenties par Muhammad au
debut de sa mission prophetique. Selon ”Ayisha, le Prophöte
de I’Islam eut d’abord et simultan&mentla vision de lettres
isolees, lumineuses (plusieurs sont citees, en tete de certains
chapitres du Coran: ä titre d’exemples) et l’audition d’arti-
eulations isolees: les lettres vues correspondant aux articu-
1 Übertragung von, Fr. Wolters, Hymnen und Sequenzen S.151f.