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F. Holsboer, G. Gründer, O. Benkert (Hrsg.

Handbuch der Psychopharmakotherapie


Florian Holsboer
Gerhard Gründer
Otto Benkert
(Hrsg.)

Handbuch der
Psychopharmakotherapie
Mit 174, zum Teil farbigen Abbildungen und 155 Tabellen
Prof. Dr. Dr. Florian Holsboer
Max-Planck-Institut für Psychiatrie
Kraepelinstraße 2-10
80804 München

Prof. Dr. Gerhard Gründer


Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Universitätsklinikum der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen
Pauwelsstraße 30
52074 Aachen

Prof. Dr. Otto Benkert


Ehemals: Psychiatrische Klinik und Poliklinik der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
Untere Zahlbacher Straße 8
55131 Mainz
www.ottobenkert.de

ISBN-13 978-3-540-20475-6 Springer Medizin Verlag Heidelberg

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Planung: Renate Scheddin


Projektmanagement: Renate Schulz
Lektorat: Karin Dembowsky, München
Layout und Einbandgestaltung: deblik Berlin
Satz: Fotosatz Karlheinz Detzner, Speyer
SPIN: 10720432
Gedruckt auf säurefreiem Papier 2126 – 5 4 3 2 1 0
V

Vorwort

Die Entdeckung der Psychopharmaka und ihre Einführung in die Behandlung psychiatrisch
Erkrankter stellt eine der größten Innovationen der gesamten Medizin dar. Dass man mit che-
mischen Substanzen Geisteszustände beeinflussen kann, war schon in der Antike bekannt. Auf
die ersten Arzneimittel, mit denen psychische Leiden erfolgreich behandelt werden konnten,
musste aber bis in die 1950-er Jahre gewartet werden, als französische und Schweizer Pharma-
kologen und Psychiater Substanzklassen identifizierten und erprobten, die noch heute das
Grundkonzept der Psychopharmakologie darstellen. Die ersten Psychopharmaka lösten eine
grundlegende Wandlung des wissenschaftlichen Denkstils in der Psychiatrie aus und hatten
segensreiche Auswirkungen auf die Art des Umgangs mit psychiatrischen Patienten. Dennoch
sind Psychopharmaka immer noch Gegenstand zahlreicher Kontroversen. Es erstaunt, dass in
keiner anderen medizinischen Fachdisziplin alternative Betrachtungsweisen, die sich um wis-
senschaftliche Absicherung gar nicht bemühen, auch heute, gerade im deutschsprachigen Raum,
so große Anhängerschaft finden. Während in China die verschiedenartigen Pflanzenextrakte,
die aus der dortigen traditionellen Medizin abgeleitet sind, zunehmend durch »westliche« Me-
dikamente ersetzt oder zumindest ergänzt werden, haben chinesische Arzneien ihren Umsatz in
Europa vervielfacht. Offenbar ist es vielen Menschen, aber auch Ärzten, noch nicht geheuer,
Erkrankungen des Gehirns, dessen biologische Komplexität wir nur in einzelnen wenigen Fa-
cetten kennen, mit chemischen Substanzen zu behandeln, deren Wirkmechanismen uns bis
heute – über 50 Jahre nach ihrer Einführung – unbekannt geblieben sind.
Die Initiative zu diesem Handbuch wurde von Otto Benkert ergriffen, und die Herausgeber
betrachten es als wichtige Aufgabe, die psychiatrische Pharmakotherapie sowohl hinsichtlich
ihrer klinischen Möglichkeiten als auch ihrer theoretischen Grundlagen gut zu positionieren.
Seit der Entdeckung der Medikamente gegen Depression, Manie, Angst und Schizophrenie in
den 1950-er Jahren sind mehr Fortschritte erreicht worden, als dies auf den ersten Blick erscheint
und in Schlagwörtern wie »Innovationskrise« widergespiegelt wird. Neue Antidepressiva haben
wesentlich weniger Nebenwirkungen, und das Risiko, sich durch Überdosierung zu vergiften,
ist nur noch geringfügig. Die heute zur Verfügung stehenden Antipsychotika haben ebenfalls
weniger Nebenwirkungen, vor allem die sehr belastenden Bewegungsstörungen müssen nicht
mehr akzeptiert werden. Diese und viele andere positive Eigenschaften erlauben ihren viel brei-
teren Einsatz, als dies früher noch möglich war, und haben geholfen, die Verwendung von
Benzodiazepinen einzuschränken. Auch die Phasenprophylaxe ist durch neue Antikonvulsiva
wesentlich bereichert worden.
Zahlreiche neue große Aufgaben sind für die Psychopharmakologie dazugekommen. Alte
Menschen, die weniger gut auf Psychopharmaka ansprechen, so zu behandeln, dass die Risiken
der Chronifizierung vermieden werden, sind ebenso wie die Demenztherapien zwei zentrale
Zukunftsaufgaben unseres Fachs.
Was wir noch immer vermissen, ist die Umsetzung der vielen Impulse aus der Grundlagen-
forschung in neue Psychopharmaka. Noch immer basieren alte wie neue Antidepressiva auf
Wirkmechanismen, die eine Verstärkung der Neurotransmission durch biogene Amine hervor-
rufen. Auch die Antipsychotika weisen eine geringe pharmakologische Diversifikation auf. Er-
gebnisse der Kausal- und der Pharmakogenetik, aber auch der hypothesengeleiteten Ursachen-
forschung haben sich bis heute noch nicht in grundsätzlich neue Arzneimittel übersetzen lassen.
Ein möglicher Grund mag die Scheu der pharmazeutischen Industrie sein, die hohen Entwick-
lungskosten für ein neuartiges Wirkprinzip aufzubringen und damit ein Risiko einzugehen, das
schwerer kalkulierbar ist als bei der Entwicklung eines Medikaments nach bewährtem Mecha-
nismus. Letztendlich wird die Zahl der Patienten klein sein, die von einem neuartigen Medika-
ment besonders profitieren, das für den betreffenden Patienten sozusagen maßgeschneidert ist
und damit auch einen ganz spezifischen Wirkmechanismus besitzt. Ein wesentlicher Hinde-
rungsgrund für spezifische Medikamente ist das Fehlen von Labormarkern, mit deren Hilfe der
Arzt entscheiden kann, welches das richtige Medikament für den richtigen Patienten ist. Für die
Industrie ist die Fragmentierung des sehr lukrativen Markts sicher eine berechtigte Befürchtung.
VI Vorwort

Einer gesamtökonomischen Betrachtung allerdings halten diese Einwände nicht Stand. Es hat
sich gezeigt, dass sich die Umsetzung der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung
nicht auf die Entwicklung immer spezifischer wirkender Pharmaka beschränken darf. Dem
Kliniker müssen auch Labortests als Entscheidungshilfen für die Differenzialtherapie zugäng-
lich gemacht werden.
In diesem Handbuch werden auch diese Aspekte aufgeführt und gezeigt, wie die akade-
mische Grundlagenforschung im Akkord mit der klinischen Forschung helfen wird, den Weg
für große Innovationen zu ebnen.
Bis diese »großen« Ziele erreicht sind, muss der klinisch tätige Psychiater die ihm zur Ver-
fügung stehenden Möglichkeiten mit größtmöglichem Pragmatismus ausschöpfen. Hierzu ge-
hören pharmakokinetische Daten und genetische Untersuchungen ebenso wie die von nosolo-
gischen Konzepten losgelösten »Off-label«- und Kombinationstherapien. Diese Aspekte haben
in unserem Handbuch den größten Raum erhalten. Wir waren bei der Auswahl der Themen und
ihrer Verfasser bestrebt, ausgewogen die Möglichkeiten der Grundlagenforschung mit Anre-
gungen für die Praxis zu verbinden. Die Vorbereitung zur ersten Auflage hat sich über eine er-
heblich längere Zeit hingezogen, als wir ursprünglich geplant hatten. Wir danken daher vor
allem denjenigen Autoren, die lange auf das Erscheinen der ersten Auflage warten mussten, für
ihre Geduld.
Unser Dank gilt in besonderem Maße Frau Dembowsky für ihre Lektoratsarbeit, Frau Jun-
kert für die Unterstützung der Herausgeber und Herrn Nagels für die Unterstützung bei der
Endredaktion.

Florian Holsboer, München


Gerhard Gründer, Aachen
Otto Benkert, Mainz
Im Herbst 2007
VII

Inhaltsverzeichnis

Zur Konzeption einer funktionalen 10 Tiermodelle für psychische Störungen . . . . . 201


Psychopharmakotherapie . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Michael Sendtner, Daniel Bachteler,
Gerhard Gründer Rainer Spanagel , Ulrich Schmitt, Barbara Vollmayr,
Fritz A. Henn, Alexandra Wigger
und Rainer Landgraf

Historische Entwicklung 11 Neurobiologie psychischer Störungen . . . . . 233


Christian Behl, Andreas Heinz, Thorsten Kienast,
Bernhard Bogerts, Marianne B. Müller,
1 Die moderne Psychopharmakologie Jürgen-Christian Krieg, Klaus Wiedemann,
aus wissenschaftshistorischer Sicht . . . . . . . 11 Andreas Ströhle, Michael Kellner,
Matthias M. Weber Beate Herpertz-Dahlmann, Kristian Holtkamp,
Axel Steiger, Matthias J. Müller, Thomas Bronisch
und Walter Zieglgänsberger

Pharmakologische Grundlagen

Grundlagen und Methoden


der klinischen Psychopharmakologie
2 Pharmakologische Grundlagen . . . . . . . . . . 29
Anne Eckert und Walter E. Müller

3 Entdeckungsstrategien 12 Klinische Elektrophysiologie im Wachzustand 343


in der Wirkstoffforschung . . . . . . . . . . . . . 43 Bernd Saletu, Peter Anderer, Elisabeth Grätzhofer
Ronald Kühne, Gerd Krause und Walter Rosenthal und Gerda M. Saletu-Zyhlarz

4 Grundlagen der Physiologie 13 Klinische Elektrophysiologie im Schlaf . . . . . 353


von Nervenzellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 Thomas-Christian Wetter
Matthias Eder, Eric Raddatz und Pierre Magistretti und Edith Holsboer-Trachsler

5 Prinzipien neuronaler Signalketten . . . . . . . 71 14 Neuroendokrinologie. . . . . . . . . . . . . . . . . 361


Georg Köhr Michael Kellner

6 Verhaltenspharmakologie. . . . . . . . . . . . . . 79 15 Neuroimmunologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369


Eberhard Fuchs, Ulrich Schmitt, Frauke Ohl, Hubertus Himmerich
Gabriele Flügge, Carsten T. Wotjak
und Thomas Michaelis 16 Pharmakokinetik, Pharmakogenetik und
therapeutisches Drug Monitoring . . . . . . . 375
7 Genetisch veränderte Tiere . . . . . . . . . . . . . 105 Christoph Hiemke und Pierre Baumann
Ralf Kühn und Wolfgang Wurst
17 Magnetresonanzverfahren . . . . . . . . . . . 399
8 Zukunftsstrategien für die Entdeckung Ralf Schlösser und Kathrin Koch
neuer Antidepressiva . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
Florian Holsboer 18 Positronen- und
Einzelphotonenemissionstomographie . . . . 415
Gerhard Gründer

Von der Signalübertragung 19 Neuropsychologie. . . . . . . . . . . . . . . . . 427


zur psychischen Funktion Ulrich Michael Hemmeter

20 Genetische Epidemiologie . . . . . . . . . . . . 439


Petra Franke und Wolfgang Maier
9 Neurotransmitter und Modulatoren . . . . . . . 149
Wulf Hevers, Hartmut Lüddens, Patrick Schloss,
21 Nosologische Klassifikationssysteme
Martin E. Keck, Rainer Landgraf, Rainer Rupprecht
und Psychopharmakologie . . . . . . . . . . . 451
und Beat Lutz
Matthias J. Müller
VIII Inhaltsverzeichnis

22 Studien mit Psychopharmaka . . . . . . . . . . 459


Ralf Kohnen und Heike Beneš Klinische Psychopharmakotherapie
23 Evidenzbasierte Medizin . . . . . . . . . . . . . 477
Jürgen Fritze
38 Organische Störungen, Demenzen . . . . . . . 753
24 Lebensqualitätsforschung . . . . . . . . . . . . 489 Marion M. Lautenschlager,
Anne Karow, Martin Lambert und Dieter Naber Nicola T. Lautenschlager und Hans Förstl

25 Psychopharmakoökonomie . . . . . . . . . . . 495 39 Psychische und Verhaltensstörungen


Aloys Prinz durch psychotrope Substanzen . . . . . . . . . 785
Christoph Fehr, Armin Szegedi,
26 Zur Plazeboanwendung Norbert Scherbaum, Eugen Davids,
in der Psychopharmakologie . . . . . . . . . . 507 Markus Gastpar, F. Markus Leweke, Carolin Hoyer,
Josef Aldenhoff Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank
und Markus Lorscheider

40 Schizophrene Störungen. . . . . . . . . . . . . 847


Substanzgruppen W. Wolfgang Fleischhacker, Martina Hummer
und Alex Hofer

27 Antidepressiva . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 515 41 Affektive Störungen. . . . . . . . . . . . . . . . 873


Edith Holsboer-Trachsler und Florian Holsboer Armin Szegedi, Natascha Schwertfeger ,
Otto Benkert, Heinz Grunze und Anna Forsthoff
28 Medikamente zur Behandlung bipolarer
affektiver Störungen . . . . . . . . . . . . . . . 555 42 Angststörungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 911
Heinz Grunze und Anna Forsthoff Rainer Rupprecht und Hans-Jürgen Möller

29 Antipsychotika. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 591 43 Zwangsstörungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 927


Gerhard Gründer Andreas Kordon, Bartosz Zurowski
und Fritz Hohagen
30 Anxiolytika und Hypnotika . . . . . . . . . . . 627
Hartmut Lüddens und Klaus Wiedemann 44 Reaktionen auf schwere Belastungen
und Anpassungsstörungen . . . . . . . . . . . 935
31 Antidementiva . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 643
Michael Paulzen und Gerhard Gründer
Isabella Heuser und Ion-George Anghelescu
45 Somatoforme Störungen. . . . . . . . . . . . . 949
32 Medikamente zur Behandlung
Hans-Peter Kapfhammer
von Abhängigkeit und Entzugssymptomen . 667
Michael Soyka und Susanne Rösner
46 Essstörungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 963
Ion-George Anghelescu und Francesca Regen
33 Medikamente zur Behandlung sexueller
Funktionsstörungen . . . . . . . . . . . . . . . 687
47 Schlafstörungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 977
Matthias J. Müller, Otto Benkert und Frank Sommer
Thomas Pollmächer und Thomas-Christian Wetter
34 Psychostimulanzien. . . . . . . . . . . . . . . . 701
Ion-George Anghelescu und Isabella Heuser 48 Sexuelle Funktionsstörungen . . . . . . . . . . 995
Matthias J. Müller
35 Medikamente zur Behandlung
von Bewegungsstörungen . . . . . . . . . . . . 709 49 Persönlichkeitsstörungen . . . . . . . . . . . . 1007
Thomas Vogt Sabine C. Herpertz

36 Medikamente zur Behandlung 50 Aufmerksamkeitsdefizit-/


von Essstörungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 723 Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter 1023
Ion-George Anghelescu und Francesca Regen Michael Colla und Isabella Heuser

37 Nichtpharmakologische somatische
Therapien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 727
Richard Frey, Rainer Marco Kaufmann, Siegfried Kasper,
Martin Hatzinger, Edith Holsboer-Trachsler,
Nicole Praschak-Rieder , Michael Landgrebe, Göran
Hajak, Peter Eichhammer und Astrid Zobel
IX
Inhaltsverzeichnis

Funktionale Psychopharmakotherapie

51 Funktionale Psychopharmakotherapie . . . . . 1035


Gerhard Gründer und Andreas Heinz

Spezielle Psychopharmakotherapie

52 Pharmakotherapie psychiatrischer
Notfallsituationen . . . . . . . . . . . . . . . . . 1049
Ion-George Anghelescu,
Christian Lange-Asschenfeldt und Isabella Heuser

53 Psychopharmaka und Recht . . . . . . . . . . . 1059


Matthias M. Weber, Sonja Lange
und Christian Wolf

54 Psychopharmaka bei internistischen


Erkrankungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1071
Christian Lange-Asschenfeldt

55 Psychopharmaka im Alter . . . . . . . . . . . . 1081


Marion M. Lautenschlager,
Nicola T. Lautenschlager und Hans Förstl

56 Psychopharmaka im Kindes- und Jugendalter 1093


Götz-Erik Trott

57 Psychopharmaka in Schwangerschaft
und Stillzeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1105
Thomas F. Dielentheis und Gerhard Gründer

58 Psychopharmaka und Fahrtüchtigkeit . . . . . 1119


Hans-Peter Krüger, Yvonne Kaußner
und Charlotte Meindorfner

Spezielle Arzneimittelinteraktionen

59 Spezielle Arzneimittelinteraktionen . . . . . . . 1127


Christoph Hiemke und Pierre Baumann

Anhang

Farbtafeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1146

Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1161
XI

Autorenverzeichnis

Aldenhoff, Josef, Prof. Dr. Beneš, Heike, Dr., MUDr Davids, Eugen, PD Dr.
Klinik für Psychiatrie Neurologische Klinik Klinik für Psychiatrie und
und Psychotherapie der Universität Rostock Psychotherapie
Universität Kiel und Katholische Kliniken Oberhausen
Niemannsweg 147 Somni bene Institut für St. Josef Hospital
D-24105 Kiel Medizinische Forschung und Akademisches Lehrkrankenhaus der
j.aldenhoff@zip-kiel.de Schlafmedizin Schwerin GmbH Universität Duisburg-Essen
Arsenalstraße 10 Mülheimer Straße 83
Anderer, Peter, PD Dr. D-19055 Schwerin D-46045 Oberhausen
Universitätsklinik für Psychiatrie heike.benes@somnibene.de e.davids@kk-ob.de
Medizinische Universität Wien
Währinger Gürtel 18–20 Benkert, Otto, Prof. Dr. Dielentheis, Thomas F., Dr. Dr.
A-1090 Wien Ehemals: Psychiatrische Klinik und Psychiatrische Klinik und Poliklinik
peter.anderer@meduniwien.ac.at Poliklinik der Johannes-Gutenberg- der Johannes-Gutenberg-Universität
Universität Mainz Mainz
Anghelescu, Ion-George, Prof. Dr. Untere Zahlbacher Straße 8 Untere Zahlbacher Straße 8
Klinik und Hochschulambulanz D-55131 Mainz D-55131 Mainz
für Psychiatrie und Psychotherapie otto.benkert@t-online.de Dielentheis@psychiatrie.klinik.uni-
Charité Campus Benjamin Franklin www.ottobenkert.de mainz.de
Eschenallee 3
D-14050 Berlin Bogerts, Bernhard, Prof. Dr. Eckert, Anne, PD Dr.
ion.anghelescu@charite.de Klinik für Psychiatrie, Neurobiologisches Forschungslabor
Psychotherapie und Psychiatrische Universitätsklinik
Bachteler, Daniel, Dr. Psychosomatische Medizin Basel
Ehemals: Zentralinstitut Otto-von-Guericke-Universität Wilhelm Klein Strasse 27
für Seelische Gesundheit Magdeburg CH-4025 Basel
Abt. Psychopharmakologie Postfach 4120 anne.eckert@upkbs.ch
J5 D-39016 Magdeburg
D-68159 Mannheim bernhard.bogerts@medizin.uni- Eder, Matthias, Dr.
magdeburg.de Klinische Neuropharmakologie
Baumann, Pierre, Prof. Dr. Max-Planck-Institut für Psychiatrie
Unité de biochimie Bronisch, Thomas, Prof. Dr. Kraepelinstraße 2–10
et psychopharmacologie clinique Max-Planck-Institut für Psychiatrie D-80804 München
Département universitaire Kraepelinstraße 2–10 eder@mpipsykl.mpg.de
de psychiatrie adulte (DUPA) D-80804 München
Université de Lausanne bronisch@mpipsykl.mpg.de Eichhammer, Peter, PD Dr.
Hôpital de Cery Klinik und Poliklinik für Psychiatrie,
CH-1008 Prilly-Lausanne Colla, Michael, Dr. Psychosomatik und Psychotherapie
Pierre.Baumann@chuv.ch Klinik und Hochschulambulanz für der Universität Regensburg
Psychiatrie und Psychotherapie Universitätsstraße 84
Behl, Christian, Prof. Dr. Charité Campus Benjamin Franklin D-93053 Regensburg.
Institut für Physiologische Chemie Eschenallee 3 peter.eichhammer@medbo.de
und Pathobiochemie D-14050 Berlin
Johannes-Gutenberg-Universität michael.colla@charite.de Fehr, Christoph, Dr.
Mainz Psychiatrische Klinik und Poliklinik
Duisbergweg 6 der Johannes-Gutenberg-Universität
D-55099 Mainz Mainz
cbehl@uni-mainz.de Untere Zahlbacher Straße 8
D-55131 Mainz
fehrc@uni-mainz.de
XII Autorenverzeichnis

Fleischhacker, W. Wolfgang, Fritze, Jürgen, Prof. Dr. Grunze, Heinz, Prof. Dr.
Prof. Dr. Verband der privaten School of Neurology, Neurobiology
Universitätsklinik für Psychiatrie Krankenversicherung e. V. and Psychiatry
Innsbruck Bayenthalgürtel 26 Newcastle University
Abteilung für Biologische D-50968 Köln Leazes Wing, Royal Victoria
Psychiatrie juergen.fritze@pkv.de Infirmary
Anichstrasse 35 Queen Victoria Road
A-6020 Innsbruck Fuchs, Eberhard, Prof. Dr. Newcastle upon Tyne NE1 4LP
wolfgang.fleischhacker@uibk.ac.at Deutsches Primatenzentrum United Kingdom
Kellnerweg 4 heinz.grunze@ncl.at.uk
Flügge, Gabriele, Prof. Dr. D-37077 Göttingen
Klinische Neurobiologie efuchs@gwdg.de Hajak, Göran, Prof. Dr.
Deutsches Primatenzentrum Klinik und Poliklinik für Psychiatrie,
Kellnerweg 4 Gastpar, Markus, Prof. Dr. Psychosomatik und Psychotherapie
D-37077 Göttingen Fliedner Klinik Berlin der Universität Regensburg
gfluegg@gwdg.de Ambulanz und Tagesklinik für Universitätsstraße 84
psychologische Medizin D-93053 Regensburg.
Forsthoff, Anna, Dr. Charlottenstraße 65 (Am goeran.hajak@medbo.de
Psychiatrische Klinik der Ludwig- Gendarmenmarkt)
Maximilians-Universität D-10117 Berlin Hatzinger, Martin, PD Dr.
Nussbaumstraße 7 markus.gastpar@ Psychiatrische Poliklinik
D-80336 München fliednerklinikberlin.de Universitätsspital
Anna.Forsthoff@med.uni- Petersgraben 4
muenchen.de Gouzoulis-Mayfrank, Euphrosyne, CH-4031 Basel
Prof. Dr. mhatzinger@uhbs.ch
Förstl, Hans, Prof. Dr. Klinik und Poliklinik für Psychiatrie
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Heinz, Andreas, Prof. Dr.
und Psychotherapie zu Köln Klinik für Psychiatrie und
Klinikum rechts der Isar der Joseph-Stelzmann-Straße 9 Psychotherapie der Charité Campus
Technischen Universität München D-50924 Köln Mitte
Ismaniger Straße 22 e.gouzoulis@uni-koeln.de Charité – Universitätsmedizin Berlin
D-81675 München Charitéplatz 1
hans.förstl@lrz.tu-muenchen.de Grätzhofer, Elisabeth, Mag. D-10117 Berlin
Universitätsklinik für Psychiatrie andreas.heinz@charite.de
Franke, Petra, PD Dr. Medizinische Universität Wien
Abteilung für Abhängigkeits- Währinger Gürtel 18–20 Hemmeter, Ulrich M., PD Dr. Dr.
erkrankungen A-1090 Wien Kantonale psychiatrische Dienste
Rheinische Kliniken Düsseldorf St. Gallen-Nord
Kliniken der Heinrich-Heine- Gründer, Gerhard, Prof. Dr. Zürcherstrasse 30
Universität Düsseldorf Klinik für Psychiatrie und CH-9501 Wil
Bergische Landstraße 2 Psychotherapie ulrich.hemmeter@gd-kpdw.sg.ch
D-40629 Düsseldorf Universitätsklinikum der RWTH
petra.franke@lvr.de Aachen Henn, Fritz A., Prof. Dr.
Pauwelsstraße 30 Brookhaven National Laboratory
Frey, Richard, Prof. Dr. D-52074 Aachen Directorial Services
Klinische Abteilung für Biologische ggruender@ukaachen.de P.O. Box 5000
Psychiatrie Upton, NY 11973-5000
Universitätsklinik für Psychiatrie USA
und Psychotherapie henn@zi-mannheim.de
Medizinische Universität Wien
Währinger Gürtel 18-20
A-1090 Wien
richard.frey@meduniwien.ac.at
XIII
Autorenverzeichnis

Herpertz, Sabine C., Prof. Dr. Hofer, Alex, PD Dr. Kapfhammer, Hans-Peter,
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie Universitätsklinik für Psychiatrie Prof. Dr. Dr.
und Psychotherapie Innsbruck Klinik für Psychiatrie
Universität Rostock Abteilung für Biologische Medizinische Universität Graz
Gehlsheimer Straße 20 Psychiatrie Auenbrugger Platz 31
D-18147 Rostock Anichstrasse 35 A-8036 Graz
sabine.herpertz@med.uni-rostock. A-6020 Innsbruck Hans-Peter.Kapfhammer@
de a.hofer@i-med.ac.at klinikum-graz.at

Herpertz-Dahlmann, Beate, Hohagen, Fritz, Prof. Dr. Karow, Anne, Dr.


Prof. Dr. Klinik für Psychiatrie und Zentrum für Interdisziplinäre
Klinik für Kinder- und Psychotherapie Suchtforschung (ZIS)
Jugendpsychiatrie und Universitätsklinikum Schleswig- Klinik für Psychiatrie und
-psychotherapie der RTWH Aachen Holstein Psychotherapie
Neuenhofer Weg 21 Campus Lübeck Universitätsklinikum Hamburg-
D-52074 Aachen Ratzeburger Allee 160 Eppendorf
bherpertz-dahlmann@ukaachen.de D-23538 Lübeck Martinistraße 52
fritz.hohagen@psychiatrie.uk-sh.de D-20246 Hamburg
Heuser, Isabella, Prof. Dr. karow@uke.uni-hamburg.de
Klinik und Hochschulambulanz für Holsboer, Florian, Prof. Dr. Dr.
Psychiatrie und Psychotherapie Max-Planck-Institut für Psychiatrie Kasper, Siegfried, Prof. Dr. Dr. h.c.
Charité Campus Benjamin Franklin Kraepelinstraße 2–10 Klinische Abteilung für Biologische
Eschenallee 3 D-80804 München Psychiatrie
D-14050 Berlin holsboer@mpipsykl.mpg.de Universitätsklinik für Psychiatrie
isabella.heuser@charite.de und Psychotherapie
Holsboer-Trachsler, Edith, Prof. Dr. Medizinische Universität Wien
Hevers, Wulf, PD Dr. Abteilung für Depressionsforschung, Währinger Gürtel 18-20
Carl-Ludwig-Institut für Physiologie Schlafmedizin und A-1090 Wien
Liebigstraße 27a Neurophysiologie sci-biolpsy@meduniwien.ac.at
04103 Leipzig Universitäre Psychiatrische Kliniken
wulf.hevers@medizin.uni-leipzig.de Wilhelm Klein Strasse 27 Kaufmann, Rainer Marco, Dr.
CH-4025 Basel Klinische Abteilung für Biologische
Hiemke, Christoph, Prof. Dr. edith.holsboer@upkbs.ch Psychiatrie
Psychiatrische Klinik der Johannes- Universitätsklinik für Psychiatrie
Gutenberg-Universität Mainz Holtkamp, Kristian, PD Dr. und Psychotherapie
Untere Zahlbacher Straße 8 Klinik für Kinder- und Medizinische Universität Wien
D-55101 Mainz Jugendpsychiatrie und Währinger Gürtel 18-20
hiemke@uni-mainz.de -psychotherapie der RTWH Aachen A-1090 Wien
Neuenhofer Weg 21 Rainer.kaufmann@meduniwien.
Himmerich, Hubertus, Dr. D-52074 Aachen ac.at
Klinik für Psychiatrie und kholtkamp@ukaachen.de
Psychotherapie Kaußner, Yvonne, Dr.
Universitätsklinikum der RWTH Hoyer, Carolin, MPhil Interdisziplinäres Zentrum für
Aachen Klinik für Psychiatrie und Verkehrswissenschaften an der
Pauwelsstraße 30 Psychotherapie Universität Würzburg (IZVW)
D-52074 Aachen Universität zu Köln Röntgenring 11
hhimmerich@ukaachen.de D-50924 Köln D-97070 Würzburg
hoyer@ecnp.net yvonne.kaussner@psychologie.uni-
wuerzburg.de
Hummer, Martina, Prof. Dr.
Fachärztin für Psychiatrie und
Neurologie
Leopoldstraße 36/4
A-6020 Innsbruck
ordination@martinahummer.at
XIV Autorenverzeichnis

Keck, Martin E., PD Dr. Dr. Kordon, Andreas, Dr. Lambert, Martin, PD Dr.
Zentrum für Neurowissenschaften Klinik für Psychiatrie und Klinik für Psychiatrie und
Zürich (ZNZ) und Psychotherapie Psychotherapie
Klinik Schlössli AG Universitätsklinikum Schleswig- Universitätsklinikum Hamburg-
Schlösslistrasse Holstein Eppendorf
CH-8618 Oetwil am See/Zürich Campus Lübeck Martinistraße 52
martin.keck@schloessli.ch Ratzeburger Allee 160 D-20246 Hamburg
D-23538 Lübeck lambert@uke.uni-hamburg.de
Kellner, Michael, PD Dr. andreas.kordon@psychiatrie.uk-
Klinik für Psychiatrie und sh.de Landgraf, Rainer, Prof. Dr.
Psychotherapie Klinisches Institut
Universitätsklinikum Hamburg- Krause, Gerd, Dr. AG Verhaltensneuroendokrinologie
Eppendorf Forschungsinstitut für Molekulare Max-Planck-Institut für Psychiatrie
Martinistraße 52 Pharmakologie Kraepelinstraße 2–10
20246 Hamburg Robert-Rössle-Straße 10 D-80804 München
kellner@uke.uni-hamburg.de D-13125 Berlin landgraf@mpipsykl.mpg.de
gkrause@fmp-berlin.de
Kienast, Thorsten, Dr. Landgrebe, Michael, Dr.
Klinik für Psychiatrie und Krieg, Jürgen-Christian, Prof. Dr. Klinik und Poliklinik für Psychiatrie,
Psychotherapie der Charité Campus Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik und Psychotherapie
Mitte Psychotherapie der Universität Regensburg
Charité – Universitätsmedizin Berlin Universitätsklinikum Gießen und Universitätsstraße 84
und Marburg D-93053 Regensburg
PUK Charité im SHK Rudolf-Bultmann-Straße 8 Michael.Landgrebe@medbo.de
Große Hamburger Straße 5–11 D-35039 Marburg
D-10115 Berlin kriegj@mailer.uni-marburg.de Lange, Sonja, Ass. jur.
thorsten.kienast@charite.de FB Rechtswissenschaften, Lehrgebiet
Krüger, Hans-Peter, Prof. Dr. Zivil- und Zivilprozessrecht
Koch, Kathrin, Dr. Interdisziplinäres Zentrum für Universität Hannover
Klinik für Psychiatrie und Verkehrswissenschaften an der Königsworther Platz 1
Psychotherapie Universität Würzburg (IZVW) D-30167 Hannover
Friedrich-Schiller-Univerität Jena Röntgenring 11 s.lange@jura.uni-hannover.de
Philosophenweg 3 D-97070 Würzburg
D-07743 Jena krueger@psychologie.uni- Lange-Asschenfeldt, Christian H.,
kathrin.koch@med.uni-jena.de wuerzburg.de Dr.
Klinik für Psychiatrie und
Kohnen, Ralf, Prof. Dr., Dipl.-Psych. Kühn, Ralf, Prof. Dr. Psychotherapie
Psychologisches Institut der Institut für Entwicklungsgenetik Kliniken der Heinrich-Heine-
Universität Erlangen-Nürnberg GSF – Nationales Universität Düsseldorf
und Forschungszentrum für Umwelt und Rheinische Kliniken Düsseldorf
IMEREM Institute for Medical Gesundheit, GmbH Bergische Landstraße 2
Research Management and D-85764 Neuherberg D-40629 Düsseldorf
Biometrics GmbH Ralf.Kuehn@GSF.DE christian.lange-asschenfeldt@lvr.de
Scheurlstraße 21
D-90478 Nürnberg Kühne, Ronald, Dr. Lautenschlager, Marion M.,
kohnen@imerem.de Forschungsinstitut für Molekulare Dr., Dipl.-Chem.
Pharmakologie Spezialambulanz für Psychosen
Köhr, Georg, PD Dr. Robert-Rössle-Straße 10 Charité-Universitätsmedizin Berlin
Molekulare Neurobiologie D-13125 Berlin Klinik für Psychiatrie und
Max-Planck-Institut für kuehne@fmp-berlin.de Psychotherapie Campus Charité
Medizinische Forschung Mitte
Jahnstraße 29 Charitéplatz 1
D-69120 Heidelberg D-10117 Berlin
kohr@mpimf-heidelberg.mpg.de marion.lautenschlager@charite.de
XV
Autorenverzeichnis

Lautenschlager, Nicola T., Prof. Dr. Magistretti, Pierre, Dr. Müller, Matthias J., PD Dr.,
WA Centre for Health and Ageing Centre de Neurosciences Dipl.-Psych.
(M573) Psychiatriques Klinik für Psychiatrie
School of Psychiatry and Clinical Département de Psychiatrie und Psychotherapie Gießen
Neurosciences CHUV - Université de Lausanne und Klinik für Psychiatrie
University of Western Australia und und Psychotherapie Marburg-Süd
35 Stirling Highway, Crawley, Perth, Brain Mind Institute Zentrum für Soziale Psychiatrie
Western Australia 6009 Ecole Polytechnique de Lausanne Mittlere Lahn
Australia (EPFL) Licher Straße 106
nicola.lautenschlager@uwa.edu.au CH-1015 Lausanne D-35394 Gießen
Pierre.Magistretti@unil.ch mjmueller@zsp-mittlere-lahn.de
Leweke, F. Markus, PD Dr.
Klinik für Psychiatrie und Maier, Wolfgang, Prof. Dr. Müller, Walter E., Prof. Dr.
Psychotherapie Klinik und Poliklinik für Psychiatrie Pharmakologisches Institut
Universität zu Köln und Psychotherapie Biozentrum
D-50924 Köln Universitätsklinikum Bonn Johann-Wolfgang-Goethe-
m.leweke@uni-koeln.de Sigmund-Freud-Straße 25 Universität Frankfurt
D-53105 Bonn Marie-Curie-Straße 9
Lorscheider, Markus Wolfgang.Maier@ukb.uni-bonn.de D-60439 Frankfurt am Main
Psychiatrische Klinik und Poliklinik pharmacolNat@em.uni-frankfurt.de
der Johannes-Gutenberg-Universität Meindorfner, Charlotte, Dipl.-Psych.
Mainz Interdisziplinäres Zentrum für Naber, Dieter, Prof. Dr.
Untere Zahlbacher Straße 8 Verkehrswissenschaften an der Zentrum für Interdisziplinäre
D-55131 Mainz Universität Würzburg (IZVW) Suchtforschung (ZIS)
lorscheider@psychiatrie.klinik.uni- Röntgenring 11 Klinik für Psychiatrie und
mainz.de D-97070 Würzburg Psychotherapie
roth@psychologie.uni-wuerzburg.de Universitätsklinikum Hamburg-
Lüddens, Hartmut, Prof. Dr. Eppendorf
Psychiatrische Klinik der Johannes- Michaelis, Thomas, Dr. Martinistraße 52
Gutenberg-Universität Mainz Biomedizinische NMR Forschungs D-20246 Hamburg
Untere Zahlbacher Straße 8 GmbH am Max-Planck-Institut für naber@uke.uni-hamburg.de
D-55131 Mainz biophysikalische Chemie
lueddens@mail.uni-mainz.de D-37070 Göttingen Ohl, Frauke, Prof. Dr.
tmichae@gwdg.de Department »Animals, Science &
Lutz, Beat, Prof. Dr. Society«
Institut für Physiologische Chemie Möller, Hans-Jürgen, Prof. Dr. Faculty of Veterinary Medicine
und Pathobiochemie Klinik für Psychiatrie und University of Utrecht
Johannes-Gutenberg-Universität Psychotherapie PO Box 80.166
Mainz Klinikum der Universität München NL-3508 TD Utrecht
Duesbergweg 6 Nußbaumstraße 7 Yalelaan 2
D-55099 Mainz D-80336 München f.ohl@vet.uu.nl
beat.lutz@uni-mainz.de hans-juergen.moeller@med.uni-
muenchen.de Paulzen, Michael, Dr., Dipl.-Kfm.
Klinik für Psychiatrie und
Müller, Marianne B., Dr. Psychotherapie
Max-Planck-Institut für Psychiatrie Rheinisch-Westfälische Technische
Kraepelinstraße 2–10 Hochschule Aachen
D-80804 München Pauwelsstraße 30
muellerm@mpipsykl.mpg.de D-52074 Aachen
mpaulzen@ukaachen.de
XVI Autorenverzeichnis

Pollmächer, Thomas, Prof. Dr. Rösner, Susanne, Dr., Dipl.-Psych. Schlösser, Ralf, PD Dr.
Zentrum für psychische Gesundheit Fachbereich Epidemiologische Klinik für Psychiatrie und
Klinikum Ingolstadt GmbH Forschung/Fachbereich Psychotherapie
Krumenauerstraße 25 Interventionsforschung: Diagnostik Friedrich-Schiller-Univerität Jena
D-85049 Ingolstadt und Therapieevaluation Philosophenweg 3
thomas.pollmaecher@klinikum- IFT Institut für Therapieforschung D-07743 Jena
ingolstadt.de Parzivalstraße 25 Ralf.Schloesser@uni-jena.de
D-80804 München
Praschak-Rieder, Nicole, Prof. Dr. roesner@ift.de Schmitt, Ulrich, Dr.
Klinische Abteilung für Biologische Psychiatrische Klinik und Poliklinik
Psychiatrie Rupprecht, Rainer, Prof. Dr. der Johannes-Gutenberg-Universität
Universitätsklinik für Psychiatrie Abteilung für Klinische Mainz
und Psychotherapie Neurophysiologie Untere Zahlbacher Straße 8
Medizinische Universität Wien Psychiatrische Klinik und Poliklinik D-55131 Mainz
Währinger Gürtel 18-20 Klinikum der Universität München schmitt@mail.psychiatrie.klinik.uni-
A-1090 Wien Nußbaumstraße 7 mainz.de
nicole.praschak-rieder@akh-wien. D-80336 München
ac.at Rainer.Rupprecht@med.uni- Schmitt, Ulrich, PD Dr.
muenchen.de Psychiatrische Klinik und Poliklinik
Prinz, Aloys, Prof. Dr. der Johannes-Gutenberg-Universität
Institut für Finanzwissenschaft II Saletu, Bernd, Prof. Dr. Mainz
Wirtschaftswissenschaftliche Universitätsklinik für Psychiatrie Untere Zahlbacher Straße 8
Fakultät Medizinische Universität Wien D-55131 Mainz
Westfälische Wilhelms-Universität Währinger Gürtel 18–20 schmitt@mail.psychiatrie.klinik.uni-
Münster A-1090 Wien mainz.de
Wilmergasse 6–8 bernd.saletu@meduniwien.ac.at
D-48143 Münster Schwertfeger, Natascha, Dr.
A.Prinz@wiwi.uni-muenster.de Saletu-Zyhlarz, Gerda, Prof. Dr. Klinik und Hochschulambulanz für
Universitätsklinik für Psychiatrie Psychiatrie und Psychotherapie
Raddatz, Eric, Dr. Medizinische Universität Wien (CBF)
Département de Physiologie Währinger Gürtel 18–20 Charité Campus Benjamin Franklin
Faculté de Biologie et Médecine A-1090 Wien Eschenallee 3
Université de Lausanne gerda.saletu-zyhlarz@meduniwien. D-14050 Berlin
CH-1015 Lausanne ac.at natascha.schwertfeger@charite.de
eric.raddatz@unil.ch
Scherbaum, Norbert, Prof. Dr. Sendtner, Michael, Prof. Dr.
Regen, Francesca Klinik für abhängiges Verhalten und Institut für Klinische Neurobiologie
Klinik und Hochschulambulanz für Suchtmedizin Universität Würzburg
Psychiatrie und Psychotherapie Rheinische Kliniken Essen Josef-Schneider-Straße 11
Charité Campus Benjamin Franklin Kliniken/Institut der Universität Sekretariat_Prof.Sendtner@klinik.
Eschenallee 3 Duisburg-Essen uni-wuerzburg.de
D-14050 Berlin Virchowstraße 174
francesca.regen@charite.de 45147 Essen-Holsterhausen Sommer, Frank, Prof. Dr.
Norbert.Scherbaum@uni-essen.de Klinik für Männergesundheit
Rosenthal, Walter, Prof. Dr. Klinik und Poliklinik für Urologie
Forschungsinstitut für Molekulare Schloss, Patrick, PD Dr. Universitätsklinikum Hamburg-
Pharmakologie Zentralinstitut für Seelische Eppendorf
Robert-Rössle-Straße 10 Gesundheit Martinistraße 52
D-13125 Berlin J5 D-20246 Hamburg
rosenthal@fmp-berlin.de D-68159 Mannheim sommer@maennergesundheit.info
patrick.schloss@zi-mannheim.de
XVII
Autorenverzeichnis

Soyka, Michael, Prof. Dr. Vollmayr, Barbara, Dr. Wurst, Wolfgang, Prof. Dr.
Privatklinik Reichenbach b. Zentralinstitut für Seelische Institut für Entwicklungsgenetik
Meiringen AG Gesundheit GSF – Nationales
Postfach 612 J5 Forschungszentrum für Umwelt und
CH-3860 Meiringen D-68159 Mannheim Gesundheit, GmbH
Michael.Soyka@PM-Klinik.ch vollmayr@zi-mannheim.de D-85764 Neuherberg
und
Spanagel, Rainer, Prof. Dr. Weber, Matthias M., Prof. Dr. Molekulare Neurogenetik
Zentralinstitut für Seelische Historisches Archiv der Klinik Max-Planck-Institut für Psychatrie
Gesundheit Max-Planck-Institut für Psychiatrie Kraepelinstraße 2–10
Abt. Psychopharmakologie Kraepelinstraße 2–10 D-80804 München
J5 D-80804 München Wurst@GSF.DE
D-68159 Mannheim mmw@mpipsykl.mpg.de
spanagel@zi-mannheim.de Zieglgänsberger, Walter, Prof. Dr.
Wetter, Thomas-Christian, PD Dr. Klinische Neuropharmakologie
Steiger, Axel, Prof. Dr. Schlaflabor Max-Planck-Institut für Psychiatrie
Max-Planck-Institut für Psychiatrie Max-Planck-Institut für Psychiatrie Kraepelinstraße 2–10
Kraepelinstraße 2–10 Kraepelinstraße 2–10 D-80804 München
D-80804 München D-80804 München wzg@mpipsykl.mpg.de
steiger@mpipsykl.mpg.de wetter@mpipsykl.mpg.de
Zobel, Astrid, PD Dr.
Ströhle, Andreas, PD Dr. Wiedemann, Klaus, Prof. Dr. Klinik und Poliklinik für Psychiatrie
Klinik für Psychiatrie und Klinik für Psychiatrie und und Psychotherapie
Psychotherapie der Charité Campus Psychotherapie Rheinische Friedrich-Wilhelms-
Mitte Zentrum für Psychosoziale Medizin Universität Bonn
Charité – Universitätsmedizin Berlin Universitätsklinikum Hamburg- Sigmund-Freud-Straße 25
Charitéplatz 1 Eppendorf D-53105 Bonn
D-10117 Berlin Martinistraße 52 Astrid.Zobel@ukb.uni-bonn.de
andreas.stroehle@charite.de D-20246 Hamburg
wiedeman@uke.uni-hamburg.de Zurowski, Bartosz, Dr.
Szegedi, Armin, Prof. Dr. Klinik für Psychiatrie und
Global Clinical Development Wigger, Alexandra, Dr. Psychotherapie
Organon Ehemals: Max-Planck-Institut für Universitätsklinikum Schleswig-
56 Livingston Avenue Psychiatrie Holstein
Roseland, NJ 07068 Klinisches Institut Campus Lübeck
USA AG Verhaltensneuroendokrinologie Ratzeburger Allee 160
armin.szegedi@organon.com Kraepelinstraße 2–10 D-23538 Lübeck
D-80804 München Zurowski.B@Psychiatry.Uni-
Trott, Götz-Erik, Prof. Dr. Luebeck.de
Luitpoldstraße 2–4 Wolf, Christian, Prof. Dr. jur.
D-63739 Aschaffenburg FB Rechtswissenschaften, Lehrgebiet
Praxis-Trott@t-online.de Zivil- und Zivilprozessrecht
Universität Hannover
Vogt, Thomas, PD Dr. Königsworther Platz 1
Klinik für Neurologie D-30167 Hannover
Johannes-Gutenberg-Universität chr.wolf@jura.uni-hannover.de
Mainz
Langenbeckstraße 1 Wotjak, Carsten T., Dr.
D-55127 Mainz Max-Planck-Institut für Psychiatrie
vogt@neurologie.klinik.uni-mainz. Kraepelinstraße 2–10
de D-80804 München
e-mail:wotjak@mpipsykl.mpg.de
XIX

Abkürzungen

A ANKTM1 ankyrin-like protein


Aβ β-Amyloid ANP atriales natriuretisches Peptid
AADC aromatische APA American Psychiatric Association
Aminosäuredecarboxylase APGAR Punkteschema zur Beurteilung des
AAV adeno-assoziiertes Virus Zustands von Neugeborenen
ABC ATP binding cassette ApoE Apolipoprotein E
ABP AMPA-Rezeptorbindeprotein APP amyloid precursor protein
AC Adenylatcyclase APV 2-Amino-5-phosphonovaleronsäure
ACE angiotensin converting enyzme ART-2020 Act-React-Testsystem 2020
ACEA Arachidonoyl-2-chlorethylamid ASEX Arizona Sexual Experience Scale
ACh Acetylcholin ASG auditory sensory gating
AChE Acetylcholinesterase ASI Addicton Severity Index
AChI Aceltycholinesterasehemmer ASIC acid sensing ion channel
ACPD (1S,3R)-1-Aminocyclopentan- ATP Adenosintriphosphat
dicarboxylat AUDIT The Alcohol Use Disorders
ACTH adrenokortikotropes Hormon Identification Test
AD Alzheimer-Demenz AVP Arginin-Vasopressin
ADAS-cog-Skala Alzheimer Disease Assessment Scale AWMF Arbeitsgemeinschaft der
ADDCT State of California Alzheimer’s wissenschaftlichen medizinischen
Disease Diagnostic and Treatment Fachgesellschaften
Centers
ADE Alkoholdeprivationseffekt B
ADH antidiuretisches Hormon BA Brodmann-Areal
ADHS Aufmerksamkeitsdefizit-/ BAC bacterial artificial chromosome
Hyperaktivitätsstörung BDI Beck Depression Inventory
ADHS-SB Selbstbeurteilungsskala ADHS BDNF brain-derived neurotrophic factor
ADHS-DC ADHS-Diagnosecheckliste BED binge eating disorder
ADME Absorption, Distribution, BfArM Bundesinstitut für Arzneimittel und
Metabolisierung, Exkretion Medizinprodukte
AES Alkohol-Entzugsskala BGB Bürgerliches Gesetzbuch
AESB Alkoholentzugssymptombogen BGT Betain/GABA-Transporter
AGE advanced glycation endproducts BISFW Brief Index of Sexual Functioning for
AGNP Arbeitsgemeinschaft für Women
Neuropsychopharmakologie und BLA basolateraler Kern der Amygdala
Pharmakopsychiatrie BMBF Bundesministerium für Bildung und
AgRP Agouti-related-Peptid Forschung
AHI Apnoe/Hypopnoe-Index BMI Body-Mass Index
AIDS acquired immune deficiency BN Bulimia nervosa
syndrome BNST bed nucleus of the stria terminalis
AIF apoptosis-inducing factor BOLD blood oxygen level-dependent
AIMS Abnormal Involuntary Movement BORB Birmingham Object Recognition
Scale Battery
ALDH Aldehyddehydrogenase BPRS Brief Psychiatric Rating Scale
ALPHA screen amplified luminescent proximity BPS Borderline-Persönlichkeitsstörung
homogeneous assay BPSD behavioral and psychological
ALS amyotrophe Lateralsklerose symptoms in dementia
AMG Arzneimittelgesetz BRET Biolumineszenz-
AMPA α-Amino-3-hydroxy-5-methyl-4- Resonanzenergietransfer
isoxazolpropionsäure BSG Bundessozialgericht
AMPT α-Methyl-para-tyrosin Btm Betäubungsmittel
AN Anorexia nervosa BtmG Betäubungsmittelgesetz
XX Abkürzungen

BtmVV Betäubungsmittelsmittel- CHO Chinese hamster ovary


verschreibungsverordnung CIBIC-plus Clinician’s Interview-Based
BUB-Richtlinien Richtlinien über die Bewertung Impression of Change plus Caregiver
ärztlicher Untersuchungs- und Information
Behandlungsmethoden CIDI Composite International Diagnostic
BVerfG Bundesverfassungsgericht Interview
BVerwG Bundesverwaltungsgericht CIPS Collegium Internationale Psychiatrae
BZ/BZD Benzodiazepine Scalarum
BZgA Bundeszentrale für gesundheitliche CISM Critical Incident Stress Management
Aufklärung CIWA Clinical Institute Withdrawal
BZL Benzodiazepinrezeptorliganden Assessment of Alcohol Scale
cM Zentimorgan
C CMV Cytomegalovirus
CAARS Conners’ Adult ADHS Rating Scale CNP C-type natriuretic peptide
CACA cis-4-Aminocrotonsäure CNQX 6-Cyano-7-nitrochinoxalin-2,3-dion
CACNA1A gene encoding for the alpha1A subunit CNTF ciliary neurotrophic factor
of a neuronal P/O type calcium CoMFA comparative molecular field analysis
channel COMT Katechol-O-Methyltransferase
CADASIL cerebral autosomal dominant CONSORT Consolidated Standards of Reporting
arteriopathy with subcortical infarcts Clinical Trials
and leukoencephalopathy COX Cyclooxygenase
CamKII Ca-Calmodulin-Kinase II CPA Cyproteronacetat
cAMP zyklisches Adenosinmonophosphat CPAP continuous positive airway pressure
CAPS-Skala Clinician-Administered PTSD Scale CPP conditioned place preference
zur Diagnose und (konditionierte Platzpräferenz)
Schweregraderfassung der PTBS m-CCP m-Chlorpiperazin
CART cocaine and amphetamine regulated Cr Kreatinin
transcript CRD Centre for Reviews and Dissemination
CATIE Clinical Antipsychotic Trials of CREB cAMP response element binding
Intervention Effectiveness protein
CB Cannabinoidrezeptor CRF case report form
2-CB 4-Brom-2,5- CRH Kortikotropin-Releasing-Hormon
dimethoxyphenylethylamin CRO contract research organization
CBASP cognitive behavioral analysis system CS konditionierter Reiz
of psychotherapy CSF Zerebrospinalflüssigkeit
CBD kortikobasale Degeneration CT Computertomographie
CBT kognitive Verhaltenstherapie CTD clinical trials directive
CCK Cholezystokinin CUtLASS Cost Utility of the Latest Antipsychotic
CCT kraniale Computertomographie Drugs in Schizophrenia
CDC Centers for Disease Control CYP Cytochrom-P450
cDNA komplementäre DNA
CDR clinical decision rule D
CDR-SB Clinical Dementia Rating Da Dalton
CDT carbohydrate-deficient transferrins DA Dopamin
(Marker zur Erkennung von DAG Diacylglycerin
Alkoholmissbrauch) DALY disability-adjusted life years
CEA cost-effectiveness analysis DAOA D-amino acid oxidase activator,
CFS chronic fatigue syndrome früher G72
CGI Clinical Global Impressions D-AP7 2-Amino-7-phosphonoheptansäure
cGMP zyklisches Guanosinmonophosphat DAR Disulfiram-Alkohol-Reaktion
CGRP calcitonin gene-related peptide DAT Dopamintransporter
ChAT Cholinacetyltransferase DBI diazepam binding inhibitor
CHMP Committee for Medicinal Products for DBS Tiefenhirnstimulation (deep brain
Human Use stimulation)
Cho Cholin DBT dialektisch-behaviorale Therapie
XXI
Abkürzungen

DETC-MeSO S-Ethyl-N,N-diethylthiolcarbamat- EMEA The European Agency for the


sulfoxid Evaluation of Medicinal Products
Dex Dexamethason EMG Elektromyogramm
DGPPN Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, EMMA Archiv Europäischer Mausmutanten
Psychotherapie und Nervenheilkunde eNOS endotheliale NO-Synthase
DβH Dopamin-β-Hydroxylase ENU Ethylnitrosoharnstoff
DHDOC Dihydrodesoxykortikosteron EOG Elektrookulogramm
DHEA Dehydroepiandrosteron EPA Eicosapentaensäure
DHP Dihydroprogesteron EPI Echo-Planar-Imaging
DHPE Dihydroxyphenylessigsäure EPS extrapyramidalmotorische Störungen
DHPG 3,4-Dihydroxyphenylglykol EPSP exzitatorisches postsynaptisches
DHS Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen Potenzial
DISC disrupted in schizophrenia erfMRT ereigniskorrelierte, funktionelle
DLPFC dorsolateraler präfrontaler Kortex Magnetresonanztomographie
DLK Demenz mit Lewy-Körperchen ERK durch extrazelluläre Signale regulierte
DLMO dim-light melatonin onset Kinasen
DMT Dimethyltryptamin ES-Zellen embryonale Stammzellen
DNQX 6,7-Dinitrochinoxalin-2,3-dion ESS Epworth Sleepiness Scale
DOB 2,5-Dimethoxy-4-bromamphetamin EudraCT European Clinical Trials Database
DOM 2,5-Dimethoxy-4-methylamphetamin Europ-ASI European Addiction Severity Index
DPA Dipropylacetamid
DREAM downstream regulatory element F
antagonistic modulator FAAH fatty acid amide hydrolase
DRPLA dentatorubropallido-luysianische FDA Food and Drug Administration
Atrophie FDG Fluordesoxyglucose
DRUID driving under the influence of alcohol, FGG Gesetz über die Freiwillige
drugs and medicines Gerichtsbarkeit
DSM Diagnostic and Statistic Manual of fMRT funktionelle Magnetresonanztomo-
Mental Disorders graphie (funktionelle
DST Dexamethason-Suppressionstest Kernspintomographie)
DTI diffusion tensor imaging FMS Fibromyalgiesyndrom
DTNBP dystrobrevin binding protein, α-FP α-Fetoprotein
Dystrobrevin-bindendes Protein FRET Fluoreszenz-Resonanzenergietransfer
(Dysbindin) FSAD female sexual arousal disorder
DTPA Diethylentriaminpentaessigsäure FSFI Female Sexual Function Index
FSH follikelstimulierendes Hormon
E FTD frontotemporale Demenz
EAAT excitatory amino acid transporter FTDP-17 frontotemporale Demenz mit
EbM evidenzbasierte Medizin Parkinsonismus
EBV Epstein-Barr-Virus FTLD frontotemporale Lobärdegeneration
ECS Endocannabinoidsystem FTND Fagerström Test for Nicotine
ED erektile Dysfunktion Dependence
EDS exzessive diurale Schläfrigkeit
EEG Elektroenzephalogramm G
EFNS European Federation of Neurological GABA γ-Aminobuttersäure
Societies GAD Glutamatdecarboxylase
EFTA European Free Trade Association GAF Global Assessment of Functioning
EKG Elektrokardiogramm GAPs GTPase aktivierendes Protein
EKT Elektrokrampftherapie GAQ Global Assessment Questionnaire
ELK1 Komponente des ERK MAP-Kinase- GAS generalisierte Angststörung
Signalwegs GAT GABA-Transporter
EM extensive metabolizer GCP gute klinische Praxis
EMDR eye movement desensitization and GDNF glial cell-derived neurotrophic factor
processing GDP Guanosindiphosphat
GG Grundgesetz
XXII Abkürzungen

GGT γ-Glutamyltransferase 5-HT 5-Hydroxytryptamin, Serotonin


GGTC German Genetrap Consortium HTA health technology assessment
GH Wachstumshormon (growth HTBS Health Technology Board of Scotland
hormone) HTRF Homogeneous Time-Resolved
GHRH Wachstumshormon-Releasing- Fluorescence
Hormon HTS high-throughput screening
GLAST Glutamat-Aspartat-Transporter (Hochdurchsatztestung)
GLT Glutamattransporter 5-HTT Serotonintransporter
GluR Glutamatrezeptor 5-HTTLPR serotonin transporter-linked
GLYT Glycintransporter polymorphic region
GnRH Gonadotropin-Releasing-Hormon HVL Hypophysenvorderlappen
GOT Glutamat-Oxalacetat-Transaminase HVS Homovanillinsäure
GPCR G-Protein-gekoppelter Rezeptor
GPI Globus pallidum internum I
GPT Glutamat-Pyruvat-Transaminase I4AA Imidazol-4-essigsäure
Grb growth factor receptor-bound IASP International Association of Pain
GRB-2 Gerüstprotein mit src- IBZM Iodbenzamid
Homologiedomänen zur ICADTS International Council on Alcohol,
Koordination des MAP-Kinase- Drugs and Traffic Safety
Signalwegs ICD International Classification of
GRIP Glutamatrezeptor-interagierendes Diseases
Protein ICH International Conference on
GRK G-Protein-gekoppelte Rezeptorkinase Harmonization
GSK-3 Glykogensynthase-Kinase-3 ICSD International Classification of Sleep
GTP Guanosintriphosphat Disorders
GTS Gilles-de-la-Tourette-Syndrom IEG immediate early gene
IELT mittlere Verlängerung der
H intravaginalen Ejakulationslatenz
haChoT hochaffiner Cholintransporter IES Impact of Event Scale
HADAC Histondeacetylase IFSF Derogatis Interview for Sexual
HAM-A Hamilton-Angstskala Functioning
HAM-D Hamilton-Depressionsskala IIEF International Index of Erectile
HAT Histonacetyltransferase Function
HAWIE-R Hamburg-Wechsler-Intelligenztests IIT investigator-initiated trial
für Erwachsene IFN-γ Interferon-γ
HD Chorea Huntington (Huntington’s IGF insulin-like growth factor
disease) IGFBP IGF-bindendes Protein
HERG human ether-a-go-go-related gene IL Interleukin
HHG-Achse Hypothalamus-Hypophysen- IM intermediate metabolizer
Gonaden-Achse IMPD investigational medicinal product
HHL Hypophysenhinterlappen dossier
HHT-Achse Hypophysen-Schilddrüsen-Achse IP3 Inositol-1,4,5-trisphosphat
5-HIES 5-Hydroxyindolessigsäure IP4 Inositol-1,3,4,5-tetraphosphat
HIV human immune deficiency virus IPSC inhibitory postsynaptic current
HLA humanes Leukozytenantigen IPSP inhibitorisches postsynaptisches
hnRNP heterogeneous nuclear Potenzial
ribonucleoprotein IPSRT interpersonal and social rhythm
HPA-System hypothalamus-pituitary-adrenal therapy
system (Hypothalamus-Hypophysen- IPT interpersonale Psychotherapie
Nebennieren-System) IRLS-Skala International RLS Study Group
HPLC Hochleistungsflüssigkeits- Severity Scale
chromatographie ITT intention to treat
HSDD hypoactive sexual desire disorder
HSP heat shock protein
HSV Herpes-simplex-Virus
XXIII
Abkürzungen

J MDMA Methyldioxymethamphetamin,
JAK-Kinasen Januskopf-Kinasen (just another »Ecstasy«
kinase) MDR multi-drug resistance
MEK Komponente des ERK MAP-Kinase-
K Signalwegs
KD Dissoziationskonstante MEKK1 MEK-Kinase 1
KM Michaeliskonstante mGluR metabotroper Glutamatrezeptor
kb Kilobase MHPG 3-Methoxy-4-hydroxyphenylglykol
keV Kiloelektronenvolt MHRA British Medicine and Healthcare
KHK koronare Herzerkrankung Products Regulatory Agency
K.O. knock-out MI Myokardinfarkt
KVT kognitive Verhaltenstherapie mIns myo-Inositol
MLR Melanokortinrezeptor
L MMAS Massachussetts Male Aging Study
L-AP4 2-Amino-4-phosphonobuttersäure MMSE Minimental State Examination
LAAM Levo-1-α-Acetylmethadol MNS malignes neuroleptisches Syndrom
LC Locus coeruleus MOPEG 3-Methoxy-4-hydroxyphenylethylen-
LGT-3 Lern- und Gedächtnistest glykol
LH luteinisierendes Hormon mPFC medialer präfrontaler Kortex
LIF leucemia inhibitory factor MPG Medizinproduktegesetz
LOCF last observation carried forward MPOA mediale präoptische Region
LOLA L-Ornithin-L-Aspartat MRS Magnetresonanzspektroskopie
LORETA low-resolution electromagnetic MRS SADS-C Mania Rating Scale
tomography MRT Magnetresonanztomographie
LPH lipotropes Hormon (MRI, Magnetresonanz-Imaging)
LQTS Long-QT-Syndrom MSA Multisystematrophie
LSD D-Lysergsäurediethylamid MSH melanozytenstimulierendes Hormon
LSG Landessozialgericht MSLT multipler Schlaflatenztest
LT Lichttherapie MST Morphinsulfat
LTD Langzeitdepression MT 3-Methoxytyramin
LTP Langzeitpotenzierung MTI magnetization transfer imaging
LV lentiviraler Vektor MTOC microtubule organizing center
MUSE Medicated Urethral System for
M Erection
mAChR muskarinischer Acetylcholinrezeptor MVG Münchener Verbaler Gedächtnistest
MADRS Montgomery-Asberg Depression Scale
6-MAM 6-Monoacetylmorphin N
MANOVA multivariate Varianzanalyse NA Noradrenalin
MAO Monoaminoxidase NAA N-Acetylaspartat
MAOI Monoaminoxidaseinhibitor NAAG N-Acetylaspartyl-Glutamat
MAP-Kinase mitogenaktivierte Proteinkinase NAALADase N-acetylated alpha-linked acidic
MARS- Studie Munich Antidepressant Response dipeptidase
Signature Study naChoT niederaffiner Cholintransporter
MATRICS Measurement and Treatment nAChR nikotinischer Acetylcholinrezeptor
Research to Improve Cognition in NAD Nikotinsäureamid-Adenin-
Schizophrenia Dinukleotid
MBDB N-Methyl-1,1,3-benzodioxol-5-yl-2- NADP Nikotinsäureamid-Adenin-
butanamin Dinukleotid-Phosphat
MCH melaninkonzentrierendes Hormon NaSSA noradrenerge und spezifisch
MCI mild cognitive impairment serotonerge Antidepressiva
MCST Modified Card Sorting Test NAT Noradrenalintransporter
MCV mean corpuscular volume NBQX 6-Nitrosulfamoylbenzo(f)-
MDA Methylendioxyamphetamin chinoxalin-2,3-dion
MDE 3,4-Methylendioxyethylamphetamin NCAM neuronal cell adhesion molecule
XXIV Abkürzungen

NCEP National Cholesterol Education P


Program PANDAS pediatric autoimmune
NDRI selektiver Noradrenalin- und neuropsychiatric disorders associated
Dopaminwiederaufnahmehemmer with streptococcal infections
NET Noradrenalintransporter PANSS Positive and Negative Symptoms Scale
(Norepinephrintransporter) PCA p-Chloramphetamin
NFκB nuclear factor kappa B PCOS Syndrom der polyzystischen Ovarien
NGF nerve growth factor PCP Phencyclidin
NIAAA National Institute on Alcohol Abuse PCr Phosphokreatinin
and Alcoholism PCR Polymerasekettenreaktion
NICE National Institute of Clinical PD Parkinson-Erkrankung
Excellence PDD Parkinson-Syndrome mit
NIDA National Institute on Drug Abuse Demenzentwicklung (Parkinson’s
NIMH National Institute of Mental Health disease with dementia)
NINDS-AIREN National Institute of Neurological PDE Phosphodiesterase
Disorders and Stroke & Association PDE5 Phospodiesterase-Typ-5
Internationale pour la Recherche et PDGF platelet-derived growth factor
l’Enseignement en Neurosciences (thrombozytärer Wachstumsfaktor)
NK Neurokinin PET Positronenemissionstomographie
NKA Neurokinin A PFC präfrontaler Kortex
NMDA N-Methyl-D-Aspartat PGE Prostaglandin E
NMR nukleare Magnetresonanztomo- Pgp P-Glykoprotein
graphie PHF gepaarte helikale Filamente
NMSP N-Methylspiperon (neurofibrillary tangles)
NNK number needed to kill phMRI pharmacological magnetic resonace
NNR Nebennierenrinde imaging
NNT number needed to treat PI Phosphoinositid
NOS nitric oxide synthase PI3 Phosphatidylinositol-3
nPGi Nucleus paragigantocellularis PICK1 Protein interagierend mit C-Kinase
NPI Neuropsychiatric Inventory PIP2 Phosphatidylinositol-4,5-bisphosphat
NPY Neuropeptid Y PKA Proteinkinase A
NRT nicotine replacement therapy PKC Proteinkinase C
NSAID nichtsteroidale antiinflammatorische PLC Phospholipase C
Substanzen PLE paraneoplastische limbische
NSE neuron-specific enolase Enzephalitis
NT Neurotrophin PLMD periodic limb movement disorder
NT3 neurotrophic factor 3 PLMS periodic limb movements in sleep
NTS Neurotensin PLP Pydridoxal-5-phosphat
NUB-Richtlinien Richtlinien über neue Untersuchungs- PM poor metabolizer
und Behandlungsmethoden PMDD prämenstruelle dysphorische Störung
PME Phosphomonoester
O PMN progressive Motoneuropathie
OCD obsessive-compulsive disorder PMS prämenstruelles Syndrom
8-OH-DPAT 8-Hydroxy-2(di-n- POMC Proopiomelanokortin
propylamino)tetralin PPA primäre progressive Aphasie
OMFD O-Methyl-[18F]F-Dopa PPHN pulmonale Hypertension des
OPD operationalisierte psychodynamische Neugeborenen
Diagnostik PPI Präpulsinhibition
OR Odds-Ratio PPY Peptid YY (Darmhormon mit
OROS osmotic release oral system appetithemmender Wirkung)
OSAS obstruktives Schlafapnoe-Syndrom PREDI Prozess- und ressourcenorientierte
psychosoziale Diagnostik
PRL Prolaktin
Prp Prionprotein
PS Präsenilin
XXV
Abkürzungen

PSD postsynaptic density protein SD semantische Demenz


PSE present state examination SE Schlafentzug
PSP progressive supranukleäre SEM structural equation modeling
Blickparese (Steele-Richardson- SERM selektive Östrogenrezeptor-
Olszewski-Syndrom) modulatoren
PTBS posttraumatische Belastungsstörung SERT Serotonintransporter
PTP permeability transition pores SGA second generation antipsychotic
PVN Nucleus paraventricularis SGB Sozialgesetzbuch
PXR Pregnan-X-Rezeptor shRNA short hairpin RNA
SIADH Syndrom der inadäquaten ADH-
Q Sekretion
QALY quality-adjusted life years SIH stressinduzierte Hypothermie
QSAR quantitative structure/activity siRNA short inhibitory RNA
relationship (quantitative Struktur- SKAT Schwellkörperautoinjektionstherapie
Aktivitäts-Beziehungen) SMA supplementary motor area
QTL quantitative trait locus (supplementärmotorischer Kortex)
SMARD spinale Muskelatrophie mit Atemnot
R SMAST- Michigan Alcoholism Screening Test
Raf Komponente des ERK MAP-Kinase- Fragebogen
Signalwegs SNc Substantia nigra pars compacta
Ras Komponente des ERK MAP-Kinase- SNP single nucleotide polymorphism
Signalwegs SNRI selektiver Noradrenalinwiederauf-
rCBF regionaler zerebraler Blutfluss nahmehemmer
RCT randomized controlled trial snRNP small nuclear ribonucleoprotein
REM rapid eye movement SOD Superoxiddismutase
RGS regulation of G-protein signaling SODAS spheroidal oral drug absorption
RIMA reversibler Hemmer der system
Monoaminoxidase Typ A SOMS Screening für somatoforme
RISC RNA-induced silencing complex Störungen
RLS Restless-legs-Syndrom SOWS Short Opiate Withdrawal Scale
RNAi RNA-Interferenz SP Substanz P
ROI region of interest SPA Scintillation Proximity Assay
RONS reactive oxygen and nitrogen species SPC summary product characteristics
ROS Sauerstoffradikal SPECT single-photon emission computed
Rsk-2 ribosomale S-6 Kinase tomography (Einzelphotonen-
RZPD Deutsches Ressourcenzentrum für emissionstomographie)
Genomforschung SPRINT Short Posttraumatic Stress Disorder
Rating Interview
S SPT sleeping period time
SAD saisonal abhängige Depression SRC steroid receptor coactivator
SAE subkortikale arteriosklerotische SRE steroid-responsive element
Enzephalopathie SRI Serotoninwiederaufnahmehemmer
SAR by NMR structure/activity relationships by SRIF somatostatin release inhibiting factor
nuclear magnetic resonance SSDS sudden sniffing death syndrome
SARI Serotoninantagonist/Serotonin- SSLP simple sequence length polymorphism
wiederaufnahmehemmer SSNRI selektiver Serotonin-Noradrenalin-
SAS Sipson-Angus-Skala Wiederaufnahmehemmer
SB Servere Dementia Battery SSRI selektiver Serotoninwiederaufnahme-
SBMA spinobulbäre Muskelatrophie hemmer
(Kennedy-Erkrankung) STAR*D Sequenced Treatment Alternatives to
SCA spinozerebelläre Ataxie Relieve Depression
SCID Strukturiertes klinisches Interview für STAT signal transducers and activators of
DSM-IV-TR transcription
SCL-90-R Symptom-Checkliste von Derogatis STAXI State-Trait-Ärgerausdrucks-Inventar
SCN Nucleus suprachiasmaticus StGB Strafgesetzbuch
XXVI Abkürzungen

SUSAR suspected/unexpected serious adverse V


reaction vAChT vesikulärer Acetylcholintransporter
SWA slow-wave activity VBR ventricle-to-brain ratio
SWS slow-wave sleep VD vaskuläre Demenz
VGSC spannungsabhängiger Na+-Kanal
T VIP vasoaktives intestinales Peptid
TACA trans-4-Aminocrotonsäure VLPFC ventrolateraler präfrontaler Kortex
TADS-Studie Treatment of Adolescents with VMAT vesikulärer Monoamintransporter
Depression Study VNS Vagusnervstimulation
TAP Testbatterie zur VNTR variable number of tandem repeats
Aufmerksamkeitsprüfung VOI volume of interest
TBCE tubulinspezifisches Chaperon E VOSP Testbatterie zur visuellen Objekt- und
TBPS t-Butylbicyclophosphorothionat Raumwahrnehmung
TD tardive Dyskinesien VSV vesicular stomatitis virus
TDM therapeutisches Drug Monitoring VTA Area tegmentalis ventralis
TdP Torsades de pointes
TGF transforming growth factor W
TH Tyrosinhydroxylase WAPI-Skalen Work-activity-productivity-
THC Δ9-Tetrahydrocannabinol impairment-Skalen
THDOC Tetrahydrodesoxykortikosteron WDI World Drug Index
THP Tetrahydroprogesteron WFSBP World Federation of Societies of
Thy1 thymus cell antigen 1 Biological Psychiatry
TIA transiente ischämische Attacke WHI Women’s Health Initiative
TM Transmembranregion WHO World Health Organization
TMS transkranielle Magnetstimulation WMA World Medical Association
TMT Trail Making Test WMS-R Wechsler Memory Scale-revised
TNF Tumornekrosefaktor WURS-k Wender-Utah Rating Scale
TNS transdermale Nikotinsubstitution (Kurzfassung)
TOF time of flight
TPH Tryptophanhydroxylase X
TPMPA (1,2,5,6-Tetrahydropyridin- XR extended release
4-yl)methylphosphinsäure
TRAP Transmembran-AMPA-regulierendes Y
Protein Y-BOCS Yale-Brown Obsessive Compulsive
TRH Thyreotropin-Releasing-Hormon Scale
TRK A,B,C Tyrosinkinaserezeptoren für NGF, YMRS Young Manic Rating Scale
BDNF, NT
Trk-Rezeptor Track-Rezeptor Z
TRPV1 transient receptor potential channel ZVT Zahlenverbindungstest
(Vanilloidrezeptor)
TSH Thyreotropin
TST total sleeping time
TTX Tetrodotoxin
TZA trizyklische Antidepressiva

U
UAW unerwünschte Arzneimittelwirkung
UCN Urokortin
UM ultrarapid metabolizer
UPDRS Unified Parkinson’s Disease Rating
Scale
UTP Uridintriphosphat
Zur Konzeption einer funktionalen
Psychopharmakotherapie
Gerhard Gründer

1 Die Dekonstruktion 4 Wunsch und Wirklichkeit


nosologischer Systeme in der Arzneimittelforschung:
im 21. Jahrhundert – 2 alte Medikamente für neue Indikationen –6

2 Vom Endophänotypus 5 Ausblick: Wohin geht


zur funktionalen Klassifikation die Psychopharmakotherapie? –7
und Therapie – 3 Literatur – 8

3 Psychopharmakotherapie der Zukunft:


»selektiv unselektive« Medikamente
oder »rationale Polypharmazie«? – 5
2 Zur Konzeption einer funktionalen Psychopharmakotherapie

1 Die Dekonstruktion den. Dies waren wesentliche Grundlagen für den Weg aus
nosologischer Systeme der »nosologischen Sackgasse«, der letztendlich aber erst
im 21. Jahrhundert mit der modernen molekulargenetischen Forschung aus-
gebaut werden konnte.
Die von Emil Kraepelin vor mehr als hundert Jahren for- So konnten in groß angelegten Studien zur gene-
mulierte und konzeptualisierte Dichotomie zwischen tischen Basis der »funktionellen« Psychosen aus den letz-
»Dementia praecox« und »manisch-depressivem Irre- ten Jahren eine ganze Reihe von Risikogenen für schizo-
sein« steht prototypisch für die psychiatrischen Klassifi- phrene und bipolare Störungen identifiziert werden.
kationssysteme auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Diese Linkage-, Familien- und Zwillingsstudien legen
zentrale Grundannahme der Kraepelinschen nosolo- nahe, dass das genetische Risiko für diese Störungen über
gischen Taxonomie postuliert, dass psychische Störungen die Kraepelinschen nosologischen Grenzen hinweg über-
nicht nur auf einer Achse – der psychopathologischen tragen wird (Craddock et al. 2006). Nach dem derzeitigen
Phänomenologie – gruppiert werden können, sondern in Kenntnisstand erhöhen bestimmte Varianten im DTN-
einer festen Beziehung zu anderen Variablen wie Schwere- BP1-Gen (dystrobrevin binding protein 1, Dysbindin) v. a.
grad, Verlauf oder Komorbidität mit anderen Erkran- das Risiko für schizophrene Störungen, während die Gene
kungen stehen. Danach lassen sich psychische Störungen für DAOA/G30 (DAOA: D-amino acid oxidase activator,
in distinkte Krankheitsentitäten einteilen, denen eine je früher G72) und BDNF (brain-derived neurotrophic fac-
eigene Ätiologie zugrunde liegt. tor) besonders mit dem Risiko für bipolare Störungen
Dieser nosologische Ansatz dominiert das Denken in assoziiert sind. Varianten der Gene für DISC1/2 (disrupted
der akademischen Psychiatrie seit der Mitte des 19. Jahr- in schizophrenia) und NRG1 (Neuregulin) wiederum
hunderts, als Rudolf Virchow mit seiner »Zellularpatho- scheinen das Risiko für beide Störungen zu erhöhen.
logie« die Grundlagen für eine kategoriale Klassifikation ⊡ Tab. 1 zeigt, welche Gene mit welcher Gewichtung
von somatischen Erkrankungen nach ihrer Histopatholo- nach unserem aktuellen Verständnis mit dem Risiko für
gie legte. In dem Begehren einer wissenschaftlichen Psy- eine schizophrene, schizoaffektive oder bipolare Störung
chiatrie, den Anschluss an allgemeine medizinische Stan- assoziiert sind. Daraus folgt unmittelbar, dass der im in-
dards zu gewinnen, hat man sich bis heute bemüht, die dividuellen Patienten ausgeprägte Phänotyp durch die
neuropathologischen Wurzeln der von Kraepelin (und individuelle Ausprägung und Kombination der verschie-
später von der International Classifcation of Diseases ICD denen Risikogene bestimmt wird. ⊡ Abb. 1 illustriert die
und dem Diagnostic and Statistic Manual of Mental Dis- Beziehung zwischen spezifischen Risikogenen und ver-
orders (DSM) definierten Entitäten zu identifizieren. Die- schiedenen klinischen Phänotypen. Zwar basieren diese
ser Ansatz muss heute als gescheitert betrachtet werden. Beobachtungen primär doch wieder auf den klassischen
Für keine einzige nosologische Krankheitsentität in der Diagnosen, doch wird deren Unschärfe deutlich.
Psychiatrie – mit Ausnahme der Demenzen – existiert ein Die Entwicklungen, die durch Modelle solcher Art
biologischer Marker oder ein spezifischer Organbefund, aufgezeigt werden, implizieren eine völlige Restrukturie-
anhand derer eine solche Störung zweifelsfrei zu identifi- rung der psychiatrischen Klassifikationssysteme in den
zieren wäre. Nahezu alle biologischen Befunde haben sich nächsten Jahren. Gegenwärtig sind bestimmte, klassisch-
als diagnostisch unspezifisch erwiesen. nosologisch definierte Störungen nur lose mit bestimm-
Angesichts der extremen phänomenologischen Hete- ten Risikogenen assoziiert. Da Gene nicht für Krank-
rogenität, die viele Krankheitsgruppen auszeichnet, ist heiten, sondern für Proteine kodieren, wird man in den
dies auch nicht verwunderlich. Die alltägliche klinische nächsten Jahren bemüht sein, diesen Risikogenen be-
Beobachtung, dass die typische »Schizophrenie« und die stimmte funktionelle Teilaspekte der klassischen psy-
typische »manisch-depressive Krankheit« Idealtypen chischen Störungen zuzuordnen. Diese als intermediäre
eines phänomenologischen Kontinuums darstellen, führ- Phänotypen (oder Endophänotypen) bezeichneten Cha-
te dann auch zur Forderung, dass kategoriale durch di- rakteristika kennzeichnen spezifische, umschriebene
mensionale Klassifikationssysteme abzulösen seien (z. B. Hirnfunktionen, die bei psychiatrischen Erkrankungen in
Crow 1990). Bereits 1955 hatte Freyhan vorgeschlagen, die meist definierter Weise gestört sind. Sie stellen Marker
Therapie nicht an Krankheitsentitäten, sondern an Ziel- dar, die näher am genetisch-biologischen Substrat einer
symptomen (target symptoms) zu orientieren (Freyhan Störung lokalisiert sind als die heterogene psychopatho-
1955). Für ganze Störungsgruppen waren schon vor mehr logische Phänomenologie, die das Resultat der komple-
als 20 Jahren multiaxiale, phänomenologisch orientierte xen Interaktion zahlreicher intermediärer Phänotypen
Klassifikationssysteme vorgeschlagen worden (Benkert ist. Durch die exakte genetische und biologische Charak-
et al. 1985). Alle diese Bestrebungen fanden ihren Nieder- terisierung dieser Endophänotypen werden sich neue
schlag auch in den letzten Revisionen der ICD und des Konzepte von gesunder und gestörter Hirnfunktion ent-
DSM, mit denen Schritte zu einer phänomenologischen wickeln. Dies wird auch völlig neue Ansätze für die Psy-
Betrachtungsweise psychischer Störungen gemacht wur- chopharmakotherapie eröffnen.
3
2 · Vom Endophänotypus zur funktionalen Klassifikation und Therapie

⊡ Tab. 1. Die aktuelle Evidenz für die Bedeutung verschiedener Risikogene für die Pathophysiologie schizophrener, schizoaffektiver
und bipolarer affektiver Störungen. (Nach Craddock et al. 2006)

Gen/Locus Chromosomale Bedeutung bei Bedeutung bei gemischt Bedeutung bei


Lokalisation schizophrenen psychotischen/affektiven bipolaren Störungen
Störungen Symptomen

Dysbindin 6p22 +++++ +


Neuregulin 1 8p12 ++++ + +
DISC 1 1q42 +++ ++ +
COMT 22q11 + +
DAOA (G72)/G30 13q33 ++ ++
BDNF 11p13 + ++

DISC disrupted in schizophrenia, COMT Katecholamin-O-Methyltransferase, DAOA D-amino acid oxidase activator, BDNF brain-derived
neurotrophic factor
Mehr +-Zeichen zeigen einen höheren Grad der Evidenz an. Die Skalierung ist relativ. Es ist zu beachten, dass verhältnismäßig wenige
Studien mit einer schizoaffektiven Phänomenologie durchgeführt wurden.

⊡ Abb. 1. Vereinfachtes Modell DISC1 DAOA


für die Beziehung zwischen spe- Risikogene Dysbindin
NRG1 BDNF
zifischen Suszeptibilitätsgenen
(oberhalb der schwarzen Linie)
und klinischen Phänotypen
(unterhalb der schwarzen Linie).
Die überlappenden Ellipsen reprä-
sentieren überlappende Sätze
von Genen. DISC disrupted in
schizophrenia, NRG Neuregulin,
DAOA D-amino acid oxidase acti-
vator, BDNF brain-derived neuro-
trophic factor. (Nach Craddock
et al. 2006)

Prototypische Prominente psychotische und Prototypische


Schizophrenie affektive Merkmale affektive Störung

DSM IV
DSM IV Schizophrenie Schizo- DSM IV Affektive Störung
affektive
Störung

2 Vom Endophänotypus nen Genen und diesem Phänotypen immer gering sein.
zur funktionalen Klassifikation Die intermediären Phänotypen A, B und C stellen demge-
und Therapie genüber Korrelate von Hirnfunktionen dar, die durch nur
eines oder wenige Gene beeinflusst werden. Sie sind ei-
Endophänotypen sind neurobiologische Krankheitskor- nerseits durch das einzelne Gen stärker determiniert, an-
relate, die von unmittelbaren Geneffekten direkter beein- dererseits repräsentieren sie oft einen wichtigen Teilas-
flusst sind und vermutlich einer weniger komplexen ge- pekt gestörter Hirnfunktion bei psychischen Störungen.
netischen Determination unterliegen als der Krankheits- Das Konzept der intermediären Phänotypen erklärt
phänotyp (Kap. 21). ⊡ Abb. 2 zeigt die diesem Konzept zwanglos, warum zahlreiche Studien, die kategorial Pati-
zugrunde liegende Beziehung zwischen einer Vielzahl enten einer nosologischen Krankheitsentität mit einem
von Risikogenen und dem Krankheitsphänotyp. Der gesunden Kontrollkollektiv vergleichen, keinen Grup-
Krankheitsphänotyp auf der komplexen Verhaltensebene penunterschied hinsichtlich der Ausprägung definierter
wird durch alle diese Suszeptibiliätsgene (und ihre Inter- Biomarker dokumentieren, Assoziationen dieser Marker
aktionen mit einer Vielzahl von Umweltfaktoren) beein- mit bestimmten Charakteristika der Störung aber sehr
flusst, jedoch werden die Assoziationen zwischen einzel- wohl gefunden werden. So konnte eine kanadische Ar-
4 Zur Konzeption einer funktionalen Psychopharmakotherapie

⊡ Abb. 2. Hypothetische Bezie- Ätiologische Gehirnstrukturen/ Psycho-


hung zwischen Suszeptibilitäts- Faktoren -funktionen pathologisch
genen (links) und dem Phänotyp Frühe
der Erkrankung (rechts). Gene Umwelt-
(Aus Zobel u. Maier 2004) faktoren

1
A
Ungünstige
2 Umwelt
Krankheit

3
Unter-
4 B schwellige
Symptome
5
6 Protektive
C Umwelt Keine
Dysfunktion
7

Intermediäre Behaviorale
Phänotypen Phänotypen

beitsgruppe in einer Studie mithilfe der Positronenemis- Stimulans deutlich vermindert bzw. sogar aufgehoben
sionstomographie in einem kategorialen Gruppenver- (Martinez et al. 2005). Beide Veränderungen zusammen
gleich keinen Unterschied zwischen depressiven Pati- werden als neurobiologisches Substrat einer verminder-
enten und gesunden Kontrollen hinsichtlich der ten Sensitivität gegenüber verstärkenden Substanzen auf-
Verfügbarkeit des zerebralen Serotonintransporters fin- gefasst. Die Aktivität dopaminerger Systeme könnte auch
den (Meyer et al. 2004). Es ließ sich jedoch ein signifi- einen Teil der Vulnerabilität für Substanzabhängigkeiten
kanter Zusammenhang zwischen der Serotonintranspor- darstellen. So erleben gesunde Probanden mit der nied-
ter-Verfügbarkeit mit dem Ausmaß von dysfunktionalen rigsten striatalen D2-Rezeptorverfügbarkeit die stärksten
Einstellungen bei den Patienten nachweisen. Die Pati- positiven Wirkungen nach Applikation von Methylphe-
enten mit den ausgeprägtesten dysfunktionalen Einstel- nidat. Neueste Befunde deuten an, dass die Söhne alko-
lungen wiesen die höchste Serotonintransporter-Verfüg- holabhängiger Väter ein geringeres Risiko für die Ent-
barkeit auf (Meyer et al. 2004). Auch hinsichtlich der wicklung einer Abhängigkeit haben, wenn sie eine hohe
Verfügbarkeit des Serotonin-5-HT2-Rezeptors erscheinen striatale D2-Rezeptor-Verfügbarkeit aufweisen (Volkow
Zusammenhänge mit psychopathologischen Charakteris- et al. 2006).
tika besser belegt als Assoziationen mit dem Krankheits- Diese und viele andere inzwischen vorliegende Be-
phänotyp an sich. funde zeigen, dass sich die klassischen Krankheitsenti-
Dies legen auch Befunde zur dopaminergen Neuro- täten Schizophrenie, Depression oder Alkoholabhängig-
transmission bei depressiven Störungen nahe. So weisen keit besser durch heterogene neurobiologische Funkti-
depressive Patienten mit dem Charakteristikum einer onsstörungen beschreiben lassen, die vielfach überlappen
motorischen Hemmung eine erhöhte D2-Rezeptorverfüg- und so nicht nur die phänomenologische Heterogenität
barkeit im Putamen auf, was nach heutigen Modellen auf erklären, sondern auch z. B. das Phänomen der Komorbi-
verminderte synaptische Dopaminkonzentrationen in dität. In Zukunft wird man diese Störungen – wenn sie
dieser Hirnstruktur hinweist (Meyer et al. 2006). Ein sol- dann noch existieren – durch eine Komposition von En-
cher Typus einer depressiven Störung mit einer vermin- dophänotypen (und eventuell der für sie kodierenden
derten dopaminergen Neurotransmission, der neben der Gene) und die dadurch bestimmten Funktionsstörungen
motorischen Verlangsamung auch durch eine ausge- beschreiben. Eine derart an intermediären Phänotypen
prägte Anhedonie gekennzeichnet ist, könnte einen neu- entwickelte Klassifikation stellt die Fortführung der
robiologisch definierten Subtyp der heterogenen Entität »funktionalen Psychopathologie« nach van Praag dar, der
»Depression« darstellen, der aufgrund seiner spezifischen eine Assoziation zwischen psychopathologischen Dimen-
Biologie auch einer besonderen Therapie bedarf. sionen und definierten Störungen der monoaminergen
Bei Patienten mit einer Substanzabhängigkeit scheint Neurotransmission postulierte (van Praag et al. 1990).
die reduzierte Dopamin-D2-Rezeptorverfügbarkeit im Benkert hatte vorgeschlagen, die Klassifikation psy-
ventralen Striatum, einer zentralen Struktur des Beloh- chischer Störungen aufgrund ihres Ansprechens auf eine
nungssystems des Menschen, ein Befund zu sein, der spezifische Pharmakotherapie vorzunehmen (Benkert
Substanzabhängigkeit per se kennzeichnet. Gleichzeitig 1990;  Kap. 21). Für die Gruppe der Störungen, die auf
ist bei diesen Patienten – und auch das offenbar unabhän- einen SSRI ansprachen, schlug er den Terminus »Sero-
gig von der Substanz – die Dopaminfreisetzung auf ein tonin-Dysfunktions-Syndrom« vor (Benkert 1990). Eine
5
3 · Psychopharmakotherapie der Zukunft

derart funktional definierte Störung wird dann notwen- se auf Negativsymptome vermitteln. Clozapin ist der Pro-
digerweiser Ausgangspunkt für eine individualisierte, an totyp einer magic shotgun. Kein Antipsychotikum bindet
Endophänotypen orientierte Pharmakotherapie sein, die an derart viele unterschiedliche molekulare Targets und
man – in Anlehnung an die von Benkert und van Praag entfaltet derart heterogene pharmakologische Effekte. Bis
vorgeschlagenen Termini – »funktionale Psychopharma- heute jedoch ist nicht geklärt, welche pharmakologischen
kotherapie« nennen kann. Eigenschaften Clozapin trotz aller Neuentwicklungen der
letzten Jahre aus der Gruppe der »atypischen« Antipsy-
chotika herausheben.
3 Psychopharmakotherapie Zwar hat es in den letzten Jahren und Jahrzehnten
der Zukunft: »selektiv vielfältige Bemühungen gegeben, Antipsychotika zu ent-
unselektive« Medikamente wickeln, die nicht an D2-artige Dopaminrezeptoren bin-
oder »rationale Polypharmazie«? den, sondern an andere Zielmoleküle, für die sich zwang-
los eine Rationale für eine Beteiligung an der Pathophy-
Während die pharmazeutische Industrie auf allen Gebie- siologie schizophrener Störungen konstruieren ließ. Die
ten der Medikamentenentwicklung bestrebt ist, möglichst meisten dieser Substanzen waren selektiv für einen Re-
selektive Substanzen zu schaffen, die nur an eine defi- zeptor bzw. ein Zielmolekül (d. h., sie waren konzipiert
nierte molekulare Zielstruktur binden, ist in der Psycho- als magic bullets), ganz so, wie man sich dies als Ziel einer
pharmakologie das interessante Phänomen zu beobach- naturwissenschaftlich fundierten Pharmakotherapie
ten, dass Medikamente mit »angereicherter« Pharmako- wünscht. Dennoch war diese Entwicklungsstrategie bis
logie klinisch am erfolgreichsten sind. Der amerikanische heute nicht erfolgreich. Keines dieser magic bullets hat
Pharmakologe Bryan Roth bezeichnet diese Substanzen Marktreife erreicht, und viele der hoffnungsvollsten Subs-
als magic shotguns (magische Schrotkugeln), womit er tanzen haben sich in der klinischen Prüfung als den etab-
deren Eigenschaft bezeichnet, in der Art einer Schrotku- lierten Substanzen nicht ebenbürtig erwiesen, obwohl sie
gel eine Vielzahl von Zielmolekülen zu beeinflussen (Roth in den einschlägigen Tiermodellen antipsychotische
et al. 2004). Er stellt diesen Substanzen magic bullets ge- Wirksamkeit nahe legten.
genüber, die selektiv für ein einzelnes Zielmolekül sind. So war der selektive 5-HT2-Rezeptorantagonist
Obwohl in den letzten 20 Jahren v. a. selektive Antide- M100907 in der präklinischen Entwicklung durch eine
pressiva (z. B. SSRI) entwickelt wurden, zeigen Metaana- Charakteristik wie Clozapin ausgewiesen. In der kli-
lysen, dass nichtselektive Medikamente den selektiven nischen Prüfung war die Substanz dann zwar Plazebo
Substanzen gerade bei schwereren Störungen überlegen überlegen, sie hat sich jedoch im Vergleich mit Haloperi-
zu sein scheinen. dol als diesem nicht gleich wirksam erwiesen. Darauf
Ein besonders anschauliches Beispiel für die weite wurde die weitere Entwicklung der Substanz in der Indi-
Verbreitung von Substanzen mit »angereicherter« Phar- kation Schizophrenie eingestellt. Beispiele für Substan-
makologie stellt jedoch die Gruppe der »atypischen« An- zen, die in der klinischen Prüfung selbst Plazebo nicht
tipsychotika dar. Mit der Ausnahme von Amisulprid sind ebenbürtig waren, sind der partielle D3-Rezeptorantago-
alle bis heute zugelassenen »atypischen« Antipsychotika nist (+)-UH232, der CB1-Cannabinoidrezeptorantagonist
nicht selektiv für D2-artige Dopaminrezeptoren. Alle SR-141716 oder der kombinierte D4-/5-HT2-Rezeptorant-
Substanzen dieser Gruppe binden auch mit mehr oder agonist Fananserin. Ob sich selektive Liganden an meta-
weniger hoher Affinität botropen Glutamatrezeptoren, die sich derzeit in der kli-
 an verschiedene Serotoninrezeptoren (v. a. 5-HT1A- nischen Prüfung befinden, klassischen und »atypischen«
und 5-HT2-Rezeptoren, an denen sie nicht nur als Substanzen überlegen oder zumindest ebenbürtig zeigen,
Antagonisten, sondern auch als Agonisten wirken bleibt abzuwarten. Analoge Beispiele aus der Antidepres-
können, dann aber auch an 5-HT6- und 5-HT7-Rezep- sivaforschung finden sich in  Kap. 8.
toren, über die zumindest teilweise ihre »atypischen« Derzeit scheint die Gabe »selektiv unselektiver Arz-
Eigenschaften erklärt werden), neimittel« die aussichtsreichste medikamentöse Strategie
 an muskarinische Acetylcholinrezeptoren, für viele phänomenologisch heterogene, multifaktoriell
 an α1-adrenerge Rezeptoren und teilweise auch bedingte und polygenetische Erkrankungen, wie psy-
 an Serotonin- und Noradrenalintransporter (Ziprasi- chische Störungen sie darstellen, zu sein. Die in der Psy-
don, Zotepin). chiatrie extrem weit verbreitete Polypharmazie ist das
klinische Korrelat für diese von vielen Klinikern intuitiv
Der ausgeprägte Antagonismus an H1-Histaminrezep- als richtig empfundene Strategie. Erst die exakte Charak-
toren, der v. a. Clozapin und Olanzapin auszeichnet, wird terisierung eines individuellen Patienten auf der Ebene
von einigen Autoren nicht nur für die Nebenwirkungen der intermediären Phänotypen jedoch wird den gezielten
(Sedierung, Gewichtszunahme) dieser Substanzen ver- Eingriff in gestörte Hirnfunktionen erlauben ( Kap. 8).
antwortlich gemacht, sondern soll auch günstige Einflüs- Dies wird den Einsatz mehrerer unterschiedlicher Subs-
6 Zur Konzeption einer funktionalen Psychopharmakotherapie

tanzen mit unterschiedlichem Angriffspunkt bedingen bei der Strategie der »Repositionierung« einer bekannten
und wäre der Beginn einer genuin neurobiologisch fun- Substanz in einer neuen Indikation für die pharmazeu-
dierten »rationalen Polypharmazie«. Der Weg dorthin tische Industrie am günstigsten (während die Neuent-
setzt gänzlich neue Wege der Arzneimittelprüfung und wicklung einer Substanz für eine »Nischenindikation« die
der Zulassungspraxis voraus. Beide sind heute vollständig ungünstigste Ertrags-Risiko-Relation darstellt).
an den nosologischen Systemen ICD und DSM orientiert. Gerade im Bereich der Psychopharmakologie gibt es
Neben diesen Hürden stellt die Risikoscheu der pharma- viele Beispiele aus den letzten Jahren, bei denen eine sol-
zeutischen Industrie die größte Barriere auf dem Weg che Repositionierung stattgefunden hat (Ashburn u. Thor
dorthin dar. 2004). So wurde der Dopamin- und Noradrenalinwieder-
aufnahmehemmer Bupropion 1996 in den USA zunächst
als Antidepressivum zugelassen (als Wellbutrin), 1997
4 Wunsch und Wirklichkeit dann als Medikament zur Unterstützung der Nikotinent-
in der Arzneimittelforschung: wöhnung (als Zyban). In Deutschland wurde Bupropion
alte Medikamente erst 2007 als Elontril in der Antidepressiva-Indikation
für neue Indikationen zugelassen. 2003 wurde Wellbutrin weltweit im Wert von
1,56 Mrd. US$ verkauft, Zyban zusätzlich im Wert von
Die pharmazeutische Industrie befindet sich heute in der 125 Mio. US$.
Situation, dass trotz stetig weiter steigender Ausgaben für Der selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer
Forschung und Entwicklung die Zahl der neu zugelas- (SSRI) Dapoxetin – obwohl ursprünglich als Antidepres-
senen Medikamente seit Jahren stagniert. So stiegen in sivum entwickelt – wird den Markt angesichts der Viel-
den USA die Aufwendungen für die Medikamentenent- zahl der verfügbaren Substanzen dieser Klasse wohl nie in
wicklung zwischen 1990 und 2003 von knapp 10 Mrd. US$ der geplanten Indikation erreichen. Die Substanz befin-
auf mehr als 33 Mrd. US$, während in der gleichen Zeit die det sich nun in der Indikation Ejaculatio praecox im Zu-
Zahl der Neuzulassungen mit etwa 60 Substanzen pro lassungsverfahren bei der amerikanischen FDA. Obwohl
Jahr konstant blieb (Ashburn u. Thor 2004). Die Neuent- alle auf dem Markt befindlichen SSRI die Ejakulation ver-
wicklung eines Pharmakons bis zur klinischen Reife be- zögern und dementsprechend auch – allerdings außer-
ansprucht heute bis zu 17 Jahre, im günstigsten Fall dauert halb der zugelassenen Indikation, d. h. off label – thera-
es immer noch zehn Jahre, bis mit einem Medikament peutisch eingesetzt werden können, wäre bei einer Zulas-
Profite erwirtschaftet werden. Die Wahrscheinlichkeit, sung Dapoxetin die erste und einzige Substanz, die bei
dass eine Substanz, für die ein Erfolg versprechendes Tar- vorzeitiger Ejakulation indikationsgerecht verschrieben
get ausgemacht wurde, tatsächlich den Markt erreicht, werden könnte. Angesichts des gewaltigen geschätzten
beträgt weniger als 10%. Dabei kann eine Substanz auch Marktpotenzials (750 Mio. US$ pro Jahr) ist die Entwick-
nach Jahren der aufwändigen und kostenintensiven Ent- lung eines SSRI in dieser Indikation aus der Perspektive
wicklungsarbeit noch scheitern, so z. B. wenn sich ihre der pharmazeutischen Industrie als ausgesprochen sinn-
Pharmakokinetik im Menschen als ungünstig herausstellt voll zu bewerten.
oder wenn sich nach Beginn der Studien am Menschen Der Noradrenalin- und Serotoninwiederaufnahme-
plötzlich Sicherheitsbedenken ergeben, die vorher nicht hemmer Duloxetin, der vor wenigen Jahren in Deutsch-
absehbar waren. Und selbst nach der erfolgreichen Ver- land als Antidepressivum zugelassen wurde (als Cymbal-
marktung einer Substanz kann eine neue Risikoeinschät- ta), wurde parallel in den Indikationen Depression und
zung ein über viele Jahre erfolgreich verkauftes Medika- Stressinkontinenz entwickelt. Das weltweite Umsatzpo-
ment am Markt diskreditieren, wie das Beispiel Olanzapin tenzial in der Antidepressiva-Indikation wurde 2004 auf
in den USA zeigt. 1,2 Mrd. US$ geschätzt; immerhin weitere 800 Mio. US$
Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass Umsatz wurden in der Indikation Stressinkontinenz für
die pharmazeutische Industrie in den letzten Jahren ver- möglich gehalten.
stärkt die Strategie verfolgt, bekannten, bereits zugelas- Noch bedeutsamer für die psychiatrische Pharmako-
senen Medikamenten neue Indikationen zu erschließen therapie sind möglicherweise die Erweiterungen der Indi-
(Ashburn u. Thor 2004). Dadurch entfallen oder vermin- kationen für die Gruppe der »atypischen« Antipsychoti-
dern sich zumindest ganz wesentliche Risiken gerade aus ka. Während diese bis vor einigen Jahren lediglich für die
der Spätphase der Medikamentenentwicklung, und die Behandlung von schizophrenen Störungen zugelassen
Kosten für die frühen Entwicklungsphasen fallen nicht an waren, hat sich eine ganze Reihe von Substanzen dieser
oder reduzieren sich deutlich. Pharmakokinetik und Si- Gruppe auch bei bipolaren affektiven Störungen als wirk-
cherheitsrisiken einer Substanz sind dann bereits be- sam erwiesen. So sind Olanzapin, Quetiapin, Risperidon
kannt. Die Zeit bis zur Zulassung einer »alten« Substanz und Ziprasidon auch zur Behandlung von manischen
in einer neuen Indikation verkürzt sich dadurch auf 3– Syndromen zugelassen. Mit der Zulassung von Aripipra-
12 Jahre. Das Verhältnis zwischen Ertrag und Risiko ist zol in dieser Indikation ist zu rechnen. Olanzapin wurde
7
5 · Ausblick: Wohin geht die Psychopharmakotherapie?

2003 unter bestimmten Bedingungen auch zur Prophyla- schaubare Zahl neurochemischer Veränderungen nach
xe von bipolaren Störungen zugelassen. Quetiapin erhielt sich zieht, ohne dass das therapeutische Prinzip dieser
in den USA inzwischen die Zulassung bei bipolarer De- Therapie bekannt wäre, ist diese Art der Schrotschuss-
pression, nach Vorlage der von der EMEA geforderten Pharmakotherapie darauf gerichtet, schon irgendwie
Langzeitstudien ist mit der Zulassung auch in Europa zu auch jenen Mechanismus zu »treffen«, der für die Störung
rechnen. Letztere Ergebnisse führten dazu, über die kli- des individuellen Patienten verantwortlich ist.
nische Prüfung von Quetiapin auch bei unipolarer De- Nach einer Phase der Euphorie in den ersten Jahr-
pression und bei Angststörungen nachzudenken. Auf- zehnten der psychiatrischen Pharmakotherapie stehen
grund der besonderen pharmakologischen Eigenschaften wir heute vor einer paradoxen Situation. Setzen sich die
von Aripiprazol als partiellem Dopaminrezeptoragonis- Bestrebungen der pharmazeutischen Industrie in der im
ten könnte sich die Substanz als hilfreich bei der Entwöh- letzten Abschnitt skizzierten Weise weiter fort, wird man
nung von Patienten mit Substanzabhängigkeiten erwei- also demnächst »atypische« Antipsychotika auch zur Be-
sen. Diese Entwicklungen zeigen, dass der Begriff des handlung von unipolaren Depressionen und Suchter-
»atypischen« Antipsychotikums einem gravierenden Be- krankungen einsetzen, und es lässt sich die Situation in
deutungswandel unterworfen werden muss, ähnlich wie einigen Jahren überspitzt vielleicht so beschreiben, dass
dies vor vielen Jahren schon für den Begriff des Antide- nahezu jeder Patient, der zur stationären Aufnahme in
pressivums hätte geschehen müssen, da doch diese Subs- eine psychiatrische Klinik kommt, unabhängig von seiner
tanzen schon lange nicht mehr nur zur Behandlung de- Störung mit nur einem einzigen Pharmakon (mit einer
pressiver Syndrome benutzt werden (und für viele andere dann »äußerst angereicherten« Pharmakologie) nicht
Indikationen zugelassen sind). schlecht behandelt wäre. Diese Situation steht in krassem
Die hier aufgezeichnete Entwicklung der zuneh- Gegensatz zu unserem explosionsartig anwachsenden
menden Erweiterung von Indikationen für einige wenige Wissen über die biologischen Ursachen psychischer Stö-
Substanzen, die sich als besonders erfolgreich erwiesen rungen und über die molekularen Wirkungsmechanis-
haben, mag aus der Sicht der forschenden Industrie nach- men von Psychopharmaka, zumindest in vitro und im
vollziehbar sein, maximiert sie doch den Profit bei gleich- Tiermodell. Jedoch steht diese Elaboriertheit der pharma-
zeitiger Risikoreduktion. Auf der anderen Seite ist diese kologischen Modelle in krassem Gegensatz zu der heute
Strategie jedoch hochgradig innovationsfeindlich, da sie täglich geübten Praxis der psychiatrischen Pharmakothe-
die Identifizierung neuer Zielmoleküle bzw. -strukturen rapie.
und die Entwicklung innovativer Behandlungsstrategien Die Erkenntnisse, die mit der Entschlüsselung des hu-
behindert oder diesen zumindest nicht förderlich ist. manen Genoms verbunden sind, machen die Situation
Nach dem gegenwärtig geübten Konzept ist die Firma am noch paradoxer. Mit den Mitteln der Genomik und Pro-
erfolgreichsten, deren Substanz die breiteste, unselektivs- teomik wird es, zusammen mit der Charakterisierung von
te Pharmakologie aufweist. Endophänotypen durch moderne bildgebende Verfahren
Die Entwicklung zeigt aber auch sehr eindrücklich, sowie durch elektrophysiologische und neuropsycholo-
dass gemeinsame neurobiologische Fundamente für viele gische Methoden, in absehbarer Zeit zumindest prinzipi-
psychische Störungen existieren, die in den bisherigen ell möglich sein, die molekulare Pathophysiologie, die der
nosologischen Systemen künstlich getrennt sind. Die individuellen Störung des einzelnen Patienten zugrunde
Aufgabe, eine »selektiv unselektive« Pharmakotherapie liegt, im Detail zu definieren. Schon heute sind bestimm-
nach dem Schrotschussprinzip durch eine »selektive« Po- te genetische Polymorphismen bekannt, die das Risiko
lypharmazie zu ersetzen, ist eine der größten Herausfor- für bestimmte Nebenwirkungen, die mit einer definierten
derungen der Psychiatrie der nächsten Jahrzehnte. Pharmakotherapie verbunden sind, und das klinische
Ansprechen auf diese Substanz, determinieren. Es wird in
absehbarer Zeit theoretisch möglich sein, für eine be-
5 Ausblick: Wohin geht die stimmte individuelle genetische und neurobiologische
Psychopharmakotherapie? Ausstattung des individuellen Patienten eine Pharmako-
therapie festzulegen, von der dieser Patient maximal pro-
Aus den in den letzten beiden Abschnitten gezeichneten fitiert, ohne dabei unter Nebenwirkungen zu leiden. So
Entwicklungen folgt die interessante Situation, dass für ist, wenn nur genügend Aufwand getrieben wird, eine
die Therapie immer zahlreicherer psychischer Erkran- maßgeschneiderte Therapie für den einzelnen Patienten,
kungen, über deren Pathophysiologie immer mehr Wis- der sich in unsere Behandlung begibt, zumindest in theo-
sen angehäuft wird, immer weniger Medikamente einge- retischer Reichweite ( Kap. 8).
setzt werden, die eine solche Vielzahl molekularer Ziel- Dieses Dilemma ist mit der Metapher »Medikamente
strukturen beeinflussen, dass die Prinzipien, nach denen nach Maß oder für die Masse?« zutreffend beschrieben. Es
diese Medikamente wirken, nicht mehr erkennbar sind. ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass sich die Industrie
Ähnlich wie die Elektrokrampftherapie, die eine unüber- auf eine so individualisierte Therapie einstellen wird, da
8 Zur Konzeption einer funktionalen Psychopharmakotherapie

sie zumindest aus heutiger Sicht kaum profitabel er-


scheint. Aus dieser Perspektive erscheint es plausibler,
eine künftige Pharmakotherapie an Endophänotypen zu
orientieren, weil dieser Ansatz die Varianz erheblich re-
duziert. Hier wäre durch eine endliche Zahl von spezi-
fischen Substanzen in gestörte Hirnfunktionen einzugrei-
fen, die einerseits hinreichend klar mit einigen wenigen
definierten Genen assoziiert sind, andererseits aber auch
einen Teilaspekt der klinischen Phänomenologie des Pa-
tienten abbildet. Der Anspruch einer rationalen »funkti-
onalen Pharmakotherapie« muss es sein, die genetischen
und neurobiologischen Ursachen psychischer Störungen
zu definieren und die Pharmakotherapie daran so indivi-
duell wie möglich auszurichten. Dies kann nur durch die
Zusammenarbeit von Wissenschaft, Pharmaindustrie
und Politik gelingen.

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I

Historische Entwicklung

1 Die moderne Psychopharmakologie aus wissenschaftshistorischer Sicht – 11


Matthias M. Weber
1

1 Die moderne Psychopharmakologie


aus wissenschaftshistorischer Sicht
Matthias M. Weber

1.1 Grundprobleme 1.5 Chloralhydrat – das erste moderne


der wissenschaftshistorischen Darstellung Psychopharmakon – 17
der modernen Psychopharmakologie – 12
1.6 Industrie und Wissenschaft – 18
1.2 Aktuelle Ausgangspunkte
einer wissenschaftshistorischen Analyse – 13 1.7 Chlorpromazin, Imipramin
und die biologische Psychiatrie – 20
1.3 Die Entstehung der zentralen Begriffe
Psychopharmakon und Serendipity – 14 1.8 Neue »Serendipities«
nach alten Strategien? – 22
1.4 Die traditionelle Pharmakotherapie psychischer Literatur – 23
Störungen am Beispiel von Opium – 15
12 Kapitel 1 · Die moderne Psychopharmakologie aus wissenschaftshistorischer Sicht

Vor gröberen therapeutischen Illusionen wird die Erinne- und Lexika (Arnold et al. 1980) beruhen, deren Aufgabe
1 rung daran schützen, dass viele dieser Kranken bei einer nur selbstverständlich darin bestehen muss, den jeweils aktu-
nicht positiv schädlichen Behandlungsweise von selbst ge- ellen Kenntnisstand zu referieren. Andererseits trägt auch
nesen; der Gedanke an etwaige Specifica gegen das Irresein
im Ganzen ... wird sein Gegengewicht in der Erwägung fin-
das Forschungsinteresse der Medizingeschichte selbst zu
den, wie ausserordentlich verschieden in Bezug auf den ana- dieser Tendenz bei (Scull 1994). Im Vergleich zur kaum
tomischen Gehirnzustand und auf die Pathogenie die Er- überschaubaren Zahl der Veröffentlichungen über die
krankungen sind, welche die Symptome des Irreseins geben. Entwicklung und kulturhistorische Bedeutung der psy-
(Wilhelm Griesinger 1867, S. 481) chotherapeutischen Verfahren, insbesondere der Psycho-
analyse (Weber 1996), setzen sich nämlich nur wenige
Untersuchungen in gleicher Weise mit der Geschichte der
1.1 Grundprobleme Psychopharmakologie auseinander (Ban et al. 1998; Ban-
der wissenschaftshistorischen gen 1992; Caldwell 1970; Hall 1997; Healy 2002; Hummel
Darstellung der modernen 1987; Linde 1988; Swazey 1974; Weber 1999).
Psychopharmakologie Besonders schwierig zu beantworten ist dabei die Fra-
ge, in welchem Umfang und mit welchen Substanzen Psy-
Es gehört zur guten Übung medizinischer Handbücher, in chopharmakotherapie in den vergangenen medizinhisto-
einem einleitenden Kapitel die historische Entwicklung rischen Epochen konkret praktiziert wurde (Leibrock
des jeweiligen Fachgebiets zu schildern. Die Behandlung 1998), da einschlägige Quellen, z. B. Krankenakten, ent-
psychischer Störungen kann in der Medizin der Hochkul- weder nicht überliefert wurden, keine geeigneten Anga-
turen auf eine ungefähr zweieinhalb Jahrtausende umfas- ben enthalten, oder nur unter erheblichen methodischen
sende Entwicklung zurückblicken (Leibbrand u. Wettley Schwierigkeiten auszuwerten sind. Viele entscheidende
1961). In nahezu allen Epochen sind hierbei zwei metho- Quellen befinden sich außerdem in Firmenarchiven, die
dische Ansätze nachweisbar, die in der Praxis meist kom- der Öffentlichkeit nicht immer zur Verfügung stehen.
biniert wurden: Schließlich ist der Umstand zu berücksichtigen, dass die
 die Beeinflussung des Patienten durch Interaktion in biomedizinischen Wissenschaften seit der Mitte des
Gespräch und Ritual, d. h. durch Psychotherapie im 19. Jahrhunderts zunehmend durch interdisziplinäre An-
weitesten Sinne, sätze und die Arbeit in Forschungsgruppen geprägt sind,
 die Gabe von psychotropen Substanzen zur Modifika- weshalb einzelne Ergebnisse immer seltener nur einem
tion der körperlichen Vorgänge, die für den auffäl- Wissenschaftler oder nur einem ideengeschichtlichen
ligen psychischen Zustand verantwortlich gemacht Entwicklungsprozess zugeordnet werden können. Der
wurden. häufig anzutreffende Streit um Entdeckungsprioritäten
(Saunders 1965) sollte daher nicht mehr im Zentrum wis-
Die nichtpharmakologischen, somatisch orientierten senschaftshistorischer Untersuchungen stehen. Derartige
Verfahren, wie z. B. die traditionelle Hydrotherapie, die Auseinandersetzungen lenken eher von der Untersu-
heutige physikalische Medizin oder auch die verschie- chung des komplexen Bedingungsgefüges ab, das die
denen Formen der Konvulsionstherapie, bilden dabei ein Voraussetzung für die Entstehung pharmakologischer
breites und in ihren theoretischen Annahmen sehr hete- Innovationen darstellt.
rogenes Übergangsfeld zwischen Psychotherapie und Die Entwicklung eines Gebietes wie der Psychophar-
Pharmakotherapie. makologie wird von zahlreichen fachinternen Faktoren
Im Falle der modernen Psychopharmakologie scheint (z. B. Kenntnisstand der Grundlagenfächer, hermeneu-
sich jedoch auf den ersten Blick eine eingehende histo- tische Potenz der Labormethoden, Reichweite und Syste-
rische Erörterung zu erübrigen, da sie im Vergleich zu matisierungsgrad der Theoriebildung) und fachexternen
anderen, seit Jahrhunderten bestehenden medizinischen Faktoren (z. B. ökonomische, patentrechtliche, berufspo-
Disziplinen als eine Entwicklung der jüngsten Vergan- litische) bestimmt, deren Gewichtung und Bedeutung
genheit ohne relevante wissenschaftsgeschichtliche Di- mithilfe wissenschaftstheoretischer und -historischer
mension gilt. Befragt man etwa heute tätige Ärzte nach Modelle interpretiert werden können. Wie v. a. Ludwik
den Ursprüngen dieser für den klinischen Alltag außeror- Flecks Lehre vom Denkstil darlegte (Fleck 1935), steht je-
dentlich wichtigen Therapiemethode, wird häufig die der wissenschaftliche Prozess unweigerlich im kulturellen
Meinung geäußert, die gegenwärtige Psychopharmakolo- Gesamtzusammenhang mit den leitenden Ideen einer
gie sei in den 1950-er und 1960-er Jahren als Ergebnis der Epoche. Verglichen mit der bekannteren Theorie Thomas
systematischen Forschungen der so genannten biolo- Kuhns über die »Struktur wissenschaftlicher Revoluti-
gischen Psychiatrie entstanden (Benkert 1995). Einerseits onen« (Kuhn 1962), die so genannte Paradigmenwechsel
mag diese verbreitete Einschätzung auf den pädago- aufgrund wachsender Widersprüche innerhalb eines
gischen Notwendigkeiten der Wissensvermittlung in me- Theoriemodells als Agens des Erkenntnisfortschritts an-
dizinisch-psychologischen Lehrbüchern (Möller 2000) nimmt, kommt Flecks Auffassung nicht nur das zeitliche
1.2 · Aktuelle Ausgangspunkte einer wissenschaftshistorischen Analyse
13 1

und ideengeschichtliche Primat zu. Sie zeichnet sich auch hinzu, nehmen Arzneimittel zur Behandlung psychischer
dadurch aus, dass sie nicht aus dem Vorbild mathema- Störungen in der Rangfolge aller Indikationsgruppen den
tisch-physikalischer Erkenntnisprozesse abgeleitet wur- zweiten Platz hinter den Analgetika und Antirheumatika
de, sondern aus der medizinischen Mikrobiologie und ein. Insbesondere für die Antidepressiva ist hierbei lang-
Serologie. Vor diesem Hintergrund muss die Entstehung fristig eine steigende Tendenz zu beobachten.
der Psychopharmakologie insgesamt als Resultat des seit Dieser breiten therapeutischen Anwendung von Psy-
der Mitte des 19. Jahrhunderts kontinuierlich wachsen- chopharmaka im klinischen Alltag nahezu aller medizi-
den Einflusses des naturwissenschaftlichen Denkstils in nischen Fachgebiete steht häufig eine zurückhaltende bis
der Psychiatrie verstanden werden. ablehnende Haltung der Öffentlichkeit gegenüber (An-
germeyer 1994; Benkert et al. 1995), die keineswegs nur
von Laienkreisen geäußert wird. Auch Strömungen in-
1.2 Aktuelle Ausgangspunkte nerhalb der akademischen Medizin propagieren ein ver-
einer wissenschaftshistorischen meintlich menschlicheres Gesundheitssystem als Gegen-
Analyse modell zur »chemischen Keule« einer »repressiven Psy-
chiatrie«, das hierdurch zum Allheilmittel für psychische
Bereits eine kursorische Betrachtung der öffentlichen und Störungen erhoben wird. Buchtitel wie Liebe statt Valium
fachinternen Diskussionen um die moderne Psychophar- (Huber 1993) spiegeln dabei eine ideengeschichtliche Ent-
makologie zeigt mehrere Aspekte auf, die zu einer nähe- wicklungslinie der Ambivalenz gegenüber der akade-
ren Analyse aus medizinhistorischer Sicht anregen. Hier mischen Medizin in den bürgerlichen Gesellschaften Eu-
fällt zunächst die Diskrepanz zwischen dem »empirischen ropas und Amerikas wider, die sich seit dem Ende des
Heilvermögen« einerseits und der häufig kritischen Be- 19. Jahrhunderts vom Umkreis der Lebensreformbewe-
wertung des »Heilanspruchs« der Psychopharmaka an- gung bis zur gegenwärtigen »alternativen« Heilkunde
dererseits auf (Weber 2000). Ihre enorme praktische Be- verfolgen lässt (Jütte 2001). Man gewinnt daher häufig
deutung steht aufgrund gesundheitsökonomischer und den Eindruck, dass auch die so genannte Antipsychiatrie
epidemiologischer Daten zweifelsfrei fest. Im Zuständig- weniger die psychotropen Arzneimittel als solche kritisch
keitsbereich der gesetzlichen Krankenversicherungen hinterfragt, sondern eher die naturwissenschaftlich-tech-
Deutschlands wurde im Jahr 1999 mit 39,2 Mio. Psycho- nisch fundierte Medizin insgesamt (Szasz 1991). Die Skep-
pharmakaverordnungen ein Umsatz von annähernd sis scheint nicht nur dadurch begründet zu sein, dass
2 Mrd. DM erzielt (⊡ Tab. 1.1). Phytotherapeutika, über- »chemisch« induzierte Veränderungen der unmittelbaren
wiegend Hypericum-Extrakte, machen dabei etwa ein subjektiven Erlebniswelt häufig als Bedrohung der Indi-
Sechstel aller rezeptierten Psychopharmaka aus, berech- vidualität aufgefasst werden, sondern dass Psychophar-
net auf der Basis definierter durchschnittlicher Tagesdo- maka aus der Sicht des Patienten – im Gegensatz zu vielen
sen (Schwabe u. Pfaffrath 2001, S. 557). Zählt man die psychotherapeutischen Verfahren – kaum existenziell
Hypnotika und Sedativa mit 12,8 Mio. Verordnungsfällen sinnstiftende Deutungen für psychisches Kranksein bie-
ten (Benkert 1995, S. 131).
Zu dieser kritischen Grundeinstellung bildet die Ak-
⊡ Tab. 1.1. Arzneimittelgruppen nach Verordnungsrang in zeptanz von psychotropen Genussmitteln und Drogen in
Deutschland 1999 (Schwabe u. Pfaffrath 2001, S. 5) großen Teilen der Bevölkerung einen ebenso auffälligen
Rang Gruppe Verord- Umsatzb Kontrast wie die überhöhten Erwartungen, die in den Me-
nungena dien anlässlich der Markteinführung einzelner Psycho-
pharmaka immer wieder geweckt werden. Anfang der
1 Analgetika/ 91,5 1871,7
Antirheumatika
1990-er Jahre veranlassten etwa die selektiven Serotonin-
wiederaufnahmehemmer (selective serotonin reuptake
2 Antitussiva/ 53,9 691,3
Expektoranzia
inhibitors, SSRI) zu weit reichenden Spekulationen über
die ethischen, soziologischen und kulturellen Implikati-
3 Beta-, Calcium-, 48,1 2980,0
Angiotensinblocker
onen dieser Gruppe von Antidepressiva, wobei insbeson-
dere die 1993 von dem amerikanischen Psychiater Peter
4 Antibiotika 46,3 2176,1
D. Kramer veröffentlichte essayistische Darstellung Liste-
5 Magen-Darm-Mittel 41,4 2259,8 ning to Prozac über Fluoxetin bekannt wurde (Kramer
6 Psychopharmaka 39,2 1919,8 1993). Sowohl in der weltanschaulich motivierten Ableh-
7 Dermatika 33,4 846,4 nung als auch in den unbegründeten Erwartungen an eine
– – – – zukünftige »Psychotechnik« erscheint das Psychophar-
makon dabei als ein ambivalentes Faszinosum, dessen
18 Sedativa/Hypnotika 12,8 262,1
tatsächliche Probleme der Entwicklung und Anwendung
a Verordnungen (in Mio.), b Umsatz (in Mio. DM)
nur selten in der Öffentlichkeit zur Sprache kommen. Da-
14 Kapitel 1 · Die moderne Psychopharmakologie aus wissenschaftshistorischer Sicht

her bleibt festzuhalten, dass es der Psychiatrie bislang nur transmitterhypothesen als Resultat von Beobachtungen
1 sehr begrenzt gelang, in den Medien eine rationale Hal- ex juvantibus wurde als »intellektuell wenig befriedigend«
tung zur Psychopharmakotherapie zu vermitteln. empfunden (Leonard 1994; Pichot 1990). Die in der Praxis
In den vergangenen Jahrzehnten wurden jedoch auch erfolgreichen Resultate der psychopharmakologischen
innerhalb der Psychopharmakologie immer wieder Be- Forschung verdecken somit nicht selten ihre Genese in
denken über die Entwicklung des Faches geäußert. Be- einem komplexen Erkenntnisprozess, der keineswegs im-
deutende Repräsentanten sowohl der klinischen Psychi- mer zielgerichtet wirkt oder eindeutig rekonstruiert wer-
atrie als auch der neurobiologischen Grundlagenfor- den kann.
schung, wie etwa der schwedische Nobelpreisträger Arvid Der Aphorismus Friedrich Nietzsches, man glaube
Carlsson, postulierten v. a. eine »Innovationskrise« der vor einer Wirkung an andere Ursachen als danach (Nietz-
Arzneimittelentwicklung (Pichot 1990). Obwohl einer- sche 1867), spiegelt dieses charakteristische Merkmal wis-
seits kein Zweifel daran besteht, dass nicht zuletzt durch senschaftlicher Erkenntnisprozesse und ihre oft irrefüh-
die klinische Forschung das theoretische Wissen über die rende retrospektive Selbstinterpretation durch die betei-
Wirkungsweise der Psychopharmaka in den letzten fünf ligten Forscherpersönlichkeiten prägnant wider.
Jahrzehnten enorm anwuchs und in der Praxis z. B. hin- Nachfolgend sollen daher einige der Wege und Bedin-
sichtlich der Indikationsstellung, Anwendungssicherheit gungen aufgezeigt werden, die für die Entstehung der mo-
und unerwünschten Wirkungen erhebliche Verbesse- dernen Psychopharmakalogie aus medizinhistorischer
rungen erreicht wurden, ist andererseits festzustellen, Sicht verantwortlich waren. Schon aufgrund der Vielzahl
dass genuin neuartige Wirkprinzipien seit den 1960-er der in den letzten 150 Jahren verwendeten Substanzen ist
Jahren kaum mehr implementiert wurden (Lassen 1988). dabei keine erschöpfende Darstellung möglich. Einige
In diesem Zusammenhang ist z. B. zu erwähnen, dass der wichtige Beispiele sollen vielmehr die prinzipiellen Fak-
prinzipielle Mechanismus der SSRI bereits Ende der 1960- toren näher veranschaulichen. Der Wissenschaftshistori-
er Jahre aufgeklärt war (Carlsson et al. 1969). ker muss sich zudem insbesondere bei der Darstellung
Auch das Synthese- und Prüfungsprogramm der Fir- der allerjüngsten Entwicklungen Zurückhaltung auferle-
ma Wander für Dibenzodiazepine, in dem u. a. Clozapin gen, da hier die zur Beurteilung notwendige zeitliche Dis-
im Mai 1960 als vielversprechendes psychotropes Phar- tanz noch fehlt. Der Schwerpunkt der nachstehenden
makon identifiziert wurde, beruhte auf den Konzepten Darstellung liegt daher auf den langfristigen Tendenzen
der 1950-er Jahre über die Modifizierung des Trizyklika- seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, welche die moderne
grundkörpers (Gross u. Langner 1966; Stille u. Hippius Psychopharmakologie nach 1950 überhaupt erst ermögli-
1971). Die gesundheitsökonomischen Daten über die Ver- chten. Zunächst muss hierzu die Herkunft und Bedeu-
ordnungshäufigkeiten weisen ebenfalls darauf hin, dass tung zweier zentraler Begriffe erläutert werden.
viele psychiatrische Patienten trotz der Markteinführung
neuerer Substanzen nach wie vor mit Medikamenten be-
handelt werden, deren Ausbietungsdaten bereits mehr als 1.3 Die Entstehung der zentralen
zwei Jahrzehnte zurückliegen. Begriffe Psychopharmakon
Dies mag einerseits auf die zunehmend restriktiven und Serendipity
ökonomischen und juristischen Rahmenbedingungen für
die Entwicklung neuer Wirkstoffe zurückzuführen sein, Die heute gebräuchlichen Begriffe Psychopharma-
insbesondere auf die erheblich gestiegenen Research- kon – bzw. Psychopharmakologie oder Psychopharma-
und-Development-Kosten oder die wachsenden Anforde- kotherapie – stammen trotz ihrer altgriechischen etymo-
rungen an die arzneimittelrechtlichen Genehmigungsver- logischen Wurzel weder aus der antiken Heilkunde noch
fahren. Andererseits fällt auf, dass in einer Disziplin, die überhaupt aus der Medizin. Erstmals ist der Begriff Psy-
sonst mit naturwissenschaftlichen oder psychophysiolo- chopharmakon im Titel des 1548 erschienenen Werks Psy-
gischen Modellen arbeitet, wissenschaftstheoretische chopharmacon, hoc est: medicina animae nachzuweisen.
Denkfiguren verwendet werden, um die postulierte Inno- Hierbei handelt es sich jedoch nicht um eine pharmako-
vationskrise zu deuten und zu überwinden (DiMiasi u. logische Abhandlung aus der Renaissance, sondern um
Lasagna 1995). Für viele bedeutende psychopharmako- die humanistenlateinische Übersetzung eines in deut-
therapeutische Fortschritte machen Experten insbeson- scher Sprache verfassten christlichen Erbauungstextes,
dere das Phänomen der Serendipity verantwortlich. Die eines so genannten Trost- und Sterbebuchs des ausge-
vermeintliche oder tatsächliche Häufung von Zufällen bei henden Mittelalters (Roth 1964). Ursprünglich bildete der
der Entwicklung psychotroper Arzneimittel veranlasste Terminus Psychopharmakon somit eine medizinische
sogar dazu, den Wissenschaftscharakter der bisherigen Metapher für religiöse Methoden zur Lebensbewältigung.
Psychopharmakologie generell kritisch zu überprüfen. Während der nachfolgenden Jahrhunderte wurde diese
Nicht zuletzt die Formulierung der für die Ätiologie der Bezeichnung in der ärztlichen Fachsprache nicht verwen-
paranoiden und affektiven Psychosen zentralen Neuro- det. Da die Idee eines Arzneimittels, das spezifisch kausal
1.4 · Die traditionelle Pharmakotherapie psychischer Störungen am Beispiel von Opium
15 1

auf psychopathologische Zustände einwirkt, der Medizin von sagacity (»Scharfsinn, kluges Erkennen«) (Lewis
bis in die jüngste Vergangenheit mangels praktischer Er- 1960, S. 407).
fahrungen und einschlägiger Krankheitskonzepte weitge- Der bereits bei Walpole erkennbare spätere Bedeu-
hend fremd war, fehlte auch ein entsprechender Begriff. tungswandel des Wortes zum »Zufälligen« verschleiert,
Vermutlich benutzte erstmals der amerikanische Phar- dass mit Serendipity das aktive Erkennen eines latent vor-
makologe David I. Macht den Terminus in seiner moder- handenen Lösungszusammenhangs gemeint war und kei-
nen Bedeutung im Titel seines 1920 erschienenen Auf- neswegs das passive Eintretenlassen eines unvorherseh-
satzes über die analgetischen und neuropsychologischen baren Ereignisses. Serendipities ereignen sich immer
Effekte von Opiumalkaloiden (Macht 1920). Der heutige dann, wenn ein Wissenschaftler aufgrund seiner persön-
Begriff des Psychopharmakons verbreitete sich somit als lichen Eignung in Verbindung mit den jeweiligen institu-
unabhängige Wortneuschöpfung in der psychiatrischen tionellen, technischen und erkenntnistheoretischen Rah-
Fachsprache der 1950-er Jahre. Die bis heute gängige De- menbedingungen die Möglichkeiten wahrnimmt, die eine
finition wurde 1960 in den ersten Übersichtsartikeln zu spezifische wissenschaftshistorische Entwicklungssitua-
den damals neuen Substanzen Chlorpromazin und tion seines Faches bietet. Dabei scheint die Offenheit für
Imipramin geprägt (Ross u. Cole 1960); seitdem erscheint ästhetische Kriterien, wie etwa für die Eleganz von Struk-
der Terminus auch in medizinischen Lexika und Biblio- turformeln und Molekülen, eine ebenso wichtige Rolle zu
graphien. spielen wie verbesserte Labormethoden, etwa die Einfüh-
Weitaus schwieriger sind Herkunft und ursprüngliche rung neuer chromatographischer Verfahren in den 1930-
Bedeutung von Serendipity zu klären, eines anderen, in er Jahren.
der modernen Psychopharmakologie häufig benutzten Hierfür existieren zahlreiche Beispiele, u. a. die 1943
Begriffs. Pharmazeutische Unternehmen, v. a. im angel- erfolgte Entdeckung der halluzinogenen Wirkung von D-
sächsischen Raum, benutzen das Wort als Symbol ihrer Lysergsäurediethylamid (LSD) durch Albert Hofmann
Innovationskraft ebenso großzügig wie Medizinhistori- oder die Strukturaufklärung der Benzodiazepine durch
ker oder Soziologen. Meist wird es im Deutschen als »Zu- Leo Hendryk Sternbach Ende der 1950-er Jahre (Hofmann
fallsfund«, »Entdeckung durch glückliche Umstände« 1979; Sternbach 1988). Die Medikamente, welche die mo-
oder »nicht vorhersehbares Nebenprodukt« umschrie- derne Psychopharmakologie als Ergebnis von »Zufällen«
ben. Die paradoxe Problematik der Ausweitung dieses begreift, stellen sich daher im Rückblick häufig als nach-
Begriffs ergibt sich aus dem Umstand, dass damit der Zu- vollziehbare Resultate des Zusammenwirkens ihrer lang-
fall, der eigentlich eine störende Singularität im normalen fristigen Entwicklungsbedingungen heraus. Dabei kann
Forschungs- und Wissenschaftsbetrieb darstellt, nicht sicherlich nicht das konkrete Endprodukt im Detail vor-
nur als regelmäßiges, sondern auch als notwendig eintre- hergesagt werden. Der naturwissenschaftliche Denkstil,
tendes Ereignis interpretiert wird. Daher scheint die Be- der seit etwa 1850 die Medizin bestimmte, lieferte jedoch
liebtheit von Serendipity in der Psychopharmakologie in Theoriebildung, Labortechnik und Klinik die For-
v. a. die Unsicherheit über den Ablauf ihrer Erkenntnis- schungsmöglichkeiten, die einzelne Wissenschaftler in
prozesse widerzuspiegeln. der Arzneimittelentwicklung seither immer wieder
Der Terminus Serendipity kann dabei auf eine unge- nutzten.
wöhnlich interessante Überlieferungsgeschichte zurück-
blicken. Das persische Wort Serendip (lateinisch: Serendi-
vi, italienisch: Serendippo) war die geographische Be- 1.4 Die traditionelle
zeichnung des Altertums für die Insel Sri Lanka. Der Pharmakotherapie
indische Hofpoet Amir Khusrau verfasste im Jahr 1302 psychischer Störungen
nach älteren Vorbildern der persischen Literatur eine am Beispiel von Opium
Sammlung belletristischer Episoden mit Rahmenhand-
lung, wobei eine der Erzählungen die Erlebnisse der »Drei Die Praxis der medikamentösen Behandlung psychischer
Prinzen von Serendip« schildert. Ihre märchenhaften Störungen wies in der abendländischen Medizin von der
Abenteuer enden jeweils glücklich infolge überraschender Antike bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine erstaunlich
Wendungen, welche die Protagonisten nicht zuletzt auf- hohe Kontinuität auf. Seit dem griechischen Altertum
grund ihrer Klugheit und Weltläufigkeit für scheinbar wurden hauptsächlich alkaloidhaltige pflanzliche Arznei-
ausweglose Situationen finden (Cammann 1967). Diese drogen verwendet, insbesondere Papaver somniferum,
Erzählung wurde in den nachfolgenden Jahrhunderten Hyoscyamus niger und Helleborus (⊡ Tab. 1.2). Einer der
häufig in europäische Sprachen übersetzt und war auch ältesten Belege für den Einsatz von Opium ist in der Odys-
Horace Walpole bekannt, einem englischen Literaten der see Homers die Erwähnung von »Nepenthes«, einem
Aufklärungszeit. In einem Brief aus dem Jahr 1745 be- Trank zur Beeinflussung von »Kummer und Groll«, wobei
nutzte er unter Hinweis auf die orientalische Erzählung es sich wahrscheinlich um eine opiathaltige Zubereitung
erstmals das Wort serendipity, und zwar in der Bedeutung auf alkoholischer Basis handelte. Noch um 1900, d. h.
16 Kapitel 1 · Die moderne Psychopharmakologie aus wissenschaftshistorischer Sicht

mus bestimmt, dem die jeweiligen Ideengebäude unter-


1 ⊡ Tab. 1.2. Typische Psychopharmaka um 1840 (Weber 1999,
S. 48)
legt wurden. Allerdings fällt auf, dass die seit Jahrhun-
derten tradierten Elementarkategorien zur Beschreibung
Rezepturname Deutscher Hauptinhaltsstoff von Psychopharmaka, die sich wie »Erregung« und »Se-
Name dierung« an der unmittelbar beobachtbaren Wirkung
Sedativa und Hypnotika orientieren, ihre Bedeutung im klinischen Alltag beibe-
Papaver Schlafmohn Morphin
hielten, obwohl heute weitaus differenziertere Möglich-
somniferum keiten zur verhaltenspharmakologischen Charakterisie-
Atropa Tollkirsche Atropin
rung von Wirkstoffen existieren.
belladonna Auch die ausgefeilten pharmakologischen Systeme
Hyoscyamus niger Schwarzes Hyoscyamin
der so genannten romantischen Medizin um 1800, die
Bilsenkraut eine Verbindung aus überlieferter Humoralpathologie,
Digitalis purpurea Fingerhut Digitoxin
der Naturphilosophie im Stil Friedrich Schellings und
dem damals aktuellen chemischen Wissen darstellten,
Nervina (Tonica, Exzitanzia)
änderten an dieser Situation nur wenig (Oldenburg 1979).
Cinnamomum Kampfer 1,7,7-Trimethylbicyclo- Häufig blieb das Arzneimittel ein bloßes Additiv der »mo-
camphora [2,2,1]heptan-2-on
ralischen« Therapie. Seine Wirkung bestand – in Umkeh-
Arnica montana Bergwohl- Arnicin rung zur heutigen Auffassung – darin, die im Sinne der
verleih
idealistischen Philosophie als autonom vorgestellte Seele
Moschus Bisam- Makrozyklische Ketone über eine unspezifische somatische Umstimmung des
orientalis moschus und Lactone
»Gemeingefühls« zu beeinflussen. Die Vorstellung, dass
Phosphorus Phosphor Phosphor die Wirkung psychotroper Medikamente lediglich eine
Drastica (Purgiermittel) »indirekt psychische« sei, vertrat etwa Johann Christian
Tartarus stibiatus Brechwein- (KSbO • C4H4O6)2 H2O Reil in seinen berühmten Rhapsodieen über die Anwen-
stein dung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüt-
Helleborus Nieswurz Helleborin tungen von 1803. Obwohl Reil ebenfalls den »Mohnsaft«
Ipecacuanha Brechwurzel Emetin bevorzugte, um die »Kräfte der Seele zu spannen«, blieb
die Art des Pharmakons daher oft beliebig (Reil 1803,
§ 15). Dies zeigte sich besonders deutlich in der Verwen-
etwa zweieinhalb Jahrtausende später, empfahl das da- dung von »Drastica«, die in der so genannten Ekelkur ei-
mals weit verbreitete Compendium der Arzneiverordnung nen Gegenreiz zur postulierten übermäßigen Erregbar-
von Oscar Liebreich und Alexander Langgaard (1896) Hel- keit des psychisch Kranken durch »Ableitung« und Pur-
leborus zur Behandlung der Manie und der Melancholie. gierung setzen sollten. Derartige therapeutische Konzepte
Die über Jahrhunderte dominierende Humoralpatho- fanden sich sowohl bei den »Psychikern« als auch bei den
logie führte gemäß ihrer systematischen Korrespondenz- »Somatikern« der romantischen Medizin (Heinroth 1818;
lehre zwischen Soma und Psyche alle psychopatholo- Jacobi 1844).
gischen Zustände auf eine Dyskrasie, ein Ungleichgewicht Gleichzeitig förderten jedoch Praktiker die Entwick-
der vier Körpersäfte Blut, Schleim, schwarze und gelbe lung einer pragmatischen Pharmakotherapie. In diesem
Galle zurück. Die Arzneimittel mussten ebenfalls in dieses Zusammenhang ist v. a. die von Friedrich Engelken sen.
humoralpathologische Erklärungsmuster eingeordnet und seinen Nachfolgern propagierte »Opiumkur« zur Be-
werden, da die somatopsychischen Entsprechungsvor- handlung schwerer depressiver Erkrankungen zu nennen.
stellungen auch die Therapie leiteten (Rothschuh 1978, Die Ärztefamilie Engelken betrieb seit dem Ende des
S. 197). Diese Konzeption blieb jedoch nur begrenzt er- 18. Jahrhunderts bei Bremen eine der ältesten psychiatri-
folgreich: Bis zu den Anfängen der naturwissenschaft- schen Privatanstalten Deutschlands (Weber 1987). Das
lichen Pharmakologie blieb z. B. heftig umstritten, ob Verfahren war durch eine systematische, in definierten
Opium eher erregend oder sedierend wirkt (Weber 1987). Intervallen vorgenommene Dosiserhöhung bzw. -reduk-
Abgesehen von den erheblichen praktischen Problemen, tion der Opiumtinktur in Abhängigkeit vom individu-
wie etwa der Standardisierung der Zubereitungen von na- ellen psychopathologischen Zustand des Patienten ge-
türlich vorkommenden Pflanzendrogen, reichten die tra- kennzeichnet. Es soll bei adäquater Indikation, insbeson-
dierten physiologischen Vorstellungen der Humoralpa- dere bei Melancholia hypochondriaca, d. h. nach heutiger
thologie, aber auch der konkurrierenden Theorien der Terminologie bei schweren depressiven Episoden mit So-
Iatrochemie oder der Iatromechanik von Paracelsus bis matisierung oder hypochondrischen Wahninhalten, kei-
Descartes, zur theoretischen Deutung komplexer Arznei- ne Abhängigkeit verursacht haben (Engelken 1851). Ver-
mittelwirkungen offensichtlich nicht aus. Die praktische einzelt wurde die Opiumkur noch in den 1950-er Jahren
Therapie blieb daher von einem eklektischen Pragmatis- durchgeführt (Meggendorfer 1950, S. 171).
1.5 · Chloralhydrat – das erste moderne Psychopharmakon
17 1

Eine Ärztegeneration nach der romantischen Medizin ⊡ Abb. 1.1. Oscar Liebreich
markierte die apodiktische Feststellung Wilhelm Griesin- (1839–1908), der Begründer der
modernen Psychopharmakolo-
gers, dass Geisteskrankheiten Gehirnkrankheiten seien,
gie (Max-Planck-Institut für Psy-
den Beginn der modernen Psychiatrie in Deutschland. Im chiatrie/Deutsche Forschungs-
Gegensatz zu seinem differenzierten Ätiologiekonzept, das anstalt für Psychiatrie, Histori-
sich keineswegs in einem einseitigen organischen Reduk- sches Archiv der Klinik, Photo-
tionismus erschöpfte, war Griesinger allerdings von der sammlung)
Existenz spezifisch wirkender Arzneimittel für psychische
Störungen nicht überzeugt (Griesinger 1867). Zu diesem
Zeitpunkt hatte jedoch die medizinische Forschung den
naturwissenschaftlichen Denkstil bereits in großem Um-
fang rezipiert, da diese den einzig plausiblen Ausweg aus rakterisierten Substanzen als auch der qualitativen Erwei-
den unfruchtbaren theoretischen Auseinandersetzungen terung der organisch-chemischen Theoriebildung. Seit
der tradierten medizinischen Schulen boten, obwohl dar- etwa 1850 war als ein Resultat dieses Wissenszuwachses zu
aus zunächst kaum praktische therapeutische Erfolge re- beobachten, dass eine Verbindungsklasse etwa drei bis
sultierten (Petersen 1877; Rothschuh 1978, S. 420). vier Jahrzehnte nach der prinzipiellen Strukturaufklä-
Die langfristige Tendenz der weiteren Forschung rung ihres Grundkörpers als Ausgangsprodukt in die Arz-
drückte etwa Immanuel Kant 1796 in seiner Ergänzung zu neimittelherstellung transferiert wurde. Dies galt nicht
Samuel Thomas Soemmerrings Schrift Über das Organ nur im Fall des Chloralhydrats für die Aliphaten, sondern
der Seele aus, in der er explizit eine dynamische Organi- insbesondere für die verschiedenen Heterozyklen, wie
sation des Nervensystems auf chemischer Grundlage vor- das Beispiel der Barbiturate und Phenothiazine zeigte.
schlug (Kant 1977). Schließlich musste die Medizin nicht Ein weiterer Faktor für die Entstehung neuer Psycho-
zuletzt infolge der wachsenden Industrialisierung und der pharmaka stellt das aus wissenschaftshistorischer Sicht
damit verbundenen politischen Emanzipation des Bür- äußerst bemerkenswerte Phänomen der so genannten
gers in der Mitte des 19. Jahrhunderts dem technisch-na- falschen Theorie dar. Liebreich ging nämlich von der An-
turwissenschaftlichen Denkstil folgen. Der französische nahme aus, Chloralhydrat zerfalle im alkalischen Milieu
Physiologie Claude Bernard charakterisierte diesen Wan- des Blutes zu Chloroform, weshalb es als oral zu verabrei-
del mit der Äußerung, das Krankenhaus sei das Vestibül chendes Anästhetikum sedierende und hypnotische Wir-
der Heilkunde, ihr »Allerheiligstes« jedoch nunmehr das kungen entfalte. Die klinischen Erfolge schienen diese
Labor (Cunningham u. Williams 1992). Es verwundert Hypothese zu bestätigen, die aufgrund der Einführung
daher nicht, dass auch das erste moderne Psychopharma- der Ätherinhalationsnarkose seit den 1840-er Jahren eine
kon aus dem Labor der organischen Chemie stammt. hohe medizinische Aktualität und Plausibilität beanspru-
chen konnte. Obwohl die ursprüngliche Vermutung Lieb-
reichs wenige Jahre später u. a. von Joseph von Mering
1.5 Chloralhydrat – das erste durch den Nachweis der Ausscheidung eines Glucuronids
moderne Psychopharmakon von Chloralhydrat im Urin widerlegt wurde (Mering u.
Musculus 1875), hatte sie sich für die Arzneimittelent-
Der Berliner Pharmakologe Oscar Liebreich (⊡ Abb. 1.1) wicklung als äußerst produktiv erwiesen.
publizierte 1869 drei Veröffentlichungen, in denen er Dieser Vorgang dient häufig als historisches Beispiel
Chloralhydrat, das Monohydrat des Trichloracetaldehyds, für den vermeintlichen Widerspruch zwischen der prak-
als Hypnotikum und Sedativum präsentierte (Liebreich tischen Wirksamkeit eines Psychopharmakons einerseits
1869). Chloralhydrat war nicht nur das erste vollsynthe- und seiner »falschen« theoretischen Fundierung anderer-
tische Medikament seiner Indikationsgruppe, seine Ent- seits. Bei dieser Interpretation handelt es sich jedoch um
wicklung, Markteinführung und therapeutische Verwen- eine präsentistische Betrachtungsweise ex posteriori: Re-
dung wiesen nahezu bereits alle strukturellen Merkmale lativ ältere pharmakologische Theorien werden regelmä-
auf, die bis heute die moderne Psychopharmakologie ßig durch neuere abgelöst, die dem jeweiligen Wissens-
kennzeichnen. stand der Grundlagenwissenschaften besser entsprechen.
Entscheidend für die Genese innovativer Arzneimittel Liebreichs Hypothese war 1869 ebenso »richtig« oder
war v. a. die Vorbildfunktion der organisch-chemischen »falsch« wie 120 Jahre später die Differenzierung von
Forschung. Justus von Liebig hatte Chloralhydrat erst- Serotonin- oder Dopaminrezeptorsubtypen zur Charak-
mals 1832 durch die Einwirkung von Chlorkalk auf Etha- terisierung verschiedener Typen von Antipsychotika und
nol im Rahmen seiner grundlegenden Studien über die Antidepressiva.
chemischen Eigenschaften einfacher organischer Verbin- Die Einführung von Chloralhydrat bildet aber nicht
dungen synthetisiert (Liebig 1832). Diese Untersuchungen nur ein Modell für den Ablauf psychopharmakologischer
dienten sowohl der quantitativen Vermehrung der cha- Theoriediskussionen, sondern auch für die hiermit ver-
18 Kapitel 1 · Die moderne Psychopharmakologie aus wissenschaftshistorischer Sicht

bundenen Änderungen der Forschungsmethoden. Zwi- raten sei (Rehm 1886). Unter Berücksichtigung der Ter-
1 schen 1830 und 1860 setzte sich diesbezüglich der Tierver- minologie ist dies durchaus mit den aktuellen Empfeh-
such als Standard durch, wobei zunächst elementare Ver- lungen zu den Kontraindikationen etwa einer Benzodia-
haltensweisen und physiologische Parameter beobachtet zepinbehandlung vergleichbar.
wurden, wie Vigilanz, Atemfrequenz, Körpertemperatur  Die Herkunft von Chloralhydrat aus der organischen
und Reflexe (Langjahr 1977). Liebreich überzeugte sich Chemie,
zunächst an Kaninchen und Fröschen von der hypno-  seine therapeutische Einführung aufgrund der Über-
tischen und sedierenden Wirkung des Chloralhydrats und nahme des naturwissenschaftlichen Denkstils durch
ermittelte eine ungefähre Letaldosis, bevor er in der Medi- die Medizin,
zinischen und der »Irrenabtheilung« der Berliner Charité  die Probleme der theoretischen Beschreibung seines
unter der Leitung von Rudolf Virchow und Carl Westphal Wirkmechanismus,
mit den »therapeutischen Versuchen« begann. Hierbei  die Prüfung im Tierversuch und in der klinischen Be-
bediente er sich noch überwiegend der kasuistischen Un- obachtung,
tersuchung. Ansätze zu kontrollierten klinischen Studien  die fluktuierende Umgrenzung seines Indikationsge-
und zur statistischen Auswertung existierten zwar bereits biets und
seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts, wurden aber erst  die Notwendigkeit der frühzeitigen Erkennung seiner
nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig zur Norm (Gerken unerwünschten Wirkungen
1977; Winau 1986). Aufgrund seiner Beobachtungen zahl- zeigen insgesamt auf, dass sich wichtige und bis heute
reicher Einzelfälle empfahl Liebreich das Chloralhydrat gültige Merkmale der modernen Psychopharmakologie
ohne spezifische Indikation als nebenwirkungsarmes und bereits anhand der Markteinführung des ersten vollsyn-
sicheres Hypnotikum und Sedativum für alle »nervösen thetischen Sedativums beschreiben lassen.
Affectionen«, insbesondere für psychisch Kranke. Darüber hinaus stellt sich jedoch die Frage, wie Psy-
Das Präparat setzte sich in der Praxis trotz seines wi- chiatrie und Pharmakologie als Wissenschaften auf die
derwärtigen Geschmacks als Novität rasch durch. Psych- neuartigen Substanzen reagierten, die von der Industrie
iater betonten v. a. die positiven Veränderungen auf den in immer größerer Zahl zur Verfügung gestellt wurden.
»Tobabtheilungen«, da Chloralhydrat eine Behandlung
von psychomotorischen Erregungszuständen ermöglich-
te, die auf Alkaloide oder die damals weit verbreiteten 1.6 Industrie und Wissenschaft
Dauerbäder keine Besserung zeigten. Einerseits wurde
bald deutlich, dass auch die synthetischen Medikamente Die moderne Psychopharmakologie, wie die heutige me-
keine kausale Therapie psychischer Störungen darstell- dikamentöse Therapie überhaupt, beruhte nicht nur auf
ten, andererseits trugen sie jedoch dazu bei, dass der kus- dem Wandel wissenschaftlicher Konzepte, sondern auch
todiale Charakter der Psychiatrie ganz allmählich in den auf der Entstehung chemisch-pharmazeutischer Großun-
Hintergrund trat. Darüber hinaus gab Chloralhydrat der ternehmen. Mit der Ablösung der handwerklichen Her-
klinischen Forschung neue Impulse. Für den damaligen stellung in der Apotheke durch die chemische Verfah-
Wissenschaftsbetrieb war eine ungewöhnliche Veröffent- renstechnik in der Fabrik vollzog sich in der Arzneimit-
lichungstätigkeit zu verzeichnen: Schon in den ersten telproduktion der Industrialisierungsprozess, der das
zwei Jahren nach der Markteinführung erschienen mehr 19. Jahrhundert insgesamt kennzeichnete. Damit gewann
als 300 einschlägige Aufsätze, was zur Bekanntheit des nicht nur das Medikament den Charakter eines Massen-
Medikaments in der Ärzteschaft erheblich beitrug (Hum- produkts statt eines offizinell gefertigten Einzelstücks,
mel 1987, S. 77; Linde 1988, S. 63). Seitdem wurde die psy- sondern auch die wirtschaftliche Dimension der tra-
chiatrische Fachliteratur immer häufiger von Arbeiten dierten Rollen von Patient, Arzt, Apotheker und Forscher
über Psychopharmaka bestimmt. erhielt ein bis dahin unbekanntes Ausmaß (Ridder 1990).
Allerdings mehrten sich mit der breiten klinischen Die Auswirkungen dieses Vorgangs erstrecken sich bis zu
Anwendung auch die Publikationen über unerwünschte, den gegenwärtigen Reformen des Gesundheitswesens.
teilweise gefährliche Wirkungen, hauptsächlich über kar- Die Entwicklung der Pharmazeutika zur Handelsware re-
dio- und hepatotoxische Erscheinungen (Arndt 1872). sultierte langfristig nämlich u. a. darin, dass
Probleme der Dosissteigerung, des Wirkungsverlusts und  der Patient als Konsument durch eine immer restrik-
des Entzugssyndroms, d. h. der Entwicklung einer iatro- tivere Gesetzgebung vor den tatsächlichen oder ver-
genen Substanzabhängigkeit, wurden ebenfalls bereits meintlichen Gefahren des Arzneimittelmarktes ge-
nach kurzer Zeit beschrieben. Seit etwa 1880 überwog in schützt wurde,
der Fachliteratur die Meinung, dass aufgrund des »schnell  die Unternehmen zur Sicherung ihrer steigenden In-
eintretenden heftigen Verlangens« insbesondere bei vestitionen auf die Patentierung ihrer Herstellungs-
»hysterischen Frauen« von einer Therapie chronifizierter verfahren und pharmazeutischen Produkte drangen
psychischer Störungen mit Chloralhydrat dringend abzu- (Fleischer 1984),
1.6 · Industrie und Wissenschaft
19 1

 die Ärzteschaft zum Ziel von ausgefeilten Werbemaß- mentierten die einzelnen Firmen unterschiedliche orga-
nahmen wurde und nisatorische Modelle. Carl Duisberg errichtete etwa bei
 eine erfolgreiche akademische Forschung ohne Bayer ein eigenes »pharmazeutisches Labor« und inte-
Kooperation mit der Industrie nicht mehr denkbar grierte die Forschung in die Unternehmensleitung, wäh-
ist. rend z. B. Hoechst und Schering die Kooperation mit her-
ausragenden externen Wissenschaftlern wie z. B. Adolf
Seit 1830 konzentrierte sich hauptsächlich in den Indus- Butenandt förderten (Wimmer 1994). Die konkrete Psy-
trieregionen an Rhein und Main die Gründung der bis chopharmakaentwicklung blieb jedoch trotz dieser An-
heute federführenden Firmen (Vershofen 1958). Nach strengungen in weiten Teilen durch die Suche nach Deri-
1945 gewannen allerdings Hersteller aus den USA und Ja- vaten bzw. Nachahmungspräparaten gekennzeichnet.
pan in dem bis dahin von Frankreich und Deutschland Nach dem Modell des molecular roulette wurden – und
dominierten Marktsegment zunehmende Bedeutung. Zu- werden – die Grundkörper von Medikamenten nachge-
nächst hatte die chemische Industrie ihre wesentlichen bildet und modifiziert, die sich bereits als klinisch wirk-
wirtschaftlichen Impulse aus der Nachfrage nach Teerfar- sam und kommerziell erfolgreich erwiesen haben.
ben erhalten. Etwa ab 1880 kam jedoch die Herstellung Auf diese Weise folgten auf Chloralhydrat zahlreiche,
von Pharmaka als weiterer wichtiger Ertragsfaktor hinzu: inzwischen längst vergessene Präparate, wie z. B. das un-
Zwischen 1869 und 1930 stieg die Zahl der im deutschen ter dem Handelsnamen Isopral seit 1903 von Bayer ver-
Arzneimittelhandel verfügbaren synthetischen Psycho- triebene Trichlorisopropanolol (Impens 1903). Die regel-
pharmaka von einem auf 54 (Pohlisch u. Panse 1934). Bei- mäßig erfolgte Ankündigung einer besseren Verträglich-
de Produktbereiche waren nicht nur kommerziell eng keit und geringerer Nebenwirkungen wurde durch die
verflochten; die Teerfarbengewinnung lieferte sowohl die praktischen Erfahrungen häufig widerlegt. Die sul-
für eine Arzneimittelherstellung im großen Maßstab not- fonierten aliphatischen Sedativa lösten z. B. einen der
wendigen verfahrenstechnischen Voraussetzungen als ersten Arzneimittelskandale aus, nachdem eine von Sul-
auch die erforderlichen organisch-chemischen Ausgangs- fonal verursachte Porphyrie u. a. zum Tod einer Patientin
substanzen. Ein aus der Sicht der Psychopharmakologie Sigmund Freuds geführt hatte (Voswinckel 1988). Ledig-
besonders eindrückliches Beispiel für die Bedeutung die- lich Paraldehyd, das Trimerisat von Acetaldehyd, wurde
ses Zusammenhangs bildet die als Methylenblaureaktion wegen seiner guten Verträglichkeit von Klinikern wie
bekannte Synthese und Strukturaufklärung des Pheno- Emil Kraepelin als genuine Verbesserung empfohlen
thiazingrundkörpers der späteren klassischen Antipsy- (Kraepelin 1892). Derivate und Nachahmungspräparate
chotika, die der Heidelberger Chemiker August Heinrich spielen in der Psychopharmakotherapie nach wie vor eine
Bernthsen 1883 im Rahmen einer Versuchsreihe der BASF große Rolle.
über neue Alizarinfarben durchführte (Bernthsen 1883). Sowohl die pharmakologische als auch die psychiatri-
Darüber hinaus wurde die Pharmakologie von der sche Theoriebildung blieb dabei lange Zeit hinter dem
Farbstoffchemie auch auf theoretischer Ebene beeinflusst. praktischen Erfolg zurück. Die Deutung kam über Ver-
Der deutsche Pathologe Paul Ehrlich gelangte 1878 in sei- mutungen zu Struktur-Wirkungs-Beziehungen nicht hin-
ner Dissertation über die Färbung organischer Gewebe aus und drang selten zu physiologischen Modellen vor.
für histologische Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass Die um 1900 entstandene Theorie von Hans Meyer und
hier keine stöchiometrische Bindung vorliegen könne Ernst Overton brachte die sedierende Wirkung einer
(Parascandola u. Jasensky 1974). In seiner Habilitations- Substanz mit ihrer Lipidlöslichkeit in Zusammenhang
schrift äußerte Ehrlich anhand des Problems der Farb- (Overton 1901), während der in Straßburg tätige Pharma-
stoffreduktion durch organische Gewebe die Vermutung, kologe Ernst Schmiedeberg in seiner Lehre von der »Fett-
dass die Sauerstoffbindung nur an bestimmten lokalen stoffreihe« die strukturelle Anordnung der Alkoholgrup-
Strukturen erfolgen könne. Die später als »Seitenketten- pen und der Sauerstoffatome als entscheidend erachtete
theorie« bekannte Hypothese stellte gemeinsam mit Emil (Schmiedeberg 1883). Langfristig größere Bedeutung er-
Fischers Modellvorstellung von Schloss und Schlüssel für langten die Seitenkettentheorie von Paul Ehrlich sowie
enzymatische Vorgänge eine wichtige ideengeschicht- die Schloss-und-Schlüssel-Theorie von Emil Fischer, die
liche Voraussetzung der Rezeptorkonzepte dar (Travis eine lokalisierbare Arzneimittelwirkung nahelegten und
1989). Nach 1900 galt zumindest für Arzneimittel bereits die späteren Rezeptorkonzepte vorbereiteten. Jedoch
die Theorie des non agunt, nisi fixata (Wassermann existierten zahlreiche Medikamente, deren Effekte durch
1914). solche Vorstellungen nicht erklärt werden konnten, wie
Allgemein nahm die chemisch-pharmazeutische In- etwa die seit den 1860-er Jahren in der Epilepsie- und
dustrie in der Arzneimittelforschung eine immer aktivere Neurastheniebehandlung gebräuchlichen Bromide (Bal-
Rolle ein, mit der die Institutionalisierung der Pharmako- me 1976).
logie als medizinische Disziplin an den Universitäten Schmiedebergs Zusatzhypothese, dass Amidgruppen
kaum Schritt halten konnte (Eulner 1970). Hierfür imple- die Atem- und Kreislauffunktion stimulieren und deshalb
20 Kapitel 1 · Die moderne Psychopharmakologie aus wissenschaftshistorischer Sicht

unerwünschte Wirkungen verhindern, lenkte die Auf- stand bei seinen Untersuchungen psychotroper Arznei-
1 merksamkeit auf Harnstoffderivate und führte zu zahl- mittel keineswegs eine therapeutische Intention im Vor-
reichen Präparaten auf der Basis von Carbaminsäuree- dergrund, sondern die Rolle als modifizierende Versuchs-
stern (Schmiedeberg 1886). Noch in den 1950-er Jahren bedingung im Sinne einer pharmakologischen Experi-
wurde mit Meprobamat ein Carbamat-Tranquilizer ent- mentalpsychologie (Kraepelin 1883).
wickelt, der sich jedoch gegen die Benzodiazepine nicht
mehr durchsetzen konnte (Koppanyi 1983).
Diese Forschungsrichtung führte schließlich auch zu 1.7 Chlorpromazin, Imipramin
den Barbituraten. Joseph von Mering, Direktor der Medi- und die biologische Psychiatrie
zinischen Klinik in Halle, erkannte in der von Emil Fi-
scher 1902 aus Diethylmalonsäure und Harnstoff mittels Die zeitliche Distanz zur Entstehung der Phenothiazin-
Alkoholaten synthetisierten Barbitursäure – nach seiner und Butyrophenon-Antipsychotika, der trizyklischen
retrospektiven Darstellung – ein »geeignetes« Sedativum, Antidepressiva und der hieraus abgeleiteten neuesten
da es ein »mit mehreren Aethylgruppen beladenes und Psychopharmaka ist noch gering. Schon deshalb bleibt
tertiär oder quaternär gebundenes Kohlenstoffatom« jeder Versuch einer historischen Beschreibung oder gar
enthielt (Fischer u. Mering 1903, S. 97). Bayer und Merck Bewertung vorläufig. Hinzu kommt, dass aufgrund der
führten das Präparat unter dem Handelsnamen Veronal Vielzahl der beteiligten Ideen, Institutionen und Personen
ein Jahr später ein, obwohl Experten von vornherein er- lineare Darstellungen den tatsächlichen Abläufen des mo-
hebliche Bedenken wegen der geringen therapeutischen dernen Wissenschaftsbetriebs nicht mehr entsprechen.
Breite geäußert hatten (Weber 1999). Nicht zuletzt infolge Nachfolgend können daher nur einige der entscheidenden
der steigenden Zahl von Suiziden und der Missbrauchs- Faktoren benannt werden. Zunächst hatten die in der Zeit
problematik wurden die Barbiturate und damit die psy- zwischen den Weltkriegen entwickelten nichtpharmako-
chotropen Arzneimittel insgesamt in der Zeit zwischen logischen Behandlungsmethoden, insbesondere die Insu-
den Weltkriegen zu einem öffentlichen und literarischen linkur und der Elektrokrampf, die Psychiatrie zunehmend
Thema, wie etwa in Arthur Schnitzlers Novelle Fräulein mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass eine Therapie
Else. Für die neue Substanzklasse sprach aber nicht nur schwerer psychischer Störungen durch somatische Ver-
der im Vergleich zu den bisherigen Sedativa angenehme fahren überhaupt möglich ist. Die von Jakob Klaesi ent-
Geschmack, sondern v. a. der Umstand, dass damit erst- wickelte »Dauerschlafkur« (Klaesi 1921), die u. a. bei schi-
mals eine kausal orientierte Therapie mit hoher Wirk- zophrenen Psychosen mittels eines Barbituratgemisches
samkeit für Epilepsien zur Verfügung stand, die damals durchgeführt wurde, war dabei trotz ihrer gefährlichen
noch zu den psychiatrischen Erkrankungen gerechnet Komplikationen eine bedeutende Übergangsform zwi-
wurden (Hauptmann 1912). Dies förderte die Akzeptanz schen psychotherapeutischen, pharmakologischen und
psychotroper Arzneimittel in der Ärzteschaft erheblich, somatischen Behandlungsmethoden.
insbesondere in den psychiatrischen Kliniken. Die entscheidende Rolle der Farbstoffchemie bei der
Für die zeitgenössische Theoriebildung der Psychia- Synthese des Phenothiazingrundkörpers wurde bereits
trie, die einerseits durch elaborierte nosologische Überle- erläutert. Der Psychiater Pietro Bodoni berichtete bereits
gungen, andererseits durch die ätiologischen Spekulati- um 1900 anhand von 14 Kasuistiken über einen positiven
onen der Entartungslehre bestimmt war, spielten klinisch- Einfluss von Methylenblau auf paranoide und manische
pharmakologische Beobachtungen dagegen eine geringere Syndrome (Bodoni 1899). Das Fehlen jeglicher Resonanz
Rolle. Der nach Karl Jaspers »unendliche Bezirk« zwischen auf diese Veröffentlichung liefert ein anschauliches Bei-
der somatischen Ebene, der Funktionsweise einer psycho- spiel dafür, dass weder die Feststellung noch die Beschrei-
tropen Substanz und der psychischen Symptomatik er- bung eines neuartigen Behandlungseffekts allein genügt,
schien unüberbrückbar (Jaspers 1973), eine spezifische um eine therapeutische Innovation durchzusetzen. Eine
Beeinflussung komplexer psychopathologischer Syn- derartige Beobachtung sollte nicht nur aus einer renom-
drome nahezu undenkbar. Die gängigen Unterrichtswerke mierten Institution stammen, sondern auch aus theore-
räumten den Arzneimitteln daher im Vergleich zur Hy- tischer Sicht eine plausible Erweiterung des vorhandenen
drotherapie oder zu den sozialpsychiatrischen Maßnah- Arzneischatzes darstellen. Die Publikation eines unbe-
men der »aktiven Krankenbehandlung« nur eine unterge- kannten italienischen Arztes über den sedativen Effekt
ordnete Rolle ein. Das damals weit verbreitete, 802 Seiten eines Teerfarbenderivats erfüllte in Anbetracht der großen
umfassende Lehrbuch der Psychiatrie von Theodor Zie- Zahl der damals bereits vorhandenen einschlägigen Prä-
hen äußerte sich etwa nur auf vier der 22 Seiten über »all- parate keine der Voraussetzungen. Allerdings verschwand
gemeine Therapie« zu den pharmakologischen Methoden Methylenblau seitdem z. B. als Anthelminthikum niemals
(Ziehen 1908). Auch für Emil Kraepelin, der in der Litera- völlig aus dem Arzneischatz (Campbell et al. 1934).
tur häufig als der wichtigste Initiator der modernen psy- Maßgeblich wurde jedoch die Entwicklungslinie, die
chopharmakologisch-klinischen Forschung genannt wird, von den frühen Rezeptorkonzepten nach 1870 zu den An-
1.7 · Chlorpromazin, Imipramin und die biologische Psychiatrie
21 1

tihistaminika der 1940-er Jahre führte. Der englische Me-


diziner John Newport Langley beobachtete 1878 einen
physiologischen Antagonismus der Alkaloide Atropin
und Pilocarpin an der Speicheldrüse der Katze und nahm
daher für beide Substanzen eine identische zelluläre Wir-
kungsstelle an, nachdem bereits ein Jahr vorher der deut-
sche Physiologe Emil DuBois-Reymond eine chemische
Transmission der nervalen Aktion vorgeschlagen hatte
(Langley 1878). Dieses Gebiet wurde in den folgenden
Jahrzehnten zu einem zentralen Forschungsthema der
Physiologie. Aufgrund der Studien von Henry Dale, Wal-
ter Cannon, Charles Richet, Otto Loewi u. a. waren in den
1930-er Jahren Acetylcholin, Adrenalin und Histamin
nicht nur strukturell aufgeklärt, sondern auch ihre physi-
ologischen Funktionen bekannt, insbesondere beim ana-
phylaktischen Schockzustand und der Allergie (Kohl
1997; Swazey 1974, S. 37).
Diese Kenntnisse veranlasste David Bovet und seine
Mitarbeiter am Pariser Institut Pasteur, nach potenziellen
Antihistaminika zu suchen, wobei sie sich näher mit Phe-
nolethern und aromatischen Aminen befassten (Staub u.
Bovet 1937). Hieraus ging 1942 das von der Firma Specia
bzw. Rhône-Poulenc hergestellte Phenbenzamin hervor
(Halpern 1942). Obwohl die Sedierung durch die neuen
Antihistaminika unübersehbar war, verhinderte der vor-
herrschende medizinische Denkstil zunächst eine Erwei-
terung ihres Indikationsgebietes auf die Psychiatrie. In-
folge der bekannten anthelminthischen Eigenschaften
von Methylenblau analysierte Paul Charpentier, ebenfalls
⊡ Abb. 1.2. Französisches Werbeplakat für Chlorpromazin aus den
pharmazeutischer Chemiker bei Rhône-Poulenc, ab 1944
1950-er Jahren, das die wirkungsverstärkende Eigenschaft von
verschiedene Phenothiazine als eventuelle Malariathera- Chlorpromazin in der Anästhesie herausstellt (Fa. Aventis/Rhône-
peutika. Die von ihm hergestellten Substanzen, v. a. Pro- Poulenc)
methazin, zeigten wiederum nicht nur antihistaminische,
sondern auch deutliche sedierende Eigenschaften (Char-
pentier 1947) (⊡ Abb. 1.2). Aus der nachfolgenden Syntheseserie ging im Dezem-
Diese Ergebnisse führten zu einer eingehenden Unter- ber 1950 Chlorpromazin hervor, bei dem die »atarak-
suchung der zentralnervösen Effekte der Phenothiazine. tischen« die antihistaminischen Effekte deutlich überwo-
An ein Antipsychotikum dachte allerdings nach wie vor gen (Charpentier et al. 1952). Aufgrund dieser medizinisch
niemand, obwohl in einem firmeninternen Memorandum und kommerziell aussichtsreichen Feststellungen began-
vom Oktober 1950 neben der Anästhesie auch die Psychi- nen die Prüfungen an Patienten. Bereits im Mai 1952
atrie als denkbares Indikationsgebiet genannt wurde. berichteten die Pariser Psychiater Jean Delay und Paul
Vielmehr stand zunächst die Optimierung der Narkose Deniker über spektakuläre und völlig unerwartete Be-
im Vordergrund, nachdem Ende der 1950-er Jahre der handlungserfolge bei manischen und paranoid-halluzi-
französische Militärchirurg Henri Laborit bei Rhône- natorischen Syndromen (Delay et al. 1952). Obwohl viele
Poulenc ein Phenothiazin mit starken zentralen Eigen- Psychiater zunächst skeptisch blieben, verdrängten die
schaften für die von ihm entwickelte »potenzierte Anäs- offensichtlichen Erfolge von Chlorpromazin binnen we-
thesie« angefordert hatte (Laborit 1950, 1996). Die tat- niger Jahre die bisherigen nichtpharmakologischen Ver-
sächliche Bedeutung Laborits für die Entwicklung der fahren. Bis 1955 konnten die Ergebnisse Delays und Deni-
Phenothiazin-Antipsychotika ist umstritten (Caldwell kers in wenigstens zehn Studien reproduziert werden
1970; Swazey 1974); zweifellos stellte sein Konzept der hi- (Cowden et al. 1955). Die geradezu revolutionären Konse-
bernation artificielle und des stabilisateur végétatif je- quenzen für die gesamte klinisch-psychiatrische Behand-
doch eine wichtige ideengeschichtliche Verbindung zur lung, auch in sozialpsychiatrischer Hinsicht (Staehelin
Anästhesie und Dauerschlafbehandlung her, was sich für 1953), zeichneten sich rasch ab. Einerseits waren die Anti-
die Psychopharmakologie schon mehrfach als fruchtbar psychotika zwar nicht als Resultat eines zielgerichteten
erwiesen hatte (Laborit 1951; Laborit et al. 1952). Innovationsprozesses entstanden, andererseits beruhten
22 Kapitel 1 · Die moderne Psychopharmakologie aus wissenschaftshistorischer Sicht

sie zweifellos auf den keineswegs zufälligen institutio- von Chlorpromazin setzte bald die internationale Institu-
1 nellen und theoretischen Voraussetzungen der damaligen tionalisierung der neuen Forschungsrichtung ein (Ban u.
pharmakologischen und physiologischen Forschung. Ray 1996): 1957 wurde das Collegium Internationale Neu-
Es verwundert daher nicht, dass auch nach der ro-Psychopharmacologum (CINP) gegründet, ein Jahr
Markteinführung von Chlorpromazin jene Mechanismen später initiierte Dieter Bente im deutschen Sprachraum
der Arzneimittelentwicklung zutage traten, die bereits die Gründung der Arbeitsgemeinschaft für Neuropsycho-
anhand von Chloralhydrat identifiziert werden konnten. pharmakologie (AGNP).
Einer davon, das Nachahmungspräparat, erschloss den Wissenschaftlich richtungweisend waren zunächst
neuen Substanzen den Indikationsbereich der depres- die Untersuchungen der von Bernhard B. Brodie am Na-
siven Störungen. Anfang der 1950-er Jahre engagierte sich tional Institute of Mental Health geleiteten Arbeitsgruppe
auch die Basler Firma Geigy nach dem Vorbild der fran- über die Veränderungen des zentralen Dopaminstoff-
zösischen Konkurrenz im Bereich der sedierend wirken- wechsels durch Reserpin (Brodie et al. 1957), des Hauptal-
den Antihistaminika. Nicht zuletzt aus patentrechtlichen kaloids von Rauwolfia serpentina. Die antipsychotische
Gründen griff Geigy dabei auf die seit 1898 bekannten Wirkung dieser Pflanze soll bereits in der ayurvedischen
Benzazepine zurück, die sich durch den mittleren sieben- Medizin bekannt gewesen sein (Kähler 1970; Sen u. Bose
gliedrigen N-Heterozyklus hinreichend von den Pheno- 1931). Indische Ärzte hatten seit den 1930-er Jahren darü-
thiazinen unterschieden. Im Rahmen dieses Synthesepro- ber hinaus auf extrapyramidalmotorische Nebenwir-
gramms stellte der Chemiker Walter Schindler bereits im kungen der Reserpintherapie hingewiesen, die seit 1953
August 1949 Imipramin her, das große Strukturähnlich- auch für Chlorpromazin beschrieben wurden (Staehelin
keiten zu dem mehr als ein Jahr später synthetisierten 1953, S. 360, 368). Die Vermutung eines physiologischen
Chlorpromazin aufwies. Da die klinische Prüfung der Zusammenhangs mit den Effekten der Antipsychotika
Benzazepine, die u. a. der Psychiater Roland Kuhn leitete, erhärteten Herbert Ehringer und Oleh Hornykiewitz
zunächst auf antihistaminische und sedierende Effekte (1960) durch den Post-mortem-Nachweis eines signifi-
ausgerichtet war, blieben die vermuteten Resultate aus kant erniedrigten Dopamingehalts im Nucleus caudatus
(Weber 1999, S. 163). von Parkinson-Patienten.
Nach der Ausbietung von Chlorpromazin forderte Arvid Carlsson und Margit Lindqvist wiesen schließ-
Kuhn bei Geigy die Prüfungssubstanzen mit »Largactil- lich 1963 nach, dass gewisse Antipsychotika die Konzen-
Wirkung« allerdings nochmals an, wofür nicht zuletzt der tration von Dopaminmetaboliten im Gehirn deutlich er-
hohe Preis dieses Antipsychotikums verantwortlich war. höhen, jedoch nicht die von Dopamin. Dieses zunächst
Während der erneuten klinischen Beobachtung zeigte paradoxe Ergebnis erklärte Carlsson mit der Hypothese,
Imipramin zwar nicht die erhoffte antipsychotische Wir- dass Antipsychotika eine Blockade der durch Dopamin
kung, jedoch machten im Januar 1956 die Abteilungsärztin vermittelten zentralnervösen Signalübertragung verursa-
und die Stationsschwester Kuhn auf einen überraschenden chen (Carlsson u. Lindqvist 1963). Diese Feststellung wur-
stimmungsaufhellenden Effekt bei einer schizodepressiven de zur Grundlage der Dopaminhypothese der Schizo-
Patientin aufmerksam. Kuhn erklärte den Umstand, dass phrenie. Parallel dazu formulierten Joseph Schildkraut
er seine klinischen Studien nicht nur auf schizophrene Pa- und Alec Coppen die Noradrenalin- bzw. Serotoninhypo-
tienten beschränkte, rückblickend mit einer umfassenden these der Depression (Coppen 1967; Schildkraut 1965).
psychopathologischen Betrachtungsweise in der Tradition Obwohl etwa Manfred Bleuler bereits 1956 auf die er-
von Karl Jaspers und Kurt Schneider (Kuhn 1957). Wie im kenntnistheoretische Problematik der ätiologischen The-
Falle Laborits (s. oben) existieren allerdings auch hier über oriebildung ex juvantibus hingewiesen hatte, beeinflusste
die Verantwortlichkeiten und den genauen Ablauf der Ent- dieser methodische Ansatz die weitere Forschung er-
scheidungen unterschiedliche Darstellungen (Broadhurst heblich. Peter Greengard wies 1972 die Blockierung der
1998; Healy 1997, S. 52; Weber 1999, S. 165). dopamininduzierten cAMP-Stimulierung durch einige
Weitaus wichtiger als die Frage der Entdeckungsprio- Antipsychotika nach (Greengard et al. 1972). Die direkte
ritäten war jedoch die Tatsache, dass sowohl die Antipsy- Identifizierung der Dopaminrezeptoren durch Bindungs-
chotika als auch die Antidepressiva nicht das Resultat studien von Solomon Snyder und Philipp Seeman leitete
einer bereits existierenden psychopharmakologischen schließlich zu den neurobiologischen Konzepten der Ge-
Forschung bildeten, sondern diese erst anstießen. Die genwart über (Seeman u. Lee 1976).
Wirkungen der Medikamente konnten durch die theore-
tischen Modelle der akademischen Psychiatrie der 1950-
er Jahre, die von existenzialphilosophischen Einflüssen 1.8 Neue »Serendipities«
geprägt war, nicht mehr befriedigend beschrieben werden nach alten Strategien?
(Ditfurth 1961). Der Begriff der »biologischen Psychiatrie«
im heutigen Sinne erschien erstmals 1953 in der amerika- Die psychiatrische Pharmakotherapie war in den vergan-
nischen Literatur (Bennett 1953). Nach der Einführung genen 150 Jahren von erheblichen Wandlungen in Theo-
Literatur
23 1
Benkert O (1995) Psychopharmaka. Medikamente – Wirkungen – Ri-
rie und Praxis gekennzeichnet. Die Ausbietung der zahl- siken. Beck, München
reichen Psychopharmaka, die ihre Entstehung diesem Benkert O, Kepplinger HM, Sobota K (1995) Psychopharmaka im Wi-
Prozess verdanken, scheint sämtliche Zweifel am Erfolg derstreit. Eine Studie zur Akzeptanz von Psychopharmaka und zur
der zugrunde liegenden Konzepte zu widerlegen. Den- Darstellungen in den Medien. Springer, Berlin Heidelberg New
York
noch stellt sich die Frage nach ihrer zukünftigen Tragwei-
Bernthsen AH (1883) Zur Kenntnis des Methylenblau und verwandter
te. Tatsächlich ist es heute kaum mehr vorstellbar, dass Stoffe. Ber Dt Chem Ges 16: 1025–1028
ein Antipsychotikum wie Haloperidol als Ergebnis eines Bleuler M (1956) Psychiatrische Irrtümer in der Serotonin-Forschung.
Syntheseprogramms für Propylaminanalgetika entsteht Dt Med Wochenschr 81: 1078–1081
(Janssen et al. 1959) oder dass ein Phasenprophylaktikum Bodoni P (1899) Dell’ azione sedativa del bleu di metilene in varie for-
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Strategien, welche die Psychopharmakaentwicklung in Brodie BB, Olin JS, Kuntzman RG, Shore PA (1957) Possible inter-rela-
tionship between release of brain norepinephrine and serotonin
den vergangenen fünf Jahrzehnten leiteten, erscheint be-
by reserpine. Science 125: 1293–1294
grenzt, obwohl durch das Zusammenwirken der For- Cade, JFC (1949) Lithium salts in the treatment of psychotic excite-
schung in Klinik und Industrie weiterhin erfolgreiche ment. Med J Austral 36: 349–352
Indikationsgebiete erschlossen wurden, z. B. für die SSRI Caldwell AE (1970) Origins of psychopharmacology (American Lecture
im Bereich der Angsterkrankungen. Series, 777). From CPZ to LSD. Thomas, Springfield, IL
Cammann SVR (1967) Christopher the Armenian and the Three Princes
Wie vor 150 Jahren dürften stattdessen neue Anstöße
of Serendip. Comp Lit Stud (Urbana) 4: 229–258
aus den Grundlagenfächern erforderlich sein, nunmehr Campbell FL, Sullivan WN, Smith LE, Haller HL (1934) Insecticidal tests
z. B. aus der Humangenetik oder der Neuroendokrinolo- of synthetic organic compounds – chiefly test of sulfur com-
gie. Die »unerwarteten Zufälle« werden dabei auch in Zu- pounds against culicine mosquito larvae. J Econ Entomol 27:
kunft nur dann eintreten, wenn in Klinik und Labor Er- 1176–1185
Carlsson A, Lindqvist M (1963) Effect of chlorpromazine or haloperidol
folg versprechende Beobachtungen trotz sich widerspre-
on formation of 3-methoxytyramine and normetanephrine in
chender theoretischer Überlegungen weiterverfolgt und mouse brain. Acta Pharmacol Toxicol 20: 140–144
die Offenheit für eine grundsätzliche Erweiterung des Carlsson A, Corrodi H, Fuxe K, Hökfelt T (1969) Effect of antidepressant
gängigen Denkstils gefördert werden. Zuletzt sollte die drugs on the depletion of intraneuronal brain 5-hydroxytryp-
zeitliche Dimension wissenschaftshistorischer Abläufe tamine stores caused by 4-methyl-alpha-ethyl-meta-tyramine.
Eur J Pharmacol 5: 357–366
beachtet werden: Vergleicht man die wenigen Jahrzehnte,
Charpentier P (1947) Sur la constitution d’une diméthylamino-propyl-
die seit der Einführung von Chloralhydrat und Chlorpro- N-phénothiazine. C R Hebd S Acad Sci 225: 306–308
mazin vergangen sind, etwa mit der bereits Jahrhunderte Charpentier P, Gailliot P, Jacob R, Gaudechon J, Buisson P (1952) Re-
umfassenden Entwicklung der Chirurgie, so besteht aus cherches sur les diméthylaminopropyl-N-phénothiazines sub-
wissenschaftshistorischer Perspektive kein Anlass zur stituées. C R Hebd S Acad Sci 235: 59–60
Coppen A (1967) The biochemistry of affective disorders. Br J Psychia-
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Szasz TS (1991) Ideology and insanity. Essays on the psychiatric dehu-
manization of man. Syracuse University Press, Syracuse, NY
II

Pharmakologische Grundlagen

2 Pharmakologische Grundlagen – 29
Anne Eckert und Walter E. Müller

3 Entdeckungsstrategien in der Wirkstoffforschung – 43


Ronald Kühne, Gerd Krause und Walter Rosenthal

4 Grundlagen der Physiologie von Nervenzellen – 61


Matthias Eder, Eric Raddatz und Pierre Magistretti

5 Prinzipien neuronaler Signalketten – 71


Georg Köhr

6 Verhaltenspharmakologie – 79
Eberhard Fuchs, lrich Schmitt, Frauke Ohl, Gabriele Flügge,
Carsten T. Wotjak und Thomas Michaelis

7 Genetisch veränderte Tiere – 105


Ralf Kühn und Wolfgang Wurst

8 Zukunftsstrategien für die Entdeckung neuer Antidepressiva – 125


Florian Holsboer
2

2 Pharmakologische Grundlagen
Anne Eckert und Walter E. Müller

2.1 Klassifikation und Terminologie – 30 2.3 Kompensatorische Mechanismen – 38

2.2 Neuronale Wirkprinzipien der 2.4 Adaptationsphänomene


Psychopharmaka – 31 und der klinische Wirkungseintritt – 39
2.2.1 Wirkung auf die Neurotransmittersynthese – 31
2.2.2 Wirkung auf die Neurotransmitterfreisetzung – 32 2.5 Pharmakologische Selektivität
2.2.3 Inaktivierung von Neurotransmittern – 32 und funktionelle Spezifität – 40
2.2.4 Rezeptorvermittelte Wirkung – 32 2.5.1 Pseudoselektivität der Benzodiazepine – 40
2.2.5 Konzentrations-Wirkungs-Beziehungen – 34 2.5.2 Funktionelle Selektivität
2.2.6 Methoden zur Rezeptoranalyse – der und klinische Spezifität – 41
Radiorezeptorassay – 35 Literatur – 41
2.2.7 Praxisrelevante Interpretation von
Rezeptoraffinitäten – 37
30 Kapitel 2 · Pharmakologische Grundlagen

2.1 Klassifikation und Terminologie leptika in hoher Dosierung vorhandene antipsychotische


Wirksamkeit. Sie führt dazu, dass Neuroleptika heute im
Wie in vielen anderen Bereichen der Psychiatrie gibt es angelsächsischen Sprachgebrauch, aber auch vermehrt
auch bei der Einteilung der Psychopharmaka kein ein- im deutschsprachigen Raum, auch als Antipsychotika
2 heitliches allgemein anerkanntes Unterteilungsprinzip. (antipsychotics) bezeichnet werden, ein Begriff, der ihrer
Die Klassifikation der Psychopharmaka ist von Lehrbuch klinischen Anwendung wesentlich näher kommt als die
zu Lehrbuch unterschiedlich. Tendenziell setzt sich aber Bezeichnung Neuroleptika, die sich eher auf die Neben-
in den letzten Jahren mehr und mehr eine auf der kli- wirkungen dieser Substanzklasse bezieht. Trotzdem hat
nischen Anwendung beruhende Klassifikation der Psy- sich im deutschen und europäischen Sprachgebrauch der
chopharmakagruppen durch (⊡ Tab. 2.1). Diese hat zwar Begriff Neuroleptika erhalten.
den großen Vorteil eines direkten Bezugs zur klinischen Affektiv aufhellende Wirkungen haben sowohl Anti-
Praxis, gleichzeitig aber den Nachteil, dass eine Reihe von depressiva wie auch Psychostimulanzien. Antidepressiva
Substanzen nicht eindeutig klassifiziert werden kann, zeigen diesen Effekt weniger beim affektiv Gesunden als
sondern vielmehr verschiedenen Psychopharmakagrup- beim depressiven Patienten, Psychostimulanzien können
pen zugeordnet werden müssen. ihre stimmungsaufhellende Wirkung unabhängig von pa-
Sedierende und affektiv dämpfende Wirkungen wei- thologischen Veränderungen der Affektivität zeigen.
sen sowohl Antipsychotika (Neuroleptika) wie auch Tran- Auch heute noch häufig gebrauchte Synonyma für Anti-
quillanzien auf. Beide Substanzgruppen haben daher in depressiva sind die Begriffe Thymoleptika oder Thymere-
der Behandlung von Angst und Spannungszuständen tika, wobei bei letzterem primär Monoaminoxidase-
eine überschneidende klinische Anwendung; allerdings hemmstoffe gemeint sind.
werden bei diesem Einsatz die Antipsychotika sehr nied- Die letzte indikationsbezogene Psychopharmaka-
rig dosiert. Dieser in gewissem Sinn ähnlichen Wirkung gruppe, die heute zunehmend an Bedeutung gewinnt,
trägt die alte Unterteilung in Major- und Minor-Tranqui- sind die Antidementiva (früher Nootropika genannt) – im
lizer Rechnung. Der wesentliche Unterschied zwischen angelsächsischen Sprachgebrauch auch gerne als cogniti-
beiden Substanzgruppen ist aber die nur bei den Neuro- on enhancers bezeichnet. Diese Substanzen werden the-
rapeutisch bei Hirnleistungsstörungen besonders im Al-
ter eingesetzt. Heute steht die Behandlung der Demenz im
⊡ Tab. 2.1. Klassifikation von Psychopharmaka und anderen
zentral wirksamen Substanzen
Vordergrund, sodass sich der Begriff Antidementiva
mehr und mehr durchsetzt.
Psychopharma- Beispiel Synonym Losgelöst von diesen fünf Psychopharmakagruppen
kagruppen sollte auch die Gruppe der Halluzinogene oder Psycho-
Antipsychotika Haloperidol, Neuroleptika, dysleptika betrachtet werden. Es handelt sich um Subs-
Olanzapin Major-Tranquilizer tanzen, die zurzeit nicht als Psychopharmaka eingesetzt
Tranquillanzien Diazepam, Minor-Tranquilizer, werden und die im Gegensatz zu den Psychostimulanzien
Lorazepam Ataraktika weniger eine unspezifische zentrale Stimulation zeigen,
Antidepressiva Citalopram, Thymoleptika sondern spezifisch psychoseartige Symptome auslösen
Amitriptylin können. Natürlich sind hier die Übergänge fließend, und
Tranylcypromin Thymeretika viele Psychostimulanzien haben in Abhängigkeit von der
(speziell für MAO-
Dosis und der Anwendung deutliche halluzinogene Wir-
Hemmer)
kungen.
Psycho- Amphetamine Psychoanaleptika
Neben diesen Substanzgruppen mit relativ spezifischen
stimulanzien Methylphenidat Psychotonika
Effekten auf bestimmte psychische Funktionen könnten
Antidementiva Donepezil Nootropika,
noch verschiedene andere Arzneimittelgruppen erwähnt
cognition enhancers
werden, die auch alle zentral wirksam sind, deren primäre
Psychotrope Nichtpsychopharmakagruppen
Indikationen aber nicht auf Veränderungen der Psyche
Halluzinogene LSD Psychodysleptika abzielen. Auch hier sind die Übergänge fließend, z. B.:
Andere zentral angreifende Pharmakagruppen  Viele Benzodiazepinderivate können sowohl als Tran-
Hypnotika Benzodiazepine Schlafmittel quilizer wie auch als Hypnotika eingesetzt werden.
Analgetika Morphin Opiate
 Analgetika vom Opiattyp haben auch stimmungsauf-
hellende euphorisierende Effekte.
Antikonvulsiva Carbamazepin Antiepileptika
 Bestimmte Antikonvulsiva wie Carbamazepin haben
Antiparkinson- L-Dopa, – heute auch Indikationen als Psychopharmaka.
Substanzen Biperiden Zentrale Anticholi-
 Antiparkinson-Substanzen wie L-Dopa können im
nergika
Sinne von psychoseähnlichen Nebenwirkungen in
MAO Monoaminoxidase, LSD Lysergsäurediethylamid
psychische Funktionen eingreifen.
2.2 · Neuronale Wirkprinzipien der Psychopharmaka
31 2

Obwohl sich die vorliegende Klassifikation (⊡ Tab. 2.1) in oft gegen einen Konzentrationsgradienten geschieht, ist
den letzten Jahren immer mehr durchgesetzt und im Prin- das Neuron mit Energie verbrauchenden Aufnahmesys-
zip auch bewährt hat, hat sie auch ihre Grenzen. Die indi- temen für diese Vorstufen versehen. Der Transmitter ge-
kationsspezifische Einordnung vernachlässigt das oft langt dann über axonalen Transport in die Präsynapse,
sehr breite therapeutische Wirkungsspektrum der einzel- wo er in Vesikeln gespeichert wird. Die Entladung des
nen Substanzen (z. B. den Einsatz von Antipsychotika als Axons führt zu einer exozytotischen Freisetzung des
Tranquillanzien), was dazu führt, dass viele Psychophar- Transmitters, der über den synaptischen Spalt die post-
maka in mehr als eine dieser Substanzklassen eingeord- synaptische Membran und die dort vorhandenen Rezep-
net werden müssten (Benkert u. Hippius 2007; Möller toren des rezeptiven Neurons erreicht. Damit das ganze
et al. 2000; Riederer et al. 2002–2006; Schatzberg et al. System wieder erneut in Gang gesetzt werden kann, muss
1997; Schatzberg u. Nemeroff 1998). Ein wichtiges Beispiel der Transmitter im synaptischen Spalt oder am Rezeptor
ist hier die aktuelle Differenzialtherapie der Angsterkran- schnell inaktiviert werden. Dies wird entweder erreicht
kungen, wo heute Substanzen aus praktisch allen Psycho- durch enzymatischen Abbau, durch Wiederaufnahme in
pharmakaklassen eingesetzt werden. das präsynaptische Neuron oder durch Aufnahme in
Gliazellen, die die Synapse umgeben. Im Hinblick auf die
Wirkungsmechanismen der heute zur Verfügung stehen-
2.2 Neuronale Wirkprinzipien den Psychopharmaka haben die einzelnen Schritte des
der Psychopharmaka Transmissionsprozesses sehr unterschiedlichen Stellen-
wert (Müller u. Eckert 2002).
Die chemische Neurotransmission im zentralen Nerven-
system (ZNS) beruht auf der Ausschüttung von Neuro-
transmittern in den synaptischen Spalt zwischen zwei 2.2.1 Wirkung auf die
Neuronen (⊡ Abb. 2.1). In der Regel wird der Transmitter Neurotransmittersynthese
vom präsynaptischen Neuron synthetisiert, wobei hier oft
der Zellkörper von größerer Bedeutung ist als das Axon Effekte auf die Biosynthese von Neurotransmittern spie-
selbst. In vielen Fällen muss das Neuron zur Synthese des len für Psychopharmaka fast keine Rolle. Das klassische
Transmitters bestimmte Vorstufen aufnehmen. Da dies Beispiel für einen solchen Mechanismus ist die Verstär-

⊡ Abb. 2.1. Chemische Synapse


als Kommunikationsprinzip zwi-
schen zwei Nervenzellen.
Aufnahme des Transmitters (oder
seiner Vorstufe) in das Neuron (A),
axonaler Transport an die Nerven-
endigungen (B), Speicherung in
Vesikeln (C); durch das Aktions-
potenzial des Axons und einen
damit verbundenen Ca2+-Ein-
strom Freisetzung des Trans-
mitters durch Exozytose aus den
Vesikeln in den synaptischen
Spalt (D), nach Diffusion (E)
Reaktion mit Rezeptoren auf der
postsynaptischen Seite (F);
Inaktivierung des Transmitters
durch Abbau oder Aufnahme an
der postsynaptischen Membran
(G) oder durch Rückdiffusion (H)
und Aufnahme in das präsynap-
tische Neuron (I) bzw. in umlie-
gende Gliazellen (J). Präsynap-
tische Autorezeptoren (K) oder
Heterorezeptoren (L) können die
Menge des freigesetzten Trans-
mitters beeinflussen oder auch
die Syntheserate regulieren
32 Kapitel 2 · Pharmakologische Grundlagen

kung der relativen dopaminergen Unteraktivität im nig- So blockieren z. B. viele klassische Antidepressiva die
rostriatalen dopaminergen System durch Gabe der Dopa- neuronale Wiederaufnahme der Transmitter Noradrena-
minvorstufe L-Dopa. Der erfolgreiche Einsatz dieser lin und Serotonin (5-HT). Inhibitoren des in den Mito-
Substanz in der Behandlung des idiopathischen Morbus chondrien lokalisierten Enzyms Monoaminoxidase hem-
2 Parkinson ist mehrfach herangezogen worden, um ratio- men den intra- und extraneuronalen Abbau aminerger
nale Pharmakotherapien zentralnervöser Erkrankungen Transmitter. Verschiedene Substanzen, die über eine
zu initiieren, bei denen als Ursache der Mangel eines be- Hemmung der Acetylcholinesterase die synaptische Kon-
stimmten Neurotransmitters vermutet wird. Beispiele zentration von Acetylcholin im ZNS erhöhen, sind zurzeit
hierfür sind die Behandlung der Alzheimer-Krankheit in klinischer Erprobung bei der Behandlung der Alzhei-
mit Acetylcholinvorstufen wie Cholin und Lecithin oder mer-Krankheit.
die Depressionsbehandlung mit L-Tryptophan oder L-Hy-
droxytryptophan. Im Gegensatz zu den guten therapeu-
tischen Erfolgen der L-Dopa-Behandlung bei Morbus 2.2.4 Rezeptorvermittelte Wirkung
Parkinson haben die anderen Behandlungsstrategien kei-
ne oder nur minimale klinische Erfolge gezeigt. Ebenso Die Informationsweitergabe wird auf der postsynap-
waren Behandlungsversuche der Depression mit der Nor- tischen Seite von Rezeptoren übernommen, die vom frei-
adrenalinvorstufe L-Tyrosin weitgehend negativ. gesetzten Transmitter besetzt werden. Das hierdurch aus-
gelöste Signal wird über verschiedene Transduktionsme-
chanismen im rezeptiven Neuron weitergeleitet. Ähnlich
2.2.2 Wirkung auf die Neurotransmitter- wie im peripheren Nervensystem ist dieser Teil der che-
freisetzung mischen Neurotransmission im ZNS ein wesentlicher An-
griffspunkt für Pharmaka.
Während die durch Exozytose vermittelte Freisetzung des Die spezifische Bindung des Pharmakons an seinen
Transmitters in den synaptischen Spalt als Angriffspunkt Rezeptor ist die Voraussetzung für die meisten Psycho-
von Psychopharmaka keine Rolle spielt, ist eine Beein- pharmakawirkungen. Ihre mathematische Beschreibung
flussung regulativer Faktoren der Transmitterfreisetzung beruht auf dem Massenwirkungsgesetz:
als Wirkungsmechanismus von Psychopharmaka durch-
aus relevant. So kann z. B. an einer noradrenergen Synap- R + P a RP
se die Menge des synaptisch freigesetzten Noradrenalins
durch so genannte inhibitorische Autorezeptoren vom Der freie ungebundene Rezeptor liegt in der Regel in zwei
α2-Typ im Sinne einer negativen Rückkopplung reguliert Konformationen vor, in der inaktiven Form R und der
werden. Autorezeptoren können entweder die Menge des aktiven Form R*. So befinden sich z. B. im Gleichgewicht
freigesetzten Transmitters beeinflussen oder seine Syn- 90% der Rezeptoren in der inaktiven Form R und 10% in
theserate regulieren. Eine Blockade inhibitorischer α2- der aktiven Form R*. Neben Agonisten, die die Funktion
Rezeptoren und eine damit verbundene initiale Erhöhung des physiologischen Transmitters nachahmen und eine
der Noradrenalinkonzentration an zentralen Synapsen dem Rezeptor zugeordnete Funktion aktivieren, gibt es
spielt wahrscheinlich für die Wirkung des Antidepressi- Antagonisten, die durch eine Blockade der Rezeptoren
vums Mianserin eine große Rolle. Darüber hinaus ist eine die Informationsweitergabe verhindern, indem die Bin-
Blockade dopaminerger Autorezeptoren (vom Typ D2) im dung des Agonisten und damit die vom Agonisten indu-
Gesamtwirkungsspektrum von Antipsychotika, v. a. bei zierte Wirkung verhindert wird. Substanzen mit dieser
ihrem Einsatz in niedriger Dosierung als Tranquilizer, Eigenschaft werden als kompetitive Antagonisten be-
von Bedeutung. zeichnet. Der Antagonist bindet mit gleicher Affinität an
die R- und die R*-Konformation und verschiebt dadurch
das Gleichgewicht zwischen inaktivem und aktivem Re-
2.2.3 Inaktivierung zeptor nicht. Dagegen bindet der Agonist mit hoher Affi-
von Neurotransmittern nität an R* und mit niedriger Affinität an R. Dadurch wird
das Gleichgewicht nach dem Massenwirkungsgesetz zu-
Für eine repetitive Aktivierung postsynaptischer Rezep- gunsten der aktiven Rezeptorkonformation verschoben.
toren muss der in den synaptischen Spalt freigesetzte Substanzen, die das Gegenteil von Agonisten bewirken,
Transmitter sehr schnell wieder daraus entfernt werden. heißen inverse Agonisten. Der inverse Agonist bindet mit
Neben enzymatischem Abbau sind hier vor allen Dingen hoher Affinität an R und mit niedriger Affinität an R* und
die Wiederaufnahme ins präsynaptische Neuron und die verschiebt dadurch das Gleichgewicht noch stärker als im
Aufnahme in die die Synapse umgebenden Gliazellen von Grundzustand zur inaktiven Rezeptorkonformation.
Bedeutung. Die Blockade solcher Inaktivierungsmecha- Wichtige Beispiele für Psychopharmaka, die über eine
nismen ist für Psychopharmaka ein wichtiger Zielpunkt. Rezeptoraktivierung bzw. Blockade wirken, sind
2.2 · Neuronale Wirkprinzipien der Psychopharmaka
33 2

 Antipsychotika (D2-Blockade), reiner Agonisten, da sie einen Teil der Rezeptoren in den
 Anticholinergika vom Biperiden-Typ (Antagonisten inaktiven R-Zustand überführen.
an zentralen Muskarinrezeptoren) und Der mögliche therapeutische Vorteil von partiellen
 Benzodiazepine (Agonisten am Benzodiazepinrezep- Agonisten liegt darin, dass sie sich in Abhängigkeit von
tor). der Aktivität des neuronalen Systems und der synap-
tischen Konzentration des Neurotransmitters (per Defi-
Bei Letzteren ist die Wirkung von Agonist, inversem Ago- nition: immer volle intrinsische Aktivität) entweder als
nist und Antagonist an der Benzodiazepinbindungsstelle Agonist oder als Antagonist verhalten. Ein Beispiel ist die
des GABAA-Rezeptors gut untersucht. Diazepam wirkt als Beeinflussung dopaminerger D2-Rezeptoren durch das
Agonist an der Benzodiazepinbindungsstelle, ohne den neue atypische Antipsychotikum Aripiprazol, einen par-
Chloridkanal direkt zu öffnen, erhöht aber die Öffnungs- tiellen Agonisten (⊡ Abb. 2.2 und ⊡ Box: Der partielle
wahrscheinlichkeit des Kanals, wenn γ-Aminobuttersäu- Agonist Aripiprazol).
re (GABA) bindet. ß-Carboline sind inverse Agonisten an Eine wesentliche Kennzahl eines Pharmakons P ist
der Benzodiazepinbindungsstelle des GABAA-Rezeptors. seine Affinität zum Rezeptor R, die durch die Dissoziati-
Durch die Bindung vermindern sie die Öffnungswahr- onskonstante KD bestimmt wird.
scheinlichkeit der Chloridkanäle bei GABA-Bindung. Auf Aufgrund des Massenwirkungsgesetzes ergibt sich:
diese Weise wirken sie im Gegensatz zu den Benzodiaze-
pinen angstverstärkend. Sowohl die Wirkung des Agonis- [R]f × [P]f /[RP] = KD
ten Diazepam als auch die Wirkung des inversen Agonis-
ten, z. B. Ethyl-β-carbolin-3-carboxylat, wird durch den wobei [ ]f für die freie Konzentration von R bzw. P steht.
reinen Antagonisten Flumazenil aufgehoben. Der KD-Wert wird in mol/l angegeben. Je kleiner der KD-
Darüber hinaus erlangen in den letzten Jahren so ge- Wert, desto höher ist die Affinität des Pharmakons zum
nannte partielle Agonisten immer größere Bedeutung, Rezeptor. Wenn die freie Konzentration des Pharmakons
die zwar den Rezeptor aktivieren können, bei denen aber [P]f gleich KD ist, ist die Hälfte aller Rezeptoren mit Phar-
die Signalübertragung in das rezeptive Neuron trotz ho- makon besetzt, also [R]f = [RP]. Bei Anwesenheit mehre-
her synaptischer Konzentrationen nur abgeschwächt ist. rer Liganden, z. B. eines als Agonist wirkenden Pharma-
Partielle Agonisten binden mit ähnlicher Affinität an kons und eines endogenen Neurotransmitters, bestim-
R und R*, wobei die Affinität zu R* etwas höher ist. Die men die individuellen KD-Werte die relative Sättigung des
relative Affinität zu R und R* bestimmt ihre intrinsische Rezeptors.
Affinität a, die ein Maß für die maximale Wirkstärke ist. Der aktive Rezeptor benötigt zur Signalweiterleitung
einen weiteren Partner, den Effektor. Der Effektor, z. B.
Für Agonisten gilt: a = 1 ein G-Protein, hat eine hohe Affinität zur R*- bzw. RP-
Für Antagonisten gilt: a = 0 Konformation des Rezeptors. Die Annahme, dass eine
1:1-Beziehung zwischen der Zahl der aktiven Rezeptoren
Alle Pharmaka, die einen a-Wert zwischen 0 und 1 haben, und der Stärke der Wirkung besteht, gilt nur dann, wenn
sind partielle Agonisten und vermindern die Wirkung die Wirkung eine direkte Funktion des Rezeptors ist, wie

⊡ Abb. 2.2. Aripiprazol als po-


tenter partieller Agonist an
Dopamin-D2-Rezeptoren. Die
Untersuchungen wurden an mit
100
humanen D2-Rezeptoren (hDim)
transfizierten CHO-Zellen (Chinese
% Maximale Antwort

hamster ovary) durchgeführt.


100% Antwort bezieht sich auf die
an diesen Zellen zu beobachten-
50
de Hemmung der durch Forskolin
aktivierten Adenylatcyclaseakti- 100 nM Dopamin
vität. Dopamin (dunkelblau), + Haloperidol
Dopamin 100 nM + Aripiprazol
(mittelblau), Dopamin 100
nM + Haloperidol (hellblau), 0
Aripiprazol (grau), Haloperidol
(schwarz). (Mod. nach Müller
2002)

Dosis
34 Kapitel 2 · Pharmakologische Grundlagen

Box seine Aktivität. In manchen Fällen stellt sie ein genaues


Abbild der Konzentration am Wirkort (Rezeptor) dar, die
Der partielle Agonist Aripiprazol
in einer quantitativen Beziehung zum Ausmaß der phar-
Als Modell in ⊡ Abb. 2.2 diente eine experimentelle
makologischen Wirkung steht.
2 Zelllinie, die den humanen D2-Rezeptor stabil exprimiert
Üblicherweise wird die Konzentrations-Wirkungs-
(CHO-D2L). In diesen Zellen kann mit Dopamin die durch
Beziehung durch eine logarithmische Skala dargestellt
Forskolin induzierte Aktivierung der Adenylatcyclase
(⊡ Abb. 2.3). Im mittleren Teil der Kurve ist sie oft linear,
konzentrationsabhängig gehemmt werden, wie an der
etwa zwischen 20% und 80% der maximalen Wirkung.
Dosis-Wirkungs-Kurve für Dopamin gezeigt. Die durch
Tatsächlich gibt es immer eine maximale Wirkung (Emax),
Dopamin (100 nM/l) ausgelöste Hemmung lässt sich
oberhalb derer selbst eine höhere Konzentration keine
durch den reinen Antagonisten Haloperidol aufheben,
weitere Steigerung des Effekts mehr bewirkt und die die
mit einer halbmaximalen Hemmkonstanten, wie sie für
Eigenwirkung des Pharmakons definiert. Die Konzentra-
Haloperidol zu erwarten ist. Haloperidol als reiner Dopa-
tion, bei der 50% des maximalen Effekts erzielt wird, heißt
minantagonist hat keine eigene Wirkung auf die Aktivi-
wirksame Konzentration 50 (EC50). Das gleiche Modell
tät der durch Forskolin stimulierten Adenylatcyclase.
gilt auch für die Beziehung zwischen Konzentration und
Anders ist es bei Aripiprazol, das als partieller Agonist
selbst konzentrationsabhängig zu einer Hemmung der
stimulierten Adenylatcyclaseaktivität führt. Als partieller a
Agonist hat die Substanz aber keine 100%ige intrin-
sische Aktivität, daher ist das Ausmaß des Effekts deut-
lich geringer als beim vollen Agonisten Dopamin. An-
hand der Kurve lässt sich abschätzen, dass die intrin-
sische Aktivität von Aripiprazol deutlich unter 0,5 liegen
muss. Wird Aripiprazol dagegen zusammen mit Dopa-
min eingesetzt, dann verhält es sich eher wie Haloperi-
dol und führt zu einer Abnahme der maximalen Dopa-
minwirkung. Wenn kein anderer Agonist vorliegt, verhält
sich Aripiprazol damit wie ein schwacher Agonist; liegt
dagegen eine deutliche Stimulation durch einen vollen
Agonisten (hier Dopamin) vor, verhält sich die Substanz
eher wie ein Antagonist.

z. B. bei Enzymen. Dagegen ist diese Annahme nur be-


dingt richtig bei Hormonen und Neurotransmitterrezep- b
toren, die an einen Effektor koppeln. Einer großen Zahl
von aktiven Rezeptoren steht in einigen Fällen nur eine
kleine Zahl von Effektoren, z. B. G-Proteinen, zur Verfü-
gung. Deshalb ist es möglich, dass die maximale Wirkung
bereits durch Kopplung nur eines kleinen Teils von R*
bzw. RP an den Effektor erzielt wird. Die Rezeptoren, die
nicht an der Kopplung beteiligt sind, werden als Rezep-
torreserve bezeichnet. Die Pharmakonkonzentration, die
halbmaximale Wirkung auslöst, und die Konzentration,
bei der die Hälfte der Rezeptoren besetzt ist, kann um ein
Vielfaches auseinanderliegen (EC50 << KD;  2.2.5). Kli-
nisch-pathophysiologisch betrachtet, kann die Variation
der Rezeptorreserve die Empfindlichkeit einer Zelle ge-
genüber einem Pharmakon erhöhen oder erniedrigen.

2.2.5 Konzentrations-Wirkungs- ⊡ Abb. 2.3. Kompetitiver und nichtkompetitiver Antagonismus.


Beziehungen a Substanz B, ein kompetitiver Antagonist, verschiebt die Konzen-
trations-Wirkungs-Kurve für Substanz A parallel. b Substanz C, ein
nichtkompetitiver Antagonist, vermindert die maximale Wirkung von
Die Plasmakonzentration eines Pharmakons nach Verab- Substanz A. EC50 wirksame Konzentration mit 50% der maximalen
reichung einer bestimmten Dosis ist ein gewisses Maß für Effektstärke
2.2 · Neuronale Wirkprinzipien der Psychopharmaka
35 2

toxischer Wirkung. Sie ist definiert als toxische Konzen- gleichgewicht eingestellt, wird durch eine geeignete Me-
tration 50 (TC50). thode der freie (noch in Lösung befindliche) Anteil des
Der therapeutische Bereich eines Pharmakons leitet Radioliganden von dem an den Rezeptor gebundenen
sich von der Differenz TC50 – EC50 ab und der therapeu- Anteil abgetrennt, wobei das bestehende Gleichgewicht
tische Index aus dem Verhältnis EC50/TC50. nicht gestört werden darf. Der gebundene Anteil lässt sich
Für Antagonisten wurde eine eigene Vergleichsgröße durch eine einfache Radioaktivitätsmessung – im Falle
eingeführt, die inhibitorische Konzentration (inhibitory von tritiummarkierten Liganden mittels Flüssigkeits-
concentration, IC50), bei der 50% Hemmung erzielt wird. Szintillationsspektrometrie – quantifizieren.
Beim kompetitiven Antagonismus konkurrieren ein Die gefundene Gesamtbindung spiegelt allerdings
Agonist und ein Antagonist um die gleiche Bindungsstel- nicht ausschließlich den spezifisch an den Rezeptor ge-
le am Rezeptor. In diesem Fall ist die Potenz des Agonis- bundenen Anteil wider. Wie sich gezeigt hat, binden fast
ten signifikant abhängig von der Konzentration beider alle Radioliganden nicht nur an ihre spezifischen Rezep-
Agenzien. In ⊡ Abb. 2.3a wird der Effekt eines kompeti- toren, sondern in unterschiedlichem Ausmaß an weitere
tiven Antagonisten (Substanz B, z. B. Flumazenil) illus- (unspezifische) Bindungsstellen des zu untersuchenden
triert. Gezeigt ist eine typische Dosis-Wirkungs-Kurve Gewebes, ja sogar an die Wand der verwendeten Reagenz-
einer Substanz A (z. B. Diazepam). In Anwesenheit des gläser oder an die zur Abtrennung benutzten Filter. Diese
kompetitiven Antagonisten B verschiebt sich die Kon- unspezifische oder nichtspezifische Bindung reicht von
zentrations-Wirkungs-Beziehung von A parallel zu hö- weniger als 5% bis zu über 90% der gefundenen Gesamt-
heren Konzentrationen. Dies bedeutet, dass die EC50 bindung.
steigt. Durch Steigerung der Konzentration des Agonis- Glücklicherweise unterscheiden sich die spezifische
ten A können trotzdem 100% der Wirkung erreicht wer- (rezeptorassoziierte) und die unspezifische Bindung in
den. Nichtkompetitive Antagonisten binden dagegen an einigen wichtigen Aspekten, sodass auf relativ einfache
den gleichen Rezeptor, aber an anderer Stelle als Agonis- Weise eine Differenzierung zwischen beiden Bindungs-
ten, und hemmen so die Rezeptorfunktion. Der Effekt arten möglich ist (⊡ Abb. 2.4 und ⊡ Box: Bestimmung von
eines nichtkompetitiven Antagonisten kann nicht voll- Rezeptoreigenschaften mit dem Radiorezeptorassay).
ständig durch steigende Konzentrationen des Agonisten Die spezifische Bindung ist üblicherweise durch eine
aufgehoben werden, d. h. in seiner Anwesenheit wird die hohe Affinität des Liganden zum Rezeptor charakteri-
maximale Wirkung des Agonisten immer vermindert, siert, wobei aufgrund der begrenzten Anzahl der Rezep-
ohne dass sich dabei die EC50 ändern muss (⊡ Abb. 2.3b). toren eine geringe Bindungskapazität zu erwarten ist. Im
Ein Beispiel hierfür wurde am N-Methyl-D-Aspartat- Gegensatz hierzu finden sich bei der unspezifischen Bin-
(NMDA)-Rezeptor, einem durch Glutamat aktivierten dung deutlich geringere Affinitäten des Radioliganden an
Ionenkanal, entdeckt. So blockieren manche Antagonis- die Bindungsstellen, deren Anzahl jedoch erheblich grö-
ten, z. B. Ketamin und Memantine, am NMDA-Rezeptor ßer ist als die der Rezeptoren.
nicht den Glutamatbindungsplatz, sondern die Kanal-
pore.

2.2.6 Methoden
zur Rezeptoranalyse –
der Radiorezeptorassay

Durch moderne Techniken ist es heute möglich, immer


spezifischere Unterklassen einzelner Rezeptortypen her-
auszufinden und immer selektivere Agonisten oder Ant-
agonisten nur für diese zu entwickeln. Damit bietet diese
Strategie die größte Chance, neue Psychopharmaka mit
noch größerer pharmakologischer Selektivität zu entwi-
ckeln.
Dem Radiorezeptorassay (Stoll u. Müller 1991) liegt ⊡ Abb. 2.4. Bestimmung von Rezeptoreigenschaften durch direkte
eine sättigbare, kompetitive und reversible Ligand-Re- Bindungsversuche mit tritiierten (3H)-Liganden und Unterscheidung
zeptor-Interaktion zugrunde. Bei der praktischen Durch- zwischen spezifischer Bindung des Liganden an den Rezeptor und un-
führung eines Radiorezeptorassays wird eine gegebene spezifischer Bindung, z. B. an Gewebematerial. Für weitere
Erläuterungen ⊡ Box; schwarze Punkte Ligand 1, offene Kreise Ligand 2,
Gewebefraktion, die die gewünschte Rezeptorpopulation
gestrichelte Linien markieren 0%, 50% und 100% spezifische Bindung.
enthält, mit einem radioaktiv markierten Liganden inku- (Nach Stoll u. Müller 1991)
biert. Hat sich nach einer bestimmten Zeit ein Bindungs-
36 Kapitel 2 · Pharmakologische Grundlagen

Box
Bestimmung von Rezeptoreigenschaften mit dem Radiorezeptorassay
Die Gesamtbindung eines Liganden setzt sich aus (spezi- Aus der IC50 kann nun im Fall einer kompetitiven Hemmung
2 fischer) Rezeptorbindung und unspezifischer Bindung an der Ki-Wert, die Bindungskonstante des Inhibitors, errech-
das Gewebe und im Fall einer Filtration an den Filter zusam- net werden.
men. Durch einen einfachen Trick kann aber zwischen Re- Wie sich aus ⊡ Abb. 2.4 entnehmen lässt, sind bei einer
zeptorbindung und unspezifischer Bindung unterschieden bestimmten Konzentration beider Verdrängersubstanzen
werden (⊡ Abb. 2.4). Dafür wird eine größere Anzahl von alle Moleküle des Radioliganden von den Rezeptoren ver-
Inkubationsansätzen behandelt, wobei alle die gleiche drängt, während die unspezifische Bindung über einen
Menge Gewebe und die gleiche Menge eines tritiierten weiten Konzentrationsbereich unverändert ist. Dies ist im
Liganden (3H-Ligand) enthalten. Werden jetzt verschie- gezeigten Beispiel der Fall für 10–6 mol/1 für Ligand 1 und
denen Ansätzen steigende Mengen eines nichtradioaktiv ungefähr 10–4 mol/1 für Ligand 2. Diese Konzentrationen
markierten, an den Rezeptor bindenden Liganden zuge- können zur Bestimmung des Leerwertes (blank) eingesetzt
setzt, so wird der Ligand aufgrund seiner hohen Affinität werden, da hier alle Rezeptormoleküle durch den kalten
zum Rezeptor schon bei niedrigen Konzentrationen den Liganden blockiert sind und somit für die Bindung des Ra-
3
H-Liganden vom Rezeptor verdrängen. Sind alle am Re- dioliganden nicht mehr zur Verfügung stehen. Werden also
zeptor gebundenen Moleküle des 3H-Liganden verdrängt, in Parallelexperimenten zu demselben Gewebehomoge-
entspricht die jetzt noch gefundene, auch bei steigenden nat mit derselben Konzentration an Radioliganden in einen
Konzentrationen des Verdrängers konstante Bindung der der beiden Ansätze kalte Liganden (zur Ermittlung der un-
unspezifischen Bindung. spezifischen Bindung) in der Konzentration gegeben, die
Substanzen mit unterschiedlicher Affinität zum Rezeptor der Blank-Konzentration entspricht, kann die Menge des
erreichen diesen Plateauwert der unspezifischen Bindung spezifisch gebundenen Liganden durch einfache Diffe-
mit unterschiedlichen Gesamtkonzentrationen. Die Kon- renzbildung der beiden Werte (Gesamtbindung minus un-
zentration eines verdrängenden Rezeptorliganden, die die spezifische Bindung) ermittelt werden.
spezifische, also die Rezeptorbindung, zu 50% verdrängt, Andere Rezeptorliganden zeigen ähnliche Verdrängungs-
ist ein direktes Maß für die Affinität zum Rezeptor (mittlere kurven und erreichen dasselbe Plateau, sobald alle Mole-
gestrichelte Linie in ⊡ Abb. 2.4). Diese halbmaximale küle des Radioliganden von den Rezeptorbindungsstellen
Hemmkonzentration wird mit IC50 (s. oben) bezeichnet. verdrängt sind.

Wenn nun aliquote Teile desselben Gewebehomoge- system stellen solche IC50-Werte ein direktes Maß für die
nates mit derselben Konzentration an Radioliganden und Affinitäten der verdrängenden, unmarkierten Verbin-
mit steigenden Konzentrationen an unmarkiertem (kal- dungen zum Rezeptor dar, bezogen auf den eingesetzten
tem) Liganden (⊡ Abb. 2.4) inkubiert werden, wird der Radioliganden.
unmarkierte Ligand den Radioliganden in erster Linie Handelt es sich um eine kompetitive Reaktion, lassen
von den spezifischen Bindungsstellen (Rezeptoren) bis zu sich die IC50-Werte einfach in Inhibitionskonstanten Ki,
dem Punkt verdrängen, an dem alle Radioliganden von die Bindungskonstante des Inhibitors, transformieren,
ihrem Rezeptor verdrängt sind. Der Anteil an Bindung, die eine bessere Aussage über das Maß der Rezeptoraffi-
der dann noch gemessen wird, repräsentiert die unspezi- nität ermöglichen:
fische Bindung. Wird die Konzentration des kalten (un-
markierten) Liganden weiterhin erhöht, wird allmählich Ki = IC50/(1 [L]/KD)
auch eine Verdrängung des Radioliganden von den un-
spezifischen Bindungsstellen erfolgen. Andere Rezeptor- Dabei steht [L] für die Konzentration und KD für die Dis-
liganden zeigen ähnliche Verdrängungskurven und errei- soziationskonstante des Radioliganden.
chen dasselbe Plateau, sobald alle Moleküle des Radioli- Das unterschiedliche Verdrängungsverhalten ver-
ganden von den Rezeptorbindungsstellen verdrängt schiedener Substanzen ermöglicht es, neue Testsubstan-
sind. zen mit bereits bekannten und charakterisierten Refe-
Sind in einem Ansatz mehrere Liganden mit unter- renzsubstanzen zu vergleichen. Dabei wird eine Konzen-
schiedlichen Affinitäten zum Rezeptor denkbar, werden tration der Referenzsubstanz festgelegt, die ein bestimmtes
sie sich in den Konzentrationen, die notwendig sind, das Ausmaß an Verdrängung des Radioliganden vom Rezep-
gleiche Ausmaß an Verdrängung zu erzielen, unterschei- tor zur Folge hat. Für die zu untersuchenden Substanzen
den. In ⊡ Abb. 2.4 werden für zwei kalte Liganden die werden dann diejenigen Konzentrationen bestimmt, die
Konzentrationen gezeigt, die notwendig sind, um 50% der im selben Assaysystem das gleiche Ausmaß an Verdrän-
spezifischen Bindung des Radioliganden zu verdrängen gung bewirken.
(sog. IC50-Wert). In einem gegebenen Rezeptorbindungs-
2.2 · Neuronale Wirkprinzipien der Psychopharmaka
37 2
2.2.7 Praxisrelevante Interpretation dies gut möglich ist, soll am Beispiel eines hypothetischen
von Rezeptoraffinitäten Antipsychotikums erklärt werden (⊡ Abb. 2.5).
Eine vergleichende Interpretation von Rezeptoraffini-
Viele der alten und neuen Antipsychotika und Antide- täten (⊡ Abb. 2.5b) spiegelt den dynamischen und kon-
pressiva wirken nicht nur an einem einzigen neuronalen zentrationsabhängigen Prozess an der Synapse sehr viel
System (Rezeptor oder Transporter), sondern an ver- klarer wider als die sonst häufig verwendeten Kreisdia-
schiedenen, was zum Teil für den Wirkungsmechanismus gramme (⊡ Abb. 2.5a), die nur die Situation annähernd
erwünscht ist (bei atypischen Antipsychotika), zum Teil wiedergeben, bei der bereits das System mit der höchsten
aber auch das Auftreten von unerwünschten Arzneimit- Affinität (im vorliegenden Fall der 5-HT2-Rezeptor) stark
telwirkungen erklären kann (bei alten und neuen Anti- besetzt ist (relativ niedrige Konzentration). Aus der Ab-
psychotika und Antidepressiva). bildung ist abzuleiten, dass mit zunehmender Dosis und
Es ist nicht immer einfach, aus den üblicherweise in damit zunehmendem Sättigungsgrad des Targetrezeptors
vitro ermittelten Affinitäts- und Inhibitionskonstanten auch Rezeptoren an Bedeutung gewinnen, für die ein
einer Substanz für die unterschiedlichen Systeme die Be- Pharmakon nur eine geringere Affinität aufweist.
deutung für die therapeutische Situation abzuleiten. Wie

Box
Interpretation von Rezeptorprofilen am Beispiel eines hypothetischen Antipsychotikums
In ⊡ Abb. 2.5 wird ein hypothetisches Antipsychotikum höheren Okkupation als am D2-Rezeptor führt, während
besprochen, das mit einer Affinitätskonstante von 1 nM an die beiden anderen Rezeptoren schwächer besetzt wer-
den D2-Rezeptor bindet, dessen Dosierung also am Pati- den.
enten so gewählt wird, dass dieser Rezeptor im Striatum Aus der Abbildung lässt sich ableiten, dass bei einer Dosie-
normalerweise zwischen 70% und 80% besetzt ist. Das An- rung des Antipsychotikums, die nur 25% der D2-Rezeptoren
tipsychotikum bindet wie viele atypische Substanzen an okkupiert, schon ca. 80% der 5-HT-Rezeptoren besetzt sind,
den 5-HT2-Rezeptor mit einem Ki-Wert von 0,1 nM (10-fach während alle anderen keine Rolle spielen. Bei 50% D2-Ok-
höhere Affinität) und mit Ki-Werten von 10 nM bzw. 100 nM kupation nimmt die 5-HT-Okkupation noch ein wenig zu,
an den Histamin-H1- bzw. an den Muskarinrezeptor (10- während die beiden anderen immer noch kaum eine Rolle
bzw. 100-fach schwächere Affinität). spielen. Im 75%-Bereich der Rezeptorbesetzung für die D2-
Die Kreisdarstellung ⊡ Abb. 2.5a) spiegelt, da sie aus dem Rezeptoren (also im normalen therapeutischen Bereich)
Ki-Wert letztlich errechnet wird, nur die relative Relevanz sind fast alle 5-HT2-, aber auch schon gewisse Prozentsätze
der einzelnen Systeme wider. Hierzu werden die Ki-Werte der H1-Rezeptoren okkupiert. Liegt eine leichte Überdosie-
zunächst in reziproke Werte (1/Ki) umgewandelt und dann rung des Antipsychotikums mit 100% D2-Okkupation vor,
prozentual dargestellt. Bei oberflächlicher Betrachtung ergibt sich die gleiche maximale Okkupation für den 5-HT2-
würde eine solche Darstellung dahingehend interpretiert, Rezeptor, die H1-Okkupation steigt aber jetzt auch auf 90%
dass hauptsächlich der 5-HT2-Rezeptor wichtig ist, der D2- und die M-Okkupation immerhin auf 50%.
Rezeptor eine deutlich untergeordnete Rolle spielt und alle Eine solche Kurvendarstellung zeigt sehr viel deutlicher,
anderen praktisch vernachlässigbar sind. Dies ist aber de dass die relative Bedeutung von zusätzlichen Rezeptorsys-
facto nicht der Fall, da in der Realität die Substanz so do- temen mit Affinitäten entweder größer oder geringer als
siert wird, dass der D2-Rezeptor ausreichend besetzt ist. die Target-Affinität (in diesem Fall zum D2-Rezeptor) zu sehr
In der Kurvendarstellung (⊡ Abb. 2.5b) lassen sich verglei- unterschiedlichen Bedeutungen der zusätzlichen Systeme
chende Rezeptorbesetzungen sehr viel besser ableiten. führt, wobei in diesem Fall davon auszugehen ist, dass mit
Hier sind die typischen über zwei bzw. drei Zehnerpo- zunehmender Dosierung des Antipsychotikums auch die
tenzen gehenden, vom Massenwirkungsgesetz bestimm- Bedeutung von H1- und Muskarinrezeptoren und den da-
ten Okkupationskurven der Substanz an dem D2-Rezeptor mit verbundenen unerwünschten Arzneimittelwirkungen
und an den drei anderen Rezeptoren zu sehen, wobei die zunimmt.
höhere Affinität für den 5-HT2-Rezeptor zu einer deutlich
38 Kapitel 2 · Pharmakologische Grundlagen

⊡ Abb. 2.5. Interpretation von


Rezeptorprofilen für die Praxis.
a Kreisdiagramm, das lediglich
die relative Relevanz der einzel-
2 nen Systeme wiedergibt; 5-HT2,
Ki 0,1 nM/l (grau), D2, Ki 1,0 nM/l
(blau), H1, Ki 10,0 nM/l (weiß), M,
Ki 100,0 nM/l (schwarz); b Kurven-
darstellung, die sehr viel ge-
nauere Interpretationen erlaubt
(ausführliche Diskussion s. oben,
⊡ Box)

2.3 Kompensatorische midalen Regulation sowie für die Degeneration der in


Mechanismen diese Region einstrahlenden, dopaminhaltigen Nervenfa-
sern. Aber erst bei einem Dopaminverlust von etwa 70%
Die Erkenntnis, dass eine neurologische oder psychiatri- treten Symptome der Parkinson-Krankheit auf. Daher
sche Erkrankung ein biochemisches Korrelat besitzt und können Kompensationsmechanismen postuliert werden,
durch Medikamente beeinflussbar ist, hat die bioche- welche über lange Zeit in der Lage sind, physiologisch das
misch-pharmakologische Forschung revolutioniert. Mor- Dopamindefizit auszugleichen (⊡ Übersicht: Physiolo-
bus Parkinson ist das klassische Beispiel für einen gestör- gische Mechanismen zur Kompensation von Dopaminde-
ten Stoffwechsel der Stammganglien und der extrapyra- fiziten).

Physiologische Mechanismen zur Kompensation von Dopamindefiziten


 Intraneuronale Rückkopplungsmechanismen, z. B. und Basis der lang währenden Aufrechterhaltung der
Steuerung der Tyrosinhydroxylaseaktivität durch kon- neuronalen Funktion; auch ein Verlust von weniger
zentrationsabhängige dopaminerge Autorezeptorsti- als 50% cholinerger Neurone korreliert nicht mit dem
mulation oder Hemmung Auftreten von Demenz; auch der physiologisch nach-
 Interneuronale Steuerung, z. B. weisbare Neuronenverlust bei Altersvorgängen hat
 Beeinflussung des nigrostriatalen dopaminergen To- keine pathologischen Folgen
nus über cholinerge, GABAerge, glutamaterge und  Kompensation über Heterorezeptoren (multiple
peptiderge Systeme im nigrostriatalen System Transmitter-/Modulatorbindungsstellen an Prä- und
 hemmende oder fördernde Einflüsse noradrenerger Postsynapse)
Fasern des Locus coeruleus  Auf- und Abregulation von Rezeptordichte bzw. -affi-
 hemmender, von der Raphe ausgehender, serotoner- nität bei stark divergierender Ligandenkonzentrati-
ger Input on
 Neuronale Sprossung und Reinnervation  Kompensation über »Regelkreise«
 Eine Reservekapazität von zwei Dritteln der Neurone  Funktioneller Ausgleich durch erhöhte Aktiviät art-
dürfte eine allgemein gültige Gesetzmäßigkeit sein gleicher Neurone
2.4 · Adaptationsphänomene und der klinische Wirkungseintritt
39 2

Physiologische Experimente haben gezeigt, dass auch Adaptationsphänomene bei Antidepressiva


Synapsen morphologisch modifizierbar und steuerbar Wichtigstes Beispiel dafür, dass der eigentliche Wir-
und somit keine statische Einheit sind. Es wird vermutet, kungsmechanismus von Psychopharmaka mit der Aus-
dass Spine-Synapsen auf den Dendriten der Neuronen bildung solcher kompensatorischer Mechanismen ver-
und Pyramidenzellen in Kortex und Hippokampus derart bunden ist, sind Antidepressiva (Müller u. Eckert 1997,
modifizierbar und für Lernprozesse zuständig sind, da sie 2002; Riederer et al. 2002–2006). Bei ihnen geht man heu-
die für das Langzeitgedächtnis notwendige andauernde te davon aus, dass – z. B. angestoßen durch die akute Blo-
Potenzierung aufweisen könnten. Der Wachstumspro- ckade der neuronalen Wiederaufnahme und der damit
zess in den dendritischen Spines könnte die strukturellen verbundenen initialen Konzentrationserhöhung der
Veränderungen bewirken. Die offene Frage nach den Transmittersubstanzen Noradrenalin bzw. Serotonin in
möglichen molekularen Steuerungsmechanismen zur den jeweiligen Synapsen – solche adaptiven Verände-
permanenten Steigerung der synaptischen Leistung führt rungen auf der postsynaptischen Seite ausgelöst werden.
damit wieder in das Gebiet der Neurochemie zurück. Je- Diese Veränderungen lassen sich im noradrenergen wie
des Neuron wird in vielfältiger Weise durch viele andere auch im serotonergen System finden und betreffen Ver-
Nervenzellen beeinflusst, während multiple Verzwei- änderungen von Dichte und Funktionalität der postsyn-
gungen dieses einen Neurons wieder mit vielen anderen aptischen Rezeptoren. Die heutigen Vorstellungen sol-
Nervenzellen interagieren. Die Stabilität der Verhaltens- cher adaptiver Veränderungen an der noradrenergen
weisen wird daher durch komplexe Regelvorgänge und Synapse, wie sie von sehr vielen Antidepressiva ausgelöst
Regelkreise garantiert und gegen Störanfälligkeit durch werden, sind nachfolgend zusammengefasst (⊡ Abb. 2.6).
die überdimensionierte Anlage von neuronalen Interak- Damit soll v. a. auch die Komplexität dieser Phänomene
tionsmöglichkeiten geschützt. alleine auf der Ebene der klassischen Neurotransmission
dokumentiert werden.
Die Komplexität solcher adaptiver Phänomene erhöht
2.4 Adaptationsphänomene und sich noch auf der Ebene der Transkriptionskopplung
der klinische Wirkungseintritt (Müller u. Eckert 2002). Die Signaltransduktions-/Trans-
kriptionskopplung umfasst alle Teilschritte, die von der
Die bisher beschriebenen Effekte sind alle mehr oder we- neuronalen Erregung zur Gentranskription erfolgen,
niger akuter Natur, d. h., nach Applikation des Psycho- d. h., das Neuortransmittersignal wird in einen von der
pharmakons sind sie nach relativ kurzer Zeit vorhanden DNA gespeicherten Molekülkode umgewandelt. Hierzu
und deutlich ausgeprägt. Dieser sehr schnelle Eintritt der binden Transkriptionsfaktoren an die genregulatorische
akuten pharmakologischen Wirkung steht bei einer Reihe DNA-Sequenz. Ein wichtiger Transkriptionsfaktor ist
von Psychopharmaka im Gegensatz zum Zeitverlauf der CREB (cAMP response element binding protein), das u. a.
gewünschten klinischen Wirkung, die sich oft erst über BDNF (brain-derived neurotrophic factor) als Zielgen hat.
einen Zeitraum von Tagen oder Wochen ausbildet. Dies Chronische Antidepressivagabe hat die Aktivierung be-
hat zur Vorstellung geführt, dass die oben beschriebenen stimmter Transkriptionsfaktoren zur Folge (Torres et al.
akuten Effekte möglicherweise nicht die eigentlichen 1998), z. B. die Hochregulation von CREB. Da BDNF ein
Wirkungsmechanismen vieler Substanzen darstellen, Zielgen von CREB ist, führte dies zur Spekulation, unter
sondern dass sie nur den Anstoß zu adaptiven Verände- der chronischen Behandlung mit Antidepressiva sei die
rungen der Funktionalität bestimmter zentraler Neurone Konzentration von BDNF verändert (Daten weisen auf
geben. erhöhte BDNF-mRNA hin), und zur neurotrophen Hypo-
Die extrem komplexe Verschaltung aller zentralen these der Antidepressivawirkung. Ein anderes Beispiel
Neurone untereinander (s. oben) bringt es mit sich, dass für adaptive Veränderungen der Funktionalität zentraler
viele von ihnen zu einer Reihe von adaptiven Leistungen Neurone, die wahrscheinlich sehr eng mit dem eigent-
fähig sind: Sie können ihren Funktionszustand den vor- lichen Wirkungsmechanismus von Psychopharmaka ver-
liegenden Bedingungen anpassen und damit überschie- bunden sind, ist der sich erst langsam ausbildende Depo-
ßende oder ungenügende Aktivitäten in bestimmten Be- larisationsblock dopaminerger Neurone des mesolim-
reichen des ZNS kompensieren bzw. ausgleichen. Dies bischen und nigrostriatalen dopaminergen Systems unter
kann in größeren Regelkreisen passieren, in die verschie- chronischer Therapie mit Antipsychotika.
dene Neurone involviert sind, es kann aber auch schon an
einer einzelnen Synapse geschehen, wo in vielen Fällen Toleranz
die postsynaptische Seite in der Lage ist, Perioden chro- Toleranz bezeichnet das Phänomen, dass die Wirkung
nischer Über- bzw. Unteraktivität der Präsynapse durch eines bestimmten Medikaments bei gleicher Dosierung
bestimmte Adaptationen der Rezeptorkonzentration und nachlässt, oder – damit verbunden – dass für die gleiche
der -funktionalität zu kompensieren. Wirkung die Dosis des Medikaments gesteigert werden
40 Kapitel 2 · Pharmakologische Grundlagen

⊡ Abb. 2.6. Adaptationsphänomene bei


Antidepressiva. Dargestellt sind mögliche
adaptive Veränderungen verschiedener
Mechanismen der serotonergen Neuro-
transmission unter chronischer Gabe von
2 Antidepressiva. 5-HT 5-Hydroxytryptophan/
Serotonin, MAO Monoaminoxidase,
PLC Phospholipase C; A inhibitorische soma-
todendritische 5-HT1-Rezeptoren, Empfind-
lichkeit ↓, B inhibitorische präsynaptische
5-HT1-Autorezeptoren, Empfindlichkeit ↓,
C postsynaptische 5-HT1-Rezeptoren,
Empfindlichkeit ↑, D postsynaptische 5-HT2-
Rezeptoren, Empfindlichkeit und Dichte ↓

muss. Toleranz lässt sich über verschiedene Mechanis- 2.5 Pharmakologische Selektivität
men erklären, wobei auf der einen Seite pharmakokine- und funktionelle Spezifität
tische und auf der anderen Seite pharmakodynamische
Mechanismen stehen. Beim heutigen Verständnis zentralnervöser Funktionen
Pharmakokinetische Toleranz entsteht in der Regel ist davon auszugehen, dass einzelne Funktionen unseres
durch eine Induktion der für die Metabolisierung des Gehirns bestimmten Kerngebieten oder bestimmten Ver-
Arzneistoffs relevanten Enzyme (meist in der Leber). bänden von Neuronen zugeordnet werden können, die
Durch die erhöhte Konzentration dieser Enzyme in der allerdings zusätzlich immer noch über verschiedenartigs-
Leber wird der Arzneistoff nun schneller abgebaut, sodass te Querverbindungen modulierende Impulse aus anderen
die Wirkung bei gleicher Dosis abnimmt. Ebenfalls zur Arealen des Gehirns erhalten. Ausgehend von dem kli-
pharmakokinetischen Toleranz gehört eine Induktion nischen Wunsch, bestimmte psychopathologische Symp-
von P-Glykoprotein, das in der Zellmembran lokalisiert tome und Syndrome möglichst selektiv zu korrigieren,
ist und dafür sorgt, dass Substanzen wieder aus der Zelle sollten Psychopharmaka möglichst gezielt bestimmte
ausgeschleust werden, noch bevor sie das Zytoplasma er- Funktionen oder bestimmte Areale des ZNS beeinflus-
reichen. Damit erreicht eine kleinere Menge der Substanz sen.
die Zelle, und ihre Wirkung wird reduziert. Ein Sonderfall
ist die Tachyphylaxie (z. B. bei Ephedrin), die darauf zu-
rückgeht, dass die Wirkung (Freisetzung von biogenen 2.5.1 Pseudoselektivität
Aminen) dann nachlässt, wenn die Speicher im präsynap- der Benzodiazepine
tischen Neuron leer sind.
Pharmakodynamische Toleranz beruht auf der Desen- Ein typisches Beispiel für eine solche arealbezogene phar-
sitivierung der Signaltransduktionsmechanismen für die makologische Einschätzung ist die Aussage, die noch in
in Frage kommende Substanz. Dies kann an Rezeptoren sehr vielen Lehrbüchern zu finden ist, Benzodiazepine
z. B. eine einfache Abnahme ihrer Anzahl beinhalten; es würden hauptsächlich in Arealen des limbischen Systems
kann aber auch bedeuten, dass die einzelnen Komponen- wirken. Das ist in dieser Vereinfachung in mehrfacher
ten innerhalb der Signaltransduktionskette länger desen- Hinsicht falsch. Zum einen wissen wir heute, dass Benzo-
sitiviert bleiben, sodass der Rezeptor langsamer reakti- diazepine praktisch alle Bereiche des ZNS beeinflussen,
viert wird. Auch dadurch wird eine Wirkungsabschwä- da ja in praktisch allen Bereichen des ZNS auch Benzodi-
chung erklärbar. azepinrezeptoren vorhanden sind. Dass sie auch und
Literatur
41 2

möglicherweise sogar besonders gut bestimmte emotio- Literatur


nelle Funktionen beeinflussen, die wir mit dem limbischen
System assoziieren, ist nicht dadurch zu erklären, dass Benkert O, Hippius H (2007) Kompendium der Psychiatrischen Phar-
makotherapie, 6. Aufl. Springer, Berlin Heidelberg New York
Benzodiazepine bevorzugt im limbischen System angrei-
Möller H-J, Müller WE, Volz H-P (2000) Psychopharmakotherapie – Ein
fen; vielmehr weisen Areale des limbischen Systems eine Leitfaden für Klinik und Praxis, 2. Aufl. Kohlhammer, Stuttgart
sehr hohe Dichte an Benzodiazepinrezeptoren auf. Ben- Müller WE (2002) Partieller D2-Agonismus und dopaminerge Stabili-
zodiazepine sind also spezifisch für die mit ihrer Wirkung sierung durch Aripiprazol. Psychopharmakotherapie 4: 120–127
eng verbundenen Rezeptoren, sie sind aber nicht spezi- Müller WE, Eckert A (1997) Pharmakodynamische Grundlagen der The-
rapie mit spezifischen Serotonin-Wiederaufnahmehemmern. Psy-
fisch für einzelne Hirnareale oder einzelne funktionelle
chopharmakotherapie 4(Suppl 7): 2–8
Abläufe des ZNS. Müller WE, Eckert A (2002) Psychopharmakotherapie: pharmakolo-
gische Grundlagen. In: Möller H-J, Laux G, Kapfhammer H-P (Hrsg)
Psychiatrie und Psychotherapie, 2. Aufl. Springer, Berlin Heidel-
2.5.2 Funktionelle Selektivität berg New York, S 513–564
und klinische Spezifität Riederer P, Laux G, Pöldinger W (Hrsg) (2002–2006) Neuro-Psycho-
pharmaka. Ein Therapie-Handbuch, Bd 3–6, 2. Aufl. Springer, Ber-
lin Heidelberg New York
Dass Psychopharmaka dennoch unterschiedliche Wir- Schatzberg AF, Cole JO, DeBattista C (1997) Manual of clinical psy-
kungsqualitäten zeigen, muss dadurch erklärt werden, chopharmacology, 3rd edn. American Psychiatric Press, Washing-
dass der Effekt einer gegebenen Substanz an einem spezi- ton, DC
Schatzberg AF, Nemeroff CB (1998) Textbook of psychopharmacology,
fischen biochemischen Mechanismus (z. B. an einem Re-
2nd edn. American Psychiatric Press, Washington, DC
zeptor) in einem Hirnareal funktionell relevant ist, in Stoll L, Müller WE (1991) Der Radiorezeptorassay. Pharm Ztg Wiss 2-4:
einem anderen aber bei der Fülle von neurochemischen 53–66
Impulsen funktionell keine große Rolle spielt. Die heute Torres G, Horowitz JM, Laflamme N et al (1998) Fluoxetine induces the
in der Regel verfolgte Strategie, biochemisch hochselek- transcription of genes encoding for c-fos, corticotropin releasing
factor and its type 1 receptor in rat brain. Neuroscience 87: 463–
tive Psychopharmaka zu entwickeln, die z. B. nur noch
477
eine Unterklasse eines Rezeptors aktivieren, ist sicher be-
rechtigt, weil die Chance besteht, dass eine Beeinflussung
dieses hochselektiven Systems dann funktionell nur noch
in sehr wenigen Arealen des ZNS relevant wird. Insofern
kann diese Strategie durchaus zu funktionell spezifischen
Pharmaka führen.
Es muss nur generell davor gewarnt werden, von
vornherein ein Psychopharmakon, das pharmakologisch
hochselektiv ist (im Hinblick auf seinen biochemischen
Angriffspunkt), auch von der klinischen Einschätzung als
funktionell spezifisch zu betrachten! Klinische Spezifität
kann nicht durch die experimentelle Pharmakologie, son-
dern nur durch die klinische Praxis erwiesen werden. Eine
klinische Spezifität im Sinne eines besseren oder schlech-
teren Ansprechens bestimmter Untergruppen depres-
siver Patienten konnte für solche pharmakologisch hoch
selektiven Substanzen allerdings bis heute nicht belegt
werden.
Als Beispiel für diese kritische Aussage sind die neuen
Serotoninwiederaufnahmehemmer zu nennen, die im
Vergleich zu den klassischen trizyklischen Antidepressi-
va eine hohe pharmakologische Selektivität aufweisen.
Eine klinische Spezifität im Sinne eines besseren oder
schlechteren Ansprechens bestimmter Untergruppen de-
pressiver Patienten konnte für diese Substanzen aller-
dings bis heute nicht belegt werden.
Darüber hinaus werden heute, nach einer Phase hoch-
selektiver Substanzen, ganz bewusst auch Psychophar-
maka mit mehreren biochemischen Wirkungsmechanis-
men entwickelt, z. B. die dualen Antidepressiva oder die
atypischen Antipsychotika.
3

3 Entdeckungsstrategien
in der Wirkstoffforschung
Ronald Kühne, Gerd Krause und Walter Rosenthal

3.1 Wirkstoffe und Leitstrukturen – 44 3.4 Computergestützte Methoden


in der Wirkstoffforschung – 53
3.2 Kombinatorische Methoden 3.4.1 Datenbankanalyse – 53
in der Wirkstoffforschung – 45 3.4.2 Quantitative
3.2.1 Das Problem großer Zahlen – 45 Struktur-Aktivitäts-Beziehungen – 56
3.2.2 Aufbau von großen Peptidbibliotheken – 46 3.4.3 Virtuelles Screening – 57
3.2.3 Substanzbibliotheken nichtpeptidischer Literatur – 60
organischer Verbindungen – 47

3.3 In-vitro-Testmethoden
bei der Wirkstoffsuche – 50
3.3.1 Separierungstests – 51
3.3.2 Homogene Tests – 52
3.3.3 Strukturbasierte Bindungstests – 53
3.3.4 Kristall- und NMR-Struktur-Screening – 53
44 Kapitel 3 · Entdeckungsstrategien in der Wirkstoffforschung

3.1 Wirkstoffe und Leitstrukturen peutischen Einsatz von Bedeutung sind. Eine Leitstruktur
muss daher chemisch variierbar sein, um therapeutisch
Gegenstand der Wirkstoffforschung ist das Auffinden einsatzfähige Analoga herstellen zu können. Wie aber er-
von Substanzen, die einen bestimmten Effekt in einem hält man eine Leitstruktur? Ein kurzer Blick in die Ge-
biologischen System hervorrufen. Ein Hauptziel ist der schichte der Wirkstoffforschung hält eine Palette von
Einsatz derartiger Substanzen für die Therapie von Antworten auf diese Frage bereit.
3 Krankheiten. Diese so genannten Wirkstoffe entfalten Ein Teil der heute bekannten Wirkstoffe basiert auf
ihre Effekte durch die Beeinflussung biochemischer Pro- Naturstoffen, die als Inhaltsstoffe von Extrakten häufig
zesse. Die gezielte Entwicklung eines Wirkstoffs erfordert schon seit Jahrhunderten in der Volksmedizin eingesetzt
demzufolge die genaue Kenntnis des zu beeinflussenden wurden. Auch hier kann die Salicylsäure als Beispiel her-
Stoffwechselprozesses einschließlich des an diesem Pro- angezogen werden. Salicylsäure ist ein Abbauprodukt
zess beteiligten Zielmoleküls (Target), auf dem sich der von Salicin, das in der Rinde der Weide (Salix) gebildet
Wirkort befindet, sowie detailliertes Wissen über die mo- wird. Weidenrindenextrakte wurden schon im Altertum
lekularen Wechselwirkungen zwischen dem Wirkstoff zur Behandlung von Entzündungen verwendet.
und dem Wirkort. Ebenso ist es von entscheidender Be- Andere Beispiele für pflanzlich vorkommende, thera-
deutung zu wissen, auf welchem Weg und in welchem peutisch wirksame Leitstrukturen sind die Herzglykoside
Ausmaß der Wirkstoff das Zielmolekül erreicht (Biover- (z. B. Digitoxin) oder das aus der Eibe gewonnene Tumor-
fügbarkeit) bzw. den Organismus wieder verlässt (Elimi- therapeutikum Paclitaxel (Taxol). Therapeutisch bedeut-
nierung). Angesichts der hohen Komplexität biologischer same Naturstoffe werden auch aus Mikroorganismen
Systeme und molekularer Wechselwirkungen ist solch ein isoliert (z. B. das immunsuppressiv wirksame Cyclospo-
umfassendes Wissen als Voraussetzung der gezielten Ent- rin und das Antibiotikum Streptomycin). Als Leitstruktu-
wicklung eines Wirkstoffs auch im Zeitalter der Genom- ren im Sinne der o. g. Definition können die antibiotisch
und Proteomforschung in den meisten Fällen verfügbar. wirksamen Penicilline und Cephalosporine bezeichnet
Trotzdem ist schon in der Frühzeit der organischen Che- werden. Diese Substanzen sind beispielhaft dafür, wie
mie – in der Mitte des 19. Jahrhunderts – erfolgreich ver- durch chemische Variation der Leitstruktur Antibiotika
sucht worden, ausgehend von Arbeitshypothesen gezielt mit unterschiedlichem Wirkungsspektrum und verbes-
Verbindungen mit verbesserten oder neuen therapeu- serter Wirkung entwickelt werden können.
tischen Eigenschaften zu entwickeln (⊡ Box: Acetylsalicyl- Eine weitere Quelle möglicher Leitstrukturen ist die
säure). De-novo-Synthese chemischer Substanzen im Labor.
Hier eröffnet sich – basierend auf dem fortschreitenden
Box Wissen der Synthesechemie – ein Universum von neuen
chemischen Verbindungen, die auf ihre biologische Wirk-
Acetylsalicylsäure samkeit geprüft werden können. Moderne Methoden der
Acetylsalicylsäure wurde 1897 durch Felix Hoffmann ge- kombinatorischen Chemie ermöglichen es, sehr große Bi-
funden. Hoffmann synthetisierte systematisch einfache bliotheken mit mehreren tausend chemischen Strukturen
Derivate der Salicylsäure, die bereits als Entzündungs- zu synthetisieren und für die Untersuchung ihrer biolo-
hemmer eingesetzt wurde, und er entdeckte dabei die gischen Aktivität bereitzustellen.
fiebersenkende und entzündungshemmende Wirkung Diese enorm große Anzahl von potenziellen Wirkstof-
des O-Acetylderivats. Der Wirkmechanismus der Verbin- fen erfordert eine weitgehend automatisierte Technologie
dung blieb fast 80 Jahre lang unbekannt, bis Vane und der biologischen Testung. Die Hochdurchsatztestung
Fereira 1971 entdeckten, dass Acetylsalicylsäure als me- (HTS, high-throughput screening) stellt besondere Anfor-
tabolische Vorstufe der Salicylsäure ein nichtsteroidaler derungen an die verwendeten biologischen Testsysteme
Inhibitor der Prostaglandin-G/H-Synthase ist, die auch (Assays) hinsichtlich ihrer Automatisierbarkeit und Stan-
als Cyclooxygenase (COX) bezeichnet wird (Flower dardisierung. Die Anwendung von HTS wirft aber auch
2003). Die Hemmung dieses Enzyms verhindert die Bil- die Frage auf, wie die entstehenden enormen Datenmen-
dung von Prostaglandinen im entzündeten Gewebe. gen sinnvoll verarbeitet werden können und wie aus auf-
Acetylsalicylsäure greift also ursächlich in das Entzün- fälligen Testverbindungen echte Leitstrukturen im Sinne
dungsgeschehen ein. In heutiger Terminologie ausge- des gewünschten therapeutischen Effekts herausgefiltert
drückt, hat F. Hoffmann durch Derivatisierung eine Leit- werden.
struktur, nämlich Salicylsäure, optimiert. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde umfang-
reiches Wissen über die Raumstruktur von Proteinen als
potenziell therapeutische Zielmoleküle sowie von Prote-
Das Charakteristikum einer Leitstruktur ist, dass sie be- in-Ligand-Komplexen – basierend auf Röntgenkristallo-
reits die gewünschte biologische Wirkung entfaltet, ihr graphie und Kernresonanzspektroskopie (NMR) – akku-
aber bestimmte Eigenschaften fehlen, die für einen thera- muliert. Die enorm gesteigerte Leistungsfähigkeit der
3.2 · Kombinatorische Methoden in der Wirkstoffforschung
45 3

Computer und der verwendeten Software ermöglicht es, ter Weise in Wechselwirkung treten, ist mehr als die Su-
geeignete Leitstrukturen unabhängig von ihrer momen- che nach der Nadel im Heuhaufen.
tanen Verfügbarkeit im Computer zu suchen. Derartige Vom chemischen Standpunkt aus gesehen, können
Methoden werden unter dem Oberbegriff virtuelles Scree- gegenwärtig etwa 105–106 Verbindungen unter Verwen-
ning zusammengefasst. dung einer gemeinsamen Synthesestrategie synthetisiert
Die moderne Wirkstoffforschung ist ein Prozess, der werden. Eine solche Gruppe von Molekülen wird als Subs-
Methoden beinhaltet zur Auffindung von Zielmolekülen tanzbibliothek bezeichnet. Bezogen auf den oben abge-
(Target-Proteinen), zur Identifizierung von Wirkorten an schätzten Umfang synthetisierbarer Verbindungen be-
Proteinen, zur Identifizierung von Leitstrukturen für deutet dies, dass mindestens 109 Substanzbibliotheken,
Wirkstoffe bis hin zur Leitstrukturoptimierung in Bezug basierend auf unterschiedlichen Synthesestrategien, not-
auf die biologische Wirkung sowie Transport- und Meta- wendig sind, um den zur Verfügung stehenden Raum
bolisierung von Wirkstoffen (⊡ Abb. 3.1). Im Folgenden kleiner Moleküle zu erfassen. Solange die Testung eines
werden die wichtigsten Methoden der modernen Wirk- Wirkstoffs der geschwindigkeitsbestimmende Schritt in
stoffforschung vorgestellt und diskutiert. der Wirkstoffsuche war, spielten solche Überlegungen
keine Rolle. Mit der Einführung molekularer Testsysteme
und – damit einhergehend – der Möglichkeit zur Auto-
matisierung der Wirkstoffsuche, konnte der Substanz-
durchsatz in der Testung um Größenordnungen erhöht
3.2 Kombinatorische Methoden werden. Daher mussten Methoden entwickelt werden, die
in der Wirkstoffforschung in der Lage waren, den »Bedarf» an kleinen therapeutisch
relevanten Molekülen zu decken.
3.2.1 Das Problem großer Zahlen In den letzten 15 Jahren entwickelten sich die Metho-
den der kombinatorischen Chemie zum festen Bestand-
Das humane Genom besteht aus etwa 30.000 Genen; ein teil in der Wirkstoffforschung. Der Gegenstand der kom-
typisches bakterielles Genom enthält etwa 4000 Gene. binatorischen Chemie ist es, große Sammlungen von
Unter der Annahme, nur etwa 10% der Gene kodierten für chemischen Strukturen (Bibliotheken) durch Kombinati-
medizinisch relevante Wirkorte für kleine Moleküle, kann on von mehreren chemischen Bausteinen zu synthetisie-
die Gesamtzahl möglicher Zielmoleküle auf mehr als ren. Ein Blick in die Natur genügt, um das enorme Poten-
10.000 geschätzt werden. Durch posttranslationale Modi- zial kombinatorischer Ansätze deutlich zu machen: Ein
fikationen der Zielmoleküle kann diese Zahl noch wesent- Protein mit einer Länge von 100 Aminosäuren wird von
lich erhöht werden. Abhängig von den zugrunde liegen- 300 Basenpaaren kodiert. Da von den vier Nukleotiden
den Kriterien der Berechnung wird das Universum klei- jeweils drei eine der 20 natürlichen Aminosäuren kodie-
ner Moleküle mit Molekulargewichten < 1000 Da auf ren, ergeben sich 4300 verschiedene DNA-Sequenzen, die
mindestens 1050 Moleküle geschätzt. Aus dieser gewal- sich wiederum in 20100 verschiedene Proteine der Län-
tigen Menge von theoretisch zugänglichen chemischen ge 100 übersetzen lassen. Dieses Prinzip der Natur kann
Strukturen diejenigen herauszufinden, die mit den ge- man sich zunutze machen, um riesige Substanzbiblio-
schätzten 10.000 relevanten Zielmolekülen in gewünsch- theken aufzubauen.

⊡ Abb. 3.1. Stadien der Wirk-


stoffentwicklung und deren
Bearbeitungsgebiete
46 Kapitel 3 · Entdeckungsstrategien in der Wirkstoffforschung

3.2.2 Aufbau von großen teriophage M13 bewährt. Dieses Virus ist in der Lage,
Peptidbibliotheken E. coli zu infizieren, ohne den Wirtsorganismus zu zerstö-
ren. Die Virushülle formt ein Stäbchen von etwa 1 μm
Phagen-Display Länge. Das Haupthüllprotein gp8 ist in 2700 Kopien pro
Eine der effizientesten Methoden zum Aufbau riesiger Virus vorhanden. An einem Ende des Stäbchens befinden
kombinatorischer Peptidbibliotheken ist der Phagen-Dis- sich jeweils fünf Kopien der Hüllproteine gp3 und gp6.
3 play (Szardenings 2003; Turk u. Cantley 2003; Hoess Das andere Ende wird durch jeweils fünf Kopien der
2001). Dabei wird die Information zufällig zusammenge- Hüllproteine gp7 und gp9 gebildet (⊡ Abb. 3.2a).
setzter Peptide in Form willkürlicher DNA-Sequenzen an Alle diese Hüllproteine sind geeignet, fusionierte Se-
einer bestimmten Position der DNA des Expressionssys- quenzen aufzunehmen und an der Virusoberfläche zu
tems eingeführt. Als Expressionssystem hat sich der Bak- präsentieren. Allerdings ist dabei zu beachten, dass die

⊡ Abb. 3.2. Phagen-Display –


Prinzip. a Aufbau des M13-
Phagen. b Polyvalenter Phagen-
Display (links): Nach direkter
Infektion von E. coli enthält das
entstehende M13-Virus in allen
Kopien des entsprechenden
Hüllproteins die neue Peptid-
sequenz (blau); monovalenter
Phagen-Display (rechts): Nach
Einbringen des viralen Vektors in
E. coli unter Verwendung eines
Helfervirus wird nur eine Kopie
des neuen Peptids an der Ober-
fläche des Phagen präsentiert.
c Anreicherung der an ein Ziel-
molekül bindenden Phagen
durch wiederholte Infektion
3.2 · Kombinatorische Methoden in der Wirkstoffforschung
47 3

Positionen, an denen die Hüllproteine fusioniert werden, fachen Reinigung der kovalent an den Träger gekoppelten
verschieden sein können. So zeigte sich, dass gp3 und gp6 Reaktionsprodukte durch Waschen. Die einfache Hand-
nur C-terminal fusionieren, gp7, gp8 und gp9 hingegen habung ermöglicht einen hohen Grad der Automatisie-
N-terminale Fusionen tolerieren. Um Peptidbibliotheken rung und Parallelisierung der Peptidsynthese, die es er-
zu erhalten, werden randomisierte Oligonukleotide in laubt, große Bibliotheken von mehreren tausend Peptiden
den viralen Vektor eingeführt. Die Infektion der E.-coli- in kurzer Zeit herzustellen.
Bakterien mit dem viralen Vektor führt im Ergebnis zur Neben der Multipin-Synthese, bei der die Peptide si-
Freisetzung von Bakteriophagen, die mehrere Kopien des multan an polymeren Ankern synthetisiert werden, hat
Peptids an der Oberfläche präsentieren (polyvalenter Dis- sich auch die Spot-Technik bewährt (Frank 1992, 2002;
play, ⊡ Abb. 3.2, links). Bei der zweiten gebräuchlichen Reinecke et al. 2001; Toepert et al. 2003). Bei dieser Me-
Methode werden E. coli zuerst mit der Phagenvektor- thode werden Ankermoleküle (Linker) an definierte Po-
DNA (Phagemid) infiziert. Die so vorbereiteten Zellen sitionen (Spots) auf ebene Zellulosemembranen gekop-
werden danach mit dem nichtveränderten M13-Helfervi- pelt. Die Peptide werden dann mittels der Fluorenyl-9-
rus infiziert. Die auf diese Weise erhaltenen Viren tragen methyloxycarbonyl-(Fmoc)-Synthesestrategie an dem
meist nur eine Kopie des Peptids an der Virusoberfläche Anker synthetisiert. Ein besonderer Vorteil synthetischer
(monovalenter Display, ⊡ Abb. 3.2b, rechts). Peptidbibliotheken besteht darin, dass sie auch Peptide
Nachdem die fusionierten Peptid- oder Proteinse- mit phosphorylierten Aminosäuren, D-Aminosäuren
quenzen in definierter Weise an der Oberfläche des oder unnatürlichen Aminosäuren enthalten können, die
Hüllproteins präsentiert sind, können sie auf ihre Bin- im Phagen-Display nicht zugänglich sind.
dungsfähigkeit an ein immobilisiertes Zielmolekül unter-
sucht werden. Die an das Zielmolekül bindenden Bakteri-
ophagen werden durch erneute Infektion in E. coli über 3.2.3 Substanzbibliotheken
mehrere Zyklen hinweg angereichert und schließlich se- nichtpeptidischer organischer
quenziert, um die Sequenz des bindenden Peptids oder Verbindungen
Proteins aufzuklären (⊡ Abb. 3.2c). In vielen Fällen ist es
möglich, ausgehend von der Sequenz der affinitätsselek- Automatisierte Synthesetechniken
tierten Peptide, Proteine zu identifizieren, die als Wech- Im letzten Jahrzehnt wurden große Anstrengungen un-
selwirkungspartner des Zielproteins in Frage kommen. ternommen, die der Merrifield-Synthese zugrunde lie-
Mithilfe dieser Technologie ist es gelungen, Peptid- genden Ideen auf die Synthese von Bibliotheken anderer
bibliotheken aus mehreren Millionen Peptiden zu erzeu- organischer Verbindungen anzuwenden (Geysen et al.
gen und ihre Bindung an ein Zielmolekül zu untersuchen 2003; Ramström u. Lehn 2002; Kappe 2002; Otto et al.
(Nixon 2002; Adda et al. 2002; Sidhu et al. 2003). Ein be- 2002). Ähnlich wie bei der Merrifield-Synthese besteht
sonderer Vorteil der Methode besteht darin, dass die er- der Vorteil der organischen Festphasensynthese in der
zeugten Bibliotheken eine sehr hohe Variabilität in den leichten Reinigung und dem einfachen Austausch von
Aminosäuresequenzen aufweisen. Zielmoleküle können Reagenzien, welche die Aufeinanderfolge mehrerer che-
neben Proteinen auch Zellen oder Gewebe sein. mischer Reaktionen gestatten. Im Vergleich zur Merri-
field-Synthese, bei der nur drei Grundreaktionen (Kopp-
Synthetische Peptidbibliotheken lung, Abspaltung der Schutzgruppe und Abspaltung des
Mit der Entwicklung der Festphasensynthese durch Mer- Reaktionsprodukts) stattfinden, ist die Palette der ge-
rifield Anfang der 1960-er Jahre wurde die methodische wünschten Reaktionen bei der Festphasensynthese ande-
Grundlage geschaffen, durch Parallelsynthese kombina- rer organischer Verbindungen erheblich komplexer und
torische Peptidbibliotheken zu erzeugen. Die Merrifield- stellt an die Analytik der Reaktionsprodukte hohe Anfor-
Synthese benutzt einen polymeren Träger, der eine funk- derungen. Sehr breit eingesetzte Trägermaterialien sind
tionelle Gruppe, meist Chlormethylen (Cl–CH2–), trägt. mit Polyethylenglykol beladene Polystyrole und poröse
Diese Gruppe wird mit der durch t-Butoxycarbonyl (Boc) Polystyrolharze. Die kombinatorischen Bibliotheken
N-terminal geschützten Aminosäure umgesetzt. Nach werden im Allgemeinen nach der Split-and-mix-Technik
Abspaltung der Schutzgruppe mittels HCl/Essigsäure und aufgebaut (s. unten).
nachfolgender Aktivierung der freien Aminogruppe
durch Dicyclocarbodiimid kann eine weitere N-terminal Split-and-mix-Technik
geschützte Aminosäure angekoppelt werden. Das fertige Bei dieser Methode (⊡ Abb. 3.3) werden in mehrere Reak-
Peptid ist unter stark sauren Bedingungen (HBr/CF- tionsgefäße mit jeweils einem unterschiedlichen Reagenz
3COOH) leicht vom Träger zu trennen. Die Vorteile der die etwa gleiche Anzahl polymerer Polystyrolharzkugeln
Festphasensynthese nach Merrifield bestehen in der sehr verteilt. Nach Kopplung des jeweiligen Reagenz an den
einfachen Handhabung, den durch hohen Überschuss der Träger werden die gekoppelten Reaktionsprodukte in
Reagenzien bewirkten hohen Ausbeuten sowie der ein- einem Gefäß gesammelt und erneut auf weitere Reakti-
48 Kapitel 3 · Entdeckungsstrategien in der Wirkstoffforschung

nischen Synthese in der flüssigen Phase auf die Bedin-


gungen der Festphasensynthese überführt werden kön-
nen. Deshalb wurde die Entwicklung von löslichen
Polymeren vorangetrieben, welche die Vorteile der Fest-
phasen- und Flüssigphasenchemie miteinander verbin-
den. Lösliche Polymere als Träger haben den Vorteil, dass
3 sie die Reaktionsgeschwindigkeit im Vergleich zur Fest-
phase erhöhen und die Analytik der Syntheseprodukte
erheblich vereinfachen. Diese auch Tarnkappenpolymere
(Reed u. Janda 2000; Boyle u. Janda 2002) genannten Ver-
bindungen basieren häufig auf einem zentralen Cyclotri-
phosphazinmolekül (⊡ Abb. 3.4), an das mehrere Triphe-
nylphosphingruppen konjugiert sind. Dieses Molekül ist
in der 1H- und 13C-NMR-Spektroskopie transparent (da-
her »Tarnkappenpolymer») und erlaubt eine simple Ana-
lytik des gekoppelten Reaktionsprodukts. Ein Haupt-
problem dieser Technik besteht in der Auftrennung der
gekoppelten Substanzen.

Kopplung an ebene polymere Träger


Eine weitere gebräuchliche Methode zur Synthese von
kombinatorischen Bibliotheken verwendet die Kopplung
⊡ Abb. 3.3. Split-and-mix-Technik der organischen Parallelsynthese. an ebene polymere Träger. Ähnlich wie bei der Spot-Syn-
Das Basisfragment wird zunächst an den Träger gekoppelt und an- these von Peptidbibliotheken werden Ankermoleküle an
schließend auf mehrere Reaktionsgefäße verteilt, in denen jeweils un-
definierte Stellen eines ebenen polymeren Trägers gekop-
terschiedliche Umsetzungen stattfinden. Nach erneutem Mischen und
Aufteilen der entstandenen Reaktionsprodukte können weitere pelt. Im nächsten Schritt wird ein Startmolekül an diesen
Umsetzungen vorgenommen werden. Graue Ovale: Träger; blaue Anker gekoppelt. Dieses Molekül wird mittels Kombina-
Symbole: verschiedene Reagenzien tionen verschiedener chemischer Reaktionen schrittweise
variiert. Die Methode ermöglicht eine effektive Parallel-
onsgefäße verteilt, in denen wiederum jeweils ein Rea- synthese. Außerdem ist eine Auftrennung der Substanz-
genz mit der Mischung verschiedener am Träger gekop- bibliothek nicht notwendig, da sich jede Substanz an einer
pelter Reaktionsprodukte umgesetzt wird. Die Testung definierten Position auf dem polymeren Träger befindet.
kann dann entweder mit dem trägergebundenem Mole-
kül erfolgen oder nach Abspaltung des Trägers. Fokussierte Bibliotheken
Herkömmliche Harzkügelchen besitzen einen Durch- Die kombinatorische Chemie erlaubt es, umfangreiche
messer von 1–2 mm. Mit einem derartigen Volumen las- Bibliotheken von Peptiden und kleinen organischen Mo-
sen sich die für die Testung notwendigen Konzentrati- lekülen zur Testung auf ihre biologische Wirksamkeit
onen von etwa 50 nM pro Substanz nicht erreichen. Mit bereitzustellen. Jedoch hat sich gezeigt, dass der enorme
der Entwicklung von Harzkügelchen mit einem Durch- Anstieg an getesteten Verbindungen nicht in gleichem
messer von 500 μm war es möglich, die Technik der ein- Maße zu neuen biologisch aktiven Leitstrukturen geführt
zelmolekülgekoppelten Festphasensynthese mit genü- hat. Nicht jede Verbindung ist biologisch aktiv. Wie kann
gend hoher Ausbeute in der automatisierten Parallelsyn- man aber die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Subs-
these einzusetzen. tanzbibliotheken Leitstrukturen enthalten? Ein Ansatz
geht davon aus, dass eine Leitstruktur nur dann erfolg-
Tarnkappenpolymere reich sein kann, wenn sie in der Lage ist, ihren Wirkort zu
Es bleibt aber das generelle Problem, dass einige ge- erreichen. Der Weg zum Wirkort wird durch drei Fak-
wünschte Reaktionen nicht von der klassischen orga- toren kontrolliert:

⊡ Abb. 3.4. Chemischer Aufbau


von Tarnkappenpolymeren
3.2 · Kombinatorische Methoden in der Wirkstoffforschung
49 3

 Permeation, Die Analyse des World Drug Index (WDI) ergab, dass ca.
 Adsorption und 85% der dort aufgeführten bioaktiven Moleküle diesen
 Metabolisierung. Kriterien gehorchen. Werden diese Regeln zur Beurtei-
lung kombinatorischer Bibliotheken benutzt, findet man,
Moleküle mit guten Permeations- und Adsorptionseigen- dass eine Vielzahl der Substanzbibliotheken – bedingt
schaften müssen vier Kriterien erfüllen, um bioaktiv zu durch die verwendeten Syntheseverfahren – tendenziell
sein (Lipinski et al. 1997, 2001). Diese werden auch als rule zu hydrophobe Substanzen enthalten. Es zeigte sich aber
of five (⊡ Übersicht) bezeichnet, so genannt, weil in jedem auch, dass die Anwendung dieser Regeln noch nicht aus-
Kriterium die Zahl Fünf oder ein Vielfaches davon vor- reicht, um die Präsenz von Leitstrukturen in Substanzbib-
kommt . liotheken zu erhöhen. Außerdem wurde festgestellt, dass
einige Klassen von oral aktiven Wirkstoffen, z. B. Anti-
biotika, Vitamine und Herzglykoside, diese Regeln verlet-
zen. Ein weiterer Aspekt ergibt sich aus der Beobachtung,
Kriterien für Bioaktivität (rule of five) dass Testsubstanzen mit reaktiven Gruppen besonders
 ein Molekulargewicht < 500 Da häufig zu falsch positiven Testergebnissen führen. Meist
 nicht mehr als fünf Wasserstoffbrückendonato- handelt es sich dabei um alkylierende oder acylierende
ren im Molekül (Summe der OH- und NH-Grup- Agenzien, die eine kovalente Bindung mit dem Zielmole-
pen) kül eingehen. Dies führt dann in einem Kompetitionsas-
 nicht mehr als zehn Wasserstoffbrückenakzep- say zu falsch positiven Resultaten. Die wichtigsten reak-
toren im Molekül (Summe der N- und O-Atome) tiven Gruppen sind in ⊡ Abb. 3.5 zusammengefasst.
 einen Logarithmus des Oktanol/Wasser-Vertei-
lungskoeffizienten logP < 5 (als Maß für die Lipo- ⊡ Abb. 3.5. Reaktive Substrukturen, deren Vorhandensein in Test-
philie) substanzen zu vermeiden ist. X: F, Cl, Br, J, Tosyl-, Mesyl- etc.; R: Alkyl-,
Aryl-, Heteroaryl- etc.
50 Kapitel 3 · Entdeckungsstrategien in der Wirkstoffforschung

⊡ Abb. 3.6. Privilegierte Substruk-


turen, die besonders häufig in GPCR-
bindenden Liganden vorkommen

Um den Strukturraum der chemischen Bausteine wei- entwicklung. Mit dem zunehmenden Einsatz kombinato-
ter einzugrenzen, besteht eine erfolgversprechende Stra- rischer Substanzbibliotheken wuchs die Notwendigkeit,
tegie auch in der Verwendung von Verbindungen, die Methoden zu entwickeln, die es gestatten, derartige Bibli-
eine Ähnlichkeit mit bereits bekannten Leitstrukturen otheken hinsichtlich ihrer biologischen Wirksamkeit zu
oder Naturstoffen besitzen und als biologisch validierte testen. Diese HTS-Systeme stellen an die Entwickler hohe
Startpunkte angesehen werden können (Breinbauer et al. Anforderungen hinsichtlich der Automatisierung, Mi-
2002; Stahl et al. 2002). Ein Ansatz geht dabei davon aus, niaturisierung und v. a. der Standardisierung bezüglich
dass bekannte Wirkstoffe, die an Zielmoleküle ähnlicher des Signal-Rausch-Verhaltens. Im Folgenden werden ei-
Raumstruktur binden, Grundlage einer fokussierten nige der wesentlichen Techniken beschrieben, die diesen
Bibliothek sein können. So weisen die Liganden G-Prote- Anforderungen weitgehend entsprechen.
in-gekoppelter Rezeptoren (GPCR) der Familie 1 (rho- Eine Vielzahl von Faktoren müssen beim Aufbau leis-
dopsinähnlich) eine erstaunliche Häufung bestimmter tungsfähiger Screening-Assays berücksichtigt werden.
Substrukturen auf (⊡ Abb. 3.6; Klabunde u. Hessler 2002). Dabei sind die Eigenschaften des Zielmoleküls von ent-
Derartige chemische Substrukturen werden – bezogen scheidender Bedeutung. Generell können Screening-Me-
auf die interessierende Gruppe von Zielproteinen – als thoden eingeteilt werden in
privilegierte Substrukturen bezeichnet.  funktionelle, zellbasierte Ansätze oder
 biochemische Ansätze.

3.3 In-vitro-Testmethoden Funktionelle, zellbasierte Screening-Ansätze werden


bei der Wirkstoffsuche häufig für die Suche nach Agonisten oder Antagonisten
von Rezeptoren eingesetzt. Ein reiner Rezeptorbindungs-
Das Hauptziel des Screening ist die Identifikation von test, bei dem die Testsubstanz mit dem natürlichen Ligan-
chemisch interessanten Leitstrukturen für die Wirkstoff- den konkurriert, könnte nicht zwischen Agonist und Ant-
3.3 · In-vitro-Testmethoden bei der Wirkstoffsuche
51 3

agonist unterscheiden. Die Anwendung eines funktio- Allgemein werden Screening-Tests (⊡ Tab. 3.1) nach
nellen Assays erfordert keine Konkurrenz um eine der Art ihres Aufbaus unterteilt in
Bindungsstelle und erlaubt auch die Untersuchung in-  Separierungstests und
verser Agonisten. Ähnliches gilt für Untersuchungen an  homogene Tests.
Ionenkanälen, insbesondere wenn Modulatoren für den
aktiven Zustand gesucht werden.
Das biochemische Screening kann signifikante Vor- 3.3.1 Separierungstests
teile gegenüber zellbasierten Ansätzen haben, insbeson-
dere für intrazelluläre Zielmoleküle. Ein gut optimierter Bei Separierungstests wird das Reaktionsprodukt nach
biochemischer Test weist i.Allg. weniger Datenstreuung seiner Trennung vom Ausgangsmaterial detektiert. Test-
auf als zellbasierte Ansätze. Deshalb werden damit umso fehler, die von der Anwesenheit der zu untersuchenden
mehr unterschiedliche chemische Strukturgerüste als Verbindung herrühren, werden hier vermieden, da sie
Testtreffer beobachtet, je höher die Konzentration der zum Zeitpunkt des Nachweises bereits vom Reaktions-
getesteten Verbindungen ist. Biochemische Ansätze ha- produkt abgetrennt ist. Dieser Testtyp hat ein größeres
ben den Vorteil, dass sie auch bei höheren Konzentratio- Signalfenster als die homogenen Tests, da das Reaktions-
nen durchgeführt werden können. Sie bieten damit eine produkt die einzige Signalquelle im Test ist.
Chance für die Aufdeckung neuer chemischer Klassen, In die Gruppe der Separierungstests gehören
für die zunächst nur niederaffine Liganden identifiziert  ELISA (enzyme-linked immunosorbent assay),
werden können.  Filterbindungstests,
 Präzipitationstests.

⊡ Tab. 3.1. Biologische Testmethoden

Screening-Test Prinzip Anwendungen

Separierungstests
ELISA Reaktionsprodukte werden mittels eines spezifischen Antikör- Für die meisten Zielmoleküle
pers für das Reaktionsprodukt auf einer Platte eingefangen; in
ähnlichen Ansätzen werden biotinylierte Substratmoleküle ver-
wendet, die auf einer Streptavidin-überzogenen Platte gebun-
den werden
Filterbindungstest Radioaktive Markierung wird von einem Substrat (z. B. γ32P-ATP) Kinase-Polymerase-Assay
auf ein geladenes Peptid übertragen, das an einen Filter mit ent-
gegengesetzter Ladung gebunden ist
Präzipitationstest Ein radioaktiv markiertes Substrat wird nach erfolgter Reaktion Kinase-, Polymerase-, Rezeptorbindungs-
ausgefällt und dann an Glasfasern eingefangen und GTP-Austausch-(GPCR)-Assays
Homogene Tests
FRET Emmissionsenergie eines Donator-Fluorophors, durch die Ener- Protease-Kinase- und Phosphatase-Assays;
gie mit einer bestimmten Wellenlänge angeregt, wird von intermolekulare Protein-Peptid-Wechsel-
einem Akzeptormolekül eingefangen; die Effizienz hängt ab wirkungen
vom Abstand zwischen Fluorophor und Akzeptor
BRET Abstandsabhängige Registrierung des Energietransfers zwi- Wechselwirkungen zwischen Paaren von
schen zwei optischen Proben durch zwei unterschiedliche Filter zellulären Proteinen
(z. B. blau, gelb) mittels sensitiver Luminometer
ALPHA Screen Partner an Donator- und Akzeptorperlen gekoppelt; Anregung G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (GPCR)
der Donatorperlen bei 370 nm, die Singulettsauerstoff generie- und Kinasetests
ren; dieser diffundiert zur Akzeptorperle und emittiert abstands-
abhängig dort bei 520–620 nm
SPA/Flashplate Abstandsabhängiger Nachweis eines Radioisotops zu einem in Kinase-, Ligandenbindungs- und Helikase-
einer Perle oder Platte eingehüllten festen Szintillator Assays
Fluoreszenz- Bindung an einem Partner mit größerem Molekulargewicht Tyrosinkinase- und Protease-Analysen;
polarisation wird nachgewiesen, indem die verringerte Bewegung bzw. Rezeptor-Ligand-,
Drehung eines größeren Produkts durch dadurch beeinflusste Protein-Peptid-,
Emittierung polarisierten Lichtes erfasst wird DNA-Protein-Wechselwirkungen
HTRF/LANCE Zeitaufgelöster fluoreszierender Donator (Lanthanoid); Akzep- Kinase-, Polymerase- und Helikase-Assays
tor markiert mit Allophycocyanin
FRET Fluoreszenzresonanzenergietransfer, BRET Biolumineszenz-Resonanzenergietransfer, SPA Scintillation Proximity Assay, HTRF homoge-
neous time-resolved fluorescence
52 Kapitel 3 · Entdeckungsstrategien in der Wirkstoffforschung

Beim ELISA-Test werden die Reaktionsprodukte mittels Wechselwirkungen wie intrazellulare Veränderungen
eines spezifischen Antikörpers für das Reaktionsprodukt nach der ligandeninduzierten Aktivierung von G-Prote-
auf einer Platte gebunden. In ähnlichen Ansätzen werden in-gekoppelten Rezeptoren sind mittels FRET zu beob-
biotinylierte Substratmoleküle verwendet, die auf einer achten (Lohse et al. 2003).
streptavidinüberzogenen Platte nach Abschluss des Tests Ein ähnliches biophysikalisches Verfahren, bei dem
gebunden werden. Diese Methode wird bei vielen bioche- die Daten durch zwei unterschiedliche Filter (z. B. blau,
3 mischen Screening-Systemen angewendet. In einem Fil- gelb) mittels sensitiver Luminometer gesammelt werden,
terbindungstest wird eine radioaktive Markierung von ist der Biolumineszenz-Resonanzenergietransfer (BRET,
einem Substrat (z. B. γ32P-ATP) auf ein geladenes Peptid bioluminescence resonance energy transfer). BRET ist eine
übertragen, das an einen Filter mit entgegengesetzter La- Form des strahlungsfreien Energietransfers, der auftreten
dung gebunden ist. In Präzipitationstests werden radio- kann, wenn zwei zueinander passende optische Sonden
aktiv markierte Substrate nach erfolgter Reaktion ausge- (z. B. Renilla-Luziferase und gelbes Fluoreszenzprotein)
fällt und dann an Glasfasern gebunden. Übliche Anwen- durch Fusion in molekulare Nähe gebracht werden. BRET
dungen beider Methoden sind Kinase-, Polymerase- und eignet sich damit ebenfalls als Sensor für Wechselwir-
Rezeptorbindungs sowie GTP-Austausch-Assays (bei G- kungen zwischen Paaren von zellulären Proteinen.
Protein-gekoppelten Rezeptoren). Das gleiche Grundprinzip der Untersuchung von
Nachbarschaftsabständen nutzen auch andere Methoden.
Beim nichtradioaktiven amplified luminescent proximity
3.3.2 Homogene Tests homogeneous assay (ALPHA Screen) werden zu untersu-
chende Partner an spezielle Donator- und Akzeptorträger
Bei homogenen Untersuchungen erfordert die Detektion gekoppelt. Die Methode basiert auf der Anregung der Do-
des Signals keinen vorherigen Separierungsschritt. Sie natorträger durch einen Laserstrahl, der Sauerstoff in an-
erfordern weniger Zusätze oder Reagenz-Transferschritte geregten Singulettsauerstoff umwandelt. Dieser diffun-
und sind deshalb für Automatisierungen und Miniaturi- diert zum Akzeptorträger. Dort findet die Reaktion mit
sierungen besonders geeignet. Die relative Einfachheit einem Thioxenderivat statt, die eine Chemolumineszenz
homogener Tests kann zur Reduzierung der Datenstreu- hervorruft und ein Fluorophor im Akzeptorträger bei
ung beitragen, und es gibt weniger Möglichkeiten zur 520–620 nm anregt (Farbreaktion). Wegen der hohen
Fehlerakkumulation bei den Messungen. Konzentration an Photosensitizer-Gruppen im Dona-
Die meisten homogenen Tests basieren auf der Erfas- torträger produziert dieser bis zu 60.000 Singulettsauer-
sung von räumlicher Nachbarschaft. Der Fluoreszenzre- stoffmoleküle pro Sekunde. Das erlaubt eine Signalver-
sonanzenergietransfer (FRET) ist ein häufig verwendetes stärkung und starke Miniaturisierung des Tests, ohne die
Verfahren biochemischer und zellbasierter Tests. Konzentration zu erhöhen. Bevorzugte Anwendungen
Bei FRET wird ein fluoreszierendes Molekül durch liegen bei Untersuchungen von G-Protein-gekoppelten
eine bestimmte Wellenlänge angeregt und strahlt Fluo- Rezeptoren (GPCR) und Kinasetests.
reszenzlicht ab. Ein Akzeptormolekül absorbiert die En- In Fluoreszenzpolarisationstests wird planar polari-
ergie des emittierten Fluoreszenzlichts. Die Effizienz die- siertes Licht verwendet, um ein Fluorophor anzuregen
ser Absorption ist abhängig vom Abstand zwischen Do- und die emittierten Polarisationswerte und damit den Be-
nator und Akzeptor. Ein einfaches Beispiel ist ein wegungsgrad zu messen. Eine Bindung zweier Partner,
Proteasetest, bei dem die Donator- und Akzeptorgruppen die ein Produkt höherer Masse hat, wird nachgewiesen,
an den Enden desselben Peptids angebracht wurden. Die indem die verringerte Bewegung bzw. Drehung eines grö-
Spaltung des Peptids durch die Protease vergrößert den ßeren Moleküls durch die veränderte Emission des pola-
Abstand zwischen Donator und Akzeptor. Dadurch wird risierten Lichts erfasst wird. Große Moleküle rotieren
der FRET-Effekt unterbrochen, und das Signal des Fluo- weniger während der Anregung und haben deshalb hohe
rophor-Donators verstärkt sich. Neben Protease- sind Polarisationswerte. Kleine (ungebundene) Moleküle ro-
auch Kinase- und Phosphatase-Assays übliche Anwen- tieren schnell während des angeregten Zustands und lie-
dungen dieser Methode. fern in der Emission geringere Polarisationswerte.
Mit FRET kann eine Auflösung in der Größenordnung Solche Tests werden bei Tyrosinkinase- und Protease-
von 1–10 nm Abstand in Molekülen erreicht werden, die analysen sowie bei Rezeptor-Ligand-, Protein- und Pep-
mit herkömmlichen lichtmikroskopischen Methoden tidanalysen sowie Analysen von DNA-Protein-Wechsel-
nicht erzielt wird. FRET eignet sich besonders für Unter- wirkungen und kompetitiven Immunoassays eingesetzt.
suchungen von intermolekularen Wechselwirkungen Neben dem Vorteil, dass kein radioaktiver Abfall entsteht,
zwischen zwei Proteinen, aber auch für die Detektion der erlauben die Tests auch Realzeitmessungen (Kinetik-
enzymatischen Aktivität sowie von Änderungen der tests), und sie sind unempfindlich gegen Konzentrations-
DNA- und RNA-Konformation. Auch intramolekulare variationen.
3.4 · Computergestützte Methoden in der Wirkstoffforschung
53 3
3.3.3 Strukturbasierte Bindungstests Nach sorgfältiger bioinformatischer Auswahl eines
Proteinsequenzbereichs, der in der Lage ist, eine eigen-
Die Kenntnis der dreidimensionalen Struktur von Ziel- ständige Strukturfaltung einzunehmen, ist die Expressi-
proteinen ermöglicht einen Startpunkt für strukturba- on, Reinigung und Charakterisierung in ausreichender
sierte Ansätze der Arzneimittelentwicklung, indem – aus- Menge und Form die zeitaufwändigste Prozedur für beide
gehend vom Zielprotein – die Topographie für die kom- Verfahren. Deswegen wurden in vielen Labors Hoch-
plementären Oberflächen und Eigenschaften eines durchsatzmethoden für parallele Expression und Reini-
Liganden definiert werden kann. Die Information wird gung entwickelt. Für NMR-Untersuchungen wird das
bei der Synthese neuer Verbindungen mit optimierter Zielprotein außerdem mit stabilen Isotopen 15N und/oder
13
Wechselwirkung zum Zielprotein berücksichtigt und re- C markiert. Die Bindung eines Liganden oder Makromo-
sultiert in verbesserter Aktivität und Selektivität. Tatsäch- leküls verändert die elektronische Umgebung am Bin-
lich gibt es inzwischen verschiedene Arzneimittel auf dem dungsort und beeinflusst die chemische Verschiebung
Markt, die mit diesem Ansatz gefunden wurden. Die be- der magnetischen Kerne an dieser Stelle. Diese Verände-
kanntesten sind Wirkstoffe gegen HIV (human immune rungen werden durch 15N/1H- und/oder 13C/1H-Korrelati-
deficency virus) wie Amprenavir und Nelfinavir, die unter onsspektren beobachtet und benutzt, um anzuzeigen, ob
Verwendung der Kristallstruktur der HIV-Protease ent- eine Ligandenbindung stattfindet, und um Hinweise auf
wickelt wurden. Die HIV-Protease wurde zuerst in der den Bindungsort am Zielprotein zu bekommen. Die Bin-
HIV-Genomsequenz durch das Asp–Thr/Ser–Gly-Se- dungsorte von Liganden können somit kartiert werden.
quenzmotiv des aktiven Zentrums identifiziert. Dies wur- Diese Informationen über intermolekulare Wechsel-
de durch homologe Modellierungen der dreidimensio- wirkungen mittels Kartierung der chemischen Verschie-
nalen Struktur des Dimers möglich, unter Verwendung bung kann auch erhalten werden, wenn keine kompletten
der Strukturen von Aspartatproteasen wie Pepsin und Zuordnungen der NMR-Signale vorhanden sind. Das er-
Renin. Die Sequenzhomologie zu Renin wies auf einen laubt Bindungsuntersuchungen auch an größeren Struk-
möglichen Ansatz zur Entwicklung eines nützlichen Inhi- turen bis zu etwa 150 kDa. Bei der als SAR by NMR (struc-
bitors hin. ture/activity relationships by nuclear magnetic resonance)
Auch die Entwicklung des Grippewirkstoffs Zanami- bezeichneten Technik werden die Veränderungen che-
vir basierte auf extensiven Homologiemodellierungen mischer Verschiebungen eingesetzt, um nach bindenden
unter Verwendung der Kristallstruktur der Neuramidase. Liganden mit niedriger Affinität zu suchen. Im nächsten
Auch Resistenzprobleme des ersten Proteinkinase-Wirk- Schritt wird versucht, räumlich nahe beieinander liegen-
stoffs Imatinib (Gleevec) wurden durch rationales Ligan- de, schwach bindende, niedermolekulare Liganden durch
dendesign, basierend auf der Kristallstruktur der Kinase- einen synthetischen Linker zu verbinden, der die optima-
domäne c-ABL, gelöst. le räumliche Orientierung gewährleistet und damit die
Affinität erhöht. Durch Zusammenfassung von zehn und
mehr organischen Molekülen, die gleichzeitig getestet
3.3.4 Kristall- und NMR-Struktur- werden, ist das Screening mehrerer 10.000 niedermoleku-
Screening larer Substanzen möglich.

Bei strukturbasierenden Bindungstests wie Kristall- und


NMR-Struktur-Screening zur Auffindung von Leitstruk- 3.4 Computergestützte Methoden
turen für Liganden werden Merkmale von Zufalls-Scree- in der Wirkstoffforschung
ning und rationalem strukturbasierendem Design kom-
biniert. Zwei Techniken, die Röntgenkristallstrukturana- 3.4.1 Datenbankanalyse
lyse und die NMR-Spektroskopie, werden derzeit für die
Aufklärung von Proteinstrukturen bis zur atomarem Auf- In den vorstehenden Abschnitten wurden Methoden vor-
lösung eingesetzt. Während mit Kristallographie globu- gestellt, die Ansätze zur Synthese umfangreicher Biblio-
läre Makromoleküle und deren Komplexe ohne Größen- theken chemischer Verbindungen und Verfahren zu de-
limitationen untersucht werden können, sofern sie kris- ren biologischer Charakterisierung beinhalten. Die breite
tallisierbar sind, haben NMR-Messungen den Vorteil, Anwendung dieser Strategien wirft die Frage nach der ef-
dass die Untersuchungen in konzentrierten Lösungen fizienten Auswertung und Verarbeitung der dabei entste-
stattfinden; so können auch schwach bindende Liganden henden Datenmengen auf. Moderne Unternehmen der
zu hochaffinen Leitstrukturen optimiert werden. Ferner pharmazeutischen Industrie verfügen über eigene Daten-
können mit NMR dynamische Eigenschaften von Protei- banken, die oft mehrere Millionen Struktureinträge und
nen bzw. Proteindomänen untersucht werden. Die Größe biologische Daten enthalten. Zusätzlich stehen dem Wirk-
der Makromoleküle ist jedoch auf ca. 30 kDa limitiert. stoffforscher Informationen aus kommerziellen oder frei
54 Kapitel 3 · Entdeckungsstrategien in der Wirkstoffforschung

verfügbaren Datenbanken zur Verfügung. Eine Zusam- sierenden Raum struktureller und physikochemischer
menstellung wichtiger gebräuchlicher Datenbanken fin- Eigenschaften möglichst komplett umfassen, also hin-
det sich in ⊡ Tab. 3.2. sichtlich dieses Raumes eine optimale Anzahl diverser
Moleküle enthalten sollte. Wie aber können Ähnlichkeit
Ähnlichkeit und Diversität und Diversität untersucht werden, und was ist ein »inter-
Bei der Arbeit mit großen Datenbanken chemischer Ver- essierender» Raum von Eigenschaften?
3 bindungen ist die Frage nach der Gruppierung der Struk-
Chemische Deskriptoren
turen hinsichtlich ihrer Ähnlichkeit bzw. Unterschied-
lichkeit von großer praktischer Bedeutung. Das heißt, Es kann vorausgesetzt werden, dass der interessierende
dass die Verbindungen in geeigneter Weise klassifiziert, Raum von Eigenschaften von den Eigenschaften des bio-
Redundanzen beseitigt und die Daten in geeigneter Weise logischen Zielmoleküls abhängt und in den meisten Fäl-
visualisiert werden müssen. len im Prozess der Wirkstoffsuche nicht oder nur unvoll-
Um das Problem näher zu charakterisieren, stellen wir ständig bekannt ist. Daher ist die gebräuchliche Strategie,
uns vor, die biologische Testung einer Substanzbibliothek zunächst möglichst viele molekulare und physikoche-
habe zu einer Gruppe von aktiven Verbindungen geführt. mische Eigenschaften der Testverbindungen zu berech-
Eine nahe liegende Fragestellung in dieser Situation ist, nen und sie in geeigneter Weise mit den gemessenen bio-
herauszufinden, ob es chemisch ähnliche Verbindungen logischen Daten zu verknüpfen, um die wichtigen, also
innerhalb der Bibliothek gibt, die keinen Effekt zeigten. die interessierenden Eigenschaften zu ermitteln. Zur Be-
Die Antwort auf diese Frage könnte Informationen über schreibung der Eigenschaften chemischer Verbindungen
die für die biologische Aktivität notwendigen Eigen- werden chemische Deskriptoren benutzt, welche die mo-
schaften der Substanzen geben. Eine andere mögliche Fra- lekulare Zusammensetzung von chemischen Substanzen
gestellung könnte darauf abzielen, aus anderen Substanz- und ihre Eigenschaften beschreiben:
bibliotheken Strukturen zu extrahieren, die zu einer Leit-  2D-Deskriptoren,
struktur Ähnlichkeiten aufweisen, um Verbindungen mit  binäre Deskriptoren,
verbesserten biologischen Eigenschaften zu finden.  3D-Deskriptoren.
Die Frage nach der Diversität einer Substanzbiblio-
thek ist von ebenso großem Interesse wie die nach der 2D- und binäre Deskriptoren
Ähnlichkeit von Wirkstoffen. Es ist leicht einzusehen, Die Gruppe der 2D-Deskriptoren, oft auch als molekulare
dass eine zu testende Substanzbibliothek den interes- Konnektivitätsindizes oder topologische Indizes bezeich-

⊡ Tab. 3.2. Wichtige Substanzdatenbanken

Datenbank Beschreibung Adresse

Derwent World Drug Enthält chemische Strukturen, biologische Aktivitäten und Applika- www.derwent.com
Index (WDI) tionsgebiet von markteingeführten Wirkstoffen, ca. 80.000 Einträge,
kommerzielle Datenbank
Comprehensive Enthält dreidimensionale Strukturmodelle, biochemische und physiko- www.mdl.com
Medicinal Chemistry chemische Eigenschaften von pharmazeutischen Substanzen aus dem
(CMC) Drug Compendium von Pergamon Press, ca. 8500 Einträge, kommerzi-
elle Datenbank
MDL Drug Data Report Enthält biologisch relevante Strukturen einschließlich der therapeu- www.mdl.com
(MDDR) tischen Wirkung und biologischen Aktivität, wertet Patentliteratur und
Zeitschriften aus, ca. 130.000 Einträge (jährlicher Zuwachs etwa
10.000 Einträge), kommerzielle Datenbank
NCI Drug Database Enthält 3D-Strukturen biologisch aktiver Substanzen, besonders aus cactus.cit.nih.com
dem Bereich der Krebsforschung, AIDS-Forschung usw., ca. 250.000 Ein-
träge, frei verfügbar
ACD Available Chemical Enthält chemische Strukturen aus einer Vielzahl von Katalogen, keine www.cambridgesoft.com
Directory biologischen Daten verfügbar, ca. 300.000 Einträge, kommerziell ver- oder auch über
triebene Datenbank www.mdl.com
ACD-SC Screening Enthält Verbindungen für Hochdurchsatz-Assays, erlaubt Substruktur- www.cambridgesoft.com
Compound Directory suchen und erleichtert die Zusammenstellung von Substanzbiblio- oder auch über www.mdl.com
theken für die Testung, enthält mehr als 500.000 Einträge
Merck Index Sammlung biologisch aktiver Verbindungen, ca. 20.000 Einträge, kom- www.cambridgesoft.com
merziell vertriebene Datenbank
3.4 · Computergestützte Methoden in der Wirkstoffforschung
55 3

net, beinhalten Informationen, die sich direkt aus der Gebräuchliche Programme zur Berechnung von logP
Topologie der zweidimensionalen Strukturformel ablei- sind ClogP (www.biobyte.com) und MlogP, das in einer
ten lassen, wie z. B. die Anzahl der Atome und die Art Reihe von Softwarepaketen wie ChemOffice (www.camb-
ihrer Verknüpfung (Konnektivität) oder die Anzahl und ridgesoft.com) oder MOE (www.chemcomp.com) enthal-
Art der enthaltenen funktionellen Gruppen. Der Vorteil ten ist.
dieser Deskriptoren besteht in erster Linie darin, dass sie Zur Beschreibung der elektronischen Eigenschaften
sich leicht und v. a. sehr schnell berechnen lassen. Die sind partielle Atomladungen, Ionisationspotenziale oder
binären Deskriptoren hingegen beschreiben die An- oder Elektronendichten gebräuchlich. Häufig werden auch
Abwesenheit einer Eigenschaft. Ein sehr gebräuchlicher einfache Eigenschaftsparameter wie z. B. das Molekular-
binärer Deskriptor ist der fingerprint. Dabei wird die gewicht oder die Molrefraktion (Programm CMR, www.
Struktur in Form eines Vektors kodiert, der die An- oder biobyte.com) zur Beschreibung der molekularen Eigen-
Abwesenheit von vordefinierten Strukturfragmenten an- schaften von chemischen Verbindungen verwendet. Eini-
zeigt. Als Maß für die Ähnlichkeit von fingerprints wird ge kommerzielle Programmpakete, innerhalb derer die
häufig der Tanimoto-Koeffizient verwendet: Berechnung verschiedenster molekularer Deskriptoren
ermöglicht wird, sind ChemOffice (www.cambridgesoft.
N ab
Tanimoto(a, b) = com), MOE (www.chemcomp.com) und Sybyl (www.tri-
N a + N b - N ab pos.com).

Nab: Anzahl der »1« bits, die in den fingerprints a und b Hauptkomponentenanalyse
gemeinsam vorkommen Die Ähnlichkeit chemischer Verbindungen kann nur in
Na : Anzahl der »1« bits, die nur im fingerprint a vorkom- Form der Ähnlichkeit eines Satzes molekularer Deskrip-
men toren ausgedrückt werden. Welche davon tatsächlich in
Nb: Anzahl der »1« bits, die nur im fingerprint b vorkom- Bezug auf die biologische Fragestellung relevant sind,
men lässt sich von vornherein nicht ohne weiteres entschei-
den. Daher werden im Normalfall zunächst möglichst
Ein Nachteil der 2D- und binären Deskriptoren besteht viele solcher Deskriptoren berechnet, und anschließend
darin, dass sie die Raumstruktur chemischer Verbin- wird versucht, die Dimensionalität des Ähnlichkeits-
dungen nicht direkt einbeziehen können. problems chemischer Verbindungen zu reduzieren. Ein
geeignetes Verfahren zur Datenkompression ist die
3D-Deskriptoren Hauptkomponentenanalyse. Das Ziel dieses Verfahrens
Deshalb werden auch 3D-Deskriptoren berechnet. Inner- besteht in der Transformation der Datenmatrix in eine
halb dieser Gruppe werden strukturelle Eigenschaften kleinere Matrix bestehend aus wenigen orthogonalen Va-
zusammengefasst, die von der Raumstruktur der Mole- riablen, die als Hauptkomponenten bezeichnet werden.
küle abhängen. Solche Parameter sind z. B. das Van-der- Dabei wird jede Verbindung Xi als Linearkombination
Waals-Volumen oder die für Wasser verfügbare Oberflä- von orthonormalen Eigenvektoren {vi}, die aus der Kova-
che von Molekülen. Die Anwendung von 3D-Deskriptoren rianzmatrix der Originaldaten berechnet werden, darge-
ist jedoch nur dann sinnvoll, wenn die zugrunde liegende stellt:
Konformation der biologisch aktiven Raumstruktur nahe m
kommt. Leider ist aber die biologisch aktive Konformati- X i = ∑ (Yji ) v j i = 1, 2,... n
on des Liganden häufig unbekannt. j=1

Eigenschaftsdeskriptoren Aus dem mathematischen Modell folgt, dass der Anteil


Unter den Eigenschaftsdeskriptoren werden Parameter der durch die Hauptkomponenten beschrieben Varianz
verstanden, die physikochemische oder elektronische Ei- von der ersten bis zur m-ten Komponente stark abnimmt.
genschaften der Verbindungen beschreiben. Ein häufig Somit werden häufig nicht mehr als drei Hauptkompo-
benutzter Eigenschaftsdeskriptor ist der Oktanol/Wasser- nenten benötigt, um mehr als 70% der Datenvarianz zu
Verteilungskoeffizient (logP), der die Hydrophobizität beschreiben. Da die Hauptkomponenten orthogonal sind,
des Liganden beschreibt. Inzwischen sind mehrere Me- lassen sich die Verbindungen in einem Koordinatensys-
thoden zur Berechnung von logP verfügbar. Diese Metho- tem darstellen, dessen Hauptachsen denen der ersten drei
den benutzen aus experimentellen Daten abgeleitete Hauptkomponenten entspricht. Ähnliche Verbindungen
Fragmentkonstanten in Verbindung mit ebenfalls experi- sind dann solche, die nahe beieinander liegen; diverse
mentell abgeleiteten Korrekturfaktoren für bestimmte Verbindungen sind weiter voneinander entfernt.
Fragmentkombinationen, Nachbarschaftseffekte von
Atomen und intramolekulare Wasserstoffbrücken.
56 Kapitel 3 · Entdeckungsstrategien in der Wirkstoffforschung

3.4.2 Quantitative Struktur-Aktivitäts- logP ist der Logarithmus des Oktanol/Wasser-Vertei-


Beziehungen lungskoeffizienten als Maß der Lipophilie des Wirk-
stoffs.
Die quantitative Beschreibung des Zusammenhangs der δ ist die Hammett-Konstante zur Beschreibung elektro-
biologischen Aktivität von Wirkstoffen und deren struk- nischer Substituenteneigenschaften.
tureller Eigenschaften ist das Hauptziel von Verfahren, Die Koeffizienten a1, a2, ..., an werden mittels multivarian-
3 die als QSAR-Methoden (QSAR: quantitative structure/ ter Regressionsanalyse berechnet.
activity relationship) Eingang in die Wirkstoffforschung
gefunden haben. Grundlegende Annahme dieser Metho- Die Güte der Regressionsgleichung wird dabei vom Kor-
den ist, dass die physikochemischen Eigenschaften von relationskoeffizienten und der Standardabweichung be-
Wirkstoffen die relative Stärke ihrer Wechselwirkungen stimmt. Die Hansch-Analyse gehört zum Standardreper-
mit dem biologischen Zielmolekül bestimmen und eben- toire in der Wirkstoffforschung und ist durch eine Viel-
so die für die biologische Wirkung wichtigen Prozesse der zahl von Parametern zur Beschreibung der hydrophoben,
Absorption, Distribution (Verteilung), Metabolisierung elektronischen und sterischen Eigenschaften von Mo-
und Extraktion beeinflussen, zusammengefasst unter lekülen ergänzt worden. Hansch-Gleichungen sind
dem Kürzel ADME (Lombardo et al. 2003). durchaus in der Lage, biologisch aktive Verbindungen
Die Anfänge von QSAR reichen bis in das 19. Jahrhun- vorherzusagen. Dies gilt besonders dann, wenn die vor-
dert zurück, als auffiel, dass chemisch unreaktive, aber hergesagte Verbindung innerhalb des durch die Hansch-
fettlösliche Stoffe, die sich gut in biologischen Systemen Gleichung untersuchten Parameterraums zu finden ist.
verteilen, narkotisch wirken. Diese von Overton 1893 auf-
gestellte Regel kann als eine der ersten QSAR bezeichnet 3D-QSAR und CoMFA
werden. Aber auch in der organischen Chemie wurden Eine wesentliche Erweiterung erfuhren die QSAR-Metho-
Regeln gefunden, um die Reaktivität organischer Verbin- den mit der Einführung von 3D-QSAR. Dabei werden Ei-
dungen in Abhängigkeit von den elektronischen Eigen- genschaften, die direkt aus der Raumstruktur der Wirk-
schaften ihrer Substituenten zu beschreiben. Dabei wurde stoffe abgeleitet sind, mit der biologischen Aktivität kor-
von Hammett gefunden, dass die relativen Beiträge elek- reliert. Eine Voraussetzung aller 3D-Methoden ist die
tronenziehender und -schiebender Substituenten zur Überlagerung der Raumstrukturen der zu untersuchen-
Elektronendichte in einem aromatischen System weitge- den Verbindungen. Dies ist zweifellos das Hauptproblem
hend konstant sind und durch eine Substituentenkons- dieser Verfahren, da dabei nicht nur die Kenntnis der je-
tante δ (Hammett-Konstante) beschrieben werden kön- weiligen bioaktiven Konformation notwendig ist, son-
nen. Für verschiedene chemische Reaktionen von aroma- dern die Moleküle in der Weise übereinander gelegt wer-
tischen Verbindungen konnte gezeigt werden, dass sich den müssen, wie sie in der Bindungsstelle des biologischen
die Reaktionsgeschwindigkeit durch die nachstehende Zielmoleküls orientiert sind. In den meisten Fällen sind
Gleichung beschreiben lässt: beide Informationen selbst bei bekannten Kristallstruk-
turen von Protein-Ligand-Komplexen nicht mit Sicher-
ρδ = log KR–X – log KR–H heit verfügbar, da bereits kleine Strukturänderungen im
Wirkstoff zu verändertem Bindungsmodus führen kön-
Dabei ist ρ die von der Art der Reaktion abhängige Reak- nen. Solche Effekte führen zu falschen Hansch-Glei-
tionskonstante, log KR–X ist der Logarithmus der Gleichge- chungen.
wichtskonstante der betreffenden chemischen Reaktion Das wohl bekannteste 3D-QSAR-Verfahren ist CoMFA
für den substituierten Aromaten R–X und log KR–H der (comparative molecular field analysis), bei dem jedes Mo-
entsprechende Beitrag der unsubstituierten Verbindung lekül des Datensatzes in seiner vorher überlagerten »bio-
R–H. aktiven» Konformation in ein für alle Moleküle iden-
tisches Gitter eingepasst wird. Dieses Gitter umfasst die
Hansch-Analyse Moleküle weiträumig und verfügt über Gitterpunkte in
Die Geburtsstunde von QSAR lässt sich auf 1964 datieren, einem definierten Abstand zueinander (meist 1 Å oder
als Hansch und Fujita die erste Hansch-Gleichung publi- 2 Å). Für jeden dieser Gitterpunkte wird nun die Wechsel-
zierten: wirkung zum jeweiligen Molekül berechnet. Auf diese
Weise können sowohl
Log(1/C) = –a1 (logP)2 + a2 logP + a3δ + ... + an  elektrostatische Wechselwirkungen unter Benutzung
des Coulomb-Potenzials,
C beschreibt die Konzentration eines Wirkstoffs, die not-  sterische Wechselwirkungen unter Benutzung des
wendig ist, um einen standardisierten biologischen Effekt Lennard-Jones-Potenzials,
hervorzurufen.  aber auch hydrophobe Wechselwirkungen unter Be-
nutzung eines hydrophoben Potenzials
3.4 · Computergestützte Methoden in der Wirkstoffforschung
57 3

für jeden Gitterpunkt berechnet werden. Die Gesamtheit liefert die Information, welche Gitterpunkte signifikant
der Wechselwirkungsbeiträge an den Gitterpunkten be- zur Korrelation mit den Bindungsdaten beitragen. Diese
zeichnet man als Feld des Moleküls. Normalerweise wer- Gitterpunkte lassen sich nun entsprechend ihrer jewei-
den die Feldbeiträge für mehr als 100.000 Gitterpunkte ligen Feldwerte konturieren und erlauben auf diese Weise
berechnet. eine schnelle graphische Auswertung. CoMFA ist als Teil
des kommerziell verfügbaren Programmpakets SYBYL
PLS-Methode: Beziehung zwischen berechneten (www.tripos.com) verfügbar.
Moleküleigenschaften und biologischer Aktivität
Um die berechneten Moleküleigenschaften mit der biolo-
gischen Aktivität in Beziehung zu setzen, wird die PLS- 3.4.3 Virtuelles Screening
Methode (partial least square) verwendet. Diese Methode
eignet sich speziell für Fälle, bei denen die Anzahl der Durch die Entwicklungen der kombinatorischen Chemie
unabhängigen Variablen (Feldbeiträge) die Anzahl der und die Automatisierung von Testsystemen ist die abso-
abhängigen Variablen (gemessene biologische Aktivi- lute Zahl der auf ihre biologische Wirkung getesteten Ver-
täten des Datensatzes) erheblich überschreitet. PLS ist ein bindungen extrem angestiegen. Diese Techniken reduzie-
Regressionsverfahren, bei dem ein lineares Modell schritt- ren die Kosten einer einzelnen Testung zwar erheblich,
weise ermittelt wird. Im Gegensatz zur Hauptkomponen- die möglich gewordene massenhafte Testung hat jedoch
tenanalyse, bei der die orthogonalen Hauptkomponenten eine beträchtliche Kostensteigerung zur Folge, ohne dass
unabhängig von Zielvariablen berechnet werden, sind die die Auffindungsrate von neuen Wirkstoffen verbessert
orthogonalen Variablen bei der PLS-Methode so berech- worden wäre. Es liegt daher nahe, mit computergestütz-
net, dass eine maximale Korrelation mit der gegebenen ten Methoden zu versuchen, aus großen Strukturdaten-
abhängigen Variablen, also der biologischen Aktivität, banken diejenigen herauszufiltern, die eine erhöhte
erreicht wird. Wahrscheinlichkeit besitzen, mit dem biologischen Ziel-
Ein solches Verfahren bedarf einer strengen statisti- molekül in Wechselwirkung zu treten. Um chemische
schen Kontrolle. Bewährt hat sich die Kreuzvalidierung Verbindungen bezüglich ihrer Affinität zu einem biolo-
(cross validation). Dabei wird bei der Berechnung des gischen Zielmolekül virtuell zu bewerten, muss die Raum-
PLS-Modells nur ein Teil des gesamten Datensatzes be- struktur der Bindungsstelle möglichst genau bekannt
nutzt und anhand dieses Modells die vorher herausge- sein. Deshalb werden diese Methoden auch häufig als pro-
nommenen Daten berechnet. Durch mehrfache Wieder- teinbasiertes virtuelles Screening bezeichnet.
holung dieses Vorgehens lässt sich erreichen, dass alle
Mitglieder des Datensatzes bei der Modellberechnung Pharmakophor-Suche
weggelassen wurden. Die Güte der Vorhersagen gibt dann in chemischen Datenbanken
Auskunft über die Verlässlichkeit des Modells. Sind für ein biologisches Zielmolekül Raumstrukturen im
Komplex mit biologisch aktiven Liganden bekannt, kön-
Vorhersage von Eigenschaften nen diese Informationen zur Formulierung von struktur-
Das CoMFA-Verfahren beschreibt, wie auch die oben be- basierten Pharmakophor-Hypothesen genutzt werden.
schriebenen QSAR-Verfahren, die Beziehung zwischen Ein Pharmakophor beschreibt ein Ensemble geometrisch
Moleküleigenschaften von Verbindungen und deren bio- definierter Eigenschaften von Wirkstoffen, die für die
logischer Aktivität mit dem Ziel, die biologischen Eigen- Wechselwirkung mit dem biologischen Zielmolekül von
schaften neuer Verbindungen vorherzusagen. Damit un- entscheidender Bedeutung sind. Als Eigenschaften kön-
terliegt auch dieses Verfahren einer Reihe von Einschrän- nen sowohl verschiedene funktionelle Gruppen, die Ver-
kungen. Das Ergebnis einer CoMFA-Untersuchung hängt teilung von Wasserstoffbrückendonatoren und -akzep-
ursächlich von der Art und Weise der Überlagerung der toren, aber auch die Positionen hydrophober Zentren
Moleküle des Datensatzes und deren angenommener relativ zu anderen Eigenschaften definiert werden. Unter-
Konformation ab. Reflektiert die gewählte Überlagerung schieden werden – ähnlich wie bei den zuvor diskutierten
nicht den gebundenen Zustand der Moleküle des Daten- molekularen Deskriptoren – 2D- und 3D-Pharmakopho-
satzes, muss die Methode versagen. Eine weitere Begren- re ( 3.4.1).
zung besteht darin, dass Vorhersagen nur innerhalb des 2D-Pharmakophore leiten sich direkt aus der Struk-
durch den Datensatz beschriebenen Eigenschaftsraums turformel der biologisch aktiven Liganden ab und können
erfolgen. Ist z. B. ein Substitutionsort im CoMFA-Daten- das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein bestimm-
satz nicht belegt, kann die CoMFA-Analyse keine Vorher- ter funktioneller Gruppen sowie Nachbarschaftseffekte
sage für die betreffende Position leisten. beschreiben, deren Existenz für die biologische Wirkung
Durch die bekannte räumliche Position der Gitter- essenziell ist. 3D-Pharmakophore beinhalten Informa-
punkte um die Moleküle des Datensatzes ist es möglich, tionen über die bioaktive Konformation der Liganden
CoMFA-Ergebnisse graphisch auszuwerten. Das Modell und die räumliche Verteilung von Wechselwirkungs-
58 Kapitel 3 · Entdeckungsstrategien in der Wirkstoffforschung

zentren. Mit Hilfe des 3D-Pharmakophors ist es möglich, Trotz vieler verschiedener Ansätze sind die beiden Haupt-
eine Datenbank chemischer Strukturen nach Verbin- probleme beim virtuellen Docking – das automatische
dungen zu durchsuchen, die das gesuchte Muster enthal- Einpassen der Liganden in die vorgegebene Bindungsstel-
ten und damit möglicherweise eine gesuchte biologische le und die quantitative Vorhersage ihrer Bindungsaffini-
Eigenschaft besitzen. Je nach Komplexität der Pharmako- tät – nach wie vor nicht umfassend gelöst. Zur Lösung des
phordefinition und der zur Verfügung stehender Compu- Dockingproblems muss sowohl die Flexibilität des Ligan-
3 terkapazität können große Datenbanken mit mehreren den als auch die der Bindungsstelle des Liganden einbe-
100.000 Verbindungen innerhalb von Minuten oder we- zogen werden, da bei der Bindung Veränderungen in der
nigen Stunden nach möglicherweise biologisch aktiven Orientierung der beteiligten Aminosäuren induziert
Verbindungen durchforstet werden. Der Vorteil besteht werden können. Dies führt zu einer kombinatorisch
weiterhin darin, Datenbanken zu durchsuchen, die weit bedingten Explosion möglicher Bindungsmodi eines ein-
über den hausinternen Pool chemisch verfügbarer Ver- zelnen Liganden, von denen jeder bezüglich der Bin-
bindungen hinausgehen. Solche vorerst nur im Computer dungsaffinität bewertet werden muss, um den wahr-
existierenden Sammlungen chemischer Strukturen wer- scheinlichsten herauszufinden. Aus diesem Grunde
den virtuelle Datenbanken genannt. vernachlässigen viele der gegenwärtig verfügbaren Pro-
Um die Suche nach 3D-Pharmakophoren zu ermögli- gramme zum virtuellen Docking die konformationelle
chen, müssen die in der Datenbank enthaltenen Verbin- Flexibilität der Bindungsstelle.
dungen in sinnvoller Weise in dreidimensionale Struktu-
ren übersetzt werden. Dies ist keinesfalls trivial, da bereits »Dock»: Atome als Kugelzentren
für kleine Moleküle leicht mehrere tausend Konformati- Eines der ersten automatischen Dockingverfahren ist das
onen erzeugt werden können, die energetisch »erlaubt» Programm Dock (Ewing et al. 2001), bei dem in einem
sind, also in der Nähe der Konformation minimaler Ener- ersten Schritt in der Bindungsstelle Punkte definiert wer-
gie liegen. Es ist aber nur die bioaktive Konformation in- den, an denen sich Atome der Liganden befinden können.
teressant, die zwar im Bereich der erlaubten Konformati- Diese Punkte sind Mittelpunkte von Kugeln, die in der
onen liegen sollte, aber keinesfalls die Konformation mit Weise überlappt werden, dass die gesamte Bindungsstelle
der niedrigsten Energie sein muss, da der Beitrag der möglichst vollständig ausgefüllt wird. Eine Nebenbedin-
Wechselwirkungsenergie mit dem biologischen Zielmo- gung ist, die Oberflächengestalt der Bindungsstelle mit
lekül oft entscheidend ist. einer möglichst geringen Anzahl von Kugelzentren zu be-
Man ist daher gezwungen, entweder pro Verbindung schreiben. Das bedeutet, dass die Bindungsstelle während
in der Datenbank mehrere »relevante» Konformationen des gesamten Dockingprozesses nicht verändert werden
abzuspeichern oder die dreidimensionale Struktur der kann.
Moleküle bei jeder Datenbanksuche neu zu berechnen. Der Ligand wird zunächst in Fragmente aufgeteilt, die
Im ersten Fall ist man bestrebt, den Raum erlaubter Kon- durch flexible Bindungen miteinander verknüpft sind.
formationen durch möglichst wenige repräsentative Kon- Aus diesen Fragmenten kann dann automatisch oder ma-
formationen zu erfassen. Diese Konformationen lassen nuell ein so genanntes Ankerfragment (meist das größte
sich durch die Verwendung der Clusteranalyse finden, bei gemeinsame Fragment innerhalb einer Serie von Struktu-
der die Konformere durch Distanzen ihrer Heteroatome ren) ausgewählt werden. Dieses Fragment wird dann so in
beschreiben und Konformere mit ähnlichen Distanzmu- die Kugelzentren gelegt, dass möglichst jedes Atom des
stern in Clustern zusammengefasst werden. Der zweite Fragments die Position eines Kugelzentrums einnimmt.
Fall erfordert nur die Berechnung einer erlaubten Konfor- Dabei werden alle möglichen Orientierungen des Anker-
mation pro Verbindung in der Datenbank. Bei diesem fragments ausprobiert und mittels einer kraftfeldbasier-
Ansatz wird während der Datenbanksuche versucht, die ten Bewertungsfunktion beurteilt. Die am besten bewer-
Raumstruktur jeder Verbindung möglichst optimal auf teten Orientierungen des Ankerfragments werden dann
das entsprechende 3D-Pharmakophor anzupassen. Dabei benutzt, um das nächste Fragment des Liganden an den
wird eine Energiefunktion verwendet, bei der die Ände- Anker zu knüpfen und erneut die beste Orientierung des
rung der Energie des angepassten Konformers einen vor- nun vergrößerten Fragments zu suchen und zu bewerten.
gegebenen Wert nicht überschreiten darf. Dies wird so lange wiederholt, bis der komplette Ligand
aus den Fragmenten aufgebaut ist.
Virtuelles Docking Es ist klar, dass die Ergebnisse von der gewählten Be-
Im Unterschied zur Suche nach Strukturen, die ein vorge- wertungsfunktion abhängen. Im Falle von Dock wird eine
gebenes Pharmakophor beinhalten, besteht das Ziel des Funktion benutzt, die auf dem Lennard-Jones-Potenzial
virtuellen Docking darin, die Bindung einer großen An- zur Berechnung der Van-der-Waals-Wechselwirkungen
zahl von Substanzen in einer Proteinbindungsstelle zu und dem Coulomb-Potenzial zur Berechnung der elektro-
berechnen und deren Bindungsaffinität vorherzusagen. statischen Wechselwirkungen beruht. Beide Potenziale
3.4 · Computergestützte Methoden in der Wirkstoffforschung
59 3

sind nicht in der Lage, die häufig sehr wichtige entro- Orientierungen des Liganden in der Bindungsstelle, und
pische Komponente der freien Bindungsenthalpie zu be- produziert zwei »Kinder», bei denen Eigenschaften der
schreiben. Aus diesem Grund wird die Bindung von gro- »Elternorientierungen» in der »Kindergeneration» neu
ßen und polaren Liganden durch die Bewertungsfunktion gemischt werden. Die Mutation verändert zufällig das El-
bevorzugt. ternchromosom, d. h., eine neue Wechselwirkung wird
anstelle einer anderen eingeführt. Durch den Vergleich
»FlexX»: Wechselwirkungseigenschaften der Bewertungsfunktion von Eltern- und Kindergenerati-
Ähnlich wie Dock ist auch FlexX (Rarey et al. 1996) ein on wird ein »evolutionärer Druck» in Richtung einer Op-
Inkrementverfahren, bei dem der Ligand in Fragmente timierung der Bewertungsfunktion und damit der Orien-
zerlegt wird und die Geometrie der Bindungsstelle unver- tierung des gebundenen Liganden erreicht.
änderlich ist. Im Unterschied zu Dock werden die Frag-
mente nicht auf mögliche vordefinierte Atompositionen Simulated annealing und Monte-Carlo-Simulation
gebracht, sondern das Programm definiert die Position Unabhängig von der gewählten Dockingstrategie ist das
möglicher Wechselwirkungspartner in Abhängigkeit von Ergebnis aller Verfahren direkt von den gewählten Bewer-
den Eigenschaften der Bindungsstelle. Diesen Wechsel- tungsfunktionen abhängig. Es wird also vorausgesetzt,
wirkungspositionen werden die Wechselwirkungseigen- dass die Bewertungsfunktion die Eigenschaften richtig
schaften, z. B. hydrophobe Wechselwirkung, H-Brücken- erfasst, die bei der Bindung der Liganden an der Bin-
Donator, H-Brücken-Akzeptor usw. zugeordnet. Die dungsstelle tatsächlich von Bedeutung sind. Ist dies nicht
Wechselwirkungspositionen werden dabei ähnlich wie der Fall oder erfolgt eine konformationelle Veränderung
bei Dock durch ein Zentrum und eine das Zentrum um- der Bindungsstelle, versagen diese Methoden. Damit wird
gebende Kugel repräsentiert. Das Ankerfragment wird in deutlich, dass virtuelles Docking einer intensiven experi-
der Weise orientiert, dass mindestens drei der möglichen mentellen Kontrolle bedarf, bei der geklärt werden muss,
Wechselwirkungszentren besetzt sind. ob die zugrunde liegenden Postulate für die entspre-
Auch hier ist eine Bewertungsfunktion notwendig, chende Fragestellung anwendbar sind. Der Vorteil der o.
um wahrscheinliche von weniger wahrscheinlichen Ori- g. Methoden besteht in ihrer Eignung, eine große Anzahl
entierungen zu unterscheiden. FlexX benutzt eine aus der von Liganden auf ihre Bindung an ein biologisches Ziel-
Analyse von bekannten Protein-Ligand-Komplexen be- molekül hin zu untersuchen. Dies ist bei den rechenzeit-
rechnete empirische Funktion, die aus der Anzahl der intensiven Verfahren des simulated annealing und der
rotierbaren Bindungen des Liganden, einem Anteil für Monte-Carlo-Simulationen häufig nicht der Fall. Trotz-
H- und Salzbrücken, einem Anteil für Aromat-Aromat- dem werden diese Dockingmethoden ebenfalls häufig
Wechselwirkungen sowie einem Anteil für hydrophobe beim computergestützten Screening angewendet.
Wechselwirkungen besteht. Die Gewichtsfaktoren der Simulated annealing ist eine Spielart der Moleküldy-
einzelnen Anteile an der freien Bindungsenthalpie wur- namik-Simulation. Bei dieser Methode wird in bestimm-
den aus den Regressionskoeffizienten einer Regressions- ten Intervallen die Temperatur des Systems stark erhöht
gleichung abgeleitet, die für experimentell bestimmte und anschließend wieder schrittweise reduziert. Damit
Raumstrukturen von Protein-Ligand-Komplexen berech- lassen sich viele unterschiedliche Bindungsmodi der Li-
net wurde. ganden generieren und bezüglich der berechneten Wech-
selwirkungsenergie mit der Bindungsstelle sortieren.
»Gold»: genetische Algorithmen Häufig wird diese Methode bei der Berechnung von Pro-
Im Gegensatz zu den Inkrementverfahren (s. oben) be- tein-Peptid-Komplexen benutzt, die mit den einfachen
ruht das Programm Gold (Jones et al. 1997) auf der An- virtuellen Dockingmethoden nicht erfolgreich untersucht
wendung so genannter genetischer Algorithmen. Diese werden können. Ein weiterer Vorteil ist, dass mit dieser
Verfahren imitieren den Prozess der Evolution durch die Methode auch die Bindungsstelle konformationell verän-
Manipulation der verschiedenen möglichen Orien- derbar ist. Bei der Monte-Carlo-Simulation werden inner-
tierungen des Liganden in einer Bindungsstelle. Ein halb eines Zyklus mit konstanter Temperatur zufällige
»Chromosom» kodiert genau eine mögliche Protein-Li- Veränderungen der Konformation des Liganden und sei-
gand-Orientierung. Dem Chromosom wird eine Bewer- ner Orientierung in der Bindungsstelle erzeugt. Ein neuer
tungsfunktion zugeordnet, welche die Qualität der Prote- Zustand wird dann erreicht, wenn die Energie des neuen
in-Ligand-Wechselwirkung bezüglich der gewählten Ori- Zustands geringer als die des vorhergehenden ist.
entierung beschreibt. Beginnend mit einer zufällig
generierten Population von Orientierungen (Chromo-
somen) werden die wesentlichen genetischen Opera-
toren – Mutation und Kreuzung – durchgeführt. Die
Kreuzung benötigt zwei »Eltern», d.h. zwei verschiedene
60 Kapitel 3 · Entdeckungsstrategien in der Wirkstoffforschung

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4

4 Grundlagen der Physiologie von Nervenzellen


Matthias Eder, Eric Raddatz und Pierre Magistretti

4.1 Gehirndurchblutung 4.4 Synaptische Informationsübertragung


und Blut-Hirn-Schranke – 62 zwischen Neuronen – 66
4.4.1 Elektrische Synapsen – 66
4.2 Morphologie und Zellbiologie 4.4.2 Chemische Synapsen – 66
von Neuronen – 62 4.4.3 G-Protein-gekoppelte Rezeptoren – 68
4.2.1 Soma – 63 4.4.4 Endozytose und Entfernung
4.2.2 Axon – 63 des Neurotransmitters
4.2.3 Dendriten – 63 aus dem synaptischen Spalt – 69
4.2.4 Zytoskelett – 63 Literatur – 69

4.3 Grundlagen der Elektrophysiologie


von Neuronen – 64
4.3.1 Membranpotenzial
und elektrochemischer Gradient – 64
4.3.2 Ionenkanäle – 65
4.3.3 Das Aktionspotenzial – 65
62 Kapitel 4 · Grundlagen der Physiologie von Nervenzellen

Die moderne Psychopharmakotherapie basiert zu einem gische Symptome auslösen kann und die, wenn sie einige
großen Teil auf der Kenntnis der Physiologie von Nerven- Minuten andauert, zu einer irreversiblen Schädigung
zellen (Neuronen). Diese elementaren Bausteine des Ge- oder zum Zelltod von Neuronen führt. Eine durch syste-
hirns – beim Menschen bis zu 100 Mrd. an der Zahl – kom- mische Blutdruckschwankungen bedingte Ischämie kön-
munizieren über hoch spezialisierte Kontaktstellen – die nen die zerebralen Gefäße dadurch verhindern, dass sie
Synapsen – miteinander und bilden auf diese Weise äu- sich kurzzeitig verengen. Dieser Prozess fällt unter den
ßerst komplizierte Netzwerke aus (⊡ Abb. 4.1). So kann Begriff »vaskuläre Autoregulation« und garantiert eine
beispielsweise eine einzige Purkinje-Zelle des Kleinhirns sehr konstante Gehirndurchblutung.
von vorgeschalteten Neuronen über 150.000 Synapsen Neurone können nicht nur durch Sauerstoffmangel,
4 Signale empfangen. Obwohl die Neurone die wichtigsten sondern auch durch viele vom Blut transportierten To-
Signalfunktionen des Gehirns ausführen, sind sie zahlen- xine und Botenstoffe (z. B. Noradrenalin) in ihrer norma-
mäßig einer zweiten Klasse von Zellen – den Gliazel- len Funktion beeinträchtigt oder geschädigt werden. In
len – unterlegen. den meisten Regionen des Gehirns weisen die Blutkapil-
Den Gliazellen wurde lange Zeit ausschließlich eine larwände jedoch eine anatomische Spezialisierung auf,
Stützfunktion für das Hirngewebe zugeschrieben. Heute die selektiv verhindert, dass solche Stoffe zu den Neu-
weiß man jedoch, dass Gliazellen viele weitere Aufgaben ronen gelangen. Diese Blut-Hirn-Schranke wird aus einer
erfüllen, die mehr oder weniger direkt die Physiologie von Schicht von Endothel- und speziellen Gliazellen – den
Neuronen beeinflussen. Trotz der enormen Komplexität Astrozyten – gebildet.
des Gehirns gibt es allgemein gültige Grundprinzipien der Für die normale Entwicklung des Gehirns und die
Physiologie von Neuronen, von denen einige im Fol- Aufrechterhaltung seiner Funktionen darf die Blut-Hirn-
genden behandelt werden. Am Ende des Kapitels wird auf Schranke nicht vollständig impermeabel sein. So können
weiterführende und vertiefende Literatur verwiesen. lipidlösliche Moleküle wie Sauerstoff und Kohlendioxid
die Blut-Hirn-Schranke über Diffusion passieren. Dies
gilt auch für Drogen wie Nikotin oder Ethanol und eine
4.1 Gehirndurchblutung Vielzahl von Psychopharmaka (z. B. Diazepam). Für be-
und Blut-Hirn-Schranke stimmte wasserlösliche Substanzen stehen wiederum
Transportsysteme (z. B. Glut1 für Glucose) bereit, und Io-
Eine ausreichende Durchblutung des Gehirns (Zerebrum) nen permeieren die Blut-Hirn-Schranke über energiever-
wird durch ein fein verästeltes Blutgefäßsystem (zerebrale brauchende Ionenpumpen (z. B. Na+-K+-ATPase) und
Gefäße) gewährleistet und ist von entscheidender Bedeu- Ionenkanäle (z. B. Na+-Kanal;  4.3.2).
tung dafür, dass die Neurone effektiv ihre Aufgaben erfül- Neuronale Aktivität, zerebrale Durchblutung und
len können. Über das Blut werden dem Hirngewebe Sau- Gehirnmetabolismus sind eng miteinander gekoppelt.
erstoff, Glucose und andere Nährstoffe (z. B. Vitamine) Bildgebende Verfahren wie die Einzelphotonenemissi-
zugeführt sowie Kohlendioxid und metabolische Abfall- onstomographie (SPECT), die Positronenemissionsto-
produkte (z. B. Milchsäure) abtransportiert. Das Gehirn mographie (PET) und die funktionelle Magnetresonanz-
ist neben der Muskulatur das Organ, das den höchsten tomographie (fMRT) können regionale Veränderungen
Sauerstoffbedarf aufweist. So benötigt das menschliche der Gehirndurchblutung, der Blutoxygenierung (BOLD-
Gehirn immerhin 20% des für den gesamten Körper ver- Effekt) und des Glucoseverbrauchs detektieren und wer-
fügbaren Sauerstoffs, obgleich es nur 2% des Körperge- den dementsprechend auch dazu verwendet, Verände-
wichts ausmacht. rungen der Aktivität von Hirnregionen darzustellen. Die
Der hohe Sauerstoffbedarf des Gehirns ist die Folge derzeit beste räumliche und zeitliche Auflösung zere-
seines hohen Energiebedarfs, der v. a. durch Oxidation braler Aktivitätsmuster liefert die fMRT. Vor allem die
von Glucose zu Kohlendioxid und Wasser gedeckt wird. Psychiatrie profitiert von den Möglichkeiten der fMRT.
Dieser ATP-liefernde Prozess schließt die bekannten So konnten z. B. durch Vergleichsstudien mit fMRT zwi-
Stoffwechselwege Glykolyse, Zitronensäurezyklus (Krebs- schen Menschen, die an Depressionen, Angst- und
Zyklus) und oxidative Phosphorylierung ein. Die Haupt- Zwangsstörungen leiden, und gesunden Probanden deut-
ursache für den hohen zerebralen Energiebedarf wieder- liche und teilweise chronifizierte Unterschiede im Hirn-
um ist die permanente Aktivität von ATP-verbrauchenden stoffwechsel aufgedeckt werden.
Ionenpumpen (z. B. Na+/K+- und Ca2+/Mg2+-ATPase), die
dafür nötig ist, dass die elektrische Erregbarkeit von Neu-
ronen aufrechterhalten bleibt ( 4.3.1 und 4.3.3). Dem- 4.2 Morphologie und Zellbiologie
entsprechend reagieren Neurone auf Sauerstoffmangel von Neuronen
äußerst empfindlich. Dies zeigt sich beispielsweise darin,
dass eine nur wenige Sekunden lange Minderdurchblu- Alle Neurone sind polarisierte Zellen, die insofern einen
tung (Ischämie) von Hirngewebe verschiedene neurolo- einheitlichen Bauplan aufweisen, als dem Zellkörper nor-
4.2 · Morphologie und Zellbiologie von Neuronen
63 4

malerweise zwei unterschiedliche Typen von Fortsätzen von einem Ranvier-Schnürring zum nächsten springt,
entspringen. Diese Fortsätze, das Axon zum einen und ein weshalb auch von saltatorischer Erregungsleitung ge-
oder mehrere Dendrit(en) zum anderen, können im Ver- sprochen wird. Am Ende der Verzweigungen eines Axons
gleich zur Größe des Zellkörpers (5–50 μm im Durchmes- befinden sich die präsynaptischen Terminalen (Axonen-
ser) sehr lang sein und sich baumartig verzweigen. Die digungen), die mit nachgeschalteten (postsynaptischen)
vielen unterschiedlichen Typen von Neuronen können Neuronen Synapsen bilden.
trotz ihres einheitlichen Grundbauplans sehr stark in ih-
rem Erscheinungsbild variieren. An der Ausbildung und
Aufrechterhaltung der Gestalt eines Neurons ist maßgeb- 4.2.3 Dendriten
lich das »Zytoskelett« beteiligt.
Neben dem Soma repräsentieren die Dendriten die Ele-
4.2.1 Soma mente eines Neurons, die über Synapsen Signale von vor-
geschalteten Neuronen empfangen. Abhängig vom synap-
Der Zellkörper, auch Soma oder Perikaryon, enthält den tischen Innervationsmuster eines Neurons variieren die
Zellkern (Nukleus) mit der Erbsubstanz (DNA) und Mi- Dendriten stark in ihrer Morphologie (Anzahl, Länge,
tochondrien zur Energiegewinnung. Da eine wesentliche Verzweigungsmuster). Dementsprechend dienen Den-
Aufgabe des Somas in der Synthese von Proteinen be- driten dem Neuron dazu, seine perzeptive Oberfläche zu
steht, findet sich dort weiterhin das raue endoplasma- vergrößern. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür sind die
tische Retikulum, das ein mit Ribosomen besetztes, reich apikalen Dendriten von neokortikalen Pyramidenneu-
verzweigtes Kanalsystem membranumschlossener Hohl- ronen, die beim Menschen eine Länge von bis zu 2,5 mm
räume darstellt. Die Proteinbiosynthese erfolgt nach dem erreichen können.
üblichen Muster: Zuerst werden bestimmte DNA-Sequen- In der Großhirnrinde weisen die Dendriten zahl-
zen in m-RNA transkribiert, und anschließend wird die reicher Neurone zusätzlich Tausende kleine Ausstül-
m-RNA im rauen endoplasmatischen Retikulum mithilfe pungen der Zytoplasmamembran auf. Diese Dornfortsät-
der Ribosomen in Proteine translatiert. Im Golgi-Appa- ze (oder spines) bewirken eine zusätzliche Vergrößerung
rat, der ebenfalls im Soma lokalisiert ist und aus mem- und Kompartimentierung der Membranoberfläche. An
branumschlossenen Hohlräumen besteht, werden Vor- jedem Dornfortsatz bildet der Dendrit eine Synapse mit
stufen funktioneller Proteine chemisch abgewandelt, in- einer präsynaptischen Terminale.
dem ihnen beispielsweise Oligo- und Polysaccharidketten Bezüglich der Proteinbiosynthese in einem Neuron
angeheftet werden. weisen die Dendriten eine zellbiologische Besonderheit
auf: Einige der im Soma transkribierten m-RNA-Mole-
küle werden in die Dendriten transportiert und erst dort
4.2.2 Axon in Proteine translatiert.

Das Axon mit seinen Verzweigungen dient dem Neuron


dazu, über elektrische Impulse Signale zu anderen Neu- 4.2.4 Zytoskelett
ronen oder Muskelzellen zu senden. Da diese Erregungs-
leitung auch über weite Strecken (bis zu 2 m) sehr schnell Das Zytoskelett von Neuronen ist eine komplexe Anord-
erfolgen muss, weisen bei Wirbeltieren die meisten Axone nung fibrillärer Strukturen, die das Zytoplasma durch-
ein besonderes morphologisches Merkmal – die Myelin- spannen und neben der Ausbildung und Aufrechterhal-
oder Markscheide – auf. Die Myelinscheide ist eine das tung der Gestalt eines Neurons an intrazellulären Trans-
Axon umgebende lipidreiche Schicht, die eine äußerst ef- portvorgängen wie dem schnellen axonalen Transport
fektive elektrische Isolierung zum umgebenden Medium beteiligt sind. Die drei Grundbausteine des Zytoskeletts,
bewirkt. Sie wird von speziellen Gliazellen – den Oligo-  Mikrotubuli,
dendrozyten im Zentralnervensystem (ZNS) und den  Neurofilamente und
Schwann-Zellen im peripheren Nervensystem (PNS) – ge-  Mikrofilamente,
bildet und ist in regelmäßigen Abständen von den Ran- entstehen durch Polymerisation einzelner Proteine (Mo-
vier-Schnürringen unterbrochen. Beispiele für nichtmye- nomere, z. B. globuläres Aktin).
linisierte Axone beim Menschen sind die langsam lei- Der schnelle axonale Transport ist u. a. dafür zustän-
tenden Schmerzfasern (C-Fasern), die Signale von dig, dass einige der im Soma synthetisierten Proteine
Verletzungen und Brandwunden in der Haut an das Ge- (z. B. Untereinheiten von Ionenkanälen) zügig in die dis-
hirn senden, sowie Fasern, die Informationen über Tem- talen Bereiche des Axons und der Dendriten gelangen.
peratur übermitteln. Hierbei fungieren die Mikrotubuli als Schienen, an denen
Die Erregungsweiterleitung in myelinisierten Axonen die mit Transportgut beladenen Motorproteine Kinesin
erfolgt, indem der elektrische Impuls (Aktionspotenzial) und Dynein entlanggleiten. Der schnelle axonale Trans-
64 Kapitel 4 · Grundlagen der Physiologie von Nervenzellen

⊡ Abb. 4.1 Grundlegende Elemente neuronalen Gewebes (s. Text)

port kann bidirektional erfolgen und Geschwindigkeiten 4.3 Grundlagen


von 0,5 m pro Tag erreichen. der Elektrophysiologie
Mikrotubuli sind polarisierte Makromoleküle und be- von Neuronen
stehen aus den Polypeptiden α- und β-Tubulin, die Hete-
rodimere bilden und in helikaler Anordnung polymeri- 4.3.1 Membranpotenzial
sieren. Der initiale Polymerisationsprozess eines Mikro- und elektrochemischer Gradient
tubulus findet mithilfe von γ-Tubulin am microtubule
organizing center (MTOC) statt. Das MTOC befindet sich Die Informationsübertragung innerhalb und zwischen
meist in der Nähe des Zellkerns. Dementsprechend poly- Neuronen erfolgt größtenteils über elektrische Signale.
merisieren Mikrotubuli normalerweise in Richtung dista- Grundlage für die Entstehung elektrischer Signale in einem
lerer Zellregionen. Kinesin kann auf einem Mikrotubulus Neuron liefern Konzentrationsunterschiede (chemische
nur in Richtung des wachsenden Mikrotubulusendes Gradienten) von Ionen zwischen dem Zytoplasma und der
(Plus-Ende) wandern. Umgekehrt verhält es sich für Dyn- extrazellulären Flüssigkeit (Zerebrospinalflüssigkeit). So
ein. Daher bewerkstelligt Kinesin für gewöhnlich Trans- findet sich an der Außenseite der Zytoplasmamembran
portvorgänge vom Soma in distale Bereiche des Neurons eine deutlich höhere Konzentration von Na+-, Ca2+- und
(anterograder Transport) und Dynein den retrograden Cl–-Ionen als an ihrer Innenseite. Umgekehrt verhält es
Transport. Durch den retrograden Transport werden bei- sich für K+-Ionen und organische Anionen.
spielsweise exogene Stoffe wie neurotrophe Faktoren Diese chemischen Gradienten werden durch Ionen-
(z. B. nerve growth factor NGF) zum Soma befördert. pumpen erzeugt und aufrechterhalten. Die bekannteste
4.3 · Grundlagen der Elektrophysiologie von Neuronen
65 4

Ionenpumpe ist zweifelsfrei die Na+-K+-Pumpe (Na+-K+- Ionenkanäle können in zwei Gruppen eingeteilt wer-
ATPase), die unter Hydrolyse von einem Molekül ATP den: In Leckkanäle und gesteuerte (gated) Ionenkanäle.
drei Na+-Ionen aus der Zelle hinaus- und zwei K+-Ionen Leckkanäle (z. B. der K+-Kanal TREK-1) sind unter physi-
in die Zelle hineintransportiert. Eine zweite prominente ologischen Bedingungen für bestimmte Ionen ununter-
ATPase – die Ca2+-Mg2+-ATPase – sorgt neben intrazellu- brochen permeabel. Im Gegensatz dazu bewirken bei den
lären Puffersystemen und einem Na+-Ca2+-Exchanger für gesteuerten Ionenkanälen bestimmte Konformationsän-
die äußerst geringe Ca2+-Konzentration (50–100 nM) im derungen einer oder mehrerer Untereinheiten, dass der
Zytoplasma. Exchanger zählen ebenfalls zu den Ionen- Ionenkanal eine Pore bildet, durch die 106–108 Ionen pro
pumpen, arbeiten allerdings nur indirekt Energie ver- Sekunde strömen können (⊡ Abb. 4.2). Dieser normaler-
brauchend, da sie einen bestehenden Ionengradienten weise sehr kurz (einige ms) andauernde Offenzustand
(häufig den Na+-Gradienten) nutzen, um eine andere Io- eines Ionenkanals kann hervorgerufen werden
nenart über die Membran zu transportieren (z. B. Ca2+  durch Änderungen des Membranpotenzials,
beim Na+-Ca2+-Exchanger). Ein weiteres Beispiel ist der  durch intra- oder extrazelluläre Bindung eines Ligan-
Cl–-Bicarbonat-Exchanger, der maßgeblich daran betei- den an eine als Rezeptor fungierende Untereinheit
ligt ist, die intrazelluläre Cl–-Konzentration niedrig zu oder
halten. An der Aufrechterhaltung einer konstanten Kon-  durch mechanische Reize.
zentration von K+-Ionen in der Zerebrospinalflüssigkeit Unterschieden wird demnach zwischen
sind weiterhin Gliazellen (Astrozyten) beteiligt.  spannungsaktivierten,
Da Ionen elektrisch geladen sind, bewirken ihre che-  ligandenaktivierten und
mischen Gradienten, dass das Zytoplasma gegenüber der  mechanosensitiven Ionenkanälen.
Zerebrospinalflüssigkeit eine elektrische Potenzialdiffe-
renz aufweist. Im Ruhezustand eines Neurons beträgt Ein weiteres Charakteristikum von Ionenkanälen ist ihre
diese Potenzialdifferenz ca. –65 mV und wird Ruhemem- Ionenselektivität, d. h., ihre Pore lässt nur eine Ionenart
branpotenzial genannt. Aus der Kombination von elek- oder ausschließlich Kationen oder Anionen passieren.
trischer Potenzialdifferenz und chemischem Gradienten Daher wird weiter zwischen Na+-, K+-, Cl–-, Ca2+-, Kati-
resultiert eine Kraft, die als elektrochemischer Gradient onen- und Anionenkanälen unterschieden. Die enorme
bezeichnet wird. Ihren spezifischen elektrochemischen funktionelle und strukturelle Diversität der bis dato be-
Gradienten folgend, tendieren Na+-, Cl–- und Ca2+-Ionen kannten Ionenkanäle spiegelt sich beispielsweise darin
am Ruhemembranpotenzial, in das Neuron einzuströmen wieder, dass mehr als 50 unterschiedliche Gene allein für
und K+-Ionen aus dem Neuron auszuströmen. Da die Li- humane K+-Kanäle kodieren. In ⊡ Tab. 4.1 sind die dem
piddoppelschicht der Zytoplasmamembran für Ionen aktuellen IUPHAR-Rezeptor-Kompendium entnom-
impermeabel ist, werden solche Ströme ausschließlich menen wichtigsten Klassen von spannungs- und ligan-
durch Ionenkanäle vermittelt. Ionenströme, die das denaktivierten Ionenkanälen aufgeführt (s. auch http://
Membranpotenzial in Richtung positiverer bzw. nega- www.iuphar.org).
tiverer Werte auslenken, werden depolarisierend bzw.
hyperpolarisierend genannt.
4.3.3 Das Aktionspotenzial

4.3.2 Ionenkanäle Neurone senden über spezielle elektrische Impulse Sig-


nale zu nachgeschalteten (postsynaptischen) Neuronen
Ionenkanäle stellen eine wichtige Zielstruktur für eine ( 4.2.2). Diese elektrischen Impulse werden Aktions-
Vielzahl von Psychopharmaka dar. Als Beispiel sei die potenziale genannt und am Übergang vom Soma in das
Veränderung der Funktion von GABAA-Rezeptoren Axon – dem Axonhügel – generiert. Ein Aktionspotenzial
durch Benzodiazepine genannt. Als integrale Membran- stellt eine kurzzeitige Depolarisation des Membranpoten-
proteine durchspannen Ionenkanäle mittels hydropho- zials dar, die ungraduiert, also in ihrer Amplitude kons-
ber Domänen (Transmembransegmente) die Lipiddop- tant ist. Letzteres hat zur Folge, dass die zwischen prä-
pelschicht der Zytoplasmamembran von Neuronen. Io- und postsynaptischem Neuron übermittelte Information
nenkanäle sind generell aus mehreren Untereinheiten über die Aktionspotenzialfrequenz kodiert werden muss.
(subunits) aufgebaut (⊡ Abb. 4.2). Als Heteromere kön- Man spricht deshalb von Frequenzmodulation.
nen sie aus unterschiedlichen Untereinheiten, als Homo- Aktionspotenziale können abhängig vom Neuronen-
mere aus gleichen Untereinheiten zusammengesetzt sein, typ Amplituden von mehr als 100 mV erreichen. Sie dau-
oder sie können aus einer einzigen Polypeptidkette beste- ern häufig nur 1 ms an und werden mit bis zu 100 m/s
hen, die wiederum aus sich wiederholenden Abschnitten innerhalb des Axons fortgeleitet. Entstehung und Termi-
(Pseudountereinheiten) aufgebaut ist. nierung eines Aktionspotenzials sind äußerst kompli-
zierte elektrophysiologische Vorgänge. Vereinfacht kön-
66 Kapitel 4 · Grundlagen der Physiologie von Nervenzellen

Ionenkanal geschlossen Ionenkanal offen

Na +-Ionen

Extrazellulär 0 mV 0 mV
4
Lipiddoppelschicht

Intrazellulär -65 mV -50 mV

Untereinheit

Hydrophile Domäne

Extrazellulär
Hydrophobe Domäne
Lipiddoppelschicht
(Transmembransegment)
Intrazellulär
NH 2

Polypeptidkette

⊡ Abb. 4.2. Aufbau und Funktionsweise eines spannungsaktivierten Na+-Kanals (s. Text)

nen diese Prozesse jedoch wie folgt dargestellt werden:  elektrische Synapsen und
Zunächst führt eine überschwellige Depolarisation des  chemische Synapsen.
Neurons dazu, dass sich spannungsaktivierte Na+-Kanäle
öffnen und der dadurch mediierte Na+-Einstrom in die
Zelle das Membranpotenzial bis zum Gipfel des Aktions- 4.4.1 Elektrische Synapsen
potenzials auslenkt. Dieser Vorgang bewirkt wiederum
eine zeitlich verzögerte Öffnung spannungsaktivierter Bei elektrischen Synapsen ist der Spalt zwischen den Zyto-
K+-Kanäle mit der Folge, dass K+-Ionen aus dem Neuron plasmamembranen zweier gekoppelter Neurone schmal
ausströmen und dadurch das Membranpotenzial auf sei- (~3,5 nm) und wird von speziellen Proteinstrukturen – den
nen Ruhewert zurückgeführt wird. Diese Umverteilung gap junctions – überbrückt. Eine gap junction wird aus
von Na+- und K+-Ionen wird durch die Na+/K+-ATPase zwei direkt aneinanderliegenden Ionenkanälen gebildet,
( 4.3.1) wieder rückgängig gemacht. die Hemikanäle oder Konnexone genannt werden
(⊡ Abb. 4.3a). Jedes Konnexon besteht wiederum aus sechs
Konnexinen mit jeweils sechs Transmembransegmenten.
4.4 Synaptische Im geöffneten Zustand leiten Konnexone Membranpoten-
Informationsübertragung zialschwankungen direkt elektrisch von einem Neuron in
zwischen Neuronen das andere. Dieser Prozess ist praktisch verzögerungsfrei
und kann gewöhnlich bidirektional erfolgen.
Informationsübertragung zwischen Neuronen findet
größtenteils an hoch spezialisierten Kontaktstellen – den
Synapsen – statt; man spricht deshalb auch von synap- 4.4.2 Chemische Synapsen
tischer Transmission. Je nach Organisation ihrer Kon-
taktzonen werden Synapsen in zwei große Gruppen ein- Synaptische Transmission an chemischen Synapsen
geteilt, in (⊡ Abb. 4.3b) erfolgt über Botenstoffe (Neurotransmit-
4.4 · Synaptische Informationsübertragung zwischen Neuronen
67 4

⊡ Tab. 4.1. Die wichtigsten Klassen von spannungs- und ligandenaktivierten Ionenkanälen

Ionenkanalklasse LA SA LB Anzahl TMS

1 «Cys-loop-Superfamilie”
1.1 GABA-aktivierte Anionenkanäle • ex 4
1.2 Glycinaktivierte Anionenkanäle • ex 4
1.3 Glutamataktivierte Anionenkanäle • ex 4
1.4 Acetylcholinaktivierte Anionenkanäle • ex 4
1.5 Serotoninaktivierte Anionenkanäle • ex 4
2 Glutamataktivierte Kationenkanäle
2.1 Nicht-NMDA-Rezeptoren • ex 3
2.2 NMDA-Rezeptoren • ex 3
3 Epitheliale und damit verwandte Na+-Kanäle
3.1 Epitheliale NA+-Kanäle • – 2
3.2 H+-aktivierte Na+-Kanäle • ex 2
3.3 FMRF-Amid-aktivierter Na+-Kanal • ex 2
3.4 ATP-aktivierte Kationenkanäle (P2X) • ex 2
4 Spannungsaktivierte und damit verwandte Kationenkanäle
4.1 Na+-Kanäle • – 6
4.2 Ca2+-Kanäle • – 6
4.3 K+-Kanäle • – 6
4.4 Zyklische Nukleotidrezeptoren • in 6
4.5 Inositoltriphosphatrezeptoren • in 6
4.6 Ryanodinrezeptoren • in 4 oder 6
4.7 Vanilloidrezeptoren • ex 6
5 Einwärtsgleichrichtende K+-Kanäle • – 2

6 Cl -Kanäle • – ?
7 Verwandt zu Neurotransmittertransportern
7.1 Glutamataktivierter Cl–-Kanal/Transporter • ex 12
7.2 GABA-aktivierter Kanal/Transporter • ex 12
7.3 Serotoninaktivierter Kanal/Transporter • ex 12
7.4 Dopaminaktivierter Kanal/Transporter • ex 12

LA ligandenaktiviert, SA spannungsaktiviert, LB Ligandenbindung, ex extrazellulär, in intrazellulär, TMS Transmembransegment

ter). Dieser Prozess verläuft unidirektional. Dementspre- nicht vollständig aufgeklärten Prozess wiederum dazu,
chend wird an der Kontaktzone zwischen einer prä- und dass Neurotransmittervesikel des releasable pool mit der
einer postsynaptischen Membran unterschieden. Der präsynaptischen Membran fusionieren und Neurotrans-
synaptische Spalt zwischen diesen Membranabschnitten mitter in den synaptischen Spalt ausgeschüttet wird. Die-
ist im Vergleich zu den elektrischen Synapsen relativ breit ser Prozess wird auch Exozytose genannt.
(20–40 nm). Nach ihrer Ausschüttung diffundieren die Neuro-
Die präsynaptische Membran ist eine spezialisierte transmittermoleküle über den synaptischen Spalt zur
Struktur einer Axonterminale und durch so genannte ak- postsynaptischen Membran und binden u. a. an dort lo-
tive Zonen charakterisiert, an denen intrazelluläre An- kalisierte ligandenaktivierte Ionenkanäle. Das Öffnen
sammlungen von mit Neurotransmitter gefüllten Vesi- dieser Ionenkanäle bewirkt entweder eine Depolarisation
keln (Neurotransmittervesikel) vorkommen. Ein Teil der oder eine Hyperpolarisation des postsynaptischen Neu-
Neurotransmittervesikel – der releasable pool – wird rons. Derartige Auslenkungen des Membranpotenzials
durch Bindung von Vesikelmembranproteinen (Synapto- (postsynaptische Potenziale) sind graduiert, d. h., sie
tagmin, Synaptobrevin) an Zytoplasmamembranproteine sind in ihrer Amplitude variabel. Depolarisierende post-
(SNAP-25, Syntaxin) an der Zytoplasmamembran gehal- synaptische Potenziale gelten als »erregend«, da sie zur
ten. Generierung von Aktionspotenzialen beitragen ( 4.3.3).
In die Axonterminale einlaufende Aktionspotenziale Hyperpolarisierende postsynaptische Potenziale bewir-
bewirken, dass sich dort lokalisierte spannungsaktivierte ken eine »Hemmung« des Neurons. Im Zentralnervensys-
Ca2+-Kanäle öffnen und Ca2+-Ionen in die Axonterminale tem von Säugern ist Glutamat der wichtigste erregende
einströmen. Die daraus resultierende Erhöhung der intra- und GABA der wichtigste hemmende Neurotransmitter.
zellulären Ca2+-Konzentration führt über einen noch
68 Kapitel 4 · Grundlagen der Physiologie von Nervenzellen

a Hemikanal
Intrazellulär

Lipiddoppelschicht

Synaptischer Spalt Extrazellulär

Intrazellulär
4
Konnexin

b
b
Aktionspotenzial

Spannungsaktivierter
Ca 2 +-Kanal

Neurotransmitter-
vesikel

Ca 2 +

Präsynaptische Membran
coated pit

Neurotransmitter
Synaptischer Spalt
Ligandenaktivierter
Ionenkanal Postsynaptische Membran
Ioneneinstrom

⊡ Abb. 4.3. Aufbau und Funktionsweise einer typischen elektrischen (a) und chemischen Synapse (b) (s. Text)

4.4.3 G-Protein-gekoppelte Rezeptoren finität des Rezeptors für den Agonisten und verlängert
damit durch einen positiven Rückkopplungsmechanis-
An der prä- und der postsynaptischen Membran von che- mus die Agonist-Rezeptor-Interaktion.
mischen Synapsen finden sich weiterhin G-Protein-ge- G-Proteine, die an metabotrope Rezeptoren binden,
koppelte Rezeptoren, die auch metabotrope Rezeptoren sind aus drei Untereinheiten (α, β und γ) aufgebaut und
genannt werden und Bindungsstellen für Neurotransmit- werden in Gs-, Gi- und Gq-Proteine eingeteilt. Die α-Un-
termoleküle besitzen. Jeder G-Protein-gekoppelte Rezep- tereinheit besitzt eine Bindungsdomäne für Guanosindi-
tor besteht aus einer einzigen Polypeptidkette mit jeweils phosphat (GDP), das nach Bindung des G-Proteins an den
sieben Transmembransegmenten. Rezeptor durch Guanosintriphosphat (GTP) ersetzt wird.
Die Aktivierung eines G-Protein-gekoppelten Rezep- Dieser Vorgang führt wiederum dazu, dass die α-Unter-
tors durch Neurotransmitter führt über eine Konformati- einheit vom βγ-Komplex abgespalten wird und entweder
onsänderung des Rezeptors dazu, dass ein membranstän- direkt Ionenkanäle aktiviert und/oder an membranstän-
diges G-Protein an eine seiner intrazellulären Domänen dige Effektorproteine bindet. Die bekanntesten dieser
bindet. Diese Rezeptor-G-Protein-Bindung erhöht die Af- Effektorproteine sind die Adenylatcyclase und Phospho-
Literatur
69 4

lipase C. Gs-Proteine, die z. B. mit bestimmten metabotro- Diffusion trägt an allen chemischen Synapsen zur Entfer-
pen Serotoninrezeptoren interagieren, bewirken entwe- nung des Neurotransmitters aus dem synaptischen Spalt
der eine Öffnung von Ca2+-Kanälen und/oder aktivieren bei. Enzymatischer Abbau findet hauptsächlich an Synap-
die Adenylatcyclase und mediieren dadurch eine Erhö- sen statt, an denen Acetylcholin ausgeschüttet wird. Hier-
hung der intrazellulären cAMP-Konzentration. Dies wie- bei fungiert die Acetylcholinesterase als Enzym, das Ace-
derum führt zu einer Aktivierung der cAMP-abhängigen tylcholin in Acetat und Cholin spaltet. Wiederaufnahme
Proteinkinase (Proteinkinase A), die als Serin-Threonin- ist der am weitesten verbreitete Mechanismus der Inakti-
Kinase eine Vielzahl neuronaler Proteine phosphorilieren vierung von Neurotransmitter und wird durch Transpor-
und damit deren Funktion verändern kann. Im Gegensatz termoleküle in der Zytoplasmamembran von Neuronen
zu den Gs-Proteinen aktivieren Gi-Proteine direkt K+-Ka- und Gliazellen bewerkstelligt, die den Neurotransmitter
näle und/oder hemmen die Adenylatcyclase. Gq-Proteine in das Intrazellulärmedium zurückbefördern. Als promi-
aktivieren die Phospholipase C, die Phosphatidylinositol- nentes Beispiel für Psychopharmaka, die diesen Prozess
4,5-bisphosphat (PIP2) in Diacylglycerin (DAG) und Ino- beeinflussen, seien die Serotoninwiederaufnahmehem-
sitol-1,4,5-trisphosphat (IP3) spaltet und dadurch eine mer (SSRI) genannt.
Aktivierung der Proteinkinase C und eine Freisetzung
von Ca2+-Ionen aus intrazellulären Ca2+-Speichern be-
wirkt. Literatur
Nach dem heutigen Stand der Forschung spielen Ver-
änderungen in der Expression von G-Protein-gekoppel- Alberts B, Johnson A, Lewis J, Raff M, Roberts K, Walter P (eds) (2002)
Molecular biology of the cell, 4th edn. Garland, New York
ten Rezeptoren eine äußerst wichtige Rolle bei der Wir-
Kandel ER, Schwartz JH, Jessell TM (Hrsg) (1996) Neurowissenschaften.
kungsentfaltung von Psychopharmaka. So beobachtet Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg
man beispielsweise, dass eine längerfristige Verabrei- Kandel ER, Schwartz JH, Jessell TM (eds) (2000) Principles of neural
chung bestimmter Antidepressiva eine verminderte Ex- science, 4th edn. McGraw-Hill, New York
pression von β-Adrenozeptoren (β-Down-Regulation) Squire LR, Bloom FE, McConnell SK, Roberts JL, Spitzer NC, Zigmond
MJ (eds) (2003) Fundamental neuroscience, 2nd edn. Academic
zur Folge hat, die Dichte spezifischer metabotroper Sero-
Press, San Diego, CA
toninrezeptoren in der Zytoplasmamembran jedoch er- Thompson RF (Hrsg) (2001) Das Gehirn, 3. Aufl. Spektrum Akadem-
höht (z. B. 5-HT1A-Up-Regulation). ischer Verlag, Heidelberg

4.4.4 Endozytose und Entfernung


des Neurotransmitters
aus dem synaptischen Spalt

Die Aufrechterhaltung der Funktion von chemischen


Synapsen setzt voraus, dass die durch Vesikelfusionen
bedingte Vergrößerung der präsynaptischen Membran-
fläche kompensiert wird und sich der Vorrat an Neuro-
transmittervesikeln in den Axonterminalen nicht er-
schöpft. Dies wird durch den Prozess der Endozytose ge-
währleistet. Hierbei bilden sich zuerst Gruben in der
präsynaptischen Membran, die an der Membraninnen-
seite mit dem Protein Klathrin überzogen sind. Diese coa-
ted pits werden in einem zweiten Schritt in den Intrazel-
lulärraum abgeschnürt, und die dadurch neu entstande-
nen Vesikel werden mit Neurotransmitter befüllt.
Für die chemische synaptische Transmission ist wei-
terhin von großer Bedeutung, dass der ausgeschüttete
Neurotransmitter zügig aus dem synaptischen Spalt ent-
fernt wird. Drei Mechanismen bewirken die Beseitigung
von Neurotransmitter:
 Diffusion,
 enzymatischer Abbau und
 Wiederaufnahme (reuptake).
5

5 Prinzipien neuronaler Signalketten


Georg Köhr

5.1 Ionenkanäle – 72 5.3 Neurotrophe Faktoren


5.1.1 Spannungsabhängige Ionenkanäle – 72 (Protein-Tyrosinkinase) – 76
5.1.2 Ligandengesteuerte Ionenkanäle – 72 5.3.1 Neurotrophine und ihre Rezeptoren – 76
5.3.2 GDNF – 77
5.2 G-Protein-gekoppelte Rezeptoren – 74 5.3.3 CNTF – 78
5.2.1 Struktur der Rezeptoren, G-Proteine
und Agonistenbindung – 74 5.4 Steroidrezeptoren – 78
5.2.2 Signaltransduktion Literatur – 78
bei G-Protein-gekoppelten Rezeptoren – 74
5.2.3 Effektoren der G-Proteine – 75
5.2.4 Interaktionen mit anderen Rezeptorklassen – 75
5.2.5 Desensitisierung – 76
72 Kapitel 5 · Prinzipien neuronaler Signalketten

Neuronale Signalketten dienen der Übertragung extrazel- Jede Untereinheit eines spannungsabhängigen Ionen-
lulärer, meist chemischer Signale ins Zellinnere. Einige kanals ist aus sechs die Membran durchspannenden α-
zytoplasmatische Signale werden über die Kernmembran Helices aufgebaut, die als Segmente S1–S6 bezeichnet wer-
in den Zellkern übertragen, wodurch die Genexpression den (⊡ Abb. 5.1a). Das S4-Segment bildet den Spannungs-
reguliert werden kann. Die physiologischen Wirkungen sensor. Die positiv geladenen Aminosäuren des
der Signale entfalten sich innerhalb weniger Millisekun- Spannungssensors werden durch die Depolarisation der
den (meist nichtgenomische Wirkungen) oder innerhalb Zellmembran nach außen gekehrt und induzieren eine
von Stunden bis Tagen (genomische Wirkungen). Als Konformationsänderung, wodurch sich die Kanalpore
Komponenten neuronaler Signalketten wurden mem- öffnet. Die Kanalpore bildet sich aus der Membranschlei-
branständige und intrazelluläre Proteine charakterisiert, fe zwischen S5 und S6 und wird als P-Loop (pore loop) be-
die in zahlreichen Isoformen vorkommen. Die Mechanis- zeichnet.
men der Signaltransduktion können anhand von vier An der Membran von Nervenzellen kommt es zum
5 Proteinklassen hinreichend beschrieben werden: Einstrom von Na+-Ionen, sobald die Membran zum sog.
1. Ionenkanäle, Schwellenpotenzial von etwa –50 mV depolarisiert wird.
2. G-Protein-gekoppelte Rezeptoren, Dadurch wird innerhalb von etwa 1 ms ein Aktionspoten-
3. neurotrophe Faktoren (Protein-Tyrosinkinasen), zial ausgelöst. Die intrazelluläre Domäne zwischen der
4. Steroidrezeptoren. dritten und vierten Untereinheit verschließt den offenen
Na+-Ionenkanal von innen und führt zur Inaktivierung.
Eine wichtige Folge der Inaktivierung des Na+-Ionenka-
5.1 Ionenkanäle nals ist die etwa 1 ms andauernde Refraktärzeit der
Membran, in der selbst große Depolarisationen keine Er-
Ionenkanäle sind membranständige Proteine, die aus regung auslösen können. K+-Ionenkanäle werden z. B.
mehreren Untereinheiten bestehen und eine wasserge- nach vorausgegangener Depolarisation aktiviert. K+ fließt
füllte Pore bilden. Sie sind gewöhnlich selektiv für Na+-, nach außen und führt zur Repolarisation der Membran.
K+-, Ca2+- oder Cl–-Ionen. Spannungsabhängige Kanäle
werden durch Änderungen des Membranpotenzials geöff-
net, ligandengesteuerte durch Bindung eines Liganden. 5.1.2 Ligandengesteuerte Ionenkanäle
Ionen passieren ihre Kanäle durch Diffusion; die
Grundvoraussetzung für jeden Ionenfluss ist also eine Ligandengesteuerte Ionenkanäle – auch ionotrope Rezep-
Konzentrationsdifferenz auf beiden Seiten der Membran. toren genannt – besitzen in ihren extrazellulären Domä-
Wenn Ionen fließen, lassen sie immer eine entgegenge- nen eine Bindungsstelle für Neurotransmitter. Neuro-
setzte Ladung zurück. Dabei entsteht ein elektrischer Gra- transmitter werden in Vesikeln von Nervenendigungen
dient, der gegenläufig zum Konzentrationsgradienten ist. gespeichert und durch Exozytose freigesetzt. Neurotrans-
Ionen können nur so lange fließen, wie der Konzentra- mitter werden enzymatisch abgebaut und von der präsyn-
tionsgradient der freien beweglichen Ionen durch den aptischen Endigung oder von Gliazellen wieder aufgenom-
elektrischen Gradienten noch nicht egalisiert ist. Wenn men. Im zentralen Nervensystem werden unterschieden:
der Ionenfluss zum Stillstand kommt, herrscht ein für je-  GABAA-Rezeptoren (GABA: γ-Aminobuttersäure),
des Ion charakteristisches Gleichgewichtspotenzial, das  Glycinrezeptoren,
durch die Nernst-Gleichung definiert ist. Mit elektrophy-  NMDA-Rezeptoren (NMDA: N-Methyl-D-Aspartat):
siologischen, biochemischen und molekularbiologischen NR1, NR2A, NR2B, NR2C, NR2D, NR3A, NR3B,
Methoden konnten die Ionenselektivität sowie die Akti-  AMPA-Rezeptoren (AMPA: α-Amino-3-hydroxy-5-
vierung und Inaktivierung der Ionenkanäle charakteri- methyl-4-isoxazolpropionsäure): GluR1, GluR2, GluR3,
siert und bestimmten Molekülstrukturen zugeordnet GluR4,
werden (Boron u. Boulpaep 2003; Rang et al. 2003).  Kainat-Rezeptoren: KA1, KA2, GluR5, GluR6, GluR7,
 nikotinische Acetylcholinrezeptoren (nAChR),
 Serotonin-(5-HT3)-Rezeptoren (5-HT: 5-Hydroxy-
5.1.1 Spannungsabhängige Ionenkanäle tryptamin).

Spannungsabhängige Ionenkanäle bestehen entweder Ligandengesteuerte Ionenkanäle bestehen aus fünf (z. B.
aus einem einzigen Protein, das vier Untereinheiten bein- GABAA) oder vier (z. B. GluR) Untereinheiten. Die meis-
haltet (Na+- und Ca2+-Ionenkanäle), oder sie sind aus vier ten ligandengesteuerten Ionenkanäle besitzen vier die
separaten Untereinheiten aufgebaut (K+-Ionenkanäle) Membran durchspannende α-Helices (M1–M4), wobei die
(Hille 2001). Die weit weniger gut charakterisierten Cl–- jeweils zweite Membrandomäne (M2) den wassergefüllten
Kanäle lassen sich noch nicht endgültig beschreiben (Mil- Ionenkanal umschließt (z. B. GABAA, ⊡ Abb. 5.1a). Eine
ler 2006). Ausnahme bilden die GluR (Madden 2002), bei denen M2
5.1 · Ionenkanäle
73 5

b c d

⊡ Abb. 5.1. Struktur von Ionenkanälen und Rezeptoren. Die amino- I–VII α-helikale Transmembrandomänen (TM). Der Agonist bindet
terminalen und die carboxyterminalen Enden der Proteine sind mit N zwischen den transmembranären Helices oder an die N-terminale
bzw. C gekennzeichnet. Der Extrazellulärraum ist oben, der Intrazellu- Domäne, das G-Protein in allen Fällen an die dritte intrazelluläre
lärraum unten. a Untereinheiten spannungsabhängiger Ionenkanäle. Schleife. c Rezeptor für neurotrophe Faktoren mit einer α-helikalen
(1) S1–S6 membrandurchspannende α-Helices, S4 Spannungssensor, TM, intrazellulär: katalytische Domäne der Tyrosinkinase. d Steroid-
Membranschleife zwischen S5 und S6: Kanalpore (P-Loop); (2) und (3) rezeptoren sind intrazelluläre, nichtmembrangebundene Rezeptoren
Pfeil Bindungsstelle für den Agonisten, M1–M4 Membranregionen, M2 mit einer hormonbindenden Domäne am C-Terminus und einer DNA-
Kanalpore, als transmembranäres Protein (GABAA) oder als P-Loop bindenden Domäne in der Mitte des Moleküls
(Glutamat). b Untereinheit eines G-Protein-gekoppelten Rezeptors.

nicht transmembranär ist, sondern als P-Loop die Kanal- kann als exzitatorisches postsynaptisches Potenzial (EPSP)
pore bildet (⊡ Abb. 5.1a). Dies hat zur Folge, dass ihre C- registriert werden. Durch Öffnung von Chloridkanälen
terminalen Regionen intrazellulär lokalisiert sind. Wenn entsteht ein Strom von negativ geladenen Cl–-Ionen, der
ein Rezeptor aus identischen Untereinheiten aufgebaut das vorhandene Membranpotenzial hyperpolarisiert und
wird, spricht man von homomerer Assemblierung. Meist damit einer Erregung entgegenwirkt. GABA vermittelt
sind ionotrope Rezeptoren jedoch aus unterschiedlichen durch Öffnung des GABAA-Rezeptorkanals einen Cl–-Ein-
Untereinheiten aufgebaut (heteromere Assemblierung). strom und damit ein inhibitorisches postsynaptisches Po-
Bei ligandengesteuerten Ionenkanälen befinden sich tenzial (IPSP). Bei lang andauernder Agonistenexposition
die Bindungsdomäne für den Neurotransmitter (den Li- werden die Kanalöffnungen nach einem anfänglichen Ma-
ganden oder Agonisten) und der Ionenkanal auf derselben ximum schnell seltener, es tritt Desensitisierung ein. Die
Untereinheit. Agonistenbindung und Ionenkanalöffnung Desensitisierung ist ein Charakteristikum von ligandenge-
geschehen innerhalb weniger Millisekunden. Die Ligand- steuertern Ionenkanälen und läuft bei verschiedenen Ka-
Rezeptor-Interaktion führt meist zur Öffnung des Ionen- naltypen mit sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit ab.
kanals. Erregende Neurotransmitter (z. B. Glutamat) ver- Die Desensitisierung nimmt Einfluss auf die Kinetik der
mitteln den postsynaptischen Einstrom positiv geladener rezeptorvermittelten Ströme und verhindert zu große und
Ionen, die die Membran depolarisieren. Dieser Einstrom zu lang anhaltende Aktivierungen.
74 Kapitel 5 · Prinzipien neuronaler Signalketten

5.2 G-Protein-gekoppelte Die Ligandenbindung an G-Protein-gekoppelte Re-


Rezeptoren zeptoren ist strukturabhängig. Wenn die extrazelluläre
N-terminale Domäne des Rezeptors kurz ist (z. B. Dopa-
G-Protein-gekoppelte Rezeptoren, auch metabotrope Re- min- oder Serotoninrezeptoren) bindet der Agonist in der
zeptoren genannt, gehören zu den membranständigen Membran zwischen den transmembranären Helices.
Rezeptoren, die über G-Proteine (guaninnukleotidbin- Wenn die N-terminale Domäne lang ist (z. B. metabotro-
dende Proteine) intrazelluläre Effektoren aktivieren. G- pe Glutamat- und GABAB-Rezeptoren), bindet der Ago-
Protein-gekoppelte Rezeptoren werden nach Art ihrer nist an diese Domäne. Die Agonistenbindung an G-Pro-
Liganden in drei Familien eingeteilt: tein-gekoppelte Rezeptoren induziert eine Konformati-
1. Rhodopsinrezeptoren (Liganden u. a. Adenosin, Sero- onsänderung, wodurch die Wahrscheinlichkeit der
tonin, Noradrenalin, Dopamin, Histamin, Opioide, Interaktion zwischen dem Rezeptor und dem G-Protein
Muskarin), erhöht wird. G-Protein-gekoppelte Rezeptoren können
5 2. Peptidhormonrezeptoren (Liganden u. a. Glucagon, aber auch in Abwesenheit des Agonisten konstitutiv aktiv
Sekretin, Somatostatin), sein, und tatsächlich konnten bereits etliche inverse Ago-
3. metabotrope Glutamat- und GABAB-Rezeptoren. nisten identifiziert werden, die den Anteil konstitutiv ak-
tiver Rezeptoren erniedrigen und damit, im Gegensatz
Die Neurotransmitter Glutamat und GABA aktivieren Io- zum Agonisten, eine negative Wirkung haben (Seifert u.
nenkanäle sowohl direkt ( 5.1.2) als auch indirekt durch Wenzel-Seifert 2002).
Aktivierung eines G-Proteins.

5.2.2 Signaltransduktion
5.2.1 Struktur der Rezeptoren, bei G-Protein-gekoppelten
G-Proteine und Agonistenbindung Rezeptoren

G-Protein-gekoppelte Rezeptoren sind charakterisiert Die Signalübertragung bei G-Protein-gekoppelten Rezep-


durch toren erfolgt langsamer als bei den Ionenkanälen, näm-
 sieben α-helikale Transmembrandomänen (I–VII, lich im Sekunden- bis Minutenbereich, was aufgrund der
deshalb auch 7TM-Rezeptoren genannt), nachfolgend beschriebenen Schritte verständlich wird.
 eine extrazelluläre N-terminale Domäne, Heterotrimere G-Proteine, die aus drei Unterein-
 eine intrazelluläre C-terminale Domäne sowie heiten α, β und γ bestehen, sind in der Membran frei be-
 je drei extra- und intrazelluläre Schleifen (⊡ Abb. weglich und können deshalb mit verschiedenen Rezep-
5.1b). toren und Effektoren interagieren. Im Ruhezustand ist
das G-Protein nicht an den Rezeptor gebunden. Seine
Lange Zeit ging man davon aus, dass funktionelle G-Pro- α-Untereinheit trägt ein Guanosindiphosphat (GDP). Bei
tein-gekoppelte Rezeptoren aus einer einzigen Unterein- Wechselwirkung des G-Proteins mit dem Rezeptor wird
heit bestehen. Molekularbiologische Untersuchungen am GDP (Guanosindiphosphat) zu GTP (Guanosintriphos-
GABAB-Rezeptor Ende der 1990-er Jahre zeigten zum ers- phat) phosphoryliert. In der Folge kommt es zur Abtren-
ten Mal, dass G-Protein-gekoppelte Rezeptoren dimeri- nung des G-Proteins vom Rezeptor und zum Zerfall in
sieren können (Kuner et al. 1999; Bettler u. Tiao 2006). seine beiden aktiven Formen:
Während GABAB-Rezeptoren nur als Dimer funktionell  eine GTP tragende α-Untereinheit und
sind, werden andere G-Protein-gekoppelte Rezeptoren  einen β/γ-Komplex.
durch Dimerisierung nur in ihren pharmakologischen
Eigenschaften modifiziert. Dimerisierung findet sowohl Die α-Untereinheit und der β/γ-Komplex können jeweils
innerhalb einer Familie als auch zwischen unterschied- auf unterschiedliche zelluläre Effektorproteine einwir-
lichen Familien G-Protein-gekoppelter Rezeptoren statt ken: entweder auf Ionenkanäle oder auf Enzyme, die in-
(z. B. κ/δ-Dimer bei Opioidrezeptoren oder Dimerisie- trazelluläre Botenstoffe (Second Messenger) bilden.
rung von Dopamin- und Somatostatinrezeptoren (Bou- Durch enzymatische Hydrolyse von GTP zu GDP an der
vier 2001). In allen Fällen bindet das G-Protein an die α-Untereinheit, die durch RGS-Proteine (RGS: regulation
dritte, besonders lange intrazelluläre Schleife. of G-protein signaling) gefördert wird, kehrt die α-Unter-
Die meisten G-Protein-gekoppelten Rezeptoren kön- einheit in den inaktiven Zustand zurück und verbindet
nen mit mehreren G-Protein-Klassen interagieren. Bisher sich wieder mit dem β/γ-Komplex, wodurch der Ruhezu-
wurden 23 α-, 6 β- und 12 γ-Untereinheiten identifiziert, stand des G-Proteins wiederhergestellt wird.
die aufgrund ihrer Aminosäuresequenz und ihrer Funk-
tion vier G-Protein-Klassen zugeordnet werden (Gs, Gi/o,
Gq/11 und G12).
5.2 · G-Protein-gekoppelte Rezeptoren
75 5
5.2.3 Effektoren der G-Proteine Mechanismus zunächst zu Inositol-1,3,4,5-tetraphosphat
(IP4) phosphoryliert und schließlich wieder in PIP2 über-
Die Adenylatcyclase, die cAMP (zyklisches Adenosinmo- führt. DAG stimuliert die Proteinkinase C (PKC). PKC
nophosphat) aus ATP (Adenosintriphosphat) bildet, wird und PKA (s. oben) phosphorylieren dann ihrerseits Pro-
durch die verschiedenen G-Protein-Klassen ( 5.2.1) bi- teine:
direktional kontrolliert, d. h., durch αs stimuliert und  Ionenkanäle,
durch αi/o inhibiert. cAMP seinerseits steuert Phosphory-  Rezeptoren,
lierungsreaktionen von Proteinen, indem es Proteinkina-  Transporter,
sen vom A-Typ (PKA) aktiviert (⊡ Abb. 5.2). Diese Kina-  Enzyme oder
sen kommen in vielen Zellen vor. Sie bestehen aus einem  Proteine des Zytoskeletts.
Dimer von jeweils zwei regulierenden und zwei kataly-
tischen Untereinheiten. Die regulierenden Untereinheiten Da die Aktivierung der PKC Ca2+-abhängig ist, verstärkt
binden cAMP und geben hierdurch die katalytischen Un- eine erhöhte intrazelluläre Ca2+-Konzentration die Kina-
tereinheiten frei, die ihrerseits die Proteinphosphorylie- seaktivierung durch DAG. Auf diese Weise unterstützen
rung steuern, indem sie Phosphatreste auf die OH-Grup- sich DAG und das durch IP3 freigesetzte Ca2+ in ihrer Wir-
pe bestimmter Aminosäurereste (Serin, Threonin) über- kung.
tragen. Letztendlich vermitteln die so phosphorylierten Auch Ionenkanäle können durch den β/γ-Komplex
Proteine die physiologischen Effekte. Auch die Wirkung von G-Proteinen moduliert werden, insbesondere span-
von cAMP wird ständig kontrolliert, indem einerseits nungsabhängige K+- und Ca2+-Kanäle (⊡ Abb. 5.2). Die
cAMP über eine Phosphodiesterase zu 5’-AMP gespalten durch GABAB-Rezeptoraktivierung entstehenden β/γ-
und andererseits die cAMP-vermittelte Proteinphospho- Komplexe aktivieren entweder postsynaptische K+-Kanä-
rylierung durch Phosphatasen rückgängig gemacht le und vermitteln inhibitorische postsynaptische Potenzi-
wird. ale oder inhibieren präsynaptische Ca2+-Kanäle, wodurch
Die Phospholipase C (PLC-β, -γ, -δ, -ε) ist eine mem- die Transmitterfreisetzung gehemmt wird.
brangebundene Phosphodiesterase, die durch αq aktiviert
wird und Phosphatidylinositol-4,5-bisphosphat (PIP2) in
die beiden Second Messenger Inositol-1,4,5-trisphosphat 5.2.4 Interaktionen
(IP3) und Diacylglycerin (DAG) spaltet (⊡ Abb. 5.2). IP3 ist mit anderen Rezeptorklassen
wasserlöslich, wird ins Zytosol freigesetzt und aktiviert
den IP3-Rezeptor in der Membran des endoplasmatischen Neuere Studien beschreiben eine direkte Interaktion in-
Retikulums. Der IP3-Rezeptor ist ein ligandengesteuerter trazellulärer Domänen von G-Protein-gekoppelten Re-
Ca2+-Ionenkanal, der Ca2+ aus intrazellulären Speichern zeptoren mit den intrazellulären Domänen von Ionenka-
ins Zytosol freisetzt. Dort kann Ca2+ z. B. an Calmodulin nälen, z. B. des Dopamin-D5- mit dem GABAA-Rezeptor
binden, und Ca2+/Calmodulin-abhängige Kinasen oder und des Dopamin-D1- mit dem NMDA-Rezeptor (Salter
Phosphatasen aktivieren. IP3 wird mit einem komplexen 2003; ⊡ Abb. 5.2). Die Dopamin-Glutamat-Interaktion

⊡ Abb. 5.2. Ionenkanäle und G-


Protein-gekoppelte Rezeptoren.
α, β, γ Untereinheiten heterotri-
merer G-Proteine, αs die Adeny-
latcyclase (AC) aktivierende
Untereinheit, αq die Phospho-
lipase C (PLC) aktivierende Unter-
einheit, DAG Diacylglycerin, IP3
Inositoltrisphosphat, cAMP zy-
klisches AMP, PKA Protein-
kinase A. Spannungsabhängige
und ligandengesteuerte
Ionenkanäle können Membra-
nen hyper- oder depolarisieren;
β/γ-Komplexe aktivieren oder
hemmen spannungsabhängige
Ionenkanäle. G-Protein-gekop-
pelte Rezeptoren modulieren
ionotrope Rezeptoren und um-
gekehrt (Überlappung der
Rezeptoren im Bild). Weitere
Erklärungen s. Text
76 Kapitel 5 · Prinzipien neuronaler Signalketten

verspricht neue pharmakologische Strategien in der Psy- die enge Verzahnung von Nerven- und Immunsystem.
chiatrie (de Bartolomeis et al. 2005). Einige Effekte von neurotrophen Faktoren hängen nicht
Stimulation der Dopaminrezeptoren inhibiert G-Pro- von der Proteinbiosynthese ab und erscheinen innerhalb
tein-unabhängig die Ionenströme durch die ionotropen von Sekunden bis Minuten, während andere Effekte ver-
Rezeptoren, und in beiden Fällen ist diese Interaktion bi- zögert auftreten, da in diesen Fällen die Genexpression
direktional. Die Stimulation der ionotropen Rezeptoren durch Kontrolle von Transkriptionsfaktoren reguliert
verändert auch die Signaltransduktion der jeweiligen Do- wird (Lu et al. 2005).
paminrezeptoren. Die Interaktionen von G-Protein-
gekoppelten Rezeptoren sind nicht nur auf ionotrope
Rezeptoren beschränkt, sondern zeigen sich auch mit 5.3.1 Neurotrophine
Rezeptor-Tyrosinkinasen, die auf diese Weise liganden- und ihre Rezeptoren
unabhängig aktiviert werden (Transaktivierung durch
5 G-Protein-gekoppelte Rezeptoren) (Shah u. Catt 2004). Neurotrophine (NT) sind kleine basische Proteine, die
aus Pro-NT gebildet werden (Reichardt 2006). In der ak-
tiven Form stellen NT nichtkovalent gebundene Homo-
5.2.5 Desensitisierung dimere dar (⊡ Abb. 5.3). Sie binden an zwei verschiedene
Rezeptortypen:
Desensitisierung ist ein wichtiger Inaktivierungsmecha-  die Trk-Rezeptoren und
nismus G-Protein-gekoppelter Rezeptoren. Man unter-  den p75-Neurotrophinrezeptor (p75NTR).
scheidet zwischen einer homologen, agonistspezifischen
Desensitisierung und einer heterologen, nichtagonist- Bei den Trk-Rezeptoren werden TrkA, TrkB und TrkC
spezifischen Desensitisierung. Bei der homologen Desen- unterschieden, die von drei verschiedenen Genen kodiert
sitisierung wird nur der agonistbesetzte Rezeptor zu- werden und zu den Rezeptorprotein-Tyrosinkinasen zäh-
nächst durch eine G-Protein-gekoppelte Rezeptorkinase len. NGF bindet ausschließlich an TrkA-Rezeptoren;
(GRK) phosphoryliert. Diese Phosphorylierung erhöht BDNF und NT-4/5 binden ausschließlich an TrkB-Rezep-
die Bindungsfähigkeit des G-Protein-gekoppelten Rezep- toren; NT-3 bindet bevorzugt an TrkC-Rezeptoren. Alle
tors für β-Arrestine, wodurch eine Interaktion mit dem vier NT binden mit gleicher Affinität an p75NTR als an die
korrespondierenden G-Protein behindert wird. Die phos- Trk-Rezeptoren. Die Pro-NT binden mit hoher Affinität
phorylierten Rezeptoren werden internalisiert. Bei der an p75NTR.
heterologen Desensitisierung können die durch cAMP p75NTR gehört zur Gruppe der TNF(Tumornekrose-
und DAG regulierten Kinasen PKA und PKC eine Phos- faktor)-Rezeptorsuperfamilie und besitzt eine extrazellu-
phorylierung aller G-Protein-gekoppelten Rezeptoren läre Bindungsdomäne, eine Transmembranregion und
bewirken. Somit ist die heterologe Desensitisierung we- eine zytoplasmatische Domäne (⊡ Abb. 5.3). p75NTR-ab-
der ligandenabhängig noch rezeptorspezifisch. hängige Aktivierung des nukleären Faktors κB (NF-κB)
kann das Überleben induzieren, während Effektorinter-
aktionen mit der intrazellulären Todesdomäne (death
5.3 Neurotrophe Faktoren domain) des p75NTR den Zelltod (Apoptose) induziert
(Protein-Tyrosinkinase) (Nykjaer et al. 2005). Letzteres geschieht durch Aktivie-
rung der JNK1–3 (die c-Jun N-terminal phosphory-
Zu den wichtigsten neurotrophen Faktoren in Säugetie- lierenden Kinasen), die auch als stressaktivierte Protein-
ren zählen kinasen bezeichnet werden und zu den MAP-Kinasen
 Neurotrophine (NT): NGF (nerve growth factor), (mitogenaktivierten Proteinkinasen) zählen. Tatsächlich
BDNF (brain-derived neurotrophic factor), NT-3 und wird p75NTR unter pathologischen Bedingungen ein-
NT-4/5, schließlich Epilepsie und Neurodegeneration exprimiert
 ihre Vorläufer (Pro-Neurotrophine, Pro-NT), (Dechant u. Barde 2002), und die an p75NTR hochaffin bin-
 Liganden der GDNF-Familie (glial cell-line-derived denden Pro-Neurotrophine werden z. B. bei Läsionen
neurotrophic factor), freigesetzt und wurden in der Zerebrospinalflüssigkeit
 CNTF (ciliary neurotrophic factor). nachgewiesen (Barde 2004).
Die Trk-Rezeptoren zeigen alle denselben Grundauf-
Ihre physiologischen Funktionen sind breit gestreut und bau: eine extrazelluläre Region mit der Bindungsdomäne
schließen die Entwicklung des Nervensystems, seine Pro- für die Neurotrophine, eine einzige, α-helikale Trans-
liferation, Differenzierung, das Neuritenwachstum, Über- membranregion und eine intrazelluläre Region, die die
leben, Apoptose, Synaptogenese und synaptische Plasti- katalytische Domäne der Tyrosinkinase beinhaltet und
zität ein. Sie wirken außerdem bei neuronaler Regenera- das extrazelluläre Signal an intrazelluläre Zielproteine
tion und Immunvorgängen mit und sind ein Beispiel für übermittelt (⊡ Abb. 5.1c und Abb. 5.3).
5.3 · Neurotrophe Faktoren (Protein-Tyrosinkinase)
77 5
⊡ Abb. 5.3. Rezeptoren für neu-
rotrophe Faktoren und Steroid-
rezeptoren. Homodimere
Neurotrophine binden hochaffin
(durchgezogene Linien) oder nie-
deraffin (gestrichelte Linien) an
Trk-Rezeptoren oder p75NTR.
GDNF und CNTF binden zu-
nächst an glykolipidverankerte
Rezeptoren (GFRα1 bzw.
CNTFRα), bevor diese an ein
Homodimer (c-ret) bzw. ein
Heterodimer (gp130 und LIFRβ)
binden. Nur Trk und Ret sind
Tyrosinkinasen, während das
Heterodimer aus gp130 und
LIFRβ Tyrosinkinasen (JAK) asso-
ziiert. Über Adaptermoleküle wie
Grb2 werden Signalkaskaden
initiiert (PLCγ, Ras-MAP, P13-
Kinase), an deren Ende die
Expression von Zielgenen regu-
liert wird. Steroide aktivieren
nukleäre oder zytoplasmatische
Rezeptoren; Abkürzungen s. Text

Die Dimerisierung von zwei Trk-Rezeptor-Tyrosinki- Raf, die erste von mehreren Serin/Threonin-Kinasen, die
nasen nach Agonistenbindung ist der entscheidende eine Phosphorylierungskaskade anstößt, an deren Ende
Schritt der Rezeptoraktivierung. Dadurch sind sowohl die die MAP-Kinasen aktiviert werden (⊡ Abb. 5.3). Zu den
extrazellulären als auch die intrazellulären Regionen der MAP-Kinasen zählen die durch extrazelluläre Signale re-
beiden Rezeptoren in räumlicher Nähe, und es kommt gulierten Kinasen 1 und 2 (ERK 1,2), JNK 1–3 und die p38-
zur gegenseitigen Phosphorylierung an Tyrosinresten der MAP-Kinasen. Nach der Translokation der phosphory-
beiden Kinasedomänen. Diese Autophosphorylierung lierten MAP-Kinasen in den Zellkern phosphorylieren sie
führt zur Aktivierung der Kinasen, wodurch weitere Ty- dort einen Transkriptionsfaktor (z. B. Elk-1, c-Myc, c-Fos,
rosinreste außerhalb der katalytischen Domäne phospho- c-Jun) und regulieren die Expression bestimmter Ziel-
ryliert werden. Die zuletzt phosphorylierten Tyrosinreste gene.
der aktivierten Rezeptoren werden im nächsten Schritt Neben dem oben beschriebenen Einfluss der Neuro-
der Signaltransduktion von Adapterproteinen erkannt, trophine auf die Genexpression sind Neurotrophine auch
die charakteristische SH2(src-Homologie)-Domänen bekannt als synaptische Modulatoren. BDNF wird aktivi-
enthalten, z. B. Shc oder Grb2 (growth factor receptor- täts- und Ca2+-abhängig freigesetzt und kann Ionenkanä-
bound protein-2). Grb2 oder andere SH2-Proteine lagern le aktivieren (Lessmann et al. 2003).
sich an einen aktivierten Rezeptor an, werden ihrerseits
an bestimmten Tyrosinresten phosphoryliert und initiie-
ren die Signalkaskaden von PI3-Kinase (Phosphatidylino- 5.3.2 GDNF
sitol-3-Kinase), PLC-γ oder Ras-MAP-Kinasen. Grb2 re-
krutiert den Guaninnukleotidaustauschfaktor SOS (son of Die Liganden der GDNF-Familie (GDNF, Neurturin, Ar-
sevenless) zur Zellmembran. SOS aktiviert Ras, indem es temin und Persephin) gehören zur TGFβ(transforming
GDP gegen GTP austauscht. Aktiviertes Ras rekrutiert growth factor β)-Superfamilie und binden zunächst an
78 Kapitel 5 · Prinzipien neuronaler Signalketten

jeweils spezifische glykolipidverankerte GDNF-Rezep- Die Hormonbindung an Rezeptoren im Zytosol führt zur
toren α1–4 (GFRα1–4) (Airaksinen u. Saarma 2002). Erst Dissoziation vom Chaperon, zur Freilegung eines nukle-
dann kommt es zur Komplexbildung mit einem Homo- ären Transportsignals und zur Translokation des Hor-
dimer der Ret-Tyrosinkinase und zu ihrer Tyrosinphos- mon-Rezeptor-Komplexes in den Zellkern. Dort binden
phorylierung. Die phosphorylierten Ret-Rezeptoren in- die Hormon-Rezeptor-Komplexe als Transkriptionsfak-
teragieren zum Teil mit den gleichen SH2-Proteinen wie toren an spezifische DNA-Sequenzen – so genannte stero-
die Trk-Rezeptoren (s. oben). idresponsive Elemente (SRE) – in der Promotorregion des
zu regulierenden Gens und aktivieren oder hemmen die
DNA-Transkription. Steroide vermitteln nicht nur diese
5.3.3 CNTF genomischen Effekte, sondern auch nichtgenomische Ef-
fekte durch Modulation von Neurotransmitterrezeptoren
CNTF gehört zu einer Familie von hämatopoetischen Cy- wie GABAA oder 5-HT3 und regulieren damit auch die neu-
5 tokinen, zu denen auch LIF (leukemia inhibitory factor) ronale Erregbarkeit (Belelli u. Lambert 2005).
und Interleukin-6 (IL-6) gehören. CNTF bindet an den
CNTF-Rezeptor-α (CNTFRα), ähnlich wie z. B. GDNF an
GFRα. Zur Signaltransduktion bindet der CNTF- Literatur
CNTFRα-Komplex an ein Heterodimer der beiden Tyro-
sinkinasen gp130 und LIF-Rezeptor-β (LIFRβ), welche Airaksinen MS, Saarma M (2002) The GDNF family: signalling, biological
functions and therapeutic value. Nature Rev Neurosci 3: 383–394
ähnlich wie die Trk-Rezeptoren nach Agonistenbindung
Barde YA (2004) Death of injured neurons caused by the precursor of
dimerisieren, aber keine eigene Tyrosinkinaseaktivität nerve growth factor. Proc Natl Acad Sci USA 101: 5703–5704
besitzen (⊡ Abb. 5.3). Bei Ligandenbindung assoziieren Belelli D, Lambert JJ (2005) Neurosteroids: endogenous regulators of
die zytosolischen JAK-Kinasen (Januskopfkinasen oder the GABAA receptor. Nature Rev Neurosci 6: 565–575
just another kinase) an die dimerisierten gp130/LIFRβ- Bettler B, Tiao JY (2006) Molecular diversity, trafficking and subcellular
localization of GABAB receptors. Pharmacol Ther 110: 533–543
Rezeptoren. JAK-Kinasen phosphorylieren sich selbst
Boron W, Boulpaep EL (2003) Medical physiology: a cellular and mo-
und die Rezeptoren. Daraufhin können die STAT-Protei- lecular approach. Saunders, Philadelphia, PA
ne (signal transducers and activators of transcription) als de Bartolomeis A, Fiore G, Iasevoli F (2005) Dopamine-glutamate in-
SH2-Proteine an den Rezeptor gebunden und phosphory- teraction and antipsychotics mechanism of action: implication for
liert werden. Nach der Translokation der phosphorylier- new pharmacological strategies in psychosis. Curr Pharm Des 11:
3561–3594
ten STAT-Proteine in den Zellkern wird die Expression
Dechant G, Barde YA (2002) The neurotrophin receptor p75(NTR):
bestimmter CNTF-spezifischer Zielgene aktiviert. novel functions and implications for diseases of the nervous sys-
tem. Nature Neurosci 5: 1131–1136
Hille B (2001) Ion channels of excitable membranes, 3rd edn. Sinauer,
5.4 Steroidrezeptoren Sunderland, MA
Kuner R, Kohr G, Grunewald S, Eisenhardt G, Bach A, Kornau HC (1999)
Role of heteromer formation in GABAB receptor function. Science
Steroidrezeptoren sind intrazelluläre nichtmembrange- 283: 74–77
bundene Rezeptoren, die Steroide binden und dadurch Lessmann V, Gottmann K, Malcangio M (2003) Neurotrophin secretion:
aktiviert werden. Neuerdings zeigte sich, dass Steroidre- current facts and future prospects. Prog Neurobiol 69: 341–374
zeptoren auch ligandenunabhängig durch Second Mes- Lu B, Pang PT, Woo NH (2005) The yin and yang of neurotrophin action.
Nature Rev Neurosci 6: 603–614
senger aktiviert werden können (Mani 2006). Zu den
Madden DR (2002) The structure and function of glutamate receptor
Hormonen zählen Glucokortikoide, Mineralokortikoide, ion channels. Nature Rev Neurosci 3: 91–101
Androgene, Östrogene, Progesterone und Vitamin D, die Mani SK (2006) Signaling mechanisms in progesterone-neurotrans-
durch die Plasmamembran oder weiter durch die Kern- mitter interactions. Neuroscience 138: 773–781
membran diffundieren und an ihre Rezeptoren binden Miller C (2006) CIC chloride channels viewed through a transporter
lens. Nature 440: 484–489
(⊡ Abb. 5.3). Die Östrogen- und Progesteronrezeptoren
Nykjaer A, Willnow TE, Petersen CM (2005) p75NTR – live or let die. Curr
sind weitgehend im Zellkern lokalisiert. Die Glucokorti- Opin Neurbiol 15: 49–57
koid-und Mineralokortikoidrezeptoren sind hauptsäch- Rang H, Dale M, Ritter JM, Moore P (2003) Pharmacology, 5th edn.
lich im Zytosol lokalisiert, wo sie an das Chaperon hsp90 Churchill Livingstone, Oxford
(90-kDa-Hitzeschockprotein) gebunden sind. Reichhardt LF (2006) Neurotrophin-regulated signaling pathways. Phil
Trans R Soc Lond B Biol Sci 361: 1545–1564
Die wichtigen Domänen der Steroidrezeptoren sind
Salter MW (2003) D1 and NMDA receptors hook up: expanding on an
(⊡ Abb. 5.1d): emerging theme. Trends Neurosci 26: 235–237
 zwei transaktivierende Domänen (N- und C-termi- Seifert R, Wenzel-Seifert K (2002) Constitutive activity of G protein-
nal), coupled receptors: cause of disease and common property of
 die DNA-bindende Domäne (mit Zinkfingern), wild-type receptors. Naunyn Schmiedebergs Arch Pharmacol
366: 381–416
 die nukleäre Lokalisationsdomäne,
Shah BH, Catt KJ (2004) GPCR-mediated transactivation of RTKs in the
 die hormonbindende Domäne. CNS: mechanisms and consequences. Trends Neurosci 27: 48–53
6

6 Verhaltenspharmakologie

Verhaltenspharmakologie – Eine Übersicht – 80 Spezielle Techniken – 92


Eberhard Fuchs
6.8 Biotelemetrie – 92
Carsten T. Wotjak
Tiermodelle – 81 6.8.1 Transponder und Receiver – 92
Ulrich Schmitt 6.8.2 Signalerfassung – 92

6.1 Allgemeine Charakteristika – 81 6.9 In-vivo-Elektrophysiologie


und Langzeitpotenzierung – 93
6.2 Klassifikation von Verhaltensmodellen – 81 Carsten T. Wotjak
6.2.1 Screening-Tests – 81 6.9.1 Feldpotenziale
6.2.2 Bioassays – 81 und Einzelzellableitungen – 93
6.2.3 Simulationen – 82 6.9.2 Langzeitpotenzierung – 93
6.9.3 Langzeitdepression und
Langzeitkonsolidierung – 95
Klinische Relevanz von Tiermodellen
für psychiatrische Erkrankungen – 84 6.10 Schlaf-EEG bei Mäusen und Ratten – 95
Frauke Ohl Frauke Ohl
6.10.1 EEG-Ableitungen – 95
6.3 Psychopathologische 6.10.2 Das Schlafverhalten von Nagetieren
Verhaltenscharakteristika – 84 als Modell für den Menschen – 97

6.4 Angstverhalten – 84 6.11 Mikrodialyse – 97


Carsten T. Wotjak
6.5 Biologische und klinische Relevanz 6.11.1 Spezifität der Signalübertragung – 98
von Tierverhalten – 85 6.11.2 Prinzip und Durchführung
der Mikrodialyse – 98

Tiermodelle 6.12 In-vivo-Bildgebung – 99


für Neurotransmitterhypothesen – 86 Thomas Michaelis und Eberhard Fuchs
Gabriele Flügge 6.12.1 MRT-Untersuchungen des Gehirns – 100
6.12.2 Diffusions-Tensor-Bildgebung – 102
6.6 Transgene Überexpression Literatur – 102
oder Ausschaltung von Neurotransmittern
bzw. von deren Transportern
und Rezeptoren – 86
6.6.1 Dopamin – 86
6.6.2 NMDA- und GABA-Rezeptoren – 88
6.6.3 Serotonin und Noradrenalin – 88
6.6.4 Überproduktion
von Kortikotropin-Releasing-Hormon – 90

6.7 Hirnarealspezifische zeitkritische Über-


oder Unterproduktion – 90
80 Kapitel 6 · Verhaltenspharmakologie

Die nachstehenden Ausführungen haben zum Ziel,


Verhaltenspharmakologie – ausgewählte Aspekte moderner verhaltenspharmakolo-
Eine Übersicht gischer Forschungsansätze darzustellen. Untersuchungen
an Tieren werden vorgenommen, wenn In-vitro-Systeme
die gestellten Fragen nicht hinreichend beantworten kön-
Eberhard Fuchs nen oder ethische Gründe Untersuchungen am Menschen
nicht erlauben. Tiermodelle werden fälschlicherweise oft
Pharmakologie und Neurowissenschaften stehen in enger als die verkleinerte Darstellung des menschlichen Orga-
Beziehung zueinander. Pharmaka, die auf neuartige und nismus, seines Gehirns und dessen Leistungsfähigkeit
unerwartete Weise Hirnaktivitäten und Verhalten verän- verstanden. Wozu Tiere modellhaft eingesetzt werden
dern, ermöglichen einen völlig neuen Einblick in die Or- können, wird in den anschließenden Abschnitten disku-
ganisation und Arbeitsweise des Gehirns. Daher hat das tiert.
Wechselspiel zwischen der Entwicklung und therapeu- Die Biotelemetrie ist in den letzten Jahren zu einer
tischen Verwendung von Psychopharmaka sowie der wichtigen Methode für die Erfassung bioelektrischer und
Aufklärung der Funktionsweise des Gehirns und der physiologischer Kenngrößen, aber auch von Verhalten-
6 Steuerung von Verhalten entscheidend zur rasanten Ent- sparametern geworden. Spezielle Techniken wie In-vivo-
wicklung der Neurowissenschaften beigetragen, die vor Telemetrie ( 6.8), In-vivo-Elektrophysiologie ( 6.9)
etwa 50 Jahren eingesetzt hat und bis heute fortdauert. und EEG-Messungen ( 6.10) werden vorgestellt. Mit der
Die Verhaltenspharmakologie ist eine relativ junge, Mikrodialyse ( 6.11) lassen sich am frei beweglichen
tierexperimentelle Forschungsrichtung, die primär in den Tier die Freisetzung chemischer Botenstoffe im Gehirn
angelsächsischen Ländern entwickelt wurde. Ihre Metho- verfolgen.
den und Techniken erlauben eine Beschreibung und Aufgrund einer bemerkenswerten technischen Ent-
Quantifizierung der Wechselwirkung zwischen Pharma- wicklung, die eng mit den Fortschritten in der Computer-
kon und Verhalten. Dabei ist zu beachten, dass Pharmaka technologie verbunden war, ist es heute möglich, das in-
Verhaltensabläufe und -formen nur innerhalb des artspe- takte, lebende Gehirn zu untersuchen. Räumlich auflö-
zifischen Repertoires modifizieren können. Messungen sende oder bildgebende Verfahren liefern Bilder des
der durch Pharmaka induzierten Verhaltensänderungen Gehirns von Mensch und Tier, die sowohl anatomische
sind komplizierte Vorgänge, da sie durch eine Vielzahl als auch funktionelle Aspekte sichtbar machen. Beispiele
von Faktoren beeinflusst oder gestört werden können. der nichtinvasiven In-vivo-Bildgebung sind in  6.12 zu-
Dazu gehören Art und genetischer Hintergrund der Tiere, sammengefasst.
ihre individuelle Vorerfahrung, Geschlecht und Alter,
aber auch die Art der Applikation (oral oder Injektion)
und die verabreichte Dosis.
Viele Paradigmen der verhaltenspharmakologischen
Forschung quantifizieren artspezifische Verhaltenswei-
sen. Artspezifisches Verhalten umfasst Verhaltensweisen,
die nahezu alle Individuen einer Art zeigen, zumindest
Artgenossen gleichen Alters und gleichen Geschlechts. Zu
den häufig untersuchten artspezifischen Verhaltenswei-
sen und deren Modulation durch Pharmaka gehören
 Körperpflege (grooming),
 lokomotorische Aktivität,
 Nahrungsaufnahme,
 Sexualverhalten,
 Aggressions- und Defensivverhalten.

Eine wichtige Rolle bei der Untersuchung von Psycho-


pharmaka spielen Lernparadigmen (klassische und ope-
rante Konditionierung) und zunehmend »seminatür-
liche« Testsysteme wie z. B. das radiale Labyrinth oder
das Morris-Wasserlabyrinth. Ausführliche Beschrei-
bungen der heute für Verhaltenstudien verwendeten
Testsysteme finden sich in einer Reihe von Lehr- und
Handbüchern (z. B. Poling u. Byrne 2000; van Haren
1993).
6.2 · Klassifikation von Verhaltensmodellen
81 6

Diese drei Klassen lassen sich als verhaltensorientierte


Tiermodelle Bioassays, Simulationen und Screening-Tests bezeichnen
(Willner 1991).

Ulrich Schmitt
6.2 Klassifikation
6.1 Allgemeine Charakteristika von Verhaltensmodellen

Tiermodelle dienen der Untersuchung wissenschaftlicher 6.2.1 Screening-Tests


Sachverhalte dort, wo In-vitro-Ansätze keine hinrei-
chenden Antworten geben können oder wo es aus Screening-Tests beziehen sich auf Substanzwirkungen;
ethischen, moralischen oder anderen Gründen nicht sie werden einzig für das Entdecken neuer Medikamente
möglich ist, diese Fragen am Menschen selbst zu untersu- entwickelt und eingesetzt und lassen dabei zwei unter-
chen. Der Begriff des (Tier)Modells (⊡ Box) wird für ein schiedliche Strategien erkennen:
äußerst vielfältiges Methodenspektrum verwendet, spezi- 1. Überprüfung anhand der Wirkung: Hier wird nach
ell in den modernen Neurowissenschaften. Dies geschieht Substanzen mit einer bestimmten klinischen Wirkung
dabei oft fälschlicherweise, da Modelle gerne als kleine gesucht. Screening-Tests dieser Art entdecken wirk-
Nachbildungen von großen Systemen gesehen werden. So same Substanzen unabhängig von ihrem Wirkmecha-
wird das Tiermodell oft als die verkleinerte Darstellung nismus, mit dem Vorteil, dass neue Wirkprinzipien
des menschlichen Organismus im Tier verstanden. Dass gefunden werden können.
sich hinter dieser falschen Sichtweise aber nur ein gerin- 2. Überprüfung bezüglich spezifischer biochemischer
ger Teil dessen verbirgt, wozu und wie Tiermodelle einge- Mechanismen als Ziel der Substanzwirkung: Sie ist
setzt werden, und welche Kriterien sie erfüllen müssen, sinnvoll, wenn der Wirkmechanismus von Substan-
soll nachfolgend dargestellt werden. zen bekannt ist. Diese biochemisch-mechanistische
Strategie hat den Nachteil, dass sie neue Wirkmecha-
Box nismen ausschließt, die damit unentdeckt bleiben.

Was ist ein (Tier)Modell? Screening-Tests müssen die mit der Substanzgabe ver-
Ausgehend von einem abstrakten Modellbegriff ist im bundene, erwartete Verhaltensänderung voraussagen
weitesten Sinne jegliches System A ein Modell für Sys- können. Dabei sind aber prinzipiell zwei Fehleinschät-
tem B, wenn die Untersuchung von A Aufschlüsse zum zungen möglich:
Verständnis von B zulässt, ohne dass zwischen A und B  falsch positiv oder
ein kausaler Zusammenhang besteht. Als Konsequenz  falsch negativ.
daraus sind Tiermodelle z. T. lebende experimentelle
Präparationen in einer Spezies, die entwickelt wurden, Falsch positiv bedeutet, dass der Test eine ineffektive
um Phänomene, die in einer anderen Spezies auftau- Substanz akzeptiert. Falsch negativ heißt, dass der Test
chen, zu untersuchen. Modelle sind hierbei als Werk- eine wirksame Substanz verwirft. Während der erste Feh-
zeuge zu betrachten, die je nach Fragestellung einge- ler bei späteren Untersuchungen noch auffallen wird,
setzt werden. Ihre Komplexität hängt vom Zweck oder geht im zweiten Fall die Substanz und damit u. U. ein gan-
von der zu lösenden Fragestellung ab. zes Wirkprinzip verloren. Im Rahmen der Aussagekraft
eines Screening-Tests sei bedacht, das dieser sich konzep-
tionell auf die zuverlässige Voraussagekraft im Sinne ei-
Eine eingängige Einteilung für Tiermodelle lässt sich aus ner Ja-nein-Antwort beschränkt. Zusätzlich wird an
ihrem Anwendungsbereich ableiten. In der (Neuro)- Screening-Tests gerade im Bereich der industriellen Nut-
Psychopharmakologie vereinen sich drei Disziplinen, in zung noch eine Anzahl ökonomischer Ansprüche wie z. B.
denen u. a. verhaltensorientierte Tiermodelle Anwen- »schnell«, »preiswert in der Durchführung«, »einfach und
dung finden: Neurowissenschaft, Psychologie und Phar- verlässlich« usw. gestellt.
makologie. Daraus ergeben sich drei Klassen von Model-
len, in denen das Verhalten von Tieren benutzt wird zur
Darstellung von 6.2.2 Bioassays
1. Gehirnfunktionen (Neurowissenschaft),
2. psychologischen Prozessen (Psychologie), Auf Verhaltensänderungen basierende Assays werden
3. Substanzwirkungen (Pharmakologie). üblicherweise benutzt, um Mechanismen veränderter
Hirnfunktionen zu untersuchen. Hierbei wird das ge-
samte Tier als Messgröße zur funktionellen Untersuchung
82 Kapitel 6 · Verhaltenspharmakologie

des zugrunde liegenden Systems innerhalb des Gehirns ihnen getroffen werden kann. Schlussfolgerungen aus Si-
benutzt. Exakt die gleiche Aussage könnte auch in einer mulationen sind sämtlich Hypothesen, die gegen die kli-
In-vitro-Anordnung getroffen werden. Bioassays bieten nische Bedingung getestet werden müssen. Die Ermitt-
aber im Vergleich mehrere Vorteile (⊡ Übersicht). lung der Validität einer Simulation beurteilt sozusagen
das Vertrauen, das in die Daten gesetzt werden kann. Die
Validität ist somit eine Beurteilung, keine Messung. Diese
Vorteile von Bioassays kann sich auf eine Anzahl von Teilaspekten stützen. In
gegenüber In-vitro-Systemen Anlehnung an Paul Willner (1991) können drei überge-
 Verhaltenstests sind nichtinvasiv, das Gehirn ordnete Aspekte zur Beurteilung der Validität herangezo-
muss dem Organismus nicht entnommen oder gen werden:
anderweitig zugänglich gemacht werden. 1. predictive validity – Voraussagekraft,
 Verhaltensänderungen zeigen die Bioverfügbar- 2. face validity – Ähnlichkeit,
keit, d h. ob die Substanz auch in vivo das Gehirn 3. construct validity – theoriebasierte Validität.
erreicht.
 Verhaltensmessungen sind biologische Funk- Predictive validity
6 tionsmessungen – viele biochemischen Parame- Predictive validity bewertet die Vorhersagekraft der Si-
ter sind dies aufgrund der künstlichen (In-vitro-)
mulation bezogen auf die klinische Situation. Diese Be-
Messbedingungen nicht.
wertung betrifft meist eine Verhaltensänderung nach
 Verhaltensänderungen beruhen auf der inte-
Medikamentengabe. Somit ähnelt die Beurteilung der
grierten Aktivität des gesamten Gehirns. Sie be-
predictive validity einer Simulation sehr der Beurteilung
rücksichtigen alle auftretenden Veränderungen
eines Screening-Tests. Die predictive validity einer Simu-
zum Zeitpunkt der Messung.
 Im Ergebnis kann ein Verhaltensassay zwar die
lation verstärkt sich aber durch die Abbildung sowohl von
Veränderungen innerhalb des Gehirns weniger Verbesserung als auch Verschlechterung und dadurch,
genau bestimmen, die Aussagen zur funktio- dass verschiedene Substanzklassen untersucht werden
nalen Signifikanz der Wirkung sind aber deut- können. Auch ist die relative Potenz einer Wirkung und
lich besser als beim biochemischen Assay. deren Korrelation mit der Klinik ein wichtiges Krite-
rium.

Face validity
6.2.3 Simulationen Face validity bezieht sich auf die Bewertung äußerlicher
Ähnlichkeiten zwischen der Simulation und den patholo-
Nach der Diskussion von Modellen der Substanzwirkung gischen Gegebenheiten. Sie setzt ein sehr gutes Verständ-
(Screening-Tests) und Modellen der Hirnfunktion (ver- nis der Krankheit voraus und ist deshalb sehr häufig nur
haltensorientierte Bioassays) wird deutlich, dass der all- symptombezogen; dabei wird durch Simplifizierung feh-
tägliche Begriff des »Tiermodells für...« für eine dritte lendes Wissen kompensiert. Die Validität einer Simulati-
Klasse von Modellen stehen muss: die Simulation on verringert sich mit Abnahme der Spezifität des Verhal-
(menschlichen Verhaltens). tens: Eine Simulation ist offensichtlich weniger valide,
In einer Simulation wird versucht, ein Symptom, eine wenn das dargestellte Symptom mehreren Krankheiten
Gruppe von Symptomen einer Krankheit oder – als Aus- zugeordnet werden kann. Ein zusätzliches wichtiges Kri-
nahme – ein ganzes Syndrom zu simulieren. Hierbei va- terium für die face validity einer Simulation ist die Art
riieren die Methoden gewaltig: Man findet Läsionsmodel- und Dauer der Behandlung.
le ebenso wie selektive Zucht, die Selektion extremer In- Face validity wie auch construct validity einer Simu-
dividuen, wie auch das Anwenden einer Reihe von lation sind ein dynamischer Zustand, der vom jeweiligen
Faktoren, die bei der Ätiologie von psychischen Störungen Wissensstand abhängt.
als wichtig erachtet werden. Ziel all dieser Manipulati-
onen ist es, eine oder mehrere Verhaltensweisen zu erzeu- Construct validity
gen, die als Werkzeuge zur Untersuchung verschiedener Construct validity beurteilt den theoretischen Hinter-
Aspekte einer Krankheit genutzt werden können. Wird grund, auf dem die Simulation beruht und ist die Steige-
ein Tiermodell zur Untersuchung menschlichen Verhal- rung der face validity. Die face validity erreicht ihre na-
tens verwendet, steht dessen Aussagekraft oder Validität türliche Grenze bei dem Versuch einer Punkt-zu-Punkt-
diesbezüglich zur Diskussion. Übereinstimmung zwischen Erkrankung und Simulation:
Es gibt keinen schlüssigen Hinweis darauf, das sich ein
Validität von Simulationen gegebenes Phänomen einer Erkrankung in einer anderen
Modelle sind Werkzeuge und besitzen keinen eigenen in- Spezies genauso darstellt. Die Simulation homologer Ver-
neren Wert; ihr Wert erwächst aus der Aussage, die mit haltensweisen mindert zwar die face validity, erhöht aber
6.2 · Klassifikation von Verhaltensmodellen
83 6

u. U. die construct validity. Die Homologie verschiedener


Verhaltensweisen in unterschiedlichen Spezies, z. B. eine
bestimmte Bewegung, beruht auf theoretischen Überle-
gungen, die noch andere Faktoren mit einbeziehen als
alleine die Art der Bewegung. Solche theoretischen Über-
legungen als Basis einer Simulation beurteilt die construct
validity. Bei der Entwicklung dieses Konzepts wird vor-
ausgesetzt, dass es prinzipiell möglich ist, Theorien zur
Psychopathologie aufzustellen, die sich in den verschie-
denen Spezies unterscheiden.
Die Unterscheidung verschiedener Validitäten einer
Simulation hat einen praktischen Nutzen: Sie lassen
schnell erkennen, in welchen Bereichen eine Simulation
Defizite hat oder keine Aussage zulässt. Darüber hinaus
ermöglicht die Bestimmung der Validität einer Simulati-
on das Vergleichen von Daten aus dann vergleichbaren
Simulationen.
84 Kapitel 6 · Verhaltenspharmakologie

 der Untersuchung der zugrunde liegenden Mechanis-


Klinische Relevanz men pathologisch veränderten Verhaltens sowie
von Tiermodellen  der Analyse der Verhaltenseffizienz potenzieller Be-
handlungsstrategien.
für psychiatrische Erkrankungen
Dies wird im Folgenden am Beispiel des Angstverhaltens
näher erläutert.
Frauke Ohl

Psychiatrische Erkrankungen sind komplexe patholo- 6.4 Angstverhalten


gische Phänomene, die zu einer drastischen Beeinträch-
tigung des alltäglichen Lebens der betroffenen Patienten Angst ist eine entwicklungsgeschichtlich sehr ursprüng-
führen. Aufgrund ihrer Komplexität ist nach wie vor we- liche Emotion. Sie sorgt dafür, dass Unbekanntes vorsich-
nig über ihre Entstehung und Steuerung bekannt. Daher tig erkundet und bei Gefahr Vermeidungsverhalten aus-
sind Tiermodelle für psychiatrische Erkrankungen auch gelöst wird. Angst ist also nicht grundsätzlich als patho-
6 heute noch unverzichtbar, und jedes Tiermodell, das logisch zu verstehen, sondern als Emotion, die ein
unser Verständnis dieser Erkrankungen auch nur zu biologisch relevantes, dem Kontext entsprechendes Ver-
Teilaspekten erweitern kann, muss hoch geschätzt wer- halten auslöst. Probleme entstehen erst dann, wenn Angst
den. die biologische Relevanz verliert und ein der Situation
nicht angepasstes Verhalten hervorruft (Ohl u. Landgraf
2000). Dies ist bei Angsterkrankungen der Fall (Rosen u.
Schulkin 1998).
6.3 Psychopathologische Pathologische Angst stellt somit nicht eine an sich
Verhaltenscharakteristika krankhafte Emotion dar, sondern vielmehr eine normale
Emotion, die nicht situationsgerecht ausgelöst wird. Es ist
Die Diagnose psychiatrischer Erkrankungen stützt sich daher davon auszugehen, dass am Tiermodell gewonnene
maßgeblich auf die Feststellung bestimmter Verhaltens- Erkenntnisse über die zentralnervöse Steuerung der »nor-
charakteristika der Betroffenen. Einige dieser Symptome malen« Angst für die Entstehung von Angsterkrankungen
sind menschenspezifisch und daher nicht im Tiermodell bedeutsam sind. Die Stärke des Empfindens von Angst
darstellbar. Hierzu gehören v. a. solche Symptome, die und somit auch das daraus resultierende Verhalten hän-
ausschließlich subjektiv verbal darzulegen sind, wie z. B. gen letztlich immer von der individuellen und damit sub-
die »Angst zu sterben« bei Patienten mit Panikstörungen jektiven Interpretation von Umwelteindrücken ab: Ein
oder das Wiedererleben traumatischer Ereignisse bei Pa- Mensch mit einer entsprechenden Angsterkrankung
tienten mit posttraumatischem Stresssyndrom. Trotzdem empfindet beispielsweise eine normale Situation wie das
lassen sich auch bei Tieren psychopathologische Zustän- Betreten eines offenen Platzes als lebensbedrohend. Wäh-
de feststellen, die dann als Verhaltensstörungen bezeich- rend der Patient diese Empfindung verbal mitteilen kann,
net werden, und die zumindest als analog, wenn nicht sind wir bei Tieren auf die Interpretation von Verhalten
homolog, zu bestimmten Symptomen psychiatrischer Er- angewiesen.
krankungen des Menschen einzustufen sind. In diesem
Kontext ist jedoch die Erkenntnis von grundlegender Ausdruck pathologischer Angst bei einem Tier
Wichtigkeit, dass der unzweifelhafte Nutzen von Tiermo- Auch hier liegt der Schlüssel in der Kontextbezogenheit,
dellen in der Möglichkeit zur Untersuchung distinkter d. h. der biologischen Relevanz des Verhaltens. So zeigen
Symptome psychiatrischer Erkrankungen liegt und Nagetiere beispielsweise eine Tendenz, die offenen Flä-
gleichzeitig auf diese begrenzt ist (Geyer u. Markou 1995). chen eines ihnen unbekannten Areals zu vermeiden und
Eine psychiatrische Erkrankung in ihrer ganzen Komple- zunächst dessen geschützte Bereiche zu erkunden. In ei-
xität ist dagegen nicht im Tiermodell darstellbar. ner Experimentalbox würde eine Maus dementsprechend
Wie bereits erwähnt, sind bei Tieren Verhaltensstö- zunächst einen Weg entlang der Wand wählen, bevor sie
rungen zu erkennen, die mit pathologischen Verände- den zentralen, ungeschützten Bereich betritt (⊡ Abb. 6.1).
rungen des Verhaltens bei psychisch kranken Menschen Dieses Vermeidungsverhalten lässt sich auch bei frei le-
vergleichbar sind. Ebenso sind bestimmte Aspekte des benden Nagetieren beobachten; es stellt eine biologisch
normalen Verhaltens bei Mensch und Tier ähnlich, wobei sinnvolle Explorationsstrategie dar, um dem Zugriff
dieses Verhalten zudem identische Steuerungsmechanis- durch Beutegreifer zu entgehen. Um Futter oder einen
men zeigt (Overall 2000). Entsprechend sind Tiermodelle Sexualpartner zu finden, muss eine Maus jedoch irgend-
in der präklinischen Forschung zuverlässig einzusetzen wann auch offene Flächen durchqueren. Tut sie das nicht,
bei so ist ihr Überleben bzw. der Fortbestand der Art nicht
6.5 · Biologische und klinische Relevanz von Tierverhalten
85 6

⊡ Abb. 6.1. Nagetiere zeigen ein natürliches Vermeidungsverhalten ängstliche Maus (rechts), die in einem definierten Zeitraum mehr Zeit
gegenüber ungeschützten Arealen. Eine ängstliche Maus zeigt ein im ungeschützten Areal verbringt
stärker ausgeprägtes Vermeidungsverhalten (links) als eine weniger

gesichert und das Vermeidungsverhalten ist nicht länger Box


biologisch sinnvoll.
Analog hierzu ist auch das Verhalten eines an einer Ein Individuum, ob Mensch oder Tier, dessen allgemeine
Angsterkrankung leidenden Menschen in bestimmten Aktivität deutlich reduziert ist, kann in seinem Angstver-
Situationen unangemessen und wirkt sich daher nachtei- halten nur schlecht eingeschätzt werden. Andererseits
lig auf seine Lebensqualität aus. kann ein Individuum, das exploratorisch überdurch-
schnittlich aktiv – also neugierig – ist, möglicherweise
seine Angst schneller überwinden und erscheint da-
6.5 Biologische und klinische durch weniger ängstlich als ein »normal« neugieriger
Relevanz von Tierverhalten Artgenosse (Weiss et al. 1998).

Die biologische Relevanz des Verhaltens eines Tieres steht


also in unmittelbarem Zusammenhang mit seiner kli- Die Analyse von Verhaltensdimensionen auf der Basis
nischen Relevanz als Tiermodell. Hieraus folgt zwingend, komplexer ethologischer Untersuchungen ist daher eine
dass die zur Verhaltensanalyse bei Labortieren eingesetz- wichtige Grundlage für die Einschätzung der biologischen
ten Tests die Untersuchung biologisch relevanten Verhal- Relevanz des Verhaltens eines Tieres und somit für die
tens erlauben müssen. Diese Grundvoraussetzung ist je- Beurteilung der klinischen Relevanz eines Tiermodells.
doch in vielen artifiziellen Testsituationen nicht gegeben.
Um die biologische Relevanz des Verhaltens von Ver-
suchstieren einschätzen zu können, sind Testsysteme er-
forderlich, die es dem Tier erlauben, ein möglichst breites
Verhaltensspektrum zu zeigen und die – hierauf basie-
rend – detaillierte ethologische Verhaltensanalysen er-
möglichen. Dies ist nur auf der Basis von Testverfahren
möglich, die eine Vielzahl von Verhaltensdimensionen
erfassen, z. B. Angst, lokomotorische Aktivität, explora-
tives Verhalten und soziale Affinität (Lister 1990; Ohl
et al. 2001; Rodgers et al. 1997). Solch eine differenzierte
Charakterisierung des basalen Verhaltens von poten-
ziellen Tiermodellen ist v. a. insofern von großer Bedeu-
tung, als alle in einem Individuum repräsentierten Ver-
haltensdimensionen in enger Interaktion miteinander
stehen (⊡ Box).
86 Kapitel 6 · Verhaltenspharmakologie

mithilfe des Schrittmacherenzyms Tyrosinhydroxylase


Tiermodelle (TH) ( Kap. 9). DA moduliert die Aktivität von Neu-
für Neurotransmitterhypothesen ronen, indem es an spezifische Rezeptoren bindet. D1-
ähnliche DA-Rezeptoren (D1, D5) stimulieren die Adenyl-
atcyclase, während D2-ähnliche (D2, D3, und D4) das En-
Gabriele Flügge zym hemmen oder keinen Einfluss auf das intrazelluläre
cAMP-System haben (Feldman et al. 1997; Holmes et al.
Die Behandlung psychiatrischer Erkrankungen ist auch 2004). Freigesetztes DA wird durch den Dopamintrans-
heute noch wegen langer Wirklatenzen und unange- porter (DAT) wieder in das dopaminerge Neuron auf-
nehmer Nebenwirkungen vieler Psychopharmaka häufig genommen. Über vesikuläre Monoamintransporter
nicht unproblematisch. Für die Therapie von Depressi- (VMAT) gelangt DA in Vesikel, deren Inhalt schließlich
onen z. B. steht zwar eine Vielzahl von Medikamenten zur aus der Axonterminale des Neurons aufgrund eines Sti-
Verfügung, aber sie wirken meist erst nach einer Behand- mulus exozytotisch in den synaptischen Spalt entleert
lungsdauer von mehren Wochen, und manche Patienten wird (DA-Ausschüttung).
sprechen auf viele Präparate gar nicht an. Ähnliches gilt
6 für Antipsychotika, deren antipsychotische Wirkung Mausmutanten
ebenfalls erst nach mehreren Tagen bis Wochen eintritt. TH-Transgene
Daher scheint die Entwicklung neuer, effektiverer Psy- Zur Aufklärung möglicher neuropathologischer dopami-
chopharmaka zwingend notwendig. nerger Mechanismen wurden Knock-out-Mäuse für zahl-
Hierfür sind Tiermodelle unerlässlich, denn nur an reiche molekulare Elemente des Systems hergestellt (Pic-
Tieren kann die Vielzahl von molekularen Mechanismen ciotto 1999). Tyrosinhydroxylase-Knock-out-Mäuse sind
der zentralnervösen Neurotransmittersysteme erforscht nicht lebensfähig, weil das Enzym auch für die Synthese
werden, die möglicherweise während einer psychischen der anderen Katecholamine (Noradrenalin und Adrena-
Erkrankung im Gehirn des Menschen gestört sind. Trans- lin) gebraucht wird. Transgene Mäuse jedoch, die das TH-
gene Tiere, in denen z. B. ein bestimmtes Gen vollständig Gen nur in noradrenergen Neuronen exprimieren und
ausgeschaltet (knock-outs) oder aber überexprimiert ist daher Noradrenalin, aber kein DA synthetisieren, sind
(overexpressing mutants), wurden in den letzten Jahren lebensfähig, aber extrem hypoaktiv. Ihre lokomotorische
zur Erforschung der Funktionsweisen von Neurotrans- Aktivität kann durch L-Dopa normalisiert werden, was
mittersystemen im Gehirn eingesetzt ( Kap. 9). Im die Notwendigkeit von DA bei der Steuerung von Motorik
Folgenden werden einige Tiermodelle beschrieben, die und innerem Antrieb unterstreicht. Neben der Hypomo-
unser Wissen über Neurotransmittersysteme erweitert torik zeigen die TH-transgenen Tiere zahlreiche andere
haben. Verhaltensstörungen.

DAT-Knock-out-Mäuse
6.6 Transgene Überexpression oder Eine Hyperaktivität des DA-Systems liegt dagegen bei Mäu-
Ausschaltung von Neurotrans- sen vor, die kein Gen für den DA-Transporter (DAT) haben
mittern bzw. von deren (⊡ Box). Die dopaminergen Neurone dieser Tiere können
Transportern und Rezeptoren den Neurotransmitter zwar produzieren und in den Extra-
zellularraum ausschütten, aber das DA wird nicht wieder in
6.6.1 Dopamin die Zelle aufgenommen (⊡ Abb. 6.2). Daher verbleibt der
Neurotransmitter wesentlich länger im Extrazellularraum
Die Dopaminhypothese der Schizophrenie besagt, dass als bei normalen Tieren. Als Konsequenz der ständig er-
die Krankheit durch Störungen im zentralnervösen Do- höhten DA-Konzentration ist die Zahl der D1- und D3-Re-
pamin-System verursacht wird. Es wird angenommen, zeptoren reduziert (down regulation), bzw. die Rezeptoren
dass bei Schizophrenen eine vermehrte Produktion bzw. sind desensitiviert (Gainetdinov u. Caron 2003).
Ausschüttung von Dopamin (DA) und/oder eine Hyper-
sensitivität von DA-Rezeptoren vorliegt. Diese Theorie Box
beruht u. a. auf den Befunden, dass einerseits Antipsy-
chotika DA-Rezeptoren blockieren und andererseits DA- DAT-Knock-out-Mäuse sind zwergwüchsig, in einer neu-
Rezeptoragonisten wie Amphetamine psychotische Zu- en Umgebung hyperaktiv und haben einen gestörten
stände induzieren können. Schlafrhythmus. Sie zeigen stereotypes Verhalten und
Defekte in Verhaltenstests, in denen räumliche Orientie-
Dopaminerge Neurone rung analysiert wird. Weibliche DAT-Knock-outs können
Dopaminerge Neurone (⊡ Abb. 6.2) synthetisieren den nicht laktieren, und ihr Brutpflegeverhalten ist gestört.
Neurotransmitter Dopamin aus der Aminosäure Tyrosin,
6.6 · Transgene Überexpression oder Ausschaltung von Neurotransmittern
87 6

Bindung an den DAT beruht. Weitergehende Untersu-


chungen haben inzwischen gezeigt, dass die molekularen
Mechanismen, an denen die drei Monoamintransporter
(Dopamintransporter DAT, Noradrenalintransporter
NET und Serotonintransporter Sert) beteiligt sind, sehr
viel komplexer ablaufen, als ursprünglich angenommen
(Gainetdinov u. Caron 2003). Reaktionsweisen, die Psy-
chosen widerspiegeln könnten, wurden bei den DAT-
Knock-outs nicht beobachtet. Daher ist es fraglich, ob
diese Tiere als Modell für Schizophrenie gelten können.
Inzwischen sind beim Menschen zahlreiche Gene be-
kannt, die offensichtlich eine Prädisposition für die Aus-
prägung einer Schizophrenie bedingen (Kornhuber et al.
2004). Die Strategie, in Tiermodellen die Auswirkungen
von Mutanten in diesen Kandidatengenen zu untersu-
chen, erscheint viel versprechend (Chen et al. 2006).

VMAT2-Transgene
Tiere, die homozygot negativ für den vesikulären Mono-
⊡ Abb. 6.2. Dopaminerge Nerventerminale mit molekularen Elemen-
amintransporter 2 (VMAT2; ⊡ Abb. 6.2) sind, sterben
ten, die an transgenen Tieren untersucht wurden (durch Sterne mar-
kiert). DA Dopamin, TH Tyrosinhydroxylase, VMAT vesikulärer Mono- kurz nach der Geburt. Aber Heterozygote, die etwa 50%
amintransporter, DAT Dopamintransporter der normalen VMAT2-Expression zeigen, sind lebensfä-
hig und konnten untersucht werden (Picciotto 1999). Sie
haben reduzierte Mengen an extrazellulärem DA, synthe-
Bei DAT-Knock-out-Mäusen wurde v. a. eine Störung der tisieren offenbar zu wenig DA und reagieren hypersensi-
Autorezeptorfunktion beobachtet, d. h. eine Beeinträch- tiv auf Amphetamine. Ihre basale motorische Aktivität
tigung der Rückkopplungshemmung der DA-Ausschüt- liegt aber entgegen der Erwartung im Normalbereich.
tung. Einige postsynaptische Rezeptoren von DAT-
Knock-outs reagieren aber überraschenderweise hyper- DA-Rezeptor-Knock-out-Mäuse
sensitiv auf Agonisten, sie sind also weder herunterregu- Um die Funktion von DA-Rezeptoren aufzuklären, wur-
liert noch desensitiviert. Es könnte sich hierbei auch um den Knock-out-Mäuse für alle bisher bekannten Rezep-
ein Anpassungsphänomen handeln, mit dem das Gehirn toren (D1–D5) hergestellt (Picciotto 1999; Holmes et al.
der mutierten Mäuse im Laufe seiner Entwicklung auf die 2004). Untersuchungen an diesen Tieren haben deutlich
erhöhte DA-Menge reagiert hat. gezeigt, dass der D2-Rezeptor als Autorezeptor fungiert,
Weiterhin ist bei DAT-Knock-out-Mäusen wegen der also die Ausschüttung von DA aus Nerventerminalen re-
mangelnden DA-Wiederaufnahme und wegen der gestör- guliert, z. B. im Striatum. Der D1-Rezeptor ist offensicht-
ten Autorezeptorfunktion zwar die Menge des extrazellu- lich entscheidend an den Effekten von Psychostimulanzi-
lären DA gesteigert, aber dies reicht für die Einstellung en auf Verhaltensparameter beteiligt. Andere Befunde,
eines normalen intrazellulären DA-Pegels nicht aus. Dies die an DA-Rezeptor-Knock-out-Mäusen erhoben wur-
zeigt, dass ein funktionsfähiges Transportermolekül nicht den, stehen im Widerspruch zu früheren Experimenten
nur für die Wiederaufnahme des Neurotransmitters in mit DA-Rezeptor-Antagonisten. Beispielsweise ist die ba-
die Zelle wichtig ist, sondern auch für die Steuerung der sale motorische Aktivität von D2-Rezeptor-Knock-out-
DA-Synthese. Mäusen nur leicht reduziert, während D2-Antagonisten
In Übereinstimmung mit der Ausgangshypothese bei nicht gentechnisch veränderten Mäusen eine starke
kann die Hyperlokomotion der Tiere durch DA-Rezepto- Hypoaktivität bzw. Katalepsie hervorrufen. Vermutlich
rantagonisten wie Haloperidol und Clozapin unterbun- hatten die Knock-out-Mäuse im Laufe ihrer individuellen
den werden. Auch serotonerge Agonisten verbessern die Entwicklung Mechanismen ausgebildet, welche den Gen-
Hyperlokomotion der DAT-Knock-outs, was frühere Be- defekt teilweise kompensierten (Holmes et al. 2004).
funde bestätigt, die besagen, dass auch 5-HT (5-Hydroxy- Möglich ist auch, dass Ergebnisse aus manchen pharma-
tryptamin, Serotonin) an der Steuerung lokomotorischer kologischen Untersuchungen bezüglich der Funktion ein-
Aktivität beteiligt ist. Paradoxerweise inhibieren Psy- zelner Rezeptoren von begrenzter Aussagekraft sind, da
chostimulanzien wie Amphetamine die Hyperlokomoti- die verwendeten Liganden nicht nur mit einem Rezeptor-
on der Mausmutanten, und Kokain löste bei ihnen einen typ interagieren.
Belohnungseffekt aus, obwohl frühere Befunde darauf
hingewiesen hatten, dass die Wirkung von Kokain auf der
88 Kapitel 6 · Verhaltenspharmakologie

6.6.2 NMDA- und GABA-Rezeptoren Aufschluss geben über die tatsächlichen molekularen Ur-
sachen dieser komplexen psychiatrischen Erkran-
Die lange Wirkungslatenz von Antipsychotika und die kungen.
Tatsache, dass Amphetamine nur einen Teil der Symp-
tome einer Schizophrenie hervorrufen, deuten darauf
hin, dass Störungen im DA-System nicht die alleinigen 6.6.3 Serotonin und Noradrenalin
Ursachen für die Erkrankung sind. Möglicherweise tra-
gen auch Defekte des glutamatergen oder des GABAergen Das Monoamin Serotonin (5-Hydroxytryptamin, 5-HT),
Systems zur schizophrenen Symptomatik bei (Kornhuber das in Neuronen des Hirnstamms synthetisiert wird, ist
et al. 2004). Einen Hinweis hierauf gibt die Beobachtung, an der zentralnervösen Regulation einer großen Zahl
dass das glutamaterge System an der Kontrolle einer au- physiologischer Mechanismen sowie emotionaler Pro-
tonom gesteuerten Schreckreaktion beteiligt ist, dem zesse beteiligt, die sich bei Mensch und Tier als spezielle
acoustic startle reflex: Wenn Tiere oder Menschen darauf Verhaltensweisen darstellen ( Kap. 9). Seit langem ist
konditioniert werden, dass einem starken, schreckauslö- bekannt, dass 5-HT während der Entwicklung des Gehirns
senden akustischen Stimulus ein kurzer Signalton vor- die morphologische Ausprägung von Neuronen beein-
6 ausgeht (prepulse), kommt zu einer verminderten flusst. Die Monoamindefizithypothese impliziert, dass im
Schreckreaktion (prepulse inhibition). Schizophrene Pa- Gehirn depressiver Patienten ein Mangel an 5-HT vorliegt
tienten zeigen jedoch keine prepulse inhibition. In Expe- (Holsboer 1999). Reduzierte 5-HT-Konzentration konn-
rimenten an Ratten erwies sich, dass NMDA- sowie auch ten allerdings bisher noch nicht in der Zerebrospinalflüs-
GABA-Rezeptoren in der basolateralen Amygdala an der sigkeit von depressiven Patienten festgestellt werden. Je-
Kontrolle des acoustic startle reflex beteiligt sind (Fendt denfalls wird die Monoamindefizithypothese durch die
et al. 2000). Tatsache unterstützt, dass die derzeit effektivsten Antide-
NMDA-Rezeptoren sind aus verschiedenen Unterein- pressiva, die Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI),
heiten zusammengesetzt, wobei sich die Untereinheit 1 zu einem Anstieg der extrazellulären 5-HT-Konzentrati-
(NR1) mit einer der vier Untereinheiten 2 (NR2A, -B, -C on im Gehirn führen. Darüber hinaus wird aber nicht nur
oder -D) verbindet. Durch eine gezielte Mutation in der ein Mangel an Serotonin, sondern auch ein Noradrenalin-
NR1 erhielt man Mäuse die nur 5% der normalen NR1 ha- bzw. Dopaminmangel als mögliche Ursache für Depressi-
ben (knock-down) (Picciotto 1999). Diese Tiere sind le- onen diskutiert ( 6.7).
bensfähig, zeigen aber eine erhöhte motorische Aktivität,
Stereotypien und Defizite im Sozial- bzw. Sexualverhal- Serotonerge Neurone
ten, also Verhaltensanomalien, die auch bei schizo- Serotonerge Neurone (⊡ Abb. 6.3) synthetisieren im Zyto-
phrenen Patienten vorkommen. Interessanterweise plasma den Neurotransmitter 5-HT aus Trytophan; als
konnten die Verhaltensanomalien der NR1-defizienten
Mäuse mit den Antipsychotika Haloperidol und Clozapin
verbessert werden. Auch Tiermodelle, in denen schizo-
phrenieähnliche Symptome (Hyperaktivität, Stereoty-
pien, sensorische Defizite) mit pharmakologischen Mit-
teln induziert wurden, z. B. mit NMDA-Rezeptorantago-
nisten, weisen darauf hin, dass eine Hyperaktivität des
glutamatergen Systems bei Schizophrenie bzw. Psycho-
sen eine Rolle spielt (Moghaddam u. Jackson 2003). Ob
die Hyperaktivität dieses exzitatorischen Neurotransmit-
tersystems die eigentliche Ursache für die Symptome ist
oder aber die Folge einer Störung auf anderer Ebene,
bleibt bisher noch unklar. Auch das GABAerge System
weist sowohl bei Schizophrenen als auch bei Patienten mit
bipolarer Störung Veränderungen auf. In den meisten
untersuchten Fällen war die Expression von GAD67
(Glutamatdecarboxylase 67, das Enzym, welches aus
Glutamat GABA synthetisiert; Akbarian u. Huang 2006)
reduziert. Diese Dysregulation im GABAergen System
mag aber ebenfalls eine Folge anderer »Defekte« sein. Wie ⊡ Abb. 6.3. Serotonerge Nerventerminale mit molekularen Elementen,
die an transgenen Tieren untersucht wurden (durch Sterne markiert). 5-
bereits erwähnt, könnten in Zukunft Untersuchungen HT Serotonin, 5-Hydroxytryptamin, 5-HTP 5-Hydroxytryptophan, VMAT
von Tieren mit Mutationen in vom Menschen bekannten vesikulärer Monoamintransporter, SERT 5-HT-Transporter, MAO-A
Kandidatengenen für Schizophrenie/Psychosen mehr Monoaminoxidase A, 5-HIES 5-Hydroxyindolessigsäure
6.6 · Transgene Überexpression oder Ausschaltung von Neurotransmittern
89 6

Zwischenprodukt entsteht 5-Hydroxytryptophan (5- 5-HT-Rezeptor-Knock-out-Mäuse


HTP). 5-HT wird über den vesikulären Monoamintrans- Auch die Funktion von 5-HT-Rezeptoren wurde mittels
porter (VMAT) in Vesikel aufgenommen und exozyto- gentechnischer Methoden untersucht, u. a. diejenige des
tisch in den synaptischen Spalt ausgeschüttet, wenn das 5-HT1A-Rezeptors, der sowohl als somatodendritischer
Neuron stimuliert wird. Extrazelluläres 5-HT wird über Autorezeptor in serotonergen Neuronen als auch post-
den 5-HT-Transporter (SERT) wieder in das Neuron ein- synaptisch in nichtserotonergen Neuronen vorkommt.
geschleust. Überschüssiges 5-HT wird durch das Enzym Agonisten, die diesen Rezeptor stimulieren, wirken beim
Monoaminoxidase A (MAO-A), das in der äußeren Mito- Menschen anxiolytisch (z. B. Buspiron). Mäuse mit einer
chondrienmembran lokalisiert ist, zu 5-Hydroxyindoles- Knock-out-Mutation des 5-HT1A-Rezeptors zeigen ängst-
sigsäure (5-HIES) abgebaut. liches Verhalten – ein Hinweis darauf, dass der Rezeptor
tatsächlich eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von
Mausmutanten Angst spielt (Toth 2003). Allerdings hat man noch nicht
MAO-defiziente Mäuse verstanden, warum Benzodiazepine bei einigen 5-HT1A-
Die Rolle von 5-HT bei der Steuerung neurobiologischer Knock-out-Tieren, die aus bestimmten Mäusestämmen
Prozesse wurde detailliert an Mäusen mit einer Inserti- hergestellt wurden, keinen Einfluss auf die Angstsymp-
onsmutation im Gen für das Enzym Monoaminoxidase-A tome haben (Olivier et al. 2001).
(MAO-A) untersucht, das Serotonin und Noradrenalin Eine Knock-out-Mutation des 5-HT1B-Rezeptors von
abbaut (⊡ Abb. 6.3) (Picciotto 1999). MAO-A-defiziente Mäusen führt zu erhöhter Aggressivität, und die Befunde
Mäuse haben eine 9-fach erhöhte 5-HT-Konzentration im bestätigen, dass der Rezeptor als terminaler Autorezeptor
Gehirn, und die Noradrenalinmenge ist verdoppelt. Meh- fungiert (Picciotto 1999). 5-HT2C-negative Mäuse fressen
rere Verhaltensweisen der MAO-A-negativen Mäuse re- mehr als normal und sind übergewichtig, d. h. 5-HT2C-
flektieren die monoaminerge Hyperaktivität: Die Tiere Rezeptoren sind vermutlich an der Regulation des Essver-
sind z. B. sehr aggressiv und stressempfindlich. Ihre ver- haltens beteiligt.
stärkte Tendenz zu ängstlichem Verhalten unterstützt die
Rolle von Serotonin bei der Regulation emotionaler Pro- Defekter Noradrenalintransporter: NET-Knock-
zesse. Somatosensorische Projektionsgebiete in den Kor- out-Mäuse
tizes (barrel fields) der MAO-A-defizienten Mäuse zeigen Die Monoamindefizithypothese impliziert, dass im Ge-
morphologische Anomalien, deren Ausbildung durch an- hirn von depressiven Patienten auch ein Mangel an Nor-
tiserotonerge Substanzen unterbunden werden kann. adrenalin (NA) vorliegt. Mäuse ohne einen funktionsfä-
Diese Befunde unterstreichen erneut die essenzielle Rolle higen NA-Transporter (Noradrenalintransporter, NET)
von 5-HT bei der Differenzierung von Neuronen. Auch haben in Analogie zu SERT- bzw. DAT-Knock-outs er-
MAO-B-defiziente Mäuse, die erhöhte Mengen von Phe- höhte extrazelluläre NA-Konzentrationen, und ihr intra-
nylethylamin, einem Derivat von Phenylalanin haben, zelluläres NA ist reduziert, d. h. es liegt ein Defizit in der
reagieren stark auf Stress, sind aber nicht aggressiv (Shih NA-Synthese vor (Gainetdov u. Caron 2003). Die lokomo-
u. Chen 1999). torische Aktivität der NET-Knock-out-Mäuse in einer
neuen Umgebung ist vermindert, vermutlich im Zusam-
SERT-defiziente Mäuse menhang mit der Störung der NA-Synthese, u. a. in den
Serotonintransporter(SERT)-defiziente Mäuse haben 6- noradrenergen Neuronen des Locus coeruleus (LC). Die
fach erhöhte Konzentrationen des extrazellulären 5-HT, tonische Aktivität dieser LC-Neurone (ein gleichmäßiger
und die intrazelluläre Menge des Neurotransmitters ist Rhythmus elektrischer Entladungen) sorgt normalerwei-
auf 60–80% reduziert (Torres et al. 2003). Ihre 5-HT1A- se für eine fluktuierende Menge von NA im Neokortex,
Autorezeptoren sind desensitiviert, vermutlich infolge und die daraus resultierende Modulation kortikaler Neu-
der hohen 5-HT-Konzentration. Auch bei Patienten mit rone ist wichtig für Aufmerksamkeit und Reaktionsfähig-
unipolarer Depression wurde durch Positronenemissi- keit (Aston-Jones et al. 1999).
onstomographie (PET) ein reduziertes 5-HT1A-Rezeptor- NET-Knock-out-Mäuse reagieren hypersensitiv auf
bindungspotenzial nachgewiesen (Drevets et al. 1999). Amphetamine und Kokain. Untersuchungen zur Aufnah-
Diese Parallele zwischen der Neurochemie von SERT- me von Dopamin in Synaptosomen aus den Gehirnen der
Knock-out-Mäusen und depressiven Patienten lässt aller- Tiere sprechen dafür, dass NET in einigen Hirnregionen
dings nicht den Schluss zu, dass degenerative Erkran- als DA-Transporter fungiert (z. B. im frontalen Kortex).
kungen des Menschen auf Defekten des SERT-Moleküls Die Tiere verhalten sich wie mit Antidepressiva behandel-
beruhen. Organismen können im Laufe ihrer Entwick- te Wildtypmäuse, sprechen aber nicht selbst auf Antide-
lung durch Adaptationsprozesse manchen Gendefekt pressiva an, und ihre analgetische Reaktion auf Morphin
kompensieren, und eine adulte Knock-out-Maus kann ist verstärkt.
ggf. überraschende physiologische und verhaltensmäßige Insgesamt resultierten aus den Untersuchungen von
Eigenschaften aufweisen (Lesch 2005). Monoamintransporter-K.O.-Mäusen die im Folgenden
90 Kapitel 6 · Verhaltenspharmakologie

zusammengefassten Ergebnisse (⊡ Übersicht). Durch CRH moduliert die Aktivität von Neuronen über zwei ver-
diese Arbeiten hat sich der Monoamintransport über die schiedene Rezeptoren: CRH1 und CRH2. Dem CRH1-Re-
Plasmamembran als wichtiges Steuerelement für die Be- zeptor wird eine entscheidende Rolle bei der Regulation
ladung von Vesikeln mit dem betreffenden Neurotrans- der Stressantwort und bei der Entstehung von Angst zu-
mitter erwiesen. geschrieben (Reul u. Holsboer 2002). Bei Mäusen, die kei-
nen CRH1-Rezeptor exprimieren, sind ACTH- und Korti-
kosteronausschüttung nach einem Stressstimulus redu-
Defekte an ziert (Timpel et al. 1998). Die Tiere zeigen vermehrtes
Monoamintransportern – Ergebnisse exploratorisches Verhalten und weniger Angst als Wild-
 Die Mutationen führen zu einer vollständigen typmäuse.
Reorganisation der Monoaminhomöostase.
 Die extrazelluläre Menge des jeweiligen Mono-
amins ist deutlich erhöht und die Clearance
gestört. 6.7 Hirnarealspezifische
 Die intrazellulären vesikulären Speicher sind ent- zeitkritische Über-
6 leert. oder Unterproduktion

Die spezifische Anatomie jedes Neurotransmittersystems


Somit haben die genannten Knock-out-Maus-Modelle bedingt, in welchem Hirngebiet der Neurotransmitter
zwar das Wissen über Regulationsprozesse innerhalb der synthetisiert und wo er ausgeschüttet wird. Die seroton-
Monoaminsysteme vertieft, aber Parallelen zu neuro- ergen Neurone des dorsalen Raphekerns z. B. projizieren
psychiatrischen Erkrankungen waren nur gelegentlich zu fast in das gesamte Vorderhirn, und man könnte daher
beobachten. Ein Grund hierfür könnte sein, dass die zen- annehmen, dass die 5-HT-Konzentration je nach physio-
tralnervösen Neurotransmittersysteme im Laufe der Ent- logischem Status im ganzen Gehirn etwa gleich hoch ist.
wicklung der Tiere den durch die Mutation induzierten Das ist aber nicht der Fall: In Mikrodialyseexperi-
Mangel kompensieren. In Zukunft könnten möglicher- menten an Ratten, die man in einem Behälter mit 22 °C
weise konstitutive Mutanten, bei denen ein bestimmter kaltem Wasser schwimmen ließ, stieg die 5-HT-Konzen-
Gendefekt nicht vom Embryonalstadium an vorliegt, son- tration im Striatum innerhalb weniger Minuten um 80%
dern erst zu einem gewünschten Zeitpunkt durch einen an und blieb dann über mehrere Stunden hoch. Im late-
Stimulus induziert werden kann, weiteren Aufschluss ralen Septum dagegen nahm die 5-HT-Konzentration zu-
über Komponenten/Moleküle geben, die über die Homö- nächst um 40% ab und normalisierte sich dann innerhalb
ostase bzw. über krankhafte Störungen der zentralner- von 90 min wieder (Kirby u. Lucki 1998). Warum die Axo-
vösen Monoaminsysteme entscheiden. ne der serotonergen Neurone im Striatum unter den be-
schriebenen Bedingungen besonders viel Neurotransmit-
ter ausschütten, konnte bisher nicht geklärt werden.
6.6.4 Überproduktion von Denkbar wäre aber, dass Rezeptoren auf den Neuronen
Kortikotropin-Releasing-Hormon im Striatum im Zusammenspiel mit regionalen Regula-
tionsmechanismen die Ausschüttung des Neurotransmit-
Ein charakteristisches neuroendokrines Merkmal von ters stimulieren. Interessanterweise waren diese Effekte
Depressionen ist die Hyperaktivität der Hypothalamus- nur am ersten Tag einer Experimentalreihe ausgeprägt,
Hypophysen-Nebennieren-Achse (hypothalamus-pitui- bei Wiederholung an den darauf folgenden Tagen traten
tary-adrenal axis, HPA), die mit erhöhter Ausschüttung sie nur abgeschwächt auf. Dies deutet darauf hin, dass
von adrenokortikotropem Hormon (ACTH) aus dem Hy- sich die lokalen Regulationsmechanismen unmittelbar an
pophysenvorderlappen bzw. mit vermehrter Sekretion die erhöhte Konzentration des Neurotransmitters anpas-
von Glucokortikoiden (Kortisol beim Menschen, Korti- sen.
kosteron bei Nagertieren) aus der Nebennierenrinde ein- Ein Anstieg der 5-HT-Konzentration kann auch mit
hergeht ( Kap. 11; Holsboer 2003). Die ACTH-Ausschüt- der motorischen Aktivität der Tiere zusammenhängen.
tung wird durch das Neuropeptid CRH (Kortikotropin- Es zeigte sich jedoch, dass im Hippokampus auch eine
Releasing-Hormon) stimuliert, das im Hypothalamus Stimulation des Immunsystems (Injektion eines bakteri-
gebildet wird. In der Zerebrospinalflüssigkeit von depres- ellen Endotoxins) zu vermehrter 5-HT-Ausschüttung
siven Patienten fand man erhöhte Konzentrationen die- führte, während die Tiere motorisch inaktiv waren
ses Peptids (Owens u. Nemeroff 1991). (Linthorst et al. 1996). Je nach Qualität des externen Sti-
Transgene Mäuse mit einer Überproduktion von CRH mulus werden offensichtlich im Gehirn unterschiedliche
haben erhöhte ACTH- und Kortikosteronwerte und ent- neuronale Schaltkreise aktiviert. Ein lokaler Anstieg oder
wickeln ein Cushing-Syndrom (Stenzel-Poore et al. 1992). Abfall in der Konzentration eines Neurotransmitters
6.7 · Hirnarealspezifische zeitkritische Über- oder Unterproduktion
91 6

kann natürlich zu einer Aktivierung bzw. Hemmung der Box


Neurone in dem betreffenden Hirngebiet führen, und da-
her kann ein langfristiges Ungleichgewicht der Neuro- Untersuchungen an den diversen Tiermodellen haben in
transmitterhomöostase chronische Hyper- bzw. Hypoak- den vergangenen Jahren das Wissen über die Funktions-
tivität eines Hirngebiets induzieren. Es wird angenom- weise von Neurotransmittersystemen, deren Störungen
men, dass solche Veränderungen in Hirngebieten, die das möglicherweise zu psychiatrischen Erkrankungen füh-
emotionale Erleben steuern, zu affektiven Störungen füh- ren, erheblich erweitert. Vor allem die Komplexität der
ren (z. B. Regionen des limbischen Systems, Hypothala- verschiedenen Systeme sowie ihre gegenseitigen Wech-
mus, präfrontaler Kortex). selwirkungen wurden zunehmend offensichtlich. Es
In den vergangenen Jahren wurden mehrere Tiermo- bleibt abzuwarten, ob auf der Grundlage dieses Wissens
delle validiert, in denen ein depressionsähnlicher Zustand zukünftig pharmakotherapeutisch effektive Medika-
durch Antidepressiva wieder aufgehoben werden kann mente entwickelt werden können, die entweder sehr
( Kap. 10). Da bekannt ist, dass Stress bei manchen Men- spezifisch nur einzelne Komponenten der Systeme an-
schen Depressionen auslöst, werden durch Stress im Ex- sprechen, oder Substanzen, die insgesamt zu einer Wie-
periment depressionsähnliche Symptome bei Tieren in- derherstellung einer »gesunden« Homöostase der Sys-
duziert (McEwen 2002). Insbesondere soziale Unterwer- teme führen.
fung bei männlichen Tieren hat sich als sehr starker
Stressor erwiesen, der von einer psychologischen Kompo-
nente begleitet wird.
Bei männlichen Spitzhörnchen (Tupaia belangeri),
einem etablierten Tiermodell für Depressionen, führt so-
zialer Stress zu Verhaltensänderungen, die mit Antide-
pressiva »therapierbar« sind (Fuchs u. Flügge 2002). In
diesem Tiermodell zeigte sich, dass psychosozialer Stress
zu Änderungen in der Zahl der Monoaminrezeptoren im
Gehirn führt, die von der Dauer der Stressperiode abhän-
gen und sich regional unterscheiden. Diese Befunde wei-
sen darauf hin, dass es im Verlauf einer sehr langen Stress-
periode in manchen Hirnregionen schließlich zu einer
Zunahme von α2-adrenergen Rezeptoren kommt, ver-
mutlich als Reaktion auf reduzierte NA-Mengen. Da auch
in Gehirnen von Suizidopfern erhöhte Zahlen an α2-Adre-
nozeptoren gefunden wurden, unterstützen die genann-
ten tierexperimentellen Befunde die Noradrenalindefizit-
hypothese für Depressionen (Flügge et al. 2003).
Chronischer Stress moduliert auch die Expression
zahlreicher Gene, die nicht für Komponenten spezifischer
Neurotransmittersysteme kodieren, sondern für synap-
tische Proteine, Transkriptionsfaktoren etc. (Alfonso
et al. 2005; Abumaria et al. 2006). Unter diesen stress-
responsiven Genen könnten sich auch Kandidatengene
für Depressionen befinden. Es ist möglich, dass beim
Menschen Mutationen in solchen Genen individuelle
Stressempfindlichkeiten bedingen, welche die Entwick-
lung von Depressionen begünstigen. In diesem Kontext
ist eine Untersuchung über den Zusammenhang zwischen
dem Vorliegen eines Polymorphismus in der Promotor-
region des Serotonintransporters und dem Auftreten ei-
ner Depression von Interesse. Eine Korrelation zwischen
den beiden Parametern (Genpolymorphismus und De-
pression) wurde nur bei denjenigen Patienten gefunden,
die über stark belastende Stresserlebnisse berichteten
(Caspi et al. 2003).
92 Kapitel 6 · Verhaltenspharmakologie

zuschalten. Zudem wird versucht, den Empfänger in die


Spezielle Techniken Nähe des Senders zu platzieren, um die Stärke des zu ge-
nerierenden Signals gering zu halten. Sender, die in den
Körper implantiert werden, müssen von biokompatiblen
6.8 Biotelemetrie Materialien umschlossen sein, was ihre Sendeleistung zu-
sätzlich reduziert. Für die Erfassung ausgewählter bioe-
Carsten T. Wotjak lektrischer und physiologischer Parameter, wie z. B. Blut-
druckmessungen und EMG- oder EKG-Ableitungen, sind
Viele tierexperimentelle Untersuchungen gehen mit der zusätzliche Schläuche und Elektroden an den Sendern
Erfassung bioelektrischer, physiologischer und topogra- befestigt, die in die jeweilige Zielregion implantiert wer-
phischer Parameter einher. Üblicherweise müssen die den müssen.
Tiere hierfür über Schlauch- und Kabelsysteme mit den
Auswertstationen verbunden werden. Die notwendige
»Verkabelung« schränkt die Tiere in ihrem natürlichen
Verhalten ein. Das gilt insbesondere für soziale Tiere, da 6.8.2 Signalerfassung
6 der Schutz der Versuchsapparatur Einzelhaltung notwen-
dig macht. Aus dem gleichen Grund erfordern die Expe- Die von den Sendern erfassten Parameter können über
rimente die ständige Anwesenheit der Experimentatoren, verschiedene Signalwege zu den Empfängern gelangen
um die Intaktheit der Verbindungen zu gewährleisten. (Güler u. Übeyli 2002). Sie werden üblicherweise in Ra-
Ein 24-stündiges Monitoring kann deshalb nur in Aus- dio-, Infrarot- oder Ultraschallsignale umgewandelt. Die
nahmefällen erfolgen. Zudem stellen Schläuche und Ka- Wahl des Signals hängt stark von den jeweiligen Ver-
bel an ihren Durchtrittsstellen durch die Haut potenzielle suchsbedingungen ab. Beispielsweise werden für Experi-
Infektionsherde dar. mente mit marinen Tieren Ultraschallsignale bevorzugt,
Aus den Nachteilen einer unmittelbaren Verbindung da diese – anders als etwa Radiosignale – vom Meerwas-
der Versuchstiere mit der Versuchsapparatur resultierte ser nur in geringem Maße absorbiert werden. Für die kor-
die Suche der Wissenschaftler nach einer möglichst »ka- rekte Übertragung der Informationen ist es wichtig, dass
bellosen« Datenübertragung, was letztendlich zur Ent- der Einfluss externer Störfaktoren durch räumliche Nähe
wicklung der Biotelemetrie beitrug (Güler u. Übeyli 2002). zwischen Sender und Empfänger bzw. durch Abschir-
Heute können eine Vielzahl bioelektrischer (z. B. Elek- mung reduziert wird. Die Signale werden dann von den
troenzephalogramm EEG, Elektromyogramm EMG, Elek- Empfangsstationen umgewandelt und in Echtzeit analy-
trokardiogramm EKG) und physiologischer Parameter siert.
(z. B. Herzrate, Blutdruck, Körpertemperatur) ohne Von der Industrie werden Komplettlösungen für die
Schläuche oder Kabel vom Versuchstier auf die Versuchs- Durchführung von biotelemetrischen Studien angeboten.
apparatur übertragen werden (Kramer et al. 2001) – und Diese sind recht kostenintensiv, insbesondere mit Blick
dies ohne zeitliche Einschränkungen und Beeinträchti- auf den Preis für die einzelnen Sender. Die Minimalaus-
gungen des Verhaltens. rüstung sollte sechs parallele Messplätze umfassen. Auf
diese Weise wird gewährleistet, dass Tiere verschiedener
Behandlungsgruppen zum selben Zeitpunkt und unter
denselben Versuchsbedingungen getestet werden kön-
6.8.1 Transponder und Receiver nen. Die Anzahl der Sender sollte ein Vielfaches der An-
zahl der Messplätze betragen. Die Sender können zwar
Die Messgrößen werden von speziellen Sendern (Trans- nach gründlicher Reinigung und Sterilisation erneut ver-
ponder) im Tier erfasst, in emittierbare Signale umge- wendet werden; die nach der Implantation notwendige
wandelt, als diese abgestrahlt und von den Empfangssta- Erholungsphase der Tiere würde jedoch unnötige Still-
tionen (Receiver) dekodiert. Die Sender werden entweder standzeiten für die Messapparatur bedeuten.
an der Körperoberfläche befestigt oder aber den Tieren Heute ist die Biotelemetrie eine wichtige Methode für
subkutan bzw. in den Bauchraum implantiert. Sie müssen die Erfassung ausgewählter bioelektrischer und physiolo-
möglichst klein und leicht sein, um keine Auswirkungen gischer Parameter. Nach wie vor können wir jedoch auf
auf das Verhalten und Wohlbefinden der Tiere zu haben. Experimente mit »verkabelten« Tieren nicht ganz ver-
Einer weitestgehenden Miniaturisierung steht entgegen, zichten, da die Leistung der Sender zur Erfassung und
dass die Sender zur Generierung der Signale über eine Übertragung schwacher biologischer Signale noch nicht
eigene, langlebige Spannungsquelle verfügen müssen. ausreicht und die Anzahl der parallel erfassten und über-
Um die Lebensdauer dieser Spannungsquelle zu erhö- tragenen Parameter teilweise zu gering ist. Experimente,
hen, wurden Magnetschalter entwickelt, die es gestatten, die mit der Verabreichung elektrischer Impulse einherge-
die Sender auf nichtinvasivem Wege beliebig an- und ab- hen, wie es beispielsweise bei elektrophysiologischen Un-
6.9 · In-vivo-Elektrophysiologie und Langzeitpotenzierung
93 6

tersuchungen der Fall ist, erfordern zudem eine ausrei- werden sowohl der lineare Anstieg der Potenzialverläufe
chende Stromversorgung der Stimulationselektrode. Es (als Ausdruck der Stärke der postsynaptischen Genera-
besteht jedoch Grund zur Hoffnung, dass derartige Pro- torpotenziale) als auch die Amplitude des Populations-
bleme im Zuge des rasanten Fortschritts auf elektro- Spike (als Ausdruck der Stärke der generierten Aktions-
nischem Gebiet und im Bereich der Nanotechnologie in potenziale) bestimmt.
naher Zukunft lösbar sein werden.
Einzelzellableitungen
Mithilfe der Elektrodenbündel und aufwändiger mathe-
6.9 In-vivo-Elektrophysiologie matischer Verfahren lässt sich die Aktivität einzelner
und Langzeitpotenzierung Neuronen isolieren und untersuchen. Auch in diesem Fall
handelt es sich um extrazelluläre Ableitungen. Die Elek-
Carsten T. Wotjak troden müssen sich diesmal jedoch in unmittelbarer Nähe
zum abzuleitenden Neuron befinden. Aus diesem Grund
Nervenzellen ähneln komplizierten elektronischen Baue- kann nur von einigen wenigen Elektroden des Elektro-
lementen. Sowohl ihr Agieren als auch ihr Reagieren lässt denbündels, die sich nach der Operation zufällig in der
sich an Veränderungen ihres Ruhemembranpotenzials Nähe eines abzuleitenden Neurons befanden, Einzelzell-
kenntlich machen. Dies geschieht experimentell mithilfe aktivität abgeleitet werden. Dem wird entgegengewirkt,
spezieller Elektroden, die es gestatten, die elektrische Ak- indem die Elektroden mittels einer feinmechanischen Ap-
tivität von Nervenzellen auf verschiedenen Komplexitäts- paratur in ihrer Tiefe adjustiert werden. Trotzdem kommt
stufen des Gehirns abzuleiten. So lassen sich beispielswei- es häufig vor, dass die chronisch implantierten Elektro-
se Hirnströme des Kortex durch auf den Schädel aufge- den die abzuleitenden Neuronen im Verlauf des Experi-
klebte Elektroden in Form von EEGs messen, ein ments »verlieren«, da das Gehirn keine starre Masse dar-
Verfahren, das v. a. bei der Schlaf- und Epilepsiefor- stellt, die fest mit dem Schädel verwachsen ist.
schung bzw. -diagnostik von großer Bedeutung ist. Ober- Bei Einzelzellableitungen wird das Entladungsmuster
flächenelektroden werden außerdem zur Analyse der der Neuronen aufgezeichnet. Da die Entladungen (spikes)
zentralnervösen Verarbeitung sensorischer Reize einge- Aktionspotenziale widerspiegeln, folgen sie dem Alles-
setzt, bei der evozierte Potenziale abgeleitet werden. oder-nichts-Gesetz. Veränderungen in der neuronalen
Aktivität werden deshalb nicht als Amplitudenänderung,
sondern als Änderung der Häufigkeit der Entladungen
6.9.1 Feldpotenziale pro Zeiteinheit erfasst.
und Einzelzellableitungen

6.9.2 Langzeitpotenzierung
Erfassung von Feldpotenzialen
Um die räumliche Auflösung der Ableitungen zu verbes- Erfassung von Lernprozessen mithilfe
sern und Veränderungen in der elektrischen Aktivität in der Langzeitpotenzierung
tiefer gelegenen Hirnschichten zu erfassen, werden Tie- Seit einigen Jahren werden elektrophysiologische Ablei-
fenelektroden implantiert. Bei diesen handelt es sich ent- tungen in narkotisierten oder frei beweglichen Tieren
weder um eine einzelne, relativ große Ableitungselektro- eingesetzt, um lerninduzierte Veränderungen in der in-
de oder aber um Bündel äußerst feiner Drähte. Die einzel- terneuronalen Kommunikation aufzuzeigen und diese in
nen Ableitungselektroden müssen nicht in unmittelbarem Modellsystemen zu beschreiben. Man geht davon aus,
Kontakt mit den abzuleitenden Neuronen sein, da sie v. a. dass Lernprozesse mit Langzeitveränderungen in der syn-
Feldpotenziale erfassen. Diese spiegeln in ihren Kompo- aptischen Übertragung einhergehen. Bereits 1949 formu-
nenten die an den Postsynapsen ablaufenden Prozesse lierte der kanadische Physiologe Donald Hebb sein be-
wider, sind das Resultat der integrierten Aktivität einer rühmtes Prinzip (⊡ Box).
größeren Neuronengruppe und können sich über größere
Distanzen fortpflanzen. Box
Letztere Eigenschaft erfordert den Nachweis, dass die
an einem bestimmten Ort abgeleiteten Feldpotenziale tat- Hebbsches Prinzip
sächlich von den sich in Nachbarschaft zur Elektrode be- Synchronisierte Aktivität zweier Neuronen führt zur Ver-
findlichen Neuronen herrühren. Dies geschieht in der stärkung der sie verbindenden synaptischen Kontakte
Regel auf pharmakologischem Weg, indem beispielsweise (Hebb 1949).
das Lokalanästhetikum Lidocain in das Ableitungsareal
appliziert wird, wo es die Nervenaktivität vorübergehend Im Jahr 1973 gelang es T. Bliss und T. Lømo, mit der Erst-
(10–20 min) blockiert. Für die Analyse der Feldpotenziale beschreibung der Langzeitpotenzierung (LTP) ein Tier-
94 Kapitel 6 · Verhaltenspharmakologie

modell zu etablieren (Bliss u. Lømo 1973), das dem Hebb- Um Störungen durch elektromagnetische Strahlungen
schen Prinzip folgt und heute – ungeachtet auch gegen- zu verhindern, werden die chirurgischen Eingriffe und
teiliger Auffassungen (z. B. Shors u. Matzel 1997; Hölscher die Ableitungen in Faradayschen Käfigen durchgeführt.
1997) – als das beste zelluläre Modell für die synaptische Ein typisches LTP-Experiment setzt sich aus drei Pha-
Plastizität bei Lernprozessen gilt (Bliss u. Collingridge sen zusammen:
1993; Martin et al. 2000). 1. Erfassung der Basallinie,
2. Induktion der LTP,
Das LTP-Experiment 3. Ableitung der veränderten synaptischen Übertra-
Untersuchungen zur LTP werden klassischerweise am gung.
Hippokampus durchgeführt. Dieser verfügt über eine ein-
fache Struktur mit gut beschriebenen Projektionsbahnen, Zunächst wird die Stabilität der durch definierte Ein-
die auch im Hirnschnitt erhalten bleiben. Vereinfachend zelimpulse induzierten Feldpotenziale überprüft. An-
wird von einem trisynaptischen Schaltkreis ausgegangen, schließend wird der Zusammenhang zwischen Reizinten-
der die verschiedenen Neuronenpopulationen der Hippo- sität und Stärke der Feldpotenziale untersucht. Ausge-
kampusformation miteinander verbindet (Amaral u. hend von der sich ergebenden sigmoidalen Kurve wird
6 Witter 1989). So gelangen die elektrischen Impulse diejenige Reizintensität ermittelt, bei der die Feldpotenzi-
 vom entorhinalen Kortex über den Tractus perforans ale etwa 40–50% ihrer maximalen Auslenkung erfahren.
zum Gyrus dentatus, Auf diese Weise wird gewährleistet, dass im Lauf des Ex-
 von dort über die Moosfasern zur CA3-Region periments sowohl eine Verstärkung als auch eine Ver-
 und weiter über die Schaffer-Kollateralen zur CA1-Re- minderung der Reizantwort gemessen werden kann. Die
gion. ausgewählte Reizintensität wird dann während des Expe-
riments konstant gehalten.
In Abhängigkeit von der zu untersuchenden Region wer-
den eine Ableitungselektrode in das Zielgebiet und eine Ermittlung der Basallinie
Stimulationselektrode in die entsprechende afferente Zur Ermittlung einer stabilen Basallinie werden die Ein-
Projektionsbahn implantiert. Die korrekte Platzierung zelimpulse wiederholt vor der LTP-Induktion verabreicht
der Elektroden kann bereits während des chirurgischen (Testimpulse) und die Stärke der abgeleiteten Feldpoten-
Eingriffs im narkotisierten Tier durch die Ableitung ty- ziale ermittelt. Der Mittelwert der Basalwerte ergibt die
pischer Feldpotenziale überprüft werden. Voraussetzung Basallinie, auf die alle weiteren Messwerte bezogen wer-
ist die Wahl eines geeigneten Narkotikums (z. B. Barbitu- den. Der zeitliche Abstand der Testimpulse sollte so groß
rate), das die Generierung exzitatorischer Feldpotenziale sein, dass sich zwei aufeinanderfolgende Impulse nicht in
zulässt. ihrer Wirkung beeinflussen (mindestens 30 s).
Sowohl die Ableitungs- als auch die Stimulations-
elektroden werden in der Regel im Labor angefertigt, was Induktion der LTP
nach etwas Übung wenige Probleme bereiten sollte. Bei Zur Induktion der LTP stehen verschiedene Protokolle zu
der Konstruktion und Implantation der Ableitungselek- Verfügung, die auf einer hochfrequenten Abfolge von
troden ist zu beachten, dass eine zusätzliche Silberball- Einzelimpulsen basieren und dem jeweiligen Versuch an-
elektrode an den Elektrodenblock angebracht wird. Diese gepasst werden müssen. So besteht beispielsweise bei Ab-
wird bei der Operation auf dem Kortex platziert und dient leitungen im Gyrus dentatus ein hohes Risiko, dass das
der Erdung (Davis et al. 1997). Am Versuchstag werden Entladungsmuster epileptische Anfälle hervorruft. Nach
die Tiere über Drähte mit der Versuchsapparatur verbun- der LTP-Induktion wird die Gabe der Testimpulse fortge-
den und die Ableitungselektrode zusätzlich mit einem setzt. Umittelbar nach der LTP-Induktion sind die auf
Oszilloskop, um die neuronale Aktivität im Ableitungs- diese Weise evozierten Feldpotenziale kurzzeitig stark
areal auch zwischen den Testimpulsen verfolgen zu kön- erhöht (Kurzzeitpotenzierung), ehe sie sich auf einem et-
nen. Die abgeleiteten Feldpotenziale werden verstärkt was niedrigeren – der Basallinie gegenüber jedoch deut-
(beginnend mit einem Vorverstärker in Tiernähe), gefil- lich erhöhten – Niveau einpendeln (Langzeitpotenzie-
tert, digitalisiert und über spezielle Interface-Karten in rung).
den Rechner geleitet, wo sie mithilfe von Spezialsoftware
aufgearbeitet werden. Eine kostengünstige und häufig ge- Spezifität der LTP
nutzte Möglichkeit für den Einstieg in die Messung der Um die Frage zu beantworten, ob die LTP spezifisch für
LTP wurde von Wissenschaftlern der Universität Bristol die untersuchte Nervenbahn und die resultierenden syn-
entwickelt und kann von der dortigen Internetseite kos- aptischen Verschaltungen ist, muss ausgeschlossen wer-
tenlos heruntergeladen werden (http://www.ltp-program. den, dass die Neurone durch das für die LTP-Induktion
com/). verwendete artifizielle Entladungsmuster unspezifisch
aktiviert werden. Dieser Nachweis lässt sich durch die
6.10 · Schlaf-EEG bei Mäusen und Ratten
95 6

Verwendung einer zweiten Stimulationselektrode führen. 6.10 Schlaf-EEG bei Mäusen


Diese wird in eine andere Nervenbahn, die ebenfalls zum und Ratten
Ableitungsareal projiziert, implantiert. Anschließend
wird unter Basalbedingungen überprüft, ob die beiden Frauke Ohl
stimulierten Projektionsbahnen tatsächlich unabhängig
voneinander sind. Während der LTP-Induktion wird nur
eine der beiden Nervenbahnen stimuliert, bei der nachfol- 6.10.1 EEG-Ableitungen
genden Testphase beide alternierend. LTP sollte sich nur
für diejenige Projektion zeigen lassen, in der ihre Induk- Ein EEG wurde bereits vor mehreren Jahrzehnten am
tion erfolgte. Menschen erstmals registriert (Berger 1929). Als neuro-
physiologische Methode wurde es jedoch erst einige Jahre
später akzeptiert, nachdem Bergers Beobachtungen 1934
6.9.3 Langzeitdepression durch E. D. Adrian bestätigt wurden.
und Langzeitkonsolidierung Für eine EEG-Registrierung werden Potenzialschwan-
kungen innerhalb der Großhirnrinde durch einen Elek-
Neben der LTP wurde mit der Langzeitdepression (LTD) troenzephalographen verstärkt und aufgezeichnet. Die
eine zweite Form der synaptischen Plastizität beschrie- EEG-Tätigkeit wird hierbei v. a. durch die Synchronisati-
ben, der eine Rolle bei Gedächtnisprozessen zugeschrie- on und Desynchronisation von exzitatorischen und inhi-
ben wird (Braunewell u. Manahan-Vaughan 2001). LTP- bitorischen postsynaptischen Potenzialen hervorgerufen,
und LTD-Experimente unterscheiden sich v. a. in der Art jedoch auch von Gliazellen beeinflusst.
des für die jeweilige Induktion verwendeten Entladungs- Bereits wenige Jahre nach der Entdeckung des EEG
musters. So wird LTD in der Regel durch die wiederholte konnte gezeigt werden, dass sich die hirnelektrische Ak-
Gabe niederfrequenter Einzelimpulse (1 Hz über 15 min) tivität im Wach- von der im Schlafzustand unterscheidet
hervorgerufen. Es muss jedoch angemerkt werden, dass (Loomis et al. 1936). Darüber hinaus lassen sich auf EEG-
der Erfolg von LTD-Ableitungen in vivo in starkem Maße Basis auch verschiedene Schlafstadien voneinander diffe-
von der Wahl des Tierstamms abzuhängen scheint und renzieren. EEG-Messungen werden daher nicht nur zu
weniger gut reproduzierbar ist als LTP-Ableitungen. Untersuchungen des Schlaf-Wach-Zyklus, sondern auch
Experimente zur LTP und LTD können sowohl im zur Analyse des Schlafverhaltens eingesetzt. Zusätzlich
narkotisierten als auch im wachen Tier durchgeführt wer- zum EEG wird häufig auch die Aktivität von Kopf-, Augen
den. Gegenüber In-vitro-Ableitungen haben diese Unter- und Nackenmuskeln aufgezeichnet.
suchungen den Vorteil, dass sie unter physiologischen Die im EEG gemessenen Frequenzen werden in ver-
Bedingungen erfolgen. Dies betrifft u. a. das Arbeiten bei schiedene Frequenzbereiche eingeteilt:
Körpertemperatur und das Vorhandensein intakter neu-  das δ-Band (0,5–3,5 Hz),
ronaler Regelkreise. Tatsächlich konnte am Beispiel einer  das θ-Band (4–7 Hz),
genetisch modifizierten Mauslinie gezeigt werden, dass  das α-Band (8–13 Hz) und
sich LTP im Gyrus dentatus wacher Tiere induzieren lässt,  das β-Band (>13 Hz).
nicht jedoch in narkotisierten Tieren oder gar in Hirn-
schnitten (Errington et al. 1997). Ein weiterer Vorteil der δ- und θ-Wellen werden hierbei als langsame Wellen den
Untersuchungen im wachen Tier besteht in der Möglich- schnellen α- und β-Wellen gegenübergestellt. Des Wei-
keit, die Aufrechterhaltung der LTP über längere Zeiträu- teren wird die mittlere Amplitude der jeweiligen Wellen
me (Wochen bis Monate) zu verfolgen. Gerade diese berechnet.
späten Phasen sind von entscheidender Bedeutung, wenn
es um die Charakterisierung möglicher zellulärer Korre- Schlaf-EEG bei Nagetieren
late der Langzeitkonsolidierung von Gedächtnisinhalten Die Ableitung eines Schlaf-EEG bei Nagetieren erfordert,
geht (Jones et al. 2001). anders als beim Menschen, einen invasiven Eingriff. Die
Analogien von LTP auf der einen und Lernen und Ge- Elektroden werden unter Vollnarkose unter die Kopfhaut
dächtnis auf der anderen Seite wurden bisher am über- implantiert und mit Verschraubungen im Schädeldach
zeugendsten am Beispiel der Entstehung des emotionalen befestigt. Eine zusätzliche Elektrode wird in den Bereich
Gedächtnisses aufgezeigt (Blair et al. 2001). Der Nachweis der Nackenmuskulatur implantiert und dient der Ablei-
indessen, dass es sich bei den jeweils zugrunde liegenden tung des EMG. Alle Elektroden laufen in einer Buchse
Prozessen um homologe Mechanismen handelt, bleibt zusammen, die – mit Zahnzement auf dem Schädeldach
noch zu führen. Die Kombination aus In-vivo-Ablei- fixiert – der Aufnahme des Ableitsteckers dient. Die Ab-
tungen, pharmakologischen Behandlungen und Verhal- leitung des Schlaf-EEG wird einige Tage nach dem Ein-
tensbeobachtungen dürfte hierbei einen vielverspre- griff, von dem die Tiere sich in kurzer Zeit sehr gut erho-
chenden Ansatz darstellen. len, zumeist in einem speziellen Versuchskäfig durchge-
96 Kapitel 6 · Verhaltenspharmakologie

führt. Die Aufhängung des Ableitkabels erfolgt dabei so, Dem REM-Schlaf gegenübergestellt wird der Non-REM-
dass eine freie und ungestörte Bewegung der Tiere ge- Schlaf (non-rapid eye movement) Das Non-REM-Schlaf-
währleistet ist. EEG zeigt typische, so genannte Schlafspindeln und eine
niedrigfrequente, hochamplitudige Aktivität (⊡ Abb. 6.6).
Schlaf-EEG bei Säugern Die im Schlaf-EEG beim Menschen gezeigte Untertei-
Bei Säugern lassen sich zwei physiologisch unterschied- lung des Non-REM-Schlafs in mehrere Unterstadien ist
liche Schlafstadien vom Wachstadium abgrenzen. Im bei Tieren nicht erkennbar (Bjorvatn et al. 1998). Jedoch
Wachzustand zeigt die EEG-Aktivität eine hohe Frequenz wird bei Nagetieren der Prä-REM-Schlaf von den zuvor
bei niedriger Amplitude (⊡ Abb. 6.4). Schnelle Augenbe- genannten Stadien abgegrenzt. Der Prä-REM-Schlaf, der
wegungen sind namengebend für den REM-Schlaf (rapid auch Zwischenstadium genannt wird (Glin et al. 1991;
eye movement). Das REM-Schlaf-EEG zeigt charakteristi- Gottesmann 1996), geht zumeist dem REM-Schlaf voraus
scherweise eine schnelle Aktivität (⊡ Abb. 6.5), und es lässt und ist durch lang anhaltende, spindelähnliche EEG-Ak-
sich eine deutliche Reduktion des Muskeltonus feststellen. tivität mit hoher Amplitude charakterisiert (⊡ Abb. 6.7).

⊡ Abb. 6.4. Die EEG-Aktivität während des Wachzustands bei der Maus zeigt eine hohe Frequenz bei niedriger Amplitude. (Aus Storch 2002)

⊡ Abb. 6.5. Das REM-Schlaf-EEG bei der Maus zeigt charakteristischerweise eine schnelle Aktivität. (Aus Storch 2002)

⊡ Abb. 6.6. Der Non-REM-Schlaf bei der Maus zeigt typische, so genannte Schlafspindeln (rasche Wellen mit niedriger Amplitude) und eine
niedrigfrequente, hochamplitudige Aktivität. (Aus Storch 2002)

⊡ Abb. 6.7. Der Prä-REM-Schlaf ist durch lang anhaltende, spindelähnliche EEG-Aktivität mit hoher Amplitude charakterisiert. (Aus Storch 2002)
6.11 · Mikrodialyse
97 6

Es existieren unterschiedliche Hypothesen zu den 6.10.2 Das Schlafverhalten


Funktionen der verschiedenen Schlafstadien. Der Non- von Nagetieren als Modell
REM-Schlaf wird zumeist als ein Zustand der »physiolo- für den Menschen
gischen Wiederherstellung« angesehen (Hartmann 1973;
Moruzzi 1972; Oswald 1970). Ihm wird aber auch Bedeu- Grundlegende Schlafcharakteristika lassen sich bei Säu-
tung für die Speicherung und Konsolidierung von Infor- gern stabil und analog im EEG darstellen. Schlaf-EEG-
mationen, die im Wachzustand gesammelt wurden, zuge- Untersuchungen an Nagetieren bieten daher eine gute
ordnet. Eine Funktion des REM-Schlafs kann in der wäh- Möglichkeit, grundlegende Mechanismen des mensch-
rend der Ruhephase notwendigen Eigenaktivierung liegen lichen Schlafs modellhaft zu untersuchen. Zur Einschät-
(Ephron u. Carrington 1966). Insgesamt wird dem Schlaf zung der Effektivität und Wirkungsweise pharmakolo-
eine maßgebliche Funktion bei der Erholung des Organis- gischer Manipulationen des Schlafverhaltens werden
mus von der vorangegangenen Periode des Wachseins Nagetiere häufig zu Beginn ihrer Aktivitätsphase unter-
zugesprochen. sucht, da Ratten und Mäuse hier einen stark fragmen-
tierten Schlaf zeigen, der beim Menschen als pathologisch
Speziesunterschiede einzustufen wäre.
Bei allen Säugetieren wechseln sich die Schlafstadien Obwohl die Definition eines artspezifischen Charak-
REM-Schlaf und Non-REM-Schlaf miteinander ab, wobei teristikums als Modell für einen pathologischen Zustand
jedoch die Dauer dieser alternierenden Zyklen spezies- kritisch betrachtet werden sollte, ist die Reaktion der
spezifisch variiert. Die Zyklusvariation kann zur Körper- nachtaktiven Nagetiere auf Hypnotika mit der des Men-
größe und auch zur Größe des Gehirns in Beziehung ge- schen häufig gut vergleichbar.
setzt werden. So dauern die REM-/Non-REM-Schlaf-Zy-
klen beim Menschen etwa 90 min, während sie bei der
Ratte nur ca. 10 min dauern. Die gesamte Schlafdauer 6.11 Mikrodialyse
beim Menschen liegt bei 30%, bei der Ratte dagegen um-
fasst sie ca. 50% des Tages. Diese Unterschiede werden Carsten T. Wotjak
sowohl durch artspezifische Metabolismusraten als auch
durch Umweltfaktoren wie die Nahrungsaufnahme be- Eine der Grundeigenschaften von Nervenzellen ist die
gründet (Allison u. Cecchetti 1976; Meddis 1983; Zepelin Kommunikation mittels chemischer Botenstoffe. Dem
u. Rechtschaffen 1974). klassischen Prinzip der Informationsübertragung fol-
gend, erreichen Aktionspotenziale präsynaptische Ner-
Quantitative Analysen venendigungen, in denen elektrische Information über
In neueren Schlafstudien wurden auch quantitative Ana- das verstärkte Einströmen von Calciumionen in das Zy-
lysen des Schlaf-EEG durchgeführt. Spektralanalysen bei toplasma in chemische Information umgewandelt wird.
verschiedenen Säugetierarten konnten zeigen, dass der Dabei verschmelzen synaptische Vesikel mit der präsyn-
während des Non-REM-Schlafs auftretende so genannte aptischen Membran und setzen die in ihnen enthaltenen
Slow-wave-Schlaf (SWS, im EEG indiziert durch die slow- Botenstoffe (Neurotransmitter) in den synaptischen Spalt
wave activity, SWA), den man auch als Tiefschlaf bezeich- frei. Die Neurotransmitter diffundieren durch den mit
nen kann, das Schlafbedürfnis widerspiegelt: Die SWA ist Extrazellularflüssigkeit gefüllten und mit einer Vielzahl
zu Beginn des Schlafs am deutlichsten ausgeprägt und von strukturbildenden Glykoproteinen angereicherten
nimmt im Verlauf der REM-/Non-REM-Schlaf-Zyklen ab synaptischen Spalt zur Postsynapse, wo sie an entspre-
(Borbely et al. 1981). Nach einer verlängerten Wachphase chende Rezeptormoleküle binden. Die chemische Signal-
ist die SWA zu Beginn des Schlafs sogar proportional in- übertragung wird beendet, indem beispielsweise der Li-
tensiviert (Borbely et al. 1984). Ebenso zeigt sich, dass gand-Rezeptor-Komplex internalisiert wird, die Neuro-
nach einer nur sehr kurzen Wachphase die SWA nur sehr transmitter in die Prä- bzw. Postsynapse aufgenommen
schwach ausgeprägt ist (Huber et al. 2001). Die SWA ist und dort metabolisiert werden oder die Neurotransmitter
somit ein Indikator für die Schlaftiefe oder Intensität des unmittelbar im synaptischen Spalt durch spezielle En-
Non-REM-Schlafs und scheint insgesamt homöostatisch zyme abgebaut werden. Auf diese Weise wird zusätzlich
reguliert zu werden und einen Erholungsprozess wider- gewährleistet, dass die Neurotransmitter nur in geringem
zuspiegeln. Maße aus dem synaptischen Spalt diffundieren und Re-
Auch die Aufwachschwelle verändert sich mit dem zeptoren an anderen Synapsen aktivieren.
Schlafbedürfnis: Untersuchungen an Ratten konnten bei-
spielsweise zeigen, dass die Aufwachschwelle nach einer
verlängerten Periode des Wachseins deutlich erhöht war
(Frederickson u. Rechtschaffen 1978).
98 Kapitel 6 · Verhaltenspharmakologie

6.11.1 Spezifität der Signalübertragung kungen. So gestatten Liquoranalysen keine Aussagen


über dynamische Prozesse der Signalübertragung in be-
Die Spezifität der Signalübertragung wird somit bei den stimmten Hirnregionen, da dem Liquor neben Funktio-
klassischen Neurotransmittern, zu denen vor allem exzi- nen der Signalübertragung auch eine Aufgabe beim Ab-
tatorische und inhibitorische Aminosäuren wie Glutamat transport von Neurotransmittern, Neuromodulatoren
und GABA zählen, durch das exklusive Wirken der Boten- und deren Metaboliten zukommt und die entsprechenden
stoffe an bestimmten Synapsen gewährleistet und hängt Substanzen aus den verschiedensten Hirnregionen in den
vom Verschaltungsmuster der Neurone ab. Für dieses Liquor gelangen können.
Übertragungsprinzip wurde der Terminus wiring trans-
mission eingeführt (Zoli et al. 1999).
Für eine Vielzahl chemischer Botenstoffe finden sich 6.11.2 Prinzip und Durchführung
die entsprechenden Bindungspartner jedoch nicht auf der der Mikrodialyse
postsynaptischen Membran. Die Rezeptoren sind entwe-
der unmittelbar außerhalb der Synapse oder aber auf Der experimentelle Zugriff auf diese Problemstellung ge-
Dendriten und Somata von Nervenzellen sogar weiter lang erst durch die Entwicklung der Mikrodialysetechnik
6 entfernter Neurone bzw. Hirnregionen angesiedelt (Her- (Benveniste u. Huttemeier 1990). Diese Methode basiert
kenham 1987). Die Existenz von Rezeptoren außerhalb auf der freien Diffusion der Botenstoffe durch eine semi-
der Synapse und abseits der Freisetzungsorte lässt sich permeable Membran. Ein entsprechender Membran-
dadurch erklären, dass die Botenstoffe aus dem synap- schlauch, der im Rahmen einer stereotaktischen Operati-
tischen Spalt diffundieren oder nichtsynaptisch, d. h. aus on in ein bestimmtes Hirnareal implantiert wurde, wird
Dendriten, Somata und Axonschwellungen (Varikosi- mit einer Flüssigkeit, die in ihrer Zusammensetzung der
täten), freigesetzt werden können (Zupanc 1996; Ludwig extrazellulären Flüssigkeit möglichst nahe kommt, mit
u. Pittman 2003). Sie erreichen dann ihre Rezeptoren über einer genau festgelegten Geschwindigkeit perfundiert.
Diffusion im Extrazellularraum. Diese Art der Signal- Die in den Extrazellularraum freigesetzten Botenstoffe
übertragung wird als volume transmission bezeichnet diffundieren entlang ihres Konzentrationsgradienten
(Zoli et al. 1999). Ihre Spezifität wird nicht durch synap- durch die Membran in die Dialyseflüssigkeit. Diese wird
tische Verschaltung, sondern durch die Exklusivität der außerhalb der Versuchsperson bzw. des Versuchstieres
Rezeptor-Ligand-Interaktion gewährleistet, analog zur für nachfolgende physiko- bzw. radiochemische Analy-
Signalübertragung von Hormonen und Cytokinen über sen aufgefangen.
das Blut bzw. die interstitielle Flüssigkeit. Die Menge an Botenstoffen (Ausbeute, recovery), die
Anders als bei der wiring transmission werden bei der in der Dialyseflüssigkeit gefunden werden kann, wird
volume transmission Botenstoffe mit komplizierterer che- durch eine Reihe von Parametern beeinflusst, wie z. B.
mischer Struktur freigesetzt (z. B. Peptide, Katecholamine  die Diffusionseigenschaften des Extrazellularraums,
und Monoamine). Dies gewährleistet, dass die Rezep-  die physiko-chemischen Eigenschaften der Botenstof-
toren eine ausreichende Affinität für die chemischen Si- fe und der Dialysemembran,
gnale entwickeln und diese auch in starker Verdünnung  die Dialysegeschwindigkeit und
von anderen Botenstoffen unterscheiden können. Die vo-  die Ausgangskonzentration der Botenstoffe.
lume transmission hat den Vorteil, dass ohne zusätzlichen
Energieaufwand ein Vielzahl von Nervenzellen auch in Die Ausbeute ist in der Regel sehr gering und liegt zwi-
entfernten Hirnarealen in ihrer Aktivität beeinflusst wer- schen 1% (Neuropeptide) und 20% (Aminosäuren, Ka-
den kann (Aiello u. Rita 2000). Botenstoffe, die auf diese techolamine). Unter Berücksichtigung der geringen Aus-
Weise wirken, werden deshalb auch als Neuromodula- gangskonzentration liegt bei kurzen Dialyseintervallen
toren bezeichnet. der Gehalt an Botenstoffen in der Dialyseflüssigkeit häu-
Seit den Pionierleistungen von Otto Loewi und Henry fig unter der Nachweisgrenze. Um die Stoffkonzentration
H. Dale zur chemischen Signalübertragung bei Nerven- in den Proben zu erhöhen, werden die Dialyseintervalle
zellen sind Wissenschaftler und Ärzte bestrebt, die Prin- ausgedehnt und betragen in der Regel zwischen 10–
zipien der interneuronalen Kommunikation aufzuklären 30 min. Somit eignet sich die Mikrodialysetechnik v. a. für
und zu beeinflussen. Untersuchungen an isolierten Hirn- Untersuchungen längerfristiger Prozesse, bei denen die
regionen vernachlässigen die komplizierten Regelkreise Botenstoffe verstärkt in die extrazelluläre Flüssigkeit ge-
des Gesamtorganismus, und es lassen sich keine Zeitver- langen, d. h. für das Studium der volume transmission,
läufe der Freisetzungsprozesse unter verschiedenen phy- nicht jedoch der wiring transmission.
siologischen Zuständen verfolgen. Auch die Liquorpunk-
tion, die eine Bestimmung der chemischen Zusammen- Kontrollexperimente
setzung der Zerebrospinalflüssigkeit im lebenden Durch die Implantation der Mikrodialysesonden wird
Organismus ermöglicht, unterliegt deutlichen Einschrän- Hirngewebe in nicht unerheblichem Umfang verletzt. Da-
6.12 · In-vivo-Bildgebung
99 6

bei kommt es nicht nur zur Zerstörung von Nervenzellen, Kontamination des Dialyseareals durch verletzte Blutge-
was den Gebrauch der Mikrodialyse auf Untersuchungen fäße ausgeschlossen werden kann.
größerer Hirnareale einschränkt, sondern auch zur Bil-
dung einer Glianarbe durch Astrozyten, gegebenenfalls Basalwerte
auch zur Aktivierung von Mikroglia als Abwehrreaktion Für eine kontrollierte Analyse der Mikrodialysedaten ist
des Organismus auf den Fremdkörper. Solche Prozesse es erforderlich, eine Basalfreisetzung im unstimulierten
reduzieren die recovery zusätzlich, da weitere Diffusions- Tier zu bestimmen, mit deren Hilfe dann die einzelnen
barrieren gebildet werden. Messwerte normalisiert werden können. Praktisch ge-
Gleichzeitig gilt es zu berücksichtigen, dass nicht nur schieht dies, indem das Hirnareal zunächst für einige
Neurone, sondern auch Gliazellen durch Freisetzungs- Stunden (3–12 h) ohne Probenaufnahme dialysiert wird
und Aufnahmeprozesse aktiv in die Regulation der extra- (»Spülen«), bis sich ein Gleichgewicht in den Freiset-
zellulären Substanzkonzentration einbezogen sind (Fields zungsprozessen eingestellt hat. Anschließend werden we-
u. Stevens-Graham 2002). Bei dynamisch regulierten nigstens drei stabile Basalwerte erhoben, deren Mittelwert
Freisetzungsprozessen muss folglich der Nachweis ge- 100% gesetzt wird. Alle Messwerte werden dann auf die-
führt werden, dass die untersuchte Substanz neuronalen sen Mittelwert bezogen. Prozentuale Angaben zur Subs-
Ursprungs ist. Dies geschieht, indem überprüft wird, ob tanzkonzentration in den aufgefangenen Proben können
die Blockade von Aktionspotenzialen durch Tetrodotoxin jedoch nur dann korrekt interpretiert werden, wenn An-
sowie die Reduktion des Calciumeinstroms in die Präsyn- gaben zu den Absolutwerten der Basalfreisetzung vorlie-
apse mittels Chelatbildnern die Substanzfreisetzung un- gen.
terdrücken.
Als Positivkontrolle dient ferner eine gezielte Depola- Box
risation der Neurone im Dialyseareal mittels kalium-
hypertoner Lösung, mit der Erwartung einer verstärkten Die Mikrodialysetechnik stellt eine recht robuste Metho-
Substanzausschüttung. Die Kontrollexperimente lassen de dar, die es gestattet, im frei beweglichen Tier die Frei-
sich recht einfach durchführen, da die Substanzen in das setzung ausgewählter chemischer Botenstoffe im Ge-
Dialysemedium eingeschlossen werden können und – in hirn zu verfolgen. Sie ist wenig invasiv und beeinträch-
Umkehrung des Dialyseprinzips (Retrodialyse) – in das tigt das Versuchstier kaum in seinem Verhalten. Ihre
Dialyseareal gelangen. Handhabung ist relativ einfach, und sie lässt sich pro-
blemlos mit pharmakologischen Behandlungen verbin-
Erholungszeit der Tiere und Versuchsdauer den. Unter Berücksichtigung der aufgeführten Hinweise
Mikrodialysesonden müssen nicht unbedingt von kom- sollte ihrer breiten Anwendung wenig im Wege stehen.
merziellen Anbietern bezogen werden. Für Experimente
mit chronisch implantierten Sonden kann man sie auch
weitaus kostengünstiger selbst anfertigen (Horn u. Engel-
mann 2001). In jedem Fall muss den Tieren nach dem 6.12 In-vivo-Bildgebung
chirurgischen Eingriff eine ausreichende Erholungszeit
eingeräumt werden, um die Freisetzungsprozesse unter Thomas Michaelis
möglichst physiologischen Bedingungen untersuchen zu und Eberhard Fuchs
können. Da das Risiko der Ummantelung der Dialyse-
membran durch Gliazellen mit fortschreitender Verweil- Die Organisation des Gehirns und besonders seine Funkti-
dauer im Gehirn zunimmt (v. a., wenn die Sonde bereits on lassen sich nicht allein aus der Kenntnis seiner zellu-
perfundiert wurde), kann der optimale Zeitpunkt für die lären Komponenten und deren Wechselwirkungen erklä-
Durchführung der Mikrodialyseexperimente nur einen ren. Für ein tieferes und weiterführendes Verständnis sei-
Kompromiss zwischen Erholungszeit und Verweildauer ner Funktionen bedarf es neuer, nichtinvasiver Ansätze,
der Sonden im Gehirn darstellen. die ergänzend zu elektrophysiologischen Methoden (z. B.
Eine interessante Möglichkeit zur Lösung dieses Kon- In-vivo-Elektrophysiologie, EEG) oder Mikrodialyse eine
flikts ergibt sich aus der Verwendung von Führungskanü- wiederholte Untersuchung des intakten, lebenden Gehirns
len. Diese werden den Tieren permanent implantiert. auch über einen längeren Zeitraum ermöglichen. Dieses
Nach der Operation haben die Tiere ausreichend Zeit, Ziel verfolgen räumlich auflösende und bildgebende Ver-
sich von dem chirurgischen Eingriff zu erholen, ehe die fahren wie CT (Computertomographie), SPECT (single-
Mikrodialysesonden durch die Führungskanüle in das photon emission computed tomography, Einzelphotonene-
Dialyseareal eingeführt werden. Auch in diesem Fall muss missionstomographie), PET (Positronenemissionstomo-
mit dem Experiment gewartet werden (in der Regel 6– graphie) und MRT (Magnetresonanztomographie).
12 h), damit sich das Hirngewebe von der akuten Trauma- Ausgehend von Technologien, die seit einigen Jahren
tisierung durch das Einführen der Sonde erholt und eine erfolgreich beim Menschen zur Untersuchung der Anato-
100 Kapitel 6 · Verhaltenspharmakologie

mie, des Stoffwechsels und der Funktion des Gehirns ein- 6.12.1 MRT-Untersuchungen des Gehirns
gesetzt werden, konnten gerade in den letzten Jahren
große Fortschritte bei der Anwendung dieser bildge- Die MRT beruht auf der Beobachtung von Radiofrequenz-
benden Verfahren auf Labortiere erzielt werden. Stimu- signalen, die von den Atomkernen vieler Elemente abge-
liert wurde diese Entwicklung durch die Fortschritte be- strahlt werden, wenn sie sich in einem starken Magnetfeld
sonders in der Neurogenetik. So gibt es heute eine Viel- befinden und mit einem kurzen Hochfrequenzpuls (UKW-
zahl genetisch modifizierter Mausstämme für die Bereich) angeregt werden. Die meisten Anwendungen der
unterschiedlichsten Erkrankungen des Menschen. MRT verwenden die Kerne des Wasserstoffs (Protonen),
Bei der In-vivo-Bildgebung am Gehirn der Maus be- da er – in Wasser und Fetten gebunden – in hoher Kon-
steht die besondere technische Herausforderung in der zentration in fast allen Geweben vorhanden ist.
Kleinheit des Untersuchungsobjekts, die das zeitliche und Eine Stärke der MRT liegt in der Vielfalt der Gewebe-
räumliche Auflösungsvermögen einschränken. Typische eigenschaften, die das gemessene Signal beeinflussen. Die
Abmessungen eines Mäusehirns sind: zum Teil deutliche Kontrastierung der verschiedenen Ge-
 Länge 14 mm, webearten beruht vorrangig auf Konzentrationsunter-
 Breite 9 mm, schieden der Protonen (»Spindichte«) und unterschied-
6  Höhe 6 mm. lichen Relaxationszeiten (T1 und T2) in verschiedenen
Geweben. Daneben stehen Verfahren zur Verfügung, die
Techniken, die ionisierende Strahlung oder spezielle ra- sensitiv gegenüber Blutfluss und Sauerstoffgehalt (Angio-
dioaktive Substanzen benötigen, verfügen zwar über eine graphie, funktionelle MRT), Diffusionsprozessen oder
gute zeitliche Auflösung, haben aber – mit Ausnahme der dem Gehalt von Makromolekülen sind. Durch die ent-
CT – physikalisch bedingt nur eine unzureichende räum- sprechende Wahl geeigneter Messparameter kann das
liche Auflösung. Dagegen können relevante Hirnstruktu- gemessene Signal verschieden stark betont und »gewich-
ren der Maus mithilfe der MRT dargestellt werden. Die tet« werden; es können also gezielt einzelne dieser Eigen-
Aufnahme eines geeigneten dreidimensionalen MRT-Da- schaften »abgebildet« werden. Damit ermöglicht die MRT
tensatzes mit entsprechender Auflösung (etwa 0,1 mm in die quantitative Darstellung und Lokalisierung anato-
den drei Raumrichtungen) dauert etwa 1,5 h. Ein weiterer mischer Strukturen, struktureller oder pathologischer
Vorteil ergibt sich aus der Möglichkeit, aus diesem Daten- Veränderungen sowie physiologischer und funktioneller
satz Schnittbilder in beliebiger Orientierung rekonstruie- Eigenschaften (Frahm 2000).
ren zu können. Daher soll im Folgenden auf einige neue Deutliche neuroanatomische Unterschiede zwischen
Aspekte der MRT eingegangen werden. zwei Mausstämmen zeigt ⊡ Abb. 6.8. Das T1-gewichtete

a b

⊡ Abb. 6.8. Neuroanatomische Unterschiede zwischen verschiedenen lich größer als bei der BALB/c-Maus (schwarze Pfeile). 1 Laterales
Mausstämmen. 3D-MRT des Gehirns einer C57BL/6J-Maus (a) und einer Septum, 2 Fimbria hippocampi, 3 Nucleus habenulae, 4 Hippokampus,
BALB/c-Maus (b) in vivo. Die Bilder entsprechen einer horizontalen 5 Windungen des Kleinhirns. (Mod. nach Natt et al. 2002)
Schnittführung. Bei der C57BL/6J-Maus sind die Lateralventrikel deut-
6.12 · In-vivo-Bildgebung
101 6

Schnittbild des Gehirns einer C57BL/6J-Maus ist in aufgrund ihrer paramagnetischen Eigenschaften die Re-
⊡ Abb. 6.8a dargestellt. Verglichen mit BALB/c-Mäusen laxationszeit T1 stark verkürzen, sodass in T1-gewichte-
(⊡ Abb. 6.8b) haben C57BL/6J-Mäuse größere Ventrikel. ten Schnittbildern das mit Mn2+ angereicherte Gewebe
Das Beispiel demonstriert, dass neben der Zuordnung von besonders hell zur Darstellung kommt. Dieses Prinzip
Strukturen auch volumetrische Untersuchungen wie die kann zur Darstellung der Projektionen von der Retina in
Ermittlung der Größe der Liquorräume möglich sind. das Gehirn der Maus benutzt werden (Übersicht bei
Eine weitere Anwendungsmöglichkeit liegt in der Watanabe et al. 2004; ⊡ Abb. 6.9).
Darstellung funktionaler Projektionen. Hierbei wird der Zunehmend gewinnt die lokalisierte Protonen-MR-
axonale Transport von Ionen genutzt. So können Man- Spektroskopie im Gehirn der Maus an Bedeutung. Sie
ganionen (Mn2+) analog zu Calciumionen (Ca2+) von liefert detaillierte Informationen über den Hirnstoff-
Neuronen aufgenommen und entlang von Axonen trans- wechsel (Schwarcz et al. 2003). Die spektroskopische
portiert werden. Für die MRT ist wichtig, dass Mn2+-Ionen Messung erlaubt die Bestimmung der intrazellulären

⊡ Abb. 6.9. Hochauflösendes T1-gewichtetes 3D-MRT des Gehirns 2 linker Nervus opticus, 3 Chiasma opticum, 4 rechter Tractus opticus,
einer Maus in vivo, die das verstärkte Signal der Sehbahn 20 h nach 5 rechtes Corpus geniculatum laterale, 6 rechter Colliculus superior.
Applikation von Mn2+-Ionen in das linke Auge zeigt. 1 linke Retina, (Mod. nach Natt et al. 2002)
102 Kapitel 6 · Verhaltenspharmakologie

Konzentrationen wichtiger Metabolite (⊡ Abb. 6.10), bei- Literatur


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7

7 Genetisch veränderte Tiere


Ralf Kühn und Wolfgang Wurst

7.1 Inzuchtstämme und selektives Züchten – 106 7.5 ENU-Mutagenese – 118


7.1.1 Standardinzuchtstämme – 106 7.5.1 Auswirkungen von ENU – 118
7.1.2 SSLP-Marker und QTL-Analysen – 107 7.5.2 Durchführung – 119
7.1.3 Selektive Zucht – 107 7.5.3 Komplementationsanalyse
und Identifizierung der Kandidatengene – 119
7.2 Transgene Mäuse – 108
7.2.1 Transgentechnologie – 108 7.6 Virale Vektoren – 120
7.2.2 Transgenkonstrukte – 109 7.6.1 AAV- und LV-Vektorsysteme – 120
7.2.3 Induzierbare Transgene – 110 7.6.2 Produktion viraler Vektoren – 121
7.2.4 Herstellung transgener Mäuse – 110 7.6.3 Bisherige Ergebnisse – 121
7.2.5 Transgene Mäuse als Krankheitsmodelle – 111
7.7 Antisense-Inhibition
7.3 Gezielte Gendeletion und Geninsertion und RNA-Interferenz – 121
(Knock-out/Knock-in) – 112 7.7.1 Antisense-Oligonukleotide – 121
7.3.1 Knock-out- und Knock-in-Mäuse – 113 7.7.2 Reichweite der Antisense-Technik – 122
7.3.2 Konditionale Knock-out-Mäuse – 114 7.7.3 RNA-Interferenz – 122
7.3.3 Knock-out-Mausmodelle – 115 Literatur – 123

7.4 Gene-trap-Mutagenese – 117


106 Kapitel 7 · Genetisch veränderte Tiere

7.1 Inzuchtstämme und selektives tausend Stämmen liegt und auf die sich die meisten aktu-
Züchten ellen Forschungsarbeiten beziehen.

Die als Labormäuse verwendeten Mausstämme stellen


genetisch ein Gemisch aus den verschiedenen Subspezies 7.1.1 Standardinzuchtstämme
domesticus, musculus und castaneus der Hausmaus Mus
musculus dar. Der Ursprung der klassischen Inzucht- Der größte Teil dieser Forschungsarbeiten basiert auf ca.
stämme liegt in der frühen Mausgenetik, als W. Castle ab 15 Standardinzuchtstämmen wie z. B. Balb/c, C3H/He,
1909 in Harvard begann, aus als Haustiere gehaltenen C57BL/6, CBA/Ca, DBA/2 oder 129Sv mit ihren jeweiligen
Mäusen durch selektive Zucht genetisch uniforme Stäm- charakteristischen biologischen Eigenschaften. Da ein bei
me zu entwickeln. Zur Etablierung eines Inzuchtstamms verschiedenen Züchtern propagierter Inzuchtstamm im
werden die Nachkommen eines Zuchtpaars in aufeinan- Lauf der Generationen einer gewissen genetischen Drift
derfolgenden Bruder-Schwester-Verpaarungen mitein- unterliegen kann, wird zur exakten Bezeichnung dem Na-
ander gekreuzt. Durch Inzucht erhöht sich in jeder Gene- men eines verwendeten Inzuchtstamms noch ein züchter-
ration die Wahrscheinlichkeit, dass ein genetischer Locus spezifisches Kürzel angefügt, z. B. »J« für die vom Jackson
homozygot und somit eines der im ersten Zuchtpaar vor- Laboratory stammenden Linien. Trotz der häufigen Ver-
liegenden Allele dieses Locus in der Zuchtpopulation fi- wendung von Standardstämmen gibt es bisher keine um-
7 xiert wird. Nach 20 Generationen erreicht eine derartige fassende Übersicht hinsichtlich der wichtigsten biolo-
Zucht einen Grad genetischer Homogenität von ca. 99% gischen Grundparameter dieser Inzuchtstämme. Ein
und wird als Inzuchtstamm bezeichnet (Silver 1995). Jeder hierauf abzielendes Vorhaben, das Mouse Phenome Pro-
Inzuchtstamm stellt eine fixierte Kombination bestimm- ject, wird seit dem Jahr 2000 vom Jackson Laboratory
ter, in allen Tieren dieses Stammes homozygot vorlie- koordiniert. In dem verwandten europäischen Eumor-
gender Allele der ca. 30.000 im Mausgenom vorhandenen phia-Projekt werden u. a. einheitliche Richtlinien für Phä-
Gene dar. In den letzten Jahrzehnten sind mehrere hun- notypisierungsverfahren erarbeitet (www.eumorphia.
dert Inzuchtstämme entwickelt worden (Lyon u. Searle org).
1989), die zum Großteil bei der weltweit umfangreichsten In Bezug auf das Angst-, Lern- oder Aktivitätsverhal-
Stammkollektion des Jackson Laboratory (Bar Harbour, ten liegen Einzeluntersuchungen vor, die den Anteil an
USA) erhältlich sind (www.jax.org). Durch die jeweils ein- genetischer Determination beim Verhalten verschiedener
zigartigen Allelkombinationen differieren die verschie- Inzuchtstämme aufgezeigt haben (Belzung u. Griebel
denen Inzuchtstämme in ihren biologischen Eigen- 2001). Dabei sind diese Verhaltensuntersuchungen an
schaften, wie z. B. Lebensdauer, Fertilität, Metabolismus Mäusen zurzeit schwer vergleichbar, weil in jedem Labor
oder Verhalten, ähnlich wie die Individuen einer Aus- unterschiedliche Versuchsaufbauten verwendet werden
zuchtpopulation. Der Vorteil bei der Verwendung von und weil unterschiedliche Umgebungsfaktoren bestimm-
Inzuchtstämmen liegt darin, dass die Tiere eines Inzucht- te Verhalten beeinflussen können. Bei induzierten Mu-
stamms nur eine sehr geringe Varianz aufweisen, sodass tanten ist ferner zu berücksichtigen, dass verschiedene
der Einfluss eines Eingriffs (z. B. Knock-out eines Gens) Erzeugungsmethoden aus technischen Gründen fast im-
auf einen bestimmten Untersuchungsparameter genau mer nur mit wenigen bestimmten Inzucht- oder Hybrid-
bestimmt werden kann. stämmen durchführbar sind. So werden transgene Mäuse
Bei der fortlaufenden Zucht von Inzuchtmäusen fal- ( 7.2) in der Regel auf einem gemischten Hybridhinter-
len abweichende Individuen, bei denen ein Genlocus grund, Knock-out-Mäuse auf dem Hintergrund eines
durch ein spontanes Mutationsereignis verändert wurde, »129«-Stamms ( 7.3) und ENU-induzierte Mutanten
leicht auf. Durch die systematische Aussonderung und ( 7.5) häufig auf dem Hintergrund des C3H-Stamms
Vermehrung derartiger Varianten sind v. a. am Jackson etabliert. Transgene und Knock-out-Mäuse werden nach
Laboratory mehrere hundert »klassische« Mutanten- der Etablierung meist auf den Hintergrund des am häu-
stämme isoliert worden, die in der Arbeit von Lyon und figsten verwendeten Standardinzuchtstamms, C57BL/6,
Searle (1989) katalogisiert sind. Bei vielen dieser Mutan- rückgekreuzt.
ten sind inzwischen die von der Mutation betroffenen Der genetische Hintergrund, in dem sich ein bestimm-
Gene isoliert worden; dies führte zu interessanten Auf- tes mutiertes Gen befindet, kann aufgrund der Wechsel-
schlüssen über den Zusammenhang von Genotyp und wirkung mit verschiedenen Allelen anderer Gene zu einer
Phänotyp. Durch die Ausarbeitung neuer Methoden zur unterschiedlich starken Beeinflussung des Phänotyps der
induzierten Mutagenese, wie des gezielten Knock-out Mutante führen. Untersuchungen zeigen, dass die von
( 7.3), der Gene-trap- ( 7.4) oder der Ethylnitrosoharn genetischem Hintergrund und Umgebungsfaktoren aus-
stoff(ENU)-Mutagenese ( 7.5), wurde es während der gehenden Einflüsse das Verhalten von Versuchstieren
letzten Dekade möglich, eine weit größere Mutantenres- stärker beeinflussen können als eine bestimmte gene-
source zu erzeugen, die zurzeit im Bereich von mehreren tische Veränderung (Wolfer u. Lipp 2000). Nur in weni-
7.1 · Inzuchtstämme und selektives Züchten
107 7

gen Fällen handelt es sich bei den genetischen Modifika- 7.1.2 SSLP-Marker und QTL-Analysen
toren (modifiers) um einzelne Gene, deren Identität durch
genetische Kartierung zielgerichtet aufgeklärt werden Das Genom der Maus enthält zahlreiche Sequenzab-
kann, wie es z. B. bei dem für eine Phospholipase ko- schnitte, deren Länge in den verschiedenen Inzuchtstäm-
dierenden mom1(modifier of min-1)-Modifikatorallel mit men um wenige Basenpaare variieren kann. Über 6000
starken Einfluss auf die Entstehung von Darmtumoren dieser als SSLP (simple sequence length polymorphism)
bei der APCMin-Mausmutante gelungen ist (MacPhee et al. bzw. als Mikrosatelliten bezeichneten genetischen Marker
1995). sind beschrieben und in ihrer chromosomalen Position
kartiert worden. Der Nachweis der SSLP-Marker erfolgt
Erzeugung kongener Stämme durch PCR-Amplifikation mit sequenzspezifischen
Werden Angehörige zweier Inzuchtstämme miteinander Primerpaaren, bei der ein DNA-Fragment charakteristi-
verpaart, entstehen in der ersten Generation F1-Hybriden, scher Länge entsteht.
die je einen haploiden Chromosomensatz von jedem Pa- Zur Unterscheidung von Chromosomenabschnitten
rentalstamm enthalten. Wie Inzuchttiere sind F1-Hybri- verschiedener Inzuchtstämme stehen jeweils ca. 200 un-
den genetisch und phänotypisch einheitlich, weisen aber terschiedliche, über das Genom verteilte SSLP-Marker
ein hohes Maß an Heterozygosität auf, das zu hoher Via- mit einer mittleren Distanz von 6,8 cM zur Verfügung.
bilität und Fertilität führt (hybrid vigour). Werden F1-Hy- Diese Kollektion genetischer Marker ermöglicht die Kar-
briden wieder mit einem der Parentalstämme rückge- tierung und relative Gewichtung verschiedener Genloci,
kreuzt, ist es möglich, einen spezifischen Genlocus von die eine biologische Eigenschaft beeinflussen, durch
einem Inzuchtstamm (Donor) in den genetischen Hinter- QTL(quantitative trait locus)-Analyse (Belknap et al.
grund des zweiten Stamms (Rezipient) zu übertragen, um 2001). Bei der QTL-Analyse werden Nachkommen einer
die biologische Wechselwirkung dieses Gens mit dem Re- Kreuzung von zwei Mausstämmen (z. B. F2-Hybriden)
zipientengenom zu testen. Zur Erzeugung eines solchen phänotypisch auf eine zwischen den Stämmen variieren-
kongenen Stamms müssen die Nachkommen jeder Rück- de biologische Eigenschaft sowie genotypisch mit einem
kreuzung hinsichtlich des Vorliegens des Donorlocus ty- Satz von SSLP-Markern untersucht. Diese Daten werden
pisiert und positive Nachkommen wieder mit dem Rezi- mithilfe statistischer Methoden auf Phänotyp-Genotyp-
pientenstamm gekreuzt werden. Nach zehn Rückkreu- Korrelationen hin untersucht und gewichtet.
zungen ist das Donorgenom in einem kongenen Stamm Aufgrund der relativ geringen Auflösung der Marker
bis auf einen Restanteil von ca. 0,2% ausverdünnt, abge- können mit der QTL-Analyse allerdings nicht direkt Ein-
sehen von dem in direkter Nähe des interessierenden Do- zelgene, sondern vielmehr bestimmte Chromosomenab-
norlocus gelegenen Chromosomenabschnitts, der mit schnitte, die in der Regel zahlreiche Gene enthalten, iden-
einer mittleren Größe von 20 cM (Zentimorgan) noch ca. tifiziert werden. Einen Überblick über die Verwendung
1% des Donorgenoms umfasst (Silver 1995). der QTL-Analyse zur Kartierung polymorpher Loci, die
das Verhalten von Mäusen beeinflussen, gibt die Arbeit
Rekombinante Inzuchtstämme von Flint (2003). Durch die vollständige Entschlüsselung
Werden jedoch F1-Hybriden zweier Inzuchtstämme wei- des Mausgenoms sind neuerdings genetische Analysen
ter untereinander verpaart und nicht rückgekreuzt, füh- wesentlich vereinfacht worden, da alle Gene und gene-
ren zufällige Segregation und unabhängige Vererbung tischen Marker in ihrer Sequenz und Position genau be-
heterozygoter Loci zu Nachkommen der F2-Hybridgene- kannt sind und mit dem menschlichen Genom verglichen
ration, bei denen jedes Individuum eine unterschiedliche werden können. Dies ermöglicht u. a. den einfachen Ab-
Mosaikverteilung der beiden Inzuchtgenome besitzt. Bei gleich von Chromosomenabschnitten, die durch QTL-
nachfolgender Inzucht dieser F2-Hybriden innerhalb aus- Analyse von Mausstämmen bzw. menschlichen Popula-
gewählter Familien ist es möglich, die Mosaikverteilung tionen gewonnen wurden, und damit die Identifikation
nach 20 Generationen genetisch zu fixieren, sodass aus von Genen, die in beiden Spezies bestimmte biologische
jeder Familie ein neuer Inzuchtstamm entsteht, in dem Eigenschaften in ähnlicher Weise regulieren.
unterschiedliche Chromosomenabschnitte der beiden
Parentalstämme homozygot enthalten sind. Derartige
Gruppen rekombinanter Inzuchtstämme können für die 7.1.3 Selektive Zucht
chromosomale Kartierung von Genen (z. B. von Modifi-
katoren), die den Parentalstämmen unterschiedliche bio- Zur Untersuchung der genetischen Grundlagen biolo-
logische Eigenschaften verleihen, verwendet werden. gischer Eigenschaften kann neben der Generierung von
Durch den Vergleich von Verhaltenspräferenzen mit ge- Inzuchtstämmen auch das Verfahren der selektiven Zucht
netischen Markern konnten in rekombinanten Inzucht- angewendet werden. Hierzu werden diejenigen Tiere
stämmen z. B. Genloci, die das Aktivitätsverhalten einer Population, die eine bestimmte, für die experimen-
(Plomin et al. 1991) modifizieren, kartiert werden. telle Fragestellung interessante Eigenschaft aufweisen,
108 Kapitel 7 · Genetisch veränderte Tiere

selektiv miteinander verpaart. Nach zahlreichen Genera- 7.2.1 Transgentechnologie


tionen selektiver Zucht sind die dieser Eigenschaft zu-
grunde liegenden Gene in der Population fixiert und Die Herstellung transgener Mäuse erfolgt durch Mikroin-
liegen in allen Nachkommen vor. Selektiv gezüchtete jektion des Genkonstrukts als gelöstes DNA-Fragment in
Maus- und Rattenstämme wurden insbesondere in der die Vorkerne befruchteter Eizellen (Nagy et al. 2002). In
Alkoholismusforschung im Hinblick auf starke oder jedem transgenen Embryo integriert sich das injizierte
schwache Alkoholpräferenz, Alkoholtoleranz oder Ent- DNA-Fragment in variabler Kopienzahl in Zufallsposi-
zugssymptome entwickelt (Crabbe 2002) und mit der tionen; dieser Embryo wird zu einem neu erzeugten trans-
QTL-Analysemethode untersucht. Interessanterweise genen Gründertier (founder). Ausgehend von mehreren
wurde hierbei festgestellt, dass sich selektierte Stämme Founder-Tieren können dann durch Verpaarung dieser
auch in nichtselektierten Eigenschaften unterscheiden Tiere mit Wildtypmäusen transgene Mausstämme für ei-
können, sodass auf eine genetische Kodetermination nen definierten Expressionsvektor etabliert werden.
durch eine pleiotrop wirkende Gruppe von Genen ge- Die Transgentechnologie wird seit 1982 systematisch
schlossen werden kann. So weisen Mausstämme, die star- zur Untersuchung von Genfunktionen verwendet und er-
ke Alkoholentzugssymptome zeigen, eine schwache Al- möglichte als erste Routinetechnik die Veränderung des
koholpräferenz auf, Stämme mit starker Alkoholpräfe- Mausgenoms auf molekularbiologischer Grundlage. Das
renz zeigen umgekehrt nur schwache Entzugssymptome. Ziel bei der Erzeugung transgener Mäuse besteht im Re-
7 Die Identifikation der diesen Eigenschaften zugrunde lie- gelfall darin, die biologische Funktion des vom Transgen
genden Gene kann durch die Kombination verschiedener kodierten Proteins in einem bestimmten Zelltyp oder Or-
genetischer Zuchtstämme und Zuchtverfahren wesent- gan von Mäusen zu untersuchen, die ansonsten ein un-
lich vereinfacht werden. verändertes Genom besitzen. Diese Vorgehensweise führt
Zur Kartierung von drei QTL-Regionen, die die unter- immer dann zu eindeutigen Ergebnissen, wenn das neue
schiedliche Stärke von Entzugssymptomen bei den In- Protein über eine dominante Funktion verfügt, die von
zuchtstämmen C57BL/6 und DBA/2 bestimmen, wurden keinem der körpereigenen Proteine erfüllt wird (gain of
z. B. rekombinante Inzuchtstämme, F2-Hybriden und function). Krankheiten, die durch dominant wirkende,
hieraus selektierte Linien verwendet. Die weitere Unter- veränderte Proteine ausgelöst werden, können charakte-
suchung einer QTL-Region auf Chromosom 4 erfolgte risiert werden durch die Einführung von DNA-Frag-
durch kongene Stämme, die mit dem C57BL/6-Stamm menten in das Versuchstier, die diese Proteine kodieren,
rückgekreuzt wurden. Hierdurch konnte die dem Phäno- auch wenn im Organismus die unveränderte Normalform
typ zugrunde liegende Region auf einen Bereich von we- noch gebildet wird. So konnten z. B. mithilfe transgener
niger als 20 Genen eingeengt werden: Eines dieser Gene Mäuse, die veränderte Formen des humanen Amyloid-
(mpzd) weist als wahrscheinlichstes Kandidatengen zahl- Vorläuferproteins (amyloid precursor protein, APP) im
reiche Sequenzunterschiede beim Vergleich der C57BL/6- Gehirn exprimieren, ein Mechanismus zur Entstehung
und DBA/2-Inzuchtstämme auf (Fehr et al. 2002). von Amyloid-Plaques bei der Alzheimer-Krankheit im
Tiermodell aufgeklärt werden (Bornemann u. Staufenbiel
2000).
7.2 Transgene Mäuse Umgekehrt kann mit dem Verfahren des transgenic
rescue auch die Normalform eines Gens in eine Mausmu-
Als transgen werden Mäuse bezeichnet, bei denen defi- tante, die eine Krankheit entwickelt, eingeführt werden
nierte Genkonstrukte – so genannte Transgene – als zu- (Heintz 2001). Liegt der Mutante eine defekte Form des
sätzliche Erbinformation stabil in das Genom integriert eingeführten Gens, die zu Funktionsverlust führt, zu-
sind. Als neuer Teil des Genoms werden solche Transgene grunde, kommt es durch die Einführung des normalen
über die Keimbahn an die Nachkommen weitervererbt. Gens in den transgenen Tieren zur Rettung des Phänotyps
Meist wird der Begriff transgen zur Bezeichnung von und zur Heilung des Gendefekts. Mit diesem Verfahren
Stämmen verwendet, bei denen ein Genkonstrukt an ei- wurde z. B. clock als auslösendes Gen einer zirkadianen
ner nicht vorherbestimmten Position des Genoms inte- Rhythmusstörung identifiziert.
griert ist. Hiervon zu unterscheiden sind Knock-in-Mäuse, Eine weitere Möglichkeit zur Charakterisierung von
bei denen ein bestimmtes Segment eines chromosomalen Genfunktionen, insbesondere während der Embryonal-
Gens durch homologe Rekombination in embryonalen entwicklung, ist die Fehlexpression (ektopische Expressi-
Stammzellen (ES-Zellen) an einem definierten Ort im Ge- on) eines regulatorischen Proteins in Zellen, in denen
nom gegen ein anderes Segment ausgetauscht wird dieses Gen normalerweise nicht aktiv ist. Dies kann in den
( 7.3.1). transgenen Tieren zu einem Phänotyp führen, der Rück-
schlüsse über die Genfunktion ermöglicht.
7.2 · Transgene Mäuse
109 7
7.2.2 Transgenkonstrukte die ein bestimmtes Transgenkonstrukt enthalten, weisen
daher meist ein variables Expressionsmuster des Trans-
Ein vollständiges Transgenkonstrukt muss zumindest gens auf.
drei Grundelemente enthalten, die für die Funktion eines
proteinkodierenden Gens essenziell sind (Nagy et al. Erzeugung definierter Expressionsmuster
2002): Um eine transgene Linie mit einem gewünschten Expres-
1. Die regulatorische Promotorregion dient als Bin- sionsmuster zu erhalten, ist es daher essenziell, mit dem
dungsstelle für den RNA-Polymerase-Komplex und entsprechenden Transgenkonstrukt mehrere Stämme zu
bestimmt das Expressionsmuster und die Expressi- etablieren und in diesen die Expression des Transgens zu
onshöhe der mRNA eines Transgens. charakterisieren. Aufgrund der variablen Expression von
2. Der proteinkodierende Abschnitt des Transgens wird Transgenen werden zur Erzeugung von definierten Ex-
von der Promoterregion ausgehend in eine mRNA pressionsmustern zunehmend auch Knock-in-Mäuse ver-
transkribiert und umfasst das Leseraster für ein Pro- wendet. Hierbei wird z. B. ein Teil der kodierenden Regi-
tein, dessen Translation an Ribosomen mit einem on eines chromosomalen Gens durch homologe Rekom-
Startkodon (ATG) beginnt und einem der drei Stopco- bination gegen ein verändertes Segment dieses Gens
dons (UAA, UGA, UAG) endet. ausgetauscht. Der Vorteil dieser Methodik liegt darin,
3. Es muss der kodierenden Region des Transgens eine dass alle regulatorischen Elemente des verwendeten Gens
Signalsequenz zur Polyadenylierung folgen, an der unverändert funktional sind und die Expression des ver-
die Transkription der mRNA endet und diese mit ei- änderten Gens dem Wildtypmuster entspricht ( 7.3).
ner Kette von ca. 200 Adenosinresten (polyA, pA) Viele Promotorregionen sind nur in bestimmten Zell-
verknüpft wird. Die Poly-A-Sequenz erhöht die Stabi- typen und Entwicklungsphasen aktiv. Zur spezifischen
lität der mRNA und wird zudem für deren Export vom Expression von Transgenen in Neuronen des Zentral-
Zellkern in das Zytoplasma benötigt, wo die Transla- nervensystems werden häufig die Promotorregionen des
tion des Proteins stattfindet. prp-, nse- oder thy1-Gens bzw. des camKII-α-Gens (spezi-
fisch in Neuronen des Vorderhirns exprimiert) eingesetzt.
Herstellung Spezifisch für Schwann-Zellen und Astrozyten sind die
Zur Herstellung eines Transgenkonstrukts werden ver- Promotoren des p0- bzw. gfap-Gens.
schiedene DNA-Fragmente, die zusammen die drei o. g.
Grundelemente enthalten, in einem Plasmidvektor durch BAC-Vektoren
molekularbiologische Klonierungsmethoden zusammen- Seit mehreren Jahren wird zunehmend ein zweiter Typus
gefügt. Dann wird der Vektor in Bakterien vermehrt. Die von Transgenkonstrukten verwendet, der auf speziellen
üblicherweise verwendeten Plasmidvektoren können ein Plasmidvektoren beruht, mit denen Fragmente bis zu ei-
Transgenkonstrukt von bis zu ca. 15.000 Basenpaaren ner Größe von ca. 200 kb in Bakterien vermehrt werden
(15 kb) stabil tragen. Da chromosomale Gene aufgrund können (Heintz 2001). Mit diesen als BAC (bacterial arti-
langer Intronregionen die Größe von 15 kb oft überschrei- ficial chromosomes) bezeichneten Vektoren können Ge-
ten, wird als kodierende DNA meist komplementäre DNA nomsegmente gehandhabt werden, die meist ein kom-
(cDNA) integriert. Diese cDNA wird aus der mRNA eines plettes chromosomales Gen inklusive der regulatorischen
Gens, in der keine Intronsequenzen mehr enthalten sind, Elemente und der Intronregionen enthalten. Mithilfe ei-
durch reverse Transkription erzeugt. In die kodierende ner speziellen Klonierungstechnik (ET cloning, recombi-
Region der cDNA können ferner durch Methoden der ge- neering; ET: Verwendung der bakteriellen Rekombina-
zielten Mutagenese Mutationen in das Transgen einge- tionsproteine recE und recT) kann die Sequenz von BAC-
führt werden. Da beobachtet wurde, dass die mRNA von Vektoren gezielt verändert werden, z. B. um Mutationen
Transgenen ohne Intronregionen in Mausgeweben nur in die kodierende Region eines Gens einzuführen.
geringe Stabilität besitzt, wird in ein solches Transgen- Ein Vorteil beim Einsatz von BAC-Vektoren als Trä-
konstrukt als weiteres Element meist noch eine kurze ger für Transgenkonstrukte liegt in der geringen Beein-
Intronregion an einem der cDNA-Enden eingefügt. Als flussbarkeit ihrer Expressionseigenschaften durch unter-
Promotorregionen werden in Transgenen Segmente schiedliche chromosomale Integrationsstellen. Aufgrund
chromosomaler Gene verwendet, deren Expressionsmus- ihrer Größe sind diese Vektoren allerdings fragiler und
ter und Aktivität genau bekannt ist. schwieriger zu handhaben als Standardplasmide. In
Aufgrund der Größenbeschränkung von Plasmidvek- transgenen Mäusen werden BAC-Vektoren oft dazu ver-
toren enthalten diese 1–10 kb großen Promotorfragmente wendet, die Rolle eines in einer Mausmutante als defekt
zwar einen wichtigen Teil, aber nicht immer die vollstän- charakterisierten Gens eindeutig zu verifizieren. Rever-
dige regulatorische Region eines Gens. Die Expression tiert nämlich ein BAC-Vektor mit dem Wildtypallel eines
eines Transgens wird daher stark durch die individuelle solchen Kandidatengens den Phänotyp der Mutante, wird
genomische Integrationsstelle beeinflusst. Mausstämme, hierdurch das betroffene Gen eindeutig identifiziert. Das
110 Kapitel 7 · Genetisch veränderte Tiere

Genom der Maus ist als BAC-Klonbibliothek vom Deut- mer mit hoher Affinität an eine 19 Basenpaare lange Se-
schen Ressourcenzentrum für Genomforschung (RZPD) quenz des Tet-Operators bindet. Nach Zugabe von Tetra-
in Berlin erhältlich. oder Doxyzyklin durchläuft die Tet-Repressordomäne
eine Konformationsänderung, die zur Ablösung des Fusi-
onsproteins von der Tet-Operator-DNA führt. Die zweite
7.2.3 Induzierbare Transgene Komponente des Tet-Systems, der Ptet-Promotor, wurde
mit mehreren Tet-Operatorelementen verbunden. Der
Die Promotorregionen von Säugetiergenen sind so aufge- Ptet-Promotor wird in tTA-exprimierenden Zellen durch
baut, dass sie von spezifischen Transkriptionsfaktoren Bindung des VP16-Fusionsproteins an die tet-Operator-
aktiviert werden, die in bestimmten Zelltypen und Ent- sequenzen stark aktiviert, sodass ein dem Promotor
wicklungsstadien vorkommen. Diese vorprogrammier- nachgeschaltetes cDNA-Transgen in eine mRNA trans-
ten Expressionseigenschaften können von außen nicht kribiert wird. Nach Zugabe von Tetra- oder Doxyzyklin
experimentell beeinflusst oder gesteuert werden. Promo- wird die Aktivierung des Ptet-Promotors unterbrochen
toren, die durch niedermolekulare Substanzen gut indu- und das Transgen abgeschaltet. In einer modifizierten
ziert werden können, sind bei Säugern nicht bekannt. Um Version, dem reversen Tet-System, werden mutierte Tet-
die Expression eines Transgens durch Aktivierung oder Repressordomänen mit umgekehrten DNA-Bindungsei-
Inhibierung der Promotorregion zu einem selbst gewähl- genschaften (rtTA, rtTA2S-M2) eingesetzt, um die vom
7 ten Zeitpunkt ein- oder ausschalten zu können, entwickel- Ptet-Promotor ausgehende Genexpression durch Doxy-
ten Bujard und Mitarbeiter ein artifizielles Genexpressi- zyklin induzieren zu können.
onssystem, das auf dem in Bakterien vorkommenden te- Zur Anwendung in Mäusen müssen die beiden vek-
trazyklinregulierten Operon basiert (Mansuy u. Bujard torbasierten Komponenten des Tet-Systems zunächst
2000). Dieses tetrazyklinregulierte Expressionssystem unabhängig voneinander in transgene Stämme einge-
(Tet-System) umfasst zwei Komponenten, die von zwei bracht werden. Durch Verpaarung von tTA- oder rtTA-
verschiedenen Vektoren kodiert werden (⊡ Abb. 7.1): transgenen Mäusen mit Ptet-Stämmen resultieren dop-
 den Tetrazyklintransaktivator (tTA) und pelt transgene Mäuse, in denen die Transgenexpression
 den Ptet-Promotor, einen stark verkürzten viralen durch Doxyzyklinzugabe in das Trinkwasser inhibiert
Promotor mit minimaler Transkriptionsaktivität. (tTA) bzw. induziert (rtTA) werden kann (⊡ Abb. 7.1). Die
Expression des tTA- oder rtTA-Proteins in transgenen
Das Tet-System Mäusen kann von zelltypspezifischen Promotoren aus
Die tTA-Komponente ist ein Fusionsprotein des bakteri- erfolgen. Es sind über 20 tTA- und rtTA-transgene Stäm-
ellen Tet-Repressors mit der carboxyterminalen Domäne me beschrieben worden, die durch Kreuzung mit spezi-
des Herpes-simplex-VP16-Proteins, die als starker Trans- fischen Ptet-Stämmen generell verwendbar sind.
kriptionsaktivator wirkt. Die Tet-Repressordomäne des Das Tet-System wurde u. a. erfolgreich eingesetzt, um
tTA-Proteins ist ein DNA-bindendes Protein, das als Di- mutierte, dominant negativ wirkende oder konstitutiv
aktive Signaltransduktionsproteine in Neuronen des Vor-
derhirns induzierbar zu exprimieren. Untersuchungen
mit Ptet-CamKII-α- oder Ptet-Calcineurin-transgenen
Mäusen zeigten die Beteiligung dieser Proteine an den
Signaltransduktionsprozessen zur Bildung des Langzeit-
gedächtnisses (Mansuy et al. 1998). Ein Modell der Hun-
tington-Krankheit durch Induktion einer mutierten Form
von Huntingtin, dem Huntington-Protein, mithilfe des
Tet-Systems wurde von Yamamoto et al. (2000) beschrie-
ben.

7.2.4 Herstellung transgener Mäuse

Transgene Mäuse werden durch Mikroinjektion des line-


⊡ Abb. 7.1. Das Tetrazyklin(Tet)-Genexpressionssystem. tTA Tetrazyklin arisierten, gelösten Transgenfragments in die Vorkerne
transaktivator, tetR Tet-Repressor, VP16 Herpes-simplex-VP16-Protein, befruchteter Eizellen hergestellt (⊡ Abb. 7.2) (Nagy et al.
tetO Tet-Operator, Pmin Minimalpromoter. Unten: reverses System mit
2003). Um die Kointegration bakterieller DNA-Sequen-
Induktion durch Doxyzyklin (Dox). rtTA mutiertes Tet mit umgekehrten
DNA-Bindungseigenschaften, rtetR reverser tet-Repressor, Pmin stark
zen zu vermeiden, wird das Transgenfragment zuvor vom
verkürzter viraler Promotor mit minimaler Transkriptionsaktivität, ver- Plasmidvektor abgetrennt und gereinigt. Die Transgen-
bunden mit mehreren Tet-Operatorelementen fragmentlösung wird dann in eine Mikroinjektionskapil-
7.2 · Transgene Mäuse
111 7

lare gefüllt und ein Volumen von ca. einem Picoliter in führt oft zu starker Variabilität des Genexpressionsmus-
einen der beiden Vorkerne einer befruchteten Eizelle in- ters. Dieses muss in den einzelnen Mauslinien untersucht
jiziert. Die Injektion erfolgt unter starker Vergrößerung und verglichen werden, um einen transgenen Mausstamm
mithilfe von Mikromanipulatoren, die jeweils eine Kapil- mit den gewünschten Eigenschaften zu erhalten.
lare zum Festhalten und zur Injektion der Eizelle tragen. Die zur Mikroinjektion benötigten befruchteten Eizel-
Durch die Injektion werden ca. 1000 Kopien des Trans- len werden aus nicht geschlechtsreifen Weibchen isoliert,
genkonstrukts in einen Vorkern der Eizelle eingeführt. in denen die Ovulation durch hormonelle Stimulation in-
Ein Teil der DNA-Fragmente (1–50 Kopien) wird durch duziert wird (Superovulation). Nur bestimmte Stämme,
einen DNA-Reparaturmechanismus an einer zufallsbe- wie Hybriden aus Inzuchtmäusen (z. B. C57BL/6 x CBA),
stimmten Stelle des Genoms integriert. Insgesamt wird Auszuchtstämme (z. B. CD1) oder der Inzuchtstamm FVB
die Integrationsfrequenz des Transgenkonstrukts durch reagieren effizient auf die Hormongabe und werden rou-
die offenen, linearen Enden des DNA-Fragments stark tinemäßig zur Herstellung transgener Mäuse eingesetzt.
erhöht, sodass es in ca. 20% der injizierten Eizellen zu Die in solchem genetischem Hintergrund etablierten
einer stabilen Integration des Transgens kommt. Meist transgenen Gründertiere werden dann meist auf den für
wird eine variable Anzahl zusammengefügter Transgen- die biologischen Untersuchungen bevorzugten Hinter-
kopien in der gleichen Ausrichtung (tandem repeat) in grund rückgekreuzt. Eine Zusammenstellung von Ar-
eine einzige Position des Genoms integriert. beitsprotokollen zur Herstellung transgener Mäuse findet
Bei einem typischen Experiment werden an einem sich in Nagy et al. (2003). Kollektionen publizierter trans-
Tag ca. 300 Eizellen mit einem Transgenkonstrukt inji- gener Stämme bestehen am Jackson Laboratory (Bar Har-
ziert und die überlebenden Embryonen (50%) in das Ovi- bour, USA) und dem Archiv europäischer Mausmutanten
dukt von Ammenmüttern transferiert (⊡ Abb. 7.2). Bei (EMMA), Monterotondo, Italien.
einer Geburtenrate und Integrationsfrequenz des Trans-
genkonstrukts von jeweils 20% können unter 30 Nach-
kommen fünf transgene, sog. Gründertiere ( 7.2.1) er- 7.2.5 Transgene Mäuse
wartet werden. Nach Erreichen der Geschlechtsreife kön- als Krankheitsmodelle
nen diese durch Verpaarung vermehrt und so transgene
Mausstämme etabliert werden. Durch die Integration des Transgene und Knock-in-Mäuse eignen sich als gene-
Transgens kommt es in 10–15% der Fälle zur Insertions- tisches Krankheitsmodell für die menschlichen Erkran-
mutagenese eines Allels eines chromosomalen Gens. Aus kungen, die auf dominant wirkenden Mutationen beru-
diesem Grund werden transgene Maustämme oft in hete- hen, d. h., ein durch das mutierte Transgen kodiertes,
rozygoter Konfiguration vermehrt und untersucht. Die verändertes Protein hat einen stärkeren Einfluss auf den
Beeinflussung der im Transgenkonstrukt enthaltenen Organismus als die gleichzeitig noch vorhandene Nor-
Promotorregion durch die chromosomale Umgebung malform dieses Proteins. Zur Auslösung einer Erkran-

⊡ Abb. 7.2. Erzeugung trans-


gener Mäuse durch Pronukleus-
injektion. pA Signalsequenz zur
Polyadenylierung
112 Kapitel 7 · Genetisch veränderte Tiere

kung kommt es daher bereits dann, wenn im Genom nur modifiziert wurde, dass kein funktionales Protein mehr
ein Allel des entsprechenden Gens mutiert ist. Der über- gebildet werden kann (Capecchi 1989). Eine Knock-out-
wiegende Teil genetischer Erkrankungen beruht aller- Mutation liegt im Genom aller somatischen Zellen und
dings auf rezessiven Verlustmutationen und ist durch der Keimzellen vor und wird daher innerhalb eines
transgene Modelle nicht zugänglich. Jedoch haben trans- Knock-out-Stamms an die Nachkommen weitervererbt.
gene Mausmodelle zum Verständnis der dominant wir- Solche Verlustmutanten werden bezüglich ihrer biolo-
kenden krankheitsauslösenden Gene entscheidend beige- gischen Eigenschaften charakterisiert und mit Wildtyp-
tragen (Watase u. Zoghbi 2003). mäusen als Kontrollgruppe verglichen. Aus dem Phäno-
Vor allem für neurodegenerative Erkrankungen sind typ der Mutanten wird dann ein Rückschluss auf die bio-
transgene Mausmodelle erfolgreich etabliert worden. Ne- logische Funktion des veränderten Gens gezogen. Die
ben ihrer Verwendung zur Untersuchung von Krank- Knock-out-Technik ist somit methodisch der reversen
heitsentstehung eignen sich diese Mausstämme auch als Genetik zuzuordnen, bei der – von bekannten Genen
Modelle für therapeutische Interventionen. Als gene- ausgehend – gezielt nach den phänotypischen Konse-
tische Modelle der Alzheimer-Krankheit wurden zahl- quenzen spezifischer Mutationen gesucht wird. Bei der
reiche transgene Stämme generiert, die mutierte Formen hierzu komplementären Vorgehensweise der forward
des humanen APP in Neuronen überexprimieren (Borne- genetics werden nach chemischer Zufallsmutagenese
mann u. Staufenbiel 2000). Mutationen, die bei familiär (z. B. ENU-Mutagenese,  7.5) zunächst phänotypische
7 auftretendem Morbus Alzheimer identifiziert wurden, Mutanten isoliert und dann die diesen Phänotypen zu-
führen auch bei Mäusen zu ähnlichen Krankheitssymp- grunde liegenden Gene identifiziert.
tomen, wie z. B. Ablagerung von Amyloid-Plaques, Neu- Da das Genom in Mäusen nicht direkt für genetische
rodegeneration und Beeinträchtigung von Gedächtnis- Manipulationen zugänglich ist, wird die gezielte Mutage-
leistungen. nese eines Gens in Kulturen embryonaler Stammzellen
Transgene Mausmodelle sind auch erfolgreich zur (ES-Zellen) durchgeführt, aus denen wieder Mäuse etab-
Untersuchung verschiedener neurodegenerativer Erkran- liert werden können. Durch die Verfügbarkeit pluripo-
kungen eingesetzt worden, die durch die Expansion von tenter ES-Zelllinien, die die Herstellung von Knock-out-
CAG-Tripletts in der kodierenden Region bestimmter Stämmen erst ermöglichen, ist die Maus zum wichtigsten
Proteine charakterisiert sind. Die für Glutamin kodieren- genetischen Säugetiermodell geworden (Capecchi 1989).
den CAG-Tripletts führen hierbei zum Vorkommen von Funktionale ES-Zelllinien konnten nämlich bisher von
Polyglutaminsequenzen in den betroffenen Proteinen. Es keiner anderen experimentell verwendeten Säugerspezies
wird angenommen, dass diese Proteine toxische Eigen- gewonnen werden. Das Knock-out-Verfahren in ES-Zel-
schaften besitzen, die letztlich zum Verlust von Nerven- len (gene targeting) wurde 1987 von Capecchi und Mitar-
zellen führen. beitern eingeführt. Seit der Beschreibung des ersten
Als ein Modell der Huntington-Krankheit wurden Knock-out-Mausstamms im Jahr 1991 sind nach diesem
Knock-in-Mäuse generiert, die mutiertes Huntingtin ex- Verfahren ca. 3000 Stämme hergestellt worden, die in der
primieren. Ferner wurden transgene Modelle für spinoze- Mausgenom-Datenbank des Jackson Laboratory (Bar
rebellare Ataxie Typ 1 (Expression von mutiertem Ataxin) Harbour, USA) erfasst sind (www.informatics.jax.org).
und spinobulbäre Muskelatrophie (Expression von mu- Kollektionen publizierter Knock-out-Stämme bestehen
tierten Androgenrezeptoren) beschrieben. Vereinzelt am Jackson Laboratory und dem Archiv europäischer
sind auch transgene Modelle mit Mäusen entsprechenden Mausmutanten (EMMA, Monterotondo, Italien). Eine
Symptomen (intermediate traits) psychischer Störungen Zusammenstellung von Arbeitsprotokollen zur Herstel-
(Schizophrenie, Depression) charakterisiert worden, de- lung von Knock-out-Mäusen bieten Nagy et al. (2003).
ren kausaler Zusammenhang mit der Genese mensch- Durch die stabile Ausschaltung eines Gens in der
licher Krankheiten nicht gesichert ist. Mausstämme mit Keimbahn von Mäusen und folglich auch in allen Gewe-
Überexpression von BDNF (brain-derived neurotrophic ben und Entwicklungsphasen ihrer Nachkommen stellen
factor) oder CRH (dem Kortikotropin-Releasing-Hor- Knock-out-Mäuse ein gutes Modell zur Nachbildung und
mon) sind von Croll et al. (1999) bzw. Stenzel-Poore Untersuchung menschlicher Erbkrankheiten dar (Watase
(1994) untersucht worden. u. Zoghbi 2003). In etwa 25% der Fälle führt die Geninak-
tivierung durch den Ausfall einer essenziellen Funktion
bereits während der Embryonalentwicklung zu einem le-
7.3 Gezielte Gendeletion talen Phänotyp. Um die Funktion solcher essenzieller
und Geninsertion Gene in adulten Mäusen zu untersuchen und um die
(Knock-out/Knock-in) Funktion eines Gens in verschiedenen Zelltypen differen-
zieren zu können, wurde die Knock-out-Technik weiter
Als Knock-out-Mäuse werden gezielt hergestellte Ver- modifiziert. Die 1994 eingeführte Methode der konditio-
lustmutanten bezeichnet, in denen ein bestimmtes Gen so nalen Mutagenese ermöglicht es, die Inaktivierung eines
7.3 · Gezielte Gendeletion und Geninsertion (Knock-out/Knock-in)
113 7

Gens auf einen bestimmten Zelltyp zu beschränken oder gänzlich durch das neo-Gen ersetzt werden. Dieser dem
die Geninaktivierung spezifisch in juvenilen oder adulten Wildtypgen nichthomologe Bereich muss beiderseits mit
Tieren zu induzieren. genomischen Fragmenten des Wildtypgens flankiert wer-
den, um homologe Rekombination zwischen Wildtypgen
und verändertem Gene-Targeting-Vektor zu ermögli-
7.3.1 Knock-out- und Knock-in-Mäuse chen.
Im Gegensatz zu Knock-out-Mutationen enthalten
Die Knock-out-Methodik basiert auf der gezielten Verän- Knock-in-Mäuse zusätzlich die kodierende Region eines
derung des Genoms durch homologe Rekombination neuen Proteins, das unter die Kontrolle des verwendeten
(gene targeting) eines Zielgens mit einem spezifischen Zielgens gestellt wird. Vektoren zur Generierung von
Gene-targeting-Vektor in embryonalen Stammzellen Knock-in-Mäusen werden meist so konstruiert, dass das
(Capecchi 1989) (⊡ Abb. 7.3). ES-Zellen sind Zelllinien, Leseraster eines neu zu exprimierenden Proteins ab dem
die aus Blastozysten isoliert und in Kultur unter Bewah- Startkodon das Leseraster des Zielgens ersetzt. Dem neu-
rung des pluripotenten Entwicklungspotenzials vermehrt en Leseraster, meist einem Reportergen wie gfp oder lacZ,
werden können. Werden ES-Zellen wieder in Blastozysten folgt ein eigenes Polyadenylierungssignal sowie das neo-
eingeführt, beteiligen sie sich an allen somatischen Gewe- Resistenzgen zur Selektion rekombinanter Klone. Durch
ben und auch an der Keimbahn des sich entwickelnden das Einführen (Knock-in) des Reportergenkonstrukts er-
chimären Tieres. Dabei werden in Chimären auch Keim- folgt gleichzeitig der Knock-out des Zielgens.
zellen gebildet, deren Genom dem der eingeführten ES-
Zellen entspricht, womit die Etablierung eines Maus- Anreicherung homolog rekombinanter Klone
stamms mit deren genetischen Eigenschaften ermöglicht Nach der Elektroporation eines Gene-targeting-Vektors
wird. Die Mehrzahl der verwendeten ES-Zelllinien wur- in ES-Zellen werden aus den transfizierten Einzelzellen
den aus einem der neun eng verwandten »129«-Inzucht- Klone selektioniert, die das Resistenzgen exprimieren
stämme etabliert. Aufgrund der hohen Nachkommenzahl und damit eine stabile genomische Vektorintegration
männlicher Chimären werden für das gene targeting fast enthalten. Die Mehrzahl resistenter Klone besitzt eine Zu-
ausschließlich männliche ES-Zelllinien verwendet. fallsintegration des Vektors in einen nichthomologen ge-
nomischen Locus; die Frequenz der homologen Rekom-
Konstruktion eines Gene-targeting-Vektors bination mit dem Zielgen liegt meist im Bereich von 0,5–
Zur Veränderung eines Gens in ES-Zellen muss zunächst 2% der resistenten Klone. Durch das Verfahren der
ein Gene-targeting-Vektor als bakterielles Plasmid kons- positive-negative selection ist es möglich, homolog re-
truiert werden, das durch Elektroporation in eine große kombinante Klone anzureichern, indem zusätzlich zum
Zahl von ES-Zellen (ca. 107) eingeführt wird. Im Regelfall neo-Resistenzgen an ein Ende des Gene-targeting-Vek-
wird das zu untersuchende Gen durch eine Knock-out- tors noch ein negativer Selektionsmarker (Herpes-sim-
Mutation verändert, indem ein Neomycinresistenzgen plex-Virus(HSV)-Thymidinkinase oder Diphterietoxin)
mit eigener Promotorregion (neo) in ein Exon dieses Gens angefügt wird, der bei einem homologen Rekombina-
inseriert wird oder kodierende Sequenzen dieses Gens tionsereignis verloren wird.

⊡ Abb. 7.3. Herstellung von


Knock-out-Mäusen durch gene
targeting in embryonalen
Stammzellen (ES-Zellen)
114 Kapitel 7 · Genetisch veränderte Tiere

Nach dem Aufwachsen neomycinresistenter ES-Zell- und Liganden, die Angiogenese und Vaskulogenese steu-
klone werden mehrere hundert Kolonien isoliert und ern. Diese führen als Knock-out-Allel alle zu früher Leta-
durch Analyse genomischer DNA auf das Vorliegen des lität. Mit der Methode der konditionalen Mutagenese
gesuchten homologen Rekombinationsereignisses getes- kann die Inaktivierung eines Gens auf einen bestimmten
tet. Jeweils 10–15 Zellen eines rekombinanten Klons wer- Zelltyp beschränkt und/oder ab einem gewählten Zeit-
den dann durch Mikroinjektion in 50-100 Blastozysten punkt induziert werden (Kühn u. Schwenk 2002).
eines Spenderstamms eingeführt und in den Uterus von
Ammenmüttern übertragen. Hieraus resultiert in der Re- Konditionale Mutagenese
gel die Geburt mehrerer männlicher Chimären, die durch Zu diesem Zweck werden zunächst nur die Intronregi-
Verpaarung auf eine Keimbahnbeteiligung des verwende- onen eines Zielgens so modifiziert, dass dessen Inaktivie-
ten ES-Zellklons getestet werden (⊡ Abb. 7.3). rung durch Deletion eines kodierenden Gensegments
später, in einem zweiten Schritt, erfolgen kann. In einem
Phänotypische Analyse konditionalen Gene-Targeting-Vektor werden zwei 34 bp
Die meisten der verwendeten ES-Zelllinien sind von lange loxP-Sequenzen in Intronregionen des Zielgens so
»129«-Mausstämmen abgeleitet, die eine braune (A/A, eingesetzt, dass sie ein oder mehrere für die Genfunktion
agouti) Fellfarbe besitzen. Sie werden in Blastozysten des essenzielle Exons flankieren. LoxP-Sequenzen stellen Er-
schwarzen (a/a, nonagouti black) C57BL/6-Stamms inji- kennungsstellen der Cre-DNA-Rekombinase dar, die ein
7 ziert, sodass Chimären durch das Auftreten agoutifar- loxP-flankiertes DNA-Segment unter Verbleib einer ein-
bener Fellbereiche identifizierbar sind. Werden diese zigen loxP-Sequenz von einem parentalen DNA-Strang
Chimären mit C57BL/6-Weibchen verpaart, weisen Nach- deletiert. Zur Selektion rekombinanter ES-Zellklone wird
kommen, die von ES-zellbasierten Spermien abstammen, im Gene-targeting-Vektor neben einer der loxP-Sequen-
(A/a)-agouti-Fellfarbe auf, da A das dominante Allel dar- zen ein neo-Resistenzgen eingesetzt, das von frt-Sequen-
stellt. zen, den Erkennungsstellen der FLP-DNA-Rekombinase,
Bei Verwendung eines heterozygot mutierten ES-Zell- flankiert ist (⊡ Abb. 7.4) (Kwan 2002; Nagy et al. 2003).
klons trägt die Hälfte der agoutifarbenen Nachkommen Nach homologer Rekombination in ES-Zellen können
das Knock-out-Allel, das z. B. mit einem PCR-Test nach- Keimbahnchimären mit transgenen Mäusen verpaart
gewiesen werden kann. Aus der Verpaarung heterozygo- werden, die entweder die Cre- oder FLP-Rekombinase im
ter Mutanten werden dann homozygote Knock-out-Mäu- frühen Embryo exprimieren (Cre/FLP deleter). Durch
se sowie Wildtyptiere als Kontrollen (litter mate controls) Verpaarung mit einem Cre-deleter-Stamm wird das Ziel-
mit einem Anteil von jeweils 25% erhalten, die für die phä- gen in der Keimbahn der loxP-Mäuse inaktiviert, sodass
notypische Analyse eingesetzt werden können. Diese parallel zu konditionalen Mutanten ein Standard-Knock-
Tiere stellen ein heterogenes Gemisch aus dem Genom out-Stamm etabliert werden kann (⊡ Abb. 7.4). Nach Ver-
des »129«- und des C57BL/6-Stamms dar, sodass die ein- paarung mit einem FLP-deleter-Stamm wird das frt-flan-
zelnen Mäuse in bestimmten biologischen Parametern kierte neo-Gen aus dem Genom entfernt, sodass das kon-
stark variieren können. ditionale Allel des Zielgens mit zwei loxP-Sequenzen
In diesem Fall können Knock-out-Allele durch mehr- verbleibt, die mit der Genexpression nicht interferieren.
fache Rückkreuzung in einen reinen genetischen Hinter- Diese Mäuse können dann mit einem transgenen Maus-
grund überführt werden. Bei Verwendung von ES-Zellli- stamm verpaart werden, der die Cre-Rekombinase unter
nien, die von »129«-Stämmen mit guten Zuchteigen- der Kontrolle eines zelltypspezifischen oder induzier-
schaften abstammen (z. B. 129Sv/Pas, 129S6/SvEvTac), baren Promotors exprimiert. Nach einer weiteren Ver-
können Chimären direkt mit dem entsprechenden Stamm paarung werden Tiere erhalten, bei denen das loxP-modi-
verpaart werden, sodass die Knock-out-Mäuse von Anbe- fizierte Allel des Zielgens homozyot vorliegt. Jeweils ein
ginn als Inzuchtstamm etabliert werden. Teil dieser Tiere besitzt dann das auf einem anderen
Chromosom integrierte cre-Transgen oder das entspre-
chende Wildtypchromosom. Die cre-transgene Gruppe
7.3.2 Konditionale Knock-out-Mäuse (cre/+; loxP/loxP) umfasst diejenigen konditionalen Mu-
tanten, bei denen beide Kopien des loxP-flankierten Ziel-
In Standard-Knock-out-Mäusen wird ein Gen stabil in gens entsprechend dem Expressionsmuster der Cre-Re-
der Keimbahn inaktiviert und ist somit auch in allen so- kombinase aufgrund von Deletion eines Exonbereichs
matischen Geweben während der gesamten Ontogenese inaktiviert werden.
ausgeschaltet. Im Mittel zeigen etwa 25% der beschrie- Abhängig von den Eigenschaften des zur Cre-Expres-
benen Knock-out-Stämme aufgrund des Ausfalls einer sion verwendeten Promotors beginnt die Deletion in
essenziellen Genfunktion einen embryonal letalen Phä- einem spezifischen Zelltyp während der Embryonalent-
notyp. Bei bestimmten Proteinfamilien kann dieser Anteil wicklung oder erst postnatal. Die Mausgruppe ohne cre-
auch wesentlich höher liegen, wie z. B. bei Rezeptoren Transgen (+/+; loxP/loxP) wird meist als Wildtypkontrol-
7.3 · Gezielte Gendeletion und Geninsertion (Knock-out/Knock-in)
115 7

nistenbindenden Domäne des Östrogen- (CreER) bzw.


Progesteronrezeptors (CrePR) erreicht werden. Durch
Bindung des Steroidrezeptorfusionsproteins an Chape-
ronproteine (z. B. HSP-90) im Zytoplasma ist cre inaktiv.
In Gegenwart des Östrogenantagonisten Hydroxytamoxi-
fen bzw. des Progesteronantagonisten RU486 wird das
CreER- bzw. CrePR-Fusionsprotein von den Chaperonen
abgelöst; dies führt zur Aktivierung der Cre-Rekombina-
sedomäne. CreER- und CrePR-Fusionsproteine können
zunächst in transgenen Mäusen durch zelltypspezifische
Promotoren konstitutiv exprimiert werden, ohne dass
Rekombinaseaktivität auftritt. Die Injektion des spezi-
fischen Induktors führt dann zu transienter cre-Aktivie-
rung und zur Deletion eines loxP-modifizierten Allels
(Feil et al. 1997).
Bei dem ersten oben erwähnten, in Mäusen verwende-
ten System wird die Transkription eines cre-Transgens
unter Verwendung des Tet-Genexpressionssystems
( 7.2.3, ⊡ Abb. 7.1) und von Doxyzyklin angeschaltet.
Die Expression des Transaktivatorproteins erfolgt hierbei
von einem zweiten Transgen aus unter Kontrolle einer
zelltypspezifischen Promotorregion. Mit beiden Syste-
men wurde in Mäusen die Deletion eines loxP-flankierten
DNA-Segments in verschiedenen Zelltypen erreicht. Im
⊡ Abb. 7.4. Herstellung konditionaler Knock-out-Mäuse. Abkürzun-
Gegensatz zu Mausstämmen mit konstitutiver zelltypspe-
gen s. Text
zifischer cre-Expression werden induzierbare Cre-Maus-
stämme bisher in der Praxis nicht routinemäßig verwen-
le verwendet. Bisher sind konditionale Allele von ca. det.
100 Genen beschrieben worden (Kwan 2002). Neben der Verwendung zur konditionalen Inakti-
vierung von loxP-Allelen ermöglicht das cre/loxP-Rekom-
Box binationssystem weitere Genommodifikationen in ES-
Zellen oder Mäusen, wie z. B. den Austausch von loxP-
Die Mehrzahl der cre-transgenen Mausstämme wurde flankierten Genen durch Inversion, chromosomale
durch Pronukleusinjektion mit Konstrukten generiert, in Translokationen oder die Aktivierung loxP-flankierter
denen cre von einem zelltypspezifischen Promotor aus Transgene (Branda u. Dymecki 2004).
exprimiert wird. Alternativ wurden einige Stämme durch
die Knock-in-Methode in ein endogenes Gen hergestellt,
um cre von dessen Kontrollelementen aus zu expri- 7.3.3 Knock-out-Mausmodelle
mieren. Etwa 100 Stämme mit verschiedenen Spezifi-
täten sind beschrieben worden (www.mshri.on.ca/nagy/ Als Modell für monogenetische Erbkrankheiten des Men-
Cre-pub.html). Zur konditionalen Inaktivierung im Zen- schen haben sich Knock-out-Mäuse vielfach bewährt
tralnervensystem stehen mehrere Linien zur Verfügung, (Watase u. Zoghbi 2003). Es gibt viele Knock-out-Stäm-
die cre in allen Neuronen exprimieren bzw. nur in Neu- me, bei denen verschiedene, in neurodegenerative Krank-
ronen des Vorderhirns, des Kleinhirns, der Hypophyse, in heiten involvierte Gene ausgeschaltet wurden (⊡ Tab. 7.1).
Oligodendrozyten oder Schwann-Zellen. Im Gegensatz zu monogenetischen Erbkrankheiten wer-
den psychiatrische Krankheiten nur in seltenen Fällen
durch ein einzelnes Gen verursacht, wie z. B. das Brunner-
Induzierbare Kontrolle Syndrom durch einen Defekt im Monoaminoxidase-
Zur induzierbaren Kontrolle von cre in Mäusen werden A(MAO-A)-Gen, für das ein entsprechender Knock-out-
zwei verschiedene Systeme eingesetzt, mit denen die Re- Stamm generiert werden konnte (Cases et al. 1995). Kom-
kombinaseaktivität entweder transkriptional durch Do- plexe psychiatrische Erkrankungen wie Depression,
xyzyklin oder posttranslational durch die Steroidantago- Schizophrenie oder Autismus basieren jedoch nicht auf
nisten Tamoxifen und RU486 reguliert werden kann. Die einem einzelnen Gendefekt und sind zudem von spezi-
Regulation über Steroidantagonisten kann durch Fusion fisch menschlichen Gegebenheiten abhängig, die in Mäu-
des Cre-Proteins mit einer veränderten, steroidantago- sen keine Entsprechung besitzen. Daher können diese
116 Kapitel 7 · Genetisch veränderte Tiere

Box
⊡ Tab. 7.1. Knock-out-Mausmodelle neurodegenerativer
Krankheiten
Tests zum Angstverhalten bei Mäusen
Indikation Gen Mutante Zur Untersuchung des Angstverhaltens von Mäusen
Spinozerebelläre ataxin 1 Knock-in
werden häufig »naturalistische« Konflikttests eingesetzt
Ataxie (Wood et al. 1998) wie
Friedreich-Ataxie frataxin Knock-out (konditional)
 das elevated plus maze,
 die light-dark box und
Spinale Muskel- smn1 Knock-out (konditional)
atrophie
 der Open-field-Test.

Fragiles-X-Syndrom fmr1 Knock-out


Beim elevated plus maze handelt es sich um eine Lauf-
Rett-Syndrom meCP2 Knock-out (konditional) bahn in einem Meter Höhe, deren vier Arme im rechten
Angelman-Syndrom ube3a Knock-out Winkel zueinander angeordnet sind. Zwei dieser Arme
Liss-Enzephalie lis1 Knock-out sind mit schützenden Seitenwänden versehen, die an-
deren beiden Arme sind offen. Eine Maus kann wählen,
ob sie sich im »sicheren« oder dem interessanteren, aber
Krankheiten als Ganzes in Mausmodellen nicht nachge- »unsicheren« Bereich aufhalten will, wobei die Zahl der
7 bildet werden. Übertritte zwischen den beiden Bereichen sowie die in
Es ist jedoch möglich, bestimmte, häufig auftretende den Bereichen verbrachte Zeit gemessen wird. Anxioly-
Teilaspekte psychiatrischer Krankheiten (intermediate tische Pharmaka führen zur Erhöhung beider Parameter
traits, Endophänotypen) experimentell in Mäusen zu un- (Dawson u. Tricklebank 1995). Die light-dark-box ist eine
tersuchen. Bei zahlreichen Mausmutanten wurden Ver- Versuchsanordnung, die aus einem überdachten, dunk-
änderungen im Angstverhalten oder der Präpulsinhibi- len und einem aversiven, hellen Kompartiment besteht.
tion (PPI) festgestellt (⊡ Tab. 7.2 und ⊡ Box: Tests zum Ähnlich wie beim elevated-plus-maze wird die Zahl der
Angstverhalten bei Mäusen), die als Endophänotyp bei De- Eintritte in den hellen Bereich sowie die dort verbrachte
pression bzw. Schizophrenie angesehen werden (Seong Zeit gemessen. Diese Werte werden durch anxiolytische
et al. 2002). Pharmaka erhöht. Eine ähnliche Anordnung wird im
Eine Auswahl publizierter Knock-out-Stämme, deren Open-field-Test eingesetzt, bei dem das Tier zwischen
Angstverhalten verstärkt oder verringert ist oder die PPI- dem Zentrum und dem Wandbereich einer erleuchteten
Defizite aufweisen, ist in ⊡ Tab. 7.2 aufgeführt. Arena entscheiden kann.
Bei der Präpulsinhibition der Schreckreaktion (startle
reflex) von Mäusen führt die Präsentation eines
⊡ Tab. 7.2. Knock-out-Mausstämme mit abweichendem schwachen Stimulus (90-db-Ton) innerhalb von 100 ms
Angstverhalten bzw. verminderter Präpulsinhibition vor einem starken Schreckreiz (120-db-Ton) zur Ab-
schwächung der Schreckreaktion. Die auch beim Men-
Knock-out-Gen Phänotypische Veränderunga
schen messbare Präpulsinhibition ist bei schizophrenen
Plus-maze OF Präpuls- Patienten verringert. Im Tierexperiment können ent-
inhibition
sprechende PPI-Defizite durch pharmakologische Be-
Angstverhalten handlung ausgelöst und durch klinisch verwendete
5-ht1ArR + + 0 Antipsychotika wieder aufgehoben werden (Geyer et al.
gad65 + + 0 2001).
fyn + + 0
comt 0 + 0
crhr1 0 – 0
0 – 0
Neben Knock-outs von Neurotransmitter- und Neu-
camKII-α
pkcγ − – 0 ropeptidrezeptoren, bei denen aufgrund von Vorkennt-
nissen ein veränderter Phänotyp erwartet werden konnte,
Präpulsinhibition
dvl1 0 0 –
gibt es auch Mutanten intrazellulärer Signaltransduk-
5-ht1BR 0 0 – tionsproteine, bei denen sich überraschenderweise ein
zic2 0 0 – Zusammenhang mit Angstverhalten zeigte. Das bei Mäu-
calcineurin 0 0 – sen am besten untersuchte Regulationssystem von Stress
(konditional) und Angst stellt die HPA-Achse (Hypothalamus-Hypo-
a
Verstärktes (+), vermindertes (–) oder unverändertes (Wildtyp, physen-Nebennieren-Achse) mit CRH als zentralem Re-
wt) Angstverhalten; 0 nicht getestet; gulator dar. Eine detaillierte Übersicht von Mausmutan-
plus maze Elevated-plus-maze-Test, OF Open-field- bzw. Light-
ten zur HPA-Achse gibt die Arbeit von Müller et al.
dark-box-Test, – verminderte Präpulsinhibition
(2004).
7.4 · Gene-trap-Mutagenese
117 7
7.4 Gene-trap-Mutagenese Poly-A-Trap-Vektoren
Der Hauptnachteil der gegenwärtig eingesetzten Gene-
Im Gegensatz zur Knock-out-Technologie, bei der die trap-Vektoren, die in der Regel auf einer Fusion des Re-
Gensequenzen bekannt sein müssen und für jedes Gen ein porter- und Selektorgens beruhen, ist, dass nur Gene mu-
individuell angefertigter Knock-out-Vektor konstruiert tiert und identifiziert werden können, die in ES-Zellen
werden muss, beruht die Gene-trap-Mutagenese auf zu- exprimiert sind. Dies kann nur durch den Einsatz von
fallsmäßiger Integration eines Gene-trap-Vektors in das Vektoren umgangen werden, die darauf beruhen, dass für
Genom und in der Unterbrechung von kodierenden Se- Vektorintegrationsereignisse oberhalb von genomischen
quenzen des getroffenen Gens –, d. h., mit einem einzigen Polyadenylierungstellen selektioniert werden kann. Das
Vektor können viele unterschiedliche Gene mutiert wer- Prinzip dieser Vektoren besteht darin, dass ein Selektor-
den (Wurst et al. 1995; Hansen et al. 2003). Auch diese gen durch einen starken Promotor in embryonalen
Strategie basiert auf der Verwendung von ES-Zellen. Stammzellen transkribiert wird, dieses Gen aber nach
Als Mutagen wird ein so genannter Gene-trap-Vektor dem Stoppkodon anstelle einer Polyadenylierungsequenz
(Genfallenvektor) benutzt. In der Regel besteht ein Gene- eine Splice-Donsorsequenz trägt. Resistenz gegen das Se-
trap-Vektor aus einem Reporter- und einem Selektorgen, lektorgen kann nur dann erreicht werden, wenn der
in den meisten Fällen aus einer Genfusion des β-Galakto- Gene-trap-Vektor in die Nähe einer Polyadenylierung-
sidase-Reportergens (lacZ) mit dem Neomycinrezistenz- stelle im Genom, d.h. in ein Gen, integriert. Gene-trap-
gen (neo) (β-geo) (⊡ Abb. 7.5). Vor das Reportergen ist Vektoren dieser Art nennt man auch Poly-A-Trap-Vek-
eine Splice-Akzeptorsequenz inseriert, und das Konstrukt toren. Mit diesem Prinzip können alle Gene, unabhängig
endet mit einer Polyadenylierungsequenz (pA). Integriert von ihrer Expression in ES-Zellen, identifiziert werden.
ein solcher Vektor in ein Intron eines Gens, so wird das Die Kombination dieser verschiedenen Vektortypen er-
getroffene Gen unterbrochen und anstelle des endogenen laubt es im Prinzip, alle Gene unabhängig von ihrem Ex-
Gens das Reportergen exprimiert (Fusionstranskript, pressionsstatus zu identifizieren.
⊡ Abb. 7.5). Zum einen wird hierdurch eine Mutation des
betroffenen Gens erzeugt, zum anderen reflektiert die Ex- Signalpeptid-Trap-Vektoren
pression des Reportergens, die in der Regel einfach zu Basierend auf diesen Gene-trap-Vektor-Prinzipien wur-
visualisieren ist, die des endogenen Gens. den ferner spezielle Vektoren entwickelt, die die Identifi-
Durch diese Vorgehensweise können Tausende von kation von Genen ermöglichen, die Signalpeptide tragen
unabhängigen Mutationen relativ schnell und kostenef- (Signalpeptid-Trap-Vektoren). Diese Vektoren beruhen
fektiv erzeugt und sog. Bibliotheken von mutierten ES- auf einer Modifikation, bei der in das Reporter- oder Se-
Zellen etabliert werden, die anschließend mittels Chimä- lektorgen eine Transmembrandomäne inseriert wird.
ren in lebende Mäuse übertragen werden können (Han- Hierdurch wird das Selektorgen nur dann aktiv, wenn es
sen et al. 2003). Prinzipiell hat diese Technologie viele ein Gen getroffen hat, das ein Signalpeptid trägt, indem es
Vorteile gegenüber homologer Rekombination durch die durch die Transmembrandomäne eingebaut und dadurch
Knock-out-Technologie, aber auch gegenüber der ENU- resistent wird (Gebauer et al. 2001). Auf diese Weise kön-
Mutagenese ( 7.5), da das mutierte Gen relativ schnell nen im Genom gezielt solche Gene mutiert und identifi-
und einfach durch molekularbiologische Techniken, wie ziert werden, die Liganden oder Transmembranproteine
z. B. die Polymerasekettenreaktion (PCR), identifiziert darstellen, die in vielen biologischen Prozessen von gro-
werden kann. ßer Bedeutung sind. Eine mögliche Limitation dieser

⊡ Abb. 7.5. Gene-trap-Muta-


genese. lacZ β-Galaktosidase-
Reportergen, neo Neomycin-
resistenzgen, pA Signalsequenz
zur Polyadenylierung
118 Kapitel 7 · Genetisch veränderte Tiere

Technologie besteht darin, dass – da die Integrationen Die ENU-Mutagenesestrategie wird meist bei den Mo-
i. d. R. in Introns stattfinden – der Vektor durch Splicing dellorganismen Maus, Zebrafisch (Danio rerio) und
während der mRNA-Prozessierung aus dem Transkript Fruchtfliege (Drosophila melanogaster) eingesetzt, um
entfernt und dadurch die Mutation eliminiert wird. eine möglichst große Zahl neuer Mutanten zu isolieren,
Aufgrund zahlreicher Mutanten, die von verschie- die phänotypische Veränderungen bei einer bestimmten
denen Gruppen weltweit mit der Gene-trap-Technologie biologischen Eigenschaft (z. B. Tagesrhythmik) oder
erzeugt wurden, konnte jedoch dieser potenzielle Nachteil einem Organ von Interesse aufweisen. Falls eine hinrei-
ausgeschlossen werden, da sich zeigen ließ, dass bei ca. chend große Zahl mutagenisierter Tiere untersucht wird
90% der erzeugten Mutanten Nullmutationen vorliegen und falls in dieser Population identische Mutationen
und in anderen Fällen sog. hypomorphe Mutationen er- mehrfach auftreten, ist eine Sättigungsmutagenese er-
zeugt werden, mit deren Hilfe neue Genfunktionen be- reicht, d. h. alle durch ENU veränderbaren Gene, die zur
schrieben wurden. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass Beeinflussung eines bestimmten Phänotyps führen, wur-
ca. 30% der durch Gene-trap-Vektoren erzeugten Mutati- den in Form mutagenisierter Stämme isoliert. Das Vorlie-
onen zu embryonaler Letalität führen. Um die Funktion gen mehrerer unabhängig entstandener Mutationen des-
dieser Gene sowohl in der späten Embryonalentwicklung selben Gens wird auch als allele Serie bezeichnet. Inner-
als auch im adulten Tier zu untersuchen, können sog. kon- halb einer solchen Serie können die entsprechenden
ditionale Gene-trap-Vektoren verwendet werden. Basie- Mutanten einen identischen Phänotyp aufweisen, aber
7 rend auf der cre/loxP- und FLP/FRT-Rekombinasetechno- auch – abhängig von der spezifischen Mutation des be-
logie ( 7.3.2) wurden Gene-trap-Vektoren so modifiziert, troffenen Gens – untereinander differieren.
dass die getroffenen Gene konditional inaktiviert werden
können, d.h., die Inaktivierung eines Gens kann zu jedem
Zeitpunkt der Embryonalentwicklung wie auch im adulten 7.5.1 Auswirkungen von ENU
Tier angeschaltet werden. Hierdurch können letztendlich
alle Gene mit Gene-trap-Vektoren mutiert und ihre Funk- ENU modifiziert vorwiegend A/T-Basenpaare; dies führt
tion sowohl während der Entwicklung als auch im erwach- durch Fehlpaarung während der DNA-Replikation zum
senen Tier bestimmt werden. Austausch gegen T/A- oder G/C-Basenpaare (Justice et al.
Weltweit wurden mehrere Konsortien gebildet, so 1999). Treten derartige Mutationen in Exonsequenzen
z. B. das deutsche Genetrap-Konsortium (GGTC) (www. auf – und somit in einem proteinkodierenden Bereich –,
genetrap.de) und das BayGenomics-Konsortium (www. erfolgt durch die Leserasterveränderung in ca. zwei Drit-
baygenomics.de), die gemeinsam das Ziel verfolgen, alle teln der Fälle der Austausch einer einzelnen Aminosäure
Gene des Genoms durch Gene-trap-Mutagenese zu inak- (missense mutation) in dem entspechenden Protein. Bei
tivieren. Die entsprechenden Mausmutanten werden je- ca. 10% der identifizierten Mutationen wird ein für eine
dem interessierten Wissenschaftler zur Verfügung ge- Aminosäure kodierendes Triplett in ein Stoppkodon
stellt, um Genfunktionen im Gesamtorganismus – von (TAA, TGA, TAG) umgewandelt (nonsense mutation),
der frühen embryonalen Entwicklung bis hin zu höheren sodass ein vorzeitiger Translationsabbruch erfolgt und
Hirnleistungen – zu bestimmen (Skarnes et al. 2004). ein verkürztes Protein gebildet wird. In den übrigen Fäl-
len wurden Punktmutationen in Sequenzen gefunden, die
zur korrekten Zusammenfügung der mRNA-Exonbe-
7.5 ENU-Mutagenese reiche (Splicing) essenziell sind. Defekte des RNA-Spli-
cing können zum Überspringen eines Exons oder zum
Im Gegensatz zur Knock-out-Maus-Technik, bei der ein Verbleib eines Introns in der mRNA führen; dies resul-
definiertes Gen gezielt verändert wird, sollen bei der tiert in einer fehlerhaften Sequenz des entsprechenden
durch Ethylnitrosoharnstoff (ENU) induzierten Zufalls- Proteins.
mutagenese möglichst alle Gene des Genoms in männ- Die Auswirkungen einer Punktmutation (d.h. einer
lichen Keimzellen durch statistisch verteilte Punktmuta- missense oder nonsense mutation) auf die Funktion eines
tionen getroffen werden. Das chemische Mutagen ENU Proteins hängen von dessen Aufbau sowie dem betrof-
erzeugt solche zufälligen Punktmutationen durch Über- fenen Kodon ab. Meist tritt ein teilweiser oder vollständi-
tragung seiner Ethylgruppe auf Sauerstoff- oder Stick- ger Funktionsverlust des entsprechenden Proteins auf. Es
stoffatome der DNA. Dies kann zu Basenfehlpaarungen wurden aber auch Fälle beschrieben, bei denen ein mu-
und zum Austausch von Basenpaaren bei der nachfol- tiertes Protein eine neue Funktion ausübt (gain of func-
genden DNA-Replikation führen. Die höchste ENU-indu- tion). So kann z. B. der Verlust einer inhibitorischen Do-
zierte Mutationsrate wird in prämeiotischen spermatogo- mäne in einem verkürzten APC-Protein (APCMin) über die
nialen Stammzellen erreicht, sodass im Mittel jedes im dauerhafte Aktivierung eines Signaltransduktionsweges
Genom vorliegende Gen in 400 Gameten mindestens eine zur Bildung von Intestinaltumoren führen (Moser et al.
Veränderung erfährt (Justice et al. 1999). 1995).
7.5 · ENU-Mutagenese
119 7
7.5.2 Durchführung werden daher wiederum phänotypisch untersucht und
dienen zur Identifikation rezessiv wirkender Muta-
Zu Beginn eines ENU-Mutageneseversuchs, der sich bei tionen.
der Verwendung von Mäusen über mehrere Jahre erstre-
cken kann, steht die Induktion einer möglichst großen
Zahl von Punktmutationen im Genom von Keimzellen. 7.5.3 Komplementationsanalyse
Hierzu wird einer Gruppe von männlichen Tieren eine und Identifizierung
ENU-Dosis intraperitoneal injiziert, die in spermatogoni- der Kandidatengene
alen Stammzellen zahlreiche Mutationen induziert, die
aber auch zum Absterben eines Großteils dieser Stamm- Nach dem Auffinden einzelner mutagenisierter Tiere
zellen führt (Soewarto et al. 2003). Nach 10–20 Wochen werden diese und ihre Eltern weiter verpaart, um einen
ist der Hoden der Männchen dieser G0-Generation stabilen Zuchtstamm der Mutante zu etablieren. An-
(⊡ Abb. 7.6) mit Spermien repopuliert, die von den muta- schließend kann damit begonnen werden, das dem Phä-
genisierten Stammzellen abstammen. Diese G0-Männ- notyp einer Mutante zugrunde liegende Gen durch Posi-
chen werden anschließend mit unbehandelten Weibchen tionsklonierung zu identifizieren. Werden mehrere Mu-
des gleichen Stamms verpaart und vererben die ENU-in- tanten mit einem verwandten Phänotyp gefunden, ist
duzierten Mutationen auf ihre Nachkommen (G1-Genera- zunächst nicht bekannt, wie viele und welche Gene im
tion). Bei diesen Nachkommen liegen die vom Vater ver- Einzelnen betroffen sind. Es ist möglich, dass Stämmen
erbten Punktmutationen (+*) im heterozygoten Zustand mit gleichem Phänotyp Mutationen in verschiedenen Ge-
vor (+*/+), da jedes Tier auch einen von der unbehandel- nen zugrunde liegen; es können aber auch umgekehrt
ten Mutter stammenden Wildtypchromosomensatz (+) Mutanten mit unterschiedlichem Phänotyp auf verschie-
besitzt. denen Einzelmutationen des gleichen Gens beruhen.
Die Population der G1-Mäuse wird auf das Auftreten Eine erste Übersicht über die Zahl der in einer Gruppe
phänotypischer Mutanten hin untersucht und dient der rezessiver Mutanten betroffenen Gene kann durch Kom-
Isolierung dominanter Mutationen, die sich bereits in plementationsanalyse erhalten werden. Zu diesem Zweck
heterozygoten Mäusen manifestieren (z. B. Gain-of-func- werden je zwei verschiedene mutierte Stämme miteinan-
tion-Mutationen wie APCMin, s. oben). Zum Auffinden der gekreuzt und deren für beide Mutationen heterozygo-
der wesentlich häufigeren rezessiven Mutationen, die zur ten Nachkommen phänotypisch untersucht. Falls diese
Entstehung eines Phänotyps homozygot vorliegen müs- Nachkommen einen normalen Phänotyp (Wildtyp) auf-
sen, werden zunächst die Tiere der G1-Generation in de- weisen, handelt es sich bei den beiden Stämmen um zwei
finierten Paaren untereinander gekreuzt. Die weiblichen Komplementationsgruppen und damit wahrscheinlich
Nachkommen der resultierenden G2-Generation werden um Mutationen in unterschiedlichen Genen, deren Aus-
anschließend innerhalb einer Familie mit dem G1-Vater- wirkungen sich im heterozygoten Zustand ausgleichen
tier rückgekreuzt; hieraus entsteht eine Population von (komplementieren). Tritt dagegen in den Nachkommen
Mäusen der dritten, der G3-Generation (⊡ Abb. 7.6). In ein mutierter Phänotyp auf, liegen wahrscheinlich in
diesen G3-Nachkommen können die über die männlichen beiden Stämmen Mutationen desselben Gens vor und die
Keimzellen vererbten ENU-induzierten Mutationen erst- Stämme gehören zu nur einer Komplementations-
mals homozygot auftreten. Die Tiere der G3-Generation gruppe.

⊡ Abb. 7.6. Identifizierung dominanter und rezessiver Mutanten nach ENU-Mutagenese. ENU Ethylnitrosoharnstoff
120 Kapitel 7 · Genetisch veränderte Tiere

Zur nachfolgenden molekularen Identifizierung des 7.6 Virale Vektoren


in einer Mutante betroffenen Gens sowie zur Charakteri-
sierung der Mutation muss zunächst die zugehörige chro- Virale Vektoren basieren auf natürlich vorkommenden
mosomale Region möglichst eng eingegrenzt werden. Viren, die ihr Genom durch Infektion in Zellen übertra-
Hierzu werden die entsprechenden Mutanten mit einem gen. Diese Eigenschaft wird genutzt, um ein zugefügtes
anderem Mausstamm verpaart, der möglichst viele gene- Transgen zu exprimieren. Das Virusgenom wird dabei
tische Polymorphismen im Vergleich mit dem für die stark verkürzt, sodass die Vektorpartikel nicht vermeh-
ENU-Mutagenese verwendeten Stamm besitzt. Die Nach- rungsfähig sind und keine infektiösen Eigenschaften be-
kommen dieser Paarung werden mit einer großen Zahl sitzen. Entsprechende virale Vektoren können zum Gen-
von Mikrosatellitenmarkern ( 7.1.2), die über das Ge- transfer in somatische Zellen von Mäusen oder Ratten
nom in bestimmten Abständen verteilt sind, typisiert. eingesetzt werden und sind für bestimmte Fragestellun-
Diese Daten werden dann mit dem Auftreten des mutan- gen eine Alternative zur Verwendung transgener Stäm-
ten Phänotyps korreliert (Linkage-Analyse). Sobald die me. Im Vergleich mit der Keimbahntransgenese ( 7.2)
der Mutation zugehörige chromosomale Region hinrei- können durch viralen Gentransfer genetisch veränderte
chend eingegrenzt ist, kann sie mit der Genomkarte der Tiere mit geringerem Aufwand und in wesentlich kürze-
Maus verglichen werden, um festzustellen, wie viele und rer Zeit erhalten werden (Constantini et al. 2000). Virale
welche Kandidatengene als Verursacher der phänoty- Vektoren können zu einem gewünschten Zeitpunkt in das
7 pischen Mutation in Frage kommen. Im Idealfall wird nur Gehirn juveniler oder adulter Tiere injiziert werden und
ein einzelnes Gen identifiziert, das im Folgenden aus dem ermöglichen somit die gezielte ektopische Expression des
Genom der Mutante isoliert und sequenziert wird, um das in ihnen enthaltenen Transgens. Da die meisten Vektoren
von einer Punktmutation betroffene Basenpaar zu identi- und Promotoren innerhalb der Säugetiere keine Spezies-
fizieren. Um einen weiteren, funktionellen Nachweis zu spezifität besitzen, können sie unverändert in verschie-
erbringen, dass dieser spezifische Basenaustausch den denen Versuchstieren wie Mäusen, Ratten oder Primaten
Phänotyp der rezessiven Mutante verursacht, ist es mög- eingesetzt werden.
lich, einen transgenen Mausstamm mit dem entspre- Virale Vektoren infizieren die um die Injektionsstelle
chenden Wildtypgen zu erzeugen und dieses in den mu- gelegenen Zellen; ihre Wirkung ist daher lokal, d. h. auf
tierten Stamm einzukreuzen. Handelt es sich tatsächlich einen Bereich von wenigen Millimetern begrenzt. So kann
um das betroffene Gen, muss der Phänotyp transgener beispielsweise die Expression eines eingeführten Gens in
Nachkommen aus dieser Paarung zum Wildtyp revertie- einer begrenzten Neuronenpopulation untersucht wer-
ren (transgenic rescue,  7.2.1). den. Im Gegensatz zu keimbahntransgenen Tieren ist es
Die ENU-induzierte Mutagenese wird bei der Maus mittels injizierter viraler Vektoren nicht möglich, ein
seit zehn Jahren in systematischer Weise eingesetzt, Fremdgen in größeren Gehirnarealen oder dem gesamten
um – von veränderten Phänotypen ausgehend – ohne Gehirn zu exprimieren. Virale Vektoren werden wie auch
vorheriges Wissen über die Funktion eines bestimmten transgene Tiere häufig eingesetzt, um die Entstehungs-
Gens genetische Mechanismen aufzuklären, die bestimm- weise von Krankheiten durch die Überexpression be-
ten biologischen Eigenschaften zugrunde liegen (Hrabe stimmter Proteine zu entschlüsseln (Kirik u. Bjorklund
de Angelis et al. 2000). Durch ENU-induzierte Mutanten 2003) oder sogar die Auslösung oder den Verlauf von
konnten z. B. das apc-Gen als Tumorsuppressorgen erst- Krankheiten abzuschwächen oder zu verhindern (Gen-
mals identifiziert werden, das in der Folge auch als Verur- therapie). Virale und auch nichtvirale Vektoren werden
sacher einer erblichen Form von Darmtumorgenese beim für die Gentherapie menschlicher Erkrankungen im Tier-
Menschen bestätigt wurde. Durch eine weitere ENU-Mu- modell (Janson et al. 2001) und in klinischen Studien am
tante wurde mit clock das erste Gen entdeckt, das bei Säu- Menschen (Janson et al. 2002) eingesetzt.
gern den biologischen Tagesrhythmus steuert. In den
letzten Jahren sind einige hundert neue ENU-Mutanten-
stämme beschrieben worden, die auf mehrere umfang- 7.6.1 AAV- und LV-Vektorsysteme
reiche, aktuelle ENU-Mutageneseprojekte zurückgehen,
bei denen alle Tiere auf eine große Zahl biologischer Pa- Für die Gentherapie einsetzbare virale Vektoren müssen
rameter hin untersucht werden (Hrabe de Angelis et al. fähig sein, postmitotische Zellen einschließlich Neuronen
2000). Neben solchen breit gefächerten Phänotypisie- effizient zu infizieren und die Langzeitexpression eines
rungsvorhaben wird in mehreren Studien auch fokussiert transgenkodierten Proteins in diesen Zellen zu ermögli-
nach Verhaltensmutanten gesucht, die als Modell psychi- chen. Sie dürfen nicht replikationskompetent sein und
atrischer Krankheiten des Menschen dienen könnten sollen keine pathogenen oder immunogenen Eigen-
(Ohl u. Keck 2003). schaften besitzen. In den letzten Jahren wurden mit re-
kombinanten, auf dem adeno-assozierten Virus (AAV)
basierenden Vektoren und mit lentiviralen Vektoren
7.7 · Antisense-Inhibition und RNA-Interferenz
121 7

(LV) zwei Vektorsysteme entwickelt, die diese Anforde- uclein-Proteins oder des Huntingtin-Proteins trugen, in
rungen im Wesentlichen erfüllen (Lu 2004; Chang u. Gay das Striatum bzw. die Substantia nigra von Ratten inji-
2001). ziert. Ähnlich wie bei transgenen Mäusen, die derartige
AAV-Vektoren beruhen auf dem einzelsträngigen mutierte Gene exprimieren ( 7.2), konnten auch in die-
DNA-Genom des AAV und verfügen über eine Fremd- sen Ratten neurodegenerative Symptome ausgelöst wer-
genaufnahmekapazität von maximal etwa 4500 Basen- den.
paaren. AAV-Vektoren können in den infizierten Zellen AAV- und LV-Vektoren wurden ferner bereits im Tier-
episomal persistieren, aber auch in die chromosomale modell zur Gentherapie neurodegenerativer Krankheiten
DNA integrieren. eingesetzt, entweder indem im Zielgewebe eine mangelnde
Die Mehrzahl der lentiviralen Vektoren basiert auf biologische Funktion durch das eingebrachte Transgen
dem Genom des HIV-1-Retrovirus und kann Fremd-DNA ausgeglichen wurde oder indem Gene eingebracht wurden,
bis zu einer Größe von ca. 8000 Basenpaaren aufnehmen. die die Überlebensfähigkeit der erkrankten Zellen allge-
Zur In-vivo-Anwendung wird meist ein Vektorsystem mein verbesserten. So führte das Einbringen von Genen,
eingesetzt, das auch das Glykoprotein des vesicular sto- die für die Enzyme der Dopaminsynthese – Tyrosinhydro-
matitis virus (VSV-G) exprimiert, sodass dieses in die xylase und GTP-Cyclohydrolase-1 – kodieren, in das Stri-
Membranhülle der entstehenden LV integriert wird. Hier- atum dopamindefizienter Mäuse mittels AAV-Vektoren
durch wird die Infektion verschiedenster Zelltypen er- zur Produktion von Dopamin; dies ermöglichte das lang-
möglicht, die unveränderte LV nicht infizieren könnten fristige Überleben der transgenen Tiere (Szczypka et al.
(Baekeland et al. 2002). Lentivirale Vektoren integrieren 1999). In einem alternativen Ansatz wurde unter Verwen-
in Zufallspositionen chromosomaler DNA. dung von AAV oder adenoviralen Vektoren gezeigt, dass
Neurone des Striatum und der Substantia nigra durch die
Expression der Wachstumsfaktoren GDNF (glia-derived
7.6.2 Produktion viraler Vektoren growth factor) bzw. BDNF (brain-derived growth factor)
vor Schädigungen durch Neurotoxin geschützt werden
Generell werden zur Produktion viraler Vektoren modi- können.
fizierte, replikationsinkompetente Genomfragmente ver-
wendet, die als Plasmidvektoren kloniert vorliegen. In
diese Vektoren wird das zu exprimierende Fremdgen 7.7 Antisense-Inhibition
durch molekularbiologische Klonierungsmethoden ein- und RNA-Interferenz
gefügt; dann werden die Vektorplasmide transient in eine
Zelllinie transfiziert, die die Verpackungsfunktionen zur 7.7.1 Antisense-Oligonukleotide
Produktion viraler Partikel bereitstellt. Die hierfür not-
wendigen viralen Gene liegen stabil im Genom der Ver- Neben Methoden, die darauf abzielen, ein chromoso-
packungszelllinien vor. Nach Transfektion des Vektor- males Gen zu verändern und somit einen mutanten Maus-
plasmids in die Verpackungszelllinie kommt es im Lauf stamm zu erzeugen ( 7.3–7.5), wurden alternative Tech-
mehrerer Tage zur Produktion rekombinanter, transgen- niken entwickelt, die es ermöglichen, in vivo die Expres-
enthaltender Viruspartikel, die sich im Zellkulturmedium sion eines Gens auf der Ebene der mRNA zu inhibieren.
anreichern. Nach Reinigung und Konzentrierung dieser Die Technik der Antisense-Inhibition durch Oligonukle-
Viruspartikel aus dem Zellkulturüberstand können 0,5– otide wird seit über zehn Jahren eingesetzt, um die Gen-
2 μl des Viruskonzentrats direkt ins Gehirn von Versuchs- expression – u. a. im Gehirn – zu unterdrücken (Estibeiro
tieren injiziert werden. Der in der Injektionssuspension u. Godfrey 2001). Bei der Antisense-Inhibition werden
vorliegende Virustiter ist ausschlaggebend für die Effizi- einzelsträngige synthetische Oligodesoxyribonukleotide,
enz der Infektion von Zellen des Zielgewebes. Jedoch kön- die in ihrer Sequenz komplementär (antisense) zur mRNA
nen auch bei einem hohen Virustiter nicht alle Zellen des des Zielgens sind, in Zellen oder Gewebe eingebracht.
Zielgewebes erreicht werden. Diese Oligonukleotide – mit einer Länge von meist 18–
21 Basen – werden von den Zellen aufgenommen und ver-
mindern die Expression des entsprechenden Proteins
7.6.3 Bisherige Ergebnisse durch die Blockade der mRNA-Translation oder durch
Abbau der mRNA mittels RNAse H. Da die Antisense-
AAV- und LV-Vektoren wurden bereits für den Gen- Oligonukleotide als Phosphodiester-Oligonukleotide
transfer in das Gehirn von Versuchstieren verwendet, leicht durch Exonukleasen in den Zielzellen abgebaut
u. a. um die Entstehung neurodegenerativer Krankheiten werden können, wurden zahlreiche chemische Modifika-
wie Morbus Parkinson und Morbus Huntington zu unter- tionen erprobt, um die Halbwertszeit der Antisense-Oli-
suchen (Kirik u. Björklund 2003). Hierzu wurden die ent- gonukleotide in vivo zu erhöhen (Estibeiro u. Godfrey
sprechenden Vektoren, die mutierte Formen des α-Syn- 2001). Am häufigsten werden Phosphothioat-Oligonukle-
122 Kapitel 7 · Genetisch veränderte Tiere

otide verwendet, bei denen ein Sauerstoffatom der die plementäre Antisense-Sequenz aufweist. In Säugerzellen
Basen verbindenden Phosphodiestergruppe durch Schwe- dürfen derartige siRNAs (short inhibitory RNAs) nicht
fel ersetzt ist. Derart modifizierte Oligonukleotide sind mehr als 30 Basenpaare besitzen, da längere RNA-Du-
gut wasserlöslich und nukleaseresistent, besitzen aber ge- plexe zur Aktivierung der zellulären Interferonantwort
ringere Schmelztemperaturen und müssen daher in hö- und zur unspezifischen Suppression der gesamten Prote-
herer Konzentration eingesetzt werden als Phosphodies- inbiosynthese führen (Elbashir et al. 2001). Die eingesetz-
ter-Oligonukleotide. te siRNA wird von dem Proteinkomplex RISC (RNA-in-
Die Effektivität von Antisense-Oligonukleotiden duced silencing complex) erkannt. Nach Auftrennung der
hängt stark ab von der Position innerhalb der mRNA- siRNA-Stränge führt ein Komplex aus RISC und dem An-
Sequenz, an die sie binden sollen, da aufgrund extensiver tisense-Strang der siRNA zur Bindung und zum Abbau
mRNA-Sekundärstrukturen nur kurze Sequenzabschnitte derjenigen mRNA, die eine zum siRNA-Antisense-Strang
frei zugänglich sind. Da die Sekundärstruktur von mRNAs komplementäre Sequenz besitzt (Dykxhoorn et al.
bisher nicht verlässlich vorhergesagt werden kann, wer- 2003).
den meist mehrere Oligonukleotide parallel verwendet. Der RNAi-Mechanismus ist evolutionär stark konser-
Ihre Effizienz wird empirisch bestimmt. Oligonukleotide viert und dient unter natürlichen Umständen wahrschein-
passieren die Blut-Hirn-Schranke nur in geringem Aus- lich der Abwehr von Viren, bei deren Vermehrung dop-
maß und müssen daher bei Experimenten durch wieder- pelsträngige RNA-Moleküle auftreten. Zur Nutzung die-
7 holte Injektion oder Ventrikelinfusion in das Gehirn ein- ses Mechanismus in kultivierten Säugerzellen werden
gebracht werden (Broaddus et al. 2000). meist synthetisch hergestellte siRNAs eingesetzt, und de-
ren zelluläre Aufnahme wird durch Lipotransfektionsre-
agenzien optimiert. Der RNA-Interferenzmechanismus
7.7.2 Reichweite der Antisense-Technik führt zu einem transienten Abbau der mRNA des Ziel-
gens, der eine Effizienz von bis zu 95% erreichen kann.
Aufgrund der einfacheren operativen Zugänglichkeit und Das Ausmaß des RNAi-Effekts hängt stark von der ausge-
der besser etablierten Verhaltensanalyse wird die Anti- wählten individuellen Zielsequenz innerhalb der zu de-
sense-Technik vorwiegend bei Ratten und weniger bei gradierenden mRNA ab. Während bis vor kurzem siRNAs
Mäusen eingesetzt. Trotz direkter Gehirnapplikation ist hauptsächlich empirisch auf ihre Wirksamkeit getestet
das Ausmaß der Reduktion der Zielproteinexpression be- werden mussten, gelang in neueren Arbeiten die Ablei-
grenzt und liegt meist nur um 50%. Dennoch wurden An- tung von Regeln, die die Wechselwirkung des RISC-Anti-
tisense-Oligonukleotide in zahlreichen Experimenten sense-Komplexes berücksichtigen und damit eine zuneh-
erfolgreich verwendet, z. B. um die Dichte von Rezeptoren mend gute Vorhersage effizienter siRNAs ermöglichen
für Neurotransmitter, Hormone oder Wachstumsfakto- (Khvorova et al. 2003).
ren zu reduzieren und die Auswirkungen dieser Redukti- Als Alternative zur synthetischen Herstellung können
on auf bestimmte Verhaltensweisen von Versuchstieren siRNAs auch intrazellulär mittels DNA-Expressionsvek-
zu untersuchen (Cohen et al. 1998). Die Mehrzahl dieser toren produziert werden. Zu Produktion eines RNA-
Studien ist pharmakologisch orientiert und setzt die An- Transkripts definierter Länge werden die Promotoren des
tisense-Technologie als Analogon pharmakologischer H1- oder U6-Gens verwendet, von denen aus Transkripte
Inhibition ein. Die Vorteile des Antisense-Inhibitionsan- durch die RNA-Polymerase III erzeugt werden; der RNA-
satzes liegen in seinem relativ geringen Aufwand sowie in Strang endet an einem einfachen Terminationssignal
seiner Anwendbarkeit bei Ratten; seine Nachteile sind in (Brummelkamp et al. 2002). Zur gleichzeitigen Produkti-
der unvollständigen Inhibition der mRNA-Translation on des Sense- und des Antisense-Strangs der siRNA wer-
und deren begrenzter Dauer zu sehen. den die Konstrukte meist so aufgebaut, dass beide Strän-
ge – nur getrennt durch eine asymmetrische Mittelregi-
on – in dem gleichen Transkript enthalten sind. Durch
7.7.3 RNA-Interferenz die Hybridisierung der komplementären Stränge kann
sich das Transkript dann zu einer Haarnadelstruktur
Die neuere Technik der RNA-Interferenz (RNAi) beruht (hairpin) mit einem offenen und einem geschlossenen
auf einem zelleigenen Mechanismus, der durch doppel- Ende falten (short hairpin RNA, shRNA) und über den
strängige RNA-Moleküle aktiviert wird und den Abbau doppelsträngigen Sequenzabschnitt RNA-Interferenz
einer spezifischen mRNA auslösen kann (Dykxhoorn auslösen. Derartige shRNA-Vektoren können transient
et al. 2003). Zur Durchführung eines RNA-Interferenz- oder stabil in kultivierten Säugerzellen exprimiert werden
Experiments in Zellkulturen wird ein kurzes, synthe- und ermöglichen durch intrazelluläre siRNA-Produktion
tisches RNA-Doppelstrangmolekül in die Zellen ein- die kurz- bzw. langfristige Suppression der mRNA eines
geführt, dessen einer Strang der mRNA-Sequenz des Zielgens (Brummelkamp et al. 2002). Durch induzierbare
Zielgens entspricht, während der Gegenstrang die kom- U6- oder H1-Promotorvarianten ist es ferner möglich, die
Literatur
123 7

Produktion von shRNAs in Zellen zu induzieren oder zu induces a selective neuropathology modulated by polyglutamine
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Um zu überprüfen, ob RNA-Interferenz auch genutzt
Crabbe JC (2002) Alcohol and genetics: new models. Am J Med Genet
werden kann, um die Expression von Genen in vivo zu 114: 969–974
supprimieren, wurden in mehreren Studien transgene Croll SD, Suri C, Compton DL, Simmons MV et al (1999) Brain-derived
Mäuse ( 7.2) erzeugt, in deren Genom shRNA-Expressi- neurothrophic factor transgenic mice exhibit passive avoidance
onsvektoren stabil integriert sind (Kunath et al. 2003). deficits, increased seizure severity and in vitro hyperexcitability in
the hippocampus and entorhinal cortex. Neuroscience 93: 1491–
Diese Arbeiten haben gezeigt, dass RNA-Interferenz in
1506
allen Geweben embryonaler und adulter Mäuse effizient Dawson GR, Tricklebank MD (1995) Use of the elevated plus maze in
ausgelöst und die Expression eines Zielgens stark inhi- the search for novel anxiolytic agents. Trends Pharmacol Sci 16:
biert werden kann. Auch die direkte intravenöse Injekti- 33–36
on von siRNA oder shRNA-Expressionsvektoren kann in Dykxhoorn DM, Novina CD, Sharp PA (2003) Killing the messenger:
short RNAs that silence gene expression. Nature Rev Mol Cell Biol
einigen Organen, insbesondere der Leber, zu RNA-Inter-
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ferenz führen (Lewis et al. 2002). Die stereotaktische In- Elbashir SM, Harborth J, Lendeckel W, Yalcin A, Weber K, Tuschl T (2001)
jektion lentiviraler shRNA-Expressionsvektoren ins Ge- Duplexes of 21-nucleotide RNAs mediate RNA interference in cul-
hirn kann lokal begrenzte RNA-Interferenz in Neuronen tured mammalian cells. Nature 411: 494–498
auslösen (van den Haute et al. 2003). Estibeiro P, Godfray J (2001) Antisense as a neuroscience tool and
therapeutic agent. Trends Neurosci 24: S56–S62
Die RNAi-Technik entwickelt sich zunehmend zu ei-
Fehr C, Shirley RL, Belknap JK, Crabbe JC, Buck KJ (2002) Congenic
ner Routinetechnik in vitro bei der Anwendung in Zell- mapping of alcohol and pentobarbital withdrawal liability loci to
kulturen. Für die In-vivo-Anwendung von RNAi gibt es a < 1cM interval of murine chromosome 4: identification of Mpdz
mehrere viel versprechende Ansätze; das Forschungsfeld as a candidate gene. J Neurosci 22: 3730–3738
befindet sich jedoch gegenwärtig aber noch in der Ent- Feil R, Wagner J, Metzger D, Chambon P (1997) Regulation of Cre re-
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124 Kapitel 7 · Genetisch veränderte Tiere

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8

8 Zukunftsstrategien für die Entdeckung


neuer Antidepressiva
Florian Holsboer

8.1 Ausgangslage – 126 8.4 Epigenetische Modifikation – 137


8.4.1 Histonacetylierung und DNA-Methylierung – 137
8.2 Hypothesengeleitete Forschung – 127 8.4.2 Biomarker – 138
8.2.1 Stresshormonsystem – 127
8.2.2 Neuropeptide – 130 8.5 Schlussbemerkung – 142
8.2.3 Neurogenese – 133 Literatur – 143
8.2.4 Intrazelluläre Signalketten – 134

8.3 Hypothesenfreier Ansatz – 134


8.3.1 Mikroarray-Studien – 135
8.3.2 P2X7-Rezeptor – 136
126 Kapitel 8 · Zukunftsstrategien für die Entdeckung neuer Antidepressiva

8.1 Ausgangslage Ähnlichkeit der klinischen Wirkprofile verschiedener


Antidepressiva könnte darauf zurückzuführen sein, dass
Trotz jahrzehntelanger Bemühungen ist es weder der aka- die heutige Prüfmethodik die o. g. Krankheitsmerkmale
demischen noch der industriellen Forschung gelungen, nicht berücksichtigt. Auch andere substanzspezifische
Medikamente zu entwickeln, die sich von den in den 1950- Eigenschaften, die klinisch wichtig sein könnten, drohen
er Jahren entdeckten trizyklischen Antidepressiva (TZA) durch die heute übliche Prüfmethodik nivelliert zu wer-
vom Imipramin-Typ grundsätzlich unterscheiden. Dabei den.
darf der große Vorteil der heute zur Verfügung stehenden Eine andere Ursache für die große Ähnlichkeit der
neuen Substanzen gegenüber denen der ersten Generati- gestern und heute entwickelten Antidepressiva mag auf
on nicht unterschätzt werden: Die heute in erster Linie deren Pharmakologie zurückzuführen sein. Nachdem
eingesetzten Antidepressiva weisen nicht mehr so gravie- Mitte der 1950-er Jahre die Schweizer Psychiater Roland
rende Nebenwirkungen auf, v. a. sind die Folgen einer Kuhn und Jules Angst in ersten klinischen Studien die
Überdosierung weit weniger gefährlich. Das klinische antidepressive Wirkung von Imipramin entdeckten und
Profil der neuen Substanzen hat sich jedoch nicht ent- später in pharmakologischen Labors gezeigt wurde, dass
scheidend geändert. Wie bei den Substanzen der ersten diese Substanz in die Neurotransmission der biogenen
Generation der Antidepressiva ist deren Wirklatenz zu Amine – v. a. von Noradrenalin und Serotonin – eingreift,
lange und die Remissionsrate, d. h. der Anteil der Er- war die Monoaminhypothese der Depression geboren.
krankten, die unter Therapie nahezu frei von depressiven Bis zum heutigen Tag sind nahezu alle im Handel befind-
Symptomen werden, zu gering. lichen Antidepressiva auf Mechanismen ausgerichtet,
Ein differenzierter Vergleich neuer mit alten Antide- deren Ziel es ist, die Neurotransmission durch biogene
8 pressiva ist fast nicht möglich, denn die Prüfprotokolle Amine zu verstärken.
derjenigen Studien, die früher zur Zulassung der TZA Innerhalb der in den verschiedenen Prüfprotokollen
durchgeführt wurden, unterscheiden sich von den heute zur Validierung neuer Antidepressiva dokumentierten
gewählten Studiendesigns in einem besonders wichtigen Beobachtungszeiträume sind die Mittelwerte der Schwere-
Aspekt, nämlich der Charakterisierung des Schweregrads gradverläufe nahezu identisch, obwohl sich bei differen-
der Depression, der damals wie heute nicht genügend be- zierter Betrachtung der pharmakologischen Eigen-
achtet wurde. Gewöhnlich wird heute ein so genannter schaften der Antidepressiva sehr wesentliche Unter-
Responder als ein Patient definiert, dessen Punktwert auf schiede ergeben könnten.
der Hamilton-Depressionsskala (HAM-D) unter der The- Das konnte in einer kleineren Doppelblindstudie ge-
rapie zumindest um die Hälfte abgenommen hat. Ein zeigt werden, die den Serotoninwiederaufnahmehemmer
schwer depressiver Patient mag unter Behandlung zwar Paroxetin mit einer der wenigen Substanzen verglich, die
eine solche mehr als 50%ige Reduktion in der Schwere von dem verbreiteten Mechanismus der Wiederaufnah-
seiner Symptome erreicht haben und damit als Respon- mehemmung abweichen. In diesem Fall wurde Tianeptin,
der gelten, er kann aber deshalb immer noch ganz erheb- eine die Wiederaufnahme von Serotonin stimulierende
lich durch seine Symptome belastet sein. Substanz (Nickel et al. 2003), geprüft. Dabei fand sich
über den gesamten Beobachtungszeitraum von fünf Wo-
Prüfmethodik und Pharmakologie chen hinweg kein Unterschied in den Punktwerten auf
Langzeituntersuchungen haben gezeigt, dass der HAM-D-Skala.
 die Schwere und Charakteristik der Symptome, Möglicherweise stellt also der durch die Antidepressi-
 unvollständige Remission, va angestoßene neurobiologische Mechanismus, den wir
 die Dauer der akuten Erkrankungsepisode sowie im Kontext der Monoaminhypothese diskutieren, nur ei-
 eine hohe Gesamtzahl und Erkrankungsphasen nen unspezifischen Auslöser eines komplexen neurobio-
für die Langzeitprognose entscheidend sind. Die Berück- logischen Geschehens dar, das in der Mehrzahl der kli-
sichtigung all dieser Eigenheiten der Erkrankung des in- nischen Fälle zur weitgehenden Besserung depressiver
dividuellen Patienten erfordert in Zukunft flexiblere Prüf- Symptomatik führt. Die lange Wirklatenz kann als ein In-
protokolle. diz für diese Hypothese angesehen werden. Während die
So mag ein bestimmtes – neues oder altes – Medika- Wiederaufnahmehemmung bereits nach kurzer Zeit er-
ment bei sehr schwerer Depression eher zur Remission folgt, tritt die klinische Wirkung oft erst nach Wochen
führen als ein anderes. Dieser Therapieerfolg kann sich und Monaten ein.
möglicherweise aber erst nach acht oder mehr Wochen
einstellen und nicht zum Zeitpunkt des im Prüfprotokoll Suche nach neuen Wirkmechanismen
definierten Prüfendes, das gewöhnlich mit 4–6 Wochen und personalisierte Medizin
angesetzt wird. Die heute in den meisten Fällen verwen- Soll in der Zukunft eine ähnlich große Innovation für die
deten Prüfprotokolle scheinen wenig geeignet, unter- Depressionsbehandlung gelingen wie in den 1950-er Jah-
schiedliche Wirkprofile erkennbar zu machen. Die große ren, dann wird es nötig sein, nach neuen Wirkmechanis-
8.2 · Hypothesengeleitete Forschung
127 8

men zu suchen und neue Prüfmethoden zu entwickeln. anzeigen, ob eine therapeutische Intervention zu einem
Wie im Folgenden dargelegt, können derartige neue positiven klinischen Ergebnis oder zu einer uner-
Wirkmechanismen sowohl durch solche Hypothesen ge- wünschten Nebenwirkung führt, und zwar in einem Sta-
steuert sein, die sich aus pathophysiologischen Erkennt- dium der Erkrankung, bei dem dies aus der Symptomän-
nissen ableiten, oder durch einen systematischen hypo- derung beim Patienten selbst noch nicht erkennbar ist.
thesenfreien Ansatz erarbeitet werden. Die Prüfmethodik Hierdurch können Patienten, die sich z. B. aufgrund ihrer
wird sich an die Erfordernisse der neuen Wirkmechanis- Diagnose oder des Punktwerts auf einer Schweregradska-
men anpassen. Dies muss bei den verwendeten Tierexpe- la von anderen nicht unterscheiden, bezüglich der Aus-
rimenten ebenso wie bei der klinischen Validierung be- sicht, auf ein bestimmtes Medikament gut oder schlecht
dacht werden. anzusprechen, differenziert werden.
Nicht jeder depressiven Episode liegt immer der glei- Diese Abkehr vom derzeitigen »Wunschantidepressi-
che neurobiologische Mechanismus zugrunde. Dies trifft vum«, das bei jedem Patienten gemäß one size fits all an-
nicht nur für unterschiedliche Patienten zu, auch bei ein gewandt werden kann, hin zu einem für den individuellen
und demselben Patienten muss nicht bei jeder Erkran- Patienten maßgeschneiderten Medikament, erfordert ei-
kungsepisode die gleiche pathologische Grundlage vorlie- nen Paradigmenwechsel, auf den sich beide, akademische
gen. Das können wir allein schon daraus ableiten, dass und industrielle Forscher, rasch einstellen sollten. Die
nicht jede Erkrankungsepisode eines Patienten gleich lan- beiden eingeschlagenen Strategiewege – hypothesenge-
ge dauert und unter den gleichen Medikamenten wie bei leitete und systematische Forschung – werden im Fol-
der letzten Erkrankungsepisode wieder abklingt. genden anhand einiger ausgewählter, besonders viel ver-
Zunächst wird die durch Hypothesen geleitete Anti- sprechender Beispiele erläutert.
depressivaforschung eine Vielzahl neuer Substanzen her-
vorbringen, die sich am »pathophysiologischen Modell«
orientieren. Dieses Modell stützt sich auf das in den letz- 8.2 Hypothesengeleitete Forschung
ten Jahren in engem Dialog zwischen klinischer und
Grundlagenforschung generierte Wissen über die Kausal- 8.2.1 Stresshormonsystem
faktoren der Depression.
Zugleich wird aber vermehrt das systematische, hypo- Der Zusammenhang zwischen Stresshormonen und psy-
thesenfreie Modell als Grundlage für die Antidepressiva- chischem Befinden wurde erstmals von dem Schweizer
entdeckung herangezogen. Hierunter ist die Entdeckung Psychiater Manfred Bleuler systematisch an Patienten mit
von neuen Substanzen zu verstehen, die auf Zielstruktu- Morbus Addison (Unterfunktion der Nebennierenrinde
ren (zellmembranständige Rezeptoren, aber auch intra- verbunden mit sehr niedriger Kortisolsekretion) und
zelluläre Proteine, die eine Schlüsselrolle in der Signalwei- Morbus Cushing (autonomes Adenom des Hypophysen-
terleitung einnehmen) gerichtet sind, deren Funktion vorderlappens verbunden mit stark erhöhter Sekretion
aufgrund genetischer Variationen verändert ist. Solche von Kortikotropin und Kortisol) in den 1950-er Jahren
genetischen Abweichungen werden heute durch genom- erforscht. Später wurde anhand einer Vielzahl neuroen-
weite Assoziationsstudien identifiziert. Dieser geno- dokrinologischer Untersuchungen bei Patienten mit De-
mische Ansatz wird durch die Proteinanalytik ergänzt, da pression nachgewiesen, dass bei ihnen die basale Sekre-
die genetische Variation einzelner Gene nur ein unvoll- tion von Kortikotropin und Kortisol erhöht ist.
ständiges Bild über die Veränderung derjenigen Proteine Da sich auch in Funktionstests wie dem Dexametha-
liefert, die schließlich die wichtigsten Strukturen bei der son-Suppressionstest viele Hinweise für die gestörte Re-
Genese und Therapie der Depression, aber auch aller an- gulation des Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-
deren Erkrankungen darstellen. rinden-Systems (HPA-System) fanden, stellte sich die
Die hier skizzierten Zukunftswege werden eine immer Frage, ob diese neuroendokrinen Veränderungen Folge
spezifischer auf die Kausalfaktoren des einzelnen Men- des depressionsverursachenden Mechanismus sind oder
schen ausgerichtete Therapie hervorbringen. Diese Wege kausal mit der Depressionsgenese in Zusammenhang ste-
erfordern aber auch eine immer spezifischere Kenntnis hen (de Kloet et al. 2005).
der individuellen Pathophysiologie der Erkrankung des
einzelnen Patienten. Hierbei werden Biomarker von groß- CRH1-Rezeptorantagonisten
em Nutzen sein, und diese werden zunehmend zur Ab- Durch klinische Untersuchungen und Experimente an
schätzung der Haupt- und Nebenwirkung bei der Ent- Tiermodellen, v. a. transgenen Mäusen, konnte gezeigt
wicklung von Antidepressiva herangezogen. werden, dass die beiden im zentralen Nervensystem
Unter Biomarker versteht man hier einen oder meh- (ZNS) synthetisierten und sezernierten Neuropeptide,
rere Laborwerte jenseits der Nukleotidsequenz auf dem Kortikotropin-Releasing-Hormon (CRH) und Vasopres-
Genom, aber noch vor dem gewünschten klinischen End- sin, Verhaltensänderungen hervorrufen, die den Symp-
punkt. Der Biomarker soll zu einem frühen Zeitpunkt tomen der Depression beim Menschen ähneln (Landgraf
128 Kapitel 8 · Zukunftsstrategien für die Entdeckung neuer Antidepressiva

2006; Müller u. Holsboer 2006). In den letzten zehn Jah- len CRH1-Rezeptoren nötig ist, fanden sich mit dieser
ren hat dabei v. a. dem CRH besonderes Interesse gegol- Substanz (R121919) Hinweise auf Leberschädigung, so-
ten, da gezeigt wurde, dass Patienten mit Depression in dass diese nicht mehr weiterentwickelt wurde.
der Zerebrospinalflüssigkeit erhöhte CRH-Konzentrati- Vor kurzem wurde von einem weiteren CRH1-Rezep-
onen aufweisen, die nach erfolgreicher Antidepressivathe- torantagonisten (NBI-34041) berichtet, er würde bei Men-
rapie wieder abnehmen. Analog fanden sich bei Mäusen, schen die Stimulation von Kortikotropin und Kortisol als
die CRH im Gehirn überexprimierten, depressions- und Reaktion auf eine psychosoziale Stressbelastung vermin-
angstähnliches Verhalten (⊡ Abb. 8.1). dern, ohne die basale Sekretion dieser Hormone zu unter-
Durch molekularpharmakologische Studien wurde drücken. Dies ist deshalb möglich, weil die Anzahl der
gezeigt, dass diese Verhaltensänderungen durch einen CRH1-Rezeptoren am Hypophysenvorderlappen wesent-
bestimmten Rezeptortyp, den CRH1-Rezeptor, vermittelt lich größer ist als im gesamten ZNS. Daher bleiben bei
werden (Holsboer 1999). Nachdem in einer Mausmutan- einer Dosierung, die zu einer weitgehenden Besetzung der
te, in deren Gehirn dieser Rezeptor gentechnisch ausge- CRH-Rezeptoren im ZNS führt, an der Hypophyse noch
schaltet wurde, stark vermindertes depressions- und genügend Rezeptoren, um dem Organismus seine Stress-
angstähnliches Verhalten gefunden wurde, lag es nahe, reagibilität zu erhalten (Ising et al. 2007b).
ein Medikament zur Behandlung der Depression zu