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Sprachkontakte im
Hanseraum
Überblick über die Sprachkontakte des
Mittelniederdeutschen

Sr Sprachkontakte im Hanseraum Dr. Sabina Tsapaeva 03.12.18


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Gliederung

1. Ausgangssituation und Formen des Sprachkontakts des Mittelniederdeutschen


2. Niederdeutsch-romanischer Sprachkontakt
3. Niederdeutsch-skandinavischer Sprachkontakt
4. Niederdeutsch-friesischer Sprachkontakt
5. Niederdeutsch-niederländischer Sprachkontakt
6. Niederdeutsch-slawischer Sprachkontakt
7. Niederdeutsch-baltischer Sprachkontakt
8. Niederdeutsch-hochdeutscher Sprachkontakt

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1. Ausgangssituation des Sprachkontakts


Extralinguistische Ursachen und Faktoren:
§  mehrere aus der geographischen Lage resultierende Sprachgrenzen:
- slawische Sprachen im Osten
- hochdeutsche Dialekte im Südwesten und Süden
- Niederländisch (Niederfränkisch) und Friesisch im Westen bzw. Nordwesten
- Dänisch (Jütisch) im Norden
§  demographisch und teilw. politisch bedingte sprachliche und geographische
Verschiebungen:
- mittelalterliche Ostexpansion des 12.-13. Jhs.
- politische Unterwerfung der Westslawen, ihre christliche Missionisierung und
wirtschaftliche Nutzung weiter ostelbischer Territorien
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1. Ausgangssituation des Sprachkontakts

Weitere extralinguistische Ursachen und Faktoren:


§  durch den Hansehandel bedingte wirtschaftliche Kontakte v.a. im Ostseeraum
§  Städtegründungen in baltischen Ländern, Eröffnung von Hansekontoren und
-niederlassungen außerhalb Norddeutschlands
§  mit der wirtschaftlichen Lage verbundene politische sowie kulturelle Überlegenheit
der Hanse im Baltikum

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Formen des Sprachkontakts: Sprachgrenzen

Sprachgrenzen:
§  Sprachgrenze ersten Grades:

- Sprachgrenze zwischen genetisch nicht zusammengehörenden Sprachen / Dialektgruppen

- Bsp.: Sprachgrenze zu westslawischen Sprachen sowie zum Dänischen (skandinavische

Sprachgruppe germanischer Sprachen)

§  Sprachgrenze zweiten Grades:

- Sprachgrenze zwischen nahverwandten (auch nächstverwandten) genetisch

zusammengehörenden Sprachen / Dialekten

- Bsp.: Sprachgrenze zu hochdeutschen Dialekten (nächstverwandte Dialektgruppe)

sowie zum Niederländischen und Friesischen (Zugehörigkeit zu ingwäonischen Sprachen)


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Formen des Sprachkontakts: Nahkontakt


§  Nahkontakt:
- natürlicher Sprachkontakt von Angehörigen verschiedener Sprachgemeinschaften
- langfristige unmittelbare Kommunikationssituation, evtl. sprachliche Koexistenz
A) geogr. Nachbarschaft der involvierten Sprachgemeinschaften als Voraussetzung für grenznahe
Kontakte (Bsp.: Nordfriesisch & Mnd., Mnd. & Elb- und Ostseeslawisch v.a. Polabisch)
B) relativ geschlossene mnd. Areale in fremdsprachlicher Umgebung, entstanden durch
handelsbedingte Niederlassungen oder Neusiedlungen (Bsp.: Hansekontor in Bergen)
C) Ortsveränderung u.a. infolge von Zusammenschluss mehrerer gleichsprachigen Siedlungen
(Bsp.: nd. Gemeinde in Reval)

Vgl.: Möhn, Dieter / Schröder, Ingrid: Lexikologie und Lexikographie des Mittelniederdeutschen.
In: HSK, Bd. 2.2, S. 1435-1456.

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Formen des Sprachkontakts: Fernkontakt


§  Fernkontakt:

- indirekter Sprachkontakt bei direkter Übernahme

- gründet auf der Tätigkeit sprachmittelnder Personen


A) zeitweilig im fremdsprachigen Raum beschäftigte Nd.-Sprecher mit anschließernder Verwendung

vom neuerworbenen Wortschatz in der muttersprachichlichen Kommunikation (Mnd. als

Nehmersprache)

B) fremdsprachige Personen mit mnd. Lehrwörtern (Mnd. als Gebersprache)

- indirekter Sprachkontakt über eine (Ver-)Mittlersprache (Bsp.: Französisch >

Niederländisch / Hochdeutsch > Niederdeutsch)

- indirekter medialer Sprachkontakt über Literatur und / oder Schrifttum

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Kontaktsprachen des Mittelniederdeutschen

Mittelenglisch Slawisch

Baltisch
Skandinavisch

Friesisch

Slawisch

Niederländisch
Hochdeutsch
Romanisch

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Kontaktsprachen des Mittelniederdeutschen


§  Romanisch: - Latein
- Altfranzösisch
§  Skandinavisch: - Dänisch
- Schwedisch
- Norwegisch
- Isländisch
§  Friesisch: - Nordfriesisch
§  Niederländisch
§  Slawisch: - Westslawisch (Wendisch, Polnisch)
- Ostslawisch (Russisch, Ukrainisch)
§  Baltisch: - Livländisch
§  Hochdeutsch
§  Mittelenglisch
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Mittelniederdeutsch als Geber-, Nehmer- und Mittlersprache

Transfer sprachlicher Elemente:


§  Mnd. als Gebersprache: Mnd. > Skandinavisch, Slawisch, Baltisch
§  Mnd. als Nehmersprache: Mnd. < Hochdeutsch, Niederländisch, (Slawisch)

Sprachmischung und Substratbildung:


§  Mnd. als Geber- und Nehmersprache: Sprachmischungen in der nl.-nd. Grenzzone
§  Mnd. als Nehmersprache: slawisches Substrat im Ostmittelniederdeutschen
niederländ. Substrat im Märkischen (Brandenburgischen)

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Mittelniederdeutsch als Geber-, Nehmer- und Mittlersprache

Sprachentod:
§  Mnd. als Superstrat: Aufgabe slawischer Sprache im ostmittelniederdeutschen

Kolonialgebiet (Ostexpansion)

Diglossiesituation:

§  sprachliche Koexistenz in mehrsprachigen Gesellschaften:

Mnd. in Skandinavien und im Baltikum

NB! soziale, mediale und funktionale Verteilung

§  Mnd. als Gebersprache: Mnd. als Schreibsprache in Friesland

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2. Niederdeutsch-(lat.)-romanischer Sprachkontakt

§  französisch-sprachiger Einfluss zunehmend seit dem 14. Jh.


§  Entlehnungsprozess ~ Entlehnungsprozess Französisch > Mittelhochdeutsch
§  Neubildungen nach franz. Muster in der sog. Hansesprache der Spätzeit
§  Flandern als Vermittlungslandschaft
§  von Westen nach Osten und Nordosten entlang der „Flämischen Straße“ via Niederrhein
§  insbes. „schöne Literatur“, weniger Geschichtsschreibung und Kanzleischrifttum
§  religiöse Gebrauchstexte und juristische Fachliteratur kaum betroffen
§  thematisch: Importwaren (Früchte, Gewürze, Stoffe), Luxusartikel, Handel und Verkehr
(Münzwesen), Wohnkultur, Landwirtschaft, Medizin, Navigation und Kanzleiwesen
NB! parallele Verwendung von Latein v.a. in Diplomatie, Urkunden, Religion etc.

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3. Niederdeutsch-skandinavischer Sprachkontakt

§  Niederdeutsch als Gebersprache für Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Isländisch


§  Niederdeutsch als Nehmersprache
§  Einfluss auf den Ebenen der Phonologie, der Morphologie, der Syntax und der Lexik

Vormittelniederdeutsch (bis 1100) – Skandinavisch


§  mit der Christianisierung von Skandinavien (9. Jh.) übernommene religiöse Begriffe:
Latein / Griechisch > Altenglisch / Altsächsisch > v.a. Altwestnordisch
Bsp.: biskop
dän. degn
dän. kirke, schw. kyrka
dan. pave, schw. påve
dän. helgen, schw. helgon

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3. Niederdeutsch-skandinavischer Sprachkontakt

Mittelniederdeutsch – Skandinavisch
§  seit 12. Jh. eigentliche Beeinflussung der skan. Sprachen durch das Mnd.
§  = Fernkontakt
§  mögliche Gründe:
-  höher stehende Kultur Norddeutschlands
-  Vorherrschaft der Hanse auf dem Gebiet des Handels und Verkehrs (bis 1422)
-  Markteinfluss > neu entstandene Städte in Skandinavien: Stockholm, Bergen, Visby etc.
-  Hansehändler als sprachliche (Ver-)Mittler
§  nd. Kolonisation im dän.-nd. Grenzgebiet (Schlei-Schleswig-Husum-Linie) = Nahkontakt

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4. Niederdeutsch-friesischer Sprachkontakt

§  Friesisch:
-  Westfriesisch (= westerlauwerssches Friesisch westlich des Lauwersflusses in den NL)
-  Ostfriesisch (= osterlauwerssches Friesisch zwischen Lauwers und Weser)
-  Nordfriesisch
§  Niederdeutsch als Nehmersprache
§  Niederdeutsch als Gebersprache
§  feststellbare Beeinflussung in der langue
§  Interferenzen in der parole kaum ermittelbar
* Ausnahme: Niederländisch-Neuwestfriesischer Sprachkontakt
§  NB! überdachende Formen für Fries. und ND fehlen > regionale (Dialekt-) Betrachtung

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4. Niederdeutsch-friesischer Sprachkontakt

Dänemark

Provinz
Friesland Saterland
Deutschland

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4. Niederdeutsch-friesischer Sprachkontakt

§  Sprachkontakt mit Niederländischem, Dänischem und Niederdeutschem:


-  niederdeutsche / ostniederländische Interferenzen im Westfriesischen
-  ostfriesisch-niederdeutsche / ostniederländische Interferenzen
-  ostfriesische Interferenzen im Niederländischen
-  niederdeutsche Interferenzen im Ostfriesischen
-  nordfriesisch-niederdeutsche Interferenzen
-  nordfriesische Interferenzen im Niederdeutschen
-  niederdeutsche Interferenzen im Nordfriesischen
-  ältere niederdeutsch-friesische Interferenzen (vormittelniederdeutsche Zeit)
§  Niederdeutsch hauptsächlich als Gebersprache

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4. Niederdeutsch-friesischer Sprachkontakt

§  Altfriesisch (historisches Friesisch) als mündliche Sprache ohne eigene Schreibsprache


§  zunächst lateinische Schriftbasis
§  anschließend Mnd. als Schriftsprache und als Prestigevarietät (seit 14. Jh.)
- Bsp.: afries. nâthe (Gnade), ursmâia (verschmähen), swâger, wâpen, wâgia
§  zudem Mittelniederdeutsch als Verkehrssprache
- Bsp.: übernommene Zahlwörter 7, 13-19, die Zehner 30-90, 100, 1000,
sowie Suffix -taanj
§  Perspektive: Verdrängung des Friesischen durch das Niederdeutsche in einigen Teilen
des ehemaligen friesischen Gebiets
- Bsp.: ostfriesisches Platt

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5. Niederdeutsch-niederländischer Sprachkontakt

§  Niederländisch als Gebersprache

- Einfluss bemerkbar v.a. im Zuge der deutschen Ostexpansion

§  Nahentlehnung im gesamten niederdeutsch-niederländischen Grenzgebiet

(Sprachkontakt aufgrund von Nachbarschaft)

§  Nahentlehnung aufgrund von nl. Sprachinseln im mnd. Sprachbereich (Brandenburg)

§  Fernentlehnung im weiteren Nord- und Ostseeraum (Handelsverkehr)

§  Niederländisch als Mittlersprache: Französisch > Niederländisch > Niederdeutsch

(Schreibsprache, Literaturtradition, Devotio moderna)

§  Niederländisch als Nehmersprache: im Zuge der sog. Westfälischen Expansion


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5. Niederdeutsch-niederländischer Sprachkontakt

Niederländisches (holländ., fläm., nl.) Substrat im Märkisch-Brandenburgischen


§  Grund: Migration zwischen dem westlichen Alt- und östlicherem Neuland im 12. Jh.
§  nd. Substrat erkennbar in:
- zahlreichen Orts- und Flurnamen, Bsp.: Fläming, Kalow, Finken, Wendgräben, Maßen
- Bez. und Begriffe des agronomischen Sektors, Bsp.: Krengel, Schuffel, Schliete
- hydrol. Begriffe, Bsp.: Driesch, Siep, Döbbel, Mörtel, Weel, Waterlate, Dikmeester
- Bez. aus der Tier- und Pflanzenwelt, Bsp.: Erpel, Flieder, Popelion, Grünsling
- sowie aus dem Alltag, Bsp.: Stulle, Fliese, Kanten, Linte, Leper, Schlöter
- morphologischen Erscheinungen (Suffixableitungen auf –sel, Genuswechsel)
- syntaktischen Erscheinungen (Veränderungen in Präpositionalfügungen, konsequente
Ersetzung des Dat. durch Akk.)

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5. Niederdeutsch-niederländischer Sprachkontakt

Niederländisches und nächstverwandtes Substrat in den Elb- und Wesermarschen


§  Grund: Migration zwischen dem westlichen Alt- und östlicherem Neuland im 12. Jh.
verstärkte Forcierung durch Bischöfe von Hamburg und Bremen seit 1106
§  nl. Substrat erkennbar in:
- Ortsnamen, Bsp.: Hollandria (östlich von Bremen), Hollern-Twielenfleth, Vlemingestorp
- Lexemen aus dem Deichbau und der Entwässerung, Bsp.: Kaje, Dik, Sluse, Beke
- Geländebezeichnungen, Bsp.: Hülle, Höwel, Riep, Block, Dunk, Hund, Nesse
- Tier- und Pflanzennamen, Bsp.: Erpel, Miere, Else, Härl, Liesch, Päde

Niederländisch als Nehmersprache


§  im Zuge der sog. Westfälischen Expansion im 10.-12. Jh. (vgl. W. Sanders 1982, S. 58-59)
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Abb. aus: Cordes / Möhn: Handbuch zur nd. Sprach- und Literaturwissenschaft, S. 760
5. Nd.-nl. Sprachkontakt
§  direkte Nachbarschaft

§  enge sprachliche Beziehungen an der

Westgrenze des Niederdeutschen:

Ostfriesland, Emsland, Westmünsterland

§  breites Übergangsgebiet (Kontinuum?)


§  Bsp.: Einfluss des Niederländischen auf
das Niederdeutsche

praten (sprechen)

wel (Rad)

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6. Niederdeutsch-slawischer Sprachkontakt

Slawisch im Nahkontakt
§  Slawisch als Nachbarsprache (Polnisch)
§  Slawisch als Substrat als Folge der mittelniederdeutschen Ostexpansion (Wenden,
Abodriten)
-  Bsp.: Substratbildungen im Ostmittelniederdeutschen

Slawisch im Fernkontakt
§  direkter Sprachkontakt bedingt durch Handel und Verkehr (Polnisch, Russisch)
§  indirekter Sprachkontakt über Mittlersprachen (Mnd. > Polnisch > Russisch)
-  Niederdeutsch zumeist als Gebersprache
-  Ausnahme: Lexeme aus dem Bereich des Russlandhandels

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6. Niederdeutsch-slawischer Sprachkontakt

Slawisches Substrat im Ostmittelniederdeutschen


§  Grund: Ostexpansion des Mnd. 9.-14. Jh.
sprachliche Unterwerfung der Slawen, ihre sprachliche Assimilierung
§  Folge: Relikterscheinungen im Ostmittelniederdeutschen v.a. im Bereich der
Toponomastik
§  teilw. schwer abgrenzbar von Entlehnungen aufgrund von Nachbarschaft

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6. Niederdeutsch-slawischer Sprachkontakt
Slawisches Substrat im Ostmittelniederdeutschen
§  Orts- und Flurnamen, Bewohnernamen, patronymische Bildungen:
-  Suffix –itz < -ici: *Poddargonici > Putdargoniz, *Biskupici > Biskupitz,
*Brusovici > Brüsewitz
-  Suffix –in < -in/-yn/-ina/-ino/-en: *Bytyn > Boitin, Zwerin > Schwerin, Kl’ucina > Klötzin
-  Suffix –ow < -ov/-ovo: *Jarochovo > Jarchow, *Krakovo > Krakow,
*Grabovo > Grabow
§  Familien-, Vor- und Berufsnamen: Zeppelin, Basedow, Grabowski, Kröpelin, Teske,
Rybak
§  Alltag: Dönse < slaw. *dvъrъnica, Agurke < pol. ogorek, Plit < russ. plotica

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6. Niederdeutsch-slawischer Sprachkontakt
Niederdeutsche Entlehnungen ins Slawische
§ betroffene Nehmersprachen: Dravänopolabisch, Kaschubisch, Polnisch, Obersorbisch,
Niedersorbisch, Tschechisch, Ostslawisch
(Großrussisch, Kleinrussisch,
Belorussisch)
§ Grund: wirtschaftliche und kulturelle Dominanz Norddeutschlands
§ Bsp.: osorb. krodawa < mnd. krôde
tschech. krecht < mnd. gracht
aruss. bušman < mnd. bo(t)sman
aruss. last < mnd. last
aruss. kartuz ‚Papierbeutel‘ < mnd. kartuse
aruss. rubanok ‚Schlichthobel‘ < mnd. rubank
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7. Niederdeutsch-baltischer Sprachkontakt
§  Einheimische Bevölkerung: Esten, Liven (finnougrische Sprachgruppe), baltische
Kuren, Semgallen, Selen, Lettgallen
§  deutsche Einwanderung nach Livland seit 12. Jh.: Handel und Missionierung
§  Mittelniederdeutsch vorwiegend als Sprache des Schriftverkehrs in Livland seit 13. Jh.
§  Grund: wirtschaftliche und kulturelle Dominanz Norddeutschlands, Hanseexpansion
Handelskontakte, u.a. Hansekontore und -niederlassungen
§  dazu gezogene Kaufleute und Handwerker, vorwiegend aus Westfalen
§  wichtige Handelszentren: Riga, Reval (heute: Tallinn), Dorpat (heute: Tartu), Pärnau
(Pernau), Kuldiga (Goldingen), Ventspils (Wendis)
§  baltisch-niederdeutsche Diglossie: Mittelniederdeutsch als Sprache der Oberschicht
einheimische Sprachen als Bauernsprache ( zunehmender Prestigeverlust)
§  Bsp.: Reval – Triglossie: Mittelniederdeutsch + Estnisch + Schwedisch
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7. Niederdeutsch-baltischer Sprachkontakt

§  Sprachsituation im mittelalterlichen Riga

Deutsche Letten
Frühmnd. Zeit Diglossie: Polyglossie:
Mnd. / Latein Lettisch / Mnd. /
Latein
Blütezeit des Diglossie:
Mnd. Mnd. Lettisch / Mnd.
Tabelle nach: Jordan 1995: Niederdeutsches im Lettischen.
Untersuchungen zu den mittelniederdeutschen Lehnwörtern im Lettischen, S. 18

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7. Niederdeutsch-baltischer Sprachkontakt

§  Mnd. Lehnwörter im Lettischen:


-  Alltagsbezeichnungen
lett. rive < mnd. rive ‚Reibe‘
lett. pingeruots < mnd. vingerhot ‚Fingerhut‘
lett. kisenbiers < mnd. küssenbüre ‚Kissenbezug‘
-  Handwerk
lett. amats < mnd. ammet / amt / ambacht ‚Handwerk‘
lett. bakuzis < mnd. backhus
lett. buoris < mnd. bor ‚Bohrer‘
lett. kerna < mnd. kerne ‚Gefäß, in dem gebuttert wird‘

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7. Niederdeutsch-baltischer Sprachkontakt

§  Mnd. Lehnwörter im Lettischen:


-  Religion
lett. pavests < mnd. pawes(t) ‚Papst‘
lett. perminderis, verminderis < mnd. mnd. vörmünder ‚Kirchenvormund‘
-  Fisch
lett. ruotškeres < mnd. rotscher ‚Stockfisch‘
lett. kulbardis < mnd. lulebars ‚Kaulbarsch‘
lett. skale < mnd. scholle ‚Scholle, Butte‘
-  Tier- und Pflanzenbezeichnungen
lett. ringeles < mnd. ringele ‚Ringelblume, Sonnenblume‘
lett. stikenberes < mnd. stikbere ‚Stachelbeere‘

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7. Niederdeutsch-baltischer Sprachkontakt

§  Lehnwörter im Lettischen, Mnd. als Mittlersprache:


-  aus dem Lateinischen
lett. arste, arsts < mnd. arste ‚Arzt‘
lett. sipuolis < mnd. sipolle ‚Zwiebel‘
-  aus dem (Alt-)Französischen
lett. dubults < mnd. dubbelt ‚doppelt‘
lett. služas < mnd. slüse
lett. pravests < mnd. pravest, provest ‚Propst‘
-  aus dem Italienischen
lett. sukurs, cukurs < mnd. sucker
lett. tupele, stupele < mnd. tüffel, pantüffel ‚Pantoffel‘

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7. Niederdeutsch-baltischer Sprachkontakt

§  Lehnwörter im Lettischen, Mnd. als Mittlersprache:


-  aus dem Hochdeutschen
lett. truret < mnd. truren ‚trauern‘
-  aus dem Niederländischen
lett. enkurs < mnd. anker ‚Anker‘
-  aus dem Friesischen
lett. baka < mnd. bake ‚Leuchtfeuer‘
-  aus dem Nordischen
lett. dunas < mnd. dun ‚Daune, Flaumfeder‘
-  aus dem Slawischen
lett. bezmers, bezmens < mnd. besemer ‚Schnellwage, Besemer‘

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8. Niederdeutsch-hochdeutscher Sprachkontakt

§  Nahkontakt im niederdeutsch-hochdeutschen Grenzgebiet

§  Reformationsbewegung als möglicher Grund für Verdrängung des Mnd.

§  Schreibsprachenwechsel im 16. Jh.

§  Prestigeverlust des Mittelniederdeutschen parallel zum Niedergang der Hanse

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