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NEUE MUSIK – NEUE MEDIEN

von Anna Schürmer

Avancierte Musik und die sozialen Medien haben sich für dasselbe Kürzel «NM» entschieden:
Neue Medien – Neue Musik. Wie sind sind die gegenseitigen Koppelungs- und Nutzungsmöglich-
keiten, Affinitäten und Widersprüche, Gefahren und Chancen?


Auf den ersten Blick er- blikationsorgane – man denke ganz konkret tiziert wurde und wird. Nach dem Vorbild
öffnet sich ein großer Widerspruch zwi- an das Pausieren bzw. Sterben von Traditi- der BBC wurde nach dem Zweiten Welt-
schen Neuer Musik und Neuen Medien: onsmedien wie Intro (1992–2018), SPEX krieg in Deutschland der Bevölkerung eine
Neue Musik ist ja nicht gerade dafür be- (1980–2018) oder Melodie & Rhythmus (seit von staatlichen Eingriffen möglichst unab-
kannt, sich massenwirksam zu präsentieren. 1957, blieb 2018 ohne publizierte Ausgabe) hängige Information, Bildung und Unter-
Oft genug will sie dies nicht einmal. Die im Bereich der Populärmusik; ebenso wie haltung verschrieben. Die Konkurrenz pri-
musikalischen Avantgarden verfolgt das Kli- der ehemals für die Neue Musik wichtigen vater Rundfunk- und Fernsehsender seit
schee, eine exklusive Spielart elitärer Zirkel Zeitschriften Österreichische Musikzeitschrift der Einführung des dualen Systems (d. h.
zu sein – und das auch selbst zu forcieren. und dissonanz/dissonance. konkurrierender privater Anbieter) und in-
Hochkomplexe Kunst (auffassung) und me- Gleichzeitig zum kollektiven Schwund an zwischen des Internets mit seinen schnell
diale Massenkompatibilität gehen dann par- Medien haben sich im Internet auch neue wachsenden Streamingdiensten setzen die
tout nicht zusammen. Diese gegensätzliche kommunikative Formate herausgebildet. öffentlich-rechtlichen Anstalten inhaltlich
Spannung ist, auch in Kongruenz zum an- Zu nennen sind etwa digital veröffentli- und finanziell zunehmend unter Druck.
haltenden Siegeszug der Massenmedien, ein chende Webmagazine wie VAN, niusic (als Tatsächlich bietet das World Wide Web
Grund für die «soziale Isolation der Neuen digitaler Ableger für NachwuchsautorInnen Chancen für die Zukunft(smusik), indem es
Musik» (Michael Custodis). Da gerät man der Zeitschrift Rondo) oder auf Englisch – um bei der Wortwahl Adornos zu bleiben
leicht in einen elfenbeinartigen Sperrbe- The Wire. Die klassische Musikwelt wird – den aktuellsten «Materialstand» präsen-
zirk – ein Problem, das mittlerweile die hier in moderner Gestaltung und breit an- tiert und darin den «sedimentierten Geist»
Neue-Musik-Szene zunehmend erkennt. gelegten Themensetzungen durchleuchtet. unserer Epoche repräsentiert. Darf sich die
Leider lassen sich die besagten Vorurteile Mit dem Jahreswechsel zu 2019 übergibt Avantgarde-Kunst dem verschließen? Zumal
auch nicht immer gänzlich von der Hand auch bei der Zeitschrift positionen Gisela das globale Netz das Zeug dazu hat, für
weisen. Schuld trifft dabei u. a. die globale Nauck die Herausgeberschaft an das jüngere eine Art Medienauftrag 2.0 den alten Rund-
Musikwirtschaft, die Theodor W. Adorno Duo Bastian Zimmermann und Andreas funkauftrag abzulösen: So wie der mit einem
schon 1944 ein Grauen einflößte: «Was in Engström – man wird sehen, wie sich dieses Bildungsauftrag ausgestattete öffentlich-
der Kulturindustrie als Fortschritt auftritt, Magazin weiter entwickelt. rechtliche Rundfunk in seiner Blütezeit als
das unablässig Neue, das sie offeriert, bleibt «Oase der Marktenthobenheit» (Martin Wal-
die Umkleidung eines Immergleichen …» -%$)%.5-"2¯#(%!,3#(!.#% ser) zum wichtigsten Mäzen der Neuen
Um wie viel mehr gilt das für die «Kultur- Medienumbrüche lassen sich nicht unge- Musik wurde, so könnten die Internet-
industrien 2.0»? Adornos Diktum eines schehen machen. Konstruktiver als der kul- medien des 21. Jahrhunderts gerade auf
«Kanon des Verbotenen» hat in sozialer turpessimistische Blick ist ein neugieriges Basis der «digitalen Revolution der Musik»
Hinsicht im Kontext der globalen Internet- Zugehen auf sich neu eröffnende Optionen (Harry Lehmann) die Zukunftsfähigkeit der
gesellschaft eine ganz neue Bedeutungs- – schließlich verbindet sich seit Mitte der Neuen Musik sichern – wenn man sich
ebene erhalten, denn in den Neuen und 1990er Jahre und der Entwicklung des In- von alten Vorurteilen freimacht. Das weite
vermeintlich sozialen Medien darf alles ge- ternets zu einem Massephänomen die Hoff- Feld des WWW sollte nicht kampflos der
sagt werden und die Grenze des Sagbaren nung auf stärkere Demokratisierung, Öffent- Unterhaltungs- und Massenkultur überlas-
verschiebt sich täglich – die aktuellen po- lichkeit und Interaktivität des Lebens jenseits sen werden. Wer in der avancierten Musik
litischen Entwicklungen sprechen Bände. traditioneller Leitmedien wie Print, Rund- neue – ja: soziale – mediale Wege geht, dem
Während gerade von Seiten traditioneller funk und Fernsehen. Auch kleinere Interes- eröffnen sich sogar ästhetisch neue Mög-
Medien und Verlage angesichts der Digita- sensgemeinschaften sollten im Internet ein lichkeiten.
lisierung ein düsteres Bild gezeichnet wird, Forum finden – ein Ziel, das übrigens auch
gefährden die Neuen Medien im Schulter- schon von Anfang an in ähnlicher Form im &2!'%.!.02/4!'/.)34%.
schluss mit der Digitalisierung allerdings Staatsvertrag der öffentlich-rechtlichen Natürlich ist die verkürzte Mitteilungskul-
weniger die Neue Musik selbst als ihre Pu- Rundfunkanstalten anklang und auch prak- tur der Social Media nicht immer adäquat


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© imago | studiostoks Panthermedia

für komplexe zeitgenössische Musikkultur. und Blogs – einmal genauer unter die seine Karriere zu nutzen. Wendelin Bitzan
Dennoch haben Komponisten wie Erik Lupe zu nehmen. demonstriert auf seiner Facebook-Seite das
Satie oder John Cage, später auch jene der Fünf ambitionierte Nutzer Neuer Me- humoristische Potenzial der sozialen Kanäle
Minimal Music, schon lange bewiesen, dass dien aus dem Feld der Neuen Musik wur- für eine flockig-leichte Musikvermittlung,
Kürze nicht automatisch platt sein muss, den befragt: Moritz Eggert zeigt nicht nur während die Sopranistin Irene Kurka mit
sondern Würze bereithalten kann.Auch sind auf allen drei relevanten Social-Media- ihrem Podcast neue musik leben das vielleicht
die vernetzenden Potenziale des WWW Kanälen Präsenz, sondern hat mit dem Bad zukunftsträchtigste Tool der Neuen Medien
nicht einfach von der Hand zu weisen: In Blog of Musick der neuen musikzeitung seit nun auch als private Initiative für die Neue
den Untiefen des Netzes können die Inte- 2009 den wahrscheinlich meist diskutierten Musik in Betrieb genommen hat. Martin
ressensgruppierungen für vermeintlich Un- deutschsprachigen Blog zur zeitgenössi- Tchiba schließlich ist der Ansicht, dass mit
verkäufliches nicht nur erreicht, sondern schen und klassischen Musikkultur initiiert. den sozialen Netzwerken mehr möglich ist
transkulturell und international gebündelt Auch Johannes Kreidler, dessen Blog-Web- als das Posten von Konzertankündigungen
werden. Deshalb lohnt es, die Präsenz der site-Hybrid nicht eben zufällig Kulturtechno und der Austausch über bereits Bestehendes:
Neuen Musik in den Neuen Medien – auf heißt, weiß gekonnt auf der Social-Media- Er will aus den Neuen Medien heraus neue
Facebook, Twitter, Instagram sowie in Podcasts Klaviatur zu spielen und diese für sich und Neue Musik schaffen. ■



Ist die Neue Musik unsozial in puncto ■
Welche Chancen und Gefahren bieten unterschätzender Mehrwert: sozusagen
Nutzung der Neuen und also sozialen Medien? die Neuen Medien für die Neue Musik? «Facebook versus the ivory tower».
Johannes Kreidler: Die Neue Musik Irene Kurka: Die Neue-Musik-Welt
mag elitär sein, ein eigenes ‹Soziotop› rückt näher zusammen. Man bekommt ■
Welche Vor- und Nachteile bergen konkret
ausbilden, aber ich betrachte sie nicht viel mehr voneinander mit und auch mehr die unterschiedlichen Kanäle – speziell: Face-
als unsozial. Anders als beispielsweise die Aufmerksamkeit außerhalb der Szene. book, Twitter, Instagram – vor allem aus
Literatur lebt sie ja gerade durch Konzerte JK: Die Neuen Medien nutzen der Ihrer eigenen Erfahrung?
und Festivals – also durch soziale Events. weltweiten Verbreitung und Kommuni- IK: Ich bin bislang nur auf Facebook
Wendelin Bitzan: Diejenigen Protago- zierung von Neuer Musik, ganz einfach. aktiv, weil sich dort die Neue-Musik-
nistInnen Neuer Musik, mit denen ich Gefahr mag dabei sein, dass sich Standards Community am meisten aufhält. Ich finde
über soziale Medien korrespondiere, sind ausbilden, nach denen Aufmerksamkeit die Vernetzung und den Austausch groß-
alles andere als unsozial. Ich habe eher das entsteht und entsprechend nur das wahr- artig – und auch genial, dass ich die ver-
Gefühl, dass die digitale Kommunikation genommen wird, was diesen Standards schiedenen Aspekte meines Wirkens wie
gehorcht. Konzert, Podcast, Newsletter, Pressearbeit

© Hartmut Bühler
© Angela Ankner
© Esther Kochte

6LNR*OHANNES+REIDLER 7ENDELIN"ITZAN )RENE+URKA -ORITZ%GGERT -ARTIN4CHIBA

den künstlerischen Diskurs erweitert, als ME: Was eindeutig zu spüren ist, ist die auf Facebook zu einem Mix verbinden
dass sie ihn beschränkt. Auswirkung der «long tail»-Theorie in kann.
Moritz Eggert: Der Informationsstand der Verbreitung: Obwohl Neue Musik JK: Das sind Plattformen für die Kunst,
ist enorm gewachsen! Ich bekomme täg- ein Nischeninteresse von relativ wenigen aber anders als die Bühne eines Konzert-
lich Informationen von Aufführungen Menschen ist, können diese im Internet saals haben diese Medien mehr den Cha-
in der ganzen Welt, höre den Tratsch der zu einer relevanten Zahl heranwachsen. rakter von Ausstellungen, wo die Rezipie-
letzten Premieren bei den internationalen Man komponiert quasi für die Handvoll renden selbstständig umherwandeln. Das
Festivals und erfahre, an welchen Projekten Freaks und das erzeugt natürlich auch eine erhöht die Gefahr der Ablenkung, dafür
welche Komponisten gerade arbeiten. Als Art «geek culture» – weil man den Ein- kann man ganz andere Musik-Formate
Lehrer habe ich inzwischen mit Studenten druck hat, dass sich im Netz Massen für erstellen, die für den Konzertsaal nicht
zu tun, die selbst obskurste aktuelle Stücke Avantgarde-Kultur interessieren. prädestiniert sind, etwa Textpartituren,
kennen; pdf- und mp3-Dateien interes- MT: Der Diskurs ist durch die «Social Minimales, Bilder und Videos. Darüber
santer Partituren gelten als Tauschware. Networks» schneller, internationaler und hinaus geben diese Portale einen sehr
Allerdings ist der Kenntnisstand flüchtiger auch demokratischer geworden. Es ist interessanten Einblick in die Gesellschaft,
und modenabhängiger geworden. ein interessantes Phänomen, dass gerade man gelangt an viele Informationen und
Martin Tchiba: Heute ist es für einen Facebook einer sozial-hermetischen Blase ihre Form selber inspiriert mich: die kura-
Künstler fast schon exotisch, in den sozia- entgegenwirkt: Eine Diskussion zu einer tierte Timeline, die Sequenzierung ganz
len Netzwerken nicht präsent zu sein: Das aktuellen Neue-Musik-Uraufführung er- unterschiedlicher Inhalte. Interessant sind
kann man sich eigentlich gar nicht erlau- scheint im Newsfeed neben den Katzen- auch die spezifischen Limitierungen –
ben. Die Neue-Musik-Szene ist von jeher und Urlaubsfotos meiner NachbarInnen etwa Twitter mit 280 Zeichen, Instagram
eine eng verzahnte Community, für deren oder zwischen zwei Kurzmeldungen zur nur mit Handyfotos – die spezifische In-
Kommunikation die sozialen Netzwerke aktuellen Lage im Hambacher Forst: Sie halte und Kommunikationscodes zeitigen.
etwas außerordentlich Sinnvolles sind. wird mitten hineingespült in andere As- MT: Teile der ganz jungen Generation
pekte der Realität, das ist ein nicht zu neigen mittlerweile schon dazu, Facebook


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den Rücken zuzukehren. Für die Neue- oder bei jüngeren Komponisten ist er da- rungen zu sammeln und die vorhandenen
Musik-Szene aber ist der «Riese» mit dem gegen wesentlich seltener ein Thema. technischen Möglichkeiten künstlerisch
weißen «f» auf blauem Grund immer noch Früher wurden Karrieren in der Neuen schlüssig zu nutzen und sie natürlich auch
das wichtigste soziale Netzwerk. Hier gibt Musik von akademischer Ausbildung und weiter zu entwickeln!
es einfach den meisten «Content», und die Präsenz in bestimmten Schlüsselfestivals WB: Wenn man in die Betrachtung
relativ vielseitige Nutzbarkeit des Mediums wie Donaueschingen geprägt, inzwischen auch Plattformen wie academia.edu oder
fördert einen differenzierten Austausch. spielt beides bei weitem nicht mehr die- ResearchGate einbezieht, die ja Kommen-
Twitter halte ich aufgrund der erzwunge- selbe Rolle. Alles ist dezentraler geworden, tar- und Forenfunktionen einschließen,
nen Reduktion für ein hochinteressantes die neue Form der Hausmusik ist, dass würde ich sagen, dass durch soziale Me-
Medium, Instagram hingegen ist eher ein selbst ein Laie an seinem Computer dien das traditionelle Publizieren erweitert
nettes Portal für aufgehübschte Selfies. Musik herstellen und auf YouTube oder und modernisiert wird. Ich bin ein Open-
Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Soundcloud präsentieren kann. Access-Verfechter und nutze die genann-
mit den sozialen Netzwerken mehr mög- ten Plattformen zusätzlich oder als Alter-
lich ist als das «Posten» von Fotos und native zu traditionellen Veröffentlichungs-
© Sonja Schwolgin
© Katharina Dubno

Konzertankündigungen: das Schaffen ■


Was können Neue Medien, was traditionelle wegen. Wesentliche Vorteile gegenüber
neuer Neuer Musik aus den sozialen Medien wie Print, Rundfunk, Fernsehen nicht dem analogen Publizieren sind höhere
Netzwerken heraus. können? Aktualität und Unmittelbarkeit sowie die
WB: Social-Media-Aktivität hat für ME: Der Musikjournalismus von Print- Möglichkeit, Aktualisierungen vorzuneh-
mich ein künstlerisches und publizistisches medien hat stark an Bedeutung verloren. men und auf Reaktionen einzugehen.
Potenzial mit eigener Qualität, ganz un- Früher war eine FAZ-Kritik entscheidend, MT: Hinsichtlich der Partizipation sind
abhängig von der Musik. Meine privaten inzwischen kann es auch eine Erwähnung soziale Netzwerke eine geradezu ideale
Profile auf Facebook, Twitter und Instagram in einem Blog sein, die karrieremäßig Plattform. Ohne sie wäre es niemals
sind seit einiger Zeit vorrangig von Spaß- wesentlich mehr auslösen kann. möglich gewesen, dass – wie in meinen
und Trash-Inhalten geprägt; diese sind in MT: Physische Publikationen haben Social-Media-Projekten WIReless und
gewisser Weise die digitale Fortsetzung Charme und Tiefe – ich möchte sie auf Netzwellen – KomponistInnen aus aller
von Skizzenbüchern, die ich in der Schul- keinen Fall missen. Was aber Vernetzung, Welt zusammen an einem komposito-
zeit begonnen habe. Zur professionellen Kommunikation und Schnelligkeit be- rischen Projekt arbeiten. Die Schnellig-
Repräsentation nutze ich eine andere Face- trifft, geht der Punkt an die Social Net- keit der Networks ist gefragt, wenn ich
book-Seite sowie meine eigene Webseite. works: Bei den meisten traditionellen Ver- während eines laufenden Konzertprojekts
ME: Komponisten und Musiker, die sich mittlungsformen geht die Kommunika- in Echtzeit auf Postings aus aller Welt rea-
den sozialen Medien verweigern, laufen tion mehrheitlich nur in eine Richtung, giere. In meinen Projekten thematisiere
Gefahr, komplett übersehen zu werden. nämlich von aktiven GestalterInnen zu ich allerdings auch bewusst das Aufeinan-
Selbst Homepages haben heutzutage nur passiven RezipientInnen; die Möglichkeit dertreffen ‹alter› und ‹neuer› Medien: So
noch eine geringe Bedeutung. Ein inte- eines direkten Feedbacks oder gar einer entstehen aus all der Vernetzung schluss-
ressantes Beispiel ist Jörg Widmann: In der Mitbestimmung ist, von Leserbriefen etc. endlich analoge Klavierstücke – in deren
traditionellen Konzertszene ist er ein gro- abgesehen, kaum vorgesehen. Es geht Anatomie das Networking jedoch tiefe
ßer Name mit vielen Aufführungen, bei heute nicht darum, alles Alte über Bord Spuren hinterlassen hat.
der Diskussion Neuer Musik im Netz zu werfen – vielmehr darum, neue Erfah-


IK: 2015 wollte ich ein Buch mit dem Arbeitstitel «Neue

Einmalige Gelegenheit!
Musik macht meine Stimme nicht kaputt» schreiben. Mir wurde
dann empfohlen, mich bei den Neuen Medien umzuschauen.
Da stieß ich auf das Podcast-Format, von dem ich nun selber
ganz begeistert bin: Hier darf es menscheln und ich kann meine
Aus Altersgründen steht eine der
Themen viel persönlicher und praktischer herüberbringen. Ich
umfangreichsten private katalogisierte kann mir so viel Zeit für ein Thema nehmen, wie ich es für
(7 Bände mit 4.700 Katalog-Seiten) richtig halte. Heutzutage lassen sich Filme nach Belieben strea-
CD-, Schallplatten, Musikvideo- und men. Das haben auch die Rundfunkanstalten erkannt und kop-
Musikbücher-Sammlung zum Verkauf. peln daher viele Sendungen zum Nachhören aus. Der große
Vorteil des Podcasts ist, dass ich ihn via Smartphone überall
Sie besteht aus:
hören kann: bei Hausarbeiten, Reisen, Sport, Spazierengehen …

ca. 140.000 Tonträger-Aufnahmen, ■


Warum betreiben Sie einen Blog: als Forum zum Ausstellen der
davon ca. 30.000 CDs, eigenen Arbeit, zur Vernetzung mit anderen Neue-Musik/ Medien-
AktivistInnen oder sogar als Format mit ästhetischem Potenzial?
ca. 2.200 Musik-Videofilmen mit ME: Als ich den Bad Blog gründete, war nicht abzusehen, wie
oft 4 Std. Aufzeichnungen, sich das alles entwickelt – wir hatten das Glück, mit die Ersten
zu sein und durch die Anbindung an eine etablierte Printzeit-
ca. 4.000 klassischen Schallplatten und schrift (neue musikzeitung) auch gleich einen Grundstamm von
ca. 1.200 Büchern mit Musikthemen. Lesern zu bekommen, der sich dann explosionsartig entwickelte.
Was mir an dem Blog-Medium gefällt, ist die größere Freiheit –
Die kostbare Sammlung enthält unschätzbare an einem Tag kann ich ein aktuelles kulturpolitisches Thema
behandeln, am nächsten ein satirisches Video einstellen und am
Raritäten, Privatmitschnitte von Konzerten sowie
übernächsten ein ästhetisches Essay veröffentlichen. Das ist dann
historische Aufnahmen bedeutender Dirigenten auch für die Leser spannender als die typische Zeitungskritik.
und Solisten, die selten oder garnicht im Handel JK: Meinen Blog Kulturtechno verstehe ich als ein öffentliches
erhältlich waren. Die Sammlung umfasst: Archiv für bestimmte Trouvaillen aus dem Netz und für eigene
Arbeiten, sozusagen ein eigenes Festival und auch Vermittlungs-
ca. 2.400 Aufnahmen vollständiger Opern, projekt – immerhin kommt täglich eine dreistellige Zahl an
ca. 28.800 Aufnahmen von Orchesterwerken Besuchern auf die Seite. Ich bin damit schnell und locker, kann
Klang, Bild, Text unterbringen, mit anderen Blogs kommuni-
ca. 3.280 Aufnahmen von Klavierkonzerten
zieren. Und wichtig: Anders als bei Facebook liegt das Ganze
ca. 2.700 Aufnahmen von Violinkonzerten nicht in der Hand irgendeiner Firma. So liefere ich einen
ca. 800 Aufnahmen von Cellokonzerten kleinen Beitrag zur Netzkultur.
ca. 34.000 Aufnahmen von Solo-Klavierwerken
Und ist die Annäherung von Neuer Musik und Neuen Medien nun
ca. 3.200 Aufnahmen von Werken
sozial – oder doch eher asozial?
für Chor und Orchester MT: Eine zentrale Erfahrung meiner Social-Media-Projekte
ca. 10.400 Aufnahmen von Orgelwerken war, dass der demokratische Charakter des Netzes musikalische
ca. 20.800 Aufnahmen von Liedern Vielfalt und Experimentierfreude fördert – es kamen Dinge
zu Gehör, die sich ohne die Social Networks gar nicht heraus-
für Solostimme
gebildet hätten. Es kann nie falsch sein, wenn Kunst wichtige
ca. 3.500 Aufnahmen von Werken Phänomene ihrer Zeit reflektiert – das klingt zwar nach Gemein-
für Solo-Gitarre platz, ist aber nicht von der Hand zu weisen und selbst die er-
und eine Vielzahl an Werken aus dem Bereich bittertsten Social-Media-Gegner können die Bedeutung dieser
Plattformen für die heutige Zeit nicht mehr leugnen.
„Klassik“ von Komponisten aus der ganzen Welt.
ME: Was bei der digitalen Euphorie allerdings zu kurz kommt,
Die wertvolle Sammlung wird nur im Ganzen ist eine Entschleunigung, sind Raffinesse und Subtilität. Mir fehlt
ein bisschen ein Tarkowskij oder Eric Rohmer der Neuen Musik:
verkauft an Bibliotheken, Stiftungen oder an
das Feine, Langsame oder Leichte. Mein persönlicher Ausblick
private Sammler. Schätzpreis 390.000 Euro. auf die Zukunft ist, dass es zu all dieser Überforderung auch
Kaufpreis gegen Gebot. immer wieder Gegentrends geben wird, die Oasen der Innigkeit
und Ruhe ermöglichen. Die authentische Erfahrung eines Live-
Kontakt: Gabriele Stuhr, Germany Konzerterlebnisses wird an Bedeutung gewinnen. Letztlich bleibt
Telephone: 0049 157 737 86 299 nur zu sagen, dass in der Kunst nie etwas besser oder schlechter
Mail: gabriele.stuhr@web.de wird, sondern immer nur anders. ■