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Fachübergreifende Schulversuche zum Thema Bionik 148 149 Bionik: Patente aus der Natur

Konsequenzen aus den PISA-Studien


Fachübergreifende Schulversuche zum
Thema Bionik Die Ergebnisse der PISA-Studien machen deutlich, dass in Deutschland
bildungspolitischer Handlungsbedarf besteht. Sinnvolle Ansatzpunkte für
Veränderungen sind in den Bereichen Schulsystem, Schüler, Unterricht
Olga Speck und Thomas Speck und Lehrer denkbar [2].
Plant Biomechanics Group, Botanischer Garten der Universität Freiburg
Die Bundesländer haben auf diese neue Herausforderung mit
unterschiedlichen Maßnahmen reagiert. In Baden-Württemberg wurden
Zusammenfassung beispielsweise so genannte Fächerverbünde ins Leben gerufen, die Natur-
wissenschaften und Technik in Form von anwendungsbezogenem und
Die Ergebnisse der PISA-Studien zeigen, dass deutsche Schüler im
projektorientiertem Unterricht verbinden sollen [3]:
internationalen Mittelfeld rangieren. Leistungsverbesserungen sollen
durch Kompetenzerwerb in Fächerverbünden wie dem Profilfach
ƒ Hauptschule: Materie, Natur und Technik (MNT)
„Naturwissenschaft und Technik“ erreicht werden. Bionische Themen
können sowohl in den Basisfächern als auch in den Fächerverbünden ƒ Realschule: Naturwissenschaftliches Arbeiten (NwA)
verankert werden und können durch ihren interdisziplinären Charakter
wesentlich zum Erwerb der gewünschten Fähigkeiten im Rahmen der ƒ Gymnasium: Naturphänomene (Klasse 5-6) und Naturwissenschaft
neuen Bildungsstandards beitragen. und Technik (NwT) (Klasse 8-10)

PISA-Studien Da Schüler heute in einer von Naturwissenschaften und Technik gepräg-


ten Welt aufwachsen, muss gefordert werden, dass naturwissenschaftlich-
PISA (Programme for International Student Assessments) hat zum Ziel die technisches Denken und Arbeiten integraler Bestandteil einer zeitge-
Regierungen der OECD-Mitgliedsstaaten über Stärken und Schwächen mäßen Bildung und Ausbildung in Deutschland sind.
ihrer Bildungssysteme im internationalen Vergleich zu informieren. Die
Untersuchungen wurden im Abstand von drei Jahren an 15jährigen An Gymnasien werden die in den naturwissenschaftlichen Basisfächern
Schülern1 durchgeführt. PISA untersucht die Kompetenzen in den drei Biologie, Chemie, Geografie und Physik erworbenen Kenntnisse im
Bereichen Lesekompetenz sowie mathematische und naturwissen- Profilfach „Naturwissenschaft und Technik“ (NwT) aufgegriffen und
schaftliche Grundbildung, wobei 2000 der Schwerpunkt Lesekompetenz, erweitert. Unterrichtsinhalte sind Systeme aus der belebten und unbe-
2003 die mathematische Grundbildung und 2006 die naturwissen- lebten Natur und der Technik. Die Systeme werden in ihren komplexen
schaftliche Grundbildung im Zentrum standen. Daneben wurden Zusammenhängen gesehen und aus den jeweils spezifischen Perspektiven
Querschnittsthemen wie Lernstrategien und selbstreguliertes Lernen mit den Methoden der Naturwissenschaften und der Technik betrachtet
(2000), Problemlösen (2003) und informationstechnische Grundbildung und untersucht und letztlich zu einer ganzheitlichen Sicht
(2006) untersucht. zusammengeführt [4].

In den PISA-Studien haben die deutschen Schüler unerwartet schlecht


abgeschnitten. Darüber hinaus erwies sich das deutsche Bildungssystem
als extrem ungerecht: in keinem anderen Land ist der Schulerfolg so stark
von der sozialen Herkunft abhängig wie in Deutschland [1].
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Prozesse des bionisches Arbeitens


Projektbezogenes Experimentieren im Bereich der Bionik ist geprägt vom
interdisziplinären Charakter des bionischen Arbeitens. Die Meilensteine
des Entwicklungsprozesses eines bionischen Produkts verdeutlichen den
Schülern den Ablauf von Innovationsprozessen. Im bionischen Projekt
wird das Erkennen von Analogien zwischen technischen und natürlichen
Systemen geschult, die Anwendung von Konstruktions- und Funktions-
prinzipien wird deutlich gemacht und Mess- und Arbeitsmethoden aus
den Bereichen Biomechanik sowie Funktionsmorphologie und -anatomie
werden vorgestellt (Speck O. et al., 2006 (a); Harder D. L. et al., 2006;
Speck O., 2007).

Dabei unterscheidet man prinzipiell zwei Arten von bionischem Arbeiten,


die aber beide dadurch gekennzeichnet sind, dass Wissenschaftler
Abb. 1: Ursache & Wirkung, Systemgedanke und Energieerhaltung sind Prinzipien, die unterschiedlicher Disziplinen in einem Entwicklungsprozess zusammen-
alle Themen verbinden. Die Betrachtungsbereiche stammen aus der Lebenswelt der arbeiten (Speck T. et al., 2006):
Schüler. An Themen aus diesen Betrachtungsbereichen werden Mess- und
Arbeitsmethoden erlernt. Durch das methodische Vorgehen und den Technikbezug
entwickeln die Schüler personale, soziale und fachliche Kompetenzen [4]. ƒ Bottom up Prozess: die Erkenntnisse biologischer Grundlagen-
forschung werden für die Entwicklung innovativer technischer
Die Verbindung von Biologie und Technik in der Wissenschaftsdisziplin Produkte angewendet
Bionik ist ideal geeignet die neuen Bildungsstandards (Abb. 1) der
Fächerverbünde umzusetzen. Der Name Bionik ist gleichzeitig auch ƒ Top down Prozess: ein bereits bestehendes funktionierendes
Programm dieser neuen Schulfächer. Dies spiegelt sich auch im technisches Produkt erhält durch die Übertragung biologischer
Studienbrief „Bionik“ wieder, der im Rahmen des vom Fernstudien- Prinzipien neue oder verbesserte Funktionen
zentrum der Universität Karlsruhe durchgeführten Fernstudiums NwT
verfasst wurde (Speck O. et al., 2006 (a)). Projektbezogenes Experimentieren
Wasserferntransport in Pflanzen
Bionik in der Schule
Dieses Experiment wurde zunächst für einen außerschulischen Lernort,
Der personale, soziale und fachliche Kompetenzerwerb der Schüler soll sie die Science Days im Europa-Park Rust, entwickelt und später in der
wettbewerbsfähig machen, ihnen eine aktive Teilnahme am gesell- Schule im NwT-Unterricht erprobt und in der universitären Ausbildung
schaftlichen Leben ermöglichen und eine solide berufliche Aus- und eingesetzt. Die Entwicklung von Technischen Textilien für den
Weiterbildung sichern. Das Thema „Bionik“ ist hervorragend geeignet Flüssigkeitsferntransport war ein bionisches Projekt des Kompetenznetzes
Aspekte wie das Verständnis für Basiswissenschaften und deren Biomimetik. Es handelt sich hierbei um einen typischen Bottom up
Bedeutung in Alltag und Technik, die zentrale Rolle der Energie bei Prozess. Biologisches Vorbild ist der Wassertransport in Nadel- und
technischen Prozessen, das Verständnis für industrielle Produktionsab- Laubbäumen sowie in Lianen, der mit Hilfe dieses Versuchs qualitativ und
läufe, Analogien zwischen technischen und natürlichen Systemen und quantitativ erfasst werden kann (Harder D. L. et al., 2005).
kritische Aufgeschlossenheit für neue Technologien zu begreifen [4].
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Materialprüfung mit dem Lego®-Pendelschlagwerk

Mechanische Tests gehören mit zu den wichtigsten Messmethoden in der


Bionik. Mit Zug-, Druck-, Biege- und Torsionstests werden mechanische
Eigenschaften von biologischen und technischen Materialien bestimmt.
Mit dem Pendelschlagwerk werden Materialien schlagartigen Prüfungen
unterzogen und die Energie ermittelt, die ein Material beim Zerschlagen
aufnehmen kann. Die Schlagzähigkeit ist dabei das Verhältnis aus
Schlagenergie und Querschnittsfläche der Probe. Da dieser Parameter
unabhängig von der Probenform ist, können verschiedene Materialproben
miteinander verglichen werden.
Abb. 2: Wasserdurchfluss bei einem Nadelbaum (links: Eibe, Taxus baccata), einem
Laubbaum (Mitte: Esskastanie, Castanea sativa) und einer Liane (rechts: Waldrebe,
Clematis vitalba)

Dieser Versuch kann je nach Aufgabenstellung vom Kindergarten bis zur


Universität eingesetzt werden. Bereits ab dem Kindergartenalter ist ein
semiquantitativer Vergleich des Volumenflusses der verschiedenen
Pflanzenarten möglich (Abb. 2). Grundschüler und Schüler der Sekundar-
stufe I können eine quantitative Messung der Wassermenge pro Minute
durchführen. Schüler der Sekundarstufe II und Studenten können nach
Messung des Wasservolumens, der Zeit, des Drucks sowie der Länge und
des Durchmessers der Achsenstücke die spezifische Leitfähigkeit
berechnen und die Ergebnisse am Computer grafisch darstellen.

Dieser Versuch hat insofern Bezug zum Alltag der Schüler als eine
Vielzahl von Fragen des täglichen Lebens daran angeknüpft werden kann.
Abb. 3: Lego®-Pendelschlagwerk
Heute geht man davon aus, dass der Wassertransport und nicht die
mechanische Stabilität der limitierende Faktor dafür ist, dass Bäume Eines der didaktischen Prinzipien im Fach NwT ist das exemplarische
auch theoretisch nicht höher als maximal 150 m werden können. Kennenlernen und Einüben von Methoden der naturwissenschaftlichen
Tatsächlich war der höchste bekannte Baum ein Königseukalyptus Forschung. Die Messungen sollen dabei mit selbst hergestellten Instru-
(Eucalyptus regnans) mit 132,6 m. Ferner können in diesem Zusammen- menten durchgeführt werden [4]. Abb. 3 zeigt ein Pendelschlagwerk
hang Analogien zwischen natürlichen und künstlichen Be- und gebaut aus Lego®-Elementen, das all diese Vorgaben erfüllt (Speck O.,
Entwässerungssystemen diskutiert werden und die Bedeutung einer 2007; Speck, O., et al., 2006 (b)). Mit dem Lego®-Pendelschlagwerk
sparsamen, verbrauchsorientierten Bewässerung im ökologischen, können bereits Schüler in der Grundschule und Sekundarstufe I die
ökonomischen, sozialen und politischen Umfeld diskutiert werden Energie, die zum Durchschlagen (Schlagenergie) verschiedener Proben wie
(Stichworte: Bodenversalzung, Wassermangel, Wasserverbrauch in Holz, Kunststoff und Makkaroni benötigt wird, ablesen und miteinander
Industrie- und Entwicklungsländern, „Krieg um Wasser“, der „Blaue vergleichen. Eine zentrale Rolle in allen fächerübergreifenden Themen
Planet“). spielt die Energieerhaltung. Am Beispiel des Schlagpendels können dem
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Schüler energetische Betrachtungen anschaulich begreifbar gemacht Bionik und Bildung – eine Chance
werden (Abb. 4).
Mit der Forderung interdisziplinäres Denken und Arbeiten in den Schulen
zu etablieren und fächerübergeifende Themen im Unterricht zu behand-
eln, können bionische Projekte sowohl in den Basisfächern als auch in
den neuen Fächerverbünden verankert werden. Bionische Themen sind
in der Schule neu und können ohne Rücksicht auf vorausgegangene
„altbewährte“ Lehrinhalte unterrichtet werden. Traditionell wurde in den
Gymnasien bisher kein Technikunterricht erteilt. Mit Blick auf unsere
technisierte Umwelt soll dies nun geändert werden. Bionische Unterrichts-
inhalte beinhalten immer auch technische Aspekte und sind somit ideal
geeignet im naturwissenschaftlich-technischen Unterricht an Gymnasien
den Technikaspekt abzudecken (Speck O. et al., 2006 (a)).

Bionik muss für den Schulunterricht aufbereitet werden. Um Bionik


erfolgreich unterrichten zu können, ist es notwendig die Fachsprachen
von Wissenschaft, Technik und Schule untereinander anzugleichen. Eine
besondere Herausforderung ist die Tatsache, dass die Sprache der
Ingenieurwissenschaften in der Schule nahezu unbekannt ist. So wird
Abb. 4: Energieübertragung im Pendelschlagwerk beispielsweise in der Schule der Begriff der „Arbeit“ in den letzten Jahren
vollständig durch den Begriff „Energie“ ersetzt.
Durch das Zerschlagen der Proben mit dem Pendel werden neue
Oberflächen geschaffen, die je nach Versagensart in Spröd-, Scher- oder Inhalt und Qualität des Unterrichts spielen für die Lernmotivation und
Splitterbruch eingeteilt werden können. Einige Materialien sind dagegen Leistung der Schüler eine wichtige Rolle. Gute Leistungen entwickeln sich
so stark verformbar, dass das Pendel die Proben so stark verbiegt, dass am besten, wenn das Lernen und die praktische Arbeit Freude machen,
sie durch das Widerlager „rutschen“ ohne zu brechen. Ursache und was nach ersten Erfahrungen an Schulen bei den von uns in enger
Wirkung können am Beispiel des Zusammenhangs von Versagensart und Abstimmung mit Lehrern entwickelten bionischen Lehrmodulen in
benötigter Schlagenergie aufgezeigt werden. hervorragender Weise gewährleistet ist. Schulbildung ist aber keine
„Wissensvorrat“, der ein Leben lang hält, sondern soll vorbereiten auf
Dem Sprödbruch geht kaum plastische Verformung voraus und er
lebenslanges Lernen und Weiterbildung.
benötigt für seine Entstehung nur wenig Schlagenergie. Seine Bruchfläche
entsteht parallel zur Schlagrichtung. Danksagung
Der Scherbruch gehört zu den Verformungsbrüchen und benötigt eine Unser Dank gilt Dr. Deane L. Harder für die Zusammenarbeit bei der
höhere Schlagenergie. Da die plastischen Verformungen vorwiegend durch Entwicklung und Realisierung der vorgestellten Exponate. Die vorge-
Versetzungsbewegungen aufgrund von Scherspannungen zustande stellten Konzepte wurden im Rahmen der Kompetenznetze BIOKON e.V.
kommen, liegt die Bruchfläche in einem Winkel von ca. 45° zur und Biomimetik erarbeitet; dem BMBF und dem MWK Baden-
Schlagrichtung. Neben reinen Spröd- und Verformungsbrüchen treten Württemberg sei für die finanzielle Unterstützung herzlich gedankt.
häufig Mischbrüche auf, wie z. B. der Splitterbruch. Auffallend ist beim
Splitterbruch die vergleichsweise große Bruchfläche.
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Literatur
Harder D. L., Gallenmüller F., Speck O., Steinbrecher T. & Speck T. (2005):
Wasserleitfähigkeit bei Holzpflanzen: Interdisziplinäre Arbeitsweise der
Biomechanik und Bionik. Praxis der Naturwissenschaften Biologie 8/54: 43-
46.
Harder D. L., Speck O. & Speck T. (2006): Material und Struktur (Kap. 3.1).
In: Bionik, 35-39. Duden - Paetec, Frankfurt.
Speck O. (2007): Bionik – Lernen von der Natur (Kap. 10). In: Netzwerk
Naturwissenschaft und Technik, 182-193, Schroedel, Braunschweig.
Speck O., Harder D. L. & Speck T (2006 (a)) Studienbrief Bionik: Die
Entwicklung bionischer Produkte. Fernstudium NWT, 27 pp.,
Fernstudienzentrum der Universität Karlsruhe
Speck T., Harder D. L., Milwich M., Speck O. & Stegmaier T. (2006): Bionik:
Die Natur als Innovationsquelle. In Knecht P (ed.), Technische Textilien, 83-
101. Deutscher Fachverlag, Frankfurt.
Speck, O., Harder, D. L. & Speck, T. (2006 (b)): Materialprüfung mit dem
LEGO®-Pendelschlagwerk: Interdisziplinäre Arbeitsweise der Biomechanik
und Bionik. Praxis der Naturwissenschaften Biologie 1/55: 43-45.

Internetquellen
[1] Smolka D. (2005): PISA – Konsequenzen für Bildung und Schule.
http://www.bpb.de/publikationen/J5C2OB,0,0,PISA_Konsequenzen_f%FCr_B
ildung_und_Schule.html (10.01.2007)
[2] Was folgt? – Konsequenzen aus PISA http://www.uni-
bielefeld.de/Universitaet/Einrichtungen/Zentrale%20Institute/IWT/FWG/PIS
A/Konsequenzen.html (10.01.2007)
[3] http://www.schule-bw.de/unterricht/ (18.10.2006)
[4] Bildungsstandards für Naturwissenschaft und Technik (Profilfach),
Gymnasium - Klasse 10 http://www.bildung-staerkt-
menschen.de/service/downloads/Bildungsstandards/Gym/Gym_NwT_profil_b
s.pdf (18.10.2006)

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1 Damit der Text leicht lesbar bleibt, werden Schülerinnen und Schüler
ausschließlich als Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer als Lehrer
bzeichnet.